Ar. 131. Abonnements-Bedingungen: WSormomcntä- Preis pränumerando: Bicricrjkhrl. SL0<011., monatl. 1,10 Mk,. wöchentlich 28 Pfg. frei ms Haus. Emzeine Nummer S Pfg. Sonntags- nummcr mit illustrierter Sonntags- Vellage.Die Neue Welt' 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-Zcimngs- Preislifte. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Atonal. PoftabonnemeMS nehmen an: Belgien. Dänemark Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. 36. Jahrg. Crfdielnt tiigiich außer Qlentass. Berliner Volksblnkt. Die Tnlertlons-Geböbr veträgt für die fechsgefpaltens Kolonel» zeile oder deren Raum M Pfg., für politische und gewcrlschastliche Vereins- und Vcrsammlungs-Anzcigcn 30 Pfg. „liteine Anreizen", das erste ffett- gedruckte)«ort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf- stellen-Anzcigen das erste Wort 10 Pfg., jede? weitere Wort 5 Pfg. Worte über IS Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummcr müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm- Wresse: „Sozlaliteniokrat RcrllD* Zentralorgan der rozialdemokratifcben Partei Deiitfcblands. Redaktion: SM. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Mittwoch, den 9. Juni 1999. Expedition: SM. 68, lUndenstrasse 69« Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. yungersvotpreile für Getreide. Die Getreidepreise in Deutschland haben eine derartige Höhe erreicht, daß sie als Hungersnotpreise bezeichnet werden müssen. Am Sonnabend, den 8. Juni, notierte an der Berliner Börse Weizen für Julilieferung 234 M. Pro Tonne(gleich 1000 Kilogramm), für Septemberlieferung 226,75 M.; sofort lieferbare Ware wurde überhaupt nicht angeboten. Roggen notierte 196 M., für Juli 196,73, für September 173 M. Die Preisbewegung an den Hauptmarktplätzen wird durch folgende Zusammenstellung der Preisnotierung des Land- Wirtschaftsrates charakterisiert. Es wurde gezahlt für 1000 Kilo- gramm in Mark: Weizen am 9. Januar am 6. April am 25. Mai Berlin... 210,75 239,— 268,75 New Jork.. 166,65 199,15 223,05 Liverpool.. 171,90 192,05 206,60 Paris... 187,15 198,— 219,15 Odessa... 163,20 182,55 189,10 Budapest.. 213,70 239,95 253,90 Roggen Berlin... 173,50 178,50 197,75 Odessa... 133,15 140,50 145,75 Es hat somit Berlin zurzeit unter allen Handelszentren die höchsten Preise. Dabei ist zu bemerken: der New Dorker Preis wird künstlich hochgehalten durch die Spekulanten, "die Getreide eingeschwänzt haben. Nur dadurch erklärt sich, daß in Liverpool der Preis trotz der Frachtkosten niedriger steht als in New Jork. Die Berliner Notierung ist um 62,15 M. höher als die Liverpooler, d. h. um mehr als den Betrag des Zolles von 35 M. und der Frachtkosten, die rund 5,30 M. betragen. In Paris ist die Notierung um 49,60 M. niedriger als in Berlin. Nur Budapest hat einen Preis, der sich dem Berliner nähert, was sich aus ganz besonderen Ver hältnisscn erklärt. Infolge der Mobilisierung im April sind nämlich gewaltige Mengen Getreide von den Proviantämtern aufgekauft und dadurch der Markt von Vorräten entblößt worden. Vergleichen wir die Maipreise in Berlin in diesem Jahre und im Durchschnitt der letzten zehn Jahre, so ergibt sich folgendes: Weizenpreis 1909......... 262,60 M. Weizenpreis im Durchschnitt 1899—1908. 164,50„ Roggeupreis 1909......... 197,50„ Roggenpreis im Durchschnitt 1899—1908. 149,29„ Der Weizenpreis hat eine bisher überhaupt nicht da- gewesene Höhe erreicht; der Roggenpreis war nur im Jahre 1907 höher, und nur weil Rußland 1906 eine vollständige Mißernte in Roggen hatte. Der Antrag des Grafen Kanitz im Jahre 1894 forderte: der Getreidehandel wird Reichsmonopol und das Reich setzt den Preis so fest, daß er dem Durchschnittspreise der Periode 1853— 1894 entspricht; dieser Durchschnittspreis ergab: Weizen 213 Mark, Roggen 165 Mark. Damals sprach Wilhelm II. von„Brotwucher".— Also 1894 wurde der Weizenpreis von 213 Mark als Brotwucherpreis bezeichnet; heute haben wir einen Weizenpreis von 268,75 Mark! Woher kommen diese wahnsinnigen Preise? Den ent- scheidenden Einfluß auf die Preisgestaltung hat das Ernte- ergebnis: eine Mißernte muß die Getreidcpreise in die Höhe treiben. Indessen hat Deutschland im Jahre 1908 eine über- aus reiche Ernte gehabt. Das Ergebnis der Roggcnernte war 10700000 Tonnen, das höchste Ernteergebnis, das jemals in Deutschland erreicht worden ist. Das Ergebnis der Weizen- ernte war 3750000 Tonnen, während die Durchschnittszahl für die letzten 15 Jahre 3 600 000 Tonnen ist. A l s o: e i n e Rekordernte in Roggen, eine über dem Durch- schnitt stehende Weizenernte und dabei Hungersnotpreise, Preise, die u m 25 P r o z. höher sind als die, die die Agrarier sich bisher in ihrer Nn- ersättlichkeit wünschten. Eine tolle, eine wahnsinnige Wirt- schaft: trotz des Segens der Fluren wird das Brot un- erschwinglich teuer! Auch das Ergebnis der Welternte erklärt die Preis- gestaltung in Deutschland nicht. Die letzte Welternte war eine Durch; quittsernte. Die Ernte des Jahres 1907 blieb etwas unter dem Durchschnitt zurück. Nach der Berechnung des bekannten Fachorgans von Beerbohm betrug die Weizen- ernte 1905=- 90,2 Millionen Tonnen, 1906— 94 Millionen, 1907= 85,6 Millionen, 1908= 87,1 Millionen. Die glänzende Ernte des Jahres 1906 ermöglichte es, daß im Jahre 1907 noch beträchtliche Vorräte am Lager waren, und deshalb stiegen zwar die Preise, als der schlechte Ausfall der Ernte von 1907 bekannt war, aber sie hielten sich in mäßigen Grenzen. Nur Roggen erreichte unerhört hohe Preise. Das erklärt das hohe Preisniveau auf dem Weltmarkt, aber es erklärt noch nicht die Hungersnotpreise auf den deutschen Märkten. Man sollte meinen, daß so- bald Deutschland eine glänzende Ernte hat, die Preise in Deutschland niedriger stehen müßten, als es dem Weltmarkt- Niveau entspricht. In Wirklichkeit sehen wir, daß der Weizenpreis in Berlin um 62,15 Marküb er dem Preis von Liverpool steht, der Roggenpreis um 32 M. über dem Preise von Odessa. Trotz der für deudeutscheuÄousumgünstigenKonstellation ist der Preis um einen Betrag über den Welt' Marktpreis gesteigert, der den Zoll über- trifft. Fragt man die Getreidehändler nach der Ursache dieser abnormen Preisgestaltung, so erhält man die Antwort: der deutsche Markt ist von Getreide entblößt, es ist keine Ware zu haben. Die Marktberichte bestätigen das. Woher komint das nun aber? Die Antwort ist längst gegeben: die reiche deutsche Ernte ist nach dem Auslande geschwommen, der Markt ist künstlich der Vorräte entblößt worden. Das wird vollauf bestätigt durch die amtlichen Zahlen über die Ausfuhr und Einfuhr von Getreide. In der Zeit seit der Ernte, vom 1. August bis 30. April, gestaltete sich der Auslandshandel mit Getreide folgendermaßen: in Doppelzentner: Ausfuhr Einfuhr Ausfuhr Einfuhr Roggen Weizen 1998/99 7 387 495 1 587 711 3 584 986 14 293 168 1997/98 2 917 561 3 693 379 1 588119 17 554 729 1996/97 2 493 969 5189 943 2 718 372 15 313 943 Also eine ganz enorme Steigerung der Ausfuhr bc- sonders beim Roggen. Das ist die Folge des Systems der Eiusuhrscheine, die eine Aus fuhrprämie ergeben! Die Rekordernte des Jahres 1908 wurde auf die ausländischen Märkte geworfen; der deutsche Roggen ging nach den skandinavischen Ländern, nach Holland, ja selbst nach den russischen und finnischen Ostseehäfen; denn erstens war russischer Roggen knapp, zweitens erhielten die Exporteure auf jede Tonne ausgeführten Roggens 50 M. Ausfuhrprämie; es wurde ihnen der volle Zoll in Form der Einfuhrscheine gezahlt. Und noch ist diese Operation nicht beendet. Die Ausfuhr droht noch größer zu werden, denn der Bericht über die Bestände der Zolläger besagt: Es lagerten Ende April 1908= 102 292 Doppelzentner ausländischen und 62 849 Doppelzentner in ländischen Roggens; dagegen Ende April 1909— 88 324 Doppelzentner ausländischen und 96 802 Doppelzentner im ländischen Roggens. Diese Bestände inländischen Roggens werden ausgeführt, wenn die Preisgestaltung an den fremden und den einheinnschen Märkten den Exporteuren die volle Ausnutzung der Exportbcstände gestattet; nur wenn der Jn> landspreis noch weiter steigt, werden sie aus dem Lager zurück gezogen und auf den einheimischen Markt gebracht. Kennzeichnend ist übrigens, daß an den Getreidemärkten, besonders im Osten, in Posen, Breslau, Königsberg, die Händler behaupten, es lagere noch viel Roggen auf den großen Gütern, aber die Großgrundbesitzer hielten auch jetzt noch zurück. Sie spekulierten auf ein weiteres Steigen der Preise. Ferner wird berichtet, die Mühlen hätten bis in die letzte Zeit möglichst wenig gekauft, weil der Mehlpreis nicht im gleichen Maße gestiegen sei wie der Getreidepreis: eine Meldung, die darauf schließen läßt, daß der Brotkonsum zurückgegangen ist infolge der Krise. Aber die Bestände an Mehl gehen zur Neige, und auch die Getreidevorräte der Mühlen sind gering. Deshalb rechnet man damit, daß in der nächsten Zeit ein starker Aufschlag der Mehlpreise erfolgen muß und daß dann auch die Mühlen mit dringender Nach frage nach Getreide an den Markt kommen werden. Die Preise werden dann noch mehr in die Höhe schnellen. Daraus erklärt sich auch, warum die Preise für Julilieferung noch höher sind als die Preise für sofort lieferbare Ware. Dazu kommen die ungünstigen Berichte über den Stand der Saaten und die Aussichten für die kommende Ernte. Hier spielt natürlich die Spekulation eine größere Rolle: um den Preis noch weiter in die Höhe zu treiben, stellen die Land- Wirte den Stand der Saaten schlimmer hin als er in Wirklichkeit ist, und diese Berichte beeinflussen auch die amtlichen Schätzungen. Indessen kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die Aussichten recht ungünstig sind. Der Winter war frostig und schneearm, daher haben die Saaten schlecht überwintert. Das Frühjahr brachte un- günsttges Wetter, die Bestellung der Felder wurde in ganz Deutschland stark verspätet. In dieser Hinsicht haben wir ein abnormes Jahr, so daß unter allen Umständen die Ernte um etwa zwei Wochen später reifen wird. Dazu kam im April und Mai empfindlicher Regenmangel, was sowohl die Winter- saaten als auch die Sommersaaten stark im Wachstum zurückhielt. Der langersehnte Regen, der Ende Mai niederging, hat zwar die schlimmsten Befürchtungen beseitigt, aber es unterliegt gar keinem Zweifel, daß auf eine gute Ernte in Deutschland keine Hoffnung mehr ist. Wird das Wetter bis zur Ernte günstig, dann kann es noch eine knappe Mittelernte geben, mehr nicht. Dazu kommt, daß für die Futtergewächse die Aussichten noch schlechter sind. Die Wiesen sind in trostlosem Zustande, die Kleefelder sind ausgebrannt. und da auch das Getreide infolge der Dürre im Mai wenig Stroh liefern wird, droht eine ernsthafte Futternot.— Aus anderen Ländern lauten die Nachrichten im allgemeinen auch ungünstig. In Nordamerika befürchtet man eine sehr knappe Ernte; in Argentinien, wo die Saatzeit in den Mai fällt, wurde infolge anhaltender Dürre die Aussaat stark verspätet; in Rußland haben die Wintersaaten gut überwintert, aber auch dort ist der Regenmangel sehr empfindlich; in Oesterreich und in den Balkanländern sind die Aussichten noch ungünstiger wie in Deutschland. Alles in allem sind die Hoffnungen also gering und die Welternte wird nicht reichlich sein, ja es ist dieBefürchtung vorhanden, daß uns ein Notjahr bevor st eh t. Diese schlechten Ernteaussichten beeinflussen die Preise auch jetzt schon, und selbst wenn die Ernte schließlich besser werden sollte, als man zurzeit hoffen darf, werden die hohen Preise bis zur Ernte, die diesmal spät kommen muß, weiter- hin steigen. Was aber soll werden, wenn die Befürchtungen sich bewahrheiten? Im Jahre der glänzend st en Roggenernte haben wir H u n g e r s n o t p r e i s e. was soll werden, wenn wirklich eine Miß- ernte eintritt? Und noch eines kommt hinzu: in Oesterreich ist der Mangel an Getreide ganz abnorm. Deshalb ist bereits im Reichsrat der Autrag gestellt, die Getreidezölle zu suspendieren. Geschieht das, dann werden selbstverständlich die Vorräte, die noch in Rußland und in den Balkanstaaten vorhanden sind, nach Oesterreich abgeführt werden. Es ist sogar die Gefahr vorhanden, daß auch aus Deutschland noch weiterhin Getreide nach Oesterreich gehen wird. Die Lage ist daher so ernsthaft wie noch nie. Der ganze Wahnwitz der deutschen Wirtschaftspolitik tritt in der Tatsache zutage, daß aus eine Rekordernte Hungersnotpreise folgen konnten. Dringender als je muß das Proletariat Deutsch- lands verlangen, daß diese Politik der Stockschläge auf den Magen des Volkes geändert wird. Buk preukiichem Niveau. Wir haben kürzlich berichtet, daß die p f ä l z i s ch e K r e i s- regierung der Wahl des Genossen B i t s ch zum Bürgermeister und des Genossen Schlosser zum zweiten Adjunkten der Stadt- gemeinde Lambrecht die Bestätigung versagt hat. Der Entscheid mußte umso größeres Aufsehen hervorrufen, als ja seinerzeit Genosse Binder als erster Adjunkt von Ludwigshafen a. Sih. ohne weiteres bestätigt worden ist. Jeder Zweifel aber, daß es sich etwa bloß um persönliche und nicht um politische Gründe handeln könnte, wurde durch den Wortlaut der Entscheidung be« seitigt, die sich ausdrücklich auf die bisherige politische Betätigung der beiden Gewählten als Grund für die Nicht- bestätigung berief. Ebenso wenig kann es einem Zweifel unterliegen, daß die Kreisregierung, die ja viele Wochen mit der Herausgabe der Entschei- dung wartete, im Einvernehmen mit dem bayerischen Ministerium handelte. Dieselbe reaktionäre Haltung, die das bayerische Ministerium im Fall Hoffmann eingenommen hatte, trat also in diesem Fall noch viel klarer zu Tage. Denn hier ist nicht einmal die Möglich. keit eines Borwandes gegeben, wie es die Berufung auf längst ver- schollene Paragraphen war, die im Fall Hoffmann ausgegraben wurden, um das Gesuch eines sozialdemokratischen Lehrers um Weiterführung des Unterrichts an einer Fortbildungsschule abweisen zu können. Vielmehr liegt in dieser Nichtbestätigung die offene Versagung der staatsbürgerlichen Gleichberech- tigung für Sozialdemokraten. Auch die bayerische Regierung ist auf das Niveau der preußischen herabgesunken. daß es zweierlei Recht im Lande gibt, ei» schlechteres für Sozialdemokraten und ein besseres für die Mitglieder der anderen Parteien. Auch die bayerische Verwaltungspraxis schafft also ein willkürliches, ungesetzliches Ausnahmerecht gegen die Sozial- demokratie. Wenn aber die„Frank. Tagespost" richtig informiert ist, so würde die Praxis, die sich in der Entscheidung der pfälzischen Kreisregierung ausspricht, nicht auf Bayern beschränll bleiben. sondern auch auf jene Gebiete übergreifen, wo bisher noch eine halbwegs anständige Handhabung des Bestätigungsrechtes, das längst schon zur Abschaffung reis ist, in Geltung war. Unser Nürnberger Parteiblatt bringt nämlich folgende Nachricht, die ihm von in- formierter Seite zugeht: Es handelt sich wieder um eine Unterwerfung der bayerischen Regierung unter den preußischen Terror. Auf Beranlassung der preußischen Regierung haben sich vor einiger Zeit die deutschen Bundesstaaten verständigt, Sozialdemokraten als unmittelbare und mittelbare Beamten, im Staatsdienst wie in der Selbstverwaltung die Bestätigung zu versagen. Danach hätte also Preußen, dessen Junkern die etwas freiere Atmosphäre Süddeutschlands schon immer verhaßt war, die Initiative ergriffen, um seine eigene Verwaltungspraxis, die immer eine Vergewaltigungspraxis gewesen ist, auch den süd- deutschen Staaten aufzuoktroyieren. Bei der bayerischen Regierung hat sie, wie der Fall von Lambrecht beweist, ja auch liebens- würdiges Entgegenkommen gefunden. Natürlich entschuldigt der preußische Druck nicht im geringsten die Nachgiebigkeit der süd- deutschen Regierung, und unsere bayerische Landtags- fraktion wird schon mit dem nötigen Nachdruck für die staats- bürgerliche Gleichberechtiguug. auf die sie ja mit Recht so großes Gewicht legt, einzutreten wissen. Ilm so notwendiger wird es sein, die preußische Regierung zu befragen, woher sie das Mandat nimmt, eine geheime Ver- schwörung der deutschen Regierungen zur Ver« schlechterung der Volksrechte zu organisieren. Dieser eheimbund gegen die Verfassung, die die Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetz verbürgt, kennzeichnet die Aich- tung, in der sich die Verhältnisse Deutschlands zu entwickeln drohen. wenn der Widerstand der Volksmassen gegen den imnier unerträg- licheren politischen Druck nicht energischer und rücksichtsloser einsetzt als bisher, Der Stadtrat von Lambrecht hat übrigens seine Pflicht getam Am Montag beschloß er einstimmig(also einschließlich der Zentrums- angehörigen) gegen die Nichtbestäligung der Genossen Bitsch und Schlosser durch die pfälzische Kreisregierung Beschwerde beim Ministerium des Innern einzulegen. Ju der Begründung der Be- fchwerde wird in bezug auf die politische Betätigung der beiden Ge- nassen auf die VerfassungSurknnde verwiesen, die allen Staatsbürgern gleiches Recht auf alle Grade des Staatsdienstes und die Gleichheit der Gesetze rind vor dem Gesetze garantiert. Es heißt dann, daß deshalb auch kein Bayer, weil er Angehöriger der sozialdemokratischen Partei ist, von dem Amte eines Bürgermeisters oder Adjunkten ausgeschlossen werden kann. Die Verweigerung der Bestätigung wird als verfassungs- rechtlich nicht aufrechtzuerhalten bezeichnet. Gegenüber dem von der Kreisregierung erhobenen Zweifel an der Objektivität und Unabhängigkeit der beiden Genossen wegen ihrer geschäftlichen Verhältnisse— Bitsch betreibt eine Wirtschaft, während Schlosser die seinige verpachtet hat— wird in der Beschwerde darauf ver- wiesen, daß in mehr als 80 Gemeinden in der Pfalz daS Amt eines Bürgermeisters oder Adjunkten durch Wirte ausgeübt wird, die bisher immer die Bestätigung der Kreisregierung fanden. Zum Schlüsse wird das Ministerium ersucht, de» Bescheid der Kreisregierung aufzuheben und die beiden Gewählten zu bestätigen. Sie Krife in der Meitslionföderation. Paris, 6. Juni.