Nr. 143. Nbonnementz-Necksngllngen: StBonncmcntä- PreiZ pränumerando i Wicrlcljnhrl. 3£0 Mk., monatl. 1,10 Mk., wöchentlich 28 Pfg. frei ins HanS. Einzelne Nummer S Pfg, SonntaaS- nunimcr init illustrierter Sanntags- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg, Post- Kbonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Pojt-ZeitungS- Nretslislc. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 0 Mark pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien. Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, Liumänicii, Schweden und die Schweiz. CiWut tZgll» auCcr Ciontaas. 36. Jahrg. Verlinev Volksblakt. Me snkertlonz-ciebllhi' beträgt für die fcchsgcspaltene Kalonel- geile oder deren Raum 60 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins- lind Vcrsammlungs-Anzcigen. 80 Pfg. „Kleine Hnicigen", das erste(fett- gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- stellen-Anzcigcn da? erste Wort 10 Pfg, jedes weitere Wort 6 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Jnferate für die nächste Nummer müssen bis ki Uhrnachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist piS 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm-Adresse: „Sszlalilcinclirat RerllD**. Zentralorgan der fozjaldemokratifcben parte» Deutfchlands. Redaktion: SM. 68, Llndcnstrassc 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983, Den tilancn Allheim Slolffs! Sit einer schlesischen Vauernhntte wurde Wilhelm Wolff bor tlun 100 Jahren— am 21. Juni 1809— geboren. Bauernelend und Junkerübermut standen an seiner Wiege und geleiteten seine Kinderjahre— gössen ihm rotes Empörerblut in die Adern. Der Jüngling schon saß an Reuters Seite auf preußischen Festungen, den Mann führte der Weg zu den Kommunisten, an die Seite von Marx und Engels ins Exil. Mit ihnen kämpfte er im„tollen Jahrein der„Neuen Rheinischen Zeitung" zu Köln, mit ihnen ging er aufs neue ins Exil. Bis zu seinem Lebensende blieb er ihnen in enger Freundschaft verbunden, blieb er der „kühne, treue, edle Vorkäinpfer des Proletariats", wie ihn Marx in der monumentalen Grabschrist, in der Widmung genannt hat, die auf dem ersten Blatte des„Kapital" steht. Wessen die Besten so gedenken, dessen Andenken muß die deutsche Arbeiterschaft hüten als heiliges Vermächtnis. Wilhelm Wolffs Lebcnsgaug war ein Kampf für die Sache der Enterbten, wie er tapferer und selbst- loser nicht gedacht werden kann. Der Bauernsohn lernte am eigenen Leibe das bittere Los des erbuntertänigen Bauern kennen, von Kindesbeinen an seine Unter- drücker und Ausbeuter hassen. Der Mann hat nie vergessen, was der Knabe gesehen und erfahren hat. Den preußischen Junkern haben seine schärfsten Attacken gegolten, seine beste Kraft hat er dem Kampf um die Befreiung der Bauern von ihren grundherrlichcn Blutegeln gewidmet. Das Edikt von 1810, das die Katastrophe von 1306 der preußischen Regierung abgepreßt hatte, hatte sie verheißen, hatte die Erbuntertänigkeit dem Namen nach aufgehoben. Aber ihr Wesen bestand fort in Frondiensten, Feudallasten und anderen sehr greifbaren Dingen mehr. Der Bauer war nach wie vor der Hörige des Grundherrn und der Bauernsohn Wilhelm Wolff konnte Gymnasium und Universität erst beziehen, nachdem sein „gnädiger" Herr gütigst darauf verzichtet hatte, ihn zum Sauhirten oder ähnlichem Gewerbe zu pressen, Dann hat sich der Zähe durch- gedarbt durch Schule und Universität, aus Privatstunden bestritt er fast allein seinen Unterhalt. Kurz vor dem Examen packte ihn der preußische Raubvogel. Als Mitglied der Burschenschaft war er den Demagogenhctzern schlimmer Verschwörung verdächtig. 1834 wurde er verhaftet, zu langer Strafe verurteilt, nach Silberberg geschafft, wo er Reuter fand, nach fünf Jahren endlich begnadigt, nachdem die Kasematten seine Gesundheit untergraben hatten. Die Laufbahn des Gymnasiallehrers war dem„Demagogen" verschlossen, als Pcivatlehrer mußte er sich mühsam halten gegen die Chikanen der argwöhnischen Burcaukratie. Aber auch in dieser prekären Lage kämpft er für seine Brüder im Elend, führt er einen zähen Klein- kämpf mit der Feder gegen die blutsaugerischen Praktiken des schlesischen Adels, schildert er, stetig vom Rotstift des Zensors über- wacht, das Elend der obdachlosen Proletarier zu Breslau, die man in die gesundheitsmörderischen Kasematten der alten Festung ge- steckt hatte, schildert er die Leiden der verhungernden schlesischen Weber und ihren Verzweiflungsaufstand von 1844. Aber nicht lange konnte der kühne Publizist in Preußens Grenzen wirken. Gar bald hatte die ehrenwerte Justiz ein Preßvcrgehcn entdeckt, ihm den Strick zu drehen. Wilhelm Wolff hatte an fünf Jahren preußischer Festungshaft genug— er ging nach London. Im Kommunistischen Arbeiterverein sprach und lehrte er. 1846 trifft er in Brüssel mit Marx und Engels zusammen.„Wenige Tage genügten", schreibt Engels,„um uns mit den neuen Exilsgenossen auf herzlichen Frcundesfuß zu stellen und uns zu überzeugen, daß wip es mit keinem gewöhnlichen Menschen zu tun hatten". Hier ward eine Kampfgenossenschaft geschlossen, die erst der Tod lösen konnte. Als die deutsche Revolution die Kämpfer rief, kehrte Wolff mit Marx und Engels nach Deutschland zurück. In der Redaktion der „Neuen Rheinischen Zeitung", dem stolzen Kampfblatt der Kom- niunistcn am Rhein, war er einer der Fähigsten und Fleißigsten. In ihr veröffentlichte er jene wuchtigen Aufsätze, die später unter dem Namen„Die schlesische Milliarde" gesammelt wurden und in denen er ein erschütterndes und aufreizendes Bild des furchtbaren Elends der schlesischen Bauern und des frechen Uebermuts und der Nimmersatten Habgier der schlesischen Junker entworfen hat. In seiner schlesischen Heimat wirkte Wolff in diesen Monaten mit seiner volkstümlichen, packenden Beredsamkeit— in den letzten Tagen der Frankfurter Nationalversammlung wurde er noch als Voltsvertreter berufen und hat er sein Möglichstes getan, um das zaudernde, noch am Rande des Abgrundes nicht über das Schwatzen hinauskommende Parlament zum Handeln, zur Berufung von Truppen zu drängen. Seine Rede entbehrt aller jener über- flüssigen Phrasen, an denen die Ergüsse der kleinbürgerlichen Helden jener Tage so reich sind. Sie ist kurz und grob und trifft den Nagel auf den Kopf. Wolff rief den Ratlosen, die den schon gc- zückten Bajonetten der Gegenrevolution abermals mit einer Pro- klamation begegnen wollten, die Worte zu: Sie dürfen dann nicht von Gesetzlichkeit, von gesetzlichem Boden und dergleichen sprechen, sondern von Ungesetzlichkeit, in derselben Weise wie die Regierung, die Russen— und ich verstehe unter Russen die Preußen, die Oesterreicher, Bayern, Hannoveraner... Sie müssen ihnen sagen: So wie ihr euch auf den gesetzlichen Standpunkt stellt, so stellen wir uns auch darauf. Es ist der Standpunkt der Gewalt, und erklären Sie in Paranthese die Gesetzlichkeit dahin, daß Sie den Kanonen der Russen die Gelvalt entgegenstellen, wohlorganisierte Sturm- kolonnen. Wenn überhaupt eine Proklamation zu erlassen ist, so erlassen Sie eine, in der Sie von vornhherein den ersten Volks- Verräter, den Reichsverweser, für vogelfrei erklären. Ebenso alle Minister. Ex ist der erste Bsllsperräter, Das Schwatzparlament wußte nichts Besseres zu tun, als den „Sauherdenwn" des Unbequemen zu beklagen— der Präsident rief ihn zur Ordnung. Dem deutschen Bürgertum war nicht mehr zu helfen, sein Parlament wurde auseinandergejagt. Wolff, der bis zum Ende ausgeharrt hatte, mußte wieder ins Exil wandern. Einige Zeit schlug er sich in der Schweiz durch, dann drangsalierte die Regierung des Freistaats ihn hinaus. In London traf er mit Marx wieder zusammen, und atz er, wie dieser, das bittere Hunger- brot des Exils. In Manchester, wo Engels saß, gelang es ihm schließlich, sich eine halbwegs auskömmliche Existenz als Privat- lehrer zu gründen. Am 9. Mai 1864 raffte ein Gehirnschlag den erst ööjährigen dahin. • Ein Kämpfer sonder Furcht und Tadel, ein Mann von un- erschütterlichem Charakter, von unverbrüchlicher Treue ruht in Manchesters Erde. Ein schöneres und dauernderes Denkmal kann ihm keiner setzen, als Marx ihm gesetzt auf der ersten Seite seines Hauptwerks; ehrenderes Gedenkblatt ihm keiner schreiben, als Engels ihm schrieb auf den heute vergilbten Blättern der unterm Sozialistengesetz im Exil gedruckten Sozialdemokratischen Biblio- thck, in der als 6. Heft:„Die schlesische Milliarde, von Wilhelm Wolff, mit einer Einleitung von Friedrich Engels" erschien. Zur hundertsten Wiederkehr des 21. Juni 1809 erscheint das ver- griffene Bändchen, vermehrt um die Aufsätze Wolffs über die Kase- matten von Breslau und den schlesischen Weberausstand von 1844, aufs neue im Verlag der Buchhandlung Vorwärts; Franz Mehring schrieb ein Vorwort dazu. Mögen es recht viele deutsche Prole- tarier in die Hand nehmen und das Beste des Mannes in sich auf- nehmen, von dem Engels sagte, daß die deutsche Revolution in ihm einen Mann von unersetzlichem Wert verlor. Jn� seinen Schriften loht das Feuer, das die Erben der deutschen Revolution zu hüten haben; in seiner Person finden sie vereinigt alle die Tugenden, die den Kämpfer der Revolution ausmachen: den kühnen, unerschrockenen Mut, die unerschütterliche Treue, chie edle Selbstlosigkeit. In ihrer Tat lebe das Andenken des Edlen fort! Sie flngit vor der ßeichslagsauflölung. Die konservativ-klerikale Koalition tut sehr siegesgewiß. Ihre Organe führen eine außerordentlich schroffe Sprache. Die„Kreuzzeitung" betont nochmals, daß die Konservativen für eine Annahme der Erbschaftssteuer unter keinen Um-' ständen zu haben seien. Durch den Bund mit dem Zentrum fei es möglich, die ganze Finanzreform zu erledigen. Das Blatt erklärt, daß diese Mehrheit unter allen Umständen geschlossen erhalten bleiben müsse, wenn nicht die Finanzreform zum Scheitern gebracht werden soll. Den Liberalen wird höhnend auseinander ge- setzt, daß ihnen nichts anderes übrig bleibe, als dieser festen konservativ-klerikalen Mehrheit beizutreten. Dieselbe Forde- rung, die natürlich das völlige Gegenteil der Politik des Fürsten Bülow bedeutet, stellt auch die„Deutsche Tages- zeitung", die ganz offen ankündigt, daß falls die Erbschafts- steuer im Reichstag eine Majorität fände, der konservativ- klerikale Bund dann die Finanzreform vereiteln würde. Das Blatt sucht der Regierung klar zu machen, daß für sie nichts gewonnen wäre, selbst wenn die Erbschafts- steuer mit Hilfe der Sozialdemokratie ange» nommen würde. Die einzige Folge wäre nur, daß eine b ü r- g e r l i ch e Mehrheit für die Reform überhaupt nicht zustande käme. Dann meint das Blatt weiter: „Daß die Rechte, beziehungsweise die konservative Partei durch eine Niederlage bei der Erbschaftssteuer veranlaßt werden könnte, der Linken in den anderen Steuerfragen unter Abschwcn- kung vom Zentrum entgegenzukommen, wird wohl niemand annehmen; für die Parteien der Linken aber wäre irgendein Grund zu einem Entgegenkommen ihrerseits in einer Durchsetzung der Erbschaftssteuer gegen die Konservatipen gleich- falls durchaus nicht gegeben. Die Möglichkeit einer Mchrheits- bildung innerhalb der alten Blockparteien also ist für diesen Fall unbedingt ausgeschlossen. Daß aber die Kommissionsmehrheit auch nach einer solchen Wendung in der Erbschaftssteuerfrage geschlossen bleiben und daß alle ihre Teile auch dann eine positive Haltung zur RMKfinanzreform beibehalten würden, muß ebenso als ausgeschlossen erscheinen; wir haben es schwerlich nötig, diesen Gedanken näher zu begründen! Damit wäre aber die Reichsfinanzreform zum Scheitern gebracht, es wäre überhaupt nicht mehr eine Mehrheit in diesem Reichstage für sie zu finden!" Damit ist also in klaren Wortm gesagt, daß wenn das agrarische Portemonnaie zur Steuerleistung herangezogen lvird, die Rechte jede„positive" Mitarbeit an dem„nationalen Werk" verweigern würde. Damit ist auch die Hoffnung der Kompromißlüfterncn vernichtet, die Finanzrcform mit'»wech- feinden Mehrheiten" zustande zu bringen. Aber bei aller Siegcsgewißheit können die Agrarier eine Sorge nicht ganz verbergen. Der Gedanke an die Möglichkeit einer Reichstagsauflösung macht ihnen Pein. Des- wegen suchen sie die Regierung einzuschüchtern. Die „Kreuzztg." versichert feierlich, daß es keine„pflichtbe- wußte Regierung" verantworten könnte, der Sozialdemokratie durch eine Auslösung des Reichstages im Zeichen der„Bcsitzsteuer so außerordentlich günstige Chancen zu bieten." Und ebenso warnt die„Deutsche Tagesztg." die Regierung vor diesem Spiel mit dem Feuer. Dieselbe Angst vor der Auflösung verraten auch die frei- konservative„Post" und andere Scharfmacherorgane, Die „Post" msM yhnMgÄoll: Expedition: SM. 68» t-indenstrasse 69« Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. „Man werde sich der Ueberzcuqung nicht verschließen können, daß bei jetzt vorzunehmenden Reichstagswahlen nicht die Erb- anfallsteuer, sondern die Verbrauchs st euern, das Bier, das Pfeifchen und der Schnaps des armen Mannes die Hauptrolle spielen würden. Die Neu- Wahlen würden daher vielleicht eine Mehrheit für eine allgemeine und hohe Erbanfallsteuer, sicher aber nicht für die daneben not- wendigen Hunderte von Millionen Verbrauchssteuern ergeben. Die Eventualität einer Reichstagsauflösung muß daher aus der Reihe der praktischen Tagesfragen völlig ausscheiden." Das weckt aber die Vermutung, daß zuletzt die Freikon- serbativen, um den gefürchteten Konflikt zu vermeiden, sich den Konservativen fügen und gegen die Erbschaftssteuer stimmen werden. So begründet die Angst der Konservativen vor der Reichs- tagsauflösung aber auch sein mag. so wenig werden sie ihre Taktik dadurch bestimmen lassen. Dazu schätzen sie den Fürsten Bülow zu richtig ein. Sie wissen sehr Wohl, daß der agrarische Kanzler eher vor geschlagener Schlacht davonlaufen wird, bevor er den Kampf gegen die Junker wagt. Bülows Rücktritt rührt die Konservativen sehr wenig, ist für sie eher ein Grund mehr fest zu bleiben. Diese Einschätzung des Fürsten Bülow dürfte wohl die richtige sein, so sehr auch die Liberalen das noch immer nicht wahr haben wollen und noch immer hoffen, daß Bülow den Kampf aufnehmen werde. Auf dem Vertretertag der Ratio- nalliberalen für die Provinz Hannover trat Bassermaun wieder wie im Reichstag für eine Reichstagsauf- l ö s u n g ein, die für die liberalen Parteien nicht ungünstig sei. Er glaube nicht, daß die Regierung den Vorlagen der konservativ-klerikalen Mehrheit zustimmen werde. Reben der Auflösung des Reichstages bliebe also als andere Möglichkeit nur der Rücktritt Bülows. Wir Sozialdemokraten können die Entscheidung mit Ruhe abwarten. Wie immer sie ausfällt, sie wird unsere Partei nicht unvorbereitet treffen. Ciberalisimis und Sozialismus. L EntWickelung und menschliche Tätigkeit. Eine leise, ganz leise Hoffnung hatten wir doch gehabt, daß Herr Naumann aus den von ihm selbst festgestellten Ergebnissen der Verufszählung etwas über die Richtigkeit der sozialdemokratischen Anschauungen lernen würde. Aber nichts ist an ihm haften geblieben. Das einzige, was er unserer Debatte über die Konfusionen von HanS Naivus entnimmt, ist, daß wir den Satz aufgegeben hätten, daß die sozialistische Gesellschaft durch die Sozialdemokratie herbei- geführt werden müsse? Eine wahrhaft groteske Idee? Man sollte es nicht glauben, wenn man es nicht schwarz auf weiß vor sich sähe. Aber so schreibt er: „Der„Vorwärts" beschäftigt sich nochmals mit der von mir neuerdings aufgeworfenen Frage, wer eigentlich den Sozialismus herbeiführe, und bestätigt, daß er ebenso wie ich die Auffassung vertritt, daß die Sozialdemokrateü den Sozialis- mus nicht herbeiführen." Und dann folgt eine Reihe von Aenßerungen führender Genossen, ParteitagSbeschlüssen und sonstigen offiziellen Dokumenten der Partei, die beweisen sollen, daß bisher die Partei entgegengesetzter Ansicht gewesen sei, als wir sie jetzt vertreten. Es genügt, eines davon an- zuführen, nämlich die Resolution deS Hannoverschen Parteitages von 1899, die als offizielle Parteimeinung festlegt: es sei die „geschichtliche Aufgabe der Arbeiterklasse, die politische Macht zu erobern, um mit Hilfe derselben durch Vergesellschaftung der Produktionsmittel und Einführung der sozialistischen Produktions- und Austauschweise die größtmögliche Wohlfahrt aller zu begründen." Aus dieser und anderen Kundgebungen schließt Herr Naumann: „ES steht also zweierlei fest, einmal daß die sozial« dcmolratische Partei bis 1903 in ihren offiziellen Kundgebungen den Standpunkt vertreten hat, daß die U m w a n d l u n g der Gesellschaftsordnung wesentlich das Werk der Sozialdemokratie fei, und sodann, daß jetzt der„Vor- wärtö" jede Gemeinschaft mit diesem alt- sozialdemokratischen Gedankengang ablehnt." Herr Naumann wird sich gewiß gewaltig wundern, von uns zu hören, daß wir diesen„altsozialdemokratischen Gedankengang" keines- Wegs ablehnen, sondern der lleberzeugnng sind, daß die bevor« stehende Umwälzung der Gesellschaft in der Tat nur durch die Tätigkeit der organisierten Arbeiter, d. h. der Sozialdemokratie voll« führt werden wird. Die Konfusion, die er hier begeht, ist freilich nicht mehr sein persönliches Werk. Sie wird wohl von allen biirger- lichen Schriftstellern geteilt und ist von Herrn Sombart in die geschmackvolle Form der Legende vom Weltencichhörnchcn gekleidet worden. In jeder neuen Auflage seines Buches über den Sozialismus wundert sich Herr Sombart von neuem darüber, daß Marx und Engels die Verwirklichung des Sozialismus von der ökonomischen Entlvickelung erwarteten und dennoch,„um in Europa den Brand zu entfachen, emsig von Ort zu Ort liefen, dem Welteneichhörnchen vergleichbar". Er ebenso wie Naumann, wie Herkner und alle die anderen„wohlwollenden" Sozialistentöter sehen darin einen unüber« brllckbaren inneren Widerspruch. Und doch ist es kein Widerspruch. Wir haben in unseren früheren Artikeln— an der Hand von Naumanns Feststellungen— dargelegt, wie die Kapitale sich immer riesenhafter zusammenballen, wie dadurch die Zahl der Besitzenden immer kleiner, die der Besitz- losen immer größer wird, und wie zugleich die Besitzlosigkeit immer mehr, in ganz anderem Maße als früher, zum Verlust der perfön- lichen Freiheit führt. Das ist die.ökonomische EntWickelung", die vor unseren Augen bor sich geht. Schon diese kurze Betrachtung zeigt, datz die Begriffe„EntWickelung" und„menschliche Tätigkeit" sich keineswegs gegenseitig ausschlietzen. Die Zusammenballnng der Kapitale macht sich doch nicht von selbst, sondern sie wird von Menschen gemacht, nämlich von den Kapitalisten. Wenn wir also von der„ökonomischen EntWickelung' reden, fällt es uns im Traume nicht ein, zu glauben, daß dabei die Tätigkeit der Menschen ausgeschaltet sei. Im Gegenteil, sie ist das Werk der Menschen. Dies weiß auch Herr Naumann, denn nach seiner Meinung wird ja die neue Gesellschaftsordnung von bürgerlicher Seite„ge- schassen". Nun braucht man den Gedanken bloß logisch fortzusetzen, um zu erkennen, welch ungeheuerliche Idee das ist. Was von bürgerlicher Seite, nämlich von den Kapitalisten, geschaffen wird, ist die gewaltige KapitalSansammlung in wenigen Händen, ist die Ver- sklavung immer größerer Volksmassen. Die Abwerfung des Jochs, die Befreiung der Persönlichkeit wird wohl niemand im Ernst von den Rockefeller und Konsorten erwarten; das müssen die versklavten Massen schon selbst besorgen. Die Entwickelung kann und wird nicht stehen bleiben, wenn es zum Beispiel so weit gekommen sein sollte, daß in Deutschland ein paar Dutzend Trustkönige die gesamte Produktion und Konsumtion beherrschen und alle anderen Einwohner des Landes von ihnen per- sönlich abhängig sind. Die Entwickelung schreitet weiter und wird, wie auch schon zuvor, von Menschen besorgt. Die Geknechteten, die Benachteiligten sind es, die nun in Aktion treten und durch ziel- bewußte Tätigkeit den Trustkönigen die Macht und den Besitz ab- nehmen und in gemeinschaftlichen Besitz überführen müssen. Wie sie das machen, wird ihre Sache sein, aber soviel ist wohl klar, daß Kampf dazu nötig ist. Nun ist es aber ganz undenkbar, daß dieser Kampf erst dann beginnen könne, wenn die Lage der Besitzlosen eine so verzweifelte geworden ist. Wenn sie auch nicht alle mit theoretischer Klarheit einsehen, zu welch schauderhaften Konsequenzen die gegenwärtige, von den Kapitalisten gemachte Entwickelung führt— instinktiv fühlen sie eS ganz gut. Und deshalb kämpfen sie schon längst dagegen an. Schon längst hat der Klassenkampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie begonnen. Es wäre nun aber höchst töricht und fehler- Haft, wollten die Proletarier diesen Klassenkampf planlos führen. DaS würde den Kapitalisten heute wie später ein ungeheures Ueber- gewicht sichern. Am schließlichen Ende würde das freilich auch nichts ändern, denn eS ist einfach unmöglich, daß die Massen ihre gehäuften Leiden dauernd ertragen, nur um eine Handvoll Milliardäre nicht anzurühren. Der gewaltsame Umsturz wäre in solchem Falle un- vermeidlich. Aber der Kampf würde sehr viel länger dauern, das Proletariat würde sehr viel öfter zurückgeschlagen werden und Schlimmeres zu dulden haben, als wenn die Massen von vornherein wissen, was sie wollen, woher ihre Leiden stammen und was sie demgemäß zu tun haben, um die neue Gesellschaftsordnung herbeizuführen. Für die Gegenwart kommt deshalb alles darauf an, daS Prole- tariat zu organisieren und zu schulen. DaS ist die einzige wirklich praktische, positive Tätigkeit, und gerade das ist Auf- gäbe und Zweck der Sozialdemokratie, wie denn auch das Erfurter Programm mit klaren Worten sagt: „Diesen Kampf der Arbeiterklasse zu einem bewußten und einheitlichen zu gestalten und ihm sein naturnotlvendigeS Ziel zu weisen— das ist die Aufgabe der sozialdemokratischen Partei.' Also es bleibt schon dabei: Die sozialistische Gesellschaft kommt nicht von selbst, sie wird auch nicht von bürgerlicher Seite geschaffen, sondern sie wird geschaffen durch die organisatorische Tätigkeit der Sozialdemokratie. Sie ist wirklich und wahrhaftig das Werk der Arbeiterklasse selbst. Wer darin einen Widerspruch zur Entwickelungs- lehre des Marxismus sieht, dem ist eben nicht zu helfen. Wie nun aber Herr Naumann es sogar fertig bekommt, auf Grund seiner konfusen Ansichten von neuem Liberalismus und Sozialismus als eins zu erklären, das verdient einen besondere» Artikel. (Schluß folgt.) Das Proletariat usd der Zar. Das Exekutivkomitee des Internationalen Sozialistischen Bureaus zu Brüssel mahnt in einem Aufruf an die klassenbewußte Arbeiterschaft aller Länder zum Protest gegen das verbrecherische Regierungssystem, das Nikolaus II. verkörpert, der im Begriff steht, eine Rundreise durch Europa zu wagen und Schweden, Eng- land, Frankreich, Italien mit seiner Gegenwart beglücken. Dazu sagt das sozialistische Manifest: „Die klassenbewußten Arbeiter können diesen Besuch nicht einfach als eine alltägliche und gleichgültige Veranstaltung der offiziellen Diplomatie betrachten. Die kapitalistischen Re- gierungen erfüllen lediglich ihre Aufgabe, wenn sie den Henker der russischen Arbeiterklasse, den Henker der russischen Jntelli- genz begrüßen, aber die Völker selbst können einen solchen Menschen nicht als einen willkommenen Gast ansehen. Besonders die Arbeiter haben die Pflicht, immer wieder und laut das zu sagen, was die überwältigende Mehrheit ihrer Mitbürger in den letzten Jahren nicht aufgehört hat zu wiederholen." Der Aufruf erinnert daran, daß bereits Genosse B r a n t i n g im schwedischen Reichstag namens der sozialdemokratischen Fraktion den Gefühlen des Abscheues vor dem Zaren und dem Zarcnbesuch Ausdruck verlieh, daß Will Thorne im englischen Parla- mcnt das Nötige sagte und daß in England die Abgeordneten und die Organe der mit dem Internationalen Sozialistischen Bureau verbundenen Parteien schon beschlossen haben, Protestkundgebungen zu veranstalten! Das sozialistische Manifest rollt dann das Sündenregister des Despoten auf:> „Frankreich und Italien werden ebenfalls nicht schweigen können beim Einzug dessen, der das System der blutigen Reaktion verkörpert und dessen Negierung verhängnisvoll ge- wcsen ist für Nußland nicht nur, sondern für die ganze moderne Zivilisation überhaupt. Hat dieser Nikolaus II. nicht die Bauern, statt ihnen die Freiheit zu geben, dem Hunger über- liefert? Hat er nicht, statt eine sparsame Politik zu treiben und den Staatsfinanzen eine gesunde Grundlage zu geben, das Land in Schulden gestürzt und im Heere sowie in der Zivilverwaltung die organisierte Plünderung geduldet und duldet er sie nicht noch heute? Hat er nicht, statt in einem Reiche, in welchem öS Proz. der Bevölkerung weder lesen noch schreiben können, die Kultur nach Kräften zu fördern, eine geisttötende Zensur aufrecht- erhalten und ohne Erbarmen die opferwilligsten Freunde der allgemeinen Volksbildung verfolgt? Hat er nicht, statt die Orb- nnng durch Gewährung der Freiheit herzustellen, die Arbeit der Henker vervielfacht? Er hat sich von dem Verband der wahrhaft russischen Leute zum Beschützer ausdrück- lich ernennen lassen, desselben Verbandes, dessen verdammungs. würdige Tätigkeit in der Organisation der Progrome und poli- tischen Morde besteht,— er hat sich das Abzeichen feierlichst überreichen lassen und. damit ja niemand an seiner Mitschuld an der Niedertracht zweifle, hat er diese Gesellschaft von Ban- diten, im Einverständnis mit der Regierung, mit Geldmitteln unterstützt. Aber diese Aufmunterung genügte ihm noch nicht. Er hat den schwarzen Banden Straflosigkeit zugesichert, indem er ihre Mitglieder, die des Morde» überführt waren, begnadigte. Er hat immerfort Telegramme ausgetauscht mit ihrem Vor- sitzenden, dem Doktor DMowiu« xjMtn offeulMdigen Verbrecher, üt die Ertliordung des Abgeordneten JolloS angestiftet hat, der'von der großherzoglich finnischen Regierung angeklagt worden ist, den Mord des Abgeordneten Herzenstein verschuldet zu haben, der von seinem früheren Sekretär, Prussakoff, an- gezeigt worden ist, weil er das Attentat vorbereitet hatte, in besten Verlauf Graf Witte sein Leben einbüßen sollte." Der Aufruf erinnert ferner an die zarische Provokateur- und Spitzclwirtschaft mit ihrem Azew-Gelichter, an die Mißhandlungen, Folterungen und Morde, die hinter russischen Kerkermauern un- aufhürlich von Nikolaus' feigen und feilen Kreaturen mit Wissen, ja auf Befehl des Zaren an wehrlosen Männern, Frauen, Kindern begangen werden. Das Manifest schließt: „Will die zivilisierte Welt sich all dieser Greuel für mit- schuldig erklären, indem sie deren verantwortlichen Urheber ohne flammenden Protest seines Weges ziehen läßt? Wird sie die Kniee beugen vor diesem Machthaber, dessen Grausamkeit die Grausamkeit Abdul Hamids noch übertrifft, der sich durch Folter und Mord an einer besiegten Revolution rächen will und dessen Ziel es ist, neue Millionen zu ergattern, um sein unheilvolles Werk fortzusetzen? Weiß nicht die Welt, daß die russische Re- gierung. wenn sie auch die Verpflichtung übernommen hat, die ausgelieferten Gefangenen vor ein ordentliches Gericht zu stellen, diese Unglücklichen bei der Ucberführung in ein anderes Gefängnis einfach niederschießen läßt und dann dieses Ver- brechen zu rechtfertigen sucht, indem sie sagt, der Häftling habe „entfliehen" wollen? Die Zeit scheint uns gekommen, um gegen dieses Regiment zu kämpfen, welches den ganzen Westen bedroht. Bereits findet man in Deutschland, ohne sich große Mühe geben zu müssen, Polizeiabteilungen, die an der Spionage und der Lockspitzcltätig- keit der russischen Geheimpolizei teilgenommen haben, entgegen- kommende Gerichtshöfe, welche Prozehkomödicn veranstalten zu dem Zweck, die Studenten davonzujagen und Nikolaus II. Opfer für seine Galgen zuzutreiben. In der Schweiz hat die hohe Justiz durch die Angelegenheit Wassilieff lbewicsen, welchen moralischen Wert sie besitzt, und in Belgien macht man in diesem Augenblick eine erste Anstrengung, um auch dieses kleine Land zum Mitschuldigen an den zaristischen Verbrechen zu machen. In Frankreich endlich streckt die russische Geheim- Polizei überall ihre Ausläufer aus unter der Leitung der Mit- schuldigen des Azew, die zu wiederholten Malen versucht haben, das Asylrecht zu gefährden. Diese allbekannten Tatsachen sind bezeichnend genug für den gegenwärtigen Augenblick. Sie sind als Zeichen zu betrachten dafür, daß der Zarismus sich in gleicher Weise bemüht, seine frühere politische Vormachtstellung wieder zu erlangen und die Bande der freihensmördcrifchen Heiligen Allianz von neuem zu schüren. Aber die völkerbefreiende Arbeiterbewegung wird sich keine Fesseln anlegen lassen, weder durch die Kleinmut der bürger- lichen Demokratie noch durch die Gewalttätigkeit des auto- kratischen Despotismus. Darum wird sie allenthalben ihre Stimme erheben und dem Häuptling der schwarzen Banden kund- tun, daß wir uns keine Knute gefallen lassen." Es unterliegt keinem Zweifel, daß dieser flammende Protest in den Herzen aller freiheitlich und rechtlich gesinnten Arbeiter und Arhriterianen des Erdballs seinen Widerhall finden wird. politische(leberlicht. Berlin, den 21. Juni 1909. Die Debatte über die Kotierungssteuer. Aus dem Reichstage.