M. 101a. HbonnonentS'BedlflWftaffl: Abonnements- Preis pränumeranbo! Bierteljährt. 3�a Tit., monatl. 1,10 WH, wöchentlich 28 Pfg. frei WS HauS. Einzelne Nummer S Pfg, Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Vellage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Poft-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige iluSIand 3 Marl pro Monat, Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien. Schweden und die Schweiz, so. Jahrg. «»eint tZgn» ms» nioBtaat. Verlinev VolksOlskk. Die snIerNonZ-Ledühr Beträgt für die sechsgespaltene Kolonel- zeil- oder deren Raum 60 Pfg,, für politische und gewcrlschastliche Vereins« und Versammlungs-Auzeigen LO Pfg. „Kleine ZZnrelgeu", das erste sj-lt« gedruckte) Wort 20 Pfg,, jedes weitere Wort 10 Pfg, Stellengesuche und Schlaf- ftellen-Anzcigen das erste Wort 10 Pfg,, jedes weitere Wort 6 Pfg, Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate sür die nächste Nummer müssen biS S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist biS 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm-Adresie: „SozisWemsmt litt»»". Zentralorgan der rozialdemokratifchen Partei Deutfchlands. Redaktion: SM. 68. Lindenetrasse 69, Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Montag, den 8. Mai 1999. Expedition: SM. 68» lundenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. festgefahren. Die Abstimmung über die von den verschiedenen Parteien gestellten Wertzuwachssteuer-Anträge ist am Sonnabend in der Finanzkommission des Reichstages erfolgt; doch bedeutet die Stimmenentscheidung keine Klärung der äußerst gespannten Lage. Die Gegensätze zwischen den Blockparteien wie auch zwischen diesen und der Bülowschen Regierung haben sich viel- mehr aufs schärsite krisisch zugespitzt. Reckte und Linke des Blocks haben das Vertrauen zu einander völlig verloren und betrachten sich gcgenseisig nur noch mit Mißtrauen als politische Intriganten, die zu jedem perfiden Handstreich beresi sind. Wieder zeigt sich mal die rohe Selbstsucht der herrschenden Schichten Deutschlands, ihre innere Verlogenheit und patriotische Heuchelei in widerlicher Blöße— fast als hätten sich unsere „Edelsten und Besten" darauf kapriziert, dem werktättgen Volke aufs neue den Beweis zu liefern, daß die deutschen Magnaten des mobilen und immobilen Kapitalbesitzes sief unter den herrschenden Klassen der übrigen Kulturstaaten Europas stehen und im Vergleich zu diesen den vollsten An- spruch darauf haben, als polisischcs Gesindel klassifiziert zu werden. Auch England befindet sich zurzeit in einer Finanznotlage. Es hat ein Defizit von ungefähr Isi'/z Millionen Pfd. Sterl. zu decken, und außerdem sind für projektterte wichtige Aus- gaben in den nächsten Jahren weitere vier Millionen Pfund Sterling erforderlich. England sieht sich also ebenfalls ge- nötigte, über 400 Millionen Mark neuer Steuern aufzubringen. Wie aber hilft sich dieser Staat, der von unseren aufs Volks- kosten existierenden Großagrariern so oft als„ k r ä m e r- hafte" und„perfide* verhöhnt wird, aus seiner finanziellen Notlage? Nach den Vorschlägen der englischen Regierung sollen nur 2,9 Millionen Pfund, also noch nicht 69 Millionen Mark, durch Erhöhung der Zölle und Akzise(Verbrauchsabgabe) auf Spiri.- tuosen und Tabak aufgebracht werden; der übrige Betrag soll durch Besitz steuern gedeckt werden, und zwar sollen zirka 70 Millionen Mark durch eine Erhöhung der Steuer auf größere Ein- kommen(Einkommen unter 3200 Mark bezahlen in England überhaupt keine Steuer) hereingebracht werden; um ungefähr 80 Millionen Mark(später 133 Millionen Mark) soll die Erbschafts- st euer gesteigert werden, obgleich die Nachlässe schon heute dermaßen in England besteuert sind, daß der Staat daraus jährlich eine Einnahme von beinahe 400 Millionen Mark zieht; 52 Millionen Mark soll die Erhöhung der Schankkonzcssionsgebühren bringen; und den übrigen Teil will man aus Stempelsteuern auf Verkäufe von Liegenschaften und Wertpapieren, aus Wertzuwachssteuern, aus Automobil- und einigen kleinen Nebcnsteuern sowie aus einer Reduktion des Schuldentilgungsfonds herausholen. Obgleich ohnehin schon die Steuern auf höhere Einkommen, Vermögen. Erbschaften und geschäftliche Aktionen in England weit höher sind, als im junker- lichen Deutschen Reich, soll demnach in England doch von den erforderlichen 400 Millionen Mark nur ungefähr der siebente Teil durch Verbrauchssteuern aufgebracht, dagegen sechs Siebentel den Wohlhabcudeu auferlegt werden. In Deutschland hingegen sollen vier Fäustel der erforder- lichen 500 Millionen Mark neuer Steuern den Unbemittelten aufgebürdet werden und nur höchstens ein Fünftel den Besitzenden. Mehr als lange Auseinandersetzungen es vermöchten, zeigt die Gegenüberstellung dieser Ziffern, wie sief die deutsche offizielle Steuerpolitik unter der englischen steht und wie tief der Grundadel und die Großbourgeoisie Deutschlands unter den entsprechenden Schichten Englands. Aber selbst über dies eine Fünftel vermögen sich die Herr- schenden Klassen in Deutschland nicht zu einigen; denn nur aus der Frage, welcher Teil der herrschenden Klassen zu diesem Fünftel am meisten beitragen soll, ist der jetzt zwischen den Blockparteien tobende Kampf und Konflikt entsprungen. Damit, daß vier Fünftel der zur Deckung des Reichsdefizits nötigen Steuern den unbemittelten Volksschichten auf- gebürdet werden sollen, sind trotz aller gegenteiligen Beteuerungen auch die Freisinnigen einverstanden, wenn sie auch im einzelnen zugunsten besttmmter kleingewerb- sicher Geschäftskreise allerlei SpezialWünsche haben. Was den Liberalismus und den Konservasismus zum gegenseittgen Kampf in die polittsche Arena treibt, ist lediglich das Mosiv, von dem einen Fünftel möglichst wenig der eigenen Interessen- schicht aufbürden zu lassen.— Die Konservativen als Vertreter des Großgrundbesitzes verlangen. daß vor allem die Besitzer beweglichen Kapi- tals, besonders die Börse, zur Bezahlung des einen Fünftels herangezogen werden; sie fordern deshalb die Einführung einer den ländlichen Großgrundbesitz nur in geringem Maße treffenden Wert- zuwachssteuer, hauptsächlich auf städtischen Boden- und Haus- besitz sowie auf Wertpapiere; ferner Dividenden- und Umsatz- stempelsteuern. Die Liberalen als Vertreter des beweglichen Kapitalbesitzes dagegen beziehen die Einführung einer Wert- zuwachssteuer auf Wertpapiere und die Dividendensteuer als eine Vernichtung der ganzen herrlichen heuttgen Kultur; sie ziehen die Nachlaßsteuer vor, zumal sich der in Liegenschaften be- stehende Besitz nicht so leicht der Heranziehung zur Rachlaß- steuer zu entziehen vermag als der in Wertpapieren bestehende Besitz, den in vielen Fällen die Erben bequem von der Wert- seststellung des Nachlasses beiseite zu schaffen vermögen. Die letzten Sitzungen der Finanzkommission und speziell die Abstimmungen am Sonnabend spiegeln diese Interessen- motive aufs deutlichste wieder. Zunächst wurde der Antrag der sozialdemokratischen Mit- glieder der Finanzkommission, der den Ersatz der geplanten Steuern auf Tabak, Bier, Branntwein usw. durch eine Reichs- Vermögens-, Reichseinkommen- und Rcichswertzuwachssteuer verlangt, abgelehnt. Kein Mitglied der anderen Parteien stimmte dafür. Sie alle ohneUnterschied wollten den unbemittelten Volksklassen die Haupt- last der neuen Steuern auferlegen. Darauf folgte die Abstimmung über den von der Reichs- Partei zum Antrag Dietrich-Westarp gestellten Eventualantrag, der in dem Antrag der Konservativen die Bezeichnung der Wertzuwachssteuer als Ersatz st euer für die Erb- anfällst euer beseitigen will. Dieser Antrag wurde agelehnt gegen Freisinnige, Nasionalliberale und Reichsparteiler. Nun erst kam der Hauptantrag der Agrarier, der Antrag Dietrich, an die Reihe, der die Ersetzung der Nachlaß- oder Erbanfall st euer durch eine Wertzuwachssteuer auf Grundbesitz und Wertpapiere verlangt. Für den Antrag stimmten die vier Konservattven, acht Zentrumsmitglieder und zwei Polen, zusammen vierzehn; dagegen die vierzehn Mitglieder aller anderen Parteien. Der Antrag wurde also mit Stimmengleichheit abgelehnt. Als vierter kam der Antrag der Wirtschaftlichen Vereinigung zur Abstimmung. Der e r st e Teil, der die verbündeten Regierungen zur unverzüglichen Ausarbeitung einer Wertzuwachssteuer auf Immobilien auffordert, wurde einstimmig angenommen. Der zweite Teil, der sie auffordert, in Erwägung darüber einzutreten, wie zum Ausgleiche der den Grundbesitz belastenden Wertzuwachssteuer eineentsprechendeBesteuerungdesZuwachses an beweglichem Kapitalvermögen erfolgen könne, wurde gegen die Stimmen der Freisinnigen angenommen. Von dem Antrage der Freisinnigen wurde der erste Teil, der die Ausarbeitung einer Erbschaftssteuervorlage fordert, mit Stimmengleichheit, 14 gegen 14, a b g e le h n t, mit demselben Ssimmenverhältnis wie der Antrag der Kon> servativen. Auch der zweite Teil, der die progressive Vermögenssteuer fordert, wurde mit 16 gegen 12 Stimmen abgelehnt. Dafür stinimten mit den Frei sinnigen die Nationalliberalen und unsere Genossen. Schließlich wurde dann auch noch der schwammige nasionalliberale Antrag, der eine Erbanfallsteuer für Deszen deuten und Ehegatten in unbeerbter Ehe, sowie, falls dw durch 100 Millionen nicht einkommen, für den Rest eine Wert zuwachssteuer auf Immobilien vorschlägt, abgelehnt. Das Resultat ist also: der konservative Antrag, die Erb' anfallsteuer durch die Reichswertzuwachssteuer zu ersetzen, ist abgelehnt; andererseits ist aber auch der Antrag Wiemer, an der Erbanfallsteuer festzuhalten, abgelehnt. Dagegen ist der Wirtschaftlichen Vereinigung, der die Regierung auffordert, einen Wertzuwachssteuer-Entwurf ausarbeiten zu lassen und dem Reichstage vorzulegen, angenommen. Was nun? Tatsächlich ist durch diese Abstimmungen die Situation noch verwirrter geworden als ini November vorigen Jahres, zur Zeit der Einbringung der Sydowschen Steuerentwürfe. Die Regierung kann, nachdem Bülow und vor wenigen Tagen erst wieder der Reichsschatzsekretär die Erbanfallsteuer öffentlich als oonckitio sine qua non der Reichs finanzreform hingestellt haben, nicht mehr auf diese Steuer verzichten. Sie würde sich heillos blamieren und die ganze Welt zum Spott herausfordern. Andererseits können aber auch die Konservasiven nicht mehr zurück. Einzelne Mitglieder mögen unter Berufung auf frühere Aeußerungen sich auch heute noch für die Erbanfallsteuer entscheiden, die Hauptgruppe kann es nach dieser Ab- stimmung und dem Beschluß des Fünfziger- Ausschusses nicht mehr. Die beiden Hauptblätter der Agrarier, die„Kreuzztg." und die„Deutsche Tagesztg." lehnen denn auch bereits jede Kompromisselei ab, die darauf ge- richtet ist, die konservasive Partei für eine Ausdehnung der Erbschaftssteuer auf Ehegatten und Deszendenten zu gewinnen. Die„Kreuzztg." schreibt: „Die Regierungsvertreter haben in der Kommission den kon-> servativen Antrag, soweit er für die Ausdehnung der Erbschafts- steuer auf Ehegatten und Deszendenten eintritt, entschieden abgelehnt und verharren bei dem Entschlüsse, die Reichsfinanz- reform nur mit dieser Form der Besitzsteuer machen zu wollen. Wie in der offiziös bedienten Presse zu lesen stand, hoffte man bis gestern abend noch, der Weitere Ausschnß der konservativen Partei werde die Fraktton zum„Umfall" zwingen, und die gouvernementalen Elemente innerhalb der Partei haben in der Tat vorher alle An- strengungen gemacht. umdenFünfziger-Ausschuß in diesem Sinne zu bearbeiten. Die Verhandlungen des Ausschusses haben aber von dieser„Bewegung" innerhalb der Partei nicht allzu viel Notiz genommen. In ruhiger und fach- sicher Aussprache wurde die kritische Situation gebührend gewürdigt und dann ergab sich im Ausschusse eine noch viel größere Mehrheit gegen die Erbanfall st euer, als in der Reichstagsfraktion selber. Wir haben in unserer vosigen Wochenschau die Sachlage richtig geschildert. WaS wir gesagt haben, war die Ansicht der meisten Redner, namentlich auch derer, die als Mchtagrarier zu bezeichnen sind. Es ist de» Konservativen heute nicht mehr möglich, sich auf Kom- promisse einzulassen. Dazu ist der Kampf zu ausschließlich gegen sie gerichtet gewesen." Und die„Deutsche Tagesztg." verkündet: „Die Parteien, die gestern in der Kommission die sogenannte Erbanfallsteuer ablehnten, werden ihre Meinung nicht ändern; sie können eS nicht, wenn sie sich nicht um das politischeAnsehen und um dasBertrauen der Wähler bringen wollen. Was insbesondere die konservative Partei anlangt, so hat das bisherige Vorgehen der überwiegenden Mehrheit und des verdienten Vorsitzenden der Reichstagsfraktion die völlige Billigung und die warme Anerkennung des weiteren Ausschusses der Gesamtpartei gefunden. Gewisse Hoffnungen, die von den Nachlaßsteuerfreunden auf diese Tagung des Ausschusses gesetzt worden waren, sind ins Wasser gefallen. Es ist unmöglich, daß nunmehr die konservative Fraktion ihre» Stand- Punkt ändere." Was aber dann? Vielleicht könnte es scheinen, als brauche die Regierung die Entscheidung in der Finanz- kommission nicht als entscheidend zu betrachten, als läge ihr der Weg frei, einen neuen Erbanfallsteuerentwurf ausarbeiten zu lassen und zu versuchen, diesen dann im Plenum des Reichstages durchzusetzen, da im Reichstage die �konservativen, Klerikalen und Polen zusammen nur über 187 von 397 Stimmen verfügen. Aber ganz abgesehen davon, daß solche Taktik den Block unfehlbar sprengen und die Konservativen zur rück- sichtslosesten Obstruksion aufpeitschen würde, verspricht sie auch keinen Erfolg; denn damit in solchem Fall die Erbschafts- steuer zur Annahme gelangte, wäre nötig, daß für diese Vorlage auch die Sozialdeniokratie ein- träte. So sehr aber unsere Partei(dem Erfurter Programm gemäß) als Mittel zur Deckung des Reichsdefizits die Reichs- Vermögens-,• Reichseinkommen- und Reichserbschaftssteucr empfiehlt, so wenig ist sie geneigt, derRegie- rung, lediglich um diese aus derVerlegen» heit zu helfen, irgend eine verkümmerte, viel- leicht nur 40 bis 30 Millionen Mark einbringende Erbanfallsteuer zu bewilligen und dadurch dazu beizutragen, daß die Regierung ein Steuer- Programm zu verwirklichen vermag, das den Unbemittelten zu imperialistischen Zwecken eine neue Steuerlast von 400 Millionen Mark aufladet, während die besitzenden Klassen mit dem vierten oder fünften Teil dieser Summe wegkommen. Sollte die Re- gierung sich der Täuschung hingeben, für solche Versuche die Hilfe der Sozialdemokrasie zu erlangen, so können wir ihr von vornherein sagen, daß sie falsch kalkuliert. Die Leitung der Freisinnigen Volkspartei betrachtet denn auch den Karren als heillos festgefahren und rechnet bereits mit der Auflösung des Reichstages. Sie erläßt in freisinnigen Blättern folgenden Aufruf. „Ernste Entscheidungen stehen bevor. Die Steuerkommisston des Reichstags hat die Anträge auf Ausbau der Erbschafts- bcsteuerung erneut abgelehnt. Namens der verbündeten Re- gierungen ist die Erklärung abgegeben, daß die Rcicksfinanzreform ohne eine ausreichende Erbschaftsbesteuerung nicht zustande kommen kann. Die Konservativen haben im Bunde mit dem Zentrum und den Polen alle Anträge der liberalen Parteien zu Fall ge- bracht, die eine gerechte und gleichmäßige Heranziehung des Be- sitzes erstreben. Die weitere EntWickelung führt zu schweren Kämpfen, vielleicht zur Auflösung des Reichstags. Wir empfehlen, auf den bevorstehenden Parteitagen und in den sonstigen Parteiversammlungen im Einklang mit der Haltung der Reichstagsfraktion einmütig und entschieden zum Ausdruck zu bringen, daß die Freisinnige Volkspartei sür eine baldige und gründliche Reform der Reichsfinanzen eintritt und zur Mitarbeit bereit ist, daß sie aber eine ausreichende Besitzbelastung durch den Ausbau der Erbschaftsbesteuermig als unabweisbare Vorbedingung sür das Zustandekommen der Reform erachtet und jeden Versuch. bei der Reichsfinanzreform agrarische Sonderintereffen zur Geltung zu bringen, als eine Gefährdung des für die Zukunft des Reiches entscheidenden Werke? zurückweist. Berlin, den 1. Mai 1909. Der Geschüftsführende Ausschuß der Freisinnigen Volkspartei: Blell. Fischbeck. Funck. Günthcr-Plauen. Gyßling. Kaempf. Kopsch. Dr. Müller-Meiningen. Schmidt-Elberfeld. Tracger. Dr. Wiemer. Auch in der konservasiven Partei scheint man eine Reichstagsauflösung nicht für ganz unmöglich zu halten, denn auch der„Weitere Vorstand"(Fünfziger-Ausschuß) dieser Partei fühlt sich veranlaßt, einen das Verhalten der konservattven Reichstagsfraktion entschuldigenden Aufruf an die konservativen Wähler zu richten. Die gesamte konservative Partei im Deutschen Reiche war vor Anfang an darin einig und ist es auch heute noch: daß das große nationale Werk der ReichSfinanzreform, auf dem unseres Vaterlandes finanzieller und politischer Bestand beruht, in den Grenzen und Formen zustande gebracht werden muß, die mit unseren wirtschaftlichen Lebensintereffen, der finanziellen Selb- fWnbißldt der SwzelstaaLt» und msere» Snmdfltzm tm irgend vereinbar sind. Demgemäß haben unsere berufenen Vertreter im Parlament auch gehandelt. Sie haben allen Steuervarschlägen der Verbündeten Regierungen, so tief sie zum Teil einschneiden in die ErwerbSinteresjen der von uns vertretenen Bevölterung, zugestimmt ohne irgend «ine Klasse zu bevorzuge»r. Nur in einem Punkt wünschten Wir Abweichendes: Eins Ausdehnung der Erbschaftsbesteuerung auf Kinder und Ehegatten, wie sie von den verbündeten Regierungen geplant ist, müssen wir gemäß oft gefaßten Beschlüssen ablehnen, weil sie eine BermögenSbesteuerung. deren Steigerung und StuS- bau mit Sicherheit in der Zukunft zu erwarten ist, im schwersten wirtschaftlichen Momente darstellt, weil sie geeignet ist. den Sinn für Erhaltung des Besitzes, den Erwerbs« und Spartrieb der für die Zukunft der Familie sorgenden Bevölkerung zu beeinträchtigen, Weil sie offenbare Bevorzugungen des beweglichen Bermögens mit sich führt und Weil sie endlich zur Hebung kommt gegenüber Personen, die ihrer Natur nach weniger fähig sind, ihre berechtigten Interessen gegenüber der fordernden Behörde wahrzunehmen. Unsere parlamentarischen Vertreter haben vollen Ersatz für eine solche Steuer durch andere, vorzugsweise den Besitz treffende ErgänzunaSsteuern geboten und sie hoffen, die Mehrheit des Reichs- tags auf solche oder ähnliche Borschläge zu einigen. So waren wir und sind wir bereit, unsere politischen Pflichten in vollem Maße zu erfüllen. Eine verhetzende Agitation im Lande aber tut fest Wochen, als sähe sie das nicht und beschuldigt uns des strafbaren Eigennutzes im Interesse einzelner, böswilliger Verkennuna unserer politischen Pflicht, während wichtige Reichsinteressen aus dem Spiele stehen und geflissentlicher Verschleppung der Verhandlungen. Wir sragen, welche Partei hat stets auf größte Deschleuntgung der Kommissionsarbeit hingewirkt? Die unsrige. Wer hat fast alle Steuern abgelehnt oder aufs gröblichste ein« geschränkt, so daß schließlich fast nichts übrig bleibt? Nicht wir, sondern andere Parteien! Und eben diese verweigern auch jetzt ihre Zustimmung zu den indirekten Steuern.... Niemals war eS konservative Art. unseren berufenen Vertretern dl« Gefolgschaft zu verweigern, fahnenflüchtig zu werden gegenüber kritischer Entscheidung! ES ist in der Tat eine ernste Stunde für unsere Partei. Bleiben wir unerschütterlich fest bei dem als richtig Erkannten. Halten wir treu und geschlossen unsere Reihen zusammen im Kampfe mit den gegnerischen Interessen.... Wir glauben noch nicht recht an die Reichstagsauflösung, so gründlich auch der geniale vierte Kanzler, den eine tückische Laune des Geschicks statt zum Ballettmeister zum Leiter der deutschen Politik destimmt hat, sich mit seiner Reichsftnanz- resorm festgefahren hat. Für weit wahrscheinlicher halten wir eine Vertagung des„großen" vaterländischen Reform- Werks und die vorläufige Deckung der not- wendigsten Ausgaben durch eine Anleihe. Aber bitter ernst ist unbedingt die Lage, und auf alle Fälle gilt es, die nötigen Vorbereitungen zum Wahlkampf zu treffen. Selbst die noch bis vor kurzem recht optimistische„Nordd. Wgem. Ztg." blickt finster in die nächste Zukunft und spricht von„unberechenbaren Folgen":� „Was die verbündeten Regierungen von Anfang an betont hatten, daß es unmöglich wäre, im Stahmen des Bundesstaates für das Reich eine andere allgemeine Steuer auf den Besitz zu finden als die Erbschaftssteuer aus Kinder und Ehegatten, hat sich als richtig herausgestellt.. Damit ist zugleich die ab so lu te N o tw en d i g k ei t g e g eb e n, diese Steuer selbst festzuhalten und sie