(Eig. Ber.) Der Rücktritt des Reformisten Niel vom Sekretärposten tjat der Krise in der Arbeitskonföderation kein Ende gemacht. Vielmehr hat die Auseinandersetzung zwischen den beiden Richtungen eine solche Heftigkeit angenommen, daß der Zweifel, ob ein weiteres Nebeneinanderleben möglich ist, auch manche ausdauernde Verfechter der Einigkeit ergriffen hat. Zu einem neuen leidenschaftlichen Zusammenstoß kam es in der ver- gangenen Woche auf der Konserenz der der Konföderation an- geschlossenen Arbeitsbörsen und Föderationen. Auf der Tages- ordnung standen wichtige Vertvaltungsfragcn, wie die der Reise- Unterstützung, aber daS stärkste Interesse und sehr viel Zeit nahm die Affäre Griffuc lh es in Anspruch, mit deren Aufrollung die Reformisten ihre Revanche für die gegen sie von den «Revolutionären" aufgebotene Demagogie und für die Ver- drängung Niels suchten. Griffuelhes hat als Sekretär den für das„Haus der Verbände" angesammelten Fonds in höchst eigenmächtiger Weise verwaltet. Auf die formale Ueber- tragung dieses Vermögens an die Firma:„Griffuelhes u. Cie." gestützt, entzog er sich jeder Rechnungslegung und traf nach Gutdünken Dispositionen wie über die Einrichtung einer Druckerei und eines ärztlichen Hilfsdienstes. Sein einstiger Kamerad L e v y griff ihn darum an und dieser Konflikt war seinerzeit der Anstoß der Demission Griffuelhes, dem Niel im Amt nachfolgte. Diesmal weigerte sich Griffuelhes, auf der Konferenz Rede und Antwort zu stehen, und erklärte sich nur bereit, den Provinzdelegicrten persönliche Auskunft zu geben. Die Reformisten und mit ihnen einige Revolutionäre forderten die Einsetzung einer besonderen Untcrsuchungskommission, doch vereinigte dieser Antrag nur P Stimmen auf sich gegen 51 für den vom Revolutionär L u q u e t eingebrachten, der es dem Bureau der Konföderation überließ, in Gemeinschaft mit Griffuelhes die Rechnungen über das Haus der Verbände und über die für den Hausbau veranstaltete Lotterie, die 21 000 Fr. eingebracht hat, zu überprüfen. Da auch diese Resolution die Notlvendigkeit hervorhebt, Bürgschaften dafür zu schaffen, daß das Verbandshaus in einer möglichst kurzen Frist in den Besitz und in die tatsächliche Verwaltung der Kon- Föderation übergehe, und da obendrein bei der Abstimmung <3 Enthaltungen gezählt wurden, ist das Ergebnis für Griffuelhes keineswegs ein moralischer Triumph. Gleichwohl sahen die meisten Reformisten in dieser Ab- stimmung einen weiteren Beweis dafür, daß die jetzige Vor- standsmehrheit zu der für ein gedeihliches Zusammenarbeiten notwendigen Objektivität nicht zu bewegen ist. Nach der überaus stürmischen Schlußsitzung der Konferenz, in der Niel in einer eindrucksvollen Rede noch einmal seine Be- schwerdcn über die Intrigen und Gehässigkeiten zusammen- faßte, womit die„gtevolutionäre" seine Amtsführung von Anfang an erschwert hatten, versammelten sich die Reformisten zu einer besonderen Beratung über ihr weiteres Verhalten. Es nahmen daran teil: Niel, weiter Guürard(Eisen- bahner), R 6 n a r d(Textilarbeiter), Vertreter der Buchdrucker, der Gemcindcarbeitcr, einiger großer Arbeitsbörscn der Provinz u. a. Es wurde beschlossen, an der Einheit der Organisation solange als möglich festzuhalten, aber die Arbeiterschaft über den Fall Griffuelhes aufzuklären. Auch wurde die Gründung eines eigenen Organs angeregt. Jedenfalls ist die Situation sehr kritisch. In der „Humanits" nennt Jaurss heute die Spaltung der Kon- föderation ein„unmögliches Verbrechen" und ein„Attentat gegen das Proletariat". Zweifellos würde eine Spaltung auch die meisten der konföderierten Organisationen wenigstens vorübergehend in Mitleidenschaft ziehen, da ja so ziemlich überall kleinere oder größere Minderheiten bestehen, die der anderen Tendenz angehören. Indes dürfte die Frage doch Wohl zu erwägen sein, ob die formale„Einheit des Pro- letariats" die dauernde Dcsorganisationsarbeit der Anarchisten und ihrer Mitläufer aufwiegt, die. die bescheidene, von den Gewerkschaften errungene Kraft in törichten Abenteuern ver- zettelt und das ärgste Hindernis bei der Anwerbung neuer Rekruten ist. Die Einheit des Gewerkschaftsverbandes wäre nicht in Frage gestellt, wenn die Gegensätze in der Konföderation nur die Methobe der gewerkschaftlichen Aktion beträfen und nicht ihre Quelle in dem Streben der„Revolutionäre" hätten, die Gewerk- schaftcn für revolutionäre Unternehmungen zu bcnützen, die außerhalb ihres fruchtbringenden Wirkungskreises liegen. Man kann nur hoffen, daß die„reformistischen" Gewerk- schaftler eine Form des Zusammenlebens finden, die der ge- werkschaftlichcn Propaganda weniger Schwierigkeiten bereitet als die Schonung der Hervöisten der Aktion der sozialistischen Partei. Wenn sie die Einigkeit erhalten werden, so werden sie vermutlich dafür andere Argumente finden, als die Er- fahruilgcn der„geeinigten Partei" mit den„Jnsurrektionellen". poUtifcke(leberllckt. Berlin, den 8. Juni 1309. Herr Breitenbach aus Schilda. '' Der schöne Plan des Eisenbahnministers, dadurch den demo- kratischcn Tendenzen der heutigen respektlosen Zeit entgegen- zuwirken, daß künftig in den Speisewagen der Eiscnbahnzüge die Polsterpassagiere erster und zweiter Klasse von den Reisenden dritter Klaffe getremt uud leMreo vgr dann die Teilosffme av dein Dreimark-Diner gestattet wird, wenn die Kochwohlgeborenett und Hochgeborenen nicht genügend Kuverts belegen, hat in der bürgerlichen Presse einen großen Entrüstungssturm entfacht. Was alle Steuervorschläge Shdows und der Rumpfkommission nicht vermocht haben: die Bürgerseele zum Kochen zu bringen, das komische Absondcrungsprojekt des in kleinen Dingen so großen und in großen Dingen so kleinen preußischen Eisenbahnministers hat's erreicht. Aber anstatt einfach die Schildaer Streiche des genialen Bureaukraten, der augenblicklich in Preußen als Eisen- bahnminister fungiert, spöttisch zurückzuweisen, läßt sich die wohl- gesinnte liberale Presse auf allerlei Kompromisscleien ein, indem sie sich den Kopf des Herrn Breitenbach zerbricht und nach allerlei Maßnahmen sucht, die eine Trennung der Fahrgäste in den Speise- wagen herbeizuführen vermöchten, ohne die Reisenden dritter Klasse in gleichem Maße zu verletzen, wie Herrn Breitcnbachs Hürdenplan. So bringt z. B. die„Köln. Ztg." die Zuschrift eines ihrer liberalen Leser zum Abdruck, in der es heißt: „Anderswo, z. B. in Frankreich, ist Vorschrift, daß die Reisenden zweiter oder dritter Klasse nur während der Mahl- zeit Platz im Speisewagen erhalten; das ist weniger radikal, und könnte auch in Preußen von den Zugführern durch die Kontrolle der Fahrkarten im Speisewagen ohne große Störung und Mühe überwacht werden. Es böte sich dann auch das englische System, das die Reisenden dritter Klasse in eine be- sondere Abteilung des Speisewagens verweist, ihnen dafür aber den Vorteil gewährt, daß sie für einen billigeren Preis als die anderen Reisenden dieselben Speisen, aber mit einem Gang, etwa Geflügel, weniger, aufgetischt erhalten. Ihnen könnte man dann ein- für allemal ihren Platz in der Raucherabteilung anweisen, deren Be- Nutzung man ihnen auch auf eine Zigarren- länge nach der Mahlzeit gestatten sollte; das wäre eine dem deutschen Publikum genehme Abweichung von dem englischen System." Es soll also im Speisewagen eine Raucherabteilung ein- gerichtet werden, in der die Fahrgäste dritter Klasse zu zwei Mark speisen können— im schönsten Zigarrenrauch. Es ist doch gar seltsam um die Gedankenwelt so manche» Liberalen bestellt. Könnte der Speiseraum dritter Klasse nicht au� zugleich als Klosett für die Reisenden erster Klasse dienen?— Zum Schachern bereit. Während die Konservativen vorläufig noch an den Steuer- beschlüssen der Rumpfkommission festhalten, bekunden die Haupt- blätter des Zentrums, die„Germania" und die«Köln. BolkSztg.", daß, wenn die Regierung sich dazu verstehen sollte, das Steuer- Programm der vaterländischen klerikal-konservativ-polnischen Koalition im ganzen zu akzeptieren, das Zentrum selbst in wichtigen Einzel- heilen gerne mit sich handeln lassen würde. So schreibt z. B. die „Köln. Bolksztg.": „Daß die Finanzkommission auf Antrag der Konservativen neue materielle Vorschriften in das Finanzgesetz hineingearbeitet hat. ist zutreffend. Allein es mag die Frage gestattet sein, wie weit handelten die konservativen Antragsteller dabei im Ein- Verständnis— wir glauben fast sagen zu dürfen nach Wunsch— der verbündeten Regierungen? Bei der Zündholzsteuer und der Zollerhöhung für Kaffee und Tee glauben wir solches ohne weiteres annehmen zu können. Anders liegt die Sache bei der Mühlenumsatzsteuer und beim Kohlenausfuhr- zoll. Wohl existiert für letztere Materien eine gewisse Geneigt- heit in einzelnen Ministerien und vielleicht bei den zwar nicht ressortmäßig, aber tatsächlich sachverständigsten Ministern. Andere sind entschiedene Gegner, und diese scheinen zurzeit die Oberhand zu behalten. Jedenfalls sind letztere beiden Materien, Kohlen- auSfuhrzoll und Mühlenumsatzsteuer, ohne Belang für die Deckung deS Finanzbedarfs, weil die Finanzkommisfion diesen Bedarf durch Annahme der KotierungSstcner ans Jmmo- bitten, Wertzuwachs und Umsatzsteuer bereits überdeckt hat, s o daß ganz gut ohne Schaden eine oder die andere der kleineren sogenannten Ersatz st euer» in Weg- fall kommen kann."_ Rcichsverband und Freisinn. Im dritten Magdeburger ReichötagSwahlkreise. Jerichow I und II. gibt sich der Reichsverband gegen die Sozialdemokratie in letzter Zeit besonders große Mühe, Boden zu gewinnen. Dieser Tage hielten unsere Genossen in Geitthin eine gutvesuchte Abwchrversammlung ab. In der DiSlussion kritisierte ein Herr Thomas, nachdem er sich als Gegner des RcichSocrbandes bekannt hatte, daS Verhalten der Sozialdemokratie gegenüber den Freisinnigen bei der Reichstags- sttchwahl im Jahre 1907. Bei dieser Wahl unterlag bekamitttch der sreisimttge Lehrer Mertens dem konservativen Kandidaten v. Byern, was später den Freisinn veranlaßte. oftmals der Sozialdemokratie Unterstützung der Reaktton vorzuwerfen. Wie wenig Ursache die Herren Freisinnigen zu solchem Vorwurfe haben, bewies die Mit- teilung eines Genossen in der Versammlung, daß das Vorstands- Mitglied der Freisinnigen Volkspartei. Herr Braune, in einer reichS- verbändkerischen Versammlung erzählt habe, die Freisinnigen hätten beim letzten Wahlkampfe im Kreise Jerichow I und II v o m Reichsverbande 300 M. erhalten. Fürst Enlenburg vcrhandlungsfähig? Wie verschiedene bürgerliche Blätter mitzuteilen wissen, liegt daS von der Staatsanwaltschaft eingeforderte Gutachten der„Wissen- schaftlichen Deputation für daS Medizinalwesen" über daS Befinden des Fürsten Eulenburg noch nicht im schriftlichen Wortlaut vor. Dagegen ist bereit» jetzt bei der Staatsanwaltschaft ein kurzer Bericht der Wissenschaftlichen Deputation auf das Ansuchen der Staatsanwaltschaft eingegangen, demzufolge dte BerhandlungSfähig- keit des Fürsten Eulen bürg gerichtlich als fest- stehend zu betrachten ist. Der Wortlaut de» Gutachtens wird in ewigen Tagen fertiggestellt sein und der Staatsanwaltschaft zugehen. Ursprünglich war seine Fertigstellung erst einige Zeit später beabsichttgt, ist aber durch die Badereise des Fürsten stark be- schleunigt worden. Für st Eulen bürg wird jetzt bald zur Rückkehr nach Liebenberg aufgefordert werden. Ueber den Termin der neuen Verhandlung ist ein bestimmter Eni- schluß noch nicht gefaßt worden. Daß PHUi der Aufforderung, nach Liebenverg zurückzukehren, folgen wird, ist kaum anzunehmen. Vielleicht wird er zunächst — wa» ihm bei seinen Mitteln nicht schwer fallen dürfte— ärztliche Gutachten einreichen und dadurch die Sache hinausziehen. Sollte aber wirNich gegen ihn etwas Ernstliches unternommen werden, wird er einfach die preußische Justiz auslachen und dort seinen Wdhnfltz aufschlagen, wo man ihm nichts anhaben kann. Eine Frage an Bcthmann-Hollweg und Dernburg. In einem«Woth'-Artikel über die„unpatriotischen" Arbeiterparlamcntarier, die in Berlin.vaterlandsfeind- liche" Reden gehalten hätten, fragt der Londoner„Standard", das Organ der englischen Konservativen: «WaS würde man in Deutschland sagen, wenn die cnglisdje Regierung Herrn Bebel oder anderen Sozialistenführern, die London besuchen und dort die deutsche Flottcnpotttik verurteilen, solche Ehrungen erwiese, wie sie die Staatssekretäre Bethmann und Dernburg den englischen Besuchern erwiesen haben.. Wa» sagen die Herren Bethmann-Hollwca und Dernburg dazu, daß sie von der englischen„Kreuzzeitnng" beschuldigt werden. Leute empfangen und geehrt zu haben, die von den englischen Konservativen den deutschen Sozialdemokraten gleichgestellt werden? Müssen die Herren StaatSiekretäre nicht fürchten, den deutschen Kraut- und Schlotjunkern verdächtig zu werden? Und schaudert ihnen selbst nicht nachträglich, mit Vertretern einer Partei, die im Internationalen Sozialistischen Bureau vertreten ist, in offizielle Berührung getreten zu sein? Oder können sie Sozialismus vertragen, wenn er aus dem Auslande kommt? Im übrigen ist zu der Frage des„Standard" zu bemerken, daß der Fall, den er hypothetisch setzt, niemals eintreten kann. Denn deutsche Sozialdemokraten würden sich nicht in eine Lage be- geben, wo sie in Gefahr geraten, von den regierenden Vertretern der Kapilalistenklasse zu Zwecken gebraucht zu werden, die nicht die der Arbeiterklasse sind. Wir vermuten übrigens, daß die zudring- lichen Redereien der deutschen Staatssekretäre das Verständnis für unsere Taktik bei unseren englischen Freunden gefördert hat. Ge- nanere Kenntnis der kontinentalen Verhältnisse wird es verhüten, daß Vertreter der englischen Arbeiterpartei wieder in eine Gesellschaft geraten, die ihrer nicht ganz würdig ist.— Sonderbarer Mangel an Verständnis. Die„Fränkische Tagespost", unser Nürnberger Parteiblatt, sagt in ihrer letzten Nummer: „Daß die deutsche Sozialdemokratie sich offiziell von dem Empfang unserer englischen Freunde ausgeschlossen hat und ihn bürgerlichen Leuten überließ, scheint uns eine Leistung, für die uns jedes Verständnis fehlt. Unsere Berliner Genossen sind doch eben erst in Begleitung der anrüchigsten Berliner Stadtfrei sinnige ii nach London gefahren I..." Nach den Intentionen des Nürnberger Parteiblatts hätte die deutsche Sozialdemokratie sich aber trotz des vorher festgesetzten Be- suchsprogramms am Empfange der englischen Arbeiterparlamcntarier beteiligen müssen. Sie hätte sich demnach dazu hergeben müssen, das nötige Volk, das den Herren v. Berlepsch und Goldschmidt fehlt, für die Hirsch-Dnnckersche GewerkvereinSversammlung zu stellen, hätte am Montagabend die Hochs auf Wilhelm II. und Eduard VII. über sich ergehen lassen müssen u. a. m. Wir müssen gestehen, daß unS jedes Verständnis für die Zumutung der„Frank. Tagespost" fehlt, ebenso wie für die ganz unmotivierte Anrcmpelung der Berliner Genossen. Uebrigens wird in den nächsten Tagen über die Angelegenheit eine eingehende Darstellung veröffentlicht werden auf Grund einer Aussprache, die am Sonntag zwischen Vertretern der Arbeiterpartei und den Vertretungen der deutschen Sozialdemokratie und der deutschen Gewerkschaften stattgefunden hat. Lieb Vaterland, magst ruhig sein. Wie der«Dresdener Anzeiger" meldet, hat der ehemalige Leutnant B i l s e, der Verfasser des bekannten Romans„Ans einer kleinen Garnison", einen neuen Roman aus dem Soldatenleben, der den Titel führt:„Lieb Vaterland", geschrieben. Der Romanist jedoch beschlagnahmt worden._ Landtagsersatstvahl. Für die am 12. Juni stattfindende LandtagSersatzwahl im Wahlkreise Kreuzburg-Rvsenberg hat das Zentrum an Stelle des bei einer Automilfahrt tödlich verunglückten Grafen Ballestrem den Grafen Zieten auf Smolice, Kreis Kosten, als Kandidaten auf- gestellt._ Staatsrat v. Schicker f In der Nacht zum Sonntag verstarb der württembergische Staatsrat und Bundesbcvollmächtigte v. Schicker ini 62. Lebensjahre. Der Verstorbene, eines der ältesten Bundesratsniitglieder, war auf gewerberechtlichem und sozialem Gebiete außerordentlich kenntnisreich und tätig. Sein Wirken auf diesen Gebieten stach insbesondere von der Art seiner preußischen Kollegen, durch Anfgeblähthcit die sachliche Unkenntnis und das antisoziale Empfinden zu verdecken, außer- ordentlich günstig ab. In den Kommissionen zur Vorberatung der Gewerbeordnungsnovellen und der VcrsichcrungSgesetze, im Reicks- Versicherungsamt und im Beirat für Arbeiterstatistik wurde seine Sachkenntnis und soziales Empfinden auch von den Vertretern der Arbeiterklasse sehr geschätzt und anerkannt. Der Verstorbene hat sich auch literarisch, insbesondere durch seine Kommentare zum Kranken- Versicherungsgesetz und zur Gewerbeordnung, um die Auslegung und Popularisierung sozialer Gesetze lebhast betätigt.— Militärische Erziehung. Ein Husar der 3. Schwadron des Braunschweiger HusarenrcgimentS, der sich zu einem neugebildetcn Truppenteil nach Metz hatte versetzen lassen, wurde von dort wegen eines hoch- gradigen Nervenleiden? als dienstuntauglich entlassen. Da der junge Mann vorher nie krank gewesen war und freiwillig in völlig gesundem Zustande seinen Militärdienst angetreten hatte, forschten seine Eltern den Ursachen der Krankheit nach. Hierbei kam, wie der „Braunschw, Volksfreund" berichtet, an» Tageslicht, daß der junge Mann in der Husarenkajerne zu Braunschweig längere Zeit hindurch fast täglich mehrere Male von einem Gefreiten schändlich mißhandelt, schikaniert und geschlagen wurde. Gegen den famosen Soldaten- erzieher, der mittlerweile zum Unteroffizier befördert wurde, ist ein Strafverfahren eingeleitet. DaS bedauernswerte Opfer des Militarismus, der entlassene Husar, ist nun gezwungen, noch einen Kampf um eine Entschädigung zu führen, da er möglicher« weise nicht mehr imstande ist, seinem erlernten Berufe nachzugehen. Bemerkenswert ist noch, daß der Mißhandelte freiwillig und mit großer Freude die Husarenuniform angezogen hat.,», Ein Soldatcnschinder stand in der Person des Unteroffiziers littecht vor dem Kommcm- danturgericht in Koblenz. Er hat bei dem Tclegraphenbataillon Rr. 8 als Gefreiter die ihm nnterstelltcn Leute in empörender Weise ge- quält. Mehrere Male am Tage ließ er die Stube durch alle Mann- schaften scheuern. In einer ganzen Reihe von Fällen nahm er an den Leuten ohne Befugnis körperliche, das Schamgefühl der Soldaten verletzende Untersuchungen vor. Mitten im Winter, nachts 1�/, Uhr. mußten alle Mannschaften der Stube ans den Betten und sich auf den Boden legen, unter« Bett kriechen und andere blödsinnige Befehle des.Vorgesetzten" au«- führen. Ein Pionier mußte trotz der furchtbaren Kalte im Hemde stundenlang auf dem Flure liegen. In mindestens 76 Fällen wurden ihm Mißhandlungen beim Exerzieren nachgewiesen. Trotz der zahlreichen Vtalträtierungen wurde jedoch von keinem der Soldaten eine Meldung erstattet. DaS Kriegsgericht verhängte über den mittlerweile zum Unter- offizier avancierten Soldatenschinder nur zwei Monate Gefängnis, ohne ihn z» degradieren._ Die tote Maus im Soldatenesse«. Die Lörracher.Volkszeitung" berichtete aus Müllheim (Baden): „In der hiesigen Kaserne beim 2. Bataillon passierte eS kürz- lich, daß in den Kochkessel, in dem Makkaroni zubereitet wurden, sich ein Mäuschen verirrte, ums Loben kam und als Beigabe zu Tische serviert wurde. DaS war fatal und nicht zum Essen einladend. Die Sache sprach sich herum und mußte auch tn die OsfizierSkreise gedrungen sein. Am anderen Tage beim Kompagnie- exerzieren fingen nämlich die Hauptleute, wer eine Be- s ch w e r d e über das Essen vorzubringen hätte,, solle vortreten. Einige Mann, darunter zwei von der 8. Kompagnie, traten vor, um ihre diesbezüglichen Beschwerden vorzutragen, Und WaS ge- schah? Mittelarreftstrafen wurden über diese zwei Mann verhängt...." Das Blatt fiagt mit vollem Recht, weshalb die beiden Soldaten bestraft wurden, wir find gespannt daraus, ob eS ein« Antwort erhalt und wa» für eine i OcfUmtcb. Die Abstimmung über die Dringlichkcitsnnträge. Wien, 8. Juni. DaS Abgeordnetenhaus, welches heute stark besucht war, setzte die Beratung über die Dringlichkeits- antrage betreffend die bosnische Agrarbank fort. Gcneralredner contra Abg. Glombinski betonte, alle Parteien seien darin einig, daß die Kmetenablösung nur im Wege des Staatsinstituts gedeihlich durchführbar sei, und daß die Kon- zessionierung der Agrarbank durch das gemeinsame Finanz- Ministerium ein grober Fehler gewesen sei. Tr. Adler(Sozial- demokrat) erklärte, das Haus fei es der Ehre des Parlaments schuldig, der Regierung, welche den einstimmigen Beschkuß des Hauses mißachtet habe, fein Mißtrauen auszusprechen. Dr. M o r s e h unterbreitete seine seinerzeit von dem Annerions- cmsschuß angenommene Resolution. Nach einem Schlußworte des Abgeordeten S u st e r s i c, welcher nicht nur dem gemeinsamen Finanzminister Burian, sondern auch der gegenwärtigen und den früheren diesseitigen Regierungen Pflichtvergefsenheit gegenüber Bosnien vorwarf, folgten tatsächliche Be- richtigungen. worauf unter allgemeiner Spannung zur Abstimmung geschritten ivurde. Zunächst erfolgte die namentliche Abstimmung über den ersten Teil der Resolution Sustersic, in welcher die Mißbilligung für die Konzession an die Bosnische Agrarbank ausgesprochen wird. Mit 241 gegen 237 Stimmen wurde dieser Teil der Resolution ab- gelehnt; die Stimmabgabe der Minister Bilinski und Zaczek wurde mit lebhaften Pfuirufen seitens der Opposition begleitet, die Stimmabgabe durch den Präsidenten Pattai rief Protest bei den Tschechen hervor. Ebenso wurde der zweite Teil der Reso- lutton Sustersic mit 243 gegen 227 Stimmen, und der dritte Teil der Resolution in namentlicher Abstimmung mit 241 gegen 237 Stimmen abgelehnt. Hierauf wurde die Resolution Redlich in den ersten drei Punkten einstimmig und im letzten Punkt betreffend das Verbot der Cotierung der Aktien der Bosnischen Agrarbank, mit großer Majoriät angenommen. Ebenso wurde einstimmig die Resolution deS Abg. Baron Mörsch ange- Nammen, welcher u. a. dem gemeinsamen Finanz- Minister Burian das Mißtrauen ausspricht. Endlich wurde die Resolution Sylvester, betreffend die Schaffung eines Ministerverantwortlichkeits- gesetzes für die genieinsamen Minister angenommen. Darauf wurde die Sitzung geschlossen. franhmcb. Drei Milliarden für die Flotte. Paris, 8. Juni. Nach dem in der Schlußsitzung des höheren Marinerats aufgestellten entgültigen Programm soll die französische Kriegsflotte bis zum Jahre 1919 45 Panzerschiffe. 