(21. Juni.) KotierungS- steuer wird diejenige Blume im agrarischen Steuerbukctt genannt, durch welche die an der Börse gehandclten Wert- Papiere mit einer Steuer belegt werden sollen; für die Konservativen begründete Herr R ö s i ck e. für das Zentrum Herr Müller- Fulda die Zustimmung zu dieser Steuer. Letzterer konnte aus den Reichstagsakten nachweisen, daß sich bei früheren Gelegenheiten Vertreter der Negierung ebenso wie der frühere nationalliberale Abg. Büsing einer solchen Steuer geneigt gezeigt hätten. Damit war allerdings nicht bewiesen, datz das vorliegende Produkt der agrarischen Mehrheit an sich brauchbar ist. Gegen die Steuer sprach mit großem Eifer der Freisinnige K a e m p f. In sehr eingehender und sachkundiger Weise wies dann der Reichsbankpräsident H a v e n st e i n die schweren Schäden nach, die dem deutschen Wirtschaftsleben aus einer solchen Steuer erwachsen müßten: Es sei ein Hauptirrtum, anzunehmen, daß die großen Börsenspekulanten persönlich davon getroffen würden. Die Steuer würde zum Teil die ausländischen Papiere, besonders die besseren, vom Markte vertreiben und dadurch Deutschlands Einfluß auf den Weltmarkt schwächen. Dann würde aber auch die Unterbringung von Anleihen bei deutschen Unternehmungen künftig durch Erhöhung des Zins- fußes erschwert werden. Das deutsche Kapital würde ins Ausland abfließen. Aehnliche Erscheinungen hätten sich ja schon als Folge der früheren verfehlten Börsengesetzgebung gezeigt. Der Schatzsekretär S y d o w suchte den Hinweis auf frühere Erklärungen der Minister zu entkräften. Dabei passierte es ihm, daß er ein Geschäftsgeheimnis des Beamten- tums enthüllte. Er sagte nämlich: wenn zu einem Beamten ein Abgeordneter mit irgend welchen untauglichen Projekten komme, so werde der Beamte nicht unbedingt ablehnen, sondern einige zustimmende Argumente vorbringen, sich aber die endgültige Entscheidung für später vorbehalten. Später erkläre er dann, nach reiflicher Ueberlegung könne er das Projekt doch nicht für durchführbar halten. Die vorläufige unverbindliche wohlwollende Zustimmung sei häufig nichts weiter als eine Verbeugung vor einer maßgebenden Richtung! Genosse Frank meinte in Würdigung dieser interessanten Enthüllung, dann seien wohl auch Bülows wohlwollende Be- merkungen über eine preußische Wahlrechtsreform weiter nichts als solche„Verbeugungen" gewesen. Zum Verhandlungs- thema führte Frank aus: In dem Eifer, mit dem die Agrarier die unüberlegte Kotierungssteuer befürworteten, präge sich nur ihre eigene Steuerscheu aus. Er wies dann noch in Ergänzung der Havcnsteinschen Darlegungen über die Beeinträchtigung des Wirtschaftslebens durch die geplante Steuer darauf hin. daß die Besteuerung der Hypothekenpfandbriefe einen lähmenden Ein- fluß auf die Bautätigkeit ausüben werde. Darunter würden aber vor allem die Bauarbeiter schwer zu leiden haben. Zum Schluß sprach er die Hoffnung aus, daß die Tage der agrari- schen Vorherrschaft in Deutschland, die zum Teil auf der un- gerechten und rechtswidrigen Wahlkreiseinteilung beruhe, jetzt gezählt seien, da sich hoffentlich an den Agrariern das Sprich- wort bewahrheiten werde: Hochmut kommt vor dem Fall l Dann wurde die Debatte auf Dienstag vertagt. Die Gefahren des Wettrüstens. Wenn wir darauf hinweisen, daß die deutschen Flottenrüstungen und insbesondere die Weigerung, mit England ein Flotten- übereinkommen zu schließen, eine Gefahr für den Frieden bedeuten, so werden wir von den Panzerplatten- und Flotten- interessenten zum mindesten des nationalen Verrats beschuldigt. Da ist es nuu ganz inieressant, daß die Gefahren des Flotienwettkampfes auch von Leuten betont werden, die selbst das Patent auf nationale Gesiiinung besitzen. So schrieb kürzlich im„Tag" der kaiserliche Legations- rat a. D. und preußische Landtagsabgeordnete vom Rath über die Londoner Prestelonfercnz: „Für uns liegt der Schwerpunkt der Londoner Reden darin, daß die öffentliche Meinung des britischen Imperiums auf die Möglichkeit eines Krieges vorbereitet wird, un.d daß der wahrscheinliche, wenn auch unausgesprochene Gegner Deutschland sein' wird.... Es ist unübersehbar, welche verderblichen Folgen diese Agitation für den deutschen Ha n d e l haben ivird. Wenn dieser Erfolg auch nicht erreicht wird, so wird jedenfalls daS erzielt, daß die kolonialen Journalisten mit der Ueberzeugung heimkehren, daß der jetzige Zustand der SeelriegSrüslung und der britischen Flotlen- dislokation auf die Dauer unhaltbar ist. Daß der Flotten- wettkampf der Nationen immer heißer entbrennt, je größer die Zahl seiner Teilnehmer und je mächtiger ihre An- strengung wird, und daß er dadurch sich täglich Verderb- lich er, gefährlicher und volkswirtschaftlich rui- n ö s e r gestaltet. Aus dieser lleberzeugung aber schöpft die Theorie ihre Nahrung, daß es richtiger ist, mit dem Schwerte einem Zu- stände ein Ende zu machen, der die Kolonien exponiert und den: Mutterlande immer unerträglichere Lasten aufbürdet. Ist die Nährung und Förderung dieser Ueberzeugung das Ziel, das die britischen Staatsmänner mit ihren Reden an die Kolonial- journalisten und mit ihrer Flotteudemonstration verfolgen, dann sind wir wieder um einen Schritt dem Erfolge des Flottenwrttkampscs näher gckonnncn, auf den ich schon häufig warnend hingewiesen habe. Dann charakterisiert der Londoner Pressekongreß sich als eine journalistische Mobilmachung des britischen Weltreiches." Damit ist die Sinnlosigkeit des Wettrüstens ganz richtig ge- kennzeichnet und die Notwendigkeit und Dringlichkeit unserer Forderung nach einem Uebereinkommen zur Beschränkung der Flottenrüstungen aufs neue bewiesen. Kulturaufgabcn leiden nicht. Dns Reich wendet Millionen und Milliarden für Heer und Marine, für Panzerschiffe und Kanonen auf; ungezählte Summen werden jährlich in den dürren Boden der Kolonien gesteckt, aber im größten Bundesstaate des Deutschen Reiches herrscht Mangel und Not in den notwendigsten Mitteln der Wissenschaft und Bit- dung. Diese Tatsache erhält eine Bekräftigung durch einen Artikel der„Kölnischen Zeitung", betitelt: Die Not der rheinischen Universitätsbibliothek". Tarin wird dargelegt, daß von den 95 000 Bücherbestellungen, die im Jahre 1908 bei der Bibliothek der Bonner Universität erfolgten, nur 67 Proz. durch Verabfolgung des gewünschten Buches er- ledigt wurden; ein volles Drittel der Bestellungen war erfolglos. Dabei ist noch in Betracht zu ziehen, daß die eifrigsten Benutzer der Bibliothek, vor allem die ortsanwesenden Hochschullehrer, sich vorher durch Nachschlagen des Katalogs über das Vorhandensein des fraglichen Buches vergewissern. Wieviel Wünsche in Wirklichkeit erfolglos bleiben, ergibt sich aus der Tat- fache, daß von 12 168 auswärtigen Bestellungen nur 6027. also knapp die Hälfte, ausgeführt werden konnten. ES heißt in dem Artikel: „Man mache sich klar, welche Folgen das nach sich ziehen müßte, wenn der jämmerliche Zu st and auch nur»och ganz kurze Zeit bestände. Es ist eine schon nickt mehr zu bc- streitende Tatsache, daß die preußischen Universitäten den Wett- bewerb im wissenschaftlichen Leben nur noch mit Mühe mit Sachsen, Baden, Elsaß aufrechterhalten können. U e b e r a l l läßt die Lust zur wissenschaftlichen Arbeit bei den nicht direkt von Amts wegen Verpflichteten und unmittelbar an den Quellen deS Materials Sitzenden in bedenklicher Weise nach. In den Vorreden mehren sich die entschuldigen- den Mitteilungen, datz es dem Verfasser leider nicht möglich gewesen sei, das und jenes wichtige Werk noch in die Hand zu bekommen." Der gegenwärtige Zustand, so wird weiter dargelegt, drohe schließlich die wissenschaftliche Forschung zu einer Sache des Vermögens zu machen, indem der Vermögende durch reichere Ausstattung feiner Privatbibliothek sich einen Bor- rang sichere vor dem Fachgenossen, der auf die öffentlichen Biblis- theken angewiesen sei. Viel schlimmer aber sei die Tatsache, daß in einigen Fächern nickt nur die wissenschaftliche Forschung, sondern auch der wissenschaftliche Unter- richt bedroht sei: 1 „So ist eS z. B. in Bonn nicht möglich, in den feminari- stifchen und proseminariftifchen Uebungen für deutsche Literatur- geschichte nach Belieben und nach lediglich sachlichen Gesichts- punkten die Themata zur Bearbeitung zu wählen, weil die V e- schaffung der notwendigen Literatur auf ganz ungewöhnliche Schwierigkeiten stößt. Die Litera- tur des 19. Jahrhunderts z. V. ist in Bonn auf weiten Strecken nur mit großer Mühe und mit großen Opfern gründlich zu studieren. Die Seminarbibliothek, die ganz erbärmlich dotiert ist, hat kaum die tvichtiysten Nach schlage- werke, keineswegs die laufenden Publikatiousreihen und alle Fachzeitschriften; auf der Bibliothek werden und müssen die Desiderata für alle neuen Pcriodica vorläufig abschlägist b e s ch i e d e n werden, weil selbst ältere unter dem Druck der Lage zurzeit abgebrochen werden mußten!" Und wie hoch ist die Summe, die zur Besserung dieser trost- losen Verhältnisse, die nicht nur für Bonn gelten, als nötig erachtrt wird. Der Verfasser des Artikels rechnet für die preußischen Uni- versitäten(außer Berlin) die Summe von 450 000 M. heraus. während jetzt vielleicht die Hälfte zur Verfügung steht. Also eine Viertelmillion zur würdigen Ausgestaltung der preußischen Uni- versitätsbibliotheken— sie ist nicht aufzutreiben! Aber daß 600 Millionen dem unersättlichen Schlund des Molochs Militarismus überantwortet werden sollen, darüber herrscht bei den Regierungen und unter den bürgerlichen Parteien von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken vollkommene Uebcreinstimmuug! Der Breurer Lehrerverein. Der bisherige, gemäßigte Vorstand des Vereins hat in einen, Rund- schreiben seine Mandatsniederlegung„motiviert". Dieses Rundschreiben operiert mit Ausdrücken des Senatsjargons: es spricht von dem „die Würde des Vorstandes verletzenden und mit den parlamentarischen Formen unvereinbaren Vorgehen einer Gruppe von Mitgliedern", von„schwerer Verunglimpfung' usw. Die Kampfesweise der Gegner sei„unvereinbar mit denF or derung en der BereinSdisziplin, die den Mitglieder» die Pflicht auferlegt, sich dem Willen der Mehrheit zu fügen." Also die alte Klagen, elodie der zur Minorität gewordenen einstigen Majorität! Der neue V o r st a n d, zu dem auch Holzmeier gehört, er- hielt von 247 abgegebenen Stimmen 122. Es wurden 118 weiß: Zettel gezählt I 7 Stimmen waren ungültig. Bei der Wahl des ersten Vorsitzenden verließen so viele„Gemäßigte" den Saal, daß nur 156 Stimmzettel einliefen. Mit allen 122 radikalen Stimme» wurde Südeling, der einzige Radikale des bisherigen Vorstandes, gewählt. ErwieS daraufhin, daß jenes Programm, wegen dessen Ablehnung im Januar 1903 der radikale Vorstand sein Ami niedergelegt hatte, jetzt wieder zu Recht bestehe. Dieses Programm lautet: „Die Ziele, für deren Verwirklichung der Bremer Lehrer- verein in den letzten Jahren gestrebt hat, lassen sich in die Wort: zusammenfassen: Weltliche Schule. Einheitsschule, Arbeitsschule. Diese Ziele weist auch das Schul- Programm der fozialdemokratischea Parte» auf. cttb die Vertreter dieser Partei haben sich bei verschiedenen Ve- ratungen innerhalb unserer Bürgerschaft, wenn auch nicht als die einzigen, so doch als die konsequente st en Verfechter jener Idee gezeigt. Auch die s o z i a l i st i s ch e P r e s s e hat für sie auf das nachdrücklichste gewirkt. Diese Tatsache hat der Lehrerverein zu wiederholten Malen konstatiert und anerkannt, wie er auch die Unterstützung seiner Bestrebungen seitens jeder anderen Partei anerkennen würde. Der Vorstand ist der Meinung, dast der Verein im Kampfe für seine gegenwärtigen höchsten Ziele die Hilfe eines solchen Bundesgenossen wieder sozialdemokratischen Partei nicht verschmähen solle. Daß im übrigen die politischen Tendenzen der genannten wie irgend einer anderen Partei den Lehrerverein nicht berühren, liegt in seiner Verfassung begründet. Welche Parteist ellung die Mitglieder im politischen Leben einnehmen und wie sie sich auf diesem Gebiete betätigen, ist durchaus jedes einzelnen persönliche Angelegenheit. Diese Stellungnahme und Betätigung zu beaufsichtigen und darauf ein- zuwirken, kann der Vorstand nicht als zu seinen Pflichten ge- hörend ansehen." Die geringe Stimmenmehrheit zeigt, daß die Bremer radikalen Lehrer noch schwere Kämpfe vor sich haben. Die bevorstehende Er- ledignng des Falles Holzmeier wird ihnen Gelegenheit geben, ihr Programm zu verfechten. Uebrigens hat die Behörde die Anklageschrift gegen Holzmeier noch um einen Anklagepunkt vermehrt. Die an die Behörde ge- richtete Verteidigungsschrift Holzmeiers ist von den bürgerlichen „Bremer Nachrichten" im Auszuge und von unserem Bremer Partei- blatte vollständig gebracht worden. In dieser Verteidigungs- schrist, in der Holzmeier der Behörde auseinandersetzt, daß auch dem Beamten die Staatsbürgerrechte uneingeschränkt gewährt werden müssen, soll er das„Verhalten der Behörde gegenüber dem bremischen Lehrerverein einer unzulässigen Kritik unterzogen und die Stellung der ihm vorgesetzten Schnlvorsteher herabgesetzt" haben. Erschwerend soll dabei ins Gewicht fallen, daß er sich des Organs der sozialdemokratischen Partei bediente, das„nach seiner Tendenz die bestehende Staatsordnung grundsätzlich angreift und bekämpft". Bon de» geistigen Waffen des Zentrums. In diesen Tagen brachten wir die Mitteilung, daß bei der NcichStagswahl iin Kreise Lüdinghauscn-Beckum- Warendorf, dem Kreise des Zentrumsherzogs, einer unserer Genossen von mehreren Zentrumslcuten arg mißhandelt Worden ist. Die„Arbeiterzeitung" zu Dortmund bringt jetzt nähere Mitteilungen über diese Heldentat fanatischer Zeittrums- anhänger, denen wir entnehmen: «Abends beim Verlesen der abgegebenen Stimmen in Westhausen stellte der Wahlvorsteher fest, daß nur für die beiden Zen- trumskandidaten Stimmen abgegeben seien. Unser Genosse protestierte gegen diese Feststellung des Wahlresultates und erklärte, e-S sei ihm bekannt, daß mindestens eine Stimme für unseren Genossen Eilers abgegeben sei. Und siehe da: bei uochinaliger Prüfung fand mau einen auf den Namen Eilcrs lautenden Stimmzettel. lieber diesen Vorfall entspann sich im Wirtslokal eine Debatte. an der sich auch unser Genosse beteiligte. Der Wirt erklärte ftm Anschluß hieran unserem Parteifreunde, er könne das ver- spräche ne Nachtlogis nicht haben. Leute, die Unfrieden säten, wolle er nicht im Hause haben. Unser Genosse schickte sich an. das Lokal zu verlassen. Ein im Lokal anwesender Zentrumswähler trat dann an ihn heran und machte ihm in sehr liebenswürdigen Worten den Vorschlag, bei ihm zu übernachten, er habe Platz genug für einen Mann. Obwohl unserem Parteigenossen die Sache nicht sehr geheuer schien, schickte er sich zunächst an, den ZentrnmSmamr zu begleiten. Nachdem beide einen längeren Weg zurückgelegt hatten und sich ziemlich außerhalb des Dorfes befanden, zeigte der„freundliche" Gastgeber auf ein recht stattliches Haus mit dem Be- merken, daß er dort wohne, aber der Sozialdemokrat solle sich nicht einbilden, daß er bei ihm schlafen könne. Als sich unser Genosse dann umdrehte, um feiner Wege zu gehen. stürzten sieben oder acht Leute, die hinter einer Hecke gestanden hatten, auf ihn zu und brüllten:„Ah, da kommt ja der EilcrS." Im nächsten Augenblick schlug die ganze Gesellschaft, der gegenüber unser Mann natürlich machtlos war, auf ihn ein. Nachdem die rohen Gesellen unseren Genossen so lange geschlagen hatten, daß er kaum noch atmen konnte, ließen sie von ihm ab und fragten ihn höhnisch, ob er noch nach Hause gehen wolle. Die„braven" Zentrumölcnte ent- fernten sich dann, linser Genosse schleppte sich mühselig nach einer Scheune, in der er die Nacht unter unsagbaren Schmerzen zubrachte. Bald nach den Mißhandlungen bekam der Schivermißhandelte einen B l u t st u r z. Seit länger als vier Wochen liegt unser Genosse an den Folgen der Mißhandlung im Krankenhaus." Der Dank der Herren von Radbod. Wie der„Arbeiter-Zeitung" zu Dortmund mitgeteilt wird, ist einigen Zeugen im Nadbodprozeß von der Zcchendirektion g e- kündigt worden! Als einige von den Leuten nach den Gründen dieser Maßregel fragten, wurde ihnen von dem Direktor Andre entgegnet, er wolle sich die Kolonie nicht besudeln lassen! fraukmck. Ein aufgeregter Redner. Nancy, 2i. Juni. Der Minister der öffentlichen Arbeiten B a r t h o u hielt in DombaSle eine Rede, in der er auf„eine vor einigen Monaten verlebte schreckliche Stunde" hindeutete und ausführte: Frankreich fühlte sich durch eine unannehm- bare Forderung verletzt. Es wollte sich nicht knechten - lassen. Die Regierung erinnerte sich, daß Frankreich gewisse Be- dingungen nicht auferlegt werden können. Schlimmer als der Tod ist ein Leben in Erniedrigung. Es konnte keine Rede davon sein, daß Frankreich wt wäre, denn die Republik hat diesem Lande eine Armee gegeben, mit der wir jeder Möglichkeit ins Auge sehew können. Wir haben damals das bewundernswerte Schauspiel eines Landes erlebt, das vollkommen seiner mächtig ist und dem Feinde mit erhobener Stirn entgegensieht. Wenn man, so schloß Varthou, hierher kommt, so stößt man in sich selbst auf u n b e- siegbare Hoffnungen. Im Namen Frankreichs und der Republik trinke ich auf das Wohl des republikanischen Lothringen. Italien. Eine Infamie. Rom, 19. Juni 1999. Snglanck. Demonstration gegen den Zaren. London, 21. Juni.(Privattelegramm des„Vorwärts".) Die Demonstration ans dem Trafalgar Square gegen den Zarcnbesuch findet nach dem Beschluß des Vorstandes der Arbeiterpartei am 13. Juli statt. Der Sockel des Nelsonmonuments wird drei Tribünen haben, auf denen Artur Hendersen, Keir Hardie und Ramsay Macdonald den Vorsitz führen werden. Die Stcncrdebatte. London, 21. Juni,(ll n t e r h a u s.) Heute wurde mit den Verhandlungen über die einzelnen Bestimmungen de? neuen Finanzgesetzes begonnen. Das Gesetz besteht auS 74 Ar- tikeln. Allein die eingebrachten Znsatzanträge bedecken hundert Seiten der betreffenden Drucksache. Die Regierung hat für die Erledigung der Verhandlungen keine bestimmte Zeit festgesetzt. Die ersten sechs Artikel handeln von den neuen Grund- steuern und dürften zu den heftigsten parlamen- tarischen Käempfen Anlaß geben. Rußland. Der Kampf gegen das Holzschiss. lieber die Angelegenheit des englischen Dampfers Wood, burn veröffentlicht der General st ab der Marine fol. gende Mitteilungen: Am 16. Juni ging der englische Handels- dampfcr Woodburn unter Führung eines finnischen Lotsen aus den Schären seewärts. Bei der Annäherung des Dampfers an die in Pitkopas auf der Standartsreede liegenden, die Kaiser- sacht begleitenden Kriegsschiffe fuhr das wachhabende Torpedo- boot dem Woodburn entgegen, ging an seine Seite und befahl ihm, seinen Kurs zu ändern und den Schutzbereich des Geschwaders zu verlassen. Da der Woodburn Ungeachtet dieses Befehls seinen Kurs aus die Kaiserjacht beibehielt, gab das Torpedoboot drei blinde Scküsse, und als der Dampfer seine Richtung, trotz- dem nicht änoerte, einen scharfen Schuß gegen die oberen Teile des Dampfers ab. Als gleichzeitig das Torpedoboot Emir Bukharski bemerkte, daß der Woodburn fortfuhr, auf die Kaiser» sacht loszusteuern und bereits die Linie des Schutzkreises über- schritten hatte, gab es ebenfalls zunächst einen blinden, dann einen scharfen Schuß aus einem 75 Millimetergeschütz ab, der den unteren Teil des Schornsteins traf. Sofort wurde auf Anordnung des Flaggkapitäns Gcneraladjutanten Milow ein Offizier auf den Woodburn entsandt, um die Beschädigung des Dampfers zu besichtigen und festzustellen, warum die Befehle dcS Wachtschiffes nicht befolgt worden waren. Bei der Befragung des Kapitäns ergab sich, daß der Lotse, der das Schiff steuerte, die Linie des Schutzkreiscs schneiden wollte. Der Kapitän hatte ledig- lich die A n o r d n u n g des Lotsen befolgt. Diese„Erklärung" läßt den Vorfall noch immer ungeklärt; neu ist, daß der englische Dampfer gleich von zwei Kriegs- schiffen auf einmal beschossen wurde. Offenbar werden die russischen Kommandanten vor Angst sofort besinnungslos, sobald sie fremde Schiffe zu Gesicht bekomme». Jedenfalls würde eS sich empfehlen, den Alkoholkonsum auf den Kriegsschiffen zu verbieten und für die Einrichtung von Kaltwasserbehandlung Vorsorge zu treffen. Orltei. Bandenkämpfe. Saloniki, 21. Juni. Nach Meldungen aus Janina fand bei Zitza zwischen einer griechischen Bande und Gendarmen ein ni ehr stündiges Gefecht statt, bei dem drei Komitadschi erschossen und einer verwundet wurde. AuS Elassona wird ge- meldet, daß eine griechische Bande die Ortschaft Paliana über- fallen hat._ Der Aufstand in Albanien. Konstantinopel. 21. Juni. Nach einer Meldung der„Tnrquie" hat die Regierung beschlossen, dem General D s ch a v id- P a s ch a neue umfassende Verstärkungen zur Unterdrückung deS alba- n e s i s ch e n A u f st a n d e S zu senden. PerNen. Der rnssische Vormarsch. Die Russen halten nunmehr die Stund- für gekommen, den Schah gänzlich unter ihre Gewalt zu bringen. Aus „sanitären Erwägungen"— so redet sich der offiziöse russische Draht auS— wird das russische Lager natürlich mit Zustimmung des Schahs in die Nähe des dem Schah gehörigen Gartens Bagischemal verlegt. Damit ist der Schah zum Gefangenen der Russen geworden. Zur Rechtfertigung ihres weiteren Vorgehens setzen die Russen alle möglichen Verleumdungen in die Welt, wie z. B. die folgende: In der Frcitagnacht wurden im Stadtviertel Armenis ein russischer Schützcnposten und das benachbarte russische General- konsulat überfallen; diese Tat wird hier den Sattar Chan und Bagir Chan umgebenden kaukasischen Re. volutionären zugeschrieben, und die Volksmaiiän(!) sind überzeugt, daß die Ruhe nicht wiederkehren werde, solange Sattar Chan und Bagir Chan sich in Ajerbeidshan befinden. Sämtliche Konsuln, mit Ausnahme des türkischen, erhielten Drohbriefe mit der Forderung, daß die russischen Truppen un- verzüglich abberufen werden. In Wirklichkeit würde natürlich der Abzug der Russen den Sieg der Konstitution und damit die Wiederherstellung der Ord- nung bedeuten, die durch den Staatsstreich des Schahs aus russisches Anstiften und mit russischer Hilfe gestört worden ist. jVlaroliko. Neue Unruhen. Die Lage Mulah Hafids verschlecbterk sich zusehend?. Einerseits ist er in einen Konflikt mit Spanken geraten, andererseits nimmt auch die Anarchie im Innern immer mehr zu. Es wird darüber telegraphiert: Unter den Völkern des Rifgebictcs um Udschda ist allgemein die Ansicht verbreitet, daß Feindseligkeit zwischen den Spaniern und den Guelayas nahe bevorständen. Die Zitadelle von Melilla ist voll von Soldaten, die dort kürzlich aus Spanien eingetroffen sind. Die Guelayas sind überzeugt, daß General Marina G e- walt anwenden wird, um die Arbeiten in den vom Roght übeüassencn Minen zu schützen. Von den Völkern des Rif- gebietes wird ohne Unterlaß der Heilige Krieg gepredigt. Eine Erhebung gegen den Wachsen scheint unvermcid- lich, Und die Guelayas sollen sich bemühen, alle Stämme des Riss in einen Kampf gegen Mulay Hafid und die Spa- n i e r hineinzuziehen. Auch Frankreich wird bereits in Mitleidenschaft gezogen. Eine Pariser Meldung besagt: Eine aus hundert Reitern be- stehende Räuberbande aus dem Tafiletgebiet hat neuerdings große Herden weggetrieben, die dem Frankreich befreundeten Stamm der Üledali gehören; ein Hirte wurde getötet, zwei gefangen ge- nommen. Unmittelbar vor den Toren von Fes bedroht der Roghi die Herrschaft des Sultans. Er hat alle Siedelungen in der Um- gcgend niedergebrannt. Die Straße nach Mekines ist ge- sperrt und wird von Räubern unsicher gemacht. Ter Scherls von Mehasuich ist aus Tafilet im Zaiangebiet angekommen. Er will gegen Mekines vorrücken. Es verlautet, daß er sich mit Mulay Kebir und Bu Amara gegen Mulay Hafid und die Christen ver- einigeir wolle. Unter diesen Umständen ist eine neue Aufrollung der ganzen Maroklofrage zu befürchten... Australien. Siege der Arbeiterpartei in Tasmanien. Bei den letzten Wahlen zum Landtag gelang es der Arbeiterpartei, die bisher nur 6 Sitze inne hatte, deren 12 zu getvinncn. Das Parlament wird nunmehr aus 18 Anti- sozialisten und 12 Mitgliedern der Arbeiter» Partei zusammengesetzt sein. Em der Partei* Preisausschreiben.