Kr. 141. BbonncmcntS'Bedfngnngen: toonnementä> Preis pränumerando i Wierteljährl. S£0 Tit., monoil. 1,10 Mk,, wöchentlich 28 Pfg, frei ins Haus. Einzelne Nummer k Psg, Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags» Beilage.Die Neue Welt" 10 Psa. Post» i'lbonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. PostabonncmentS nehmen an: Belgien. Dänemark, Holland. Italien. Luxemburg. Portugal, itemänien, Schweden und die Schweiz, VWKllrt tislldi u8(r montast. Ä6. Jahrg. Vevlinev Volksblnki. CU TnkrtlonS'GcbübP »etrllgt für die sechsgefpaltenc Kolonel» zeile oder deren Raum SO Psg., für politische und gewerkschaftliche Vereins» und VersammlungS-Anzeigen 80 Pfg. „Kleine Hnzcigen". das erste(fett-■ .gedruckte) Wort 20 Psg.. jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf- 1 ftellen-Anzeigcn das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort K Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition iit. bis 7 Uhr abends geöffnet Telegramm-Adresse: „SsÄaliiemslirat Berus**. Zentralorgan der fozialdcmokratifcben Partei DeutfcMands. Redaktion: 8RI. 68, Lindenetrasse 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983. Expedition: SM. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1981t. fort mit den Linslihrscheinen! Trotz der Rekordernte in Roggen und der reichlichen Weizenernte des Jahres 1908 haben wir Hungersnot- preise und das Preisniveau in Deutschland ist höher als es dem Weltmarktspreise mit Zu- schlag von Zoll und Fracht entspricht. Ueber die Ursachen dieses Zustandes kann es keinen Zweifel geben: die Preise sind hoch, weil wenig Ware am Markte ist, weil der deutsche Markt von Getreide entblößt ist. Warum aber dieser Mangel herrscht erklärt sich nur aus den Zollverhältnis sen:s nicht genug damit, daß die Z u f u hr von Getreide durch die Zollschranken er- schwort wird, wird die Ausfuhr durch die Ein- fuhrscheine künstlich b e g ü n st i g t. Das System d.e r E i n f u h r s ch e i n e, wie es gegen- wältig besteht, ist ein Meisterstück der Agrarier. Betrachten wir, wie es entstanden ist.— Als das Schutzzollsystem ein- geführt wurde, ergab sich für die ostelbischen Junker eine betrübende Tatsache: im Osten stiegen die Preise nicht um den vollen Betrag des Zolles. Der Hauptgrund war die damals— Ende der achtziger Jahre— übermächtige Konkurrenz Amerikas und zum Teil Rußlands. Trotz der Staffel- tarife— bei denen der Frachtsatz um so niedriger war, je größer die Entfernung— konnte das ostelbische Getreide im Westen Deutschlands nicht mit dem amerikanischen kon- kurrieren, das auf dem Wasserwege nach den Rheinhäfen kam: im Osten aber drängte das russische Getreide auf den Markt. Zu dieser Zeit wurden Getreidezölle vergütet bei der Ausfuhr von Getreide und Mehl, jedoch nur, wenn der „Identitätsnachweis" geführt war, d. h. der Nach- weis, daß es ausländisches Getreide war, das zur Aus- fuhr kam(z. B. amerikanischer Weizen, der nach der Schweiz verkauft wurde) oder, daß das ausgeführte Mehl aus aus- ländischem Getreide gemahlen war. Als bei Abschluß der Caprivischen Handelsverträge die Getreidezölle ermäßigt wurden, setzten es dann die Junker durch, daß der Jdentitäts- Nachweis aufgehoben wurde, d. h. daß für alles Getreide und Mehl, das ausgeführt wurde, der volle Zoll vergütet wird, gleichviel ob das Getreide fremder oder inländischer Herkunft ist. Die Zölle werden nicht bar rückerstattet, sondern es werden bei der Ausfuhr von Getreide und Mehl Scheine aus- gestellt, die von den Zollämtern als Zahlung angenommen werden für die zu errichtenden Zölle bei der Einfuhr, und zwar für Zölle auf Getreide, Mehl, Kaffee und Petroleum. Dabei wurden jedoch die Staffeltarife aufgehoben. Als dann durch den neuen Zolltarif die Getreidezölle wieder erhöht wurden, drückten es die Junker durch, daß das System der Einfuhrscheine bestehen blieb. Die Wirkung dieses Systems besteht nun darin, daß die Ausnützung des Zolles fast in voller Höhe bei jeder Konstellation des Marktes mög- lich ist. Würden keine Vergütungen auf inländisches Ge- treide gezahlt, so müßte sich folgendes ergeben: hat Deutsch- land eine reiche Ernte, während die Welternte eine Durch- schnittsernte ist, dann drückt das inländische Angebot auf den Markt, der Bedarf an fremdem Getreide wird geringer und der Preis wird in Deutschland wohl höher sein, als auf dem Weltmarkte, aber nicht um den vollen Betrag des Zolles höher: der Zoll kommt nicht voll zur Geltung. Nur wenn die einheimische Ernte gering ist, kann der Zoll voll ausgenützt werden, indem die einheimischen Produzenten dann bei dem geringen Angebot einen Preis erzielen, der um den vollen Zollbetrag über dem Weltmarktspreise steht. Anders bei dem System der Einfuhrscheine. Jetzt kann der Getreide- Händler das deutsche Getreide auf den ausländischen Markt bringen und kann zum Weltmarktspreise verkaufen, wobei er noch eine Ausfuhrprämie von 55 M. auf die Tonne Weizen und 59 M. auf die Tonne Roggen erhält. Je nach der Lage des Marktes wird diese Ausfuhrprämie voll oder nur teilweise zur Geltung kommen. Voll— dann, wenn auf den fremden Märkren die Ware knapp ist: nur teilweise � wenn viel Ware am Markte ist und der deutsche Exporteur die Konkur- reuten unterbieten muß. Er kann im letzten Falle z. B. Roggen, der auf dem Wasserwege aus Westpreußen nach Danzig ging um 1 9 M. b i l l i g e r in Kopenhagen anbieten, als der russische Exporteur und wird immer noch von den 59 M. Ausfuhrprämie 49 M. in der Tasche behalten. Daß eine Ausfuhrprämie besteht, ist gar keineFrage, es kann sich nur darum handeln, ob sie ganz den Agrariern zugute kommt, oder ob die Händler einen Teil davon wegschnappen. Einzelne Handelskammern sind sana- tische Anhänger des Systems der Einsuhrscheine, was darauf hinweist, daß die Händler ihren Rebbach dabei machen. Allein die Agrarier, besonders in Ostelbien, sind heute im hohen Grade unabhängig von den Händlern. Seit die Regierung kräftig die Bewegung zur Errichtung von Kornlagerhäusern unterstützt, sind die Produzenten nicht mehr auf den Kredit der Händler angewiesen, sondern sie können die Konjunktur voll ausnutzen und brauchen sich die Liebesgabe, die in der Ausfuhrprämie geboten ist, nicht kürzen zu lassen. Die Folgen für die Konsumenten sind klar: der Zoll kommt mit voller Wucht zur Geltung, der Getreide- preis bleibt hoch, selbst dann wenjr die Ernte in Deutschland günstig ausfällt. Die dies- jährigen Hungersnotpreise, die auf ein reiches Erntejahr folgen, haben es erwiesen. Zurzeit stehen wir vor einer Kalamität: die kommende Ernte wird in Deutschland knapp sein und wird außerdem sehr spät reifen. Da aber die Ausfuhr durch das toll? System der Einfuhrscheine ganz ungewöhnlich groß war, sind Vorräte nicht vorhanden. Vom 1. August 1998 bis Ende 1999 siyd 7 387 999 Doppelzentner Roggen ausgeführt worden, die jetzt dem Markte fehlen. Die geringen Mengen, die noch in den Zollagern, den Kornlagerhäusern und privaten Speichern vorhanden sind, reichen auf keinen Fall bis zur neuen Ernte aus, und deshalb wird unter allen Umständen der Mangel überaus fühlbar werden. Diese Kala- mität ist eine Folge der Liebesgabe an die Junker. Und nun beachte man eins: was soll in Deutsch- land im Kriegsfalle werden?— Der Mangel an Getreide ist augenblicklich ganz ungewöhnlich groß, aber es ist seit dem Bestehen der Einfuhrscheine der normale Zustand geworden, daß in Deutschland nur ganz verschwindende Vor- rate an Getreide lagern. Deutschland kann aber seinen Be- darf an Getreide nicht aus der einheimischen Landwirtschaft decken. Nach einer Statistik der„Allgemeinen Mühlenzeitung" wurden im Durchschnitt der Jahre 1892 bis 1996 in Deutsch land 9 126 377 Tonnen Roggen jährlich geerntet. Davon gehen ab für die Aussaat 1 931 987 Tonnen, es verbleiben für den Konsum also 8995 299 Tonnen, vermählen wurden jedoch 8552 936 Tonnen jährlich, und für Brennereizwecke wurden 196 575 Tonnen verbraucht, somit mußten durchschnittlich im Jahre 563 329 Tonnen eingeführt werden. Ausgeführt wurden 99 953 Tonnen Roggenmehl,, was einem Quantum von 132 439 Tonnen Roggen entspricht, somst ist für den inländr schen Bedarf eine Zufuhr von 239 899 Tonnen Roggen not wendig, wenn die gesamte einheimische Ernte im Lande bleibt. An Weizen waren gecrntet durchschnittlich 3595 894 Tonnen, was nach Abzug der Aussaat 3 279 691 Tonnen ergibt; ver mahlen wurden jedoch 4 915 647 Tonnen und für Brauerei zwecke wurden 26 657 Tonnen verbraucht, es mußten somit jährlich 1 762 613 Tonnen eingeführt werden, um den Bedarf zu decken Da die Ausfuhr von Weizenmehl die Einfuhr um 16 159 übertrifft, was einem Quantum von 22 889 Tonnen Weizen entspricht, so reduziert sich diese Zahl auf 1 749 733 Tonnen. Es muß Deutschland also, um den Bedarf der einheimischen Bevölkerung zu decken, jährlich rund 2 981 999 Tonnen Brotgetreide einführen, während die eigene Ernte — nach Abzug der Aussaat— 11 375 999 Tonnen ergibt; ein Sechstel des Bedarfs mutz durch die Zufuhr gedeckt werden. Me Regierung predigt beständig die Notwendigkeit der Kriegsbereitschaft und die Möglichkeit eines Krieges„nach zwei Fronten" wird bei den Rüstungen stets in Anschlag ge bracht. Man sollte also meinen, daß auch die Versorgung des Volkes mit Brotkorn als eine der durchaus notwendigen Matz nahmen für die Kriegsbereitschaft betrachtet werden muß. Zum mindesten müßte also dafür gesorgt sein, daß— außer dem er höhten Bedarf der Armee— diese 2 Millionen Tonnen Brot korn zur Ergänzung der einheimischen Ernte stets auf Lager sind. Davon ist aber keine Rede. Nicht nur wird kein fremdes Getreide aufgestapelt, sondern, es wird im Gegenteil auch die einheimische Ernte ausgeführt. Daß im Kriegsfalle die Zu fuhr zur See aufhören muß. steht seit langem fest. Keine Flotte der Welt ist imstande, den Handel zu schützen. Der Kapitän, der ein Getreideschiff nach dem Hafen eines im Kriege stehenden Landes führen will, riskiert Haut und Haare. — Ganz anders liegt die Sache z. B. in England. Wohl hat England einen noch größeren Bedarf an fremdem Brotkorn, denn dort deckt die einheimische Ernte einen noch geringeren Teil des Konsums als in Deutschland. Weil aber England den Freihandel hat. ist es zum Kornspeicher Europas ge- worden. In seinen Häfen lagern stets gewaltige Mengen Getreide, die im Kriegsfalle dem Lande zur Verfügung stehen. So haben die Junker, die den Patriotismus in Erbpacht haben und mit Hurra für den Militarismus eintreten, es glücklich dahin gebracht, daß im Kriegsfalle der Mangel an Getreide Deutschland wehrlos machen würde. Das deutsche Volk bricht unter der Last der Kriegsrüstungen zusammen, aber im Ernstfalle würde der Hunger diese Rüstungen wertlos machen. Wir haben erst kürzlich in Oesterreich gesehen, welche Folgen die Kriegsgefahr nach sich zieht: als die österr?ichisckie Armee gegen Serbien mobilisiert wurde, da konnte keine Rede davon sein, daß die Zufuhr von Getreide erschwert werden könnte, die Grenzen blieben offen: aber es genügte, daß die Proviantämter größere Mengen aufkauften, um eine Panik auf dem Markte zu erzeugen und die Preise sprungweise in die Höhe zu treiben. Wenn bei dem heutigen Stande des Marktes eine Mobilisierung des deutschen Heeres eintreten würde, so würde augenblicklich der schon jetzt abnorm hohe Preis zu phantastischer Höhe getrieben werden. Wir sagten, die Entblößung des deutschen Marktes von Getreide ist der normale Zustand geworden. Das kann auch gar nicht anders sein, so lange das System der Einfuhrscheine besteht. Die Noggenernte reift in Deutschland früher als in Rußland, und die mangelhaften Vcrkehrsniittel verursachen noch dazu, daß viel Zeit vergeht, ehe das russische Korn auf den Markt kommt. Deshalb besteht in den Herbstmonaten stets eine unbefriedigte Nachfrage nach Roggen in den skandi- oavischen Ländern. Md Ms ÄusfuhrprgWe ermöglicht es den deutschen Exporteuren, dies auszunutzen. Später, wenn Roggen von Rußland, Weizen aus Amerika nach Europa schwimmt, liegen die Händler beständig auf der Lauer: sie kombinieren die Preise auf den verschiedenen Märkten und wo irgend die Möglichkeit besteht, die Ausfuhrprämie aus- zunützen, dahin wird exportiert. Daher ist das Festhalten der Vorräte ganz unmöglich gemacht, der Markt lebt von der Hand in den Mund, es werden nur die Mengen eingeführt, die gerade erforderlich sind, um den augenblicklichen Bedarf zu decken. Dazu kommt noch eins: die Regierung verfolgt mit den Kornzöllen auch fiskalische Zwecke: sie sollen dazu beitragen, den Staatssäckel zu füllen; das System der Einfuhrscheins reduziert indessen die Einnahmen aus den Zöllen.— Nach den ofsiziellen Berichten in den„Monatlichen Nachweisen über den auswärtigen Handel" sind im Jahre 1996 rund 48 Millionen Mark Zollbeträge durch Anrechnung von Ausfuhrscheinen be- glichen worden, im Jahre 1997 rund 47 Millionen und im Jahre 1993 rund 99 Millionen Mark. Im laufenden Jahre sind in den ersten vier Monaten 34 Millionen beglichen gegen 23 Millionen in der gleichen Zeit des Vorjahres und 17 Mil- lionen im Jahre 1997.— Es klingt wie Spott und Hohn: die Rcichsregierung steht vor deni finanziellen Zu- sammenbruch und hier werden um 99«Millionen Mark in einem Jahre die Einnahmen aus den Zöllen gekürzt! Man ist auf der Suche nach neuen Einnahmequellen und hier werden 99 Millionen Mark an die Junker rückvergütet, damit sie durch Ausfuhr von Getreide den deutschen Markt von Getreide entblößen. Kann man sich eine tollere Wirtschaft denken? Die einzige Begründung, die für die Einfuhrscheine an- geführt werden kann, ist die: der Transport per Bahn aus den östlichen Provinzen, die einen Ueberschuß an Getreide haben, nach Mittel- und Westdeutschland, wo der Bedarf zu decken ist, ist zu teuer; daher ist es besser, statt das Getreide „spazieren zu fahren", den Ueberschuß des Ostens ins Aus- land abzustoßen und den Westen vom Auslande aus zu ver- sorgen. Bei voller Zollfreiheit ließe sich darüber reden, aber den Junkern Liebesgaben zahlen, dafür liegt kein Grund vor. Wenn wirklich die Transportkosten nicht gedeckt werden bei den Staffeltarifen, so würden die Zuschüsse, die die Eisen» bahnen beim Transport machen müssen, immer noch weniger ruinös wirken als die Ausfälle in den Zolleinnahmen. Aber es ist ja dem Uebel sehr einfach abzuhelfen, das Mittel heißt — Ausbau der Wasserstraßen! Man baue Kanäle, auf denen das Getreide aus dem Osten nach dem Westen schwimmen kann. Dann bliebe das Getreide im Lande, es würde nicht künstlich Mangel herbeigeführt.— Aber die Junker wollen sich nicht „mit dem Lausekanal vor den Bauch stoßen lassen", sie ziehen es vor, sich den nimniersatten Bauch mit Liebesgaben in Form von Ausfuhrprämien füllen zu lassen. Wir kommen zum Schluß: das System der Einfuhr- scheine bewirkt eine Verschärfung des Zolles und damit die Verteuerung des Getreides; es führt dazu, daß der Markt von Vorräten entblößt ist und deshalb in normalen Zeiten schon die Deckung des Bedarfes erschwert wird: im Falle eines Krieges führt es zu einer Katastrophe. Zurzeit sind die Getreidepreise zu abnormer H ö,h e gestiegen, während die Volksmassen infolge der Krise doppelt unter der Teuerung zu leiden haben. Die Lage wird verschlimmert, da eine Mißernte droht. An- gesichts dessen ist es ein niederträchtiges Ver- brechen, wenn auf Kosten des Volkes den Junkern Liebesgaben in Form der Einfuhrscheine ge- z a h l t w e r d e n. l � Fort mit den Einfuhrscheincnk' 500 liillllonen Crbfchaftslteumrtrag! In dem in einigen Monaten zur Ausgabe gelangenden Bande des von Geheiinrat Professor Schanz heraus- gegebenen„Finanz-Archiv" wird eine Arbeit von R. E. Mah veröffentlicht werden, deren Hauptergebnisse, in Anbetracht ihres Interesses für die Allgemeinheit schon jetzt bekannt gegeben werden. In dieser Arbeit berechnet May die Durchschnittsbelastung der Erbschaften in Deutschland, England und Frankreich und— was im Augenblick noch mehr inter- essieren dürfte— den Ertrag der deutschen Erb- schaften bei Anwendung der neuen englischen Nachlaß- und Erbschafts st euersätze". Der Ver- sasser kommt dabei zu folgendem Resultat: Bei Anwendung der neuen englischen Steuersätze auf die deutschen Erbschaften, würden dieselben ergeben: 1. An Nachlatz st euer 305 Millionen Mark(wenn nur die Vermögen über 20000 Mark herangezogen werden.nur" 290 Millionen). Der Aufschlag von 2 Proz. für fideikommissarisch festgelegte Vermögen ist in den 305 bezw. 290 Millionen noch nicht enthalten. 2. An Nachlatz- und Erbschaftssteuer zusammen 429 Millionen Mark, und wenn die Größe der Vermögen in der Mitte liegt zwischen MayS auf Basis der preußischen Er- gänzungSstcuerveranlagung ermittelten Zahlen und den 142 Mil- liarden, die Prof. Hans Delbrück berechnet hat. 500 Millionen Mark. Wäre die Nachlatzsteuer angenommen worden, so wären die deutschen Lerlassenschaften mit durchschnittlich 1,82 Proz. belastet worden, einschlicszlich der bisherigen Erbschastssteuern in den Bundesstaaten mit 2,59 Proz. Dagegen bedeuten die neuen Sätze der englischen Erbschaftssteuer eine Belastung von 9,36 Proz. England wird dann 5t0 Millionr» aus der Erbschaftssteuer ziehe». Eine Reichserbanfallstener, welche außer den bisherigen 40 Millionen(Reichs- und BundeSstaatzsteuern) noch 100 Millionen gebracht haben würde, würde die deutschen Erbschaften mit 3.3 Prozent belasten— rund»/« des französischen Satzes der Erbschaftsbelastung, rund ein Drittel der künftigen eng- lifchcn I � Die Resultate der Mahschen Untersuchungen sind Wohl geeignet, die Steuerscheu der Befitzenden in Deutsch- land ins rechte Licht zu setzen. Und auf diese Steucrscheu hat die Regierung noch zarte Rücksicht genommen, hat die Erbschafts- steucr zurückgezogen und eine Erbanfallstener vorgelegt, die eine bloße Karikatur eines wirklichen Erbschaftssteuergesetzes ist. Dafür hat sie neue„Ersatzsteuern" vorgeschlagen, die durch die Erschwerung des Verkehrs und unsinnige Belastungen wie die Besteuerung der Feuerversicherungen fast ebenso schädlich wirken wie die indirekten Steuern. Auch diese Untersuchung zeigt also schlagend, wie leicht eine Finanzrcform ausschließlich durch direkte, den Besitz nach seiner Leistungsfähigkeit gleich- mäßig treffende Steuern zu machen wäre, selbst wenn wirklich die Rcgierungsforderung einer halben Milliarde so gerechtfertigt wäre, wie sie ungerecht- fertigt ist. Diesen Weg hat die Sozialdemokratie vorgeschlagen, indem sie in der Finanzkommission beantragt hat, den Mehrbedarf durch eine Vermögens- Einkonimen- und Erbschafts st euer zu decken. Wenn dieser Weg nicht begangen wird, so trägt die Ver- antwortung dafür nicht die Undurchführbarkeit der sozial- demokratischen Vorschläge, sondern nur die S t e u e r s ch e u der besitzenden Klassen._______ IterfraS am Zentmstiirm. Die katholischen Arbeiter, soweit sie dem Zentrum noch treu sind, haben in der letzten Zeit wiederholt bekundet, daß sie nicht mehr gewillt sind, die geduldigen Schäfchen zu spielen, die keine eigene Meinung, keinen Widerspruch zu äußern wagen gegen das Machtgebot ihrer geistlichen und weltlichen Führer. Das Zentrum hat den katholischen Arbeitern gewisse Zugeständnisse machen müssen, cS hat Arbeitervertreter in dieParla- mente und Gemeindekollegien aufnehmen, es hat Arbeiter an der Leitung der Parteiorganisa- t i o n e n teilnehmen lassen und es hat den Arbeitern in den christlichen Gewerkschaften auch eine gewisse Selbständigkeit in der Wahrung ihrer wirtschaftlichen Interessen gewähren müssen. y Aber das Zentrum hätte seine ganze Natur umkehren müssen, wenn cS das anders als aus Not getan hätte, nur um die Arbeiter, die zu fordern und zu drohen begannen, zu beruhigen und durch geringe Zugeständnisse um ihr volles Recht, zu betrügen. Das Zentrum hat nie daran gedacht, die Gleichberechtigung der ihm folgenden Arbeiter grundsätzlich anzuerkennen und auch folgerichtig durchzuführen. Auch die geringen Zugeständnisse, die es seinem proletarischen Gefolge hat machen müssen, werden in weiten und einflußreichen Kreisen mit scheelen Augen betrachtet und man beeilt sich im ultramontanen Lager, den Arbeitern begreifilch zu machen. daß es mit dem Gewährten genug und daß man nicht gewillt ist, weiteren Forderungen nachzugeben. Mit besonderem Eifer tut sich in dieser Beziehung das wissenschaftliche Organ der Ultramontanen, die„Historisch-poli- tischen Blätter", hervor. Schon vor geraumer Zeit las das Blatt den katholischen Arbeitern, als ihre Führer auf der Jnter- nationalen christlichen Gewerkschaftskonfercnz sich gegen die Ein- Mischung der Bischöfe in ihre wirtschaftlichen Organisationen wandten, ob ihrer Unbescheidenheit den Text. Bei derselben Ge« legenheit(Oktober 1908) wandte sich das genannte Organ gegen eine unter den katholischen Arbeitern bemerkbare„gewisse Geschäftigkeit" auf politischem Gebiete, die„auch in arbeiterfreundlichen Kreisen schon manchmal Unbehagen hervor- gerufen hat". Gewiß sollten Arbeiter ins Parlament gewählt werdex, aber nicht weil sie Arbeiter, sondern weil sie tüchtige Volks- Vertreter seien. Und dann müsse der Kan?pf'um die Aufstellung von Arbeitern als Kandidaten nicht den Eindruck gewähren: der und der tritt für die Kandidatur eines Arbeiters ein, aber der Kandidat möchte er selber sein; solche Fälle habe eS gegeben. Im übrigen gibt der Artikel den katholischen Arbeitern den Rat, vor allen Dingen dafür zu sorgen, daß die Parteien und Fraktionen ihren Interessen dienen. Zum Schluß heißt es: „Wenn die führenden Geister in der Gewerkschaftsbewegung in der Organisation alles das tun wollen, was getan werden muß, dann haben nicht viele Zeit und Kraft genug, noch ein Abgeordneten mandat zu ver. sehen. Manche müssen es ja können, aber das andere geht vor. UebrigenS werden gut geleitete, wirtschaftlich starke und auf festem ethischen Grunde stehende Gewerkschaften ihre Jnter- essen im Parlament gewahrt sehen, einerlei ob von Parka- mentariern zwei Dutzend oder nur ein halbes Dutzend aus ihren Reihen hervorgegangen s i n d." Den katholischen Arbeitern wird hier klargemacht, daß sie sich mit den paar Mandätchen, die ihnen das Zentrum im Paria- ment bewilligt hat. begnügen sollen, daß die Führung.und Ver- tretung der Partei den Herren Grafen und Agrariern, den Prä- laten und Advokaten, nicht aber den Proletariern zukomme. Noch anmaßender kommt diese Anschauung zum Ausdruck in einem vor wenigen Wochen erschienenen Artikel der„Historisch-politischen Blätter", der anknüpft an die Vorgänge bei einigen Nachwahlen in bombensicheren Zentrumswahlkreisen, wo katholische Arbeiter gewagt hatten, gegen die feudalen Kandidaten ihrer Partei zu opponieren. ES wird gesagt, der K l a s s c n st a n d p u n k t dürfe nicht vorherrschend sein in einer Partei, die für alle Berufsstände ihr Bestes getan habe, für die Arbeiter nicht zuletzt. Die Arbeiter im allgemeinen wüßten das auch, und aus ihrer Gesamtheit heraus komme der Gedanke an derartige Meute» reien auch nicht; so etwas gehe durchweg von einem kleinen Kreise aus, in dem sich häufig genug der Kandidat, meist ein Beamter der Arbeiterschaft, selber befinde. Dann heißt es: „Nicht immer ist es pure Streberei, die diese Leute veranlaßt, sich v o rz u d r an ge n; sie sind meistens davon überzeugt, daß gerade sie der Partei notwendig sind, um den nötigen Schwung in die Sache zu bringen. Es sind in Berufsfragen einigermaßen beschlagene, im übrigen aber noch unfertige Elemente, die noch e b e»sowenig zum Politiker wie zum Arberterführer, wie sie sich gerne nennen hören, reif sind. Wrrklrch« Arbeiterführer haben wir erst wenige. Dazu gehört doch sehr viel mehr als einige agitatorische Beredsamkeit und eine gewisse Unentwcgtheit in Vertretung von Standesforderungen. Es gehört dazu in erster Linie eine ernst hafteerzieherische Arbeit an sich s e l b e r, ein Eindxjftgxn ifl die Ecknntnjs 2>|stse und ÄM ZusWDMMge.�'- � v- Unter der Führung solcher Männer, führt der Artikel kveiker aus, würden bewußte Disziplinlosigkeiten der Ar- b ei ter gegen eine so verdiente Partei wie das Zentrum nicht vorkommen. Aber gegenwärtig sei man noch nicht- so weit: „Manche die sich„Führer" nennen,„führen" nur in der Agitation, in der agitatorischen Standesvertretung, sie beherrschen die Massen moralisch keineswegs ganz. Ost genug unterlassen sie es sogar, Mißverständnisse über die Haltung der Partei auszuräumen; sie lassen die Unzufriedenheit um sich greifen, um durch den Hinweis auf die bc stehende Unzufriedenheit slich selbst mehr Einfluß auf die Partei zu sichern." Der Artikel warnt dann die„unfertigen Leute", sich «maßlos selb st zu überschätzen", und sich„bedeutend größeren Geistern als ebenbürtig an die Seite zu stellen". Es sei eine bekannte Tatsache, daß ein„Sekretär" von einigen zwanzig Jahren„viel prätentiöser" auftrete als der abgeklärte Führer von 40 oder 50 Jahren. Die„jungen Leute" müßten erzogen werden, man könne ihnen nicht ihre Erziehung ganz selbst überlassen, sonst hätten sie zuviel verdorben, ehe die nötige Reife eintrete. Anmaßender kann wohl nicht über die Angehörigen der eigenen Partei, über die ultramontanen Arbeiter gcurteilt werden, als es hier geschieht. Die Führer sind geschäftige Streber, unfertige Ele- mente, vorlaute junge Leute— als was mögen da erst die katho- lischen Arbeiter taxiert werden, die sich diese„Streber" und „Dummköpfe" als Führer gewählt haben? Wählen und Maul halten!