Dr. 104. flbffliKmentS'Bcdlnpnaen; HBomtf mcntä> Preis pränumerando i Biertcljährl. 3P0 Mk., monatt. l,1v Mk., wöchentiilp 28 Pfg. frei ins HauS. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Beilaxe„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Wonnenicnt: I.IO Mark pro Monat. Eingetragen in die Post< Zcitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 8 Marl pro Monat. Postabonncinents nehmen an: Belgien, Däneniarl, Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. A6. Jahrg. OWtltl«gllld»6er mootass. Vevlinev Volksblnkk. Zcntralorgan der fozialdemokratircben Partei Deutfchtands. Die Tn!ert)onS'Gebi]|)r lbclrägt für die scchsgcspaltene Kolonel- zeile oder deren Rauin M Pfg., für politische und gewerkschaftliche Bereins- und Bersamnilungs-Anzeigen SO Pfg. „Kleine Hnxeigen", das erste(feit- gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Slellengesuche und Schlaf- stcllcn-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 16 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Numnicr müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ijt bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm-Adresse: „Loalalilembllrat RerlioM. Redaktion: 8M. 68, Lindenstraase 69* Fernsprecher! Amt IV, Nr. 1983. Expedition: 8M. 68, Lindcnstrasac 69* Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. €in fozialliberakr Ctat. London, 2. Mai.(Eig. Ber.) Die Etatsberatungen des englischen Parlaments ge- währen in vielen Beziehungen einen Einblick in das soziale Leben Englands. Sie bilden tatsächlich den Mittelpunkt der britischen Staatspolitik. Alles, was die Nation berührt, kommt hier mit größerer oder geringerer Deutlichkeit zum Ausdruck. Das verflossene Finanzjahr(1. April IWS bis zum 31. März 1909) schloß mit einem Fehlbetrag pon 714 000 Pfund Sterling(1 Pfund Sterling— 20 Mark) ab. Die Bilanz stellte sich wie folgt dar: Ausgaben Einnahmen 152 292 00(1 Pfund Sterling 151 578 000 Fehlbetrag 714 000 Pfund Sterling Fn den Erklärungen, die das Finanzministerium zu dem ßerflofsenen Etat veröffentlichte, fallen zwei Tatsachen auf: 1. Trotz des Gcschäftsniederganges nahm die Summe Set steuerzahlenden Einkommen zu. Noch mehr: die Zu- nähme dieser Einkommen scheint durch das Auf und Ab des Wirtschaftslebens gar nicht beeinflußt zu werden. In den letzten zehn Jahren war die Aufwärtsbewegung der steuer- Pflichtigen Einkommen wie folgt: Jahr 1899—1900. 1900—1901. 1901—1902. 1902-1903. 1903-1904. 1904-1995. 1905- 1906. 1906-1907. 1907-1903. 1908-1909. Bruttoeinkommen sin Millionen Pfund Sterling) ... 792 ... 833 ... 867 ..' 880 ... 903 ... 912 ... 925 ... 944 ... 990 ... 1040 Ein einziger Penny(ungefähr 8 Pfennig) Steuer pro Pfund Sterling Einkommen ergibt 2 833 000 Pfund Ster- ling. Hat zuni Beispiel der Finanzminister einen Fehl- betrag(im Etat) von 3 Millionen, so braucht er die Ein- kommensteuer nur uin 1 Penny pro Psund Sterling zu er- höhen, um das Gleichgelvicht wiederherzustellen. In den letzten zehn Jahren stieg das Bruttoeinkommen um 31 Prozent. Im selben Zeitabschnitt stiegen die aus direkten und indirekten Steuern fließenden Staatseinnahmen von 108,5 Millionen aus 125,5 Millionen Pfund Sterling, oder um 15 Proz.: die Einnahmen von direkten Steuern stiegen von 52,6 Millionen auf 66,2 Millionen oder um 26 Proz. 2. Der Verbrauch von Bier und Spirituosen ist im fort- gesetzten Sinken begriffen. Die britische Nation wird nüchterner, wie folgende Tabelle zeigt: Welchen Gründen diese Abnahme zuzuschreiben ist, sagt das Finanzministerium nicht. Allein es ist bekannt, daß sie kolgenden Umständen zu verdanken ist: Dem billigen siadtischcn Bahn- und Tramverkehr, der den Volksmasscn ge- stattet, teils außerhalb der Stadt zu wohnen, teils die freie Zeit in frischer Luft zuzubringen: dann der Verbesserung des Volksgeschmackes und der Hebung feines Bildungs- Niveaus. Dieser zehnjährige Abschnitt war auch die Zeit der Erstarkung des politischen Klassenbewußtseins der Ar- beiterklasse.— Der neue Etat, der vor wenigen Tagen dem Parla- ment vorgelegt wurde, hat folgende Gestalt: Einnahme-Voranschlag für das Jahr 1909/10 (in 1000 Pfund Sterling) Einkommensteuer...... 33 900 Verbrauchssteuer...... 32 050 Zölle Erbschaftssteuer.... Stempel......... Haus- und Bodensteuer... Post-, Telegraph- und Telephon- gebühren....... Kronland........ Suezkanalaktien...... Verschiedenes....... Gesamteinnahmen..... 28100 18 600 7 600 2 650 22 400 530 1160 1394 Ausgaben: (in 1000 Pfund Sterling) Schuldendienst....... 28 000 Zivilliste, Justiz...... 1 670 Beitrag für die Lokalregierung. 9 483 Armee......... 27 435 Flotte.......... 35 143 Staatsdienst und Alterspensionen 40 070 Steuerdienst....... 3 373 Postdienst........ 18 973 Gesamtausgaben Schrechtchfiffe. Die Bilanz ist also wie folgt: Gesamtausgaben Einnahmen... 164 152 000 Pfund Sterling 164 152 000 Pfund Sterling 148 390 000„ Fehlbetrag...... 15 762 000 Pfund Sterling Das Defizit wurde hauptsächlich verursacht durch die Eiuführung von Alterspensionen und durch die Erhöhung des Flottenetats. Der Finanzminister Lloyd George mußte sich demgeniäß nach neuen Mitteln umsehen. Als Frei- Händler und soziallibcraler Politiker konnte er weder zu in- direkten Steuern greifen, noch die sozialpolitischen Aufgaben ganz vernachlässigen. Er führte folgende neue Steuern ein und sah folgende Reformen vor, deren Bedeutung vorläufig klein ist, aber mit der Zeit wachsen wird: Automobile und Motorfahrräder wurden je nach Pferdekraft von 1 Pfund Sterling bis 66 Pfund Ster- ling besteuert. Die Hälfte dieser Steuern für Automobile der A e r z t e. Das veranschlagte Ergebnis dieser Steuer ist 416 666' Pfund Sterling. Für Benzin der Automobile 3 Pence(25 Pfennig) pro Gallone: die Hälfte für kaufmännische Automobile. Er- gebnis: 346 666 Pfund Sterling. Abstufung und Erhöhung der Erbschafts- steuer, Legate und Nachlasse: 2 856 666 Pfund Sterling. Abstufung und Erhöhung der Einkommensteuer: Einkommen von über 5666 Pfund Sterling zahlen eine Zu- satzsteuer von 6 Pence(56 Pfennig) pro 1 Pfund Sterling: Einkommen unter 566 Pfund Sterling erhalten Nachlaß. Ergebnis: 3566666 Pfund Sterling. Die Stempel für Börsenpapiere und V e r- kaufsverträge wurden teils erhöht, teils neu ein- geführt. Ergebnis: 656 666 Pfund Sterling. Erhöhung der S ch a n k I i z e n z e n: 2 666 666 Pfund Sterling. Erhöhung der B e r g g e r e ch t s a m e- und Boden- steuer: 566 666 Pfund Sterling. Erhöhung des T a b a k z 0 l l e s um 8 Pence(68 Pf.) pro Pfund, und Erhöhung der Verbrauchssteuer auf Spiri- tuosen um 3 Schilling 9 Pence(3,75 Mk.) pro Gallone. Ergebnis: 3 566 666 Pfund Sterling. Schließlich soll der Tilgungsfonds der Staatsschulden um 3 Millionen Pfund Sterling herabgesetzt werden, so daß der Schuldendienst nur 25 Millionen Pfund Sterling be- ansprucht. Die neuen Steuern und die Herabsetzung des Tilgungs- fonds, die dem Finanzminister die Summe von 17 266666 Pfund Sterling zur Verfügung stellen, bringen also mehr ein, als die Beseitigung des Defizits erfordert: Neue Steuern usw Fehlbetrag 17 200 000 Pfund Sterling 15 760 000, 148 390 000 Pfund Sterling Ueberfchutz. 1 440 000 Pfund Sterling Von diesem Ueberschuß sollen neue Straßen gebaut und Straßenrcparaturen vorgenommen werden, die 666 666 Pfund Sterling beanspruchen, um einen Teil der Arbeits- losen permanent beschäftigen zu können. Dann sollen 266 666 Pfund Sterling für Ausforstungen und landwirt- schaftliche Experimente— ebenfalls zugunsten der Arbeits- losen— verwendet werden. Zur Organisation der st a a t- lichen Arbeitsnachweise 166 666 Pfund Sterling. Kosten der Steuereiuschätzung der Bodenwcrte— als Grundlage einer neuen Bodenstcuerpolitik— 56 666 Pfund Sterling. Diese Neuausgaben betragen insgesamt 956 666 Pfund Sterling, so daß noch ein Etatsüberschuß von rund 496 666 Pfund Sterling bleibt.— Mit Ausnahme der Erhöhung der Zölle und Steuern auf Spirituosen und Tabak, fallen die neuen Lasten auf die Schultern der Reichen, während die neuen Ausgaben, so klein sie noch sind, den Beginn einer st a a t l i ch e n Ar- beitslosigkeitsreform bedeuten. Die konservative und imperialistische Presse klagt deshalb den Finanzminister Lloyd George an, daß er durch seinen Etat„das dünne Ende des sozialistischen Keils" in die Staatspolitik treibt. Sie fordert in bewegten Worten das Haus der Lords auf, den Etat zu verwerfen. Im letzten Jahrbundert galt es aber als eine konstitutionelle Regel, daß Finanzgesetze, die vom Unterhause angenommen wurden, vom Oberhause nicht ver- worfen weiden können. Ob die Lords diesem Rate folgen werden, läßt sich im gegenwärtigen Augenblicke nicht sagen. Ihre Stellungnahme hängt von dem Beschlüsse der konser- vativen Partei ab. Konimt diese zur Ansicht, daß Neu- Wahlen in diesem Jahre für sie günstig ausfallen werden, so wird sie dem Oberhausc raten, den Etat zu verwerfen, um die liberale Regierung zu zwingen, das Parlament aufzu- lösen und Neuwahlen auszuschreiben. Fürst Bülow läßt wieder einmal von den Meinungsmachern Krisenstimmung fabrizieren. Nachdem die Erzeugung von„Volks- bewegung" für die Nachlaßsteuer auf die Konservativen, die den Schwindel kennen, ganz eindruckslos geblieben ist, soll offenbar versucht werden, wie denn die Drohung mit einer Kanzlerkrise auf die verhärteten Gemüter wirkt. Gestern nach hat Fürst Bülow in einer Antwort auf die Gratulation der uationalliberalen Fraktion den ängstlichen Herren die beruhigende Versicherung ge- geben, daß er trotz aller Schwierigkeiten„unentwegt an dem begonnenen Reformwerk weiterarbeiten" werde. Heute aber läßt Fürst Bülow durch eine hochofsiziöse Feder in der „Reuen Ges. Korresp." das entgegengesetzte Versprechen geben, und zwar— der Mann hat immer mehr als e i n Wort ge- habt— gleich in zwei Fassungen. In der einen wird, in jener wehmutsvollen Weise, die dem agrarischen Kanzler im Verkehr mit seinen früheren Gönnern eigen ist, auseinandergesetzt, erstens, daß Bülow große Verdienste um die Agrarier gehabt hat, hat und haben wird; zweitens, daß doch nichts Besseres für die Agrarier nachkommen kann; drittens aber, daß Bülow gar nicht in einer so mißlichen Lage sei; denn der Kanzler halte es„nicht für mißlich, sich nach vieljähriger anstrengender Arbeit zur Ruhe setzen zu können. Und ein Abgang unter den gekennzeichneten Umständen scheint ihm kein schlechter zu sein." Wie bescheiden doch der brave Bülow loerden kannl Gestern noch als der fähigste der lebenden Staatsmänner uns angepriesen, als der Unerschütterliche, der nie den Kämpfen ausweicht, heute aber— und da erscheint allerdings die wahre Komödiantennatur des eitlen, stets auf Beifall bedachten Mannes— nur mehr be- dacht auf einen Abgang, den er im Vorhinein als einen guten anpreisen läßt. j Noch bestimmter läßt Bülow heute abend durch dieselbe Korrespondenz die Drohung seines Rücktritts der Welt verkünden. Er wolle, so wird uns versichert, bereits vor Pfingsten seine Demission geben, wenn bis dahin nicht eine Klärung in der Finanzreformfrage erreicht sei, die den Grund- linien seiner Politik entspräche. Sollte dieser Umschwung nicht eintreten, so werde er sich von seiner Demission nicht abhalten lassen. Wilhelm II. kehre am 23. Mai zurück und an einem der folgenden Tage werde die entscheidende Unterredung stattfinden. So der Offiziosus. Man muß nur bedauern, daß das per- sönliche Regiment fern in Madrid weilt und die Probe anfs Exempel nicht sofort vorgenommen werden kann. Denn in Korfu können solche Dinge ja nicht erledigt werden, weil der Kaiser vor seiner Abreise ausdrücklich den Wunsch geäußert hat, i n "orfu endlich in Ruhe gelassen z u werden. Aber bis Pfingsten ist es noch lange hin und Bülow hätte wirklich noch Zeit gehabt, Erwartungen zu erwecken, die er doch nicht zu er- füllen gesonnen ist. Diese Dcmissionsdrohung ist wie die Block- komödie Ende 1907, wie das Entlassungsgesuch Ende November 1903 ja doch nur ein Bluff für die Oeffentlichkeit und die Parteien. � Statistik der iozialiitiichen Stimmen in Italien. Rom, den 3. Mai.(Eig. Ber.) Soeben ist die offizielle Statistik der italienischen Wahlen vom 7. und 14. März d. I. zur Ausgabe gelangt. Wie üblich bleibt in dieser Statistik die Parteistellung der Kandidaten unberücksichtigt, so daß man ihre Angaben nur als Rohmaterial benutzen kann. Da bei den letzten Wahlen unsere Partei in einer Anzahl von Wahlkreisen schon im ersten Wahlgange ein Wahlbündnis mit Republikanern und Radikalen geschlossen hatte, war zn erwarten, daß die sozialistische Stimmenzahl nicht in demselben Maße wachsen würde, wie bei den vorigen Wahlen. In der Tat ist die sozialistische Stimmenzahl nur von 368 633 auf 338 885 gestiegen. Eine schmerzliche Ueberraschung ist es aber, daß die relative Zahl der sozialistischen Stimmen von 19,4 auf 17,8 Proz. zurückgegangen ist. Allerdings haben die bürgerlichen Parteien in höherem Maße als bisher die Wählermasse herangezogen, so daß die allgemeine Wahlbeteiligung von 62,8 auf 65,3 Proz. gestiegen ist. Aber diese stärkere Beteiligung der gesamten Wählermasse macht es natürlich nicht weniger schmerzlich, daß die sozialistische Wählerschaft relativ zurückgedrängt worden ist. Dieser Rück- gang erklärt sich teilweise aus der geringeren Zahl der Partei- kandidaturen, die diesmal 114 weniger betrugen als bei den Wahlen von 1964. Außerdem ist aber in 49 Wahlkreisen ein Rückgang der sozialistischen Stimmen zu verzeichnen, luid zwar trifft dieser Rückgang am stärksten zwei Landschaften. die in sozialistischer Hinsicht als sehr hochstehend galten, näm- lich V e n e t i e n, das in 16 Wahlkreisen Rückschritte aufweist, und die Lombardei, in der in 9 Kreisen die sozialistische Stimmenzahl gesunken ist. Der relativen Stimmenzahl nach gebührt der E m i l i a und R 0 m a g n a die erste Stelle: ihr Prozentsatz der soziali- stischeu Stimmen ist von 34,5 auf 36,2 gestiegen. An zweiter Stelle kommt der P i c in 0 n t, der mit beinahe 86 666 Stirn- men absolut die höchste Zahl erreicht, während seine Vcr- hältniszahl im Jahre 1964 27,1 und bei den letzten Wahlen 29,6 Proz. betrug. An dritter Stelle kommt L i g u r i e n: 21,5 Proz. Bei den vorletzten. 23,6 Proz. Bei den letzten Wahlen. Das vorwiegend landwirtschaftliche U m b r i e n läuft mit 21,8 Proz.(ebensoviel wie iin Jahre 1964) der Toskana und der Lombardei den Rang ab. Toskana geht von 22,3 auf 26,7 Proz. zurück: die Lombardei von 21,5 auf 26/1 Prozent. Noch stärker ist der Rückschritt in Venetien, das von 19,4 auf 14,3 Proz. zurückgeht. Am stärksten im L a t i u m — von 18,9 auf 12,8 Proz.— und in den Marken, deren sozialistische Stimmenzahl von 19,9 auf 9,9 Proz. herabsinkt. In ganz Süditalien ist der Rückschritt bedeutend, mit Aus- nähme der A b r u z z e n, deren Prozentsatz von 3,5 auf 3,8 steigt. C a m p a n i e n fällt von 6,2 auf 3,9 Proz., A p u l i e n von 8,9 auf 2,6, Sizilien von 11,1 auf 9,2, Sardinien von 8,1 auf 2,3 und schließlich die B a s i l i k a t a von 5,4 auf 1.2 Proz. Gar keine sozialistischen Kandidaten wurden diesmal in Kalabrien aufgestellt, das bei den Wahlen von 1964 nnt 3665 sozialistischen Stimmen 7,7 Proz. der gesamten Stimmenzahl erreichte. Wie lveit dieser Rückgang sich aus der Verminderung der sozialistischen Kandidaturen erklärt, geht aus der Zahl der ausgefallenen Kandidaturen hervor. Diese betrug: 7 in Piemont, 2 in Ligurien, 12 in der Lombardei, 6 in Venetien, 3 in der Romagna und Emilia, 11 in Toskana. 11 in den Marken, 2 in Umbrien, 7 im Latio, 6 in den Abruzzen, 9 in Campanien, 12 in Apulien, 3 in der Basili- kata, 8 rn Kalabrien, 11 in Sizilien und 3 in Sardinien. Dieses Aufgeben der Zählkandidaturen entsprach übrigens durchaus nicht der vom Parteivorstand am Vorabend der Wahlen empfohlenenn Taktik. Der Wiunsch, das Bündnis mit den Volksparteien möglichst allgemein zustande kommen zu lassen, konnte den Verzicht auf eigene Kandidaten in den Kreisen empfehlen, wo die Partei keine Aussicht auf Sieg Hatto und Republikaner und Radikale kandidierten. Wenn in so zahlreichen Wahlkreisen des Südens auf sozialistische Kandidaturen verzichtet wurde, so ist dafür weniger die vom Parteivorstand� vorgeschlagene Taktik als eine gewisse Er» müdung und Skepsis verantwortlich zu machen. Alles in allem zeigt die Statistik der sozialistischen Stimmenzahl, daß die s y st e m a t i s ch e Vernachlässigung der sozialistischen Propaganda eben doch nicht ohne Einfluß auf unsere W a h l m a ch t bleibt. Gerade die rückständigsten Provinzen zeigen dies am meisten. Im übrigen hat auch die Lombardei, die sich bescheiden als das Gehirn des italienischen Sozialismus zu bezeichnen pflegt, einen tüchtigen Rückschritt aufzuweisen, während die Regionen, in denen man nie müde geworden ist, in sozialistischem Sinne zu agitieren und zu organisieren, nämlich die Emilia und der Piemont, wacker fortgeschritten sind. Die Wahltaktik ist überhaupt in hohem Maße lehrreich. Die starken Schwan- kungen in vorwiegend landwirtschaftlichen Regionen wie Venezien, den Marken und Apulien bestätigen die wieder- holt gemachte Erfahrung, daß die sozialistische Propaganda im Landvolk nur da dauernde Resultate gibt, wo sie intensiv und ununterbrochen betrieben wird. Unter der nicht soziali- stisch erzogenen Landbevölkerung, die ja vielfach aus kleinen Besitzern besteht, spielen persönliche Sympathien und Person- licher Anhang eine sehr große Rolle. polltifcbe öcberlicbt. Berlin, den 5. Mai 1909. Die Hastung des Reiches für seine Beamten. Aus dem Reichstage. 5. Mai. Es ist eine alte sozialdemokratische Forderung, die anfangs 1896 bei Beratung des Bürgerlichen Gesetzbuches vergeblich gestellt wurde, sich dann allmählich Anerkennung verschafft hat, bis sie heute wenigstens teilweise von der Regierung zur gesetzlichen Durchführung in Vorschlag gebracht wird. Die Sozial- demokratie fordert konsequent, daß der Staat in allen seinen Verzweigungen für die Schäden voll- inhaltlich aufkommt, die seine Beamten in Ausübung ihres Amtes aus Unzulänglichkeit oder Böswilligkeit dem Publikum zufügen. Bisher konnte man für solche Schäden nur die Beamten selbst zur Verantwortung ziehen, und ein solcher Versuch fiel häufig durchaus fruchtlos aus. Nach der Vor- läge der Regierung über die Haftung des Reiches für seine Beamten soll künftig das Reich ersatzpflichtig sein. Leider ist der Gesetzentwurf nicht auch ausgedehnt auf alle Staats- Beamten. Es muß alles versucht werden, dem Gesetz im Reichstag die umfassendste Geltung zu verschaffen. Wie Genosse Stadthagen ausführte, sind auch noch andere Einschränkungen zu beseitigen. Verschiedene Beamten- kategorien behalten freien Spielraum zur Schädigung des Publikums. So wird auch eine Ausnahme gemacht für Be- amte, die im auswärtigen Dienst dem Reichsbürger Schutz gegenüber dem Ausland zu gewähren haben. Als ob nicht für die Mißgriffe solcher Beamten die Haftpflicht des Reiches umso notwendiger sein müßte! Da die Vorlage schließlich der Justizkommission überwiesen ivurde, gelingt es vielleicht in der Kommission, die beanstandeten Mängel auszumerzen. Die dritte Lesung der verschiedenen mit einander der- bundenen I u st i z g e s e tz e, die dann folgte, führte noch zu einer lebhaften Debatte über die Frage der Zulassung der Rechtsanwälte beim Amtsgericht. Doch gelang es nicht, eine im Interesse der ärmeren Prozeßführer vom Abgeordneten Schmidt- Warburg(Z.) beantragte Milderung durchzusetzen. Mit Ausnahme der Sozialdemokraten, die geschlossen für den Antrag eintraten, spalteten sich alle Fraktionen, so daß der sogenannte Hammelsprung nötig wurde. Er ergab die Ablehnung des Antrages mit geringer Mehrheit. Bei der Schlußabstimmung stimmte die Sozialdemokratie gegen das Gesetz, da es in verschiedenen Punkten eine Verschlechterung gegenüber dem gegenwärtigen Zustand bringt. Bolksschulfrage». Da? preußische Abgeordnetenhaus begann am Mittwoch die Be- ratung des Kapitels„Elementar-Unterrichtswefen" vom Kultuöetat. Mit zur Debatte standen eine Reihe von Anträgen, und zwar ein Antrag Dr. Gottschalk(natl.) betreffend die einheitliche Regelung der Schulpflicht, ein Antrag Schiffer(natl.) betreffend die Zu- lasfung der Volksschullehrer zum Schöffenamt, ein Antrag Cassel (frs. Vp.) betreffend die vermehrte Ausbildung und Heranziehung von weiblichen Lehrkräften für den Elementar-Unterricht und ein in ahn« lichem Sinne gehaltener Antrag v. Branden st ein(k.). Die einheitliche Regelung der Schulpflicht, wie sie der Antrag Gottschalk verlangt, hält die Regierung für außerordentlich schwer, fie erblickt darin politische Schwierigkeiten und will nur dann mit einer Vorlage kommen, wenn die Parteien fily vorher verständigt haben. Was die vermehrte Heranziehung von weiblichen Lehrkräften betrifft. fo ist die Regierung der Meinung, daß sie auf diesem Gebiete ihre Pflicht tue, daß aber die Städte an dem Lehrerinnenmangel auf dem Lande schuld seien, weil sie in der Verwendung der Lehrerinnen vielfach schon zu weit gegangen seien. Schon aus diesen beiden Erklärungen von Regierungsvertretern geht deutlich hervor, daß an irgendwelche nennenswerten Refonnen auf dem Gebiete des Volksschulwesens in Preußen nicht zu denken ist. Auch die Debatte ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, daß vorläufig noch alles beim alten bleiben wird. An eine Vermehrung des Lehrstoffes auf den Volksschulen ist nicht zu denken, die konservativ« klerikale Mehrheit des Landtages hat ein leb- hasteS Interesse daran, daß die Kinder des Volles nicht allzu gelehrt werden, weil sie dann nicht mehr so willige Aus- beutungsobjekte sind. Im Gegenteil, die Kinder sollen möglichst noch mehr als heute schon mit Religion gefüttert und mit Gottesfurcht und hurrapatriotischer Gesinnung erfüllt werden. DaS ist das Ziel der Volksschule, wie eS der Majorität des Landtags und der Regierung vor Augen schwebt. Ganz besonders gab der Redner deS Zentrums Dr. H e ß dieser An- schauung Ausdruck. Daß er daneben der sozialdemokratischen Fraktion Vorhaltungen darüber zu machen suchte, wen fie als Redner in Volksschulfragen vorschicken sollen, nehmen wir ihm nicht übel. Wie die Katze das Mausen nicht läßt, so läßt der Schulmeister das Schul- meistern nicht, selbst wenn er inzwischen zum Kreisschulinspeltor avanciert ist. In der weiteren Debatte am Donnerstag wird u. a. Genosse Borgmann zu Worte kommen. Erbanfallsteucr und Verbrauchssteuern. Im„Verl. Tagebl." veröffentlicht der Reichstagsabgeord- nete Georg Gothein unter dem Titel„ W a S nun?" einen Artikel über die gegenwärtige politische Lage, in dem er viel- fach zu ähnlichen Auffassungen und Forderungen gelangt, wie »vir im Leitartikel der Montagsnummcr des„Vorwärts". Er hält es nicht nur für selbstverständlich, daß die Sozialdemo- kratie nicht wegen einer fragwürdigen Erbanfallsteuer der Regierung dazu verHilst, die Branntwein-, Bier- und Tabak- steuer durchzusetzen, sondern er fordert auch von den entschiedenen Liberalen, daß sie gegen die Erbanfallsteuer stimmen, falls die indirekten Steuern eine Gestalt erhalten, die nicht der liberalen Auffassung entspricht. „Die Entscheidung über das Zustandekommen der Finanz- reform", schreibt er,„insbesondere darüber, ob für die Erb- anfallsteuer im Reichstage eine Mehrheit zu finden ist oder nicht, dürste, da die Kommission es abgelehnt hat, den fie fordernden Antrag dem Plenum zu überweisen, kaum vor Mitte Juni fallen, wenn es nicht Konservativen und Zentrum mit ihren Anhängseln gelingt, sie noch weiter hinaus- zuschieben. Ob diese Erbanfallsteuer dann eine Gestalt gewinnt, die eS den Freisinnigen möglich macht, für sie einzutreten, oder ob sie so weitgehende agrarische Begünstigungen erhält, daß ihnen das unmöglich ist; ob sie sich über- Haupt darauf einlassen, die einzelnen Steuern durch wechselnde Mehrheiten bewilligen zu lassen, ist mehr als fraglich. Kein Mensch wird ihnen verargen können, wenn sie ihre Zustiinmung zur Erbanfallsteuer davon abhängig machen, daß auch die indirekten Steuern eine Gestalt erhalten, die für sie nicht einen Schlag ins Gesicht bedeutet. Eine so hochpolitische Aktion wie die Finanzreform muß von einer gemein- samen Mehrheit beschlossen werden; eS ist nicht angängig, etwa eine Erbschaftssteuer mit Sozialdemokraten. Freisinnigen, National- liberalen und Freikonservativen und Branntwein-, Bier- und Tabaksteuer mit Konservativen und Zentrum gegen die Linke zu machen.... Was wird Fürst Bülow tun. wenn die Finanzreform scheitert? Wird er den Reichstag auflösen? Psychologisch spricht ebensoviel dafür wie dagegen. Aber den Kampf gegen Zentrum und Sozialdemokratie aufzunehmen, war für ihn unendlich viel leichter, als ihn mit Sozialdemokraten gegen Konservative und Zentrum zu führen. Und er ist— selbst wenn eS ihm gelingt, die Konservativen so weit zu schwächen, daß sie auch mit Zentrum, Wirt- schaftlicher Vereinigung und Polen eine ungefährliche Minderheit bilden— denn dann im Besitz einer aktionsfähigen Mehr- heit? Er wird selb st nicht erwarten, daß die Sozialdemokraten dann für Branntwein«, Bier« und Tabak st euer stimmen. Und um den Kampf gegen die Konservativen in Preußen aufzunehmen, gehört eine un« gewöhnliche staatsmännische Kraft, ein eiserner Mann, der das eiserne Netz zerreißt, das die Konservativen in Verwaltung und ländlicher Selbstverwaltung, das sie unter dem Schutz des Drei- klassenwahlsystems, der öffentlichen Abstimmung und der korrupten Wahlkreiseinteilung über das Volk gespannt haben." Kein offizieller Beschlust! DaS„Berliner Tageblatt" leistet sich in einer Notiz, die sich mit den Aussichten der geplanten neuen Erbanfallsteuer beschäftigt, die folgenden naiven Sätze: „Auch die Sozialdemokratie scheint übrigens von einer intransigenten Haltung in der Finanzfrage nicht allzuviel zu erwarten. Wenigstens wird unS versichert, daß eS sich bei der Erklärung des„Vorwärts", die Sozialdemokratie werde die Erb- anfallbesteuerung ablehnen, um eine Privatleistung des Blattes handele. Die sozialdemokratische Fraktion hat einen solchen Beschluß nicht ge- faßt." Wir wissen nicht, woher daS„Berliner Tageblatt" fein Wissen hat; doch haben wir keinen Anlaß, zu verschweigen, daß unsere Reichstagsfraktion, zumal noch niemand weiß, wie die neue Erb- anfallsteucrvorlage aussehen wird, einen offiziellen Beschluß über ihre Stellungnahme zu dieser nicht gefaßt hat. Es sind also, um im Jargon des„Berliner Tageblatt" zu reden, die betreffenden Ausführungen in dem Leitartikel unserer MontagSausgabe aller- dings eine„P r i v a t l e i st u n g" der„Vorwärts"-Redaktion. aber eine Leistung, der, wie sich das freisinnige Blatt leicht überzeugen kann, alle größeren Blätter unserer Partei zustimmen. ES soll in den preustischen Ministerien gespart werden. Schon vor mehreren Wochen tonnten wir mitteilen, daß die Minister des Innern und der Finanzen sich mit der Frage be- schäftigten. ob nicht durch die Einschränkung der Reisetätigkeit und der Reisediäten der Beainten manche Ausgaben gespart werden könnten. Tatsächlich veröffentlicht denn auch jetzt der„Reichs- anzciger" einen gemeinschaftlichen Erlaß des FinanzministcrS und des Ministers des Innern, der eine Verminderung der Dienstreisen der Beamten empfiehlt: „Diese Reisetätigkeit hat, so heißt eS im Erlaß, in den letzten Jahren einen Umfang angenommen, der vielfach über das Matz des Notwendigen hinausgeht und zu einer nicht zu rechtfertigenden Belastung der Fonds geführt hat. Zur Erzielung tuulichster fach« gemäßer Beschränkung der Dienstreisen wird im einzelnen folgendes angeordnet: 1. Reisen, die im wesentlichen nur einen repräsentativen Charakter haben, wie die Beteiligung von Spitzen der Behörden oder von höheren Beamten an Einweihungen, Dienstjuviläeu, Vereinsfesten, sind auf das unbedingt notwendige Maß zu be- schränken. Die bisweilen in dringender Form vorgetragenen Wünsche der Nächstbeteiligten dürfen für die Beurteilung der Not- wendigkeit einer solchen Beteiligung nicht maßgebend sein; viel- mehr kann diese nur durch ein besonderes staatliches Jntercffc gerechtfertigt werden. 