aller Schwierig- ketten und Widerstände ungeachtet zur Annahme zu bringen. Namens der verbündeten Regierungen hat der Relchsschatzsekretär in der Kommissionssitzimg vom Donnerstag erklärt, daß ohne eine derartige Erweiterung der Erbschaftssteuer aus Deszendenten und Ehegatten die Reichsfinanz- reform nicht gemacht werden würde und nicht gemacht werden könne. Durch diese Erklärung ist die feste Grundlage gegeben. mit der alle politischen Parteien für die nächste Zeit zu rechnen haben werden. Di« Lage ist vitter ernst. Die Finanzreform, die ein» vom deutschen Volke mit größter Entschiedenheit geforderte unaufschiebbare Notwendigkeit bedeutet, ist trotz immer wiederholter Anläufe und Versuche während der letzten sechs Monate im Parla- ment nicht weiter gekommen. Im ganzen genommen find wir nicht wesentlich weiter als Anfang November. Der Sommer steht vor der Tür. Die Reform muß jetzt erledigt werden. Das Volk verlangt es vom Reichstag. DaS Ausland blickt mit Spannung auf uns. Die alsbaldige Er- ledigung ist zur nationalen Ehrensache geworden. Entzieht sich die Mehrheit deS Reichstages dieser Ausgabe, so sind die Folgen unberechenbar." Im Anschluß an obige Situationsschilderung laffen wir nach- stehend den Bericht über die am Sonnabend abgehalten« Sitzung der fmansKommiMon folgen. Erster Redner war: Herold(Statt.). Gr tritt nochmals für die Wertzuwachssteuer ein, die namentlich m der Provinz Westfalen erhebliche Beträge bringen wird, und bestreitet, daß die Zölle eine erhebliche Erhöhung des Wertes land- wirtschaftlichen Besitzes herbeigeführt haben. Die Steigerung der Wertpapiere hängt vielmehr, als wie die des Grundbesitzes, von den staatlichen Verhältnissen ab. Eine Rede des Reichskanzlers im Reichs- tage könne die Kurse ohne weiteres in Bewegung bringen. Die Erbschaftssteuer sei keineswegs populär. Wenn der Reichstag aufgelöst werde, komme das Zentrum verstärkt wieder. Es werde sich zeigen, daß die Steuerparol« des Zentrums die zugkräftigere sei. Ob der Kanzler w seinem Palais Steuerdemonsirationen veranstalte, oder ob die Sozial- demokratie aus der Straße demonstriere, das komme auf eins hinaus. Das Zentrum werde sich von seinem Wege nicht abbringen lassen. Daß die ginanzreform verschleppt worden sei, fei allein Schuld der Regierung. Schatzsekretär Sydow wendet fich scharf gegen diesen Vorwurf. Die Regierung habe bisher fast alle gewünschten Steuern w die Form von Gesetz- entwürfen gekleidet, meist aber seien sie abgelehnt worden. Die Regierung lehne jeden Borwurf ab. Die vielen Unterschriften gegen die Erbschaftssteuer bewiesen gar nichts, denn diesen Unterschriften könne eine weit größere Zahl solcher für die Erbschaftssteuer ent- gegengestellt werden. Abg. v. Richthofe»(1.) geht auf die Vorgeschichte des Besitzsteuerkompromisses ein. DaS Kompromiß hätte zur Voraussetzung gehabt, daß 400 Millionen Marl indirekter Steuern bewilligt würden. DaS sei mm zweifelhaft ge- worden durch die Haltung der Freisinnigen. Damit fei daS Vefitzfieuerkompromiß als gescheitert zu betrachten. Die Konservativen handelten nur konsequent, wenn sie 100 Millionen direkte Steuern bewilligen wollten, die Erbschastssteuer aber ablehnten. Abg. v. Skarzynsti sPole) erklärt fich, ohne mit allen Einzelheiten einverstanden zu sein, für den konservativen Antrag. Abg. Dr. Weber snatl.) hebt hervor, daß auch der in der Debatte empfohlene Umsatzstempcl auf Wertpapiere von einer lähmenden Wirkung auf Handel und Verkehr sein müßte. Der eventuelle Ausfall einer Neuwahl könne die Nationalliberalen in ihrer Haltung nicht beeinflussen. Branntweinmonopol und Banderolesteuer seien nicht nur von dm Nationalliberalen, sondern auch vom Zentrum abgelehnt worden. Abg. Dr. Wicmcr(ftf. Lp.) polemisiert gegen die Abgg. v. Richthofen und Herold. Die Frei- sinnigen wünschen eine starke Haltung der Regierung in der Frage der Erbschaftssteuer. Im Plenum sei keineswegs eine Mehrheit gegen die Erbschaftssteuer vorhanden, deshalb fei es nötig, daß die Regierung fest bleibt. DaS Zentrum habe früher durch den Abg. am Zehnhoff selbst eine Erbschaftssteuer verlangt. Und auch in konservativen Kreisen mehrten sich die Stimmen für eine Erbschaftssteuer. Die Gegnerschaft gegen die Erbschaftssteuer im Lande draußen sei lediglich die Folge einer unerhörten, maßlosen Agitation. Abg. Müller-Fulda(Zentrum) bestätigt den Konservativen als„Unbeteiligter", daß sie fich stets konsequent geblieben seien. Auch das Zentrum in Bayern habe sich gegen die Erbschaftssteuer erklärt. Redner wendet sich dann gegen die Einwände, die gegen die Wertsteuer erhoben worden sind. Finanzminister v. Rheinbabea beharrt vei seiner Auffaswng. daß die konfervattve Schätzung des Ertrages der Wertzuwachssteuer in mittleren Städten sehr über- trieben sei. Das trifft besonders auf die Städte im Osten zu. Er sei kein prinzipieller Gegner der Wcrtzuwachssteuer. Diese Steuer dürfe aber dm Gemeinden nicht weggenommen werden. Abg. Dr. Roeficke(Bcmerubändler) verteidigt die in dem konservativen Antrag aufgestellte Berechnung, die fich auf amtliches Material stütze. Er habe 700 Großstädte mit mehr als 100 000 Einwohnern in Deutschland gezählt.(Zurufe: So viel gibts ja gar nicht.) Redner beruft sich bei seinen Ausführungen wiederholt auf Richard Calwer. Bei den weiteren Ausführungen des Redner? setzt eine all- gemeine Unterhaltung ein, so daß der Redner teilweise überhaupt nicht mehr verstanden wird. Seine Auslassungen gipfelten in dem Verlangen, die Regierung möge ihre ablehnende Haltung gegenüber der Wertzuwachssteuer auf Wertpapiere aufgeben. Abg. Mommseu(fts. Bg.) nagelt die Art fest, wie die Agrarier mit den Zahlen spielen. Dr. Rösicke habe von 700 Städten mit über 100 000 Einwohnern gesprochen, in Wirklichkeit hat Deutschland nur 44 Städte in dieser Größe. Seine weiteren Ausführungen beziehen sich aus die Art des Konjunkturgewinnes. Das Zentrum unterstütze den konservativen Antrag nur aus politischen Gründe«. Nach weiterer unwesentlicher Debatte erfolgt die Abstiuuaung. Der sozialdemokratische Antrag wird tn seinem ersten Teile gegm die Stimmen der drei Sozialdemokraten ab« gelehnt. Der Antrag Hatzfeldt, ans dem konservativen Antrag den Passus zu streichen, wonach die Wertzuwachssteuer als Ersatz der Erbschaftssteuer gelten soll, wird abgelehnt, ebenso der Antrag der Konservativen. Der Antrag der Wirtschaftlichen Bereinigung: 1. Ohne Verzug eine Gesetzesvorlage auszuarbeiten, die eine Be- steuerung des Wertzuwachses von Immobilien vorsteht; 8. in Erwägungen darüber einzutreten, wie zum Ausgleiche der den Grundbesitz belastenden Wertzuwachssteuer eine entsprechende Besteuerung deS Zuwachses am beweglichen Kapitalvermögen erfolgen könne, wird angenommen. Alle anderen Anträge werden abgelehnt. Abg. Dr. Wiem«(frs. Bp.) und Abg. Dr. Weber(natl.) erklären ihre weitere Mitarbeit von den Beschlüssen ihrer Fraktionen abhängig machen zu müssen. Der sozialdemokratische Antrag, sofort die Erbschaftssteuer weiter zu beraten, wird gegen zehn Stimmen abgelehnt. vle€reip)fie In der COrfiel. Die Jungtürken scheinen die Absicht zu haben, Abdul Hamid für seine Untaten zur Rechenschaft zu ziehen. In der Tat kann es ihrer Sache nur nützen, wenn durch einer, öffentlichen Prozeß aktenmätzig alle Schandtaten des Despoten ans Licht der weitesten Oeffentlichkeit gebracht werden und dadurch jede reaktionäre Agitation zugunsten des gestürzten Sultans außerordentlich erschwert wird. Denn solange Sultan Abdul Hamid lebt, wird sein Name der Kampfruf aller, die sich gegen die jungtürkische Herrschast erheben wollen, und in Kleinasien namentlich ist die Position der Jungtürken s« schwach, daß die Schonung Abdul Hamids ihnen doch als ein allzu großes Wagnis erscheinen muß. So hat man es wohl nur als Vor- bereitung für das geplante Verfahren anzusehen, wenn jetzt die Anklagen gegen Abdul Hamid bestimmter formuliert werden. Diese gehen dahin, daß der gestürzte Sultan die Absicht gehabt habe, am vergangenen Sonnabend durch Kurden und aufständische Soldaten Metzeleien unter Griechen und Armentern herbeiführen zu lassen, um eine Jnter- vention der Dl ächte und eine Besetzung Kon- stantinopels zu veranlassen, weil er hoffte, unter dem Schutze der Mächte auf dem Throne bleiben zu können. Dies sei die Ursache gewesen, daß der Einmarsch der Belagerungs- truppen bereits am Sonnabend erfolgte. Dies hätte die kriegsgerichtliche Untersuchung ergeben, die gegen viele im Iildiz angestellte Personen, gegen Geistliche und Soldaten geführt wird. Es ist also die Beschuldigung des Hochverrats, der Konspiration mit dem Aus- lande gegen das eigene Volk, die da erhoben wird; dieselbe Anklage, die Ludwig XVI. auf das Schafott geführt hat. Schon wird auch gemeldet, daß die Leitung der mazedonischen Truppen sowie andere maßgebende Faktoren sich jetzt mit der Frage der B e s ch l a g n a h m e des größten Teils des Ber- mögens Abdul Hamids beschäftigen, welches zweifellos den Staatsgütern entnommen sei. Nach alledem scheint über das Schicksal des gefangenen Autokraten das letzte Wort dem Revolutionsgericht vorbehalten zu sein. Fortdauer der Verhaftungen? Konsiantinopcl, 1. Mai. In den Provinzen, wo die Herrschaft deS jetzigen Regimes befestigt ist, dauern die Verhaftungen und die Nachforschungen nach reaktionären Geist« lichen und Sendlingen und nach sonstigen gefährlichen Elementen fort. In anderen Provinzen, wo die Lage noch ungellärt ist, be- schränkt man fich auf Ueberwachuug. In einer Bekanntmachung dankt Mahmud Schewket Pascha im Namen der Armee den U l e m a S für die Beruhigung der Gemüter, durch die die Operation der Armee und die Kon- solidierung der Verfassung erleichtert würden. Die Arbeit des Kriegsgerichts. Konstantinopel, 1. Mai. Wie die Blätter melden, verurteilte das Kriegsgericht bisher neun Personen zum Tode, unter ihnen den Mörder des Justizministers Nazim Pascha. Etwa zweihundert Angeklagte wurden freigesprochen. Das Kriegsgericht dürfte in einer Woche seine Tätigkeit beenden. Eine gestern in Stambul aus Erzerum eingegangene Depesche meldet die Abberufung des Generals Juffuf wegen der letzten dortigen S o l d a t en r e v o l t e. wobei zweiundfünfzig jungtürkische Offiziere verjagt wurden. Eine Meuterei der Mariuesoldaten. Konstantinopel, 2. Mai. Heute nacht haben in Pera einigt hundert Mariuesoldaten, deren Dienstzeit zu Ende ist, gemeutert und ihre Entlassung gefordert unter Hin- weis auf ihnen zugegangene Briefe, die die kritische Lage in ihrer Heimat schildern. Das M a r i n e m i n i st e r i u m wurde darauf von Artillerie, Infanterie und Kavallerie umzingelt. Auf Zureden von Niazi Bey ergaben s i ch schließlich die Meuterer. Sie wurden unter Eskorte nach Stambul abgeführt. Die Kammer über die Metzeleien. Konstantinopel, 1. Mai. Die Kammer verhandelte heute in stürmischer Debatte über die Unruhen in A d a n a. Mehrere armenische Abgeordnete griffen auf das heftigste die Regierung als A n st i f t e r i n der N i e d e r m e tz e I u n g e n an. Zuhrab (Armenier) führte aus. die Mörder hätten ihre Verbrechen unter den Rufen: Hoch Abdul Hamid! begangen. Der Unter- staatSsekrctär des Innern verteidigte die Regierung und verlas Briefe der Behörden aus Adana, in denen die Armenier als angreifender Teil bezeichnet werden. Das HauS beschloß, die Regierung aufzufordern, einen Kredit von 20 000 türtischen Pfund zur Unterstützung der Hinterbliebenen der Opfer in Adana zu bewilligen und unverzüglich ein Kriegsgericht nach Adaita und Wleppo zu senden, um die Schuldigen zu bestrasen. Mißstimmung gegen das Kabinett. Konstantinopel, 2. Mal In der heutigen Kammerfttznng teilte der Präsident mit, das Kabinett werde sich Mittwoch oder Donnerstag in der Kammer einfinden. Auf Ersuchen Mahmud Schewket Paschas ernannte das HauS zwei Kommissionen, welche der Jnventuranfnahme im Nildizpalast und der Prüfung der dort vorgefundenen Papiere beiwohnen sollen. Auf Antrag des Abgeordneten Nali(Grieche) beschloß das Haus, der m a z e- donischen Armee seinen Dank für das Befreiung S- werk auszudrücken. Ein Antrag, den D i l d i z in ein Museum umzuwandeln, wurde abgelehnt. Im weiteren Verlaufe der Sitzung verhandelte die Kammer über das Landstreichergesetz, das in zweiter Lesung angenommen wurde. In den Wandelgängen war eine deutliche Mißstimmung gegen daS Kabinett bemerkbar. Jungtürkische Abgeordnete rügen, daß der Kammerpräsident bei der Bildung des Kabinetts nicht zu Rate gezogen worden sei. Es verlautet, daß die De- Mission des Kabinetts bevorstehe, da für ein Vertrauens- Votum keine Mehrheit vorhanden sei Für das künftige Kabinett werden Hilm! Pascha als Großwefir und Ferid Pascha als Minister des Innern genannl Achmed Riza Pascha soll beabsichtigen, eine längere Europareike anzutreten. Die türkische» Frauen. Keustantiuopel, 1. Mai. Die türkischen Frauen, dir während des letzten MonatS sehr unterdrückt worden waren, be- ginnen wieder Emanzipationsversuche zu machen. Die Eeltion der Damen des Komitees für Einhett und Fortschritt ver- anstaltet morgen einen TrauergotteSdtenst für die am 24. April ge- falleneu Offizier« und Soldaten.— Politlfcbe Qcbei'licbt. Berlin, den 2. Mai. Ans dem preußischen Abgeordneteuhause. Selbst die Erwählten des Drciklassenparlaments Haber, den 1. Mai zum größten Teil durch Arbeitsruhe gefeiert. Von den 443 Gesetzgebern der zweiten preußischen Kammer waren, wie die Auszählung des Hauses ergab, sage und schreibe 183 anwesend, während die übrigen durch Abwesenheit glänzten. Warum auch nicht, eine wirtschaftliche Schädigung haben sie nicht zu fürchten, da die Diäten trotzdem weiter- gezahlt werden. Anlaß zu der Auszählung des Hauses, dem sogenannten Hammelsprung, gab ein nationalliberaler Antrag, die Wahl des Abgeordneten Dr. Wendlandt. die die Wahlprilsungs- kommission für ungültig erklärt hatte, an die Kommission zurückzuverweisen. Für die Zurückverweisimg stimmte nach längerer Debatte die gesamte Linke und' das Zentrum. während die beiden konservativen Parteien dagegen stimmten. Obwohl die Beschlußunfähigkeit des Hauses konstattert war und die Sitzung infolgedessen abgebrochen werden mußte, wurde in einer sofort anberaumten neuen Sitzung der Antrag aus Zurückvcrweisung zur noch- maligen Abstimmung gebracht und nun für angenommen erklärt. Zwar waren eher noch weniger Abgeordnete zu- gegen als in der ersten Sitzung. aber eine Bezivciflung der Beschlußunfähigkeit des Hauses ist entgegen den Gepflogen- Herten des Reichstages nach der Geschäftsordnung des Ab- geordnetenhauses unzulässig. Auf diese Weise ist es möglich. selbst bei offensichtlicher Beschlußunfähigkeit Abstimmungen vorzllnehmen und unter Umständen auch wichtige Beschlüsse zu fassen, die für die Allgemeinheit von großer Bedeutung sind. In der zweiten Sitzung setzte das Haus die Beratung des Etats des Kultusministeriums fort. Im Mittelpunkte der Debatte stand die Erörterung des Falles Kuhlen- deck, der kürzlich schon den Reichstag beschäftigt hat. Zloar suchte der Dezernent für die Universitäten Geheimrat Elster den Lausanner Professor von jeder Schuld reinzuwaschen und ihn den Fakultäten der preußischen Universitäten für eine eventuelle Anstellung in empsehlende Erinnerung zu bringen, aber der frei- sinnige Prof. Dr. v. Liszt häufte ein so gewaltiges Material gegen Kuhlenbcck auf, daß er, selbst wenn er einmal irgend- wo in Preußen sich habilitieren sollte, als abgetaner Mann f betrachtet werden dürfte. L i s z t wies schlagend nach. datz die wissenschaftliche Bedeutung Kuhlenbecks, von der der Regierilngsvertreter gesprochen hatte, nur eine Legende ist, daß Kuhlenbeck wissenschaftlich überhaupt nicht ernst genommen werden kann, daß er sich durch Mangel an Takt auszeichnet, mit der Wahrheit auf sehr gespanntem Fuße steht und seinen Kollegen die Hörer abzujagen gesucht hat. Trotz aller Be- mühungen gelang es den Herren von der Rechten nicht, diese schweren Aiignffe zu entkräften. Es ist charakteristisch, daß solche Leute nach Ansicht der Behörden den preußischen Universitäten noch zur Zierde gereichen, während Dozenten, deren wissenschaftliche Leistungen ebenso über jeden Zweifel erhaben sind wie die Lauterkeit ihres Charakters, nur wegen ihrer sozialdemokratischen Gesinnung von den Universitäten verjagt werden. Zur Ehre dürfte das dem preußischen Staat gerade nicht gereichen. Aus der sonstigen Debatte ist das Verlangen der Konser- vativen nach Förderung der Kolonialprofessuren und nach Vorsicht bei der Auswahl der Professoren für Sozialwissen- schaft hervorzuheben. Man sieht hieran wieder, wie sehr die herrschenden Gewalten in Preußen bestrebt sind, die Univer- sitäten ihres wissenschaftlichen Charakters zu entkleiden und sie zu Pslanzenstätten einer hurrapatriotischen Gesinnung zu machen. Die Debatte wird am Montag fortgesetzt. Ausfall der Plenarsitzungen des Reichstages? Die Finanzkommijsion des Reichstages will angeblich am Dienstag an den Seniorcnkondent mit dem Ersuchen herantreten. ihr den ganzen Rest der Woche für ihre Verhandlungen freizugeben. so daß alsdann bis auf weiteres die Plenarsitzungen auszufallen haben würden._ Korrekte und entschlossene Vertretung. Die„Kvnicro. Korresp.' veröfsentlicht über die letzte Sitzung VeS„Fünfziger-AuSschusses" der konservativen Partei folgende Mit- «eilung: Der am 30. April im Hcrrenhanse unter dem Vorsitze des Herrn Landesdirekiors Freiherrn v. Mantenffel versammelte Weitere Vorstand(SOer-Aussckutsi der konseroalwen Partei, dem Berrreter aller deutschen Bundessiaaten, der pienhischen Provinzen, deS Reichstags und beider Häuser des preußischen Landtages angehören, faßte mit großer Mehrheit(mit 33 Summen gegen 7 Stimmen bezw. Stimmenthaltungenl folgende» Beschluß:— 1. Der weitere Ausscduß der konservativen Partei steht hin- fichtlich der Reickisfinanzreform auf dem Boden der Beschlüsse des engeren Ausschusses vom 22. d. Mts. 2. Er spricht der konservativen Fraktion des Reichstages, vor allem ibrem bewährten Führer, Herrn v. Normann. für die korrekte und enlschlosiene Vertretung des konservativen Standpunktes in der Frage der Reichs- finanzreform den Dank und die Anerlennung der Gesamt- Partei aus._ Die misiverftandene Gratulation. Wilhelm H. hat Pech. Seitdem ihm— seit den Novcmber- tagen— die wohlwollende Beihilfe der offiziösen Presse fehlt. bleibt der Erfolg versagt. Vergebens tritt er jetzt viel spär- licher an die Oeffentlichkeit, um seinen Kmidgebunge» wenigstens Seltenheitswert zu geben. Wuib dieser Wert wird nicht aneikannt. Wie scharf wurde gerade in Blättern, die sonst dem königs- treuen Bülow so gefällig sind, die Radolin- Depesche ver- urteilt. Auch der neueste politische Akt des persönlichen Regiments findet kein Lob, obwohl doch eigcnllich an Ferialarbeiten— Wilhelm II. lebt ja. soviel wir wissen, seit längerer Zeit in Korni— sonst mit Recht ein milderer Maßstab angelegt wird. Alles, was für die kaiserliche Politik getan worden ist. war, daß man den Jnbalt des letzten Telegramms und seine Werlung nicht durch das offiziöse Telegraphenbureau verbreiten ließ. Es handelt sich natürlich um eine Glückwunschdepesche, und zwar an den neuen Zaren von Bulgarien. Der hat zu seiner Un« abhängigkcitsancrkennung von ziemlich allen Monarchen Glückwunsch- telegramme bekommen. Aber die des deutschen Kaisers allein hat großen Unmut erweckt, was bei einer Glückwunschdepesche ja allerdings nicht in Ordnung ist. Das erklärt sich aber daraus, daß dieser Glückwunsch also anhebt:.In der Gewißheit, daß Deine Lie- gierung in loyaler Weise für die Sicherheit der deutschen materiellen Interessen an der Neuregelung der Orientbahnfrage einsteht, habe ich' usw. Die Bulgaren sind über diese originelle Verbindung von Glück- Wunsch und Zahlungsaufsorderung ungehalten, und die offiziöse .Wremje' schreibt sehr unliebenswürdig: Indem wir dem Fürsten Bülow überlassen, die Loyalität seines Herrn einzuschätzen, erklären wir, daß die Bulgaren ein Kulturvolk sind, das mit Recht mehr Loyalität und Höflichkeit für sich beansprucht. Bulgarien hat für die Orientbahiien einen an- ständigen Preis zugestanden, und wenn die Frage bis heule nicht geregelt Ist, so liegt die Schuld nur an dem loyalen Europäer und dem schlauen Asiaten, die sich nicht darüber verständigen können, wer von der ganzen Summe eine oder zwei Millionen mehr herausschlagen kann. Die übrige Presse schreibt ebenso scharf, und Wilhelm EL, der gratulieren, also höflich sein wollte, hat nun wieder einmal das Gegenteil von dem erreicht, was er beabsichtigt hat. Jetzt gelingt aber nicht einmal mehr eine Gratulationsdepesche I Es sind wirklich schlechte Zeiten für das persönliche Regiment. Der Eisenfeste. Fürst V ü l» w wird am 3. Mai 60 Jahre. Die„Neue Gesellsch. Konesp.