— das ist im Grunde die einzige Aufgabe, die das Gefolge der Zentrumspolitiker zu erfüllen hat. So hatte sich die„West- deutsche Arbeiter-Zeitung" mehrfach mit dem Verhalten des Jen- trums gegenüber der Reichsfinanzreform beschäftigt und dabei das Zentrum gelinde kritisiert. Das müsse, so Meint der Artikel in den„Historisch-politischen Blättern", der„Autorität der Partei in der Arbeiterschaft direkt schaden". Die Steuerpolitik des Zentrums könne doch nicht in irgendeiner Redaktion gemacht werden, sie müsse gemacht werden von der Fraktion, dort wo die Faden zusammenlaufen, wo Gesichts- punkte bekannt, Aufschlüsse gegeben werden, von denen der einzelne keine Ahnung habe. So etwas sei Mauerfraß am Zen- t r u m s t u r m, der sich beseitigen lasse und beseitigt wer- den müsse. Nun wissen also die Arbeiter im Zentrum, was sie zu tun haben: sie sollen keine Ansprüche weiter machen auf vermehrten Einfluß in den Parlamenten, denn die Leute, die sie dafür vor- schlagen, ihre Führer, sind eigensüchtige Streber und unfertige Elemente, und im übrigen ist für die Arbeiter genügend durch die Agrarier und Unternehmer, durch die Geistlichen und Juristen ge- sorgt. Und sie sollen auch von außen nicht die Fraktionen zu bc- einflussen versuchen, denn die Politik wird nicht in den Redaktionen der Arbeiterblätter und in Proletarierversammlungen gemacht, da- für sind Leute vom Schlage der Spahn und Hertling da, die in die Geheimkünste des Kuhhandels eingeweiht sind. Zum Schluß sei das Geständnis festgenagelt, daß der Anspruch der katholischen Arbeiter auf das Recht einer selbständigen Mei- nung und auf Teilnahme am politischen Leben als„Mauer- fraß am Zentrumsturm" zu betrachten ist, mit anderen Worten: daß die Arbeiter im Zentrum sich mit der Rolle als Stimmvieh zu begnügen haben. politilcke Od? er H cht. Berlin, den 19. Juni 1909. Blockbegräbnis und Geschäftsordnnngsbrnch. Aus demNeichstag,19. Juni. Wenn eine Leichen- rede am offenen Grabe ein vollgültiger Beweis ist für den Tod, dann ist es nun wirklich aus mit dem Block. Einer der Väter dieser Mißgeburt, Herr v. P a y e r, hat ihr heute am Schluß der Finanzdebatte diese Leichenrede gehalten. Nicht einmal die Auferstehung traut er diesem„Lieblings- kind" des Kanzlers zu. Denn bezeichnend ist, daß der Führer der württembergischen Demokraten mit- einer Redewendung die Mitvaterschaft und damit die Mitverantwortlichkeit für die dahingeschiedene Mißgeburt ablehnen möchte. Immerhin betrachtete er den Block wohlwollend, um nicht den eigenen schweren Fehler einzugestehen, nur unter dem Gesichtswinkel, daß er eine angenehme Erinnerung und nützliche Lehren für die freisinnigen Blockbrüder hinterlasse. Nun, über den Ge- schmack läßt sich nicht streiten. Der„Erfolg" den Herr von Payer dem Block nachrechnet, daß er nämlich die Liberalen regierungsfähig gemacht und„von dem Vorwurf der Negatzion und Unfruchtbarkeit befreit" habe, ist tatsächlich die Schande des Liberalismus. Um regierungsfähig zu werden, hatte er seine Grundsätze aufgegeben und sich in Abhängigkeit von den Konservativen begeben. Sobald diese den liberalen Block- gchilfen nicht mehr brauchten, wurde er zur Tür hinausgesetzt wie ein.unfähiger Lakai. Der Liberalismus aber bleibt dauernd mit dem Makel dieser Vorgänge behaftet. Er wird nie mehr die Kraft gewinnen, wahrhaft liberale und demo- kratische Grundsätze ernstlich zu verfechten. Der neue Mehrheitsblock legte dann gleich nach der Verscharrung des alten eine Kraftprobe durch das beliebte Mittel des Geschäftsordnungsbruchs ab. Nachdem die Debatte über die Regierungsvorlagen gegen die Stimmen der Sozialdemokratie geschlossen war, wurden die Vorlagen der Finanzkommission überwiesen. Dann sollten nach dem Vorschlage des Präsidenten die von d e r K o m- Mission beschlossenen nemen Steuern gleich in zweiter Lesung auf die Tagesordnung kommen, trotz- dem sie eine e r st e Lesung im Hause überhaupt nicht pa-ssiert hatten. Darüber war es schon in der Kommission zu einem Zerwürfnis gekommen, das zum Auszug der Sozial- demokraten und Liberalen aus der Kommission geführt hatte. Im Verfolg dieser Vorkommnisse beantragte nunmehr Singer namens der Sozialdemokratie, diejenigen Kom- missionsbeschlüsse, die neue Steuern enthalten, von der Tagesordnung abzusetzen und sie später als Initiativanträge behandeln zu lassen. Bassermann brachte namens der Nationalliberalen einen Vermittelungs- antrag ein, der darauf hinauskam, daß die Kommissions- beschlllsse sofort als Anträge aus dem Hause in erster Lesung behandelt werden sollten. Nachdem Basserma'ttn aus den ReichstagSakten dar- getan hatte, daß bisher noch niemals entgegen dem Wider- spruch aus dem Hause von der Geschäftsordnung abgewichen sei. wie es für die Beratung dieser Kommissionsbeschlüsse verlangt werde, wies Singer klar und für jeden Denk- fähigen überzeugend nach, daß das von der Mehrheit be- liebte Verfahren in keiner Hinsicht sich durch die Bestimmungen der Geschäftsordnung rechtfertigen lasse. Der Vermittelungs- antrag Bassermann schaffe keineswegs alle Schwierigkeiten aus dem Wege und würde obendrein einen höchst bedenklichen Präzedenzfall abgeben. Der sozialdemokratische Antrag da- gegen ermögliche es, die Angelegenheit in völlig geschäfts- srfoMgsgeWflßex Mie zu eiMgen.. EiÄiioglM warnte Singer dann das Zentruw Und die Polen, sich von flfrÄt konservativen Mehrhcitskollegen nicht zu einer solchen Ver- gewaltigung der Geschäftsordnuug verleiten zu lassen. Ter Nutzen, der der Mehrheit daraus erwachse, die Vorlage ein paar Tage früher erledigen zu können, sei minimal, der Schaden aber unberechenbar. Fast während der ganzen Rede Singers gaben Konservative und Antisemiten durch lautes demonstratives Schwatzen zu erkennen, daß sie nicht nur die Geschäftsordnung, sondern auch jeden Anstand mit Füßen trampeln wollten. Zur Verteidigung der Geschäftsordnungs- Vergewaltigung nahmen Herr v. R i ch t h o f e n für die Kou- servativen, die Herren Spahn und Erzberger für das Zentrum das Wort. Sie stellten sich auf den Standpunkt, daß sowohl die Mehrheit einer Kommission wie des Plenums jederzeit sich über die Bestimmungen der Geschäfts- ordnung hinwegsetzen können. Das degradiert diese Geschäfts- ordnung des Parlaments einfach zu einer stilistischen Uebung ohne zwingende Kraft. Für die Freisinnigen trat Herr Müller- Meiningen dem nachdrücklich entgegen, indem er sich gleichzeitig in e r st e r Reihe für den Antrag Singer, in zweiter für den Antrag Bassermann aussprach. Sogar Herr v. G a m p erklärte im Namen der Mehrheit der Frei- konservativen, daß sie die Geschäftsordnungsvergewaltigung nicht mitmachen und wenigstens für den Antrag Bassermann stimmen wollten. Genosse Geyer schilderte die Vorgänge in der Kommission und brandmarkte es, daß die Mehrheit „Macht geht vor Recht" zu ihrem leitenden Grundsatz mache. In der Abstimmung wurde zunächst der Antrag Singer gegen Sozialdemokraten und Freisinnige, dann aber auch der Antrag Bassermann, für den noch die Nationalliberalen und die Mehrheit der Freikonservativen stimmten, mit großer Mehrheit abgelehnt. Damit war die Vergewalti- gung perfekt. Dann wurde gemäß diesem Beschluß die Beratung der SteueraufWertpapiere eröffnet, aber nach einer kurzen Rede des Nationalliberalen Weber auf Montag vertagt._ Zur Lage. Politisch sind die Debatten des Reichstage? bisher völlig er- gebniSlvS gewesen. Vorläufig läßt sich wenigstens noch nicht das geringste Anzeichen einer Annäherung der Blockparteien erkennen. Die Opposition des Zentrums und besonders der Konservative:: gegen die Regierung aber ist durch das Massenauftreten der Minister eher noch bestärkt worden. Insbesondere scheint das Eintreten des Herrn v. Rheinbaben die Konserpativen, die sich bisher unbedingt auf ihn verlassen zu kömien glaubten, sehr verschnupft zu haben. Die„Deutsche Tagesztg." führt sogar die Meinung»- änderung des Ministers, der heute für die Erbanfallsteuer eintrete. deren entschiedener Gegner er früher war, als den treffendsten Be- weis dafür an, daß eS kein Sicherungsmittel gegen künftige Erhöhung der Erbschaftssteuer geben könnte und in eingehenden staatsrechtlichen Auseinandersetzungen sucht sie den Freikonservativen zu beweisen, daß eS auch keine verfassungsmäßigen Garantien gegen künstige Erhöhungen geben könne. Deswegen könne eS für die Konservativen nur heißen: prinoipiis obsta. Dabei hat die.Deutsche Tagesztg." mit ihrer Ahnung natürlich nicht so unrecht, nur daß wir meinen, daß eine auSgiebige Erbschaftssteuer kommen wird ganz gleich, ob die jetzige ganz un- genügende Regierungsvorlage angenommen wird oder nicht. Die„D. Tagesztg." bezeichnet als Resultat der bisherigen Debatte, daß„unsere Ueberzeugung neu gefestigt und gestärkt worden ist, daß wir uns auf dem richtigen Wege' befinden." Kein Wunder, daß die Bülowiten von großer Sorge erfüllt sind. Der OsfiziosuS der„Frankfurter Ztg." findet: „Reden machen eS nicht mehr, die kommen zu spät, und es herrscht auf allen Seiten das Bedürfnis, möglichst bald zu der entscheidenden Abstimmung zu kommen, die den Kern der ganzen Situation bildet, nämlich ob es noch gelingt, eine Mehrheit auf die Erbnachlaß st euervorlage der Regierung' zu vereinigen, worauf dann ohne weitere allzu große Schwierigketten wahrscheinlich der ganze Rest der Finanzvorlagen mit«cchsclnden Mehr heitca zustande käme. Fände sich für die Erbschaft?- steucr keine Mehrheit und können also die Liberalen an der Finanzrefonn überhaupt nicht mehr mittvirken. dann ist zwar noch nicht mit Sicherheit zu sagen, was die ver- bündeten Regierungen tun werden und was sie sich in der Finanz- not des Reiches eventuell aufdrängen lassen. Daß aber Fürst Bülow dann nicht mehr mitmacht, sondern den Kaiser von der Opportunität seines Rücktritts überzeugen wird, ist nach seiner Rede von vorgestern nicht mehr zweifelhaft. Wer eS anders glaubt, hat ihn nicht verstanden." Was uns an diesen Auslassungen interessiert, ist natürlich weniger daS Geschick BülowS als der feine Plan, die Finanzrcform mit wechselnden� Mehrheiten zustande zu bringen. Würde sich eine Mehrheit für den Torso einer Erbschaftssteuer zusammenfinden. so würden sich dann, meint Herr Stein, die indirekten Steuern leicht machen lassen, indem sich bald die Liberalen von Zentrum und Konservativen überstimmen ließen, bald umgekehrt. Nach diesem sauberen Plan sollen also die 6V Millionen Besitzsteuer nur der Vorspann sein für die 450 Millionen indirekter oder Verkehrs- steuern. Wir möchten da nur die Frage aufwerfen, wie das mit der redaktionellen Stellungnahme der„Franks. Ztg." überein- stimmt, die die Finanzrcform für ein unteilbares Ganzes erklärt hat und die Teilnahme an dieser Reform, die zu neun Zehnteln agrarisch ist, für den Liberalismus als ausgeschlossen be- zeichnet hat. Aber bei der«Fraukf. Ztg." find wir schon längst die doppelte Buchssührung gewöhnt. Was uns aber als daS bedeutungsvollste Resultat der Debatten der letzten Tage erscheint, ist dies: Wieder ist eS klar geworden, daß der Kampf gegen die Herrschaft der Konser- vativen und Klerikalen im Reiche nur durchgeführt werden kann in der Form des Kampfes um daS Wahlrecht in Preußen. Die preußische Wahlrechtsfrage ist die wichtigste Reichsfrage, und ohne Sieg der Demokratie in Preußen ist auch im Reich kein Fortschritt möglich. Die Konservative» selbst haben die preußische Frage jetzt im Reiche gestellt, und an dem deutschen Volke ist es, sie zu beantworten. Der Kampf um die Reichsfinanzreform muß vervollständigt werden durch den Karnpf�um das gleiche Recht in Preußen. Ter Rückgang der Neichseinnahmett. Nach der endgültigen Zusammenstellung der hauptsachlichsten Einnahmen des Reiches haben sich die Verhältnisse ein wenig bester gestaltet als aus der vorläufigen Ueb�rstcht zu ersehen war. ES find 14 Millionen Mark mehr eingegangen als die vorläufige Zufamnienstellung erkennen ließ. An dieser Steige- rung vornehmlich beteiligt sind die Zölle mit 4,82, der Lotterielos- stcmpel mit 8,45, die Brausteuer mit 2,99, die Maischbottichsteuer mit 2,30, die Erbschaftssteuer mit 0,82 und der Personenfahrkartcn- stempcl mit 0,81 Millionen Mark. Trotz dieser Zunahme hat der Ausfall der Einnahmen gegenüber dem Etats- ansatz noch über 1K5 Millionen Mark betragen. An diesem Manko sind allein die Zölle mit 121 Millionen Mark beteiligt, da sie nur 545,96 Millionen Mark eingebracht haben, während der Etat eine Einnahme von 6C6,97 Millionen vorsieht. Den zweitgrößten Ausfall hat die Post- und Tele- graphenverwaltung aufzuweisen, aus der nur 623.38 Millionen eingekommen sind gegen 644,15 Millionen Mark im Etatsanschlag, also 20,77 Millionen Mark zu wenig. Dann folgt die Erbschaftssteuer, die statt der erhofften 42 Millionen Mark nur 30,08 Millionen Mark ergeben hat, so dasi der Ausfall fast 12 Millionen SWark beträgt. Ferner liegt die Einnahme unter dem Etatssoll bei der Reichseisenbahn um 9,05, beim Pcrsonenfahrkartenstempel um 5,06, bei der Brausteucr um 4,22, bei der Verbrauchsabgabe von Branntwein 2,62, bei der Tantiemesteuer um 2,53, beim Frachturkundenstempel um 1,57, bei der Börsensteuer um 1,30(wobei 1,01 Millionen Mark auf den Kaufstempel entfallen), bei der Tabaksteuer um 0,43 und beim Automobilstcmpel um 0,93 Millionen Mark. Im ganzen betrugen hiernach der Ausfall 150,80 Millionen Mark, denen Mehreinnahmen ans einzelnen Steuern in Höhe von 15,19 Millionen Mark gegenüberstehen. Den größten Ueberschuß hat die Maischbottichsteuer ergeben, aus der 13,03 Millionen Mark cmgckommen find, während der Etat nur 8,60 Millionen Mark vorhersieht, dann folgen der Stempel von Privat- totterien mit einem Mehr über den Etatsanschlag von 2,87 Mill. Mark. die Zuckersteuer mit 2,65, die Brennsteucr mit 2,47, die Zigaretten- steuer mit 1,29, die Salzsteucr mit 0,50, die Wechselftempelsteuer mit 0,45, die Spiclkartenstcuer mit 0,23, der Staatslotterielosstempel mit 0,21, die Schaumweinsteuer mit 0,03 und die statistische Gebühr mit 0,01 Million. Abgesehen von den Zöllen und Einnahmen der Verkehrsinstitute find es also hauptsächlich wieder die sogenannten neuen Steuern, die trotz ihrer zum Teil sehr wesentlichen Herab- sctzung im Etatsanschlag epien Ausfall ergeben haben. Dieser Aus- fall beträgt nahezu 20 Millionen. Die entrüstete Handelskammer. Die Berliner Handelskammer hat dem Reichstage folgenden Protest gegen die Steucrpläne übersandt: .Die Handelskammer zu Berlin' erhebt entschiedenen Wider- spruch gegen alle Bestrebungen ans einseitige Belastung des gewerblichen Lebens zur Deckung des ReichsbedarfS. Sie hält deshalb die in allen Kreisen von Handel und In« d u st r i e herrschende E n t r n ft n n g über die Beschlüsse der Finanz- kommission des Reichstages, die auf eine geradezu unerträgliche lleberbürdung dieser Er Iverbs stände zugunsten der völligen Entlastung des Besitzes hinauslaufen, für durchaus be- rechtigt. Sie muß sich aber auch gegen die von den verbündeten ' Regierungen vorgeschlagenen sogenannten E rs a tz st e n e rn, ohne zunächst auf deren Einzelheiten einzugehen, grundsätzlich aussprechen, insofern sie als S o n d e r st e u e rn den Verkehr, namentlich den kaufmännischen Verkehr, treffen, und lediglich einzelne Besitzobjelte erfassen, die für den Gesamtbesitz de» Inhabers keinen Maßstab bilden. Die Kammer richtet an die gesetzgebenden Körperschaften das dringende Ersuchen, an der ursprünglich in Aussicht genommenen Verteilung der Last auf Besitz und Verbrauch festzuhalren, statt das Erwerbs- leben mit einer Vielheit kleinlicher und lästiger Stenern zu be- unruhigen und zu schädigen." Die Herren protestieren also sehr energisch gegen die Steuern, die sie selbst treffen. Daß aber den Besitzlosen 400 Mill.-indirekter Steuern aufgebürdet werdeir sollen, halten sie für selbstverständlich. Sydow will's nicht gewesen fei». Vor einigen Tagen haben wir die Meldung der„Königsberger Sartungschen Zeitung" wiedergegeben, daß Reichsschatzsekretär Shdow der ccigcntliche Vater der Parfüm st euer sei. Lssiziös wird jetzt erklärt, daß das ReichSschatzamt weder direkt noch indirekt die Besteuerung der Parsümerien gefordert, noch jemals»das Augenmerk auf sie gerichtet" habe. „Aus einer sozialdcinokratischcu Lrtskrnnkcukassc." Unter dieser viclverheißendcn Ueberschrift bringt die auf dem Niveau des RcichSvcrbandcs stehende Presse— u. a. die„Deutsche Tageszeitung", die„Berliner Neuesten Nachrichten", die„Tägliche Rundschau"— eine Notiz, in dcv' von einer fürchterlichen Miß- Wirtschaft in der Ortskrankenkasse von S ch ö n e b e r g ge- fabelt wird. Die unter sozialdemokratischer Leitung stehende Kasse fei eine VcrsorgungSanstalt für Genossen, habe unerhört hohe Ver- waltungskosten und befinde sich deshalb seit Jahren in schlimmsten finanziellen Nöten. Dazu wird uns von unterrichteter Seite geschrieben: Ter Geschäftsbericht der Schonebcrger Ortskrankenkaffe ist von dem Schreiber der Notiz gar nicht gelesen worden oder ihm geht das Verständnis für derartige Berichte ab. Sonst müßte er wissen, daß, seitdem die organisierte Arbeiterschaft an dem Ausbau der Kaffe mit tätig ist, ein langsames Aufsteigen zu bemerken ist, so daß die Kasse dank ihrer Venoaltung mit an der Spitze aller Kassen marschiert. Es wurde ein eigenes Haus geschaffen, auch verschiedene Besserungen wurden eingeführt und die Leistungen erhöht. Der Reservefonds betrug 1904 ungefähr 74 875,56 M; im Jahre 1906 stieg er auf 252 156,73 W., im Jahre 1007 auf 253 804,51 M.. und im Jahre 1908 betrug er 291 605,94 M. Trotz. dem die Jahre 1996 und 1907 Krisenjahre waren, die Kasse alio außerordentlich in Anspruch genommen wurde, konnten dem Reservefonds doch noch Gelder überwiesen werden. Das Eintritts- geld wurde aufgehoben. Die Leistungen wurden wesentlich erhöht durch Schaffung der HauSpflege, Erhöhung der Unterstützung für die A n g e h ö r i g e n der in Krankenhäusern behandelten Mit- glieder auf zwei Drittel dcS täglichen Krankengeldes, Zahlung eines Taschengeldes für die in Krankenhäusern behandelten ledigen Mitglieder der 5iasse, Gewährung von Schwangeren- Unterstützung neben der Wöchnerinnenunterstützung, Uebernahme eines Teils der Kosten für die Hebammcndienste, Familienunterstützung dergestalt, daß Angehörige von Mitgliedern in geeigneten Fällen auf Kosten der Kaffe Kur und Verpflegung in einem Kranienhause erhalten, außerdem erhalten Mitglieder einen Teil der Beerdigungskosten für Angehörige ersetzt. Außerordentlich in Betracht kommen die Aufwendungen für die in Wald- erholungS statten verpflegten Mitglieder; die Kosten be- trugen in den letzten fünf Jahren 70 716,57 M.. für die Heim- stätte in Sternberg wurden 11 972 M. verausgabt. An Aufwen- düngen für die in Anstalten, Krankcnbäusern befindlichen Mit- glieder marschiert die Schöneberger Kasse an der Spitze. Für Arznei und Heilmittel wurden im letzte� Jahre 6,66 M. pro Kopf verausgabt. Die gesamten deutschen Krankenkassen verausgabten 1903 im Jahre durchschnittlich pro Kopf 2.38 M. für die Versicherten. Daß bei derartigen Leistungen die Beiträge erhöht werden mußten, ist für jeden denkenden Menschen klar. Das Personal der Kasse ist keineswegs sehr zahlreich, auf jeden Beamten kommen annähernd 800 Versicherte. Nach allgemeinen Regeln sollen nur 600 Versicherte auf einen Beamten gerechnet werden. Die Beamten erhalten Gehalt nach dem gewerkschaftlichen Tarif. So wie die Beamten, haben auch die Aerzte ihren Tarif mit der Kasse ab- geschloffen, der mit jedem Jahre eine Steigerung vorsieht und dem- nächst wieder erhöht werden muß. Augenblicklich beträgt das Honorar 4,11 M. pro Kopf der Versicherten. Die Unter- nehm er, die angeblich machtlos dastehen sollen, stimmen in den meisten Fragen mit den Arbeitern im Vorstand überein. Gerade die Unternehmer waren eS, die, sobald sich die Notwendigkeit herausstellte, die Einstellung neuer Beamten empfahlen. Alles das und noch vielmehr steht in dem Geschäftsbericht der Kaffe.� Ob die Blätter, die die Sudelei gebracht haben, sich nun um ein Exemplar dieses Berichts bemühen werden? Wie Insubordinationen entstehen, da? zeigte wieder einmal eine Verhandlung vor dem Dresdener Kriegsgericht. Wege» Gehorsamsverweigerung und SchtungS- Verletzung war der Kanonier Wünsche vom 64. Artillerie- rcgirnent angeklagt. Als die Mannschaften eines Nachmittags frei hatten, kam ein ganz junger Unteroffizier in die Stube und befahl dem Angeklagten, ohne dazu beauftragt zu sein oder einen vernünftigen Grund zu haben, also aus rein st er Schikane, den Schrank auszuräumcni Wünsche kam diesem Befehl nach. Dem Unteroffizier ging die Sache angeblich zu langsam, er griff selbst zu und warf die Sachen in die Stube. Darob wurde der Angeklagte unwillig. Er ließ es sich merken, worauf der Unteroffizier erwiderte:„Ich werde Sie schon noch klein kriegen I" Gleich darauf befahl er denn auch dem Angeklagten, die mit Stroh gefüllten Packtaschen in der Stube zu leeren. Auch dieser Befehl war reine Schikane. Solche Arbeit wird stets nur im Stalle verrichtet. Wünsche kam dem Befehl nicht nach. Bor Gericht gab er an, er sei schikaniert und durch die Aeußcrung des Unteroffiziers gereizt worden. Die Beweisaufnahme bestätigte, daß der Unteroffizier bei dem Vorfall nicht einwandsfrei und korrekt gehandelt hat. Vom Verhandlungsführer wurde der An- geklagte darauf hingewiesen, daß möglicherweise der§ 98 des Militärstrafgesetzbuches(durch vorschriftswidrige Be- Handlung zur Tat gereizt) in Frage kommen könne. Selbst der Anklagevertreter stellte die Anwendung des§ 93 in das Ermessen des Gerichts. Das Gericht indes versagte dem Angeklagten den Schutz deS § 98 und verurteilte ihn zu der gesetzlichen Mindeststrafe von vier- zehn Tagen strengem Arrest. Die Richter haben zwar angenommen, daß der Unteroffizier nicht einwandsfrei und korrekt verfahren sei, nicht aber, daß der Angeklagte vorschriftswidrig be- handelt worden ist I!_ Die dentsch-ostafrikanische Zentralbahn. Nach einer tclcgraphischen Meldung des Gouverneurs von Deutsch-Ostafrika ist' der Bau der Bahn Dar es Salam— Tabora am 17. Juni bis K i l o s s a fertiggestellt worden. Damit ist ein Drittel der gesamten 900 Kilomeier langen Zentralbahn Dar es Salam— Tabora fertiggestellt. Die Bauzeit für die Strecke Morogoro— Kilossa betrug ungefähr 1 Jahr; der Weiterbau nach Mpapua— Kiliinalinde ist sofort in Angriff genommen worden. -frankreick. Der Streik der Seeleute. Marseille, 19. Juni. Die Compagnie transatlantique ließ zur Bemamiung eines nach Tunis bestimmten Postdampfers Seeleute auS Le Havre kommen. Kaum hatten sich dieselben aber an Bord begeben, als sie infolge der Mitteilung, daß der Ausstand der eingeschriebenen S e e l e u t e von Marseille noch nicht beendet sei. das Schiff wieder Verlasien wollten. Die Polizei suchte sie daran zu verhindern. Ter Streikausschuß wandte sich darauf an den Präfektcn, der den Befehl erteilte, die Leute ziehen zu lassen. Neue Mastregeluuge«. Paris, 19. Juni. Jaurss schreibt in der„Humanitö", daß die Negierung sich vorbereite, über 200 Postbeamte zu maßregeln. Es handelt sich um Zurücksetzungen und Versetzungen zahlreicher Beamten. Durch diese Zurück- stellungen verlieren die Beamten acht bis neun Monate in ihrer Beförderung. Innres fügte hinzu, daß dietzMinister, von verschiedenen Abgeordneten hierüber befragt, die Tatsache nicht dementierten und hierüber nur Vorbehalte machten über den Umfang der Maßregeln. Lelgien. Ei« Ruffeuprozest. Grat, 19. Juni. Das hiesige Schwurgericht verurteilte den russischen Terroristen(?) Abraham Ha rienst ein. der bei seiner Verhaftung am 15. Februar zwei Polizisten getötet hatte. nach viertägiger Verhandlung zu lebenslänglicher Zwangs- arbeit. Snglancl. Die Arbeiterfraktion und der Zarenbesuch. Londou, 17. Juni.(Eig. Bcr.) Die Arbeiter- f r a k t i o n veröffentlichte gestern folgende Resolution, die sie in einer besonderen Sitzung vor einer Woche angenommen hatte: „Diese Versammlung der Arbeiterfraktion protestiert nachdrücklich dagegen, daß der B e s u ch des Z a r e n in diesem Lande von der britischen Regierung offiziell anerkannt wird, da mit Autorität und ausdrücklicher Billigung deS Zaren ein Volk, das verfassungsmäßig für politische Freiheit läinpst. mit schrecklicher Grausamkeit behandelt wird/' London, 19. Juni.(Privatdcpcsche deS«Vorwärts".) Die Arbeiterfraktion beschloß gegen die Schande des Zaren- besuchS Massenkundgebungen zu veranstalten. Es sollen Straßendemonstrationen und Aufzüge' am Trafalger-Square und im Hydepar! unternommen werden. Die Vorlage über Arbeitsnachweise. London, 17. Juni.(Eig. B-r.) Bei der zweiten Lesung der Vorlage über staatliche Arbeitsnachweise ergriffen mehrere Arbeitervertreter das Wort, um die Stellung der Arbeiterpartei zu dieser Vorlage zu präzisieren. Der erst vor wenigen Monaten ge- wählte Arbeiterabgeordncte für Attercliffe(Pointer) sagte in einer längeren Jungfernrede, daß die staatlichen Arbeitsnachweise wohl ihr Gutes haben, und er habe in Berlin die Vorteile ähnlicher Institutionen beobachten können, allein eine Milderung der Arbeitslosigkeit könne dadurch nicht erzielt werden. Pointer meinte, eine Annahme der Vorlage werde zu weiteren Reformen führen müssen, besonders a bcr z, einer erheb- lichen gesetzlichen Einschränkung der Ueberstunden- arbeit, die einen großen Teil der Arbeitslosen wieder in Be- schäftigung bringen könnte, sowie die Einführung de« Acht- st u n d e n t a g e s. Rechnet man, daß die 7 Millionen industrieller Arbeiter Großbritanniens im Durchschnitt 9 Stunden täglich be- schäftigt seien, so würde die Herabsetzung dieser Arbeitszeit auf 3 Stunden mindestens 500 000 Arbeitslosen zum Wiedereintritt in die aktive Arbeiterarmee verhelfen. Derartige Maßregeln werde» um so notwendiger sein, je mehr die Regierung an die Regulierung de» ArbeitsmarkleS herangehen werde. Der Arbeiterabgeordnete G. Roberts(Buchdrucker) erklärte: „... Ich hoffe, daß diese Vorlage nicht isoliert bleiben werde, sonder» daß sie den Zweck habe, eine umfassende Gesetzgebung be- treffend Arbeitslosigkeit einzuleiten. Arbeitsnachweise können nur den Stellensucheuden Zeit und Spesen ersparen, aber sie können keine Arbeitsgelegenheit schaffen. Sie werden zur Lösung der Arbeitslosenfrage nichts beitragen, außer wenn der Staat sich entschließt, die legislative Maschinerie so zu benutzen, um daS Privateigentum an den Produktions« mittel» durch den gemeinschaftlichen Besitz zu ersetzen." Die Arveiteravgeordneten C l y n e S und C r o o k S äußerten sich in ähnlichem Sinne und suchten besonders die Anwendung von Ge- werljchastSprinzipien bei den Arbeitsnachweisen zu sichern. Wieder eine Flottenrede. London, 13. Juni. Der Erste Lord der Admiralität Mac N e n n a hielt heute in Middlcton(Lancastcr) eine Rede, in der er in bezug auf die Flotte sagt-, die Regierung habe sich drei Jahre hindurch bemüht, eine Verringerung der Rüstungen in die Wege zu leiten, aber andere Nationen seien dem Beispiele nicht ge- folgt. Infolgedessen könnten selbst die zuversichtlichsten Leute nicht umhin, anzuerketinen, daß gegenwärtig Hoffnungen auf eine Begrenzung der Flotte»Programme grund- los seien. Die Regierung gebe ihr Geld lieber für soziale Reformen aus als für Schiffe; aber es werde weder aufgehört werden, für die äußere Sicherheit zu sorgen, noch für innere Reformen. Was die jetzige Besteuerung angehe, so sei sie nicht von verderblicher Wirkung, denn sie nehme auf die Kräfte des Landes Rücksicht.