Nr. 150. MwimemcntS'Bedlßounden: Monnemcuts> Preis pränumerando i Viertcljährl. 3£0 Tit., monatl. 1,10 Mk,, wöchentlich 2a Pfg. frei WS Haus. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags. immmer mit illustrierter Sonniaqs- BeUage.Die Neue Welt" 10 Pfq. Post» Abonnement: 1,10 Mari pro Monat. Eingetragen in die Poft-Zeitungs» Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich> Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. PostabonnemcntS nehmen an: Belgien, Dänemarl, Holland, Italien. Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. 36. Jahrg. Sichel»! töäiich snücr ßlontsa». Veelinev VolKsblclkk. Ble Tnicrtlons-Gebüftp kekrägi für die sechsgcspaltcne Kolon??- zclle oder deren Raum BO Pfg., für politische und gewcrlschastiiche Vereins» und Vcrsainmlungs-Anzeigcn SO Psg. „Kleine Hnzcigen", das erste(feit« gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stcllcngeinchc und Schlaf- flellcn-Anzcigcn das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort L Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen I>is 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ijt bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm- Adresse: „5»ziiiltlil»o>trsl Bcrli»". Zentralorgan der fozialdemohrati feben Partei Deutlchtandd. Redahtion: SM. 68, Lindenstraese 69* Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Sxpedition: SM. 68, Lindcnotraase 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Arbeitendes Volk von Berlin! Die Junkerregierung beugt sich dem Joche der Reaktionäre. Die Wucherzölle und die Hungerprcise sollen erhalten, die liiiiiitirrftiriii im Ijdimt Mllmiik vom schwarzen Schnapsblock durchgepeitscht werden. Nur die anwachsende Wucht einer starken Volks- bewegung kann den Verderbern des deutschen Volkes ein Halt gebieten. Deswegen gestaltet die heutigen Versammlungen zu einer mächtigen Demonstration Erscheint in Massen! Keiner fehle! !♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦» LwZgungen statt ßrotl Es ist nicht das erstemal, daß die Sozialdemokratie die Leffnung der Grenzen zur ungehinderten Einfuhr von Brot- getreide gefordert hat, uns es wird nicht das lehtemal sein. Eine solche Forderung macht sich immer wieder geltend in einem Lande, dem durch Lebensmittelzölle das Leben er- schwert wird, sobald die Brotpreise eine ungewöhnliche Höhe erreichen. Sie wird wiederkehren, bis sie durch völlige Be- seitigung der Lebensmittelzölle endlich ein für allemal gegen- standslos geworden ist. Daß auch diesmal die Regierung und die herrschenden Parteien sich rundweg ablehnend gegen- über dem sozialdemokratischen Verlangen verhielten, war vorauszusehen. Der Herr Staatssekretär v. Be t h m a n n- H 0 l l w e g zeigte aber nur einmal wieder seine Verstand. nislosigkeit sür Parlamentarismus, wenn er mit dem Hin- weis auf die Haltung der Negierung und der Agrarier das sozialdemokratische Vorgehen als unzweckmäßig abtrumpfen zu können glaubte. Treten irgendwelche Schäden im Staats» leben zutage, dann ist es eine gebieterische Pflicht der Volks- Vertreter, sie aufzudecken, auch wenn die herrschenden Ge- walten nicht zu deren Abstellung zu bewegen sind. Und machen sich diese Schäden periodisch in besonders starker Weise wieder geltend, dayn muß auch die Kritik stets von neuem einsetzen, weil man rtpr auf solche Weise das ganze Regierungssystem untergraben kann, das solche unheilvollen Wirkungen zeitigt. Nicht weil die Sozialdemokraten glauben, daß der ve�ließende Schneemann B ü l 0 w plötzlich zu einem energischen Auf- treten gegen die Agrarier zu bewegen sei, nicht weil sie glauben, daß der philosophierende Burcaukrat v. B e t h- mann-Hollweg zu einem Bruch mit seiner ganzen Ver- gangenheit bewogen werden könnte, nicht weil sie glauben, die Herren Rösicke, Graf Schwerin, Herold und Spahn von der Verderblichkeit künstlicher Brotverteuerung überzeugen zu können, wurde die Interpellation eingebracht, sondern um in die weitesten Kreise des Volkes A u f k l ä r u n g zu tragen über die Verderblichkeit des herrschenden Systems der Bureau- kraten- und Junkerherrschaft mit seiner volksaussaugenden Wirtschaftspolitik. Auch sollte diese Erörterung ein Beitrag sein zur An- fachung der Volksbewegung, die eingesetzt hat mit dem Kampf gegen den sauberen Plan, durch 400 Millionen Mark neue Steuern die Volksaussaugung im großen zu betreiben. Hebt sich die Bösartigkeit dieser Steuerprojekte doch besonders stark ab von dein düsteren Hintergrunde der steigenden Lebens- mittelpreise und der wachsenden Not. In der Begründung der Interpellation hatte Genosse Molkenbuhr auf Grund eines umfangreichen Tatsachen- Materials nachgewiesen, wie die Zollsätze für Brotgetreide als Zuschlag zu den an sich hohen Weltinarktspreisen verteuernd einwirken auf den Brotkonsum in Deutschland trotz einer günstigen Jnlandsernte. Dazu komme, daß das System der Einsuhrscheine direkt die Ausfuhr von deutschem Getreide be- günstigt, so daß, wie der freisinnige Abgeordnete Kämpf in der späteren Diskussion noch näher ausführte, ein bedenklicher Mangel an deutschem Weizen in Deutschland künstlich hervor- gerufen sei, trotzdem zur Herstellung von Brot die Mischung deutschen und ausländischen Getreides erforderlich sei. Da nun gerade die kleineren Mühlen das deutsche Getreide nicht wie die größeren Mühlen durch eine Mischung verschiedener ausländischer Getreidesorten ersetzen können, wirkt das gegen- wärtige System durch Beeinträchtigung der kleinen Mühlen obendrein im höchsten Grade mittel st andsfeindlich. Nach echter Ouacksalbermanier sucht bekanntlich die agrarische Mehrheit diese unheilvolle Nebenwirkung der herrschenden Agrarpolitik wieder wettzumachen durch eine gestaffelte , Mühlenumsatzsteuer. Der gewünschte Zweck, den kleinen 'Müllern zu helfen, würde doch nicht dadurch erreicht werden-, aber wirtschaftliche Schäden schwerster Art wären die not- wendige Folge davon. Molkenbuhr spitzte seine Erörterungen zu einem scharfen Angriff auf die Agrarpolitik der Junker und ihrer Handlanger in den Re�ierungssesseln zu. Daß die gegenwärtige Regierung sich zu einem Kampfe gegen die Agrarier ernstlich aufraffen könne, sei zwar nicht zu erwarten, aber um einen Wahlkampf unter der Parole für oderwiderdieAgrarier werde man später doch nicht herumkomm en können. Der einzige verantwortliche Staatsmann, über den das Deutsche Reich verfügt, der Herr Reichskanzler Fürst B ü l 0 w, zog es auch diesmal vor, durch Abwesenheit zu glänzen. Er hat es durch seine Methode, allen ernstlichen Entscheidungen aus dem Wege zu gehen und nur wie ein flüchtiger Komet gelegentlich am parlamentarischen Himmel zu erscheinen, glück- lich dahin gebracht, daß die Nennung seines Namens nur noch Heiterkeit erweckt. Man hatte von vornherein gar nichts anderes erwartet, als daß der unverantwortliche Herr von Bethmann-Hollweg die übliche Ablehnung, mit einigen wohlwollenden Komplimenten verbrähmt, dem Reichs» tag servieren würde. Der Herr Staatssekretär benutzte denn auch mit großem Eifer diese Gelegenheit, um zu zeigen, daß die Gruppe von Leuten, die man Reichsregierung zu nennen ! pflegt, in dieser Frage mit den Junkern ein Herz und eine '. Seele ist. An der bewährten Zollpolitik wollen sie festhalten mit eiserner Konsequenz. Die Not des Volkes scheucht sie aus ihrer Gemütsruhe nicht auf. Aber etwas wollen sie doch tun: Sie wollen Erwägungen veranstalten. Wenn der Reichstag es wünscht, wollen sie sogar eine Denkschrift ausarbeiten über die Wirkung der Einfuhrscheine. Die Tcuc rung, die durch die vorjährige Weltcrnte herbeigeführt wurde, kann ja mittlerweile gemildert sein, wenn die Denkschrift erscheint. Und schließlich ist die Regierung nie verlegen ge Wesen um Gründe für die Ablehnung jeder antiagrarischen Aktion. Mit dem Versprechen von Erwägungen war sie von jeher sehr freigebig: das kostet nichts außer Papier und Druckerschwärze und zeigt doch, wie zugänglich diese erleuch teten Staatsmänner für alle Anregungen sind. Auf„Erwägungen" war denn auch der Ton der Ausführungen seitens der agrarischen Redner aus dem Hause gestimmt. Herr Pieper, der für das Zentrum das Wort ergriff, will nächstes Jahr der Frage nähertreten. Die Mißstimmung, die in den Kreisen der katholischen Arbeiter wegen der Brot- Verteuerung sich Bahn bricht, legte aber doch dem Leiter der Gladbacher Agitatorenschule den Gedanken nahe, sich über die starke Ausfuhr deutschen Getreides nach dem Auslande zu beschweren. Ganz im Bethmannschen Gedankengange be wegte sich der freikonservative Dr. Arendt, der da entdeckt hatte, die Frage sei jetzt eigentlich nicht zeitgemäß:„nach der Ernte" könne man darüber reden. Die schärfere agrarische Tonart kam nun in dem Grafen Schwerin zum Wort, während der bayerische Zenftumsabgeordnete Dr. Heim sich sichtlich bemühte, in einer bei ihm ganz ungewöhnlichen rein sachlichen Erörterung die nachteilige Wirkung der Getreide- zölle hinwegzudeuten. Unterstützt wurde das Vorgehen der Sozialdemokraten durch die Freisinnigen Kämpf und F e g t e r und in etwas zaghafter Weise auch durch den Polen K u l c r s k i, dessen Fraktion aus Rücksichten auf die Arbeiter sich entgegen ihren neueren Bundesgenossen für die zeitweilige Aufhebung der Brotsteuer aussprach. Eindringlich polemisierte dann Genosse S ü d e k u m gegen die flachen Ausflüchte des Herrn v. Beth- mann-Hollweg, indem er hervorhob, daß die herrschende Agrarpolitik geradezu einen verbrecherischen Charakter trage, da sie durch Verteuerung der Lebensmittel die Volksgesundheit schädige. Dann wurde die Debatte vertagt auf unbestimmte Zeit. Aber nicht vertagt ist die Brotverteuerung, und hoffent- lich wird auch das deutsche Volk seinen Grimm über die verderblicheHerrschaft der Junker und ihrer bureaukratischen Hand- langer nicht vertagen, sondern sich ernstlich daran machen, die läng st spruchreifen Er- wägungen, wie man dieserSchandwirtschaft ein Ende mächen kann, entsch lassen in die Tat umzusetzen._ Die Verantwortung der Qberalen. Der eitle Bülow kämpft jetzt mit allen Mitteln um einen guten Abgang. Nichts schmerzt ihn so sehr, als daß selbst die Feuillctonisten in der liberalen Presse, die sich dem regierenden Feuillctonisten so seelenverwandt gefühlt haben und ihre Seclenverwandtschaft so oft in lauten Lobeshymnen ausfließen ließen, ihn jetzt mit durch die Enttäuschung ge- steigerter Heftigkeit als amen Jämmerling verhöhnen, der aus der Schlacht davonläuft, ohne die entscheidende Tat ge- wagt zu haben. Deshalb läßt Bülow seine Offiziösen mit aller Macht arbeiten, um wenn nicht den Ruhm des Helden, so den des Märtyrers zu erlangen. So versichert die hoch- offiziöse„Südd. Korrcsp.": „In einem unparteiischen Blatt wird zur Rechtfertigung derKonservativen bemerkt, sie hätten als Folge ihrer Haltung in der Erbanfallsteuerfrage den Rücktritt des Reichskanzlers nicht gewollt. Diese Art der Entschuldigung sollten die Konservativen selbst ablehnen. Man führt nicht, mit Hilfe anderer, einen wohlerwogenen Streich, um dann zu nturiucln, es sei aus U n b e d a ch t geschehen. Man stürzt nicht nebenher und ahnungslos den Reichskanzler. Die konservativen Führer durften nach ihrer Kenntnis der politischen Lage keinen Augenblick im Zweifel sein, daß die Ablehnung der Erbonfallstener durch die konservative Partei den Rücktritt des Fürsten Bülow nach sich ziehen mußte. Sie wußten, ivas sie taten, als sie— unter polnischem Beistand— eine Mehrheit gerade gegen diese Vorlage zustande brachten. Diese Tat- fache, daß die Konservativen durch parlamentarische Schachzüge mit dem