* feiert ihn aus diesem Anlaß folgender- maßen: Daß Fürst Bülow ein geistvoller Causeur, ein Mann von raffiniertester Bildung und ausgebreiteter Kultur, ein geschickter Diplomat und von den lebenden Staatsmännern der fähigste ist, wird selbst von seinen Feinden zugegeben. Die Zahlreichen, die ihn für den weichen. ewig liebens- würdigen, lächelnden Solonpolitiker halten, sind Irrende, meist Menilben, die ihn nie bandeln sahen, niemals beobachten konnten wie seine Werke entstanden. Unter den Urbanen Formen seines konzilianten Wesens, das jedem gern ein freundliches Wort gönnt, eine kleine Aufmerksamkeit erweist, steckt eine stählerne Per- sönlichkeit von festem Willen. Die Räte und Diplo- maten, die unter setner Leitung arbeiten, spiiren an ihren Nerven die harte Hand des nervenlosen ChefS. Er ist, wie alle starken Persönlichkeiten, die ohne Rücksicht auf sich selbst arbeiten, ein großer.Menschenverbraucher'. Und wenn er bei einer Unterhaltung über eine aktuelle Frage der großen Politik die Worte sprach:.Wenn die Ehre und das Wohl des Landes eS erfordern, lasse ich hunderttausend über die Klinge springen', so war das seine Ueberzeugung. bei deren Durch- sühruug ihm keine Träne käme. Das mögen sich die Erfinder der famosen„Schloßhundburleske' merken. Senlimen- talität ist bei ihm nicht zu finden. Woraus hervorgeht, daß die Erfinder der Schloßhund- burleske es noch immer besser mit dem Fürsten Bülow ge- . meint haben als der schreckliche Schmock, der ihn für kapabel hält, 100000 Menschen umzubringen. Da glauben wir noch eher, daß Bülow, wenn er nur ein bißchen Kultur bat, doch „wie ein Schlußhund� zu heulen anfangen wird au? Tut, durch diese Uebertreibungen so lächerlich gemacht zu werden. Koloniale Kinderausbentung. In den„Bremer Nachrichten', einem„liberalen' Organ. lesen wir: Aus Soga(Plantage„Brema') Deutsch-Ostafrika wird uns geschrieben:.In Ihrer Zeitung steht so viel über die dortigen Schulen und Lehrer geichrieben, vielleicht stellen� Sie dem kleinen Abdallah aus dem Innern von Deutsch-Ostafrika auch ein kleines Plätzchen zur Verfügung. Er er» zählt Ihnen: Ich heiße Abdallah V., der fünfte werde ich genannt, da außer mir noch vier Arbeiter die Abdallah heißen, auf derselben Plantage arbeiten, und ich der kleinste von allen bin. Ich bin öVz Jahre alt, und wenn morgens kaum der Tag graut, dann gehe ich zu meinem Bana, wird in Suaheli Bwanba geschrieben, zur Arb-it. Fast ist e s u m 5 Uhr noch dunkel, wenn alle Arbeiter auf der Sammelstelle versammelt sind, aber wenn uns unser Bana zur Arbeitsstelle ge- bracht, dann geht auch schon die Sonne auf, die hier sehr schnell auf- geht. Meistens müssen wir Kinder Unkraut aussuchen und wegtragen, welches die großen Arbeiter aushacken, oder Baum- ausschlag mit großen Mesiern abschlagen, und in letzter Zeit haben sich sehr viele kleine schwarze Käfer aus die jungen Gummibäume und Baumwolle gesetzt, die wir einsammeln müssen; neulich hatte ich von 40 Kindern die meisten, eine ganze Flasche voll ge- sammelt, wofür mir die Bibi, Bauas Frau, ein Stück Zucker gegeben hat. Arbeiten müssen wir von morgens früh bis nachmittags um ein Viertel vor 4 Uhr. Eine Frühstücks- und Mittagspause kennen wir nicht, auch esse ich nichts, loenn ich früh von Hause weggehe, nur Wasser gibt uns unser Bana während der Arbeitszeit, das wir sehr viel trinken, weil es hier sehr heiß ist.— Wenn'/r vor 4 Uhr die Glocke geschlagen wird, dann ist ein großes Freudengeichrei und wir versammeln uns alle wieder aus der Sammelstelle, hier erhält dann jeder großer Arbeiter Pfd. Reis und jedes Kind ein Pfund.— Dann gehe ich zu meiner Maina, die mir den Reis kockit, aber allein darf ich ihn nicht alle efien, ich muß meinen Geschwistern etwas davon abgeben. Jeder Arbeiter, wenn er zum ersten Male zur Arbeit geht, erhält eine Arbeits- karte, worauf 30 Felder gezeichnet sind, diese Karten müssen wir jeden Morgen abgeben, und wenn wir sie abends zurückbekommen, ist eine Ziffer in ein Feld getragen. Ist meine Karle ganz voll geschrieben, dann bekomme ich meinen Lohn. 4 Mark. Aber wenn die Karte halb voll ist. darf ich mir auch schon auf Vorschuß ein Hemd für 60 Pf. und ein Hüftentuch für 60 Pf. kaufen, daS ich dann Sornilaqs trage. Wenn ich zur Arbeit gehe, trage ich nur ein altes Hüllentuch, eine Müize habe ich nicht— Habe ich meinen Lohn erhalten, dann erlaubt mir meine Mama, daß ich vierzehn Tage nicht zur Arbeit gehe und bummele ich dann mit anderen Kindern im Urwald. Zur Schule kann ich nickt geben, weil hier keine ist. aber bis dreißig kann ich schon zählen. Bin ick auch nicht so klug und so sein wie die Kinder in Deutschland, so verdiene ich doch so viel, daß meine Geschwister und ich zu essen haben. Abdallah V.' Jeder anständige Mensch wird diesen.Brief' des Fünfjährigen mit Empörung lesen. DaS freisinnige Jammerblatt hat natürlich auch nicht daS leiseste Wort des Tadels.- Das Ganze klingt übrigens wie eine blutige Satire auf die Kinderausbeutnng. Eine elfslündige Arbeilszeit für noch nicht einmal schulpflichtige Kinder I Ohne Pause I Mit einem durchschnittlichen Stundenlohn von l'/z Pfennig und ein paar Reiskörnern I Natürlich keine Schule I Mit welchem Neid werden unierc Agrarier und Schlotbarone nach Deutsch-Ostafrika blicken I Sicher find der Bana(Herr) und seine Bibi sehr gottcsfürchtige und königstrene deutsche Patrioten, rechts der Elbe aufgewachsen. Besonders die Bibi ist doch ein Goldgeschöps. Man denke: ein richtiges ganze»(nicht etwa nur ein halbes I) Stück Zucker gibt dieses Gemüt einem initer 40 Kindern I Und der großmütige Bana gibt ihnen auch noch Waffer— man denke, unverfälschtes Waffer. Das Ganze heißt dann: Christentum. Humanität und Kultur zu den Wilden tragen.\_ Der Casabkanea-Zwischensall. Im Haag fand am 1. Mai die Eröffnungssitzung des Schiedsgerichts für den Casablauca-Zwischenfall statt. Ober» schiedsrichter Hammerskjoeld, Gouverneur von Upsala, hielt eine Rede, in der er hervorhob, die ZabI der Rechrsfälle, die dem Schiedsgerichte unterworfen würden, wachse immer mehr an und umfasse nicht nur wirnchaflliche und technische Fragen, sondern auch Slreitiälle, welche die Interessen höherer Art berührten, die die Auf- gäbe der Schiedsrichter schwierig und verautworltich machten. Von den Sitzungen wird nur die Schlußsitzung zur Verlesung der Ent- scheidung öffentlich sein._ Ein Ungeheuer! Da» Kriegsgericht in D res den verurieilte am Sonn- abend nach geheim geführter Verhandlung de» Vizeseldwebel Schwarz vom 177. Infanterieregiment in Freiberg wegen Sitt« lichkeitsverbrechen in 2 Fällen in Taleinheit mit Körper- Verletzung. Betruges und Beleidigung zu 3 Jahren 6 Monaten Zuchthaus, Degradation, Versetzung in die 2. Klasse des Soldaleustandes, Entfernung ans dem Heere und 6 Jahren Ehrenrechisverlust. Beantragt waren 6 Jahre Zucht- hau«. Der Angeklagte hatte fick an zwei kleinen Mädchen im Alter von sechs und acht Jahren vergangen und das jüngere mit einer ekelhaften Krankheit angesteckt! Der .Stellvertreter' ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. franhmeb. Die Postbeamte«. Paris, 2. Mai. Minister Barthou hat verfügt, daß acht Telegraphenbeamte vom Zentralbureau, die be- leidigende Aeußerungen gegen den Untcrstaatssekretär Simyan getan hatten, vom Dienst zu suspendieren seien. erner wurden auf Anordnung des Ministers dreißig elephonarbeiter wegen Nichterscheinens zum Dienst suspendiert. Paris, 1. Mai. Der Beschluß der Regierung, die Ent- l a s s u n g der vor den Disziplinarrat geladenen sieben Postbeamten zu berlangen, hat unter den Post- und Telegraphenangestellten große Erregung hervorgerufen. Der Ausschuß ihrer Vereinigung wird demnächst ein großes Meeting veranstalten, um über das weitere Vorgehen zu be- raten. Snglanci. Eine Friedcnsknudgebnng. London, 2. Mai. Gestern abend veranstaltete die Jnter- nationale EchiedSgerichtSliga zu Ehren von zurzeit in England weilenden Mitgliedern Hirsch- Dunckerscher G e w e r k- vereine ein Diner. Lloyd Weardale führte in seiner Begrüßungsrede aus, die große Masie der Bevölkerung Englands halte an der Meinung fest, daß zwischen Deutschland und England kein Grund zum Streit be« stände, und wünsche mit Deutschland in Freundschaft zu leben. Llrbeitsminister B u rnS trank auf die englisch- deutsche Freundschaft und griff die chauvinistische Presse, die den deutsch-englischen KriegSgedonken provoziert habe, scharf an. Wenn alles Geld, das von den europäischen Nationen für Kriegs- zwecks verschwendet werde, kür das Lolkswohl verwandt würde, dann wäre bald der letzte Argwohn zwischen den Nationen verschwunden.(Stürmischer Beifall.) Burns schloß, daß der ernste und aufrichtige Friedensappell der deutschen Arbeiter vom englischen Volke auf- richtig erwidert werde. Man werde es nicht erleben, daß Frankreich, Deutschland. Rußland oder England einen verderblichen Streit anfangen würden, der ihnen die Erfüllung ihrer höchsten Bestimmungen erschweren würde. Wenn die Nationen mit- einander rivalisieren wollten, dann sollten sie ihren Weit« eifer in der Veredelung deö Lebens und in der B e» kämpfung der Armut zeigen. Ein Wettkainpf um edle Ziele und ein Streit um Hohr Gedanken habe größeren Wert als das Bemühen, alle Ideale zu stürzen, die das Leben in sich schließt. ßlerfien. Wiederherstellung der Verfassung? Frankfurt». M., 1. Mai. Die„Frankfurter Zeitung' meldet aus Teheran: Die Proklamation der Ver- f a s s u n g wird für Dienstag, den Vorabend des Geburts- tages des Schah, erwartet. Das Wahlgesetz ist bereits in Ausarbeitung._ Die Loge in TäbriS. TäbriS, 2. Mai. Die Wege in der Umgebung von TäbriS sino jetzt frei. In der Stadt herrscht die größte Not. Der Endschumen wandte sich an den russischen Konsul mit der Bitte um Auskunft, ob die russischen Trnppen zur Wahrung der Interessen dos Volkes oder derjenigen des Schahs gekommen seien, und wie lange sie vpr TäbriS bleiben würden. Der russische und der englische Konsul antivorteten gemeinsam, daß die russischen Truppen nur zeitweilig gekommen seien, um die Wege nach TäbriS zu öffnen, die Ausländer zu beschützen und die Stadt vor Raub zu be- wahren, falls sie von den Schahlruppen eingenommen werden sollte. JVIarohho. Neue Gewalttaten. Londo«, I.Mai.«Daily Telegraph' meldet au? Tanger vom 30. April, daß in Mogador ein Engländer und zwei Franzosen ermordet worden seien. Der französische Torpedobootzerstörer„Cassini' sei nach Mogador abgegangen.— Soziales. Die Arbeitslast einet Verkäuferin mit 30 Mark Monatsgehalt. Daß die Entlohnung im Handelsgewerbe nur allzuoft im um» gelehrten Verbältnis zur verlangten Arbeitsleistung steht, zeigte eine am Sonnabend vor der 6. Kanimer des Berliner Kaufmanns- g erichtS stattgehabte Verhandlung. Die 17 jährige Verkäuferin Else M. erhebt Klage aus Zahlung von IL M. Nestgehalt gegen den Schuhwarenhändler Gottfried Wolf f. Die Klägerin bezog ein Monatsgehalt von sage und schreibe: dreißig Marl und hatte für diesen Ricsenbetrag von 8 Uhr früh bis 8 Uhr abends, ausschließlich einer mäßigen Mittagspause, tälig zu sein. Und diese Tätigkeit muß eine recht angestrengte ge- wesen sein, denn wie der Ehef selbst vor Gericht erklärte, wartete die Kundschaft früh morgen» schon vor der Tür, bis das Geschäft geöffnet wurde. Au» diesem Grunde verfügte Herr W. auch eines Tages, daß die Klägerin schon um'/z ö Uhr anzutreten habe. Am Sonntag hatte sie" ohne Eytravergütung die Rolle eine« Kindermädchen« zu übernehmen. Die mit Berliner Verbältnissen nicht Verlraute fügt» sich schweigend, sie ging auch dem Verlangen des ChesS entsprechend beide Osterfeiertage ins Geschäft und bat nur am zweiten Feiertag den Prinzipal, die Nachmittagsstunden wegen einer Hochzeitsfeierttchkeit fortbleiben zu dürfen. Der Chef erklärte ihr, nur wenn es sich um einen näheren Verwandten handele, gebe er ihr stet, sonst müsse sie kommen. Die Klägerin kam nun nachmittags nicht wieder und erhielt diescrhälb am nächsten Tage ihre Entlassung. Die Verkäuferin machte geltend, daß sie die Hochzeit der Tochter ihrer Cousine mitgemacht habe und von ihrer Tante nicht sortgelassen worden sei. DaS KaufmannSgericht war der Ansicht, daß der jugendlichen Angestellten das Unterscheidungsvermögen zwischen Bettern ersten und zweiten Grades kaum zuzutrauen sei. Sie könne sich wohl für berechtigt gehalten haben, wegen der Feier in den Nachmittagsstunden am Osterfeiertag dem Geschäft fernzubleiben. Um der Verurteilung zu entgehen, zahlte der Beklagte 10 wo- mit sich die Klägerin begnügte. SewefkfckaMickes. Maifeier-Anssperrnnge«. Um zu zeigen, daß sie die Herren in und außer dem Hause sind. hat eine Reihe von Unternehmerverbänden über Maifeiernde die Strafe der Aussperrung verhängt. Solcher„Kulturtaten' werden ge- meldet: Die verliner Stukkateure sind ausgesperrt bei folgenden Firmen: C a S p a r i. Luisenstr. 58. T r o m m e r u. Comp., Steglitz. Eckert, Schwerinstr. 14. Arbeitsangebote dieser Firmen sind auf alle Fälle zurückzuweisen. In der Schuhfabrik von Bühring in Magdeburg prangte am Sonnabendmorgen ein Anschlag am Fabriktor, daß sämtliche Arbeiter— ungefähr 300— wegen Beteiligung an der Maifeier entlassen seien. Die Arbeiter hatten am Dienstag ihre Kündigung wegen Lohndifferenzen eingereicht, so daß sie jetzt um einige Tage eher ihren Streik beginnen können. Mühlhausen(Thüringen), I.Mai. Allen hiesigen, dem Deutschen Textilarbeiterverbande angehörigen Arbeitern und Arbeite» rinnen wurde heute von den Mitgliedern des Texttl-Jndustriellen» Verbandes gekündigt, weil die Arbeiter einer hiesigen Firma trotz Verbotes heute früh nicht zur Arbeit gekommen waren. Berlin und Umgegend. Gelbe Seuche überall. Am Donnerstag hielten die im TranSportarbeiterberband organisierten Einkassierer und Kassenboten eine Versammlung ab, welche sich gegen gelbe VereinSgrüirdungcn in den Betrieben der Versicherungsgesellschaft«Viktoria' und der Nähmaschinenfirma Singer Co. wandte. In beiden Betrieben hat der Transport- arbeiterverband eine verhältnismäßig starke Zahl von Mitgliedern unter den Einkassiererni. Sie bemühen sich natürlich, ihr indiffe« renten Kollegen für die Organisation zu gewinnen, weisen auf die zahlreichen Mißstände hin, unter denen sie zu leiden haben und sind deshalb von den Unternehmern und deren Kreaturen nicht gern gesehen. Liebedienerische Elemente haben sich diesen Ilm- stand zunutze gemacht und Vereine gegründet, die grundsätzlich von jeder auf Verbesserung der Lage ihrer Mitglieder gerichteten Tätigkeit Abstand nehmen und ihre Aufgabe in der Bekämpfung und Hintertreibung gewerkschaftlicher Bestrebungen erblicken. In jedem der beiden Betriebe besteht ein derartiges gelbes Vereinchen. Zwar sind diese Vereine nur schwach an Zahl, viel schwächer als die Mitgliedschaften des Transportarbeiterverbandes. Aber trotz- dem verstehen eS die gelben Macher, die gewerkschaftlich oraani- sierten Kollegen durch Bespitzelung und Angeberei derart einzu- schüchtern, daß die Furcht vor Entlassung viele abhält, frei und offen für ihre Anschauungen einzutreten. Ja selbst den Besuch der vom Transportarbeiterverbande veranstalteten SektionS. Versammlungen meiden viele Kollegen mit Aengstlichkeit aus Furcht vor den gelben Spionen und den Folgen der Spioniererei. Der Derrorismus, den das kleine Häuflein der Gelben auf diese Weise ausübt, hindert die Ausbreitung der gewerkschaftlichen Oraani, faHon unter 5en Eintassierern und macht dadurch eine Verbesse- runq ihrer sehr gedrückten Lage fast zur Unmöglichkeit. Alle diese Verhältnisse wurden in der Versammlung eingehend besprochen und schließlich folgende Resolution angenommen: „Die versammelten Einkassierer der Singer Co. sowie die Ein- nehmer der Vers.-Ges.„Viktoria" nehmen mit Entrüstung Kenntnis von der Gründung gelber Vereine innerhalb ihrer Betriebe und protestieren auf das energischste gegen diese neuen Machinationen ihrer Ausbeuter. Die Anwesenden, welche in den Mitgliedern jener gelben Ver- einigungen Verräter ihrer Berufsinteressen sehen, verpflichten sich, Mann für Mann der modernen Arbeiterbewegung, der Sektion der Einkassierer sich anzuschließen. Die Arbeiterschaft wird nochmals ersucht, auf die braun« Kontrollkarte genau zu achten und neue Geschäfte nur mit organisierten Kollegen abzuschließen." Oeutrcbcs Reith. Achtung, Metallarbeiter! Die Firma Hoffman u. Motz, Hütten« und Walzwerk«nd Hufeisen fabrik in Eisenspalterei bei EberSwalde, sucht in den ver- schiedensten Provinzblättern Arbeitskräste. Wir machen darauf auf- mcrksam, daß die Arbeiter dieser Firma ausgesperrt sind und ein Teil sich im Streik befindet. Die Angeworbenen sollen also als Arbeitswillige an Stelle der Streikenden und Ausgesperrten eingestellt werden. Wir bitten' daher, den Zuzug nach der Firma Hoffman u. M 0 tz fernzuhalten. Die Arbeiterpresse wird um Abdruck gebeten. Deutscher Metallarbeiter-Verband. Bezirksleitung des 3. Bezirks. Zur Vermeidung der Grenzstreitigkeiten schlössen in Stettin die Organisationen der Metallarbeiter, Fabrikarbeiter, Holzarbeiter, Schmiede, Hafenarbeiter, Transportarbelter, Seeleute und Brauerei- arbeiter einen Kartellvertrag. DaS Gewerkschnftskartell wird in Rostock am 1. Juli eine Zentralbibliothek eröffnen, wenn bis dahin von allen Gewerkschaftszahlstellen das Uebereinkommen, welches zwischen der Partei und dem Kartell beschlossen, akzeptiert worden ist. Die Zahl der gewerkschaftlich Organisierten beträgt 3300, die der in der sozial- demokratischen Partei 1400._ Drohende Aussperrung im Bangewerbe. Der Arbeitgeberverband für das Baugewerbe des KreiseS Gandersheim hielt in Gandersheim eine außerordentliche Generalversammlung ab, um zum Streik der Maurer und Zimmerer Stellung zu nehmen. In der Ver- samnilung— in welcher auch der Lorsitzende des Landesverbandes auS Braunschweig anwesend war � wurde einstimmig beschlossen, die Forderungen der Leute abzulehnen, weil gar kein Grund für die Lohnforderung gegeben sei. Weiter wurde beschlossen, sämtliche Bauarbeiter des KreiseS am 10. Mai auszusperren, im Falle die Streikenden der verschiedenen Orte bis dahin die Arbeit nicht wieder ausgenommen haben. Der Streik der Kohlenbnnkerei- und Playarbeiter in Bremer- Hafen ist nach viertägiger Dauer mit vollem Erfolg für die im Hafenarbeiterverband organisierten Arbeiter beendet worden. Der Tarifvertrag hat Geltung bis zum 1. April 1S10. partci-Hngclecfenbcitcn. Sozialdemokratischer Kreis-Wahlverei» für den gieichstagswahlkreis Nieder-Barnim. Am Sonnabend, den 8. Mai, abends Punkt 8'/z Uhr, findet in Lichtenberg, Frankfurter Chaussee 5 im„Schlvarzcn Adler", eine außerordentliche Generalversammlung statt. Tagesordnung: 1. Bericht der Neuner-Kommission und Wahl des Kreissekretärs. 2. Anträge aus Abänderung des Wahlmodus für die Delegiertenwahlen. 3. Krcisangelegen- Helten. Der Vorstand. I. A.: P. Brühl. öerlmer I�acbricbten. Folgenschwerer Bauunfall in der Gasanstalt. Ein schwerer Bauunfall, bei dem ein Arbeiter getötet und zwei nicht unerheblich verletzt wurden, ereignete sich am gestrigen Sonntag in der st ä d t i s ch e n Gasanstalt 4 in der Danziger Straße 61. Dort wird zurzeit ein neuer Gasometer gebaut. Gestern waren nun mehrere Arbeiter damit beschäftigt, ein sechzig Zentner schweres Gußrohr mittels Flaschenzuges auf einen 1 Meter hohen Rohrstutzen zu winden. Bei dieser Arbeit klemmte sich das Gußrohr etwas, so daß mehrere Mann das Rohr wegzubiegen suchten. Plötzlich brach hierbei ein starker Balken der Windevorrichtung und unter Krachen stürzten die schweren Balkenteile in die Tiefe. Obgleich die Arbeiter sofort zur Seite sprangen, wurden doch drei von ihnen von den Balkenteilen erfaßt. Dem Gasarbeiter Wilhelm Rausch aus der Elsaß Straße 12 in Weitzensee fiel ein Balken direkt auf den Leib, so daß er sofort getötet wurde. Wie die ärztliche Untersuchung ergab, hatte der Unglückliche eine Lungenzerreitzung davongetragen. Die Leiche wurde nach Aufnahme des Datbestandes nach dem Schauhause ge- schafft. Ein zweites Balkenstück traf den Arbeiter F r i tz S t r u n k aus der Lübecker Straße 9 und ein drittes den Arbeiter Otto Ratke aus der Lortzingstraße 11. Beide wurden so schwer ver- letzt, daß sie mit einem Wagen des Verbandes für erste Hilfe nach dem Krankenhaus Am Friedrichshain transportiert wurden. Der Geldbriefträger Eulenburg, der am 2. April auf seinem ersten Bestellgange in dem Hause Besselstr. 