Nr. 133. BbonnementS'Bedlnannaen: Abonnements- Preis pränumerando; Licrtcljährl. 3£0 SEM., monotL 1,10 Mk., wöchentlich 2s Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg, Sonntags. nunimer mit illustrierter Sonntags. Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg. Post. Wonncmcnl: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Mark pro SMonat. Postabonncments nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Numänien, Schweden und die Schweiz. 36. Jahrg. CrMtlnt tisllch anQcr montägs. Vevlinev Volksblatt. Die TnfertlonS'Gebflfsr Beträgt für die sechsgespaltene Kolonel- zeile oder deren Raum w Pfg., für politische und gewerlschastliche Bercins- und Persammlungs-Anzelgen 30 Pfg. „Ulelne Anzeigen", das erste(fett« gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf. ftellen-Auzeigen das erste Wort 10 Pfg.» jedes weitere Wort b Psg. Worte über 13 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expeditton abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm-Adresse; „Sozialdenioknt Rerlin". Zentralorgan der roziatdemokratifchen Partei Deutfchlandd. Redaktion: SM. 68, Lindenstrasse 69» Fernsprecher; Nmt IV, Nr. 1983. Donnerstag, den 10. Juni 1909. Expedition: SM. 68, Lindcnstraese 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Liberale Läulchungsveriuche. So alt die deutsche Sozialdemokratie ist, so alt ist auch die Klage des deutschen Liberalismus, daß die Spaltung zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft die Junker zu Herren Deutschlands mache. Bei der Klage ist es geblieben. Nie- mals haben die deutschen Liberalen sich zu der Er- kenntnis aufzuschwingen vermocht, daß sie für einen guten Teil ihres Weges den Beistand der Sozialdemokratie erhalten könnten, wenn sie sich entschließen würden, eine ehrliche demo- kratische Politik zu treiben. Sie haben es niemals versucht, niemals versucht, mit der Sozialdemokratie einen ernstlichen Kampf gegen die Junker zu führen. Vielmehr waren sie allezeit bereit, der Reaktion Troßdienste gegen die Sozialdemo- kratie zu leisten, und von jeher versuchten sie, die Arbeiterpartei durch schofle Bekämpfung zu vernichten. Und als sie schließlich einsehen mußten, daß ihre Kräfte und Mittel dazu nicht ausreichten, daß sie das stetige Wachstum des proletarischen Klassenbewußtseins nicht aufzuhalten vermöchten, und als es ihnen selbst immer trauriger und trauriger ging, da setzten sie ihre Hofftmng auf eine Umwandlung der Sozialdemokratie. Auf eine Umwandlung, die aus der revolutionären Partei der Arbeiterklasse, die der bürgerlichen Gesellschaft unversöhnlich gegenüber steht, eine possibilistische Sozialreformerpartei macht, die Frieden schließt mit dem kapitalistischen System und ihre Truppen den liberalen Offizieren als willige und lenkbare Mannschaft zur Verfügung stellt. Wie das Aufkommen des Revisionismus diese liberalen Hoffnungen üppig ins Kraut schießen ließ und sie immer wieder getränkt hat, das bildet ein nicht unwichtiges Stück der deutschen politischen Geschichte des letzten Jahrzehnts. Heute geht es dem deutschen Liberalismus schlimmer als je. Er stöhnt im wildesten Blockkatzenjammer Um so mehr bedarf er der tröstenden Hoffnung. Da er sie in' er eigenen Kraft nicht finden kann, so ist's leicht verständlich, daß das „Berliner Tageblatt" mit Begier eine Gelegenheit ergreift. um die schöne Hoffnung auf die Umwandlung der Sozial- demokrasie neu zu beleben. Das Erscheinen einer Broschüre, die einen Vortrag Eduard Bernsteins wiedergibt,*) gibt dem Blatte diese erwünschte Ge- legenheit. Allerdings, da auch diese Hoffnung schon solange den Liberalismus genarrt hat, ist das„Tageblatt" vorsichtig in seiner Prophezeiung; es schiebt den Termin, zu dem sie sich erfüllen muß, ins Ungewisse hinaus. Kommen wird die Umwandlung, sagt das„Tageblatt", aber nur langsam, nur allmählich. Diese Hoffnungen des Liberalismus gehen uns nun sehr wenig an, und täte das liberale Blatt nichts weiter, als sie aussprechen, so läge keine Veranlassung vor, uns damit zu beschäftigen. Aber der Artikel des Blattes sucht auch den Anschein zu ertvecken, als beständen schon heute zwischen der Sozialdemokratie und dem Liberalismus in der politi- schen Praxis eigentlich nur noch geringe Unterschiede, als stünden eigentlich in der Hauptsache nur noch theoretische Anschauungen trennend zwischen beiden Parteien, ja noch weniger als das. Sagt doch das „Tageblatt" an einer Stelle gar:„Würden nicht bisweilen künstliche Differenzen geschaffen, würde nicht die Sozialdemo- kratie die eine oder die andere Forderung übertreiben, nur um konkurrenzlos zu bleiben, so müßte sich diese fach- liche Uebereinstimmung noch deutlicher zeigen...." Ueber die mit einer erheblichen Dosis naiver Unverschämtheit gemischte Verständnislosigkeit für die Tatsache, daß die Sozialdemokratie so oft genötigt ist, die liberalen Forderungen zu überbieten, wollen ivir uns hier nicht weiter auslassen, ebenso verzichten wir darauf, im einzelnen aufzuzeigen, wie groß die Unter- schiede zwischen Liberalismus und Sozialdemokratie sind„in Verfassungsfragen wie in Fragen der Kultur, der Justiz, der Steuern, des Militärs, der Marine und der sozialpolitischen Gesetzgebung", obgleich beide Parteien in diesen Fragen im Reichstage häufiger zusammen gestimmt haben mögen, denn umgekehrt. Tagegen müssen wir uns näher beschäftigen mit der Darstellung, die der Artikel von der Stellung gibt, die die Sozialdemokratie in der Frage der Reichsfinanzreform zum Liberalismus einnimmt. Darüber sagt er nämlich: „Man wird zugeben müssen, daß auch eine Finanz- r e f 0 r m, die von einem„Block der Linken" gemacht werden mühte, keine leichte Sache wäre. Doch auch hier liegt die Schwierigkeit nicht so sehr auf praktischem Gebiet, als in der grundsätzlichen Abneigung der Sozialdemokratie, dem„Gegen- wartsstaat" überhaupt neue Mittel zu bewilligen. Soweit es sich um die Einführung einer quotisierbaren direkten Reichssteuer handeln würde, wäre jedenfalls die Sozialdemokratie leicht zu haben. Nur daß mit direkten Steuern allein die Reichsfinanzen nicht saniert werden können. Wohl aber darf die liberale Linke auf die Unterstützung der Sozialdemokratie rechnen, wo es die Abwehr volksfeindlicher Vorschläge und Maßnahmen, wie der reaktionären Finanzprojekte der Rumpfkommission gilt... *) Der Revisionismus in der Sozialdemokratie. Ein Vortrag, gehalten in Amsterdam vor Akademikern und Arbeitern von C d. Bernstein. Mit einem Anhang: Leitsätze für ein sozial- demokratisches Programm. Amsterdam ISvö. Verlags- Gesellschaft Martin G. Cohen Nachfolger. Hier liegt ein gröblicher Versuch vor, die liberale Oeffent- lichkeit über die Stellung der Sozialdemokratie zu täuschen. Gewiß ist die Sozialdemokratie durchaus abgeneigt, dem kapi- talistischen Staate neue Mittel zu bewilligen— aber ihre Grundsätze verbieten ihr sicherlich nicht, von zwei Ilebeln das kleinere zu wählen. Handelte es sich, wie das„Tageblatt" es darzustellen sucht, also nur darum, ob an die Stelle schlechter, volksbedrückender oder Industrie und Gewerbe schädigender Steuern solche Steuern treten sollten, die den Besitz belasten, so wäre für die Sozialdemokratie sofort ent- schieden, welche Haltung sie einzunehmen hätte. Die Sache liegt doch aber so, daß die Annahme der quotisierbaren direkten Steuern nur die Brücke ist, auf der der Liberalismus zur Bewilligung indirekter Steuern, zur Bewilli- gung voll sausbeutender Verbrauchssteuern gelangen würde. Steuern, die der Liberalismus oder wenig- stens sein entschiedener Flügel nur unter Bruch seines Pro- gramms und feierlicher Parteitagserklärungen bewilligen kann und die er doch sofort zu bewilligen bereit ist, sofern er die Erbschaftssteuer, und sei es selbst in grausamster Ver- stümmelung, zugestanden erhält. Die Frage, was hier größeres oder kleineres Uebel ist, kann die Sozialdemokratie sich kaum noch stellen, wenn alle bürgerlichen Parteien darin einig sind, vier Fünftel der neuen Steuerlast auf die Schultern der breiten Masse abzuladen, wenn sich der ganze Kampf innerhalb der bürgerlichen Reihen nur noch darum dreht, wie das eine Fünftel aufgebracht werden soll, das man der Masse nicht mehr direkt aufzubürden wagt. Wo ist auch nur die Möglichkeit eines gemeinsamen Kampfes mit dem Liberalismus in der Finanzreform, wenn dieser Libe- ralismus gegen eine kleine Gegenleistung sofort bereit ist, Tausende und Abertausende armer Tibakarbciter um ihre Existenz zu bringen und die übrigen auf Jahrzehnte hinaus zum langsamen Hungertod zu verurteilen! Nein, es ist nicht die„grundsätzliche Verbohrtheit" der Sozialdemokratie, die es hindert, daß sie auf dem Gebiete der Finanzreform mit dem Liberalismus in gemeinsamer Front kämpfe— es ist die traurige Grundsatzlosigkeit des deutschen Liberalismus, die das verschuldet. Zwischen ihm und der Sozialdemokratie steht die B ereitwilligkeit des Liberalismus, seine feierlich ver- kündeten Grundsätze zu verraten, sobald ihm die Sozialdemokratie aus der Patsche geholfen hat! Sollte das das„Berliner Tageblatt" nicht wissen? Es sagt am Schlüsse seines Artikels, daß die liberalen Parteien um so eher auf„die weiten Kreise innerhalb der Sozialdemo- kratie" einwirken können, die„der revolutionären Phrase müde sind," je entschiedener die liberalen- Parteien„selbst für die Erweiterung der Volksrechte und für den sozialen Fortschritt eintreten". Dasselbe„Berliner Tageblatt" aber erklärt sich im selben Artikel mit einer Bewilligung indirekter Steuern einverstanden, die den sozialen Fortschritt auf schlimmste Weise hemmen, indem es sagt, daß ohne indirekte Steuern die Reichsfinanzreform nicht zu machen ist. Was soll die Sozialdemokratie von solchem Gegenteil von Kon- sequenz halten? Das„Tageblatt" steht auf dem linken Flügel des deut- schen Liberalismus. Auch der hat den deutschen Arbeitern als Finanzreform nur ein Steuerbukett zu bieten, das aus vier Fünfteln indirekter Steuern besteht I Und dieser Liberalismus träumt von einer allmählichen Um- Wandlung der Sozialdemokratie zu einer liberalen Partei! Die deutschen Arbeiter werden es nach alledem ver- stehen, wenn wir an die Widerlegung solcher Hoffnung nicht ein Wort verschwenden!_ Das bewährte Zentrumsprograrnm. DaS Zentnim hat bekanntlich kein Parteiprogramm, man müßte denn die wenigen nichtssagenden Sätze, mit denen die ultra- montanen Fraktionen im Reichstage und im preußischen Landtage 1870 und 1871 sich ankündeten, für ein Programm halten. Fragt man das Zentrum nach feinen Grundsätzen und Forderungen, so pflegt es auf seine Tätigkeit im Reichstage und in den Landtagen, namentlich aber auf die Kundgebungen seiner be- währten Führer hinweisen, in deren Tun sich das Programm der Partei verkörpere. Auf einen dieser bewährten Führer, der viele Jahrzehnte lang eine hervorragende Stelle unter den Ultra- montanen einnahm, möchten wir heute aufmerksam machen, da bei ihm in der Tat das Zentrumsprogramm in sehr entschiedener Weise zum Ausdruck kommt. Peter Reichensperger ließ im Jahre 1869 als Abgeordneter der preußischen Zweiten Kammer eine Schrift erscheinen mit dem bezeichnenden Titel:„Keine Ei n k 0 mm enste u er I" Sie war veranlaßt worden dadurch, daß Reichensperger bei den Verhandlungen über die Einführung der Einkommensteuer und Auf- Hebung der Mahl- und Schlachtsteuer nicht zu Worte gekommen war und das Bedürfnis fühlte, feine ablehnende Haltung gegenüber der Einkommensteuer vor der Oeffentlichkeit zu �rechtfertigen. Reichen- sperger begann seine Schrift mit folgenden Sätzen: „DaS Urteil über Wert und Unwert der Mahl- und Schlacht- steuer im allgemeinen hängt enge mit dem Urteil über indirekte Steuern zusammen, da die ersten großenteils die Vorzüge und Nachteile der letzteren teilt. Nach welcher Seite hin sich die Wag- schale dabei neigt, das dürfte bei unbefangener Prüfung kaum zweifelhaft sein. Wenn auch nicht verkannt werden darf, daß die Theorie der Staatswissenschaftslehre in dieser Hinsicht noch nicht als völlig abgeschlossen zu betrachten ist, so kann wenigstens nicht bestritten werden, daß die zahlreich st en und gewichtig st en Autoritäten sich zum Vorteil der indirekten Steuern erklären. Noch weit unverkennbarer hat sich aber die Praxis der zivilisierten Völker für dieselben aus- gesprochen; ja, es scheint, daß sich sowohl Regierungen wie Völker je nach dem Maße politischer EntWickelung immer einhelliger und entschiedener für die indirekten Steuern erklären." Reichensperger zählt nun die„ H a u p t v 0 r z L g e" der indirekten Steuern auf, die darin bestehen sollen, daß sie ohne verletzendes Eindringen in dieLebens-undVermögensverhält- nisse der Staatsbürger erhoben werden, daß sie ohne Reste und ohne Zwangseintreibungen eingehen, daß sie endlich dem Staatsschatze ohne merklichen Druck reiche Hilfs- quellen eröffnen und mit dem steigenden Wohlstande des Landes wachsen— Gründe genug, um den wackeren Volksfreund und Glaubensstreiter Reichensperger, der bei allem christlichen Be- kennermut ein„verletzendes Eindringen in die Lebens- und Ver- mögensverhältnisse der Staatsbürger" verabscheute, zum begeisterten Anhänger und Fürsprecher der indirekten Steuern zu machen. Die Regierung hatte in ihrer Denkschrift gegen die indirekten Steuern angeführt, daß dadurch„der gemeine Mann gegen den Wohlhabenden überbürdet" und ihm„ein Teil seines sauer verdienten Einkommens ent- .zogen" werde. DaS will Reichensperger nicht gelten lassen. Er beruft sich auf Adam Smith, David Ricardo und andere, daß mit dem Sinken und Steigen der Lebensmittelpreise auch der Lohn des Arbeiters sinke und steige, und wenn die Wirkung der Ursache auch nicht plötzlich folge, wenn bei steigenden Lebensmittel- preisen der Lohn zunächst auch unverändert bleibe, so sorge die Aus- Wanderung und größere Sterblichkeit der Arbeiter doch für den nötigen Ausgleich insofern, als das geringere Arbeits- angebot wieder zur Erhöhung des Lohnes führe. Man erkennt daran, daß der Ultramontane, wenn es seinen Zwecken entspricht. selbst die.Wissenschaft" des sonst so verhaßten Liberalismus akzeptiert. Reichensperger warnt alsdann davor, die Mahl- und Schlacht- steuer aufzuheben, da dadurch bei anfangs gleichbleibendem Lohne die Lage des Arbeiter st andes gebessert und die Ein- Wanderung in die Stadt gefördert werde; er nennt die Aufhebung der indirekten Kommunalsteuern eine„Prämie auf die Ver- mehrung des Stadtproletariats, die sich bald und ernst st rasen mutz." Dann heißt es: „Man vergesse nicht, daß nach Aufhebung der Mahl- und Schlachtsteuer mit den dringenderen Gründen auch die Auf- Hebung der Salzsteuer, der Branntweinsteuer, der Stempelsteuer und der Eingangsabgaben im Totalbetrage von 37 Millionen Taler und deren Ersetzung durch direkte Steuern gefordert werden wird. Das ist die notwendige Konsequenz des ersten Schrittes, der Anfang jener finanziellen Anarchie, den allerdings die U m st u r z p a r t e i mit allen Kräften erstrebt, weil sie wohl weiß, daß ein zerrüttetes Budget der Anfang des Endes ist. Und was ist es, was die Staatsrcgierung an Stelle der Mahl« und Schlachtsteuer vorschlägt? Gerade wiederum diejenige Steuer, die die Partei des Umsturzes mit Wut fordert, diejenige Einkommensteuer, die die auf allgemeines und direktes Wahlrecht basierte Nachbarrepublik nach errungenem Siege in der Nationalversammlung noch auf den Barrikaden der Haupt- stadt gegen die soziale Näuberrepublik be- siegen mutzte und besiegt hat I" Reichensperger beschwört die Junischlächtererei der Pariser Ordnungshelden herauf; er wendet sich an den konservativen Sin» der Staatsmänner, denen es als ein Hauptbedenken gegen die Einkommensteuer gelten sollte,„daß dieselbe notwendig zu sozialistischen Konsequenzen führe und daß namentlich die progressive Einkommensteuer, jener Anfang der sozialistischen Konfiskation, kaum mit dauerndem Erfolge abgewehrt werden könne". Er schließt mit der Mahnung an die Volksvertretung, sich bezüglich der Steuerreform nicht in eine falsche Sicherheit gegenüber dem konservativen Ministerium Branden- bürg einwiegen zu lassen: „Bedenke man vielmehr, daß auch das Ministerium sich dem Zentrum zugängig erwiesen hat, denn es ist ja dasselbe Kabinett, das bereits unerklärlicherweise in unser geschriebenes Recht die Unentgeltlichkeit des Volks- Unterrichts, also eine Institution eingeführt hat, die bis- her nur von der sozialen Republik gefordert worden ist. Dringt das Ministerium auch mit der gegenwärtigen Forderung durch, so ist sehr zu befürchten, daß es eines Tages dem Lande größere Gefahren vermacht, als eS bei seinem Beginn vorgefunden und so siegreich überwunden hat." Reichensperger war also die reaktionärste Regierung, die Preußen je gehabt hat, das Ministerium Brandenburg-Manteuffel, noch zu radikal; befürwortete eS doch die Einführung der Einkommensteuer und hatte es doch die Unentgeltlichkeit deS VolksschulunterrichtS durch- gesetzt— sich also an Bestrebungen beteiligt, deren sich höchstens „soziale Räuberrepubliken" schuldig machen l Im übrigen ist Rcichenspergers Schrift aus dem Jahre 1850 eine Kundgebung, die, von Besonderheiten im einzelnen abgesehen, von programmatischer Bedeutung für die Zentrumspolitik ist. Genau wie Reichensperger ist das heutige Zentrum der st ä r k st e Schutz und eifrigste Verfechter des indirekten Steuersystems, genau so ist es ein Gegner des allgemeinen, gleichen Wahlrechts, genau so ist eS ein F e i n d wirksamer Volks- b i l d u n g. Und genau wie Reichensperger gegen die soziale Republik, so hetzt das Zentrum wider die Sozial- demokratie. in der es diejenige Macht fürchtet, die mit der Entrechtung, mit der Ausplünderung und mit der Verdummung des Volkes aufräumen will. SeheinibUliöMoM gegen russische Stucieuten. Dresden, s. Juni 1909. (Telegraphischcr Bericht.) ' Vor der dritten Strafkammer des hiesigen Landgerichts begann chcute ein Gehcinibiindsprozsß gegen mehrere russische Studenten und Arbeiter, die Mitglieder der russische» sozialdemokratischen Arbeiterpartei sein sollen. Im März d. I. erregte die Verhaftung einer Anzahl am Technikum in Miltlveida, in Darmstadt und anderwärts studierender Russen Aufsehen. Es wurde bei dieser Gelegenheit eine Reihe Schriften beschlagnahmt und die Staatsanwaltschaft glaubte Anhaltspunkte zu habe», das; es sich hier um eine geheim gehaltene „A u S l a n d s o r g a n i s a t i o n" der russischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei handele. Die Anklage behauptet, daß das Zentral- koniitee sich in Basel befunden und daß von Deutschland aus in sechs Monaten annähernd ISlXXIM. gesammelter Unterstützungsgelder dort hingesandt worden seien. Angeklagt sind die Studenten Grinblatt, Peskin, Atanasjew, v. Udalcot, KaliniS, K r a g a n, die Studentin B e k s a d i n, die Techniker Heine und G r e d e n, Ingenieur K r u g l i k o w, der Tabak- arbeiter R o s a n und Kaufmann S o b o l e t t. Die Angeklagten befinden sich sämtlich in Untersuchung, Heine und die Studentin Beksadin habe» sich durch die Flucht der Verfolgung entzogen. Den Vorsitz in der Verhandlung führt Landgerichtsdirektor Dr. D u e r b i g, als Verteidiger fungieren die Rechtsanwälte G i e s e. Dr. Cohn- Berlin, Dr. Liebknecht. Dr. H ü b l e r und Dr. Knoll, als Dolmetscher Botschaftssekretär Heine. Verteidiger Dr. Cohn beantragt noch die Ladung verschiedener Zeugen. Als Sachverständiger soll Schriftsteller B u ch h o l z fungieren. Bei Stellung dieser Anträge kommt es zu einer Polemik zwischen dem Borsitzeuden und dem Verteidiger. Der Vorsitzende sagt erregt:„Herr Rechtsanwalt, wenn Sie die Sache etwa wie in Berlin auf das politische Theater hinausspielen wollen... wir sind hier nicht dazu da, um Sensation zu machen".— Bert. Cohn weist diese Unterstellung zurück. Im Interesse der Verhandlung wäre es bester, wenn derartige unmotivierte Anzweifelungen der Sachlichkeit unterbleiben würden.— Vert. Liebknecht bezweifelt die Unparteilichkeit des vom Gericht geladenen Sachverständigen Heine von der russischen Botschaft. Seine Uebersetzungen seien nicht ganz frei von Schnitzern. Die russische Botschaft sei aber auch nicht ganz unbeteiligt. Man müsse ihr gegenüber sehr vor- sichtig sein. Er erinnere nur an den Königsberger GeheimbundZ- Prozesses, wo festgestellt wurde, daß der Sachverständige der ruisischen Botschaft nicht nur fahrlässig, sondern ab» sichtlich eine Aenderung des Textes vorgenommen hatte.— Der Gerichtshof beschloß, den von der Verteidigung ge- ladenen Schriftsteller Buchholz vorläufig als Sachverständigen zu- zulassen, ebenso den Botschaftssekretär Heine. Die Anklage wirft sämtlichen Angeklagten vor, von Mitte Juni 1908 bis zum März d. I. an der Anslandsorganisation der russischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei teilgenommen zu haben. Rosau soll fich der Beihilfe hierzu und Greden der Begünstigung schuldig gemacht haben. Der Angeklagte Grinblatt bestreitet das Bestehen einer AuslandSgruppe der russischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Es bestehe vielmehr nur eine Organisation zur Unterstützung der russischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei, der er angehörte. Die preußische Regierung wisse genau, daß in den verschiedenen Städten Gruppen der Organisation bestehen. Es handele sich hierbei keineswegs um eine geheime Organisation im Sinne des ReichsstrafgesetzbucheS. Beweis dafür sei, daß die Protokolle und Drucksachen von jedermann gekauft werden können. Wenn die Staatsanwaltschaft aus den sogenannten Deckadressen entnimmt, daß die Sache geheim gehalten werden sollte, bemerke er, daß die Russen sehr oft die Adressen wechseln, deshalb erscheine eS zweckmäßig, feste Adressen zu haben. Es zwinge aber auch dazu die Tätigkeit der russischen Spitzel im Auslände. Von diesen rührten auch die Erklärungen de? Kriminalkommissars P o s �e l t und der Staatsanwaltschaft her. Die falschen Unter- schristen, die ihnen zur Last gelegt werden, seien ganz harmloser Natur und in Rußland üblich. Er benennt mehrere Beispiele dafür, n. a. auch einen Staatsanwalt.(Große Heiterkeit.) Als Stifter und Vorsteher könne er ebenfalls nicht in Frage kommen. Wenn er sich schuldig gefühlt hätte, hätte er flüchten können, denn er hatte zehn Tage Zeit dazu.— Angeklagter Student PeSkin gibt dieselbe Darstellung.— Angeklagter Student AtanaSjew bestreitet, Mitglied einer Gruppe zu sein, von deren Bestehen er nur oberflächliche Kenntnis hatte.