2. Bei der Anordnung von Dienstreisen ist in möglichst zweckmäßiger und unnötige Kosten giermeidender Weise zu der- fahren. Mehrere Dienstgeschäfte in derselben Gegend sind, wenn irgend angängig, in einer Reise zu erledigen. 3. Die Zahl der an einer Dienstreise teilnehmenden Beamten ist auf das unumgänglich notwendige Maß zu beschränken und in einem richtigen Verhältnis zu der Bedeutung der zu erörternden Sache zu halten. Es muß auffallen, daß zu Dienstreisen vielfach außer dem in der Hauptsache zuständigen Beamten auch andere Beanite, die nur indirekt oder nebenbei an der Erledigung de» Dicnstgeschäftes beteiligt sind, mit entsandt zu werden pflegen. Auch in der Heranziehung der unteren Instanzen und der Be- telligung der Beainten anderer Ressorts bei auswärtigen Terminen wird vielfach zu weit gegangen.... 4. Eine besondere Beschränkung wird die Beschickung von Kongressen. Versammlungen und ähnlichen Veranstaltungen er- fahren müssen. Derartige Veranstaltungen haben sich in letzter Zeit sehr erheblich vermehrt, und ganz besonders hat die Zahl der zu ihnen entsandten Beamten zugenommen. Der Nutzen der Teil- nähme der Beamten an diesen Veranstaltungen ist im allgemeine. i nur gering. Ihre festliche, mehr auf die Darbietung von Vcr- gnügen gerichtete Seite ist vielfach ganz unverhältnismäßig aus- gebildet.... Es ist recht lobenswert, daß endlich in den Ministerien etwas sparsamer gewirtschaftet werden soll. Fniglich ist nur, ob die so- genannten untergeordneten Instanzen den Erlaß auch beherzigen werden. Der Reichstag bei den Lnftschiffern. Die Mitglieder deS Reichstages waren für Mittwochvormittag zu einem Besuch der Luftschiffereinrichtungen in Tegel eingeladen. Mehr als 200 Abgeordnete aller Parteien hatten der Einladung Folge geleistet. Zunächst wurde eine Funkcnstation mit drahtloser Telcgraphie besichtigt. Dann wurde den Abgeordneten die Errichtung des Feldtelcphons vorgeführt. Schließlich rückte eine Lustschifferabteilung an, die im Zeitraum von 1ä Minuten einen Bollon zum Aufflieg vollkommen fertig machte. DaS größte Jntercsj: rief die Besichtigung des Ballons.Groß II" hervor. Das Ungetüm stand in der Halle zum Aufstieg fertig bereit. Major Groß meinte, daß wegen des starken Windes ein Aufstieg nicht angebraibt sei; der Kriegsminister jedoch befahl den Aufstieg mit dem Resultat, daß der Ballon nach wenigen Minuten wieder herabgeholt werden mußte, weil es ihm, loie Major Groß vorausgesagt hatte, nicht möglich lvar, gegen den außerordentlich starken Wind aufkommen zu können. Zum Schluß wurde noch eine fahrbare Feldküche vorgeführt, aus der den Abgeordneten Erbsensuppe und Kaffee gespendet wurde. Die Suppe wurde allgemein gelobt, weil ja die Herren Abgeordneten eine solche Kost nur ciiinial ganz ausnahmsweise vorgesetzt be- lonimen. Major Groß benutzte die Gelegenheit, um da? Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden: In einer außerordentlich geschickten Rede erläuterte er den Abgeordneten die Unzulänglichleit der Ballonhallen. Die Scherlpreffe weiß denn auch bereits zu melden. daß dem Reichstag demnach st ein Nachtragsetat zu- gehen werde, in dem die Errichtung einen neuen Luft- s ch i f f h a l l e gefordert wird. Damit wäre die verabreichte Erbsen- suppe allerdings sehr teuer bezahlt! Die sächsische» Konservativen und die Erbschaftssteuee. Die Generalversammlung deS konservativen Vereins zu Dresden nahm zur Reichsfinanzreform einstimmig die folgende Resolution an: „Die Generalversammlung erklärt, daß sie in der auf Kinder und Ehegatten ausgedehnten Erbanfallsteuer— trotz der gegen sie bestehenden Bedenken— eine den obwaltenden Verhältmssen am ehesten entsprechende Besteuerung des Besitzes für ReichSzwecke er- blicken muß." An der Versammlung und Abstimmung nahm auch der zweite Vorsitzende des Bundes der Landwirte, Dr. Mehnert, teil. Die Weinstener. Nach Erledigung der ersten Lesung der Branntweinsteuer wird sich die Finanzkommission deS Reichstages zunächst mit der Wein- steuer und zwar mit dem Bericht der Sublommission beschäftigen. Die Vorschläge dieser Kommission gehen dahin, von der Einführung einer Weinstcuer überhaupt abzusehen, insbesondere einer all- gemeinen Faßweinsteuer nicht zuzustimmen. Für den Fall aber, daß die Hauptkommission sich doch für eine Flaschenweinsteuer entscheidet, soll die Steuer festgesetzt werden für die halbe Flasche auf 8, für die ganze Flasche auf 5 Pf. Der Entwurf des WeinsteuergesetzcS sieht neben dieser Flaschensteuer auch eine Wertsteuer vor, die bei Flaschenweinen im Wette von 20 M. ihren Höhepunkt erreicht. Der Kommission wird nun empfohlen, die Staffelung dieser Wertsteuer zu erweitern und zwar so. daß Weine im Werte von 20 bis 3S M. pro Flasche 3 M., Weine bis 50 M. 5 M. und Weine zu einem Preise von mehr als 60 M. pro Flasche SM. Zuschlag zahlen sollen. — Auf alle Fälle wird eine Erhöhung der Schanmwcinsteucr vor- geschlagen. Die Kommission hat sich auch mit der Frage befaßt, ob eZ angängig sei, eine Steuer auf alkoholfreie Getränke zu legen. Nach einer oberflächlichen Berechnung hätte diese Steuer 3—9 Millionen Mark einbringen sollen. Die Sublommission entschied sich dahin, und zwar gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und der Polen, daß auch eine Steuer auf alkoholfreie Getränke vorgeschlagen werden soll, wenn die Weiiisteucr angenommen wird. Falls dagegen die Weinsteuer abgelehnt werde, solle auch die Besteuerung der alkoholfreien Getränle unterbleiben._ In der Subkommissio» des Reichstages für Tabak« bestcuernng beschloß eine aus Konservativen, der Reichspattei und dem Zentrum bestehende Mehrheit folgendes: Zu den bisherigen Zollsätzen auf ausländischen Tabak wird ein Wertzuschlag von 30 Proz. hinzu- gefügt. Die Steuer auf inländischen Tabak wird auf 50 M. pro Doppelzentner erhöht. Grümpen werden mit 45 M. pro Doppel- zentner besteuert. Ter seit dem 1. März eingeführte Rohtabak unterliegt der Nachversteuerung. Tic Regierung berechnete den Mehrertrag für die Reichskasse nach diesen Steuersätzen auf 30 Millionen Mark jährlich. Der Abgeordnete Müller-Fulda(Zentrum) hat dagegen den Mehr- ertrag auf 38 Millionen Mark berechnet. Das nächtliche Amüsement deS Herrn Leutnants. Bei der Loigwyfeier des Regiments Hamburg am 2. Dezember 1903 soll der Leutnant v. d. B. sich einen mordöpatriotischen Rausw zugelegt haben, der ihn auf Abwege siihrte. Nacht« erschien er auf einer seiner Aufsicht unterstehenden Mannschaftssluben und kommandierte:„Decken hoch!" Dann nahm er„Revisionen" vor, woraus er davonlief. Nach einiger Zeit wurde er ergriffen und wegen der nächtlichen„Besichtigung" vor daS Kriegsgericht gestellt. Eine Anklage wegen Fahnenflucht war nickt erhoben worden. Die erste Instanz verurteilte ihn nur zu drei Tagen Stubenarrest. Vordem Kriegsgericht gestaltete sich die Sache ernster, denn der Leutnant wurde zu vier Monaten und drei Tagen FestungS- hast sowie zur Dienstentlassung verurteilt. Die blutigen Wahlrechtsdemonstrationen zu Hannover vor Gericht. Hannover, 5. Mai. Die Blutig verlaufenen WahlrechtS- be man st ratio nen vom 31. Januar d. I. Beschäftigten gestern und heute die hiesige Strafkammer. Es waren 78 Zeugen geladen. Von den fünf Angeklagten wurde einer zu fünf Tagen und drei zu je einer Woche Haft wegen groben Unfugs verurteilt. Der fünfte Angeklagte wurde wegen Auflaufs, Wider- standes gegen die Staatsgewalt und groben Unfugs zu einer Gesamtstrafe vonachtWochenGefängnis verurteilt. Das Urteil zeigt, daß von der Anklage nicht viel übrig ge- Blieben ist. In der Tat gestaltete sich die Verhandlung vielmehr zu einer Anklage gegen die Polizei, die ganz ohne Not auf friedliche Denwnstranten und Straßenpossanten mit dem Säbel einschlug und im weiteren Verlaufe weit über die Grenzen desien hinausging, wozu sie allenfalls das Recht gehabt hätte, wenn wirklich ein Ein- greifen mit dem Säbel notwendig gewesen wäre. Allerdings verbot der Vorsitzende des Gerichts, der Landgerichtsdirektor Reicbartz, ent- schieden, daß über das Verfahren der Polizei nach dem ersten Zu- sammenstoß, also über das Einhauen auf Flüchtende und Gestürzte ausgesagt werde. Er konnte aber doch nicht ganz verhindern, daß einiges bekannt wurde, was die Anklagen, die unser HannöverscheS Parteiblatt, der„Volkswille" nach der Affäre gegen die Polizei er- hoben hatte, vollauf Bestätigt._ Die südwestafrikanische Gouvernemcntsverordimng gegen die Ausführung von Neger«. Vor dem Kriegsgericht der 18. Division(Altona) hatte sich dieser Tage wegen Vergehens gegen die genannte Verordnung der frühere Hauptmann der Schutztruppe Graf von Stillfried zu verantworten. Es handelt sich um eine Verordnung des Gouver- neurs von Südwestafrika vom 33. November 1301. Der Angeklagte hat seit Februar 1800 in der Schutztruppe gedient, hat an vielen Gefechten teilgenommen und ist infolge schwerer Erkrankung seiner Frau vor einiger Zeit nach Deutschland zurückgekehrt. Er wohnt jetzt in Hamburg. In seinem Hause in Afrika beschäftigte er einen Kaffernknaben, den er als Gesellschafter seines fünfjährigen Sohnes mit nach Deutschland genommen hat, da er im schwarzen Erdteil einen weißen Dienstboten nicht aufzutreiben vermochte. Der Angeklagte bemerkte, daß er sich wiederholt an das Gouver- nement gewandt habe mit dem Ersuchen, den bei ihm gut aufge- hobenen schwarzen Knaben mstnehmen zu dürfen, aber das Gesuch sei aus prinzipiellen Gründen abgelehnt worden. Auch die Wer- Mittelung des Staatssekretärs Dernburg sei erfolglos gewesen. Das Verbot der Ausfuhr von Schwarzen sei erlassen worden, um zu verhindern, daß die Schwarzen in Deutschland verlumpen und auf die Verbrecherlaufbahn geraten. Er habe sich sofort erboten, die Kosten für die Rückreise des Schwarzen zu deponieren, mithin fehlten alle Voraussetzungen zur UnWendung der Verordnung. Der Ankläger betonte, daß objektiv ein Vergehen gegen die Verordnung vorliege, die eine Geldstrafe bis zu 600 M. oder drei Monate Gefängnis gegen Zuwiderhandelnde zulasse. Hier liege aber eine unverschuldete Notlage vor, weshalb er die Begnadigung des Angeklagten empfehle. Das Gericht erkannte auf Frei- sprechung, weil der Angeklagte sich tatsächlich in einer unver- schuldeten Notlage befunden habe; die Tendenz der Verordnung sei darauf gerichtet, Schwarze vor einer ungewissen Zukunft zu schützen. Das komme aber hier nicht in Betracht. Die Ereignisse in der Türkei. Im auffälligen Gegensatz zu den Meldungen, welche von den Bemühungen des türkischen Parlaments berichten, die Macht des Sultans in die engsten Grenzen zu bannen, stehen jene anderen, die zeigen, daß die Militärdiktatur mit aller Energie ihre Gewalt gegen jede Kritik der Presse zu schützen, ja sogar die bloße Berichterstattung zu hindern sucht. Man könnte diese Meldungen bloß als einen in einer kurzen Uebergangs- zeit vielleicht unvermeidlichen Ausfluß der militärischen Diktatur betrachten, würden sie nicht doch davon Zeugnis ablegen, daß das jungtürkische Regime noch recht wenig ge- festigt ist und der Gewaltmittel in höherem Grade bedarf als eine auf breitere Volksschichten sich stützende Herrschaft. Die Präventivzensur. Konstantin opel, V. Mai. Die Machthaber beginnen energische Maßregeln gegen die lokale Presse anzuwenden, der alle ungenauen und sensationellen Nachrichten untersagt wurden. Ueber die M i n i st e r k r i s e, die Vorfälle in A d a n a sowie über die Armee darf nichts veröffentlicht werden. Die alten Preßgefctzr werden noch verschärft. Die Zeitungen müssen vor ihrer Ausgabe vorgelegt werden. Die Redaktion des„ÖSmanli" wurde wegen der heute von ihm gebrachten und bereits gemeldeten Nachrichten auS Adana geschloffen. Neue Verhaftungen. Konstaiitinopel, S. Mai. Der frühere Adjutant und Vollstrecker vieler Akte deS abgesetzten SultanS, der Tscherkcsse M e h m e d, der seit der Juliumwälzung nach Brussa verbannt war. ist auf Befehl deS Kriegsgerichts verhaftet und Bicrher gebracht worden. Ebenso sollen auch türkischen Blättern zufolge der frühere General- iuspeltor der Militärschulen Ismail Pascha und der ehemalige Chef der Dildizspitzel, der Apotheker Refik Pascha vor das Kriegsgericht gestellt werden. Das neue Kabinett. Konstantinopcl, 6. Mai. Das neue Kabinett ist gebildet und folgendermaßen zusammengesetzt: Hi lmi Pascha. Großwesir; Sahib Malta, Scheich ul Islam; Ferid Pascha, Inneres; Arief Hikmet, Marine; der bisherige Vizepräsident der Kammer Ariftidi, Ackerbau; dem bisherigen Botschafter in Rom Halki Bey ist das Justizportefeuille angeboten. Nnterrichtsminister wurde der jung- türkische Deputierte von Samsum, Nail. Die übrigen Minister und der Präsident des Staatsrate« bleiben im Amte.-- Die KrönmigSfcierlichkeit. Konstantinopel. 4. Mai. Einer Mitteilung deS Oberzeremonien- meisterS zufolge findet die Zeremonie der Schwertumgürtung am nächsten Montag statt; auch das diplomatische Korps wird der Feierlichleit beiwohnen.(Die Schwertumgürtung wird durch den General des Ordens der„tanzenden Derwische" vorgenommen. Sie entspricht der Krönung der europäischen Monarchen.) Die Uneinigkeit im jungtürkischen Lager. Konstantinopel, 5. Mai. Die verschiedenen Gerüchte, die über Uneinigkeit im Komitee für Einheit und Fortschritt, über Differenzen zwischen dem Komitee und dem Generalissimus Schewket Pascha sowie über den bevorstehenden Sturz des Kabinetts Tewfik kursieren, haben sämtlich einen Kern von Wahrheit. Es steht fest, daß eine Spannung zwischen dem Kammerpräsidenten und dem Ministerrat besteht. Der Kammer- Präsident forderte bekanntlich das Kabinett brieflich auf, im Parka- ment zu erscheinen. Die ganze Art dieser Aufforderung wird als ein Uebergriff der Prärogative des Kammerpräsidenten erachtet, dem keinerlei Exekutivgewalt zusteht und nur das Recht hat, einen etwaigen— in diesem Falle aber nicht vorliegenden— Beschluß der Kammer dem Kabinett zu übermitteln. Der Minister- rat wies einstimmig die Aufforderung Achmed Rizas zurück. Diese Vorgänge beweisen, daß die Lage ungeklärt ist.— Die Borgänge in Adana. Konstantinopel, 4. Mai. Der Minister des Inner», Ferid Pascha, hat 50 Eisenbahnwagen Getreide nach Adana gesandt. Außerdem ist eine private HilsSaktion eingeleitet worden, an der sich auch die hiesigen Armenier beteiligen. Wie„Osmanli" erfährt, ist der Redifmajor von Eis, der nach Hadschin entsandt worden ist, mit einein beträchtlichen Teile seiner Truppen zu den Aufständischen übergegangen. Weiter erfährt diese Zeitung, daß die Pforte die Absendung Beunruhigender Depeschen aus der Provinz an hiesige Komitees vcrBoten hat. In einem vom 1. Mai datierten Telegramm dementiert der Walt von Adana die Gerüchte, daß Truppen zu den Agitatoren übergegangen seien; in dem ganzen Wilajet kämen � keine Unruhen mehr vor, die RedifBataillone in Tarsus und Mersina seien demobilisiert worden. In einem gestern abgehaltenen Ministerrat wurde Beschlossen, angesichts der fort- dauernden Bewegung in Demcn die Forderungen deS Präsidenten zu erfüllen und dem südöstlichen Teil der Provinz eine gewisse Autonomie zu verleihen._ Oeftcmicb-CIiigam. Eine ungarische Wahlrechtsdemonstration. Budapest, 5. Mai. Die von den S o z i a l d c m o k r a t e tl anläßlich der gestern abend erfolgten Ankunft des Königs geplante Kllndgebung für das gleiche und ge- Heime Wahlrecht wurde durch einen gestern abend über Budapest niedergehenden Regenguß stark beeinträchtigt. Trotz- dem waren viele t a u s e n d e Personen bei der An- kunft des Königs zugegen und brachten Rufe auf das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht aus. frankreick. Die Postbeamten. Die Regierung fährt fort durch brutale Maßregelungen die Beamten zu provozieren. Gegen diese Verfolgungen Hai jetzt auch der Hauptausschuß der Liga der Menschenrechte, deren Vorsitzender unser Genosse Abg. P r c s s e n s 6 ist, energischen Protest eingelegt. Jedoch ist es noch nicht ausgeschlossen. daß der Ausbruch eines neuen Streiks verhütet wird. Tie Hauptforderung der Beamten ist bekanntlich die Entlassung des Anstifters der ganzen Unruhen, des unfähigen und recht- habcrischen Unterstaatssekretärs S i m y a n. Nun hat der Minister B a r t h o u die anderen Minister ersucht, alle das Post- und Telegraphenwesen betreffenden Schriftstücke in Zukunft nicht mehr an das Unter st aatssekre- t a r i a t der Posten und Telegraphen, sondern direkt an das M i n i st e r i u m der öffentlichen Arbeiten zu richten. Das ist nun eine Brüskierung des Unterstaatssekretärs, die gewiß nicht unbeabsichtigt ist; zieht Herr Simyan die Konse- quenzen, so wäre dem Streit seine Schärfe genommen und ein Frieden möglich; im anderen Fall kann es zu großen und folgenschweren sozialen Konflikten kommen, da die A r b e i t e r sich mit den Beamten solidarisch erklärt haben und jede Bedrohung des Koalitionsrechts der Beamten mit allen Mitteln abzuwehren entschlossen scheinen. Portugal. Ministcrkrise. Lissabon, 5. Mai. Der Ministerpräsident wird dem Könige morgen die Demission des gesamten.Kabinetts über- reichen. Englanä. Ein Wahlsieg der Arbeiterpartki. Sheffield, 4. Mai. In der N a ch w a h l für das P a r- l a m e n t im Wahlbezirk A t t e r c l i f f e erhielt P o i n t e r (Arbeiterpartei) 3531, Farlow(Unionist) 3380. Lam- bert(liberal) 3176 und Wilson(unabhängiger llnionist) 2803 Stimmen. P o i n t e r tritt also an Stelle L a n g l e y s (liberal), dessen Majorität seinerzeit 787 Stimmen betrug. Auch dieser Wahlausgang zeigt also einen außerordentlich starken Rückgang der Liberalen; die konservativen Unionisten hätten den Bezirk gewonnen, wenn sie sich auf eitlen einzigen Kandidaten(zeeinigt hätten. Ebenso verloren die Liberalen das 1906 mit 146 Stimmen eroberte Mandat von Stratford on Avon. Hier siegte der U n i o n i st Foster mit 6374 über den Liberalen Martin, der 2747 Stimmen, und über einen Wildliberalen, der 479 Stimmen erhielt. Kriegs- und Friedensfragen. London, 5. Mai. Unterhaus. Die zurzeit in England be- findlichen deutschen Arbeiterdelegierten Besuchten heute nachmittag das Unterhaus und hörten auf der öffentlichen Galerie den Verhandlungen zu. Auf eine Anfrage Kapitän Fabers, ob die Admiralität vor zwölf Monaten von dem Britischen Marine- attachS in Berlin ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht worden sei, daß die deutschen Behörden Vorbereitungen trafen, um die Aus- führung des MarinebauprogrammS zu beschleunigen, und daß die Firma Krupp im Begriff stände, ihre Werke erheblich zu vergrößern, erwiderte der erste Lord der Admiralität Mc Kenna, die Berichte der MariueattachüS seien vertraulich und eS fei nicht wünschenswert, sie vorzulegen oder ihren Inhalt wiederzugeben. Thorne von der Arbeiterpartei lenkte darauf die Aufmerksamkeit deS Hauses auf die Anwesenheit der deutschen Besucher und fragte Mc Kenna, ob er wüßte, daß zurzeit auf der Galerie sich eine Deputation deutscher Arbeiter befinde, die gekommen seien, um die Freundschaft der Bolksparteien beider Länder zu befestigen. Hier griff der Sprecher ein und erklärte, daß die Frage belanglos sei. In Beantwortung einer weiteren Frage sagte Premierminister A S q u i t h, die Regierung habe Schritte unternommen, um die Luftschiffahrt auf einen zufriedenstellenderen Stand zu bringen. Sowohl das Heer wie die Flotte hätten eS sich zur Aufgabe gemacht, lenkbare Luftschiffe zu entwerfen und zu erbauen. Das Kriegsministcrium erbaue seine Luftschiffe in der Ballonfabrik zu Aldershot. Um dem Werke die höchste wissen- schaftliche Unterstützung zu sichern, sei das staatliche physikalische Laboratorium angewiesen worden, eine Besondere Abteilung für fortgesetzte Experimente und Forschungen über die einschlägigen Fragen einzurichten. Die notwendigen Mittel seien zur Verfügung gestellt, damit das Werk ohne Aufschub ausgeführt werde. Die Aeroplanfrage werde vom Kriegsministerium bearbeitet. Kußlancl. Russische Provokateure im AnSlaude. Dank dem rechtzeitigen Eingreifen des Genossen JauröS, der am 22. April in der„HuinanitS" Mitteilungen über ein gegen Clemenceau und FalliSreS geplantes Polizeikomplott Brachte. daS von rnssischen Provokateuren vorbereitet wurde, ist die Aufmerksamkeit weiter Kreise abermals auf die Praktiken der großen und kleinen Azeivs gelenkt worden. ES winden in Nizza zwei Personen. Alparosa und Anna NeitcS. verhafret. die daS Komplott vorbereiten wollten. Sinn stellt sich heraus, daß diese Personen in naher Ver- bindung standen mit dem„Anarchisten" S« i l i g e r, der bekanntlich aus Anlaß der Brüsseler BomBenaffäre verhaftet wurde. Unser Brüsseler Parteiblatt„Penple" wies Bekanntlich von Anfang an auf den provokatorischen Charakter der BomBenaffäre hin. wofür eS von der Bllrgrrlichen Presse mit Spott und Hohn über« gössen wurde. Nun dürfte nach den Verhaftungen in Nizza die Wahrheit eher an den Tag kommen. perNen. Die Einführung der Verfassung. Teheran, 6. Mai. Heute früh ist eine vom Schah unter- zeichnete P r o k l a m a t i on veröffentlicht worden, welche de- kannt gibt, daß der Schah heute eine Verfassung be- willigt, da allein das konstitutionelle Regime imstand sei, die Ordnung wiederherzustellen. Die Wahlen sollen bis zum 19. Juli vollzogen werden, an tvelchem Tage, wie man er- wartet, das Parlament zusammentreten wird. Ein revolutionärer Putsch. Teheran» 5. Mai. 250 Nationalisten auS R e s ch t sind gestern plötzlich in K a s w i n eingedrungen und haben daS Gouvernement angegriffen. Die Garnison leistete Bis zum Einbruch der Dämmerung Widerstand, worauf die Feindseligkeiten eingestellt lvurden. Von den Truppen des Schah wurden zwanzig getötet. hundert ergaben sich. Die Nationalisten hatten drei Tote. Sie erwarten heute Verstärkungen aus Rescht. parlatmnta�ifcbes. Die zweite Beratung der Berggesetznovelle wurde am Dienstagabend fortgesetzt. Im wesentlichen wurden die Beschlüsse der ersten Lesung bestätigt. Die Wahl und die Voraussetzungen für die Wahlsähigkeit der Sicher- heitsniänner versuchte das Zentrum zu verbessern. Es drang damit nicht durch, daß derjenige wahlberechtigt ist, der ein Jahr Bergarbeit verrichtet hat; es bleibt vielmehr dabei, daß der Wähler ein Jahr ununterbrochen auf dem Bergwerk be- schäftigt gewesen sein muß. Dagegen wurde die ununterbrochene dreijährige Grubenarbeit auf demselben Bergwerk geändert in eine ununterbrochene einjährige, und in zweijährige auf gleichartigen Gruben desselben Bezirkes. Im übrigen bleibt es bei den Beschlüssen erster Lesung mit der n a t i o n a I l i b e r a l c n Verschlechterung, daß der Sicherheitsinann fünf Jahre Hauer gewesen sein muß, während vorher genügte, fünf Jahre unterirdisch, davon z w e ff Jahre als Hauer.— Der Arbeiterausschuß soll von den Sicherheits- männern gewählt werden. Auf 500 Mann Belegschaft soll ein Mitglied entfallen. Ein Zentrumsantrag, statt 500 zu setzen 300, wurde abgelehnt. Die Befahrung der Gruben soll einmal im Monat erfolgen. Ein Antrag, dreimalige Befahrung zu beschließen, wurde ebenfalls abgelehnt. Bei Beschlußfassung über die außerordentlichen Be- fahrungen, ob nur eine nochmalige oder mehrere, ob der gesamte Arbeiterausschuß oder nur die von den Arbeitern ge- wählten Mitglieder desselben darüber beschließen sollen, und ob der Unternebmer die mehrmalige Befahrung verweigern darf, konnte eine Einigung nicht erzielt werden. Es wurde eine Subkommission eingesetzt, die in der nächsten Sitzung berichten soll. Das Recht der Unternehmer, ihrerseits Arbeiterausschuß- Mitglieder zu ernennen, ist nicht beseitigt worden. Nur die Mehr- zahl der Mitglieder muß von den Arbeitern gewählt werden. Em der Partei. Der Verlauf des Maifestes in Italien. Rom, 3. Mai.(Eig. Ber.) In ganz Italien ist der 1. Mai auch in diesem Jahre mit det üblichen Feierlichkeit begangen worden. In Rom, wo die Straßenbahner trotz der gegenteiligen Verordnung der Stadtverwaltung den Dienst den ganzen Tag ruhen ließen, fand eine von 7- bis 8000 Personen besuchte VolkSvcr- sammlung am Orto botanico statt, wo Genosse Bissolati, Ge- nosse Pozzi, ein Republikaner und ein Syndikalist das Wart nahmen. Der Umzug war in Rom verboten worden, aber die Ar- beiterlommission wurde vom Bürgermeister Nathan im Rathausc empfangen. Die städtischen Ämter der Hauptstadt wurden für den Nachmittag geschlossen; die Schulen, für die die sozialistischen Stadtverordneten die gleiche Maßnahme beantragt hatten, hatten den Schülern keinen Ferientag gegeben. In Mailand fand ein Umzug statt, Einweihung des Volkshauses, feierlicher Empfang der Tranibahner von Genua, die in einem Extrazuge gekommen waren. Redner war Genosse Turati. Unter offizieller Beteili- gung der Stadtverwaltung wurde der 1. Mai in Florenz be. gangen, wo ein lZiedenkstein für Giovdano Bruno eingeweiht wurde. Festredner waren die Genossen Pescetti, Enrico Ferri und M a s i n i, sowie der Bürgermeister San Giorgio. Auch in Turin fand ein riesiger Demonstrationszug statt; über 1000 Arbeiter reisten im Extrazuge nach Genua, wo sie von der dortigen Organisation empfangen wurden. Straßendemonstrationen sind weiter in Genua, Palermo, Trapani, Bologna und zahllosen kleineren Städten veranstaltet worden. In M e s s i n a, der Stadt der Toten, hatte eö die Regierung für nötig geflmden, den Umzug zu verbieten! Leider sind auch aus zlvei kleineren Ortschaften Apuliens ernstere Unruhen z» berichten. In San Sticandro Garga- nico kam es zu einem Konflikt zwischen der freien Arbeiterschaft und einer„gelben", im Dienste der herrschenden kommunalen Par- tei stehenden Organisation. Einzelheiten fehlen, man weiß nur, daß die Karabinieri von den Waffen Gebrauch machten und gegen zwanzig unserer Parteigenossen verwundet wur- den. In Gioja del Calle war die Volksversammlung, bei der Genosse Morgari sprach, und der Straßcnumzug schon friedlich beendet worden, als organisierte Arbeiter, ebenfalls aus lokalpoli- tischen Gründen, von einer Schar junger Leute angegriffen wurden. Auch hier fehlen Einzelheiten, und man weiß nur, daß mehrere Arbeiter verlvundet sind, und zwar einer so ernst. daß an seinem Aufkommen gezweifelt wird. Diese so häufigen Konflikte rn Süditalien, die nominell aus lokalen Anlässen entstehen, find tatsächlich verlarvte Episoden dcö Klaffen- kampfes, da es sich bei allen kommunalen Kämpfen in Süditalicn entweder um die Vorherrschaft zweier ausbeutenden Fraktionen oder um den Kampf der politisch und wirtschaftlich wehrlosen Ar- beiterschaft gegen die Grundbesitzer handelt. Trotz dieser Zwischenfälle im Süden zeigte übrigens auch der diesjährige Verlauf des 1. Mai durch die imponierende Einmütig. keit feiner Arbeitsruhe, daß die Organisation und daS Klassenbe- wußtsein der italienischen Arbeiterschaft cm Kraft und Tiefe zunimmt. pollzeUickus, Öcricbtiicbee ulw, Aufgehobenes Urteil. Wegen Beleidigung durch die Presse ist am 13. November v. I. vom Landgericht Bochum der Genosse Friedrich Steinkamp vom„V o l k s b l a t t" für Bochum zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt worden. Das Ge- richt hat angenommen, daß sich der Angeklagte der Beleidigung in drei Fällen und der üblen Nachrede in einem Falle schuldig gemacht habe. Beleidigt sollten sein das preußische Offizierkorps des Beurlaubienstandes, der Reserveoffizier und Redakteur L. und die Bczirkskommandos.