19 überfallen und beraubt wurde, konnte gestern aus dem Krankenhaus entlassen werden. Die von einem BeUbieb herrührende Kopswunde ist schneller geheilt als man erst zu hoffen wagte. Das Befinden deS Ueberfallenen ist gut. wenn sich auch der betagte Mann noch schonen muß. Ueber den Raubanfall kann Eulenburg auch heute nicht mehr mitteilen als früher. Ein schweres Unglück ereignete sich gestern auf dem Gelände der Danziger Straße. Dort stürzte das Gerüst des neuen Gasbehälters ein. Von den dabei beschäftigten Arbeitern wurde der Arbeiter Wilhelm Rausch getötet, während Otto Konrad und Fritz Struck erheblich verletzt wurden. Die Gefahren deS Schifferberufs. Aus der Oberspree haben sich zwei bedauerliche Unfälle zugetragen. In der Nähe von Wuhlhorst ertrank der 25jährige Bootsmann Otto Krüger auS Königs-Wuster- Hausen. K. war aus dem Lastkahn des Schiffseigners Krüger auS Neu-Zittau gefahren. Beim Staken entfiel ihm plötzlich das Greif- holz und bei dem Versuch, es schnell zu fassen, stürzte K. kopfüber in die Fluten. Der Vorfall war zwar sofort bemerkt worden, doch erwiesen sich alle Rettungsversuche als vergeblich, weil der Ver- unglückte nicht mehr an die Oberfläche kam. In ähnlicher Weise kam in der Nähe von Fürstenwalde ein junger Schifferknecht um sein Leben. Auch er fiel beim Staken in die Spree und ertrank, bevor Hilfe zur Stelle sein konnte. Die Leiche» der beiden Ertrunkenen konnten bisher noch nicht geborgen werden. Aus Nahrungssorgen den Tod gesucht. Am Restaurant Loreley in Niederschöneweide wurde unter dem Dampfersteg die Leiche eines jungen Mannes entdeckt, die am Kopf und im Gesicht eine Reihe von Verletzungen aufwies. Die Vermutung, daß der Unbekannte das Opfer eines Verbrechens geworden sein könnte. wurde im Lause der Untersuchung hinfällig. In dem Toten wurde der beschäftigungslose Hausdiener Adolf Berger aus der Beuthstraße in Berlin ermittelt. B. war vor einiger Zeit in dem Restaurant Loreley tätig gewesen und am Freitag suchte er das Lokal wieder auf, um dort wieder zu arbeiten. Man mußte ihn aber abweisen, da alles besetzt war. In der Verzweiflung tat sich der junge Mensch ein Leid an; er stürzte sich in der Nähe des i Restaurants in die Spree und ertrank. Die Verletzungen, die an dem Toten wahrgenommen wurden, rühren jedenfalls von Dampferschrauben her. Die Leiche hat zwei Tage im Waffer ge- legen, so daß es sehr wahrscheinlich ist, daß während dieser Zeit der Körper mit Dampferschrauben in Berührung gekommen ist. Ein schrecklicher Vorfall hat sich auf dem Dampfer des Besitzers Franz Rahn ans der Oberspree abgespielt. R. ist gegenwärtig auf der Fahrt nach Berlin. Er besitzt zwei kleine Kinder, ein zwei- jähriges Mädchen und einen ein Jahr alten Knaben. Die beiden schliefen in einem Bett und damit sie nicht während der Fahrt her- aussallen konnten, hatte R. ein Holzgitter um das Bett herum an- gebracht. Während nun gestern Vater und Mutter auf Deck be- lchäftigt waren, versuchte der Knabe sich durch das Gitler hindurch- zuzwängen. Er blieb dabei mit dem Kopfe zwischen den Gitter- stöben hängen und der Körper schlug nach vorn über. Da das de- dauernswerte Geschöpf keine Hilferufe ausstoßen konnte, mußte es in seiner schrecklichen Lage elend ersticken. AtS die Mutter nach zehn Minuten die Kajüte betrat, fand sie zu ihrem Entsetzen ihren Sohn am Bett hängend als Leiche auf. Die entlaufene„Dora". Schon wieder ist eine Polizeihündin entlaufen. Es ist diesmal die Schäferhündin„Dora", die als Spürhündin ausgebildet worden ist. Der Flüchtling ist kurzhaarig und von wolfsgrauer Färbung. In sehr unliebsamer Weise wurde gestern der Vortrag des frei- religiösen Predigers Dr. Bruno Wille in der Schulaula Frank- furter Straße 6 gestört. Das Thema des Vortrages handelte von den neutestamentlichen Wundern. Etwa 20 Minuten nach Beginn trat plötzlich ein Herr, der in der ersten Reihe saß, an das Redner- pult heran, zog einen Revolver aus der Tasche und rief:„Das be- gründen Sie einmal näher'" Dr. Wille ging etwas zur Seite und des Publikums bemächtigte sich ein nicht gelinder Schreck. In- zwischen hatten schon einige Herren, die auf den Vorderplätzen saßen, den Attentäter erfaßt und zur vorderen Tür hinausgedrängt. Allem Anschein nach handelte es sich um einen geistesgestörten Menschen, der den Vortragenden schon mit Drohbriefen belästigt hatte. Dr. Wille fuhr in seinem Vortrage ohne jede Erregung fort. Es ergab sich, daß der Revolver gar nicht geladen war. Der Täter ist ein Geisteskranker, ein Kaufmann Abraham Eierweiß, Meyerbeerstr. 9. Er hatte schon wiederholt Wille be- droht. Die Frau des Attentäters hatte versprochen, auf ihren Mann Obacht zu geben. Nach Feststellung der Persönlichkeit wurde er entlassen. Luisentheater:„Krone und Fessel". Schon der Titel dieses neuesten Spektakelstückes klingt so erbaulich: Erinnerungen an die grausigsten Brigantenromane werden wachgerufen! Und wenn nicht ein englischer oder auch amerikanischer Autorname auf dem Zettel verzeichnet stände, und wenn ferner nicht daneben zu lesen wäre, daß dies„sensationelle Militärdrama" an irgend einem Londoner Vorstadttheater„599 Aufführungen" erlebt hätte, würde man darauf wetten, daß es von einem auf dem Gebiete der ver- logensten Hintertreppenliteratur tätigen Tintenkuli Scherlscher Couleur verfaßt sei. Diesmal scheint die geistige„Hinauflese"- Fabrik in der Zimmerstraße aber nicht..gewinnbeteiligend" zu sein. Also es dreht sich um einen englischen Offizier, als Jnkarna- tion des britischen Heldentums. Weit unten an der Donau, näm- lich nach Serbien und Nachbarschaft ist dieser Edeling in Uniform verschlagen worden. Am Hofe des Fürsten soundso—„ein Teufel in Menschengestalt" besagt nicht bloß der Theaterzettel, sondern auch sein Tun— verliebt er sich in eine Prinzeß. Da aber der Fürst mit einem benachbarten Hammelprinzen in kriegerische Ver- Wickelung geraten ist, so möchte er selber die Prinzessin heiraten — weil sie viel Mammon hat. Wird aber nix draus; die edle Donna mag nicht. Daß angesichts sothaner Weigerung und dank seiner verbrecherischen Veranlagung dsr Fürst ein vollendeter Wüterich wird und seinen Nebenbuhler degradiert, ins Gefängnis werfen läßt— das ist so der übliche Verlauf in Räuberromanen. Man freut sich aber auch, wenn der Häftling ausbricht, vor die Gewchrläufe gestellt, doch nicht erschossen wird, und wenn er aber- mals aus dem Baguo entweicht. Nun läßt er sich bei der gegne- rischen Kriegspartei anwerben. Gerade steht hier alles auf Knopf und Stiel; in der Kriegskasse ist Ebbe; man will sich dem mäch- tigeren Gegner ergeben. Erik— das ist unser englischer Held— verhindert es; weiß er doch, daß auch„drüben" kein Mammon vorhanden ist. Und nun vollbringt Erik Helden- und Rächertaten. Er macht den Fürsten Urich, seinen ehemaligen Peiniger, zum Ge- fangeueu, tötet ihn dann im Duell und reist darauf mit der ge- liebten Prinzessin, nebst einer englischen Nationalflagge, die er vorsorglich mitgebracht hat, aus das Schloß seiner Väter.... Ge- spielt wurde uach bestem Vermögen und dazu geklatscht mit derben Claqueurhänden vom Handschuhnummermaß 6 bis 13�. Was will man mehr?! Die Arbciter-Saiiiarittr-Kolonne macht darauf aufmerksam, daß während des Sommerhalbjahres in jeder Abteilung nur eine Uebungsstunde stattfindet, welche noch bekannt gemacht werden. Gesperrt wird die Krausenstraße von der Charlottenstraße bis zur Markgrafenstraße lunter Ausschluß der Kreuzdämine) behufs Asphaltierung vom 3. Mai d. I. ab. Vorort-I�acdricdten. Tchöneberg. Die Wertzuwachssteuer hat die Genehmigung aller Instanzen erhalten. Am Montag nahm die Stadtverordnetenversammlung die neue Steuerordnung an, sofort trat der Magistrat zusammen und gab seine Zustimmung zu dem Beschluß. Der Bezirksausschuß, der am Dienstag tagte und vorbereitet war, genehmigte die Ordnung, worauf am Mittwoch der Oberpräsident der Provinz Branden- bürg, Freiherr Trott zu Solz, dem sie vorgelegt, seine Bestätigung gab, und am Donnerstag fand sie die Zustimmung des Ministers des Innern, v. Moltke, während am Freitag die letzte Instanz, der Finanzminister v. Rheinbaben, mit der Wertzuwachssteuerordnung sich einverstanden erklärte. Noch an demselben Abend wurde sie publiziert und fand somit Gesetzeskraft. Selten hat die Bureau- kratie solch schnelle Arbeit geleistet wie hier. Es mußte auch schnell garbeitet werden, da in letzter Zeit wiederum mehrere Verkäufe stattfinden sollten, die mehrere Millionen Mark ausmachten. In einem Fall beträgt der Wertzuwachs vier Millionen Mark, so daß dem Stadtsäckel davon rund eine Million zufließt. Der bisherige Besitzer, der über 124 Millionen Mark gebietet, dürfte nicht groß geschädigt sein, während die Stadt zu den bevorstehenden Beamt-n-, Lehrer, und Arbeiterbesoldungen großer Summen bedarf. Wilmersdorf. Ueber die Finanzen der gemeinsamen Ortskrankenkasse für Deutsch-Wilmersdorf und Umgend brachte die bürgliche Presse Berlins in diese Tagen irreführende Mitteilungen. Danach sollte die Kasse im Jahre 1908 ein Defizit von 82 00 M. gehabt haben, und das, obgleich die Beiträge im Juni von 66 Pf. auf 96 Pf. erhöht worden wären. An dieser Darstellung ist zunächst unrichtig, daß die Kasse mit 82 099 M. Defizit gearbeitet hat. Gewiß hat die Kasse mit Verlust gewirtschaftet, aber dieser Verlust an Ver- mögen beträgt nicht 82 090 M., sondern 42 000 M., wozu formell noch 8580 M. Kursverlust an den von der Kasse erworbenen Wert- papieren hinzu zu rechnen sind. Da die Kasse die Wertobjekte aber nicht verkauft, wird sich auch der Verlust bei besserer Konjunktur wieder ausgleichen. Es fallen in die Verlustsumme überdies noch 8200 Mt Beiträge; doch ist hiervon bereits im neuen Jahre ein beträchtlicher Teil von den Arbeitgebern abgeliefert worden. Un- richtig ist es ferner, von einer Erhöhung der Beiträge im Juni des verflossenen Jahres zu reden. Das ganze Jahr hindurch Wirt- schaftete die Kasse mit den bisherigen niedrigen Sätzen; die neuen Beiträge wurden erst vom 4. Januar dieses Jahres ab erhoben. Daß die Kasse mit Verlust arbeiten würde, war aller- I dingZ vorauszusehen; die Folgen der Arbeitslosigkeit haben sich selbstverständlich auch an dieser Stelle geltend gemocht. Während die Beiträge nur um 5 Proz. in die Höhe gingen, ver- mehrte sich die Zahl der Krankheitsfälle gegen 1907 um 20 Proz. Mit Recht führt die Kasse diese Steigerung nicht darauf zurück, daß ein großer Teil der Kranken etwa simuliere, um sich während der Zeit der Arbeitslosigkeit durchzuhelfen. Bei guter Konjunkrur, so heißt es in dem dieser Tage herausgegebenen Bericht der Kasse, melde der Arbeiter sich einfach nicht krank, trotzdem er im wahren Sinne des Wortes erwerbsunfähig und unterstützungsbedürftig sei. Er arbeite solange, wie es irgend gehe, um in seinem häuslichen Etat keine Einbuße zu erleiden. Einen großen Einfluß auf die Zahl der Erkrankungen, so meint der Bericht weiter, dürste auch der zugleich mit der Arbeitslosigkeit eintretenden Unter- ernährung zuzuschreiben sein. Alle diese Umstände machen es begreiflich, daß die Ausgaben der Kasse von 1907 auf 1903 um nicht weniger als 32 Proz. in die Höhe gingen. Zu wünschen wäre, daß alle Krankenkassenverwaltungen zu einer so gerechien Beurteilung der Krise und ihre Wirkungen kämen, wie sie der Bericht der Wilmersdorfer Ortskrankenkasse ausspricht. Niarkgrafpieske. Große Verheerungen sind durch die Unwetter in Markgraf- pieske, nicht weit von Fürstenwalde, hervorgerufen worden. � An mehreren Stellen zündete der Blitz und richtete bedeutende Schäden an. Unter anderem wurde das Wohnhaus des Eigentümers Wilde vom Blitz getroffen und in Brand gesetzt. Das Gebäude brannte bis auf die Ilmfassungsmauern vollständig nieder. Der Blitz war durch das Dach am Giebel herunter in die Wohnung des Schwieger- sohnes des Eigentümers gedrungen. Der Lustdruck war ein solch gewaltiger gewesen, daß der im Zimmer anwesende Bewohner zu Boden geschleudert wurde. Durch die auf dem Boden lagernden Strohvorräte wurde dann der Blitzschlag entzündet. Fichtenau und Umgegend. Vor dem drohenden Untergänge standen die hiesigen Ein. wohner. Eine Anzahl großer roter Plakate leuchtete plötzlich überall auf, in denen zu demonstrativem Massenbesuch der Mai- Versammlungen aufgefordert wurde. Aengstliche Gemüter, wie unsere Philister alle sind, sahen schon— in Anbetracht der letzten Vorgänge in der Türkei und der roten Farbe, die ja auf den Gehirnkasten einzelner Geschöpfe eine gang besondere Wirkung ausübt— die Revolution ausbrechen. Aber so leicht lassen sich unsere Philister nicht besigen! Das stand für sie fest, die Revo- lution mutzte im Keime erstickt werden. Und so eröffnete eine Anzahl beherzter Mannen eine mörderische Schlacht auf die roten Unheilbringer. Und siehe da, der Angriff der Todesmutigen brachte einen, wenn auch nur teilweisen Sieg. Der Gegner liegt bezwungen am Boden, der Staat ist wieder einmal gerettet, mit Ruhe kann der Philister wieder sein Bier trinken. Und wir? Wir lachen! Sericbrs-Teitung. Prozeß Friedberg-Bohn. Der Prozeß gegen den Bankier Siegmund Friebberg«nd den Kaufmann Fritz B o h n. über dessen Beginn am 26. März wir berichteten, wurde uach 23tägiger Verhandlung am Sonnabend in erster Instanz beendet. Das Urteil gegen Friedverg lautet auf Freisprechung von der Anklage wegen Vergehens gegen das Depotgesetz und aus Verurteilung zu zwei Jahren Gefängnis und 9000 Mark Geld st rase— eventuell für je 15 M. zu einem Tage Gefängnis, im Höchstbetrage zu noch einem Jahre Gefängnis— und zu zwei Jahren Ehrverlust. Der Angeklagte B o h n wurde wegen schwerer Urkundenfälschung und Betrugs in zwei Fällen zu einem Jahr drei Monaten Gesängnis und zwei Jahren Ehrverlust verurteilt. DaS dem Angeklagten Friedberg erteilte sichere Geleit wurde nach§ 3373 St.-P.-O. für erloschen erklärt. Ueber Friedhera wurde mit Rücksicht auf die Höhe der Strafe die UuterinchungShast verhängt, jedoch ihm gestattet, gegen Kautionsleistung von 60 000 M. die Verhängung die Untersuchungshaft aufzuheben. Der Angeklagte B o h n wurde ge�en die von ihm geleistete Sicherheit von der Untersuchungshaft verschont. Friedberg hatte ohne große Mittel ein Bankgeschäft WS Leben gerufen, wüste, zum Teil gelungene Spekulationen getrieben, durch eine Zeitschrift„Der Ratgeber auf dem Kapitalmarkt" Kunden an- gelockt, Bilanzen zu ziehen unterlassen, sehr luxuriös gelebt, Un- summen von Gehältern für„Reisende" sAnlocker) gezahlt und endlich Depots seiner Kunden angegriffen. Bahn, ein früherer Kellner, der mit 5000 Mark Vermögen bei Friedberg eintrat, war dessen rechte Hand und hat sich in zwei Fällen durch Betrug und in einem Falle durch Urkundenfälschung über 5000 M. rechtswidrig zugeeignet. Die Freisprechung Fried- bergs vom Verstoß gegen das Depotgesetz beruhte auf folgenden Erwägungen. Friedberg machte mit seinen Kunden Geschäfte in sich, d. h. er kaufte z. B. für dieselben nominell bestimmte Wertpapiere. tatsächlich übertrug er nur in seinem Konto die Papiere ans die Kunden und belastete sein eigenes Konto nur mit der Verpflichtung zu liefern. Bei DepotSaunahme ließ er ein Nummernverzeichnis unterschreiben, durch das er nach Rücksprache mit einem Rechtsanwalt Coro glaubte sich das Recht gesichert zu haben, über die Depots wie über sein eigenes Eigentum zu verfügen. Trotzdem gelangte das Gericht in diesem Punkte entgegen demAntrag des Staatsanwalts zur Freisprechung, weil es annahm, es könne zweifelhaft sein, ob der Text des NummernverzeichnisseS nicht in der Tat Friedberg zu seinem Handeln berechtigte, überdies habe er sich in�gutem Glauben befunden, weil der Rechtsanwalt Caro ihm ge- sagt habe, er könne so handeln wie von ihm geschehen. Diese Begründung ist eine recht eigenartige weniger darum, ob ein Verstoß gegen das Depotgesetz als ob Betrug in dem ge- schilderten Verfahren liegt, dürfte es sich unseres Erachtens handeln. Und diese Frage ist unbedenklich zu bejahen, wenn man zu der Ueberzeugung gelangt, die Depotingeber haben, entsprechend den Grundsätzen von Treu und Glauben, sich darauf verlassen, daß ihr Depot unversehrt bleibe. Daß der An- geklagte selbst diese Aufsassung hatte, legt gerade seinem Ansuchen um Rat bei dem Rechtsanwalt nahe. Dem An- geklagten durfte ebensowenig wie seinem Anwalt entgehen, daß daS von Friedberg angelockte Publikum die Unterschrift unter das Nummernverzeichnis für einen belanglosen Formellram ansah und dem Friedberg nicht das Recht zur Verfügung über die Depots übertragen wollte. Eine Anklage und Verurteilung beider wegen Unterschlagung und Betruges, beziehenllich wegen Beihilfe dazu hätte deshalb dem Gesetz mehr entsprochen als der Freispruch. Gegen das Urteil ist vom Angeklagten und der Staatsanwalt- schaft Revision eingelegt. Die vielen geschädigten Mittelstandsleute wären vor den Nach- teilen bewahrt geblieben, wenn sie den Lockrufen der.Reisenden" und der Rellamezeitung nicht gefolgt wären und sich klar gemacht hätten, daß ohne das Risiko des Ge- samverlustes die ihnen vorschwebenden Niesengewinne unmöglich sind. Eine anständige Bank hätte ihnen die Friedbergichen Versprechungen nicht gemacht, ihnen aber auch ihre Depots nicht verflüchtigt. Die Gier nach mühelosem Gewinn wird, mögen die Gesetze lauten wie sie wollen, leider, leider jene, deren Zahl nicht alle tvird, allemal wieder auf die Leimrute für Gimpel hüpfen lassen:' Sicherheit und großen Gewinn wird ein redlicher Bankier nie versprechen. Letzte JStacbncbten und Oepelcbcn, Niederkartätscht. Buenos AireS. 2. Mai.(W. T. B.) Gestern kam es hier aus Anlaß der Maifeier zu zahlreichen Kundgebungen. Eine Anzahl Anarchisten feuerten Revolver ab und verwundeten füns Polizeibeamte. Diese erwiderten das Feuer und töteten zwölf und ver» wundeten etwa hundert Personen. Hierzu 1 Beilage. Lerantw. Redakteur: Hans Weber, Berlin. Inseratenteil verantw.: Zh. Glocke. Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdr.u.VerlagSanstalt Paul Singer Lt Co.. Birlrn 8 W. fc«».. Irilap b ,1 Der 1 Das deutsche Proletariat kann mit der Maifeier 1909 zufrieden sein. Daß die Arbeits- ruhe diesmal keine ungewöhnlichen Dimensionen annehmen würde, war für jeden Kenner der Verhältnisse von vornherein klar. Die schwere Krise hat bereits Hunderttausende aufs Straßen- Pflaster geworfen, und Hunderttausende derer, die in Arbeit stehen, haben die Segnungen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung vor nicht allzulanger Zeit in Gestalt Wochen- oder gar monatelanger Arbeitslosigkeit zu spüren bekommen. Solche Zeiten der Krise taugen schlecht zu Machtkämpfen mit einem Unternehmertum, das seine momentane Ueberlegenheit mit brutalster Rücksichtslosigkeit auszunutzen bereit ist. Und jeder gewerkschaftlich und Politisch geschulte Arbeiter weiß, daß die Aufnahme eines aussichtslosen Kampfes kein Heroismus, sondern eine Unbesonnenheit wäre. Zu solcher Unbesonnenheit haben sich die deutschen Ar- beiter nicht hinreißen lassen— aber überall da, wo es die Verhältnisse irgendwie gestatteten, haben sie sich auch nicht durch Kleinmütigkeit von einem Begehen des Festtages der Arbeit durch Arbeitsruhe abhalten lassen. Die Zahl der Feiernden ist trotz der Krise sowohl in Berlin wie im ganzen Reiche eine sehr achtunggebietende gewesen, ein Beweis dafür, daß die von unseren Gegnern bereits so oft totgesagte Maifeier auch nach zwanzig Jahren noch die Herzen der Arbeiter- klasse mit Begeisterung erfüllt. Und wir hoffen, daß die Zukunft diejenigen gründlich eines Besseren belehren wird, die das deutsche Proletariat für so nüchtern und kurzsichtig halten. daß es auf die Pflege jenes befeuernden und tatzeugenden Enthusiasmus, der die Maifeier geboren hat und für die Kämpfe der Zukunft so bitter notwendig ist, jemals verzichten möchte! Inzwischen haben sich wieder einmal preußische Behörden das Verdienst erworben. den Geist der Kampfesfreudigkeit anzufachen, den die Maifeier in die Gemüter des Proletariats gießen soll. Haben doch die preußischen Behörden der Arbeiterklasse wieder einmal gezeigt, daß sie minderen Rechts, Staatsbürger zweiter Klasse, Heloten sind, die zwar dem itnter- nehmertunl den Geldbeutel spicken und dem Klassenstaate durch ungeheuere indirekte Steuer- lasten die Existenz fristen, sich aber als freie Bürger nicht ebenso bewegen dürfen wie jeder Kriegerverein, jede Zentrumsparade. In Hamburg konnte die Arbeiterschaft nach altem Brauche ihren Festzug abhalten, selbst im erzreaktionären Sachsen, z. B. in Leipzig und Dresden, konnten die Feiernden in geschlossenem Zuge durch die Straßen marschieren— aber in Preußen wurden die Umzüge wiederum verboten. Was in Hamburg erlaubt war, war für Altona und Wandsbek nicht gestattet I Und um den Arbeitern das Unbegreifliche und Provozierende des Verbots besonders fühlbar zu machen, versagte man die Erlaubnis zu festlichen Umzügen selbst da nachträglich wieder, wo man sie, wie in Schleswig-Holstein, bereits erteilt hatte I Daß man irgendwelche Besorgnis vor Zwischenfällen gehabt hätte, ist ausgeschlossen; man wollte einfach dem preußischen Proletariats wieder einmal die Tatsache zu Gemüte führen, daß es rechtlos ist, daß es sich nicht einbilden darf, ebenso behandelt zu werden wie die Klasse der Ausbeuter I Die Maifeier stand diesmal im Zeichen nicht nur der industriellen, sondern auch der politischen Krise. Die Artikel der in festlichem Gewände erscheinenden Presse, die in den vielen Hunderten von Versammlungen gehaltenen Reden würdigten nicht nur die allgemeine Idee des internationalen Festtages der Arbeit, sondern auch die besondere politische Lage, in der das Deutsche Reich sich gegenwärtig befindet. So war die Maifeier zugleich eine " Kerlim iWttlnlt 3 Mai. Heerschau für die unmittelbaren Tageskämpfe, in die das deutsche Proletariat schon im nächsten Augenblick hineingeworfen werden kann. Kann doch jeder Tag die Reichstagsauflösung bringen, kann doch in jeder Stunde ein Wahlkampf entbrennen, der für das Proletariat im Reich wie besonders auch in Preußen die wichtigsten Entscheidungen zu bringen vermag. Was dem Proletariats zunächst droht, ist bekanntlich eine neue indirekte Steuerlast in Höhe von vierhundert Millionen Mark. Käine es zur Reichstagsauflösung, so müßte die sozialdemokratische Arbeiterschaft den Wahlkampf noch mit ganz anderer Energie führen, als bei den Hottentottenwahlen. Haben doch diese Wahlen gezeigt, daß auch die Gegner inzwischen den Kampf ganz anders zu führen haben, als in den früheren gemächlichen Zeiten. Wie bei den Hottentottenwahlen würde aber die Sozialdemokratie den Kampf gegen alle bürgerlichen Parteien mit gleicher Schärfe zu führen haben. Denn wenn sich die deutsche Arbeiterklasse nicht willig um Hunderte von Millionen schröpfen lassen will, so muß sie nicht nur eine möglichst große Zahl sozialdemokratischer Abgeordneter in den neuen Reichstag schicken, sondern auch durch die gewaltige Zahl der sozialdemokratischen Stimmen den bürgerlichen Parteien einen warnenden Schrecken einflößen. Sind doch alle bürgerlichen Parteien willens, das Proletariat einer Steucrausplünderung skandalösesten Stiles preiszugeben I Und wenn das Proletariat am I. Mai von neuem das Gelübde der internationalen Verbrüderung und der tatkräftigsten Bekämpfung des Militarismus und der die Nationen verhetzenden Welt Politik geleistet hat— der Wahlkampf böte die beste Ge- legenheit zur E i n l ö s u n g dieses Gelöbnisses! Soll doch die halbe Milliarde der neuen Steuern die Möglichkeit bieten, das aberwitzige Wettrüsten in gesteigertem Maße fortzusetzen — fortzusetzen bis zur Katastrophe! Aber nicht nur den Kampf gegen die kapitalistisch-militaristische Unkultur gälte es im Wahlkampf zu führen, sondern auch den niit dem Aufgebot aller Kräfte zu führenden Kampf für die K u l t u r f o r d e r u n g c n des 1. Mai. Wer Verkürzung der Arbeitszeit, Arbeiterschutz, eine nachdrückliche Fortführung der Sozialpolitik will, wem daran liegt, die Uebermacht des nicht nur das Proletariat sondern auch die Minister terrorisierenden Scharf- machcrtums und Kapitalprotzentums zu brechen, der müßte während der Wahlkampagne seine ganze Kraft einsetzen I Er müßte auch der Tatsache eingedenk sein, daß das Proletariat seit Jahren mit wachsender Erbitterung gegen die Schmach des preußischen G e l d s a ck s- Wahlrechts ankämpft und bis jetzt leider vergeblich ankämpft! Er müßte sich des brutalen Hohns der Junker und der jämmerlichen, verräterischen Hallung des Freisinns und des Zentrums'erinnern, um sich ganz der Notwendigkeit beivußt zu werden, aus dem er- bitterten Ringen der Parteien die Sozialdemokratie so verstärkt hervorgehen zu lassen, daß endlich auch Regierung und Bourgeoisie begreifen, daß die Zeit der lvahlrechisweigerndeu Trutzpolitik cngültig vorüber sei l Ob es zur ReichstagSauflöstmg kommt, werden die nächsten Tage zeigen. Wie aber immer die Würfel fallen mögen: die Geißelhiebe der Krise und die Skorpioncnstiche scharf- macherischer Rechtsverweigerung werden das Proletariat aufpeitschen zum rastlosen Kampfe! Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst fein! Min. Trotz der Ungunst der Witterung verlief am Sonnabend die Maifeier der Berliner Arbeiterschaft in durchaus imposanter Weise. Ter Wettergott trieb an diesem Tage besonders sein neckisches Spiel. Bald lachte die Sonne äußerst harmlos auf die Straßen, bald graupelte es, von kalten Regenschauern begleitet, und dann wieder vom Winde getrieben„jagten die Wolken wie schwarze Rosse". Und doch konnte all dies nicht die Scharen von Männern und Frauen aufhalten, die mit unermüdlichem Gleichmut und von der hohen Bedeutung dieses Tages durchdrungen, all den Attacken des launischen Wettergottes fröhlich Trotz boten. Das Stratzenbild, besonders in den Arbeitervierteln, wies eine merk- liche Veränderung gegen andere Tage auf. Selbst dem harmlosesten Fremden mußten die Tausende der sonntäglich geputzten Personen beiderlei Geschlechts und jeglichen Alters in dem Getriebe der Welt- stadt auffallen, die schon am frühen Vormittag den Versammlungs- lokalen zustrebten. Ein wirkunsvolles Relief zu den Gruppen der Feiernden bildeten die Schutzmannschaften, die in ihren blitzenden Uniformen die Eingänge zu den Versammlungslokalen flankierten oder auf flinken Stahlrossen geschäftig hin und her jagten. Besonders in der Schlotzgegend schien die hochwohllöbliche Obrigkeit den Herd der Revolution zu vermuten, denn die fliegenden Wachen waren wie bei ähnlichen Veranstaltungen an den bekannten Stellen ein- gerichtet und die Straßenpostcn in auffälliger Weise verstärkt. Polizeioffiziere liefen aufgeregt hin und her und inspizierten ihre Mannschaften. In der Burgstraße saßen einige Offiziere in der Fensternische eines Lokals und tafelten, während ab und zu Ordonnanzen erschienen und mit wichtiger Miene und zusammen- geklappten Hacken Rapport erstatteten. Selbst am späten Nach- mittag schien man dem Landfrieden nicht zu trauen, denn auch da wimmelte es allenthalben in der Schloßgegend und Unter den Linden von OrdnungSmännern. Ihre Mühe war vergeblich und die ganze Aktion lächerlich wie immer. Das Proletariat marschiert auf geradem Wege und seine Ziele sind weltbekannt. Und so liegt in der Demonstration am 1. Mai die unerschütterliche Zuversicht an die Befreiung und Erlösung der darbenden und leidenden Menschheit aus den Banden kapitalistischer Unkultur! nie feier der GewerWchaften töär wieder eine imposante. Wir wollen gleich sagen, daß das nicht verwundern darf, da ja die Zahl der Arbeitslosen, die man in Groß-Berlin leider auch jetzt noch immer auf b0 00l)— 60 000 schätzen kann, die Lücken füllt, die dadurch entstehen, daß die Krise und der Lohntag Tausende und Abertausende am Feiern hinderte. ES ist deswegen auch lächerlinch, wenn sich das offiziöse Wolffsche Bureau durch Anführung von auS der Luft gegriffenen Ziffern Mühe gibt, die diesjährige Maifeier zu verkleinern, indem es ein- mal von 30 000 Feiernden mit 1600 Frauen, ein andermal von 2S7S0 Feiernden(wie peinlich gezählt!) mit 13 000 Frauen be- richtet. Wir können nur sagen, daß die Zahl der Versammlungs- teilnehme! nach dem Gesamteindruck, den wir erhielten, in diesem Jahre nicht abgenommen hat, ohne daß wir unter den eigen- artigen gegenwärtigen Verhältnissen wagen würden, daS für oder gegen die Maifeier auszulegen. Die Maifeier im Baugewerbe. Obwohl der lange, harte Winter, verbunden mit der Wirt- schaftlichen Krise, die Arbeiterschaft des Baugewerbes besonders schwer schädigte, haben diese doch in großen Massen den 1. Mai auch diesmal durch Arbeitsruhe gefeiert. Nach der Bock- braue r ei am Tempell hofer Berg strömten teils in Gruppen, teils in größeren zwanglosen Zügen die Maurer sowie die Fliesenleger, die mit ihnen ge- meinsam im großen Saale ihre Maiversammlung veranstaltet hatten, während im Nebensaal die Arbeiter und Ar- beiterinnen der graphischen Gewerbe versammelt waren. Die Leute vom Bau, an frische Luft und rauhe Witterung gewöhnt, füllten zunächst den Garten der Brauerei; als aber die Versamm- lung eröfnfet wurde und der Genosse Eugen Brückner seinen Vortrag begann, war auch der Saal bald voll und man lauschte den zum Kampf für die hohen Ziele'der Maifeier anfeuernden Worten des Redners. Bei K l i e m in der Hasenheide hatten sich die Bauhilfsarbeiter versammelt. Sie, die am schlechtesten ge- stellten Arbeiter des Baugewerbes, von denen manche gewiß schon in diesem Jahre viel Not gelitten haben, waren leider nicht so zahlreich vertreten, wie es die Durchführung des Maigedankens erfordert. Die Schar der Maifeiernden aber war von der Be- deutung des Tages durchdrungen und spendete dem Referenten Genossen Hermann I ä ck lebhaften Beifall.— lieber 800 Gips- und Zemcntarbeilcr waren in den ,.S o p h i e n s ä l e n" versammelt. Das vortreffliche Sieferat des Genossen D u p o n t wurde mit großem Beifall aufgenommen.— Die Versammlung der Isolierer und Steinholzlcger Berlins und Umgegend, welche nachmittag 3� Uhr bei Böker, Weberstr. 17. stattfand, war von zirka 200 Personen besucht. Das Referat des Genossen N i t s ch k e wurde mit stürmischem Aplaus entgegengenommen. — Zahlreich feierten die Putzer den 1. Mai. Ihre Versammlung füllte F reHers großen Saal in der Koppenstraße samt den Galerien bis auf den letzten Platz. Der Gesangverein der Putzer trug zur Eröffnung der Versammlung Arbeiterkampfliedcr vor, die den kommenden Völkerfrühling und seinen Vorboten, die Maifeier, verherlichten. Genosse Robert Bahn schilderte sodann treffend, um was eS sich bei der Feier handelt.— Die Stukkateure hielten ihre Demonstrationsversammlung bei Meier, Scbastianstr. 30, ab. Der Saal faßte bei weitem nicht die Zahl der Beteiligten, so daß auch alle Nebenräume dicht besetzt waren.—Die Zimmerer hatten sich auch diesmal in keiner Weise abhalten lassen, den 1. Mai würdig durch Arbeitsruhe zu feiern. Der Niesensaal der Brauerei Friedrichshain war voll von Zimmerern. In großen Massen waren sie herbeigekommen, um wieder einmal zu beweisen, daß sie die Ideale des kämpfenden Proletariats be- griffen haben. Die von Begeisterung und Kampfesmut getragene Mairede des Genossen H e tz s ch o l d wurde mit stürmischem Beifall aufgenommen. Die Dachdecker hielten ihre Versammlung in der Wcinstr. 11 ab. Dieselbe war den Umständen nach sehr gut besucht. Es waren 150 Kollegen zur Versammlung erschienen. Hiervon waren nach genauer Auszählung 32 arbeitslos. Die Zahl der Feiernden dürfte aber noch größer gewesen sein, denn es haben verschiedene Kollegen in den Vororten an den Versammlungen teilgenommen. Die Versammlung des Zentralverbandes der Töpfer war von zirka 1000 Personen besucht, darunter viele Frauen, Die MaidcmonstrationSversammlung der Maler in„DräselS Fcstsäle", Neue Friedrichstraße» zählte 500—550 Teil» nehmer. Die Bekleidungsindustrie kann auf eine besonders imposante Feier zurückblicken. Die Schneider, Schneiderinnen, Wäschearbeitcr und Zuschneider hielten ihre diesjährige Maiversammlung wieder in Kellers„Neue Philharmonie" ab. Der große Saal und die Galerien waren über- füllt. Frau Klara Wehl hielt die mit großem Beifall aufgenomiübne Festrede. Der Gesangverein der Schneider trug am Beginn und Schluß der Versammlung recht stimmungsvoll einige Lieder vor. Die Schuhwarenindustrie war im Schweizergarten nahezu vollzählig versammelt. Wohl an 3500 Mann waren erschienen trotz der dreitägigen Aussperrung, die vom Verband der Berliner Schuhfabrikanten verhängt worden ist. Saal und Galerien vermochten die Erschienenen nicht zu fassen. Dichtgedrängt lauschten sie den Ausführungen des Genossen P ö tz s ch. Recht wirkungsvoll brachte auch die Gesangsabteilung des Verbandes einige stimmungsvolle Lieder zum Vortrag. Die Kürschner tagten im„Alten Schützenhaus". Der Gesangverein Berliner Kürschner trug zur Verherrlichung der Feier bei. Die Veriamm- lung war von 512 Personen besucht. Das graphische Gewerbe war stärker als in früheren Jahren in der Berliner Bockbrauerei versammelt. Es mochten gegen 1000 Personen sein. Kopf an Kopf standen die Massen und viele fanden trotzdem keinen Einlaß. Vor und nach dem Refereat des Genossen Sillicr sangen die graphischen Gesangvereine dem Tage entsprechende Lieder. Aus dem Handels-, Transport- und Verkehrsgewerbe fanden sich die feiernden Arbeiter und Arbeiterinnen im Lokal „Deutscher Hof", Luckauerstraße, zusammen. Als Versammlungs- zeit war 12 Uhr mittags festgesetzt, aber schon um 11 Uhr füllten sich Saal und Galerien. Einzelne Gruppen hatten sich erst in anderen Lokalen versammelt und zogen gemeinsam nach der Luckauer Straße. Von 12 Uhr ab begann ein starker Zustrom. Manche hatten am Vormittag arbeiten müssen, aber sie machten sich dann frei und begaben sich eilig zu ihrer Maifeier. Bald loar die große Halle erdrückend voll, nicht einmal Stehplätze waren zu haben und manche Besucher kehrten wieder um. Frauen waren in großer Zahl anwesend. Der Festredner Paul Singer wurde mit Hochrufen empfangen. Seiner Rede gingen einige Arbeiter- lieder voraus, von dem Gesangverein der Transportarbeiter bor- getragen. Mächtig brausten die Gesänge durch den Saal, und auf- merksam lauschten dann die Anwesenden Singers Worten. Der Eingang zum„Deutschen Hof" wurde von einem Leutnant, einem Wachtmeister und einem Schutzmann bewacht. Der Leutnant wurde etwas unruhig, als er den starken Zustrom bemerkte und mehrmals begab er sich nach dem Saal hinauf, um sich das wachsende Ge- dränge anzusehen, er schien um die Sicherheit der Besucher recht besorgt zu sein, besonders als einzelne starke Trupps heranzogen. Einem erfrischenden Anblick gewährte es, wie die Arbeiter, meist in FeiertagSkleidern und mjt roten Abzeichen versehen, von allen Seiten herbeikamen, um ihren Maientag zu feiern.' Hier und da marschierte ein kleiner Zug in der Mitte der Straße daher und erregte das Aufsehen der Passanten. Zur Bedienung der zahlreichen Gäste im«Deutschen Hof" waren nur zwei Kellner vorhanden; die übrigen mußten abziehen, weil man festgestellt hatte, daß sie nicht ihrer Organisation ange- hörten. Die Maifeier der Holzarbeiter gestaltete sich wie immer recht imposant. Das größte Etablissement in der Hascnheide, die„Neue Welt", war wieder zu der auf 10 Uhr vormittags angesetzten Demonstrationsversammlung gewonnen worden. Schon lange bor dieser Zeit herrschte hier ein reges Leben. Von allen Seiten zogen die Feiernden heran. Einzeln/ in kleineren und größeren Gruppen und auch in längeren Zügen. Dies waren die verschiedenen Branchen, die früh in ihren Ver» kehrslokalen zusammen gekommen waren. Solche Züge konnte man bereits in der Andreasstraße, der Mariannenstraße, der Adalbert- straßc bemerken, wo sie die allgemeine Ansmerksamkeit aus sich lenkten. In der Nähe des Zieles, so am Kottbuserdamm uicd in der Hasenheide, bildete sich ein unübersehbarer Strom von feiernden Proletarier,?, Vrt fich Tn Ken, fm sckönsten Grün prangenden Riesengarten der„Neuen Welt" ergoß. Der mehr als 4000 Personen fassend« Saal war bald überfüllt. Außerdem verweilten wohl an 12 OM Personen im Garten, so daß sich etwa 16 666 im ganzen beteiligten. Parteisekretär Ge- nosse Ebert sprach im Saal über die Bedeutung des Tages, nachdem ein Gruß an den Mai, machtvoll von Arbeitersängern vor- getragen, verklungen war. Die Gesänge:„Die Erde ist �um Licht erstanden" und„Dem Lenz entgegen" schlössen die Fe, er stim» mungsvoll ab. Bekanntgemacht wurde, daß alle, die ihre Papiere nicht er- halten haben, sich Montag früh in ihren Werkstätten zur Per- fügung stellen sollten. Würden sie nicht eingelassen, so hätten sie sich im Saal I des Gewerkschaftshauses alsbald zu melden. Die Metallarbeiter hielten drei überfüllte Versammlungen ab. Die Ungunst der Ver- Hältnisse hatte nicht vermocht, die Arbeitsruhe in erheblichem Maße einzuschränken. In der Ackerstraße der Borussiasaal und am Andreasplatz der AndreaS-Festsaal waren bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Hauptversammlung der Metallarbeiter fand im Zentrum der Stadt, im Palasttheater statt. Schon zeitig strömten die Feiernden aus allen Richtungen der Stätte zu, die der Schau- platz so mancher bedeutungsvollen Versammlung der Berliner Ar- beiter gewesen ist. Teils einzeln, teils in größeren oder kleineren Trupps nahten die Teilnehmer an der Maidemonstration. AuS den südöstlichen Stadtvierteln kommend, passierte ein etwa 200 Personen starker Zug feiertäglich gekleideter Arbeiter die Breitestratze. Die Passanten hielten inne im geschäftigen Hasten. Aller Blicke richteten sich auf die Arbeiter. Niemand war da. der nicht sofort Zweck und Ziel des Zuges erkannt hätte. Geschäftsleute und sonstiges Publikum aus bürgerlichen Kreisen blickten teils mit ge- hässigen, meist aber mit höhnischen Blicken dem Zuge nach. Hier und da fielen auch Bemerkungen über die Arbeiter, welche so „dumm" seien, einen Tag zu feiern und sich noch dazu der Gefahr der Aussperrung auszusetzen.— lieber den Schloßplatz gings, vor» bei am Marstall, wo Lakaiengesichter verständnislos auf die Vor- überziehenden starrten.— Unbekümmert um das Hohnlächeln der Philister, deren Denken und Empfinden den Idealen der Arbeiter. bewegung so verständnislos gegenübersteht, setzten die Feiernden ihren Weg fort nach dem von starken, wenn auch meist ver- borgenen Polizeikorps bewachten Versammlungssale. Tausende füllten den mächtigen Saal. Auch beide Stockwerke der Galerie waren gedrängt voll. Als die Polizei das Lokal ab- gesperrt hatte, mutzten viele umkehren, ohne an der Demonstration ihrer Kollegen teilnehmen zu können.— Die große Zahl der Teil- nehmer sowie der Geist, von dem sie beseelt waren, gaben den Ver. sammlungen der Metallarbeiter daS Gepräge einer würdigen, der Bedeutung des Tages angemessenen Demonstration. Da» Nahrung?- und Genußmittel-Gewerbe sandte zahlreiche Arbeiter und Arbeiterinnen zur Maifeier nach Bökers Festsälen in der Weberstratze. Sie kamen in Scharen herbei, die Bäcker, Schlächter, Brauereiarbeiter, Tabakarbeiter, Müller, Gärtner, Gastwirtsgehilfen und andere. Die Halle war viel zu klein, um die Andrängenden aufzunehmen; um �vlO Uhr schon war jeder Platz besetzt, um 10 Uhr mutzten viele wieder umkehren. Die Arbeiter kamen in Feiertagskleidern. Viele hatten sich ihren Mai» tag nicht nehmen lassen, wenn auch die Unternehmer eine böse Miene dazu machten. Und diesmal begleiteten, mehr als jemals vorher, Frauen und Mädchen die Männer zur Feier des 1. Mai. Vor Bökers Festsälen standen mehrere Doppelposten Polizei; auch einige„Geheime" waren da. Radfabrende Beamte kamen vorbei und zogen Erkundigungen ein über den Stand der Dinge. Es schien, als sei die Polizei auf Straßendemonstration vor- bereitet; sie war vielleicht wieder einmal nicht genau unterrichtet worden, trotz der vielen Spitzel. Es ereigneten sich keinerlei Demonstrationen. In Ruhe kamen die Feiernden und in Ruhe zogen sie wieder ihres Weges. Die Maiversammlung der Bildhauer in Kubes Festsälen, Alte Jakobstraße, war von zirka 400 Personen besucht.— Die Gcmeinbearbeiter waren wie im Borjahre in Kellers kleinem Saal versammelt. Der Gesangverein der Putzer brachte einige stimmungsvolle Mailieder zu Gehör. Die Maiversammlung der Steinsetzer, die in den Germaniasälen stattfand, war von nahezu 1000 Mann besucht.— Die Versammlung der Sattler fand im großen Saal der„Armin-Hallen" statt und war von über 900 Personen besucht.— Der Verband der Tapezierer(Filiale Berlin) hielt seine Maiversammlung in den Jndustrie-Festsälen, Leuth- straße, ab. Anwesend waren gegen 800 Personen.— Die Porzellanarbeiter waren im Gewerkschaftshaus, Saal I, mit 200 Personen versammelt. — Die Versammlung der Glasarbeiter und Glaser fand gemeinsam in Hahns Festsälen, Große Frankfurter Straße 74, statt, und zwar das erstemal ohne polizeiliche Aussicht. Es waren zirka 400 Personen anwesend. Besonders waren die Glasschleifer dieses Jahr stark vertreten. Zur Feier des Tages gab der Glas- arbeiter-Gesangvcrein einige Lieder zum besten.