Zentruni und den Polen zu ungelegener Zeiteinen Kanzler Wechsel in Deutsch- land heraufbeschworen haben, ist durch nichts zu verdunkeln. Mir der A b st i m m u n g d e r K 0 n s e r v a t i v e n in der Erb- aiifallsteucrfrage hat Fürst Bülow sein Entlassungs- gesuch begründet und den Kaiser von der Notivcndigkeit. cS zu genehmigen, überzeugt. Auf die treuherzige Vermutung, der Eni- schluß zum Rücktritt sei vielleicht nicht unwiderruflich, kann nur ein Nichtwissender kommen. Der Kanzler hat mit seinem Abschiedsgesuch weder gespielt, noch ab irato gehandelt. Es ist ein vom Kaiser gebilligtes Ergebnis reiflicher Ueberlcgung. Zentrum und Polen wollten von vornherein die Schwierig- leiten der RcichSfiuanzreform zum Sturz des Reichskanzlers be- nutzen. Dafür suchten sie Helfer und fanden die Kon- servativen." Das ist bitter und man darf auf die Antwort der„An- geklagten" gespannt sein. Nur daß Bülow, wenn er als Opfer der Konservativen fällt, diesen Ausgang seiner eigenen Feigheit zuzuschreiben hat. Und daß gerade sein Jammern beweist, wie sehr ihn das Martyrium schmerzt. In ähnlicher Weise schiebt anch die„Köln. Ztg." alle Schuld auf die Konservativen, indem sie gleichzeitig deren Behauptung, die Erbschaftssteuer sei für die Konservativen eine Gewissensfrage gewesen, folgendermaßen abtut: „Der Rücktritt Bülows sei nicht lediglich durch die Ablehnung der Erbanfallsteuer veranlaßt worden. Denn die Frage der Erb- bestcuenmg war nur eine taktische, durch deren'Ausnutzung das Zentrum im Bunde mit den Konservativen sich die Herr- schaft im Reiche sichern wollte. Ob die Konservativen diese Absichten nicht genügend erkannten, bleibe dahingestellt. Bei den verschiedensten Verhandlungen, die in der letzten Zeit zwischen den Konservativen und der Regierung stattgefunden, wiesen diese, wenn sie zu einer bestimmten Stellungnahme in einer Frage angegangen wurden, darauf hin, daß sie vorher mit dem Zentrum sich besprechen müßten. Damit war der überwiegende Einfluß einer Partei erwiesen, welche im Volke nur eine kleine Minderheit bedeutet, und die anch deshalb beanstandet werden muß, weil sie— was sie auch sagen möge— im Grunde doch eine kirchliche oder konfessionelle Partei ist. bei deren Ent- schließungen politische Erwägungen nicht immer maßgebend sind. Diese Bedeutung des schwarzen Blockes, der nicht mir einen Zentrumseinschuß hat, sondern in dem das Zentrum z u e i n e r führenden Stellung gelangt ist, ist für die Entschließung des Fürsten Bülow maßgebend gewesen. Nicht die Frage der Erbbesteuerung, sondern die gesamte politische Lage, die sich aus dem Zusammengehen von Zentrum und Koniervativen ergab, hat es dem Fürsten Bülow nach seiner Auffassung unmöglich gemacht, im Amte zu verbleiben. Das nächstliegende Mittel gegen diese neue politische Gestaltung wäre offenbar die Auflösung des Reichstages gewesen, zu der sich indessen alle maßgebenden Kreise vorläufig nicht ent- schließen wollten aus Gründen, auf die an dieser Stelle nicht mehr eingegangen werden soll." Aber nicht nur die Konservativen sind Schuld daran, daß der arme Bülow gehen muß. Auch die Verbündeten Regierungen haben ihn im Stiche gelassen und eigentlich ist es nicht Bülow, sondern die Verbündeten Regie- rungen, die schmählich umgefallen sind. Das ver- kündet die offiziöse„Köln. Ztg." mit folgenden Worten: „Der Kommentar der kaiserlichen Kundgebung, den die „Nordd. Allg. Ztg." für nötig gehalten hat, um keine Mihver- ständnisse aufkoinmen zu lassen, hat klar zu erkennen gegeben, daß die jetzige Krise einzig und allein dem Umfalle der Verbündeten Regrerungen entspringt. Sie haben das„positive Ergebnis" der ReichStagsvcrhandlungen gar nicht erst abgewartet, sondern voraus erklärt, daß sie die Reform mit der neuen Mehrheit machen und nur zusehen würden, das mißgestaltete Gebilde des schwarzen Blocks soweit zu veredeln, daß ihm wenigstens die schädlichsten Auswüchse— Kotierungsstcuer, Mühlenumsatzsteuer und Kohlenausfuhrzoll— ausgeschnitten würden. Bei dieser Neigung des Bundesrats, vor dem konservativ-klerikal-polnischen Bunde zu kapitulieren,. angesichts eines U m f a l l s, der nach den großen Worten, mit denen die Vertreter der Einzeistaaten sich gegen die Steuer- Verschlechterung durch diese Mehrheit geivehrt haben, schier sür unmöglich gehalten wurde, konnte freilich Fürst Bülow die Geschäfte nicht weiterführen, wenn er nicht mit dem Bundesrat feine ganze llteputation aufs Spiel setzen wollte. Daß die Dinge tatsächlich so liegen, bestätigt unser Berichterstatter in Dresden; er telegraphiert uns:„Ich erfahre aus guter Quelle, die Reichsregierung werde keinen Teil der Finanzrcform bis zum Herbst ver- tagen, sondern aus dem Komprom ißwege die Sache schnell erledigen. Etwas Achnlichcs deutete vor einigen Tagen der Finanzminister R ü g e r an." Dagegen wird im frommen„Reichsboten" die umgekehrte Klage laut. Der jammert über die Zerfahrenheit, die im Bundesrat geherrscht habe, der in seiner Stellung zur Finanzreform nichts weniger als einheitlich gewesen sei. Schuld daran aber sei Bülow selbst gewesen, der die alten verdienten Herren, die im Bundesrat beieinandersitzen, nicht immer mit der nötigen Langmut behandelt habe. Man höre nur.; „Schon bald nachdem BüloK auf den Posten des Reichs- kanzlers gelangt war, sprach man im Bundesrat zunächst schüchtern und dann immer offener von der„Fuchtel" des Re ichskanzlers. Wenn auch Fürst Bülow im persönlichen Verkehr mit den einzelnen Bundesratsmitgliedern ebenso wie in Besprechungen mit Parlamentariern und in der Konversation sozusagen mit aller Welt auch jederzeit Politesse zeigte, mit der er leicht für sich einzunehmen verstand, so wirkte doch die k a t e- g arische und peremptorische Art, wie er für seine Wünsche oft wesentlich nach der formalistischen und äußerlichen Seite fast überkleinlich Nach- achtung begehrte, geradezu verletzend." Dann wird als einer, der besonders schlecht behandelt wurde, der bayrische Vertreter, Graf Le r ch e n f e l d, genannt, und angedeutet, daß der Grund darin bestanden habe, daß der Graf beim Kaiser nicht beliebt war. was ja auf den.Charakter des Fürsten Bülow allerdings ein charakteri- stisches Licht werfen würde. Aber die Zerfahrenheit der jetzigen Situation ist nicht nur dadurch gekennzeichnet, daß alle Konflikte zwischen Kanzler und Bundesrat, die sonst so sorgsam vor der Oeffentlichkeit verhüllt werden, jetzt von den Beteiligten selbst ans Tages- licht gezerrt werden: sie sind auch gekennzeichnet durch den Streit zwischen den wirklichen Machthabern, den Herren v. Heydebrand und Spahn, und den jeder Führung und jeder Autorität beraubten Bundesrat. Während Bülow nur mehr für seinen Nekrolog arbeitet, möchte der Bundesrat die halbe Milliarde neuer Steuern in Sicherheit bringen und soweit es sich um die indirekten Steuern handelt, ist er mit dem Schnapsblock einig. Dagegen hat der Bundesrat wiederholt beteuert, daß die Börscnsteuern, vor allem die Kotierungssteuer, für ihn unannehmbar seien, und hat an die Regierung Heydebrand-Spahn die Aufforderung ergehen lassen an Stelle dieser Steuern andere vorzuschlagen. Damit war zugleich feierlich anerkannt, daß der Bundesrat sich seiner Regierungsfunktionen entkleidet und diese an die Führer des schwarzen Blocks abgetreten hat. Dieser aber lehnt die Aufforderung des Bundesrats, ihm die Arbeit ab- zunehmen, dankend ab. Es wäre aber sehr verfehlt, aus dieser Arbeitsscheu der beiden Regierungen, der wirklichen und der Scheinregierung, die Hoffnung zu schöpfen, daß das Durch- peitschen der Finanzreform etwa verhindert werde. Vielmehr wird dadurch die Gefahr vergrößert, daß schließlich eine Finanzreform zustande kommt, die fast ausschließlich i n- direkte Steuern den arbeitenden Massen auferlegt. Immer wieder verkünden Konservative und Klerikale, daß die Finanzreform in kürze st er Frist gemacht werden würde, und die Angst vor der Reichstagsauflösung sitzt dm Herren so tief in den Knochen, daß sie es in der Frage der Börsensteuern sicher nicht zu einem neuen Konflikt kommen lasten werden. Kann aber das Zustandekommen einer solchen Finanz- reform wirklich geduldet werden, solange nicht alle Mittel des Widerstandes erschöpft sind? Daß der schwarze Block überhaupt über eine Majorität ver- fügt, ist wesentlich eine Folge derliberalenStichwahl- taktik von 1307: um so mehr Grund hätten jetzt die Libe- ralen, energischer als bisher im Reichstag aufzutreten. Wenn sie wollen, so können die schwarzen Pläne der Durch- peitscher einer Finanzreform, die den junkerlichen Schnaps- brennern die Liebesgabe erhöht, Handel und Ver- kehr schädigt und die vor allem einRaubandenar- bettenden Massen des deutschen Volkes ist, vereitelt werden. Eine energische Politik in und außer- halb des Parlaments bietet bei der wachsenden Erregung des Volkes, der steigenden Erbitterung der Massen, bei der- Desorganisation und Autoritätslosigkeit der Regierung die besten Aussichten auf Erfolg. Die Liberalen können, wenn sie Mut haben, noch im letzten Moment sich für den Verrat revanchieren, den die Konservativen und die Regierung an den töricht Bertrauensseligen verübt haben. Können sie aber diesen Mut nicht aufbringen, so sind sie es, die die Ver- antwortung an dem Zustandekommen der Reform des schwarzen Blocks mittragen. Ein Schweigegebot im Prozeß Eulenburg? Eine Berliner Korrespondenz verbreitet unter anderen Mit- tcilungen zum Prozeß Eulenburg die folgende: „Da die Verhandlung selbst geheim durchgeführt wird, sollen auch Borkehrungen getroffen werden, um Mitteilungen außerhalb des Gerichts an die Oeffentlichkeit möglichst zu verhindern. Insbesondere will man ver- hindern, daß Zeugen, wie es im Vorjahre geschehen ist, von Un- berufenen über Lorgänge des Prozesses und ihrer Zeugenaussage ausgefragt werden und sensationelle„Enthüllungen" in die Welt gesetzt werden, durch die der Gang des Prozesses beeinflußt werden könnte." Wenn diese Korrespondenz recht unterrichtet ist. so soll also der Prozeß des Fürsten unter hermetischem Verschluß durchgeführt werden. Daß daS bei allem, was in dieser Affäre schon Eigen- artiges geschehen ist, eine große Gefahr fiir den Nest von Aussehen bedeutet, den die deutsche Justiz allenfalls in nicht allzubreiten Kreisen der deutschen Bevölkerung noch besitzen mag, darüber sollten die für die hier angekündigten Maßnahmen Verantwortlichen eigentlich nicht im Zweifel sein können. Zumal ein Schweigegebot ungesetzlich ist! In den Hardenprozeffen und im ersten Eulenburgprozeß hat man es auf Umwegen zu erreichen versucht. Allerdings vergebens. Kurz vor dem Abbruch des ersten EulenburgprozesseS hat sich deshalb ja da? Gericht genötigt ge- sehen, wenigstens einen Vertreter der Presse zuzulassen, um die Ver- breitung falscher Berichte zu verhüten. Wenn es nun verhüten will, daß der Gang des neuen Prozesses durch„sensationelle Enthüllungen" beeinflußt wird, so braucht es seine damalige Maßnahme nur zu wiederholen: es muß denVertreter der Presse von Anfang an zulasse nl Tut es daS nicht, sondern erläßt es, direkt oder indirekt, ein Schweigegebot, so wird es voraussichtlich gerade die Verbreitung unkontrollierbarer Mitteilungen über den Prozeßverlauf befördern, und gerade deshalb den Eindruck nicht verhindern können, daß dieses Schweigegebot weniger aus der Sorge um den unbeeinflußten Gang des Prozesses diktiert ist, als aus dem Bestreben heraus, der Oeffentlichkeit ein Urteil über die Prozeßführung und über die Schuld des Lieben- bergers unmöglich zu machen I Wie steht es übrigens mit der Behauptung der„National- zeitung", daß die Geschworenen für diesen Prozeß au» den besseren Gesellschaftkreisen gewählt werden? Die Oeffentlichkeit hat ein lebhaftes Interesse daran, darüber näheres zu hören! Ein Schweigen der Justizbehörden zu dieser beftemdlichen Behauptung müßte als Bejahung gedeutet werden I UebrigenS ist Fürst Eulenburg am Dienstagabend aus Lieben- Serg in Berlin eingetroffen und hat seine Wohnung in der Königin- «ugusta-Straße bezogen. Er soll sich gut befinden. Neue preußische Steuern. � Mit dem heutigen Tage tritt die Novelle zum preußischen Stempelsteuergesctz in Kraft. Durch diese werden der Mittel- stand und die Arbeiterklasse empfindlich belastet. Am 11. Juni hatten wir die wesentlichsten Vorschriften dieser Novelle in der Form, wie sie im Abgeordnetenhause beschlossen waren, zusammengestellt. Dann hat das Herrenhaus unter Be- seitigung der Fahrradsteuer einige Acnderungen angenommen, denen teilweise das Abgeordnetenhaus beitrat. Das Herren- haus genehmigte die Beschlüsse des Abgeordnetenhauses am 25. Juni. Die durch diese neuen Beschlüsse hervorgerufenen Aende- rungcn in dem am 11. Juni von uns entworfenen Bilde be- treffen den Mietsstempel und die Automaten- st euer. Darnach gilt für die Mieten und für die Auto- maten von heute ab folgendes: Der Mietsvertrags st empel(der nicht auf dem Vertrag, sondern in einem vom Vermieter zu führenden Ver- zeichnis quittiert wird) wird zurzeit von allen schriftlichen Mietsverträgen erhoben, deren Mietszins 300 M. jährlich übersteigt und beträgt>/,,, Proz. des Mietszinses. Künftig wird der Stempel für alle, auch mündliche Mietsverträge erhoben. Die Grenze der Stempelpflichtigkeit soll bei demJahreszins von 360 M.