— Auf die Revision Steinkamps hob am 4. Mai daS Reichsgericht das Urteil auf und verwies die Sache an das Landgericht zurück. Es handelt, sich um einen einzigen Artikel; die An- nahm« mehrerer selbständrger Straftaten, be- gangen durch Veröffentlichung dieses einen Artikels, erscheint nicht gerechtfertigt. Hus Xtiduftne und Kandel. Der kommende Montantrust. In der deutschen Eisen- und Stahlindustrie nebst der davon abhängigen metallverarbeitenden Industrie sind zirka 900000 Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt. Rechnet man die mit der Eisen- und Stahlindustrie am engsten verbundene Maschinenindustrie hinzu, so kommen wir auf eine Beschäftigtenzahl von l.S bis 1,7 Millionen. Das ist mehr als der vierte Teil aller getverbepolizeilich registrierten Arbeiter und Arbeiterinnen Deutsckilands. Den Aufstieg der Pro- duktion, die rapide Entivirkelung dieser Industrie veranschaulicht eine Statistik des Vereins deutscher Eisen- und Stahlindustriellen über Eisenerzeugung und Verbrauch in Deutschland. Ans den Kopf der Bevölkerung verteilt betrug im deutschen Zollgebiet Jahresdurchschnitt 1861/61:.. 1866/09.. 1880.. 1890.. 1900.. 1907.. 1908.. Eisenverbrauch 25,2 Kilogramm 33,0 39,3 81,7 131,1 115,13 111,35 Eisenerzeugung 21,8 Kilogramm .-- 32,7 ... 61.2 ... 97,1 ... 151,1 ... 209,87 ... 187,17 Vor vier bis fünf Jahrzehnten war Deutschland noch ein auf die Eiseneinfuhr angewiesenes Land. 1880 ging die Eisenproduktion um 22 Kilo pro Kopf über den Verbrauch hinaus. Nach 1880 be- gann der inländische Verbrauch in fast demselben Verhältnis wie die Produktion zu steigen. Das Fazit dieser Entwickclungsperiode ist aber ein dauernder bedeutender Uebcrschuß an Eisenproduktion gegenüber dem Selbstverbrauch, Auch in den besten Hochkoiijlmktur- jähren vermochten wir unsere inländische Produktion nicht mehr auf- zubrauchen. In den lepten Jahren wurde die Spannung so groß, dast fast bis 10 Proz. der Produktion ausgeführt werden muhten. Aus diesem Grunde verdienen unsere Eisenzölle den Namen Schutz- zolle längst nicht mehr. Das betveisen auch folgende Angaben: Die Einfuhr von Roheisen aller Art. Brucheisen usw. betrug 1880: 238 572, 1908: 399 661 Tonnen, die Aussuhr 1880: 318 879, 1908: 121 611 Tonne». Demnach blieb die Roheiseneinfuhr über- wiegend. Dagegen ergibt sich bei Materialeisen und Stahl. Eisen- und Stahl waren einschliehlich Maschinen aus Eisen folgende Entwickelung: Einfuhr AuSsilhr 1880... 61 093 Tonnen 737 011 Tonnen 1908... 253 137„ 3 697 799 Die industrielle Grohmachtstellung Deutschlands beruht nicht auf Rohprodukten, sondern auf weiter verarbeitetes Eisen und Stahl, auf Qualitätsarbeit, Unter diesem Gesichtswinkel betrachtet erhalten die zurzeit lebhaft im Gange befindlichen Transaktionen in der deutschen Montan- industrie erhöhte Bedeutung. Die großen Hüttenwerke in Schlesien, Rheinland-Westfalen und Snargebiet- Lothringen brauchen in der Regel kein ausländisches Roheisen zu kaufen! ste sind oft selbst in» Besitz von im Anslande gelegenen Erzgruben und Hochöfen. Ihre Hochöfen sind imstande, innerhalb 21 Stunden bis zu 2000 Tonnen Roheisen zu liefern. Vor 10 Jahren belief sich die durchschnittliche Jahreslei st ung eines deutschen Hoch- ofens auf 5000 Tonnen; heute beträgt sie zirka 41000 Tonnen I Diese Produktionsintensität hat die Groheisen- werke in den Stand gesetzt, mehr Roheisen zu erzeugen, wie sie selbst verarbeiten können. DaS ist der Antrieb für die im vollen Zuge befindliche Verschmelzung und Erweiterungen der Hochofen- werke, Walzwerke, Brückenbau- und Maschinenbananstalten usw. mit Kohlen- und Erzgruben und Kokswerken. Der Weg führt zum Montantrust, Die Interessenten wollen ihre Rohprodukte in eigenen Anlagen bis zum endgültigen Fertigfabrikat selbst verarbeiten lassen. Die das ihr gelieferte Roheisen oder Halbzeug weiter ver- arbeitende kleine und mittlere Eisen- und Stahlindustrie soll, von einigen Spezialartikeln abgesehen, aus der Warenerzeugung ganz Verschwinden. Die Umwälzung in der Eisen- und Stahlindustrie hat für die Arbeiter die Bedeutung, daß sie mit einem Eisen- und Stahltrust rechnen muh, der an sozialpolitischer Rücksichtslosig- keit dem anierikanischen Stahltrust nichts nachgeben wird. Was heute schon mit der Zirkulation von„schwarzen Listen" geleistet wird, das wird zukünftig den Trustmagnaten noch viel leichter und gründlicher gelingen. Schonung haben die„renitenten" Arbeiter nicht zu erwarten.„Unser Weg geht über Leichen"! soll nach der Versicherung der Bedrohten ein Großindustrieller zu Vertretern der Kleineisenindustrie gesagt haben. In der Tat bedecken schon zahlreiche ruinierte Kleineisenindustrielle als wirtschaftliche Leichen den von der Großindustrie eingeschlagenen Weg. Um so nachdrücklicher muß den Eisen- und Stahlarbeitern jetzt ziigerufen werden: Organisiert Euch gegen die Trust- Magnaten!_ Die JuliuS Pintsch A.-G. erzielte im letzten Jahre, nach Ab- schreibungen in Höhe von 1081 080 M., einen Reingewinn von 3 018 911 M„ gegen 3 388 126 M, im Vorjahre. Es soll eine Divi- dende von 14 Prozent ausgeschüttet werden; im Vorjahre erhielten die Aktionäre 13 Prozent. Die Generalversammlung der Maschinenbauanstalt A,-G. Balcke- Bochum beschloß, sür 1903 eine Dividende von 14 Prozent auSzu- schütten, gegen 10 Prozent für 1907. Der Beschluß wird den Dividenden-Arbeitem nicht schwer geworden sein. Preisermäßigungen. Nach einer Depesche aus New Dork sah der Stahltrust sich veranlaßt, auf Drahterzeugnisse Preisnachlässe ein- treten zu lassen._ Soziales* Die Relchsvcrsicherungsordiumg wurde in der letzten Generalversammlung der Berliner Ortskranken- lasse der Gastwirte besprochen. Ausgeführt wurde, daß entgegen den Feststellungen der amtlichen Erhebungen das Reichsamt des Jimern einen Gesetzentwurf ausgearbeitet hat, der die Krankenkassen — wenn er Gesetz wird— der Bureaukratie ausliefert. Mit der Halbierung der Beiträge und des StimmverhältnisseS der Dele- gierten sollen die Arbeitgeber auf den Leim gelockt werden. Daß mit dieser Einführung eine dauernde Unruhe in die Kassen einziehen müsse, sei ohne weiteres zu erkennen. Man möchte fast annehmen, die Regierung verfolge diesen Zweck, um die ehrenamtlichen Posten der Kassenvorsitzenden mit staatlichen oder städtischen Beamten zu besetzen, wie dies der Entwurf vorsieht. Die Folge dieser Maß- nähme würde sein, daß, wie in den Landesversicherungsanstalten, auch in den Krankenkassen der letzte Rest der Selbstverwaltung erstickt werde. Der Entwurf müsie als ein Angriff der Bureaukratie gekennzeichnet werden. In den Krankenkassen haben bisher fast immer Arbeitgeber und Arbeitnehmer im Jntereffe der Versicherten zusammengearbeitet, und nun sollen nach dem Entwurf auch diese Institutionen der Willkür angestellter Bureaukraten aus- geliefert werden. Diesem arbeiterfeindlichen Bestreben gegenüber sei ein geschlossenes Vorgehen am Platze. Der bevorstehende Kongreß der Krankenkassen Deutschlands möge beweisen, daß Arbeitgeber und Arbeitnehmer in diesem Falle zusammenstehen, um der drohenden Vernichtung der Selbstverwaltung zu begegnen. Die Kongreß- delegierten werden im Sinne dieser Ausführungen ihr Votum ab- zugeben haben. Auch die ordentliche Generalversammlung der Ortskranken- lasse der Schneider nahm zu der Reichsversicherungsordnung Stel» lung. Nach einem eingehenden Referat Täterows wurde einstimmig beschlossen: „Die am 20. April 1909 im„Neuen Clubhaus" tagende. Gene- ralversammlung der Ortskrankcnkasse der Schneider.,.Schveide- rinnen und verwandter Gewerbe zu Berlin etWickt in dex,geKftuiten Reform der Arbeiterversicherungsgesetze lediglich ein«»' Perantw. Redakt.: EarlWermuth, Berlin-Rixdorf. Inserate« das bisher schon beschränkte Selbstberwaltungsrecht der Kranken- lassen aufzuheben. Sie verwirft diesen Versuch auf das ent- schiedenste. Nicht Aushebung, sondern Erweiterung der Selbstver- waltung tut den Krankenkassen not. Unter der Selbstverwaltung haben die Krankenkassen einen erfreulichen Aufschwung genommen und ihren Mitgliedern Leistungen garantiert, die weit über das von der Gesetzgebung geforderte hinausgehen. Dagegen läßt der Entwurf Vorschläge vermissen, die den schon seit Jahren erhobenen und durchaus berechtigten Forderungen der Versicherten nach Vereinheitlichung und Erweiterung der Versiche- rung Geltung schaffen will. Die Versammlung erklärt den Entwurf in der borliegenden Form für unannehmbar und verpflichtet ihre Vertretung, bei allen sich bietenden Gelegenheiten dagegen Stellung zu nehmen und auf die Ablehnung des Entwurfes hinzuarbeiten." Gewerkschaften und Konsumvereine. Die vorjährige Konferenz der bayerischen Gclverkschaftskartelle hat sich u. a. auch mit dem Verhältnis zwischen Gewerkfchafts- und Genossenschastsbewegung beschäftigt und in einem Beschluß aus- gesprochen, daß die Kartelle in den Verwaltungen der Konsumvereine Einfluß zu suchen und darüber zu wachen hätten, daß die AuffichtS- räte von wirklich genossenschaftlichem und gewerkschaftlichem Geiste erfüllt seien. Die Konsumvereiue seien zu bestimmen, daß sie beim Warenbezug nur auf solche Firmen Rücksicht nehmen, die angemessene oder tarifliche Löhne bezahlen; der Bezug aus Strafanstalten sei auszuschließen, die Heimarbeit nach Möglichkeit zu bekämpfen. Dieie Verhandlungen gaben Anlaß, daß sich jetzt auch eine Konferenz der bayerischen Konsum vereine mit der Frage beschäftigte und einstimmig den Beschluß faßte, sowohl an den Süddeutschen Verbandstag in Würzburg als auch an den Allgemeinen Genosienschaftstag in Mainz den Antrag zu stellen, eS seien die dem Zentralverband angehörigen Koniumvereine zu der- pflichten, beim Einkauf von Waren darauf zu achten, daß diese weder in der Hausindustrie noch in Strafanstalten angefertigt sind und daß die Waren unter den von den Gewerkschaften festgesetzten tarif- lichen Bedingungen hergestellt werden. Es seien alle Bestrebungen zu unterstützen, die geeignet sind, die krassen Mißstände in der Heimindustrie zu beseitigen, doch wird es auch für unerläßlich gehalten, daß die Gewerkschaften in der nachdrücklichsten Weise sür dw Konsumvereine wirken und für den Beiwitt zu ihnen sowie für deren Ausbau Propaganda machen. SewerKscbaftlicKes. Mai- Aussperrungen. Die von oen Scharfmacherverbänden angekündigten Aussperrungen großen Stiles find nur in minimaler Weise zur Ausführung ge- langt. In Hamburg find die Maurer und Zimmerer, soweit sie bei Mitgliedern der Innung„Bauhütte" beschäftigt waren sdie anderen Arbeitgeber haben überhaupt nicht ausgesperrtj, kaum zur Hälfte auf einen Tag ausgesperrt worden. Von den Hamburger Metallarbeitern sind ausgesperrt auf einen bis zehn Tage 100 Mann, die Klempner haben zum Teil nur eine eintägige Nachfeier, während bei den Fabrikarbeitern ein Betrieb, die Dampssägerei von Nadge u. Neffen in Hamburg-Rotenburgsort, ihre 08 Arbeiter„dauernd" abgelohnt hat. Die Holzarbeiter, von denen 4000 am Maifestzuge teilgenommen haben, weisen 754 Aus- gesperrte auf, die von einem bis zu zehn Tagen über ihre gegen das Machtgebot der Unternehmer verstoßenden Sünden nachdenken sollen. In den weiteren Berufen ist der Umfang der Aussperrung ein un- bedeutender. » In WUhelmshaven wurden wegen Teilnahme an der Maifeier 20 Zimmerleute und 5 Tischler entlassen bezw. ausgesperrt. Die Lokalkassen der betr. Organisationen gewähren den Gcmaßregelten eine höhere Unterstützung als sonst üblich. G In Langrnbiclau haben, wie alljährlich auch dieses Jahr die Textilarbeiter der Firma Neugebauer, Poppischill u. Co. ihre Sympathie mit dem Maigedanken dadurch zum Ausdruck ge- bracht, daß sie die Maschinen abstellten und sich zu gemeinsamem Frühstück im Fabriksaal vereinigten. Wegen dieses Maienfrühstücks werden die Arbeiter drei Tage ausgesperrt. Die Arbeiter haben erst vor kurzem einen erfolgreichen Abwehrsweik durchgeführt Berlin und Qmgegend, Der Streik bei der Gesellschaft für Darmverwcrtung ist beendet. Die Bemühungen der Firma sowie des Sprechmeisters D rädert von der Berliner Fleischerinnung, Arbeitswillige zu bekommen, waren vergebens. Nur zwei solch nützlicher Elemente waren aufzutreiben. Auch war es vergebliche Mühe von feiten der Firma, Uneinigkeit unter die Streikenden zu säen. Nur zu bald mußte die Firma ein- sehen, daß an deren Einigkeit sowie an der Solidarität der übrigen Berufskollegen ihre Pläne scheitern würden. Im Laufe des gestrigen Vorinittags bequemte sich die Gesellschaft, die Forderungen der Streikenden anzuerkennen und die gemaßrcgelten Vertrauensleute wieder einzustellen. Hoffentlich hat die Gesellschaft von der einen Probe genug und gewährt ihren Angestellten das, was ihnen zu- kommt. Achtung, Flcischcrgesellen Z Wegen Maßregelung des Vertrauens- manne? ist die Finna Karl Leske, Petersburger Play 8 �Berliner Wurst- und Fleischwarenfabrik) für unsere Mitglieder bis auf weiteres gesperrt. Die Ortsverwaltung des Zentralverbandes der Fleischer. Achtung, Friseurgehilfen! Wegen Differenzen ist für Mitglieder der Betrieb des Herrn Leonhard, Exerzieritr. 21, gesperrt. Verband der Friseurgehilsen. Zweigverein Berlin und Vororte. veuvsebes Reich. In dem Holzfägewcrk des Berliner Holzkontors, Abteilung Oderberg(Mark), wurden am Dienstag, den 1. Mai sämtliche Arbeiter entlassen. Die Arbeiter hatten die örtliche Betriebs- leitung gebeten, die Arbeitszeit um eine Stunde, von 11 auf 10 Stunden herabzusetzen. Statt dem Wunsche der Arbeiter Rechnung zu tragen, da für die Betriebsleitung, lveil alles Akkordarbeit, keine Lohnerhöhung in Frage kommt, erfolgte als Antwort die Kün- digung der Arbeiter. Die Arbeiter verließen nunmehr die Arbeits- stätte am Montag, den 3. Mai um 6 Uhr abends. Die Folge war am Dienstag früh die sofortige Entlassung. Da die Betriebsleitung sofort mit den schwarzen Listen eingesetzt hat, und anderweitig Arbeitskräfte sucht, ersuchen wir die Arbeiter allerorts. Zuzug nach Oderberg in der Mark fernzuhalten. Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands. Bezirksleitung 1. Sitz Berlin. Ausgesperrt find durch den Arbeitgeberverband in Rakel a. d. Netze 91 Maurer. In bürgerlichen Zeitungen werden Maurer bei hohem Stundenlohn nach Nakel gesucht. Zuzug ist fernzuhalten. AuS der fSchsifch-thüringischen Färdcrbewcgung. Die organisierten Färber des sächsisch-thüringischen Industriegebietes haben die Unter- nehmer an früher gemachte Versprechungen erinnert und Lohn« forderungen eingereicht. In Glauchau sind für die Plüschfärber jetzt die Verhandlungen zum Abschluß gekommen. Alle Arbeiter unter 18 Jahren erhalten pro Woche 00 Pf., Arbeiter über 18 Jahren, die bis 20 M. Lohn pro Woche beziehen, erhalten 75 Pf. Zulage. Die Akkordeinspänner erhalten auf den jede Woche erzielten Lohn 5 Proz. Zuschlag. Arbeiterinnen bekommen pro Woche 30 Pf. mehr. Ueber- slunden sollen höher bezahlt werden. Die Löhne werden tariflich festgelegt. Die Minde st löhne sollen betragen: für Arbeiter unter 18 Jahren 13,80 M., über 18 Jahre 10,05 M., für Arbeite- rintien 9,00 M. 1_ Erfolgreicher ASwehrkampf in der Textilindustrie. Wegen Ein- führung einer neuen Straftabelle, durch welche für jeden, auch den kleinsten Webefehler bestimmte Strafen festgelegt wurden, und An- drohung einer Lohnreduktion legten Anfang voriger Woche die organisierten Weber der Firma Rausch u. Co. in Reichenbach i. Schl. die Arbeit nieder. Der Streik ist jetzt mit Erfolg für die Arbeiter beendet worden. Die Straftabelle ist zurückgezogen, der alte Lohn- tarif aufs neue anerkannt und ein ivährend der Bewegung gemäß- regelter Kollege wird wieder emgestellt. Der„christliche Gedanke in Lava"! Die„Koblenzer Volkszeitung" berichtet in ihrer Nr. 239, daß sich der christliche Steinarbeiterverband des Mayener Gebietes an einer im Juni in Mayen(Rheinland) stattfindenden Ausstellung beteiligen werde. Das Blatt schreibt: Die AusstellungS- gegenstände bestehen aus einer offenen Taufkapelle mit Tauf- stein und aus einer Büste Kaiser Wilhelms H. Die Tauf- kapelle wird aus Basaltlava und Tuffstein hergestellt werden und ver- körpert den idealen chri st lichen Gedanken in Lava. Der Entwurf wurde von einem Mitgliede gemacht; auch die Aus- führung liegt in den Händen von Mitgliedern. Die Büste S. M. Kaiser Wilhelms H. wird 1,55 Meter Höhe. 1,18 Meter Breite und 0,05 Meter Durchmesser haben und wird speziell in Basaltlava hergestellt. Auch dieser Entwurf wie die Ausführung liegen in den Händen eines Vorstandsmitgliedes. Zehn Steinarbeiter aus verschiedenen Orten find eifrig an der Arbeit." Die Steine haben die Unternehmer geschenkt. Sie denken offenbar, so lange die braven Arbeiter beschäftigt sind, den„idealen christlichen Gedanken in Lava" zu verkörpern, werden sie ihnen nicht unbequem._ FriedrnsauSsichten im Schneidergcwerbe Hamburgs. In einer Versammlung der streikenden Damenschneider und- Schneiderinnen gab der Vorsitzende des Schneidervcr- bandes Schädlich bekannt, daß die Arbeitgeber endlich sich be- reit erklärt haben, Las Gewerbegericht als Einigungs- a m t im Schnciderstreik anzuerkennen. Die Verhandlungen zur Beilegung der Differenzen werden sofort vor dem Gewerbegericht beginnen. Die Streikleitung ist der Ueberzeugung, daß es bei gutem Willen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer gelingen werde, eine Einigung zu erzielen, und den Streik schon in den nächsten Tagen zu beendigen._ Streiks im Baugewerbe. Die in den Zentralverbänden organisierten Maurer und Bauhilfsarbeiter in Benrath und Umgegend legten die Arbeit wegen Nichtbewilligung ihrer Forderungen nieder. Die Forderungen sind 9�stündige Arbeitszeit(bisher 10 Stunden), Stundenlohn für Maurer 60 Pf.(bisher 58 Pf.). Bauhilfs- arbeiter 50 Psg.(bisher 18 Pfg.). Beteiligt sind am Ausstande gegen 300 Arbeiter. In Halber st adt traten gegen 100 Maurer. Jim- m e r e r und Bauhilfsarbeiter wegen Ablehnung ihrer 15 bis 20 prozentigen Erhöhung der Löhne in den Ausstand. Erfolgreicher Streik der Brauereiarbeiter in Schwabach. Der zwischen der Brnuereivereinigung Schwabach und Um- gcgend und dem Zentralverbcmd deutscher Brauereiarbeiter ver- einbarte Tarifvertrag hatte ain 30. April sein Ende erreicht. In den Verhandlungen zur Erneuerung des Vertrages machte der Syndikus der Brauereien der Lohnkommission der Brauereiarbeiter keine Zugeständnisse; er wollte den alten Vertrag verlängert wissen. Die Braucreiarbeiter reduzierten die Forderung. Die Brauereivereinigung machte schließlich folgende Zugestand- nisse: entweder für Brauer und Mälzer wöchentlich 1 Mk. oder für alle Arbeiter 50 Pfg. Lohnerhöhung, die sie später wie folgt erhöhte: Brauer. Mälzer, Maschinisten, Heizer und Bierführer (letztere wenn ausschlietzlich als solche tätig) erhalten eine Lohne erhöhung von 1 Mk. pro Woche. Nach diesen würden manche Bier» führcr von der Aufbesserung ausgeschlossen sein, auch die Forderung der Entschädigung für die Maschinisten und Heizer für Jourdienst an Sonn- und Feiertagen ließen die Unternehmer u. a. unbeachtet. Eine Versammlung der Braucreiarbeiter lehnte das Angebot in geheimer Abstimmung einstimmig ab und beschloß den Streik. Am 1. Mai ruhte die Arbeit. Unter den Ausständigen waren über 60 Familienväter, fast alle mit langjähriger Dienstzeit. Eine derartige Einigkeit der Arbeiter hatten die Unternehmer nicht erwartet. Ein öffentlicher Aufruf der Unternehmer an die„treuen Mitarbeiter" zur Rückkehr in die Betriebe war erfolglos, Arbeits- willige von auswärts konnten nur wenig aufgetrieben werden. Unter diesen war einer, der wegen Einbruchdiebstahl IM Jahre hmter schwedischen Gardinen gesessen hatte. Am 2. Mai begannen die Einigungsverhandlungen und einigte man sich auf folgender Grundlage: Wiedereinstellung aller Streikenden und keine Schikanicrung oder Maßregelung lvegc» dieses Streikes; Entlassung der Streikbrecher; sofortige Lohncr- höhung für alle Arbeiter von 1 Mk. wöchentlich; für den Jour- dienst der Heizer und Maschinisten an Sonn- und Feiertagen 2,50 Mk. Entschädigung. Damit hat die Einigkeit der im Brauereiarbeitervcrband or- ganisierten Braucreiarbeiter Schwabachs, ivenn auch die positiven Erfolge keine großen sind, einen moralisch um so höher anzu- schlagenden Sieg erfochten. Es gelaug dem Unternehmertum nicht, die Brauereiarbeiter durch die beabsichtigte Bevorzugung einzelner Kategorien zu entzweien; ein schönes Zeichen von Solidarität und gewerkschaftlicher Disziplin. Ausland. Streik der Londoner Damenschneider. Wie uns aus London telegraphisch gemeldet wird, find die dortigen Damenschneider am gestrigen Abend in den Ausstand ge- treten. Der Kampf ist entbrannt um die Verkürzung der Arbeits- zeit. Die Organisation ersucht daher, daß der Zuzug nach London ferngehalten wird._ Letzte JVacbricbten und Depclcben. Fünf Personen getötet. Schönebeck a. Elbe, 5. Mai.(W. T. B.) In dem Alkohol- räum der Sprcngstoff-Patronenfabrik A. und N. Allcndorf ereignete sich heute nachmittag infolge Brandes eine Explosion, durch die fünf Personen getötet, eine schwer verletzt wurden. Der Materialschaden ist erheblich, doch erleidet der Betrieb keine Störung._ Aus dem dritten Stock abgestürzt. Frankfurt a. M., 5. Mai.(B. H.) In Wiesbaden stürzte sich die 55 Jahre alte Frau Wittow, aus Deutsch-Wilmersdorf bei Berlin, die seit einigen Wochen zur Kur in einem hiesigen Hotel weilt, in einem Anfall von Geistesstörung aus dem im dritten Stock gelegenen Zimmer des Hotels. Im Krankenhause ist sie alsbald den erlittenen schwere» Verletzungen erlegen. Eisenbahnunglück. Cilli. 5. Mai.(B. H.) Bei der Station Tüffer stürzte die Lokomotive eines Güterzuges nebst zwei Waggon? über den mehrere Meter hohen Eiscnbahndamm hinab. Der Heizer wurde getötet, der Lokomotivführer schwer verletzt. Eine Pulverfabrik in die Luft geflogen. Graz, 5. Mai.(B. H.) Heute morgen ist das Pulverwerk Jahnstampe bei Peggau in die Luft geflogen. Ob Menschen dabei verunglückt sind, konnte noch nicht festgestellt werden. TH.Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer Lc Co., Berlin SW. Hierzu 2 Beilagen u.staterhaltungsbl, it. iot 26. smm. i Ktilllge ilts Illmärts" Kerlim NllidsdlM. 6. U-i 1009. R.eicdstag. 263. Sitzung vom Mittwoch, den 6. Mai, nachmittags 3 Uhr. Sm DundeSratslisch: Dr. N i e b e r d i n g. Auf der Tagesordnung steht zunächst die erste Beratung des Gesetzentwurfs über die Haftung des Reiches für seine Beamten. Staatssekretär Dr. Nieberding: Der vorliegende Entwurf ent- bricht einem Wunsche des Reichstages, der vor zwei Jahren, am 23. April 1907, in einer Resolution zum Ausdruck kam. Der Reichstag wünschte einen Gesetzentwurf, durch den die unmittelbare Haftung des Reiches für den durch Reichsbeamte in Ausübung von Amtsbefugnissen verursachten Schaden geregelt wird. Einen weiter- gehenden Antrag, auch die Haftung der Bundesstaaten für die Handlungen ihrer Beamten in demselben Gesetz mit zu regeln, hat der Reichstag damals abgelehnt, und die Verbündeten Regierungen haben sich der Auffassung angeschlossen, daß bezüglich der Staatsbeamten die Materie von den Einzelstaaten zu regeln ist. Abg. Dr. Brunstermann(Rp.) äußert seine Befriedigung über den Gesetzentwurf, der von der Kommission, an die er ihn zu verweisen beantragt, hoffentlich recht schnell erledigt werden wird. Abg. Dr. Junik snatl.) begrüßt den Entwurf ebenfalls zustimmend; Bedenken könne die Bestimmung in§ S erregen, daß die Haftung des Reiches für die Tätigkeit solcher Beamten ausgeschlossen sei, die außer einer Entschädigung für Dienstaufwand nur Gebühren beziehen. Be- denklich sei auch, daß die Haft des Reiches erheblich eingeschränkt sei, wenn es sich um die Tätigkeit von Beamten im auswärtigen Dienst handele. Wünschenswert wäre eS auch gewesen, wenn der Entwurf weiter gegangen wäre und auch die Hastung der Bundesstaaten für die Handlungen ihrer Beamten geregelt hätte; die Mehrheit des Reichstags, welche diese Forderung vor zwei Jahren ablehnte, sei eine Zufallsmehrheit gewesen. Redner beantragt schließlich die Ver- Weisung des Entwurfs an eine Kommission von 21 Mitgliedern. Abg. Dr. Spahn(Z.) schließt sich dem Antrag auf KommissionS- beratung an. Seine Ausführungen bleiben auf der Tribüne un- verständlich. Abg. v. Brockhausen(k.) bittet, den Entwurf der Justizkommission zu überweisen. Den Entwurf selbst begrüßt er zustimmend, besonders kann ein Bedürfnis, die Haftung der Bundesstaaten in den Entwurf mit einzubeziehen, nicht anerkannt werden. Abg. Gyßling ft'rs. Vp.): Der in dem vorliegenden Entwurf zum Ausdruck kommende Rechtsgedanke ist so richtig und wurzelt so tief im Empfinden des Volkes, daß die Bedenken dagegen schwinden müssen. Wir begrüßen den Entivurf daher nrit Genugtuung, und hätten eS gern gesehen, wenn er noch weiter ginge und die Haftung auch der Einzelstaaten für ihre Beamten regelte. Abg. Kölle(wirtsch. Vg.) erklärt den gegenwärtigen Rechts- zustand für geradezu unwürdig, ist aber damit einverstanden, daß der Entwurf in die öffentlichen Rechtsverhältnisse der Bundesstaaten nicht eingreift. Abg. Stadthage»(Soz.): Auch wir stimmen dem Antrage zu. den Entwurf an eine be- sondere Kommission zu verweisen. Seine Grundlage entspricht einem alten Verlangen meiner politischen Freunde und bedeutet 4» Entgegenkommen gegenüber dem Grundgedanken, den im Iah« K9S, als meine politischen Freunde bei der Beratung des BürgerAchen Gesetzbuches den Antrag einbrachten, daß das Reich und tot Staat für alle amtlichen Handlungen seiner Beamten zu haften habe, die Nationalliberalen und die Frei- sinnigen bekämpften. Im Jahre 1905 beantragte der Abg. Basser- mann, es möge ein Gesetzentwurf vorgelegt werden, in dem nicht imr die Verpflichmng des Reiches für die Reichsbeamten zu hasten, ausgesprochen werde, sondern auch die des Staates, der Kommunen und anderer juristischen Personen des öffentlichen Rechts für die Tätigkeit ihrer Beamten, wenn sie in Ausübung ihres Amtes einen anderen verletzt haben. Damals hat mein Freund Wurm ausgeführt, daß wir diesen Antrag unter- stützen. Der einzelne Bürger kann sich den Beamten nicht aus- wählen, der ihm gegenüber eine öffentliche Tätigkeit ausübt. Daraus folgt logischerweise, daß derjenige, der den Beamten mit der AuS- Übung dieser Tätigkeit betraut hat, auch dafür hasten niuß, wenn in widerrechtlicher Weise jemand verletzt ist. Dieser Ge- danke ist im Volke außerordentlich lebhaft und stark. Heute ist er als berechttgt auch von der Reichsregierung anerkannt, aber leider beschränkt auf die Reichsbeamten. Und es ist fraglich, ob es in der kleines Feuilleton. „Kilowattstunde." Der Ausdruck„Kilowattstunde" ist gang und ckäbe geworden, ohne daß der Laie eine rechte Vorstellung davon hat, was mit dieser verhältnismäßig geringen ElektrizitälSmenge eigentlich erzielt und geleistet werden kann. Der Leiter cineS englischen Elektrizitätswerkes hat, wie wir dem„Prometheus" e»t- nehmen, die Frage aufgeworfen und beantwortet, Ivas man alles mit einer Kilowattstunde— unter Zuhilfenahme der erforderlichen Einrichtungen natürlich— für Zwecke des Haushalts zu leisten vermag. Man kann mit einer Kilowattstunde: etwa 5000 Messer oder 75 Paar Stiefel putzen, 9 Liter Waffer zum Kochen bringen oder 15 Kottelettes in 15 Minuten braten, 3000 Zigarren anzünden, 4 Bügeleisen je 1 Stunde erwärmen oder drei Lichtbäder geben. Eine Kilowattstunde genügt aber auch, um eine Nähmaschine oder einen Zimmerventilator 21 Stunden lang zu betteiben, um acht Sack Mehl zu Teig zu verarbeiten, um fünf Pferde zu scheren, einen Speiseaufzug eine Woche lang und einen kleineren Personenaufzug während dreißig Fahrten durch vier Stock- werke zu betreiben, um ein Jahr lang eiae Brennschere täglich drei Minuten lang zu erwärmen, 260 Flaschen zu füllen und zu ver- k-rken und um 400—500 Liter Wasser 7—8 Meter hoch zu heben l Theater. Kammerspiele:«Der unverstandene Mann", Komödie von E r n st v. W o l z o g e n.