Mr. 117. RbonnemcirtS'BetfhtgDogett: BSonnemcniä■ Preis pränumerando: SZierteljährl. 3,30 Mk, monotl 1,10 Mk,. wöchentlich LS Pfg, frei ins HauS, Cinzelne Nummer S Pfg, Somuags- »ummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Zldonncment: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen w die Posi-Zeitungs- Prelsliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich> Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland g Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Äumänien, Schweden und die Schweiz, 26. Jahrg. CrtitclDt täglich außer BI«otas>. Vevlinev Volksblslk. Die Tnlerflons'Geliflftr beträgt für die sechsgespallcne Kolonel» geile oder deren Raum 50 Pfg, für politische und gewerlschaftliche Lercins- und Bcrsainmlungs-Anzelgen 50 Pfg. „Aleine Hnxtfgen", das erste fsett- gedruckle) Wort 20 Pfg, jedes weiter- Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaj- ftellcn-Anzcigen das erste Wort 10 Psg, jedes weitere Wort K Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 1 Uhr abends geöffnet, Delsgramm- Adresse: „SKialiUineKrat Dtrila". Zcntralorgan der fozialdcmokrati fehen parte! Deutfchlanda. Redaktion: 631. 68, Linden Strasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Sonnabend, den ÄÄ. Mai 1909. Expedition: 831. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Der ZolltarifHampf in den vereinigten Staaten von Amerika. Amerika steuert einer ziellosen Ueberzöllnerei entgegen, die selbst den Dingley-Tarif weit hinter sich läßt. Senator Baron aus Georgia meinte vor kurzem, das neue Tarifgesetz werde nur„derselbe alte Dingley-Tarif sei n". Das wäre schon genug zur Kennzeichnung des pyramidalen Wahlschwindcls der Republikaner, die bei der Präsidenten- Wahl dem über die Verteuerung seines Frühstückstisches seuf- zenden„kleinen Manne" lebhaft beigepflichtet haben, daß in der Tariffrage etwas geschehen müsse.— Was nun aber ge- schehen ist, bezeichnet ein Hearstsches Blatt als den alten Ding- ley-Tarif, mit einem daraufgesetzten neuen Stockwerk. Das steht heute, nachdem die Tarismacher des Senats ihre Arbeit beendigt haben, schon unzweifelhaft fest, wenn auch die Ver- abschiedung des Tarifs noch einige Monate auf sich warten lassen wird. Es heißt jetzt, daß die beiderseitigen Führer den 1. Juli für die Schlußabstimmung festgesetzt hätten. Aus der Peyne-Vorlage des„Hauses" ist die Aldrich-Bill des Senats geworden, so genannt nach dem mit allen großkapita- listischen Interessen innig versippten Vorsitzenden und abso- lutcn Beherrscher des Senatsausschusses für die Finanzen. Und das amerikanische Oberhaus, verfassungsmäßig die Tele- giertenversamnilung der einzelstaatlichen Legislaturen, müßte in Wahrheit nicht die Vertretung der„reichen R ä u b e r" sein, die es ist, wenn es die Peyne-Vorlage nicht, eine liebe Tradition ehrend, kräftig hinauf revidiert hätte. Zu den wesentlichen Aenderungen gehört eine Kampf- bestimmung gegen Deutschland, in Gestalt einer„Retaliations- Klausel" für Fleisch und Mehl, die die sanitären Einfuhr- Verbote und Einfuhrschikanen Deutschlands mit den Maximal- zollen beantwortet. Nach der Sektion 4 der Peyne-Vorlage sollen die Marianalzölle eintreten,„w enneinLand.eine Provinz oder Kolonie Zölle, Akz-ise steuern oder Einfuhrgebührenvon Artikeln, die aus den Vereinigten Staaten eingeführt find, erhebt, höher alsdieZölleusw., die auf die gleichen Artikel, wenn aus andern Ländern eingeführt, erhoben werden. Nach der Reta- liations-(Wiedervergeltungs)-Klausel der Aldrich-Bill sollen nun die Maximalzölle auch dann in Kraft treten, wenn amerikanische Waren durch Maßregeln irgendwelcher Art „diskriminiert"(parteiisch, feindselig behandelt) werden. Die ainerikanischen Viehzüchter, Großmüller und Großschlächter beschuldigen nun Deutschland einer„Diskrimination" ihrer Ware, die sie als die„k r a s s e st e U n g e r e ch t i g k e i t" enipfinden, die jemals gegen einen anierikanischen Ausfuhr- artikcl verübt sei. England, wie auch Belgien, die jährlich auf dem Chikagoer Markte für 33 Millionen Dollar lebendes Vieh kaufen, kämen ohne sanitäre Prohibitivmaßregeln aus und legten den Importeuren nur die Bedingung auf, ein- geführtes Fleisch innerhalb 10 Tagen nach der Ausschiffung unter Regierungskontrollc schlachten zu lassen. Das fran- zösisch-amcrikanische Handelsübereinkommcn, das erst jüngst vom französischen Senat ratifiziert worden ist, hat den ameri- kanischen Interessenten den Beweis erbracht, daß es wohl mpglich ist, Feindseligkeiten gegen die amerikanische Einfuhr auf dem Wege der Wiedcrvergeltung zu überwinden. Die Beschwerden der amerikanischen Großschlächter bc- treffen insbesondere die Maßnahmen Deutschlands gegen die Einsuhr frischen Fleisches. Es handelt sich hierbei um den berühmten§ 12 des deutschen Fleischbeschau-Gesetzes, dessen Abänderung von der nichtagrarischen deutschen Bevölkerung aus demselben Grunde gefordert wird, der den Agrariern diesen Paragraphen so wert macht. Denn dieser Paragraph kommt mit der Vorschrift, daß frisches Fleisch nur in ganzen Tierkörpyrn— die bei Schweinen und Rindvieh, ausschließ- lich der Kälber, auch in Hälften zerlegt sein können— eingeführt werden darf, und daß mit den Tierkörpern Brust und Bauchfell, Lunge, Herz und Nieren im natürlichen Zusammen- hang verbunden sein müssen, praktisch einem Verbot der Ein- fuhr amerikanischen Fleisches gleich, umsomehr, als für diese Tierkörper 2 Pf. Zoll pro Kilogramm zu entrichten sind— und zwar auch für Knochen und Abfall—, ferner die Einfuhr nur über bestimmte Zollämter zu erfolgen hat und schließlich nicht irgendwelche Mittel angewandt sein dürfen, um dem Verfaulen des Fleisches vorzubeugen. Formell werden zwar durch diese Bestimmungen alle außerdcutschen Staaten gleich- mäßig getroffen, aber nur amerikanisches Fleisch hat eine Ozeanfahrt zu überstehen, bevor es gesundheitsbehördlich untersucht, verzollt und weiterbefördert wird. Natürlich ist das Fleisch dann längst verdorben. Im Deutschen Reiche, dessen Bureaukratie nur von der eignen Unfehlbarkeit über- zeugt ist, stellt man sich, als ob man der ausländischen Unter- suchung nicht traut, anstatt zuzugeben, daß diese Veranstal- tnng nur den materiellen Interessen der Agrarier zuliebe in- szcniert wird. Die von der amerikanischen Regierung vor- genommenen Untersuchungen werden einfach ignoriert und eingeführtes Fleisch noch einer dreifachen„Inspektion" unter- worsen, einer mikroskopischen, einer chemischen, einer«sani- tären".-- In Deutschland hat man schon früher eine Aenderung des famosen Paragraphen 12 befürwortet und gefordert, daß einzuführendes Vieh und Fleisch bereits im Ursprungsland von deutschen tierärztlichen Beamten untersucht werde. Die deutsche Regierung machte dagegen aber schwerste„staats- rechtliche Bedenken" geltend, um die sie, wenn es ihre zärtlich geliebten Agrarier zu„schützen" gilt, so wenig verlegen ist, wie um„sanitäre" Skrupel. Jene Bedenken sind jedoch um so deplazierter, als gerade zwischen Deutschland und Anierika lange Jahre ein ähnliches Arrangement bestanden hat, und zwar ließ sich die deutsche Regierung von der Unionsregierung besondere Ausweise über erfolgte Untersuchung auf Trichinen ausstellen. So weit man gehört hat, soll weder das Verlan- gen der deutschen Regierung, noch die Bereitwilligkeit ihrer amerikanischen Kollegen, dem zu willfahren, irgendwelche staatsrechtlichen Schwierigkeiten verursacht haben. Wenn also das deutsche Mißtrauen überhaupt sachlich und ernst ge- nommen werden soll, so muß es ein leichtes sein, zu einem Uebereinkommen zwischen den beiden Ländern zu gelangen, das eine der„deutschen Gründlichkeit" genügende sanitäre Untersuchung des amerikanischen Jmportfleisches im Ur- sprungslande gewährleistet. Nur weil der deutschen Regie- rung der§ 12 des Fleischbcschau-Gesetzes aus ganz anderen als sachlichen Gründen ein Kräutchen Rührmichnichtan ist, war an ein solches Abkommen bisher, ohne die amerikanische Wiedervergeltungs-Bill nicht zu denken. Ein weiterer Gegenstand amerikanischer Beschwerden ist das im Jahre 1900 erlassene allgemeine Verbot der Einfuhr von Fleischkonserven in Deutschland, dessen Armee- und Marineverwaltung bekanntlich nach wie vor amerikanische Fleischkonserven benutzt. Dann beklagen sich die amerikani- schen Interessenten über allerhand Schikanierungcn ihres Im- Ports in Deutschland. Der amerikanische Einfuhrartikel möge den hohen Zoll samt den hohen Untersuchungsgebühren ent- richtet haben, wenn es irgend einer untergeordneten Stelle einsalle, etwas zu finden, was ihr nicht gefalle, so werde das Fleisch, obwohl es eine frühere Untersuchung unbeanstandet passiert habe, doch noch zurückgewiesen und die„Jnspektions"- Gebühren beliefen sich übrigens auf ungefähr 4� Cents pro Pfund I Daß die Wiedervergcltungsklausel den aus beiden Häusern des Kongresses zusammengesetzten„Konferenz-Aus- schuß" passieren wird, ist keine Frage. Ob dann die maß- gebenden Kreise Deutschlands darüber ebenso schnell zur Tagesordnung übergehen werden, wie über alle Petitionen und Demonstrationen aus dem eignen Volke? Mit alledem soll natürlich nichts zugunsten der Zoll- „Grafter" gesagt sein, die dem amerikanischen Volke selber die Aldrich, indem er dem Volke sogar einen ThecevrkEgugik Lebensniittel verteuern. Ein klassisches Beispiel hierfür liefert Mr. Aldcrich, indem er dem Volke sogar einen Tee- und Kaffeezoll bescheren will, durch den angeblich— China und Brasilien bestraft'werden sollen. Die Hochschutzzollinteressen haben im senatoriellen Millionärsklub schamlose Orgien der Bereicherung gefeiert. In den Audienzen vor den Kongreß- komitees haben von Anfang an nur die großen Produzenten das Wort geführt, und wie Mr. Aldrich von den wahlver- wandten Graftorseelen umschwärmt wurde, wird höchst er- baulich in einem bürgerlichen Bericht geschildert, den die New Aorker Volkszeitung wiedergibt: „Während der ganzen Zeit, daß die Senatsbill vom Finanz- komitee ausgearbeitet wurde, waren die Kdrridore vor den Zimmern Aldrichs überfüllt. Groß- und Kleinfabrikanten aller Art kamen in Schwärmen angezogen. Alles kam, um Aldrich zu „sehen". Sie kamen so zahlreich, daß die Wartezimmer über- füllt waren und man genötigt war, in den Korridoren Reihen von Stühlen aufzustellen. Alle, die da kamen, wußten, wie es zu machen sei. Sie kümmerten sich absolut nicht darum, was im Repräsentantenhause, wo die Tarifbill zur Beratung stand, vor sich ging. Alles, was sie wünschten, war, Aldrich zu„sehen". Und sie sahen ihn, und kaum einer unter all den Besuchern, der den Vorsitzenden des Finanzkomitees ersucht hätte, die Zölle auf irgendeinen Gegenstand herabzusetzen. Alles bat um Erhöhung des Zolles, der ihn besonders interessierte." Der Senatstarif ist denn auch danach geraten. Die Senatszölle auf so häufige Bedarfsartikel, wie Holz, Kohle, Zucker, besonders aber die Wollzölle, sind so maßlos hoch, daß sie sogar die Insurrektion eines Teiles der republikanischen Senatoren des Westens zur Folge gehabt haben, auf die jedoch der europäische Import keine goldenen Hoffnungen bauen darf. Denn die Wortführer dieser republikanischen Dissi- denten sind selber sehr reiche Leute und stecken ebenfalls ihre Beine gern unter die goldene Decke des Trusts, nur müssen sie der im Westen besonders populären Strömung auf Zoll- reduktion äußerlich einige Rechnung tragen. Immerhin lasseii die von der republikanischen Opposition herbeigeführten De- batten manchen interessanten Blick hinter die Kulissen des riesigen Protektionshumbugs tun, bei dem etliche Male sogar die berühmte fenatorielle Höflichkeit zu kurz kam. Es war zwar nichts unerhört Neues�i der Senatssitzung vom 4. Mai von dem Republikaner Dolllver von Iowa zu hören, daß «weder der große Mc. Kinley, noch Dingley, noch der weiseste aller Tarifsenatoren, Nelson W. Aldrich, die Wollzölle selber gemacht hätte, sondern daß alle diese Tarif- Koryphäen einfach die Zollpositionen, die die Wollzüchter auf der einen, die Woll- fabrikanten auf der anderen Seite für an- gemessen gehalten, akzeptiert und dann die tech- nischen Verzierungen von den Appraisern in New Aork hätten zurecht machen lassen." Von der Aldrich-Bill sagte Dolliver im besonderen, daß ihre Zollsätze für Textilwaren von den Exper-. ten einer großen New Jorker Firma ausgearbeitet und dem Tarif unverändert einverleibt worden waren. Tarifhäuptling Aldrich hatte eigentlich kein Recht, iiber diese Darstellung gar so wütend zu werden; dafür ist der Protektionismus durch die Akten der früheren Hochtarife schon zu stark belastet. Dolliver selbst konnte aus Shermans Memoiren nachweisen, daß bereits 1867 die Wollzüchter und Wollfabrikanten zusammengekommen seien, um ihre Zölle zu arrangieren. Die Vater- schaft der Wollzölle des jetzigen Tarifs sprnch er dem Bostoner Whitman zu, dem„Boß" des Wolltrustes. Im Repräsentantenhause wurden schon einige Tage vor- her Stellen aus den Akten des Prozesses um die Auflösung des Tabaktrustes verlesen, wonach Angestellte des Trustes aussagten, dieser habe damals an Senator Aldrich Depeschen geschickt, mit der Weisung, das Gesetz zur Aufhebung der Binnensteuer auf unverarbeitete Blätter umzubringen. Eine Anweisung, der Aldrich prompt Folge leistete. Es handelt sich hierbei uni eine Steuer von 6 Cents auf das Pfund un- verarbeiteten Blättertabak, die dem von der Standard-Oil- Comp,„kontrollierten" Tabaktrust sein Einkaufsmonopol garantiert. Auch diesmal hat Mr. Aldrich ein Amendement des Repräsentantenhauses, das diese Steuer abschafft, wieder gestrichen. Diese Konsolidierung der Macht des Tabak- trusts ist nicht nur für die Tabakbauern des Südens von verhängnisvoller Bedeutung, sondern auch für das Aus- I a n d. Das Jnland-Steuergesetz auf Blättertabak schreibt eine Mindestquantität für den Handel vor, die der kleine ländliche Abnehmer weder bezahlen, noch unterbringen kann. Dadurch wird dem Tabakbaucr des Südens der heimische Markt gesperrt. Er wird gezwungen, für den Trust als einzigen Konsumenten zu scharwerken. Die Amerikanische Tobacco Co. kauft jetzt den Tabak, für den der Bauer früher 10 Cents das Pfund bekam, zu 3 Cents daI Pfund auf und verkauft ihn wieder zu dem 13- und 20 fachen dieses Preises! Dieser Steuertrick sichert dem Tabakgeschäst„Standard-Oils" aus den Märkten des Auslandes natürlich ein gewaltiges Uebcrgewicht. Ten Nutzen davon haben aber die„reichen Räuber" ganz allein. Nirgends ist die Phraseologie vom„Schutze" der natio- nalen Industrie lächerlicher, als in dem großen Trustlande der„Streifen und Sterne". Es ist lediglich der in diesem Lande schrankenlos herrschende Prosit-Moloch, dem die Kapr» talistenklasse den gepriesenen Wohlstand der amerikanischen Massen, die volkstümliche Kultur der neuen Welt, aufopfert. Immerhin würde die Ueberschutzzöllnerei in der amerikanischen Republik als politischer Faktor unmöglich sein ohne die Pro- vokatorische Zollgier der herrschenden Klassen der alten Welt. Hu: Hz»: liaivus kritischem tagebuch. Unter dieser Ucberschrift veröffentlicht der„Ulk", das dem„B. T." allwöchentlich beigelegte Witzblatt, von Zeit zu Zeit höchst lustige Notizen, die den Anschein erwecken sollen, als seien sie von jemand verfaßt, der von den öffentlichen Vorgängen wie von der Literatur nie etwas gehört hat und infolge dessen die einfachsten Dinge miß- versteht. Mit diesem Hans Naivus einen Politiker auf eine Stufe zu stellen, der den Anspruch erhebt, ernst genommen zu werden, ist zwar nicht höflich; aber es bleibt einem in der Tat nichts anderes übrig angesichts der neueste» Leistung des Neichstagsabgeordnetcu N a u m a n n. In der letzten Nummer seiner Wochenschrift„Die Hilfe' stellt Herr Naumann eine au sich ganz interessante Betrachtung über das Anwachsen der Großbetriebe. Aus den vorläufigen Er- gebnissen der Berufszählung von 1907 hat er eine ganze Reihe von Zahlen ausgezogen, die schlagend beweisen, daß— und zwar gerade in den wichtigsten Branchen— die kleineren Betriebe von den größeren aufgefressen worden sind. So z. B. hat in der Stein- k 0 h l e n indnstrie in der Zeit von 1887 bis 1906 die Zahl der Betriebe von 431 bis auf 322 abgenommen, die Zahl der Arbeiter ist dagegen von 217 000 auf bll 000 gewachsen. Dazu bemerkt aber Herr Naumann mit Recht:„Die Statistik sagt nicht, wie viele von den übrig gebliebenen 322 Steinkohlcnbetrieben unter sich geschäftlich verbunden sind. Eine Aktiengesellschaft mit mehreren Kohlengruben ist tatsächlich eine Einheit, nur werden ihre Gruben einzeln gezählt." Aehnliche Ergebnisse führt Herr Naumann ans der Braunkohlen- industrie und aus den Hochofenbetrieben an. Desgleichen weist er hin auf die Abnahme der Selbständigen unter gleichzeitiger kolossaler Zunahme der Abhängigen. Auch über die Bedeutung dieser Vor- günge ist er sich keineswegs im unklaren. Er schreibt z. B.: „Der Großbetrieb schreitet voran.... Man kann die Sache allgemein so ausdrücken: Der gesamte Zuwachs der Jndustrie- bcvölkerung dient nicht zur Betriebs Vermehrung, sondern nur zur Betriebs Vergrößerung. Sobald wir aber die Einzeldarstellungen der BerufSzähluna besitzen werden, werden wir sehen, daß es sich bei vielen Industrien uni direkte Aufsaugung vorhandener kleinerer Betriebe handelt. Dafür spriclit das, was wir schon jetzt aus einigen Haupterwcrbs- zweigen wissen." Und weiterhin: „Alles drängt zur Konzentration der Herrschaft. Im nächsten Jahrzehnt werden vermutlich weitere 200 000 Arbeiter eingestellt werden. Aber diese sind von jetzt an»ur noch Zuwachs zu be- stehenden Leitungen... Die industrielle Volksvermehrung dient einer geschlossenen Gesellschaft von Betriebsleitungen." Uns Sozialdemokraten waren alle diese Dinge, wie man weiß, längst bekannt. Wir haben sie aus jahrzehntelanger Beobachtung der volkswirtschaftlichen Tatsachen schon viel früher herausgelesen, und wenn Herr Naumann durch neuere Beobachtungen sie bestätigt so kann uns das selbsitierstandlich nur freuen. Auch nehmen wir ihm uicht übel, daß er nicht ohne weiteres einsieht, wie hierdurch all da-Z über den Haufen geworfen wird, was er so lauge uns gegenüber behauptet hat. Worin besteht denn der wissenschaftliche Streitpunlt zwischen uns und dem ehrlichen Liberalismus, wie ihn Herr Naumann früher vertreten hat? Die ehrlichen Liberalen bekämpfen«nS, weil wir nach ihrer Meinung die Freiheit der Persönlichkeit beseitigen wollen. Nach ihrer Ansicht st r e b t der Sozialismus nach Beseitigung der Ltleinbemebe, nach einem alles umfassenden Großbetrieb,.in dem der einzelne Mensch nur noch ein Glied in einer unabsehbaren Kette ist, während alle persönliche Eigenart— wenigstens in wirtschaftlichen Dingen-- ausgelöscht ist. Das wolle» die Liberalen nicht, und deshalb be- kämpfen sie uns. Immer und immer wieder haben wir demgegen- /über hervorgehoben, daß hier ein kleines Mißverständnis vorliegt. Nicht als unser Streben haben wir diesen Vorgang bezeichnet, fondern als Resultat der wirtschaftlichen Entivicke- l u n g. Nicht darauf kommt es an, was wir oder andere Leute wollen, sondern wohin die Entwickelung treibt. Nicht die freie Persönlichkeit vernichten wollen wir, sondern im Gegenteil die neu entstehenden Zustände klar erkennen, um in der hierdurch geschaffenen neuen Situation der freien Persönlichkeit die Existenz zu ermöglichen. Unsere Behauptungen über den Verlauf der wirtschaftlichen Eni- Wickelung werden, wie gesagt, durch Herrn Naumanns Beobachtungen bestätigt. Ja, mehr als das, er hat auch die Triebfeder heraus- gefunden, die zu diesem Anwachsen der Großbetriebe führt: Die st eigen de Produktivität der Arbeit: „Um mehr herstellen zu können, vergrößert man die Anlagen. Vergrößerung ist billiger als Neugriindung.... Die Parole lautet: große Quantitäten mit möglichst geringem Aufwand von Direktion herstellen. Ueberall steigern sich die Massen der her- gestellten Waren oder sonstigen Erzeugnisse noch stärker als die Zahl der Arbeitskräfte." Auch dies belegt er mit Zahlen. So haben die s31 Kohlen- gruben de» JahreS 1887 insgesamt 60 Millionen Tonnen produziert, die 322 Gruben deS JahreS 1906 jedoch 137 Millionen Toimen; 110 Hochöfenbetriebe erzeugten im Jahre 1387 nur 4 Mill. Tonnen, 104 Betriebe im Jahre 1906 dagegen 12 Millionen Tonnen. WaS soll man mm aber dazu sagen, daß Herr Naumann in grenzenloser Naivität in diesen Tatsachen eine Widerlegung deS Sozialismus zu finden meint I Nichts scheint er davon zu wissen, daß schon vor reichlich 40 Jahren ein gewisser Karl Marx die Vereinigung, die Zusammenfassung der Arbeit als wichtigstes Mittel zur Steigerung ihrer Produktivität festgestellt und dies als ein entscheidendes Bewegungsgesetz wie auch geradezu als ökouo- mische Entstehungsursache der kapitalistischen Produktion nachgewiesen )at. Nichts scheint ihm bekannt von der klassischen Literatur des Sozialismus wie der Nationalökonomie überhaupt. Er bildet sich vielmehr ein, wir Sozialdemokraten hätten es uns aus wütendem Haß gegen die Kapitalisten in den Kopf gesetzt, diese zu enteignen und freut sich nun wie ein Kind, daß eS damit nichts werden kann, weil— die Enteignung schon durch die bürgerliche Gesellschaft selbst besorgt wird l Er schreibt: „Die Regelung der Produktion macht Fortschritte. ES sind nicht die Sozialisten, welche die selbständigen Unternehmer zurück- drängen, sondern es ist die bürgerliche Gesellschaft selbst, die zur Vereinfachung aller Herrschaftsverhältnisse treibt." Indem also genau daS eintritt, was die sozialdemokratische Wissenschaft auf Grund ihrer Kenntnis der Tatsachen von jeher vorausgesagt hat, fteut sich Herr Naumann, daß sie nun wider- legt sei l Genau wie HanS NaivnS, der von Schiller keine Ahnung hat und deshalb„Die Braut von Messina" für ein Hochzeitsgedicht hält._ ein zwecMoies Abenteuer. Paris, 19. Mai.(Eig. Ber.) Wenn man den„Generalstreik" betrachtet, den die anarcho-syndikalistische Mehrheit des Vorstandes der Kon- föderationsmehrheit— die tatsächlich die Minderheit der organisierten Arbeiterschaft und mit Ausnahme der Bau- arbeiter und Elektriker die weniger bedeutenden Gewerkschaften repräsentiert— unmittelbar zu eröffnen beschlossen hat, kann man sich der Erinnerung an den unglückseligen, planlosen und unorganisierten Marsch gegen Versailles nicht erwehren, womit die Pariser Kommune ihre militärische Niederlage eingeleitet hat. Nur dah jener Ausfall noch mit der Zuber- ficht der erfolgreichen Revolutionäre unternommen wurde, während der jetzige Angriff unter der Depression der- sucht werden soll, die der zusaminengebrochene Poststreik im Proletariat zurückgelassen hat. Es hätte keinen Sinn, heute darüber zu streiten, ob eine Massenaktion deS Prole- tariats den Beamten hätte helfen können, so lange der Ausstand seine ursprüngliche Kraft Hatto und ob nicht das Versagen wichtiger Kategorien der Beamtenschaft selbst, namentlich des Zentraltelcgrapheuamts dem Ausstand schon das Los bestimmt hat. Aber welches Ziel sollte einer allge- meinen Streikbewegung jetzt gesetzt sein, da die Beamten cnt- mutigt und erschöpft ins alte Joch zurückgekehrt sind und weiterer Racheakte harren, die den Hunderten von Opfern neue zugesellen werden! Heute noch mit einem Wiederaufflammen ihrer Kampfenergie zu rechnen, heißt in der Tat alle Erfahrungen gewerkschaftlicher Aktion in den Wind schlagen. Und welcher Erfolg soll dem Aufruf zu einer allgemeinen Arbeitseinstellung befchieden sein, von der man weiß, daß sie gegen die Stimmen der stärksten Organisationen beschlossen wurde und nicht von dem Glauben an den Sieg beflügelt wird.„DaS Pro- letariat ist für den General st reik nicht vor- bereite t." DieS hat der Konföderationssekretär Niel vor den Bergarbeitern in Lens offen erklärt, und man weiß schon, daß nicht nur diese, sondern auch die Eisenbahner, die Gas- arbeiter u. a. in ihrer Mehrheit diese Meinung teilen. Bilden sich die insurrektionellen Gewerkschaftsführer ein, nunmehr die Vorzüglichkeit der Theorie von den„handelnden Minoritäten" erweisen und mit isolierten Ausstandsversuchen der Bau- arbeiter. der schlechtorganisierten Holzarbeiter. Bäcker usw. und selbst der Elektriker das ganze Proletariat in den Kampf mitreißen zu können? Welche Taktik aber wäre es bann, diese Aktion mit Anklagen und Geschrei über Verrat zu eröffnen und noch ehe der erste Stoß gegen den kapitalistischen Staat geführt ist, die Gegensätze in der Arbeiter- schaft noch zu verschärfen und die Desorganisationzu vollenden? Oder sollte es sich jetzt vielleicht darum handeln, aus der Katastrophe kleine Vorteile zu gewinnen und die Verantwortung für die unleugbare Niederlage der Arbeiterbewegung und speziell der insurrektionellen Bluffpolitik den Gegnern der putschistischen Abenteuer und des Generalstreiks mit allen seinen Konsequenzen zuzuschieben? Man darf hoffen, daß die Mehrheit der Arbeiterschaft solcherlei demagogischen Künsten nach den bfttcren Erfahrungen, deren Maß nun wirklich voll ist, keinen Glauben schenken werden. Umso notwendiger aber wäre es, die wahren Gründe zu suchen, warum jede Massenbewegung jetzt aussichtslos gewesen wäre, auch wenn die ausständigen Beamten selbst besser zu- sammengehaltcn hätten. Neben der Zerfahrenheit der Gewerk- schaftsbewegung finde man da Wohl das seltsame Verhältnis der Gewerkschaftsbewegung zur sozialistischen Partei und die Taktik dieser Partei selbst, die in einer das ganze Land er- greifenden Klls�e und in einem Kampfe um politische Grundrechte ihre Tätigkeit auf parlamentarische Interventionen und Erlaß eines Manifestes beschränkt hat und ihre e r st e und in ganz Paris einzige Versammlung für heute als Mostrich zum Nachtisch— angemeldet hat. Streikbeschlüsse. Paris, 19. Mai. Der heute in Paris zusammengetretene Kongreß der in das Marineregister eingeschriebenen Seeleute nah»» eine Tagesordnung an, in welcher die ein- geschriebenen Seeleute der großen und kleinen Häfen aufgefordert werden, die Arbeit aus Solidarität mit den Po st- b e a m t e n und den eingeschriebenen Seeleuten von St. Nazaire und Dünkirchen, die gegenwärtig sich im Ausstande befinden, un- verzüglich cinzu stellen. Paris, 20. Mai. In einer gestern abend abgehaltenen Ver- sammlung beschlossen 300 Dekorateure in den Solida- ritätsstreik zu treten. Die H u t m a ch e r haben einen ähn- lichen Beschluß gefaßt.