— Angeklagter Student v. U d a l c o t t erklärt, zwei Wochen Mitglied der Gruppe gewesen zu sein, nachdem er vor Weihnachten die Bekanntschaft von zwei Leipziger Mitgliedern gemacht hatte. Er erhielt während dieser Zeit 17 M. und verwendete es zur Unterstützung eines Arbeiters. Später schickte er Geld an Grinblatt. Auf dem Postabschnitt stand offen, daß das eine Schuld der Leipziger Gruppe sei. Auf Befragen des Vorsitzenden, ob er wußte, daß eS sich um eine geheime Organisation handle, erklärt der Angeklagte, die ge- Heimen Handlungen richten sich lediglich gegen russische Spitzel. — Angekl. Kaufmann Sobolett bestreitet, Mitglied der Leipziger Gruppe gewesen zu sein.— Angekl. Ingenieur Kruglikow gibt zu. Mitglied der Darmstädter Gruppe gewesen zu sein, aber nicht Vorsteher. — Vert. Liebknecht will dem Gericht ein Buch überreichen, das Mitteilungen über die Gründung und über die Arbeiten der Darmstädter Gruppe enthält. Daraus gehe hervor, daß der berüchtigte A s e w Gründer und Vorsteher der Gruppe sei.— Das Gericht unterstellt diese Behauptung als wahr.— Angekl. Student K r a g a n nahm in Mittweida nur für einen Freund Briefe an. Es wurden bei ihm zwei Karten gefunden, in der ersten ist von der Organisation eines Vortrages die Rede, in der zweiten kündigt der Referent seine Ankunft an und bittet, ihn vom Bahnhof abzuholen.— Angekl. Tabakarbeiter R o s a n gab die Deckadresse von Dresden ab. Er bestreitet, das gewußt zu haben. Von einer bestehenden Organisation hatte er keine Ahnung-— Angekl. Student K a l i n e s gab die Deckadresse für Darmstadt. Ein Freund, der nach LudwigShafen abreiste, bat ihn um Uebersendung derKorrespondenz, die er an ihn adressieren wolle, um eine feste Adresse zu haben. Er willigte ein und erfuhr aus russischen sozialdemokratischen Zeitungen, daß in Darmstadt eine Gruppe oder so etwas Aehnliches bestehen solle.— Angeklagter Techniker Greden soll Mitglied der Gruppe Mittweida gewesen sein. Er erklärt, nichts von einer Existenz der Gruppe gewußt zu haben. Er lebte getrennt von seinen Landsleuten; den Heine, der lungenkrank war, habe er, da er so schlecht aussah, in seine Wohnung begleitet und blieb die Nacht bei ihm. An der Flucht Heines habe er keinen Anteil. Nach der Pause wurde in die Beweisaufnahme eingetreten. Zunächst wurde das Protokall über die Baseler Kon- f erenz verlesen. An dieser Konferenz nahm G r i n b l a tt als Delegierter der Ortsgruppen Dresden, Mittweida und Mannheim unter dem Namen Mabrott teil. Angekl. Grinblatt erklärt, daß die Be- schlüsie der Konferenz fich nicht auf Deutschland bezogen. Die Agitation sollte nur unter den im Auslände lebenden Russen betrieben werden.— Als erster Zeuge wird dann Kriminalwachtmeister P o s s e l t von der politischen Abteilung der Dresdener Polizei ver- nommen. Die Ortsgruppe Dresden der russischen sozialdemo- kratischen Arbeiterpartei war bei der Dresdener Kriminalpolizei nicht bekannt. Bei den Reichstagswahlen 1903 und 1907 beteiligten sich die Russen lebhast an der sozialdemo- kratischen Agitation. 190S mußte die russische Lesehalle auf- gelöst werden, die Bücher trugen den Stempel: Zentralkomitee der russischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Erst die Beschlag- nähme von Briefen bei dem Angeklagten Peskin» die von Berlin aus angeregt wurde, lieferte Beweise für die Existenz eines Geheim- bundes. Ihm wurde die Anzeige von deutsch-russischen Studenten gemacht. In Mittweida wurde die Agitation der Russen so toll betrieben, daß gutgesinnte deutsche Techniker Beschwerde bei der Polizei führten. Russische Studenten hatten einmal einen Schneemann als Kaiser von Rußland an» gekleidet und dann mitSchnee bevorfeu. Am 27. Februar wurde von der Berliner Kriminalpolizei signalisiert, daß der Ange« klagte Peskin den revolutionär gesinnten Schriftsteller Nananja als Redner gewinnen wollte. Die Folge war eine Haussuchung bei Peskin. Zeuge bestreitet entschieden, daß die politische Polizei durch bezahlte Spitzel Nachrichten oder Verbindungen mit der russischen Regierung unterhalte. Auf eine Anfrage des Ver- teidigers Liebknecht sagt Zeuge, daß die Namen der An- zeigenden nicht genannt werden sollten. Auf eine weitere Frage, ob er Beziehungen zur russischen Botschaft unterhalte, verweigert Zeuge die Antwort.— Bert. Dr. Cohn stellt einen Beweisantrag, daß die Angeklagten die Ortsgruppe Dresden der russischen sozialdemo- kratischen Arbeiterpartei nicht vor den preußischen Behörden, sondern aus Furcht vor den russischen Spitzeln geheim gehalten hätten, die Hand in Hand mit den untergeordneten Polizeibehörden arbeiteten. Ferner wird unter Be- weis gestellt, daß die Angeklagten nicht eine Annäbcrung an die sozialdemokratische Partei erstrebt hätten. Es werden dafür eine Anzahl Personen in Berlin, Genf, Zürich und Paris benannt, darunter auch der frühere Berliner Polizeipräsident von W i n d h e i m.— Staatsanwalt Dr. Kurth bittet den Antrag abzulehnen.— DaS Gericht beschließt demgemäß, indem eS die behaupteten Tatsachen zum Teil als wahr unterstellt.— Der nächste Zeuge, Kriminalkommissar Messerschmidt genannt v. A r n i m, soll nach Behauptung der Verteidigung nach der Ausweisung eines russischen Doktors aus Berlin in dessen Wohnung ein- gedrungen und zwei Photographien des Ausgewiesenen mitgenommen haben. Diese Photographien habe er auf dem Polizeipräsidium vervielfältigt und sämtlichen Grenz- orten und der russischen Polizei übermittelt.— Zeuge Messer- s ch m i d t erklärt, daß bei der Haussuchung keine Gesetzwidrigkeit vorgekommen sei. Spezielle Aussagen verweigert der Zeuge, da erdazu nicht die G enehmig u n g habe. Zeuge Cz er n o m o m y ist Dolmetscher am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin. Er soll nach Behauptung der Verteidigung russischen Spitzeln Unterkunft gewähren. Der Zeuge weiß davon nichts.— Der als Dolmetscher geladene Schriftsteller Buch holz bekundet sodann: Im Jahre 1900 stellte fich ihm ein Kriminalbeamter vor und bat ihn um Auskunft über russische Studenten. Für die Auskunft sei ihm eine E n t- schädigung geboten worden. Namentlich habe sich ein ge- wister Azew als Spitzel hervorgetan. Zeuge sei durch ihn gründ- lich getäuscht worden. Die Weiterverhandlung wird sodann auf morgen(Donnerstag) vertagt._ politische Ocbcrficbt. Berlin, den 9. Juni 1999. Die Finanzminister-Konferenz. Die Finanzminister der deutschen Einzelstaaten traten heute zu einer Vorbesprechung in der bayerischen Ge- sandtschaft zusammen. Es nahmen daran teil der bayerische Finanzminister v. Pfaff, Reichsschatzsekretär Sydow, der preußische Finanzminister v. Rheinbaben, der sächsische Ministerpräsident und Finanzminister v. R ü g e r, der württembergische Finanzminister Geßler mit dem Ministerialrat Schleehauf» der badische Finanzminister Hansell, der hessische Finanzminister Dr. G n a ut h, der lippische Staatsminister Freiherr v. Gevekot und andere. Die offizielle Konferenz wird erst morgen, Donnerstag, be- ginnen. Außer den Ministern werden zu der Konferenz auch die Mitglieder der Ausschüsse des Bundesrats für Zoll- und Steuerwesen und für Handel und Verkehr zugezogen werden. Deshalb wird angenommen, daß die aus diesen Verhand- lungen hervorgehenden neuen Steuerentwürfe vom Bundesrat schnellstens erledigt werden sollen, so daß sie der Reichstag bei seinem Wiederzusammentritt am 13. Juni wohl sogleich vor- finden wird. Man rechnet damit, daß sie bereits auf die Tagesordnung der Sitzung vom 16. Juni gestellt werden können. Ihre erste Lesung soll durch eine längere Rede des Reichskanzlers eingeleitet werden, der bei dieser Gelegenheit den Standpunkt der verbündeten Regierungen zur Reichs- finanzreform und zu allen Steuerfragen darlegen wird. Offiziös wird über die Aufgaben der Konferenz noch berichtet: In erster Linie wird den Ministern der Entwurf eines Reichserbanfall st euergesetzes vorgelegt werden. Da der Ertrag hieraus schwerlich 59 Millionen Mark übersteigen wird, so sollen die noch fehlenden 59 Mil- lionen in erster Linie durch eine Reichs-Wertzuwachs- st euer auf Immobilien(etwa 29 Millionen Mark) sowie durch eine Erhöhung des Effekten- und des Wechsel st empels(zusammen etwa 39 Millionen Mark) aufgebracht werden. Als Ersatzsteuern für die abgelehnten und wohl endgültig aufgegebenen Inseraten- und Elek- trizitätsstcuern werden ist erster Linie, wie schon bekannt, eine Erhöhung des Kaffeezolles und eine Zündholz- chensteuer vorgeschlagen werden. Außerdem ist noch eine andere Steuer in Aussicht genommen, über die aber bisher Stillschweigen beobachtet wird.— Ter Möglichkeit von Repressalien der brasilianischen Regierung wegen des Kaffeezolles glaubt die Regierung durch einen Doppeltarif begegnen zu können. Die Reichstagsersatzwahl in Halle. Den bürgerlichen Parteien kommt der Tod des freisinnigen Reichstagsabgeordneten für Halle sehr ungelegen, da sie es selbst für ziemlich wahrscheinlich halten, daß bei der Ersatzwahl der Hallesche ReichStagSwahlkrcis, der über ein Jahrzehnt in unserem Besitz war, von unserer Partei zurückerobert wird. Einige bürger- liche Blätter ermahnen deshalb bereits ihre Anhängerschaft, jede Stimmenzersplitterung zu vermeiden und trotz der heutigen Block- fehde zwischen rechts und links Mann für Mann für den liberalen Kandidaten einzutreten. So schreiben die„Verl. N. Nachr.": „DaS Zerwürfnis im Block kann eS nicht hindern, daß in einem so heiß umstrittenen Wahlkreis von der äußersten Rechten bis in die Freisinnige Vereinigung hinein alle Wähler einträchtig- lich das eifrige Bestreben haben, auch in der Nachwahl den ge- sunden vaterländischen Geist zu zeigen, der die Wahlen von 1907 auszeichnete, die„Hottentottcnwahlen", wie die Genossen sie in einer seltsamen Selbstverspottung nennen. Dagegen läßt sich nicht verkennen, daß die Ferien, in die der Wahltermin voraussichtlich fallen wird, die bürgerlichen SiegeSaussichten diesmal erheblich gefährden. Nicht nur, daß ein großer Teil der bürgerlichen Wähler sich auf Reisen befindet, auch die Studentenschaft, die sich vor zwei Jahren in selbstlosester Weise in den Dienst der Sache stellte, dürfte diesmal stark gelichtet sein. Der verstorbene Abgeordnete Schmidt errang den Sieg mit Lö 249 Stimmen gegen 21 941, die der sozial- demokratische Kandidat Kunert erhielt; von 53 413 Wahlberechtigten wurden 47 214 Stimmen abgegeben. ES wird also diesmal die Aufgabe der bürgerlichen Wähler sein, aus den etwa IS Prozent der Wähler, die 1907 nicht zur Urne kamen, den AtzSsall zu decken, den diesmal die Ferien verursachen werden."', Liberales Maulheldentum. AnS Halle a. S. berichtet man uns unterm 8. Juni: Bekannt- lich zog der hiesige Oberbürgermeister Dr. Rive. KirschnerS Schwiegersohn, im Herrenhause gegen die Lehrer und Beamten vom Leder und verlangte, daß der Staatsanwalt gegen die ihr Beschwerde- recht geltend machend«» Beamten wegen Verächtlichmachung von Staatseinrichdmgen borgehe. Die hiesigen Liberalen stimmten darob in Versammlungen und in der Presie über ihren„liberalen" Ober- bürgermeister, der an EugenRichters Grab einen Kranz niedergelegt hat, ein mächtiges Geschrei an und verkündete, der„Scharfmacher Rive" müsse im Stadtverordnetenkollegium wegen seine? Verhaltens zur Rechenschaft gezogen werden. WaS aber in der letzten Stadt- verordnetensitzung nicht kam. war die in Aussicht gestellte Jnter- pellatton.— Der Stadtverordnete Genofie Thiele faßte die Ge- legcnheit bei der Debatte über die Urlaubsbewilligung für einen Lehrer bei dem Schöpfe, um das Verhalten des Herrn Rive zu geißeln. „Kaum hatte er aber das Wort Oberbürgermeister herausgebracht. da wurde er von dem„anchliberalen" Vorsteher. Justizrat Fähring ii n t'.e r b r o ch e n mit den Worten: über dies Thema dürfe nicht gesprochen werden. Als Genosse Thiele entgegnete, der Vorsteher solle doch erst einmal abwarten, was er, Thiele, sagen werde; der Vorsteher sei ein schlechter Gedanken- leser— erhielt Thiele einen Ordnungsruf. Dann, als Thiele weiter redete, erhielt er noch einen zweiten und einen dritten Ordnungsruf und dann wurde ihm auch noch das Wort entzogen. Und die Liberalen— saßen dabei und sagten kein Wort. Die bevorstehende ReichStagSwahl wird Gelegenheit geben, mit dieser Gesellschaft gründlich abzurechnen. Die Finanzen des Reichs und der Bundesstaaten. Das kaiserliche Statistische Amt veröffentlicht(in den Viertel» jahrSheften zur Statistik des Deutschen Reiches) eine Darstellung der Finanzen des Reiches und der deutschen Bundesstaaten. Die Ausgaben, Einnahinen, die wichtigeren Bestandteile des Staats- Vermögens sowie die Schulden werden behandelt. Die Nachweise beziehen sich durchweg für die Voranschläge auf daS Rechnungsjahr 1908, für die Staatsrechnungen auf das Rechnungsjahr 1906. Insgesamt betragen die StaatSausgaben nach den Voran- schlagen der Bundesstaaten S411 Millionen M.(darunter außer- ordentliche 261). für das Reich 29S3(darunter außerordentliche 26ö), zusammen in Reich und Bundesstaaten 8364(darunter außerordentliche S26). Die Staatseinnahmen belaufen sich in den Bundesstaaten auf 5387 Millionen M., im Reich auf 2953, zu- sammen in Reich und Bundesstaaten 8340(darunter außerordent- liche aus Grundstock, Anlehen und sonstigen Staatsfonds 234 bc- ziehungsweise 266). Unter den ordentlichen Ausgaben und Einnahmen der Bundes- staaten stehen die Erwerbseinkünfte mit 2597 bezw. 3603 Millionen Mark an erster Stelle. Der Hauptanteil entfällt auf die Staats- eisenbahnen mit 1908 bzw. 2681. Der Rest verteilt sich auf Do- mäncn. Forsten, Bergwerke, Staatsdampfschiffahrt. Post, Telegraph und die sonstign Staatsbetriebe. Die ordentlichen Ausgaben und Einnahmen des Reichs an Er- werbSanstalten(672 bzw. 825 Millionen M.) entfallen hauptsäch- lich auf Post und Telegraph(562 bzw. 655)� und die Eisenbahnen (102 bzw. 126). Die nächstwichtigste Einnahmequelle bilden Steuern und Zölle. Die Bundesstaaten erhoben an direkten Steuern 585, Aufwand- steuern 82, Verkehrssteuern 86 und Erbschaftssteuern 18, zusammen 771 Millionen M. DaS Reich bezieht auS Zöllen 755, aus Aufwand- steuern 473, aus Verkehrssteuern 153 und auS Erbschaftssteuer 42, zusammen 1423 Millionen M. Zahlenmäßige Nachweise über daS Staatsvermögen der ein- zelnen Bundesstaaten konnten nur in bezug auf wichtigere Bestand- teile erbracht werden. Neben Ueberschüssen früherer RechnungS- jähre, verfügbarem Staatskapitalvermögen usw. besitzen die Bun- deSstaaten an Domänen ein Areal von 766 712 Hektar, an Forsten 5 009 359 Hektar. Die Staatseisenbahnen repräsentieren eine Länge von 51 930 Kilometern(im Reich 1816) und ein Anlagekapital von 14 766(im Rerch 723) Millionen M. Die fundierten Staatsschulden beziffern sich zu Beginn des Rechnungsjahres 1903 für die Bundesstaaten auf 12 930(darunter Preußen 7619, Bayern 1795), für das Reich auf 3644 Millionen Mark. Die schwebenden Schulden betragen insgesamt 774 Milli- onen M.; sie entfallen in der Hauptsache auf das Reich(360), und Preußen(345).__ Liberale Praktiken. In Frankfurt a. M. war am Dienstag Stadtratswahl. Es waren 6 Stadträte zu wählen. Die Sozialdemokratie, als zweit- größte Fraltion, erhob ebenso Anspruch auf einen dieser Sitze, wie die Fraklion der Mittelständler. Aber die Demokratie, die Frei- sinnigen und die Nationalliberalen hatten sich zu einen: Block zu- sammengeschlossen und wählten ausschließlich Leute aus ihrer Mitte. Gegenüber dem Anspruch der Sozialdemokratie erklärte der frei- sinnige Abg. F u n ck: Man habe gegen den von den Sozial- demokraten vorgeschlagenen Stadtv. Hüttmann persönlich nichts, aber der Sozialdemokratie komme kein Sitz im Magistrat zu, denn die Sozialdemokratie stehe auf einem ganz anderen kommunalen Stand- punlt als die bürgerlichen Parteien. Kolonial-Gesellschaft. Die Deutsche Kolonialgesellschaft hat am Mittwoch in Dresden ihre Tagung gehalten. Ein„hoher Herr"— Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg— leitete die Verhandlungen, ein noch höherer Herr— König Friedrich August von Sachsen— zierte si» ein halbes Stündchen lang durch seine Anwesenheit. Die Hoheiten konnten nicht verhindern, daß das Niveau der Konferenz ziemlich tief sank. So z. B. als die Anträge angenommen wurden: den Staatssekretär des ReichSkolonialamtS zu ersuchen, in Deutsch- Südwestafrika deutsche Ortsnamen einzuführen, und: in den deutschen Schutzgebieten die deutsche Sprache zur Staatssprache zu erheben I Ein paar besonnene Männer(Prof. Hans Meyer, Dr. Hintorf) konnten in dem wilden Chorus der Kolonialchauvi» nisten nichts ausrichten, und so wird man denn darauf lossteuern, a la Preußisch-Polen gegen die Landessprache der Eingeborenen in den deutschen„Schutzgebieten" vorzugehen und den Schwarzen schwarz-weiß-rote Ortsnamen, wie„Hohensalza",„Kaiser Wil- Helmsdorf" u. dergl. aufzuzwingen; von Wißmann, dessen der Präsident in seiner Einleitungsrede rührend gedachte, wird sich bei diesem Regime gewiß im Grabe umdrehen, wenn er's nicht schon während der Dresdner Verhandlungen gestern getan hat. Denn es fielen auch sonst noch Äußerungen, die beweisen, daß dem Gros der Herren von der Deutschen Kolonialgesellschaft jedes Gefühl für die Aufgaben und die Aussichten einer kultivierten und wirklich kultivirenden Kolonisation fehlt. Leisteten sich doch bei der Debatte über den Berliners l) Antrag auf Nicht- Zulassung der Eingeborenen zum Eide ein halb Dutzend Redner— an ihrer Spitze natürlich Reichsverbands- generalissimus von Liebert— den fadesten Unsinn über den „gegen die weiße Rasse um 2000 Jahre zurückgebliebenen" Neger und seine unsterbliche Seele, und wurde der Antrag doch ange- nommen, obwohl Dr. Arning das Urteil von Praktikern wie Leut- wein und Solf als Gegengewicht in die Wagschale warf und obwohl Konsul a. D. Vohsen. der lange Zeit unter den Schwarzen gelebt hat, ausdrücklich darlegte, daß er keinerlei Mißstände mit dem Negereid hatte! Worauf die Leute von der Kolonialgesellschast hinauswollen. das verriet recht plump Direktor Hindorf auS Berlin: Es soll verhindert werden, daß ein Weißer durch den Eid eines Negers der verdienten Strafe überliefert wird, damit die Peters, die Arenberg— und wie sie alle heißen— fich in Deutschlands Schutz- gchiitsa ungehemmt und ungefährdet„quslehes" können t, �aule Gründungen. Die eigenartigen Gründungen der Firma Mertens u. Co. auf kolonialwirtschastlichem Gebiete haben bereits wiederholt die Oeffent- lichkeit beschäftigt. Die Firma rief zahlreiche Kolonialgesellschasten ins Leben, die sich aber meistens wegen Mangel an Kapital nicht als lebensfähig erwiesen. Einige von ihnen sind inzwischen wieder verkracht. Die Vorstände und Aufsichtsräte der noch bestehenden Ge- sellschasten haben jetzt beschlossen, Kommissionen einzusetzen, die eine Revision der Erfindung und Geschäftsführung vornehmen sollen. Die.Post" weiß darüber zu berichten: „Außer der Kameruner Kautschuk-A.-G. haben nun auch samt- liche anderen von der Firma Mertens u. Co. gegründeten Gesell- schaften bezw. deren Vorstände und Aufsichtsräte Einsetzung von Kommissionen zur Revision der Gründung und Geschäftsführung beschlossen. Eine ganz selbstverständliche Forderung der Bc- sitzer von Anteilscheinen und Aktien dieser Gesellschaften ist es, �daß die Revision gründlich und durch unbeteiligte Sach- verständige erfolgt. Das läge in erster Linie auch im Interesse der Firma Mertens u. Co. selbst I Noch mutz man mit jedem Urteil zurückhalten, doch fürchtet ein mit den Verhältnissen der kolonialen Gesellschaften vertrauter Mitarbeiter der.Kolonialpol. u. Handels- Korresp.", datz es bei diesen Revisionen und ihren Folgen zu einigen Sensationen kommen dürfte, die für die EntWickelung unserer kolonialen Gesellschaften von recht bedauerlichem, nach- teiligem Einflutz sein mutzten. Grafs Finanzchronik macht bereits darauf aufmerksam, daß aus dem Ermittelungsverfahren gegen den Generaldirektor Mertens schon eine„Strafsache" geworden ist." Wahlrechtscntrechtnng in Kiel. Nachdem der bürgerlichen Mehrheit der grotze Wurf, für Kiel ote Dreiklasienwahl einzuführen, nicht gelungen war, strebt sie dem Ziele zu, durch ortsstatutarische Regelung das zu schaffen, was durch gesetzliche Regelung nicht erreichbar war. Ein Mittel dazu sollte die Einführung der Bezirkswahlen bieten. ES wurde eine Kommission eingesetzt, die gegen alle sonstigen Gepflogenheiten die Kommission autzerordentlich schnell gearbeitet hat. Die bürgerliche Mehrheit will dem um jeden Preis vorbeugen, datz nicht die nächste Stadt- verordnetenwahl sie zur Minderheit macht. Nachdem nämlich der Bezirksausschuß in Schleswig die Wahl unseres Genossen Lewin für gültig erklärt hat und nach Lage der Sache das Ober» Verwaltungsgericht sich dem Urteil anschließen muß, weil eS in ähnlichen Fällen wie der Bezirksausschutz entschieden hat, ist eine sozialdemokratische Mehrheit bei dem jetzigen Wahlsystem durch die nächsten Stadtverordnetenwahlen nicht ausgeschlossen. Am Dienstagabend haben sich die städtischen Kollegien mit der von der Kommission vorgelegten und vom Magistrat gut- geheißenen Vorlage beschäftigt. Die den Kollegien vorgelegte Be- zirkSeinteilung trug denn auch richtig die Tendenz, die nach allem, was voraufgegangen war. erwartet werden mutzte. Bei der letzten Stadtverordnetenwahl war die Höchstzahl der abgegebenen bürger- lichen Stimmen 6682, die Höchstzahl der sozialdemokratischen 6662. DieS waren aber nur die für die bürgerlichen Parteien günstigsten Fälle, einige der gewählten sozialdemokratischen Stadtverordneten waren mit einer Mehrheit von mehreren hundert Stimmen ge- wählt. Eine Bezirkseinteilung, die dem Stimmenverhältnis Rechnung tragen wollte, müßte also der Sozialdemokratie mindestens die Hälfte der Mandate garantieren. Was hat aber die Kommission gemacht? Sie machte aus dem Stadtteil Gaarden einen besonderen Bezirk. Weshalb, das mag folgende Berechnung geigen! Bei der letzten Stadtverordnetenwahl wurden im Stadt- teil Gaarden 713 bürgerliche und 1642 sozialdemokratische Stimmen abgegeben. Durch diese Häufung der sozialdemokratischen Wähler in einem Bezirk müssen natürlich die bürgerlichen Parteien in den anderen Bezirken bedeutend günstiger wegkonimen. Hinzu kommt noch, daß sich der Gaardener Bezirk weit schneller vermehrt als die anderen Bezirke. Der Genosse Adler kritisierte scharf die tendenziöse Absicht dieser Bezirkseinteilung und wies nach, daß sie ein Ausnahme- gesetz gegen die Sozialdemokratie sein solle und auch sei. Wenn man auf der einen Seite den Wählern Recht nehme, und das geschehe durch die Vorlage, weil früher jeder Wähler mindestens fünf Stadtverordnete jährlich zu wählen habe, während er nach Annahme der Bezirkseinteilung nur das Recht habe, in seinem Bezirk einen Stadtverordneten zu wählen, solle man auf der anderen Seite wenigstens das Wahlrecht demokratisieren und den Zensus aufheben. Aber Adler predigte tauben Ohren. Die Wahl- entrechtung war von ihnen schon längst beschlossen, und sie stimmten denn auch geschlossen für die Bezirkseinteilung, die die Kommission ausgearbeitet hatte, stimmten die Anträge der Sozial- dcmokraten auf Herabsetzung des Zensus auf 666 resp. 666 M. nieder; ebenso auch alle Anträge, die auf Verbesserungen der einzelnen Bestimmungen der Vorlage abzielten. Das Resultat der künftigen Wahlen wird auf absehbare Zeit fem, daß der Gaardener Bezirk der Sozialdemokratie sicher ist und daß bei aller Anstrengung ein weiterer Bezirk erobert werden kann. Da fünf Bezirke eingerichtet sind und in jedem Bezirk sechs Stadt- verordnete gewählt werden— allerdings in jedem Jahre immer nur einer, weil die Wahl auf sechs Jahre erfolgt— wird es die Sozialdemokratie von den 30 Mandaten auf 12 bringen können. BiS die Entwickelung der Be- Völkerungsbewegung darin eine Aenderung hervorbringt, so tröstet sich daS Bürgertum, ist schon längst das schleswig-holsteinische Wahlrecht beseitigt, schlimmstenfalls läßt sich die Bezirkseinteilung ändern. Die sozialdemokratische Hochflut ist yoch einmal ab» gewehrt._ franhrdcb. Berh-ftunge«. Pari«, 9. Juni. Bei Sluxerrc wurde» zwei junge L e u t e v e r- haftet, die in dem Verdachte stehen, mehrere Telegraphen- d r S h t e bei Joigny z e r st ö r t zu haben.