— Ein hübscher Komödien- titel, der eine gewisse, von hohler Ueberhebung aufgeblähte Literaten- spezies mit Anspielung aus einen verwandten Damenthp, dessen Vertreterinnen in der Ehe mit Vorliebe als„unverstandene Frauen" posieren, epigrammatisch charakterisiert. Der erste Akt enthält auch eine Reihe gut beobachteter amüsanter Züge. Wie sich der Vorhang hebt, sieht man Hans Hugenbach, den Adelsmenschen, der, seitdem er vor zwanzig Jahren mit einem Goldschnittbändchen Lyrik Herz und Hand einer einfältigen heiratslustigen, reichen Fabrikantentochter gewann, nur noch der Jnnendichtung lebt, in zärtlicher Umarmung mit einer gleichgestimmten Freundin, der er zwischen Küssen fort- während die beseligende Versicherung gibt, sie fei die einzige, die außer seiner Tochter Adda ihn verstanden habe. Es ist ein großer, schicksalsschwerer Tag. In den Jahrzehnten vor- nehmen Schweigens hat sich ein Werk— ein Renaissancedraina voll prächtig Kangreicher italienischer Personennamen— von seiner Seele losgerungen. Nun soll es, noch am selben Abend, über die Bretter gehen. Vielleicht, daß aus dem Volk« wenigstens die besseren zur Empfänglichkeit für solche Kunst jetzt reif geworden! Hinter den geschwollenen Phrasen birgt sich das ordinärste Lampenfieber. die"Vorahnung des eklatanten, wohlverdienten Durchfalls. Die arme Frau, von deren Geld er lebt, tyrannisiert er unerträg- lich, was das verkümmerte, verschüchterte Geschöpf nicht abhält, rn unveränderter Verehrung an ihn, zu hängen. Und das auf Modernität und Decadence dressierte Fräulein Tochter überbietet sie womöglich noch an Glaubenskrast, Wie ein Phonograph behält sie die vom Papa in sie hineingesprochcnen Renommiftereien und gibt sie prompt, ganz Kommission gelingen wird, die Ausdehnung auf die Bundesstaaten zu erlangen. Die Motive zeigen uns, daß auch nach Einführung deS Bürgerlichen Gesetzbuches eine große Zerrissenheit des Rechts auf diesem Gebiete besteht. Wir haben Bundes- ftaatcn, in denen die Haftung des Staates besteht, andere, in denen sie zum Teil besteht, und wieder andere, in denen sie gar nicht besteht. Außer diesem formalen Grund der Notwendig- keit eines einheitlichen Rechts spricht für die Ausdehnung auf die Einzelstaaten auch derselbe Rechtsgrund, welcher die Haftung des Reichs für die Reichsbeamten notwendig macht. Aber neben diesen theoretischen Gründen sind auch praktische Gründe maßgebend. Schon 1896 habe ich dargelegt, wie notwendig es ist, daß die Haftung des Staates für die Handlungen von Polizei- und anderen Beamten ausgesprochen wird, wenn eS sich um Eingriffe in die persönliche Freiheit handelt. Wenn zum Beispiel fahrlässiger- weise die Untersuchungshaft verhängt oder aus- gedehnt wird, und die Freiheit der einzelnen dabei mißachtet wird, so ist nicht einzusehen, weshalb der Staat hier nicht haften soll. Man fürchtete damals, durch die Haftung des Staates könnte die Freiheit der Entschließung zur Verhaftung etwas angekränkelt werden. Das heißt mit anderen Worten, es könnte das Recht des Staatsbürgers etwas mehr geachtet werden. Wir stehen ja in Preußen und im allgemeinen i» Deutschland in absolute st em Gegensatz zu einem Rechtsstaat, in welchem der Staat ganz selbstverständlich für unrechtmäßige Eingriffe der Beamten in die persönliche Freiheit der Bürger aufkonunt. Fast täglich werden unberechtigte Verhaftungen von unserer Polizei vorgenommen, welche eine gewisse Uebung darin hat, eine Menge solcher Leute zu verhaften, die nicht schuldig sind, und die Schuldigen nicht zu finden.(Sehr richtig I bei den Sozial- demokraten.) Damals also, 1896, hat man unseren Antrag ab- gelehnt, aus der Furcht, daß an Stelle des Unrechts das Recht ge- fetzt werden könnte.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Daß die Personen des Soldatenstandes im Sinne dieses Gesetzes den Reichsbeamten gleichstehen, ist mit Freuden zu begrüßen. Eine Folge würde sein, daß die Mißhandelten und zufolge der patriotischen Disziplin und des Kadavergehorsams zu Krüppel Geschlagenen nicht mehr wie jetzt einen Regreß nur gegen den unmittelbar Schuldigen haben, sondern nunmehr einen Regreß gegenüber dem Reich. Und dieser Regreß wird vielleicht der Anlaß dazu sein, daß gegenüber solchem schädlichen Handeln ganz anders eingegriffen wird wie bisher.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Auch durch abirrende Kugeln Verletzte hatten bisher nur einen Regreß gegen den betreffenden Soldaten, daß jetzt ein Regreß gegen das Reich bestehen soll, ist sicher ein Vorteil.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Schon meine Vorredner haben einige Mängel des Entwurfes hervorgehoben. Dazu gehören vor allem die drei im Z 5 ausgesprochenen Ausnahmen. Die erheblichsten Bedenken bestehen gegen Ziffer 3, wonach das Gesetz keine Anwendung findet, „soweit es sich um die Tätigkeit eines mit Angelegenheiten des auswärtigen Dienstes befaßten Beamten handelt, ivelche die Gewährung des Schutzes gegenüber dem Auslande zum Gegen- stand hat, oder durch die auf eine ausländische Staatshoheit oder auf ausländische Rechtsvorschriften zu nehmenden inter- nationalen Rücksichten veranlaßt ist". Soweit das letztere der Fall ist, liegt eine strafbare Handlung gar nicht vor. Daß aber die Haftung des Reichs aufgehoben wird, wenn einem im Auslande befindlichen Deutschen rechtswidrig der Schutz versagt wird, ist absolut nicht einzusehen.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Wenn ein Deutscher im Auslände von einem ausländischen Staat schief angesehen wird und zufällig kein Arbeiter ist, sondern Angehöriger der bürgerlichen Klaffe, so werden gleich Kriegsschiffe hingeschickt. Als z. B. auf Tahiti ein Deutscher, der einen Polizeibeamten verhauen hatte, dafür verhaftet und mit einem Jahr Gefängnis bestrast tvurde, wurde sofort ein deutsches Kriegsschiff hingeschickt. Ob dem Manne Unrecht geschehen war, weiß ich nicht. War es der Fall, so geschah ihm nichts anderes, als in Deutschland Hunderten und Tausenden geschieht, die mit der Polizei in Konflikt kommen. Damals also sandte man ein Kriegsschiff hin. Hier aber erklärt der Entwurf, wenn es sich um die Gewährung eines Schutzes der Deutschen im Auslande handelt, soll das Reich nicht in Anspruch genommen werden können für das fahrlässige Handeln eines Be- amten in Ausübung seiner öffentlichen Gewalt. Das ist eine RechtSversagung ganz ungeheuerlicher Art,(Leb- hafte Zuftimntnng bei den Sozialdemokraten.) das heißt, den Deuffchen den Schutz im Ausland versagen. Das heißt geradezu, die Beamten des Auswärtigen Amtes sind nicht der Deutschen nach Bedarf, zurück. Dafür erkennt er sie als kongeniales Wesen an und nennt sie huldvoll-gnädig nie anders als:„mein schönes Kind". Besonders eifrig verteidigt sie sein Recht, sich in der Liebe auszuleben. Künstler verbrauchen eben viele Frauen! Die Persiflage übertreibt; indes bei aller Karikierung behält sie hier im Anfang immerhin ein Ziel im Auge und gibt manch sicheren Treffschuß darauf ab. Nur dauert das nicht lange. Bon einem Versuch, im Stil zu bleiben, ist nicht die Rede. Die willkürlichsten Erfindungen, zum Teil von peinlicher Geschmacklosigkeit, werden, da dem Autor eine die EntWickelung deS Themas in lustspielmäßigen Formen ermöglichende Hand- lung nicht einsällt, herangezerrt, um die folgenden Akte auszufüllen. Der sentimenlale Schwadroneur entpuppt sich schließlich, was gar nicht in den Rahmen des Typus paßt, als listiger und infamer Schleicher, den alle Welt verläßt. Die Sinnesänderung der i» blinder Anbetung total versklavten Frau am Schlüsse erscheint nicht gerade glaubwürdig, die Bekehrung der banal ästhetisierenden Tochter zur Arbeit und künftigen afrikanischen Farmersfrau als eine in die ödesten Familienblattmanieren ver- fallende Farce. So endigte der lustig einsetzende Abend mit arger Unterbilanz der Stiminnng. In der vortrefflichen Darstellung stand Ludwig Hartaus' eingebildeter Poet und Hedwig Wangels bebrilltes und borniertes Hansmütterchen mit dem verliebten Herzen, ein rührendes und drolliges Wesen von wunder- barer Echtheit, an erster Stelle. ät. Schiller-TheaterO.:„Narziß" von Emil Brach- Vogel. Der Held dieses seit 53 Jahren lebendiggebliebenen Traner- spielS, eines Gemischs auS historischen und philosophischen Floskeln, deren Schwerpunkt ins dritte Viertel des 18. Jahrhunderts fällt, nämlich in die Zeit, als Rousseau, als der Bund der sogenannten „Enzyklopädisten"(Diderot, d'Alembert usw.), als Voltaire die Axt einer vernichtenden Kritik an alles Bestehende legten und den Um- stürz, d. h. die große französische Revolution vorbereiten halfen, Narziß Rameau existierte tvirklich. Er wird als ein Musiker von genialen Anlagen geschildert, aber auch als die verkörperte Verneinung aller geistigen Hervorbringungen der Menschheit. Was da ist, hat nach seiner Anschauung„keinen anderen Zweck und keinen anderen Erfolg gehabt, als um zwischen die Zähne zu kommen". Brachvogel stellt in seinem Narziß hin, was wir heute „Bohsmien" oder Kunstzigsuner nennen. Paris war damals, und besonders beim Ausbruch der Revolution, voll von solchen nihilistischen Gestalten, deren Lebensphilosophie auf den Satz hinausläuft: Alles — atißer dem«Ich"— ist haffenswert. tveil es zwecklos ist. Wenn nun Brachvogel seinen Narziß nach dieser Formel konstruierte, hat er doch auch unverkennbar Max Stirner, den Verfasser von „Der Einzige und sein Eigentum" zum Vorbilde genonmien. Die„Jch"-Philosophie bei Narziß ist ein StirnerscheS Substrat. Kaspar Schmidt(Max Stirner) ging noch leibhaftig in Berlin um, als Brachvogel hier sein Drama konzipierte.„Der Eigene" starb (25. Juni 1356) elend und vergessen, drei Monate nach der Erst- aufsührung des„Narziß" im hiesigen Schauspielhaus(7. März). Die Narziß-Tragödie hat sich hauptsächlich wegen ihres Titel- Helden auf der Bühne erhalten. Alle Eharakterschauspieler von Ruf und Können haben sich in der Nolle ver- wegen da. sondern der Burcaukratie wegen und der Ge- hälter wegen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Ich hoffe, daß diese Ausnahme in der Kommission beseitigt werden wird, und hoffe ferner, daß eS gelingen wird, die Haftpflicht in dem Sinne auszudehnen, wie wir es im Jahre 1896 beantragt haben. Hätten wir nicht gelehrte Richter, sondern Richter aus dem Volke, so würde durch die Rechtsprechung dem Bedürfnis nach Haftung des Reiches und Staates ohne loeiteres Rechnung getragen werden. Dann brauchten wir nicht solche Paragraphierungen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Leider haben wir bisher nicht Richter aus dem Volke, und deshalb brauchen wir solche Gesetze. Dieses hier stellt wenigstens leinen Rückschritt dar, und wir werden ihm daher hoffentlich mit den angedeuteten Erweiterungen zustimmen. (Bravo I bei den Sozialdemokraten.) Der Gesetzentwurf geht and ieJu st izkom Mission. Es folgt die 3. Beratung der Novelle zum Gerichts- verfassungsgesetz, der Zivilprozeßordnung und der Gebührenord tlung für die Rechtsanwälte. In der Generaldebatte wird das Wort nicht verlangt. In der Spezialdebatte begründet Abg. Schmidt-Warburg(Z.) einen Antrag, in Bedürfnisfällen auf obligatorische Gewährung des Armenrechts bei Streitgegenständen über 300 M. und in Fällen, in denen die Gegenpartei einen Anwalt hat. Die Gewährung des ArmeurechtS darf nicht von dem freien Ermessen des Richters abHöngen. Ich appelliere an ihr Gerechtigkeits- gefühl. Nehmen Sie den Antrag an, der keinem schadet und nur den Armen nützt.(Bravo! im Zenttum.) Staatssekretär Dr. Nieberding wendet sich gegen den Antrag. Wir wollen den Armen nicht schlechter behandeln, sondern glauben einen gerechten Maßstab für alle Fälle gefunden zu haben. In Fällen, wo es zur sachgemäßen Führung des Prozesses notwendig ist, tvird dem Bedürftigen immer ein Anwalt gestellt lverden. Die Berufung auf den Unterschied zlvischen Arm und Reich hat immer etwas Verdächtiges. Außerdem bedeutet der Antrag eine unbillige Belastung der Anwälte. Abg. Heine(Soz.): Der Antrag Schmidt-Warburg läuft ungefähr auf dasselbe hin« aus, was meine Freunde bei der ziveiten Lesung beantragt haben. Die Gründe des Herrn Staatssekretärs dagegen sind nicht stichhaltig. Ich begreife nicht, warum der Herr Staatssekretär dagegen protestiert. daß bei diesem Paragraphen die Frage, ob arm oder reich, herein- gezogen wird. ES handelt sich doch um eine Konsequenz aus der Bewilligung d eS Armeit rechts, und da ist es ganz unerläßlich, daß die Partei, um deren Inter« esse es sich handelt, eben eine arme sein muß.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Wenn die andere Partei im Sinne des Gesetzes auch eine arme ist, so wird sie eben derselben Vorteile teilhaftig werden. Die Behauptung, die Rechtsanwaltschaft tvürde dadurch belastet, nimmt sich sehr komisch aus in demselben Augenblick, wo die verbündeten Regierungen in demselben Gesetze die Einkünfte der Rechtsanwalt- schaft, die Bezahlung für ihre geleistete Arbeit, ganz erheblich reduzieren. Das soll sich die Anwaltschaft gefallen lassen, und im Interesse des Zustandekommens des Gesetzes tut sie es auch; da ist man nicht besorgt um ihre Interessen. Aber hier, wo ihr zu- gentutet wird, ein nobile officium(Ehrenpflicht) zu übernehmen, erinnert man sich plötzlich an ihre Interessen. Ich kann ja nicht im Namen der ganzen Anivaltschaft sprechen, aber im Namen sehr vieler Anw älte, die ich kenne, kann ich sagen, daß sie sehr gern bereit sein werden, die in dem Antrage liegende weitere Be- lastutig zu übernehmen. Es ist unrichtig, daß das bisherige Gesetz genügt. Es mag eine große Reihe Richter geben, die sehr sorgfältig prüfen und gern bereit sind, der armen Partei auch da, wo das Gesetz nicht unbedingt dazu verpflichtet, einen Anwalt beizuordnen. Ich kenne aber auch viele Nichter, die aus bureaukratischer Gleichgültigkeit oder Ueberlastung mit Geschäften nicht mit der Liebe und dem Interesse ai» die Sache herangehen und schematisch die Anträge aus Beiordnung eines Rechtskundigen oder eines Anwaltes abzulehnen pflegen. Namentlich bei A l i m e ti t e n p r o z e s s e n ist das besonders wichtig.(Sehr richtig!) Die Vertretung der außer- ehelichen Kinder wird meist außerordentlich salopp ge- führt. Vielfach auch aus Rechtsunkenntnis, denn solche Pro- zesse sind gar nicht so sehr einfach. Ganz unbedenklich wird der Antrag Schmidt-Warburg dadurch, daß die Beiordnung nur dann erzwungen werde» soll, wenn auch die andere Partei einen Anwqlt sucht. Als der bedeutendste Narziß muß unter allen lebenden Darstellern zweifellos Ernst Possart angesehen werden. Diesmal präsentierte sich HanS F. Gerhard als Narziß und zwar bei vortrefflicher MaSke und festumriffenem, dabei temperaineutvollem Spiel mit unleugbarem Erfolg. Er verstand es, alles Interesse auf seitlen Helden zu vereinen. Außer ihm kommen noch Hedwig Panly(Marquise de Pompadour) und Richard Wirth(Premier« minister Choiseul-d'Amboise) als Darsteller in Betracht. Im übrigen war trotz des Aufgebotes großer Staatsperücken und höfischen Zere- tnoniells ein gewisser spießbürgerlicher Anstrich vorherrschend. Das Drama wurde gut aufgenontmen: ein Zeichen, daß es seine lebendige Wirkung noch nicht verloren hat. s. k. Notizen. — Tschudigeht— wenn die Meldung des„Tag" richtig ist— nun doch nach München: als Direktor der bayerischen Ge- mäldegalerien. Dem langjährigen„Urlaub" wäre also die Flucht von der Spree an die Isar' und aus den Armen deS preußischen „KultuS"ministeriumS in die des bayerischen gefolgt. Das Blamable der Geschichte sehen nachgerade sogar Blätter wie die„Hamburger Nachrichten" ein. in denen wir folgende Bemerkung finden: „... Obwohl es kein Amt gibt, das durch einen Personen- Wechsel zu leiden brauchte, und keinen Amtsleiter, der nicht zu er- setzen wäre, so muß doch die Art und Weise, wie dem Direttor der National-Galerie zugesetzt tvurde, weil für die Kennzeichnung des Verhältnisses, in dem die Berliner offiziösen zu den leitenden Kunstkreiscn stehen, überaus charatteristisch und im letzten Ende schädigend für daS Ansehen unserer Kunst nach anßen hin, als bedauerlich, um nicht zu sagen beschämend(I) bezeichnet werdeit. Daß auch das Ansehen unserer offiziösen Dementier- apparate dabei nicht gewinnt, soll nur nebenbei nicht unerwähnt bleiben." — Viktor Hugo beim Korrekturlesen. Gustave Simon erzählt in der„Revue", in welcher gründlichen Weise Viktor Hugo den Roman„lüos Miserables", den er für 300 000 Fr. an die belgischen Verleger Lacroix und Verboeckhovcn verkauft hatte, für den Druck vorbereitete. Die Bücher sollten gleichzeitig in Paris und iit Brüssel veröffentlicht lverden, und Hugo wollte die Korrekturen selber lesen. Lacroix hätte ihm gern die undankbare Arbeit erspart. aber der Dichter ließ nicht mit sich reden, und so geschah es, daß die Bürstenabzüge den Weg von Brüssel nach Guernscy, wo Hugo als Verbannter lebte, oft zwei- oder dreimal zurücklegen mußten. Nicht selten verlangte der Dichter wegen eines einzigen fortgelassenen Kommas einen neuen Proöeabzug. Auf die berussmäßigen Korrektoren war er nicht gut zu sprechen:„So oft vor einem„et" (und) ein KorfNna steht," sagt er,„streicht der Korrektor es fort; der gute Mann weiß eben nicht, daß oft auch vor einem Bindewort ein Konnna stehen muß." Ein andermal griff er die Grammatiker an:„Statt„bluets"(Kornblumen), schrieb er,„mutz es„bleuets" heißen.„Bleuet" kommt von„bleu"(blau). Man kümmere sich nicht um die blödsinnige Orthographie der Wörterbücher, denn Wörterbücher sind nur für die Esel gemacht." hat. Wenn der Herr Staatssekretär demgegenüber darauf hinweist, dah die grobe Mehrzahl der Prozesse durch Anerkenntnis- oder Ver- säumniSurteil erledigt werden, so vergißt er, daß nach Z 114 für das Armenrecht überhaupt nur solche Fälle in Betracht kommen, wo eine Necht-verfolgung nicht aussichtslos erscheint. Ich bitte Sie also, dem Antrage z u z u st i m m e n.(Bravo! bei den Sozialdemokraten,) Abg. v. Dziembowski-Pomian(Pole) stimmt gleichfalls dem An- trage Schmidt-Warburg zu. Die Anwälte werden diese Mehrarbeit gern übernehmen. Staatssekretär Dr. Nicverding wendet sich nochmals gegen den Antrag Schmidt-Warburg. Abg. Dove(frs. Vg.): Auch ich muß mich gegen den Antrag Schmidt-Warburg wenden; wenn wir beim Amtsgericht den Auivalts- zwang nicht kennen, dürfen»vir ihn für die arme Partei auch nicht einführen. Abg. Dr. Ablaß(frs. Vp.): Wie Dove bin auch ich ein Gegner des Antrages Schmidt-Warburg; er ist ebenso prinzipienlos wie diese ganze Novelle. Abg. Gräber(Z.): Die angeführten Einwände schießen weit übers Ziel, denn der Antrag will ja den Antvalt für die arme Partei nur, wenn die andere Partei einen Anwalt hat. Da kann doch von einem Anwaltszwang für die arme Partei keine Rede sein. Ueberhaupt soll man ein Rechtsprinzip nicht auf die Spitze treiben, Der Antrag entstammt einen» warmen Herzen für die Armen, nicht dem Tintenfaß und der Streusandbüchse,(Zustimmung im Zentrum,) Freilich, wer nur Paragraphen rasseln hört, wird dagegen stimmen. «Sehr richtig! im Zentrum.) Abg. Dr. Hriuze(natl,): Der Antrag Schmidt-Warburg ist in der Kommission und in der zweiten Lesung abgelehnt und ich bitte, ihn auch jetzt abzulehnen; denn beim Amtsgericht haben wir den Anwaltszwang nicht und dürfen ihn daher auch nicht teilweise einführen. Appellieren wir an das warme Herz der Amts- richter, daß sie in geeigneten Fällen den Armenanwalt bewilligen, so genügt das Gesetz durchaus,(Sehr gutl bei den National- liberalen.) Auch den m der zweiten Lesung angenommenen Antrag, die Kosten für den Armenanwalt anf den Fiskus zu übernehmen, bitte ich abzulehnen. Er paßt in den ganzen Rahmen des Gesetzes nicht hinein.(Bravo I bei den Nationalliberalen.) Abg. Heine(Soz.): Auch die Ausführungen des Vorredners, namentlich seine Angst, die Prozesse würden bei Annahme des Au- trageS Schmidt-Warburg länger dauern, wenn der Armenpartei ein Anwalt bewilligt würde, haben mich nicht überzeugen können. Man ist ja sonst gegen Verschleppung von Pro- zessen nicht so ängstlich. Man trifft ja sonst rücksichtslos Einrichtungen, wie z. B. in Berlin, wo man die Gerichte an zehn verschiedenen Stellen verzettelt hat, obwohl ganz sicher war, daß dadurch eine Verschleppung des' Prozesses eintreten mutzte. Die Gefahr der Verschleppung durch den Antrag Schmidt- Warburg ist außerordentlich gering. Vielleicht»oird einmal ein Termin verschoben oder ein neuer nötig werden. In anderen Fällen aber wird durch die bessere Instruktion das Verfahrener- leichtert und die Prozesse werden beschleunigt werden. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten nnd im Zentrum.) Die vielen Gründe, die für den Antrag sprechen, sind von dem Abg. Gröber noch so ergänzt worden, daß ich nichts weiter hinzuzufügen brauche. Ich will mich nur noch gegen die Bemerkung des Staatssekretärs wenden, meine Bemerkung über die pekuniäre Verschlechterung der Lage des Anwaltsstandes durch diese Novelle wäre ein Märchen. Ich mochte umgekehrt sagen: wenn man den Anwälten durch dieses Gesetz das große Gebiet der Klagen bei Objekten von 300 bis 600 M. entzieht, und dann sagt, ein peluniärer Schaden wird den Anwälten dadurch nicht entstehen, so ist das ein Märchen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Träger(frs. Vp.): Ein Teil meiner Freunde hat sich den Gründen der Herren Abgeordneten Dove und Dr. Ablaß nicht anschließen können und wird f ü r den Antrag Schmidt-Warburg stimmen.(Bravo I bei den Sozialdemokraten und im Zentrum.) ES handelt sich hier tatsächlich um eine Benachteiligung der armen Leute und die wollen wir nicht. Gewiß haben die Richter mindestens so viel gutes Herz wie Verstand(Heiterkeit), aber sie haben oft keine Zeit, ihrem guten Herzen zu folgen. Es handelt sich bei dem Antrag um eine soziale Tat und ich bitte Sie, ihm zu- zustimmen.(Bravo!) Damit schließt die Diskussion. Die Abstimmung über den An- trag Schmidt-Warburg bleibt zweifelhaft. Der Hammelsprung ergibt die Ablehnung deS An« trage? mit 106 gegen 97 Stimmen. Weiter liegt ein Antrag vor, die Pauschalgebühr für Rechts- anwälte für SchreibauSlagen bei Zwangsvollstreckungen von 1 M. auf 2 M. zu erhöhen. Abg. Hein»(Soz.): Auch meine Freunde stimmen diesem An- trage zu, nicht sowohl im Interesse der Rechtsawälte als in dem der Bureaugehilsen; diese befürchten infolge der ungenügenden Pqjischaliermig der Schreibgebühren eine Herabdrückung ihrer an sich schon ungenügenden Lage. Der Antrag wird angenommen. Der Rest des Gesetzes und das Gesetz im ganzen wird nach den Beschlüssen zweiter Lesung angenommen. Angenommen wird ferner devatteloS in dritter Lesimg der Gesetzenttvurf betreffend Sicherung der Bauforderungen. Darauf vertagt sich das Hau? auf Donnerstag 2 Uhr.(Antrag Speck betr: Mühlenumsatzsteuer.) Schluß VI, Uhr.'_ Mgeorclnetenkaus. 8 0, Sitzung, Mittwoch, den 6. Mai. Die zweite Beratung des Kultusetats wird fortgesetzt beim Kapitel„Höhere Lehranstalten". Bei dem Titel »Zuschüsse für die vom Staat zu unterhaltenden Anstalten" werden eine Anzahl von Abgeordneten, die versuchen, auf irgend welche allgemeineren Fragen einzugehen, unter große» Heiterkeit des Hauses von dem Präsidenten v. Kröcher daran verhindert. Abg. Eickhoff(fr. Vp.) wünscht baldige Aufklärung über die von dem Abg. Heß vorgebrachten Gerüchte über da? Gymnasium tn Essen und protestiert gegen einen Artikel des „Berliner Tageblattes", der im Anschluß an jene Aus- jührungen zugibt, daß auch an anderen Gymnasien eine Bevor- zugung der Schüler aus den besseren Ständen stattfinde. Eine rasche Aufklärung des Falles wäre dringend notwendig, damit nicht in»oeiten Kreisen des Volkes der Mythus von den„besseren" Gymnasiasten Glauben findet. UmerstaatSsekretär Wever sagt nähere Aufklärung bis zur dritten Lesung zu. Im übrigen renne die Unterrichtsverwaltung sogenannte„bessere" Gymnasiasten nicht. Abg. Heß(Z.) mitzbilligt ebenfalls den Artikel deS„Berliner Tageblatts" und betont, er habe nur Gerüchte, die in Essen ver- breitet wären, wiedergegeben. Abg. Maurer(nail.) gibt die Nachricht einer Essener Zeitung wieder, daß im Januar zwei Kommissare der Unterrichtsverwaltung das Essener Gymnasium inspiziert hätten und meint, dann müsse doch alles in Ordnung sein. Abg. v. Schenckendorff(natl.) tritt für eine erweiterte körper- liche Erziehung der Jugend ein. Die Spielnachmittage sollen leider auf Kosten deS pflichtmäßigen Turnunterrichts erfolgen. Das bedeutet nur eine Verschiebung in der Verwendung der seit- her schon vorhandenen pflichtmäßigen Tnrnzeit und entspricht auch nicht dem vorjährigen Beschluß des Hauses. Abg. Schmedding(Z.) schließt sich dem Vorredner an. Ministerialdirektor Dr. Schwarhkopff hält eine Vermehrung der Pflichtstunden der Lehrer nicht für angebracht. Das Ziel der Heranziehung einer auch körperlich gesunden Jugend habe äüchdie Unterrichtsverwaltung. Es frage sich aber, ob nicht durch die Aus- dehnung des Zwanges auch auf die Spiele diese den Schülern für die Zukunft verleidet würden. Abg. Eickhofs(fr. Vp.) bittet, mit den obligatorischen Spiel- Nachmittagen ohne Beeinträchtigung des allgemeinen Turyunter- richts wenigstens an einigen Schulen Versuche zu machen» Abg. Müller-Sagan'(fr. Vp.)' tritt für Bewilliguiig von Mit- teln zu Exkursionen der Lehrer mit den Schülern in die freie Natur ein. Er hofft dabei gerade auf die Unterstützung derjenigen, die gegen die„Asphaltpolitiker", gegen die Asphaltmenschen über- Haupt Front machen. Das Kapitel„Höhere Lehranstalten" wird hierauf be- wi l l i g t. Es folgt das Kapitel„Elemlentarunterrichts- w e s e n". In Verbindung hiermit wird besprochen: 1. ein Antrag Schiffer(natl.) betreffend die Zulassung der Volks schullehrer zum Schöffenamt(Die Unterrichts- kommission beantragt Ablehnung dieses Antrages.); 2. ein Antrag Gottfchalk-Solingen(natl.) auf Vorlegung eines Gesetzentwurfes, durch welchen die Dauer der Schulpflicht in der ganzen Monarchie nach einheitlichen Gesichtspunkten ge- regelt wird unter Berücksichtigung berechtigter Sonderverhältniffe der einzelnen Landesteile, und in welchem ferner einheitliche Be- stimmungen über die Folgen der ungerechtfertigten Schulder- säumnis, die Voraussetzungen ihrer Strafbarkeit, den Kreis der verantwortlichen Personen, die Art und Höhe der Strafen und das Strafverfahren getroffen werden; I. Anträge der Abgg. v. Brandenstein und v. Kessel(k.). Cassel(fr. Vp.) und Dr. Pachnicke(fr. Bg.), betreffend stärkere Ausbildung und Heranziehung weiblicher Lehrkräfte für den Elementarunterricht und Vermehrung der staatlichen Lehrerinnen- seminare. Abg. Dr. Gottschalk(natl.) begründet seinen Antrag mit der Verschiedenartigkeit der auf dem Gebiete der Schulpflicht bestehen- den Bestimmungen. Ein Regirrnngskommissar betont die Schwierigkeiten, die einer gesetzlichen Regelung dieser Frage, zu der die Regierung an sich durchaus bereit sei, entgegenstehen. Abg. v. Brandcnstcin(k.) wünscht in der Begründung seines Antrages hauptsächlich Heranziehung vermehrter weiblicher Lehr- kräfte auf dem Lande. Die Mädchen vom Lande hätten gesunde Nerven und würden den Lehrerinnenberuf gut aushalten. Ein NegiernngSkommissar sagt wohlwollende Erwägung des Antrages zu und stellt fest, daß schon jetzt die Zahl der Lehrerinnen erheblich zugenommen habe. Abg. v. Kessel(k.) wendet sich gegen die Einführung des Uyter- richts in der Bürgerkunde in den Volksschulen. Die beanträgten neuen 12 Kreisschulinspektoren werden wir bewilligen, erwarten aber im nächsten Jahre eine bessere Begründung solcher Forde- rungen. Im allgemeinen können wir einen Vorzug der weltlichen Kreisschulmspektoren vor den geistlichen nicht anerkennen. Es kommt auf die Auswahl der Persönlichkeiten an.