— Der Allgemeine Arbeiterverband hat an die Provinzialorganisationen ein M a n i f e st gerichtet, in dem erklärt wird, zahlreiche Pariser Arbeiter seien in den Ausstand getrete» und weitere würden ihnen folgen. Alle provinzialen Verbände würden deshalb aufgefordert, in ganz Frankreich den Generalstreik zugunsten der Postbeamten zu organisieren. Marseille, 20. Mai. Der VerwaltungSrat der Vereinigung der A r b e i t e r k a in m e r n hat die Korporationen aufgefordert, unverzüglich ihre Maßnahmen für den G e n e r a l st r e i k zu treffen. Gegen den Streik. Paris, 20. Mai. Eine unter den GaSarbeitern ver- anstaltete Umftage ergab, daß die überwiegende Mehrheit gegen den Ausstand ist. Trotzdem wird von der Gewerkschaft der Elektriker die Agitation für den Generalstreik eifrig fortgesetzt. Ein Appell an die Beamte«. PariS, 20. Mai. Ein Aufruf deS Allgemeinen Arbeiter- b u n d e S bringt den Postbeamten in Erinnerung, was er für sie getan habe, und lädt sie alle, ob sie streiken oder nicht, auf Freitagnachmittag zu einer großen Versammlung ein.— Der nationale Verband der Leder- und Fellarbeiter fordert seine Mitglieder auf. die Arbeit einzustellen. Ei» Zusammenstoß. Paris» 20. Mai. Am Schlüsse einer Bauarbeiterversammlung kam eS heute nachmittag zu einem heftigen Zusammen stoß zwischen der P o l i z e i und Erdarbeitern, die Schmährufe gegen Clcmenceau ausstießen und die Internationale sangen. Mehrere Polizeibeamte wurden durch Würfe mit Steinen, Gläsern und Stühlen verletzt. Herbeigeholte Verstärkungen zer- streuten die Streikenden. VcrnichtungSmaßregel». Paris, 21. Mai. Der Präfekt des Allier-DepartementS hat be- schlössen, die Eisenbahnen militärisch bewachen zu lasten, um eine Zerstörung der Telegraphenlinien zu verhindern. In der Gegend von Moutluoon wurde der Orleans- bahngesellschaft eine Jnfauterieabteilung behufs Ueberwachung der Strecke zur Verfügung gestellt. Aufforderungen zur Aufnahme der Arbeit. Paris, 21. Mai. In einer von 300 Postbeamten besuchten Ver- sammlung rieten alle Redner zur Wiederaufnahme der Arbeit. Es wurde ein Antrag angenommen, der den Arbeitern, die aus Solidarität in den Streik getreten sind, den Dank der Postbeamten ausspricht. Dieser Beschluß der Postbeamten bedeutet das Ende des Streiks. Wenngleich die angenommene Tagesordnung dieö nicht ausdrücklich besagt, werden dennoch die nicht gcmaßregelten Postbeamten sämtlich morgen die Arbeit wieder aufnehmen. Eine Arbeitcrversammlung im Tivoligebäude, in der die Redner ebenfalls die Beendigung des Streiks anrieten, nahm eine Tagesordnung an, in der der Zentral- verband der Arbeitcrvereinigungen aufgefordert wird, die Wiederaufnahme der Arbeit zu beschließen. Der Zentralverband wird heute abend eine Kundmachung betreffend die Wiederaufnahme der Arbeit erlassen. Nach Schluß der Ver- sammlung im„Tivoli" kam eS zu Lärmszenen; einige Verhaftungen wurden vorgenommen._ politifcbe Clcbcrficbt. Berlin, den 21. Mai 1909. Arbeiterschutz im Dreiklasfonparlament. Wie gleichgültig den Dreiklaffenmännern die wich- tigsten Gesetze zum Schutze der Arbeiter sind, das bewies die Art, wie am Freitag die zweite Lesung des Berg- g e s e tz e s zu Ende gebracht wurde. Das Haus war geradezu jämmerlich besetzt. Die Konservativen und National- liberalen, die geschlossen gegen jede Verbesserung des in der Kommission erheblich verschlechterten Gesetzes eintraten, hielten es bald der Mühe nicht mehr wert, gegen die von ultra- montaner, polnischer und sozialdemokratischer Seite stammenden Vcrbcsscrungsanträge zu reden, sondern sie stimmten sie einfach kaltblütig nieder. Ein paarmal schien es freilich, als ob durch die geringe Zahl der an- wesenden Konservativen und Nationalliberalen ihre Mehrheit gefährdet wäre. Und wäre nur ein Dutzend Zen- trrrms-Abgeord neter mehr zur Stelle ge- Wesen, so wären die Verbesserungsanträge auch unfehl- bar zur Annahme gelangt! Aber die Reihen des Zentrums waren eben so miserabel besetzt, wie die Bänke der Rechten. Es waren fast nur die Arbeitcrabgeordnetcn des Zentrums und eine Handvoll der bekannteren Sozialpolitikcr dieser Partei. die es für nötig erachtet hatten, zur Stelle zu sein, um die Vorlage wenigstens so zu gestalten, daß sie nicht vollends einen Hohn auf die Wünsche der Arbeiter darstellt. Und die Herren Konservativen und Nationalliberalen mußten ganz genau wissen, was sie von der Arbeiterfreundlichkeit des Zentrums erwarten durften, sonst hätten sie schwerlich die Fahrlässigkeit begangen, sich durch schwache Vertretung der Gefahr einer Ueberstimmung auszusetzen! Zeigte sich so die gepriesene Arbeiterfreundlichkeit des Zentrums in einem mehr als zweideutigen Lichte, so boten die paar freisinnigen Männlein, die überhaupt anwesend waren, vollends ein klägliches Schauspiel. Bei ihnen fehlte eS an jeder Direktion: die Herren wußten meistens gar nicht, wie sie abstimmen sollten. Der alte Herr Traeger hörte den Ausführungen der Redner aller- dings aufmerksam zu und stimmte fast jedesmal für die sozialdemokratischen und Zcntrumsanträge, auch der freisinnige Hospitant Dr. Flcsch war bei der Sache p die meisten anderen Herren jedoch hielten es nicht der Mühe wert, der Debatte und dem Gang der Abstimmung überhaupt zu folgen. So halfen sie wacker mit, durch Stimmen mit der Bergherren- Schutztruppe oder durch Stimmenthaltung die national- liberale und konservative Majorität der offenen Gegner eines wirklichen Bergarbeiterschutzes zu sichern!— Von sozialdemokratischer Seite griff Genosse Leincrt des öfteren nachdrücklich und mit einer eindringenden Sach- künde in die Debatte ein, der sich auch das Zentrum nicht verschließen konnte, dessen anwesende Vertreter sich bei der Abstimmung für fast alle sozialdemokratischen Anträge erklären mutzten.__ Die Stellung des Freisinns zum„Mantelgesetz". Wie die„Münchener N. Nachr." erfahren haben wollen, sind die Freisinnigen jetzt bereit, zunächst die geforderten 400 Millionen Mark indirekter Steuern zu bewilligen, wenn ihnen durch das geplante„Mantelgesetz" die Garantie geboten wird, datz die konservativen Parteien später für 100 Mllionen Mark sogenannter Besitzsteuer stimmen. Das Münchcner Blatt erzählt: „Bereits im vorigen Herbst ist dem Kanzler von freisinniger Seite der Vorschlag gemacht worden, die Finanzreform durch ein solches Mantelgesetz zu fördern. Damals hat der Kanzler ent- gegnet, dieser Weg werde in Erwägung gezogen werden. Man dürfte diesen Ausweg gegenwärtig von verschiedenen Seiten gleich sehr begrüßen, da er manchem, der die Reform als Ganzes für einen Fortschritt hält, die Möglichkeit bieten würde, sie an- zunehmen, ohne sich mit ihren einzelnen Teilen voll ein- verstanden zu erklären. Die Befürchtung des„Berliner Tage- blatts", daß den Liberalen eine„Falle" gelegt werden solle, wird in freisinnigen Abgeordnetenkreisen für nicht stichhaltig erachtet.„Mindestens 100 Millionen Besitz- st e u e r n" lautet die unveränderliche freisinnige Forderung, und wenn durch eine geeignete Form die Sicherheit geboten ist, daß dieses Verlangen erfüllt wird, so kann man wohl an die Bewilligung der notwendigen indirekten Steuern gehen» ohne sich vor einer„Falle" fürchten zu müssen." Danach zu urteilen, halten die Freisinnigen nicht mehr an der Forderung an einer Erbanfallsteuer fest, die den größten Teil des als„Opfergabe" des Besitzes festgesetzten einen Fünftel der neuen Steuern aufbringt. Sie wollen jetzt auch eine Erbschaftssteuer im Ertrage von dreißig oder vierzig Millionen Mark akzeptieren, falls ihnen nur in irgend einer Form Gewähr geleistet wird, daß im ganzen 100 Millionen Mark den Besitzenden aufgeladen iverden und den Unbemittelten nicht mehr als 400 Millionen Mark. Vier Fünftel der neuen Lasten den Armen, ein Fünftel den Wohlhabenden erscheint ihnen also als ein ganz richtiges Verhältnis. Wird dafür gesorgt, daß die Wohlhabenden wirklich ein ganzes Fünftel der neuen Steuern übernehmen, dann bleiben die großen freisinnigen Grundprinzipien gewahrt! Weitere Abbröckelungcn. Die Stimmen in den Reihen der Agrarier mehren sich, die der konservativen ReichStagSfraktion empfehlen, in der Frage der Erb- fchaftSbesteuerung ihren Oppositioiisstandpunkt Aufzugeben. Den Konservativen, des Königreichs Sachsen folgen die der Provinz Sachsen. Der ParteiauSschnß der konservativen Partei für die Provinz Sachsen und das Herzogtum Anhalt veröffentlicht im „Anhaltischen Staatsanzeiger" einen Artikel, in dem es heißt: „Sollten die Parteien der Linken ihre ablehnende Haltung aufgeben und 400 Millionen indirekter Steuern bewilligen, und sollte dann daS Zustandekommen der ganzen Finanzreform davon abhängen, daß die Erbschaftssteuer in irgendeiner Form an- genommen wird, so ist der Zeitpunkt gekommen, wo die Konser- vativen zu erwägen haben werden, ob eS möglich ist, die gegen diese Steuer bestehenden Bedenken so abzuschwächen, daß deren Annahme als ein geringeres Uebel erscheint als das Scheitern der für das Fortbestehen des Reiches unerläßlichen Finanz- reform." Den Häuptlingen des Bundes der Landwirte kommt diese Er- klärung natürlich in der jetzigen Situation höchst ungelegen, und sie leisten sich deshalb folgende Gröbersche Abfertigung des konservativen sächsischen Parteiausschusseö: „Diese Veröffentlichung ist so unzeitig und so unzweckmäßig wie nur möglich. Die Erwägungen, die von der konservativen Fraktion erwartet werden, haben längst stattgefunden. Sie haben zu dem Ergebnisse geführt, daß die Ausdehnung der Erbschafis- steuer auf Kinder und Ehegatten unbedingt und end- gültig abgelehnt worden ist. Der konservative Partei- ausschuß der Provinz Sachsen hätte sich sagen müssen, daß er durch eine solche Veröffentlichung lediglich den Gegnern der konservativen Partei Wasser auf die Mühle treibt und durch- aus nichts nützt."_ Nationalliberale Steuerpolitik. 'Der Zentralvorstand der nationalliberalen Partei hat gestern, am HimmelsahrtStage, in Berlin eine Sitzung abgehalten, in der die Abgeordneten Bassenuann und Weber über den Stand der Reichs- finanzreform berichteten. Sie betonten, daß die nationalliberale Partei bei ber Lösung der gegenwärtigen Krise auf dem von ihr beschrittenen Wege fortschreiten müsse. Die 400 Millionen indirekter Steuern dürften nur bewilligt werden, wenn Garantien für eine Belastung der besitzenden Klassen mit 100 Millionen gegeben seien. Diese 100 Millionen erwartet man in erster Linie aus der Erbanfallsteuer, ist jedoch geneigt, falls durch letztere die vorgesehene Summe nicht ausgebracht würde, auch andere Steuern auf den Besitz heranzuziehen. Zu diesen gehöre unter, anderen die Wertzuwachssteuer, welche aller- dingS, wie dabei hervorgehoben wurde, für die Kommunen prä- destiniert erscheine, da sie hauptsächlich daS immobile Kapital in- ihnen treffe. Der Begriff.Besitzsteuer' schließlich wurde dahin definiert, daß darunter nur Steuern auf ständiges Aktivvermögen zu betrachten seien. Schließlich wurde mit 71 gegen 2 Stimmen eine Resolution an- genommen, in der es heißt: „Der gentralvorstand steht einmütig auf dem Boden der An- schauungen der Fraktion, daß angesichts der die Machtstellung und das Anichen deö Reiches schwer schädigenden, nicht länger ertrag- baren Finanznot eine Mehrbelastung der Massen- genuß- und verbrauchSartikel um annähernd 400 Millionen Mark unumgänglich und auch erträg- li ch ist, unter der Voraussetzung, daß weitere 100 Millionen Mark an Steuern auf den Besitz gelegt werden. Er hält hierbei in Uebereiu- stimmung mit der ReichstagSsrakiion eine allgemeine Besitzsteuer für die notwendige Vorbedingung deS Zustandekommens der Reform und betrachtet nach Ablehnung der ReichSvermögeuSsteuer die er- weiterte Erbschaftssteuer unterHeranztehung der Kinder und Ehegatten in linderloser Ehe als die zurzeit allein mögliche und am wenigsten drückende, die Finanz- Hoheit und das Finanzgcbaren der einzelnen Bundesstaaten am meisten schonende Form einer solchen allgemeinen Besteuerung des Besitzes."_ Der Reichsverband gegen den Freisinn. Der ReichSderband gegen die Sozialdemokratie richtet, wie schon sein schöner Name besagt, sich zunächst gegen die„staatszerstörende" Sozialdemokratie, doch liegt es in seinem rcaktionär-patriotischen Charalter, daß er auch dem Zentrum und dem entschiedenen Libera- lismus feindlich gegenübersteht. Es ist deshalb durchaus erklärlich, daß er dort, wo die Sozialdemokratie noch keine Rolle im Wahl- kämpfe spielt, auch gegen das Zentrum oder den demokratisch schillernde» Freisinn arbeitet, natürlich nicht in offenem Kampfe, sondern, wie es seiner Eigenart entspricht, in versteckter. hinterlistiger Weise. So stellt jetzt— auf Grund einwandsfccier Mitteilungen— die„Hessische liberale Wochenschrift' fest, daß der Reichsverband bei der letzten Ersatzwahl in Alzcy-Bingen sich nicht nur in ausgiebiger Weise gegen die Linksliberalen betätigt hat, sondern daß sogar die eigentliche Leitung des WahlkanipfeS gegen Pfarrer Korcll in den Händen der ReichSverbändler läg. Die Wochenschrift schreibt: „Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Dr. Ludwig und andere Beamte aus Berlin sowie der Bureauapparat aus Frankfurt waren dauernd in Alzey stationiert. Flugblätter und Wähler- zeitungen mit den ärgsten Schmähungen der Freisinnigen wurden unter der Leitung Dr. Ludwigs hergestellt. Andere Beamte hatten die Aufgabe, hinter Pfarrer Korell herzu- reisen und unbemerkt seine frei gehaltenen Reden steno- graphisch auszunehmen. Nebenbei suchte man einzelne Mitglieder der freisinnigen Fraktionsgemeinschaft gegen Korell aufzuhetzen, was natürlich nicht gelang. Trotz dieses Apparates ist bekanntlich Dr. Becker mit einem großen Stimmen- Verlust aus der Stichwahl herausgefallen. Der national- liberale Parteisekretär Greupner, der sich stolz als Leiter des Bureaus gerierte, hat bei allen diesen Dingen die Rolle des Strohmannes gespielt. Er mußte alles verantwortlich unter- zeichnen, was die ReichSverbändler ersannen. So vervollständigt sich das Charakterbild dieses Mannes immer mehr. Wir hatten recht, als wir sagten, er sei moralisch nicht verantwortlich zu machen. Und der Reichsverband hat wieder einmal den Beweis ! geliefert, daß er nichts anderes ist als ein In- trument reaktionärer Kreise zur Bekämpfung aller linksstehenden Parteien.' Der hier erwähnt» Dr. Ludwig ist derselbe Politiker, der vor einiger Zeit in der„Deutschen Tagesztg.' den Plan entwickelte, wo- nach 12 Wahlkreise, die jetzt in den Händen der Sozialdemokratie sich befinden, durch ein Zusammengehen von Zentrum und Nationalliberalen den bürgerlichen Parteien erhalten werden könnten. Auch als Wissenschaft» liche Leuchte und als große schriftstellerische Kraft ist dieser betriebsame Dr. Franz Ludwig bekannt geworden, so hat er z. B. eine Schrift über die Reichstagswahlen 1S07 und eine konfuse Schrift über Sozialismus und Kommunismus verbrochen, in der er sich fast als ein noch größeres Genie erweist als wie der Generalleutnant von Liebert._ Die Radbodkolonie vor Gericht. Dortmund, 21. Mai. Heute begann hier vor der Berufungs- strafkammer der Prozeß gegen Genossen Nottcbohm, der in der Dortmunder„Arbeiterzeitung" die Zustände in der Kolonie„Radbod" einer scharfen Kritik unterzogen hatte und des- wegen vom Schöffengericht zu blZl) M. Geldstrafe verurteilt worden tvar. Für die Verhandlung sind fünf Tage angesetzt. Es sind I03Zeugcn geladen, sowie als Sachverständige vom Angeklagten die Wohnungshygieniker Professor Dr. Sommerfeld-Berlin und Dr. D i c t h m e r- Berlin, ferner Dr. Jacobs- Unna und der gerichtliche Bau-Sachverständige S ch ä f e r° Dortmund. Von der Anklagebehörde sind 6 Gutachter geladen. Die Verhandlung nahm am Nochmittag mit einer Besichtigung der Kolonie an Ort und Stelle ihren Anfang. Schon in der ersten Verhandlung sind von mehr als 20 Zeugen geradezu haarsträubende Zustände bekundet worden. 35 Zentimeter unter den Häusern stand das Sumpfwasser. Das ganze Terrain war früher ein Sumpfloch. Das GraS wuchs durch die Dielen. Das Wasser lief an den Wänden förmlich herunter; infolge der Feuchtigkeit verfaulten Betten, Matratzen und Kleidungsstücke. Erwachsenen Männern war der Schnurrbart an der Bettdecke fcstgcfrorcn. Frauen und Kinder erkrankten. Die Zechenverwaltung behauptete allerdings, die Leute seien an der Nässe selbst schuld, weil sie zu wenig lüfteten. Dagegen be- hauptctcn Leute, die die Kolonie Radbod gesehen hatten und schon in anderen Kolonien wohnten, nie so schlechte Wohnungen gesehen zu haben wie in der Radbod-Kolonic. Die neue Verhandlung wird noch manches enthüllen, tvas der Oeffentlichlcit noch nicht bekannt geworden ist. Wittvenfürsorge auf Radbod. Man schreibt uns aus Hamm: Unmittelbar vor der zweiten Auflage des Radbodprozeiies gegen die Dortmunder„Arbeiter- zeitung", in der die vom Generaldirekor Jansen als„soziale Tat" gepriesene Kolonie richtig beleuchtet werden soll, machen die Direktoren der Radbodzeche wieder durch eine neue soziale Tat von sich reden. Kürzsich zirkusierte in der bürgerlichen Presse deS Ruhr- revierS eine wahrscheinlich von Zechenseite inspirierte Notiz, in der mitgeteilt wurde, daß die Zechenverwaltung den Witwen Dora und Krawunja wegen ihrer wüsten Agitation zum 15. Mai die Wohnungen gekündigt habe. Die beiden«Ver- brccherinnen' gehörten nämlich zu den sechs Witwen, die gegen das Hilfskomitee klagen, und befanden sich am 1. Mai wtter den vier. die mit roten Schärpen zum Maifest nacki Dortmund fahren wollten und denen die Polizei zu Hamm die Sckiärpen abnahm. Der Erst- genannten gelang es nicht, bis zum 15. Mai eine andere Wohnung zu finden und die Zweite hatte kein Geld. Umzug und Miete zu bestreiten. Die Zechenverwaltung strengte daraufhin gegen die beiden Frauen die Räumungsklage an, aus der die Zeche als Siegerin hervorging. Die beiden Genossinnen bc- fanden sich aber in dem guten Glauben, bis 1. Juni noch in der Kolonie wohnen zu können. Inzwischen ist die Genossin Krawanja schwer erkrankt und hatte hohes Fiebes, als am Mittwoch plötzlick der Kolonieverwalter mit dem Gerichts- Vollzieher und einem Arbeiter in ihrer Wohnung erschien und die Aermste nötigte, das Bett mit der Straße zu vertauschen. Um diese Zeit befand sich Frau Dora in Dortmund, wo sie sich als Hebamme eine neue Existenz zu gründen hoffte, um dort eine Wohitung zu mieten. Trotz der Abwesenheit der Frau wurden auch ihre Möbel auf die Straße gesetzt, die Kinder aus dem Hause gejagt und diese? verschlossen. Die am Abend zurück- gekehrte Mutter mußte nun, anstatt sich zu erwärmen, mit ihren Kindern, unter denen sich ein drei Monats alter Säug- ling befindet, die Nacht unter freiem Himmel verbringen, während ihre Leidensgefährtin im nahen Merschhofen eine Unterkunft fand. Am DonnerStagmittag wurde die Witwe Dora plötzlich von einem Gendarm nach Ermesinghof zum Amtmann geführt. Dort ist fie wegen Verdachts des Meineides verhaftet worden. Sie hatte kürzlich den Offenbarungseid geleistet. Bei der Exmittierung am Mittwoch stellte nun der Gerichtsvollzieher fest, daß sie zwei Stühle und einige andere Sachen mehr besaß, alö sie angegeben hatte. Darum die Verhaftung! Man gab nun nicht etwa der Mutter Gelegenheit, von ihren Kleinen Abschied zu nehmen, sondern man befahl einfach dem Gendarmen, die acht Kinder nach Hamm ins Waisenhaus zu bringen. Ich war Zeuge. wie die laut schreienden Kinder Vörden, Gendarm zufliehensuchten-- ein Knabe kroch im Nachbarhause unter das Sofa— und wie dann elneS nach den, anderen bon dem Polizisten in einen bereitstehenden Wagen geführt wurde. Der Anblick war herzzerreißend. Einige an der Straße stehende Arbeiter schafften sich durch laute Zurufe Luft.„Das ist die göttliche Weltordnung I'„Der Dora liegt noch unten in der Mordgrube. Er ging in der Unglücksnacht zur ersten Schicht ans Radbod von seiner Familie weg und heute schleppt man die Frau ins Zuchthaus und die Kinder in Fürsorgeerziehung s. la Colandcr!" Wer noch nicht gläubiger Christ ist, hier kann er's werden.,,„Ich erschieße mich und meine Kinder heute noch, wenn es ihnen einmal so gehen sollte." So und ähnlich lauteten die Eni- rüstungsruse. Ein Arbeiter weinte wie ein Kind. Dann rollte der Wagen von bannen. Weinend stand die kranke Genossin Krawanja am Wegrands:„So macht man es mit ans Witwen von Radbod, weil wir linser Recht erstreiten wollten. Wir guten Partien, die keinen Pfennig Geld haben." Das war alles. ivaS sie hervorbrachte. Verlassen und unbeaufsichtigt lag das Mobiliar der Familie Dora unter freiem Himmel, während in der Nähe ein Dutzend Häuser leer stehen. Aufs tiefste erschüttert ging ich meines WegeS. So geschehen a m HimmelfahrtStage 19v!> im Reiche der Gottesfurcht und frommen Sitte. Wahrlich, die Herren von Radbod können auf ihre „sozialen Taten" stolz sein!_ Doch noch verurteilt. Eine arge Bloßstellung eines?lktes von a m t l l ch e m T e r r o- r i s m u s fand am Dienstag vor dem Landgericht Eisleben statt. Angeklagt war der Genosse Trautewein, Stadtverordneter zu Gernrode, wegen Beleidigung des Bürgermeisters Sempke in Erms- leben. In dieser Stadt wurde einem seit mehr als 190 Jahren bestehenden Lokale die Schankkonzession entzogen, weil angebi'ich auf einmal kein Bedürfnis mehr vorhanden war. Unsere Ge° nossen, die in diesem Lokale verkehrten,, vermuteten, daß darin der Grund zur Entziehung der Konzession liege, eine Vermutung, die der Bürgermeister amtlich stets best r.i t t. Eines Tages saß der Bürgermeister mit unserem Genossen Trautewein, dem Bürgermeister von Gernrode und anderen Stadt- verordneten am Biertisch zufällig beisammen. Der Bürgermeister kannte unseren Genossen nicht und erzählte in der Bierlaune, daß er dem Wirt die Schankkonzession entzogen habe, weil sich dort Sozialdemokraten versammeln. Genosse Trautewein erklärte darauf in einer öffentlichen Versammlung, der Bürger- meister sei unwürdig, das Amt eines Stadtoberhauptes zu be- kleiden. Das Gericht rügte das Tun des Bürgermeisters und meinte, er habe sich wohl„verhauen". Gleichwohl kam eS zu einer Verurteilung unseres Genossen. Er soll 75 M. zahlen, weil er den Bürgermeister beleidigt hat. Obgleich der Tatbestand, auf den er seine Vorwürfe gründete, zweifelsfrei erwiesen ist!_ Die Masse muh es bringen. Einen Rekord in Kaisertoasten hat der Kölner Gardcverein auf- gestellt, der diese Woche drei Tage lang sein fünfundzwanzigjähriges Bestehen feierte. Er hat nack dem„Kölner Tageblatt" an einem einzigen Tage in folgender Weise alle Möglichkeiten der Kaiser- Huldigung erschöpft: Zunächst brachte Oberst v. Jakobi bei der Morgenseier in kernigen Worten den Kaiserspruch aus. Dann folgte ein stürmisch aufgenommenes Kaiserhoch, und darauf sang man die Nationalhymne, während man auf der Bühne ein lebendes Bild, Huldigung des Kaisers, zeigte. Bei dem gemeinschaftlichen Mittags- mahl brachte Oberst von Jakobi den Trinkfpruch auf den Kaiser aus. Die Parade am Nachmittag begann mit einem Hurra auf den obersten Kriegsherrn. Bei der Veranstaltung an, Abend fang man ein gemeinschaftliches Kaiserlied; nachher brachte Hauptmann Blanken- Horn den Kaiscrtoast aus, Ivorauf die Kaiserhymne gesungen wurde. franhrcicb. Das Wettrüsten. PariS, 21. Mai. Ter höhere Marinerat hat sich in seiner letzten Sitzung mit zwei Anträgen betreffend die Zu- sammensetzung der. Kriegsflotte beschäftigt. Der erste. vom Marinegeneralstab eingebrachte Antrag stellt die Zahl der Panzerschiffe auf 28 fest, der zweite, welcher von der ständigen Sektion des Marineministeriums ausgegangen war, auf 38. Dem„Matin" zufolge befürwortete der höhere Marinerat den letzten Antrag. Ferner befürwortete der höhere Marine- rat, daß k e i n e P a n z e r k r e u z e r m e-h r erbaut lverden sollen, da er der Anficht ist, daß nunmehr nur die Aufklärungskreuzer, und zwar sechs für jedes Geschwader, nötig sind. Heute und morgen wird der höhere Marinerat den Typus und die Geschützbewaffnung der neuen Panzerschiffe erörtern. Voraussichtlich wird eine Ge- schwindicsteit von 29 bis 21 Knoten und ein Deplacement von 21000 Tonnen beantragt werden. 