— Zwistigkeiten in der Regierungspartei. Paris, 6. Juni. Der Deputierte L a f e r r e hat daS Amt des ObmannS des Vollzugsausschusses der s o z i a l i st i s ch- r a d r k a l e n Partei niederaelegt, weil unter den Aussckubmitgliedern, von denen ein Teil eine feindselige Politik gegen das Ministerium befürwortete. Zwistigkeiten ausgebrochen waren. Ei» seltsamer Borfall. PariS, S. Juni. Wie aus Macon berichtet wird, fand in den Werkstätten der Geschützfabri! Creuzot ein ernster Zwischenfall statt. Eine Anzahl Arbeiter, welche einen ihrer Kameraden vcr- döchtigten, Urheber der Jndislretion zu sein, welche unlängst Gegen- stand einer Debatte in der Kammer gewesen, und wegen deren eine gerichtliche Untersuchung über Geschütztürme angeordnet worden war. überfielen diesen Arbeiter und miß- handelten ihn so schwer, daß er unverzüglich inS Spital gebracht werden mußte. Der Mißhandelte hat eingestanden, die Indiskretion begangen zu haben. ES handelt sich dabei bekanntlich darum, daß die Fabrik dem Staate minderwertiges Material geliefert haben soll. Merkwürdig bleibt nur der Eifer der Arbeiter, mit dem sie sich zu Richtern in einer Sache gemacht haben, die die ihrer Ausbeuter und nicht die ihre ist. CnFlanck. Die Flottenagitation. London, 9. Juni. B a l f o u r, der dem heutigen Presse- kongreß präsidierte, führte in einer Ansprache aus, daß Schick- sal Englands hänge von der Ueberlegenheit seiner Flotte ab. Diese Ueberlegenheit müsse in den heimischen Gewässern zutage treten, denn das Geschick von Australien, Canada, Süd-Afrika und Indien werden nicht im Stillen oder Indischen Ozean entschieden werden, sondern in den heimischen Gewässern. Wer sich bemühe, den Geist der Zeit zu verstehen, werde den gewichtigen Worten Lord Roseberhs und Greys zu- stimmen und anerkennen, daß man über die Verteidigung des Reichs nicht ohne eine gewisse Aeng st lichkeit sprechen könne. Rußland. Die Henker des Zaren. Das Warschauer Kriegsgericht hat wieder zwei Todes- urteile ausgesprochen. Zwei Mitglieder der Polnischen Sozialistischen Partei in Nadom, Roman Piekarski und Hersch Ragow, waren angeklagt, an mehreren terroristischen Attentaten in Nadom„intellektuell" teilgenommen zu haben. Sie sollen gewußt haben, daß die Attentate ge- plant waren. Die Anklage stützte sich hauptsächlich auf die Aussagen eines Verräters. Die Todesurteile wurden durch den Warschauer Generalgouvernenr Stallen bestätigt und daraufhin in der Warschauer Zitadelle vollstreckt.— Die Glaubensfreiheit. Petersburg, 8. Juni. In der Abendsitzung nahm die R e i ch S. d u m a in erster Lesung das Gesetz betreffend den Uebertritt auS einer Religionsgemeinschaft in eine andere gemäß dem Referat der Kommission für Konfessionsfragen mit den von den Oktobristen vorgeschlagenen Aenderungen an. Die Rechte enthielt sich der Ab- stimmung, weil die Beratung in der Duma angeblich den Grund- gesetzen widerspäche. Da Stolypin sich ebenfalls gegen das Gesetz aussprach, so wird wohl der Beschlutz der Duma schon vom Reichsrat nicht ratifiziert werden. OrKd. Die Hinrichtungen in Adana. Konstantinopcl, 9. Juni. Durch ein Jrade des Sultans sind 15 vom Kriegsgericht in Adana gefällte Todesurteile, die neun Mohammedaner und sechs Armenier betreffen, b e st ä t i g t worden. Es soll Vorsorge getroffen werden, daß bei der Vollstreckung der Urteile keine Unruhen vorkommen. Mit Rück- ficht auf armenische Anklagen und Zeitungsnachrichten hat die Pforte den Mali von Adana aufgefordert, die Verbrecher ohne Unterschied der Religion streng zu bestrafen. perllen. Zur russischen Invasion. Der russische Generalkonsul in TäbriS erklärt durch die Petersburger Telegr.-Agentur, daß die Nachrichten über die an- geblichen Roheiten der russischen Truppen in Persien von den Mit- gliedern der armenischen Partei,„Daschnakzutjun" ver- breitet worden seien, die alle Tatsachen dem Genfer„Droschak" entstellt telegraphiert hätten. Die Haltung der Truppen sei viel- mehr ganz korrekt. Soweit der Konsul. Bis jetzt waren wir daran gewöhnt, daß die russische offiziöse Agentur dazu existiert, um einerseits Nach- richten, die der russischen Regierung günstig sind, zu verbreiten, und andererseits alles, was nicht den Absichten derselben Regierung entspricht, zu dementieren. Aber jetzt erfahren wir, daß die Agenten der Kosakenregierung auch die Ursache allen Unglück» entdeckt haben. Nach ihren Angaben sind nämlich die armenischen Revolutionäre, die die Revolution vorher im Kaukasus anstifteten, dann in der Türkei und endlich in Persien. Und wir werden uns gar nicht mehr wundern, wenn eines schönen Tages die russi- schcn Offiziösen auch die Revolution in Chile oder Honduras den armenischen Intrigen zuschreiben werden. Hus der Partei. Zur Tagesordnung deö Parteitages. Unter dieser Ueberschrift bedauert der.Vorwärts" in Nr. 129 da» Fehlen des Themas„Landarbeiterfrage" auf der provisorischen Tagesordnung für den Leipziger Parteitag. Er wünscht, daß die Sache auf dem Parteitage erörtert wird. Zugunsten einer fruchtbringenden Beratung sollen ein oder mehrere sachkundige Referenten bestellt und die Tagesordnung also mit dem Punkte.Landarbeitersrage" ergänzt werden. Durch Gründung der neuen Land- und Waldarbeiterorganisation ist die.Landarbeiterfrage" jetzt für uns in das Stadium der praktischen Betätigung getreten. Nach zirla L'/zinonat« lichem Bestehen dieser Organisation wird man doch wohl kaum derartige Erfahrungen haben sammeln können, um Aenderungen vorzuschlagen, weder am Statut noch an der an- gewendeten Taftik bei der Agitation. Aber selbst wenn hierzu Material vorliegen würde, wäre es vollständig verfehlt, diese interne Angelegenheit der Landarbeiterftage— denn eine solche ist sie durch Gründung eines Vereins vorläufig geworden— auf einem viel- beschäftigten Parteitag zu behandeln. Nicht weil etwa nicht die ganze Partei an dieser Frage hochinteressiert ist, sondern weil der Sache damit wenig oder gar nicht gedient sein dürste. Wir haben im Reiche eine grotze Anzahl meist sehr wichtige Parteiorte, die praktisch den Landarbeiterverhältuisien fern und fremd gegenüber- stehen und deren Delegierte auf dem Parteitag daher naturgemätz an und für sich dieser Sache nicht daS genügende Interesse entgegen- bringen dürften. Und man weiß, wie solche Punkte der TageS- ordnung behandelt werden, lvenn sie dann noch am Schlüsse der Tagung verhandelt werden. Ferner bin ich der Ansicht, datz man taktische Fragen, und auf solche kommt es hier in erster Linie bei dieser neuen Organisation an. nicht öffentlich auf dem Parteitag be- handeln soll. DaS würde nicht uns. sondern vielmehr unseren Gegnern nützen. Dagegen empfehle ich, datz während der Tagung deS Partei- tageS alle die Delegierten, die an der Landarbeiterfrage be- sonderS interessiert sind, die auf diesem Gebiete Erfahrungen gesammelt haben und mit Rat und Tat der jungen Organisation in ihren agitatorischen Wirkungskreisen unter die Arme greifen können, mit dem Vorstand mid den Gauleitern deS Verbandes zu einer Konferenz zusammentreten und dort ihre Meinungen aus- tauschen. Das tst besonders deshalb dringend notwendig, weil die des Schutzes am meisten bedürfttgen Landarbeiter der östlichen Provinzen vor der Hand nur erst ziemlich stiefmütterlich von dem Verband, der in Mittel- und Süddeutschland seinen Sitz hat, bedacht werden können. Ob hierzu Referenten bestellt werden, lasse ich dahingestellt. Hermann Linde, Parteisekretär für Ostpreußen. ».' Der Vorschlag des Genossen Linde hat einiges für sich. Wir halten jedoch die Verhandlung des Themas auf dem Parteitag immer noch für besser. Rur so wird die ganze Partei eindringlich an die Wichtigleit der Landarbeiterftage erinnert, nur so wird eine über die engeren Kreise der nächsten Interessenten hinausgehende Anregung zur Förderung der Organisation durch unmittelbare oder mittelbare Mitarbeit gegeben. Daß manche großstädtischen Dele- gierten dem Thema kein brennendes Interesse entgegenbringen. das ist kein Grund, den vielen, die für ihre Parteiarbeit aus der Verhandlung lernen können, diese Gelegenheit vorzuenthalten. Bei der Wichtigleit der Sache halten wir eS auch für selbst- verständlich, daß sie nicht an den Schluß der Tagesordnung ver- schoben wird. Wir halten eS für ganz gerechtfertigt, datz sie vor den Referaten über die ReichSversicherungSordnung behandelt wird, da über diesen letzteren Gegenstand keine großen MeinungS« Verschiedenheiten unter den Genossen vorhanden sein dürften. Im übrigen haben wir die Ansetzung des Themas nicht gefördert, weil wir glaubten, datz nach zirka L'/zmonatlichem Bestehen der Organi- sation schon über wichtige Erfahrungen zu berichten und Aenderungen am Statut und an der Taktik vorgeschlagen werden mützten, sondern weil wir hoffen, datz die Arbeit der jungen Organisation durch die Aussprache gefördert und befruchtet werde. Daß die Behandlung deS Themas den Gegnern grotze taktische Geheimnisse offenbaren könnte, fürchten wir nicht. Für die Zwecke, denen die Verhandlungen dienen sollen, ist es nicht nötig. Interna der Organisationsarbeit aufzudecken, wenn überhaupt schon welche vorhanden sein sollten. Die„Leipziger Volkszeitung' schreibt: „Die Anregung des„Vorwärts" ist nur zu begrüßen. Die Durchführiing einer energisckien und systematischen Agitation unter dem ländlichen Proletariat ist eine Lebensfrage für die Partei, sie ist aber auch eine unbedingte Notwendigkeit sowohl für die unter Ausbeutung und Rechtlosigkeit doppelt leidenden Landarbeiter wie für die gewerkschaftlich organisierte Arbeiterschaft der Städte und Industriezentren, deren Errungenschaften durch den Zuzug der be» dürfniSloseren Landproletarier mir zu oft in Frage gestellt werden. Die Besprechung der Landarbeiterfrage auf dem Parteitage würde der gewerkschaftlichen und politischen Organisationsarbeit auf dem flachen Lande lräftige Impulse geben können." Soziales. Arbeitslosenversicherung mit kommunaler Unterstützung. Die„Stadtkölnische Versicherungskasse gegen Arbeitslosigkeit im Winter" zu Köln erstattet ihren Geschäftsbericht über die Zeit von April 1668 bis Ende März 1666. Seit der bor zwölf Jahren erfolgten Gründung der Kasse ist die Zahl der im vorigen Jahre abgeschlossenen Versicherungen, nämlich 1657, die höchste. Davon waren 1435 gelernte, 522 ungelernte Arbeiter. Die Mitglieder setzen sich fast ausschließlich aus den verschiedenen Gruppen der Bauarbeiter zusammen. Sie müssen jährlich vom 1. April ab insgesamt 34 Wochenbeiträge zahlen, und zwar gelernte Arbeiter 45 Pf., ungelernte 35 Pf. Dafür haben sie in der Zeit vom 1. Dezember bis 1. März Anspruch auf Tagegelder, sofern ihnen durch die mit der Kasse in Verbindung stehende Arbeitsnachweis- anstatt der Stadt Köln nicht passende Arbeit nachgewiesen wird. Im verflossenen Winter wurden an 1433 Versicherte für 37 671 Tage 61634 M. Arbeitslosenunterstützung gezahlt. Von den Be- zugsberechtigten waren nicht weniger als 82,9 Proz. arbeitslos. Infolgedessen ging das Vermögen der Kasse von 136 866 M. auf 124 666 M. zurück. Hätte nicht für 24 866 Tage den Versicherten Arbeit nachgewiesen werden können, so würde der Anspruch an die Kasse 62 867 Tage betragen haben. Die Tagegelder betragen für die ersten 26 Tage der Arbeitslosigkeit 2 M., für weitere 23 Tage 1 M. täglich. Bei längerer Arbeitslosigkeit erlischt der Unter- stützungsanipruch. Die Stadt Köln schießt zu den Einnahmen der Kasse jährlich 26 666 M. zu; ferner übernimmt sie die Bürg- schaft für die Leistungen der Kasse. Man trägt sich mit dem Gedanken, die Kasse auS einer„Ver. sicherungskasse gegen Arbeitslosigkeit im Winter" zu einer solchen für das ganze Jahr auszubauen. Ist Rinderzucht wertvoller als Kinderzucht? Eigenartige Anschauungen über Volksbildung besitzt der Re- gierungsassessor Dr. Petersen, der als kommissarischer Verwalter der durch den Abgang des früheren Bürgermeisters Schücking vakant gewordenen Bürgermeisterstelle in Husum fungierte. Als der Herr kürzlich von der Stadt Abschied nahm, empfahl er den städtischen Kollegien, alle Kraft auf die Ausgestaltung des Bich- Marktes zu verwenden. Denn das sei die wichtigste Aufgabe der städtischen Verwaltung. Dagegen möge man davon Abstand nehmen, den Lehrern Ortszulagen zu gewähren; diese Zulagen würden nur bewirken, daß das Ab- und Zuwandern nie aufhöre. Die Auslassungen des Herrn Assessors berechtigen ihn zu einer Anwartschaft auf die Stelle des preußisch-agrarifchen Kultus- Ministers._ Vom nordöstlichen Baugewerbe. Scharfmacher Felisch kann nicht stolz auf seinen Bericht sein. Kümmerlicher ist wohl noch kein Bericht tiner großen BaugewerkS- Berufsgenossenschaft herausgekommen. Kein erklärender Text, nur trockene Zahlen sind es, die Felisch seinen Getreuen bietet. Und doch ist die von ihm geführte Berufsgenossenschaft nicht klein. Versichert waren laut Bericht im Jahre 1668: 24164 Bau- betriebe mit 221 668 Arbeitern. Die stärkste der 5 Sektionen der Berufsgenossenschaft ist Sektion I, Berlin, mit 7325 Betrieben und 86 676 Arbeitern. Vergleicht man die angeführten Lohnsumme» mit der Zahl der Versicherten, was der Bericht natürlich unterläßt, so ergibt sich folgender Durchschnittslohn in den einzelnen Sektionen der Berufsgenossenschaft: Sektion l. Berlin, 1111 M.; Sektion II, Potsdam. 815 M: Sektion III, Stettin. 730 M; Sektion IV, Danzig, 721 M.; Sektion V, Königsberg i. Pr., 726 M. Der Be- richt hat hierfür keine Zeile der Erklärung. Auch nicht für die in der Ausstellung angeführten Summen von Beitragsverlusten. Erwähnt wird nur, daß„an Beiträgen für 1667 zur Zeit des Ab» schlusses der Heberollen infolge fruchtloser Zwangsbeitreibung usw. ausgefallen waren: 79182,96 M.", davon allein auf Sektion Berlin 39 165,56 M., dagegen in Sektion Königsberg nur 3692,15 M., obschon die Sektion Berlin nur 5mal mehr Arbeiter versichert hat, die Zahl der Betriebe in Berlin 7325, in Königsberg 2466 be» trägt. Das sind die Bauschwindler einer Großstadt, die auch die armen Arbeiter um Hundertausende von Marl an Arbeitslöhnen betrogen haben. Unter den Verwaltungskosten der Berufsgenossenschaft fällt uns auf, daß an„Vergütungen für den Genossriischaftsvorstand" die stattliche Summe von 11892 M. eingestellt ist. WaS erhält Herr Felisch hiervon? Gemeldet wurden im Berichtsjahre insgesamt 19 446 Unfälle» gegen 11 166 im Jahre 1967. Wieder fällt uns die schrecklich große Zahl der Unfälle der Großstadt gegenüber dem Lande auf. Während im Bezirk der Sektion V, Königsberg, nur 768 Unfälle gemeldet wurden, wurden im Bezirk Potsdam 2637 und in Berlin gar 5586 Unfälle an» gemeldet. Vergleicht man auch hier die Zahlen mit der versicherten Arbeiterzahl, so ergibt sich folgendes Bild: Auf 1666 Arbeiter entfallen in Sektion l. Berlin, 62,3, in Sektion II. Potsdam, 46,0, in Sektion III. Stettin. 35,0, in Sektion IV, Danzig, 36,2, in Sektion V. Königsberg, 86,2 Unfälle. Entschädigt wurden jedoch insgesamt nur 1563 Unfälle. Vor Ablauf der 13. Unfallwoche wurden von den gemeldeten Unfällen laut Bericht allein 8856 geheilt. Hier sieht man wieder, wie die Berufsgenossenschaften von den Krankenkassen entlastet werden. Die Unfallstatistik bezieht sich gar nur auf daS Jahr 1667, ist also für das Berichtsjahr nicht fertig geworden. Wir ersehen daraus, daß im Jahre 1697 alz Folgen der Unfallverletzuug in 156 Fällen Tod, in 43 Fällen völlige, in 763 Fällen teilweise Er» werbSunfähigkeit. in 882 Fällen Erwerbsunfähigkeit über 6 Monate, in 56 Fälle» solche bis zu 6 Monaten und in 9338 Fällen Erwerbsunfähigkeit unter 13 Wochen festgestellt wurde. 6cwerhrcbaftUcbe9. Berlin und Umgegend* Achtung, Mützenmacher! Wie aus Nr. 12g des.Vorwärts' be- kannt, wurde» bei der Firma S. Gärtner u. Co. die Differenzen durch Anerkennung der Forderung— die in der Fortlaffung der Kontrollbücher bestand— beigelegt und am Montag die Arbeit auf- genommen. Es scheint der Firma aber an einem friedlichen Arbeits- derhältnis durchaus nichts gelegen zu sein und sie beschwört in provokatorischer Weise neue Differenzen herauf, um auf Umwegen das zu erreichen, was ihr aus Anlaß der Aussperrung bei den Ver- Handlungen nicht beschieden war. Die Firma S. Gärtner u. Co. — und namentlich ihr Werkführer— gehen von der Voraussetzung aus, daß die Kollegen und Kolleginnen es bei den jetzigen Maßnahmen nicht wagen werden, in der„Oeffentlichkcit" dazu Stellung zu nehmen. Die Verhandlungen lieferten nämlich den Beweis, daß die Einführung der Kontrollbücher nicht die Hauptursache der Aus- sperrung wnr, sondern als Mittel zum Zweck dienen sollte. Herr Gärtner behauptete, nicht mehr«Herr im Hanse" zu sein, des- halb die beiden„Hetzer" nicht wieder eingestellt werden. Mit Bedauern müssen wir heut konstatieren, daß die treibende Kraft dieser Forderung nicht die Firma— oder wenigstens nicht allein— sondern der jetzige Werkführer— unser ehemalige Kollege Stork- mann— ist, der in der Werkstelle derselben Firma noch vor einem Jahre'als der größte„Hetzer" galt, jahrelang im Vorstand des früheren Lokalverbandes saß und auch in der Generalversammlung dieses Jahres noch als Revisor gewählt wurde. Als am Donnerstag, den S. Juni, die Verhandlungen währten, die nur t'/z Stunden dauerten, war der Werkführer Stork mann auf feiten der Firma der Hauptbetciligte, obgleich er in seiner Unschuld den Zuschneidern am 21. Mai erklärte, sie täten gut, daß sie die Kontrollbücher ver- weigerten? er habe seine Konseqnenzen gezogen und gekündigt I Trotzdem begab er sich am Freitag, den 4. Juni— dem Tage nach den Verhandlungen— auf die Suche nach Hausindustriellen, um die Arbeit jetzt in der Hausindustrie zu vergeben. Schon in der Frühstückspause entließ er einen Gesellen, und zwei Stepperinnen und zwei Slepper wurden des Abends entlassen. Am Dienstag früh dursten drei Mann nicht mehr ansangen. Zwei Kolleginnen waren bei Verwandten und hatten sich für Montag entschuldigt, so daß sie erst Dienstag früh anfangen wollten. Als sie nun aus der Werkstelle zurückkehrten, langte eine Karte der Firma an, daß ihre Posten schon besetzt wären. Die Erbitterung über diese Handlungsweise ist so groß, daß am Montagabend die Arbeiter und Arbeiterinnen am liebsten sofort wieder die Arbeit niedergelegt hätten. Sollte die Firma die Situation nicht überschauen können, in die sie durch den Werkführer hineingetrieben wird, so gibt es einen Kampf, der bis zum äußersten geführt wird. Die Ortsverwaltung hat in einem Schreiben die Firma ersucht, die Entlassungen rückgängig zu machen, da die Arbeiter sich erboten haben, sogar in eine verkürzte Arbeitszeit einzuwilligen, wenn ein Arbeilsmangel geltend gemacht werden sollte. Es wird sich zeigen, welche Schritte die Firma S. Gärtner u. Co. unternehmen wird, um die vegangenen Fehler wieder gut zu machen. Deutscher Kürschnerverband jOrtsverwaltung Berlin.) Friedensschluß bei Borsig. Die Stemmer der Firma Borsig hatten gestern vormittag nochmals eine sehr eingehende und teilweise erregte Debatte über die Frage, ob die Arbeit zu den zwischen den Vertretern der beiden Parteien vereinbarten Bedingungen wieder aufgenommen werden sollte. Zunächst gab Handle der Versammlung eine Uebersicht über die augenblickliche Situation und ermahnte zu ruhiger Ueber- lcgung. Sodann berichtete Adam über die nochmaligen Verhand- lungen mit der Direktion, die Dienstag nachmittag stattgefunden hatten. Es ist dabei von neuem über die verschiedenen Streitfragen gründlich gesprochen worden. Der wichtigste Punkt war selbstver» ständlich wiederum die Lohnfrage. Zu der am Montag getroffenen Vereinbarung, die für die Stemmer so gut wie für das ganz Werk gilt, gab die Direktion die bindende Erklärung ab, daß sie sich ver- pflichte, wenn die Stemmer nicht auf ihren bisherigen Durchschnitts- verdienst kommen, soviel zuzulegen, daß sie keinerlei Lohnverschlech- terung erleiden. Die Wiedereinstellung der streikenden Stemnier soll in der Weise erfolgen, daß sofort ein Drittel von ihnen, das durch die Kolonnenführer und Meister ausersehen wjrd, wieder in Arbeit kommt, und daß danach die Streikenden selbst durch Laos bestimmen, welche von ihnen an die Reihe kommen sollen. Es wird sich jedenfalls nur um einige Tage handeln, bis alle wieder einge- stellt sind. Maßregelungen— das wurde wiederholt und mit aller Bestimmtheit erklärt— sollen in keiner Weise stattfinden. Für die Streitigkeiten über die Akkordsätze ist es noch von Wichtigkeit, daß den Stenimern Preistabellen im Betriebe zur Verfügung gestellt werden sollen. In der Debatte zeigte es sich, daß unter den Stemmern noch immer eine außerordentlich starke Abneigung gegen die Wieder- aufnähme der Arbeit zu den vereinbarten Bedingungen herrschte. Man erklärte, daß die Stemmer nur dann wieder in den Betrieb gehen würden, wenn die alten Preise schriftlich garantiert würden und alle