______ • Das Maikomitee für den 4., 5. und 6. sächs. ReichstagZwahlkreis und der Verlag von Kaden u. Komp. eröffnen ein Preisausschreiben mit drei Preisen unter folgenden Bedingungen: 1. Es soll eine M a i f e st k a r t e angefertigt werden, die in künstlerischer Weise den Arbeiter-Weltfeiertag versinnbildlicht. 2. Di« Größe der Karte soll 11: 16, die des Bildes SMi: 14 lb Zentimeter nicht übersteigen. 3. Die Karte muß in Buchdruck herzustellen sein, soll nicht mehr als drei Farben enthalten(Dreisarbendruck) und die Aufschrift: Maifeier 1310! tragen. 4. Die Bewerber müssen ihre Zeichnungen bis Weihnachten mit einem Kennwort ver- sehen an Kaden u. Komp., DreSden-A., Zwingerftraße 21, ein- senden. In besonderem, geschlossenem Umschlag ist die genaue Adresse des Bewerbers unter Wiederholung des Kennwortes der Slizze beizufügen. Nach Weihnachten noch einlaufende Zeich-. nungcn kommen für die Prämiierung nicht in Betracht. Die prämiierten Arbeiten gehen in den Besitz des Verlages von Kaden u. Komp. über, bei den nicht prämiierten Zeichnungen behält sich der Verlag Ankaufsrecht vor. Alle übrigen Eingänge werden den Bewerbern zurückgegeben, nachdem sämtlich« Arbeiten in geeigneten Räumlichkeiten zur Besichtigung ausgestellt worden sind. Die Adressen der Bewerber bleiben bis zur abgeschlossenen Preisverteilung, zwecks völliger Unparteilichkeit, in den ver- schlossenen Umschlägen. Die Preise sind folgende: 1. Preis 75 M., 2. Preis 50 M., 3. Preis 25 M.— Die prämiierten Arbeiten werden unter Namensnennung des Zeichners in der„Dresdener Volks-Zeitung" bekannt gegeben. Das PreiSrichterkollcgium setzt sich aus den Mitgliedern des Maikomitees und dem Verlag von Kaden u. Komp. zusammen. Das Maikomitee für den 4., 5. und 6. Wahlkreis Verlag von Kaden u. Komp. Von der wttrttcmbergischcn Partciprcsse. Die Vorbereitungen zur Gründung eines dritten württsm- bergischen Parteiorgans werden bereits getroffen. Bekanntlich besteht bisher in Stuttgart die„Schwäbische Tagwacht", die jetzt im 2g. Jahrgang erscheint, und daneben seit wenigen Jahren in Heilbronn das„Neckar-Echo". Jetzt bereitet der Wahlkreis Göppingen-Gmünd das Erscheinen einer weiteren selbständigen Parteizeitung vor. Die Firma„Vereinsdruckerei für Göppingen und Umgebung, G. m. b. H.", ist bereits in das Genossenschafts» register eingetragen worden. Sobald die genügende Anzahl Ge» nojsenschafter geworben ist, soll das Blatt ins Leben treten. Ausschluß aus der Partei. Vorgestern tagte in Hoerde bei Dortmund eine außerordcnt« liche Generalversammlung des Wahlvereins Dortmund, in der über das vom Vorstand beantragte Ausschlußverfahren gegen die in den Brackcler Konflikt verwickelten Genossen Stellung ge- nommen wurde. Gegen vier Mitglieder, die sich der lokalistischcn Richtung angeschlossen hatten, wurde das Ausschlußverfahren mit 131 gegen 7 Stimmen bei 2 Stimmenthaltungen angenommen. Außerdem wurden zwei andere Genossen in der gleichen An- gelegenheit wegen parteischädigenden Verhaltens mit gewaltiger Majorität aus der Partei ausgeschlossen.___ polizeiliches� öcrichtlichcs uFcr. Eine Anerkennung und 10 M. Geldstrafe. Der Schutz des§ 193 wurde Genossen Zielke vom„Har» b u r g e r V o l k s b l a t t", der die Zustände in einer Jutespinncrei kritisiert hatte und den Spinnmeister dabei beleidigt haben sollte, zugebilligt. In der Begründung des auf 10 M. Geldstrafe lautenden Urteils wird gesagt: Das„Volksblatt" sei ein ausgesprochenes Arbeiterblatt, von dem die Arbeiter die Wahrnehmung ihrer wirtschaftlichen Jnter- essen ohne weiteres erwarten. Habe auf der einen Seite der Wahrheitsbeweis als nicht erbracht angeschen werden müssen und sei der Angeklagte auch über das Maß der berechtigten Kritik hinausgegangen, so sei als strafmildernd zu berücksichtigen, daß der Angeklagte weder aus Bosheit noch aus Rachsucht, sondern aus edlen Motiven handelte, wenn er sich der in kläglichen Verhältnissen lebenden Arbeiter annahm. Die Freiheit der Rede in Australien. Vor kurzem ist Genosse Tom Mann von einer Anklage, die aus seiner agitatorischen Tätigkeit resultierte, freigesprochen worden. Anders er- ging es seinem Freunde und Mitangeklagten, dem Genossen Holland. Dieser wurde, wie der„Socialist" mitteilt, wegen „aufrührerischer Reden" zu zwei Jahren Gefängnis ver» urteilt.-- Also selbst die Freiheit der Rede ist in Australien nicht mschr gewährleistet. GewerkrcbaftUcbee. Eine gelbe Organisation der technischen Beamte». Die Direktion der Maschinenfabrik Augsburg, von der die gelbe Bewegung in Deutschland ihren Ausgangspunkt ge nommcn, ist nun mit einer neuen gelben Gründung an die Oeffentlichkeit getreten— die Gründung eines gelben Beamtenvereins ist Tatsache geworden. Die Ver- anlassung bezw. den Anstoß hierzu gaben die für Anfang Juli in Aussicht stehenden Wahlen der Mitglieder zum Ausschusse der Handlungsgehilfen und technischen Angestellten bei der Handelskammer Augsburg. Die Gründung der gelben Beamkenvereinigung ginn in folgender Weise vor sich: Am Donnerstagmittag zirkulierte ein Rundschreiben, mit der Unterschrift des Oberingenieurs Höchstädter versehen. unter den Beamten der Maschinenfabrik, worin sie sämtlich zu einer Besprechung eingeladen wurden, die am gleichen Tage nach Arbeitsschluß in der Fabrik selbst stattfinden sollte. Bon den zirka 2S0 Beamten der Fabrik hatten sich denn auch 1S0 eingefunden. Oberingenieur Höchstädter eröffnete und leitete die Versammlung. Die Vorschläge für die Wahl zur Handelskammer hatte der Versammlungsleiter schon in der Tasche und ohne die Anwesenden weiter zu fragen, erklärte er diese als nominiert. Dann eröffnete der Beauftragte der Direktion den Anwesenden weiter: „Nun hätte ich bei dieser Besprechung noch zu erwähnen, daß eS doch sehr gut wäre, wenn wir aus ähnlichen Anlässen des öfteren zusammenkommen könnten. Wir haben doch so manches aus dem Herzen und vieles könnte bei diesen Besprechungen er- ledigt werden. Wie wäre es, wenn wir einen Beamtenverein gründen würden? Da wir heute abend so zahlreich versammelt sind, dürfte sich dieses leicht ermöglichen lassen." Einer der anwesenden Beamten hatte den Mut. gegen die Ueberrumpelung zu protestieren, und schlug vor, die An- gelegenheit in einer Extraversammlung zu besprechen. Aber Herr Höchstädter erklärte kategorisch: „Ich halte dies nicht für nötig und bitte diejenigen, die mit meinem Vorschlage einverstanden sind, sich von ihren Sitzen zu erheben." Und nun erhoben sich, wenn auch zögernd, sämtliche An- wesenden, bis auf zehn rückgratfcste! Höchstädter kon- statierte nun schmunzelnd die„nahezu einstimmig" erfolgte Gründung des Beamtenvereins! Der Vorstand und die Aus- schußmitglieder warm auch schon bestimmt, so daß sich die Mitglieder des gelben Vereins, wie immer in solchen Fällen, nicht weiter darum zu bemühen brauchten. Ueber die Ziele des neugegründeten Vereins äußerte sich der Macher des Ganzen in nachfolgender Weise: „Der Verein muß sich, da rein sachliche Angelegenheiten an Interesse verlieren, in der Hauptsache als Vergnügungsverein gestalten, nebenher kann man dann auch sozialpolitische resp. andere Fragen erledigen." So hat nun die Maschinenfabrik Augsburg neben dem gelben Arbeiterverein auch einen solchen für die Beamten— sie ist Sieger geblieben, trotz der scheinbaren Zurücknahme des berüchtigten Erlasses der bayerischen Metallindustriellen, dessen Väter in der Maschinenfabrik Augsburg sitzen. Die Folgen der Ntickgratlosigkeit der kaufmännischen und technischen Be- amten werden sich für die aus den gelben Leim Gekrochenen bald in unliebsamer Weise zeigen. Lerlin und Umgegend. Die Lohnbewegung der Bauklempner. Die Versammlung der Streikenden, welche am Montagvor- mittag stattfinden sollte, mußte auf den Nachmittag verschoben werden, weil die Streikleitung noch in letzter Stunde Besprechungen mit einigen maßgebenden Firmeninhabern abhielt. Die Arbeit- geber erklärten sich zu einigen, allerdings unwesentlichen Verbesse- rungen des Schiedsspruchs bereit, nämlich, daß der Stundenlohn vom 1. Oktober 1910 nicht auf 74 Pf., wie es der Schiedsspruch festsetzt, sondern auf 75 Pf. und der Lohn der Junggesellen von dem gleichen Zeitpunkt an um IV* Pf. gegenüber den Sätzen des Schiedsspruchs erhöht werden. Eine bindende Zusage haben die an der Besprechung beteiligten Arbeitgeber jedoch in bezug aus diese geringen Verbesserungen nicht gemacht. Als Cohen der Versammlung der Streikenden das Ergeb- nis der Besprechung mitteilte, wurde es mit Hohnlachen auf- genommen. Dann folgte eine längere Debatte. Die meisten Redner sprachen scharf, teilweise sogar leidenschaftlich für die unbedingte ?lblehnung des Schiedsspruchs und fanden damit stürmischen Bei- fall bei der Versammlung. Die Gegner des Schiedsspruchs ver- traten die Ansicht: Was der Schiedsspruch biete, das hätte man schon zu Anfang des Streiks haben können. Es würde eine Schande sein, diesen Schiedsspruch anzunehmen. Die Streikenden hätten 12 Wochen ausgehalten, sie würden nochmal 12 Wochen aushalten, aber unter keinen Umständen diesen Schiedsspruch annehmen, der den Arbeitern gar keine Verbesserungen biete.— Einzelne Redner, welche zur ruhigen Würdigung der Situation mahnten und die Frage aufwarfen, ob wohl von einer Fortsetzung des Kampfes noch Erfolge zu erwarten seien, wurden durch unwillige Zwischen- rufe unterbrochen und stießen auf starken Widerspruch aus der Versammlung.— Schließlich verwies Cohen darauf, daß nach einer Ablehnung des Schiedsspruches in absehbarer Zeit an eine Wiederaufnahme der Verhandlungen nicht zu denken sei, die Streikenden also auf eine lange Dauer des Kampfes gefaßt sein müßten. Doch, die Organisation habe nicht nötig, einen Druck auf die Streikenden auszuüben. Die Organisation stehe so da, daß sie die Entscheidung über Annahme oder Ablehnung des SchiedS- spruchs ruhig den Streikenden überlassen könne. Die Abstimmung fand mittelst Zettel statt. In der allgemeinen Klempnerversammlung, die nach der Ver- sammlung der Streikenden stattfand und auch von vielen Ar- beitenden besucht war, wurde das Ergebnis der Abstimmung be- kanntgegeben: Die Streikenden haben sich mit 248 gegen 48 Stim- wen für Fortsetzung des Streiks erklärt.— Ein langanhaltender Beifallssturm folgte dieser Mitteilung.— Durch das Votum der Streikenden war der allgemeinen Versammlung der Weg für die endgültige Abstimmung gewiesen. In der Debatte wurden neue Gesichtspunkte nicht mehr hervorgebracht.— Die Abstimmung, die in dieser Versammlung durch Handaufheben vorgenommen wurde. ergab: Ablehnung des Schiedsspruchs mit allen gegen 2 Stimmen. — Auch dies Abstimmungsergebnis wurde mit stürmischem Beifall begrüßt. c_■ci.i.ii-• Achtung, Lithographen und Steinbrucker l Die Differenzen in der Firma Max Schönherr sind am Sonnabend, den 19. Juni, durch Verhandlungen beigelegt worden. Die Kollegen haben am Montag, den 21. Juni, die Arbeit wieder aufgenommen. �....... Die Verwaltung. Achtung, Töpfer! Wegen Nichtbezahlung des Tarifs ver- hängen wir hiermit über den Töpfermeister Heinrich Handle, Dolziger Straße 11, die Sperre. In Betracht kommt der Bau Nirdorf, Donaustr. 123. ' Desgleichen ist gesperrt der Töpfermeister C. Müller. Steg- lih, Mommsenstr. 33. In Betracht kommt der Bau Steglitz, Mommsen-Hackerstr. Ecke. Diese Bauten sind durch„Hirsche" besetzt. Dieselben arbeiten unter dem bestehenden Tarif. Die Verbandsleitung. DeutTchcs Reich. Die Holzarbeiter in den Kleinbetrieben der Bau- und Möbel- tischlerci zu Rathenow, 40 an der Zahl, legten am Sonnabend die Arbeit nieder. Sie fordern einen Mini- mallohn von 45 Pf. die Stunde(bisher 40 Pf.) für Mkordärbeiter 10— 15 Proz. Lohnaufschlag, ferner Verkürzung der Arbeitszeit von 56 auf 54 Stunden, sowie Abschließung eines Tarifs. Die Unternehmer verhielten sich strikte ablehnend gegen die Forde- rungen. Die Ausständigen, die sämtlich im Deutschen Holzarbeiter- verband organisiert sind, bitten dringend um Fernhaltung des Zuzuges.__ � Der Musikerstreik in Liegnitz. In fünf der größten Säle von Licgnitz legten Sonntag die Musiker die Arbeit nieder, da ihre vom Verbände der Zivilbcrufs- musiker eingereichten Lohnforderungen nicht bewilligt wurden. Den Inhabern der Säle war es nicht möglich Arbeitswillige zu erhalten, so daß der Tanz nicht stattfinden konnte. Der Streik der städtischen Arbeiter Kiels dauert unverändert fort. Das offiziöse Magistratsorgan, die„Kieler Zeitung" fabelt zwar vom Ende des Ausstandes. Die Ausgesperrten und Ausständigen stehen aber nach wie vor wie ein Mann in der Bewegung; Abtrünnige sind nicht zu verzeichnen. Am Montagvormittag fanden Verhandlungen einer Kommission der Streikenden mit dem Magistrat statt. Vom Ausgange derselben wird es abhängen, ob der Streik für beendet erklärt wird. Die Notiz der„Kieler Zeitung" ist also verfrüht und nur darauf be- rechnet, Streikbrecher, die der Magistrat so nötig braucht, nach Kiel zu locken. Bis auf weiteres ist Zuzug fernzuhalten. Eine Kommission der ausständigen städtischen Arbeiter ha! Montag mittag mit dem Magistrat verhandelt. Der Magistrat lehnte jedes Zugeständnis ab, erneuerte nur das schon früher ge- gebene Versprechen, daß er zum nächsten Etat einen Antrag auf Einführung der Achtstundenschicht für die Gasarbeiter an den Re- tortenöfen einbringen will. Die wöchentliche Lohnzahlung will er einführen, wenn sich nach Wiederaufnahme der Arbeit die Ar- bciterausschüsse der Betriebe dafür aussprechen. Eine Versammlung der Streikenden resp. Ausgesperrten hat Montag nachmittag in geheimer Abstimmung mit 390 gegen 6 Stimmen die Fortführung des Streikes beschlossen. Ter Streik in der Hamburger Zigarrensortierervranche vorläufig beigelegt. � Nach vierzehntägiger Dauer des Kampfes ist es zwischen den Fabrikanten und Arbeitern und Arbeiterinnen zu einer Verein- barung gekommen, wonach die Fabrikanten darauf verzichten, auf eine vierjährige Dauer weibliche Arbeitskräfte einzustellen. Die Wiedereinstellung der Streikenden wickelte sich am Montag nicht glatt ab, weil verschiedene Maßregelungen vorgenommen wurden, infolgedessen in verschiedenen Fabriken die Arbeit nicht aufge- nommen wurde. Unter diesen Umständen kann von einem völligen Frieden in der Sortiererbranche noch nicht die Rede sein. Am Streik beteiligt waren 650 Personen beiderlei Geschlechts. Sieg der Brauereiarbeiter in Mainz. Der Streik in dem Betriebe der„Mainzer Aktienbrauerei" der Großgerauer„Unionbrauerei", der am 7. Mai begonnen hatte, endete mit einem vollständigen Sieg für die Arbeit- nehmer. Der am 1. Juli in Kraft tretende Tarif, der auf fünf Jahre abgeschlossen ist, bringt den Brauern, Küfern, Mälzern eine Lohnaufbesserung von 4 M., er steigert die Löhne von 26 M. auf 30 M. Handwerker, die seither mit 23 M. entlohnt wurden, er- halten 30 M., der Lohn der Fuhrleute steigt von 21 M. auf 23 M. Die Bierfahrer hal>n jeden dritten Sonntag frei, für Sonntagsarbeit werden die Stunde 70 Pf. vergütet. Die Streikenden werden wieder eingestellt, sofort werden 70 Proz, der Arbeiter eingestellt, die anderen vor dem 1. Oktober. Die Aufnahme der Arbeit findet am Donnerstag statt. Die Einigung wurde durch Vermittelung des Bürgermeisters erzielt. Militär gegen Streikende. In Worms führen die Bauhilfsarbeiter einen erbitterten Kampf gegen die Firma Schmidt. Alle Bemühungen, Arbeits- willige zu bekommen, waren erfolglos. Die Polizei hat von An- fang an auf Seiten des Unternehmers gestanden. In einer Bau- Hütte waren 12 Polizisten mit 2 Hunden untergebracht. In dieser Bauhütte brach nun plötzlich Feuer aus, und sofort verdächtigte man die Streikenden, ihre Hand dabei im Spiele gehabt zu haben. Da es gelungen war, am Tage vorher Arbeitswillige zu gewinnen, so gab die Behörde jetzt an, Militär zu deren Bewachung aufbieten zu müssen. Das Kreisamt teilte dann auch der Streikleitung mit, daß mit Genehmigung der oberen Behörden Militär zur Ab- sperrung und Ueberwachung des fraglichen Bauplatzes requiriert sei. Ein Kompagnie Infanterie zog danach für„das Vaterland ins Feld". Die Arbeitswilligen wurden sofort auf die Baustelle ge- schafft, wo sie unter Schutz des Militärs arbeiten und wohnen. Mit scharf geladenen Gewehren umkreist das Militär in großen Eni- sernungen das Bauterrain, unterstützt von der Polizei. Die Strei- kenden bewahren Disziplin; sie haben großes Interesse daran, daß es der Staatsanwaltschaft gelingen möchte, Klarheit in die Brand- stiftungsaffäre zu bringen. Einige Streikende, die deswegen ver- haftet wurden, mußten sofort wieder auf freien Fuß gesetzt werden, da sio ihre Unschuld nachweisen konnten. Lohnbewegungen im Töpfergewerve. Der Königsberger Abwehrstreik der Ofensetzer, der bereits seit dem 1. Januar andauert, ist immer noch nicht beendet. Die Schuld daran trägt die bisher vorhandene, überaus ungünstige Geschäfts- konjunktur und das Verhalten der Hirsch-Dunckerschen, die sofort den von den Unternehmern aufgestellten reduzierten Lohntarif akzeptierten und sich so den Meistern als Streikbrecher zur Ver- fügung stellten. In neuerer Zeit drängt nun die Arbeit so, daß die Hirsch-Dunckerschen allein sie nicht bewältigen können, weshalb einige Aussicht auf Beendigung des Streiks vorhanden ist. Eine der„Friedensbedingungen" der Unternehmer, wonach die ausstän- digen Töpfer sich zum Hirsch-Dunckerschen Glauben belehren müßten, haben sie bereits aufgegeben. In D a n z i g ist es den Töpfern nach nochmaliger Verhand- lung gelungen, dem alten Akkordtarif in allen Positionen wieder Anerkennung zu verschaffen und ihn auf 1 Jahr zu verlängern. — An der Hamburger Bauarbeiteraussperrung sind 176 Ofensetzer beteiligt. Die Hamburger Töpfermeister begehen mit dieser Maßnahme einen rigorosen Vertragsbruch, da die Ausge- sperrten keinerlei Forderungen gestellt hatten, und der vorhandene Tarifvertrag noch Gültigkeit bis 1910 hat.— In Günzenhausen währt der Kampf bereits 4 Wochen. Da die Haltung der Ausständigen eine gute und die Konjunktur eine günstige ist, so dürfte der Kampf siegreich enden.— Der Abwehrstreik in Elbin g währt bereits 8 Wochen.— In Eberswalde gelang es den Töpfern nach einem dreitägigen Streik die Akkordlöhne um 8 Proz. und die Stundenlöhne um 5 Pf. aufzubessern.— In Bischofswerda befinden sich die Scheibentöpfer im Streik. Die Ausständigen finden nirgends in der Oberlausitz Bcschäfti- gung. was auf ein geheimes Abkommen der Tonwgrenfabrikanten zurückzuführen ist. � 1-_ „Glänzender Sieg" der Christlichen. Anfang März wurde auf der preutzisch-fiskalischen Saargrube Sulzbach das christliche Arbeitcrausschußmitglied Joh. Rauber ohne Kündigung sofort abgelegt, und zwar, weil R. nach Angabe der M.-Gladbachcr im Arbcitcrausschuß mit Nachdruck die Rechte der Belegschaft verfochten und während der Berggewerbegerichts- Wahl eineBeschwerdeschrift an den Handelsminister mitunterzeichnet haben soll. Am 19. März hielten die„Christlichen" eine„Protest- Versammlung" gegen die Maßregelung Räubers ab, in der der „christliche" General tzüskes kräftige Töne anschlug und sagte: Sollte der Minister die Ablcgung Räubers nicht rückgängig machen, dann möge er die Suche zum Herzen der Arbeiter einstellen." Der Minister machte die Kündigung nicht rückgängig, worauf am 3V. März die übrigen Arbcitcrausschußmitglieder den Werksdirektor Berg rat Dr. Brunzel interpellierten und die Wiederanlegung Räubers forderten. Dr. Brunzel lehnte dies rundweg ab, woraus der Interpellant sein Amt als Arbeitcrausschußmitglied nieder- legte, was jedoch Dr. Brunzel weiter nicht beachtete, denn� er sagte dem R., er solle erst über sein Vorhaben einmal ausschlafen. Am 23. April legten jedoch sämtliche Arbeiterausschußmitglieder, 6 an der Zahl, ihre Aemter nieder, weil sie nach der Maßregelung Raubcrs die Uebcrzeugung gewonnen hatten, daß der Werkdircktor es nicht dulden will, daß sie ihre Pflicht als Bergleute und Aus- schußmänner erfüllen können, ohne gemaßregelt zu werden, und weil sie keine Staffagen, keine„tveiße Salbe" sein wollten. Eine Belegschaftsversammlung nahm am 29. April nach einem Referat Hüskes mit Befriedigung Kenntnis von dieser Tat und gelobte feierlichst, kein organisierter Arbeiter nehme das Amt eines Aus- schußmannes an, noch gehe er wählen, bis Garantien gegeben sind, daß die Ausschußmänner ihr Amt pflichtgetreu ausüben können, ohne dafür gemaßregelt zu werden. Diese„Garantien" gab� die Verwaltung dadurch, daß sie auch die 6 Protestler aufs Straßen- Pflaster warf! Damit war der/gesamte Arbeiterausschuß gemäß- regelt und nun beschlossen die„Christlichen"„einstimmig", sich an der Neuwahl— zu beteiligen! Diese Neuwahl hat am 18. Juni stattgefunden, und wie die„Saarpost" mitteilt, mit einem„glän- zenden Siege" des„christlichen" Gewerkvereins geendet! Ihre Siegesnachricht schließt sie: „Der Gewerkverein hat also wieder den Ausschuß besetzt, und so ist es gut, sowohl nach unten wie nach oben." Dieser„Sieg" ist nicht nur gut nach„oben" und„unten", sondern cr zeigt der Oeffentlichkeit, zu welchen„Heldentaten" diele M.-Gladbacher„Charakterköpfe" fähig sind. Kusland. Aussperrung von Steinarbeitern in Belgien. In 18 Steinbrüchen von Ecaussinnes wurden gestern in- folge eines in zwei Betrieben wegen Lohndisferenzen ausge- brochencn Ausstandes etwa 2500 Arbeiter ausgesperrt. Ein Streik der Nennbahn-Stalleute ist in Paris ausgebrochen. Das Syndikat der Stalleute hielt am Sonntag eine Versammlung ab, in der nachdrücklich auf den For- derungen nach einer Lohnerhöhung und besserer Un- t e r k u n f t bestanden und mit dem Streik für das Grand Prix- Rennen gedroht wurde. In der Versammlung hielten mehrere Führer des allgemeinen Arbeitsverbandes Reden. Einzelne kon- servative und nationalistische Blätter greifen den radikalen De- putierten des Seine et Oise-Departements, den früheren Kriegs- minister Bertcaux, heftig an. weil dieser angeblich die Bildung des Syndikates der Stallburschen begünstigt und ihm eine Fahne ge- stiftet habe. Das Publikum sympathisierte teilweise mit den Strei- kenden und verlangte tumultuarisch sein Eintrittsgeld zurück. In- folgedessen wurden an Einrittsgeldern, die im ganzen 224 000 Franks betrugen, 74 000 Franks zurückerstattet. Die Wettumsätze am Totalisator betrugen diesmal VA Millionen Franks weniger als bei den vorjährigen Rennen. Ter Konflikt in der englischen Kohlenindustrie. London, 19. Juni.(Eig. Ber.) Die Vertreter der briti- scheu Bergleute hielten hier eine Konferenz ab, um Vorkehrungen für die Einführung des am 1. Juli in Kpaft tretenden Achtstunden- gesetzes zu treffen. Die Konferenz faßte den Beschluß, alle aus der Einführung dieses Gesetzes entstehenden Schwierigkeiten als den ganzen Verband angehend zu betrachten. Sollte also in irgend einem Teile Großbritanniens deswegen ein Kampf ausbrechen, so muß sich der ganze Verband mit den Streikenden oder Ausge- sperrten solidarisch erklären. Auf Grund dieses Beschlusses ernannte die Konferenz En och Edwards, T. Ashton und Robert Smillie als Dele. gierte zur gemeinsamen Konferenz der Unternehmer und Ar- beiter von Wales, die am 21. d. M. in Cardiff zusammentritt, um über den in Wales drohenden Konflikt zu beraten. Die Konferenz beschloß ferner, allen Versuchen, die Löhne her- abzusetzen, Widerstand zu leisten. Die Hauptschwierigkeit in Wales scheint in der Forderung der Unternehmer zu bestehen� Doppelschichten arbeiten zu lassen. Kommt die gemeinsame Konferenz in Cardiff zu einer Einigung über diesen Punkt, so werden sich die übrigen Kcmfiiktspunkte leicht beseitigen lassen._ Letzte J�admchten und Deperchcn. Die geplanten französischen Stevern. Pari?, 21. Juni.(W. T. B.) lieber die vom Finanzminister Caillaux geplanten neuen Steuern werden noch folgende Einzel. hcitcn mitgeteilt: Die neben der bereits bestehenden Erb- anfallsteuer einzuführende besondere Stcuergebühr auf das reine Erbschaftsaktivum beträgt bei Erbschaften bis 10 000 Frank ein Fünfhundertstcl Proz., von 10—50 000 Frank ein Zehntel Proz. und steigt sodann bei Erbschaften von über 50 000 Frank bis 50 000 000 Frank von fünfzehn Hundertstel bis zwei Proz. Ueber- dies wird unter anderem beantragt eine Stempelsteuer von 5 Centimes für Quittungen über 10 Frank, steigend bis zu 2 Frank, eine Verbrauchssteuer auf alte Essenzen für Automobilwagen von 5 Frank pro Hektoliter, eine Erhöhung der Plakatsteuer, eine Stempelsteuer auf französische Kolonialanleihen und eine staatliche Hundesteuer mit einer Skala von 1,50 Frank bis 28 Frank. Der Streik ber Rennstalleute vor der Kammer. Paris, 21. Juni.(W. T. B.) In der Deputiertenkammer richtete der radikale Deputierte Berteaux aus Anlaß der gestrigen Ruhestörungen auf dem Rennplatz von Auteuil an den Arbeitsminister V i v i a n i eine Anfrage, in welcher er das Syndikat der Stallbnrschen in Schutz nahm und darüber Klage führte, daß die zumeist englischen Trainer Stallburschen entlassen hätten, bloss weil diese dem Syndikat beigetreten seien. Viviani versprach die Vermittelung der Regierung zwischen der Vereini- gung der Nennstallbesitzer und dem Stallburschensyndikat. Die Rennpferde wurden heute von Maison Lafitte unter dem Schutz berittener Gendarme» nach dem Rennplatz von Saint Cloud ge- bracht._ Belagerungszustand in der Türkei? Konstantinopel, 21. Juni.(W. T. B.) In militärischen Kreisen zirkulieren Gerüchte von einer bevorstehenden Berhängung des Belagerungszustandes über das ganze Reitßsgebiet zum Zwecke der schnelleren Unterdrückung der Reaktion. ,/ LiebeSdrama. Halle a. S., 21. Juni.