(oder einer entsprechenden 1S0M. übersteigenden Quote für einen Teil des Jahres) be- ginnen, der Mietsstempel wird aber erheblich, nämlich von Vio auf 7iq ö i S 2 Proz. erhöht. Stempelbeträge unter 50 Pf. werden aus 60 Pf. abgerundet. Beträgt bislang der Mietsstempel bei einer Miete von 300 bis 500 M.: 50 Pf., bei einer Miete von 500 bis 1000 M.: 1 M., bei einer Miete von mehr als 1000 bis 1500 M.: 1,50 M.. bei mehr als 1500 bis 2000 M.: 2 M. usw.. so beträgt vom 1. Juli ab der Stempel bei Jahresmieten von mehr als 360 M. bis 400 M. 0,50 M. „, 400„„ 500„ 1,00„ „„ 500„„ 666,66„ 2,00„ „„ 666,66,, 833,33„ 2,60„ „„ 833,33„, 1000. 3,00„ „, 1000,„ 1123„ 4,50„ „„ 1125,, 1250, 5,00, „„ 1250„„ 1375, 5,50, „„ 1375,„ 1500„ 6,00, „„ 1500„, 1625, 6,50, usw. bi» 2000 M.«/» bis 3000 M. bis 4000 M.«/,«. bis 6000 M. 7/io usf., bei mehr als 20 000 M. 2 Proz. der Jahres- miete. Betrifft daS Mietsverhältnis Räume. die für g e- werbliche oder berufliche Zwecke bestimmt sind. so bleibt die Hälfte der Stempelabgabe unerhoben. Betrifft ein Mietsverhältnis zum Teil Räume, die für gewerbliche oder berufliche Zwecke bestimmt find, zum Teil andere Räume, so tritt die Ermäßigung nur ein, wenn in den vom Ver- mieter zu führenden Stempelverzeichnis eine entsprechende Trennung des Mietszinses gemacht ist. Mietsverträge, durch die Gastwirte oder Zimmervermieter Fremde zur Beherbergung aus- nehmen, sind stempelsrei. Es sind Jahreskarten für jeden auf Dahnhöfen oder anderen öffentlichen Orten und Plätzen oder in Gast- und Schankwirtschaften zur Aufstellung gelangenden Automaten zu lösen. Die Steuer beträgt für Warenautomaten mit einem bis vier Warenbehältern 1 M., mit mehr Warenbehältern 2 M., ür Stereoskop-, Schau- oder Scherzautomaten 3 M., für Rusikautomaten zwischen 2 und 50 M., für Automaten anderer Art 1 M. Automaten, die zu Betriebszwecken öffent- licher Behörden aufgestellt werden und solche, die zur Ver- abreichung von Speisen und Getränken in Restaurationen oder zur Abgabe von Gas oder Elektrizität zu hauswirtschaftlichen und kleingewerblichen Zwecken dienen, sind steuerfrei. poUtifcbe Qcbcrficbt. Berlin, den 30. Juni 1309. Sozialdemokratie und Reaktion. Heber dieses Thema leitartikelt die.Vossische Zeitung". Wie sich von selbst versteht, leiert sie eine alte, alte Weise: die Stärkung der Reaktion durch die Sozialdemokratie. Wie weit hätte es der herrliche deutsche Liberalismus bringen können, wenn ihm nicht die Sozialdemokratie die Schwingen und die Courage ramponiert hätte! Die„Vossin" hat die alten Jahrgänge der„Freisinnigen Zeitung" durchgeblättert und serviert ihren geduldigen Lesern alle die ollen Kamellen wieder, mit denen einst Eugen Richter seine Mannen zu trösten pflegte, wenn sie wieder einmal fürchterliche Prügel von rechts und links besehen hatten. Von den Unter. Handlungen Bismarcks mit Lassalle bis zu den— Stichwahlen 1907(!) geht die Liste der.Vossin". Nach ihrer Geschichtsbe- schreibung hat nämlich bei diesen Stichwahlen die Sozialdemo- kratie die Reaktion gestärkt, indem sie sich angeblich in einigen Fällen schnöde der Verpflichtung entzog, liberale Kandidaten herauszuhauen. Der Liberalismus, der mit den Junkern zum Block zusammenging, der den Konservativen in Haupt- und Stich- wähl 25 Mandate zuschanzte, tat nach der Ansicht der„Vossischcn Zeitung" natürlich nur seine Pflicht. Der Haupttrumpf der„Vossin" aber sind diese beiden Schluß- absätze: „Und heute? Die Sozialdemokratie ist der Fels, worauf der schwarze Block die Zukunft aufbaut. Mit der Sozialdemokratie machen die Mehrheitsparteien die Regierungen vor einer Auf- löfung des Reichstages graulich; mit dem Hinweis auf einen Erfolg der Sozialdemokratie suchen sie die Machthaber zu über- zeugen, daß die Finanzreform nach Neuwahlen weniger Aus- sichten habe als gegenwärtig. Denn die Sozialdemokratie werde alle indirekten Steuern ablehnen und der schwarze Block, dem man den Krieg erklärt, nach den Wahlen dasselbe tun, nichts bewilligen. Sollte also die Regierung infolgedessen die Auflösung des Reichstages unterlassen und der konservativ-ultramontan-pol- nischen Reaktion einen Triumph bereiten, wem wäre dieser Aus- gang zu danken? In erster Reihe der Sozialdemokratie." Die Beweisführung ist zwerchfellerschütternd. Um so mehr, als sie von dem Organ jenes Blockfreisinns vorgebracht wird, der durch seine jämmerliche Haltung in erster Reihe verschuldet hat, daß das Proletariat niemals dazu kommt, mit dem Bürgertum eine Strecke lang gemeinsam gegen die Junker zu marschieren. Die köstliche Beweisführung der Vossin ist die des bösen Gewissens. Sie gleicht aufs Haar der folgenden:„WenwS keine Juden gäbe, gäb's auch keinen Antisemitismus. Wer ist also schuld am Anti- semitismus? Wer anders als die Juden!" Der zwingenden Beweiskraft dieses Schlusses werden sich die Herren von der„Vossischen Zeitung" sicherlich nicht jentziehen können. Die Finanzreform im Bundesrat. Offiziös wird gemeldet, daß am Mittwoch vormittag die Mit- glieder des Bundesrats im Beisein zahlreicher e i n z e l- staatlicher Minister zu einer vertraulichen Besprechung versammelt waren, um zu der neuen Lage und der dadurch be- dingten Gestaltung der Finanzreform Stellung zu nehmen. Ueber das Ergebnis der Beratungen wird vorläufig strengstes Stillschweigen beobachtet. Klekngrnndbesitz gegen Großgrundbesitz. Das Wölfische Bureau meldet:„Vertreter des Bauernstandes au? dem ganzen Reiche gründeten heute unter Teilnahme von mehreren nationalliberalen und freikonservativen Reichstags- und Landtagsabgeordneten den„Deutschen Bauernbund", dessen Ziel es ist, die Interessen des Bauernstandes in der energischsten Weise zu fördern. Der neue Bund schließt nament- lich diejenigen landwirtschaftlichen Interessenten zusammen, die mit der Art und Weise, wie der Bund der Landwirte die Landwirtschaft zu fördern sucht, nicht einverstanden find. Be- sonders zahlreich beteiligten sich auch die Ansiedler aus den Provinzen Posen und Westpreußen. Die erste große Bundesversammlung findet 6. Juli in Gnesen statt. Ins Präsidium wurden gewählt, der Reichs- tagSabgeordnete Wachhorst de Wente(freikonservativ)(Erster Vorsitzender), ferner der Landtagsabgeordnete W a m h o f f(national- liberal), Reichstagsabgeordneter Löscher(freikonservativ) und Land- wirt Harte(Posen). Die Gründung ist ein Zeichen, daß der Interessengegensatz zwischen Kleingrundbesitz und Großgrundbesitz den kleinen Land- Wirten bewußt zu werden beginnt. Ob dieses Bewußtsein schon stark und allgemein genug ist, um die neue Organisation lebensfähig und zu einem politischen Machtfaktor zu machen, muß sich in Bälde her- ausstellen. Sicherlich bietet die rücksichtslose Grotzgrundbesitzerpolitik des Bundes, die Ablehnung der Erbichaftssteuer, dem„Deutschen Bauernbund" eine gute Angriffsfläche. Zur Charakteristik der Nationalliberalen« In ihrer Angst vor einer Neichstag-auflösung— die übrigens offenbar von den Großindustriellen Rheinland-Westfalens durchweg geteilt wird— sucht das Organ der Gnibenbarone, die„Rheinisch- Westfälische Zeitung", nachzuweisen, daß die Zentrumsherrschaft nicht norwendig aus der Bildung des schwarzen Blocks bei der Finanz- reform folgen müsse. Dabei setzt das Blatt den Nationalliberalen, denen es ob ihrer Forderung nach der Auflösung besonders gram ist, folgende hübsche Erinnerung ins Stammbuch: „... Hierbei entbehrt es nicht der Komik, wenn auch in nationalliberalen Blättern immer wieder mit dem Schreck- gespenst der Zentrumsherrschaft gearbeitet wird. Dieselben Politiker sind jahrelang unter„dem kaudinischen Joch" des Zentrums frisch und fröhlich einhergeschritten, haben die Zentrumspolitik Bülows ohne mit den Wimpern zu zucken mit- gemacht und jeden als Nörgler angegriffen, der aus nationalen Gründen gegen die Lähmung einer nationalen Politik durch den UltramontaniSmiis opponierte. Daß sie in all den Jahren „unter dem Zentrumsjoch einherkeuchten". haben sie erst empfunden, als Dernburg in seiner impulsiven, frischen Un- überlegtheit den Fürsten Bülow zu einer Auflösung deS Reichs- tages mitgerissen hatte. Vorher haben dieselben' Blätter eine Opposition gegen die Regierung, die sich„unter daS ZentrumSjoch beugte", weit von sich gewiesen." Boshaft, aber treffend!