12 Aufklärungskreuzer. 60 Torpedobootszerstörer. 84 Torpedoboote und 64 Unterseeboote besitzen. Die Kosten werden sich auf drei Milliarden Frank belaufen, von denen die jähr- lichen Kredite des Manneministeriums für Ncuherstellungen im Betrage von 120 Millionen in Abzug zu bringen wären. Englancl. Eine Rede GreyS. London, 8. Juni. In der heutigen Sitzung des Presse- Kongresses hielt Staatssekretär G r e h eine Rede, in der er die Aufrechterhaltung deS Flotten st andardS als die wichtigste Frage nicht nur für die Engländer, sondern auch für alle überseeischen Besitzungen mit Selbst- Verwaltung bezeichnete. Seine ganze Politik gehe dahin, das Reich zu konsolidieren und zu entwickeln und Streitig- leiten mit anderen Nationen so viel als möglich zu vermeiden. In der auswärtigen Politik herrsche zurzeit zwar kein stürmisches Wetter, aber infolge der außerordentlich hohen Rüstungsausgaben mache sich eine Schwüle bemerkbar.'Die auswärtige Politik dieses Landes besteht darin, zu halten, was wir haben, es zu befestigen und zn entwickeln, Streitigkeiten mit anderen Nationen soweit als möglich zu vermeiden und im Rate der Völker und in der Politik überall in der Welt jene Ideale hochzuhalten, auf die wir zu Hause so viel Wert legen. Zürhcl Die Kretafrage. Paris, 8. Juni. Der„Agenee HavaS" wird aus Konstantinopek bestätigt, daß die Türkei die Mächte aufgefordert hat, vorläufig noch die internationalen Truppenkontingente in Kreta zu belassen. Bei Räumung Kretas durch die Truppen würde die Türkei sich vorbehalten, keinerlei Verletzungen deS gouvernemcn« talen swtus guo, wie sie solche seit Erklärung der Angliederung an Griechenland geduldet hat, mehr zuzulassen und somit auf den vor- herigen Stand der Dinge zurückkommen. Aus London wird der „Agenre Havas" gemeldet, die vier Schutzmächte hätten noch keinerlei Entscheidung getroffen, um im Falle der Räumung Kretas durch die internationalen Truppen den Schutz der Ottomanischen Flagge sicherzustellen._ Für die Zulassung zum Heeresdienst! Saloniki, 8. Juni. Die Bulgaren verweigern im ganzen Lande entschieden die Zahlung der M i l i t ä r st e u e r und veranstalten überall Kundgebungen zugunsten der Zulassung zum D i e n st. Im Tikvesch, wo die Behörden auf Zahlung der Steuer bestanden, mußten mehrere Ver Haftungen vorgenommen werden, wobei es zu einem Auflauf kam. Das Volk zog vor den Konak und erzwang gegen Sicherstellung die Freilassung der Verhafteten. Die Behörden er- warten vom Ministerium neue Verhaltungsmaßnahmen. Kricgsgerichtsarbeit. Konstantinopek, 7. Juni. Der Herausgeber des Blatte».Mizad' M u r a d. ist vom zkriegsgericht zu fünfzehn Jahren Ge- fängni» verurteilt worden.— Zollerhöhnug. Räch Angabe der Pforte hat E n g l a n d einer Zollerhöhung mif fünfzehn Prozent zugestimmt unter der Bedingung, daß die dreiprozentige Erhöhung für das mazedonische Budget aufrecht« erhalten werde._ kn Frankfur! und habe mit einer ganzen Reihe von Park ei. genossen über die Beschaffung von Mitteln für die„Sozialisti- schen Monatshefte" beraten. Ter einzige nicht unserer, aber auch keiner anderen Partei angehorige Mann, den ich auf Empfehlung bieler alter Frankfurter Genossen um materiellen Beistand für die.Sozialistischen Monatshefte" anging, war als Geldgeber für Zwecke der sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaften bekannt; er war natürlich auch der einzige, der einen Beitrag leistete, und zwar einen einmaligen. Nach Ihrer Quelle soll ich im besonderen auch einen von Ihnen ziemlich deutlich bezeichneten jetzigen Landtagsabgeordneten um Unter- stützung für die„Sozialistischen Monatshefte" ersucht haben. Das ist nicht wahr: wiederum auf Rat von alten Partei- genossen habe ich mich bei ihm, der mtt dem oben erwähnten Manne persönlich befreundet war, nur privatim zu informieren versucht, ob und wie ich mich jenem nähern könnte. Er erscheint mir nach allen unseren Erklärungen fast über- flüssig, hier nochmals zu versichern, daß die„Sozialiftischen Monatshefte" niemals von Angehörigen irgendwelcher anderen Parteien materielle Unterstützungen erhalten haben. Auf weiteres kann ich um so mehr verzichten, da Genoffe Dr. Arons mir soeben mitteilt, daß er Ihnen inzwischen von seiner erneuten Durchsicht unserer Bücher Kenntnis gegeben hat; er bedauert mit mir, daß seine Zeilen Sie nicht vor Abfaffung Ihrer Zuschrift an den„Vorwärts" erreicht haben. Bei der Wichtigkeit, die diese Angelegenheit für die „Sozialistischen Monatshefte" hat, werden Sie es begreiflich finden, daß ich von diesem Brief die Parteipresse in Kenntnis setze. Mit soz. Gruß! M. Mündt, Geschäftsführerin des Verlages der„Sozialistischen Monatshefte". Unsere Toten. Am Sonnabend starb in Hamburg Genosse Jakob Schmidt. Er hatte 17 Jahre das Amt eines DistriktSkasfierers für Hamm inne. Als unter dem Sozialistengesetz die auseinandergesprengten Genoffen sich sammelten, wieder Anknüpfungspunkte untereinander suchten und eine Organisation schufen, war I. Schmidt einer der ersten mit. Sein Fleiß und seine Ausdauer, auch in recht krittschen Momenten, haben viel dazu beigetragen, die Organisation weiter zu fördern. polizeUiches, OcrichtUchcs ufw. Eine verfehlte Spekulation. Wegen angeblicher Beleidigung des in Brühl bei Köln wohnenden Journalisten Zimmermann wurde vor einigen Wochen vom Schöffengericht in Solingen Genosse Hildebrand von der„Bergischen Arbeiter st im me" zu 75 Mark Geldstrafe verurteilt. Genosse S ch a a l, der Geschäftsführer der„Arbeiterstimme", welcher ebenfalls an- geklagt war, wurde freigesprochen. Die„Arbeiterstimme' hatte die Geschäftspraktiken des betriebsamen Journalisten, die er sich gegen eine Anzahl Zeirungen, darunter auch Parteiorgane, gestattet hatte, einer derben Kritik unterzogen, weshalb Verurteilung wegen formaler Beleidigung erfolgte. Gegen dieses Erkenntnis hatte der Privat- klüger Zimmermann Berufung angemeldet, weil er eine Bestrafung aus§ 187(verleumderische Beleidigung) erhoffte und weil ihm das Strafmaß zu niedrig erschien. Der tiefere Grund seiner Berufung— er gab an, durch den Artikel der„Arbeiter- stimme" schwer geschädigt worden zu sein— mag wohl ge- wesen sein, daß er dann eine Entschädigungsklage anzu- strengen vermochte. Am letzten Sonnabend kam die Sache erneut vor der Elberfelder Strafkammer zur Verhandlung. Der Kläger verlangte, daß Hildebrand mit einer Gefängnisstrafe belegt würde. Das Berufungsgericht gab diesem Antrage jedoch nicht statt, sondern erlannte auf Abweisung der Berufung.— Der Journalist Zimmermann muß also seine Ehrenrettung mit den halben Kosten der Solinger und den ganzen Kosten der Elberfelder Instanz be- zahlen._ Die Presse vor der RevisionSinstanz. Das Reichsgericht verwarf am 7. Juni die Revision des Genossen P. P e tz o l d von der „Tribüne" zu Erfurt gegen ein Urteil deS dortigen Land- gerichts, das ihn wegen Beleidigung des Bürgermeisters zu Altenfeld mit 600 Mark Geldstrafe belegte. Eue der Partei. Abermals die Geldguellen der ,,T. M." Von der Geschäftsführerin des Verlages der„Sozialistischen Monatshefte", Genossin M. Mündt, ist dem Genossen Bebel folgender Brief gesandt worden, um dessen Veröffentlichung wir ersucht werden: Verehrter Genosse Bebel! Sie schreiben dein„Vorwärts", daß Ihnen „vor einigen Jahren aus zuverlässiger Quelle die Mitteilung wurde, daß die Genossin Mündt in Frankfurt a. M. erschien und auf Grund einer längeren Liste mit Namen bürgerlicher Politiker eine Geldsammlung für die„Sozialistischen Monat»- hefte" unternahm. Auf der Liste befand sich unter anderem der Name eines mittlerweile zum preußischen Landtags- abgeordneten avancierten Freisinnigen." Ich kann Ihnen— gewiß auch zu Ihrer Freude— mitteilen, daß.Sie falsch berichtet worden sind. Ich war im Jahre 1905 Soziales. Der Bund freier religiöser Gemeinden Deutschlands hielt am S. und 7. Juni in Magdeburg feine 23. Jahresversammlung ab. Der Bund besteht jetzt 50 Jahre. Zum BundeSvorsitzendcn wurde Prediger T s ch i r n- Breslau und zum Kassierer B o g t h e r r Wiesbaden einstimmig wiedergewählt. Ein Antrag, die Bezeichnung „freireligiös" in„konfessionslos" umzuwandeln, wurde abgelehnt. Annahme fand eine Resolution, die sich gegen die Be drückung der Freireligiösen durch die preußische Regierung wendet, die Abschaffung deS§166(GotteslästerungSparagraph) fordert und an die Männer und Frauen, die sich innerlich von dem Glauben der Konfessionen losgesagt haben, die Aufforderung zum Austritt aus der Landeskirche richtete. Die Not wendigkeit einer Trennung von Staat und Kirche sowie von Schule und Kirche und einer von allen konfessionellen Zutaten freien, dem jugendlichen Geist« angemessenen und dem Standpnntte der heutigen wissenschaftlichen Sittenlehre entsprechenden sittlichen Jugendbilbung gab dieselbe Resolution Ausdruck. Als Ort der nächsten Bundesversammlung im Jahre 1911 wurde München bestimmt. Die Gesamtzahl der BundcSmitglieder zählt gegen 31(100. Außerhalb des Bundes sind in Süddeulschland und in Sachsen noch eine Reihe freier Gemeinden in lokalen Verbänden organisiert, die zusammen zirka 7500 Seelen zählen, so daß die Gesamtheit der Freireligiösen nahe an 40 000 beträgt. Die Zahl der anderen Dissidenten oder Konfessionslosen in Deutschland wurde auf der Jahresversammlung auf 60 bis 60 000 angegeben._ Das ReichSgcsetz über Sicherung der Betufsforderungeu ist in dem gestern erschienenen Reichßgesetzblatt veröffentlicht und tritt demnach mit dcm 23. Juni in Kraft. Berechtigte Lösung de» LehruertrageS. Die wegen Richtbeachtung der gesetzlichen und tariflichen Be- stimmungen in Buchbinverkrciscn„berühmt" gewordene Gross- buchbinderei Adolf Lndwig, Frirdrichstrasse 16, klagte gestern gegen den 14jcrhrigen Buchbinderlehrling Willy Wortmann auf Fort- sctzung des Lehrverhältnisses. Der Beklagte hatte im Einverständ- nis mit seinen Eltern das Lehrverhältais gelöst, weil er miß- handelt und bei übermässig langer Arbeitszeit beschäftigt wurde. Die Klägerin hatte zwei Lehrlinge als Zeugen zum gestrigen Ter- min mitgebracht. Das Gericht begnügte sich mit der Vernehmung eine» Zeugen. Dieser bekundet«, daß der Beklagt« wegen seiner Ungeschicklichkeit mehrmals Katzen köpfe crhieU, jedoch seit Javuar, da sich die Mutter de» Beklagten darüber beschwert hatte, nicht mehr. Der Beklagte hatte eine regelmäßige Arbeitszeit vou 7% Uhr morgens bis 5(4 Ubr«bcud», die durch eine hall-jtüudige Frühstückspause und eine Tischzeit von einer Stunde unterbrachen wurde. Vesperpause wurde nicht gewährt. Räch 5(4 Uhr mußte der Betried gefegt werden. Da» taten drei Lehrlinge, darunter auch der Beklagte, gemeinsam. Die Säuberung nahm etwa drei- viartel bi» ei« Stunde in Anspruch und, ivenn die Hausdiener nicht halfen, auch etwa» mehr. Etwa 12« bis 15mal hat der Be- klagte über dre Zeit arbeiten müsse», es mag mehrmals Sit Uhr geworden sein, � Das Gericht wies auf Grund dieser BeiSekSaufnahme die Klage ab, weil die groben Verstöße gegen die gesetzlichen Be- stimmungen den Lebrlmg zur Lösung des Lehrverhältnisses be- rechtigten. Ten§§ 135 mib 136 G.-O. unterstehen, hieß es in den Gründen, auch die in Fabrikbetrieben beschäftigten Lehrlinge, sofern sie noch nicht 18 Jahre alt sind. Demnach durfte der Be- klagte täglich nicht über 10 Stunden hinaus besckiästigt werden, auch hätte die Arbeitszeit durch mindestens zwei Stunden Pause unterbrochen werden müssen. Nach der Beweisaufnahme steht fest. daß gegen diese Arbciterschutzbestimmungen häufig verstoßen worden ist. KautionShaftung. Zu der Gerichtsverhandlung vor dem Gcwerbegericht, über die wir unter dieser Ueberschrift am 4. Juni berichteten, teilt uns die Preußische Wachgesellschaft G. m. b. H. folgendes mit: Der Inspektor Faß sei mit den letzten besten Empfehlungen von einer hiesigen großen Wachgesellschaft zu ihr gekommen. Sie brachte ihm„selbstverständlich, da derselbe außerdem noch vorher bei der po Wischen Polizei tätig war und gute Zeugnisse aufzuweisen hatte, das größte Vertrauen entgegen". Dem Faß habe die Gesellschaft vier Wochen vorher gekündigt, weil sie mit den Leistungen des- selbe»! unzufrieden war.. Die in der Gerichtsverhandlung er- wähnten Plakate, nach denen Kautionsquittungen nur dann Gül- tigkeit haben sollten, wenn sie die Unterschriften des Direktors oder Prokuristen aufweisen, habe bereits vor dem Engagement des Faß ausgehangen. Die Betrügerei des Faß habe die Gesell. schaft erst bemerkt, als die Betrogenen bei ihr vorstellig wurden. Dies sei erst ein Tag nach dem Fortgang des Faß, am 1. Mai, erfolgt. An dem Wesentlichen des Gerichtshcrichtcs wird durch diese Mitteilung nichts geändert. Die Preußische Wachgesellschast ist vielleicht nunmehr zu der Erkenntnis gekommen, daß die Beschäf- tigung bei der politischen Polizei noch keineswegs das Vertrauen zu dem Beschäftigten rechtfertigt, und wird ferner aus dem gegen sie gefällten Erkenntnis hoffentlich die weitere Lehre ziehen, daß Plakate, die die Vertretungsvollmacht eines Angestellten aus- schließen sollen, für die Gesellschaft nutzlos sind, wenn diese tat- sächlich die Vertretung wie in dein zum Prozeß gelangten Fall durch Entgegennahme eines Teils der Gelder billigt. Huö Industrie und Dandel Kolonienzauber. Wie die im„Reichsanzeiger" veröffentlichten Zahlen ergeben. haben die Handelsbeziehungen des Deutschen Reichs mit seinen viel- versprechenden Kolonien im letzten Jahre wiederum einen neuen großartigen Aufschwung genommen. Unsere Einfuhr von dort ist im Jahre 1908 gegen das Vorjahr um 442 000 Mar! gestiegen und deS Reiches Ausfuhr nach den Kolonien hat� bloß um 118600 Mark— abgenommen. DaS ist doch eine hoffnungsvolle Entwickelnng, denn von 1906 auf 1907 ergab sich«in Rückgang der Ausfuhr von rund 4 Millionen Mark. Die Zahlen der Einfuhr au» unleren— teure» Kolonien und unsere Ausfuhr dorthin seit 1906 sind diese: Einfuhr Ausfuhr Gesamthandel in 1000 Mark 1906... 20 299 40 682 60 981 1907... 22 336 36 684 59 020 1908... 22 773 35 498 58 276 Solche EntWickelung muß die Begeisterung für unsere Kolonial- Politik lichterloh entflammen lassen; da sieht man doch, wie un« entbehrlich die.Schutzgebiete" für des Reiche? Mrtschaft sind. Die Getreidepreise an deutschen Fruchtmärkten haben mit Au»« nähme von Gerste die steigende Tendenz der Vormonate im Mai weiter beibehalten. Besonder» stark ist der Weizenpreis in die Höhe gegangen. Er stellte sich an 54 Marklorten bei einem Umsatz von 34 951 Doppelzentnern durchschnittlich auf 24,63 M. pro Doppel, zentner, während er im April 23.45 M. betragen hatte. Im Mai 1908 hatte der Weizenpreis nur 21,47 M. betragen, er steht also um 3.16 M. oder um reichlich 14'/, Proz. höher als im Vorjahre. Für die einzelnen Getreidearten ergibt sich folgende Ueberficht: Durchschnittspreis für 1 Doppelzentner in Mark Mai April Mai 1908 1909 Weizen.. 21.47 23,45 24,63 Spelz... 22,45 24,81 ZS.SS Roggen.. 18.71 17.04>7,6? Gerste.. 15.46 17,72>7.10 Hafer... 16,21 18.03 lS.76 Die elektrotechnische Industrie im Geschäftsjahr 1998. Von Januar bis einschließlich Mai haben 37 Aktiengesellschaften über daS letzte Geschäftsjahr berichtet. Diese Gesellschaften schütteten insgesamt auf ein Aktienkapital von 283,77 Millionen Mark eine Dividende von 23,08 Millionen auS, während sie im Jahre zuvor nur 21,97 Millionen verteilt hatten. Im Durchschnitt ergibt sich eine Dividende von 7,4 Proz. für 1908 gegen 7,0 Proz. für 1907. Der Gewinn hat, wie sich auS der Dividendensteigerung schließen läßt, eine Zunahme aufzuweisen: der Rcingewinst betrug 1907: 32,82 Millionen Mark, 1908 aber 34,49 Millionen. Abzüglich der Verluste ergibt sich für 1908 ein Gewinnüberschuß von 33,46 Milli- onen gegen 32,10 Millionen Mark im Jahre 1907.'Die Abschreibungen erfuhren ebenfalls eine Steigerung, sie gingen von 6,83 Millionen Mark auf 7,28 Millionen hinauf. Ei« Kongreß der deutschen Elektrizitätswerke tagt gegenwärtig in Nürnberg. Direktor tvieier-Dieringhauscn hielt einen Vortrag über elektrische Ueberlandzen traten. Im Jahre 1892 sei(im Schwarzwald) die erste Ueberlandzentrale in Deutschland in Betrieb genommen worden. 1906 existierten bereits 63 solcher Werke und zwar 28 in rein industriellen Gegenden, 9 in rein landwirt» schaftlichen Bezirken und 26 Werke in Gebieten mit halb industrieller, halb landwirtschaftlicher Bevölkerung. Rheinland Hab« mit Ii die meisten Uebertandzentralen; daun folge Bayern mit 8, Schlesien mit 5, Baden mit 4 usw. Im Jahre 1906 sei die hundertste Ueberlandzentrale in Deutschland in Betrieb gesetzt worden, lieber die Rentabililät dieser Werke tonne noch kein klares Bild gegeben werden, weil sie alle noch in der EntWickelung sich befänden. Die Werk« in industriellen Gebieten rentierten sich jedenfalls am besten; hauptsächlich die großen Werk« seien sehr gewinnbringend. Di« Landwirtschaft sei nur langsam für di« Elektrisierung ihrer Betriebe zu mtcressierrn; elektrische« Licht an Stelle der Petrotemnbeleuchtung halte der Bauer direkt für Luxu». Für die Bearbeitung de« Boden»«it elektrisch betriebenen Maschinen, Pflügen usw., seien in Deutschland noch 25 Millionen Morgen zu gewinnen und dazu wären 276 Millionen Kilowattstunden nötig. Der elektrisch betrieben« Pflug bringe groß« Ersparnis an Arbeits- löhnen und liefere einen höheren Ertrag de» Bodens. In den letzte« Jahren gründeten sich immer mehr Bauerngcnossenschaste» für ge- meinsamen Ankauf von elektrischen Maschinen und gemeinsame Bearbeitung de» Landes. Der Referent forderte, d» Staat solle elektrische Ueberlandzentralen finanziell simdieren. Sehr iuteresiant war die Mitteilung de» Redner«, daß einige Gemeinde- Verwaltungen bei Abschluß von Verträgen mit Ueberlaudzentralen vertraglich festgelegt haben, daß die Ueberlaudzentralen, wenn sie mehr al» einen normalen Gewinn erzielen, ver- pflichtet sind, die Preise für den Stromverbrauch dem Mehr- gewinn entsprechend, herabzusetzen. Leider hat sich die große Mehrzahl der ländlichen Stromabnehmer vou den privatkapitalistischen Unternehmern übers Ohr hauen lassen. Die Strompreis« der Ueberlandzentralen seien in Deutschland sehr verschieden. Der Redner nannte 24, 80, 40 und 45 Ps. für Licht und 11, 15, 20 und 25 Pf. für Kraft. 