Kr. 134. fftonnfmfntS'Bfdtogtingen; iteonnemen;«- Preis pränumerando 3 «icrtrljähil. SPO®if., monatl. 1,10 Mk„ IvvchenlNch 28 Pfg. frei WS Haus, Einzelne Nummer 6 Psg. Sonntags. nmumer mit illuslricrter Sonntags- Beiloge»Die Neue Welt" ia Pfg. Post. «bomiemenl: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Posl-Zeiwngs. PrefSIistc. Unter Nrcuzband für Deutschland und Oesterreich, Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland S Mark pro Monat. PostabonnementS nehmen an: Belgien, Dänemark. Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, Pumänien, Schweden und die Schweiz, Mchrti» tügs» illlöck msntasj. S6. Jahrg. Vevlinev Volksblskt. vle?nlertlanz-6ediihr Leirägt für die sechsgespaltene Kolonel- geile oder deren Rauni 60 Psg., für, politische und gewerlschastliche Vereins- Und BersammlungS-Anzeigen 30 Psg. 1 „Kleine Hnieigen", das erste(fett- gedruckte) Wort 20 Psg., jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf- stcllen-Anzeigcn das erste Wort 10 Psg., jede? weitere Wort 6 Pfg. Worte über 16 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate sür die nächste Nummer müssen bis SUHrnachmittagSinder Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm. Adresse: „S»aisIll«msMt Bcnia" Zentralorgan der fozialdemokrati feben parte» Deutfcblande. £33332 Redaktion: SRI. 68, Ltndcnetraaee 69« Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Huligersnotpreile und Keife. Die wirtschaftliche Krise hat namenloses Elend über die Arbeiterschaft Deutschlands gebracht. Die Arbeitslosigkeit ist größer denn je. In zahlreichen Industriezweigen werden Feierschichten eingelegt, und die Löhne sind gesunken. So mußte das Einkommen der Arbeiter ganz bedeutend sinken. Gleichzeitig aber sind die Preise für Lebensmittel stark ge- stiegen. Mr haben bereits darauf hingewiesen, daß die Ge- treidepreise in Deutschland eine abnorme Höhe erreicht haben, daß Deutschland zurzeit die höchsten Getreidepreise der Welt hat. Entsprechend dem Getreidepreise sind auch die Brotpreise erhöht worden: die Brotlaibe und die Senimeln werden kleiner gemacht. � Aber auch andere Lebensmittel stehen hoch im Preise.— Die„Vossische Zeitung" bringt regelmäßig eine Zusammenstellung der Preise einer Reihe von Handels- artikeln, wobei die Durchschnittspreise für die Jahre 1889 bis 1898 gleich 199 gesetzt sind. Es ergibt sich da folgendes: Das Preisniveau lvar im April 1903 im April 1909 Roggen... 128,3 119,7 Weizen... 120,4 140,2 Kartoffeln.. 107.7 123,8 Ninder.... 119,0 111,1 Schweine... 102,7 117,1 Kälber.... 138,8 150,4 Hammel... 128,6 127�3 Schmalz... 123,8 156,1 Butter.... 114,2 109,7 ' Es ist also der Weizenpreis um �9,2 Proz. höher als im Durchschnitt jener zehnjährigen Periode, der Roggenprcis um nahezu 29 Proz. höher, die Viehpreise um 11,1 bis 56,1 Proz. höher usw. Unter jenes Preisniveau sind von Lebensmitteln nur Zucker, Kaffee und Heringe gesunken. Dazu kommt, daß die Preise in den letzten Monaten fast durchweg eine steigende Tendenz aufweisen. Die Jndernummcrn für April sind bei Getreide, Fleisch und Kartoffeln höher als für März. Arbeitslosigkeit, gemindertes Einkommen der Massen und steigende Preise der Lebensmittel, das ist das Kennzeichen der deutschen Wirtschaftspolitik. So will es die herrschende Klasse. Denn daran ist festzuhalten: die Teuerung der Lebensmittel ist eine Folge von künstlichen Maßnahmen. Man erhöht die Zölle, um den Profit der Agrarier zu erhöhen, man sperrt die Grenzen ab, um die Preise künstlich in die Höhe zu schrauben, und die Arbeiterschaft fühlt am eigenen Leibe die Folgen dieser infamen Politik. Man sprach von der Not der Landwirtschaft. Die Zeiten sind vorüber, und der unverschämteste Agrarier wagt es heute nicht mehr zu behaupten, daß die Landwirtschaft unrentabel sei. Die Preise der Güter sind enorm in die Höhe getrieben worden, besonders in Ostelbien; der beste Beweis, daß die Bodenrente wächst, daß die Großgrundbesitzer und Großbauern glänzende Geschäfte machen. Sie machen sie auf Kosten der Lebenskraft der Nation, auf Kosten der Arbeitermassen, die darben und daher ihre Kräfte vorzeitig aufreiben. Es ist eine längst bekannte Tat- fache, daß schon seit Jahrzehnten in Deutschland die Arbeiter, Kleinbauern, kleinen Handwerker und Hausindustriellcn durch andauernde Unterernährung ihre Gesundheit ruinieren, daß die Kinder und Frauen besonders infolge dieser Unter- ernährung in frühzeitiges Siechtum versallen. Daran aber hat die Wirtschaftspolitik des Deutschen Reiches die Haupt- schuld. Diese Tatsache versucht man abzuleugnen, indem man darauf hinweist, daß auch in anderen Ländern die Belastung des Konsums durch indirekte Steuern sehr hoch sei, daß z. B. England ebenfalls sehr hohe Einnahmen aus diesen Steuern ziehe. Indessen ist dieser Vergleich durchaus falsch. Wenn z. B. der englische Statistiker Rosenbaum herausrechnet, daß die Abgaben aus Nahrungsmittel und eßbare Genußmittel pro Kopf der Bevölkerung in England 6 Schilling 5 Pence betragen, in Deutschland aber 9 Schilling 19 Pence, so ist damit noch gar nichts gesagt. Denn die englischen Abgaben bestehen zum großen Teil in Zöllen auf Lebensmittel, aber nur auf solche, die nicht im Lande produziert werden. Diese Zölle verteuern also nicht die Landesprodukte. In Deutschland ist es umgekehrt: nicht nur das Getreide, das Fleisch, die Butter, die Eier usw., die aus dem Auslande eingeführt werden, werden verteuert, sondern auch die inländischen Pro- dukte. Professor Julius Wolf berechnete jüngst die nicht- fiskalische Zollbelastung— d. h. die Verteuerung der im Inlands produzierten Lebensmittel infolge der Zölle— auf rund eine Milliarde Mark, was etwa 16 Mark pro Kopf der Bevölkerung ausmacht. Daß diese indirekten Steuern die Arbeiter, die Unbemittelten, besonders schwer treffen, ist eine längst erwiesene Tatsache. Vor kurzem hat G e r l 0 f f in einer sehr exakten Arbeit von neuem den ziffernmäßigen Beweis erbracht. Er berechnete den Konsum aus Grund genauer Haushaltungsrechnungen und berechnete dann weiter die Steuern, die beim Konsum entrichtet wurden. Das Ergebnis war folgendes: Es betragen diese Steuern in Prozenten des Einkommens: Prozente des Einkommens, die die indirekten Steuern erfordern von 4000 bis 6000 Mark 1,32 bis 1.93 .. 2000„ 4000„ 1,22„ 3,22 „ 1200„ 2000. 3,63. 5,14 , 800„ 1200, 4,37. 6,27 unter 800, 4,39, 6,50 l bei Haushaltungen mit einem Einkommen Das sind ungeheuerliche Zahlen. Eine Arbeiterfamilie, die mit einem Einkommen von 1999 M. und weniger im Jahre auskommen muß, zahlt bis 65 Mark indirekte Steuern. Mehr als ein Zwanzigstel des kargen Ein- kommens wird durch die künstliche Verteuerung der Lebens- niittel konfisziert zugunsten des Fiskus und der Agrarier! So wird die Unterernährung herbeigeführt. Tie Mutter muß die Rationen ihrer Kinder knapp halten, darf ihre Kinder nicht satt werden lassen, weil die Junkerpolitik das Brot, die Butter, das Fleisch und die Milch verteuert. Jetzt soll es noch schlimmer kommen. 499 Millionen Mark indirekter Steuern sollen den Massen von neuem aufgebürdet werden. Bier und Tabak sollen verteuert werden, das Brot soll durch die Mühlenumsatz st euer von neuem verteuert werden, Kaffee soll verteuert werden, Kohlen und Streichhölzer sollen verteuert werden. Und aber- mals bleibt es nicht bei den 499 Millionen Mark, denn es ist zu befürchten, daß Bier, Branntwein, Tabak, Mehl und Kohlen um mehr als den Betrag der Steuern verteuert werden. 499 Millionen Mark das sind rund 6,69 Mark pro Kopf, rund 33 Mark pro Familie von 5 Köpfen. Noch weiter wird die Belastung-steigen, noch mehr wird die Arbeiterfamilie ihren Konsum einschränken müssen, noch größer werden die Opfer werden, die Krankheit und Tod infolge der Unterernährung fordern. Das ist in normalen Zeiten. Jetzt wütet die Krise. Der Verdienst ist gesunken, das Einkommen ist geschmälert. Nach Hunderttausenden zählen die Arbeitslosen, nach Millionen zählen die Arbeiter, deren Wocheneinnahme um um Vz und mehr gefunken ist infolge der gekürzten Löhne und der Feier- schichten. War in normaler Zeit schon Schmalhans Küchen- meister, so hat jetzt das bloße Elend sich in Millionen Arbeiter- saniilien eingenistet. Und in dieser Zeit der schweren Not kommen Hungers- notpreise, steigt der Getreidepreis zu abnormer Höhe, wird das Brot unerschwinglich teuer. Und das schändliche, das niederträchtige ist: diese Preise sind künstlich gesteigert durch die Brotwucherpolitik der herrschenden Cligue. Welch grenzenloser Hohn liegt darin: Millionen leiden unverschuldet unter der Krise, Millionen leiden, weil die wahnwitzige Wirtschaft des Kapitalismus die fleißigen Arme zum Ruhen zwingt, und während dieser Zeit des Elends raffen die Agrarier ungeheure Profite ein, indem sie sich das Korn weit über den Wert bezahlen lassen. Die Not wird noch schlimmer werden. Die Krise ist noch nicht zu Ende. Hier und da zeigen sich kleine Ansätze zum Besseren, aber auf vielen Gebieten droht noch weitere Ein- schränkung der Produktion. Die Lebensmittelpreise aber steigen. Eine knappe Ernte steht bevor, das Brot wird teuerer werden. Gibt's kein Mittel, dem zu steuern? O doch! Da künst- liche Mittel die Teuerung mit bewirkt haben, liegt es in unserer Hand, ihr entgegenzuwirken. Fast ist es zu spät. Die wahnwitzige Wirtschaftspolitik hat dazu geführt, daß die reiche Ernte Deutschlands vom letzten Jahre ins Ausland ging. Die Regierung gewährt Ausfuhrprännen in Form der Einfuhrscheinc, und deshalb hat man daS Korn ausgeführt. Aber noch ist es möglich, den Preis zu drücken. M a n h e b e die Einfuhrscheine auf und beseitige die Zölle, dann muß das Korn billiger werden. Der Weizen kostet heute 279 M., der Roggen 198 M.: der Zoll beträgt 55 M. auf Weizen, 59 M. auf Roggen. Wird der Zoll aufgehoben, dann wird der Weizenpreis um ein Fünftel, der Roggenpreis um ein Viertel herabgesetzt. Wahrscheinlich um noch mehr, denn durch die Oeffnung der Grenze würde den Spekulanten das Handwerk gelegt, die heute die Preise in Deutschland um mehr als den Betrag des Zolles über den Weltmarktpreis gesteigert haben. Die Krise verursacht Elend genug, eS ist ein Ver- brechen, das Elend noch durch den Brotwucher zu ver- schlimmern. Deshalb �die Grenzen auf! kliffechetee. Dresden, II. Juni 1909.(Telessramm.) Auf Bcrnnlassung der hiesigen löniglichcn Polizridirektion sind die in den Gchcimbundprozcß verwickelt gewesenen russischen Studenten aus Sachsen ausgewiesen worden. Der Zweck der Dresdener Uebung ist erreicht: das Gericht hat der sächsischen Regierung die Bahn bereitet, auf der man, ohne den Anlaß gar zu deutlich vom Zaune zu brechen, die „Geheimbündler" über die Grenze schieben kann. Dabei hat dieser denkwürdige Prozeß, der Königsberger Erinnerungen herausbeschwor, keinerlei gefährliche Verbrechen oder auch nur Vergehen der neun angeklagten und an hundert Tage in Untersuchungshaft gesteckten russischen Studenten und Techniker enthüllt. Wohl aber haben die Dresdener Verhandlungen vom Mittwoch und Donnerstag die alte deutsche Polizeischmach, daS Katzbuckeln und Liebedienern vor dem Zaren und den verworfensten feiner Kreaturen, neu erwiesen. Wieder rollten sich die Bilder ab, die wir alle kennen, die uns so oft den Ekel hoch emporsteigen und die letzten kümmerlichen Reste der Achtung vor deutscher Kultur in Staub und Kot versinken ließen. Russischer Jugend wird— in Deutschland— als Verbrechen an- gerechnet, was deutscher Jugend und deutschem Alter ungestraft frei- steht: Austausch sozialdemokratischer Gedanken, Geld- Expedition: SM. 68, Lindcnstraaae 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. beschaffung für arme Studienkollegen, Verbreitung und Benutzung sozialistischer Schriften, die in Deutschland frei und offen ver- breitet lverdcn dürfen und die zum Teil sogar in Rußland nicht immer verboten gewesen sind! Daß die Angeklagten Herrn AzewS eklen Schatten aus der Ver- senkung emportauchen ließen, das war dem Gericht nicht angenehm. Auch Kriminalkommissar v. Arnim auS Berlin war nicht gerade zu beneiden, als er bekennen mußte, wie er die Wohnung eines landcS- verwiesenen Russen, der nichts verbrochen hatte, durchschnüffeln und die Photographie des jungen Arztes nehmen ließ. Zu welchem Zweck? — Auf die Frage, ob jene Photographie nicht vervielfältigt und an die russischen Grenzämter geschickt worden sei, glaubte Herr von Arnim jedenfalls die Aussage verweigern zu müssen. Und daS genügt I Wer die Gabe hat, einen deutschen-Staatsanwalt gu be« dauern, der kann dieses Gefühl dem Dresdener Ankläger, Herrn Dr. Minde, in reichem Matze zuteil werden lassen; ist es- doch all seinem Eifer, all seinem Fleitze nicht gelungen, eine hieb- und stichfeste Anklage gegen die„Geheimbündler" zusammenzubringen. und so wagt sich das Richterkollcgium— um nicht Wahrheitsbeweise zulassen zu müssen, die den Pesthauch des russischen Spitzel- und Provokateursumpfes-hätten zum Himmel stinken lassen— gar oft in die liebliche Situation, als wahr zu unterstellen, was Angeklagte, Verteidiger, Zeugen, Sachverständige vorzubringen und eidlich zu erhärten bereit waren. Es wäre zu empfehlen, datz die Verteidiger der Dresdener „Geheimbündler" alle Beweisanträge sammelten, die dem Gericht angeboten und von diesem„als wahr unterstellt" wurden—: eine schärfere Kritik der deutschen Polizeischmach und des russischen amtlichen Verbrechcrsystems lätzt sich nicht gut zusammen- bauen.—_ Der Zerfall der radikalen Parte). Paris, 9. Juni.(Eig. Ber.) Eine der wichtigsten politischen Wirkungen der Regierung Clemenceaus, die so viele Dinge aus dem Beharrungszustand geschleudert hat, ist der unerwartet rasche Zusammenbruch des Radikalismus. Sicherlich war dieser in dem Augenblick, da er die Mehrheit in der Kammer erlangt hatte und feine Zu- sagen, die er den in ihren Interessen am meisten entgegen- gesetzten Klassen gegeben hatte, einlösen sollte, der Auslösung geweiht, aber Clemenceaus reaktionäre Gewaltpolitik, die den kleinbürgerlichen Flügel der Partei mitritz und seine wahre Natur jäh demaskierte, hat den Auflöfungsprozetz außer» ordentlich beschleunigt. Vergebens haben die Ideologen der bürgerlichen Demokratie, vor allem Pelletan, ihre Jeremiaden über den verlorenen Idealismus immer wieder angestimmt. Die Realpolitiker, die Clemenceau folgten, schätzten die klein- bürgerliche Abneigung gegen die Sonntagsruhe und gegen eine erhebliche Belastung durch die Altersversicherung, den im verschärften Klassenkampf in neuer Kraft erwachten mili- taristischen Patriotismus der Besitzenden höher ein als die Gerechtigkeitsphrasen der alten frommen radikalen Denkart. Der offenbare Abfall der Arbeiterwähler, die unausbleibliche politische Revolte der Beamten brachten auch die persönlichen Wahlinteressen ins Spiel. Wenn, wie es jetzt den Anschein hat, das Ministerium Clemenceau noch die kommenden Wahlen erlebt, ist es dann besser, als Regierungskandidat an die Einflüsse des Präfekten oder als unentwegter Block- republikaner an die Solidarität der Linksparteien zu appellieren? Die Ungewißheit dieses Kalküls beeinflußt die politischen Stimmungen der radikalen Deputierten sehr merklich. Tatsächlich ist die radikale Partei, die im Land eine Einheit darstellt, im Parlament längst zerrissen. Ihr„radikal- sozialistischer" Flügel bildet die bürgerliche Opposition, ihre gemäßigten Gruppen die eigentliche Regierungsgarde, zu der sich in allen entscheidenden Situationen die Hilfstruppen des Zentrums scharen. Die parlamentarische Einheit der bürger- lichen Linken ist auch für die Ausarbeitung der Gesetzes- vorlagen und des Arbeitsprogramms nicht mehr vorhanden. Die Mehrheit richtet nach dem Wunsch der Regierung die berühmtesten„Reformen", die jahrzehntelang auf die Liste der radikalen Versprechungen standen, seelenruhig zugrunde, ohne auf die Bedenken und Vorhaltungen der Parteileitung zu hören, die draußen mit Schrecken die Fahnenflucht der Wähler sieht. Am 12. Mai, während des zweiten Poststreiks, hat das Exekutivkomitee der Partei ein Tadelsvotum für die Regierung beschlossen, und unmittelbar nach Beendigung des Streiks sollte in einer Interpellation über die allgemeine Politik Rechenschaft von ihr gefordert werden. Aber die Sache verlief im Sande, und der„Sieg" über die Postbeamten schien die Regierungstreue der radikalen Deputierten noch gestärkt zu haben. Sinn aber begann doch der Unmut der oppositionellen Parteielemente heftigere Formen anzunehmen. Er richtete sich vor allem gegen den Präsidenten des Exekutivkomitees, den Deputierten Lafserre, den eifrigsten Zutreiber der Regierung, der für die Außerachtlassung der Komiteebeschlüsse in erster Linie verantwortlich schien. Der Kongreß der radi- kalen Föderation des Rhüne-Departements beschloß ein Tadelsvotum gegen das Exekutivkomitee, und um das Ge- wicht dieses Beschlusses zu erhöhen, erklärten drei der ange- sehensten Komiteemitglieder, H e r r i 0 t, Bürgermeister von Lyon, P 0 n t e i I l e, Deputierter, und G 0 d u r t, Senator, ihre Demission. Als unmittelbare Veranlassung des Be- schlusses wurde angegeben, daß Lafserre dem Beschluß des letzten Parteitags entgegen die von der Regierung gewünschte Ablehnung der Wiederherstellung des Listenskrutiinums fördere. Lafferre leugnet dies, aber in Wahrheit besteht der Gegensatz zwischen den beiden Richtungen nicht nur in dieser �rage, sondern in der Stellung zur Rrgicrung und zur klein- bürgerlichen Sozialreaktion überhaupt. Die Jnterpellationsdebatte über die allgemeine Negierungspolitik wird am 18. Juni stattfinden. Visher weiß man nur, daß die geeinigten Sozialisten und die Rechte eingreifen werden. Wird die bürgerliche Linke sich zu einem einheitlichen Vorgehen aufraffen, ja, werden auch nur ihre oppositionellen Elemente ihre Entschiedenheit wiederfinden? Werden die papierenen Tadclsrcsolutionen eine stärkere Kraft beweisen als die bösen Papicrchcn, von denen Clcmenceau drohend die Siegel gelöst hat? Die Affäre des Hauptmanns M a r i x mit ihren parlamentarischen Ausläufern, die Affäre D u p o n t, in die der Exminister Thomson so unan- genehm verwickelt und mit der die ganze Mistgrube der Marineskandalc geöffnet wurde, scheinen niächtige Bürg- schaften für eine diskrete Methode der Opposition. Für das Proletariat aber macht es zuletzt nicht viel aus, ob der Radi- kalismus in hitzigen 5lriscnkämpfen oder in sanfter Fäulnis zerfällt. Und die Sorge um eine niächtige, zielklare Klassen- Organisation ist wichtiger als die um die moralische Ver- jüngung der bürgerlichen Demokratie. LKelhzfter Patriotismus. Eines der Mittel, die die Junkerkaste Preußens mit der ihr eigenen Konsequenz und Niicksichtslosigkcit gebraucht, um ihre Herr- schaft über Deutschland aufrecht zu erhalten, die durch die ökonomische Entwickelung längst überholt ist, besteht in der sorgfältigen Auslese aller Staatsangestellten und besonders der Beamten. In Preußen braucht der Beamte viel mehr noch als Tüchtigkeit und Wissen die »staatserhaltende", d. h. die konservative Gesinnung. Der Fall Schücking hat neuerdings wieder bewiesen, wie rücksichtslos der regierende Ausschuß der Konservativen, die preußische Negierung, ihre Macht anzuwenden versteht und gleichzeitig diese auszudehnen bemüht ist über die von ihr unmittelbar Angestellten hinaus auf die Organe der Selbstverwaltungskörperschaften. Besonderes Gewicht wurde auch von jeher gelegt auf die Erhaltung des.guten Geistes" in den Universitäten und bei der Ernennung der Professoren spielt besonders auf dem Gebiete der sozialen Wissenschaften die Gesinnung eine Hauptrolle. Man kennt auch die Folgen: Die Freiheit der Wissenschaft hat auf preußischen Universitäten längst keine Stätte mehr, dafür ist aber ein Strebertum entstanden, das den Mangel an wissenschaftlichen Leistungen durch den Eifer ersetzt, mit dem er gute Gesinnung prästiert. Es sind die Professoren, die immer zur Stelle sind, sobald die Regierung.wissenschaftliche" Argumente für die Politik verwenden will, die ihr die gewünschten Beweise liefern für ihre Brotwucher-, Kolonial- und Flottcnpolitik, wie sie bereit wären, nach Bedarf auch das Gegenteil zu er- weisen. In neuerer Zeit nehmen auch jene Leute unter den Professoren zu, die von Geburt oder aus Neigung oder aus Berechnung in immer engerer Beziehung zu bestimmten Interessentenkreisen des Besitzes treten und ihre »Wissenschaft" zum großen Borteil ihrer Karriere in den Dienst der Politik des großindustriellen Scharsinachertums oder der agrarischen Raffgier stellen. Das sind auch jene Leute, aus denen die be- rüchtigtcn.Strafprofessoren" für die wegen ihrer sozial- politischen Ueberzeugungen verdächtigen Professoren rekrutiert wurden. Um so angenehmer berührt es, auch einmal eine Ausnahme ver- zeichnen zu können und aus dem Munde eines deutschen, wenn auch nicht eines preußischen Professors ein paar entrüstete Worte über den Skandal der preußischen politischen Zustände zu hören. Prof. Alfred Weber(Heidelberg), der sich mit seinem Bruder Max seit Jahren bemüht, durch eine Organisation der Hochschullehrer der überhandnehmenden Korruption der Universitäten zu steuern, hat gestern in einer Protestbersammlung gegen die Finanzpläne der Kommission, die von dem Aeltestenkollegium der Berliner Kaufmannschaft ver- anstaltet worden, gesprochen und dabei über die Negierung und ihre Auftraggeber, die Agrarier, folgendes gesagt: „Wenn man unserer Negierung nachsagt, daß sie einen Tropfen nicht demokratischen, sondern nur lib e r a l en OelS habe, so mache man ihr schon ein zu großeSKompliment. Die Negierung sei geradezu ängstlich bemüht, es mit ihren nächsten Freunden, den Agrariern, nicht zu verderben. Die gerechteste Steuer/ die eö gebe, sei die Erbschaftssteuer, zumal sie erst eine Erbschaft von 20 000 M. aufwärts besteuere. Seit 22 Jahren stehe man vor dem Schlagwort von der„Notlage der Landwirtschaft". Graf Kunitz bezeichnete bei Befürwortung seines Antrages auf Einführung des Getreidemonopols 180 M. als den JdealpreiS für Roggen. Dieses Ideal sei heute nicht nur bereits erreicht, sondern wert überschritten. Angesichts dieser Tatsache sei eS ent- weder eine Dummheit oder richtiger eine Unverschämtheit, von der „Notlage der Landwirtschaft" zu sprechen. Der König von Preußen sei, durch die Verhältnisse gedrängt, genötigt gewesen, zu versprechen, das Dreiklassenwahlrecht zu crweUern. Die Junker fürchten aber dadurch eine Beeinträchtigung ihrer Herrschaft. Sie wollen allein im Staate regieren. Nicht der Bauer sondern der Großgrundbesitzer macht die Gesetze im preußischen Herrenhause. Diese Leute haben eine patriotische Maske vorgebunden und die St e g i e r u n g, soweit wir überhaupt noch eine Regierung haben, ist bemüht, den I u n k e r n d i e s e M a s k e zu halten. Diese Art von Junkern, die jeden an den Schandpfahl der Vaterlands- losigkcit stellen, der nicht in ihren patentierten Masken- Patriotismus einstimmt, der nicht bloß den Patriotismus in Kaiser-Geburtstagsesien und dem Gesänge„Heil dir im Siegerkcanz" bekundet, diese Klassenherrschaft ist geradezu ekel- hast! Die Junker haben drei Aufgaben: 1. die Zurück- drängung der Kulturentwickelung, 2. die Ver» ntehrung der Unfreiheit und 3. die Aufpfropfung ihrer Profitinteressen. Diese Gesichtspunkte leiten die polnisch-klerikal-konservative Rumpfkommission bei ihren Steuer- beschlüssen. DaS deutsche Volk muß wie ein Mann auf- stehen und sich mit allen Kräften gegen diese Junkerherrschaft wehren l" DaS alles ist gewißsnicht neu. Aber eS ist doch ganz nützlich. wenn daS von einem Kollegen der Herren gesagt wird, die an der Verbreitung dieses„ekelhaften MaSkenpatriotismuS" nicht am wenigsten Schuld tragen. poUtifebe CUbcrficbt. Berlin, den 11. Juni 1909. Das Ende der Finanzministerkonferenz. Die Beratungen der Finanzminister der Einzelstaaten über die neuen Steuervorschläge sind beendigt. Donnerstag abend 10 Uhr waren die Herren niit ihrer Arbeit fertig und die für Freitag vorgesehene Sitzung konnte unterbleiben. Uebcr daS Ergebnis der Beratungen wird offiziös mitgeteilt, daß die vom Reichs- schatzamt ausgearbeiteten Enttvlirfe über eine Erbanfall- steue r und mehrere Senderungen des Stempelsteuergesetzes(Börsensteuern) genehmigt wurden; dagegen wurde von der Ein- brmgung einer Reichswertzuwachs st euer beim Reichstage Abstand genommen. Die von der Finauzkommission des Reichstages beschlossene Kotierungssteuer wurde abgelehnt. Bezüglich der sonstigen Vorschläge der Kommission(Steuer auf Parfümcrien, Zündhölzer, Glühkörper usw.) sollen die Beschlüsse des Reichstages abgewartet werden. In dieser Beziehung hatte das NeichSschatzamt eigene Entwürfe nicht aus- gearbeitet. Die Vorlagen werden am Montagabend im Reichstage verteilt werden. Wie ein offiziöses Berliner Telegramm der„Köln. Zeitung" meldet, soll sich im allgemeinen eine große Uebercinstimmung in der Auffassung der Lage und in den zu ergreifenden Maßnahmen heraus- gestellt haben. Man dürfe mit Sicherheit darauf rechnen, daß die Be- schlüsse im Bundesrat ebenfalls angenommen werden. Die„Köln. Ztg." meint, daß diese Stenern, wie alle Steuern, die Betroffenen vielfach drücken; indessen müsse anerkannt werden, daß die Regierung auf diesem Gebiets ihre Zusagen gehalten und keine Steuern vor- geschlagen hat, welche Handel, Verkehr und Industrie in unerträg« licher Weise schädigen oder die Transaktionen dauernd belästigen. Die Wertznwachssteuer erfordere so sorgsame und schwierige Vor- arbeiten, daß sie für die Finanzreform gar nicht in Frage kommen könne._ Eine brüderliche Ohrfeige. Die jüngste WahnsinnSausgeburt des preußischen Dreiklasscn- Hauses hat der«große Bruder" am Donnerstag ins Jenseits be- fördert. Die Finanzkommission der„Ersten Kammer" lehnte mit allen Stimmen gegen eine den Fahrradstempel ab l Wir finden diese Geschichte durchaus nicht erstaunlich. So blödsinnig-rcaktionär, so verbohrt volksfeindlich wie die derzeitige Mehrheit im preußischen Abgeordnetenhause kann eben kein zweites Parlament der Welt sein. Beim allerbesten Willen nicht! Da muß sogar daS königlich» borussische Herrenhaus beschämt die Segel streichen. Das Recht auf Mogelei. Neben dem Motiv, sich seine Machtstellung zu erhalten und die in der letzten Thronrede zur Eröffnung des preußischen Landtages angekündigte Wahlrechtsreform in Preußen zu verhindern, treibt das Junkertum zu seinem Widerstand gegen die geplante Erbanfallsteuer die Befürchtung, daß durch die'Nachlaßfeststellungen die gewerbsmäßigen Steuerbetrügereien so manches Sprößlings aus„edlem" Hause festgestellt werden könnten— und das Recht auf Steuermogelei betrachten die meisten Junker als eines ihrer wichtigsten durch die altpreußische Tradition geheiligten, unveräußerlichen Menschenrechte. In welcher Weise sich die opferwilligen Patrioten ihren Steuer- pflichten zu entziehen wissen, beweist folgendes vom»Vreslauer Gcncralanz." mitgeteilte Beispiel: »Der Besitzer des im Kreise Breslau gelegenen Rittergutes mit Rustikalbcsitz Masfelwitz, Herr Oberstleutnant a. D. und Kammerherr v. Woyrsch, dem 2020 Morgen Fläche gehören, davon über die Hälfte Acker. 