_ Zum Nachfolger Dr. Barths als Vorsitzenden des Vereins zur Avwehr des Antisemitismus ist durch Beschluß der Mitglieder des engeren Vorstandes der Neichstagsabgeordncte Bergrat a. D. Georg Gothein gewählt worden. Abg. Dr. Roesicke als Steuerzahler. Der Vorfitzende des Bundes der Landwirte. Abg. Dr. Roesicke, entrüstete sich neulich im Reichstage erheblich, als von der S t e u e r- scheu der Agrarier gesprochen wurde. Nun weiß die„Liberale Korrespondenz" zu erzählen, daß sich in Goersdors bei Dahme ein großes Gut befinde, dessen Besitzer außerordentlichen Einfluß hat; auf Krciskosten ist eine Chaussee bis zu seinem Gute gebaut worden, und auch eine Kleinbahn führt dorthin, bei deren Betrieb nicht die Kohlen verdient werden. Das Gut wird von zwei Inspektoren bewirtschaftet, der Besitzer selbst hat aber jahrelang keine Einkommensteuern bezahlt, bis eS schließlich die Veranlagungskommission in Luckenwalde durchsetzte, daß auch dieser Agrarier zur' Einkommensteuer herangezogen wurde. Der arme Agrarier ohne Einkommen ist— Herr Dr. Roesicke. Vorsitzender des Bundes der Landwirte. „Verseuchte" Kriegervereine. Der Westfälische Provinzial-Kriegerverband in Dortmund nahm in seiner Vertretersitzung Stellung zu einem Antrag, wonach Mitglieder der Kriegervereine nicht gleichzeitig freien Gewerkschaften angehören könnten, so lange diese sozialdemokratische Organisationen seien oder die sozialdemo- kratische Partei direkt unterstützten. Dieser Antrag wurde mit er- eblichcr Majorität abgelehnt. Die meisten Diskussionsredner etonten, die Annahme des Antrags hätte zur Folge, daß die Kriegervereine die Hälfte ihrer Mitglieder verlieren würden. Ein anderer Antrag, die beruflichen Interessen der Arbeiter außerhalb der Verbands- und Bereinstättgkeit zu fördern, wurde mit der gleichen Majorität abgelehnt. Die Bunzlauer danken. DaS preußische Kultusministerium hat. tvie lvir kürzlich meldeten� den bekannten Professor Biese in Essen, der die.A- und U-Klassen einrichtete, um die Besitzenden von den Nichtbcsitzen- den zu scheiden, nach B u n z l a u i. Schl. versetzt. Die Bunzlauer Gymnasiallehrer bedanken sich für diesen angenehmen Kollegen; sie richteten eine Eingabe an das Kultusministerium, worin sie Einspruch gegen die Versetzung Bieses erheben und ersuchen, sie mit diesem Kollegen zu verschonen. Zur Neichstagsnachwahl in Stollberg-Schnecberg. Im Wahlkreise Stollberg-Schneeberg. in dem durch den Tod unseres Genossen Goldstein eine Ersatzwahl notwendig geworden ist, wollen die Nattonalliberalen als gemeinsame,? Kandidaten der Ordnungsparteien den Generalsekretär Dr. Westenberger- Leipzig aufstellen. Landtagstvahlen in Sachsen-Weimar. Die Freisinnigen und die Nationalliberalen im Großherzogtum Sachsen-Weimar haben beschlossen, fiir die nächsten LandtagSwahlcn gemeinsam vorzugehen, ein Mindestprogramm auszuarbeiten und in allen Wahllreisen liberale Kandidaten aufzu- stellen._ Soldatenfutter. Die„Fränkische Volkstribüne", unser Bahreuther Parteiblatt, hatte vor kurzem die auffallende Tatsache konstatiert, daß, während der Preis des Schweine- und Mastochsenfleisches im Ladenverkauf 70 bezw. 80 Ps. pro Pfund betrug, die gleichen Fleischsorten an die dortige Garnison von zwei Schlächtern, die im Submissionsverfahrcn Wemgstfordernde geblieben waren, für S1 bezw. 54 Pf. geliefert wurden. Diese Feststellung hat nun die Bahreuther Metzgerinnung ver- anlaßt, eine Erklärung zu veröffentlichen, die den Preisunterschied erklärt und der wir folgende interessante Stellen entnehmen: „... Bei Submissionen ist von der Militärbehörde nicht vorgeschrieben, Ma st ochsenfleisch zu liefern. Eo ist vielmehr lediglicb die Lieferung von.Ochsenfleisch"(von zwei- bis siebenjährigen Tieren. Lebendgewicht mindestens 3 Zentner, Fleischgcwijcht im geschlachteten Zustande 350—380 Pfund) Bedingung. Diese Ware, kurzweg„Militärware" oder „Ochsen für Militärlieferaaten" genannt, gilt vom fach- männischen Standpunkte aus nicht alS Ochsenfleisch für kasse" im Betriebe einzurichten, tn welche die Unfallrente ab- geführt werden soll, weil der Betrieb den seitherigen Lohn weiter» zahle und gewöhnlich„doch keine Arbcitsbeschränktheit mehr vor- liegt". Das ist stark. Man weiß doch, daß gerade die Brauerei- und Mälzerei-Berufsgenossenschaft sehr eifrig im Rentendrücken ist. de« Verkauf an die Ladenkundschaft. Das Fleisch dieser Tiere ist für den Ladenverkauf nicht verwertbar; es kann sonst nur in der Regel zur Wurstfabrikation Verwendung finden.... Das Ersuchen der Innung, die Einhaltung der Lieferungs- bedingui, gen kontrollieren zu dürfen, hat die Militärbehörde glattweg abgelehnt. Für die Gefangenenanstalt(!) darf nur Mast ochsen- fleisch, von Tieren nicht unter 6 Zentnern Fleischgewicht ige- schlachtet), geliefert werden. Warum nicht auch für unsere Sol- baten? Auffallend und allerdings für die Bemessung des Sub- missionsangeboteS bezeichnend ist eS. dafi auch bei anderen Biehgattungen von den Militär lieferanten regelmäßig die geringere Qualität angekauft wird, z. B. Multerschweine, Eber und alte Mutterschafe, sogenannte Militärlämmer(!). Minderwertiges Fleisch für die Soldaten— auch ein Beitrag zur Charakterisierung des Militarismus 1 Italien. Gegen den Zarcnbesuch. Rom, 28. Juni.(Eig. Bcr.) Der von uns bereits kurz telegraphisch gemeldete Beschluß der römischen Parteisektion hat folgenden Wortlaut: „Die Römische Parteisektion spricht dem Genossen M o r g a r i ihren Beifall aus für die energische Brandmarkung des russischen Zaren als den Henker seines Volkes; sie erklärt, indem sie mit dankbarem Sinne des Wirkens der russischen Matrosen im Erdbcbengebict gedenkt und dem russischen Prole- tariat den Gruß ihrer Solidarität entbietet, in dem Zaren. nicht den Vertreter des russischen Volkes sehen zu können, und fordert die Konföderation der Arbeit und den sozialistischen Parteivorstand auf, im Falle eines Zarenbesuches den General st reik in ganz Italien vorzubereiten und überall Versammlungen zu organisieren gegen die Schandtaten des russischen Selb st- Herrschers als Sympathiebezcugungen für das heldenmütige, von brutaler Tyrannei bedrückte russische Proletariat." Eine weitere Tagesordnung forderte unsere Stadtver- ordneten auf, im Stadtrat den Protest' des Prole- t a r i a t s gegen den geplanten Besuch zur Sprache zu bringen. Der Parteivorstand tritt am 5. Juli zu einer Plenarsitzung zusammen, in der dieselbe Frage behandelt werden wird. Der mißglückte Block der äußersten Linken. Rom, 28. Juni.(Eig. Ber.) Nach den Hoffnungen der italienischen Reformisten hätte der Wahlkampf ein neues Bündnis der Volksparteien über die Taufe halten sollen. Man glaubte, daß die Republikaner und Radikalen mit den Sozialisten gemeinsam den Kampf gegen Giolitti aufnehmen würden. Diese Hoffnung ist im Keim vernichtet worden. Bei dem ersten entscheidenden Votum, nämlich dem über die neuen Militärausgaben, hat die Mehrheit unserer„Bundesgenossen" wacker für Giolitti gestimmt und hat mit der Bewilligung der neuen Ausgaben den Verzicht auf jede ernstere Ncformpolitik unterzeichnet. Sehr richtig hatte Turati in seiner Rede gegen die neuen Lasten hervorgehoben, daß sie dem Budget die Mittel nahmen, ohne die an eine Durchführung der vom Proletariat ge- forderten Reformen nicht zu denken sei. Republikaner und Radikale haben also durch jenes Votum einen Weg eingeschlagen. der sie de? Rechtes beraubt, für die nächsten Jahre gegen die Hintanstellung der Reformen zu protestieren. Der Block ist aus- einandergefallen, ehe er auch nur vollendet war. Dieser Tatsache gegenüber ist es befremdend, daß unser Zentralorgan sie nicht offen zur Kenntnis nimmt, während die zahllosen Wochenblätter alle daS Ende der äußersten Linken als einer praktischen Einheit betonen und kommentieren. Bis zu einem gewissen Grade kann man sagen, daß eine Tatsache von so handgreiflicher Deutlichkeit des Kommentars entbehren kann, aber es ist doch nicht be- deutungsloS, ob man die Tragweite dieses Bruches illustriert und an den ursprünglichen Erwartungen mißt oder stillschweigend über ihn zur Tagesordnung übergeht. Sollte dieses Stillschweigen bielleicht der Befürchtung entspringen, daß der heutige Riß durch prinzipielle Erklärungen nur erweitert werden würde, so wäre dies wirklich zu bedauern. Während des Wahlkampfes hat man sich, wie so oft, Illusionen über die Aktion der„verwandten Parteien" gemacht und Versprechen entgegengenommen, die nicht eingelöst wurden. Beides sind Dinge, über die die weitestgehende Klarheit von Nutzen ist. Durch Schweigen wächst der Riß nicht wieder zu, wohl aber überwuchern ihn wieder die Illusionen auf unserer und die falschen Vorspiegelungen auf der anderen Seite. englancl. Für das Frauenstimmrecht. London, 29. Juni. Der Versuch der S u f f r a g e t t e s, in das Parlament einzudringen, um den Premierminister A s q u i t h, der sich geweigert hatte, sie zu empfangen, zu sprechen, führte zuwildenSzenenauf dem Hofe und in der Umgebung der Parlamentsgebäude. Die Polizei sah sich schließlich genötigt, die Tore zu schließen. Viele Frauen wurden verhaftet, unter ihnen Mrs. Pankhurst, die Führerin der Suffragettes, welche einem Polizeiinspektor wiederholt Schläge ins Gesicht versetzt hatte. Um 19 Uhr abends dauerten die Ruhestörungen vor dem Parlament noch fort; bis dahin waren 198 Anhänge- rinnen des Frauen st immrechts verhaftet und drei als v e r l e tz t in ein Hospital übergeführt worden. In der Admiralität wurden durch Suffragettes zahlreiche Fensterscheiben eingeworfen. Zur Aufrecht- erhaltung der Ordnung waren>1S99 Polizeibeamte aufgeboten. Das RüstungSfiever. London, 30. Juni.„Daily Telegraph" schreiöt: Die Admirali- tat hat beschlossen, sofort Verhandlungen anzuknüpfen zum Zwecke des Baues von zwei schwimmenden Docks von solchen Dimensionen, daß sie imstande sind, Schiffe von Dreadnought und Jnvincibletyp aufzunehmen. Einzelheiten bezüglich der genauen Maßverhältnisse sind noch wicht zu erfahren. Die Docks sind, wie verlautet, für die Ostküste bestimmt. Das eine wird wahrscheinlich im Tyne, das andere weiter im Norden seinen Standort erhalten. OrKei. . Für das Koalitionsrecht. Kürzlich wurde über die im türkischen Parlament statt- gehabten Verhandlungen über das Koalitionsrecht der Arbeiter berichtet. Der Minister des Innern Ferid Pascha sprach sich gegen die Gewährung des Koalitions- und Streikrechts an die Arbeiter aus. Gegen die reaktionäre Haltung pro- testierte in Saloniki eine große Versammlung von A r b e i- te r n. In Saloniki gibt es 23 gewerkschaftliche und politische Organisationen. Es sind das hauptsächlich griechische, jüdische und bulgarische Gewerkschaften und bulgarifch-sozialistisHe Klubs. Unter den gewerkschaftlichen Vereinigungen befinden sich solche der Zigarettenmacher, Schuhmacher, Buchdrucker, Tischler, Schneider usw. Ter an die Arbeiterschaft verbreitete Aufruf war in türkischer, griechischer, bulgarischer, französischer und hebräischer Sprache gehalten. Ueber 6999Personen folgten dem Rufe und die bedeutendste Hafenstadt der Türkei sah zum erstenmal eine Demonstration, an der das Prole- tariat ohne Unterschied der Rasse und Religion in einem gleichen großen Gedanken vereinigt war. Nachdem Reden in verschiedenen Sprachen gehalten, gelangte eine Protest- resolution zur Annahme, die sich gegen die Aeußerungen des Ministers und gegen die parlainentarische Mehrheit wendet. Gefordert wird die Gewährung des freien Koalitions- und Versammlungsrechts. SozuIcq* AuS unseren Brauereien. Ein Klageruf ertönt aus dem Bericht der Brauerei- und Mälzerei-Berufsgenossenschaft für das Jahr 1908. Die neuen Steucrplttne würden wie ein Alpdruck auf dem ganzen Gewerbe lasten und„als drohendes Gespenst lauert auch noch im Hinter- gründe die Antialkoholbewegung mit ihrer ungünstigen Wirkung und übermäßigen Agitation". Die Folge sei ein weiterer Rückgang des Braugewerbes. Es heißt im Bericht darüber: „Der Rückgangs den das Braugewerbe unter diesen Ilm- ständen genommen, ist auch aus den Aufzeichnungen der Genossen- schaft deutlich erkennbar. Während im Jahre 1906 die Zahl der in den Brauereien beschäftigten versicherten Personen ständig zu- genommen hat, ist sie von 100 699 im Jahre 1906 auf 98117 in 1907 und im Berichtsjahre 1908 auf sogar 93 789 herabgesunken, ebenso wie die Zahl der Brauereien von 7212 in 1906 auf 6803 im Jahre 1908 zurückging."