6ewerbrcbaftlfcbe9« Aa die baugewerblichen Arbeiter der Provinzen Ost» und Westpreuhen. Pommern und Brandenburg l Bezugnehmend auf die Bekanntmachung der Einberufung einer Bauarbeiter-Schutzkonferenz für den 13. Juni nach Berlin, Engelufer 15, teilen wir mit, daß die Delegierten stch so einzurichten haben, daß sie am Sonnabend hier ein- treffen. Die Konferenz wird pünktlich am Sonntag früh um 9 Uhr eröffnet. Für die Verhandlungen ist der ganze Sonntag vorgesehen und können dieselben an einem Tage be- endet werden. Die Mandate stellen die beteiligten Or- qanisationen aus. Wir geben nochmals die Tagesordnung bekannt: 1. Der Bauarbeiterschutz in Preußen und die Nordöstliche Baugewerks- Berufs- genossenschaft. 2. Diverse Anträge. Wir erwarten eine rege Beteiligung. Anmeldungen wollen die Delegierten schon vorher an den Unterzeichneten richten. Im Auftrage: Die Banarbeiterschutzkommission Berlin. G. Link, Engelufer 15. Berlin und llmgegend« Einigungsverhandlungen der Bauklempner fanden am Diestag auf Anregung und unter Vorsitz des Magistratsrats v. Schulz im Sitzungssaale des Gewerbegerichts statt. Im Einigungsamt saßen als Vertrauensmänner der Arbeiter Behrendt und K ö r st e n. der Arbeitgeber Nasse und Dr. M i e l e n z. Die Verhandlungen begannen mit einer Darlegung Cohens über den seitherigen Verlauf des Konflikts. Er führte unter anderem aus, daß die Frage der Akkordarbeit der wesentlichste Streitpunkt sei. Während der alte Vertrag bestimmte, daß ausschließlich in Lohn gearbeitet werden soll, verlangen die Arbeitgeber im neuen Vertrage eine Bestimmung des Inhalts, daß nach Wahl der Arbeitgeber auch Akkordarbeit zulässig sein soll. Da die Arbeiter sich einstimmig gegen die Akkordarbeit erklärt haben, so kam ein neuer Vertrag nicht zustande. Um ihre Bedingungen durchzusetzen, verhängten die Arbeitgeber am 1. April eine teilweise Aussperrung, welche die Arbeiter mit dem Streik beantworteten. Nachdem der Kampf jetzt 10 Wochen währt, haben, wie Cohen sagte, 126 Firmen den Tarif der Arbeiterorganisaiton unterzeichnet. Darunter find ebenso viel große Firmen wie unter denen, welche die Arbeiter- fordcrungen noch nicht bewilligt haben. Gegenwärtig arbeiten zu dem von den Arbeitern aufgestellten Tarif 156 Bauklempner mehr, gls sich jetzt noch im Ausstande befinden. Klempnermeister Thom, als Wortführer der Arbeitgeber, sagte: 70 Großbetriebe, welche für die Bauklempnerei maßgebend sind, gehören der Arbeitgeber-Vereinigung an. Von diesen 70 großen Firmen haben nur 4 den Tarif der Arbeiter anerkannt, während bei den übrigen zu dem von den Arbeitgebern aufge- stellten Tarif gearbeitet, wird. Die 76 Firmen der Vereinigung beschäftigen 1666 Arbeiter. Außerdem gibt es noch 1666 kleine Geschäfte mit zusammen 666 Arbeitern. 126 Kleinmeister mit 166 Gesellen haben den Tarif der Arbeiter bewilligt. Im ganzen arbeiten 223 Gesellen, also nur 16 Proz aller, zu den Bedingungen der Arbeiter. Richtig ist— wie Herr Thom sagte— daß die Kleinmeister unter Ausnutzung der gegenwärtigen Lage den großen Firmen einen Teil ihrer Arbeiten abgenommen haben. Die Klein- meister würden aber diese Arbeiten wieder verlieren, sobald die großen Firmen ihre Betriebe wieder öffnen. Cohen bestritt die Richtigkeit der von Herrn Thom an- gegebenen Zahlen. Nicht 2566, sondern nur 1566 Bauklempner gebe es in Berlin. Die Zahlen der Arbeitgeber seien den Nach- Weisungen der Berufsgenossenschaft entnommen, die sich auf das Jahr 1666 bezögen und nicht nur die Bauklempner, sondern alle in Klempnereien beschäftigten Personen umfassen. Die Streik- leitung sei sehr genau über die Sachlage informiert, ihre Angaben seien durchaus zutreffend. Nach mehrstündigen Beratungen des Einigungsamtes und öfteren Sonderverhandlungen der Vertrauensmänner mit den Parteien verkündete der Vorsitzende v. Schulz: Die Vergleichs- versuche sind gescheitert, es findet deshalb eine erneute Sitzung gm 23. d. M. statt._ Die Lohnbewegung der Bauschlosscr und Kunstschmiede stand auf der Tagesordnung einer allgemeinen Schlosserversammlung, die am Montag abgehalten wurde. Der Besuch der Versammlung war so stark, daß der große Saal des Gewerkschaftshauses kaum aus- reichte, um die andrängende Menge zu fassen.— Es handelt sich um eine Bewegung zum Abschluß eines neuen Tarifs für die Bauschlosser, Kunstschmiede und Geldschrankarbeiter. Der alte Tarif ist von den Arbeitgebern gekündigt worden und läuft am 86. Juni ab.— Den Ausführungen des Referenten Handke ist zu entnehmen, daß die Leitung des Mctallarbeiterverbandcs, nach- dem der Tarif gekündigt war, versucht hat, so bald als möglich mit den Unternehmern wegen Abschluß eines neuen Tarifs in Unter- Handlungen zu treten. Die Arbeitgeber haben aber die VerHand- lungen so weit hinausgeschoben, daß nach mehrfachem Schriftwechsel erst am 28. Mai eine gemeinsame Sitzung der beiderseitigen Ver- treter abgehalten worden ist. Die Arbeitgeber legten einen Tarif- entwurf vor, über den aber keine Einigung erzielt wurde. Dieser Entwurf sowie die Gegenvorschläge der Vertrauens- männer der Arbeiter lagen der Versammlung zur Beratung vor. Der Entwurf der Arbeitgeber hält in allen wesentlichen Punkten an den Bestimmungen des alten Tarifs fest: neunstündige Arbeits- zeit, ein Mindestlohn von 4 IM- Pf. pro Stunde, Zuschlag für Ueberstunden bis 6 Uhr abends 25 Proz., nach 6 Uhr sowie Sonn- tags 56 Proz. Eine Verschlechterung gegenüber dem bisherigen Tarif enthält die Vorlage der Arbeitgeber insofern, als' sie den Stundenlohn für Junggesellen von 45 auf 46 Pf. herabsetzt. Die sonst noch in der Vorlage der Arbeitgeber enthaltenen Aenderungen deS alten Tarifs sind weniger bedeutend. Die Versammlung sprach sich einmütig dahin auS, daß die Vorschläge der Unternehmer unannehmbar seien und daß eine Aufbesserung der Löhne nicht nur gerechtfertigt, sondern durchaus notwendig sei. Von diesen Gesichtspunkten geht auch der von den Vertrauensmännern der Arbeiter aufgestellte Tarifentwurf aus. Die Beschlüsse der Versammlung gingen in einigen Punkten noch über die Vorschläge der Vertrauensmänner hinaus. Hiernach stellen also die Arbeiter in der Hauptsache folgende aus Ver- besserung des alten Tarifs gerichtete Forderungen auf: Mindest- lohn 66 Pf., für Hilfsarbeiter 56 Pf., für Selbständigarbeitende 65 Pf. und für Kolonnenführer 76 Pf. mindestens. Überstunden dürfen nur im äußersten Notfall gemacht werden und sind zu ver- güten bis 8 Uhr abends mit 33� Proz., nach 8 Uhr sowie Sonntags- arbeit mit 75 Proz Zuschlag. Sonnabends ist 1 Stunde(bisher % Stunde), am Tage vor den hohen Festen 2 Stunden früher Feierabend zu machen ohne Lohnabzug. Bei Arbeiten außerhalb der Werkstatt ist ein Zuschlag von 5 Pf. pro Stunde, wenn aus- wärtiges Uebernachten notwendig ist. ein Zuschlag von 3,56 M. pro Tag zu zahlen, Fahrzeit und Fahrgeld ist zu vergüten. Die sonstigen Forderungen der Arbeiter beziehen sich auf gewisse Regelungen der Akkordarbeit, Durchführung hygienischer Maß- nahmen ustv. Ferner wird verlangt. Laß, ehe bei Arbeitsmangel Entlassungen stattfinden, die Arbeitszeit verkürzt werden soll.— Der Ablaufstermin des neuen Tarifs soll nach dem Vorschlage der Arbeiter der 36. Juni 1611, nach dem Entwurf der Unternehmer der 31. März 1614 sein. Die Versammlung setzte eine Kommission ein, welche die beschlossenen Forderungen bei tzez Verhandlung mit den Unternehmern vertreten soll. Der Streik und die Aussperrung bei Borsig. Die„B. Z. am Mittag" wußte bereits am Montag zu berichten, daß der Ausstand bei der Firma Borsig beendet sei. Die Nachricht war jedoch ein gut Teil verfrüht. Tatsächlich ist am Montag den ganzen Tag verhandelt worden und zwar 6 Stunden lang. Es blieb nicht einmal Zeit übrig, die Strreikenden und Ausgesperrten, die doch selbst die Entscheidung über die Wiederaufnahme der Arbeit zu treffen hatten, von dem Ergebnis der Verhandlungen zu unterrichten. Das konnte erst am gestrigen Tage geschehen. Es wurden zu diesem Zweck bei Trapp in Tegel nicht weniger als drei oder eigentlich vier Versammlungen abgehalten, um den einzelnen Gruppen Gelegenheit zu geben, ihre Entscheidung zu treffen. Zunächst teilte Handke der gemeinsamen Versammlung der Streikenden und Ausgesperrten mit, daß die Verhandlungen zwischen der Direktion und der Subkommission des Arbeiteraus- schusses sowie den Vertretern der Streikenden und der Schmiede stattgefunden hatten, wies darauf hin, daß die„B. Z." am Montag mittag durchaus noch nichts von den Verhandlungen wissen konnte, da zu der Zeit eine Einigung noch gar nicht erzielt war, und erklärte ferner, daß eine Notiz der„Tegeler Zeitung", wonach die Schuld an dem Ausstand auf Seite der Arbeiter liegen sollte, in keiner Weise den Tatsachen ent- spricht. Nachdem die Ausgesperrten den Saal verlassen hatten, berichtete Adam als Vertreter der Subkommission den Streikenden über die Verhandlungen und ihr Ergebnis. Es ist dabei eine allgemeine Vereinbarung zustande gekommen, die für das ganze Werk gelten soll und geeignet erscheint, die Lohn- drückereien, wie sie zu dem Lohnkampf geführt haben, gewisser- maßen rückgängig und für die Zukunft unmöglich zu machen. Die Vereinbarung besagt, daß eine Aenderung der Stückpreise zur Er- Haltung der Konkurrenzfähigkeit des Werkes eintritt, wenn die Arbeitsbedingungen sich ändern oder Irrtümer vorliegen, das heißt also in der Hauptsache, wenn technische Verbesserungen geschaffen werden. Die Betriebsleitung erklärt ausdrücklich, daß bei Aenderungen der Preise auf den Durchschnittsverdienst Rücksicht genommen werden soll. In ganz strittigen Fällne soll der Akkord- preis dadurch ermittelt werden, daß das betreffende Stück von einem andern angefertigt wird und die aufgewendete Zeit mit dem Durchschnittsverdienste multipliziert wird. Es wurde dabei ausdrücklich hervorgehoben, daß bei solcher Probearbeit keine andern als die üblichen Hilfsmittel zur Verfügung gestellt werden dürfen. Hinsichtlich der Abzüge auf die einzelnen Stücke konnten bestimmte Zugeständnisse trotz aller Bemühungen der Vertreter der Arbeiter nicht erzielt werden. Es wird darüber nach Wiederaufnahme der Arbeit auf Grund der allgemeinen Verein- barung weiter verhandelt werden. Mit Rücksicht auf die Klagen der Stemmer über den Revolver, der nicht so funktioniert wie er sollte, versprach die Betriebsleitung Verbesserung zu schaffen. Die allgemeine Vereinbarung, die erst nach langen Verhandlungen zustande kam— die Firma hatte zuerst Vorschläge gemacht, die durchaus nicht annehmbar erscheinen konnten— wurden von der Direktion als ein Ultimatum bezeichnet. Falls sie nicht von allen Gruppen angenommen werden sollte, wollte man eine all- gemeine Aussperrung veranstalten.— In der Diskussion, an der zunächst nur die Former teilnahmen, sprachen viele Redner entschieden gegen diese Art der Erledigung der Streitfragen und für Fortsetzung des Streiks. Demgegenüber erklärt Handke, daß die StreiNeitung sich nach dreistündiger Beratung im Interesse der Allgemeinheit dafür entschieden hatte. die Annahme der Vereinbarung zu empfehlen. Im selben Sinne sprachen die übrigen Organisationsvertreter. Die Abstimmung, die durch Zettel vorgenommen wurde, ergab unter den Formern 46 für und 36 gegen die Wiederaufnahme der Arbeit, neben 2 unbe- schriebenen Zetteln. Sodann diskutierten die Stemmer über die Angelegenheit. Bei ihnen war der Widerspruch noch stärker als bei den Formern. Sie lehnten die Wiederaufnahme der Arbeit ab mit 35 gegen 16 Stimmen. Am Nachmittag versammelten sich zunächst die Schmiede. die zu einem Teil um zwei Uhr von der Arbeit kamen, zum andern Teil von der Betriebsleitung beurlaubt waren, um an der Versammlung teilnehmen zu können. Den Bericht gaben ihre Vertreter Petersdors und B i l l e r. Für die Schmiede sollen selbstverständlich zunächst auch die allgemeinen Vereinbarungen gelten. Hinsichtlich der besonderen Lohnstreitigkeiten der Hammer- schmiede, die Arbeit für die„Union" in Königsberg betreffend, erklärte die Direktion sich bereit, zunächst nur eine Probeserie anfertigen zu lassen und wenn die Arbeiter dabei nicht auf ihren Durchschnittslohn kommen, das Fehlende zuzulegen. Wird die Arbeit dann zu teuer, so soll der Auftrag nicht weiter ausgeführt werden.— Auch bei den Schmieden trat ein starker Widerspruch hervor, sie erklärten sich jedoch schließlich, wenn auch nur mit ge- ringer Mehrheit, mit den Vereinbarungen einverstanden. Auf 5 Uhr war die Versammlung der Ausgesperrten einberufen. Hier berichtete Siering, vom Schmiedeverband, über die Verhandlungen mit der Direktion sowie über die Stel- lung, die die bereits abgehaltenen Versammlungen dazu einge- nommen hatten. Der Redner empfahl den Versammelten unter Hinweisung auf die allgemeine Lage, der Vereinbarung zuzu- stimmen. Maßregelungen, das hat die Direktion bindend erklärt, sollen nicht stattfinden. Die Wiedereinstellung der Streikenden und Ausgesperrten kann jedoch auS technischen Gründen nicht mit einem Male erfolgen. Die Direktion will allerdings, daß die Stemmer sofort wieder in Arbeit treten, was um so mehr bemerkenswert ist, als man bisher so tat, als ob man diese sehr wohl entbehren könnte. In der sehr leb» haften Debatte wurde ein Antrag gestellt, die Ausgesperrten sollten überhaupt keine Abstimmung über die Vereinbarungen vornehmen, um die Streikenden in keiner Weise zu beeinflussen. Da jedoch die Organisationsvertreter erklärten, daß auf jeden Fall die Meinung der Ausgesperrten durch Abstimmung festgestellt werden müsse, wurde eine solche vorgenommen, und zwar durch Stimm- zettel. Es wurden 77 Stimmen für, 273 gegen Be- endigung der Bewegung abgegeben, einige Stimmen waren ungültig. Diese Abstimmung ist, wie Handke nochmals her- vorhob, als eine Meinungsäußerung aufzufassen. Die streikenden Stemmer werden heute früh nochmals dazu Stellung nehmen, da im Laufe des gestrigen Tages nochmals mit der Direktion ver- handelt worden ist. Auch die Ausgesperrten werden dann noch- mals zusammenkommen. Oeutfches Reich. Ein Gautag der Buchbinder der Mar! Brandenburg fand am Sonntag in Rathenow statt. Erschienen waren 21 Delegierte, welche die Orte Berlin, Luckenwalde, Rathenow, Potsdam, Neu» Babelsberg, Kottbus, Brandenburg a. H., Finsterwalde. Neu- Ruppin, Frankfurt a. O., Bernau, Spremberg, Neudamm und Guben vertraten. Der Gauvorstand war durch L e m s e r, Gerber und Petermann vertreten. Den Geschäftsbericht des GauvorftandeS, welcher die Jahre 1667 und 1668 umfaßt, er- stattete L e m s e r. Die Agitation ist trotz der Schwierigkeiten. welche die Krise bot, rege betrieben worden durch Verbreitung von Flugblättern, Agitationsschriften und Versammlungen. Es wurden teilweise auch gute Erfolge erziel, die in den Orten, wo tüchtige Kollegen an der Spitze standen, gute Früchte brachten. Erfolg- reiche Tarifbetvegungeii fänden in Luckenivakde, RathenoK. Potsdam und Neu-Babelsberg statt. Orte, die auch in bezug auf die Mitgliederbewegung erfreuliche Fortschritte zu verzeichnen haben. Neben Berlin mit über 6566 Mitgliedern ist Luckenwalde auf 266, Rathenow auf 154 und Potsdam mit Neu-Babelsberg auf 70 Mitglieder gestiegen. Die übrigen Orte weisen teils keine, teils nur unwesentliche Fortschritte auf. Die Löhne sind infolge der Konkurrenz der weiblichen Arbeitskraft äußerst gedrückte; sie gehen für männliche Arbeiter bis unter 15 M., für Arbeiterinnen bis unter 5 M. herunter. Tie größte Ausbeutung herrscht bei der Heimarbeit, welche namentlich die in der Saison mehr ge- brauchten Arbeitskräfte liefert und an der. wie in Kottbus. auch Beamtenfrauen teilnehmen. In Brandenburg a. H.. wo in der Saison 466—566 Heimarbeiterinnen tätig sind, werden durchgängig nur Löhne von 2— 4 M. erzielt. In Kottbus, Lucken- Walde, Neu-Ruppin, Frankfurt a. O. wird das Tütenkleben als Heimarbeit verrichtet. Daneben blüht eine gewissenlose Lehrlingsausbeutung. Erhebungen über die Berufsverhältnisse im Gau, mit Ausnahme Berlins und der Vororte, wurden 1668 zum erstenmal unternommen, worüber Gerber- Berlin referierte. Ermittelt wurden in 53 Orten 367 Betriebe. In 217 Betrieben, die mit fremden Hilfskräften arbeiten, wurden 554 Arbeiter, 847 Arbeiterinnen, 58 Hilfarbeiter und 83 Lehrlinge beschäftigt. Dazu kommen noch 35 Arbeiter und 366— 666 Arbeiterinnen, die in der Heimindustrie beschäftigt sind. Von 1836 im Beruf beschäftigten Personen waren 436— 24 Proz. organisiert, und zwar von 554 Arbeitern 283— 53 Proz., von 847 Arbeiterinnen 146— 17 Proz., von 58 Hilfsarbeitern 7— 12 Proz. Die Arbeitszeit schwankt zwischen 8 und 12 Stunden. Vorherrschend ist die 6 sti stündige Arbeitszeit. 12stündige Arbeitszeit herrscht noch in den Buchbindereien von Forst. 11 Stunden wird gearbeitet in den Buchbindereien und Kartonnagegcschäften von Kottbus. Havelberg, Landsberg, Luckau, Neudamm, Spremberg und Velten. Von den männlichen Arbeitern verdienten 65 weniger als 15 M., 163 weniger als 26 M. und 251 mehr als 26 M. Bei den Arbeite- rinnen, über welche Lohnangaben vorlagen, betrug der Lohn bei 36 weniger als 5 M., bei 262 weniger, als 16 M. und nur bei 114 mehr wie 16 M. Alles in allem bietet die Statistik eine Be- stätigung der überaus schlechten Arbeitsverhältnisse der Provinz. Beschlossen wurde, einen Arbeitsnachweis für den Gau einzurichten. Ferner gelangte ein Antrag zur Annahme, welcher den Ver- bandsvorstand auffordert, dem nächsten Verbandstage eine Vor- läge betreffend Aufnahme von Lehrlingen und jugendlichen Arbeitern zu unterbreiten, in der unter Zugrundelegung eines 16- bis 15-Pf.-Wochenbeitrages die Lieferung der„Arbeiter- Jugend" und Leistung der entsprechenden statutarischen Unter, stützungssätze vorgesehen ist. Endlich wurde noch beschlossen, an den Verbandsvorstand den Antrag zu richten, daß zum Herbst eine Konferenz der EtuiS- arbeiter und-Arbeiterinnen Deutschlands einberufen wird.= Als Ort des nächsten Gautages wurde Kottbus bestimmt. Die städtischen Arbeiter in Kiel sind in den Ausstand getreten. Anlaß dazu gab die vom Magistrat den geringen Forderungen der städtischen Arbeiter gegenüber neuerdings wieder bekundete ab- lehnende Haltung. Keine, selbst nicht die geringsten Zugeständnisse glaubte man den Arbeitern machen zu können. Hingegen ließ der Magistrat durch den Mund eines Stadtvaters erklären, daß auch die drohende Haltung der Arbeiter den Magistrat nicht zu einer anderen Meinung veranlassen konnte. Die Worte des Magistrats- Vertreters gingen sogar dahin, daß die Stadtverwaltung schon weit- gehendste Maßnahmen getroffen hätte, um bei einem Streik ge- rüstet zu sein. Auch eine von der Organisationsleitung in letzter Stunde nochmals versuchte Unterhandlung mit dem Magistrat führte zu keiner Verständigung. So war es folglich unausbleiblich, daß der Streik kommen mußte. Hoffentlich wird der Magistrat sich der Verantwortung bewußt sein, die er durch seine ablehnende Haltung heraufbeschworen hat. Die angedrohte Aussperrung im Hamburger Baugewerbe ist, soweit es sich um Bauhilfsarbeiter, Maurer und Zimmerer handelt, von den Mitgliedern des Baugewerbeverbandes am Sonnabend durchgeführt worden. Die anderen Berufe des Bau» gewerbes sind vorläufig von der Aussperrung verschont geblieben. Soweit sich bis jetzt von der Streikleitung feststellen ließ, sind 3266 Maurer, 1466 Zimmerer und 1566 Bauhilfsarbeiter ausgc- spert. Von bürgerlicher Seite wird gemeldet, daß mehrere dem Arbeitgeberverbande nicht angehörende Bauunternehmer die Forde- rungen der Arbeiter bewilligt haben und die verhängte Bausperre nicht mitmachen. Die Lieferanten beabsichtigen, diesen Unter- nehmern das Material zu sperren, auch verlautet, daß ver- schiedene Banken die Baugelder zurückhalten wollen.