240 Morgen Wiesen, 330 Morgen Holzungen, 32 Morgen Park und Gärten und außerdem eine Brennerei,— also ein stattliches Gut mit einem Grundsteuer-Reinertrag von 8757 M. ist, wie wir von zuverlässiger Seite erfahren, mit' 6 M. zur Einkommen st euer veranlagt. Wie ist diese Ver- anlagung zustande gekommen? Dem gesunden Menschenverstände wird diese Frage völlig unbeantwortet bleiben." Auch im Trebnitzer Kreise ist, wie dasselbe Blatt meldet, die Zahl der Rittergutsbesitzer, die keine oder sehr wenig Einkommen- steuer zahlen, sehr bedeutend. Damit nun niemand im Kreise den Rittergutsbesitzern nachrechnen könne, wieviel Einkommensteuer die Besitzer zahlen, hat der Herr Landrat des Kreises Trebnitz die Ein- richtung getroffen, die Höhe der zu erhebenden Kreisabgabe nicht wie früher im Kreisblatt bekannt zu geben, wonach man mit Leichtig- keit die vom Rittergutsbesitzer zu zahlende Steuer ausrechnen konnte, sondern die Kreissteuern werden den Herren Rittergutsbesitzern persönlich brieflich mitgeteilt. Die KreiSabgaben der Geineinden werden nach wie vor im KreiSblait publiziert. Wo ist hier das gleiche Maß? Nur die Beamten, namentlich die öffentlichen, deren Einkommen festgesetzt ist. müssen Heller und Pfennig versteuern, jeden Trunk und jede Zigarre vom Gehalt, nicht bloß indirekt, sondern auch im Gesamteinkommen direkt versteuern. In Langenau besitzt der Rittergutsbesitzer Max Grätzer, der eine Tochter des reichen Schottländer aus Müustcrbcrg. eine Nichte des Breslauer Südpark-Schottländer zur Frau hat, ein Rittergut, das zirka 1300 Morgen groß ist. auf dem sich eine große Ziegelei befindet. Dieser Herr ist noch nicht so hoch zur Einkommensteuer eingeschätzt, wie seine Hofeknechte; er ist einfach frei, obwohl er einige Vermögenssteuer zahlt. Er hält sich wohl zehn Kutschenpfcrde, zwei Kutscher, gibt Festlich- leiten, schickt seinen einzigen Sohn alle Tage per Wagen auf ein BreS- lauer Ghmnasium— und doch keine Einkommensteuerl DaS ist geradezu ein Rätsel. Die Gewerbetreibenden, wie Kauf- leute, Gastwirte, Handwerker werden in der Einkommensteuer all- jährlich in die Höhe getrieben, aber der Rittergutsbesitzer bleibt steuerfrei._ Die Renten des Zentrumsherzogs. Beim letzten ReichStagSwahlkampfe im westfälischen Kreise Lüdinghausen-Warendorf war'S ein rührender Anblick, wie der Zentrumskandidat, der 400 Millionen schwere Herzog von Arenberg, überall öffentliche Versammlungen abhielt, um sich alS„Sohn des Volkes" vorzustellen. Erhielt er auch bei der Wahl 8000 Stimmen weniger als sein Vorgänger, so kann er immerhin jetzt für die Spahn und Konsorten eine stattliche»Schloß- brücke" bilden und dem Zentrum in Berlin ein schönes Haus bauen. Die Eignung des Herzogs aber für die Vertretung all der kleinen Landwirte, Handtverker und christlichen Arbeiter, die mit Feuer und Flamme für seine Wahl eintraten, wird in überaus charakteristischer Weise durch den soeben erschienenen Geschäftsbericht des bekannten Zechenkomplexes Hiben-.ia für 1S03 beleuchtet. Unter den Ausgaben für Steuern und Gefälle findet man nämlich folgende Posten: B c r g w e r k S st e u e r n für die Zeche Schlägel und Eisen für den Herrn Herzog von Aren» b e r g............... 118 949 M. Bergwerks steuern für die Zeche General Blumental für den Herrn Herzog vonAren» b c r g............... 92 964» Zusammen sind das also 211613 M. reine Gefälle für denHerzog; hingegen betragen die reinen StaatSsteuern nach dem Geschäftsbericht nur 163 8K0 M. bei der Hibernia. Woher dieser Goldstrom, der dem Herzog alljährlich w die Taschen fließt? Es handelt sich um eines jener feudalen Privilegien, von denen sich noch eine ganze Anzahl bis in unsere Tage hinübergerettet haben. Gemeinsam mit dem preußischen Staat sind die Herzöge v. Aren- berg Inhaber des Bergregals in dem ehemaligen Herzogtum Aren- berg, das 181ö unter preußische Hoheit kam und zu dessen einstigem Boden Stadt- und Landkreis Rccklinghausen gehören, wo diese Zechen der Hibernia liegen. Der Herzog hat das Recht, ohne weiteres eine Abgabe für jede auf diesem Gebiete er» zeugte Tonne Kohlen zu fordern! Jetzt soll eS sich im ganzen um einen Betrag von über 600000 Mark handeln. Da die industrielle Entwickelung in jenen Gebieten ständig im Wachsen begriffen ist und die Kohlenförderung ganz rapide steigt, so kann man die brünstige Liebe des Herzogs für daS von den Vätern ererbte Privileg ungefähr begreifen. Und wie ein Löwe kämpfte er auch darum! Vor einer Anzahl von Jahren haben nämlich die verpflichteten Werke verflicht, die sonst im Oberbergamtbezirke Dortmund unbekannte Last abzuschütteln und die G e r i ch t e zur Entscheidung angerufen. Bei ihrem Einspruch beriefen sie sich unter anderem auch auf die Miquelsche Steuergesetz- gebung von 1892/93, wonach auch der FiskuS keine Steuerabgaben mehr von den Kohlengruben erheben kann. Alle Instanzen aber entschieden für das Arenbergsche Privileg; die Zechen müssen also weiter zahlen. Wie unangenehm das den Zechenherren sein muß. kann man an der großen Zahl der in Frage kommenden Bergwerke ermessen. Neben den Zechen Schlägel und Eisen und General Blumeuihal sind nach Mitteilungen der westfälischen Presse noch folgende die Leidtragenden: Zechen Necklinghausen und Hugo der Harpencr Gesellschaft, Graf Moltke und Nordstern der Gesellschaft Phönix, Prosper der Arenbcrgschen Gesellschaft, und die Gewerkschaften König Ludwig und Ewald; dazu sind noch in letzter Zeit die Zechen Auguste Viktoria(Vereinigte Farbenwerke)� und Emscher-Lippe(Krupp und Norddeutscher Lloyd) gekommen, und ferner sind noch eine ganze Anzahl neuer, reiche Erträge ver- sprechender Bergwerke im Werden begriffen. Unter diesen Um- ständen ist die Rechnung nicht zu hoch, wenn man annimmt, daß der Herzog jährlich weit über eine Million Mark einnimmt, lediglich auf Grund eines längst über- lebten Privilegs. Vorläufig ist aber der Herzog sicher. Preußische Richter haben dieses Stückchen Mittelalter mitten im modernen Groß- kapitalismus für zu Recht bestehend erklärt und niemand darf daran rütteln. Und mag der Herzog zehnmal seine Millionen in Deutschland verzehren, mag man zehnmal mit der Wünschelrute nach frisch fließenden Steuerquellen suchen— solange man aus dem Volke noch etwas herausquetschen kann, bleiben die Aren- berger verschont._ Steuerhumor. Dem soeben erschienenen Korrekturabzug deS vom Abgeordneten Raab bearbeitete» Berichts der Finanzkommission über die Matrikular- beitrüge, Schuldeutilgimg. Fahrkartensteuer. Zuckersteuer und Ablösung der Unfallversicheruugsrcuten ist». a. eine Anlage beigegeben, die„Steuervorschläge, die direkt bei der Kommission eingegangen oder vom Reichstag überwiesen worden sind", enthält. Hier der Inhalt dieser Anlage, die in den ernsten Steuerkämpfen auch den Humor zu seinem Rechie kommen läßt: „Abgesehen von den Vorschlägen, die sich auf die von der Regierung vorgeschlagenen oder m der Kommission sonst zur Sprache gekommenen Steuern beziehen, ist dem Reichstage noch eine Reihe anderer Projekte aus den verschiedensten Teilen deS Reiches, zum Teil auch aus dem Auslände unterbreitet worden und zwar: Besteuerung von Luxusartikeln wie: Samt- und Seidcnwnren, Brillanten, Perleu. Gold- und Silherwaren. Kunstmöbelu, Teppichen. Portieren. Luxuswagen. Pferden, Hunden, Katzen. Klavieren, Grammophonen, Ansichtskarten, Besteuerung von Schirmen und Stöcken durch Banderole. desgleichen von Papier, Mauersteinen, Gips, Schaufenstern(Pro 9 M.), Wohnungsfenstern, eine Reichswohnungssteuer, insbesondere eine Besteuerung von Luxuszimmern und-Häusern, eine Vercinssteuer. besonders für VergnügungZVereine(je nach Mitgliederzahl). ein Eintrittskartenstempel, eine Reichsgesellschaftssteuer, eine Tantiemönsieuer, eine Couponsteuer,... eine Reichsgeschäftssteuer für alle selbständig verdienenden Personen. eine Rentiersteuer, eine Besteuerung der Rabattvercine und ihrer Verlosungen, eine Besteuerung der Lotteriegewinne, eine Besteuerung deS Klavierspiels, wenn eS nicht zum Brot- erwerb geschieht. Besteuerung der Vivisektion, Einführung von Reichsjagdscheinen und ReichSradfahrkarten, Ucbernahme des Bergbaues auf das Reich, Verstaatlichung der Notariatsgeschäfte, eine Reichsimpfsteuer(als Entgelt bei einer einzuführenden Be- freiung vom Impfzwang), ein ReichszeitnngSstempel(1 Pf. pro Exemplar), Besteuerung der Belästigung durch Rauch und Ruß, eine Spielsteuer(Karten-, Billard-, Kegel-, Sachspiel u. dergl.), eine MenschengclvichtSsteuer(für alle Personen über 200 Pfund), eine Erstgeburtssteuer, Besteuerung der Kinderlosigkeit für Personen beiderlei Geschlechts über 40 Jahre, Besteuerung der Ausländer nach Art der Kurtaxen, eine Dienstbotensteuer, eine SaminelladungSstempelgebühr bei Zusammenladung mehrerer Stückgüter zum Eisenbahntransport zwecks Erreichung billiger Frachten, ein Reichsinonopol auf JmprägnienmgZmittel, mit denen alles Nutzholz zum Zwecke der Unvcrbrcnnbarkeit zwangsweise an- zustreichen ist, desgleichen auf Eisenvitriol, mit dem sämtliche Aborte geruchlos zu machen find, Einziehung eines Teiles der Trinkgelder in Restaurationen, Hotels u. dergl. vom Gast zu Reichszwecken. eine Besteuerung der Wasserwerke nach Pferdestärken der Wasser- kraft. Bersagung der Pension bei Offizieren, die das notwendige Ein- kommen auS eigenen Mitteln aufbringen können, und endlich die zinsbare Anlegung des ReichSkriegSschatzeZ." Liberaler Dank an die Volköschnllehrer. Die Liberalen in Oberfranken sorgen dafür, daß ihre getreuesten Schildknappen bei allen erdenklichen Wahlen, die B o IkS- schullehrer, nicht mehr zur Ruhe kommen und ein Alt der Opposition gegen„liberale positive Politik" dem anderen folgt. In Kulmbach, der liberal verwalletcn fränkischen Biermeiropoie, hat der Magistrat in seiner letzte» Sitzung Beschlüsse gefaßt, die nicht nur in Lehrerkreisen, sondern bei' jedem Freunde der Volks- schule Entrüstung hervorrufen müssen. Es war bei Beratung des Ortöstatuts für Neuregelung der Gehaltsverhältnisse der VolkSschuIlehrer. Der Passus, daß die Lehrer, die die AnstcllungSprüsung bestanden, nach dreijähriger Tätigkeit in Kulmboch daS Definitivum er- halten sollen, rief merkwürdigerweise die stärkste Entrüstung und den heftigsten Widerspruch liberaler Räte hervor. Die Furcht, durch diese Bestimmung den Stadlsöckcl zugunsten der VolkSichule etwas stärker als seither zu belasten, ließ die Herren„alle Bande frommer Scheu" abstreifen, und der Schulrat, der für die Lehrer eine Lanze brach und darauf hinwies, daß bei längerer Verweigerung deS Definitivums gute Lehrkräfte von Kulmbach fernbleiben werden, mußte Argunionte hören, die der gewöhnliche Arbeiter bei seinen Differenzen von» rückständigsten und brutalsten Unter- nehmer zu hören gewohnt ist. „Wcm'ö nicht paßt, mag gehen," äußerte einer der Herren Räte mit Bezug auf die Lehrer. Mit Müh und Not kam schließlich ein Vcschftlß zustande, wonach die definitive Anstellung eines Lehrers nach dreijähriger Täiigkat erfolgen soll,„wenn ein Bedarf vorhanden"! Es kam aber noch besser! Der Entwurf enthielt den rechtlich gewiß unhaltbaren Passus, daß jeder Lehrer verpflichtet sei, für einen er- krankten oder beurlaubten Kollegen dessenSchul- tlasse neben der eigenen drei WoHen!ang ohne jede Vergütung mit zu versehen. Den liberalen Stadt- Vätern ging das noch nicht einmal weit genug. Sie be» schlössen, die Zeit, während der eine Lehrer ohne jede besondere Ver- gütung zwei Schulklassen zu verschen hat, ans vier Wochen aus- zudehnen, ein Beschlutz, der unter dem Widerspruch des Schulrates gefatzt wurde. Ob den Volksschullehrern, die sich mit wenigen Ausnahmen all- zeit diensteifrig an den liberalen Partcikarren spannen lietzen, all- mählich ein Licht aufgeht und sie merken, wo ihrer und der Volks- schule verkappten Feinde zu suchen sind Z Protest der Hamburger Volksschullehrerfchaft. Der 2300 Mitglieder umfassende Verein der Hamburger Volksschullehrerschast: Die„Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungs- Wesens", hielt Mittwoch, den 9. Juni, eine starkbesuchte Ver- sammlung ab, in der der Lehrer Rudolf Rotz, Redakteur der „Pädagogischen Reform", einen Vortrag über Lehrerin atz- regelungen und Lehrerrecht hielt. Der Redner legte die rechtliche und praktische UnHaltbarkeit der bestehenden Kaut- schukbcstimmungen dar und verlangte mit erfreulicher Entschieden- heit die volle, gesetzlich gestützte Unabhängigkeit der Lehrer in politischer Beziehung. Er legte eine Resolution vor, in der es heitzt: „Die„Gesellschaft" erhebt nachdrücklichst die Forderung, datz dem Lehrer auherhalb seiner amtlichen Tätigkeit der volle, un- geschmälerte Besitz seiner staatsbürgerlichen Rechte gewährleistet werde. Im besonderen darf aus der amtlichen Stellung des Lehrers nicht das Verbot seiner Zugehörigkeit zu irgend einer politischen Partei abgeleitet werden. Zur Sicherung der staatsbürgerlichen Rechte der Lehrer hält die„Gesellschaft" eine Reform der Disziplinar- g e s e tz e für notwendig, wobei hauptsächlich auf folgende, in den Disziplinargesetzen einzelner Bundesstaaten zum. Teil schon verwirklichten Forderungen Gewicht zu legen ist: s) Die geheimen Personalakten sind zu beseitigen; Be- richte über seine amtliche Tätigkeit sind dem Lehrer zur Ein- sichtnahme vorzulegen. d) Gegen die von der Behörde verhängten Ordnungs- strafen darf der Lehrer Berufung bei den Disziplinargerichten einlegen. c) Zu den Disziplinargerichten sind Lehrer als Beisitzer hinzuzuziehen. Nutzer ihnen dürfen nur ordentliche Richter bei der Entscheidung mitwirken. «Z) Die Hauptverhandlung sei öffentlich. e) Einführung des Wiederaufnahmeverfahrens. Die Resolution wurde nach kurzer Debatte einstimmig angenommene Autzerdem beauftragte die Versammlung den Vorstand der Gesellschaft, beim geschäfts- führenden Ausschutz des Deutschen Lehrervereins in Berlin die Sammlung grötzerer Geldmittel zur materiellen Unterstützung gematzregelter Lehrer anzuregen. Die Deserteure, die zu dem deutsch-französischen Zwischenfall Anlatz gegeben hatten, wurden vom Kriegsgericht, illie aus Casablanca telegraphisch gemeldet wird, verurteilt und zwar vier zu fünf Jahren, einer zu acht Jahren und einer zu zehn Jahren Gefängnis und zur Degradation.-» Ocrtcmich. Für de« Achtstundentag. Wien, II. Juni. Von dem Volkswirts chaftlichen Ausschuß des Abgeordnetenhauses wurde eine Resolution des Sozialdemokraten W i t y k, der die achtstündige Arbeitszeit in den galizischen Rohölwerken wünscht, mit 15 gegen 14 Stimmen angenommen. Eine Resolution Diamands, welche verlangt, daß dem Staate die Gewinnung von Rohöl vorbehalten bleibt, wurde mit 14 gegen 13 Stimmen abgelehnt. fraukmcd. Eine lächerliche Polizeimache. Paris, 11. Juni. Wie verlautet, sind die gestern borgenommenen Hausdurchsuchungen durch folgenden Vorfall veranlatzt worden: Vor kurzem wurden bei Dole(Departement Iura) zwei Leute in dem Augenblick festgenommen, wo sie am Fuße einer Telegraphen st ange eine Bombe(I) niederlegen wollten. Bei einem der beiden lvurde ein Brief vorgesimden, in dem eS heitzt, man müsse für die Knineraden von der Post etwas Grotzes unternehmen. Dem Brief lag ein Rundschreiben bei, in dem Mittel zu wirksamer Zerstörung der Telegraphenlinien angegeben ivaren. Unter den Leuten, bei denen gestern Haus- suchungcn abgehalten wurden, befanden sich mehrere Roha- listen, unter ihnen ein gewisser de Boever, der vor einigen Monaten wegen des Versuches, das Zola»Denkmal zu Suresnes zu zerstören, verhaftet worden war. Die R e v o l u t i o- wäre behaupten, die Regierung wolle die Rohalisten nur deshalb in diese Angelegenheit verwickeln, um den Anschein zu erwecken, wie wenn sie einer antirepublikanischen Ver« schwörung auf die Spur gekommen wäre. Die Revolutionäre, bei denen gestern Haussuchungen vorgenommen wurden, versammelten sich abends bei ihrem Rechtsanwalt Bonzon und beschlossen, jede Antwort zu verweigern, falls sie als Beschuldigte oder Zeugen vor den Untersuchungsrichter geladen werden sollten. Cnglsnä. Annahme der r.c»eu Steuern. London, 10. Juni. Unterhaus. Die zweite Lesung der Finanz bill ist heute mit 3öö gegen 209 Stimmen angenommen worden. Die Minderheit bestand aus den Unionisten und den Nationalisten, die Mitglieder der Arbeiterpartei stimmten für das Budget. Im Laufe der Debatte führte Premierminister ASquith aus, die Regierung habe in in dem Budget gesucht, die nötigen Mittel aus den Quellen zu schaffen, die sie erschlietzen könne, ohne den Wohlstand mit Strafe zu belegen, ohne die Industrie zu belästigen und ohne not- ivendige und einfache Genüsse des Volkes zu be» einträchtigen. Die Regierung glaube, der Hauptteil der Last werde auf die Schultern fallen, die sie am besten tragen könnten. ASquith schlotz mit der Aufforderung, die Opposition niöge einen gerechteren und bessere» Weg zeigen, als den vorgeschlagenen. CürUil Die Kretafrage. Konstantinopel, 10. Juni. Die gesamte hiesige Presse beschäftigt sich fortdauernd mit der K r e t a f r a g e. spricht jedoch nicht mehr von Gewalt in atzreaeln. Trotz Versicherungen von türkischer Seite neigen alle politischen Kreise der Ansicht zu, datz daS Auslaufen dc-Z türkischen Geschwaders wegen der Kretafrage auch demonstrativen Charakter habe. ES verlautet, datz die diplomatischen Vertreter der Schutzmächte sowohl in Athen als auch hier Mätzianng in der Kretafrage anempfehlen. Die Zählung des im D i l d i z aufgefundenen Bargeldes durch die Bank Ottomane ergab S87 9�7 Pfund. Di- Expedition gegen Albauie». Konstantluopel, 11. Juni. General Dschavid hat seine militärische Aktion gegen die Reaktionäre Albaniens wieder auf- genommen, nachdem er vorher seine GebirgSbatterien mit Schnell- feuergeschützen und Maschinengewehren, die aus Mitrowitza eingetroffen sind, all§gerilstethat.Am Montag wurde eine Expedition in das schwierige Bcrggcbiet Malissia mit 4 Bataillonen und 14 Geschützen unternommen. Es wurden verschiedene Dörfer besetzt und von den Höhen dcS Cafa Moria die B e s ch i e tz u n g der albancsischen Kulen begonnen. Die Expedition Wird erfolgreich fortgesetzt. Nach einer griechischen Nachricht hat ein blutiger Z u s a m in e n st o h zwischen Truppen und Albanesen unter Jzzet Zahar in Berat stattgefunden. Die Truppen hatten zwölf Tote und fiebzehn Verwundete, die Albanesen drei Tote. Die Meldung bedarf noch der Bestätigung. Zu dcn Metzeleien in Kleinasien. Ueber die Haltung der Jungtürken zu den Vorgängen in Armenien wird uns aus Genf geschrieben: Alle Bemühungen der türkischen Behörden haben dcn Zweck, jede fremde Intervention zu vermeiden. Deshalb haben sie an- fangs die Armenier als die Schuldigen angeklagt. Diese merkwürdige Behauptung gründeten sie daraus, datz während der ersten Metzeleien in A d a n a fast ebensoviel Mohammedaner als Armenier getötet worden wären. Aber dies zeigt nur, datz auch noch die Jungtürken es als selbstverständlich betrachten, datz die Armenier sich widerstandslos massakrieren lassen. Deshalb wird jetzt der kühne Widerstand der armenischen Be- völkerung als ihre Schuld betrachtet. Gegen diese schreiende Ungerechtigkeit haben auch mehrere ausländische Augenzeugen der blutigen Ereignisse protestiert und den türkischen Pöbel wahrheits- gemäß als Angreifer bezeichnet. So waren die Türken ge° nötigt, ihre frühere Haltung zu ändern, und im„Temps" hat die türkische Botschaft in Paris erklärt, es wären die Türken und die Armenier in gleicher Weise schuldig. Danach handelten auch die türkischen Behörden, und so wurden in Adana autzer den Türken auch noch 2S9 Armenier verhaftet. Diese unaufrichtige Politik der Jungtürken, die die Gleichheit aller Völker der Türkei nur theoretisch anzuerkennen scheinen, hat in der armenischen Bevölkerung eine gerechte Eni- rüstung hervorgerufen. Die Redaktion des Genfer„Droschak" hat auch im„Temps" und anderen Zeitungen die tendenziöse Er- klärung der türkischen Botschaft auf Grund vieler Tatsachen widerlegt. Dies scheint auf die türkischen Regierungskreise eine gewisse Wirkung ausgeübt zu haben, und der türkische Minister des Innern versicherte kürzlich durch den Genfer Konsul der Ne- daktion des„Droschak", die Regierung klage die Armenier nicht an und ergreife alle notwendigen Mittel, um die Schuldigen zu bestrafen; ebenso hat der Premierminister Hilmi Pascha in seiner Programmrede die Ereignisse in Cilicien als dasWerk des altenRegimes bezeichnet. Leider geben sich Hilmi Pascha und die matzgebenden Kreise nur dcn Schein, als ob sie wirklich die wahren Anstifter der Adanaer Schrecken ermittelt hätten und sie zu bestrafen bereit wären. Dagegen sprechen die zahlreichen Verhaftungen, die unter den Armeniern vorgenommen sind, die die Selbstverteidigung organi- sierten und auf diese Weise die armenische Bevölkerung vor der vollständigen Vernichtung schützten; es ist auch sehr verdächtig, datz in den Orten, wo der Widerstand der Armenier am heftigsten war, z. B. in Tschork-Marswan, und auch dort, wo die Armenier dank ihrer Tapferkeit unversehrt blieben, wie z. B. im bekannten Zeitun, Versuche gemacht werden, die Bevölkerung zu entwaffnen.� Glücklicherweise haben der englische und der amerikanische Konsul die Verwirklichung dieser Absicht vorläufig verhindert, weil sie sehr gut wissen, datz die Entwaffnung der Armenier allein nichts anderes bedeutete, als ihre Auslieferung an gut bewaffnete Mohammedaner, deren Mehrheit noch ein Werkzeug in den Händen der Reaktionäre ist. Das einzig Richtige, das die jungtürkische Regierung machen könnte, wäre die Entwaffnung der mohammedani- schen Bevölkerung, nach deren Durchführung die Armenier kein Bedürfnis nach Waffen mehr empfinden würden. Auch die Beschuldigung der Armenier wegen ihrer Selbstverteidi- gung mutzte unterlassen werden. Denn die Selbverteidi- gung gegen die Reaktionsarmee ist e in e Tugend, und es wäre schändlich, diese Tapferen als Mörder zu verurteilen. perfien. Neue Reibungen. Teheran, 11. Juni. Das Versöhnungskomitee hat dem Schah ein Wahlgesetz unterbreitet, das für die Provinzen die Wahl von Abgeordneten unabhängig von ihrem Domizil in dieser oder jener Provinz beantragt. Dies bezweckt die Wiederwahl früherer Abgeordneter und die Wiederherstellung der Partei Sani cd DaulehS. Das Komitee lehnte die Ausarbeitung dcS Wahlgesetzes für den Senat ab und besteht darauf, datz zuerst das Med- s ch l i s allein ervssnet werde. Dieser Standpunkt erzeugt Reibungen zwischen dem Komitee und dem Premier- minister, der die gleichzeitige Eröffnung des Mcdschlis und des Senats verlangt und darauf besteht, datz jede Provinz durch dort lebende Abgeordnete vertreten sei. Die nach TäbriS entsandte Truppenabtciluug ist hierher zurückgekehrt. Die türkische» Truppe«. Konstantinopel, 10. Juni. Der persische Botschafter hat heute bei der Pforte Schritte wegen Zurückziehung der türkischen Truppen aus dcn von ihnen besetzten persischen Orten unternommen. Der Grotzwesir erklärte', datz nur wenige Soldaten zum Schutze des türkischen Konsulais sich in Urmia befänden und datz diese sich zurückziehen würden, sobald sich die Lage beruhigt habe. Die Pforte habe nicht die Absicht, persisches Territorium zu besetze»._ Unruhen. Teheran, 11. Juni.(Meldung der Petersburger Telegraphen- Agentur.) Aus M e s ch e d werden grotze Unruhen gemeldet, die am 7. Juni damit begonnen haben, datz Revolutionäre im Gebäude der Endschumcn den Chef der Polizei crinordelen. In Meschsd treiben Räuber ihr Wesen; ein Anschlag auf den Gmeralgouverneur. der sich auf dem Wege nach Meschcd befindet, wird befürchtet. Beim Schieben in der Stadt flogen die Kugeln auch bis zum russischen Konsulatsgebäude. ES herrscht völlige Anarchie. Den Europäern droht Gefahr. Amerika. Samuel Gomperö Studienreise. Der Präsident des amerikanischen ArbeiterbundeZ schifft sich am 19. Juni in New Aork ein. um eine dreimonatige Reise nach Europa zu unternehmen. Er wird dem englischen GcwcrkschaftS- kongretz sowie der internationalen Konferenz der gewerkschaftlichen LandeSsekretäre beiwohnen, die im August in Paris oder London stattfinden wird. Herr Gompers wird England, Frankreich, die Schweiz, Italien, Oesterreich und auch Deutschland besuchen. Herr GompcrS, der sich bekanntlich im schroffen Gegensatz zu unseren amerikanischen Genossen befindet, von der Sozialdemokratie, überhaupt von einer selbständigen Arbeitcrpolitik nichts wissen will, ist ausgerüstet mit Empfehlungsschreiben der Regierung der Vereinigten Staaten an die amerikanischen Konsulate und sonstigen Behörden. Die New Uorker„Volks-Zeitung" richtet zum Abschied an Herrn GomperS die Mahnung, über die europäische Arbeiterbewegung sich von berufener Seite informieren zu lassen.