Nr. 110. Abonnements-Bedingung«!!: Abonnements< Preis pränumerando: Ziierteljährb SM Mb, mormtl, 1,10 Mb, wöchentlich 2-> Pfg. frei ins HauS. Einzelne Sinmmer 5 Pfg. Sonntags- iiunnncr mit illustrierter Sonntags- Beilage»Die Neue Welt" lv Pfm Post- blbonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen IN die Posl-Zeitungs- BreiSlisie. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland S Marl pro Monat. PostabonnemcntS ncbmen an: Belgien. Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg. Portugal. Rumänien, Schweden und die Schweiz, 36. Jahrg. Crtlbctot lZgNlb auSer mootaat. yL � Berliner Volksblnkl. vi« fnlertlonz-Sebtlhr deträgt für die fechsgcspallene Kolonej- geile oder deren Ramn 50 Pfg„ für politische und gewerkschastliche Vereins- und VersammlungS-Anzeigen SO Psg. „kleine Snreigen", das erste tsett- gedruckte) Wort 20 Psg., jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf- ftellen-Anzeigen das erste Wort 10 Psg., jedes weitere Wort 5 Psg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ijt bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm- Adreffe: „Sszlaldtnokra! Berlin", Zentratorgan der rozialdemokratifchen Partei Deutfchlands. Redaktion: 8M. 68, Lindenstraaae 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983, Donnerstag, den IB. Mai 1909« Expedition» SM. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV» Nr. 1984. Nie Streikbeiveguiig in Frankreich. Der französischen Kammer hat ihre diplomatische Schlauheit nichts genützt. Regierung und Abgeordnete hatten ge- hofft, durch die Vertagung der Beschlußfassung über die Maßregelung der Beamten den Beginn des Streiks noch hinaus- schieben zu können. Aber die Haltung der radikalen Majorität, die der provozierenden, scharfmacherischen Rede des Arbeits- Ministers Barthou eine so günstige Aufnahme bereitete, lehrte die Delegierten der Postbeamten, die den Verhandlungen beigewohnt hatten, daß sie von dem bürgerlichen Parlament nichts mehr zu erwarten hätten, daß der schwere Kampf um die Erringung der Koalitionsfreiheit aus- gekämpft werden müsse, wie ungünstig immer auch die Kampfbedingungen sein mögen. In einer Riesenvcrsammlung im Hippodrom, der 10000 Beamte beiwohnten, wurde gestern abend einstimmig und mit Begeisterung der Streik beschlossen. Den Vorsitz führte der gematzregelte Beamte Marmontier. Der gleichfalls gemaßregelte Generalsekretär der Telegraphenarbeitergewcrk- schaft Pauron forderte in kurzen Worten den Streikbeschluß und unter stürmischen Rufen: Es lebe der Streik, erhoben sich alle Anwesenden. Darauf ließ Pauron auf seinen Prä- sidententisch ein Telephon tragen und verlangte die Ver- bindung mit Lyon, die er sofort erhielt. Dann sprach er ins Schallrohr: In Paris wird gestreikt» und nach wenigen Minuten kam die Antwort: In Lyon gleichfalls. Dreimal wiederholte sich der Vorgang und dann wußte die Versamm- lung, daß auch in Lille, Bordeaux und Calais der Streik proklamiert war. Mit frenetischem Beifall begrüßten die Zehntausende jedesmal die Antworten und ein Telegraphen- arbeiter rief: Jetzt kann Clemenceau seine Brieftauben fliegen lassen. Der Vorsitzende teilte dann mit. daß der Verbandsausschuß seine Funktionen an den Strcikausschnß abgetreten habe. Die Namen der Mitglieder dieses Ausschusses werden ge- heim gehalten, um sie gegen Verhaftungen zu schützen. Ueber die Wiederaufnahme der Arbeit darf nur von der Generalversammlung entschieden werden. Schließlich wurde eine Tagesordnung angenommen, in der es heißt: Die Beamten, Untcrbenmten und Arbeiter, die fich versammelt haben in demselben Gefühl der Unabhängigkeit und der Empörung über die Illoyalität der Regierung, die ihrem Versprechen dadurch untreu geworden ist, daß sie gegen kämpfende Postbeamte vor- gegangen ist, weil diese ihre Meinung frei geäußert haben, ver- pflichten sich die Arbeit niederzulegen und zu kämpfen, bis ihnen vollständige Genugtuung geworden ist; sie fordern laut das SyndikatSrccht, das sie um jeden Preis erlangen werden, rufen dem Postbeamtenverbande ihren Gruß z« und trennen sich unter dem Rufe: ES lebe der Ausstand! Gleichzeitig mit dem Meeting der Postbeamten fand eine von 3000 Personen besuchte Versammlung der Liga für Menschenrechte im Tivolisaale statt, wo die s 0 z i a l i st i s ch e n Deputierten Prcssensö und S e m b a t schärfste An- griffe gegen die Regierung richteten und ein Beschlußantrag gegen die Maßregelung der Postbeamten einstimmig ange- nommen wurde. Ein Vertreter der Elektriker erklärte unter dem Beifall der Versammlung, der Streik der Postleute iverde für die gesamte Arbeiterschaft das Signal zur Befreiung werden. Aus diesen letzten Worten aber ist der Ernst der ganzen Situation zu erkennen. Die Beamten stehen im Kampf um die Koalitionsfreiheit und in diesem Kampfe haben sie die Sympathie der gesamten französi- schen Arbeiterklasse ohne Unterschied ihrer sonstigen Richtung. So haben jeht Regierung und Ordnungs- Parteien nicht allein mit den Beamten und den Staats- arbcitern zu tun, sondern die Bewegung hat das ganze französische Proletariat erfaßt. Selbst wenn die offiziösen Tele- gramme mit ihrer Behauptung recht hätten, daß der Ausstand der Post- und Telegraphenbcamten und Arbeiter kein vollständiger sei. so käme solchen Behauptungen keine entscheidende Bedeutung zu. Die Postbeamten selbst erklären, daß der Streik erst in -13 Stunden seine volle Ausdehnung erreicht haben werde, daß für den Ausgang die Beteiligung der Provinz von noch größerer Bedeutung sei als der Kampf in Paris. Aber das alles ist nicht das Ausschlaggebende. Denn weit über die Bedeutung eines einzelnen Streiks hinaus, zu einem sozialen Macht- kämpf von weittragender Bedeutung muß es werden, wenn erst große und wichtige proletarische Massen mit auf den Kampsplatz treten, um den von allen Machtmitteln des bürgerlichen Staates bedrohten Beamten zu Hilfe zu kommen. Was werden die Eise n- b a h n e r, was die Grubenproletarier, was die vielen anderen Prolctarierschichten beschließen, die den Beamten ihre Sympathien und ihre solidarische Hilfeleistung versprochen haben? Erst nach dieser Antwort, die die nächsten Tage bringen müssen, werden wir Klarheit erhalten über die Bedeutung dessen, wovon wir jetzt den Beginn erleben. Schon heute aber muß gesagt werden, daß wir in dem Streik der Beamten und Staatsarbeitcr einer wichtigen sozialen Erscheinung gegenüber stehen. Mag der Verlauf und der Ausgang sein wie immer, so demonstriert dieser Streik doch die ungeheuere Macht der organisierten Arbeit über die bürgerliche Gesellschaft, die sie erhält und deren Kräfte, die sie yeute noch zu fesseln vermögen, sie einst in den Dienst der eigenen Entwickelung stellen wird. Die Maßnahmen der Regierung. Paris, 12. Mai. Bis in die späten Nachtstunden hielt Polizei- präfekt Lepine eine Besprechung mit sämtlichen Polizei- kommissaren ab, um über die infolge der Streikbewegung erforderlich werdenden Maßnahmen zu beraten. Alle Post- b u r e a u s werden von heute morgen an polizeilich und militärisch bewacht. Ferner wurde Befehl erteilt, die streikenden Post- und Telegraphenbeamten sofort durch Sol» daten zu ersetzen. Von den telegraphischen Ver- bindungen mit Deutschland ist infolge des Streiks gegenwärtig nur noch die mit Berlin erhältlich. Die Soldaten als Streikbrecher. Paris, 12. Mai. Der Militärgouverneur von Paris hat für den Fall eines AusstandeS der Elektriker den Befehl erteilt, den elektrischen Stationen die erforderliche Anzahl von Soldaten zu stellen. Der Kriegs- m i n i st e r hat infolge des Poststreiks die Abfahrt der In- fanterie-Regim enter verschoben, die im Lager von ChälonS an Schießübungen teilnehmen sollten. Der Streik in der Provinz. Paris, 12. Mai. Die Postbeamten von Nancy und Bordeaux sind in den Streik getreten. Das Lyoner Komitee, des Postbeamtenverbandes hat ebenfalls be- schlössen, die Arbeit einzustellen. Offiziöse Streiknachrichten. Paris, 12. Mai, S?L Uhr vormittags. Auf den Postämtern sind nur wenige Beamte nicht. erschienen. Patrouillen der Garde republicaine durchziehen allenthalben die Stadt. Paris, 12. Mai, IOV2 Uhr vormittags. Der Streik der Post- beamten hat bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Störung im Dienste verursacht. In Paris fehlen nach amtlicher Fest- stellung ein Fünftel der Beamten. In Lyon, Marseille und Bordeaux vollzieht sich der Dienst normal. ES fehlen dort sehr wenige Beamte. Paris, 12. Mai, 1 Uhr M Minuten nachmittags. Nach Be- richten, die beim Ministerpräsidenten eingegangen sind, ist der Telegraphen- und Telephondienst am Vormittage ohne Stö- rung und ohne daß es notwendig war, auf die für den Streik- fall vorgesehenen außerordentlichen Maßnahmen zurückzugreifen, vor sich gegangen. Der Ministerrat wird sich heute abend über die den Streikenden gegenüber notwendigen Maßnahmen schlüssig werden. In Paris streikt etwa ein Zehntel der Beamten. Der Elfuhrdienst im Haupttelegraphenamt trat fast vollzählig an. Ein Telegraphist ist wegen ruhestörenden Lärms verhaftet worden. Telegramme aus Toulouse, Nouen, Nantes, Nancy, AmienS, St. Etienne und Tours melden geringe oder gar keine Arbeits- einstellungen. In Bordeaux streikt die Hälfte der Beamten. Der wahre Stand des Streiks. Paris, 12. Mai. Die amtliche Behauptung, daß der Post- und Telegraphendienst in normaler Weise vor sich gehe, wirb von den Ausständigeu als unrichtig bezeichnet. In der Tat sind in vielen PostbureauS eine Anzahl Schalter geschlossen. Im Hauptpostamte, wo ein Teil der Drucksachcnboten streik!, sind aushilfsweise In- fanteriesoldate» und Munizipalgardisten tätig. Auch die Zahl der streikenden Fahrpostbeamten soll eine ziemlich bedeutende sein. Am meisten hat die Streikbewegung bei den Werkstätten- und Strecken- arbcitern der Post- und Telegraphen- und Telcphonverwaltnng um sich gegriffen. Die Ausständigen scheinen zu hoffen, daß viele jetzt noch schwankende Untcrbeamte sich heute abend, jedenfalls aber nach der für die Regierung zweifellos günstigen Kammer- stimmung ihnen anschließe» werden. In Regierungskreisen äußert man ziemlich allgemein die Ueberzeugung, daß der Streik als gescheitert angesehen werden könne. Die Soldatenabteilungen, welche zur Ueberwachung der Postämter aufgeboten wurden und daselbst auch ihre Mahlzeiten einnehmen, hatten bisher nirgends Anlaß einzuschreiten. In der Maschinengalerie stehen ein Infanterieregiment sowie zahlreiche Geniesoldaten in Bereitschaft, um im Ernstfalle zum Post- und Telegraphendienst herangezogen zu werden. Die hiesige Handels- k a m m e r hat, wie schon bei dem ersten Poststreik, einen eigenen Briefbeförderungsdienst für die Ge- schäftsleute eingerichtet und zu diesem Zwecke eine Anzahl Automobile gemietet. Doch scheint diese Maßnahme vorläufig mehr den Zweck zu haben, die Streiklust der Post. beamten zu dämpfen und ihnen zu zeigen, daß sie nicht unentbehr- lich sind. Auch das Syndikat der Hoteliers hat beschlossen, für die Fremden einen Briefbeförderungsdienst einzurichten. Die Briefe sollen durch besonderen Boten nach Brüssel und von dort weiter expediert werden. Heute abend halten die Postbeamten abermals ein M e e t i n g in der St. Paul-Turnhalle ab, wo— wie versichert wird— wichtige Beschlüsse gefaßt werden sollen. Die sozialistisch-radikale Kammergruppe hat beschossen, sofort nach Beendigung des Poststreiks eine Interpellation über die allgemeine Politik der Regierung einzubringen. Sympathiestreiks. Paris, 12. Mai. Für heute abend ist eine neue große Versammlung einberufen, in der die Delegierten der verschiedenen Syndikate sich mit den Ausständigen solidarisch erklären wollen. In Dünkirchen streikt ein Teil der Matrosen. Zwei Dampfer konnten nicht ab- fahren. In der Nähe von Nancy ist ein Teil der Bergleute infolge Entlassung einiger Kameraden in den Ausstand ge- treten. Die Ruhe wurde bisher nicht gestört. Die Bergarbeiter. LenS. 12. Mai. Der Bergarbeiterkongreß ist heut« morgen wieder zusammengetreten. Anwesend Ware« 60 Delegierte. An die ausständigen Po st beamten wurde ein Sympathie- telegramm gesandt. Nene Maßregelungen. Paris, 12. Mai. Der Disziplinarrat der Postbeamten äußerte sich dahin, daß sechs Beamte und ein Unterbeamter ent- lassen und zwei Beamte degradiert werden, weil sie den Unter» staatssekretär Simhan beleidigt und die Internationale gesunden hatten. Die Angeklagten, mit Ausnahme von zweien, waren vor dem Disziplinarrat erschienen. Dir Haltung der Presse. Paris, 12. Mai. In den Erörterungen der Presse über die gestrige Kammersitzung und über die Versammlung der Postbeamten spiegelt sich die lebhafte Beunruhigung wider, die der neue Poststreik hervorgerufen hat; ebenso macht sich in der Bevölkerung, die bezüglich der letzten Streik- drohungen bisher eine ziemlich optimistische Auffassung an den Tag gelegt hatte, ernste Besorgnis über die Folgen des neuen Ausstandes geltend. Insbesondere wird der An- schluß verschiedener Arbeiterkategorien an den Ausstand der Postleute befürchtet. Mehrere radikale Blätter tadeln die Sprache des Ministers Barthou. Man wirft ihm vor und will ihm nicht verzeihen, daß er seine Kraftrede gehalten hat, während man ein vorsichtiges staatsmännisches Wort von ihm erwartet hätte. In der K a m m e r wird die Regierung morgen eine Mehrheit finden. Die R'adikal-en haben bereits eine Tagesordnung eingebracht, welche die Regierungsmaßregeln billigt und die Erwartung ausspricht, daß alle Staatsdiencr angehalten werden, ihre Dienstpflicht zu erfüllen. SoIästenquAIerel in zweihundert Wen. Ein großer MißhandlungSprozeß beschäftigte am Mittwoch das Kriegsgericht der zweiten G ar d ed iv i fio n- Unter Anklage. steht der Sergeant Friedrich Riehmke von der zweiten Kompagnie des Kaiser Franz-Gardc-GrenadierregimentS- ES wird ihm zur Last gelegt, die Leute seiner Korporalschast in der Zeit von Weihnachten 1907 bis Herbst 1908 fortgesetzt mißhandelt zu haben. Die Anklage nimmt bei den einzelnen geschlagenen Rekruten Mindestfälle an. ES kommen auf diese Weise einige hundert Fälle in Betracht, die zum Teil in recht brutaler Weise ausgeführt wurden. Die am meisten mißhandelten Grenadiere sind Schwedeshagen, Mußmann und Meier. EchwedcShagen wurde infolge der ihm zu- gefügten Mißhandlungen fahnenflüchtig, und dadurch kam die Sache ans Tageslicht. Zu seiner Verteidigung gibt der Angeklagte an. er sei durch die Vorwürfe seines Feldwebels zu den Miß- Handlungen getrieben worden. Auf die Frage des Verhandlungsleiters, intviefern er Vorwürfe erhalten habe, sagt der Angeklagte auS, er habe anfangs die Leute zu milde und zu mütterlich behandelt und deswegen habe er fortwährend vom Feldwebel Vorwürfe erhalten. Dies sei bis Weihnachten 1907 gegangen. Von diesem Zeitpunkte an änderte sich dann die Sachlage. Der Feldwebel habe ihm nahegelegt die Leute mehr zu schleifen. Das Gericht beschließt auf Antrag des Vertreters der Anklage, den Feldwebel telephonisch zu laden. Der Angeklagte, der anfangs nichts zugeben wollte, bequemt sich in der Verhandlung zu einem teilweisen Geständnis. Von den schwereren Mißhandlungsfällen will er nichts mehr wissen. Es wird nach der Vernehmung des Angeklagten in die Beweis- austiahme eingetreten. Als erster Zeuge erscheint der Grenadier Schmedes- Hagen. Er bekundet, daß er wöchentlich zwei- bis drei- mal mißhandelt worden sei. Er habe sich schließlich nicht mehr länger schlagen lassen wollen und sei infolgedessen desertiert. Der Angeklagte hatte im Gegensatz zu der Aussage des Zeugen angegeben, daß er SchwedeShagen wöchentlich etwa vier- bis fünfmal mißhandelt haben könne. Der Zeuge sagt weiter auS, daß der Korporalschaftsfiihrer bei jeder Kleinigkeit geschlagen habe. Den Worten.Du kriegst eine in die Schn... folgte stets ein Faust schlag ins Gesicht oder eine Backpfeife. Auch sei er getreten und mit dem Gewehrkolben gestoßen worden. Ebenso habe ihn der Angeklagte mit dem Seitengewehr geschlagen. Der Zeuge bringt Fälle zur Sprache, die gar nicht in der Anklage enthalten sind. Das Gericht geht im allgemeinen auf diese neuen Fälle ein, vermag aber nicht jeden einzelnen ein- gehend zu verfolgen, da sonst kein Ende dcS Prozesses vorauszusehen sei. Auf die Frage deS Verhandlungsleiters, warum er denn keine Meldung erstattet habe, erwidert der Zeuge, er habe Furcht gehabt, daß eS ihm dann noch schlimmer ergehen«erde. DaS gleiche bekunden die nächsten Zeugen. Einen besonders schweren Fall gibt der Grenadier A ßmus se n an. Eines TageS ließ der Angeklagte die Korparalschaft acht Minuten lang auf den Zehenspitzen aushalten, so daß die Leute zu zittern anfingen. Luch Aßmussen muhte zittern. Als dies der Angeklagte sah, versetzte er dem Nelruten einen Faustschlag ins Gesicht, dah daS Blut aus der Nase floh. An der Pumpe muhte der Geschlagene das Blut wcgwaschen. Der An- geklagte warf seinen Untergebenen auch die Schemel an den Körper. Auch bei der Vernehmung der beiden nächsten Zeugen kommen neue, nicht in der Anfingeschrift enthaltene Fälle zur Sprache. Am häufigsten wurden die Rekruten von dem Angeklagten morgens beim Antreten geschlagen. Der Grenadier Bartels ist wiederholt mihhandelt worden. Die Anklage nimmt m i n d e st e n Z 20 Fälle an. Der Zeuge be- hauptet dagegen, dah er im ganzen drei- bis viermal geschlagen worden sei. Auf die Ermahnung deS Verhandlungsführers, bei der Wahrheit zu bleiben, gibt Bartels zu. wöchentlich zwei- bis dreimal mihhandelt worden zu sein. Bei einer Uebung auf dem Tempelhofer Feld erhielt er von Riehmke wegen eines Versehens einen Schlag mit dem Seitengewehr. Der Grenadier Wald schal bekundet auf die Frage, warum er die ihn, von dem Sergeanten zugefügten Mihhandlungen nicht gemeldet habe: „Wir haben alle Angst gehabt!" Dem Grenadier Rosen schlug der AngeNagte mit der Drillichhose ins Gesicht. Ein anderes Mal stieß er ihn gegen das Spind. Zeuge Meier, der bereits entlassen ist, ist fast täglich mihhandelt worden. Manchmal ist er täglich zwei- bis dreimal geschlagen worden. Es kann im ganzen etwa hundertmal gewesen sein. Genaue Zahlen vermag der Zeuge nicht anzugeben. Hauptsächlich wurde Meier mit F a u st s ch l ä g e n traktiert. Der Grenadier M u ß m a n N ist nach der Anklage in mindestens 30 bis 40 Fällen mißhandelt worden. Einmal wurde er so heftig gestoßen, daß er blaue Flecke bekam. Ein Grenadier von einer anderen Korporalschast erzählt» dah der Angeklagte morgens und nachmittags seine Leute geschlagen habe. Der Grenadier Deicke wurde eines Tages mit dem Seiten- g e w e h r g e st o ß e n. Bei einem Faust schlag inS Gesicht bluteten ihm die Lippen. Auch Schläge mit den Pantoffeln erhielt der Zeuge. Einen anderen Grenadier zog der Angeklagte über den Schemel und schlug ihm mit dem blanken Seitengewehr aufs Gesäh. Unteroffizier Steinke hatte die benachbarte Korporalschaft unter sich. Er hat häufig beobachtet, dah Riehmke die Rekruten schlug. Er hat ihn auch einmal verwamt und ihn geraten, die Tätlichkeiten gegen die Untergebenen zu Unterlasten. Oft verließ der Zeuge die Stube, weil er die Mißhandlungen nicht mehr mit ansehen konnte. So sei einmal ein Rekrut gegen das Spind gestoßen und so heftig ins Gesäß getreten worden, daß er zusammenbrach. Der Prozeß konnte gestern nachmittag beendet werden, da auf die Vernehmung einer großen Anzahl von Zeuge» verzichtet wurde. Von Interesse war die Vernehmung des Feldwebels Bartsch, dem der Angeklagte bei seiner Vernehmung vorgeworfen hatte, daß er ihn zum Schleifen der Leute aufgefordert habe. Der Feldwebel bekundete, daß die Korporal- schast des Sergeanten Riehmke in recht verlottertem Zustande gewesen sei und daß er ihn wiederholt aufgefordert habe, Ordnung zu schaffen. Der Angeklagte sei selbst schuld daran gewesen, daß in seiner Korporalschast solche Zustände herrschten. Den Vorwurf des Angeklagten, er habe diesen vor der ganzen Korporalschast aufgefordert, die Leute zu schleifen, wies derZeuge entschieden zurück. Er habe wohl gesagt, daß er scharf vorgehe» solle, doch hätte er jede Mißhandlung, die ihm zu Ohren ge- kommen wäre, sofort gemeldet. Der Angeklagte be- hauptete u. a. auch, er könne noch andere Sachen, die m der Kompagnie vorgekommen seien, angeben. Er bleibe dabei, daß ihm der Feldwebel vorgehalten habe, er behandle die Leute zu milde, zu weich und zu mütterlich. In seinem P l a i d o h e r führte der Vertreter der An- klage, KriegsgerichtSrat Kruse, aus, eS sei sehr bedauer» lich, dah keiner der Geschlagenen von seinem Be- schwerderecht Gebrauch gemacht habe. ES seien sonst derartige. unglaubliche Zustände viel eher beseitigt worden. Den Rekruten habe der Angeklagte die Dienstfreudigkeit genommen. Wenn er, der Vertreter der Anklage, während der Verhandlung keine Erweiterung der Anklage beantragt habe, so komme eS hier nur darauf an. für das ganze gesamte straf- bare Verhalten deS Angeklagten eine Sühne zu finden. Die Anklage umfasse 197 Fälle. Dies sei lediglich eine Blütenlese. Mit Leichtigkeit hätte man während der Verhandlung neue Fälle ans Tageslicht bringen können. Der Angeklagte habe in einem Falle das Beschwerderecht brutal ertötet. Als der Grenadier SchwedeShagen einem Kameraden gegenüber äußerte, er werde sich beschweren, habe er von dem Angeklagten eine Ohr« feige bekommen. Wie einen dummen Schuljungen habe er den Grenadier Deike auf den Schemel sich niederlegen lasten und ihm mit dem Seitengewehr das Gesäß bearbeitet. Derartige Auswüchse, wie sie in der Verhandlung zutage getreten seien, mühten empfind« lich geahndet werden. Systematische Mißhandlungen, wie sie der Angeklagte begangen, könnten keine mild« Beurteilung findm. Er beantrage eine Gefängnisstrafe von einem Jahre und drei Monate», Degradation und sofortige Festnahme deS Angeklagte«. Das Kriegsgericht erkannte auch dem Antrage «atfprechend. y i.N ES lag also nur an der Gutmütigkeit des Anklage- Vertreters, daß nicht statt der zweihundert Mißhandlungsfälle deren drei- oder vierhundert erwiesen wurden t In der Tat„unglaubliche Zustände" I Und nicht etwa in einem Welt- entlegenen Garnisonort, sondern bei einem Garderegiment in der Rcichshauptstadt selbst I Und der ewig alte, ewig neue Grund, weshalb dieser Soldatenschinder sein Handwerk im größten Stile fast ein Jahr lang ungeniert ausüben konnte, war wiederum die Furcht vor noch unerhörterer Drangsalier ung, falls einer der Mißhandelten vom Beschwerderecht Gebrauch machte. Das Beschwerde- recht st cht eben nur auf demPaPter. Es ist derart mit Fußangeln umgeben, daß die meisten Soldaten sich eher fortgesetzt quälen lassen, statt gegen einen Rohling von Vor- gesetzten durch eine Beschwerde vorzugehen. Und das wird nicht anders werden, bevor da» Beschwerderecht gründlich«mgestaltet, bevor de«„Stell- Vertreter» Gottes" die Allmacht über die Söhne des Volkes genommen ist! Ileiie llompromiiselei-verillche. Noch vor wenigen Tagen haben die sogenannten entschieden liberalen Blätter, allen voran die bald obstruktionslustige, bald senttinental-reichskanzlerische„Franks. Zt g.", erklärt, daß alle Versuche, zwischen der Rechten und Linken des Blocks eine Verständigung über die Finanzreforin herbeizuführen, völlig aussichtslos seien, und Wohl hundertmal wurde die billige Frage aufgeworfen:„Was nun?" Trotz dieser angeblichen Aussichtslosigkeit hat Fürst Bülow, wie man erfährt, mit den Führern der Konservativen unter der Hand neue jUnterhandlungen ange- knüpft; und auch die unentwegten Prinzipien festen Führer des F r e i s i n u s haben sich allem Anschein nach wieder bereit finden lassen, mit Bülow über eine Aenderung des Reichsfinanzsanierungsplans zu ver- handeln; wenigstens teilt Professor Eickhoff in einem Arttkel der„Bariner Zeitung" mit, daß zwischen den Konservativen und Liberalen wegen der Reichsfinanzreform wieder Verständigungsversuche im Gange seien, und zwar auf der Basis, daß die Freisinnigen einstweilen die Brannt- Wein-Liebesgabe bestehen ließen, dafür aber die Konservativen bei der Erbschaftsbesteuerung Entgegenkommen zeigten. Möglich, daß die Freisinnigen— Hoffen und Harren macht bekanntlich manchen zum Narren— noch immer damit rechnen, die Konservativen in der Erbschaftssteuerftage breit- schlagen zu können; denn sie beurteilen naturgemäß die Zähigkeit der Konservativen nach ihrer eigenen. Wir halten ben Versuch, die Konservativen für eine Ausdehnung der Erb- schaftsstcuer auf Ehegatten und Deszendenten bewegen zu wollen, für aussichtslos, da es sich, wie wir wieder- holt ausgeführt haben, für die Konservativen, im Grunde ge- nommen, gar nicht um die Belastung des ländlichen Grund- besitzcs durch die sehr mäßigen Erbschaftssteuerraten, sondern um eine Machtfrage handelt: um die Aufrcchterhaltung der Abhängigkeit der Regierung vom preußischen Junkertum und die Verhinderung einer preußischen Wahlrechtsreform. Freiherr v. Z e d l i tz, der schon bisher bei den Ver- Handlungen zwischen den Blockparteien vielfach als„ehrlicher Makler" fungiert hat, rät denn auch im„Tag" den Frei- sinnigen, ihre Forderung nach einer Erbanfallstcuer fallen zu lassen, denn sie hätte im jetzigen Reichstag keine Chancen mehr. Er hält die Verständigung nur auf der Basis für möglich, daß die Liberalen zunächst die Zusiche- rung geben, unbedingt die erforderlichen 400 Millionen indirekter Steuern