— Die Malerinnung macht die Bausperre ebenfalls nicht mit, weil noch ein gültiger Tarifvertrag besteht. Die Liibecker Flußschiffer sind am Montagmorgen in den Aus st and getreten, weil die Arbeitgeber auf ihre Lohn- forderungen überhaupt keine Antwort gaben. Die Streikenden verlangten vor allem den Abschluß eines Tarifs. Uever den Streik der Former in Velbert ist zu berichten, daß in drei Gießereien die Differenzen zugunsten der Streikenden beigelegt wurden. Die Gießereibesitzer haben den neuen Tarif entfernt und durch Anschlag sowie persönliche Erklärung den Kominissionen gegenüber bekannt gegeben, daß nach den alten Bedingungen die Arbeit fortgesetzt werden soll. Achtung, Geschäftskutscher! Die Kutscher und Mitfahrer der Firma Max Häusler u. Co., Kaffeeversandgeschäft in München, befinden sich seit Anfang Juni d. I. im Streik. Wir ersuchen die Kollegen, Arbeitsangebote der Firma strikte ab- zulehnen,' Deutscher Transportarbeiterverband. Letzte I�achncbtcn und Dcpcfcbcn. Die Aussperrungen und Streiks in Hamburg. Hamburg, 8. Juni.(Privatdepesche des„Vorwärts".) Bis heute abend sind im Hamburger Baugewerbe rund 8066 Maurer, Zimmerer, Bauhilfsarbeiter und Stukkateure ausgesperrt. Die Arbeitseinstellung der Sortierer der TabakSbranche erfolgt mit großer Einmütigkeit. Bisher sind 466 Arbeiter in den Streik getreten. Der Rest der Beteiligten wird morgen die Arbeit ein- stellen._ Unwetter in Mähren. Tischnowih(Mähren), 8. Juni.(W. T. B.)I Durch ein mit wolkenbruchartigem Ziegen verbundenes Gewitter sind in hiesiger Gegend die Saaten vollständig vernichtet worden. Der Schaden Wird auf eine Million Kronen geschätzt. Der Urheber der Zusammeukuuft. Petersburg, 8. Juni.(W. T. B.) Eine Anzahl russischer und ausländischer Blätter hält trotz der von deutscher Seite er- folgten Mitteilungen die Behauptung auftecht, daß die Kaiscrcntrevue aus die Initiative des deutschen Kaisers zurückzuführen sei. Dem- gegenüber ist der Petersburger Vertreter von Wolffs telegrapischem Bureau durch das russische Ministerium des Auswärtigen berechtigt, zu bestätigen, daß Kaiser Nikolaus die Initiative zu der Herbeiführung dieser Entrevue ergriffen hat, und Kaiser Wilhelm auf Einladung des Kaisers von Rußland sich in die finnischen Gewässer begibt. vergntw. Redakteur: Hans Weber, Berlin. Jnfexgtentejl vergnttv.; Zh, Glocke, Berlin. Drnck». Verlag: Vorwärts Buchdr. u, VerlagSgnstalt Paul Singer& Co., Berlin SW. Hierzu2 Beilagen u. Unterbaltungsbl. Dr. 131. 26. Jahrgang. 1. KeW Ks Jormirts" Krlim öolliülilntl. Mitttvoch, 9. Inn! 1969. 6. Verbandstag des deutschen Transportarbeiter- Verbandes. München. 7. Juni. In der Mathäser-Brauerei wurden am Sonntag nachmittag die Verhandlungen mit der üblichen Begrüßung der Delegierten eröffnet. Da am Montag früh die Mandatsprüfungskommission ihre Arbeiten noch nicht erledigt hat, hält außer der Reihe der Tages- Ordnung Stelling- Lübeck sein Referat über: Die Reichsversicherungsordnung. Der Redner gab in längeren Ausführungen ein Bild des Re- gierungsentwurfs, der das nicht bringt, was man verlangen müsse und präzisierte die Forderungen der Arbeiterschaft. Ein Sturm der Entrüstung müsse sich gegen dieses Machwerk, das erhebliche Verschlechterungen bringt, erheben.— Eine den Ausführungen des Referenten entsprechende Resolution fand einstimmige Annahme. Hierauf referierte Bender- Elberfeld über: Die Zentralisation der Arbeitgebcrorganisationen des Berufs und ihr Einfluß auf unsere Taktik. Der Redner bespricht die einzelnen Unternehmerorganisationen und meint, daß die Transportarbeiter am meisten der Zentral- verband deutscher Arbeitgeber für das Handels- und Transport- gewerbe interessiere. Dieser sei als Gegenstück zum Handeks- und Transportarbeiterverband gedacht und will d i e Arbeitgeber sammeln, die Mitglieder unseres Verbandes beschäftigen; er ist auch dem Allgemeinen deutschen Arbeitgeberverband als Mitglied beigetreten. Außer diesem Zentralverband bestehen noch 7 Reichs- verbände, die aber nur Unternehmer eines bestimmten Faches aufnehmen. Dazu kommen noch zwei Bezirksverbände für Süd- Westdeutschland und Rheinland-Westfalen. Alle diese Verbände hätten sich die Vernichtung der Arbeiterorganisationen zum Ziel gesteckt. Seit der Gründung der Arbeitgeberverbände sei die Situation für die Arbeiter eine ernstere, sind die Kampf- bedingungen schwieriger geworden. Die Zeit der partiellen Streiks werde bald vorbei sein und die Kämpfe durch das organisierte Unternehmertum auf eine zentrale Grundlage gedrängt werden. Eine Generalaussperrung sei im Transportgewerbe schwieriger durchzuführen, als in der Industrie, weil die Unternehmer dadurch noch mehr geschädigt werden. Je stärker die Unternehmerverbände, desto hartnäckiger und umfangreicher werden die Streiks, dadurch sei auch die Verantwortung der Leiter der Organisation größer geworden. Daher sei es notwendig, daß die Chancen eines Kampfes richtig abgewogen werden. Einer momentanen Be- geisterung zu Liebe dürfen Kämpfe nicht inszeniert werden. Die Organisationsbestrebungen der Unternehmer mahnen dringend dazu, nichts unversucht zu lassen, um möglichst bald eine große Einheitsorganisation zu schaffen, dann werde es möglich, den kapitalistischen Uebermut der Unternehmer zu zügeln. Schaffen wir eine festgefügte, schlagfertige Organisation, dann werden wir siegen trotz Unternehmerverband.(Lebhafter Beifall.) Die Diskussion bewegte sich im Sinne der Ausführungen des Referenten. Hierauf wird der Bericht der Mandatsprüfungskommission entgegengenommen, an den sich eine längere Debatte knüpfte. Bus der Frauenbewegung. Unternehmerschmerzen. Zwar wird die weibliche Arbeitskraft als minderwertig be- zeichnet— weil man sie schlecht bezahlt—, aber wenn Gefahr droht, daß dem Unternehmertum die Ausbeutung der«nnnderwertigen Kraft" etwas beschnitten werden könnte, dann hört man gleich die Litanmen über industriellen Ruin. Jedesmal, wenn eine Reform in Aussicht gennmmen ist, deren Konsequenz eine minimale Einschränkung der Arbeitszeit weiblicher Lohnstlaven ist oder sein könnte, erhebt sich im Unternehmerlager großes Geschrei über Untergrabung der Konkurrenzfähigkeit der deutschen Industrie auf dem Welt- markt. Aus.nationalen",„volkswirtschaftlichen", ja auch aus „ethischen" und„moralischen" Gründen fordert der Kapitalismus das ungehemmte Ausbeutungsrecht an der weiblichen Arbeitskraft. So auch jetzt wieder durch Bekämpfung des in der Gewerbenovelle geforderten Fortbildungsschulzwanges für Arbeiterinnen. Mit der brutal kapitalistischen, klassenkämpferischen Offenheit, die die „Arbeitgeber-Ztg." ziert, wettert das Organ gegen die erwähnte kleines feuiUetcm. Weber den sozialen Nutzen der Protzen werden jetzt von der Pariser Bourgeoispresse allerhand Weißheiten verzapft. Den Anlaß dazu gibt der Tod des Krösus C h a u ch a r d. Der Mann war der Gründer des„L o u v r e", nämlich des Warenhauses, das zweifel- los unzähligen Parisern und Fremden bekannter ist als das gegen- überliegende Museum. Chauchard hakte als kleiner Kommis ange- fangen und da er es zu etlichen hundert Millionen gebracht hat, gilt er als genialer Mann und obendrein als ein moralisches Exempel von dem Erfolg, der gewerblichen Emsigkeit in der bürgerlichen Gesellschaft beschieden ist. Daß dieser..königliche Kaufmann" nebenbei ein geradezu klassischer Typus des lächerlichen Parvenüs war, wird nur schonend angedeutet. Llber der geistige Horizont des Verstorbenen wird schon durch die Bestimmungen beleuchtet, die er für seinen Tod getroffen hat. Schon seit 10 Jahren steht auf dem Pere Lachaise sein Grabdenkmal, ein pomphafter Bau, der 100 000 Franks gekostet hat und der in Riesen- lettern den Namen des großen Btannes den Lebenden zuschreit. Chauchard hat auch die testamentarische Verfügung getroffen, daß sein Tod mit den einfach großartigen Worten:„Chauchard ist ge- storben!" den Telegraphenämtern der ganzen bewohnten Erde bekanntgegeben ist. 40 000 Franks sind dafür ausgeworfen. Eine andere Anordnung, die sein Leichenbegängnis betraf, hatte im Publikum, wo sie vor einigen Wochen bekannt wurde, einen solchen Heiterkeitserfolg, daß sich Chauchard von wohlmeinenden Freunden überreden ließ, sie noch auf dem Sterbebett zu wider- rufen. Der Bazarinhaber hatte sich nämlich eine Leichenfeier von unerhörter Großartigkeit in historischem Kostüm zugedacht. Für die Kosten waren 200 000 Franks ausgesetzt— bei Begräbnissen darf man ja wie bei Zigarren den Preis sagen. Immerhin wird auch die„vereinfachte" Feier pompös genug sein. Namentlich wird, wie sich das bei der Beisetzung eines so großen Bürgers ziemt, Militär ausrücken. Chauchard hat auch das Anrecht darauf durch die hierzu notwendigen Dekorationen erworben. Diesem Ehrgeiz dankt übrigens der Louvre— diesmal das Museum, nicht das Warenhaus— eine ansehnliche Bereicherung. Chauchard hat ihm seine Sammlungen vermacht. Da er grundsätzlich kaufte, was die Mode hoch im Preis hob. ist auch manches bedeutende Stück darunter gekommen. Von Gemälden ist es vor allem der berühmte .Angelus" von M i l l e k, weiter einige hervorragende D e l a- c r o i x und wertvolle Werke der Schule von Barbizon. Aber ein nicht geringer Teil der Sammlung enthält so jammervolle Kitsch- wäre, haß die Direktion des Museums, die das Legat in einigen besonderen Sälen unterzubringen hat, ihre liebe Not damit haben wird. Reform, ohne sich dabei mit sachlichen und logischen Gründen zu strapazieren. Die geistige Höhe seiner Argumentation dokumentiert das Scharfmacherblatt damit, daß es als stichhaltigsten seiner Gründe einen ablehnenden Kommissionsbericht aus dem Jahre 1901 re- produziert, der ein Sammelsurium von törichtigen und heuchlerischen Einwändungen darstellt. Es heißt da: „Alle Gefahren, die der obligatorische Besuch der FortbildungS- schule mit sich bringen könne, seien doppelt bedenklich gegenüber den weiblichen Arbeitern. Hier sei es noch weniger gerechtfertigt, dieselben in Schulen zu zwingen, die vielleicht ihr religiöses Gefühl verletzen, sie den Gefahren, z. B. der Abendschulen, auszusetzen oder sie zu zwingen, mit Mädchen zusammen zu sein, die schon sittlich verdorben seien. Der Haushaltungsunterricht sei nur da notwendig, wo die Gelegenheit zur Ausbildung in den eigenen Familien fehle; dieses fei aber nicht überall und allgemein der Fall." Auf das dumme Gerede einzugehen, erübrigt sich schon wegen der einen Tatsache, daß es keinem Unternehmer einfällt, aus den obigen Erwägungen auf die Ausbeutung der weiblichen Arbeitskraft zu verzichten. Gerade weil man keine Lust hat, das Zusammensein der noch unschuldigen Mädchen mit schon sittlich verdorbenen in der Fabrik verkürzen zu lassen, und weil man die möglichst lange Aus beutung nicht zugunsten hauswirtschaflticher und anderer Ausbildung beschneiden lassen will. Oder wollen die Menschenfreunde vielleicht glauben machen, die Fabrik, wo die Mädchen vielen Gefahren, oft genug auch den Paschagclüsten von Vorgesetzten ausgesetzt sind, verdiene gegenüber der Schule den Vorzug als Bildnerin des Charakters, Stärkerin und Förderin der Sittlichkeit sowie Velehrerin auf Haus- wirtschaftlichen und anderen Gebieten? Um was es sich bei dem Protest der Mehrwertraffer handelt, verrät das Scharfmacherblatt hinterher. Mehrere Industrien, besonders die Textilindustrie, heißt es da, könnten irgendwelche Begrenzung der Arbeitszeit der jugend lichen Arbeiterinnen nicht zugestehen I Der ethische, moralische. nationale Kampf gegen den Fortbildungsschulzwang reduziert sich auf ganz gewöhnliches, ganz kurzsichtiges, ganz rücksichtsloses und ganz kleinliches kapitalistisches Profitinteresse. Leseabende. Lankwitz. Der für heute angesetzte Leseabend mußte umständehalber aus Dienstag, den 1ö. Juni, verlegt werden. Gerichts-Zeitung. Das Abenteuer eines Kirchcnältestcn. Die Affäre Vorpahl, die in der Gerhardt-Kirchengemcinde (einem Teil der Schönhauser Vorstadt außerhalb der Ringbahn) so großes Aufsehen erregt hat, wurde am Dienstag wieder vor Gericht erörtert. Ueber den Nähmaschinenhändler Gustav Vor- Pähl, der in dieser Gemeinde das Ehrenamt eines Kirchenältesten bekleidet und bei den Strenggläubigen in hohem Ansehen steht, war im vorigen Jahre ein schlimmes Gerücht in Umlauf ge� kommen. Er sollte gegen zwei Frauen K. und W., die in Rot waren und Unterstützung erwarteten, sich allzustürmisch benommen haben. Anfänglich war der Verdacht entstanden, daß der Mann, der diese Frauen sich gefügig zu machen versucht habe, Mitglied einer der dortigen Armenkommissionen sei. Die Nachforschungen, die daraufhin vom Armenkommissionsvorsteher des Stadtteils an gestellt wurden, ergaben bald, daß nicht ein Armenkommissions Mitglied, sondern der Kirchenälteste Vorpahl es war, gegen den die laut gewordenen Anschuldigungen sich richteten. Die Sache sprach sich dann weiter herum, und schließlich mußte in der Kirchengemeindevertretung darüber verhandelt werden. Einer der Gemeindevertreter, der Bankbeamte Erich Noack, ist zugleich Vorsteher einer Armenkommission und hatte als solcher an den Ermittelungen über Vorpahl teilgenommen. In einer Gemeinde� Vertretersitzung wurde Herr Noack aufgefordert, auszupacken, und er trug nun vor, was ihm mitgeteilt worden war. Der Herr Kirchenälteste Vorpahl, der dabei saß und das mitanhören mußte, erklärte unter heftigen Ausfällen gegen Noack, es sei alles erlogen. Mit dieser bloßen Erklärung konnte natürlich die Affäre nicht erledigt sein. Man mußte erwarten, daß Vorpahl eine gerichtliche Feststellung des Sachverhaltes herbeiführen werde. Es dauerte eine ganze Weile bis er sich hierzu entschloß, dann aber ging er Die Platincrzeugung im Jahre 1908. DaS Platin nimmt unter allen Metallen der Erde gegenwärtig eine besondere Stellung ein. Es wird von Wissenschaft und Technik, weniger von der Industrie, in erheblichen Mengen gebraucht, während die bekannten und im Abbau befindlichen Lager dieses Edelmetalls spärlich sind und eine nennenswerte Vermehrung seit langein nicht erfahren haben. Wenn dieser Zustand weiter anhält, läßt sich voraussehen, daß der Bedarf an Platin bald nicht mehr wird gedeckt werden können und daß eine sehr bedeutende Steigerung des Preises stattfinden wird, der schon jetzt den des Goldes übertrifft. Die Angaben, die nun über die Platingewinnung in Rußland während des letzten JahreS ver- öffentlicht worden sind, loerden diese Befürchtung steigern, denn seit langer Zeit ist die Menge des in Rußland gewonnenen Platins noch nie so gering gewesen wie im Jahre 1908. und Rußland liefert 9ö Prozent der ganzen Weltproduktion. Allerdings scheint dieser Rückgang nicht auf einer Erschöpfung der im Ural vorhandenen Lager zu beruhen, sondern auf einer willkürlichen Ein- schränkung des Abbaus seitens der Besitzer der Bergwerke, die noch bessere Preise zu erzielen hoffen, wenn sie das lveiße Edelmetall noch seltener machen. Nach russischen Gewichten betrug die ge- samte Förderung von Platin im Ural während des vorigen Jahres 298 Pud 4 Pfund 49 Solotnik und 67 Doli, was einer Menge von rund 4800 Kilogramm entspricht. Im Jahre 1906 hatte die Er- zeugung noch 866, im Jahre 1901 sogar 1460 Kilogramm mehr be- trogen. ES wäre wirklich Zeit, daß noch andere ergiebige Platin- lager aus der Erde geftmden ivürden, damit die Produktion eines für die wichtigsten Zlvecke unentbehrlichen Stoffes nicht von der Willkür einiger weniger Leute abhängig bleibt.(„Deutsche Rund- schau für Geographie und Statistik", Julinummer.) Die Internationale Bereinigung für Erdbebenkunde hält ihre dritte Jahresversainmlung vom 30. August bis zum 4. September unter dem Vorsitz von Dr. A. Schuster in Zermatt ab. Die ersten Versammlungen der Gesellschaft fanden in Straßburg im Jahre 1906 und im Haag im Jahre 1907 statt. Der Arbeitsausschuß hat die Zusammenstelluug der Erdbeben für 1904 und für das folgende Jahr schon veröffentlicht. Ebenso wertvoll ist das mikroseismische Verzeichnis für 1908. ES bietet eine Zusammenfassung aller durch Instrumente gefundenen Daten, und eine Uebersicht über die sogenannten„welterschütternden" Erd- beben. Die Gesellschaft wendet ihre Aufmerksamkeit überdies der Konstruktion von Erdbebenmeßinstrumenten zu und hat zu diesem Zwecke einen ständigen Ausschuß eingesetzt. Weiterhin sollen die geheimnisvollen Geräusche, die bisweilen an verschiedenen Orten gehört und als Nebelschüsse bezeichnet werden, genau er- forscht und ihre örtliche Verteilung eingehend bestiiitmt werden. Außerdem soll die Erdbebcnliteratur zusammengestellt und ein Kodex für internationale Erdbebenmeldungen ausgearbeitet werden. um so gründlicher vor. Er strengte Beleidigungsklage an, nicht nur gegen Noack, sondern zugleich gegen die Frauen K. und W., auf die Herr Noack für den Fall einer Klage sich berufen zu können gemeint hatte. So kam es, daß auch die beiden Frauen zunächst nicht als Zeuginnen gegen Vorpahl, sondern als von Vorpahl Verklagte neben Noack vor Gericht zu erscheinen hatten. Diese Beleidigungsklage Vorpahl wider Noack schwebt noch. Ein erster Termin endete mit dem Beschluß, das Verfahren auszusetzen, bis die Gerichte mit Herrn Vorpahl selber ins Reine gekommen sein würden. Inzwischen war nämlich der Spieß, den der Herr Kirchen- älteste umgewendet und gegen seine Angreifer gerichtet hatte, prompt noch einmal umgewendet und gegen ihn gerichtet worden. Gegen Vorpahl war von dem Gatten der Frau K. Anzeige wegen Notznchtversuches erstattet und von der Armendirektion auf Grund der Vorgänge in jener Gemeindevertretersitzung Etrafantrag wegen Beleidigung des Armenkominissionsvorstehers Noack gestellt worden. Der Ausgang beider Verfahren mußte abgewartet werden, ehe Vorpahls Privatllage gegen Noack usw. zu Ende ge- bracht werden konnte. Gestern wurde vor dem Amtsgericht Bcrlin-Wedding vorerst die Beleidigungsklage gegen Vorpahl verhandelt, so daß Herr Bor- pahl auf der Anklagebank Platz zu nehmen hatte. Vor- pahl erklärte, in der Gemeindevertretersitzung habe er sich gewehrt lediglich mit dem Hinweis, daß Noack noch zu unerfahren sei. Herr Noack selber sagte als Zeuge aus, V. habe ihm Lüge vorgeworfen, habe ihn einen Plunder, einen grünen Schnösel ge» schimpft und habe gehöhnt, den Frauen werde ja die Unterstützung verweigert, wenn sie nicht so aussagen, wie die Armenkommissions- Vorsteher wollen. Privatim habe aber N. ihm später zugegeben» daß er sich schuldig fühle und deshalb nicht gegen die Frauen vor- gehen könne, auch habe V. unter Hinweis auf sein graues Haupt gefleht, ihn zu schonen und ihm aus dieser Affäre herauszuhelfen. Die von N. bekundeten Schmähworte, die V. gegen ihn geschleudert habe, wurden auch von dem Zeugen Maurermeister Otto bestätigt. Der Vorsitzende riet hiernach dem Angeklagten, die Beleidigungen gegen N. durch eine Ehrenerklärung wieder gutzumachen. Noack warf ein, er glaube nicht, den Vergleichsvorschlag annehmen zu dürfen, ohne zuvor die Armendirektion befragt zu haben. Im übrigen müsse, im Hinblick auf die gegen ihn selber und gegen die Frauen K. und W. erhobene Privatklage, ihm daran gelegen sein, daß eine völlige Aufklärung dieser Angelegenheit ermöglicht werde. Als Armenkommissionsvorsteher habe er sich verpflichtet ge- fühlt, die Sache der beiden Frauen zu verfechten, gegen die Herr V. sich vergangen haben sollte. Den Frauen stehe für ihre Be- Häuptlingen kein Zeugnis eines Unbeteiligten zur Seite, schon deshalb habe er sich ihrer annehmen zu müssen geglaubt. Ihm habe man vorgeworfen, daß er jene Frauen beeinflußt habe. Lasse er jetzt sich auf einen Vergleich ein, so werde man das und ähnliche Verdächtigungen aufs neue verbreiten. Das Gericht be- schoß Vertagung, damit Herr Noack die Armendirektion um Rat bitten könne. Zum nächsten Termin sollen für den Fall, daß kein Vergleich zustande kommt, die Frauen K. und W. geladen werden. Ein Vergleich in diesem Stadium sähe einem Vertuschungs- versuch verzweifelt ähnlich.