„Und zwar legen Sie, rät das Blatt, allen dortigen Arbcitcrsührcrn von einiger Bedeutung die eine Frage bor: ob sie mit Erfüllung ihrer Forderungen für die Arbeiterklasse auch nur annähernd so weit ge- kommen wären, wie sie es tatsächlich sind, wenn sie nicht als un- abhängige sozialistische Arbeiterpartei das politische Feld betreten hätten?" Wir können uns dem Wunsche, die ausländischen Arbeiterführer möchten sich nicht immer nur von Personen führen lassen, die ein Interesse daran haben, nur die glänzenden Seiten zu zeigen, nur anschlietzen. Hua der Partei. Zum Organisatioilsentwurf nahm am Donnerstag eine Delegiertenversammkung der Hamburger Landesorganisation Stellung. Nach eingehendem Referat dcS Parteisekretärs H. S t n b b e, welcher der vom Nürn- berger Parteitag eingesetzten Revisionskommission angehört, und eingehender Aussprache wurden diese AbäuderungSanträge an- genommen: Zu§ 4(Antrag der Genossin Steinbach): „Organisationen, denen weibliche Mitglieder angehören, können(statt„müssen") diesen eine Vertretung im Vorstande gewähren... Soweit dem Vorstande ein weibliches Mitglied angehört, hat dasselbe im Einverständnis mit dem Gesamtvorstand vornehmlich die Agitation unter dem weiblichen Proletariat zu betreiben." Zu§ 5(Antrag der Parteileitung): „Den Passus bctr. unentgeltlicher Lieferung der.Gleichheit' zu streichen." Zu Z 7(Antrag Weinhcver): „Die Wahl der Delegierten erfolgt nach der Matzgobe, datz in Wahlkreisen bis 1509 Mitglieder ein Delegierter, bis 3990 zwei. bis 0900 drei, bis 12 009 vier, bis 18 909 fünf und über 18 000 sechs Delegierte gewählt werdenkonnen(statt zu„wählen sind"). ,■ Zur Tagesordnung zum Parteitag. Die»Breslauer Volkswacht" schreibt zu diesem Thema: „Wir möchten bor allen Dingen aber auch den Vorschlag unter- stützen, die Reichsfinanzreform, ganz gleich, ob sie bis zum September erledigt ist oder nicht, als besonderen Punkt auf die Tagesordnung zu setzen, um damit der eben gar zu„geschäfts- mätzigen" Tagesordnung einen etwas bedeutenderen Mittelpunkt zu geben, wie er den Bedürfnissen einer lebendigen, tätigen Partei entspricht."_ Unsere Toten." In Bremen ist am Sonnabend Genosse Johann Brinkmann gestorben. Er war ein eifriger Kämpfer für die Sozialdemokratie. In der Zeit des Schandgesetzes hat er des öfteren sich großen Gefahren ausgesetzt. Verschiedene Male hat er auch Sendungen des von der Polizei mit größter Aufmerksam- keit bedachten Züricher„Sozialdemokrat" erhalten, die dann von seinem Hause aus an die Verbreiter weiter befördert wurden. Sein Eintreten für die Sache des Proletariats war schließlich auch den Sozialistenhassern nicht verborgen geblieben. Diese hatten dann nichts Eiligeres zu tun, als ihn wirtschaftlich zu ruinieren. Brinkmann besaß in den achtziger Jahren ein Zigarrengeschäft. Seine Kundschaft bestand in erster Linie aus Soldaten der nahe- gelegenen Kaserne. Eines guten Tages lvurde über sein Geschäft der Militärbopkott verhängt. Das Geschäft ging in die Brüche. Brinkmann mutzte wieder als Zigarrenmacher nach der Fabrik wandern. In den achtziger Jahren ist der Verstorbene auch als Kandidat der Sozialdemokratie für die Bürgerschaft aufgestellt gewesen. Gewählt wurde er allerdings nicht. Seit geraumer Zeit hat er in der Oeffentlichkeit keine Rolle mehr gespielt. Kränklich- keit zwang ihn, sich Schonung aufzuerlegen. Ehre seinem An- denken I_ Sozialistische Literatur für Blinde Im Anschluß an den Blindenkongretz in Dresden fanden sich, wie uns ein blinder Genosse mitteilt, am Abend des 4. Juni in einem Zimmer des Dredner Bolkshauses sozialistisch gesinnte Blinde aus allen Teilen Deutschlands zusammen, um über Mittel und Wege zu beraten, durch planmäßige Propaganda in den Kreisen der Blinden für unsere Weltanschauung zu wirken. Die ge- pflogene Debatten zeigen volle Uebereinstimmung darüber, datz es vor allem notwendig sei, geeignete AgitationSlitcratur i» die Bliu- dcuschrift zu übertragen, um so daS erforderliche Material zu be- schaffen. Die vierstündigen, sehr anregenden Beratungen führten zu dem einstimmig gefaßten Beschluß: Es ist die Gründung einer Zeitschrift, zur Pflege und Vertiefung sozialistischer Weltanschauung unter den Blinden ins Werk zu setzen. Die Zeltschrift wird in braillischcm Punktdruck hergestellt und erscheint vorläufig viertel- jährlich ein Mal. Es wurde ein fünfgliedriger Ausschuß gewählt, der die nötigen Vorarbeiten, wie die Aufbringung der erforderlichen Mittel in die Wege zu leiten hat. Es ist zu wünschen, datz das geplante Unternehmen recht bald zur Ausführung kommen möge. poN-elU-lieg» Oerkcbtiicbea ukr», Fünfhundert Mark Geldstrafe wegen Fabrikantenbeleidlgnng! Die„Märkische Lollsstimme" zu Kottbus berichtet: „Am Mittwoch hatte sich unser verantwortlicher R e d a k- teur, Genosse Wende muth, zum ersten Male während seiner Tätigkeit in Kottbus vor dem Schöffengericht zu vcrant- Worten. Er sollte einen Färbcreibesitzer in Forst durch eine Noflz beleidigt haben, in der mit scharfen Worten gerügt worden war, datz dieser einen Arbeiter geschlagen hatte. Nun war dabm aber unserem Gewährsmann ein Irrtum unterlaufen: Der Färberei- besitzer hatte nicht einen beliebigen Arbeiter, sondern seinen eigenen, aber auch bei ihm beschäftigten Sohn geschlagen. Das war von uns auch nach einer hier eingegangenen Mitteilung, die aufzunehmen wir gar keine Verpflichtung hatten, berichtigt ivor. den. Trotzdem lief der Färbcreibesitzer zum Kadi und ließ seine Klage durch einen Rechtsanwalt vortragen. Genosse Wendemuth erhob die Einwände, datz sein Gewährsmann bis dahin immer zuverlässig gewesen sei, uns auch in diesem Falle keine Ursache vorgelegen habe, die Angaben zu bezweifeln; datz auch ein solcher Irrtum leicht möglich und entschuldbar sei; daß er auch die Notiz in der gedruckten Form nicht durchgelassen hätte, wenn er nicht um die fragliche Zeit wegen des Fehlens eines Kollegen mit Ar» beit überlastet gewesen wäre. ES half alles nichts, die Einwände wurden mit einer unerschütterlichen Ruhe und Unbeirrbarkeit hin- genommen, die so viele unserer Richter auszeichnet— und danach das Urteil gesprochen. ES lautete auf nicht weniger als fünf- hundert Mark Geldstrafe! Die Beleidigung sei schwer und sogar frivol, der Artikelschreiber habe bei einem Vorfall gleich verallgemeinert, und was dergleichen Dinge mehr ftare«, die zur Begründung vorgebracht wurden... HochzeitSfeier mit Polizei. Am 9. d. M. verurteilte das Landgericht Beuthen i. O.-Schk. dcn Redakteur des polnischen Parteiblattes„Gazeta Robotnicza", Genossen Stanislaus MieczkowSki aus Kattowitz, zu 150 M. Geldstrafe wegen Beleidigung des Polizisten Vollmiillcr in Donib bei Kattowitz, der auf einer HochzeitSfeier im November v. I. mit ge- ziicktem Säbel gegenüber dcn HochzeitSgästcn auftrat. In der „Gazeta Robotnicza" wurde seinerzeit das Verhalten des Polizisten scharf kritisiert. DaS Gericht hat dem Angeklagten dcn Schutz des 8 193 zugebilligt, weil er selbst Teilnehmer der friedlichen HochzcitS- feier war und durch daS Auftreten dcS Polizisten unmittelbar ge- troffen wurde. Wegen formaler Beleidigung, die in Ausdrücken wie„Polizei- sicher Ucberfall auf eine Hochzeit",.Wahnanfall' usw. erblickt wurde, wurde aus S0 M. erkannt. Gewcrh rcbaftUchee. Kirche und Pvlizei als Helfer der christlichen Getverkschaftcn. Die Vertreter der christlichen Gewerkschaften bezeichnen es stets als Verleumdung, wenn man ihnen nachsagt, daß sie in ihren Organisationen die Geschäfte der Zentrums- Partei besorgen, derjenigen Partei, zu deren Förderung die christlichen Sonderverbände ganz allein gegründet worden sind. Trotz der vielen vorliegenden Beweise leugnen die Herren diese Tatsache beharrlich ab; sie behaupten nach wie vor, daß sie unpolitische, neutrale Gewerkschaften seien, im Gegensatz zu den freien Gewerkschaften, die in Wahrheit sozialdemokratisch seien. Wie es aber mit der politischen Neu- tralität und parteipolitischen Passivität der christlichen Ge- werkschaften in Wirklichkeit bestellt ist, das mag man wieder mal aus einem geheimen Dokument erkennen, das vom 4. Juni 1909 datiert und sämtlichen katho- tischen Pfarrern in Köln, dem Hauptsitze der Zen- trumsgewerkschaften, zugegangen ist. Das Zirkular beginnt wie folgt: „Ew. Hochwürden gestattet sich das Kartell der christ- lichen Gewerkschaften Kölns folgendes ergebenst zu unterbreiten: Alljährlich ziehen Hunderte von Arbeitern, allein oder mit Familie, in die Großstädte oder deren Vororte. Mit den Gefahren, die ihnen hier in religiöser und sittlicher Be- ziehung drohen, sind die meisten— namentlich die vom Lande Zuziehenden— unbekannt. Solche Gefahren ergeben sich ins- besondere aus dem gedrängten Zusammenwohnen, dem täglichen Verkehr mit Ungläubigen, der kirchenfeindlichen Presse usw. Auf der Arbeitsstelle wird insbesondere seitens der sozialdemokratischen Arbeiter mit allen Mitteln darauf hingewirkt, diese Leute für ihre Ideen zu gewinnen. Da ist es leicht zu verstehen, wenn so viele Zuziehende dem Cristen- tum verloren gehen und in der Sozialdemokratie die wirklicheVertreterin ihrer Interessen erblicken." In dem Zirkular wird dann darauf hingewiesen, daß seit einigen Jahren die katholischen Arbeitervereine„plan- mäßig die Gewinnung dieser Einziehenden mit Hilfe der Pfarrämter für sich erstreben". Zu dem Zwecke werde„von den einzelnen Pfarreien den katho- tischen Arbeitervereinen allmonatlich die Liste der zuziehenden Personen bezw. Familien über- lasse n". Die Kartellkommission wünscht nun, daß für die Folge auch„unseren christlichen Gewerkschaften" die Listen ausgehändigt würden.„Dadurch würden wir in die Lage versetzt, die Zuziehenden durch unsere Vertrauensleute aufsuchen zu lassen und zu ver- suchen, sie für unsere Sache zu gewinnen. Viele würden so davor bewahrt, der sozialdemokratischen Agitation anheimzufallen, weil sie an unserer Organisation einen starken Rückhalt finden." Für den Kenner der Zcntrumsgewerkschaften hat es dieser Entlarvung der christlichen Gewerkschaftsführer als parteipolitische Agitatoren nicht erst bedurft. Angesichts der Unverfrorenheit der Herren aber, die selbst sichtbare Tatsachen abzuleugnen pflegen, ist die von ihnen selbst verfaßte Urkunde äußerst wertvoll. Im übrigen aber offenbart das Schriftstück, welcher Miß- brauch von den Pfarrämtern mit den Listen der Zuziehenden getrieben wird. Sie erhalten die Namen lediglich zu Zwecken der Kirchensteuer von den P o l i z e i b u r e a u s, be- nutzen sie aber zu klerikal en Agitationszwecken, die ganz allein dem Zentrum zugute kommen und kommen sollen. Die Polizei ist verpflichtet, Maßnahmen zu treffen, die diesen Unfug ein für allemal unmöglich machen. Berlin und Umgegend. Die Lohnbewegung der Baukleinhner. In einer allgemeinen Klempnerversammlung, die am Donners- tag in Freyers Saal abgehalten wurde, erstattete Cohen Bericht über die Verhandlungen vor dem Einigungsamt. Er konstatierte, daß die Arbeitgeber diesmal ihren Standpunkt nicht mehr mit der Schroffheit vertraten, wie bei den vorigen Verhandlungen, die im Lokale des Arbeitgeberverbandes stattfanden. Doch die Zahlen, welche Herr Thom über die streikenden und die in Arbeit stehenden Bauklempner angab, seien vollkommen unrichtig. Wenn es wahr wäre, daß 625 Bauklempner— wie Herr Thom angab— zu den Bedingungen der Arbeitgeber beschäftigt sind, dann würden die Bauklempnermeister nicht zum Einigungsamt gekommen sein. Die Parteien seien sich bei den diesmaligen Verhandlungen etwas näher gekommen wie früher, doch habe ja die Verhandlung selbst kein Resultat gehabt. 27 der bekanntesten Arbeitgeber seien bor dem Einigunnsamt vertreten gewesen. Einer von ihnen, der Inhaber eines sehr bekannten und renommierten Geschäfts, habe am Tage nach der Sitzung den Tarif der Arbeiterorganisation unterzeichnet. Daß die Arbeitgeber, trotz der für sie nicht günstigen Position des Streiks, den Kampf solange hinziehen, sei nur dadurch zu ver- stehen, daß die Frage der Akkordarbeit von außen her in den Streit hineingeworfen sei. Die'Streikenden könnten dem weiteren Ver- lauf der Dinge ruhig entgegensehen. Seitens der Streikleitung wurde noch mitgeteilt, daß die Branchenkommission beschlossen hat, jedem Streikenden aus dem Fonds einen wöchentlichen Zuschuß von 3 M. zur üblichen Streikunterstützung bis zur Beendigung des Streiks zu zahlen. Schließlich ersuchte Cohen, den Zuzug von Bauklempnern und Bauschlossern nach Hamburg zu meiden, da die Unternehmer beschlossen haben, die Arbeiter dieser beiden Gruppen aus Anlaß des Kampfes der Maurer, Zimmerer und Bauarbeiter auszusperren. Achtung, Holzarbeiter! In der„Berliner Volkszeitung" vom 11. Juni 1909 verlangt der Arbeitgeber Staats. Oberbaum- straße 5, unter Deckadresse(Meldungen im Barbiergeschäft, Ober- baumstraße 5) Tischler und Maschinenarbeiter für seinen Betrieb in Muskau in der Lausitz. Zur Information diene, daß sich in diesem Betriebe sämtliche Tischler und Maschinenarbeiter wegen bis zu 25 Proz. betragenden Lohnabzügen im Ausstand befinden. Ter Gauvorstand. Wie uns mitgeteilt wird, benutzt Herr Staats die Adresse des Barbiergeschäfts ohne Kenntnis und Zustimmung des Inhabers. _ Red. d.„V." Die Tarifbewegung der Geldschrankarbeiter. Die in den Geldschrankfabriken beschäftigten Arbeiter, deren Tarifvertrag gleichzeitig mit dem der Kunst- und Bauschlosser am 30. Juni abläuft und wie dieser von den Arbeitgebern gekündigt worden ist, hatten sich am Donnerstag in Frankes Festsälen in der Badstraße versammelt, um über ihre neuen Tarifforderungen zu beraten und zu beschließen. Der große Saal war gedrängt voll, so daß kaum einer von den beteiligten Arbeitern fehlte. Ueber die Forderungen war im Voraus von den einzelnen Berufsgruppen beraten worden. Die Fabrikanten möchten den von den Arbeit- gebern der Kunst- und Bauschlossereien vorgelegten Tarifentwurf auch für die Geldschrankarbeiter durchgeführt wissen. Das würde für diese eine um so ärgere Verschlechterung ihrer Lohnverhältnisse darstellen, als ihr alter Tarifvertrag höhere Lohnsätze enthält als der der Kunst- und Bauschlosser._ Der Vertretet der Tärifkommission, Fuchs, verlas nun zunächst die Forderungen, wie sie aus den Gruppenversammlungen hervor- gegangen waren. Sodann wurde über jeden einzelnen Punkt diskutiert und abgestimmt, wobei hier und da einige Abänderungen beschlossen wurden. Der Tarifentwurf, der von der Versammlung schließlich einstimmig gutgeheißen wurde, enthält nun in der Hauptsache folgende Forderungen: Die tägliche Arbeitszeit soll 8� Stunden betragen. Für Ueber- zeitarbeit soll in den ersten zwei Stunden 33(4 Prozent, danach 50 Prozent, für Nacht- und Sonntagsarbeit 75 Prozent Zuschlag gezahlt werden. An den Sonnabenden soll eine Stunde früher Feierabend gemacht, am Tage vor den hohen Festen nur bis Mittag gearbeitet werden, und zwar ohne Lohnabzug. Als Minimal- stundenlöhne sollen gezahlt werden für ausgelernte Schlosser 55 Pf., nach Verlauf eines halben Jahres 60 Pf., für selbständig arbeitende Schlosser 75 Pf., für Schleifer ebenfalls 75 Pf., für Dreher 70 Pf., für Fräser und Hobler 65 Pf., Maschinenarbeiter 55 Pf., Schmiede 75 Pf., Stockgesellen 60 Pf., ungelernte Arbeiter 50 Pf., gelernte Maler und Lackierer 65 Pf., Anstreicher 60 Pf., Arbeitsburschen nach sechswöchiger Tätigkeit in der Maler- und Lackerierei 50 Pf., im übrigen für Arbeitsburschen 40 Pf.>— Diejenigen Arbeiter, die durch diese Neuregelung der Minimallöhne nicht mindestens 5 Pf. mehr Stundenlohn erhalten, sollen gleichwohl eine solche Lohnzulage bekommen. Für Arbeiten außerhalb der Werkstatt ist eine Zulage von 5 Pf. die Stunde zu zahlen; die Fahrzeit ist als Ueberstundenarbeit zu berechnen. Bei Akkordarbeit muß jeder Arbeiter im Voraus von dem Preis unterrichtet werden und der Stundenlohn mutz garantiert sein.— Bei Arbeitsmangel soll die Arbeitszeit verkürzt werden, bevor Entlassungen stattfinden. Der Tarifvertrag soll, ebenso wie die in den Betrieben vorhandenen Akkordtabellen, für jeden sichtbar ausgehängt werden. Als Geltungs- dauer des neuen Tarifvertrages wird die Zeit vom 1. Juli 1909 bis 20, Juni 1911 vorgeschlagen. Achtung, Geschirrsattler! Die Differenzen bei der Firma Döring u. Schwital wur- den zu unserer Zufriedenheit erledigt. Die Sperre über diesen Betrieb ist damit aufgehoben. Verband der Sattler. Ortsvcrwaltung Berlin- Deutkchcs Reich. Die Aussperrung in Hamburg. -"■-ji(Privatdepesche des„Vorwärts".)! Zur Zeit sind von etwa 15 000 in Betracht kommenden Ar- beitern ungefähr 8000, also 50 Proz. ausgesperrt. Von den Maurern sind ausgesperrt 3126. In Arbeit ge- treten sind 147, darunter 63 zu den neuen Bedingungen. Im ganzen arbeiten jetzt 500 Maurer zu den neuen, 1800 zu den alten Bedingungen. Pon den Zimmerern sind ausgesperrt 1571. Es arbeiten noch 729. Von den Bauhilfsarbeitern sind ausgesperrt 2037. Zu den neuen und alten Bedingungen arbeiten 2000. Heute wurden von den Mauersteinarbeitern rund 200 aus- gespert. Von 3100 Klempnern und Schlossern sind 475 Klempner und 345 Schlosser ausgesperrt. Die Unternehmer im Dachdecker- und Ofensetzereigewerbe sträuben sich, ihre Arbeiter auszusperren. Jedoch wird vom Baugewerbeverband ein Druck auf sie ausgeübt. Der Baugewerbeverband hat sich an den Verband zur Be- kämpfung der Sozialdemokratie gewandt: es sollen Leute mit vaterländischer Gesinnung dem Baugewerbeverbande zugeführt werden, also Arbeiter, die nicht organisiert sind. In diesem Sommer findet das Bundesschützenfest in Hamburg statt, wozu der Hamburger Senat und die Hamburger Bürgerschaft 60 000 M. bewilligt hat. Auf den Bauten für dieses Fest arbeiten zurzeit nur die Meister mit ihren Lehrlingen. Die Unternehmer sind daher in der größten Verlegenheit, die Bauten rechtzeitig fertigzustellen. Auf die Gewerbezweige, wo Tarifverträge zwischen den Ar- beitern und Unternehmern bestehen, wird vom Baugewerbeverband ein starker Druck ausgeübt, damit die Unternehmex des Tarif brechen und die Arbeiter aussperren, Zum Ausstand der Kieler städtischen Arveiter. wird gemeldet: Die Mittwoch nacht angekommenen Arbeitswilligen sind von Essen gekommen. Gestern, Donnerstag abend,(10. Juni), sollten weitere 60 Arbeitswillige eintreffen; der Zug blieb aber aus. Die königliche Polizei geht in einer solch rigorosen Weise vor, wie das hier noch bei keinem Streike erlebt worden ist, selbst nicht beim letzten Kohlenarbeiterstreik. Die Gutenbergstraße, an deren Ende die städtischen Depots liegen, war während des gestrigen Tages streckenweise verschiedene Male vollständig abgesperrt durch mit Revolvern bewaffnete Poli- zijten. Stündlich finden Verhaftungen von Ausständigen statt. Auf dem städtischen Polizeibureau geht es drunter und drüber. Die notwendigste Bureauarbeit bleibt liegen, weil die Beamten zur Begleitung der Abfuhrwagen kommandiert sind. Die Straßen- reinigung ruht schon drei Tage; auch ist noch kein Mülleimer ab- gefahren worden. In den verkehrsreichsten Straßen häuft sich der Schmutz. Gestern nacht haben in verschiedenen Straßen Kiels Ein- wohner zur Selbsthilfe gegriffen und die nicht abgeholten, über- füllten Kübel einfach auf der Straße entleert, wodurch ein vesti- lenzialischer Gestank in diesen Straßenteilen entstand. Heute— Freitag morgen— war die städtische Feuerwehr tätig, die großen Kotmassen wegzuspritzen. Es sind nicht 600 Arbeiter ausständig resp. ausgesperrt, wie die bürgerliche Presse meldet, sondern 350. Zu Montag abend hat das Gewerkschaftskartell drei Volksver- sammlungen einberufen mit der Tagesordnung:„Kommunale Ge- waltpolitik und Belagerungszustand in Kiel", die zu dem Kampfe Stellung nehmen sollen. Die Arbeiterpresse wird gebeteit, ganz enKr» gisch für Abwehr des Zuzuges tätig zu sein. i Tarifabschluß im Kieler Brauereigeiöerve. Die jetzt durch Abschluß eines Tarifvertrages beendigte Lohn- bewegung der Brauereiarbeiter in Kiel war insofern von be- sonderem Interesse, als diesmal der Arbeitgeberverband von Kiel für die Brauereien einsprang und die Verhandlungen führte. Der Arbeitgeberverband hatte die nicht der Brauereivereinigung aber dem Arbeitgeberverband angehörenden Brauereien, deren Tarife mit dem Brauereiarbeiterverband auch in kürzester Zeit abliefen, veranlaßt, die Forderungen der Brauereiarbeiter mit der Brauerei- Vereinigung gemeinsam zu erledigen, und die Brauereivereinigung trat dem Arbeitgeberverbande bei. So waren die Brauereien drei- fach organisiert: in ihrer Vereinigung, im Deutschen Boykottschutz- verband für Brauereien und in der Arbeitgebervereinigung. Diesem dreifachen Schutz entsprach denn auch das„Entgegenkommen", das sich in angebotenen Verschlechterungen und der im Laufe der Unter- Handlungen gedrohten Verlängerung der Arbeitszeit äußerte, als die Vertreter der Brauereiarbeiter nicht so wollten wie die Unter- nehmer. Die Verhandlungen waren langwierig. Aber trotz der Zu- geknöpftheit der Unternehmer und ihrer Vertretung durch den Arbeitgebcrverband gelang es den Vertretern der Brauereiarbeiter, nicht nur die beabsichtigten Verschlechterungen abzuwehren, sondern auch nach Lage der Sache recht ansehnliche Erfolge zu erzielen. Die Lchnerhöhungen, an der alle Kategorien und Arbeiter beteiligt sind, betragen 1 bis 1,75 M. pro Woche, meistens erfolgen diese zu zwei Terminen, daneben wurden die Sätze für Ucberstunden gc- regelt bezw. erhöht, der Zuschlag für Nacht- und Sonntagsarbeit uiv. 5 ProzMt llüd die Entschädigung für die Nachtschicht um 50 Pf. pro Woche erhöht, ferner die Vereinbarungen auf Grund des I 616 des Bürgerlichen Gesetzbuches verbessert. Eine allgemeine Verkürzung der Arbeitszeit konnte leider nicht durchgesetzt werden, weil die Vertreter der Brauerciarbeiter großes Gewicht auf die Lohnerhöhung der niedrigst bezahlten Kategorien legen mußten. Doch wurde für die Heizer, die in Achtstundenschicht arbeiten, eine Verkürzung der Sonntagsarbeit um 6Ä Stunden oder der Wochenarbeitszeit von b8?4 auf 52 Stunden erzielt; weiter wurde auch für die Sitzkutscher (Reservekutscher) und Stalleute die tägliche Arbeitszeit um % Stunde, von 10 auf 9% Stunden, verkürzt, so daß sie in bezug auf Arbeitszeit mit den anderen Arbeitern gleichstehen. Die Kieler Brauereiarbeiter erfreuen sich einer guten und geschlossenen Organisation, deren Schlagfertig- keit die Unternehmer erkennen. Ohnedem hätten sie diese Erfolge in der gegenwärtigen Zeit nicht erzielt. Der Kampf im Holzgewerbe Rheinlanb-Westsalcns scheint in ein anderes Stadium zu treten. Wie bereits im„Vor- wärts" berichtet, hatte der Vorsitzende des Gewerbegerichts in Essen den Vorschlag gemacht, die Arbeit solle in allen Orten zu den früheren Bedingungen aufgenommen werden und erst dann sollten die Vertragsverhandlungen beginnen. Die Arbeiter lehnten dann diesen Vorschlag in allen Orten einstimmig ab, während der Ar- beitgeberbund demselben zustimmte. Am Montag wurden nun die Organisationsvertreter zum Dienstag plötzlich zu Verhandlungen über neue Verträge nach Essen berufen. Es ging also auch vor Wiederaufnahme der Arbeit. Zu den Verhandlungen selbst ist zu sagen, daß dieselben im Essener Rathaus unter Vorsitz des Bei» geordneten Rath stattfanden. Als Vertreter der Arbeiterorgani- sationen fungierten die Gauleiter des deutschen und christlichen Verbandes, sowie des Gewerkvereins, außerdem waren die Zentral- vorstände« vertreten durch Becker vom deutschen und Kurtscheid vom christlichen Verband. Ueber eine ganze Reihe Punkte des Ver- tragsmusters für Ortstarife wurde zwischen den Vertretern bald eine Einigung erzielt. Die Ortsverhandlungen für Dortmund, Gelsenkirchen, Herne und Röhlinghausen brachten dagegen ein end- gültiges Resultat nicht. Diese sollen jedoch zwischen den örtlichen Parteien fortgesetzt werden und im Anschluß daran sollen die PlenarverHandlungen in der nächsten Woche in Essen fortgesetzt werden. Ueber den Ausgang läßt sich heute noch nichts sagen. Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß es zum Frieden kommt.