sofort wieder arbeiten konnten. Auch trat in der Debatte wiederum die Tatsache hervor, daß die Streikenden vor allem zu verschiedenen Unterbeamten nicht das Vertrauen haben, daß sie die Vereinbarungen genügend beachten Iverdcn. Namentlich wurden hier der Meister Fischer und der Ingenieur W a n d t k e genannt. Diese beiden Herren sollen auch durch die ganze Art, wie sie die Arbeiter zu behandeln pflegen, viel zu der Aufregung und dem Miß- trauen beigetragen haben, die unter den Stemmern herrschen. Man sprach die Befürchtung aus, daß diese beiden vor allem es versuchen würden, die Vereinbarung illusorisch zu machen. Es gelang schließ- lich den Mitgliedern der Subkommission sowie den Organisations- Vertretern, dieses Mißtrauen, sowie die übrigen Bedenken der Stemmer so weit zu zerstreuen, daß die Versammlung sich in ge- heimer Abstimmung mit 33 gegen 14 Stimmen für Aufhebung des Streiks erklärte. Dieser Beschluß wurde jedoch nur unter der Vor- aussetzung gefaßt, daß die Vereinbarungen nun auch wirklich un- eingeschränkt Geltung erhalten. Man ließ keinen Zweifel dar- über, daß andernfalls an einen dauernden Frieden mit der Firma nicht zu denken ist. Anschließend an die Versammlung der Stemmer fand eine Be- sprechung der streikenden Former statt. Es handelte sich hierbei hauptsächlich noch um eine Reihe von Beschwerden, die teils die Ar- beitsweise, teils die Abrechnung der Löhne betrafen. Die Direktion hat auch in dieser Hinsicht versichert, für Abhilfe sorgen zu wollen. Die Former hatten bekanntlich schon am Dienstag die Beendigung des Streikes beschlossen. Sie können sofort wieder in Arbeit treten, da für sie bereits Arbeit genug vorhanden ist. Um 6 Uhr hielten wiederum die Ausgesperrten eine Ver- sammlung ab, um den Bericht über den nunmehrigen Stand der Dinge entgegenzunehmen. Auch die Streikenden nahmen zahlreich an der Versammlung teil. Das Resultat von der letzten Abstim- mung der Stemmer war der Direktion inzwischen mitgetellt worden und dabei waren auch von neuem verschiedene Bedenken zur Sprache gebracht worden. Die Direktion hat nochmals versichert, daß sie in keiner Weise irgendwelche Maßregelungen vornehmen werde, und daß sie für die strikte Durchführung der Vereinbarungen auch den etwa widerstrebenden Untcrbeamten gegenüber sorgen werde. Die Ausgesperrten können sofort wieder in Arbeit treten. Ueber die- jcnigen von den Stemmern, die sofort wieder anfangen sollten, legte die Direktion nun eine Liste vor. Diese Art der Auswahl wurde jedoch von den Arbeftervertretern abgelehnt in der berech- tigten Befürchtung, daß dadurch von neuem das Mißtrauen wach- gerufen werde, man wolle bestimmte Leute nicht, oder wenigstens vorläufig nicht wieder einstellen. Die Direktion erklärte sich denn auch bereit, die Wiedereinstellung so vorzunehmen, daß am Donners- tag früh alle Stemmer im Betrieb erscheinen und daß sie dann ge- meinsam mit den Meistern und Kolonnenführern entscheiden, welche veräntw. Redakteur: Hau» Weber, Berlin. Inseratenteil verantw.: tzon ihnen sofort wieder in Arbeft treten sollen. Bei den übrigen soll dann das Laos entscheiden, wer einen Tag ftüher oder später wieder anfängt. In der Diskussion über den von der Subkommission gegebenen Bericht wurden nochmals von einigen Streikenden Bedenken gegen die Wiederaufnahme der Arbeit und Mißtrauen gegen die redliche Durchführung der Vereinbarungen und Versprechungen geäußert. Demgegenüber wurde aus den Reihen der Ausgesperrten betont, daß die Stemmer ja nun ebenfalls die Beendigung des Streiks oe- schlössen hätten und damit die Angelegenheit auch für die Ausge- sperrten erledigt sei. Eine Abstimmung war unter diesen Um- ständen für die Ausgesperrten selbstverständlich überflüssig. Es liegt nun zu einem guten Teil an den Arbeitern selbst, auch ihrerseits genau darauf zu achten, daß die Abmachungen mit der Direktion in jeder Hinsicht Geltung erhalten. Dazu ist, was noch besonders hervorgehoben wurde, vor allem auch festes Zusammenhalten in der Organisation notwendig. Die Streikenden, welche ncht sofort wieder in Arbeit treten können, melden sich wie bisher im Streiklokal zur Kontrolle, um weiterhin ihre Unterstützung erhalten zu können. Veriandstagsdiäten. Wir werden gebeten, folgende Berichtigung zu veröffentlichen: In dem Bericht über die Generalversammlung des Metallarbeiterverbandes in der Nummer des„Vorwärts" vom ö. Juni sl. Beilage) heißt eS:„Bezüglich der Diäten wurde beschlossen: 12 M. pro Tag..." Die Angabe stimmt nicht. Es sind nicht 12 M., sondern S M. Diäten festgesetzt worden. Berichtigung. In dem Bericht über die allgemeine Schloffer- Versammlung in Nr. 131 des„Vorwärts" heißt es irrtümlich, es würden für selbständig Arbeitende bö Pf. und für Kolonnenführer 70 Pf. verlangt. Das ist ein Irrtum, die Sätze sind 70 Pf. resp. 80 Pf. DeutfcKes Reich. Die„Freie Bereinigung der Mmirer Hamburgs". Die lokalorganisierten Maurer, von denen 280 ausgesperrt sind, nahmen in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung zur Aus- sperrung Stellung. Nach mehrstündigen Verhandlungen wurde be- schlössen, keine Lohnforderungen zu stellen, dagegen den Jnnungs- und Bundesmeistern folgendes Schreiben zu unterbreiten: „In Anbetracht der jetzigen Lage im Baugewerbe richten wir die höfliche Anfrage an die Bauhütte zu Hamburg bezw. an den „Vierstädtebund", ob Sie geneigt sind, auf Grundlage des bisher bestehenden Lohn- und Arbcitstarifes mit uns in llnterhand- lungen über die bestehende Aussperrungder Arbeiter zu treten. Es wird Ihnen ja bekannt sein, daß wir keine Forderung irgendwelcher Art an Sie gestellt haben, trotzdem aber ist ein großer Teil unserer Mitglieder ohne jeglichen Grund am vergangene» Sonnabend aus der Arbeit entlassen worden, beziv. aus ihrem Akkordverhältnisse herausgewiesen. Um nun etwaige Klagen unserer Mitglieder gegen ihre Arbeitgeber zu ver- hüten, haben wir den Wunsch, nns auf friedlichem Wege mit Ihnen zu einigen. Da letzteres selbst der Wunsch vieler unserer Arbeitgeber ist, ersuchen wir Sie höflichst, uns umgehend Nachricht auf unser Schreiben zukommen zu lassen." Das sind ja— tapfere Klassenlämpfer l Da können selbst die Christlichen nicht mit._ Der Streik der Bautischler in Schneidemühl ist jetzt nach fünfwöchiger Dauer mit einem vollen Erfolge der Arbeiter beendet worden. Am 7. Juni wurde ein Tarifvertrag abgeschlossen, der neben einem Stundenlohn von 33 Pf. auch eine Verkürzung der Arbeitszeit von elf auf zehn Stunden vorsieht. Der Streik der Pflasterer und Rammer in Straßburg i. E. ist nach 14tägiger Dauer mit einem vollen Erfolg der Arbeiter be- endet. Die zehnstündige Arbeitszeit wird beibehalten. Der Stunden« lohn für Pflasterer wird von 60 auf 65 Pf., für Rammer von 38 auf 45 Pf. erhöht. Die Weigerung, Akkordarbeit auszuführen, be- rechtigt die Unternehmer nicht zur Entlassung. Der neue Vertrag ist aus zwei Jahre abgeschlossen worden. Zu Kreuze gekrochen. Mit einem Siege der Arbeiter wird der seit nahezu acht Wochen dauernde Lohnkamps im rheinisch-westfälischen Tischlergewerbe enden. Die bürgerlichen Blätter melden bereits, daß die Aussperung be- endet ist, nachdem am Sonnabend der Arbeit„geber"verband des Baugewerbes eine Sitzung abgehalten hat, in der beschlossen wurde, die Aussperrung aufzuheben, die alten Löhne weiter zu zahlen. sogar die bereits abgezogenen 6 Proz. der Löhne den Arbeitern so- fort zurückzuzahlen und von einem Zwang zu dem schlechten Tarif Abstand zu nehinen. Den Herren brennt also das Feuer unter den Nägeln. Sie sehen, daß sie von ihrer frivolen Aussperrung den meisten Schaden haben, daß es ein vergebliches Unterfangen war, die Arbeiter auszuhungern und daß ihnen das ganze Sommergeschäft zum Teufel geht, wenn die Arbeit nicht bald wieder aufgenommen wird. Auf eine telegraphische Anfrage des Vorsitzenden Rath- Essen vom Einigungsamt im Baugewerbe haben die ausgesperrten Arbeiter in Dortmund, Gelsenkirchen und Herne sofort zu den Vorschlägen der Unternehmer Stellung genommen und be- schloffen, die Arbeit nicht früher aufzunehnien, bis mit ihrer Organi- sation, dem Holzarbeiterverband, feste Vereinbarungen getroffen sind. Die Unternehmer wollen erst nach Wiederaufnahme der Arbeit verhandeln. Der Zuzug von Tischlern ins rheinisch-west- fälische Industriegebiet ist also nach wie vor fernzuhalten. Die städtischen Arbeiter in Kiel. Dienstag nachmittag(8. Juni) wurden 25 Mann der Tagkolonne der Straßenreinigung entlassen, weil sie sich weigerten, für die streikenden Abfuhrleute einzutreten. Heute, Mittwoch, morgens sg. Juni) traf das gleiche Schicksal 80 Mann der Nachtkolonne der Straßenreinigung. In der letzten Nacht ist deshalb in den Straßen nicht gesegt worden. 15 Arbeitern der Forst- und Wegeverwaltung ist gleichfalls gekündigt worden, weil sie ebenfalls die Streikarbeit verweigerten. Von den Abfuhrleuten sind nur fünf Mann stehen geblieben, die mit zwei Wagen fahren, die von städtischen Polizisten begleitet werden. In der gestngen Kollegiensitzung machte der Oberbürgermeister Mitteilung von dem Streik. Er beklagte, daß die Arbeiter ohne Kündigung in den Streik getreten sind, und daß sie sich gerade solche Verriebe zur Arbeitsniederleguug ausgesucht haben, in denen sich die Störungen am empfindlichsten bemerkbar machen. Wie die Entlassung der Straßenreinigungsarbeiter ohne Kün- dignng zeigt, hat der Magistrat gar leine Ursache zur Klage über den Kontraktbruch der Arbeiter. Das„BolkShauS" in Dresden hat eine wesentliche Vergrößerung erfahren durch den Ankauf zweier angrenzender Häuser. Die Er- Weiterung machte sich notwendig durch die in den letzten Jahren gewaltig gewachsene Gewerkschaftsbewegung. Als 1902 daS„Volks- haus" gekauft wurde, zählten die freien Gewerkschaften 15 000 Mit- glieder. Diese Zahl ist jetzt auf 60 000 gestiegen. Der Wert deS gesamten Grundstücks beziffert sich auf 657 000 M. Der Streik der Steinsetzer und Rammer in Dresden wird mit ungeschwächter Energie der Arbeiterschaft geführt, obwohl sich die Unternehmer in leicht erkennbarer Absicht bemühen, die Meinung zu verbreiten, daß der Streik beendet sei. Die Situation für die Streikenden steht zurzeit besonder« günstig, da alle Arbeitswilligen, selbst die bisher hartnäckigsten, abgereist sind. Wenn nunmehr der Zuzug streng ferngehalten wird, ist der Sieg den Arbeitern sicher. Der Streik der Maurer und Banardcitcr in Halberstadt ist nach fünfwöchentlicher Dauer beendet lvorden. Den Streikenden gelang lh.Gwcke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr.u.VerIagSanstalt! eS durch Abschluß eines TarifeS eine nennenswerte Erhöhung deS Stundenlohnes zu erzielen. Erwähnt sei, daß gegen einen Streikenden ein Verfahren wegen Beleidigung eines Arbeitswilligen eingeleitet worden ist, obwohl der Arbeitswillige gar keinen Straf- anlrag gestellt, ja sogar erklärt hat, daß er sich nicht beleidigt ge- fühlt hat. Tie Tapeziereraussperrung in München. Von dem bayerischen Arbeitgeberverband wurde arn� 28. Mai die Aussperrung der organisierten Tapezierer beschlossen. Von den angeblich 170 Mit- gliedern des Arbeätgeberverbandes haben nach''ner genauen Auf- stellung bis Donnerstag abend 34 Firmen mit 139 Gehilsen aus- gesperrt. Das Resultat ist für die Scharfmacher ein klägliches zu nennen; nicht einmal ein Drittel der organisierten Arbeiter sind ausgesperrt. Drei Münchener Firmen, mit denen Einzel- Verträge bestanden, sperrten ihre Gehilfen unter Tarisbruch aus. Bei einer vor dem Ginigungsamt stattgefundenen Perhandlung mußten sie sich bereit erklären, die Aussperrung zurückzunehmen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Aussperrung noch weiter um sich greift. Der Arbeitgebeuverband will die Gehilfenorganisation durch die Aussperrung zwingen, einen bedeutend verschlechterten Tarif anzunehmen. Ein Hauptgrund des Widerstandes der Ar» beiter gegen den neuen Tarif war die Nichtaufnahme der Arbeite- rinnenlöhne in denselben. Im Münchener Tapezierergewerbe sind eine größere Anzahl Frauen und Mädchen als Näherinnen be- schäftigt. Während nun für die männlichen Arbeiter längst ein Vertrag bestand, wollten sich die Unternehmer an eine tarifliche Regelung der weiblichen Arbeitslöhne durchaus nicht gewöhnen. Hoffentlich wird es im Kampf, der übrigens für die Arbeiter sehr günstig steht, den Lederprotzen klar gemacht, daß auch die Frau ein gleichberechtigtes Wesen ist. Die Münchener Tapezierer sind zu. 90 Prozent organisiert und sehen mit Ruhe den weiteren Matznahmen des Arbeitgeberverbandes entgegen.— Zuzug ist von München streng fernzuhalten._ Hus Induftnc und FtondeL Mehlpreisschraute. Unter den Steuerprojekten der konservativ-klerikalen Majorität der Finanzkommission befindet sich auch die Mühlenumsatzsteuer. Von ftüher her ist eine solche Steuer auf die Mühlen, die sich mit der Größe ihres Umsatzes unverhältnismäßig steigert, noch in sehr schlechter Erinnerung. Nach dem Vorschlag der Kommission beginnt die Steuer mit einem Pfennig pro Tonne, boträgt aber bei einem Jahresverbrauch von 90 000 Tonnen und darüber 12,50 M. Also eine ausgesprochene Erdrosselungssteuer des Großgewerbes. Mit einem ähnlichen Steuergesetz für Mühlenumsatz hat einmal der bayerische Staat sehr schlechte Geschäfte gemacht. Als die Ludwigs- hafener Walzmühle vor mehreren Jahren abgebrannt war, drohte die Verwaltung der Mühle, das Werk auf dem gegenüberliegenden badischen Rheiiuifer zu errichten. Um die Auswanderung eines so kräftigen Steuerzahlers aus Bayern zu verhindern, mutzten die Bestimmungen der Mühlenumsatzsteuer abgeändert werden. Die Verlegung einer anderen pfälzischen GrohhandelSmühle auf hessisches Gebiet konnte dagegen nicht verhindert werden. Wenn man sich diese schlechte Er- fahrung der Vergangenheit vor Augen hält, so wird man auch von der Wirkung der jetzt vorgeschlagenen Umsatzsteuer auf die Groß- mühlen keine guten Folgen erwarten können. Um die Steuer auf« zubringen, würden die Handelsmühlen den Mehlpreis heraufsetzen. DaS ist eine Perspektive, die gerade bei den gegenwärtigen Preisen für Brotgetreide und den schlechten Aussichten für die nächste Ernte einen nicht gerade gelinden Schauer erwecken muß.— DaS heißt nur bei den Konsumenten; bei den Junkern entsprechen solche Aus- sichten ja einem Zweck ihrer Wirtschaftspolitik: deS Volkes Rot ist ihre Lust l_ Konkursstatistik. Nach der vorläufigen Mitteilung de« Kaiser- lichen Statistischen Amts zur Konkursstatistik gelangten im ersten Vierteljahr 1909 im Deutschen Reich 3221 neue Konkurse zur Zählung, gegen 3189 im ersten Vierteljahr 1908. Es wurden 618 Anträge auf Konkurseröffnung wegen Massemangels abgewiesen und 2603 Konkursverfahren eröffnet; von letzteren hatte in 1584 Fällen der Gemeinschuldner die Konkurseröffnung beantragt. Keine Preiskonvention für Feinbleche. Eine Besprechung von Vertretern der Feinblechwerke kam zu dem Ergebnis, daß Weiter- Verhandlungen zwecks Herbeiführung einer Preislonvention auS- sichtslos seien. Kohlcneinfuhr. Im Mai dieses JahreS wurden aus England 742 459 Tonnen Kohlen eingeführt, gegen 695 677 Tonnen in der gleichen Zeit des Vorjahres. Die Gesamteinfuhr Deutschlands an Steinkohlen stellt sich ans 1 195 757 Tonnen gegen 1 076 687 Tonnen im Vorjahre. Von der Zunahme, die insgesamt rund 120 000 Tonnen ausmacht, entfallen fast 47 000 Tonnen auf England. Dividenden. Die Generalversammlung der chemischen Fabrik Grünau Landsloh u. Meyer Aktiengesellschaft in Grünau setzte die Dividende auf 10 Proz. fest.— Die Aktionäre der Zuckerfabrik Körbisdorf erhalten ebenfalls 10 Proz.— Die gleiche Rente stoßen die Papiere der Niederlausitzer Kohlenwerke Aktiengesellschaft ab. Industrielle Auswandernug. Wie der„Voss. Ztg." berichtet wird, steht die Badische«nilin- und Sodafabrik mit dem Marquis Cornaggia in Mailand wegen Errichtung einer Luftsalpeterfabrik in Verbindung. Es soll die Societä Anonima per la Fabricazione di Nitrato mit 12 Millionen Lire Aktienkapital unter Beteiligung deutscher und italienischer Banken gegründet und zunächst der Ausbau von 30 000 Pserdekräften in Angriff genommen werden. Ferner ist beabsichtigt, bei Benutzung der Patente der Ludwigshafener Gesellschaft unter Beteiligung der Societä Generale per la Ciauamide in Rom eine Luftsalpeterfabrik mit geeigneter Wasserkraft in Dalmatien zu errichten. Das für Neugrllndung erforderliche Kapital sei bereits von zwei Seiten zur Verfügung gestellt.__ Jobber-Gewinn. Aus New Jork wird berichtet, bei der von ihm inszenierten Hausse am Mai-Weizenmarkt habe I. A. Pattens bereits 3'/g Millionen Dollar„verdient". Im Besitze Pattens sollen sich aber auch noch etwa 3 000 000 Bushel Weizen befinden, an denen er ebenfalls einen großen Nutzen erzielen dürfte. Letzte j�aebnehten und Dcpcfchcn* Die Aussperrung in Hamburg. Hamburg, 9. Juni.(Privatdepesche des„Vorwärts".) Der heutige Entscheidungstag hat dem Baugewerbeverein ein arge Ent- täuschung gebracht. Nach der Ankündigung sollte eine Generalaus- sperruung sämtlicher Baubranchen stattfinden. Die Bautischler- meister und Malermeister lehnten die Aussperrung ab» um nicht tarisbrüchig zu werden. Auch die Zahl der Ausgesperrten ist zurück- gegangen. Neue Bewilligungen sind hinzugekommen. Ausgesperrt sind nach genauen Feststellungen: Maurer und Beton- a r b e i t e r 3093, Bauhilfsarbeiter 1787, Zimmerer 1347, zu neuen und alten Bedingungen arbeiten 2400 Maurer. 5 Millionen Dollar Strafe. New York, 9. Juni.(B. H.) In einem auf Verletzung des AntitrustgcsetzeS basierenden Zivilprozeß zahlte die American Engar Refining Compagnie über 5 Millionen Dollar. Die Klage involvierte rund 30 Millionen Dollar. aul Singer& Co., Berlin SW. Hierzu2 Beilagen v.Uaterhaltungsbl� Nr. 132. 26. Jahrgang. 1. KnlM Donnerstag. 10. Inn! 1909. Senolsealchsftsbemguiig und Klalfen- frieden. Wiederholt haben wir betont, daß nur eine Genossenschafts. bewegung. die von sozialistischem Geiste erfüllt ist, für die Arbeiter- klaffe von großem Nutzen sein kann. Der Genoffenschaft und dem großen Kampf der Arbeiterklasse tut eine Ncrflachung der Ge- noffenschaftsidee dahin, daß sie der Friede sei, daß Genoffen- schaften„neutral" sein müssen u. dergl., den größten Abbruch. Darüber sollte nach der Spaltung in Kreuznach zu debattieren überflüssig sein. Vor kurzem mutzten wir die besondere Hervor- Hebung der Ncutralitätsidee auf dem süddeutschen Genossenschafts- tag registrieren. Häufig könnten wir ähnliche Kundgebungen aus der„Genossenschaftlichen Rundschau", dem„Genossenschaft- lichen Volksblatt" und dem„Jahrbuch" anführen. Wir haben es unterlassen, weil wir uns der Hoffnung hingeben, daß derlei verkehrte Ansichten von den Arbeitern in der Praxis widerlegt würden. Dennoch glauben wir. einem uns aus Genossenschaftskreisen zugehenden Artikel die Aufnahme nicht versagen zu dürfen, der im Interesse der Genossenschaft die Klassenfriedens- schalmei mit Recht angreift. Er geht dahin: „Nummer 8 des„Genossenschaftlichen Volksblattes" bringt einen Auszug aus einem Artikel der Nummer 8 der„Metall- arbeiter-Zeitung", in dem behauptet wird, die Genossenschafts- bewegung habe neben der politischen Neutralität auch fern vom Klassenkampf zu stehen. Es heißt dort: „Unsere Gewerkschaftsbewegung ist eine Klassenbewegung in reinster Form, viel reiner noch als unsere politische Arbeiter- bewegung, die ebenfalls auf der Basis des Klassenkampfes ruht, von Klassenkämpfen ausgeht. Anders die Genossenschaftsbewe- gung, die ihrem innersten und zur höchsten Entfaltung ge- brachten Wesen nach nichts anders sein kann als eine gemein- same Wirtschaftsbcwegung aller Klassen, deren Interessen sie in der einen oder anderen Form gleichzeitig zu dienen in der Lage ist. Oder anders, aber in gleichem Sinne: Für die politische Arbeiterbewegung bildet der Klassenkampf die Voraus- setzung für den Klassenfrieden— durch Abschaffung aller Klassen—, während die genossenschaftliche Organisationsform der Gesellschaft eine der Erfüllungen jener Voraussetzung dar- stellt und deshalb naturgemäß heute schon das Ferment der künftigen Einigung aller Klassen enthält und enthalten muß. Taraus ergibt sich logisch die hier schon oft nachgewiesene Not- wendigkeit der neutralen Stellung des Genossenschaftswesens innerhalb aller Klassenkämpfe, während seine beabsichtigte Ein- beziehung in solche— selbst wenn die in Deutschland vorhan- denen gesetzlichen Schranken dagegen beseitigt wären— eine absolute Unlogik gegenüber dem wirtschaftlichen und sozialen Wesen der Genossenschaften in Gegenwart und Zukunft dar- stellt und deren Leistungsfähigkeit relativ und absolut zur Be- deutungslosigkeit herabmindern müßte. Und ein etwaiger Rück- schlag würde auch nicht ohne schwere Folgen für die Arbeiter- bewegung selbst sein. Daß die Genojsenschastsbewegung dem Sozialismus wirtschaftlich und kulturell wesensverwandt ist, kann sie deshalb nicht zu einem„Mistelii. au eitiem Werkzeug des Klassenkampfes gestalten. Embryo des KlassensriedenS und erfordert ger<■ nach wie vor die Förderung aller Faktoren der modernen Arbeiter- � bewegung, sosern deren Endziel die Beseitigung der Klassen- Herrschaft ist." Ein Zukunftsbild für ein hochentwickeltes Genossenschafts- wesen— nichts weiter I Denn in der Praxis sieht doch die Ent- Wicklung des modernen Genossenschaftswesens ganz anders aus. Aus welchem Grunde begeistert sich heute eine ganze Anzahl von Arbeitern für die moderne Genossenschaftsbewegung? Doch nur deshalb, weil sie in ihr nicht nur einen augenblicklichen wirtschaftlichen Vorteil er« blicken. Sie sehen vielmehr in jedem Laden, der durch die Genossenschaft eröffnet wird, ein Stück zukünftiger Wirtschafts- form. Und waren es nicht auch gerade die Pioniere des Genossen- schaftSwesens, ein Rob. Owen und die Rochdahler Weber, die glaubten, durch dasselbe die kapitalistische Gesellschaft ablösen zu können? Aber niemand glaubte an eine so kampflose Entwicklung, im Interesse aller Klassen, wie der Artikelschreiber. Wenn man die Genossenschast im allgemeinen Sinne auf- faßt, dann ist sie sicher eine gemeinsame Wirtschaftsbcwegung, die den Interessen aller Klassen dienen kann. Soweit sie von Ge- kleines feuilleton. Zum Rücktritt Tschudi» schreibt die trefflich geleitete Zeitschrift ..Kunst und Künstler" in ihrem jüngsten Heft:„Mit resignierender Beschämung verzeichnen wir die Tatsache, daß Hugo v. Tschudi die Nationalgalerie nun doch verlätzt, um einem Ruf nach München zu folgen. Beschämt fühlen wir uns. weil wir nach den November- Vorgängen zu