Ar. 78. BbonnementS'Bedingitngen: Wonnements- Preis pr-inumerando i Vieri eijnhri. 3,30 Mi, monatl. 1,10£Kf., wöchentlich 28 Pfg, frei inS H-us. einzelne Nummer 6 Pfg, Sonntags- »ummer mit illustrierter Sonntags- Vellage.Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Mar! pro Monat. Eingetragen in die Post- ZeitunaS- Preisliste, Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Postadonnements nehmen an: Belgien, Dänemarl. Holland. Italien, Luxemburg. Portugal, Äumänien. Schweden und die Schweiz. Crfdidnt tSglld) außtr dlODUsi. 36. Jahrg. Nevlinev VolKsblalt. Ol« TnlsrtlonS'Gcbüftr lelrügt für die sechsgespaltene Kolonäf- geile oder deren Raum 50 Pfg., für politische und gewerlschaftliche BerewS- Und Versanunlungs-Anzeigcn L0 Pfg. „lAl-in- Sn-cig-n", daS erste(fett- gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlai- fiellen-A» zeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über lö Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nunmier müssen bis SNhrnachmittagSindcr Expedition abgegeben werden. Die Erpedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adresse: «SsÄsIiiemoMt BtrUB*. Zcntralorgan der rozialdemokratifchcn parte» Deutschlands. Rcdahtion: SM. 68, Lindenstraese 69» Fernsprecher: Amt TV, Nr. 1983. Preußlkbe Gcivcrbcauflicljt. Die Berichte der preußischen Gewerbeaufsichtsbcamten über das Jahr 1908 sind soeben erschienen, und zwar— in diesem Jahre zum ersten Male— früher als die Berichte der anderen Bundes- staaten. Hoffentlich sieht die Regierung auch fernerhin darauf, daß die Berichte möglichst schnell nach dem Schluß des Bc- richtsjahres erscheinen. Je früher sie erscheinen, desto besser können sie verwertet werden. Der Inhalt der Berichte ist leider wiederum ebenso wenig befriedigend wie in den früheren Jahren. Das ist zu einem guten Teil noch immer darauf zurückzuführen, daß der Kulturstaat Preußen viel zu wenig Gewerbeaufsichts- bcamte angestellt hat. Am Schlüsse des Berichtsjahres waren es 33 Regierungs- und Gewerberäte, 151 Gewerbeinspektoren, 87 Hilfsarbeiter und 5 Hilfsarbeiterinnen, zusammen 276 Bc amte. Das ist gegen das Vorjahr eine Zunahme von 1 Rc gierungs- und Gewerberat, 5 Gewerbeinspektoren, 2 Hilfs arbeitcrn und 1 Hilfsarbeitcrin. Am 1. April d. I. sind hin zugekommen: 6 Gewerbcinspektoren, 2 Hilfsarbeiter und 1 Hilfsarbeiterin. Es hat demnach eine ganz ungenügende Zunahme in der Zahl der Gewerbeaufsichtsbeaintcn statt gefunden. Konnten die Beamten doch im letzten Jahre nur 17,9 Proz. der Fabriken und der diesen gleichgestellten Be triebe sowie einen noch viel geringeren Bruchteil der anderen revisionspflichtigen Betriebe revidieren. Mehr als die Hälfte der Betriebe sind im ganzen Jahre. ganz unbehelligt pon den Gewerbeaufsichtsbeamten geblieben. So kläglich is es in Wahrheit mit der Gewerbeaufsicht in Preußen bestellt. Dabei gehen die Gewerbeaufsichtsbeamten bei ihren Rc Visionen leider nur zu oft n i ch t mit der nötigen Gründlich- keit vor. Zwar haben die Beamten in 3110 Anlagen Zu- widerHandlungen gegen die Arbeitcrschutzvorschriften er- mittelt, während dies im Vorjahre in 3586 Anlagen geschehen ist. Diese Zahlen geben aber kein richtiges Bild, da den Beamten ja die Mißstände in der größeren Hälfte aller Bc- triebe, die sie im Laufe des Jahres gar nicht betreten haben, unmöglich bekannt werden konnten. Bei der näheren Durchsicht der Berichte über die ein zelnen Aufsichtsbezirke stößt man nur zu oft auf eine recht oberflächliche Behandlung der Arbeiterfragen. Die alten, schon längst widerlegten Uebertreibungen in bezug auf die angeblich unüberwindlichen Schwierigkeiten, wenn es gilt, einen wirksamen Arbeiterfchutz durchzuführen, leben in den meisten Berichten noch immer fort. Außerdem fällt in den Berichten der ganz besondere Eifer der Berichterstatter auf, „oben" nicht anzustoßen. So ist es bezeichnend, niit welcher Vorsicht die Beamten iiber die w i r t s ch a f t l i ch e Krise und deren Folgen für die Arbeiter berichten. Wir erfahren nur, daß meistens der Geschäftsgang schlecht gewesen, und in- folgedessen der Verdienst der Arbeiter vermindert worden ist. Einige Berichterstatter fügen noch hinzu, daß die Lebens- mittelpreife so teuer wie bisher geblieben sind, und die Lebenshaltung der Arbeiter auf diese Weise erschwert worden ist. Wie verderblich die Verschlechterung der Lebenshaltung sein muß, darüber bringen die Berichte kein Wort. Dagegen verzeichnen sie bei jeder Gelegenheit, daß hier oder dort Lohn Herabsetzungen nicht vorgekommen sind. Was doch für gute Menschen diese Unternehmer, die die Löhne jetzt nicht kürzen, sind! Als Probe sei die folgende Stelle aus dem Bericht über den Regierungsbezirk Münster angeführt: „Die Lebenshaltung der Arbeiter hat sich gegen das Vorjahr nicht wesentlich verändert. Die Preise der Lebens- mittel blieben etwa auf gleicher Höhe. Lohnkürzungen, Betriebs- einschränkungen oder Entlassungen haben trotz des Niöderliegens einzelner Industriezweige nur in geringem Umfange stattgefunden, obgleich man es manchem Arbeit» geber nicht wohl hätte verargen können, wenn ' er sich durch diese Mittelwor größerem Schaden bewahrt hätte. Wiederholt fiel den Beamten beim Betreten der Fabrikräume auf, daß die Arbeiter umherstanden und mangels flotter Beschäftigung sich etwas zu tun machten. Ein lang- gedienter Meister in einem großen Betriebe mit einem alten Arbeiterstamm bestätigte diese Beobachtungen mit dem Bcnterkcn, daß die Firma, solange nicht zwingende Notwendigkeit vorliege, von Arbeiterentlassungen nichts wissen wolle, und daß die Be- triebsinhaber zur Zeit schlechten Geschäftsganges sich nur ungern im Betrieb zeigten, um das Umherstehen der Arbeiter nicht mit- ansehen zu müpen. Hoffentlich danken ihnen die Arbeiter dieses schonende und wohlwollende Verhalte n." Eingehender sind in den diesjährigen Berichten folgende Punkte behandelt worden: die Vermittelung der Gewerbe- aufsichtsbeamten bei Streiks und Aussperrungen, der Wert der Arbeitsbücher, die Verdrängung der Männerarbcit durch Frauenarbeit in Fabriken, in welchem Umfange besteht die 24stündige Wechselschicht, in welchem Umfange und in welcher Weise ist sie in den letzten Jahren beseitigt worden, die Unfälle an Pressen und Stanzen, die Gcsundheitsverhältnisse der Arbeiter in den Kalksandsteinfabriken, die Beurlaubung von Arbeitern unter Weiterzahlung des Lohnes oder unter-Ge- tvährung von Urlaubsbcihilfcn. Aber auch über diese Punkte sind die Mitteilungen der Berichterstatter doch meistens recht notdürftig. So viel ergeben die Berichte: Die Gewerbeaufsichts- beamten können nur lebr selten bei Streiks und Aus- sperrungcn vermitteln. Die Arbeitsbücher sind, wie selbst viele Arbeitgeber versichert haben, ohne Wertt höchstens leisten sie den einen Dienst, wenn das Alter der jungen Arbeiter festgestellt werden soll. Die Wechselschicht besteht noch immer und oft und ist auch in den letzten Jahren nur selten beseitigt worden. Gegen die Unfälle an Pressen und Stanzen und um die Gesundheit der Arbeiter in den .Kalksandsteinfabriken zu schützen, ist noch manches zu tun Ferien werden den Arbeitern nur in einigen wenigen Fabriken, namentlich in Buchdruckereien und Brauereien, gewährt. Am interessantesten sind die Mitteilungen der Bericht crstatter über die Verdrängung der Männer� arbeit durch Frauenarbeit. Vom Jahre 1907 auf 1908 ist in den Fabriken und den ihnen gleichgestellten Betrieben die Zahl der beschäftigten Arbeiter von 3 069198 auf 3 019 498 gefallen, und zwar die Zahl der Arbeiterinnen über 16 Jahr? von 563 100 auf 560309, die Zahl der männlichen Arbeiter über 16 Jahre von 2 277 642 auf 2 230 381. Die Abnahme ist demnach bei den männlichen Arbeitern auch relativ viel größer als bei den weiblichen Arbeitern. Die Berichterstatter teilen denn auch mit, daß, wenn auch selbstverständlich„nicht allgemein", so doch in einer langen Reihe von Betrieben der verschiedensten Art Arbeiterinnen zu solchen Arbeiten herangezogen worden sind, die bisher von männlichen Arbeitern verrichtet wurden. So in der Zigarrenindustrie, in der Tertilindustrie, in sdcr Metall Verarbeitung, in Möbelfabriken, in Blechwarenfabriken, Buchdruckereien usw. Allerdings vollzieht sich diese Ent- Wickelung nicht nur in den letzten Jahren, sondern bereits seit langer Zeit. In einigen Fällen haben übrigens auch männliche Arbeiter Arbeiterinnen verdrängt. Jedoch sind das nur verschwindend wenig Ausnahmefälle. Die Zollpolitik des Deutschen tabakvereins. Der in der erweiterten Ausschußsitzung des Deutschen Tabak- Vereins am 23. März im Savoy-Hotel, Berlin, mit 80 gegen 21 Stimmen gefaßte Beschluß:„dein Reichsschatzamt und der Finanz kommission den Vorschlag zu machen, 41 Millionen Mark neuer Steuern vom Tabak aufbringen zu lassen in der Weise, daß der Zollsatz für ausländischen Rohtabak, soweit er für Zigarren und Zigaretten Verwendung finden soll, von 8b M. auf 140 M., der Rohtabak für Rauch-, Kau« und Schnupfzwecke von 8b M. aui 100 M.. die Jnlandsteuer für Zigarren und Zigarettcntabak von 4b M. auf 75 M., für Rauch-, Kau- und Schnupfzivecke von 4b M. auf bv M. erhöht wird", ist schleunigst von dem freisinnigen Abgeordneten M 0 m m s e n und dem nationalliberalen Abgeordneten Dr. Weber unter Mitwirkllng der Herren vom Tabakverein zu einem Gesetzes- Vorschlag verarbeitet und bei der von der Finanzkommission ge- bildeten Subkommission eingereicht worden. Die Sache ist sehr schlau eingefädelt. Vor aller Welt werden die beiden Herren, welche die Vaterschaft für den Antrag über nommen haben, behaupten, sie handelten im Einverständnis mit der Mehrheit der Industriellen. Nichts ist jedoch unwahrer als eine solche Erklärung. Was bedeuten denn die Stimmen von 80 Großfabrikanten gegen mehr als 20 000 selbständige Betriebs- inhaber in der Tabakindustrie? Der Beschluß des Tabakvereins ist von den kleinen und mittleren Existenzen in der Zigarrenindustrie niit großer Empörung aufgenommen worden. Der westfälische Tabakvercin hat sofort in seiner von 203 Mitgliedern besuchten Haupwersammlung einstinimig gegen den Beschluß des Deutschen Tabakvereins Stellung genommen. Die gewaltige Demonstration. welche kürzlich in Herford stattfand, beweist, daß ganz Westfalen sich zum Kampfe für seine Selbsterhaltung gegen den Tabakvcrein und seine liberalen Blockfreunde im Reichstage rüstet. Wir haben schon im November vorigen JahreS auf den sich hinter den Kulissen abspielenden Kuhhandel aufmerksam gemacht und darauf hingewiesen, daß ein Teil der Großfabrilanten in ihrem Interesse eine Zollerhöhung geradezu wünschten. Die Klinke der Gesetzgebung soll ihnen die Handhabe bieten, die kapitalschwachen Fabrikanten im Konkurrenzkamps zu vernichten. Einige Groß- fabrikanten haben, nachdem der Beschluß des Tabakvereins gefaßt war, sofort ihre Maßnahmen getroffen, um die kleinen und mittleren Existenzen an die Wand zu drücken. Die Produktion wird schon jetzt in wilder Hast gesteigert; den Kunden wird die Ware mit dem Hinweis auf die kommende Zoll- erhöhung geradezu aufgedrängt und, um ihnen die Abnahme der Waren zu erleichtern, der Kredit um Monate verlängert. Die Sieger in dem entbrannten wilden Konkurrenz- kämpfe werden die großen Kapitalisten sein. Wer nicht über gewaltige Kapitalien verfügt, kann dabei nicht mit- machen. Die hauptsächlich Geschädigten aber werden die Arbeiter sein. Die Hauptkonsumzigarren, die 4, 5, 6 und 7 Pfennig-Zigarren werden von IS bis zu 19 Proz. vom Klein- Verkaufspreis belastet werden, während die teuren Sorten mit einer aerinaen Mehrbelastuna davonkommen. Expedition t 8Äl. 68, Lindenstraese 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984» Der Rückgang des Konsums muß ein enormer werden; dazu die jetzt von Großiapitalisten betriebene Ueberproduktion, die, selbst wenn eine Zollerhöhung nicht eintreten würde, infolge der Ucber- sättigung des Warenmarktes naturgemäß eine Geschäftsflaue nach sich ziehen inuß. In der kommenden Krisenperiode in der Tabakindustrie werden, genau wie nach 1879, die Arbeiter sich der Lohnreduktionen nicht erwehren Können. Die vorgeschlagene Zollerhöhung bedeutet für die Arbeiter entsetzliches Unglück. Und wer sind die Personen, die ohne Rücksicht auf die Mittelstandsexistenzen und die Arbeiter in der Industrie Not und Elend über sie bringen wollen? Sind es Per- sonen, die von dem kommenden Unheil keine Ahnung haben? Mit Nichten, sie alle wissen, was kommen wird und muß. Auf die Stellungnahme der liberalen Parteien zu der Zoll- erhöhung im Jahre 1906 haben wir wiederholt hingewiesen. Wenn man die Reden der liberalen Politiker im Jahre 1906 gegen die von der Regierung damals beantragte Zollerhöhung auf nur 125 M. pro Doppelzentner jetzt sich noch einmal durchliest, so ftagt man sich, wie ist es nur denkbar, daß dieselben Personen sich heute für die weit beträchtlichere Zollerhöhung auf 140 M. erklären können? Wenn irgendetwas das Ansehen des Parlamentarismus im Volke herabzusetzen imstande ist, dann diese Doppelzüngigkeit in bezug auf die Tabakstenerfrage._ HgrarilciK Staatsbetrügerei. Professor Hans Delbrück führt im Aprilheft der„Preuß. Jahrbücher" einige weitere Beispiele dafür an, in welcher un- verschämten Weise so manche der„Edelsten" und„Besten" den Staat um die Steuer prellen. Interessant sind vornehm- lich folgende Fälle: Eine Dame im Osten besitzt ein Gut von weit über eine Million Mar! Wert. Sie hat darauf 500000 Mark Hypothekenschulden und bezahlt— sechzig Mark Einkommeusteuer. Ein Ziegeleibesitzer in der Provinz Brandenburg erhielt von einer Wohlfahrts- anstalt eine Hypothek, nachdem er eine Jahreseinnahnie von 30000 Mark nachgewiesen hatte. Später wurde festgestellt, daß er sein Einkommen bei der Steuerveranlagung auf 4500 M. angegeben hatte. Ein Gutsbesitzer in Ponimern deklarierte 18 M. Ertrag vom Hektar, zog dann seine Schulden ab und hatte dann fast gar keine Steuern zu bezahlen. Ein Bauer aus demselben Dorfe deklarierte 82 M. vom Hektar. Als ein Mitglied der Veranlagungs- kommission verivundert fragte:«Ich denke, der Boden ist dort so miserabel, daß bloß 18 M. herauskommen", belehrte ihn die Majorität der Veranlagungskommission, daß dies daher komme, weil bei der Separation die Bauern die fetten Stücke Land bekonimen haben, während die Großgrundbesitzer sich mit dem Unland begnügen müßten. Ein höherer Beamter aus Pommern stellte fest, daß Großgrundbesitzer, die für ihren Hausstand, aesellschaftlichen Aufwand 20 000 M. jährlich ausgeben, mit»15—1800 M. jährlichem Einkommen eingeschätzt sind. Bei den Bauern herrscht vielfach die Gewohnheit, als Einkommen den Betrag anzugeben, den sie am Jahresschluß auf die Sparkasse tragen. — Ein Geistlicher in Thüringen hat festgestellt, daß in einem kleinem Orte dortsclbst ein Fabrikarbeiter 1,25 M., der reichste Bauer 1,75 M. Steuern.bezahlt. Wer in den Veranlagungskommissionen ans eine schärfere Heranziehung der einzelnen Zensiten dränge, könne sicher sein, das nächste Mal nicht wieder in die Kommission gewählt zu werden. Eine niedliche Vlütcnlcse. Und zwar handelt es sich nicht um vereinzelte Fälle, sondern die Staatsbemogelei ist bei den Agrariern geivissermaßen das Normale, die Bezahlung deS richtigen Steuersatzes eine seltene Ausnahme. So weit reicht nur bei verhältnismäßig wenigen der Patriotismus, dem Staat die richtige Stcuersumme zu zahlen. Sie halten viel' mehr die Staatsbeniogelung für eine ihrer heiligsten Menschen- rechte._ Nachträgliches zum Poltltreik. Man schreibt uns aus Paris: Der Streik der Postbeamten war in mancher Beziehung inter- essant, ja ganz eigenartig. Nicht nur darum, weil die AuSstandL- operation selbst so vollständig geglückt ist. Sind bei Streik- bewegungen im gewerblichen und industriellen Gebiet die Vorteile auf Seite des Unternehmers, die Nachteile auf der der Arbeiter ge- häuft, so ist's beim staatlichen Post- und Telegraphenbetrieb um- gekehrt. Hier kann der Staat nicht warten, die Beamten können es. Der Staat muß für die Allgemeinheit den Verkehr ununterbrochen aufrecht erhalten, bei Drohung schwerer Krisen. Die moderne kapitalistische Wirtschaft ist ein ungemein empfindlicher Körper geworden und da- kürzeste Unterbrechen der kommerziellen Nachrichten- Zirkulation erschüttert ihr ganzes System. So war durch den stockenden Geldanweisungsverkehr die Versorgung des Pariser Marktes mit Eiern und Butter geschädigt und die Wechselfristen konnten nicht mehr eingehalten werden. Die Beamten aber sind durch den für sie geltenden Modus der Gehaltszahlung vor der Peitsche des un- mittelbar drohenden Hungers geschützt, die den Fabrikproletarier so oft zur Kapitulation zwingt. Ganz avgischen bau den Reserven, über die viele der MitteWeamten, diese Kerntrnppe der französischen „Sparer" zu verfügen haben. Der Kampf spielte sich also unier anderen Bedingungen ab, eS entschieden ihn mehr moralische Faktoren als die wirtschaftliche Bedrängnis eines Teiles. Aber ein anderes ist noch merkwürdiger. Der Streik der Mittel- beamten hatte eine ganz andere Psychologie als der von Arbeitern oder proletarisierten Unterbeamten. Er hat seine Formen von den kollektiven Kampfformen der proletarischen Bewegung ent- lehnt, aber er selbst war noch keine Episode des Klassenkampfs. Vielmehr war er zunächst eine Revolte der Bureaukratie gegen die parlamentarische Demo- kratic. Darum auch die Sympathien, die er bis in die obersten Schichten der Beamtenschaft und in der mit dieser versippten»guten Gesellschaft" gefunden hatte. Diesen galt er als Protest gegen die Leitung eines technischen Verwaltungsapparats durch einen nichtfachmännischen Politiker. Das war das gleiche Argument, das die Militari st en gegen die bürgerlichen Kriegsminister und Marineminister vorbringen. Sicherlich, Herr S i m y a n hatte durch seine hochinütige Geringschätzung der Beamtenverbände und durch seine un- manierliche Tonart ebenso wie durch die ProtcktionSwirtschaft, womit er allerdings nicht den Anfang gemacht hat, den gewalt- samen Ausbruch deS Unwillens provoziert. Die Korruption und Schacherpolitik der radikalen Parlamentarier hatte ihn aber vor- bereitet. Hier liegt ein sehr ernstes Problem der republikanischen Staatsform vor. Daß eS weder im Sinne der allen Bureaukratie noch in dem des sich ganz modern gebärdenden Syndikalismus be- friedigend zu lösen ist, ist nicht zweifelhaft. Die sozialkonservativen Scharfmacher werden eS wohl noch zu bedauern haben, daß sie eine mit traditionellen Anschauungen verquickte Aklion, die eben nur als Massenaktion die von der Arbeiterklasse geschaffenen Formen an- wenden mußte, gleich zur»sozialen Revolution" getauft und damit die GesellschaftSelemente, die sich bisher zu den staatSerhaltendcn gezählt haben, mit diesem Wort und der Idee vertrauter gemacht haben. Die Arbeiterklasse hatte mit ihrem sicheren Instinkt ihren Platz in diesem Kampfe sofort gefunden. Sie brachte den Beamten die Sympathie entgegen, die sie für jede» von der bourgeoiscn Staats- macht Vergewaltigten und Ausgebeuteten übrig hat, ob er ein Offizier aus der jüdischen Bourgeoisie oder ein bedrängter Winzer oder ein sonst mit seinen proletarischen Untergebenen gar nicht höflicher Bnreaukrat ist. Aber die Beritunft wußte keinen anderen Weg als ihr Herz. Denn die fortschreitende Klaffenscheidung der bürgerlichen Gesellschaft wird auch in der denkenden Beamtenschast den Standes st alz durch das Bewußtsein ersetzen, als besitzlose, die Arbeitskraft verkaufende Lohnarbeiter im größten Betrieb der kapitalistischen Welt zum Proletariat zu gehören, das den Wohlstand und die Freiheit, die ihm die Gesellschaft für seine Arbeit schuldet, in einer neuen sozialen Ordnung gewinnen muß. polltifcbe Ckbevncbt. Berlin, den 1. April 1909. Nachlese im Neichötag. Aus dem Reichstag(1. April). Wie immer nach großen Debatten und üt ermäßig ausgedehnten Sitzungen macht sich im Reichstag eine wachsende Teilnahmlosigkeit an den Verhandlungen geltend. Trat das schon am Mittwoch zutage, so noch mehr heute. Tie auswärtigen Abgeordneten drängen zur Heimreise, und die„Rücksicht auf die Geschäfts- läge des Hauses" kehrt in den Einleitungen zu dm Reden immerfort wieder. Tie Verhandlung begann uin 10 Uhr morgens mit dem R c i ch s e i s e n b a h n a in t. Genosse Bühle brachte die Beschwerden der elsaß-lothringischen Eisenbahnarbeitcr vor, die ungenügend entlohnt und außerdem noch ihrer staats- bürgerlichen Rechte beraubt werden, da man ihnen sogar die Beteiligung an polizeilich genehmigten Wahlrechtsdemon- strationen verboten hat. Der Minister v. Breitenbach bewies wieder, daß er ein Vertreter des starrsten Bureau- kratismus ist. Er erlaubte sich sogar, Wahlrechtsdemon- strationen für Unfug zu erklären, wofür ihm Genosse E m m e l in scharfer, aber gerechtfertigter Weise die Meinung sagte. Ter Vizepräsident K a c in p f leistete sich dabei wieder einen seiner berühmten Ordnungsrufe an falscher Stelle. Um 4 Uhr wurde dann eine neue Sitzung für eine Stunde später anberaumt, um die dritte Lesung zu beginnen. In der Nachmittagssitzung wurde die dritte Lesung von dem neugcwäihlten welsischen Abgeordneten Dannenberg eröffnet, der in einer Jungfernrede die vorsintflutliche wel- fische Auffassung vom Monarchismus entwickelte, wobei eine Hauptrolle das braunschweigische Kirchengebet für den Herzog von Cumberland spielte. Er hatte dann aber auch auf seinen Wahlkampf gegen die'Nationalliberalen angespielt, was diese Spezialfreunde der Weifen in mächtige Erregung versetzte. Der nationalliberale Abgeordnete A r n i n g machte seiner Entrüstung in der Bemerkung Luft, daß die beiden Welsen ja nur auf sozialdemokratischen Krücken in den Reichstag gehumpelt seien. Demgegenüber stellte der welfische Abgeordnete Götz v. Olenhusen fest, daß die Nationalliberalen sehr mit Unrecht sich darüber beklagten-, denn er habe in seinem Wahlkreise Göttingen selbst erlebt, daß die Nationalliberalen kniefällig sozialdemokratische Hilfe erfleht hätten. Beim Etat des Rcichsamts des Innern trug Genosse Sachse die sozialdemokratische Forderung eines Reichs- berggesetzes vor, wobei er auf die Enthüllungen über die Konferenz der Bergwerksbesitzer zurückkam. Diesen Leuten zuliebe würde jedenfalls die Regierung nicht auf die Anstellung unabhängiger Arbeiterkontrolleure eingehen. Sehr bedauerlich sei es auch, daß die Zentrumsvcrtreter im preußischen Abgeordnetenhausc von ihrer ursprünglichen Forderung der Arbeiterkontrolleure zurückgewichen seien. Der Minister v. Bethmann-Hollweg ging in seiner Er- widerung zwar auf einige nebensächliche Punkte der Aus- führungen Sachses ein, vermied es aber sorgfältig, das heiße Eisen der Beziehungen zwischen der Bureaukratie und den Bcrgwerksbcsitzern anzufassen. Der Zentrumsabgeordnete Becker versuchte vergeblich, die schwächliche Haltung seines Kollegen Jmbusch zu verteidigen, während Genosse Hue abermals den Minister zu ausgiebigerer Auskunft zu nötigen suchte, aber nur erreichte, daß der Staatssekretär sich hinter die demnächst zu erwartenden Maßnahmen der preußischen Regierung' verschanzte. Schließlich gab es in später Stunde noch ein kon- fessionelles Gezänk zwischen dem Abgeordneten Erzberger(Z.) einerseits und dem württembergischen Bundesratsbevollmächtigten v. Köhler sowie den beiden Nationalliberalen Hieb ex und Everling andererseits« bis schließlich das übermüdete Haus um 9 Uhr sich auf Freiiäg vertagte._ Abgcordneteuhaus. B-i Schkuß der DonnerStagsitzung waren im preußischen Ab- geordnetenhause, abgesehen von den Rednern, die sich zum Wort gemeldet hatten, nur noch drei Mitglieder anwesend— der Präsident und die beiden amtierenden Schriftführer. Diesen Aermsten erlaubt es die Bürde ihres Amtes nicht, wenn es ihnen zu langweilig wird, den Sitzungssaal zu Verlaffen. Die übrigen Volksvertreter sind beffer daran, sie haben die Wahl, ob sie zuhören wollen oder nicht, und so groß auch sonst die Gegensätze find, darin waren sich alle Parteien einig, daß das Anhöre» der Lolalwünsche eitel Zeit- Vergeudung ist. Ja, selbst diejenigen Redner, die ihr Sprüchlein hergeleiert hatten, waren fo unhöflich, sich der Wirkung ihrer Worte zu entziehen, ihrem Nachfolger den Platz auf der Tribüne zu räumen, selbst aber aus dem Saale zu fliehen. Wird dies System konsequent weiter befolgt, dann spricht der letzte Redner buchstäblich vor leeren Bänken. Aber was tut man nicht alle», um seine Pflicht gegen die Heimat zn erfüllen? Am Freitag sollen die Osterferien beginnen. Eine Liebesgabe für die Industrie. Um die Parität zwischen den Industriellen und Agrariern zu wahren, sollen auch die Industriellen aus den Taschen der Steuer- zahler eine niedliche Staatsdolation erhalten. Dem Reichstage wird demnächst ein Gesetzentwurf zugehen, der eine andere Regelung im Rechnungswesen der BerufSgenoffenschaften bezweckt. Er soll gleich- zeitig mit den neuen Steuergesetzen erledigt werden. Das Unfall» versicherungSgesetz legt dem Reich die Pflicht auf, die Unfallrente vor- schnßweise zu bezahlen. Am Jahresschluß wird dann den BerufSgenoffen- schaften mitgeteilt, welchen Betrag für verauslagte Unfallrenten sie an daS Reich zu zahlen haben. Diese Summe ist bisher auf dem Wege des Umlageverfahrens aufgebracht worden. Das Reich wurde durch diese vorschußweise Bezahlung der Renten um so schwerer getroffen, als die verfügbaren Mittel nicht einmal zur Deckung der laufenden Ausgaben des Reiches hinreichten. Die vom Reiche auf Rechnung der Berufsgenossenschaften geleisteten Vorschüsse beziffern sich im Jahre 1908 auf 1S7488494 M. Diese Vorschüsse konnten nur im Wege der Begebung von Schatzanweisungcn aufgebracht werden. Den Diskontaufwand, der 1993 auf 16 Millionen Marl stieg, hatte das Reich zu tragen. Mit diesem System soll nun gebrochen werden. Künftig sollen die Berufsgenossenschaften dem Staate Vorschüsse in der Höhe deS mutmaßlichen Rentenbedarfs zahlen. Die BerufSgenoffenschaften verfügen aber nicht über hohe Vermögensbestände. Die Regierung meint, es sei deshalb eine unbillige Härte, wenn man die Berufs- genoffenschaften zwingen wolle, etwa am 31. Dezember 1909 die vom Reich geleisteten Vorschüffe in Höhe von 16S Millionen Mark an das Reich zu zahlen und gleichzeitig dem Reich für 1910 Bor- schüsse in Höhe des mutmaßlichen Bedarfs zur Verfügung zu stellen. Um die Industrie zu schonen, ist nun das Rcichsschatzamt auf folgenden Ausweg verfallen. Am 31. Dezember 1909— dem Ende der Vorschußleistung durch daS Reich— schulden die Berufs- genoffenschaften dem Reich etwa 16ö Millionen Mark. Dieser Betrag soll nicht in einer Summe zurückgefordert, sondern in xine Schuld verwandelt und mit B'/j P r o z. verzinst sowie ferner mit ll'/z Proz. amortisiert werden, so daß die Schuld in 20 Jahren getilgt wäre. Die Höhe der VerzinsnngS- und der Amortisationsbeträge— pro Jahr S 300 000 M.— will das Reich übernehmen. Das bedeutet in 20 Jahren eine Liebesgabe an die In- dustrie in Höhe von rund 100 Millionen Mark. Ein recht interessantes Projekt, das aufS treffendste die Tendenz der deutschen Finanzpolitik illustriert. Während das Reich sich in der schwierigsten Finanznotlage befindet und dem Bolle eine Belastung seines Lebensunterhalts mit 400 Millionen Mark neuer Steuern droht, heckt das Rcichsschatzamt einen Plan au?, der den industriellen „Notleidenden" auf Volkskosten ein Extrageschcnk von 100 Millionen Mark in den Schoß wirft._ Unannehmbar. Wie die„Deutsche Tageszeitung" vernommen haben will, plant man jetzt, die Nachlaßsteuer durch eine Erweiterung der Erbschafts- stcuer zu ersetzen und zwar soll nicht der ganze Nachlaß, sonder» bloß der einzelne Erbanfell besteuert werden. Kleine Erbschaften sollen frcibleiven. Da? agrarische Blatt erklärt demgegenüber, daß auch dieser Vorschlag für dieJunker völlig un- annehmbar sei. Die grundsätzlichen Bedenken der Agrarier seien gegen diese Steuer dieselben wie gegen eine Nachlaßsteucr. Ehrlicher wäre es, wenn das Junkerblatt erklären würde, daß das Agrariertum grundsätzliche Bedenken gegen jede Steuer hat, die die Agrarier nicht ausschließt. Gleichzeitig verspotte! die»Deutsche Tagesztg." die Kundgebungen, die zugunsten der Finanzreform statt- finden. Dagegen nüyt es jeder agrarischen Versammlung, und wenn sie im entlegensten, unbekanntesten Winkel des Reiches stattgefunden hat, die denkbar größte Bedeutung bei, sobald dort irgendeine Re- solntion gegen die Erbschaftssteuer gefaßt wurde. Zur Arbeitsloseitversichernng. Im bayerischen Minisierium des Innern fand am 30. März eine von der Regierung einberufene Konferenz von Vertretern bayerischer Städte, der Gewerkschaften und der Uniernehmerverbände statt, die sich mit der Frage der Arbeitslosenversicherung befaßte. ES wurde beschloffen, die Regierung zu ersuchen, sie möge ein Musterstatut für eine kommunale Arbeitslosenversicherung ausarbeiten lasten. Nu Vertreter der Industriellen erklärte, er müsse entschieden warnen vor allen Maßnahmen, die geeignet seien, die Sozialdemokratie zu stärken. Zu solchen„gefährlichen" Maßnahmen sei auch die Ein- sührung einer staatlichen oder kommunalen Arbeitslosenversicherung zu rechnen.—_ Das Zentrum und die Reichsfinanzreform. Die„Westdeutsche Arbeiter-Zeitung"(M.-Gladbach) veröffentlicht eine Zuschrift ans ihrem Leserkreise, worin Beschwerde gefuhrt wird über das Verhalten des Zentrums gegenüber der Finanzreform. Die Zcntrumspreffe, so heißt eS da. mache sich lustig über die Verlegenheit des Reichstages, der Finanznot Herr zn werden, sie stärke den Widerstand gegen die Nachlaßsteuer und rate gegenüber den'drängenden Steuerfragen zum Abwarten. Dann heißt es: „Das„Abwarten" fängt für uns, die wir totsicher mit weiteren indirekten Steuern bedacht werden sollen, nachgerade an quälend zu werden. UnS, den Arbeitern und sogen. kleinen Leuten, kann es nicht wurst sein, ob eine Grundlage der neuen Finanzreform gefunden und wie sie ausfällt.