— KiilUand. Der Sieg über das Holzschiff. London, 19. Juni. Wie die„Times" auS Petersburg erfahren, hat der englische Botschafter bei der russischen Rc- gierung in aller Form E i n s p r u ck erhoben gegen die Beschießung des englischen Dampfers„Woodburn". Die russische Regierung ivird ihre Entschuldigungen machen. Von russischer Seite wird der Zwischenfall mit dem englischen Dampfer„Woodburn" auf ein bedauernswertes Miß- Verständnis zurüagesührt. Der Streik der Straßenbahner. Petersburg, 19. Juni. Der Ausstand der Straßen- bahner ist beendet. Dieselben haben unter den früheren Bedingungen die Arbeit wieder aufgenommen. CilrUeu Die Krctafrage. Konstantinopel, 19. Juni. Deputiertenkammer. Auf eine Interpellation betreffs der Kretafrage erklärte der Minister des Aeußeren, das Kabinett teile den Wunsch der Kammer, die Rechte der Türkei auf Kreta zu schützen, es habe alle not- wendigen Maßnahmen getroffen, die Türkei werde sich als Freundin des Friedens bewähren, sollte sie aber angegriffen werden, so werde sie ihre Rechte kraftvoll verteidigen. Da über die Frage der Truppenzurückziehun� gegenwärtig verhandelt werde, so könne der Minister hierüber keine Details mitteilen. Keine Macht bestreite der Türkei übrigens ihre legitimen Rechte auf Kreta. Die musel- männischen Redner erklärten, alle Ottomanen würden f ü r Kreta ihr Leben opfern. Der Kammer genügten die Auf- klärungen der Regierung und sie nahm eine patriotische Re- solution an. Perllen. Ein Protest der sozialdemokratischen Dumafraktion. Ende November des vorigen Jahres hatten die Sozialdemo» kratcn eine Interpellation über die Hcnkertätigkeit des Kosaken- obersten L j a ch o w in Persicn in der Duma eingebracht. Die Dringlichkeit wurde natürlich von den Regierungsparteien ver- warfen, und die Interpellation wurde wie fast alle sozialdemo- kratischen Interpellationen in der Duma, in der Kommission be» graben. Nun brachten die Sozialdemokraten am Tage vor dem Schluß der Session eine Erklärung ein, in welcher die Besprechung dieser Interpellation am folgenden Tag verlangt wurde. Genosse Pokrowski protestierte gegen die Verschleppungspolitit der Duma. Wir protestieren zugleich, so schloß er, gegen die Rolle des Gendarmen, die die russische Regierung gegenüber dem persischen Volke übernommen hat. . Wie nicht anders zu erwarten war, wurde der sozialdemokra» tische Antrag von der Majorität der Duma glatt abgelehnt. Die Duma, die sich während der verflossenen Session so oft ins Gesicht gespuckt hat, hat auch diese Gelegenheit benutzt, um ihre Solidarität mit der infamen Gewalt- und Raubpolitik des Zaren vor aller Welt zu bekunden, Hus der Partei. SU den Gclbsammlnngen der Genossin Mündt für die M." Leider komme ich auS rein persönlichen Gründen erst jetzt zur Erledigung dieser leidigen Angelegenheit, wofür ich insbesondere Genossen Bebel um Entschuldigung bitte. Ganz kurz vor Beginn des Parteitages von 1905 kam Genossin Mündt zu mir, empfohlen durch einen hiesigen älteren Genossen. Sie trug mir eingehend die Geschäftslage der„S. M." vor und nannte mir eine beträchtliche Summe, wenn ich mich noch richtig erinnere: 1000 M.. mit der sie Frankfurt eingeschätzt habe. Es war auch von anderen Städten die Rede, aber das gehört nicht hierher. Nach der Angabe des empfehlenden Genossen habe ich Verbindungen in gebebereiten, bemittelten Kreisen, und sie bat inich deshalb, ihr kräftig zur Seite zu stehen. Zunächst teilte ich der Genossin mit, daß ich durchaus nicht immer mit der Haltung der„S. M." einverstanden, allerdings— damals— auch kein so scharfer Gegner wie mancher andere sei. Ich glaube es ganz gut mit meinem Prinzip vereinigen zu können, für die„S. M." als wissenschaftliches Unternehmen in gewünschtem Sinne tätig zu sein. Allerdings sei es selbstverständlich, daß solche Beträge, um die es sich hier handelt, nur zum allerkleinsten Teil von Parteigenossen kommen könnten, sondern ich müsse mich an Leute wenden, die wohl ein sehr weitgehendes sozialpolitisches �Verständnis und soziales Pflichtgefühl haben, aber für eine ausgesprochen sozialistische Pro- pagauda kein Geld gäben, in diesem Fall aber des wissenschaftlichen Charakters wegen wohl zu haben seien; einige von ihnen seien auch Leser der„S. M.". Adressen erhielt Genossin Mündt von mir gar keine, andererseits glaubte ich, ihr bis zu 500 M. verschaffen zu können. Ich will hier vorwegnehmen, daß ich sehr rasch in der Lage war, über bis zu 300. M. verfügen zu können, daß ich aber das Geld dann nicht erhob und zur Absendung brachte. Nach einer Rücksprache mit dem schon erwähnten Genossen erfuhr ich dann, daß die Genossin Mündt im Besitz einer ziemlich um» fangreichen Liste hiesiger reicher Leute war und teilweise schon Gebrauch davon gemacht hatte. DaS machte mich stutzig, um so mehr, als Namen darunter waren, von deren Trägern mir auch nicht die allermindeste sozia- listenfrcundliche Gesinnung bekannt war. Zu den Herren, die ich angehen wollte, gehörten auch die Herren Hall- garten und Stadtrat Flesch. Als ich nun bei Gelegenheit einer sonstigen gemeinsamen VcreinStätigkeit die Sache zur Sprache brachte, empfingen mich beide Herren mit einem so eigentümlichen Lachen, daß ich mir sofort sagte, ehe nur ein Wort gefallen war: Aha, hier war die Genossin auch schon. Hallgarten sagte dann in fröhlicher Stimmung:„Die Dame scheint ganz gut orientiert zu sein und eine lebhafte Tätigkeit in Frankfurt entwickelt zu haben, ich habe übrigens einen Betrag überwiesen." Stadtrat Flesch äußerte sich, meiner Erinnerung nach, nicht weiter zur Sache. Sie war dann auch zwischen uns Dreien, bis auf die zollfreien Gedanken, erledigt. Genossin Mündt hatte mir bei ihrem Besuch nahegelegt, eS sei ihr lieb, wenn sie daS etwa von mir gesammelte Geld nach Be- cndigung des Parteitages in Empfang nehmen könne. Später aber bat sie mich brieflich, das Geld nach Berlin zu senden, und da ich dies, wie schon ausgeführt, unterließ, so kam sie nach einiger Zeit nochmals vcrsönlich. Bei diesem zweiten Besuch hat die Ge- uossin icaenfalls bemerkt, daß ich trotz aller Höflichkeit der Sache keine Sympathie mehr entgegenbringe. Bei Gelegenheit eines Besuches habe ich dann dem mir seit dem Eisenacher Kongreß (August 1869) befreundeten Genossen Bebel von der Sache erzählt. Auf diese Speise komme ich zur Auskunft, die ich auf Grund meiner Erinnerungen so gewissenhaft als möglich erstattet habe. Eine kleine Bemerkung sei mir noch gestattet: Hätte ich daS Geld damals abgesandt, so wäre es doch wahrscheinlich unter meinem Namen gebucht worden, also uuter dem Namen eines Parteigenossen. Wie hätte nun die schärfste Revision heraus- gefunden, daß das Geld in der Hauptsache nicht von Parteigenossen herrührte, wie es der GeschäftSführerln allerdings bekannt gewesen Märe? Müßige Frage, ich habe es jg.nicht geschickt. Frankfurt g. W.. IT- IM IM.••' 2; OpifstitA.' 6ewerl?rcbaftliche� Ein Urteil gegen die Streikjustiz. Wie wir gestern mitteilten, ist die Gefängnisstrafe von drei Tagen, welche dem Obermeister Fritz Schmidt wegen Vergehens gegen ß 153 der Gewerbeordnung vom Gericht auf- erlegt wurde, durch kaiserliche Gnade in eine Geldstrafe von 30 M. umgewandelt worden. Leider war uns gestern der Tatbestand nicht gegenwärtig, der zur Verurteilung Schmidts führte, so daß wir den Be- gnadrgungsakt nach dieser Richtung hin nicht zu würdigen vermochten. Die Sache spielte sich folgendermaßen ab: Ais während des Bäckerstreiks im Jahre 1907 eine größere Zahl von Bäckermeistern entgegen einem Jnnungsbeschluß die Forderungen der Gesellen bewilligt hatten, zog Schmidt Hl der von ihm redigierten„Concordia-Zeitung" sowie in einem Flugblatt, welches der„Bäcker-Zeitung"(dem Organ der Germaniainnung) beigelegt wurde, gegen diese Meister lwarf zu Felde. Er nannte sie„Verräter" und„charaktcr- lose Wichte", sagte, sie hätten„ihr Ehrenwort gebrochen", bezeichnete �die Bewilligung der Gesellenforderrmgen als„der- ratcrische Handlungsweise" und drohte den Meistern, daß ihnen, falls sie bei der Bewilligung der Forderungen be- harren, der Kredit entzogen und die Lieferung von Hefe der- hindert werden würde. Die Tatsache, daß jemand, der wegen Streikvergehens verurteilt ist, begnadigt wird, steht einzig da. Es müssen also wohl besondere Gründe sein, welche den Justizminister veranlaßten, das Gnadengesuch beim Kaiser zu befürworte. War das Vergehen Schmidts vielleicht so gering, daß dem vZUsnzmmister deshalb die verhängte Strafe zu hart erschien? Mißt man die Handlungsweise Schmidts mit dem Maßstabe, den Staatsanwälte und Richter anzuwenden Pflegen, wenn sich Arbeiter in den Schlingen des§ 153 der Gewerbeordnung gefangen haben, dann muß man sagen: die drei Tage Gefängnis sind eine milde Strafe. Arbeiter sind wegen viel milderer Ausdrücke gegen Streikbrecher schon weit schwerer bestraft worden. Der Justiz- rninister kann also bei der Befürwortung des Gnadengesuchs schwerlich angenommen haben, daß die gegen Schmidt verhängte Strafe das übliche Maß überschreite und deshalb im Gnadenwege korrigiert werden müsse. Daß der Justiz- minister die Begnadigung befürwortet habe, weil der Ver- urteilte kein Arbeiter, sondern ein Arbeitgeber ist, darf man ja nicht annehmen. Es bleibt also nur die Annahme übrig, daß der Justizminister in bezug auf den§ 153 derselben An- ficht ist wie wir: Es ist eine schreiende Ungerechtigkeit, daß jemand als Vertreter einer im wirtschaftlichen Kampfe stehenden Partei abtrünnige Elemente, welche den Erfolg des Kampfes für seine Partei in Frage stellen, mit scharfen Worten an ihre Pflicht erinnert und dabei vielleicht über die Schnur haut, mit Gefängnis bestraft werden muß, sobald seine Handlung unter den 8 153 gebracht werden kann. Hat diese Ansicht den Justizminister bei der Befürwortung des Gnadangesuchs geleitet, so hat er die Streikjustiz überhaupt verurteilt. Dann aber fordert es die Konsequenz, daß diese Ansicht, die auch die unsere ist, in der Gesetzgebung und Recht- fprechung zum Ausdruck komme. Es ist nicht jedermanns Sache, um Gnade zu bitten oder andere alleruntertänigst für sich bitten zu lassen. Deshalb möge der Justizminister dafür sorgen, daß der Standpunkt, den er im Falle des Obermeisters Schmidt für angemessen hielt, allgemein Geltung erlange und jedem zugute komme. Geschieht das nicht, so darf man sich nicht wundern, wenn die weitverbreitete Ansicht gestärkt wird: die preußische Justiz walte nicht ihres Amtes — ohne Ansehen der Person, sie beurteilt den Arbeitgeber, der gegen Z 153 verstößt, milder als den Arbeiter, der sich des gleichen Vergehens schuldig macht, und schließlich werde das mildere Urteil gegen den Arbeitgeber durch Gnadenakte noch weiter herabgemildert.' Berlin und Qmgegend, Sie lehnen dankend ab! Die Arbeiter der Siemenswerke waren am Freitag im „Vergnügungspark" am Tegeler Weg in großer Zahl versammelt. Den unmitelbaren Anlaß zu der Versammlung bot die kürzlich im „Vorwärts" besprochene neue Einrichtung der Werksleitung, welche einem kleinen Teil der Arbeiter unter gewissen Voraussetzungen einen Urlaub von einer Woche gewährt. Der Referent W u s ch i ck verwies darauf, daß diese Einrichtung von dem gelben Werkverein ganz mit Unrecht als eine große soziale Errungenschaft gepriesen worden ist. Er wies nach, daß derartige Wohlfahrtseinrichtungen in Wirklichkeit nicht der Wohlfahrt der Arbeiter, sondern der Wohl- fahrt des Unternehmers dienen. Die Unternehmer verfolgen mit solchen Einrichtungen kein anderes Ziel, als die Schaffung einer genügsamen, mit allem zufriedenen Arbeiterschaft. Die sogenann- ten Wohlfahrtseinrichtungen sollen die Arbeiter ablenken von der Wahrnehmung ihrer Interessen in klassenbewußten Organisationen. Diefe Tatsache bewies der Referent an der Hand der Leistungen der Pensionskasse der Siemenswerke. Die Ausgaben, welche der Firma durch diese Kasse erwachsen, die Zuwendung von 4S0 000 M. an dieselbe, werde reichlich wieder eingebracht durch die Lohn- Herabsetzungen, welche im letzten Jahre gemacht worden seien. Die Akkordlöhne seien um 10 bis L0 Proz., in einzelnen Fällen sogar um SO Proz. herabgesetzt worden. Rechne man nur mit einem Abzüge von 10 Proz., so ergebe sich, daß die Firma bei 17 000 be- schäftigten Arbeitern und Arbeiterinnen jede Woche 34 000 M. oder in einem Jahre 1 700 000 M. am Lohn erspare. Unter solchen Umständen könne die Firma gern 450 000 M. an die Pensionskasse zahlen.— Die Einführung der Ferien kritisierte der Redner im wesentlichen mit denselben Gründen, die bereits im„Vorwärts" dargelegt worden sind, als ein sehr zweifelhaftes, nur wenigen Arbeikern zugute kommendes Geschenk. Soiche Geschenke seien der Judaslohn für den Arbeiterverrat, den die Gelben üben. Die klassenbewußten Arbeiter wollen keine Wohltaten und keine Almo- sen. Sie fordern gute Lohn- und Arbeitsbedingungen und menschen- würdige Behandlung. Gute Verhältnisse seien in den Siemens- werken schon lange nicht mehr zu finden. Eine Besserung könne nicht erwartet werden, solange sich das arbeiterschädliche Treiben der Gelben breit mache. Die freie Gewerkschaft allein sei in der Lage, besfere Verhältnisse durchzusetzen. In der Diskussion bemühte sich ein Vertreter der Gelben, Herr F i ch t n e r, seine Organisation als die wirkliche Vertretung von Arbeiterinterejsen hinzustellen, was die Versammlung allerdings mit ungläubigem Lächeln aufnahm. Daß in den Siemenswerken nicht alles so ist. wie es sein könnte. dasgabselbstderVer- treter der Gelben zu! Das ist um so schwerwiegender. als Herr F i ch t n e r— wie ein anderer Redner feststellte— mit Hilfe der Firma zum Vorsitzenden des Werks- Konsumvereins gewählt worden ist, also gewiß bestrebt ist, die Firma möglichst günstig zu beurteilen.— Was F i ch t n e r zum Lobe der Gelben vorbrachte, das wurde von einem im Werke beschäftigten V-rbandsmitglicd- durch viele Einzelheiten widerlegt. Insbesondere wies der Redner nach, daß Verbeßerungen der Lohn- und Arbeitsverhältnisse, soweit solche früher durchgeführt worden sind, nur dem Vorgehen der freien Gewerkschaft zuzuschreiben feien.— Hinsichtlich der Ferien führte der Redner aus, diese könnten nur dann als ein Vorteil für die Arbeiter betrachtet werden, wenn sie dem größten Teil der Arbeiter gewährt würden, was der Firma leicht möglich sei. Achtung! Zinkgießer. Wegen Lohndifferenzen ist die Firma Langer u Co., Ritterstr. 61, für Zinkgießer gesperrt. DeutlcKes Reich. Die Bauklempner, Installateure und HcizungSmonteure von D a n z i g nebst Vororten find in eine Lohnbewegung eingetreten und werden die Berufskollegen allerorts gebeten, Arbeitsangebote nach Danzig abzulehnen. Arbeiterblätter werden um Abdruck gebeten. _ Die Ortsverwaltung. Der Streik der Steinmetzen in Leipzig dauert nun die sechste Woche. Die Halsstarrigkeit der Ilnternehmer läßt noch kein Ende absehen. Die Herren haben sich auf dem Verbandstage in Fcankfnrt von den Sckiarfniachern ordentlich den Rücken steifen lassen; und dabei kämpfen die Steinmetzen nur um Anerkennung des alten Tarifs einschließlich einer kleinen Erhöhung des bei der hier herrschenden Akkordarbeit wenig in Betrachr kommenden Stundenlohnes. Zu diesen Bedingungen arbeiten jetzt 00 Mann; nur noch 20 Ge- Hilfen sind zu unterstützen. Die arbeitenden Kollegen zahlen 10 Proz. ihres Lohnes an den LolalfondS. Arglistige Täuschung. Von prinzipieller Bedeutung in bezug auf den Tarifvertrag ist ein Urteil des GewerbegerichtsMünchen. Ein Schrift- setzer nahm in einer Buchdruckerei Kondition an, über die wegen Nichtanerkennung eines vom Schiedsgericht der Buchdrucker er- lassenen Schiedsspruchs die Sperre verhängt war. Das wurde dem Setzer, der Verbandsmitglied ist, bei der Einstellung ver- schwiegen und ihm lediglich„tarifmäßige Bezahlung" zugesichert. Als dem Setzer bekannt wurde, daß über das Geschäft, in dem er arbeitete, von den beiden Tarifkontrahenten die Sperre verhängt war, löste er ohne Einhaltung der gesetzlichen Kündigung das Arbeitsverhältnis. Die Firma verklagte den Setzer auf Grund des s 124d der Gewerbeordnung auf eine Entschädigung. Das Gewerbegericht wies die Klage kostenfällig ab. Das Gericht führte in der Begründung des Urteils aus, daß das Versprechen „tarifmäßiger Bezahlung" nicht in dem-engen Sinne aufzufasfen ist, daß nur die tariflichen Löhne bezahlt werden, sondern daß in diesem Versprechen die Versicherung enthalten ist, die Firma sei einetariftreue Firma im Sinne des deutschen Buchdruckertarifs. Da die klägerische Firma einem auf Grund des deutschen Buchdruckertarifs ergangenen Schiedsspruch sich nicht unterworfen hat und deshalb von beiden Tarifkontrahen- ten die Sperre verhängt wurde, hat sie sich durch das Versprechen „tarifmäßiger Bezahlung" einer arglistigen Täuschung schuldig gemacht, weil dem Beklagten dadurch die unwahre Tatsache vorgespiegelt wurde, als stehe sie auf dem Boden des Tarifvertrags. Auch darin erblickt das Gericht eine Täuschung, weil die Klags- Partei dem Beklagten die Sperre verschwiegen hat. Da fast alle Buchdrucker und auch die größte Zahl der Buchdruckereien in einem Tarifverbande stehen, mußte der klägerische Firmeninhabcr wissen, daß ein organisierter Buchdrucker bei ihm nicht Arbeit nehmen darf, ohne sein ganzes weiteres Fortkommen zu er- schweren._ Ausland. Streikbrecher-Christentum In Dänemark. Zwischen dem Tischlerverband und den Tischlermeisterorgani- sationen Dänemarks sind die Lohn- und Arbeitsbedingungen im ganzen Lande tariflich geregelt. Die Havdruper Stuhl- fabrik bei Köge auf Seeland weigert sich jedoch hartnäckig, den in allen übrigen Stuhlfabriken durchgeführten Tarifvertrag anzuerkennen, und sie kann das, weil der„Christliche dänische Gesamtverband"(„Kristeligt Dansk Fälles- forbund") die Fabrik mit Streikbrechern versorgt. Um gegen diese christliche Streikbrecherei zu protestieren, hatte der Tischlerverband kürzlich in Havdrup eine öffentliche Versammlung veranstaltet, und hier stellte es sich heraus, daß der christliche Verband die Streikbrecherei systematisch betreibt und seine Mitglieder sogar. noch aus der Verbandskasse dafür bezahlt. TaS ist im Statut festgelegt, und zwar ip diesem Paragraphen: „An verheiratete Mitglieder, die außerhalb der Stadt die Arbeit bei einem Arbeitgeber aufnehmen, über den von anderen Gewerkschaftsorganisationen eine ungerechte Sperre verhängt ist, zahlt die Hauptkasse eine Lohnzulage von 3 bis 5 Kronen wöchentlich auf 3 Monat e." In der Versammlung waren auch die„Christlichen" vertreten, und sie hatten zu ihrer Unterstützung sogar noch Leute von der „Inneren Mission" mitgebracht. Aber sie konnten nicht leugnen, daß jener Satz in ihrem Statut steht und auch nach Kräften an- gewandt wird.. Was die Christlichen unter„ungerechter" Sperre verstehen, sieht man deutlich an der über die Havdruper Fabrik verhängten. Diese Sperre wird nämlich auch von den organisierten Meistern und Stuhlfabrikanten durchaus gebilligt und dadurch unterstützt, daß sie der Fabrik, die ihnen auf Grund der tarifwidrigen Löhne Schmutzkonkurrenz macht, den Absatz ihrer Produkte zu erschweren suchen. Die Versammlung brachte natür- lich ihren Abscheu über die organisierte christliche Streikbrecherei deutlich genug zum Ausdruck._ Streik der Straßenbahner in Petersburg. Am 14. Juni traten sämtliche Angestellte aus fast allen Straßenbahnlinien in Petersburg in den Ausstand. Der Streik kam für die Administration vollkommen unerwartet und war vor- züglich organisiert. Schon mit. Beginn dieses Jahres herrschte unter den Straßenbahnern eine dumpfe Gärung. Der nächste An- laß zum Streik waren die neuen Regeln, die am 14. Juni in Kraft treten sollten. Die Streikenden verlangen, daß diese Regeln, die eine für sie unerwünschte Arbeitseinteilung festsetzen, aufgehoben werden. Ferner verlangen sie, daß sämtliche Schaffner, Wagen. führer, Kutscher und Schloffer eine Gehaltszulage von 20 Proz. erhalten, und daß die Arbeit nach 10 Uhr abends als Ueberstunden- arbeit betrachtet und demgemäß bezahlt werden soll. Die Unterhandlungen zwischen den Führern der Angestellten und der Administration führten zu keinem Erfolg. Die letztere erklärte, daß den Angestellten keinerlei Konzessionen gemacht werden würden, und faßte den Beschluß, sämtliche Streikenden zu ent- lassen. Der städtische Magistrat stellte sich auf denselben Stand. Punkt wie die Straßenbahnkommiffiou und bestätigte die Ent- lafsung der streikenden Angestellten. Charakteristisch für die scharf- macherische Haltung des Magistrats sind die Worte des Magistrats- Mitgliedes Gankow. Er erklärte, daß an Nachgeben nicht zu denken sei, weil sonst die Angestellten die Herren der Lage werden würden und die Stadt sich unter der beständigen Drohung eines neuen Streikes befinden werde. Wie eS sich in dem„konstitutionellen" Rußkand von selbst versteht, wurden unter den streikenden Angestellten zahlreiche Haus- suchungen veranstaltet, um die„Anstifter" des Streiks ausfindig zu machen. Eine ganze Reihe von Personen wurden verhaftet. Ferner find umfassende militärische Maßnahmen getroffen worden, um die„Ruhe und Ordnung" in den Depots und auf den Linien zu sichern. Vorläufig wird der Verkehr auf einigen Linien mit Hilfe von Streikbrechern und sonstigem Gesindel notdürftig auf- recht erhalten. Es sind schon bisher eine ganze Reihe von Zu- sammenftößen erfolgt, bei welchem viele Personen verwundet und getötet wurden. Eue Induftrie und ftandeL Stimmungsmache. In den letzten Tagen machten wieder einige sehr optimistisch gehaltene Marktberichte aus der Eisen- und Kohlenindustrie die Runde durch den Preßwald, darunter auch die folgende: „Stahlwerksverband. Wie uns von maßgebender Seite mit- geteilt wird, hat sich in der letzten Zeit die Lage im Stahltverls- verband gebessert. Vor allein ist der Abruf von Formeisen im Jnlande lebhafter geworden, ebenso kann eine Belebung des Exports festgestellt werden. Auch das Auslandsgeschäft in Eisen- bahnmaterial verlief günstiger. Unter anderem baben die süd- amerikanischen Staaten Argentinien, Brasilien und Chile nennens- werte Aufträge auf Schienen überwiesen, belangreiche Objekte find noch in der Schwebe. Der Halbzeugmarkt liegt im Jnlande so- wohl als auch im Auslände befriedigend. Diese Besserung der Marktlage wird auch in der am 24. d. M. stattfindenden Mitglieder- Versammlung zum Ausdruck kommen. Sonst stehen auf der Tages- ordiiung nur geschäftliche Angelegenheiten." Spöttisch bemerkt dazu die„Rh.-Westf. Ztg.":„Das ist des Guten ein bißchen viel auf einmal, und das zu einer Zeit, wo sich die Werke nur unter Zuhilfenahme von Feierschichten Über Wasser halten können. Die Mitteilung ist deshalb auch nicht mit Unrecht schon als„Stimmungsmache" gekennzeichnet worden. Die maß- gebende Seite kann aber nur der Stahlwerksverband selbst sein. Es ist scheinbar sein spezielles Mißgeschick, daß er mit seinen Ver- öffenrlichungen kein Glück hat." Wie ungeniert gefabelt wird, dafür liefert der„Vörsen-Couricr" in seiner FreitagabendauSgabe ein Pröbchen. Da liest man zunächst folgende„Privat-Depesche" aus Köln: „Meldungen aus dem westfälischen Kohlenrevier zufolge be- ginnt sich der Kohlenabsatz zu heben: auf der Zeche Neumühl fährt Sonnabend abend ein Teil der Frühschicht wieder an, um bis früh Sonntags Kohlen zu fördern. Auch der Koksversand nimmt zu. Es ist bereits mit dem Verladen des auf Lager ge- kippten Koks begonnen." In der sich dieser Depesche unmittelbar anschließenden Notiz liest man: „Die Absatzschwierigkeiten der fiskalischen und Privatgruben an der Saar halten an. ES fällt dem Zwischenhandel außer» ordentlich schwer, die ihm von den fortgesetzt auf Abnahme drängenden Gruben zur Verfügung gestellten ratierlichen Mengen unterzubringen, und nur durch Einschiebung weiterer Feierschichten dürfte es den Bergwerken gelingen, die herrschenden Schwierig- leiten zu überwinden. Denn die vorhandenen verhältnismäßig kleinen Lagerräume der Zechen sind reichlich belegt." Wir meinen: auch das ist des Guten ein bißchen viel l Die großindustriclle Entwickelung Schwedens. Dieser Tage ist in Schweden die offizielle Statistik über die Fabrik- und Handwerks- betriebe im Jahre 1907 erschienen. Darin findet man auch eine Darstellung der industriellen Entwickelung Schwedens in den zehn Jahren 1800—1900. Die allgemeine Tendenz zur Entwickelung der Großbetriebe trat stark hervor. Das zeigt sich schon darin, daß die Zahl der Fabrikbetriebe sich von 7734 auf 0587, also um 24 Proz. vermehrte, die Zahl der darin beschäftigten Arbeiter jedoch von 230 117 auf 327 675, also um 42 Proz. stieg.— Als Fabrikbetriebe rechnen alle Betriebe mit 10 und mehr Arbeitern, die Bergwerks- und Hüttenbetriebe sind jedoch in die Statistik nicht aufgenommen.— Während die Fabrikbetriebe im allgemeinen um 24 Proz. zu- genommen haben, beträgt die Zunahme der eigentlich groß- industriellen Betriebe mit über 100 Arbeitern 44 Proz. Ihre Zahl stieg von 507 auf 730, und die Zahl der in diesen Großbetrieben beschäftigten Arbeiter stieg um 47 Proz., nämlich von 120 401 auf 100 489. Hier ist die Entwickelung sowohl hinsichtlich der Zahl der Betriebe wie hinsichtlich der darin beschäftigten Arbeiter weit stärler als in der Industrie im allgemeinen. Der Saatenstandsbericht des österreichisch- ungarischen Ackerbau- Ministeriums für die erste Hälfte des Juni gibt eine Besserung nach den letzten Niederschlägen an, namentlich für Wintersaaten, die kräftig stehen. Später Winterroggen steht schütter, Frühsaaten da- gegen gut. Man erwartet eine mittlere Kornernte. Deutschland und Dänemark. Dem Juniheft der Monatsschrift„Die Welt des Kaufmanns' entnehmen wir einige Daten über die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Dänemark. Danach hat Dänemark in den letzten Jahren durchschnittlich aus Deutschland bezogen: für über l'/a Millionen Kr. Galanterie- und Spielwaren, für 5siz Millionen Kr. Apothekerwaren aller Art, für über 2 Millionen Kr" Instrumente, für über 2 Millionen Kr. Hopfen, für annähernd 2 Millionen Kr. Palmen- und Kokosnußlerne, für etwa Isiz Millionen Kr. Seiden- waren, für über l'/z Millionen Kr. Leder- und Fellarbciten, für über >/z Million Kr. Parfüme u. a. m. Auf der anderen Seite wird aber auch der deutsche Markt für Dänemark, namentlich für die dänische Landwirffchaft von Jahr zu Jahr unentbehrlicher. Das beweist die zunehmende Einfuhr dänischer Erzeugnisse nach Denffchland: im Jahre 1001 hatte diese Einfuhr einen Wert von 08 Millionen Mark, im Jahre 1000 von 128 Millionen Mark, sie hat sich also in 5 Jahren fast verdoppelt. Es gingen unter anderem nach Deuffchland für über 25 Millionen Mark Pferde, für über 30 Millionen Mark Rindvieh, für über 13 Mllionen Mark Butter, für fast 13 Millionen Mark Fleisch und Schmalz, für 4—5 Millionen Mark Gerste, für 1'/„ Millionen Mark Pflastersteine. Besonders bemerkenswert ist die Einfuhr von Milch und Rahm aus Dänemark, die 1003 und 1004 erst einen Wert von 100000 M. und 200 000 M. erreicht hatte, im Jähre 1005 aber auf 6 Millionen Mark. 1000 auf 10 Millionen Mark und 1907 auf 12 Millionen Mark gestiegen war. Letzte JVachrlcbten und Depefcben. Mordattentat. Konstanz, 19. Juni.(B. H.) Die 23 jährige Rosa E n d r e ß auS Neufrach wurde Montag früh als Leiche aus der Aach gezogen. Es hat sich nun herausgestellt, daß das Mädchen wahrscheinlich mit Gewalt ums Leben gebracht wurde. Am Halse der Leiche wurden Würgespuren festgestellt. Der Dienstknecht Hermann Rcnkenberger aus Wittelhofen, der früher Liebhaber des Mädchens, wurde unter dem Verdacht, das Mädchen ermordet zu haben, verhaftet._ Eingrstürzter Neubau. Neapel, 10. Juni.