bewilligen zu»vollen, und daß sie sich dann wegen der anderen 100 Millionen Besitz- steuern selb st nach geeigneten Steuerobjekten umsehen und einen„annehmbaren Ersatz für die Erb- anfallsteuer" bieten. Wie Herr v. Zedlitz meint, könnte das den Liberalen gar nicht so schwer fallen, da sie doch über so viele„scharfsinnige und kenntnisreiche Männer" verfügten. Wörtlich heißt es in dem schönen Arttkel: Treten die Liberalen mit der Zusicherung unverkürzter Be- willigung der erforderlichen Mehreinnahmen aus indirekten Steuern unter Wahrung der landwirtschaftlichen Interesse und mit einem Vorschlage für eine den Konservativen annehm- bare Lösung des Problems der Besitzbesteuerung hervor, so werden die Konservativen die Mitwirkung unmöglich versagen können. Freilich würde das Zentrum eS sich angelegen sein laffen, den Liberalen inbezug auf die Bewilligungsbereit- schast nach Möglichkeit Konkurrenz zu machen. Aber ganze Arbeit zu machen, die Reichsfinanzen dauernd zu sanieren, wird eS trotzdem schwerlich bereit sein.... Ein solches Vorgehen würde überaus große Anforderungen an die Kraft und Entschlußfähigkeit der Liberalen im Reichstag stellen. Man kann sich das Jndianergeheul vorstellen, das darob vom „Berliner Tageblatt' bis zum.VortvärtS', von Dr. Barth bis zum Zehn-Gebote-Hoffmann angestimmt werden würde I Aber der Erfolg wäre auch der Anspannung und Einsetzung aller Kraft wert. Die Liberalen hätten, wenn sie so die ReichSfinanzreform Von dem toten Gleise, auf das sie jetzt festgefahren ist, sicher unter Dach brächten, eine patriottsche Tat ersten Ranges voll« bracht, sich ein großes dauerndes Verdien st um das Reich erloorben. Damit würde der Liberalismus sich mit einem Schlage zum guten Teil das Maß von Ansehen im Volle wiedergewinnen, dessen er in der ersten Zeit nach der Gründung deS Reichs sich erstellte. Aber der politische Vorteil, welcher dem Liberalismus aus der rettenden Tat erwachsen müßte, würde sich nicht auf das Gebiet der Imponderabilien beschränken. Daß den Parteien, welche in entscheidender Weise an dem Zustandekommen der Reichsfinanzreform mitgelvirkt haben, ein Platz an der Sonne in unserer inneren Politik, und zwar auch in Preußen sicher wäre, wird ernstlich nicht bestritte» werden. Der schöne Vorschlag ist allem Anschein nach völlig ernst gemeint; in Wirklichkeit liest er sich aber wie blutiger Hohn auf die politische Charakterfestigkeit des Freisinns, dem un- geniert zugemutet wird, nicht nur die geforderten 400 Millionen Mark indirekter Steuern zu bewilligen, sondern obendrein auch noch den willigen Hausknecht der Regierung und der Konservattven zu spielen und die angenehme Aufgabe zu übernehmen, für die der konservattven Opferwilligkeit nicht passenden Steuern andere zu finden. Selbst der blocktreucn züchtigen„Vossischen Zeitung" ist denn doch solches Ansinnen zu bunt, und beleidigt schreibt sie: „Die Liberalen können dieses Ansinnen, den Konservativen zu einem Triumph über die Regierung zu verhelfen, nur als eine Verhöhnung auffassen. Frhr. v. Zedlitz freilich behauptet, daß der Liberalismus damit eine„patriotische Tat ersten RangeS", eine „rettende Tat' vollbringen würde und„zum guten Teil das Maß von Ansehen im Volke wiedergewinnen' könnte,„besten er in der ersten Zeit nach der Gründung des Reiches sich erfreute'. Fürst Bülow wird über diese Bemühungen deS Frhrn. v. Zedlitz, in heutiger Zeit den Konservativen das Rückgrat im Widerstand gegen die Regierung noch zu stärken, vermutlich noch mehr ersteut sein, als vor 14 Tagen, da ein anderer Führer der Freikonser- vativen, Abg. Frhr. v. Gamp, in der berühmten vom Abgeordneten Normann einberufenen vertraulichen Konferenz eine Erklärung abgab, die die Konservativen sofort als eine Zustimmung zu ihrem Wertzuwachssteuerantrage ausposaunten.' WaS aus den zwischen Reichskanzler, NeichSschatzfekretSr, Konservattven und Liberalen gepflogenen neuen Verhandlungen herauskommt, muß abgewartet werden. Vorläufig b e- streitet sogar die„Frcis. Ztg." noch, daß überhaupt „zwischen den Konservativen und den Liberalen Verständigungsversuche i m Gange sind." Jedenfalls aber bereitet sich eine Verschiebung der politischen Lage vor. Vielleicht erklärt sich daraus auch, daß ein Teil der ZcntrumSblätter eine neue Schwenkung vollzieht, seine scharfen Angriffe auf Bülow unh seinen Hohn über die Verfahrenheit der inneren politischen Lage vorläufig einstellt und den Gedanken vertritt, daß die Regierung durch ihre bisherigen Erklärungen zur Erbschaftsbesteuernng noch durchaus nicht festgelegt und deshalb noch jeder- zeit in der Lage ffei, die Finanzreform Mit einer Mehrheit zu machen, die nicht mehr ausschließlich Blockmehrheit wäre. Die„Köln. V o l k s z t g." verteidigt diese Auffassung sogar in einem langen.„Rückkehr zur Besonnenheit" überschriebenen Leitarttkel, der mit sol- genden Sätzen schließt: „Wir unserseits haben selbstverständlich den liberalen Parteien erst recht keine Ratschläge zu geben.' Wir stehen aber nicht an. den Wunsch auszusprechen, daß auch die liberalen Parteien sich nur von der Stimme der Besonnenheit be« raten lassen mögen. Sie werden auf diesem Weg? sicher mehr erreichen im Sinne der von ihnen vertretenen wirtschaftlichen Interessen als durch ein„Biegen oder Brechen". Eine einseitige„Herrschaft des Zentrums' ist tatsäcblich gar nicht möglich, wenn die Liberalen nur nicht sich selbst ausschalten; liegt auch gar nicht in unseren eigenen Wünschen, sonst könnten wir eS ja nur mit Schadenfreude mit ansehen, wenn sich die Liberalen in eine Sackgaffe verrennen, aus der eS für s i e keine Rückkehr zur Mitarbeit an den, Reformwerk gäbe. Die Einigkeit, mit der das preußisch: Abgeordnetenhaus die Besoldungsreformen durchführt, ist zwar in der Reichsfinanzreform durch die Parteien nicht ohne weiteres zu kopieren; aber die Finanzreform herauszuheben aus dem Parteistreite, damit sie möglichst das Werk aller staatserhaltenden Parteien werde, wie seinerzeit andere große Reformen, daS sollte doch auch in diesem Lugenblick noch nicht unmöglich sein.' Die Absicht, die das klerikale Blatt mit diesen Ausführungen verfolgt, ist nichtklar. Die Stärkung derPositton der Konservativen in ihrem jetzigen Kampf gegen Kanzler und Freisinn dürfte nicht das einzige Mottv sein. Vielleicht hält das Kölner Blatt eine klerikal-konservattve Koalitton einstweilen für anssichtslos und hofft, daß wenn alle sogenannten.staatserhalten> den" Parteien an der Finanzreform mitwirken, das Zentrum am ersten Gelegenheit findet, seinen Einfluß zur Geltung zu bringen. Daneben verfolgt der Appell an die„Besonnen- h e i t" der Liberalen zweifellos den Zweck, diese als die eigentlichen Schuldigen hinzustellen, an deren Uebermut daS „große vaterländische Werk" scheitert. politifcbe deberllcbt. Berlin, den 12. Mai 1309. Rettung der Mittelstandsmüller. AuS dem Reichstage, 12. Mai. Zwei volle Sitzungen sind dazu verbraucht, um den Parteien, die mit der Mittelstandsretterei kokettteren, eine Demonstratton zu- gunsten der kleinen und mittleren Müller und gegen die Großmühlen zu ermöglichen. In der ersten Sitzung am Mai hatten die weitläufigen Ausführungen der Befürworter der beiden Anttäge Speck und R ö s i ck e auf Einführung einer ge st af selten Mühlenumsatzsteuer soviel Zeit in Anspruch genommen, daß die sozialdemokratischen Redner nicht zum Wort kamen. Heute erst konnten unsere Genossen Molkenbuhr nnd Binder die ablehnende Haltung der Sozialdemokratie be- gründen, indem sie nachwiesen, daß die geplante Erdrosselung oder doch Schikanierung der Großmühlen weder im Interesse der Arbeiter noch des konsumierenden Publikums liegt. Molkenbuhr zerpflückte insbesondere die Behauptung der Antragsteller, die Mühlcnumsatzsteuer sei völlig einflußlos auf die Bildung der Brotpreise. Als ob nicht jede künstliche Verteuerung des Mühlenbetriebes gerade von den Großmüllern mit Leichtigkeit auf das Produkt abgewälzt werden könnte. Die ganze Heuchelei der angeblich müllerfreundlichen Agrarier deckte unser Redner durch den Hinlveis auf, daß die nämlichen Agrarier durch das System der Einfuhrscheine die Ausfuhr des deutschen Getreides künstlich förderten und auf diese Weise gerade den kleinen Müllern den Geschäftsbetrieb erschweren. Nicht minder brachte der nationalliberale Abgeordnete Hausmann, selbst Müller von Beruf, der für die nichtagrarische Minderheit seiner Partei sprach, sachverständiges Material gegen die Anträge bei. So richtete er an die Agrarier die Frage, weshalb sie denn die Dreschmaschinen eingeführt und dadurch doch auch Arbeiter brotlos gemacht hätten. Der Maschinendrusch sei obendrein noch gerade nach- teilig für die kleinen Müller gewesen. Sei deshalb aber irgend jemand bereit, die Dreschmaschinen wieder abzuschaffen? Genosse Binder konnte aus Bayern nachlveisen, daß dort die anfänglich eingeführte Mühlenumsatzsteuer wieder ab- geschafft werden mußte, da sie ihren Zweck völlig verfehlt hatte. Dieses Argument wurde in keiner Weise dadurch cnt- kräftet, daß der Zentnlmsabgeordncte Heim, wie sein Kollege Speck anführte, bei jener Gelegenheit den Wunsch nach einer Reichsumsatzsteuer ausgesprochen hatte. Trotz der durchschlagenden Argumente der Gegner der Mühlcnuinsatzsteuer wurden natürlich die beiden Anttäge mit großer Mehrheit angenommen. Dagegen stimmten nur Sozialdemokraten, Freistni»ige und ein Teil der Nattonal- liberalen._ Beamten- und Lehrerbesoldungen. DaS preußische Abgeordnetenhaus mußte sich am Mittwoch noch einmal mit dem Gesetzentwurf betreffend die Bereitstellung von Mitteln zu Diensteinkommenverbesserungen befassen, weil da? H.-rren- hauS die Borlagen in einigen Punkten abgeändert hat. und zlvar hat eS im LehrcrbcsoldungSgesetz die Gehälter gekürzt, dafür aber die StaatSzuschiiffe wiederhergestellt, im BcamtenbesoldungSgesctz hat cS namentlich die rückwirkende Kraft deS WohnungSgeldzuschusseS ab 1. April 1S08' gestrichen, lieber beide Vorlagen war nun zwischen allen Parteien des Abgeordnetenhauses eine Verständigung erzielt worden, dahingehend, daß die Lehrergehälter überall so bleiben sollen, wie eS das Abgeordnetenhaus ursprünglich beschloffen hatte, daß die StaatSzuschüsse erhalten bleiben und daß dem Wohnung?» geld für Beamte rückwirkende Kraft verliehen wird. In einigen kleinen Punkten ist dafür daS Abgeordnetenhaus dem Herrenhaus- entgegengekommen. Namens der sozialdemokratischen Fraktion erklärte Borgmann daS Einverständnis mit den Kompromißvorschlägen zum Lehrer« besoldungsgesetz, ohne iudeS in den Fehler der bürgerlichen Redner zu verfallen, die das Gesetz als wer weiß was Unerreichbares bc- zeichnet hatten. Borgmann ließ gar keinen Zweifel darüber auf- kommen, daß nach Ansicht der Sozialdemokraten die Lehrer mich nach Jnlraftlreten dos Gesetzes noch nicht fo gestellt fein werden, lvie eS ihrem Beruf zukommt, er scheute sich auch nicht, da? Herren- haus, daS sich ausnahmsweise einmal als Hüter der Selbstverwaltung gezeigt hatte, gegen das Abgeordnetenhaus auszuspielen. Allerdings suchte der Oberscharfnracher Frhr.».Zedlitz(fk.) hierauf anzubeißen und Borgmann den Vorwurf zu machen, daß er die Regierung gegen die Volksvertretung scharf zu machen suche, aber treffend riefen ihm unsere Genoffen sofort zu, dah das Herrenhaus ebensowenig eine Volksvertretung sei wie das Abgeordnetenhaus. Zum Beamtenbesoldungsgesetz präzisierte Genosse Hirsch den Standpunkt unserer Partei, indem er die Erklärung abgab, seine Freunde würden, obwohl alle ihre im Interesse der unteren und mittleren Beamten gestellten Anträge abgelehnt find, doch für die Borlage stimmen, damit die Beamten nicht ganz leer ausgehen. Wie berechtigt unsere Anträge gewesen feien, das gehe daraus hervor, daß die ReichtagSkommission einmütig in demselben Sinne beschloffen habe. Natürlich unterließ es unser Genosse nicht, auch für die Staatsarbeiter höhere Löhne zu fordern und mit aller Energie für die staatsbürgerlichen Rechte der Beamten und Arbeiter einzutreten. Im Gegensatze zu dem sozialdemokratischen Redner forderte Abgeordneter Graf v. d. Groeben(k.), Preußen solle seine Stimmen im Bundesrate geltend machen, damit die Reichsbeamten keine höheren Gehälter bekommen als die Staatsbeamten. Für den Finanzminister Freiherrn V. Rheinbaben war daS ein gefundenes Fressen, er versprach, sein möglichstes zu tun, um die geplante Gehalts- aufbefferung im Reich zu hintertreiben; ebenso scharf wandte er sich gegen eine Lohnaufbesserung für Staatsarbeiter, die seiner Ansicht nach heute schon förmlich im Golde schwimmen.» Beide Vorlagen wurden einstimmig angenommen, ebenso das Wohnungsgeldgesetz, während die Steuervorlagen nur die bürger- lichen Stimmen auf sich vereinigten. Unsere Genoffen und die Polen stimmten dagegen. Donnerstag: Fortsetzung der dritten Lesung des Etats.— Ueber den Arbeitsplan des Reichstages verlautet, daß bis Mittwoch nächster Woche Plenarsitzungen statt- finden sollen. An diesem Tage würden dann die Pfingstferien be° ginnen und Plenarsitzungen auch nach Pfingsten zunächst nicht stattfinden. Die Finanzkommission soll erst später in die Ferien gehen, um noch die zweite Lesung der durchberatenen Steuer- vorlagen vornehmen zu können. Bestimmte Beschlüsse hat der Senioren- konvent allerdings noch nicht gefaßt, aber die obige Kombination dürste im allgemeinen richtig sein. Wie man hört, besteht bei der Regierung die Absicht, zunächst die Tabak-, Brau- und Branntwein- steuer im Plenum verabschieden zu lassen, im Sommer eine Ver- ständigung zwischen den bürgerlichen Parteien zu versuche» und dann im Herbst die Befltzsteuern dem Reichstage zugehen zu lassen. Daß mnfangreiche Steuervorlagen jetzt noch beraten werden können, erscheint nach Lage der Sache völlig ausgeschloffen. Der Reichstag tagt mit Ende dieses Monats bereits volle sieben Monate._ Wie Landtagsabgeordneter Jmbusch zitiert. Man schreibt uns: Der Herr Landtagsabgeordnete Jmbusch veröffentlichte in dem führenden Zentrumsorgan, die„Germania", am 7. Mai einen Artikel unter der Ueberschrift:„Zum Kampf um die Berggesetznovelle". In diesem Artikel setzt sich zunächst Jmbusch mit der Tagespreffe über die Unfälle im Bergbau auS- einander. Weiter empfiehlt er die„christlichen" Gewerkschaften als die gerechtesten Organisationen den Gegnern gegenüber. Sie dächten auch nicht daran, die„Expropriation der Expropriateure" vorzunehmen, darum sollten auch die Unternehmer nicht die christlichen Gewerkschaften mit den Sozialdemokraten in einen Topf werfen. Die Gründe dieser christlichen Anbiederung an die Unternehmer sind uns ja nichts Fremdes mehr. Und daß schließlich Herr Jmbusch in dem Artikel den Gewerkverein„christlicher" Bergarbeiter als daS„festeste Bollwerk gegen die Sozialdemokratie" hinstellt, der in einzelnen Revieren diese sogar„siegreich über- wunden" habe, ist zwar von Jmbusch gut ausgetiftelt, hat aber bloß den kleinen Fehler, eine prahlerische Erfindung zu sein. Doch wie Herr Jmbusch in diesem Artikel mit der Wahrheit um- ""ringt, das mögen folgende Sätze darlegen. Er schreibt: „Mit welchen Mitteln von den Gegnern eines besseren Bergarbeiterschutzes gearbeitet wird, zeigt auch ein Artikel in der„Deutschon Bergarbeiter-Zeitung" vom 1. Mai 1S09. Darin heißt es wörtlich:„Wer die Zahlen der Unfall- statistik im Bergbau genau verfolgt, wird finden, daß sich die Zahl der tödlichen Unfälle stetig gemindert hat, trotz der Ein- stellung vieler taufender Arbeiter aus bergfremden Gebieten." Wir stellen fest, daß diese Sätze oder sinngemäß ähnliche in her„Bergarbeiter-Zeitung" nicht enthalten sind. Wohl aber finden wir sie in der„Deutschen B e r g w e r k S- Zeitung" am 1. Mai 1S0S. Aus dieser wird einfach die„Deutsche Bergarbeiter-Zeitung" gemacht, und damit ist die Sache für Jmbusch erledigt. Würbe es sich nicht um einen„christlichen" Gewerkschaftsführer handeln, wir könnten an einen Schreibfehler glauben. So aber müssen wir bei den vielen Erfahrungen, die wir mit den„christlichen" Ge° Werkschaftsführern gemacht haben, schon annehmen, daß Jmbusch bei seiner Fälschung„heilige Absichten" geleitet haben. Der Artikel macht seit mehreren Tagen die Runde durch die Presse. ohne daß irgendeine Berichtigung erfolgt. Wir müssen darum die obigen Darlegungen Jmbuschs, soweit sie die„Bergarbeiter- Zeitung" als Quelle angeführten ZitatS angeben, als eine grobe Fälschung bezeichnen._ Frz. Pokorny. Der Radbod-Prozefs ist gesichert. In unserer Meldung, daß sich die Direkt ore n d er Z ech e Radbod jetzt endlich entschlossen haben, den wiederholten Aufforde- rungen der„DortmunderArbeiterzeitung" nachzukommen, Strafantrag zu stellen wegen der Behauptung de? Blattes, daß die Direktion mit Schuld trage an der Radbod- katastrophe stagten wir. ob etwa inzwischen die betreffenden Artikel der„Arbeiterzeitung" v e r j S hst t seien. DaS ist erfreulicher- weise nicht der Fall. Unser Parteiorgan zu Dortmund schreibt zu der Meldung: „... Wenn die Herren von Radbod nun endlich Strafantrag gestellt haben sollten, so sind sie damit lediglich einer Forderung nach- gekommen, die wir reichlich ein Dutzend mal erhoben haben. Wir haben sogar entgegcnkommendertveise die Anschuldigung, daß die Zechen- Verwaltung mitschuldig sei an jener Grubenkatastrophe, nachdem die ersten angeblichen Beleidigungen verjährt waren, noch einmal er- hoben. Wir sehen dem Prozeß mit großer Seelen- ruhe entgegen. Die Herren von Radbod haben getan, waS wir forderten, und bei Philippi sehen wir uns wieder." DaS„allgemeine Wohl" der Grundbesitzer. Das„Berl. Tagebl." antwortet heute auf unsere Konstattcrung, baß eS die Wertzuwachssteuer in seinem polittschen Teil gutheiße, in seiner Beilage für Grundstücksverkehr aber die Schöneberger Stadtverordneten bekämpfe, die sich gegen die Winkelznge der Terrainspekulanten zur Wehre setzen. Daß eS auf die Interessen der Grundbesitzer und Terrainspekulanten Rückficht nehme, weist das Blatt als eine Unterstellung entrüstet zurück und versucht den Wider» spruch folgendermaßen zu erklären: „Wir haben die Vorlage bekämpft, weil sie sich als Aus- nahmegefetz charakterisiert lhierbei müßte doch eigentlich der„Vor- wärts" a» unserer Seite stehen I) und weil wir sie für gesetzlich unzulässig halten. Warum wir sie für ungesetzlich halten, wird morgen an dieser Stelle eingehend dargelegt werden." DaS ist ganz schön gesagt, aber leider nicht ganz richtig. Denn te dem kritischen Artikel steht nicht» von Ausnahmegesetz und nichts vi» Ungesetzlichkeit, vielmehr wird nur davon gesprochen, daß aus der Vorlage„die größten Vorteile für den allgemeinen Wohlstand der Grundeigner" erwachsen würden. Wenn jetzt das„B. T." nach anderen Gründen Ausschau hält, so beweist dies nur, daß eS die Unstichhaltigkcit seiner früheren selbst einsieht. Klassengegensätze in der Schule. Kürzlich wurde im preußischen Landtage Beschwerde erhoben über daS Hineintragen von Klassengegensätzen bei der Verteilung der Schüler im Essener Gymnasium. Die Regierung stellte über die vorgebrachten Klagen Ermittelungen am Wie jetzt dem„Berliner Lokal- Anzeiger" berichtet wird, hat der vom Kultusministerium nach Essen entsandte Geh. Oberregierungsrat Dr. Reinhardt die aufgestellten Behauptungen bestätigt gefunden. AuS einer Liste geht hervor, daß in einer �.-Klaffe die Eltern der Schüler sind: Fabrikdirektoren, VergwerkSdirektoren, Oberbürgermeister, Rentiers und Fabrikanten: in der L-Klaffe aber: Schreiner, Vorzeichner, Burcauveamte, Kanzlisten usw.— Auch die Liste der Oberprima von 1908 und 1909 läßt das Bestreben nach einer Unterscheidung ganz deutlich erkennen. Bezeichnend ist. daß in der Oberprima die eine Klasse 15, die andere sogar nur 8 Schüler hatte. Die Ereignisse in der Türkei. Neue Hiurichtungen. Konstantinopcl, 12. Mai. Heute bei Tagesanbruch sind in ver- schiedenen Stadtteilen, darunter in dem in der Nähe des Uildiz ge- legenen Stadtviertel Beschiktasch, vierundzwanzig Per- sonen hingerichtet. Zu den Verurteilten gehören mehrere Soldaten als Offiziersmörder, einige Offiziere und H o d s ch a s als Aufwiegler zur Revolte vom 13. April und eine Anzahl Matrosen, die den Kommandanten des Panzerschiffes Affar-i-Tewfik ermordet haben. Bestrafte Truppe«. Konstantinopel, 12. Mai. Die Truppen der alten Garnison, die im KriegSnnnisterium interniert waren, die Marinesoldaten, die Jäger und Artilleristen, sind heute nach Saloniki geschafft worden, wo fie bei Wegebauten verwendet werden. Die armenische« Metzeltie«. Paris» 11. Mai. Der Deputierte Cochin hat angekündigt, daß er wegen der Metzeleien unter den Armeniern eine An- frage an die Regierung richten werde. Der Minister des Aus- wältigen P i ch o n wird die Anfrage am Freitag dieser Woche be- antworten. Konstantinopel, 11. Mai. Der Großwesir hat heute eine Deputation des armenischen Patriarchats empfangen. Die Deputation legte Telegramme vor, in denen die Lage der C h r i st e n in den armenischen Provinzen, besonders in Müsch und Diarbekr, noch immer als bedroht geschildert wird. Die Minister gaben die feste Zusicherung ab, daß die Regierung die Ordnung und Sicherheit baldig st wieder herstellen und die Schuldigen bestrafen werde. Der Minister des Innern erklärte außerdem, daß der Walt und der Stadtkommandant von Diarbekr abgesetzt würden. Beschwerden des Bischofs von Adana. Konstantinopcl, 12. Mai. Der armenisch-gregorianische Bischof von Adana sandte aus Kairo an alle Botschafter die Kopie einer Protestdepesche, welche er an die Kämmer, den» Senat, den Großwesir und an das Patriarchat geschickt hatte, weil die türkischen Behörden in Mersina ihn an der R ü ck k e h r in seine Diözese verhindert hatten. In einem Ve- gleitbrief verlangt der Bischof einen besonder« nGerichtshof, dem auch fremde Elemente angehören sollen, um die an den Metzeleien schuldigen Personen ausfindig zu machen. Ferner wird der Unterstaatssekretär des Ministeriums des Innern beschuldigt, daß er aus den Stellvertreter des Patriarchats eine gewisse Pression ausgeübt habe, schließlich wird die Vermittelung der Bot- schafter verlangt, damit die Ruhe wiederhergestellt werde. Beruhigung in Kleinafien? Konstantinopcl, 12. Mai. DaS Amtsblatt veröffentlicht Depeschen auS dem Wilajet A l e p p o, denen zufolge im ganzen Wilajet Ru h e herrscht. Ferner veröffentlicht das Amtsblatt eine Depesche des Mali in Adana vom 10. d. MtS., welche besagt, der Kommandant des englischen Geschwaders habe den Mali besucht, der ihm erklärt habe, daß seit 13 Tagen im Wilajet Ordnung herrsche, und daß an die Opfer Unterstützungen verteilt würden. Der Kommandant habe erwidert, daß er dieS selbst fest« gestellt habe und erklärt, daß daS Geschwader am 11. Mat Mersina verlassen werde. DaS Preßgesetz. Konstantinopel. 11. Mai. Die Deputiertenkammer be- gann heute die Beratung deS neuen PreßgesetzeS und nahm einen Antrag an. daß die für die Zeitungen verantwortlich zeichnenden Redakteure die ottomanische Staatsangehörigkeit besitzen müssen. Ueber einen Antrag, als verantwortliche Redaktcure nur solche Per- sonen zuzulassen, die ein akademisches Diplom besitzen, entspann sich eine heftige Debatte, worauf die Sitzung abgebrochen wurde. frankmd). DaS Mandat Paschal GroussetS. , Paris, 10. Mai.(Eig.©er.) Im zwölften Pariser Arrondisie- ment, das eine starke Arbeiterbevölkerung hat, fand gestern eine Nach- wähl statt. Der Bezirk war lange durch den unlängst verstorbenen „unabhängigen Sozialisten" Paschal Groufset vertreten, der sein Mandat der Glorie des Kommunarden verdankte, die das Haupt deS sehr harmlos gewordenen Mannes noch immer umstrahlte. 1906 war er steilich hart bedrängt. Er siegte erst im zweiten Wahlgang. Im ersten hatte er 4930 Stimmen, der Kandidat der geeinigten Partei, Gen. Dubreuilh, 6602, der Radikale Le Foyer 4603 Stimmen erhalten. Diesmal war Le Foyer der eigenttiche Kandidat der„republikanischen Konzentration" und normalerweise hätte er einen großen Teil der Stimmen GronffetS bekommen müssen. Aber er gewann gegen die vorige Wahl im ganzen— 60 Stimmen I Die geeinigt« Partei hatte diesmal den früheren Gemeinderat Fribourg aufgestellt. Er bekam 4810 Stimmen, was also einen Gewinn von 1200 Stimmen bedeutet. Ein«unab- hängiger Sozialist' brachte es auf 1596, ein„gelber" Kandidat auf 1559 Stimmen. Ob das Mandat von der Partei gewonnen werden wird, scheint sehr fraglich, aber der Niedergang des Radikalismus zeigt sich auch in dieser Wahl.— Bei der gestrigen Stichwahl in Pas des Calais wurde der„unabhängige" Sozialist Delchuza ohne Gegenkandidaten gewählt. Der merkwürdige Herr D e l c l u c e, der geeinigter Sozialist und BivianiS KabinettSchef zugleich sein will, hatte sich zurückgezogen. Lelgien. Erregte Studenten. Brüffel, 12. Mai. Der„Gazette" zufolge ist eS gestern abend in Löwen während der Schlußfeier des UniverfitätSjubiläumS zu Straßenkämpfen zwischen wallonischen und flämischen Studenten gekommen. Die Polizei zog blank und verwundete mehrere Personen ernstlich. Snglanck. Gegen die Seemine«. London. 