„Ohne tüchtige und wirkliche Heranziehung des Besitzes keine indirekten Steuern mchr l"— so lautet die Parole, die auch unsere ZentrurnSpanei ausgegeben. Schön: Aber wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, daß es einfachere Wege zum Ziele gäbe, wie die, die unsere Partei bis heute gegangen. Warum lehnt sie immer noch hartnäckig die N a ch l a ß st e n e r ab, mit der eine solche „Grundlage der Finanzreform" gefunden wäre? Die Nachlaß- steuer, die vor Jahren bereits ein ZeutrumSabgeordneter empfohlen hat?!" Den Bedenken der bäuerlichen Bevölkerung, so heißt e? weiter, könne leicht Rechnung getragen Werdenz eine Nachlaßsteuer sei unter Umständen für die bauerlichen Betriebe besonders günstig: einmal könnte der Hanptbetrag einer solchen Steuer dem beweglichen Besitz aufgeladen werden, daim aber könnte die Nachlaßsteuer auf eine ge- sunde soziale Verteilung des Bodens hinwirken als Gegengewicht gegen die Zunahme des landwirtschaftliches Großgrundbesitzes. Weiter heißt es: „Die nnttelbäucrlichen Schichten sind einfach gegen diese Steuer verhetzt worden. Ihr Groll dagegen beruht in ni an gelhafter und einseitiger Information. Sollte eS einer so festgefügten Partei, wie der unsrigen, nichc möglich sein, hierin die notwendige Klarheit zu schaffen?" Diese Frage beweist, daß die katholischen Arbeiter sich selber nicht klar sind über das Wesen der Partei, der sie ihre Interessen an- vertrauen. DaS Zentrum ist vorwiegend von agrarischen Interessen geleitet aus dem einfachen Grunde, weil vier Fünftel seiner Mandate vom Lande stammen. Selbstverständlich hat das Zentrum auch gewisse Rücksichten auf seinen städtischen Besitz zu nehmen, aber wenn die katholischen Arbeiter und Kleinbürger gehört zu werden wünschen, dann müßten sie ihre Ansprüche in ganz anderer Weise geltend machen, als sie das bisher zu tun pflegten. Auch hierin sind ihnen die ZcnirumZagrarier über. Gröfienwahn. TieGeschichie der christlichsozialen Partei ist eine fortlaufende Reihe von Mißerfolgen. Der Plan ihres Gründers Stöcker, durch eine christ- liche Arbeiterpartei die Sozialdemokratie zn überwinden, fiel grnnd- lich ins Waffer, so gründlich, daß der Plan, kaum daß seine Aus- sührung versucht war, auch schon wieder aufgegeben wurde. Und das weitere Uniernchmen StöckerS, das Kleinbürgertum bei seinen antikapitalistischen Trieben zu packen und eine große antisemitische Mittclstandspartei ins Leben zu rufen, geriet nicht viel beffer. Die Eroberung eines einzigen Rcichstagswahlkreises(Sicgen-Äittgcn- stcin-Biedcnkopf) mit rückständiger Bevölkerung war lange Jahre der einzige Erfolg, dessen sich die Christlichsozialen rühmen durften. Neuerdings haben sich die Christlichsozialen an die christliche Gewerkschaftsbewegung herangemacht und spielen sich dort auf, als ob sie die ganze evangelische Arbeiterschaft hinter sich hatten. Bei den letzten Reichstags, und Landtagswahlen versuchten sie, die Konservativen und Nationalliberalen zur Einräumung von Arbeiter- kanididaturen aus christlichsozialen Reihen zu veranlassen, indem sie sich als das berühmte„Zünglein an der Wage" in Erinnerung brachten. Aber auch dieses Liebeswerben war vergebens, da die gc- genannten Parteien den Einfluß der Christlichsozialen richtig genug einschätzten. Jüngst haben die Christlichsozialen nun noch den Schmerz er- leben müssen, daß sie ihr ältestes und sicherstes Reichstagsmandat — Siegcn-Wittgenstein-Biedcnkopf— einbüßten. Ilm so verwunderlicher erscheint es, wenn sie in einem ihrer Organe, der Wochenschrist„Die Arbeit", großartige Pläne entwerfen, wie sie der Welt ihre Macht zeigen wollen. Wer nickt weiß, daß Lie Christlichsczialen bei den letzten Reichstagswahlen etwa 60 000 Stimmen insgesamt aufgebracht haben, der muß nach dieser Dar- stellung glauben, daß ihre Anhänger nach Hunderttausenden zählen. Es heißt da: „Wir sind in diesem Augenblicke mit unserer parteipolitischen' EntWickelung an einem Punkte angelangt, wo wir sagen dürfen: in verschiedenen Wahlkreisen haben wir bei den Reichstagswahlen die überwiegende Mehrheit; in einer Nteihe von anderen Gegenden werden wir auf Grnnd unserer Organisation demnächst von ausschlaggebender Bedeutung sein und in einer Anzahl von weiteren Wahlkreisen bilden wir heute schon das Zünglein an der Wage bei der Entscheidung." Das ist zum Teil eitle Rcnommisterei, soweit es sich auf die „ausschlaggebende Bedeutung" bezieht, zum Teil offensichtlicher Schwindel, soweit von der„überwiegenden Mehrheit" die Rede ist, deren sich die Christsozialen in„verschiedenen Wahlkreisen" rühmen. Sie haben jüngst erst in ihrem ältesten und sichersten Wahlkreise eine Scklappe erlitten, ein Beweis, wie es mit der,,.überwiegenden Mehrheit" aussieht. In Siegen- Wittgen st c in- Bieden- köpf hatten die Christlichsozialen bei der letzten Ersatzwahl 13 400, ihre Gegner 17 000; in der Stichwahl fielen sie hinein. In Dille nburg-We st erland(Abg. Burckhardt) siegten sie im ersten Wahlgange, weil Zentrum und Bnndler auf eigene Kan- didaturcn verzichteten und ihre Stimmen auf den Cbristlichsozialen vereinigten. In Wetzlar-Altenkirchen(Abg. Behrens! wandte ebenfalls das Zentrum seine Wähler gleich im ersten Wahl- gange dem Christlichsozialen zu, der aus diese Weise in die Stich- wähl kam, und hier mit Hilfe der Konservativen über den National- liberalen siegte. In beiden Wahlkreisen können sich die Christlich- sozialen nur höchstens 20 Proz. der abgebcncn Stimmen zuzählen; sie verdanken beide Mandate den Ultramontanen und Konservativen. Behörden«nd Vereinsgesetz. Am 22. März hatte, wie wir sofort gemeldet haben, die Polizei zu Magdeburg eine vom Holzarbeitervcrband cinberiifene öffent- liche AgitationSversammluna, in der über das Thema:„Wer schützt die Interessen der Holzarbeiter?" referiert werden sollte, kurzerhand aufgelöst, da nach ihrer Meinung diese Versammlung eine politische und also anmeldepflichtig sei. Gegen diese Maßnahme der Polizei ist sofort der Klageweg beschritten worden. Für Sonntagvormittag war nun die Fortsetzung der Versammlung veranstaltet worden. Ein Polizeiaufgebot von 20 Mann unter zwei Kommissaren meldete aber schon den Besuchern, daß die Ver- sammlung wieder inhibiert werden würde, diesmal aber nicht durch Auflösung, wie sich ein Kommissar privatim äußerte, sondern durch Erzwingung de» UcberwachuiigSrcchtS. Daß es nach dieser Absicht die versammelten mit der Erledigung der Tagesordnung nicht so eilig hatten, ist erklärlich, und so wurde vorläufig auS der Versamm- lung erst ein bis 1 Uhr mittags währender polizeilich überwachter Frühschoppen. Nach der Eröffnung der Versammlung verfügten sich zwei Beamte znmLeiter und eröffneten ihm, daß die Versammlnngsamneldiing nicht vorschriftsmäßig erfolgt fei, forderten aber auch zugleich die Ueberweisung eines Platzes zum Ueberwachen, da auch diese Ver- sammlung von der Polizeibehörde als politische betrachtet würde. Dafür den Beweis zu erbringen wurde von ihnen abgelehnt, der Versammlungsleiter weigerte sich aber ebenso, den beiden Beamten einen Platz anzuweisen. Sie wurden vielmehr unter Berufung auf das Hausiecht aufgefordert, das Lokal zu verlassen. Doch die Polizeibehörde scheint sich zu fest auf den Plan verbissen zu haben, daS Versammlungsrecht der Arbeiter nach alter, jahrzehntelang geübter Praxis einzuschnüren, und so machten sich'S die beiden Üeberwachciiden, statt den gerichtlichen Aus- trag der Sache abzuwarten, ganz einfach im Zuhörerraum bequem. Da die Organisationsleitung aber nicht gewillt ist, da» Recht der Arbeiter um einen Fuß breit schmälern zu lasien, so wurde die Ver- sammlung geschlossen und für den 30. März eine Generalversamm- lung der Zahlstelle des Holzarbeiterverbandes einberufen. Nun wird sich'? ja ausweisen, ob die Magdeburger Polizei- behöroe auch die Vereinsversammlung der gewerftchaftlichen Organisationen überwachen ivill, dem sozialdemokratischen Verein gegenüber hat sie es ja bereits getan. Ein Beleidiflnngsprozeft mit kolonialpolitischem Untergrund. Unter dieser Stichmarke berichteten wir vor mehr denn JahrcS- frist über einen Privatbele igungsprozeß, den der Sohn des Ka- meruner Obcrhäuptlings Atlva, Mpundo Akwo, wohnhaft in Altona, gegen den Marineschriftsteller Kapitänleulnant a. D. Lierscmann bei den Hamburger Gerichten angestrengt hatte. Dieser hatte, an- knüpfend an die bekannte, auch im Reichstage behandelte Beschwerde der Kameruner Häuptlinge gegen den derzeitigen Gouverneur v. Puttkamer, von dem Privatkläger, den er als den Urheber der Beschwerde bezeichnete, in einer Zuschrift an die„Preußische Korre- spondenz" behauptet,„der Beschwerdeführer lei ein minderwertiges SubZekt, der wiederholt wegen großer Diebstähle sowohl in Ka- mevun wie in Deutschland mit Gefängnis bestraft worden sei." Der Vrozetz schwebt schon seit mehr als drei Jahren, weil wiederholt in den Kolonialgebieten wohnende Zeugen, höhere Regierungs- beamte usw. vernommen werden mutzten. „Prinz" Akwa hat in Altona eine höhere Lehranstalt bis Ober' sekunda besucht und er erhielt von seinem Stamm ein Kopfgeld von 50 Pf. pro Monat, jährlich etwa 7200 M. Diese„Apanage" ist ihm eine Zeitlang von der Regierung gesperrt, dann aber wieder freigegeben worden. Wie in der Verhandlung erster Instanz, die mit der Verurteilung des Beklagten zu einer Geldstrafe von 30 M. endete, wurde von einem Pastor bekundet, datz der Privatklägcr ein guter Mensch geworden wäre, wenn junge Grafen, die mit der schwarzen„Hoheit" prunkten, ihn nicht verdorben hätten. Durch diesen Verkehr sei Akwa vom Hochmutsteufel befallen worden. Inzwischen hat man tief in die Vergangenheit des schwarzen Gigerls hineingeleuchtet und man will in Erfahrung gebracht haben, datz er als Sechzehnjähriger in Kamerun ein Päckchen Zigaretten entwendet haben soll.(!) Zur Berufungsverhandlung, die am Mitt- woch vor der Strafkammer stattfand, hatte die beklagte Seite mehrere Zeugen laden lassen, die über die moralischen Qualitäten des Klägers aussagten. Ueber die angeblichen Vorstrafen des Akwa konnte kein Beweis erbracht werden, dagegen soll er in Gemeinschaft mit einem früheren Journalisten des„Hamb. Fremdenblatt" die Beschwerde der Häuptlinge verfaßt und sich darüber gefreut haben, als die Reichstagsabgeordneten Erzberger und Bebel die Sache im Reichs- tage erörterten. Er soll dem Journalisten eine Million versprochen haben, wenn der Coup gelänge. Nach langer Verhandlung hob das Gericht das Urteil erster Instanz auf und sprach den Angeklagten frei, indem es den Wahr- heitsbeweis als geführt erachtete und ihm den Schutz des§ 193 zu- billigte. Die Ncvisionsinstanz dürfte dieses Urteil wohl kaum aufrecht erhalten, denn von einem gelungenen Wahrheitsbeweis kann nach dein Ergebnis der Verhandlungen nicht gesprochen werden. Unter- suchungen haben gegen Akwa geschwebt, haben sich aber nicht zu An- klagen verdichtet. In deutschen Gefängnissen hat er nicht gesessen und die Zigarettengeschichte ist tatsächlich etwas weit hergeholt. Militärjustiz. Vom Kriegsgericht in Landau(Pfalz) wurde der Soldat Guthier zu 1>/zJahren Gefängnis verurteilt, weil er in der Trunken- heit dem Befehle eines Sergeanten, sich zu Bett zu legen, nicht befolgt hat; ein Verbrechen, das also nach militärrechtlichen Begriffen schlimmer ist, als wenn er einige Zivilisten halbtot- geschlagen hätte.—_ Das„Misten" als militärisches„Erziehungsmittel. In einer Kriegsgerichtsverhandlung in Metz, in der sich ein Dragoner ivegen Gehorsamsverweigerung zu verantworten hatte, wurde festgestellt, datz das Ausmisten als ein Straf- mittel angewendet wird. Der Soldat, der sich gegen den Befehl„Ausmisten" vergangen hatte, weil er sich keiner Disziplinwidrigkeit bewutzt war, erhielt vier Wochen strengen Arrest zudiktiert. Die Balkankrise. Belgrad, 1. April. Der österreichisch-ungarische Gesandte Graf Forgach übermittelte heute mittag dem Minister de-Z Aeutzercn Milowanowitsch die Antwort der österreichischen Re- g i e r u n g. Diese nimmt darin die serbische Note vom 30. März zur Kenntnis, spricht den Wunsch nach nachbarlichen Be° Ziehungen aus und erklärt, datz die neuen Handelsvertrags- Verhandlungen sofort aufgenommen werden können. Mit dem heutigen Tage ist �zwischen Oesterreich-Ungarn und Serbien der vertragslose handelspolitische Zustand eingetreten. Die österreichische Regierung veröffentlicht die folgende Mitteilung: Da der Handelsvertrag mit Serbien nicht ab- geschlossen worden ist, jedoch die Aussicht besteht, datz das Ueber- einkommen in den nächsten Tagen perfekt wird, so hat die Regierung die Grenzzollämter angewiesen, den autonomen Zoll- tarif anzuwenden. Falls jedoch ein provisorisches Uebereinkommen mit Serbien zustande kommt, wird das Verfahren auf Grundlage der Meistbegünstigung angewendet. Im Grenzverlehr gelten die bisherigen Erleichterungen. Dementi. Belgrad, 1. April. Da? serbische Pretzbureau ist ermächtigt, die Nachricht, datz Minister Milowanowitsch im radikalen Klub erklärt babe, R u tz l a n d hätte versprochen, die Berteidigung der Sache Serbiens in die Hand zu nehmen, sobald sich eine günstige Gc- legenheit bieten werde, für unbegründet zu erklären. Ebenso werden Natürlich von offiziöser Seite die Nachrichten über die Verzichtleistungsabsichten Königs Peter bestritten. Lelgien. Die Zwangsarbeit im Kongo. Brüssel, t. April. Die Deputiertenkammer nahm im Verfolg einer Interpellation über die Zwangsarbeit im Kongo st aat mit Zustimnmng des Kolonialministers Rcnkiu eine Tagesordnung an, die als nächste Reformen in der Kolonie ver- kürzte Arbeitszeit, erhöhten Arbeitslohn, Zahlung in Geld sowie Beschäftigung der Eingeborenen nur in ihrem Bezirk verlangt. In zweiter Lesung wurde hierauf der Neun stundentag als Maximalarbeitstag für Bergarbeiter mit 123 gegen 8 Stimmen angenoinmen. Italien. Die neue sozialistische Parlamentsfraktion. Obwohl bei den letzten Wahlen 42 Sozialisten gewählt wurden, zählt die neue sozialistische Parlamentsfraktion doch nur 41 Mit- glieder, da Genosse Ettore Ciccotti wegen prinzipieller Abweichungen es abgelehnt hat, der vorwiegend reformistischen Frak- tion beizutreten. Es ist dies ein für die italienische Pnrteigeschichte neuer Fall, und wir halten es für bedauerlich, datz Ciccotti es nicht über sich vermocht hat, trotz seiner Meinungsdifferenzen die gemein- same Arbeit mit der Fraktion zu versuchen. Von den 41 Fraktions- Mitgliedern stehen zwei außerhalb der Parteiorganisation: M a r a n g o n i ist Syndikalist und ist als solcher mit seinen Ge- sinnungSgenosscn zusammen aus der Parteiorganisation aus- getreten. Er erklärte sich aber jetzt bereit, sich bei einer Partei- sektion einzutragen, da er in dem Syndikalismus nicht eine dem Sozialismus entgegenstehende Bewegung sähe, sondern vielmehr den echten marxistischen und revolutionären Sozialismus. Man- c i n i, Abgeordneter für Pesaro, ist unorganisiert und hat erklärt, ee bis auf weiteres bleiben zu wollen. Die Autonomie der italie- nischen Parlamentsfraktion läßt eS bekanntlich zu, datz ihr Mit- glieder angehören, die außerhalb der Parteiorganisation stehen. Wir erinnern an T u r a t i und T r e v e s. die als Mitglieder der Mailänder autonomen Zirkel zur Parlamentsfraktion gehörten, an B i s s o l a t i und De F e l i c e. Die Fraktion wühlte die Ge- nosscn Costa. B i sso lat i und Tu rat i zu Mitgliedern ihres Exekutivkomitees und Morgari zum Fraktionssekretär. Um den finanziellen Bedürfnissen des Fraktionssekretariats genügen zu können, wurde auf Antrag Turatis all den Wahlkreisen, die sozia- listische Vertreter haben, zur Pflicht gemacht, 200 Lire jährlich an die Fraktion zu bezahlen. So baut die Parlaments- fraltion ihre Autonomie immer mehraus und nähert sich dem Ideal, das die Reformisten anstreben, nämlich einer vom Parteivorstand unabhängigen Einheit, die nur ihren Wählern, nicht dem Parteitag Rechenschaft schuldig ist und sich doch für berufen hält, an der Leitung der Partei Anteil zu haben und sich eigentlich für den einzig Berufenen und wahren Borstand der Partei ansieht. Rußtatid. Kommiinalwahlen iu den Ostseeproviiizen. Im lettischen Teil der russischen Ostseeprovinzen(Gouvernement Livland und Kurland) entfaltet die Sozialdemokratie. Lettlands aus Anlaß der jetzt stattfindenden Wahlkampagne für die Kommunal- Verwaltungen eine rührige Agitation in Stadt und Land. Diese Bewegung ist für die Sozialdemokratie Rußlands eine fast neue Erscheinung. Außer in Tiflis im Sommer 1907 hat die Sozialdemokratie noch nirgends an den Kommunal- wählen teilgenommen. Um so mehr verdient diese Bewegung jetzt Beachtung, als sie Zeugnis ablegt von der ungebrochenen Energie der russischen Sozialdemokratie, die ungeachtet der blutigen Reaktion jede Gelegenheit benutzt, um abermals in den breiten Massen der Bevölkerung festen Fuß zu fassen und die Interessen der arbeitenden Klassen vor dem Ansturm des Großgrundbesitzes und des Kapitals zu verteidigen. Schon Anfang 1903 entfaltete die Sozialdemokratie Lettlands — damals fast ausschließlich in den Dörfern— eine energische Agi- tatio» gegen das bestehende Kommunalwahlrecht. Diese Agitation trug in bedeutendem Matze dazu bei, datz die Gemeindeverwaltungen in den Dörfern und kleinen Städten im November und Dezember 1905, als die revolutionäre Bewegung die Oberhand gewann, abgesetzt und durch neue Gemeindeverwaltungen ersetzt wurden, die auf Grund des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts(für Männer und Frauen) gewählt wurden. Die Aera der Strafexpeditionen vernichtete mit blutiger Faust die demokratischen Gemeindeverwaltungen. Die alten Gemeindeverwaltungen hielten wieder ihren Einzug. Das Interesse für die Komniunalinstitntionen ivar in den breiten Schichten der Bevölkerung auf einige Zeit vollkoinmen verschwunden. Dann aber erwachte es mit neuer Kraft. Die Sozialdemokratie Lettlands, die 1905 die Führung in der Kommunalwahltampagne übernommen hatte, fühlte auch bei den ungleich schlechteren Ver- hältnissen der nachfolgenden Jahre das Bedürfnis, diese Agitation wieder aufzunehmen. Bei den bevorstehendes Wahlen gelten Erfolge auf dem flachen Lande keineswegs für ausgeschlossen; denn obgleich die Land- a rb ei ter bloß ein Z e h n t e l S t i m m r e ch t besitzen(je zehn Landarbeiter wählen einen Vertreter für die Wahlversammlung, während die Hofbesitzer das volle Stimmrecht genießen), sind sie numerisch acht- bis neunmal stärker als die Hofbesitzer. Viel schlechter steht es in dieser Beziehung in den Städten. In Riga z. B. liegen die Dinge so, datz zu den in den nächsten Wochen stattfindenden Wahlen bloß ein Prozent der Einwohner- schaft das Wahlrecht besitzt. Trotzdem hält die Parteiorganisation in Riga die Beteiligung an den Wahlen für notwendig und entfaltet eine energische Agitation. Die Lage ist allerdings schwierig, da die Sozial- dcmolratie nicht nur gegen die deutsche, sondern auch gegen die lettische Grotzbourgeoisie anzukämpfen hat. Wie wir hören, sollen die Rigaschen Demokraten dem sozialdemokratischen Kommunal- Programm sympathisch gegenüberstehen. Im allgemeinen wird schon jetzt infolge der Wahlagitation allerseits in Stadt und Land eine st arke Belebung der organisatorischen Tätigkeit der Sozialdemokratie konstatiert. Em der Partei. Eine Frankfurter Angelegenheit. Einige Parteiblätter bringen in etwas sensationeller Aufmachung die Meldung, datz die Mehrheit der sozialdemokratischen Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung zu Frankfurt a. M.(andere Mitglieder, so die Genossen Brühne, Dittmann und Ouarck fehlten) den städtischen Etat bewilligt habe. Die Fassung der Notiz läßt durchblicken, daß diese Bewilligung die gleiche Handlung sei, ivie die Bewilligung der Landesbudgets durch die sozialdemo- kratische Latldtagsfraktion Bayerns und Badens. Davon kann indes höchstens insofern die Rede sein, als die Begründung des bejahenden Votums, die der Genosse ZielowSki im Stadt- parlament gab, ungefähr ebenso unlogisch ist, wie die Begründungen, die seinerzeit die badische und die bayerische LandtagSfraktion in den betreffenden Landtagssitzungen heraus- brachten. Insofern nämlich, als der logische Schluß der scharfen Kritik an der Politik des Magistrats und der bürgerlichen Mehrheit des Stadtverordnetenkollegiums die Ablehnung des städtischen Etats hätte sein müssen. Aber darüber mögen die Frank- snrter Genossen mit ihren Stadtverordneten rechten. Die Genossen im Reich haben keinen Grund, sich darüber anfzu- regen, da die Nürnberger Resalution sich nicht auf die Budgets der Gemeinden bezieht und die Annahme oder Ablehnung eines GemeindebudgetS mit der eines Staatsbudgets durchaus nicht gleichzusetzen ist. Wir haben schon während der Debatten, die dem Parteitag von Nürnberg voraufgingen, diesen Standpunkt hier vertreten und ausgeführt, datz sich die Bewilligung eines Gemeindebudgets— unter Umständen natürlich— mit unseren Giundsätzen vertragen kann. Ob das in Frankfurt a. M. der Fall ist, wissen wir nicht. Vier Redakteure der Frankfurter„Volks- stimme", die Genossen Ouarck, Quint, Wendel und Wittrisch wenden sich in einer Erklärung gegen die Bewilligung, der filnfte, Genosse ZielowSki, tritt dafür ein. An den Frankfurter Genossen ist es, das Für und Wider zu erwägen und ihre Meinung zu sagen. Dagegen kalten wir es für überflüssig, aus Anlaß der Frankfurter Äb- stimmung die Frage, ob die Sozialdemokraten für ein Gemeinde- budget stimmen dürfen, prinzipiell zu erörtern. Zum mindesten ist der gegeiiwärtigs Zeitpunkt nicht dazu geeignet. Vom Fortschritt der Presse. Trotz der Krise, die eine starke Abwanderung aus dem Jndustriebezirk zur Folge batte, ist es den Genossen des Wahlkreises Bochum gelungen, die Abonnentcnzahl des„V o l k s b a t t" im Laufe des Winters um 1300 z» steigern. Dies ist vornehmlich einer inteusiven HauSagitation zu verdanken, die in allen Orlen durchgeführt wurde. Die„Arbeiterzeitung" in Dortmund teilt mit, datz sie neben ihren bisherigen regelmäßigen Beilagen„Nach der Arbeit" (Unterhaltungsbeilage).„Die Genossin"(Frauenbeilage),«Der junge Kamerad"(Jngendbeilage) noch eine vierte regelmäßige Beilage unter dem Titel„Wissen ist Macht" vom 1. April an er- scheinen lassen wird.„Wissen ist Macht" soll eine literarische Beilage sein, deren Aufgabe es in erster Linie sein soll, den Parteigenossen ein Wegweiser zu sein durch das Gebiet der Neu- erscheinuitgen der Parteiliteratur und der für die Arbeiterleser in Betracht kommenden Teile der besseren bürgerlichen Parteiliteratur. Aus der gccinigten Partei. Paris, 30. März.(Eig. Bcr.) Der neugewählte Deputierte von Marseille B o u i s s o n ist' unter etwas ungewöhnlichen Umständen Mitglied der geeinigten Partei geworden. Bor drei Wochen drang er im zweiten Wahlgang gegen einen radikalen Kandidaten und gegen den Kandidaten der gceinigten Partei, Cr'emieux, durch. Er hatte in der Wahlagitation eine vag ozialistische, regierungsfeindliche Politik vertreten. Nach seiner Wahl meldete er seinen Beitritt zu einer Marseiller BezirkSorgani- sation an. die ihn auch ausnahm, und nun hat der Föderations- kongretz init allen gegen drei Stimmen diesen Beitritt zur Kenntnis genommen. Die Situation ist recht merkmiirdig. Denn Bouisson hätte. iveil ihm die vorgeschriebene Partei- Zugehörigkeit fehlte, nicht Kandidat der geeinigten Partei werden könne» und nun ist er. wenn der Parteitag nicht den Marseiller Beschlutz kassiert, Abgeordneter' und zwar, nachdem er in einer Wahlcampagne gegen den Kandi- baten der Partei aufgetreten ist. Für die Mängel der Partei« organisation selbst in großen Arbeiterzentren ist der Vorfall be- zeichnend. Daneben aber auch für die steigende Anziehungskraft, deren sich die geeinigte Partei nach den neuesten Erfolgen erfreut. So ist z. B. kürzlich der Pariser Geineinderat N o v a r r e, übrigens einer der verdientesten und sozialpolitisch unternchtesten Kommunalpolitiker in den Geineinderatsklub der geeinigten Partei eingetreten, der er jahrelang als„Unabhängiger" ferngeblieben war.— Dagegen ist der Deputierte Rozier wegen Nichterfüllung seiner organisatorischen Verpflichtungen von der Seine-Föderation aus der Partei ausgeschlossen worden. Gegen den Beschlutz ist Appell an den Parteitag zulässig._ poUzeiUebes, ßenchtllchcs ulw. Befähigt, aber nicht„geeignet". Genosse A r m b r u st e r ist als Beigeordneter de? obcrhesflschen Badeortes Vilbel gewählt, aber nicht bestätigt worden. In seinem Rekurs hatte er auf den verfassungsmätzigen Grundsatz der Gleichheit aller Staatsbürger und die Tätigkeit vieler Sozialdemokraten als Stadtverordnete. Gemeinderüte usw. hin- gewiesen und über seine Fähigkeiten Beweis angeboten. Das Urteil des ProvinzialauSschusseS wies den Rekurs ab, es bleibt also bei der Nichtbestätigung. Interessant ist die schrist- liche Begründung des Urteils. ES heißt darin:„Wenn in der hessischen Verfassung stehe: olle Hessen sind vor dem Gesetz gleich, so habe das nicht die Bedeutung, datz jeder Hesse für jedes öffentliche Amt als gleichbesähigt und geeignet zu betrachten sei. Wenn nun der Rekurrent Beweise angeboten habe, datz er ge- nügende Fähigkeiten besitze und auch bei ihm keine Neigung zu un- gesetzlichen Handlungen vorhanden sei, so sei die Beweiserhebung darüber um deswillen unterblieben, weil das von keiner Seite be- stritten worden sei. Nicht darauf komme cS allein an, ob er befähigt sei, sondern ob er von den bestätigungsberechtigten Personen als geeignet befunden werde. Das sei aber nicht der Fall. Damit stehe aber nicht in Widerspruch, datz zahlreiche Sozial- demokraten in zahlreichen Aemtern Vorzügliches leisten usw."_ Ein Parteikasscnmarder. Am 3. März d. I. erschien im Bureau des Hamburger Parteisekretariats der ungarische„Parteigenosse Adolf Goldberger", der unter Vorzeigung einer angeblich von dem Bndapester Vertrauensmann ausgestellten Bescheinigung den politischen Flüchtling mimte, der von den ungarischen Behörden wirtschaftlich ruiniert und von Ort zu Ort gehetzt worden sei. Er erhielt eine Unterstützung von 15 M., weil er vorgab, er wolle nach Paris reisen. Abends erzählte„Goldberger" auf einer Herberge, wie man zu Geld kommen könne, ohne viel arbeiten zu müssen. Diese Aeutzernng kam dem Sekretariat zu Ohren, worauf man den Ungarn beim Schöpfe nahm. Er entpuppte sich als der wegen Hehlerei mit acht Monaten Gefängnis vorbestrafte Buchdrucker Franz Johann Wallfisch, geboren am 24. März.1869 in Ungarn. Am DienStagnachmiltag halte W. sich vor dem Land- gerickt in Hamburg wegen Betruges und Urkundenfälschung zu ver» antworten. Mitgliedskarte und Begleitschreiben soll nach seiner Be- hauptnng ein anderer Buchdrucker gefälscht haben. Das Gericht verurteilte den Schwindler, der bis zum Jahre 1902 der ungarischen Parteiorganisation angehört haben will, zu zwei Monaten Gefängnis. Wahrheitsgetreue Polizeibcrichterstattung. Zu 250 M. Geldstrafe verurteilte die Strafkammer in Duisburg den Genoffen Schach von der„Niederrheinischen Arbeiterzeitung". Unser Duisburger Parteiblatt hatte die eidliche Bekundung eines Polizeiwachtmeisters kritisiert, der in einem Prozeß wegen Uebertretung des Vereins- gcsetzeS erklärt hatte, datz er imstande sei, einen wahrheitS- ge in ätzen, zusammenhängenden Bericht über einen Vortrag zu bringen, obwohl er der Stenographie nicht mächtig sei. Das Gericht fand in dieser Kritik den Vorwurf, datz der Wacht- meister es mit seinem Eide nicht genau genommen habe, während es doch selbstverständlich sei, datz der Wachtmeister habe sagen wollen. er könne einen wahrheitsgemäßen Bericht herstellen, nicht aber, daß er den Vortrag wörtlich aufzeichnen könne. Der Staatsanwalt hatte nur 50 M. Geldstrafe beantragt. GcwcrhrcbaftUches. Die Felisch und Heuer. Der deutsche Arbeitgeberblind für das Baugewerbe hielt am 29. und 39. März in Kassel seine 19. Generalversammlung ab, und zwar unter strengstem Aus- schlutz der Oeffentlichkeit. Wir sind aber trotzdem in der Lage, über den Verlauf der Verhandlungen berichten zu können. Baurat Felisch, der Bundesvorsitzcnde, gedachte des zehnjährigen Bestehens des Bundes, der in den 19 Jahren von 2999 auf 22 999 Mitglieder angewachsen und ein„starker Mann" geworden sei. Baumeister Heuer- Berlin berichtete über den Ab- schluß eines Kartellvertrages mit den Tiefbau- Unternehmern, der auf der Grundlage abgeschlossen wird, datz die Tiefbauunternehmer sich verpflichten, an den Orten, wo sie arbeiten, keine höheren Löhne als die in dem Berufe ortsüblichen zu zahlen. Autzerdem soll dahingestrebt werden, für ausländische im Tiefbau be- schäftigte Arbeiter einen geringeren Lohn zu zahlen als den ortsüblichen. Dabei wird ausdrücklich daraus ver» wiesen, datz diese Arbeiter zu99 Proz. noch unorganisiert und nicht so leistungsfähig sind wie die Deutschen. Auf Anregung des rheinisch-westfälischen Arbeitgeber- Verbandes wurde beschlossen, sich dem Verein der beut- schen Arbeitgeber verbände anzuschlietzcn, aber nur mit 199 999 Arbeitern, weil man dadurch 3999 M. pro Jahr sparen kann.(!!) Zur Erledigung der Vorarbeiten für die 1919 abzu- schlietzendcn Tarifverträge wurde eine Kommission eingesetzt. Baurat E i ck e- Leipzig sagte als Referent, er sei nur für den Abschlutz eines Tarifvertrages, wenn er den Arbeitgeberwünschen ent- spreche. Einstimmig wurde eine Protestresolution gegen den A r» beitskainmergesetzentwurf angenommen und der Bundesvorstand beauftragt, beim Reichstag und Bundesrat persönlich vorstellig zu werden, um die„drohende Gefahr" abzuwenden. Referent Generalsekretär M i e I e n z meinte:„Was brauchen die Arbeitgeber Ar» beitskammern?" Die Arbeiter hätten sich in den Gewerkschaftsvcrcinen Vertretung geschaffen, was vollständig genug wäre. Baurat Felisch sprach sich in einem Referat energisch gegen die E i n st e l l u n g von Vauko ntrolleureu aus d e ni A r b e i t e r st a n d e aus und rühmte sich, datz er im preußischen Abgeordnetenhause die„drohende Gefahr" abgewendet habe. Auf Vorschlag von Lusche- Frankfurt a. M. wurde beschlossen, dem Reichstage, den Einzcllandtagen und den Stadtverwaltungen statistisches Material zugehen zu lassen, das gegen die Zweckmäßigkeit der Boukontrollcure und dafür sprechen soll, datz die meisten U n f ä l l e v o n d e n Arbeitern verschuldet werden. Endlich wurde den dem Arbeitgeberverband an- geschlossenen Verbänden empfohlen, den Arbeitsnach� weis für Maurer, Zimmerer und Bau- arbeit er auf u n paritätischer Grundlage bis zum 1. Januar 1910 zu errichten. Berlin und Umgegend. Achtung, Töpfer! Hiermit verhängen wir wegen Lohnausfnll über den Kaufmann "Äeorg Bielski. Schöneberg, Luitpoldstratze 34, Generalvertreter der Ofenfabrik Bankel in Lauf, und über den Töpfermeister Gustav Artelt, Rixdorf, Schiller-Promenade 27, welcher für B i e l s k i die Bauten ausführt, die Sperre. B i e l s k i schlicjst die Bauten ab und vergiebt dann das Setzen der Oeicn an einen Töpfermeister, aber zu einem Preise, bei dem niemand den Tarif zahlen kann..Wie sich nun die anderen Töpfer- meister, welche von B i e l s k i Kachelzeug bezichen und den Tarif bezahlen, mit BielSki abfinden werden, müssen wir ihnen über- lassen. Es hat den Anschein, als wenn nun A r t e I t und B i e l s k i mit Hirschen sGelben) arbeilen wollen, denn dieselben haben sich schon gestern den ganzen Tag vor dem gesperrten Bau herum- gedrückt. In Betracht kommt zurzeit der Bau Jablouskistrafie, Ecke Winsslrafie, Bauherr H. M i tz l a f f. Gleichzeitig weisen wir erneut darauf hin. dafi kein Kollege Extra- Verträge mit seinem Arbeilgeber abschließen darf. Auch machen wir darauf aufmerksam, daß die Firma Wehrend u. Groth, welche augenblicklich einen Bau in der Charnikauer Straße ausführt, wegen Beschäftigung von Wilden und Nichtbezahlung de-s Tarifes als ge- sperrt zu betrachten ist._ Die Berbandsleitung. Die Tarifbcwegung der Bauanschläger nimmt infolge des Verhaltens der Arbeitgeber scharfe Formen an. Die Arbeitgeber haben es abgelehnt, vor dem von den Arbeitern angerufenen Einigungsamt zu verhandeln. Die Kommission der Arbeitgeber verpflichtet die letzteren durch Rundschreiben, samt- liche Positionen des nunmehr abgelaufenen Tarifs um 10 Proz. zu kürzen. Eine gestern abend ab- gehaltene stark besuchte Versammlung der Bauanschläger beschloß, jede Verschlechterung der Arbeitsbedingungen sofort ihrer Kom- Mission zu melden.— Nach dem Vorschlage derselben soll bei allen Firmen, welche eine Verschlechterung durchführen wollen, die Ar- beit niedergelegt werden. Die Aussperrung der Banklempner. Am Donnerstagmorgen versammelten sich die ausgesperrten Bauklempner im Gewerlschaftshause. Nach den Drohungen der Meister hätte man glauben können, daß die.Aussperrung einen größeren Umfang annehmen würde. Die Musterung, die sofort vor- genommen wurde, ergab, daß über 291 Bauklempner die Aus- sperrung verhängt worden ist. Viele Meister haben nur teilweise ausgesperrt, darunter bekannte Firmen der Innung, die damit dem Beschluß ihrer Organisation nicht Folge leisteten. Einige Meister verlangten von ihren Arbeitern, daß sie sagen sollten, sie seien auf Kündigung angestellt, damit die Meister eine gute Aus- rede hätten. Die Meister wollten einwenden, sie würden von ihren Arbeitern verklagt werden, wenn sie die(vorgeschobene) Künbkgung nicht einhielten. Andere Meister meinten, die Arbeiter sollten nur ruhig ihre Sachen_ in der Werkstatt lassen, denn die Angelegenheit werde in einigen Tagen erledigt sein. Vielen Meistern ist die Aussperrung durchaus unbequem. Die Streik- leitung bat nun ihre Gründe, dem Beschluß der Aussperrung da nachzuhelfen, wo ihm nicht Folge geleistet wird. Teilweise Aus- sperrungen werden nicht geduldet. Wo einige Bauklempner entlassen worden sind, da legen auch die übrigen die Arbeit nieder. Mancher Meister möchte gern die notwendigsten Arbeiten fertig stellen lassen und will dann erst aussperren, aber die Arbeiter denken nicht daran, ihnen diesen Gefallen zu tun. In den nächsten Tagen ist jedenfalls noch eine Ausdehnung der Aussperrung zu erwarten. Die Ausgesperrten verlassen sich auf das solidarische Verhalten der Bauarbeiter auf allen Bauten, wo die Klempnermeister mit Maßregelungen vorgehen.