(V. H.) Der 24jährige Schmiedegeselle Böttcher, der sich von seiner Braut verlassen sah, überfiel diese gestern abend in ihrem Zimmer, das sie mit einem anderen Mädchen teilte, und gab mehrere Revolverschsisse auf sie ab. Beide Mädchen sprangen in'ihrer Angst auS dem Fenster und wurden schwerverletzt in das Krankeiihaiis gebracht. Böttcher erschoß sich selbst. Kernnglückte Bootsfahrt. Wien, LI. Juni.(B. H.) Vier Bahnangestellte unternahmen eine Kahnfahrt auf der Alten Donau. Hierbei kippte das Boot um, und drei der Insassen ertranken. Zurückgewiesene Nichtigkeitsbeschwerde. Wien, 21. Juni.(W. T. B.) Der Kassationshof hat die Nichtigkeitsbeschwerde gegen das Todesurteil über den Studenten S i c z y n s k i, den Morder des galizischcn Statthalters Grafen Potocki, verworfen._ 3000 Steinarbeiter ausgesperrt. Brüssel, 21. Juni.(B. H.) In EcnussineS ist heute die Bussperrung der Steinhauerarheiter in Kraft getreten. Die Zahl der ausgesperrten Arbeiter beträgt zirka 3000 und erstreckt sich auf 13 Steinbrüche. verantw. Redakteur: Hans Weber« Bcrliu. Luseratenteil vcrantw.i LH, Glocke. Berlin. Druck u. Verllig: Vorwärts Buchdr. u. BerlsüSavstgll ßaul Singer& Cs,. Berlin S.W. KierzuSBeilageo u.Unterhgltuygshl. Nr. 142. 26. Jahrgang. 1. Keillige des Joraiiils" Dienstags 22. Juni 1909. Reichstag» 266. Sitzung vom Montag, den 21. Juat- llächtnittagS 2 Uhr. Äm BundeSratstisch: Shdow, Delbrück. V. Echoen. V. Bethmann-Hpllweg. Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der ztveitcu Beratung des Finanzgesetzcs. Die Beratung Wirt fortgesetzt bei Artikel II Besteuerung der Wertpapiere. Abg. Dr. Rösicke(!.): Die Gründe gegen die Erbschaftssteuer sind schon genügend dargelegt. Wir haben uns aber nicht wie die Linke mit bloßer Negation begnügt, sondern eine wirklich den Besitz treffende Steuer vorgeschlagen, eben die Kotierungssteuer.(Sehr richtig! rechts.) Auch wir sind nicht Feinde der Börse. Aber die Besteuerung des Kapitals in den großen Kapitalsasioziationen ist ein gesunder sozialer Gedanke.— Das Zusammengehen der Nationalliberalen mit den Freisinnigen ist nicht im Sinne des Liberalismus, sondern des Demokratismus.(Huh I huh I bei den Sozialdemokraten.) Zu Aenderungen der Vorlagen, die die Grundlagen nicht berühren, sind wir sehr gern bereit, wenn uns nur von den anderen Parteien Borschläge gemacht werden. Der Herr Reichskanzler sagte, er könne nicht Geschäftsführer der Konservativen sein. Das ist selbstverständlich, aber wir möchten fragen: Will der Herr Reichskanzler es verantworten, Förderer ein- seitiger liberaler Anschauungen zu sein?(Sehr richtig I rechts.) Diesen Eindruck müssen wir gewinnen, wenn er fortgesetzt den liberalen Wünschen entgegenkommt und unsere Anträge ablehnt. Wir haben von Anfang an gesagt, was wir wollen und was nicht, und be- finden uns jetzt in der Defensive.(Lachen links.) Wir sehen in der Erweiterung der Erbschaftssteuer direkt eine nationale Gefahr! (Stürmisches Gelächter links.) Bei Ihnen liegen Zweckmäßigkeils- gründe vor, bei uns nationale.(Erneutes Gelächter links.) Die Rechte hat noch nie versagt, wenn es sich um nationale Forderungen handelte.(Lebhaftes Bravo! rechts. Lachen links.) Woher ist die Erbitterung mit dem Hansabund gekommen? In dem Moment, wo das mobile Kapital angegriffen wurde.(Stürmischer Wider- sprach links. Sehr richtig! rechts.) Die verbündeten Regierungen sollten doch bereit sein, den Anschauungen der Majorität des Reichs- tags Rechnung zu tragen.(Sehr richtig! rechts.) Bon diesem Stand- Punkt aus kann ich die Hoffnung noch nicht aufgeben, daß die ver- bündeten Regierungen den Weg finden, mit uns zusammenzukommen. (Bravo I rechts.) Reichsschatzsekretär Shdow: Es ist darauf hingewiesen worden, daß die Regierungen 1833 selbst eine Kotierungssteuer vorgeschlagen hätten. Das trifft nicht zu. Es ist nur hypothetisch davon die Rede gewesen, gewissermaßen als Verbeugung vor einer Mehrheit, die nachher zu den Einschränkungen des Börscngesetzes geführt hat. Das ist dasselbe, als wenn einem Vorschlage gegenüber gesagt wird: Das ist ja ganz gut. aber die Geschäftslage erlaubt es nicht, das durchzuführen.(Große Heiterkeit.) Abg. Kaempf(frs. Vp.): Herr Rösicke sprach davon, daS mobile Kapital müsse belastet werden, und er vergißt dabei, daß gerade von der Erbschaftssteuer das mobile Kapital mehr belastet wird als das immobile.(Sehr gut! links.) Wir hoffen und erwarten, daß die Regierung bei ihrer Haltung fcstbleiben wird, unterstützt von der großen Masse der Bevölkerung.(Bravo I links.) Was die Kotierungssteuer anlangt, so werden meine politischen Freunde den Widerstand gegen sie nicht aufgeben. Herr Spahn wies auf die Kotierungssteuer in Frankreich hin; aber dort sind die aus- ländischen Papiere ausgenommen. Wenn wir übrigens von Frank- reich etwas übernehmen wollen, so wollen wir die Sätze der fran- zösischen Erbschaftssteuer übernehmen!(Sehr richtig I bei den Libe- ralen.) Dann würden wir einen so erheblichen Teil des Entwurfs von 566 Millionen decken, daß wir derartige Schritte vom Wege nicht brauchen.(Zustimmung bei den Liberalen.) Abg. Müller-Fulda(Z.): Herr Kaempf hat selbst darauf hin- gewiesen, daß 70—100 Milliarden Papiere an der Börse zugelassen sind. Daraus ergibt sich, einen wie großen Teil des National- Vermögens die Kotierungssteuer trifft.(Sehr richtig I im Zentrum.) Unter der Konzlerschaft des doch gewiß dem mobilen Kapital nicht feindlichen Caprivi sprach sich die amtliche Begründung einer Regierungsvorlage durchaus günstig über den Gedanken einer Kotierungssteuer aus(Hört! hört! rechts) und schon 1883 wurde sie vom nationalliberalen Abgeordneten und Geh. Finanzrat Büsing Rleines fciiilleton. Die' Blitzgefahr für Menschen. Jetzt, da wir in die Periode der Gewitter eintreten, mögen einige Worte über die Blitzgefahr für Menschen wohl am Platze sein. Im allgemeinen ist sie sehr gering, weit geringer natürlich in den Städten, als auf dem flachen Laude. Nach der Hcllmannschen Statistik tötete der Blitz in einem fünfzigjährigen Zeiträume durchschnittlich in Preußen 4,4, in Baden 3,8, in Frankreich 3, in den Niederlanden ebenfalls 3, in Schweden 3,1, in England nur 1, in Ungarn dagegen 16 von einer Million Menschen. Im Innern eines Hauses, besonders in den größeren Städten, steht die Angst, von der sich wohl viele bei einem heftigen Gewitter beherrschen lassen, in keinem Verhältnis zu der kaum nennenswerten Gefahr. Anders verhält es sich auf freiem Felde, wo, allen Warnungen zum Trotz, vom Gewitter überraschte Personen immer wieder Schutz unter Bäumen suchen. Wer auf einem Pferde oder Wagen sitzt, ist dadurch, daß er über seine Umgebung hinwegragt, in höherem Grade gefährdet als diese. blnsammlungen von Menschen und marschierende Truppen scheinen den Blitzschlägen weit mehr ausgesetzt zu sein als einzelne Per- sonen. Die warme, feuchte Luftsäule, die sich infolge des Atmungs- Prozesses über größeren Menschenansammlungen bildet, soll als verhältnismäßig guter Leiter den Blitz gewissermaßen anziehen. Acußcre Verletzungen schwerer Art gehören bei den vom Blitz Getroffenen zu den Seltenheiten, in den weitaus meisten Fällen wird der Tod wohl durch eine Lähmung des Nervensystems sofort herbeigeführt. Die Bewußtlosigkeit tritt sofort ein. Wie wir Professor Dr. A. Gockels Buch über das Gewitter entnehmen, ver- mochten von den vielen durch den Blitz betäubten Personen, die später wieder zu sich kamen, nur ganz wenige sich über ihre Empfindungen in dem verhängnisvollen Augenblick Rechenschaft zu geben, weitaus die meisten nahmen weder Blitz noch Donner wahr, nur einige wußten von Feuerkugeln zu erzählen, die auf sie lossprangcn. Acsthciische Gymnastik als Mittel zu harmonischer Körper- bildung beginnt immer mehr an Stelle der rein äußerlichen turne- rischen und gymnastischen Uebungcn Boden zu gewinnen. Indem sie sich an klassische Vorbilder anlehnt, bringt sie nach den Rhythmen begleitender Musik gymnastisch geordnete Bewegungsübungen, die eine Verbindung geistiger Bilder und Vorstellungen mit Muskel- Übungen und entsprechendem seelischen Ausdruck darstellen und so den ganzen Menschen in harmonischer Weis� beschäftigen. Das System beruht auf bestimmten natürlichen Gesetzen, die gefunden zu haben das Verdienst des Franzosen Delsarte ist. Miß Genevieve Stebbius baute diese Gesetze zu einen: System aus, das in seiner Vollendung und Vielseitigkeit alle existierenden Systeme übertrifft. Sie war es auch, welcher Fr. Dr. Menscndicck ihre Anregungen zur Schaffung ihrer bekannten gymnastischen Uebungen verdankt. Miß StebbiuS gründete nach jahrelangem Studium in Frankreich und empfohlen.(Erneutes lebhaftes Hört! hört! rechts und im Zentrum.) In der bekannten Versammlung im Zirkus Schumann hat inan ab- weichende Meinungen nicht zu Worte kommen lassen.(Widerspruch links; Sehr richtig! rechts und im Zentrum.) Man hat Herrn Kirdorf nicht ausreden lassen.(Lauter Widerspruch bei den Liberalen, wiederholte Rufe:.Adolf Wagner!" Rufe rechts: Ruhe! Ruhe! Unruhe im ganzen Hause.) Die Herren vom Hansabunde wollen erst nach dem Tode zahlen, wir aber wollen sie schon bei Lebzeiten besteuern!(Tosender Beifall im Zentrum und rechts, lautes Lachen links.) Redner behauptet, oftmals von stürmischem Widerspruch der Liberalen unterbrochen, daß Herr v. Mendelssohn im ZirkuS Schu- mann eine total schiefe Darstellung von den Vorgängen und Be- schlüssen der Finanzkommission gegeben habe; er sei nicht richtig in- formiert gewesen und habe die Beschlüsse erster mit denen zweiter Lesung verwechselt.(Erneuter heftiger Widerspruch links, brausendes tört! hört 1 im Zentrum.) Auch die Finanzminister waren auf ihrer onferenz nicht genügend informiert.(Hört! hört! rechts.) Man spricht von den weiten Kreisen, die in Mitleidenschaft gezogen werden. Ja, wer wird denn bei einer SSV Millionen-Forderung nicht mit in Leidenschaft(Heiterkeit), in Mitleidenschast gezogen? Ich werde auch in Mitleidenschaft gezogen I(Erneute Heiterkeit.)— Eine Finanz- reform ohne genügende Heranziehung der Börse ist unmöglich. Wollte der Reichstag in eine solche einwilligen, so wäre das eine Verbeugung vor der Börse I(Lautes Bravo I rechts.) Warum soll man die tragfähigsten Schultern freilassen?(Laute Rufe links: Großgrundbesitz! Erbschaftssteuer I) Die Lebenden sollen zahlen I (Lärmender Beifall rechts und im Zentrum.) Die Kotierungssteuer ist die gerechteste aller Steuern I(Tosender Beifall bei den Anti- semiten beider Richtungen, Konservativen, Zentrum.) ~ Reichsschatzsekretär Sydow bestreitet, daß die Finanzminister in ihrer Konferenz nicht richtig informiert worden seien. Er selbst habe die Beschlüsse zweiter Lesung dort mitgeteilt, Herr Müller-Fulda müsse also falsch informiert worden sein.(Widerspruch des Abg. Müller-Fulda.) Reichsbankpräsident Havcustein: Daß ausländische Staaten unsere Kotierungssteuer zahlen, ist ganz ausgeschlossen; sie werden ruhig zusehen, daß ihre Papiere von unserem Kurszettel verschwinden, und die deutschen Inhaber stehen dieser Streichung der Kursnotizen vollständig ohnmächtig gegenüber und laufen Gc- fahr, daß ihre Papiere schwerer verkäuflich werden.(Sehr richtig! links.) Durch die rückwirkende Kraft der Kotierungssteuer würde eine Vernrögensschädigung von mehr als 2 Milliarden eintreten. (Lebhaftes Hört! hört! bei den Liberalen. Widerspruch rechts und im Zentrum.) Die Machtstellung Englands in der Welt ist wesent- lich unterstützt durch die Machtstellung der Börse von London, die herbeigeführt worden ist durch die schonende Behandlung, die ihr die englische Gesetzgebung hat angedeihen lassen. Zum Teil ist diese Machtstellung erreicht auf Kosten der deutschen Börse, die geschwächt war durch die deutsche Börsen- gesetzgebung.(Sehr richtig! links.) In dieser Richtung würde auch die KotierungSsieuer wirken. Daher bitte ich Sie dringend, ihr die Zustimmung zu versagen.(Lebhafter Beifall links.) Abg. Dr. Frank-Mannheim(Soz.): Der Reichsschatzsekretär hat bei seinen Mitteilungen über die Regierungserklärung von 1893 einige interessante Handwerksgeheim- nisse verraten, und wir haben den Eindruck, daß durch das, ivaS er mitgeteilt hat, der Wert von Regierungserklärungen für die Zu- kunft wesentlich herabgedrückt wird.(Sehr richtig! bei den Soz.) Man wird künstig nicht wissen, ob Sympathie- oder Antipathie- erklärungen der Regierungen Verbeugungen sind oder das Gegenteil. (Heiterkeit.) Zum Beispiel wissen wir nicht, ob nichr auch die Sympathieerklärung des Reichskanzlers für die preußische Wahlrechts- reform nicht mehr gewesen ist als eine bloße Verbeugung.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Was nun die Meinung der Re- gierung über die Kotierungssteucr betrifft, so sind meine Freunde der gleichen Ansicht wie zurzeit die Regierung.(Heiterkeil und sehr gut!) Die Debatte selbst hat uns keinen Anlaß gegeben, unsere Meinung zu korrigieren; denn die Ausführungen der Herren von der Rechten zugunsten der Kotierungssteuer leiden an einem großem Mangel: sie verlieren an Uebcrzeugungskraft und innerer Wahrhaftigkeit durch die Tatsache, daß die gleichen Parteien, die einen Teil des Besitzes angeblich belasten wollen, sich der allgemeinen Besitzsteuer, der Erbanfall- und der Vermögenssteuer widersetzen.(Lebhaftes Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Das einzige, was uns vielleicht zugunsten der KotierungSsieuer stimmen könnte, nicht aber stimmt, ist nicht hier im Hause gesprochen worden, sondern das waren einzelne Reden der Amerika ihre„School of Expression"(Ausdruck-Schule) in New Vork, unter dem Protektorat der Universität stehend. Neben der Ausbildung von Lehrkräften widmete sie ihre Tätigkeit der Ein- führung ihres Systems in einer großen Anzahl von Schulen in New Kork, und zwar mit hervorragendem Erfolg. In Deutschland unternimmt es jetzt Fr. Kallmeyer-Simon, ein ähnliches Institut in Brannenburg bei München ins Leben zu rufen, nachdem sie bei Miß Stebbius die erforderliche Ausbildung genossen hat. Auch Prof. Jaques Dalcroze in Genf wirkt mit einem großen Kreise von Schülern und Schülerinnen, die Wanderkurse veranstalten, in dieser Richtung. Musik. Die Morwitz-Oper gehört nun einmal zum Berliner Sommer. Meist im östlichen Schiller- Theater spielend, hat sie sich diesmal im Friedrich-Wilhelmstädtischen Schau- spielhaus eingerichtet. Am Sonnabend begann sie, reklaniefrei wie immer. Große künstlerische Experiinente und Vorführungen weltberühmter Sänger wie von der Gura- Oper sind von ihr nicht zu erwarten. Man muß, schon angesichts der niedrigen Preise, gleichsam mit kleineren Ausgaben der Opernwerke rechnen und sich z. B. mit nur 13 Streichem im Orchester begnügen. Soll da die Kritik nicht überhaupt vom Spiel und Besuch abraten? Nein— und zwar hanptsächlich, weil so gut wie alles Theaterspiel überhaupt lediglich mehr oder minder gut ist und weil die Künstler viel Gelegenheit zur Betätigung, womöglich als Sprungbrett zu Höherem, brauchen. Also gehen wir mit der nötigen Anspruchslosigkeit beispielsweis in K. M. v. Webers.Freischütz", wie wir ihn am Sonntag zu hören bekamen. Unter der, freilich nicht pointenreichen, Regie des hier bereits bekannten L. Frank traten meist neue Leute auf. Vielleicht am besten sang A. Tharau daS Aennchen; künstlerischen Ernst in Sang und Spiel entfaltete E. Otto als Agathe so sehr, daß wir noch Besserem von ihr besonders gern entgegensehen; durch vorzügliche Aussprache trat M. B a r t H als Eremit hervor; noch in Entwickelung begriffen oder befangen erschien G. Rot her als Max. Aber wennS auch nur wenig war: der„Freischütz" kann den kritischesten Theatergänger in das naive Kind zurückverwandeln, das da andächtig dem„im deutschen Gebirge" spielenden Drama, seiner Waldeöstimmung, seiner so wahrhaft volkstümlichen Art lauscht. Wer die dramatischen Mängel des von F. Kind gedichteten, zum Teil in der Tat kindlichen und manchmal sogar kindischen Textes und auch die der Musik auseinandersetzen will, hat leichtes Spiel. Und daß trotz dieser„Fehler" daS wahrhaft deutsche Meisterwerk immer und immer wieder lockt und uns den künstlerischen Geschmack hochhält; diese Einsicht vermittelt uns vielleicht am besten eine Aufführung, bei der jede Kritik des berühmten Zusatzes bedarf:.unter den ge- gebenen Verhältnissen". es. Herren vom Hansabund I Daß die verschiedenen Redner im Zirkus Schumann mit so großem Eifer und Feuer sich gegen die Äötierungssteuer gewendet haben, während sie keine Silbe der Abwehr gefunden haben gegen die Belastung der großen Massen mit neuen Konsumsteuern(Lebhaftes Sehr richtig l b. d. Sozialdemokr.)— das ist es. was uns und manchen anderen stutzig gemacht hat. Wenn Sie uns wirklich eine Steuer bringen, die uns überzeugt, daß wirklich die großen Hansen davon getroffen werden, würden Sie uns bereit finden, mitzumachen. Von der Steuer, die Sie uns präsentieren, haben wir diese Ueberzeugung nicht.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Wir meinen, es ist eine etwas starke Zumutung an unsere Leichtgläubigkeit, wenn Sie uns diese Steuer unter der Marke„Besitzsteuer" präsentieren. Wir wissen ja. nament- lich seit der letzten Geschäftsordnnngsdebatte, daß die Mehr- hcit alles machen kann, nur— nach dem englischen Sprichwort— nicht aus einem Mann eine Frau.(Heiterkeit.) Und wenn Sie auf einer Flasche Kartoffelschnaps das Etikett anbringen„Rüdesheimer", so wird darum noch kein Rheinwein daraus.(Heiterkeit.) Wir hören allerdings von Ihnen, es würden durch diese Steuern Börsen und Banken, große Gesellschaften belastet. Nichtig ist, daß zunächst der Einzug bei diesen Adressen geschieht. aber dadurch entsteht noch keine Besitzsteuer. Wenn diese Note zuträfe, wären ja auch die Gctreideschutzzölle eine Besitz- stcuer!(Sehr gut! links.) Denn der Zoll wird zunächst auch bei den reichen Getreideimporteuren erhoben. Die Börsen und Banken sind Durchgangsstationen für die Wertpapiere. Das wissen die Herren von der Rechten auch, sie sind überhaupt viel gescheiter, als sie sich stellen.(Heiterkeit.) Sie sagen, das mobile, also das nicht landwirtschaftliche Kapital entziehe sich sehr häufig— legal und illegal— der Besteuerung, deshalb müsse sich der Herr Rcichsschatzsekretär an der Börse, be- waffnet mit dem Steuerzettel, wie Teil mit dem Bogen aufstellen und sagen: Durch diese hohle Gasse müssen die Wertpapiere kommen. da wollen wir sie fassen!(Heiterkeit.) Es ist merkwürdig, daß gerade die Agrarier sich darauf berufen, ein Teil des Besitzes entziehe sich der Besteuerung, deshalb müsse man diesen Weg gehen. Sie klagen über die Steuerhinterziehungen, die die anderen machen I(Sehr gut! links.) Das ist die Taktik des Tintenfisches, der seine Umgebung verdunkelt, um selber Verfolgungen zu entgehen. (Heiterkeit.) Herr Mommsen hat bor wenigen Tagen nicht ausgesprochen, aber beinahe ausgesprochen, daß die Einschätzung der landwirtschaftlichen Vermöge» und Einkommen nicht den Grundsätzen der Gleichheit vor dem Gesetz, der Gerechtig- keit entspreche. Was er gedacht hat, will ich nicht untersuchen, aber ich will es aussprechen, daß unserer Ueberzeugung nach und nach der Meinung des größeren Teils der Bevölkerung tatsächlich der Großgrundbesitz von den Steuerbehörden geschont wird,(sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Es liegt auch die Versuchung dazu außerordentlich nahe. Die für die Einschätzung berantlvort- lichen Stellen sehen doch, daß seit Jahrzehnten die Gesetz- gebung in Deutschland zugeschnitten ist auf den sogenannten Schutz der Landwirtschaft, daß planmäßig dem Großgrundbesitz Vorteile zugewandt werden auf Kosten der übrigen Be- völkerung. Was liegt nun näher, als daß ein gewissenhafter Verwaltungsbeamter sich sagt: Ich will mit meinen Mitteln dasselbe erreichen und auch für den Schutz der Landwirtschaft sorgen?— Das geschieht natürlich nicht in der plumpen Form, daß die betreffenden Kommissionen oder Beamten einfach die Gesetzesparagraphen beugen. Nein, das geschieht dadurch, daß man den Ertragswert der großen Güter in wohlwollender Weise, in schonender Form berechnet.(Sehr wahr! bei den Soziald.) Herr v. Rheinbaben hat gegenüber diesen versteckten Vorwürfen im Lande draußen und hier gesagt: Was wollen Sie denn von uns, die Regierung kann ja gar nichts dagegen tun, das sind Selbstverwaltungsbehörden, und es ist ja bekannt, daß in Preußen gegenüber den Selbstverwaltungskörperschaften die Behörde machtlos ist.(Heiterkeit.) In deinselben Preußen, in dem die größte Gemeinde nicht einmal ein Gittertor errichten oder eine Schul- turnhalle einem Arbeiterverein zur Verfügung stellen kann!(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Eine Selbstverwaltungsbehörde, die unter dem Vorsitz des Landrats tagt, das ist keine Selbst- Verwaltungsbehörde, das ist die Republik mit dem Großherzog an der Spitze.(Heiterkeit und Sehr gut! links.) Wenn in den letzten Tagen das Wort„Kulisse" viel gebraucht wurde und sehr viel Ausdrücke angewandt wurden, die an Komödie Humor und Satire. Reporterphantasie. ES spukt in den finnischen Schären, Unheimlich leuchtet die See. Man munkelt die dunkelsten Mären— Herr Gott I Dein Wille gcscheh'l Im Schiffsrnmpf flüstern zwei Kaiser Von dem oder dem oder dem. Horcht einer, so reden sie leiser Das find' ich sehr unbequem. Und die zwei Minister des Aeußern Tun grab', als galt' es die Welt Zu verrussen oder vcrpreutzern— Nur fehlt'S am nötigen Geld. Wer diese Begegnung verkleinert, Ist sicher kein Patriot. Die Engländer sind versteinert, Die Franzosen heulen sich tot. Und morgen verkünden die Blätter: „Der Hahn hat gekräht auf dem Mist. Entweder wird anders das Wetter Oder es bleibt, wie's ist," (Edgar Steiger im»SimplicissimuS".) Notizen. — Musik chronik. In der Gura-Oper(Kroll) findet am Mittwoch die einzige Aufführung deS„Fliegenden Holländers" zu„einfachen Preisen" statt. — Der teuer st e Schauspieler Europa» scheint Joseph K a i n z zu sein. Er hat mit dem Wiener Burg- Theater einen neuen Kontrakt bis 1921 geschlossen. Er geruht danach immerhin noch einige Monate in Wien zuzubringen und etwa fünfzigmal aufzutreten(vielleicht sogar in neuen Stücken). Im übrigen gedenkt der Künstler die Verrücktheit deS Publikums weidlich auszunützen und Gastspiele und Vortragsabende je zu 1900—3000 M. zu veranstalten. Daß Kainz mit seinen starken Talenten sich bereits auf dem Abstieg zum karikierenden und das Drama vergewaltigenden Virtuosentum befindet, haben tvir bereits letzten Winter hier fest- gestellt. Durch vermehrte Gastspielerei wird dieser Prozeß natürlich beschleunigt werden. — Eine neue Grönlandfahrt trat am Sonntag Kapitän M i k k e l s e n in Kopenhagen mit seiner Jacht„Alabama" an. Der Zweck der Expedition,� die im nächsten Winter von ihrem Standquartier aus vorstoßen will, geht dahin, die Aufzeichnungen deS verunglückten Grönlandforschers Mylius- Erichsen aufzufinden und selbst Forschungen im Innern Grönlands anzustellen. — Die Bevölkerung von Kuba betrug nach dem Er- geb«is der letzten Volkszählung, die vor drei Monaten stattfand, 2 048 930 Menschen, von denen 69,72 Proz. Weiße und 30,28 Proz. Neger sind. 1774 zählte die Insel erst 171 620 Personen. und Theater erinnern, so darf man auch aussprechen: es gibt diele Leute, die die ganze Selbstverwaltung in Preußen auch bei den Steuerbehörden nur ansehen als Kulisse eines Puppentheaters, und der Herr Landrat hinter der Kulisse, das ist so der Herr... Landdrahtzichcr. (Heiterkeit.) Ich will mich mit diesen Ausführungen keineswegs ein- mischen in den lieblichen Streit der verschiedenen Grohkapitalisten, ich will nicht entscheiden, wo die Vertreter derjenigen sind, die am unliebsten Steuern zahlen, ob im Zirkus Schumann oder im Zirkus Busch.(Heiterkeit und Sehr gut l bei den Sozialdemokraten.) Hier paßt das süddeutsche Wort: „Koriander, es ist einer wie der ander". (Heiterkeit.) Das eine muß ich zugeben: Wenn Sie den Zirkus Schumann und den Zirkus Busch vergleichen, so darf konstatiert werden, daß im Zirkus Busch geschicktere Zirkusdirektion ist.(Heiter- keit.) Reden wie die des Herrn Kirdorf, die so wenig ins Programm passen, dürfte Herr Dr. Hahn dort nicht halten. Der Finanzminister v. Rheinbaben hat hervorgehoben, daß gegenüber allen Steuerpflichtigen die Grundsätze der Gerechtigkeit obwalten. Formell mag das zutreffen. Er hätte aber wohl darauf hindeuten können, daß eine sehr große, die größte Bevölkerung voll- kommen erhaben ist über jeden Zweifel an richtiger Steuerzahlung. Das ist die Masse derer, die von ihrer Arbeit leben müssen: die Arbeiter und Beamten!(Lebh. Zustimmung bei den Sozialdemokr.) Bei den Arbeitern werden die Lohnlisten eingefordert, und kein Pfennig wird zu wenig eingeschätzt, bei den Beamten ivird der Gehaltstarif aufgeschlagen, und eS wird ebenfalls kein Pfennig zu wenig ver- steuert. Nun sind wir der Meinung, daß der Steucrvorschlag, den Sie unS bringen, geeignet ist, gerade einen Teil derjenigen Leuie zu treffen, denen der Vorwurf der Steuerhinterziehung am wenigsten gemacht werden kann. Wir sind überzeugt, daß ein Teil der Arbeiter von der KotierungSsteuer getroffen wird.(Widerspruch rechts.) Durch die Belastung der Hypothekenpfandbriefe wird auch die Bautätigkeit erschwert und verteuert.(Lebhafte Zustimmung links.) Nun wissen Sie,' wie schwer das Baugewerbe seit einige» Jahren darniederliegt. Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal eine Familie eines Arbeiters, der nwnatelang keine Beschäftigung hat, aus der Nähe gesehen haben. Ich habe in solche Wohnungen hineingeschaut. Ich habe Maurerwohnungen gesehen, wo der Hausvater schon das zweite Jahr nicht beschäftigt war! Wenn Sie sehen, daß die Bau- tütigkeit jetzt leise wieder einsetzt, so sollten Sie sich hüten, den allergeringsten Versuch zu machen, der neu beginnenden Bau- tätigkeit Steine in den Weg zu werfen.(Sehr wahrl bei den Sozialdemokraten.) Bei der Beratung der Erbschaftssteuer haben Sie auf die Gefährdung des Familiensinns, die Sie annehmen, hin- gewiesen. Wir meinen, die Familien der Arbeiter verlangen eben- falls Berücksichtigung.