— Die Steinarbeiter hatten auch in diesem Jahre eine verhältniSmätzig gute Teilnahme an der Maifeier zu verzeichnen. Annähernd 300 Personen beider- lei Geschlechts waren in WendtS Festsälen versammelt. Besonders stark war die Grabstein- und die Marmorbranche vertreten. Die DMeier der Partei. Erster Wahlkreis. Nach dem Festprogramm sollte im Garten von HappoldtS Lokal ein Konzert stattfinden. Diese Absicht des Festkomitees hatte der Wetbergott jedoch vereitelt. Wenn er auch zunächst noch keine Nässe von oben spendete, so machte doch die empfindliche Maikühle den Aufenthalt im Freien zu einer Ungemütlichteit, wenigstens für„gesetzte" Leute. Wer sich in munterer Bewegung tummeln wollte, dem war die kühle Temperatur gerade recht. DaS machte sich denn auch die liebe Kinderwelt zunutze, die sich unter der Leitung einiger Turnerinnen an Bewegungsspielen weidlich be- lustigte. Der anfangs nicht sehr rege Besuch hob sich in den Abendstunden ganz bedeutend, so daß der schöne geräumige Saal bald von einer festlich gestimmten Menge bis zur Grenze seiner Fassungskraft gefüllt war. Das Festprogramm bot unter anderem eine Zu- sammenstellung ernster künstlerischer Aufführungen. In einer wirkungsvollen Festrede trug Genosse Heinrich Schulz der Be- deutung der Feier Rechnung. Es war ein Abend, reich an An- regungen und Kunstgenüssen, eine würdige und stimmungsvolle Maifeier, die ihre Wirkung auf die Teilnehmer nicht verfehlte. Zweiter Wahlkreis. Während der Nachmittagsstunden wies die Bockbrauerei einen recht spärlichen Besuch auf.— Das schlechte Wetter und die noch schlechteren wirtschaftlichen Verhältnisse haben diesmal unsere Mai- feier beeinträchtigt, sagten sich die Genossen, die mit bedenklichen Gesichtern auf die paar hundert Menschen blickten, welche sich familienweise um die Kaffeetische im Garten gruppiert hatten. Doch, man soll den Tag nicht vor dem Abend tadeln. Dies Wort war kaum je so berechtigt wie hier. Als der Abend herankam, da füllten sich die Säle und Dalle». In froher Feststimmung saßen Tausende von Genossen und Genossinnen beieinander, lauschten den musikalischen und gesanglichen Aufführungen und erfreuten sich an den sonstigen Darbietungen des Programms. Die vom Genossen G r u n w a l d gehaltene Festrede rief kampffrohe Stim- mungen bei den Zuhörern wach. Anregende Unterhaltung hielt die Festteilnehmer noch lange nach Beendigung des offiziellen Teiles der Feier beisammen. In dem zweiten Festlokal des Kreises, bei Kliem in der Hasen- Heide, war der Besuch nicht besonders stark. Die unmittelbare Nähe der Festlokale des ersten und dritten Kreises mag schuld daran sein. Doch auch in Kliems Sälen herrschte ungetrübte Fest- stimmung, die ihren Höhepunkt erreichte durch die packende, von proletarischem Empfinden getragene Rede des Genossen Richard Fischer. Dritter Wahlkreis. Die„Neue Welt" war das Ziel, dem Tausende von Genossen und Genossinnen des dritten Wahlkreises zustrebten. Der Aufent- halt im Garten gehörte �war nicht zu den Annehmlichkeiten, doch waren eS nicht wenige, die selbst als schon der Regen unaufhörlich herniederrieselte, unter aufgespannten Schirmen auShielten, um die auf der Sommerbühne vorgeführten Darstellungen zu genießen. Die meisten zogen eS natürlich vor. sich von vornherein einen Platz unter Dach und Fach zu sichern und, falls sie nicht selber daS Tanzbein schwangen, sich mit dem Anhören der Tanzmusik zu be- gnügen oder sich auf andere Weise zu unterhalten. Die Säle waren von den Scharen der Festteilnehmer gefüllt. Frohe Stim- mung herrschte überall. Das„GewerkschaftShauS" war daS zweite Festlokal für die Genossen de» dritten Kreises. Wenn auch hier kein übermäßiger Andrang herrschte, so war der Besuch doch recht gut und die ge- botenen Kunstgenüsse wurden in festlichfroher Stimmung entgegen- genommen.— In beiden Sälen hielt Genosse Wolfgang Heine die Festrede. In der„Neuen Welt" konnte freilich von einer Festrede im eigentlichen©tnne des Wortes nicht die Rede sein, da der be- treffende Beamte darauf bestand, daß sämtliche Personen unter IS Jahren den Saal verlassen sollten. Da dies bei dem strömen. den Regen ein unausführbares Verlangen war und der Beamte trotz aller Vorhaltungen darauf bestand, mußte Genosse Heine der Versammlung mitteilen, daß er zu seinem Bedauern keine Fest- rede im Sinne des Tages halten könne. Anschließend hieran glossierte er unter großem Beifall das rücksichtslose Vorgehen der Polizei. Vierter Wahlkreis. Die Genossen des vierten Wahlkreises hatten fünf Festlokale zur Verfügung: den Viktoriapark an der Treptower Landstraße, Freyers Fesssäle. Elhsium, Brauerei Friedrichshain und Sans- souci. Neben der Instrumentalmusik ertönten überall die Weisen der Arbeitergesangvereine, die des Maien Frühlingserfüllung feiern und der Sehnsucht und dem kampfbereiten Streben nach dem Völkerfrühling Ausdruck geben. Sie fanden verständnisinnigen Widerhall im Herzen der Hörer. Allgemeine Anerkennung wurde auch den Leistungen der Turner gezollt, die zum Teil ganz her- vorragend waren. Festreden waren an drei Stellen vorgesehen. Eine davon verfiel polizeilichen Bedenken. DaS war bei Freher, wo Genosse Robert Schmidt reden sollte. Der Leute- nant vom Revier befürchtete eine sozialistische Jnfizierung der Kinder und wollte von dem christlichen Wort:„Lasset die Kindlein zu mir kommen," absolut nichts wissen. Sie sollten vielmehr mög- lichst weit von Robert Schmidt enssernt werden, nämlich aus dem Saale. Der Festleiter konnte sich darauf nicht einlassen. Da der Beamte die Auflösung„der Versammlung" in Aussicht stellte, falls die Festrede ohne vorherige Entfernung der Kinder doch ge. halten werden, so verzichtete man auf eine Festrede.— In Sans. souci erfreute Frau Walkotte durch ihre Vortragskunst. Den Höhe- Punkt ereichte hier aber die Feier in der Festrede des Genossen Paul Singer. Das„Bruderlied" und der Sang„Zum 1. Mai" gaben dem Vortrag einen schönen Rahmen.— Im„Elysium" hielt die Festrede unter lebhaftem Beifall Davidsohn. In diesem Lokal wirkte die Gesellschaft Strczlewicz mit, die der sozialen und politischen Satire zum Wort verhalft. Fünfter Wahlkreis. Die Genossen des fünften Wahlkreises begingen das Mvifest im„Schweizergarten" am KönigStor. Eine Musikkapelle ver- mittelte dem Ohr orchestrale Genüsse. Für Unterhaltung sorgten reichlich die Spezialitätenkräste des Etablissements. Den tiessten Eindruck aber erzielten unsere Sänger. Die Maienzeit mit ihren Wonnetagen und ihren Verheißungen zauberte uns der„Gruß an den Mai" vor die Seele. Und in poetisch schönen Klängen ergriffen uns andere Lieder, die den endlichen Sieg der Freiheit künden.— Mitglieder des Arbeiterturnerbundes zeigten, was systematische Körperkultur zu leisten vermag und ernteten gleich den Sängern reichen Beifall. Sechster Wahlkreis. Die Genossen des 6. Kreises hatten in 12 großen Etablisse. ments Maifeste arrangiert. Der Nachmittag zog nirgends viel Besucher an, die plötzlich eingetretene Maikühle hielt fast alle zurück, die sonst gern zu den Gartenfesten gekommen wären. Ein- sam lag der große Garten des Schützenhauses in Plötzen- f e e da, die Musik lockte vergebens. Hier war alles zu einem Fest im Freien hergerichtet, aber man kam doch lieber im großen Saal zusammen, wo Genosse Fr. Schneider später einen Vor- trag über den Maientag der Arbeiter hielt. Aehnlich war es im Lokal Brauerei Moabit, Turm. straße. Hier sprach Genosse Dr. W e y l. Der Nachmittag sah nicht vielversprecbend aus, aber am Abend waren die Besucher zahlreich da und drängten sich im Saal, um den Vortrag zu hören und sich an den verschiedenen Veranstaltungen in fröhlicher Unter- Haltung zu erfreuen. An Tanz und Spiel, an Gesängen und humo- ristischen Darbietungen fehlte es nicht. Die„Kronenbrauerei" Ivar außerordentlich stark be- sucht; um halb acht Uhr abends war kein Plätzchen im Saale mehr frei. Festredner war Genosse Mermuth. Gesangvereine, Turner, Athleten und Humoristen fanden ein dankbares Publikum, daS gern für d-ie gebotenen Leistungen reichen Beifall spendete. Um dieselbe Zeit, als in der„Kronenbrauerei das größte Gedränge herrschte, sah eS in den„ Pracht fälen Nordwest". Wiclesstraße, noch recht leer auS. Man kam hier etwas später zusammen, hatte dann aber ebenfalls einen starkgefüllten Saal und Genofsin Z i e tz fand mit ihrem Vortrag über die Bedeutung des Maitages die größte Aufmerksamkeit der Versammelten. „Frauen, organisier Euch!" so klang es aus ihrer Rede, so konnte man es auch auf den Dekorationen der Saalwände lesen. In den P h a r u s Sälen", Müllerstratze, war der Zulauf sehr stark. Unter dem strömenden Regen zwischen 8 und 9 Uhr kamen noch massenhaft Leute, obgleich alle Räume, vom Parterre» lokal bis zur zweiten Etage, voll besetzt schienen. Unten konnte man in Ruhe an Tischen zusammensitzen, oben war das junge tanz- lustige Volk beisammen. In dem mittleren Saal aber herrschte ein fürchterliches Gedränge. Hier hielt Adolf Hoffmann seine Festrede. An Unterhaltung mangelte eS natürlich nicht; ein reiches Programm war aufgestellt worden. Sehr gut besucht war auch das Lokal der„Bockbrauerei" in der Chausseestraße. Genosse G r e m p e war hier der Festredner. Die Turner, Atleten und andere zeigten ihre Künste, man tanzte, sang und war froh gestimmt. Neben dem ernsten Teil der Feier kam die Fröhlichkeit zu ihrem vollen Rechte, die Genossen hatten für reiche Unterhaltung gesorgt. Die Arbeitersänger fanden überall eine gute Aufnahme. Begeistert sang mancher mit, wenn sie das Lied an den 1. Mai schlössen: Drum reicht die Hände euch zum Bunde, Heut mögen wir den Schwur erneu'n: Daß alles, was uns trennt, verschwinde, Will sich die Arbeit selbst befreln. Sorgt, daß in allen eurem Handeln Die Bruderlieb' der Leitstern sei, Dann mögt ihr frohen Herzens grüßen Allüberall den ersten Mail Unsere Genossen in Ter Schönhauser Vorstadt und auf dem Gesundbrunnen möchten immer ihre Maifeier, wenigstens zum Teil unter freiem Himmel verbringen, wie es ja auch einem Völkerfrühlingsfest zukommü Das läßt sich auch, wenn sonst nichts dazwischentritt, ganz gut machen. Es fehlt in jenen Stadtteilen nicht an Gartenlokalen, wo auch wir Sozialdemokraten gerngefehene Gäste find. Aber diesmal kam der Himmel mit seinen Regenwolken, kam die kalte und unfreundliche Witterung und ver- pfuschte zu einem guten Teil die Maifeier im Grünen. Das brachte es mit sich, daß die Gärten nicht wie sonst schon am Nachmittag voll von Arbeiterfamilien waren. Viele hatten sich allerdings trotz der rauhen Witterung schon frühzeitig eingefunden und saßen draußen um die dampfenden Familienkannen. Als aber der Regen dazukam, sah man sich überall genötigt, die Säle aufzusuchen, und die Musiker, Arbeitersänger, Turner und sonstigen Kunstbeflisscnen, die solange wie möglich ihr Bestes getan hatten, den Festgenossen die Unbilden der Witterung vergessen zu machen, mußten ihnen folgen. DaS Programm bot überall eine Fülle von Kunstgenüssen und Unterhaltungsstoff. Wenn die Musiker mit ihrer Kunst eine feierliche Stimmung hervorgerufen hatten, kamen die Arbeiter- sänger mit ihren begeisternden Freiheits- und Kampfliedern, cm die sich so trefflich eine Maifestrede anknüpfen ließ.„Wir glauben an der Freiheit«ieg," so schloß daS Lied, und so begann Genosse K l o t h in BallschmiederS gedrängt vollem Saale seinen Vortrag und führte der Menge in ebenso ernsten wie eindringlichen Worten vor Augen, warum wir an den Sieg der Freiheit glauben, wie dieser frohe Zukunftsglaube auf Wissen gegründet ist, und welchen unermüdlichen Kampf es noch erfordert, den großen Idealen Gel- tung in der Welt zu verschaffen.— Bei Ballschmieder war zuerst der Genosse Ledebour als Festredner vorgesehen, er war zedoch verhindert worden, hier zu erscheinen. Ebenso mußte in Frankes Festsälen, wo erst der Genosse Leid sprechen sollte, ein Wechsel des Referenten eintreten. Hier wie auch gegenüber im„Brunnen. Theater" sprach Genosse Ucko. Im„Maricnbad" war eS Genosse Schumann, der eine zum Kampf für die Neugestaltung der Dinge anfeuernde Rede hielt. Drüben im Schönhauser Viertel waren eS im Pratertheater Genosse Sassenbach, in„ObigloS Fesssälen" Genossin O. Baader. Ließ auch der Besuch in den bcrjchiedenen Gartenlokalen am Nachmittag manches zu wünschen übrig, so waren die Säle abends meist dermaßen überfüllt, daß Mengen von Fest- genossen von einem Lokal zum andern wanderten, um zu sehen, ob nicht hier oder da doch noch etwas mehr Raum übrig sei. Lange blieb man noch bei Musik, Gesang und Tanz beisammen, mn den Mai trotz aller Unbilden freudig zu begrüßen. Teltow-Beeskow. Charlottenburg. Die beiden von der Gewerkschafts» kommission arrangierten Vormittagsversammlungen waren recht zahlreich besucht. Die Mehrzahl der Feiernden stellten die Maurer, Zimmerer, Töpfer und Holzarbeiter. Im großen Saale des Volks- Hauses, wo viele sich mit einem Stehplatz begnügen mutzten, hielt der Stadtverordnete Genosse W u tz k y- Rixdorf ein vorzügliches Maireferat, während im unteren Saale der Genosse Bergmann» Berlin in lebendiger Weise die Bedeutung des Tages schilderte. Auch hier war die Versammlung gut besucht.— Am Nachmittage und des Abends fanden die Veranstaltungen der Parteigenossen ihren Fortgang. Ueberall herrschte eine frohe Sssmmung. Rixdorf. In drei Versammlungen kamen die Arbeiter Rixdorfs zusammen, um für die Forderungen der Arbeiterschaft zu demonstrieren. Die beiden Versammlungen bei Hoppe und Wolf waren überfüllt. Der Besuch bei Felfch konnte besser sein. Die Teilnahme war im allgemeinen so stark wie im Vorjahre. Referenten waren Genossin Auguste Kadeit und die Genossen Emil Dittmer und Richard Leopold. Ihre Ausführungen fanden lebhafte Zu. sssmmung. WjlmeirSdorf. Die Beteiligung an der Vormittags- Versammlung war gegenüber dem Vorjahre eine etwas zahlreichere. Zirka 400 Personen folgten den Ausführungen des Referenten, Genossen Albin Mohs, über die Bedeutung des 1. Mai. Schöneberg. Genosse Eggert hielt vor vollbesetztem Saale sein zündendes Referat, welches mit Begeisterung aufgenommen wurde. Versammelt waren etwa 800 Personen. Teltow. Genosse Basner hielt im Preußschen Lokale vor über 100 Versammelten ein mit Beifall aufgenommenes Referat. Adlershof. Die im Lokal von Kaul, Bismarckstr. 16, ab- gehaltene Versammlung war von 300 Personen besucht. Die Aus- führungen des Referenten wurden mit großem Beifall auf. genommen. Groß-Lichterfelde. Die Vormittagsverfammlung im Kaiserhof war von 250 Personen besucht. Ueber die Bedeutung des 1. Mai referierte unter starkem Beifall Genosse Arthur Schmit. Trebbin. Die Vormittagsverfammlung war von zirka 150 bis 180 Personen besucht. Die wohllöbliche Polizei war durch einen auswärtigen Gendarm yerftärkt worden. Der Referent, Genosse Ewald-Berlin, hielt ein gut aufgenommenes Referat über die Bedeutung des 1. Mai. Mariendorf. Zu einer imposanten Kundgebung gestaltete sich die Abendfeier des Wahlvereins. Der Besuch war überraschend groß. Genosse Jeserich sprach über die Forderung des Tages. Zeuthen und Umgegend. Die Maiversammlung bei Lindemann war verhältnismäßig gut besucht. Der Vortrag des Genossen Ulm fand lebhaften Beifall. Niederbarnim. Zur Morgenverfammlung in Rummelsburg waren zirka 600 Genossinnen und Genossen erschienen. Genosse Düwell würdigte die Bedeutung des TageS. Die Nachmittagsveranstaltung zählte mehr als doppelt so viele Teilnehmer. In Lichtenberg war die Vormittagsverfammlung, in der Genosse Grunwald referierte, weniger gut besucht. Dagegen nahmen an der Nachmittags, resp. Abendveranstaltung zirka 2000 Per- sonen teil. Pankow. Zur Vormittagsverfammlung hatten sich zirka 260 Genossinnen und Genossen eingefunden. Genosse Domnick sprach. Tegel. Zirka 300 Personen hatten sich hier zu der Ver- sammlung, in der Genosse Glocke referierte, eingefunden. Die Stimmung war ausgezeichnet. Weitzenfee. Die heutige Versammlung war von zirka 1000 Personen besucht. Das Referat des Genossen Fendel fand freundliche Aufnahme. In Britz waren 100 Personen versammelt. Genosse M. Schütte hielt einen prächtigen Vortrag. Kaulsdorf-Ostbahn. Die Maifeierversammlung, in welcher Genossin Friedländer referierte, war von zirka 100 Per- sonen besucht. Mahlsdorf. Die Abendversammlung, in welcher Genosse Düwell referierte, war von 150 Personen besucht. Erkner. In gut besuchter Versammlung sprach Genosse Sonnenburg. Die Maifeier hat mehr Teilnehmer angelockt, als erwartet worden war. Provinz Brandenburg. Wenn man neben der Ungunst der wirtschaftlichen Verhältnisse das unfreundliche Wetter mit in Rechnung stellt, kann die Maifeier in der Provinz Brandenburg als durchaus befriedigend bezeichnet werden. Und das, obwohl die Maßnahmen der Polizei vielfach ge- eignet waren, die der Maifeier feindlichen Faktoren zu unterstützen. Die Anordnungen der Gesetzeswächter waren fachlich nicht einheit- lich, oft standen sie sich sogar diametral entgegen, aber immer kreuzten der Ordnungshüter Entscheidungen die Wünsche der Ar- beiter und verrieten sehr oft eine rührende Unkenntnis der gesetz- lichen Bestimmungen. Hier wurde ein Umzug ohne Angabe von Gründen untersagt, dort eine Abendfeier als öffentliches Ver- gnügen deklariert, während ein Stcinwurf weit ab dieselbe Ver- anstaltung polizeilich als„öffentliche politische Versammlung" an- gesprochen wurde. Die Schlußfolgerungen aus den/ verschiedenen Definitionen entsprachen stets den Wünschen, die denen der Ar- beiter entgegenstanden. Wir trösten uns in dem schönen Bewußt- sein, daß wenigstens dÄ StaSt wieder jftö! gTteHel ist. Wir marschieren doch! In einzelnen Orten war die Zakl der Feiernden geringer als im Vorjahre; andere Plätze wiesen dagegen stärlere Beteiligung auf; durchweg guten Besuches erfreuten sich die Abend- Veranstaltungen. Brandenburg a. H. Obgleich die Gewerkschaften in ge- ringerem Umfange als sonst die Arbeitsruhe durchgeführt und sogar der Konsumverein(I) seinen Betrieb nicht geschlossen hatte, war die Vormittagsversammlung, in welcher Genosse Baron referierte, recht gut besucht. Hauptsächlich waren eS die organisierten Leder- arbeiter, Töhfer und andere klein« Gewerkschaften, die sich an der Tagesfeier beteiligten. Am Abend herrschte zu den in drei Sälen veranstalteten Festversammlungen starker Andrang. Zum Sonntag, den 2. Mai, hatte die Pol»zei den organisierten Arbeitern Bran- denburgs einen Umzug mit Musik durch die Hauptstraßen der Stadt gestattet. Der Zug nahm bor dem Rathaus Aufstellung und mar- schiert« unter wachsender Beteiligung nach den mitten im Walde gelegenen Spielplätzen beim„Neuen Krug", wo nur die gar zu „maikühle" Temperatur das volksfestmäßig« Treiben etwas beein- trächtigte. In Forst i. L. fanden am Abend in zwei Lokalen Maifeiern statt, die sich eines außerordentlich starken Besuches erfreuten. Die Festreden hielt unter lebhaftem Beifall Genosse Kurt Rosen» f e l d. In Fürstenwalde hatten die Genossen die Genehmigung für einen Umzug mit Musik nachgesucht. Am 29.(I) April gab den Genosien nachfolgender Bescheid Kunde von polizeilicher Fixig. keit und Ächtung vor dem Gesetz: „Fld., 2 4. 4. 09. Ihrem Antrage vom 21. d. M. auf Er» teilung der Genehmigung zu einem öffentlichen Aufzuge am 1. Mai d. I. kann diesseits nicht entsprochen werden. Steinbrück." Die Genossen haben ohne Genehmigung doch eine gute Maifeier Veranstaltet, das„kann diesseits" nicht verhindert werden. Die Zahl der die Maifeier durch völlige Arbeitsruhe Be- gehenden in �Rathenow ging wohl etwas über 100 hinaus; weit stärker besucht waren die zwei Nachmittagversammlungen; in gewohnter Stärke beteiligten sich Genossinnen und Genossen an den Abendveranstaltungen. Der Weltfeiertag der Arbeit wurde in Cottbus durch einen Morgenspazicrgang mit zirka 250 Teilnehmern, eingerechnet die behelmte Begleitung, würdig eingeleitet. Die Eingänge des Lo- kales in Sielow, in dem die Genossen einkehrten, besetzte die Staatsmacht, wahrscheinlich, damit die Siewwer nicht angesteckt werden sollten. Die Abendfeier in Cottbus zeichnete sich, wie in jedem Jahre, durch starken Besuch aus. Auch hier war die Polizei vertreten und verlangte, da es sich um eine politische Bersamm- lung handle, die Entfernung der Jugendlichen. In einem anderen Orte gab man keine Erlaubnis zur Abhaltung der Abendfeier, weil es sich offenbar um ein„öffentliches Vergnügen" handle. Zu erwähnen ist, daß sowohl der Konsumverein in Cottbus wie in F o r st am 1. Mai die Verkaufsstellen geöffnet hielt, in Forst gar auf Beschlutz der Lagerhalter. Unter den zahlreich Erschienenen in der DemonstrationSvcr- sammlung in Sommerfeld, wo Genosse Grauer referierte, waren ausnehmend stark Frauen vertreten. Eine prächtige Stim- mung bekundete erfreulichen Kampfesmut der hiesigen Arbeiter« schaft. K i r ch h a i n N.