— Die Arbeiter werden gewarnt, irgend einer Ausforderung von feiten der Meister, die Arbeit wieder aufzunehmen, nachzukommen. In allen Fällen ist zuerst das Streikbureau in Kenntnis davon zu setzen. Eine genaue Kontrolle der Bauten wird von den Arbeitern vorgenommen werden. Dem Arbeitsnachweis in der Dresdener Straße wird be- sondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Das Streikbureau be- findet sich in der Charitostr. 3, vorn im Laden. Cohen gab in der Versammlung noch manche Berhaltungs- maßregeln und ermahnte die Anwesenden, ihre volle Schuldigkeit in diesem aufgezwungenen Kampfe zu tun. Jeder müsse sich nach Kräften beteiligen und mitarbeiten, wenn der Erfolg gesichert werden soll._ Die Wiederaufnahme der Arbeit in der Kostiimvranche unter An- erkennung der neuen Lohn- und Arbeitsbedingungen ist im all- gemeinen ziemlich glatt von statten gegangen. Hier und da kam es bei einzelnen Firmen erst noch zu kleinen Reibereien und über die Firma Estella Bahler mußte zunächst die Sperre verhängt werden, doch auch diese Firma hat sich gestern bereit gefunden, den Tarif- vertrag anzuerkennen. Die Beratungen der Parteien über den Stiicklohntarif haben am Mittwoch begonnen, konnten aber am selben Tage noch nicht beendet werden, und zur Erledigung dieser Angelegenheit fand gestern abend nochmals eine Sitzung statt. Der ganze Tarifvertrag wird ohne Zweifel noch vor Ende dieser Woche zwischen den Parteien cndgüliig abgeschlossen sein, so daß diese nach kurzem, aber einmütig und geschickt durch- geführten Streik errungene Regelung der Lohn- und Arbeits- Verhältnisse der Damenmaßschneider und-Schneiderinnen nun durchaus gesichert und anerkannt ist. Die Lohnbewegung in den Handelsgärtnereien Berlins und der Umgegend. Mit dem 1. April waren bekanntlich die von den Gärtner- gehilfcn eingereichten Kündigungen abgelaufen. Zu einem um- fangrcichcn Streik hat sich die allgemeine Lohnbewegung jedcch nicht entwickelt. Die incisten Gärtnereibesitzer hatten, da sie ein- sahen, daß es der Gehilsenschaft ernst war mit ihren Forderungen, schon bewilligt, bevor es zur Arbeitsniederlegung kommen konnte. Uebrigens gab auch daS..Handelsblatt für dew deutschen Garten- bau", das Organ ihres Verbandes, den Gärtncrcihesietzern den guten Rat, trotz der ablehnenden Haltung ihrer hiesigen Ortsgruppe die Forderungen anzuerkennen. So ist denn auch die Zahl der Ge- Hilfen, die sich genötigt gesehen, die Arbeit niederzulegen, nur klein; es sind bis jetzt nicht viel mehr als 89 im Streik. Unter den Firmen, die nicht bcloilligt haben, sind allerdings auch einige größere, die noch nicht eingesehen haben, daß der Standpunkt, der uneinge- schränkte„Herr im Hause" sein zu wollen, denn doch nicht mehr an- gebracht ist. Als ein neues Kampfmittel gegen die Gehilfenschaft haben die Arbeitgeber nun eine Anzahl Stellennachweise in Berlin und den Vororten eingerichtet. Diese Stellennachweise gelten jedoch für alle Gehilfcn als gesperrt imd ihre Benutzung wird als Streitburch angesehen. Uebrigens liegt für die Gehilfen ncch gar kein irgendwie zwingender Grund vor. sich dorthin zu wenden. Auf dem Arbeitsnachweis des Deutschen Gärtnervereins in der Weißenburger Straße 67 werde» jetzt tagtäglich so viel Gehilfen zu den neuen Bedingungen verlangt, daß es nicht immer sogleich möglich ist, alle gemeldeten Stellen zu besetzen. Das nach dem langen harten Winter eingetretene schöne SBetter hat eine außerordentlich starke Ztachsrage nach Gärtnergehilfen zur Folge gehabt, und jedenfalls auch ein gut Teil dazu beigetragen, daß die Lohnbcwcgupg ohne große Kämpfe schon zu sö guten Erfolgen ge- fuhrt hat. Gleichwohl muß vorerst noch dafür gesorgt werden, daß der Zuzug von auswärts nach Berlin und seinen Vororten ferngehalten Lerantw. Redakteur: Hans Weber» Berlin. Inseratenteil verantw.: wird.— Uebrigens sind unter den Firmen, die bewilligt haben, auch solche, die im Arbeitgeberverband als tonangebend gelten, so daß nach der ganzen Lage der Dinge anzunehmen ist, daß diejenigen, die sich noch streuben, auch bald ihren Widerstand aufgeben werden. Die Einmütigkeit der Gehilfenschaft verbürgt der Lohnbewegung vollen Erfolg auf der ganzen Linie._ Die Berliner Lithographen erhöhten freiwillig ihren Beitrag. Das graphische Gewerbe ist durch das allgemeine Danieder- liegen des Wirtschaftsmarktes hart betroffen. Dazu kommt noch, daß der kommende amerikanische Schutzzoll die deutsche Postkarten- industrie vollständig lahm zu legen droht, und womöglich die fran- zösische Tarifrevision dieses Beginnen noch weiter unterstützen wird. Berlin, eine Ser lithographischen Zentralen Deutschlands, ist durch all diese Vorkommnisse seit Jahr und Tag mit besonders starker Arbsitslosigkeit der lithographischen Berufskollegen belastet. Es sind zeitweise bis zu 18 Proz. aller in der Reichshauptstadt organi- sierten— und dies sind neun Zehntel der überhaupt vorhandenen Lithographen— arbeitslos geworden. Durch die außerordentliche Anspannung der am Orte bestehenden Lokalzuschutzkasse für Arbeits- lose hatte sich in dem letzten Jahre ein Mißverhältnis zwischen Einnahmen und Ausgaben herausgebildet, welches jetzt so drückend zu werden drohte, daß unbedingt an seine Beseitigung gedacht werden mutzte. Die Leitung der Lithographen folgte mit schwerem Herzen dem Zwang, den Mitgliedern eine zwar relativ gering- sügige, in solchen Zeiten aber besonders bittere Kürzung der Be- zugsrcchte vorschlagen zu müssen. Darauf wurde in einer stark besuchten Versammlung durch die Mitglieds r der Vor- s chlag gemacht, lieber statt wöchentlich 19 Pf. 29 Pf. Bei- trag zu leisten, um den in der jetzigen schlechten Zeit oft und lange arbeitslosen Kollegen die Möglichkeit zu erhalten, schon nach 26 Wochen Karenzzeit wieder für einige Wochen Unterstützung er- halten zu können. Demzufolge werden aller Voraussicht nach dem- nächst die Berliner Lithographen pro Woche 1,b9 M. Beitrag leisten. Tie Versammlung beschloß, obgleich der Beitragserhöhung durch die Gesamtheit der Anwesenden mit einer Ausnahme' zugestimmt wurde, allen Mitgliedern durch eine Urabstimmung Gelegenheit zu geben, ihrer Meinung absolut einwandsfteien Ausdruck zu geben. Durch die Solidarität wird in Berlin auch in Zukunft jeder organi- sierte Lithograph und Steindrucker einen Notbehelf haben, der ihn vor der allerschlimmsten Not schützt. Dazu kommt noch, daß der Gesamtverband an alle Ausgesteuerten eine wöchentliche Unter- stützung von 4 M. für Ledige und 7 M. für Verheiratete zahlt, die Mittel dazu werden durch einen über ganz Deutschland gehenden Extrabeitrag von 19 Pf. pro Woche aufgebracht. Es wäre aber sehr irrig, annehmen zu wollen, daß die Löhne der Litho- graphen so hohe sind, daß ein wöchentlicher Beitrag von 1,59 M. kein besonderes Opfer erfordert. Eine durch die Organisation in der zweiten Hälfte des Jahres 1998 in Berlin durchgeführte Statt- stil ergab einen Durchschnittslohn von 32 Rk. Auch eine Aenderung im Versammlungswcsen ist jetzt durch die Berliner Lithographen durchgeführt worden. Die Mitglieder- Versammlungen sowohl als auch die Zusammen- künfte der Vertrauensleute aller Betriebe finden stets gleich nach Geschäftsschluß statt. Da in Berlin die englische Arbeitszeit durchgeführt ist, so beginnen die Zusammen- künfte um 5 Uhr. Zu diesem Schritt ist man gekommen, weil die riesigen räumlichen Entfernungen es sehr oft unmöglich machen, nach Geschäftsschluß die Wohnung aufzusuchen und nochmals den weiten Weg nach dem Versammlungslokal zurückzulegen. Des ioeiteren kollidieren nur zu leicht die Verbandsversammlungen Mit anderen Unterrichtskursen, Versammlungen usw. Deutfckes Reich. Aussperrung der Steinsetzer und Rümmer in Bielefeld. In Bielefeld wollen die organisierten Unternehmer den Arbeitern des Steingesetzgeiverbes einen Tarif aufzwingen, in dem neben sonstigen Verschlechlerungen eine Verlängerung der Arbeitszeit um eine halbe Stunde täglick und eine direkte Lohnherabsetzung vorgesehen ist. Da die Arbeiter die Notwendigkeit einer solchen Verschlechlerung nicht einzusehen vermochten, so wurden dieselben ausgesperrt. Die angedrohte Massenaussperrung in der schlesischen Textilindustrie ist perfekt! Allen organisierten Textilarbeitern und Arbeiterinnen in den Fabriken Langenbielau, Reichen- b a ch und Peterswaldau wurde das Arbeitsverhältnis für den 19. April gekündigt. Es werden mehrere Tausend Arbeiter und Arbeiterinnen in Mitleidenschaft gezogen. Durch diesen Beschluß der Scharfmacher ist die Erbitterung der Streikenden noch gewaltig gestiegen; und mehr denn je stehen sie geschlossen da. Auch in den nicht zur Arbeiterschaft gehörenden Kreisen wächst die Erbitterung gegen das Vorgehen der Industriellen umsomehr, da die Streikenden doch nur Bezahlung nach dem vor dem Streik bestandenen Tarif ver- langen. So schreibt z. B. das„Landeshnter Stadtblatt", das nicht im Gerüche besonderer Arbeiterfrcundlichkeit sieht, in bezug auf die Aussperrung u. a. folgendes: „Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß hier ein un- erhörter Eingriff zugunsten einer einzelnen Firma vor- liegt, der durchaus nicht gerechtfertigt ist. Sonst liegt bei Aussperrungen die Sache so, daß die Arbeitnehmer höhere Forderungen stellten und in den Ausstand traten, worauf die Aus« sperrung erfolgte. Man kann über die Mittel der Aussperrung denken, wie man will, in dem gegenwärtigen Fall ist sie schon gar nicht berechtigt. ES handelte sich nicht um erhöhte Lohnforderungen der Arbeiter, sondern um L o h n r e d u z i e r u n g e n, die das in Frage kommende Werk vorgenommen hat. Die Arbeiter glaubten, für die h e r u n t e r g e s e tz t e n Löhne nicht mehr arbeiten zu können und legten die Arbeit nieder. Das ist ein Recht, das un: bedingt jedem Arbeiter zugestanden werden muß... Es ist deshalb zweifellos nicht richtig, daß der Verband schlesi scher Textilindustrieller über Arbeiter anderer Werke, die zu den geltenden Lohnsätzen ihre Arbeitspflicht erfüllen, die Aussperrung verhängt, nur um der schlesischen Bunt- Weberei(Neugcbauer Söhne u. Pospischill in Langenbielau Arbeiter zu verschaffen.... Anlaß zu einer allgemeinen Nückwärtsbewegung der Löhne ist indes nicht vor- Händen, wenn ailch das Pospischilsche Werk nicht in der Lage sein mag, dieselben Lohnsätze weiter zu zahlen, dann mag das Werk eben still liegen. Der Verband schlefischer Textil- industrieller kann sicher fcin,_ daß er die allgemeine Sympathie gegen sich und sein Vorhaben hat." Den Scharfmachern kann die Brutalität ihres Vorgehens nicht deutlicher zu Geinüle geführt werden, als wie vorstehend geschehen. Eine Niederkniippelung der Arbeiterorganisation wird ihnen nicht gelingen. An der gccinigten Arbeiterschaft werden aber auch die Machtgelüste der Scharfmacher zerschellen. Die Verhandlungen in der Holzindustrie wurden am 30. und 31. März auf dem Mannheimer Rathause fort- gesetzt. Die Vertreter der Arbeitgeber und der Arbeiter der in Be- lracht kommenden Städte nebst den Gau- und Bezirksleitern des Deutschen Holzarbeitcrverbandes, des christlichen und des Hirsch- Dnnckerschen Gewerkvereins nahmen an den Verhandlungen teil. Der Glaserverband war durch seinen Zentralvorsitzenden vertteten. Fast in allen Punkten wurde eine Einigung erzielt, nur der Ablauftermin war strittig. Die Arbeitgeber erklärten an dem 11. Februar 1911 festhalten zu müssen. Die Arbeiter da- gegen gaben die Erklärung ab, auf dem Boden langfristiger Tarif- vertrüge zu stehen. Aus diesem Grunde mutzten die Verhandlungen abgebrochen werden. Zur Regelung dieser Frage sollen nun die Zentralvorftände in Funktion treten. Xh,Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. VerlagSanstalt Die Münchener Bäckergehilfeniewegung beendet. t In einer überaus stark besuchten Bäckergehilfenversammlung erstattete am Mittwochnachmittag die LoHnkommisiion Bericht über die Einigungsverhandlung vor dem Gewerbegericht. Der Bericht- erstatter betonte, daß es diesmal unmöglich gewesen sei, mit der Forderung des 36stündigen Ersatzruhetages durch- zudringen; diese Frage müsse durch Gesetz geregelt werden. Doch mußten die Meister unter dem Einfluß dieser Forderung in bezug auf die Urlaubsfrage Enlgegenkommen zeigen und betrage der Urlaub nack einjähriger Beschäftigung 4 Tage, nach zweijähriger eine Woche. Die für die gesamte Münchener Gehilfenschaft'erreichten Lohnerhöhungen betragen ins- gesamt 285 999 M.— Errungenschaften, die auf dem Wege gütlicher Vereinbarungen erreicht wurden.— In der lebhaften Diskussion wurden von einigen Diskussionsrednern der Lohnkommission heftige Vorwürfe gemacht, daß sie den Ruhetag preisgegeben habe. Die Versammlung stimmte schließlich mit allen gegen etwa 15 Stimmen den Vereinbarungen zu. Die Verschmelzung der polnischen Gewerkschafte». Vor drei Monaten ist der Posener Verband in der Bochumer polnischen Berufsvereinigung ausgelöst worden. Dadurch bekam letztere auch in der Provinz Posen freie Hand. Es blieb aber noch Oberschlcsien übrig. Dort hatte die Berutsveteinigung nicht den geringsten Ein- fluß. In Oberschlcsien herrschte die„Gegenseitige Hilfe" mit ihren 3999 Mitgliedern. Mit dieser hatten sich im Dezember v. I. schon die Christen Mühe gegeben. Der Abg. Napieralski halte den Pakt schon verbreitet. Es wurde aber nichts daraus, weil der Abg. Korfanty die„GegenseitigeHilfe" für die Berufsvereinigung kapern wollte. Die Mitglieder standen jeder Verschmelzung sehr skeptisch gegenüber, weil das über 199 999 M. betragende Vermögen dann der betreffenden Zentralkasse zufließt und die Unterstützungssätze herabgesetzt werden. Trotzalledem gelang es Korfanty, die VerschmelzunA der„Gegen- seittgen Hilfe" mit der polnischen Berufsvereinigung perfekt zu machen. Am letzten Sonntag wurde auf der Generalveriammlung der.Gegen- seittgen Hilfe" in Beuthen beschlossen, in die Berufsvereinigung ein- zutreten, um eine einzige uationalpolnische„Arbeiterorganisation" für ganz Preußen zu schaffen. Wenn dadurch auch momentan der polnische Verband gestärkt wurde, so steht doch fest, daß die freien Gewerkschaften in der letzten Zeit in den polnischen Gegenden stark zugenommen haben und auch weiterhin siegreich vordringen werden. Busland. Der Streik der französischen Knopfmacher beendet. Seit 27 Tagen befanden sich in den Orten Andeville. Mcru, Saint-Crepine usw. im Oise-Departement gegen 12 999 Arbeiter und Arbeiterinnen im Ausstand. In jenen Gegenden ist seit Jahr- Hunderten die Knopfindustrie zu Haufe; aber auch allerhand andere Gegenstände aus Horn, Knochen, Perlmutt und Holz, wie Porte- monnaies, Messerschalen, Federhalter usw. werden hergestellt. Bis vor wenigen Jahrzehnten kannte man dort nur Hausindustrie; jeder hatte seine Drehbank im Hause und arbeitete selbständig und allein. Seit etwa 29 Jahren hat sich eine Umwälzung vollzogen. Es sind Fabriten entstanden, die bedeutend an Produktionskosten sparen konnten und der Aufsaugungsprozetz vollzog sich ziemlich schnell. Heute bilden 42 größere und mittlere Unternehmer, die zum Teil viele Hunderte von Arbeitern beschäftigen, ein Syndikat; 25 kleinere Fabrikanten sind nicht organisiert. Reiche Fabrikanten, die sich herrliche Schlösser und Parks angelegt haben, auf der einen Seite; arme, in der skandalösesten Weise ausgebeutete Arbeiter(das Durch- schnittsalter der letzteren beträgt 49— 45 Jahre) auf der anderen Seite— das ist die Signatur in der Oise. Die unmittelbaren Ursachen der jetzt beendeten Bewegung waren folgende: Die Löhne sind im Distrikt sehr verschieden; sie schwanken zwischen 4,25 Franks und 3,25 Franks. Die höchsten Löhne werden in Andeville gezahlt. Die GrofMriernehmer dieses Ortes hatten im ?lpril vorigen Jahres Lohnabzüge gemacht mit dem Hinweis auf die Konkurrenz. Die Arbeiter ließen sie sich gefallen. Vor einigen Wochen versuchten die Unternehmer eine neue Lohnherabsetzung vorzunehmen: diesmal fetzten sich die Arbeiter zur Wehr. Die ver- trusteten Unternehmer ermunterten die Arbeiter zum Streik; wenn die billige Konkurrenz beseitigt wäre, würde man einen einheitlichen Tarif aufstellen. Es zeigte sich aber bald, daß die Großunternehmer es sich zwar gern gefallen lassen wollten, mit Hilfe der Arbeiter die Kleinen los zu werden, aber, um dann erst recht die Löhne drücken zu können.„... Jetzt nun wird aus Meru berichtet, daß d,e Knopffabrikanten die Forderungen ihrer Arbeiter nach Lohnerhöhung und zehnstün- dtgem Maximalarbeitstag bewill tat haben, wodurch der AuS- stand siegreich beendet ist. Letzte JVacbncbtcn und Dcpcfcbcn- Verkehrsstörung auf der Hochbahn. Infolge Kurzschlusses auf der Strecke Kottbuser Tor- Warschauer Brücke trat gestern abend um öli Uhr eine Stromunterbrechung von etwa 19 Minuten auf der ganzen Strecke ein. Nachdem konnten die Züge der Wcst-Stadtstrecke wieder ver- kehren, während die Züge nach dem Osten längeren Auf- enthalt erlitten und zum Teil auf Kottbuser Tor umsetzen mußten. Dies verursachte natürlicherweise auch auf den anderen Strecken weitere Unregelmäßigkeiten im Zugverkehr, die unter anderem die Entleerung eines Zuges im Gleis- dreieck Bedingten. Von 714 Uhr ab wurden die Züge von Warschauer Brücke wieder fahrplanmäßig abgelassen. Der vorerwähnte Kurzschluß hatte im Kraftwerk in der Trebbiner Straße eine Hilssmaschine stark beschädigt. Durch ein von dieser Maschine abgeflogenes Metall stück wurde eine dort gerade vorübergehende Dame a m»v u ß e leicht verletzt.___ Ein Kolost auf tönernen Füsten. Petersburg, 1. April. Bei der Beratung des Militäretats in der Duma hob Purischkcwitsch(extreme Rechte) das Gefühl der Trauer lvegcn der Ereignisse der letzten Tage hervor und sprach von nationaler Erniedrigung und von einer Schmach, die Ruhland durchlebt habe. Er schob indessen die Verantwortung für dieses zweite Tschushima Rußlands zum großen Teil auf die Dumamajorität, die den mangelhaften Zustand des russischen Heeres aller Welt verkündet habe. Der österreichisch- ungarische Militärattache. Graf Spannonhi. habe kurz- lich seiner Rcgieruung über die militärische Ohnmacht Ruhlands berichtet. Daraufhin Hab« eine Reihe herausfordernder Akte gegen Ruhland begonnen und Rußland eine Art Ultimatum erhalten, das in der tausendjährigen Geschichte des Reiches unerhört sei. Katastrophe auf einem Pctrolenmdampfer. Marseille, 1. April.(B. H.) Aus dem französischen Petroleum» dampfer„Jules Henri" erfolgte infolge Entzündung von Petroleum» gasen eine Explosion. Das Fahrzeug wurde zum größten Teil zer- stört. Die an Bord befindlichen Personen sind entweder umge- kommen, oder schwer verletzt worden. Bisher wurden sechs gräßlich verstümmelte Leichen und zehn schwer Verletzte geborgen. Unangenehme Steuerzahler. New Jork, 1. April.(B. H.) In dem mexikanischen Staat Chihuahua wurden mehrere Steuereinnehmer getötet, alS sie versuchten, die erhöhte Steuer einzuziehen. Die Telegraphendrähte wurden durchschnitten. Die Regierung entsandte zwei Spczial- züge mit Truppen.______ Paul Singer L: Co., Berlin LW. Hierzu 3 Beilagen«.UntcrhaltungSbl. Kr. 78. 26. Jahrgang. Freitag, 2. April 1909. Reichstag. 289. Sitzung vom Donnerstag, den I. April. vormittags IV Uhr. Am ivundeSratstisch: v. Breitenbach, Sydow. Auf der Tagesordnung steht zunächst der Etat für die Verwaltung der Reichseisenbahnen. Die Beratung beginnt beim Titel»Chef des ReichsamtS für die Verwaltung der Reichseisenbahnen". Abg. Dr. Will(Z.) wünscht eine Generaldireltion für Metz sowie Vorlegung der mit den Lieferanten abzuschließenden Verträge. Die Lohne der Arbeiter und Handwerker bei der Eisenbahnverwaltung sollten nicht zu sehr differenziert werden; vielfach sind sie allzu niedrig. Die Freifahrscheinvergünstigung für Arbeiter sollte nach Möglichkeit ausgedehnt werden. Abg. Böhle(Soz.): Dem Beschluß der Kommission über die Vorlegung der Ver- träge stimmen wir zu. Herr Starz hat seinerzeit schon darauf hin- gewiesen, daß es ein unhaltbarer Zustand ist, wenn heute noch Ver- fügungen bestehen, wonach politische Zeitungen vom Bahnhof- buchhandel ausgeschlossen sind. Das Verbot bezieht sich nicht bloß aus sozialdemokratische Zeitungen, sondern auch auf bürgerliche Witz- blätter. ES ist unerhört, daß der Chef der Reichseiscnbahn durch ein diktatorisches Vorgehen es dem Publikum unmöglich macht, seine Lektüre auf den Bahnhöfen nach seinen Wünschen zu kaufen. Die kaiserliche Generaldirektion Straßburg hat anläßlich der dortigen Kaiserparade eine Verfügung erlassen, wonach die Beamten und Arbeiter, die sich an der Illumination zu beteiligen gedächten. die Kerzen aus einem bestimmten Geschäft beziehen sollten I Dieser Erlaß mußte von den Beamten und Arbeitern als ein ungerechter Zwang zum Illuminieren aufgefaßt werden.(Sehr wahr l bei den Sozialdemokraten.) Ich mutz entschieden dagegen Verwahrung ein- legen, daß sich die kaiserliche Generaldirektion anmaßt, für bestimmte Geschäfte Reklame zu machen. Das ist nicht ihre Aufgabe.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Ebenso unberechtigt ist der weitere Erlaß, der den Eisen- bohnern verbietet, an Wahlrechtsdemonstrationen sich zu beteiligen. Die Durchführung solcher Erlasse bedarf natürlich der Ueber- w a ch u n g. und so wird auf diese Weise ein gewisses Spitzeltum aroßgezüchtet.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) ES gibt sogar Leute, die gegen Entgelt diese„Arbeit" übernehmeu k Sehr schlecht steht es mit der Arbeitszeit: 1907/08 hatten die Bahnwärter in der Hauptsache noch die zwölf- stündige Arbeitszeit, einige sogar bis 14 Stunden. Ebenso lag es bei den Bahnhofsbeamten; bei dem Zugbegleitungspersonal, das einen sehr schweren Dienst hat, hatten auch noch 584 Beamte IS Stunden, 585 bis zu 14 Stunden Dienst! (Hört! hörtl bei den Sozialdemokraten.) Auch beim Lokomotiv- personal ist noch die vierzehnstündige Arbeitszeit vorhanden, ebenso bei den Maschinenputzern, die eine besonders anstrengende Arbeit haben. Den Maschinenputzern sollte Gelegenheit geboten werden, sich nach der Arbeit zu reinigen. Die Arbeiter in den Neben- werk statten haben eine längere Arbeitszeit als die gleichen Arbeiter in den Hauptwerkstätten, obgleich sie denselben Lohn be- kommen. Wenn das der Dienst erfordert, so sollte die Verwaltung für die Mehrarbeit eine Extravergütung bezahlen. Auch mit der Ruhezeit des Personals ist eS sehr schlecht bestellt. Im Durchschnitt kommt auf das Personal im Monat eine Ruhezeit von 3,8 Tagen! Wieder- holt ist daS Revisionspersonal um Diensterleichterung vorstellig ge- worden, aber vergebens. Der Chef der Eisenbahnverwaltung sollte es sich angelegen sein lassen, für angemessene Ruhezeit zu sorgen, um die Ueberanstrengung zu vermeiden.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Das Sparsyfiem steht bei der Reichseisenbahnverwaltung in voller Blüte: Das Personal wird auf das äußerste eingeschränkt. Die Löhne sind zwar etwas gestiegen, aber bei weitem nicht in dem Verhältnis, wie die Kosten der Lebenshaltung gestiegen sind. Der Wochenlohn beträgt nur 25,70 M., davon gehen noch monatlich 7,50 M. als Beiträge für Kranken- und Pensionskassen ab, und weiter berechnet die Ver- waltung den Arbeitern auch die Fahrt von der Wohnung zur Arbeits- Kleines feuilleton. „Aparteste Nuancierungen" wurden neulich in einer Zeitung dem Vortrage des Brooklyner Gesangvereins„Arion" in einer von Fremd- Wörtern strotzenden Besprechung nachgerühmt. Das Wort„apart" ist ein wunderliches Ding; französisch ist es nicht. Im Französischen gibt es bloß eine adverbiale Wendung part"—„beiseite". Hiervon ein Eigenschaftswort zu bilden, blieb den Deutschen vorbehalten; etiva wie diese auch dem Worte extra die adjektivischen Endungen anhängen und sagen„ein extraes Entree". Aber solche Wendungen pflegen doch wie„ein zuer Wagen, ein aber tinopf", bloß der nachlässigen Sprache oder der Scherzsprache anzugehören. Mit„apart" ist es anders.„Aparte Neuheiten" oder„Nouveautes" konnte man schon öfters� von Mode- Warenhandlungen angekündigt finden. Aber der höchste Steigerungs- grab„apartest" dürfte minder geläufig sein, und daß er sich in einer sonst gut geleiteten Zeitung findet, ist bedauerlich. Dabei ist die Verwendung dieses Wortes in dem Zeitungs- berichte ebensowenig nötig, wie die des häßlichen Wortes „Nuancierungen".„Feinste Abtönungen" würde den meisten Lesern verständlicher gewesen sein. Denn so etwas hat ja wohl gesagt werden sollen.„Apart" wird freilich auch in dem Sinne von„ge- sucht, unnatürlich" gebraucht; aber so ist es hier doch wohl kaum gemeint. Zur Entschuldigung des Verfassers läßt sich vielleicht an- nehmen, daß er gar nicht empfunden hat, welch ein Wunderding dieses Wort„apart" ist; denn seine Verwendung läßt sich schon in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts nachweisen, so daß die Vermutung wahrscheinlich ist, es verdanke seinen Ursprung dem Dreißigjährigen Kriege. Theater. Deutsches Theater:. F a u st Besetzung Nr. II.„Da lieh' ich nun, ich armer Tor" und soll diesen Wcttkampf der Fauste und Mephjstophelesse schildern, den Reinhardt inszeniert hat. Ja, wenn die Kämpfer noch gleichzeitig auftreten würden. So aber habe ich die erste Besetzung nicht gesehen. Ich glaube da in der- selben Lage zu sein, wie der kommune Theaterbesucher, der auch schwerlich seine Bewunderung für Reinhardt so iveit treiben wird, dreimal hintereinander den„Faust" in verschiedener Besetzung anzusehen. Wir leben zwar im Zeitalter der vergleichenden Wissenschaften, aber müssen wir des- halb auch vergleichende Genüsse einführen? Aber vielleicht soll aus der dreifachen Besetzung durch das salomonische Urteil der Kritik allmählich eine einfache werden, und wie wir heute das fertige Ge- mälde auch im Stadium der Skizze und des Entwurfs zu kosten be- kommen, werden wir eingeladen, diesem Werdeprozeß beizuwohnen. Wir sind also die Vorkoster derer, die einmal im Deutschen Theater den bestmöglichen, den End-Faust erleben sollen. stätte und zurück, was monatlich auch wieder 1,25 M. und bei den entfernter Wohnenden noch erheblich mehr ausmacht. Bis zu 290 M. fehlen jedem Arbeiter jährlich, um seine Familie nur einigermaßen ernähren zu können. Akkordarbeitcrn in Straßburg, welche in einem verkchrsstarken Monat 121 M. verdient hatten, wurden nur 104 M. ausgezahlt, und der Obmann, welcher den Arbeitern mitgeteilt hatte, wieviel sie verdient hätten, wurde mit Entlassung bedroht! (Hört! hört I bei den Sozialdemokraten.) Als die Arbeiter sich über die Zurückbehaltung des Lohnes beschwerten, erließ die Verwaltung eine Verfügung: „Ergibt sich in verkehrsreichen Monaten ein den Durchschnitt übersteigender Mehrverdienst, so ist er nicht zu verteilen, sondern zur Ausbesserung des Verdienstes der Arbeiter in verkehrsarmen Monaten zu verwenden." Da muß man doch fragen, wer verwaltet denn diese Kasse? Namentlich da die Arbeiter nicht einmal erfahren, wieviel sie verdient haben, und mit welchem gesetzlichen Recht enthält die Verwaltung den Arbeitern ihren Lohn.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Auch in den Krankenkassen sind die Arbeiter ohne jeden Einfluß. Schon im Jahre 1905 hat die Generalversammlung mit einer Zwei- drittelmehrheit beschlossen, daß auch die ersten drei Krankheilstage bezahlt werden. Das ist dringend nötig, damit die Arbeiter bei leichten Erkrankungen nicht gezwungen sind, Dienst zu tun und sich dadurch sehr schwere Erkrankungen zuzuziehen. Aber die Verwaltung kümmerte sich nicht um diesen Beschluß, sondern erklärte einfach: es bleibe alles beim alten!(Hört I hört I bei den Sozial- demolraten.) Ferner verlangt die Verwaltung von den Arbeitern die Vorlegung des Steuerzettels. Irgend ein Stecht dazu hat sie nicht. Würde sie anständige Löhne bezahlen, so würde jeder Arbeiter aus freien Stücken seine Steuer entrichten.(Sehr richtig I bei den Sozial- demokraten.) Im vorigen Jahr hat der Vertreter der Eisenbahnverwaltung hier ausgeführt, welche Furcht er vor einem Streik der Eiscnbahnarbeiter hat und daß er deshalb verlangt, daß die Arbeiter aus den Ver- bänden austreten. Ich weiß nicht, ob damit auch die ch r i st l i ch e n Verbände gemeint sind. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß die Lebenshaltung der Arbeiter gehoben werden mutz und daß gerade die Organisationen dazu da sind, dem Arbeiter hierzu zu verhelfen. (Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Die Eisenbahnverwaltung bezweckt das direkte Gegenteil. Das bezeugt deutlich die geringe Entlohnung und die Behandlung, die sie den Arbeitern zuteil werden läßt, die Unterdrückung jeder persönlichen Freiheit. Das muß dazu führen, daß die Arbeiter sich nicht als unabhängige, freie Männer fühlen können, sondern als Sklaven, und wenn wirklich einmal der von der Eisenbahnverwaltung so sehr gefürchtete Streik ausbrechen sollte, so ist allein schuld die Verwaltung; auf ihr Haupt fällt die Verantwortung, weil sie jede freie Regung des Arbeiters zu unter- drücke» sucht.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Wetterle(Elf.) wünscht eine bessere Verbindung von Paris nach Wien durch die Vogesen; dies würde den Wünschen der elsäsfischen Bevölkerung entsprechen. Abg. Werner(Antis.) verlangt größere Berücksichtigung der Hand- werker bei den Lieferungen der Reichseisenbahnverwaltung und kritisiert die Kohlenverträge der Verwaltung. Chef der Reichseisenbahnverwaltung v. Breitenbach bestreitet die Berechtigung dieser Kritik. Auch andere, auswärtige Eisenbahnverwaltungen haben zu derselben Zeit mehrjährige Kohlen lieferungsverträge abgeschlossen, und zwar zu höheren Preisen als wir. Daraus geht hervor, daß die Eisenbahnverwaltungen sich damals alle in einer Zwangslage befanden. Die kleinen und mittleren Handwerksmeister werden von der Verwaltung so viel wie irgend möglich berücksichtigt.— Herrn Will erwidere ich, daß unser Streben dahin geht, die tatsächlich große Differenzierung in den Arbeiterlöhnen nach Möglichkeit einzuschränken. Bei der Festsetzung der Löhne werden wir immer auf den all- gemeinen Lohnmarkt Rücksicht nehmen müssen. Seit zehn Jahren haben sich die Löhne der Arbeiter der Reichseisenbahnverwaltung um 20 Proz. erhöht. Die Kritik des Herrn Böhle war weniger freundlich als die des Herrn Will. Auch seine Anregungen werden natürlich sorgfältig geprüft werden. Die Arbeitszeit wird ständig verringert, das beweist die Statistik. Danach sind die Schichten bis zu acht Stunden in den letzten 12 Jahren von 8 auf 13 Proz. gestiegen, die Schichten von 8—10 Stunden von 37,4 Proz. auf 53,6 Proz.; die Schichten bis 12 Stunden haben abgenommen von 38,6 bis 34,2 Proz. und die Schichten von 12—15 Stunden von 13,5 auf 9,1 Proz. Auch die Zahl der Ruhetage hat zugenommen. Jeder Beamte hat jetzt mindestens zwei Ruhetage von 24 Stunden im Monat. Der Erlaß bei der Illumination in Straßburg sollte keinen Zwang auf die Arbeiter bedeuten. Die Verhinderung der Konstatieren wir also das diesmalige Rennergebnis in aller Kürze. Herr Beregi blieb mit seinem Faust mitten auf der Strecke liegen. Temperamentvolle Anläufe, aber kein Ziel, eine Ver- jüngung ins Modern-Nervöse(mit Nenaissancemaske), aber kein Urbild des ringenden und sich auslebenden Allmenschen. Dieser Faust scheidet für die Vollendungs-Aufführung aus. Aber der Mephisto dieser Besetzung käme in Frage. Paul W e g e n e r ist ein faftiger, uranimalischer Teufel. Kein geleckter Kavalier und auch kein überlegener Ironiker. Ein erdgeborenes Triebwesen, daS am Schabernack und Spuk seinen Ge- fallen hat. und weiß, wo die Menschlein zu kitzeln sind. Ein derber Zyniker. Das Gretchcn, das Else HeimS ver- körperte, ist gut und gangbar, aber keine Jdealbesetzung. Famos war der Schüler, ein süßes Kerlchen, das die Wissenschaft wie einen Kuchen essen möchte(Herr B e n d o w). Marthe Schwertlein, die Kupplerin, bekam durch Emilie Kurz einen starken Stich ins Geziert-Altjüngferliche. Wenn so die erste Besetzung ein Gretchcn und die zweite einen Mephisto für die zukünftige Musteraufführung geliefert hat, so dürfen wir hoffen, daß in der dritten Besetzung auch ein Faust erkoren werde.