6ngland. Die Liberale» und die Arbeiterpartei. London, 18. Mäi.ietei ihnen die Aktion Lee RegieeMg gegen die persische Freiheit und Unabhängigkeit zu bekriteln. Sie tun es in ihrer Presse, aber haben nicht den Mut in der D u m a, S t o l h- pin zuzurufen: Fort von Persien. Um so energischer tat dies der Vertreter der sozialdemokratischen Fraktion in der Duma, Genosse Pokrowski. In einer wuchtigen Rede geißelte er die Regierung, die dem Henker Liachow den General Snarski zur Hilfe schickt. Dieselbe Regierung, die so gedemütigt ihre traditionelle Politik am Balkan aufgeben mußte, zeigt Courage gegenüber einem kleinen, um die Freiheit kämpfenden Volk. Er schloß seine Rede mit den Worten:„Ich wende mich an die öffentliche Meinung des Reichs und der europäischen Demo- kratie mit einem Protest gegen die Politik Rußlands in Persien", Eue der Partei» Klaas Peter Reinbers. Dreißig Jahre sind vergangen, seit ein Genosse aus dem Leben schied, dessen heute in weiteren Parteikreiscn nur noch wenig gedacht wird, wiewohl er sich um die Bewegung, namentlich in seinem engeren Wirkungskreise die größten Verdienste erworben hat— Klaas Peter R e i n d e r s. Geboren in Emden in Fries- land, wuchs er in dürftigen Verhältnissen auf und erhielt nur eine mangelhaste Schulbildung, ersetzte aber, was ihm auf diesem Gebiete abging, durch gesunden Menschenverstand, redlichen Willen, große Energie und populäre Redegabe und eifriger Arbeit an sich selbst. Er erlernte das Tischlerhandwerk und wurde bald, nachdem er die Lehre verlassen, eifriges Mitglied des allgemeinen deutschen Arbeitervereins. In Breslau, wo die Sozialdemokratie bisher nur sehr wenig Fortschritte gemacht hatte, ließ er sich dauernd nieder und entfaltete in der Werkstätte wie in Versammlungen eine gründliche agitatorische Wirksamkeit, hatte dabei nicht nur gegen den gemeinsamen Feind, sondern auch gegen die Eisenacher, die damals noch mit den Lassalleanern in scharfer Fehde lagen, zu kämpfen. Die Aera Tessendorf mit ihren Gewaltstreichen gegen den allgemeinen deutschen Arbeiterverein brachte auch ihm viele Unliebsamkeiten. Da er als Tischler keine Arbeit mehr fand, lernte er das Photographenhandwerk und stellte u. a. die Gedenk- tafel an den zehnjährigen Todestag Lassalles her. Auf der Generalversammlung des Arbeitervereins zu Hannover im Jahre 1874 und auf dem Einigungskongresse zu Gotha im Jahre 1875 trat er für die Verschmelzung der beiden sozialistischen Parteien ein. Als diese erfolgt war, wirkte er in Breslau weiter und war u. a. bei Schaffung des Parteiorgans„Die Wahrheit", namentlich aber bei Organisation der Rcichstagswahlen in ganz Schlesien her- vorragend tätig. Nach Auflösung des Reichstages im Jahre 1878 setzte der schon hochgradig schwindsüchtige Mann alle Kraft an die Wahlagitation und wurde trotz aller Sozialistenlietze im Breslauer Ostkreise in den Reichstag gewählt, Seine er sie und letzte Reichstagsrede hielt er am 12. Oktober. Sie richtete sich gegen das Sozialistengesetz und speziell gegen den 8 5, der das Verbot sozialistischer Vereine und Versammlungen brachte. Das Auftreten des blassen mageren Mannes mit dem schwarzen krausen Haare und den leuchtenden dunklen Augen erregte von vornherein Aufsehen. Als er alle diejenigen, welche für das Gesetz stimmten, für Landesverräter erklärte, entstand großer Tumult und der Präsident erteilte ihm einen Ordnungsruf. Ein Verstoß, den Reinders gegen die Grammatik beging, rief Heiterkeit hervor, doch wußte er ihr durch eine treffende Bemerkung über die Schul- bildung, die man dem Volke zuteil werden läßt, zu begegnen. Den größten Sturm aber erregte er durch seine Schlußäußerung, Fürst Bismarck gehöre auf die Anklagebank. Nach Erlaß des Sozialistengesetzes hatte auch er wieder schwer unter den Verfolgungen zu leiden. Er suchte sich und seine Familie durch Errichtung eines kleinen Geschäfts mühsam durchzudringen. Am 22. Mai 1879 raffte ihn ein Blutsturz im Alter von noch nicht ganz 33 Jahren dahin. Sein riesenhafter Leichenzug nach dem Reformierten-Friedhofe in Breslau, wo jetzt ein schöner Denkstein sein Grab schmückt, war die erste große Demonstration, die Behauptung seines Wahlkreises, wo Hasenclever gewählt wurde, unser erster Wahlsieg unter dem Sozialistengesetze. Die Breslauer Genossen wissen das Andenken ReinderS dauernd zu ehren. psUzelUebes, Omchtlicbca ukw. Der beleidigte Polizeikommissar. Der Polizeikommissar G u b e in Pr.-Stargard in Westpreußen beschlagnahmte im Januar eine Anzahl sozialdemokratischer Flugblätter und gab sie innerhalb der gesetzlichen Frist nicht zurück, obgleich die Berliner Staatsanwaltschaft eine Verfolgung abgelehnt hatte. Ter Regierungspräsident mußte auf Grund einer Beschwerde erst den Herrn dazu zwingen. Ebenfalls im Januar sollte in Stargard eine Volksversammlung tagen. Der Wirt Grabowski hatte sein Lokal„Schweizergartcn" dazu ver- mietet. Zwei Tage vor der Versammlung erklärte er jedoch dem Pr.-Stargarder Genossen, der als Mieter fungiert«, daß er die Versammlung auf Betreiben Gubes nicht abhalten lassen könne! Er ließ die Versammlung dann auch nicht stattfinden. Als der Parteisekretär Genosse Crispien ihn wegen des Vertragsbruches zur Rede stellte, wiederholte er die Erklärung, daß er unter dem Druck der Polizei nicht anders könne. Crispien machte darauf dem Kommissar Gube in einem Privatraum des Wirtes wegen der Lokalabtreibung und der ungesetzlichen Beschlagnahme Vor- Haltungen. In Gegenwart der Polizei gab nun der Wirt an, daß er aus eigenem Antrieb e das Lokal verweigert habe. Das Schöffengericht zu Pr.-Stargard verurteilte den Genossen Crispien darauf zu 199 Mark Geld st rase, weil er den Gube durch die Aeußerungen:„Es ist unerhört, wie man hier behandelt wird" und„Wenn Sie die Gesetze nicht kennen, werde ich sie Sie durch dt> Beschwerde kennen lehren!", öffentlich beleidigt haben. Auch andere Zeugen hatten eidlich bestärigt, daß der Wirt die Schuld für die Lo- kalabtreibung auf Gube geschoben habe. Vor der Berufungsstraf- kammer zu Dan zig gab der einzige Zeuge Gube an. daß er am Tage vor der Versammlung dienstlich in der Gegend des Lokales war und dabei auf seine zufällige Frage von dem Wirt hörte, daß er die Versammlung nicht abhalten lassen werde! Ein- gewirkt wollte er auf den Mann nicht haben. Das Gericht sprach tem Angeklagten den Schutz des§ 193 zu. Trotzdem hielt es die 199 Mark Geldstrafe aufrecht. Zwar stellte eS fest, daß Gube bei der Beschlagnahme der Flugblätter nicht ordnungs- mäßig verfahren sei und daß Crispien auch glauben konnte, daß der Kommissar bei der Saalabtreibung die Hand im Spiele hatte. Gube sei aber dadurch beleidigt, daß Crispien in Form und Umständen über den Schutz seiner berechtigten Interessen hinausging.________ GcwerkfcbaftUcbce. Berlin und Umgegend* Lohnbewegung der Maler. Die Ortsverwaltung des Verbandes der Maler und verlvandten Berufsgcnossen von Berlin und Vororte nahm am Mittwoch in einer gut besuchten Versammlung in„Freyers Festsälen". Koppen- straßen 29, Stellung zu dem kommenden neuen Tarifvertrag im Malergewerbe für das ganze Reich. Vorsitzender M i e tz erklärte in seinem«inleitenden Referate, daß von der Organisation Forde- rungen an die Unternehmer gestellt werden müßten, was angesichts der außerordentlichen Steigerung der Lebensbedingungen nur zu bcgreifuch sei. Zwar wären die Arbeitgeebr wie immer gegen jed- wede Forderung seitens der Arbeitnehmer, doch dürften die letzteren sich dadurch in ihren nur allzu berechtigten Ansprüchen nicht beirren lassen. Redner ging in seinen Ausführungen auf den Normaltarif der Unternehmer nicht ein, ebenso sah er zunächst von c irrer näheren Spezialisierung der zu stellenden einzelnen Forde- rungen ab, sondern gab nur eine allgemeine übersichtliche Dar- stellung der eventuell in Betracht kommenden Punkte. In der nachfolgenden, sehr regen Diskussion lvaren sämtliche Redner sich dahin einig, daß mit Rücksicht auf die immer höher im Preise steigenden Lebensmittel und Wohnungsmieten eine tvesentliche Lohnerhöhung dringend geboten ist, jedoch wurden die weiteren Schritte in den berührten Fragen dem Vorstände überlassen. In der Damcnschneibereiabteilung der Firma H. Hoffmann, Friedrichstr. 59, ist es dieser Tage zu Streitigkeiten gekommen, durch die die organisierten Schneider veranlaßt wurden, auf ihre Stellung bei der Firma zu verzichten. Ein Unorganisierter, der dort tätig ist, hatte darauf bestanden, Ucberzeitarbeit mit nach Hause zu nehmen, während die Organisierten die Auffassung ver- traten, daß lleberstunden nur in der Werkstatt gemacht werden sollten, was ja auch im Interesse des Berufs, um einer weiteren und unbegrenzten Ausdehnung der Heim- und Uebcrzeitarbeib vor- zubeugen, als selbstverständlich erscheinen mußte. Der Unorgani- sierte widersetzte sich nicht nur dem Wunsche seiner Kollegenschaft, sondern erging sich auch iwch in Schimpfereien und Bedrohungen und renommierte damit, daß er schon anderen Leuten gegenüber Gewalttätigkeiten verübt habe. Als nun die Organisierten dem Firmeninhäbcr erklärten, daß sie sich das Auftreten jenes Mannes nicht gefallen lassen wollten, erhielten sie von Herrn Hoffniann die Antivort:„Wenn's Ihnen nicht paßt, können Sie alle auf- hören." Unter diesen Umständen war an ein Weiterarbeiten bei der Firma natürlich nicht mehr zu denken. Der Fall zeigt, wie man die Arbeiter deswegen aus der Arbeit drängt, iveil sie in der Werkstätte Wert legen auf Ordnung und anständige Umgangs- formen und sich nicht Schimpsreden und Bedrohungen gefallen lassen wollen. Achtung, Mützenmacher! In der Mützenfabrik der Firma S. Gärtner u. Co. wurden am Freitagnachmittag ganz plötzlich sämtliche 7 Zuschneider entlassen, weil dieselben sich weigerten, daß für jeden Zuschneider ein Kontrollbuch eingeführt wird. Die Werkstatt ist für Z u s ch n e i d e r gesperrt und jeder Zuzug streng fernzuhalten. Deutscher Kürschnerverband, Ortsverwaltung Berlin. Achtung, Schuhmacher! Die Schuhfabrik von I. Schubert, Elisabethstr. 28/29, ist wegen Lohnabzug und Maßregelung ge- sperrt. Zentralvcrband der Schuhmacher. Mit Einführung der 8stLndigen Burcauzeit wird sich der Berliner Anwaltverein in seiner nächsten Sitzung beschäftigen. Die Bureauangestellten haben an den Vorstand die Bitte gerichtet: „Der Anwaltverein wolle darauf hinwirken, einen Beschluß der Berliner Anwälte dahingehend herbeizuführen, daß die tägliche Ar- beitszeit in den Bureaus auf 8 Stunden festgesetzt, die Sonntags- arbeit vollständig und Ueberstundenarbeit tunlichst beseitigt wird und zu diesem Zweck die Sprechstunde spätestens um 9 Uhr beendet werde." In dem Begleitschreiben wird ausgeführt, daß nach einer vom Verband der Bnreauangestellten ausgenommenen Statistik bei den Berliner Rechtsanwälten in 22 Proz. der Bureaus eine Arbeitszeit von 8 Stunden und in 73 Proz. eine solche von neun Stunden besteht. Weiterhin ist aber statistisch ermittelt worden, daß in den meisten Fällen diese Burcauzeit überschritten wird. Um den Achtstundentag praktisch durchzuführen, soll der Schluß der Sprechstunde allgemein auf 6 Uhr abends festgesetzt werden. VeuilcKes Reich. Bauarbeiterschntz-Kommission. Berlin, den 15. Mai 1999. An die baugewerblichen Arbeiter von Preußen, Pommern, Brandenburg. Hiermit berufen wir im Einverständnis mit den Vertrauens- Personen der baugewerblichen Arbeiterorganisationen Berlins (Zentralverbände) eine Konferenz zum Sonntag, den 13. Juni dieses Jahres, nach Berlin, Engel-Ufer 15, Gewerkschafts- haus, ein. Als vorläufige Tagesordnung geben wir bekannt: 1. Der Bauarbeiterschutz in Preußen und die Stellung der Nordöstlichen Baugewerks-Berufsgenossenschaft. 2. Diverse Anträge. Wir ersuchen die Organisationen der oben genannten Pro- vinzen, Stellung dazu zu nehmen und Delegierte zu Wählen. Der Ersparnisse halber dürfte es sich empfehlen, wenn sich die Organi- sationen(Maurer, Bauarbeiter, Zimmerer, Dachdecker, Klempner, Rohrleger, Töpfer, Stukkateure, Maler, Glaser, Steinarbeiter), da diese die Kosten zu tragen haben, verständigen. ES dürfte sich empfehlen, daß die Außenarbeiter sowohl wie die Jnnenarbeiter sich bei der Wahl der Delegierten auf be- stimmte Personen einigen. Anmeldungen der Delegierten sind bis zum 9. Juni an den Unterzeichneten zu richten. I. A.: Die Bauarbeiterschutz-Kommisswn Berlins. G. Link. Engel-User 15. In der Stettiner chemischen Fabrik„Union" ist es am Dienstag- abend zur Arbeitsniederlegung gekommen. Der Grund liegt in Maßregelungen einer Anzahl Arbeiter. Ein Streik der Branereiarbeitcr in Hannover. Am 17. Mai früh legte das Personal der Städtischen Lagerbierbrauerei Hannover die Arbeit nieder. Von über 299 Beschäftigten blieben nur zirka 6 im Betriebe. Die Ur- fache des Ausstandes war eine seit langem geübte rigorose Behand- lung des Personals seitens des Braumeisters Stangler und die fortgesetzte Verletzung der zwischen dem Brauereiarbeiterverband und der Brauereivereinigung bezw. dem Gildevorstand der Städti- schen Brauerei getroffenen Vereinbarungen. Die so oft geführten Beschwerden über das System Stangler waren insofern ergebnislos. als wohl immer Abhilfe zugesagt wurde, trotzdem aber alles beim alten blieb. So sollte auch tariflich die Arbeitszeit im Sommer nicht vor 5 Uhr früh beginnen. Braumeister Stangler verlangte, daß die Arbeiter einer Sparte Montags schon um 1 Uhr nachts ansangen sollten. Mit solchen und ähnlichen tarifwidrigen Mitteln suchte er Arbeitskräfte zu sparen. Dieses Sparsystem und die zur Ge- wohnheit gewordenen Schikanen waren auch die Ursache, daß von zwei Arbeitern lleberstunden in einer anderen Abteilung ver- langt wurden. Als sie dies ablehnten, auch weil sie am selben Abend persönliche Angelegenheiten zu erledigen hatten, erfolgte ihre Ent- lassung. Das brachte das schon lange volle Faß zum Ueberlaufen und zeitigte die Arbeitsniederlegung. Nach zweitägiger Dauer des Streiks nahmen am 19. Mai die Arbeiter die Arbeit geschlossen wieder auf, nachdem in Unterhand- lungen mit der Direktion und dem Gildevorstand der Brauerei die Zusicherung gegeben worden war, daß für die Zukunft der Braumeister zu besserer Behandlung der Arbeiter verpflichtet sei; außerdem sollen Beschwerden gegen den Braumeister zwischen der Direktion und dem Arbeiterausschuß geschlichtet werden. Der nationalliberale hannoversche„Courier" nannte in seiner Stellungnahme zu dem Streik die Herbeiführung desselben frivol. Das ist richtig, nur waren es'nicht die Arbeiter, die sich dieser Frivolität schuldig gemacht haben, sondern die maßgebenden Per- sonen in der Betriebsleitung und besonders der Braumeister, dessen Entfernung wegen seines Verhaltens schon der frühere Gilde. Vorsteher ins Auge gefaßt hatte. Hoffentlich hinterläßt der jetzige Abwehrakt der Arbeiter eine nachbaltige Wirkung. Neue Beamtenmassregclungen in Oberschlesien. Auf der„Königshütte" haben wieder eine größere Anzahl jüngerer Beamten wegen ihrer Zugehörigkeit zum Bunde technischer und industrieller Beamten ihre Kündigung erhalten. Man nahm sich dieZlita! tricht euiMI die Mühe, iiisesi LußeMt Anlaß für die Kündigung zu suchen. In dem industriellen Oberfranke» regen sich jetzt zu Beginck des Sommers und der Bautätigkeit die Arbeiter, ihre in Winters- und Krisenzeiten außerordentlich elende Lage etwas zu verbessern. In Bayreuth sind die Zimmerer in den Ausstand getreten. Sie hatten eine Erhöhung der bisher 39 Pf. betragenden Stundenlöhne um 4 Pf. gefordert. Nach längerem Hin und Her erklärten sich die im Mittelsränkischen Arbeitgeberverband organisierten Unternehmer lediglich zu einer Zulage von einem Pfennig bereit. Ein Ver- mittelungsvorschlag der Arbeiter, der dahin ging, die Stundenlöhne sofort um 2 Pf. und am 1. Juli um weitere 2 Pf. zu erhöhen, das ganze aber tariflich festzulegen, wurde von den Unternehmern nicht akzeptiert und weitere Unterhandlungsversuche der Arbeiter brüsk abgelehnt. Daraufhin traten über 99 Zimmerer in den Ausstand. In Oberröslau im Fichtelgebirge sind am Mittwoch sämt« liche Maurer und Bauhilfsarbeiter, die bisher gegen niedrigen Tagelohn täglich 11 Stunden arbeiten mußten, wegen Nichtbewilli- gung des Zehnstundentags einmütig in den Streik getreten. Zuzug wolle in beiden Fällen ferngehalten werden. Bauarbeiteraussverrung in Würzburg. Die Baumeistervereini. gung in Würzburg droht in einem Schreiben an die dortige Ver- bandsleitung mit allgemeiner Aussperrung der organisierten Maurer, Bauhilfsarbeiter und Erdarbeiter, wenn bis Freitag früh 7 Uhr die bei der Firma Baer u. Sohn streikenden Arbeiter die Arbeit nicht wieder aufgenommen haben. Es wird uns berichtet, daß die Streikenden nicht daran denken, dieser Drohung nachzu- geben. Auch die Möbelfabrikantcn von Würzburg haben die Aus- sperrung ihrer Arbeiter beschlossen, weil dieselben sich erdreistet haben, Forderungen zu stellen. Von den 42 Mitgliedern des Ar- beitgeberschutzverbandes haben sich allerdings nur 9 Arbeitgeber mit 114 Arbeitern beteiligt. Weitere 39 Arbeiter haben die Arbeit eingestellt, so daß sich gegenwärtig 144 Arbeiter im Kampfe befinden. Verhandlungen zwischen den Parteien sowie vor dem Einigungsamt Verliesen resultatlos. Zuzug von Tischlern, Ma- schinenarbeitern, Drechslern und Hilfsarbeitern ist fernzuhalten. Ter Kampf der Schreiner und Mafchinenarbeiter in Nürnberg soll nun auch auf Fürth überspringen. Wie die„Mittelstands- zeitung", das Organ der Jnnungsmeister, mitteilt, haben sich die Fürther Unternehmer bereit erklärt, die Nürnberger durch eine Aussperrung zu unterstützen. Derartige Ankündigungen machen jedoch auf die Streikenden keinen Eindruck. Unter diesen herrscht ein vorzüglicher Geist, sie bewahren eine entschiedene, selbstbewußte Haltung, Streikbrecher sind fast gar nicht zu verzeichnen. Um den Kampf zu erleichtern, reisten am Montag früh 399 Ledige ab. Sie marschierten vom Streiklokal aus im geschlossenen Zuge und unter Vorantritt einer Musikkapelle über den Ring, am Hause der„Fränkischen Tagespost" vorbei, zum Bahnhof, die übrigen 799 Streikenden gaben ihnen ebenfalls im geschlossenen Zuge das Ge- leite. Der Zug war polizeilich genehmigt. Ein zweiter Trupp wird in den nächsten Tagen abreisen. Aufgehobenes Urteil, Der Redakteur der„Metallarbcitcr-Zeitung", Genosse Scharm, war vom Schöffengericht von S a ä l f e l d(Thür.) vorigen Herbst zu 159 M. Geldstrafe verurteilt worden, weil er den �Metall- industriellen Auerbach durch eine Besprechung der Zustände in seiner Fabrik beleidigt haben soll. In der Verhandlung stellte sich heraus, daß die aufaxstellten Behauptungen wesentlich richtig waren. Schöfsengcricht und Landgericht verurteilten trotzdem; das Oberlandesgericht Jena hob indessen am Dienstag das Urteil ans und verwies es an die Vorinstanz zurück, da die Wahrnehmung berechtigter Interessen (8 193) nicht berücksichtigt worden sei. Husland. Bergarbeiterauestand in Oesterreich. Die gesamte Belegschaft des westböhmischen Bergbau-Aktien- Vereins im Bezirke W ie n ist in den Ausstand getreten; es handelt sich um 11 374 Mann._ Bon der Massenaussperrung in Schweden. In der verflossenen Woche ist in Stockholm nochmals zwischen den Vertretern des Zentralen ArbeitgeberverbandeS und denen des Landessekretariats der Gewerkschaften sowie den Vertretern der baugewerblichen Verbände verhandelt worden. Der Schlichtungsbeamte Cederborg gab sich alle Mühe, noch zu guterletzt ein Uebereinkommen zwischen den Parteien zustande zu bringen, hatte jedoch keinen Erfolg, da die Arbeitgeber an ihrem Ultimatum festhielten, das für einen großen Teil der Arbeiter- schaft eine Verlängerung der Arbeitszeit bringen soll, sowie Her» absetzung der Akkordlöhne oder andernfalls Beseitigung der Akkordarbeit überhaupt, was— wie die Verhältnisse in Schivcdcn liegen— Lohnhcraisetzung bedeutet. Die Arbeiter sind nicht ge- willt, sich derartige Verschlechterungen ihrer Lebenslage aus- zwingen zu lassen. Eine Einigung scheint gegentvärtig im Bau- gewerbe gänzlich ausgeschlossen zu sein. Nicht besser liegen die Verhältnisse in der Baumaterial» i n d u st r i e, für die am Mittwoch in Malmö Verhandlungen stattfanden. Sie scheiterten hauptsächlich daran, daß die Arbeit» geber nicht einmal auf einen Maximalstundenlohn von 33 Oere eingehen und außerdem einen Tarifvertrag auf nicht weniger als 5 Jahre und 9 Monate abschließen wollten, während die Arbeiter einem dreijährigen zustimmen wollten. Die Arbeitgeber erklärten schließlich, daß die angekündigte Aussperrung am Montag. den 17. Mai, in Kraft treten werde. Diele Aussperrung die also morgen beginnt, wird die Arbeiter der Zementfabriken, der Kreidebrüche, der Ziegeleien, der Kalkbrüche usw. Schweden» treffen. Es handelt sich hier um ungefähr 3399 Mann. Das ist jedoch nur der Anfang von dem großen gewerkschaftlichen Klassen» kämpf, den das schwedische Unternehmertum zu entfesseln im Begriffe steht. Am 21. soll die Aussperrung sämtlicher Schneidereiarbeiter Schwedens erfolgen mit mindestens 3999 Mann und am Tage darauf sollen alle baugewerblichen Arbeiter Süd- und Westschwedens aus der Arbeit geworfen werden. Diese Aussperrung soll dann einige Wochen später auf das ganze Land ausgedehnt werden. Man wird dabei mit über 29 999 Aus- gesperrten zu rechnen haben. Damit sind jedoch die Kriegspläne des Unternehmertum? noch nicht alle aufgezählt. Auch in der Glasindustrie scheint ein großer Kampf unvermeidlich zu sein. Der schwedische Flaschen» industrieverband hat sämtliche in dieser Industrie besiehenden Tarifverträge auf den 1. Juli gekündigt, und von diesem Datum ab sollen die Löhne um 8 bis 12 Proz gekürzt werden. Daß die Arbeiter das nicht ruhig hinnehmen, ist selbstvevständkich. Man muß also auch in dieser Industrie auf einen Kampf gefaßt sein. Letzte JVacbncbten und Depefcben* Vom Feuer zerstört. Bingen, 21. Mal.(B. H.) Vergangene Nacht brach im benach- karten DronerSheim Feuer aus, das mehrere Häuser mit Neben» gcbäudrn vollständig, andere teilweise zerstörte. Ein Familicndrama. Plauen, 21. Mai.(B. H.) Wie hiesige Blätter melden, hat heute nachmittag hier der Bürgerschullehrer JobanneS Höra auf seine Frau und seine Schwiegermutter mehrere Revolverschüsse ab- gegeben. Darauf richtete Höra die Waffe gegen sich selbst. Die Schwiegermutter ist tot, die Frau und Höra selbst sind schwer ver» letzt. Das Motiv ist nervöse Ueberreizung. Verantw.Rebakt.: Carl Wermyth, Beklin-Rixdors..Jnsergte veragts� rh, Glocke, Berlin, Drllck U, Verlag: VorwärtS Buchdr>u>VerlagSgnstatt Paul Singer L: Co� Berlin L W, Hierzu 4 Beilagen«.UnterhaltungSbl. Ar. 117. 26. Iahrgimz. 1. Kilage des Lmiirls" Kerlim KldsdlM SflitttftM, 22. Mai 1909. Hbcieordnetenbaud. 92. Sitzung, Freitag, den 21. Mai 19V9« vormittags 11 Uhr. Am Ministertisch: Dr. Delbrück. Die zweite Beratung der Berggesetznovelle wird fort- gesetzt beim ß 80 kä, welcher bestimmt, daß die Mitglieder des Ar- beiterausschusses in i h r e r M e h r z a h l von den Arbeitern gewählt werden müssen. Auf mindestens je 500 Mann der Belegschaft zur Zeit der Wahl mutz ein Vertreter fallen. Die Mindestzahl der Vertreter beträgt 3. Die Belegschaft über Tage mutz, falls sie regelmäßig mindestens 100 Arbeiter umfatzt, bei der Zusammen- sctzung des Arbeiterausschusses angemessen berücksichtigt ioerden. Ein sozialdemokratischer Antrag will die Worte„in ihrer Mehrzahl" streichen und die Zahlen 500, 3 und 100 durch 200, 5 und 20 ersetzen. Abg. Wolff-Lissa(frs. Vg.) befürwortet einen Antrag, der ebenfalls die Worte„in ihrer Mehrzahl" streichen will. Abg. Korfanty(Pole) befürwortet ebenfalls die Streichung dieser Worte und einen weiteren Antrag, wonach auf je 300 Mann der Belegschaft ein Vertreter entfallen mutz. Abg. Leinert(Soz.): Wenn wir die Streichung der Worte„in ihrer Mehrzahl" be- antragt haben, so wollen wir damit den Einfluß des Unter- nehmers auf die Zusammensetzung des Aus- schusses beschränken. Sie müssen bedenken, daß der Ar- beiterausschutz ja keine Möglichkeit hat, seine Beschlüsse gegenüber dem Arbeitgeber auch zur Durchführung zu bringen. Der Arbeitgeber kann seine Beschlüsse einfach ablehnen, und nun will man ihm noch obendrein es ermöglichen, seinerseits Mitglieder des Arbeiterausschusses zu ernennen, um ihn der unangenehmen Situation zu entheben, Beschlüsse, die ihm nicht passen, aufzuheben. Das bedeutet die völlige Bedeutungslosigkeit des Ausschusses. Die Zahl von 500 Mitgliedern aus jeden Vertreter ist zu groß. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, daß das Mitglied sich über die Wünsche von 500 Mitgliedern informiert. Auch unsere weiteren Anträge sind das allermindeste, was die Arbeiter fordern müssen, um in den Arbeiterausschüssen eine wirksame Vertretung ihrer Interessen zu besitzen. Abg. Schulzr-Pelkum ff.) erklärt die vorliegenden Anträge für seine Freunde als unannehmbar. Abg. Dr. Röchling(natl.) verteidigt den?lbg. Beumer gegen die Angriffe des Abg. Gronowski. Zur Sozialpolitik gehöre ein warmes Herz, aber ein kühler Kopf. Wir lehnen eine Sozial- Politik ab, die nur auf die Kosten der anderen betrieben werden soll. Ich erinnere an das Wort des Grafen Posadowsky, daß nirgends soviel Heuchelei zu finden ist als auf dem Gebiete der Sozialpolitik. Abg. Gronowski(Z.): Ich nehme an, daß der Vorredner das Wort von der Heuchelei nicht auf meine Freunde bezogen hat. Ich habe am Dienstag vor allem gegen die Behauptung protestiert, daß in Deutschland eine sprunghafte Sozialpolitik betrieben werde. Es ist nicht richtig, was Herr Beumer behauptete, daß die Gewerk- schaften den Arbeitgebern das Recht nehmen wollen, Arbeiter ein- zustellen und zu entlassen. Wir wollen lediglich das Recht der Mit- bestimmung über die Arbeitsverhältnisse haben. Das Wesen und den Charakter der christlich-nationalen Arbeiterbewegung hat Herr Beumer noch nicht erkannt. In der Abstimmung werden sämtliche Anträge gegen die Stimmen der Konservativen und Nationalliberalen abgelehnt, der§ 80 kck unverändert angenommen. 