viel Hoffnungssreudigkeit an den Tag gelegt haben. Wir hätten wissen müssen, daß ein so unbedingter Sieg der guten Sache im Milieu unserer Kunstpolitik noch unmöglich ist, daß grotze Herren sich niemals ins Unrecht setzen lassen und daß sie jederzeit auch die Werkzeuge finden, die sie brauchen. Dadurch, daß Hugo v. Tschudi nun, angeekelt von all den Intrigen rings umher, selbst seine Stellung aufgegeben hat, wird der fernere Kampf für ihn, für das von ihm Geschaffene unmöglich.... Wie der verärgerte Wallot einst in Dresden mit tendenziös gerichtetem Wohlwollen aufgenommen worden ist, so rehabilitiert München nun den Mann, den die kaiserliche Regierung in Berlin als Schädling glaubt be- handeln zu müssen.... Es erkennt aber die alte berühmte deutsche Kunststadt mit ihrer Berufung Hugo v. Tschudis auch dessen Werk an, die Ber- liner Nationalgalerie, wie sie vor einem Jahre noch war. Und darin liegt das Hoffnungsvolle, woran wir uns halten können. Datz Tschudis prachtvoller Plan einer wahrhaft nationalen Galerie bis zu solchem Grade überhaupt verwirklicht werden konnte und datz das Ethos diese? schönen Stückes Geschmacksarbeit im alten Kunstzentrum Deutschlands gewürdigt und indirett auch offiziell anerkannt wird: das sind immerhin Tatsachen, die unseren Glauben stärken dürfen. Wir werden unsere Nationalgalerie, von der keiner weiß, wa« nun aus ihr werden soll, immer so sehen, wie sie unter Tschudis Leitung gewesen ist." Lichtfallen für schädliche Insekten. Die Vernichtung schädlicher Waldinseklen, besonders des forstfeindlichen Nonnensalters, durch elektrisches Licht ist bei Zittau in Sachsen mit Erfolg probiert worden. Die' Anziehungskraft des Lichtes auf die Nachtschwärmer und Schmetterlingseulen wurde benutzt, um sie in größeren Schwärmen aus dem Walde herauszulocken und die das Licht umflatternden Tiere dann zu vernichten. Zunächst wurden nach Einttitt der Dunkelheit möglichst alle Bogenlampen der Straßen- beleuchtung eingeschaltet, und zwar ohne Glocken, damit der ungedämpfte Lichtschein auf den einige Kilometer entkernten Wald einwirke. Die herbeigelockten, gegen die Lampen schwirrenden Falter kamen teilweise mit den glühenden Kohlenstiften in Be- rührung und fielen versengt zu Boden. Nachdem dieser Versuch die Anziehungskraft der verfügbaren Lichtquelle erwiesen, wurde nachts 11 Uhr die Stratzenbeleuchtung gänzlich ausgeschaltet und an vier erhöhten Punkten Scheinwerfer mit 40 Ampere Stromstärke aufgestellt, deren gewaltige Lichtkugel auf die von den Faltern am meisten heimgesuchten Waldteile gerichtet wurden. Diese Scheinwerfer erwiesen sich als ein starkes AnziehungSmittel und wurden in ihrer Wirkung noch verstärkt durch je zwei bedeckte werbetreibenden und Landwirten dazu benutzt wird, sich ganz wesentliche Vorteile beim Ein- und Verkauf ihrer Produkte zu verschaffen, ist sie allerdings ein Mittel, die heutige Klassengesell- schaft zu erhalten. Aber so wie sich die Arbeiter ihrer be- dienen, schlägt rhr Zweck in das Gegenteil um und wird ein Mittel zur Auflösung der heutigen Wirtschaftsform. Nun sagt der Artikelschreiber: die Genossenschaftsbewegung enthält das Ferment der künftigen Einigung aller Klassen. Ehe sich aber die Einigung vollziehen kann, muß doch erst eine Auf- lösung, eine Zersetzung der bürgerlichen Klasse vorsichgehen. Und angesichts der Tatsache, daß die Vertreter der bürgerlichen Ge- sellschaft in der kleinsten unbedeutendsten Reform, im Interesse der Arbeiterschaft, schon eine Förderung des sozialistischen Zukunft- staates erblicken, ist wohl nicht zu erwarten, daß sie der Genossen- schaft Sympathie entgegenbringen oder gar sie als eine ge- meinsame Wirtschaftsbewegung aller Klassen betrachten und durch sie die ganze heutige Wirtschaftsreform, recht friedlich, in eine, die ganze Gesellschaft in sich schließende, Genossenschast ver- wandeln. Ferner bezeichnet der Klassenfriedensartikelschreiber die Ge- nossenschaft zwar als wesensverwandt mit dem Sozialismus, aber ein Werkzeug des Klassenkampfes könne sie nicht werden, weil sie der Embryo des Klässenfriedens ist. Nun bringt uns doch aber der Sozialismus am Ende überhaupt den Klanenfrieden, folglich müßte ja seine Entwicklungsbahn, wenn der Artikel recht hätte, frei von allen Klassenkämpfen sein. Unverständlich ist, wie es dem„Genossenschaftlichen Volksblatt" möglich ist, diese Ansichten zu den seinigen zu machen. Sind doch in fast jeder Nummer Berichte enthalten, die zeigen, wie rücksichts- los von bürgerlicher Seite der Kampf gegen die Konsumvereine geführt wird. In derselben Nummer 8 des„Genossenschaftlichen Volksblattes", die den„Klassenfriedensartikel" enthält, steht ein Leitartikel:„Ein Plan zur Erdrosselung der Konsumvereine in Bayern". Da verlangen die selbständigen Kaufleute und andere Gewerbetreibende, datz die Regierung bei der Beratung der Steuerreform im ganz besonderen die Konsumvereine heranziehen soll. Dabei wird in diesem Artikel treffend nachgewiesen, daß ein Konsunwerein für seinen Umsatz 14 818,55 M. Steuern zahlte, lvährend Privatgeschäfte gleicher Art für denselben Umsatz nur 6771,15 M. zahlen; das macht eine Mehrbesteuerung von ILVProz. Da der Verein 81 500 M. Reingewinn erzielt hatte und davon 14 813,55 M. Steuern bezahlt werden mußten, so macht das nahezu 18 Proz. aus, die heute der Staat den Arbeitern von ihrer Dividende schon wegnimmt. Wenn man weiter beobachtet, daß die ganze Besteuerung der Konsumvereine nur eine Doppelbesteuerung des Arbeiters bedeutet, indem doch der Ueberschuß nichts weiter ist als die Summe, die das Jahr über für die gekauften Waren nach den ortsüblichen Preisen zu viel gezahlt worden ist, dann kann man wohl nicht annehmen, daß das zur Förderung des Klassenfriedens beiträgt. Dem Schreiber und den Befürwortern deS Klassenfriedensartikels ist die Broschüre:„Ein Vortrag von Heinrich Beythien, Generalsekretär der Rabattsparvereine Deutschlands, gehalten 1307 auf dem Verbandstage in München", zur Lektüre zu empfehlen. Diese ganze Broschüre ist fast ausschließlich dem Kampfe gegen die Genossenschaftsbewegung der Arbeiter gewidmet. Es wird dort dargelegt, wie die vereinigten Gewerbetreibenden einen heftigen Kampf mit Hilfe der Regierung fortgesetzt gegen die Genossen- schast führen. Da werden die Leiter von Fabriken so lange be- arbeitet, bis sie ihren Angestellten und Arbeitern verbieten, einen Konsumverein zu gründen oder beizutreten. An den Reichskanzler, an alle Abgeordneten und andere einflußreiche Personen werden Denkschriften gesandt, um die EntWickelung der Genosseuscvccftö- bewegung zu verhindern. Und daß diese Gegenagitation von vr- folg begleitet ist, kann an zahlreichen Beispielen bewiesen werden. Offenkundig aber ist, daß der Staat ganz energisch eingreift, um seinen Angestellten und Arbeitern die Mitgliedschaft in einem modernen Konsumverein zu verbieten. Aus politischer Klugheit wird zwar gestattet, daß sich staatliche Angestellte eigene Konsum- vereine gründen können. Man weiß aber ganz genau, daß diese nicht gefährlich für die bürgerliche Gesellschaft werden können. Denn in kleineren Städten ist die Zahl der Angestellten zu gering und in größeren wohnen sie zu weit auseinander, um ein kon- kurrenzfähiges Geschäft aufrechterhalten zu können, geschweige sich zu größeren Unternehmungen zu entwickeln. Eine gemeinsame Genossenschaftsbewegung aller im Sinne des Klassenfriedens- artikelschreibers ist nicht möglich. Denn die Gegner kämpfen genau in derselben intensiven Weise gegen die Genossenschaften, wie gegen unsere Partei und Gewerkschaften. Sie sehen in der Bogenlampen, die gewissermaßen als Tummelplatz für die herbei- gelockten Insekten dienten. Zur Vernichtung der Falter diente dann ein in unmittelbarer Nähe aufgestellter Ventilator sExhaustor), vor dessen Ausblaseöffnnng ein Stück weitmaschiger Drahtgaze ausgespannt war. Die hineingesogenen Tiere wurden gegen das Drahtnetz geschleudert und sielen mit zerbrochenen Flügeln zu Boden. So wurden in manchen Nächten von einem einzigen Aufstellungspunkt 80 bis 60 5kilogramm, das sind bis 400 000 Falter, vernichtet, während an anderen Tagen das Ver- fahren weit weniger erfolgreich war, namentlich bei Hellem Mond- schein. Kälte und gegen die Anflugrichtung wehendem Winde. In warmen, ganz ruhigen Nächten von 12 bis 15 Grad Celsius bei bedecktem Himmel fand bisweilen ein außerordentlicher Zuzug statt. den auch mätziger, langsam fallender Regen nicht sehr störte. Mit einem fahrbaren Azctylenapparat nebst Ventilator sind dann auch im Walde selbst günstige Ergebnisse erzielt worden. Die Frage nach der Urheimat des Menschengeschlechts ist noch nicht mit voller Sicherheit entschieden. Immer noch beruhen alle Annahmen darüber ausschlietzlich auf Wahrscheinlichkeitsschlüssen von mehr oder weniger Gewicht. So ist es denn kein Wunder, schreibt Arldt in der„Polit.-Anthrop. Revue", datz jedes Kontinental- gebiet als Heimat des Menschen angesehen worden ist: Afrika von Darwin wegen der Schimpansen, Jnnerasien von Haeckel, Südeuropa von M. Wagner, Nordeuropa von Wilser. Südamerika von Ameghin«. der indische Archipel von Dubois, Australien von Schoetensack. Björnst- jerna hat gar zwei Entwickelungszentren, eines im Nord- und eines im Südpolargebiet angenommen. Die meisten dieser Annahmen haben sich im Laufe der Zeit als hinfällig herausgestellt, besonders schieden die südlichen Erdteile aus, denn die EntWickelung des Menschen kann nicht von der der katarrhinen Affen losgelöst werden, deren Ent- Wickelung wahrscheinlich in dem nordeuropäischen Kontinente der älteren Tertiärzeit zu suchen ist. Dieser Kontinent war damals durch breite Meeresarme von Afrika und Asien geschieden und stand mit Grön- land durch eine schmale Landbrücke über Island in Verbindung. Im Miozän trat zunächst die Verbindung mit Nordasien ein und so kann für die EntWickelung des Menschengeschlechts— nach Arldt— ernstlich nur das eurastsche(europäisch-asischej Gebiet als Stamm- land in Frage kommen. Die Polarreise einer Tonne. Eine Tonne, die bor neun Jahren von der Geographischen Gesellschaft zu Philadelphia nördlich der Behringstratze ausgesetzt wurde und die so lange Zeit dem Druck des arktischen Eises widerstanden hat, ist jetzt wieder in den Besitz der genannten Gesellschaft gelangt und hat durch ihre lange Irr- fahrt der Polarforschung wertvolle Aufschlüsse über die Strömungen in den Polarmeeren gebracht. Die Tonne gehörte zu einer ganzen Flottille von 85, dre in den Jahren 1898 bis 1301 ausgesetzt wurden, um Anhaltspunkte über die Richtung und die Schnelligkeit der Meeresströmungen um den Pol herum zu liefern. Jede war nummeriert und enthielt in vier Sprachen Mitteilungen an den Finder, der gebeten wurde, sie dem nächsten amerikanischen Konsul oder der Gesellschaft selbst zurückzusenden, unter genauer Angabe der t Arbeiterkonsumgenossenschaft einen viel gefährlicheren Gegner als in dem so sehr gehatzten Warenhaus. Denn an das Warenhaus sind die Käufer nicht als Mitglieder gefesselt, deshalb besteht immer noch die Hoffnung, datz die Kunden wieder zurückkehren können, während die Mitglieder des Konsumvereins mit ganz wenig Ausnahmen ihnen als Kunden verloren bleiben. Auch an Wirksamkeit kann ein Vorgehen auf genossenschaft- lichcm Gebiete dem gewerkschaftlichen Kampfe gleichkommen oder es kann ihn auch übertreffen. Denn streikende Arbeiter müssen schließlich nach beendetem Kampfe, ganz gleich, ob er mit oder ohne Erfolg geführt wurde, zu ihrem Ausbeuter zurückkehren. Wenn dagegen Arbeiter als Käufer gegen Gewerbetreibende, die sich gegen Arbeiterinteressen vergangen haben, wie es so oft ge« schieht, vorgehen und jenen ihre Kundschaft entziehen, brauchen sie nie wieder zurückkehren, sondern sie können jenen den Profit entziehen und im eigenen Interesse verwenden. Die Geschichte der Genossenschaftsbewegung beweist auch, daß sie sich nicht immer so streng von allen Klassenkämpfen fern- gehalten hat. Verwiesen sei nur auf England, auf den Riesen- ausstand der englischen Kohlengräber 1833.(„Neue Zeit", XII, I. S. 271, von Ed. Bernstein.) In Belgien ist die Genossenschaft mit der Partei und der Gewerkschaft geradezu verbunden. Ge« nasse Vandervelde schildert dieses ausführlich in der„Neuen Zeit". XVI, I, S. 327 ff. Aber auch hier in Deutschland haben einzelne Konsumvereine schon sehr segensreich bei schweren gewerkschaft« lichen Kämpfen gewirkt. Und es hat weder hier noch in anderen Ländern der Eniwickelung der Genossenschaft geschadet. Bei der heute so gut fundierten Gewerkschaftsbewegung wird es ja immer seltener notwendig sein, daß die Genossenschaft eingreift. Wir gehen aber immer mehr den Zeiten entgegen, wo die Wirtschaft- lichen Kämpfe zwar seltener, aber desto umfangreicher und rnten- siver werden. Und da kann es zuweilen vorkommen, daß, wenn bei einem solchen Riesenkampf größere Massen Genossenschasts- Mitglieder beteiligt sind, im äußersten Falle auch die Genossenschaft einspringen wird, schon der Selbsterhaltung wegen. Sie wird es allerdings nur insoweit tun, als ihr Bestehen nicht gefährdet wird. Viel weniger noch greift die Genossenschaft in einen Wahl- kämpf ein. Und doch vollzieht sich hier die EntWickelung nach einer ganz bestimmten Richtung. Denn wenn alle Genossenschafts- Mitglieder von der Aufgabe der Genossenschaft durchdrungen sind und in ihr den Embryo des Klässenfriedens erblicken, dann kann es doch gar keiner Frage bedürfen, wenn sie zum Schutze ihrer Genossenschaft Abgeordnete in die Parlamente schicken. Und mit vollem Recht würde der. der nicht einen Kämpfer gegen den heutigen Klassenstaat wählt, als Verräter der Genossenschastssache bezeichnet werden. Die naturgemäße EntWickelung von der Konsum- zur Pro« duktivgenossenschaft wird immer größere Wirkungen im Wirt» schaftsleben auslösen und folglich eine immer gehässigere Gegner» schaft hervorrufen. Dann wird neben dem Kaufmann und Krämer auch der Fabrikant und Kleinmeister den Kampf mit aufnehmen. Die Gegner sehen eben, welche Gefahr ihnen erwächst, datz das Genossenschaftswesen ein Zukunftsgebilde ist, das allem Profit- machen für den einzelnen für immer ein Ende bereitet und auch die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beseitigen Hilst. Deshalb wird der Kampf, trotz aller Friedensschalmeien, von jena» Seite gegen die Genossenschaften in Zukunft immer energischer geführt werden. Und hoffentlich wird auch der Klassenfriedens- artikelschreiber bald eines anderen belehrt werden, wenn er sich bemüht, von der theoretischen Warte mal herab in die rauhz Praxis zu steigen." »mu.BÖ.t gintad* Die Darlegungen im vorstehenden Artikel sollten unsere Ge« nossen in der Konsumvereinsbewegung veranlassen, der irrigen Neutralitäis- und Friedensidee in den Konsumvereinen entgegen« zutreten. Nichts kann die Genossenschaftsbewegung der Arbeiter» klaffe mehr entfremden, als solche der Wirklichkeit und natür» lichen EntWickelung entgegenstehenden Friedensschalmeien. Nur wenn die Genossenschaften sich als Glied in der großen Arbeiter« armee fühlen und betätigen, sind die Genossenschaften für die Arbeiterklasse wertvoll._ 6. Nerbandstlig des deutschen Transportarbeiter- Derbaudes. München, 8. Juni. Sämtliche Mandate werden für gültig erklärt.•»- Hierauf erstattete der Vorsitzende Schumann-Berlin den Zeit und des Ortes der Auffindung. Die erste Tonne hat nun ihren Weg an die Küste der Insel Sörö in Norwegen gefunden und wurde der Gesellschaft von dem Polarforscher Kapitän Amundsen zurückgesandt. In einer Zeit von mehr als acht Jahren hat sie 3850 Kilometer in der Lustlinie zurückgelegt; da sie wahrscheinlich mit Umwegen den Strömungen gefolgt ist, war ihr tatsächlicher Weg jedenfalls viel länger. Das Experiment zeigt, datz die Be» ivegung der Polarströmung von Westen nach Osten geht. Es bestand bereits die Vermutung, daß solch eine Strömung bestehe und um sie zu bestätigen, war der Versuch unternommen worden. Kapitän Amundsen baut seinen neuen Plan einer Polarexpedition auf den Annahmen auf, zu denen die Polarreise dieser Tonne ihn ge« führt hat. Humor und Satire. Bilderstürmer. Die Leute können es nicht verstehn, daß er Heinrich Heine verkloppte. Ja, soflU er denn etwa behalten de», der seine Familie so foppte? ES wird doch jeder Bürger ein Bild verkaufen oder verschenken, bei dessen Anblick ihn Haß erfüllt..» Wer könnte ihm das verdenken? Wenn ich ein möbliertes Zimmer nehm', so sag' ich zur Wirtin immer: DaS Bild da— Sie wissen ja wohl, von wem—» das tun Sie mir aus dem Zimmer I _ Franz. Notizen. — Theaterchronik. Im Kleinen Theater geht Sonnabend Ludwig Thomas Koinödie„Moral" zuin 200. Male in Szene. — Musikchronik. Für das Gastspiel der Mareella Sembrich in der Gura-Oper am 17. und 21. Juni („Traviata" und„Barbier von Sevilla") ist der Vorverkauf im kgl. Opernhaus von 10'/«— 1 Uhr, bei Wertheim und im Jnvalidendank eröffnet. — Fritz O verbeck, einer der Worpsweder Landschaftsmaler. ist noch nicht 40 Jahre alt in der Nähe von Bremen gestorben. Gemeinsam mit Kollegen der Düsseldorfer Kunstakademie(Modersohn. Mackensen, Vogelcr) hatte der geborene Bremer vor Jahren in dem Dorfe Worpswede bei Bremen die bald bekannt gewordene WorpS- weder Malerschule begründet. Wie seine Gefährten suchte O. die schwermütigen, aber höchst koloristischen oder auch sehr zarten Stimnmngcn der Moorlandschast künstlerisch zu erfassen. Unter den Heimatkünstlern, die uns neue Gebiete erschlossen und uns die Sinne für neue Schönheiten geweckt haben, steht Overbeck als Maler nordwestdeutscher Landschaft in erster Reihe. Geschäftsbericht. -der Redner gab an der Hand der gedruckt Lorliegenden Jahrbücher für tg07 und 1908 ein anschauliches Bild der Ent- Wickelung und Tätigkeit des Verbandes in den letzten zwei Jahren. Infolge der wirtschaftlichen Krise ist gegenüber dem Jahre 1997 ein Mitgliederrückgang von 1215 zu verzeichnen. Von einem eigentlichen Rückgang kann jedoch nicht gesprochen werden, denn in demselben Zeitraum stieg die Zahl der geleisteten Wochen. beitrüge um 126 973. Ebenso ist auch seit dem letzten Verbandstag vor zwei Jahren die Mitgliederzahl von 81 784 auf 87 746 am Schlus; des Jahres 1998 gestiegen. Die Zahl der Verwaltungs- stellen hat sich von 257 auf 392 erhöht. Reben dem„Courier" wird in einer Auflage von 19 999 Exemplaren der„Straßen bahner" und als Fachorgan für die Reichssektion der Eisen bahner der„Weckruf" herausgegeben. Die beiven letzten Organe find für die Organisation von großer Bedeutung, weil beide in Airbetracht der schwierigen Agitation unter den Eisen- und Straßenbahnern ein tüchtiges Stück Arbeit leisten müssen. In bezug aus Lohnbewegungen blieb das Jahr 1998 infolge des Wirt- schaftlichen Niederganges gegenüber 1997 erheblich zurück. Im Jahre 1997 wurden insgesamt 539 Lohnbewegungen geführt, an denen 21 361 männliche und 1888 weibliche Berufsangehörige beteiligt waren. Die Gesamtkosten dieser Bewegungen betrugen 222 713,22 M. Im Jahre 1998 waren nur 394 Lohnbewegungen in 191 Orten zu verzeichnen. Diese Bewegungen erstreckten sich auf 1686 Betriebe mit 15 623 männlichen und 1946 weiblichen Berufsangehörigen. Die Kosten der gesamten Lohnbewegungen des Jahres 1993 beziffern sich auf 54 741,78 M. Bon den 394 Lohnbewegungen waren 397 Angriffsbewegungen; 81 mußten zur Abwehr von Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen ge- führt werden. Besonderes Interesse beanspruchen die durch die Lohn- bewegungen errungenen Erfolge. Da überragen die 1997 er- zielten Erfolge weit die des Jahres 1993, was allerdings durch die KrisiS erklärlich ist. Im Jahre 1997 erzielten 6858 Personen eine Arbeitszeitverkürzung um 328 719 Stunden pro Woche, auf einen Beteiligten kommen somit 4,3 Stunden pro Woche. Im Jahre 1993 wurde eine Verkürzung der Arbeitszeit für 3298 Be- teiligte mit insgesamt 12 325% Stunden pro Woche erzielt. Das ergibt für den einzelnen Beteiligten eine Verkürzung der Arbeits- zeit um 3,8 Stunden pro Woche oder um reichlich eine halbe Stunde pro Tag. Die durch die Lohnbewegungen im Jahre 1997 erzielte Lohn- erhöhung betrug für 21 769 Beteiligte 56 986,93 M. pro Woche. Das ergibt pro Woche und Beteiligten die Summe von 2,58 M. oder von 134,16 M. pro Jahr und Beteiligten. Der durch die Lohnbewegungen erzielte Mehrlohn beträgt für alle Beteiligten die Summe von 2 916 529,86 M. pro Jahr. Im Jahre 1993 be- trug die errungene Lohnerhöhung für 19 892 Beteiligte ins- gesamt 23 894,62 M. pro Woche. Das ergibt pro Beteiligten und Woche 2,19 M. oder rund 114 M. per Jahr. Der durch die Lohn- bewegungen erzielte Mehrverdienst beträgt für alle Beteiligten die Summe von 1 242 529,24 M. pro Jahr. Diesen materiellen Errungenschaften müssen selbstverständlich hinzugerechnet werden die Summen, welche sich aus der Neu- einführung von Ileberstundenbezahlung bezw. Erhöhung dieser Lohnsätze sowie aus der Bezahlung von Sonn-, Feiertags- und Nachtarbeit, Prozenten, Spesen usw. ergaben. Tarifverträge hat der Transportarbeiterverband mit einer großen Zahl Unternehmer abgeschlossen. Im Jahre 1997 hatte er 175 Tarifabschlüsse für 1496 Betriebe und 11 989 vertragsbeteiligte Arbeitnehmer zu verzeichnen. Von diesen wurden 134 bei Lohn- bewegungen ohne Streit vereinbart, 41 gelangten bei Streiks zum Abschluß. Neuabschlüsse waren 172 für 1492 Betriebe mit 11 526 Beteiligten und Tarifrebisionen bezw. Verlängerungen 3 für 4 Betriebe mit 454 Beteiligten zu verzeichnem Tie Zahl der im Jahre 1998 abgeschlossenen Tarife faßten 1987 Betriebe mit 8668 vert Verglichen mit den Abschlüssen deS Jahres.