> Der Zuzug von Holzarbeitern ist von Rhein- land-Westfglen auch weitex streng fernzuhalten. Ausland. Lohnkämpfe in Schweden« Die allgemeine Aussperrung in der Baumaterial. industrie Schwedens dauert unverändert fort. Selbst solche Betriebe haben ausgesperrt, für die noch geltende Tarifverträge bestanden. Verhandlungen haben bisher zu keiner Einigung ge- führt. Die Unternehmer bestehen unter anderem darauf, daß in allen Betrieben, wo Schichtwechsel stattfindet, statt der teilweise schon bestehenden achtstündigen die zwölfstündige Arbeitsschicht ein- geführt wird, und behaupten, die Arbeiter selbst wünschten diese Schichtverlängerung, getrauten sich nur aus Furcht vor ihrer Organisationsleitung nicht darauf einzugehen. Das ist sellist- verständlich nicht wahr, aber der Schlichtungsbeamte, der in diesem Lohnkampf zu vermitteln hat, scheint daran geglaubt zu haben, und machte den Parteien den Vorschlag, die Zwölfstundenschicht bor- läufig auf zwei Jahre einzuführen und danach die Arbeiter selbst entscheiden zu lassen, ob die Achtstundenschlcht wieder eingeführt werden soll. Die Unternehmer lehnten diesen Vorschlag aber ab, mit dem die Arbeiter allerdings auch nicht einverstanden sind. Der Schlichtungsbeamte versucht nun, neue Verhandlungen zwischen den Parteien anzuknüpfen. Ueber die Aussperrung in der Konfektionsschneiderei Schwedens haben bereits in der vorigen Woche langwierige Ver- Handlungen stattgefunden. Einigung kam nicht zustande. Auch dieser Kampf dauert fort. Ein Lohnkampf der Flößereiarbeiter« itn dem über 800 Mann beteiligt sind, ist in Dalarne ausgebrochen. Polizei und Lensmann sind hier tätig, um die Interessen der großen Holz- exportgesellschaften zu schützen, und vertreiben die Ausständigen aus ihren Wohnungen. Ueber das Streikgebiet ist der Belagerungs. zustand verhängt, und gegen mehrere Arbeiter ist bereits Anklage erhoben, weil sie das Gebiet betreten haben. Die Vermittelungs- versuche des Schlichtungsbeamten sind von den Aktiengesellschaften zurückgewiesen worden, während der Sägewxrksarbeiterverband bereit ist, zu verhandeln. Letzte JVaebnebten und DepeFeben. Der Bürgermeister auf Reisen. Frankfurt a. M., 11. Juni.(B. H.) Wie der„Kleinen Presse" aus dem Bachgau gemeldet wird, ist mit Hinterlassung einer Frau und sechs unmündigen Kindern der Bürgermeister Herkert aus Preußchen in Gesellschaft eines jungen Mannes flüchtig geworden. Von Basel aus sandte er seine Demission als Bürgermeister. Die Kretafrage. Paris, 11. Juni.(Meldung der Agence Havas.) Der Minister des Auswärtigen, Pichon, erklärte, es sei bisher keine Verständigung zwischen den Mächten bezüglich der vorläufigen Beibehaltung der Truppen auf Kreta erzielt. Die Räumung werde im Juli statt- finden, wenn kein neues Uebereinkommen auf anderer Grundlage zustande kommt._ Sicherung des englischen Besitzes. London, 11. Juni.(W. T. B.) Heute ist der am 10. März dieses Jahres in Bangkok unterzeichnete englisch-siamesische Bertrag mit dem Schriftwechsel zwischen dem englischen Gesandten in Bangkok, Paget, und dem siamesischen Minister des Aeußern, De- wawongse, veröffentlicht worden. Danach hat Paget dem Minister des Aeußern am 10. März mitgeteilt, daß Großbritannien mit Rücksicht auf die Lage seiner Besitzungen auf der malaischen Halb. insel von Siam die Zusicherung wünsche, daß es nicht gestatten werde, daß irgendeine Gefahr für die britischen Interessen durch Be- Nutzung irgendeines Testes siamesischen Gebietes auf der Halb- insel zu militärischen oder Marinezwecken seitens fremder Mächte entstehe. Deshalb werde Siam ersucht, erstens weder direkt noch indirekt irgendein Territorium südlich der südlichen Grenze des Monthourajabnri oder auf den umliegenden Inseln an eine fremde Regierung zu überlassen oder zu verpachten oder einer solchen das Recht einzuräumen, eine Kohlenstation zu errichten oder zu pachten. Ferner irgendeine Anlage oder AuSbesserungsdock dort zu bauen oder zu erwerben oder irgendeinen Hafen ausschließlich in Anspruch zu nehmen, wodurch möglicherweise britische Interessen vom strate- gischen Standpunkt aus geschädigt werden könnten. Dies beziehe sich nicht auf kleine Kohlenniederlagen, wie sie der gewöhnliche Schiffsverkehr für den Küstenhandel an der Halbinsel notwendig mache. Dewawongse antwortete an demselben Tage auf die britischen Forderungen zustimmend. Derantw. Redakteur: HauS Weber, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. VerlagsanstaU Paul Singer& Co., Berlin S W. Hierzu 2 Beilagen«. UnterhaltungSbl« |r.l34. 26. Jahrgang. 1. Wim des JutiDiitte" Wim Wktlsil Zonnabtlld, 12. Iiuti 1909. Die flialfeier und der liletailarbeUer- verband. Äm sechsten Verhandlungstage— 5. Juni d. I.— nahm die 9. Generalversammlung des Deutschen Metallarbeiterderbandes in Hamburg zur Maifeierfrage in namentlicher Abstimmung ohne Debatte mit 129 gegen S1 Stimmen folgende Resolution an: „Nach den Beschlüssen der internationalen Arbeiterkongrcsse soll die allgemeine Arbeitsruhe am 1. Mai— die als die würdigste Form der Maifeier gilt— nur dann von den Arbeitern begangen werden, wenn dies ohne Schädigung der Wirtschaft- lichen Interessen der Arbeiterklasse geschehen kann. Hierzu erklärt die Generalversammlung, da« das Ziel einer allgemeinen und wirksamen Arbeitsruhe am 1. Mai in der Eisen-, Stahl- und Metallindustrie auf Grund gemachter Erfahrungen ohne schwere wirtschaftliche Kämpfe und dadurch bedingte Schädi gung der wirtschaftlichen Interessen der Arbeiterschaft sowie auch mangels völliger Uebereinstimmung innerhalb der Arbeiterschaft über die Zweckmäßigkeit der Arbeitsruhe am 1. Mai überhaupt nicht zu erreichen ist. Ferner hat sich ergeben, daß die Arbeitsruhe am 1. Mai als gewerkschaftliches Kampfesmittel zur Erreichung günstiger Lohn und Arbeitsbedingungen sowie zur Befestigung bereits errungener Positionen nicht betrachtet werden kann, indem sie ihrem inneren Wesen nach eine genügende Berücksichtigung taktischer Maßnahmen nicht ermöglicht. Die Generalversammlung kann deshalb den Mitgliedern des Verbandes die Beteiligung an der Arbeitsruhe am 1. Mai nicht zur Pflicht machen, überläßt es vielmehr jedem einzelnen Mitglieds, fich an ihr unter Beachtung der internationalen Kongreßbeschlüsse und Uebernahme aller sich aus der Arbeitsruhe am 1. Mai er- gebenden Folgen zu beteiligen. Die neunte ordentliche Generalversammlung erklärt durch die Annahme dieser Resolution die Resolution des Verbandstages in Leipzig, zur Maifeier, für erledigt."�) Die Resolution bedeutet nichts Geringeres als eine Warnung vor der Maifeier. Mit besonderer Betonung wird zwar hervorgehoben, daß der internationale Maifeierbeschluß zur Arbeits- ruhe überall dort aufforderte,„wo es ohne Schädigung der Arbeiter- interessen möglich ist", doch davon weiß die Metallarbeiter- Resolution, wußten Reichel und Severing nichts zu sagen, daß ini internationalen Maifeierbeschluß jenem einschränkenden Satze der Obergedanke unmittelbar vorausgeht, daß es„sämtlichen proletarischen Organisationen aller Länder zur Pflicht" gemacht wird,„die ArdeitSruhe am t. Mai anzustreben"! Man kann eS nun unmöglich als ein Hinstreben zur Arbeits- ruhe am 1. Mai auffassen, wenn die höchste Beschlußinstanz einer Organisation von der materiellen Stärke und dem moralischen Einfluß des Metallarbeiterverbandes den Mitgliedern als Einzel- Personen sowohl die ganze Verantwortung für den Beschluß, am 1. Mai zu feiern oder nicht, als auch die volle Wucht aller sich aus der Arbeitsruhe etwa ergebenden Folgen aufwälzt. Dieser Passus der Resolution schlägt einfach dem großen Organisations- gedanken, der sich in unseren modernen Arbeitervereinigungen ver- körpert hat, brutal ins Gesicht: er faßt nicht die hunderttausende von Einzelwillen unter irgend einein— ermunternden oder ablehnenden— Gedanken bereinigend zusammen, nein: er trennt, «r zerstückelt, und er negiert infolgedessen das Lebens- element der Gewerkschaften, ihren organisatorischen Grundgedanken- Seit den Berliner Vorkommnissen von 1909(A. E.-G.) blickt die ganz deutsche, ja die internationale Arbeiterschaft auf den Deutschen Metallarbeiterverband und seine Stellung zur Maifeier. Die Taktik dieser Organisation bedeutet also mehr als einen nur den Kreis ihrer großen Mitgliederschar erfassenden RichtungshinweiS. Dessen sind sich die beiden Referenten, dessen sind sich die 129 Delegierten, die mit„Ja" stimmten, bewußt gewesen, und deshalb gerade muß der Hamburger Beschluß als einer der bedauerlichsten bezeichnet werden, den eine deutsche Arbeiter- organisation jemals gefaßt hat; denn wenn erst einmal an *) Wir zitieren den Wortlaut der Resolution sowie die Aus- führungen des Referenten Reichel und des Berichterstatters der Maifeierkommission, Severing, nach dem»Hamburger Echo" Nr. 129, 1. Beilage[6. Juni 1909). Kleines feuilleton. Künstlers Erdenwnllcn. Zu fabelhaften Preisen hat der ver storbene Chauchard die kostbare Gemäldesammlung zusammen gebracht, die jetzt an das Louvre-Mnseum übergeht. Insbesondere die Meister von B a r b i z o n werden heute mit Preisen bezahlt. die als eine Abbitte der Nacknvelt gegen die von ihren Zeitgenossen verkannten Künstler gelten können. Unwilllürlich schweift die Er- innerung zurück zu dem Leben der Meister, um deren Werke jetzt mit Millionen gekämpft wird; Paul Ginisty erzählt im„Journal des Debats" einige interessante Einzelheiten von der Not und den bitteren Erfahrungen der Kämpfer, die einen herben Kontrast bilden zu dem Ruhm und der Beivundcrung, die ihnen heut die Nachwelt darbringt. Sie alle, die in der stillen Landschaft von Fontainebleau an der Schaffung einer neuen Kunst arbeiteten, wurden von den Zeit genossen mißachtet oder verhöhüt; nur wenigen war es vergönnt, m ihren letzten Lebensjahren die so spät heraufdämmernde An- erkennung zu erleben, viele von ihnen starben dahin, ohne Anzeichen einer späteren Gerechtigkeit noch erfahren zu dürfen. Rousseau mußte es erleben, als er nach langen Kämpfen und Entbehrungen endlich seine Stellung befestigt glaubte, sich von geschickten Mittelmäßigkeiten verdrängt zu sehen. Für T r o y o n kam der Ruhm zu spät, durch die Entbehrungen der Jugend war sein Körper ge- schwächt, er lvar kränklich, mißgelaunt und verbittert uitd nur niit einer Art spöttischen Aergers nahm er die Ehrungen hin, die ihm so spät widerfuhren.„Man stirbt im vollen Glück an dem vergangenen Unglück". Die materielle Not war dabei nicht die schlimmste der Bitternisse.„Wir hatten nie einen Sou", erzählt D i a z,„aber wir sprachen niemals von Geld, denn Geld war nicht unser Ehr- geiz". Aber die Sorgen nagten doch an der Schaffensfröhlichieit und wuchsen bisweilen buchstäblich bis zum Nahrungsmangel heran. Vor allem M i l l e t imt seinen Kindern hat die Not kennen gelernt und mehr als einmal mußte er mit seiner Familie hungernd schlafen gehen, wenn der Bäcker oder der Krämer müde waren Kredt zu geben. Da war es ein Freudentag, als mit der Abend- dämmerung Diaz, der Unternehmungslustigste dieser Kameraden der Armut, triumphierend und glücklich bei Millet anklopfte und mit großer Gebärde elf Fünsfrankstücke auf den Tisch legte; das war der Erlös für drei Studien von Millet, deren Verkauf Diaz über- nommen hatte: 60 Frank, von denen er fünf sofort zum An- kauf von Nahrungsmitteln angelegt hatte. Millet hätte diese „Abenddämmerung" oft erleben können, wenn er dem stets ver- schmähten Rat gefolgt wäre,„weniger Hätzliches zu machen", aber selbst der Hunger verführte ihn nie zu einem Verrat der eigenen Ueberzeugung. Ein festes Band enger Freundschaft umschloß die Gruppe der damals noch unbekannten Künstler, und diese gegen- seitige Liebe, Treue und Anerkennung waren jahrelang ihr einziger Trost. ( dem Bau herumgebröckelt worden ist, den der Pariser Internationale 1 Arbeiterkongreß im Jahre 1889 errichtete, an dem Bau, der nunniehr zwei Dezennien allen Stürmen schlecht und recht zwar, aber doch immerhin getrotzt hat, dann ist die Gefahr nicht gering, daß andere Gewerkschaften dem Hamburger Beispiele folgen, und daß der Bau. der gedacht war als ein ragendes Monument der Energie, des Idealismus und des Opfermutes des internationalen Pro- letariats, bald dasteht als verfallenes Denkmal der Verzagtheit, de» Klein- und Wankelmutes, wie er zuweilen auch die Herzen der Besten und Tapfersten beschleicht.... Gerade der Metallarbeiter- Verband aber mußte sich hüten, den Reigen der Meifeierstürzer zu eröffnen, damit nicht das Gerede auflonime, ihm hätten die Berliner Vorkomntnisse von 1906 eine Verallgemeinerungs- und Verärgerungs- taktik eingegeben. Die Resolution bietet auch sonst Angriffsflächen in nicht geringer Zahl. So Ivird z. B. die Unmöglichkeit, völlige Uebereinstimmung innerhalb der Arbeiterschaft über die Zweckmäßigkeit der Arbeitsruhe am 1. Mai zu erreichen, als ein Hindernis für die Arbeitsruhe selber angesprochen! Das sieht einem arg mißglückten Verlegenheitsargument verzweifelt ähnlich. Was heißt„völlige" Ueber- einstimmnng?— Wollten die Arbeiterorganisationen das unhaltbare Prinzip aufstellen, ihre Taktik nur nach Beschlüssen zu regeln, die unter„völliger", d. h. restloser, Uebereinstimmung inner- halb der Arbeiterschaft zustande gekommen sind, dann könnten sie schon heute allen weiteren Entwickclungsmöglichkeiten entsagen und der Zukunftshoffnung, dem Zukunftsglauben gute Nacht wünschen. Die wunderbare Entfaltung der modernen Gewerkschaften wäre unmöglich gewesen ohne den grandiosen Ausbau des d e m o« k r a t i s ch e n Regimes niit seinen Proporzbestimmungen. Delegierten- systemen, Urabstimmungen usw. Und da soll plötzlich eine Maßregel nicht getroffen, nicht empfohlen werden können, weil nicht„völlige" Uebereinstimmung zu erreichen war, das heißt: weil eine Konstellation ausblieb, die so gut wie niemals vorhanden ist!— Wenn Reichel geleugnet hätte, daß die Maidemonstration der Arbeiterschaft irgendwelche praktischen Erfolge gebracht hat, dann hätte man seinem Vortrage nachsagen müssen, er sei auS einem Guß, taktisch geschickt und logisch konsequent gewesen. Da er aber wohl oder übel zugeben mußte, daß durch die Maifeier nicht nur die Arbeiter, sondern auch bürgerliche Sozialpolitiker, ja sogar Parlamente und— Regierungen auf die Bahn der Arbeitszeitverkürzung getrieben worden seien, da er ferner aus- drücklich erklärte,„dieser wichtige Fortschritt wäre in dem Umfange nicht eingetreten, wenn nicht durch die Maifeier die Bewegung tiefen Gehalt und eifrige Förderung erhalten hätte", so klafft in seinem Referat ein tiefer Riß, den. keine Dialektik im zweiten Teil des Vortrages zu überbrücken vermochte. Die wirtschaftlichen, die psychologischen— allgemeinen wie individuellen— Grundlagen, auf denen der Kampf um die Maifeier ruht, können sich nicht von heute auf morgen ändern, und es heißt allen Erfahrungen, aller Logik Gewalt antun, wenn man—- mit Reichel— deduziert: bis gestern oder vorgestern hat die Maidemonstration diese und jene Erfolgsaussichten in sich getragen, diese und jene Fortschritte herbeiführen helfen, von morgen oder übermorgen an jedoch sind all die Quellen verstopft und verschüttet, aus denen bisher in reicher Fülle unbegrenzte Siegesmöglichkeiten quollen. Daran wird nichts geändert durch die Tatsache, daß Reichel zeigte, wie mit absteigender Konjunktur die Zahl der Maifeiernden sank und wie die wirtschaftliche Krise vollends den Prozentsatz an ein Minimum herabdrückte. Diese Argumentation hat ebensowenig Wert, als wenn unbedingte Anhänger der Arbeitsruhe am 1. Mai bei Aufstieg der Konjnnltur und Abschwellen der Krise mit den wachsenden Zahlen der Maidemonstrantcn operierten und die Möglichkeit unberücksichtigt ließen, daß schlechtere Zeiten wieder den Abstieg der Kurve bringen müßten. Hatte Reichel die den Arbeitern zugute kommenden Wirkungen der Maifeier in allgemeinen Ausführungen anerkannt, so spezialisierte Severing sogar, indem er— allerdings nur für die erste Zeit— den demonstrativen Charakter der Arbeitsruhe und ihren Eindruck auf die Unternehmer schilderte und der Ueberzeugung Ausdruck gab, daß die Anfang der neunziger Jahre erfolgte Ver- kürzung der Arbeitszeit nicht zuletzt auf die Arbeitsruhe DaS war die härteste Probe für alle: daß sie arbeiteten, kämpften, rangen und ihr Bestes gaben und kein anderes Echo fanden als Spott, Hohn oder gelassene Nichtbeachtung. Ein Vierteljahrhnndert währte diese Einsamkeit. Bitter war für die Künstler besonders die Gleichgültigkeit und die Feindseligkeit der Kollegen. Von der Höhe seines RuhnieS herab empfand der große Maler Delacroix gegen Millet.„Er gehört zu jener Rotte bärtiger Künstler", meinte er verächtlich,„die der Revolution von 1848 Beifall klatschten, weil sie anscheinend glaubten, daß mit der Gleichheit des Besitzes auch die Gleichheit der Begabung käme.. Und über die Malweise der Neuerer überhaupt fällte er das seltsame Urteil, ihre Malerei sei„kühl" und„kalt". Heute ist es der Ehrgeiz und das Glück jedes Kunstkenners, eine Probe dieser„kühlen" Malerei sein eigen zu nennen. Pannmahüte. Der Name„Panamahut" führt irre: aus Panama kommen diese Hüte nicht! Sitz dieser Industrie ist nicht Mittel-, sondern Siidamerika, und zwar hauptsächlich Columbia, Peru und Ecuador. Einige Einzelheiten über diese Industrie bringt die„Revue scientifique. und dieselben dürften wohl jetzt, da die feingeflochtenen, weißen Hüte wieder in den Auslagen der Huthändler erscheinen, von Interesse sein. Der Grundstoff, das sogenannte„Toquilla-Stroh", liefert eine wilde Palme von 2—3 Metern Höhe, die Carludovica palmata Ruis, und zwar sind eS die Blattrippen dieser Pflanze, die das Flccht- Material bilden. Die Blätter werden zunächst auf einige Augenblicke in kochendes Wasser getaucht, dem man. zur Erzielung eines möglichst weißen Materials, den Saft einiger Zitronen zusetzt. Sobald man die Blätter auS dem Wasser gezogen hat, hängt man sie im Schatten auf und dörrt sie dann weiter an der Sonne. Die Vorbehandlung ist damit beendet. Am Blattstiel hängen nun die 1—2 Millimeter starken, 66—60 Zentimeter langen Blattrippen. In dieser Form geht das Toquillastroh den Flechtern zu, und die schwerste Arbeit beginnt. Der Preis des Rohstoffes ist zwar sehr schwankend, beeinflußt aber den Wert des Hutes nicht wesentlich; denn zur Herstellung eines solchen genügen meist schon 230 Gramm. Der hohe Preis der Panamahüte ergibt sich hauptsächlich ans der Schwierigkeit und Langwierigkeit ihrer Herstellung. Bei täglich sechsstündiger Arbeits- zeit braucht ein Arbeiter zum Flechten eines gewöhnlichen Viermark- hnteS sechs bis sieben Tage; ein Hut im Werte von fünf bis zwölf Mark beansprucht vierzehn Tage, ein feiner, etwa hundert Mark kostender sogar sechs Wochen Arbeitszeit. Am feinsten, leichtesten und schönsten gearbeitet sind die von Montecristi, die auch von allen die berühmtesten sind. Die gewöhn- lichen Montecristi kosten zehn bis sechzehn Mark, die halbfcinen zwanzig bis dreißig Mark, die feinen vierzig bis zweihundert Mark, ja noch mehr. Von gleichfalls ganz vorzüglicher Qualität ist der Santa-Elena-Hut, der zwar nicht so fein lst, sich aber durch«gel- zurückzuführen seil Und nun derselbe Salto mortale, der« selbe Todessprung für die Maifeier, den Reichel wagte: Durch das fortgesetzte Eintreten für die Arbeitsruhe hat sich der Eindruck bei Unternehmern und Behörden Verwischt, die Sache läßt sich nicht mehr st e i g e r n, sie verliert daher(!) ihre Wirkung, zumal da die Zahl der Teilnehmer an der ArbeitSrnhe nicht gestiegen ist. Und endlich des Pudels Kern:„Die Demonstration für Verkürzung der Arbeitszeit, Schaffung einer durchgreifenden Arbeiterschutzgebung, Völkerfrieden usw. kann auf den Abend oder auf de« ersten Sonntag im Mai verlegt werden." Um mit dem letzten zu beginnen, so ist gegen Severing doch folgendes zu bemerken: Man darf es dem Gros der Arbeiterschaft, das trotz alledem und alledem mit zäher Energie an seiner Maifeier hängt, nicht als Kurzsichtigkeit oder Verbohrtheit anrechnen, daß es die Arbeitsruhe am 1. Mai. als die idealste Taktik und die Abend- oder gar die Sonntag-Feier als ein klägliches Surrogat betrachtet. Diese Wertbestinimung entspringt dem gesunden Gefühl und dem klaren Verständnis dafür, daß man, um für Verkürzung der Arbeits- zeit zu demonstrieren, nichts taltisch und agitatorisch Klügeres und Geschickteres tun kann, als daß man eben die Arbeitszeit um einen Arbeitstag verkürzt! Was uns aber an den Ausführungen eines Parlamentariers, eines sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten, ganz besonders in Erstaunen setzen muß, das ist die zarte Rücksichtnahme auf die Ab- stumpfung, die sich durch unser fortgesetztes Eintreten für eine große Idee der Herren Unternehmer und der Behörden bemächtigen oder schon bemächtigt haben könnte! Dabei ist die ganze sozialdemo- kratische Parlamentstaktik auf eben diesem Durchbohrungsprinzip der unermüdlichen, ewig alten und doch ewig neuen und jungen Pro« pagauda für die Zukunftsidee des Sozialismus aufgebaut. Hätte Severing recht, so täten unsere Abgeordneten gut, den bürgerlichen Parteien nicht zum hundertsten und tausendsten Male mit dem Zehnstundentag oder der Abschaffung der Todesstrafe oder der Aufhebung der indirekten Steuern oder der Sicherung des KoalitionsrechteS oder mit diesen und jenen Forderungen sonst zu kommen, die den Gegnern der Sozialdemokratie nichts als„olle Kamellen" sind und für die unsere Abgeordneten, Parteischriftsteller und Parteiblätter schon so viele und so gute Argumente zusammengehäuft haben, daß sich die„Sachen" auch kaum mehr steigern lassen! Den Gedanken aussprechen, heißt seine Absurdheit aussprechen und damit die Sevcringsche Resignationspolitik auf ihren wahren Wert zurückführen. Liest man die Hamburger Resolution, hört man Reichel und Severing. so könnte es fast scheinen, als ob die Maifeier nur den Gedanken der Arbeitszeitverkürzung, des Achtstundentages in sich birgt. Nirgends eine Spur davon, daß für den Arbeiterschutz im allgemeinen demonstriert, nirgends ein Wehen des Gedankens, daß am 1. Mai die Jnternationalisierung des proletarischen Klassenkampfes, die Idee des Weltfriedens propagiert werden soll. Und das ist im Grunde genommen das betrübendste von allem, was die Ham- burger Verhandlungen über die Maifeierfrage gebracht haben. „Der Idealismus darf nicht einen Tag dauern, sondern 366 Tage"— dieses große Wort hat Severing in Hamburg gelassen ausgesprochen. Hoffen wir, daß auf dem internationalen Sozialisten- kongreß zu Kopenhagen 1910 Idealismus und Realismus in ge« sunder Vermischung eine solidarische Maifeier-Taktik gebären, an der das Proletariat aller Länder seine Freude haben kann. Tnternationaler flerztcftongrcB für Beruf snnfäfle. Unter dem Protektorat der italienischen Regierung hat vom 23.— 27. Mai in Rom der 2. Aerzickongretz für Betriebsunfälle stattgefunden. Fast alle europäischen Staaten waren vertreten; auch ein Delegierter Japans nahm an den Verhandlungen teil. Von deutschen und österreichischen Spezialisten waren die Pro- fessoren Vulpius- Heidelberg, Becker- Berlin, Win- scheid- Leipzig, L i n i n g e r- Düsseldorf, T h i e m- Kottbus, B um-Wien u. a. m. zugegen. Die Tagesordnung, bei der der Diskussion durch Zeitmangel recht enge Grenzen gezogen waren, erstreckte sich über die folgenden Punkte: 1. Organisation des ärzt- lichen und chirurgischen Dienstes zur Pflege und Uebcrwachung der Folgen der Arbeitsunfälle. 2. Organisation des gerichtsärztlichen mäßiges, festes Flechtwerk, feingeschlungenen Rand und reinweißes Material hervorragend auszeichnet. In den letzten Jahren hat der Export ganz bedeutend zu- genommen, und die billigeren Sorten sind aus diesem Grunde im Preise mehr oder weniger zurückgegangen. Die feinen und feinsten Qualitäten jedoch behaupten ihren Wert. Musik. Als„Eine Geschichte aus dem alten Karlsbad" bezeichnet sich die Operette„Die S p r u d e l f e e", der das Neue O p c- rettentheater am Donnerstag zur Berliner Erstaufführung verhelfen hat. Die zwei Textverfasser führen eine Geschichte von der armen Aristokratentochter durch, die den reichen, aber mehr den bäuerlichen Mädchen nachgehenden Aristokratcnjüngling da« durch für sich gewinnt, daß sie die Rolle eines vielumworbenen Karlsbader Brunnenmädchens spielt. Der Komponist Heinrich Reinhardt schlägt keine neuen Wege ein und erreicht auf den alten Operettenwegen an Gutem nur etwas Liebessentimentalität, zumal in typischen Duetten. Für sein Können lassen wir gerne den Umstand sprechen, daß die Musik von der sehr minderwertigen Ouvertüre angefangen sich allmählich hebt. Auch der Gesang und namentlich das Spiel wurden nachgerade viel besser als am An- fang. Wenn wir neben den sonoreren Stimmen des Tenors O. Braun und der Mezzosopranistin PH. Wölfs, die eine nicht eben leichte Gesangspartie zu bewältigen hatte, den weicheren Tenor von C. B a ch m a n n und den dünneven Sopran von I. Lorenz erwähnen, so geschieht es, weil gerade diese Gegen- satze den Absichten des Komponisten, durch Kombination von Ver- schiedenartigem zu wirken, gut entgegenkommen. Wie sehr solche Aufführungen auf den äußeren statt auf den inneren Erfolg ausgehen, zeigt auch das Hinausziehen des Abends. Verspäteter Beginn und Wiederholungen wirksamer Stückchen: das raubt so viel Zeit, daß sie auch dem auf die Dauer zu lang werden muß, der sich immer wieder Mühe gibt, aus einer sommer. lichen Minderwertigkeit noch dies und das Schätzenswerte heraus- zuflndcn, auch wcnn's nur zu Oftgesagtem Anlaß gibt._ sz. Notizen. — Eine Deutsche naturwissenschaftliche Ge« ellschaft hat sich in München durch Zusammenwirken einer größeren Anzahl von Fachgelehrten gebildet. Die Gesellschaft unter« cheidet sich von ähnlichen wissenschaftlichen Gesellschaften dadurch, daß sie ihre Tätigkeit nicht auf die Fachkreise beschränken, sondern naturwissenschaftliche Kenntnisse durch berufene Kräfte in die weitesten Kreise tragen will. Die neue Gesellschaft gewann bereits eine An- zahl angesehenster wissenschaftlicher und schriftstellerischer Kräfte als Mitarbeiter. Sie plant zunächst die Herausgabe einer Zeitschrift und verschiedener anderer Publikationen, die in dem Verlage Theod. Thomas, Leipzig. Talstr. 13. erscheinen werden, wohin auch Anfragen nichtwissenschaftlicher Natur und Anmeldungen zu richten sind. Sachkerstandigenwesens Bei Unfällen. 3. Feststellung und Prognose der Unfallneurosen. 4. Schätzung der Arbeitsfähigkeit vor und nach dem Unfall. 5. Einfluß der Entschädigungsart auf den Verlauf der pofttraumatischen Nervenkrankheiten. 