(B. H.) Eine im Bau befindliche Fabrik ist eingestürzt, drei Arbeiter wurden getütet, vier andere schwer verletzt. Leranttv. Redakteur: Hans Weber, Berlin. Jnjeratenteil mmüo.i LH. Glocke, Berlin. Dratf u.Verlgg; Vorwärts BMdx-«, gtolggsfljiftall KiexzuSBrilggm. Kr. M. A.IshrMg. tilM des Amärls" Sonntag, 20. Juni 1909. Reichstag. SOS. Sitzsvg Com Sonnabend, den 19. Juni. vormittags 11 Uhr. Bm BundeSratStisch: Bülow. v. Lethrnann-Hollweg, Shdow, v. Rheinbaben. Die erste Beratung der neuen Steuern wird fortgesetzt. Preußischer Finanzminister v. Rheinbaben: Der Abg. Mommsen hat nach den Berichten der freisinnigen Presse gestern gesagt:.daß die eidesstattliche Versicherung in die Erbschastssteuervorlage auf- genommen ist, begrüße ich, nur habe ich den Wunsch, daß sie nicht nur angewendet wird gegen Freisinnige und Aerniere, sondern auch gegen die Großgrundbesitzer." Besser wäre es gewesen, er hätte einen solchen selbstverständlichen Wunsch nicht ausgesprochen(Zu- stimmung rechts); denn dadurch muß der Argwohn entstehen, als ob Großgrundbesitzer anders behandelt werden könnten als andere Steuerzahler. Unsere ganze Steuergesetzgebung ist durchtränkt von dem Gesichtspunkt, die Aermeren und minder Leistungssähigen zu schonen und die Steuern durch die Leistungsfähigen aufbringen zu lassen.(Zustimmung rechts.) Wir erkennen an, daß auch in Preußen das Vermögen und Einkommen nicht überall voll erfaßt wird. ES handelt sich aber dabei in Stadt und Land meist nicht um eine unrichtige Methode der Einschätzung, sondern der Grund liegt in der Schwierigkeit der Schätzung überhaupt. Jedenfalls sind wir in Preußen durch immer schärfere Veranlagung zu immer besseren Ergebnissen gelangt, in den Jahre» 1898—1308 habe« wir gegenüber dem deklarierten Vermögen 2>/-, Milliarden mehr ermittelt,(Hört I hört! links) wovon 230 Millionen Mark Einkommersteuer gezahlt wurde. Sbg. Bruhn(Antts.) erklärt das Einverständnis seiner Freunde mit der Erbschaftssteuer. Die Börse, das mobile Kapital, ist im- stände, noch viel mehr als 60 Millionen aufzubringen. Württembergischer Bundesratsbevollmächtigter Finanzminister v. Gcßler; Meine Regierung ist stets entschieden für eine Erbschafts- steuer eingetteten. Wenn Herr Singer daraus hinwies, daß die ver- langten 100 Millionen diretter Steuern in keinem Verhältnis ständen zu den 400 Millionen indirekter Steuern, so berücksichtigt er nicht genügend die Verschiedenheit der steuerlichen Ausgestaltung im Reich und in den Einzelstaaten. In Württemberg werden zum Beispiel im Etat für 1909 vorgesehen LI Willionen direkter und nur 11 Millionen indiretter Steuern. Eine ReichSvermögenssteuer müssen die Einzelstaaten prinzipell ablehnen. Abg. v. Payer(südd. Vp.): Uebel genommen hat der preußische Finanzminister dem Abg. Mommsen, daß er sich mit der Frage befaßt hat. wie bei der Ein- schätzung des Großgrundbesitzes vorgegangen wird. Vor einigen Monaten hätte das sittliche Pathos der Regierung vielleicht Eindruck gemacht. Jetzt ist sich jedermann klar, daß die Re- gierung den Eindruck der Unentschlossenheit und Schwäche macht, und daher hat sie das Recht verscherzt, uns gute Lehren zu geben. Wie die Abstimmung über das Erbschaftssteuergesetz ausfallen wird, kann noch niemand entscheiden. Ich für meine Person bin, nachdem ich den Verhandlungen drei Tage lang zugehört habe, nur noch verwirrter geworden.(Heiterkeit.) Findet sich eine Mehrheit, welche den kümmerlichen Rest einer allgemeinen Besteuerung der wirklich Besitzenden aus der Finanzreform herausstreicht, so wird sich wohl die gesamte Linke, ich glaube auch die nationalliberale Partei dafür bedanken, an einer so verkümmerten und ihres Wertes beraubten Reform mitzuarbeiten.(Lebhafte Zustimmung bei den Liberalen.) Dann wird die neue Mehrheit zeigen müssen, waS sie an positiven Vorschlägen leisten kann.(Sehr richtig I links/ DaS wird auch nicht so glatt gehen, und wenn es nicht geht, so hat der Reichstag bankerott gemacht, und dann wird ein Schrei der Erlösung durch das ganze Land gehen, wenn die Re- gierungen gezwungen werden, diesem Reichstag ein vorzeitiges Ende zu machen.(Sehr richtig! links.) Bringen Sie aber eine Mehrheit zustande für Ihre Rezepte an neuen Steuern, so wird man sich klar darüber werden müssen, ob die neuen Lasten den An- forderungen der Volkswirtschaft, der Gerechtigkeit und den von Ihnen selbst feierlich proklamierten Grundsätze» entsprechen oder nicht. Ist das nicht der Fall, so bleibt wieder nur der Appell an das Volk. Glauben die verbündeten Regierungen dagegen, ihre Zu- stimmung geben zu können, so wird an den Reichskanzler die Frage herantreten müssen, ob er die Konsequenzen aus seinen Erklärungen zieht.(Sehr richtig! links.) kleines feiiilleton. Sonnwendfeier in vorhistorischer Zeit. Etwa anderthalb deutsche Meilen von dem durch seine prächtige Kathedrale berühmten Landstädtchen Salisbury in Südengland liegt auf freiem Felde eine merkwürdige Steingruppc, aus 93 kolossalen Blöcken von rechteckigen Grundformen bestehend, die zum Teil noch aufgerichtet sind, zum Teil auf dem Boden liegen. Inden: man das Ganze rekonstruierte, fand man, daß ursprünglich 146 Blöcke zwei steinerne Kreise bildeten, von denen der innere rund 80, der äußere rund 100 Fuß im Durchmesser hatte. Oben waren je zwei aufrechtstehcnde Blöcke durch einen quer daraufliegenden Block verbunden. Ein Wall und Wassergraben von 300 Fuß im Durchmesser umzog das Ganze, das man jetzt als einen alten Druidcntempel deutet, der dem Sonnenkultus gewidmet war. Von diesem Tempel aus führte nämlich eine Straße nach einem über 200 Fuß entfernten einzelnen Block, den man den Zeiger, nach einer Sage aber„Friars Heel" (Mönchsferse) nennt. Steht man am 21. Juni, zur Sommer- sonncnwende, im innersten Kreise des Steintempels(englisch Stonehenge genannt), wo ein großer Block als Altar- oder Lpferstein liegt, so sieht man gerade über den Zeiger die Sonne aufgehen. Schon in grauen Zeiten haben die Druiden, die Priester der alten keltischen und gallischen Stämme, die Sommersonnen- wenden beobachtet und gefeiert. Das Stonehenge von Salisbury ist eines der großartigsten Bauwerke dieser Art aus vorgeschicht- licher Zeit. Man glaubt, daß es von einem großen Begräbnisplatze umschlossen war. Ein rekonstruiertes Modell steht im Museum zu Salisbury und zeigt den Druidentcmpcl, wie er vor etwa 2500 Jahren ausgesehen haben mag. Die größte Lokomotive der Welt ist jetzt von den Baldwin- Lokomotivwerken in Chicago für die Süd- Pacificbahn vollendet worden. Die Maschine hat 16 Treibräder. Ihr gesamtes Gewicht bewägt ohne Tender 195 Tonnen. Der Tender allein wiegt, in voller Bereitschaft für den Dienst, 77 Tonnen, so daß das ganze Gewicht von Maschine und Tender mehr als 272 Tonnen beträgt. Die Zylinder haben Durchmesser von 66 Zentimeter und 101,6 Zenti- meter, und der Kolbenhub beträgt 70 Zentimeter. Die Treibräder sind im Durchmesser 1,45 Meter; der Durchmesser des Kessels be- trägt 2,13 Meter. Die gesamte Heizfläche umfaßt 573,33 Quadrat- meter. Die RadbasiS beläuft sich aus rund 23 Meter, während die äußerste Länge überhaupt noch etwa drei Meter größer ist. Theater. Hebbel-Theater. Zweite„Novität" deS gastierenden Ensembles vom Wiener R a i m u ud- Th e a t er:„Die Welt ohne Manne r". Schwank von Alexander Engel und Julius Hör st. lieber das Stück selbst brauchen wir nichts mehr zu sagen, da es ja vorigen Jahres im hiesigen Lustspielhaus einige Zeit das RepSiltoire beherrschte. Immerhin bpuchte es das ab- Nun der andere Fall: Findet sich für die Erbschaftssteuer eine Mehrheit, so ist doch ausgeschlossen, daß alle, die für die Erb- schaftssteucr stimmen, auch für alle anderen Steuerprojekte der Negierung mit allein Nachdruck eintreten.(Hört! hört! rechts.) Die verbündeten Regierungen sind der schlagende Beweis dafür, wohin man kommt, wenn man ohne den Kompaß fester Grundsätze sein Schifflein treiben läßt. Ihr einziger Grundsatz war, daß wenigstens 100 Millionen Mark von den neuen Steuern die Besitzenden tragen müssen. Und jetzt erfolgt neben der ge- ringen Erbschaftssteuer die Besteuerung der Besitzenden nach der Höhe ihrer Feuerversicherung! Das heißt also, das Grundstück des reichen Mannes wird nach denselben Grundsätzen erfaßt wie das bis über das Dach verschuldete Wohnhäuschen, und die üppigsten Einrichtungen großer Gesellschaften nach denselben Grundsätzen wie das Warenlager eines Kaufmanns, von dem ihm kein Pfennig gehört. Das nennen die Regierungen„Besteuerung der Besitzen- den". Die Feuerversicherungssteuer, die schamhaft als„Stempel" auftritt, ist nichts anderes als eine roh und ungerecht gestaltete partielle Reichsvermögenssteuer.(Sehr gut! links.) Ihr zuzustimmen, ist eine Zumutung an die Linke, von der ich im Augenblick noch nicht übersehen kann, wieweit ihr wird entsprochen werden können. Der Block ist zu Ende gegangen. Der Reichskanzler hat zwar versucht, am Grabe seines Lieblingskindes die Hoffnung auf ein Wiedersehen aufzupflanzen.(Heiterkeit.) Aber ich glaube, der Block wird nicht wieder auferstehen. Umsonst ist er aber nicht gewesen. Alles in allem kann ich sagen: Der Block wird uns eine lehrreiche und höchst interessante Erinnerung sein.(Stürmische Heiterkeit.) Man sagt, der Kampf gehe in Wirklichkeit um das preußische Wahlrecht. Die Konservativen bestreiten es ja, aber es ist durch- aus notwendig, daß diese Frage in den Vordergrund der Dis- kussion im Deutschen Reiche gestellt wird. Es geht nicht an, daß die Interessen des Reiches zurückstehen sollen vor einem Reservat- recht der in Preußen herrschenden Klassen. Warum soll der Kampf der preußischen Regierung mit den preußischen Konser- vativen denn auf Reichskosten hier ausgekämpft werden?(Sehr gut! links.) Wenn jetzt Konservative und Klerikale sich zusammen- finden, so werden die anderen Parteien allen Anlaß haben, auf der Hut zu sein auch in allen anderen Fragen.(Sehr richtig! links.) Als erfreuliches Ergebnis der Ereignisse der letzten Zeit ist zu verzeichnen, daß der Mittelstand, der bisher glaubte, seine Interessen nicht besser wahren zu können, als wenn er den Großgrundbesitzern und deren politischen Trabanten Heeres- folge leistete, jetzt ernstlich mit diesem Glauben ins Wanken gerät. (Sehr richtig! links.) Ich möchte mit dem Wunsche schließen, daß die Kommission schnelle Arbeit macht, und daß der Reichstag die immer deutlicher werdenden Schlußrufe, die von außen in dieses Haus dringen, nicht länger unbeachtet läßt.(Lebhafter Beifall links.) Ein Antrag auf Schluß der Debatte wird angenommen gegen die Stimmen der Sozialdemokraten. Die neuen Steuern gehen andie F i n a n z k o m m i s s i o n. Weiter stehen auf der Tagesordnung die von der Finanz- kommission beschlossenen Steuern zur zweiten Lesung. Hierzu liegt ein Geschäftsordnungsantrag Aassermann(natl.) vor, diese von der Kommission als neue Materie beschlossenen Steuern als Jnitiativgesetzentwürfc anzusehen und die heutige Beratuilg als erste Lesung zu behandeln. Ein Antrag Singer(Soz.) fordert die Absetzung dieser Steuern von der Tagesordnung. Abg. Bassermann(natl.): Die Kommission hat Materien be- handelt, die sich nicht im»rspniilglichen Regierungsentwurf befanden. Es ist schon in der Kommission hervorgehoben worden, daß die sich auf diese Materien beziehenden Gesetzentwürfe zunächst in der Form von Initiativanträgen im Plenum eingebracht werden und dort die erste Lesung passieren müssen.(Sehr richtig links.) Nur auf die völlig neue Materien betreffenden Artikel der Kommisstons- fassung bezieht sich unser Antrag, also nicht auf die Steuer auf Beleuchtungskörper.' Die drei Lesungen sind das wichtigste Axiom unserer Geschäfts ordnung.(Sehr wahr I links.) Ebenso ist ausdrücklich in der Geschäftsordnung festgelegt worden, daß die Kommission sich nur mit den ihnen ausdrücklich überwiesenen Entwürfen zu beschäftigen haben.(Lebhaftes HörtI hörtl links.) Wir hoffen, geleierte Thema von der bekehrten Männerfeindin auch diesmal wieder zu„wieherndem" Lacherfolg— Dank einer vorzüglichen Darstellung, die auf den echten Wiener Ton gestimmt war. Natur- lich schoß Jenny Reingruber als rabiate Gusti Brandl, die ebenso rabiat im Männerhaß, wie in der Liebe, den Vogel ab. Gute Typen boten ferner Rudolf Ander(Advokat Specht), Hugo Riedl(Konzipient Dr. Waldek», Eugen Jensen(Kanzleibeamter Gamperl). Auch die anderen Mitwirkenden lösten ihre kleineren Aufgaben recht passabel. Alles ging frisch und munter. Aber wollen die Wiener Gäste nicht mit Besserem aufwarten? Solche „ollen Kamellen" ziehen laum mehr auf die Dauer. Hoffen wir also, daß die nächste Novität eine wirkliche Neuheit für Berlin sei, und dann eine um so angenehmer empfundene lleberraschung bereiten möchte! e. K. Reinhardt in München. Die Harmonie Verlin-Mün- chen, genauer Max Reinhardt- München er Künstler- theater, gall einen guten Zusammenklang. Die Eröffnungsvor- stellung am Donnerstag zeigte vor allen Dingen das eine: wie treu und künstlerisch selbstlos der imponierende Stab großer Ta- lente im Reinhardt-Ensemble sich einzig in den Dienst des Dramas der Dichtung stellt. Man gab„H a ni l e t" in 5l4stündiger Aufführung mit Alexander M o i s s i in der Titelrolle. Des jungen, rassigen und leidenschaftlichen Schauspielers Leistung überzeugte wohl nicht alle an Hamlet-Konvention und Kulissenpathos Gewöhnte, riß aber die freier Denkenden, die Vorurteilslosen des Publikums unbedingt mit sich fort. In der Besetzung enttäuschten eigentlich nur B e r e g i als Laertes, eine schwache Moissikopie, und Fräulein Eiben schütz als Ophelia. Das Drama wurde sehr breit und langsam gespielt. Fritz Erlers neue kostümliche und szenische Ausstattung ist fast durchweg rühmenswert, nur zer- teilt sich das Drama in 17 Bilder. Der fortwährende Szenen- Wechsel mit langen Pausen wirkte schließlich stimmunglähmend. Das ist die große Gefahr der Rialerbühne, daß der bildende Künstler sich vor den Dichter drängt. m. Humor und Satire. Die Fürsorge der Polizei. In einer preußischen Stadt verhaftete die Polizei einen Redakteur, als er in einer öffentlichen, unter freiem Himmel stattfindenden Versammlung der Jugend einen unpolitischen Vortrag halten wollte. Die Verhaftung erfolgte, um den Redakteur an einer Straftat gegen das Vereins- gefetz zu hindern. Das-Auftreten der Polizei ist tadelnswert. Freilich ist ihre Fürsorge zu rühmen, die ein Verbrechen verhindern will; aber zu tadeln ist es, daß die Verhaftung erst im letzten Augenblick erfolgte. Wie, wenn der Polizeibeamte durch eine Entgleisung der elektrischen Lahn oder durch eine Entbindung seiner Frau aufgehalten worden wäre? Dann wäre er vielleicht zu spät gekommen, und das Ver- brechen, das er verhindern sollte, wäre geschehen gewesen! Des- halb muß die Tätigkeit der Polizei früher beginnen. Wenn sie den Redakteur einige Tage vorher verhaftet, so nützt auch dies daß gegen unseren billigen Vorschlag kein Widerspruch erhoben wird, und wir werden uns dann selbstredend«n beiden Veratungen be- teiligen.(Lebhafter Beifall links.) Präsident Graf Stolberg: Nach§ 4 der Geschäftsordnung dürfen Reden zur Geschäftsordnung die Dauer von fünf Minuten nicht überschreiten.(Stürmische Heiterkeit.) Ich habe von dieser Bestimmung dem Herrn Vorredner gegenüber abgesehen und werde auch bei den folgenden Herren Rednern heute ausnahmsweise davon absehen.(Er- neute Heiterkeit und Zustimmung.) Abg. Singer(Soz.): Mit den sachlichen Ausführungen des Herrn Kollegen Bassermaim bin ich durchaus einverstanden und bin ihm persönlich dankbar dafür. daß er mir die Vorbringnng einer ganzen Menge Materials erspart hat. Aber die Annahme des Antrages Bossermann würde zu er- heblichen Unbequemlichkeiten führen und auch die Forderungen der Geschäftsordnung nicht befriedigen.(Sehr wahr! b. d. Soz.) Sieht man mit dem Kollegen Basiermann die Anträge als Jmtiativ- anträge an, so muß erst wiederum geschäftsorduungsmäßig die Frage entschieden werden, wann sie zur Verhandlung kommen sollen. Nur ein widerspruchsloser Beschluß des Hauses würde es ermög- lichen, Initiativanträge im Moment ihrer Einbringung..zu behandeln, selbst wenn die Mehrheit des Hauses von der Bestimmung über die Reihenfolge solcher Anträge abgehen sollte. Die unmittelbare Vor« nähme der zweiten hinter der ersten Lesung würde eben, falls eine Abweichung von der Geschäftsordnung bedeuten, die eine Fristaussetzung nur unter gewissen Umständen zuläßt. Die Schwierigkeiten werden also nicht gehoben mit der Annahme des Antrages Bassermann, derlein Messer ohne Schneide, ein feierlicher Protest gegen das Vorgehen der Kommission ist, aber nicht das erreicht, was Kollege Bassermann sachlich will, und ein höchst gefährliches Präjudiz schafft, welches für spätere Zeiten sehr unbequem und verhängnisvoll Ivcrden kann. Die Jnnehaltung von Fristbestimmungen ist in der Gesetzgebung so wichtig wie in der Rechtsprechung, und nur in Ausnahmefällen und mit allgemeiner Zustimmung kann man einmal davon absehen. Aber ein solcher AuSnabmefall bietet noch keineswegs unter allen Umständen Garantien dafür, daß man es in Zukunft immer wieder so machen kann. Ent- hält auch in Erinnerung an frühere Blockzeiten der Antrag Basser- mann gewiß ein freundliches Entgegenkommen gegen frühere Block- freunde(Große Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.), so hebt er, wie ich gezeigt habe, in keiner Weise Schwierigkeiten auf und ist in seiner Ausführung noch dazu von noch sehr zweifelhasten Be- schlüssen abhängig. Nun zu unserem Antrag. Zunächst möchte ich kurz auf ein paar Parapraphen der Geschäftsordnung hinweisen.§ 22 sieht vor, daß Gesetzentwürfe bezw. Anträge nach der Begründung der ersten Beratung unterzogen werde». Die Kommissionen stehen nicht über dem Plenum: sie haben die Aufträge des Plenums ans- zuführen, und nur im Nahmen dieser Aufträge sind sie berechtigt, ihre Tagesordnung selbst zu regeln.(Lebhafter Beifall auf der ge- samten Linken.) Anders kann dieser Paragraph nicht verstanden werden.(Sehr richtig I links.) Herr Bassermann meint, eventuell könne eine Kommission in einen Gesetzentwurf andere Sachen hineinarbeiten als darin stehen. Aber er verlangt— und darin stimme ich ihm durchaus bei— einen einmütigen Beschluß. In der Finanzkommission haben aber eine Reihe von Kommissionsmitgliedern Widerspruch erhoben, und damit war das Recht der Kommission, diese Dinge zu behandeln, ausgeschlossen. Und nun weiter: Das Plenum ist nicht an den Komnüssions« beschluß gebunden. In dem Augenblick, wo im Plenum Wider- spruch erhoben wird, ist der Beschluß der Kommission, selbst wenn er einmütig gefaßt wird, hinfällig.(Lebhaftes Sehr richtig! links.) Angenommen auch, der Riehrheitsbeschluß der Kommission wäre gültig, so wäre er doch nur für sie gültig, nicht aber für das Plenum: denn sonst könnten ja dle Kommissionen auch sachliche Beschlüsse fassen, die dann das HanS als definitiv ansehen müßte. lieber die Ereignisse, die zu der Sezession in der Kommission geführt haben, wird einer»neiner Parteifreunde sprechen, der persönlich daran beteiligt war und daher besser geeignet ist als ich, diese Dinge hier vorzutragen. Aber ausdrücklich habe ich hier zu erklären, daß unsere ganze Fraktton einmütig ihr volles Einverständnis »nit dem Verfahren unserer Freunde in der Kominission erklärt hat. (Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Nach unserer Auf- fassung hätte ein anderes Verhalten unserer Freunde ihre eigene Würde und die der FSaktion verletzt.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Die Darstellung, die Kollege Bassermcmn von den Präzedenz» nichts; denn bis zu seiner Verhaftung kann er eine Unmenge von politischen Schandtaten begehen. Politisch verdächtige Persönlich- ketten müssen viel, viel früher unschädlich gemacht werden; sie dürfen überhaupt nicht frei herumlaufen, sie»nüssen bielmehr, da. mit ihnen jede Gelegenheit zur Verübung politischer Verbrechen genommen wird, schon als Embryonen verhaftet und erst dann entlassen werden, wenn bei ihnen die Leichenstarre bereits ein- getreten ist. E i n Landarmenvcrband. Es mehren sich die Fälle, in denen Besitzer großer Güter, die einen ihrer gesellschaftlichen Stellung entsprechenden Aufwand treiben, gar keine oder nur eme ganz geringfügige Einkommensteuer bezahlen,— ein Beweis, daß diese anscheinend so wohlhabenden Leute in Wirklichkeit sehr arm sind. Die Beweise dieser Armut werden immer häufiger und augenfälliger: Ein Rittergutsbesitzer war von elf seiner Dienst- mägde auf Alimente verklagt worden; er beantragte für die elf Prozesse die Bewilligung des Armenrechts. Ein anderer Guts- besitzer beantragte eine Armenunterstützung, weil er ohne eine solche nicht in der Lage sei, seinen Rcnnstall weiter zu behalten. Ist es nicht schrecklich, wie die Not unter den Agrariern zu- nimmt? Zweifelhaft ist nur, ob diese beklagenswerten Männer zu den verschämten Armen gehören oder zu den unverschämten. („Jugend".) Nottzen. — Bühnenchroni!. Das Berliner Bellealliance- Theater ist vo,n früheren Opernsänger und Gcsangspädagogen Dr. M. Alfieri für mehrere Jahre gepachtet worden und soll als V o l k L o p e r am 1. September niit Verdis„Ernani" eröffnet werden. — Eine Ausstellung der Unabhängigen beabsich- tigt, wie die„Kunstchronik" mitteilt, eine Gruppe Berliner Künstler nach Pariser Muster zum Herbst ins Leben zu rufen. Es soll eine bestimmte Reihe von Malern aufgefordert werden, ohne Jury eine zugebilligte Zahl von Werken auszustellen. Fragt sichlnur, wer auf« gefordert und WaS zugebilligt wird. — Dem Dichter W. v. Polenz— von dessen lebensvollen Bmiernromanen in der„Neuen Welt" vor Jahren der Büttncrbauer erschien— lvird in seiner Heimat Ober-Kunewalde ein Denk-' mal errichtet. Es besteht aus zwei mächtigen Lausitzer Granitblöckcn. in die ein Relief mit dem Bildnis des Dichters eingelassen ist. Koniferen und Laubbäume umgebeir den Denkstein, der in uninittel- barer Nähe des alten Herrensitzes liegt, wo Polenz gelebt hat. Die standesbewußten Verwandten des Dichters ehren das Andenken des Dichters schon seit längcrem auf ihre Weise, indem sie sozialdcmo- kralischen Zeitungen nicht die Erlaubnis geben, Werke ihres Sippen« genossen abzudrucken. Die Lektüre können sie immerhin nicht ver« bieten. — Ein Dürerfund. Eine bisher verschollene Schrift Dürers über die Niiigkunst wurde in der kaiserl. Familieiisidei- kommißbibliothek in Wien aufgefunden. Sie ist von Dürer eigen« händig geschrieben und mit Federzeichnungen geziert. fällen gab, Tanh Ich nifr bestätigen. Gewiß baben die Kommissionen das zweifellos« Recht— genau wie das Plenum— der Abänderung und Ergänzung von Vorlagen der verbündeten Negierungen. Daher haben wir auch nicht einmal den Antrag auf Absetzung der Verteuerung der Beleuchtungsmittel und der Zuckersteuer gestellt. Aber die Kommission darf nur Ergänzungen vornehmen, die mit der Vorlage in sachlichem unmittelbaren Zusammenhange� stehen. Wie man einen solchen Zusammenhang beim Kohlenausfuhrzoll, bei der Mühlcnumsatzsteuer, dem Kaffee- und Teezoll, der Umsatz- und Wertzuivachssteuer und der Besteuerung der Wertpapiere her- ausbringen will, darauf bin ich neugierig. Wenn man der Sprache und der Logik keine Gewalt antun will, so muß man erklären, diese Dinge stehen in keinem Zusammenhange mit der Regierungs- Vorlage.(Sehr richtig! links.) Wohl haben die Kommissionen und die einzelnen Kommissionsmitglieder das Recht, solche Anträge zu stellen(Abg. Erzberger: Hört! hört!), aber sie müssen sie als Initiativanträge stellen.(Sehr wahr! links.) Sollte die Mehrheit hier beschließen, diese Beschlüsse der Kommission im Rahmen des Berichts über die Ziegierungsvorlage in zweiter Le- sung zur Verhandlung zu bringen, so würde das einen glatten Bruch der Geschäftsordnung bedeuten. Wir haben ja genügend erlebt, daß Konservative und Zentrum vor solchen LiechtSbrüchen nicht zurückschrecken. Im Zolltarifjahre haben auch die National- liberalen mitgemacht. Aber da ein reuiger Sünder besser ist als hundert Gerechte(Heiterkeit), so begrüße ich die Rückkehr der Na- tionalliberalen zu dem Grundsatze, daß die Geschäftsordnung be- folgt werden muß, und will nur die Hoffnung aussprechen, daß diese Rückkehr e>ne dauernde bleiben möge und wir keine Rückfälle zu verzeichnen haben.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Zen- trnm und Konservative aber scheinen bei der Sitte der Geschäfts- ordnungsvergcwaltigungen bleiben zu wollen. Wenn man nun nach dem praktischen Erfolg fragt, der auf dem Spiele steht, so ist auch vom Standpunkt der Mehrheitspar- teien aus der Preis nicht des Einsatzes wert. Was kann schlimm» stens passieren? Die Sachen werden von der Tagesordnung ab- gesetzt, und die Mehrheitsparteien verständigen sich über einen Initiativantrag und setzen durch, daß er an einem anderen als an einem Schwerinstage zur Verhandlung kommt, und nehmen dann nacheinander unter Jnnehaltung der vorgeschriebenen Fristen die verschiedenen Lesungen vor. Das gibt schlimmstenfalls eine Verzögerung um fünf Tage, und lim dieser paar Tage willen wollen Sie in geradezu frevelhafter Weise— Sie dürfen mir diesen Ausdruck nicht verübeln— die Geschäftsordnung aufs Spiel setzen und gefährliches Präjudiz für die Zukunft schaffen?(Leb. Haftes Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wenn Sie die Be- stimmungen der Geschäftsordnung respektieren, so brauchen Sie nur ein paar Sommertage länger in Berlin zu sitzen, wo es ja für die Herren auch manche Zerstreuungen und manche Vergnügungen gibt.(Große Heiterkeit.) � Herr Kollege Bassermann und ich haben— denke tch— schlagend nachgewiesen, daß jede rechtliche Vorbedingung für die Vor- nähme der zweiten Lesung fehlt, da einmütige Zustimmung nicht vorhanden ist. Ich bitte nochmals um Annahme unseres Antrages. (Lebhafter Beifall.) Abg. Freiherr S. Richth-fen(!.): Gewiß ist_ die Geschäftsordnung zum Schutz der Minorität da, aber die Geschäfts- ordnung für die Kommissionen ist nicht dieselbe wie die Geschäfts- ordnung für das Plenum. Wenn sich Unstimmigkeiten über die Anwendung der Geschäftsordnung erheben, so muß die Mehrheit entscheiden.(Lauter Widerspruch links. Zuruf: Unglaublich!) Abg. Dr. Miiller-Meiningen(frs. Vp.): Auch wir wünschen die schleunige Erledigung der Jinanzreform, aber wir können eS andererseits nicht zulassen, daß die Minderheit der Willkür einer zufälligen Mehrheit ausgeliefert wird.(Sehr richtig! links. Un- ruh- rechts.) Wir haben die Verpflichtung, dagegen zu protestieren. wenn derartig rechtsungültige Beschlüsse gefaßt werden. Nach den Ausführungen des Herrn v. Richthofen kann die Mehrheit einfach tun. was sie will. In Z 21, Abs. 2, ist ausdrücklich gesagt, daß die Kommission sich nur mit den ihr überwiesenen Gegenstanden zu beschäftigen habe.(Sehr richtig! links.)„„„ Alle Präzedenzfälle sprechen für unsere Auffassung. Wenn ein Beschluß des Reichstages in einer nichtgültigen, der Geschäfts- ordnung nicht entsprechenden Weise zustande kommt, kann auch der Bundesrat ihm nicht seine Zustimmung geben. Weiter aber handelt es sich hier auch um eine Verletzung des verfassungsmäßigen Petitionsrcchts aller Staatsbürger.(Sehr richtig! links.) Die beteiligten Kreise können ja gar nicht wissen. was in den geheimen Sitzungen einer Kommission verhandelt wird. Nichts ist charakteristischer für den neuen Bund, für die Partei für Wahrheit, FreihMt und Recht und andere schöne Dinge, als daß dre erste Tat des machtlüsternen und in seine Machtstellung wieder einrückenden Zentrums ein Attentat auf die Geschäftsordnung des Reichstages ist.