„ den Fällen ein Minus von 17, bei den Betrieben ein soll 319 und bei den Beteiligten ein Weniger von 3312 Personen. Den Kassenbericht erstattete K a ß l e r- Berlin, der den Kassenabschluß als günstig bezeichnete. Während im Jahre 1997 eine Einnahme von 1 931 532,34 M. erzielt wurde, betrug dieselbe 1993= 1 134 227,99 M. Der Vermögensbestand der Hauptkasse betrug 1997— 334 233,86 M., 1993 dagegen 468125,63 M., wozu noch ein Bestand der Ortskassen von 244 889,89 M. kommt. Außer den oben angeführten Summen, die bei Lohnbewegungen ver- ausgabt, sind auch die Summen, welche für Unterstutzungen an» gewandt wurden, ganz bedeutende. Den Bericht des Ausschusses erstattete L ü d e ck e> Magdeburg, der die zahlreichen beim Ausschuß eingelaufenen Be. schmerden rekapitulierte, die aber meist interner Natur sind. Doch werden diese Beschwerden voraussichtlich länger den Ver» bandstag beschäftigen, so eine Beschwerde des früheren Gauleiters Issel- Kiel, der sich gegen einen Beschlutz wendet, wonach ihm die Möglichkfit, wieder Beamter zu werden, genommen ist, und eine Beschwerde des früheren Gauleiters H a b i ch t° Frankfurt am Main, die sich mit seiner plötzlichen Amtsenthebung(die unter Zustimmung beider Teile vollzogen wurde) befaßt. An den Berichten des Vorstandes und des Ausschusses knüpfte sich eine rege Diskussion. Es sind für diese mehr als 49 Redner vorgemerkt. Nach längerer Debatte wurden die Verhandlungen vertagt. Etos der Frauenbewegung. „Gefahren" der Franenbewegung. Die„Post" veröffentlicht seit einigen Monaten wiederholt Artikel, die verraten, welch große Angst und Sorge die„Postleute" beherrscht von den Erfolgen unserer Agitation unter den Frauen. Vor allem erscheint ihnen die Vorherrschaft des Mannes gefährdet. Solch Unglück dürfe nicht eintreten. Das Bolksempfinden spreche dem p h y s i s ch stärkeren männlichen Geschlecht, dem Hauptveranlwortung auferlegt sei, auch das entsprechende Herrscherrccht in Familie und Staat zu. Was ohne Schädigung der Familien- und Staatsinteressen geschehen könne und müsse, sei die Heranziehung der Frau zur Mitarbeit auf allen Gebieten. Was unter allen Umständen vermieden werden müsse. sei die H e r r s ch a f t d e r F r a u im öffentlichen Leben. Auch das Eheleben würde davon betroffen und das Verhältnis beider Gatten sich oft unerträglich gestalten, wenn die Frau dem Manne gegenüber ihre abweichende Meinung zur Geltung bringen wolle. Aus dem Volksempfinden heraus konnte nach Meinung der „Post" eine solche Umwälzung sich nicht vollziehen, dazu war der energische Wille einzelner h e r rs ch s ü ch ti g e r Frauen, die agitatorische Wucht der von diesen durch die Presse mobil ge- machten Berufsfranen und bor allem die Mitwirkung der Regierung notwendig I Es wird zwar zugegeben, daß die Zahl der erwerbs- tätigen Frauen von Jahr zu Jahr anschwillt, daß z. B. die Handlungs- gehrlfinnen mehr und mehr den Handlungsgehilfen verdrängen. daß zurzeit 29 999 Frauen im Fernsprech- und Eisenbohndienst stehen, daß die Zahl der Volksschullehrerinnen um 136 Proz. sich vermehrt hat; die Konsequenzen zieht die„Post" jedoch nicht, sie spricht nur von bürgerlichen Berufen und der bürgerlichen Frauen- bewegung; sie vergißt zu erwähnen, daß in Deutschland 19 Millionen erwerbstätige weibliche Personen vorhanden sind, meisten« Lohn- arbeiterinnen. Gegen das Eindringen der Frauen in die Erwerbs- arbeit und Berufe des Mannes hat die„Post" natürlich nichts ein- zuwenden, da sie willkommene Ausbeutungsobjekte sind. Derselbe Kapitalismus, mit dem die konservativen.Postleute" ein Herz und eine Seele sind, hat diesen Zustand der Dinge ge- schaffen, nickt der energische Wille einzelner Herrschsüchtigen. Die Frau des Mittel- und Kleinbürgertums kann infolge dieser Ent- Wickelung heute ebenso wenig wie die weiblichen Angehörigen der Arbeiterklasse in der der den Lebensunterhalt und Lebensinhalt in der Familie. -er Häuslichkeit finden, sie mutz beides außerhalb derselben, in Oeffentlichkeit, rn der Gesellschaft suchen. Die Anhänger der Post" kennen auch genau die Zusammenhänge und Entwickelungsgesetze st so verherrlichten Gesellschaftsordnung. Sowei Prolctarierinnen in Frage kommen, ist es das Klasscninteresse, der von ihnen sonf soweit eS sich um bürgerliche Frauen handelt, die Konkurrenz furcht, die den die Vorherrschaft ausübenden bürgerlichen Mann veranlaßt, gegen die Forderung sozialer und politischer Gleich- berechtignng der Frau Front zu machen. Die„Postleute" erkennen, dah die Auslieferung politiscker Rechte an die Frau die Einräumung von politischer Macht bedeutet, die bei den bürgerlichen Frauen ge- nützt werden wird zur Beseitigung sozialer Schranken, die ihrer geistigen EntWickelung und ihrer liberalen Berufstätigkeit gesteckt sind, daß also der Besitz politischer Rechte sie konkurrenzfähiger macht im Kampf um Amt und Beruf, während der Besitz politischer Rechte die proletarische Frau be- fähigt, den Kampf gemeinsam mit dem Manne ihrer Klasse erfolgreicher zu führen um ihren wirtschaftlichen Aufstieg und ihre endliche Be- s r e i u n g. Ganz folgerichtig betrachten die„Postleute" die Gewährung des politischen Vereins- und Versammlungsrechts als die erste Abschlags- zahlung an die volle politische Gleichberechtigung der Frau. Sie sehnen einen starken Mann herbei, einen Ritter Georg, der es fertig brächte, dem Strom der Entwickelung Einhalt zu gebieten. In Ermangelung eines solchen starken Mannes jedoch müssen alte Kadenhtiteie.. als Argumente gegen die politische Gleichstellung, die • sqjiale Wertschätzung und den freien wirtsckastlichen Wettbewerb der Fran-berhaltsn. Mit Emphase wird erklärt:„Die Frau übt die Wehrpflicht nicht aus." In einem Leitartikel im Mai läßt die„Post" ihren Gewährs- mann, einen Herrn Schützler sagen:„Der Mann, nicht aber die Frau ist verpflichtet, jeden Augenblick sein Leben für die Verteidigung und die Ehre des Vaterlandes hinzugeben, die Verteidigung des Herdes mit seinein Herzblut zu bezahlen, und darum hat eS der Mann selbstverständlich nicht nötig, sich von der Frau regieren zu lassen und ihr die Entscheidung über Krieg und Frieden, über das Wohl und Wehe des Vaterlandes einzuräumen. DieLeitung imöffentlichen Leben gehört dem Manne, dessen Schutz die Frau ebenso bedarf, wie das Kind den Schutz der Eltern. Was gibt aber das Weib als anerkennenswertes Aequivalent für die ihr erlassene Wehrpflicht, wenn sie in Aemter und Stellungen, die früher den Wehrpflichten zukamen, einrückt?" Wie unverhülll hier die Angst sich zeigt um die eigene Vor- Herrschaft in Amt und Würden I Und doch müssen die.Post"leute wissen, daß die Frauen nicht Vorherrschaft, sondern gleiches Recht ver- langen. Ebenso ist ihnen genau bekannt, daß unzählige Frauen ihr Leben, ihr Herzblut hingeben müssen, nicht um Leben zu vernichten, sondern um der Gesellschaft das Kostbarste, das Höchste zu leisten. Menschen zu gebären und zu erziehen. Vom Jahre 1816 bis 1876 Frauen zu rechnen sind, welche an den Folgen der Entbindung zeitlebens stech blerben. ES ist dies eine Leben und Gesundheit, als die Kriege in der gleichen Zeit gefordert haben. Die Stellung der.Post"leute den Frauen gegenüber, die „Throne zieren" und damit über Männer herrschen, ist eine ganz andere. Die größten Lobeshymnen singt ihnen die„Post". Eins Bekämpfung dieser„Amtsführung" der Frauen würde ihr als Majcstätsbeleidigung und als Kampf gegen daS Gottesgnadeutum erscheinen. In ihren Auslassungen hat die„Post" wiederum gezeigt, daß sie der Scharfmacher und Rückwärtser wie auf allen Gebieten, so auch auf dem der Frauenfrage ist. Da wir das Bewußtsein haben, daß die ökonomische Entwickelung so gut, wie sie in ihren Konsequenzen eine moderne Frauenfrage schuf, auch jene Kräfte erzeugt, die gleichzeitig mit allen übrigen sozialen Problemen der Gegenwart auch das der Frauenfrage lösen wird, so hätten wir das Scharf- macherlied der„Post" unbeachtet lassen können. Wir wissen jedoch, daß die „Post" das Mundstück wirtschaftlich mächtiger und polilisch einflußreicher Kreise ist. die es sich etwas kosten lassen, wenn es gilt, Bewegungen, die sie zwar nicht hindern können, doch zu hemmen. LuS diesen Erwägungen heraus haben wir Notiz genommen von den Aus- lassungen, um zu illustrieren, welch mächtige Gegnerschaft zu über- winden ist beim Kampf um die politische Gleichberechtigung der Frau. Der Hinweis auf diese Tatsache muß ein Fanfarenruf für die proletarischen Frauen werden, mit größerem Eifer, größerer Energie und Ausdauer denn bisher an der Schulung u n d Z u- fammenfassung der proletarischen Massen mit zu arbeiten. Nicht nur das Interesse der proletarischen Frauen, sondern das der gesamten Arbeiterklasse erfordert diese Tätigkeit. Der Kapitalismus schuf die Proletariermasien; unsere Aufgabe ist es, sie zu organisieren und zu zielklaren Klassenkämpfern zu erziehen. Diese Tätigkeit der sozialistischen Frauenbewegung bedeutet aller- ding« eine Gefahr, die allergrößte für die„Post"leute und ihres- gleichen, eine weit größere Gefahr, als der Kampf der bürgerlichen Frauen um Amt und Würden, denn sie hat zum Ziele die Beseitigung der Klassenherrschaft und Aus- beutung, die Verwirklichung des Sozialismus. Darum auf, Ihr Frauen und Mädcken des arbeitenden Volkes, vergrößert die„Gefahren" der Frauenbewegung, indem Ihr unablässig Mitglieder unserer Partei, Abonnenten unserer Presse werbt und damit die Totengräber für den Kapitalismus schafft! Lese- und TiSkutlerklub„Wilhelm Liebknecht". Henke abend S Uhr bei K. Eichhorn, Danziger Straße 33: Sitzung. Gäste willlommcn. Amtlicher Marktbericht der ttädttlchen Markthallen-DIrektton üdcr den Großhandel in den Zentral-Marlthallen. Marktlage: Fleisch: Zufuhr schwach, Geschäst still, Preise unverändert. Wild: Zusuhr genügend, Geschäst lebhast, Preise besiiedigend. Geslügel: Zusuhr genügend, Geschäst still, Preise wenig verändert. Fische: Zusuhr genügend, Geschäst ruhig, Preise wenig verändert. Bulter und Käse: Geschäst still, Preise unverändert. Gemüse, Obst und S ü d s r ü ch t e: Zusuhr genügend, Geschäst ziemlich flau, Preise wenig besriedigcnd. Wltterungsbberstch» vom 9. Juni 1909. morgen« 8 Uhr. eine viel größere Zahl von Opfern an Franks.a.M. 763 SW München I7K3SW Wie» 1762 Still 2 bedeckt 1 wolkig 3 wolkig 3 wolkig Iwollenl und Wetterprognose kür Donnerstag, den 19. Jnnl 1999. kühl und veränderlich, vielsach wollig mit leichten RegenMen Ich en' westlichen Winden. verltuer Setterbureao. WasserstandS-Nachrlchteo Wasserstand Memel, Tilstt P r e g e l. Jnfterburg Weichsel, Thoru Oder, Ratibor , Krassen , Frankfurt Warthe, Schrinnn , LandSberg Netze, Vordamm Elbe, Leittneritz , Dresden , Bardo , Magdeburg >) 4- bedeutet Wuchs.— Fall.—•> Unterpeqel.—*) höchster Wasserstand 412 cm zwischen 91/, und 101/, Uhr abends.—•) höchster Wasserstand 220 cm am 7. um 6 Uhr nachmittags. Für den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keiüerlei Verantwortung. Zhcatcr. Donnerstag, den 10. Juni. Ansang VI, Uhr. Königliches Opernhaus. Figaros Hochzeit. Königl. Schauspielhaus. Der Mennonit. Ansang S Uhr. Neues königliches Operntheater. Don Juan. Deutsches. Gelbstcrn. Kammerspiele. Ein Skan- dal tn Monte Carlo. Lesslng. Die Dollarprinzesstn. Berliner. Ein Herbstmanöver. Schiller 9.'ibiaüner» Theater.) Jungser Obrigkeit. Schute. Eharlotteuburg. Bresters Millionen. Sricdrtch. Wilhelmftädt. Schau- spielhaus. Der Dorsthrann. Neue« TckausPielbanS. MahS. Komische Oper. Die Fledermaus. Reue«. Tiicoche und Cacolet. Thalia. Im CasS Noblesse. Luftspielhau«. Der sesche Rudi. «lleincs. Moral. Hebbel. F,au Marrens Gewerbe. Neueü Operetten. Die Sprudessce. Berliner Opcretten-Thcater S«. DaS Teusclsweib.(Ans. S'/j Uhr.) Luisen. Gerda Gerovius. KalieS Cavrice. Drei Frauenhüte. Der Deserteur usw. Ans. S'/, Uhr. Metropol. Die oberm Zehntausend. Bernhard Rose. DaS Mädchen ohne Ehre. Apollo. Hartstein. Er oder Er. Spezialitäten. Wintergarten. Spezialitäten. Carl Haverland. Spezialitäten. Bassage. Spezialitäten. Walhalla. Spezialilälen. Reichsballen. Slettiner Sänger. Der Kompagnieball. Urania. t»»ve»ftrahe«8/4«. Abends 8 Uhr: Rom und die Campagna. Stern» a rie, Invalid enstr. S7/V2. �essinx-T'keater. Gastspiel d. Neuen Operetten-TheaterS. Anfang 8 Uhr. VI« vollUI-PI'l»»««�!». berliner Ttieater. Gastspiel-Operetten-Theater. srnr Täglich 8 Uhr:"VQ Ein HerbHtinanttver. Neues Theater. AbendS 8 Uhr: Tricoche und Gacolel. Morgen und soigende Tage: Trieoclie and Caeolet. Friedrich-WiltieWdtisciiss Schauspielhaus. Donnerstag. 10. Juni, Anfang 8 Uhr: Der Dorftyrann. Freitag zum erstenmal: Manöver- regen. Sonnabend: Manöverrege» KvMUvr-l'lAekUvr. Sohlller-Theatcr 0.(Wallner-Theater.) Donnerstag, abend«8Uhr: Jungfer Obrlffkeit. Komödie tn 3 Alten v. Gustav Davis. Ende 10-/, Uhr. grsltag, abends 8 Uhr, vor Vidvrpvl». Sonnabend, abend»8Uhr: _ Per Biberpelz.■ Urania. WiflßenschaftlioheB Theater. Taubenstraße 43/49. Abends 8 ühr: Rom and die Campagna. ZOfltOCISCHER GARTEN Täglich ab 4 Uhr; Großes ilitär-Ooppel-Konzert Eintritt 1 von abends 6 Uhr ab 50 PI Kinder anter 10 Jahren die HSUto. Schiller-Theater Charlottenburg. D o nn-rstag. abendS8Uhr: Bresters Millionen. Lustspiel In 4 Akten von Winchell Smith und Byron Ongley. Ende 10-/, Uhr. Freitag, abende 8 Uhr: Zum erstenmal: Pniinin« Uonivnrd. Sonnabend, abendS S Uhr: _ Ein Ertolg._ Neues Operetten-Theater, Schisfbauerdamm 25, a. d. Luisenstr. Abends 8 Uhr zum erfteiunal: Die Sprudeifee. Operette in 3 Akten o. H. Reinhardt. MMMMl «Gr. Franstiirler Str. t32. Slbends 8 Uhr: DaS Mädchen ohne Ehre. Sommerpreise. fHR Aus der Garlenbühne u. a.: Berlin ans Stelze« mit Willi A g o st o n. Konzert, Spezialität. Auf. 4-/, Uhr. taisKspivIksus. Abends 8 Uhr: Der fesche Rudi. Hebbel-Theater. Ans. 8 Uhr. Fraa Warren» Gewerbe. Brunnen-Theater Badstraße 58. Direktion: Willi Voigt Heute sowie täglich: X Erstklassige Spezialitäten! X Novität! Novität! Die Spreewald- Käte. Gr. AuSstattungs-VolkSstück mit Ge- sang u. Tanz in 4 Alt o. Hossmann. enerössimng 2 Uhr. Ans. 4 Ubr. Neues Kgl. Opern-Theater(Kroll). Gura-Oper. Gastspiel d'Andrade, tili! Lehmann: Don Juan. Oper in 2 Akten von Uoaart. Anfang 7-/, Uhr. Freitag: Figaros Hochzeit Sonnabend: Buttarfly. Sonntag: Salome. Montag: Don Juan. 17. und 21. Juni: Zwei Abschiedsvorstellungen Marzella Sembrich vor ihrem Scheiden v. der Bühne. Donnerstag, 17. Juni: Traviata. Montag, 21. Juni; Barbier v. Sevilla. Dieiiirl7.u.21. Juni angesetzten Vorstellungen v. Sawitri sind verschoben. Billetts werden zurückgenommen od. geg. Naehz- umget Stadt-Theater Moabit. Alt-Moabit 47/48. Täglich: Spezialitäten und Theater- Vorstellung. Ans. d. Vorst 5 Uhr, Konzert 4 Uhr. Garteneröffnnng 3 Uhr. Jeden Montag Elitetag, SPezla. litäten und Soiree der„Lustigeu Säuger". Bei Regenwetter Borstellung im großen Theater-Saal. wnmiPi s Melropol-Theater Die oberen Zehntausend. Ämerik. Operette v. Jul. Freund. Musik v. Grast. Kerker. In Szene gesetzt von Dir. Rieh. Schultz. Tänze von Mr. Bishop. Anf. 8 ühr. Kauohen gestattet. W.Koacks Theatsr Dlretlroii: Roh. Olli. Brunnen str. 16. Nur einmalige Wiederholung l Der Goldbaner. Vorh.: Das ganze Spuzlalität-Proor. Konz. 6, Ans. 7 Uhr, Entree 39 Ehren-, Vorziigskartcn gültig l Sonnabend Extravorstellung: Mutter und Sohn. Varitle Theater Weinbergsweg 19-20, Rozenlh.Tor. Ansang 8 Uhr. flm Theater: Die»cuenJniil-Spezlalitäten. Im Garten: Frel-Konzcrt. Der Flug durch die Luft. Sonnabend, 12. Juni: Eine ZuZHiKa-Nncht auf dem WelnberKszveg: Konzert X Ball. X Ballett Im Theater:(Anfang 8 Uhr) 8pexlalltlitun. Kerlmer Prattr-Theattt Kastanienallee 7—9. Täglich: Mau lebt ja nui' einmal! Spezialitäten ersten Ranges, Konzert and Ball. Ansang 4-/, Uhr. rMMWWWWWWMWW»WWWWWW IT* Sonnabend, den 10. Juni, 81/, Uhr,-Wg Im Ctewerkschaftehaase: Ordner-Sitzung. Tagesordnung; Die VergrSBerung des Vereins. Die Kontrolle bei den Veranstaltungen des nächsten Spieljahros. Das Erscheinen aller Ordner ist nötig. Sonntag nachmittag g Uhr, im Thalla-Tbeater (II. Abteilung): Der Fleck auf der Ehr'. Sy Die alten ISitgliedskarten sind behufs Erneuerung zum Umtausch spätestens am Tage nach der Juni-Generalversammlung abzugeben. Der letzte Abholnngatermln für die neuen Mitgliedskarten ist der 5. August 1809. Ueber die bis zu diesem Tage nicht abgeholten Karten wird anderweitig verfügt. 241/4 Der Vorstand: In Vertr. G. Winkl er. AUSSTELLUNG m Wohnungs-Einrichtungen u. 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Zu haben in Zigorrengesohäften usw., wo auch kleine Priemdosen gratis erhältlich sind. Vortrieb: Carl Dtf eher, Berlin, Grüner Weg 112(Amt 7, 8861), Nerband der Maler, 5al!utrkr,AnßrkllljtrvsV. Filiale Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Maler Wilh. Schwieger am 6. Juni verstorben ist. Ehre seinem Andenken f Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 10. d. M., nach mittags 3'/, Uhr, von der Halle de» HeilandslirchhosS in Plötzensec auS statt 128/18 Die Ortsverwnltnng. : e« ZeMI-krsnkeii-ßiiteTÄßtzWz-j verein der Schmiede and ver-l wandten Gewerbe Deutsohiands.! Berlin XI. Tod eS.Anzeige. Den Mitgliedern zur Nachricht, l daß unser Kollege Hermsnn Zerbst am 6. Juni an Blinddarmentzündung verstorben ist. Ehre seinem Andenken l Di« Beerdigung findet am| Donnerstag, den 10, Juni, nachmittag» 3 Uhr, von der Halle! des Friedhofe» der Nazareth-Gc-! meinoe(Neinickendors« West) au§! statt 176/10 Die Ortsverwaltung. fleiitseher Ortsverwaltung Berlin 2. Den Milglievern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Arbeiter Ks�I Thiede am Montag, den 7. d. M., ir Alter von 40 Jahren an Nerven- leiden gestorben isst Ehre seinem Andenken l Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 10. d. M, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- balle deS neuen ThomaS- Kirch- Hose», Nixdors, Hermannstraße, aus statt. Um reg« Beteiligung ersucht 68/1 Verwaltung 2. Verband der Rnplerseluniedei Filiale Berlin. Todes-Anzetge. Am 6. Juni verstarb unser Mitglied, der Kollege Hennann Zerbst im Aller von 44 Jahre» an Blinddarmentzündung. Die Beerdigung findet heute Donnerstag, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle deS Nazaretb- Friedhofes, Reunckendorf» West, Berliner Straß«, aus statt 100/4 Um zahlreiche Beieiligung bittet Ole Filialverwaltung. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin, Todes• Anaeigen. Den Kollegen und Kolleginnen zur Nachricht, daß unser Mitglied, die Arbeiterin Helene Köbbe gestorben tsst ®lt Beerdigung findet heute Donnerstag, den 10. Juni, vor- mittags 9 Uhr, von der Frauen- flimf, Artilleriestraß«, aus aus dem Auserstehungs-Kirchhos statt Reg« Betestigung wird erwartest Ferner starb unser Mitglied, der Dreher kriediicb Hinz am 8. Juni an Lungenlciden. Ehre ihrem Andenke»! Die Beerdigung findet am Freitag, den 11. Juni, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle deS Luisen-Kirchhose» in Westend. Fürstenbrunner Weg, auS statt Rege Beteiligung erwartet 118/7 Die Ortsverwaltung. Dr. Schünemann Epeziat-Arzt für 6432* Hnnt- und Harnleiden, Franenkrankhelten. Frledrlclistr. 203, Ecke Schützenstr. BSochrntagS 10-2. 5-7. Stn re, Charlottenburg,, 1 Leibnizstt. 77. Gng. Pestalozzistr. Tel. 2658.- 9d2L' 4i Hygienische BectraorUSu. Neuaat-Kataloz itohl.visl. Aerzte u.Prot grat. nJt lacsr, Semmtwusatobrlk' NW» criedrichsttuse 91/03 Bureau: Engel-Ufer IS, Zimmer 53. Zweigverein Berlin» Telephon: Amt IV, 4093 Freitag, den 11. Juni, abends 8V2 Uhr, in Dräsels Festsälen, Neue Friedrtchstrafte SS$ Außerordentliehe GeneralTersammlung aller Zahlstelle» und Sektionen. TageS-Ordnung: 1. Vortrag. 2. Wahl von Delegierten zu der am Sonntag, den 13. Juni, stattfindenden Bauarbeiterfchutz konferenz für das Gebiet der Nordöstlichen BaugewerkSberufsgenossenfchast. 3. Wahl eines AusschuftmitgliedeS 4. Gewerkschaftliches. 138/1» Mitgliedsbuch legitimiert._ Der Zweigvereinsvorstand Deutscher Metallarbeiter«Oerband. ===== Vern-altnngRfttelle Berlin.---- Arbeitsnachweis: Hof I. Amt III. 1239. CharitSstraße S. Hauptbureau: Hos NI. Amt III, 1987. Heute, Donnerstag, den 10. Jnni abends 0 Uhr, in]?].'imke8 Fest säten, Badstr. 19: Allgemeine Versammlung aller in den Geldschrankfabrikeu beschäftigten Arbeiter. TageS-Ordnung: 1.„Unsere Forderungen bei der diesjährigen Tarifberatung." 2. Diskussion. EM- Kollegen I Mit Rücksicht aus die Wichtigkeit der TageS-Ordnung ist das Erscheinen aller Kollegen dringend notwendig._ Achtung! Klempner. Achtung! Heute, Donnerstag, den 10. Juni 1909, abends Vgö Uhr, bei Freyer, Koppenstraße 29: Allgemeine Klemp ner-Bers ammlnng. TageS-Ordnung: 1. Bericht von den Verhandlunge» vor dem Einigungsamt. 2. Diskussion. $ajr* NB. In Anbetracht der Wichtigkeit der Versammlung erwarten wir das Erscheinen aller Kollegen."MQ 118/6 Die Ortsvepwaltnng. Dr. Simmel Spezial-Arzt 62'9* für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, ÄIS« 10—2, 5— 7. Sonntags 10— 12, 2—4 Reinickendorf, Mm Viertel, im Denen Um in nächster Nähe deS SchillcrparkS und dcS SchäferseeS vorzüglich gelegene, billige 3-, 2- und t-Zimmcrwohnungen im Vorder- oder Gartenhause, mit auch ohne Bad, Balkon pp. sofort vermietbar in den Neubauten der Schiller« Promenade, Brienzer Straße, Rülli-Straße, Holländer- und Thuner Straße. 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Juni 1909, abends 8'/, Uhr. in den Musiker- Sälen, Kaiser Wtlhelmstr. 18m(unterer Saal): Mitglieder-Versammlung TageS-Ordnung: 1. Abrechnung vom 1. Quartal 1909. 2. Die ReichSversicherungS- Ordnung, ein Anschlag gegen bestehende Rechte der Versicherlen. Referent: Genoste Cnrl Giebel, Beilin. 3. Wahl von zwei Delegierten zu der am Sonntag, den 27. Juni, in Berlin stattfindenden Gaukonserenz des 13. GaueS. 4. Oertliche VcrbandSangclegcnheiten. 187/8 Werte Kollegen und Kolleginnen l Der hochwichtigen Tagesordnung wegen wird die Versammlung zur angegebenen Zeit erössuet. Erscheint deS- halb pünktlich und vollzählig. Die Ortsverwaltung. I. A.: Sali» Rosenthal. Gr Ul« IVftchsten Sonnabend: Promenaden-Fahrt mit ikllllttlr Huslk. = Rundfahrt auf dem Müggelsee------ mit festlich Ulnmierten Dampfern, dann zurück nach Restaurant Kyffhäuter, daselbst groüer Sommernachts-Ball. Abf.: abds.9-10Uhr,Kückf.: 1. 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Lerontwortlicher Redakteur: HanS Weber. Berlin. Für den Inseratenteil veranttv.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Luchdruckerei u. Berlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW. 1. 132. 26. mm 2.$n\m iles Jonätlf|f rliiier WldsdiM.>«. Partei-?Znge!egenkeiten. Wahlkreis Friedrichstadt Z Druckerci-Nachtarbeiter. Sonntag, den 13. Juni, bei Julius Meyer, Oranienstraße 103: Zahlmorgen. Tagesordnung: 1. Geschäftliches. 2. Lieder- Morgen. Gesangverein„Solidarität". Zahlreiches Erscheinen erwartet_ Der Vorstand. Stralau. Am Sonntag, den 13. Juni, findet ein Familien- ansflug nach Sadowa statt. 10 Pf.