6. Statistische Beobachtungen vom ärztlichen Standpunkte aus, nach Anwendung der Unfallgesetze. 7. Die funktionelle Anpassung der traumatisierten Glieder- Was den therapeutischen Standpunkt betrifft, so herrschte große Uebereinstimmung darin, daß in chirurgischer Beziehung durch zu lange Immobilisierung viel Schaden angerichtet wird, und daß zur Beseitigung der nervösen Unfallfolgen eine möglichst früh- zeitige Aufnahme der Arbeit anzustreben sei. Prof. B u m meinte, daß durch die Ungeübtheit der Aerzte in den mobilisierenden Me- t Hoden arg gesündigt werde, und betonte die Nichtigkeit eines PassuS des dem österreichischen Parlament vorliegenden Unfallgesetzent- Wurfes, in dem es heißt, daß häufig„ein Verletzter nur deshalb mit einem dauernden Schaden behaftet bleibt, weil ihm von An- fang an nicht die richtige Behandlung zuteil wird". Um die aus therapeutischen Gründen wünschenswerte frühzeitige Aufnahme der Arbeit zu ermöglichen, wurde der außerordentlich bedenkliche Vor- schlag gemacht, die Einrichtung besonderer Institute oder Gesetzes- bestimmungen von der Negierung zu fordern, in denen der Arbeiter bor voller Leistungsfähigkeit unter ärztlicher Ucberwachung arbeiten kann. Prof. Feilchenseld- Berlin schlug Genesungsrenten vor, die als Prämien für eine schnelle Genesung gegeben werden sollten. Bei all diesen Sachen besteht natürlich die Gefahr, daß man unter dem Mantel therapeutischen Vorteils den Arbeiter schnell in die Fabrik zurückschickt, um die Versicherungstasse oder Berufsgenossen- schaft zu entlasten. Die Interessen dieser auf Beeinträchtigung der Rechte des Ar» beitcrs hinarbeitenden Institutionen wurden übrigens recht stark auf dem Kongresse verteidigt. Prof. L i n i n ge r- Düsseldorf drückte seine Befriedigung darüber aus, daß in einem bis vor die oberste Instanz gekommenen Fall ein Schlosser für den Verlust des rechten Zeigefingers keine Entschädigung er- halten hatte, weil seine Erwerbsfähigkeit nicht behindert war! Durch Anwendung dieses Kriteriums hätte eine Betriebsgenossen- schaft in einem einzigen Jahre IS 000 M. Renten gespart. Der Professor vergaß anzuführen, daß seine und mancher Richter Er- werbSfähigkeit danach Einbuße nicht erleiden, wenn sie ihren Kopf verlieren würden. Natürlich war auch des Jammerns über die bösen Simulanten kein Ende. Allerdings wurden auch Fälle vorgeführt, in denen zweifellos willkürliche Verstümmelungen und Verletzungen als UnfallLfolgen ausgegeben worden waren. Solche, namentlich von Professor Kaufmann- Zürich und Bernacchi- Mailand vorgeführten Einzefälle schädigen den ehr- lichen Arbeiter in außerordentlich hohem Maße. Diese vereinzelten Mißbräuche rechtfertigen aber keineswegs die Simulantenschnüffelei seitens der Aerzte. Ucber die Nervenerkrankungen nach Unfällen, die eine große Zahl unfähiger Aerzte früher einfach in den großen diagnostischen Topf der Simulationen oder der Hysterie zu werfen pflegte, war der Kongreß nur insofern getrennter Ansicht, als eine Minderheit der traumatischen Neurose den spezifischen Charakter absprach, während die Mehrheit in dieser Nervenerkrankung einen deutlich umrissenen Symptomenkomplex sah. Ueber den Einfluß, den der Kampf um die Rente auf die Entstehung der Neurose hat. war der Kongreß nicht einig. Professor W i n s ch c i d betonte, daß es sich bei der Geltendmachung der Ansprüche des Arbeiters um durchaus berechtigte Ansprüche handele, und daß keineswegs ein Vorwurf für den Arbeiter darin liege, wenn man sagte,„ohne Renten keine Neurose". Der nach Unfall nervenkranke Arbeiter sei tatsächlich und unleugbar krank. Bei dem offiziellen Charakter des Kongresses versteht es sich von selbst, daß die Festlichkeiten und Empfänge mehr Zeit in An- spruch nahmen als die Verhandlungen. Der nächste Kongreß wird in Düsseldorf stattfinden.________ Huö Induftrie und Ftandel Kolonial-KatzenZammer. Jahrzehntelang wollte niemand etwas von der Kolonialpolitik wissen. Dann ging auf einmal der Rummel los! Die mit dem Blute der deutschen Soldaten getränkte südwestafrikanische Erde ließ kurz nach dem Eintreten DernburgS in die Diplomatie Dia- manten wachsen, und zwar zu einer so unglücklichen Zeit, daß der Staatssekretär des Kolonialamtes bei seiner Anwesenheit in Süd- West selbst solche sammeln konnte. Schlaue Leute behaupteten da- mals, man hätte die kleinen glitzernden Splitter erst vorher hin- geworfen, sie wußten, das war das beste Mittel, einen Kolonial- taumel auszulösen, wenn sich zeigte, daß unser Wüstensand doch Diamanten berge. Und so kam es. Die Berliner Börse konnte in den letzten Monaten den Tropenkoller Orgien feiern sehen. Die Anteile der Deutschen Kolonialgesellschaft für Südwestafrika stiegen in wenigen Monaten von zirka 300 Proz. auf über 11000 Proz. Und alle Diamantenbergbaugesellschaften, die irgendwelche Jnter- essen auf kolonialem Boden wahrzunehmen hatten, wollten von der guten Konjunktur Nutzen ziehen. Es gab da Gesellschaften für Baumwoll- und Kautschukkulturen, Kaffee- und Kakaopflanzungen. Unterstützt wurde der Gründer dieser Tätigkeit durch die Wirk- samkeit des deutschen Kolonialwirtschaftlichen Komitees. Eine ganz besonders lebhafte Tätigkeit entfaltete die Kolonialfirma Mertens in Berlin. Fast jeden Monat wurde eine neue Gesell- schaft, deren Arbeitsgebiet rn den Kolonien lag. in das Berliner Handelsregister eingetragen. Als einmal unter der Firma „Deutsche Kolonialbank" eine neue Aktiengesellschaft mit bloß 5000 M. Kapital gegründet wurde, erhob die Berliner Handels- kammer dagegen Protest und die neue Firma muße wieder gelöscht werden. Jetzt lenkt sich die Aufmerksamkeit auf drei andere Kolonialgesellschaften, die die Firma Mertens aus der Taufe ge- hoben hat. ES wurde bekanntgegeben, daß bei der Kamerun- Kautschuk-Co.. der Borneo-Kautschuk-Co. und der Ostafrikanischen Pflanzungsaktiengesellschaft die Verwaltung den Antrag auf Ein- setzung einer Revisionskommission gestellt habe. Erst nach und nach sickerte durch, daß die Verwaltung die Revision nicht ganz freiwillig beantragt hatte. Bald dürfte bei manchem ein tüchtiger Katzenjammer den Kolonialrausch ablösest-» und Dernbvrg ist um einen»Erfolg" tticher._ Ein Weltmonopol. Die Standard Oil Company hat auf dem Wege zum Welt- Monopol einen Schritt vorwärts getan. In der letzten Zeit ist der Verbrauch österreichischen Oels in Deutschland ziemlich stark gestiegen. Um für die über den Absatz hinausgehende� Oelgewin» nung der österreichisch-ungarischen Gruben einen größeren Ab- nehmerkreis zu gewinnen, traten die Raffineure, die auch eine besondere Export-Organisation schufen— Olex G. m. b. H.— mit den Amerikanern in scharfen Wettbewerb, und hatten Erfolg. Das mobilisierte die Standard-Leute, die auch den richtigen Weg fanden, größeren Einfluß in der österreichischen Petroleumindustrie zu gewinnen. Während sie anscheinend das Schwergewicht auf den direkten Kampf gegen die Olex-Gesellschaft in Deutschland legten, bandelten ihre Vertreter mit den Oelproduzenten selbst an und brachten diese dahin, einen Vertrag zu akzeptieren, der jene aus der finanziellen Kalamität reißt, in die sie unter der Ver- Hältnisse Ungunst hineingeraten waren, welcher aber auch gleich- zeitig der Standard Oil Company die Kontrolle über zirka drei Viertel der österreichisch-ungarischen Oelproduktion ausliefert. Die erste Folge der Vertragsschließung war die Hcraufsetzung des RohölpreiseS von 1 Kr. auf 1,17 Kr. pro Tonne. Man hofft aller- dinas, die Regierung werde die Perfektierung des Vertrages zu verhindern wissen. Auch erklärt die Olex-Gesellschaft, daß sie den Preiskampf gegen die Standard Oil Company weiter führen werde. Gewiß, solange, bis ihr akzeptable Bedingungen für die Ueber- gäbe geboten»erden, oder sie auf Gnade und Ungnade sich ergeben muß. Das ist der wmfcjttli.che, kapMiftifche EnfwMlgngsgavg. Rückgang der Bergarbeiterlöhne. Nach den amtlichen Angaben über die in preußischen Bergbau- bezirken gezahlten Arbeiterlöhne ergibt sich für das I. Quartal 1909 gegenüber dem IV. Quartal 1908 wiederum ein starker Rückgang. Die Löhne betrugen: im im pro Schicht IV. Quartal l. Quartal IV. Quartal I. Quartal 1908 1909 1903 1909 M. M. M. M. Steinkohlenbergbau: in Oberschlesien..... 250 243 3,62 3,48 in Niederschlesien.... 243 244 3,31 3,24 im Oberbergamtsbezirk Dort- mund....... 357 327 4,76 4,56 in Saarbrücker Staatswerken 294 286 4,03 4.00 im Aachener Bezirk.., 332 330 4,54 4,55 Braunkohlenbergbau: in, Bezirk Halle.... 270 263 3.58 3,47 im linksrheinischen Bezirk. 293 274 3,96 3,97 Salzbergbau: im Bezirk Halle..... 294 291 3,92 3,88 im Bezirk KlauZthal... 303 309 4,03 4,11 Erzbergbau: in ManSfeld...... 259 260 3,40 3,42 im Oberharz...... 222 217 2,93 2,93 in Siegen....... 258 262 3.65 3,67 in Nassau und Wetzlar.. 217 221 3,02 8,06 im übrigen rechtsrheinischen Bezirk...... 239 285 3,29 3,31 im linksrheinischen Bezirk. 216 211 2,96 2,96 Demnach ist im Erzbergbau der Lohn teilweise etwas gestiegen, dagegen zeigt sich besonders für den rheinisch-westfälischen Kohlenbergbau eine empsindlichs Einkommensverminderung, ging doch der Schichtenverdienst um. 20 Pf. zurück und das OuartalsminuS stellt sich auf 30 Mark._ Die goldene Internationale. „Courrier de la Bourse" zufolge findet in Brüssel demnächst eine internationale Konferenz französischer, belgischer und amerika- nischer Bankiers und Finanzleute behufs Einführung der vornehmsten amerikanischen Westbörsen statt. An der Konferenz werden Roosevelt, Finanzminister Shaw, die Eisenbahukönige Harriman, Winchell und Gary, sowie die Vertreter des amerikanischen Stahltrustes teil- nehmen._ Ausstellung in Berlin. Wie dem„L. A.' gemeldet wird, gibt ein Ausschuß von Vertretern der amerikanischen Geschäfts- und Finanzwelt bekannt, daß für die Monate April, Mai und Juni 1910 in Berlin eine Ausstellung amerikanischer Jnduftrieerzeugnisse zur Förderung der deutsch-amerikanischen Handelsbeziehungen geplant ist. Soziales. BundeSratSvcrordnuug über Steinmetzbetriebe. Der gestrige„Reichsanzciger" veröffentlicht eine auf Gnind des§ 1206 der Gewerbeordnung erlassene Verordnung des Bundesrats über die Einrichtung und den Betrieb von Steinbrüchen und Stein Hauereien vom 31. Mai d. I. Diese Verordnung tritt vom 1. Juli ab an Stelle der Bundesratsverordnung vom 20. März 1902. Die neue Verordnung unterscheidet sich von der zurzeit be- stehenden in folgenden Punkten: 1. In§ 4 ist ausgesprochen, daß nicht nur für die im Freien arbeitenden Steinhauer, sondern auch für die im Freien arbeitenden Schrottschläger. Kletnschläger. Klarschläger und Pflastersteinkipper(Pflaster- steinschläger) zum Schutz gegen die Unbilden der Witterung entweder Schutzdächer über den Arbeitsplätzen oder Arbeits- buden errichtet werden müssen; die Arbeitsbuden müssen nach drei Seiten, insbesondere nach der Windrichtung hin geschloffen werden können. 2. Die in Z 9 der bestehenden Verordnung festgelegte zehnstündigeHöchstarbeitszeitfür Arbeiter, die bei der Steingewinnung beschäftigt werden, ist in der neuen Ver- ordnung ausdrücklich auch aus den Fall ausgedehnt, daß die Arbeiter nur während eines Teils des TageS bei der Steingewinnung verwendet werden. Ein gleicher Schutz gegen die Umgehung der bestehenden Höchstarbeitszeit ist zu- gunsten der Arbeiter vorgeschrieben, die bei dem Bossieren oder der weiteren Bearbeitung von Sandstein verwendet werden: die für diese Arbeiter vorgeschriebene Höchst- arbeitszeit von neun Stunden findet vom 1. Juli ab auch dann Anwendung, wenn die Arbeiter zu solchen Arbeiten nur während eines Teiles des Tages verwendet werden._ 3.(§ 10.) Das Verbot der Verwendung von Arbeite- rinnen und jugendlichen Arbeitern bei der Steingewinnung oder der Rohaufarbeitung von Steinen ist auf die Abräumungsarbeiten ausgedehnt. Die neue Verordnung setzt hinzu:„Als Rohaufarbeitung von Steinen im Sinne dieser Bestimmungen gilt auch die Herstellung von Chausseesteinen(Schotter. Klarschlag, Knackschlag, Kleinschlag) in solchen Betrieben. Die höhere Verwaltungsbehörde kann für ihren Bezirk oder Teile desselben gestatten, daß Arbeite- rinnen über achtzehn Jahren mit der Herstellung von Chaussee- steinen beschäftigt werden; die Dauer der Beschäftigung im Steinbruch darf in diesem Falle sechs Stunden täglich nicht übersteigen." 4.(§ 10.) Falls jugendliche Arbeiter, wennauch nur während eines Teiles des Tages zur Bearbeitung von feuchten Sandsteinen verwendet werden, so dürfen sie vom 1. Juli ab nicht länger als neun Stunden täglich be- schäftigt werden. 5.(§ 10.) DaL Verbot der Beschäftigung von Ar« beiterinnen und jugendlichen Arbeitern beim Transport und Verladen von Steinen ist auf den Trans- port und das Verladen von Abraum oder Abfall ausgedehnt worden. Die von der Genehmigung der höheren Verwaltungsbehörde abhängige Ausnahme, daß jugendliche Arbeiter beim Transport oder Verladen von Steinen mit ihren Kräften angemessenen Arbeiten beschäftigt werden dürfen, ist aufrechterhalten. Die Verordnung ergänzt mithin die bestehende, durch un- ausgesetzte Agitafton der Gewerkschaft und der sozialdemo- kratischen Fraktion dem Bundesrat als Abschlagszahlung ab- gerungene Verordnung in nur wenigen Punkten. Die großen gesundheitlichen Schädigungen, die der Steinmetzbetrieb nach sich zieht, hätten nach siebenjährigem Bestehen der Verordnung wohl insbesondere eine weitere Herabsetzung der Höchstarbeits- zeit gerechtferttgt. Leider trägt die Verordnung dem keine Rechnung.__ Die Saar- und Moselgruben entbehren der Sichcrheitsvorrichtungen! Das ist nunmehr gerichtlich festgestellt. Zwei Bergleute des Schachtes 5 der Saar- und Moscl-Grnben in Merlenbach ver- lichen nämlich— wie es ihr Recht war— ohne Kündigung die Arbeit, weil sie infolge des Fehlens von Sicherheitsmaßregeln gegen WggMs Mtter Gefs�r jüx GejundM Md Leben WKkteo. Die Zeiyenvervaftung behielt ihnen den Lohn von sechs Schichten ein. Die Bergleute klagten auf Zahlung des Lohnes und beriefen sich dabei auf das Zeugnis des Bergrates Goebel, der im November vorigen Jahres, als die Arbeiter ebenfalls wegen des Mangels an Sicherheitsvorrichtungen die Arbeit niederlegten, die Grube be- fahren hat. Als aber der Bergrat in dem Termin Zeugnis ablegen sollte, erhielten die Arbeiter den Bescheid, daß der Termin auf- gehoben ist, weil der Zeuge Goebel erklärt hat, daß er von seiner vorgesetzten Behörde keine Ermächtigung zur Aussage erhalten habe. Nach dem Gesetz darf die Genehmigung zur Zeugnisaussage nur dann versagt werden, wenn die Ablegung des Zeugnisses dem Wohle des Reiches oder eines Bundesstaates Nachteil bereite» würde. Solch Nachteil kann offensichtlich nicht entstehen, wenn die Bergleute unrecht hätten. Er kann lediglich dann entstehen, wenn in der Tat die Gruben in einem das Leben und die Gesundheit der Arbeiter bedrohenden Zustand sich befinden und die zu Schutz- maßnahmen verpflichtete Behörde zur Erfüllung ihrer Verpflich- tung ohnmächtig ist. Damit ist festgestellt, daß die Saar- und Mosel-Gruben in gemeingefährlichstem Zustande sich befinden. Dringend notwendig ist mithin im Interesse des Wohls des Reiches und Elsaß-LothringenS ein Reichsberggesetz und die Anstellung unabhängiger Bergleute zur Durchführung von Sicherheitsmaß- regeln, Simulantenfchnüffler. Die Simulantenschnüffelei einiger Fabrikkrankenkassen und Aerzte wurde durch eine dieser Tage vor dem Münchener Wer- waltungsgerichtShof stattgefundenen Verhandlung in grelles Licht gestellt. Der jetzt im 56. Lebensjahre stehende Arbeiter Johann K. war 10 Jahre in der Emaille» und Blechwarenfabrik der Firma Strudinger und Müller in Weißenburg i. B. beschäftigt und ge- hörte auch der Fabrikkrankenkasse an. K., der während seiner Dienst- zeit bei der Firma die Fabrikkrankenkasse nie in Anspruch genommen hatte, nahm nach seinem Austritt diese Kasse, deren freiwilliges Mitglied er geblieben war. wiederholt in Anspruch. Als K. im Januar v. Js.� wiederum 51,20 M. Krankengeld verlangte, ver- weigerte ihm die Kasse die Bezahlung des Betrages, da K. ihrem Verlangen, sich ins Krankenhaus zu begeben oder sich von dem prakt. Arzt Dr. Dörfler behandeln zu lassen, nicht nachgekommen war. Die Vorstandschaft der 5wsse behauptete nämlich, K. sei ein Simu- laut, der es lediglich auf die Ausbeutung der Kasse abgesehen habe. Sie stützte sich dabei auf ein Gutachten, das Tr. Dörfler im August 1997 abgegeben hatte, sowie auf einige gehässige Äußerungen, die K. gegenüber der Kasse gemacht haben soll. Anderer Anschauung wie die Fabrikkrankenkasse war jedoch der dortige Bezirksarzt, der den K. schon seit langem behandelte. In einem ausführlichen Gut. achten erklärte er K. als schwer mit Neurasthenie bebaftct, bei dem von einer Simulation nicht die Rede sein könne. Die Fabrikkrankcn- kasse erklärte darauf, der Bezirksarzt mache„zu Gunsten des 5t. Konzession" und blieb bei ihrer ZahlungSweigerung. In die Behandlung des Dr. Dörfler sich zu begeben, hatte K. sich deshalb ge- weigert, weil dieser ihn als Simulant erklärt hatte; in das Kran- kenhaus war er nicht gegangen, weil Dr. Dörfler auch Krankenhaus- arzt ist. Die Regierung von Mittelfranken, die sich auf erhobene Beschwerde hin mit der Angelegenheit zu beschäftigen hatte, forderte zunächst ein oberärztliches Gutachten ein. Der Arbeiter K. wurde nochmals eingehend untersucht und außer schwerer Neurasthenie wurden noch eine ganze Reihe objektiver Krantheitserscheinunge» festgestellt, wie Atemnot, Verdauungsbeschwerden, Lähmungser- scheinungen, rasselndes Geräusch in der Lunge usw. Das Gutachten des Kreismcdizinal-Rcfcrentcn deckte sich infolgedessen auch voll- kommen mit dem des Bezirksarztes. Die Regierung erklärte darauf- hin die Fabrikkrankenkasse auch für verpflichtet, an den K. den Be- trag von 51,20 M. zu zahlen. Wenn Zweifel wegen Simulation bestehen, so hätte die 5ätsse allerdings das Recht zur Krankenhaus- einweisung. Voraussetzung sei aber, daß diese Zweifel auch hin- länglich begründet seien. Das sei aber hier nicht der Fall, die ge- hässigen Acußerungen bieten keinen hinreichenden Anlaß zur Ein- Weisung, ebensowenig könne das Gutachten des Dr. Dörfler vom August 1907 für eine Erkrankung im Dezember maßgebend sein. Der BerwaltungSgerichtshof, an den sich die Fabrikkrankenkasse beschwerdeführend wendete, gab dieser nur insofern statt, als er den zu zahlenden Betrag auf 43,20 M. ermäßigte.— Vor wenigen Tagen hat, wie unfern Lesern aus dem Bericht über das Reichs- gerichtsurteil gegen den Pastor Felke erinnerlich sein wird, das Reichsgericht angenommen, selbst jemand, der unentgeltlich und ohne Approbation einen Mitbürger zu heilen suche, sei für das Nichterkennen einer bestimmten Krankheit strafrechtlich verantwort- lich. Es ist vom Standpunkt der Rechtsgleichheit aus zu bedauern, daß in vorliegendem Falle der Vorstand der Kasse und der Arzt nicht strafrechtlich belangt werden können. Ist doch die Kasse ge- setzlich und vertraglich zur Gewährung freier Arzthilfe verpflichtet und der Kassenarzt soll ja Wohl, auch wenn er Fabrikkrankenkassen- arzt ist, sein Entgelt für seine Hilfe, nicht für die Weigerung zu helfen erhalten. Konnte der Arzt und der Vorstand die selbst für einen mäßig fähigen Arzt leicht erkennbaren objektiven Krank- heitserscheinungen nicht erkennen, so bewiesen sie, daß ihre Simu- lantenschnüffelei ihnen den Weg selbst zu der leichtesten Erkenntnis versperrte. Derartige Ungeheuerlichkeiten folgen aus dem Wesen der Fabrikkrankenkassen. Die Reichsversicherungsordwing ist leider weit entfernt, die Fabrikkrankenkassen zu beseitigen. Angst vor Unzufriedenheit. Gegen Schulsparkassen sprach sich in einer Sitzung der städtischen Kollegien der Oberbürgermeister von Göttingcn aus. Im Interesse der Arbeiterschaft und anderer Berufszweige beschloh man, in Zu- kunft die Spargroschen für die Sparkasse durch Beauftragte abholen zu lassen. Dabei wurde auch die Schulsparkassenfrage erörtert. Der Oberbürgermeister erklärte, er betrachte die Schulsparkassen als einen sozialen Mißgriff. Für Schüler brauche man keine Spar- lassen. Es sei höchst bedenklich, durch eine Maßnahme der Schul- Verwaltung bessersituierte Kinder zur Abgabe von Einlagen anzu- halten, während manche arme Mutter kaum in der Lage sei, den notdürftigsten Lebensunterhalt für ihre Kinder zu erschwingen. Tie Schulsparkasse» trügen unter solchcu Umständen nur Unzufrieden- heit in die Reihen der Kinderl Der Göttinger Oberbürgermeister hat ganz recht. Er täuscht sich nur, wenn er meint, daß es erst der Schulsparkassen bedürfe, um Unzufriedenheit zu erwecken. Die ist schon in übergroßem Matze da. Das Bestehen der höheren Schulen, Mittelschulen und ähn- licher Anstalten haben der Volksschule den Charakter der Armen- schule aufgedrückt. Und Unzufriedenheit erweckt auch in gleichem Maße, wenn die Kinder der armen Witwe hungern oder il?r dürf» tiges, oft trockenes Frühstück in der Schule verzehren und die gut- belegten Butterbröte der Bessersituierten begehrend betrachten. Man beseitige dann doch lieber die Unzufriedenheit durch Ein- führung gerechter, alle Volksgliedcr befriedigende Zustände, Hu9 der Frauenbewegung. Ueber„Mutterschutzhäuser" veröffentlicht in bürgerlichen Blättern Ruth B r ü einen Vorschlag, der für die Ideologie der Mutterschutzbewegiing, soweit sie über bloß praktische Arbeit hinausgeht, charakterisiffch ist. Da wird zu- nächst erwähnt eine„einstimmig angenommene Resolution", in der man den Reichstag ersucht habe, „Mutterschutzhäuser zu errichten, um Frauen, die durch ihren Zu- stand nicht mehr arbeitsfähig sind, einige Zeit vor der Entbindung aufzunehmen. In diesen Zufluchtsstätten sollen sie die letzten Tage oder Wochen vor der Geburt des neuen Staatsbürgers in Ruhe und Frieden verleben können und nicht bis zur letzten Minute in lebenzerstörender Angst obdachlos herumirrm müssen." Schon hören w!r Zentrum, Rechte und selbst das Gros der Linken zornentbrannt gegen eine solche„Förderung der Unsittlichleit* zetern. Wo sollen nun diese Mutterschutzhäuser hergenommen werden? Wo hat der Staat„die prächtigsten, geeignetsten Mutterschutzhäuser bereits fix und fertig stehen*? „Das ist im Osten, in den Provinzen, wo die Nnsiedelungs- kommission Güter austeilt. Bei dieser Aufteilung bleibt gewöhnlich das Herrenhaus mit Garten und etwas Land übrig. Das wird meist spottbillig ver- kauft. Eine halbe Stunde von Posen hat ein Ritt- meister solch ein Herrenhaus mit 20 Zimmern. Nebengebäude, Stallungen, vier Morgen Park und Garten, 18 Morgen Feld gekauft. Kosten- Punkt für diesen ganzen Besitz„24 000 M." l* So berichtet Ruth Vrö ganz naiv. Der Zweck der Güter auSteilung ist doch nicht der, Leuten, wie diesem Rittmeister, die Erwerbung eines standesgemäßen Logis zu erschweren. Der Staat habe auch noch Borteil von diesen Mutterschutzhäusenr im Osten, sagt die Verfasserin: »Er pflanzt junges Deutschtum im Osten.. „Des Kindes erster Blick fällt in den grünen Garten. Mit dem ersten Atemzuge atmet es den Geruch der Scholle ein. Die Mutter braucht nicht mit dem neunten Tage hinaus mit ihrem Bündelchen, ohne zu wissen, wohin. Sie kann dableiben, und wennnuninihrdieLu st erwacht, auf demLande ihr Brot zu verdienen, so kann sie das Kleine mit sich nehmen in den Garten oder aufs Feld. Und das Kind schläft in Luft und Sonne und hat seine Mutter. Ist eSgrößer, so hilft es wohl ein wenig mit: Obst lesen, Kartoffel lesen, nicht als gezwungene Arbeit, mehr so zum Spaß. Oder eS geht mit in den Stall. Kühe, Kälb chen, Ziegen, Schafe, Hühner, Schweinchen, Katze. Hund, alle sind seine Gespielen... Manche Mutter würde ganz dort bleiben, wo sie zuerst im Mutterschutzhause Hilfe fand. Vielleicht könnten einige ihre Kinder im Heim lassen und in der Nähe Stellung nehmen. Wieder andere könnten ihr Kind in eine Stelle mit- nehmen. Stellen gibts überall I Bei den einzelnen Ansiedlern, bei der Ansiedelungskommission selbst und aus den königlichen Domänen, besonders in den großen Milchwirtschaften werden viel Frauen gebraucht. Sie würden auch gut bezahlt werden. Daö hat man mir bei der AnsiedelungS- kommission schon versprochen. Und verdeutsche Nachwuchs würde in den Ost Provinzen all« mählich erstarken, könnte dort wieder Landarbeit tun und lieben lernen, an die Stelle fremder Arbeiter treten, die man hereingezogen, weil die Deutschen keine Landarbeit tun wollten. Das wäre gesunde SiedelnngSpolitik I' Man spekuliert natürlich darauf, daß die armen Mütter willige und billige Arbeitssklaven abgeben werden. Sollte Ruth Brs sich das nicht selber sagen können? Entweder ist es mit der reinen Menschenfreundlichkeit solcher Mutterschützcrinnen nicht allzu weit her — oder ihre soziale Einsicht ist noch'etwas kümmerlicher, als man bisher schon annehmen mußte I Frauenarbeit. AuS den Spezialangaben der Bernfszählung veröffentlicht der „Reichsanzeiger* Zusammenstellungen über die berufliche Tätigkeit der Frau. Im Jahre 1885 betrug der Anteil der Frauen an den Gesamtberufen erst 23 Proz., im Jahre 1807 aber schon 33 Proz. Während im Jahre 1885 insgesamt 1 234 121 selbständige und 2 177 640 angestellte weibliche Berufstätige gezählt wurden, betrugen diese Zahlen 1807 1 704 137 bezw. 4 058 783. Bei den Angestellten also die Ziffer fast verdoppelt. Es wurden gezählt in: hat siö Landwirtschaft.. Industrie usw... Handel und Verkehr Hausdienst usw.. Andere Berufe.. Ohne Beruf. 1895 1 476 819 761 370 311 076 148 87? 97 100 617 019 1907 2728 326 1 077 600 512 743 209 503 166 422 1 063 331 Fast um die Hälfte hat die Tätigkeit der Frauen in der Land Wirtschaft zugenommen. Die Entwickelung in den einzelnen Berufen, denen die weiblichen ArbeitSkräste besonders zuströmen, war wie folgt: 1895 ».. 