12. Mai. Einem Morgenblatte zufolge beabsichtigt Vle Admiralität an der Ostküste eine Reserve von hundert Schlepp- netz-Fischerbooten zu bilden zu dem Zweck, in Kriegszeiten treibende unterseeische Minen aufzufischen. Rußland. Zarische Infamie. Der Duma-Abgeordnete Genosse Gegetschkori hat von den Angehörigen des früheren Duma-Abgeordneten Lomtatidse aus Sebastopol ein Telegramm erhalten, daß der schwer kranke Lomtatidse. der vor kurzem in einem ergreifenden Briefe gegen die Hinrichtungsgreuel im Gefängnis protesttert hatte, zur Strafe aus dem Krankenhause nach derselben Zelle über- geführt wurde, vor deren FensterZdie Hinrichtungsgreuel statt- finden I_ Zur Maifeier. Die Maifeier, die in Rußland, ausgenommen Polen und die baltischen Provinzen, nach dem russischen Stile gefeiert wird, ist von unseren Parteiorganisattonen energisch vorbereitet worden. Wie das Zentralblatt der Partei,„Der Sozialdemokrat", mitteilt, hat das Zentralkomitee und eine ganze Reihe von Organi- sationen zahlreiche Flugblätter herausgegeben, in welchen die Arbeiter zu einem eintägigen Streik und, wo da? nicht möglich ist, zur Abhaltung von Massenversammlungen arifgefordert werden. DaS Blatt schreibt:„Man wird natürlich nach den äußeren Formen des diesjährigen Protestes, der infolge der schweren Verhältnisse einen sehr bescheidenen Umfang haben wird, nicht über den Grad der Begeisterung der russischen Arbeiter für die Idee der Maifeier urteilen können. Ungeachtet der schwersten Schläge, die die Polizei unseren Organisationen versetzt, haben diese nach den vorliegenden Nachrichten auch in diesem Jahre eine enorme Arbeitsleistung vollbracht, um das russische Proletariat der Idee der internationalen Solidarität des Proletariats nahe zu bringen."_ Der Prozeß Lopuchin. Petersburg, 11. Mai. In dem Prozeß Lopuchin er- klärte sich der Angeklagte für nicht schuldig. Von den Zeugen sagte der Gendarmerierittmeister Andrej ew aus, er habe in Paris die Ueberzeugung gewonnen, daß die Sozial- revolutionäre bezüglich A z e w s ausschließlich den Eni- hüllungen LopuchinS geglaubt haben. In den vor dem Gericht verlesenen Aussagen des ChefS der Schutzabtei- lung G e r a s s i m o w sowie RatajcwS und RetschkowSkis werden Mitteilungen über die Tätigkeit AzeivS gemacht, dank der mehrere Mitglieder der fozia lrevolutionären Partei verhaftet worden seien und vielen politischen Morden hätte vorgebeugt werden können. Der Zeuge Fürst Swiatopolk MirSly beschrieb LopuchinS politische Ansichten als die eines gemäßigten Liberalen. Andere Zeugen wiesen darauf hin, daß Lopuchin, nachdem er seinen Abschied genommen habe, sich von politischen Angelegenheiten zurückgezogen und den Wunsch geäußert habe, sich ausschließlich privater Tätigkeit zu widmen, sowie daß er nach London im Auftrage der Moskauer Vereinigten Bank gereist sei. Damit wurde daS Zeugenverhör geschloffen. Ein bestrafter Echtrusse. Petersburg. 11. Mai. Der Vorsitzende des Verbandes des russischen VolkeS Dub robin, der Chefredakteur deS„Rusikoje Snamija", ist vom Stadthanptrnann mit 3000 Rubel Strafe belegt worden wegen Verbreitung falscher, gegen die Regierung Mißtrauen erweckender Mitteilungen. Lnlgarfcn. Souveränitätsschmerzen. Sofia» 12. Mai. Als Nachtrag zu dem schriftlichen Ansuchen an alle Großmächte um Aufhebung der bestehenden Kapitu- lationSrechte und um den Abschluß von Konsular- und Aus- lieferungSverträgen mir Bulgarien wird die bulgarische Regierung allen Mächten fertige Entwürfe für die genannten Verträge über- senden. Der„Turquie" zufolge erteilte die Pforte den türkischen Bot- schaftern die Weisung, bei den Mächten dagegen Ein spruch zu erheben, daß König Ferdinand den Titel König der Vul- garen annehme, da aus diesem Titel Zwistigkeiten bezüglich der BulgarenottomanischerStaatöan gehörigle it ent- stehen könnten.— Perften. Die Russen marschieren. Petersburg, 12. Mai.(Telegramm der Petersburger Telegraphen- Agentur.) Im Lager bei Täbris auS Morand eingelaufene Meldungen über Räubereien der Leute des dortigen Gouverneurs bewogen General S n a r S k i. eine Kompagnie mit zwei Ma« schinengewehren als Verstärkung der dort befindlichen Truppen zu entsenden mit dem Befehl, die O r d n u n g in M a r a d wieder herzustellen._ HilfStrnppen fiir Teheran. TäbriS, 11. Mai. AinedDauleh ist mit den persischen Kosaken im Eilmarsch aus Basmindsch nach Teheran ab- marschiert. Der Stabschef der russischen Militärabteilung hat Am cd Dauleh heute in Basmindsch besucht. Da die Dschulfastraße offen ist, so treffen täglich Hunderte von Kamelen mit Warenladungen in Täbris ein. parlatnentarifcbed* Die Tabaksteuer vor der Finanzkommission. Die Finanzkommission trat heute entsprechend ihres gestrigen Beschlusses in die Spezialberatung der von der Subkommisston aus« gearbeiteten neuen Gesetzesvorlage ein. Die gestern mitgeteilten, von den Konservative» beantragten höheren Sätze wurden gegen 6 Stimmen abgelehnt, nachdem der Abg. Müller(Fulda) namens des Zentrums erklärt hatte, daß seine Partei nicht über die Sätze der Subkommission hinausgehen werde. Wenn der Ertrag au« dem Tabak erheblich geringer ist, als die Regierung fordere, so sei daS zu bedauern, ändern könne seine Partei eS aber nicht. Eine Ueberraschung brachte die Abstimmung über die Zoll- und Steuersätze der Subkommisston, denn auch diese wurden und zwar mit Stimmengleichheit(11 gegen 11) abgelehnt. Dafür stimmten entrum, Wirtschaftliche Vereinigung, Polen und der Abg. Paasche. s bleibt also bei den bisher bestehenden Sätzen, die etwas niedriger sind als die von der Subkommisston vorgeschlagenen. Angenommen wurde mit 16 Stimmen der Antrag auf einen Zollzuschlag von 30 Proz. Der betreffende Paragraph lautet in seinem ersten ent- scheidenden Absatz: Tabakblätter, unbearbeitet und bearbeitet, unterliegen außer dem vorgeschriebenen Zolle einem Zollznschlag von Dreißig vom Hundert des Wertes. Als Wert gilt der Preis des Tabaks beim llebergange vom Verkäufer(Händler) an den Lerarbciter (Fabrikanten), lvobei Rabatt, Zinsvergütung, ZahlungSabzüge un- berücksichtigt bleiben. Die folgenden Paragraphen, welche von der Anmeldepflicht, Wertermitteluna, BettiebSanmeldung und Buchführung. AnkaufSrecht deS Staates bei unzulänglicher Wertanmeldung handeln, wurden im wesentlichen nach den gemachten Vorschlägen bon der Mehrheit gut- geheiszen. Ein gleicher Zuschlag von 30 Prozent soll wie bei den Tabal- blättern auch von den-Zigarren erhoben werden mit dem Unterschied, daß die im Reiseverkehr eingebrachten Zigarren eine andere Be- Handlung erfahren. Hier soll der Zoll nicht nach dem Wert erhoben werden, weil sich der schwer und nur mit großen Umständen fest- stellen lasse, sondern der Zuschlag soll nach dem Gewicht, und zwar pro Doppelzentner 800 M. erhoben werden. Ein Antrag der Kon- scrvativcn, den Zollzuschlag sowohl für Tabakblätter wie für Zigarren anstatt auf SV auf 70 Proz. festzusetzen, wurde abgelehnt. Eine lange Debatte entspann sich über die Erhöhung der Jnlandssteucr. Bisher betrügt der Satz pro Doppelzentner 45 M. Die Subkommission beantragt, die Steuer auf 50 M. zu erhöhen, während Müller-Fulda und Herold eine Erhöhung auf 60 M. beantragen. Zur Begründung führen die Antragsteller an, daß die Steuererhöhung in einem richtigen Verhältnis zur Zollerhöhung gebracht werden müsse. Der badische Vertreter des Bundesrats und der Zentrumsabgeordnete Zehnter treten entschieden für den niedrigen Satz der Subkommission ein und behaupten eine sehr erhebliche Schädigung des süddeutschen Tabaksbaues durch Hinaufsetzen der Steuer, weil man nachher den fremdländischen Tabak noch mehr bevorzugen würde als das heute schon der Fall sei. Um die Ge- schlossenheit des Zentrums nicht zu sprengen, zieht Herold den Antrag auf 60 M. zurück und erklärte, daß seine Partei für den mittlerweile von den Konservativen eingebrachten Antrag von 54 M. stimmen werde. Der vom Abg. Wiemer wieder aufgenommene Zentrumsantrag wird gegen die Stimmen der Freisinnigen und Nationalliberalen ab- gelehnt und der konservative Antrag, die Jnlandssteuer von 45 auf 54 M. zu erhöhen angenommen. Zum Schluß beantragt der Abg. v. Richthofen-Damsdorf die Beschlußfassung über den Zeitpunkt, wann das Gesetz in Kraft treten solle. auszusetzen und in die Beratung über die Banderolesteuer einzutreten, weil die Beschlüsse der Kommission seine Fraktion nicht befriedigten. Abg. Wiemer gibt die gleiche Erklärung ab. Der Antrag v. Richthofen wird gegen die Stimmen des Zentrums und der Sozialdemokraten angenommen. Die Kom- Mission wird also später in eine Beratung der Banderolesteuer eintreten. Nächste Sitzung morgen Donnerstag: Finanzgesetz. Heimarbeit. Die Kommission zur Beratung der Gewerbe- Novelle verhandelte am Mittwoch in sehr eingehender Weise nochmals über die Einführung von Lohnkommissionen in der Hausarbeit. In einer voraufgegangenen Sitzung war von dem Vertreter der sächsischen Regierung der Vorwurf gegen die Heimarbeitcrausstellung in Berlin erhoben, daß die Angaben über die Löhne der Heimarbeiter unrichtig seien. Nach Ermittelung der sächsischen Regierung sollen die Löhne zum Teil 50 bis 100 Proz. höher seien, als von den Heimarbeiteni angegeben. Von dem Abg. Stresemann war diesen Darlegungen hinzugefügt, daß z. B. auf der Heimarbeiterausstellung eine 80jährige Frau genannt wurde, die zu einem Stundenlohn von 3 Pf. arbeite. Man habe in den Zeitungen im Erzgebirge annonciert, die alte Frau möge sich melden, damit ihr bessere Arbeit zugewiesen werde. Die alte Frau habe sich indes nicht gemeldet. Die Ausführungen machten natürlich den Eindruck, als ob die Angaben der Heimarbeitausstellung sehr unsicher, wenn nicht unwahr gewesen seien. Genosse Schmidt-Berlin gab heute in der Kommission dem Abg. Stresemann den Namen der»nicht ermittelten" alten Frau bekannt. ES bedurfte nur einer Nachfrage bei der Organisation der Textilarbeiter, um die Adresse der alten Spitzenklöpplerin festzustellen. Dem sächsischen Regierungsvertreter hielt Genosse Schmidt-Berlin nach neuerer Information deS GauvorstehcrS der Holzarbeiter entgegen, daß neue Ermittelungen über die Löhne der Heimarbeiter im Erzgebirge nur die Wahrheit der Angaben bestätigen, die vor drei Jahren auf der Heimarbeit- ausstellung gemacht wurden. Es ist dabei festzustellen, daß die sächsische Regierung bei keinem Heimarbeiter war, der dem Holz- arbeiterverband seine Angaben gemacht hat, wohl aber war man bei Fabrikanten und Zwischenmeistern der Hausarbeiter. Der Holz- orbeitcrverband stellt auch heute noch der sächsischen Regierung eine Führung zur Verfügung, die eine Nachprüfung unserer Angaben möglich macht. Der Vertreter der sächsischen Regierung erklärte, daß allerdings nicht bei den Personen Erkundigungen eingezogen wurden, die in der Heimarbeitcrausstellung ihre Artikel ausstellten. Man habe sogar Differenzen in den Löhnen bis 300 und 400 Proz. gefunden. Gegen diese Art der Nachprüfung der Angaben auf der Hcimarbeiterausstellung wandten sich entschieden die Genossen Schmidt und Stadthagen. Die Debatte, die eine Anzahl Anträge zeitigte, führte noch zu keinem Abschluß. Die Abstimmung wird erst in der nächsten Sitzung erfolgen. Im wesentlichen drehte sich die Debatte um die Durchführbarkeit von Tarifen oder tariflichen Fest- setzungen der Lohnkommissionen. Besonders wurde der Vor- schlag vom Abgeordneten EnderS(frs. Vp.) bekämpft, der insbesondere bei wechselnden Mustern, z. B. in der Spielwaren- industrie einen Tarif für unmöglich hält. Merkel(natl.) glaubt sogar, daß der ganzen Industrie ein Ende bereitet wird, wenn Minimallöhne festgesetzt werden. Die Abgg. Manz(frs. Bp.) und Pauli-Potsdam sk.) sind prinzipiell gegen jede behördliche Festsetzung der Löhne. Die nächste Sitzung findet am Donnerstag statt. Eue der Partei. „S. M." In der„Fränkischen Tagespost" antwortet Ge- nosse Kurt E i s n e r auf die Erklärung und den Artikel des Genossen Leuthner im letzten Heft der„Sozialistischen Monatshefte". Dabei fällt für diese eine hübsche Charakteristik ab. Eisner schreibt u. a.: »Leuthncr hatte leine Anregung, den Sozialismus Aehren- thalisch umzulernen, in. die Form einer heftigen Polemik gegen ganze Scharen reichSdeütscher demokratischer Blätter gerichtet, die in Deutschland unbekannt sind. Das war auch ein redaktionelles Problem der„S. M." Dieses Zentralorgan für vierzehntägiges vielspältigeS Umlernen deS Sozialismus hat nämlich nur eine einzige redaktionelle einheitliche positive Belehrung zur Versiigung: Die Cooperation der deutschen Sozialdemokratie mit dem Links-Liberalismus. Man schalt uns allemal, wenn wir die wirklichen Sünden dieses Liberalismus allzu temperamentvoll feststellten, weil das geeignet wäre, den taktischen Lieblings- gedauken der„S. M." zu ruinieren. Wie— und nun wurde die deutsche Demokratie aus einmal in denselben„S. M." höchst un- manierlich beschinipft wegen Handlungen und Anschauungen, die ihr gar nicht zur Last zu legen waren I Da war irgendein MaSkenscherz oder eine redaktionelle Betriebsstörung im Spiel. Diese maskierte Adressierung hat nun freilich das Gute gehabt, daß einer der wenigen Demokraten, mit denen die Sozial- demokratie tatsächlich bis zu einer gewissen Grenze zusammen- arbeiten könnte, den chauvinistisch- alldeutschen UmlernungS- Sozialismus recht empfindlich und höchst beschämend abgestraft hat." Die„Schwäbische Tag>v acht" bringt zum selben Thema einen Beitrag, indem sie an die Abstrafung der Leuthner. Schippe! und Calwer durch den Demokraten Breit- scheid im„Blaubuch"— wir haben die Stelle seinerzeit zitiert— also anknüpft: »Es ist beschämend für Mitglieder der sozialdemokratischen Partei, sich von einem bürgerlichen Demokraten so aburteilen lassen zu müssen. Das Urteil ist nur zu berechtigt. Es trifft aber nicht nur die Lcuthner, Schippel, Calwer, sondern in erster Linie den Leiter der„Monatshefte", der planmäßig darauf ausgeht, neben harmlosen sozialpolitischen Aufsätzen IfrtxanW.dühatU; LarlWermuth. Lerlin-Rixdors. Inserate verantw, nur parteipolemische Abhandlungen zu veröffentlichen, die besser in die Korrespondenz des Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie gehören würden. Zur Klärung tragen diese ewigen Augriffe auf die Taktik der Parici nicht bei. Sonst müßten auch die Vertreter der gegenteiligen Auffassung zur Mitarbeit an den„Monatsheften" eingeladen werden. Wir haben aber noch nie davon gehört, daß irgendein Parteigenosse, der die den Ansichten CalwerS und Schippels diametral entgegenstehende Auffassung vertritt, vom Leiter der„Monatshefte" zur EntWickelung seiner gegenteiligen An- schauungen aufgefordert worden wäre. Um die Klärung und Weiter- bildung des inneren Parteilebens kann es also dem Herausgeber der„Monatshefte" nicht zu tun sein, sondern nur darum, seine Zeitschrift in den Augen der Gegner der Sozialdemokratie „interessant" zn machen— auf Kosten der Parteil Das führt naturgemäß nur zur Erbitterung und Verschärfung der Gegensätze in der Partei. Man hört da und dort sagen, in demselben Maße, in dem die Artikel der„Monatshefte" gegen die Partei ausgeschlachtet werden, würden auch Zitate aus Arbeiten Kautskys, Mehrings und anderen sogenannten„radikalen" Parteigenossen frultifiziert. Es ist wahrlich nicht nötig, sich mit dem Inhalt all dieser Zitate einverstanden zu erklären, um den großen Unterschied zu er- kennen, der zwischen diesen beiden Methoden der Bekämpfung der Sozialdemokratie besteht. Daß grundsätzliche Thesen, die einstweilen dem unaufgeklärten Spießbürger noch nicht in den Sinn wollen, in au? dem Zusammenhang gerisiener Form zum Zwecke der Abschreckung vor der Sozialdemokratie verbreitet werden, das ist den hervorragenden Vertretern der Sozialdemokratie zu allen Zeiten passiert. Das wird auch so bleiben, so lange der erbitterte Kampf zwischen zwei grundverschiedenen Weltanschauungen fort- dauert. Immer werden unsere Gegner unglückliche For mgl- lierungen an sich richtiger sozialdemokratischer Gedanken oder auch verunstaltete und gefälschte Bruchstücke aus sozial- demokratischen Kundgebungen benützen als Vogelscheuche im Kampfe wider die Sozialdemokratie. Das ist aber etwas wesent- lich anderes, als wenn alle vierzehn Tage die gegnerische Presse mit Aeußerungen sozialdemokratischer Schriftsteller hausieren gehen kann, um nachzuweisen, daß die„einsichtigen",„vernünftigen" Sozialdemokraten sich zur Auffassung der agrarischen Schntzzölluer das eine Mal, der alldeutschen Hurrapatrioten das andere Mal usw. bekehrt haben." Und das„Volksblatt für Kassel" sagt: „Wir haben uns über die Tendenz der„S. M." niemals irgendwelchen Täuschungen hingegeben. Nunmehr freuen wir uns, daß aus Anlaß des Leuthuerscken Umlern- Artikels ein Kenner wie Eisner veranlaßt worden ist, offen heraus zu sagen, wie die Dinge liegen. Möchten vor allen Dingen die zahlreichen Partei- und Gewerkschaftsbeamten, Gastwirtsangestellten usw., die von der betriebsamen Geschäftsstelle der„S. M." mit Agitationsheften ver- sorgt werden, sich darüber klar sein, welchen Zwecken sie dienen, loenn sie die ,S. M." verbreiten. Wenn in einer Gewerkschaft irgend ein Mitglied neben dem Gewerkschaftsorgan ein Privatblatt begründen wollte, um darin zum Gaudium der Gegner„nach- zuweisen", daß so ziemlich alles unsinnig oder mindestens falsch ist, was die Gewerkschaft lehrt und tut, dann würde man sehr schnell mit einem solchen Blatt fertig sein. Und in der Partei sollen dieselben Gewerkschastsgenofsen schließlich das Gegenteil von dem tun, was als Gewerkschaftler für sie selbstverständlich sein würde?" Unsere Toten. In Frankfurt a. M. starb im Alter von 48 Jahren Genosse Ernst S t u n g. Schon unter dem Sozialisten- gesetz hat er eifrig für die Arbeiterbewegung gewirkt. Später fand die Arbeiterturnbewegung in ihm einen eifrigen Förderer. Zum Leipziger Parteitag. AIS Berichterstatter über die Tätigkeit der ReichStagSfraktion ist für den Parteitag in Leipzig von der Fraktion Genosse Ledebour bestimmt worden. pSllzeilicbeg, Gmchtiichco ulw. Strafkonto der Presse. Vor der Strafkamm»» zu Offenburg als Berufungsgericht wurde die Privatklage des Kaplans S a u r in Oberkirch gegen den Genosien Winter vom Offeuburger„Volksblatt" verhandelt. Vom Schöffengericht Oberkirch war bekanntlich Genosse Winter zu 30 M. uud Kaplan Saur zu 50 M. verurteilt worden. Die Ver- urtriluua SaurS erfolgte, weil das Gericht annahm, er sei der Verfasser der anonymen beleidigenden Zuschrift, auf Grund deren Genosse Winter Widerklage erhoben hatte. Die Straikammer sprach Saur frei. Der Sachverständige, ReaUehrer Dr. KneiS in Freiburg blieb auch in dieser Verhandlung bei seiner Auffassung, daß nur Kaplan Saur der Schreiber des anonymen Briefes sein könne. Das Gericht hat sich in- dessen diesen eingehend begründeten Darlegungen nicht angeschlossen. Wegen Beleidigung eines Kaufmanns wurde Gen. Brenner vom„Volksfreund" zu Braun schweig zu 40 Mark G e l d st r a f e verurteilt. ES handelte sich um eine Verwechselung. Der Beleidigte klagte, weil sich die zur Berichtigung bereite Redaktion des.Volksfreund" weigerte, ihren Gewährsmann zu nennen. GewerkscbaMicbes. Berlin und Umgegend. Achtung, Metallarbeiter! In der Herdfabrik von Baum in Wilmersdorf, Babelsberger Straße, bestehen Differenzen. Wir ersuchen alle arbeitslosen Kollegen, auf die Inserate der Firnra nicht einzugehen und, bevor sie bei der Firma Arbeit nehmen, sich im Bureau des Metallarbeiter-Verbandes, Charitestraße 3, Zimmer Nr. 3, nach den Verhältnissen bei der Firma zu er- kundigen. Besonders die Kollegen außerhalb ersuchen wir, dies zu beachten. Arbeiterfreundliche Blätter werden um Nachdruck dieser Zeilen ersucht. Ortsverwaltung Berlin des Deutschen Metallarbeiter-, Verbandes. Zum Streik der Darmarbeiter. In der Versammlung der Streikenden, die am Mittwoch- nachmittag bei Roth, Straßmannstrahe 29. stattfand, wurden die verschiedenartigsten Versuche der Gesellschaft, Arbeitswillige zu bekommen, beleuchtet. So wurden die Arbeiter der Häute- Verwertung gezwungen, in der Darmverwertung zu arbeiten. Ein Arbeiter, der sich weigerte, Streikbrecherdienste zu leisten, wurde sofort entlassen. Die Polizei ist eifrigst bemüht, die nützlichen Elemente zu schützen. Unter starker Bewachung wurden diese nach dsm Schlachthof gebracht. Vor dem Eingang zu den Arbeitsräumen stehen seit früh morgens drei Schutzleute. Auch der Sprechmeister der Berliner Fleischerinnung, Herr Dräbert. bemüht sich redlich. Arbeitswillige zu bekommen. Auch vor dem Arbeits- Nachweis sowie in den Räumen desselben sieht man Polizeibeamte mit und ohne Uniform. Vom Alexanderplatz ging gestern nach- mittag ein Transport von 15 Angeworbenen ab. Jedoch gelang es, dieselben vom Streik zu unterrichten. Der Polier Plocke von der Häuteverwertung, der nebenbei in der Proskauer Straße 19 eine Gastwirtschaft betreibt, gibt sich besondere Mühe, die Interessen der Gesellschaft wahrzunehmen. Er sagte den Arbeitern:„Ihr müßt arbeiten, sonst werdet Ihr entlassen." Auch der Zigarrenhändler Max D o n a i s k i, Zorndorfer Straße 22, ist zu den nützlichen Elementen übergegangen.— ES wird vyn den Streikenden dringend ersucht, den Zuzug fernzuhalten. Oeutfebeo Reich. Eine Konferenz des GcwcrkschaftSkartellS der Provinz Sachsen und des Herzogtums Anhalt fand am Sonntag uud Montag in W e i ß e n: e l s statt. 35 Kartelle hatten 48 Dele- gierte entsandt, die 76 389 Gewerkschaftsmitglieder vertraten. Für kh, Glocke. Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdr. u. VerlagSanstgtt da? Sekretariat der Kartelle, das seinen Sitz in Magdeburg hat, erstattete der Sekretär U n d e u t s ch den Bericht. Die Arbeiten waren sehr umfangreich. Sie bestehen neben einer ständigen Unter- stützung der Arbeil der Gewerkschaftskarlelle in der Agitation gegen Verschlechterungen der Arbeiterversicherung, in der Mitarbeit bei Wahlen zu Krankenkassen und Gewerbegertchten, dem Studium der Verhältnisse der Heimindustrie, der Agitation unter den Landarbeitern und dem Gesinde sowie einem umfangreichen Rechtsschutz für die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter. Der Berichterstatter beklagte sich darüber, daß von der Generalkommission bezw. von den Gewerkschaftsvorständen das Kartellsekretariat nicht als notwendiges Glied der Arbeiterbewegung betrachtet werde und infolge dessen von jener Seite nicht genügend Unterstützung fände. Eine Erörterung der Landarbeiterfrage führte zu dem Beschluß, in allen Orten des Bezirks mit Eifer an die Borbereitungen zu einer Agitation für den neu gegründeten Landarbeiterverband zu gehen. Zur Frage der Jugendorganisation wurde beschlossen, in allen Orten die Gründung von Jugendausschiissen vorzunehmen. Nach einem ansführlichen Referat des Arbeitersekretärs Mössinger über die neue Reichsversicherungsordnung wurde eine Resolution an- genommen, m der die Bedenken und die Wünsche der Arbeiterschaft zu dieser Gesetzesvorlage zum Ausdruck gebracht wurden. Die nächste Kartellkonfercnz soll in zwei Jahren in Dessau stattfinden. Amtliche Einschätzung der Christlichen. AuS Anlaß des Hafenarbeiter st reiks in Passau ist auf dem schwarzen Brett deS städtischen Arbeitsamtes in RegenSburg folgendes zu lesen: Sackträger, Tagelöhner(30—40 Mann) werden auf acht Tage nach Passau gesucht. Freie Hin- und Rückfahrt. Anmeldungen Sonntag und Montag. Nur solche wollen sich melden, welche keiner oder der christlichen Organisation angehören. Tlusland« Die Tabakarbciter in den Vereinigten Staaten haben einen schweren Kermpf mit dem Tabaktrust zu führen. Der Trust will die Gewerkschaft nicht dulden. Die in den großen Tabakfabriken beschäftigten Arbeiter dürfen keiner Union angehören. Die natio- nale Vereinigung der Tabakarbeiter hat nur 4200 Mitglieder, trotz- dem nach den Angaikn des Präsidenten der Gewerkschaft im Lause der Jahre schon 92 000 Tobakarbecter organisiert worden sind. In New Uork sind nur 200 Mitglieder der Union, obgleich etwa 10 000 Personen in der Tabakindustrie tätig sind. Die organisierten Tabak- arbeiter verdienen 16 Dollar(66 M.) pro Woche bei achtstündiger Arbeitszeit, aber der Tabaktrust verfügt über 90 Proz. des Tabak- geschäfts. Er zahlt schlechte Löhnex bei langer Arbeitszeit und beutet, besonders in den Südstaaten, Frauen und Kinder in den Fabriten rücksichtslos aus. Kinder müssen für 1,50 Dollar(6,25 Mark) pro Woche, täglich 12 Stunden, arbeiten. Im Süden, wo es an jeglichem Arbeiterschutz mangelt, befinden sich die meisten ga„ briken des Trusts. Die Gewerkschaft sucht ihre Hauptstütze in der Kontrollmarke, um ihre Fabrikate bei allen organisierten Arbeitern kenntlich zu machen. Soziales» Ein Schul-Jbyll. Aus Halle a. S. berichtet man uns unterm 12. Mai: Dem HausbesitzerHellwich in Niemegk bei Bitterfeld, der Schulvorstands. Mitglied ist, war beschwerdeführend gemeldet worden, daß die Schulkinder des Lehrers Schmidt im Januar bei strenger Kälte morgens immer vor dem Schulgebäude warten mühten, bis der Lehrer das Zeichen zum Eintreten gebe. Die Kinder müßten an der Türschwelle dann die Pantoffel ausziehen und in Strümpfen durch den gepflasterten Hausflur in das Klassenzimmer laufen. Am 29. Januar kurz vor 8 Uhr ging Hellwich nach der Schule, um Kontrolle zu üben. Er sah dann auch den Schwärm Kinder vor dem Schulgebäude, jagte die Frierenden in die Klasse und bemerkte, wie sie ehrfurchtsvoll an der Türschwelle ihre Holzpantoffel in die Hände nahmen und in Strümpfen in das Schulzimmer liefen. ES dauerte aber gar nicht lange, da kamen die Kinder mit den Worten wieder herausgejagt:„Wir dürfen noch nicht hinein, unser Herr Lehrer ist noch nicht fertig!" DaS Schulvorstandsmitglied rückte dann dem Lehrer, der im Schulhause wohnt, auf die Bude und sagte, daß seine Maßnahmen unzulässig wären; �ie Kinder könnten sich erkälten, er solle sich in die Klasse scheren, es sei längst 3 Uhr. Hellwich kam deshalb wegen Beleidigung des Lehrers vor die hiesige Strafkammer und der Lehrer verteidigte seine Maßnahme mit dem Hinweise, er könne das Holzpantosfelgeklapper der Kinder nicht vertragen, da er mit zwei Kollegen 365 Kinder zu unterrichten habe. Eine Anordnung, die Kinder mit Filz- Pantoffeln nach der Schule zu schicken, habe man nicht befolgt. Hellwich wurde nach humorvoller Verhandlung freigesprochen, Mühlhausener Krankenkassenwahl. Die vor einiger Zeit erfolgten Wahlen der Generalversamm- lungsvertreter zur Ortskrankenkasse Mühlhausen i. Th., bei denen die Liste des Gewerkschastskartelles siegte, waren bekanntlich von der Regierung für ungültig erklärt worden, weil die Feststellung des Wahlresultates nicht sofort nach der Wahl geschah. Der Protest gegen die Gültigkeit der Wahlen war von„nationalen" Arbeitern erhoben, die bei der Wahl unterlegen waren.