„Die Zahl der Konkurse von Brauereien, an die die Genossenschaft Beitrag zu fordern hat, ist von 46 im Jahre 1904 auf 75 im Jahre 1908 angewachsen, darunter nicht weniger als 16 größere Aktienbrauereien und Gc- sellschaften mit beschränkter Haftung mit Jahresbeiträgen in Höhe von � teilweise 2000— 2600 M. Wenn man bedenkt, daß gerade bei Aktiengesellschaften der Konkurs durch Zusammenlegung der Aktien leicht zu vermeiden ist, und wie dies Auskunftsmittel gewöhnlich angewandt wird, um den Betrieb weiter zu führen, so kann daraus ermessen werden, wie unrentabel und aussichtslos in jenen zahlreichen Fällen das Brauereigeschäft geworden sein mutz, daß die Aktionäre jede Hoffnung auf die Weiterführung des Betriebes aufgaben und es zum Konkurs kommen ließen." Sehr interessant sind dann folgende Ausführungen im Bericht: „Wenn die anrechnungsfähigen Löhne gleichzeitig von 138 696 915 M. in 1907 auf 141 606 704 M., also um 2 909 789 M., d. h. um etwa 2 Proz. stiegen, so ist das lediglich darauf zurück- zuführen, daß die Brauereien vielfach, namentlich an allen größeren Orten, durch Tarifverträge mit der Arbeiterschaft zu bestimmten allmählichen Lohnerhöhungen verpflichtet sind und diese ohne Rücksicht auf die jeweilige Geschäftslage fgcwährett, müssen, was natürlich die Schwierigkeiten der wirtschaftlichen Lage nur vermehrt." Kein Wunder daß man im Braugewerbe die OrganisationS- bestrebungen der Arbeiter nicht besonders begrüßt. Jetzt wäre ohne Tarif der„geeignete Zeitpunkt", die Löhne wieder herab- zusetzen usw. Der Brauereiarbeiterverband kann auf diese Fest- Stellungen stolz sein. Mit der neuen Reichs-Versicherungsordnung sind die Brauerei- besitzer natürlich auch nicht ganz einverstanden. Daß die Ver- sicherten auch fernerhin rechtlos bleiben sollen und in der Kranken- Versicherung auch noch die einzigen Rechte geraubt bekommen sollen, finden die Herrschaften ganz in Ordnung. Nur keine neuen Rechte an die Versicherten geben, denn das geplante—„Verfahren", welches auf eine„Beseitigung des den Berufsgenossen- schaften zustehenden Rechts der Rcntenfestsetzung" herauskomme, fordere„den schärfsten Widerspruch heraus". Scheinheilig wendet sich der Bericht sogar gegen jede Aenderung der Unfallversicherung, und zwar—„im Interesse der Versicherten" selbst. Die Ver- sicherten können doch wahrlich bei einer Aenderung, wie sie die Regierung plant, nichts verlieren, sondern nur gewinnen. Der Bericht kommt dann zu den Ergebnissen des Geschäfts- jahres und erklärt:„Was die Geschäftsgebarung der Genossen» schaft anlangt, so ist diese im allgemeinen als eine günstige zu bezeichnen." Entsprechend der geringeren Zahl der versicherten Personen sei auch die Zahl der gemeldeten Unfälle von 14 341 in 1997 aus 13 704 in 1908 und ebenso die der entschädigten Unfälle von 1615 auf 1531 gesunken. Bei den entschädigten Unfällen hat aber eine Berufsgenossenschaft offene Hand und diese Zahl ist oft- mals gar nicht mit der Unfallziffer selbst zu vergleichen. Die Entschädigungssumme ist gesallen, daher auch der Beitrag in einzelnen Sektionen etwas zurückgegangen. Wie dies oft gemacht wird, gibt der Bericht selbst zu. Es heißt da:„Besonders er- freulich ist die Besserung im Versorgungsbestand der Sektion VI, Berlin, deren Entschädigungsbeträge von 758 685 M. im Jahre 1907 auf 712 108 M. in 1903 sich vermindert haben. Dies günstige Resultat ist vor allem der nach dem Wechsel in der Geschäfts- leitung der Sektion eingeleiteten schärferen Rentenkontrolle zu verdanken, bei der eine große Anzahl alter Renten, die überhaupt nicht mehr oder nicht in der früheren Höhe berechtigt waren, aufgehoben oder entsprechend herabgesetzt wurden." Erst wurde der Geschäftsführer beseitigt und war dann die Bahn für eine schneidige Rentenjagd freigeworden. Entschädigt wurden nur 1531 Verletzte. Veranlassung dieser Unfälle war laut Bericht: Durch Motore, Arbeitsmaschinen: 116 Unfälle; Fahrstühle usw.: 47; Dampfkessel: 17; feuergefähr- liche Stoffe usw.: 25; Zusammenbruch, Einsturz: 154; Fall von Leitern und Treppen: 303; beim Auf- und Abladen: 325; durch Fuhrwerk überfahren usw.: 320; im Eisenbahnbetriebe: 12; durch Tiere: 74; durch Handwerkszeuge verletzt: 18; sonstige Ur- fachen: 120. Als Art der Verletzungen wird angegeben: Verletzungen von Kopf und Gesicht: 153 Fälle; von Armen, Händen und Fingern: 645; von Beinen und Füßen: 458; andere und mehrere Körper- teile zugleich: 234. Durch den Unfall wurden getötet: 118 Verletzte gegen 91 im Vorjahre. Völlig erwerbsunfähig verblieben: 31; teilweise er- werbsuufähig: 633, und vorübergehend erwerbsunfähig: 694. Auf 1000 Versicherte entfallen durchschnittlich 121 Unfälle. lieber diesen Durchschnitt steht wieder Sektion Berlin mit 162 Nu- fällen, während in Sektion Straßburg nur 78 Unfälle auf 1000 Versicherte kommen. Für Behandlung der Unfallverletzten inner- bald der Wartezeit hat die Berufsgenossenschaft die stattliche Summe von 86 000 M. verausgabt, davon Sektion Berlin allein wieder 61000 M.. während Sektion München z. B. nur ganze 36 M. für diese Zwecke übrig hatte. Sehr zufrieden kann die Berufsgenossenschaft mit der Recht- sprechung sein, denn 89 Proz. aller Berufungen wurden zugunsten der Berufsgenossenschaft entschieden, von den Anträgen der Ver- letzten auf Erhöhung ihrer Rente sogar in 96 Proz. aller Fälle. Das Reichs-Versicherungsamt gab sich ebenfalls Mühe, diesem nachzuahmen und hat nur 47 Rekurse der Verletzten günstig und 370 zugunsten der Berufsgenossenschaft entschieden. Sehr lesenswert ist wieder der Sonderbericht der technischen Aufsichtsbeamten der Berufsgenossenschaft, welche die vorgefundenen Mängel im Unfallschutz aus den einzelnen Sektionen vorführen, besprechen und Aenderungen im Bilde anschaulich vorführen. Ein Aufsichtsbeamter brüstet sich leider damit, daß er einem Brauereibesitzer den guten Rat gegeben habe, eine»UnterstützungS- Em der frauenbewegimg* Kellnerumeneleud. Wie schon ausgeführt, verwerfen wir die Vorschläge betreffs Aufhebung des Kellnerinncnstandes resp. Ausrottung desselben. Ei» solches Radikalmittel erscheint unS absolut unangebracht. DaS beste wäre, wie wir schon dargelegt, eine straffe Organisation der Kellnerinnen zu ermöglichen. Für undurchführbar halten wir dieselbe nicht. Mit derselben Begründung, mit der die Ausrottung des Kellnerinnenberufes gefordert wird, könnte man vielleicht auch be- antragen, die Mädchen sollten sich in Berlin nicht mehr als Ver« käuferin oder Probierdame in der Konfektion ihr Brot verdienen, denn daß auch diese fraulichen Berufe schon einen herben Bei- geschmack von Leichtfertigkeit und Unsittlichkcit bekommen, wird wohl niemand, der mit den einschlägigen Verhältnissen vertraut ist, in Zweifel ziehen, und eS brauchte dann doch keineswegs erst bis zur völligen Verseuchung, wie bei dem Beruf der Kellnerinnen in Norddeutschland gewartet zu werden. Etwa mit derselben Begründung könnte man dann auch die Ausrottung deS„Sennerinnenberufs" vorschlagen. weil auch diese Frauen während der Sommersaison sich der Ueber« fälle gewisser„Salontyroler" nur schwer zu erwehren wissen. Und so weiter könnte man noch eine ganze Anzahl von weiblichen Berufen auf den Aussterbeetat setzen. Wie weit es in der Anpreisung �gekommen ist, illustrieren folgende Einladungen. In der Dorotheenstraße sah man einen Mann umhergehen, der folgendes Plakat trug: Im Restaurant Kleiner Wintergartea 25. Dorotheenstraße 25. bedienen die schönste» Damen! Die junge Wirtin. Uns der Mittelstraße stand ein Mann mit einem roten Schild, darauf die Worte: Restaurant zur Hütte. Internationale Damenbedienung. Mittelstr. 50. Ein anderer Mann patrouillierte die Potsdamer Straße auf und ab mit einem Schild, das die Worte trug: Neu! Neu! Restaurant und Cafö„Zur weiße» Taube". Kursürstenstraße 148 an der Potsdamer Straße. Bedienung internationaler Schönheiten. Echte Biere aus ersten Brauereien. Vorzügliche Weine. Musikalische Unterhaltung. Sollen die Frauen lesen? Wenn die Knaben die Nase in Bücher stecken, dann finden das alle Leute natürlich. Wenn aber die Mädchen dasselbe tun wollen, dann sagen ihre Großmütter, Mütter und Verwandte, sie sollen lieber Strümpfe stricken, fleißig im Haushalt helfen oder mit ihren kleinen Geschwistern spielen. Gewiß ist das nottvendig. aber warum nur für Mäd- chen? Mädchen und Knaben sollten in den Arbeiterfamilien in vollkommen gleicher Weise erzogen werden. Die Familien, die ihre Kinder stets im Hause lassen können, werden immer seltener. Meist wartet man schon darauf, daß das Mädchen wenigstens so diel verdient, um seine Kleider selbst kaufen zu können. Steht aber das Mädchen einmal allein draußen im Leben, sei es als Dienstmädchen, im Kontor oder in der Fabrik, so muß es für sich selbst eintreten oder sich selbst vertreten. Es kann dann nicht mehr bei allem, das es drückt, zu den Eltern laufen. Es muß sich selbst zu helfen wissen. Oft mutz die alleinstehende Mutter für ihre Kinder Entscheidungen treffen, die eine größere Kenntnis des Lebens voraussetzen, als die meisten Frauen gewöhnlich besitzen. Doch nicht nur um sich imDaseinskampfe besser behaupten zu können müssen die Frauen lernen. Die Kinder sind große Fragemäulchen; sie möchten immer über alles Auskunft haben, das sie interessicct. Wie soll die Mutter Antwort geben, wenn die Kleinen nach den merkwürdigsten Dingen fragen? So manche Idee wird den Kindern beigebracht, die nicht richtig ist. Die Kameraden, die Schule und die Straße vermitteln den Kindern sehr oft Gedanken. die ganz falsche Vorstellungen auslösen. Man denke an alle die geistlosen Worte, die da fallen, an die Aeußerungen des Ratio- nalitätcnhasses, des Antisemitismus, des Byzantinismus usw. Die Kinder erfahren die ersten Kränkungen, weil der Junge vom reichen Nachbarn nicht mit den armen Kindern spielen darf. All diesen Eindrücken soll die Mutter nachgehen; sie soll die rechte Antwort wissen, wenn die Kleinen zu ihr kommen mit Fragen. Und nicht nur der Kinder wegen soll sie lesen, auch des Mannes wegen. Nur durch das Verständnis für die Not und die Sorgen des Mannes alt Arbeiter kann d.e Frau dessen vollwertige Lebens- gefährtin werden. Sie muß seine Interessen teilen, seinen Zielen Verständnis entgegenbringen— oder, wenn er dumm ist, ihn mit der Idee der modernen Arbeiterbewegung tränken, ihn zum klassen- bewußten Kämpfer machen. Dadurch wird das Familienleben an Tiefe und Inhalt gewinnen; die Vande zwischen den einzelnen Familienmitgliedern werden immer inniger und fester. Durch das Wissen der Frau wird nicht die Familie zerstört, sie wird viel- mehr gefestigt und in ihrem ethischen Gehalt erhöht werden. So mancher Streit, der heute Ehegatten entzweit, tvenn jeder Teil anders denkt und strebt, wird aufhören, wenn auch die Frau den veralteten Lebensanschauungen entrückt wird und sie eine klare und tiefere Einsicht in die Zusammenhänge der Gesellschaft erhält. Doch nicht nur für die anderen soll sie lernen. Nein, auch für sich selbst bedarf sie geistiger Ruhe, Erholung und Anregung. Viele Frauen fühlen sich einsam und verlassen, sie möchten mehr Lebens- inhalt und auch Zerstreuung haben. Alles das finden sie bei einem guten Buche, das ihnen noch in der Erinnerung Genuß ist. Jeder Mensch, der einmal diese Erfahrung gemacht hat, wird ohne Bücher nicht mehr sein können. Auch den Frauen wird das ernste Lesen eine sehr liebe Beschäftigung werden. Und die lesenden und wissenden Frauen helfen auch das geistige Niveau der Arbeiter- schaft heben und den proletarischen Befreiungskampf fördern. Der Kongreß der dänischen Dienstmädchen. Der Dänische Dienstmädchcnverband hielt am Sonntag und Montag zu Kopenhagen seinen VerbandStag ab. Es waren un- gefähr 100 Delegierte aus Kopenhagen und den Provinzortcn anwesend. Es wurde beschlossen, mit dem Dienstleutcverband, der Organisation der Landarbeiter, Dienstknechte und Mägde, zwecks Schaffung eines Gcgenseitigkeitsvertrages in Verbindung zu treten. Ferner beschäftigte man sich mit der Frage des Anschlusses an den Gesamtverband der Gewerkschaften. Zu einer Entscheidung kam es jedoch noch nicht. Als Verbandsvorsitzende wurde Fräulein Karoline Mickelsen gewählt. Am Sonntagnachmittag hatte der Dienstmädchcnverband in dem großen südlich vom FrcdcrikSbergslchoß liegenden Park ein Fest veranstaltet. Die Delegierten und Mitglieder marschicrteu dahin durch die Stadt in laugen Zügen. Es war der erste De- nwnstrationszug der Dienstmädchen Dänemarks. Leseabende. Frlebrichshage», Donnerstag Llfc Uhr bei Schröder« Seestr. 