(Große Unruhe im Zentrum.) Wir protestieren gegen eine solche Mißhandlung der Geschäftsordnung; wir werden dem Antrag Singer zustimmen und, im Falle seiner Ablehnung, dem Antrag Bassermann.(Lebhaftes Bravo! links.) Abg. Frhr. v. Gamp(Rp): Wir sind der Meinung, daß neue Materien nur in der Form von Gesetzesvorlagen an das Plenum kommen dürfen, damit drei Lesungen möglich werden. Wir werden gegen den Antrag Singer und für den Antrag Bassermann stimmen. Abg. Dr. Spahn(Z.): Wenn eine Frage durch die Geschäfts- ordnung nicht entschieden ist, kann die Reichstagsmehrheit be» schließen, wie sie die Frage geschäftlich behandeln will. Deshalb war die Auffassung des Abg. v. Richthofen richtig. Abg. Geyer(Soz.): Herr von Richthofen sagte, in der Kommission sei von unS nicht auf den§ 21 der Geschäftsordnung hingewiesen worden. Ich habe bereits bei dem neuen Besitzsteuerantrag in der Kam. Mission auf das Bedenkliche hingewiesen, die Zeit zu vergeuden dadurch, daß allerhand neue Anträge geschäftsordnungswidrig ein- gebracht würden, und zum Schluß haben wir dann ausdrucklich die Erklärung abgegeben, daß wir protestieren gegen die geschafts- ordnungswidrige Beratung des Kaffeezolles usw., die auch den Ab- machungen im Seniorenkonvent widersprach. Das war deutlich genug, und ein ausdrücklicher Hinweis auf den§ 21 der Geschäfts- ordnung war überflüssig. Die Auslegung, die Herr Spahn der Geschäftsordnung gegeben hat. trifft nicht zu. Er bringt s,e nur jetzt vor, weil er der Majorität damit dient. Was war denn der Zweck der ganzen Upbung? Doch lediglich die Absicht, der neuge. bildeten Mehrheit in der Kommission die Möglichkeit zu geben, das Plenum wie die Regierung vor fertige Tatsachen zu stellen und sie zu zwingen, die Anträge der Kommission anzunehmen. Wenn Herr Spahn darauf hinwies, daß der Präsident von der Geschäftsordnung heute infofern abgewichen sei, als er Reden zur Geschäftsordnung von länger als 6 Minuten zugelassen habe, so erinnere ich daran, daß diese S Minuten Redezeit zur Geschäfts- ordnung unter denselben Umständen zustande gekommen sind, wie Sie jetzt die Absichten der Mehrheit der Kommission durchfetzen wollen. Macht geht bor Recht, sagen Sie! Damals so wie heute handelt es sich, um einen offenen Bruch der Geschäftsordnung. (Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Abg. Erzberger(Z.): Es kann doch in einer 28gliedrigen Kam- Mission nicht ein einziges Mitglied die Arbeiten lahm legen dürfen! Wenn Sie das nicht wollen, müssen Sie zugeben, daß der Mehr- . heit die Entscheidung über einen Einspruch zusteht.(Sehr richtig! ' im Zentrum.) Abg. Singer(Soz.): Nicht die Mehrheit entscheidet über die Handhabung der Ge- schäftsordnung und darüber, welche Anträge zulässig sind, sondern die Geschäftsordnung entscheidet darüber, welche Anträge zulässig find, und es ist nur eine Verwirrung der klaren Situation, wenn man die Sache anders darstellt. Wenn Sie wollen, daß die Mehr» heit über die Auslegung der Geschäftsordnung auch gegenüber dem klaren Sinn der Geschäftsordnung entscheidet, dann heben Sie. damit die Geschäftsordnung selbst auf und proklamieren die Majo- ritätsherrschaft. Ich möchte sehen, ob Herr Spahn denselben Stand- Punkt eingenommen haben würde, wenn eS sich um die Vergewalti- sung jeiner Partei handelte. Ich erinnere ihn an die.Geschäfts, drdnrfhsreden feinel berstorbenen Kollegetk Lieber?. Nach HerkN Spahn müßte man einen Paragraphen in die Geschäftsordnung schreiben: Alles, was die geschäftsordnungsmäßige Behandlung betriftt, ist in jedem einzelnen Falle von dem Willen der Majo- rität abhängig.(Sehr gut! links.) Mein Freund Geyer hat mit Recht betont, daß die Mehrheit der Kommission ganz bewußt die geschäftSordnungsmäßigen Bestimmungen Vicht beachtet hat. um den Reichstag und die Regierung der Möglichkeit zu be- rauben, die großen allgemeinen Gesichtspunkte, die bei diesen Vor- lagen in Frage kommen, im Zusammenhang ausgiebig zu erörtern, wie das in der paragraphenweisen Beratung der zweiten Lesung nicht möglich ist.(Sehr wahr! bei den Sozialdemorraten.) E- handelt sich also um ein ganz wüstes Ucberrumpelungsmanüver. das wir im Interesse der Minorität aufs Stachdrücklichste be- kämpfen müssen. Wenn auf die nächste Tagesordnung die erste Lesung dieser Gesetzentwürfe gesetzt würde, so würden wir, um nicht die Verhandlugen unnötig zu verzögern, gegen die Beratung wohl keinen Widerspruch erheben. Kommen wir dann hinterher in die zweite Beratung der aus der Kommission gekommenen Gesetzentwürfe, dann kann im Anschluß an die zweite Lesung die Beratung dieser Anträge erfolgen. Wir bleiben also in fortwährender Kontinuität der Verhandlung und vermeiden dabei diesen Bruch der Geschäftsordnung. Wenn Sie aber den An- trag Baffermann heute annehmen, erreichen Sie gar nichts. Die Majorität beginnt dann die Beratung der von ihr im Interesse des Volkes notwendig erachteten Gesetze mit einem Bruch der Geschäftsordnung des Reichstags, der doch die Rechte des Volkes zu wahren hat.(Lebhafter Beifall links.) Abg. Dr. Spahn(Z.): Der vom Abg. Singer angegebene Weg ist nicht gangbar, weil ein Jniativantrag nicht vorliegt. Hiermit schließt die Diskussion. Der Antrag Singer wird gegen die Stimmen der Sozialdeme- kraten und Freisinnigen abgelehnt. Für den Antrag Bassermann stimmt die Linke und die Reichspartei. Da das Abstimmungsresultat zweifelhaft ist, erfolgt die Abstimmung durch Hammelsprung. Der Antrag wird mit 18S gegen 116 Stimme» abgelehnt. ES wird also in die zweite Beratung deS Finanzgesetzes eingetreten. Die Beratung beginnt bei Artikel II, Brsteucrnng der Wertpapiere. Abg. Dr. Weder(natl.): Bei der Beratung der ErbfckiaftSsteuer hat bereits Herr Raab über die Kotierungssteuer gesprochen und es als wünschenswert hingestellt, daß fremdes Kapital in Deutschland nicht Umlaufes und hat seiner Animosität gegen die Akriengesell- schaften Ausdruck gegeben. Gerade ihnen verdanken wir, daß wir mit England und Frankreich konkurrieren konnten. Der Mittelstand ist mit dieser Art Gesetzmacherei nicht zufrieden.(Lebhafte Zustimmung bei den Liberalen.) Mit Ihren ironischen Bemerkungen über den Hansabund werden Sie die Bewegung nicht beseitigen, aus der er hervorgegangen ist. und werden nicht hindern, daß er sich zu einer machtvollen Organisation von Industrie, Handel und Mittelstand entwickelt.(Lebhaftes Bravo I bei den Liberalen.) Hierauf vertagt daS Haus die Weiterberawng auf Montag 2 Uhr. Schluß 4 Uhr._ Sozialem Kinberausbeutung In der Heimarbeit. In den kleinen Zigarrenmacherwerkstätten beschäftigt der Heimarbeiter, neben einem Wickelmacher, seine eigenen und auch fremde Kinder mil Tabaktippen. In einem Dorfe des Regierungs. bezirkes Minden wurden, wie der„Hann. Courier" berichtet, von 277 Kindern nicht weniger als 153 oder 5b Proz. angetroffen, die entgegen den Vorschriften der Gewerbeordnung bcschättigt wurden. DaS jüngste Kind war sechs Jahre alt und mußte täglich fünf Stunden arbeiten. Ein zehnjähriger Knabe verdiente bei sechs- stündiger TageSarbeit fünfzig Pfennig wöchentlich. Sechs Stunden täglich mußten 18 Kinder arbeiten, von denen 7 noch nicht zehn Jahre alt waren. Ihr durchschnittlicher Wochenlohn betrug 1,50 Mark, das sntd etwa 4 Pf. pro Stunde. AuJ�rdem wurden noch 28 Verstöße gegen das Kinderschutzgesetz festgestellt, in denen noch nicht 10 Jahre alte Kinder beschäftigt wurden. Insgesamt sind von den 277 beschäftigten Kindern 181 als ungesetzlich beschäftigt zu betrachten._ Habt Acht vor Winkelkonsulenten! Am 31. März, also vor reichlich 2V2 Monaten, haben wir unter dieser Ueberschrift einen Rechtsstreit beim Gewerbegericht geschil- dert, der etwas Licht auf ein Rechtsbureau wirft, das sich„Recht?- wissenschaftliches Institut" nennt und in der Alcxanberstr. 25 von dem Rechtskonsulenten Fabisch und Dr. jur. von Kirchbach be- trieben wird. Jetzt erhalten wir von diesem Institut eine söge- nannte Berichtigung, die dahin geht:„1. ES ist nicht wahr, daß in unserm Institut falsche Auskünfte gegen hohe Preise erteilt werden. 2. Es ist unwahr, daß die Klage, welche der in dem vorgeannten Artikel genannte Arbeiter für seine minderjährige Tochter er- hoben hat, zurückgezogen wurde, ebenso ist es univahr, daß kein schriftlicher Lehrvertrag geschlossen ist. Di« Klage schwebt bei dem Kaufmannsgcricht— Berlin— noch gegenwärtig und es ist ein Lehrvertrag schriftlich geschlossen. 3. Es ist unwahr, daß der be- treffende Arbeiter 25 M. für die im vorgenannten Artikel als Rechtshilfe bezeichnete Tätigkeit bezahlt hat. Wahr ist vielmehr, daß das Honorar von 25 M. für die gesamte diesseitige Tätigkeit gezahlt wurde." Dieser Berichtigung geben wir lediglich aus preßgesetzlichen Gründen Raum und wiederholen eindringlich die Warnung, an derartige Institute oder Rechtskonsulenten sich ratsuchend zu wenden. Im Arbeitersekretariat(Engel-Ufer 15) erhält der Arbeiter kostenlos zutreffende Auskunst und erspart dadurch viel Kosten, Zeit und Aerger, die er durch Inanspruchnahme von Rechts- instituten und dergleichen zu verausgaben hat. Die Wiener Hammervrotwerke. Heute werden mit einer einfachen Feier die Hammerbrotwerke in Wien eröffnet. Damit geht das Wiener Proletariat in dem wichtigsten Zweig der Lebensmittelversorgung zur Eigenpro- d u k t i 0 n über. Indem es selbst einen großen Mühlenbe- trieb und eine Bäckerei in Betrieb setzt, macht eS in seinem Emanzipationskampfe als Konsument einen mächtigen Schritt nach vorwärts. Zugleich ober kommt es den schwerkämpfenden Ge- nassen der Backstube zu Hilfe, bei denen trotz vielen heroischen Kämpfen noch immer das Gesetz gilt, daß auf der einen Seite überlange Arbeitszeit, auf der anderen übergroße Arbeitslosigkeit den gewerkschaftlichen Befreiungskampf der Wiener Bäcker hemmen. Die von den Wiener Genossen errichteten Hammerbrotwerke sind ein Großbetrieb, dessen Errichtung für Mühlenbetriebe und Bäckereien vorbildlich zu wirken geeignet ist. DaS Unternehmen beginnt auf dem Bahnhof Schwechat. Vom Bahnhof führt ein eigenes kilometerlanges Geleise zu den Fabriken. Auf ihm wird alles herangebracht, was die Werke an Rohprodukten bedürfen, vor allem das Korn. Dickt am Geleise erhebt sich der Kornsilo, ein eigenartiger, turmähnUcher Bau, in dem das Getreide aus den Waggons mit Hilfe automatischer Transportüorrichtiyigen ge. fcküttet und bis zu dem Zeitpunkt eingelagert wird, zu welchem es sich Transportschnecken der Mühle herbeiholen. In diesem Riesen- speicher finden 250 Waggonladungen Korn gleichzeitig Platz. Neben dem Kornsilo steht die Mühle. Sie ist die größte Roggenmühle Oesterreichs und ist imstande, täglich 10 Wag- gon Korn zu vermählen. In eine mStollen zwischen dem Korn- filo und der Mühle drehen sich die Transportschnecken, die ohne menschliche Beihilfe das Getreide der Vermahlung zuführen. Ehe das Kortt aher in die Quetsche kommt, muß eS Ml Ackererde und all den Unreinlichkeiten befreit werden, die auf dem weiten Wege vom Feld bis zur Mühl? mit dem Getreide sich vermischt haben. Dafür sorgt ein sinnreiches System von Magnet-, Bürsten- und Siebreinigern, die mit Aspirationsmaschincn in Verbindung stehen, ebenso die Tricure, Siebtrommeln, welche in kreisrunden Grübchen die Kugelsamen des Unkrauts sangen. Erst wenn es völlig gereinigt und geschält ist, gelangt es in die Mühle. Diese ist innen durch- weg mit dem Holz der amerikanischen Pcchtanne, dem Pitschpinc- Holz, verkleidet. Von den Walzenstühlen und Blaumehlzylindern kommt das Getreide zu den Plantrichtern im dritten Stock, die cZ in oftmaligen Passagen in Mehle und Griese scheiden. Dann erst füllen sich im zweiten Stockwerk die Transportschnecken mit dem fertigen Produkt. An die Mühle angebaut ist ein Mehlsilo zur Aufspeiche- rung von losem Mehl und das Mehlmagazin zur Aufbewah- rung von Mehl in Säcken. Der Mehlsilo, der in der Höhe des zweiten Stockwerkes durch eine Brücke mit der Bäckerei verbunden ist, dient ausschließlich für die Bedürfnisse der Brotsabrir. lieber die Brücke laufen wieder Transportschnecken und tragen das Mehl in die M e h l m i s ch e r e i, die an der linken Seite der Brot- fabrik vom ersten in das dritte Stockwerk ragt. Das Mehl wird dort durch Bürstmaschinen, Schnecken und Elevatoren wiederholt gemischt. Ist diese Arbeit im ersten Stockwerk vollendet, dann heben die Elevatoren das Mehl in das dritte Stockwerk, wo es eine lange automatische Transportschnecke aufnimmt und in die Mehl- reservoire befördert. Dann gerät es in die eisernen Fang- arme der elektrisch betriebenen automatischen Teigerzeugung. Ter Boden der Reservoire im dritten Stock, deren jedes 8000 Kilogramm Mehl faßt, verjüngt sich zu einem Trichter, der von der Decke des zweiten Stockwerkes in einen Kasten ragt, der wieder den oberen Aufsatz einer komplizierten Reinigungsmaschtne und jju- gleich die Wagschale der im ersten Stock befindlichen Knetmaschine bildet. An dem Trichter lauern übrigens noch zwei Magnete auf die Eisenteilchen, die etwa auf dem weiten Wege, den das Mehl bisher zurückgelegt hat, in dieses geraten fein könnten. Ist das Mehl an den Magnetreinigern vorüber, dann hat es nur noch die Bürst- und Siebmaschinen zu durcksivandcrr, welche die letzte Reiniaung des Mehles vollziehen. Aber schon spielt unten im ersten Stock an der Knetmaschine der zum kom- pletten Maschinisten avancierte Mischer die Wage ein und doZ Mehl muh wieder ein Stockwerk tiefer in das große Becken der Knetmaschinen. Dort ist schon ein Gemenge von ebenfalls auto- matisch erzeugtem Sauerteig, von Salz und Wasser vorbereitet, und der Mischer läßt nun auf das Kilo genau so viel loses Mehl in die Knetmaschine, als zur richtigen Festigkeit des TeigeS nötig ist. Ist das Quantum abgewogen, dann verläßt er seinen Platz an der Wage und begibt sich auf die rechte Seite der Knetmaschine, wo er durch eine Kurbeldrehung erst das Schutzgitter niederlassen mutz, ehe die Mischflügel seinem Winke gehorchen. Und nun brandet und wogt in dem Bauche der Knetmaschine ein grau- braunes schmutziges Meer. Auf und nieder treiben die Knetflügcl die Teigmassen, die allgemach festere Form annehmen. In wenigen Minuten sind die 700 Kilogramm Teig geknetet und reif dem Teig- wagen anvertraut zu werden. Wieder ein Hebeldruck: der ganze Kasten stellt sich auf und ruhig wälzt sich nun der Teig in den in- zwischen herangeschobenen Tcigwagen. Von diesem wird der Teig zu den Trichtern gebracht, die, den Fußboden durchschneidend, den Teig in die Empfänger der im Erdgeschoß stationierten Teigteilmaschinen befördern. Der Teig drückt durch seine eigene Schwere in die Teiltammern und fällt nun in Form von reckt- eckigen Zylindern auf ein ewig rollendes Transportband, das die gewogenen Stücke zu der Wirkmaschine trägt. Der Kegel dieser Maschine ist gerippt und zwingt die eckigen Teigzhlinder"in die Rinne, die den Teigklumpen nun Kugelform gibt. In dieser Gestalt rollen sie aus ein Transportband, das sich längs des Ar- beitstisches der Bäcker hinzieht. Nun müssen das erste und einzige Mal Menschenhände den Teig berühren. Der Teig mutz von den Bäckern auf die korbartigen Teller— Schwingerin heißen sie in Oesterreich— gedrückt und schon wieder, ohne Berührung mensch- licher Hände, auf die Brotgestcllwagen gehoben werden, mit denen er dann in den Gährraum geschoben wird. An diesem an- schließend ist die Ofen Halle, ein 70 Meter langer Riesenraum, der den Schmuck des ganzen Betriebes darstellt. Von oben bul unten verkachelt, bietet die gewölbte Halle für 21 Doppelauszug- öfen Platz- Durch 20 Fenster in den Längswänden und durch zwei riesenhafte Rundbogenfenster an den Breitwänden empfängt sie «ine Fülle von Licht und Sonnenschein und 21 Ventilationsrosen in der gewölbten Decke befördern die Hitze und schlechten Dämpfe, die sich etwa bilden können, ins Freie. Es können in drei aclft- stündigen Schichten 50000 Laibe 1)4 Kilo schweren Brotes erzeugt werden. Die Heizung der Oefen erfolgt durch Gas, das in der hinter den Oefen gelegenen Generatoren- anlage selbst hervorgebracht wird. Di« Wärmemenge reicht auch aus. um alles Warmwasser für den Riesenbettieb, der natürlich Zentralheizung und elektische Beleuchtung in allen seinen Räumen hat, hervorzubringen. Ist das Brot aus dem Ofen, dann wird es mit Hilfe von Schaufeln und Tragbahren auf die Brotgestellwagen gehoben und samt diesen von schmucken Automobilen ausgenommen, die es den Vcrschleißstellen zuführen. Kraft und Licht empfängt der ganz« Riesenbetrieb von zwei Dampfmaschinen, die 000 und 150 Pferdekräfte aufweisen und von einer Turbine, der der Schwechatflutz 40 Pferdekräfte zu- führt. Die Feuerung der Kessel geschieht mit Rohöl. Auch hier ist wie in dem ganzen Betrieb alles Schmutzende und Staub- erzeugende vermieden. Kein Bäcker betritt den Raum, ehe er nicht seine Straßen- Neider abgelegt, ein Bad genommen und reine Betrirbskleider an- gelegt hat. Die Hammerbrotmarke, ein goldgelber Nehrenkranz, in dem ein roter Hammer ragt, möge in Ehren auf dem Wiener Brot- markte zum Nutzen des Wiener Proletariats bestehen. Hua der Frauenbewegung. Zur Kellnerinnenfrage. Frau Jellinek, die die gänzliche Ausrottung des Kellnerinnen- Berufes durch das Gesetz fordert, hat SukkürS bekommen von den — nationalen Kellnern. Das sogenannte„Nationale Kartell", bestehend aus einer Anzahl Kellner- und Köcheverbpnde, hat der Frau Professor zugestimmt. Es ist klar, die Befreiung der Kellnerinnen aus ihrem tiefen Elend kann nur durch sie selbst geschehen, nur durch eine eigene, Willensstärke und zielbewußte Organisation. Frau Jellinek hatte in Heidelberg ein„Kellnerinnenhcim" errichtet, und wollte in der Art bürgerlicher Philanthropen die Kellnerinnen„retten". Weil ihr das mißlang, ist sie ganz pessimistisch geworden. Deswegen ist sie für gänzliche Beseitigung des KellnerinncnberufeS. Doch halt! So ganz radikal ist Frau Jellinek nicht, sie will die kleinen Orte bis zu 5000 Einwohnern von diesem Verbot be- freit wissen. Weint die gute Frau, daß die Sittlichkeit der Kell- nerinnen in solchen Orten besser gewahrt sei, etwa deswegen, weil dort die junge Herrenwelt moralisch gefestigter sei? Weiß Frau Jellinek nicht, daß in den kleinen Städten des preußischen Ostens, auch Sachsens und Thüringens, das Animicrkneipenwesen gerade am meisten verbreitet ist? An einer anderen Stelle ihres Buches bemerkt sie, daß sie die Schweizer„Saaltöchter", die sich, wie eine andere Schriftstellerin sagt,„aus den Töchtern gebildeter und gut- situierter Familien rekrutieren", mit ihrem Verbot auch nicht treffen will.„Die bedienen in Sommerftischen, Luftkurorten, Hotels und ähnlichen Anstalten und fallen natürlich unter die von mir ausdrücklich angegebenen Ausnahmen." Es ist nicht ersichtlich, ob Frau Jellinek wegen des Charakters der Orte als Sommer- frische, Luftkurort, diese als einwandfrei für den Kellnerinnen- beruf betrachtet wissen will, oder ob sie meint, hier handle es sich dach immer um Orte mit weniger als 5000 Einwohnern. Jeden- falls gibt eS auch in Deutschland Gegenden, z. B. im Riesengebirge, Wk fn Feffeitti Hokls BJih RrstttUrankS Kellnerinnenbedienung eingeführt ist. Wir sind nun mit Frau Jellinck dahin einig, daß die Kellne» rinnen der Animierkneipen organisations u n fä h i g sind; an dem Fortdestand dieser Animierlneipen besteht kein berechtigtes Interesse. Anders steht aber die Frage, ob man Zehntausendcn Frauen und Madchen, die sich im Gasttvirtsberuf ihr Brot der-- dienen, dies durch die Gesetzgebung verbieten kann. Auch wir sind überzeugt, daß eS nicht leicht sein wird, die schwer arbeitenden und ausgebeuteten Mädchen, geknechtet vom Wirt und den©teilen- Vermittlern, zur Organisation heranzuziehen. Aber eS ist nicht unmöglich. Der Hebel mutz angesetzt werden bei den Lohn- und Arbeitsbedingungen. Die Kellnerin darf— wie auch der Kellner— nicht mehr auf Bezahlung durch Trinkgeld angewiesen sein. Zunächst müssen mindestens die schlimmsten Uebelstände. die darin bestehen, datz die Mädchen noch zu den Geschäftsunkosten des Wirtes beizutragen haben, beseitigt wetden. In München und in Nürnberg bestehen übrigens schon Abteilungen für Kellne- rinnen, die dem Verband deutscher G a stw i r t s g eh i l» fen angeschlossen sind. Der Münchener Verein zählt zirka bM Mitglieder. Ist erst die Vermittelung der Stellen den Händen der gewerbsmätzigen Stellenverniittler entwunden, dann wird auch die Organisierung der Kellnerinnen um ein Bedeutendes leichter werden-_ DaS weibliche Gastwirtspersonal. Zu den am meisten ausgebeuteten Arbeiterinnen zählen zweifei- loS die in den Hotels und Restaurants tätigen weiblichen Personen. Die mit Scheuern, Abwaschen, Putzen usw. beschäftigten Frauen er- halten bei einer überaus langen Arbeitszeit eine kärgliche Eni- lohnung. Ost müssen sie sich von den Kellnern aus deren Trink- geldereinnahmen entlohnen lassen. Die Arbeit selbst, bei der das Personal bald der glühenden Hitze, bald wieder der Zugluft und Kälte ausgesetzt ist, erfordert intensive Kräfteanspannung und ist in hohem Matze gesundheitschädigend. Besonders viel verbreitet unter diesen Arbeiterinnen sind Krankheiten wie Rheumatismus und Gicht, was die meist feuchten Steinfustböden bewirken. Die Arbeitsbedingungen sind miserabel. Die Gasträume werden entweder nachts nach Geschästsschluh oder in der Frühe gereinigt. Da viele verheiratete Frauen in diesem Gewerbe beschäftigt sind, ist eS für diese austerordentlich schwer, ihren eigenen häuslichen Pflichten und ihren Aufgaben als Mutter gerecht zu iverdeit. Das Los dieser Arbeiterinnen ist dringend verbesserungsbedürftig und«S mutz ihnen durch rege Agitation und Aufklärung zum Bcwusttsein gebracht werden, datz sie auf eine Bessergestaltung ihrer Lage hoffen können. wenn sie sich dem bestehenden.Zentralverband der Hausangestellten' anschließen._ Leseabende. Obtr-Schöneweide. Montag. 21. Juni. S Uhr, bei Rabe, Wilhel- minenhofstraste 43. Vortrag des Genossen Jakobsen. Sericdts- Leitung. Koten Rosen ist in Sachsen, rotweißen in Posen das Blühen ver- boten. Bis zu dieser Konsequenz mutz die Weisheit der Rechtsprechung des Dresdener Oberlandesgerichts und des preußischen Kammergerichts gelingen. Das Dresdener Oberlandesgericht erklärte jüngst die Berur- teilung eines Buchdruckereiarbeiters zu 23 Mk. Geldstrafe für be- rechtigt, weil diestr eine rote Schleife getragen, nach einer sächsi- schen Verordnung vom September 184S das Tragen republikanischer oder revolutionärer„Abzeichen' aber verboten ist. Danach dürften künftighin in Sachsen rote Rosen bei Vermeidung einer Geldstrafe nicht mehr blühen, auch die roten Litzen der Soldaten- uniform müßten danach verschwinden, nicht minder alle roten Nasen. Das Rot ohne Zutaten ist ohne Umwege in Preußen nicht strafrechtlich verfolgbar. Wohl aber erachtet das Kammcrgericht eine Verordnung für gültig, die das rot-weiß in Posen verbietet. Dementsprechend hat es dieser Tage einen Müller verurteilt, weil dessen Mühle rot-weiße Mühlcnflügel aufweist. Den Sachverhalt schildert folgender Gerichtsbericht. Eine Polizeiverordnung für den Regierungsbezirk Posen vom 12. April 1891 bedroht den mit Strafe, der„Zeichen", die geeignet sind, die öffentliche Ruhe zu stören, öffentlich ausstellt. Der Müller Tokorsky war wegen Uebcrtrewng dieser Verordnung angellagt worden. Er hatte di- Flügel seiner Winvmühle halb rot und halb weiß angestrichen. Da rot und weiß die polnischen Farben sind, so wurde diese Bemalung als eine großpolnische Demonstration angesehen und T. zur Anzeige gebracht. Einer Aufforderung des Distriktskommissars, den Anstrich zu beseitigen, kam er.nicht nach. Er erklärte, er habe die Blechteile der Mühlenflügel mit einer bestimmten roten Farbe angestrichen, weil diese sich für das Metoll gut eigne. Für die Holzteile habe er dagegen die weitze Farbe ge- eignet gefunden. Die Strafkammer zu Lstrowo als Berufungs- instanz verurteilte ihn jedoch auf die nunmehr erhobene Anklage wegen Verletzung der zitierten Polizeiverordnung. Sie nahm gleich der Polizei an, daß Angeklagter mit der rot-weitzen Anmalu.ig einen demonstrativen Zweck im Sinne der großpolnischen Bestce- bungen verfolgt habe unh-daß die Polizeiverordnung des Regie. rungspräsidenten zu Posen hier Anwendung finde. Als ein.Zei- chen" sei jeder Gegenstand zu verstehen, der öffentlich sichtbar sei. Die Win'dmühlenflügel seien„Zeichen". In ihrer rot-weitzen Be- malung, in diesem offenen Zurschautvagen der polnischen Farben, mutzten sie bei der deutschen Bevölkerung Unruhe erregen. ES liege eine Provokation des Deutschtums vor. Die vorhandenen Gegensätze würden verschärft. Tatsächlich hätten auch deutsche Personen Anstotz genommen. Somit rechtfertige sich die Schlutz» festftellung, datz TokorSky öffentlich Zeichen ausgestellt habe, die geeignet waren, die öffentliche Stühe zu stören. Der Angeklagte legte Revision ein und machte namentlich geltend, daß der Begriff deS„Zeichens" verkannt sei. DaS Kammergericht verwarf die Revision deS Angeklagten mit folgender Begründung. Allerdings gehe die Definition des Land- gerichts, daß jeder sichtbare Gegenstand ein Zeichen sei, zu weit. Ein Zeichen sei ein lebloser Gegenstand, der den Zweck habe, einen Gedanken oder eine Empfindung auszudrücken. Es bedürfe jedoch kemer Aufhebung der Vorentscheidung. Denn tatsächlich habe die Strafkammer diese Auslegung des Kammergerichts ihrem Urteil zugrunde gelegt, indem sie darlege, daß das Anstreichen der Müh- lenflügel eine Demonstration des Polentums zuungunsten des Deutschtums ausdrücke. Ohne Rcchtsirrtum sei ferner festgestellt daß dies Zeichen geeignet gewesen sei, Erregung hervorzurufen und dadurch die öffentliche Ruhe zu gefährden. Die Revision sei deshalb als unbegründet zurückzuweisen. In Pasen hüte sich danach jeder, rot-weiße Rosen oder Nelken zu tragen, oder gar rote Lippen und weiße Gesichtsfarbe oder Haare aufzuweisen.' Derartige Urteile find in Sachsen und Preußen möglich, wie- wohl das Reichsgericht ähnliche gegen Elsaß-Lothringen gerichtete Gesetze fiir ungültig, weil mit dem Reichsstrafgesetzbuch unverein- bar, seit Jahren erklärt hat. Und trotz solcher und anderer Vexa- tionen erklären sich die Polen bereit, zugunsten des auch gegen sie gerichteten Militarismus Hunderte und aber Hunderte von Milli« onen dem Reich, das solche Ausnabmegesetze gegen sie duldet, /zu- zubilligen. Will vielleicht die polnische Fraktwn in das Mühten- umsatzsteuergesetz eine Vorschrift hineinbringen, die rot-weiße Mühlcnflügel auch in Posen ermöglicht? >--- Schutz vor Schutzleuten! Wegen Körperverletzung im Amte hatte sich der Schutzmann Karbcrg in Hannover zu verantworten, der schon häufiger in der Oeffentlichleit'von sich reden gemacht hat. Der wiederholt diSzipli. narisch bestrafte seit 8. Juli v. I. vom Dienst suspendierte Änge- Heute war a» 11. Polizeirevier angestellt. Ln der NMt zum 31. Mai b. F, ist der Kaufmann Justus seiner Angabe nach in der Gocthcstraßc von mehreren Personen angefallen und mit Stöcken geschlagen. Gleich darauf traf er an der Ecke Schiller- und Reit- wallstraste zwei Schutzleute, darunter den Angeklagten. Er rief den Beamten entgegen: Wenn man einen Schutzmann braucht, ist keiner da. Diese angeblich etwas laute Aeußerung nahm der Ange- klagte Karberg als Veranlassung, den Schutz suchenden Justus zur Wache zu sistieren. Er hinderte unterwegs auch den Justus daran, sich den Namen eines Zeugen zu notieren, der dem Vorgang ge- folgt war. Der Angeklagte behauptete, durch die Anrede des Justus gereizt gewesen und sich zu dessen Festnahme berechtigt ge- halten zu haben. Justus hat dann vergeblich die Angabe der Schutz- mannsnnlnmcr von dem Angeklagten verlangt, als er auf der Polizeiwache des 11. Polizeireviers diese Aufforderung wieder- holte, hat der Schutzmann Karberg ihn derart mit der Hand ins Gesicht geschlagen, datz dem Justus der Kneifer auf die Erde ge- fallen ist. Der Angeklagte erklärte, er habe geglaubt, Justus habe ihn angreifen wollen, deshalb sei er diesem zuvorgekommen. Der Angeklagte hat auf der Wache auch ein Protokoll mit dem Kläger aufgenommen, dieses Protokoll ist nachher spurlos. verschwunden. Als bei der Entfernung aus der Polizeiwache Justus nochmals die Angabe der Nummer von Karberg verlangte, hat dieser den Justus nochmals ins Gesicht geschlagen, datz der Kneifer von der Nase flog. Im Anfang der Untersuchung hat der Angeklagte alles abgeleugnet und angegeben, er kenne den Justus gar nicht, später hat er dann ein teilweises Geständnis abgelegt. Die Strafkammer Hannover billigte ihm Mittwoch mildernde Umstände zu und er- kannte dem Antrage des Staatsanwalts gemäß gegen den Ange- klagten wegen Körperverletzung im Amte auf nur 208 M. Geld- strafe, eventuell 40 Tagen Gefängnis.