39 820 ... 87 531 . 12 979 ... 28 807 ... 169 853 ... 107 483 ... 20 413 ... 67 387 ... 141236 ... 42 946 ... 144445 Bergwerksindustrie 1907 43 375 116 636 28 638 51505 122 867 218 183 34 937 81230 292 531 74 986 166 935 tätigen Spinnerei...» Weberei... Bäckerei.... Tabakfabrik... Näherei usw.... Schneiderei... Putzmacherci... Wäscherei.... Warenhandel... Ltrankenpflege usw.. Schankgewerbe.. Die Zahl der in der Bergwerksindustrie tätigen weiblichen Kräfte beträgt zirka 17 000. In der Ziegelei, der Tonröhren- und Steingutfabrikation wurden rund 13 000 weibliche Erwerbstätige gezählt, etwa doppelt soviel wie 1895. 66 Frauen betrieben das Kupferschmiedehandwerk, darunter 35 selbständig. Selbständige Frauen in der Land« und Forstwirtschaft wurden rund 178 000 und in der Industrie 243 000 gezählt. 34 000 Frauen waren selbständig als Wäscherinnen und Plätterinnen, fast 80 000 im Waren- und Produktenhandel und 42 667 im Gast- und Schankgewerbe. Als Lehrerinnen und Erzieherinnen sind 51 000 Frauen selbständig tätig und beinahe 13 000 auf dem Gebiete der Musik, des Theaters und der Schaustellung. 6encht9- Zeitung* Die Räuberfahrt des noch nicht zwanzigjährigen Hausdieners Walter Schwarz nach PichelSberge, bei der beinahe ein Menschen- leben zugrunde gegangen wäre, beschäftigte gestern die Straf- kammer des Landgerichts Berlin III unter Vorsitz des Landgerichls- direktors Liebenow. Der Hausdiener Walter Schwarz stand unter der Anklage des Diebstahls unter Mitftthrung von Waffen, der Mißhandlung mittels einer Waffe und des Gebrauchs gefälschter Legitimationspapiere; der Mitangeklagte Arbeiter Leo Rosinke hatte sich wegen Begünstigung und Anfertigung falscher Legiti- mationspapiere zu verantworten. Der 19s4jährige Schwarz hatte bis zum 15. März gearbeitet, verlor dann die Arbeit und ver- mietete sich als HauSdiener in Eilenbura im Gasthaus zur«Stadt Leipzig". Dort nahm er die Gelegenheit wahr, seinem Dienst- Herrn 300 M. zu stehlen. Er ging nach Berlin, wo daS gestohlene Geld bald verzettelt lvar. Ilm wegen des Eilenburger Diebstahls nicht gefaßt zu werden, beschloß er, nach der Schweiz zu gehen. Dazu mußte er sich aber zunächst Geld verschaffen und dazu ersann er folgenden Plan: Er begab sich nach dem ArbeitSbureau in der Jägerstrasie, gab sich für einen Bäckermeister aus Rum- melsburg aus und engagierte als solcher einen Bäckergesellen Donnig, der ihm vertrauensvoll seine Papiere überließ und erst am nächsten Tage, als er arbeitsfreudig nach RummelSburg wan- dcrte, erfuhr, daß er einem Gauner in die Hände gefallen war. Auf die Papiere des Tonnig hin ließ sich der Angeklagte Schwarz dann als Hausdiener bei dem Besitzer des„Kaiser-Gartens" in Pichelsbergc, Herrn Kühne, engagieren. Bei Herrn Kühne trat er dann als„Wilhelm Domtig" seinen Dienst an. Durch den Kegel» jungen erfuhr er, wo Herr Kühne sein Geld bewahrte. Am 1. Mai schlich sich Schwarz in das Schlafzimmer der Kühneschcn Eheleute, wo in einem verschlossenen Schrank eine Kassette mit Geld aufbewahrt wurde. Er schloß den Schrank mit einem fal- sehen Schlüssel auf und fand etwa M M. in einer Sammlung �'alter Taler vor. Nachdem'er sich das Geld angeeignet, forderte er den Jungen auf, mit ihm auszurücken. Der Junge sagte auch zu, bat aber, immer vorauszugehen, da er sich nur seine Mütze holen wolle. Der Funge hatte aber Angst bekommen und teilte den Diebstahl schleunigst Herrn Kühne mit. Dieser tclephonierte sofort an den Besitzer der„Neuen Welt" in Spandau, Herrn Fraebe, und bat ihn, auf den Spitzbuben, der dort vorbeipassieren müsse. Acht zu geben. Herr Fraebe stellte sich mit einigen An- gestellten vor die Tür seines Restaurants und als der Verbrecher sichtbar wurde, machte sich der Buffetier Klagemann an ihn heran und redete ihn mit einer gleichgültigen Phrase über das Wetter an. Walter Schwarz merkte aber, daß man ihn fangen wollte und gab plötzlich Fersengeld. Auf der Flucht drehte er sich Um und gab auf Klagemnnn zwei Schüsse ab, die diesen in den Kopf oberhalb des linken Ohres trafen und zweifellos tödlich gewesen wären, wenn nicht der Rand der Mütze, die Klagemann trug, die Kraft der Kugeln abgeschwächt hätte. Dann entfloh Schwarz quer über die nassen Wiesen nach Charlottenburg. Es gelang ihm, mit Hilfe eines Autos nach Berlin zu entkommen. Hier machte er die Bekanntschaft des zweiten Angeklagten auf der Straße und teilte ihm seine Erlebnisse mit, fragte ihn auch gleich, ob er ihm nicht Quartier, trockene Kleider und Legitimationspapiere ver- schaffen könne. Rosinke war bereit dazu und führte ihn, nachdem beide erst noch etwas gezecht hatten, in die Wohnung seiner Wirtin in der Tieckstraße, wo er in Schlafstelle lag. Hier ver- tauschte er seine Kleider mit anderen, die ihm Rosinke verkaufte. Dort wurde das erbeutete Geld gezählt, die leicht zur Entdeckung führenden alten Taler ausgesondert und Schwarz erhielt ein nettes Legitimationspapier gegen Geld und gute Worte. Am nächsten Morgen las Schwarz den Bericht über seine Pichelsberg-Spandaucr Heldentat in der Zeitung. Er hielt es nun für geraten, baldigst aus Berlin zu verschwinden. Er bestieg an der Ecke der Johannis- und Friedrichstraße eine Autodvoschke, deren Chauffeur Albert Müller den Bericht über das Verbrechen und die Personalbeschrei- bung des Täters schon gelesen hatte und in Schwarz den jungen Mann erkannte, den er selbst an lßem kritischen Tage nach Berlin gefahren hatte. Der Chauffeur verständigte unauffällig einen Schutzmann, als dieser jedoch in das Auto stieg, zog der Angcilagte seine Pistole aus der Tasche und versuchte, sich zu erschießen. Er erhielt jedoch nur einen Streifschuß. So endete das Räuber» abenteuer des Angeklagten. Der von ihm angeschossene Buffetier Klagemann hat 14 Tage im Krankenhause zubringen müssen und leidet noch jetzt an Schwindelanfällen.— Das Gericht verurteilte den geständigen Schwarz zu 4 Jahren Zuchthaus und 4 Wochen Haft, den sehr dreist leugnenden Rosinke zu 1 Jahr Gefängnis. Aerztliche Schmiergelder. AIS Nachspiel zu der sogenannten„Patientenschacheraffäre" verhandelte am Donnerstag das ärztliche Ehrengericht für die Provinz Brandenburg in zwei bis zum späten Abend währenden Sitzungen die Disziplinarstrafanträge, die die in dem Acrzteprozcß mehrfach genannten Dr. med. Siegfried Wcischein und Sanitätsrat Dr. Friedcmann(Schöneberg) gegen sich selbst gestellt hatten, In beiden Fällen endete die Verhandlung mit einem Freispruch« Worin ein Amtsanwalt keine Klassenjustiz erblickt. AuS Halle a. S. berichtet man uns unterm 11. Juni: Für den Werdegang unserer emporstrebenden Justizmänner von recht charakteristischer Bedeutung ist ein Fall, der sich heute vor dem Schöffengericht abspielt«. Ein Student Hohmann, der vor dem Examen steht, amüsierte sich am Abend des zweiten Osterseier- tages in den Thaliafestsälen auf einem Stiftungsfest der Bäcker- innung und beabsichiigte von dort ein junges Mädchen nach Hause zu begleiten. Als sich im Saal kein Anschluß für ihn fand, ging er in die Garderobe und forderte dort das junge Dienstmädchen Pansch unter unsittlichen Redensarten auf, mit„auf seine Bude" zu kommen. Der Student versuchte dem Mädchen, das sich die Belästigungen verbat, einen Zigarrenstummel in den Mund zu stecken. Die Belästigt« wies den zudringlichen Menschen widerholt ab und versuchte ihm schließlich eine Ohrfeige zu verabreichen, die aber leider nicht traf. Darauf setzte der Student„wutent- brannt" über die Garderobentische hinweg und verabreichte der fliehenden P. mit seinem Spazierstock einen Schlag auf den Arm, der dick anschwoll. Das Mädchen verschaffte sich ein ärztliches Attest und stellte Strafantrng. Der Student versuchte die Sache mit Geld tot zu machen und zahlte der Verletzten 50 M., um sie zur Zurücknahme des Strafantrages zu bewegen. Dies war jedoch nicht möglich. Der Student kam wegen Körperverletzung mittels gefährlichen Werkzeuges vor Gericht. Er entschuldigte sich mit Trunkenheit und ein Polizist sagte aus, der Angeklagt« habe sich auch noch auf der Polizeiwache ungehörig benommen. Als man ihm sagte, er solle seine Kopfbedeckung alurehmcn, entgegnete er, erst solle der Wachtmeister seinen Helm abnehmen. Was sagte nun der AmtSanwalt, ein allerdings noch etwas junger Mann, der den Staat vertrat, zu dem Fall? Man höre: Das' der Stock ein gefährliches Werkzeug sei, müsse man bezweifeln. Beurteile man de» Fall„rein" menschlich und bedenke man, daß sich der Student infolge Alkoholgcnusses in einer sexuellen Er- regniig befunden habe. Er vertrat, da man versuchte, ihm eine Ohrfeige zn geben, feine studentische Ehre. Das studentische Leben bringt das nun mal so mit sich. Ich glaube nicht, daß man von Klassenjustiz reden kann, wenn man den Angeklagten freispricht. — SagtF und setzte sich. Nach dieser glanzvollen„Anklagerede" erlaubte sich der Verteidiger des Studenten noch zu sagen, die „Scheinohrfeigc" sei für d«n Studenten schmachvoller gewesen, als die Belästigungen für das Mädchen. DaS Gericht ließ den Stu- deuten mit 59 M. Geldstrafe davonkommen. ES sah den Stock gleichfalls nicht als gefährliches Werkzeug an.—„Selbstverständlich" werden von nun an solche Stöcke in den Fäusten der Arbeiter auch nicht mehr als gefährliche Werkzeuge angesehen. „Strengste Diskretion." In dem Rhönstädtchen Kaltennordheim bei Leinefelde befindet sich eine Anstalt, die unter der Leitung des vor kurzein ver- storbenen Dr. Rehfeld stand. Er hatte es nicht nötig, die Damen „gebildeter Stände", die sich«unter strengster Diskretion" für einige Zeit zurückziehen wollten, durch Inserate einzuladen, denn sein Haus wurde nicht leer von solchen Damen, die den ersten Kreisen Rheinlands, Hessens und Westfalens angehörten. Den Niedergekommenen stellte Dr. Nehfeld Frauen vor, die die Neu- geborenen gegen Entgelt adoptierten. Zu diesen Frauen gehörte auch die Frau deS Malermeisters Johann Schmidt aus Mann- heim. Sie war im Oktober 1899 mit Dr. Rehfeld in Verbindung getreten und hatte von ihm wiederholt Kinder zur Adoption zu- gewiesen erhalten. Eine fleißige Lieferantin der Frau Schmidt wurde mit der Zeit eine Nittergutsbesitzcrstochter aus Hefen bei Hamm in Westfalen. Sie kam mehrfach in der Anstalt nieder. Die erst wenige Wochen alten Kinder gmgen jedesmal in den Besitz der Frau Schmidt gegen eine Abfindung von 1290— 2009 Mk. für jedes Kind über. Frau Schmidt verpflichtete sich, die Kinder zu adoptieren und über deren Herkunft absolutes Stillschweigen zu bewahren. Die Angeklagte hat die Kinder sehr bald der Mutter eines ihrer Dienstmädchen übergeben, und zwar gegen eine Ab- findnng von je 299 M. In der Pflege dieser Frau ,st ein Knabe bald gestorben, während ein zweites Kind an Frau Schmidt zurück- gelangte, nachdem sie erfahren hatte, daß die Mutter sich ver. heiratet hatte. Frau Schmidt begann nun, die Dame und deren Angehörige mit erpresserischen Briefen zu bombardieren und drohte, das Kind zurückzubringen, wenn man ihr nicht weiter» Summen aushändige. Auf diese Weise preßte sie über 5999 M. heraus. Eine andere Dame, ebenfalls eine frühere Ritterguts- besiherötochter, hat die Angeklagte auf dieselbe Weise um 3969 M. geschädigt. Gegen Frau Schmidt wurde am Mittwoch bor der Mannheimer Strafkammer eine Anklage wegen Betrugs und Er- Pressung verhandelt. ES stellte sich heraus, daß in dem letzten Fall bereits Verjährung eingetreten war, so daß die Verurteilung nur wegen der beiden anderen Fälle erfolgen konnte. In der Verhandlung wurde übrigens noch festgestellt, daß Dr. Rehseld vsn des; Gelbe« das iii Avgeklsgte für die Adoptiov erhielt, jedes- mal 509 M. für sich behielt. Die Angeklagte verteidigte sich da- mit, daß sie die adoptierten Kinder in sehr guter Pflege gehalten habe und die Adoption vornahm, weil ihrer Ehe Kinder versagt geblieben seien. Das Urteil lautete wegen Betrugs und Er- Pressung auf nur 4 Monate Gefängnis, von denen acht Wochen durch die Untersuchungshaft abgehen. Revision von Igel verworfen. Das Reichsgericht verwarf gestern, wie uns aus Leipzig tele- graphisch gemeldet wird, W Revision des GerichtSreferendars Harry von Igel, der vom Schwurgericht III Berlin am 23. März wegen Körperverletzung mit tödlichem Ausgang zu vier Monaten Gefängnis verurteilt worden war. Haftpflicht wegen Stehenlassens eines Wagen». � Mit dieser Frage hatte sich unlängst daS Reichsgericht zu be- schäftigen. ES Händelte sich um eine Klage des Metzgergesellen S. in Dornstatten gegen den Fuhrwerksbesitzer und Talmüller G. in Hallwangen. Der Kläger ist mit seinem Fahrrade auf der Nach- barschaftSstraße von Unternutzbach-Hallwangen dadurch zu Fall gekommen, daß er auf das linke Hinterrad eines dem Beklaqten gehörigen, mit Lagerholz beladenen Wagens, der rechts von seiner Fahrtrichtung auf jener Straße stand und nicht beleuchtet war, aufgefahren ist. Der Wagen, dessen Langholzstämme etwa 7 Meter weit überragten, war aus Versehen ohne Beleuchtung in später Abendstunde auf der Straße stehen gelassen worden und zwar hatten der Beklagte und sein Fahrknecht geglaubt, vor Dunkelheit zurück- zukehren, so daß sie das Mitnehmen einer Laterne für überflüssig hielten. Infolge Hilfeleistungen, die sie anderen Fuhrwerken ge- währten, war es aber später geworden, als man anfangs geschätzt hatte. Die Schädigung des Klägers besteht in einem Bruch des linken Unterschenkels. Sein Anspruch belauft sich auf Ersatz für die Verminderung seiner Erwerbsfähigkeit, soweit er nicht Unter- stützung durch die Fleischerei-Berufsgenossenschast Mainz erhält. Das Landgericht Rottweil erkannte auf Berurteilung des Beklagten zu drei Vierteilen. Das OberlandcSgcricht Stuttgart cut- schied auf Abweisung des Klägers, da dieser jedenfalls unvorsichtig gefahren sein könne. Er sei bielleicht durch einen Stein abge- prallt und in den Wagen hineingekommen, trotzdem er ihn gesehen habe. Das entsprach auch viel eher der Wahrscheinlichkeit als die Erzählung des Klägers. Durch Urteil des Reichsgerichts wurde das Urteil des Ober» landeSgerichlS wieder aufgehoben, da es verkehrwidrig und fahr- lässig sei, ein Fuhrwerk zur Nachtzeit ohne Laterne auf der Strafte stehen zu lassen. Diese Umstände hätte der Berufungsrichter bei Bemessung des eigenen Verschuldens in Berücksichtigung ziehen müssen. Die Sache wurde deshalb zur anderweitigen Entscheidung an das Oberlandesgericht zurückveuoiesen. Versammlungen. Das Automobilhaftpflichtgesetz und die Chauffeure lautete daö Thema, das eine stark desuchte öffentliche Versamm- lung der Automobilführcr am Donnerstag beschäftigte. Genosse Stadthagen hielt das Referat. Dem beifällig aufgenommenen Vortrage schloß sich eine lebhafte Diskussion an, die erst um Mitternacht durch die Annahme eines Schlußantrages ihr Ende erreichte. Einmütig kam zum Ausdruck, daß das Gesetz den Automobilführern wohl ein reichliches Maß von Pflichten, aber keine Rechte gibt. Einige Redner meinten, die gegen den bisherigen Zustand bedeutend verschärften Strafbestimmungen seien der übertriebenen Aengstlichkeit des Publikums zn danken. Keiner Maschine sei bei ihrer Einführung ein solcher Widerstand entgegengesetzt worden, wie dem Automobil. Die Antipathien in der öffentlichen Meinung seien durch die TageSpresse genährt worden. Auch der„Vorwärts" habe sein Teil dazu beigetragen durch seine Notizen, die vom„rasenden" Automobil und dergleichen sprachen. Der sozialdemokratischen ReichStagSfraktion, ins- besondere den Mitgliedern derselben, die der Kommission an- gehörten, müsse nachgesagt werden, daß sie die Interessen der Automobilfahrer nicht entschieden genug gewahrt haben. Die Forderung der Einführung der achtstüiid'gen Arbeitszeit hätte zum mindesten durchgesetzt werden sollen. Die Fraktion hätte nicht für das Gesetz stimmen dürfen. An der Hand zahlreicher Bei- spiele aus der Praxis wurde noch gezeigt, daß die Führer zn sehr der Willkür der Polizei preisgegeben sind. Insbesondere werden Vorschriften der Polizeiverordnung über die Fahrgeschwindigkeit als schikanöse empfunden. Bei den Wettfahrten wird aber un- gehindert gezeigt, daß das Fahrzeug eine Hundertkilometcr- geschwindigkeit besitzt. Die Verordnung sei im Verkehr nicht durch- fühlbar. Das würde sich am deutlichsten zeigen lassen, wenn die Chauffeure die passive Resistenz ausüben wollten. Verlangt müsse ferner werden, daß die Strafprozesse, die aus Anlaß der Automobil- Unfälle entstehen, beschleunigt werden, da dem Führer der Fahr- schein bis zur Entscheidung entzogen wird, auch wenn er schuldlos ist. Dadurch sei die Existenzsicherheit der Führer und ihrer Familien arg gefährdet.— Stadthagen wie? in seinem Schlußwort darauf hin, daß der Reichstagsfraktion der heutige Zustand nicht unbekannt war und von ihr bekämpft ist. Es ist schade, daß die Reden der Abgeordneten in der Kommission über die Polizeischikanen nicht stenographiert worden sind, dann würde man sich von der Haltlosigkeit der Vorwürfe sofort überzeugen können. Es könne natürlich nicht verlangt werden, daß die Allein- Herrschaft des Automobils auf der Straße anerkannt werden soll. Schäden an Leben und Gesundheit müssen unbedingt von dem Halter des Kraftfahrzeuges entschädigt werden. Darin liegt keine Schädigung der Chauffeure, die nach dem neuen Gesetz nicht in stärkerem Maße wie zuvor haften. Die erregte Stimmung gegen die vielen ungerechten Strafen teile er bollkommen. Doch die ungerechten Strafen haben ihre Ursache in der Gerichts- organisation. nicht im Autogesetz. Sie sind wie in so vielen anderen Arbeiter treffenden Fällen der richterlichen Auffassung zuzuschreiben, und diese können durch ein Autogesetz nicht beseitigt werden, sondern nur durch Ersatz der Richter durch Leute, die aus dem und durch das Volk gewählt werden. In Zukunft werde eine Kritik solcher Urteile im Reichstage wesentlich erleichtert. Die Heraufsetzung der Maximalstrafgrejtze von 60 auf 150 M. hat die Fraktion leider nicht hindern können, wohl aber in der Kommission die erheblichen Strafschärfungen des Entwurfs und der ersten Lesung zu Falle gebracht, wie ja auch die Uebertragung von Befugnissen der Polizei auf den Bundesrat und eine Aus- schliehung der Willkür bei Konzessionscrteilungen auf die sozial- oemokratische Arbeit mit zurückzusiihrcn ist. Freilich alles ist nicht erreicht und konnte bei dem Widerstand nicht erreicht werden. Das Erreichte sei festzuhalten und auszubauen. Durch ent- schlossene gewerkschaftliche und politische Agitation könne und werde auch auf diesem Gebiete eine Besserung erzielt werden.(Beifall.) Darauf wird auf ein Urteil hingewiesen, das kürzlich das Landgericht I gefällt hat und das den Arbeitern das Koalitionsrecht raubt. Zur Besprechung desselben kam es wegen der vorgerückten Zeit nicht mehr/ Es soll dazu eine besondere Versammlung ein- berufen werden. Eingegangene Druchrebnften. DaS alte Lied. Erlebnisse eines Fräulein Mutter. Von E. I. Eichen. 5. Wigand, Berlin-Leipzig. Der Stegreifritter»nd der Zng nm S Nhr 10. Zwei Novellen von H. L. Rojegger. Broschirt 3 M., geb. 4 M. C. Seifert, Köstritz und Leipzig. Moderne Blutforschung und Abstammungslehre. Bon Dr. M. Seber. 1. M. Neuer Frankfurter Verlag, Frankfurt a. M. Ferdinand Laffalle und seine Bedeutung für die deutsche Sozialdemokratie. Von Dr. B. Harms. Broich. 1.50, geb. 2 M. G. Fischer, Jena. Bericht und Abrechnung für 1907—08 des BnndeS der technifch-iudustrielleu Beamten. Selbstverlag Berlin, Wcrflstr. 7. Deutscher Metallarbeiter-Verband Vsrwaltungsstelle Berlin. Todes- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schlosser Franz Ladwig am 10. d. M. an Lungenleiden gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 13. Juni, nach« mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle des Pauls-KirchhoseS in Plötzensee aus statt. Rege Beteiligung erwartet 118/10 Die Ortsverwaltung. Deutseher Ortsverwaliung Berlin 1. Todes- An zeige. Unseren Mitgliedern zur Nach- richt, daß der Kollege Fritz Wolff Mitglied seit 20. September 1906, am 6. d. M. an Lungenleiden verstorben ist. Ehre seinem Andenken 1 Die Beerdigung erfolgte am 9. Junt 1909. 63/2 Oie Ortsverwaltung. Zentralverband deutscher TeMurdelter. Todes- Anzeige. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Mitglied August Kückler am 10. Juni er. nach schweren Leiden im Alter von 61 Jahren verstorben ist. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 13. Juni, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle de? alten Georgen-Kirch- Hose», Landsberger Allee, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Die Verwaltung. Sangesquartett Rixdorf. Todes- Anzeige. Am 9. d. Mts. verstarb nach kurzem, schwerem Leiden unser liebes Mitglied 60/14 Rudolf George. Ehre seinem Andenken Z Die Beerdigung findet morgens Sonntag, den 13. Juni, nach- mittags Z'/z Uhr, von der Leichen- Halle des alten Thomas-KirchhoseS, s Hermannstraße, aus statt. unser Äntral-Kmliiiii- d. Steriiekasse der deutschen Wagenbauer. ------ Berlin, Bezirk S. Am 9. Juni verstarb Mitglied Nemrlck Kassaer. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 12. Juni, nach- mittags 6 Uhr, von der Leichen- halle des städtischen Friedhofes, Müllerstraße, Ecke Seestraße, aus statt. Rege Beteiligung erwartet 253/14 Die Ortsverwaltung. Dr. Simmel Spezial-Arzt 62'9' für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, moSÄ 10—2, 5— 7. Sonntags 10— 12, 2—4 Soeben erschienen: VlutaiiKsliKneiim Sozialismus. — Von Karl Kantslty.— Zweite durchgesehene Auslage. Erster Band: Kommunistische Bewegungen im Mittelalter. Preis 3 Mark. Zweiter Band: Der Kommunismus in der deutschen Reformation. Preis Z Mark. Der iiistorisciie Materialismus. Für Arbeiter erklärt von Hermann CJorter. Preis geb. 1 Mark, Vcreinsausgabe 50 Pf Expedition desVonoärts BERLIN SW. 68, Lindenstr. 69, Laden. Potsdam-Spandau-OstbaTelland. Sonntag, den 13. Juni, nachmittags 2% Uhr, w Steinebachs Uolbsgarteu, Hakenfelde bei Spandau: unter Mitwirkung der Arbeiter-Gesangvereine Spandau, Potsdam, Velten» Nauen, Hennigsdorf. TageS-Ordnung: 1. Begrüßung des Genossen Dr. Karl Liebknecht. 2. Die politische Lage. 22ö1b« Referenten: Parteisekretär Otto Wels and Rechtsanwalt Dr. Karl Liebknecht. Genossen und Genossinnen! Erscheint in Massen! Für den Kreisvorstand: Ang. Hnrls-Belten. Für den Spandauer Vorstand: Sinz«elor. Vor und«ach der Versammlung: Großes Garten-Konzert.: Ä Graßtt Kult. Anfang des Konzerts IlVz Uhr. Wozu freundlichst einladet H. Steinebach. B lumen-n. Kranzbinderei Äug. Krause, Wiener Straße 7, liefert Vereinskränze usw. billigst.* Ziehung schon 25. d. Mts. C Rote 4- otteric Hauptgewinne S.W. v.Mark: 50000 20000 etc. etc.* OrigmalloseaM.3,80. Ostar Sräiier S Co. m. Andreasstr. 46a. Mrismlieiltt-Uttbni! f Verwaltung Groß- Berlin. Urndstimmmig! f Die am 2. Mai 1909 stattgesundeue ordentliche Generalversammlung hat durch Beschluß festgelegt, daß über die Frage:„Erhöhung des Lokal- beitrags" die Gesamtheit der Mtglieder durch eine Urabstimmung ent- scheiden soll. Dieselbe findet am Sonntag, den ÄS. Juni 1909, vormittags von 10— S Uhr, in nachstehenden Lokalen statt: Norden. 1. Döhling, Brunnenstr. 79. 2. Hossmann. Pasewalkcr Str. 8. 3. Kelch, Schönhauser Allee 134a. Nord-West. 1. Kirschkowski. Beusselstr. 9. 2. Schröder, Stromstr. 36. Osten. 1. Rath, Krautftr. 36. 2. Zieh, Warschauer Str. 61, 3. Rott, Straßmannstr. 29. Süd-Ost und Süden. 1. Schulze, Förster Str. 17. 2. Knechtet, Wassertorstr. 14. 3. Scholz, Baruther Str. 22. Rummelsbnrg. Wolff, Kantstraße. Ober- Schöneweide. Rande, Wilhelmmenhosstraße. Johannisthal. Gobbin, Roonstr. 2. Rixdorf. Gellert, Steinmetzstr. 93. Charlottenburg. Bolkshaus, Rosinenstr. 3. Weistensee. Coutent, Lehder/tr. 5. Reinickendorf. Roemer, Birten str. 69. Tegel. Kakies, Berliner Str. 92. Schöneberg. Gebhardt, Gothenstr. 28. Wildau. Schumann, Wildau. Neuenhageu» Wünsche, Bahnhosstraße. Zernsdorf. Knorr, Zernsdorf. Spandau. 1. Schröter, Pichelsdorfer Str. 5. 2. Gottwaldt, Schönwalder Str. 80. Senzig. SchiMke, Senzig. Wilhelmsruh. Frische, Nt-derstr. 5. Adlershof. Tempel, Kronprwzenstr. 46. Köpenick. 1. Tauchert, Müggelhcimer Str. 4. 2. Golze, Kaiserin-Auguste-Viktoria- Straße. 3. Goch, Schönerlwder Straße. Alt- Glienicke. Jocht, Köpenicker Straße. Die Slimmzettel werden durch die Hauskasfierer, Vertrauensleute und Zahlstelleninhaber den Mitgliedern verabfolgt und wird die Teilnahme an j,er Abstimmung durch Stempelvermerk im Mitgiiedsbuche bescheinigt. 64/17* Die Ortserwaltung. Meine Privatklinik für Frauenleiden befindet sich jetzt Chauffeestrafte II, Eingang Tieckstrafte, die Poliklinik(wochentags 2-3) nK'W°»swÄ Dr. Zepler. 2946b* Ifl. Schulmeister IftoofSn Crt Dresdener Straße 4 III Vi IUI WV.j am Kottbufer Cor. 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Hin u. zurück vorm. 00 Ps.. nachm. 50 Ps., Sonntag hin 50 Ps., zurück 50 Ps.* B-l Abfahrt Jannowitzbrücke(Schultheiß. Ausschank) Reederei Nobiling. Täglich(auch Sonntags) 0 Uhr früh, 8 Uhr nachmittags. Der schönste AuSslugSort und Aufenthalt ist immer und gern gesehn find wir beim pflvKvISWQl'ckvI' 10192* Alten freund. „Segler-Schloß"- Bankeis iblage. Bahnstation Zeuthen. Besitzer: W. Heinrich. Zur bevorstehenden Sommcrsaison halte ich mich werten Vereinen. Fabriken, Schulen usw. bei Zusicherung ausmerlsamster Bedienung bestens empsohleu.— 3 neue Säle und Hallen.— Schöne Spielplätze.— Badeanstalt.— Boote und Belustigungen aller Art. 7372*_ Hochachtungsvoll W. Heinrich. (300 und 700 Personen fassend) find für die Winter-Saison an Sonnabende« und Sountagcn unter kulanten Bedingungen noch zu vergeben. 