__ Haftung wegen schlechter Lehrcrwohnung. Bis zum Reichsgericht ließ die Gemeinde Groß- und Klein- Ziethen einen Schadenersatzprozeß gelangen, den ein Lehrer gegen sie wegen schlechter Dienstwohnung erhoben hatte. Der Schullehrer M. klagte gegen die Schulgemeinde Groß- und Klein-Ziethen auf Schadenersatz in Höhe von 1000 M. Kur- und Pflegekosten neben Leistung einer Rente von 1200 M. jährlich. Er begründete seinen Anspruch damit, daß er sich in einer ihm von der Beklagten zur Verfügung gestellten Dienstwohnung ein rheumatisches Leiden sowie schwere Gesund- heitsschädigungen zugezogen habe. Der Kläger war vom 1. April 1902 bis 1. März 1903 als zweiter Lehrer an- gestellt worden und zwar mit einem regierungsseitig zu zahlenden Gehalt von 800 M. jährlich, während die Schulgemeinde Groß- und Klein-Ziethen die Wohnung zur Verfügung zu stellen hatte. Der Kläger verweigerte zunächst die Annahme der Wohnung, da sie naß und gesundheitswidrig fei. Er ging deshalb zu einem Bauer in Kost und Logis. Da er nicht gut auskam, bezog er schließlich Humor und Der Bl Gebaut und gezimmert, Geborsten, zertrümmert, Geleimt und gekittet, Versunken, verschüttet, Von unten nach oben Zutage gehoben, Verfehmt und vernichtet, Aufs neue gerichtet, Zerbrochen, zerspalten, Gestützt und gehalten, Vom Sturme zerweht, Zusammengenäht, Vom Schicksal zerstückt, Mit Drähten geflickt, Sattre. o ck. Zu Boden gefällt, Auf die Beine gestellt, Gestrandet, gescheitert, Befestigt, erweitert, Vergessen, verloren, Schon wieder geboren, Schon gar nicht vorhanden, Soeben erstanden, Schon Mumie gelvesen, Zum Leben genesen, Total ruiniert, Brillant repariert,-- Ich frag' dich ack Iroo: Wie geht es dir, Block? DaS Kompromiß. Sie: Ich möchte so ein Mittelding zwischen die Pawlowa und die Duncan werden!— Er: Na, dazu bist du ja auf dem besten Wege. Von der Pawlowa hast du, daß du kein Deutsch kannst, und von der Dlincan, daß du nicht tanzen kannst. __(„Lustige Blätter.") Notizen. — Keine Ruh bei Tag und Nacht. DaS eine muß auch die übelwollende Bosheit der Berliner Zensur lassen: sie ist unerbittlich in der eigenhändigen Blamierung. Das angenehme Sommerwetter vermag sie so wenig milde zu stimmen wie das Bedürfnis der Sommertheater besuchenden Menschheit nach Er- heiterung. Der Sommerdirektion des Deutschen Theaters wurde der französische Schwank„Im Luxuszug" verboten. Es wird doch in diesem Stück nicht etwa gar die vierte Klasse mitgenommen, die nach unseren Junlern ja der reinste LuxuSzug ist? — Ein neuer Dürer. Eine bisher unbekannte Feder- zeichnnng Albrecht Dürers tourde vom Berliner Kupferstichkabinett erworben. Sie stellt Maria mit dem Kinde auf dem Halbmond dar und ist aus dem Jahre 1614 datiert. — Briefe Alexander v. Humboldts an französische Gelehrte, vorzüglich an den großen Physiker und eifrigen Republikaner Arago» mit dem Humboldt eng befreundet war, wurden der Pariser Bibliothek des Instituts überwiesen. Die reiche Samm- lung soll von großer wissenschaftlicher Bedeutung sein. Zweifellos auch von kulturhistorischer. die Wohnung, mußte aber schon 17—18 Tage nachher seinen Dienst aufgeben und sich ärztlich behandeln lassen. Kläger behauptete, daß infolge seines KrankheitSzustandes ein Herzfehler zurück- geblieben und er deshalb auch noch jetzt erwerbsunfähig sei. Die Gemeinde bestritt, daß sie ein Verschulden treffe und behauptete, daß der Kläger die Wohnung nicht genügend gelüftet und geheizt habe. Das Landgericht und Kammergericht zu Berlin v.er- urteilten die Gemeinde in vollem Umfange. Das Kammergericht führt dazu auS, daß die Krankheit des Klägers und deren schädigende Folgen nach den Sachverständigengutachten auf die Mangelhaftigkeit der Dienstwohnung zurückzusühren seien. Auf den Anspruch deS Klägers finde aber auch des§ 618 Bürgerlichen Gesetzbuches analoge Anwendung. Die Schulgemeinde habe die ihr obliegende Pflicht nicht erfüllt, da sie dem Lehrer eine mangelhaste Dienstwohnung ge- währte, deshalb treffe sie die Verantwortlichkeit. Diese Verantwort- lichkcit sei auch aus dem Umstände zu folgern, daß sie die Dienst- Wohnung dem Kläger zu gewähren hatte und gewährt hat. Ob der Kläger sein bares Diensteinkommen von der Regierung bezog, könne dahingestellt bleiben, da die Schulgemeinde eben nach dem Ver- trage für die Dienstwohnung zu sorgen hatte. Gegen dieses Urteil des Kammergerichls zu Berlin hatte die Gemeinde Revision beim Reichsgericht eingelegt und unter anderem eingewandt, daß die Krankheit des Klägers auf dessen mangelhaste Widerstandsfähigkeit zurückzuführen sei, daß in Groß- und Klein-Ziethen alle Wohnungen feucht seien, daß auch die früheren Lehrer nicht über die Wohnung ge- klagt hätten oder krank geworden seien und daß sich der Kläger durch Extrastudicn für ein Examen überarbeitet und sich des Nachts schlecht zugedeckt hätte. Der dritte Zivilsenat erkannte jedoch dieser Tage auf Zurückweisung derselben. Wenn alle Lehrer Ostelbiens in ähnlicher Weise ihre Rechte geltend machen würden, würden wohl allmählich die Lehrer- Wohnungen insbesondere auf dem Lande ein minder schmachvolles Zeugnis von der ostelbischen Unkultur ablegen wie heute. Auch sür die Landarbeiter und andere, denen ungesunde Wohnungen so viel- fach zur Benutzung angewiesen werden, dürfte der vorstehend ge- schilderte Prozeß von Wichtigkeit sein. Sie haben das Recht auf Aufhebung des Vertrages und allen Schadenersatz zu klagen, wenn die Wohnung gesundheitsgefährdend ist. Pfcrdcwurstschwindel. Angeklagt wegen wissentlichen Vergehens gegen das Nahrungs- mittelgesetz war gestern der Schlächtermeister Karl Frischte aus Wilhelmsruh.— Der Angeklagte führt in Wilhelmsruh, Walder- seestraße» eine seiner Ehefrau gehörende Schlächterei.' Er ver- arbeitete in großen Quantitäten Pferdefleisch, welches er mit 30 Pf. pro Pfund in Rixdorf kaufte, zu seiner„billigen" Salami-, Schlack- und Mettwurst.— Das Schöffengericht hatte den An- geklagten mit Rücksicht auf den großen Umfang, den sein Pferde- wurstvertrieb angenommen hatte, zu einer Gefängnisstrafe von 2 Monaten verurteilt, auch die Publikation des Urteils ange- ordnet. Die hiergegen eingelegte Berufung des Angeklagten wurde unter Bestätigung des ersten Urteils von der Strafkammer verworfen.*_ Amtlicher Marktbericht der städtischen Marttballen-Direktion über den Großhandel in den Zentral-Markthallen.'Marktlage: Fleisch: Zufuhr den Bedarf deckend, Geschäft flau, Preise unverändert. Wild und Käse: Geschäft füll, Preise unverändert. Gemüse, Obst und Südfrüchte: Zufuhr reichlich, besonders in holländischen Gurken und Mohrrüben, Geschäft lebhaft, Preise gedrückt. I�LK heute: Friedridistrasse 110-112 Oranienburgerstr. 54-56a mu B etriebsgesellsdiaft m. b. H. Soweit Vorrat; Taffet- Band reine Seide, in allen Farben, ca. 15 cm breit Mtr. 32 Pf. Bast- Seide vorzügliche Qualität 80 cm breit Mtr. 1.95 Halb- Handschuhe aus weissem, haltbarem, durchbrochenem Gewebe, ca. 40cm lang Paar 18 Pf. Sonnen- Schirme mit Einsatz oder Spitzenvolant 1.45 J Für den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. Theater. Mittwoch, den 9. Juni. Ansang Tj, Uhr. Königl. Opernhaus. Die Walküre. fAnsang 7 Uhr.) Königl. Schauspielhaus. Die Welt, in der man sich langweilt. Ansang 8 Uhr. Neues königliches Operntheater. Salome. Deutsches. Die schicke Auguste. Kammer spiele. Ein Skandal in Monte Carlo. Lessing. Die Dollarprinzesfin. Berliner. Ein Herbstmanöver. Schiller<>.«Wallner- Theater.) Der Biberpelz. Schiller Charlottenburg. Ein Erfolg. Friedrich- Wilbelmstädt. Schau- spielhaus. Husarenfieber. Neues Schauspielvans. Mahö. Komische Oper. Carmen. Neues. Tricoche und Cacolet. Thalia. Im Cafs Noblesse. Lustspielhaus. Der fesche Rudi. Kleines. Moral. Hebbel. HoheS Spiel. Drianon. Die Sprudelsee. Neues Operette». Der Zigeuner- baron. Berliner OPeretten-Xheater SW. Das Teufelsweib.(Ans. 8'/, Uhr.) Luisen. Gerda Gerovius. Folies Caprice. Drei Frauenhüte. Der Deserteur usw. Ans. S1!, Uhr. Metrouol. Die oberen Zehnwusend. Bernhard vtose. Das Mädchen ohne Ehre. Apollo. Hartstein. Er oder Er. Spezialitäten. Wintergarte». Spezialitäten. Carl Haverlaud. Spezialitäten. Passage. Spezialitäten. Walhalla. Spezialitäten. Rctchshallen. Stettiner Sänger. Der Kompagnieball. Urania, rauoeustraft« 4K/s«. Abends 8 Uhr: Rom und die Campagna. Sternwarte, Jnvalidenftr. b7/«L. l�essinx-'T'heater. Gastspiel d. Neuen Operetten-TheaterS. Ansang 8 Uhr. Die Dollarprinzeasin, Berliner Theater. Gastspiel-Operetten-Theater. |0F~ Taglich 8 Uhr:-�0 Ein Herbstmnnövep. Neues Theater. Abends 8 Uhr: Tricoche und Gacolet. Morgen und folgende Tage: Irleoede imd Caeolet. Lusispielhaus. Abends 8 Uhr zum erstenmal: Der fesche Rudi. Urania, WissenschaftlicheB Theater. Taubenstraße 48/49. Abends 8 Uhr: Rom ond die Campagna. OOIOCISCHER GARTEN Täglich ab 4 Uhr: Großes Militär-Doppel-Konzert. Eintritt 1 n., von abends 6 Uhr ab 50 Pf. Kinder unter 10 Jahren die Hälfte. Neues Kgl. Opern-Theater(Kroll). Qura-Oper. Salome. Oper von Kichard Strauß. Anfang 8 Uhr. Donnerstag: Don Juan. Freitag: Figaros Hochzeit. Sonnabend: Butterfly. Sonntag: Salome._ Friedrich-Wiltielmstädtisches Schauspielhaus. Mittwoch, 9. Juni, Anfang 8 Uhr: Husarenfieber. Donnerstag: Der Dorfthrann. Freitag zum erstenmal: Manöver- regen. Sonnabend: Manöverregen. Itf«nes Operetten-Theater, Schissbauerdamm 25, a. d. Luisenstr. Heute: Geschloffen. Morgen, 3 Uhr: Ole Sprndelfee. Hebbel-Theater. Ans. 8 Uhr. Hohes Spiel. r fRStURPROSETIIEAT Kr. Franksurler Str. 132. Abends 8 Uhr: Das Mädchen ohne Ehre. DG- Sommerpreise."MMl Aus der Gartenbühne u. a.: Berlin auf Stelzen mit Willi A g o st o n. Konzert, Spezialität. Ans. 4>/, Uhr. 9» Uhr: El* oder 9" Uhr; El1 mit Karfstein 8 Uhr: Die neuen Spezialitäten. 8'° Jean Paul mit neuen Schlagern. 91S Yankee Ooodle Girls. 9" Palma und Nathal, Mensch oder Asse??? lSeklller-Theater. i Schiller-Theater 0.(Wallner-Theater.) Mittwoch, abends 8 Ubr: um erstenmal: Oer Blberpelai. ;ne Diebeskomödie in 4 Akten von Gerhart Hauptmann. Ende IG/, Uhr. Donnerstag, abendS8Uhr: Jnngfer Obrigkeit. Freitag, abends 8 Uhr: Oer Olberpeta. Schiller-Theater Charlottenburg. Mittwoch, abends 8 Uhr: Ein Erlolg. Lustspiel in 4 Akten v. Paul Lindau. Ende 10-/, Uhr. Donnerstag, oben dS8Uhr: Orester» Millionen. Freitag, abends 8 Uhr: Zum erstemnal: Madame Bonivard. Arnold Scholz Hente. Mittwoch, den 9. Jnnl 09: Neue Welt Hasenheide 108114 GroSe Spezialitäten-forsteilig. Großes Konzert. Großes Kinderfreudenfest. Bonbonregen X Kinderbelustigungen aller Art X Puppen-Theater. Upr?"«rolle Gratis-Terlosnng. WG Hauptgewinne Je 1 silberne Uhr f. Mädchen u. Knaben. Anfang 4 Uhr. Entree 15 Pf. Achtung! DieZP Jetzt nur Seeterrasse Lichtenberg Ob schön! Täglich: Ob Regen: Gr. Konzert unb u.a.: Brothers HelbigS, unübertroffener fliegender Drapez- Akt. Kolter- Talaschus(2 Damen, 1 Herr), Turmseilkünstler. Viktor Ritter, der unkopierbare Humorist. Borgas u. Darleh, ie best. kam. Radfahrer usw. Im Säale: BAEE. Ansang 4 Uhr. 15 Ruderboote X Kaiseeküche X Volksbelustigungen X Vorzugskarten gültig. 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Ehre feinem Andenken l Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 10. Juni, nach- mittags 6 Uhr, aus dem Heilands- Kirchhos in Plötzensee statt. Um rege Beteiligung ersucht 227/20 Der Borstand. Ienlrsl-VerM der Steinarbeiter Deutschlands. Filiale Berlin. Am 6. Juni starb unser Kollege Peter Knieriem im Alter von 35 Jahren an der Berusskrankheit. Ehre seinem Andenken l Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 10. d. M., nach- mittags 6 Uhr von der Leichen- halle deS Heilands-Khchhoses in Plötzensee aus statt. 171/9 Zahlreiche Beteiligung erwartet 01» Orlsverwaltung. Hauptgeschäft: und Berlin NO., Große frankfurter Straße 115 Beachten Sie gell, genau meine Finna und Hauenummer! I kein Eckhaus, 2. Haus von der Jorusalemer Straße, / kein Eckhaus, 2. Haus von 1 der Andreasstraße, OeulselieF taportariieiter-VerliaDl Orlsverwaltung It. Den Mitgliedern zur Nachricht, | daß uns er Kollege, der Arbeiter tiermsan Qrothe am Sonntag, den 6. d. M., tm Alter von 51 Jahren an Herz- schwäche gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung smdet am Mitt- woch, den 9. d. M., nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle der Friedensgemeinde. Nordend, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 67/20 Die Verwaltung II. Verband deutscher Gastwirtsgehilfen (Ortsverwaltung Berlin I.) Am 6. Juni verstarb nach langem Leiden unser altes Mitglied prit? Wolff. Die Beeidigung findet häute, Mittwoch, den 9. Juni, nach. mittags 4 Uhr, von der Leichen- halle des BartholomäuS-Kirch- Hofes, Weißens«, Falkenberger- straße, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 74/19 Der Borstand. gM!ey.Wßmßeiil (Bezirk Berlin.) Nachruf» In der Nacht vom 4. zum 5. Juni verstarb an Gesichtsrose unser Mitglied �atdsa Kskll. Ehre seinem Andenkenl Die Beerdigung findet In Ob«- dors bei Bobsingen(Württem- berg) statt. 285/9 Danksagung. Allen lieben Freunden, die meinem lieben Mann und guten sorgsamen Vater Robert Kremer das Geleit und die letzte Ehre erwiesen haben, sage ich hierdurch meinen innigsten Dank. Klara Kremor und Sohn, f 15538 Rixdorf. Danksagung. Sage allen Verwandten, Freunden und Bekannten, den Genossen deS Spar- und BauvereinS(Ansiedelung Stargarder Straße), dem Unter- stützuNgS» und BegrübniSverein der Schmiede sowie seinen Mitarbeitern der A. E.-G.. Abteilung III, ins. besondere dem Gesangverein.Schild- dorn" sür die rege Teilnahme sowie die Kerzlichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes und unseres guten BaterS meinen herzlichsten Dank. 1554L Witwe Emma Müller nebst Söhnen. Potsdam-Spandau-Osthavelland. Sonntag, den 13. Zum, nachmittags ZVs Uhr, in Steinebachs Volksgarteu, Hakenfelde bei Spandau: Elch»Mlichc AlKs-UcrsmMW unter Mitwirkung der Arbeiter- Gesangvereine Spandau, Potsdam, Velten, Nauen, Hennigsdorf. Tages-Ordnung: 1. Begrüßung des Genossen Dr. Karl Liebknecht. 2. Die politische Lage. 2S5ld» Referenten: Parteisekretär Otto Wels und Rechtsanwalt Dr. Karl Liebknecht. Genossen und Genossinnen! Erscheint in Massen! I Für den Kreisvorstand: ?urto-Belten. Für den Spandauer Vorstand: Zlnx Sclor. Vor und nach der Versammlung: Großes Garten-Konzert. 2�11; Anfang des Konzerts IV/n Uhr. Wozu freundlichst einladet H. Steinebach. lleutscher KetaZIarbetter- Verband. -------------- V«rvultAii»K«»tvIIv Kterlin.----- Arbeitsnachweis: Hos I. Amt IN, 1239. CharitHstrafte 3. Hauptbureau: Hos III. Amt IN. 1987. Donnerstag, den 10. Juni IttON, abends 6 Uhr, in Badstr. 19: KUgemeine Uersammlung aller in den Geldschrankfabriken beschäftigten Arbeiter. Tages-Ordnung: 1.„Unsere Forderungen bei der diesjährigen Tarifberatung." 2. Diskussion. IW Kollegen I Mit Rücksicht aus die Wichtigkeit der TagcS-Ordnung ist das Erscheinen aller Kollegen bringend notwendig._ Achtung; Klempner. Achtung: Donnerstag, den 10. Juni 1909, abends Vsö Uhr, bei Freyer, Koppenstraße 29: Allgemeine Klempner-Bersammlnng. Tages-Ordnung: 1. Bericht von den Verhandlungen vor dem Einigungsamt. 2. Diskussion.� SÄ- NB. In Anbetracht der Wichtigkeit der Versammlung erwarten wir daS Erscheinen aller Kollegen."ME fiele Die Optsverwaltnngr. CIGAREIIEN sind rwar keine Importcigaretten, sondern ledig* Heb Produkte Deutschen Gewerbefleisses. Trotz- dem sind dieselben jedoch geeignet vollen Ersatz für manche Importmarke zu bieten, die mit 3 oder 4 Pf verkauft wird und deren Qualität häufig genug diesen Preisen auch nicht annähernd ent* spricht. Alle Raucher, die billige Importen konsumieren, sollten Josetti-Juno-Cigaretten in ihrem eigensten Interesse einmal mit solchen Marken vergleichen, was sicher vielen Veranlassung geben wird, ihren Bedarf mit iosettl.Juao.Cigaretteia künftig weit billiger zu decken. iosetti-JuDG m. o. o. HuodsIQeii. 10 Siek. 20 Pf. CiSsrejfe5-3<«i CflaretteS » raarl 0.-V. IV. Sektion der Kraftwagenführer. Donnerstag, den 10. Juni, abends 8 Uhr, Oeffentliclie Chauffeur-Versammlung im Gescllschaftshaus Berliner Mnfiker, Kaiser Wilhelmstr. 18w, großer Saal. f Tages-Ordnung: 1. Das zum Teil seit dem 1. Juni in Kraft getretene Automobil-Haftpflichtgesetz. Rcserent: Reichstagsabgeordneter Genosse Stacktlrnsei». 2. Diskussion. 3. Ein Gerichtsurteil über das«oalitionSrecht. Referent: Kollege Zlug. Becker. 4. Diskussion. 67/19 MM" Alle Krastwagensührer haben in ihrem eigenen Interesse zu erscheinen. Die Sektionsleitung. Ohne Anzahlung l dinen, Steppdecken, Teppiche, Uhrea, ■Ä'irSltiBt Keim! Ii. Matzner, Augnststr» 50. Nur Postkarte erbeten.* Haben Sie Stoff? � Idi/ertipe davon Anzug od. Paletot nach Mass, schick, daaerk, Zutaten, von 20 Mark an. Moritz Labund, _ Neue PromenadeS, It.fStdtb. Börse). � Pa. Schlack-««» Salamiwurst Ausnahmepreis a Psd. 1.00 M Vtener IVärstchen 3 Paar 59 pi. FranstädterWürstcb. 6„ SO Pf. Hermann Leissner, Berlin C., KIosterstr.03/95, Eckhaus Kaiser-Wilhelm-Straße lt. Jedes Wort 10 Pfennig. Il�l* Mk■ fl ANZEIGEN Das erste Wort(fettgedruckt) 20 Pfg. Stellengesuche I MckU 9 B"9 I fl"ir d,e nächste Nummer werden In den Annahme- und Schlafstellen-Anzeigen 5 Pfg.; das erste Wort■ B f—®■ Bf B B* M M H■ � m> BEB 6■ E■■ stellen fOr Berlin bis I Uhr, für die Vororte bis (fettgedruckt) 10 Pfg. Worte mit mehr als 13 Buchstaben■ W«k B I 1■ 9■ B Jä B B■ 12 Uhr, in der Haupt-Expedition, Lindenstrasse 69. zählen doppelt.■■ m■ �■ bm-w m �rw m m Bj bis 5 Uhr angenommen. Werantwortlichcr Redakteur: HanS Weber, Berlin. Für den Jnseraienicilperaiitw..: TH.Glocke, in. Druck u.Verlag: Vorwärts Buchhruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW. Nr. 131 26. Jahrgang. 