8 SO fe bestimmt, daß die Wahl der Mitglieder des Ar- bcitsausschusses für die Belegschaft unter Tage durch die Sicher- heitsmänncr erfolgt, für die Belegschaft über Tage durch die Ar- beitcr. Abg. Wolff-Lissa(frs. Vg.) beantragt, datz die Wahl durch die Sicherheitsmänner unmittelbar und geheim erfolgt. Handelsminister Dr. Delbrück: Diese Bestimmung stand schon in der Regierungsvorlage, und in der Kommission hat sich niemand dagegen gewandt. Der Antrag bedeutet also nur eine redaktionelle Verbesserung. Ein sozialdemokra.tischer Antrag wünscht, datz die Wahl der Arbeiterausschutzmitglieder allgemein, unmittelbar und geheim durch die Arbeiter in derselben Weise wie die Wahl der Sicherheitsmänner erfolgt. Mit Zustimmung der Arbeiter soll bestimmt werden können, datz die Sicherheitsmanner für die unter- kleines Feuilleton. Die genähte Lunge. Die moderne Chirurgie" macht auch vor den zartesten Körperteilen, die früher als ein Rührmichnichtan für das Messer galten, nicht mehr Halt, und sowohl das Herz wie die Lunge sind in neuester Zeit mehrfach der Gegenstand von Opera lionen gewesen, lieber eine erfolgreiche Lungenoperation, die an einer jungen, einem Messerstecher zum Opfer gefallenen Frau vor- genommen wurde, berichtete Dr. LejarS in der Pariser Gesellschaft für Chirurgie: Die junge Frau war sterbend ins Krankenhaus ein- geliefert worden, aber der Arzt versuchte eine Operation, obgleich er eine hoffnungslos erscheinende Verletzung im mittleren Teil der linken Lunge festgestellt hatte. Er erweiterte die Wunde, um sich des unverletzten Zustande-Z des Herzens zu versichern, und nähte dann die Wundränder zu. Die Heilung erfolgte ohne weitere Zwischenfälle. Theater. Freie Volksbühne(Thalia-Theater):„Hans Hucke- Kein" von Oskar Blumenthal und Gustav Kadelburg. Man merkt dem einst jubelnd belachten und mit goldenen Tantiemen beschwerten Schwank doch sein Dutzend Jahre an, die er nun schon auf dem Buckel hat. Die Münze dieses harmlosen Witzes, dieser Technik einer lediglich stofflichen Situationskomik ist sehr abgegriffen. Wir vermögen uns nicht mehr so recht heimisch zu fühlen in der Atmosphäre des kleinbürgerlichen Spießertums, für dessen ver- kcüppelte Eigenheiten ein leidlich versöhnendes Verständnis zu ver- Mitteln sich lediglich noch die, Fliegenden Blätter" bemühen. Wenn wir aber bedenken, datz die Folgezeit bis in diese Tage hinein auf dem Gebiete deS deutschen Schmauks nichts Besseres gebracht, ja datz sie womöglich eine noch größere Oede um uns her gebreitet hat, dann erscheint uns Hans Huckebein beinah als eine frisch grünende Oase, und wir tummeln uns für ein Weilchen noch gern auf seiner Wiese, um einige Kräutlein des Humor?, die dort wachsen, zu pflücken. Nur freilich mit Vorbehalt. Soll es noch ein hübsches Sträutzlein geben, so müssen wir schon von der Regie eine bis ins kleinste gehende sorgsältige Vorbereitung erwarten. Daran hat sie es leider diesmal vollständig fehlen lassen— trotz des lebhaften, leicht darübe» hinwegtäuschenden Lacherfolges. Wir können uns gut vor- stellen, datz die schauspielerischen Leistungen noch befriedigender hätten ausfallen können, wenn an sie im einzelnen und ganzen höhere künstlerische Ansprüche gestellt worden wären. Das Tempo müßte frischer, beweglicher genommen werden, und wenn verjährte Witze blenden sollen, müssen sie wie Raketen prasselnd steigen. e. k. Musik. In Bonn, dem„Bayreuth der Kammermusik", wie es sich an- maßend zu nennen beliebt, hat in den Tagen vom 16. bis zum 20. Mai wieder ein Kammermusikfest, das neunte seit Bestehen deS Beethovenhauses, stattgefunden und eine Schar ehrlicher Musik- irdisch beschäftigten Arbeiter zugleich als Arbeiterausschutzmit- gliedcr gewählt werden. Abg. Leinert(Soz.): Dieser Paragraph ist durch die Konservativen in der Koni- Mission verschlechtert worden. Die Arbeiterausschüsse sollen danach nicht mehr, wie nach der Regierungsvorlage, durch direkte Wahl der Arbeiter gewählt werden, sondern indirekt durch die Sicherheitsmanner. Dagegen wehren sich nicht nur die sozial- demokratischen Arbeiter, sondern die Arbeiter aller Rich- tungen, wie die dem Hause zugegangenen Petitionen beweisen Wir haben durch unseren Antrag noch einmal den Versuch machen wollen, diese indirekte Wahl aus dem Gesetz herauszubekommen. Wir wollen, datz nur mit Zustimmung der Arbeiter Sicherhcits- männer zugleich als Arbeiterausschutzmitglieder gewählt werden können. Sozialpolitisch ist gerade dieser Paragraph der denk- bar rückständigste und beweist wieder, wie unrichtig die Be° hauptung ist, daß wir in der Sozialpolitik in der Welt voran sind. In Frankreich ist z. B. die allgemeine Grubenkontrolle, wie sie die Arbeiter fordern, eingeführt. Herr Röchling hat wiede� allgemeine Klagen angestimmt über die Lasten der Sozial- Politik. Demgegenüber erinnere ich an die Aeutzerung eines freikonservativen Reichstagsabgeordneten auf dem Verbandstage des Tabakvereins:„Wir wollen uns doch darüber nicht streiten: die sozialpolitischen Lasten, die wir zu tragen haben, werden in die Waren hineinkalkuliert, sie bedeuten absolut keine Belastung der Arbeitgeber, und das Geschrei, das darüber gemacht wird, ist nicht soviel wert, datz man darüber spricht." Sehen Sie, wenn Sie unter sich sind, sprechen Sie ganz anders über die Lasten der Sozialpolitik, aber nach außen stellen Sie es so hin, als wenn die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Industrie leidet unter der angeblich zu hoch ge- spannten Sozialpolitik. Die Sozialpolitik des Deutschen Reiches steht der ausländischen sehr viel nach, besonders in bezug auf die Arbeitszeit. In Frankreich hat man bereits den zehnstündigen Arbeitstag für alle Arbeiter, während man in Deutichland die Ausdehnung der Arbeitszeit für erwachsene Arbeiter bis zu vier- undzwanzig Stunden als Recht der Unternehmer unbedingt be- halten willl(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Der Antrag Wolfs- Lissa wird angenommen; der An- trag Leinert abgelehnt. Z 80 fg bestimmt, datz die Sicherheitsmännnec ihre Steigerabteilungen einmal im Monat zu befahren haben in Begleitung eines Aufsichtsbeamten. Falls die Mehrheit der Sicherheitsmänner oder des Arbeiterausschusses weitere Be- fahrungen aus besonderen Gründen für nottvendig hält, so ist der Sicherheitsmann verpflichtet, sie vorzunehmen, sofern nicht die Werksverwaltung dagegen Einspruch erhebt. In diesem Falle hat die Werksverwaltung unverzüglich einen Bergrevierbeamten von der Sachlage Mitteilung zu machen. Abg. Jmbusch(Z.) begründet einen Antrag des Zentrums, wonach die regelmätzige Befahrung dreimal im Monat zu erfolgen hat und der Einspruch der Werksverwaltung gegen weitere für notwendig gehaltene Befahrungen beseitigt werden soll. Abg. Leinert(Soz.): Wir beantragen, datz die Befahrung der Grube durch den Sicherheitsmann nicht einmal im Monat, sondern einmal in der Woche erfolgt. Auch diese Forderung wird nicht nur von sozialdemokratischen Arbeitern, sondern auch von christlichen Organisationen vertreten. Lebhaste Bedenken haben wir dagegen, datz die Befahrung immer in Begleitung eines Aufsichtsbeamten erfolgen soll, und beantragen daher, daß die Aufsichtsbeamten nur mitgehen auf Erfordern des Sicherheitsmannes. Ich erinnere daran, datz im Hilgerprozetz festgestellt wurde, datz im Saarrevier fast immer in das Fahrbuch von den Sicherheitsmännern, die in Begleitung des Aufsichtöbeamten einfuhren, eingeschrieben wird: „Alles in Ordnung". Weiter beantragen wir, den Beschlutz der Kommission in erster Linie herzustellen, wonach der Arbeiter- ausschutz zu bestimmen hat, ob weitere Besahrun- gen notwendig sind. Erst später behauptete man, datz der Arbeiterausschutz dieses Recht zur Schikane gegen den Arbeitgeber ausnutzen könnte und führte deshalb die Genehmigung der Werks- Verwaltung ein, die nun jede weitere Befahrung unmöglich machen kann. Wir verlangen weiter, datz die Werksverwaltung für jeden Sicherheitsmann ein besonderes Fahrbuch anzulegen hat, in welches der Sicherheitsmann sogleich nach beendeter Befahrung das Ergebnis der Befahrung einzutragen hat. Dabei darf er natürlich nicht beaufsichtigt werden. Der Betriebsführer hat daS Fahrbuch nach jeder Befahrung einzusehen und ist befugt, seine enthusiasten in den geräumigen und doch unendlich intimen Saal der ursprünglich ganz schlichten Holzhalle gelockt, die den Manen Beethovens geweiht fft. Was diese Bonner Kammermusikfeste vor den meisten anderen deutschen Musikjahrmärkten auszeichnet, ist ihr wirklich echt feierlicher Charakter. Der Geist Joachims schwebt hier über dem Ganzen.... Zum erstenmal wirkte daS Joachim- Quartett bei diesem Feste nicht mehr mit; statt dessen hatte man die bedeutendsten deutschen und österreichischen Kammcrmusikvereinigungen, daS Halir- und das Klingler- Quartett aus Berlin, das P e t r i- Quartett auS Dresden und daS R o s s- Ouartetr aus Wien eingeladen, dazu noch einige vortreffliche Solisten gewonnen, wie die Meisterpianisten Edouard Risler, Prof. Julius Klengel, den trefflichen Leipziger Violoncellisten, und Ludwig Hetz, den Münchener Tenoristen. Komponisten und Dirigenten, der mit dem Vortrag des ZykluS von der„Schönen Müllerin" seine innige Vertrautheit mit dem Stile Schuberts zeigte. Der Preis unter den Ouartettvereinigungen gebührt dem jungmutigen und jungfeurigen Klingler- Quartett aus Berlin. Niemals noch ist wohl der Genius Brahms' so leuchtend grotz und klassisch unsterblich im Sinne Beerhovenscher Ewigkeit erschienen wie an diesem wunder- vollen zweiten Abend, da das Klingler- Quartett Brahma lichtvoll durchgearbeitetes A-rnoll-Duartctt(op. 51, Nr. 2) spielte. Professor Halir war diesmal wenig gut disponiert, als er mit seinem Quartett am ersten Tage Beethovens Harfenquartett aufführte. Auch das Dresdener Petri-Ouartett kann sich mit dem Klinglerschen an Aus- geglichenheit des EnsemblespielS und an Leichtigkeit des Nach- erlebenS nicht messen. Dagegen erwies Risler seine Herzensgemeinschaft mit Beethovens Klaviersonaten am ersten Abend überzeugend, als er die ungeheuren Schwierigkeiten der Großen Hammerklavicrsonate, op. 106, mit jener Leichtigkeit überwand, wie sie nur durch jahrelanges ver- tieftes Studium erworben wird. Doch auch den Brahms-Stil be- herrscht Risler glänzend. Er spielte mit dem ausgezeichneten Cellisten Klengel die Cellosonate op. V9 mit echt kammermusikalischer Diskretion. Ein echter Wienerischer Schubertabend wars zwar nicht, den uns das Petri-Ouartett im dritten Konzert bescherte, aber willige Versenkung in die holde Gemütskindlichkeit des Liedermeisters sprach doch aus der Interpretation des Wunderbollen Andantesatzes aus dein v'woU-Ouartett, wo Schubert über sein Lied„Der Tod und das Mädchen" so unendlich zarte Variationen erfand. Es ist schade, datz nicht daS Ross-Quartetl diesen Schubenabend übernommen hatte, das Quartett, das gerade auf den Kammerstil Schuberts eingespielt ist wie kaum eine zweite unter den heutigen Ouartettvereinigungen. Doch auch mit dem Geiste Beethovens ist dieses Rosö-Ouartett natürlich wohl vertraut, wie es am vierten, wiederum einem reinen Beet Hovenabend, klar bewies. Zumal die wundervolle Verklärtheit des Adagios im Trio op. 0, Nr. 3 und ganz besonders des„Dankgesanges. eines Genesenden" in dem herrlichen Quartett A-moU, op. 132, kam geläutert und zart zu seelenvollstem Ausdruck. Einen schöngewählten Ausklang des Festes, gewissermaßen einen Ausblick auf die Epoche der Romantik, bildete die Matinee am Himmelfahrtstage. Trotzdem. Bemerkungen zu den Eintragungen des Sicherheits- manne» zu machen. In der Kommission hat man sogar ge- sagt, der Sicherheits mann mühte beaufsichtigt werden bei der Eintragung, damit er nicht Unsinn einträgt.(Hört! hörtl) Nachdem Sie so scharfe Bestimmungen für die Auswahl der Sicherheitsmänner getroffen haben, ist es geradezu eine Beleidigung für die Arbeiter, wenn eine' solche Vermutung ausgesprochen wird.(Seht richtigl)) Die von uns beantragten Bestimmungen sind übrigens in Frank- reich durchgeführt, wie auch die Weiler von uns gewünschte Be- stimmung, daß die Fahrbücher in einem der Belegschaft jederzeit zugänglichen Rmmr zur Einsicht für die Belegschaft und die Berg- revierbeamten aufzulegen sind. Schließlich wollen wir zur Hebung der Sicherheit in den Gruben auch dadurch beigetragen wissen, datz Eintragungen in das Fahrbuch, in denen die Besorgnis einer Ge- fahr ausgesprochen wird, unverzüglich zur Kenntnis der Bergrevierbeamten gebracht werden müssen. Unter Ablehnung aller Anträge wird der§ 80kg unverändert angenommen.> Eine Reihe weiterer Paragraphen werden debattelos an- genommen. § 80kl bestimmt, daß beim Ausscheiden eines Sicherheitsmannes während seiner Wahlperiode der Werksbesitzer die Vornahme einer Neuwahl veranlassen kann und dies tun mutz, wenn das Ober- bergamt es anordnet. Abg. Leinert(Soz.) befürwortet einen Antrag, wonach der Werksbesitzer die Neuwahl veranlassen mutz, wenn der Ar- beiterausschutz oder die Mehrheit der Belegschaft der in Frage kommenden Steiger- bezw. Fahrabteilung sie verlangt oder das Oberbergamt die Neuwahl anordnet. Der Antrag wird abgelehnt. § SOfn bestimmt, datz. wenn die Wahl nach Steigerabteilungen unzweckmäßig erscheint, das Oberbergamt genehmigen kann, datz die Wahl nach Fahrabteilungen erfolgen kann. Zu diesem Zweck hat der Werksbefitzer das Recht, das Bergwerk in Fahrabteilungen einzuteilen.> Abg. Leinert(Soz.) bittet um Annahme emes Antrages, wo- nach zur Vornahme der Wahl nach Fahrabteilungen und der Ein- teilung eines Bergwerks in Fahrabteilungen die Zustimmung des Arbeiterausschusses notwendig ist. Auch dieser Antrag wird abgelehnt. 8 80fo bestimmt, in welchen Fällen dem Sicherheitsmanü während seiner Wahlperiode das Arbeitsverhältnis durch den Werksbesitzer gekündigt werden kann. 1. wenn er seinen Verpflich- tungen als Sicherheitsmann nicht nachkommt; 2. wenn sonst Tatsachen vorliegen, die ihn als nicht geeignet zur Fortsetzung seiner Tätigkeit als Sicherheitsmann erscheinen lassen; 3. wenn er seine Tätigkeit als Sicherheitsmann zu Zwecken mißbraucht, die mit seinem Amte als Sicherheitsmann nicht im Zusammenhang stehen; 4. wenn wichtige Gründe anderer Art vorliegen, die mit der Aus- Übung seines Amtes als Sicherheitsmann nicht zusammenhängen. Die Abgeordneten Grunenberg(Z.). und Korfanty(Pole)� befürworten die Streichung der Ziffer 4. Abg. Leinert(Soz.): Wir halten auch die Ziffer 3 für sehr kautschukartig und be- antragen daher, hinter„Sicherheitsmann" einzufügen:„während der Ausübung seines Dienstes in der Grube". Die Ziffer 4 ist durch die Rechte in der Kommission in diesen Paragraphen ein- gefügt. Ja man behauptet, diese Bestimmung bedeute für den Sicherheitsmann eine Sicherung seiner Rechte. In der Tat können auf Grund dieser Ziffer 4 alle überhaupt nur denkbaren Gründe bei der Entlassung vorgeschoben werden. Wenn der Arbeitgeber den Sicherheitsmann in einer sozialdemokratischen Ver-1 s a m m l u n g hat reden hören, so ist das für den Arbeitgeber ein„wichtige t" Grund. Etwas anderes wäre es. wenn nicht der Werksbesitzer selb st darüber zu bestimmen hätte,>v a s ein wichtiger Grund ist. Die Gründe im§ 82 zur Entlassung jedes Arbeiters genügen auch bollkommen gegenüber den Ver- trauensleuten der Arbeiter.(Sehr richtigl) Die Ziffer 4 bedeutet eine ganz wesentliche Verschlechterung, einen Kautschukparagraphen schlimmster Art, der in einem Gesetz nichts zu suchen hat, da» zur Sicherung von Leben und Gesundheit der Arbeiter dienen soll. Nach dem letzten Absatz dieses Paragraphen ist weiter der Revicrbeamte nur auf Antrag eines Beteiligten ver- pflichtet, die Gründe des Ausscheidens eines Sicherheitsmannes zu untersuchen und zu Protokoll zu nehmen. Wir verlangen, datz er diese Pflicht unter allen Umständen hat und wollen der übermütig lachende Sonnenschein viel eher zu einer Rheinfahrt als zu einem' ernsten Feste im warmen Holzsaale einlud. war die Halle an diesem Vormiitag am allervollsten. Die„Uraufführung" eines Bruchstücks aus einem un- gedruckten Beethovenschen Quintett für Oboe, drei Hörner und Fagott mag an diesem Andrang die Schuld tragen. Das Adagio des von dem fleißigen Beethoven-Forscher Dr. Er. Prieger ergänzten und bearbeiteten Werkes trägt zwar einige unverkennbare Beethovensche Züge; im ganzen handelt eS sich wohl aber doch nur um eine Gelegenheitskomposition mittlerer Bedeutung... Mit einem so- genannten fröhlichen Militärkonzert(l) soll daS so gemessen der- laufene Fest an, HinrmelfahrtStage noch einen etwas allzu rheinischen Abschluß erhalten haben! Der Normaldeutsche kann eben auch bei solchen Gelegenheiten seine Hurraseele nicht völlig verleugnen! dk. Humor und Satire. Der kostbare Hut.„Ede, Dein Hut wird immer jediejener i Den kannste nächstens for ville Jeld an'n Museum ver- koofenl" „Mensch, sei man stille, sonst kommt mir Shdow mit die Wert- zuwachssteuer uff'n Kopp 1" (»Der wahre Jacob.") Neues von Serenissimus. Serenissimus wird krank. Der OberhofleibmcdikuS kann nichts finden, brummt ein paar lateinische Worte und meint schließlich, es sei wohl so'was ähnliches wie die Malaria. Als er>oeg ist, läßt Serenissimus den Kindermann im Konver- sationSlexikon nachsehen, was das ist, die Malaria, die er hat, und ob sie lebensgefährlich ist. Und da finden sie: Malaria---- Faul« fieber.(»Nene Glühlichter".) (Unverfroren.) Dienstmädchen(als die Madame am Ersten" das zerbrochene Geschirr berechnet):„Nach Ihrer Rechnung kriegte ich diesen Monat also nur noch zwei Mark heraus?!"— Madame:„Allerdings l... Zerschlagen Sie die alte Salatschlüssel noch— d a n n st i m m t' S g e r a d e l"(»Fliegende Blätter".) Notize«» — Wilhelm Engelmann. Professor der Physiologie an der Berliner Universität und seit 13S7 Nachfolger DuboiS-ReymondS, ist— nicht ganz 66 Jahre alt— gestorben. Er hat speziell Nerven-, Herz- und Muskelforschungen sowie dem Studium der Lebens- äutzerungen der Infusorien obgelegen. — George Merediths Asche sollte im Pantheon der Westminster-Abtei beigesetzt werden, der Dechant der Kirche aber verweigerte den Resten des Dichers die Aufnahme. So wird die Asche denn aus dein Docking-Friedhof ihre Stätte finden.— Pfaff bleibt Pfaff, ob er in Rutzland, in Deutschland oder in England das Licht verdunkelt. föeUet folgendes bestimmen?„Wendel sich der Sicherheitsmann oder die Mehrheit der Belegschaft der in Frage kommenden Steiger- bezw. Fahrabteilung beschwerdeführend an das Oberberg- amt, und erachtet dieses die Entlassung für ungerechtfertigt, so hat es die Wiedereinstellung des Sicherheitsmannes zu verfügen. Die Wiederanstellung ist gleichfalls zu verfügen, wenn durch Urteil des Berggewcrbegerichts die Entlassung eines Sicherheitsmannes für ungerechtfertigt erklärt wird." Nur dadurch kann ver- hindert werden, daß die Sicherheitsmänner auf die schwarze Liste kommen.(Sehr richtigl bei den Soziab demokraten.) Abg. Flesch(frs. Vp.) verweist darauf, daß die Bestimmung darüber, was ein wichtiger Grund ist, nicht der Bergwerksbesitzer, sondern schließlich das Gericht trifft. Freilich sei zuzugeben, daß das Mißtrauen der Bergarbeiter gegen die Bergherren sich auch auf die Gerichte erstreckt, da die Vorsitzenden der Berggerichte nach Ansicht der Arbeiter vielfach mit den Bergherren zu nahe liiert wäre». In der Abstimmung werden alle Anträge abgelehnt, Z 8<)kc unverändert angenommen. Nach debatteloser Annahme einer Reihe weiterer Paragraphen begründet Abg. Flesch(frs. Vp.) die Einfügung eines neuen Parw graphen, wonach den Werksbesitzern untersagt sein soll, die An- Wendung der soeben beschlossenen Bestimmungen zum Nachteil der Arbeiter durch Verträge(mittelst Reglement, Arbeitsordnung oder besonderer Uebereinkunft) auszuschließen, oder die Arbeiter in der Uebernahme oder Ausübung eines in Gemäßheit dieser Bestimmungen ihnen übertragenen Ehrenamtes zu beschränken. Bei Verstößen gegen diese Bestimmungen sollen die Werksbesitzer oder deren Angestellte mit Geldstrafen bis zu 300 M. oder mit Haft bestraft werden. Eine entsprechende Bestimmung finde sich auch im Jnvalidenversicherungsgesetz. Nachdem sich die Abgeordneten Gocbel(Z.) und Korfanth (Pole) mit dem Antrage einverstanden erklärt haben, schließt die Debatte. Der Antrag wird gegen die Stimmen der Konservativen und Nationallibcralcn abgelehnt. Z SVa bestimmt, daß die technischen Angestellten im Falle der Krankheit ihren Anspruch auf Gehalt und Unterhalt auf die Dauer von 6 Wochen behalten, daß der Angestellte sich aber den Betrag anrechnen lassen muß, den er für diese Zeit auf Grund der gesetz- lichen Krankenversicherung zu beanspruchen hat. Abg. Brust(Z.) tritt dafür ein, daß in solchen Fällen nur die Hälfte des gesetzlichen Krankengeldes anzurechnen ist. Abg. Leinert(Soz.): W i r beantragen, die Anrechnung des gesetz- lichen Krankengeldes ganz zu beseitigen. ES be- deutet diese Bestimmung eine Benachteiligung gerade der schlechter entlohnten technischen Angestellten, denn die technischen Angestellten mit 2000 M. Gehalt und darüber sind nicht zur Krankenversicherung verpflichtet, ihnen kann also auch der Betrag einer eventuell frei- willigen Krankenversicherung nicht abgezogen werden.� Das ist vor einiger Zeit auch von einem Gericht in Bochum festgestellt worden, das die Anrechnung des Krankengeldes bei einem Steiger, der über 2000 M. Gehalt hatte, für unstatthaft erklärt hat. Unter Ablehnung beider Anträge wird der Z 90a unverändert angenommen. § 207b sieht die Strafen für Zuwiderhandlungen gegen be- stimmte Paragraphen des Gesetzes vor. Abg. Leinert(Soz.): Wir beantragen, daß über diesen Paragraphen hinaus die Bestrafung des Unternehmers auch dann eintritt, wenn er dem Steiger nicht die vorgeschriebene Entschädigung bezahlt, wenn er den Arbeiterausschuß nicht beruft, trotzdem ein Drittel der Mit- glieder es verlangt, und wenn an den Beschlüssen des Arbeiter- ausschusseS über die Sicherheit der Grube nicht auch die Sicher- heitsmänner teilnehmen. Endlich muß der Unternehmer auch dann bestraft werden, wenn er einen Sicherheitsmann ohne zwingenden Grund entläßt..„« v Abg. Brust(Z.): Wir können dem Herrn Borredner nur insoweit zustimmen, als wir die Bestrafung des Unternehmers auch dann für geboten halten, wenn er den Arbeiteraus, chuß den Bestimmungen des Gesetzes entgegen nicht beruft. Die sozialdemokratischen Anträge werden hierauf ab- Gelehnt. � r Nach debatteloser Annahme einiger weiterer Paragraphen ,st die zweite Beratung der Berggesetznovelle erledigt. Ein Antrag Gyßling(frs. Vp.) und Gen., die Regierung zu ersuchen, baldmöglichst eine gesetzliche Neuordnung des Privatschulwesens. eventuell des privaten höheren Mädchenschulwesens, herbeizuführen, wird nach kurzer Debatte an die U n te r r i ch t s k o m m i s s i o n überwiesen. Hierauf vertagt sich das HauS. ,„. Nächste Sitzung: Sonnabend 12 Uhr.(Zweite Lesung der Stempel st eueroorlage.)� Schluß 4'ch Uhr._ parlamcntarifcbeö* Die direkten Steuern in der Finanzkommission. Nach der langen, heftigen Debatte vom Mittwoch war die Kampfeslust einigermaßen geschwunden. Zunächst sollte das Besitzsteuerkompromiß beraten werden, das von den Einzelstaaten die Aufbringung von 100 Millionen für Rechnung des Reiches verlangt. Diese 100 Mil- lioncn sollten in Form von Zuschlägen zu den einzelstaatlichen Einkommens, und Vermögenssteuern erhoben werden. Die De- batte wurde eröffnet, es meldete sich niemand zum Wort. Sang- und klanglos wurde das Besitzsteuerkompromiß durch einstimmige Ablehnung beseitigt.„„,_ Es folgte die Beratung des konservativen Antrages. Der erste Teil, die. Besteuerung der Wertpapiere, wurde ohne Debatte mit 17 Stimmen angenommen. Die Sozial- demokraten(David, Geyer und Stücklen) enthielten sich der Ab- ftimmung, weil die Tragweite dieser Steuer— mangels jeder Unterlagen— absolut noch nicht zu ubersehen ist. Di« Jreikonservativen hatten vorher versucht, eme Bestim- mung von großer Tragweite möglichst unauffällig üi das Gesetz einzuschmuggeln. Sie hatten nämlich den Antrag gestellt, das Reich möge dafür sorgen, daß in den Einzelstaaten und den Gemeinden die Besteuerung der Altiengesellschaften eintjciUich geregelt werde. DaS hatte nicht nur eine Beeinträchtigung der Finanzhoheit der Einzelstaaten bedeutet, sondern auch einen Vorzug speziell sür die Aktiengesellschaften. Abg. David machte den Vorschlag, das Wort „Aktiengesellschaften" zu streichen, damit komme man dann zu einer Regelung des' Steuerwirrwars.— Schließlich wurde der Antrag zurückgezogen.