13952* Landsberge. Str. 31. fleSldeOZ- JeStSälO, AdÄemer. 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Juli stattfindenden Inventur möglichst bald zurückzubringen. In der Zeit vom 1. bis 15. Juli werden keine Bücher aus- geliehen, solche aber in den Bibliothekstunden täglich von ö— 8 Uhr abends entgegengenommen. Treptow- Baumschnlenweg. Morgen Sonntag früh 8 Uhr: Handzettelverbreitung von allen Lezirkslokalen aus. Stralau. Am Sonntag, den 13. Juni, findet ein Familien- Ausflug nach Sadowa statt. Zehnpfennig-Tour. Von da aus zu Fuß nach Restaurant„Pserdebuchi". Treffpunkt früh 9 Uhr Bahnhof Stralau-Rummelsburg, Bahnsteig E. Für Nachzügler Treffpunkt 1 Uhr ebendaselbst. Der Vorstand. Adlershof. Am morgigen Sonntag, früh 8 Uhr, findet vom Lokal Tetzer, Helbigstr. 30, aus eine Flugblattvcrbreitung statt. Rüdersdorf, Kalkbcrge. Am Sonntag, den 13. Juni, nach- mittags 3 Uhr, findet im Lokal»Deutsches Haus" an: Kalksee(Jnh. Schwcdersky) eine öffentliche Versammlung statt, in der Redakteur Paul John über:»Wo nimmt das Volk das Geld her" sprechen wird. Spandau. Den Genofien, welche am Sonntag, den 13. Juni, an der Versammlung in Hakenfelde bei Spandau teilnehmen, zur Kenntnis, daß die umliegenden Lokale der Arbeiterschaft nicht zur Verfügung stehen. Wir weisen hiermit auf den im Walde errichteten Ausschank hin. Der Vorstand. Bezirk Waidmannslust. Die Mitgliederversammlung findet Sonntag, den 13. d. M., nicht in Birkenwerdcr, sondern in Herms- dorf-Forsthaus statt. Tagesordnung: Vortrag des Genossen Fendel- Weistensee über:»Die politische Lage." Vereinsangelcgenheiten. Verschiedenes._ Die Bezirksleitung. Berliner JHacbricbten. Im Waisenhause. Wer schon einmal im Waisenhause zu tun hatte und sich das Kommen und Gehen näher angesehen hat, ivird nicht ohne innere Erschütterung dies Haus verlassen haben. Eine Un- summe von Not und Elend" tritt hier täglich in der der- schiedenartigsten Weise in die Erscheinung. Das Zimmer Nr. 98 ist das, worin Zugänge und Abgänge gemeldet werden ninssen. Täglich und stiindlich kann man hier auf dem Flur Zeuge der verschiedensten Phasen dcS Elends sein. Da bringt ein Beamter einige kleine Kinder, deren Vater oder Mutter gestorben und die durch den Armenvorsteher des Bezirks dem Waisenhause überwiesen worden sind, das nun den elternlosen Kindern ein neues Heim schaffen soll. So lange es sich noch um kleinere Kinder handelt, blicken sie recht unschuldig in die Welt und begreifen die ganze Tragik ihres Schicksals noch nicht; die größeren wissen schon eher, daß sie nunmehr in die Hände fremder Leute kommen; ihre der- weinten Augen lassen das erkennen. Vorläufig werden die 5iinder einer Wärterin übergeben, die- sie einstweilen im Hause unterbringt, von wo sie dann früher oder später in Familienpflege konimen, oft recht weit von Berlin fort. Ein Glückskind ist das, das zufällig einmal der- mögende Leute, die keine Kinder haben, zu sich nehmen, lediglich um seiner selbst willen, und nicht, wie das heute gang und gäbe ist, des materiellen Vorteils wegen. Außer dieser Kategorie von Waisenkindern gelangen solche zur Auf- nähme, die von den Eltern nicht mehr erhalten werden können, deren Vater oder Mutter im Gefängnis sitzen, und vor allem solche, die die Mutter nicht ernähren kann. Nicht ohne lveitercs werden die Kinder hier angenommen. Wer aus Not sein sKind dem Waisenhause übergeben will, muß erst einen vom Armcnvorstchcr ausgestellten Schein vorlegen können, worin die Hilflosigkeit bescheinigt wird. Ohne einen solchen Schein Kommende werden wieder abgewiesen und müssen wieder nach Hause gehen. Da sehen wir junge Mütter, die kaum entbunden haben, aber in ihrer Not nicht wissen, wohin sie mit dem Kinde sollen, im Zimmer Nr. 98 erscheinen, weil auch der Vater sich vor Alimenten drückt oder erst verklagt werden muß, ehe von ihm Pflcgegeld zu erhalten ist. Alle wissen sich keinen anderen Rat, als dem Waisenhause ihr Kind anzuvertrauen. Auch solche Kinder, gegen die Fürsorgeerziehung be- schlössen ist, werden zunächst hier eingeliefert, um nach kurzer Zeit in eine Anstalt übergeführt zu werden. Herzergreifende Szenen spielen hier sich ab. Der Augen- blick,"da die Mutter sich vom Kinde trennen muß, ist der schwerste, der Monient, wo die Wärterin den Pflegling aus dem Verwaltungsgebäude nach den hinteren Baulichkeiten bringt, wo sich die Kinder befinden. Umgekehrt können wir auch glückliche Szenen sich wiederholen sehen, wenn die Mutter »vieder in die Lage kommt, ihr Kind zu sich zu nehmen und nun die Pflegemutter das mit der Zeit liebgewonnene Kind schweren Herzens wieder abliefert. Man kann mit Recht sagen, daß hier Tränen oft in Strömen fließen, Tränen, die wirklich echt sind. An anderer Stelle des Gebäudes werden für größere Waisenkinder, die in Fainilienpflege kommen, Kleidungsstücke ausgegeben und mit diesem„Vermögen" unterm Arm ver- lassen diese Kinder mit ihrer Pflegemutter daS Waisenhaus. Möchten sie Pflegeeltern finden, die ihnen wirklich Vater und Mutter ersetzen, ist unser stiller Wunsch, der sie begleitet. Zu den Berliner Landtagswahlen. Der Magistrat Berlin hat für die voraussichtlich im November dieses Jahres hier stattfindenden Neuwahlen im 6., 6., 7. und 12. Berliner LandtagSwahlbezir! vorbehaltlich der Zustimmung der Stadtverordneten-Verfammlung 50 000 Mark bewilligt. Wenn es richtig sein sollte, daß in der Tat die Landtagsersatz- wählen erst im November stattfinden sollten, so haben wir init einem Wahlmonat zu rechnen, weil auch die Stadtvcrordnetenwahlen im November vollzogen werden. Warum aber der Termin für die Landtagswahlcn soweit hinausgeschoben ist, dafür scheinen uns keinerlei stichhaltige Gründe ersichtlich zu sein. Fahrpläne für Ferien-Sondcrzügr nach den verschiedensten Richtungen sind von der Eisenbahndirektion herausgegeben worden. In dem kleinen Hcftchen ist alles zu finden, was auf die Reisen Bezug hat, insbesondere Fahrpreise, Fahrzeiten usw- Tie Mitgliederversammlung des AhonnementSvereins von Dienst- Herrschaften, die am 10. Juni in der Philharmonie abgehalten wurde, nahm wieder einen äußerst stürmischen Verlauf. Nahezu 1000 Personen j hatten sich eingefunden. Beim Eintritt in den Saal wurde eine so überaus scharfe und aufdringliche Kontrolle geübt, daß einige empörte Herren dem Regisseur,„Direktor" Rosenow, nicht sehr lieb- liche Schmcichelnamen an den Kopf warfen. Dr. Mugdan leitete die Versammlung. Ein von 60 Mitgliedern unterzeichneter Statuten- änderungsanwag war nicht mit auf die Tagesordnung gesetzt worden. Hiergegen erhob die Opposition Protest. Der Antrag, in dem es sich um Erhöhung der Leistungen des Vereins zugunsten der erkrankten Dienstboten, um die Neuordnung der Verwaltung im Sinne erhöhter Arbeitsleistung und geringerer Verwaltungskosten, um die Abschaffung der Vergütung von ötXX) M. für den Aufsichtsrat und dergl. mehr handelte, hätte nun nur noch als D r i n g l i ch k e i t s a n t r a g zur Verhandlung kommen können. Dazu wäre aber statutengemäß die Zustimmung von zwei Dritteln der anwesenden Mitglieder nötig ge- Wesen. Da etwa nur die Hülste der Versammlung für die Dringlich- keit stimmte, so fiel der wichtige Antrag in die Versenkung. Der Kampf entbrannte arg, als es zur Diskussion über die vorgeschlagenen Kandidaten für den Aufsichtsrat kam. Ein Befür- worter des besoldeten Aufsichlsrats meinte, man müsse den Herren für ihre aufreibende Tätigkeit die Besoldung wohl gönnen; die versicherten Herrschaften wollen sich nichts schenken lassen, sie haben das nicht nötig. Der Grund, warum überhaupt Opposition gemacht würde, liege in politischer Richtung. Man wolle aus den zufriedenen Dienstboten unzufriedene machen. Die Redner der Opposition erklärten, daß der Verein von keiner Partei abhängig sein dürfe sZwischenrufe: Von Ihrer Partei abhängig), es müßten vor allem unnötige Ausgaben gespart werden. Wenn man es niit Proletariern zu tun hätte, dann sei eine Bezahlung der Aufsichtsratstätigkeit eher am Platze, so aber nicht. Bei der Abstimmung wurde die Liste der Opposition von der anderen mit ettva 600 gegen ungefähr 300 Stimmen überholt. Lebhafte Diskussion entspann sich über einen Antrag Heidel- bcrger, der eine Aenderung des Statuts dahingehend verlangte, daß erkrankte Dienstboten einen einmaligen Besuch des Arztes im Hanse und auch Medizin erhalten können. Verschiedene Redner legten sich dafür ein. Oft sind eS nur plötzliche Erkrankungen, die bei schneller Hilfe bald überwunden werden. Es gibt auch Fälle, in denen ein Dienstbote gar nicht imstande ist, den Arzt aufzusuchen. Es müsse für die Dienstboten_ mehr getan werden, jetzt geschehe nicht viel, dafür sei aber der Beamtenunterstützungsfonds sehr hoch. Gegenüber diesem Antrag kamen die Herren Aerzte gleich mit ihren Forderungen. Ein Arzt meinte, wenn dieser Antrag durchginge, so würden die Kosten uferlos, sie könnten sich auf 100 000 M. belaufen. Es solle dann nämlich ein erster Besuch im Hause 3 M., ein zweiter 2 M. und ein Nachtbesuch 9 M. kosten. Als ihm entgegengehalten wurde, was demgegenüber die Krankenkassen zahlen, meinte er:„Wir sind hier auch keine Kranken- kasse". Schließlich wurde beschlossen, in einer später stattfindenden Versammlung über diesen Antrag weiter zu verhandeln; inzwischen sollen Erhebungen über den Kostenpunkt angestellt werden. Die Versammlung zeigte wieder, daß die Mehrheit nicht daran denkt, den Dienstboten auch nur ein Quentchen mehr zukommen zu lassen, als ihnen nach dem Buchstaben des Gesetzes zusteht. Aller- dings verwahrten sich die bürgerlichen Redner mächtig gegen den ihnen gemachten Vorwurf, es seien nur wenig humane Herrschasten zu finden. Von wenig Hunmnität zeugt aber schon der Ausspruch, der dort fiel:„Human ist die Dienstherrschaft, die die Gesetze befolgt!" Wer da weiß, wie wenig die Gesetze den Dienstboten zugestehen, der kann die ganze Schwere dieser Worte ermessen. Und dazu gibt es noch genug Herrschaften, die die Gesetze nicht befolgen. Es ist wirklich die höchste Zeit, daß eine andere Richtung hier zu Worte kommt. Reklainezettckverteiliiiig durch die Schule? Oft ist darüber ge- klagt worden, daß Schulkindern von Lehrern und Lehrerinnen gesagt worden war, sie möchten ihre Schreib- und Zeichenmaterialien bezw. ihr Material zu weiblichen Handarbeiten in dem und dem Geschäft kaufen. Wird man es für möglich halten, daß eine Lehrerin der Meinung sei, ihren Schülerinnen auch für die Beschaffung von Turnkleidern ein bestimmtes Geschäft nennen zu dürfen? Uns wird— leider erst jetzt— mitgeteilt, daß in der 29 3. Mädchen- Gemeindeschulc sFrankfurter Allee 4) im März dieses Jahres kurz vor Schluß des Wintersemesters den Schülerinnen der Klasse 110 von einer Turnlehrerin Fräulein Miersch ein Reklamezettel eines Geschäftes eingehändigt worden sei, das seine Turnkleider empfahl. Ein erhalten gebliebenes Exemplar dieses Reklamezettels ist von dem Vater einer früheren Schülerin des Fräulein Miersch uns zugestellt worden und in unseren Besitz übergegangen. Auf der ersten Seite lesen wir oben:»Wichtig für alle Mütter schulpflichtiger Mädchen", und unten:»Zweckmäßige amtliche Turntracht für Mädchen, nach den neuesten Verordnungen des königlich preußischen Ministeriums gefertigt. Ministerialerlaß vom 23. Mai 1908." Auf der zweiten Seite rühmt die Firma die Vorzüge ihres»durch ministerielle Verfügung zur Einführung in sämtlichen Mädchenschulen und Lehrcrinnenseminaren empfohlenen Mädchen-Turnanzuges", den sie»für viele Schulen Berlins und auswärts" in einem»genau der amtlichen Vorschrift ent- sprechenden' Schnitt fabriziere. Das Mädchen, das diese Reklame mit nach Hause brachte, hat auf Befragen uns versichert, der Zettel sei von der genannten Turnlchrerin sogar in einer erheblichen Zahl von Exemplaren unter den Schülerinnen verteilt worden. Kann eine Lehrerin es als zulässig ansehen, daß sie zu solcher Rcklamezettelverteilung sich hergibt? Die Lehrerschaft hat oft genug sich dagegen getvehrt, daß der Schule alle möglichen und unmöglichen Dienstleistungen zugemutet werden. Wenn irgendwo in der TageSpresse gefordert wird, daß die Schule ihre Zöglinge z. B. dazu anleiten soll, auch außerhalb deS Schulhauses sich eines angemessenen BeWagens zu befleißigen, dann wird in pädagogischen Fachblättern gehöhnt, was alles man da schon wieder vom Lehrer verlange. Im Gegensatz hierzu hat jene Turnlehrerin eS nicht ver« schmäht, ihre Schülerinnen sogar darüber zu belehren, wo die»zweck- mäßige amtliche Turntracht für Mädchen" zu haben ist. Ferienkarten deS Berliner Stadt-, Ring- und Vorortverkehrs werden für die Zeit der Sommerferien— 3. Juli bis 9. August— im Verkehr mit Berlin, Schlesischer Bahnhof, Görlitzer, Stettiner Bahnhof, Lehrter und Potsdamer Hauptbahnhof, Wannseebahnhof, Potsdamer Ring- und Vorort-Bahnhof, sowie von den Stationen Charlottenburg bis Jannowitzbriickc nach Bororten unter den« selben Bedingungen ausgegeben wie Monatskarten und zwar eben« falls II. und III. Wagcuklaffe. Die Ausgabe von Ferienkarten ist auch im Verkehr der Vororte untereinander, sowie von Ringbahn stationcn nach Vororten zulässig. Es wird der tarifmäßige Preis der Monats- und Monats-Nebcnkarte für die ver- langte Verkehrsverbindung zugrunde gelegt und für die den Monat übersteigenden Tage noch ein fester Zuschlag hinzugerechnet, nämlich: eine Mark für jede Stammkarte II. Klasse, 50 Pf. für jede Neben- karte II. Klasse, 50 Pf. für jede Stammkarte Hl. Klasse und 30 Pf. für jede Nebenkarte III. Klasse. Die Verausgabung von Ferien- karten beginnt bereits am 20. Juni d. I., sie darf bis zum 26. Juli(für den Rest der Ferien) erfolgen. Ein tragischer Unglücksfall im Straßenverkehr trug sich gestern morgen in der Badstrnße zu. Der siebenjährige Gerhard Ullrich, dessen Eltern Brunnenstraße 113 wohnen, war mit seinem vier- jährigen Schwesterchen nach dem Humboldthain zu gegangen. Als die beiden Kinder den Fahrdamm der Badstraße überschritten, geriet das Mädchen in Gefahr, von einem Geschäftswagen überfahren zu werden. Der Bruder sprang schnell hinzu, um das Kind zurückzu- reißen, doch kam er dadurch selbst gegen das Gefährt. Er wurde niedergerissen und überfahren. Am ganzen Körper erlitt der Kleine Verletzungen. Nachdem er auf der Rettungswache Notverbände er« halten hatte, wurde er nach der kgl. Klinik gebracht. Drei„Geldschrankknacker" wurden in der vergangenen Nacht durch die Aufmerksamkeit des Wächters Ferdinand Krüger aus der Simou- Dachstr. 44 auf frischer Tat ertappt. Der Schlosser Max Drabcrt und die Arbeiter Paul Lcschinewski und Wilhelm Kaul, junge Männer von 23, 21 und 29 Jahren, noch keine gewerbsmäßigen„Knacker", hatten es auf die Filiale ber Darmstädter Bank in der Reinicken« dorfer Straße 15 abgesehen. Sie hatten„ausbaldowert", daß die Geschäftsräume der dortigen Depositenkasse von denen eines»Kien- toppS" nur durch eine Rabitzwand getrennt sind. Dementsprechend wählten sie ihre Werkzeuge. Brechstangen und Drahtschere. Von der RavenSstraße her über die Mauer eines Schulgrundstücks in den „Kientopp" gelangt, waren sie gerade dabei, die Rabitzwand mit den Stangen zu'durchlöchern und die Drähte durchzuschneiden, als Krüger auf seinem Rundgange ihr Geräusch hörte. Der Wächter holte seinen Wachtmeister und einige Schutzmänner und nun machte man mit vereinten Kräften einen Angriff auf die Einbrecher. Als diese ihre Gegner eindringen sahen, wollten sie entfliehen. Sie wurden aber angehalten, überwältigt und nach der Wache gebracht. Hier fand man bei ihnen auch Pulver, das zuni Sprengen der festen Tresors der Geldschränke dienen sollte. Die Ertappten wurden nach dem Polizeipräsidium gebracht und gestern dem Untersuchungsrichter vor- geführt. Einen schaurigen Fnnd machte vorgestern abend um S'/a Uhr der Maler Otto Wolff aus der Caprivistr. 19. Wolff hat im Keller einen Verschlag, in dem er Farben und Geräte aufbewahrt. In einem Gang zu dem Verschlage stand sein 5tiuderwagcn. Als er nun vorgestern abend etwas aus dem Keller heraufholen wollte, sah er zu seiner Verwunderung ein Paket in braunem Packpapier im Kinderwagen liegen. Er öffnete es und fand darin die Leiche eines neugeborenen Mädchens, die am Halse Würgemale und über dem linken Auge einen blauen Fleck wie von einem Schlage auf- wies. Wolff übergab den unheimlichen Fnnd der Kriminalpolizei, die ihn nach dem Schauhause bringen ließ. Einen schweren Verlust hat am Donnerstag zwischen 11— lli/4 Uhr ein Kassierer erlitten, der auf dem Wege von der Kochstratze durch die Friedrichstraße bis zum Belleallianc'eplatz einen Geldbetrag von 500 M. in Kurant verlor. Da dieser schwere Verlust einen um seine Existenz ringenden Arbeiter betrifft, wird hiermit der ehrliche Finder dringend gebeten, die Summe auf dem Polizeibureau Wilhelinstraße 30 abzugeben. Noch nicht ermittelt ist ein zirka 33 Jahre alter, anscheinend dem Arbeiterstande angehörender Mann, welcher am 1. April d. I. im Tiergarten in der Nähe der großen Stcrnallee erhängt auf- gefunden wurde. Der Mann hatte blondes Haar und Schnurrbart und war bekleidet mit schwarzem Ueberzieher, schwarzem Rock, brauner Hose, braunem Schlapphut und Zngstiefeln. In den Kleider- taschen befanden sich eine Uhr mit Kette, eine Brille und ein Taschen- messer. Die Photographien können bei der Kriminalpolizei ein- gesehen werden, wo auch mündliche oder schriftliche Mitteilungen zu den Akten 1130 IV. 59 09 entgegengenommen werden. Fcucrwchrnachrichten. In der letzten Nacht hatte die Berliner Feuerwehr wieder ununterbrochen zu tun. Der fünfte Zug wurde nach Alt-Stralau entsandt. Dort war abends in der Korb« f l e ch t e r e i der dortigen Glashütte ein gefährlicher Brand aus« gekommen. Die freiwillige Ortsfeuerwehr war bei Ankunft der Berliner Feuerwehr schon mit drei Schlauchleitungen wacker tätig, die Berliner gaben dann auch noch mit einer Dampffpritze kräftig Wasser. Den vereinten Anstrengungen gelang es, eine weitere Aus- dehnung zu verhüten und die Flammen in später Abendstunde zu löschen. Die Entstehung des Brandes wird auf Unvorsichtigkeit zurückgeführt. Um 10 Uhr kam auf einem unbebauten Gelände in der Danziger Straße 62o, nahe dem städtischen Obdach, Feuer aus. Man hatte dort unter anderem eine Holzbude in Brand gesteckt, wobei zwei Hunde verbrannten. Der Auto- mobil-Löschzug war schnell zur Stelle und löschte den Brand. Ein dritter größerer Brand käm nachts um 1 Uhr auf dem Hofe Simconstraße 13 aus unbekannt gebliebener Ursache zum Ausbruch. Eine Menge Kisten usw. standen dort bei Ankunft des 17. Zuges in Flammen. Durch kräftiges Waffergebcn wurde eine weitere Gefahr verhütet. Fast gleichzeitig erfolgten Alarme aus der Neuen Hoch- straße 11 und Jagowstraße 13. Hier stand ein Laden in Flammen und dort Stapel von Preßkohlen auf einem offenen Lagerplatz. An beiden Brandstellen hatte die Feuerwehr tüchtig Wasser zu geben. Die Ermittelungen über die Entstehung dieser beiden Brände sind Noch nicht abgeschlossen. Ferner hatte die Wehr in der Neustädtischen Kirchstraße 15 einen Schaufensterbrand zu löschen und in der Wein- straße 29 und an anderen Stellen zu tun. Vorort- JVadmchteiK Lichtenberg. Von einem Hunde umgerannt und von einem Automobil über- fahren wurde gestern auf der Frankfurter Chaussee der 9 jährige Schüler Otto Weber. Der Knabe wollte den Fahrdamm überschreiten und blieb stehen, um ein herannahendes Automobil vorbeifahren zu lassen. In diesem Augenblick lief ein großer Hund gegen den kleinen W., der umgerissen wurde und so unglücklich stürzte, daß die Räder des Kraftwagens über ihn hinweggingen. Der Chauffeur, der das Unglück nicht verhüten konnte, brachte den schwerverletzten Knaben nach einem Krankenhause. Dem hiesigen Magistrat und nicht dem RummelSburger Gemeinde- vorstand gilt die Anfrage des Rummelsburger Arbeiterturnvereins in der gestrigen Nummer der unter„Rummclsburg" lautenden Notiz: Ein bedauerlicher Unglücksfall. Bekanntlich hatte die Stadt- vcrordnetenversammlung bereits vor zwei Monaten den Beschluß gefaßt, allen Turnvereinen die leerstehende Turnhalle zu Turn- Übungen zur Verfügung zu stellen. Da die Lichtenberger Abteilung des genannten Turnvereins auf ihr Gesuch um Uebcrlnssung der Turnhalle vom Magistrat noch keine Antwort erhalten hat, dürfte es an der Zeit sein, daß die Stadtverordnetenversammlung den Magistrat an den gefaßten Beschluß erinnert. Treptow-Bnumschukenwcg. Zu interessanten Auseinandersetzungen zwischen unseren Genossen und einigen Syndikalisten kam es am letzten Dienstag in einer von der Freien Vereinigung nach Baumschulenweg einberufenen öffent- licheu Versammlung, in welcher der Redakteur der»Einigkeit" Kater über»Sozialdemokratie und Klassenkampf" sprach. Der Referent tischte die alten Tiraden von der Versumpfung der Gewerlschaften durch Tarifverträge und Unterstützungseinrichtungan, von dem Fallen- lassen und Beiseiteschieben des Klassenlampfcharakters der Partei durch den Parlamentarismus usw. auf. Als Beweise dafür nannte er einige Namen von politisch und volkswirtschaftlich tätige» Genossen, zitierte auch aus dem Zusammenhang einige Stelleu de? Kom- munistischen Manifestes, selbstverständlich nur was ihm gerade in den Kran, paßte. Er sagte zum Schluß, wohl ahnungsvoll (Pankow? I), sie wären nicht gekommen um Prosclyte'n zu machen, wollten vielmehr nur„Warner" am Wege sein.— Als erster Diskussionsredner sprach unser Abgeordnete Genosse Zubeil. Derselbe betonte, daß, wenn man das Kommunistische Manifest zitiere, doch wohl auch die Stellen finden müsse» die von der parlamentarischen Aktion sprechen. Eine Etappe auf dem Wege zur Befreiung der Arbeiterklasse sei eben auch die Erringung der poetischen Macht. Des weiteren hielt er dem Referenten bar, daß er wohl sehr vieles aus seiner früheren Tätigkeit vergessen habe.