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Nun ist es recht bezeichnend, daß Sie zwar die Hypothekenpfandbriefe mit der Kotierungssteuer treffen wollen, aber die einfachen Hypotheken, die einem ähnlichen wirt- schaftlichen Zweck dienen, mcht belasten. Das ist nach unserer Ueberzeugung lein Zufall, sondern ist symptomatisch für die An- schauung, aus der heraus der Steuervorschlag gekommen ist. Sie wollen in Hhpothekenpfandbriefen nicht den Besitz als solchen treffen. sondern sehen darin ein Merkzeichen des Verkehrs und Kreditwesens, die Sie bekämpfen wollen. Es ist immer die gleiche Melodie: einmal Fahrkartensteuer, dann Schiffahrtsabgaben, jetzt Kotierungs- stcuer. E« ist immer dieselbe Weise und derselbe Text: Feindschaft gegen die moderne Entioicklung des Kreditwesens.(Leb- hafte Zustimmung links.) Wir aber wollen, daß die Entwickelung Deutschlands nicht rückwärts geht und auch nicht stehen bleibt, sondern daß sie vorwärts schreitet; das wollen wir im Interesse namentlich der Arbeiterschaft.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozial- demokraten.) Was für die Herren vom Zirkus Schumann zum größten Teil nur eine Profitfrage gewesen ist, das ist für die industrielle Arbeiterschaft eine Lebensfrage. (Sehr wahrt bei den Sozialdemokraten.) Wir sind auch der Meinung, daß die friedliche Besetzung auswärtiger Märkte notwendig ist für die Entwickelung Deutschlands, und wir glauben, daß die chinesische Eisenbahnanleihe uns wesentlich billiger zu stehen kommt, als ein chinesischer Krieg.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Wir glauben, daß diese Steuer die wirtschaftliche Annäherung der Nationen wenn auch nicht verhindert, so doch hindert und erschwert. WaS nützt es, wenn die verschiedenen Souveräne von Zeit zu Zeit zu Wasser und zu Lande sich treffen, sich umarmen und aus beide Wangen küssen, daß aber, wenn sie dann heim kommen, Gesetze gemacht werden, welche wirtschaftlichen Unfrieden säen l(Sehr gut! bei den Sozialdemolraten.) Verschiedentlich ist auf das Beispiel Frankreichs hingewiesen worden. Wir könnten in unseren öffentlichen Einrichtungen von Frankreich viel lernen, aber auf dem Gebiete des Steuerwesens sehr wenig.(Lebhaftes Sehr richtig! links.) In Frankreich hat ein rück- ständiges Kleinbürgertum feit Jahrzehnten verhindert, daß eine gerechte Einkommensteuer eingeführt wird. Wenn Sie Frankreich absolut etwas abgucken wollen, so holen Sie die Erbschaftssteuer von dort. (Lebhafte Zustimmung links.) Wir glauben, daß im Interesse der allgemeinen Entwickelung Deutschlands die Kotierungssteuer ab- zulehnen ist. Wir sind nicht im Begriffe, ein Industriestaat zu werden, sondern sind es längst.(Zustimmung links.) Nur 32.7 Proz. der Bevölkerung gehört dem Kreise der Land- Wirtschaft an. Dieses Drittel herrscht bisher auf Grund unserer rückständigen Einrichtungen über die anderen zwei Drittel. Sie (nach rechts) haben hier im Hause das Uebergewicht, das Sie bisher durch die durchaus ungerechte, mit der Verfassung im Widerspruch stehende WahlkreiSeinteilung aufrecht zu halten verstanden. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Das ist der morsche Ast, auf dem Sie sitzen, hoffentlich nicht für alle Ewigkeit, und wenn eS wahr ist, daß Hochmut vor dem Fall kommt, dann sind wir überzeugt, daß der Sturz der agrarischen Herrschaft in Deutschland nicht mehr weit ist.(Lebhafter Beifall links.) Hierauf vertagt das Haus die Weiterberatung auf Dienstag L Uhr.(Vorher Rechnungssachen und ein Nachtragsetat.) Schluß 7 Uhr._ Soziaice* Der erste Kongreß für Säuglingsschutz. Eine schwere Anklage gegen die bürgerliche Gesellschaft war die Tagung des ersten Kongresses für Säuglingsschutz in Dresden am 19. Juni. Medizinalrat Renck-Dresden wies in seiner Begrüßungs- anspräche schon darauf hin, daß Sachsen zu den Ländern gehöre, die die größte Kindersterblichkeit aufweisen. Er hätte hinzufügen sollen, daß Schuld daran die erbärmliche Bezahlung in der Textil- und in der Spielwarenindustrie trägt« die diesen den Namen Hungerindustrie eingetragen hat. Der Geh. Obermedizinalrat Dr. Dietrich führte den Beweis, daß es in Preußen nicht besser aussieht. Die Sterblichkeit sei überall in Preußen im ersten Lebensmonat am größten. Von 198 Säug- lingen, die 1995 von 1999 starben, wurden 57— das sind ein Drittel— im ersten Monate dahingerafft, V» starben im zweiten. »/» im dritten Monat. Auf dem Lande ist die Sterblichkeit etwas größer wie in der Stadt. Die beste Pflege für das Kind sei die sachkundig angeleitete und gut ausgestattete Mutter. Deshalb müsse in erster Linie die Mutter geschützt und schon vor der Eni- bindung in die Lage versetzt werden, mit Ruhe ihrer schweren Stunde entgegenzusehen. Die matemlle Sichcrstellung der Hebammen und eine Vermehrung der Entbindungsanstalten wären weitere Vorbedingungen. An letzteren fehle es selbst in Groß- städten; Berlin habe insgesamt nur 399 Betten. Frankreich und Rußland selbst hätte» Deutschland weit übcrtroffen in diesem Punkte. Professor Dr. Selge-Göttingen fordert vor allem Wöch- verinnenhcime, die in Verbindung mit der ERtbind.migsavst.Ät stehen, und in denen Wöchnerimlen, die in schlechlen Verhältnissen leben, mit ihren Kindern Aufnahme finden. Diese Heime seien besonders für die unehelichen Wöchnerinnen eine Notwendigkeit. Der dritte Berichterstatter, Professor Dr. von Franque-Gießen, legte an der Hand statistischer Mitteilungen die Notwendigkeit er- höhten Mutter- und Säuglingsschutzes dar. Die Sterblichkeit der Kinder kurz vor und nach der Geburt raube Deutschland im Jahre durchschnittlich 149 999 Menschenleben, von denen zirka 115 999 durch eine bessere Fürsorge für Schwangere und Gebärende ge- rettet werden könnten. Selbst von den gesund aus den Entbin- dungsanstalten entlassenen unehelichen Kindern sterben infolge der ungünstigen Verhältnisse, in die sie kommen, bis zu 47 Proz. im ersten Lebensjahre. Auch dieser Redner fordert Gründung von Mütter- und Säuglingsheimen und Stillung der Kinder durch � die Mütter. Es sei eine Pflicht nationaler Selbsterhaltung, eine Verminderung der Säuglingssterblichkeit herbeizuführen. Der Stadtrat Hofmann-Leipzig wies sehr richtig darauf hin. daß die Frage erhöhten Säuglingsschutzes, erhöhter Stillfähigkeit auch vor allem eine wirtschaftliche Frage sei. Die Mütter müßten durch wirtschaftliche Hilfe in den Stand gesetzt werden, sich ge- nügend der Erziehung ihres Kindes widmen zu können. Die gesetz- liche Ausdehnung des Schutzes, den der Z 137 der Gewerbeordnung den Fabrikarbeiterinnen gewährt, auf Dienstboten und Handels- angestellte müsse gefordert werden, vor allem aber auch eine AuS- dchnung der Schutzfrist vor der Niederkunft. Redner fordert eben- falls die Errichtung von Wöchnermnenheimen. Die Professoren Dr. Siegert-Köln und Dr. Kluncker-Frank- fürt a. M. fordern auf, für bessere und gesündere Wohnungen Sorge zu tragen.— Sanitätsrat Dr. Brennecke-Magdeburg fordert analog den Handels- und Gewerbekammekn Fraucnhilfslammern. Nächster Kongreßort ist München. Moderner Sklavenhandel. Bisher bestand in Staaten, die vorgaben, Kulturstaaten zu sein, allen vorcm natürlich Deutschland, die Ansicht, daß nur die dem Menschen innewohnende Arbeitskraft zu einer Ware geworden sei, nicht aber dieser selbst. Das ist jetzt anders geworden, das privatkapitalistische Zeitalter zeigt sich in immer brutaleren Formen. Das Organ der Zuckersieder und-Händler der Provinz Sachsen, die„Magdeburgische Zeitung", bringt in ihrer Sonnabendnummer das folgende Inserat: 129 stramme Mädchen und einige Burschen hat gegen Ende Juni abzugeben. Max Koch, Konservenfabrikant, Braunschweig. Also genau so, wie man fette Gänse, Hammel oder Arbeitstiere anpreist und zum Kauf anbietet, genau so geschieht es hier mit Menschen, den Ebenbildern Gottes. Mit der Arbeitskraft geht auch der Mansch in das Eigentum des Unter- nehmers über._ Zur Gcsindcordnung. Arn 3. Mai verließ ein löjähriges Dienstmädchen wegen schlechter Behandlung den Dienst, obwohl di? Mndigung erst Ende Mai abgelaufen war. Wegen„mutwilligen unberechtigten" Ver» lassen des Dienstes es von der Polizeidirektion Dresden eine Straf- Verfügung über 19 M.(I) Das Mädchen beantragte richterliche Entscheidung, weshalb sich das Dresdener Jugendgericht mit der Angelegenheit beschäftigte. Es klagte über mangelhaftes Essen, über fortgesetzte Schimpfereien und große Ausbeutung seiner Arbeitskraft. Das Gericht setzte die Strafe auf 5 M. herab. Es war der Ansicht, daß weder das Leben, noch die Gesundheit des Mäd- chens gefährdet war, und daß deshalb kein gesetzlicher Grund für das Mädchen vorlag, den Dienst vorzeitig zu verlassen I Wie wir wiederholt dargelegt haben, werden die Eltern gut tun, durch Ver- trag die Kündigungsgründe der Gesindeordnungen aufzuheben, wen» sie ihre Kinder nicht schlecht behandelt und obendrein noch bestraft wissen wollen. j Hilfskassen und ReichsverficherungSordnung. In den Tagen vom 21. bis 23. Juni findet in München die 14. Generalversammlung der Zentralkranken- und Sterbekasse der Zimmerer, eing. Hilfskasse Hamburg, statt. Der Vorstands- bericht konstatiert, daß die besonders im Baugewerbe eingetretene Krisis auf die Kasse eine verheerende Wirkung ausübte. Schloß doch die Kasse im vergangenen Jahre mit einem Defizit von 71 999 Mark ab, eine Tatsache, wie sie seit Bestehen der Kasse nicht zu verzeichnen war. Dazu kommt noch, daß auch die Krankenhaus- kosten, Aerztehonorare bedeutend in die Höhe getrieben wurden. Die Unsicherheit, was mit den freien Hilfskassen in Anbetracht der in Aussicht stehenden Reichsversicherungsordnung werden wird, wirkte lähmend auf die Entwickelung der Kasse und der freien Hilfskassen überhaupt.— Der Reservefonds sollte eine Höhe von 597 226 M. haben; das Vermögen der Kasse beträgt aber nur 334 941 M., so daß in diesem Jahre zur Ergänzung des Reserve» fonds 57 999 M. aufgebracht werden müssen. Zur Deckung schlägt der Vorstand drei Extrabeiträge vor, in der Boraussetzung, daß sich die Baukonjunktnr in diesem Jahre besser gestalten wird. Die Reineinnahme betrug im Jahre 1996 525 775 M,; sie stieg im Jahre 1998 auf 621 283 M., was eine Mehreinnahme von 95 598 Mark ausmacht; dagegen steigerten sich die Ausgaben von 442 944 Mark im Jahre 1996 auf 684 782 M. im Jahre 1993, also um das Zivcicinhalbfache. Die Mitgliederzahl stieg in den Berichtsjahren auf 14 319 männliche und 597 weibliche Mitglieder im Jahre 1998. In den letzten zwei Jahren wurden 94 neue Verwaltungsstellen gegründet und 3 aufgelöst. Der Bericht weist zum Schluß auf den Entwurf der Reichsversicherungsordnung hin, die, falls sie Gesetz werden sollte, den Vorstand veranlassen dürfte, mit gutem K.e- wissen die Aufrechterhaltung der Kasse nicht zu empfehlen. Prämien für Kassenbetrllger.„ Der Unternehmer für Eisenbahn-, Tief- und Betonbau, Ingenieur L. Mildner, Berlin, schuldet der hiesigen Allgemeinen Ortskrankenkasse 414,79 M. an Eintrittsgeldern und Beiträgen. Die von der Kasse veranlassten Pfändungen fielen fruchtlos aus. Die Pfandstücke mußten aus Intervention der Ehefrau des Schuld- ners freigegeben werden. Ein Zahlungsverbot an den Auftraggeber des Schuldners, die Eisenbahndirektion Halle a. S., blieb ebenfalls erfolglos: Mildner hatte seine Forderung bereits einem Kaufmann Lange zediert. Schließlich erstattete die Krankenkasse Anzeige auf Grund des§ 82b des Krankenkassenversicherungsgesctzes bei der Staatsanwaltschaft. Die Anklage erfolgte. Mildner wurde zu ganzen— 15 M. Geldstrafe, eventuell 3 Tagen Gefängnis ver- urteilt. Mit anderen Worten: für den zuungunsten der Arbeiter und der Kasse verübten Betrug wurde Mildner mit 414,79— 15= 399,70 M. belohnt. Erkennen Gerichte auch auf solche Belohnungen, wenn ein Arbeiter dem Arbeitgeber 414,79 M. unterschlägt? Unseres Wissens ist solcher Fall noch nie vorgekommen. Aber— Klassenjustiz gibt es nicht. Die immer mehr sich einbürgernde Prämiierungspraxis gegenüber Kassenbetrügereien, die in der ge- schilderten Art vorgenommen werden, wirken direkt als Begünsti- gung solcher Betrügereien gegenüber Arbeitern und Unter- schlagungen gegenüber der Kasse. Die 414,79 M. Kassenschulden fetzen sich aus rund 499 einzelnen Betrugsfällen gegen Arbeiter zusammen. Denn in soviel Fällen ist den Arbeitern der Lohn um den Kassenbeitrag durch die falsche Vorspiegelung gekürzt, die Bei- träge seien oder wurden an die Kasse gezahlt. Wenn ein armer Teufel einen reichen Mann um einige Mark in ähnlicher Weise erleichtert, so marschiert er flugs ins Gefängnis, im Rückfall ins Zuchthaus. Aber Bauunternehmer und Lieferanten für könig- liche Eisenbahnen werden für Schädigung von Arbeitern um Hun- derte von Mark wie geschildert von den königlichen Gerichten auf Grund der Gesetze behandelt und schimpfen dann um so kräftiger über die ungeheuren„Laste!»"- der Unternehmer. Eine prächtige KleseflschgstKo�jlltLg. ?Zus Inclnftne und Rande!. Preissteigerung im Mai. Im Monat Mai ist der Preis einer Reihe wichtiger NahrnngS- mittel teilweise erheblich teurer geworden. Nach den Zusammen- stellungen der„Statistischen Korrespondenz" ergeben sich folgende Steigerungen: Großhandelspreise: April Mai Weizen, 1 Tonne in Mark.... �» 235 251 Roggen„„„....»» 174 183 Hafer,........ 183 191 Weizenmehl, 1 Doppelzentner in Mark. 32 34 Roggenmehl„«.. 23 26 Kleinhandelspreise: Erbsen, 1 Kilogramm in Mark..Ii 9,36 0,37 Speisebohnen, 1 Kilogramm in Mark., 9,37 0,39 Linsen„„„.. 47 49 Eßbutter„„„,. 256 258 Weizenmehl„.. 38 40 Weißbrot(Semmel)„„.. 54 56 Roggenbrot„„.. 31 32 Schweineschmalz, inländ., 1 Kilogr. in Mark 167 168 „ ausländ.«„„ 136 137 Zucker, 1 Kilogramm in Mark..«. 59 51 Also Preissteigerungen für fast alle notwendigen Lebensinittel. Und die konservativ-zentrümliche Mehrheit bemüht mit Eifer sich, dem Volke die Lebenshaltung noch mehr zu verteuern. Das nennt man arbeiterfreundliche Politik im Staate der agrarisch-Ilcrikalen Herrschaft._ Syndikatspreispolitik. Nach einer Meldung der»Frankfurter Zeitung" sind Vor- bereitungen im Gange, um das im vergangenen Herbst auf- geflogene internationale Aluminiumsyndikat wieder zu rekonstruieren. WaS die Verwirklichung des Planes fiir den Konsum bedeutet, kann man sich nach den„Erfolgen" deS früheren Syndikats ausmalen. Es sicherte den Aluminiumfabrikanten so horrende Gewinne, daß, angelockt von dem Segen, eine Reihe Fabriken entstand, die als Außenseiter dem Syndikat Konkurrenz und für sich glänzende Geschäfte machten- Das führte zur Auflösung der BerteuerungS-Vereinigung und der Preis des Aluminiums, der im Jahre 1997 zwischen 3V«— 4 Mark per Kilogramm schwankte, sank auf IVe� Mark. Nach den der- zeitigen Londoner Tonnennotierungen stellt dort der Preis sich auf 1,29 bis 1,25 M. pro Kilogr., in Paris auf 1,26 bis 1,69 Mark Grundpreis. Tritt das Syndikat wieder inS Leben, werden auch die Preise alsbald kräftig emporschnellen. Blinder Lärm. Die letzte Gesellschaftsversammlung des Kali- syndikats hat beschlossen, die Verhandlungen der Kommission als gescheitert anzusehen wegen Ablehnung ver>chiedener Werke, vor der Kommission zu erscheinen. Vor dem 1. Juli soll eine Generalver- sammlung stattfinden, die über die sofortige Auflösung deS Kali- syndikats Beschluß fassen soll. Die Ankündigung ist wohl nur als Schreckschuß für die Widerspenstigen gedacht. Saatcnstand. Zu dem Bericht über den Saatenstand in Preußen Mitte Juni bemerkt die„Statistische Korrespondenz" u. a.: Die auf eine gute Entwickelung der Saaten gesetzte Hoffnung ist im Berichtsmonat nur teilweise in Erfüllung gegangen. Die allgemeine Witterung war viel zu kühl, und die Niederschläge waren nicht überall eindringlich genug. Wegen der widrigen Witterungs- Verhältnisse des Frühjahrs wurden noch nachträglich Umpflügungen in- folge von Winterschäden notwendig. Ziemlich oft wird über starke Verunkrautung der Sommerung geklagt. Ebenso sollen tierische Schäd- linge in Massen vorkommen. Mäuse sollen im allgemeinen kaum zu bemerken sein. Von Pflanzenkrankheiten werden nur Kleekrebs, Mehl» tau und Wurzelbrand angegeben. Der Stand des WinlerweizenS wird vorläufig nur in Ost- und Westpreutzen sowie in den Regierungsbezirken Stralsund, Posen, Schleswig, Lüneburg, Osnabrück, Minden, Trier, Aachen und Sig- Moringen als befriedigend angesehen. Winterspelz hat sich in Sig- Moringen, wo er am meisten gebaut wird, gut entwickelt. Der Stand des Winterroggens wird vielfach als dünn bezeichnet, auch soll das Stroh fast allgemein zu kurz geblieben sein. Hier und da ist der Roggen vor der Blüte zum Lagern ge- kommen. Winterraps und-Rübsen sollen derart gelitten haben, daß auf eine allgemeine Besserung jetzt nicht mehr zu rechnen ist. Recht ungünstig lauten die Nachrichten über die Futterpflanzen, deren Er- trag oftmals nicht die Arbeit lohnen soll. Die Wiesen sehen hier und da wieder wie im April rot und grau aus. Sommerhalm- und Hülsenfrüchte haben, ausgenommen Roggen, einen ziemlich zufrieden-. stellenden Stand, ebenio Flachs. Hackfrüchte sind nicht überall gleichmäßig aufgegangen, Kartoffeln hier und da erfroren und Zuckerrüben durch Aaskäfer vernichtet, so daß Neupflanzungen statt- finden mußten. Dividenden. Die Mtionäre der Maschinenbau-Akt.-G.- vorm. Bilk u. Henkel in Kassel erhalten für das letzte Jahr 11 Proz. gegen 19 Proz. im Vorjahre.— Bei erhöhtem Aktienkapital schüttet die Elektrizitäts-A.-G. vorm. Lahmeyer u. Co.-Franksnrt für das letzte Jahr 6 Proz. Dividende aus, im Vorjahre 7 Proz. Produktionseinschränkung in der Glasindustrie. Der Verband Schlesisch-Lausitzer Tafelglashütten G. m. b. H. zu Weißwasser O.-L.. dem sämtliche Fensterglasfabriken der Ober- und Niederlausitz mit Ausnahme dreier Werke angehören, hat in seiner letzten Mitglieder- Versammlung beschlossen, mit Rücksicht auf die gesamte Marktlage durch eine Betriebsaussetzung für sämtliche Hütten die Produktion mit dem Absatz in Einklang zu bringen. Wie dazu mitgeteilt wird, soll die Erzeugungseinstellung zirka vier Wochen andauern. Offensichtlich wollen die Fabrikanten durch die Maßnahme eine Preissteigerung vorbereiten. BetrievSreduktiou. In Verfolg deS BeschlusieS deS im Mai in Mailand abgehaltenen VaumwollkongresseS. eine internationale Betriebseinschränkung zu organisieren, hat jetzt die Vereinigung der englischen Baumwollspinner ihren Mitgliedern den Vorschlag unter- breitet, in den Spinnereien, welche amerikanische Baumwolle ver- arbeiten, in der Zeit vom 19. Juli bis zum 27. September an jedem Sonnabend und Montag die Betriebe stillzulegen. Ein Still- stand der Spindeln von 186 Stunden während der Monate Juli, August und September ist ebenfalls in Aussicht genommen. Gerichts-Zeitung In Jandorfs Warenhaus am Kottbuserbamm hakte sich ein stürmischer Auftritt abgespielt, dessen' Einzelheiten am Montag bor dem Amtsgericht Bcrlin-Tempelhos in zwei Verhand- lungen erörtert wurden. Der Handlungsgehilfe I., der in der Fleischabteilung als Ver- käufer beschäftigt wurde, hatte die Unzufriedenheit des Abtcilnngs- Vorstehers Kleinert erregt, war von diesem aus der Abtcklung hin- ausgewiesen und dann von dem Geschäftsführer Led»? entlassen worden. I. meint, der Anlaß der Streitigkeit sei der gewesen, daß er einer Kundin beim Verkauf von Kasseler Rippespeer 5 Pfennig abgelassen. Nach de? Darstellung von Kleinert aber) hätte I. eine Kundin unhöflich behandelt und wäre hinterher ihm und dem Geschäftsführer ungebührlich entgegengetreten. I., der aus der in einem oberen Stockwerk gelegenen Abteilung unter Anwendung von Zwang die Treppe hinuntergebracht worden war, klagte gegen Leo» und Kleinert wegen wörtlicher bezw. tätlicher Beleidigung. Levy sollte mit Bezug auf I. gerufen haben, man möge ihm„den Fungen" herbringen. Kleinert sollte I. gepackt und gestoßen haben, 1« dgß L, blsvs FUis dAvSKtZllg. Die awa« Affäre, die sich Mitte Mörz abgespielt balle, wurde StnfaTtg April in einer öffenilichLft Handlungsgchilfenvcrsammlung zur Sprache gebracht, an der auch Angestellte der Jandorfschen Warenhäuser teilnahmen. Die Mit- teilungen, die dort gemacht wurden, erregten lebhafte Entrüstung. Erst nachher wurde dann auch gegen den entlassenen I. borge- gangen. Vom Abteilungsvorsteher Kleinert, der hierzu von der Firma Jandorf Vollmacht erhalten hatte, wurde Anfang Mai gegen I. Anzeige erstattet. I. bekam ein Strafmandat über 10 Mark, weil er in Jandorfs Geschäftsräumen ohne Befugnis verweilt und auf Aufforderung des Abteilungsvorstehers sich nicht entfernt habe. Er erhob Wider- spruch und stand nun vor dem Amtsgericht Verlin-Tempelhof als Angeklagter, um richterliche Entscheidung entgegenzunehmen. Zu seiner Verteidigung führte er an, Kleinert habe nicht gesagt, er sei entlassen, sondern nur, er solle'..runtergehen". Kleinert, der in dieser Strafsache als Zeuge gegen I. auftrat, versicherte, das habe bedeutet, daß er entlassen sei. I. sei aber nicht gegangen, son- dern habe gelärmt, so daß Kleinert ihn habe am Arm nehmen und bis an die Treppe stoßen müssen. Auf des Vorsitzenden Frage, was denn I. nach der Aufforderung„runterzugehen" habe tun sollen, antwortete Kl.: ,,Na, auf die Straße gehen!" Der Vorsitzende wunderte sich über die formlose Manier, einen Angestellten zu ent- lassen. Nachher mußte Kl. zugeben, daß das Recht zu entlassen, gar nicht ihm, sondern dem Geschäftsführer zustand. Ein„Aufsichts- Herr" L. bekundete noch, daß I. zunächst, obwohl auch der Geschäfts- führer ihn aufforderte„runterzukommen", immer wieder in die Abteilung hineingewollt habe, später aber ruhig mit ihm, dem Zeugen, hinuntergegangen sei. Hiernach beantragte der AmtS- onwalt selber die Freisprechung, weil die Nichtbefolgung der Auf- forderung„runterzugehen" noch kein Hausfriedensbruch sei. Mit gleicher Begründung wurde voüi Gericht auf Freisprechung erkannt. Nachher hatte dasselbe Gericht zu entscheiden über J.s Bclei- bigungsklage gegen Kleinert und Levh. Der Beweis, daß Levy geschimpft und Kleinert geschlagen habe, gelang nicht. Beide An- geklagten bestritten es. Eine Angestellte Frl. R. sagte aus, der Streit zwischen I. und Kleinert sei wegen einer Preisdifferenz von b Pf. entstanden. Kl. habe I. angefaßt und hinausgeschoben. Ein Fräulein M. bestätigte, Kl. habe I.„beim Kragen genommen und rauSgeworfen". Beide Zeuginnen hatten nicht gesehen, daß Kl. auch geschlagen habe. Ebensowenig hatte der„Aufsichtsherr" L. gehört, daß Levy geschimpft habe. Auf J.s Versicherung, er sei von Kl. gegen einen Pfeiler gestoßen worden, erwiderte der Vor- sitzende(derselbe, der die vorherige Verhandlung geleitet hatte): „Was soll man mit Ihnen machen, wenn Sie lrakcelen!?" Die Angeklagten forderten ihre Freisprechung, und das Gericht beschloh so. Wenn I. angepackt worden sei, weil er sich ungebührlich bc- nommen hgbe und entfernt werden sollte, so sei das leine Beleidi- gung. Bürgermeister und Hilfsbeamter. Dieser Tage wurden vor dem Schwurgericht in Natibor hinter- einander zwei ähnlich liegende Anklagen wegen Unterschlagung im Amte verhandelt. Die erste richtet sich gegen den Kassenschreiber und Hilfsoollziehungsbcamten Karl Probet, die zweite gegen den Bürgermeister Oskar Knappe aus Altberun. Der Hilfsbeamte halte Beträge in Gesamthöhe von W M. unterschlagen, von denen S!8 M. später gedeckt sind. Er will aus Not gehandelt haben. Er ist Vater von 5 Kindern und bezog ein Monatsgehalt von 104,50 Mark. Der Familienvater und Hilfsbeamte erhielt 1 Jahr Gc- füngnis. Der Bürgermeister hatte als Stadthauptkassenrendant von Baucrwitz die Steuerzahlung eines Steuerzahlers in Höhe von 242 M. nicht gebucht. Der Betrag wurde später„von unbe- kannter Seite"(vom Angeklagten selbst?) eingesendet. Als er Bürgermeister in Altberun geworden war, stellten sich fernere Fehl- betrüge in Höhe von 1700 M. in Bauerwitz heraus. Der Ange- klagte gibt zu, die Beträge nicht gebucht zu haben, will aber eben- soviel Kassendefekte gehabt haben. Das Schwurgericht sprach den mit einer wohlhabenden Familie vcrschivägerten Bürgermeister frei. Warum war der Hilfsbeamte nicht Bürgermeister— dann wäe er vielleicht auch freigekommen. Ssanin. Ein literarischer Prozeß, bei dem ein großer Apparat literari- scher Sachverständiger in Tätigkeit trat, beschäftigte gestern die vierte Strafkammer des Landgerichts II unter Vorsitz des Land- gcrichtsrats Binotta. Es handelte sich um den inoderuen russischen Sitketiroman Ssanin von M. Artzibaschew, der in höllischer llebersetzung in der Schreiterschen Verlagsbuchhandlung erschienen ist. Der Inhaber der letzteren, Buchhändler Gabriel Hendelsohn in Wilmersdorf hatte sich wegen Verbreitung einer unzüchtigen Stfrist zu verantworten. Ein Haufen Sachverständiger war geladen. Der Roman in der Goldenringschen llebersetzung ist seinerzeit beschlag- nahmt worden. Anfänglich hatte der Staatsanwalt das ganze Werk als unzüchtig bezeichnet, tveil es„seiner Tendenz nach Haupt- sächlich den Lebens- und Geschlechtsgenuß propagiere" und in ein- zelnen Partien in schamlosester, unverhülltester Weise den Verkehr zwischen Mann und Weib schildere, um ohne Zweifel geschlechtliche Reize zu erwecken." Nachdem Rechtsanwalt Dr. Halpert den Beweis geliefert hatte, daß der Ssanin(bei Georg Mueller-München erschienen) nach Anhörung der dortigen Sachverständigen vom Mün- chcner Landgericht durch Gerichtsbeschluß freigegeben ist, hat die Staatsanwaltschaft den ursprünglichen Standpunkt geändert und erblickt die Unzüchtigkeit gerade in der borliegenden llebersetzung. Ais gerichtlicher Uebersetzungs-Sachverständiger für die russische Sprache fungierte Geh. Reg.