— r. Humor und Satire. Was weiß er? Alljährlich wird aus der deutschen und französischen Armee eine Anzahl von Rekruten herausgegriffen, aus deren Wissen man auf den allgemeinen Bildungsstand der Nationen schließen will. Die Fragen lauten ungefähr: Wer war Bismarck? Was hat Moltke getan? Wo fließt der Rhein? Wer war Napoleon 1.? Was ist Elsaß-Lothringen? Die soeben veröffent- lichte französische Untersuchung hat u. a. folgende Antworten ans Licht gefördert: Ueber Napoleon: Lebte 1848. Lebte vor 20 Jahren. War hundert Tage lang Kaiser der Welt. Ehemaliger König von Spanien. Starb an Gift. Ueber Elsaß-Lothringen: Eine große Stadt in Frankreich. Ein Land mit der Hauptstadt Berlin. Usw. Neuerdings ist man nun dazu übergegangen, den UntersuchungS- kreis zu erweitern. Man fragt nicht bloß S oldaten, man fragt die Generale und M i n i st e r. Und auch hierbei sind sehr be- deutsame Antworten zutagegeweten: Was ist die Verfassung?— Ein Stück Papier. Ein Strohwisch. Ein Bilderbuch für artige Kinder. Kenn' ich nicht. Gibt's gar nicht. WaS ist der Block?— Ein Land mit der Hauptstadt Rom. Ein parlamentarischer Bierabend. Ein Geldautomat. Was will der Liberalismus?— Er will einen Zentrums- kandidaten dnrchbringen. Er will einen Konservativen durchbringen. Er will den Roten Adlerorden. Er will nach Norderney eingeladen werden. Er will zu den indirekten Steuern recht viele direkte. Er will gratis Eisenbahn fahren. Er will einen agrarischen Kanzler. Er will das Jnterpellationsrecht über die Frage, warum er nicht weiß, was er will.(»Lustige Blätter.") j Wahlrechtsdemonstration durch Eisenbahnarbeiter kann wohl nur gebilligt werden.(Bravo I rechts.) Was die Bahnhofszensur anlangt, so ist eS selbstverständlich, daß staatsfeindliche und unsittliche Schriften ferngehalten werden. Zu den staatsfeindlichen gehören auch die sozialdemokratischen. Wir sind zwar gesetzlich verpflichtet, die Blätter der Sozialdemokratie und die Sozialdemokraten selbst zu transportieren(Heiter- keit), aber dort, wo wir die Aufsicht haben, halten wir sie fern l Den Vereinigungen von Eisenbahnbeamten stehen wir neutral gegen- über, solange sie den Streik zur Durchsetzung wirtschaftlicher Forde- rungen ausschließen und sich von der Sozialdemokratie fernhalten. (Bravo! rechts.) Abg. Dr. Hcckschcr(frs. Vg.): Das Verbot, sozialdemokratische Blätter auf den Bahnhöfen feilzuhalten, wird der Sozialdemokratie keinen Abbruch tun. Das Verbot wirkt um so eigenartiger, als die sozialdemokratische Presse einen sehr energischen Kampf gegen die Schundliteratur führt; wir können bei diesem Kampfe die Bundes- genossenichaft der Sozialdemokratie gar nicht entbehren.(Bravo l links.) Abg. Storz(südd. Vp.) tritt für die Beseitigung der Kohlen- ausfuhrtarife ein. Abg. Schirmer(Z.): In der Arbeitskammerkommission sind wir dafür eingetreien, die Eisenbahnarbeiter dem Arbeitskammergesetz zu unterstellen, die Regierung erklärte aber, sie würde das Gesetz scheitern lassen, wenn dies geschähe. Einen Grund dafür kann ich nicht ein- sehen; denn die Arbeiterausschüsse können keineswegs als Ersatz für die Arbeitskammern angesehen werden. Auch der Gewerbeordnung unterstehen die Eisenbahnarbeiter nicht, und die Gcwerbeinspektion hat keinen Einfluß auf die Eisenbahnwerkstätten. Aber daS beruht nur auf einem Erlaß des Ministers. In Bayern unterstehen die Eisenbahnarbeiter der Gewerbeordnung. Die Reichseisenbahn- Verwaltung sollte hier eine Erklärung abgeben, welche Rechtsgrund- läge die Stellung der Eisenbahnarbeiter hat. Die Erklärungen des Ministers über das Koalitionsverbot für die Eisenbahnarberter kann ich nicht billigen; an einen Streik denken ja die Eisenbahnarbeiter gar nicht. Zum mindesten sollte man den Arbeitern durch Ausbauen der ArbeiterauSschüsse, durch Erweiterung ihrer Befugnisse entgegenkommen. Minister v. Breitcnbach: Die Eisenbahnverwaltung ist bestrebt, die Verhältnisse der Be« amten und Arbeiter nach Möglichkeit günstig zu gestalten. Der Eisenbahnbetrieb ist kein Gewerbebetrieb und auch die Nebenbetriebe sind assentierte(wesentliche), ohne welche die Verwaltung gar nicht auskommen kann; deshalb können sie der Gewerbeordnung nicht unterstchen und in das Arbeitskammergesetz nicht einbezogen werden. Die Arbeiterausschüsse haben sich durchaus bewährt. Herrn Heckscher bemerke ich, daß Klagen über Verkauf von Schundliteratur auf den Reichseisenbahnhöfen nicht erhoben sind. Daß die sozialdemokratische Presse an den Bahnhöfen ausgeschlossen bleibt, halte ich filr selbstverständlich! Herr Böhle beschwerte sich über die dreitägige Karenzzeit der Arbeiter bei Krankheiten; ihre versuchsweise Aufhebung belastete die Kasse mit 120 000 M., worauf sie auf Beschluß der General- Versammlung wieder eingeführt wurde.— Schließlich führte Herr Böhle noch Klage über die Einhaltung des überdurchschnittlichen Akkordverdienstes zum Ausgleich des Lohnes in verkehrsarmen Monaten. Diese Bestimmung beruht auf dem Arbeitsvertrage und ist in vollem Einverständnis mit den Arbeitern getroffen. Abg. Göring(Z.) wünscht vermehrte Berücksichtigung der Hand« werker bei der Vergebung von Arbeiten der Eisenbahnverwaltung. Abg. Behrens(wirtsch. Bg.) bestreitet, gegen Böhle polemisierend, den Eisenbahnarbeitern das Streikrecht; im übrigen aber müsse den Eisenbahnarbeitern das Koalitionsrecht zustehen. Abg. Emme!(Soz.): Ich stimme dem Vorredner darin zu, daß hoffentlich im nächsten Jahre die Etatsberatung nicht wieder übers Knie gebrochen werden wird.(Zuruf rechts: Reden Sie nicht soviel!) Wir haben uns kurz genug gefaßt.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Eine Zu- sammenstellung der Redezeiten am Schluß des Sessionsabschnittes wird erweisen, wer die Zeit des Reichstags am meisten in Anspruch genommen hat.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Den hier vorgebrachten Klagen und Beschwerden fetzt der Chef der Reichseisenbahnverwaltung teils Ausflüchte, teils einfache Mlehiiung entgegen. Fortgesetzt will er sozialdemokratische Schriften von den Bahnhöfen verbannen und somit der Eisenbahnverwaltung durchaus nicht zu ihren Aufgaben gehörige Zensurgeschäfte zuweisen. Der Chef der Reichseisenbahnverwaltung hat uns ferner mit Lohnlisten aufgewartet, aus denen hervorgehen soll, daß die Löhne der Eisenbahner Notizen. — Hugo v. Tschudi ist von dem Urlaub, der ihm gegen seinen Willen diktiert wurde, nach Berlin zurückgekehrt und hat trotz der schamlosen Hetze, die der„Lokal-Anz." im Auftrage der dunklen Hintermänner gegen ihn inszenierte, sein Amt als Direktor der Nationalgalerie wieder angetreten. Es scheint demnach, daß die Kabale bisher vergeblich war. Und doch hatten die Kunstbotoluden des„Lokal-Anz." nichts unversucht gelassen, um mit Mitteln, die in den Romanen der Scherlschen Emporlesefabrik an der Tagesordnung sein mögen, den hervor« ragenden Organisator zu stürzen. Man weiß nicht, geschah es. um sich dadurch bei Hofe, dem Tschudi unbequem ist, einzufchmeicheln oder um den Gegnern Tschudis die Wege wieder frei zu machen. Inzwischen sind von München aus Unterhandlungen angeknüpft, um Tschudi für die Leitung der Pinakothek zu gewinnen. Da in Preußen weder der„Lokal-Anz." noch(wenigstens der Verfassung nach) der Absolutismus regiert, so wird im preußischen Landtage in dieser Angelegenheit wohl auch noch ein kräftig Wörtlein geredet werden. Denn unseres Wissens ist Herr v. Tschudi Direktor der staatlichen Nationalgalerie und nicht der königlichen Privat- galerien, in denen der König von Preußen anstellen und entlassen mag, wen er Lust hat. — Max Grube, der frühere Oberregisseur des Berliner kgl. Schauspielhauses, ist an das Meininger Hoftheater. das nach dem Brande im borigen Jahre jetzt eben neu ersteht, als Leiter berufen worden. An derselben Stätte hatte Grube einst seinen Ruf als Schauspieler begründet. — Ein neuer Gorki. Unter dem Titel„Hammer" hat Maxim Gorki, wie man der Wiener„N. Fr. Presse" aus Petersburg meldet, einen neuen Roman vollendet, der ein farbenreiches Bild aus der revolutionären Bewegung in Nußland liefert. Gorki hat hier eine Reihe von Revolutionären und Revolutionsgegncrn bor- geführt, die besonders ihre Tätigkeit auf dem flachen'Lande ent- falteten und in den@nng_ der russischen Revolution tief eingriffen. Besonders gelungen ist ihm die Schilderung des Unterganges des Führers der revolutionären Bewegung in der Umgebung von Moskau, Jegor Petrow, dessen Gestalt lebensvoll und mit feiner psychologischer Analyse gezeichnet ist. — Ein Kulturwerk am Rhein. Der schweizerische Nationalrat bewilligte neun Jahresraten a 597 000 Fr. als Beitrag an die Rheinregulierung, deren Gesamtkosten sich auf zirka 30 Millionen Frank belaufen werden. Die von der Schweiz und Oesterreich gemeinschaftlich zu gleichen Teilen getragen werden. Da der Rhein an der schweizerisch-österreichischcn Grenze in der Niederung des Bodenfees in früheren Jahren häufig verheerende Ueberschwemmungcn verursachte, so ist seine Regulierung in der Tat ein Kulturwerk ersten Ranges. e st i e g« n feien. Cr verwechselt Real« mit Nominallohn und Vergißt daß die Teuerung der Lebensmittel viel größer ist als die Lohnsteigerung. Und doch könnte Herr v. Breitenbach aus offiziellen Gewerbcaufsichtsberichtcn sich über diese unbestreitbare Tatsache unter- richten. sSehr wahr l bei den Sozialdemokraten.) Um sich als Freund der Koalitionsfreiheit hinzustellen, hat der Chef der NeichScisenbahnverwaltung auf die„Duldung" der christ- lichen und Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften hingewiesen und die Kollegen GieSberts und Behrens als Schwurzeugen aufgerufen. Herr Behrens hat sich dafür auch dankbar erwiesen und im Namen der Eisenbahnarbeiter den Verzicht auf das Streikrecht aus- gesprochen! Niemand hat ihn dazu autorisiert.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Das Koalitionsrecht ist ein unbestreit- bares Staatsbürgcrrccht, und das Streikrecht gehört zum Koalitionsrecht. Bestreitet man den Eisenbahnern diese Rechte. so degradiert man sie zu Staatsbürgern zweiter Klasse, wie man das mit den Bergarbeitern im Saarrevier zu tun versucht hat. Außerdem bedeutet Verzicht auf das Streikrecht nur die erhöhte Möglichkeit wilder Streiks.(Sehr wahr I bei den Sozial- demokraten.) Der Eisenbahnminister hat von„Unfug" der Straßen- demonstrationen gesprochen. Er hat sich damit in Widerspruch zu der reichsländischen Polizei gesetzt. Die reichSländischen Polizei- behörden waren vernünftiger als Herr Breitenbach und haben solche Demonstrationen gestattet.(Sehr gut i und Hört I hört 1 bei den Sozialdemokraten.) Mit dem Ausschluß von Sozialdemokraten hat fich der Chef der Reichseisenbahnverwaltung selbst auf das von ihm verpönte politische Gebiet begeben.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Dem Arbeiter die Koalitionen vorzuschreiben, denen er beitreten darf, ist das Kennzeichen brutaler Arbeitzeber.(Sehr wahrl bei den Sozialdemokraten.— Glocke des Präsidenten.) Vizepräsident Kacmpf: Herr Abgeordneter, Sie haben vorhin schon eme ungehörige Bemerkung gemacht. Sie haben gesagt:„Tis reichsländische Polizei ist vernünftiger als der Minister v. Breiten- Vach." Das ist(mit erhobener Stimme) ungehörig!(Schallende Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Außerdem haben Sie dem Chef der Reichseisenbahnverwaltung Brutalität vorgeworfen. Dafür rufe ich Sie zur Ordnung.(Beifall rechts, große Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Abg. Emmel(Soz.)(fortfahrend): Also nochmals zum Kollegen Behrens: Er hat kein Recht, im Namen der Eisenbahner den Verzicht auf das Streikrecht auszusprechen. Und ein kurzes Wort zum Chef der Verwaltung: Sein Verhältnis gegenüber den Arbeitern zeigt, daß ihm mit dem persönlichen Adel nicht der Seelenadel gekommen ist.(Sehr gut! und stürmischer Beifall bei den Sozialdemokraten.) Vizepräsident Kacmpf(wütend' die Klingel schwingend): Diese Bemerkung ist völlig ungehörig I Ich rufe Sie zum zweiten Mal zur Ordnung I(Stürmischer Beifall rechts. Gelächter bei den Sozialdemokraten.) Chef der Reichseisenbahnverwaltung Minister v. Breitcnvach: Die persönlichen Angriffe des Vorredners lassen mich kalt. Selbst der„Weckruf", das Organ des sozialdemokratischen Eisenbahner- Verbandes, hat den Verzicht auf das Streikrecht ausgesprochen. (Hört! hört!)— Arbeiterausschüsse sind gut, wenn sie innerhalb ihrer Grenzen bleiben. Ein Jnverbindungtreten der Arbeiter- ausschüsse kann und werde ich nicht dulden!(Lebhafter Beifall rechts.) Damit s ch l i e ß t die Debatte. Der Etat der Reichseisenvahnen vlrd bewilligt. Es folgt der Etat des Reich-Zschahamts. Abg. Graf Könitz(!.): Den gestrigen Ausführungen des Herrn «Gothein gegenüber stelle ich fest, daß ich von meinem Schuhmacher keinen politischen Rat erbeten habe(Heiterkeit), ich habe mir nur be- stätigen lassen, daß das Ouebracholeder nicht verwendbar ist, weil es nicht haltbar ist. Herr Gothein hat auch gestern wieder sein lahmes Pferd, den Freihandel, geritten. Abg. Kacmpf(frs. Vp.): Der Freihandel ist durchaus kein lahmes Pferd.(Widerspruch rechts.) Ihr Widerspruch wird an den Tat- fachen zerschellen. Sie werden Freihändler werden in dem Augen- blick, wo sie gezwungen sein werden, Ihre Produkte zu exportieren, und damit haben Sie bereits angefangen. Abg. Dr. Weber(natl.) betont, daß die gesicherte Stellung der Landwirtschaft der deutschen Industrie und dem Handel wesentliche Vorteile gebracht hat. Abg. Graf Kanitz(k.) polemisiert gegen eine Aeußerung des Abg. Kaempf, daß die deutsche Zollpolitik die Zollerhöhungen des Auslandes verschuldet habe. Die ausländischen Zollerhöhungen seien vielmehr gerade in der Zeit der Caprivischen Handelsverträge erfolgt. Abg. Kaempf(frs. BP.): Der Unterschied zwischen dem Grafen Kanitz und mir besteht einfach darin, daß für mich die�deutsche Zoll- Politik nicht erst nach den Caprivischen Handelsverträgen beginnt, sondern bereits 1379.(Sehr richtig! links.) Nach weiterer unwesentlicher Debatte wird der Etat bewilligt, ebenso der Etat der Reichsschuld und einige Etatreste. Beim Etat der Zölle, Steuern und Gebühren tritt Abg. De Witts-ozialdemolraten.) Jetzt laufen die Scharfmacher Sturm gegen die Grnbenkontrollcure, gegen die Arbeitskammern, gegen die Ardeiter- ausschüsse, selbst gegen die ganz geringe Einschränkung der Arbeits- zeit in der Schwerindustrie. Vor jedem solchen Ansturm sollte die Regierung nicht zurückweichen und nicht sofort Halt machen mit dem Arbeiterschutz. Nur dann könnte Deutschland an der Spitze der Sozialpolitik marschieren.(Lebhaftes Bravo I bei den Sozialdemo- lraten.) Abg. Kölle(wirtsch. Vg.) wünscht Aenderung de? Gesetzes über den llntcrstiitzungSwohnsitz, das in seiner jetzigen Fassung das platte Land benachteilige. Staatssekretär des Innern v. Bethmann-Hollweg: Ueber die vom letzten Vorredner angeregte Frage schweben Verhandlungen mit der preußischen Regierung.— Nun zum Abg. Sachse: Daß dem Reichs- tage nur 30 Berichte der Gewerbeinspektoren zur Verfügung gestellt werden, liegt an dem hohen Preise(30 M. pro Exemplar.) Ueber die Fragen des Bergrechts kann ich mich hier nicht ausführlich äußern, zumal dazu der vom Vorredner angezogenen Resolution des Reichs- tags der Bundesrat noch keine Stellung genommen hat. Ueber das preußische Gesetz, dnS jetzt dem Abgeordnetenhause vorliegt, kann ich mich doch nicht äußern, da die parlamentarischen Verhandlungen be- kanntlich noch nicht abgeschlossen sind. Den Kopf lasse ich mir weder von den Bergherren noch von dem Abg. Sachse und seinen Freunden waschen.(Bravo I rechts.) Abg. Dr. Fleischer(Z.): Die Angriffe des Abg. Sachse gegen meine Partei wird einer meiner Fraktionsgenossen zurückweisen. Redner ttitt für Schaffung eines Reichstheatergesetzes ein und be- merkt, er habe sich mit zahlreichen Schauspielern in Verbindung gesetzt.(Ruf rechts: Auch mit Schauspielerinnen? Heiterkeit rechts.) Möge der Bundesrat dem einmütigen Wunsche des Reichstages folgen und zur nächsten Saison.(Stürmische Heiterkeit) pardon Session, ein neues Theatergesetz vorlegen.(Beifall.) Abg. Günther-Sachsen(frs. Vp.) verbreitet sich über die Frage der Abonnentenversicherung. Abg. Dr. Görcke(natl.) bleibt auf der Tribüne unverständlich. Abg. Behrens(wirtsch. Vg.), gegen Sachse polemisierend, be- hauptet, daß die christlichen Bergarbeiter die Novelle zum Berggesetz, wie sie dem preußischen Landtage vorliege, falls noch einige Ver- befferungen eingefügt würden, im Gegensatz zu den Sozialdemo- lraten als beträchtlichen Fortschritt betrachten. Abg. Bccker-Arnsberg(Z.) feiert, gegen Sachse polemisierend, die sozialpolitischen Verdienste des Zentrums: Während die Herren Hue und Sachse keine Bergarbeiter find, sitzen in der Zentrums- Fraktion des Abgeordnetenhauses drei Bergarbeiter.(Hört! hört! tm Zentrum.) Abg. Hue(Soz.): Auf dem Bergarbeiterkongreß, der hier in Berlin im Februar stattgefunden hat, waren fast alle Redner praktische Bergarbeiter (Hört! hört I bei den Sozialdemokraten); sie alle, auch die An- gehörigen der polnischen und der Hirsch-Dunckerschen Organisationen, haben sich gegen Sicherhcitsmänner und für sreigewählte Kontrolleure ausgesprochen.(Hört! hört l bei den Sozialdemokraten.) Auf dem Bergarbeiterkongreß 1S0S, auf dem alle Richtungen vertreten waren und auf dem sich auch dieRegierung offiziell vertreten ließ, wurde ebenfalls in einer einstimmig angenommenen Resolution diese Forderung er- hoben.(Hörtl hörtl bei den Sozialdemokraten.) Allsonntäglich komme ich in den Bergarbeiterrevieren mit Bergarbeitern aller Richtungen zusammen, aber noch niemals ist mir ein Widerspruch gegen mein Urteil über die von der Regierung vorgeschlagenen Sicherheitsmänner geäußert worden. Aus den kurzen Worten, mit denen der Staatssekretär die Aus- führungen meines Freundes Sachse zu streifen schien, entnehme ich, daß die Regierung sich von der Richtigkeit des Inhalts dieses Protokolls überzeugt hat. Durch das Protokoll ist die Wcrtlosigleit des Systems der Sicherheitsmänner erwiesen. Ich frage den Herrn Staatssekretär: wer will die Verantwortung für das vergoffene Blut übernehmen, wenn wieder Hunderte von Menschenleben durch ein Grubenunglück vernichtet werden? Es ist die moralische Pflicht des Staatssekretärs, dafür zu sorgen, daß das System der Sicherheits- männer nicht durch das preußische Gesetz eingeführt wird. Sollte ein solches verbrecherisches Gesetz zustande kommen, so werden sich die Bergarbeiter das nicht ruhig gefallen lassen.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Staatssekretär v. Bethmann-Hollweg: Herr Hue hat, ebenso wie die Herren Sachse und Dr. David, auf em Stenogramm Bezug genommen, das über vertrauliche Ver- Handlungen mit den Grubenbesitzern aufgenommen ist oder sein soll. Ich habe keine Beranlaffniig, mich mit diesem Stenogramm oder diesen vcrtranlichen Verhandlungen zu befassen.(Sehr richtig! rechts.) Die Herren, denen das Stenogramm zugekommen ist, mögen sich mit den Teilnehmen, an jener vertraulichen Sitzung auseinandersetzen. Aber glauben Sie doch nicht, daß solche Vor- gange den Weg der Gesetzgebung, wie sie von der Regierung be- trieben wird, beunruhigen oder stören können.(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Na k na s) Herr Hue hat das Gesetz, das jetzt im preußischen Landtag verhandelt wird, ein verbrecherisches genannt. Nun, Sie(zu den Sozialdemokraten) haben doch dort ihre Fraktionsgenossen, die Ihren Standpunkt vertreten können. Hinzu- fügen will ich noch, daß doch auch die Herren links das Bedürfnis nach vertraulichen Besprechungen haben. Glauben Sie, daß ich so neu- gierig bin, bei Ihnen durch das Schlüsselloch zu hören?(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Das besorgen die Spitzel!) Abg. Hoch: Auf die letzten Aeußerungen des Staatssekretärs gehe ich bei der Geschäftslage des Hause» jetzt nicht ein. Das letzte Wprt darüber ist noch nicht gesprochen. Herrn Günthers Rede zeugte von seiner vollständigen Unkenntnis des JnseratenwesenS; er ist offenbar einseitig von einem Verleger informiert worden, so daß er hier eine Reklamerede für die Zeit- schrift„Feierabend" hielt.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Herr Görcke hat auf meine Aeußerung über die Berufsgenosien- schaftcn hingewiesen. Sie ist so verderblich für die Arbeiter, daß bei jeder Gelegenheit darauf hingewiesen werden muß.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) In dem speziellen Falle halte ich meine sämtlichen Behauptungen aufrecht. Abg. Dr. Südekum(Soz.): Am 26. März 1903 hat der Reichstag die Regierung einstimmig ersucht, einheitliche Wahlurnen vorzuschreiben, die das Wahlgeheimnis wirklich sichern. Ich ftage den Herrn Staatssekretär, was in dieser Frage bisher geschehen ist. Staatssekretär v. Bethmann-Hollweg: Ich habe inzwischen eine ganze Reihe verschiedener Systeme von Wahlurnen geprüft, habe aber bisher noch keins produziert be- kommen, bei dem ich mit Sickerheit annehmen kann, daß das Wahlgeheimnis dadurch so gesichert wird, wie es die Herren lvllnschen. Ueber ein mir neuerdings vorgelegtes System sind die Erhebungen noch nicht abgeschlossen. Damit schließt die Debatte. Abg. Götz v. Ohlcnhusen jWelfe) spersönlichj: Herr Dr. Arning hat behauptet, ich sei auf den Krücken der Sozialdemokratie in den Reichstag gehumpelt. Ich stelle fest, daß ich in verschiedenen nationalliberalen Versammlungen eS erlebt habe, wie die Nationalliberalen die Sozialdemokraten auf den Knien um ihre Stimmen geboten haben,(Große Heiterkeit.) sie wurden aber als unzuverlässig zurückgewiesen.(Erneute große Heiterkeit.) Hierauf vertagt das Haus die Weiterberatung auf Freitag 10 Uhr. Schluß 9 Uhr._ Stadtverordneten• Oersaramiang. 13. Sitzung vom Donnerstag, den 1. Aprils nachmittags b U h r. Der Vorsteher Michelet eröffnet die Sitzung um 5(4 Uhr. Vorweg genommen wird in der Beratung zunächst die Vorlage wegen Erwerbes fiskalischen Forstgeländes bei Schönwalde. Stadtv. Werner(N. L.) bemängelt, daß der Kaufschilling aus der noch ungeborenen Anleihe bestritten werden soll. Diese neue Anleihe solle nicht stückweise inszeniert werden und es sei die Dar- legung eines Finanzplanes für die nächsten fünf Jahre notwendig. Die' könnte der Magistrat in einem Ausschuß geben. Es bestehe ferner die Absicht der Erhöhung der Kanalisationsabgabe auf 2 Proz. und gletchgeisig die Idee der Versorgung Berlins mit landwirtschaftlichen Produkten in größerem Umfange als bisher durch eigene Betriebe mit Hilfe der Niesclgütcr. Es sei demnach Ausschußberatung notwendig, Eile aber nicht vonnöten. Stakv. Cassel(A. L.): Die Anzahlung soll L Millionen be- tragen und bis zum 1. April erlegt werden; solche einengenden Abschlüsse sollte man doch vermeiden. Weshalb ist der Vertrag mit dem Fiskus nicht im Wortlaut mitgeteilt? Den Preis �on 4 Mi Millionen halten wir für angemessen; abzuhandeln wird nichts sein. Das Terrain brauchen wir sehr notwendig; der Er- wcrb wird unseren Waldbesitz in erwünschter Weise vergrößern. Wir sehen eine Notwendigkeit für Ausschußbcratung und auch für die Vcrquickung mit unserer Finanzlage nicht ein. Stadtrat Marggraff: Die Verhandlungen haben sich langer als ertvartet hingezogen. Der Vertrag selbst wird wie üblich nur in allgemeinen Umrissen mitgeteilt; Bedenken lassen sich aus dem Text nicht herleiten. TS Objekt ist nach zuverlässiger Taxe höchst preiswert. Stadw. Dr. Langerhans(A. L.): Wir werden lange warten können, bis uns wieder ein so günstiges Angebot gemacht wird. Ueberdies müssen wir auch mit Rücksicht auf die Kanalisation dieses Terrain erwerben. Stadtv. Modler(A. L.): Ich möchte ebenfalls auf die relative Billigkeit des Objektes hinweisen. Seit b— 6 Jahren wird an dem Projekt gearbeitet; der Vorsitzende der Kanalisationsdeputatton hat den Erfolg gehabt, den Preis von 6 Millionen auf 4 370 000 M. hcrabzudrücken. Da sollten wir mit beiden Händen zugreifen. Stadtv. Werner: Ich bin nicht der Meinung, daß das Terrain so überaus preiöwürdig ist, und meinte ich eS, so würde ich eS nicht sagen. Ich habe übrigens gegen die Sache selbst kein Wort gesagt. Ten Antrag auf Ausschußberatung ziehe ich zurück. Stadw. Kyllmann(Fr. Fr.): Wir müssen doch der Auffassung entgegentreten, als ob wir hier etwas geschenkt bekämen.(Leb- hafte Zustimmung.) Wir bezahlen einen guten vollen Preis. Stadtv. Cassel ist von den Erklärungen des Stadtrats be- friedigt, schließt sich im übrigen dem Stadtv. Kyllmann an. Stadw. Hintze(Soz.): Ich protestiere gleichfalls gegen die Ausführungen des Kollegen Modler. Bei einer Entfernung von 7—8 Kilometer sind 2S0 M. für den Morgen ein ganz anständiger Preis. Der Baumbestand kommt kaum i* Frage. Stadtv. Roscnow(N. L.): Wir brauchen doch das Terrain notwendig, namentlich wegen des mitteninne liegenden Gorincr Sees. Die Preisfrage tritt daneben in den Hintergrund. Die Vorlage wird angenommen. Ohne Debatte fttmmt die Versammlung der Vorlage wegen Veräußerung des Grundstücks S e e st r. 43 in F r i e d r i ch s- Hägen zu. Hierauf steht zur Beschlußfassung die Vorlage betreffend Neuordnung des höheren M äd ch e n f chulw e s e n s vom 1. April d. I. ab. Stadtv. Cassel erblickt in dem staatlichen Reformplan immer- hin einen Fortschritt. In der Vorlage werde für die städtischen Anstalten das Erforderlichste vorgeschlagen, um die Anerkennung als berechtigte Anstalten im Sinne dieser Reform zu erlangen. Es werde hoffentlich auch der Staat mit der Errichtung solcher Mädchenschulen in Berlin vorgehen. Der Plan gipfle in der Schaffung von Studicnanstalten, die auch den Mädchen da» akademische Studium ermöglichen. Es sei eine Forderung der Gerechtigkeit, auch den begabten Mädchen den Ucbertritt aus der Volksschule in die Mädchengymnasien zu erleichtern. An den höheren Töchterschulen sollte Gelegenheit gegeben werden, die- jcnigen Kenntnisse in Naturwissenschaften und Mathematik zu er- werben, welche die auf die Obersekunda der Oberrealschule über- gehenden Mädchen nachweisen müssen. Eine bedeutende Ver. mehrung der Ausgaben sei unumgänglich, werde aber gern ge- leistet werden. Das jetzige Mädchcngymnasium befinde sich in sehr ungünstigen Räumen. Stadtschulrat Michaelis: Es Wird Ihnen jetzt nur vor. geschlagen, was im Augenblick geschehen muß; unser Plan bezüglich der Neubildung ist damit nicht erschöpft. Die weiteren Vor- kehrungen, Errichtung von Studienanstalten usw., werden im Laufe des Jahres getroffen und dabei die Anregungen des Stadw. Cassel berücksichtigt werden. Das erste Abiturientenexamen hat bewiesen, daß das Berliner Mädchenghmnasium auf der Höhe seiner Auf- gäbe steht. zjur Kenntnisnahme legt der Magistrat eine Ucbersicht über die Erhöhung der Löhne der in der Markthallen Verwaltung beschäftigten Maschinisten, Heizer. Lampen- Wärter und Rohrleger sowie der Rathaustischler vor. Stadtv. Hinve bemängelt, daß die Zulage von IM M. für die Angestellten der Markthallenverwaltung etwas sehr mager aus gefallen ist. Die Deputation wollte den Heizern, Lampenwärtern und Rohrlegern statt 1300 M. 1500 M. Anfangsgehalt gewährt wissen; die Erhöhung ist jetzt nur auf 1400 M. erfolgt. Bei der Besoldungsvorlage sollte der Magistrat erwägen, ob nicht irgendwie eine weitere, wegen der Stetgerung der Lebensmittelpreise not- wendige Erhöhung stattfinden kann. Stadtv. Ewald(Soz.) berichtet über die Petition des Per- Walters Trapp, Britzer Straße 19, um Rückerstattung der für das Grundstück Kottbuser Ufer 48/50 von 1897— 1907 gezahlten Kanalisationsgebühren. Der Petitionsausschuß hat Ueberweisung zur Berücksichtigung empfohlen. Stadtrat Marggraff bestreitet, daß ein Versehen der Ver- Waltung vorliege.. Eine weitere Debatte entsteht nicht. Der Referent hält dafür, daß die Schuld dafür, daß der Ver- Walter jetzt von den Besitzern für die Zahlung haftbar gemacht wird, der Stadt Berlin zufällt. Stadtrat Marggraff tritt dem Referenten nochmals entgegen. Stadtv. Dr. Friedemann(soz.-fortschr.) beantragt Zurüch Verweisung der Petition an den Ausschuß. Referent Stadw. Ewald: Es ist ja im Ausschuß ein Magistrats- Vertreter zugegen gewesen; der hat aber nicht vollen Aufschluß gegeben. Die Petition geht an den Ausschuß zurück. Zur Verstärkung des Fonds von 307 000 M. für die B e- kämpfung der Säuglingssterblichkeit verlangt der Magistrat für 1908 noch nachträglich 38 000 M. Davon sind 30 000 M. für die Fürsorgestellen, 8000 für den unter Leitung des Pastors Pfeiffer stehenden Kinderrettungsverein be- stimmt, dem die stadtische Subvention verdoppelt werden soll. Stadtv. Dr. Wehl(Soz.): Gegen die Nachtragsforderung haben wir natürlich nichts einzuwenden. Ich bitte nur, dafür zu sorgen, daß in den Säuglingsfürsorgestellen nicht Versuche nach der Richtung gemacht werden, ob nicht eine Minderung der Aus- gaben erzielt werden könne. In der Vorlage befindet sich die An- deutung, daß man vielleicht die Unterstützung herabsetzen oder kürzere Zeit als bisher gewähren könnte. Damit würde sich die Verwaltung auf eine sehr schiefe Ebene begeben. Die Mütter be- kommen pro Tag 25 Pf. etwa ein Vierteljahr hin durch. Diese„Stillprämien" sind schon gering genug; damit kann die Mutter sich schwerlich eine kräftige und bekömmliche Nahrung bereiten. In Leipzig wird eine Stillprämie von und 0 M. die Woche bezahlt, bei uns nur 1,75 M. Der Chef der Waisenverwaltung kann vielleicht Auskunft geben, ob die Anregung der Aerzte der Waisenverwaltung, kleine Stationen im Anschluß an die� Fürsorgestellen zu errichten, weiter bearbeitet worden ist. Was eine Kommune an den Kinder» versäumt und spart, hat sie nachher an Krankenkosten doppelt und dreifach zu zahlen. Stadtrat von Friedbcrg: Wir haben ja ein ganz bestimmtes Programm auf diesem Gebiete zur Ausführung zu bringen; Krankenpflegestellen sollen die Fürsorgestellen nicht sein. Eine unserer Fürsorgestellen ist angeschlossen an das Unternehmen des Professor Cassel, der bahnbrechend mit einem Kinderkrankenhaus vorgegangen ist. Es ist ganz unmöglich für eine einzelne Verwaltung. über die ihr gestellte Aufgabe hinauszugehen; es würde das Sache der Krankenhausberwaltung sein müssen. Stadtv. Dr. Wehl(Soz.): Herr Professor Cassel verfügt nicht über ein SäuglingSIrankenhaus, sondern Herr Professor Neumann. Die leitenden Aerzte der Fürsorgestellen glauben jedenfalls ein besseres Resultat auf dem angedeuteten Wege erzielen zu können. Der Magistratsantrag wird angenommen. Ueber die Vorlage betr. die Neugestaltung des Ber» liner Rettungswesens erstattet den Ausschußbericht Stadtv. Sachs(A. L.): Dazu liegen fünf Abänderungsanträge bor. Der Ausschuß hat in 4 Atzungen die Vorlage durchberaten und in der Hauptsache nach dyn Magistratsentwurf angenommen. Der Gedanke der Verstadtlichung hat keine Mehrheit gefunden. Stadtv. Koblenzer(Soz.): Daß die Vorlage eine wesentliche Verbesserung des Rettungswefens an sich bedeutet, können wir auch heute nicht anerkennen. Allerdings erhält das Rettungswesen eine einheitliche Bezeichnung, aber das innere Zusammenarbeiten wird fehlen; es werden die drei getrennten Gruppen zu unser aller Leidwesen bestehen bleiben. Daß die Aerzte verpflichtet sein sollen, jede ärztliche Hilfe zu leisten, halten wir ebenfalls für eine Ver- besserung. Eine weitere Verbesserung ist es, daß ausdrücklich er- wähnt werden soll, daß die bisherigen Verträge zwischen Kranken- kassen und Rettungseinrichtungen auch während der Vertragsdauer aufrecht erhalten werden sollen, so daß diese Institute vor Ueber- raschungen geschützt bleiben. Alle diese Anträge betrachten wir als Verbesserungen. Leider hat aber der Ausschuß alle An- träge von prinzipieller Tragweite abgelehnt. TaS ist angesichts der Vorgeschichte_ der Borlage sehr wunderbar. Als das jetzt bestehende Provisorium geschaffen wurde, gab man dem Magistrat das Verlangen nach Verstadtlichung mit auf den Weg. Man hat aber im Magistrat die Sache für zu schwierig an- gesehen, und da ist der uns jetzt vorgeschlagene Ausweg gewählt worden. Bei aller Anerkennung der bisherigen freiwilligen Tätig- keit, muß doch auch von den Freunden derselben soviel sozial- politische Einsicht verlangt werden, daß Platz für etwas Besseres geschaffen werden mutz. Nach drei Jahren werden wir dieselben Debatten wieder haben, nur daß unsere Position dann weit fchwieriger geworden und die Aussicht auf eine Verstadtlichung in immer weitere Ferne verschwunden ist. Wir bitten daher prizipaliter die Versammlung, die Vorlage abzulehnen und den Magistrat um eine neue Vorlage auf der Basis der Verstadtlichung zu ersuchen. Der Krieg zwischen den drei Institutionen, den man beseitigen will, wird nach Annahme der Vorlage durchaus nicht aufhören. Die Sanitätswachen werden nach wie vor mit fest angestellten Acrzten wirtschaften und gerade dieser Umstand wird die ganze Sache nicht zur Ruhe kommen lassen, denn die andern Aerzte werden auch un- ausgesetzt dahin arbeiten, die Sache in ihre Hand zu bekommen. Wir können nicht einsehen, daß die Angelegenheit einem Aerzte- verein übertragen werden soll; es erscheint uns ungeheuer bedenk- lich, ihm die Macht in die Hände zu spielen. Wir wollen einen solchen Schritt nicht mitmachen, weil wir davon eine Schädigung der städtischen Interessen befürchten. Nicht lange wird es dauern, dann tritt auch an Sie die Frage der freien Arztwahl heran, dann wird Ihre Position nicht dadurch gebessert sein, daß Sie dem Aerzte- verein das Ganze in die Hand gegeben haben. Der Aerzteverein ist nicht so harmlos- wie er äußerlich scheint; es steckt etwas ganz anderes dahinter. Leider sind wir längst gewöhnt, daß diesen Bestrebungen der ärztlichen Organisationen der Pferdefuß anhängt, daß die Aerzte immer ihre eigenen Interessen in den Bordergrund schieben. Die ganze Aufsicht ferner soll in die Hände eines Magi- ftratsdezernenten gegeben, die Bürgerschaft ganz ausgeschaltet Iverden. Das halten wir ebenfalls für einen großen Fehler. Wir beantragen deshalb, die Beaufsichtigung des Rettungswesens einem Kuratorium zu übertragen, aus 2 Magistratsmitgliedern, 4 Stadtverordneten und 2 Bürgerdcputierten, welche letztere zu wählen wären nach einem Vorschlag der Zcntralkrankenkassenkommission. Die Jnteressenkrcise müssen doch in diesem Lkuratorium vertreten sein» für die Vorschläge dazu eignet sich die Zentralkommission der Krankenkassen am besten, weil sie mit den Dingen Fühlung hat. Lehnen Sie die Vorlage nicht ab, nehmen Sie wenigstens unseren Antrag auf Einsetzung dieses Kuratoriums an!