— Bei der am Montag erfolgten neuen Vertreterwahl sind die Protestler schmählich unterlegen. Die Liste des Gewerkschastskartelles siegte mit 140 Stimmen, während die Gegner nur 18 Stimmen auf sich vereinigten.__ Letzte JVachricbten und Depefcben. Ein Grubenbrand. Dortmund, 12. Mai.(Privatdepesche deS„Vorwärts".) In der Grube Graf Schwerin ereignete sich heute infolge zwcitt Wcttcrexplosionen ein Brand. Zum Glück ist von den Arbeitern niemand verunglückt. Es besieht jedoch für dieselben eine große Gefahr, da in kurzer Zeit bereits der dritte Grubenbrand aus der Zeche ausgebrochen ist._ Die türkische BerfassungSrevision. Konstantinopel, 12. Mai.(W. T. SB.) Die Kammer beendete heute die erste Lesung der Verfassungsrcvision und nahm einen An. trag an. der dahin geht, die Zusammensetzung des Senats solle derart erfolgen, daß zwei Drittel der Mitglieder von der Nation erwählt werden und der Rest von dem Sultan ernanitt werde. Der Antrag, alle Prinzen des kaiserlichen Hauses zu Senatoren zu ernennen, wurde abgelehnt. Das Haus nahm sodann einen bon einer großen Anzahl Abgeordneter unterzeichneten Antrag an, an die asiatischen Provinzen einen Ausruf zu richten, in welchem die Mohammedaner und Christen zu einem brüderlichen Zusammen- leben aufgefordert werden. Der Antrag war auch von armenischen Abgeordneten unterzeichnet.— Morgen findet in einer Geheim» sitzung die Beratung des türkisch-bulgarischen Protokolls statt. Wie verlautet, empfiehlt der Kommissionsbericht die Annahme detz Protokolls, da die Türker die schwebenden auswärtigen Fragen regeln müsse, um die Lage im Innern zu befestigen. Ein" unter den Deputierten zirkulierender Aufruf für ein Vertrauensvotum des Kabinetts weist bisher 120 Unterschriften auf. Die erforderlich» Mehrheit beträgt 140._ 25 Personen getötet. Albany, 12. Mai.(W. T. B. auf deutsch-atlantischem Kabel.) In einem hiesigen Steinbruch fand eine Dynamitexplosion statt» wobei 25 Personen umgekommen sind. Hau! Singer Li Co., Berlin LW, Hierzu 3 Beilagen o.NntcrhaltungSbl, Nr. 110. 26. Jahrgang. 1. Keilme des Jotmärts" Kerlim Donnerstag, 13. Mai 1909. Reichstag. 255. Sitzung vom Mittwoch, den 12. Mai, nachmittags 2 Uhr. Am Bundesratstisch: Kommissare. Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der Beratung der Anträge Speck und Gen.(F.) sowie Dr. R ö s i ck e und Gen.(k.) auf Einführung einer gestasteltcn Umsatzsteuer für Grotz mühten. Aög. Molkcnbuhr(Soz.): Wenn ein Staat in Geldverlegenheit kommt, sind immer viele Leute bereit, neue Steuern zu ersinnen. Eine größere Geldverlegen- heit als die gegenwärtige des Reiches kann es wohl kaum geben. Aber die Antragsteller versichern uns, daß diese Anträge nicht zu dem Zweck gestellt sind, dem Reiche Geld zu verschaffen, sondern aus ganz anderen Motiven. Der Grund zu diesen Anträgen sei vielmehr in dem warmen Herzen der Antragsteller zu suchen, in dem Herzen, das so warm für eine Anzahl von Kleinbetrieben schlägt, die in dem Ge- werbe der Müllerei verschwinden. Der Grundgedanke de- Antrages ist: die Kleinbetriebe können die Konkurrenz mit dem Großbetrieb nicht aushalten, der Großbetrieb hat Borteile beim Einkauf, Vorteile auch dadurch, daß er sich stark am Getreidehandel beteiligt, weitere Vorteile kann er sich durch Benutzung der billigen Wasserfracht verschaffen usw. Will man da einen Ausgleich schaffen, um die Kleinbetriebe konkurrenzfähig zu machen, so müßte man doch die Ursache der Konkurrenzunfähigkeit der Kleinbetriebe beseitigen.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Herr Rösicke bestritt, daß das Groß- kapital überhaupt ein Recht habe, sich an dem Mühlengcwerbe zu beteiligen. Er meint, das Großkapital dürfe wohl Panzerschiffe bauen und Kanonen verfertigen, in der Müllerei aber liege kein Bedürfnis für den Großbetrieb vor, und deshalb habe das Großkapital nichts darin zu suchen. Würde sich aber das Großkapital auf den Bau von Panzerschiffen und Kanonen beschränken, woher wollte dann Herr Rösicke wohl das Geld nehmen, diese Dinge zu bezahlen. Dann würde es ihm wohl schwer werden, die nötigen Steuerquellen hierfür zu finden.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Das Großkapital ist nicht auf einzelne Zweige zu beschränken, sondern wird sich überall Geltung verschaffen und überall sich betätigen, wo es seinen Vorteil sieht. Herr Rösicke hält es zwar für einen Vorteil, wenn das Großkapital aus der Müllerei entfernt würde. Er sagte, eine Großmühle sei gar nichts anderes als eine Anzahl nebeneinandergelegter Kleinmühlen. Zu diesen Ausführungen paßte aber sehr wenig, was Herr Speck uns vorführte. Herr Speck sagte, daß in einer Mühle mit SO Doppelzenwer Tagesleistung die Mahlkosten für den Doppelzentner 3,50 Mark betragen, in einer Mühle mit 100 Doppelzentner Tagesleistung nur 2,50 Mark, in einer solchen mit 400 Doppelzentner nur 2 Mark und in einer Groß- mühle mit 4000 Doppelzentner Tagesleistung sinkt der Mahllohn pro Doppelzentner auf 70 Pf. Da in Deutschland 6,8 Millionen Tonnen Getreide vermählen werden, so würde der Mahllohn in Klein mühlen 203 Millionen Mark betragen, in Grotzmühlen dagegen nur 46 Millionen. Die Differenz der Mahl- kosten beträgt also nicht weniger als 157 Millionen Mark und dadurch allein ist schon die Existenzberechtigung der Groß- mühlen erwiesen, denn eS wäre durch nichts zu rechtfertigen, diese 157 Millionen Mark mehr auszugeben, die durck die Grotzmühlen erspart werden können.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Nltn sagt man. der Rückgang der Mühle» sei ein recht starker. In den letzten 19 Jahren haben die selbständigen Mühlenbetriebe um 14 Proz. abgenommen, während bei den Arbeitern eine Abnahme von 16 Proz. eingetreten ist. Scheinbar hat also eine erhebliche Vergrößerimg des Großbetriebes gar nicht stattgefunden, sondern nur eine Verringerung der im Mühlengewerbe tätigen Personen. Ein Teil des Rückganges ist wohl auf die Ausbildung der Technik zurückzuführen. Die Kleinmühlen leiden aber nicht nur unter der Konkurrenz der Großmühlen, sondern vor allem unter der Konkurrenz der landwirtschaftlichen Neben- betriebe. Herr Speck wies ja darauf hin, daß die Zahl der Mühlen im Nebenbetriebe sehr erheblich gestiegen ist. Wenn also die Kleinmühlen unter allen Umständen erhalten bleiben sollen, so Rleines fcinllcton. Die KrcdSstudien von Professor Sanfelice. Aus Rom wird uns geschrieben: Nach mehrjährigen Studien über die Entstehung und Heilung des Krebses, die durch das Erdbeben von Messina eine jähe Unterbrechung erlitten, glaubt Professor Sanfelice von der dortigen Universität zu dem Schlüsse kommen zu dürfen, daß der Krebs eine allgemeine Infektionskrankheit sei, deren spezifischen Erreger er isoliert zu haben meint. Wie Rüssel, Foa und andere Krebssorscher ist Sanfelice auf das beständige Vorkommen gewisser sphäroider Körperchen in den lrebskranken Geweben aufmerksam geworden. Während andere in diesen Körperchen die Erreger der KrebSgcschtvulst gesehen haben, konstatierte Sanfelice durch eine Reihe von Tier- versuchen, daß sie durch Einimpfung gewisser Mikro- organismen, nämlich einer Gruppe von Blastomyceten, ent- stehen. Er sah daher in diesen Körperchen nicht so- wohl die Erreger der bösartigen Neubildung als vielmehr die Produkte einer Abwehr des Organismus gegen die kleinsten Lebewesen, die die wirklichen Erreger des Krebies wären. Er gewann nämlich Reinkulturen der erwähnten Blastomyceten, die sich in großer Zahl auf der menschlichen Haut finden und deren Bedeutung für die verswiedenen Gärungsprozesse be- kannt ist. Die Toxine dieser Reinkulturen spritzte er Ver- suchstieren ein und erzielte typische Krebsgeschwülste nicht nur an der Jnjeklionsstelle selbst, sondern auch in anderen Organen. Hieraus glaubt Sanfelice schließen zu dürfen, daß die Mikroorganismen nur durch ihre Toxine die Entstehung des Krebs- tumors herbeiführen und daß auch bei der klinisch wie exverimentell zu beobachtenden Verschleppung deS Krebies von einer Körperstclle zur anderen nicht eine Wanderung der Mikroorganismen, sondern eine Wirkung ihrer Toxine vorliegt. Wenn ihm sonach der Krebs als eine Infektionskrankheit erscheinen mußte und er in den sphäroiden Körperchen das Ergebnis eines Abwehrprozeffes des er- krauktcu Organismus zu sehen glaubte(diese Körperchcn zeigten eine starke Vermehrung, wenn man einem lrebskranken Tiere das Serum eines anderen lrebskranken TiereS einspritzte), so war es logisch, die Herstellung von Antitoxinen zu versuchen. Sanfelice hat wirklich Antitoxine hergestellt, deren Einspritzung bei seinen Versuchsticreen(Hunden) den Rückgang und die völlige Zerstörung der bösartigen Neubildung in wenigen Monaten zur Folge hatte. Der Forscher hofft, ein großes Institut für Krebsforschung in Italien ins Lebcit rufen zu können und hat die Zuver- sicht, in der Dosierung seiner Antitoxine bald die Sicherheit zu ge- Winnen, die die Versuche am Menschen rechtfertigt. Bekanntlich ist in Italien die Sterblichkeit an Krebs und bösartigen Neubildungen be- ständig im Wachsen. Sie betrug in den Jahren 1887/89 42,7 auf 100000 Lebende und stieg im Jahre 1906 auf 61,6. In demselben Jahre betrug sie in Deutschland 80,4, in der Schweiz 131, in England und Wales 38,4, in Belgien 51,1 und in den Niederlanden 101,7. Da es sich nach den Arbeiten Sanfeliceö um einen Krankheitserreger handelt, der außerordentlich verbreitet ist, hätten die Schlußfolgerungen San- feliceS für die Vorbeugung der Krankheit so gut wie gar keine Ve- deutung. da sie über die Bedingungen, unter denen der Organismus feine normale Widerstandsfähigkeit gegen den spezifischen Blastomyceten ist es doch verwunderlich, daß Herr Speck seinen Antrag nur gegen die Großmühlen richtet und nicht auch gegen die Mühlen im land- wirtschaftlichen Nebeubetrieb.(Sehr richtig l bei den Sozial- demokraten.) Wenn in irgend einem Betriebe erhebliche technische Ver- besserungen stattfinden, so steigt selbstverständlich die Produktion. Aber bei Mehl ist da» nicht möglich. Wenn der Absatz auch in dem Maße des Wachstums der Bevölkerung steigt, so ist diese Steigerung doch begrenzt und kann durch technische Verbesserungen nicht weiter gesteigert werden, wenn nicht eine beträchtliche Steigerimg der Aus- fuhr hinzukommt. Unsere Ausfuhr ist aber in den letzten 19 Jahren von 1888 bis 1907 nicht so stark gestiegen, wie unsere Einfuhr. Die größere Leistungsfähigkeit der Großmühlen zeigt sich nicht nur in der verstärkten Produktion, sondern, wie allseitig von Bäckern hervorgehoben wird, in der Lieferung eines gleichartige» Produktes. Herr Speck war auch sehr bange vor einem Mehl- trust. Wenn die kleinen Mühlen vernichtet sind, würde der Mehl- trust kommen, meinte er, und wies auf das amerikanische Beispiel mit dem Fleischtrust hin. Aber ein Mehltrust kann in Deutschland nur dann zustande kommen, wenn die Landwirtschaft ihn will. Der Mehltrust braucht doch zunächst das Rohprodukt, und deshalb kann er uur durch eine Verschwörung der Landwirte mit dem Großkapital in greifbare Nähe rücken.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Auch das Beispiel mit dem Fleischtrust stimmt nicht ganz. Die Gl ündcr des Fleischtrustes waren zum größten Teil auch die maß- gebenden Personen bei den Eis enbahnen und konnten die Tarife für das Vieh so festsetzen, daß lebendes Vieh nur nach dem Sitz des Trusts hinkommen und der lleine Fleischer überhaupt kein Vieh oder nur zu sehr teuerem Preise erhalten konnte. Nun gebe ich zu, daß in der Landwirtschaft ganz besondere Neigungen vorhanden sind, derartige Trusts zu gründen. Das sehen wir an der Spirituszentrale und am Milchring. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Dagegen wird man aber nichts anderes machen können, als daß man einfach die Getreide- zolle aufhebt.(Lebhafte Zustimmung bei den Soz.) Wenn das nicht geschieht, wird der Mehltrust koinmen, dann ist aber die Landwirtschaft daran Schuld.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Weiter fragt es sich auch, ob man ohne weiteres auf die Produkte der Groß- mühlen verzichten kann. Ich behaupte, das geht nicht. Im Gegen- teil ist unsere ganze Eulwickelung so weit, daß es geradezu ein Verbrechen wäre, wenn man die Grotzmühlen vernichten wollte. Während im Jahre 1889 eine Mühle auf 1281 Einwohner kam, kam im Jahre 1907 eine Mühle erst auf 2207 Einwohner, die Durschnittsleistung der Mühle» ist also sehr erheblich gestiegen. Wenn nun Herr Speck durch eine Steuer die Eutwickelung zum Großbetrieb bindern oder die Groß- betriebe vollständig tot machen will, so frage ich ihn, mit welchem Grunde das allein bei den Mühlen geschehen soll. Dieselbe Erscheinung, daß die Großproduktion sich immer weiter ausdehnt, und die Zahl der Betriebe abnimmt, beobachten wir doch bei allen Gewerben.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) DaS zeigen uns ja auch die Ergebnisse der neuesten Betriebs- zählung. Einen absoluten Rückgang der Betriebe haben wir aller- dings bloß bei acht Berufsarten, in den anderen Arten ist zivar eine Steigerung der Betriebe eingetreten, aber die Zahl der Arbeiter ist viel stärker gestiegen, wir haben also auch da eine erhebliche Konzentration. In der M a s ch i n e n i n d u st r i e, in der chemischen, in der P a p i e r i n d u st r i e, im Baugewerbe, in der Lederindustrie, allüberall sind die Großbetriebe mehr und mehr gewachsen. Und betrachten wir die Berufs- zweige, in denen eine absolute Abnahme der Betriebe stattgefunden hat, so finden wir in ihnen einen viel stärkeren Rückgang, als wir ihn gerade bei den Mühlen beobachten. In der T e x t i l- i n d u st r i e zum Beispiel ist die Zahl der Betriebe von 406 000 im Jahre 1882 auf 161 000 im Jahre 1907 gesunken Aehnlich ist eS bei der Metallverarbeitung, in der Industrie der Ver- arbeilung der Steine und Erden: die Zahl der Betriebe hat sich ver- ringert, während die Zahl der Arbeiter gestiegen ist. Auch in der Bekleidungsindustrie ist es ebenso. Wollen nun überall die Kleinbetriebe verlangen, daß die Großbetriebe derartig be- steuert werden, daß überall die Kleinbetriebe fortdauernd konkurrenzfähig bleiben, wie groß müßte man da wohl einbüßt, keinerlei Anhalt gibt. Die statistischen Arbeiten, die gerade in England auf diesem Gebiete sehr eifrig betrieben werden, dürften auf dem Gebiete der Prophylaxe fruchtbarer sein. Der Versuch, die Serumthcrapie für die Krebsbehandlung nutzbar zu machen, stößt auf die besondere Schwierigkeit, daß es sich um eine Krankheit handelt, in der bis jetzt weder klinisch noch experimentell Spontanheilungen beobachtet wurden. Beton bei FuiidiemngSarbcite» und im Straßenbau. Die Ver« suche, bei Fundierungcn schwammiger und mooriger Baugründe an Stelle der Kiefernbaumstämme den Betonpfahl zu verwenden, haben, wie der«Bauhilfsarbeiter" schreibt, so günstige Resultate gezeitigt. daß sich auch auf diesem Gebiete die Technik es sich angelegen sein läßt, Verbesserungen zu schaffen. Die ersten Versuche mit dem Beton- pfähl als Ersatz für den Kiefernstamm waren iinmerhin etwas umständlich und zeigten auch einige Mängel beim Einrammen in den Erdboden. Die Herstellung dieser Pfähle erfolgte in der Regel an einem eigens zu diesem Zweck ausgestellten Gerüst, in das die vier- resp. achteckige Einschalung in vertikaler Richtung hineinmontiert wurde. Mit dem Fortschreiten der eingestampften Betonmasse wurde auch die Einschalung verlängert, bis zur gewünschten Länge des Pfahles. In dieser Stellung verblieb der Pfahl, bis er eine ge- nügeude Härte erreicht hatte. Dann wurde er seiner Umhüllung entkleidet und unter den Rammbär gebracht. Trotz der besonderen Vorrichtung, die beim Einrammen angewendet wurde, um den Betonpfahl nicht zu zerschlagen, ist die Erschütterung in manchen Fällen doch so überaus stark gewesen, daß dadurch die spätere Trag- fähigkeit des Pfahles erheblich herabgemindert worden ist. Gegenwärtig wendet man eine andere Methode an, die man zurzeit in» Hamburger Freihafengebiet beobachten kann. An Stelle des fertigen Betonpfahls treibt man eine zylindrische, aus Stahl- platten angefertigte Röhre in den Erdboden, die ain unteren Ende mit einer spitzen Stahlkappe versehen ist. Die Kappe hat die Form des oberen Teiles eines Zuckerhutes und ist an der inneren Seite mit einem 10 Zentimeter hohen Falz versehen, in den die zylindrische Röhre hineinpaßt. Damit die Röhre nicht durch den Druck von außen zusammengedrückt wird, erhält sie in, Innern durch ein zu- sammengefügtes Eisengerippe, das eng an die Wandungen anschließt, eine Verstärkung, die auch zugleich als Armierung dient. Sobald die Röhre die gehörige Tiefe erreicht hat. wird mit dem Füllen der Betonmasse begonnen. Nach Beendigung dieser Arbeit bleibt die Röhre unberührt, bis die Bctonmasse ihre richtige Härte erhalten hat, was in der Regel nach 14 bis 20 Tagen der Fall ist. Dann wird die Röhre mit der Maschine hochgezogen und der Bctonpfahl mit der Stahlkappe bleibt in der Erde zurück. Die neuesten Versuche laufen auch darauf hinaus, die Röhre ichon während deS Anfüllens langsam und gleichmäßig mit hochzuziehen. Diese Ausführung bezeichnet man mit dein Ausdruck Simplexverfahren. Ebenfalls neu ist die Verlvendung des armierten Betons in» Straßenbau als Pflaster. Als solches wird er in den Vereinigten Staaten verwendet, und ma> rühmt ihin auch hierfür eine ganze Reihe von Vorzüge» nach. Er ist nicht allein billiger und aus- dauernder als andere Pflosterarten, sondern bleibt auch im Gebrauch frei von Brüchen und Spalten, wie sie bei anderen Pflasterungen so häufig durch Stoß oder Temperaturwechsel entstehen. Daher läßt er sich auch bis dicht an die Straßenbahnschienen legen, ohne von d i e S t e u e r n»n a ch e n. In der Müllerei zahlt der Kleine an Mahllohn 3,50 M.. der Großmüller nur 70 Pf. Hier»nützte»»an also dem Großmüller einen besonderen Strafzoll von 2,80 M. pro Doppelzentner auferlegen. Versuchen Sie das einmal bei den großen Eisenwerken und in vielen anderen J»»- dustriezweigen einzuführen, und Sie würden bald sehen, daß Sie so viel Geld einnehme»», daß der Staat oder das Reich gar nicht wüßte, wohindamit, und es würde bald ein Wettbauen in großen Panzer- schiffen eintreten. Den Gedanken, man solle den t e ch n i s ch e>r Fortschritt konfiszieren, könnte man beinahe sozialistisch nennen, wenn er nicht so erzreaktionär wäre.(Heiterkeit und Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Würde man nämlich alle Vorteile, die aus dem technischen Fortschritt erwachsen, für die Gemeinschaft fortnehmen, so würdesehrbald für die Großkapitalisten nichts übrig bleiben. Das wäre eine recht wirksame Expropriation der Expropriateure. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Der Gedanke dieser An- träge ist aber so reaktionär, weil hier nicht die technischen Fort- fchr'itte für die Gemeinschaft reserviert werden sollen, sondern der Kleinbetrieb soll aufrechterhalten werden, auch wenn er»»»Wirtschaft- lich geworden ist. Die Herren mögen ja die behagliche Stellung eines KleinmüllcrS für recht beneidenswert halten und sie ih>n dauer»»d sicher»» wollen; dasselbe Recht hätte doch aber auch der Nagelschmied und alle anderen kleinen Handwerker. Wenn wir dann einmal das ganze Kleingelverbe dauernd erhalten wollen, wohin kämen wir da wohl? Bon irgendeinem Wohlstande im Volke wäre da wohl nicht die Rede, sondern eher vom Gegenteil.(Sehr»vahr! bei den Sozial- demokraten.) In China hat man jahrtausendelang denselben Produktions- zustand beibehalten, da kennt man keine Großproduktion, und dieses Land der Kleinbetriebe ist Ihr(nach rechts) Ideal st aat.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Wenn man jetzt aus einem Bruchstück in Deutschland China machen will, so sage ich,»vir sind dazu ilicht Chinesen genug. (Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Der Gedanke deS Chinesentums regiert allerdings in Deutschland. Erst sucht man »lns»nit einer Schutzzollmauer, einer chinesischen Mauer zu mngeben, und dann»vill man den technischen Fortschritt erdrosseln.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Wenn die Herren sich so sehr über die Truste und dergleichen beklagt haben, so ist ihnen zu erwidern, daß sie doch gerade durch die Schutz» zölle die Trust»vir tschaft begünstigt haben. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Genau dasselbe ist in Amerika der Fall gewesen. Die Kapitalisten, die dort für den Hoch- schutzzoll eintraten, wußten genau,»vas sie wollten. Und auch bei uns in Deutschland hat man es sehr»vohl gewußt. Fürst Bis- marck wußte, daß er mit einer derartigen Politik Millionäre züchtete. Sie(nach rechts) haben ihn in dieser Polstik unterstützt und wundern sich jetzt über die Konsequenzen.(Sehr wahr l bei den Sozialdemokraten.) Die Zahl der Großmühlen ist gar nicht so sehr erheblich. Sie finden es aber für bedenklich, daß diese wenigen Großmühlen einen erheblichen Teil des Absatzmarktes an sich ge- rissen haben und»vollen, daß ihnen das,»vas sie durch den technischen Fortschritt gewilinen, in unsere»» Neu-China entzogen wird. Da muß ich doch fragen, warum»vollen Sie denn mit dem Konfiszieren des technischen Fortschritt erst bei den Walz- mühlen anfangen, warum nicht schon früher, um auch den Menschen konkurrenzfähig zu machen, der noch mit der Hand und zwei Mahlsteinen mahlt.(Heiterkeit und Sehr gut! bei den Soz.) Würde Ihr Antrag die von Ihnen gclviinschte Wirkung haben, so würde also dxn Betrieben die Konkurrenz ermöglicht, welche 3,50 M. statt 70 Pf. an Mahllohn zahlen. Das heißt doch aber nichts anderes, als den Preis des Mehles und damit den Brotpreis in die Höhe treiben. (Lebhafte Zustiinmung links.) Das einzige, was Sie den Groß- mühlen zum Vortvurs machen, ist ja, daß Sie das Mehl zu billig verkaufen. Als wir bei den Zolldebatten rnlf die Verteuerung des Brotes hinlviesen, wurde von Ihnen behauptet, auf den Mehl- und Brotpreis haben die Zölle keinen Einfluß, und die Müller und Bäcker wurden von Ihnen der Ausbeutung des Volkes beschuldigt. Jetzt heißt es anders. Jetzt heißt es. das Mehl ist zu billig. und es mutz wieder et»vas hervorgesucht lverden, um eine Verteuerung deS Brotes zu erzielen.