— Den Antrag Gottschalk, mit dessen Inhalt wir im allgemeinen einverstanden sind, beantragen wir der Unterrichtskommission zu überweisen. Abg. Dr. Hackenberg(natl.) hofft, daß daS Entgegenkommen der Regierung gegenüber dem Antrag der Rechten auf Vermehrung der Lehrerinnenseminare sich auch bei anderen Anträgen des Sauses zeigen werde. Lehrerseminare sollten vor allem in kleinen Orten mit reichem Hinterland errichtet werden.(Sehr gut! bei den Nationalliberalen.) Auch sollte man mehr Externate zulassen. Dringend notwendig ist eine wissenschaftliche systematische Durch- bildung der Seminarlehrer; die in Berlin veranstalteten Kurse genügen nicht. Lehrern, die ihre Tüchtigkeit dargetan haben, mutz der Zutritt gewährt werd'en zur Ilniversität, damit sie dort in be- stimmten Fächern sich wissenschaftlich ausbilden.(Sehr gut! links.) Wir haben gewiß ausgezeichnete Lehrpläne. In Süddeutschland geht man den umgekehrten Weg: man sucht sich zuerst die Per- sönlichkeiten, die imstande sind, gute Lehrpläne auch durchzuführen. Alan sollte in Preußen den zweiten Schritt nun bald nachholen. (Sehr gutl links.) Auch unseren VolkssckPIlehrern muh eine weitere Laufbahn eröffnet werden.(Bravo I bei den National- liberalen.) Abg. Heß(Z.): Unsere Volksschule steht durchweg auf der Höhe. Bürgerkunde wird schon längst an den Volksschulen erteilt. Als besonderes Unterrichtsfach ist sie dagegen überflüssig. Die Forderung des Herrn Hoffmann allerdings, daß auf der Volks- schule Gesetzeskunde gelehrt werde, entspricht seiner Oberflächlich» teit im allgemeinen. Ich verstehe nicht, weshalb gerade Herr Hoff- mann immer von den Sozialdemokraten beim Kultusetat zum Redner bestimmt wird. Ich nehme an, deshalb, weil die Rede eine» geistvollen und gebildeten Mannes, wie des Herrn Heimann, nicht so agitatorisch ausgenutzt werden könnte.(Lachen bei den Sozial- demokraten.) Den von Herrn Hoffmann gegen uns zitierten Kirchsteiner überlassen wir ihm gern. Das ist ein Mann, der wegen Sittlichkeitsverbrechen mit den Gerichten in Konflikt gekommen ist. Herr Tews. auf den sich Herr Hoffmann auch berief, ist ein auS- gesprochener Feind der christlichen Kirche. Seine Weltanschauung in allen Ehre», aber sie charakterisiert sich jedenfalls als radikaler und religiös.philosophischer Subjektivismus. Ich kann es daher nicht für möglich halten, daß der ganze deutsche Lehrerverein auf dem Standpunkt des Herrn Tews steht.(Sehr richtig I im Zentrum.) Schreibt doch Herr Tews: Der Religionsunterricht ist nicht dazu da. die Kinder zum Glauben an die Lehren einer be- stimmten Konfession zu erziehen, oder eine religiöse Weltanschau- ung bereits im Kinde hervorzurufen. Daher ist die Kirche nicht berufen, den Religionsunterricht in der Schule zu erteilen.(Sehr richtig I links.) Herr Tews steht durchaus aus dem Standpunkt der Bremer Lehrerschaft, und wir wissen, daß dies ein ausgesprochen religionsloser Standpunkt ist.(Widerspruch links. Sehr richtig! im Zentrum.) Der Erfolg des religionslosen Moralunterrichts in Frankreich ist bekanntlich ein miserables moralisches Niveau. (Oho l links.) Ministerialdirektor Dr. Schwartzkopff: Gegenüber dem Antrag Brandenstein bemerke ich. daß die Lehrerinnenseminare in den letzten Jahren um 100 Proz. vermehrt sind, die Lehrerseminare nur um 50 Proz. Das praktische Bedürfnis für die neuen Kreis- schulinspektorstellen ist aufs eingehendste geprüft worden, und das wird auch in bezug auf das Bedürfnis weiterer Stellen geschehen. Ausdrücklich Bürgerkunde kann natürlich in der Volksschule nicht gelehrt werden, aber über daS z. B., was zur Armee und zur Marine gehört, werden die Kinder innerhalb des Unterrichts orien- tiert. Die Frage der Seminarbildung ist in der Tat von aus- schlaggebendem Wert für unsere Volksschule. ES ist aber nicht richtig, daß wir zu viel Wert auf die Internate legen. ES sind in den letzten Jahren viel mehr Externate gegründet als Jnter- natc. Wenn wir einen Modus finden würden, das Vorwärts- kommen der Lehrer zu erleichtern, wäre es uns als Unterrichts- Verwaltung natürlich sehr erwünscht, aber es ergeben sich hier sehr viele Schwierigkeiten. Hierauf v e r t a g t das Haus die Weiterberatung auf Donners- tag 1t Uhr. Schluß Uhr._ Mkiicht auf die Unternehmer In der kelchzverilcherungzordnung. Daß die Regierung feit Jahren bestrebt ist. dem Unternehmer« tum, speziell der Großindustrie. Handlangerdienste zu leisten, ist durch Worte und Taten der verantwortilchen Minister bekannt. Aber immer offener treibt die Reaktion ihr Spiel. Kein Gesetz, welches nicht vorher von den Großindustriellen„begutachtet" worden ist, keine Vorlage der Regierung, die nicht zarte Rücksicht auf die Wünsche der Jndustriebarone nimmt. So erst wieder in der Berggesetzgebung, der Gewerbeordnungsnovelle und jetzt wieder im Entwurf der neuen Reichs-Versicherungsordnung. Während den Wünschen der Vertreter der Bersicherte», die man ja bekannt- lich auch„gehört" hatte, in gar keiner Beziehung Rechnung ge- tragen wurde, bemühte man sich im Ministerium aber auf alle Wünsche der Industriellen einzugehen. Nach der Begründung der Vorlage kann von einer Ver- kchmelzung der Verficherungsgcsetze deshalb keine Rede, sein, weil eben die Unternehmer dies nicht wollen. Denn es heißt da:„Eine Verschmelzung der einzelnen Versicherungszweige würde den Interessen der Arbeitgeber dann dienen, wenn damit eine Ver- Minderung der Gesamtkosten und eine Vereinfachung in der Art der Aufbringung erzielt werden könnte." Nun soll aber doch be- kanntlich die ganze Versicherungsgesetzgebung nur den Versicherien selbst dienen und nicht den Unternehmern. Unsere Regierung sucht aber überall sich den Wünschen der Unternehmer anzupassen. So auf dem Gebiete der Kranken- Versicherung. Bekanntlich haben auf der Reichskonferenz alle Vertreter der Arbeiter und auch die Arbeitgebervertreter der Ortskrankenkasseu geschlossen für die Beseitigung der überaus schädlichen Betriebs- und Jiuiuugskrnnkcnkassen gestimmt. Ja, die Vertreter der Hilfskassen erklärten sich sogar mit der Auflösung ihrer Kassenart einverstanden, wenn eine einheitliche Versicherung zustande käme, also wenn das Privileg der Unternehmer per- schwinden würde. Der neue Entwurf zeigt uns aber, daß keinem einzigen Wunsche der Versicherten, jedoch fast allen Wünschen der Unternehmer Rechnung getragen wurde. Im Entwurf heißt es über die Betriebskraiikenkassen:„Die bei loeitem wichtigste der Kassenarten, deren Beseitigung etwa erwogen werden könnte, sind die Betriebskrantenkaffen. Davon toaren im Jahre 1907 im Reichsgebiete 7914— 34 Proz. der vorhandenen Krankenversicherungseinrichtungen mit 3146 386 Mit- gliedern— 26,8 Proz. aller Versicherter— vorhanden." Leider, könnte man hinzufügen, und daß diese Kassenarten, wie der Ent- wurf hinzufügt, einen„sehr stattlichen Bruchteil sowohl der Kassen wie der Versicherten ausmachen", hat ebenfalls die Re- gierung zu verantworte». Sie will ja immer neue Kassenarten, genehmigt jede Zwergkasse und geht der Großindustrie mit gutem Beispiel ja voran, um die Zersplitterung zu vollenden. Neuer» dings läßt man es sogar zu, daß auch die Gemeinden ihre eigenen BetriebSkrankentassen errichten und so vorhandene Kassenarten direkt schädigen. Die Gemeinden können sich aber hierbei ruhig auf den Vater Staat berufen, welcher davon spricht, eine„einheitliche" Versicherungsgesetzgebung sei notwendig, aber alles auf- bietet, um dies in der Praxis zu verhindern. Da wird darauf hingewiesen, bei den Beratungen der ursprünglichen Krankenversicherung sei von der Mehrheit der Kommission damals anerkannt,„daß eine gut eingerichtete und geleitete Fabrikkrankenkasse die für die Arbeiter erwünschteste Siorm der Krankenversicherung sei". Vergessen wird zuzufügen, aß die Mehrzahl der Kommission nicht aus Arbeitervertretern bestand— es wurden die Arbeitcrvertreter damals überhaupt nicht zur Kommission zugelassen—, sondern Unternehmer waren es, die den. Instituten zur Knebelung der Arbeiter das höchste Loblied singen konnten. Ebenfalls hebt man hervor, daß auch damals er- wähnt worden sei,„daß um der Arbeiter willen ein erhebliche» Interesse an der Aufrechterhaltung dieser Kassen bestehe, mit denen bedeutende Kapitalien an angesammeltem Gelds und an mancherlei humanitären Einrichtungen verbunden feien". Man kennt ja die Weife und auch den Text schon längst, auch die„humanitären Ein- richtungen" der Krupp und Genossen. Es ist nur ein Wunder zu nennen, daß die Regierung dem längst gehegten Wunsche der Unternehmer nicht schon offener entgegengekommen ist— auch die„angesammelten Gelder", d. h. die hohen Reservefonds der Betriebskrankenkassen, welche doch bekanntlich zu zwei Dritteln von den Arbeitern selbst aufgebracht worden sind, zum Bau von „Arbeiterwohnungen", der sogenannten„Fabrikhäuser" der Unter» nehmer, verwenden zu lassen. ES wäre aber interessant zu er- fahren, wieviel„Hypotheken" die Großindustriellen zum Bau ihrer„Arbeiterwohnungen" aus dem Fonds ihrer Betriebskranken- kassen entnommen haben. Daß die Betriebskrankenkassen ihre Aufnahme in den Ver- sicherungskreis nicht zufälligen Umständen, sondern„einem tat- sächlich vorhandenen Bedürfnisse" zu verdanken haben", will die Regierung sehr naiv, um keinen anderen Ausdruck zu gebrauchen, damit begründen, daß ja die Betriebskrankenkassen selbst ihre Auf- lösung nicht wollten.„Wäre ein solches Bedürfnis jetzt nicht mehr vorhanden, so müßte dies in erster Linie von den an den Betriebs- krankenkassen beteiligten Unternehmern nnd Versicherten empfunden und zum Ausdruck gebracht werden. Anstatt dessen aber haben diese Kassen in großer Einmütigkeit und mit größten! Nachdruck jedem Versuch ihrer Beseitigung wiedersprochen.""Und daS genügt einer Regierung in Preußen. Wollte man die wirk- lichen Ansichten der Versicherten dieser Kassenart hören, so sollte man doch eine geheime Abstimmung unter denselben vornehmen lassen. Die Antwort würde vernichtend ausfallen. Der Unternehmer soll ja auch bekanntlich in Zukunft den Borsitz in der Betriebskrankenkasse führen, obfchon er auch nur die Hälfte der Beiträge zu zahlen hat. Das ist doch die größte Rücksicht auf den Geldsack und durch gar nichts begründet. Der Entwurf bemerkt:„Das Stimmenverhältnis der Versicherten ist bei den Betriebskrankenkassen das gleiche wie bei den Orts- krankenkassen." Ja, nach außen, in der Praxi? aber umgekehrt. Ter Unternehmer wirft ja die„Kritiker" einfach hinaus und schafft sich schon Ruhe im Betriebe, verhindert dadurch jede Re- form zugunsten der Versicherten, wenn er sie nicht haben will. Weiter heißt es nun:„Daß bei den Betriebskrankenkassen die persönliche Autorität des Unternehmers den eigenen Arbeitern gegenüber schwerer in die Wagschale fällt als bei den Ortskranken- lassen, ist nicht ausgeschloffen. Ein Mißbrauch der Arbeitgeber- autorität ist aber nirgends erwihsen."... Auf der Reichs- konferenz fei dies auch von den anwesenden Arbeitervertretern der Betriebskrankenkassen gar nicht behauptet worden. Dabei wußte die Regierung ganz genau, wie die„Wahlen" der Arbeiter- Vertreter zu dieser famosen Konferenz zustande gekommen sind, und trotzdem wagt man es, die Arbeiter gegen ihre LeidenSgenosscn auszuspielen. Hat der Minister aber nicht die Klagen der B:r- treter der OrtSkrankenkassen gehört? Ter Entwurf erklärt, daß nur die Vertreter der Ortskrankenkassen der Aufhebung der Be- triebskrankenkassen das Wort redeten, die in den„Kassenarten in gewissem Grade einen Konkurrenten erblicken".—„Ein Be- weis für die Minderwertigkeit der Betriebskrankenkassen liegt aber gewiß darin noch nicht."... Eine eigene Auffassung? Als beredter Anwalt der Betriebskrankenkassen spielt sich die Regierung in jeder Zeile der Begründung auf. Auch die ärztliche Untersuchung der Mitglieder der Betriebskrantenlasse vor ihrer Aufnahme in den Betrieb und die Kasse sucht die Re- gierung zu bemänteln und weiß nur die eigenen Ausreden der Unternehmer hierfür anzuwenden. Diese Zeilen könnten direkt von den Unternehmern geschrieben sein. Es sind ja ihre eigenen Worte. Warum will man jetzt den Hilfskassen die ärztliche Untersuchung vor der Aufnahme neuer Mitglieder gesetzlich unter- sagen, den Betriebskassen dies aber weiter gestatten? Man murmelt auch von„technischen Schwierigkeiten" usw. Aber selbst wenn man zugäbe, daß d,e Betriebskrankenkassen sich durch diese Untersuchungen mehr schützten, die anderen Kassenarten schädigen, so wäre dies noch lange kein Grund, die Betriebskrankenkassen zu beseitigen—„dies um so weniger, wenn man noch die Tatsache gebührend würdigt, daß die Betriebskrankenkassen ihren Mit- gliedern vielfach ausgiebigere Unterstützungen leisten, als die Ortskrankenkassen". Also wieder der alte Schwindel von der Mehrleistung der Betriebskrankenkassen, nur hätte die Regierung doch wenigstens selbständig diesem Unternehmerdiktat hinzufügen sollen: und das geschieht alles auf Kosten der OrtSkrankenkassen. Wenn man selbst einige Zeilen vorher zugeben muß, daß die Betriebskrankenkassen sich günstigere Ristken aussuchen können. Geradezu unvorsichtig war es aber von der Regierung, die weiteren Worte deS Unternehmerdiktates nachzuschreiben: „Tatsache ist aber, daß die Verwaltung der Ortskrankentassen in ungleich höherem Matze Anlatz zu Klagen gegeben hat als die der Betriebskrankenkassen, und daß auch der vorliegende Entwurf die Reformbedürstigkeit der ersteren als dringlich an- erkennt". Die durch nichts begründete Herabsetzung der OrtSkrankenkassen ist Unternchmerwerk, eine Antwort der- selben„auf den vorliegenden Entwurf", welcher erst den Industrie- baronen zur„gefl. Begutachtung" vorgelegt worden ist. Die- Re- gierung in der Rolle des dummen August, Das zeigt sich auch in der Begründung der Netten" Unfall- Versicherung im Buche III, welche mit sechs kümmerlichen Druck- seilen die ganzen Abänderungen zu erklären sucht. Und wahrlich, niehr war auch nicht nötig. Denn was verbessert wurde, ist nicht weit her. Sonst bleibt alles beim alten. Die Unternehmer be- setzen nach wie vor ganz allein die Vorstände und Entschädigungs- kommissionen der Berufsgenossenschaften, die Versicherten sind und bleiben ausgeschlossen. Das nennt man„Verbesserungen der Gesetze". Kein Wort im Entwurf über die berechtigten Forde- rungen der Versicherten, ivelche doch nach dem Ministerworte„ihre Knochen zu Markte tragen".... Ja, man verhöhnt sie noch, denn der Entwurf bemerkt auf Seite 5:„Für die Versicherten zu- nächst steht die Frage obenan, was ihnen die Versicherung ge- währt, mit anderen Worten der Umfang ihrer Leistungen". So sprechen ja auch immer die Industriellen, wenn sie von den recht- losen Arbeitern in Versammlungen darüber zur Rede gestellt werden: Was wollt ihr denn noch mehr? Die Hauptsache ist die Rente— Rechte habt ihr nicht zu fordern, weil ihr ja nicht zahlt. So stellt der ganze Entwurf sich, man mag welches Gebiet man will herausgreifen, als ein reines Diktat der Unternehmer und deren verwandten Bureaukraten heraus. ito Sachen ceuthner erhalten wir zwei Zuschriften. Unter der Ueberschrist:„Die Mitschuld des Revisionismus" schreibt uns Genosse Leuthner: Sehr geehrte Redaktion! Nicht zum Zwecke einer Polemik bitte ich um Raum,— denn das zur Erläuterung des umstnltenen Gedankens und zur Abwehr persönlicher Angriffe Nötige habe ich bereits in der demnächst er- scheinenden Nummer der„Sozialistischen Monatshefte" getan— sondern um von Dritten und Unbeteiligten eine Schuld abzuwehren, die, wenn sie eS überhaupt ist, auf mich allein fällt. Im„Vorwärts" wie auch in anderen Parteiorganen werden die Anschauungen, die ich nun seit bald vier Jahren bor der reichSdeutschen Oeffentlichkeit vertrete, als Ausströmung und Ausflug deS revisionistischen Geistes bezeichnet. Darin liegt jedoch ein völliger Irrtum, der— welche Ursprünge und Ursachen er auch sonst habe— zweifellos zum Teile auf unzureichender Kenntnis der Jdeenentwickelung innerhalb der derttsch-österreichischen Sozialdemokratie beruht. Für meine„nationalistischen Berirrungen und Exzesse" war der Revisionismus sicherlich nicht der„Nährboden", denn der Boden, auf dem ich als Sozialdemokrat erwachsen bin, ist Wien und hier gab es nie, noch gibt es heute etwas, das sich von ferne mit dem Revisionismus vergleichen liehe. Durch die Wahlrechtsbewegung bekam die Partei von vorneherein eine aus- schliegliche Richtung auf die praktische Politik; Kämpfe, Ent- scheidungen, Angriffe und Rückzüge in einem oft unglaublich schnell ablaufenden Geschehen nahmen alle Kräfte der Seele in An- spruch, gruppierten die Geister um konkrete Fragen und gaben den Gruppen des Für und Wider stets wechselnde Repräsentanten. Da keine dauernde Meinungsgruppen entstanden, fehlte für den Einzelnen Anlatz und Anreiz, seine gesamten Anschauungen unter die Kontrolle bestimmter und gegensätzlicher allgemeiner Gesichts- punkte zu bringen, das heißt mit anderen Worten alle die Vorgänge, die innerlich und äußerlich das Entstehen getrennter Richtungen be- gleiten, hat es in Wien nie gegeben. Es läßt sich das an den hervortretenden Persönlichkeiten am leichtesten deutlich machen. Zwei so markante Erscheinungen wie den bedeutendsten Politiker und den bedeutendsten Publizisten der deutsch- österreichischen Partei, Adler und Austerlitz, denen Arbeit und Talent ermöglichten. ihre Ideen reichlich in politischen Gestaltungen auszudrücken, die also in den schärfsten Umrissen bor jedermanns Auge treten, wird doch niemand, sei eS in das Fach der„Revisionisten", sei eS in das Fach der„Ortho- boxen" zu verweisen wagen. Und dasselbe gilt, um nur Wiener Namen und solche, die auch in Deutschland geläufig sind, zu nennen, in gleicher Weise von Perner st orfer, Seitz. Ellenbogen, Hueber und Schuhmeier, obwohl die Leistungen eines jeden von diesen einen deutlich erkennbaren Teil der dcutsch-österreichischen Parteigeschichte darstellen. Wenn sich nun auch Einzelne selbst als „Orthodoxe" und„Revistonisten" bezeichnen sollten, so müßte der Wert dieses Selbstzeugnisses wohl eingeschränkt werden. Die Deutsch- Oesterreicher fühlen sich, mag ihre Politik im anderen Staat auf anderen Wegen gehen, als Glied der großen deutschen sozialdemo- kratischen Bewegung und haben daher den Kampf der Geister in Deutsch- land in innerster Seele mit empfunden z nach Gemütsart, persönlichen Beziehungen, allgemeiner Geistesrichtung nahmen die einen dort, die anderen hier Partei. Allein eine solche Parteinahme nach Sym- pathien und Antipathien ist doch nicht vermögend, die Gedanken und HairdelSimpulse unter bestimmten leitenden Ideen zu ordnen; wir sehen denn vielfach Deutschösterreicher, die dem Radikalismus in Deutschland ihr Herz geschenkt haben, in ihren wirklichen Be- strebungen und Handlungen gerade die weniger radikale Note ein- halten und umgekehrt. Damit ist aber erwiesen, daß die Scheidung in eine revisionistische und radikale Denkrichwng in Oesterreich keine Statt hat. Ob jene Gruppe, die sich neuestenS um die Zeitschrift„Kampf" schart und zum erstenmal in Oesterreich einen betonten Marxismus pflegt, hierin eine Aenderung herbeiführen wird, muß der Zukunft überlassen werden. Einstloeilen ist ihr Einfluß schon wegen der kurzen Dauer der öffentlichen Wirksamkeit ihrer Vertreter noch eingeschränkt. Auch wäre eS die Frage, ob der Wiener Marxismus und die Verknüpfung von schmiegsamster theo- retischer Logik mit der schmiegsamsten praktischen Politik, die er darstellt, von seinem Berliner Namensbruder innerlich nicht ent- fernter absteht, als von den Heterodoxien, die mir zuschuld gegeben werden, und von denen ihn allerdings ein gefühlter und aus- gesprochener Gegensatz trennt. So viel was den Nährboden betrifft. Komme aber ich in Frage, und wir sind eben bei dem„Fall Leuthner', so ist noch zu bemerken, daß ich keinen Vertreter der revisionistischen Richtung je auch nur von Angesicht zu Angesicht gesehen habe, oder je einen Meinung?- austausch mit ihm hatte, und nur mit einem einzigen, dein Heraus- geber der„Sozialistischen Monatsheste" in brieflichem Berkehr stehe. In diesem einen Falle hoffe ich fteilich, daß fich ein Ver- hältniS herausgebildet hat, das mehr als Bekanntschast ist. Und wenn nun deshalb all der Zorn, den ich aufgeweckt habe, von vielen in vollen Schalen über die„Monatshefte" und ihren Heraus- geber ausgegossen wird, so wäre doch selbst von den Erregtesten dieses zu bedenken. Wir Parteiredalteure wissen wohl, was technisch die Schranken der von uns prinzipiell so hoch gestellten Freiheit der Meinungsäußerung sind, denn wir fühlen sie selbst am deutlichsten. Wir haben daS Amt der Meinung, aber es ist ein Amt und muß als solches verwaltet werden. Jene Zweifel, jene Abbicgungen deS MeinenS, jene Gärungen und Explosionen des Gedankens, in denen sich das Neue vorbereitet, können in offiziellen Parteiorganen nur> selten Raum finden. Die Flucht in Revuen nützt nicht viel, da uns doch bor allem daran liegt, zu den Arbeitern zu sprechen. Deshalb ist ein Organ— sozial- demokratisch und dennoch keiner Organisation offiziell per- pflichtet— schlechthin unentbehrlich und die wahre Freistatt des Gedankens. Da aber jeder Redakteur selbst erfahren hat, was bei Gelegenheit von Affären auf einen Herausgeber ans der Nähe und Feme kjeranstürmt, und daß diese Vorstellungen, Deschwörnngen, Hinweisungen auf ein angebliches Parteiintereffe die Gefahren der Redlichen sind, wie Geld und Ehre die Gefahren der Unredlichen: so sollten alle Parteischriftsteller, wie sie auch sonst denken, be- wiesener Widerstandsfähigkeit und Herzhaftigkeit Ehre zollen— und besonders die Revisionisten sollten es, die eher bereit sein werden, jener unabhängigen Zeitschrift den ihr zukommenden Rang im Parteileben einzuräumen. DaS sind denn meine auf eine Person beschränkten Person- lichen Beziehungen zum Revisionismus. Ich stehe nicht an zu sagen, daß der revisionistischen Bewegung große Verdienste um die Partei zukommen, daß sie selbst außerhalb Deutschlands das oft fast abgestumpfte Interesse für allgemeine Fragen bei Wider- strebenden wie bei Zustimmenden neu erweckt hat, und damit ein intensiveres geistiges Leben. Und ich füge bei, daß ich mich im be- sonderen jenen Richtungen innerhalb deS Revisionismus, die sich in den Namen Bloch, Schippe! und C a l w e r verkörpern, sympathisch nahe fühle. Aber wenn man'deshalb die in meinen Artikeln ausgesprochenen Ansichten etwa von der Schutzzollpolitik Schippels ableitet, muß man sie nur einer sehr flüchtigen Lektüre gewürdigt haben. Ein rein historisch orientiertes und ein wirtschaftstheoretisch gerichtetes Denken— diese Verschieden- heit der Grundtriebe schließt die gegenseitige Beein- flussung nahezu völlig aus. Kommt es zu lieberem- ftimmungen in manchen Ergebniffcn, so erklärt sie vielleicht der simple Grundsatz, daß die deutsche Arbeiterschaft in der äußeren Politik die Schicksake des Volksganzen teile, sie also zu Herzen nehmen müsse, aufs Einfachste. Ideen, wie ich sie heute vertrete, wurden vielmehr— in erster ungestalter Form— in unseren intimsten Erörterungen schon vor 14 Jahren von mir ausgesprochen, als daS. Jubiläum des deutsch-französischen Krieges sie veranlaßt hatte. Und weit verbreitet bei deutschen, tschechischen, polnischen, russischen Genossen habe ich die Anschauung gefunden, daß die besondere Stellung der reichSdeutschen Sozialdemokratie zur Idee der Nation— von feme etwa wie der preußische Parti- kularismuS der Konservativen oder die allzu heftigen österreichischen Sympathien des Zenttums oder der süddeutsche Partikularismus jeder Art— unüberwundener Ueberrest des Denkens aus der Zeit der staallichen Zersplitterung ist. Dabei ist eS selbstverständlich, daß dergleichen Gedankenresiduen von dem Sozialdemokraten, der sie in sich trägt, als sozialdemokratisch angesehen werden; nicht anders tut es z. B. der Wiener mit seinem sehr reichlich überlieferten Altösterreichertum des Empfindens. Mag also der„Vorwärts", der mit den Ansichten eines für fich stehenden Mannes zu polemisieren der Mühe nicht wert fände, in meinen Aasführungen den Ausdruck jener von vielen geteilten Meinung sehen, die auch in Deutschland ihre füllen Gläubigen hat: aber jedenfalls ist die Anklage gegen den Revisionismus schlechthin nicht anstecht zu erhalten. Damit jedoch keine neue Gruppe Mitschuldiger aufzutauchen scheine, so sei schnell beigefügt, daß mein Auftreten auch in Wien keine Billigung findet. Bei den einen nicht, weil sie— eine spezifisch österreichische Krankheit— alle Erörterungen allgemeiner Fragen, ja einige sogar jede ideelle Erhebung über praktische Matznahmen geringschätzen, bei andern, weil sie die Pflichten des Genossen mit den Pflichten deS Diplomaten verwechseln, bei den dritten und wohlwollenden, weil fie meine Bemühungen für vergeblich erachten. So bleibe ich auch nach dieser Seite, wenn eine Schuld überhaupt borliegt, der allein und einzig Schuldige. Mit sozialdemokratischem Gruß Karl Leuthner. Wir haben diese Zuschrift wiedergegeben, weil wir es für unsere Pflicht halten, dem Angegriffenen selbst dann das Wort zu geben, wenn seine Ausführungen unseres Erachtens nicht geeignet sind, dem von ihm verfolgten Zweck zu dienen. Bei Leuthners Zuschrift ist das in dem Maße der Fall, daß er eher die Behauptungen unsers Artikels bestätigt, denn entkräftet. Alles was er als Zeugnis gegen die Mit- schuld des Revisionismus anführt, beweist garnichts— weder die Tatsache, daß der Revisionismus in Oester- reich nicht bodenständig geworden ist, noch die andere, daß er— Leuthner— nur mit einem reichSdeutschen Revisionisten in Verkehr steht. Geistige Gemeinschaft ist auf solch grobe Mittel,»vie Leuthner sie als notwendige Voraussetzung hinstellen möchte, nicht angewiesen. Und für die gefftige Gemeinschaft zeugt die Zuschrift so deutlich— betont doch Leuthner seine geistige