— Schade, daß der Miß- handelte nicht ein Staatsanwalt oder ein Richter war. Wegen de? Doppelmordes vor dem Kriminalgericht ist jetzt bor dem Untersuchungsrichter, LandgerichtSrat Dreist die Voruntersuchung lebhaft im Gange. Der Maurer Ferdinand Kieselbach hatte bekanntlich nach einem für ihn ungünstig abge- laufenen Termin vor dem Schöffengericht auf der Straße vor dem Kriminalgertcht die Eisenbahnbeamtcn'Krirfzeck und Liedmann durch Revolverschüssc getötet und auf zwei andere Beamten, Eckert und Schmidt, verschiedene Schüsse abgegeben, die fehlgegangen waren. Gegen den sofort am Tatort verhafteten Kieselbach wurde ein Verfahren wegen Doppelmordes und versuchten Mordes in die Wege geleitet. Die von dem Verteidiger angestellten Ermittelungen ergaben, datz Kieselbach wiederholt schwere Unfälle, die mit ge- fährlichen Kopfverletzungen verbunden waren, erlitten hat. So hat K. u. a. auf einem Bau einen schweren Unfall erlitten,(hei welchem er aus dem ersten Stockwerk auf das Strahenpflaster gestürzt war. Hierbei erlitt er eine schwere Gehirnerschütterung und lag längere Zeit im Moabiter Krankenhause. Kieselbach, der sonst allgemein als ein durchaus nüchterner und ordentlicher Arbeiter geschildert loird, ist infolge der verschiedenen Kopfverletzungen ein sehr leicht reizbarer Mensch geworden, der in lang andauernde ErregungS- zustände gerät, nach denen er körperlich und seelisch völlig zu- sammcnbricht, über grotze Kopfschmerzen klagt und das von ihm in der Wut angerichtete Unrecht stets wieder gutzumachen bestrebt war. Der Verteidiger hat deshalb den Antrag auf Untersuchung des Geisteszustandes des K. gestellt. Diesem Antrag hat sich Medi- zinalrat Dr. Hoffmann gemäß tz 81 St. P. O. angeschlossen. Kiesel- bach ist deshalb gestern der königl. Charit- zur Beobachtung über. wiesen worden._ Ein Eisenbahnnnfall, bei dem ein Menschenleben vernichtet worden, hat zu einer An- klage wegen fahrlässiger Tötung geführt, die gestern vor. der ersten Strafkammer deS Landgerichts Berlin III verhandelt wurde. Angeklagt waren der Bahnarbeiter Franz Rheinländer, der Rotten- sührcr Gustav Piefke und der Heizer Richard Meng. DaS Unglück ereignete sich am 10. September 1903 bei Karlshorst. Piefte hatte an jenem Tage den Auftrag erhalten, auf der Strecke Berlin- Breslau als Rottenführer in der Nähe des Bahnhofes Karlshorst versackte Gleise auszuheben. Piefke hatte eine Kolonne von 20 Mann unter sich, die er teils selbst beaufsichtigte, teils unter die Aufsicht des Rheinländer stellte, der die Aufgabe hatte, die zwischen den Gleisen arbeitenden Leute durch Signalblasen rechtzeitig vor einem etwaigen Herannahen eines Zuges zu warnen. In einem gegebenen Augenblick wurden zwei Arbeiter Paul und Böhnke von dem Herannahen einer Lokomotive überrascht. Paul gelang es noch im letzten Augenblick, aus dem Gleise herauszuspringen, Böhnke wurde aber van der Lokomotive erfaßt und in weitem Bogen auf das zweite Gleis geschlendert, wo er besinnungslos liegen blieb. Er hat einen Schädelbruch, einen Bruch des Nasenbeins und einen Nrmbruch erlitten und ist an den schweren Verletzungen gestorben. Die Schuld an diesem Unfall wurde den drei Angeklagten aufge» bürdet: Rheinländer, weil er das Signal zu spät abgegeben, Piefke, weil er den Rheinländer nicht an die richtige Stelle gestellt, und Mang, weil er als Führer der Lokomotive kein Warnungssignal gegeben, obgleich er die beiden Arbeiter habe sehen müssen.— Nach einer umfangreichen Beweisaufnahme, in welcher Sachverständige und zahlreiche Zeugen vernommen wurden,� beantragte der Staatsanwalt gegen Rheinländer ein Monat Gefängnis, gegen die beiden anderen Angeklagten die Freisprechung. Das Gericht entsprach aber den Anträgen der Rechtsanwälte Justizrat Dr. Schoeps und Dr. Herbert Frankel und sprach alle drei Angeklagten frei. (Nocken-Spielplan der Berliner Cbeater. Königl. QpernbnuS. Eeschlossen. Königl. Schauspielhaus. Geschlossen. NeneS königl. Overn-Theater. Sonntag: Tristan und Isolde. sAnsang 6'/, Uhr.) Montan: Der Barbier von Sevilla. Dienstag: Fidelio. Mittwoch: Der fliegende Holländer. Donnerstag: Die Meistersinger von Nürnberg. Freitag: Madame Bulerflh. Sonnabend: Nonns. Sonntag: Tristan und Isolde. Deutsches Theater. Sonntag bis Donnerstag: Gelbsten». Freitag und solgeiwe Tage: Zu ebener Erde und im ersten Stock.(Ansang S Uhr.) Deutsches Theater.(Kamm erspiele). Sonntag und folgende Tage: Ein Skandal in Monte Carlo.(Ansang 8 Uhr.) Lesstug-Theater. Bis auf weitere» täglich: Die Dollarprwzefst». (Ansang 6 Uhr.) Berti»« Theater. Sonntag bis Montag: Ein Herbstmanöver.(Anfang 8 Uhr.) Neues Schauspielhaus. VIS auf weitere» täglich: Mahi.(Anfang 8 Uhr.) Neues Theater. Bis auf weiteres täglich: Tricoche und Cacolct. (Ansang 8 Uhr) Kleines Theater. BIS aus weitere» tägllch: Moral.(Anfang 8 Uhr.) Komische Oper. Sonntag bis Dienstag: Demimonde. Mittwoch biS Montag: O diese Leutnants.(Anfang 8 Uhr.) Hebbel. Theater. Sonntag bis Freitag: Die Welt ohne Männer. Sonnabend bis Montag: Die Strecke.(Ansang 8 Uhr.) LustspielhauS. Ais aus w-UereZ täglich: Der jesche Rudi.(Ansang 8 Uhr.) ReueS Operetten< Theater. Bis auf wettere» täglich: Die Stzrudelsee.(Ansang 8 Uhr.) Sountagnachmittag 3 Uhr: DaS verwunschene Schloß. Schltler-Theater O. Sonntag und Montag: Der vilerpelz. DienS- tag bis Montag: Madame Bonward.(Ansang 8 Uhr.) Schiller-'Theater Eharlottendurg. Sonntag mid Montag: Madame Bonivard. Dienstag bis Montag: Der Biberpelz.(Anfang 8 Uhr.) Friedrich- Wilhelmstädtischeö Schauspielhaus. Sonntag: Der Freischütz.(Zlnsang 8 Uhr.) Nachmittags 3 Uhr: Zar und Zimmermann. Montag: Fidelis. Dienstag: Zar und Zimmcnnann. Mittwoch: Der Freischütz. Donnerstag: König tür einen Tag. Freitag: Der Trompeter von Säkkingen. Sonnabend: König für einen Tag. Sonntag: Der Trompeter von Säkkingen.(Ansang 8 Uhr.) Nachmittag 3 Uhr: Der Freischütz. Thalia. Theater, vis ans westereZ tägllch; Im Casö Noblesse.(An- fang 8 Uhr.) Snlscu-Theater. BIS auf weiteres tägllch: Besiegt.(Ansang 8 Uhr.) Sonntagpachmiitag 3 Uhr: Gerda GeroviuS. Bernhard Rose> Theater. Bis aus weiteres täglich: DaS Mädchen ohne Ehre.(Ansang 3 Uhr.) Folies Eaprice. Allabendlich: Drei Frauenhüte. Der Deserteur. (Ansang 8'/. Uhr.) i Apollo-Theater. Allabendlich: Spezialitäten. Metropol- Theater. Allabendlich: Die oberen Zehntausend. An« fang 8 Uhr. Reichshallc»> Theater. Allabendlich: Stettiner Sänger. Der Kompagnieball.(Ansang 8 Uhr. Sonntag 7 Uhr.) Wiutcrgarten. Allabendlich: Spezialitäten. Passage-Theater. Sonntag: Nachmittag» 8 Uhr und allabendlich: Spezialitäten. Walballa-Theater. Allabendlich: Spezialitäten. Palast-Thenter. Allabendlich: Spezialitäten. llraina-Thcater. Taubenslratze 43/43. BIS aus weiteres täglich: Rom und die Canipagna.(Ansang 8 Uhr.) Sternwarte. Luvalidenstr. 57— KT Lese- und Dlskutlerklub Banmschulenweg. Dienstag, den 22. Juni, abends 8'/, Uhr, im Lokal von Erbe, Baumschulenstr. 14: Sitzung. Gäste willkommen. Sozialdcniolratischcr Zentralwahlvcrein für de» Reichstags- Wahlkreis Znllichau> Schiviebus- Krossen- Sommerfeld(Ortsoercli: Berlin). Dienstag, den 22. Juni, abends 8'/, Uhr, bei Eichhorn, Koppen- slratze 47: Mitgliedclvcrsammiung. Nebensche Kranke»- uud Sterbekafle Nr. 5, gegründet 1793. Heute 2—7 Uhr: Zahl- und Ausnahmetag bei Noewer, Elisabethlirch- slrajzc 14. Berliner Arbeiterschachklub. Abteilung Wedding bei Schulz, Max- stratze 13b. Abteilung Lichtenberg bei Erteil. Psarrstr. 74. Abteilung Moabit bei Pieleke, Zwinglistr. 15o. Jeden Dienstag Spielabcnd und Sonnabends freier Schachverkehr. Briefkasten der Redaktion. Dt« lurllltffl)« evrechstnnde flutet Li»den»raste Nr. 3, zweiter Hol, dritter Eingang. vier Treppen, UMzr' Fahrstuhl"PStj wochentäglich abend? von?>/, bis»'/, Uhr statt. Gcöffito» 7 llvr Sonnabeiids beginnt die Sprechstunde lim a Uhr. Jeder Anfrage ist ein Buchstabe und eine Kahi als Sstertzeichen beizufügen. Briefliche Antwort wir» nicht erieiit. Bis zur Beantwortung im Briefkasten können 14 Tage vergehnt. Eilige Frage» trage«an tu der Eprechslundc vor. P. L.. Streitfrage. Für derartige Lösungen ist der Briefkasten nicht da. Sie haben anscheinend den Brieskastcn mit der sogenannten Rätselecke verwechselt.— Zwei Streitende. Ja. Osfizicll Gesängnis 3 genannt, oder auch kurz Z., well bort nur Zellcnsystem ist.— M. 8. 59. Iii unter Umständen zu beseitigen, aber nur durch einen Spezialarzt. Wenden Sie sich also zunächst an einen Arzt, zu dem Sie Vertrauen haben, um auf diesem Wege die Adresse eines Spezialisten zu erfahren.— M. 20. Beste Auskunft hierüber crhalien Sie vom Vorsitzenden des freien Ruder- bundcs Herrn M. Thiele, Berlin O. 112, Proskauerstr. 15, I.— F. B. 5. Ein Journal mit dieser Beigabe Ist uns nicht bekannt. Vielleicht ersahren Sie Näheres durch den Verband der Schneider, Berlin, Michaelkirchplatz 1. — H. 83. 39. Beantragen Sie bei Gericht, Ihnen daS Testament zurück- zugeben. Auch wenn Sie das Testament nicht zurückfordern und in einem neuen Testament die früheren letztwilligen Versügungcn ausheben, ist diese neue Verfügung gültig.— O. H. Klage» Sie Ihre Forderung beim Gewerbe- gericht ein.— H. W. 24. Nein.— Sch. 75. Ergibt sich auS dem Ver- wage nicht das Gegenteil, so wäre Ihr Vertrag a n 31. März schon beendet gewesen und ist nun stillschweigend wieder aus ein halbes Jahr verlängert. Sie müßten fn der im Vertrage angegebenen Zeit zum Oltober kündigen.— Schönflietzer Straße. Die Marlenzahl reicht hin. Es würde nur noch nachzuweisen sein, daß der Betressciide Invalide im Linne des JnvalidenoersichcrungSgcsetzeS ist.— Schillerftr. 89. Nein. — Otto 83., Halensee 115. 1. Ja. 2. Die Gerichtskosten werden nach gefälltem Urteil« erfordert, auch wenn Berufung eingelegt ist. 3. Das ivürde durch eine Vereinbarung zwischen den Erben möglich sein. Der Vertrag würde aber ungültig sein, sojern durch ihn Gläubiger benachieiligt werden. 4. Ja. 5. Mit Repräsentationskosten bezieht der Reichskanzler 100 000 M.— H. 99. Die Urteile des Gcwerbcgerichts sind nur an- scchibar, wenn da» Objekt 100 M. übersteigt. Die Berusüna ist dann inner- halb eines Monats beim Landgericht durch einen Ainonlt einzulegen. — Kramer. Ein Deutscher verliert die Reichsangehöriglcit durch einen ...... Auslände, falls er sich reu läßt. Nach Rückkehr nach Deutschland kann er die Staatsangehörigkeit wieder erlangen. — M. M. 4999. Zur Versicherung der Ladcnscheibe ist niemand ver- pflichtet. Wohl aber ist die Versicherung zweckmäßig für den, der eventuell den«-chadcn zu tragen hätte. Da» ist der Wirt, wenn nicht diese Schaden- ersatzpsiicht vom Mieter im Vertrage übernommen ist, wie eS in den meisten MietSverwägen in Berlin der Fall ist.— Wohnung 29 Spandau. Leider nein. Vielleicht würden Sie mit einer Klage aus Abstellung des Mißstandes durchdringen; indessen ist auch das zweiselhast.— H. 83. 199. Versuchen Sie eS mit einer Reklamation. Viel Aussicht aus Erfolg liegt nicht vor.— B. S. 89. Wegen der Steuer kann der volle Lohn gcpsändet werden, soseru e» sich um Steuerbeträgc handelt, die seit längstens drei Monaten fällig sind.— Ret. Ra. 495. Spätestens am lk. müßte in Ihrem Fall die Kündigung in Händen de» WirleZ sein.— K. 48. Ja. — E. S. 259. 1. Die Bcaniwortuiig hängt von dem uns unbekannten Inhalt der Statuten ab. 2. Ja.— K. 83. 499. Rur mit Eirnvilligung de» Wirtes würden Sie vorzciiig den Vertrag lösen können.— R. T. 299. Nein.— SS. Ol. 5. 1. Rückzahlung müssen Sie bei der Gemeinde be- anwagm. 2. Die vorjährige Veranlagung ist einflußlos. Sie müßten auch gegen dt« diesjährige reklamieren. 3. Beide» ist möglich. — H. 199. Erkundiget! Sie fich bei der dortigen Polizei. Maßgebend ist die dortige Baupolizeiordmma, die auch Ausnahmen von dem allgemeinen Verbot zuläßt.— P. K. 4099. 1. Rem. 8. Weisen Sie aüj das Gesetz hin.— G. 400. Die veranlagte Steuer ist die Hälfte der in nicht- gemischlen Ehen zu erhebenden. Sie entspricht dem Gesetz.— E. A. 51. Tragen Sie den Sachverhalt der Staatsanwalischast vor und beantragen Sie Bcswasung wegen wissentlich falscher Beschuldigung: ferner können Sie gegen den Arbeitgeber aus Schadenersatz und Unlevlassiiiig fernerer Schädigung klagen. Wesentlich wäre für diese Klage, daß Sie genau mit-/ teilen kömien, was er eigentlich dem neuen Aroeitgeber über Sie mit- geteilt hat.—<6. S. 401. Sir müssen zahlen.— E. E. 25. Wenni Sie der Aussorderung nicht nachkommen, könnten daraus Rück- schlösse zuungunsten Ihrer Rettamation gezogen werden.— A. L. Ja. Amtlich« Marktbericht der städtischen Martthallen-Direktion über den Großhandel in den Zenwal-Martthallen. Marktlage: Fleisch: Zufuhr schwach. Geichäst flau, Preise unverändert. Wild: Znsuhr ge- nügend, Geschäft lebhaft, Preise unverändert. Geflügel: Zufuhr reich. lich, Geschäft rege, Preise befriedigend. Fische: Zufuhr reichlich, Geschäst ruhig, Preis« leicht nachgebend, Krebse welter anziehend. Butter und Käs«: Geschäst still, Preise unverändert. Gemüse, Obst und Südsrücht«: Zusuhr zumeist reichlich, flotter Absatz. Preise wenig verändert,_ WttterungSsibersicht vom 19. Juni 1909, moraeu» 8 Uhr. zehnjährigen oder längeren Äuscnthalt im Äi nicht iu der Matrikel de» Konsuls weiter führe! Swwemdr. Hamburg Berlin Frants.a.M. München Wien 8 te=s 1? i Witt« 707 WSW 3 bedeckt 768 WSW 769 W 770 SO 770 NW 768 NW 4 bedeckt »wolkig 1 Dunst 2 woltcnl 3 wollenl ui« c* Ig ö-t-o Stationen §e! s- U Z« »■jj Haparcmda 761 0 Petersburg 761 Still Scillh Aberdcen Pari» 772 WSW 765 Still 77231 I Wetter 2 wölken! iwolkenl 3 bedeckt bedeckt Iwolkenl! 13 ti" s» 5? ah 1! 15 14 15 I Wetterprognose für Momlich kühl bei srischm wöltung: etwas Regen. Sonntag, den 29. Juni 1999. westlichen Winden und veränderlicher Be» Berliner Wetterlnrea» Wasscrftands-Nachrichte» der LtMdeSaustatt für Gewässerkunde, mitgeteilt von» Berliner WeUerbureau. Wasserstau» M- m« l. Tilsit Bregel, Jnsterbmg Weichsel. Thom Oder. Rattbor , Krassen . Frankfurt Warthe, Schrimm . LandSberg Netz«, Vordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden 0 Barby , Magdeburg + bedeutet Wuchs,— Fall. 278 cm, jalleud. —*) Unterpegel.—•) am 19. früh; HERMANN UETZ LEIPZIGER STRASSE ALEXANDERPLATZ Dies« Woche, soweit Vorrat i FRANKFURTER ALLEE Damen- Konfektion zu wesentlich herabgesetzten Preisen India-Mull-Blusen neue elegante Dessins, beste Verarbeitung.............. ca. ■jTS Q25 025 �50 075 225 050 �|_75 050 075"IgSO 2750 1000 Batist-Kleider u. Leinen-Kostüme 350 �75 J750 2500 4250 Zephir- Blusen Staubmäntel aus besten s___ c— Sie Svbläeaag: Unser etwas kleineres Modell 27, sonst ganz gleicher Ausstattung, liefern wir jetzt zum Preise von 38,— Mark gegen Monatsraten von 3,— Mark(regulärer Preis 60,— Mark). Gehäusegröße 27X27X14 cm, ff. farbig lackierter Blumen- Schalltrichter von 34 cm Schallöffnung, ff. vernickelter Tonarm und prima Concertschalldose. Nichtgefallend. w. bereitw. umgetauscht. Für alle Apparate w. 2 Jahre schrifll. 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Abends 8 Uhr: Die Sprndelfee._ Friedricli-Wilhslinstädtiscbes Schauspielhaus. Sonntag, den 20. Im.:, nachm. 3 Uhr: Zar and Zimmermann. Abends 8 Uhr: Der Freischütz. Montag: Fidelis. Dienstag: Zar und Zimmermann. �.ustspesiksus. Abends 8 Uhr: Der fesche Rudi. Ab 8 Uhr:- Das Aufsehen erregende Progr. 8" lean Paul mit neuen Schlager». 0" Yankee Doodle Girls. 9» Mensch oder Asse??? »"Uhr: S°'Uhr: Kadsfefti SÄ Er.... Er. MIWMllM Gr. Frniitinrlcr Str. l32. Abends 8 Uhr: DaS Mädchen ohne Ehre. DßAi- Sommcrprcise.___ Aus der Gartenbühne u. a.: Verlin auf Stelzen mit Willi A g o st o n. Spezialitäten.— Ansang 4'/, Uhr. Reicbshaiieii'Tbeater. liier Siooer (Mcysel, Britton, Schräder usw.) Ansang wochentags 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. niPWslFWwaFW IWWW w | Schweizer- Garten 2 Am Königstor. Am FricdrichShain' ff) Haltestelle der Strastenbahn, « 1. 2. 4, 17. öS. öS, 74 u. Q.( ®T"_|' L Anlang 4 resp. SNHr' »IgWli MnüUl Neues Tbeater- u. 1 Spezialitäten- Progranun. J Bali �Volksbelustigungen.; ® Etliche Sonnabende an Vereine zu vergeben.* »O—— I Variete-Theafer Weinbergsweg 19-20, Rosenth.Tor. Ansang 8 Uhr. Im Theater: Die grandiosen Spezialitäten. Im Garten: Knmeort. Zopknor f.ultflas. Theaterbesuchern sreter Eintritt. Urania. WißBenachaftliches Theater. Tanbenstraße 48/49. Abends 8 Uhr: Rom und die Campagna. Montag. 8 Uhr: Rom nnd die Canipagna. 00 UI Ct SCHER Rente Sonntag Clffll Eintritt P'- Kinder unter 10 Jahren die Hälfte. Ab nachm. 4 Uhr: Gr. Militär-Konzert Drei Schiller- Schiller-Theater 0.(Wallner-Thealer.) Sonntag, abends 8 Uhr: Ber Biberpelz. Eine Diebeskomödie in 4 Allen von Gerhart Hauptmann. Ende 10'/, Uhr. Montag, abends 8 Uhr: Ber Biberpeir. DtenS tag, abends 8 Uhr: Badame Bonivard. Vhe»ter. Schüler-Theater Charlottenborg. Sonntag, abends 8 Uhr: Badame Bonivard. Schwank in 3 Akten von Alexander Viffon und ZIntony Mars. StF' Ende lO1/, Uhr.*9(3 Montag, abends 8 Uhr: Badame Bonivard. Dienstag, abends 8 Uhr: Ber Biberpels. 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Zahlreichen Besuch erwartet Das Komitee. !__,_=i-r-r-1— j-B ♦ a__-a ♦■_ Schwarzer Udler Friedrichsberg a Rahmenversolder. Montag, den 21. Juni, abends 8 Uhr, bei Merfowsfi, Andrcaöstr. 26: --------- Tersamminng.---------- TageS-Ordnung: 1. Gtellungnahme zum Serif. 2. Verschiedenes. 85/18________ Kommission. Sonntag, den 20. Juni, vorm. 10 Uhr, in der Brauerei Pahenhofer, Tunnstr. 25—26: ZesirkLvsrssmmwng für ZKoMt. TageS-Ordnung: 1. Bortrag des Genossen Aast:„Ueber das neue Kranken, versichernugsgeseb�. 2. Diskussion. 3. Wahl der Beitragssammlcr. 4. Berbandsangeiegenheiien und Verschiedene?. Zahlreichen Besuch erwartet Die Ortsverwaltung. Kistenmacher. Montag, den 2|. Juni, abends 8'/, Uhr: M AKitKKIvÄvrversainittlTUKA in den Nndreas-Festsälen, AndreaSstr. 21. TageS-Ordnung: 1. Vorlrag dcS Genossen Waldman» über:.Die neue ReichSversiche- rnnaSordnung. 2. Bericht der Delegierte,» von der Generaloersammlung. 3. VerbandSangclegenheileu._ Stellmacher. Donnerstag, den 24. Juni, abends S1/« Uhr: G&*oOe Branchen-¥ersa!n«mlung im Rosenthalcr Hof, Nosenthaler Straße 11/12. Tagcs-Ordnung: 1. Dorirag des Kollegen Kihuer vom Haupivorstand. 2. Branchen. angclegenhelicn._ 85/18 Modell- und Fabriktischler und Modelldrechsler. Donnerstag, den 24. Juni, abends 8 Uhr: HpANdDLN- VepsainmliBKg im Berbandöhaus der Gastwirtsgehilfcn, Gr. Hamburger Str. 18/19. Tages-Ordnung: 1. Arbeltszeiwerschiebung und LehrlwgSWeseN. Branchenangclegenheiten. 3. Verschiedenes. 2. Verbands- und Jalousien-Arbeiter» Donnerstag, den 24. Juni, abends 8>/z Uhr: Versammlung bei Nnton Boeker, Weberstraße 17. Tages-Ordnung: 1. Bericht des Obmannes. 2. Unsere gegeuivärtlge Lage w der Branche. Lijssisn- u. filisglmZLiiös Berlins. Mittwoch, den 23. Juni, abends 8 Uhr: Kramelken»Versammlung im Lokal von F. Prensi, Holzmarktsir. SS. T a g c S o r d n u n.g: 1. Vortrag deS Kollegen H. SLaldma»« über:»Die neue Reichs- versicherungsordnung". 2. Branchcnangclegenheiten. 3. Verschiedenes. Die Branchen-Kommission. Llaölbahnststion Feaokf. A»ee. Inh.I Fornss, deÄ?juAi: Großes KünstIer=Konzert. Kapeumet�jang. Große Spezialitäten- und Theater-Vorstellung mit Franz Sobanski. The Renos, hängende Seile. llerwallls, Kraft-Jongloure. Philipp Klement, Mimiker und Voilcstypen-Darsteller. JL|EttonSj�Hand�_mKo£fakrobaten� Ueu! Neu! Orig.-Relandinos, das Wunder der weiblichen Kraft, Equilibristen auf lebendem Piedestal. IM- Prolongiert! Ernst QraSe der kleinste Humorist der Jetztzeit. Großer Lacherfolg!* 8 JS S1 f.~ CtT 1* J S t*. Oroßer Lachcrfolgl Im Saale; Großer Rull. Anfang dos Konzerts 4 Uhr, der Vorstellung 6 Uhr. Jeden Abend im herrlichen Lindengarten: Unterhaltnagsmasik. Deutscher Ületallarbeiter-Verband. -------------- Vcrwaltangsstelle Berlin.-------------- Arbeitsnachweis- Hos I. Amt III, 1239. CharitSstraße S. Hauptbureau: Hos lll. Amt UI. 1987 Molltag, den 31. Jimi, abkuds 8 Uhr, in den Andreas-Festslilen, Andreßsstr. 21: W ISivelgvercin Berlin. Sektion der Oips= und Zementbranche. Mittwoch, den 23. Juni, abends 8'/,«hr, -"Versammiimgeii. Gruppe: Nabitzputzer und Trager in Jiiliuö Meiers Fcstsälen, Scbastianstr. SS. a. d. Wen Jakobstraße. Gruppe: Pabitzspauner Ju'seRa'W TageS-Ordnung: t. Vortrag über:„Die neue ReichsUersicherungs- ordnntta". Referenten sind die Arbeitersekretäre. Genossen Eugen Älnckncr und Adolf Ritter. 2. Diskussion. 3. Berufsangelegenheiten und Verschiedenes. 138/2* VV- Für guten Besuch dieser Versammlungen ersuchen wir. auf den Baustellen rege z« agitieren, und ist es Pflicht eines jeden Kollegen, bestimme zu erscheinen. Die Grnppenvorstilnde. TageS-Ordnung: Beschlußfassung über den Schiedsspruch des Einigungsamts. _ Da in der Versammlung eine geheime Abstimmung vorgenommc» werden soll, haben nnr Mitglieder der beteiligten Orgauisatloucn gegen Vorzeigung ihres Mitgliedsbuches Zutritt. Zahlreicher Besuch wird erwartet._ 118/19 Montag, 21. Juni, abends 8 Uhr, in Obiglos Festsälen, Schwedter Straße 23: .... A TageS-Ordnung: 1. Fortsetzung der Diskussion über den Bericht vom Verbandstag in Hamburg. 2. Berichterstattung von der letzten Generalversammlung. 3. Diskussion. Mitgliedsbuch legitimiert. Ohne dasselbe keinen Zutritt._ Die Ortsverwaltnng._ Deutscher Holzarbeiter-Verband. Zahlstelle Berlin. Metlbodenleger! Acht"ng' Mittwoch, den 23. Juni 1909, abends 8 Uhr: grolle offeiitSicEieMersammlung im GewerkschaftShause. Engelufer Nr. 16, Saal 1. TageS-Ordnung: 85/19 1.„Die gegenwärtige Lage der Bodenleger und wie können bessere Zustände geschaffen werden." Reserent Bodcnleger KiBner. 2. Allgemeine Aussprache. Jeder Bodenlegcr muß in dieser Versammlung erscheinen. Ole Kommission. Deutseber Holzarbeiter-Verband. Zuhlßkiie Charlottenburg:, IftMag, den 21. Juni, abends 8'/« Uhr: KlttgUkösr-Versammlung im Volkshause, Nosincnstraste 3, Tages-Ordnung: 1. Die neue Reichs-Bersicherungs-Ordiinng. 2. Die Zustände der hiesigen JnnungS-Ärankenkasse. 3. Verschiedenes. HS. Den Mitgliedern zur Kenntnis, daß beim Kollegen Thnnack, Wielandstrafte 4, eine Zahlstelle errichtet ist. 85/17 I»le Ortsvcrwaltnng. u Uli til HU der I Zahlstelle Berlin. Bnrean: Blankcnfeldestr. 10. Mittwoch, den 23. Juni, abends 8»/, Uhr. bei Boeher, Weberstraste 17: Kmilliiiiintc Mitglieder-NersilMluW. Tages-Ordnitng: 1. Bericht der Delegierten zur Gcwertlchastskommtssion und Neuwahl derselben. 2. Antrag des Kollegen Böhm: Präzise Eröffnung der Ver- sammlungen um 8'/, Uhr. 3. Verschiedenes.. 169/15 Zahlreichen Besuch erwartet Die OrtSverwaltung. Am Sonnabend, den 17. Juli IVOS findet Im»Schweizergartcn- am Königstor unser Sommerfest statt. Billetts a 30 Ps. sind im Bureau zu haben.__ r»! = Filiale Berlin I.= Pttzlitbtt sämtliihei Stancht»!**•>""" Mittwoch, den 23. Juni, abends 8-/, Uhr, jim GewerkschaftShause, Engelufer IS: RegeliilWige Mitgliedtr-Ncrslimmltliig. TageS-Ordnung: t.„Die Rclchsversicherungsordnung". Referent: Genoff- Link. 2. Bericht der Delegierten zur GewertschnstSkominission. 3. Ersatzwahl zur Preßkommijsion. 4. Anträge un!� Mitteilungen der OrtSverwaltung. Mitgliedsbuch legitimiert, ohne daSsewe oder mit mehr alS acht restiercnden Wochenbeiträgcn kein Zutritt. 162/19__ Die Ortsverwaltnng. HerauSg. Pros. Dr.Stier-Somlo, Bonn. BezugSpr. 5 M P.Halbi.Z. Stud.d.ReichSversicherungSordnung Krank.- taffen,Arbeitcrsekr.,Gc!verkschas!sbeamtenzc.emPiohlen l Expedition:Frankfurt*M. Neue Mainzerstr.Zt] �SophienslFaße 17/18 Querstraße der Rosenthaler Straße— am Hackeschen Markt* Inhaber: Paul Baatz- empfiehlt seine von 60—2000 Personen saffenden Säle zu Versammlungen. Vortrags- u. Kunstabendeo usw. Borzügl. Akustik. Kulant. Entgegenkomme»:, „dKesellschaftshans" Trebbin. Inhaber: E. Schulze. Empfehle den Vereinen und Ge- werkschasten„Trebbin als Aus- flugöort' und meinen gr. Saal mit schattigem Garten zum angenehmen Slusenthalt. Für Kremserpartien AuS- fpannung für 60 Pferde. Vereine bitte vorher anzuzeigen. 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Der Gastwirt Schmidt, Inhaber des ..L o u i s e n. Z e l t", In den Zelten 9», verweigert die weitere Hergabe seiner Räume zu Versammlungen mit der Motivierung: „er sei kontraktlich verpflichtet, daß sich d i e Gäste nicht zu laut unterhalten". Einen Beweis dafür, daß eS bei einer, von einer modernen Arbeiterorganisation dortselbst ge- troffenen Veranstaltung zu irgend welchen Unruhen gekommen sei, kann er nicht antreten. Wir ersuchen daher die Parteigenossen. dafür Sorge zu tragen, daß im Lokal des Herrn Schmidt die größt- möglichste„Ruhe" eintritt, indem sie dasselbe streng meiden. Die Lokalkommission. Erster Wahlkreis. Der vierte Vortrag des Genossen Dr. Oskar Cohn über:„Das Erfurter Programm" findet am Montag, den 21. Juni, abends 81& Uhr, in Dräsels Festsälen, Reue Friedrich- siraße SS, statt. Der Vorstand. Charlottenburg. Am heutigen Sonntag findet in den sämtlichen Räumen des Volkshauses das Sommerfest des Wahl- Vereins statt. Beginn 4 Uhr. Da für Unterhaltung in jeder Weise gesorgt ist(Konzert, Vorträge, Preiskegeln und-schießen, Ver- losung usw.), wird die regste Beteiligung erwartet Der Vorstand. Friedenau. Mittwoch, 23. Juni, abends Uhr, Mitglieder- . Versammlung bei Schellhase, Steglitz, Ahornstr. ISu. Unter an- derem Vortrag deS Genossen Paul Richter über:„Deu'Weg zur Macht". Der Vorstand. Zehlenborf. Dienstag, 22. Juni, findet die Mitgliederver- sammlung des Wahlvereins statt. Vortrag:„Die wirtschaftliche Krise und die Arbeiterklasse". Referentin: Frau Martha Tietz. Lichtenberg. Vom Mittwoch, 23. Juni, ab ist die Bibliothek wieder geöffnet. Die Ausgabe der Bücher erfolgt Mittwochs und Sonnabends in der Zeit zwischen 6—8 Uhr. Obcr-Schöneweide. Die Mitgliederversammlung des Wahl- Vereins findet am Dienstag, 22. Juni, abends 8*4 Uhr im„Wil- hclminenhos" statt. Auf der Tagesordnung steht ein Vortrag des Genossen Engelbert Graf über:„Entwickelungsgeschichtliche Studien auf märkischem Boden", und Vereinsangelegenheiten. Der Vorstand. Der Jugendausflug nach Sadowa findet nachmittags 2 Uhr von Raabe, Wilhelminenhofstr. 