„ Bei der Abstimmung über den Antrag auf Einfuhrung der Reichsumsatzsteuer für Grundstücke wurde der von den Konser- vativcn vorgeschlagene Satz von Vi Proz. ersetzt durch den Antrag Böhme(Wirtschaftliche Vereinigung). Nach diesem Antrage bleiben von der Umsatzsteuer befreit: Grundstücke im Werte von 20 000 M. Von dieser Grenze ab steigt die Steuer staffelweise von ein Zehntel Prozent bei 40 000 M. auf 1 Proz. bei 3Ü0 000 M. und darüber. Der Antrag wurde nur als Provisorium betrachtet, das in einer weiteren Lesung geändert werden soll.— Vorher hatte Abg. Dr. Hieber(natl.) darauf hingewiesen, daß diese Umsatzsteuer die kleinen Landwirte weit härter treffe alö die Erbanfallsteuer, eine Behauptung, der Abg. Herold(Z.) mit mehr Eifer als Geschick entgegentrat. Ter Z 4 des konservativen Antrages sieht die Wertzuwachssteuer vor, die nicht nur Verkäufe, sondern auch Tauschvcrträge treffen soll. Tieft Siim setzt M mit eikiem Sftue.rsqtze vzg 10 Proz. bei einer Wertsteigerung bis einschließlich 10 Proz. Bei je 10 Pro- zent weiterer Wertsteigerung steigt die Steuer um 1 Proz.; sie er- reicht bei einer Wertsteigerunp von ISO Proz. 25 Proz. Diese Sätze werden erhoben, wenn seit dem letzten Verkauf des Grund- stückes nicht mehr als fünf Jahre verflossen sind. Beträgt dieser Zeitraum 10 Jahre, so werden neun Zehntel, beträgt er 25 Jahre, so werden nur fünf Zehntel der vorgeschlagene!' Sätze erhoben. Die Steuer wird nicht erhoben bei Zwangsversteigerungen, wenn der Käufer das Grundstück steigern mußte, um sich vor Schaden zu be- wahren; bei Zusammenlegungen, bei freiwilligem Austausch von Grundstücken, wenn nicht mehr als 500 M. bar herausbezahlt wer- den; bei schenkweisen Veräußerungen zwischen Verwandten auf- und absteigender Linie; bei der Teilung zwischen Miteigentümern. Wie leichtfertig der ganze Antrag ausgearbeitet ist, ergibt sich daraus, daß man beim Abschreiben des Kölner Ortsstatutes auch die Vorschriften des preußischen Kommunalabgabengesetzes mit auf das Reichsgesetz auwenden wollte. Sogar das Verwaltungs- streitverfahren haben die Westarp und RoesidL stehen lassen, obwohl das Reich eine solche Instanz gar nicht kennt! ß 14 bestimmt, daß für den gebundenen Besitz(Fideikommisie) alle 25 Jahre I Proz. des zu dem betreffenden Termine� ermittelten gemeinen Wertes zu entrichten ist. Abgeordneter Erzberger: Gilt für die Berechnung des Wcrtzuwachfes das Jahr 1884, so ist diese Steuer erstmalig 1909 zu entrichten. Sie würde bei 1 Proz. 500 Millionen Mark betragen. Unter stürmischer Heiterkeit wurde festgestellt, daß damit die Reichsfinanzresorm sofort zur allgemeinen Zu- friedenheit gelöst ist. Die Konservativen sahen natürlich sofort ein, daß sie sich einen schlimmen Streich gespielt hatten, und sofort setzten auch die Ab- änderungsanträg« ein. Schatzsekretär Sydow und Abg. Dr. David wiesen darauf hin, daß man auf diese Weise zu einer Reichs Vermögenssteuer kommt. David betonte noch, daß man vom ge bundcnen Besitz ruhig zunächst einmal 500 Millionen Mark ein- ziehen und ihn dann mit einer dauernden Abgabe belasten kann. Unter allen Umständen muß aber auch der Besitz des Landesherrn zu der Steuer herangezogen werden. Abg. Paaschs findet den Gedanken, dem gebundenen Besitz eine einmalige Abgabe von 1 Proz. des Wertes aufzuerlegen, für sehr erwägenswert, dann muß aber auch der Besitz der toten Hand in der gleichen Weise belastet werden.— Das Zentrum ließ durch den Abgeordneten Erzberger sofort er- klären, daß man auf der gegebenen Anregung nicht mehr beharre.— Abg. v. Gamp wünscht: Frei- lassung der Landesherren, dagegen sollen die Seitenlinien zu der Steuer herangezogen werden. Schließlich findet der Antrag Annahme, in der Erwartung natürlich, daß bis zur nächsten Lesung ein Ausweg sich bietet.— 8 15 räumt den Bundesstaaten und den Gemeinden das Recht ein, zu der Umsatzsteuer des Reiches noch Zuschläge von 2 Proz. zu erheben. Bei 8 des Antrages entspinnt sich eine lange Debatte, in der die BundeSratsbevollmächtigten Leydhecker für Elsaß-Loth- ringen, von Burkhard für Bayern und von S ch e r e r für Baden schwere Bedenken gegen diesen Paragraphen äußern. Der bayerische Bundesratsbevollmächtigte stimmte darin mit dein badischen überein, daß der§ 16 eine förmliche Umwälzung der Steuergesetzgebung in den Gemeinden mit sich brächte und warnt vor solchen Eingriffen in die Steuergesetzgebung der Einzel- staaten. Das Zentrum erklärte: 8 15 erschwere die Annahme des ganzen Gesetzes. Nach weiterer Debatte werden dann alle Anträge zu Z 15 und dieser selbst von den Antragstellern zurückgezogen. Auch über 8 10, der den Gemeinden 20 Proz. des Ertrages der Wertzuwachssteuer zuweist, entspann sich eine längere Debatte, die wiederum darlegt, wie wenig sorgfältig der Antrag aus- gearbeitet worden ist. Schließlich stellte Abg. Herold den Antrag, tatt 20 Proz. 3 Proz. zu setzen. Das genügt sür die Erhebung der Wertzuwachssteuer. Aber dieser Antrag wird abgelehnt.§ 10 wird dann angenommen. Ohne Debatte wird 8 17, der Schlußparagraph, angenommen. — Darauf wurde eine Gesamtabstimmung über den Artikel 3 vorgenommen. Dabei gab Genosse Dav i d folgende Erklärung ab: Wir stimmen dem Entwurf unter dem Vorbehalt einer definitiven Stellungnahme zu, in der Voraussetzung, daß die Annahme des Entwurfes nicht präjudizierend ist für das Schick- sal der Erbschaftssteuervorlage. Für den Fall, daß wir vor die Alternative gestellt werden, entweder den konservativen Antrag oder die Erbschaftssteuer, geben wir der Erbschaftssteuer den Vorzug. Die nächste Sitzung findet am Sonnabend, den 22. Mai, morgens 9 Uhr statt. Tagesordnung: 1. Rest der heutigen Tages- ordnung; 2. Schaumweinsteuergesetz: 3. Brausteuergesetz, In einer Geschäftsordnungsdebatte hob Abg. Geyer hervor, daß sich die Parteien ja geeinigt hätten, nicht eher die indirekten Steuern der zweiten Lesung zu unterziehen, bis die Ersatzsteuer- entwürfe der Regierung vorlägen. Aber der Beschluß lautete wie vorstehend. Soziales. Unterliegen Arbcitersckretäre den für Rechtskonsulenten geltenden Vorschriften? Diese wiederholt von uns erörterte und unseres Erachtens zweifellos zu verneinende Frage unterlag am Montag der Prüfung des Kammergerichts. In Schweidnitz hat das Gewerkschaftskartell ein Rechtsschutz- bureau seit dem Jahre 1903, wo für organisierte und unorgani- sierte Arbeiter Auskünfte in ihren Angelegenheiten erteilt und sür sie Schriftstücke an Behörden angefertigt werden. Als Verwalter des Bureaus funktionierte seit dem Jmü 1907 der Genosse Berke. Die Organisierten haben für die Anfertigung von solchen Schriftstücken nichts zu entrichten. Nichtmitglieder dagegen 2b bis 50 Pf. Ueber die Höhe der Gebühren befindet der Verwalter selbständig. Sie fließen ohne Abzug in die Kasse des Gewerkschaftskartells und der Verwalter hatte vierteljährlich darüber Rechnung zu legen. Für seine ganze Mühewaltung(Auskunftorteilung und Anfertigung, von Schriftsätzen) erhielt Berte aus der Kasse des Gewerkschaftskartells eine vierteljährliche Entschädigung von 10 Mt. Im August 1908 hatte Berk« sür einen nichtorgamsierten Mann eine Anzeige an- gefertigt und diese an die Behörde abgesandt. Auf Verlangen er- hielt er 30 Pf. für die Kartelllasse. Dieser Vorfall wurde zum An- laß eines Strafverfahrens gegen Berke, weil er die Vorschriften der Gewerbeordnung über die sogenannten Rechtskonsulenten nicht beachtet habe. Das Landgericht Schweidnitz verurteilte ihn auch zu der niedrigsten Geldstrafe von 1 M. ES nahm erstens eine Ueber- tretung der Borschrift des 8 35 an, wonach der Behörde davon An- zeige zu machen ist, wenn jemand die gewrrbsmähige Besorgung fremder NechtSangelegenheitcn und bei Behörden wahrzunehmender Geschäfte beginnt, insbesondere die Abfassung der darauf bezüglichen Schriftstücke.(Dasselbe trifft zu auf die gewerbsmäßige Auskunstertei- lung über Vermögcnsverhältnisse oder persönliche Angelegenheiten.) Zweitens wurde ihm zur Last gelegt die Nichtbeachtung der Mi- uisterialvorschriften vom 28. November 1901, die auf Grund des 8 38 der Gewerbeordnung für derartige Gewerbetreibende Hinsicht- lich der Buchführung, Kenntlichmachung ihrer Schriftsätze usw. er- lassen worden sind. Diese Vorsch-risten sollten in dem erwähnten Einzelfalle nicht beachtet worden sein.— Das Urteil sieht eine gc- wcrbsmähige Tätigkeit des Angeklagten im Sinne der angezogenen Vorschriften nur»n dem entgeltlichen Anfertigen der Schriftsätze für Nichtmitglieder. die an Behörden gerichtet find. Dazu wird im Urteil ausgeführt:„Würde er von den NichtMitgliedern auch nicht direkt bezahlt, so geschah es doch indirekt durch die Kasse des Kartells als die Mittelsperson aus diesen Zahlungen. Die Tätig- kcit des Angeklagten für die Nichtmitglieder und deren Schrift- stücke an die Behörden war eine fortgesetzte, und sein Wille war auf Erwerb gerichtet, allerdings nicht unmittelbar auf den Erwerb des Entgelts für die anzufertigenden Schriftstücke, wohl aber mittelbar auf Erwerb von Vermögensborieilen aus dieser seiner Tätigkeit, die er ganz selbständig ausübte." Der Angeklagte legte Revision ein, die Rechtsanwalt Wolfgang Heine vor dem Kammergericht vertrat. Er machte geltend, daß der Begriff der Gewerbsmäßigkeit verkannt sei. Als der 8 35 Abf. 3 der Gewerbeordnung in seiner jetzigen Fassung vom Reichstage be- raten worden sei, namentlich die Worte:„gewerbsmäßige Aus- kunfterteilung", da habe der Abgeordnete Bebel den Antrag gestellt, die drei Worte zu sireichen, weil er befürchtete, daß die Arbeiter- sekretariate und ähnliche Institute davon Schwierigkeiten haben tonnten. Der Staatssekretär Graf v. Posadowsky habe erwiderr, daß Bebel die Begriffe„geschäftsmäßig" und„gewerbsmäßig" nicht genügend unterscheide und habe dann hinzugefügt:„Wenn jemand geschäftsmäßig aus humanitären und sozialpolirifchcn Gründen solche Auskünfte erteilt, fällt er nicht unter die Be- stimmungen der Gewerbeordnung." Daraufhin sei der Antrag Bebel abgelehnt worden, was ohne diese Erklärung nich: geschehen wäre. Entsprechend der Aeußerung des Staatssekretärs habe auch der Justizminister in einer Verordnung an die Oberstaatsanwalie ausgeführt, daß die Angestellten gewerkschaftlicher Vereinigungen, welche gegen festes Gehalt in den Auskunftsstellen dieser Vereini- gungen mit Erteilung von Rat in Rechtsangelegenheiten beschäftigt würden(Arbeitersekretäre), den Vorschriften der§8 35 und 148 der Gewerbeordnung nicht unterlägen. In dem Erlaß sei auch gesagt, daß ein aus sozialpolitischen Gründen und ohne Absicht des Erwerbs stattfindender Betrieb der Auskunftsstelle auch seitens der Unter- »ehmrri« ein gewerbsmäßiger nicht sei und daß, abgesehen davon, ein Gewerbetrieb bei dem Angestellten schon deshalb nicht vorliege, weil dieser nicht selbständig für eigene Rechnung, sondern nur als Beamter der Vereinigung tätig fei.— Der Anwalt kam zu dem «chluß, daß eine gewerbsmäßige Besorgung der fraglichen Singe- legenheitcn im Sinne des§ 35 nicht vorliege. Unerheblich wäre die Annahme einer geringen Schreibgebühr für die Kartellkassc. Es handele sich nur um eine gemeinnützige Unternehmung. Das Kaminergcricht hob das Urteil auf und verwies die Sache an die Vorinstanz zurück, indem es ausführte: Im großen und ganzen könne sich der Senat den Ausführungen der Verteidigung anschließen. Die Gewerbsmäßigkeit wäre ausgeschlossen, wenn eine Vereinigung aus Humanitären Gründen und nicht zum Zwecke des Erwerbs ein solches Bureau habe. Auf Freisprechung könne trotz- deni heute nicht erkannt werden, weil die Feststellungen nicht er- schöpfend seien. Wenn auch der Senat im allgemeinen wisse, wie die Dinge liegen, so müsse die Feststellung, wie es sich hier mit dem Kartell und seiner Auskunftsstelle verhalte, doch dem Landgericht überlassen werden. Vor allem müsse geprüft werden, ob das Kartell gewerbsmäßig die Auskunft betrieben habe. In einem solchen Falle wäre zwar Angeklagter nicht anzeigepflichttg, würde aber nach 8 16l der Geiverbeordnung für die Befolgung der Mi- nisterialvorschriften vom 28. November 1901 haften, da das Polizei- liche Vorschriften seien. Das Landgericht müsse sich somit nochuial mit der Sache befassen._ Lage der Lagerhalter in den Konsumvereinen. Der kürzlich in Frankfurt a. M. tagenden Generalversamm- lung des Zcntralverbaudes der Lagerhalter und Lagerhalterinnen Deutschlands unterbreitete der Vorstand des Verbandes eine Statistik über die Lohn- und Arbeitsverhältnisse der Mitglieder im Jahre 1903. Von 481 ausgegebenen Fragebogen gingen 40? ein. Mit diesen wird über ebensoviele Vereine mit 2011 beschäftigten Personen berichtet. Davon sind 1705 Männer und 240 Farnen. Organisiert sind insgesamt 1700 Personen oder 87,51 Proz. Da- von jSnd 1662 Lagerhalter und 98 Lagerhalterinnen. Die Arbeitszeit in verschiedenen Betrieben ist oft eine ungewöhnlich lange. Von 1941 Betrieben haben 47 Angestellte eine Arbeitszeit von unter 60 Stunden, 630 eine solche von 61— 70 Stunden, 1059 eine solche von 71— 80 Stunden, 194 eine solche von 81— 90 und 5 sogar eine Arbeitszeit von 91—96 Stunden. Die Gehaltsverhältnisse gestalteten sich folgendermaßen: unter 30 M. Monatsgehalt hatten 109 Angestellt« 81—90„„ ,66„ 91-100„,„ 187 101—100„„, 318 121-120„„ 205 131—140„,, 189, 141-150„,•„ 165, über 150„, 507 Größtenteils werden die Gehälter von unter 80 M. von Frauen bezogen. Trotzdem sind auch Fälle angeführt, wo Lager- Halter mit 69 und gar 67 M. Monatsgehalt angestellt sind bei 300 und 600 M. Kaution ohne freie Wohnung und sonstige Vergünsti- gungen. Von 1902 Angestellten sind 81 von der Stellung einer a u t i o n befreit, während von den übrigen 1821 Angestellten die Summe von 1 224 790 M. aufgebracht wird. Die Höhe dcv Kaution bewegt sich zwischen 200—3000 M. Wenn man die oben angeführten Gehälter in Betracht zieht, ergibt sich, daß in vielen Fällen das Gehalt in gar keinem Verhältnis zu den zu hinter- legenden Kautionen steht.' Aus den Feststellungen über die Umsatzhöhe in den einzelnen Geschäften resp. Verkaufsstellen geht hervor, daß an die Arbeits- k r a f t des einzelnen oft sehr große Anforderungen gestellt werden. In vielen Fällen ist der Lagerhalter gezwungen, seine Familie zu ilfe zu nehmen, zum Teil ohne Bezahlung derselben. Nach der tatistik wurde die Mithilfe der Frauen in 497 Fällen festgestellt. Von diesen 497 erhielten 179 eine Bezahlung, 313 wurden nicht bezahlt, 132 erhielten freie Wohnung, 50 bekamen einen Woh- nungSzuschuß, 15 freie Feuerung und 7 freies Licht.— Schulpflichtige Kinder sind 78mal beschäftigt. Am meister kommen die Klagen aber aus den Vereinen, welche die Gcnossenschaftsidee so auffassen, möglichst hohe Dividende herauszuwirtschastcn. Gerade bei diesen Vereinen herrschen in den meisten Fällen die schlechtesten Arbeitsverhältnisse. Dies zeigt eine statistische Gegenüberstellung der Gehälter und Dividenden. Die Lohn- und Arbeitsverhälthisse der Lagerhalter in den Konsumvereinen können demnach keineswegs als befriedigend und mit den Forderungen übereinstimmend bezeichnet werden, die die Arbeiter von jedem anständigen Geschäft mit Fug und Recht ver- langen. Sache der Mitglieder der Konsumvereine ist es, aus Besse- rungen zu dringen. Diese können um so eher erreicht werden, je mehr klassenbewußte Arbeiter den Konsumvereinen beitreten. Mit der wachsenden Zahl der Mitglieder wächst die Leistungsfähigkeit in erster Reihe den Mitgliedern gegenüber, aber auch den Angc- stellten gegenüber. Während eine Reihe Konsumvereine Muster- gültige Anstellungsverhältnisse geschaffen haben, läßt ein erheblicher Teil noch recht viel zu wünschen übrig. So wenig berechtigt es auch ist, wenn die bürgerlichen Parteien den Arbeitern oder der Sozialdemokratie Vorwürfe darüber machen, daß in Konsuinver- einen keine besseren Arbeitsverhältnisse bestehen, als in den bürgcr» lichen ErwerbLgeschäften, so berechtigt ist vom Standpunkt der Sozialdemokratie die Forderung, daß die Arbeiter die Konsumvcr- einsmitglieder zur Anerkennung des Achtstundentages und besserer Lohnbedingungcn veranlassen._ ArbeitsnachweiSsperre. Ein angrncynier Slrbeitgcber scheint der Weizcnbierbrauerei- besitzer Slugust Stadclmaier in Erding zu sein, wie aus fol- gcnder Zuschrift des städtischen SlrbeitsamteS München an den Gewerkschaftsvcrcin München zu ersehen ist. DaS Schriftstück lautet:„Betreffs gemeindliche Arbeitsvermittclung. Dem Weizenbierbrauereibesitzer August Stadelmaier in Erding wurden schon öfters vom Arbeitsamte Freising und München männliche und weibliche SlrbeitSkräfte zugesandt. Nachdem derselbe die zugewiesenen Leute bisher in schikanöser Weise be» handelte und wegen D i e n st b o t e n m i ß h« n d l u n g auch schon gerichtlich abgeurteilt wurde, sah sich daö Städtische Arbeitsamt iffälliger vertraulicher Weift Erhebungen Pflegen zu lassen. Auf Grund der von der Gsndaemerle-Vauplstaiion Erding unletm 28. 3. gepflogenen Re- cherchen wurde seitens des Arbeitsamtes Freising über p. Stadclmaier die Vermittelungssperrc verhängt. Indem wir hiervon Kenntnis geben, billigen wir das Vorgehen des Arbeitsamtes Freising im Interesse und Ansehen der gemeindlichen Arbeitsnachweise." Das Vorgehen der städtischen Arbeitsämter Freising und München(als Hauptarbeitsvermittelungsstelle des Regierungs- bezirkes Oberbayern) ist nur zu begrüßen. Es wäre zu wünschen, daß andere Arbeitsämter in ähnlichen Fällen genau so Versahren würden. Der Unterstützung der Arbeiter dürsten sie sicher sein. Zu wünschen wäre auch, wenn eine solche Maßregel jenen Dienst- Herrschaften gegenüber angewendet würde, die ihre Dienstboten ebenso unmenschlich behandeln, wie der u.V. Stadelmaicr in Erding._ vnternehmerterrorismns gegen Unternehmer. Zurzeit streiken in Hamburg die in den kleineren Betrieben beschäftigten Stellmochergehilfen. Einige Arbeitgeber haben die paar Pfennige Lohnerhöhung bewilligt. Das hat den Zorn der Scharfmacher entflammt. Gegen diese vernünftigen Arbeitgeber wird mit allen Mitteln des Terrors zu Felde gezogen, wird mit Ve rr u fs e r k l ä ru n g und Boykott vorgegangen und ihnen alle Uebel in Aussicht gestellt, die, von Arbeitern begangen, mit Gefängnis geahndet werden. Geradezu ein Musterfall für die Anwendung des§ 153 der G.-O. ist zur Kenntnis des Vorstandes des Holzarbciterverbandes gelangt. Zu den geregelten Betrieben gehört auch die Wagcnsabrik von B., die schon vor dem Streik einige Pfennige mehr bezahlt hat, als der da- mals geltende Tarif stipulierte. Zu diesem in Ha m b u r g wohnenden Arbeitgeber kam in höchsteigener Person der Alto- naer Obermeister und Stadtverordnete Nuppert, um ihm das Verwerfliche seines Tuns vorzuhalten. Dabei blieb er aber nicht, sondern dem»Sünder" wurde auch der Boykott seiner auch nach dem Jnlande gehenden Erzeugnisse angedroht, falls er nicht den Lohn hinabdrücke. B. wies dieses Ansinnen zurück und wartet der Dinge, die da kommen sollen. Die Staatsanwaltschaft von Hamburg wird voraussichtlich nicht solange warten, bis der Boykott einsetzt, sondern den Androher dieses Uebcls aus dem ge» nannten Paragraphen beim Wickel nehmen. Denn alle Vor- aussetzungen für dessen Anwendbarkeit liegen hier vor. Herr Ober- nieistcr und Stadtverordneter Ruppert wird dann ebenso wie unser Berliner Obermeister Schmidt in Erfahrung bringen, daß auch in Hamburg der§ 153 der G.-O. keine Ausnahmebestimmung gegen Arbeiter ist. Der typische Fall von Untenrchmerterror ist der Staatsanwaltschaft zur Strafverfolgung unterbreitet. Hus Induftrie und Handel. Verschlechterung der Lebenshaltung. Nach der Statistik der gewerblichen Schlachtungen ging der Fleischkonsum pro Kopf der Bevölkerung im ersten Vierteljahre um etwas mehr als ein halbes Pfund gegenüber dem näm- lichen Zeitraum des Jahre? 1908 zurück. Der Konsum von Schweinefleisch allein sank um beinahe ein Pfund pro Kopf der Bevölkerung oder um zwei Kilogramm pro Familie. Stellte sich die Gesamtversorgung mit Schweinefleisch im ersten Quartal 1903 auf 353,90 Millionen Kilogramm, so sank sie im ersten Quartal dieses Jahres auf 328,27 Millionen. In der Stadt Berlin fiel der Konsum von 12.05 Kilogramm im ersten Quartal 1903 auf 10,49 im laufenden Jahre; diese Ab- nähme entspricht einer Einschränkung von 0,24 Kilogramm pro vier- köpfige Familie, der Verbrauch blieb sogar hinter der Vergleichszeit 1907 mit 11,29 Kilogramm noch erheblich zurück. Im Königreich Sachsen, in den Rheinlanden, in Westfalen, dann aber auch noch in Hessen-Nassau ging die Abnahme des SchweinefleischlonsumS gleich- falls über den Reichsdurchschnitt hinaus. Aber die Fleischrationen sind nicht nur kleiner, sondern auch teurer geworden. Für das nämlickie Geld erhielt man im ersten Vierteljahre dieses JahreS um zirka 20 Proz. weniger Schweinefleisch alS im Vorjahre. Es ist danach anzunehmen, daß breite Schichten der Bevölkerung, die sich einschränken mußten, zwar die Fleischration nicht verminderten, dasür aber andere Bedürfnisse nicht oder weniger als bisher befriedigen konnten; vor allem ist an geringere Ausgaben für Wohnung, Kleidung und Vergnügungen zu denken. Bankeutätigkcit. Die modernen Großbanken sind bereits so machtig geworden, daß eZ wohl kein nennenswertes Industrieunternehmen auf der ganzen Erde gibt, in dem sie nicht direkt oder indirekt Einfluß aus- üben. Zu den größten der Großen zählt die Deutsche Bank. Welch gewaltige Kapitalien dieses Institut umsetzt, sei a» seinen Be- teiligungen an Gründungen. Anleihen usw. illustriert, die es allein im Monat April dieses Jahres durchführte. Die Deutsche Bank war beteiligt bei der Gründung der Hannoverschen Kolonisa- tionS» und Moorverwertungs-Ges. m. b. H.— Kapital 2 Millionen Mark—. bei der Durchführung der Kapitalserhöhung um 3 Millionen Mark bei der Stettincr Chamöttefabrik Didier, bei der Gründung der Lenz-Getriebe G. m. b.— Kapital 0,6 Millionen Mark—, und bei der Gründung einer russischen BcrkehrSgesellschaft mit 3 Millionen Rubel. Sodann übernahm sie, zum Teil mit anderen Instituten zusammen, 6 Millionen Mark Aktien der Wiirttcmbergischen Bankanstalt ldie Vergütung an das Konsortium beträgt 1,2 Millionen I), ferner 1,5 Mill. Mark Aktien der Adler Portland Zementfabriken, 13 Mill. Dollar General Lien Bonds der St. Louis und San Franziska Reh, 3 Millionen Mark Prioritäten der deutschen Levantelinie, 1,5 Millionen Mark der deutschen Babcock und Witkox Werke, 3 Millionen Pfund Sterling Anleihe der Stadt Buenos Aires und 1.4 Millionen Mark Aktien der Anhaltischen Kohlenwerke. Die Deutsche Bank führte so- dann 3 Millionen Mark Aktien der Hirsch, Kupfer- und Messingwerke an der Berliner Börse ein, legte 3 Millionen Mark Anleihe der Ge- werlschaft Eintracht Tiefbau zur Zeichnung auf, ferner 4 Millionen der Gewerkschaft GlückSbnrg-Sondersbausen. Dazu kommt die Tätigkeit der Zulassungsgesuche zum Börsenhandel, wobei selbstver- ständlich die Bank, die dann das einführende Institut ist, Millionen- gewinne einheimst. Im April erreichte die Deutsche Bank die folgenden Zulassungen: 1,5 Millionen Mark Anleihe der Stadt Elbing, 5 Millionen Obligationen der A.-G. für Anilinfabrikation. 4 Millionen Mark Obligationen der Gewerlschaft Glückauf, 5 Mill. Mark Aklicn des Essener Bankvereins, 3 Millionen Mark Hirsch- altien, 7 Millionen Mark Berginannaktien, Sa Millionen Mark Pfand- briefe der Meiningcr Hypothekenbank und 49 Millionen Mark Pfand- briefe der preußischen Hypothekenbank. Dies ist die Arbeit des Mutterinstitutes. Wie viele Transaktionen im Monat April die offenen und geheimen Tochterinstilute durchgeführt haben, läßt sich nberhailpt nicht feststellen. Selbstverständlich hat die Deutsche Bank im Monat April auch weiteren Einfluß auf andere Gesellschaften gewonnen. Ihre Interessengruppe verfügte in der Gcneralversamm- lung der Donnersmarckhütte über 4'/» Millionen Mark Aktien, ein Direktor trat in de» AufsichtSrat der Gebr. Fahr, A.-G. Pirmasens ein, ein anderer Direktor in den AufsichtSrat der Firma Gebr. Hehl, A.-G. So hatte die Deutsche Bank auf Werte in der Höhe von Hunderten von Millionen Einfluß. Geschäftsergebnisse i« der chemischen Judustne. Seit Januar haben insgesamt 63 chemische Fabriken über das mit dem 31. Dezember zu Ende gegangene Geschäftsjahr berichtet. Diese 63 Aktiengesellschaften repräsentierten zusammen ein Aktien- kapital von 293,40 Millionen Mark. Ihr Reingewinn betrug ab- züglich der Verluste insgesamt 70,41 Millionen Mark gegen 73,42 Millionen im Jahre 1307. Die Abschreibungen stellten sich auf 19,05 Millionen Mark gegen 18,62 Millionen im Vorjahre. Während der Gelvinn einen Rückgang erfahren hat, sind die Abschreibungen gewachsen. Die Dividende war nicht für alle 63 Gesellschaften zu ermitteln; sie läßt sich nur bei 57 Gesellschaften mit einem Aktien- kapital von 286,49 Millionen Ma>k mit der vorjährigen vergleichen. Bei diesen Gesellschaften stellte sie sich insgesamt auf 47,16 Millionen Mark gegen 49,00 Millionen im Vorjahre. ES ergibt sich also eine Durchschnittsdivideirde von 16,5 Proz., während sie für 1907 17,1 Proz. betragen hatte._ Deutscher Außenhandel im April 1309. Nach dem vom Kaiserlichen Statistischen Amte herausgegebenen Aprilheste der Monatlichen Nachweise über den auswärtigen Handel Deutschlands betrug im April d I.: 1. Die Einfuhr 5 008 001 Tonnen, ferner 124382 Stück(112042 Uhren, 11 797 Pferde usw.). 