(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Stadtv. Dr. LangcrhanS erklärt sich im großen ganzen mit dem Ergebnis der Ausschußbcratung einverstanden. Nur mit dem ent- scheidenden Einfluß des Aerztevereins ist er unzufrieden und mit dem Verlangen desselben, daß jeder Arzt, der in dem Rettungs- wesen tätig sein will, dem Aerzteverein beitreten muß. Die Hand- habung der städtischen Eesundheitskinrichtunge» viüssx in per Hand der Stadt bleiben. l Stadtv. Hatnmerstein(A. L.): Wir wissen ganz genau, was wir wollen. Kollege Koblenzer hat das Gute anerkannt, was in den bisherigen Leistungen auf diesem Gebiete vorhanden ist; seine neuen Ideen gehen uns aber zu weit. Wir sind für die Vorlage sehr dankbar und empfehlen sie mit kleinen Modifikationen zur Annahme._ Den Ausschußbeschluß der Erhöhung des Honorars für den Nachtdienst von 8 auf 10 M. bitten wir rückgängig zu machen; ö, 7 M. war bisher der Satz; 8 M. ist schon eine starke Erhöhung. Stadtv. Kuhlmann(Fr. Fr.): Wenn wir den Antrag Langer- Hans annehmen, ist die Magistratsvorlage gefallen. Der Antrag Jsaac wegen Einsetzung eines Kuratoriums gefällt uns auch nicht. Ganz entschieden wenden wir uns gegen den sozialdemokratischen Antrag, der einfach vorschreiben will, daß als Bürgerdcputierte zwei Mitglieder der Zentralkommission der Krankenkassen im Kuratorium sein sollen. Lehnen Sie sämtliche Abänderungs- antrage ab. Stadtv. Dr. Jsaae(N. L.): Wir sind für die Ausschuß- borschläge, obgleich wir uns nicht verhehlen, daß diese mit den ursprünglichen Richtlinien, die wir gegeben haben, nicht übercin- stimmen. Die drei widerstrebenden Elemente hat der Oberbürger- meister unter einen Hut zu bringen versucht; allerdings nur mit teilweisem Erfolg. Wir beantragen gleichfalls die Einsetzung eines Kuratoriums aus zwei Stadträten, vier Stadtverordneten ünd vier Bürgerdeputierten. Gegen den SpezialVorschlag Koblenzer betreffs der Bürgerdeputierten habe ich dieselben Bedenken wie Kollege Kuhlmann. Stadtv. Prof. Landau(A. L.) steht auf dem Standpunkt der Vereinheitlichung des Rettungswesens. Diese bringe die Vorlage nicht. Eine Verstadtlichung könne er sich nicht denken; für die Vereinheitlichung sei aber der Aerzteverein ein glänzendes Vor- bild. Die Vorlage sei ihm persönlich unannehmbar. Bürgermeister Dr. Reicke: Die Ausschußberatung ist der Vor- läge sehr gut bekommen. Auf den zweistündigen Aerztedienst wird sich der Magistrat sehr wohl einlassen können, wenn das kein starres Dogma sein soll. Zurzeit ist vielfach drei- und vierstündiger Dienst auf den Wachen. Derselbe Aerzteverein, der 10 M. fordert, bezahlt da, wo die Stadt nicht eintritt, für dieselbe Zeit 5 M.! (Hört! hört!) Das klingt doch sehr nach dem Grundsatz:„Wenn ich's kriegen kann, nehme ich's." Pekuniär ist der Unterschied nicht unerheblich, er beträgt 14 000 M. Ob die Wachen hinreichen werden, wird ja Sache der Erfahrung sein. Zurzeit empfiehlt sich noch nicht, ein Kuratorium einzusetzen. Die Ausführungen des Gehcimrats Landau über den Rettungsverein kann ich nur unter- schreiben. Die Aktion der Verstadtlichung ist ja gründlich erörtert worden. Die freien Wachen würden wie die Pilze aus der Erde als Konkurrenz für städtische Wachen aufschießen; wir hätten noch mehr Schwierigkeiten, und davor wollte ich die Stadt bewahren. (Beifall.) Stadtv. Dr. Wehl: Herr Professor Landau kann sich also gar nicht vorstellen, wie eine Stadt das Rcttungswesen verstadtlichcn könne. Warum soll nicht das Rettungswesen bei uns wie das Kran- kenwesen städtisch sein können mit angestellten Aerzten und Heid gehilfen? Dazu gehört doch keine besondere Phantasie, sich das vorzustellen. Wenn Sie wollen, kann also unser Antrag sofort in die Tat umgesetzt werden. Auch haben im Ausschuß alle Redner darauf hingewiesen, daß die Verstadtlichung kommt, weil sie kommen niuß; den Subventionen wird eben eine vollständig städtische Ein- richtung folgen. Auf den internationalen Kongressen haben sich die größten wissenschaftlichen Kapazitäten dafür ausgesprochen, daß das Rettungswesen genau so wie die Feuerwehr einheitlich und von Stadtwegen geleitet werden muß. Die guten Seiten der Vor- läge sind im wesentlichen erst der Ausschußberatung zu verdanken. Wir legen ferner den allergrößten Wert darauf, daß gerade die Krankenkassen in dem 5kuratorium Sitz und Stimme haben.§ 59 der Städteordnung gestattet ausdrücklich, daß auch eventuell ein Körper wie die Zentralkommission im Kuratorium gebührend ber- treten ist. Wir wollen ferner den Arzt anständig bezahlen; wenn er 10 Stunden zur Verfügung steht, dann ist ein Satz von 10 M. wahrlich nicht zu hoch. Es ist ein großes Unrecht, denjenigen zu nehmen, der sich zum billigsten Preise zur Verfügung stellt. Wir verlangen andererseits auch, daß die Aerzte pünktlich und gewissen- hast ihre Pflicht tun. Auf dem Viehhof mutz eine bequeme Gelegen- heit zur ersten Hilfe auf alle Fälle gegeben sein. Damit schließt die Beratung. In der Abstimmung werden die AuSschußanträge nach Ablehnung des Prinzipalantrages auf Verstadtlichung mit wechselnden Mehrheiten angenommen, so die zweistündige Ablösung der Aerzte. Die Erhöhung des Nachthonorars von 8 auf 10 M. erklärt das Bureau unter lautem Widerspruch aus der Versammlung für ab- gelehnt. Stadtv. Borgmann(Soz.) beanstandet diese Feststellung, wird aber vom Stadtverordneten Cassel und vom Vorsteher Michelet zurückgewiesen. Die Wache auf dem Viehhof wird gestrichen. Die Anträge auf Einsetzung eines Kuratoriums bleiben in der Minderheit. Die Bewilligung der Subvention von 220 000 M. wird ausgesprochen. Da es inzwischen gegen JA10 Uhr geworden ist, wird Vertagung vorgeschlagen. Von einer Seite wird noch die Beratung des Antrags BaSner(Soz.) auf Bereitstellung von Mittelnzur Unterstützung der Arbeitslosen bean- tragt, der Vertagungsantrog wird jedoch sofort zur Abstimmung gebracht und abermals unter starkem Widerspruch aus der Mitte der Versammlung vom Bureau die Vertagung als beschlossen pro- klamiert. In der nächsten Woche findet keine Sitzung statt- � Schluß.',*10 Uhr._ Hiid Induftm und Handel Streiflichter auf die Krise. Deutschland. Die geschäftliche Situation läßt sich durch zwei Worte charakterisieren: Nichts Neues! Trotz Gcldflüssigkeit und Ermäßigung des Rcichsbankdiskonts nirgends ein Ausschwung. Industrie und Handel brauchen kein Geld', können keines brauchen, weil die Absatzquellen nach wie vor verstopft sind. Im Jnlande hauptsächlich durch die enorm hohen Lebensmittelpreise und den daniederliegenden Export. Vereinigte Staaten. In der Stahl-, Eisen-, Kupfer-, Textilindustrie nichts als Pessimismus. Die Präsidentenwahl hat natürlich an der Sachlage vorläufig gar nichts geändert. Man wartet jetzt wieder auf die Ergebnisse der Zolltarifrevision. DaS kostet nichts. Argentinien. DaS Land überquillt förmlich von Pro- dukten, die Absatz finden, unb es nimmt andererseits viel In- dustrialien auf. Die strotzenden Kräfte der Produktion und Kon- sumtion offenbaren sich in einem staunenswerten Steigen dcS Im- und Exportes, des Verkehrs und der Neugründungen. Brasilien. Hier wie in dem übrigen Südamerika Meist unklare finanzielle Verhältnisse, daher auch ein Stocken des Gc- schäftes— Zahlungseinstellungen, Stagnation. Ursachen dieses Zu- standes sind die Unsicherheit des Verkehrs und der Mangel an Verkehrsmitteln. In den Häfen der südamerikanischen Westküste (Chile. Peru) kommen noch immer umfangreiche Diebstähle vor. Ganze Diebesbanden berauben die Gütertransporte nach Bolivien. Japan. Die geschäftliche Depression hält mit unverminderter Jntcnsitäb an. Der Wert der LandcSprodukte ist im Rückgange begriffen. Handel und Industrie können sich nicht erholen von den Verlusten, die der Krieg und die folgende Krise gebracht. Das Volk büßt seine Kaufkraft ein. Andererseits wird von großen Anstrengungen berichtet, die die Japaner zur Ausdehnung ihrer Industrie und zur Verdrängung der europäischen Konkurrenz vom chinesischen Markte machen. Das japanische Ackerbau- und Handels- Ministerium läßt gegenwärtig in Europa Maschinen für die Baum- woll-, Seiden-, Papier-, Glas- un!d Metallwarenfabrikation ein- kaufen. Diese Maschinen sollen von der Regierung gratis auf zwei bis drei Jahre an Fabrikanten verliehen werden, damit sie an die Stelle des Handbetriebes dm Maschinenbetrieb treten Igsscn» Ostsibirien. Mit der bereits beschlossenen vnd sank. tionierten Aufhebung des Portofranko geht dem Hamburger Export- Handel ein wichtiges Absatzfeld verloren. Eine Reihe von Ham- burgcr Häusern unterhielt mit dem Amur- und Transbaikal- gebiete regen Gesckzäftsvcrkehr. Südafrika. Die Wiederbelebung des Geschäftes ist zwar eingetreten, aber nicht im erwarteten Grade. Die Minenproduktion in Transvaal hat nach langen Kämpfen, trotz der Repatriirung der Chinesen, die Schwierigkeiten der Arbeiterbejchaffung übertvundcn und unmchr bei wesentlicher Ermäßigung der Gestehungskosten steigende Produktions- und Gewinnziffern erreicht. D e u t s ch s ü d o st a f r i k a. Es werden nur Artikel des tag- lichen Bedarfes gekauft. Da dem Import sonst gar kein Export gegenübersteht, herrscht Geldknappheit. Indien. Große Geschäftsstille— dos wird übereinstimmend von allen Plätzen gemeldet. Seit zehn Jahren war der Markt nicht so schlecht, wie jetzt._ Was Berlin verqualmt. Nach amtlichen Angaben betrug die Zufuhr— abzüglich Aus- fuhr— von Brennmaterialien nach Berlin in den Monaten Januar und Februar: 1908 1909 Tonnen 268 308 336 810 247 998 243 792 Steinkohlen, Koks und Steinkohlenbriketts Braunkohlen u. Braun- kohlenbriketts Demnach ist die Zufuhr an Steinkohlenmaterial erheblich zurück- gegangen. Das dürfte vorwiegend wohl auf Minderverbrauch dcr Industrie zurückzuführen sein. Die Zufuhr an Braunkohlen hat sich annähernd auf gleicher Höhe gehalten. Verminderung des Beamtenstabes. Bei der Firma Mix u. Genest sind am 1. April pro 1. Mai 21 Angestellte gekündigt worden. Angeblich macht sich die Verminderung des Beamtenstabcs aus finanziellen Gründen notwendig. Wohltätigkeit— ein gutes Geschäft. Unter den Hilfsangeboten aus Anlaß des Unglücks von Messina und Kalabrien zeichnete sich das eines Herzogs Litta Viskonti Arese aus. Einige Dausend Sizilianer wollte der Wohltäter in seinen ausgedehnten Besitzungen in Florida ansiedeln. Diese„Menschen- liebe" soll, nach der Mitteilung eines suddeutschen Handelsblattes, ein äußerst lukratives Geschäft werden. In Paris wurde kürzlich eine Bank gegründet, die die Aufgabe haben soll, den Besitz des Herzogs kapitalistisch auszubeuten. Zu dem Zwecke wird in London eine Aktiengesellschaft gegründet, die Myakka Company Lini. Von den sechs Millionen Aktienkapital erhält der ftanzösische Mittels- mann fünf als Lohn für die Bemühungen, die Idee des Herzogs 'praktisch durchzuführen. Der Herzog soll von dem übrigen Kapital der Gesellschaft, dazu gehören auch 25 Millionen Mark Obligationen. 19 Mille in bar und 9',* in Obligationen bekommen. Das cigcnt- liche Betriebskapital in der Höhe von einer Million soll dcr Herzog einschießen. Schließlich läuft die Wohltätigkeit darauf hinaus, Tausende von sizilianischcn und kalabresischen Arbeitern in eine voständig unkultivierte und unbewohnte Geaend zu ver- schleppen, und sie dort auszubeuten. Betriebseinschränkung. Der Deutsche Juteberband beschloß, wie man aus Braunschwcig meldet, die Betriebseinschränkung von 20 Proz. für Gewebe für das neue Quartal beizubehalten, dagegen die Einschränkung für Berkaufsgarne auf 10 Proz. abzuändern, Abschluß des Stahltrustes. Nach dem nun vorliegenden Jahresbericht des amerikanischen Stahltrustes ergeben sich für 1908 folgende Ziffern, für 1007 in(): Eifcnerzförderung 16 662 715 Tonnen(28 930 558 Tonnen), Koks- erzengung 8 169 931 Tonnen(13 544 764 Tonnen), Kohlenförderung ausschließlich der für die Kokserzeugung erforderlichen Mengen 3 008 810 Tonnen(3 550 510 Tonnen), Kalksteingcwinnung 2 186 007 Tonnen(3 201 222 Tonnen), Roheisenerzeugung 6 934 408 Tonnen <11422795 Tonnen). Rohstahlerzcugung 7838713 Tonnen(13342992 Tonnen), fertige Stahlerzeugnisse 6 206 932 Tonnen(10 564 537 Tonnen), Zinkgewinnung 28 057 Tonnen(31 464 Tonnen), Eisen- Vitriolerzeugung 26 411 Tonnen(24 540 Tonnen), Portlandzemeni 4 535 300(2 129 700) Faß. Die Herstellung an Stahlerzeugnisscn Ivar die kleinste seit Bestehen des Stahltrustes. Der Rückgang machte sich mehr im Inlands- als im Auslandsgeschäft bemerkbar. Der Gesamtabsatz(ohne Zement) betrug im Inland 7 102 456 Tonnen <12 234 103 Tonnen) oder 41,9 Proz, weniger als im Vorjahre und im Ausland 799 406 Tonnen(1 014 082 Tonnen) oder 21,2 Proz. weniger. Auf die Auslandsgeschäfte entfielen 12,4 Proz. des Gesamt- geschäftS. Die gesamten Roheinnahmen betrugen 482 807 840 Doll. (757 014 768 Doll,) und die Unkosten 388 736 140 Doll.(589 562 156 Dollar), so daß einschließlich 1 488 805 Doll.(3 266 209 Doll.) ver- schiedeuer Einnahmen ein Ucberschutz von 95 000 506 Doll,(170718321 Doll.) verblieb. Dazu kamen 4 293 080 Doll.(6 482 741 Doll.) Zinsen, Dividenden usw., während andererseits Zinsen 7 401 205 Doll. <6 492195 Doll.) erforderten. Abzüglich 109 670 Doll.<9 744 693 Dollar) noch nicht erfolgter Einnahmen von Tochtergesellschaften stellt sich der Reingewinn auf 91847 711 Doll.<160 964 674 Doll.) Da- von erforderten die Ueberweisungen an den TtlguiigSbestand so- wie Erneuerungsbestand und die ordnungmäßige» Abschreibungen 16 965 181 Doll.(27 719 744 Doll,), Anleihezinsen und-Tilgimg 29 247 850_ Doll,(27 997 850 Doll,). 7 Proz. Dividende ans die Vorzugsaktien 25 219 677 Doll.(wie i. V.) und 2 Proz. Divi- dcnde auf die Stammaktien 10166 050 Doll.(wie i. V.). Es verblieb ein unoerteilter Neinüberschuß von 10342 987 Doll.(i. V. nach 54000 000 Doll. außerordentlichen Abschreibungen 15179 837 Dollar). Dadurch steigt das gesamte SurpluS auf 133 415 214 Doll. Soziales. Der Konkursverwalter als Chef. Darüber, daß im Falle eines Konkurses der Konkursverwalter als Prinzipal anzusehen ist, mußte gestern die zweite Kammer des Berliner KaufmannSgerichts einen Handlungsgehilfen belehren. Der Kläger G. war Verkäufer im Manufakturwarenaeschäft von Heinr. H. gewesen. Im Januar d. I. geriet das Geschäft in Kon- kurs und der Konkursverwalter Brinkmchcr wurde mit der Rcgu- lierung der Konkurssache betraut. Zwecks Ausverkaufs der noch vorhandenen Bestände ließ der Konkursverwalter das Geschäft loeiter führen, überließ auch die Leitung des Verkaufes dem früheren Inhaber H. und setzte nur zur Beaufsichtigung und Kontrolle deS ganzen Betriebes einen seiner Angestellten, Herrn S.. ein. Am 17. Januar blieb der Kläger dem Geschäft fern und richtete zugleich an den Konkursverwalter die Mitteilung, er sollte vom Inhaber bei dcr Lagmusnahme zu Unregelmäßigkeiten angehalten worden sein. Diese Beschuldigungen steiften sich sofort als falsch heraus, und S., der Vertreter des Konkursverwalters, schickte an den beiden nächsten Tagen einen Boten zum Kläger, um ihn zu veranlassen, sofort ins Geschäft zu kommen. G. ließ sich aber erst am 20. Januar wieder sehen und empfing nunmehr vom Konkursverwalter seine sofortige Entlassung. In der Verhandlung machte der Kläger gel- tend, daß er immer noch Herrn H. als seinen Prinzipal ansah, da dieser wie früher im Geschäft schaltete und waltete. Daß er den Konkursverwalter bczw. dessen Vertreter als feinen Vorgesetzten anzusehen und dessen Weisungen zu folgen hatte; sei ihm gänzlich fremd gewesen. Diesen Ausführungen stellt der 5konkursverwaltcr entgegen, daß G. wissen mußte, daß der Ausverkauf der Masse in seine, des Verwalters Hände übergegangen war, denn dcr Kläger hat von ihm das Gehalt in Empfang genommen und wgr auch von ihm für den Ausverkauf anga giert worden. Das KaufmannSyirich! wie» den Klilge» av. ES sei zweifeiZ. frei, daß dem Kläger bewußt war, er habe vom Konkursverwalter die mittelbare Aufforderung erhalten, im Geschäft zu erscheinen, und dieser Weisung hatte er Folge zu leisten. Wegen des mibe- fugten Fehlens während einer erheblichen Zeit war die Entlassung gerechtfertigt._ Zur Seßhaftmachung landwirtschaftlicher Arbeiter. Die„Magdeburgische Zeitung" schreibt: „Die Regierung ist nunmehr zu der Ueberzeugung gelangt, daß es sich nicht empfiehlt, die Angelegenheit für die Ansiedlungsprovin- zcn getrennt zu behandeln. Vielmehr sollen für alle Provinzen gemeinsam gleiche Grundsätze aufgestellt werden nach völlig ein- heitlichen Gesichtspunkten. Es soll die Arbeiteransiedlung nicht von der Regierung in die Hand genomnien werden, sondern sie soll örtlichen Organisationen überlassen werden, und zwar in erster Linie den Krcisein Wo diese die Ausführung nicht übernehmen wollen, sollen örtliche Siedelungs- gesellschaften gebildet werden, denen aus Staatsmitteln für jede geschaffene Arbeiterstelle eine Pränüe von 800—1000 M. gezahlt werden dürfte. Diese Prämien werden voraussichtlich in den Ansiedelungsprovinzen mit Rücksicht auf das nationale Jnter- esse ettoas höher bemessen werden, als in den übrigen Provinzen. Die Prämie ist gedacht als Beihilfe zu den Kosten der öffentlich- rechtlichen Zwecke. Der Justizminister ist um Erstattung eines Gutachtens darüber gebeten worden, ob die im letzten Ansied- lungsgesetz für Arbeiteransiedlungen vorgesehenen 70 Millionen auch für gewerbliche, oder ausschließlich für landwirtschaftliche Arbeiter verwendet werden dürften." Alle bisherigen Pläne auf Seßhaftmachung laufen darauf hinaus, an die Scholle gebundene u n selbständige Kleinwirte als billige Mutztagelöhner für Großgrundbesitzer zu schaffen. Schon vor drei Jahrzehnten wies die Brandenburger Landwirtschafts- kaminer darauf hin, die Rentengüter dürsten nie so groß sein, daß der Besitzer ohne Tagelohnarbcit existieren könne. Dieselbe Ten denz wohnt allen neuen sogenannten Siedlungsplänen bei. Von „Arbettevansiedlungen",„innerer Kolonisation" und dergleichen wird gesprochen und eine schamlose Liebesgabe an Großgrundbesitzer für Festhalten an unwürdigen und unzulänglichen Lohn- und Arbeits- bedingungcn ist gemeint._ Krankenkassenwahl in Neuwied. Bei der am Montag zum zweitenmal vorgenommenen Ber- krcterwahl zur Ortskrankenkasse erhielten die Kandidaten der ver- einigten Gewerkschaften ööü Stimmen, die der Gegner nur W. Elftere haben also wiederum mit großer Majorität gesiegt. eine gekahiliche Fernfahrt des„Zeppelin i." Bei ungünstigem Wetter unternahm gestern früh um 4 Uhr 6 Min. Graf Zeppelin von Friedrichshafen aus mit dem Reichslust- schiff„Z. L" eine Fahrt nach München. Eine Anzahl Landungs- versuche am Vor- und Nachmittag mißlangen, bis es gelang, um 3 Uhr 6 Min. nachmittags in Niederviehbach bei Dingolfing den Boden zu erreichen. Ucber die Fahrt liegen folgende Meldungen vor: Fricdrichshafcn, 1. April. Graf Zeppelin ist in Friedrichshafen mit dem Reichsluftschiff„Z. I." heute früh um 4 Uhr 5 Minuten aufgestiegen, um die Fahrt nach München anzutreten. In der Gondel befanden sich außer dem Grafen und dem Major Sperling noch sieben Personen. Die Fahrt ging trotz bedeckten Himmels und heftigen Windes glatt von statten. Gegen'/.ß Uhr wurde der„Z. I." über München gesichtet. Dort aber versuchte das Schiff vergeblich zu landen. Es wurde durch den starken Südwestwino in nordöstlicher Ricktnng über dos Erdinger Moor abgetrieben. Aus München liegen darüber folgende Meldungen vor: München, 1. April. Das Reichslnftschiff ist Punkt 0 Uhr über der Theresienhvhe erschienen. Es führte dort einige Bewegungen aufwärts und abwärts und einige Schwenkungen aus und flog gegen die Stadt zu. Eine ungeheure Menschenmenge füllte die Theresienhöhe. Graf Zeppelin versuchte um O'/a Uhr vergeblich auf dem Exerzierplatz Oberwiesenland zu landen. Ein heftiger Südwest- wind trieb das Luftschiff gegen Ober-Föhring. Die Luftschiffer- abteiluug wurde zur Hilfeleistung mit der Bahn einparkiert, eine Abteilung Schwerer Reiter folgte nach. München. 1. April. Ueber die weitere Fahrt des„Z. I." liegen folgende Mitteilungen vor: Das Luftschiff steuerte aus Freising zu. lenkte dort rechts des Halberger Mooses ab, kam in die Nähe von Erding und nahm den Kurs nach Landshut. Landshut. 1. April. Das Reichsluftschiff„Z. I." wurde 10 Minuten vor 12 Uhr mittags zwischen Kronwinkl und Berghosen gesichtet. Es bewegte sich in langsamer Fahrt auf Landshut zu. 5 Minuten vor 1 Uhr passierte das Schiff in einer Höhe von 110 Metern die Stadt auf der Jsarseite. Es befindet sich gegen- wärtig in der Richtung auf den Kavallerie-Exerzierplatz. Der„Zeppelin" vertrieben. Landshut, 1. April. Das Lustschiff„Z. L" wurde von hier aus in der Richtung Dingolfing wcitergetricben. Nach einer Meldung des„Kurier für Niederbauern" ist der„Z. I." 3 Uhr 5 Minuten bei Niederviehbach bei Dingolfing glücklich gelandet. Das Luftschiff har die Entfernung Friedrichshafen— München, die, in' der Luftlinie gemessen, 105 Kilometer laug ist, in fünf Stunden durchniessen. Dabei ist zu berücksichttgen einerseits, daß der Zeppelin- Ballon seine Reise iir einem großen Bogen vollführt hat, andererseits, daß er die Fahrt mir deisi Wilide machte. Er nahm zunächst seinen Weg nach Nordoftnord und bog nördlich von Memmiiigen bei Bellmünz nach Osten ein. Diese Richtung hielt der„Z. I." bis München fast genau inne. Von dort trieb der starke Südwestwind das Luftschiff nach Nordosten ins Erdinger MooS bis Landshut, das von München 00 Kilometer ent- fern ist und von dort nach Niederviehbach, wo gelandet wurde, um weiteres Abtreiben vorzubeugen. Rettungsmaßnahmen. LandShnt, 1. April. Wie der„Kurier für Niederbahern" meldet, wurde das ganze erste Bataillon des 15. Jnfaiiterieregiments mittels Extrazuges zuni Landungsplatz des Luftschiffes„Zeppelin I" be- fördert. Voraussichtlich soll die Rückfahrt über München morgen früh angetreten werden. Der Wind hält noch immer an. München, 1. April. Die Lnstschifferabteilung wurde heute nach- mittag mit einem um 5 Uhr 11 Min. von Mosach abgegangenen Extrazug nach der Landungsstelle des„Zeppelin I" bei Dingelfing befördert. Gerichts-Leitung. Nngültigkeit der in den Kolonien erlassenen Urteile? Mit einer Frage, die unter Umständen zu den weitgehendsten Konsequenzen führen kann, beschäftigt sich zurzeit das Reichsjustiz- amt. Es handelt sich um die Frage, ob die Ernennung der richter- lichcn Beainten für die deutschen Kolonien durch das Kolonialamt zulässig ist, oder ob die Ernennung nur durch den Reichskanzler stattfinden kanii, da nach Artikel 4 der Allerhöchsten Verordnung betr. die Rechtsverhältnisse der Landesbeamten in den Schutz- gebieten vom 5. August 1890 eine Delegation dieser ErnennungS- bcfugnis des Reichskanzlers an andere Behörden nicht zulässig ist. Den Anlaß zu dieser Erörterung gibt eine Strafsache, die zurzeit gegen den früheren Tiftriktschcs Rabe bei dem Kaiserlichen Bezirks- gericht in Stvakopmund anhängig ist. Rabe war als Kaiserlicher I Tistrittschef in Swakopmund in amtlicher Stellung. Seiner Be- � hcmptung nach habe'ei sich da? Nebelwollen VeS als Vezirksrichkft vom Kolonialamt ernannten Assessors Fehlaud zugezogen, der später ein Strafverfahren gegen ihn einleitete und die Hauptverhandlung in Swakopmund eröffnete. In diesem Verfahren wird R. des Diebstahls beschuldigt, weil er fiskalische Materialien, wie Holz, Zement usw., zur Herstellung notwendiger Bauarbeiten auf fiska- lifcheii Grundstücken und zur Herstellung von Subsellien usw. für dienstliche Zwecke verwendet hatte. Ferner wurde das Verfahren noch auf Gefangenenbefreiung ausgedehnt. Nach Angabe des R. soll der wegen Diebstahl bestrafte Neger Macwera zufällig mit dem- selben Schiffe die Flucht ergriffen haben, mit den« er selbst, nach- dem er einen Unfall im Dienst erlitten hatte, die Heimreise nach Deutschland angetreten hatte.— Rabe nahm in Wiesbaden seinen Wohnsitz und beauftragte den dortigen Rechtsanwalt Dr. Stahl mit der Wahrnehmung seiner Interessen. In einem umfangreichen Schriftsatz stellte dieser bei dem Bezirksgericht in Swakopmund den Antrag, das Verfahren gegen die Eheleute Rabe einzustellen, mit der Behauptung, daß das ganze Verfahren unzulässig sei und da- her die sämtlichen Beschlüsse und Verfügungen als nicht existierend anzusehen wären, und zwar aus folgendem Grunde: Die Gerichts- Verfassung und das gerichtliche Verfahren für die deutsche Bevölke- ruug beruhen in den Schutzgebieten grundsätzlich auf den Normen des Äonsulargerichtsbarkeitsgesetzes.(Das sei auch ausgeführt in: „Das deutsche Kolonialrecht" von Admiralitätsrat Profepor Dr. Koebener-Berlin.) Die darin getroffenen Bestimmungen über Er- nennung von Richtern sind für die Schutzgebiete abgeändert durch das Schutzgebietsgesetz Z 2. Dort ist bestimmt, daß der Reichs- kanzler die BezirksLichter zu ernennen hat. Diese dem Reichs- kanzler allein zugewiesene Befugnis zur Ernennung von Bezirks- richtern kann von dem Reichskanzler nicht an andere unter ihm stehende Beamte delegiert'werden. Eine Delegation der einer Be- Hörde zugewiesenen Amtsbefugnis ist inangels einer ausdrücklichen anderweitigen Gesetzgebung nicht zulässig, außerdem hat die Aller- höchste Verordnung betr. die Rechtsverhältnisse der Landcsbeamten :n den deutschen Schutzgebieten vom Jahre 1800 Art. 4 ausdrücklich bestimmt, daß die Befugnisse zur Ernennung von Beamten nur bezüglich der mittleren und unteren Beamten von dem Reichs- kanzler delegiert werden können. Da die Bezirksrichter zweifellos zu den höheren Beamten gehören, da ihnen sehr weitgehende Rechte und Befugnisse eingeräumt werden, so ist bezüglich ihrer Er- nennung eine Delegation der Ernennungsbefugnis des Reichs- kanzlers an das Liolonialamt nicht zulässig.— Hiernach dürfe, so heißt es in dem Antrage des Rechtsanwalts Dr. Stahl weiter, das zwar aktenmäßige aber nicht nach dem Gesetz bestehende Sirafver- fahren gegen die R.schen Eheleute nicht fortgesetzt werden, da es von einem zu Unrecht ernannten richterlichen Beamten eröffnet worden sei. Auf eine Eingabe gleichen Inhalts an den Reichskanzler erhielt der Rechtsvertreter der Rabeschen Eheleute nicht von dem Reichs-- kanzler, sondern von dem Staatssekretär Dernburg den Bescheid, daß er nicht in der Lage sei, in ein schon anhängiges Strafver- fahren einzugreifen. Da in der Eingabe das Eingreifen in ein schwebendes Strafverfahren gar nicht verlangt war, sondern die Annullierung eines wie behauptet wird ungültigen Verfahrens, so wendete sich der Anwalt nochmals an den Reichskanzler und führte unter anderem aus, daß der Staatssekretär des Reichs- kolonialamts in dem auch im Reichstag zur Sprache gebrachten Falle Fehland ausdrücklich anerkannt hat, daß eine Uebertragung der Ernennungsbefugnis nicht stattgefunden hat und der Reichs- kanzler die nach wie vor berufene Ernennungsbehörde sei. In seinem Antwortschreiben erwiderte der Reichskanzler, daß er sich mit der Antwort des Staatssekretärs Dernburg einverstanden er- kläre und nicht in der Lage sei, in das schon schwebende Ver- fahren einzugreifen. Selbst wenn die von dem angeblich zu Un- recht ernannten Bezirksrichter erlassenen Beschlüsse usw. an einem inneren Mangel leiden würden, so müssen sie doch nach außen hin so lange rechtswirksam bleiben, bis sie auf gesetzlichem Wege be- seitigt sind. Eine Zuständigkeit der Verwaltungsbehörde sei in der Angelegenheit nicht begründet, dagegen stelle es ihm der Reichs- kanzler anheim, entsprechend den Vorschriften der Strafprozeßord- nung die fraglichen Beschlüsse in höherer Instanz bei den Justiz- behörden anzufechten. Die Angelegenheit wurde nunmehr dem Rechtsanwalt Dr. Klee- Berlin übertragen, der vor einigen Tagen mit dem Reichsjustizamt in Verbindung trat und hier sehr ausgedehnte Konferenzen mit dem Ministerialdirektor Hoffmann und dem Geheimen Rat Oegg hatte. Das eingeforderte Gutachten des Reichsjustizamts steht zur- zeit noch aus. Sollte dieses im Sinne der vorerwähnten Beschwerden bezüglich der Richterernennung lauten und die Gerichtsbehörden in letzter Instanz sich dem anschließen, so würde der Fall eintreten, daß die sämtlichen in den Kolonien verhandelten und noch schwebenden Prozesse rechtsungültig bezw. noch nachträglich anfecht- bar wären. Man sieht dem Ausgange dieses hochinteressanten Rechtsstreits in den beteiligten Kreisen mit begreiflicher Spannung entgegen._ Opfer der Schundliteratur. Maskierte jugendliche Einbrecher, welche wieder einmal durch die Lektüre von Schauerromanen ä la Nick Carter, Buffalo Bill, Kapitän Morgan usw. auf den Weg des Verbrechens geraten waren, mußten gestern ein mit großem Raffinement ausgeführtes Ver- brechen gegen fremdes Eigentum vor dem Strasrichtcr büßen. Vor der siebenten Strafkammer des Landgerichts I mußten sich die 18- bezw. 17jäbrigcn Arbeiter Richard Lcnzner und Willi Wendel wegen gemeinschaftlichen schweren Raubes verantworten. Beide Angeklagten sind unbestraft. Seit etwa zwei Jahren waren die Angeklagten eifrige Leser gewisser Zwanzigpfennighefte, in denen allerlei blutrünstige Geschichten geschildert wurden und Mord oder ähnliche Kapitalverbrechen in möglichst llaturalistischer Form dar- gestellt werden. Diese höchst gefährliche und demoralisierend wirkende Lektüre übte auch bei ihnen ihren unheilvollen Einfluß aus. Die Angeklagten faßten den Plan, in ein großes Juwelier- geschäft einzubrechen und sich hier die Taschen mit Brillanten und Goldsachen vollzustopfen.