43, aus statt. Fricdrichshagen. Dienstag, 22. Juni, abends SU Uhr, Mitgliederversammlung des Wahlvereins im Restaurant der Witwe Lerche, Friedrichstr. 112. Tagesordnung: 1. Vortrag deS Genossen Ucko über:„Die politische Lage". 2. Diskussion. 3. Vereins- angelegenheiten und Verschiedenes. Gäste willkommen. Der Vorstand. Alt-Glienicke. Dienstag, 22. Juni, abends 8 Uhr. findet im Lokale des Herrn Habrecht, Friedrichstraße, eine öffentliche Ver- sammlung für Männer und Frauen statt. Tagesordnung: 1.„500 Millionen neue Steuern". Referent: Genosse Simon Katzen. stein- Berlin. 2. Diskussion. Teltow. Dienstag, 22. Juni, abends 8V6 Uhr. findet unsere regelmäßige Mitgliederversammlung des Wahlvereins im Lotale des Genossen W. Bonow statt. Auf der Tagesordnung steht: Vor- bereitung zur diesjährigen Stadtverordnetenwahl. Pankow. Sonntag, 27. Juni, veranstaltet der sozialdemokra- tische Wahlverein einen gemeinsamen Ausflug der Genossen und Genossinnen mit Kindern nach dem Gorinsee. Abfahrt: morgens 7 Uhr 48 Minuten vom Bahnhof Pankow-Schönhausen. tJn diesem Zug sind leere Wagen für uns bestellt.) Fahrkarte 3. Klasse ist nach Zepernick zu lösen. Für Nachzügler ist Treff. punkt im Restaurant„Internationales Spar t.s Haus" am Gorinsee. Auch der Arbeiterturnverein Pankow beteiligt sich Genossinnen und Genossen! Beteiligt Euch alle an dieser Ver- anstaltung. Der Vorstand. Reinickendorf-Ost. Dienstag. 22. Juni, abends 8 Uhr. findet eine Mitgliederversammlung des Wahlvereins beim Genoffen Kirsch. Markstr. 2/3. statt. Tagesordnung: 1. Vortrag des Genossen Ritter über:„Die Reichsversicherungsordnung". 2. Vereins- angelegenheiten. 3. Verschiedenes. Der Vopstgnd. LerUner JVacfmcbtcn. Die Stadt der alten Leute. Draußen in Buch sind seit einigen Jahren verschiedene städtische Anstalten entstanden, die ihrer ganzen Anlage nach einzig in ihrer Art sind. Der für 1S0 brustkranke Männer erbauten Heimstätte folgte die 3. Irrenanstalt für 1800 Kranke und nun das kürzlich fertiggestellte Hospital für alte und sieche Leute, daS für 1S00 Sieche berechnet ist. Das Projekt für eine 4. Irrenanstalt ist am Donners- tag von der Stadtverordnetenversammlung genehmigt worden und in Kürze soll mit der Ausführung begonnen werden. Insgesamt können die 4 Anstalten, ausschließlich des Pflegepersonals, 6000 Menschen beherbergen. Um zu vermeiden, eine allzu große Anzahl Kranker an emer Stelle zu vereinigen, sind die Anstalten so geordnet, daß man von einer eine andere nicht sehen kann; auch ist jede Anstalt in ihrer baulichen Anlage der verschiedenen Zwecke wegen als eine Besonder- heit behandelt worden. Alle Anlagen werden von einer einzigen Stelle aus, der sogenannten Zentrale, mit Licht. Warmwasser, Heizung usw. versorgt, zu welchem Zwecke große Kanäle angelegt *in& Das Hospital ist nun endlich fertig geworden, und damit wird ein Zustand beseitigt, der geradezu himmelschreiend war. Wegen Raummangels konnte die Stadt Berlin ihrer Pflicht gegen Alte und Sieche nicht gerecht werden, und in vielen Fällen fanden alte. gebrechliche Leute erst dann im Siechenhaus Aufnahme, wenn sie nur noch ein paar Tage zu leben hatten. Diese Mißstände gelten hoffentlich mit Eröffnung der neuen Anstalt für beseitigt. Seit Oktober haben Belegungen stattgefunden."Und nun ist auch offiziell das Gebäude seinen Zwecken übergeben worden. Gestern haben Stadtverordnete und Magistrat eine Besichtigung vorgenommen. der am Freitag eine Vorbesichtigung durch Vertreter der Presse vorangegangen war. Herr Stadtbaurat Hoffmann übernahm in feiner bekannten liebenswürdigen Art die Führung, um seine Schöpfung bor allem denen zu zeigen, bei denen er Interesse und Verständnis für seine Arbeiten vermutet. An der Zepernicker Straße befindet sich der Hauptzugang. Einer schlichten Torhalle schließen sich links ein kleines Häuschen mit dem Warteraum für die Besucher, rechts ein ebensolches mit der Wohnung des Pförtners an. Hat man die Halle durchschritten und blickt zurück, so gewahrt man über den Eingangstüren zwei neugierige Alte(Skulpturen von Ignatius Taschner). Dem Torhaus gegenüber wurde das Verwaltungsgebäude er- richtet. Das Terrain steigt nach der Mitte des Grundstucks zu im Und fällt dann wieder nach Nordwesten zu ab. Die mittlere Tiefcnachse trennt links die Abteilung der Männer von der Abteilung für Frauen auf der rechten Seite. Inmitten der Anstalt, an der höchsten Stelle der Mittelachse, be- findet sich die Speisenausgabe des Küchengebäudes vor der großen Kochküche. Von hier Ais weiden slle Käpser Mit im Speisewagen leicht und schnell erreicht. Zu beiden Seiten des Küchen. gebäudes führen die Straßen nach Süden zu abwärts, so daß der rückseitige Eingang zum inneren Küchenhof mit diesem ein Geschoß niedriger liegt als die Speisenausgabe. Dieser Terrainunterschied bot eine für eine malerische Gestaltung der Anstalt sehr will- kommene Grundlage. Nahe der südlich gelegenen Landstraße befindet sich ein zweites kleineres Torhaus mit einer Wage. Hier kommen außerhalb der inneren Anstalt die Naturalien zum Küchengebäude, in dessen Näh« die beiden Remisen für Speisewagen, Müllwagen, Trank- fässer, Feuerspritzen. Gartengeräte und Reinigungsutensilien ihren Platz fanden. Die Wohnhäuser der alten Leute wurden nicht in sonst üblicher Art reihenweise hintereinander gestellt, sie wurden vielmehr um vier voneinander getrennten einzelnen Plätzen angeordnet. Dabei sind die Häuser an den Ecken des Platzes nicht dicht aneinander gerückt Warden, um von Süden und Norden die frische Luft- Zuführung nicht zu behindern, doch wurden sie an diesen Stellen für das Auge durch offene Toranlagen abgeschlossen, was zu malerischen Wirkungen günstig benutzt werden konnte. Eine zu gleichmäßige Wirkung der vier Platzanlagen ließ sich dadurch ver- meiden, daß zwei Plätze von je 4 Gebäuden umschlossen wurden, während bei den zwei anderen Plätzen die vierte Seite nach dem Küchengebäude an den abfallenden Straßen frei blieb. Die Auf- stellung kleiner Pavillons an dieser Seite gebot sich beinahe von selbst. � Bei dieser Anordnung der Wohnhäuser der alten Leute kamen die Gebäude nicht weiter auseinander zu stehen, als bei einem reihenweisen Hintereinanderstellen derselben. Der Gesamtbetrieb ist also nicht etwa schwieriger geworden. Die getrennte Platz- anlage hat aber den großen Vorteil, daß die alten Leute, ob sie nun im Wsnber am Fenster oder im Sommer auf ihrem bepflanzten Platze sitzen, nicht immer daran erinnert werden, daß sie sich in einer ungewöhnlich großen Anstalt befinden. Von der Anstalt etwas abgelegen wurden an der Ostseite des Grundstücks ein Haus für 24 Jnfektionskranke und westlich davon ein Leicheichaus mit einem kleinen Versammlungsraum errichtet. Nahe deu Wohnhäusern befindet sich an der Ostgrenze die höchste Stelle des städtischen Terrains in Buch. Hier mußte des- halb der zur Zentrale gehörige Wasserturm seinen Platz finden. Damit rückte er in das Alte-Leutestädtchen und wurde dann auch in der Art älterer Stadttürme gestaltet. Bei der architektonischen Gestaltung und Durchbildung aller Gebäude am Aeußeren und im Inneren wurde große Einfachheit beobachtet. Die Wohnräume sollten in drei Stockwerken untergebracht werden. Dadurch, daß das dritte Stockwerk als vollständig aus gebautes Dachgeschoß ausgebildet wurde, konnte den Häusern im Aeußeren ein traulicher Charakter gegeben werden. Eine beschei- dene bildhccuerische Betonung der Haupttüren, die Anbringung von Pflanzenstaketen an einzelnen Stellen der hellen Putzflächen und zahlreicher Blumenbretter vor den Fenstern beleben die Fassaden in einfacher Weise. An den Gebäuden selbst sind Bänke aufgestellt worden, inmitten der Plätze wurde ein im Sommer kühlendes Brünnchen durch zwei kleine Rosenlauben zugänglich gemacht und mit Sitzplätzen umgeben. Die Stuben der Wohnhäuser wurden ebenfalls ganz einfach, aber farbig-froh behandelt, jedes Stockwerk enthält zwei Räume, in welchen sich besonders gesellige Alte aus verschiedenen Stuben zu einem Plauderstündchen vereinigen können. Eine verschiedenartige bildhauerische Betonung offener Platz tore, ein kleiner Brunnen vor dem Küchengebäude, bescheidene Schmuckstücke am Hinteren Küchenportal und im Küchenhof, in welchem die Küchenmädchen bei gutem Wetter arbeiten sollen. sowie ein Wandbrunnen an der westlich des Küchengebäudes herab- führenden Straße sollen den Insassen anregende Aufmerksamkeiten sein.— Architektonisch etwas mehr betont aber auch in ländlichem Charakter erscheint der Mittelbau des Verwaltungsgebäudes. Ein kleines Relief über dem Tor zeigt hier einen alten Mann, die Leier spielend. Wes Sinnes sein Pied ist, das deuten die beiden seitlichen Kinder mit Rosengewinden an. Alle Skulpturen in der Anstalt sind Werke des Professors Jgnatus Taschner. Die Baukosten der Anstalt, einschließlich der beträchtlichen Kosten für die Terrainregulierung und die Gartenanlagen, sowie der Kosten für Bauleitung und Insgemein, betragen etwa 6 600 000 Mark. Man muß es unserem Daurat Hoffmann lassen: Er hat wieder ein Werk geschaffen, das jeden Besucher entzückt und daS der Stadt Berlin alle Ehre macht._■ Die Schundlektüre hat schon vielen Schaden angerichtet. Besonders in letzter Zeit haben sich die Fälle gehäuft, daß jugendliche Personen zum Ver- brecher wurden, weil sie durch Lesen von Detektivromanen dazu direkt angereizt wurden. Um so mehr ist es notwendig, alles auf- zuwenden, um die Schundliteratur, die Geist und Gemüt vergiftet. aus'dem Hause zu verbannen. Um dieses Bestreben wirksam zu unterstützen, hat sich seit Jahren die Buchhandlung Vorwärts an- gelegen sein lassen, durch Herausgabe der Wochenschrift„In freien Stunden" ihr Teil dazu beizutragen. Am 1. Juli beginnt ein neues Halbjahr. Es erscheint ein Roman von Minna KautSky:„Stefan vom Grillenhof" sowie eine Novelle von Theodor Mögge:»Es lebe die Gerechtigkeit". „In freien Stunden" erscheinen jede Woche; jedes Heft kostet 10 Pf. Jede Parteispedition nimmt Bestellungen entgegen. Eine Schürzenkontrolle wird auf dem städtischen Friedhof in Friedrichsfelde ausgeübt. Zahlreiche Personen, die den Friedhof besuchen zu dem Zweck, Gräber der Angehörigen zu schmücken oder zu gießen, werden am Eingang auf ihre Kleidung hin gemustert. In wiederholten Fällen sind weibliche Personen, die mit einer hellen Schürze die Trauerstätten betreten haben, angehalten worden; sie durften keinen Schritt weitergehen, bevor sie nicht der Auf. forderung, die Schürze abzubinden, nachgekommen waren. Dabei ist der Ton, in welchem diese Aufforderungen erfolgen, ein solcher. der auf einem Friedhofe am allerwenigsten am Platze sein sollte. Wir verstehen die Anordnung nicht. Es ist doch ganz ver- ständlich, wenn Frauen oder Mädchen, die mit Blumentöpfen kommen oder das Grab Angehöriger begießen wollen, eine Schürze umbinden, um die Kleider vor Beschmutzung zu schützen. Sollte etwa die Farbe der Schürze anstößig sein? Niemand weiß es. Auf Friedhöfen der Kirchengemeinden ist eine solche Kontrolle unbekannt und in der Friedhofsordnung für den städtischen FriedhofSver- Walter finden wir keine Bestimmung, die ihn zu seiner Anordnung berechtigte. Wenn man aber wirklich ihm diese Befugnis zuerkennen und seine Anordnung als zu Recht bestehend anerkennen wollte, müßte mindestens dafür gesorgt werden, daß daS den Friedhof besuchende Publikum etwa durch Anschlag hiervon unterrichtet wird. Geschähe das, dann würden auch die Szenen aufhören, die sich an die im barschen Tone plötzlich aufgeforderten weiblichen Be- sucher des Friedhofs wegen Ablegens einer hellen Schürze knüpfen. Diese Austritte zu beseitigen, trüge mehr zur Würde deS Fried- Hofs bei, als das Tragen einer hellen Schürze oder einer hellen Bluse. Zur Gründung eines Richard-Wagncr-Theatcrs wurden kürzlich Mitglieder zu einem Großen Berliner Opernverein geworben. Die Luftuse hatten auch Erfolg, die Beitrittserklärungen waren sehr zahlreich und binnen kurzer Frist waren 77 000 M. beisammen. DaS taten die Leute, weil als Zweck des Vereins die Erbauung eines Richard-Wagner-Theaters angegeben war. Jetzt, da der Vorstand das Geld hat, kommt heraus, daß an einen Bau durch den Verein gar nicht gedacht wird. Dieses Geschäft soll eine Aktiengesellschaft besorgen und der Opernverein soll sich in der Hauptsache mit dem Verlrieb der Eintrittskarten für diese Aktiengesellschaft befassen. Das ist ein Verfahren, das geradezu unglaublich ist. Der Sicmens-Schuckert-Ballon. Die Siemenswerke haben bei Biesdorf eine Ballonhalle er- baut, welche zur Aufnahme eines Ballons erhaut ist. lieber den in kurzer Zeit seiner Fertigstellung entgegengehenden Siemens- Schuckert-Ballon werden von authentischer Seite folgende Einzel- Helten mitgeteilt: Das Luftschiff, das nach dem unstarren System erbaut wurde, ist 12ö Meter lang, hat einen Durchmesser von 13 Meter und einen Rauminhalt von 13 000 Kubikmeter. Die Hülle, die bei Riedinger-Augsburg in Arbeit gegeben worden ist, besteht aus dreifachem Stoff und wird in diesen Tagen fertig- gestellt sein. Interessant ist die geplante Befestigung der drei Gondeln, die erheblich von der bisher üblichen abweicht. Sie hängen an zwei 70 Meter langen Stoffbahnen, die an Stelle der Takelung verwendet werden. Diese Stoffbahnen, die in ihrer ganzen Länge die untere Hälfte des Gasträgers vollständig ver- decken, sind an ihrem unteren Ende durch ein Gerüst verbunden und versteift. An dem Gerüst sind die Gondeln befestigt; es enthält außerdem verschiedene Behälter für die Betriebsmittel. Der Vorteil dieser Konstruktion ist eine sehr gleichmäßige Be- lastung des Gasträgers, so daß selbst bei sehr wenig Ucberdruck ein Einknicken der Hülle vermieden wird. Angetrieben wird das Luftschiff durch vier Daimlermotoren zu je 125 LZ., deren je zwei in der hinteren und vorderen Gondel untergebracht sind. Die mittlere Gondel ist die Führergondel und nimmt sämtliche aeronautische Instrumente in sich auf. Der Siemcns-Schuckert-Ballon nähert sich in seinen Dimensionen merk- lich den Zepelinschen Luftschiffen und ist vielleicht dazu berufen, diesen hinsichtlich seines Aktionsradius, der ja in der Hauptsache nur aus der Menge des Auftriebsmittels resultiert, Konkurrenz zu machen. Für alle Welt wird dieser sehr bald aktuell werdende Kampf zwischen starrem und unstarrem System von weittragendem Interesse sein. Nette Gesellschaft. Die Angelegenheit des wegen seiner enormen Schulden nach Amerika geflüchteten ehemaligen Pfarrers Werken» thin von Gethsemane, der mit seinen verfehlten Spekulationen in die Fußstapfen des sattsam bekannten und noch jetzt gelegentlich wieder in der Oeffentlichkeit erscheinenden emeritierten Pfarrers Diestelkamp von Nazarcth getreten ist, scheint noch weitere Kreise Ziehen zu sollen. Es heißt, daß bei dem Vermögenszusammcnbruch dieses Geistlichen, der übrigens sonst nicht der schlechteste seines Standes war, auch kirchenamtliche Gelder in Mitleidenschaft ge- zogen und zum Teil verloren seien. Man habe geglaubt, daß die Archlichen Verbindlichkeiten Werkenthins in seinem letzten Hause Wörtherstraße 9 Deckung fänden und schneide nun nach der Sub» hastation dieses Grundstückes sehr klägliche Gesichter. Da wird also wohl eine hübsche Portion Kirchensteuern auf Nimmerwiedersehen in die Versenkung gefallen sein. Inwiefern dieser Ncinfall zu» trifft, entzieht sich vorläufig noch der Kontrolle. Weiter wird schon seit längerer Zeit ganz offen erklärt, daß Werkenthin, wenn man von dem heute bedeutungslosen Herrn Diestelkamp absieht, nicht der einzige Berliner Geistliche ist, der sich neben seinem kirchlichen Amt als Börsenspekulant betätigt. Es werden sogar schon Namen genannt,.deren Beteiligung an den Spekulationen aus gewissen Gründen sehr wahrscheinlich klingt. Jedenfalls sollen noch Ueber- raschungen bevorstehen. Man hätte es also dann mit spekulieren- den kirchlichen Würdenträgern in größerem Umfange zu tun, was gleichbedeutend ist mit der Korruption eines Teiles der Berliner Geistlichkeit. Auch die Unterschlagungen des Kirchenkassenrendanten, Rechnungsrats Voß von Nazarcth werden damit indirekt in Ver« bindung gebracht. Voß mutz unbedingt von dem nicht zu billigen- den Lebenswandel der betreffenden Geistlichen nähere Kenntnis gehabt haben und ist wohl dadurch in die Versuchung geraten, eben- falls auf großem Fuße und weit über seine Verhältnisse hinaus zu leben. Der Neubau der Gotzkowsky-Brückc, welche Berlin und Char- lottenburg über die Spree bei der Gotzkotiskhstraße, Altmoabit und der Helmholtz- und Franklinstraße verbindet, scheint nun end- lich vorgenommen werden zu können. Die alte Brücke, ganz aus Holz gebaut, erschwerte schon seit langem den Verkehr mehr als sie ihn erleichterte. Gebaut wurde die jetzige Brücke im Jahre 1886 von Privatleuten, welche das fertige Bauwerk der Gemeinde Berlin abtraten. Berlin übernahm für die Folge die Unterhal- tungskosten der Brücke. Daß diese Verhandlungen erst jetzt zum Abschluß komme» können, hat wohl zumeist seinen Grund in der Regelung der Kostenfrage. Nach dem neuen Vertrag werden die Kosten der Ausführung der Brückenarbeiten, welche die innerhalb des von den Außenkanten der vier Pfeilerbautcn bestimmten Recht. ecks von 27,80 Meter Breite und 55,40 Meter Länge liegenden Teile der Brücke betreffen, ebenso wie die Widerlager zu gleichen Teilen von beiden Gemeinden getragen. Die außerhalb dieser Grenze liegenden Arbeiten werden auf Kosten der Gemeinde ausgeführt, auf deren Gebiet sie entfallen. Zu den dauernden Unterhaltungs- kosten zahlt Charlottenburg ein Drittel. Die auf Charlottenburg entfallenden Gesamtkostcn werden 401 000 M. betragen. Die Brücke selbst wird und bleibt das Eigentum der Stadt Berlin. Die An- läge der neuen Brücke erfolgt im Zuge der Gotzkowsky- und Franklinstraße. Der provisorische Umbau und spätere Abbruch der alten Brücke kostet 18 000 M. Bedenkliche Praktiken des„Vorwärts" sollen, wie die„Tägliche Rundschau" mitteilt, in dem Beleidigungsprozeß Hetzschold gegen Hartman», über den wir in der Sonnabendnununec des„Vorwärts" berichteten, ans Licht gekommen sein.— Das hört sich recht gruselig an und verfehlt nicht die Wirkung auf die Leser der„Tägl. Rundschau", aber es ist doch nur eine recht harmlose Sache, was da als bedenkliche Praktiken des„Vorwärts" hingestellt wird. Dem tendenziös entstellten Bericht der„Täglichen Rundschau" liegt folgender Vorgang zugrunde: Der Beklagte Hartmann er- hebt Widerklage gegen Hetzschold auf Grund eines gedruckten Zettels, der zu einer Versammlung einladet und mit dem Namen Hetzschold unterzeichnet ist. Der Widcrkläger kann nur eine Abschrist des Zettels, der schon vor Jahr und Tag verbreitet sein soll, vorlegen. Hetzschold dagegen sagt: Die von meinem Gegner vorgelegte Abschrift erkenne ich nicht als Beweis für die Existenz des Zettels an. Ich weiß nicht, ob ein solcher Zettel jemals verbreitet worden ist. Sollte das aber der Fall fein, und sollte auch mein Name unter dem Zettel stehen, so bestreite ich trotzdem, daß ich der Verfasser bin. Derartige Zettel werden von meinem Verband bei der„Vorwärts"-Druckerei in Auftrag gegeben. Der Auftraggeber vergißt manchmal, den Namen eines Verantwort- lichen unter das Manuskript zu setzen. Der Drucker aber ist preß- gesetzlich verpflichtet, einen Verantwortlichen auf dem Zettel anzugeben. Ist nun der Auftrag eilig und der Drucker nicht mehr in der Lage. nachzufragen, wer als Verantwortlicher angegeben tvcrden soll, dann pflegt er sich damit zu helfen, daß er den Namen eines ihm bekannten Verbandsleiters, der vielleicht schon früher solche Zettel unterzeichnet hat, auch in diesem Falle angibt. Ich behaupte, daß dies auch bei dem fraglichen Zettel, falls dessen Existenz nachgewiesen wird, so gewesen ist. Jedensalls habe ich meinen Namen nicht darunter gesetzt.— Weiter bemerkte Hetzschold, er habe später in der ,Vorwärts"-Druckerei angeordnet, daß sein Name nicht mehr ohne seine ausdrückliche Zustimmung unter derartige Zettel gesetzt werde.— Nach diesen Darlegungen HetzscholdS wurde dem Widerkläger aufgegeben, Beweis dafür anzutreten, dab Hetzschold tatsächlich der Verfasser des erwähnten Zettels sei. Das ist der Vorgang, der in der Phantasie eines sensations- lüsternen Journalisten zu einer Aufdeckung bedenklicher Praktiken deS.Vorwärts" geworden ist. In der„Täglichen Rundschau" heißt es. die Angaben HetzscholdS hätten große Bewegung im Gerichtssaale erregt.— Das ist Unsinn. Wir haben außer lebhaften Bewegungen der Bleifeder des Berichterstatters der„Tügl. Rundschau" keine Bewegung im Gerichtssaale bemerkt. Zu einer Bewegung lag auch gar kein Anlaß vor, denn eS handelt sich um einen in der Gerichtspraxis ganz alltäglichen Vorgang: Jemand, der einer Beleidigung beschuldigt wird, verlangt, man solle ihm erst beweisen, daß er und kein anderer diese Beleidigung begangen habe. Das ist sein gutes Recht, und das hat ja auch das Gericht anerkannt, indem es dem Widerkläger den geforderten Beweis aus- erlegte. GeschäftSschwierigkeiten haben schon wieder einen Zimmer- meister zum Selbstmord getrieben. Der 62 Jahre alte Meister Friedrich Wurgall aus der Grünauer Straße 41 betrieb seit 22 Jahren mit dem Maurermeister E. Martin aus der Pflügerstr. 57 zu Rixdorf ein Baugeschäft, das sein Bureau in der Grünauer Straße 41 hatte und sehr bekannt war. Die Firma, die an oer Canner Straße in Rixdorf einen großen Holzplatz besitzt, beschäf- tigte 46 bis 56 Gesellen. Diese müssen seit Dienstag feiern, weil das Geschäft in Zahlungsschwierigkeiten geraten ist. Dieses Miß- geschick ging Wurgall so nahe, daß er Hand an sich legte. Er er- hängte sich in seinem Bureau an der Türklinke. Als sein ältester Sohn, der Zeichner in dem Geschäft ist, ihn auffand, war er schon tot. Wiederbelebungsversuche, die ein Arzt machte, blieben erfolg- los.— Der Rückgang seines Geschäftes hat auch den 49 Jahre alten Holzbildhauer Mbert G«une aus Lankwitz, der seit 26 Jahren seine Werkstatt in der Ritterstraße 115 hatte, zum Selbstmord veranlaßt. Grüne, der früher mit vier und fünf Gehilfen arbeitete. beschäftigte seit einem Vierteljahr nur noch einen Lehrling, weil es an Aufträgen fehlte. In der Nacht zum Freitag er- hängte er sich in der Werkstatt. Der Lehrling fand ihn morgens tot auf. Auf einem hinterlassenen Zettel gab er den Geschäfts- rückgang als Beweggrund für den Selbstmord an. AuS dem Stralauer Viertel wird uns geschrieben: MS das Stiefkind der Stadt Berlin ist seit jeher der Osten bezeichnet worden; aber derartige Zustände, wie sie augenblicklich im Stra- lauer Viertel herrschen, muß man doch geradezu als un- haltbare bezeichnen. Während in allen übrigen Stadtvierteln wenigstens einigermaßen dafür gesorgt ist, daß die Arbeiterkinder in den öffentlichen Anlagen einen Platz zum Spielen und Sand- buddeln erhielten, ist bei der erst vor zirka drei Jahren erfolgten Anlage des Rudolfplatzes hierauf überhaupt keine Rücksicht ge- nommen worden. Die Lsinder sind also nach wie vor auf die „be— rühmten Müllberge"— die alles andere als gesundheits- fördernd sind— oder aber auf das für denOsthafen bestimmte Ge- lände an der Spree angewiesen. Da die Kinder aber auf diesem Gelände bis unmittelbar an die Spree gelangen können, find Un- glütfsfalle naturgemäß unvermeidlich, und so wird wohl der in den letzten Tagen erfolgte Tod zweier Kinder durch Ertrinken bewirken, daß das Gelände vollständig abgesperrt wird. Es würde sich nifn empfehlen, den Kindern einen geeigneteren Spielplatz zu schaffen, und so möchten wir an die maßgebenden Behörden das Ersuchen richten, baldigst eines der Rundteile auf dem Rudolfplatze in der Mitte zu einem Spielplatze umzuwandeln. Es würde das den Gesamteindruck des Platzes durchaus nicht beeinträchtigen, und warum sollte das. was in anderen Stadtteilen, z. B. auf dem Mariannenplatze, in den Anlagen der Grimmstraße usw. möglich ist, nicht auch für den Osten zutreffen? Auf einer Bootsfahrt ertrunken ist der Kellner Hermann Berg, der in dem Sommerrestaurant.Wildpark" an der Oberspree be- schäftigt war. B. hatte nachts nach dem Dienst eine Kahnfahrt auf der Spree unternommen. Beim Ausweichen vor einem vorüber- kommenden Schleppdampfer geriet das Fahrzeug so unglücklich in den Wellenschlag, daß es zum Kentern kam. B. stürzte in die Fluten und ertrank, bevor Hilfe zur Stelle sein konnte. Offizier und Schulknabe. Das Durchgehen von Passanten durch geschlossene Truppenkörper, das schon so häufig zu unlieb- samen Szenen in den Straßen Berlins gefuhrt hat, stand im Mittelpunkt einer Verhandlung, die gestern das Kriegsgericht der 1. Gardedivision beschäftigte. Unter der Anklage der gefährlichen Körperverletzung unter Mißbrauch der Waffe hatte sich Leutnant v. I. von der 6. Kompagnie des 3. Garderegiments zu ver« antworten. Folgender Vorfall sollte zu der Anklage führen: Am 17. Mai früh morgens schickte die Frau des Arbeiters Schüler ihren zehnjährigen Sohn Wilhelm zum Bäcker. Als der Knabe die Lausitzer Straße betrat, marschierte gerade das 3. Garderegiment vorüber. Da es kurz vor Schulbeginn war. so hatte Sch. große Eile, und ohne lange zu überlegen, versuchte er hinier dem Pferd eines Hauptmanns durch die Truppen hindurchzugehen. Er war auch schon fast hindurch, als er plötzlich einen Schlag auf den rechten Arm erhielt. ES war ein Säbelhieb, den ihm der Leutnant v. I. versetzt hatte. Dem kleinen Sch. wurde das Jackett und das Hemd durchschlagen und an der Schulter erlitt er eine blutende Wunde. Die Wunde schwoll etwas an und acht Tage hatte der Verletzte Schmerzen. Vor dem Kriegsgericht gab der Angeklagte an, er habe den Knaben nicht absichtlich verletzt. Er habe den Jungen nur zurückhalten wollen. Etwas eigenartig be. rührten die Ausführungen des Verteidigers des Angeklagten, eines Offiziers von demselben Regiment. Er meinte, dem Angeklagten müsse der Notwehrparagraph zugebilligt werden. Der Angeklagte sei verpflichtet, das Durchlaufen von Personen durch die Truppen zu verhindern, und zwar mit allen Mitteln. Der Vertreter der Anklage trat diesen Ausführungen entschieden entgegen. Wie könne im vorliegenden Falle, wo ein Schulknabe ohne irgendwelche angreifende Absicht vor dem Offizier herlaufe, von Notwehr die Rede sein. Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu zwei Tagen Gefängnis. Daß ein Offizier gegen ein zehnjährige? Kind zum Säbel greift, ist wirklich ein Skandal. Besonders erstklassige Gesinnung verrät eine solche Handlung nicht. Ein Einbnich, der von großer Frechheit zeugt, wurde in der Nacht vom Freitag zum Sonnabend, morgens gegen 3 Uhr in dem Uhren- und Goldwarengeschäft von Otto Langer. Prinzenstr. 31, verübt, der zweite in kurzer Zeit. Das erstemal durchschnitten die Einbrecher das vier Millimeter starke Drahtgitter und zertrümmerten die Scheibe, diesmal erbrachen die beiden feingekleideten Diebe die Vorhmigeschlösser der großen schweren Schutzladen, schoben die letzteren beiseite und durchschlugen dann die große Spiegelscheibe. Der hinter dem Laden schlafende Geschäftsinhaber Herr Lange wurde zwar sofort lvoch und ivar zur Stelle, konnte eS aber mcht verhindern. daß den Dieben einige goldene Damenuhren zur Beute sielen. Straßenkehrer brachten dann ein paar beim Rennen verlorene Uhren wieder zurück. Die Diebe sind entkommen. Der Schaden ist durch Versicherung gedeckt. Der Gesangvcrcin„Kreuzberger Harmonie" veranstaltet heute nachmittag inr Garten der Brauerei Friedrichshain am Königstor ein Vokal- und Justruineiitalkonzert unter Mitwirkung des Berliner Sinfonie-Orchesters �Kapellmeister Fischer). Der Verein gebärt zu den leistuilgFfähigstcn Chören und es ist ihm bei dem ohnehin recht geringen Eintrittsgeld von 26 Pf. ein volles Haus oder besser voller Garten zu wünscheii. Im Zoologischen Garten ist ein junger oft afrikanischer W a i s c r b o ck eingetroffen, eine nur selten lebend eingeführte Antilopenart, die zu den stattlichsten ihrer Gruppe gehört und in ücb alle aus st» ist» temütt ÜPßb Bild ist. Sie unterscheidet sich von der ,m Tierhandel häufigeren westafrikanischen Form, von der der Garten ein Paar besitzt, durch die mehr graue Färbung und ganz eigenartig weiße Zeichnung, die sich kreis- oder ellipsenförmig um die Schwanzwurzel zieht. Bei den Wasferböcken tragen nur die männlichen Stücke ein Gehörn, die Weibchen entbehren dieses Kopfschmuckes. Die Ortsvcrwaltung der Buchbinder teilt mit: Sonntag, morgens 16 llhr. im Gewerkschaftshausc(Saal HI); Ausstellung neuester Marmoriermuster und theoretische Erläuterung vom Marmorierlchrer Jos. Hauptmann. Feuerwehraachrichten. Die Wehr hatte gestern in' der Denne- witzstr. 33, wo Schaldecken, Balken u. a. brannten, und in der Niederwallstr. 13/14 zu tun. Hier waren zwei Pferde in eine Baugrube gestürzt. Die Feuerwehr befreite sie aus ihrer Notlage. Nachts um 4 Uhr kam in der Kochstr. 10 in einer Bäckerei Feuer aus. Preßkohlen und Holz waren dort in Brand geraten. Um Mitternacht mußte ein Wohnungsdrand in der Friedrichstr. 68 ge- löscht werden und in der Seelower Straße 7 hatte die Wehr mit einem Kellerbrand zu tun. Gegenüber dem Hause Dstader Straße Nr. 15 brannte eine Laube mit Stroh. Kisten u. dgl. Ferner hatte die Feuerwehr noch in der Jakobikirchstr. 1, Prenzlauer Allee 86, Fehrbelliner Straße 42 und anderen Stellen zu tun. Der Arbcitcr-Radfahrer-Bund„Solidarität"(Gau 9, Bezirk H) hält heute im Etablisiement.Neu-Seelaud", Alt-Stralau, sein fünftes Bezirksfest ab, bestehend aus Gartenkvnzert, Spezialitäten. Neigenfahren und Ball. Der Anfang des Konzerts ist auf 4 llhr festgesetzt. Arbriter-Samariter-Koloane. Nkontagabend 9 Uhr: Uebungs, stunde der 2. Abteilung, Brunnenstr. 154. Reprtition und prak- tische Hebungen.— DoniOrstag: Diensttuende Abteilung, Dresdner Straße 45. MonatSsitznng. Vorort- JNaebnebtetk Rixdorf. Mit dem neuen Organisatiousstatnt beschäftigte sich die am 15. Juni tagende Versammlung des hiesigen Wahlvereins. Das einleitende Referat hatte der Genosse Woldersky übernommen. Ausgehend von den früheren Zuständen, schilderte derselbe in kurzen Zügen den Kampf der staatlichen Gewalten gegen unsere Partei und erläuterte die vergeblichen Bemühungen unserer Gegner, sowohl auf dem Wege der Gesetzgebung als auch durch tendenziöse Auslegung von Gesetzen die Ausdehnung unserer Partei hindern zu können. Stets habe— so meinte Redner— die Sozialdemokratie eine beispiellose Anpassungsfähigkeit bewiesen. Der von der in Nürnberg ernannten Kommission vorgelegte Entwurf sei nicht aus solchen, wie aus den erwähnten Gründen nötig, son- dern jetzt handle es sich darum, unser Statut derart zu gestalten, daß die heut bestehenden Zustände berücksichtigt, die Einheitlichkeit der Partei gefördert und damit deren Schlagfähigkeit erhöht werde. Der Referent, selbst Mitglied der genannten Kommission, er- läuterte dalin die Gründe, welche dieselbe bei Festsetzung der ein- zelnen Paragraphen leitete und schloß mit dem Ersuchen, den Eni» Wurf in der vorliegenden Fassung anzunehmen. Vom Wahlvereins- vorstände wurde sodann, in Uebereinstimmung mit den Funktio- nären, der Versammlung der Antrag unterbreitet, im Z 5 die unentgeltliche Lieferung der„Gleichheit" und im§ 23 den Absatz, welcher von„bewußt wiederholten" Vergehen spricht, zu streichen. Außerdem lagen noch von einigen Bezirken sowie einzelnen Ge- nosien Abänderungsanträge vor. Während über alle Anträge die Ansicht der Versammlung eine ziemlich einheitliche war, entspann sich über den Antrag der unentgeltlichen Lieferung der„Gleichheit" eine äußerst lebhafte Debatte, wobei der eine Teil der Redner mehr die Aufklärung und Agitation unter den Frauen in den Vordergrund rückte, indes der andere mehr die Gesamtinteressen der Partei, die Sanierung der Kassen für zukünftige Wahlkämpfe und die so dringend notwendigen Ausgaben für die Jugendbewe- gung betonte. Bei der hierauf erfolgenden Abstimmung wurden die Anträge des Vorstandes und ein Antrag des 14. Bezirks dahin- gehend, daß dem§ 27 Abs. 2 hinter der ersten Zeile eingefügt werde:„dieselben müssen jedoch sämtlich der Parteiorganisation angehören", angenommen, alle übrigen Anträge abgelehnt. Da neuerdings der Kampf gegen die Arbeiterturnvereine durch unsere Gegner auch unter Zuhilfenahme der Schule geführt werden soll, so erörterte unsere Stadtverordnetenfraktion in der am selben Abend tagenden Sitzung diese? Thema; sie ließ am Schluß der Versammlung bekanntgeben, daß sämtliche Fälle, wo Rektoren oder Lehrer sich solche Uebergriffe gestatten, unverzüglich dem Ge- nassen Groger, Fuldastr. 55/56, Aufgang I, 2 Treppen, zu melden seien. Städtischer Appell a» die Privatwohltätlgkeit. In ungeniertester Form ruft der Rixdorfer Magistrat durch sein Kuratorium der Wohl- tätigkeitsfonds die private Wohltätigkeit an. Er macht durch wieder- holte ZeitungSinserate bekannt, daß mehrere arme Rixdorfer Ein- wohner, die infolge Krankheit nicht imstande sind, sich ohne fremde Hilfe fortzubewegen, um Ueberlassnng eines KrankenfahrstuhlS ge- beten haben. ES werden daher die Eigentümer nicht mehr gebrauchter Krankenfahrstühle, welche solche zum Wohle der Armen stiften wollen, um nähere Mitteilung gebeten, damit die eventuelle Abholung erfolgen kann. Die Einsicht der Pflicht, solche 5krankenfahrstühle in notwendigen Fällen aus städtischen Mitteln zu beschaffen, scheint hiernach dem Rixdorfer Magistrat noch nicht gekommen zu sein. Sollte denn kein einziger der vielen WohltätigkeitSfondS dafür in Anspruch ge- nommen werden können? Für das Geld, welches die Inserate bei Scherl kosten, hätte vielleicht schon ein gebrauchter Krankenfahrstuhl beschafft werden können. Die städttsche Drückebergerei in der Unter- stützungspflicht und die Abwälzung der Hilfeleistung auf private Schultern ist ja allerdings nicht neu. Uebcr das merkwürdige Abenteuer der Gebrüder Boß ist durch die Verhaftung des Kraftwagenführers Otto aus der Knesebeck- straße 67 eine teilweise Klärung ermöglicht worden. Wie wir bereit? mitteilten, wurden die beiden Brüder angeblich von zwei Schlächtergesellen mißhandelt, weil sie die zweifellos zu ver« brecherischen Zwecken beabsichtigte Entführung eines 13 jährigen Mädchens verhinderten. Otto gibt zwar zu, die Kraftdroschke ge- führt und die beiden Patrone� gefahren, bestreitet aber, die beiden Fahrgäste gekannt zu haben. Der Chauffeur ist vorläufig in Haft behalten. Auch der Droschkenkutscher ist ermittelt worden, der das vor den beiden Gesellen flüchtende Mädchen auf den Bock nahm und fortfuhr. Ihm erzählte die Kleine, daß sie bei einer Tante in der Knesebeckstraße zu Besuch sei. Bis jetzt hat sich weder daL Kind noch die Tante bei der Polizei gemeldet. Ucverfallen und getötet wurde in der gestrigen Nacht der 43jShrige Arbeiter Richard EnSkat aus der Steimnetzftr. 46. Auf dem Heimwege wurde E. vor seinem Wohnhaus von drei Männern angerempelt und bi» in den Hausflur verfolgt, wo sich der Ueberfall abspielte. Wenige Minuten nachdem die drei Unbekannten das Haus verlassen und sich nach einem nahe belegenen Restaurant begeben hatten, wurde E. von einem Haus- bewohner in einer Blutlache auf dem Fußboden des Haus- flurS liegend aufgefunden. Als ein sofort hinzugerufener Arzt erschien, war E. bereits tot. Am Kopf der Leiche wurde eine stark blutende Verletzung festgestellt, die den Tod herbei- geführt hat. Als Täter wurden die 26jährigen Gürtler Karl Kurbh und Arwr Purtmann sowie der 26jährige Steinsetzer Paul Eberle aus Rixdorf ermittelt. P. und E. wurden noch in der Nacht ver» haftet, während K. gestern morgen aus dem Bett herausgeholt wurde. Alle drei bestreiten entschieden, den E. mit einem zefähr- lichen Gegenstand geschlagen zu haben. Als Ursache des Ueber- falle» gibt Kurbh folgendes an: Er habe mit seiner Braut Frida vintu auf ttm HttrfurtMstz auf«in» Bank«»sesstn. al»« bemerlte, daß sich ein fremder Mann heranschlich, um sie zu belauschen. Als K. den Fremden zur Rede stellen wollte, lief er davon. K. giebt mit Bestimmtheit an, daß dies Enskat gewesen sei. Er verfolgte ihn mit seiner Braut bis zur Wohnung und holte aus dem schräg gegenüberliegenden Lokal seine zwei Freunde, die sich zufällig dort aufhielten, heraus. Die drei führten dann gemeinsam den Ueberfall aus. Enskat war verheiratet und Familien- vater. Die Leiche wurde nach dem Schauhause gebracht, wo durch die Obduktion festgestellt werden soll, ob der Tod durch einen Schlag oder durch Messerstiche herbeigeführt worden ist. Tchöneberg. Der ortsübliche Tagclohn soll erhöht und über Groß-Berlin einheitlich geregelt werden. Bisher betrugen die Sätze für männ- liche Arbeiter über 16 Jahre 2,96 M., für weibliche Arbeiter über 16 Jahre 1,16 M.. für männliche Arbeiter unter 16 Jahre 1,46 M. und für Arbeiterinnen unter 16 Jahre 1,16 M. pro Tag. Diese Sätze sollen nunmehr erhöht tvcrden, und zwar für männliche Ar- beiter über 16 Jahre auf 3,66 M.. für Arbeiterinnen über 16 Jahre auf 2,26 M., für männliche Arbeiter unter 16 Jahre auf 1,80 M. und für Arbeiterinnen unrer 16 Jahre auf 1.46 M. pro Tag. Gleich- zeitig soll darauf hingewiesen werden, daß dieses nur Mindestsätze sein können, da der wirkliche Tagesverdienst ein erheblich höherer ist. Die höheren Sätze kommen in Betracht bei Festsetzung der In- validenrenten, sofern der Rentenantragsteller nicht mehr ein Drittel des ortsüblichen TagelohneS erwerben kann, sowie bei Festsetzung der Angehörigenunterstützung, wenn jemand zur Reservcübung usw. eingezogen wird. Durch die Nenrcgelnng des Polizeikostengesetzes vom 8. Juni 1963 hat Schöneberg 278 666 M. Beitrag zu den Kosten der königlichen Polizeiv�waltung zu leisten. Das bedeutet ein Mehr von über 96 666 Die Stadt hatte daher gegen den Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg im Wege deS Verwaltungsstreitverfahrens auf Ermäßigung der Beiträge Klage erhoben. Es wurde in der Klage- schrift darauf hingewiesen, daß der vom Staat in Abzug gebrachte Betrag für die Wahrnehmung der Arbeiten der Straßenbaupolizei, die von der Stadl ausgeführt werden, viel zu gering veranschlagt worden sei. Zur Beweiserhebung wurden die Sachverständigen Regierungsrat Natorp und Obervcrwalwngsgerichlsrat Graf v. Westarp herangezogen. Die Gutachten der Beiden, besonders des „liberalen" Grafen v. Westarp fielen derartig ungünstig für die Stadt aus, daß man eS schnell vorzog, die Klage zurückzuziehen und die ausstehende Summe von annähernd 29 000 M. zu zahlen. Steglitz. Mit einem Nachruf für den durch MSrderhaud auf einer Harz« reise gefallenen Gemeindeverordneten Direktor Friedrich er- öffnete der Vorsteher die Genleindevertretersitzung am Freitag, die als ersten Tagesordnungspunkt die W a h l eines zweiten besoldeten Schöffen aufwies. Gewählt wurde der Rechnungsdirektor I o ch e m aus Danzig mit 19 von 26 ab« gegebenen Stimmen. Wenn der Titel„Rechnungsdirektor" eine Bürgschaft dasür bedeutet, daß der neue Herr wirklich vom Finanz- wcsen etwas versteht, dann darf sich Steglitz zu der Wahl gratulieren, denn ein solcher Mann tut uns„bitter not". Das bewies u. a. wieder der Punkt„Nachbewilligungen". Rund 53 666 M. wurden da für diverse Etatspositioncn wieder einmal verlangt. Schöffe M an k e referierte kurz über einige besonders auf- fällige Posten und beantragte die Bewilligung. Als ein Gemeinde- verordneter näheren Aufschluß über einige Punkte ver- langte, kam der„Referent" in eine arge Zwickmühle, aus der er sich nicht anders zu retten wußte als durch das offene Geständnis, daß er nicht mehr wiffe wie der Frager selber, da er das Material nicht früher bekommen habe als alle Gemeindevertreter und daher keine Zeit zur Durchsicht gehabt habe. Als„verantwortlicher Redakteur" der schriftlichen Begründungen der Nachforderungen mußte sich nunmehr der Beigeordnete Fabarius bekennen. Aber auch er konnte die gewünschte Aufklärung nicht geben, entschuldigte sich viel- mehr damit, daß er im Finanzwesen nicht genügend E achmann sei. Da auch Bürgermeister Buhrow und die übrigen erren vom Vorstand sich in Schweigen hüllten, wurden die Nach- forderungen an die Kommisston zurückverwiesen. I o ch e m hilf!— Zwecks Anschaffung von Apparaten. Karten und sonstigen Lchmiitteln, einer Lehrer- und Schülerbibliothek, eines Flügels und eines Harmoniums für das neue Realgymnasium wurden 36 000 SOI. bewilligt. Daß bedeutende Nachforderungen nicht ausbleiben, versieht sich am Rande. Auch für eine neue Gemeindeschule, die auf dem sogenannten Kunzeschen Gelände erstehen soll und für 1500 Kinder berechnet ist, wurden 556 666 M. bewilligt. Hier scheint ein„Prachtbau" geplant zn sein, denn ein Gemeindevertrcter meinte, daß man nach der vor- liegenden Zeichnung den Eindruck erhalte, als ob es sich um eine „Arme-Lrutc-Schule" handle. Für die Badeanstalt wurden abermals 980 M. bewilligt. Die im Nctvember vorigen Jahres vom Bürgermeister Buhrow versprochene Aufklärung über die Ungeheuere Ueberschreituug deS Loranschlages beim Bau dieser Anstalt wurde auch heute nicht gegeben. Die Steuerzahler wissen also immer noch nicht, wie und wo die rund 136 666 Mark„verbaut" worden find. Warten wir also auf Herrn I o ch e m, da wir zurzeit keine Finanzfachmänner haben.— Die Vorlage der Neuregelung der Gehälter der Ge- meindebeamten und der Lehrpersonen wurde gegen eine Stimme angenommen. Der Gemeindesäckel wird dadurch für das laufende Jahr um ungefähr 226 666 M. belastet. Die Gehaltserhöhungen sind für die Lehrpersoncn an den höheren Schulen rückwirkend bis 1. April 1968, für diejenigen an den Volksschulen und für die Gemeindebeamten bis 1. April 1909. Mit der Auszahlung soll sofort begonnen werde?. Am Sonnta» de» 27. Juni, findet ein Besuch des Botanischen Gartens statt. Treffpunkt nachmittags 2 Uhr am Eingang Dahlemer Chaussee. Kinder unter 16 Jahren haben keinen Zutritt, worauf besonders hingewiesen sei. Rege Beteiligung der Genossen nebst Familien erwartet Der BildungSauSschuß. Nieder-Schönetveide. In der Mitgliederversammlung des Wahlverein» gedachte der Vorsitzende zunächst in warmen Worten des verstorbenen Genoffen Hermann RamSperger. Die Diskussion über die neuesten Steuer- vorlagen wurde von mehreren Genossen recht lebhaft aufgenommen und gipfelte darin, recht rege für unsere Partei einzutreten und neue Genossen zu werben. Unter Verschiedenem wurde bekannt gegeben. daß alle Beschwerden über nicht pünktliche Zustellung des„Vorwärts" an den Obmann der Speditionskommission, Genoffen Max Priebke, Britzer Straße 14 H, zu richten find. Vritz-Buckotv. Die Geschichte der Arbeiterversicherung behandelte Genosse einr. Schulz in der letzten Buckotver Wahlvereinsversammlung. nter Verschiedenes wurde mitgeteilt, daß sich am Ort jetzt auch eine Hebamme niedergelassen hat, was der von den Buckowcr Ge. nassen veranstalteten Petition an den Gemeindevorstand zuzu» schreiben sei. Heiterkeit erregte die Mitteilung, daß der Pastor von Buckow jetzt die Frauen zu veranlassen sucht, dafür zu sorgen. daß der„Vorwärts" aus ihren Haushaltungen verschwinde. Diese Anstrengungen dürften freilich den entgegengesetzten Erfolg haben, da die Buckower Genossen durch eine rege„VorwärtS"-Ägitation dafür sorgen werden, die Abonnentenzahl am Orte zu verdoppeln. Mit der Aufforderung, die Versammlungen recht zahlreich zu be, suchen, und vor allem ihre Frauen mitzubringen, sand die gut besuchte Versammlung ihr Ende. Die WahlvcreinSversammlung in Britz hörte zunächst einen Vortrag deS Genossen Dentzer über:„Kirche und Staat". In der Diskussion forderte Genosse Friedrich die Anwesenden, die inner» lich schon mit der Kirche gebrochen haben, auf, die Konsequenzen au» pjuh BMctiio an atzösa lutfc auA te; Sii& gMujchsÄ». Lichtenberg. Gcnofie MiruS t-M UNS unter Bezugnahme auf de» in der Freitag, uunmer erschienenen kurzen VersammllMgsSericht des Wahl- Vereins folgendes mit: In der heutigen Nummer<139) Ihres Blattes bringen Sie unter„Lichtenbergs einen Bericht von der letzten Mit- gliederversammlung, in dem es zum Schlüsse Heidt:„Des weiteren wurde die Auseinandersetzung des Genossen Mirus mit dem.Vorwärts" auf Beschluß der Versammlung dem Vorstand überwiesen." Das ist nicht richtig. Es handelte sich hierbei um einen Antrag der 7. Abteilung, in dem verlangt wird, dafc auf die Tagesordnung der nächsten Mitglieder- oder Generalversammlung die Vorgänge in der letzten Kreisgeneralversammlung gelegentlich der Verhandlung über den Antrag Karlshorst sowie die Art der Berichterstattung von dieser Kreisgeneralversammlung in unserer Mitgliederversammlung gesetzt werden soll. Ferner besagt der Antrag, dast zu der Versammlung die Genossen Stadthagen. Spiekermann und MiruS schriftlich geladen werden sollen. Dieser Antrag wurde dem Vorstande überwiesen. Stteder-Schönhausen. Ans der Gemeindcvertrewng. In einer früheren nichtöffent- lichen Sitzung wurde beschlossen, dast bei Bränden im Orte, bei denen die Berliner Feuerwehr Hilfe leistet, sämtliche Kosten ge« tragen werden. Die Höhe der Kosten konnten bis jetzt noch nicht festgesetzt werden, da von zwei Gemeinden die Antworten noch aus- stehen. Bei der Beratung der Hundesteuerordnung äußerte der Bürgermeister den Wunsch, einen Hundefänger für den hiesigen Ort anzustellen. Die Anstellung kann jedoch nur geschehen, wenn der Maullorbzwang eingeführt wird; diesem hatte der Amtsausschuß nicht zugestimmt. Nach einer Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts dürfen Hunde, denen nur die Steuermarke fehlt, nicht eingesangen werden. Die Polizeibeamten und Gemeindediener sollen kontrollieren, ob die Hunde eine Steuermarke haben, damit gegen die Besitzer von Hunden, die keine Steuermarke haben, ein Verfahren wegen Steuerhinter- ziebung eingeleitet werden kann. Ein Nachtrag zum Ortsstatut betreffend die Anlegung von Bürgersteigen wurde genehmigt. Bisher hatten die Anlieger 69 Proz. zu den Kosten zu zahlen, die vor jedem Grundstück festgestellt wurden. Jetzt sollen die Gesamtkosten des Bürgersteiges einer Straße festgestellt und danach die Kosten für jeden einzelnen Anlieger nach der Frontlänge seines Grund- stücks bemessen werden. Die Vergebung der Tischlerarbeiten zum Rathausneubau rief eine längere Debatte hervor. Es sind 23 Offerten eingegangen. DaS billigste Angebot beträgt 10369 M., das höchste 15 000 M.. eine hiesige Firma, die Tischlerei von Müder, verlangt 10 679 M. Die Vaukommission hatte vorgeschlagen, der billigsten Firma den Zuschlag zu erteilen. Bei der Vergebung dieser Arbeit, entdeckten die Herren endlich ihr arbeiterfremidliches Herz, nachdem fast sämtliche Arbeiten am Rat- Hausbau an auswärtige Unternehmer vergeben worden sind. Ja es wurde sogar von ihnen festgestellt, daß wenn die Arbeit an hiesige Handwerker überwagen wird, dieselbe auch den arbeitslosen Arbeitern am Orte zu gute kommt. Dabei hatte der hiesige sozial- demokratische Wahlverein schon im Oktober vorigen Jahres bei Beginn des Baues den Antrag gestellt, bei den Vergebungsbedingungen, die mit den Unternehmern ab- geschloffen werden, auch folgende Bestimmung mit einzu flechten: Unter den arbeitslosen Arbeitern sind die inländischen und unter diesen die am Orte wohnenden vorzugsweise zu verwenden. Dieser Antrag wurde bisher von der Vertretung überhaupt nicht beachtet. Vielleicht merken sich daS die hiesigen Arbeiter bei der Gemeinde- wähl im nächsten Jahre. Es wurde beschlossen, die Arbeiten der hiesigen Firma Müder zu übertragen. Der ortsübliche Tagelohn hat eine Aenderung erfahren, und zwar bettägt derselbe für mann- liche Personen statt 2.90 M. jetzt 3,60 M.; für weibliche Personen statt 1,60 M. jetzt 2,20 M.; für männliche Personen unter 16 Jahren statt 1.40 M. jetzt 1,80 M. und für weibliche Personen unter 16 Jahren statt 1,10 M. jetzt 1.40 M. VmmfcKres. Ein Brückeneinstlirz fand vorgestern bei Fürstettwakbe dt dtt Nähe der Schleuse„Große Tränke" statt. Der Bau der neuen Spree- schleuse hat die Anlegung einer Notbrücke erforderlich gemacht. Gegenwärtig wird die Baugrube für die neue Schleuse ausgehoben. Durch noch nicht aufgeklärte Umstände drang vom Kanal aus das Wasser in die Baugrube, in welcher 14 Arbeiter beschäftigt wäre». Diese vermochten sich nur mit Mühe und Not zu retten, und kaum hatte der letzte Arbeiter die Grube verlassen, als diese auch schon gefüllt war und die Notbrücke, deren Stützen durch daS Wasser unterspült waren, zusammenbrach. Als ein besonders glücklicher Zu- fall ist es zu betrachten, daß sich im Moment deS, Einsturzes niemand auf der sonst verkehrsreichen Brücke befand. Die Cholera. Nach einer Meldung aus Petersburg sind feft gestern 63 neue Choleraerkrankungen und 10 Todesfälle zu verzeichnen Der ThPhuS ia Altwasser. Nach einer Meldung der„Schlesischert Zeitung" greift der Thphus in Altwasser weiter um sich. Bis �gestern mittag gelangten laut amtlicher Feststellung 232 Krankheitsfälle zur Anzeige, von denen sechs tödlich verliefen. Ein mysteriöser Lcichenfund. AuS New Jork wird vom gestrigen Tage berichtet: In der vergangenen Nacht wurde hier im Zimmer eines Chinesen außer vielen Schmuckgegenständen und Briefschaften die Leiche einer weiblichen Person entdeckt, die schon etwa acht Tage dort gelegen haben mag. Die Polizei glaubt, daß eS sich um die in der chinesischen Mission tätige Enkelin Elise des Generals Franz Sigel handelt. Die zu einem Bündel zusammengebundenen Kleider der Toten wurden in dem Rauchfang des über einem chinesischen Restaurant gelegenen Zimmers gefunden. cai Deutscher I Holzarbeiter- Verband Todes- Anzeige. Den Mitgliedern zur Nachricht, j daß unser Kollege, der Tischler Fenlilmnd Moritz j am 18. Juni gestorben ist. Ehre seinem Andenke»! Di« Leerdigung findet am ! Montag, den LI. Juni, nach- mittags 2'/, Uhr, von der Halle I des Zcnttal-FriedhoseS w Ftte- I' drichsselde aus statt. Um rege Beteiligung ersncht 85/26 via Ortsverwaltung. Zentral-Verband Idar Zimmerer Deutschlands. izahlsttlle Berlin und UniBegend. Bezirk 5. Den Berufsgenossen zur Räch- j vicht, daß unser Mitglied' Karl ftexel als Opfer seines Berufes auf dem Bau der alten tönigl. Bibliothek am IS. d. M. verstorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Montag, den 21. Juni, nachmittags b Uhr, von der Leichenballe des Emmaus-KirchhoseS in Britz ans statt. 224/3 Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. �Zentral-Verhand der Töpfer Deutschlands. Filiale Berlin. Todes- Anzelgre. Am Donnerstag, den 17. Juni, verstarb plötzlich der Kollege ttermann ttasss (Bezirk Charlottenburgj an Gehirnschlag. Ehre sein?» Andenke»! Die Beerdigung findet heute Sonntag, nachmittag» 4 Uhr, von der Leichenhalle des Luisen-Mrch« hoseS in Charlottenburg, Fürsten- brmmer Weg, auS statt. Um rege Beteiligung ersucht 132/13 Der Borstand. Beweise herzlicher ' n Kranz- Danksagung Für die vielen ?eitnc:bme und»ablreichev spenden bei der Beerdigung unsere? einzigen geliebten Sohne» Otto sagen wir allen Freimden und Be- kannten sowie seinem Herrn Lehrer und seinen Mitschülern unseren aufrichtigsten Dank. 113b Aognst Schnecke»edel Frau. ZentFalverliaml der Glasarbeiter mid Arbeiterinnen Dentsehlanils. Ortsverwaltung Berlin. Toden-Aiinelge. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unsere Kollegin, die Glas- arbeiterm l tieleae Herftirt gestorben ist. Ehre ihrem Audenke»! > Die Beerdigung findet am Montag, den 21. Juni, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- halle des Paulus- Kirchhofe» w Plötzensee aus statt. I Um rege Beteiligung ersucht vis ortsverwaltung. Danksagung. Für die rege Beteiligung bei der Beerdigung meines lieben, unvergeß- lichen Mannes sage ich allen Freunden, Verwandten, Bekannten, insbesondere dem Gesangverein.Sängerkranz" meinen herzlichsten Dank. 1S26L Wwe. Selma Stephan. 29 Gardt«enha«S Bernhard Schwartz Berlin Wallstr. 20 Flur-Eingang. Drahtadrcsse, GardinenhanS. Gardinen, Start», Tüllbettdecken, Rouleau; Portieren K. Gros ttnb Detail. Rest« ». Reisemuster Witt unter PretS. Hattbarleit garantiert. lauscht gestattet. «Myat für SeMbehWMg. Danksagung. Für die herzliche Teilnahm« bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unseres guten Bater», des Schankwirts 120b �uxust vumscligt sage ich alle» meinen herzlichsten Dank. Wwe. Bnmsehat nebst Kindern. Für die uns zugegangenen Bei- leidsbezcugungen sprechen wir allen denen, weiche uns ihre Teilnahme an dem Verlust unseres teuren Dahin- geschiedenen, des Herrn Hermatm P.udkowski bekundet haben, der Firma Masse und de» Kollegen vom„Tageblatt" unseren herzlichsten Dank auS. Tran«arle Rudkowskl sÄ. Rixdorf, 19. Juni 1909. 16278 Znrüdigelithrt Frauenarzt Mr. FrankenstelilS Dircksenstr.SS a.BHI. Alexanderplatz. Or. Simmei Speztal-Arzt 62'9' für Haut* und Harnleiden. Prlnzenslr. 41, ÄS 10— 2, S— 7. Sonntags 10— 12, 2— 4 bleibt ein Gesicht mit weissem rosigem Teint, zarter summet» weicher Haut sowie ohne Sommersprossen und Hautunreinig- testen» daher gebrauche man die echte SteckenNlerÄ-LMenmileh-Zsiks von Zergmann& Co., Radebeul, ä Sick. 50 Pf. überall zu haben. 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