2. Die Ausfuhr 3 786 203 Tonnen, ferner 20 663 Stück(19978 Uhren, 480 Pferde usw.). In den vier Monaten Januar bis April d. I. erreichte die Einfuhr 16 964 898 Tonnen, ferner 461 324 Stück(412 817 Uhren, 47 199 Pferde usw.) gegen 17 927 604 Tonnen und 516 503 Stück (467 724 Uhren, 47 372 Pferde usw.) im Vorjahre. In der gleichen Zeit erreichte die Ausfuhr 14 353 032 Tonnen gegen 14113 376 im Vorjahre, ferner 112 366 gegen 139743 Stück. Vom amerikanische» Zolltarif. Von der Art und Weise, wie der neue Sckmtzzolltarif in den Vereinigten Staaten vorbereitet worden ist, machte Minister James G. Parions, der Sekretär de? freihändlcrischen Komitees, interessante Mitteilungen. Sie bezogen sich in der Hauprsache auf die in dem Entwurf bekanntlicv sehr stark erhöhten Zolliätzo auf Handschuhe und Strümpfe. Diese Sätze sind, wie er ausführte, direkt zugunsten eines großen Handschuhfabrikante» namens Littauer eingeführt worden. Er setzte im einzelnen auseinander: Cannon(das ist der Sprecher de? Kongresses) und Payne ge- währten Herrn Littauer und den mit ihin verbündeten Handschuh- fabrikanten ungeheuer erhöhte Zollsätze auf Frauen- und Kinderhand- schuhe, und zwar als Zeichen ihrer politischen Erkenntlichkeit. Littauer hat Cannon nachdrücklich unterstiitzt in dem Feldzug für seine Wieder- wähl als Sprecher und in seinem Kampf gegen gewisse republi- konische Opponenten. Dafür gibt Cannon Herrn Littauer ein Privileg, das ihm zu seinem großen Reichtum weitere Millionen zu- führt, nicht anS den Taschen des Herrn Cannon, sondern aus denen deS Volkes. Diese Steigerung des Littauerschen Reichtums würde aus den Taschen von Millionen arbeitender Mädchen und trauen stammen, die schon jetzt einen harten Kampf um? wsein führen, infolge der großen Steigerung der Kosten für die Lebenshaltung unter einem monopolistischen Regime. Aber der Fall des Herrn Littauer steht nicht vereinzelt da. Der Tarif ist voll von solchen Geschäftchen und Spitzbübereien. Im übrigen meinen die amerikanischen Tarifreformer, daß gerade der neue Tarif mit seinen unerhörten Sätzen auf die Dauer der Sache des Hochschutzzolles am meisten schaden werde. Bei uns wird die Sackie großzügiger gemacht: da geben die Großgrundbesitzer und Jndustriemonopotisten thre Wunschzettel bei der Regierung ab, und die Sache klappt. Kohlengewiunung in den Vereinigte» Staaten. Ueber die Kohleuproduktion der Vereinigten Staaten veröffentlicht das Departement des Innern in Washington folgende Tabelle: Die Arbeitsleistung ist also kolossal gestiegen, von 496 Tonnen pro Kopf im Jahre 1890 auf 706 Tonnen im Jahre 1907. Das konimt einer Steigerung um mehr als 42 Prozent gleich. Australische Arbeitsverhältnisse. Einem Konsulatsberichte entnehmen wir, daß das glänzende Bild großer Prosperität, welches Australien in den letzten drei Jahren darbot, sichZ im Vorjahre wesentlich verschlechtert hat. Die unerfreuliche Wendung wird auf vier Hauptursachen zurück- geführt: auf die Dürre, die in diesem wasserarmen Lande nicht» Seltenes ist.-die nordamerikanische Krise, den Sturz der Metallpreise und schließlich aus die Verschärfung des Koufliktes zwischen Ar- beitern und Unternehmern. Der Kampf der Arbciterunionen gegen die Unternehmer sei zu einem ständigen Merkmal des wirtschaftlichen Lebens in Australien geworden. Insbesondere das verflossene Jahr habe eine Reihe großer Ausstände aufzuweisen gehabt, die empfind- liche Störungen verursachten. Offenbar ziehen also auch die austra- lischen Unternehmer den größeren Schaden dem kleineren Verzicht auf einen Teil ihres Profits vor. Die Arbeiterpartei wird auch angeklagt, daß sie sich der Einwanderung widersetze. Die unter der maßgebenden Mitwirkung der Labour Party entstandenen und überaus streng ge- handhabten, weil von der letzteren kontrollierten BundeSgesetze er- möglichen es der Regierung, nicht nur jede Einwanderung von Farbigen gänzlich auszuschließen, sondern auch jene von Weißen unter Umständen hintanzuhalten. Außerdem wird jedes Projekt zur Hebung der Einwanderung von der Arbeiterschaft mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln auf das energischste bekämpft. Die Labour Party erklärt, daß— solange auch nur ein Mitglied irgendeiner Union arbeitslos se i— jedem Einwanderer der Zutritt verwehrt werden solle. Bisher ist der Widerstand der Arbeiterpartei in dieser Frage nicht überwunden worden. Hus der frauenbewegung» Weibliche Arbeitskraft in der Industrie. Die bereits durch die Berufszählung ausgewiesene auffällige Zunahme dcw Iveiblichen Arbeitskraft im Erwerbsleben filidct interessante Beleuchtung im letzten Jahresbericht der preußischen Gcwcrbeinspektoren. Der Inspektor für den Regierungsbezirk Arnsberg äußert sich über die i» seinem Bezirk zwar nur„ge- ringe und allmähliche Zunahme der Frauenarbeit" dahin, daß es sich— abgesehen von ganz wenigen vereinzelten Fällen— nicht uni eine„Verdrängung der Männerarbcit", sondern, um die«Ge- Ivinnung von Arbeitskräften" überhaupt handle, wie sie nament- lich zur Zeit wirtschaftlichen Aufschwunges in Erscheinung trete. Ebenso wird aus dem Regierungsbezirk Wiesbaden berichtet, daß zwei Großbetriebe der elektrischen Industrie, die infolge des stärker werdenden Wettbewerbes verschiedene Neuherstellungcn auf- nahmen, für leichtere Arbeiten Frauenkräfie herangezogen hätten. Auch hier ist nicht eine Verdrängung der Männerarbeit, sondern die Einführung von Frauenarbeit zu beobachten. Allerdings wird nebenbei bemerkt, daß—„um mit den bestehenden Fabriken konkurrieren zu können"— die„billigere Frauenkraft" nicht zu entbehren war. Bei den verschiedenen Neugründungen, Z. B. in einer Jutefabrik, einer Zigarrenfabrik, einer Glühlampenfabrik und anderen Neugründungen in kleinen Städten und auf dem platten Lande, wurden zum Teil ausschließlich, zum großen Teil überwiegend weibliche Arbeitskräfte eingestellt. Daß die Heranziehung der weiblichen, billigeren Arbeitskraft vielfach eins �Grundbedingung für die EntwiaelungsmögliA�U" der Industrien fei, und daß der stetige Konkurrenzkampf auf Heranziehung der Frauen und Mädchen in größerem Maße hin- wirke, berichteten die Inspektoren aus verschiedenen Bezirken. So wird aus dem Regierungsbezirk Köln mitgeteilt: „Das in der Konkurrenz begründete Bestreben, die Her- stellungskosten deS Fabrikats so niedrig wie möglich zu gestalten, drängt naturgemäß dazu, bei der Fabrikation neben anderen Maßnahmen besonders auf billige Arbeitskräfte zu sehen. Die im Vergleich zur Entlohnung der Männerarbeit wohlfeilere weibliche Arbeitskraft bietet ein willkommenes Mittel hierzu. Wo dem Unternehmer daher diese zur Verfügung steht, wird er sie in einem Umfange heranzuziehen bestrebt sein, wie eS die Art der Fabrikation und die Rücksicht auf die Marktfähigkeit seines Fabrikats nur irgendwie gestatten." Ermöglicht wurde die vermehrte Einstellung weiblicher Ar- beiiskräfte, zum Teil fast erforderlich, durch„technische, maschinelle Neuerungen", die in einigen Betrieben direkt zu veränderten Fabrikationsmethoden, Arbeitsteilungen und neuen Arbeitsweifen führte. Betont wird, daß in einigen Industriezweigen die ein- getretene ausgedehnte Teilarbeit manche für Frauen besser ge- eignete, einfache Arbeitsvorgänge schuf, wobei die Arbeitskraft des Mannes nicht voll hätte ausgenutzt werden können. So erklärte sich die vermehrte Einstellung weiblicher Arbeits- kräfte besonders in der Metallindustrie, in der optischen Industrie, in Fahrradfabriken, Lampen-, Zelluloid- und Spiclwarenfabriken, ferner in Schraubenfabriken, in Anlagen zur Herstellung haus- wirtschaftlicher Gegenstände aller Art, bei Herstellung phono- graphischer Plattensprechmaschinen und zwecks Bedienung maschinell oder mit der Hand betriebener Stanzen und Pressen. In diesen Betrieben wird das Bohren, Löten, Polieren, Persilbern, Per- nickeln usw., auch das Montieren kleiner Teile vielfach durch Ar- beiterinnen ausgeführt. Man liest da:„Die Industrie ist fort- gesetzt bestrebt, wo es irgend angeht, die Massenherstellung ein- zuführen, eine immer weitergehende Arbeitsteilung auszubilden und in möglichst großem Umfange SpezialMaschinen zu verwenden." Die sich hierdurch ergebenden„mechanischen Zwischen- arbeiten" sollen besondere Geschicklichkeit(I) und eine leichte Hand erfordern(l), keine besonderen Vorkenntnisse benötigen, außerdem von gelernten Arbeitern verweigert und allem Anschein nach auch schlecht gelohnt werden. Auch die Ziegeleien und die Zigarrenindustrie weisen eine vermehrte Einstellung weiblicher Arbeitskräfte auf. In den Ziegeleien, wo von jeher beim Transport und Verladen, an der Presse und an den Trockengerüsten Frauen beschäftigt wurden, ist die vermehrte Einstellung ebenfalls auf maschinelle Neueinrich- tungen zurückzuführen. Einige Gewerbeinspektoren beanstandeten diese Beschäftigung, weil zum Beispiel das viele Beugen und Bücken, das Ausstrecken des Körpers auf hohen Leitern stehend, für den Frauenorganismus, besonders für Schwangere außcrordent- lich schädlich sei. Aber gerade in Ziegeleien sind neben der Zigarrenindustric die bedeutendsten Verschiebungen in bezug auf Zunahme von Frauenarbeit und Abnahme von Männerarbeit zu konstatieren. Wenn diese Verschiebungen in den Ziegeleien auf verbesserte Ein- richtungen zurückgeführt werden, auf die Vereinfachung des Bc- triebes durch produktivere Maschinen, wodurch die männliche Ar- beitskraft entbehrlicher wurde, also der Auffassung der Ver- drängung der Männerarbeit im eigentlichen Sinne nicht ent-' spricht, so können die Verschiebungen in der Zigarrenindustrie und deren Ursachen doch wohl als mit„Verdrängung der Männer- arbeit" identisch angesprochen werden. In der gesamten Zigarren- und Zigarettenfabrikation werden Arbeiterinnen mehr und mehr bevorzugt, weil ihre„Geschicklichkeit und Fingerfertigkeit"(!) sich als besonders nützlich und vorteilhaft erwiesen hat. In dieser Industrie hat tatsächlich die„gleiche Leistung bei viel geringeren Lohnansprüchen" der Frauenarbeit die Männerarbeit verdrängt. Im starken Konkurrenzkampf erhält hier die„billige Frauen- arbeit" die Fabrikanten wettbewerbsfähig, lassen uns die Jnspek- toren wissen und verwechseln damit Ursache und Wirkung. Im Bezirk Reichcnbach m Schlesien zählte die Zigarrenindustrie 1904: 59 Männer, 187 Frauen, 1907: 45 Männer, 211 Frauen, 1908: 67 Männer, 276 Frauen. Eine besonders starke Verschiebung in der Zigarrenindustrie hat der Regierungsbezirk Oppeln aufzu- weisen. ES wurden hier beschäftigt: männliche Arbeiter weibliche Arbeiter 1898... 550 2438 1901... 464 2846 1904... 318 3374 1903... 237 4736 Als äußeren Anlaß des starken Anwachsens weiblicher Arbeits- kräfte in der Zigarren- wie auch in der Ziegelindustrie wird viel- fach der Mangel männlicher Arbeitskräfte angegeben. Die Be- vorzugung weiblicher Arbeitskräfte erklären jedoch einzelne Bc- amte ausdrücklich aus Gründen„größerer Wohlfeilheit, Willig- keit usw., aus dem geringen Hang der Arbeiterinnen zum Alkohol und für willkürliche Feierschichten". Zum Teil hat durch die neuere Sozialgesetzgebung, durch die strengeren Schutzbestimmungen für die Frauen, die in einigen Betrieben zu Bestrafungen der Leiter wegen Zuwiderhandlungen geführt haben, z. B. in Kalk- und Dolomttbrüchen, die Beschäfti- gung von Arbeiterinnen abgenommen, wobei sich ein Uebergang zu anderen Erwerbszweigen vollzog. In Oberschlesien sind die Arbeiterinnen durch Generationen hindurch an schwere Fabrikarbeit gewöhnt, die in anderen Teilen Deutschlands ausschließlich als Männcrarbeit gilt. Viele Tausende von Arbeiterinnen waren und sind noch zum Teil auf Bauten und in Bergwerken, in Stein- brüchen, Zcmentfabriken und Hüttenwerken mit Transport- und Verladearbciten beschäftigt. Lediglich der billigeren Löhne wegen werden Arbeiterinnen auch bei Tieibauten und Eirdtransport- arbeiten beschäftigt. Verschiedene Beschäftigungsarten, wobei die Unternehmer noch die billigere Frauenarbeit ausnutzen, werden von der Gewerbeaufsicht als für Frauen unzuträglich oder ge- sundheitswidrig beanstandet— konnten aber, weil der Schutz- gesetzgebung nicht unterliegend, weder zu Bestrafungen der Unter- nehmer. noch zu Abänderungen führen. Unbestreitbar und unaufhaltsam ist die Zunahme der weib- lichen Arbeitskraft auf allefT Gebieten industrieller und gewerb- licher Tätigkeit. Damit erwachsen der Sozialpolitik und ganz besonders der gewerkschaftlichen Arbeit neue und bedeutungsvolle Aufgaben._ Versammlungen. Der deutsche Holzarbeiterverbanb'sOrtSverwaktung Berlin) yielt am Mittwoch im GewerkschastSyaus eine Gcneral- vcrfammluna ab.— Die Abrechnung vom 1. Quartal zeigt in der Hauptkasse eine Gcsamteinnahme von 133 784,95 Mi und eine Gesamtausgabe von 188 786,90 M. An ArbeitSlosenunterstützuiig wurden gezahlt 62 360,05 M. am Orte und 869,54 Mi auf der Reise. Gezahlt wurden ferner auS der Hauptkasse an Strcikunter- stützung 2060,10 M., an Krankenunteistützung 30 542,47 M., an Gemaßregeltcnuntcrstützung 6287,80 M.. an Unterstützung in Stcrbefällen 3252,50 M.— Die Hauptkasse übernahm in das neue Quartal einen Bestand von 58,05 M.— Die gedachten Unter- stiitzungssummen erschöpfen nicht die für UnterstützungSzwecke ge- machten Ausgaben. Denn aus der Lokallasse, die mit einer Gesamteinnahme von 260446,24 M. und einer Gesamtausgabe von 154 203,34 M. rechnete, kommen hinzu 9788,60 M. Streikunterstützung. 2449,40 M. Gemaßregektenunterstützung, 41 909,10 M. Arbeitslosenunterstützung, 22 270,33 M. Krankenun terstützung und 14 367 M. Extraunterstützung an Ausgesteuerte.— In der Lokal» lasse verblieb am Schluß des 1. Quartals ein Kassenbcstand von 106 242,40 M.— An freiwilligen Beiträgen wurden 368,30 M. eingenommen.— Der Kassierer Micke gab einige Erläuterungen zu der Abrechnung. Den Geschäftsbericht erstattete der Vorsitzende Th. Glocke. Die wichtigsten Vorgänge, mit denen sich die Verwaltungssitzungen und die Versammlungen dex Organisation zu beschäftigen hatten. öJftrsn die Einführung Set Slftünbigcft Arbeitszeit, die Frage der Vesperpause, die Arbeitsnachweisdifferenz, die Agitation in Berlin, die Neuregelung der Verwaltungsgeschäfte und das delegierten» system. Der Redner hob hervor, datz man sich besonders eingehend mit der tarifmäßigen Einführung der Slstündigen Arbeitszeit be- schäftigen mußte, wobei die Arbeitgeber versuchten, die Vesperzeit anzurechnen. Es müsse ausgesprochen werden, daß in diesem Falle das EinigungSamt im Anfang versagte. Das Einigungsamt hätte ohne weiteres erkennen mühen, daß die Verkürzung an das Ende der Arbeitszeit fallen müsse. Erst in der dritten Sitzung hätte aber ein entsprechender Spruch herbeigeführt werden können. Nebenher sei die Differenz wegen des Arbeitsnachweises behandelt. Bezüglich dieser habe das Einigungsamt versagt, indem in der vierten Sitzung sich der Vorsitzende der Stimme enthielt. Erst nachträglich sei in einer Konferenz der Kuratoriumsmitglieder die Differenz erledigt worden.— Mit größerem Nachdruck sei auf den Austritt der Kollegen aus den gelben Vereinen hinzuwirken. Es werde mit den Siemensschen Werken begonnen. Die Kollegen, die dort Fühlung haben und erfahren, wie die Dinge liegen, mögen davon auf dem Bureau Mitteilung machen.— Die Mai- feier brachte 4000 Ausgesperrte und bis jetzt einen Unterstützungs- aufwand von 33 000 M. In der letzten Woche waren noch 200 Mai- feierausgcsperrte übrig, die unterstützt werden müssen.— �um Schluß bemerkte Glocke: Wenn auch ein erfreuliches Bild über Fortschritte im letzten Vierteljahr nicht habe aufgerollt werden können, so stehe doch fest, daß der Verband sich durch die Krise hindurchgearbeitet habe. Es seien Anzeichen vorhanden, daß die Krise im Gewerbe über den Höhepunkt hinaus sei. Von den Kol- legen sei zu erwarten, daß sie, sobald die Geschäftskonjunktur sich hebt, auf ein Anschwellen der Mitgliederzahl hinwirken, damit man zu einer Organisation gelange, in der die Kollegenschaft geschlossen dem Unternehmertum gegenüberstehe. M a a ß gab eine Uebersicht über die Differenzen und Streiks. Die Schlichtungskommission wurde im l. Quartal ESImal an, gerufen. Verhandlungen der beiden Vertreter der Schlichtungs- kommission fanden 60 bei 63 Firmen statt, ferner 13 Verhand- lungen mit Sachverständigen. Sitzungen der Schlichtungskom- Mission wurden im Gewerbegericht drei abgehalten.— Wegen Nichteinstellung der Maiausgesperrten sind noch vier Betriebe ge- sperrt. Streng durchgeführt wird die Sperre der Nachweise der Gelben, wo Arbeitswillige vermittelt werden. Aus der Versammlung wurde gerügt, daß die Differenzen, die vor die Schlichtungskommission kommen, zu langsam zur Er- ledigung gelangen, indem die Arbeitgeber sie hinziehen. Es müßten regelmäßige Sitzungen der Schlichtungskommission stattfinden.— Ma aß bemerkte dazu: Man habe keine Befugnis, vom Gewerbe- gericht die Festsetzung eines bestimmten Tages für Abhaltung einer Echlichtungskommissionssitzung zu verlangen. Manchmal müsse eine festgesetzte Sitzung vertagt werden, weil der Gewerberichter, der die Leitung zusagte, verhindert sei. Andererseits veranlaßten die Arbeitgeber einen Aufschub. Was seitens der Arbeiterver- treter geschehen konnte, die Erledigung der anhängig gemachten Fälle zu fördern, sei geschehen. Maaß erstattete darauf den Bericht der Kontroll- und Agita- tionskommission. Es fanden zahlreiche Werkstattsitzungen statt, in denen insgesamt 17 268 Kollegen erschienen, wovon 15 548 orgam- siert waren. Vom paritätischen Arbeitsnachweis berichtete F e ch n e r. Einzeichnungen Arbeitsloser fanden im 1. Quartal 7293 statt, während 2544 Adressen eingingen und 2074 Stellen be- setzt wurden. Zu Beginn des Jahres waren 4000 Arbeitslose zu verzeichnen. Die Zahl verminderte sich bis Ende März bis auf 2000. Im vorigen Jahr war Anfang Januar die gleiche Zahl wie zur selben Zeit in diesem Jahr eingeschrieben. Ende März 1908 waren es aber 1100 mehr als Ende März 1909. Heute sind 2200 Arbeitslose eingeschrieben; voriges Jahr um diese Zeit waren es aber noch 3500. Der Unterschied ist darauf zurückzuführen, daß viele nach auswärts abgereist sind, sich verschiedene eine andere Beschäftigung gesucht haben, aber auch daraus, daß im Vergleich zum vergangenen Jahr die Konjunktur sich etwas gebessert hat. Wenn Arbeitgeber ihr Bedürfnis nicht auf dem Arbeitsnachweis decken, dann mögen die Kollegen es beim Nachweis melden. Wo solche Meldungen erfolgten, ist es gelungen, die Meister zur Be- Nutzung des Arbeitsnachweises zu veranlassen. Nach dem Bericht, den S p ä t h e von der Arbeitsvermittelung des Verbandsbureaus gab, liefen dort im 1. Quartal 347 Adressen ein, während 884 Arbeitssuchende sich in dem Zeitraum meldeten. Ten Bibliotheksbericht erstattete Späths ebenfalls. Unter den vorliegenden Anträgen befinden sich verschiedene, die die Erhebung eines Extrabeitrags betreffen, darunter einer, der die obligatorische Erhebung eines Extrabeitrages von 25 Pf. pro Woche für die Dauer eines Vierteljahrs verlangt. Unter Ablehnung dieses und anderer Anträge wurde be- schlössen, die Delegierten zu verpflichten dafür zu agitieren, daß die schon jetzt erhobenen freiwilligen Extrabeiträge von 25 Pf. nach Kräften zugunsten der ausgesteuerten Arbeitslosen weiter gezahlt werden.— A p p i ch begründete dann einen Antrag, eine Art Leseordnung herzustellen, die die Mitglieder in einem Heft- chen zu dem Zwecke erhalten sollen, um sie u. a. bei Benutzung der Bibliothek zum systematischen Lesen anzuleiten. Nach kurzer Debatte wurde beschlogen, den Antrag der Ortsverwaltung zu überweisen, mit der Maßgabe, in der nächsten Delegicrtenversamm- lung(Generalversammlung) eventuelle Vorschläge zu machen. Die Beratung verschiedener anderer Anträge wurde ab- gelehnt und beschlossen, sie erst den Bezirksversammlungen HMit- gliederversammlungen) zur Beratung zu überweisen. Amtlicher Marktbericht der städtilchen Marktballen-Direktion über den Großhandel in den Zenwal-Marktdallen. Marktlage: Fleisch: isufubr stark, Geschäft flott, Preise unverändert. Wild: Zufuhr reichlich, Geschäft lebhaft, Preise nachgebend. Geflügel: Zufuhr knapp, Geschäft sehr rege, Preise gut. Fifche: Zufuhr mäßig. Geichäit ruhig, Preise wenig verändert. Butter und Käse: Geschäft lebhafter, Preise höher. Gemüse, Ob st und Südfrüchte: Zufuhr genügend, Geschäft lebhaft, Preise fast unverändert. Mctw Metallarbeiter-Verband Verwaltunssstelle Berlin. Todes- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, I daß unser Mitglied, der Metall- > arbeiter August Slodovitz J am 19. d. MtS. an Jnfltlenza gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 23. Mai. nachmittags 4 Uhr, von der Leichen- balle des Staakener Gemeinde- 3 Kirchhofs in Staaken bei Span- ] bau ans statt. Siege Beteiligung erwartet ) 117/9 Die Ortsvorwaltung, Deutseher Buclibinder-Verband. Zahlstelle Berlin. Am 19. Mai verstarb unser Mitglied, der Presser Riebard Volkmann im 56. Lebensjahre. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 22. Mai, zwischen 1 1 und 2 Uhr aus dem Nazareth- I Kirchhos in Reinickendors-West, I | Kögelftr. 8, statt. 23/15 Um zahlreiche Beteiligung er- j 1 sucht Die Ortsvorwaltung. Todes-Anzeige. Allen Freunden und Bekannten hiermit die traurige Nachricht, daß mein lieber Mann, unser guter Vater, Sohn und Bruder Ulbert Butry am 19. Mai nach kurzer, schwerer Krankheit im 41. Jahre ver- starben ist. Die Beerdigung findet Sonn- tag, nachmittags 4 Uhr vom Augnsta-Viktoria-Krankeiihause zu Friedenau, RubenSstraße aus nach dem neuen«chöneberger Fried- hos„Sachsendamm", General- Papestraße statt. 1333 Im Namen der Hinterbliebenen: Marie Butry, geb. M a n tz. Carl Butry. Am 19. Mai verschied nach schwerem Leiden Herr Butry. Der Verstorbene hat seit sechs Jahren als Beamter im Dienst der Kasse gestanden und vordem Jahre hindurch in ehrenamtlicher Stellung sür dieselbe gewirkt. Wir dürfen ihm nachrühmen, daß er bei allen Arbeiten, welche ihm oblagen, ernstes Streben und Treue in seinem Beruf ge- zeigt hat. Wir haben ihn geschätzt und verlieren in ihm einen lieben Mitarbeiter. Sein Andenken wird uns bewahrt bleiben. 275/3 ver Vorstand der Ortskrankenkasse der Stadt Schöneberg. Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands. Bezirk Zernsdorf und Umgegend. Nachruft Den Mitgliedern hiermit die Nachricht, daß unser Kollege Kurl Biaske verstorben ist. Ehre seinem Andenken! 63/18 vis Ortsvorwaltung. Invaliden d. •ünterstütziiskassE Die Beerdigung des am 19. Mai verstorbenen Kupfer- druckers l�uäolk Hatbix findet statt am Sonntag, den 23. Mai, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des alte» Jakobi-KirchhoseS, Rixdorf, Ber- liner Straße 2—6. 2692b Das Komitee. Allen Berwandten. Bekannten und Genossen die traurige Nach- richt, daß meine liebe Frau und gute Mutter Gertrud Krasel geb. Pantel in einem Anfalle von Schwermut den Tod im Müggelsee gesucht und gesunden hat. 2634d Um stille Teilnahme bittet Der trauernde Gatte ootipon 1.25 Piqud-Barctient-Reste ca, 3Mtr..ooup. 95 h. Hemdentuch-Reste... ca. 3 Meter§5 pt Dowlas-Laken-Reste.... stück§5 w. Handtüclier.......- stück 95 pl Damasttisctituctier... stück 95 pl Für de» Inhalt der Inserate tibernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. £Kearer. Sonnabend, den 22. Mai. Ansang 7>/, Uhr. kkönigl. Opernhau». Fidelis. Rönigl. Schauspielhaus. Klein- Dorrit. Deutsches. Faust. Kamm erspiele. Der Arzt am Scheidewege. Ansang 3 Uhr. iUisang 8 Uhr. Neues königliches Operntheater. Geschlossen. Lessing. Di- Dollarprinzessin. Berliner. Ein Herbstmanover. Schiller O. WdlUici« in tatet.) Jungser Obrigkeit. Sch>»e> Charlottenburg. Rarzih. Friedrich- Wilbelmitadt. Schau- spiclhaus. Der Kilometersrefser. Neues SciiauipielhauS. MahS. Komische Oper. Tiefland. Westen. Die lustige Witwe. SieneS. Tricoche und Cacolet. Thalia. Hans Huckebein. Residenz. Kümmere dich um Amelie. LustsPielhauS. Im Klubsessel. Kleines. Moral. Hebbel. Frau Marrens Gewerbe. Luise». Der Freischütz. Der fliegende Holländer. Triaiio». LiebeSgewitter. Neues Operetten. Der Zigeuner. baron. Berliner OPeretten-Theater««. Chpriennc. Ansang 8'/, Uhr. Met, anal. Die oberen Zehntausend. Bernhard Rose. Das Mädchen ohne Ehre. �._ «astspiel-Theater. RasfleS. Der große Unbekannte. BpoNo. Harlstein. Sr oder Er. Spezialitäten. Wintergarren. Spezialitäten. Carl Haverland. Spezialitäten. Paiiagc. Spezialitäten. Walhalla. Svezialitäten. Folies Caprice. 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Gastspiel Pallenbe rg. Abends 8 Uhr zum erste«mal: Der» Liedling der Damen. Hieraus: Ein FreundscHastädienst. Hebbel-Theater Königgrätzer Str. 57/58. Ans. 8 Uhr. Frau Marreus Gtlvtrbe. biene» Dpee-etten-lkeatee. Vchislbauerdamm 25. a. d. Luisenstr. AbendS 8 Uhr: Der Xigennerbaroii. Residenz-Theater, » Dircltion: Richard Alexander.— Aninng 8 Uhr. Kümmere Lieh um Amelie. Schwank in 3 Alten(4 Bildern) von Feydeau. Morgen u. folg. Tage: Dies. Vorstellg. Sommerpretse._ Gegen 9'/, Uhe t Der tollste Schwank der Gegenwart: oder mit Mrtstein in der Doppelrolle So hat Berlin noch nicht gelacht I Vorher ab 8 Ndr: Die Phänomenale» Attraktionen. Urania. Wiseenschaftlichee Theater. Taubenstraße 48/49. Abends 8 Uhr: Der Montblanc. Sonntag 8 Uhr: Von der Zagspitze zam Watzmann. Täglich ab 4 Uhr; Mes Mit-Konzen Eintritt 1 M., von abends 6 Uhr ab 60 Pf. Kinder unter 10 Jahren die Hälfte. Luisen-Theater. Sonnabend: Opernaufführungen des Brandenburgischen Konservatoriums. Sonntag nachm. 