103. 6ewcrf?rcbaftl!cbe� Der Metallarveiterverband konnte im Jahre 1908 trotz deS Höhepunktes der wirtschaftlichen Krise und trotz der von den Hirsch-Dunckerschen und christlichen Gcwerl- schaftcn und der besonders im Mciallgewerbe von den Unternehmern hochgepäppelten„Gelben" seinen Mitgliederbestand halten, denn eine Mitgliedcrabnahme von 131 bei einer Mitgliederzahl von 362073 kann als Abnahme nicht gerechnet werden. Die Mitglieder verteilen sich auf 436 Verwaltungsstellen, drei weniger als im Vorjahre.— Nach Berufen gegliedert weisen die Schlosser mit 27.S3 Proz. den höchsten Prozentsatz der Mitglieder auf; danach folgen die sonstigen Metallarbeiter(Bohrer. Fräser. Hobler, Stanzer usw.) mit 15,95 Prozent, sodann die Dreher mit 10,33 Proz., die Former mit 7,11 Proz. die Klempner mit 6,64 Proz., die Arbeiterinnen mit 4,19 Proz., die Schmiede mit 3,66 Proz. usf. Die Fluktuation unter den Mitgliedern war immer noch eine sehr hohe. Es erfolgten über 98000 Beitritte. dazu gerechnet die Uebertritte aus anderen Gewerkschaften und die vom Militär Zurückgekommenen ergibt eine Zunahme von rund 108400 Mitgliedem. Dieser gesamte Zugang ist der Zahl nach nicht allein wieder ausgeschieden, sondern noch weitere 13t Mitglieder dazu. Interessant ist, daß unter den zum Verbände Uebergetretenen sich 496 vom Gewerkvereine und 326 vom christlichen Verband befinden. Eine Er- Hebung über das Alter der Mitglieder ergibt, daß sich 63'/, Proz. im Alter von 20—32 Jahren befinden. 392 Mitglieder wurden aus dem Verbände ausgeschlossen, eine erheblich niedrigere Zahl als in den Vorjahren, was darauf zurückzuführen ist, daß infolge der geringeren Kämpfe im Berichtsjahre nicht so viel Vergehen wegen Streikbruchs zu verzeichnen waren. Daß die Krise die Ausgaben für die verschiedenen Unter- stütznngSzweige ganz wesentlich steigern würde, war zu erwarten! die Ausgaben dafür sind aber nahezu verdoppelt worden. Die Aus- gaben der Hauptkasse für Reiseunterstiitzung stiegen von rund 294 997 M. im Jahre 1907 auf 401 607 M. im Jahre 1908. die Krankenunterstützung von 2162 562 M. auf 3 049 747 M., die Arbeitslosenunterstützung gar von 952 820 M. auf 3 093 569 M. Für die gesamten UnterstützungSzweige(zu den genannten kommen noch Umzugsnntcrstntznng, Sterbegeld, Maßregelungs- Unterstützung usw.) hat die Hauptkasse über 7 Millionen Mark(I) ausgegeben gegen noch nicht 4 Millionen Mark im Vorjahre. Mit den Aufwendungen der Lokalkassen betragen die Ausgaben für diese Unterstützungen rund 7 500 000 M. Von den Mitgliedern waren im Krisenjahre 53.66 Proz. Unterstützungsempfänger; 1907 waren es nur 38,28 Prozent. Von den Reineinnahmen des Verbandes wurden allein über 76 Prozent für Arbeitslosen- md Kranken Unterstützung aufgewendet; diese ErwerbSlo senunterstütznng brachte dann auch außer dem dafür in Ansatz gebrachten Wochen- beitrag von 30 Pf. ein Defizit von über 2 Millionen Mark. Rechtsschutz wurde in 571 Fällen gewährt, darunter befanden sich 306 Strafsachen, die aus der Verbandstätigkeit resultieren. In 21 Privatklagen mußte sich der Verband in der Hauptsache gegen Beleidigungen bezw. Verleumdungen wehren; 145 betrafen das Arbeitsverhältnis. Ein größeres Kapitel ist im Vorstandsbericht der aus den leidigen Solinger Streitigkeiten sich entwickelten Klage gewidmet. Der wirtschaftliche Kampf der Metallarbeiter stand im Jahre 1908 fast vollständig im Zeichen der Abwehr. Die Unternehmer wollten von den Riesengewinnen, die ihnen die letzten Jahre gebracht haben, nichts missen. Dabei mußte der Kampf auch oft nach zwei Fronten geführt werden. Die Unternehmer fanden in den„Gelben" einen Bundesgenossen, auf den sie alle ihre Hoffnungen setzten. Einige Streiks find wohl durch Besetzung der Plätze mit„Gelben" verloren gegangen, vielfach aber erfaßte die Unternehmer ein Grauen, wenn'diese zweifelhaften Stunnkolonnen angerückt kamen, und sie stellten gern wieder ihre zuverlässigen alten Arbeiter ein. War in den Jahren vorher ekwa ein Drittel der Mitglieder an Bewegungen beteiligt, so war es im letzten Jahre nur etwa der neunte Teil. An 623 Lohnbewegungen in 217 Orten waren 69 332 Arbeiter beteiligt, darunter 41 236 Verbandsmitglieder. Angriffsstreiks waren davon nur 2,89 Proz., Abwehrstreiks 12,41 Proz., Aussperrungen 31,03 Proz. und Be- wegungen ohne Arbeitseinstellung 63,67 Proz.; von den 623 Be- wegungen fanden 425 ihre Erledigung ohne Arbeitseinstellung. Eine Verkürzung der Arbeitszeit trat für 6156 Personen mit zusammen 10 130 Stunden pro Woche ein. Lohnerhöhungen oder Erhöhungen der Akkordpreise erzielten 9247 Personen im Betrage von 16 022 M. oder für den einzelnen durchschnittlich 1,62 M. pro Woche. In 80 Fällen wurde für 9453 Beteiligte ein Tarif abgeschlossen. Die Anzahl der be- stehenden Tarife zeigt übrigens mit 375 eine kleine Abnahme. Für 3911 Personen wurde eine Regelung der Akkordarbeit erzielt. Dazu kommen für über 16 000 Personen andere kleine Verbesserungen. Der Vermögensbestand des Verbandes betrug in der Hanptkasse nach Abzug einer Vermögensminderung von rund 660000 Mark 3 373 000 M. Die Lokalkassen haben dagegen bei einem Bestände von 2509000 M. eine Vermögenszunahme von 276 385 M. zu verzeichnen. Einnahmen und Ausgaben balanzieren mit 4 562 000 M. In dem sehr un, fangreichen Bericht, der noch viele interessante Angaben über die Bestrebungen des Verbandes auf dem Gebiete des Arbeiter. schutzcS, über statistische Erhebungen, über Agitation und Bildungs- bcstrebungen, über die Errichtung eineS literarischen Bureaus im Anschluß an die Bibliothek in der Hauptverwaltung enthält, wird auch deS 2öjShrigen Bestehens der„Metallarbeiter- Zeitung" Er- wähnung getan, die von dem heute noch das Fachorgan leitenden Redakteur I. S ch e r m und dem Genossen Karl Grillen- b e r g e r gegründet wurde._ ßcrtin und Umgegend« Achtung, Maler? Wegen der am Donnerstag, den 1. Juli, stattfindenden politischen Versammlungen findet die Versammlung der Agitationskommissionen der Bezirke Berlins nicht statt. Diese Versammlung findet am Donnerstag, den 8. Juli, statt. Die Ortsverwaltung. I. A.: H. Mietz. Ocuttcbes Reich« Die„Brandstiftung" in Kiel. Heber den schon telegraphisch gemeldeten Brand eines städtischen Gebäudes wird uns aus Kiel noch mitgeteilt: Es handelt sich um einen der Stadt gehörigen Holzschuppen. Die Berliner Sensationspresse, die ja nicht auf die Kosten käme, wenn sie bei der Wahrheit bliebe, macht aus dem Holzschuppen ein Nebengebäude der Poudrette-Anftalt, in dem„Arbeitswillige" untergebracht waren. In Wirklichkeit handelt es sich um einen eine halbe Stunde von der Poudrette-Anftalt entfernt liegenden Schuppen von 60 Meter Länge und 40 Meter Breite, in dem zeitweise die Fäkalien, die in der Poudrette-Anstalt nicht ver- arbeitet werden konnten, mit Torfmull vermischt und zu Kompost verarbeitet werden. In dem Schuppen wohnte weder jemand, noch war er überwacht. Der Verbrannte kann nur ein Obdachloser gewesen sein, der dort Unterschlupf gesucht hat. Vielleicht ist "verantw. Nedalteur: Sani Weber, Beritm Jnfergtenteil veranttw ' sogar durch seine Unvorsichtigkeit das Feuer entstanden. Die selbstverständliche Tatsache, daß ein Holzschuppen schnell nieder- brennt, wenn nicht sofort die Feuerwehr zur Stelle ist, genügt der bürgerlichen Presse zu behaupten, das Gebäude sei vorher„an allen Ecken mit Petroleum begossen" worden. * Die gestern von uns mitgeteilte Bekanntmachung des Magistrats wegen Wiedereinstellung der Arbeiter, die sich bis zum 2. Juli melden, hat eine sehr natürliche Unterlage und nichts mit dem guten Herzen der Magistratsleute zu tun. Der Magistrat hat sich nämlich dem Arbeitswilligen-Agenten gegenüber ver- pflichten müssen, die Arbeitswilligen bis zum 2. Juli zu be- schäftigen, gegen 4,70 M. Tagelohn, freie Unterbringung und Verpflegung, täglich 2 Flaschen Bier und 4 Zigarren. Ferner für die Arbeitswilligen, die bis zu dieser Zeit aushalten, 25 M. Extraprämie und 16 M. Reisegeld.— Geht der 2. Juli vorüber, ohne daß die Differenzen beigelegt sind, muß dieser Vertrag erneuert werden, was für die Stadt natürlich recht kostspielig wird. Außerdem soll sich der Agent schon mit 200 Mann für An- fang Juli nach mehreren anderen Städten— darunter auch München verpflichtet haben. Die schwarze Liste, die vom„Baugcwcrbeverband Hamburg" an seine Mitglieder der- sandt ist, enthält u. a. folgende Mitteilung: Hierdurch benachrichtigen wir Sie ergebenst, daß bei uns die Maurer, Zimmergesellen und Bauhilfsarbeiter ausgesperrt worden sind. Wir bitten Sie höflichst, aus Hamburg-Altona kommende Maurer, Zimmerer und Arbeiter nicht einzustellen bezw. sogleich wieder zu entlassen. Die Liste der Ausgesperrten von Altona liegt bei. Listen von Hamburg werden nicht ausgegeben, da die Kontrolle durch die Jnvalidenmarke Ham- bürg ausgeübt werden kann. Mit kollegialischem Gruß Baugewcrks-Jnnung Bauhütte Altona. Peter Janns, Obermeister. Die schwarze Liste von Altona enthält die Nanien von 16 Polieren, 356 Maurern, 207 Zimmerern und 262. Bauhilfs- arbeitern. Hervorzuheben verdient hierbei die Tatsache, daß auch die Jnvalidenkar'ten bezw.< Marken als Kontrolle der Ausgesperrten dienen sollen. Und dies geschieht trotz§ 184 Abs. 2 des Jnvalidenversicherungsgesetzes, der für ein solches Vergehen eineStrafe bis zu 2000 M. oder sechs Mo- nate Gefängnis vorsieht. Weiterer Zusammenschluß der Unternehmer! Auf der zweiten Generalversammlung des„Zentralverbandcs deutscher Arbeitgeber in den Transport-, Handels- und Verkehrs- Gewerben", Sitz Berlin, die dieser Tage in Hamburg tagte, fand auf Wunsch des„Verbandes deutscher Lohnfuhrunternchmer", des ..Vereins deutscher Spediteure" und des„Zentralvereins deutscher Reeder in Hamburg", die sich dem Zentralvcrband anschließen wollen, eine Satzungsänderung statt. Der engere Zu- sammenschlutz des Zentralverbandes mit diesen drei großen Verbänden soll in Kürze erfolgen, da diesem dann nichts mehr im Wege steht. Die achtunggebietende Macht soll an- geblich keine Kampforganisation bilden; jedoch den Mitgliedern des Zentralverbandes in Fällen von„ungerecht- fertigten" Angriffen durch die Arbeitnehmer Schutz und Hilfe in ausreichendem Maße gewähren. Tarifbewegnng der Notenstccher. Die Verhandlungen der beiderseitigen Tarifkommissioncn haben betr. Lohnerhöhung und Verkürzung der Arbeitszeit zu keinem Ergebnis geführt, da die Unternehmer sich dagegen ab- lehnend verhielten. Die Hauptargumente der Unternehmer gegen diese Forderungen waren: Der vom Jahre 1906 an gültige, gegen früher erhöhte Tarif habe infolge der anhaltenden Krise im Ge- werbe noch gar nicht voll zur Entfaltung kommen können. Jeder Notenstecher ist in der letzten Tarifperiode durchschnittlich täglich nur 7% Stunden beschäftigt gewesen. Die Versammlungen der Städte Berlin und Leipzig be- schlössen deshalb, eine abwartende Stellung einzunehmen. Der alte Tarif läuft aus diesem Grunde vorläufig weiter. Fahrscheinsperre für Streikende! Eine mehr als seltsame Nachricht findet man im„Heidelberger Tageblatt": „Bronnacker(Amt Adelsheim), 26. Juni. Streikende Polen. Wegen angeblicher Lohnkürzung stellten gestern die auf einem unschwer zu erratenden Hofe beschäftigten Polen ihre zu leistenden Arbeiten ein und gingen durch. Mit ihrer wenigen Habe, mit Frau und Kindern belagerten sie den Bahn- Hof Rosenberg, um sonstwo Arbeit zu suchen, wurden aber an ihrem Vorhaben verhindert, nachdem die Fahrscheine ge- sperrt worden waren. Da sie nie wieder ihre Arbeits- stelle betreten wollen und an der Abreise verhindert waren, nahm sich Herr Gutspächter Scheuermann hier der armen und obdachlosen Leute an, so daß sie Verdienst für die nächste Zeit gefunden haben. Auf dem verlassenen Platz soll ihr Verdienst durch die gemachten Abzüge äußerst gering ge- Wesen sein." Diese Nachricht ist kaum glaublich. Danach muß eine Eisen- bahnverwaltung die Polen an der Abreise mit der Eisen- bahn gehindert haben, indem mit gutem Gelde bezahlte Fahrscheine gesperrt wurden. Das wäre ein geradezu u n- geheuerliches Verfahren! Streik der Klempner in Danzig. Danzig, 30. Juni.