— Ferner sprachen die Genossen Wissell und Haß. Letzterer wies die unzutreffenden Ausführungen des Referenten in bezug auf die Ge- werkschasten nach und zeigte die»Warner am Wege" in ihrer wahren Gestalt an einem Zitat aus der„Einigkeit" vom 27. Juni vorigen JahreS(Parteitagsprotokoll Seite 216). Dieses war dem Referenten und seinem mitgebrachten Stabe sichtlich sehr unangenehm. Sie wurden auch daran erinnert, daß sie überall da auftauchten, wo Hit stimmigkeiten herrschten, um im Trüben zu fischen. Alles in allem: viel Freude haben die»Warner am Wege" hier nicht erlebt. Ober-Schöneweide. Gemeindevertretersitzung. Zum Ortsstatut des Kaufmanns- und Gewerbegerichts lagen einige Abänderungsvorschläge vor. Dem Antrage der beteiligten Gemeinden gemäß wird das Gericht als jtaufmanns- und Gewerbegericht für Ober-, Nieder-Schöueweide und Johannisthal bezeichnet werden. Eine tveitere Acnderung findet in der Kostendeckungsfrage statt. Als Zeitpunkt des In krafttretens wird nun endgültig der 1. Oktober 1ä(>9 festgesetzt. Betreffs des Wochenmarktes wurde beschlossen, daß derselbe Sonnabends von S— S Uhr und des Mittwochs im Sommer von 7—11 und im Winter von ö— 12 stattfindet. Das Standgeld wird auf 26 Pf. für den Quadratmeter erhöht. Auch sollen hinfort für den Handel dortselbst kleinere Posamentier- und Schnittwaren zugelassen werden. Zur Einrichtung der beiden K o ch s ch u I k l a s s e n in der 4. Gemeindeschule mit Wirtschaftsgcgenständcn werden 1500 M. bewilligt, desgleichen für Künstlersteinzeichnungen als Wandschmuck in den Klaffenräumen 150 M. Für Aus- schmückung der Spreebrücken anläßlich der Ruderregatta wurden 100 M. bewilligt. Von unseren Genossen wurde erklärt, daß die Vertretung für solche Zwecke die Steucrgroschcn denn doch nicht verpulvern dürfe; wolle der Regattaverein Reklame für seine Veranstaltung machen, möge er gefälligst auch die Kosten tragen. Für Anschaffung einer Straßenkehrmaschine wurden 780 Mark bewilligt. Die Einrichtung des N a ch t fe r n s p r e ch- betriebes ist als gescheitert zu betrachten. Den Ausdün- stungcn des Klärwerkes soll dadurch begegnet werden, tmtz der Schornstein wesentlich erhöht wird. Eine diesbezügliche Vorlage wird der Vertretung zugehen. Die neue Umsatzsteuerordnung wurde nach der Vorlage angenommen. Ueberschreitungen der Bau- summe für die beiden großen Regensammler im Zuge der Sie- mens- und Frischenstraße wurden genehmigt. In gcbeimer Sitzung wurden Eingemeindungsfragen erledigt. Rummelsbltrg. Die Freie Turnerschaft hält heute abend von'/-<>—'/»kl Uhr in der Turnhalle Boxhagen, Eingang Wühlischstraße,'ein öffentliches Zusammenturnen ihrer drei Männerabteilungen und der Damen- abteilung ab. Freunde der Arbeiterturnsache sind hierzu freundlichst eingeladen. Köpenilk. Sonntag, den 13. d. Mts. nachmittag 3 Uhr. findet im kleinen Saal des S t a d t t h e a t e r sf, Fnedrichsiraße, eine öffentliche Ver- sammlung der jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen statt, in der ein Bortrag des Herrn Maschke-Verlin über:„Die wahren und die falschen Freunde der Arbeiterjugend" auf der Tagesordnung steht. Wir erwarten, daß die Genossen für einen zahlreichen Besuch dieser Versammlung Sorge tragen. Es soll außerdem zu einem irre- führenden Bericht des hiesigen Blattes»Dampfboot" Stellung ge- nomine» werden. Der Jugendausschuß. Reinickendorf. Zwei Punkte der Tagesordnung der am Donnerstag statt. gefundenen Gemeindevertretersitzung hätten es den von den Besitzenden gewählten Herren ermöglicht, ihr so oft betontes soziales Empfinden und warmes Herz für die Arbeiter zu be- tätigen. Einmal der Antrag der Gemeindearbeiter um Neuregelung ihrer Lohn- und Arbeitsverhältnisse, das andere Mal der Er- laß einer neuen Friedhofsordnung. Die Lohn- und Arbeitsver- Hältnisse der Gemeindearbeiter waren schon recht häufig Gegen- stand lebhaftester Debatte in der Gemeindevertretung. Zu Anfang teS Jahres hatten die Arbeiter, die man im vorigen Jahre mit einer Zulage von 3 Pf. pro Stunde glaubte abfinden zu können, sich mit einer Eingabe an den Gemcindevorstand gewandt. Wie traurig ihre Lohn- und Arbeitsverhältnisse sind, kann man aus den Forderungen ersehen, die sie aufstellen. Zunächst einmal die Ver- kürzung der jetzt zehnstündigen Arbeitszeit auf neun Stunden. Zahlung von Wochcnlöhnen statt der jetzt üblichen Stundenlöhne. Gefordert wurden Löhne für die Arbeiter der Straßenreini- gung von 24 bis 27 M., für Vorarbeiter 3 M. mehr; der Kanalisation: Rohrleger 33 bis 36 M.; Wasserwerk: 25 bis 28 M.; Gärtnerei: Gärtner 30 bis 33 M., Arbeiter 24 bis 27 M. Auf diese wahrlich nicht unbescheidenen Forderungen war den Arbeitern ein ablehnender Bescheid zugegangen. Gelegentlich der Etatsberatungen nahmen unsere Genossen diese Anträge wieder auf, mit dem Erfolg, daß sie dem Gemeindevorstand überwiesen wurden zwecks Ermittelung der finanziellen Wirkungen. Am Donnerstag erstattete der Bürgermeister den Bericht. Erforderlich wären nach seiner Berechnung etwa 18 000 M., die aber die Ge- meinde bei den augenblicklich schlechten finanziellen Verhältnissen nicht aufbringen könne. Reden ließe sich über die Aenderung der Stunden- in Wochenlöhne, da erstere in der Tat eine gewisse Härte darstellen. Doch könne das nicht so kurzerhand beschlossen werden, er rege die Bildung einer besonderen Kommission zu diesem Zwecke an. Gegen diese Anregung, wie überhaupt gegen die ganzen Forderungen, legte der Fabrikant Becker los. Die Behauptung unserer Genossen, daß in neun Stunden soviel geleistet würde wie in zehn Stunden, sei Unsinn. Erhebungen in der Industrie(von wem veranstaltet?) hätten das Gegenteil bewiesen. Zuerst wird ja aus Dankbarkeit(auch nach siegreichen Streiks, Herr Becker?) etwas schneller gearbeitet, später aber verfallen die Arbeiter wieder in das alte ihnen angeborene Phlegma und es wird eben so viel weniger gearbeitet, als die Verkürzung der Arbeitszeit beträgt. Wenn die einzelnen Industrien, besonders die Buchdruckereibesitzer, auf die Genosse Ohl vorher exemplifiziert hatte, dennoch eine Ver- kürzung der Arbeitszeit vornehmen, so handeln sie ganz unter dem Zwange der sozialdemokratischen Verbände. Unsere Genossen kennzeichneten gebührend die sozialpolitische Weisheit dieses Herren. Sie wiesen auf die außerordentlich günstigen Er- fahrungen hin, die andere Gemeinden mit der Arbeitszcitver- kürzung gemacht haben. Im übrigen aber wäre es nicht nötig, daß unsere Gemeinde in allen Dingen als letzte hinterherhumpele, was auf die Verkürzung der Arbeitszeit gesagt, treffe in ebenso reichem Maße auf die bessere Entlohnung zu. Je mehr freie Zeit dem Arbeiter zur Verfügung steht, und je höher seine Entlohnung ist, um so mehr wird er Körper und Geist pflegen können, was wensent- lich zur Arbeitsfreudigkeit beiträgt. Im übrigen sollte, was dem einen recht ist, dem andern billig sein, bei den Gemeinde- beamten ist in Anbetracht der teuren Lebensverhältnisse eine Ge- Haltserhöhung vorgenommen worden, die etwa 24 000 M. im Jahre beansprucht, die Erhöhung der Lehrergehälter werde noch mchr kosten. Und doch ist die Arbeitszeit der Beamten von acht auf sieben Stunden gekürzt worden. Wenn der Bürgermeister vorher Löhne bis zu 1950 M. aufwärts angeführt habe, so könnten das nur ganz wenige Ausnahmen sein, denn sonst könnte die Erfüllung der be- scheidenen Wünsche der Arbeiter keine 18 000 M. kosten. Daß die Finanzlage so schlecht ist, liege doch daran, daß man die Erhöhung des Gemeindezuschlages zur Einkommensteuer abgelehnt habe. Zum Schluß beantragte Genosse Ohl namentliche Abstimmung über den Antrag auf Verweisung an die Kommission; Herr Thater Uebergang zur Tagesordnung. Bei der Abstimmung wurde der Antrag Ohl und der auf Kommisfionsberatung abgelehnt, der An- trag Thater angenommen. Die Wünsche der Gemeindearbciter sind somit glatt unter den Tisch gefallen. Wenn die Mehrheit glaubt, mit dieser Vergewaltigung die Forderungen abgetan zu haben, irrt sie sich. Unsere Genossen werden kqine Gelegenheit ver- säumen, die Äflträge so lange zu wiederholen, bis selbst die Reinickerdörfeb GemeindeberkrekuNg sie nicht mehr ablehnen kann. Das wird um so früher sein, je rühriger die Gemeindearbeiter selbst daran mitwirken. Bei Erlaß der neuen Friedhofsordnung handelt es sich in der Hauptsache um die Erhöhung der Gebühren. Genosse Ohl forderte hier zunächst die völlige Unentgeltlichkcit, sei das aber aus finanzi- ellen Rücksichten nicht möglich, so beantrage er eine Ermäßigung statt Erhöhung der Gebühren für gewöhnliche Reihengräber, dafür aber eine Verdoppelung der Gebühren der Erbbegräbnisse und Wahlstellen. Wer prunkende Denkmäler und Grabeinfassungen herstellen lassen könne, kann gewiß auch höhere Gebühren zahlen. zumal sie sowieso noch unterm Selbstkostenpreis bleiben. Aber auch hier erstand den Besitzenden wiederum ihr Retter in der Person des tapferen Becker. Unsere Anträge wurden natürlich abgelehnt. Dann fand die Neubildung der Kommission statt, und zwar aus Antrag Becker für zwei Jahre. Gewählt wurden von unseren Ge- nassen in die Finanzkommission Genosse Köhn. Wegekommission Genosse Gründer, Einquartierungskommission Genosse Schiller. Zum neuen Sparkassenstatut wurden einige Ab änderungen beschlossen. Die Sparkasse wird am 1. Juli im Rai Hause eröffnet werden. Die Verzinsung erfolgt täglich, der Zins- satz wird auf 3% Proz. festgesetzt. In den Sparkassenvorstand wird u. a. gewählt unser Genosse Köhn. Für die Erweiterung des Zaunes um den Gemeindefriedhof werden 1000 M.. und dem Tuberkulosekomitee zur Lupusbekämpfung 300 M. bewilligt. Die Erweiterung der vierten Gemeindeschule beansprucht 125 000 M. Der 12klassige Erweiterungsbau wird neben der Turnhalle aufge- führt. Diese selbst durch Aufsetzen eines weiteren Stockwerks ver- qrößcrt, so daß der Zugang zum oberen Stockwerk mit der ersten Etage des neuen Flügels verbunden wird. Ist diese Anordnung auch vom hygienischen und pädagogischen Standpunkt aus nicht ganz einwandfrei, so waren unsere Genossen doch aus räumlichen Gründen gezwungen, dafür zu stimmen. Die Bauausführung soll so beschleunigt werden, daß das neue Gebäude bereits am 1. April nächsten Jahres bezogen werden kann. Französisch-Buchholz. Sein«. StiftilngSfest feiert am Sonntag, den 13. Juni, der hiesige Arbeitergesangverein»Wach auf" in Kähnes Festsalen, Berlinerstr. 39. Da genannter Verein bei Parteifestlichkeiten stets mitwirkt, lverden die Genossen ersucht, an dem Fest zahlreich teilzu- nehmen. Spandau. Stadtvembneteuversammluttg. Vor Beginn der Sitzung gibt der Direktor der städtischen Gasanstalt Kützing einen Bericht über den kürzlich erfolgten Unglücksfall auf dem Nonnendamm. bei welchem auch leider ein Arbeiter seinen Tod gefunden. Nach dem Bericht des Gasdirektors hat die Firma Siemens u. Schuckert eine Luftballonfüllstation errichtet, zu welcher das Gas aus dem dortigen Gasbehälter der Stadt geliefert werden sollte. Zu diesem Zwecke sollte vom Reglerhaus eine gußeiserne Leitung vom Haupt- rohr abgezweigt werden. Aus diesem Grunde mußte das Haupt. rohr angebohrt und sollte alsdann ein Schieber eingesetzt werden. Diese Arbeit wurde am Sonnabend nachmittag vorgenommen. Beauftragt zur Leitung dieser Arbeit war der Röaschinentechmkcr Schälke. Man habe nun Anstoß daran genommen, daß»n der Nähe des Gasbehälters wegen des starken Druckes solche Arbeit vorgenonimen wurde. Ter Druck betrage an d-eser Stelle c wa 95 Millimeter. Wenn man aber berücksichtige, daß 10 000 Milli- meter erst eine Atmosphäre sind, so ist der Druck nicht als über- mäßig groß zu bezeichnen. Er habe dem Maschilientechniker Schülke überdem noch die größte Vorsicht angeraten. Dieser habe das angebohrte Gasrohr durch eine Rinderblase abgesperrt. Schülke wollte nicht durch Abdichtung des Wiaffertopfes erst das Gas für den ganzen Stadtteil absperren, weil die Arbeit nur kurze Zeit in Anspruch nahm und weil die Absperrung eines Stadt- teils auch mit gewissen Gefahren verbunden sei, indem nicht alle Haupthähne geschlossen würden, namentlich in solchen Räumen, wo den ganzen Tag Gas gebrannt werde, und es könnten dann bei Wiedcraufhebung der Absperrung leicht Explosionen ent- stehen. Die Rindeisblase zerplatzte unglücklicherweise und das Gas strömte nun aus dem ziemlich dicken Rohr in den Arbeits- räum. Die Leute versuchten trotzdem noch schnell den Schieber vorzusehen, was ihnen auch schließlich gelungen wäre, wenn nicht der eine Rohrleger bewußtlos umgefallen wäre. Dadurch ließen auch die anderen Leute IoS und wurden ebenfalls bewußtlos, weil zuviel Gas ausströmte, trotzdem der Keller, in welchem die Arbeit vorgenommen wurde, gut gelüftet war. Schülke versuchte noch einen Blcchschicber vorzusetzen, er wurde aber hierbei auch be- wußtlos. Zum Unglück war auch wegen des Gewitters der Fern- sprccher auf der Post abgestellt, so daß es schwer hielt, die Feuer- wehr herbeizurufen. Von den fünf Bewußtlosen konnte einer, der Rohrleger Wache nicht mehr zum Leben zurückgerufen werden. Die anderen erholten sich teils bald wieder, teils wurden sie ins Krankenhaus oder in ihre Wohnung geschafft und sind heute außer aller Gefahr. Von. den Stadtverordneten Genossen Pieper und Schmidt I sowie von den bürgerlichen Stadtverordneten Scholz und Simon wird die Schuld an dem Unglück dem Gasdirektor beigemessen insofern, als der Maschinentechniker Schülke gas- technisch nicht genug vorgebildet war, um solche gefährliche Arbeit zu leiten. Man hatte müssen den Stadtteil auf kurze Zeit ab- sperren und dies vorher bekannt machen lassen, wie es bei der Absperrung von Waffer auch gemacht werde. Außerdem habe man erst die Abdichtung mit einer Gummiblase versucht und als diese platzte, nahm man eine Rindsblase. Von dieser Gummiblase hatte der Gasdirektor gar nichts gesagt und als er darauf hingewiesen wurde, meinte er. die Gummiblase käme gar nicht in Betracht. Jedenfalls wird die Angelegenheit noch von der Staatsanwaltschaft untersucht werden. Es wird hinterher als dringliche Vorlage die Anschaffung eines neuen Saucrstoff-Apparates beschlossen und hier- für 400 M. bewilligt. Stadtverordneter Genosse Schmidt hatte bemängelt, daß bei dem Unglück am Nonnendamm ungenügend Sauerstoffapparate vorhanden waren.— Bei der Vorlage be- trcffend�Bewilligung von 43 000 M1. aus dem Kaufgelde des Jo- Hanncs-Stists zur Herstellung einer Uferbefestigung am Teufels- seekannl sprach der Stadtverordnete Genosse Pieck seine gerechte Entrüstung darüber aus, daß man zum Bau von zwei Brücken über den Kanal Soldaten vom Pionier-Bataillon verwendet habe und hierfür noch 6000 M. aus dem Stadtsäckel zahlen solle. Bei dieser wirtschaftlichen Krise, wo so diel Arbeitslose umherlaufen, sei dies geradezu unverantwortlich.(Der Stadtverordnete Schmiedemeister Schulze machte bei diesen Ausführungen den Zu- ruf: Das sind lauter Zigaretten-Jungens!) Die Vorlage selbst wurde zurückgegeben. Die Versammlung nimmt Kenntnis von dem Finalabschluß pro 1908, der einen Ucbcrschuß von 202 868,57 Mark ergibt und erteilt ihre Zustimmung, daß dieser Ueberschuß wie folgt verteilt wird: 125 000 M. werden der Rechnung für 1910 vorgetragen; 13 215,66 M. werden zur Deckung der Ausgabe- reste verwendet; 14 060 M. werden dem Straßenregulierungsfonds, 41000 M. dem SteuerauSgleichsfondS und 9652,91 M. dem Schul- hauLbaufondS zugeführt; der Fehlbetrag bei der Gaskasse mit 42 366,08 M. soll 1910 von den zu erwartenden Ueberschüssen ab- gesetzt werden; die Fehlbeträge bei der Wasserwerks- und fiaiiaki- sationSkasse sollen vorgetragen werden; der Ueberschuß bei der Elektrizitätskasse von zirka 4900 M. soll dem Reservefonds zu- geführt werden.— Als erster Teilbetrag der genehmigten Anleihe von 31468 000 M. soll von der Berliner Lebens-Versicherungs- Gesellschaft A.-G. zu Berlin und von der Scehandlung ein Dar- lehcn von iVs Millionen Mark aufgenommen werden und zwar mit 4 Proz. Verzinsung. Das Geld wird zum Juli, wenn die Straßenbahn in das Eigentum der Stadt übergeht, gebraucht. Die Vorlage wird genehmigt.— Die Satzungen der Betriebökranken- lasse für städtische Arbeiter werden genehmigt. 119 000 M. zur Aufschüttung von Teilen der Rustwiesen und des Stadtwaldes werden bewilligt., Dem Leichenfimd am Mittwochnachmittag scheint ein Verbrechen zugrunde zu liegen. Der.Spandauer Anzeiger" schreibt hierzu: Die gelandete Leiche des Bäckergefellen Sonntag ist zuerst von dem Bahuarbeiter Hermann Brandt wahrgenommen worden, der den Vorfall auf der BahnhofSwache mitteilte. Der Tote lag nicht weit von der Ruhlebener Grenze in einem Nebenarm der Spree, der nach deren Regulierung dem durchgehenden Schiffsverkehr nicht mehr dient. Er steht aber mit dem Flußlauf selbst in Verbindung, und es kann auch in diesem Falle vernultet werden, daß die Leiche von der Strömung angetrieben und an den» Treffpunkt der Spree mit dem toten Arm von westlichem Winde in dieses Gewässer geworfen worden ist. Die Leiche befand sicki, als Polizeibeamte mit Arbeitern zu ihrer Bergung erschienen, dickt am Ufer unweit der Ruhlebener Trabrennbahn; die Kleidung des Toten war sehr in Unordnung; sie war ganz nach oben gezogen, was lvohl von den Schrauben der Schleppdampfer verursacht worden ist. Außer der gestern erwähnten starken Verletzung über dem linken Äuge sind noch drei Wunden in der Schädeldecke vorhanden; diese rühren allem Anschein nach von Messerstichen her, denn sie sind scharftandig und nicht so klaffend wie die Stiriuvunde; an dieser Stelle ist der Knochen zertrümmert und das Gehirn bloßgelegt; diese Ver- letzung dürfte von einer Schiffsschraube hervorgebracht sein. Bei der Leiche sind verschiedene Papiere vorgefunden worden, die sämtlich uns den schon mitgeteilten Namen lauten. Auffällig ist. daß bei dem Toten weder Geld noch Wertsachen vorgefunden wurden. Seine Kollegen sagen aus, daß er ein eifriger Rennbabnbesucher ge- wesen sei und auf Rennplätzen gern gewettet habe. Die Leiche hat ungefähr 4 bis 5 Tage im Wasser gelegen. Von seinen Bekannten nimmt niemand an, daß er sich selbst ein Leid angetan habe. Die bisher ermittelten Umstände deuten auf ein Verbrechen hin. Vermilcktes. Untergang eines deutschen Schiffes. Aus Hull wird vom gestrigen Tage berichtet: Der Dampfer.Humber" ist mit der Be- satzung des deutschen Schiffes»Modena' hier eingetroffen. Die „Modena" war Mittwoch nacht 38 Meilen vom Raffel Lcuchifeucr nach einem Zusammenstoß mit dem Dampfer gesunken. Zehn Malin retteten sich sofort an Bord des»Humber", vierzehn bestiegen ein zn kleines Boot, das kenterte; sie wurden in erschöpftem Zustand ge- rettet. Zwei Mann werden vermißt. Ein Greisenpaar in den Flammen umgekommen. Ein bejahrtes Ehepaar fand in der vergangenen Nacht bei einem Brande in Bingen seinen Tod. In dem Hanse deS Anstreichers Heinrich Kroll. in der Heinrichstr. 35. brach ein Brand aus. Der 61 Jahre alte Einwohner Schem und seine 87 Jahre alte Ehefrau verbrannten. Der Raubmord auf dcm�Brocken. In Friedrichsbrunn im Harz wurde der angebliche Bcrgschüler Emil Westphal unter dem dringenden Verdacht verhaftet, den Mord an dem Direktor Karl Friedrich auf dem Brocken verübt zn haben. In Begleitung deS 24jährigen jungen Mannes befand sich der Schüler einer Privatschule für Vorbereitung zum Einjährigendienst in Magdeburg, der von Westphal während eines mehrtägigen Aufenthalts im Harz frei- gehalten worden war. In FriedrichLbrunn verweigerte der Verhaftete ede Aussage. Er wurde deshalb in das AmtsgerichtSgefängnis in Quedlinburg gebracht. Beide sind vorgestern nachmittag um 4 Uhr vernommen worden. In dem Rucksack WestphalS wurde ein altes abgetragenes Jackett gefunden, das der Jacke, die nach der steck- brieflichen Beschreibung der Raubmörder getragen hat, ähnlich ist, In dem Besitz deS Verhafteten fand man einen Hundertmarlschcin und mehrere Zwanzigmarkscheine. Als er nach der Herliinft deS Geldes gefragt wurde, gab er an, daß er von seinem Vater in EiSleben 120 M. erhalten habe. Bei einer telephonischen Anfrage bei dem Vater WestphalS, der in Eisleben einfacher Bergmann ist, tellte sich aber heraus, daß er weder Geld erhalten noch besessen hatte. Der Begleiter des Verhafteten ist, weil er unverdächtig ist, wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Gestern morgen wurde Westphal znm zweitenmal verhört. Dabei fanden mehrere Verdachtsmomente ihre Aufklärung und es gewinnt jetzt immer mehr den Anschein, daß Westphal zwar nicht den Raubmord aus dem Brocken, aber ein anderes Delikt begangen hat, über das er sich vorläufig noch nicht geäußert hat. Der Unter- suchungsrichtcr ordnete deshalb an, daß die polizeilichen Recherchen nach dem wirklichen Mörder unverzüglich wieder aufenommen werden sollen. Westphal bleibt vorläufig bis zur völligen Klärung der An- gelegenheit i» Haft._ Freie Jugendorganisation. Gruppe Süd-Ost. Heute, Sonnabend, abends 8 Uhr, Gruppenversammlung im KewerkschastShauS, Engetusrr 15. 1. Vortrag deS Herrn Engelbert Gras über:»EntwicklungSgeschichtliche Studien aus märlischem Boden". 2. Verschiedenes. WitterungSüberstcht vom II. Juni 1»«». morgens 8 Uhr. Stationen Swwcmde. Hamburg Berlin Franst.a M. 755 NW Münch eu 1751 SW Wteo|7&4@ il i« 758 NO 753 NNO 756 N «Letter SNegen 2 heiler 5 Regen 4 Regen 4 bedeckt 3 bedeckt di« c-S. S-. Stationen Sst teL c3 5« ®'B davaranda 753 NNO Petersburg 762 WSW Scillh Werdern Paris 763 N 765 NNW 758 N > Wetter e* t* 4 Regen 1 w olkig Zwolkig 2 wollig 4 wollig « 12 12 3 0 Wetterprognose für Sonnabend, de» IS. Jnni 1905). Zunächst kühl; vorwiegend trübe mit geringeren Regensällcn und stischen nördlichen Winden; später langsam ausklarcnd und etwas wärmer. Berliner Wetterburrau. WasserstandS'Nachridjtc» der LandeSanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wettcrbureau. Wasserstand Memel, Tllstt B r e g e l, Jnsterbmg Weichsel, Thoru Oder. Ratibor , Krassen » Franksurt Warthe, Schrimm , Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leiwicritz , Dresden , Darby , Magdeburg -)+ bedeutet Wuchs,— Fall.—•) Unterpegel. Bmfkarteti der Redaktion. Tie lurlMlihe Evrechstiind« Nudel Lindenftraste fit. 3, zweiter Hos, dritter lStnaang, vier Treppen, OOF" Fahrstuhl fBU w»»«»«äftlich abeodS von?-/, bis 9'/, Uhr statt. Geöstne« 7 Ulir SoiinabendS beginnt die Tprechstnild- NM 6 Uhr. Jeder Anfrage ist eis Uuchstab« lind eine Zahl als Vierkzcilhen bciznfsigen. iSrirfliche Antwort wird»iiht ericilt. Bis zur Beantwortung im Briefkasten könuca l4Tag» vergeben. Eilige Fragen trage man in der evrechfrund« vor. A. W. 36. Den Eid würden Sie ja nach Ihrer Darlegung leisten können. Dann erfolgt Abweisung. Wegen der Gcbißliescrung lomint es aus daS Gutachten eines Sachverständigen über dessen Brauchbarkeit an. — W. K. 100. Die mündliche Vereinbarung ist güllig.— G. S. Ja. — Hohcnzollern. 1. Ja, sallS nicht ihr Einkommen dem de» EhemamicS zugerechnet wird. 2. Nein.— W. W- 77 Nein. — W. 47. In der Handlung Ia»n Betrug erblickt werden.— 9)1. E. 50. 1. Die Kasse ist im Recht: die Meldung hätte spätestens am 17. April er- folgen müssen. Leider gehören Sie, weil dort kein Statut, das Heimarbeiter sür lassenpfUchlig erklärt, keiner Kasse an. Wenden Sie sich än Genossen SwumowSki, Engeluser 15, mit einer Ansrage, ob er Ihnen ciiie freie Kasse empfehlen laiin. 2. Beantragen Sie unier Darlegung, daß Sie zum Unter» Salt der Eltern verpflichtet find und diese Verpflichtung ersüllen, bei dem 100 M. 3. Nein: es erfolgt dann Vertagung.— L. L. 1. Das Gewerbe Nüssen Sie beim Magistat anmelden. Gewerbesteuer wird nicht erhoben, wenn der Jabresbetrag weniger als 1500 M. und daS Anlagekapital weniger als 3000 M. beträgt. 2. Sie können in welcher Klasse Sie wollen ohne weitere Anzeigen weiterklcben.— Karl M. 38. Nein. Slmtlicher Marktbericht der städtischen Marklhallen-Direktion über den Großhandel in den Zentral-Markthallen. Marktlage: Fletsch: Zufuhr genügend, Geschält flau, Preise underäubert. Wildt Zufuhr tili. ausreichend, Geschäft ledhast, Preise bcsriedigend. Geslügel: Zusuhr genügend, Geschäst ziemlich lebhast, Preise wenig verändert. Fische: Ge- schäst etwas lebhaster, sonst unverändert. Butter und Käse: Ge« schäst still, Preise unverändert. Gemüse, Obst und Südsrüchtet Zusuhr genügend, Geschäst schleppend, Preise wenig verändert. Sunlichr Seife isfr für feinste Spifzen und die zartesten Gewebe wie keine andere geetond: Man kann dlesciben ohne Sorge mit' diesem stete gteichbieivenaete fabrikal' waschen, der Erfolg isl* vorzüglich und verschafffderein*' sjchtevpilen hausfrou Prewdel Man verwende ober nur SunlichrSeife? Für de» Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Berautwortung. lillMIIH IHIIH llllllilMB— €beatcr. Sonnabend, den 12. Juni. Ansang 71/, Uhr. Königliches LpernhanS. Siegfried. Ans. 7 Uhr.) Königl. Schauspielhaus. Di« Ouitzolvs. Anfang S Uhr. Neues königliches Operutheater. Mad. Buttersly. Deutsches. Gclbstern. K a m m c r s p i e I e. Ein Ekan« dal in Monte Carlo. Lessing. Die Dollarprinzesfln. Aerliuer. Ein HerbsUnanöver. Schiller N.«ttallner» Theater.) Der Biberpelz. TchiUrr Charlottenburg. Ein Ersolg. Friedrich- Wilhelmftädt. Schau- spielhaus. Manöverregcn. Neues Schauspielhaus. Mahs. Komische Oper. HoffmannS Er- zählungen. Neues. Tricoche und Cacolet. Thalia. Im Ca so Noblesse. Vuftspielhaus. Der fesche Rudi. Kleines. Moral. Hebbel. Hohes Spiel. Neues Operetten. Die Spnldelfce. Berliner Opcretten-Thcater LA. Das TeuselSweiü.(Ans. S'l, Uhr.) Luisen. Gerda Gerovius. Folics Caprice. Drei Frauenbüte. Der Deserteur usw. Ans. L's, Uhr. Metropol. Die oberen Zehntausend. Beruhard»tose. Das Mädchen ohne Ebre. Apollo. Hartstein. Er oder Er. Spezialitäten. Wintergarten. Spezialitäten. Carl Haverland. Spezialitäten. 'Lassage. Spezialitäten. Walhalla. Spezialitäten. Rcichshallen. Slcltiner Sänger. Der Kompagnicball. Nrania. Tnnocnstrnhe 48/4N. Abends 8 Uhr: Rom und die Campagna. Sternwarte. Invalidenstr. 6TI62. Lessing-Theater. Gastspiel d. NeuenOpcrctten-TheaterS. itlusang 8 Uhr. Vlv Oollui'pl'liitiosslli. LerUner Theater. gV Täglich 3 Uhr: Lln IIcrbNtiuaraUvcr. Heute nachm. S'l, Uhr: Austruen der Opernschule Guft. Friedrich. �ieues fflsfiter. Abends 3 Uhr: slilllicllg lllill kälilllö!. Morgen und folgende Tage: srleoede mi Cacolel. Nepes Kgl. Opern•Theater(Kroll). Gura-Oper. Madame Butterfly. Japanisohe Tragödie in 3 Akten. Musik von Pucoini. Anf. 7ll, Uhr. Einfache Preise. Sonntag; Salome. Mont.: Don Juan. 17. und 21. Juni: Zwei Abschiedsvorstellungen Marzella Sembrich vor ihrem Scheiden v. der Bühne. Donnerstag, 17. Juni:"Traviata. Montag, 21. Juni: Barbier v. Sevilla. Diefürl7.n.21. Juni angesetzten Vorsbellungon v. Sawitri sind verschoben. Billotts werden zurück- genommen od. geg. Nachr. umgot. Ncnes Operctten-Theatep. Kchissbauerdamm 25, a. d. Luisenstr. AbendS 8 Uhr: l»Io l8ppaS«ir«e. Operelte in 3 Akten v. H. Reinhardt. Ilebbel-l'Iivatep. Ans. 8 Uhr. __ Hohes Spiel._ Urania. WissenEchaftlicheß Theater. TaubenstraDe 48/49. Abends 8 Uhr: Horn und die Campagna. QOtOCI SCHER j Heute �hm. Ijjloustßf.KoilZeil 5 Kapelle«:. Märkischer Zentral• Sängerbund. Eintritt 1 M. Aboun. und Freik. aufgehoben. Aboun. zahl. 50 Ps. Abends: Fenerwerk— Jllnmination. fsiLliiieti-MItikimsMisetiLS 8eli3li8p!gliigii8. Sonnabend, den 12. Juni, Anf. 8 Uhr: Mümmese«. Sonntag: Manöverregen. Montag: Manöverregem_ LustspieShaus. Slbends 8 Uhr: Ter fesche Rubi. sWMMMf Gr. Frankfllrtrr Str. 132. Abends 8 Uhr: Das Mädchen ohne Ehre. SV Sommerpreise.~9ig Aus der Garteubühne u. a.: Berlin auf Stelze» mit Willi?l g o sl o n. Kollzert, Z pozialität. Ans, i'l, Uhr. Meiropol-Theater Die oberen Zehntausend. Amerik. Operette v. Jul. Freund. Musik v. Gust. Kerker. In Szene gesetzt von Dir. Rieh. Schultz. Tänze von Mr. Bishop. Anl. 8 Uhr. Rauchen gestattet. 8 Uhr: Die neuen Spezialitäten. 8<° lean Paul mit neuen Schlagern. 9" Yankee Doodle Olrls. 9» Mensch oder Asse??? 9" Uhr: 9" Uhr: oder mit KadsteSn Passage-Theater. Abends 8 Uhr. Villi Prager ihe York Sisters und da* glttnccndo Zum- Programm 4A Variete« 4« 12 12 Sensationen W.tfoacks Theater Direktion: Roh. Dill, vrumienstr. 10. Im herrlichen Naturgarten, bei schlecht. Wetter imPrachi-Theatersaal: Grohe Extra-Borslellung! Mutter und Sohn. 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Gabeln rern, 1 Qnirlgarnitur zehnteilig 6 Stück Alpaka-Kaffeelöffel I Tablett mit Einlage 1 Photographie» Alban» 1 Markttasche mit Bing 1 Reisetasche 1 Stulienkoffer 1 Bucksack mit Klappt 1 Damen-Handtasche 1 Zigarren-Etul X Handschuh- und 1 Taschen- tuchkastea I Krawatten, n. 1 Hanschetten- kaaten 1 Bauchtisch 1 Schirmständer 1 Bücher-Etagere 1 Bambustisch mit 2 Tellern I Zigarrenschrank 1 Hans-Apotheke 1 Kamm- und 1 Bfirstenkasttn 1 Wandsprneh mit Rahmen 1 Wandbild mit Goldrahmen 1 Handtuchhalter 1 Paneelbrett 1 Vogelbaner 1 polierter Kinderstnhl 1 Eimer und 2 Scheuertücher 1 Schmortopf mit Deckel 1 Salz- und 1 Mehlmeate 1 Topf mit Ring 1 Waschbecken, IWasserkamne, 1 Seifnapf zusammen 95 Pf. Weisse Batist- Blasen, reich mit Einsätzen, Stück 95 Pf. Helle und dunkle Waschblasen. mit Bordüren-Garn St. 95 Pf. Eostümröeke in bell. u. dunkl« Waßchstoffen, Stück 95 Pf. Unterröcke. schw.-weiss 95 Pf. Kinderkleidchen ans Waschstoff.... Stück 95 Pf. Knaben-Binsen, weiss od. färb. Waschsatin. 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