-Tour. Von da aus zu Fuß nach Restaurant„Pferdebucht". Treffpunlt früh 9 Uhr Bahnhof Stralau-Rummelsburg, Bahnsteig E. Für Nachzügler Treffpunkt 1 Uhr ebendaselbst._ ßerlimr JVacbricbtcn» Uniformierte Musikanten. Der Reiz für zweierlei Tuch, der namentlich nach dem großen Kriege sich bei uns in oft recht närrischer Form kund- gab. hat mit der Zeit erkleckliche Einbuße erlitten. Der Existenzkampf, den die Zivilberufsmusiker gegen die glänzend bezahlten Negimentsmusikanten bis auf den heutigen Tag führen müssen, hat vielen die Augen geöffnet, die bisher neben der bunten Uniform noch nicht das Schreckgespenst sozialsr Notlage auftauchen sahen. Und allmählich ist selbst das weniger musikverständige Publikum aus instinktivem musikalischen Gefühl dahintergekommen, daß unsere Militär- kapellen zwar sehr Anerkennenswertes, aber keineswegs besseres und mitunter sogar weniger Besseres leisten als sehr viele Musikanten im simplen schwarzen Bratenrock. Ein sehr erheblicher Teil der Berliner und wohl auch der Nichtbcrlincr leidet freilich noch so hochgradig am Uniform- koller, daß er das Ohrenmaß für nichtuniformierte Kapellen vollständig verliert. Man hat früher das Experiment gemacht, genau dieselbe Militärkapelle mit und ohne Uniform kon- zertieren zu lassen, und der Erfolg war ein gänzlich ver- schiedener. Das Ohr ließ sich täuschen vom Auge. Auf diese geschäftliche Erkenntnis ist es vielleicht zurückzuführen, daß Regimentskapellcn öffentlich nur noch in Uniform spielen dürfen. Ein gewisses Gegengewicht erhalten diese eigensüchtigen Bestrebungen neuerdings dadurch, daß man Zivilmusiker in Phantasiekostüme steckt. Aber es wirkt auf uns spottlustige Berliner oft gar zu lächerlich, wenn Musikanten, deren Wiege vielleicht in der Ackerstraße stand, sich als imitierte Bulgaren oder Türken kostümieren. Zu einer großen Volkstümlichkeit der Militärkapellen haben nun von jeher auch die Dirigenten selbst viel bei- getragen. Sie verstanden es, durch die Wahl ihrer Vorträge die spießbürgerlichen, byzantinisch angehauchten Massen mit patriotischem Klingklang und Schlachtmusik zu hypnotisieren, und sie verschmähten auch nicht allerlei Mätzchen, die das eigene liebe Ich möglichst in den Vordergrund stellen sollten. Vielleicht keiner war so populär wie der alte, vor wenigen Jahren als Dirigent zu den himmlischen Heerscharen einberufene Musikdirektor Freese von den„Maikäfern", der das Bierglas noch tapferer schwang wie den Takt- stock. An ihm bewahrheitete sich so recht das Wort von der„Musikantenkehle". Man erzählt glaubhaft, daß der kugelrunde Kapellmeister einst infolge einer Wette mit Offizieren ein Achtel Bayrisches auf einem Sitz vertilgte und hinterher noch leidlich gut ein großes Konzert dirigierte. Er war mit seiner Musik auch bei Hofe persona Aratisshna, dagegen bei der Kapelle geradezu verhaßt. Es kam ihm in seliger Stimmung gar nicht darauf an, den Taktstock mitten zwischen die Musiker zu werfen oder eine Stummer ab- zuklopfen und von vorn beginnen zu lassen. Auch die modernen Musikmeister der Garde haben fast alle ihre kleinen Eigenheiten und Tricks, um sich beim Publikum in Gunst zu setzen. Da bedient sich einer nicht des silberbeschlagenen Takt- stockes aus Elfenbein, sondern einer Hasclnußrute, die er kurz vor Beginn des Konzerts aus dem Garten schneidet. Ein zweiter begrüßt das Publikum regelmäßig mit einem„Juten Morjen, meine Herrschaften," was stets frenetischen Jubel auslöst. Wieder ein anderer, den nicht mal männliche Schönheit aus- zeichnet, wird von Backsischen, sitzengebliebenen Jungfrauen und halbverrückten alten Weibern ebenso angehimmelt wie ein berühmter Tenorist. Es ist widerlich, wie diese Frauensleute in der Pause seinen Stammplatz umlagern und den uniformierten Herzensräuber mit Blumen bombardieren. Und den zeit- gemäßesten Trick befolgt ein anderer Taktstockgeneral, der in der schneidigen neuen Offiziersuniform durch Maske und Haltung täuschend den Kaiser kopiert. Der Mann wird sicher � noch mal Karriere machen, und das königstreue, militärfromme Bürgerpublikum überschüttet ihn, obwohl das Spiel seiner Kapelle durchaus nicht auf olympischer Höhe steht, mit Beifall. Schade, daß er gelegentlich die majestätische Grandezza vergißt und in eine Taktstvckraserei verfällt, die so gar nichts Königliches an sich hat. Das mächtige Anwachsen Groß-Berlins und die starke Vermehrung seiner großen Vergnügungslokale hat auch der Militärmusik ein gewisses Ziel gesetzt. Trotzdem sind die Ansprüche dieser Kapellen, die bekanntlich nicht unter einem bestimmten Satz spielen dürfen, inimer höher geschraubt worden, so daß nur allererste Lokale sich diesen Luxus leisten können. Dadurch ist die Zivilmusik wieder mehr zu Ehren gekommen. Man besinnt sich endlich, daß das Volk zum Volke gehört und daß das Militär, das dem Volke fast die letzten Groschen aus der Tasche zieht, nicht dazu da sein soll. um gleichwertige Berufsmusiker des Zivilstandes in ihrer Er- werbsfähigkeit'schwer zu schädigen. AuS der städtischen Tiefdaudeputation. Eine eingehende Er- örterung entspann sich in der letzten Sitzung beim Punkt: Ueber- traguug der Arbeiten für die Fundierung und den Rohbau der unterirdischen Bedürfnisanstalt an der Schlotzbrücke sam Zeug- Haus e) und Bewilligung der Mehrkosten für diese Anstalt. Die>e Anstalt sollte ursprünglich 50 000 Mark kosten. Inzwischen hat Charlotten bürg zwei solcher Bedürfnisanstalten gebaut, wobei sich herausgestellt hat, daß eine von diesen Anstalten rund 86 000 M., d. h. 36 000 M. mehr als veranschlagt, kostet, was in der Hauptsache auf die hohen Kosten für die Wasserzuführung zurückzuführen»st. Die beiden Charlottenburger Anstalten haben nicht weniger als 168 000 M. verschlungen, d. h. 28 000 M. mehr wie für vier Anstalten vorgesehen war. Die Tiefbaudeputation verhielt sich ablehnend und bewilligte die Mehrkosten nicht. Maikäferplnge. Während in und um Berlin tm Mai und Juni kaum ein Exemplar der von der lieben Jugend mit großer Vorliebe als Sommersport benutzten Spezies der Maikäfer(IMdontiis Fabr.) zu sehen war und der Preis eine? gemeinen Maikäfers an der „Börse" eine unerschwingliche Höhe erreichte, wurde der Wildpark bei Potsdam von Milliarden heimgesucht. Die alten und jungen Eichen stehen fast vollständig kahl zwischen den Kiefern. Dem Wild- park ergeht es genau so wie dem Tiergarten. Raupen und Käfer vernichten den besten Baumbestand, weil mit untauglichen Mitteln diese Schädlinge bekämpft werden. Solange man nicht planmäßig tvie z. B. im königl. Forstrevier an der Briese, bei Zühlsdorf und Wensickendorf, für den Vogelschutz sorgt, ist alle Mühe vergebens. Seitdem man durch Anbringen von zahlreichen Nistkästen usw. und durch kleine Schonungen usw. Brutstätten für Staare usw. ge- schaffen hat, ist der Bestand der gesamten Vogelwelt im Norden in ganz überraschender Weise vermehrt worden. In demselben Maße hat sich aber auch eine Verminderung der schädlichen Insekten aller Art gezeigt._ Damit ist der Beweis erbracht, daß nichts lohnender und müheloser � ist als die geringe Fürsorge für den Vogelschutz, wovon freilich im Tiergarten und Wildpark nur verdammt wenig zu bemerken ist. Der„Abonnementsverein von Dienstherrschaften für kranke Dienstboten" wird, wie wir bereits mitteilten, heute abend um 8 Uhr im großen Saale der Philharmonie(Bernburger Straße 22�. bis 23) die Versammlung fortsetzen, die am 30. April durch einen schlauen Schachzug der schuldbewußten Verwaltung so jäh abgebrochen wurde. In der Zwischenzeit haben die Rosenow, Mugdan und Cie. raffiniert gearbeitet. Vor allen Dingen„informierten" sie die ihnen blind ergebene Presse, natürlich so einseitig, wie es von ihnen nur zu erwarten war. Den Hauptton legten die biederen Herren auf die bewußt falsche Erklärung, die Opposition gegen die skandalöse Mißwirtschaft Nosenows und seiner Helfershelfer sei nichts als ein sozialdemokratisches, ein politisches Manöver. Die Dreistigkeit dieser Erfindung charakterisiert sich so recht erst durch den Umstand, daß gerade Herr Rosenow in den letzten Tagen seinen ganzen per- sönlichen Einfluß aufgeboten hat. um alle ihm ergebenen, ihm politisch nahestehenden Persönlichkeiten als eine Art Schutz- und Korruptionsgarde so zeitig wie möglich in die heutige Versamm- lung zu entbieten! Ein Flugblatt vom 7. Juni, das Herrn Rose- now und sein Geschäftsgebaren zu decken sucht, zeigt diese Rosenowsche politische Ausschlachtung der Angelegenheit mit krassester Deutlichkeit und beweist zu gleicher Zeit, daß es in erster Reihe materiell Interessierte(Aerzte und Zahnärzte) sind, die„voll und ganz" hinter den Praktiken der bisherigen Ver- waltnng stehen. Nun, wir denken, das Gros der Mitgliedschaft des Vereins wird Herrn Rosenow und seinen Schutzgardisten(die zum Teil nur aus Unkenntnis über die Mißwirtschaft der Verwaltung dieser ihre Hilfe leihen) ein paar Lichtlein aufstecken. Man kapn sich wenigstens nicht gut denken, daß 66 000 Mitglieder einer Berliner Vereinsorganisation sich einen„Direktor" sollen ge- fallen laffen, der für 7000 bis 9000 M. Jahresgchalt so gut wie gar nichtszu tunhat; daß sie ihren Aufsichtsratsmitgliedern pro Sitzung nach wie vor etwa 150 M. zahlen wollen; daß sie es weiter mit ansehen, wie die Beiträge scheffelweis im Interesse von Cliquen und Sippen vertan, viele Tausende und aber Tausende für die Pensionierung— nicht etwa der Dienstboten— nein: des Herrn Rosenow und vielleicht(I) auch der anderen Beamten des Vereins festgelegt werden; daß sie einer Verwaltungsmethode bei- pflichten, die— wie die in der Versammlung am 30. April be« sprochene Gratifikationsangelegenheit— schon halb ins Kriminelle herüberstreift... Kurz und gut: wie fteptisch wir auch von bürgerlichen Organi- sationen ä la„Abonnementsverein" denken mögen, so glauben wir doch, daß die Mehrheit der Mitglieder heute abend genügend A n- standsgefühl aufbringen wird, um an die Stelle des Rose- nowschen Regimes ein System der Klarheit und Lauterkeit zu setzen. Fahrpreiskuriosum. Löst man in Friedrichshagen eine Fahrkarte 3. Klasse nach Nikolassee, so hat man dafür 65 Pf. zu bezahlen. Man kann aber 5 Pf. sparen, wenn man nur eine Fahrkarte bis Gnmewald a 40 Pf. löst und in Nikolassee für die Strecke Gnine- wald— Nikolassee 20 Pf. nachzahlt. Woher der Unterschied, darüber konnten die Beamten keine Auskunst geben. Vom Trost am Grabt. Ueber den Hausdiener Gallin, der zwischen Hermsdorf und Stolpe auf den Gleisen der Nordbahn tot aufgesnnden worden war, meldeten wir. die Obduktion der Leiche habe ergeben, daß er freiwillig durch Selbstmord aus dem Leben ge- schieden sei. Selbstmörder sind den meisten Pastoren ein Greuel, und so scheint denn auch der Pastor, der bei derBe- erdigung Gallins auf Wunsch der Mutter des Verstorbenen mitwirkte, sich seine Gedanken darüber gemacht zu haben, ob er an der Gruft dieses Unglücklichen sprechen dürfe. Personen, die auf dem Friedhofe zu Stolpe der Beerdigung GallinS beiwohnten, teilen nns nachträglich mit, daß der Pastor, von dem die tiefgebeugte Mutter Trost am Grabe erwartete, in feiner Leichenpredigt jene Bedenken angedeutet habe. Er habe bezweifelt, daß Gallin selbcrHand an sich gelegt habe, und habe dann hinzugefügt, daß er, der Pastor, nicht an dieser Stelle stehen dürfte, wenn er wüßte, daß hier ein Selb st mörder zu Grabe getragen werde. Es ist möglich, daß der Herr Pastor die ihres Sohnes beraubte Mutter nur über ihr schweres Leid hinwegtrösten und ihr den schmerzlichen Gedanken an einen Selbstmord des so früh Verstorbenen ausreden wollte. Aber dann wäre es wirklich nicht nötig gewesen, sie in der Predigt auch noch daran zu erinnern, daß Pastoren einem Selbstmörder die kirchlichen Ehrungen zu verweigern pflegen. Kann es einer vor der offenen Gruft stehenden Mutter ein Trost sein, durch den Pastor in diesem Augenblick förinlich darauf gestoßen zu werden, daß. der Kirche und ihren Pastoren ein Selbstmörder sozusagen als AuSgestoßener gilt? Wenn die trauernde Mutter des Hausdieners Gallin selber davon überzeugt sein sollte, daß der Sohn verzweifelnd seinem Leben ein Ende gemacht habe, so wird sie eS vielleicht als ein Glück ansehen, daß wenigstens der Herr Pastor das nicht glaubt. Denn glaubte auch er es, so hätte er ja auf ihre Bitte um Trost am Grabe ihr sagen müssen, daß nach den An- schauungen der Kirche ihr unglücklicher Sohn geringerer Ehren wert sei als andere Tote. Solche Unduldsamkeit der Ver- künder des Gotteswortes hat schon manchem, der bis dahin zur Kirche gehalten halte, ganz plötzlich die Augen geöffnet. Beim Wurstmachen geriet gestern nachmittag der Fleischergeselle Klien unter ein Wiegemesser und erlitt dabei entietzliche Verletzungen. K., der bei dem Fleischermeister Techen, Chausfcestr. 110, bedienstet ist, war mit der Herstellung von Fleischwurst beschäftigt und stand am Wiegebock, als plötzlich eines der schweren Wiegemesser sich löste und herabstürzte. Das Eisenstück fiel dem Gesellen gegen den Kopf und dann mit der Schneide auf beide Arme, wobei ihm das linke Ellenbogen- und rechte Handgelenk durchschnitten wurden; außerdem erlitt er schwere Kovsverletzungen. K. wurde nach der Unfallstation in der Eichendorffstraße gebracht, wo ihm die Wunden vernäht wurden. Da durch starken Blutverlust Gefahr für das Leben des Verunglückten bestand, wurde er nach dem Rudolf-Virchow-Kranken- hause übergeführt. Bon einer Lokomotive erfaßt und schwer verletzt wurde gestern mittag aus den Gleisen der Hamburger Bahn an der Döberitzer Heerstraßenbrücke der Zimmermann August Ernst. E., der bei den Bauarbeiten für den neuen Vorortbahnhof beschäftigt war, trat un- mittelbar vor einer Rangiermaschine, deren Annäherung er nicht bemerkt hatte, auf das Gleis, wurde von einem Puffer erfaßt und etwa vier Meter weit zur Seite geschleudert. Ernst erlitt schwere Kopfverletzungen und Quetschungen und mußte nach dem Kranken- haus Westend übergeführt werden. Schwere Verletzungen erliitten zwei Personen beim Betriebe einer amerikanischen Schaukel. Der Kaufmann Gumpert hatte mit seinen Angehörigen und deren befreundeten Familien den Ausschank der Brauerei Friedrichshain besucht. Die 17jährige Tochter des G. begab sich in Begleitung des Kaufmanns Bakofzer nach einer im Garten befindlichen amerikanischen Schaukel und nahm in einen der beweglichen Kästen Platz. Kaum war die Schaukel in Schwung ge- raten, als sich plötzlich eine der Stützstangen löste, Fräulein G. auf die Schultern fiel und zurückprallend Über die Schutzbarriere des Platzes flog. Das schwere zwei Meter lange Eisenstück traf den an der Barriere stehenden B. am rechten Oberschenkel und bohrte sich durch das Fleisch, sodaß die Spitze der Stange auf der entgegengesetzten Seite herausdrang. Nur mit großen Schwierig- leiten konnte das Eisenstück aus der furchtbaren Wunde entfernt werden. Der Schwerverletzte wurde sofort nach dem Krankenhanse am Friedrichshain übergeführt. Fräulein G.. die eine erhebliche Kontusion an der Schulter davongetragen hatte, konnte nack der elterlichen Wohnung gebracht werden. Nach einer Behauptung, deren Richtigkeit durch polizeiliche Prüfungen zu beweisen ist, soll die Eisenstange schon seit mehreren Tagen lose und nur mit einem Bindfaden befestigt gewesen sein. In Sachen des Randanfalls auf den Geldbriefträger Eulcnburg ist zu berichten, daß der Schneider Drechsler, der sich selbst und den Handlungsgehilfen Kaiser der Tat bezichtigte, jetzt erklärt, von nichts zu wissen, und den wilden Mann zu spielen sucht. Wer kennt die Tote? Am 6. d. Mts. nachmittags gegen 2 Uhr wurde in der Prenzlauer Allee eine ungefähr 60 Jahre alte un- bekannte Frauensperson von einem Automobil überfahren und nach dem Krankenhause am Friedrichshain gebracht, woselbst sie bald nach ihrer Einlieferung verstarb. Sie war bekleidet mit gelbbraunem Strohhut mit Federn und Blumen, grünlicher Bluse, rotbraunem Rock, braunen Schnürschuhen, schwarzen Strümpfen und trug einen schwarzen Regenschirm sowie einen geblümten Pompadour bei sich. Personen, die über die Persönlichkeit der Unbekannten irgend welche Angaben machen können, werden gebeten, ihre Wahrnehmungen der Kriminalpolizei oder einem Polizeirevier mündlich oder schriftlich zu den Akten 2022 IV. 59. 09 mitzuteilen. Akademische UnterrichtSkurfe für Arbeiter. Am Sonntag, den 13. Juni: Geologischer Ausflug Erkner— Rüdersdorf— Strausberg. Treffpunkt früh 3 Uhr Bahnhof Erkner. Nachzügler 12 Uhr Nüders- dors auf der Kreuzbrücke. Eintritt in die Kalkbrüche 20 statt 50 Pf. Gäste willkommen. DaS Goldene Motorrad wird am kommenden Sonntag im Sportpark Steglitz ausgefahren. Bei dem Frühkonzert, das am 1. Pfingstfeiertag in Ludwigs Viktoriagarten in Treptow und bei dem, das von dem Gesangverein „Bereinigter Sängerchor Wedding" in der Bockbrauerei Chausseestraße abgehalten wurde, sind einige Gegenstände gefunden worden, im ersteren Falle eine Brosche, die im Bureau des Wahlvereins Stra- lauer Platz 1/2, im zweiten Falle ein Stock mit silberner Krücke, der bei Veiland, Sparrstr. 10 III, abzuholen ist. Vorort- l�acdricbten. Charlotteuburg. Ein neues Dekorationsstück für ihre Arbeiterfürsorge hat sich die Stadtverwaltung in Charlottenburg zugelegt. Wie wir schon mitteilten, gelangt mit der Neugestaltung der Beamtengehälter und Arbeiterlöhne der im Dienste der Stadt tätigen Personen auch eine sogenannte Familienzulage zur Einführung. So glücklich dieser Gedanke an sich ist, so unglücklich sind die Bestim- mungen, auf Grund welcher die Stadt diese Zulage gemährt. Einmal steht den Interessenten kein Rechtsanspruch auf diesen Gehaltszuschuß zu und zum zweiten muß jeder einzelne, der die erforderliche Kinderzahl erreicht hat, um die Gewährung dieser Zulage besonders einkommen. Die Familienzulage selbst beginnt erst beim vierten Kinde. Sie wird Beamten und Arbeitern der Stadt gewährt. Anscheinend sogar auch in gleichen Höhen. Aber nur anscheinend! In der Tat wird mit den prunkenden Sätzen den Arbeitern aber nur blauer Dunst vorgemacht. Sie bleiben trotz der anscheinenden Gleichheit mit den Beamten sehr weit hinter denselben zurück. Die Herren im Charlottenburger Magistrat und auch die „Liberalen" in der Stadtverordnetenversammlung nehmen eS immer sehr krumm, wenn man behauptet, daß ihre Fürsorge in erster Linie den Beamten gehöre, die Arbeiter kämen weit dahinter. Wie wenig Ursache die Herren zu dieser unnützen Erregung haben, können wir an der Hand der Bestimmungen der Familienzulagen zeigen. Die Beamten sollen erhalten: Bei vier Kindern jährlich 150 M., bei fünf Kindern 300 M., bei sechs Kindern 450 M. und wenn sie über sechs Kinder haben 600 M. Die Arbeiter dagegen bekommen keine festen Sätze, sondern ihnen kann gezahlt werden: bei vier Lsindern 5 Prozent des regelmäßigen Arbeitsverdienstes, bei fünf Kindern 10 Prozent des regelmäßigen Arbeitslohnes, aber nicht über 300 M. jährlich. bei sechs Kindern 15 Prozent des regelmäßigen Arbeitslohnes, jedoch nicht über 450 M., und bei mehr als sechs Kindern 20 Prozent des regelmäßigen Arbeitslohnes, aber höchstens 600 M. Auf den ersten Blick können die gleichen Höchstzahlen bei Be- amten und Arbeitern bestechend wirken und den Anschein völligster Gleichheit erwecken. In Wirklichkeit besteht jedoch zwischen den Familienzulagen der Beamten und der Arbeiter eine Differen- zierung, die kolossal aufreizend wirken muß. Denn wenn auch be- stimmt ist, daß jede Familienzulage mindestens 150 M. betragen muß, so ist an die Erreichung der Höchstgrenzen für die Arbeiter überhaupt nicht zu denken. Es gibt in Charlotteuburg noch städtische ständige Arbeiter, die— auch nach den beabsichtigten Neuregulierungen der Löhne für Betricbsarbeiter— bei einem Stundenlohn von 26 Pf. ar- bciten. Selbst nach zehn Jahren kommen diese Arbeiter nicht auf einen Jahresverdienst von 991 M.I Für diese Arbeiter würde in den ersten drei Klassen der Familienzulage die Prozentberechnung ganz überflüssig durch den Zwangsmindestsatz von 150 M. werden. Und erst in der vierten Klasse, d. h. wenn dieser Arbeiter über sechs Kinder hat, könnte er 198,20 M. Familienzulage erhalten! Also an die 600 M., die jeder Beamte mit mehr als sechs Kindern ohne weiteres bekommt, darf der Arbeiter gar nicht denken. Er darf selbst dann einmal nicht daran denken, wenn er zu den best b e- zahlten Arbeitern gehört. Nehmen wir die Feuerwehr» männer an. Diese„standigen Arbeiter" bringen es bis auf 2220 M. in 10 Jahren. Im allergünstigsten Falle würde also ein Feuerwehrmann mit fünf Kindern anstatt der in Aussicht gestellten 300 M. nur 222 M., bei sechs Kindern anstatt 450 M. nur 333 M. und bei mehr als sechs Kindern nicht 600 M., sondern nur 444 M. Familienzulage erhalten. So stehen die schönen Zahlen für die Arbeiter tatsächlich nur als dekorative Kulisse da, hinter deren blendendem Prunk Magistrat und Stadtverordnetenmehrheit ihre um so größere und weiter- reichende, einseitige Bereitwilligkeit gegen die Beamten verstecken. Und da sage noch einer, daß das keine„Arbeiterfreundlichkeit" sei. Ja, dieser geradezu fanatische Hang, die Arbeiter um Himmels- willen immer einige Klafter unter den Beamten zu halten, hat diese„Arbeiterfreunde" noch zu einem weiteren Raffinement bei der Berechnung der Arbeiter-Familienzulage getrieben. ES heißt, dieselbe wird prozentual nur von den« regelmäßigen Arbeits- lohn berechnet. Das heißt, die durch Ueber stundenarbeit erlangten Lohnheträge bleiben bei dieser Be» rechnung außer Ansatz. Das ist eine himmelschreiende Ungetechtigkei! g?M die SrvKSrk Während ihAM vei d'Sr Steuer. Veranlagung jeder Pfennig Lohn angerechnet wird, läßt man hier, wobei der Ueberstundenverdienst für sie einen Vorteil haben tonnte, denselben außer Betracht. Und das nennt sich arbeiter- freundlich I Aber die Arbeiter mögen sich dafür bei dem Magistrat und nicht minder bei den„Liberalen" bedanken. War die Magistrats- vorläge schon wenig günstig für die Arbeiter, die Herren vom „unentwegten Freisinn" und vom„Liberalismus" haben die Sache noch mehr verhunzt. Sie klappten zusammen wie alte Garte, r stühle, als die Arbeitervertreter die Anerkennung des Rechtsam spruchs auf die Familienzulage forderten, als unsere Stadtver- ordneten die Aufhebung der Differenzierung von Beamten und Arbeitern bei der Gewährung der Familienzulage verlangten. Sie, die„Liberalen" waren es, welche die Prozentberechnung der Zu- läge für die Arbeiter noch komplizierter gestalteten. Sie streuten mit ihren prunkenden Zahlen den Arbeitern am meisten Sand in die Augen. Die Ablehnung aller weitergehenden sozialdemokrati- schen Anträge ist allein der Niederstimmwut der Herren„Frei- sinnigen" zuzuschreiben. Werden die städtischen Arbeiter nun endlich einmal verstehen lernen, wie von dieser Seite aus ihren Interessen Verständnis entgegengebracht wird? Niit der Familienzulage wird man wieder gewaltig viel Lärm machen und sie als den Gipfelpunkt der ge- mcindlichen Arbeiterfürsorge preisen. Es ist— wie wir zu zeigen versuchten— nicht so arg damit. Gewiß, die Arbeiter können auch ein paar Mark mehr dadurch bekommen. Aber dafür hat man ihnen auch von neuem gezeigt, daß sie als das„unruhige unsichere Element" viel weniger Anspruch darauf haben, gerecht behandelt zu werden, als das„sichere, stete und treue Bcamtenkorps", welches — so sagte Bürgermeister Matting—„ein starkes Rückgrat unserer Nation ist".