Verwandtschaft mit Calwer und Schippe! kräftig genug—. daß wir uns alle weiteren Be- merkungen ersparen können. Die zweite Zuschrift stammt vom Genossen Ed. David und ist„Zur Abwehr!" überschrieben. Sie lautet: ljn dem Leitartikel„Die Revision der Jnternatio. nalltät" wird der Versuch unternommen, die„Revisionisten" verantwortlich zu machen für den Leuthnerschen Aufsatz in den„Sozialistischen Monatsheften". Da ich zu den schlechten Kerlen gehöre, die man als„Revisionisten" zu bezeichnen pflegt, so glaube ich in Wahrnehmung berechtigter Interessen zü handeln, wenn ich gegen diesen Versuch einen entschiedenen Protest einlege. Wenn unsere politischen Gegner der sozialdemokratischen Partei die Verantwortung für die ungeschickte Aeußerung eines einzelnen Sozialdemokraten aufbürden, so weisen wir das mit Recht als eine schäbige, unehrliche Stampfesweife zurück. Dieses taktische Manöver wird aber nicht besser dadurch, daß es bei Meinungskämpfen innerhalb der eigenen Partei angewandt wird, um die Parteigenossen der anderen„Richtung" unterzukriegen. Die Artikel in den„Sozialistischen Monatsheften" werden sämtlich mit Namen gezeichnet. Die Verfasser übernehmen dadurch vor aller Welt persönlich die Verantwortung für ihre Aufsätze und jedermann weiß, an wen er sich zu halten hat. Keiner dieser Artikel wird vorher irgendeiner„revisionistischen" autoritativen Instanz— die es überhaupt nicht gibt— zur Begutachtung vorgelegt, und niemand hat Einfluß auf die Redaktion der Zeitschrift. Mit welchem Recht belastet man also eine unter dem Etikett „Revisionismus" zusammengefaßte Vielheit von Parteigenossen mit einer kollektiven Verantwortung für jeden dort erscheinenden Artikel? Im vorliegenden Fall ist dieses Verfahren um so ungehöriger. als der Leuthnersche Artikel nicht etwa nur gegen die„radikalen", sondern im gleichen Maße, wenn nicht noch mehr, gegen die„rcvisio- nistischen" Parteiblätter gerichtet war; und gerade von„revisio- nistifcher" Seite—„revisionistisch" immer im Sinne des„Por- wärts"— zuerst zurückgewiesen wurde. Der Verfasser des„VorwärtS"-Artikels scheint selbst die Schwäche der persönlichen Unterlage seines Angriffs gegen den „Revisionismus" zu fühlen. Er meint, es lohnte sich nicht gegen Leuthner zu polemisieren, wenn dieser nur ein Mann für sich allein wäre. So konstruiert er sich denn eine theoretische Be- gründung für seine Anklage gegen die ihm verhaßte„Richtung". „Leuthncrs Eigenart", sagt er,„besteht lediglich darin, daß er in der Stellung zu nationalen Fragen die letzten Schritte schon getan hat. die den übrigen seiner Richtung zu tun noch übrig sind." Dafür werden dann auch Acutzerungen italienischer Reformisten als Beweismaterial herangeschleppt. Merkwürdigerweise scheint dem Leitartikler des„Vorwärts" das Verhalten Hyndmans, des Führers der„Social-Demo- kratic Party" ganz entgangen zu sein. War es nicht dieser offizielle Verlrete? der streng marxistischen Richtung innerhalb der eng- lischen Arbeiterbewegung, der in das Geschrei der englischen Chauoi- nisten über die Gefahr einer deutschen Invasion einstimmte und dadurch den Striegshetzern seines Landes hochwillkommene Helfers- dienste leistete? Was würde der„Vorwärts" sagen, wenn wir daraus den Schluß zögen, das Verhalten Hyndmans sei nur die letzte logische Konsequenz der weltpolitischen Aeußcrungen der „radikalen Richtung". Derselbe hochorthodoxe Marxist Hhndman treibt übrigens auch den englischen Imperialisten Wind in die Segel durch seinen Kampf gegen den„Freihand elsschwiudel". Er ist also Leuthner und Schippel in einer Person. Angesichts dieses natin- nalistischen und schutzzöllnerischen„radikalen" Parteiführers sollte uns der„Vorwärts" mit seiner windigen Beweisführung gegen den„Revisionismus" wirklich vom Leibe bleiben. Noch ein weiteres amüsantes Beispiel von einseitigster Richtungsblindheit leistet sich der„radikale" Leitartikler. Während er stirnrunzelnd Schippels günstiges Urteil über die deutsche Politik in dem österreichisch-serbischen Konflikt als weiteres Moment für die nationalistische Entartung des„Revisionismus" registriert, vergißt er zu erwähnen, daß auch— L e d e b o u r die Politik Bülows in dieser Sache ausdrücklich gebilligt hat. Vielleicht liest der. Genosse im„Vorwärts" mal den stenographlscheu Bericht über die Rcichstagsverhandluug vom 29. März d. I. nach. Zum Schluß aber möchte ich noch eine Frage seinem Nach- denken empfehlen. Glaubt er der Partei dadurch zu nützen, daß er Leuthners nationalistische oder Schippels zollpolitische An- schauungen dem„Revisionismus" aufs Konto setzt? Die„revisio- nistische" Richtung ist kein unbeträchtlicher Teil der Partei, und wenn der Anschein erweckt wird, daß alle oder doch viele„Revisio- nisten" jene Anschauungen teilen, so erhalten diese dadurch eine Bedeutung, die sie als Absonderlichkeiten vereinzelter Personen nicht haben. Daß damit unseren Gegnern das Geschäft erleichtert wird, diese gegen uns auszuschlachten, liegt auf der Hand. Der„Vorwärts" sollte sich darüber freuen, daß weder inbezug auf unsere internationale Politik noch hinsichtlich unserer Wirt- schaftspolitischen Haltung seither ernstliche Meinungsgegensatzc zwischen den beiden Richtungen in der Partei zutage getreten sind. Diese Einheitlichkeit und Geschlossenheit der Sozialdemokratie zu betonen, liegt im wohlverstandenen Interesse unserer Bewegung. Statt dessen stellt es der„Borlvärts" so hin, als ob ein starker Bruchteil der Partei in diesen hochwichtigen Fragen andere Wege wandle. Das ist eine seltsame Auffassung von den Aufgaben eines „Zentralorgans der sozialdemokratischen Partei". Eduard David, Die Abwehr des Genossen David hat zwei Glanzpunkte — die Hinweise auf H y n d m a n und L e d e b o u r, die beiden Radikalen, die derselben Sünden bloß sein sollen wie Leuthner und Schippel. Indes diese beiden glänzendsten Argumente Davids sind nur Blender, die einer ernsthaften Untersuchung nicht stand halten. Der Fall Hhndman beweist nichts gegen den Marxismus. Nur unter Davids flinken Fingern ist Hhndman als„hoch- orthodoxer Marxist" zu frisieren. In Wirklichkeit hat er auf diese Bezeichnung gar keinen Anspruch. David braucht es allerdings nicht bekannt zu sein, daß Hhndman so wenig orthodoxer Marxist ist, daß er die Griumdlage des marxistischen Systems, die materialistische G e- schi ch t s au f f a s s un g nicht anerkennt! Wie Engels über diesen Mann gedacht hat, den David dem Marxis- nms aufs Konto setzen will, das ist in seinem Briefwechsel niit Sorge deutlich zu lesen! Vielleicht entschließt sich David einmal dazu. Selbstverständlich ist an Hydmans Argumen- tation für die Notwendigkeit verstärkter Rüstung Englands nichts, was aus dem Marxisrnus stammt. Und deshalb würde David bei allen Wissenden lediglich mitleidiges Gelächter erregen, wenn er den Schluß ziehen wollte,„das Verhalten Hyndmans sei nur die letzte logische Konsequenz der weit- politischen Aeußerungen der„radikalen Richtung"." Es steht in schroffem Gegensatz dazu. Uebrigens erfordert die Gerechtigkeit denn doch, festzustellen, daß Hhndman mit Leuthner noch keineswegs gleichzusetzen ist. In Hyndmans Aeußerungen wird David vergeblich nach solchen verstiegenen nationalistischen Gedanken fahnden, aus denen sich Leuthners Artikel aufbauen. Hhndman ist so wenig Imperialist, so wenig Vertreter der auswärtigen Politik Englands, daß er einer der grimmigsten und bestorientierten Bekämpfer der englischen Herrschaft in Indien ist! Eine arge Frisur der Tatsachen erlaubt sich David, wenn er Hyndman mit Schippel in eine Reihe stellt. Die Agita- tion Hyndmans gegen den„Freihandelsschwindel" hat mit Billigung schutzzöllnerischer Bestre- bungen nichts, aber auch gar nichts gemein! San- dern sie wendet sich lediglich gegen die Uebertreibungcn der Freihändler, die den Freihandel als aller Uebel Heil- mittel anpmsen und die Arbeiter darüber hinwegtäuschen möchten, daß sie darüber hinaus Forderungen zu stellen haben. Nicht besser, als die Gleichstellung Hyndmans mit Schippel, ist der Versuch, das von uns aufgespießte begeisterte Lob der deutschen Auslandspolitik durch Schippel mit den Erklärungen gleichzusetzen, die Genosse L e d e b o u r in der Reichstagssitzung vom 29. März zur Haltung der deutschen Regierung im serbisch-österreichischen Konflikt abgegeben hat. David kennt das Stenogramm dieser Rede, und er weiß daher, daß Ledebour lediglich sehr nüchtern festgestellt hat, daß die Sozialdemokratie„in dieser Beziehung im großen und ganzen einverstanden ist mit der deutschen Reichs- regierung". Daß das ganz etwas anderes ist, als die glühend-begeisterte Bewunderung, die Schippel in den „Sozialistischen Monatsheften" vor der auswärtigen Politik Bülows im reinsten Offiziösenstil ausströmte, das kanil auch David fassen, sofern er die„Richtungsblindheit" abschüttelt. Wir haben, wie unser Artikel ausweist, nicht alle Revi- sionisten für die nationalistischen Exzesse Leuthncrs verant- wortlich gemacht. Aber mit vollem Recht haben wir be- hauptet, daß der Revisionismus der Nährboden ist, auf dem neben so vielen anderen Geivächsen auch der Nationalismus Wurzeln schlaaen kann. Wie sehr der Revisionismus dazu geeignet ist, das zeigt besonders deutlich die Häufung nationalistischer Entgleisungen in Italien, auf die David freilich vorsichtigcrweise nicht eingeht. Den Aufgabe!� eines Zeittralor�ans der sozialdemokrati- scheu Partei glauben wir durch Aufdecken dessen was ist, besser zu dienen, als durch Vertuschen. Unsere Gegner, die ja nicht über die„einseitige Richtungsblindheit" Davids verfügen, werden deshalb nicht glauben, daß„ein starker Bruchteil der Partei" den Leuthner, Schippel und Calwer folgt! Ms der frauenbe�egung. Versammlnugen— Veranstaltungen. Hausangestellte. Donnerstag, den S. Mai, abends d>/z Uhr: Versa mnflung in ZemterS Festsälen, Kommandantenstr. ti2. Vortrag über:„Zähne und Zahnpflege" von Frl. Oswald. Zahlreiches Erscheinen erwünscht. Danziger Straße 98, HeVII&(Soidsciiraiidt Pappel-Allee I u. 2. In unserer Wirtschafts-Abteilung: PM Augen auf! 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Holzarbeiter »Segen Streik und Differenzen find gesperrt: sür Tischler, Polierer und Ma- schinenarbeiter Möbelfabrik Saatfeld in Helmstedt. Gleichzeitig ersuche» wir die Kollegen aller Branchen der Holz- indusirie die VerinittelungSbureaus Blankenfeldestr. 4� u. Ausbacher- strafte Iii streng zu meiden. Diese Bureaus bemühen sich. Arbeitswillige nach Helmstedt anzuwerben. Ferner gesperrt: Biuittschtmi Schirmer, Zossener- straße 41b. Bau- und Möbeltischlerei Bröse u. Klingmüller, Rixdors, Elseu- straße 106/107. MöbeltischlereiMosel, Mariannen- straße 31. Für Klavierarbeiter gesperrt: Otto Marquardt u. Co.. Berlin, Wcberstr. 13, siir alle in Frage kommenden Branchen. Für Kistenmacher: Kistenfabrik DrechsleS, Heiners- dorser Straße 15. Für Korbmacher: Roesemann, Schreinerstraße 22; Hnhie, Friedrich- Karl-Straße 3. Für Rahmenmacher und Po- Iterer: Otto Mathes, Rilterstr. 75. 83/4» Die Ortsverwaltuug. Stnlilüiti'iirfl Gesperrt wegen Maßregelung der Kollege», die dort den Toris verlangten, ist die Firma Aug. Pinken- stet», Baumjchulenweg. Bau Mengden u. Voß, Schöneberg, Münchener Ecke Westarpsttaße. Wegen MaiseicranSspcrrung: Firma Trommer u. Co., Steglitz. Bau Steglitz, Mittelstraßc. Bau Dir. Decker, Kaiscralle Ecke Orlrudstraße. Bau Cavi, Charlotieuburg, Droyscn- straße. Bau Bartsch, Rummelsburg, Revaler Straße. Bau Hertel, Süd- ende, HalSkestraße. Bau Kaiser« dämm 100. Firma Eckert, Schwerinstraße. Sämtliche Bauten dieser Firma in Berlin sowie Nordseebad Borkum, Hotel Kaiserhof. Die S p c r r c über die Firma Caspary, Lniscnstraße, ist er- i c d i g t, da Herr Casvary sich be< reit erklärt hat, sämtliche Gcuiaß- regelten sofort wieder ein- z u st c l l e n. 173/17» Die Ortsverwaltung. oorzeiger vergüte Fahrgeld. 2034K» preiswert(sreqenyagenerilraße oa. rung i«i. icoost»»»--c,»»,»»»-», fyiaaijuii»» w»., im it.-f-c Lerantwortl. Redakteur: Carl Wrpmpth, Berlin-Rixdorf. Für den Inseratenteil vercmtw.: Th, Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt« Buchdruckerei u.Berlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW. Nr. 104. 26. ZahrMg. 2. KtilU Ks J Donnrrstag, 6. Mai lW9. Partei-?Zngelegenkeiten. Charlottenburg. Der Leseabend für die 1. und 2. Gruppe findet heute �Donnerstag) abend e r st u m 9 U h r bei Schwanke. Nehring- straste 2, statt. Der Vorstand. Groß- Lichterfclde. Am Sonntag, den 9. Mai, findet im Ort eine Flugblattverbreitung statt. Die Parteigenossen wollen sich zahlreich hieran beteiligen.— Am Dienstag, den 11. Mai, abends 8 Uhr, spricht die Genossin Luise Z i e tz im.Kaiserhof" über:»Die Frau im politischen Kampfe". Für regen Besuch dieser öffentlichen Versammlung gilt es eifrig zu agitieren. Pankow. Generalversammlung des sozialdemokratischen Wahl- Vereins sBezirk Pankow) am Freitag, 7. Mai, abends prä- zise 8 Vz Uhr, bei Großkurt, Berliner Str. 27. Tages- ordnung: 1. Sitnationsbericht der Bezirksleitung. 2. Wahl der AgitationS- und Lokalkommission, der Revisoren und einer Vertreterin in der Bezirksleitung. 3. Wahl der Zeuungskonimisjion. 4. Wahl der Delegierten zur Kreisgeneralversammlung am 8. Mai.— Da die Versammlung pünttlich eröffnet wird, ersucht um rechtzeitiges Erscheinen_ Die Bezirksleitung. Berliner I�acdricdten. Wie„gefallene" Mädchen drangsaliert werden. Sie hatte Pech gehabt, die Dreiundzwanzigjährige. Die Wirtschaft war besorgt, natürlich auf Abzahlung, auch das Nest gemietet und das Aufgebot bestellt, aber wenige Tage vor dem bedeutungsvollen Akt, den der Gesetzgeber nun mal verlangt zur äußeren Anerkennung geschlechtlicher Menschen- liebe, hatte ihr der Verführer das Ehebett vor die Tür gesetzt. Drei Monate später flog der Klapperstorch ins Haus, und von nun an war sie nach dem Vaterunser der gottlichen Welt- ordnung eine„Gefallene". Ob sie es ebenso hart empfand, das Gewäsch und Gegcifer all der kleinen und großen Sünder, die mit Fingern auf sie zeigten? Nein, noch stolzer wie früher trug sie das Haupt, den Lästerzungen zum Trotz. Ihr war nichts weiter vorzuwerfen als grenzenlose, vertrauende, be- trogene Liebe. Aber mit dein zappelnden Menschlein, das sein Vater verleugnete, hatte Freund Adebar auch die Sorge durch den Schornstein geworfen. Für sich selbst schaffte und rackste sie von jeher— für das Kind, das ihr beim Erwerb eine Last war, wollte es bald nicht mehr reichen. Ihr Liebespfand der Waisenverwaltung ausliefern, in die Hauspflege unbe- kannter Menschen, die ein Geschäft daraus machen? Nein, dazu hatte sie den Jungen zu lieb. Sie war zu stolz auch zum Bitten und Betteln. Doch als die Milch knapp wurde und Krankheit sich einstellte, siegte die Not über den Stolz. So bekam sie zum ersten Male mit dem Armenvorsteher zu tun, trotz gutsituierter Verwandter, die die„Gefallene" im Elend sitzen ließen. Die Armenkommission bewilligte monatlich zehn Mark und sagte noch die Hälfte mehr zu. wenn das Kind in Privatpflege käme. Damit war der Kanossagang noch nicht erledigt. Noch dreimal in sechs Wochen stellten sich Rechercheure der Armenkommission ein. die sich alle in dem merkwürdigen »Glauben zu befinden schienen, daß das Mädchen, welches ein kleines offenes Geschäft betreibt und durchaus anständig ist, „nebenbei" einen unmoralischen Lebenswandel führt. Direkt gesagt haben die Herren das zwar nicht, aber es gibt auch Blicke und ungesprochene Worte, die man nur nach einer be- stimmten Richtung hin deuten kann. Das Interesse für die junge Mutter war mit einem Male außerordentlich und auf- fallend stark erwacht. Man gab ihr billige Lehren, wie sie das Kind zu halten habe, und wenn sie das alles befolgt hatte, würden zwanzig und dreißig Mark Armenunterstützung kaum gelangt haben. Ja, der eine recherchierende Ehrenbeamte klopfte direkt auf den Busch und wollte dem Mädchen partout einreden, daß es spät abends noch fortgeht, während es froh ist, nach des Tages Last und Mühe ins Bett krauchen zu können, wo die verlassene Mutter sich mit ihrem Kinde um die Wette ausweint. Was die Armenkommission großmütig gibt, macht sie eben wahrhaftig nicht leicht. Aber der Kelch des nach außen hin freilich nicht sichtbaren Leids und die Zahl der interessierten Besucher ging noch weiter. Da kam der wahr- scheinlich vom Standesamt unterrichtete Pastor und drängelte, das Kind taufen zu lassen. Auch ein anderer„frommer Mann", von irgendeinem Verein, jedenfalls nicht gerufen und nicht gewünscht, fand sich ein mit salbungsvollen, schleimigen Ratschlägen.„Die junge Mutter solle nur recht an Gott glauben und viel in die Kirche gehen, dann werde alles sich zum besten wenden." Das sind ja so die Gemeinplätzchen dieser sonderbaren Heiligen, die kein Verständnis dafür haben, daß vom Boten der Magen nicht voll wird. Wir haben hier an der Hand von Tatsachen einen charak- teristischen Fall skizziert. Aebnlich liegen tausend andere. Wer in solcher Notlage nicht praktisch helfen will, wie Gottesstell- Vertreter und seine Nachbeter, der soll die„Gefallene" in Ruhe lassen. Und wenn die Herrschaften von der Armenkommission nicht ausreichend helfen, und zudem den traurigen Mut haben, solch ein armes Mädchen, das ehrlich um seine Existenz ringt. moralisch zu verdächtigen, so fassen sie ihre Aufgabe herzlich schlecht auf. Unsere Ehrenbeamten in der Armenverwaltung würden beliebter sein beim Publikum, wenn sie nicht in jedem Unterstützungssuchenden einen Betrüger und moralisch Un- würdigen vermuten wollten. Aus dieser Meinung ohne Be- weise kein Hehl zu nmchen, haben sie nicht das mindeste Recht. Gerade solche verführten und betrogenen Mädchen wollen be- sonders zartfühlend behandelt sein, damit sie nicht durch Not auf den Weg der Schande getrieben werden. Zut Berfrommung der Sonntligsmisflügler. In der vorigen Woche berichteten wir über einen jener»Brüder in Christo", die an den Sonntagen den AuSflüglern nachgehen, um ihnen ihre Er- bauungstraktätchen in die Hände zu drücken. Wir teilten mit, daß am vorhergehenden Sonntag von uns auf dem Görlitzer Bahnhof ein Traitätchenverteiler beobachtet worden sei, der dreist und gottes- fürchtig fich w dem Vorraum des Bahnhofe? aufstellte, den hereinkommenden AuSflüglern in den Weg trat und jedem ein Blättchen überreichte. Da der Mann das ohne Scheu vor den Augen der Beamten getrieben hatte, so warfen wir die Frage auf. ob die Eisenbahndirektion Berlin jetzt— im Gegensatz zu einer früher einmal von ihr abgegebenen Erklärung— die mit der Verteilung von Traktätchen betrauten Per- sonen auf elfenbahnfiSkalifchem Gebiete in ihrem heiligen Eifer nicht stören zu dürfen glaube. Die Eisenbahndirektion Berlin, die von allen sie betreffenden Veröffentlichungen des»Vorwärts' Kenntnis nimmt und sofort mit berichtigenden Gegenäußerungcn kommt, wenn fi« etwas berichtigen > zu können meint, hat bisher sich nicht veranlaßt gefühlt, auf I unsere Notiz über die Traktätchenverteilerei zu antworten. Sie scheint aber auch nicht angeordnet zu haben, daß auf dem Görlitzer Bahnhof dem Verteiler künftig untersagt werde, im Bahnhofsgebäude selber umherzustehen und den Ausflüglern seine Blättchen aufzudrängen. Am letzten Sonntag konnten wir auf dem Görlitzer Bahnhof wiederum beobachten, wie dort im Bahnhofsgebäude die Traktätchenvertreiberei betrieben wurde. Dies- mal hatte der Mann, der den der Kirchs entfremdeten Aus- flüglern das gedruckte„GottcSwort" nachtragen sollte, sich noch weiter vorgewagt und sogar auf den Ouerperron in nächster Nähe der Kontrollschrauke Aufstellung genommen. Wieder wurde er, solange wir ihm zusahen, von keinem der Beamten in seiner Tätigkeit ge- hindert. Da muß man in der Tat annehmen, daß die Eisen- bahndirektion Berlin von irgendwoher den Wink erhalten hat, fortan die Versuche zur Berfrommung der Sonntagsausflügler möglich st zu erleichtern. Ob sie selber viel Erfolg davon erwartet? Die Hilfe, die sie da leisten muß, ist„verlorene Liebesmüh". Die Sonntagsausflügler sind der- ständig genug, nicht nur die Kirchen den vereinsamten Pastoren zu überlassen, fondern auch auf der Eisenbahn die Erbauungstraktätchen «ngelesen znin Fenster hinauszuwerfen. Die Ferienkolonien für Berlin erfahren in diesem Jahre eine Umgestaltung. Bisher war unter- schieden worden in Vollkolonien und Halbkolonien, von nun an wird es aber nur noch Vollkolonien geben. Zuweisung von Kindern an eine Vollkolouie bedeutete Unterbringung außerhalb Berlins in Sommerfrischen oder Badeorten der Seelüfte oder des Gebirges, Zuweisung an eine Halbkolonie bedeutete nur tägliche Hinausführung der Kinder in die nächste Umgebung Berlins.' Die Halbkolonien werden aufgegeben, weil seit einigen Jahren die Stadtgemeinde Berlin auf ihren eigenen Gütern tägliche Ferienspiele veranstaltet, die Besseres bieten, als die Halb- kolonien bieten konnten. Um die Beseitigung der Halbkolonien an- nehmbarer zu machen, wird jetzt darauf hingewiesen, daß ihr ge- sundheitlicher Nutzen nur mäßig gewesen sei. Das wurde in der Mitgliederversammlung des„Vereins für Ferienkolonien" hervor- gehöben von einem Arzt, der Kinder aus Halbkolonien daraufhin untersucht hat. Auch der erziehliche Gewinn, auf den bei den Ferienkolonien von den Veranstaltern großes Ge- wicht gelegt wird, soll bei den Halbtagsspaziergängen zu wünschen übrig gelassen haben. Trotzdem scheint man doch nicht ganz leichten Herzens an den Verzicht auf diesen Notbehelf heran- gegangen zu sein. Der Hauptwert des Notbehelfs der Halbkolonien bestand wohl darin, daß man Eltern solcher Kinder, die der Auf- nähme in eine Vollkolonie bedursten, aber aus Mangel an Mitteln zurückgewiesen werden mußten, durch Einreihung dieser Kinder wenigstens in eine Halbkolonie beschwichtigen konnte. Das mußte sehr oft sogar bei Kindern gemacht werden, für die herunter- suchende Arzt die Entsendung in eine Vollkolonie als unbedingt nötig bezeichnet hatte. Selbstverständlich ist solchen Kindern auch mit der Beteiligung an den Ferienspielen auf den Gütern Berlins keineswegs schon aus- reichend geholfen. Der„Verein für Ferienkolonien" wird daher durch die von der Stadt veranstalteten Spiele nicht der Notwendig- keit überhoben, seine Vollkolonien möglichst zu erweitern. Durch die Halbkolonien ließ das minder kundige Publikum sich täuschen über die Leistungen des Vereins. Da würden die großen Zahlen hingenommen, ohne zu beachten, wie viele der Kinder nur in Halbkolonien hinausgeführt worden waren, und ohne zu ahnen. wie viele der nur in Halbkolonien hinausgeführten Kinder zu krank waren, um einen merklichen Gewinn davon zu haben. Wenn es jetzt nur noch Vollkolonien geben soll, so wird man künftig klarer sehen, was geleistet wird. Auf eine nennenswerte Vermehrung der Vollkolonien ist freilich einstweilen nicht zu rechnen. Die alte Klage, daß die Mittel fehlen, wurde in der Mitgliederversammlung lauter als je erhoben. Alles Mögliche wurde da als Ursache an- geführt: die Zeiten seien eben jetzt zu schlecht, auch sei den Ferien- kolonien allmählich der Reiz der Neuheit verloren gegangen, viel- leicht werde auch die Sammelei nicht immer geschickt genug be- trieben, und so weiter. Wir möchten hier noch eine Ursache nennen, die wir dem Vorstand des Vereins zur Beachtung empfehlen. Wenn im Rathause sozialdemokratische Stadtverordnete die Stadt- gemeinde hinweisen auf die Gemeindepflicht, solche Auf- gaben zu übernehmen, dann pflegen die Wortführer des Freisinns zu erwidern, das müsse Sache der Privat Wohltätigkeit bleiben, und die reiche aus. Die immer wiederholte, der Wahrheit widersprechende Versicherung, daß die Privatwohltätigkcil ausreiche, kann nur dazu führen, daß der Privatwohllätigkeit, der angeblich ansreichenden, die Mittel immer spärlicher zufließen, so daß sie immer wieder noch weniger als bisher ausreicht. Der Vorsitzende des„Vereins für Ferienkolonien", Stadtrat Selberg, sollte einmal im Magistrat seinen Kollegen vom Schlage eines Stadtrat Fischbeck klar zu machen suchen, wie wenig die Privatwohltätigkeit ausreicht. Und abermals: die Amtsräume der Armenvorsteher. Was für Räume Armenvorstehern manchmal als gut genug erscheinen, um in ihnen die Armen zu empfangen und abzufertigen, das haben wir in der letzten Zeit mehrfach an Beispielen gezeigt. Da hatte dem Armenvorsteher Gemeindeschullehrer Krienelke(Thaerstraße 23) der Korridor seiner Wohnung als Empfangsraum gedient, da war von dem Armenvorsteher Schanklvirt Samulowitz(Kleine Hamburger Straße 1ö) die hintere Hälfte seines Gastzimmers zur Verhandlung mit Armen benutzt worden, da waren bei dem Armenvorsteher Kauf- mann Müller(Sophierlstr. 7) die Armen genötigt worden, in dem Vorraum seines offenen Ladengeschäftes mit sich verhandeln zu lassen. Kürz- lich sagten wir, es sei ungewiß, wie die A r m e n d i r e k t i o n selber gegenwärtig über den Begriff.Amtsraum des Armenvorstehers" sowie über den Zweck der jedem Armenvorsteher gezahlten Ver- gütung von jährlich 300 M. denke. Heute glauben wir wenigstens das zu wissen, wie ungefähr sie sich den„Amtsraum" vorstellt. Auf Hergabe eines besonderen Zimmers scheint sie nicht bestehen zu wollen. Sie hat, so vermuten wir, nichts dagegen ein- zuwenden, daß, wie gesagt, von dem Schankwirt Sa- mulowitz die hintere Hälfte seines Gastzimmers und von dem Kaufmann Müller der Vorraum seines Ladengeschäftes zur Ab- fertigung Armer benutzt wurde. Hielte sie das für ungehörig, so würde sie wahrscheinlich sofort bei den betreffenden Armen- Vorstehern aus gründliche Aenderung gedrungen haben, als vor nun vier Wochen diese Zustände im„Vorwärts" geschildert wurden. Selbstverständlich sind der Armendircktion unsere Feststellungen nicht unbekannt geblieben, aber geändert hat sich seitdem nur wenig. Zu Beginn des Monats Mai wurden bei dem einen dieser beiden Vorsteher die Armen in genau derselben Weise empfangen, wie wir eS Anfang April beobachtet hatten, und bei dem anderen war nur in einem Punkte etwas gebessert worden. Beim Schankwirt Samulowitz mußten die Armen wieder von der Straße in die Schankwirtschaft hineingehen, um sich von dem Herrn Vorsteher abfertigen zu lassen. Nur die Rücksicht wurde diesmal von dem Herrn Vorsteher geübt, daß ein Vorhang, durch den die vordere Hälfte des Gastzimmers gegen die hintere abgeschlossen werden kann, zugezogen wurde. Der Kaufmann Müller hatte alles beim Mcn gelassen. In seinem Ladengeschäft, das auf dem Hof im Ouergcbäude untergebracht ist, saß unmittelbar an der Tür der Herr Müller und verhandelte mit den Armen, die der Reihe nach zu ihm hereiutraten. Draußen standen die anderen auf dem Hofe umher und warteten, bis auch sie herankamen. Durch die Glasscheiben der Tür, hinter der der Herr Vorsteher seines Amtes waltete, konnte man ihn sogar von der Straße auS über den Hof hinweg bemerken und ihm zuschauen. Bezüglich des Armen- Vorstehers Gemeindeschullehrers Krienelke ist in dem bekannten Prozeß festgestellt worden, daß ihm der Korridor als Empfangs- räum für Anne gedient hatte. Wo er jetzt die zu ihm kommenden Armen empfängt und abfertigt, das entzieht sich unserer Kenntnis. Nach einer Erklärung, die er vor Gericht abgab, muß man an- nehmen, daß der Armendirektion auch die Abfertigung auf dem Korridor nicht als ungehörig gilt. Ermäßigte Einwittskarten für die Ausstellung der Sczessio», an allen Tagen gültig, Preis 25 Pf. statt 1 M., können an Arbeiter- organisationen durch das Bureau des G e w e r k s ch a f t s h a u s e S bezogen werden. Einzelne Karten werden gegen Vorzeigung des Mitgliedsbuches im Zigarrengeschäft von Harsch, Gewcrkschaftshaus. ausgegeben._ 260 000 M. Wertzuwachs in zwei Jahren. Unter der Rubrik:.Grundstücksverkauf" lesen wir in einem Blatte folgende Notiz: „Das Grundstück Französischestr. 