-L. hatte eine würdige Maifeier. Einem Morgenausflug schloß sich eine gut besuchte Nachmittagsversamm- lung an. Aus der Heilstätte„Müllrose" senden uns die Genossen folgende Kundgebung: „Die im Dienste des Kapitals erkrankten Proletarier senden ihren Brüdern in Berlin die herzlichsten Maigrühe." Velten. Durch Arbeitsruhe feierten 250 Genossen. Mehrere größere Ofenfabriken feierten vollständig. Die Abendfeier war von 600 Personen besucht. Genosse Gaida-Rixdorf referierte. Hamburg-Altona. Die Feier verlief in Hamburg in wahrhaft imposanter und erhebender Weise. Allen Aussperrungsandrohungen der ver- einigten Scharfmacher zum Trotz— die Aussperrung der Mai- feiernden soll bis zum 11. Mai dauern— ruhte die Arbeit auf den Bauten gänzlich. Aber auch in vielen anderen Industrie- zweigen war die Arbeitsruhe eine recht umfangreiche. An dem Demonstrationszuge(das in der vorigen Nummer tele- graphisch gemeldete Verbot bezog sich auf die preußische Nach- Karstadt Wandsbeck) beteiligten sich über 30 000 Personen. Unter heiteren und ernsten Weisen von fünfzehn Musik- k o r p s zogen die Arbeiterbataillone, die etwa 100 Fahnen, Banner und Embleme mit sich führten, hinaus nach den beiden Endpunkten: Mühlenkamp und Schützenhof, wo Ansprachen gehalten wurden. Abends fanden im Hamburger Staatsgebiet 21 Niesender- sammlungen statt. Ueberall gelangte einstimmig eine Resolution zur Annahme, in der nach Aufzählung der Augenblicksforderungen der Arbeiterschaft gelobt wird,«einzutreten in die politischen und gewerkschaftlichen Organisationen und so die Kampfkolonnen zu stärken, die der Arbeiterschaft und der Kultur den Sieg erringen werden über Kapitalismus und Unkultur und die schließlich zum Wohle der gesamten Menschheit nur das eine große Ziel erkämpfen werden: die sozialistische Gesellschaft." In Altona fand trotz polizeilichen Verbots ein Maifestzug statt, an dem sich mehrere tausend Personen beteiligten. Um 3 Uhr nachmittags strömten die Genossen und Genossinnen nach dem Mittelpunkt der Stadt zusammen und der Zug setzte sich nach Bahrenfeld in Bewegung. Sofort trat nun auch die Polizei in Aktion und versuchte, den Zug aufzulösen, was ihr aber nur zum Teil gelang. Durch das Eingreifen der Polizei wurde natür- lich das Augenmerk mehr wie sonst aus die Demonstranten gelenkt, die, Freiheitslieder singend, unbeirrt ihrem Ziele zustrebten. In Wandsbeck(8. schleswig-holsteinischer ReichStagswahl- kreis) nahmen 2000 Genossen und Genossinnen an der Morgen- Versammlung und an dem„losen" Festzuge teil. Auch die Abend- Versammlungen waren sehr stark besucht. Kiel. Morgens fanden fünf öffentliche Versammlungen statt, die alle stark besucht waren, besonders die in Kiel selbst, die in den beiden größten Kieler Sälen, dem„Gewerkschaftshaus" und dem „Englischen Garten", stattfanden. Die Zahl der Arbeiter, die durch Arbeitsruhe daS Maifest feierten, wird ungefähr 5 0 0 0 betragen. Die Zahl der Feiernden ist etwas geringer als in früheren Jahren, weil die Krise im Baugewerbe zu sehr gewirkt hat und die Zahl der im Baugewerbe beschäftigten Personen be- deutend geringer ist als in früheren Jahren. Außerdem hatten die Holzarbeiter beschlossen, nicht zu feiern, und die Zimmerer hatten es jedem Mitglied« der Organisation überlassen, ob es feiern wollte pder nicht. Die Maurer, Bauhilfsarbeiter, Schnei» der, Schuhmacher, Maler usw. feierten voll- 'ständig. Nachmittags fanden Ausflüge nach mehreren Gartenlokalen statt, die trotz des kalten Wetters und verschiedener Hagelniederschläge guten Zuspruch hatten. Für den Abend waren in Kiel und der näheren Umgegend in 10 Lokalen Festansamm- lungen veranstaltet, die sehr gut besucht waren. Ein Haupt- kontingent der Besucher stellten die Werftarbeiter, die augeublick- lich noch nicht daran denken können, den 1. Mai durch Arbeitsruhe zu begehen. Die Polizei hat bis zum letzten Augenblick versucht, der Maifeier Steine in den Weg zu legen. Den vom Sozialdemo- kratischen Verein angemeldeten Tanz, der nach der Feswersamm- lung stattfinden sollte, hat sie noch am Tage vor dem 1. Mai als einen öffentlichen erklärt und den Wirten bei Strafe verboten, ihn stattfinden zu lassen. Darauf haben die Wirte öffentlichen Ball angemeldet.— In Neumünster ist der von der dortigen Polizeibehörde zuerst erlaubte Festzug noch am Morgen deS,30. April auf telearaphischeAnord- n u n g des Regierungspräsidenten in Schleswig verboten worden. Lübeck. An der Morgenfeier, die in Form einer Versammlung im ».Vereinshaus" stattfand, nahmen etwa 1500 Genossinnen und Ge- Nossen kexl. Genosse Siolten-Zamburg hielt die Festrede. Am Nachmittag war ein Festzug arrangiert, der aus 3 2 Gewerk- s ch a f t e n und Vereinen gebildet wurde. Dem Sozialdemo- kratischen Verein hatte man untersagt, seine alte, sturmerprobte Fahne mitzunehmen. Trotzdem wies der Festzug mehr als 30 Fahnen auf. Die Beteiligung war in diesem Jahre infolge der ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnisse nicht unerheblich geringer wie sonst. Immerhin nahmen an dem Festzuge etwa 5000 Per- sonen teil. Besonders die Genossinnen waren stark vertreten. Im lübeckischen Landgebiet hatte sich die Maifeier in dem Jndustriedorf Schlutup einer sehr starken Beteiligung zu erfreuen. Sowohl die Morgenversammlung als auch die Nach- mittagfeier war außerordentlich zahlreich besucht. Mecklenburg. Die Feier wie? in diesem Jahre stärkere Beteiligung auf als in den Vorjahren. In manchen Orten hatten die Verbandszahl- stellen Arbeit sr uhe beschlossen. In einigen Orten kam es kurz bor dem 1. Mai noch zum Streik, weil die Unternehmer Ab- züge machen oder geringe Forderungen nicht vollständig bewilligen wollten. Die Schuhmacher, Schneider und Hafen- arbeiter Rostocks feierten sämtlich. Vormittags fand eine große Volksversammlung in Rostock statt. Die erste am 1. Mai seit 1839, seit Bestehen des Maifestes; sie war von über 500 Personen besucht. In Mecklenburg können ja erst seit dem 15. Mai 19 08 öffentliche politische Versammlungen abgehalten werden. Genosse Dr. H e r z f e l d- Berlin referierte. In den Städten Güstrow, Wismar, Boizenburg, Parchim, Teterow und Warnemünde fanden abends gut besuchte Volksversammlungen statt; in anderen Orten am Tage Waldausflüge. Veranstaltungen mit Festrede waren in Schwerin, Rostock. Malchin, Hagenow, Fried- l a n d arrangiert. Die Notwendigkeit der vollständigen Feier des 1. Mai wurde überall stärker als je hervorgehoben! Das Wetter war stürmisch. Ostpreußen. Die Feier nahm einen befriedigenden Verlauf, obgleich nicht zu verkennen war, daß sie unter dem Drucke der wirtschaftlichen Krise zu leiden hatte. Es kam noch hinzu, daß die Witterung sehr rauh war und um die Mittagszeit auch noch einen heftigen Regen- gutz brachte. In den Straßen der Stadt sah man des öfteren wahre Demonstrationszllge von Schutzleuten, die, zwanzig bis vierzig Mann an Zahl, tatendurstig hin und her eilten; dazu war die Schloßwache seit Freitag mittag an Mannschaften verdoppelt und einige Kavalleristen hatte man zu berittenen Schutzleuten gemacht. Arn Vormittag fand in Ludwigshof vor dem Königstor eine Volks- Versammlung statt. Genosse Seemann, Bevollmächtigter des Metallarbeiterverbandes, referierte. In einer Abendversammlung hielt Genosse Hugo Haase die Festansprache. Beide Ver- anstaltungen waren gut besucht. Am Na-bmittag gab es eine Familienfeier im Garten des Partcietablissements und bei Be- ginn der Dunkelheit einen Fackelzug der Maidemonstranten. Wo irgend angänglich, hatten die Genossen vollständige Ar- beitsruhe eintreten lassen. Wieder waren es die Tischler, Metall- arbeiter, die Genossen aus den Baubranchen und die Hafen- arbeiter, die den größten Teil der Feiernden gestellt hatten. In Tilsit und M e m e I wurden am Vormittag und am Abend Versammlungen abgehalten, die sich eines guten Besuches zu erfreuen hatten. Schleste«. In Breslau war die übliche Vormittagsversammlung von zirka 900 Personen besucht, etwas weniger wie in den Vorjahren, da die größte der Gewerkschaften, die der Metallarbeiter, be- schlössen hatte, nicht zu feiern. Die Polizei war in großer Ver- legenheit, da im Gegensatz zu ftüheren Jahren nichts von einem Massenspaziergang öffentlich bekannt gemacht worden war und sie nun nicht wußte, wo sie den Staat vor dem Umsturz retten sollte. Um wenigstens etwas zu tun, sperrte sie nach Schluß der Ver- sammlung die— Promenade' ab, erreichte aber nur, daß die Spießer rebellisch wurden, denn die Arbeiter waren inzwischen ganz wo anders hin gegangen.... Den M a i u m z u g hatte die Polizei natürlich wieder verboten, und zwar wegen zu befürchtender Störung des— Verkehrs und der Sicherheit! Vom Z 7 des Vereinsgesetzes scheint die Breslauer Polizei eben noch immer nichts zu wissen.— Am Abend fand unter Teilnahme von 1000 Per- sonen eine Feier statt, die mit ernsten Gesängen, mit Rezitationen revolutionärer Trutz- und Mailieder und einer Festrede des Stadt- verordneten L ö b e ausgefüllt wurde.— Im Landkreise fanden in 7 Ortschaften Abendfeiern statt, die durchweg gut besticht waren. Sachse». Leipzig. Die Arbeiterschaft Leipzigs kann swlz auf ihre diesjährige Maifeier sein. Die Beteiligung und der Verlauf waren glänzend. Alle Befürchtungen, die verheerende Wirtschaftskrise, der Unter- nehmerdruck und der ungünstige Tag, der Sonnabend, würden eine schwache Beteiligung zur Folge haben, sind zerstoben. Schon der in den letzten Tagen in den Gewerkschaftsversammlungen ein- hellig gefaßte Beschluß, den 1. Mai durch Arbeitsruhe zu feiern, zeigte den unerschütterlichen Willen der Arbeiter, sich den Demonstrationstag durch keine Macht nehmen zu lassen. Die fünf Vormittagsversammlungen waren nach der Kartenkontrolle von 3500 Personen besucht. Aus den Versammlungen gingen die Besucher in losen Zügen nach dem Zentralsammclplatz in den König-Albertpark, von wo aus sich der Hauptzug unter Be- gleitung von vier Musikkorps durch die Straßen der Stadt nach dem Festplatz, dem Brauereigarten in Stötteritz, be- wegte. An 15 000 Personen mögen am Zuge teilgenommen haben. Am Nachmittag waren im Brauereigarten und in der Fest- halle 20 000 Personen versammelt; die Besucherzahl war die gleiche wie 1308. Um 5 Uhr hielt der Genosse Geher in der Halle die Festrede. Die Stimmung der Demonstranten war vorzüglich und konnte auch durch die zeitweilig niedergehenden Regenschauer nicht beeinträchtigt werden. Die starke Beteiligung hat die Behauptung von der überlebten Maifeier treffend widerlegt. Auch in diesem Jahre hat die Polizei schon in aller Frühe verlangt, daß die auf dem Volkßhaus gehißte rote Fahne heruntergenommen werde. Die in den Städten und kleineren Orten der näheren Um- gebung tagenden Versammlungen waren äußerst stark besucht. Dresden. Die Feier gestaltete sich zu einer imposanten und eindrucks- vollen Kundgebung. Vormittags fanden 7 große Versamm- lungen statt. Nachmittags versammelte sich das Dresdener Prole- tariat zu einem Massenspaziergang durch die Stadt nach dem Linkschen Bad. An 0000 Demonstranten nahmen daran teil. Abends wurden in den drei Dresdener Reichstagswahlkreiscn in 35 Lokalen Kommerse abgehaltem Die Beteiligung war, wenn auch nicht so stark wie in anderen Jahren, so doch in Anbe- tracht des Krisenjahres eine sehr gute. Im Plauenschen Grunde bei Dresden hatte das Ge- Werlschaftskartell einen Umzug mit Musik arrangiert, an dem mehrere 1000 Personen teilnahmen. Chemnitz. Zum erstenmal fand eingeschlossenerUmzug statt, der trotz des kalten, windigen und regnerischen Wetters starke Beteili- gung aufwies. Um 10 Uhr morgens setzte er sich vom städtischen Festplatze aus nach dem Volkshause zu in Bewegung. Im vorigen Jahr glaubte die Polizei noch, daß ein geschlossener Zug den Ver- kehr stören werde und erlaubte nur in losen Gruppen den Marsch durch die Straßen. Einmal kam es sogar zu einem Eingriff, weil die Polizei meinte, die Teilnehmer gingen in geschlossenem Zuge. Diesmal war er erlaubt, aber sonst weiter nichts. In 400 Vierer- reihen formierte sich der Zug auf dem Festplatze. Dreihundert Frauen eröffneten ihn. Unterwegs schlössen sich noch viele an. Begeistert wurde der Zug von den vielen Proletariern begrüßt, die daö Kapital in seiner Fron hielt; an den Fenstern, vor den Taxen und auf den Dächern von Fabriken standen die Arbeitsbrüder und -Schwestern, Tücher schwenkend und Hoch rufend. Vom Dache des Volkshauses grüßten den Zug schon von ferne die als„republi- kanische Abzeichen" vor einigen Jahren von der Polizei konfiS- zierten und vom Staatsanwalt verfolgten rot-weißen Flaggen, die je eine rote große 8 im weißen Felde führen. Im festlich ge- schmückten Saale, der 1500 Personen faßt, der aber kaum die Hälfte der Massen aufnehmen konnte, hielt Genosse Heilmann die Festrede. Die Abendveranstaltungen, die in den 10 größten Sälen der Stadt abgehalten wurden, waren sämtlich so stark be- sucht, daß nicht alle Kommenden Einlaß finden konnten. Auch aus den anderen Orten des 16. Wahlkreises wird starke Beteiligung gemeldet. . In Zittau fand zum ersten Male eine gutgefüllte Vor- mittagsversammlung statt. Die Abendveranstaltungen waren überall stark besucht.. Provinz Sachsen. In Erfurt nahmen an einem früh veranstalteten Aus- flug trotz unfreundlicher, kalter Witterung etwa 400 Personen teil. Die Beteiligung blieb also hinter der des Vorjahres nicht zrück, obwohl— eine Folge der in den letzten Wintermonaten herrschenden großen Arbeitslosigkeit— die hier stark vertretenen Äerufsgruppen der Bauarbeiter, Holzarbeiter, Metallarbeiter und Schuhmacher diesmal nur in geringer Anzahl Arbeitsruhe hielten. In einer vormittags tagenden gut besuchten Versamm- lung sprach Genosse R o w a g. Die Nachmittagsveranstaltungen im Parteilokal„Tivoli" wiesen sehr starke Beteiligung auf. In einer von 1500 Personen besuchten Volksversammlung sprach im selben Lokal abends Arbeitersekretär Genosse Heinrich Schräder. DaS in Erfurt noch bei jeder Maifeier übliche Massen- aufgebot von Polizei, in und ohne Uniform, zu Fuß und zu Pferde, sorgte für das den Parteigenossen erwünschte Aufsehen. Die in der Frühe zu bemerkende Nervosität der Polizei legte sich erst, als sie das Ziel des Ausflugs kannte und die Gewißheit er- langt hatte, daß sie zur Konstatierung eines strafbaren Mai- festspazierganges keinen Anlaß fand. Eine nächtliche Observierung des Parteilokals scheint gleichialls nicht stattgefunden zu haben, sonst würde die Polizei, deren Wachtlokal keine drei Minuten ent- fernt liegt, bemerkt haben, daß„O r d n u n g s"- R o w d y s die am Abend zuvor angebrachte und nur schwer erreichbare Dekoration an dem an der Hauptstraße liegenden Ein- gang zum Garten abgerissen hatten. Dagegen verlaugte die Polizei früh W-S Uhr die Entfernung einer angeblich roten Fahne von der Zinne des„Tivoli"; es war die Fahne mit den Erfurter Stadtfarben: rot, mit dem„Erfurter Rad" auf weißem Grunde. Die sonst so scharfen Polizeiaugcn hatten das Erfurter Abzeichen nicht erkennen können. In Ilversgehofen bei Erfurt versammelten sich am Abend'über 500 Personen zur Feier. Die Feier in Halle a. S. stand innerhalb den Folgen der wirtschaftlichen Depression; dennoch war Arbeits ruhe in mehreren Betrieben. In der großen Maschinenfabrik von Wegelin u. Hübner ließen ganz unerwartet 100 Former die Arbeit ruhen; man droht mit einer achttägigen Aussperrung. In kleineren Fabriken hat sich die Maifeier derartig eingebürgert, daß sich das Unternehmertum damit abgefunden hat. Die Früh- ve r s a m m l u n g war von weit über 1 000 Personen be- sucht. Die Abendveranstaltungen in sämtlichen Räumen des„Volks- gartens" wiesen selbstverständlich einen entsprechend stärkeren Be- such auf. Die Bauhandwerker, die besonders an den Folgen des letzten harten Winters zu leiden halten, beteiligten sich nur gering an der Arbeitsruhe. Die Polizei, die wie immer stark angetreten war, fand diesmal keinen Anlaß zu Sistierungen. Die Feier in den umliegenden Ortschaften von Halle be- schränkte sich meist auf Abendversammlungen, die einen starken Besuch aufwiesen. In E i l e n b u r g, wo besonders die Tischler die Arbeit ruhen ließen, nahmen an der Frühdemonstration 750 Pesonen teil; in Delitzsch ließen 170 Personen die Arbeit ruhen. Im Regierungsbezirk Magdeburg herrschte während deS ganzen Tages sehr schlechtes Wetter. So mußte denn in M a g d e. bürg die Vormittagsversammlung, die unter freiem Himmel stattfinden sollte, im großen Saale des„Luisenpark" abgehalten werden. Unter der Ungunst der Witterung hatte auch die Beteili- gung zu leiden. Vornehmlich waren es wohl Angehörige der Bau- berufe, die die Arbeit ruhen ließen. Die Polizei war, wie das in Magdeburg nicht anders zu denken ist, schon am frühen Morgen auf den Beinen, um„Aus- schreitungen" zu verhindern. Sie fand jedoch keine Gelegenheit zu Taten. Mag sie bis auf weiteres noch zehren von dem Ruhm, im vorigen Jahre den Anschlag des künstlerischen Maiplakats verboten zu haben, das in diesem Jahre in Augsburg, Bayreuth, Offen- bach. Gießen, Pforzheim, Karlsruhe, Bremen, Braunschweig und Reichenbach i. V. angeschlagen wurde und nirgends Anlaß zu Beanstandungen gab! Am Abend fanden in Magdeburg fünf überfüllte Versamm- lungen statt. Einen„Spaziergang" durch verschiedene Straßen der Stadt unternahmen am Vormittag in Halber st adt etwa 500 Ge- nossen und Genossinnen. Den Abschluß bildete eine Versammlung. Die Abendversammlung war etwas geringer besucht. Außer in den erwähnten fanden noch in zahlreichen anderen Orten des Regierungsbezirks Magdeburg vormittags und abends Versammlungen statt, doch liegen darüber noch keine Berichte vor. ## In Franken ha usen am Khffhäuser nahmen an der Morgenversammlung über 100 Besucher teil. Am Nach- mittag war die Zahl der Teilnehmer trotz ungünstigen Wetters 500. Anhalt. TageSfeiern fanden nicht statt, da auf eine Arbeitsruhe größeren Umfanges infolge der varaufgegaugeuen Arbeitslosigkeit nicht zu rechnen war. In allen Orten, in denen der Partei Säle zur Verfügung stehen, waren Abendseiern arrangiert. In Dessau sprach der Kandidat de? Kreises, Genosse Kurt E i s n e r- Nürnberg vor mehr als 1000 Personen. Auch in den übrigen größeren Orten des Landes, wie Roßlau, Coswig, Zerbst, Bernburg, Cöthen und R a g u h n erfreuten sich die Ver- anstaltungen eines außerordentlichen Besuchs. Hannover. Trotz der Ungunst des Wetters und trotz der AuSsperrungSan- drohungen verschiedener industrieller und gewerblicher Unter- nehmerverbände wiesen in der Stadt Hannover die beiden Frühversammlungen gegen 3000 Besucher auf. Der Besuch der Abendveranstaltungen in Hanno v'e r Md Linden wird auf etwa 10 000 Personen geschätzt. Aus Celle, Osnabrück und O st e r o d e wird berichtet, daß die Maifeier überall g l'ä n z e u d verlaufen ist. Vielfach wird be- sonders betont, daß die Beteiligung in diesem Jahre eine oft st ä r k e r e als in früheren Jahren war. In Harburg(Elbe) nahmen an der Vormittagsversamm- lung im Wilstorfer Park 650 Personen teil, an den drei Abendver- sammlungen über 3000. Bremen. Die M o rg e n v e r sa'm m l u ng e n Karen gut besucht. eine sogar so überfüllt, daß ein großer Teil der Besucher draußen bleiben mußte. Aach den Versammlungen gingen die Teil- nehmer im fest geschlossenen Zuge durch die Stadt nach dem Gartenlokale Ludlvigslust. DieZahlder De m o n st r a n- t en belief sich, wie im Vorjahre, auf etwa 3000, eine Zahl, die unter den obwaltenden Umständen alle Erwartungen übertraf. Die Abendversammlungen fanden in 15 Lokalen statt und wiesen einen überaus starken Besuch auf. Die meisten Lokale waren über» füllt. Braunschweig. Der für die Stadt Braunschweig geplante Maifestzug war verboten worden. Das angerufene Verwaltungsgericht stimmte am Mittwoch den„Gründen" der Polizei zu. die Gefährdung des Lebens, der G'e sundheit und der Ehre der Straßenpassanten und des Eigentums(!) behaupte- ten und den A l k o h o l g e n u ß der M'a i f e i e r n d e n auch eine Rolle spielen ließen. Schon am frühen Morgen war die Pollzei, mit den sonst nicht üblichen Revolvern bewaffnet, in Massen an den Stellen versammelt, von denen einzelne Gewerk- schaften zu Ausflügen abmarschierten. Das Baugewerbe feierte mit verschwindenden Ausnahmen den ganzen Tag. Ebenso die Schuhmacher und Schneider. Metallarbeiter feierten von Mittag an in erheblicher Zahl. Die Vormittagsversammlung int größten Saale der Stadt war sehr stark besucht. Nach der Versammlung bewegte sich der Strom der Demonstranten zwanglosen Gruppen dem gemeinsamen.Ziele, dem Schloß zu dessen Eingangstore von der bewaffneten Macht besetzt waren. Die Stadt erhielt durch die marschierenden Arbeiterscharen und die Polizei ein außergewöhnliches Aussehen. Die Nachmittags- und Abendversammlungen, die in 6 Sälen stattfanden, waren sämtlich schon am Spätnachmittage stark besucht, am Abend überfüllt. Westfalen. �Trotz schlechtesten Wetters und der herrschenden Krise besom d'erS in der Nähmaschinen- und Fahrradindustrie waren in Viele f e l d die für den Abend getroffenen Veranstaltungen gut besucht. In S Lokalen der Stadt und den umliegenden Vororten fanden Versammlungen statt. Die Teilnehmerzahl wurde durch Funktio näre auf öoOO geschätzt. Im Vorjahre waren es fast ebensoviel. Die Zahl der durch Arbeitsruhe Feiernden war gering. An dem Morgenausflug über die Osningberge nach Brackwede beteiligten sich etwas über 250 Personen, darunter befanden sich an die 120 Arbeitslose. Die Temperatur war recht niedrig. In den Bergen wurden die Ausflügler von einem über% Stunde andauernden Schneegestöber beglückt. Rheinland. In Elberfeld-Barmen wiesen die zwei Vormittags- Versammlungen einen etwas stärkeren Besuch auf als im Vorjahre eS waren annähernd 1000 Personen anwesend. Di? Nachmittags ausflüge litten unter der äußerst ungünstigen Witterung, doch ließen sich dadurch die Teilnehmer ihre Freude an der Maifeier nicht verderben. 