— Ob sich die städtischen Arbeiter dieser Behandlung auch bei den im Herbst stattfindenden Gemeindewahlen erinnern werden?,. Tchöneberg. Eine schöne Einnahme für die Stadtkasie. 500 000 Mark Wertzuwachssteuer hat Schöneberg gestern mit einem Schlage ein- genommen. Im Juni und Oktober vorigen Jahres hatten,'wie das „Schöneberger Tageblatt" berichtet, die Schöneberger Familien Mette und Krüger und im Februar dieses Jahres die Familie Schocken der Stadt Kaufofferten für im Südosten der Stadt, an der Tempelhofer Grenze, gelegene Ländereien gemacht. Die Offerten hatten Geltung bis Juli dieses JahreS. Daß inzwischen die Wertzuwachssteuer- ordnung in Schöneberg Geltung erlangen werde, hatte allerdings keiner der Verkäufer gedacht. So wurden sie durch die Fixigkeit, mit der die neue Steuer Rechtskraft erlangte, überrascht und»nüssen nun, nachdem die Stadtverordnetenversammliing gestern ihre Offerten angenommen, insgesamt rund eine halbe Million Wertzuwachssteuer zahlen. In ei» mysteriöses Dunkel gehüllt ist der in der Nacht vom Montag zu Dienstag erfolgte Tod eines Offiziers vom Eisenbahn- regiment, deS Leutnants Erich v. Hülfen. Der junge Offizier wurde am Dienstag morgen gegen 8 Uhr in seiner in Schöneberg. Cheruskerstraße 43, belegenen Wohnung auf dem Bette liegend tot aufgefunden. Anfänglich wnrde Selbstmord angenommen, doch sind im Laufe des gestrigen TageS Verdachtsmoniente aufgetaucht, die ohne weiteres nicht auf einen freiwilligen Tod schließen lassen. Herr v. H. war ein lebensluiuger, in rangierten Verhältnissen lebender Mann, der keinerlei Grund hatte, sich das Leben zu nehmen. In der Nacht von Montag zu Dienstag war er nüt einem Kameraden, der in demselben Hause wohnte, in Berlin gewesen und kehrten die beiden Herren gegen 5 Uhr morgens in Begleitung zweier Mädchen in ihr Heim zurück. Die Offiziere sind dann noch einige Stunden mit den Damen zusammen gewesen, bis die Herren, von Müdigkeit übermannt, einschliefen, Als der Kamerad des Leutnants von Hülsen morgens gegen 3 Uhr erwachte, sah er, daß die Mädchen verschwunden waren, und fand Herrn v. H. tot auf seinem Bette liegend. Das zirka 50 Mark ent- haltende Portemonnaie fehlte. Auf dem Nachttisch des Leutnants v. Hülsen stand ein halb geleertes Glas mit einer gelblich hellen Flüssigkeit. Dasselbe ist von der Behörde beschlagnahmt und die Leiche behufs Obduktion nach der Leichenhalle des Garnisonlazaretts in Tempelhof übergeführt worden. Die beiden Mädchen sind noch nicht ermittelt; von der Obduktion und der Untersuchung der Flüssigkeit wird es abhängen, ob hier ein Mord vorliegt oder ob der lebenslustige junge Offizier eines anderen TodeS gestorben ist. Ober-Schöneweide. Wcrtzuwachsstcner. Auf der Tagesordnung der letzten Gemeinde- oertretersitzung stand unter anderem die Beschlußfassung über Ein- sührung der Wertzuwachssteuer. Nachdem sich die zum Zwecke der Vorberatung eingesetzte Konimission nur mit Stimmcngleichheit für Einführung ausgesprochen, erschien die Annahme sehr zweifelhaft. Mit 12. gegen 7 Stimmen ist denn auch die Angelegenheit auf ein Jahr vertagt worden. Von den Befürwortern der Steuer wurde vergeblich dargetan, daß doch irgendein Ausweg gefunden werden müsse, um eine wesentliche Er- höhuna des Einkommensteuerzuschlags zu verhindern, welche die überaus steuerschwache Bevölkerung des Ortes schwer treffen würde. Aber was schert dies die Herren Fabrikdirektoren und Rentiers, denen die Steuerzahlung weiter kein Unbehagen macht. ES wird vielleicht gut fein, eine Erhöhung der Gewerbesteuer für die oberen Klaffen dieser Steuerart zu beantragen; dann wird es sich zeigen, welcher Aufruhr entstehen wird. Es hat nach allen Borgängen nachgerade den Anschein, als ob in der Gemeinde- Vertretung nur Vertreter von Terraingesellschaften säßen. Steglitz. Di« hiesige freie Jugendorganisation hält am Sonnabend, den 12. d. Mts., abends 8 Uhr, bei Näther, Marksteinftr. 1, ihre Mit- gliederverfammlung ab, in der Genosse Böttcher über:„Die Ge- schichte der deutschen Gewerkschaften" sprechen wird.— Die Partei- genossen werden darauf hingewiesen, ihre zum größten Teil noch nicht organisierten Söhne resp. Töchter unter 13 Jahren zum Bei- tritt zu bewegen. Friedenau. Ein folgenschwerer Unfall ereignete sich gestern auf dem Neubau des Schulgebäudes zu Friedenau. Der Bau wird ausgeführt von der Firma Burchardt und steht bis zum Richten bereits fertig. Die Deckenaussührung wird von der Firma Kleinertz u. Behrendt, G. m. b. H. vollzogen. Bei der Fertigstellung einer Decke kamen kurz nach Mittag mehrere Arbeiter mit Betonsäcken und warfen dieselben zu Boden; infolge des Anpralles brach die Schalung durch und wurden drei Arbeiter mit in die Tiefe gerissen. Mit Hilfe der dort be- schäftigten Maurer und Arbeiter wurden die Verunglückten unter den Trümmern schwerverletzt hervorgezogen und nach dem Kranken- hause übergeführt. Der bedauerliche Unfall ist jedenfalls auf schlechte Absteifung zurückzuführen. Liibars-Waidmannslust. In der Gcmeindcvertretersttzung vom 7. Juni töurde das Ortsstatut über die Benutzung der Gemeinde-Wasserleitung angc- nommen; ebenso die hierauf bezügliche Gebührenordnung und Polizeiverordnung.— Da das Umherlaufen der Hunde in be- lästigender Weise zugenommen hat, wurde durch Polizeiverordnung das sichtbare Tragen der Steuermarke für Hunde verfügt, wozu die Gemeindevertretung als Amtsausschutz die Bewilligung gab. Wegen der Regelung des Desinfektionswesens ist mit dem Barbier teerrn Moldenhauer in Hermsdorf vorläufig ein Vertrag abge- schloffen worden, wonach derselbe für jede geleistete Arbeitsstunde 0,75 M. erhält. Der Gemeinde Hermsdors werden für den Gebrauch der Geräte 1 M. als Benutzungsgebühr zugestanden. Steuer- Pflichtige, welche ein Einkommen unter 900 M. haben, sind von der Gebührenzahlung befreit.— Vom Verein zur Hebung des G& meindewohls zu Waidmannslust lag ein Gesuch um Erhaltung und Aufbesserung der gärtnerischen Anlagen am Bahnhof und Ueber- nähme der Kosten vor, welches jedoch mit Rücksicht auf den Bahn- Hofsumbau abgelehnt wurde. Beschloffen wurde, die Anlagen regelmäßig zu gießen. Der Herr Amts- und Gemeindevorsteher Müller scheint es mit dem Verein zur Hebung der Mieten nicht verderben zu wollen; denn noch vor der Abstimmung befragte er den Herrn Seidler, welcher Mitglied obigen Vereins ist, ob er mit dem Beschlüsse zufrieden wäre.. Wittenau. Selbstmordversuch eines Soldaten wegen UrlanSSiiberschrcitung. In der Nacht vom DienStag zu Mittwoch spielte sich auf dem Bahn- hose Wittenau ein aufregender Vorgang ab. Als ein aus Oranien- bürg kommender Vorortzug in die Halle einfuhr, warf sich plötzlich, ehe es jemand hindern konnte, ein Soldat vom 141. Infanterie- Regiment in Graudenz vor die Maschine. Die Lokomotive rollte über den Unglücklichen hinweg und riß ihm ein Bein und den linken Arm vom Rumpf. Mit größter Mühe befreite man den Mann aus seiner entsetzlichen Lage und brachte ihn in demselben Zuge nach dem Stettincr Bahnhof, wo der anwesende Bahnarzt ihm einen Verband anlegte. Später wnrde der Verunglückte nach dem Garnisonlazarett in der Scharnhorststraße gebracht; die Tat hat er aus Furcht vor Strafe ausgeführt, weil er seinen Urlaub überschritten hatte. Den Lokomotivführer trifft keine Schuld, da sich alles zu schnell abspielte, um noch die Maschine rechtzeitig bremsen zu können. Spandau. Ein schwerer Bauunfall ereignete sich am Montagnachmittag auf dem Neubau des evangelischen Johannisstiftes. Dort waren die Schlosser gerade mit dem Einbohren von Löchern in die eisernen Träger beschäftigt, als ein Lehrling, wohl infolge eines Fehltrittes, vom Boden bis ins Parterregeschoß stürzte. Der Bedauernswerte wurde zunächst in schwerverletztem Zustande nach der Unfallstation gebracht. Wie uns von fachmännischer Seite mitgeteilt wird, waren die Etagen nicht abgedeckt. Sache der Berufsgenoffenschaft wäre eS, sich darum zu kümmern, daß die notwendigsten Schutzvorrichtungen angebracht werden. Die Maurerarbeiten werden von der Firma Wessel ausgeführt, die auch für die Abdeckung zu sorgen hatte. Sericdts- Leitung. Die Frindschast des Bürgermeisters von Merzig an der Saar ist einem seinerzeit angesehenen Bürger dieses Ortes zum Ver> hängnis geworden.— Johann Lauer betrieb früher eine Wirtschaft in Merzig. Er ist im Jahre 1903 wegen Blutschande, begangen mit seiner Schwiegermutter, zu sechs Monaten Gefängnis vom Landgericht Trier verurteilt worden. Lauer behauptet, daß er unschuldig verurteilt ist. Er hat deshalb. um ein Wieder- ausnahmeverfahren durchsetzen zu können, eine Beschwerde egen den Landgerichtsdirektor Dr. Schneider in lrier an den preußischen Justizniinister gerichtet. In dieser Be schwerdeschrift führt Lauer eine Reihe von Tatsachen an, welche seiner Meinung nach dafür sprechen, daß Landgerichtsdirektor Dr. Schneider als Vorsitzender der Strafkammer, welche ihn wegen Blutschande verurteilte, voreingenommen und parteiisch verfahren sei. Der Beschwerdeführer ersuchte den Justizminister, ein Disziplinar verfahren gegen Dr. Schneider einzuleiten. Die Beschwerde- schrift, die schließlich dem Landgerichtsdirektor Dr. Schneider hochgradige Gewissenlosigkeit nachsagt, ist Gegenstand einer Be- leidig nngsklage gegen Lauer, die gestern vor dem Schöffengericht Berlin- Mitte verhandelt wurde. Zu seiner Rechtfertigung führte der Angeklagte Lauer im wesenk lichen folgendes an: Er habe als höchstbesteuerler Bürger in Merzig großen Emfluß unter der Einwohnerschaft gehabt. Der Bürger- in ei st er Thiel habe von ihm verlangt, er solle bei den emeindewahlen seinen Einfluß zugunsten der dem Bürger meister genehmen Kandidaten geltend machen. Das habe er nicht getan, weil er in Gcmeindeangelegenheiten nicht auf dem Stand Punkt des Bürgermeisters stand. Die Gemeindewahlen seien nicht im Sinne des Bürgermeisters ausgefallen. Seitdem sei der ärger m ei st er ihm feindlich gesinnt. Der Polizei diener Schreiner, dessen sich der Bürgermeister als Werkzeug gegen ihn(Lauer) bediente, habe ihn seitdem oft wegen geringfügiger Nebertrewngen angezeigt. Er sei aber in den meisten Fällen vom Schöffengericht in Merzig freigesprochen und der Polizeidiener sei vom Gericht als unglaubwürdiger Zeuge bezeichnet worden.— Ein in der Wirtschaft des Angeklagten beschäftigt gewesener, wegen Diebstahl entlassener Schlächtergeselle Mnnewald habe dem Polizeidiener Schreiner erzählt, in der Wirtschaft würden Unsitttichkeiten betrieben. Daraufhin habe der Bürgermeister Thiel ein Verfahren auf Entziehung der Konzession gegen ihn, den Angeklagten, eingeleitet. Anläßlich dieses Verfahrens habe der Bürgermeister Thiel in seiner Eigenschaft als Amtsanwalt den Schlächtcrgesellen Manewald ver- nommen und ihn bereits im Vorverfahren seine Aussage be schwören lassen.(Letzteres steht aktenmätzig fest.) Der An geklagte meint, Thiel habe den ungewöhnlichen Fall einer Vereidi gnng im Ermittelnngsverfahren lediglich deshalb angewandt, um den Manewald festzulegen mit einer Aussage, die dem Angeklagten un- günstig war. Auf Betreiben des Bürgermeisters Thiel sei dann die Anklage wegen Blutschande erhoben und lediglich auf das Zeugnis des Manewald sei er, der Angeklagte, mit samt seiner Schwiegermutter verurteilt worden. In diesem Prozeß habe der Landgerichtsdirektor Dr. Schneider insofern par- teiisch gehandelt, daß er einen Schutzzeugen des Angeklagten in eine peinliche Situation brachte, indem er ihn veranlaßte, zuzu- geben, daß er, der Zeuge, vor 12 Jahren, als er unverheiratet und die Schwiegermutter des Angeklagten Witwe war, mit dieser intim verkehrte. Diese Aussage habe lediglick dazu gedient, Stimmung gegen den Zeugen und damit auch gegen den Angeklagten zu machen. Die Aussage deS Zeugen Manewald sei in der Urteilsbegründung in einer Weise zuungunsten des Angeklagten verwendet worden, die mit den tatsächlichen Bekundungen des Zeugen nicht in Einklang ständen. — Seine Ansicht, daß der Landgenchtsdirektor Dr. Schneider gegen ihn parteiisch vorgegangen sei, erklärt der Angeklagte so: der Land- gerichtSdirektor sei ein intimer Freund der Familie des Bürgermeisters. Da dieser dem Angeklagten feindlich gesinnt sei und seine Bestrafung wünschte, so habe der Landgerichtsdirektor nach Möglichkeit auf die Bestrafung des Angeklagten hingewirkt. tum Beweise für die Richtigkeit dieser Annahme bezieht sich der ngeklaate auf ein Gespräch mit einem Manne, dem er vor dem Prozeß sagte, er könne nicht verurteilt werden, denn er sei in der Lage, nachzuweisen, daß er zur Zeit, wo er die Straftat begangen haben solle, gar nicht am Tatorte anwesend war. Dieser Mann, ein Aufseher in einer dem Schwiegervater des Bürgermeisters gehörenden Fabrik, habe daraus gesagt: Das nutzt Ihnen nichts, Sie werden verurteilt, denn der Land- gerichtSdirektor steht in freundschaftlichem Wer- kehr mit dem Schwiegervater des Bürgermeisters. Als eine weitere Ursache für die Feindschaft des Bürgermeisters führte der Angeklagte an: Er habe von einem Mädchen ein Doku- ment in Verwahrung bekommen. Der Bürgermeister habe ihn unter Androhung einer Polizeistrafe zur Herausgabe des Dokuments zwinge» wollen, aber der Angeklagte habe den Bürgermeister des- wegen angezeigt. Der Verteidiger deS Angeklagten im gegenwärtigen Be- leidigungsprozeß. Rechtsanwalt Theodor Liebknecht. berief sich zi»n Beweise für den guten Glauben deS Angeklagten in Bezug auf die Parteilichkeit des LandgerichtSdirektors Dr. Schneider darauf, daß diese Ansicht auch in anderen Kreisen herrsche. Die Rechtsanwälte in Trier hätten beschlossen, an den Landgerichtspräsidenten eine Kollektiv» eingabezu richten, um darzulegen, daß sie vor den: Landgerichtsdirektor Dr. Schneider nicht mehr plädieren würden, weil dieser die Ver- h andlungen parteiisch führe und weil er auch als SchwurgerichtSborsltzender die Geschworene« durch die Art, wie er die Rechtsbelehrung erteile. zuungunsten der Angeklagten zu beeinflusseu versuche. Von einer Beweiserhebung sah daS Gericht ab. Der Amtsanwalt billigte dem Angeklagten zwar den Schutz des§ 133 zu, meinte aber, die Grenzen desselben seien weit über- schritten, und beantragte eine Gefängnisstrafe von neun Monaten. Der Verteidiger legte in längeren Ausführungen dar: Der Angeklagte habe ohne Zweifel in Wahrnehmung berechtigter Interessen gehandelt und nicht die Absicht der Beleidigung gehabt. In gutem Glauben habe er in seiner Beschwerdeschrift eine Reihe von Tatsachen angeführt, um seine Annahme, der Landgerichts- direktor Dr. Schneider habe parteiisch gehandelt, zu begründen. Deshalb muffe der Angeklagte freigesprochen werden. Nur eine einzige Stelle der Beschwerdeschrift könnte allenfalls als formale Beleidigung angesehen werden. Hierfür sei eventuell eine geringe Geldstrafe ausreichend. Das Urteil des Gerichts ging dahin: Dem Angeklagten stehe der Schutz des§ 193 zur Seite. Es müsse betont werden, daß hier nicht festzustellen war und nicht festgestellt ist, ob die Vor- würfe, die der Angeklagte dem Landgenchtsdirektor Dr. Schneider machte, objektiv berechtigt sind."Es sei nur festzustellen gewesen, ob der Angeklagte in gutem Glauben die von ihm angeführten Tatsachen vorgebracht habe. Daß er nicht in gutem Glauben gehandelt habe, sei nicht erwiesen, es sprächen sogar eine Reihe von Umständen für seinen guten Glauben, so der freundschaftliche Verkehr des Landgerichtsdirektors mit dem Schwieger- vater des Bürgermeisters, die Angaben des Fabrikaufsehers, die Vernehmung eines Zeugen über seinen früheren Verkehr mit der Schwiegermutter des Angeklagten, sowie die Feindschaft des Bürger- meisters gegen den Angeklagten. Der Angeklagte habe aber die Schntzgrenzen des§ 193 überschritten, indem er in seiner Beschwerde sagte, es sei ein hoher Grad von Gewissenlosigkeit, wenn ein Richter zu Gericht sitze über den Feind einer mit ihm befreundeten Partei. Das sei eine schwere Beleidigung des Richters, die nicht mit einer Geldstrafe gesühnt werden könne. Der Angeklagte sei deshalb zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Das Beschwerderecht wird dem Staatsbürger tatsächlich ähnlich wie in Militärsachen illusorisch gemacht, wenn der Beschwerdeführer gewärtigen muß. wegen der Beschwerde über den seiner Ansicht nach vorhandenen Mißstand in Anklagezustand versetzt und gar mit Ge- fängnisstrafe belegt zu werden. Daß ein Richter„beleidigt" werden kann, weil eine Partei in einer Beschwerde an der zuständigen Stelle das vorbringt, was seines Erachtens zur Rechtfertigung der Be- schwerde vorzubringen ist, ist mit dem allgemeinen Rechtsempfinden unvereinbar._ Die Moral-Theologie des heiligen Alfons von Liguori vor de« Reichsgericht. Das Landgericht Leipzig hat am 14. Januar den Verlags» buchhändlor Max Zieger von der Anklage der Verbreitung einer unzüchtigen Schrifr freigesprochen. Der ehemalige Franziskancrpater, jetzige altkatholische Pfarrer Joseph Ferk in Mährisch-Schönberg in Oesterreich gehört zu den Gegnern der Liguori- Moral. Er hat einige markante Stellen des Originalwerkes aus dem lateinischen Urtexte übersetzt und mit Vorwort und An- merkungen sowie Schlußwort versehen. Diese Schrift, 23 Seiten umfassend, ist beim Angeklagten Zieger er- schienen. Die Anklage erklärte nun die ganze Arbeit für eine unzüchtige Schrift, und zwar lediglich wegen des wörtlichen Abdruckes einzelner Teile aus Liguori. Es handelt sich dabei um Instruktionen für Beichtväter, in denen von allerlei Unzüchtigkeiten, Fleischessünden usw. die Rede ist. Hierbei werden alle nur denkbaren Fälle des auf die Geschlechtslust zurückzuführenden Verkehrs von Mann und Weib, Weib nnt Weib, Mensch mit Tier, Mann mit weiblicher Leiche, ja sogar Mensch mit Teufel und die Onanie durchgesprochen. Das Gericht hat die Broschüre als ganzes betrachtet nicht als eine unzllch- tige Schrift ansehen können. Der Verfasser halte die von der römischen Kirche jetzt als gültig anerkannte Liguori-Moral für verwerflich und erblicke in ihr eine Gefahr für die allgemeine Sittlichkeit. Aus der Broschüre selbst ergebe sich deren Tendenz, welche darin bestehe, durch die übersetzten stellen einschließlich der darin vorkommenden an sich unzüchtigen Stellen auf die Gefahren aufmerksam zu macheu, welche durch die in den übersetzten Stellen enthaltenen, nach Ansicht des Verfassers auch jetzt von der römisch- katholischen Kirche anerkannten Sittenlehren für die wahre Sittlichkeit enl- stehen können. Die in der Schrift enhaltencn unzüchtigen Stellen verfolgten nur den Zweck, Beweise für die aufgestellten, von der Gegenpartei bekämpften Behauptungen zu erbringen. Gerade um den Nachweis für die behauptete Unsittlichkeit zu führen, wurden die unzüchtigen Stellen angeführt und hiermit an den Pranger gestellt und gegeißelt. Gegen das freisprechende Urteil legte die Staatsanwaltschaft Revision ein. Diese wurde am Montag in Ucbereinstimmung mit einem Antrage des ReichSanwalts vom Reichsgericht ver- worfeo._ Vermischtes. Feuer in einer Bahnwerkstätte. Wie aus Darmstadt gemeldet wird, brach vorgestern abend nach 9 Uhr in der längs des Personen- bahnhofS der Main-Neckar-Bahn gelegenen Reparaturwerkstätte Feuer aus. daS mit rasender Schnelligkeit um sich griff und in kurzer Zeit den südlichen Teil der Werfftätte zerstörte. Ein Werkmeister und ein Feuerwehrmann erlitten durch herabstürzende Balken Verletzungen. Der Durchgangsverkehr wurde, da der Bahnhof selbst gefährdet war, bei Notbeleuchtung aufrechterhalten. Die Station war durch ein Militörpikett gesperrt. Nur Reisende'wurden durchgelassen. Erst um 12'/, Uhr nachts war der Brand bewältigt. � Gestern vormittag lO'/g Uhr stürzte ein Schornstein auf der Brandstätte zusammen, wobei zwei Schmiede verletzt wurden. Erdbeben. Nach einer Meldung aus S a nti a g o d e Ch ile sind durch ein heftiges Erdbeben in dem Hafenorte Copiapo viele Häuser zerstört worden. Unter den Bewohnern herrscht Panik. Durch ein starkes Erdbeben, so wird aus Haag tele- graphiert, sind in Korintje im oberen Padang in der Nacht vom 3. zum 4. Juni 230 Menschen ums Lebe» gekommen; viele sind verletzt worden. Briefkaften der Redaktion. #U tnriftls»« evr««stu»de««»et«Indenftraste Nr. 3,, weiter Hot. dritter Eingnng, vier Treppelt,«Dp- Fahrstuhl"Angl Ivo/, dt»»>/, Mir statt.«eöffiie,? Illir «oniiadend» begin», die evre-hftunde um« Uhr. Jeder«nsraa- ist«iu Buch,»ade»»d eine Nah» al» Piert, eichen d-i�»»iig«n.«rtesliche»in»wort wird Utch« erteilt. Bis zur Bcantwormug im«riefkaste» köaucu liTna« vergehe». Eilig« Frage» trage man in der Sprechstunde vor. Paul 46. 1. Die Wahl findet aus Grund neuer Listen statt. 2. Dar- über ist noch nicht entschieden. 3. Borgmann war gewählt im 5., Husch im 6. und Heimann Im 7. Berliner LandlagSwahIweiS.— R. M. 1000. Auskunft erhalten Sie iu der Zentrale für Auswanderer, Schellingstr. 4.— itö. L. 100. Spielsragen entscheiden wir nicht.— Hummct 1890—1891. Eine solche Maschine war bei der Firma Babing vorhanden, als noch dort der.Vorwärts" hergestellt wurde.— P. W. 100. Ja.— G. B. 1885. Georg Packhäuser, Ritterstr. 58.— Streitkopsc Dipoldiswalde. Die Spree mündet bei Spandau tn die Havel, diese bei Havelberg in die Elbe. Letztere ergießt sich in die Nordsee.— Allgrmeiner Arbeiterverein. Luzern. 1. Wenden Sie sich unter Berusung aus uns an die.Münchener Post". 2. Beide Ausdrücke sind gebräuchlich.— M. M. 1000. Nein. — A. R. 36. Stellen Sie einen Antrag bei der Versicherungsanstalt. ES genügt daS Vorhandensein von 200 Marken und die Invalidität.— P. Stku 63. Ja; aber aus Antrag wird Ihnen gestundet.— w!. R. 6. Haben �-ie in der Tat die gcpsändeten Sachen verlaust oder verseht, so haben Sie sich strasbar gemacht. Der Gerichtsvollzieher war durchaus in feinem Recht. Er handelte lediglich seiner Instruktion entsprechend.— B» T. 4. 1. New. 2. New. 3. DaS ist gesetzliche Vorschrift und beruht außerdem ans einem JnnungSSeschwß.— E. W. 16. 1. New. 2. Ja. Beranwortlicher ISebaUeuti Hang W.ebllr. Bexliv. Für dellLnftratenteilveraytw.t Th. Glocke, Berlin. Krück n. Verlag: VorsärtSBuchdruckLrei u. VeklagsgnMt Paul Zingei& So« BerÜ» SW.