-Rat Brandt. Vor Verlesung des Ro- mans beantragte Staatsanwalt Berlin den Ausschluß der Oeffent- lichkeit wegen Gefährdung der Sittlichkeit. Rechtsanwalt Dr. Hal- pcrt widersprach diesem Antrage nachdrücklichst. Das Gericht be- schloß jedoch, die Oeffentlichkeit während der ganzen Dauer der Verhandlung auszuschließen. Der Staatsanwalt Berlin Plädiert aus subjektiven Gründen für die Freisprechung des angeklagten Verlegers, jedoch für die Beschlagnahme des Buches, während Rechtsanwalt Dr. Halpert in längeren Ausführungen für die Freigabe des Romans«intrat. Das Gericht kam zur Freisprechung sowohl nach der subjektiven, als nach der objektiven Seite hin. Das Werk, welches sich an einen gebildeten Leserkreis wende, habe die Tendenz, ein Bild aus dem Kulturleben Rußlands zu geben. Es kommen darin Stellen vor, die eine große Menge unsittlicher Dinge berühren, diese Stellen nehmen aber in dem großen Rahmen des Romans nicht einen so breiten Raum ein, daß der Gesamtcharakter des Romans zu einem unzüchtigen umgewandelt wird. Nach dem Gutachten der Sach- verständigen handelt es sich um ein literarisch wertvolles Werk und auch der Sachverständige Nordhausen habe gesagt, daß sich in dem Werke ein starkes ethisches Talent zeigt. In diesem kultur- historischen Werke konnte das gegen den Hauptcharakter des Ge- samtwerkes erheblich zurücktretende Erotische nicht ganz umgangen werden, wenn das Gefühlsleben der russischen Jugend zutreffend geschildert werden sollte. Der Schriftsteller sei allerdings darin weit gegangen und es werde eine ganze Anzahl von Menschen geben, denen er zu weit gegangen ist. Aber ein Mensch von nor- inalcm Empfinden, der imstande ist, das Werk als Ganzes, als Kunstwerk aus sich wirken zu lassen, werde an den inkriminierten Stellen nicht den Anstoß nehmen, als ein besonders Empfindlicher. Der Gerichtshof konnte das Werk nicht als ein unzüchtiges be- trachten._ Eine„gräfliche" Kindesentführung. Unter der Anklage der Kindesentführung hatte sich am Sonn- abend nachmittag vor der Strafkammer IV des Landgerichts Ham- bürg die Gräfin Auguste von Strachwitz-Berlin zu verantworten. Die Angeklagte ist als neunzehnjähriges Dienstmädchen nach Ham- bürg gekommen, heiratete bald einen Schneidermeister, welcher Ehe eine Tochter, jetzt 17 Jahre alt, entstammt; aber bereits im fol- gcndcn Jahre wurde die Ehe geschieden, weil die damalige Frau Meisterin vom Pfade der ehelichen Tugend abgewichen war. Sie ging nach Berlin, wurde Masseuse und heiratete schließlich den ge- strandeten Grafen von Strachwitz, der seinerseits die Ehe gebrochen l>aben soll, weshalb auch diese Ehe geschieden wurde. Der auf der Straßenbahn verunglückte Graf Strachwitz ist von seinen Verwandten in einem Kloster untergebracht worden. Im Jahre 1007 brachte Gräsin Auguste heimlich das Kind aus erster Ehe an sich, reiste mit ihm nach Luzern, Venedig und Vkonte Carlo, wo sie ihr letztes Geld verspielte, und brachte dann ihre Tochter in einem Schwesternheim in Frankfurt a. M. unter. Mit Hilfe der Polizei hat der in Hamburg lebende Vater des entführten Mädchens dieses an sich gebracht. Ein Teil der Vorgänge wird unter Ausschluß der Oeffentlichkeit verhandelt. Die Angeklagte, die sich jetzt als „Schriftstellerin" bezeichnet, wurde zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt. Ihr Verteidiger. Rechtsanwalt Halpert-Berlin, hatte Freisprechung beantragt, indem er hervorhob, daß die von Mutter- liebe getriebene Angeklagte das Kind nicht„durch List" an sich gebracht habe. Hue der frauendeievegung. Zur Berichtigung der Frau Camilla Jellinrl schreibt unZ unser Nürnberger Korrespondent: In der Versammlung in Nürnberg wurde von einer Rednerin ausgeführt, daß Frau I. auf dem letzten Frauen- tage die Kellnerinnen als Verführer der Studenten und vieler braver Ehemänner hingestellt und als Heilmittel die gänzliche Aushebung des KcllnerinnenberufS empfohlen habe. Die Versammlung loar ja auch gerade deshalb einberufen, um gegen die Auslassungen der Frau I. zu protestieren. Sie berichtet weiter, eS sei unwahr, daß man ihr entgegengehalten habe. daß. wenn die Prostitution unter den Kellnerinnen so verbreitet sei, daran die Ausbeutung durch die Unternehmer die Schuld trage usw. usw. Die in den betreffenden Sätzen angeführten Tatsachen wurden ihr in der Nürnberger Ver- sammlung von der Refcrentin tatsächlich entgegengehalten. Wenn diese„Daten" einer Broschüre der Frau Jellinek entnommen sind, so hat eben die Nürnberger Referentin die Forderungen der Dame durch ihre eigenen Worte entkräftet._ Der mährische Landesausschnß und die Frauen. Der Mährische Landesausschuß hat einen Erlaß veröffentlicht, der den Mädchen die Teilnahme an dem Unterricht der Gymnasien untersagt, der ihnen bisher gestattet war. In der Begründung heißt es: Die Mädchen könnten einst mit den Maturitätszeugnissen kommen und vom Landesausschuß verlangen, daß man sie in den Landesämtern versorge, und da müsse man das starke Geschlecht vor diesem drohenden unlauteren Wettbewerbe schützen. Mit anderen Worten: die Männer des Bürgertums beginnen die Konkurrenz zu fürchten und wollen den Frauen deshalb den Weg zur höheren Bildung versperren. Sie drängen dadurch die Frauen in jene Berufe ab, wo ihre Vorbildung keine qualifizierte sein mutz. Hier aber verdrängen sie die Männer um so mehr. In den Kontors, in den Postämtern und den Bahnbetrieben wächst die Zahl der Frauen. Es nützen derartige reaktionäre Verbote nichts, die Frauen werden sich allen Hemmnissen zum Trotz im Erwerbs- leben durchsetzen._ AuS der österreichischen Arbeiterinncnbcwegung. Um die Agitation in den kleinen Orten und in den Dörfern zu fördern, veranstalten die Genossinnen Konferenzen, zwecks Meinungsaustausch und An- knüpfung von Verbindungen. Es fanden in letzter Zeit derartige Konferenzen in Teplitz, Aussig und Graz statt. Für Reichenberg und Umgebung ist eine derartige Konferenz für den 4. Juli einberufen worden. Diese Kleinarbeit wird gewitz sehr gute Früchte tragen, schon weil durch sie immer neue Kräfte für die Agitation gewonnen werden. ES wäre nur zu wünschen, datz überall derartige Konferenzen ver- anstaltet würden._ Leseabende. Lankwitz. Mittwoch, den 23. Juni 1909, bei Ebel, Marlenfelder Strohe 9, Schlutzvorlesung:„Die Frau und der Sozialismus" von Bebel. Ocffentliche Versammlung aller aus dem Schlachthos deschästigten Engros-Schlächter und Darmarbeiter heute abend 6 Uhr im Elystum, Landsberger Allee 40—41._ WasserftandS-Nachrtchtm der LandeSanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wettcrbureau. *)+ bedeutet Wuchs,— Ja!!.—•) llnterpegel. Sunlichr Seife is!- seitol* bis in die kleinen und kleinsten Orfschafren des Reiches gedrungen. Die sorgsame Hausfrau wird sich freuen.diese in ihren Eigenschaffen immer gleich» Dleibende.zuverlässige freundin auch überall in derSommerfrische zu finden.Man besiehe ober immer auf Ausfolgung des Qrig jnaJfaferiKotes,u,.vyei5je anderes zurück IM*-______ Für den Inhalt der Inserate übernimmt die ittedaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. Zbeater. Dienstag, de» 22. Juni. Ansang TJu Uhr. Neues königliches Opernthcater Fidelis. Anfang S Uhr. Deutsches. Gelbstern. Kammerspiel«. EM Skan- dal in Monte Carlo. Lessing. Die Dollarprinzessin. Berliner. Ein Herbstmanöoer. Schiller O.«Wallner- Thealer.) Madame Bonivard. Schiller Eharlottcnburg. Der Biberpelz. Ncncs Schauspielhaus. Mahö. Friedrich- Wilhelmftädt. Schau- spielhaus. Zar uud Zimmer- mann. Komische Oper. Demimonde. Reueö. Tricoche und Cacolet. Thalia. Im Casö Noblesse. LustsPielhauS. Der sesche Rudi. Kleines. Moral. Hebbel. Die Welt ohne Männer. Neues Operetten. Die Sprudelfee. Berliner OPeretten-Theater SW. Das Teuselsweib.(Ans. 8'/, Uhr.) Suis«». Besiegt. FolieS Caprice. Drei Frauenbüte. Der Deserteur usw. Ans. 8'/4 Uhr. Metropoi. Die oberen Zchntausend. Bernhard Sioje. Das Mädchen ohne Ehre. W. NoackS Theater. Die oberen Zehntausend. Apollo. Hartsteln. Er oder Er. Spezialitäten Wintergarten. Spezialitäten. Carl Havrrland. Spezialitäten Bassage. Spezialitäten. Walhalla. Spezialitäten Reichshallen. Stettiner Sänger. Der Kompagnieball. Urania. Tniivenftrasse 48/49. Abends 8 Uhr: Rom und die Campagnn Sternwarte, Jnvalidenltr. 67/09, Lessing-Theater. Gastspiel d. Neuen Operetten-ThcaterS. Ansang 8 Uhr. Vkv EterHnei* Theater. Gastspiel-Operetten-Theater. Täglich 8 Uhr:"VO Ein Hcrbstnianttver. Heues Theater. Abends 8 Uhr: Tricoche und Cacolet. Morgen und folgende Tage: Tricoclie und Caeolet. Neues Kgl. Opern-Theater(Kroll). Gura-Oper ffidell®. Oper in 2 Aufzügen von Ludwig v. Beethoven. Anfang 71/, Uhr. Mittwoch: Oer fliegende Holländer. Donnerstag: Die Meistersinger*on Nürnberg. Freitag: Mad. Butterfly. Neuen Operetten-Theater, Schijjbauerdamm 25, a. d. Luisenstr. Abends 8 Uhr: Die 8pru«ieifee. Operette in 3 Alten von H. Reinhardt. Lustspielhaus. Abends 8 Uhr: Der fesche Rudi. Friedricli-Wiltielnistädtisclies Schauspielhaus. Dienstag, den 22. Juni, Ans. 8 Uhr: Zar und Zimmermann. Mittwoch: Der Freischütz. Donnerstag: König für einen Tag. Freitag: Der Trompet. v.SäMngcn. KMtUPROaMT B Gr. Franksurter Str. 132. SwendS 8 Uhr Das Mädchen ohne _ Ehre._ bDU Eommerprelse.-MM Aus der Gartenbühne u. a.: Berlin auf Stelze» mit Willi Ag o st on. Spezialitäten.— Ansang 4';, Uhr. Hetropol-Theater Die oberen Zehntausend. Amerifc Operette v. JuL Freund. Musik v. Grast. Kerker. In Szene gesetzt von Dir. Bich. Schultz. TSnze von Mr. Bishop. Anf. 8 Uhr__ Rauchen gestattet. W.JYoacks Theater Dtreltton: Hob. 01». Lrunnenstr. 16. Im schattigen Garten, bei Regen im Pracht-Thcatersaal: Die obklkll Zehntausend. Neues Spezialitätenprogramm! Konz. 5, Ans. 6 Uhr, Entree 30 Pf. Während und nach d. Borst.: Ball. Raiithk Lord Mayor fioarekten Brunnen-Theater Badstrahe 58. Diveltion: Willi Voigt Heute sowie täglich: X Erstklassige Spezialitäten' X Novität! Movitätl Die Spreewald- Käte. Gr. AuSstatwngS-VollSstück mit Ge- sang u. Tanz in 4 Att. v. Hoffmann. Kasseneröffnung 2 Uhr. Ans. 4 Uhr. VolllSMtell-sdesler früher Wcimauns Volksgarten. Am Bahnhof Gefundbrnnue». Täglich: Konzert, Theater uud Speztalitäten-Vorstellung. lieojpold Bonner prolongiert Trudi Hagen— The Hurellos— BorgaB— Oarley— La belle Liane— Fräres Canon. Spree-Athener, Bollsstück mit Gesang in süns Bildern von Reislingen. Tfi Weinbergsweg 19-20, Rosenth.Tor. j Ansang 8 Uhr. Im Theater: Die grandiosen Spezialitäten. | Im Garten: Frei-Konaert. Zephaor Luftflug. Theaterbesuchern steter Eintritt. M-IWcs Moabit. Alt-Boabit 47/48. Täglich: Spezialitäten und Theater- Vorstellung. Ans. d. Vorstellung wochentags 7 Ubr, Konzert 6 Uhr. Sonnt. 6 bczw. 5 Uhr. Gartcncröffnnng 3 Uhr. Jeden Montag Elitetag, SPezia» litäten und Soiree der»Lustigen Sänger". Bei Regenwetter Vorstellung im großen Theater«Saal. puhlmanni ilaSÄlTheatt 1 1 Vollständig neues Programm! I Täglich:€iroße Theater- u. Spezlalltäten-YorsteHung. Papas Junge oder: Häuschen. X Im Krug zum grllnen Kranze. X Die l>allesprinscHttin. Omer-Sait Trio, The HerOj Luflakt, Otto Bayer, Bornhard Trio usw. Beg. d. Konz. 41/,, d. Borst. 5'L Uhr. (l&p Großer Ball."WG Berliner yih-Trio. Felix Scheuer 8tr&iSIUlllOI8U.l 8 Uhr: Das Aufsehen erregende Progr. 8" Jean Paul mit neuen Schlagern. 915 Yankee Dooille Girls. ;»«iensch oder Affe??? S» Uhr- 9" Uhr: Kartstein in seiner£fM. Fm Burleske»ber C,D,,b Neues Programm! Die schaumgeborene Venus „Sa Via" in ihrem Phantasie-Tanz:«Der Wellen Geist" sowie 12 sensationelle Juni- Attraktionen 12 Reserviert. Platz 2 M. Entree 1 M. (einschl. Programm U.Garderobe.) Passage-Theater. I Abends 8 Uhr. Willi Prägers The York Siefers i and das glilnzoudo| Smi-froaratml Vfl® Varietes 41«* l E»Sensationen BÄ»> Fassag e- Panoptikum, s Lebend! Die letztsi! weililieliei! Wesen vom Stamme der Jlzfeken! Gr.Schaustellungen Vitascop-Theater usw. Alles ohne Extra-Entree. Nene Welt Hasenheido 108/114. Große SpemütäteiMrsteliiiiiij. Besond. gewähltes Programm. Kur erste Kräfte. €rP. Konzert. Anf. 5 Uhr, Sonntags 4 Uhr. Entree 25 Pf. Jod. Mittw.: Kindorfreudenfest. Gratlsvcrlosnngen. Jeden Donnerstag: Elitetag. Monstre-Fcnerwcrk. Urania. Wifisenschaftliches Theater. Taubenstraße 48/19. Abends 8 Uhr: Rom und die Campagna. Reiclislialien-Tiieater. ür Singer . sei, Britton, SclTrader nsw.) Ansang wochentags 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. ai: P I J Kerlmer Prattr-Thratkr Kastailienallee 7—9. Täglich: Zl»n lebt ja aar einmal Lpezlalitäten ersten Ranges. Bonsiert and Ball. Anfang i'/j Uhr. Max Kllems Somiiier- toter imd Festsäle Rudolf Krüger Hasenlieide 13/15. Täglich:-WA Großes Konzert, toter und Spezialitäten-Yorstellüiig. Art. Leitung: Walter Gravenitz. Jeden Donnerstag: K 1 1 t e t a g. ZSährend und nach der Vorstellung Lansiki-Un�olien. hlederner Verxnügungs- Park im Alten Bolaniseken Garten, Potsdamer Sfr. 75. WHITE CITY Dienstag, 22.Juni: 25. Konzert des verst. Karl Zin:mer-Orchoster. Dirigent: Karl Zimmer S. Translalour Spezialilalen, Vorstellung Eintr.: 2S Pf. Anf. 7 Uhr. ZtuuücizcncR CARTEN Täglich ab 4 Uhr: Eintritt 1 M., j von abends 6 Uhr ab 50 Pf. I 1 Kinder unter 10 Jahren die 1 Hälfte. yecooooowoooooöog I Schweizer- Garten§ S Am Königstor. Am FriedrichsHain$ Ca Haltestelle der Strajzcnbahn M ' 1. 2, 4, 17, 59, 62, 74 u. Q. TJi nII«,U Ansang 4 rcsv- 5 Uhr J TagilGll Eotree DO PL Neues Theater- u. t Spezialitäten- Programm. iBailu. Volksbelustigungen.; Etliche Sonnabende an Voreine zu vergeben. 09604 Landsberger Allee 40/41, Ecke Petersburger Straste. Heute sowie täglich-WI im prachtvollen Naiurgarten: Vorstellung adwcchsclud von drti der dlstrtlioinmltrttjiku SiiiigerrleseUsch nsten. Nsrlsglirlen Blxdorr, Karlsgartenstr. 6—11. X Prad)tvollcr aller Naturgarten. X Sonntags: EkOZUZCM0!» Konzert u. DlO IllStlgOI! KälSM. Mittwoch,: Gr. Kinderfest, Konzert u. Spezialitäten- Vorstellung. fluider 10 Vf., wosür Schärpe oder Mütze verabreicht wird. Kimigstadt-Kasmo. Ho!zmnrk!lir.72(EckcAiexandersir.) Tögl. i herrl.Natn r-Sommergarten bei ungünstiger Witterung i. Saale. Gr. Tbealer- u. Spez- Vorstellung. Der Liebestrank. �ÄeS Bonnfte X Burry X Duett Wallenborg usw. und crstflassige Spez. Aus. wochent. 5, Soniiiags 8 Uhr. Ismmo Volkspark-Ibeater UUllilllu Landsberger Allee 74/77. Große Vorstellung des üheiniscbeD KDnstler- Ensembles nebst Austreten erstfl. Speziaiitälen. Zum ersten Male in Berlin. Jeden Mittwoch: Kinderfest. Vereitts-Srauerei Rixdorf, Hermannstr. 214/219.[ Oekonom: Max Wendt. T liglich: Gr. Militär-Konzert. Jeden Plcnstag: Gr. BMer-frtiUciiMi j Entr.lb Ps. Mütze od. Schärpe grat. I Orts- Krankenkasse für das Gewerbe der Tischler und Pianoforte- Arbeiter zu Berlin. Bekanntmachung. Den Mitgliedern obiger Kasse zur gcsälliacn Kenntnisnahme, dag das Kassenlofal vom 1. Juli 1909 ab aus Zwcclmäsugfciisgründcn nicht mehr von 8—1 Uhr, sondern nur von 0—1 Uhr geöffnet ist. 146b Ber Vorstand. Wenn Sie von hartnäckigem Hautjucken befallen sind, so daß Sie, durch den übermächligen Neiz gepeinigt. Arme und Beine mit den Nägeln bearbeiten müssen und leinen Schlaf finden, vcr- schafft Ihnen l»i-. Kochs Kfihl- «albc sofort Erleichterung. Tops a 3 M. Berlin D.: Neichsadler-Apoih., Groffe Frankfurter Straffe 134. SO.: Admiral- Apotheke. Stdmiralsteaffc 3t. N.: Arcona-Apothcie, Arconnpiatz 5. V/.: Krone»-Apoilr, Fricdrichstr. 160. f Leihhaus Golcgenhcitskäufa verfall. Gold- und Slibersaciien, Brillanten etc. �kolit�Prinzenstr.Zß1, Schiller-Theater. Schiller-Theater 0.(Wallner-Theater.) Mudame Bonivard. Schwank in 3 Akten von Alexander Bisson und Antonh Mars. Ende 10'/, Uhr. Morgen und folgende Tage: Badame Bonivard. Schiller-Theater CharlottenburB. Der Biberpelz. Eine Dicdcsfomödie in 4 Alien von Ecrhart Hauptmann. Ende 10'/, Uhr. Morgen und folgende Tage: Der Biberpelz. Verbanil n« baugewerbl. Hilfsarbeiter Deutschi. Zweigvorcin Berlin und Umgegend. (Lelltlon cker Ltslcvr.) Achwng! Kollegen! Achtung! Donnerstag, den 24. Jnni, abends 8V3 Uhr: Außelmhtutl. Miiglitder- VersiliiiWliiiig siiiistlilljer Stnker Kerlins nud Wgkgend im Gewerkschaftshaus. Engelufer 15 Patent- Medizinal• Seife meist sofortige Linderung des Juckreizes, wenn der dicke, crßmeartige Schaum,.wie in der Gebrauchsanweisung vorgeschrieben, nach dem Waschen einige Zeit auf den betreffenden Stellen liegen bleibt. Es kommt nämlich hierbei darauf an, die durch das üobol entarteten und massenhaft absterbenden Hautteilchen. zu beseitigen und dadurch den ein starkes Jucken erzeugenden Hautreiz zu stillen, die Haut zur Neubildung anzuregen und Nässe, sowie Borken auszutrocknen. Wird S5 a c k e r' s Patent- Mcdizinal-Seife längere Zeit angewendet, so tritt zumeist bald eine lebhafte Abstoßung der obersten Hautschicht ein, und eine neue, gesunde, zarte Haut kommt zum Vorschein. Dieselbe wird dann zweckmäßig mit einer hervorragend guten und milden Hautcr6me, die aber nicht fetten soll, längere Zeit bestrichen, bis sie einer besonderen Behandlung nicht mehr bedarf. Am besten hierfür ist die Znckj>oh Creme geeignet. Man beachte folgende Unterschiede bei Bestellungen: Zueker's Patcnt-Mcdizinal-Selfc, 85°/0lgr, ist die am stärksten wirkende Form, auch ist das Seifonstück am größten. Preis pro Stück M. 1,59. Zackcr's Patent- Medizinal- Seite, 15°/,{g, steht in Wirkung wie Quantum etwas nach und kostet pro Stück M. 9,o0. Dazu gehörige Znck«o]i-Cp6nie(nicht fettend), die Perle aller Hautcremes. Preis pro Tube M. 2,—, kleine Tube M. 0,75. In allen Apofliellen, Drogerieii, Parfiierieo ele. zu Saßen. Man achte jedoch auf die ausschließlich von uns in den Handel gebrachte Original-Packung und lasse sich niemalo überreden, sogenannte„Ersatzmittel" zu nehmen. Weder für Xu cker's Patent- Medizinal- Seife, noch für Znckooh- Crcauo gibt es einen Ersatz. Zucker& Co., Berlin, Potsdamer Str. 73. ■ ft' i! v MM v-i'.t-N r>•,> .(fft-X MM Arbeitsnachweis: Hoj I. Amt 3. 1239. Verwaltungsstelle Berlin. Hauptbureau: Charitsslrafie 3. Hos III. Amt 3, 1937. Mittwoch, den 23. Junis Bezirks- Versammlungen für Stralau*Runimelsburg: Markgrafen- Säle, Markgrafen» dämm 34, abends 8'/, Uhr. OstensLIchtenberg: LItfins Festsäle, Memeler Straffe 67, abends 8'/, Uhr. LÜckSN» Im Lokal„Reichenbergrr Hof", Rcichmberger Straff« 147, abends 8'/, Uhr. Lücken! Im Lokal„Südost*, Waldemarstraffe 75, abends 8'/, Uhr (Fortsetzung der Versammlung von Graumann, Naunhnstraffe). Rlxckorf: Hoppe, Hermannstraffe 49. Westen und Schöneberg: Wieloch, Grunewaldstraffe 110, abends 81/, Uhr. Charlottenburg: Bolkshans. Rosinenstraße 8. Moabit• Kronen-Brauerei, Alt-Moabit 47/49, abends 81/, Uhr. Norden S Frauke. Badstraffe 19, abends 8'/, Uhr. Tagesordnung in allen Versammlungen: FortsetzuilgderDlskusßollubtrdieKeschWederhambnrgtr Generalversamiulllug. ------- Ohne Mitgliedsbuch hat niemand Zutritt.------- Mittwoch, den 23. Juni 1909, abends 7 Uhr: Große Versammlung aller in der Zchraubenbranche beschäftigte« Arbeiter und Arbeitemuell in Graamannd FeststUen, Naunhnstr. 27. TageS-Ordnung: 1. Bericht vom Berbaudstay i» Hamburg. 2. Diskussion. 3. Neuwahl zur Agttationslommisston. 4. VerbandSangelcgenheiteu. 5. Branchenangelegenheiten._ Mittwoch, den 23. Juni, 1909, abendS 8'/, Uhr: Branchen- Versammlung der Drahtarbeiter Berlins«»d Umgegend . im Gewerkschaftshang, Engeluser 15, Saal 3. 1 TageS-Ordnung: 1. Vortrag deS Genossen Jäckel über:„Gewerkschaftsdemokatie und Klafsenkauipf�. 2. Diskussion. 3. Branchenangelegenhetten. äitel Graveure m Ziseleure! Mittwoch, den 23. Juni, abends 8'/, Uhr: Ncrslimmluiig der Graveiirc und Ziseleure im Breodenor Garten, Dresdener Straffe 45. TageS-Ordnung: i. Bericht vom Berbandstng in Hamburg.(Referent: floflmsistsr.) 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Zahlreichen Besuch obiger Versammlungen erwartet Die Ortsverwaltuff. Kollege Wegen L-uartalsschluft bleibt da» Bureau ber Krankenkasie am Mittwoch, den 30. Juni 1909, den ganzen Tag geschlossen und erhalten die Kollegen für diesen Tag schon am Dienstag, den 29. Juni, ihre Unterstützung. Auch werden alle Kollegen, welche Kraiikenuntcrstützung beziehen, gebeten, ihre Unterstützung bis zum 29. Juni abzuheben, da sämtliche Mitgliedsbücher nach dem am 1. Juli 1999 in Kraft tretenden Statut berechnet werden müssen. Ausgenommen davon sind diejenigen, welche sich in Krankenhäusern und Heilstälten bejinden und nach Beendigung der Kranlheit ihre Unterstützung abheben. 118/29 Die Ortsverwaltang. Stellmacher. Donnerstag, den 24. Juni, abends 8'/r Uhr: Große Branchen-Versammlung im Rosenthaler Hof, Rosenthaler Straffe 11/12. TageS-Ordnung: 1. Vortrag deS Kollegen Kiftner vom Hauplvorstand. S. Branchen- angelegenheiten._ 86/2 Modell- und Fabriktischler und Modelldrechsler. Donnerstag, den 24. Juni, abends 8 Uhr: Sran eh en»Versammlung im BerbandöHanS der Gastwirtsgehilfen, Gr. Hamburger Str. 18/19- TageS-Ordnung: 1. Arbettszettverschlebiing und Lehrlmgswcsen. L. Verband?- und Branchenangclegenheiten. 3. Verschiedenes. Jalousien-Arbeiter. D-nnerötag, den 24. Juni, abends S'/a Uhr: Sranehen» Versammlung bei Anto» Bocker, Weberstraffe 17. Tages-Ordonng:» 1. Bericht deS Obmannes. 2. Unsere gegenwärtige Lage in der Branche. Bürsten- u. Plnselmacher Berlins. Mittwoch, den 23. Jnni, abendS 8 Uhr: Kranehen»Versammlung im Lokal von F. Prcuff. Holzmarlistr. 66. Tagesordnung: 1. Vorlrag deS Kollegen H. Waldmann über:»Die neue Reichs» versicherungSordnung". 2. Brancheiiaiigelegenheiten. 3. Verschiedenes. Die Branchen-Kommifsio«. Lerantwortlichcr Nedaltcur: Han» Weber. Berlin. Für den Jnieratenteil verantw.: TH,Gloltr, Berlin. Druck n. Verlag: Borwärt« Buchdruckerei n. BerlagSgnftglt Paul Einger Li So,, Berlin S.W,�"' ne».mm 2. Keilm des Jotraitts" Kerlim öulblilutt. Dievstag, 22. luui 1909. Partei-?Znge!egenkeiten. Bauhnudwcrkcr der Kreise Osthavelland und Rnppiu-Teiiiplin! Am Donnerstag, den 24. Juni, abends 8Vz Uhr, bei Wilke, Vrunnenstraße 188, öffentliche Versammlung. Tages- ordnung: Wer muh die neuen Steuern zahlen? Referent Stadtverordneter Adolf Ritter. Wir ersuchen die Genossen, ihre Mitkollegen der Baubranche und anderer Branchen auf diese Versammlung aufmerksam zu machen._ Maricndorf. Dienstag, abends 8'/z Uhr, bei Löwenhagen, Chauffeestr. 27: Oeffentliche Versammlung/ Genosse Z u b e i l spricht über:»Die politische Lage'. Zossen. Am Donnerstag, abends 8'/z Uhr, findet die Wahlvereinsversammlung bei Kurzner statt." Der Vorstand. Karlshorst. Heute Dienstag, abends V«9 Uhr, Versammlung im Restaurant.Zum Fürstenbad'(Inhaber Fr. Bartels). Vortrag über die materialistische Geschichtsauffassung. Der Vorstand. Königs- Wusterhausen. Mittwoch, den 23. Juni, abends 8 Uhr: Mitgliederversammlung des Wahlvereins bei Wedhorn. Rcinickendorf-Ost. Heute abend 8 Uhr, findet eine Mitglieder- Versammlung dcS Wahlvereins beim Genossen Kirsch, Marlstr. 2/3, statt. Tagesordnung: t. Vortrag des Genossen Ritter über: .Die RcichSversichcrnngsordnung'. 2. Vcreinsangelegcnheiten. 3. Ver- schiedencs._ Der Vorstand. Berliner jyacbricbten. Durch den Viktoriapark. In üppiger Pracht prangt der Viktoriapark in dieser Zeit. An schönen Tagen erfreut sich dieser hübsche Ort eines regen Zuspruchs und besonders in den Abendstunden schwillt die Zahl der erholungsbedürftigen Besucher zu enormer Höhe an. Morgens und nachmittags aber steht der Park, von den lustwandelnden Rentiers, Pensionären und Rekonvaleszenten abgesehen, in dem fast unumschränkten Besitz der„Aller- kleinsteir", zu denen sich in den schulfreien Stunden die „Großen" hinzugesellen. Da fliegt der Ball, da dreht sich unter den unbarmherzigen Schlägen der Peitsche in schwindeln dem Wirbel der„Driefel",„Himmel und Hölle" sind eben falls da, und unter den Augen wachsamer Mütter tanzen kleine Mädels mit wehendem Haar und blitzenden Aeuglein einen flotten Reigen. Die Hauptattraktion bildet aber der Sand. — Kinder und Sandl Eine Welt voll Glück! Da kribbelts und krabbelts wie in einem Aineisenhaufen. Dann steigen wir Berlins höchsten Berg hinan. Durch Busch und Baum hindurch winden sich Pfade und Wege. Immer lichter weitet sich der Ausblick. Ein Ansichtskarten- Verkäufer empfängt uns oben auf dem Plateau, wo sich dem Auge eine entzückende Rundsicht eröffnet. Vor uns liegt der rauchende, schnaubende, gewaltig pulsierende Weltstadtriese. Die vergoldeten Spitzen und Kreuze der zahlreichen Kirch- türme blitzen und funkeln im Sonnenschein und die Patina überzogenen Kuppeln heben sich wirkungsvoll von den grauen Dächern ab. Von dieser Erhöhung aus kann man eine, wenn auch bekannte, so doch innner wieder interessante Erscheinung beobachten. Ueber den Stadtvierteln Osten, Norden und Zentrum, wo während der Werktage riesige Schornsteine ge ivaltige Rauchwolken ausspcien, wo die Hochflut des gewerfr lichcn und industriellen Wirtschaftslebens braust und Tausende von Menschen eng beieinander wohnen, lagert wie ein regungs loser Schleier ein schwärzlich-bläulicher Dunst, der. sich zu- sehend? nach der westlichen Gegend hin verflüchtigt, um dann ganz zu verschwinden. Rein und klar wölbt sich der blaue Horizont über Nordwest, wo man industrielle Anlagen nicht duldet und wo die menschliche Lunge befreit aufatmet, wenn sie aus dem qualmenden und schaffenden Berlin in die Wohl gepflegten Straßen jenes Viertels gelangt. Noch einen Blick in die rauschenden Baumwipfel, die der ungestühme Abend- wind durcheinander schüttelt, dann wandern wir nachdenklich unserer Behausung zu.