2000 hatten sich zu den Nachmittagskundgebungen eingefunden. Da der Partei innerhalb der beiden Wupperstädte größere Lokale nicht zur Verfügung stehen, so mußten die Abend arrangements auf 6 Lokale verteilt werden. Sie waren meist überfüllt. In Krefeld wurde die Feier durch die langanhaltende Krise in der Textilindustrie beeinträchtigt. Zirka ISO Personen nahmen an der Vormittagsversammlung teil, in der Genosse W. Reimes referierte. Indes war zu den Abendfestlichkeitcn ein ganz enormer Andrang. Zwei der größten Lokalitäten Krefelds waren total über füllt. Die Textilarbeiter, die in der Mehrheit schon lange Zeit nur 4 bis 6 Stunden täglich arbeiten, ließen es sich nicht nehmen, zur Nachmittagsfeier zu erscheinen. Auch fehlten die Bauarbeiter, die nicht so zahlreich wie sonst durch Arbeitsruhe feierten, am Abend nicht. In Solingen, Ohligs und Knüpper st eg fanden vor- mittags Versammlungen statt, die von zusammen etwa 1000 Psd fönen besucht waren. Für den Nachmittag waren für S o l i n g e n Wald, Ohligs und Höhscheid Festzüge geplant, die von den örtlichen Polizeibehörden genehmigt worden waren Ohne Angabe von Gründen verbot der Regierungspräsident von Düsseldorf im letzten Augenblick auf telegraphischem Wege den Festzug der Solinger Genossen, während die Genossen in den übrigen Orten, die ebenfalls zum Regierungsbezirk Düsseldorf gehören, von einem solchen Verbote verschont blieben und ihre Festzüge mit Fahnen And unter Vorantritt einer Musikkapelle ungehindert bei anstalten konnten. Die Solinger Genossen wußten sich �u helfen und veranstalteten trotz des fürchterlichen Schneegestöbers vom Gewerk. schaftshause am Rathause vorbei zum„Kaisersaal", wo die Abend- feicr stattfand, einen Massenspaziergang. Die Solinger Polizeimacht, die vollzählig aufmarschiert war, ließ die Spazier gänger ungehindert ihrer Wege ziehen. Der Düsseldorfer Regierungspräsident scheint also die alte Waffenstadt Solingen für ein ganz besonders gefährliches Nest zu halten. Gegen seine Verfügung, die einer amtlichen Abwürgung des Reichsvereins- gesetzes verteufelt ähnlich sieht, ist bereits Beschwerde eingelegt worden. In sämtlichen Orten des Reichstagswahlkreises waren die Abendfeiern gut besucht, zum Teil überfüllt. In Kö ln war die Beteiligung an der Vormittagsversammlung trotz der Ungunst der Zeiten sehr zahlreich; annähernd 2000 Per sonen füllten das Voltshaus bis auf den letzten Platz. Genosse W i t t r i s ch(Frankfurt a. M.) hielt der Festrede. Am Nachmittag fanden sich zahlreiche Genossen wieder im Volkshause ein, um später von dort nach Deutz, auf die andere Rheinseite, zu gehen, wo man in den Lokalitäten der Torburg einige Stunden verweilen wollte. Man verließ in kleinen, zwanglosen Gruppen das Volks Haus. Die Polizei hatte an der ungesetzlichen Verweigerung der Genehmigung des beantragten Maiumzuges noch nicht genug. Eine ganze Masse von Beamten tauchte plötzlich auf und stellte sich den Voranschreitenden drohend entgegen. Erst dadurch entstand eine gar nicht beabsichtigte Ansammlung, die nun die Polizcibeamten, darunter vier Berittene, immer wieder aus e ina n de rt r i eb en, bis zum Rheinstrom, unterwegs wiederholt Straßeneingäirge absperrend. Am Rhein durften die Teilnehmer nur e i n z e l n die Brücken passieren, und sie wurden auch dann noch von den Schutzleuten verfolgt, obwohl nicht der aller- mindeste Anlaß vorlag. Es war ein echt borderrussisches Kulturbild. Die Redner der zwölf Abendversammlungen, die in Köln und den Vororten Ehrenfeld, Kalk, Deutz, Nippes,� Poll, Lindenthal, Rodenkirchen, Vingst, Höhenberg und Brühl stattfanden, unterließen nicht, die empörenden Vorgänge des Nachmittags in die entsprechend? Beleuchtung zu bringen. Die Entrüstung der Zuhörer münzte sich in zahlreichen Beitrittserklärungen zur politischen Organisation um. Alle Abendversammlungen, die sämtlich überfüllt waren, ver- liefen glänzend und begeisternd. Im Aachener Bezirk war unterwartet große Beteiligung Die Morgenversammlung in der Stadt Aachen war autzerordent- lich stark besucht, die Abendversammlung überfüllt. In M ü l h e i m am Rhein, Bonn, Koblenz und Düren fanden ebenfalls überfüllte Abendveranstaltungen statt. Hessen-Naffa». . In Frankfurt a. M. war die Morgenbersamm- l u n g im Gewerkschaftshause total überfüllt, ebenso die Nachmittagszusammenkunft im gleichen Lokal. Abends fanden in den einzelnen Stadtteilen sieben Versammrungen statt, die eben- falls den besten Verlauf nahmen. Das Wetter war stark ver- änderlich. Um die Mittagszeit gingen zwei Gewitter mit Regen und Hagelwetter unter starkem Sturm nieder. Die Parteiveran- staltungen wurden dadurch aber nicht beeinträchtigt. An der Vormittagsversammlung in Kassel be- teiligten sich über 800 Personen. Die Abendveranstaltung war überfüllt. Auch in der Umgebung wurden eine Reihe von Versammlungen abgehalten, die durchweg gut besucht waren. Baden. An Stelle der in früheren Jahren in Mannheim üblichen Vormittagsversammlung hatten in diesem Jahre Partei und Ge- werkschaften einen Ausmarsch arrangiert. Es beteiligten sich annähernd 300 Personen. Einige Gewerkschaften hatten Sonder- ausflüge. Keine offizielle Tagesveranstaltung war vom Metall- arbeitervevband für die Arbeiter der Automobilfabrik Benz getroffen, die in einer Zahl von zirka 1000 A r b e i t S- 1 ruhe hatten. Die Gesamtzahl der Feiernden blieb hinter der- jenigen vom Vorjahre bedeutend zurück. Sie beträgt zirka 1 50 0. Am Abend fanden im Stadtbezirk sieben Versammlungen statt, die alle einen starken Besuch auszuweisen hatten. Zwei von vier Sälen in der Innenstadt waren überfüllt. Ebenso die Säle in den Vororten der Stadt, wo hauptsächlich die Arbeiter- schaft ansässig ist. Im Landbezirk Mannheim fanden am Abend 10 Versammlungen statt, die ebenfalls einen guten Besuch aufzuweisen hatten. Bayern. Die Feier in München nahm auch diesmal, trotz der schweren wirtschaftlichen Krise, einen würdigen Verlauf. Vor- mittags 10 Uhr fanden 11 öffentliche Volksver- s a m ni l u n g e n statt, die samt und sonders massenhaft besucht waren. Von einem Abflauen der Maifeier ist, trotz allen Gefasels in den bürgerlichen Papieren, nicht eine Spur zu entdecken. In fast allen Tarifen, die in den letzten Jahren vor dem Münchener Einigungsamt abgeschlossen wurden, haben sich Taufende von organisierten Arbeitern die Arbeitsruhe am 1. Mai gesichert. Daher verlief die Maifeier bisher noch jedes Jahr ohne nennenswerte Maßregelungen. Auch die Holzindustriellen haben bei den letzten Tarifverhandlungen im Vorjahre vor dem Eini- gungsamt zu Protokoll erklärt, daß es beim alten bleiben, der 1. Mai also gefeiert werden kann. Trotzdem im vorigen Jahre, einige Tage nach dem Tarifabschluß, der 1. Mai von den Mün- chener Holzarbeitern durch Arbeitsruhe gefeiert wurde, haben die Unternehmer heuer in ihren Betrieben eine Bekanntmachung des Deutschen Arbeitgeberschutzverbandes angeschlagen, wonach alle Arbeiter, die am 1. Mai feiern, bis 0. Mai a u s g e- sperrt werden. Die Münchener Holzarbeiter ließen sich aber nicht einschüchtern und ließen die Arbeit ruhen; die Versammlung der Holzarbeiter war in keinem Jahre so stark besucht als dies- mal. Inwieweit die Drohung mit der Aussperrung wahr gemacht werden wird, muß abgeloartet werden. Tausende von Arbeitern und'Arbeiterinnen machten nach- mittags einen Ausflug in das herrliche Isartal. In Nürnberg fanden früh zwei überfüllte Ver- sammlungen statt, die vor Beginn polizeilich abge. sperrt wurden. Viele Hunderte fanden keinen Einlaß. Nach- mittags marschierte man nach Eibach zu geselliger Zusammenkunft, wo die Lokale die Massen nicht aufnehmen konnten. Abends tagten vier Massenversammlungen. Tausende mußten, ohne Einlaß zu erhalten, umkehren. Alle Veranstaltungen verliefen ohne Störung. Den Hauptteil der Feiernden stellten die Holz- arbeiter, die die Parole Arbeitsruhe geschlossen befolgten. In anderen Berufen wurde nur teilweise gefeiert, viele Bau- arbeiter, Maler usw. hatten die Arbeit eingestellt, ebenso eine große Anzahl Kleinbetriebe. Metallarbeiter hielten sich zurück. Die großen Fabriken waren in vollem Betrieb. Die Unternehmer- vereine führen Aussperrungen bis 0. Mai durch. Württemberg. Der Besuch der von den Gewerkschaften veranstalteten Vor- mittagsversammlungen in Alt-Stuttgart ließ zu wünschen übrig. Wohl war der Festsaal des Gewerischaftshauses bis zum letzten Platz besetzt, aber der Zahl der Feiernden entsprach der Besuch nicht, ließen doch von den rund 3500 Metall- arbeitern Stuttgarts über 2000 die Arbeit ruhe n. Die meisten Bau tte n lagen gleichfalls still. � Die Schreiner, die vergangenes Jahr etliche Tage ausgesperrt waren, beteiligten sich trotz der erneuten Aussperrungsandrohungen der Unternehmer zahlreich durch Arbeitsruhe. In Cannstatt war erst in letzter Stunde die Vormittags- Versammlung angesagt worden. Auf Drängen der dortigen Ar- beiterschaft hatte das Gewerkschaftskartell seinen Beschluß, in Cannstatt in Rücksicht auf die mißliche Lage der Industrie von einer Vormittagsversammlung abzusehen, revidieren müssen. Der Besuch der Versammlung in Cannstatt war stärker als je zuvor. Der Festsaal des„Schwabenbräu" erwies sich als zu klein, die Menge der Feiernden zu fassen.— Nachmittags fand in zwei großen Festlokalen Konzert statt, für den Abend hatte die Partei vier Feiern veranstaltet, die überaus stark besucht lvaren, Wohl stärker als je zuvor. Im überfüllten Dinkelackerschen Festsaal sprach Genosse Dr. Duncker, im Wulleschen Saal Par- teifekretär Pf lüg er, in Cannstatt Genossin Dr. Duncker, in Untertürkheim Genosse Schumacher. Die Maifeier in Stuttgart hat bewiesen, daß im Schwabenlande der Maifest- gedanke an Stärke gewonnen hat trotz Krise und Ge- waltmaßregeln des Unternehmertums. Elsaß. In Mülhausen i. Elf. feierten durch Arbeitsruhe gegen 1000 Arbeiter der Großindustrie und etwa ebensoviel aus kleineren Betrieben. Die zwei Vormittagsversamm- lungen warengutbesucht, und an dem Nachmittags- ausflug der Feiernden beteiligten sich trotz der Ungunst der Witterung— es regnete erst schwach und gegen Abend andauernd— rund 1500 Personen. Die beiden Abendversammlungen, in denen Arbeitersekretär W i ck y und Reichstagsabgeordneter Emmel sprachen, zeigten einen Massenbesuch, dem die zwei der Partei zur Verfügung stehenden größeren Lokale bei weitem nicht genügen konnten. Oesterreich. Wien, 2. Mai.(Privattelegramm des„Vorwärts".) Die zwanzigste Maifeier sah in Wien eine kolossale Beteili- ung. Die Arbeitsruhe war mit Ausnahme der Gemeinde- etriebe vollständig, die Versammlungen, in denen nach der vorübergegangenen Kriegsgefahr besonders die Betonung der proletarischen internationalen Solidarität be- geisterten Widerhall fand, waren massenhaft besucht. Jmpo- sunt war am Nachmittag der DemonstrationSzug in den rater. Zum erstenmal wurden im Zuge unsere roten Fahnen und Standarten getragen. Besonders zahlreich war auch die Beteiligung der Frauen. Die Ordnung wurde ausschließlich durch unsere Ordner aufrecht erhalten. Der geord- nete Aufzug ist auch ein politischer Erfolg, da eigentlich öffentliche Aufzüge, wenn das Parlament versammelt ist, gesetzlich verboten 'ind. Auch im übrigen Oesterreich wurde die ArbeitSruhe in allen Jndustrieorten strikte durchgeführt. gebung verlief ohne irgendwelche Störung. In der Provinz ist die Maifeier ebenfalls bisher ohne Zwischenfall verlausen, �sn den Kohlenrevieren ruht die Arbeit gänzlich, ebenio seiern viele Metallarbeiter. In allen sozialistischen Ge- meinden sind die Schulen geschlossen. Anläßlich der Maifeier empfing der Arbeitsminister eine von V a n d e r v e l d e geführte sozialistische Abordnung, die den Minister ersuchte, die Beratung der Frage der Begrenzung der Arbeitszeit zu be- schleunigen. Der Minister erklärte, daß der Gesetzentwurf über diesen Gegenstand wahrscheinlich im Juli zur Beratung gelangen werde. Der Minister versprach, auf eine Beschleunigung der An- gelegenheit hinzuwirken und einen parlamentarischen Unter- suchungsausschuß einzusetzen, der die Frage einer Beschränkung der Arbeitszeit in gewissen Industrien zu prüfen hätte. England. Die Maifeier in London. Die Maifeier wurde, wie alljährlich, durch einen Straßen- umzug von Charing Croß nach dem Hyde-Park begangen, wo eine Massenversammlung stattfand, an der etwa 25 000 Personen teil- nahmen. Besonderes Aufsehen erregten im Demonstrationszuge etwa 50 Wagen mit weiß- und rotgekleideten Zöglingen der sozia- listischen �onntagsschulen. Im Hyde-Park angelangt, verteilten sich die Massen um die 7 Wagen, die als Tribünen dienten. Um die 1. Tribüne waren die sozialistischen Kinder gruppiert, zu denen die Lehrer und Lehrerinnen sprachen. Die 2., 3., 4. und 5. Tribüne gehörten den Gewerkschaften und sozialistischen Organisationen. Aucb der sozialistische Verband der anglikanischen Geistlichen war durch zwei Geistliche, die Ansprachen hielten, vertreten. Die 6, Tribüne gehörte den Clarion-Organisationen. Die 7. war international und es sprachen deutsche, jüdische, ruf- fische, lettische und südamerikanische Redner. Unter den Rednern befand sich auch Genossin Klara Ze t k i n. Um 6 Uhr wurde das Meeting geschloffen und folgende Resolution angenommen: „Die bei der Maifeier im Hyde-Park versammelten Arhpiter und Arbeiterinnen senden brüderliche Grütze an ihre sozialistischen und gewerkschaftlichen Genossen, die in allen anderen Ländern sich am 1. Mai versammeln, um ihre proletarische Solidarität aus- zudrücken und ihren festen Entschluß kundzugeben, sich von der Lohnsklaverei zu befreien und sozialistische Gemeinwesen zu gründen. Als Mittel zu diesem Zwecke verlangt dieses Massen- meeting: Erhaltung der Schulkinder auf Staatskosten; die Orga- nisierung der Arbeitslosen für nützliche und produktive Arbifit; Achtstundentag; Verbesserung des Alterspenfionsgesetzes; all- gemeines Wahlrecht, Zahlung von Diäten und Verhältniswahlen. Dieses Meeting verurteilt die Bemühungen der kapitalistischen Klassen und der Jingopresse, das Völkerleben durch Feindsckaft, die nur eine Folge der wirtschaftlichen Konkurrenz ist, zu vergiften und England und Deutschland in einen Krieg gegeneinander zu treiben. Das Meeting verspricht den deutschen Arbeitern, mit ihnen in den Bemühungen, die friedlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern aufrechtzuerhalten, zusammenzuwirken." Für den Abend hatte der Kommunistische ArbeiterbildungS- verein ein Fest in Holborn Town Hall veranstaltet. Rußland. Petersburg, 1. Mai. Anläßlich der Maifeier nahm die Polizei zahlreiche Haussuchungen vor und beschlagnahmte mehrere Hunderttausend sozialistischer Proklamationen. Eine große An- zahl sozialdemokratischer Agitatoren wurde verhaftet. Die Fabriken, welche die Maifeier gestatteten, werden mit hohen Geldstrafen belegt. Die Polizei und Militärpatrouillen wurden am Tage der Maifeier berställt. Frankreich. Die Maifeier ist in P a r i s ohne jeden Zwischenfall verlaufen. Ein Teil der Postbeamten feiert. Die Gasarbeiter, Bäcker, Erd- arbeiter usw. hielten heute mittag in der Arbeitsbörse Versamm- lungen ab, in der das Verhalten der Regierung gegenüber den Postbeamten scharf kritisiert wurde. Es wurde beschlossen, unter allen Umständen die Postbeamten gegen die Regierung in Schutz zu nehmen. In der Provinz wurde die Maifeier besonders in den Kohlenbezirken des Norddepartements begangen, wo die meisten Arbeiter feierten, auch in S t. E t i e n n e, wo die meisten Straßenbahner streiken. In T o u l o n gierten die Straßenbahner und die Arsenalarbeiter. Die Zahl >er Ausständigen in Marseille beläuft sich auf 7000, in R o u b a i x rreiken zirka 5000 Arbeiter, meistens aus der Textilindustrie. In Marbonne wurden zwei Anarchisten verhaftet, die von der Polizei dabei abgefaßt wurden, als sie Schimpfworte gegen die Regierung an öffentlichen Denkmälern anbrachten. In Bordeaux ist von einer Maifeier wenig oder gar nichts zu merken, desgleichen in Cherbourg, wo nur etwa 150 Arbeiter feiern. In Mazamet wurde heute ebenfalls eine Kundgebung gegen die Arbeitgeber ver- anstaltet; die Arbeit ruht dort vollständig. Belgien. Brüssel, 1. Mai. Die Maifeier wurde hier in der üblichen Weise begangen. Trotz anhaltenden Schneegestöbers zogen die Sozialdemokraten mit roten Fahnen und Musik durch die Straßen zum Volkshause, wo ein großes Meeting stattfand. Die Kund- Venrnlcdres. Sturm und Schneefall. In Hattersheim ist infolge des starken Sturmwindes, der am Freitag dort herrschte, der noch nicht vollendete Neubau einer Oelfabrik eingestürzt. Sechs Arbeiter wurden verletzt, drei schwer. In Köln und im Bergischen trat am Sonnabend- vormittag starker Schneefall ein. Aus Atlanta(Georgia) wird uns von gestern telegraphiert: Die Zahl der infolge der Stürme der drei letzten Tage ums Leben gekommenen Personen wird auf 200, die der verwundeten auf 400 geschätzt. Der Sachschaden dürfte mehrere Millionen betragen. Das Geschäftsleben liegt vollständig danieder. Raubmord an einem Militörinvalide». Der in Spreenhagen bei Fürstenwalde ansässig gewesene Mili- tärinvalide Friedrich Wagner wurde am Donnerstag vor ach! Tagen in seiner an das Wohnhaus angrenzenden Scheune tot auf- gefunden. Der Schädel war dem alten Mann zertrümmert worden. Die sofort eingeleitete Untersuchung deutete jedoch anfangs darauf hin, daß W. das Opfer eines verhängnisvollen Unfalles geworden war. Man nahm an, daß der alte Mann ges�ixzt sei und sich dabei den Schädel aufgeschlagen habe. Die Leiche wurde daher von der Behörde freigegeben und beerdigt. In der vergangenen Woche sind in der Angelegenheit jedoch Momente zutage getreten, die keinen Zweifel mehr daran lassen, daß hier nicht«in Unfall, sondern ein Verbrechen vorliegt. Wie festgestellt werden konnte, fehlt dem Toten ein Sparkassenbuch über 900 M. und zwei weitere Sparkassenbücher über den Betrag von 2000 M. Trotz eingehender Durchsuchung der Behausung des Invaliden konnten die Bücher nicht gefunden werden. Dagegen wurde ermittelt, daß mehreren Personen ein dem Wagner gehöriges Sparkassenbuch im Betrage von 900 M. von einem jungen Mann zum Kauf angeboten wurde. Bei der Vereinsbank in Frmlkfurt a. O. versilberte er schließlich das Sparkassenbüch und flüchtete dann nach Köln. Leute, bei denen die Verwertung des Sparkassenbuches vergeblich versucht wurde, erkannten in einer Photographie des Maschinisten Otto Matuschke aus Neu-Stahnsdorf, Kreis Storkow, den Mann wieder, der bei ihnen vorgesprochen hatte. Trotzdem hat die Polizei den mutmaß- lichen Mörder noch nicht dingfest gemacht. Sozialileniokrat. Mrä für den I. Berliner Reielsiagswalreis. Todcö-Anzeige. Den Genossen zur NnArichy daß unser Mitglied, der Gastwirt Lenjamm l�gds Thiele-Wartenberg-Straße, Ecke Jagowstraße verstorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet heute Montag, den 3. Mai, nachmittags 3'/, Uhr, vom Trauerhause aus au; dem städtischen Friedhos in der Müllersttaße, Ecke«eestraße, statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht vor» Vorstand, Verband deutscher Gastwirtsgehilfen ((Abteilung Bierabzieher.) Am Freitag, den 30. April. oerstarb nach langein Leiden unser Kollege, der Bierabzieher iXuxust �üc%er im 46. Lebensjahre. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am DienStag, den 4. Mai, nach- mittags 4 41hr, von der Halle des Andreas-KirchhoseS in iiSil- helmsberg aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Ter Vorstand. Verantwortlicher Redakteur; Hans Weber, Berlin. Für denFnseratenteil verantw.: Th.Glocke, Berlin. Druck u. Verlag:Vorwärts Luchdruckerei u. Verlagsanftalt Paul Singer Le Co.. Berlin LVV.