3 Uhr:. 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Hermann Leissner, Berlin G.,RIostert)tr.03/05, Eckhaus Kaiser-Wilhelm-Stratze 11. Bäckerei-Uebernahme. Allen Hausfrauen und Genossen die freundliche Mitteilung, daß ich die Bäckerei von Herrn Slnsvlnski, Weferstrnße 206. am Montag, den 24. Mai er., übernehm«.— Die Forderungen des Deutschen Bäcker« und Konditoren-Verbandes habe ich bewilligt. Um regen Zuspruch bittet Hochachtungsvoll BmU Wölfl", Weserstraße SOS. Jlrbeiter 5°»-« m Sentf gute und billige Jll6idttttf|, omie daran, daß die letzte Zusammenkunft am Sonntag, den 23. d. M.. stattfindet, und zwar, wie besprochen: im Grunewald. Treffpunkt:StationGrunewald. Bahnhof. Radrennen zu Steglitz. Da»„Kleine goldene Rad" war ein Fiasko für die Bahn, denn so voll es am Sonntag gewesen, so gähnend leer war eS am Donnerstag, trotz— oder gerade wegen des schöne» Wetters. Der gebotene Sport bestand diesmal vor- wiegend in Fliegerrennen und zeitigte manch schönen Endkampf. trotzdem finden diese Rennen keine Gnade vor dem breiten Publikum. das aufregendere Kofi liebt und dem der Kampf hinter Motoren Augenweide und Ohrenschmaus zugleich ist. Das„Kleine goldene Rad" bot diese Gelegenheit. Eigentlich war eS ein recht zahmes Rennen. Fünf Fahrer. HuybrechtS, Janke. van Neck, Schulze und Suchetzky, stellten sich dem Starter. Die beiden Aus- länder HuybrechtS und van Neck liegen an der Spitze vor Schulze, während die beiden anderen schon zu Beginn ins Hintertreffen geraten. Schulze geht in der 25. Runde vor va» Neck. der bald darauf Nadschaden hat und ebenfalls zurückbleibt. In der 38. Runde wird auch Schulze von dem Belgier geholt, der. trotz mehrfacher verzweifelter Anstrengungen von Schulze, die verlorene Runde gut- zumachen, unangefochten als Sieger das Ziel erreicht,-c- In dem Hauptfahren, das von Wegener sicher vor Kudela, Peter und Arend gewonnen wurde, gab es einen Protest des letzteren gegen seine Vormänner; an der Tafel wurde demselben stattgegeben, trotzdem aber kein neuer Lauf gefahren. Sämtliche Fliegerrennen hatten überaus starke Felder. Die Ergebnisse sind: Kleines goldenes Rad(50 Kilometer). 800, 700, 600, 500, 400 M. 1. HuybrechtS. 35 Min. 8 Sek.; 2. Schulze. 650 Meter; 3. Janke, 3100 Meter; 4. van Neck. 5320 Meter; 5. Suchetzky. 6140 Meter.— Im Preis von Steglitz siegte Süßmilch vor Stabe und Pawks und im Kleiuen Haupt- fahren Tetzlaffbor Kelm und Schallwig. Ferner gab eS noch zwei Prämienfahren und zwei Vorgabefahren, in denen Wegener und Wegener-Techiner sowie Süßmilch und Saldo» die ersten Plätze be- legten. Außerdem noch zwei VereinS-Mannschaftsfahren. Zeugen gesucht. Personen, die gesehen haben, wie am Sonntag. den 2. Mai, mittag«, ein Mann am Alexanderplatz von einem Privatfuhrwerk überfahren und schwer verletzt wurde, insbesondere der Herr, welcher die Droschke zum Transport des Verletzten nach der Unfallstation holte, werden um Angabe ihrer Adressen an Otto Jriner, Landsberger Allee 126, IV, gebeten. Der 19. Zug der Fcuerwehr wurde am Donnerstag nach dem Hotel Ekplanade, Bellevueftr. 17/18, gerufen, wo ein Mann in einem Fahrstuhl eingeschlossen war. Durch Ausstemmen des Mauerwerls gelang es, den zwischen Fahrstuhl und Mauerwerk eingeklemmten Mann zu befreien. Der Verletzte wurde mit einer Droschke nach der Unfallstation in der Kronenstraße gebracht und dort verbunden. Fciicrwrhrnachrichtrn. Am HimmelfahrtStage hatte die Berliner Feuerwehr tüchtig zu tun. So mußte sie abends nach 10 Uhr einen großen Dachstuhlbrand in der Fehrbelliner Straße ISa löschen, der auS noch nicht ermittelter Ursache entstanden war und viel Arbeit verursachte. Die Flammen hatten bei Ankunft der Wehr schon eine große Ausdehnung erlangt und besonders an dem Inhalt der Bodenverschläge reiche Nahrung gefunden, so daß Brandmeister Tamm mit mehreren Schlauchleitungen längere Zeit kräftig Wasser geben lassen mußte. Nachts um 2 Uhr kam in einer Lackiererei in der Müllerstraße 30 ein gefährlicher Brand au?, der Tiiche, Regale, den Fußboden u. a. ergriffen hatte, als der 16. Zug erschien und durch kräfligcS Löschen eine weitere Ausdehnung verhütete. Am Zirkus Busch brannten gestern Balken an der Uferböschung der Spree. Es gelang die Flammen bald zu löschen. Wegen eines Tischlereibrandes erfolgte ein Alarm nach der Hornstraße 11. Hölzer u. a. brannten dort. Der 9. Zug gab mit einer Dampfspritze Wasser und beseitigte dadurch die Gefahr. Wegen eine? größeren KellerbrandeS erfolgten Alarme aus der Schönhauser Allee l27a. PapierabfSlle u. a. brannten dort unter großer Oualmentwickelung. Gleichzeitig hatte die Wehr in der Köpenickerstraße 76 zu tun, wo Kisten. ein Remilentor n. a. brannten. Ferner hatte die Wehr am Tempelhofer Ufer 33, MuSkauer Straße 19 und Kreuzbergstraße 12 zu tun, wo Kohlen, Kasten u. a. in Brand geraten waren. In der Solmsstraße 4 brannten Gardinen u. a., in der Mohren- straße 16 Schaldccken usw. und am Görlitzer Ufer 34 Petroleum, Kleider u. a. in einer Küche. Küchen- uns Kellerbrände wurden noch aus der Ratibor Straße 1« Waßmannstraß« 2 gemeldet. Vorort- I�ackricbten. Tchöneberg. Freiwillig aus dem Leben geschiede» ist der Genosse Albert B n t r y. Seit Anfang der SOer Jahre gehörte er der politischen und gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung an. Als einer der eifrigsten und tüchtigsten stand er stets in der vordersten Reihe und hat viel für die Arbeitersache getan. B. nahm in trüber Stunde eine stärkere Dosis zu sich als ihm ärztlicherseits verordnet war und starb, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben, nach drei Tagen. Die Arbeiterbewegung verliert in ihm einen treuen Freund und Helfer. Alle, die ihn kannten und schätzen lernten— Freund und Feind— werden Albert B u t r y in gutem Andenken behalten. Nixdorf. «Die Frau und der Sozialismus" war das Thema, welches Genossin Wurm in einer überaus gut, fast nur von Frauen be- suchten öffentlichen Versammlung behandelte. Die Rednerin gab einen historischen Ueberblick der EntWickelung der Frauenarbeit. Ueber 8 Millionen Frauen sind erwerbstätig; ein Beweis dafür, daß das Gerede der Gegner:„Der Sozialismus zerstöre das Familienleben" eitel Humbug ist. Tief bedauerlich sei, daß erst 136 000 Arbeiterinnen in Deutschland gewerkschaftlich organisiert sind. Scharf geißelte Rednerin das Bestreben der besitzenden Klasse, den allergrößten Teil der Lasten, die die neue sogenannte ..Finanzreform" im Gefolge hat, auf die nicht mehr tragfähigen Schultern der Arbeiterschaft abzuwälzen. Auch das Verhalten der Freisinnigen zeichnete Rednerin in sarkastischer Weise. Um so größer sei die Pflicht der weiblichen Angehörigen der arbeitenden Klasse, sich der sozialdemokratischen Partei anzuschließen. In Groß-Berlin sind erst 7000 weibliche Mitglieder der Wahlvereine vorhanden. Darunter gehören über 600 zu Rixdorf. Wenn wir berücksichtigen, daß in Groß-Berlin schon 106 000 Fabrikarbeite- rinnen beschäftigt sind, dann sehen wir, daß noch ein großes Tätigkeitsfeld zu bearbeiten ist.— Reicher Beifall und Neu- ausnahmen folgten dem Vortrage. Wilmersdorf. Bescheidene Schiedsrichter. Am 3. Mai 1900 veröffentlichte das„Berliner Tageblatt" eine Einsendung des Justizrats Lehfeld, wonach die Stadt WilmerSdorf�in einer Geldfordcrungssachc die ursprüngliche Anerkennung der Schuld nachträglich wider Treu und Glauben mit dem Einwand bestritten hätte, daß das Anerkcnnungs- schreiben nur die Unterschrift eines Magistratsmitgliedcs getragen habe, während zur Rechtsverbindlichkeit zwei Unterschriften er- forderlich sind. In dieser Sache hatte der Stadtv. Dr. Wolfs den Magistrat um Auskunft ersucht; die ihm erteilte Auskunft gab der Herr am 19. Mai in der Stadtverordnetenversammlung bekannt. Danach liegt der Fall im wesentlichen so, daß von einer Anerkennt- nis der Geldforderung durch die Stadt in keinem Stadium der Angelegenheit die Rede war und das in Betracht kommende Magistratsmitglied dem Vertreter des Klägers, Justizrat Lehfeld, auf dessen Klagcandrohung nur mitgeteilt hatte, daß die Geldforderung durch einen Dritten beglichen werde. Dieser Dritte war die Firma Mix u. Genest, die vom Magistrat vor einiger Zeit ersucht worden tvar, den Sitz eines bei einer Ausschachtungsarbeit ver- ursachten Kabclschadens festzustellen._ Für diese Müheioaltung hatte die genannte Firma 1416 M. in Rechnung gestellt, eine Summe, die dem Magistrat zu hoch schien. Er einigte sich mit der Firma dahin, daß die Berechtigung der Forderung auf dem Wege eines Schiedsgerichtsverfahrens festgestellt werden sollte und brachte sich dadurch erst recht vom Regen in die Traufe. Denn von den beiden Schiedsrichtern, M öllcndorf und R i g u- l e i t mit Namen, liquidierte der eine 450 M. und der andere gar 650 M. für seine Mühewaltung. Ein Schicdsrichtcrhonorar von 1100 M. bei einem Objekt von 1416 M. war dem Mogistrat denn doch etwas zu starker Tabak. Seine Bedenken ob der Berechtigung einer derartigen Schröpfung wurden noch vermehrt, als der eine der beiden Herren auf die Anfrage, warum er denn 200 M. mehr fordere als sein Kollege, ganz treuherzig mit der Behauptung herausrückte, daß er sich beim Studium des Falles noch um ein Stückchen kräftiger habe anstrengen müssen als der andere Schieds- richter. Die Firma Mix u. Genest mochte nun als indirekte Ur- heberin eines solchen Geschäftsgebarens doch um ihr Renommee fürchten, und sie erklärte sich daher in einem Uebercinkommen mit dem Wilmersdorfer Magistrat zur Zahlung der Schiedsgerichts- kosten oder zur Verpflichtung eines Ausgleichs mit dem Schieds- richtcrpaar bereit. Dies hatte der Magistrat dem Mandatar des Herrn Riguleit ans dessen Klagcandrohung mitgeteilt und der Rechtsbeistand dieses Herrn hatte nun— wie inan zu seinen Gunsten annehmen darf infolge eines Mißverständnisses-» nichts Eiligeres zu hin, als den Magistrat von Wilmersdorf im„Berliner Tageblatt einer Handlung wider Treu und Glauben zu bezichtigen. Bei der Erörterung der Angelegenheit gab es in der Stadt- verordnetenvcrsammlung noch ein kleines Nachspiel, das des pikanten Beigeschmacks nicht entbehrte. Der rcchtSnationalliberale Professor Dr. Leidig spickte seine Rede mit einigen kleinen Bos- Helten gegen das„Berliner Tageblatt". Diese Ausfälle riefen den Stadwerordneten Dr. Heinitz, der in seinem privaten Dasein Direktor des Mosseschcn Erziehungsheims i& als Kämpen«yf den , Plan. Er entschuldigie das Blatt des Herrn Masse mit dem an sich ja durchaus richtigen Hinweis, daß eS keiner Zeitung möglich sei, sich vor einer Täuschung zu schützen. Die Verhandlungen über diese Angelegenheit endigten mit der Annahme einer Resolution, worin die Stadtverordneten- Versammlung dem Magistrat das Zeugnis ausstellte, daß er dem Justizrat gegenüber korrekt gehandelt Habe und daß daher unter Verurteilung des im„Tageblatt" geübten Verhaltens über den Fall zur Tagesordnung hinwegzuschreiten sei. Als die beiden Schieds- richter ihre Forderung aufstellten, haben sie vielleicht das berühmte Schiedsgericht in der Berliner Strcrßcnbahnangelegenhcit im Auge gehabt, das jedem der Herren Teilnehmer— Herrn Octavio von Zedlitz miteingercchnet— das nette Sümmchen von hunderttausend Mark eingebracht haben soll. Ein Bauunfall ereignete sich gestern vormittag auf einem Neubau in der Gicsclerstraße 22, der vom Maurermeister Wendel hergestellt wird. Tort stürzte die Rüstung im ersten Stockwerk zu. sammen und begrub 5 Arbeiter unter sich. Ter Polier kam mit zwei Löchern im Kopf davon, der Maurer Albrecht erlitt einen Rippenbruch, während die anderen leichte Hautabschürfungen da- vontrugen. Die herbeigerufene Feuerwehr konnte unverrichtetcr Sache wieder abrücken, der Bau wurde polizeilich gesperrt. Der Grund des Unfalles soll in nicht einwandfreier Absteifung liegen. Lichtenberg. Tie Mitgliederversammlung des Wahlvereins hörte in ihrer letzten Tagung zunächst ein Referat deS ReichstagSabgeordneten Lehmann- Wiesbaden, das sich im wesentlichen mit der Finanz- misere des Reiches beschäftigte.— Ter Bericht von der Kreis- Generalversammlung zeitigte eine längere Diskussion. Be- mängelt wurde vom Referenten die uneinheitliche Stellungnahme der Lichtenberger Delegierten in der Frage der Reform der Wahl von Partcitagsdelegierten. M i r u s verteidigte die Haltung derjenigen Delegierten, die entgegen den Beschlüssen im Vorstand und in den Bezirken votierten. Der„Vorwärts" habe einen un. wahren Bericht von der Generalversammlung gebracht. Es sei nicht wahr, daß, wenn eS dort heiße, eS sich in der Hauptsache um die Kandidatenaufstellung gehandelt habe. Er wundere sich nur, daß die Druckerschwärze nicht schamrot geworden sei. Anmerkung der Redaktion. Genosse MiruS hätte sich die Ent- rüstung wirklich sparen können. Wenn er der Meinung war, der Berichterstatter habe sich in der Auffassung über die Bedeutung der verschiedenen der Generalversammlung vorgelegten Anträge geirrt, hätte er das als seine subjektive Meinung aussprechen können. Andere Leute dürsen aber doch wohl eine andere Auf. fassung haben. Nieder-Schönhausen. In der letzten Gemeindevertreterfitzung mußte die Pflasterung der Lindenstraße nochmals vertagt werden, da die neuen Offerten sich nicht so schnell bearbeiten lassen. Es wurde ein neuer Borschlag gemacht, dahingehend. Holzpflaster zu verwenden. Ein weiterer Punkt: Bestimmung des Pflastermaterials für die auf Kosten der Eigentümer Schneider und Hernis anzulegenden Straße, wurde eben- falls vertagt. Die Firma Worch u. Co. will die Straße 12 aus- bauen. Die Kosten betragen 36 000 M. Hierzu will die Gemeinde Pankows 18 000 M. die Firma Worch 12000 M. bezahlen, den Rest von 6000 M. soll die hiesige Gemeinde übernehmen. Die Vertretung stimmte dem Borschlag zu. Eine„schwarze Liste" nicht empfehlenswerter Mieter. Der neue HauS- und Grundbesitzerverein hat in seiner letzten Versammlung beschlossen, die Schutzliste des Bundes der Berliner Grundbesitzer- vereine gegen nicht empfehlenswerte Mieter anzuschaffen. Die Gemeingesährlichleit dieser Liste haben wir vor längerer Zeit nach- gewiesen. Tegel. AuS der Gemeindevertreterfitzung. Zu der am 27. April statt- gefundenen Gemeindewahl, aus der unser Genosse Arendsee mit 914 Stimmen als gewählt hervorging— die bürgerlichen Parteien hatten 332 Stimmen auf sich vereinigt—, lagen drei Einsprüche vor. Ein Einspruch eines Herrn Gehrke, Hauptstr. 28, bezweifelte die Wählbarkeit deS Genossen Arendsee als Angesessener. Der zweite, von Herrn Westphal erhoben, bemängelt die kurze Wahlzeit. In der Begründung wird ausgeführt, daß infolgedessen über 1500 Wähler, welche„zweifellos national gewählt' hätten, vor allem Ge- schäftsleute, nicht zur Wahl gehen konnten refp. wieder hätten umkehren müssen, und außerdem der Wahlatt sich bis Mitternacht hingezogen hätte. Der letztere Einwand stimmt nicht, da um>/z10 Uhr daS Resultat verkündet worden ist. Der dritte Einspruch ist von einem Herrn Gödel oder Göbel erhoben. Derselbe will die Wahl für ungültig erklärt haben wegen des Terrors, der von der sozialdemokratischen Partei geübt wird. Der Bürgermeister glaubte ausführen zu müssen, daß es ja bekannt sei, in welcher Weise von sozialdemokratischer Seite Terror geübt wird. Die nationalen Arbeiter ginge» auS diesem Grunde nicht zur Wahl, weil sie be- fürchten müßten, nachher mit blutigen Köpfen umherzulaufen. Er kam auch auf die UngültigkeitScrNärung der vier Landtagsmandate zu sprechen und meinte, auS denselben Gründen müßte auch die Wahl deS Genossen Arendsee für ungültig erklärt werden. Da sich seine AnSsührlingen mit denen deS„Tegeler Anzeiger' decken, so lassen sie sonderbare Schlüsse zu. Unser Dorfoberhaupt behauptet sogar, daß auch unser Genosse Rentner nur durch TerroriSmuS einen Teil seines Hauses verkauft habe, um Arendsee zum An« gesessenen zu machen. Genosse Lichtenberg trat diesen Ausführungen entgegen. Er wies aus den von nationaler Seite ausgeübten TerroriSmuS hin und erklärte, daß von uns der Beweis erbracht werden kann, daß Gemeindearbeitern von ihren Vorgesetzten gesagt wurde, sie haben Tießen zu wählen oder sie werden entlassen. Die öffentliche Stimmabgabe aber allein sei schon Terrorismus, da sie Beamte zwinge, vielleicht gegen ihre Ueberzeugung zu Ivählen. Was die Wählbarkeit des Gen. Arendsee betreffe, so scr er im Sinne der Landgemeindeordnung Angesessener. Der Bürgermeister erwiderte. eS wäre ja noch schöner, wenn ein Beamter sozialdemokratisch wählen wollte, so etwaö gibt es einfach nicht. In bezug auf die Gemeindearveiter erklärte er. ihm sei nichts dergleichen be» kannt, es sei aber jedes Arbeiters Recht, andere auf- zusordem, für einen bestimmten Kandidaten zu stimmen. Er glaubte nochmals auf die schaurigen Bluttaten.. die jedenfalls durch Studium von ReichöverbandSflugblättern in seinem Kopfe spuken, hinweisen zu müssen. Der Gemeindevertreter Schäfer vertrat die Ansicht, daß den Anforderungen der Landgemeindeordnung Ge» nüge geleistet ist. Er ist weiter der Meinung, daß von sozial» demokratischer Seite nicht mehr Terror geübt worden ist. als von anderen Parteien und bei anderen Wahle», und tritt für Gültigkeitserklärung ein. Gemeindevcrtreter Borsig: Daß TerroriSmuS geübt wird, steht fest(er muß es ja wissen!), aber hier ist eS w so versteckter Form geschehen, daß daraufhin wohl nicht auf Ungültigkeit der Wahl erkannt werden wird. Genosse HalfeS weist die AuSfühningen des Bürgermeisters zurück und erklärt, daß die Arbeiter durch ihre Organisalionen soweit erzogen sind, um niemand mit Prügel zu drohen. Rüpel gibt eS in jeder Partei. Zu erwähucn sind noch die naive» Ausführungen de» Herrn Schenk, welcher der Sozialdemokratie empfahl, sich an den Hau?» vesitzerverein zu wenden; unter den 170 Mitgliedern sei sicher einer, der ihre Interessen vertreten hätte. Es wurde schließlich eine Kommission zur Prüfung der Einsprüche gewählt; ihr gehöre» außer unserem Genossen Lichtenberg die Herren Reichclt, Unger und Schäfer an. Vorher wurde außer einigen belanglosen Vorlagen beschlossen, die Postkoppel anzukaufen und die darauf befindlichen Gebäude zu einem Feuerwchrdepot umzubauen. Endlich soll auch am Eingang der Borsigschen Fabrik eine Bedürfnisanstalt errichtet werden, des weiteren sollen Angellarten zum Hafen ausgegeben werden. Der Preis derselben soll pro Jahr 3 M. betragen. Wendisch-Buchholz. Der Geldschrankcinbruch in Wendisch-Buchholz. über den wir berichteten, ist erdichtet, der Kämmereikaffenrendant Paul Ä irschner verhaftet. Kirschner, ein Mann von 34 Jahren, der sei» Amt seit dem Jahre ISW verwaltete und volles Vertrauen genoß, wohnte, cdenso wie der Bürgermeister und ein Polizeibeamter, im Rat- Hause. Nach längerem Leugnen gestand Kirschner, daß er, um seinen Aufwand zu bestreiten, seit zwei Jahren Unterschlagungen begangen und zu deren Verdeckung das Hauptbuch gefälscht und nach dem erdichteten Einbruch jetzt verbrannt habe. Der Un- getreue wurde nach Berlin und gestern wegen Unterschlagung, Urkundenfälschung und Beiseiteschaffung öffentlicher Urkunden nach Frankfurt a.£>. in Untersuchungshaft gebracht. «lt-Glienicke. Die elektrische Bahn soll nun laut Beschluß der Gemeinde- Vertretung am Sonnabend, den 29. Mai, eröffnet werden. Die Fahrzeit beginnt morgens 5 Uhr 17 Min. und endigt nachts 1 Uhr Morgens und abends soll dem verstärkten Arbeiterverkehr genügend Rechnung gelragen werden. Insgesamt verkehren pro Tag 4ö Zuge hin und zurück. Der Fahrpreis beträgt für eine Arbeiterwochenkarte 60 Pf., für die gewöhnliche Fahrt 10 Pf. Kinder unter sechs Jahren find frei. Artedrichsfelde. von der Agitation. Vor einer leider nur mäßig besuchten Ver- sammlung sprach die Genossin Wulff über:„Die Frau im Klassen- kämpf", mit dem Erfolg, daß einige Beitrittserklärungen erfolgten. Ueber den Stand der Agitation für die Konsumgenossenschaft be richtete Genosse Gronwald. Mit denjenigen, die bereits feit längerem Mitglieder find, gehören insgesamt ISO Personen der Konsumgenossenschaft an. G. forderte die Anwesenden auf, sich recht rege an der Werbearbeit zu beteiligen, damit möglichst bald eine Verkaufsstelle an unserem Ort eingerichtet werden ckann. Der Vorschlag, mit den Genossen von Neu-Lichtenberg gemeinsam eine Verkaufsstelle zu errichten, fand wenig Anklang, weil die Mehrzahl der Ansicht ist, daß wir bald selbständig dieses Ziel erreichen können und es außerdem im Interesse der Förderung der Genoffenschasts- bcivegung zweckmäßig sein dürfte, die neu zu errichtende Verkaufs- stelle in möglichst günstiger Lage für unseren Ort zu eröffnen. Dies könnte nicht der Fall sein, wenn sie auch den Neu-Lichtenberger Ge- iiosien bequem erreichbar sein soll. Nowawes. In der letzten Sitzung der Gemeindevertretung wurde endlich die Einführung des BorschullehrerS Reiff als Gemcindcvertreter voll- zogen, nachdem er nunmehr die Erlaubnis der Schulbchörde zur Ausübung dieses Amtes erlangt hat.— Beschlossen wurde eine Er- gänzung der Marktpolizeiverordnung, wonach jeder Marktstand mit einem Schild versehen sein muß. welches Namen und Wohnort des Marktstandinhabers angibt.— Uni der großen Belästigung der Marklstände durch frei. umherlaufende Hunde Einhalt zu tun, wird die Einführung des Hundefanges an Markttagen beschlossen und eine Fanggebiihr von 3 M. festgesetzt; die gefangenen Hunde werden auf dem Regelschen Grundstück in der Lindenstratze unter- gebracht.— Zum Zwecke der Durchlegung der Marien- straße nach der Viktoriastroße soll da» Teichmannsche Grundstück zum Angebotspreise von IS OOO M. gekauft werden; das ebenfalls hierzu benötigte Rebotzkysche Grundstück ist von der Gemeinde bereits früher erworben worden.— Zur Einrichtung eines Zeichensaales, einer Modellkammer und eines LehrmittclaufbewahrungSzimmerS in der Höheren Töchterschule soll ein Ausbau des Dachgeschosses derselbe» vorgenommen werden; die Kosten hierfür sind auf SOlK) M. veranschlagt, welche Summe von der Vertretung bewilligt wird. — Der christliche Arbeiter- Bauverein beantragt, die Havel- straße, in welcher der Verein Wohnhäuser aufführt, nur in halber Breite zu pflastern, damit der Verein nur die Hälfte der Kosten zu hinterlegen hat. Nachdem Genosse Gruhl namens der Wegekommission für Ablehnung des Antrages gesprochen und der Bürgermeister polizeiliche Bedenken dagegen geltend gemacht hat, wird der Antrag vom Vertreter Döring, welcher Vorsitzender des Bauvereins ist, zurückgezogen.— Durch die Schaffung einer Friedhofs- gärtnerei sind einige Aenderungen der Friedhofsordnung notwendig geworden. ES wird beantragt, daß bei Ausschmückung der Leichen- halle von privater Seite für die Reinigung 1 M. Gebühren erhoben werden. Wird die Stellung der Dekorationen bezw. die Authöhung der Grabhügel seitens der Friedhofsgärtnerei gewünscht, so gelangen für Stellung der Dekorationen bei Erivachsenen 9 M., bei Kindern unter 14 Jahren 4,59 M. inklusive Gebühr für Reinigung der Leichenhalle, für Aufhöhimg und Bepflanzung der Grabhügel mit Efeu bei Erbbegräbnissen und Wahlstellen 19 M.. bei Reihengräbern 6 M., für Zupflanziiug des ganzen Grabhügels mit Efeu 12 M. zur Erhebung; die Gebühr für das Anfertigen und Wieder- zuschütten einer Gruft in Wahlstellen ohne Belegen mit Rasen wird von S auf 8 M. erhöht; diese Anträge werden ohne Debatte angenommen.— Nach erfolgter Uebernahme der Stellung der Dekorationen und Belegung der Grabhügel mit Efeu auf dem Friedhof an der Goethestraße seitens der Gemeinde soll auch die Ausführung derartiger Anträge für den Friedhof in der G-oß beeren- straße in eigene Regie übernommen werden. Die Vertretung be- schließt deshalb, den vorhandenen Bestand an Dekorations- und Efeupflanzen zum Preise von 390 M. von dem Friedhoföaufseher Nothnagel, welcher diese Arbeiten bisher für eigene Rechnung be- sorgte, zu erwerben.