(Sehr den Rädern ausgefahren oder nennenslvcrt beschädigt zu werden. Die größte Empfehlung für das Betonpflaster aber liegt in der Tatsache, daß eS auch bei stärkster Abnutzung stets rauh bleibt u»td nie schlüpfrig»vird. ErktnnkungSgcfahr durch Rohcis. Die Verwendung von Eis ist in der jetzt»oieder herankommenden Jahreszeit nicht nur von außer- ordentlich großer Annehinlichkeit, sondern auch von hohem Wert für die Frischerhaltung der Nahrungsmittel. Zeigt sich dies schon im einzelnen Hausstand, so ist es»n viel größerem Matze beim Handel ünd der Industrie der Fall, solveit sie sich mit der Erzeugung und dem Vertrieb von Nahrungsmitteln beschäftigen. Nun bringt der Gebrauch von Eis leider aber auch schlvere Gefahren mit sich, da es fast immer Bakterien enthält. Im Kunsteis sind es zunächst nur wenige und harmlose Keime. Dagegen ist erlviesen, daß Natureis sehr häufig viele lebcnssähige kraukheiterregende Bakterien einschließt. Welche Bedeutung die Rücksicht auf diese Gefahr für die Volksgesundheit hat, weist Dr. Conradi in der„Münchener Medizinischen Wochenschrift an dem Beispiel der Fleischvergiftung nach. Es sind Fälle vorgekommen, in denen die Keime deS falschen Typhus oder Paratyphus, wie die durch eine solche Vergiftung entstehende Krankheit genannt wird, dadurch ins Fleisch gelangt waren, daß dieses zur Konservierung einfach auf ein Stück rohes Eis gelegt worden»var I Sollte schon die einzelne Hausfrau diese Gewohnheit als gefährlich ablegen, so ist die Verlvendung von Natureis in unmittelbarer Berührung niit Zkahrungsinilteln in größeren Auf- bewahrungsräumen auf keinen Fall zu dulden. Dr. Conradi weist nach, daß durch die gleiche Verlveuduug von Eis sogar Wurstvergiftung entstehen kann. Es ist nämlich durch Tierärzte festgestellt worden, daß manche Fleischer im Sommer in das für die Wurst bestimmte Hackfleisch kleine Eisstückchen hineintun, was gleichfalls aufs strengste verboten werden sollte. Endlich muß auch den Eisgetränken große Aufinerksaiukeit zugcivandt werden, da sie selbstverständlich ebenso schädlich werden können, falls zu ihrer Kühlung Natureis benutzt »vird. Man sollte es sich einfach zur Regel machen, für alle Zwecke, die mit der Zubereitung oder Konserviening von NahrungS« und Genußmitteln im Zusannnenhang stehen, ein für alle mal nur Kunsteis zu verwenden._ Notizen. — Ferdinand von Nexmicek, der bekannte Zeichne. des„SiniplicissimuS", ist vorgestern(»vie wir bereits in einem kurzen Telegramm nieldeten) dem Verleger des Blattes, Albert Langen, im Tode gefolgt. Beide Männer, die den»„Siinpel" so kurz nach- einander wegstarben, sind knapp 40 Jahre alt geworden. Rezniceks Beliebtheit ist dem Umstände zuzuschreiben. daß er hübsche, zierlich- geleckte Bilder machte und nicht in die Ticke ging. Der knisternde, rauschende, schwebende, tanzende Froufrou- Unterrock»var seine Domäne, das müßige Treiben der Lebejüna- linge, Lebcgreise, ihrer seingekleideten,»och lieber aber ihrer halb, dreiviertel oder ganz entkleideten Damen und Dämchen hat er»nit raffinierter Grazie geschildert. Seine Kunst kain auch großen Firmen zugute, die sich's leisten konnten, ihre Reklamebilder von einem Reznicek oder seinesgleichen machen zu lassen. wahr! Bet de» Soziald) Daß wir gegen eins derartige Steuer find, liegt klar auf der Hand. Wir werden geschlossen gegen eine Steuer stimmen, die geeignet ist, den Arbeitern das Brot zu ver- t e u e r n. sSehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Herr Gamp sagte, die jlleinbauern haben ein Interesse an der Erhaltung der Kleinmühlen. Nun, Sie können ibnen ja Beschäftigung geben und einen Mahllohn zahlen, von dem sie existieren können. Aber wenn der Bauer, namentlich der Großgrundbesitzer, sein Ge- treibe nicht vcrmablen läßt, sondern verkauft und dann noch mit den Einfuhrscheinen Geschäfte macht, so gehen dieMiiller daran bankrott, daß dieLand- tvirte ihnen nicht genug zu tun geben, und dafür sollen dann die Städter bestraft werden. Ein solches Gebaren können wir nicht mitmachen. Zentner versteuern. 100 000 M. Steuern mehr zahlen die Mühlen infolge- dessen in Bayern als in Baden. Halten wir an dieser Steuer fest, so wandern die Mühlen aus Bayern aus, aber nicht nach dem Grundsatz: Das Wandern ist des Müllers Lust.(Heiterkeit.) Um die Steuer schmackhaft zu machen, nennt man sie eine Schutzsteuer für den kleinen Mann. Aber der Notschrei der kleinen Müller nach dieser Steuer gleicht dem Notschrei eines Ertrinkenden, der sich an einem Strohhalm hält. Mit einer solchen Steuer kann man ihm nicht helfen. DaS ist nur Kurpfuscherei, die dem einen helfen will, indem sie dem anderen Gift gibt. Kommt die Mühleilumsatzsteuer, dann iverden auch andere Steuern kommen. Die Arbeiter- Verhältnisse sind in den Großmühlen besser als in den kleinen. Eine BundeSratSverordmmg vom 20. Avril 1899, welche in den Dampfmühlen eine Arbeitszeit von 14 Stunden und i» den Windmühlen von 10 Stunden zuließ(Hört I hört I). hat nicht verhindern können, daß mancher kleine Müller trotz dieser langen Arbeitszeit zugrunde gegangen ist. Eine Großmühle in LildwiaShafen würde nach den verschiedenen VorfckilSgen der Umsatzsteuer teilweise über eine Million Steuern zu zahlen haben. Natürlich würde der Betrag auf die Konsumenten abgewälzt werden. Als in Bayern die Steuer ausgehoben werden sollte, waren Zentrum und Liberale ein st inim ig dafür.(Hört! hört)) Dagegen waren nur die Bauernbündler und einige Mittelstandsvertreter. Die Wirkung der Umsatzsteuer lvird sein eine Schädigung des Inlands, ein Vorteil für das Aus- land und eine Verteuerung der Lebensmittel. Die Folge da- von sind neue Kämpfe auf wirtschaftlichem Gebiet. Die Arbeiter werden auf Lerbesierung ihres Arbeitsverdienstes drängen und die Beamten tun daS Gleiche, wenn auch in anderer Form, aber ihre Sprache ist heute unzweideutiger als früher. Diese Kämpfe können Sie sich ersparen.(Bravo I bei den Soz.) Schon der Umstand, daß die Großmühlen nicht mit der Bäcker- kuiidschaft in direkte Berührung kommen, sichert den mittleren und kleineren Betrieben einen gewissen Umsatz. An der Vermahlung inländische» Getreides find die Großmühlen prozentual ebenso be- teillgt wie die kleinen und mittleren Betriebe. Wenn auch aus« läudisches Getreide vermählen wird, so liegt daS eben daran, daß die deutsche Landwirtschaft den Mehlbedarf nicht deckt. Wir lehnen die Anträge ab, weil wir zu keiner weiteren Ver- teuerung des BroteS unsere Zustimmung geben können.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Hiermit schließt die Diskussion. Das Schlußwort als Antragsteller erhält Abg. Speck(Z.), der gegen die Aügg. Gothein, Molkenbuhr und Binder polemisiert. In der bayrischen Kammer haben Zentrum. freie Vereiniglmg und Liberale für die Mühleilumsatzsteuer gestimmt; nur die Sozialdemokraten stimmten dagegen und nahmen damit wieder einmal die Interessen des Großkapitals wahr.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) Gerade der vom Vorredner hervorgehobene Mißerfolg der Umsatzsteuer in Bayern spricht für die Not- wendigleit einer ReichSumsatzstener. Die Sozialdemokraten wünschen natürlich möglichst viele selbständige Betriebe vernichtet. Da« Allgemeininteresse aber spricht für unseren Antrag. Wir haben mit ihm genau wie 1902 bei den Zollen die Absicht, der landwirt- schaftlicheu Jnlandsproduktion unseren Inlandsmarkt zu sichern. In seiner Broschüre gegen die Mühlenumsatzstcuer hat Herr Gothein Doppelzentner mit Tonnen verwechselt.(Lebhaftes Hört! hört! und Heiterkeit rechts und im Zentrum.) Nach einem weiteren kurzen Schlußwort des Abg. Dr. Rösicke(k.) werden die Anträge Speck und Rösicke gegen die Stimmen der Freisinnigen, Sozialdemokraten und einiger Nationalliberalen an- g e n o ni m e n. Nächste Sitzung: Donnerstag 2 Uhr.(Kleinere Vorläget:, Münzgesetz. Bantgesetz.) Schluß 7'/, Uhr.__ gbgeorämtenbaus. 85. Sitzung vom Mittwoch, den 12. Mai, vormittags 11 Uhr. Am Ministertisch: Frhr. v. Rheinbabcn. Auf der Tagesordnung steht zunächst die Beratung der vom Herrenhaus zurückgelangten Besoldungsgesetze für Bc- amte, Lehrer und Geistliche. Die Beratung beginnt mit dem Lehrerbesoldungsgesetz. Hierzu liegt ein von allen Parteien unterzeichneter Antrag Schiffer(natl.) vor, der gegen- über der Fassung des Herrenhauses folgende Aenderungen enthält. Tie Lehreraehälter sollen überall so bleiben, wie eS das Abgcord- iietenhous beschlossen hatte. Insbesondere sollen auch die Alters- zulagcn und die Zulagen für erste und alleinstehende Lehrer un> verändert bleiben. Bei der Mietsentschädigung sind die Ursprung- lichen Beschlüsse des Abgeordnetenhauses dahin geändert, daß die Minimalsätze verringert worden sind. Eine Konzession ist dem Herrenhaus« nach der Richtung gemacht, daß die Staatszuschüsse räch der ursprünglichen Regierungsvorlage und auf Grund der bis- hcrigen Gesetze erhalte» bleiben sollen. Endlich wird die rück- wirkende Kraft des Gesetzes vom 1. April 1908 an aufrecht erhalten. Abg. Schiffer(natl.): Es handelt sich um ein Kompromiß; die ganze Materie ist in drei Teile geteilt und bei jedem Teil soll ein Redner für alle Parteien sprechen. Damit soll dokumentiert werden, daß daS Haus einig ist auch nach den Beschlüssen des Herrenhauses. Das Haus hat damit bewiesen, daß eS in der Lage und willens ist, den Wettbelverb der Parteien auszuschalten, wo cZ sich um große §'ragen alwemeiner Natur handelt.(Bravo!) Es hat gezeigt, daß ei allen Parteien im gleichen Matze staatsmännisches Empfinden für das. was zu leisten ist, vorhanden ist.(Bravo!) DaS Problem der Beamtenbesoldung ist in der Tat ein Problem, das die Staats- iutercffen Preußens vital berührt. �Wir mußten sehen, die An- sprüche der Lehrer nach Möglichkeit zu berücksichtigen und anderer- feitS Rücksicht auf die Steuerzahler nehmen. Daß beides gelungen ist, beweist die Tatsache, daß alle Parteien einig sind. Es waren zur Herstellung dieser Einigkeit schwere innere und äußere Schwie- rigkeiten zu überwinden. Daher hin ich fest überzeugt, daß guch das Herrenhaus sich dem Eindruck dieser Einigkeit nicht«niziehen wird. Wenn im Herrenhause ausgesprochen wurde, man müsse an seinem Standpunkte festhalten, auch wenn das Gesetz daran scheitern sollte, so lehnen wir es ab, mit dem Gedanken des Schci- terns der Besoldungsvorlagen zu spielen, so lange noch irgend eine Einigung möglich ist.(Bravo!) Wir haben durch unsere Vor- schlage die Brücke zu einer Verständigung, die das Herrenhaus ver- langt hat, geschlagen. Deshalb wünschen und hoffen wir, daß auch das Herrenhaus Opfer bringt, damit wir sehr bald zu einem Schluß kommen; denn je schneller das Herrenhaus dahin wirkt, daß die Besoldungsfrage zu Ende geführt wird, desto größer wird sein Verdienst sein um die Beamten und unsere Lehrer und um den Staat und unser Vaterland.(Lebhafter Beifall.) Abg. Marx(Z) erklärt das Einverständnis seiner Freunde mit dem Kompromiß. Abg. Cassel(frs. Vp.): Uns kam eS bor allem darauf an, nach- dem die Vorlagen aus dem Herrenhause zurückgekommen waren, die Verbesserungen festzuhalten, mit Rücksicht auf die wir dem ersten Kompromiß zugestimmt hatten. Wir bedauern, daß die einzig Leidtragenden bei dem Kompromiß die großen Städte, vor allem Berlin, sind. Wir wollen aber die Einzclintcressen zurück- stehen lassen hinter den Interessen der Allgemeinheit. Mdn muß sich seine Grundsätze auch etwas kosten mssen.(Bravo! links.) Uebrigens hat der Gang der Beratungen die Behauptung zu- schänden gemacht, als ob wir Liberalen lediglich die Interessen der städtischen Lehrer vertreten.(Sehr richtig! links.) Angesichts der Lasten, die hier die Städte wieder auf sich nehmen, möchte ich an die Regierung den Appell richten, nun aber auch die Rechte der Städte auf Selbstverlvaltung im Schulwesen nicht mehr so zu bc- einträchtigen, wie das bisher geschehen ist.(Bravo! links.) Abg. Borginann(Soz.): Das Stadium, in dem sich die Vorlage befindet, erübrigt e«, auf Einzelheiten einzugehen. Die etwas hoch gestimmten Aussüh- rungen des Herrn Schiffer kann ich mir nicht in allen Punkten zu eigen machen. Mit dem materiellen Inhalt seiner Aus- führungen bin ich einverstanden. Freilich sind unsere Wünsche in bezug auf die Lehrcrdesoldung keineswegs voll erfüllt, und ich glaube auch sagen zu dürfen, daß auch die Lehrer selbst mit der Form, in welcher das Gesetz verabschiedet werden soll, nicht in vollem Maße einverstanden sein werden. Wenn wir trotzdem dem Kompromiß zustimmen, so deshalb, weil wir eS für unbedingt notwendig halten, endlich einmal das Gesetz zur Verabschiedung zu bringen und in der Anerkennung, daß es i m m e r h i n a l S e i n F o r t s ch r i t t zu bezeichnen ist. ES wurde hier und auch im Hcrrenhause der Meinung Ausdruck gegeben, als ob sich die Agitation der Lehrer in Bahnen be- wcgt hätte, die der Würde ihres Standes nicht entspreche. Ich kann mich diesem Urteil nicht anschließen, sondern meine, daß nach Lage der Verhältnisse, in welchen sich der preußische Lehrerstand seit Jahren befunden hat, cL durchaus als berechtigt bezeichnet werden muß, wenn die Lehrer nun endlich einmal mit Energie sur ibre Interessen eintreten.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.! Nachdem die Lehrer jahrelang immer wieder vertröstet oder nur mit ganz geringen Verbesserungen abgespeist worden sind, ist ihre Erregung wohl verständlich. Vor einigen Tagen ist hier die Frage erörtert worden, ob den Mitgliedern dieses Hauses freie Fahrt auf den preußischen Bahnen gewährt werden soll, und das Hans hat sich über die Haltung der Regierung dabei sehr auf- geregt. Wenn Sie solcher kleinen Dinge wogen sich schon anfregen, wie viel mehr hat dann die L e h r e r i ch a f t ein Recht, sich aufzuregen, wenn man ihre berechtigten Wünsche so lange unberück- sichtigt laßt.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Was die Zu- schüsse selbst anlangt, so sind wir durchaus einverstanden mit der Herstellung der alten Form der Alterözulagen und ebenso mit der Wiederherstellung der gestrichenen 100 M. an erste und alleinstehende Lehrer. Gerade diese Lehrer verdienen die Zulage besonders als eine Prämie dafür, daß sie jahrelang auf einem schwierigen Posten ansgehalten haben.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Das wichtigst« ist nun die Frage der Zuschüsse. Das Herrenhaus hat sich hier dem Abgeordnetcnhause gegenüber als Schützer der Selbstverwaltung gezeigt. Selbst wenn wirklich einzelnen Gemeinden Zuschüsse zufallen sollten, die nicht voll berechtigt er- scheinen, so ist mir'die Sicherung der Selbstverwaltung viel mehr wert als diese Unstimmigleiteu.(Sehr richtig! bei den Sozialdemo- kraten.) Die Gefahr für die Gemeinden, allzährlich bei Aufstellung ihreS Etats mit einem sicheren Faktor rechnen zu müssen, ist sehr groß, und ich kann es durchaus den Vertretern der Städte im Herren Hause nachfühlen, daß sie gegen diesen Ein- griff in die Selbstverwaltung energisch Front gemacht haben. Sollten sich Unzuträglichkeiten im einzelner herausstellen, so wird man schon für Abhilfe sorgen; jedenfalls können diese Unzuträglichkeiten niemals so groß sein, als wenn die Beseitigung der Staatszuschüsse erfolgt wäre. Die Regierung hat leider in dieser ganzen Frage eine wenig entschiedene Stellung eingenommen. Graf Botho Eulenburg hat ihr das in einer gcist- volle», formvollendeten Red« im Herrenhause vorgehalten. Die Re- gicrung hat viel zu viel mit sich handeln lassen, es machte den Ein- druck, als sei sie recht stark mft semitischem Oelc gesalbt.(Heiter- keit.) Wir erwarten nun vom Herrenhause, daß eS dem einmütigen Beschluß deS Abgeordnetenhauses beitritt. Sollte die Vorlage scheitern, so würde die Verantwortung auf die Regierung fallen, die es an der notwendigen Energie hat fehlen lassen. Die Entwickc- lung des ganzen LoltsschulwesenS hängt aufs engste mit der Besser- stellung der Lehrer zusammen. Eine schlechte Bezahlung ist nicht geeignet, die tüchtigen Kräfte heranzuziehen und die Amtsfreudig- keit der Lehrer zu heben.(Sehr rxlstig!) Der erste Schritt zur Besserstellung wird mit diesem Entwurf getan; es wird der letzte nicht sein. Im Augenblick stimmen wir der Borlage zu, um wenig- stens einen kleinen Fortschritt zu erreichen.(Bravo! bei den So- zialdemolraten.) Abg. Frhr. v. Zedlitz(frkons.): ES war interessant, daß Herr Boramann die Regierung gegenüber der Volksvertretung stark machen wollte.(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Das Dreiklassen- Parlament ist keine Volksvertretung!) Herr Borgmann hat weiter ein bischen in Antisemitismus gemacht und hat sich hier als Ver- treter des Herrenhauses hingestellt.(Abg. Borgmann(Soz.): Was gut ist, loben wir, wo es sich auch findet!) Im übrigen kann ich es nur begrüßen, daß sich auch die Sozialdemokratie aus den Stand- Punkt der bürgerlichen Parteien stellt und bereit ist, das Kompro- miß zu unterschreiben. Meine Freunde stimnrcn dem Antrag Schiffer ebenfalls zu. Abg. v. Ditfurth(kons.) begründet einen Antrag, den vom Herrenhause bei der ersten nach dem 1. April 1910 eintretenden Erledigung der Schulstelle beschlossenen Fortfall der Natural- leistungen zu streichen und schließt sich auch für die Konservativen den Ausführungen des Abg. Schiffer an. Finanzmimst�r Frhr. v. Rkieinbaben begrüßt das einheitliche Votum des Hauses. Ich hoffe, daß Ihr Vorgehen auch in anderen großen Fragen, die unS beschäftigen, Nachfolge finden wird. (Bravo?) Ich werde natürlich dafür eintreten, daß Ihre Beschlüsse auch im Herrenhause wenn irgend möglich angenommen werden. Ich hoffe,' daß das Herrenhaus, in Anerkennung deS Entgegen- tcmmciis dieses Hauses, auch sein Teil dazu beitragen wird, daß nun endlich Beamte, Lehrer und Geistliche in den Besitz der Wohl- taten kommen, die wir alle ihnen wünschen.(Bravo!) Nach weiteren Bemerkungen der Abgeordneten Dr. v. Campe (natl.) und Hoff(frs. Vg.) schließt die Dabette. Der Antrag v. Ditfurth wird gegen die Stimmen der Frei- sinnigen und Sozialdemokraten angenommen. Hierauf wird der Antrag Schiffer eu dloc einstimmig angenommen. ES folgt die Beamtenbesoldungsvorlage. Abg. v. Hennigs(kons.) begründet einen Kompromißantrag aller Parteien, den unbeträchtlichen Aenderungen des Herrenhauses zuzustimmen. Die Beamten sollten anerkennen, daß für sie sehr enorme Mittel aufgewendet würden, und sollten dafür sorgen, daß in ihren Reihen wieder Ruhe eintritt. Abg. v. Savign»(Z; betont, daß alle Parteien Opfer gebrach: hätten, um die Einigkeit zu ermöglichen. Zu begrüßen sei cS. daß für die Unterbeamten erheblich mehr erreicht worden fei» als die Negrening ursprünglich boMschlagen halte. Die nächste aroste Aufgabe für uns mutz sein, nun auch die Bezüge der staaiuchen Arbeiter entsprechend zu erhöhen. Die Abgeordneten Dr. Schrocber-Kassel(natl.) und Brütt (frkons.) schließen sich den Vorrednern an. Abg. Hirsch(Soz.): Wir haben in dritter Lesung für die Vorlage gestimmt, ob ivohl unsere zahlreichen Anträge im Interesse der unteren uno mittleren Beamten abgelehnt waren. In Konsequenz dieser Haltung werden wir auch heute dem Kompromiß zustimmen. Uns leiten dabei lediglich sachliche Gründe. Gerade die Beschlüsse der Reich stagskom- Mission, die in bezug auf die Uwterbeamten sehr weit hinaus- gehen über das, was wir in Preußen beschlossen haben, zeigen, wie berechtigt unsere bei der zweiten Lesung gestellten Anträge ge- wesen sind. Sie sind abgelehnt worden namentlich mit Hilfe der Herren von der konservativen Partei, und es ist eine eigenartige Sachlage, daß jetzt im Reichstage auch die K o n s e r v a t i v e n für die höheren Gehälter eintreten. Wir haben davon abgesehen, in diesem Stadium der Verhand- lungen wiederum Anträge einzubringen, weil wir uns sagen mußten, daß sie doch keine Aussicht auf Annahme in diesem Hause hätten und nur zur Verzögerung des Zustandekommens der Äesol» dungsreform führen könnten. Herr v. Savignh hat mit Recht dar- auf hingewiesen, daß die zahlreichen Arbeiter in den Staatsbe- trieben in ihren Bezügen nicht verbessert werden. Die Regierung hat sich unseren Wünschen gegenüber, die wir in dieser Beziehung in der ersten und zweiten Lesung wiederholt geäußert haben, leider ganz ablehnend verhalten. ES freut mich, daß jetzt auch der Vertreter einer so einflußreichen Partei, wie es das Zentrum ist, auf dem Standpunkt steht, daß die Löhne der Staats- arbeiter erhöht werden müssen. Ich hoffe, daß die Herren alles daransetzen werden, um diese Löhne wenigstens auf die Höhe zu bringen, auf der heute schon zahlreiche Industriearbeiter stehen. Was die von einzelnen Rednern gerügte Agitation der Be- a m t e n anlangt, so kommt es nach unserer Ansicht nur darauf an, ob die Wünsche der Beamten innerlich berechtigt sind. Wenn das der Fall ist, haben wir die Pflicht, ihnen, soweit es irgend möglich ist, entgegenzukommen. Ebensowenig, wie vielleicht die Beamten immer sympathisch berührt worden sind von der Art, wie ihre Petitionen oder sonstigen Forderungen hier im Hause be. handelt worden sind, cbcuso gebe ich zu, daß vielleicht manchen Herren die Form, in der die Beamten ihre Wünsche vorbringen, nicht immer ganz sympathisch sein mag. Aber die Beamten haben daS Petitionsrecht, sie haben das Vereins- und Versammlungsrecht und wir dürfen als Parlament nicht wagen, ihnen das Recht zu verkümmern, selbst wenn es in einer Weife zum Ausdruck kommen sollte, die nicht allen sympathisch ist.(Bravo! bei den Sozialdemo- kraten.) Abg. v. b. Groeben(kons): Ob das Lob eines Sozialdemokraten wie des Herrn Hirsch, besonders für die Reichstagsbeschlüsse spricht, bezweifle ich. Im übrigen haben wir hier den Reichstag weder zu loben noch zu tadeln.(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Sie tun cS aber oft genug!) An die Regierung möchte ich den Wunsch richten, daß vie preußischen Vertreter im Bundesrat dahin in- struiert werden, dafür zu sorgen, daß eine möglichste Kongruenz zwischen unseren Beschlüssen und denen des Reiches zustande kommt.(Bravo! rechts.) ginanzminister Frhr. v. Rheinbaben: Die Notwendigkeit einer Erhöhung der Arbeiterlöhne als Folge der Beamtenbesoldungsvorlage kann ich nicht anerkennen. Die EntWickelung ist umgelehrt gewesen: wir haben im Laufe der letzten Jahre und Jahrzehnte in den Staatsbetrieben eine außerordentliche Erhöhung der Löh,«! vorgenommen.(Sehr richtig? rechts.) Die Löhne bei der Eisen- bahnverwaltung sind um 30 Proz. in den letzten 10 Jahren gestiegen. Dann hat Herr Hirsch gesagt, die von der Reichstagskom. Mission gefaßten Beschlüsse über die Beamtcngehälter bewiesen die Richtigkeit der sozialdemokratischen Anträge. Ich ziehe den gegen- teiligen Schluß und schließe daraus auf die Bedenklichkeit der Be- fchlüsse der Reichstagstoiiunission.(Lachen bei den Sozialdemo- kraten.) Ich werde natürlich bemüht fein, im Reichstag diesen Be- Schlüssen entgegenzutreten. An die Parteien richte ich den Appell, nicht immer der Regierung das Odium aufzubürden, als habe sie für die Beamten kein Herz, sondern auch für ihren Teil aus ihre Parteigenossen im Reichstag dahin zu wirken, daß solche zu weit gehenden, die Einzelstaaten, Kommunen und die Privatwirtschaft im höchsten Maße belastenden Beschlüsse aufgehoben werden.(Bravo! rechts.) Abg. Gyhling(frs. Vp.) Auf den Reichstag können wir hier keinen Druck ausüben. Sollte der Reichstag auf seinem Beschlüsse beharren, würden wir ihm jedenfalls folgen müssen. Aber bevor der Beschluß des Reichstages nicht endgültig ist, brauchen wir uns darüber den Kopf nicht zu zerbrechen. In bezug auf die Beamten- Versammlungen stimme ich mit Herrn v. HenniaS überein; aber das PetitionS-, Vereins- und Versammlungsrecht muß den Be- amten gewahrt werden. Der Kompromißantrag und die Besoldungsordnung werden hierauf en blae angenommen. Es folgt die Beratung der Novelle zum Wohnungsgeld. zuschuhgesetz. zum Einkommen- und Ergänzungs- steuergesetz und des Mantelgesetzes. Ein Äompromißantrag fordert die Wiederher» stellung der rückwirkenden Kraft des WohnungS- geldzuschusses vom 1. April IVOS ab. Zum Einkommen- und Ergänzungssteuergesetz liegt ein Antrag G y tz I i n g(frs. Vp.) vor, wonach bei der Einschätzung land- und forstivirtschaftlichcr Grundstücke nicht der Ertragswert, sondern der gemeine Wert zugrunde gelegt werden soll. Ein weiterer Antrag Herold(Z) will einen Zusatz des Herrenhauses, wonach nur in gelvissen Fällen der gemeine Wert maßgebend sein soll, wieder beseitigen. Nach längerer Diskussion wird der Antrag Ghßling abge- lehnt, Antrag Herold sowie der Kompromißantrag zum Woh- nungsgeldzuschuß iverden angenommen. Hierauf v e r t a g t sich daS HauS. Nächste Sitzung: Donnerstag 11 Uhr. Fortsetzung der dritten Lesung des Etat». Schluß 5 Uhr._ Huö der frauenbewcgung. Fortschritt de« Fravcubcwegung in Oberschlesieu. Noch ziemlich unberührt von der modernen proletarischen Frauen- Bewegung ist Oberschlesteu. Die sozialistische Lehre findet dort über- Haupt eincu sehr spröden Boden. Immer wieder wurde versucht, den BefreiuiigSgedanken des Sozialismus unter der dortigen riesigen Jndustriebevöllerung zu verbreitem Leider lange mit wenigem Er- folg. Aber das Wort„Beharrlichkeit führt zum Ziel' wird sich auch hier bewahrheiten. Der verständnisvollen Agitation einiger Genossen ist«S zu verdanken, daß bereit««ine Reihe Organisationen erstanden. Und überall im oberschlesischen Jndustriebezirk, Ivo sozialdemokratische Vereine bestehen, gehören ihnen Frauen alS Mitglieder an. Wo sich geeignete Frauen zur Wahl stellten, wurde auch eine Ge- nossin Mitglied im Vorstand. Daß gerade Oberschlesien ein so schwer zu bearbeitender Landes- teil ist. dafür sind verschiedene Umstände bestimmend. In erster Linie muß da die katholische Kirche genannt werden. Bei allen Gelegenheiten erzählen die Pfarrer den Leuten, die Verbindung mit der Sozialdemokratie führe zur Hölle. Die Volksschule, ob evange« lisch oder katholisch, steht hier ebenfalls mehr als anderswo im Banne der Kirche, so daß die systematische Vcrdnmmung der Mosten kein Hemmnis findet. Ohne die erschreckliche Unkenntnis müßte gerade die Arbeiterschaft in Oberschlcsien, die so mieilblich schwer unter der Knute des Kapitalismus schmachtet, leicht von der Idee des Sozialismus durchdrungen werden. Selten sieht man so Kassen Unterschied zwischen Besitzenden und Besitzlosen als in Oberschlesien. Di« Jndustriebarone selbst haben ihren Wohnsitz abseits der HüttcnsMlote. entfernt vom Krankheit und Siechtum fördernden Tunst der Zinkhütten aufgeschlagen; sie wohnen in gesunden Städten und kommen nur gelegentlich einmal in ihr Reich. Die Herren Direktoren der großen Hüttenwerke und Gruben domizilieren meistens auch nicht in der Nähe der Betriebe. Gute Vahuver- vindungen ermöglichen ihnen, ihre großen Gehälter weit ab von den Fabriken zu verzehren. Anders sieht es mit den Arbeitern auZ. Diese müssen möglichst nahe ihrer Arbeitsstätte wohnen. Die„Wohltätigkeit' der Werks- besitzcr hat ihnen„herrschaftliche Häuser" in der Nähe der Betriebe erbaut. Die Arbeiterwohnunge» lassen schon von außen erkennen, daß im Innern von Gemütlichkeit keine Rede sein kann. Dasselbe Gepräge zeigen— mit Ausnahme in einigen größeren, älteren Ortschaften— die Straßen des JndustriebezirkS, und zum großen Teil sehen die Proletarier ebenso verwahrlost aus. Schwere, harte Arbeit hat ihnen allen. Mann und Weib, den Stempel aufgedrückt. Leichte Beschäftigung gibt es hier— ausgenommen in Ratibor, wo Frauen in Zigarren- und Schokolade- fabriken tätig sind— auch für die Frauen nicht. Sie werden auf Bauten beschäftigt; schwerbeladen schwanken sie, oft schwangeren Leibes, die Leitern empor. Frauen sind beim Aufschippen der Kohlenhalden usw. tätig und gehen dabei häufig barfuß umher. Fast ausschließlich sind Frauen an Bahndämmen beschäftigt. Bei solcher Arbeit wird alle Weiblichkeit, wenigstens äußerlich, abgestreift. Männer und Frauen sind dem Trünke, der Schnapspest ergeben. Die Kirche bringt es nicht fertig, den Branntweinteufel auszutreiben. Sie will es auch ernsthaft nicht. Die Abstinenzbewegung hat unter dieser Bevölkerung wenig Einfluß. Die Aufklärungsarbeit unserer Genossen findet auch in der großpolnischen Bewegung und in der Sprache Hindernisse. Die sprich- wörtlich gewordene Bedürfnislosigkeit der Polen ist gleichfalls ein Hemmnis. Umsomehr ist es zu begrüßen, wenn es endlich auch unter diesen Lenten zu tagen beginnt. Unsere Genossen setzen dabei große Hoffnungen auf die Frauen. Haben wir ihrer einen Teil, dann ist schon viel gewonnen. Das weiß auch das Zentrum, und es strengt sich an, die katholischen Frauen für sich zu gewinnen. Im Beichtstuhl hetzt man die Frauen gegen ihre Männer und die Sozialdemokratie aus. Haben wir jedoch nur erst einen Stamm tüchtiger Genossinnen, die für unsere Ideen Propaganda machen, dann wird der Einfluß der finsteren Mächte gebrochen. Obcrschlesien ist ein Brachland, das dringend der Be- arbeirung, Leute mit eisernem Willen und großem Flciße bedarf. Gelegentlich der Agitationstour einer Genossin hat unsere Partei in allen Orten, wo Versammlungen abgehalten werden konnten, zahlreiche Mitglieder gewonnen. Besonders viele Frauen sind den sozialdemokratischen Vereinen beigetreten. Auch die.Gleicbbeit". die bisher fast gar nicht gelesen wurde, hat bei den oberschlesischen Frauen Eingang gesunden. Sie wird uns hier, wie überall, ein guter Pionier für die Aufklärung der Frauen und Mütter fem. Leseabcnde. Schöneberg. Freitag, den 14. Mai, im Lokal von K. Grosser(Nene Nathaussäle), Meiningerstr. 