52, zirka 28 Ouadratruten groß, ist letzten Sonnabend in den Besitz des Münchener Bier- brauers Pschorr übergegangen. Ihm gehören bereits die Nachbar- gruudstücke Nr. 50—51, welche in Verbindung mit dem großen Eckhaus Friedrichstraße und Behrenstraße stehen. Der Ankauf diem also zur Arrondierung des Besitzes, und nur so ist der fabel- Haft hohe angelegte Preis von 760 000 M., also zirka 27 000 M. für die Ouadratrute zu erklären. Der Schaaffhausensche Bankverein, dem die Grundstücke Französischestr. 53—55 ge- hören, soll ebenfalls auf Nr. 52 reflektiert haben, hat aber wähl kein so hohes Angebot gemacht. In dem Hause Nr. 52 befand sich viele Jahre die bekannte Weinstube von Wendeborn. Herr Wendeborn verkaufte das Grundstück vor zirka zwei Jahren für 500 000 M. Es sind also zirka 260 000 M. in zwei Jahren ver- dient worden l" Hätten wir in Berlin eine Wertzuwachssteuer, so erhielt wenigstens auch die Gemeinde einen Teil von diesem unverdienten Wertzuwachs. Aber in Berlin wird man so lange warten wollen, bis erst das Reich den Gemeinden auch diese Einnahmequelle verstopft hat. Die durchbrochene Bluse als Mittel zur BolkSvcrmchrung! Im Scherlblatt, Ivo der Idiotismus in Reinkultur gezüchtet wird und die geduldigen Leser systematisch zu Trotteln erzogen werden, findet sich folgende geistreiche Stelle, die eine treffliche Illustration zu unserer Charakteristik bildet: „Vom militärischen Standpunkt bewachtet, übt eine durch- brochene Bluse auf manchen Junggesellen eine unbeschreibliche Sehnsucht, geradezu Heimweh aus; denn es ist statistisch festgestellt, daß vor etwa sechs Jahren, als die durchbrochene Bluse zuerst zur Augenweide wurde. Hunderte von Ehen in einein Jahre mehr ge- schlössen, somit im Zeitraum von fünf Jahren gegen tausend Knaben geboren wurden. Das ergibt in 20 Jahren 20 000 Soldaten, also ein Armeekorps. Die Wirkung der durch- brachen en Bluse ist mithin unbezahlbar." Es ist von dem Schreiber dieser Notiz im„Lokalanzeiger" bodenloser Leichtsinn, daß er seine geniale Idee so ohne weiteres seinen Mitmenschen offenbart, ohne sie vorher patentieren zu lassen. Wie werden die Flotten- und Militärschwärmer jubeln, wenn sie lese», wie leicht sich das Rekrutenkontingent steigern läßt. Und erst die Herren Junker I Hurra, vorbei ist alle Leutcnot auf dem Lande. Schafft durchbrochene Blusen herbei und bald wird es auf dem Lande in den Junkerdistrikten von willigen und billigen Arbeits- sklaven wimmeln I Her mit der durchbrochenen Bluse I Berliner Asylvcrein für Obdachlose. Im Monat April nächtigten im Männerashl 20 784 Personen, wovon 9045 badeten, im Frauen- ashl 4278 Personen, wovon 2071 badeten. Ein Opfer bestialischer Roheit wurde ein junger Mann, der vorgestern nachmittag um 2Vz Uhr auf der Admiralbrücke mit einem anscheinend angetrunkenen Mann kollidierte. Gleich warfen sich drei Männer, darunter der Angetrunkene, auf den jungen Menschen, schlugen ihn zu Boden und traktierten ihn mit Fußtritten. Als die Polizei erschien, machten sich die rohen Burscheu aus dem Staube. Der aus einem großen Loch im Hinterkopf schwer blutende junge Mann wurde auf einer Karre in fast hoffnungslosem Zustande in das Krankenhaus am Urban geschafft. Solche Roheitsakte sind recht bedauerlich und werfen ein grelles Schlaglicht auf unsere so viel gerühmte Volksschulbildung. Im Dienste tödlich verunglückt ist in der vergangenen Nacht der 36 Jahre alte Rangiermeister Johann Hagedorn auS der Rüdcrs- dorfer Straße 64. Er geriet um 1 Uhr auf den, Raiigierbahnhof der Ostbahn unter einen Zug, der ihm beide Beine abfuhr. AIS man den Unglücklichen auffand, lebte er noch, aber schon auf dem Wege nach der Unfallstation in der Warschauer Straße starb er an Verblutung.*■ Verhaftet wurde der Kraftwagen führcr Oökar Esdar, der am Dienstagnachmittag auf der Döberitzer Heerstraße den Billardlehrcr Paul Kerkau überfuhr. Nachdem er zunächst nach seiner Wohnung in Moabit zurückgekehrt war, begab sich Esdar nach dem zuständigen Revier, um den Unfall, der Kerkau das Leben kostete, darzustellen. Unterdessen hatte die Kriminalpolizei bereits angeordnet, ihn zu verhaften. Er wurde deshalb gleich festgehalten und gestern dein Amtsgericht Charlottenburg vorgeführt. Esdar will die Schuld dem Verunglückten zuschieben. Dieser sei ihm, so behauptet er, mit seinem Motorrad in die Ouere gekommen und er habe nicht recht- zeitig mehr stoppen können. So sei der Zusammenstoß unvermeidlich gewesen. Die Dummcftmgenstrciche am Telephon. Vom Reichstagsgebäude aus wurde, wie gcnieldet. im letzten Winter durch den Fernsprecher mehrfach grober Unfug verübt. Die Uebeltäter waren zwei Schüler, Franz P. und Alfred T., die als Boten bei einer Parlamentskorrespondcnz beschäftigt waren. Die Polizei bat inzwischen die Angelegenheit untersucht, und die beiden Schüler haben jetzt gestanden, noch anderen Unfug am Telephon verübt zu haben. Infolge ihrer telephonischen Bestellung lieferte eine Konditorei Kuchen für ein„Schulfest". Eine Wein- Handlung überraschte eine Lehrerin mit fünfzehn Flaschen Sekt, die sie bestellt haben sollte. Nach vier anderen Schulen wurde ein Photograph mit einem großen Apparat bestellt. Als er nicht sofort kam, wurde er ob seiner Saumseligkeit gerüffelt. Einen anderen Streich spielten sie einem Schulrat. Diesen rief einer der beiden unter dem Namen eines Schulrektors au, mit der Mitteilung, der Lehrer Z. sei erkrankt. Ohne Vertretung gehe es nicht weiter. Der Schulral beeilte sich, der Not abzuhelfen, als aber der Vertreter kam, war Z. Wohl und munter im Dienste. Ein Ansschc» erregender Borfall spielte sich gestern mittag in dem Hauie Kopenhagcner Straße 13 ab. Dort vergnügten' sich spielende Kinder mit dem Aufheben und Zuwerfen des Gullygittcrs. Plötzlich stolperte ein sechsjähriger im genannten Haufe wohnender Knabe und stürzte in den Gullyschacht. Auf das Geschrei der Kinder eilte der Schneidermeister Adolf Murrak herbei und rcltetc noch mit knapper Not den Knaben aus dem etwa vier Meter tiefe» Gully, welcher bis über die Hälfte mit Wasser gefüllt war. Große Anfregung erregte Dienstagabend die Festnahme eines KleideranfschlitzerS auf den, Dvnhoffplatz. Eine Frau, die mit ihrem Manne die Leipziger Straße entlang ging, fühlte, daß sich jemand an ihrem Kleide zu schaffen machte und schrie auf. Es ergab sich, daß das Kleid aufgeschnitten und weiter ausgerissen war. Der Täter entfloh, wurde aber verfolgt und von einem Schutzmann auf dem Döuhoffplatz festgenommen. Es ist ein Maler Franz Eppich aus der Lychenerstraße. Zwei Personen bei einer Bootsfahrt ertrunken. Aus der Ober- spree wurden gestern die Leichen zweier Ertrunkener gelandet; es waren die beiden Kutscher Dreher und Woyta, die mit drei Be- kannten auf der Spree eine nächtliche Ruderpartie unternommen hatten. Als sich das Boot mitten auf dem Fluß befand, begingen die jungen Leute die Unvorsichtigkeir, die Plätze zu wechseln. Sie taten dies mit solcher Ungeschicklichkeit, daß das Fahrzeug umschlug und sämtliche Insassen in die Fluten stürzten. Wahrend es dreien der Verunglückten gelang, sich durch Schwimmen in Sicherheit zu bringen, fanden D. und W. den Tod in den Wellen. Ihre Leichen konnten gestern geborgen werden. KindcrauSbcutung. Unter dieser Ueberschrift berichteten wir in unserer Nummer vom 28. April, daß an der Roßstraße ein schul» Pflichtiger Knabe bor Entkräftung einen schwer beladenen Handwagen nicht weiterfahren konnte und daß schließlich ein Schutzmann Herrn Fritsche herbeirief, der seinerseits einen erwachsenen Arbeiter an- nehmen mußte, um den mit Geschirren und Röhren beladenen Wagen an Ort und Stelle zu befördern. Hierzu teilt uns der Rechtsanwalt des Herrn Fritsche folgendes mit:»Am Tage des Vorfalles, dem 26. April. hatte der Knabe ausnahmsweise leere Blechbüchsen auf dem Handwagen zu befördern. Nach dem Aufladen, das auf dem Potsdamer Güterbahnhof zwischen 5'/« und S'/z Uhr geschah, befragte Herr Fritsche den Knaben ausdrücklich, ob die Ladung etwa zu schwer set. Dieser verneinte und fuhr ohne Anstrengung mit dein Handwagen ab. Während der einstündigen snicht mehrstündigen) Fahrt waren die Büchsen offenbar etwas mehr in den hinteren Teil des Wagen« gerutscht, so daß der Knabe genötigt war, den vorderen Teil herunter zu drücken. Anstatt den Büchsen zum Beispiel durch Aufklippen des Wagens eine andere Lage zu geben, suchte er die Schwierigkeit durch größere Anstrengung zu beseitigen, und ermüdete hierdurch vorübergehend, zeigte aber beim Eintreffen deS Herrn Fritsche keine Spur von Entlräftigung, begleitete vielmehr den Handwagen aus freien Stücken bis zur AblieferungSstelle und nach dem Geschäfts» lokal zurück.* Was die Arbeitszeit betrifft, so läßt Herr Fritsche schreiben: «Der 13jährige Knabe ist nicht von 2 bis 9 Uhr, sondern im Durchschnitt genau vier Stunden, niemals aber länger als sechs Stunden beschäftigt worden. Seine Tätigkeit bestand in der Be» förderung von Kleiderbügeln und anderen Holzwaren, während„Ge» schirre und Röhren* in' dem Geschäfte des Herrn Fritsche nicht ge« führt werden*. Zu dieser Zuschrift haben wir zu bemerken, daß nach den uns gemachten und von neuem bestätigten Angaben der Junge tatsächlich vollkommen entkräftet war, ivaS bei der Sckiwere des WagcnS gar nicht zu vermeiden gewesen sei. DaS beweist ja auch die Tatsache, daß ein Schuhmann sich an Herrn Fritsche wandte unter Mit» teilung dieses UmstandeS. Was die Länge der Arbeitszeit anbetrifft, so sind die Angaben deS Herr Fritsche selbst nicht ganz klar. Wir nehmen aber davon Notiz. Ein Arbeiter-Wanderbund soll am Freitag, den 7. Mai. abends 8 Uhr, in einer Versammlung im Grand-Hotcl Alcxanderplatz end» gültig konstituiert werden. Die Mitglieder der bereits bestehenden Arbeiterwander- und ähnlicher Vereine, auch alle proletarischen Tonristen und Naturfreunde sind zu dieser Versammlung eingeladen. Passagc-Theater. Mit derselben Reichhaltigkeit, die den ganzen Winter hindurch zu den anerkennenswerten Eigenschaften dieser Variätöbühne gehörte, sorgt auch das Maiprogamm deS Passage- Theaters für eine artistisch gute und abwechslungsreiche Unter- Haltung seine« Publikums. Einzelne der Darbietungen übten schon im vorigen Monat eine starke Zugkraft aus; trotzdem sieht man sie noch immer gern und erfreut sich an ihnen. Dem Tanz ist in dem diesmaligen Programm eine ganze Reihe von Nummern ein» geräumt: La Gitana. die graziöse TranöformationStänzerin, gefiel ebenso sehr wie daS russische Tänzerensenible der Balaschosf-Troupe; auch die maurische Schlangentänzerin I a k a I s h a d wirkt noch inrmer fesselnd in ihrer eigenartigen exotischen Art. Dann wurde gesungen: Ernstes und Heiteres. Der fahrende Sänger Bruns-Lebrun, der über eine schöne und starke Stimme verfügt, verhalf dem Ernst, die vielbclachten Grotesk» Duettisten Wacker u. Wacker dem Scherz zu seinem Recht. Für animierte Heiterkeit sorgte auch noch auögiebig der Vortragskünstler Walter Schneider. Von verblüffender Geschicklichkeit und zu- gleich von grotesker Komik zeigten sich zwei Zauberkünstler, die unter der Firma Marco Belly ihre.Illusionen und Desillusionen' vorführten. Die Akrobatik leistete, wie immer, Prächtiges: Miß Leo na gefiel als Equilibristin, The AreestonS erregten mit ihrem waghalsigen Luftakt und The 5 O l r a c s als»komische Akrobaten* den vollen Beifall der Zuschauer. Feuerwehrbcricht. In der letzten Nacht kam in der Neuen Hoch» straße 0 aus unbekannter Ursache Feuer aus, das an dem Inhalt der Bodenverschläae, dem Dachgcbälk usw. reiche Nahrung fand. Der IS. Löschzug aus der Pankstraße mutzte zwei Stunden lang kräftig löschen, bevor die Gefahr beseitigt war. Die Berqualmung der Räume und Treppeu veranlaßte den Brandmeister Steiner eine Schlauchleitung über eine große mechanische Leiter vornehmen zu lassen. Leider ist die Löschung nicht ohne Unfall verlaufen. Der Feuermann Saß erlitt durch Stichflammen Brandwunden im Gesicht und an den Händen. Er wurde nach der Unfallstation in der Lindower Straße gebracht, dort verbunden und dann nach seiner Wohnung entlassen. Gleichzeitig hatte die Feuerwehr am Grünen Weg 20 zu tun. Dort brannten in einer Leistensabrik um 1 Uhr nachts Regale mit Farben, Leisten usw. Der 7. Zug hatte tüchtig zu löschen, um die Gefahr für die Fabrik zu beseitigen. Die Entstehung deS Brandes ist noch nicht ermittelt. Ferner wurde die Feuerwehr nach der Feilnerstr. 12, Gleimstr. 63 und anderen Stellen alarmiert, wo in Wohnungen Feuer ausgekommen war. Vorort- jVadmehten. An die Jugendausschuffe der Vororte J Am Dienstag, den 11. Mai, abends 8'/2 Uhr, findet im Äewerkschaftshause(Saal 8) eine gemeinsame Sitzung der Jugendausschüsse der Vororte statt. Die Jugendausschüsse der Vororte werden ersucht, je einen Vertreter zu dieser Sitzung zu entsenden. Diejenigen Jugendausschüsse, welche sich bei dem Unter» zeichneten noch mcht gemeldet haben, werden aufgefordert, dies jetzt unverzüglich zu tun. Mit Parteigruß Der Jugendausschuß für Grosi-Berli». I. A.: K. Rosenfeld. An der Spandauer Brücke 1». lftixdorf. Ein braver Parteigenosse wurde dieser Tage in der Person des Gastwirts Heinrich Blümel unter zahlreicher Beteiligung der Genoffen und Genossinnen zu Grabe getragen. Wohl an 1000 Teil« nehmer gaben dem Verstorbenen das letzte Geleit. Blümel hatte sich diese Teilnahme redlich erworben. ES konnte sein, wo und wann es wollte, immer stand der verstorbene Genosse seinen Mann, seine eigenen Interessen stets hintenansetzend. Am Grabe würdigte Genosse Böske die Verdienste deS Dahingeschiedenen in beredter Weise, schilderte auch die Verfolgungen, die Blümel erdulden mußte, insbesondere die, die ihn trafen, weil er als städtischer Arveiter die Interessen seiner Kollegen wahrnahm. Die Genoffen Rixdorfs der- lieren in ihm einen opferfreudigen Parteifteund, der mit Leib und Seele der Partei diente. Sie werden ihn in gutem Andenken be- halten. Der sozialdemokratische Wahlvercin hielt am Dienstag eine Generalversammlung in Hoppes Festsälen ab. Der Vorsitzende, Ge- nosse Scholz, erstattete den Geschäftsbericht. Von den politischen Vorgängen des letzten Vierteljahres in Rixdorf seien die in der Stadtverordneten-Versammlung die wichtigsten. Der Vorstand habe diese darum besonders auf die Tagesordnung gestellt, anstatt bis zum Jahresbericht der Stadtverordneten zu warten. Was die kommunale Wahlrechtsfrage angehe, so habe sich ja der Vor- stand damit beschäftigt. Das Ortsstatut habe noch nicht die Zu- stimmung des Bezirksausschusses gefunden. Die Klage betreffend das Drittelungsverfahren in Rixdorf schwebe noch. Ein Termin sei angesetzt, aber wieder vertagt worden.— Im Februar sei ein Flugblatt gegen die Wahlrechtsräuber verbreitet worden, das seine Wirkung getan habe.— Auf den Rekurs, der gegen die Begründung des Schiedsspruches in Sachen mehrerer Buchdrucker eingelegt wurde, hat die Kontrollkommission entschieden, daß die Berufung gegen den Schiedsspruch zurückgewiesen werde, da sich der Aus- schlutz aus der Partei nicht rechtfertigen ließe. Die Kontroll- kommission bedauerte aber zugleich lebhaft, daß jene Genossen die Nachtfahrt von ihrer Generalversammlung in Köln gescheut haben und deshalb nicht an der so bedeutungsvollen Landtagswahl teil- nahmen. Redner meint, die Genossen hätten sich seinerzeit jeden, falls mit dem Schiedsspruch zufrieden gegeben, wenn er sich in der Begründung so ausgelassen hätte wie der Bescheid der Kontroll- kommission.— Die Beteiligung an den vier Leseabenden der Frauen lasse noch zu wünschen übrig. Die Agitation unter den Frauen werde demnächst weiter ausgestaltet werden.— Die Mitgliederbewegung litt unter der Krise. Zwar war gegen daS vor- herige Vierteljahr ein Plus von 83 zu verzeichnen. Das entfiel aber auf die hinzugekommenen Frauen.— Das nächste Vierteljahr könne für die Nixdorfer Genossen große Arbeit bringen. Das Landtagsmandat für Rixdorf-Schöneberg werde vielleicht bald kassiert, so daß man dann vor einer. Landtagswahl stände. Außer- dem wisse man nicht, ob nicht der'Reichstag schließlich aufgelöst werde. Jedenfalls müßten die Genossen bereit sein. Genosse M a y n z fragt an, wie es sich mit dem Bestreben auf Freigabe der Philharmonie zum persönlichen Verkehr ver- halte. Er bemängelte ferner den Beschlutz, keinen Kranz von Vereins wegen niederzulegen, wenn von den Verwandten des ver- storbenen Mitgliedes ein Pfarrer zur Beerdigung zugezogen fei. Das wäre nicht richtig. Durch etwaige Scherereien, die die Pfaffen den beauftragten Genossen machten, dürfe man sich nicht abhalten lassen. Und wenn der Prediger die Entfernung der roten Schleife verlange, so wirke das aufreizend und rege andere Teilnehmer zum Denken an. Genosse Franke hat eine Beschwerde über den Kreisvorstand vorzubringen. Alle Jahre würden mehrere hundert Mark für Material zur Landagitation ausgegeben. Er müsse rügen, daß dies Material an aufklärendem Gehalt eingebüßt habe und im gegebenen Einzelfalle mangels Aktualität versagte. So habe z. B. in einem Landkreise ein sehr starker reichstreuer Wahlverein be- standen. Dieser sei ganz erheblich zurückgegangen infolge der Streitigkeiten über die Finanzreform. Die Leute hätten nun auf die sozialdemokratischen Schriften gewartet, was die darüber sagten. Das Material, das die Genossen verbreiten mußten, habe aber darüber so gut wie nichts enthalten, abgesehen von ein paar Zahlen im Flugblatt. Auch werde das Material erst in der letzten Minute zugestellt, so daß man sich nicht erst informieren könne. Auf der nächsten Kreisgeneralversammlung müsse die Frage an- geschnitten werden.(Zustimmung.) Genosse H a n n a ck vertritt den Standpunkt, daß die General- Versammlung von Groß-Berlin auch noch in einer Zusammen- setzung von 700 Delegierten, wie das letztemal, viel zu umfangreich sei, um ordnungsgemäß zu verhandeln. Richtige Verhandlungen hätten dann auch gar nicht stattgefunden. Redner geht dann noch auf den Pankower Streit ein und bedauert, daß zwei Mandate in Pankow verloren gegangen feien. Genosse G r o g e r meint, daß man jetzt die Pankower An- gelegenheit als erledigt behandeln sollte. Wichtig erschienen ihm jedoch die Ausführungen Hannacks über die Größe der General- Versammlung von Groß-Berlin. Eine kleinere Körperschaft wäre sicher besser. Bei einer Verminderung der Delegierten dürfte aber Rixdorf bei seiner Stellung in einem größeren KreiSherbande benachteiligt werden. DaS fei zu bedenken. Der Vorsitzende. Genosse Scholz, bemerkte in seinem Schlußwort: Der Antrag des Genossen Wurm, die Philharmonie betreffend, liege bei der Lokalkoi» Mission. Der Beschluß über daS Niederlegen von Kränzen bei Beerdigungen, woran Pfarrer teilnehmen, fei alt. Er persönlich halte ihn auch für selbst. verständlich. Wenn der betreffende Genosse es nicht fertiggebracht habe, feine Familienangehörigen in unserem Sinne zu erziehen, dann hätten wir keinen Anlaß, auch hier unserer Gepflogenheit zu folgen und uns von dem geistlichen Herrn, der dort die Macht habe, noch herunterhunzen zu lassen. Wir nehmen dann eben keinen Kranz mit. Frankes Ansicht teile der Vorstand und Groger habe den Auftrag, auf der nächsten Kreisgeneralversammlung die Beschwerde vorzutragen. Zur Delegiertenwahl für die Generalversammlung von Groß-Berlin äußerte sich Redner ähnlich wie Groger.— Skur stellt den Antrag, dahin zu wirken, daß in Zukunft die Wahl auf der Generalversammlung von Groß- Berlin in geheimer Abstimmung vorzunehmen sei. Der Antrag wurde angenommen. Genosse S t i e l e r gab den Kassenbericht für daS verflossene Vierteljahr. Die Gesamteinnahme einschließlich des früheren Bestandes betrug 7712,89 M.. die Gesamtausgabe 2399.08 M. Abgeführt an die Kreiskasse wurden 8141,92 M. Am Ort verblieb ein Bestand von 171,92 M. Es folgte der Bericht der Bibliothek- kommission. Heber die letzten Vorgänge in der Stadtverordneten-Versamm- lung referierte der Stadtverordnete Genosse Groger. Er gab ein Bild von den Etatberatungen, über die der„Vorwärts" ein- gehend berichtet hat. Unter anderem führte Redner noch auS: Die Fraktion sei bei ihrem Verhalten von dem Gesichtspunkt aus- gegangen, daß sie in erster Linie bedacht sein müsse, die Interessen der Wähler zu wahren. Man habe keinen Anlaß gehabt, die bürgerlichen Vertreter irgendwie zu schonen. Und wer die Presse in den Tagen verfolgt habe, werde ibm zustimmen müssen, daß die ganzen Reden unsererseits eine Anklage waren gegen die Politik der Rathausmehrheit. Man habe diese zur gründlichen Verhandlung, namentlich der sozialen Angelegenheiten und der Steuerfragen, gezwungen. Er wolle hervorheben, daß, wenn man eine wirkliche Obstruktion hätte machen wollen, der Etat bis heute noch nicht fertig wäre. Die Möglichkeit hätte bestanden. Soviel aber stehe fest, daß die sozialdemokratischen Vertreter bei jeder Position getan hätten, was notwendig war. Die Etatsberatung, die früher gewöhnlich mit drei oder vier Sitzungen erledigt war, habe neun Sitzungen beschäftigt. Deutlich sichtbar sei in den Verhandlungen der Klassenkampf zum Durchbruch gelangt. Die bürgerlichen Parteien hätten ihren Haß gegen die Sozialdemo- kratie, gegen die überzeugte Arbeiterschaft bekundet, offen Jnter- essenpolitik zugunsten der Besitzenden getrieben und ihre Rück- ständigkeit in sozialpolitischen Dingen wieder einmal bewiesen. Redner führte dafür verschiedene Beispiele an und kam zu dem Schluß: Die Vorgänge zeigten, daß man sich in Rixdorf noch auf harte Kämpfe gefaßt machen müsse. Es wäre Aufgabe unserer Genossen, außerordentlich wachsam zu sein. Das Interesse an den lommunalpolitischen Dingen dürfe ebensowenig erlahmen, wie daS an den Vorgängen am großen politischen Horizont.(Beifall.) Genosse R e tz e r a u äußerte sich zustimmend und erklärte, daß es einfach die verfluchte Pflicht und Schuldigkeit der Genossen sei, hinter der Fraktion zu stehen. Dann wurden noch einige Ausschlußangelegenheiten erledigt. Eine FrShlingsfeier veranstaltet für die arbeitende Jugend der Jugendausschuß der Arbeiterschaft RixdorfS am Sonntag, den 9. Mai, nachmittags 4 Uhr, in Felschs Gesellschafts- Haus, Knesebeckstr. 48/49. Das Programm besteht aus Festvortrag, Kammermusik(Klavier, Violine, Cello), Rezitationen und Solo- gesang; ein Tanzkränzchen bildet den Abschluß. Die Genossen und Genossinnen tun gut, wenn sie die ihren Familien zugehörigen Arbeiter und Arbeiterinnen auf die künstlerische und stimmungsvolle Feier aufmerksam machen. Eintrittskarten werden umsonst aus- gegeben, jedoch nur vorher und zwar bei: Julius Rummel, Kaiser- Friedrich-Straße 86; Frieda Schulte, Niemetzstr. 17 III; Wilhelm Schulz. Sanderstr. 12, vorn III; Emil Wutzky, Niemetzstr. 6 HL Tchöneberg. Einem Karwffelverkaufsschwindcl ist die Schöneberger Kriminal- Polizei auf die Spur gekommen. Es ist ihr gelungen, die Haupt- beteiligten, den Bäcker Johann Wiedmann und den Arbeiter Max Elsner, sowie die Hehler, zwei Charlottenburger Kartoffel-Groß- Händler, die Kaufleute R. und P., zu verhaften. Die beiden Erstgenannlen betrieben da? infolge des Massen- absatzeS sehr lukrative Geschäft in der Weise, daß sie von ihren aus den Märkten und vor den Häusern haltenden Wagen Kartoffeln in 1 bis l'/3 Zentner haltenden Säcken verkauften, deren jeder in Wirklichkeit jedoch 20 bis 30 Pfund weniger enthielt. Der Schwindel blieb lange Zeit dadurch unentdeckt, daß die beiden ihre Waren nur dort verkauften, wo sie wußten, daß die Säcke nicht nachgewogen und die Kartoffeln gleich in den Keller geschüttet wurden. Wo nachgewogen wurde, entschuldigten sie sich und gaben richtiges Gewicht. Viele Betrogene haben bereits Anzeige erstattet. Weitere Geschädigte werden ersucht, sich bei der Schöne- berger Kriminalpolizei, Zimmer 1, zu melden. Wiedmann und ElSner haben auch noch eine große Anzahl anderer Gaunerslreiche verübt. Sie drängten sich nach Schluß der Märkte an Gastwirtschaften an angetrunkene Kutscher von Kartoffel- oder Gemüse-Großhaiidluiigen heran, machten sie trunken und raubten ihnen auf der Heimfahrt die gesamte Barschaft. So hatten die beiden erst gestern dem Kutscher einer Kartoffel-Großhandlung aus Groß-Lichterfelde auf der Rück- fahrt den ganzen Erlös abgenommen. Mit einem volkstümlichen Anturnen eröffnet der Arbeiterwrn- verein am Sonntag, den 9. Mai. nachmittags 3 Uhr, seinen neu- errichteten eigenen Turnplatz an der RubenSstraße(am Helmholtz- Gymiiasium). Alle Freunde der Turnerei sind hierzu eingeladen. Zur Förderung der Konsumgenossenschaftsbewegiing findet am Donnerstag, abends 8'/, Uhr, bei Große, früher Obst, Meininger Straße 8, eine öffentliche Versammlung statt, in welcher der Arbeiter- sekretär Karl Giebel über das Genossenschaftswesen sprechen wird Wilmersdorf. Die Stadtverordnetenversammlung hat gestern abend unter Zu» stimmung des Magistrats beschlossen, daß eine gemischte Deputation über die Einführung der WertzuwachSsteuer beraten soll. Eine in dieser Angelegenheit der Stadtverordnetenversammlung zugestellte Petition des Grundbesitzervereins Halensee wurde dem Magistrat als Material überwiesen. Adlershof. Der BildungSauSschnß teilt mit: Heute hält Gen. Simon Katzen- stein seinen zweiten Vortrag aus dem Zyklus:.Die soziale Be« deutung deS Genossenschaftswesens*. Das Thema des heutigen Abends lautet:.Die Geschichte de» modernen Genossenschaftswesens*. Eine Anzahl Hörerkarten zum Preise von 40 Pf. für sämtliche Vorträge sind noch zu haben. Außerdem werden von heute ab Einzelkarten für jeden Vortrag zum Preise von 10 Pf. ausgegeben. Die Vorlesungen finden im Lokal von Kaul, Dismarckstraße IS, statt; sie beginnen pünktlich um 9 Uhr und endigen um 10'/, Nhr. Sericdts- Leitung. Die neue Bäckereivcrordlinug für de» Polizcibezirk verli«, welche seit dem 1. Oktober in Kraft ist, enthält verschiedene Bestimmungen, von denen die Bäckergesellen von vornherein annahmen, daß sie, aber nicht die Meister zur Verantwortung gebogen werden würden, wenn diese Bestimmungen übertreten würden. Daß diese Befürchtung der Bäckergesellen begründet ist, das zeigte eine Verhandlung, welche am Mittivoch vor dem Schöffengericht Berlin-Mitte stattfand. Die Verordnung bestimmt unter anderem, daß Personen, welche mit der Herstellung von Backwaren beschäftigt sind, bei der Arbeit mindestens mit Hemd, Hose, Schürze und Mütze bekleidet sein müssen.— Als die'Bäckerci des Meisters Hahne von einem Schutzmann revidiert wurde, arbeiteten die beiden im Backraunt beschäftigten Gesellen ohne Mütze und Schürze. Diese beiden polizeilich vorgeschriebenen Bekleidungsstücke hingen unbenutzt am Nagel in der Backstube.