— Im Anschluß hieran verliest der Bürger- meister eine Petition der Gärtnereibesttzer und Blumenhändler, in welcher die Gemeindeverwaltung ersucht wird, das Züchten von Pflanzen und den Verkauf an das Publikum einzustellen. Begründet wird die Petition mit beweglichen Lamentationen über mangelnden Zollschutz der ausländischen Gärtnereiprodukte und der drückenden ausländischen Konkurrenz. Der Bürgermeister erklärt, daß sich die Petition und daS an die Einwohner zur Verteilung gelangte Flugblatt in maß- losen Nebertreibungen ergeht, da von der Gemeinde nur die Produkte verkauft werden, welche sie mit der Gärtnerei übernommen hat. Gen. Gruhl tritt den Behauptungen der Gärtner in scharfer Weise entgegen und bezeichnet das Verhalten derselben alö unanständig; wie die Einwohnerschaft darüber denke, habe unsere letzte, stark be- suchte Wahlvereinöversammlung gezeigt, die die Beschlüsse der Ver- lretung in dieser Sache einstimmig gebilligt hat. Nachdem noch Herr Nathan in demselben Sinne gesprochen, wird die Petition durch Uebergang zur Tagesordnung erledigt und die öffenlliche Sitzung geschlossen. Sericbts- Leitung. Brandstiftung? Unter einer schweren Anklage mußte sich dee Straßenbahn- sahrer Julius Müller vor den Geschworenen verantworten. Ter bisher unbescholtene Angeklagte war am 9. Oktober v. I. unter dem Verdacht verhaftet worden, seine in der Deusselstraße 23 gelegene Wohnung in Brand gesteckt zu haben, um sich in betrügerischer Ab- ficht in den Besitz der Versicherungssumme zu setzen. Am 8. Oktober bemerkte ein Dienstmädchen aus der M.schen Wohnung Rauch dringen. Sie benachrichtigte die Portiersleute, die dann mit dem Postboten Laabs, der bei M. wohnhaft war und gerade zufällig nach Hause kam. die Wohnung betraten. Die Feuerwehr konstatierte sofort, daß Brandstiftung vorlag, denn verschiedene Möbel und der Fußboden waren mit Petroleum begaffen vor- gefunden. Es wurde festgestellt, daß der Angeklagte etwa 2 Stunden vorher in der Wohnung gewesen und dann zu einer Verwandten nach Wilmersdorf gefahren war. Da er außerdem sein Inventar mit 19 999 M. viel zu hoch gegen Feuer versichert haben sollte, wurde Müller in Untersuchungshaft genommen. Aus dieser wurde er aber bald wieder entlasten. Die gestrige Anklage basierte auf einem ziemlich weit ausholen den Indizienbeweis, bei dem unter anderem angeblich durch die Zimmerdecke hindurch erlauschte Gespräche, die eine Haus- bewohnerin gehört haben wollte und ähnliche sehr zweifelhafte Be- weiömomente eine Rolle spielten. Auf Antrag des Rechtsanwalts Dr. Davidsohn waren eine große Anzahl Zeugen geladen worden, durch welche die einzelnen Behauptungen der Anklage zum Teil widerlegt oder entkräftet wurden. Tie Geschworenen verneinten nach längerer Beweisaufnahme die Schuldfragen, so daß der An- geklagte, der wegen dieser Anklage seine Stellung bei der Straßen bahn verloren hatte, freigesprochen wurde. Fidrles Gefängnis? Gerüchte über ein angeblich„fidelcs Gefängnis" wurden bei einer Verhandlung erörtert, in der sich der frühere Gerichtsdiener Friedrich Paul und der frühere Gefangenenaufseher Stanke vor der 1. Strafkammer des Landgericht? Berlin III zu verantworten hatten. Beide waren beschuldigt, an Gefangene kleine Liebesdienste gegen Entgelt geleistet, Paul außerdem, sich einer weiblichen Ge- fangenen gegenüber aufdringlich und unanständig benommen und somit Vergehen im Amte begangen zu haben. Beide Angeklagte waren im Gefängnis zu Oranienburg zeitweise mit dem Aufseher dienst betraut. Ueber die Dienstführung des Stanke waren dem aufsichtsführcnden Amtsrichter Klagen zugegangen. Danach soll er häufig die Zellen nicht verschloffen haben, so daß die Gefangenen in den Wandelgängen umhergehen und sich unterhalten konnten. ES wurde auch behauvtet, daß er es liebte, ein Plauderstündchen bei den in der Gefängniskirchc beschäftigten Frauen abzuhalten usw. Es wurde von Aufsichts wegen Veranlassung genommen, den Dingen nachzugeben und bei dieser Gelegenheit stieß man dann weniger auf Verfehlungen des St. als des Paul. Dieser wurde insbesondere beschuldigt, einem im Gefängnis sitzenden Schlächter im Auftrage von dessen Ehefrau wiederholt Eisbeine und Zigaretten zugesteckt und dafür Dankesbezeigungen in Gestalt von Zigaretten und freier Zeche bei einem Gastwirt, bei dem die Ehefrau deS Gefangenen Geld für diesen deponiert haben soll, entgegengenommen haben. Paul soll außerdem in einem Falle eine Gefangene unzüchtig be- rührt haben. Stanke wurde nur in einem Falle beschuldigt, einen persönlichen Vorteil bei der erwähnten Zusteckerei genossen zu haben. Beide Angeklagte bestritten jede Schuld. Die Beweisauf. nähme ergab, daß bei den Beschuldigungen viel unnützes Geschwätz einzelner Gefangener mitspielte, die den Angeklagten nicht wohl- wollten. Die umfangreiche Beweisaufnahme führte zu dem Er- gebnis. daß beide Angeklagte von der Anklage des Vergehens gegen § 331 des Strafgesetzbuchs freigesprochen wurden. Dagegen wurde das Verfahren gegen Paul, soweit es sich auf das Vergehen gegen die Sittlichkeit bezieht, vertagt, da noch weiters Beweisaufnahme erforderlich erschien._ Vermilcktes. Versammlungen. Eine Neuregelung des FeuerliischwtseuS soll demnächst in der Gemeinde NowaweS erfolgen. Bei der vor einiger Zeit statt« gefundenen Revision der Freiwilligen Feuerwehr durch Beauftragte deS LandratSamteS hatte die Alarmierung der Wehr insofern zu Beanstandungen Veraulassuiig gegeben, als die Zeit den revidierenden Beamten zu lang erschien, bis die Wehr zur Stelle war. Der Gemeindevorstand wurde deshalb vom Landrat ersucht, die Bildung einer Pflichtfeuerwehr aus den männlichen Gemeindeangehörigen vorzunehmen. Um dieser für viele Einwohner unangenehmen Ein- richtung, von der eS noch sehr zweifelhaft ist, ob sie ihren Zweck in der gewünschten Weise erfüllen würde, aus dem Wege zu gehen, hat die Feuerlöschkommission beschlossen, eine BerufSfeucrwehr auS der Gemeindearbciterkolonne zu bilden; dieser Beschluß hat auch die Zustimmung des Landrats gefunden. Es sollen zu diesem Zweck vorläufig sechs Gemeindcarbeiter unter Leitung des Straßen- meistcrs Rank im Feuerlöschdienst ausgebildet werden. Gegenüber andersartigen Gerüchten fei hierbei erwähnt, daß die Organisation und Leilung der Freiwilligen Feuerwehr durch diese Maßnahme keine Aenderung erfährt. Dagegen ist auch für das Feuermelde- und Alarmwesen eine anderweitige Regelung geplant, indem im Orte 15 Feuermcldestellen errichtet werden sollen, von denen die Feuer- Meldung an das Depot gelangt, um von dort aus die Wehr mittels Fernsprecher zu alarmieren. ES fällt dadurch das lästige Alarm- blasen auf der Straße fort und die Mitglieder der Wehr werden bedeutend schneller benachrichtigt, wenn ihre Hilfe gebraucht wird. Die Neueinrichtung wird der Gemeinde eine einmalige Ausgabe von zirka 4999 M. verursachen, welche Summe jedoch in Anbetracht der dadurch erzielten bedeutenden Berbesserungsn im Feurrlöschdienst nicht als zu hoch bezeichnet werden kann. Der Verein Berliner Hausdiener, die Verwaltungsstelle I des TranSportarbeitcrverbandeS, hielt am Montag im großen Saale des„Gewerkschaftshauses" seine Generalversammlung ab. Der Kassenbericht vom 1. Quartal 1999 lag gedruckt vor. Die Ein- nahmen betrugen, den alten Bestand mitgerechnet, 64 433,99 M., die Ausgaben 49 374,87 M., so daß 44 959.12 M. Bestand übrig blieben. Aus der Hauptkasse wurden 39 494.65 M. für Unter- stützungen ausgegeben, davon für Arbeitslosenunterstützung 12 857,29 Mark, für Arbeitslosenzuschuß 7699.85 M., für Krankenunter. stützung 5483.35 M., für Gemaßregeltenunterstützung 2769,35 M. — AuS dem Verwaltungsbericht, den der Vorsitzende W a p p l e r gab. ging hervor, daß eine sehr umfangreiche Tätigkeit zur För- derung der Organisation und ihrer Ziele entfaltet worden ist. Das zeigt sich schon darin, daß im verflossenen Quartal vom Berein sowie in den verschiedenen Branchen und Körperschaften nicht weniger als 295 Versammlungen, Sitzungen und Besprechungen abgehalten wurden. Die Agitation in den Geschäften erfordert oft viel Mut und Opferfreudigkeit, da, namentlich in den Kauf- und Warenhäusern, irgend welche Tätigkeit zur Stärkung der Orga- nisation sehr leicht zur Entlassung führt. DaS Verhalten deS Unternehmertums ist hier um so verwerflicher, als die großen Warenhäuser ja vor allem auf die Kauflust der Arbeiterschaft an- gewiesen sind und nicht mchr� bestehen könnten, wenn sie die Arbeiterkundscbaft einbüßen würden.— Der Bericht hatte eine längere Diskussion nicht zur Folge. Dem Kassenführer Wappler wurde einstimmig Decharge erteilt. Ueber die Tätigkeit der GewerkschaftSkommiffion berichtete der Delegierte Schmahl. Er erwähnte daba unter anderem die ArbcitSlosenzählung und die Arbeitslosigkeit überhaupt, verurteilte es scharf, daß Berliner Feuerwehrleute zu Umzugsarbeiten herangezogen werden, arbeits- losen Leuten das Brot nehmen, und wies ferner darauf hin, daß die Stadt Berlin bis jetzt nichts zuwege gebracht hat. zur Arbeits- losenunterstützung der Gewerkschaften irgendwelchen Beitrag zu zahlen.— Ferner wurde über den Achtuhrladenschluß gesprochen und gesagt, daß Tausende von Geschäftsleuten zum Schaden ihrer Angestellten noch nach 8 Uhr verkaufen, daß aber die Polizei sich solchen Uebertretungen gegenüber sehr lau verhalte. Es müsse so- wohl vom kaufenden Publikum wie von den Gewerkschaften mit aller Kraft dafür gesorgt werden, daß der Achtuhrladenschluß auch wirklich allgemein durchgeführt werde.—» Auf Antrag der Ver» waltung und Bezirksleitung beschloß die Versammlung. Franz Zaggel, Richard Michaelis bei der Firma Bosse, Wiener Straße, und Gustav Marks aus der Organisation auszu- schließen. Der letztgenannte war früher Mitglied der Geschäfts- oiencrvercinigung, aber auch dort ausgeschlossen worden, wovon man jedoch im Transporturbeiterverdand bei seiner Aufnahme keinerlei Kenntnis hatte. Freireligiöse Gemeinde. Sonntag, den 23. Mai er., vormittags 9 Uhr, in der Halle, Pappel-Allee 15—17: Freireligiöfe Vorlesung.— Vor- millags lO»/4 Uhr in der Schule, Kleine Franksurter Str. 6; Vortrag von Herrn M. H. Barge über- PanpstichismuS und HylozoiSmuS.— Damm und Hemii sind als Gäste sehr niilllommen. Allgemeine Kranken, und Sterbekafle der Metallarbeiter. (5. H. 29.) Filiale Berlin 9. Sonnabend, den 22. Mai. abends 9 Uhr, bei Gundlach, Waldemarstr. 19: Versammlung.— Flliale Rirdors. Sonnabend, den 22. Mal, abends 81/, Uhr, bei Pichl, Stein- luctzstr. 114: Versammlung.— Filiale RummelSburg. Sonn- abend, dm 22. Mai, im Lokale von Oskar Blume lvorm. Gustav Tempel), Boxhagcn. Ecke der Neuen Bahuhosftrasie: Mitgliederversammlung.— Filiale Baumschulen weg. Der Feiertage wegen findet der Zahl- ag am Sonntag, den 23. Mai, von 9—11 Uhr vormittags im Lokale von Kädwg, Bailmschulmsir. 67 statt. Berliner Rrbettcr-DchachNnb. Abteilung„Wedding", Warftr. 13b bei Schulz. Abteilung.Lichtenberg", Psarrstr. 73 bei Ertel. Abteilung „Moabit", Zwinglistr. 15 bei Pielek«. Jeden DimStag von'W> Uhr av spielavend und Sonnabends kreier Sibachvcrkehr. Ein Familiendrama. Einer Meldung aus München zufolge er» eignete sich gestern früh am Paulanerplatz ein Eifersuchtsdrama. Die Frau des Laboratoriumarbeiters Schneider verletzte während cincZ Streites ihre beiden vier- und sechsjährigen Kinder und darauf ihren Mann durch Messerstiche schwer. Darauf tötete Schneider seine Ehe- frau durch einen Stich in das Herz. Durch Kohleumassen verschüttet. Wie aus KönigShiitte gemeldet wird, wurden gestern durch herabstürzende Kohlenmassen auf der Deutschland- Grube mehrere Bergleute verschüttet. Der Hauer Schendzilorz, Vater von 19 Kindern, konnte nur als Leiche geborgen, alle übrigen gerettet werden. ßriefharten der Redaktion. Sl»(irrlflififie Svreib stunde flndti Liudcustraste Vit. S, jiotlf.t Bof, dritter Singnug, vier Treppe», 0W Fahrstuhl"M-Z iooidentiigllch adendd von V'-'i dt» O'/i Udr statt. Geoifuet 7 Uvr SonnadeudS deginni dir Svrrivftund« n»,chen beitutiiaeu. Briefliche»luiwort wir» uichi ericilt. Bis zur Beantwortung im Briefkasten köniicii 14 Tage vergeben. tSilige Fragen trage man in ver evrcchstnnve vor. W. W. 1«. 1 Wen» der Tcimin angesetzt wird, möge der Vater bei Gericht die Bestellung eines Verteidigers beantragen. 2. NnS nicht be- kann! 3. Wenigstens daS Jahr mutzte angegeben werden. Handelt eS sich um die Abschrift des TeslamentS eine« Verstorbenen, so ist der Todeötag anzugeben.— F. B. ltv. 1.— 3. Der allgemeine im ß 1268 deS Bürgerlichen Gesetzbuches angegebene EhefcheidungSgrund kann im vorliegenden Fall als bei b e i d en Eheleuten vorliegend erachtet werden. Wenn die Ehescheidungsklage beim Landgcrcicht eingereicht, Termin anberaumt und die Frau zum Termin geladen ist, so sollte sie einen Anwalt zur Wahr- nchmmig ihrer Rechte bestellen. 4. Ja, Diebstahl zwischen Eheleuten ist straflos.— Altersrente. 1. Das ist unmögtich. 2. und 3. Wird Ihr Vater erwerbsunfähig im Sinnc de« JnvalidengcsetzeS, so erhält er aus An- trag die Invalidenrente an Stelle der Altersrente. Wie hoch die- selbe ist, läßt sich ohne Kenntnis der Art und Zahl der geklebten Marken nicht sagen. Höher als die Altersrente ist sie in Ihrem Fall. — Erbschaft. Der Valer kann über sein Vermögen versägen wie er will, es verschenken usw. Nur seine lctziwilligen Beriügungen, also die Ver- sügungen über seinen Nachlas; sind dahin beschränkt, das; er den Kindern den Pflichtteil lassen musz.— E. II. S. 1857. Leider lägt sich gegen daS Kommando nichts erreichen. Vielleicht nützt eine Eingabe deS Vaters an den Negimemskommandeur.— M. 50. 1. Nein. 2. Leider ja. — Eh., Soldiner Str. 71. 1. Eine Wartezeit bIS zur Wiederverheiratung ist nur sür Frauen vorgeschrieben, nicht für Männer. Die zchnnionatiiche Wartezeit, von der aus Antrag Dispens erteilt wird, ist mit Rücklicht aus die noch auS der früheren Ebe zu erwartenden Kinder gesetzlich scstgclcgt. Weist die Frau durch ein Zcugms eines Arzics oder einer Hebamme nach, daß Schwangerschast nicht norltegt, so erteilt daS Amtsgericht tn der Regel Dispens. 2. bis 5. Ist wegen Ehebruchs geschieden, so dürsen. auch wenn das Urteil das nicht besonders ausspricht, sondern nur den Ehebruch sest- stellt, die Beiden einander nicht heiraten. Jedoch kann daS Landgericht, das geschieden hat, aus Antrag DispcuS von diesem Verbot erteilen. Zweck- mäßig ist es, dem Antrag die Zustimmung de« srühere» Ehegatten bcizusügeii. — B. Dt. 15. Ein Anspruch aus Rückzahlung steht Ihnen nicht zu.— Ernst 1808. 1. Sie müssen bei der Lohnzahlung erklären, daß Sie mit dem Abzug nicht einverstanden sind. Der Betrag kann(auch während der Fortdauer des Vertrages) beim Gewerbegerichi innerhalb zweier Jahre eingeklagt werden. 2. Ja: das Gcioerbegerickt ist zuständig.— W. P. Die Klage hätte Aussicht aus Trsolg.— Paul Brandt. Sie müssen noch sitzt gcslatien, dasi die Röhren gezogen werden. Ei» Recht zur Kündigung teht Ihnen nicht zu. Sie konnten nur Schadeuersatz verlangen.— 8. 12. 87. 1. und 2. Nein. 8. Uns nicht bekannt. 4. Nein. 5. Etwa 29—25 M. monatlich werde» vom Gericht als angemessen erachtet.— P. K.» Litbdenan. Die Forderung enliprach leider den gesetzlichen Vorschristen. Zur Beschaffung emeS BcgräbniSplatzcs ist die Gemeinde nicht verpflichtet. — H. Z. 60O. Klagt der i chneider auf Zahlung, dann werden aber den Einwand, der Anzug passe nicht usw., Sachverständige vernommen. Da deren Gutachten nicht vorauszusehen, der unterliegende Teil aber die nicht unbeträchtlichen Kosten zu ziidlen hat, so ist in diesem Fall zu einem Vergleich zu raten. Aus alle Falle müßte der Käufer den Schneider aus die dermeinllichen Mängel aufmeifsam machen und ihm Gelegenheit zur Abstellung derselben geben.— 81. R. 59. Sie könnieu den Wirt, wenn Sie ihn vorher aussordern, aus Zahlung verllagen und dann Ihre Miete oustcchncn.— 81. P. 39. Für die Klage wäre das Amtsgericht zuständig. Die Klage hätte aber nur dann Aussicht aus Erfolg, wenn Sie beweise» können, daß die Eltern ihre Aufsichl.wflicht vernachlässigt haben. — St. B. 76. Die AbzugSsahigkcii besteht.— Invalid 59. Leider wäre eine Klage aussichtslos.— G. B. 80. Niemand.— M. 1909. Soweit ohne Einsicht l» den Bertrag die Sachlage zu beurtelleu ist, können Sie aus Rückzahlung des Darlehns und Herausgabe der Gegenstäud« als Pfandobjekle klagen.— W. F. 88. DaS Kaustnaniisgericht ist zuständig. Erfolg würde die Klage nur dann haben, wenn Sie beweiseii, baß cina Tantiemenvereinbarung aetrossen und baß U-bcrschuß erzielt ist.— 80. H. 03. Da beide Ehepaare den ganzen Vertrag unter'chrieben haben, hastet das noch lchende Ehepaar bis zum 1. April 1910, falls feine gütliche Vereinigung zustande kommt.— W. M. 4000. Ist unzulässig. Cint?egsn«?ene Dl'iickscdriften. MaseS, Jesus, Paulus. Drei Sagenvarlaten von P. Jensen. 1,29 M. Neuer Frankfurter Verlag, Frankfurt a. M. Argus 81..! Der Leipziger Mörder und Erpresser. Von G. Chr. Stephany. 1 M. ß. Walther, Berlin\V. 30. Kirstiings Da jd) enp lau von Berlin. 20 Psg.— KiestlingS Berliner Vorkehr. Praktisches Kursbuch. Sommer 1999. 49 Psg. Seldst» Verlag Berlin, Kleinbeercnslr. 26. Llnzelgenstcuer und Presse. Eine ketzerische Stimme auS Industriellen» kreisen. 80 Psg. Deutsche Zukunft. Leipzig. Reue Maschiuoni»d»striez»vctae. Ein Beikrag zur Fachausstellmig 1999, von K. Sups. KolonialivirlschasilicheS Konülee Berlin, Unlcr den Linden 43. Ju der Fremdenlegion. Erinnerungen und Eindrücke von E Rosen. 5 M., geb. 6 M. R. Lutz. Stuttgart. Die wahren Ursachen der Kohleunot. Bon O. ßarlmann. 60 Pf. — Der DtaatSbiirger des Deutichen Reiches im Lichte der Statistik. Von W. Kukuck. 89 Pf.— Erhöhung der Ddilagfortigkeit der deut. scheu 8lrmee. Von 23. Hartmann. 50 Pjemiia.— H. Walther. Berlin W. 80. vom 21. Mai 1909.»torgen« 8 Uhr. Stationen f« j S «BZi Lwinembe 774 3 s 773 OSO 17730 Franks.« Mf770NO München Wien !769O !772 Still «-«er 2 heiter 3wolkeitl 3 wölken! 3 Hilter 4 wölken! 2 wölken! >483 d« Stationen Ii Haparanda 769 N «etter t" Ls 4 bedeckt Petersburg 764 WNW 2 wollig Ectlly Aberdeen Part« 763 SSW 768 S 766 SO 2 wolkig 2 bedeckt 1 12 11 Iwollcnl, 17 Wettrrproguofe für Sonnabend, den 22. Mai 1909. Wärmer, zunächst meist heiter und trocken bei ziemlich lebhasten süd- lichcn Winden, später zunehmende Bewölkung und etivaS G-witterncigmig Berliner Wetterburean. SSaflerftandS-Rachrtchte» der LandtSanstait für Gewässerkunde, mitgetellt Berliner Wetterburean. Kasferstand M e m e I. Tilsit P r e g e l, Jnsterburg Weichsel, Thor« Oder, Rattbor » Krassen » Frankfurt Warthe, öchriunn , Landaberg Netze, Bordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden 0 varby 0 Magdeburg Wasserstand Saale, Mrochlltz Havel, Spandau') �, Ratbenow') Spree, Soremberg') , Becslow Weser, Münden , Minden Rhein, MaximilianSau 0 Kaub , Köln Neckar, Heilbrotm Main, Wertheim Mosel, Trier am 29. 5. vi» 70 06 136 70 98 -70 8 392 157 146 30 105 31 lest 19. 5. ein') -10 —11 +10 0 0 — 1 —3 —5 —20 <)+ bedeutet WuchS.— Fall.«•) llnterdeget. wöchentliche Teilzahlungen Ersatz für Maß. liefere elegante, fertige flnferflguns»sch liiaß. Herren- Garderoben. Tadellose Ausführung 259L+ Mus Fabian, SctaeMemtlsKr, Der Kenner MWW» -r''' raucht N:61 hochfeine 6 Pf. Clgarre VorzB?licIier wörzlger Geschmack J. NEU MANN □äarren-fabrikea- 103 Filialen. Cigarren- Fabriken. 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([500] SM 913 65 3023 213 481 568 030 4191 292 485 523 86 S39 5205 312 025[500] 69 918 6062 165 71[1000] 552 669 900 7 026 318[500] 91 8009 82 107 41 277 521 87 630 855 905 9065 165 797 827 952 10040 273 550 712 96[500] 11075 728 32 827 1 2113 48 207 158 513 77 919 13070 181[3000] 213[ICOO] 24 617 715 14318 1 3000] 113 1 5113 272 384 906 1 6001 2 III 211 366 739 17087 611 732 96 810 84 961 86 18259[3000] 60 109 15 797 953 19123 38 63[500] 324 19 73 52» 20162 513 27 71» 828 83 21121 677 Sil 22089 143 667 770[3000] 902 23106 501 672 807 2 4109 574 650 809 2 5213 330[3000] 799 SS! 010 66 82 2 6(116 ISO[500] 877 715 802 33 911 27039 211 41 473 583 812 24 970 2 8016 231[1000](13 515 633 705 27 870 88[300] 29003 41 77 203 386 526 50 71 612 833 30214[3000] 315 57[500] 408 547 gl»19 175 85 415 60 668 743 984 3 2071 316 761 976 3 3 060 71 105 328 530 «22 021 34123 Ol 03 219 53 329 43 713 837 71 3 5083 687 63 3 6122 90 539 813 944 3 7087 192[1000] 332 56 59 [3000] 1)7 453 600 895 33315 64 90 653 981 39079 253 369 499[500] 611 03 303 40108'271 411 517 647 79 749 801 917 4 1 006 413 552 793 42040 73 188 274 78 351 6? 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L2. Ziehung 5.KI. 220. Kgl. Preuss. Lotterie. Ziehung vom 21. Mai nachmittags. Zülir die Gewinne Uber 240 Mark sind den betredendeo Nummern in Klammern beigefügt. (Ohne Gewähr.)(Nachdruck verboten.) . 88 62 70 171[500] 235 87 405 604 879 916 41[500] 1211 374[»000] 73 400 71 930 54 2068 109[500] 778 887 963 3025 78 273[500] 689 757 828 4321 425 830[500] 5080 353 503[1000] 726[500] 63[IOOO] 70 836 91 923 6064 163 346 530 658 874 972 7383[500] 422 640 749 [500] 960 8139 212 503 709 933 93 0071 97 845 565 10108 508 696 99 819 907 11000 66 198 227 46 389 533 623[500] 746 815 67[1000] 12208 24 508 693 1 3024 44 181 214 63 428 794 837 944 1 4056 138[500] 41 263 354 616 15110 12[500] 201[1000] 803 562 1 0311 406 633 17083 269 348 72 570 628 87 750 848 97 901 62[500] 18119 79 331 703 839 970 82 1 0006 117 20[3000] 407 [IOOO] 679 765 852[IOOO] 68 028 2012? 77 369 77 404 24 821 90»[1000] 21178 829 425 783[500] 22019 184 633 82 2 3095 151 81 294 670 729 856 24116 20 51 373 472[1000] 871 25152 201 584 96 701 816 953 2 0129 210 462 10 695 827 2 7067[500] 335 83 484 613 707 882[ 3000] 971 2 8512 52 648 782 858 917 97 20 233 455[1000] 62 671[6000] 934 30UO 3» 427 695 3 X 225 424 78 86 7S9 918 3202» 53 240 334 681 91 716 901[10000] 33036 115 96 219 766 693 913 3 4143[IOOO] 226 358 507 614 63 778 845 912 [500] 25 3 5093 268[ 500] 36 1 412 91 625 47[3000] 812 3 0061 240 682 752[500] 923 3 7497 792 96 3 8150[1000] BIO 430 519 832 48 3 0217 400 SO 77(IOOO) 612 710 908 18 45 69 601 j, 669 726 635 4 1 030 546 68 531 777 952 42174 219 450 57 89 675 860 4 3084[lOOOs 321 438 51 90 528[500] 632 754 818 4 4021 52 735[509] 890 45300 640 700 8 22 684 40011[500] 45[1000] 54 139 63 402[5») 775 4 7013 42 43[500] 110 293 406 72 816 43252[5») 74 521 85[1000] 688 82 896 064 4 0 002 11000] CO 84 115000] 180 208 384 607 23 Ol[1000] 753 942 44[1000] 50265 318 79 415[3000] 824 992 51156 234 316 532 «, 79 011 94 97[3060] 709 809 31 52210 59 406 515 91c 66 5 3 345 660 727[500] 803.17 54101 502 20 912 1t 36 55020 345 429 599 610 998 5 0074 407 723 879 927 31 f» 5 7059 912 92 605 69 935 5 8063 348 51 637 769 94 5 0001 61[1000] 251 70 366[500] 458«23 715[3000] 24 00067 122 21? 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Redakteur:' Carl Wermuth. Berlin-Bixdorf. Für denJnseraienteil vsitotfia.LTä. LKöckKLerlui. DrÜS Ü. Bellas jvuchdruckerej y. BerlagsanWt Paul Singer& Co,. Berlw S\Yay Nr. 117. 26. Aahrglms. 4. Icilnp ki JniBfirts" finlintt MIKsdlM. Sonnabend. 22. Mai 1909. Die Allgestedten der Krankeukassen und Kernfsgenossen- fchasten Deutschlands hielten am Donnerstag einen Kongreß im„Grand-Hotel Mexander- platz" zu Berlin ab. Er war besucht von 653 Teilnehmern, und zwar etwa 400 aus Berlin, die übrigen aus verschiedenen größeren Btädten. ES wurde festgestellt, daß die Anwesenden 3384 Kollegen vertraten, das ist die überwiegende Mehrheit der Krankenkassen- angestellten überhaupt. Die Zentrale der Krankenkassen Deutsch- lands sowie die sozialdemokratische Fraktion des Reichstages hatten, einer Einladung der Einberufer folgend, Vertreter entsandt. Von den eingeladenen Behörden und den bürgerlichen Parteien des Reichstags war niemand erschienen. Ter Zweck des Kongresses war, Stellung zu nehmen zur ReichSvcrsichcrungSordnunjf.— Der Referent Giebel- Berlin empfahl die Annahme folgender Leitsätze: „Der Kongreß der Angestellten der Krankenkassen und Be. rufsgenossenschaften Teutschlands erklärt die freie Selbstver- waltung als die beste Bürgschaft für die restlose Erfüllung des sozialen Zweckes der Arbeiterversicherung. Die in dem Entwurf der ReichSvcrsicherungsordnung vorgesehene Erweiterung auf- sichtsbchördlichcr Befugnisse bedeutet aber nicht nur ihre Ein- engung, sondern eine wcitgreifendc Unterbindung der Selbst- Verwaltung, die aus der seitherigen Praxis der Bersicherungs. träger durchaus nicht gerechtfertigt werden kann. Deshalb lehnt der Kongreß die Art der im Entwurf vor- gesehenen gesetzlichen Regelung der Rechtsverhältnisse der An- gestellten der Zwangskrankenkassen und der Berufsgenossenschaften mit aller Entschiedenheit ab, um so mehr, als die Bestimmungen der ZZ 420—427 in Verbindung mit 8 414 den wirtschaftlichen und rechtlichen Interessen der Kassenangestellten keineswegs ent sprechen und die der 8§ 777, 779 für die Angestellten der Berufs. genossenschaften völlig unzulänglich sind. Der Kongreß beansprucht und erklärt als selbstverständlich, daß alle bisherigen Angestellten der Versicherungsträger in der Reichsversicherung auch nach Inkrafttreten des neuen Gesetzes weiterbeschäftigt werden, und zwar mindestens zu den bisherigen Gehalts, und Anstellungsbedingungen. Zur gesetzlichen Regelung der Dienstverhältnisse der An- gestellten der Zwangskrankenkassen und Berufsgenossenschaften fordert der Kongreß ferner: l. Schaffung von Dienstordnungen durch die Organe der Versicherungsträger. Die Dienstordnungen, die von Aufsichtsinstanzen weder !u genehmigen noch anzuordnen sind, müssen insbesondere ent- alten: t. Für alle Beschäftigten: a) einen Besoldungsplan mit Gehaltsskalen für jede Gruppe der Angestellten; d) Festsetzung der täglichen Arbeitszeit auf höchstens 8 Stunden; c) unverkürzte Gehaltszahlung bei unverschuldeter Ar- beitSbehinderung auf mindestens 6 Wochen; itznN: : M!'. IllUfTO»:, K; Li j�njlrmr Sunlicfri Seife i/pnvendcn alle Frauen, denen es an derErhaffung ihrer AussFeuer gelegen isü Die Milde und Remigungskraff dieserSeife isF unübcrFroffcn.denn sie isF reine Seife and nur diese bieFeF öaranFie gegen die vorzeiFigc/tonüFzungderlVä' sehe! Chemische WascbmiFFel zweifelhafFer ArF sind daher zu vermeiden! . m biritur Sie finden hinter meinem Fenster einen groOen Laden und ein Biesenlager neuester Herren-«.Knaben-Garderobe das Sie ohne Kaufzwang besichtigen können. Mein verkaatsfwatem schützt Jeden Käufer vor Lebervortellung. 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