8, für sämtliche Bezirke Schöncbergs. Vortrag des Herrn Dr. Alfred Pinkus:„Frauenleiden und deren Verhütung".— Besprechung über einen Ausflug nach Schmargen« darf.— Ferner werden die Adressen der Kinder, die in der Arbeiterferienlolonie Aufnahme finden solle», in Empfang genommen._______ Gerichts-Zeitung» Ein Heiratsschwindler und Hochstapler. AlS reicher Plantagenbesitzer aus Südamerika hatte sich der Kaufmann Lars Nielsen ausgegeben und verschiedene Heirats- schwindeleien verübt, die ihn gestern unter der Anklage des Be- truges vor die 1. Strafkammer des Landgerichts I führten. Der Angeklagte ist dänischer Abkunft, aber amerikanischer Staatsange- Hänger. Er hat sich schon fast in allen Weltteilen herumgetrieben und ein richtiges Abenteuerleben geführt. Seinen Lebensunterhalt verschaffte er sich durch Heiratsschwindeleien und Hochstapeleien, die ihn schon wiederholt mit dem Strafgesetz in Konflikt gebracht hatten. Erst im Februar dieses Jahres stand er bor derselben Strafkammer, die ihm eine Zusatzstrafe von einem Jahre zu- diktierte, zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe, die ihm von der Strafkammer in Hamburg auferlegt worden war. In allen Fällen handelte es sich um Heiratsschwindeleien. Im September v. I. lernte Nielsen durch Vermittelung eines Kaufmanns Müller eine Frau I. kennen. Er nannte sich„Henri L. Marci" und gab sich als reicher Plantagenbesitzer aus Eartagena in Brasilien aus. Schon nach zweitägiger Bekanntschaft machte er der I. einen Hei- ratsantrag, der auch akzeptiert wurde. Die I. verkaufte sofort ihr Hab und Gut für 3000 M., verpackte ihre Wäsche und sonstigen Hab- scligkeiten in sechs seefesten Kisten und ließ sie auf Anraten des Angeklagten in Liverpool in einem Speicher aufbewahren. Das Konnossement hierüber ließ sich N. geben, ebenso eine Brillantbrosche, um sie angeblich abschätzen zu lassen. Kurz vor der Abreise wurde die I. im letzten Augenblick noch gewarnt. Durch Vermittelung des deutschen Konsulats erhielt sie auch später ihre Sachen aus Liverpool zurück.— Eines noch ärgeren Schwindels machte sich der Angeklagte gegenüber dem Schankwirt A. und dessen Schwester schuldig, die er ebenfalls durch den Kaufmann Müller kennen ge- lernt hatte. Diesem erzählte er ebenfalls von seinen großen Plan- tagen in Eartagena und wies auch einmal ein ganzes Bündel amerikanischer Wertpapiere vor, die allerdings, wie sich später herausstellte, fast wertlose amerikanische Pesoschcine waren. Nach- dem er sich in dieser Weise mit dem Nimbus eines vermögenden ManneS zu umgeben gewußt hatte, bekam er es fertig, den A. zu bestimmen, seine in der GotzkowSkystraßc gelegene gutgehende Schankwirtschaft zu verkaufen, um nach Brasilien überzusiedeln. Der Angeklagte veranlasste den A., für 8000 M. eine komplette Kinematographeneinrichtung zu kaufen, mit der er angeblich in Brasilien ein kolossales Geschäft machen sollte. Die ganzen Sachen wurden verpackt und alle drei fuhren erst nach London, wo die Trauung der Schwester des A. mit Nielsen stattfinden sollte. Am Tage der Trauung war der Angeklagte jedoch spurlos verschwunden. A. beziffert seinen Gesamtschaden auf über löOOO M. In dem dritten Falle gelang es dem Angeklagten» ein heiratslustiges ältere? Mädchen nach London zu locken, wo am 8. Oktober v. I. die Trauung stattfinden sollte. Er wurde jedoch entlarvt und von der Londoner Polizei verhaftet.— Vor Gericht war der Angeklagte, der jetzt von einem schweren Augenleiden befallen und fast blind ist, geständig. DaS Gericht erkannt unter Einbeziehung der früher er- kannten Strafe auf eine Gesamtstrafe von 3 Jahren und 6 Monaten Gefängnis._ Betrügereien in grosicm Ilmfange flelen dem Kaufmann August Jackszt zur Last, der die Straftamnier des Landgerichts Berlin III in zweitägiger Verhandlung beschäftigte. Er hatte sich wegen Betruges, Unterschlagung und Urkunden« fälschung zu verantworten. Der Angeklagte hatte vor etwa neun Jahren in Kassel eine, gut gehende Lodcrhaudlung übernommen, geriet dann aber infolge leichtsinnigen und verschwenderischen Lebenswandels in Vermögcnsverfall. Er verübte eine Wechsel- fälschung und flüchtete 1002 nach London. Auf Grund eines Steck- bricses wurde er dort ergriffen und nach Deutschland zurückge- bracht. Wegen der Wcchselfälschung wurde er zu 1 Jahr 0 Monaten Gefängnis verurteilt. In England hatte er nach seiner Behauptung einen Edelsteinhundel betrieben, indem er von Edelstein- Händlern Waren in Kommission übernahm oder für eigene Rech- nung kaufte. Nach Verbützung seiner Strafe trat er in Beziehung zu einem in Wilmersdorf wohnenden Kaufmann, mit dessen Tochter er sich verlobte. Durch den Familienverkchr lernte er auch den Onkel seiner Braut, einen damals in Zerpenschlcuse, jetzt in Berlin wohnenden Rentier B., kennen, den er in erheblichstem Maße be- schwindelte. Er gab diesem an, er handle mit Aktien, besitze ein Vermögen bon ISO— 200 000 in seinem Besitz ständen u, i 5500. Golden RhodestS Limited Mtien Z 1 Pfund usw. usw. Er bewsg Herrn B. zum ersten Male zur Hergabe einer größeren Geldsumme, indem er ihm erzählte, er habe einen Geldbrief mit 2000 M. voit London zu bekommen, dieser sei aber erbrochen und seines Inhalts bevaubt in Berlin eingetroffen. An dieses erste Darlehen schlössen sich bald andere. Der Angeklagte verstand es immer wieder, durci? die romantischsten Erzählungen und Vorspiegelungen falsck�r Tat- fachen Herrn B. zur Hergabe von Geldern zu bewegen und dieser erhielt dafür von ihm zur Sicherheit Aktien, die, ivie sich später herausstellte, nichts wert waren. Schließlich machte der Angeklagte noch einen Hauptkoup: er begeisterte Herrn B. im Jahre 1907 für einen von dem Angeklagten ins Leben zu rufenden Diamanten- Handel, der nach seiner Behauptung so viel ablverfen sollte, daß er in zwei Jahren seine gesamten Schulden bei B. würde bezahlen können. Dieser griff noch einmal tief in den Säckel, stellte das Betriebskapital zur Verfügung und ist im ganzen 18 000 M. loS- geworden. Es gelang dem Angeklagten die Vertretung einer großen Berliner Firma für Hamburg und ausländische Plätze unter der Vorspiegelung zu erlangen, daß er riesige Verbindungen im Aus- lande habe. Eine ihm überwiesene Musterkollektion in Silber- waren hat er umgehend in Hamburg versetzt. Das Gleiche machte er mit der ihm übersandten Musterkollektion einer sächsischen Me- tallvxlrcnfabrik, die ihn gleichfalls vertrauensselig zu ihrem Ver- treker erwählt hatte. Einem Schleifereibesitzer in Idar hat er Edelsteine im Werte von 9000 M. abgenommen, indem er eine „Sicherheit" durch Hingabe völlig wertloser amerikanischer Aktien leistete. Auch zwei andere Besitzer von Edelsteinschleifereien hat er zur Hergabe von Edelsteinen bewogen, indem er ihnen vorredete, er habe ein Guthaben in Höhe von 50 000 M. bei der Dresdner Lank, feine Braut bekomme eine Mitgift von SO 000 M., er habe einen reichen Onkel, der hm unbeschränkten Kredit gebe. In dieser Weise hat er es verstanden, in zahlreichen Fällen sich in den Besitz von Edelsteinen, wertvollen Warenmustern und Geldern zu setzen und diejenigen, die ihm ihr Vertrauen schenkten, um recht erheb- lickje Summen zu prellen. Die Geschädigten waren aus den ver« ichiedensten Teilen Deutschlands hierhergeladen worden, um Zeug- ins gegen den Angeklagten abzulegen. Staatsanwalt Altrogge brachte eine Gesamtstrafe von 4 Jahren Gefängnis und 5 Jahren Ehrverlust in Autrag. Rechtsanwalt Morris führte dagegen aus, daß aus juristischen Gründen einige Betrugsfälle ausscheiden müßten und eine Verurteilung wegen Urkundenfälschung nicht er- folgen könne. Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu 2 Jahren ti Monaten Gefängnis unter Anrechnung von 4 Monaten Unter- suchungshast, ferner zu 4 Jahren Ehrverlust. Ter„beleidigende" Handzettel. Das Schöffengericht zu Saarbrücken verurteilte am Dienstag den Genossen Hettrrich-Neunkirchen, Bczirksleitcr des Bergarbeiter» Verbandes, auf Grund einer eigenartigen 5!onstruktion wegen Be- leidigung des Bürgermeisters von Tudweiler zu 50 M. Geldstrafe, eventuell 10 Tagen Gefängnis. Am 18. Februar konnte der Bergarbeiterverband in Dudweiler auf einer Kegelbahn die erste Bcrgarbeiterversamnilung abhalten. Sie befaßte sich mit den Beschlüssen des Berliner Bergarbeiter- kongrcsses und war hauptsächlich von Anhängern des„christlichen" Gewerkvereins besucht. Nach der Versammlung setzte die Polizei ein, um eine zweite Versammlung unmöglich zu machen. Leun Wirt erschien ein Wachtmeister, der ihn aufs Bürgermeisteramt be- stellte, wo er sich darüber Lüstern sollte, wie er zur Abhaltung einer „sozialdemokratischen" Versammlung gekommen sei. Weiter ver- langte der Wachtmeister den Namen des Einberufers zu wissen, um diesem ein Protokoll zu macheu, weil er die Versammlung nicht polizeilich angemeldet habe. Der Wirt nannte Hetterich als Ein- berufer, lehnte aber den Gang nach dem Bürgermeisteramt ab, da er keine Rechenschaft darüber schuldig sei, wein er sein Lokal her- gebe. Am 25. März sollte eine zweite Versammlung auf derselben Kegelbahn abgehalten werden. Sie fiel jedoch aus, weil im ganzen Ort das Gerücht verbreitet wurde, das? jeder abgetegt werde, der die Versammlung besuche. Hetterich schrieb nun auf die Rückseite eines Handzettels am 23. März folgendes an den Herrn Bürger- meister von Dudwciler: „Wie ich nach Erkundigungen erfahren habe, besteht für Dud- Weiler noch ein Vcreinsgesetz nach saarabischem Muster. Ich teile der Polizeibehörde hierdurch mit, daß, wie umseitig zu ersehe», am 25. März wieder eine Bergarbaiterversammlung stattfindet, wozu ich mir erlaube, die hochlbbliche Polizeibehörde einzuladen. Das Erscheinen wird mit Anerkennung akzeptiert." Wegen dieses Schreibens stellte der saarabische Bürgermeister Strafantrag und die Staatsanwaltschaft erhob Anklage im— öffentlichen Interesse. Hetterich schilderte in der Verhandlung den Sachverhalt wie angeführt und betonte, daß er in dem Verhalten des Wachtmeisters, der sicherlich im Auftrag des Bürgermeisters gehandelt habe, eine Einschränkung oder versuchte Einschränkung der politischen Staatsbürgerrechte der Bergleute erblickt habe. Diese Einschränkung oder Bevormundung bezeichne er als das saarabische Muster oder System. Die nichtanmeldepflichtige Ver- sammlung habe er dem Bürgermeister angezeigt, um einem Wunsch des Wirtes zu genügen. Wenn er diese Anzeige auf der Rückseite eines Handzettels erstattete, so sei das die von ihm Jahre hindurch in der Pfalz den Bürgermeistern gegenüber gewählte Art der An- zeige. Der Bürgermeister von Oberbexbach habe ihm gesagt, er solle bei Anmeldung einer Versammlung einen Handzettel ein- senden mit einem kurzen Vermerk auf der Rückseite. Eine Hand- lung, die einem Bürgermeister erwünscht sei, könne bei einem anderen doch keine Beleidigung sein. Seine Frage an den Bürger- meister, ob der Polizciwachtmcistcr, als er den Wirt nach dem Bürgermeisteramt bestellte und seinen Namen ausforschte, im Auf» trag des Bürgermeisters gehandelt habe, lehnte das Gericht als— „nebensächlich" ab, ebenso die Ladung des Wirtes als Zeugen. Der Amtsanwalt beantragte 75 M. Geldstrafe, da es— eine„Frechheit" sei, an eine Behörde eine Mitteilung ans der Rückseite eines Handzettels zu machen. Form und Ton seien höhnisch, deshalb schwer beleidigend. Das vtericht schloß sich in der Hauptfache dem an, hielt es für außerordentlich beleidigend, einer Behörde auf einem„solchen Lappen", dazu noch mit Bleistift geschrieben, eine Anzeige zu machen. Es wurde als erwiesen angenommen, daß der Wachtmeister im Einverständnis des Bürgermeisters gehandelt habe, dagegen habe der Angeklagte daS Recht gehabt, sich zu wehren. Würde er das in der„zulässigen Form" getan haben, so hatte er in Wahrung berechtigter Interessen gehandelt. Aber darauf sei es ihm nicht angekommen, sondern er wollte den Bürgermeister ab- sichtlich verhöhnen, ihn kränken, beleidigen. Deshalb sei eine Strafe von 50 M. ausgeworfen. Gegen das Urteil ist Berufung eingelegt worden. Da» Land- gericht wird zu entscheiden haben, ob in Saaravien die Zusendung von Handzetteln eine Beleidigung sei. Es wird dabei auch die Fragen zu beantworten habe», ob es keine Beleidigung ist,>vcnn der Staatsanwalt von„Frechheit" redet und weshalb die Staats- anwaltschäft nicht Anklage gegen den Bürgermeister wegen Miß- brauch der Amtsgewalt erhoben hat, wenn die unter Beweis ge» stellten Angaben erweislich wahr sind. Witkeriingviidersich» vom 12. Mai 1»09, morgens 8 Uftr. etottonen Zlvtnemde. vambura verltn Frantt.a.M.I'SVNO München 1 768 NW Wien 1 760 Still S E A» 6 o-2 <3« »«H s J3 8? 766 SW 765® 763 NW Setter 3 heiter Ldedeckt 1 bedeckt 1 heiter 1 wolkenl bedeckt M« ti% Ä II P» Stationen « B B Ä ZT tavaranda 761 N etersbilrg 76333 Scillh 76g WSW Mcrdeen 763 NNW Pari» 76SNNO Setter 2 wolkenl 1 bedeckt 1 heiter 3 Regen 1 ivolkenl c II ;J 1 3 11 6 11 Wetterprognose für Touncrotag, den IS. Mai I90S. Zunächst ciwaS wärmer, vorwiegend trübe mit leichten Regensillen und ziemlich lebhasten westlichen Winden; später wieder langsam aus- klärend und neiw Abkühlung, Berliner Wetterburea» 100 Gin In der ganzen Welt rühmt man mit Recht die Schlagfertigkeit, die Intelligenz und die Fähigkeit des Berliners, das rechte Wort an den rechten Ort zu setzen! Wir fordern deshalb insbesondere Berlins Einwohner auf, unserem neuen hellen Bier, das unter Verwendung der besten Rohstoffe ganz im Pilsener Charakter von uns gebraut wird, einen treffenden Namen zu geben. Wir gewähren für die beste Bezeichnung dieses Bieres einen Hauptpreis von M. 1000.— in bar, ferner kommen zur Verteilung; Ein zweiter Preis von M. 300.— in bar, ein dritter Preis von M. 100.— in bar, 200 Trostpreise(200 Kasten ä 30 Flaschen Bier) ä M. 3.—. Ueber die Verteilung der Preise entscheidet ein zu diesem Zwecke eingesetztes Preisgericht, dessen Mitglieder sich aus allen Kreisen der Bevölkerung zusammensetzen. Die näheren Bedingungen des Preisausschreibens erhält man entweder kostenlos in allen Restaurants und allen Kolonialwarenhandlungen, die unsere Biere führen und durch unser Plakat und Schutzmarke kenntlich sind, oder direkt durch uns. UHflUS Schutzmarke Kommandit-Gesellschaft auf Aktien, A. Knoblauch, Berlin NO. 18, Landsberger Allee 11-13. Schutzmarke 8. ZleKufig 5. KI. 220.Kgl. Preuss. Lo'tterle> Ziehung vom 13. Mni vormittag«. Hur die Gewinne ühcr 240 Mark«ind den betreffenden Hummern in Klammern beigefügt. /(Ohne Gewähr.)(Nachdruck verboten.) t 230 3Si 519 23«19 744 79 812 015 1091 169 203 17 iis W 513 75 OD 747 90 971 93[ 500] 2047 128 13000] 52 83 »91 411 74 80[1000] 542 631[10001 3035 231 29 318 417 42 4086 269 501 67 89 937 5037[300] 182[500] 229 38 *430 583 091 88« 93 6092 290 519 34 73 712 20[1000] 91 •52 7007 193 463 500 07 85 784 874[300] 901 91 8552 «76 757[500] 68 899 972 9015[1000] 109 389 573 613 •69[ 500] l 10067 123 85 393 581 635 78 727 846[500] 84 1103t •5 95 510 60 912 9« 12190 367 547 698 732 55 921 60 113427 57 933 1 4274 81 658 803 57 1 5128 270 324 683 16009 173 309 421 669 913 1 7097[3000] 221[500] 333 «61[1000] 727 18153 308 427 71[1000] 619[3000] 721 11905«[3000] 325 91 410 721 801 I 20126 75 335 697 805 2 1 231 93 533 671 765 22100 35 21 71 23048[1000] 68 90 375 495 513[500] 818 74 035[3000] 24001 117 566 603 SO[500] 2 5 228 45 SO 315 (500] 743 992 2 6055 269 435 635 764 818 48[3000] 27091 301 403 1500] 732[500] 2 8318 473 527 36 43 67 •14 961 29216 78 91 444 582[3000] 760 30085 120 62 319 473 531 613 97 733[1000] 801 6 SO 31123 436 608[500] 619 759 840 978 3 2211 94 348 654 88 614 823 902 5 3 3085[500] 355[500] 619 704 920 79 34018[3000] 388[600] 481 509 762 91 893 3 5087 195 286 699 771 828 59 3 6013 58 60 63 III 371 595 720 863 922 37013 51[500] 124 402 50 615 62 771[3000] 72[3000] 76 SS 985 98 3 8034 220 57 6 7 403 90[300] 594 696 830 39354 825[1000] 709 926[500] 40189[ 500] 230 160 787 903[500] 14[3000] 41163 (500] 235 4 2061 369 502 606 10[1000] 43063 251[500] • 73[3000] 570[1000] 44369 475 636 931 53 4 5043 809 •1 943 88[500] 46072 233[300] 670 798 829 902 12 47095 413 714 835 096 4 8037 125 298 503 688[500] 763 61 890 4 9091 223 53 73 428 588 610 800 29 5 0071 204 430 664 5 1 094 115 359 620 885 5 2050 163 «51 60 493 503 651 801 8 10 72 53157[100a[ 539 730 «83«52 5 4076 90 97 114 230 636 731 811 93 5 5121 42 »26 37 651 62 71[500] 733 812 18[60001 46»56lli3 267 922 48 8 7 5 7610 45 722 32 819[1000] 58251 317 310 911 59650 912 72 60273 082 93 810 83[10000] 955[1000] 59 61159 »35 15 4 3 321 67 893 62135 520 6 3082 104 38 326 4SI 646 854[500] 64095 375 475[10OO] 510 716 31 65154 55 10 211 25 430 79 614 42 782 87 827 923 44 66037 40[500] 613 62 800 67107 503 18 610 702 6 8395 461 84 950 69050 460[1000] 738 7C034 323 72 317 67 602 834 57[3000] 71143 SOS *6 III 571 655 753 850 924 7 2 037[500] 98[ 500] 193 337 68 89 516 32 779 818 953[luOO] 73094[3000] 109 16 60 »47 672 733 41 852 55 81[500] 970 7 4115 494 553 7 5087 121 77 303[1000] 10 62 432 70 304[3000] 84 821 921[3000] 7 6037 153 522 97 748 888 7 7039 44 390 437 927 40 78360 531 99 661 86 826 2 7 933 7 9027 33 25? 505 88[1000] 80062 103 261 373 431 588 869 900[500] 33 99 81251 «28 38 393 031 013 97 8 2033 437 618 935 68 83075 91 819 607 75 95[1000] 781 932 8 4059 142 488 92 543 505 765 8 5074 452 502 038 71 8 6050 53 86 393[500] 583 87136 225 30 5« 343 843[500] 693 8 8067 224 62 79 339 749 75 9 97 8 9343 65 558 80 605 757[500] 838 949 57 9 0 221 357 403 75 378 912 9 1 303[1000] 450 624 890 «09 92216 050 79 775 76 873 93217 42 327 492 989[1COO] 94027 150 432 57 9 5143 50 219 79 315 409 41 70[500] 617 33 056 9 6050[äOO) 171 83[500] 235 302[1000] 693 765 954 9 7071 368 69 535 601[500] 10 720[1000] 68 76 •17 77[500] 9 8009 10 63 413 48 770 9 9075 102 253[500] 434 47 55 509 721 67 10 0253 330 513[500] 830 1 01271 730 1 0 2433 916 103088[1000] 95 240 309 60 410»8 768 825 74 997 104013 504 99 753 813 51 919 35 1O5490 501 622 93 «24 905 1O6007 203 51 334 75 413 1 07194 355 630 896 «96 1 08(149 363 604 773 7 7 800[3000] 62 109268 «51 836[1000] 110121 65 264 341[1000] 444 845 76 922 111206 19 613 70[3000] 112182 453 608 69 049 86 113337 454 90 114194 224 88 506 7 777 839 934 86 89 115032 288 43 669 06 116056 164 527 819 731 49 69 117312 [600] 03 525 64 904 92 118082 196 200 499 533 770 78 825 038 dl 60 71 99 119450 08 628 76 754 964 120187 314 41 475 751 847 65 1 2 1 282 388«81 «B 810 75 960 1 2 2068 142 504 698 732 1 23 207 11 43 «7»[500] 009 1 24055 140 332 449[1060] 60 532[1000] 787 1 25185 536 79[500] 773 826 63 935 1 26053 491 633[500] 12 7026 214 68 804 453 618 734 857 128100 468 646[500] 74 608 86 7d3 868 74 964 129003 153 203 11[500] 26 27 38 452 91 761»79 89[1060] 13Q053 84 858 797 1 3 1 053 96 156 74 409 585 724 42 91 UM 092 1 32150 208 62 555 755 77[1000] 878 1 3 3307 93 856 1 3 4211 SOG 498 528 80 659 69[1000] 74«[8000] 931 13 5021 88 256 877 402[500] 700 73 854 1 3 6217 46 63 484 754 837[500] 137040 483 87 58« 673 704 942 79 89 1 38141 259 Sil 21 88 857 703 139518 80[500] 779 805 21[ICOO] 922 140183 238 94 88. 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Zleiniftg 5. Kl. 220.KgI.Preuss. Lotterie. Ziehung vom 12. Mai nachmittags. Kur die Gewinne Uber 240 Mark sind den betreffendes Kümmern in Klammern beigefügt. (Ohne Gewähr.)(Nachdruck verboten.) 35 121 61 852 506 807 1371[3000] 89 412 602 867 2230 433 642[3000] 748 67 885 3087 102 30 563 779 88 •32 951 4113 45[500] 291 496 593 637[ 500! 5039 93 473 727 6036 178[500] SO 640 752 900 23[ 500] 7138 61 91 400 79 978 8033 181[3000] 294 406 65 593[500] 623 (500] 85 822 9001 231 70 87 328 515 23[500] 631 10256 678 11389 412 31 80 515 83 8 4 620 67 730 921 (12074 97[5001 280 301 79 616 55[500] 704 60«6 875 [1000] 98[3000]»70 1 3285 93 300 473[500] 542 86 686 '14394 633 7 4 700[1000] 15066 70 182 226 460 660 717 49 1 6105[1000] 89 445[600] 51» 70 99 608»5 752[1000] '17053 124[500] 203 15 329 59 77 647 68 709 62 939[500] 18128 433 74 530[3000] 843 926[1000] 55 79 80 19107 273 369 433 985 20063 129 56[500] 211 12[600] 41 79 83«52 82 925 49 87 89 2 1 249 428[1000] 666 806 2 2082 143 491 674 (3000] 940 2 3009 682 89 86» 961 87 2 4021 38 293 452 77 653 612 731[500] 814 960 2 5061 277 375 99 687 704 69 896 2 6380 600 737 78 882 2 7226 93»43 91 537 776 641 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62 756 974[3000] 75 234019 116 82 85 262 533 622[ 500] 905 66 70 2 3 539S 405 510 77[500] 61-»6 808 15 92 2 3 6201 43 52 411[500] 50»6 521 697 774 884 2 3 7037 329 65«66 704 92 2 3 8252 504 673 751 856 964 2 3 9217 390 543 68 75 76 790 240931 216 39 44 385 612[500] 782 24 1 994 787 821 35 913[ 500] 242017[1000] 99 206 033 36 67 75 [500] 858 048 2 43191 226 133 63 544 940 69 2 4 4117 223[1000] 321 711 245111 673 784 928 246025 207 55 823 466[3000] 604 94 749 2 4 7029 90 351 537 626[ 300-1 j 939 2 4 8130 59 293 325[3000] 40 475«52 2 4 9007 33 100 838«II 726 935 2 5 0,216 734 839 996 2 5 1 508 67 8« 601 18[2000] 772 882 2 5 2039 133 4 7 258 2 5 3011 173 482 591 19 «03 877 903 80 2 54)20[500] 7.83 2 55134 573 645 94 "14 827 95.8 2 5 6(11 109 235 42 399 510«27 32 72 2 5 70'3 12» 28« 367[1000] SO 9« 460 625 93 721 2 5 8052[3000] 102 255[599] 63 305 484 567 733[3000] 45 80 841 60 259037 73 215 4.88«1 573 82«Ol 3> 78 2 6 0 270 636 719 51 71 934 90 2 6 1047 IT» 23» 72 347 49« 518 722 807 2 6 2008 13 255 88 93.882 570 073 728 90[600] 97 987 flOOO] 263168 SU 95 264'06> 158 301 6.25 714 2 6 5192 281[5001 532 4 8 721 26 6103 239 40 568 625 909 2 6 7 054 237 5(6 073 881 980 28801» 313 41 65 401 734 59 904 2 69171 28? 418 501 41 931 88 2 7 0138 595 608 712 844 27 1 029«3 269-106[1009] 501 651 770 817 2 7 2130 375 469 85 585«09 717 Sil 273161 93[509] 326 414 600 758 274 34 74 287 353 27 5362 418 700 4 812 2 7 6224 404 537 65 695 752 88 277541 78[500] 901 27 8054 115 365 460 833 86 2 70.37 363 563 605 722 918 63 28002« 32 80 160 248»22 91« 281317«5«S 70 435 63 561 85[1000] 631 57 282418 517 72 283010 [SOOO] 210 59 68 73 885 284104 478 626[500] 94 688 712 70 903«1 66 92 2 9 5 293[3000] 563 2 8 60)4 87 159 234[lOW] 82 465 538 627 820 2 8 7554 110 711 82 83 63 Bexonttoortl. Redakteur: Carl WermutH, Berlin-Rixdorf.' Kür de« Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Drucku.Berlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Clk. Berlin SW» 9, Ko. 26. mm**. 2. Küllge des„Wmillis" Kllllltl Nlllksdllltt. lb U-i>M. pstteigenoiien! Lmerbt Sie preukiiche Ltaztzangehörigkeit. In der zweiten Hälfte des Juli werden in Berlin die Listen auSIiegen, welche die Namen der Gemeindewähler enthalten. Wer nicht eingetragen ist, kann bei den voraussichtlich im November stattfindenden Stadtverordnetenwahlen seine Stimme nicht abgeben. Derjenige, welcher nicht preußischer Staatsangehöriger ist, bleibt auch von der Wahl ausgeschlossen. Um nun Nichtpreufien bei der Erwerbung der Staatsangehörigkeit behilflich zu sein und Auskunst zu erteilen, haben sich folgende Genossen zu unentgeltlicher Hilfe bereit erklärt: 1. Wahlkreis. Georg Weihnacht, Grünstr. 