-_ Keine Neneinteilung der Stadtverordueteuwahlbezirke für die dritte Abteilung will der Magistrat vornehmen. Er hat beschlossen: „Zurzeit von einer Neneinteilung Abstand zu nehmen und diese Frage von neuem unter Zugrundelegung der Wählerliste für 1910 in Erwägung zu ziehen." Lange genug hat es gedauert, bis der Magistrat zu einem Entschlüsse gekommen ist. Wenigstens weiß man jetzt, daß der Magistrat in diesem Jahre nichts tun will in puncto Wahlkrciseinteilung; was später wird, soll die Bürgerschaft abwarten, es soll im nächsten Jahre von neuem„er- wogen werden". Erwogen werden, ist gut, denn der Magistrat kommt aus den Erwägungen nicht mehr heraus. Man vergegenwärtige sich nur: Am 31. Mai 1906, vor über drei Jahren, beschloß die Stadtverordnetenversammlung: „baldmöglichst, spätestens aber bis vor den Wahlen 1909 eine Neueinteilung der Wahlbezirke der dritten Abteilung entsprechend der veränderten Wählerzahl vorzunehmen". Der Magistrat setzte sich hin und stellte Erwägungen an. Jahr für Jahr verging, immer erwog der Magistrat. Und weil man so gar nichts mehr hörte, was aus den Magistrat- lichen Erwägungen geworden, interpellierte im Auftrags der sozialdemokratischen Stadtverordnetenfraktion der Genosse Borg- mann am 11. Februar d. I. den Magistrat, worauf der Ver- treter des Magistrats, Stadtrat Böhm, erklärte: „Der Magistrat hat in Verfolg des Beschlusses der Verfamm- limg vom 80. Mai 1908 folgende Maßnahmen getroffen: Er hat eine Kommission eingesetzt mit der Aufgabe, die Frage zu prüfen, ob und eventuell in welcher Weise eine Neueinteilung der Wahl- bezirke der dritten Abteilung vorzunehmen sei. Die Kommission hat zwei Neueintciluugspläus aufgestellt, den einen in Anlehnung an die Ncucinteilung der Landtage-Wahlbezirke, einen anderen selbständig unter Zugrundelegung der bisherigen Verhältnisse. Die Konnnission hat beide Pläne eingehend durchberaten und hat ihre Arbeiten bereits vollendet; sie wird demnächst dem Magistrat Be° richt erstatten, und falls der Magistrat eine Neueinteilung be- schlietzen sollte, werden die weiteren erforderlichen Maßnahmen so schnell getroffen werden, daß eine etwaige Neueintcilung den dies» jährigen Ergänzungöwahlen noch zugrunbe gelegt werden kann." Wieder gingen einige Monate ins Land, ohne daß die Oesfentlichkeit über den Verlauf der Angelegenheit etwas er- fuhr. Am 14. Mai erinnerten>vir den Magistrat von neuem an die Sache und forderten öffentlich eine Antwort. Diese liegt jetzt endlich vor. Dieselbe mich überraschen. Wenn der Magistrat nichts tun wollte, hätte er das vor Jahren sagen können und brauchte nicht erst drei Jahre ins Land gehen zu lassen. Mindestens hätte schon am 11. Februar Herr Stadt- rat Böhm diese Erklärung abgeben können. Nach den da- maligcn Mitteilungen des Dezernenten des Wahlbureaus mußte man annehmen, daß es nur noch eines formellen Beschlusses des Magistrats bedurft hätte, um die Angelegenheit zum Abschluß zu bringen. Jetzt aber erfahren wir aus der vom Magistrat der Stadtverordnetenversammlung gemachten Vorlage, daß die von Herrn Böhm erwähnte Kommission dem Magistrat selbst empfohlen hat, von der Neueinteilung der Wahlbezirke„zur- zeit" Abstand zu nehmen. Mit diesem Entschluß des Magistrats bleiben die Wähler der dritten Abteilung noch länger besonders entrechtet, was ohnehin durch das elende Dreiklassenwahlrecht und das Haus- besitzerprivileg geschieht._ Tie achtklassige Gemcinbcschule in Groh-Bcrlin. Aus Lehrer- kreisen wird uns geschrieben: Seit Monaten gehen Notizen durch die Tagespresse, in denen der achtklassigcn Gemeindeschule der Krieg erklärt wird. In letzter Zeit verdichteten sich diese Angriffe auf das Achtklasscnsystem Berlins zu der Forderung,„Schaffung einer Einheitsschule für Groß-Berlin." Infolge der Fluktuation der Bevölkerung innerhalb Groß-Berlins ergäben sich, so hieß es da, Unzuträglichkeitcn bei der Umschulung. Diese seien durch Einrich- tung des Sicbenklassensystems für Berlin zu beseitigen. In einigen dieser Prcßäußerungen wurde überdies der Anschein zu erwecken gesucht, als hielte auch ein bedeutender Teil der Berliner Lehrer- schaft die achtklassige Gemcindcschule für eine überlebte Einrich- tung. Es wird sich schwer feststellen lassen, tvoher obige Notizen in die Presse lanciert werden. Ein Interesse an der Beseitigung des Achtklasscnsystcms könnten die Privatschulen haben, die bei seiner Einrichtung zum Ncunklassensystem übergehen muhten, um vor der Prolctarierschule wieder etwas voraus zu haben. Dann aber ist man auch in der Berliner Stadtverwaltung dem Achtklassenshstem durchaus nicht grün. Es ist ein offenes Geheimnis, daß z. B. Herr Cassel zu den eingefleischtesten Gegnern dieser Schulorganisation gehört. Der Grund ist auch kein Geheimnis, die achtklassige Ge- meindcschule ist nämlich teurer als die siebenklassigc. Die Ge- neigtheit an den Volksschulen zu sparen, ist ja auch in Berlin nichts Neues. Es ist darum notwendig, dah die werktätige Bevölkerung Berlins und der Vororte, die ihre Jugend der Volksschule zuführt, dieser„Schulreform" die gebührende Aufmerksamkeit zuteil werden läßt. Ganz sicher hat eine unterschiedliche Organisation der Volks- schulen Groh-Bcrlins bedeutende Nachteile. Die sind ja aber wohl naturgemäht nicht dadurch zu beseitigen, dah man das fortge- schrittencre System— und das i st das Achtklassenshstem— vernichtet, sondern indem man den Uebcrgang der Vororte zum Acht- klasscnsystcm befördert. Leider hat die Unerforschlichkeit der preu- hischen Schulbchörden hier hemmend eingegriffen. Andern- falls hätte sich die achtklassige Volksschule die finanziell leistungs- fähigeren Vororte längst erobert. In Berlin sprach man dem Acht- klasscnsystcm bereits vor seiner vollständigen Durchführung das Urteil. Seelenruhig liehen die Behörden das neue Schulsystem jahrelang auf die notwendigen Lernmittel warten. Leider läht sich trotzdem der Erfolg der Achtllasscnschule nicht leugnen. Der Prozentsatz der aus der ersten Klasse abgehenden Schüler steigt fortgesetzt. Die früher erschreckend hohe Zahl vorzeitiger Dispensa- tioncn hat ganz bedeutend abgenommen; dagegen besuchen zahl- reiche Schüler die erste Klasse über das vierzehnte Lebensjahr hin- aus freiwillig. ES soll natürlich nicht behauptet werden, dah den Berliner Volksschulen auher dem Achtklasscnsystem nicht noch manches andere not täte. Ausbauen, nicht niederrcihen! Bcsciti- gung deS in der Struktur der Schularbeit von heute liegenden An- reizes zur Prügekpädagogik, Raum für eigene freie Betäti- gung der„Lehrkräfte", Nachhilfestunden, Förderklassen für Schwachbefähigte, Qualitätsklassen für Befähigte, Arbeitsunter- richt(siehe Charlottenburg und M ü n ch e n), weniger Ver- fügungen, weniger Regieren und— Brillieren! Das Achtklassenshstem gilt allen anerkannten Fachleuten als die vollkommenste Grundlage einer naturgemäßen Beschulung, die geschaffen werden muh, wo die äußeren Umstände das gestatten, und die zu beseitigen eine Versündigung an der Volksbildung be- deutet. Das mögen sich die Herren gesagt sein lassen, die im— preußischen Abgeordnetenhause so bedeutend für die Volksbildung schwärmen. Die einzelnen Lebensjahre bezeichnen im Durchschnitt Abschnitte der Entwicketung des Körpers, auch der Gehirn» zelten, an die sich der Unterricht ja vornehmlich wendet. Darum soviel Schuljahre, soviel Klassen! Es ist in Berlin oder sonstwo noch niemand eingefallen, diesen Grundsatz bezüglich der höheren Schulen zu durchbrechen. Wird es dem Herrn Stadtschulrat ge- lingen, das Erbe seines Vorgängers zu erhalten? In dieser Angelegenheit fand bereits im Mai eine Versamm- lung von Vorstandsmitgjiedcrn der Lchrervcreine Groh-Berlins statt, die sich im Prinzip für die achtklassige Volksschule aussprach. Am Freitag wird sich, wie wir der„Pädagog. Zeitg." entnehmen, eine Versammlung der Lehrer Groh-Berlins mit der„Einheits- schule für Groh-Berlin" beschäftigen. Die in Frage kommenden Behörden seien hierauf freundlichst hingewiesen. Hoffentlich lassen auch die Blätter, die den erwähnten Angriffen ihre Spalten öffneten, ihre Leser über die Meinung der Lehrerschaft zur Sache dann nicht im Zweifel._ Das Leichenbegängnis Richard AngnfiinS fand am Sonntagborinittag um 9 Uhr auf dem Friedhof der frei- religiösen Gemeinde in der Pappelallee statt. Welcher Verehrung sich unser toter Freund erfreute, ging schon daraus hervor, dah der kleine Friedhof nur einen kleinen Teil der erschienenen Genossen fassen konnte, während Tausende in der Pappelallee auf und ab wanderten. Der Magistrat war durch die Stadträte Jacoby und Dühring, die Stadtverordnetenversammlung durch ihren Vorsteher Herrn Michelet und die Stadtverordneten Lohmann. Kuhlmann und Dr. l Isaak vertreten. Die sozialdemokratische Stadtverordneten- fraktion, deren Mitglied der Verstorbene war, war fast vollzählig in AmtStracht erschienen; zahlreiche Kranzdeputationcn politischer und gewerkschaftlicher Organisationen schlössen sich ihr an. Die Feier trug einen dem Wesen deS Verstorbenen angepahten schlichten, aber um so intimeren Charakter. Eingeleitet wurde der Traueralt durch stimmungsvollen Vortrag dcS Pfeilfchen Liedes:»Ein Sohn des Volkes' durch den Gesangverein Kreuzberger Harmonie'. Als die letzten Töne verklungen, trat Genosse Singer vor die Bahre und widmete im Namen der Partei und der sozialdemokratischen Fraktion der Stadtverordnetenversammlung dem Dahingeschiedenen tiefempfundene Worte des Dankes und des Abschieds. Augiistin, ein echtes Berliner Proletaricrkind. werde heute in derselben Strasse bestattet, worin er geboren und auf- gewachsen. In jungen Jahren schon habe er sich seinem Klassen- instinkt entsprechend auf die Seite derer gestellt, die entrechtet und unterdrückt wurden, und sein ganzes Leben der Partei gewidmet, die für eine Beseitigung des Elends kämpfte. In den schwierigsten Zeiten habe der Verstorbene scinen Mann gestanden und nicht achtend der Gefahr immer in den vordersten, gefährlichsten Reihen gestritten. In der Stadtverordneten- Versammlung habe Richard Augnstin Gelegenheit gehabt, als Mit- glied des Kuratoriums fürs Obdach und Arbeitshaus gleichfalls für Verbesserung der Lage der Sermstea und Elendesten zu wirken und habe das nach besten Kräften getan. So tief auch für die Familie der Schmerz fei, den sie erlitten, so wolle sie eine Milderung empfinden bei dem Gedanken, dah weite Kreise mitfühlen, was in Augustin verloren gegangen. Die Partei danke cS Augnstin. der in seiner Gattin eine Mitkämpferin insofern fand, als sie ihn in der schweren Parteilätigkeit stützte, und rufe ihm als letztes Abschieds« wort nach:»Wir danken Dir, Richard Augustin, für Deine der Partei geleistete Tätigkeit und für Deine Treue, die Du ihr bc- wiesen, und wollen Dein Andenken ehren, indem wir das zur Voll- endung bringen helfen, waS Dir nicht gelungen. Sei gcgrüht, Unvergehlicher I' Nach diesen herzlichen Abschiedsworten des Genossen Singer setzten die Sänger wieder ein mit dem Liede:«Wenn sich zwei Herzen scheiden'. Hierauf nahmen Freunde des Verstorbenen den Sarg und trugen ihn nach der Gruft, wo Genosse Manasse noch einige Worte über den Menschen Augnstin sprach, der ein tüchtiger Kämpfer gewesen sei, aber ein goldenes Gemüt wie ein Kind hatte. Die Sänger intonierten„Im Reich der Gräber' und dann traten die Abordmmgen der Partei und Gewerkschaften vor und legten ihre letzten Liebeszeichen mit einigen Widmungsworten nieder. So manchem Parteifreund, der im Kampfe gross geworden, zitterte die Stimme, als er dem toten Freund den letzten Gruh nachrief, was bewies, dah Richard Augustin sich in den Herzen der Genossen einen dauernden Platz verschafft hatte. Kranz häufte sich auf Kranz. Es legten Kränze nieder, um nur wenige zu erwähnen: Der Parteivorstand, der Verband der Wahlvereine Groh-BerlinS, die Gewerkschaftskommission, die Geschäftsleitung des Gewerkschaftshauses, die sozialdemokratische Fraktion der Stadtverordnetenversammlung, der 47. Kommunalwahlbezirk, die Wahlvereine für den 6. und 3. Wahlkreis, der Verband der Hut- machcr, die Freie Vereinigung der Gast- und Schank- Wirte, die Zentralkommission der Krankenkassen, das technische Personal des„Vorwärts', die Gastwirtsgehilfen, Angestellte des Holzarbeilervcrbandes, Fabrikarbeiter Deutschlands, Verband der Buchdrucker, Mctallarbeiterverband, Schmiedeverband, BauhilfS- arbeiter, Gemeinde- und Staats arbeitcr, Direktion der Schulthcih« Brauerei, Raucherbund und andere. Auch von den Beamten, An- gestellten und Aerztcn des städtischen Obdachs wurde ein Kranz nieder- gelegt, gar nicht zu reden von den vielen anderen Zeichen der Ver- ehrung, die von Freunden AugustinS und befreundeten Familien dargebracht wurden. Noch ein stiller Gruh und langsam verliehen die Genossen den Friedhof in dem Bewuhtscin, wieder einen treuen, braven Partei- freund verloren zu haben._ Stadtverordneter Paul LangerhanS ist nach einer gestern vorgenommenen Operation scinen Leiden erlegen. Mit dein alten Langerhans— er ist 89 Jahre alt geworden— scheidet ein aufrechter Mann aus dem Leben, dem auch seine poli- tischen Gegner Achtung und Dankbarkeit nicht vorenthalten dürfen. LangerhanS gehörte zu den wenigen konsequenten und kernfesten Bekennern des Liberalismus, über die das Bürger- tum heute noch verfügt. Er repräsentierte und vertrat den echten, wahren Liberalismus, dem sein Programm keine leeren Worte, sondern das Bekenntnis zu Handlungen, den Liberalismus, dem das Wort vom„Bürgerstolz vor Königs- thronen" keine haltlose Phrase war. Dafür brachte er es auch nie zu Titeln und Orden, mit denen die Führer des modernen Liberalismus aus Anerkennung und Dankbarkeit für politische Dienste bedacht werden. Die Rcichshauptstadt betrauert in dem Verstorbenen ihren langjährigen Stadtverordnetenvorsteher und Ehrenbürger, der unbekümmert um politische und Parteiunterschiede stets mit Gerechtigkeit und Unparteilichkeit seines Amtes waltete. Alle Bürger Berlins sind einig in dem Gefühl des Schmerzes und der Trauer um den Verlust des Mannes, der sein langes Leben unentwegt der Erhaltung eines selbst- bewußten Vürgcrtunis im Kampfe gegen die Reaktion ge- widmet hat. Mit der Gesamtheit der Berliner Bevölkerung legen auch wir dem alten Langerhans einen Gruß der Hoch- achtung und Dankbarkeit auf sein Grab. Zur Affäre beS Pastors Werkenthin wird immer mehr bekannt, was das kirchliche Leben hinter den Kulissen in würdiger Beleuch- tung zeigt. Am Sonnabend ging durch alle bürgerlichen Blätter ein Bericht, wonach der evangelische Verein Gethsemane, übrigens eine erst unlängst entstandene Gründung, die angeblich keine kirchenpolitischen Zwecke, sondern nur die Hebung des kirchlichen Lebens verfolgt, in einer„stark besuchten" Versammlung— es ivarcn kaum hundert Personen auf die massenhaft verschickten Ein- ladungen erschienen— sich mit dem Kirchcnskandal beschäftigte und die Verfehlungen des ExPastors zugestehen muhte. Selbst hier, wo man doch so ziemlich unterrichtet sein dürfte, wurde die Schuldenlast auf zweihundcrttausend Mark und die Summe der Aktiva als verschwindend gering angegeben. Vcrschlvicgen wird nun aber geflissentlich in dem Bericht eine in der Versammlung vorgebrachte, sehr bezeichnende Episode. Werkenihin erhielt vor mehreren Jahren aus Befürwortung eines sehr hohen Geistlichen aus der Kirchcnkasse von Gethsemane ein bares Darlehen von zweitausend Mark. Die Rückzahlung sollte ratenweise durch Ge» Haltskürzungen geschehen. Diese Abzüge seien aber nicht gemacht worden. Vielmehr hätten die Revisoren ohne Berechtigung dazu eine Nachsicht geübt, die für die Gemeinde schweren Schaden haben konnte. Erst in letzter Stunde soll die Regulierung auf anderem Wege als durch Gehaltskürzungen erfolgt sein. Diese weitgehende Nachsicht gegen das über und über verschuldete Oberhaupt der Ge- mcinde ist für uns deshalb von besonderem Interesse, weil man gewöhnlich für notleidende Gemeindemitgliedcr, die sich um Hilfe an die Kirche wenden, wenig oder gar nichts übrig hat. Sie mühten es denn schon verstehen, tüchtig mit den Augen zu klappern und fleißig Kirchenlieder zu plärren. Werkenthin hat sich nicht gescheut, kraft seines Amtes auch Gcmcindcmitglieder ordentlich onzu- pumpen. So zählen die häuslichen Lieferanten fast durchweg mit zum Teil recht erheblichen Summen zu den Leidtragenden. WaS die wirklich Notleidenden nicht bekamen, das erhielt der hoch- mögende Pfarrer mit vollen Händen auf Kredit.-> Verbrannt wurde die neunjährige Karoline ProsaSka in der Wohnung der Eltern, als daS Kind Kaffee kochen wollte und durch Aufgießen von Spiritus Feuer auf dem Kochherd entzündete. Die Flasche explodierte, wobei die Kleider det Kleintn in Brand gerieten. Mit lebensgefährlichen Brandwunden bedeckt wurde das Kind nach dem Paul-Gerhardt-Stift geschafft, wo man geringe Hoffnungen hegt, das Kind zu retten. Bon einem Dampfer überrannt. Ein Bootsunfall, bei dem vier Personen in größter Lebensgefahr schwebten, hat sich Sonntagmittag aus der oberen Havel ereignet. In der Nähe von Schwanenwerder fuhr ein mit zwei Damen und zwei Herren besetztes Ruderboot stromaufwärts. Als ein von Wannsee herankommender Schlepp- Kämpfer sich dem Boote näherte, achteten die Ruderer nicht genügend darauf und sichren auf den Dampfer los. Der Steuermann des Dampfers, der die Gefahr, in der sich die Bootsinsasien kekanden, sofort bemerkte, gab Warnungssignale, aber es war bereits Kl spät. Das leichte Nuderboot wurde förmlich von dem Dampfer überrannt und die Jnsafsen stürzten in die Fluten. Die beiden jungen Mädchen gerieten unter den Dampfer und sie wären zweifellos elend ertrunken, wenn sie nicht durch geschickte Schwimmer wieder an die Oberfläche geholt worden wären. Auch die beiden Herren, die des Schwimmens unkundig waren, konnten noch rechtzeitig gerettet werden. Bootsunglück auf dem Müggelsee. Erst am vergangenen Donnerstag sind, wie berichtet, auf dem Peetzsee bei Erkner durch das Kentern eines Nudcrbootes zwei Personen ertrunken. Sonntag nachmittag ereignete sich auf dem Müggelsee wieder ein Boots- Unglück, bei dem eine Person, die 21jährige Geschäftsdame Emilie Haselow aus der Markusstrahe 44 in Berlin ihr Leben ein- büßte. Die Ertrunkene gehörte zu einer kleinen Gesellschaft, die gestern mittag einen Dampferausflug nach dem Restaurant „Prinzengarten" unternommen hatte. Drei Herren der Gesellschaft kamen auf den Gedanken, eine Nuderpartic zu machen und luden daz« auch die beiden Damen Emilie Haselow und Maria Radloff ans der Pnlisadcnstrahe 27 ein. Alle fünf Personen mieteten in dem benachbarten Restaurant„Rübezahl" ein Boot. Sie ruderten am Südufer des Müggelsees entlang. Unterwegs gingen zwei der In- sassen beim Wechseln der Plätze so unvorsichtig zu Werke, daß das Boot ins Schaukeln geriet und kenterte. Alle fünf Jnsasien stürzten ins Wasser. Zwei Stcrndampfer eilten sofort zu Hilfe. Mit vieler Mühe konnten die drei Herren und Fräulein Maria Radloff von der Besatzung gerettet werden, Fräulein Haselow war schon unter- gegangen, als die Danipfer an der Unfallstelle ankamen. Die Leiche konnte bis gestern abend noch nicht geborgen werden. Ein Bild des Elends bot sich gestern den Passanten des Hum- boldthains. Atif einer Ruhebank lag ein Mann in besinnungslosem Zustand. Der Aermste tvar vor Entkräftung zusammengebrochen. Wie sich später herausstellte, handelte eS sich um den beschäfligungs- losen Arbeiter Hugo Geisler. G. hatte durch andauenide Arbeits- losigkeit bittere Not zu leiden, bis er jetzt dem Hungertode nahe im Humboldthain aufgesunden wurde. DerABedauernswerte fand im Birchowkrankenhause Aufnahme. Bandalen im Botanischen Garten. In dem neuen Botanischen Garten in Dahlem ist von unbekannten Händen ein bübischer Akt verübt worden. Die Direktion des Botanischen GartenS teilt dazu folgendes mit: In dem großen Winterhause des Botanischen Gartens wurden in der Abteilung der Baumfarrne und Arankarien von fihr meterhohen Arankarien die Köpfe abgeschnitten. Die schönen Pflanzen, die jedermann unter dem Namen„Zimuiertanncn" kennt, sind damit vernichtet und müssen aus dem Winterhause entfernt werden. Ihr ebenmäßiger, ctagensörmiger Aufbau ist durch keine gärtnerische Kunst wieder herzustellen. Wie soll man einen solchen Akt unverständlicher Roheit bezeichnen, wie soll man sich dagegen schützen? Man rechnet bei dem an gewissen Tagen sich aus Tausende belaufenden Besuchern des GartenS schon mit einem gewissen Verlust und Schaden an den Pflanzen. Außerdem wird während des ganzen Soinmers ein be- sonderer Aufsichtsdienst" ausgeübt. Aber alles kann man unmöglich unter direkte Aufsicht stellen Das Publikum muß, anstatt sich immer über die vielen Bestimmungen aufzuhalten, lieber selbst etwas Polizei ausüben; sonst müssen eben in Zukunft die Gebiete, die im Interesse wissenschaftlicher Arbeiten den Studierenden allein reserviert werden, immer weiter ausgedehnt werden. Der Garten ist kein Vergnügungsetablissement oder öffentlicher Erholnngspark, sondem ein wissenschaftliches Institut, in dem auf jeden Quadrat- ineter eine große Summe wissenschaftlicher Arbeit verwendet worden ist. Die feindlichen Brüder. Sonnabend abend gegen 10 Uhr geriet der 23 Jahre alte Schneider Rudolf Knobloch mit seinem um drei Jahre jüngeren Bruder, dem Tischler Hermann K., in der elterlichen Wohnung im Hause Jüdenstraße 50, wo beide ein Zimmer gemein- schafllich inne haben, in Streit. Angeblich in der Notwehr gab Rudolf K. zwei Revolverschüsse auf seinen Bruder ab, durch- die der- selbe schlver verletzt worden list. Ein herbeigerufener Schutzmann schaffte den Hilflosen mittels Droschke nach dem Krankenhause Ain Friedrichshain. Hier stellte der Arzt fest, daß eine Kugel am Schulterknochen abgeprallt war, während die andere in die Brust gc- drungen war und durch eine Operation entfemt werden muß. Der Täter befindet sich bereits hinter Schloß und Riegel. A»S Eifersucht. In der Nacht zum Sonnabend gegen 12 Uhr überfiel der 44 Jahre alte Schneider, frühere Schutzniann Albert Wilhelm, Iorkstr. 60, das in demselben Hause wohnende 21 Jahre alte Fräulein Gertrud Trümpler. Dieses hat hier eine Konditorei. Wilhelm stach mit einem Brotmesier dreimal nach der linken Brust- feite der Ueberfallenen. Der erste Stich verletzte die T. an der linken Hand, die sie zum Schutze erhoben hatte. In den beiden anderen Fällen prallte das Messer von den Knöpfen des Jacketts ab. Auf ihr Geschrei eilte die Mutter herbei, die dem W. das Messer entriß. Die Veranlassung war Eifersucht. Wilhelm ist festgenommen und der Kriminalpolizei zugeführt worden. Die Leiche eines neugeborenen Knaben wurde gestern abend um VU Uhr auf dem städtischen Viehhof in der Nähe des Börsen- gebäudeS in einem Müllkasten gefunden. Sie wurde bcschlacjnahmt und zur Feststellung der Todesursache nach dem Schauhause gebracht. Die Mutter ist nicht bekannt. Oeffrntliche Bibliothek und Lesehalle zu unentgeltlicher Benutzung für jedermann, SO., Adalbertstr. 41. In der Zeit vom 22. Juni bis 1. Juli inklusive werden m der Ausleihbibliothek keine Bücher verliehen. Die in den Händen der Leser befindlichen Bücher müssen zum Zwecke der Jnventuraufnahme bis zum 24. d. M. zurückgegeben werden. Der Lesesaal, in dem 637 Zeitungen und Zeitschriften aller Parteien und Richtungen ausliegen, ist nach wie vor abends von b'/z bis 10 Uhr geöffnet.__ MasseuauSflug— StaatSgcfahr! Die Freien Jugendorganisationen von Berlin und Umgegend veranstalteten am Sonntag einen Massenausflug nach Sadowa an der Oberspree. Trotz des Regens in den Morgen- stunden beteiligten sich daran über 1500 Jugendliche. Beim Hin- marsch— im Walde bei Nieder-Schöneweide— wurde einer Ab- teilung das zusammengerollte rote Banner von Gendarmen entrissen und die Jugendlichen wurden aus dem Walde gewiesen. Einige wurden verhaftet, aber nach zirka zwei Stunden wieder entlassen. Das Banner behielt die Behörde in sicherer Hut. Die Jugendlichen fertigten sich dann ein Pappschild an mit der Aufschrift: „Die Polizei hat unser Banner genommenl" Nach Spielen im Wald und aus der Wiese versammelten sich die Teilnehmer zu einem Massengesang. Eine Ansprache des Genossen Reichstagsabgeordneten Eichhorn und des Genossen L ü p n i tz wies die Jugend auch auf den Ernst des Lebens und die Not- wendigkeit der selbständigen Jugendorganisation hin. In größeren und kleineren Trupps gings gegen Abend wieder nach Hause. An den heiteren Gesichtern der Teilnehmer war zu erkennen, daß sie, für einen Tag von der Mühe der Arbeit befreit, einige frohe Stunden im Kreise von Alters- und Klassengenosien verlebt haben. Der Deutsche Arvciter-Sängerbund veranstaltete am Sonntag in Fürstenwalde sein diesjähriges Provinzial-Sängerfest unter un- gewöhnlich starker Beteiligung. Nicht weniger als 87 Vereine mit rund 3000 Sängern waren zu dem Fest erschienen, und von den Arbeiter-Radfahrer- sowie den Arbeiter-WanderklubS waren starke Delegationen entsandt worden. Mittags 11 Uhr fand im Garten des Restaurants„Wilhelmshöhe" die große Generalprobe statt, um den kleinen Einzelvereinen Gelegenheit zu geben, sich im Massen- gesang zu üben. Um 1 Uhr erfolgte in langem geschlossenen Zuge mit 26 Vereinsfahnen und-baunern und mit zwei Musikkorps der Ausmarsch nach dem Festplatze„Waldschenle". DaS Gesangsfest er- öffnete der Fürstenwalder Gesangverein„Einigkeit" mit dem be- kannten Suchsdorsschen Begrüßungsliede.Sängertreue", welches den Männergesang verherrlicht. Die große Gesangsaufführung des Bundes unter Leitung deS Bundesdirigenten Blobel brachte sieben Männerchöre zu Gehör. Die ehrliche Kritik muß zugeben, daß die Darbietungen der gewaltigen Sängerschar ganz vorzügliche waren; sie zeigten, daß Arbeiter neben der Betätigung im Beruf den Gesang meisterlich zu pflegen verstehen und im Ärbeiterliede Erholung suchen und finden. Ganz besonderen Anklang bei den Festteilnehmern fanden die Lieder„Weihe des Gesanges",„Wander- schast",„Sturm" und„Empor zum Licht". Die nach Tausenden zählende Zuhörerschaft kargte denn auch nicht mit ihrem Beifall, so daß das Programm durch verschiedene Zugaben erweitert werden mußte. Nach Beendigung des Massengesanges ließen sich noch mehrere Einzelchöre mit Sologesängen hören. Abends fand in mehreren Sälen der Stadt Sänger-Festball statt. Für Montag war ein gemeinschaftlicher Ausflug nach den Markgrafensteinen bei Rauhen und nach dem Scharmützelsee vorgesehen. Radrennen zu Treptow» 20. Juni. DaS„Goldene Rad von Treptow" slOO Kilometer-Rennen mit Motor-Schrittmachern, 1600, 1300, 1000, 700 Mark), das von Peter Günther(Köln), Herrn. Przyrembel, K. Rosenlöcher(Dresden) und A. Stell- b r i n k bestritten wurde, hatte nicht verfehlt, der Rennbahn einen guten Besuch zuzuführen. Da alle vier Fahrer auf der Treptower Bahn gut eingefahren sind, standen spannende Kämpfe in Aussicht. Der Anfang war auch vielversprechend, bis zum 27. Kilometer halte Stcllbrink die Spitze vor Przyrembel, Günther und Nasenlöcher. Dann ging Przyrembel vor, um unangefochten bis zum Schluß den ersten Platz zu behaupten. Stellbrink kam durch Wechseln seiner Führungsmaschinen und seines Rades ganz ins Hintertreffen, er endete als letzter.— Die Goldene Armbinde über 5000 Meter (200, 100 Mark) konnte der bisherige Inhaber Pawke siegreich gegen W. Müller verteidigen.— Das Zweisitzer-Fahren über 8000 Meter(60, 40. 25, 16 M.) gewannen Wegener- T e ch m e r vor Hoffmann-Müller, Pawkc-Süßmilch und Ganzevoort- Kendelbacher. Ein Paket mit Noten ist am Sonnabend in einem Zuge der Schlesischen Bahn liegen geblieben. Die Noten sind teils mit einem Stempel des Gesangvereins„Nordwacht", teils mit dem von „Steinelke" versehen und wird der eventuelle Finder um Abgabe gebeten an Restaurateur Karl Fahrow, Weinbergsweg 3. Ein Bcntelportemonnaie mit Fabrikwcrtmarken, gezeichnet M. K., ist gefunden worden. Abzuholen beim Schankwirt Globig, Kolonie- straße 15._______ Vorort- JVachncbtem Zur Reichsversichermtgsordnnng nehmen jetzt eine Reihe Ortskrankcnkassen in den Vororten Stellung. So hat die Ortskrankenkasse von Wilmcrsdorf-Schmargcndorf eine öffentliche Versammlung zu morgen Mittwoch, abends 8l/a Uhr, nach dem Luisenpark, Wilhelmsaue 112 einberufen. Außer dem obengenannten Thema steht noch die Berichterstattung vom 5. allgemeinen Krankenkassenkongreß auf der Tagesordming. Gleichfalls zum morgigen Mittwoch, abends 8 Uhr, hat der Vor- stand der Ortskrankenkasie für den Gemcindebezirk Boxhagen- Rummelsburg eine Versammlung nach dem Lokale der Wwe. Wcigcl, Türrschmidtstr. 