2. Skilme des Jotmiirlü" Sttlinft Julblilutt. Mlvoih, 9. Juni 1909. Heute Mitwoch: Za�labend in Berlin und Vororten. Partei- Angelegenheiten. Dritter Wahlkreis. Der für Sonntag, den 13. Juni, geplante Familienausflug nach Grünau findet erst am Sonntag, den 20. Juni, statt. Der Vorstand. Wilmersdorf-Halensce. Für die Halcnseer Genossen findet am heutigen Mittwoch ein gemeinsamer Zahlabend bei Göhring, Georg- Wilhelm-Stratze, Ecke Lietzenstrafie, statt. Lichtenrade. Am Sonnabend, den 12. Juni, findet in dem Lokal von Rud. Deter, Bahnhofstraße, der regelmäßige Zahl- abend statt. Frcdcrsdorf-Peteröhagen. Donnerstag abend 8Vä Uhr im Lokal von Max Girke Zahlabend. Nieder-Schöneweide. Der heutige Zahlabend fällt wegen der Beerdigung des Genossen Hermann Ramsperger aus. Zur Beerdigung treffen sich die Genossen heute um 3'/« Uhr, Kei Paul Fichtner, Hasselwerder und Fennstraßen-Ecke; die Sänger um 3 Uhr, bei Adolf Stahlberg, Berliner Straße 123. Der Vorstand. Lichtenberg. Da bis heute abend sämtliche Bibliothekbücher ab- geliefert sein müssen, so ersuchen wir die Mitglieder, die noch in Händen befindlichen Bücher unverzüglich abzugeben. Die Eröffnung der Bibliothek wird an dieser Stelle bekannt- gegeben. Eichwaldc-Zcuthcn-Micrsdorf. Heute abend 8 Uhr, General- Versammlung im Restaurant Spethmann. Der Zahlabend fällt aus. Bernau. Der Juni-Zahlabexd findet morgen Donnerstag, in den bekannten Lokalen statt. ßcrlimr JVacbncbtcn. Berliner Verkehrsfragen. Unter dem Vorsitz des Oberbürgermeisters Kirschner beschloß die Verkehrsdeputation in ihrer gestrigen Sitzung: dem Kaufvertrage bc- züglich der Erwerbung der Flachbahn Warschauer Brücke— Zentral- Viehhof prinzipiell die Zustimmung zu erteilen; desgleichen dem Ausbau dieser Bahn in der Richtung Görlitzer Bahnhof. Zur Verstärkung des Wagenparks der städtischen Straßenbahn sollen 200 000 M., zur Vermehrung des Schienenmaterials 150 000 M. aus bereiten Mitteln verwendet werden. Der GaraMieübernahme für die Kosten des erweiterten GrunderwerbS am Großschiffahrts- Wege Berlin— Stettin stimmt die Deputation zu. Bei dem Vertrage mit der Eisenbahndircktion wegen Anlegung des Osthafcns am Stralauer Anger haben sich eine Reihe Schwierigkeiten ergeben, die man aber hofft in Bälde ans dem Wege der Verhandlungen zu be- seitigen, um das Werk, das so weit vorbereitet ist, endlich zur Aus- führung bringen zu können. Man hofft um so mehr auf Erfolg der Verhandlungen, als ja der Eisenbahnverwaltnng durch den Hafen- betrieb selbst erhebliche Vorteile zufließen. So zum Beispiel werden von der Hafenverwaltung das Rangieren der Züge besorgt sowie die Frachtbriefe ausgefertigt u. a. m., wie überhaupt die Steigerung des Verkehrs der Bahnverwaltung nur Vorteil bringt. Bezüglich des Ergänzungsverfahrens wegen der Tunnelprojekte der Großen Berliner Straßenbahn hat sich herausgestellt, daß vom Oberpräsidcnten an die Berliner Vororte gar keine Anfrage bezüg« lich ihrer Forderungen gestellt worden sei, infolge dessen erübrigt sich ein gemeinsames Vorgehen. Es wurden die Forderungen durch Beschluß der Deputation präzisiert, wie solche dem Magistrat zur Weitergabe an den Oberpräsidcnten empfohlen werden sollen. Der letztere hatte übrigens seine Aufforderung wiederholt und einen Termin von vier Wochen festgesetzt. Die neuen Engrosmarkthallen. Der von der Stadtverordnetenversammlung eingesetzte Aus- schuß zum Ankauf des Geländes auf dem Lehrter Güterbahnhof, an der Paulsstraße, zur Erbauung von Engrosmarkthallen, hielt am Dienstag seine dritte Sitzung ab. Der Magistrat war durch den Oberbürgermeister, die Stadträte Venzky, Alberti, Krause, Waurat Tietze, Direktor Graue vertreten. In der sehr lebhaften Debatte waren fast alle Mitglieder des Ausschusses der Ansicht, daß man auf keinen Fall die Bedingungen des Eisenbahnfistus annehmen könne. Tie Einziehung der Haidestraße sei ganz un- annehmbar! aber auch das Terrain selbst sei doch nur klein, wenn die zu ziehenden Straßen in Abgang gestellt werden. Ebenso dürfte der Verkehr in der Paulstraße so unhaltbare Zustände zu- tage treten lassen, wie dies jetzt am Alexanderplatz der Fall sei. Das Terrain an der Kmieprodestraße und Landsberger Allee biete dagegen in bezug auf Größe und Eisenbahnanschluß alle Vor- züge, welche man an eine Engrosmarithalle stellen könne. Der Antrag unserer Genossen Hintze, Ewald, Tolksdorf, welcher die Vorlage des Magistrats ablehnt und den Magistrat er- sucht, unverzüglich mit der Erbauung der Großmarkthallen auf dem städtischen Terrain zwischen Knieprode st raße und Paul Hehsestraße vorzugehen, wurde gegen zwei Stimmen a n g e- n o m m e n._ Die Raupenplage im Tiergarten macht sich in diesem Jahre in einer besonders umfangreichen Weise bemerkbar, so daß den Besuchern der Aufenthalt völlig verleidet wird. Wohin man tritt. überall tritt man auf Raupen, und es ist direkt zur Unmöglichkeit geworden, sich auf eine Bank niederzulassen. Die Tiergarten- Verwaltung hat folgend- Darstellung der von ihr zur Verhinderung und Beseitigung der Plage unternommenen Schritte gegeben: ..Während der kalten Jahreszeit war fortgesetzt eine Kolonne von Arbeitern damit beschästigt, die Raupcnnester aus den Kronen der Eichen zu entfernen. Die Leute mußten teilweise sogar unter Lebensgefahr mittels Klettcreisen in die Bäume steigen und mit Stangenscheren die Nester abschneiden. Bei der Gefährlichkeit dieser Arbeiten in den höchsten Spitzen der alten Bäume war es nicht möglich, jedes Nest zu beseitigen, so daß immer noch zahl- reiche Raupen auskriechen konnten, die dann ihr VcrnichtungSwerk an den jungen Trieben und Blättern vollführten. Infolge der erwähnten Arbeiten ist immerhin eine große Anzahl Eichen vom Raupenfraß verschont geblieben. Auch mannigfache Versuche, auf chemischem Wege— durch Entwicklung heißer und scharfer Dämpfe, durch Besprengen der Stämme und Blätter mit ätzender Flüssigkeit sowie durch Anwendung von Klevemitteln und Baum- Harz_ der Raupenplage entgegenzuwirken, haben nicht den gewünschten Erfolg gehabt, da die Behaarung des Goldafters, der im Tiergarten in so großen Massen auftritt, so dicht und wider- standsfähig ist, daß die angeführten Mittel nicht imstande sind. durch die geschützte Haut der Raupe hindurchzudringen, und infolge- dessen nur wenige Tiere auf diese Weise zugrunde gehen. Wegen der dichten, stechenden Behaarung dieser Raupe nimmt von den vielen Insekten fressenden Vögeln auch nur der Kuckuck, der eben- falls im Tiergarten vorhanden ist, die Tiere als Futter an. Seit Beginn des Auftretens der Raupen sind nun»n allen Teilen des Tiergartens Frauen damit beschäftigt, die Stämme der Bäume gründlich mit Besen zu säubern und die gesammelten Raupen zu töten. Aus diese Art werden viele Tausende der Schädlinge ver- nichtet. Auch an anderen Orten, wo sich Eichenwaldungen und Alleepflanzungen dieser Bäume befinden, wie im Grunewald, speziell in Eichkamp, zeigt sich der Raupenfraß in ähnlicher Weise. Wirklich rationell wirkende Mittel zur Vernichtung der Raupen haben sich bisher nicht finden lassen. Nur späte und starke Nacht- fröste waren nach dem Ausschlüpfen der Raupe in früheren Jahren imstande, die Epidemie zu bannen. Jetzt be/zinnen die Raupen bereits, sich zu verpuppen. Sobald der Schmetterling auskommt, werden in den Nachtstunden Versuche mit Blendlampen angestellt, in die die Schmetterlinge hineinfliegen sollen, um durch die Flamme versengt und vernichtet zu werden." Die Gärtnerwohnung eiueS mehrfachen Millionärs. In der „Correspondenz der Centralkommission zur Beseitigung des Kost- und Logiszwanges" lesen wir: „Der Kaufmann E. Burchard, Besitzer von zirka 60 Grund- stücken im Bezirk von Groß-Berlin und mehrfacher Millionär, hat u. a. in Charlottenburg, Berlinerstraße 21— 22, ein Villengrundstück, dessen Beaufsichtigung einem dort angestellten Gärtner über- tragen ist. Die Wohnung dieses Gärtners befindet sich im Keller- geschoß dieser Villa, sie besteht aus einer Küche und einer Stube. Der Zugang zur Stube ist nur durch die Küche erreichbar; letztere hatt wiederum ohne jeden Borflur nur unmittelbaren Eingang vom Garten aus. Die Wohnstube ist ö,S0 Meter lang, 2,66 Meter breit und in Mittelhöhe(die Decke ist eine Wölbung) 3,50 Meter hoch. Dieser Raum wird noch verkleinert durch vier starke Tragepfeiler, die eine Gesamtfläche von 0,48 Meter einnehmen. Damit verbleibt eine Bewohnungsfläche von 14,13 Quadratmetern mit einem Luft- kubikinhalt von 36,78 Kubikmetern. Hierin wohnen mit ihren Betten und Möbeln der Gärtner mit seiner Frau und zwei Kindern. Es entfällt(den Raum, den die Gegenstände einnehmen, mitgerechnet) auf die Person 9,20 Kubikmeter Luft.— Ein Tisch ist mit knapper Not unterzubringen, für Stühle ist gar kein Raum. Als Kollegen diesen Gärtner einmal besuchten und einen„kleinen Skat kloppen" wollten, mußten sie die Bettränder als Sitzplätze benutzen. Ein Ofen zur Beheizung des Raumes ist Wohl vorhanden, doch vermag dieser selbst bei größter Wärmeentfaltung nicht zu verhindern, daß die Luft meist feucht und muffig ist. Am schlimmsten ist dieser Zustand im Frühjahr und Herhst, wenn nicht mehr oder noch nicht geheizt wird. Die Wände sind dann in der Höhe, wie sie in der Erde liegen, mit Feuchtigkeit gesättigt. Zur Belichtung und Ventilation ist ein einziges Fenster vorhanden. Dem Gärtner sind die Matratzen der Betten und das Sosa ver- stockt.— Geklagt wird auch noch darüber, daß die gewölbte Decke an einer Stelle schon lange undicht ist. Ueber dem Zimmer befindet sich derWintergurten; wird dort gegossen, so tröpfelt von dort aus an der Stelle, wo die Betten stehen, Wasser hindurch, das be- schmutzend und zerstörend wirkt. Der Gärtner hat mehrfach ersucht, die Mißstände zu be- seitigen bezw. ihm eventuell eine andere und größere Wohnung zu geben, was um so leichter möglich wäre, als die ganze Villa schon seit zwei Jahren überhaupt nicht bewohnt wird(der Besitzer wohnt anderweit). Anfang März d. I. wurde das Gesuch wieder erneuert; als es auch diesmal barsch abgelehnt wurde, blieb dem Manne nichts weiter übrig, wie seine Stellung aufzukündigen.— Menschliche Gefühle scheinen Großkapitalisten überhaupt nicht zu kennen." Den SonntagSauSflüglern widmet ein Provinzler, den das Schicksal nach Berlin verschlagen hat, folgenden Stoßseufzer:„Wo viele Menschen beieinander leben, müssen sie schon etwas mehr Rücksicht nehmen als in der Wildnis. Das Erste, was hier dem ausfliegenden Neuling auffällt, ja oft Erstaunen erweckt, ist die Exaktheit und Schnelligkeit, mit der sich der enorme Eisenbahn- verkehr abspielt. Die Geschwindigkeit und doch Ruhe, mit der sich das Ein- und Aussteigen abwickelt, läßt auf eine gute Erziehung schließen. Auch das Bahnfahren will eben gelernt sein. Der ge- wandte Fahrgast schließt sogar sein Abteil selbst, wenn er es als Letzter verläßt und beschleunigt dadurch die Abfertigung. Nicht ganz so erfreulich ist das Bild draußen bei Mutter Natur. Wer ein idyllisches Plätzchen zum Lagern sucht, braucht oft lange Zeit, denn wo das meiste Stullenpapier liegt, ist's nicht mehr einladend. Ließe sich nicht der große Garten Natur ebenso rein halten wie die Wohnstube? Bei allseitigem guten Willen müßte das gehen. Sind keine Papierkörbe zur Stelle, was auch beim besten Willen nicht überall möglich ist, so tut's nicht weh, wenn man das ent- behrlich gewordene Papier in den mitgebrachten Behälter zum Verbrennen mit nach Hause nimmt. Wenn's nicht anders ist, kann man außerhalb fast überall ein Loch zum Verscharren solcher Papierreste, Apfelsinen- oder Eierschalen graben. Auf keinen Fall dürfen solche Dinge einfach fortgeworfen werden. Wer sich vor dem Verlassen eines jeden Ruheplatzes von dessen Sauberkeit überzeugt, wird dort auch nie keine Schlüssel oder sein Taschen- messer liegen lassen. Ein genußreicher Ausflug bedarf aber auch einer guten Vorbereitung. Dazu gehört ein guter„Führer" oder eine„Spczialkarte", um auch die ruhigeren abseits liegenden Punkte zu finden, und nicht zu vergessen die„Sperrliste". Es dürfte nicht vorkonimen, daß man organisierte Arbeiter in ge- sperrten Lokalen findet, weil sie es nicht wissen. Wünschenswert wäre allerdings auch, daß die Lokalkommission den Berlin be- suchenden Genossen die Sperrliste zugänglich macht, vielleicht durch das Gewerkschaftshaus. Dann kann es nicht vorkommen, daß Kongreßdelegierte gesperrte Lokale frequentieren, die der Berliner Genosse nur mit heiliger Scheu von außen betrachten darf. Und noch eins! Wer es irgend einrichten kann, gehe des Morgens hinaus und kehre vor Abend heim. Er genießt mehr und läuft nicht Gefahr, in den Abendzügen erdrückt zu werden. Vor allem aber, haltet Wald und Flur rein, andere wollen dort nach euch auch noch genießen!" Eine Kneipe als Rentenzahlstelle. Die Berliner Postverwaltung hat den Versuch gemacht, die am Monatsersten fälligen Unfall- und Invalidenrenten nicht mehr ausschließlich in postalischen Räumen zur Auszahlung zu bringen. Es sind für diesen Beschluß zunächst die besonderen örtlichen Verhältnisse bei dem Postamt 38 in der Danziger Straße 3 maßgebend gewesen. Die Posträume sind hier. wie ja auch an manchen anderen Stellen, so eigenartig beengt, daß die vielfach gebrechlichen Rentenempfänger Gefahr laufen, bei Ab- Hebung ihrer Monatsrenten zu verunglücken. Früher hatte das Haus nur einen einzigen Eingang, der gleichzeitig als Einfahrt für den dort sehr lebhaften postalffchen Fuhrwerksverkehr diente. Da die Rentenzahlung auf den, Hofe erfolgte, mußten die Rentenempfänger „»bedingt diese Einfahrt passieren. Infolge einer entsprechenden Rüge im„Vorwärts" ist dann daneben noch ein Eingang für Fuß- gänger ausgebrochen worden. Gleichwohl benutzten noch nach dieser Zeit die meisten Rentenempfänger die gefährliche Einfahrt. Die Oberpostdirektion hat daher angeordnet, daß die Renten- Zahlungen am Monatsersten, bei denen eS sich um mehrere hundert Rentenempfänger handelt, fortan im Restaurationssaale von Puhl- inaimS Theater in der Schönhauser Allee erfolgen. An allen übrigen Tagen wird dagegen nach wie vor an den Schalterräume» des Postamts ö8 gezahlt. Die Einrichtung dürste sich noch für ver» schiedcne andere Postämter eignen, bei denen ähnliche örtliche Zu- stände vorhanden sind. Gänzlich sind damit die Unzuträglichkeiten in der Danziger Straße 3 noch immer nicht beseitigt. Wer beispiels- weise das dortige Brieflrägerzinnner aufsuchen will, muß auch jetzt noch, selbst wenn er den neuen Eingang für Fußgänger l�erentzt, die Einfahrt überschreite». Der Hauptabfertigungsraum für das Publikum entspricht nicht entfernt dem dortigen starken Verkehr. Auch die Briefträger klagen, daß die ihnen zum Sortieren usw. an- gewiesenen Amtsränme durchaus unzureichend sind. Um Sclbstciitzüiidungcn anfgcstapcltcr Preßkohle» zu vcruiciden, inüssen die Preßkohlenstapel, woraus das beteiligte Publikum be- sonders hingewiesen wird, auf je 2 Meter Länge Ventilationskanäle in ihrer ganzen Tiefe und Höhe erhalten. Diese Kanäle lassen sich leicht dadurch herstellen, daß zwei Preßkohlen mit 6 Zentimeter Zivischenrau», als Läufer und über dieselben gleichfalls zwei Preßkohlen mit demselben Zwischenraum als Binder und in der gleichen Weise durch den ganzen Stapel flach hingelegt werden und zwar dergestalt, daß dadurch nicht nur ein senkrechter Luftkanal, sondern auch zwei sich kreuzende horizontale Kanäle gebildet werden. Die durch letztere stattfindende Lufterneuerung erscheint geeignet, Selbstentzündungen der Preßkohlen zu hindern. Auf einen eigenartige» Schwindel verfallen ist ein junger Mann, der in Abwesenheit des Mannes in Wohnungen erscheint und der zu Hause anwesenden Frau oder jungen Damen für ihren Bräutigam fein säuberlich eingewickelte Zeitschriften überbringt mit dem Be- merken, daß diese Sachen bestellt seien. Er weist auch eine quittierte Rechnung der Buchhandlungsfirma Dochow vor, die auf kleinere Be- träge lauten. Vielfach wird ahnungslos der kleine Betrag bezahlt. Hinterher stellt sich heraus, daß die Leute einen, Schwindler in dia Hände gefalle» sind. Die Zeitschriften entpuppen sich bei näherem Nachsehen als alte Nummern der„Fliegenden Blätter" oder des „Dorfbarbier"; die Buchhandlungsfirma weiß natürlich von Auf- trägen nicht das geringste. Zu dem Radsahrunfall auf der Treptower Chaussee, über den wir gestern berichteten und bei dem die Frau deS Buchdruckers' Reimann aus der Putbuser Straße erheblich verletzt wurde, erhalten wir zur Ergänzung von einem Augenzeugen folgende Zuschrift: „Der Unfall trug sich auf der Chaussee direkt vor dem Treptower Amtshause zu und so war es natürlich das„aheliegendste, die Ver- „„glückte in dasselbe hineinzutragen. Ein vorübergehender Spazier- gänger, ein älterer Herr, der sich als Mitglied des Roten Kreuzes legiiimierte, erbot sich sofort einen Notverband anzulegen, sofern ihm Verbandzeug zur Verfügung gestellt lvürde. Doch siehe, auf den, Amtshause in Treptow war weder ein Stückchen Verbandzeug noch eine Tragbahre vorhanden und so mußte die Verunglückte, nachdem sie längere Zeit im Garten deS Amtshauses gelegen hatte, mit Schmutz und Blut bedeckt, in einer Droschke nach der Nettungs- wache am Görlitzer Bahnhof geschafft werden." Es ist in der Tat auffällig, daß im Amtshause auch nicht ein Stückchen Verbandzeug vorhanden war, um der Verunglückten schnell helfen zu können. Die Mittel, die hierfür notwendig sind, sind so minimale, daß es daran doch nicht liegen kann. Der Schwibbogen der Deutschen Bank ist nun glücklich fertig- gestellt. Mit der Gerüstabnahme ist begonnen und es ist zu hoffen, daß die Schwierigkeiten, die durch den Bau dem Verkehr so lange erwachsen sind, endlich beseitigt werden. Fund einer Kindesleiche. Im Kellerhals des Hauses Markgrafew straße 14 wurde gestern früh die Leiche eines kleinen Kindes, in Lumpen und Papier eingehüllt, vorgefunden und von der sofort benachrichtigten Polizei beschlagnahmt. Ueberfahrcn wurde gestern abend um 7 Uhr eine gut ge- kleidete Frau, die in der Brunnenstraße vor dem Hause 190 von einem in Fahrt befindlichen Straßenbahnwagen abspringen wollte. Die Frau wurde vom Wagen erfaßt und gingen ihr die lltädcr über die ganze rechte Körperseite. Der Tod trat nach wenigen Augenblicken ein. A» der Brandstätte am Kottbuscr Ufer hatte die Feuerwehr auch während der vexgangenen Nacht zu tun. Um 6 Uhr war die fünfte Kompagnie abgerückt und um 8 Uhr wurden die zweite und dritte Kompagnie durch Züge der ersten und vierten Kompagnie abgelöst. Die von außen total geschwärzten Bretterstapel schwelten im Innern noch ganz gewaltig. Sobald die Feuerwehr eine kleine Pause mit Wasiergeben machte, schlugen sofort die Flammen aufs neue empor. Es wurden deshalb zwei Züge auf der Brandstelle stationiert, die ununterbrochen mit acht Schlauchleitungen löschten. DaS Wasser stand eine Zeitlang ziemlich hoch auf dem Holzplatz, bis eS plötzlich schnell abfloß. Es hatte durch die Grundmauern einen Abfluß nach den Kellern des angrenzenden Grundstückes Mariannenstraße 81 (Jndustriegcbäude) gesunden und diese total unter Wasser gesetzt. Es mußte deshalb eine Dampfspritze auf dem Hof dieses Grundstücks aufgestellt werden, mit der das Wasser, das auf der anderen Seite in die Glut gespritzt wurde, soweit es nicht ver- dampfte, wieder ausgepumpt werden mußte. Die Betriebe auf diesem Hofe waren während des Brandes eingestellt worden. Nur die Feuerwehr hielt es dort aus. Die Situation war aber auch eine höchst kritische. DaS Hofgebäude wurde nur durch eine Fachwerk- wand von dem Brandherde getrennt. Die Stützen und Balken in der Wand fingen an zu brennen. Durch kleine Oeffnungen in der Wand schlugen die Flammen in die Räume, setzten den Fußboden und anderes in Brand, so daß die Gefahr für die vielen dortigen Betriebe(Marmorwerk, Metallwarenfabrik von Bamberg, Galvanische Anstalt usw., usw.) groß war. Die Mannschaften stopften die Oefs- innigen zu, löschten den brennenden Fußboden ab und hielten die Wände und Dächer ständig unter Wasser. Abends glich die Gegend einem Kriegslager, Tausende von Menschen waren in den Straßen, die von der Polizei gesperrt werden mußten, so daß nicht einmal die Straßenbahn verkehren konnte. Vermißt wird seit dem 13. d. M. der Knabe Karl Arndt, 29. 