— Bäckermeister Hahne, der übrigens während der Arbeitszeit nicht in der Backstube anivescnd war, erhielt eine Anklage wegen Uebertretung der Bäckereiverordnung. Sein Verteidiger Rechtsanwalt Löwe bestritt die Gültigkeit der Verordnung. Er sagte, die Polizei habe nicht das Recht, vorzuschreiben, wie sich jemand kleiden solle. Falls aber dieser Teil der Verordnung für gültig angesehen werde. könne man den Meister nicht dafür verantwortlich machen, wenn die Gesellen Mütze und Schürze nicht anlegen oder während der Arbeit abnehmen, unisoivcniger. wenn der Meister gar nicht in der Bäckeret anwesend set. Das Gericht sprach den Angeklagten frei mit der Begründung: der Teil der Verordnung, welcher von der Be- kleioung der in Bäckereien beschäftigten Personen spricht, sei für die Gesellen gegeben, aber nicht für die Meister. Die Verordnung sage nicht, daß die Meister für die Uebertretung der Gesellen verantwortlich seien. Im vorliegenden Falle sei der Angeklagte nicht in der Bäckerei anwesend gewesen, er habe also die Uebertretung nicht hindern können und müsse schon aus diesem Grunde freigesprochen werden. Da dieser Fall der erste seiner Art ist, welcher daS Gericht beschäftigte, so wird— wie aus einer Bemerkung des Anklagevertreters hervorgeht— die Staatsanwaltschaft Be- rufung einlegen und in letzter Instanz das Kammergericht zu entscheiden haben._ Die gute Absicht de? Bürgers und daS Recht deS Schutzmann». Infolge eines Defekts in der Stromleitung der Straßenbahn hatte sich in eineni Trägermast in der Fennstraße Elektrizität an- gesammelt._ Die Straßenjugend belustigte sich, indem sie unter An- Wendung eines Drahtes dem Träger elektrische Entladungen ent- lockte. Eine Menge Kinder beteiligten sich an diesem gefährlichen SpieL Auch einige Erwachsene kamen hinzu, darunter der Maurer Haß. Nu» nahte der Schutzmann 876, Er trieb die Kinder auseinander, und da er den Grund der Ansammlung nicht kannte, machte ihn Haß darauf aufmerksam, daß sich in dem Träger elektrischer Strom befinde, daß dies ein gefahrdrohender Zustand sei, für dessen Abstcllmig der Schutzmann sorgen möge. Der Schutzmann hörte aber gar nicht auf diese Vorstellung, sondern forderte Haß in sehr energischem Tone auf, sich zu entfernen. Als Haß die Mitteilung von dem elektrisch geladene» Träger wiederholte, bracht« ihn der Schutz« mann zur Wache und die weitere Folge war, daß sich Haß am Mittwoch wegen Nevertrewng der Straßenpolizeiberordnung vor dem Schöffengericht zu verantworten hatte I Er machte zu feiner Berteidignng geltend, daß er ja in guter Absicht gehandelt habe, denn er habe doch die Polizei unterstützen wollen, indem er den Schutzmann auf den gefahrdrohenden Zustand aufmerksam machte. Der Polizeipräsident habe doch selber das Publikum ersucht, die Polizei zu unter st ützen.� Der Vorsitzende Richter bemerkte hierauf: Aber nicht, wenn die Schutzleute die Unterstützung nicht wollen. Der Schutzmann hatte ein Recht, Sie zum Weitergehen aufzufordern, und Sie mußten dieser Aufforderung Folge leisten. Der Schutzmann 37ö scheint übrigens eine sonderbare Auf- fassung über sein Verhältnis zu dem Publikum zu haben. Als Haß zur Wache gebracht wurde, hielt er die Hände in den Taschen, weil es kalt war. Der Vorgang spielte sich im Februar ab. Der Schutz- mann 376 scheint noch so stark in den Empfindungen des Unter- ofsizierS befangen zu fein, daß er glaubt, jemand, den er fistiert, müsse in militärischer Haltung neben ihm hcrschreiten. Anders ist eS jedenfalls nicht zu erklären, daß er von Haß auf dem Wege nach der Wache verlangte, er solle die Hände aus den Taschen nehmen.— Auch der Vorsitzende des Gerichts ist der Ansicht, daß eS unpasiend fein könne, mit den Händen in der Tasche neben einem Schutzmann zu gehen, denn er sagte zum Angeklagten: Sie hätten doch dem Schutzmann sagen sollen, daß Sie die Hände in den Taschen halten, weil Sie frieren, und nicht, weil Sie dadurch opponieren wollten. Das Gericht erkannte in seinem Urteil an, daß der An- geklagte in guter Absicht den Schutzmann auf einen Ucbelstand aufmerksam gemacht habe, aber der Angeklagte habe dabei auf den Granitplatten des BürgerstcigeS gestanden und sich nach der Auf- sorderung des Schutzmanns nicht entfernt und müsse deshalb bestraft werden. Das Urteil lautete auf einr Geldstrafe von zwei Mark. Hieraus ergibt sich: Wenn jemand eine Gefahr bemerkt und einen Schutzmann zu Hilfe ruft, dann möge er nicht auf den Granit- platten des Vürgersteigcs stehen bleiben. denn die Befolgung preußischer Ordnungsvorschriften ist notwendiger als die Beseitigung einer Gefahr. Der Polizeipräsident möge sich aber darüber nicht wundern, daß wirkliche Verbrecher so selten von seinen Beamten gefaßt werden können._ Streikbrecherschutz. Als am 1. März gegen Abend die Arbeitswilligen aus dem Tore oer bestreikten Fabrik von Bosse in der Wienerstraße kamen, standen in der Nähe eine Anzahl Schutzleute und eine Menge Zivilpublikum. In der Menge befand sich auch der Maurer Ganschow. Er soll nach der Aussage, die der Polizeiwachtmeister Bramme gestern vor dem Schöffengericht machte, den Arbeitswilligen das Wort„Streikbrecher" zugerufen und der Aufforderung des Beamten, sich zu entfernen, nicht sogleich Folge geleistet haben.— DaS Gericht erachtete den Ruf„Streikbrecher" als groben Unfug und verurteilte den An« geklagten deswegen sowie wegen Uebertretung der Straßcnpolizei« Verordnung zu 40 Mark. Die Bezeichnung„Streikbrecher" kann schlimmstenfalls als ein gegen die Arbeitswilligen gerichtetes Schimpfwort aufgefaßt werden. Wer kein Arbeitswilliger ist und von einem Mitmenschen be- schimpft wird, der kann sich nur durch eine Privatklage Sühne verschaffen. Ist der Beschimpfte aber ein Arbeitswilliger, so nimmt ihm der Staatsanwalt die Mühe und das Risiko einer Privatklage und setzt den Uebeltäter auf die Anklagebank, aber nicht wegen Beleidigung. DaS wäre zu milde. Der an einem Arbeitswilligen begangene„Frevel" muß härter gesühnt werden. In diesem Falle stellt der Gebrauch eines Schimpfwortes groben Unfug dar. Dabei hat aber das Gericht gar nicht festgestellt— was doch die Voraussetzung einer Verurteilung wegen groben Un- fngs ist— ob daS Publikum durch den Ruf belästigt oder die öffentliche Ordnung und Sicherheit gestört ist. Im vorliegenden Falle kann eine solche Feststellung auch nicht gelungen sei», denn das bor der Fabrik anwesende Publikum war— wie aus dem Zeugnis des Wachtmeisters hervorgeht— den Arbeitswilligen nicht günstig gestimmt, wird sich also durch eine etwaige Beschimpfung derselben nicht belästigt gefühlt haben. Die Verurteilung wegen groben Unfugs erscheint demnach nicht begründet. Höchstens könnte eine Beleidigung der Arbeitswilligen vorliegen. Da aber keiner der« selben Strafantrag gestellt hat, so ist auch eine Verurteilung wegen VeleidiZung ausgeschlossen._______ Der Bock als Gärtner. Die Bromberger Strafkammer verurteilte gestern, wie uns eine Privatdepesche mitteilt, den 36 Jahre alten Lehrer Wilhelm Fritsch aus Jannowitz wegen Sittlichkeitsdelikten gegenüber Schulmädchen in 14 Fällen zu drei Jahren Gefängnis. Ein gesetzwidriges Boykotturteil. Genosse Rost, Beamter des BälkervcrbandeS in Dresden, hatte ein Flugblatt verbreitet, in dem ein Bäckermeister gekennzeichnet war, der den Tarif nicht bewilligt hatte. Darauf wurde Straf» antrag gestellt und das Schöffengericht Döhlen verurteilte Rost als Verleger zu 15 Mark Strafe und einen Arbeiter wegen Verbreilens zu fünf Mark Strafe. Die Verurteilung erfolgte auf Grund einer amtshauptmannschaftlichen Verordnung, wonach solche Veröffentlichungen strafbar sind. Diese amtshauplmannschaftlichen Verordnungen sind nach§ 152 der Gewerbeordnung und nach dem Preßgesetz mit den Reichs- gesehen unvereinbar, wenngleich daS ObcrlandeSgericht bereits in gegenteiligem Sinne entschieden hat. Hoffentlich gelangt das Reichsgericht dazu, solche Verordnungen für ebenso ungesetzlich wie die verflossene Lübecker Streikordnung zu erklären. LriefluCten der Redahtten. eflafteii fätmcn 14 Tag» htmub« vor. SU(iiviftUrtte svrrchftnndi finde» Sindrnfttatze Sir. 3. zweiter Cef, dritter(Singana, biet Ztcbbcn. MV F a h r ft u d l-M> wo-tientäglich ndends von?»/, bis»>/, Udr Natt. ifteStiuet 7 Uhr Sonnabends beaiinii die Svrechfiiinde um 0 Uhr. Jeder Anirag? ist ei» Buchstabe nnd eine.gabl als«iert, eichen hciMiiflflftt. Brieiliche älnkworl wird«ich» erteil». BiS zur Beantwortung im Brief' Veraeben,«iliae Jragen trage man in der Sprech Stenographle. W. Haböck, O. Koppenstraße 31, 4 Treppen. 91. W. 100. 1. Die Lehre von der Einheit von Stoff und Kmst, Körper und Geist. 2. Tausend Millionen. 3. Am 17. Oktober 1S00. 4. Die Halste des aus den Ehemann sollenden Satze».— E. P. 4. Solche Fabriken finden Sie im Adreßbuch verzeichnet. — H. G. 100. M. R. 130. Da» Strafgesetzbuch kennt viererlei Arten von FrclhcltSstrasen, die unter sich verschieden sind: Haft, GesängniS, testung und Zuchthaus. 2. Die Verjährung richtet sich nach der Höhe des lrasmaßes. Wiederholen Sie deshalb die Anfrage unter Ergänzung nach dieser Richtung hin.— 91, B. C. Ja. Sie können lediglich vom Wirt Entsernung des UebelstundeS verlangen, ihm, wenn diele Aufforderung fruchtlos ist, eine angemessene Zeit zu der Beseilignng setzen, und ihm an- drohen, daß Sie»ach sruchtlosen« Abiaus der Frist aus seine Kosten den Mißstand beseitigen lassen würden, und sodann die Kosten beim Amtsgericht einklagen. Swgegangene vruckfcdriften. Im Paloste der 10.50 M.. geb. 12.75 M Mikroben. -t»t. Hamb A. H. Von Haupt u. Hamm. Maffengiiterbahnen. Denkschrift von Dr. 1011, v. Kohl 3 Bände geh. z? Rathenau und Prof. __ Cauer. 158 Seiten. I. Springers Berlin. De? neue Reichsbaukgesetzentwurf. Von Dr. M. Biermer. II. Bd. 2. Hest. 80 Pf. E. Roth in Gießen. Straubes Spezlalkarte der Umgegend von Bcniau, Biesenthal, Lanke, Hell-see und Wandlitzcr See. 1 M. Selbstverlag, Berlin S\V., Neuenburgcr Str. 15. Handbuch für Heer und Flotte. Lieferung 2 und 3. Enzyklopädie der KrieaSwissenschastcn und verwandter Gebiete. Herausgegeben von Georg o. Alten, Generalleutnant z. D. Deutsches VerlagshauS Bonz u. Co., Berlin IV. 57. Preis pro Laserung 2 M. Amtlicher Marktbericht der städtischen Marlthalltn-Dlreklion über den Großhandel in den Zcniral-Marktballen. Markilage: Fleisch: . �------ stZß"M Zufuhr schivach. Gefchäsl stttl, Preise unverändert. Wild: Zusuhr sehr knapp, Gc schifft ruhig, Preise scst. G e I l ü g« l: Zufuhr genügend, Geschäft rege, Preise bcsricdigend, Fische: Zusuhr mäßig, Geschäst ziem- sich lebhast, Preise sür lebende Hechte anziehend. Butter und Kase: Geschäst ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obst und Süd» s r ü ch 1 e: Zusuhr mäßig, Geschäst sehr still, Preise wenig verändert. WitteningSiiberficht vom 5. Mai 1009, morgens 8 Mir. » B ■21 le || i? s LwMemde 774 NNO Haniburg 774 NNO «erün 772 ONO Stonfl.«.®!.; 768 WO München 766 33 Wien 1763 NW Oester 2 wölken! 3 tvolkenl 3 heiter »wolkig 1 bedeckt 3 Regen »s; -ill -» w« Stationen VE ? E 2l if davaranda 772 R Petersburg 772 W Scilla Werdeen Pari» 763 OSO 775 SSO 765 NO Oester *£ e* II 6 bedeckt| 2 3 tvolkenl 1 4 wolkig I 10 8 tvolkenl! 8 4 tvolkenl, 10 «rtterprognofe für Donnerstag, den 0. Mai 1909. ElwaS kühler bei ziemlich silschen nordöstlichen Winden und zw nehmender Bewölkung ohne erhebliche Niederschläge. Berliner Wetterb ureav, ISasiersiandS.lltachrichtcn der LandeSanstali für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Welterbur:au. Wasserstand Memel. Tllstt B r e g» l. Jnsterburg Weichsel. Tbom Oder, Rastbor , Kroffen , granffurt Wa r t h«, Schrnnm . Landsberg Netze, vordamm Elbe, Leitmerttz • Dresden 0 Bardo . Magdeburg •)+ bedeutet Wuchs,— Fall.---*) Unterpeget. Nach telegraphischer Meldung hatte die Oder bei Raiibot heute zwischen 5 und 7 Uhr srüh ihren höchsten Stand: 450 cm, ist dann biS S Uhr morgens auf 448 am gesallen und fäll t jetzt weiter. Für den Hnhait der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. Zhcater. Donnerstag, den 6. Mai. Anfang 7',. Uhr. Königs. OpcrnhauS. Joseph in Aegypten. Könlgl. Schauspielhaus. Die OuitzowS. Deutsches. Die Räuber. Kanimerspiele. FrühlWgS Erwachen.(Ans. 8 Uhr.) Ansang 8 Ubr. Nene« königliches Operntheater. Harlelins Millionen. Leffiilg. Grllelda. Berliner. Ein Hcrbstmanöver. Schiller O. l Wallner• Theater.) ~ ,16. Schuir, Hharlottenburg. Die Welt, in der man sich langweilt. Friedrich- 9Stldeiuii«üdt. Schau- spielhauS. Der Dorslhranu. Neue» SctiauiPieldauS. Mahö. Kölnische Oper. Sarmeu. Westen. Die lustige Witwe. Reue«. Renaissance. Thalia. Was Reuter erzählt. Residenz. Kümmere dich um Amelie. LustipielhanS. Im Klubsessel. Kleines. Moral Hebbel. Ar'öne Lupin. Luisen. Krone und Fessel Trianon. LiebeSgewitter. Neues Oberetieu. Die Dollar. prinzelsin. Berliner Operetten-Theater SW Berlin, wie e» weint und lacht. (Ansang 8'/, Uhrff Bernhard Roie. Spreewal �.st. ffe Gastspiel-Theater. Die Tochter des Herrn FabriciuS. 31p„» o. Haitstelit Er oder Er. Spezialitäten. Metrov-i. Di« oberen Wintergarten. SpeziälitSlen. Gart Haverlaiid. Speziatitäten. Pniinge. Spezialitäten. Walhalla. Svezialffäien. Folie» Gaprice. Allein— endlich. Unaerabe Tage.(Ans. 8'/. Uhr.) Rcichsoallen. Stettiner Sänger. Der Kompagnieball. Kasino. Da« Opserlamm. Spezia- litäten. Parodie. Siegel siegest alle«.— 'Alles(ihS Kind. Oder: Die Folgen eine» Rendezvous.(Ans. 8-,, Uhr.) Gustav Behrens. Spezialitäten. Ansang äff, Uhr. Urania. Taavrnstrail« 48/49. Abend« 8 Uhr: Aus den Trümmern Mellmo«. Sternwarte. Juvalibenstr. 67/62, Urania. WieseneehaftlichoB Theater. Taubenetrall. 43/49, Abende 8 Uhr t Auf den TrOininern Messinas. Lessing-Theater. Donnerstag 8 Uhr: Griselda. Freitag 8 Ubr: Ibsen- ZylluS: Ba-imeifter Solnest berliner T�eatei*. Heute 8 Uhr: Ein HcrbstnisnOTer. Morgen 8 Uhr: Ein Herbstwanöver. Heues Theater. Anfang 8 Uhr. Renaissance. Morgen und solgende Tage: Renulnvance. Theater des Westens. Allabendlich 8 Uhr: Die lastigo Witwe. Sonnabend 8 Uhr: Opernaufführung de» Siemschen Konservatoriums. fslodnMIIIielmsMistilies Schauspielhaus. Donnerstag, 6. Mai, Ansang 8 Uhr: Der Dorftyrann. Freitag: Die Siebzehnjährigen. Sonnabend: Husarenfieber. Sonntag 3 Uhr: Schlagende Wetter. 8 Uhr: Lumpacivagabundus._ Hebbel-Theater Königgrätzer Str. 67/53. Ans. 8 Uhr. Ars�ne Lupin. Nene» Operctten-ITheater, Schiffbauerdamm 25, a. b. Luisenstr. Ansang 8 Uhr. Die Dollurprlnuensin. Operette in 8 Akten von Leo Fall. Resiiieiiz-Theater. — Dtrektton: Richard Alexander.— Ansang 8 Uhr. Mmmere Dich um Amalie. Schwank in 3 Sitten(4 Bildern) von Feydean. Morgen u. folg. Tage: Dies. Vorstellg. Sommerpreisc. LustspielBiaus. Abend» 8 Uhr: Im Klubsessel. Luisen-Theater. Abend» 8 Uhr: Krone und Fessel. Schauspiel in 0 Bildern. MsBI-Mr Köpenicker Straße 68. Heule S'l, Uhr: Die Toehter des Heim Fahrieiiis. Freitag zum ersten Male: Gefallene Mädchen. Sonnabend: Gefallene Mädchen. Schiller SchlMer-Theater 0.(Wallner-Theater.) Donnerstag, abendS8Uhr: KaruiO. Trauerfp. in 5 Akt. o. W.A. Brachvogel Ende 10'/, Uhr. Zreilag. abend» s Uhr: BkarisiO. Sonnabend, abend» 8 Uhr: XarislB. Theater. Schiller-Theater Chartoltenburg. Doniiersiag, abendSSUbr: Die Welt, In der man sich langweilt. Lustspiel in 3 Ausz. von Ed. Pailleron. Freitag, abend« 8 Uhr: Doktor Klans. Sonnabend nachm. 3 Uhr: Die Karolinicor. Sonnabend, abend» 8 Uhr: Die Welt, In dermansieb langweilt. ERHPXOSETHEOT iftt. Fraiikiiirter Str»32. Die Spreewald-Käte. BolkZstück mit Gesang und — Tanz in 8 Akten von Alex. Hoffmann. Musik v. Leop. Hasscnkamp. Ansang 8 Uhr. WochcniagSprcise. Freitag: Gras Essex. INelropollbesler Die oberen Zehntausend. Amorilt. Operette v. Jul, Prennd. Musik v. Gust. Kerker. In Szene gesetzt von Dir. Rieh. Schultz. Tänze von Mr. Bishop. Anf. 8 Uhr. Rauchen gestattet. Neues Programm! Uane d'Eve. Fellce Lorraines, leb. Kunstwerke. Riogoku Family, jap. Hofkiinatler Olympia Desvall, SporUVt. Ourga, das fliegende Pianino. Cenway u. Leland, araer. Bxzentriks. „Kinemacoler", lob. Photographien in natürl. Farben. NeueBilder- aerie! Tenxa Truppe, jap. Zauberer. Yetta Riitnza, Fnma-Ballerina. Baggesen, der Urkomische. Manola Gadliana, Zigeunerleben. Amann, Mimiker. Biograph, neueste Aufnahmen. Stadt-Theater Moabit. Größter und vornehmster Theater- saal Moabits. Alt-Doablt 48.(Tel. II 3492.) Donnertlag, den 6. Mai: Sehte Abonnemente, vorfteklung: Das Gpftr der Intrige. Schauspiel in 5 Allen. Ansang der Borstellung 8 Uhr, Kassenöffnung 7 Ubr. Nach der Vorstellung: TonN. Donnerstag, den 13. Mai: Don Carlos. Benefiz- Vorstellung für Herrn Reist» '«» 4» d» 4» d» � 4» t» 4». K» e» 4»«*» 4» 4» M Passage-Theater. Heute 8 Uhr: Bruns- Lebrun, der fahrende Sänger Jaka Jshad Maurische Schlangen- tänzerin. Ster Slonat des enormen Erfolges! und dos neue Dat-Prag ramm. all Passage-Panoptikum. I-ebend t Die letzten weiblieiien lesen vom Stamm« der Azteken! Ohne Extra- Entreo I Experimente dar IV. Olmension. Neapol, Brlgailin. Allee ohne Extra-Entree t Hente 9'/, Uhr: Gastspiel Kartstein In seiner Burleske Er°d°r Er. Ab 6 Uhr: Die neuen Spezialilälen. cinuiiuzcllkst DSglioh ad 4 Uhr 1 Eintritt 1 91., von abends 6 Uhr ab 50?k Kinder unter 10 Jahren die Hüllte. SV Abschieds- Borstellung k � Zirkus Busch. Donnerstag, den 6. Mai 1809, abend» 7 ff, Uhr Präzise: GroBs Gala-Vorstellung! U.a.: f Dr. Charlcston? Ferner: Die Brlatores, Jongleure «it Pferde.— ReUkuustlerinnen Schwestern Truzzi.— Mathilde llenz, Schuivcltcii».— Herr Ernst Schumann, Meisterdressuren. Die Prachtausstattungspantomime �us>vsnclerer! und da» große Gala-Programml Berliner yiK-Trio. Felix Schener Stralsundersti.l Reichsliallen-Tlieater. ir Sliüer (Mcysel, Drltton, Schräder usw.) Ansang wochentags 8 Uhr. Lonnlag» 7 Uhr. alhallä- Varicie-Theater Weinbergsweg 19-20, Roaanth.Tor. I Ansang 8 Uhr. DaS groste Mai-Programn». <»r«t«n», die beliebte i Soubrette, u. die übrigen Spez. j ?Nn Garten: Fvoikonic vt. Gemeinsame Orts-Menkasse ür Dt-VIlmersilorl nnö flingeueDl _ Kma�enrechmniK pro 1008. Simiohme. M. 1. Kaffenbesiaud für den Anfang des Rech» nungsiahre».... 25404,57 2. Zinsen...... 4 765,28 3. Eintrittsgelder... S 878,69 4. Beiträge..... 314 134,88 6. Ersatzleistungen sür gewährte Kranlenunter« stützung...... 4 448,93 6, Erslitzleistunaen von B-rusSgenossenschasten usw........ 1 025,81 7. Au» dem Reservesond» entnoinmen.... 62 999,— 8. Ausgenennnene Dar« lehne, durchs. Posten. 79 556.22 v. Sonstige Einnahmen. 10 344,79 Nach Hiervon SllMMa 514 456,17 llinögabe. 1. Arzlhonorar... 2. Arznei und sonstige Hcilmsitel.... 3. Krankengelder ->) an Mitglieder. h) an Angehörige. 4. Unterstützungen a» Wöchnerinnen 5. Sterbegelder 6. KnrkostenanKranlcn- bänser...... 7. Erlatzlcisttmgen sür gewährte Kranken- nntei stützung... 8. Znrückgez. Beiträge und Eintrittsgelder. 9. Für Kapiialaiilagen. t0. Durchlausende Posten 11. BerwaltungStoslen a) pctjönliche... h) sächlich«.... Sonslige Ausgaben. Kassenbesinnd sür den Schluß d. RechnuiigS- jahrcs...... M. 48 704,47 40 629,03 168 852,57 5 948,51 6 386,20 6 577,50 49 603,04 6 547,77 416,81 21 000,— 6 297,57 29 233,88 27 898,34 60 935,12 37 161,96 Summa 614 408,17 dem vorjährigen Abschluß betrug da» Gcsamtvermögen M, 193 404,57 on ist noch abzusetzen der KurSvcrlust der Wertpapiere jur 190? mit............ 7 800.— Nach dem bleibt eln Vermögen von M. 190 604,67 beträgt daS Gesamlvermögen »e Llnventar..........., 143 703,39 VelMögenSabnahme M, 16 901,18 Die reine Jahresabgabe der Kvffe betrug In den letzten drei Jahren zu« jainmen 722 836,15 M., nämlich voraeschrlebene belragon. n!tl) 1905 1906 1907 Summa ReservcsondS 167 713,11 SB. 238 330,11, 316 642,93. 722 836,15'äi. Demnach muß der geh (FahreSdnri er weist jedoch nur aus mithin schien an demselben....... Wllmeradorf bei Berlin, den l. Mai 1909. Der Voratand. Q. Wegener, Vorsitzender. H. Freund», Schrisisührcr. G. Sioring, Benbant 240 945,38 SB. 130 001,—. 110 914,88 M". Nimm«- Die Rechnnng/eprüfunfa«Konii»lBalon rilcktohuh. Bohr. «eifert Wiemann. d An diesem Schild sind die Läden erkennbar, bJ in denen SINGER Nähmaschinen verkauft werden. IHnstcrsültig In Kon J�ttsdricdtsu/ass«? 91/92 Filiale VI. Am Sonnadend, den 8. Mai ISv», abends 8'/, Uhr, bei Ertelt, Gleimstraste 7, Ecke Graunstraste. JVIitcfUeder-Versammlung. TageS-Ordnung: 116/13 Kassenbericht Januar-Februar, Neuwahl eines Revisors, Besprechung der Anträge vom Hauptvorstand event. Statutenberatung, Diskussion, Ber- schiedenes. VI« Ortsverwaltang. E Rothenburger J Versicherungs-Anstalt a. o. Gegr. 1856 M Görlitz Gegr. 1856 Größte deutsche Anstalt für Sterbegeld-Versicherung, Billige Beiträge. Sehr vorteilhafte Bedingungeix. - Alle Ueberscbüsse fallen den Mitgliedern zu. Dividende seit 1808 ständig SS°/0 eines Jahresbeitrages, für ältere illitglleder SO 0/,. Versichorungsbestand 260 000 Vers, mit rund 100,0 Millionen Mark Gesamtvermögen........... 25,3 Millionen Mark Seither ausgezahlte Sterbegelder usw.... 20.1 Mlllioiien Mark Seither an die Mitglieder gez. Dividenden.. 8,0 Millionen Mark Höchstzulässige Versicherungssumme dl. 3000, zahlbar nach Wahl auch schon bei Lebzeiten. Keine fintliche Untersuchung. === Außerdem Kinderversicherung=== bis 1000 M.(ebenfalls mit Gewinnbeteiligung). 66/17* Nähere Auskunft erteilen und Anträge nehmen entgegen die Direktion sowie sämtliche Geschäftsstellen der Anstalt. €in neues Heilverfahren. Um die letzle Jahrhunderlwende hat ein neues Heilverfahren praktische Bedeutung gewonnen, das schon lange vorher die denkenden Köpfe in der medizinischen Welt beschästigt und zu zahlreichen Versuchen angeregt hatte, die aber alle bisher daran gescheitert waren, daß es nicht gelingen wollte ein geeignetes, unschädliches Bindemittel zu finden, um den Sauerstoff, unser Lebenselement, derartig sesizuhalten, daß er bei der Eiusührimg durch den Mund erst in den inneren Organen des Körpers als akttver(tätiger) Sauerstoff zur Abspaltung gelangen und so seine segensreiche Einwirkung aus die Organe entfalten konnte. Diese lange gesuchte Verbindung ist jetzt im Magnefiumsuperoxyd, einem meisten, völlig gistsreien Pulver, das leicht zu nehmen ist, gesunden worden und hat sich bei individueller Dosierung nach ärztlicher Vorschrift in der Praxis ganz ausgezeichnet bewährt. Be- sonders bei Nervenleiden und Stoffwechselkrankheiten(Gicht, Rheumatismus, Zucker:c.) sind Ersolge erzielt, die die bisherigen Resultate in der Bc- Handlung dieser Leiden weit übertreffen. Bei fortgelebtem Gebrauch der Präparate wurde häusig ein Wiederausblühen des Körpers, eine förmliche Verjüngung wahrgenommen. Personen, die über 70 Jahre alt waren und sich bis dahin mühsam fortgeschleppt halten, machten nachher den Eindruck, als ob sie rüstig- Sechziger wären. Solche Beobachtungen find im ärztlich geleiteten Institut sür Sauerstoff- hellvcrsahrcn in Berlin in den neun Jahren seines Bestehens immer wieder gemacht worden und haben zu andauernd weiterer Verbreitung der neuen Therapie Anlast gegeben. Zahlreiche Aerzte haben die Kur an sich selbst versucht und sie ihren Paiienien cmpsoblen. Schließlich wurde das Mittel auch in der Arznci-Verordnung der Königlichen Universität Berlin(19D7) ausgenommen und erwarb sich somit HeimatSrecht auch in den sür Neue- rungen sonst so schwer zugänglichen ossiziellen Kreisen. 297/3 Die Kur richtet ihr Hauptaugenmerk aus die Beseitigung der Grund- Ursache der Leiden, aus die Befreiung des Körpers von den abgelagerten Selbstgisten— durch gesteigerte intrazellulare Oxidation und durch bessere Ernährung, d. h. leichtere, vollkommenere Verdauung der aus genommenen Nahrung. Die unmittelbare Folge davon ist eine Entlastung des Organismus einerseits, sowie ewe bessere Ernährung(.Kräftigung) desselben andererseits. Näheren Ausschluß über das neue Versahren erteilt das Institut für SancrstorThellverfahren, Berlin ISS, 8W., 8chüne- berger Straße SS, gratis und franko(verschtoffen 29 Ps.) versendet, > Brauerei Friedrichshain Heute Donnerstag: Klngkämpfe. Es ringen folgende Paare: Entscheidangskainpf"TJBß Petitjean, IX: � Lassartesse, SÄ itPf Entscheldangskampf"Wsg Rob. Raicevich, Sanders, chSL. Hansen, g«gen Nitschke, Berlin. { Vor den Ringkämpken: Das neue ausgewählte Spezialitäten-Programm. S'/jU.; Auftr. v. Anita de) Astro, Gesangskünstl. u. Charakt.-Dar stellorin. Anfang 8 Uhr. Entree 50 Pf., res. PI. 1 M., nuraer. Tisch 2 M. Die aUjährlioh wiederkehrende Anhäufung der Bestellungen von Brennmaterialien für den Winterbedarf in dem begrenzten Zeitraum von Mitte August bis Ende September hat Veranlassung gegeben, für Lieferungen in den Monaten Mai, Juni, Juli besondere Ausnahmepreise festzusetzen. Wir erlauben uns sowohl im Interesse einer geregelten Erledigung der Aufträge, als auch mit Küoksicbt auf die in diesen drei Monaten bei allen Kohlenbandlungen bestehenden—— Ausnahmepreise.......... aas auf diese Einrichtung empfehlend hinzuweisen. Verband der Berliner Koblengroßhändler. Eingetragener Verein. 211/3* Yon frischen Fängen unserer Dampfer empfehlen wir in la Qualität I per Pfund g. Slllaclic im Anschnitt 25 Ps. „ KaJieljan im Anschnitt 25 Ps. „ SctiellliSEli w, Anschn. 35 Ps. JeIgol.Sciieil!iseli>nittgC.S5 Pf. „ UelgoLSetiellliseh Port. 25 Ps. „ Brat-Sdielscli... 25 P,. „ Kmirriiatui.... so Pf. „ große Seliolle.... 80 w „ Rotznngen i» groß« heue SO Ps. ff. Seezungen, Zander, Heil- butl, Steinbutt, »u billigste» Tagespreise«. sagllcli ZiMrfrisctier Seelische! Wir bitten unsere Verkautepreise zu beachten. In allen Verkaufsstellen SV- gleiche Preise!"96 Deutsche Dampffischerei-Gesellscliaft »Kordsee" Hauptgeschäft: Berlin/, Uhr. vom Trauer- hause, Köpenick, ParisiuSstraste 16, aus nach dem Köpenickcr Kirchhose statt. Ferner starb unser Mitglied, der Schraubendreher Wilhelm vidi am 5. Mai am Schlaganfall. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet am Freilag, den 7. Mai, nachm. 5 Uhr, von der Leichenhalle des Treptower Kirchhoses, Neue Krugallce, auS statt. Rege Beteiligung erwartet 116/14 Die Drisveiwaliung. Deutscher Holzarbeiter-Verbami Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler Hemr. Renziehausenl am 3. Mai verstorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet an: I Donnerstag, den 6. Mai, nach- mittags 2>/, Uhr, von der Halle! deSZentralsriedhoseS in Friedrichs- sclde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 83/13 Die Ortsverwaltung. Verband d. baugewerbiiehen Hilfsarbeiter Deutschlands. Zweigverein Berlin u. Umgegend, jj -(Bezirk Süd-Ost.)" Den Mitglieder» zur Nachricht, datz unser Kollege Gustav bischer am 4. Mai verstorben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet am Freitag, den 7. Mal, nachmittags a'l, Uhr, von der Leichenhalle des Emmaus-Kirchhoses in Rixdorf, Hermannftraste, auS siait. 29/9 Um rege Beteiligung ersucht Der Zweigvereinsvorsiand. Deutscher Hoiiarheiter-MaDli! Zahlstelle Steglitz. Todes- Anzeige. Am Montag, den 3. Mai, starb j nach langem Leiden unser Kollege, der Tischler Kart Kredos. Ehre seinem Andenke« k Die Beerdigung findet heute! nachmittag 6l/t Uhr von der' Leichenhalle des Steglitzer Fried- Hofes(Bergstraste) aus stait. Zahlreiche Beteiligung erwartet I 83/12 Die Ortsverwaltung. Danksagung. Für die vielen Beweise inniger Tecknahm« und Kranzspenden bei dem Begräbnis meines lieben unveraest- iichen Mannes, Hagen wir allen Vir« wandten. Bekannten und seinen Kollegen herzlichsten Dank. 1110L Die trauernden Hinterbliebenen Johanna Adler nebst Tochter Frida. Lerantwortl. Redakteur: Carl Wermnth, Berlin-Rixdorf. Für den Inseratenteil verantw.: TH.Glvcke. Berlin. Druck u. Verlag: Borwärt« ivuchdruckerei u. Verlogsanstalt Paul Singer St Co., Berlin SW,