45 einberufen, in welcher Stadtv. Koblenzer über das Thema:„Was haben wir von der NeichsversicherungSordnuiig zu erwarten?" sprechen wird. Da der vom Reichsamt des Innern ver- öffentlichte Entwurf über die Reichsvcrsicherungsordnung für die werktätige Bevölkerung von einschneidender Bedeutung ist, erwarten die Einberufcr obiger Versammlungen zahlreichen Besuch. Eine vorige Woche in Wcißcnsee tagende Versammlung, die sich mit dem gleichen Thema beschäftigte, nahm nach einem Referat deS Berichterstatters Fcndel vom Krankenkasienkongreß eine Protest- resolution an, in der sich die der Weißenseer Ortskrankenkasie an- gehörenden Mitglieder energisch gegen den Entlourf wenden und eine Aenderung desselben erwarten, die dem Wohle und allseitigen Interesse der Versicherten angemessen ist. Charlotteuburg. Für die Einberufung eines außerordentlichen deutschen Städte- tagcS» der sich in erster Linie mit den drohenden neuen Reichs- steuern beschäftigen soll, haben sich jetzt auch die hiesigen städtischen Körperschaften erklärt. Ein von allen Parteien unterzeichneter Dringlichkeitsantrag in der letzten Sitzung am 0. Juni ersuchte den Magistrat, bei dem Vorstand des Deutschen Städtctages einen dementsprcchenden Antrag zu stellen. Der Magistrat hat diesem Ersuchen Folge geleistet. Außer Schöneberg, das den gleichen Be- schluß ebenfalls faßte, und Eharlottenburg werden wohl andere Städte die gleiche Absicht verfolgen. Ter Vau der Untergrundbahn nach dem Nollendorfplatz» der von Schöneberg ausgeführt wird, zog den Abschluß einiger Ver- träge zwischen dieser Gemeinde und Eharlottenburg nach � sich, auf Grund deren Schöneberg unter anderem die mitten im Char- lottenburger Gebiet liegenden Schöneberger Wiesen unentgeltlich an Eharlottenburg nmgemeinden will. Die Schöneberger Wiesen liegen hinter dem Charlottenburger Schloßgarten, sie reichen bis zur Spree und umschließen den weiten Bogen der Berlin-Ham- burger Eisenbahn und der Ringbahn. Die Vorkaufsrechte, die Schöneberg auf einzelne auf diesem Gebiete liegende Privat- grundstücke hat, gehen an Eharlottenburg über. Dafür ist Schöne- berg bei dem Bau der Untergrundbahn nach dem Nollendorfplatz die Benutzung Charlottenburger Straßenlandes cntschädigungsfrei zugestanden. Der eventuell am Nollendorfplatz zu errichtende Umsteigebahnhof wird von beiden Gemeinden unter gleichen Kostenbeiträgen gebaut. Dieser Umsteigebahnhof wird insofern von besonderer Bedeutung werden, als Schöneberg seine Bahn später bis nach der Behrenstratze weiterbauen wird, während die künftige neue Charlottenburger Bahnlinie durch den Kurfürsten- dämm am Nollendorfplatz münden soll. Schöneberg. Großfcucr kam gestern nachmittag um g'/z Uhr im Friedenauer Ortsteil aus noch nicht ermittelter Ursache zum Ausbruch. Von allen angrenzenden Orten eilten die Feuerwehren herbei. Es brannte der Lagerplatz der Firma C. Weise, die sogenannte Doppelrohrdccken mit Drahtgewebe für fugenlose Wände liefert. Als die Schönebcrger Feuerwehr an der Brandstelle, die in der Nähe des Friedenauer Wannseebahuhofs an der Ecke der Holbeinstraße nahe der Eisenbahn- gleise liegt, erschien, war die Situation eine kritische. Der Wind trieb die Flammen und Funken direkt auf die vielen angrenzenden Holzlagerplätze in der Holbeinstraße, wo für mehrere Millionen Mark Nutzhölzer aller Art lagerten. Sofort wurde der Brandherd von allen Seiten mit L-Nohren unter Wasier genommen und dann, als die Macht des Feuers gebrochen war, wurden die Schlauch- leitungen gegabelt und mit C-RoHren der Brand gelöscht. Uebcr die Entstehung wurde mitgeteilt, daß Funken auS einer Lokomotive den Brand verursacht haben können. Straßenpasianten wollen indes gesehen� haben, wie Knaben Holzwolle an der Uinzäunung in Brand gesteckt haben. Friedenau. Wie notwendig auch die Bertretung der Arbeiterschaft in der hiesigen Gemeindeuertretung ist, bewiesen die Debatten in der letzten Gemeindevertretersitzung anläßlich der Regelung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse der auf dem Elektrizitätswerk beschäftigten Arbeiter. Der Direktor des Elektrizitätswerks machte Vorschläge zu einer diesbezüglichen Vorlage. Da in diesem Werk größtenteils quali- fizierte Arbeiter in Frage kommen, könne man nicht nach den Grund- sätzen- welche für die anderen Gemeinde arbeiter gelt«, verfahren. Dies gelte u. a. für die Ferien- und Ueberstuirdenfrage. Er meinte, daß. entgegen den Grundsätzen bei den anderen Arbeiterkategorien, Uebcr- stunden von den Arbeitern des Elektrizitätsweris umsonst aus- geführt werden müssen, da dies sonst den Etat zu sehr belasten würde. Daß keiner der Herren dieser wunderlichen Ansicht entgegen- trat, bezeichnet den Geist innerhalb dieser Körperschaft. Bei einem Direktorengehalt mag es wohl noch angehen, ein paar Ueberstundcn ohne weiteres Entgelt zu verrichten; doch ist dies für einen Arbeiter. der ohnehin nur das zum Leben Notwendige verdient, nicht niöglich. Es ist für die Arbeiter des Werkes bei Einstellung ein Höchst- alter von 45 Jahren vorgesehen. Dies brachte den Ge- meindcvertreter Homuth auf den Plan; ihm war diese Altersgrenze viel zu hoch gegriffen. Er meinte, 37 Jahre müsse mindestens als Höchstaltersgrenze angenommen werden, da diese alten Leute sonst der Gemeinde zur Last fallen könnten. Seine Ausführungen fanden natürlich den ungeteilten Beifall all der satten Herren. Der Herr Direktor Mullert versicherte, daß er schon dafür sorgen werde, daß keine alten Leute beschäftigt würden.— Bei der Neuregelung der Gehälter der Lehrer und Beamten schlug der Ge- meindevorstaud eine neuuglicdrige Kommission vor. welche diese Materie bearbeiten soll. Unter den Vorgeschlagenen be- fand sich auch der bei der letzten Ersatzwahl gewählte Herr Oberlehrer Weber. Von den Zünftlern, die ihre Niederlage immer noch nicht verschmerzen können, wurde gegen die Wahl dieses Herrn in die Kommission protestiert, da derselbe als Lehrer Person- lich an dem Gegenstand der Verhandlung interessiert sei. Bürger- meister Schnackeuburg wies auf eine Ministerialversügnng hin, nach welcher Herr Weber wohl berechtigt sei an den Verhandlungen der Kommission teilzunehmen. Um nun seine Harmlosigkeit zu doku- mcntieren, erklärte dieser„Vertreter" der Lehrerschaft, daß er sich an den Verhandlimgen, welche den Lehrerbcruf angingen, nickt beteiligen würde. SeineBescheidcnheit nützte ihm jedochnichts: bei der Abstimmung fiel er durch. In der Goßlerstraße soll eine neue höhere Töchterschule erbaut werden. Der vom Gemcindebaurat vorgelegte Entwurf fand allseitige Zustimmung. Es soll noch in diesem Herbst mit dein Bau begonnen werden. Für Ausbesserungsarbeiten an der Schule in der Albestraße wurden 1650 M. zur Verfügung gestellt. Die Asphallierungsarbeiten in der Fröauf- und Stubenrauchstraße werden der Firma Kopp u. Co. zum Angebotsbetrage von 29 909,50 M. übertragen. Der Saal des Armenhauses soll zu kleineren Wohnungen hergerichtet werden; die hierfür erforderlichen 1000 M. wurden be- willigt. Für einige Klassen der Gemeinde-Mädchenschulo wurden im vergangenen Jahr selbsttätige Temperaturregler angeschafft. Da sich dieselben vorzüglich bewährt haben, wurde beschlossen, in allen Klassen derartige Vorrichtungen anbringen zu lassen. Der hiesige Gemeindevorsteher, Bürgermeister Schnakenburg, ist zum Oberbürgerineister von Altona gewählt worden. Das Amt des Gemeindevorstehers von Friedenau bekleidete er von Juni 1903 an. Im Gegensatz zu den mefften seiner Amtsbrüder muß von ihm ge- sagt werden, daß während seiner Amtstätigkeit die organisierte Arbeiterschaft von Friedenau von Polizeischikanen verschont blieb. Treptotv-Baumschulenweg. In einer vom sozialdemokratischen Wahlverein Treptow-Baum- schulenweg einberufenen gut besuchten Volksversammlung sprach Genosie Dittmer an Stelle des verhinderten Genossen Ritter über das Thema:„Das bedrohte Koalitionsrecht der Ar- beiter und Angestellten und die sozialpolitische Rückständigkeit der Treptower Gemeinde ver- t r e t n n g". Der Referent machte zunächst einige Ausführungen zur Entstehung und Geschichte des Koalitionsrechtes. Daun zur Gegen- wart übergehend, wies der Redner nach, wie zwar das Koalitions- recht durch Reichsgesetz garantiert ist, eine glatte Gewährleistung desselben aber trotzdem zu den Ausnahmen gehört. Geht doch gerade der Staat, der die Jnnehaltnng der Gesetze überwachen soll, selbst mit schlechtestem Beispiele voran. Aehnlich verfahren auch die Stadtverwaltungen. Die meisten versuchen die Arbeiter durch Gewährung von Familienzulagen usw. zu ködern und von der Ausübung des Koalitionsrechtes abzuhalten. Mit der Aufforderung dahin zu wirren, daß die Kommunen auf sozialpolitischem Gebiete mit gutem Beispiele borangehen, schloß der Redner seine Aus- führungen. Genosse Gramenz berichtete über die vielen Schwierig- keiten, welche die bürgerlichen Gemeindevertreter der Gcmeindever- waltung Treptow einem Antrage unserer Vertreter machten, der darauf abzielte, auch die Gemeindeverwaltung von Trptow zu ver. anlassen, ihr Teil mit zur Sicherstellung des Koalitionsrechtes der Arbeiter und Angestellten beizutragen. Erst nachdem Genosse Gerisch gedroht hatte, daß der Antrag in jeder Sitzung wieder- kehren würde, bequemte sich die Gemeindevertretung dazu, ihn zur Verhandlung zu stellen. Genosse Karow schilderte die Behandlung, die der Antrag in der Gemeindevertretung selbst erfahren hat. Genosse Gerisch hatte zur Sache eine umfangreiche Denkschrift aus- gearbeitet, die den Mitgliedern des Gcmcindevorstandes, wie auch sämtlichen Gemeindevertretern vorher zugestellt worden war, und in der in überzeugendster Weise nachgewiesen wurde, wie not- wendig ein Schutz des Koalitionsrechtes auch durch die Gemeinde ist. Als der Antrag endlich in der Gemeindevertretung zur Ver- Handlung gelangte, wurde er von unseren Genossen nochmals münd- lich in eingehendster Weise begründet. Die bürgerlichen Gegner versuchten gar nicht erst, eine Widerlegung der vorgebrachten Argu- mente, lehnten vielmehr den Antrag aus den nichtigsten' Gründen ab. Es ist nun Sache der Arbeiterschaft, mit allen ihr zu Gebote stehenden Kräften dafür zu sorgen, daß in die Gemeindevertretung mehr Leute gelangen, die Verständnis für die sozialpolitischen Forderungen und Bedürfnisse unserer Zeit haben.— Eine DiS- kussion, zu der vom Vorsitzenden, Genossen Ehm, besonders die an- wesenden Gegner aufgefordert wurden, fand nicht statt. Genosse Ehm richtete daher an die Anwesenden die Aufforderung, die nötigen Lehren aus dem Gehörten zu ziehen, sich, soweit es noch nicht der Fall sei, der politischen und gewerkschaftlichen Organi- sation anzuschließen, und mitzukämpfen in der großen Armee de? klassenbewußten Proletariats. Ober-Schöneweide. Einen empfindlichen Verlust hat ein armer Arbeiter, Familien» vater von sechs Kindern, zu beklagen. Derselbe verlor am Sonn- abend auf dem Wege vom Kabelwerk Obersprce bis Tabbertstraße 30 M.. einen Zwanzigmark- und einen Zehnmark-Schein. Der ehr- liche Finder wird gebeten, das Geld in der„Vorwärts"-Spedition. Laufener Str. 2, l, abzugeben. Hohen- Schönhausen. Bei der Entgleisung rineZ RutschbahnwagcuS sind vorgestern gegen 10 Uhr in dem„Wirtshaus am Oraukesee" zwei junge Mädchen schwer verunglückt. Die 17jährige Verkäuferin Berta Hanke benutzte mit einer Freundin gemeinsam einen Wagen der Rutschbahn, die schon seit mittags in Betrieb war und bis dahin ordnungsgemäß funktioniert hatte. Als der Rutschbahnwagen sich in der Tiefe der Kurve befand, erhielt er plötzlich einen Stoß, sprang aus den Gleisen und die beiden Mädchen wurden auf den Boden geschleudert. Sie erlitten schwere innere Verletzungen. Außerdem trug die H. eine stark blutende Kopfverletzung davon. Die Verunglückten wurden mittels Krankenwagens nach dem Krankenhaus Friedrichshain übergeführt. Tegel. Wahlterrorismus wurde unseren Genossen im hiesigen Gemeinde» Parlament im vorigen Monat vorgeworfen, als die Einsprüche gegen den bei der letzten Gcmeindcwahl gewählte,! Genossen Arendsee zur Verhandlung standen. Unter anderen Rednern glaubte auch der hiesige Gemeindevorsteher auf den«TerroriSmus der Sozial- demokratie" hinweisen zu müssen. Genosse Lichtenberg trat diesen und den Ausführungen der anderen Redner entgegen, indem er sich erbot, den Nachweis zu erbringen, daß Vorgesetzte den Gemeindearbeitern gesagt hätten, sie müßte» T h i e s s e n wählen oder sie würden entlassen. In dem in der Nummer vom 22. Mai des„Vorwärts" erschienenen Bericht über die Gemeindevertretersitzung gaben wir die Ausführungen des Genoffen Lichtenberg wieder. Jetzt nach einem Monat schickt unS der Gemeindevorsteher folgende Erklärung: In der Nummer 117 des„Vorwärts* vom 22. Mai 1909 ist in einem Artikel mit der Bezeichnung„Tegel. Aus der Gemeinde- Vertretersitzung" die Behauptung aufgestellt worden:„dag Gemeindearbeitern von ihren Borgesetzten gesagt wurde, sie haben Thiessen zu wählen, oder sie werden entlassen". Ich erkläre diese Behauptung für unwahr und ersuche auf Grund des Z 11 des Pretzgesetzes vom 7. Mai 1S74 um Berichtigung und Zusendung eines Belegblattes. Waigert, Bürgermeister. Es wird nun die Aufgabe deS Genossen Lichtenberg sein, dem Herrn Bürgermeister zu beweisen, daß das, was er in der fraglichen Sitzung erklärte, wahr ist. Herr Waigert sollte übrigens wissen, daß er einen Anspruch auf ein Belegexemplar nicht hat. Notimwes. Fcuerlärm ertönte, nachdem erst in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag die Trikotwarcnfabrik von Pitsch von einem größeren Stliadcnfeuer heimgesucht worden war und durch die Explosion einiger auf dem Hofe liegender Glasballons mit Ammoniak und Schwefelsäure auch einige Feuerwehrleute verletzt wurden, am Sonntagnachmittag in der fünften Stunde; und zwar war das Feuer diesmal auf dem in der Wallstraße 46 befindlichen Grundstück des SchmiedeineisterS Lohan ausgebrochen, während sich derselbe mit seiner Familie in Rehbrücke befand. Es brannten die über der Schmiedewerkstätte gelegenen Wohnräume der Gesellen und Lehr- linge. Infolge der massiven Konstruktion der Werkstätte gelang es der freiwilligen Feuerwehr, in kurzer Zeit das Feuer zu dämpfen. doch wurde das Dachgeschoß der Schmiede vollständig vernichtet. Aus welcher Ursache der Brand entstanden ist, konnte noch nicht er- mittelt werden._ Vermilcdtes. Die Typhusepidcmie in Altwasser nimmt einen bedrohlichen Charakter an. Es wird von dort ge- meldet: Die Zahl der Typhuserkrankungen in Altwasser ist bis gestern mittag auf 312 gestiegen; sieben Fälle verliefen tödlich. Das KreiSkrankcnhaus und das Knappschaftslazarett sind mit Typhus- kranken überfüllt. Jetzt soll auch daS leerstehende Knappschafts- lazarett in Waldenburg hergerichtet und mit hundert Betten besetzt werden. Vereinzelte Typhuserkrankungen sind auch schon in mehreren Ortschaften der Umgegend von Altwasser erfolgt.� Durch ausströmende» Dampf getötet. Einer Meldung aus Kiel zufolge platzte gestern vormittag im Heizraum des Panzerkreuzers „Prinz Adalbert" ein Dampfrohr. Durch ausströmenden Dampf wurden der Heizer MatkowSky getötet und der Maschinistenmaat Schramm schwer verbrüht. Mnsscncrkrankungen in einem theologischen Seminar. In dem cvangelisch-thcologischen Seminar zu Maulbronn ist, wie aus Stutt- gart berichtet wird, fast die Hälfte der Zöglinge erkrankt. Die Krankheit äußert sich in Kopflveh, Schmerzen im Unterleib und Fieber. Straßenlahnkatastrophe in Indiana. Schwere Folgen hatte eine Kollision zweier Straßenbahnzüge, die sich gestern abend in Chesterton(Indiana) ereignete. Ein Telegramm von dort meldet: Gestern abend erfolgte hier zwischen zwei in entgegengesetzter Richtung fahrenden Straßenbahnwagen ein Zusammenstoß, wobei zehn Personen getötet und zwanzig verletzt wurden, davon mehrere tödlich. Der Zusammenstoß, der bei voller Fahrt erfolgte, wird auf mißverstandene Anordnungen zurückgeführt. Berungliickter Postzug. Nach einer Meldung aus Kalkutta ist der Postzug von Madras zwischen Minjur und Ennore verunglückt. Fünfzehn Eingeborene sind dabei umgekommen. Erdbeben auf den Kanarischen Inseln. Aus Madrid wird gemeldet: Auf den Kanarischen Inseln wurde gestern morgen ein heftiger Erdstoß wahrgenommen, der in der in unmittelbarer Nähe des MeereS gelegenen Stadt Jcod eine große Panik hervorrief. Das Rathaus und die Zivilgardekaserne wurden ziemlich stark beschädigt. Nachrichten über Verluste an Menschenleben fehlen noch._ Amtlicher Marktbericht der städtischen Marktballen-Dlrektlon über den Grobhaudel in de» Zciitral-Marktballcn. Marktlage: Fleisch: Zusuhr stark, Geschäft reger, Preise für Rind- und Schweinefleisch nach- gebend, sonst unverändert. Wild: Zusuhr nicht ausreichend, Geschäft lebhaft, Preise unverändert. Geflügel: Zufuhr genügend, Geschäft flau, Preise nachgebend. Fische: Zufuhr genügend, Geschäft schleppend, Preise wenig verändert. Butter und Käse: Geschäft still, Preise un> verändert, Gemüse, Obst und Südfrüchte: Zufuhr genügend, Geschäsl lebhast, Preise wenig verändert. Briefkasten der Redaktion. ®U surlftlf«- Sprechstunde«Indet Lindanstraste Rr. S, zweitet! Hof. dritter«Singang, vier Treppen, jAM- Fahrstuhl wocheiitäaltch abendS von 7>s, bi? Nfl, llht statt. Geöffnet 7 lllir Sounabends beninnt die Eprestiftilnde um 6 Uhr. Jeder Slntrag? ist«in Buchstab« und ciuc Zahl als Nicrkzeichcu beizufügen. Briefliche ülntioort wird nicht erteilt. Bis zur Beanttvvrtuiig im Briefkasten iünncn 14 Tage vrrarhcu. Ellixc Fragen»rage niau tu der Sprechstunde der. Schach 1. Allmonatlich dürste ein Hinweis aus das Tagungslokal genügen,— 1. L. Lnrkenwalde. Der Berliner AulomobiUöschzug führt 12 �sogenannte R-Druckschläuche und 62 C-Druckschlünchc mit sich. Die L-Schläuche haben 72 mm Durchmesser und 20 ra Länge, die OSchlanche 45 mm Durchmesser und 15 m Länge. Demnach verfügt der Automobil- löschzug über 720 m Schlauch. Bei Graßseuer rücken aber neun Lvjchzüge auS, so bah sich die Meterzahl säst vcrnennsacht. Im übrigen werden dann auch noch besondere Schlauch wagen nachgeschickt. Die Gesamtlänge der bei der Berliner gauerwehr vorhandenen Schläuche ist: L-Schlänche— 10100 m, OSchlanche— 19 425 ra, A-Sangeschlänche ---- 277 ra, L-Saugeschläuche= 72 in.—<5.®. 10. Wir empfehlen Ihnen, mündlichen Unterricht zu nehmen. Dieser verdient immer den Vorzug gegenüber dem Selbstunterricht. Eine bestiminle Ausgabe zu enchsehlen, wäre ein etwas gewagtes Unterfangen.— G. L. 100. In beiden Fällen werde» gelernte Maschinenbauer bevorzugt.— 3t. 53. Nein. — P. O. 10. Der Antrag ist an das Polizeiprüsidinm zu richten. Die Naturaltsationskosten sür einen Außerdcutschcn betragen 50 M. Der Satz soll aber durch das dem Landtage vorliegende Gesetz geändert werden.— — 91. B. 28. In zehn Jahren.—®. St. 100. Zur Zahlung des Nestes würden Sie verurteilt werden, nicht aber zur Rückgabe der Möbel. Termin würde voraussichtlich vor Ende Dezember nicht anbcrauuU werden, Witteningsübersicht vom Li. Juni 1900. morgens 8 Uhr. etattonen Swtnemde. Hamburg Berlin Franks.» Mi Mimchen Wien j, B Q � 1 2 762© 761SSO 762 SW 761 NO 763® 93 !764 Still Wetter ms All §«> Ho 1 wolkig 2 wolkenl 2 heiter 1 wolkig 2 bedeckt bedeckt Stationen Iii i i Haparanda 757 NO Petersburg 757 WNW Scillh 1 753 SSW elberdccn Paris 753 O 758 S Wetterprognose für Dienstag, de« 22 Ziemlich warm und schwül, zcittveise heller, aber meist schwachen südwestlichen Winden, etwas Regen und Gewittcrncigung Berliner Wette rburean. 4 wolkenl 1 bedeckt 4 bedeckt 1 bedeckt 2 heiter I Juni 1909. sehr veränderlich bei Loden- Pelerinen lllr Herren and Damen mit Loden-Kleidung '**}■,.... für Berg und See Kap uro und Brustbändern 22.» 21.-19.S0 IS.-Q r-' 16.» 16.— 12.— 10.— i Mantel'Pelerinen Halali« DR-GM-"*«•• „lldlcUI Ali Mantel oder Pelerine epielend in verwandeln, Unentbehrlich fOr Touren und Jagd.| Q VorzDgllcho Loden I O � Knaben- nnil Mädeben- � Loilen-PelEilnenvonS�an.i Loden-Hüte Wetterfeste Loden e>40. 3.75 2.80 Z M, Loden-Hüfe „Halali" grau, grfln und braun," hart, Gaschmaldlg, straparlerflUilg. 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Bancr:|!{f Jlfltf frrpllj(riini)$0l1l|(Ull9. S. DiSknIfion. 4. BerbandSangelegenheilen. Die OrtSverwaltnng. Vielen kranken(iesunäunx durch Trinkkuren im Hause mit Lamscheider Stahlbrunnen, der von Geb. Medizinalrat Professor Dr. Liebreich als ein Heilschatz ersten Ranges bezeichnet worden ist. DankcSworte nach erfolgreichen Kuren:„Meine Tochter, jetzt stehen- zehn Jahre alt, litt schon seit ihrer frühesten Jugend an Blutarmut, 'Appetitlosigkeit, Müdigkeit und Entkräftigung. Alle Mittel und Kuren, die ich angewandt, blieben erfolglos. Da griff ich zu dem mir emp- sohlenen Lamscheider Stahlbrunnen, und schon nach Gebrauch von 15 Flaschen hatte meine Tochter ihre völlige Gesundheit wiedererlangt." —„Die bestellte Sendung Lamscheider Stahlbrnimen habe ich im Früh- jähr erhalten und kann Ihnen nur mitteilen, dag dasselbe wie ein Wunder aus meine langjährigen Magenschmerzen, welche mich ojtnials bis zur Verzweiflung getrieben haben, cingeivirlt hat."—„Mein Sohn litt seit Monaten an Schwäche, allgemeiner Körperabnabme und Blitz- armut. Kein Mittel wollte helfen, und wir befürchteten das Schlimmste. Wir lasen in einer Zeitung von dem alten berühmten Heilquell, und schon nach vicrwöchcntlicher Kur fühlte mein Sohn sich wieder ganz Wohl und gesund."—„Bin mit dem Lamscheider Stahlbrunnen ausgezeichnet zufrieden, vorgenommene Badereise kann unterbleiben, da Nervosität, Appetitlosigkeit und Schwäche verschwunden sind." Warm empsohlen bei Blutarmut, Bleichsucht, versch. Arten von Frauen- lrankheiten, Magen- und Darmleiden, Nervcnlrankheiten, blutarmen Zu- ständen, bei denen eine Mehrung der Blulmcnge und Besserung der Blut- bcschasscnhcit notwendig ist,}. B. nach großen Blutverlusten infolge schwerer Operationen, Wochenbetten usw., nach uberstandcnen erschöpfenden Krankheiten wie Influenza usw.— Broschüren kostenlos durch: Lamscheider Stahl. brunnen, Düsseldorf 0. 164. 206/18" I ÄMemtaWek WaMversis des liBeiÜelcSistais-Walreisßs. Landsberger Biertel« Bezirk 363. Den Mitgliedern zur Nachricht,\ | daß unser Genosse, der Sattler Boritz Densow Rigaerftr. 107 | gestorben ist. Ehre seinem Nndenken l Die Beerdigung findet am I Mittwoch, den 23. Juni, nach- f I mittags 5'/, Uhr, von der Leichen- s balle des Zentral- Friedhofes in l/ | Fricdrichsscldc aus stall. Um rege Beteiligung ersucht Der Borftand. Parkettbodenleger. Mittwoch, de» SZ. Juni 1SV9, abends 8 Uhr: Große öffentl. Nersammlnng im Gewerkschaftshause, Engelufer Nr. IS. Saal 1. TageS-Ordnung: 86/1 1.„Die gegenwärtige Lage der Bodenlegcr und wie können bessere Zustände geschassen werden." Referent Bodenleger KlSner. 2. Allgemeine Aussprache. Jeder Bodenleger muß in dieser Versammlung erscheinen. Die Kommission. Ml-Mil lir Hn Minis Zwclgverein Berlin. Sektion der Qipsa und Zcmentbrancke« Mittwoch, den SS. Juni, abendS 8'/, Uhr t Mitglieder- Versammlungen. Gruppe: Pabitzplcher«nd Träger in JnliuS Meiers Festsälen. Tebastianstr.»S, a. d. Alten JakoSstraße. Gruppe: Rabitzspanner UsKasK.' TageS-Ordnung: 1. Vortrag über:„Die neue Reichsversicherungs- ordnnng". Referenten sind die Arbeitersekretäre, Genossen Eugen Brückner und Adolf Ritter. 2. Diskussion. 3. Berufs- angelegenhciten und Verschiedenes. 138/2* DBF" Für guten Besuch dieser Versammlungen ersuchen wir. auf den Baustellen rege zu agitieren, und ist es Pflicht eines jeden Kollegen, bestimmt zu erscheinen. _ Die Grnppenvorstllmle. Bezirk Wiüieliiisrui). Todes■ Anzei�o. Am 21. Juni verstarb unfer Mitglied, der Dreher Hermaim PoltseMlk. Ehre seinem Andenken 1 Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 24. Juni, nachmittags 5 Uhr, von der Leichenhalle der Freireligiösen Gemeinde, Pappcl-Allee, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Her Vorstami. Todcs-Anzclge. Am Sonnabend 8 Uhr abends j verstarb nach langem Leiden mein f lieber Mann, der Drechsler Lock. Die Beerdigung sindct am Miit- wochnachmittag 3'j, Uhr ans dem Zentralsriedhvj in Friedrichsfeldc statt. 1637L Danksagung. Für die rege Beteiligung bei der Beerdigung meines lieben Mannes, des Formers Karl Voigt(gen. Bumbas-Karl) sage ich allen Le- kannten, sowie säuftlichen Kollegen, dem 564. Bezirk des Wahlvereins deS VI. Kreises und dem Metall- arbeiterverband meinen besten Dank. Wwe. Auguste Voigt. Danksagung. Für die liebevolle Teilnahme, sowie die reichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unseres guten Vaters, deS Formers Ernst Hagcmann sagen wir hiermit allen unseren herzlichsten Dank. Wwe. Emma Hageraann 130b liebst Kindern. ZuMgeliehrt Frauenarzt Hr. Ersunkenstela T tritscnstr. 23 n. Bhs. Alcxanderplaß Dp. Simmel Spezial-Arzt 62'9* für Haut- und Harnleiden. Prinzensir. 41, 10—2, 6—7. Sonntags 10— 12, 2—4 Statt Karten. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die| 1 reichen Kranzspenden hei der Beerdigung meines liehen| Mannes und unseres unvergeßlichen Vaters, Schwiegerund Großvaters Aaigsisstsia sage ich allen Freunden und Bekannten, Korporationen sowie der Verwaltung und dem Personal des Gewerksohafte- j hauses, dem Direktorium der Schultheiß-Brauerei, den Herren Vertretern der städtischen Behörden, des Magistrats, der Stadtverordnetenversammlung, denHerrenAerzten, Beamton 1 und Angestellten des städtischen Obdachs, der sozial- 1 demokratischen Reichstagsfraktion, den Genossen Singer j und Waldeck Manasso für den warm empfundenen Nach- j ruf, den Sängern wie sämtlichen Parteigenossen im Namen( der Hinterbliebenen meinen innigsten Dank. Witwe Klara Angnstln. KlttMtn- Ilud Kranftindere! von ködert Nexer,' nur MorZaunttt-Straße 2. anzeti tötet unsehwar mit Brut Reichels Wanzentluid„Radikal" RI. 50 Ps„ 1—, 2.-, 3-, fiifcifl. 5.-. Absolut flecksrei, nicht seuergesährlich. 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