21. W. Stoltenberg, Kronenstr. 72. 2. Wahlkreis. Lohse, Urbanstr. 8S, tte», Boeckhstr. 7, Scholz. Zossener Straße 1, ■vritz Schwemke, Schönleinstr. 34, Werner, Gneisenaustr. 72, Witte, Arndtstr. 16, Gustav Schmidt. Kirchbachstr. 14, Heinrich Schröder, Bärwaldstr. 47. 3. Wahlkreis. Parteispedition. Prinzenstr. 31, Wilh. Börner, Zigarrenhandlung, Ritterstr. 13, Gottft. Schulz. Kottbuser Platz, P. Horsch, Zigarrenhandlung, Engelufer 15. 4. Wahlkreis. Paul Kupfer, Petersburger Straße 56. Ernst Bader, Große Frankfurter Straße 84, H. Gries, Torellstr. 2, W. Mann, Zeitungsspedition, Petersburger Platz 4, Zeitungsspedition, Lausitzer Platz 14/15, Wahlvereinsbureau, Stralaucr Platz 1/2 II, Paul Hoffmann, Oppelner Straße 47. O. Klamm, Reichenberger Straße 115, O. Görke, Kottbuser Straße 31. 5. Wahlkreis. Fritz Rausch, Winsstr. 12, Gustav Albrecht, Grenadierstr. 17, Hof I, Christian Thorup, Oranienburger Straße 50, Georg Seiffert, Gr. Hamburger Straße 18/10. 6. Wahlkreis. G. Pinner, Trescfowstr. 36, Johann Höhnisch, Wickertstr. 3. Paul Dobrohlaw, Schliemannstr. 39, Richard Henschel, Ueckermünder Straße 17, Paul Dolz, Ruppiner Straße 11, III, Georg Zwirner, Rheinsberger Straße 2S, Hermann Heyse, Boyenstr. IS. Mar Richter, Wiclefstr. 24, Gustav Menz, Wilhelmshavener Straße 31, Albert Werth. Wiclefstr. 33. Hermann Guniz, Prinz-Eugenstr. 5, Paul Fritsch. Drontheimer Straße 4, Hennann Rietz, Fehmarn Straße 8, Fritz Trapp, Stettiner Straße 10, Wahlveremsbureau, Raveiibstr. 6. Teltow-Bceskow. AdlerShof: Robert Liegner, GenossenschastSftr. 7. Charlotten bürg: Partcispedition, Sesenheimer Straße 1, Wahlvereinsbureau, Rosinenstr. 3. R i x d o r f: Parteispedition, Neckarstraße 2. Schöneberg: Parteispedition, Martin-Luther-Straße 51. Steglitz: G. Aßmann, Bahnstraße 6, und G. Winkelmann, Schloßstraße 104. T r e p t o>v: Robert Gramenz, Kiefholzstraße 412. B a u ni s ch u l e n w c g: Max Mickley, Marientihaler Straße 22, vorn II. Köpenick: Fr. Woick, Kietzer Straße 3. Wilmersdorf: Partcispedition, Berliner Straße 43. Nieder-Barnim. Lichtenberg: Otto Settel, Kronprinzenstr. 50. Pankow: Parteispeditton, Miihlenstr. 30. Ober-Schöneweide: Liesegang, Edinsonstr. 48. Rummelsburg: Otto John, KarlShorster Straße 1. Stralau: Wessel, Markgrafendamm 7. Weißensee: K. Fuhrmann, Sedanstt. 105. Reinickendorf-Ost: Nöthling, Provinzstraße 5g I. Müller, Restauratcur, Secstraße, Ecke Acgirstraße. Kontor der Neuen Berliner Genossenschaftsbäckerei, Wilkestr. 62, Ouergeb. I. Tegel: Joseph Massa, Veitstr. 12s,, Seitenflügel parterre. Partei- Angelegenheiten. Zur Lokalliste. Bezugnehmend auf die beginnenden Ausflüge und Partien nach dem Sprecwald richten wir auf Wunsch unserer dortigen Parteigenossen an alle Arbeitergesang-, Turn- und Rad- fahrervereine das Ersuchen, sich vor Arrangierung einer der- artigen Partte möglichst frühzeitig an den Genosien H. Hinze, Lübbenau, Recklinstraße zu wenden; derselbe ist zu jeder gewünschten Auskunft s owie zur Vermittelung von Führung beziehungsweise Fährleuten gern bereit. Außerdem weisen wir darauf hm, daß uns in Lübbenau selbst nur die Lokale.Goldener Ring"(Inhaber Mehnertj; Restanrant H. Ziegler und Restaurant»Stadt Berlin'(Jnh. Aug. Nopper) zur Berfügung stehen. Zweiter Wahlkreis, Fricbrichstabt. Druckercinachtarbeiter-Zahlmorgm am Sonntag, den 13. Mai, bei Julius Meyer. Oranienstraße 103. Bortrag des Genosien Albrecht Fülle: Klassenkämpfe. Trebbin. Am Sonnabend, dea 15. Mai er., abends 3'/, Uhr, bei Wolf: WahlvcreinSvcrsammlung. Bernau. Heute abend 8'/, Uhr findet ein kombinierter Zahl- abend für alle Bezirke im Lokale von Franz Salzmann statt. Bor- bereitungen zur Stadtverordnetenwahl machen vollzähliges Er- scheinen notwendig. Berliner JVadmcbten. Die„Elite" im Berliner Eispalast. An den öffentlichen Anschlagsäulen steht regelmäßig das Wort„Elite-Tag". nämlich bei den Vergnügungsanzeigen des Berliner Eispalastes. Also ein Tag, an dem auf dem Eise und in den lauschigen Wandelgängen dieses Modeinstituts etwas ganz Besonderes geboten wird? Nein, so ist's wohl nicht gemeint. Es ist jener Tag, an dem solche Lebens- künstler, denen der erhöhte Eintrittspreis von zwei Mark eine Lappalie bedeutet, minderbemittelte Eindringlinge nicht zu fürchten brauchen. Stahlschienen hatte ich nicht mitgebracht. Das ist hier auch gänzlich überflüssig. Wozu hat denn die Direktion Kunst- läufcr aus Schweden und Norwegen und Rußland engagiert? Wozu aeben sich die vornehmsten Eislaufvereine hier ein Stell- dichein? Das sind die bezahlten Marionetten des Eispalastes. Ein Theater auf dem Eise, ein Eissportzirkus. Entschieden eine sportlich recht nette Sache, wenn's nicht für das„Volk" ein so teueres Vergnügen wäre. Rauschende Musik empfängt mich beim Eintrttt und blendende Lichtfülle. Das Auge muß sich erst langsam gewöhnen an all den Glanz, der von der glitzernden Fläche zurückstrahlt, an den goldüberladenen Brüstungen der Logen hinzittert und sich bricht an der kost- baren Eleganz der Toiletten, an echten und unechten Brillanten. Keine Eisbahn im gewöhnlichen Sinne ist's, ein vornehmer Ballsaal. Und da unten auf dem Eise wird getanzt, wiegen sich die Paare auf den Stahlschienen iin regelrechten Walzer- tempo. Ein köstliches, bezauberndes Bild. Nicht losreißen möchte ich das Auge von diesen biegsamen Gestalten, diesen edlen Bewegungen, die wenigstens zum größten Teil nichts von Sportfexertum an sich haben und höchste Kunst entfalten. Aber dann irrt mein kritischer Blick über die Reihen der „Zaungäste"— und wie in dunkele Nacht versinkt mir der Nimbus edlen Sports. Also das hier oben sind die Auserlesenen? Ihr auf- geblasenen Popanze, tut doch nicht so fürchterlich nobel. Wer weiß denn, ob eure Diamanten und Seidenkleider schon die gnittierte Rechnung gesehen haben I Keck hebe ich die mit Sprecwasser getaufte Stubbsnase noch einen guten Zoll höher und schliddere, so unauffällig es meine gute Erziehung er- lanbt, an den flirtenden Pärchen und den perlenden Sekt» kelchen vorüber. Flirten? Ach nee, der Flirt blüht bloß da unten auf dem Eise— Süßholzraspeln fadester Sorte. Hier oben wird stramm poussiert in der ungeniertesten und ein- deutigstcn Fasson. Weindunsttge Chambre separö-Stimmung I Gewiß doch, ich sehe manche ehrsame Frau und Mutter, die sich aber mit ihrem noch nicht zünftigen Backfisch meuchlings drückt, als der Zeiger auf Zehn zueilt. Man muß doch selbst in diesen Kreisen nach außen hin den Anstand wahren! Und nun wird es allenthalben lebendiger, freier, burschikoser— beim Surrogat. Kaleidoskopartig wechseln die Toiletten, die Gesichter der menschlichen Menagerie aus dem oberen Zehn- tausend und ihre— Sitten. Und auch jene aufdringliche Eleganz auS der unteren Sphäre, die sonst in der Friedrich- straße beheimatet ist, macht sich plötzlich breit. Man gibt sich gar nicht mehr die Mühe des Verstcllens. Das Kokottentum hält Einzug auf der ganzen Linie. Worte, Blicke fange ich auf, die genug sagen. Und fast nur noch da unten tummelt sich die Jugend auf dem„volkssportlichen" Eise, hier oben leben mit der ewig siegreichen Macht ihres großen Porte- monnaies wieder auf die— jungen und alten Greise. Ein lang aufgeschossener Lasse hatte sich mir vor einer Stunde als Referendar vorgestellt. Sein Lohn war gleich- bedeutend mit einem kalten Wasserstrahl aus der Borsigschen Gefriermaschine im Keller. Los bin ich den Kerl nicht mehr geworden. Hatte Witterung, Wildwitterung,— dieser würdige Vertreter der goldenen Jugend, und ging aufs Glatteis. Jetzt schlängelt er sich wieder an mich heran. Offenbar imponierte ich seinem entnervten Geschmack mehr wie die gewerbsmäßigen Huldinnen des Eispalastes. Soupieren soll ich mit ihm. Hell lache ich dem Grasaff' ins Gesicht, erkläre ihm in glücklichster Laune, daß ich schon zu Hause Pellkartoffeln und Hering soupiert habe. Kinder, Mitschwestern— den Jammerlappen hättet Ihr sehen sollen. Ich glaubte, ihn rühre der Schlag, und ich selbst war einem Lachkrampf nahe. „Pellkart...?!" Das Wort blieb ihm in der Kehle stecken. Und ich lachte, lachte... daß an den Tischen die Hälse sich reckten und die Sektpullen klirrten.... Auf Dich. mein Goldjunge, hatte ich gerade noch gewartet-- zum Verschandeln 1 Das war ein Typ aus dem Eispalast. Von solchen Giftlingen wimmelt es hier. Freilich, gar viele Mode- jünglinge, die auch bei Tage hier verkehren und sorglos, nur auf raffiniertes, immer wechselndes Vergnügen bedacht, Gold- Vaters zusammcngeramschtcs Geld kleinmachen, haben's nicht anders gelernt. Sie sind so erzogen, daß man die Blüten knicken soll, wo man sie findet. Und an der weiblichen jugendlichen„Elite" aus denselben volksverachtenden Kreisen ist sehr, sehr oft, trotz der scheinheiligen Rehaugen, nichts mehr zu verderben._ Militärboykott. Wenn Arbeiter in ihren wirtschaftlichen Kämpfen zu dem Mittel des Boykotts greisen, schreit unser Bürgertum und vor allem die reaktionäre Sippe Zeter und Mordio und es wird von gewisser Seite laut nach Staatsanwalt und Polizei ge- rufen, auch die gesetzgebenden Körperschaften werden mobil gemacht, um diesem„Treiben", wie man es so hübsch nennt, Einhalt zu tun. Wenn aber der Staat sich dieses Mittels be- dient, so ist das natürlich ganz in Ordnung. Gegenwärtig gibt es beispielsweise in Groß-Berlin nicht weniger denn 123 Gastwirtschaften, die von der Militärbehörde boykottiert sind. In den meisten Fällen handelt es sich um Wirtschaften, in denen sozialdemokratischer Vorkehr herrscht, nur ein kleiner Teil ist deswegen gesperrt, weil der Verkehr in sittlicher Be- ziehung zu Bedenken Anlaß geben soll. Diese Maßregel ist einmal gänzlich ungerechtfertigt, da eben alle Bürger durch ihre Steuern zur Erhaltung unseres„herrlichen" Kriegshceres beitragen müssen, dann aber vollkommen zwecklos, da durch ein derartiges Verbot garnicht verhindert werden kann, daß die Soldaten und vor allem beurlaubte mit Sozialdemokraten zusammenkommen. Dazu gibt es denn doch schon zu viele von der„roten Gesellschaft". Nächste schnelle Post nach Amerika. Die nächste schnelle Post nach Amerika geht von Europa wieder am Sonnabend, den 15. Mai. Sie benutzt den an diesem Tage von Southampton ab- gehenden Dampfer„New Dork" der American Line. Der Dampfer trifft voraussichtlich am 22. Mai in New Dork ein. Die für den Dampfer vorliegenden Sendungen werden von der Post möglichst den Postämtern Bremen 1 oder Straßburg 2 zugeführt. Sie müssen i» Bremen am 14. Mai vormittags 10,02 Uhr vorliegen. Die spätesten Bahnposten zu dem Dampfer gehen von Köln abends 6,01 Uhr über Perviers oder von Hannover 3,3V Uhr über Boxtel. Diese Sendungen erreichen den Dampfer in Southampton. An demselben Abend geht 10,45 Uhr von Köln eine zweite Sendung über Verviers nach Cherbourg, wo der Dampfer an demselben Tage anlegt. Briefe für diese Gelegenheit erfordern das Welt- postporto ebenso wie alle anderen Arten von Briefsendungen. Tuberkulose bei Schulkindern. Der Bericht über die Tätig- keit der Schulärzte Berlins im Schuljahr 1907/08, aus dem wir die Hauptzahlen bereits mitgeteilt haben, enthält auch einige besondere Angaben über die Verbreitung der Tuberkulose unter den Gemeindeschulkindern. Von den 228 285 Gemeindeschulkindcrn des Schuljahres 1907/08 standen in schulärztlicher Ueberwachung 1740 wegen Lungentuberkulose, außerdem 381 wegen Knochen- tuberkulöse. Der Bericht hebt hervor, daß diese zusammen 2121 Fälle nur 0,9 Proz. aller Gcmeindeschulkinder seien. Hier- aus könne man ersehen, daß„die Gefahr der Verbreitung der Tuberkulose durch die Schule eine sehr geringe" sei. Ob diese Auffassung nicht doch ein bißchen zu rosig ist? Wenn wir an manche Mietsschulhäuser mit ihren kaum vom Sonnenlicht zu erreichenden Klassenzimmern denken und uns vorstellen, daß in einer Klasse ein tuberkulöses Kind sitzt oder gar mehrere, dann können wir nicht die Besorgnis abweisen, daß für die übrigen Kinder einer solchen Klasse eine schwere Gefährdung be- steht. Zu beachten ist hierbei, daß die Zahl 0,9 vom Hundert einen allgemeinen Durchschnitt für die Gemeindeschulen ganz Berlins darstellt, der im einzelnen von manchen Schulen noch nicht mal erreicht, von anderen aber um so weiter überschritten wird. Es darf von vornherein angenommen werden, daß in den einzelnen Schulen die sozialen und hygienischen Ver» h ä l t n i s s e der Bevölkerung des betreffenden Stadtteils von wesentlichem Einfluß auf die Zahl der als tuberkulös befundenen Kinder sein werden. Das wird denn auch bestätigt durch die speziellen Angaben, die der Bericht über die Ermittelungen aus zwei Schularztbezirken macht. Der Schularzt Dr. Keller hatte in seinem Bezirk unter seinen 4466 Schulkindern 58 mit Lungen- tuberkulöse und 4 mit Knochentuberkulose, sind zusammen 1.4 Proz. Auch der Bericht spricht hier die Vermutung aus, daß die Höhe dieser Zahl, die über den allgemeinen Durchschnitt er- heblich hinausgeht, wohl auö den„hygienisch und sozial un- günstigen Verhältnissen des betreffenden Schülermaterials" zu er- klären sei. Wir wollen hinzufügen, daß Dr. Keller Schulen aus der Umgebung des Lausitzer Platzes und des Kottbuser TorcS (Waldemarstraße, Muskauer Straße, Reichenberger Straße, Britzer Straße) zu beaufsichtigen hatte. Unter den 1314 Schulanfängern. die er für die Aufnahme untersuchte, fand er 63 Kinder tuberkulös erblich belastet, das sind 4,7 Proz. der Schulanfänger.„Diese be- lasteten, zumeist sehr blutarmen und schwächlichen Kinder," sagt der Bericht,„müßten, solange Anzeichen tuberkulöser Erkrankung nicht nachweisbar sind, mehr als bisher bei der Auswahl zu den Ferienkolonien berücksichtigt werden." Eine noch sehr viel höhere Zahl tuberkulös erblich belasteter Kinder wurde vom Schularzt Dr. Grünbaum ermittelt. Aus nur 915 Schulanfängern, die er untersuchte, zählte er 139 heraus, das sind über 15 Proz. Zum Bezirk des Dr. Grünbaum gehörten Schulen des Viehhofviertels (der Samariterstraße, der Rigaer Straße, der Frankfurter Allee). Die erbliche Belastung bedeutet noch nicht, daß diese Kinder nun auch alle selber an Tuberkulose erkranken müssen. Sie alle be- dürfen aber einer besonders sorgsamen Ueberwachung, in ihrem eigenen Interesse und auch im Interesse der übrigen Kinder, die mit ihnen auf derselben Schulbank sitzen. Beamtin für Jugendfürsorge. Im Polizeipräsidium fand gestern zwischen Vertretern der leitenden Stellen der Polizeibehörde, der deutschen Zentrale für Jugendfürsorge und der Ortsgruppe des deutschen evangelischen Frauenbundes eine Besprechung über Schaffung eines Mittlerpostens zwischen den Behörden und den gc- meinniitzigen Vereinen wie der Zentrale und dem„Frauenbund" statt. Die Verwalterin deS Postens soll nicht Beamtin werden, sondern Angestellte der Zentrale und des Frauenbundes bleiben. Sie soll aber die Bcfugms und die Aufgabe erhalten, sich Gefangene, Straf- entlassene usw. näher anzusehen und sich durch Einsicht in die Akten über ihre Verhältnisse zu erkundigen. Auf diese Weise soll sie sich die Unterlagen verschaffen, die für die Entscheidung über da» weitere Verfahren erforderlich sind. ES handelt sich hierbei nicht um die Fürsorgeerziehung, die der Behörde selbst vorbehalten bleibt, sondern um andere Hilfs- und Vorbeugimgswege, etwa Anbahnung einer Versöhnung zwischen Eltern und Verstoßenen, um diese in die Familie zurückzuführen, Linderung von Not und Elend durch Arbeits- vermittelung. Unterstützung usw., Fürsorge für Kinder von Ge- fangenen und dergleichen mehr. Verbrechen und Erfinder. Der ausgeführte und geplante Raubanfall auf einen Geldbriefträger haben eine Klasse von Menschen zu lebhafter Tätigkeit angeregt, bie den Tagesereignissen zu folgen pflegen: die Erfinder. Das Reichspostamt wird jetzt mit Plänen der verschiedensten Art überschwemmt, nach denen die Ueberfälle auf Geldbriefträger zur Unmöglichkeit gemacht werden sollen. Mündlich und schriftlich werden dem Reichsamt nicht nur besondere Waffen für die Geldbriefträger angeboten, sondern auch eine Bewehrung. Man konstruiert Helme und ändere mehr oder weniger sinnreiche Kopfbedeckungen, die das Haupt der Beamten vor den verbrecherischen Anschlägen schützen sollen. Alarmapparate, die an beliebiger Stelle unter der Kleidung getragen werden sollen, sinp vorgeschlagen worden. Diese und andere Apparate sollen Lärm machen, sobald sich der Träger in liegender Stellung befindet, um wenigstens der Verbrecher habhaft zu werden. Die grundsätzliche Genehmigung der geplanten städtischen Unter- pflastcrbahn Nord-Süd soll durch den Eisenbahnminister erteilt worden sein. Im Rathause ist von einer solchen Entscheidung, die durch den Polizeipräsideutcn erfolgt, noch nichts bekannt. Aber wenn das auch der Fall ist, so ist doch abzuwarten, welche Abänderungen des eingereichten Projekts etwa noch verlangt werden. Und dann ist von einer prinzipiellen Genehmigung bis zur endgülttgen immer noch ein weiter Schritt. Die Mühlen des BureaukratiSnmS arbeiten sehr langsam, besonders dann, wenn noch ganz spezielle Interesse» von Privatgesellschaften eine erhebliche Rolle spielen. Bom Umgang mit den Leuten der Armendirrktion. In den Bureau» der Armendirrktion wird auf gute Manieren gesehen. Einem Herrn G. ist es dort passiert, daß der Beamte. mit dem er zu verhandeln hatte, ihn aufforderte, zunächst mal die Hand aus der Tasche zu nehmen. Nicht in eigener Sache>»ar G. gekommen. Ein Epileptiker, dem er vom Gericht als Pfleger bestellt ivorden war, hatte bei seinein Tode ein Sparkassenbuch hinterlassen. G. wollte der Annendirektio» das Buch, auf das sie An- spruch erhob, abliefern. Er selber hatte Anspruch darauf, daß auS dem Guthaben ihm für Auslagen 10 M. überwiesen wurden. Bei der Armendirektion übergab er einem Beamten das Buch und die beglaubigte Abschrift einer Verfügung, durch die daS Gericht ihm die 10 M. zusprach. Der Beamte, den er just beini Frühstücken traf. erklärte, erst müsse er die Akten vom Gericht einfordern. Auf G.S Ersuchen, doch die Verfügung zu lesen, nahm er sie, anscheinend mit Widerstteben. Dann sagte er plötzlich, G. solle die Hand auS der Tasche nehmen und sich nicht an das Akwnrcgal lehnen. Als G. erwiderte, das gehe ihn nichts an, brach der Beantte die Berhandluna ab. ®. schrieb jetzt an die Arinendireltion zu Händen ihreS Bor- fitzenden Stadtrat M llnst erb er g und schilderte dieses Erlebnis. Er bat, jenem Herrn»klarzumachen, in welcher Weise Beamte der Stadt Berlin mit dem Publikum umzugehen haben". DaS Buch möge man nun durch einen Boten holen lassen. Er werde eS gegen die 10 M. ausliefern. Beantwortet wurde diese Beschwerde nicht vom Stadtrat Münsterberg, sondern von einem Beamten Grose(?):»Wir sind mit Ihrem Vorschlage, das; Sie 10 M. für ihre Auslagen er- halten, einverstanden". Dem Boten solle G. das Buch einhändigen, später werde man ihm die 10 M. schicken. Auf die Beschwerde über den Beamten, vyr dem man nicht die Hand in der Tasche behalten darf, war mit keinem Wort eingegangen worden. Wollte Herr Münsterberg selber sich hierüber noch Sichern? G. gab das Buch, nach Ablauf einer beträchtlichen Zeit schickte man ihm seine 10 M., aber von Herrn Münsterberg kam kein Bescheid. Eine Beschwerde ganz unbeantwortet zu lassen, das hätte doch wohl nicht recht zu den guten Manieren gepatzt, auf die in den BureauS der Armendirektion gesehen wird. Freilich war's nicht leicht, die dem Herrn Chef vorgelegte Frage zu entscheiden. Verstötzt eS wirklich gegen die guten Manieren, die Hand in der Tasche zu haben, wenn man mit einem Beamten der Armendirektion spricht? Wer Herrn Münsterberg kennt, wird wissen, datz zufällig auch er beim Sprechen, auch als Redner de? Magistrats vor den Stadtverordneten, regelmäßig die Hand in der Hosentasche birgt. Volle sechs Monate tat G. auf Antwort gewartet, da fiel ihm ein, datz eS im Rathause noch einen Oberbürger m ei st er gibt, der doch gewiß ebenfalls von guten Manieren was verstehen würde. Ihn bat er, eine Beantwortung der vor sechs Monaten an Herrn Münsterberg gerichteten Beschwerde zu veranlassen. Nach knapp vierzehn Tagen kam folgendes Schreiben, unterzeichnet von Münsterberg:„Ihre an den Herrn Ober- bürgermeister gerichtete Beschwerde ist zur Bescheidung an mich ab- gegeben worden. Wie ich den Akten entnehme, ist Ihnen seinerzeit die gewünschte Vergütungzuteilgeworden, womit daS BureaudieAngelegen- heit für erledigt erachtete. Was Ihr Verhalten wegen de« mit Ihnen verhandelnden Beamten betrifft, so habe auch ich anzuerkennen, datz eS durchaus korrekt war. Ich habe schon damals dem beteiligten Beamten eine entsprechende Mitteilung gemacht, datz ein Anlatz, die Verhandlung mit Ihnen abzubrechen, nicht vorlag, Ich habe daher mit dieser Matzgabe Ihre Beschwerde als gerechtfertigt anzuerkennen". Nun weiß G., wie Herr Münsterberg über die Hand in der Hosentasche denkt. Warum aber wurde mcht schon vor sechs Monaten geantwortet, datz G.'S Verhalten„durchaus korrekt" war? Man sieht, wie man mit den Leuten der Armendirektion umzugehen hat — vor allem auch mit dem Chef Stadtrat Münsterberg, wenn der eine Beschwerde, die ihm selber als berechtigt gilt, sechs Monate hindurch rrn beantwortet läßt. Für Hnndebrfitzer. Die Hundesteuerniarken für das Jahr 1008/09 verlieren am 81. Mai ihre Gültigkeit. Von diesem Tage ab werden Hunde, die noch nicht mit den Marken des neuen Steuer- jahrcs versehen sind, von den angestellten Fangbeamten aufgegriffen. ES sei darauf hingewiesen, daß die Einziehung der Hundesteuer durch die städtischen Steuererheber in den nächsten Tagen erfolgt. Falls jedoch der Steuererheber nicht rechtzeitig erscheint, ist der Hunde- besitzer verpflichtet, die Zahlung an die städtische Steuerkasse des betreffenden Bezirks zu leisten. Genarrte Arbeitslose. Am Sonntag befand sich im Inseratenteil der„Volks-Zeitung" folgendes Arbeitsgesuch:„Arbeitslose Frauen und Männer lohnende Hausarbeit. Angebote an Pirotte, Berlin O., Palisadenstraße 63." Auf dieses Gesuch hin fanden sich bereits am Sonn- tag und auch am Montag zahlreiche Arbeitsuchende— am Sonntag allein gegen 100— in der Palisadenstraße ein, wo sich heraus- stellte, daß ein Mann mit dem im Inserat genannten Ramen gar nicht im Hause wohnte. Alle Bemühungen, etwa in Nachbar- Häusern den P. zu ermitteln, waren vergeblich, so daß eS schließ. lich den Arbeitslosen klar wurde, daß sie genarrt worden waren. Jedenfalls hat der elende Bube sich irgendwo verborgen gehalten und sich über seine„Heldentat" gefreut. Eine solche Handlungs- weise zeugt von einer ganz gemeinen, niederträchtigen Gesinnung. Die entlaufene Grete. Immer mehr häufen sich in letzter Zeit die Fäll«, in denen Polizeihunde ausrücken. Nachdem wir erst furz hintereinander über einige derartige Vorkommniffe berichtet haben, niüffen wir heute wieder einen Fall mitteilen. Der Polizeihund „Grete", eine deutsche Schäferhündm, hat es vorgezogen, sich auf eigene Faust auf die„Verbrechersuche' zu machen. Ein ausgesetzter etwa ein Jahr alter Knabe wurde gestern auf dem Treppenflür eines Hause« in der Fchmarnstratze aufgefunden. Hausbewohner nahmen sich später des Kleinen an und sorgten da- für, datz er nach dem Waisenhaus gebracht wurde. Anscheinend hat Not die Mutter bezw. die Eltern des Kindes zu diesem Schritt der- anlaßt. Ein folgenschwerer Unglücksfall hat sich gestern morgen um Vz8 Uhr auf der Tempelhofer Chaussee ereignet. DaS Pferd eines Krümperwagens des Gardedragoner-Negiments Nr. 2 war scheu ge- worden und der Führer des Gefährts konnte das Tier nur mit großer Mühe beruhigen. Nachdem er den Wagen zum stehen ge- bracht hatte, stieg der Soldat ab, weil am Geichirr des Pferdes etwas in Unordnung geraten war. In diesem Augenblick scheute das Tier abermals und der Dragoner sprang zur Seite, um nicht überfahren zu werden. Hierbei geriet der Soldat auf das Straßcn- bahngleis, auf welchem in demselben Moment ein Zug der Linie 06E herannahte. Der Fahrer brachte sofort die Gefahrbremse in An- Wendung, konnte iedoch das Unglück nicht mehr verhüten. Der Soldat geriet unter die Borderplattform des Motorwagens und mit dem Oberkörper unter den Schutzrahmen. Er erlitt eine schwere Bnistauetschung und wurde in hoffnungslosem Zustande mittels eines Droschkenautomobils nach dem Garnisonlazarett über- geführt. Todessturz auf der Straße. Bei einem verhängnisvollen Un- glücksfall hat der 40 Jahre alte Arbeiter Friedrich Schröder aus der Beuffelstr. IS fein Leben eingebüßt. Sch. hatte abends auf dem Heimwege die Kaiserin-Augusta-Allee passiert. In dem Augenblicke, als nt vom Bürgersteig nach dem Fahrdamm schreiten wollte, stolperte er an der Bordschwelle und kam so unglücklich zu Fall, daß der Kopf gegen den Grenzstein stieß. Sch. erlitt einen schweren Schädelonich. an dessen Folgen er wenige Minuten später starb. Ein Leichenfuud beschäftigte gestern früh die Kriminalpolizei. Auf den Ringbahngleisen zu Tenipelhof, zwischen den Buden 83 und 34, fand man in der Nacht um 11'/g Uhr die Leiche eines un- bekannten Mannes, der überfahren worden ist. Sie wies außer anderen Verletzungen eine etwa 10 Zentimeter lange Wunde hinter dem rechten Ohr und eine ähnliche über dem linken Auge auf. Diese Erscheinungen erregten den Verdacht, daß der Mann einem Verbrechen zum Opfer gefallen und erst nach seinem Tode auf die Schienen geworfen worden sein könnte. Der Gerichtsarzt jedoch, den die Kriminalpolizei zu ihren Ermittelungen zuzog, gab sein Gut- achten dahin ab, daß Selbstmord vorliege. Die Leiche wurde darauf nach der Friedhofshalle in Tempelhof gebracht. Der Unbekannte ist etwa 4v Jahre alt, mittelgroß und blond. Seine Wäsche ist H. F. gezeichnet. Arbeiter-BildungSschule Berlin. Sonntag, den 1«. Mai: Familienausflug nach Zeh le ndorf. Abfahrt des Zuges: Wannseebahnhof 1.S2 nachm. Treffpunkt für Nachzügler von 21U Uhr pb: Wilh. Mick» GefellschaftShau«. Karlstr. 