(Privatdepesche des„Vorwärts".) Sämt- liche Klempner, Installateure, Heizungsmonteure und deren Helfer haben heute abend beschlossen, in den Streik zu treten, weil die Unternehmer es abgelehnt haben, auch nur in Verhandlungen über den Abschluß eines Tarifvertrages einzutreten. Beteiligt sind der Metallarbeiterverband und der christliche Gewerkverein.— Die Parteipresse wird um Warnung vor Zuzug gebeten. Die christlichen Gewerkschaften im Jahre 1908. In der letzten Nummer des„Zentralblattcs der christlichen Gewerkschaften" ist die Jahrcsstatistik über die christlichen Gewerk- schaftcn enthalten, die uns zeigt, daß diese das vergangene Krisen- jähr weit schwerer überdauert haben als die freien Gewerkschaften. Für den Mitgliederrückgang im allgemeinen werden ganz plausible Gründe angeführt. Auch trifft die bei den freien Gewerkschaften beobachtete Tatsache, daß von der Krise das Baugewerbe und das Textilgewerbe und dementsprechend auch die für diese Gewerbe bestehenden Organisationen am schwersten getroffen wurden, auch für die christlichen Gewerkschaften zu. Bei dem Vergleiche in der Mitgliedcrabnahme der christlichen und unserer Gewerkschaften aber geht dem Berichterstatter schon alle Vernunft und Logik zum Teufel. Erst wird ein langes und breites geredet über die„wieder einmal veränderte Kampfestaktik der sozialdemokratischen Bewegung", auch etwas über die tapfere Vorsicht der Hirsck)-D-unckcrsck>en. die ihre Mitgliederzahl verschwiegen und ihre Abrechnung verschleierten, bei juiid 125 000 M. Mindereinnahmen aber einen empfindlichen Mit- : Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: VorwärtSBÜchdch.u.VerlagZgnItgll gliederberlust zu beklagen haben müssen v. ä. tri. Nach dieser langen Brühe kommen dann endlich die Fische. �A m Jahres- schluß zählten die Christlichen 23 882 Mitglieder weniger als im Jahre 190 7. Diese denn doch verteufelt unangenehme Tatsache wird nun durch allerhand Drum und Dran zu verbrämen gesucht: Im Jahresdurchschnitt des Mitgliederbestandes betrage die Mitglieder- abnähme nur 9804; wenn sie auch prozentual etwas größeren 5.x il- gliederverlust hätten, so sei er doch bei den freien Gewerkschaften in der Zahl größer und so fort. Wir wollen einfach bei den Tat- fachen bleiben. Die durchschnittliche Jahrcsmitgliederzahl liegt für unsere Gewerkschaften noch nicht vor. Wir haben am Jahresschluß 72 284 Mitglieder verloren, die Christlichen 23 882. Im Berhäst- nis zum Mitgliederstand bedeutet das, daß die freien Ge- werkschaften 4 Proz., die christlichen Gewerk- schaftcn aber 9 Proz. ihrer Mitglieder eingebüßt haben! Nur s o haben doch Zahlengegcnüberstellungen einen Wert, und nur so ist Ehrlichkeit bei der Sache zu finden. Ob bei der Jahresdurchschnittszahl unserer Gewerkschaften dasselbe Zahlen- Verhältnis bestehen bleibt, muß vorläufig gänzlich außer Betracht bleiben. Interessant und für uns belustigend ist, wie sich die bürger- lichen Schmocks nun mit dieser Tatsache abfinden. Ihr Frohlocken über den Mitglicderschwund in den sozialdemokratischen Gewerk- schaftcn ist ja verstummt, und kleinlaut sprechen sie sich gegenseitig den Trost zu, daß die wirtschaftlichen Schwierigkeiten dieses Jahres von den christlichen Gcwcrksclaften„verhältnismäßig" gut über- standen wuriden. Ja, man soll den Tag nie vor dem Abend loben! Zu bemerken wäre noch, daß einen Mitgliederzuwachs die bäuerischen Eisenbahner mit 2074, die Steinarbeiter mit 1167, die Heimarbeiterinnen mit 849 und so fort aufweisen. Einen Mitgliederrückgang hatten die Bauhandwerker mit 4833, Keram- arbeiter mit 3469, Textilarbeiter mit 3203, Metallarbeiter mit 1663 und so fort zu verzeichnen. Bei der Uebcrsicht der Kassen- Verhältnisse fällt es auf, daß in dieser schweren Zeit wirtschaftlicher Depression und sozialen Elends die humanitären Unterstützungen nur eine sehr geringe Zunahme in den Ausgaben aufweisen. Außerdem aber ist die Streikunterstützung von 743 000 M. auf 424 000 herabgcgangcn. Ter Vermögensbestand mit rund 4 600 000 Mark erhöhte sich auch infolge gesteigerter Einnahmen um rund 1 025 000 M. Nach alledem können wir es den Arbeitern überlassen, sich die Frage selbst zu beantworten, welche Gewerkstbaften in der Zeit der Krise sich verhältnismäßig am heften gehalten haben, und � in welchen Gewerkschaften die Interessen der Mitglieder am wirk- samsten vertreten werden._ Huslanck. Die Vewegnng der englischen Grubenarbeiter. London, 30. Juni. Die Grubcnarbcitcrkonferenz beschloß gestern, ein Referendum über den Konflikt mit den Gruben- besitzern, eine eventuelle Arbeitseinstellung zu veranstalten. Morgen findet eine letzte Zusammenkunft zwischen den Vertretern der Grubendircktoren und der Grubenarbeiter statt. Sollte in dieser Beratung keine Einigung erzielt werden, wie man cS allgemein erwartet, so wird das Referendum sofort organisiert. In London glaubt man, daß die Arbeitseinstellung sämtlicher Grubenarbeiter bereits in der ersten Hälfte der nächsten Woche � erfolgt. Die Grubenbesitzer ersuchten für diesen Fall um militärischen Schutz. Wie es heißt, sollen 6000 Mftnn Infanterie und 1000 Mann Kavallerie ins Strcikgcbiet entsandt werden. Die amerikanischen Eiscnarbeiter stehen vor einem Konflikt mit einer der größten Firmen in der Eisenbearbestung, der„American Sheet and Tinplate Co." in Pittsbura. Am� 30. Juni ist der Ver- trag, den die Unternehmer mit der Gewerkschaft geschlossen haben, abgelaufen. Der Vertrag wurde nicht erneuert und die Gesellschaft machte hckannt, daß sie die„offene Wcrkstätte" vom 1. Juli ab ein- führen werde. Die„offene Wcrlstütte" bedeutet für die Unternehmer das Recht, auch unorganisierte Arbeiter ciiiznstellen. Das will die Organisation nicht dulden, sie tritt energisch für die„geschlossene Werkstätte" ein und fordert auch eine Erhöhung der Löhne, anderen- falls droht sie mit einem Streik, der 10 000 Personen umfassen würde. Einige große Gesellschaften haben sich veranlaßt gesehen, rne Kürzung der Löhne, die zur Zeit der Krise vielfach vorgenommen Ivuroe, wieder rückgängig zu inachen. So hat z. V. die New D o r k, New Häven u.Harlford-Bahngcsellschaft angclmidigt. daß die zehnprozentige Herabsetzung aller Löhne, die vor einiger Zeit vorgenommen wurde, vom 1. Juli ab wieder aufgehoben sein soll. Ein Ricsenkampf um die Organisation. Mehr als 10 000 gelernte Arbeiter der amerikanischen Platten- und Wcißblech-Compagnie, der verschiedene Fabriken in Pcnnshk- vania, Ohio, West-Virgima und Indiana gehören, werden in den Streik treten, weil nach einer am 1. Juli in Kraft tretenden An- ordnung der Gesellschaft n i ch t u n i o n i st i f ch e Arbeiter neben den unionistischen zugelassen werden. Letzte J�acbncbten und Dcpefcbcn. Die englische Finanzdebatte. London, 30. Juni.(W. T. B.) Unterhaus. Nachdem die Debatte über den ersten Artikel der Finanzbill sechs Tage ge- dauert hatte, beantragte heute Schatzkanzler Lloyd George Schluß der Debatte. Nach der üblichen Opposition wurde der Antrag an- genommen. Hierauf erfolgte mit 296 gegen 112 Stimmen die An- nähme des ersten Artikels ohne wesentliche Abänderungen gegen- über der Regierungsvorlage. Ueberschwemmung durch Dammbruch. Hammerfcst, 30. Juni.(W. T. 23.) Am Montag brach der Damm deS Wasserreservoirs der Stadt, das 3 000 000 Kubikmeter Wasser enthielt; dieses strömte über die Felder, zerstörte drei Brücken und riß drei Packhäuser mit Material in die See. Gestern ist ein Reserverohr unter der Erde gesprungen, weshalb die Stadt augenblicklich ohne Wasser ist._ Bergmanns Ende. Trier, 30. Juni.(B. Hü Durch Gas erstickten auf der Karls- Hütte bei Diedenhofcn 2 Arbeiter beim Llusschaltcn eines Vcnti» lators. Ein dritter konnte ins Leben zurückgerufen werden. Den russischen Henkern entronnen. Gent, 30. Juni.(B. H.) Der russische Student Miklaszewski ist heute morgen in Freiheit gesetzt worden. Er wurde von Freunden und Bekannten lebhaft begrüßt. Die russische Regierung hatte bekanntlich seine Auslieferung verlftngt. Eine ganze Schiffsbcsatznng ertrunken. La Nochelle, 30. Juni.(B. H.) Das Schiffcrboot„Estnma Marie" ist in der Nähe von Island gcsuuken. Die gesamte Be- satzung, bestehend aus 27 Mann, ist umgekommen. Gegen die Schmach deS RnssenbesnchS. e Rom, 30. Juni.(23. H.) Der Gemeinderat von Ale�fandria in Italien hat eine groste Protestkundgebung gegen den Bcssuch des Zaren in Italien veranstaltet. Laul Singer Sc Co., Berlin SW. Hierzu 3 Beilagen u.Unterh altnngSbl, 8t. 150. 36. Jahrgang. 1. Keilme w Joniiitls" Krrlim Damlerstag, 1. Juli 1909. Reichstag» 271, Sitzung vom Mittwoch, den 30. Juni, nachmittags 1 Uhr. Am Bundesratstische: v. Bethmann-Hollweg. Auf der Tagesordnung steht folgende Interpellation der Abgg. Albrecht«. Gen.(Soz.). „Beabsichtigen die verbündeten Regierungen angesichts des durch die Teuerung der Lebensmittel verursachten Notstandes weiter Volks- kreise eine Gesctzesvorlae über eine zeitweilige Aufhebung der Gctreidezölle und der Zölle auf Futtermittel sowie des§ 11 des Zolltarifgesetzes vom 25. Dezember 1S02 über die Erteilung von Einfuhrscheinen vorzulegen?" Staatssekretär v. Bethmann-Hollweg erklärt auf die Anfrage des Präsidenten, daß er bereit ist, die Interpellation sofort zu be- antworten. Zur Begründung der Interpellation /g Millionen Menschen, während von Handel, Industrie und Verkehr 34 Millionen Menschen leben I(Hört I hört I links.) Auf die Landwirtschaft ent- fallen nur 23 Proz. der Bevölkerung, auf Handel. Industrie und Verkehr aber 56 Proz. Gerade ans der fixen Idee, daß Deutsch- land ein Agrarstaat sei, gründet sich die ganze Junkerherrschaft. Auch in Preußen regieren die Junker, trotzdem Preußen ebensolvenig Agrarstaat ist wie Deutschland. In Preußen entfallen auf die Land- Wirtschaft sogar nur 28,59 Proz. der Bevölkerung, gegen 28,65 Proz. als Reichsdurchschnitt. Also sechshundertstel Prozent macht die Land- Wirtschaft in Preußen noch weniger aus als im Reich, und trotzdem herrschen dort die Junker unumschränkt. Ich frage erneut: wie ist es möglich, daß in Deutschland eine derartige, die gesamte Be- völkerung schädigende Politik auf die Dauer getrieben werden kann? Wir haben es mit Institutionen zu tun, die die Herren auf der Rechten sich zu schaffen verstanden haben und die mächtig genug find, überall die Herrschaft an sich zu reißen. Der Bund der Lanndwirte ist allmählich zu einer politischen Macht geworden, die Deutschland beherrscht. Was war es denn anders, als 1902 die Nationalliberalen für den Zolltarif stimmten, als ein Sich-Beugen unter die Macht des Bundes der Landwirte?(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Lasselbe sehen wir auch bei der Regierung. Der Bund der Land- Wirte trat gegen die Handelsverträge auf, die man eine„rettende Tat" nannte, und der Reichskanzler Caprivi mußte sehr bald iveichen. Er war das erste Opfer, das man der organisierten Macht der Land- Wirte brachte.