9. 03 in Berlin geboren. Er ist mittelgroß, schlank, hat ziemlich langes blondes Haar, längliches gesundes Gesicht, blaue Augen, ab- stehende Ohren, vollständige große Zähne und war bekleidet mit blauer Schirmmütze, altem blauem Blusenanzug, schlvarzen Strümpfen, ziemlich neuen schwarzen Knvpfschnheu und weißem Hemd. Der Knabe ist am genannten Tage, nachmittags zwischen 5>/z und 6 Uhr an der Scharnhorst- und Kielcrstraßen Ecke zuletzt gesehen worden. ES ist nicht ausgeschlossen, daß er hier in das Wasser ge- fallen und ertrunken ist. Diejenigen Personen, die irgendwelche Angaben zur Ermittelung des Knaben machen können, werden ge- beten, sich in einem Polizeirevier oder bei der Kriminalpolizei. Zimmer 331 mündlich oder schriftlich zu melden zu Tagebuch- Nr. 1918 IV. 2. 09. Zeugen gesucht. Personen, die am 28. Mai gesehen haben, wie ein junger Mann abends 7 Uhr in der Neuen Friedria�rraße mit einem Schutzmann ein Renkonter hatte, werden gebeten, ihre Adressen an Mendat, Berlin, Markusstr. 32, abzugeben. Feuerwehrnachrichten. Der 16. Zug hatte gestern in der Fenn- straße 13 zu tun, wo Kohlenhaufen, das Dach von einem Kessel- Hause in einer Tapetenfabrik u. a. brannten. Dem energischen Vor- gehe» der Feuerwehr gelang eS, den Brand zu löschen, bevor er eine größere Ausdehnung erlangt hatte. In der Gartenstraße 73 mußte ein Tischlereibrand gelöscht werden, ferner wurde die Feuerwehr nach d«r Schlieincinnstraße 12 alarmiert. Dort war Feuer ausgebrochen. wobei die 3'/zjährige Erna Bild lebesgesährliche Brandwunden am ganzen Körper erlitten hat. Die Feuerwehr brachte das Kind in hoffnungslosem Zustande sofort nach dem Lazarus-Krankenhause in der Bernaucr Straße. In der Huttenstraße 41/44 in Charlottenburg brannte in einem Keller ein Faß mit Maschinenöl und in der Riippiner Straße 27 eine Köche. Außerdem rückte die Wehr nach der Fruchtstraße S9, Urbanstraße 88 und anderen Stollen auS. Wie sich jetzt herausgestellt, schlvebte das Luisen-Theater gestern in Gefahr. Es stößt mit der Bühne und dem Kulissenraum unmittelbar an die Brandstelle. Nur dem Umstände, daß der Brand am Tage auskam, die Feuerwehr sofort diese Gefahr erkannte und trotz der großen Hitze und des Qualmes, der, vom heftigen Winde getrieben, das Theater vollständig umhüllte, wacker standhielt, ist es zuzu- schreiben, daß das Theater verschont geblieben ist. Vorort- JVadmcbten* Gharlotteubnrg. Eine Erhöhung der Krankenhaus- Kurkoste» steht nun auch für Charlottenburg bevor. Entsprechend dem Vorgehen der Kranken- Hausverwaltungen in Berlin, Schöueberg, des Teltower Kreises und einiger staatlicher Krankenhäuser sollen auch in den hiesigen Kranken« Häusern in der Kirchstraße und auf Westend Erhöhungen der Kur» osten für die dritte Verpflegungsklasse eintreten. Die Sätze be- ragen jetzt für einheimische Erwachsene 2,50 M., für Kinder bis zu 12 Jahren 2 M., für Erwachsene von auswärts 3 M., für auswärtige Kinder unter 12 Jahren 2,50 M. pro Tag. Vom 1. Oktober 1900 ab sollen die Tagessätze betragen für einheimische Erwachsene und Kinder gleichmäßig 3 M. Den gleichen Satz entrichten alle Mitglieder von Krankenraffen. Abonnements- vereinen und Berussgenossenschaften. Auswärtige Erwachsene und Kinder zahlen 3,50 M. pro Tag. Kommen die auswärtigen Kranken aber aus Gemeinden, deren Heilanstalten höhere Sätze für fremde Kranke fordern als Charlottenburg, so werden pro Person und Tag 5 M. berechnet. Die Gründe für diese nicht gerade sozialfreundliche Maßnahme lieferte dem Magistrat das Vorgehen der oben genauuten Kranken- Hausverwaltungen. Ferner gibt der Magistrat an, daß auch bei den neuen Sätzen die Selbstkosten nicht erreicht werden. Dieselben be- trugen im Durchschnitt in beiden Krankenhäusern von 1905 bis 1907 4,00, 4,10 lind 4,37 M. Von unserem Standpunkt aus haben beide Gründe wenig Be- Weiskraft. Dem Einwände, daß durch die geringeren Sätze ein zu starker Andrang auswärtiger Kranker zu den Charlottenburger Au- stalten stattfinden würde, ließe sich im alleräußersten Falle durch eine Erhöhung der Sätze für Auswärtige wohl abhelfen. Wenn aber zu gleicher Zeit auch die Kurkosten für Einheimische erhöht werden, so verkennt die Stadtverwaltung die Aufgabe der städtischen Kranken- hänser total. Die Krankenpflege der Gemeinde sollte nicht nur nicht darauf Bedacht nehmen, ihre Unkosten durch Erheben von Kurtaxen auch von den Unbemittelten zu decken, sondern die kommunale Krankenfürsorge sollte vollkommen kostenlos für jeden Kranken sein. Um so unvorteilhafter wirkt es, wenn eine Gemeinde, deren Leitung sich als besonders sozial und liberal geriert, die unsoziale Haltung anderer Gemeinden als billige Gelegenheit benutzt, den berechtigten Forderungen an eine redlich sozial und liberal handelnde Gemeinde- Verwaltung ins Gesicht zu schlagen. Die Arbeiterschaft und mit ihnen die Krankenkassen, wdrden dafür bezahlen müssen. Die KindeSleiche in der Markttasche. Ein schauriger Leichenfund wurde am Charlottenburger Ufer gemacht. In unmittelbarer Rühe der Dovebrücke sahen Schiffer auf der Oberfläche des Landwehr« kanals eine Markttasche treiben. In der Tasche lag der Leichnam eines neugeborenen Knaben. Die Leiche tvar an einzelnen Stellen verstümmelt. Der Leichnam wurde nach dem Schauhause gebracht, tvo die Obduktion staltfinden wird. Schöneberg. Die letzte Stadtverordnetenversammlung beschäftigte sich zunächst mit einem Dringlichkeitsantrag der liberalen Fraktion, in welchem vom Magistrat verlangt wird. Schritte zur Einberufung eineS außer« ordentlichen Städtetages einzuleiten, um gegen die städte- feindlichen Beschlüsse der Reichsfinanzkommission Stellung nehmen zu können. Stadtv. Starke(liberale Fraktion) führte in seiner Begründung deS Alttrages aus, daß die von der Reichsfinanzkominission be- schlossenen Steuern den Stempel des Dilettantismus an der Stirn tragen. Redner unterzog die einzelnen Steuern einer besonderen Kritik. Die Steuern auf Licht und Reinlichkeit bezeichnete er als einen Hohn auf die sozialpolitischen Bestrebungen der Städte. Die Reichswertzuwachssteuer sei eine Belastung der Städte zugunsten des platten Landes. Redner hält eS für nötig, daß nicht die Städte einzeln, sondern insgesamt gegen die Steuerprojekte energisch zu protestieren haben. Der Antrag wurde darauf einstimmig ohne Debatte ange- nommen. Dem Antrage des Magistrats, für die Ausschmückung des Barbarossaplatzes ein Preisausschreiben zu erlaffen, wurde zugestimmt. Der Magistrat beantragte sodann die Einrichtung einer Schul» zahnklini'k zum 1. Januar 1910. Die einmaligen Ausgaben sollen 3600 M. und die laufenden Ausgaben jährlich 9400 M. be- tragen.„_. Für die Eröffnungsfeier des Schöneberger Krnder- erholungsheims in Wyk auf Föhr am 30. Juni werden 4750 M. verlangt. An der Feier sollen teilnehmen: 3 Magistrats« Mitglieder, 7 Stadtverordnete, 14 Mitglieder der Wohlfahrtsdeputation. 1t Mitglieder vom Verein zur Bekämpfung der Tuberkulose und 10 Ehrengäste. Den Teilnehmern sollen die Selbstkosten für Reise und Aiifewthalt ersetzt werden. Stadtv. K ü t e r(Soz.) hält die Zahl der Stadtverordneten, die an der Feier teilnehmen sollen, für zu gering. Die Sparsamkeit sei hier am falschen Platze, da es sich um eine eingehende Information der Anstalt handele. Redner beantragt 13 Stadtverordnete zu ent« senden. Dem Stadtv. Hepner sunabh. Vg.) ist die ganze Sache zu kostspielig. Er beantragt nur die Wohlfahrtsdeputation und die Ehrengäste zu entsenden. Nach Ablehnung beider Abänderungsanträge Ivurde der Antrag räch dem Beschlüsse des Magistrats angenommen. Die Vorlage des Magistrats betreffend Regelung der Gehälter für die st ä d t i s ch e n Lehrer wird zunächst dem Etatsausschuß überwiese». Wilmersdorf. Wegen der Errichtung eine? Theaters nach der Art deS Char- lottenburger Schiller-Theaters ist, wie gemeldet wird, ein Konsoriinm an den hiesigen Magistrat herangetreten. Die Frage soll in nächster Zeit die Stadtverordnetenperfaininlung beschäftigen. Wannsee. Von der Lokomotive erfaßt und zertrümmert wurde, wie amtlich gemeldet wird, gestern 1 Uhr 8 Minuten nachmittags bei dem Ueber- Wege inr Kilometer 22,06 der Wannseebahn zwischen Neubabelsbcrg lind Wannsee das Fuhrwerk des Besitzers Fritz Schönfeld aus Glindow bei Werder. Zwei Pferde wurden getötet. Schönfeld und sein Kutscher Gustav Bautz wurden leicht verletzt. Der Betrieb wurde nicht gestört. Der Grund des Unglücks ist Nichtschließen der Wegeschranken. Johannisthal. Ei» braver Genosse, Hermann Ramsperger, wird heute nachmittags 4 Uhr von der Leichenhalle des Gemeindefriedhofes Ober-Schöneweide zur letzten Ruhe bestattet. Der Verstorbene hat jederzeit seine Schuldigkeit für die Partei getan. Die Genoffen werden daher ersucht, recht zahlreich dein braven Streiter die letzte Ehre zu erweisen. Bernau. In der Stadtverordnetenversammlung wurde zunächst der neu- gewählte Beigeordnete Siebcky vom Bürgermeister eingeführt. Als- dann stimmte die Versammlung der Magistratsvorlage zu, ein Dar- lehn von 115 000 M. zu 4 Proz. Zinsen und 2 Proz. Amortisation von der Nieder-Barnimer Kreissparkaffe zu entnehmen, um dafür die weiteren Kosten des Krankenhausbaues zu bestreiten. Nachdem vom Magistrat bekannt gegeben war, daß die Gebühren im ver- flossenen Jahre für Desinfektionen nur 60 M. betragen habe», wurde einstimmig beschlossen, von einer neuen Gebührenordnung Abstand zu nehmen. Die Gebühren sind von der Stadt zu tragen. Ihre Zustimmling gab die Versaminlung der Magistratsvorlage betreffend die Pflasterung des Stadtmauerweges von der Viktoriastraße bis zur Klementstraße; die Arbeiten wurden dem Steinsetzmeister Gursch m Bernau zum Preise von 2973,50 M. übertragen. Eine Schank- stätte soll an der Wandlitzer Chaussee unweit des roten Wegweisers errichtet werden. Die Pachtung derselben ist dem Restaurateur Wagner aus Weißensee zum Preise vou 500 M. zugesichert worden, Spandan. In der kombinierten Sitzung des Gcwerkschastskartells und der Gewerkschaftsvorstände erstattete Genosse Härtung als Inhaber der RechtSanskunftsstelle einen Rechenschaftsbericht. Nach diesem wurde die Auskunftsstelle im vorigen Jahre von 135 Personen in Anspruch genommen. Schriftsätze wurden 24 angefertigt. Der zweite Punkt der Beratung betraf die Erhöhung des Kartellbeilrages von 15 auf 25 Pf.— Nachdem der Obmann des Gewerkschafts- kartells Genosse Ritz mann und noch andere Redner die Not- wendigkeit betont, stimmte die Versammlung der Erhöhung ein- stinimig zu. Unter Verschiedenem gab der Genoffe Gospodar einen Bericht über die am 21. Mai er. stattgehabte Bautenkontrolle. Kontrolliert wurden 44 Bauten, davon ivurdcn nur 17 in Ordnung gefunden. Bei den übrigen fehlten teils die Schutzvorrichtungen. teils waren auch keine Verbandskasten vorhanden. Die Kontrolle bezog sich nur auf Spandau, nicht auch auf die Umgegend. Genoffe Rr tzmann wies noch auf die Bibliothek hin, für die mehr getan werden müsse, und monierte, daß die Kartellsitzungen so schwach besucht sind. Genosse Schubert regt an, daß bei den maßgebenden Behörden Schritte getan werden, damit in die Liste der Schöffen auch Gc- werkschafismitglieder aufgenommen werden. In der nächsten Kartell- sitzung soll hierüber Beschluß gefaßt werden.— Genosse S c i o r wies auf die am Sonntag, den 13. d. M.> bei Steinbach statt- findende öffentliche Versammlung hin, an welcher sich der ganze Kreis beteiligen wird. In dieser Versammlung wird Genoffe Karl Liebknecht zum ersten Male nach seiner Haftentlassung sprechen. Potsdam. Die Einrichtung einer höheren Franenschul» iLyccum) im Anschluß an die höhere Mädchenschule hat nur mangelnden Zuspruch gefunden. Einige Kurse mußten ganz ausfallen. Die meisten Besucherinnen weist Bürgerkunde(15) und Philosophie(19) auf. Ein größerer Zuschuß seitens der Stadt ist daher unvermeidlich. Serickts-�eltung. Roheiten gegen hilflose Tiere hatte der Kutscher Georg Lübke verübt, welcher sich gestern unter der Anklage der Tierquälerei und der Beamtcubelcidigung vor der 4. Strafkammer des Landgerichts III verantworten mußte. Der Angeklagte war als Kutscher bei dem Schlächter und Vieh- transporteur Erdmann in Spandau angestellt. Am 9. Januar d. I. erhielt er den Auftrag, von dem Berliner Zentralviehhof 21 Schweine abzuholen und nach Spandau zu transportieren. Auf dem Viehhof wurde er von eineni bekannten Schlächtermeister aus Spandau gebeten, für ihn noch 15 Hainmet mit nach Spandau zu transportiere». Trotzdem der sogenannte Etagentransport- wagen des Augeklagten schon völlig beladen war, brachte er auch noch die 15 Tiere unter, so daß in dem Wagen 36 Tiere ein- gepfercht waren. Die Folge war, daß ein Hammel, als L. in Spandau ankam, totgedrückt war. Im Aerger hierüber ließ sich der Angeklagte nun zu einer beispiellosen rohen und brutalen Behandlung der übrigen Tiere hinreißen. Anstatt die zum Aus- laden bestimmte Rampe zu benutzen, packte der Angeklagte die Tiere an den Beinen oder am Fell und warf sie in großem Bogen von dem über 2 Meter hohen Wagen auf das vereiste«Steinpflaster herunter. Die Tiere blieben hier erst minutenlang' betäubt liegen, da ihnen durch die rohe Behandlung verschiedene Glieder gebrochen worden waren. Die meisten Tiere hatten gebrochene Beine, andere große Hautabschürfungen davongetragen. Wegen dieses Vorfalles wurde L. aus seiner Stellung euilaffen.> Kurz« Zeit darauf wiederholte sich der gleiche Vorgang. Der Angeklagte hatte für den Schlächter Bölke 35 Scyweine von dein Viehhof geholt. Beim Ausladen nahm er sich wiederum nicht erst die Mühe, die Rampe an dem Wagen zu befestigen, er warf vielmehr wiederum die armen Tiere auf das harte Steinpflaster, wo sie mit gebrochenen Gliedmaßen liegen blieben. Bon empörten Passanten wurde schließlich der Polizeisergeant Kieser herbeigehott, der die Ver- Übung weiterer Roheiten hinderte. Als sich derjöeamte entfernte, rief ihm der Angeklagte eine Flut gemeiner Schimpfworte nach. — Das Schöffengericht Spandau erkannte wegen der Tierquälerei auf die verhältnismäßig sehr milde Strafe von einer Woche Haft und wegen der �Beleidigung auf einen Monat Gefängnis. Hier- gegen legte die Staatsanwaltschaft Berufung ein. In der gestrigen Verhandlung machte der Staatsanwalt Taube geltend, daß in dem vorliegenden Falle die leider noch viel zu geringe Höchststrafe bei Tierquälerei in Anwendung gebracht werden müsse, zumal in der Oeffentlichkeit genug darüber geklagt werde, daß derartige Roheits- delikte viel zu niedrig geahndet würden. Der Staatsanwalt beantragte deshalb wegen der Tierquälerei 6 Wochen Haft und wegen der Beleidigung 4 Monate Gefängnis. Das GeriHt erkannte auf 6 Wockjen Haft und 1 Monat Gefängnis, Vermilcktes. AuS dem Zuchthause entsprungen. Aus der Strafanstakt in Sonnenburg ist der Tischler und Kellner Mar Schmidt aus Berlin, der dort eine Strnfe von 4'/« Jahren zu verbüßen hatte, die er im Oktober 1907 antrat, auf verwegene Weise entsprungen. Schmidt,«in berüchtigter Einbrecher, der in Berliner Verbrecherkreifen den Spitznamen „Millionenmax" führt, durchsägte während der Nachtzeit die eisernen Stäbe vor seinem Zellenfenster, ließ sich alsdann auf den Hos hinab und überstieg mittels einer kleinen Schiebeleiter, die er sich gelegentlich seiner Beschäftigung in der Tischlerwerkstatt heimlich anzufertigen gewußt hat, die hohe Außenmauer. Mehrere als„notwendiges Handwerkszeug" aus der Anstalt mitgeiiominene Dietriche sind ihm beim Hinabspringen verloren gegangen. Die Flucht des gefährlichen Verbrechers wurde erst am nächsten Vormittag bemerkt. Tie Recherchen nach seinem Verbleib sind bis jetzt resultatlos verlaufen. Absturz eines Balkons. In Grüna bei Chemnitz stürzte, wie auS Chemnitz berichtet wird, der hölzerne Balkon des ersten Stockes einer Villa, während sich vier Personen ans ihm befanden, in die Tiefe. Es waren dies der Kaufmann Döring, der Bahnhofsinspektor Rauge und zwei Herren auS Amerika, die als Einkäufer nach Deutschland gekommen waren. Sie wurden bei dem Sturz sämtlich mehr oder weniger schwer verletzt. Einem der Herren drang der Pfahl eines Rosenstrauches, auf den er fiel, tief in den Unterleib. Nhin Fischer ertrunken. Wie aus Brest gemeldet wird, scheiterte auf der Höhe von Ouessant ein Fischerboot auS Douarneiiez, wobei neun Mann, meist Familienväter, ertranlen. Verband der BurcauangefteUten. Qcffentliche Protestversammlnnz am Donnerstag, den 19. Juni, abends SJ/. Ubr, Musitcrsäle, Kaiser- Wilhelmstrape 18 m. Kamps ums Recht". Verbandsvorsihender Karl Giebel spricht über»Der Brnflusten der Redaktion. Dt«|nttfli(dn Svreibstiinbe Nnde» Linbenftratze Str.», zweiter Hof. dritter Eilig nnq, biet Trcpvcn, SKF" F a h r ft u l> l"ISKü wochentäaliib abends von 7Vj d>S»'/> Udr statt. tvcösfiiet 7 Nlir CaniiabeiidS bcainiil dir Evrcchstüiide UNI C Udr. Jeder Ztllfraa« ist ei» Blichstab-»ltd eine Kadi als Stierkzelchcn b-irilsüaell. Brietlichc Slniwort wird nicht erteilt. Bis zur Bcailtwvrtliilg im Bricfkaftc» köllilcu l.4Tall« Vergehen. Eilige Fragea»rage mau tu der Sprechstunde vor. Alter Abonnent v. 88. Ob zu verwenden, fraglich. Aber senden Sie nur ein.— Teutschvcrdrehcr.„Du jürchtest Dich wohl vor mir".— Schwarz 88. Darüber sind keine Daten vorhanden.— Wien. Eine solche Firma konnten wir nicht ermitteln, daher Vorsicht geboten.— N. N. und M. ft. Darüber müssen Sie einen Arzt zu Rate ziehen.— Bceli» V. III. Die Körper haben solgcnde Durchmesser: S. 1399 099, M. 3489. E. 12 759 Kilometer.— Z. 6«. 1. New. 2. Ihre Absicht können Sie vielleicht erreichen bei der Biedersec-Stistung, Bureau Rathaus, Zimmer 21.— M. G. 3K. Die Gcmciiide-Einlommcnsteuer beträgt dort 20 Proz. mehr als die Staats-Ewkommenjteuer.— E. I.(£. 11. 1. Aerzt- licher Rat hierbei unerläßlich. 2. Durch die sortwährende Einttocknung deZ Holzes. ZStttcrunqvtlbersicht vom 8. Juni 1999. niorqeuS 8 Uhr. Stationen ml E o-2 Ü-S »=8 Bf Swtnemde. 769 WSW Hamburg 763 WSW Berlin 762 W Franks.«. M. 764 NNO München!762SW Wien! 761 Still Wetter 3 Regen 3 bedeckt 4 bedeckt 3 heiter 2 bedeckt bedeckt w« 5? «o Stationen fes 5= »= B 5 Bf Saparanda 752 NNO eterSburg 754 W Scilly «berdeei, Pari» 768 NO 764 W 765 N Wetter 4 bedeckt 1 heiter 1 heiter L bedeckt llwolkcnl S"» s" mS) 7 10 12 12 12 Wetterprognose für Mittwoch, drn 9. Juni I99S. Ziemlich kühl, vorherrschend wollig bei mäßigen westlich«, Winden; keine erheblichen Niederschläge. Berliner Wetterbureau. WafierstaudS-Nachrtchten der Landesanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. Lasserstand M e m e l, Tilsit Brezel, Jnitcrburg Weichsel, Thoru Oder, Ratibor , Krossen Franksurt Wa r t h e, Sckrimm , LandSbcrg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden , Barbq . Magdeburg ')+ bedeutet Wuchs,— Fall.— ch Unierpegel.— Die Oder stieg bei Ratibor gestern bis um S Uhr nachmiitagS aul 494 cm, ist aber nach telegraphischer Meldung heute srüh aus 335 em ge- sollen und sällt jetzt weiter. SunlicM Seife haf einer? mörchenhafren Umsatz. 20 MHlionen Stück ist der Wochen verbraudi Über die ganze Erde ist Sunlicht-Seife verbreitet. Dieser enorme Consum ist aber das beste Zeugnis, welches diesem hervorragenden fädrikat ausgestellt werden Kann, das überall in gleichbleibender Güte zu habendi MkMtW.ctiiMi? Mdalteitkl SmS Web». Bertis. Für tesJnftratesteiltzeraM-l TH.Glvcke, Sellin, Dcgck».Verlag; BvrsärtSKuchdrtlckerei u, Ve.rlagsgnstglt Pgul Singer& BerlmAM«»