13, in Zchlendorf. Zahl- reiche Beteiligung der Mitglieder nebst Angehörigen und Freunden der Schule erivartet Das Komitee. Feuerwehrbericht. Gestern früh wurde der 16. Zug nach der Chausseestraße 86 alarmiert, wo Körbe. Fußboden und anderes brannten. Der Brand war durch Fahrlässigkeit auf einem Hänge- boden ausgekommen. Der 15. Zug hatte nachts einen größeren Wohnungsbrand in der Waldstraße 56 zu löschen. Durch kräftiges Wassergeben gelang es, die Flammen auf die Wohnung, die zum Teil ausgebrannt ist, zu beschränken. Der 5. Zug wurde zur Rettung einer erkrankten Frau nach der Grätzstraße 68 in Treptow gerufen. Als die Feuerwehr dort ankam, war die Frau aber schon tot. Das Entweichen von Wasserstoff auS einer un- dichten Stahlflasche veranlaßte das Ausrücken des 16. Zuges nach der Hennigsdorfer Straße 33. Ferner hatte die Wehr in der Falckensteinstraße 42 zu tun, wo eine Kellerwohnung brannte. Gardinen usw. wurden in der Palisadenstraße 61 ein Raub der Flammen. Vorort- JVadmcfotett. Charlotteuburg. Freie Volksbühne Charlottenburg. Die Maivorstellung findet für die I. Abteilung am Sonnabend, den 15, Mai, für die II. Abteilung am Freitag, den 14. Mai, im Schiller- Theater Charlotteuburg statt.(Die I. Abteilung niußte vom Donnerstag auf den Sonnabend verlegt werden.) Die Marken müffcn in beiden Abteilungen am Tage vor der Vorstellung geklebt sein. Gespielt wird „Narcitz" von A. E. Brachvogel. Das Zentralkomitee der AnsknnftS- und Fürsorgrstellcn für Alkoholkrankc in Berlin und in der Provinz Brandenburg hat am 1. Mai in dem neuen Wohlfahrtshause zu Charlottenburg. Berliner Straße 137(in den Räumen der Vereinigung der Wohltätigkeits- bcftrebnngen) eine neue Fürsorge stelle für Alkohol- kranke eröffnet. Die Sprechstunden finden bis auf weiteres an jedem Dienstagabend von 6—8 Uhr statt. In den Äuskunfts- und Fürsorgestellen wird jedermann un- entgeltlich Auskunft über die Alkoholfrage erteilt, den Alkoholkranken kostenlose ärztliche Unter- s u ch u n g geboten und allen, die bereits die Folgen des Alkohol- mißbrauchs an sich oder ihren Angehörigen wahrgenommen haben, Rat und Beistand gewährt.' ES handelt sich vor allen: darum, für die AlkohoUranken Mittel und Wege zur Heilung oder Besserung zu finden, die aus den Trinkerheilstätten Entlassenen aber vor Rückfällen zu bewahren, zugleich aber auch die Familien vor dem Versall zu schützen. Eine ärztliche Behandlung findet nicht statt. Kranke, dw sich in ärztlicher Behandlung befinden, habeneinenUeberweisungSschein des behandelnden ArzteS mitzubringen. Die Charlottenburger GcwcrkschaftSkommission diskutierte in ihrer letzten Sitzung über den Verlauf der diesjährigen Maifeier. Der Obniann der Kommission gab der Meinung Ausdruck, daß man in Rücksicht auf die in diesem Jahre vorhandenen eigenartigen Um- stände zufrieden sein könne und daß von einem Abflauen deS Maigedankens keine Rede sei. Genosse Gebert meinte, daß der Mai- feiergedanke zu gegebener Zeit mehr propagiert werden müßte, daß aber auch diesmal die Beteiligung eine bessere hätte sein können. Genosse Kley mißt einen Teil der Schuld, daß die' Maifeier nicht besser sei, einigen Gewerkschaftsführern bei. denen diese Ver- anstaltungen gegen den Strich gehen. Die Pflege deS Genossenschaftswesens bildete einen weiteren Teil der Verhandlungen. ES sei notwendig, daß Vertrauensleute in den einzelnen Werkstätten, sowie Hauskassierer obligatorisch wirken möchten für diese Be- wegung. Zur Kooptation der Propagandakommission für daS Genoffen- schaftswesen Groß-BerlinS wurde Genosse Flemming als Vertreter der Charlottenburger Gewerkschaften vorgeschlagen.—- Da einige Gewerkschaften und Arbeitervereine ihre Plakate zu Vergnügungen und sonstige Drucksachen in nicht tariftreuen Buchdruckereien herstellen lassen, so unternahm es der Vertreter der Buchdrucker, Genosse AhrenS, in eingehender Weise eine Schilderung der Verhält- nisse der einzelnen Buchdnickereien am Orte zu geben und zu empfehlen, nur da arbeiten zu lassen, wo der Tarif bezahlt werde. Nach kurzer Debatte wurde man sich dahingehend schlüssig, daß nach den Ausführungen des Referenten in Zukunft verfahren werden soll. Nicht anwesend waren die Vertreter der Bäcker, Fleischer und Putzer. Rixdorf. Die hiesige freie Jugendorganisation hält am Sonnabend, dm 15. d. M., abends 8 Uhr, in Hoppes Festsälen, Hermannstr. 40, ihre Mitgliederversammlung ab. in der ein Vortrag de« Stadtverordneten Herrn Wutzki auf der Tagesordnung steht. Die Genosim werdm darauf hingewiesen, ihre zum größten Teil noch nicht organisierten Söhne resp. Töchter unter 18 Jahren zum Beitritt zu bewegen. Auch die Mitglieder der hiesigen freien Turnerschaft bitten wir, der Bedeutung deS Vortrages wegen in vorgenannter Versammlung zu erscheinen. Der Vorstand der freien Jugendorganisation Rixdorf. Eine gemeinschaftliche Besichtigung deS Märkischen MuscumS veranstaltet der hiesige Bildungsausschuß am nächsten Sonntag, dm 16. Mai. Die Teilnebmer treffen sich um 10 Uhr vormittag? am Eingang in der Wallstraße. Bei hinreichender Beteiligung sollen event. spätere Besichtigungen anderer Museen folgen. Zwei Knaben beim Spiele» ertrunken. Als Dienstagabend in der siebenten Stunde die vier und neun Jahre alten Söhne Kurt und Hellmut des Schlossers Stein zu Rixdorf, Librrdastraße 15, sich am Ufer des Rirdorfer SchiffahrtSkanals, in der Nähe der Tabbert- scheu Mörtelwerke, mit Spielen vergnügten, fielen beide Knaben in- folge eine« unglücklichen Zufalls die Böschung hinunter ins Waffer, und ehe Erwachsene zur Hilfe herbeieilen konnten, war der ältere Bruder ertrunken. Der kleine Kurt wurde zwar noch lebend auS dem Wasser gezogen; die sofort an ihm von einem Arzt vor- genommenen Wiederbelebungsversuche erwiesen sich jedoch als ver- geblich. Er konnte nicht wieder ins Leben zurückgerufen werdm. Die Leiche des älteren Knaben wurde bisher noch nicht gefunden. Rnmmelsburg. AuS der Gemeinde. Eine begreifliche Mißstimmung herrscht hier unter den Gemeindearbeitern wie Gemeindebeamten, welchen durch einen bereits 6 Wochen zurückliegenden Beschluß der Gemeinde- Vertretung eine Gehalts- und Lohnzulage bewilligt wordm ist resp. zusteht, ob der vom Gemeindevorstand hierbei beliebten Ver- zögerung der Auszahlung dieser Zulagen. Besonders wird es aber mißlich empfunden, daß weder der Bürgermeister noch ein Vor- gesetzter überhaupt etwas verlmiten ließ, wann und in welcher Höhe die Zulagen eigentlich zur Auszahlung kommen«erden. Von der Gemeindevertretung waren die Zulagen vom 1. April 1000 ab bewilligt, und zwar für die Beamten 11 000 M. und für die Gemeindearbeiter 5000 M. Vielleicht nehmen sich die Beamten und Arbeiter einmal die Courage und schicken eine Deputation in dieser Angelegenheit zum Bürgernteister. Recht unzufrieden mit dem Ge- meindevorstande resp, Bürgermeister scheinen auch die beiden Grund- besitzervereine wie der Bürgerverein zu sein. Hatte schon der Boxhagener Grundbesitzerverein unter Leitung seines Vorsitzenden Lehrer Seppelt bei der diesjährigen Etatsberatung in scharfer Oppositionsstellung zu dem Bürgermeister— wegen dessen Eintretens für die Wiedererhöhmtg des Äemeindesteuerzuschlags auf 125 Proz. gestanden, so hat diese Mißstimmung und Unzuftieden- heit mit dem Bürgermeister jetzt noch dazu geführt, daß die beiden Grundbesitzervereine wie auch der Bürgerverein je eine besondere Gemeindeetatskommission auS ihren Mitgliedern ge- wählt haben, welche gemeinsam den Gemeindevoranschlag zu prüfen und so umzumodeln haben, daß er zur vollen Zufriedenheit aller Hausbesitzer aussällt. Wenn hierbei in Betracht gezogen wird, daß fast ausschließlich sämtliche bürgerlichen Gemeindevertreter aus diesen drei Vereinen hervorgegangen sind— und sie demzufolge auch mehr oder weniger den Beschlüssen dieser Vereine Rechnung tragen werden— so kann man auf die nöchstjäbrige Etats- beratung und ihre Erledigung schon jetzt recht gespannt sein. Was die Macher hierbei übersehen, daß sie ihre eigenen Gemeinde- Vertreter und Geineiudeborstandsmitglieder der Unfähigkeit be« zichtigen— berührt sie allem Anschein nicht weiter. Zu erwähnen ist noch, daß die vor zwei Jahren von der Gemeinde nachgesuchte KonzessionSerteilung für eine elektrische Bahn von der Schillerstraße nach der Wuhlheide von der Regierung genehmigt worden ist. Die Bauausführung selbst für diese Strecke kann aber erst dann-in Betracht kommen, wenn eine Weiterführung der Bahn nach resp. durch Berlin zu stände kommt. Pankow. AuS dem Gemeindeparlament. Gegen die am 20. April d. I. vollzogenen Ersatzwahlen zur Gemeindevertretung ist kein Einspruch erhoben worden. Demgemäß wurden die Wahlen von der Ge- meindevertretung am 11. d. M. für gültig erklärt und die drei neuen Gemeindevertreter in ihr Amt eingeführt. Bei der darauf vor- genommenen Neubesetzung der Gemeindekommisflonen wurden u. ä. Genosse Obier in die Finanz-, Beamten« und KrankenhauSkommisfion, Larsen und Winkler in die Kommission für Straßenreinigung und -Beleuchtung gewählt. Femer beschäftigte sich die Gemeindevertretung mit einem Antrage aus Einführung emer LustbarkeitSsteuerordnung. Durch diese soll dem Unwesen der Rummelplätze„gesteuert" werden, d. h. die Schausteller sollen fortan Steuern zahlen, sobald sie in Pankow Vorstellungen veranstalten. Ausdrücklich wurde be- stimmt, daß ständige Gastwirtschaften hiervon nicht getroffen werden sollen. Jedoch sollen auch von denjenigen Gastwirten, welche Musikautomaten, Phonographen, OrchestrionS usw. spielen lasten, solche Stenern erhoben werden. Für die Erwerbung von Grund« stücken zur Doppelberieselung in Mühlenbeck bewilligte die Gemeinde- Vertretung 17 000 M. Von'einschneidender Bedeutung für minder- bemittelte Kranke sowie für die Krankenkassen ist der Beschluß, der gegen die Stimmen der sozialdemokratischen Gemeindevertreter an- genommen wurde, nämlich die Kur- und Verpflegunaskosten der dritten Klasse im hiesigen Krankenhause vom 1. Juli d. I. ab für alle Kranken aus dem Kreise Niederbarnim auf 3 M. und für sonstige Kranke auf 3.50 M. zu erhöhen. Der Antrag wurde damit begründet, daß von der Charttö sowie von den Berliner Kranken- hänsem ebensolche Erhöhung der Kosten erfolgt sei. Im Anschluß daran wurde die Anstellung weiterer vier Schwestern im hiesigen Krankenhause genehniigt. Zufolge eines früheren Beschlusses der Ge- meindevertretung sind die Beiträge zur Handwerkskammer wegen der geringen Summe bisher nicht etngezogen, sondern durch die Gcrneindekasse gezahlt worden. Da dte Jahreösumme jetzt auf 490 M. gestiegen ist(für 284 Handwerker), wurde beschlossen, die Beiträge fortan von den Handwerkern einzuziehen. Schließlich wurde noch beschloffen, ein Ortsstatut zu erlassen, durch daS der Stundenplan für die Pflichtfortbildungsschule festgesetzt wird. Der Unterricht wird in vier Klaffen an jedem Montag und Donnerstag von 5 bis 8 Uhr im hiesigen Realgymnasium erteilt. Das neue OrtSstatut soll dazu dienen, bei Schulversäumni» mit Maßregeln gegen Arbeitgeber sowie Lehrlinge vorzugehen. Nowawes. Einen erfreulichen Akt genossenschaftlichen Grifte» bedeutet der Beschlutz einer am Montag stattgefundenen Generalversammlung des Konsumvereins betreffs Beitritt zu einer mit dem Konsumverein „Hoffnung"-PotSdam zu errichtenden Bäckereiaesellschaft. Nach dem vorgelegten Plane hat jeder der beiden Vereine zu der Gesellschaft 10 000 M. beizutragen. Diese 20 000 M. dürften zur Beschaffung von zwei Backöfen und den dazu nötigen Maschinen ausreichen. DaS Grundstück, auf dem die Bäckerei errichtet werden soll, befindet sich in der Bülowstraße und ist vom Konsumverein NowaweS bereits für den Preis von 10 900 M. erworben worden. Nach einer vom Vor- stand des Konsumvereins aufgestellten Berechnung ist in der Bäckerei ein jährlicher Umsatz von mindestens 60—70 000 M. zu erwarten, so daß die Rentabilität des UnternehinenS außer Zweifel steht. Die Auf- bringung des nötigen Anlogekapitals geschieht durch die Ausgabe von Anteilscheinen an die Mitglieder der Konsumvereine und hat bereits eine ganze Anzahl von Mitgliedern ansehnliche Beträge ge- zeichnet, so datz die Hoffnung besteht, daß binnen kurzer Zeit mit dem Bau der Bäckerei begonnen werden kann.— Die Entwickelung deS hiesigen Konsumvereins hat auch im letzten Halbjahr weitere Fortschritte gemacht, indem ISO Genossen der Organtsation beitraten. wodurch die Mitgliederzahl auf 010 gestiegen ist. wa« die Errichtung weiterer Verkaufsstellen notig macht, zu der die Generalversammlung ihre Zustimmung gab: zur Hebung der finanziellen Verhältnisse des Vereins erhöhte die Versammlung die Summe für die Geschäfts- anteile von 25 auf 30 M. Spandau. Ucber die Konsumgenossenschaftsbewegung und ihre Bedeutung für die Arbeiterklasse wird Frau Gertrud David am Freitag, den 14. Mai, im Lokale von Frttz Bohle, Havelstr. 20, einen Vortrag halten._ Vermischtes. Bei der Arbeit getötet. Wie aus Saarbrücken gemeldet wird. verunglückten in Altenwald vorgestern mittag kurz vor Beendigung der Frühschicht in der dortigen Grube zwei Bergleute infolge des Niederstürzens eines Felsens. Der eine derselben wurde sofort ge- tötet. Der andere ist gestern ftüh seinen Verletzungen erlegen. Beide Verunglückten hinterlassen Frau und Kinder. Die Verzweiflungstat einer Mutter. In Wien beging gestern früh aus Not eine 82jährige Frau, welche mit einem Arbeiter in gemeinsamem Haushalte lebte, eine gräßliche Tat. Sie warf ihre zwei unehelichen Kinder vom dritten Stockwerk in den Hof und stürzte sich selbst nach. Mutter und Kinder sind tot. Ein drittes Kind, ein sechsjähriges Mädchen, war zurzeit in der Schule. Allgemeine Kranke«, und Sterbekafle der Metallardeiter (E. H. 29 Hamburg), gillali: Berlin 7. Mitgliedcrvcrsammlung Sonntag, den 16. Mai 1969, vormittags 10 Ubr, bei Hofsmann, Pasewalkerstr. 3. Lese, und DtStntiertlub„Wilhelm Liebknecht». Heute abend S Uhr bei K. Sichhorn, Danziger Straße 93: Vortrag. Gäste willkommen. Slngegangene Dnickfchnftcn. Jahrbuch der Bodenreform. BierteljahrSheste von tL Damaschke. 2. Hest. Einzelheit 2 M. G. Fischer, Jena. Fräulein wrisebach. Roman von Heinz Tovote. 4 M. g. Fontaue U. Co., Berlin-Grunewald. Tagebuch einer Dame. 1. und 2. Band. St. Piper tu«»., München. Giacomo Seopardi. Gedichte. Deutsch von H. Rück. Broschiert 4M., geb. S M. G. Wigand, Berlin-Leipzig. Bericht»008 des GewerkschaftölartellS zu Chemnitz nebst Be- richt des ArbeiterfekretariaiS. 74 Seiten. Selbstverlag. Jahresbericht 1SV8 des ArbettersekretariatS Darmstadt« 72 Seiten. Selbswerlag. Dte drei Gemälde de» Lipps Tullia» von F. Rassow. 1. und 2. Band. Geb. 6 M., geb. 8 M. Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart, Bericht über das 15. Geschäftsjahr der GrosteinkaufSgefell. schaft deutscher Konsumverriue, Hamburg 1903. Verlag Hamburg, Bescnbindcrhos 52. Bcrwaltuiigsbericht der gemeinsamen OrtSkrankenkaffe?tra!>< dura i. ffi. 1908. 81 Seiten. Das prentzifche Gewerbestenergesetz. amtliche, jetzt gülttge Fassung. V erlag L. Schwarz u. Comp., Berlin 8. 14, Dresdener Str. 80. Preis Die Turbine. Ein Stück Leben von Waldemar Müller-Eberhart.— Bruno Casjlrer, Berlin. 2 M. Der Kampf um das TchleSwtg-Holstetuische Wahlrecht in Kiel. 140 Seiten. Chr. Haas« u. Co., Kiel. Der Kampf um die Nachlasfstruer von Dr. M. Biermer. 60 Pt. E. Roth. Gt-B-u. Di« Bäum« und Sträucher nnferer Wälder von Otto Feucht. Band 4 de» Raturwissenschastlichen Wegweiser. Geh. 1 M., geb. 1,40 M. Strecker u. Schröder in Stuttgart. DaS Kultur-Parlament. Heft 2. 1 M. Btta, Deutsche» Verlag»- hau», Charlottenburg, Hardenbergstr. 14. Für de» Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. Theater. Mai> Huge- Donnerstag, den 13. ansang?'/, Uhr. Königs. Opernhaus. Di« nolten. Königl. Schauspielhaus. MrS.Dot. Deutsches. Faust. Nammeripiele. Der un» verstandene Mann. Ansang 8 Uhr. Ansang S Uhr. NeneS königliches Operntheater. K. russisches Hosballctt: Giselle. Sessing. Wenn wir Toten erwachen. Berliner. Em Herbstmanöver. Schiller V.(lwallner- Thealer.) Narziß. Schiller Charlottenbnrg. Doktor KlauS. Friedrich- Wilbelmstödt. Schau- spielhauS. Der Kilometerfresser. Neues Schauspielhaus. Mahö. Komische Oper. ToSca. Weste». Der tapfere Soldat, Neues. Renaissance. Thalia. Was Reuter erzählt. Residenz. Kümmere dich um Amclie. Luftspielhaus. Im Klubsessel. Kleines. Moral. Hebbel. Die RcvolutlonShochzeU. Luise». Krone und Fessel. Trianon. Liebesgewitter. Neues Operetten. Der Zigeuner« baron. Berliner OPeretteu-Dheater 8«. Der Meineidbauer.(Anfang 8>,. Uhr.) Benrhard Ros«. Der Leiermann und lein Pflegekind. Gastspiel- Theater. Die Frau Gräfin. Apollo. Sartstein. Er oder Er. Spezialitäten. Metrovol. Die oberen Zehntausend. Wintergarten. Spezialitäten. Carl Havcrland. Spezialitäten. Paiinge. Spezialitäten. Walhalla. Spezialitäten. FolieS Capricc. Allein— endlich. Ungerade Tage.(Ans. 8'/, Uhr.) RcichShallen. Stettiner Sänger. Der Kompagnieball. Urania. Tanoenltrah« 4K/SV. Abends 8 Uhr: Bon Abazla bis Korsu. Sternwarte. Juvalidenstr. S7/S2, �essinx-l'tiester. Donnerstag 8 Uhr letzte Vorstellung vor den Ferien: Wenn wir Toten erwachen. berliner Tliester. Heute 8 Uhr: Ein HerbatmanttTer. Morgen 8 Uhr: Ein H»rbttw»n5»«r. Neues Theater. Ansang 8 Uhr. Renaissance. Morgen: Renaissance. Sonnabend neu einstudiert: Trlooche und Cacolet. Theater des Westens. Heute und morgen 8 Uhr: It«? tapfere Soldat. Sonntag nachm. 31/« Uhr halbe Preise: Ein«alrertraunn_ FriedriGb-Wiltieimsfödtisches Schauspielhaus. DoimerSlag, 13. Mai, Ansang 8 Uhr: Der Ktlometkrftksser. Freitag: Der Kilometerfrelser. Sonnabend: Der Kilometcrsresser. Sonntag nachm. 3 Uhr: Schlagende Wetter. 8 Uhr: Husarenfieber. Residenz-Theater. — Direktion: Richard Alexander.— Ansang 8 Uhr. Kümmere Sieh um Mie. Schwank in 3 Akten(1 Bildern) von Feydeau. Morgen U. folg. Tage: Dies. Vorstellg. Sommerpreise. L.us'fopivlliau». Abends 8 Uhr: Im Klnbsessel. Hebbel-Theater KSniggrätzer Str. 67/58. Ans. 8 Uhr. Revolutionshocbzeit. Xenes Operetten-Theater. Schifsbauerdamm 25, a. d. Luisenstr. Ansang 8 Uhr. Der ftxeimerdanm. Luisen-Theater. Abends 8 Uhr: Krone und Feffel. Schauspiel in 8 Bildern. Sonntag nachm.: Käthchen von Heilbronn. AbendS: Krone u. Fessel. Montag: Krone und Fessel. Theater IWolnbergsweg 19-20, Rosenth.Tor. I Ansang 8 Uhr. Das grobe Mai-Programm. Grete Galla*, bic beliebte| Soubrette, u. die übrigen Spez. flm Garten: Kon*»rt. Urania. Wissenschaftliches Theator. Taubenstraße 48/49. Abends 8 Uhr: Von Abbazia bis Korfu. OOLQCiSCHER Täglich ab 4 Uhr: Hes in- Konzen. Eintritt 1 31� von abends 6 Uhr ab SO PI Kinder unter 10 Jahren die Hälfte. I [RNimOSETIKATE Kr. Frankturler Str. 132. Abends 8 Uhr: Der Leiermann«. sein Pflegekinb. Volksstück in 5 Akten von Charlotte Birch-Pselffer._ ÜBT WocheittagSpreise."Wog Freitag: Die SPrcewalb> Kate. öSSkMi-ThSgtOs Köpenicker Straße 83. Heute 8'/, Uhr: Zum 2. Male: Die Fran Gräftn. Morgen: Die Frau Gräfin. Abonnenten unseres Blattes er- halten auf allen besseren Plätzen die dekamlte Ermäßigung._ Melropol-Theater Die oberen Zehntausend. Amerik. Operette v. Jnl. Freund. Musik v. Gust. Kerker. In Szene gesetzt von Dir. Rieh. Schultz. Tänze von Mr. Bishop. Anf. 8 Uhr. Rauchen gestattet. »>/, Täglich:«/. Kartstein in feiner BurlcSke �1» oder Ab S Uhr: Da« neue AUraktionS- Programm._ Neues Programm! Die japanischen Hofkünstler Les Sisgokus in ihren unerreichbaren eqnili- b ristischen Produktionen und eine Kette hochinteressanter Kunstkräfte. Reservierter PI. 2 M. Eirtree I M. (einschl. Programm n. Garderobe) Passage-Theater. Walter jer eigenartige Schneider Bruns-Lebrun der fahrende Länger Jaka Jsbad Maur. Schlangentinzerin. 2ter Monat. Das neue Mai-ProKramm ein voller Erfolg! Passage- Panoptikum. Eebend I vom Stamme der Azteken! Ohne Extra- Entree! Experimente der IV. Dimenelon. Neapel. Briganten. 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Mal abends 8 Ehr Jeden Abend statt. Aufführung: Hans Hackelbein. Zu diesen Abendvorstellungon sind abends bei den Obleuten im Theator Qastkarten für die Angehörigen der Mitglieder zu haben. Vorbestellungen für Gasikarton nehmen die Zahlstellen entgegen. 240/20 Der Vorstund: In Vertr. G. Winkler. Wohin gehen wir HimiHOlf StllMfc? Zum Restaurant „Hungriger Wolf", Strausberg II. Kegelbahn— Tanzeaal— Kaffeekttchc. —— Für gute Speise»»»b Getränke ist bestens gesorgt, miiumai ■»Ks. Schützen- u. Volksfest»» B an der Oberspree VOID 15. blS IDkl. 25. Mül an der Oberspree tm Festplatz Oberschöneweide. Tilgllch: 1205L» H Gr. Volksbelustigungen x Schaustellungen aller Art B Doppel-KonzeftCo ■ nilo Tono* Mittwoch, den 19. und £11 Iv' I tty v. Donnerstag, den 20. Mai B Schfitzengilde Ober-SchSneweide. E. V. 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Jahrgang. 3. KnlU des J Zounrrstag. 13. Mal 1909. 8m 11. Generalversammlung der Lagerhalter. Frankfurt/z Uhr von der Halle des Zenftalsried- hoseS in Friedrichsjelde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Die Verbandsleitung. llevlsever SolZArdeiler-Verbsvl! Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler frieörieii Langhaus am 11. Mai gestorben ist. Ehre feinem Andenke»: Die Beerdigung findet am Freitag, den 14. Mai, nach- mittags S Uhr, von der Halle des GimeonS-KirchhofeS, Marien- dorscr Weg, auS statt. 83/18 Die Ortsverwaltung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes, herzensguten VaterS, Bruders, Schwagers. Onkels und Schwiegervaters, dcS Schankwirts linri Wölk sagen wir allen Ver- wandten und Bekannten unseren herzlichen Dank. 25300 Ida Wölk oebst Kindern. feM der Fabrikarlieiter DEBtsellanis. Zahlstelle Berlin. Am Sonntag, den 9. Mai, verstarb unser Mitglied Karl Bodle. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 13. Mai, nach- mittags 5 Uhr, von der Halle des Maricndorscr Kirchhofes aus statt.«3/16 Die Ortsverwaltung. Am Dienstagabend verstarb> mein lieber Mann, der Töpfer Kar! Kapers Witwe Mathilde Kaper und Geschivistcr. Beerdigung Fr eitag, nachmittags l 4'/, Uhr, aus dem Heilig-Kreuz- 1 Kirchhos>n Martendorf. 2S4Sb I Danksagung. Für die zahlreichen Beweise herz- licher Teilnahme und die vielen Kranz- spenden bei der Beerdigung ineineS lieben Mannes Barl Ondwlg sage ich der Firma ll/oll& Strassen sowie dem Zeniralverband der Glacs- Handschuhmacher Deutschlands(Orts- verein Berlin) sowie alle» Freunden und Bekannten hiermit meinen besten Dank. 2544b Frau ülartha I-ndwlg _ nebst Kindern._ Für die Danksagung : vielen Bewege iemege herzlicher Teilnahme und die zahlreichen Kranz« spenden beim Hinscheiden meines ge- liebten ManneS, Bruders, Schwagers und Onkels Thomas Eckert sagen wir allen unseren herzlichsten Dank. 2629b Witwe Anna Eckert. Für die oiclen Beweise herzlicher Teilnahme und die zahlreichen Kranz- spenden� bei der Beerdigung unseres lieben Sohnes, Bruders, Schwagers und Onkels, des Homöopathen Alfred Schlecht, sagen wir allen Verwandle», Freunden, als auch Bekannten, insbesondere dem Herrn Prosessor Dr. Gchricke wie auch dem Barbier- und Friseurverband Deutsch- lands sür ihr Erscheinen unseren innigste» Dank. 2S43b Die Hinterbliebenen. Dr. Schlinemann Svezial-Slrzt für 5432» Bant- und Harnleiden, Eranenkrankheiten. Friedrichstr. 203. Ecke Sckmtzenstr. BüochentagS 10—2. 6--7. (OI)ue Am-hlm-, I„r/.'T.v. dinen, Steppdecken, Teppichs, Uhren, KIkwe Sohn! E. Batzner, Auguftstr. 50. Nur Postkarte erbetcw* Allgeiueiue Kranken- u. Steröe�asse der Metallarbeiter. 0 J.) Filiale Berlin 5. Am Sonnabend, den Iki. Mai. abends 8'/, Uhr, bei Freiheit, Dragonerstr. 15: Mitglieüer- Versammlung. Tagesordnung: 1. Anträge des Vorstandes resp. der 4.— 12. Mahlabteilung zur General« Versammlung. 2. Verschiedenes. Mitgliedsbuch legitimiert.— Zahl* stellen sind geschlossen. Recht rege Beteiligung erwartet 2545b Die Ortsverwaltung. illpeine Orts-Krankenkasse kiir die vereinigten Oeverdedetriede Wottentogs. Mir bringe» hiermit zur Kenntnis der Versicherten, daß der Bezirks» auSschuß in Potsdam den V. Nachtrag zum Kajjenstatut, wonach die Be zahlung von Krankengeld sür Sonntage in Wegsall kommt, nehmigt hat. Der Statuten.Nachtrag tritt dem 13. d. Mts. in Kraft. 274/17 Cbarlottenburg, den 13. Mai 1909. Bor Kassenvorstand. gez. Wilh. Ahrens. die ge- mit raucht Nr 61 hochfeine 6 Pf. Cigarre rmüsslicher wurziger Geschmack J.NEUMANN Ctgarreu-ftibriken- 103 Filialen. Cigarren- Fabriken, Begründet 1860 In 160 Zweiggeschäften gleiche Nummorn zu gleichen — Preisen.===== Sargmagazin von G. Päschkc, Charlottenbnrg, Leibnizitr. 77, Eing. Pestalozzistr. - Tel. 2658.- 982C*i �Hygienische. BeduliiTUkei. NouMtKMaleg BU Empfobl. viel. Aorzte u.Prof. grat. H. 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