— Am 19. Februar dieses Jahres ließen sich beide Angeklagte, nachdem sie sich vorher in möglichst„roman- tischer" Weise ausstaffiert hatten, in das Haus Königstratze 43 einschließen, in welchem sich das Goldgeschäft von Levin befindet. Ilm den in allen Einzelheiten vorbereiteten Plan zur?lusführung zu bringen, hatten sich die beiden jugendlichen Diebe mit den ver- schiedensten Werkzeugen ausgerüstet, unter anderem mit elektrischen Lampen, Sägen, Brecheisen, ferner mit schwarzen Masken, die sie vor dem Gesicht trugen, und schließlich auch noel? mit Stricken und Gummiknüppeln. Mit diesen wollten sie den. wie ihnen bekannt war, in dem Geschäft befindlichen Wächter betäuben und dann fesseln und knebeln. Tie Angeklagten versteckten sich an einer Stelle, welche der von der Firma angestellte Wächter Schuckar passieren mußte. Als Sch. gegen 2 Uhr nachts hier vorbeikam, wurde er von. den Angeklagten überfallen und nach kurzer Gegenwehr über- wältigt. Mit den Gummiknüppeln schlugen die Einbrecher dann auf den Wächter los, bis er betäubt zu Boden sank. Ihm wurden dann mehre Taschentücher als Knebel in den Mund gesteckt, auch wurde er an Händen und Füßen mit Stricken und Riemen ge-- fesselt. Die Angeklagten begaben sich nnmnehr in den Juwelier- laden und rafften hier Ringe und Uhren zusaurmen. Inzwischen war es jedoch dem Wächter gelungen, sich der Fesseln zu entledigen. Er schlich sich vorsichtig auf den Hof und weckte hier Hausbewohner. Ter Angeklagte Lenzner entkam, während Wendel im Kellerschacht versteckt aufgefunden wurde.— Vor Gericht legten die Angeklagten ein reuevolles Geständnis ab und erklärten, daß sie den Plan gefaßt hatten, recht wertvolle Juwelen und Goldsachen zu stehlen, damit ihre Eltern nicht mehr arbeiten brauchten.— Ter Staatsanwalt beantragte mit Rücksicht auf das höchst' gemeingefährliche und gcwaltätige Verbrechen der Angeklagte» eine Gefängnisstrafe von je vier Jahren. Tas Gericht erkannte auf je ein Jahr Gefängnis. Versammlungen. Eine gutbesuchte öffentliche Versammlung der Puber von Berti» und Umgegend tagte am Mittwoch in Freyers Festsaal in der Koppenstraße. E. Schulz referierte über:„Die Mißstände in unserem Beruf und wie_ gedenken wir sie zu beseitigen?" Unter den Mißständen trete besonders die Trägerfrage in den Vordergrund. Seinerzeit habe man es durchgesetzt, daß die Träger aus dem Akkord ausgeschlossen wurden, d. h. vom Unternehmer, der den Akkord (Kolonnenakkord) vergab, extra bezahlt werden mußten. In der Zeit der Krise hätten sich aber manche Kollegen nicht mehr daran gc- halten. Den Beschluß, jeden auszuschließen, der sich nicht daran kehre, habe darauf der Verband nicht aufrecht erhalten, um nicht den Unorganisierten das Feld zu überlassen. Die Preise hätten sich da- durch, daß die Träger vielfach wieder in der. Akkord aufgenommen wurden, verringert. Die achistündige Arbeitszeit werde auch nicht genau innegehalten. Die Baubuden seien viel schlechter geworden. Die kurze Konjunktur müsse jetzt ausgenutzt werden im Sinne der alten Beschlüsse. In der Diskussion wurden die gerügten Mißstände noch näher erörtert und auf ihre Beseitigung gedrungen. Schon in den nächsten Tagen müsse damit begonnen werden. Auf eine Anstage aus der Versammlung aniwortele der Referent, die Kollegen sollten da. wo der Träger im Akkord sei, die Aenderung des Vertrages dahin ver« langen, daß er außerbalb des Akkords gestellt werde. In einer Resolution verpflichien sich die Versammelten, die Be- schlüsse hochzuhalten, die als Lohn- und Arbeitsbedingungen für die im Piifcfach beschäftigten Kollegen in Frage kommen. Versuche der Unternehmer, Verschlechterungen herbeizuführen, sind mit aller Macht zurückzuweisen. Fen,er verlangt die Resolution den engen Zusammenschluß der im Putzfach beschäftigten Kollegen im Maurerverband, der einzig und allein als für sie maßgebende Organisation in Betracht komme. Singegangene Dmcfcfckmfteti. Von der„Neuen Zeit*(SWItgart, Pauk Singer) ist soeben da» 27. Heft des 27. Jahrgangs erschienen. Es hat solgenden Inhalt: Der zerfallende Block.— Sekte oder Klassenpartei? Von K. Koutsky.— Die Orgaiiilalionslrise der französischen Gcwerlschasten. Von Joses Stetnri. (Paris).— Di? Arbeitcrinncnbewegung in Oesterreich. Von Adelheid Popp (Wien.)— Literarische Rundschau: Windau Gcorgcwilsch, Die serbische Frage. Von I?. Kl. Dr. E. Philippovich, Grundriß der politischen Oeko» nomie. Von dl. X. Dr. jur. Bockel, Alkoholismus und Recht. Von Dr. Siegsrieda.— Notizen: Dem„Vorwärts" zum Gruße. Von F. M. Lcmd-- agitation nnd Vollskalender. Bon Paul Gollmick. Zur Frage der Einheit der Arbeiterklasse.— Zeilschristenschau. Die„Neue Zeit" erscheint wöchentlich einmal und ist durch alle Buch- Handlungen, Postanstakten und Kolportcure zum Preise von 3,25 M. pro Quartal zu beziehen; jedoch kann dieselbe bei der Post nur pro Quartal abonniert werden. Das einzelne Hest kostet 25 Pj. Probenmnmern stehen jederzeit zur Versägung. Von der„Gleichheit", Zeitschrist sür die Interessen der Arbetlerinnen (Stuttgart. Verlag von�Paul Singer), ist uns soeben Nr. 13-des 19. Jahr- ganges zugegangen. Sie hat solgenden Inhalt: Etwas von der Ver- clcndungstheorie. Von 51. C.— Der Weg der kapitalistischen Wirtschast. Von W. D.— Frauen- und Kinderarbeit in Sachsen. II. Von H. F.— Die Jugendbibliotheken. Von Gust. Hcnnig.— Konsesstonclle Arbeiterinnen» organisatianen.— Von der österreichischen Arbeiterinnenbewegung. Von s. x.— AuS der Bewegung: Von der Agitation.— Jahresbericht der Vertrauensperson der Genossinnen von Mombach.— Die wichtigsten geietz- lichcn Bestimmungen betreffend den Kinderschuh.— Politische Rundschau. Von H. B.— Gewerkschaftliche Rundschau.— Vom Kampfplatz der Texlil- arbcitcr im Eulengebirge. Von ock.— Notizenteil: Dienstbotensrage.— Frauenstimmrecht.— Weibliche Fabriktnspektoren.— Sozialistische Frauenbewegung im Ausland.— Die Frau in öffentlichen Aemtern.— Frauen» bildung. Für unsere Mütter und Hausfrauen: Spruch. Von Friedrich Boden» stedt.— Der Mutterrnstikt der Tiere. II. Von sä.— Verlassen. Von Max Stempel.— Das Auftreten des Eisens in der Kultur. Von Hannah Dorfch-Lewin.— Feuilleton: Ein Laiidjunkcr. Von Nikolaus Gogol. (Fortsetzung.) Für unsere Kinder: Was treibst du, Wind? Von Konrad Ferdinand Meyer.(Gedicht.)— AuS der römischen Geschichte.— Der Ritt in dm Tod. Von Konrad Ferdinand Meyer.(Gedicht.)— Bleisoldatm.— Von Franz Henschcl.— Der Goldregen.— Die Korallen. Von Karl Ewald. (Schluß.)— Der Traum. Von Viktor Blüthgen.(Gedicht.) Die„Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Ps., durch die Post bezogen beträgt der Abonnementspreis vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf., unter Kreuzband 85 Ps. Jahresabonnement 2.00 M. Sind wir kampfbereit? Wie müssen wir gerüstet sein? Von I. Klein. 3 M. M. Rieger(D. u. F. Himmer), Ausgsburg. Der Kindergarten— Lebensblätter— Betrachtungen über Kunst, Gott uud die Welt. Von Richard Dehme!. Jeder Band geh. 3,50 M. — vv IVotniidl». Von O. Wilde. Geh. 4 M., geb. 5 M. S. FiUtoi Berlin, Bülowslr. 9b. Hinter den Kultsie«. Enthüllungen aus dem Bühnenkeben von A. Hossmann. 1 M. G. Birk, München. Was ich erlebte' Von F. Friedmann. 1896—1909, II. Bd., 361 S. A. Puwermacher u. Co., Berlin W. 30. Die Einweihung der Erde. Tragödie von Leonor Goldschmied. 2 M. W. Borngräber, Berlin W. 30. Form und Farbe. Von Fr. Naumann. 2 M.— William Godwi» und Marie Wollstonecraft. Von Helene Simon. 5 M. O. Beck, München. Detektiv Grycc. Kriminal-Roman von A. K. Green. 40 Ps. R. Lutz, Stuttgart. ? Das neue Geseb. Von Dr. Mittler. 40 Ps. R. Keßler, Dortmund. Das Gebirgsdörfchen. Von E. A. Roßmäßler. 1,20 M.— Die Elektrizität. Von L. Poincare. Uebersetzt von Pros. Dr. A. Kalähne. Geh. 3,80 M., geb. 4,40 M. Quelle u. Meyer, Leipzig. Fragen aus dem Einkommensteuergesetz. Von E. Fendrich. 20 Ps. Selbstverlag, Berlin, Schönleinstr. 30. Ter Pegasusritt nach Deulsch-Südwestastika. Don H. Link. t.S0 M. H. Walther, Berlin IV. 30. Reform- Bibliothek. Nr. 1. Reform- Esperanto.— Nr. 2. Wie lerne ich eine fremde Sprache?— Beide Nummern von A. Seidel. Einzclhcst 20 Pf. O. Kunze, Stcglitz-Berlin. Krankheiten und Ehe. Lieserung 2. Herausgegeben von Pros. Dr. H. Senator und Dr. S. Kamincr. 25 Licjerungen a 50 Ps.— S. Schotlländnh Berlin W. 35. Ratgeber für die Hinterbliebenen bei TödeSsällen. Bon A. Sänger. 25 Pf. A. Fischer, Rixdors. Mahlowerstr. 32. Deutsche Charaktcrköpfe. Von V. Capelle. Bd. 3. Heinrich Pestalozzi. Eine Auswahl aus seinen Briefen und kleineren Schriften von Dr. H. Walsemann. Geb. 2 M.— Bd. 4. Joachim Nettelbcck. Eine Lebensbeschreibung, herausgegeben von M. Schmitl-Harllieb. Geb. 2 M.— Bd. 5/6. GoetheS Freiindinuen. Briese zu ihrer Charattenstik, ausgewählt und eingeleitet von Gertrud Bäumcr. Geb. 3 M.— Die materialistische Epoche des neunzehnten Jahrhunderts und die phä» nomenologifch-monistische Bewegung der Gegenwart. Rede, gehalten von Pros. Dr. P. Vollmann. Geh. 1 M. Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin.________ WasscrftandS-Nachrichten her LandeSanst-lt sür Gewässerkunde, mitgeteA vom Berliner Wetterbureau. Wasserstand Memel, Tilsit Pregel. Jnstervurg Weichsel, Thorn Oder, Ratibor » Krassen . Frankfurt Wa r t h e, Schrimm . Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden a Bardo . Magdeburg am> seit 31. 3. 30. 3. cm 422») 336 497 396 438 455 362 243 134 213 135 450 412 cra') +56 +46 -23 +31 —4 +6 —14 +49 +13 +4 —10 —3 U-O Wasserstand Saale, Grochlltz Havel, Spandau») , Rathenow») Spree, Sprcmberg») , BeeSkow Weser, Münden ,.Minden Rhein, MaximilianSau , Kaub . Köln Neckar, Heilbronn Main. Wettheim Mosel, Trier am 31. 3. cm 273 117 118 94 156 63 143 398 230 317 109 223 162 lest 30. 3. cm') —5 +1 —2 —2 +16 +11 -2S —2 —18 -37 —1 -14 -3 »)+ bedeutet Wuchs,— Fall.—») Unterpeqel.—*) Eisstand.— Telegraphisch wird heute vom Pregel bei Jnsterburg von 7'/, bi» 10 Uhr vormittags Eisstand, von 10 Uhr an Eis st o p s u n g gemeldet. Verantwortlicher Redakteur: Haus Weber, Berlin,.Für den Inseratenteil versntw,: Th, Glocke, Berlin, Druck u.Verlag-Vorwärts Buchdruckerei u. Verlaasanstalt Paul Einger&&>., Berlin SW. Nr. 78. 26. Jahrgang. 2. Scilii« Ks Jotaiiiits" fnliiin iolliülilnlt. kreitag, 2. Aptll 1969. Partei- TZngelegenkeiten. Schöneierg. Heute Freitag, den 2. d. Mts., abends 8 Uhr findet die Fortsetzung der DiSrussion über das Kommunistische Manifest bei I. Wieloch, Gruncwaldstraße 110 statt. Der Vorstand. Marienfelde. Sonntag, den 4. April, nachmittags Uhr findet im Lokal von Adolf Berger, Berlinerstrafie Iis eine Volksversammlung statt. Genosse Kubig-Pankow wird einen Vortrag halten über .500 Millionen neue Stenern und die arbeitende Klasse". Die Ge- Nossen werden ersucht, recht rege für den Besuch zu agitieren. Der Vorstand. Pankow. Die Parteispedition für Pankow, Nieder-Schönhausen und Französisch-Buchholz befindet sich vom 1. April ab in der Mühlcnstr. 30 beim Genossen O. Ristmann. Glienicke bei Hermsdorf. Am Sonntag, den 4. April 1909, nachmittags 4 Uhr, findet im Lokale von Heinrich Schulze(früher Trampel). Hauplstrahe, eine Volksversanimlung statt. Genosse Emil Unger referiert über.Klassenkämpfe". öerlmer JVacbricbtcn. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Was lange währt, wird nicht immer gut. Die Arbeiten zur Neugestaltung des Rettungswefens haben lange genug gedauert, aber aus all den Erwägungen, Ver- Handlungen und Beratungen ist nicht viel„Neues" herausgekommen. An der Vorlage des Magistrats hatte der Ausschuß, dem sie zur Prüfung überwiesen worden war, eine Reihe Aenderungen vorgenommen, doch der Kern— der nicht gute— war unangetastet geblieben. Gestern berichtete der Ausschuß an die Versammlung, und es folgte dann noch ein- mal eine lange Debatte über verschiedene Abänderungs- antrüge. Von prinzipieller Bedeutung waren die A n t r ä g e der sozialdemokratischen Fraktion. Vor allem wurde die alte Forderung erneuert, daß das Rettungs- Wesen zu ver stadtlichen sei. Für den Fall der Ab- lehnung dieses Antrages wurde empfohlen, das nach den Vor- schlügen des Magistrats bezw. des Ausschusses„neugestaltete" Rettungswesen durch ein Kuratorium aus M a g i- stratsmitgliedern, Stadtverordneten und Bürgerdeputierten beaufsichtigen zu lassen. Die Bürgerdcputierten seien zu wählen aus Vorschlag der Zen- tralkommission der Krankenkassen, denen ein mitbe- stimmender Einfluß auf die Beaufsichtigung des Rettungs- Wesens gebühre. Von unseren Genossen Koblenzer und Wehl wurden diese Forderungen begründet, aber die frei- sinnige Mehrheit der Versammlung war hierfür nicht zu haben. Nicht einmal der Vorschlag einer Beaufsichtigung durch ein eigenes Kuratorium fand ihren Beifall. Bürger- meister Reicks vertröstete darauf, daß man vielleicht später diesen Gedanken ausführen könne. Die Beschlüsse, die zu- stände kamen, lassen im wesentlichen alles beim alten. Sie schassen keine Einheitlichkeit, sie überlassen nach wie vor das Rettungswesen privaten Kreisen— aber sie wahren allerdings das freisinnige Prinzip, daß die Kom- mune zum gemeinen Besten möglichst wenig tun dürfe. Am Hungertuch. An meiner Wohnungstür läutet es, in der Dämmer- stunde, noch ehe die Treppen erleuchtet sind. Im Halb- dunkel erkenne ich ein höchstens zehn Jahre altes, dürftig gekleidetes, bettelndes Mädchen.„Weiß Deine Mutter, daß Du betteln gehst?" frage ich ernst und eindringlich. Und mit einer Offenheit, die ich nicht erwartet hatte, antwortet das Mädchen ein klares Nein.„Ja, warum gehst Du denn aber ohne Erlaubnis betteln?" Erstaunt, ohne jede Scheu, sieht mich die Kleine voll an:„Weil ich solchen Hunger habe!"... Ich forschte der Sache nach, fand bald heraus, daß das Mäd- chcn die Wahrheit sagte. Die Mutter, eine Witwe mit vier Kindern, die im Ouergebäude einer vorstädtischen Miets- kaserne eine aus Stube und Küche bestehende, sehr ärmlich eingerichtete, aber sehr sauber gehaltene Wohnung innehatte, wußte tatsächlich nichts von dem Bettelgang ihres Kindes. Die Frau war aufgebracht, das Mädchen sollte Schläge be- kommen. Bittend fiel ich der Erregten in den Arm:„Erzählen Sie mir lieber, wie es hier zu Hause steht und was das Kind zu seinem schweren Gang veranlaßt hat!" Mißtrauisch prüft mich die Frau aus dem Volke mit seltsam flackernden, fast kampfbereiten Augen. Scharf tauchen unsere Blicke inein- ander. Als ob das eine Augenpaar sagen wolle: Was geht's Dich an?.... Eine halbe Stunde später kannte ich die Geschichte einer unglücklichen, ihr Leid verschwiegen tragenden, hart um das Stück Brot ringenden Familie. Eine Geschichte wie tausend andere auch. Der Mann war verunglückt, gleich zu Tode gekommen, gerade vor einem Jahre, bei der Arbeit natürlich. „Bei der Arbeit?" frage ich aufhorchend.„Da erhalten Sie doch für sich und die Kinder llnfallrente?" Die Frau schlägt ein bitteres Lachen an:„Unfallrente t Jawohl... hier ist der Wisch. Ein volles Jahr haben wir darauf gewartet... um unser Unglück nur noch herber zu fühlen. Abgelehnt mit allen Entschädigungsansprüchen, weil das Unglück nicht im Betriebe passiert ist! Sie müssen wissen, es war Blutsturz. In seinem Blute schwimmend... so brachten sie ihn mir von der Straße ins Haus. Warum haben ihn nicht die Räder der Maschine zermalmt? Dann war er doch auch tot, so schnell und sicher tot, wie vom Blutsturz. Dann war seine Familie nicht dem Elend preisgegeben. Und doch... ich n�iß es bestimmt... ich könnte es beschwören... im l�c, bei der harten Arbeit, in der stickigen Maschinen- mye, hat er sich sein Leiden zugezogen. Kann ich dafür, daß �. e§ besser wissen will? Der allwissende, unfehlbare -!knrUc ben Toten sah und niemals den Lebenden? Er QUch fv gestorben, sagt der Doktor. Jawohl, das glaube « Ü!: 7� haucht mir der Arzt nicht erst zu sagen. Aber was wir feit Jahresfrist gelitten, was wir gehungert und gefroren vaben..„g er|D0�j|(j)0n mQj �Qran g�acht hat, �„ �,, M.?-�'�L�°�nschaft. mit feiner das Kapital Mutzenden Wel-helt?- In ohnmächtiger Erkenntnis ihrer �l�wemte dle Frau fast hysterisch. Aengstlich hatten sich die � bKd-n i" tnf ben Hintergrund des Zimmers fflÄ; hit m.' Tr?f e" fdE,ricrt«ach Brot. Ein Glück. daß ich dic.. i.ot, die aus allen �ugen hervorsah, ein wenig zwar Ünd�wovnn°kÄ� S|rnsKrnn.tc'«ur für den Augenblick. »Und wovon leben Sic.- Wie kommen Sie durch?" forschte ich.„So kann es doch unmöglich weitergehen. Hilft denn die Stadt nicht?" Fast trotzig schnellte die Frau von der Bettkante empor.„Die Stadt! Ja doch, sie hilft. Gibt, was sie geben muß. Na, Sie wissen doch... zum Sterben ist's zuviel. Aber es langt beinahe zur Miete. Ach, diese erbärinliche Abhängigkeit, dieses Bitten und Jammern um Brot. Nein, ich will kein Almosen, das nicht zum Leben reicht. Ich will Arbeit und ich... bekomme so selten Arbeit!" Wie ein Aufschrei klang's aus gequältem Mutterherz.„Und wenn ich treppauf, treppab laufe nach Arbeit, wenn zu Hause meine Kinder nach Brot schreien... dann stiehlt sich die Aelteste fort und bettelt an den Türen um Brot... nur aus Hunger. Sie haben recht, das Kind kann nicht dafür... es wird iwch öfter betteln gehen und machtlos muß ich es dulden. Warum bin ich nicht jung und schön? Ich verkaufte mich für meine Kinder. Aber so'n altes abgerackertes, in Not und Arbeit verdummtes und verbrauchtes Weib... das will mchhjnal der da... der uns... das Almosen hin- wirft!" Schmerzlich nickte ich und— verstand. Aber schließlich wird sich doch mal ein Anspruchsloser�finden, der die letzte Moral in den Kot tritt und den Leib' kauft... um ein Stück Brot für die hungernden Kinder. Seitdem frage ich nicht mehr, wenn ein bettelndes Kind im Abenddunkel schüchtern an meine Tür pocht, nach Woher und Wohin. Wortlos gebe ich mein Scherflein, mache jedes hungrige Mäulchen satt, so weit es in meiner Kraft steht, und erinnere mich, daß auch mein Jugendweg in ähnlicher Weise über die Dornen des Proletarierlebens ging und Hunderttausende zu gleichem Los verurteilt sind in unserer göttlichen Weltordnung. Der Borstand des Brandenburgischen Städtetages hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, den diesjährigen Städtetag in Rixdorf abzuhalten und als Sitzungstage Sonntag, den 19., Montag, den 20. und Dienstag, den 21. September 1909 vorzusehen. Im Berliner Stadt- und Borortvertchr treten in diesem Monat die nachfolgenden Aenderungen ein: Auf den Strecken Lehrter Hauptbahnhof-Spandau-Nauen(-Wustermark) ist für die Werk- und Sonntage mit dem gestrigen Tage ein neuer Fahrplan in Kraft getreten. Zwischen Lehrter Hauptbahnhof und Spandau sind die Züge, wie bisher, zur Benutzung mit V o r o r t- Fahrkarten freigegeben. Vom Sonntag, den 4. April ab verkehren an den Sonn- und Festtagen außer den fahrplanmäßigen Zügen noch eine größere Zahl von Sonderzügen auf den Stadtbahnstrecken: Karlshorst-Cöpenick-Friedrichshagen-Erkner, Meder-Schönewcidc- Grünau, Grunewald-Wannsee-Potsdam und Schöneberg-Halensec- Grunewald. Auf Bahnhof Treptow tritt an den Sonntagen eine anderweite Abfertigung der Züge ein: die Südringzüge und die über die Stadtbahn verkehrenden Züge von und nach Nieder-Schöncwcide und Grünau werden am Bahnsteig A, die V o l l r i n g züge und die von Grunewald(Westend) über den N o r d r i n g nach Nieder-Schöneweide und zurück verkehrenden Züge am Babnsteig R abgefertigt. An den Werktagen halten alle Züge am Bahnsteig A. Wegen des schlechten Pflasterzustandes einer neuen Berliner Straße ist eine anderweitige Streckenführung der Automobil-Omni- buslinie R(Kreuzberg-Armmplatzi nutwendig geworden. Es han- delt sich um die in dem abgerissenen Scheunenviertel neu angelegte Amalienstraße, in welcher das Pflaster schon nach kurzer Zeit der- artig holprig geworden ist, daß durch die Erschütterungen die Ma- schinen der Kraftwagen vielfach Beschädigungen erlitten. Aus diesem Grunde werden die Wagen der Äutomobil-Omnibuslinie R statt durch die Kaiser-Wilhelm- und Amalienstraße durch die Gre- nadicr-, Linien» und Alte Schönhauser Straße geleitet. Eine Schulivorrichtung im Berliner Fährverkehr durch eine all- gemeine Einführung des Hinterzeuges bei Geschirren verlangt der Berliner Tierschutzverein in einer Eingabe an das königliche Poli- zei-Präsidium. Bisher besteht diese Vorschrift nur für einspännige fuhrwerke. Die sich stets mehrenden Zusammenstöße im Straßen- verkehr lassen es indessen angezeigt erscheinen, diese Vorschrift auch auf Zweispänner auszudehnen. Erstens können Fuhrwerke, die plötzlich in Gefahr komnien mit anderen zusammenzustoßen oder einen Menschen zu überfahren, das Unglück meist leichter abwenden, wenn sie die Pferde zwingen können, sich mit ihrem Körper sofort nach rückwärts ins Geschirr zu werfen. Das Anziehen der Bremse wird bei unvermuteten Ereignissen gewiß oft zu spät bewirkt oder überhaupt vergessen. Das Hinterzeug dagegen tritt auf einfachen Zügeldruck sofort in Tätigkeit. Zweitens, so besagt die Petition weiter, wird durch die allgemeine Einführung des Hinterzeuges auch der Verkehr erleichtert. Fast bei jedem Abriß oder Neubau eines Haui'es, bei Straßenaufschüttungen usw., wo die Lastwagen oft zu tief in den Schutt oder Sand hineingefahren sind, kann man unmenschliche Tierquälereien wahrnehmen, die jedoch wegen Feh- lens des Hinterzeuges unvermeidlich sind. Die bedauernswerten Pferde müssen nur mit der umgehängten Halskoppcl die schwere Last zurückzuschieben suchen, was einzig durch die furchtbarste tlcberanstrengung auszuführen geht, da der Pferdchals nicht zum Ziehen veranlagt ist. Drittens würde die allgemeine Einführung von Hinterzeug allen jenen Verkehrsstockungen vorbeugen, die heut stattfinden, wenn die lautschallenden Rufe und Peitschenhiebe der Kutscher die Vorübergehenden, darunter jedesmal viele Kinder, zum Stehenbleiben und Zusehen veranlassen. Zur Erpressungsaffäre Dahsel. Die gerichtliche Untersuchung gegen den Redakteur Dahsel, der bekanntlich der Erpressung gegen den Grafen Frankcnberg beschuldigt ist, scheint noch wichtige Eni- hüllungcn zutage zu fördern. Der Untersuchungsrichter, Landgc- richtsrat Schmidt, hat sich durch das Studium der bei Dahsel be- schlagnahmten Papiere veranlaßt gesehen, auch noch andere„Fälle" einer Prüfung zu unterziehen. Schon seit einigen Wochen werden nach dieser Richtüng Zeugen vernommen, die über versuchte Er- Pressungen und Nötigungen befragt werden. Fünf voluminöse Aktenstücke sind darüber bereits entstanden. Auch unterliegt nicht nur die Tahselsche Tätigkeit bei der Bru huschen„Wahrheit" der kritischen Untersuchung von Staatsanlvalt und Richter, sondern diese greift weiter zurück, bis in die Zeit, da die„Staatsbürger- Zeitung" noch unter dem Zepter Bruhns und der Redaktion Dahsels stand. Ebenso soll eine Art Zwischenspiel Dahsels nach seinem Ab- gange von der„Staatsbürgcr-Zeitung" und bevor ihn sich Herr Bruhn wieder für seine„Wahrheit" sicherte, noch Anlaß zu krimi- nellen Untersuchungen bieten. Dahsel lvar um diese Zeit Haupt- redakteur eines Blattes, das in Berlin vor zwei Jahren Herr Ahl- Wardt für einige Monate ins Leben gerufen hatte und den stolzen Titel„Die Freiheit" trug. In ihr erschienen unter dem Aushänge- schtld eines Wirklichkeitsromanes fortgesetzt Artikel, die sich mit dem Fürsten Hohenlohe beschäftigten und der wörtliche Abklatsch aus einem ein Jähr früher erschienenen Buche Ahlwardts waren. Diese Artikel sollen auf Nötigung ausgegangen sein und teilweise auch Erfolg gehabt haben, indem ein hiesiger bekannter Justizrat tatsächlich auf Veranlassung des Fürsten an einen Hintermann der „Freiheit" Geld gezahlt hat. Ob und inwieweit Dahsel hierbei seine Hand im Spiele hatte, ist noch nicht ermittelt. Erschwert wird die ganze Sache dadurch, daß Dahsel nach seiner ersten Verhaftung, die nur wegen des Falles Frankenbcrg-Schu!uordt erfolgte, wieder auf freien Fuß gesetzt wurde und dadurch Gelegenheit erhielt, seine Papiere zu sichten und vielleicht auch verfängliche zu vernichten. Man besitzt also gegenwärtig nur das, was bei Gelegenheit der Franlenbergschcn Angelegenheit beschlagnahmt wurde, und dann tcoch die kleine Nachlese nach der ziveiten Verhaftung, Die umfang- reiche Zeugenvernehmung dürfte wohl sicher noch weitere Ausklä- rungen und Ueberraschungen bringen. Aus Anlaß des fünfundzwanzigjährigrn„Vorwärts"- Jubiläums sind uns aus den Reihen unserer Leser und Parteigenossen zahlreiche Glückwünsche zugegangen. Wir nehmen davon Ält, darauf verweisend, daß diese Glückwünsche der Berliner Parteigenossenschasr gelten, die durch ihre rastlose Arbeit den„Vorwärts" zu dem gemacht haben, was er heute ist und die fortgesetzt an der Erweiterung der Einflußsphäre ihres Kampforgans arbeiten. Auch Erinnerungen werden bei dieser Gelegenheit aufgetischt, von denen wir nur folgende wiedergeben wollen. Genosse Robert Weber, Fruchtstr. 42, schreibt uns:„Als im Jahre 1884 der Fachverciu der Möbelpolierer für geschweifte Arbeit vor einer Lohnbewegung stand. benutzten ein Kollege C. Kurth und ich die Gelegenheit, die Probe- nummer des„Berliner Volksblatt" unter den Möbelpolierern zu ver- breiten und es gelang in den sehr gut besuchten Versammlungen 118 oder 113— genau weiß ich eS nicht mehr— Abonnenten zu gewinnen, von denen ich bis heute ununterbrochen einer bin. Hoffen wir, daß wir nach abermals 25 Jahren rufen können: Sieg auf der ganzen Linie! Trotz alledem!" Auch eine Anzahl anderer Genossen, die noch heute tätig sind, haben vor 25 Jahren wie der oben bezeichnete Genosse in gleicher Weise für die Verbreitung des„Volksblatt" geivirkt. Erwähnen wollen wir bei dieser Gelegenheit auch, daß von unseren Zeitungs- jetzern vier Genossen an der Herstellung der ersten Nummer des „Volksblatt" niitgewirt haben. Häufige Brände in der Goldleistenfabrik des Ho fliese- r a n t e n August Werkmeister jr., Brunnenstr. 194, erregen nach- gerade in weiteren Kreisen Aufsehen. Nachdem in den letzten Jahren hier wiederholt schlvere Brände bekämpft tverdcn mußten, darunter einer, der der Feuerwehr stundenlange Arbeit machte, entstand in der Nacht zum Mitwoch schon wieder ein größeres Schadenfeuer. Es ist auffällig, daß hier die Brände stets in der Nacht auskommen. Will man nicht Brandstiftung annehmen, so muß man mit fehlerhaften Einrichtungen oder ungenügendem Feuerschutz rechnen. In dem betreffenden Hause befinden sich auch zahlreiche Privathaushaltungen, die von den häufigen Bränden leicht in Mitleidenschast gezogen werden können. Zu der Berzweiflnngstat des Arbeiters H„ über die wir berichtet haben, wird uns»och geschrieben: Am Montag und Dienstag lvar in verschiedenen Blättern zu lesen, daß der Arbeiter Hilbig aus Angst vor Nahrungssorgen sich das Lebe» genommen hat. H. lvar jahrzehntelang bei der Firma Held u. Franke als Bauarbeiter tätig. Bor mehreren Monaten erlitt derselbe einen Unfall, indem er in einen Schacht stürzte und sich ganz erheblich verletzte. Er wurde arbeitsunfähig. Die Berufsgenossenschaft erkannte seine Ansprüche nicht an. Angeblich soll H. angetrunken gewesen sein, wie sich der' Polier bei der Verhandlung ausgedrückt haben soll. Ich kenne H. dagegen seit zirka sieben Jahren als einen nüchternen, arbeit- samen Menschen; obengenannte Firma würde auch kaum einen Ar- beiter so lange Jahre beschäftigen, wenn derselbe zur Trunksucht neigt. H. verlangte nun auf Grund seiner Jnvaliditätskarte die ihin zustehende Juvaliditätsrente; auch hier wurde er abschläglich bc- schieden. H. war 59 Jahre alt. Bei Erhalt deS letzten ablehnenden Schreibens griff H. zum Revolver und erschoß sich. Sämtliche Hausbewohner hatten die Ueberzeugung. daß der Mann arbeitS- unfähig war." Unter kaufmännischer Leitung stand eine Eiubrecherbande, die gestern von der Kriminalpolizei unschädlich gemacht wurde. Leder- diebstähle, vie seit einiger Zeit in großer Zahl verübt wurden, fielen durch die Sachkunde ans, mit denen die Einbrecher bei der Auswahl zu Werke gingen. Weil es sich stets um schwere Beute handelte. die man nicht wegtrageil konnte; so beobachtete die Kriminalpolizei das Fuhrwerk, das sicb nachts auf dcu Straßen bewegte und kam so auf die Spur der Bande. Ihr Fuhrunternehmer war der„süße Hermann", ein früherer Händler Hermann Reichert auS Pankow, der morgens und abends Zeitungen nach der Post fuhr und nachts mit seinem Schlächterwagen und seinem Braunen den Ledordieben zur Verfügung stand. Der sachverständige und kaufmännische Leiter der Bande war ein Kauf- mann Karl Kolinski. Dieser war früher in Ledergcschäften tätig. Jetzt besuchte er die Lederfirme» als„Agent", nicht um Geschäfte zu machen, sondern um stets zu wissen, für welche Art Ware er leicht Abilehmer und die besten Preise finden werde. Kolinski, der also stets die Marli- und Warenlage kanute, unterrichtete sich bei seinen Besuchen auch örtlich über das Lager. Er wußte stets, wo ein Einbruch möglich war und lohnte. Zur AnSführliiig seiner Pläne hatte er einen Spezialisten an der Hand, einen alten Einbrecher, Willi Laser, einen vorzüglichen„Knacker". Laser stellte wieder die erforderlichen Hilsskräste, drei bisher unbescholtene, stellungslose Hausdiener, die besonders das Abtragen besorgen mußten. Der Hehler der Bande war ein Händler Rose in der Koppenstraße. Zu allen Verabredungen traf man sich in Kneipen in der Gräfe- und Skalitzer Straße. Waren Ort und Zeit eines Einbruchs festgesetzt, so brachte Reichert mit seinem Wagen die ganze Gesellschaft möglichst nahe heran. Dann sprang alles ab. Laser„knackte",'Kolinsti wies an, die drei«Gehilfen" nahmen ihre Stücke auf die Ach�l; im Handumdrehen war der Wagen beladen und dann ging es rm Galopp nach Pankow hinaus, wo die Beute in Reicherts Schuppen einstweilen untergestellt lvurde. Kolinski blieb in Berlin, um gleich am nächsten Morgen Rose ein Angebot zu mache». Wurde er mit ihm handelseinig, so brachte Reichert am selben Nachmittage noch die Ware und lvurde abgclohnt. Daun ging Kolinski zur Abrechnung nach der Gräfe- oder Skalitzer Straße. Für seine Bemühungen als Sachverständiger und kaufmännischer Leiter berechnete er sich stets 20 bis 25 M. Den Rest teilte er mit seinem Einbrecher und dessen Spießgesellen. Bei diesem Geschäfte wurde gestern die Gesellschaft von Kriminalbcainten überrascht und aufgehoben. Alle sind geständig. Bei dem Hehler wurden noch für 6000 M. Leder beschlagnahmt. Das andere war bereits an Schuh- fabrikanten verkauft und verarbeitet. Das Polizeipräsidium teilt mit: Am 1. März er. hat sich der Buchbinder Otto Härtling. 26. Mai 1872 in Langondorf geboren, ans seiner Wohnung Franzstr. 4 entfernt und ist bis jetzt noch nicht zurückgekehrt. ES wird vermutet, daß ihm ein Unglück zugestoßen ist oder daß er Selbstmord verübt hat. Er war 1,70 Meter groß, hatte blondes Haar und blonden Schnurrbart, ovales blasses Gesicht und war bekleidet mit schlvarzem Winterübcrzieher. Personen, welche über den Vermißten nähere Angaben machen können,»vollen sich in den Vormittagsstunden im Polizeipräsidium Zimmer 24ö inelden oder zu den Aktenzeichen 1126 IV/16. 09 hierher Mitteilung machen. Zeugen gesucht. Personen, die gesehen haben, wie am 18. Ja- nuar, mittags 12 Uhr, in der Prenzlauer Allee, nahe der Fröbcl- straße, ein Mann von der Elektrischen umgestoßen wurde, in-- besondere der Herr, der den Umgestoßenen aushelfen wollte, werden dringend gebeten, Ihre Adressen bei Hähncl, Woldcnberger Straße S. Seitenflügel 3 Treppen, abzugeben. Großfeuer kam gestern mittag um 11 Uhr in der Stralauer Straße 36, neben dem neuerbauten Direktion-gebäude der städtischen Gaswerke, wo sriiher die Waisenlirche stand, zum Ausbruch. Es soll durch die Unvorsichtigkeit eines Lehrlings cntstaudeir sein, der mit einem offenen Licht einem mit Korken gefüllten Sack zu nahe kam. AlS die Feuerwehr in großer Stärke an der Brand- stelle erschien, brannte der erste Stock deS OuergebaudcS auf dem Hofe in großer Ausdehnung. Eiiie Lotterie- Einnahme, die im selben Stock in unmittelbarer Nähe sich befand, war im höchsten Grade gefährdet. Zum Glück war die Decke des neuen massiven OuergedäudeS feuersicher. Die Wehr unier Leitung des Branddirektors Reichel gab mit fünf Schlauchleitungen von Dampfspritzen Wasser, das aum größten Teil direkt der Spree entnommen wurde. Dem energischen Vorgehen der Feuerwehr ist eS zu verdanken, daß der Brand auf das erste Stockwerk des Quer- gebäudes beschränkt blieb. Die Flammen hatten an den enorm großen Vorräten von Korken der Firma E. A. Berghauer reiche Nahrung gefunden. Trotzdem war die Gefahr schon nach einer Stunde beseitigt. Die Aufräumungsarbeiten nahmen aber noch längere Zeit in Anspruch. Feuerwchrbericht. Gestern früh um S'/s Uhr kani ein sehr gefähr- licher Brand in der Bülowstr. 83 zum Ausbruch. Bohnermasse war dort in Brand geraten. Die Flammen hatten gleich eine große Aus- dehnnng erlangt, so daß der 12. Zug unter Leitung des Brand- nieisters von Fricken längere Zeit zu tun hatte und mit zwei Schlauchleitungen Wasser geben mußte, um eine weitere Ausdehnung zu verhüten.— Derselbe Zug hatte in der letzten Nacht in der Frobenstr. 30 einen größeren Dachstuhlbrand zu löschen. Boden- verschlage mit Inhalt standen nachts um 2 Uhr dort in Flammen. Diese fanden rasch Nahrung und erfaßten das Gebälk. Durch energisches Vorgehen und kräftiges Wassergeben mit mehreren Schlauchleitungen von Dampfspritzen gelang es, den Brand auf den Dachstuhl zu beschränken. Die Entstehung konnte nicht ermittelt werden. Auf dem Hofe Fcnnstr. 31 brannte nachts Benzin und auf dem Leipziger Platz vor dem Hause Nr. 16 ein Automobil. Der Brand eines Müllwagens veranlaßte das Ausrücken des 15. Zuges nach dem Bahnhofe an der Beusselstraße. In der Potsdamer Str. 42 brannte Packmaterial u. a. in einer Wohnung. Ferner hatte die Wehr in der Linienstr. 217, Gartenstr. 47, Großen Frankfurter Str. 5 und anderen Stellen zu tlin. Vorort- JVacbncbtcm Eine Etatsverabschiedung um Mitternacht. Die Rixdorfer Stadtverordnetensitzung am Mittwochabend führte zu dem Schluß der Etatsberatungen. Eingangs berichtete Oberbürger- meister Kaiser, daß seine Verhandlungen mit der Großen Berliner Straßenbahn ztveckS Erlangung von Straßenbahnkarten für die Stadt- verordneten unter gewissen Erleichterungen negativ verlaufen sind. Der Antrag, nunmehr zu diesem Zweck 6000 M. in den Etat einzu- stellen, wurde nach längerer Diskussion mit 26 gegen 23 Stimmen angenommen. Das Kapitel„Aus Vorjahren" und der Voranschlag über die vorhandenen Sammelfonds wurden ohne Debatte ge- nehnngt. Die Versammlung wendet sich darauf der Dcckungsfrage zu. Den Mehrbedarf will der Magistrat dadurch decken, daß er unter die Gemeindesteuern eine Schankkonzcssionssteuer neu auf- genommen hat; ferner soll die Grundsteuer von 2,9 Promille für bebaute und unbebaute Grundstücke auf 3 Promille für erstere und 6 Promille für letztere, sowie die Hundesteuer von 25 aus 30 M. erhöht werden. Der Rechnungsausschuß schlägt bor, die Grundsteuer für unbebaute Grundstücke ans 5 Promille festzusetzen. In der äußerst langen und lebhaften Generaldebatte präzisiert als erster Redner Stadtv. W u tz k y in eingehender Rede die Stellung seiner Freunde zu den anzuwendenden Mitteln für die Balan cierung des Etats. Die sozialdemokratische Fraktion nehme grundsätzlich den Standpunkt ein, daß in erster Reihe ein Ausbau der die leistungs- fähigen Schultern treffenden Realsteuern in Betracht zu ziehen fei. Wenn dies geschehen und trotzdem noch mit einem Minus gerechnet würde, dann»mffe eben, wenn absolut kein anderer Ausweg bleibe, an die eventuelle Erhöhung des Zuschlages zur Einkommensteuer gedacht'werden. Dieser Gedanke dürfe und könne nicht schrecken angesichts der Tatsache, daß auch Berlin und andere Groß-Berliner Gemeinden schwerlich noch lange ohne dem aus- kommen würden. Die Schankkonzessionssteuer trifft ungerechterweise den schon sehr belasteten Gastwirtsstand und würde zweifellos zum Teil auf die Konsumenten rückwirken; ihr könne man deshalb nicht zustimmen. Anders sei es mit der Grundsteuer, die eine Erhöhung verträgt, wie sie der Magistrat vorschlägt. Redner wirft aber dem letzteren Mangel an Weitsichtigkeit vor, da er die zugesagte Steuer- reform nicht— wie versprochen— im Laufe des verflossenen JahreS vor dem Etat zur Durchführung gebracht habe, dann auch eine gute Stenerquelle, die Wertzuwachssteuer, außer acht gelösten hat. Im Namen der Gerechtigkeit müsse' aber verlangt werden, daß der infolge der kommunalen EntWickelung, also durch die Arbeit der Allgemeinheit den Grundbesitzern in den Schoß fallende ungeheuere Wertzuwachs an Grund und Boden auch der Repräsentantin der Allgemeinheit, der Kommune, nutzbar gemacht würde. ES sei unver- antwortlich, wenn anderwärts wohnende Bodenspekulanten sin Rixdorf ist drei Viertel alles unbebauten Geländes in solchen Händen) kolossale Gewinne auS den, Aufschlvung Nixdorfs zögen, ohne auch nur einen Finger dazu zu rühren. Verständlich erscheine eS da, wenn bereits 47 größere und eine ganze Anzahl kleinerer preußischer Gemeinden die Wertzuwachssteuer eingeführt haben. Je m�r die Stadt aus- gebaut würde, um so mehr geht die Ertragsfähigkeit einer Wert- zuwachSstener zurück. Redner, der durch Material Beweise bei- bringt, sagt schließlich, daß die Besitzenden stolz sein sollten, wenn sie mit ihren Mitteln zum Ausbau der kommunalen und sozialen Einrichtungen beitragen könnten. Geschieht daö nicht in der angeführten Weise, dann könne natürlich auch nicht von einer Zu- stimmung seiner Freunde zu einer Einkommensteuer-Erhöhung die Rede sein. Die Stadtbv. Abraham, Gröpler, Niemetz, Selt- mann und der Stadtverordnetenvorsteher Sander wandten sich gegen den Vorredner. Sie plädierte» für Schonung der Grundbesitzer, die durch Straßenbaukosten und durch die Grundsteuer schon genug belastet werden, so daß viele vor dem Ruin ständen. Die beiden Erstgenannten lehnten auch die Schankkonzessionssteuer ab und schlugen vor. das Defizit aus den AuSgleichfonds zu decken. Oberbürgermeister Kaiser suchte den Magistrat gegen die Vor- würfe des Stadtv. Wutzky zu verteidigen. Die Wertzuwachssteuer ei aus taktischen Gründen nicht in Vorschlag gekommen; die Grund- besitzcr hätten angesichts der Grundsteuererhöhung mit Recht(?!) eingewandt: nur nicht alles auf einmal I Warum lehnen die Herren von der Linken die Schankkonzessionssteuer ab? Sie ist doch auch nur eine Wertzuwachssteuer, welche die Bauunternehmer tragen. In anderen Städten haben die Gastwirte selbst die Steuer verlangt. Bürgermeister Dr. W e i n r e i ch tritt ebenfalls für die Schankkonzessionssteuer ein. ES drängen sich so viele ohne jede Vor- bildung dazu ausgerüstete Elemente in den Gastwirtsstand, daß zu seiner Milde im Sinne der Gegner der Steuer kein Anlaß vorliegt Die Stadtvv. P a g e l s(Soz.) und Wutzky(Soz.) greifen noch wiederholt in die Debatte ein und zerpflücken die gegen die WerrzuwachSsteuer und für die Schankkonzessionssteuer ins Treffen geführten Gründe. Ecsterer rückt besonders die Rede des zweiten Bürgermeisters ins rechte Licht, welcher— wie er sagt— so gar lein Verständnis für die Leiden der durch Polizeischikancn und Ge- sinnungsschnüffelei drangsalierten und in ihrer Existenz gefährdeten kleinen Gastwirte zu habe» scheint. ES folgt die Abstimmung. Die Einkommensteuer bleibt bei hundert Prozent, die Hundesteuer wird auf dreißig Mar! erhöht. lieber die Grundsteuer und die Schankkonzesfionssteuer wird namentlick abgestimmt; erstere wird mit sechs Stimmen Mehrheit auf 3 bezw. 6 Promille festgesetzt, die letztere, mit 34 gegen 20 Stimmen abgelehnt. Da nunmehr ein Minus von rund 100 000 M. noch zu decken bleibt, ersucht Stadtv. Groger sSoz.) den Magistrat, zu diesem Zweck baldmöglichst der Versammlung Vorschläge zu machen.(Zurufe vom Magistratstisch: Das ist jetzt Ihre Sache!) Hierauf nimmt Oberbürgermeister Kaiser das Wort und macht gereizt gegriffene Hinweise auf Posten, an denen gespart werden könnte, darunter das Krankenautoniobil, die Dampfspritze usw. Die Sozialdemokraten protestieren gegen dies Verfahren; Stadtv. Wutzky ruft erregt: Streichen Sie doch die Magistratsgehälterl Als die Versammlung sich anschickt, über die Vorschläge des Oberbürgermeisters abzustimmen, verläßt die sozialdemokratische Fraktion den Saal, worauf Stadtv. Groger, der allein zurückblieb, die Beschlußfähigkeit anzweifelt. Die Auszählung ergibt 34 Anwesende und damit die Beschlußunsähigkeit. Unter allgemeiner Aufregung vertagt der Vorsteher die Sitzung auf eine Viertelstunde; man ver- sucht telephonisch, abwesende Stadtväter herbeizuholen und beschluß- fähig zu werden. Während der angeblichen Vertagungspause ver- suchen die allein im Saale befindlichen bürgerlichen Stadtverordneten, die inzivischen auf der Zuschauertribüne erschienenen Stadtverordneten Dr. Silber st ein. Groger und Heller als in der Sitzung Anwesende zu reklamieren, wogegen diese protestieren unter dem Hinweis, daß sie nur als Zuhörer gekommen sind. Daraus entspinnt sich eine lebhafte Geschöftsordnungsdebatte, die sich hinauf nach der Galerie und wieder herunter ab- spielt. Endlich treffen zwei herbeizitierte bürgerliche Stadtver- ordnete ein und Stadtverordnetenvorsteher Sander erklärt mit 36 Anwesenden die Beschlußfähigkeit. Er eröffnet die Sitzung wieder und in namentlicher Abstin, mung genehmigt das zweifellos gegen die Bestimmungen der Städteordnung ver- stoßende Rumpfparlament den Etat. Ja, die Herren fühlten sich infolge der Abwesenheit der Sozialdemokraten so erleichtert, daß sie auch flugs die etwa 1>/z Dutzend weiterer Vorlagen der Tages- ordnung„aufarbeiteten"; waren sie doch wenigstens vorübergehend einmal die Kritik der bösen Sozis los. Wir fürchten nur, daß sie ihrer offenbaren Freude darüber nicht lange froh werden; denn unsere Genossen wissen sich ja gegenüber solchen Gewalttaten ihrer Haut zu wehren. Um die Mitternachtsstunde verließen die die Rix- dorfer Kommunalpolitik schwer kompromittierenden Herren den Schauplatz ihrer„Taten". Charlottenburg. Die Charlottenburger Stadtverordnetenversammlung wählte am Mittwoch an Stelle des verstorbenen Stadtrats Töbelmann den der liberalen Fraktion angehörenden Stadtv. Dr. de G r u y t e r mit 37 von 51 Stimmen zum unbesoldeten Stadtrat für die Zeit bis Ende 1911. Von den zur Beratung stehenden Vorlagen verdienen zwei be- sonders hervorgehoben zu werden, die betreffend die Vergebung städtischer Fuhrlei st ungen und die betreffend die Müll- abfuhr. Die städtischen Fuhrleistungen solle» nach dem Magistrats- antrage, dessen Annahme der Ausschuß empfiehlt, dem Fuhrunter» nehmer Robert Hennecke in Berlin übertragen werden, der ein um 68 382 M. niedrigeres Angebot abgegeben hatte, als der jetzige Unternehmer Fricke. Unsere Genossen Gebert, Will und Dr. B o r ch a r d t vertraten energisch den Standpunkt der Ueber- nähme des Fuhrwesens in eigene Regie, zum mindesten ver- langten sie die Anfnahme der anständigen Lohnklausel in den Vertrag. Besonders Genoffe Gebert konnte auf Grund seiner gewerkschaftlichen Erfahrungen nachweisen, daß in bezug auf Löhne Herr Hennccke durchaus nicht den Anforderungen der Arbeiter gerecht werde. Gegen die Aufnahme der cmständigen Lohnklausel wandten sich aus prinzipielle» Gründen Stadtv. Dr. Sradthagen(natl.) und Oberbürgermeister S ch u st e h r u s. Ihre Ansicht trug bei der Znsammensetzung der Versammlung natllr- lich den Sieg davon. Sowohl unser Antrag auf Zurückverweisung der Vorlage an den Ausschuß, als auch der Antrag betreffend die anständige Lohnklausel wurden abgelehnt. Der Referent bekam eS sogar fertig, sein Schlußwort zu Witzeleien über die sozialdemokra- tische Forderung zu mißbrauche». Eine Erwiderung war nach der Geschäftsordnung unmöglich, die Vorlage wurde mit großer Mehr- heit angenommen. Die zweite Vorlage betraf den Vertrag mit der Gesellschaft„Drei- teilung, Allgemeine Müllverwertungsgesellschaft m. b. H.", die auf's neue an die Stadt herangetreten ist, nachdem ihr erst vor knapp einem Jahre eine Subvention zuteil geworden. Diesmal wünschte sie, daß die Stadt ihr ihre Müllkästen zu», Preise von 69 093 M. abkauft, der einzige Weg, auf dem sie sich noch retten zu können glaubt. Der Magistrat befürwortete das Gesuch und beantragte gleichzeitig, den von der Stadtgemeinde an die Gesellschaft zu zahlenden Satz von 1,30 M. pro Köpf und Jahr der im Abfuhr- bezirk ortseingesessenen Bevölkerung auf 1,60 M. zu erhöhen. Bei 275 000 Einwohnern bedeutet' das eine Liebesgabe von 82 500 M. Der Ausschuß ist über die Magistratsvorlage noch hinausgegangen, er beantragte, den Magistrat unter Aufrechterhaltung der bereits ge- leisteten ZinSgarantie in Höhe von 300 000 M. zum Abschluß eineö Vertrages mit der Gesellschaft zu ermächtigen, lvonach der Ge- bührcnsatz für die Abfuhr von 1,30 auf 1.80 M. pro Kopf und Jahr erhöht wird, und zwar so lange, als die Direktion der Diskontogesellschaft die selbstschulduerische Bürgschaft für die Vertrags- mäßige Fortführung der Müllabfuhr gewährleistet. Diese Gewähr- leistnng hat bis 1. Oktober 1910, zu erfolgen, wobei der Diskonto- gesellschaft ein sechsmonatliches Kündigungsrecht spätestens am 1. April 1910 zum 1. Oktober 1910 zustehen soll. Wird von dem Kündigungsrecht kein Gebrauch gemacht, so läuft die Garantieverpflichtung der DiSkontogesellschast unter denselben Bedingungen so lange weiter, bis letztere mit neunmonatlichcr Frist die Garantie aufkündigt. Ist die Kündigung eingetreten, so soll die„Dreiteilung" berechtigt sein, einen gleich- , verligen Garanten zu stellen, über dessen Annahme ausschließlich der Magistrat zu entscheiden hat. Ferner beantragte der Ausschuß, den Magistrat zu ennächtigen, der„Dreiteilung" einen Vorschuß auf die zu leistende Abfuhr des Hausmülls in Höhe von 72 000 M. zu 31/. Proz. Jahreszinsen zu gewähren unter der Bedingung, daß die Tilgung durch monatliche Abzüge in Höhe von 8000 M., beginnend am 1. Mai 1909, erfolgt. An diesem Antrage, der so recht deutlich zeigt, einen wie schweren Fehler die städtischen Körperschaften begangen haben, als sie sich anstatt selbst die Anfgabe der Müllabfuhr zu erfüllen, mit einer privaten Handelsgesellschaft einließen, übte Genosse Zietsch scharfe Kritik. Mit Nachdruck erklärte er, daß auch seine Freunde voi, den, System der Dreiteilung nicht abgehen wollten, daß eS aber Pflicht der Stadt sei, die Müllabfuhr baldigst in eigene Regie zu nehmen. Für den AnSschußantrag könnten die Sozial- dcmokraten nicht stimmen, der Ausschuß habe in einer unverständlichen Generosität der Gesellschaft noch mehr be- willigt, als sie selbst gefordert habe. Auf Kosten der Stadt sucht man verpfuschten Unternehnlungen auf die Beine zu helfen. DaS sei aber nicht Aufgabe der Gemeindeverwaltung. Nach einer Erwiderung des Stadtsyndikus Dr. Maier wurden die Ausschußanträge gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und einiger wenigen Liberalen angenommen. Die nächste Sitzung findet erst am 21. April statt. Stralau. Der Achtnhr-Ladeiischluß ist seit dem 1. April auch in unserem Ort eingeführt. Desgleichen ist Stralau seit dem 1. April dem Polizeibezirk Lichtenberg unterstellt. Anmeldungen über Versamm« lungen, Veranstaltungen usw. sind von jetzt ab an die königl. Polizei- direktion Lichtenberg zu richten. Tegel. Unter dem schweren Verdacht, sich seit vier Jahren an seiner jetzt 14 jährigen Tochter vergangen zu haben, wurde der Händler Sch aus der Egellsstraße festgenommen. Nowawes. Einspruch gegen die fiattgefuiidcnen Gcmcmdcvertreterwahle» haben einige Wähler der zweiten Abteilung erhoben. Derselbe stützt sich darauf, daß die Wählerliste die Namen einiger Personen auf- wies, die nicht wahlberechtigt waren. In der am Mittwoch statt- gefundenen Gemeindevertretcrsitzung wies der Bürgermeister diesen Einspruch als unzulässig zurück mit der Begründung, daß derselbe während des Ausliegens der Wählerliste hätte erhoben werden muffen.— In die Wahlkommission, welche die Wahlen zu den �einzelnen Kommissionen der Vertretung zu erledigen hat, 1 wurde an Stelle des verstorbenen Vertreters Meyer der Gemeindevorsteher a. D. Obst gewählt.— Die Kommission für die Vorbereitimg eines SchulhauSbaueS wurde ans dem Bürgermeister Winkelniann, Schöffen Richter, den Vertretern Obst auS der ersten, Schneider aus der zweiten und Ge- „offen Neun, a, in aus der dritten Abteilung gebildet.— Der vom Zeichenlehrer Meyer de? Realprogymnastums auf Kosten der Ge- meinde veranstaltete ZeichenkursuS für diejenigen VolkSschnllchrcr und-Lehrerinnen, welche die Absicht haben, sich de», Zeichenunterricht zu widmen, ist beendet und hat nach dem Bericht des Bürgermeisters vorzügliche Erfolge gezeitigt: die Teilnehmer des Kursus beantragen, für einen Vertiefungskursus weitere Mittel bereitzustellen. Die Vertretung gibt dem Antrage ihre Zustiiiimuiig.— Von auswärts wohnenden Besitzern unbebauter Grundstücke ist die Gemeindeverwallung zur Vermeidung von Polizeistrafen er- sucht worden, gegen Vergütung die Pflicht der Reinigung vor ihren Grundstücken zu übernehmen. Es wurde beschlossen, die Reinigungs- und Streupflicht vor derartigen Grundstücken auf Antrag der Eigen- tümer versuchsweise zu übernehmen gegen Entrichtung einer Gebühr von 1 M. pro laufenden Meter Straßeiifroick. Eine Haftpflicht für etwaige Unfälle usw. vor diesen Grundstücken übernimmt die Gemeinde jedoch nicht, sondern überläßt dieselbe den Be- sitzern.— DeS weiteren setzte die Vertretung die Baufluchtlinien verschiedener Straßen fest; danach soll die verlängerte Luisenstraße 12 Meter, der Hellersche Weg 10 Meter, die Kirchstraße 11,20 Meter, die Kreuzstraße 14 Meter und die Verbindungsstraße zwischen Scharnhorst- und Retzowstraße zwischen den Vorgärten 12, zwischen der Baufluchtlinie 18 Meter Breite erhalten.— Den Schluß der Sitzung bildete die Festsetzung des Etats und der Steuerzuschläge. wobei die Zuschläge zur Einkommensteuer wieder auf 150 Proz. inkl. Kreissteuer festgesetzt wurden; die Beratung hierüber zeitigte eine ausgedehnte Debatte. Potsdam. Der ArheiterbilduiigSauSschusj veranstaltet am Sonntag, den 4. April(Palmsonntag) im Viltoringartcn eine» Lichtbilder» Vortrag über Wilhelm Busch, den bekannten Humoristen, verbunden mit Rezitationen von„Die fromme Helene" und„Abenteuer eines Junggesellen". Der Anfang ist auf abends 7VzUhr festgesetzt. Eintrittskarten a 20 Pf. sind bei allen Gewerkschaflsvorstäildcn zu haben. Einen gefährlichen Kinderfreund hat die Polizei ergriffen. Durch ein Geldgeschenk suchte der Unhold ein siebenjähriges Mädchen an sich zu locken. Der Bau von Badeanstalteu scheint endlich gesichert. Nachdem von allen Bevölkerungsschichten und nicht zum wenigsten von der gesamten Acrzteschaft in öffentlichen Versammlungen auf die Not- wendigkeit der Errichtung von Badcailstalten, vor allem eines Hallen- schwimmbadeS, hingewiesen ist, will man städtischerseits endlich dem Bedürfnis entsprechen. AuS den Ueberschüssen der städtischen Spar- lasse sind 100 000 M. für gemeinnützige Zwecke verfügbar. Davon sollen zuerst eine Flußbadeanstalt für die Teltower Vorstadt und eine Damenflußbadeanstalt(die hier bis jetzt vollständig fehlt!) ge- baut werden. Die Restsumme von zirka 70 000 M. soll einem bereits bestehenden Fonds von 70 000 M. für die Errichtung eines Halle, v schwimmbades zugeschrieben werden. Vermischtes. Eine folgenschwere Explosion. Nach einer Meldung aus Marseille ereignete sich an Bord des Dreimasters„Jules Henri", der Petroleum von Philadelphia nach Cette transportierte, gestern eine Explosion. Sechs Arbeiter wurden getötet, zehn schwer verletzt. Da das Schiff Petroleum nicht mehr an Bord hatte, wird angenommen, daß Petrolcumgase, die noch im Raum vorhanden waren, sich entzündeten, als ein Sachverständiger das Schiff untersuchte und dabei eine Lampe gebrauchte. Zur Zeit der Explosion waren an Bord zwanzig Arbeiter beschäftigt. Dcfrandant einer JnmingSkasse. Der Kassierer der Frankfurter Bäckerinnlmgs-Kraiikenkaffe, die gegründet wurde, um der Orts- kcankenkasse Abbruch zu tun, ist mit 3000 M. durchgegangen und wurde gestern in Basel verhaftet. Ein MilitärgefängniS niedergebrannt. Wie eine Meldung an; Leavenworth(Kansas) vom 1. April besagt, ist das dortige Militär- gefängnis niedergebrannt. Soldaten zogen einen Kordon um die Gebäude und verwarnten die Gefangenen, daß sie erschossen werden würden, falls sie einen Fluchtversuch unternähmen. Man nimmt an daß keiner der Gefangenen verbrannt oder entkommen ist. VrfekKalten der Rcdahtion. ®,« t»riMs»e Svrechfwnd« flu»«, Sinbenfttage Nr. 3. tzwetter Cof, dritter Eingang. vier Trevdc», MG Fahrftnbl'«BKI wochentnglich abend» von?>/, dt» d'/i Nvr Natt.(fteuffnei 7 Uhr Eonnabc»»» begiiin« die Evre-!»'t»lide nm 0 Übt. Jeder Äutrag- ist ein «Ilitn'iabe»»d eiile Kahl al» ä'ierk, eichen beiznsiige». Briefliche Slutwort wird nicht erteil«. Bj» zur Beailtworrnug tm Bricsknste» könucu 44 Tag« vergebe». Eilige Jrageu«rage man in der Edrechftuilde vor. — E. K. 16. 1. Haben mit der Mutter innerhalb der Empsängniszcit mehrere Männer verkehrt, so steht weder der Mutter noch dem Kinde ein Recht aus Unterhaltzu, wenn die Paterschaft nicht zu gerichllichem, notariellen, oder sonst öfsentlichen, Protokoll aliertannt war. 2. Ja.— Streitende 500. ,. Der Ehemann kann das Borgerccht der Ehefrou durch eine Erklärung, die er in das gerichtliche Heiratsregister eintragen läßt, ausheben oder be- schränken. Eine Ehcscheiduiig'Sllage erscheint nicht ganz aussichtslos. 2. Ja. — L. 25. 1. DaS Honorar bemiijt sich nach der Höhe des Streitgcgcn- stände»; wie hoch daSseibe in Ehcscheidungsiachen anznnehme» ist, setzt da» Gericht fest. 2. und 3. Die Frau lann jede Angabe ablehnen. 4. und 5. Ehebruch wird bestrast, wenn ivegen desselben die Ehe gelrennt ist und der beleidigte Ehegatte Bestrafung beantragt. — G.;{2. Ein Auslandspaß ist nicht noNocndig, aber zweckmäßig.— B.#t. 76. Nach dem bestehenden Gesetz stände dem Arbeiterausschuß ein direktes Verwaltungsrecht nicht zu.— Paul 17. 1. Die Gründe würden zur Ehescheidung nicht ausreichen. 2. Der Stiefvater würde von seiner Witwe und feinen Kindern beerbt werden, und zwar fällt, wenn kcin Tefta- ment vorlieal, der Witwe ein Viertel, den Kindern drei Viertel des Nach» lasscs zu.— C. H. 46. Ja.— Mazze 106. 1. und 2. Nein.— R. B. 706. 1. Nein. 2. Der Refliobn wäre beim Amtsgericht einzilllagen. — L. B. 84. 1. 100—200 Mark. 2. DaS richte, sich danach, wie hoch das Streitobjekt vom Gericht sestgesetzt wird. 3. Ja.— A. K. Z. Nein. — M. H. LS. Die Rechtsprechung schwankt in dieser Frage: in der Regel nimmt sie an, daß ein wesentlicher Irrtum, der zur Aushebung des Vertrages berechtigen würde, nicht vorliegt, wenn nicht ausdrücklich nach einer etwaigen Strafe gefragt und diese verschwiegen ist.— E. M. 16. Die VersichcruilgsgeseUichast ist berechtigt, aber nicht verpflichtet, einem aus Beschattung eines anderen Bruchbandes gestellten Antrag stattzugeben. — Zl. B. 17. Die Forderung ans Bezahlung für Waren, die für den Privatgcbrauch entnommen sind, verjähr, in zwei Jahren nach Abiaus des Jahres, in dem die Forderung entstanden ist. Ist die Ware im Jahre 1907 entnommen, so Witt also Verjährung der Forderung mit Ablaus de» Jahres 1.909 ein.— R. Z. 100. Soweit ersichtlich, können Sie. ohne Nachteile besorgen zu müssen, unterschreiben.— Zchwedterstr. 33. L g«. 2. Nach der Etreichmig, new. S. Nein. M. N. 10. Fa. — S. T. 87. Wollen Sie sich doch einmal mit unserem Parteigenossen Ingenieur Wold, NO. 18, Werneuchener Str. 9, in Verbindung setzen. — H. W. 1. 1. Darüber entscheidet die Stratzcnpolizeiordnung von Köpenick. 2. Die Schuldsrage können wir nicht entscheiden.— F. P. W. 61. Die Adressen solcher Baugenossenschastcn sinden Sie im Adreßbuch.— R. S. 1001. 1. Ueber die Mitgliedschast oder deren Verlust entscheidet in erster Reihe das Statut. 2. Aus denselben Gründen wie bei ordentlichen Mtgliedern.— E. I 76. Ihr Gesuch wäre zu richten an den Verein zur Förderung der Kunst, NW. 6, Albrechtstr. 2.— L. F. Wir lehnen es ab, Geschäfte zu empsehlcn.— X. Nein. — E. H. 15. Die Bedingungen der Gesellschaften, deren Adressen Sie im Berliner Adreßbuch sinden, sind so verschieden, daß wir Ihnen einen Rat nicht erteilen können.— Hammer, Friedrichsfeldc. Für diesen Berus besteht eine Spezialsachschule nicht.— Dachdecker 181. Speh (sprich Speh) Name rines schottischen GebirgsflusseS.— D. 73. Wenn die Dienstboten im Gewerbebetriebe beschäftigt sind, dann besteht Kranken- Versicherungspflicht.— H. K. 76. Wir raten ab. Warnungen haben wir so ost ausgesprochen, das, ein aufmerksamer Leser unseres BlatteS gar nicht mehr in Zweisei kommen könnte.— O. 3. 73. Unsinn.— E. P. 200. Die Kirchensteuer ist zu zahlen bis zum Abiaus des aus den Austritt jolgenden Kalenderjahres, also in Ihrem Falle— Austritt Juni 1907— bis lil. Dezember 1908.— K. W. 100. In der angefragten Zeit sind nach Erledigung einer Ersatz- wähl wieder 20 Mitglieder der Fraktion gewesen.— Z. Nein. — E. K. 68. Davon kann keine Rede sein. Gewiß, Einwirkungen werden versucht, aber direkten Zwang würde man doch wohl nicht wagen. — m. 27. Am 1. Juni.— R. 2t. 40. 1. 3600-6600 M. 2. 36 000 M. und 14 000 M. Stellenzulage. 8. 100 000 M. 4. Die schlvarz-rot-goldene Trikolore ist durch die deutsche Burschenschaft nach 1815 ausgekommen und seitdem als Symbol nationaler Gesinnung von verschiedenen Vereinigungen getragen> von den Regierungen aber als Zeichen der Demagogie vcr- pönt worden. Am 3. März 1848 wurden die Farben ossiziell anerkannte Reichssarben, mit dem Einsetzen der Reaktion aber wieder in Acht und Bann getan. Im Jahre 1866 trug das achte Armeekorps, so- genannte RcichSarmee, noch eine Armbinde in den Farben schwarz-rvt-gold. Brnfhaften der Expedition. Lola Truska. Beim Mholen von der H a u p i e r P e d i t i o N, Lindcnstr. 69(Laden), kostet der„Vorwärts" pro Rionat 80 Pf. StGkr Wchlkttis! 226,6« Sonntag, den 4. April, mittags 12 Uhr: GeffenMche politische Uersammlnug .................. ,,,,................................. im Palast-Theater, Burgstraße, Ecke St. Wolfgangstraße.' Tagesordnung: Die politische Geheimpolizei und ihr Treiben. Referent: Rechtsanwalt Dr. Kurt Rosenfeld. Freie Diskussion. Der Einberufer: Id. liZcder, Ravensstr. 6. Für den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Berantwortung. Hhearer. Freitag, den 2. April. Ansang VI, Uhr. Königs. Opernhaus. Alba. Königl. Schauspielhaus.; Cowerg. Neues königliches Operntheater. Geschlossen. Deutsches. Was ihr wollt. Kammerspiele. Der Arzt am Scheideweg.(Ans. 8 Uhr.) Lcsstug. RoSmerSholm. Anfang 8 Ubr. Berliner. Nur ein Traum. Neues. Die fremde Frau. Neues Schauspielhaus. Pech. Schulze. Thalia. Wo wohnt sie denn? Komische Oper. Der Toreador Zierpuppen. Ncfldcuz. Kümmere dich um Amelie. Lustspielhans. GesellschastSabetld. Anfang 7 Uhr. SSeften. Der Jockehklub. Kleines. Moral. Hebbel. Revolutionshochzeit. Schiller O. i Wallner- Theater.) Die Karolinger. Schiller Charlotteuburg. Die Welt, w der man sich langweilt. Friedrich. Wilhclmsiädt. Schau- spielhauö. Othello. Luise». Marie, die Tochter des Regiments. Triano». LiebeSgewItter. Neues Operetten. Die Dollar. Prinzessin. Berliner OPeretten-Theater 81». Das Himmelbett.(Ans. 8>/, Uhr.) Beruhard Rose. Reiterattacke. Bürgerliches Schauspielhaus. Hoigunst.(Ans. 8'/, Uhr.) Gastipiel-Tfteater. ShcrlockHokmeS. Gebrüder Herrnfeld. Die beiden Bindelbands. Apollo. Der junge Papa. Spezta- litüten. Mctrovol. Donnerwetter— tadel- loS. Wintergarten. Spezialitäten. Gart Haperland., Spezialitüten. ivaiingc. Spezialitäten. ReichslinNen. Steltiner Sänger. Walhalla. Spezialitäten. Folira Gaprice. Insolvent.(Ans. fc"/. Uhr.) Kasino. Rußland. Spezialitäten. Gui-av Behrens. Spezialitäten. Ansang 61;. Uhr. Parodie. Siegel siegelt alles.— Alles sürs Kind. Oder: Die .Folgen cines Rendezvous.(Aus. VI, UhrO Urania. Tanbenktrafie SK'IO. Abends 8 Uhr: Leben. Bräuche und Legenden der Schwor,'ftlß- Indianerin den Rocky. Mountains. Stcriiwarte, Jvvalldenin S7 felertag 1000: Schiller- Theater Charlottenburg. Freitag, abends 8 Uhr: Vis Veit, in der man sich langweilt. Lustspiel m 3?luszngen von Eduard Paillcron. Sonnabend nachm. 3 Uhr: <»6ts v. IterlleklnKen. So»ii abend, abends»Ubr: Die Welt, in der man sich langweilt. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Julius Ottsar. Sonntag, abendS 8 Uhr: Rechts hernm. Brauerei Triedrichsham. Matluee-lLonzert Johann Strauß« Wien mit der{gesamten Kapelle(50 Kttnstler). Anfang präzise 1 Uhr. Ende 4 Uhr. Billetts zu ermäßigten Proisen(40 u. 60 Pf.) im Vorverkauf bei der Spedition des„Vorwärts", Herrn Zucht, Immanuel- kirohstraße 12.* Luisen-Theater. AbendS 8 Uhr: Marie, die Tochter des Hepents. Sonnabend nachm. 4 Uhr; Letzte grotze Kindervorstellung in dieser Saison: May und Morib. 8 Uhr: Marie, die Tochter des Regiments. Sonntag nachmitiags 3 Uhr: Das Mädchen aus Irrwegen. 8 Uhr: Der Totschläger. Montag: Marie, die Tochter des Regiments._ iE«!? ROSE TM! Gr. Franksurler Str. lS2. AbendS 8 Uhr Reiterattalke. ■HB Wochentagsprcise.-«WZ Sonnabend nachm. 4 Uhr: Die Prinzessin vom Dianinntlande. AbendS 8 Uhr: Die Eutgleisteu Grosse inTernaHonale Gartenbau-flussiellunq flussfreilungshallgnamZbo Stadt-Theater Moabit. Größter und vornehmster Theater« saal Moabits. Alt-noablt 48.(Tel. II 2492.) Sonntag, den 4. April 1909: Sherlock Holmes. Engl. Deteltiv- Komödie in 4 Alten. Anj. d. Vorst. 7, Kassenösfnung 6 Uhr, Konzeit 6'/, Uhr. Nach der Vorstellung: Ta,nx. Vorverlaus von 10—1 Uhr mittags im Thealer-Nestaurani. Montag, de» S. April: Soiree der Lustigen Sänger. Donnerstag, den 8. April: Der Bamptzr von London. ZU Passage-Theater. Abends 8 Uhr; i Erstes Auftreten der maurischen Schlangentänzerln tfaka-dshad Ensemble-Gastspiel der Garland- Negeroperette und das grandiose April-Programm. [4 erstklassige Spezialitäten. Lessing-Theater. Freitag 71/» Uhr: Ibsen- ZylluS siebente Vorstellung: flosmersholm. Sonnabend 8 Uhr: Der Kämg. Bsrllnv? theater. Heute 8 Uhr: Xnr ein Traum. Morgen: Einer von unsere Leut'. Neues Theater. Abends 8 Uhr: Die fremde Frau. (La femme X....) Morgen und folgende Tage: Die fremde Frau. Hcncs Operetten-Theater. Schisfbauerdan, m 25, a. d. Luisenslr. AbendS 8 Uhr: Die nollarprluxcastn. Operette in 3 Akten von Leo Fall. Hebbel-Tlieater Königgrätzer Str. 57)58. Ans. 8 Uhr. fieirolutionsboebzeit. (spiel- 8. 8. KOpenlckerstr. 68. Zum 550. Haie: Sherlock Holmes von Ferdinand Bonn. Theater.» Südens Drcsdrnerstr. 97 a. d. Prinzenstr. Jin weisen Röß'l. Vor u. nachh. erlltlass. Spezialität, u. bumor. Konz., Kinematogr., Kabarett. N. d. Borst. Tanzreunion ohne Nach- zahlung Ans. d. Konz. 7, d. Vorst 8'/, U. Gntrce 29 Pf. Folies Caprice. Anfang S'j, Uhr. LV Insolvent«-mi Posse von L. Taussieul. In lauTckigev j�sackt. Burleske von W. Gericke. X'evkaut nur Im Fabrikgebäude! AM» 23 Sie sparen Geld!"r g ÄSur�i � Engrospreisen? W W i in d0r Möbelfabrik% :35| 1 m H. Walter m Willi MaaB, Freitag, den 2. April 1909, abends VI, Uhr: Außerordentliche Borstellung. Neu! Ken! Torontos Trio 3 Herren in einem ganz neuen Genre. Wild- West Cowboy Theron-Truppe 8 Personen. Schimpanse Paet, der 4 beinige Radfahrer. Herr Hell als Schulreiter. Armando mit seinem boxen- den Känguruh, einzig in seiner Art, und die übrig. Spezialitäten. Um 9>), Ubr: der Smätibpr. Sonntag: Zwei Borstellungen. Hetropol- Theater Tttglich 8 Uhr: Donnerwetter- tadellos! Revn ein 10 Bildern v.Jul. Freund. Musik von Paul Lincke. Regie Direktor Schultz. 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Volksleben. Ansang 8 Uhr. Eniree SO Ps. Sonnabend, 3. April: Gr. Gxtra- Vorstellung: Der«errgellsolinltzer von Ammergau. B tvmgftraße 24, 2 Minuten Vom Bahnhos Börse. Ansang 8 Uhr. Sonntags 7f/, Uhr. Das gänzlich neue April-Programm. IS Debüts 12 Nur Kunstträfte allerersten RangeS. Ackli im ÜSWö. Poffe mit Gesang in 1 Akt. Donnerstag, den 8. Slpril: Benefiz für dal Schauspielpersonal. 'MMW'WlWW'M'MkMPW'VW'V'MMW'WMMW» Vssinv-Thss�vp Lothringer Str. 37. Täglich 8 Uhr. Das bunte Npril-Programm. Hieraus: AckerniLaim. Tragikomödie in 4 Alten von Felix Holländer und Lothar Schmidt. Sonntag 4 Uhr: Dia Dlanadädar. kein Laden Tel.: A.III, 5157"5. kaufen. Verkauf nur im Fabrikgcbälude— nur eigenes Fabrikat.— Auf Wunscli Teilzahlung. 35 mmb Permanente Mnsterzinitner-Ausstellung.|gg 35 9>/, Uhr Gastspiel 9»/, Uhr der drei Schwestern Wiesenthal. AbendS 8 Uhr: DaS große neue Programm. U. a.: F. A. Heinhaus, Rechenkünstler. Gewöhnliche Preis« aM gr. Schau programm Alles ohne Extra-Entree. 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Für Charlottenburg im Volkshans, Wiltllstraße 8(großer Saal). 8. Für Steglitz und Friedenau bei Schellhase, Ahorustraße 15a. 9. Für Gr.-Lichterfelde und Lankwitz bei Wahreudorf in Gr.-Liclllerfelde, itöbfjir. 22. 10. Für Mariendorf, Marienfelde und Tempelhof bei liöwenhagen in Marieildorf, ClMsseestraße 27. 11. Für Friedrichshagen und Mahlsdorf bei[Lerche in Friedriehshapen, Friedrichltr. 112. 12. Für Tegel und Reinickendorf-West bei Kinzler in Tegel, Schlieperjtraße 64. Tages-Ordnung: 136)20* Die niisiciililiiliüiljeSiliialioii im Kxilgcwerbe nnii mlcheAchlilic Ijaku mit!» ftfüllcu? Referenten sind: Bande, Gehl, Hanke, Hfittmann, Harter, Jakob, Kahl, Koch, Uuth, Silbersehmidt, Schenk und Schauer. Vollzähligen Besuch erwartet_ Per Einbernfer. E tf/TTTfmr's Variete-Theater 1 Weinbergsweg 19-20, Rosenth.tor. I Wends 8 Uhr: Die amüfunte» April-Spezialitäten. 1 Im Tunnel: Jap. Blumenfest. Regl- I mentSlap. Theaterbes. Hab. fr.Eimr. I Sanssouci, s?r27. Direktion Wilhelm Reimer. Jeden Sonntag, Montag, Donnerstag: Hoffmanns und Tan Ausgewählt. Programm. Beg. Sonnt. 5, wochent. 8 U. Jeden Dienstag: Theater- Abend. Steidl Brttckenstraße 9, (Oberer Saal.) Anfang S'/,, Sonntags T/3 Uhr. Neues Programm u. a. t ?apa Svetmeke! Humoreske von Fritz Steidl. Parterre-Saal: VrfldeUtan. Prima-Küche.— Entree frei. Gustav Behrens- Tlieater. Das glänzende sensationelle April-Programm. Palmsonntag und die Karwoche: Vorstell»nge» Mit extra gewähltem Programm. Karfreitag geschlossen. Ansang 8'/, Uhr, sonntags 8 Uhr. Lttlogcr s Schuhwarenhaus Brunnenstr. 13, Zentrale: Kenigstr.34 empsiehlt seine eleganten Schuhwaren aus allerersten Fabriken Deuischlands zu svottbilligen Preisen." Deutscher Ketailarbeiler-Verband. Verwaltungsstelle Berlin.= ArveitSnachwets: Hos I. Amt HI. 1239. CharitSstrahe 3. Hauptbureau: Hof HI. Amt HI. 1987. Sonnshsnd, den 3. Hpnil, shonds LVg Uhn- Hllgemeine Klempner- Versammlung im Getoerlislhastshause, Engelufer 15, graßer Saal. Tages-Ordnung: 1. Der Stand der Aussperrung und unsere weiteren Mahnahmen. 2. Diskussion. Jeder Klempner muh zur Stelle sein. Ut/u Die Ortsverwaltuug. Ab 1. April a. c. befindet sich mein 6reschäft im Hause des Postamt 43. Neue Königstr. 70, Max Ziegenlials, stSfs�ette w Zigaretten, Zigarren m Tabaken. Knncrol-Gcncral-Depot: Berlin 8 W. 48, Frlcdrichstr. 831. Tel.- Amt 6, 8718. Jßttingers Schuhwarenhaus Brunnenstr. 13, Zentrale: Königstr.34 einpfichlt seine eleganten Schuhwaren aus allerersten Fabriken Deutschlands zu spottbilligen Preisen.* Berliner Eis-Palast Ständige Eisbahn. Bis 12 Uhr nachts geöffnet. Konzert und Kunstlnnfcn Heute von l8/, bis 4 Uhr geschlossen, Ettingers Schuhwarenhaus Brunnenstr. 13, Zentrale: K8nigstr.34 empsiehlt seine eleganten Schuhwaren aus allerersten Fabriken Deutschlands zu spottbilligen Preisen. 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Für die herzliche Teilnahme und die zahlreichen Ikranzspendcn bei der Beerdigung meines lieben Mannes sage ich allen Verwandten und Be- kannten, insbesondere allen Kollegen und Parteigenossen meinen herz- lichstcn Dank. 1848b Witwe Fllse Gleae und Kinder. Danksagung. Für die kerzliche Teilnahme und zahlreichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes und Vaters sagen wir seinen lieben Arbeits- und Verbandskollegen, Freunden und Bekannten sowie den Hausbewohnern vielen Dank. 184öb Die trauernde Böitwe I-ulse Xeumann und Sohn. Danksagung. Sagen dem Vorstand des Vereins des 4. Kreises sowie allen Verwandten, Genossen und Freunde«» sür die Gratulationen zu unserem Sä jährigen(Ehejubiläum Miseren aufrichtigsten Dank. Wild. JOchol und Frau. Danksagung. Für die zahlreiche Beteiligung bei der Beerdigung meines lieben Mannes fVilhelm Fathlre sage ich allen, insbeiondere dem Arbeiter- gesangverein, dem Dahlverein Lank- witz und seinen Kollegen herzlichsten Dank. Henriette Fathke nebst Kindern. Gemeinsame Orts- Krankenkasse für Nowawes Ufoig. Am 19. April d. I.. abends 8'/, Uhr, findet im Lokal von Singer, Rowaweö, Priester- strafte 31. eine —mm Ordentliche> General-Versammlung statt, zu welcher die Vertreter der- selben hiermit«rgcbenst eingeladen werden. TageS-Ordnung: 1. Jahresbericht des Vorstandes und Ncndanten. 2. Statutenänderung (Einführung von Mahngebühren). 3. Verschiedenes. Antrüge zu der Generalversamm» lung siird bis zum 9. April bei dem Vorsitzenden einzureichen. 272/8 Der Vorstand, gez. Q Hoffmann. Mm Ärteiter- Malirer-fereiir Mitglied des Arbeiter» Radsahrer-Bunde» '.Solidarität-. Tonren zum Sonntag, den 4. April. 1. Abt. 1 Uhr: Gr.-Lichterfelde. Start: Bülowstr. 88. 2. Abt. 12'/, Uhr: Ziegenhals (Mörschel). Start: Fontanc-Promc- nade 18. 10/10 3. Abt. 7 Uhr: Neue Mühle (Schleuse Thormann). 1 Uhr: Jo- hannisthal(Trautmann). Start: Ma- riannenplatz. 4. Abt. 8 Uhr: Senzig. 2 Uhr: Adlershos(Wöllstein). Start: Küstriner Platz. 5. Abt. 1 Uhr: Schöneiche(Süsz- milch). Start: Elysium. 6. Abt. 1 Uhr: Eichwalde(Witte). Start: Oderbergcr Straße 28. 7. Abt. 2 Uhr: Wilhelmsruh (Schneider). Start: KöSliner Str. 8. 8. Abt. 8 Uhr: Eberswalde(Mühle). 1 Uhr: Bernau'(Gerichtslaubc). Start: Rostockcr Slrasze 17. 9. Abt. 1-/, Uhr: Adlershos(Wöll- stein). Start: Schillingsir. 15. 10. Abt. 1 Uhr: Schönciche (Süßmilch). Start: Weberstr. 17. Ettingers Schuhwarenhaus Brunnenstr. 13, Zentrale: Königstr. 34 empsiehlt feine eleganten Schuhwaren aus allerersten Fabriken DentschlaiidS zu Ipotlbilligen Preisen.* Rlüthner- V VSaal. Slüthner- Orchester. Sonntag, 4. April, 71/, Uhr: Populäres Konzert. Dirigent: Ferdinand Neisser. Sol.: Frl. Marg. Bosüner(Klv.), Hr.Konzertm. Lambinon(VioL). Ä. d. Progr.: Wagner: Ouv. z. „Der fliegende Holländer". Mozart: Konzert f. d. Violine. Beethoven: Konzert f. Klavier in O-dur. Erlel: Auf der Redaktion, Walzer-Capriccio, Karten a 1.60, 1.—, 0.75 b. Bote & Bock, Wertheim usw., Or- chesterlmroau Lützowstr. 76, Tages- und Abendkasse am 290/18 Karfreitag, d. Ö. April, 8 Uhr: Chor-Konzert d. Blitthner-Orch. a SozlaliieinokraMJaJiIfeFßiiit! des 3 6. Herl. MeMapalreises.! Todes- Anzeige. Am 30. März verstarb unser Mitglied, der Gastwirt Eduard Teigmeier Grünthalcr Straße 29a. Ehre seinem Andeukeuk Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 3. April, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- Halle des Philippils-Apostel-Fried- hoies, Müllcrstraße(Ecke der See- strotze) aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 226/5 Der Vorstand. i Sozialiieinokratisclier Mlmm[ des 6. Berl. Reiclislags- Wahlkreises. Nachruf. Am 25. März verstarb unser Mitglied, der Arbeiter Lodert Schultz Hochstraße 29a. Ehre seinem Andenken k DieBcerdignng hat am 29. März stattgejundeil. 226/4 0er Vorstand. Deulsclw Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes-Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Monteur Gustav Lehmann am 30. März an Bauchfellentzündung gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 3. April, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- halle des Gemrinde-Kirchhoses w Wilmersdorf, Berliner Straße, aus stall. Rege Beteiligung erwartet 114/13 Die Ortsverwaltung. Deutscher Transportarbeiter- Verband.] Ortsverwaltung Berlin 8. Den Mitgliedern zur Nachricht,� daß unser Kollege, der Lager- arbeiter Fdnard Teigmeier am Dienstag, den 30. März, im Alter von 41 Jahren an Lungen- Wassersucht gestorben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigimg findet am Sonnabend, den 3. April, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- balle des St. Philippus-Apostel- Kirchhojcs, Müllerstr. 44/45, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 66/13 Die Verwaltung 2. Sozialdemokratischer Wablvereifl für Schenkendort u. Umgegend. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Porteseuiller Moritz: Schmiclt in Schenlcndors am 30. März, abends 8.15 Uhr, gestorben ist. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Freitag, den 2. April, nachmittags 5 Uhr, in Schcnlcndorj von der Leichenhalle aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 202/10 Der Borstand. Verband Den Mitgliedern hiermit zur Nachricht, daß am 30. März unser Mitglied, der Porteseuiller Moritz Schmidt verstorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet an: Freitag, den 2. April, nachmittags 5 Uhr. von der Leichenhalle in Schenkendorf bei KönigS-Wuster- Hausen aus statt. Um rege BeteUigung ersucht 109/9 Die Ortövcrwaltnng. Tudes-�uzvige. Freunden und Verwandten die traurige Mitteilung, daß unser geliebter Baier, Schwiegervater und Großvater, der Mctalldreher Wilhelm ITölzer am 30. März plötzlich am Herz- schlag verstarb. Die Beerdigung findet am Sonnabend, nachmittags 5 Uhr, aus den: neuen Jakobi-jlirchhos, Hcnnannstraße, statt. Die trauernden Hinterbliebenen. Lerantloortlicher Sicdalteur j Hans Weber, Berlin, Für denLnieratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag! Vorwärts Buchdruckerei u. Berlagsaniialt Paul Sinaer Li Eo Ssilip SW- Nr. 78. 26. Iahrgavg. 3. Ltilqt i>» JitBlrfs" Knliin KikM lrtüilg. 2. April l909. parlamentarifckes. Die Bcrggesetzkommission des Abgeordnetenhauses setzte ihre Beratungen beim§ LOH K fort. Dieser Paragraph bc- jtimmt: „Ueber die Organisation, Wahl, Zuständigkeit und Ge- schäftsführung des Arbeiterausschusses sowie über die Tätigkeit der Sicherheitsmänner sind in den Arbeitsordnungen oder in besonderen Satzungen nähere Bestimmungen zu treffen. Der Werlsbesitzer ist befugt, in den Arbeitsordnungen oder besonderen Satzungen die Befugnisse des Arbeiterausschusses und der Sicher- heitsmänner zu erweitern." Ein Zentrumsmitglied fragte an. aus welchen Gründen der Kandclsministcr bestimmt habe, daß die Stimmzettel zur Wahl des Arbciterausschujses von der Werksverwaltung zu liefern sind. Das sei s o gehandhabt worden, daß die Werts-- Verwaltung die Stimmzettel erst am Tage vorher aus-- gegeben Habel Ter Minister erklärte, daß ihm von Miß- ständen nichts bekannt sei, und infolgedessen wurde vom Zentrum ,n Aussicht gestellt, bei der zweiten Lesung einen entsprechenden Antrag einzubringen. Der§ Ml. i lautet nach der Regierungsvorlage: »Das Oberbergamt entscheidet über Beschwerden betreffend die Gültigkeit' der Wahlen. Das Oberbergamt ist befugt, einen Arbeiterausschuß, der seine Zuständigkeit überschreitet, auf- zulösen. Der Auflösung muß eine Verwarnung durch das Oberbergamt vorausgehen. Das Oberbergamt kann einen Sicherheitsniann. der seinen Verpflichtungen nicht nachkommt, seines Amtes als Ausschußmitglied entheben." Hierzu lag ein nationallioeraler Antrag vor, der besagte: »Das Oberbergamt hat einen Sicherheitsmann, der seinen Verpflichtungen nicht nachkommt, mit Geldstrafen, die für den Einzelfall S M. nicht übersteigen dürfen, zu belegen und kann ihn im Wiederholungsfalle oder in besonders schweren Fällen seines Amtes entheben." Der Minister machte gegen diesen Antrag grundsätzliche Be- Lenken geltend: Die Sicherheitsmänncr seien keine Beamten, und da könne es nicht in der Ordnung sein, wenn eine Vcrwaltungs- behördc über Arbeiter Strafen verhängen soll, die von den Ge- richten weder bestätigt noch nachgeprüft werden können. Die Freikonservativen wollten den nationall iberalcn Antrag in der Weise fassen, daß ein Sicherheitsmann„mit Genehmi- gung des O Herbergamtes" bestraft werden könnte. Von dem sozialdemokratischen Vertreter wurde erklärt, daß dieser An trag wohl die Absicht verfolge, Sicherheitsmänner vollständig un möglich zu machen, denn es würde sich kein Arbeiter für dieses Amt finden lassen, der zu gewärtigen habe, infolge dieses Amtes eine EiiBuße am Lohne zu erleiden. Eine solche Bestimmung wäre die größte Ungerechtigkeit, die sich überhaupt denken lasse. Auch der Öberbergrat Meißner bemerkte, daß sich unter solchen Bc- dingungeu kein Arbeiter für das Amt finden lasse. Wenn die Raüonallibcralcn der Meinung seien, daß die Organisation diese Strafe bezahlen würde, so wolle er sie darauf aufmerksam machen, daß das eine Lockerung der Disziplin mit sich bringen toerdel Die Nationaliberalen ließen sich aber von ihrer gehässigen Ver- folgung der Sicherheitsmänner nicht abbringen, sie bestanden auf einer Abstimmung über diesen unmöglichen Antrag. Als aber in der Debatte von konservativer Seite hervorgehoben wurde, daß sich die Bestrafung des Sicherheitsmannes doch viel besser im Wege der Arbeitsordnung erledigen ließe «nd dann dieser Bestrafung der Charakter einer amtlichen ge uommen werde, behielten sich die Nationalliberalen zwar vor, einen entsprechenden Antrag zur zweiten Lesung einzubringen, zogen ihren Antrag jetzt aber nicht zurück. Der Antrag wurde dann gegen die Stimmen der Nationalliberalen und Freikonservativen abgelehnt. Der§ 80f, k bestimmt, daß die Verwendung von Strafgelbern, die Verwaltung der Unterstützungskassen, die Organisation, Wahl, Zuständigkeit und Geschäftsführung des Arbeiterausschusses und der Sicherheitsmänncr in den Arbeitsordnungen oder in besonderen Satzungen festgelegt werden solle und der Genehmigung des Ober- bergamtes unterliegt. Er wurde debattclosan genommen. Nunmehr wurde darüber beraten, ob die Einrichtung der Eicherheitsmänuer, wie es ein nationalliberaler Antrag wollte, nur auf Steinkohlenbergwerke beschränkt bleiben soll. Die Konserva- tivcn stellten folgenden Eventualantrag: „Auf Steinkohlenbergwerken, auf unterirdisch betriebenen Braunkohlenbergwerken und auf Äalisalzhergwerken oder auf selbständigen Betricbsanlagen dieser Art müssen, wenn darauf in der Regel mindestens 100 Arbeiter beschäftigt werden. Sicher- heitsmänner und ein Arbeiterausschuß vorljcmden sein." Nach diesem Antrag sollten die Bestimmungen aus Tagebautcn und auf Erzbergwerte keine Anwendung finden. Die Nationalliberalen erklärten, daß auch auf Kalibergwerlcn diese Einrichtung der Sicherheitsmänner vollständig überflüssig sei. Das Zentrum ließ durch ein Mitglied erklären, daß die Gefährdung der Gesund- heit und des Lebens der Bergleute in Tage bauten ebenfalls enorm sei. Trotzdem beantragte aber ein anderes Zentrumsmitglied, die Tagebauien aus dem Gesetze auszunehmen. Ein drittes Zen- trumsmitglied stellte den Antrag, aucki die Erzbergwerke mit ein- zuschließen. Von dem sozialdemokratischen Vertreter wurde be- antragt, diese Einschränkungen völlig abzulehnen, weil ja in der übergroßen Vorsicht, die die Kommission schon betätigt habe, ein Paragraph angenommen sei, der dem Arbeiterausschuß die Bc- rechtigung erteile, die Tätigkeit der Sicherheitsmänner außer Wirk- samkeit zu setzen. Wenn dann die Arbeiter selbst der Meinung seien, daß eine Bergwerksanlage so ungefährlich ist, daß eine Kon- trolle durch Sicherheitsmänner nicht notwendig sei, dann würden die Arbeiter die Verantwortung zu tragen haben. Es scheine, daß man erst in anderen Bergwerken auf Massenunglücke wartet, ehe man den Schutz einführe, den die Bergleute für unerläßlich halten. Daß die N'ationallibcralen den Kalibergbau für ungefährlich halten, sei höchst sonderbar, denn ihnen sei sicher bekannt, daß das Ober- bergamt in Clausthal die Serstellung eines zweiten Schachtes ftir Kalibergwerke wegen der Gefahren für die Arbeiter angeordnet habe! Massenunglücke im Kalibergbau seien nicht ausgeschlossen, und lvenn seinerzeit aus der Grube„Frischglück" in Eime nicht Hunderte von Bergleuten ihr Leben einbüßten, so sei das eben ein reiner Zufall geloesen.— Der Minister hält eine Beschränkung der Einrichtung der Sicherheitsmänner auf Steinkohlenbergwerke auch für unbegründet. Er ersuchte, die Anträge abzulehnen. Die bestehende Mehrheit nahm jedoch den konservativen Antrag an. Der Antrag, daß auch Tagebauten eingeschlossen sein sollen. wurde gegen 0 Stimmen, worunter eine Zentrumsstimme, der Antrag, den Erzbergbau einzubeziehen, mit 11 gegen 13 Stimmen abgelehnt. Von den Konservativen war noch beantragt, als neuen 8 80k o tinzuschalten: „Für diejenigen Bergwerke oder Betriebsanlagen, welche nicht unter den vorerwähnten Paragraphen fallen, verbleibt es hin- sichtlich der Bestallung und der Tätigkeit des Arbeiterausschusses bei den bisherigen Vorschriften." Danach beabsichtigen die Konservativen, neben den neuen Vor- schriftcn noch die alten über Arbeiterausschüsse bestehen zu lass'eu, Als vom Minister und anderen Rednern darauf hingewiesen wurde, daß doch unmöglich die beiden Gesetzesbestimmungen nebeneinander Geltung habe» könnten, gaben das die Konservativen zwar zu, sie ließen sich aber von ihrer Absicht, üper die Gestaltung der Berg- gesctznovelle— wie bisher— auch bis zum letzten Paragraphen selbständig zu verfügen, nicht abbringen. Bis zur zweiten Lesung behielten sie sich vor, eine andere, den Anschauungen des Ministers entsprechende Fassung zu finden, und nach dieser Erklärung wurde dann mit der üblichen Mehrheit auch dieser Paragraph an- genommen. » Damit waren die Bestimmungen über die Sicherheitsmänner und den Arbeiterausschuß erledigt. War die Regierungsvorlage schon ein völlig unzureichendes Angebot für die Arbeiter, so hat es die konservativ-nationalliberale Mehrheit verstanden, die Regie- rungsvorlagc noch viel schlechter zu gestalten! Da die Nationalliberalen ihre noch über die Wünsche der Konservativen hinausgehenden Verschlechterungsanträge nur zurückgezogen haben, um sie in der zweiten Lesung in„verbesserter", d. h. für die Arbeiter ungünstigerer Form einzubringen, so steht zu erwarten, daß die zweite Lesung an den Beschlüssen der ersten Lesung dieselbe reaktionäre Abänderung vornehmen wird, wie sie in der ersten Lesung gegenüber der Regierungsvorlage erfolgt ist. Jedenfalls hat der preußische Landtag, zunächst wenigstens das Ab- geordnetenhaus, bewiesen, daß es den Wünschen und den Forde- rungen der Bergarbeiter nicht entgegenzukommen bereit ist. Wenn man nun weiter berücksichtigt, daß die Bergherren ihre ganze Hoff- nung auf das Herrenhaus setzen und dort im Herrenhaus dieselbe Einbläserei betreiben werden wie im Abgeordnetenhause, dann können die Bergleute etwaige Hoffnungen, daß irgendetwas An- nehmbares aus den Verhandlungen herauskommen würde, schon heute vollständig einsargen und begraben. der die Hirn der Frauenbewegung. Heimarbeiterinnen. Mitte dcS vorigen Jahrhunderts erregten die HungeraufstäiSe Weber begreifliches Aufsehen. Außer blauen Bohnen hatte besitzende und bcrrschende Klasse nichts übrig für die ver- zweifelten Weber. Auch in späteren Jahren fragte niemand viel nach der Not in der Heimindustrie. Erst als die Sozialdemokratie sich der Aermsten annahm, erwachten die Hüter von Tugend und Ordnung aus ihrem süßen Schlummer. Mit einem Male heuchelte nian Teilnahme für die„lieben braven Mitmenschen", mit einem Male waren Religion und Christentum in Gefahr. Die Heim- arbeitausftellung in Berlin, die den Jammer der Heimarbeitc- rinnen in seiner ganzen Größe ans Tageslicht zog, ließ die besitzende Klasse aufmerken. Aber von energischen Mahnahmen war nichts zu merken; für die gedrückten, verachteten und hungernden Arbeits- sklaven wußte es schon genügen, wenn allerhöchste Herrschaften ihnen ihr— Mitgefühl zeigten. Das ist billigt Wie der Lauf der Dinge ist, dafür folgendes Beispiel: Nach einer Mitteilung in der letzten Nummer der„Heimarbeiterin" begeht ein Hauptvorstandsmitglied des Gewerkvercins, Klara Müller, ihr Lbjähriges Tätig- ke i ts j u b i l ä u m als Heimarbeiterin bei einer Firma, für welche sie seine Damenwäsche anfertigte. Dabei wird festgestellt, daß die Firma-den Preis für Nachtjacken, für die es anfangs 21 M. gab, später auf 18 M.. dann auf 16 M. und zuletzt auf 12 M. herab- schraubte, so daß zuletzt selbst die Jubilarin es ablehnen mußte, für dieses Mustergeschäft weiter zu arbeiten. Warum nennt die„Heimarbeiterin" nickst den Namen des Inhabers der Firma? Für die Arbeiter und gang besonders für die Heimarbesterinnen ist der Vorgang ein belehrendes Beispiel dafür, daß es keine Harmonie zwischen Kapital und Arbeit gibt, daß jeder Pfennig in hartem Kampfe erstritten werden muß. Deshalb muß das Losungswort heißen: Hinein in die Kampfesorganisationl Genossinnen im Stadtparlament Kopenhagens. Unter den 20 Vertretern der Sozialdemokratie, die kürzlich bei der Stadtverordnetenwahl in Kopenhagen gewählt wurden, sind auch zwei Frauen, die Genossinnen Anna Jo Hansen, Vorsitzende der Abteilung der Herrenschneiderinncn des Dänischen Schneiderverbandes. und Henriette Crone, Organisationsvorsitzcnde der Druckerei- arbeiteriimen. Nachträglich ist nun noch eine Genossin in das Stadtparlament eingezogen, Frau Olivia Nielsen, die auch in der Gewerkschaftsbewegung wie in der Partei eine umfangreiche und fruchtbare Tätigkeit entfaltet und seit 17 Jahren im„Weiblichen Arbeiterverband" die leitende Stellung einnimmt. Dieser Tage hat ein sozialdemokratischer Stadtverordneter. Genosse Martin Olsen, sein Mandat niedergelegt und hat das besoldete Amt eines Kommunalrevisors übernommen. Gemäß dem neuen Kommunalwahlgesetz ging sein Mandat auf den nächsten nicht gewühllen Kandidaten derselben Parteiliste über. Im ganzen find unter den 42 Mitgliedern des Kopcnhagcner Stadt- Parlaments jetzt 8 Frauen._ Frauen als Verteidigerinnen politischer Flüchtlinge. Vierhundert Arbeiterfrauen von Chicago verkauften vor kurzem in den Straßen eine SpezialauSgabe des„Chicago Daily Sodalist� welche die genauen und kvahren Angaben enthielt über die mexi- tanischen politischen Flüchtlinge, die zurzeit von der Regierung der Vereinigten Staaten in Untersuchungshaft gehalten werden.— Die „Liga zur Verteidigung politischer Flüchtlinge" loird von den sozialistischen Frauen dauernd unterstützt werden. An der Agitation wird sich auch die Frau des Professors River», eines der mexika- irischen Gefangenen, beteiligen. Demonstrationen und Massenver- brcitung des oben genannten sozialistischen Organs sind in allen größeren Städten der Union geplant. Ucbertritt zur sozialdemokratische» Partei. Die bisherige Redakteurin von„Kwinden og Samfundet'(„Die Frau und die Gesellschaft"), des Organs des dänischen Frauen- bundeS, Lehrerin Helene Loew h, sowie Fräulein B r o s b ö l e, die Tochter des dänischen Schriftstellers Cavit Etlar, sind zur sozial- demokratischen Partei übergetreten. Sie halten sich seit einiger Zeit Studien halber in England auf. und die großkapitalistische EntWickelung dieses Landes hat offenbar ein gut Teil zu der Erkenntnis beigetragen, daß die bürgerliche Frauenrechtlehrerin weder die Frau noch die Menschheit im allgemeinen aus der Knechtschaft zu erlösen vermag. Fräulein Berg hat ihre Stellung als Redakteurin vom „Kwinven og Samfundet" aufgegeben. Versammlungen. Eine Volksversammlung hatte der Vorstand des Wahlvereins für den dritten Kreis am Dienstag nach Kellers„Neue Philharmonie" in der Kopenickerstraße einberufen. Die Versammlung war sehr stark besucht. Auf der Tagesordnung stand ein Vortrag des Ge- nassen Wolf gang Heine über das Thema: Der Kriegsminister und die Sozialdemokraten. Der Redner beleuchtete die Stellung, welche der Kriegsminister v. Einem bei der Etatsdebatte im Reichs- tage gegen die Sozialdemokratie einnahm. Besonders wandte sich Genosse Heine gegen die Aeußerungcn des KriegsministcrS, welche die Sozialdemokraten im Heere als minderen Rechts erklärten. Mit bezug auf die gegnerischen Verdrehungen, deren sich auch der Kriegs- minister bediente, kennzeichnete Genosse Heine unsere Stellung zum Militarismus dahin, daß auch wir es für unsere Pflicht halten, die Kulturgüter unserer Nation zu verteidigen, daß wir aber den Mili- tarisnius wegen seiner volksfeindlichen Tendenzen entschieden be- kämpfen.— Der Vortrag wurde mit regem Interesse und lebhaftem Beifall entgegengenommen. Ter Hvlzarbeitcrverband veranstaltete am DonnerSkag sieben Agitationsversammlungen in verschiedenen Stadtgegenden. Die Versammlungen waren alle gut besucht, einige sogar überfüllt. Als Referenten fungierten: In den„Prachtsälen des Ostens" Müller-M.-Gladbach, in der„Urania"(Wrangelstraße) Mom- b e r�g- Hamburg, in Kellers Saal(Koppenstraßel Dietrich-Breslau, im„Swinemünder Gesellschaftshaus" Schönenbcrger- Schwenningen, im„Hofjägcrpalast"(Hasent?eide), öio b e r t Schmidt- Berlin, im„Kolberger Salon"(Kolbcrger Straße) König- Berlin, in Hoppes Saal(Nixdorf) S ch n e e g a s- Berlin.— Die Referenten gaben eine Schilderung der gegen- wältigen wirtschaftlichen Lage und machten den Zuhörern klar, daß die gegenwärtige Kwise leinen Grund zur Mutlosigkeit gebe, was ja auch die Mehrheit der Kollegen erkannt hätten, die trotz der schweren Zeit dem Verbände treu geblieben seien und sich dadurch einen wirksamen Schutz ihrer wirtschaftlichen Interessen gesichert hätten. Der Zcntralverbaud der Zimmerer hielt am Mittwoch dreizehn Agitationsversammlungen in Berlin und den Vororten ab. Alle Versammlungen waren gut besucht. Referenten waren die VH&anbs» funktionäre Engelhardt, G o l z e, Hinrichsen, Knüpfer, Kloss ow ski, Licht, Wilhelm Schmidt, Heinrich Schultz, Karl Schulz. Fritz Schulze, Wellsow, Witt und Ziege. „Die Situation im Baugewerbe" war das Thema in allen Ver« sammlungen. Die Referenten erörterten die Ursachen der Wirtschaft« lichen Krise im allgemeinen und betrachteten insbesondere die Situation im Baugewerbe. In dieser Hinsicht wurde unter anderem ausgeführt: Aus den Berichten des Vereins der Berliner Grund» stücks- und Hhpothekeninaklcr ergibt sich, daß die Erteilung von Bauerlaubnissckcinen sowie die Eebranchsabnahmen und die Zahl der bebauten Grundstücke im Jahre 1308 gegenüber 1907 und» 1906 bedeutend zurückgegangen sind. Dagegen hat die Zahl der Zwangsverkäufe von Grundstücken im Jahre 1908 stark zugenommen. Die Bautätigkeit in Groß-Berlin ist auch bis jetzt nicht besser ge- worden. Am 26. März 1908 wurde» durch eine vom Verbände vcr- anstaltete Bautenkontrolle 1431 Neubauten und Scharwerke in Berlin und den Bororten ermittelt. Die Bautenkontrolle vom 17. März 1909 ergab 1429 Arbeitsstellen. Die Zahl hat sich also fast nicht ver- ändert, lieber das Stadium, in dem sich die bei den beiden Kontrollen ermittelten Bauten befanden, gibt diese Tabelle Auf» schluß: Am 17. März 1909 wurden auch 88 Bauten angetroffen, die wegen Mangel an Geld still lagen.— Nach diesen Feststellungen kann eine Besserung der Lage im Baugewerbe für die nächste Zu- kunft nicht erwartet werden. Trotz der Herabsetzung des Zinsfußes der Reichsbank von 4 auf S1/® Prozent soll die Beschaffung der Baugelder immer noch sehr schwierig sein. Zu beachten ist auch, daß der Zuzug nach Berlin ab-, der Wegzug aber zugenommen hat. Die Nachftage nach Wohnungen ist deshalb geringer geworden. DaS wirkt natürlich hemmend auf die Bautätigkeit. Außer diesen lim- ständen kommt für die Bauarbeiter noch eine ungünstige Erscheinung in Betracht. nämlich das Dauschwindlertum, durch das die Arbester häufig um ihren sauer ver« dienten Lohn betrogen werden. Infolge von Zahlungs- Unfähigkeit der Unternehmer im Baugewerbe mußten in den Jahren 1900 bis 1906 beim Berliner Gewerbegcricht 10 224 Klagen an- gestrengt werden, von denen in 1441 Fällen ein VersänmniSurteil er- ging. Um diesem Uebel zu steuern, ist die gesetzliche Haftbar- machung des Baugeldgebers dringend erforderlich.— Die ungünstige Lage im Baugewerbe bringt natürlich eine große Arbeitslosigkeit im Zinimererberuf mit sich. Nach der Arbeitsloscnstatistil des Ver- bandes waren Mitglieder der Zahlstelle Berlin und Umgegend arbeitslos im Jahre 1906 922— 1,57 Proz., im Jahre 1907 1198--- 6,26 Proz., im Jahre 1908 1609— 11,3 Proz.. im Jahre 1909 bis jetzt 800. Noch stärker kommt der lvirtschastliche Rückgang zum Ausdruck in der an die Mitglieder gezahlten Arbeitslosen- unlerstützung. Dieselbe betrug im Jahre 1906 6843,60 M.--- 1,26 M. pro Kopf, im Jahre 1907 31 451.60 M.=- 7,96 M. pro Kopf, im Jahre 1998 83060,76 M.— 24,87 M. pro Kopf. Vom Beginn deS neuen Rechnungsjahres(1. November 1908) bis 21. März 1909 sind 30 106,60 M.— 10 M. pro Kopf an Arbeitslose ausgezahlt worden. Weiter wurde in den Referaten hingewiesen auf die Organisatioa der Unternehmer, die im Baugewerbe eine ziemlich starte ist und mit allen Mitteln versucht, die Arbeiterbewegung niederzuhalten. In diesem Sinne war auch die Generalversammlung des deutschen Arbest- �eberbundes für das Baugewerbe tätig, welche am 29. und 30. März n: Kassel tagte. Derselben lagen folgende Punkte zur Beschlußfassung vor: 1. Für jeden Bezirk sind„unparteiische" Arbeitsnachweise zu er- richten. 2. Die von der Bnndesleiiung entworfenen Entlassungsscheine sind obligatorisch cinznfiihrcn. 3. Ilnterstütznng zur Gründung von Poliervereinen. 4. Anschluß des Deutschen Arbcitgeberbundes für das Baugewerbe an den Verein deutscher Arbeltgcberverbäude. 6. Festsetzung eines VertragsinnsterS zwischen den Arbeitgeber- Verbänden und Baumaterialienhändlern.— Da die General- Versammlung der Unternehmer unter Ausschluß der Oeffentlichkcit tagte, so ist noch nicht bekannt geworden, welche Beschlüsse sie zu den vorstehenden Punkten gefaßt hat. Aber sicher ist, daß dieselben ans eine Zurückdrängung der Arbeiterbewegung gerichtet sind. ES ist deshalb die unerläßliche Pflicht der Arbeiter, sich ihrer gelvcrl« schastlichen Organisation anzuschließen und an der Erfüllung der gewerkschaftlichen Aufgaben teilzunehmen. Die Ausführungen der Referenten fanden überall ungeteilt« Zustimmung._ Amtlicher Marktbericht der städiilchen MarNhallen-Dircklion ildcr den Großhandel in den Zentral-Marttballen. Marktlage: Fleisch: Zufuhr stark, Geschäsl ruhig, Preise unverändert. Wild: Zufuhr sehr knapp, Geschäft rege, Preiie fest. G e s l ü g e l: Zusuhr in Hühnern ge- nügend, sonst knapp, Geschäft ziemlich lebhaft, Preise befriedigend. Fische: Zusuhr genügend, Geschäft schleppend, Preise wenig verändert, sur Hechle nachgebend. Butter und Käse: Geschäsl ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obst und Südsrüchte: Zusuhr genügend, Geschäsl an- sangs nihia, später belebter, Preise wenig verändert. «SitterungSübersicht vom l. April 190S. morgens 8 Uhr. etationen ;e Swlnrmde j7Z3SO Kamburg 1750 SO Herlin 1754® Franks. a M. 756 SSS München 1759 233 Wien>761 Still Setter 3 bedeckt 2 Regen 2 bedeckt 6 wollig 4 bedeckt wolkeiil ui« £| Stationen ß« Si £ s L« gc~ Saparanda 747 NO eterSburg 755 S Scillh|763SSNSS Äberdeeu 766 N Paris!760sW I I 6 Schnee 2 wollig 5 wolkig 2 wolkig 4bcdlckt Wetterprognose für Freitag, den S. April 190». Ziemlich mild und zeitweise heiter, aber sehr veränderlich mit leichte» Regensällen und lebhaste» südwestlichen Winden. Berliner Wetterburea«. Ii An diesem Schild sind die Läden erkennbar, \L in denen SINGER Nähmaschinen verkauft werden. Mastergaitig In Konstruktion and Ansfährnng, gleich vorzüglich für llaaegcbraach a. Industrie. EL Singer Co. Nähmaschinen Act. Oes. BERI.IX, liclpzigcr Straße 98. Läden in den verschiedenen Stadlteilen. Bäckereigenossenschaft Berlin. Eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Hastpflicht. Bilanz per 27. Dezember 1908. Aktiva. Passiva. Anteil-Konto 6.6.;®.®.®. Utensilien-Konto... Detail-Konto..... Bäckerei-Konto.... Spesen-Konto A.... Spesen-Konto B.... Waren-Konto.... Gespann-Konto.... Kontolorrent-Konto.. Kassa-Konto..... Summa Marl 723.35 10127.52 504.16 22 346.30 118.73 267.20 1 158.17 5 516.36 451.07 5 181.58 46 394.44 Mitgliederbestand am 1. Jan. 08 28 Eingetreten im Jahre 1908.. 5 Ausgeschieden im Jahre 1908. 0 tgliederb.''""■ Rabattmarlen-Konto.. Mitgliedergutbaben-Konl. Darlchiisschuld-Konto.. Kontolorrcnt-Konto.. KautionS-Konto.,. Reservesonds-Konto.. Spezialreservesonds-Kont. Mark 466.25 990.00 5 910.25 34 419.02 500.00 1011.00 3 097.92 46 394.44 Summa.. GeschästSguthab. am I.Jan. 08 840 M. Einzahlungen im Jahre 1908 150„ ____________-- Auszahlungen im Jahre 1908—, Mtgllederbestand am 27. Dez. 03 33®eschästsguthab.am27.Dez.08 990, Die Hastsumme betrug am 1. Januar 1908... 840 M. »«,, 27. Dezember 1903.. 990, 10518 Mithin mehr.. 150 M. Der B o r st a» d: Johann Hummel. Ludwig Ertl, Kredit O J�0||@| �eü�sKiung Ibei allerklelnstcr An- n. Abzahlung. Größte RUcksicht a E. Cohn, 6f. Fraiiiirtest.51 KNABEN 'CHARLOTTENBURG , SIH AUREN STR. 36 UfliTfSjin. aller Art. Ketten, Gold-»»d Silberwaren, modern und in jeder Preislage. Wilhelm Flade, Pntbnser Straße SO, nahe dem Humboldtbain. Lieferant der Konsum-Genossen- schaft Berlin und Umgegend. Gtmmsam Ortsbrüllkttt knsse für Notvntvts vvd Wgtgtnd. Den Mitgliedern der hiesigen OrtS« krankenlasse zur aefi. Kenntnisnahme, daß sich daS Kasscnlokal vom 1. 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