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Und was man dann alles in der Periode von 1894 ab getan hat, um die Agrarier zu versöhnen, will ich nicht aufzählen. Sie sind aber nie zu versöhnen, sondern verlangen einfach Unterwerfung. Das ist auch die Politik, die wir in den letzten Tagen erlebt haben. Fürst Bülow war immer ein Agrarier. In seiner ersten Rede als Reichskanzler sagte er, daß die Regierung dem Gemeinwohl um so besser diene, je höher sie sich über die verschiedenen Interessengruppen und Parteien stelle. Aber in derselben Rede kam, als wir ihn unterbrachen, auch schon der andere Satz vor: „Sie wissen ja noch gar nicht, wie der Hase läuft." In dem Moment, wo wir wußten, daß Fürst Bülow sich den Hasen zum Vorbild nimmt, wußten wir auch: es loar ein agrarischer Hase! (Heiterkeit.) Der agrarische Kanzler, der auf seinem Leichenstein die Worte haben will:„Hier ruht ein agrarischer. Kanzler" war derselbe Herr, der ja auch den schönen Traum der Blockpolitik inauguriert hat. Damals sagte er, es müßten solche Fragen zurückgestellt werden, über die eine Verständigung in absehbarer Zeit nicht möglich sei. Das ist der naivste Satz, den jemals ein Staatsmann ausgesprochen hat. Wie kann ein Staatsmann davon sprechen, Fragen zurückzustellen? Die Fragen drängen sich eben auf!(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Warum hat denn Fürst Bülow dann auch nicht die S t e u e r f r a g e n zurückgestellt, um die der ganze Streit entstanden ist?(Sehr gut I bei den Sozialdemokraten.) Wir sehen, daß die Regierung und die Agrarier einen Zustand geschaffen haben, der für das Demsche Reich von recht unangenehmer Wirkung ist. Sie haben Steuern geschaffen, durch welche die Grund- besitzer den Brotesser besteuern, so daß ein erheblicher Teil der Steuern nicht in die Reichskasse fließt, sondern in dir Taschen der Agrarier. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Im Jahre 1907 betrug die deutsche Ernte an Brotgetreide 3465 Tonnen. Durch dew Zoll wurde dieses Getreide um 697 Millionen verteuert. Rechnet man auf den Verbrauch der landwirtschaftlichen Bevölkerung 23 Proz., so bleiben immer noch 502 Millionen Mark, die allein von der Brotverteucrung in die Taschen der Agrarier ge- flössen sind.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Und dazu kommt noch die Fleischvcrtcnernng! Freilich sagen die Herren, diese agrarischen Maßnahmen feien im Interesse der Landwirtschaft notwendig; sie liegen aber nicht im allgemeinen Interesse der Landwirtschaft, sondern doch lediglich im Interesse der Grundbesitzer, also im Interesse von etwa 21/ä Millionen Personen in Deutschland, von denen die Hälfte eine so geringe Fläche besitzt, daß sie gar keinen Nutzen von den Zöllen hat. Also für die Jntcrcsscu von fünf Viertel Millioneu Grundbesitzern wird diese Politik gemacht. IVz Millionen Landarbeiter haben noch nicht einmal ein Stück Kartoffelland, sondern müssen alles kaufen, und die teuren Preise ebenfalls zahlen. Dieselben Leute, welche die Massen ausplündern und die Lage der Land- arbeiter verschlechtern, sind eS auch, die den Landarbeitern das Koalitionsrecht verweigern, die Landarbeiter von der Krankengesetz- gebung ausschließen und, wo die Landarbeiter versichert sind, be- wirken, daß sie in den niedrigsten Klassen versichert sind l Die Löhne der Landarbeiter kann man ja au§ den Renten berechnen, welche die Witwen der ver- unglückten Arbeiter beziehen. In Ostpreußen erhält eine solche land- wirtschaftliche Witwe 72 Mark! Das entspricht einem Lohne von 360 Mark, den der Mann als ganzen JahreSverdicnst erhalten hat! (Hört! hörtl bei den Sozialdemokraten.) In Westpreußen ist die Witwenrente 73 Mark, der Jahresverdienst des ManneS also 365 Mark. In Schlesien beträgt die Rente 69,76 Mark, der Jahresverdienst des Arbeiters also 348 Mark. Im ganzen Reiche ist der Jahresverdienst des Land- arbciters 433 M., im Westen steht auch der Landarbeiter etwas besser als in den ostelbischen Provinzen. Da sieht nian die ganze Arbeiter- freundlichkeit gerade derjenigen Leute, welche verlangen, daß sie selbst sich auf Kosten der Arbeiter bereichern.(Zustimmung bei den Sozial- demolraten.) Nun, dem Bund der Landwirte haben die Freisinnigen bei den letzten Wahlen noch Wahlhilfe geleistet und so selbst die gegen- wärtige Mehrheit geschaffen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Der schöne Blocktraum ist jetzt wohl vorüber. Das deutsche Volk aber wird unter den Zuständen noch länger zu leiden haben. Die gegenwärtige Höhe der Futterpreise verursacht ja auch im nächsten Jahre noch hohe Fleijchpreise.(Sehr wahrl bei den Sozial- demokraten.) Die hohen Preise hatten an, und da fragt es sich doch, ob die Regierung nicht Mittel und Wege suchen will, um Er- Mäßigungen der Preise zu erreichen. Bemerke» will ich noch, daß dieselben Leute, welche heute niedrigere Einkommen und höhere Brot'- preise haben, auch noch 400 Millionen Mark neuer Verbrauchssteuern auferlegt bekommen sollen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Ein Teil der Arbeiter, zum Beispiel die Tabakarbeiter, sollen ja außerdem noch ganz besonders herangezogen werden. Was kann nun die Regierung tun? Wir wissen ja, daß die Gesetzgebung ihr gegenwärtig nicht die Mittel an die Hand gibt, die Zölle ohne weiteres aufzuheben. Dem hat man seinerzeit einen Riegel vorgeschoben. Höchstens bei den Einfuhrscheinen, bei denen eine Minimalfristbestimnumg nicht vor- banden ist, könnte die Regierung die Frist ans etwa eine Stunde estsetzen und sie dadurch ziemlich wertlos machen. Aber das wäre keineswegs genug. Es muß vielmehr eine Acndcruug der Zollgcsctze herbeigeführt werden, obwohl ich glaube, daß die gegenwärtige Mehrheit solche Gesetze genau so vernichten würde, wie sie die ErbschaftS- und Nachlaßsteuer vernichtet hat. Es muß aber doch zu einem offenen Kampf mit den Agrariern kommen!(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Daß dieser Kampf nicht überraschend kommt, möchte ich den Herren sagen, die glauben, daß solche Anträge von gestern auf heute kommen. Mit Vorliebe rufen Sie uns ja den Namen Schippe! zu. Lesen Sie die Rede Schippeis vom 5. Mai 1898, in der er über dasselbe Thema sprach. Damals sagte auch Schippe!; es muß mit den Agrariern einmal zu einem offenen Konflikt kommens; stvar wisse er, daß eS schwer sei, die Liberalen in Bewegung zu etzen, aber die Agrarier treiben es dahin, und derartige Konflikte werden kommen. Wenn die Einfuhrscheine beseitigt und die Zölle aufgehoben werden, so wird die Landwirtschast keineswegs ge- chädigt. Ich behaupte vielmehr, daß sie außerordentlich prosperiert, und berufe mich dafür auf Mitteilungen des deutschen Landwirtschaftstages. Bei der Beratung der Fleischnot im Jahre 1905 lag eine Denkschrift des deutschen Landwirtschasts- tages vor, in welcher der Wert der deutschen Fleisch- Produktion auf über ö'/z. der Milchproduktion auf mehr als eine Milliarde angegeben war, zusammen auf fast fünf Milliarden. Würde man den Wert der Produktion m den übrigen Zweigen der Landwirtschaft hinzurechnen, so würde das Ergebnis 'ein, daß der Wert der landwirtschaftlichen Produktion mit der Wert- zunähme der industriellen Produktion gleichen Schritt gehalten habe. Das wurde 1905 gesagt, vor dem Inkrafttreten des neneu Zolltarifs. Wenn bei Konstantbleiben der Arbeiterzahl die landwirt- schaftlichen Werte einen solchen Aufschwung genommen haben, f» Ift daZ ein Beweis, dnh die Landwirtschaft auch odne künstliche Hilfsmittel prosperiert. gebe zu. die Weizenpreise sind unerwünscht hoch.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.— Heiterkeit.) Das ist aber nicht die Schuld der Landwirte, die immer nur aus- kömmliche, nie hohe Preise verlangt haben!(Lachen bei den Sozialdemokraten. Sehr richsig I rechts.) Die schlechte Weizenernte im Herbst vorigen Jahres auf der nördlichen, im Frühjahr vorigen Jahres auf der südlichen Halbkugel hat die Höhe der Weizenpreise veranlaßt. Die Roggcnprcise dagegen stehen durchaus nicht hoch, und da, wenigstens in Norddeutschland, Roggenbrot die Haupv nahrung des Arbeiters bildet, so kann von Hungerpreisen nicht ge> redet werden.(Sehr richtig! rechts.) Wir müssen es ablehnen, an den Getreidezöllen zu rülteln.(Bravo I rechts.) Abg. Dr. Paasch«(natl.): Auch meine Freunde halten eS nicht für notwendig, die Getreidezölle herabzusetzen. Die hohen Getreide- preise sind nur eine vorübergehende Erscheinung. Gerade die Frei- sinnigen sollten sich nicht gegen die Einfuhrscheine wenden, denn sie entsprechen doch dem System des Freihandels.(Sehr gut! rechts und bei den Nationalliberalen.) Die Erscheinung, daß die eigentlichen Getreidelicferanten, die Länder, die sonst für den Import in Bewacht kommen, Mangel an Getreide haben, ist nur vorübergehend und kann keinen Anlaß zur Aenderung unseres Zolltarifs geben.(Bravo I recht? und bei den Nationalliberalen.)(Dr. Hahn schüttelt dem Abgeordnete» Paasch? ostentativ die Hand. Große Heiterkeit.) Abg. Fegter(frs. Vg.): Ich hoffe, daß mir die Ehre eines Handdrucks von Herrn Dr. Hahn am Schluß meiner Rede nicht zuteil werden wird.(Sehr gut! und Heiterkeit bei den Freisinnigen.) Daß auswärtige Saisonarbeiter unseren heimischen Boden bebauen, halte ich für eine bedauerliche Er- scheinung. Unsere Gesetze sollten so beschaffen sein, daß unsere Landarbeiter gern ans der Scholle bleiben. Wir müssen auf eine Erniedrigung der Getreidezölle hinarbeiten, sonst wird der Volksunwille so anwachsen, daß die Zölle beseitigt werden müssen. Der Bund der Landwirte freilich treibt die extremste Zollpolitik! seine extreme Politik hat sich auch bei der Finanzreform gezeigt. (Abg. Dr. Hahn(k.): Zur Sache!) Das müssen Sie schon dein Präsidenten überlassen. Ich begreife übrigens, daß Ihnen diese Er- wähnung des Bundes der Landwirte unangenehm ist. Aber es macht mir eine besondere Freude, Sie, Herr Hahn, so erregt zu sehen. (Sehr gut! und Heiterkeit links.) Wir müssen Bedacht daraus nehmen. die Zölle in Industrie und Landwirtschaft wieder auf ein erträgliches Maß zurückzuführen.(Bravo I bei den Freisinnigen.) Abg. Kulerski(Pole): Die Höhe der Gctreidepreise ist einer der wesentlichsten Gründe der allgemeinen Teuerung. Daher halten wir eine zeitweilige Herabsetzung der Getreidezölle für durchaus geboten. Abg. Dr. Südekum(Soz.): Der Herr Staatsselretär des ReichsamteS des Innern hatte die Güte, unsere Interpellation zu beantworlen. Selbstverständlich kann ihm die formale Legitimation dazu nicht bestritten werden. Aber man konnte wohl verlangen, daß ein anderer diese Jnter- pellation beantwortete, denn nicht Herr v. Bethmann-Hollweg ist es gewesen, der die Handelspolitik der Regierung bei der letzten Zollkampagne geführt hat, sondern Fürst Lütow, und wenn er auch heute ein Reichskanzler auf Abbruch ist(Heiterkeit), so hat er doch die Verantwortung für die Ver- Wüstungen der Agrarpolitik zu übernehnien, die die verbündeten Regierungen im Interesse einer kleinen Minderheit des Volkes seit Jahren getrieben haben.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wenn es sich um Lebensfragen der Nation handelt, dann gehört der Reichskanzler auf seinen Platz— wenn nur einer da ist.(Große Heiterkeit.) Wir empfinden das Verhalten deS Reichskanzlers als eine Pflichtvcrlctzling, (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten), die geeignet wäre, den staatsmännischen Ruf dieses Mannes noch bis auf den letzten Rest auszutilgen, wenn überhaupt nach den Vorgängen der letzten Wochen noch etwas von staatsmännischem Ruf bei ihm zu zerstören wäre. (Sehr gut! bei bell Sozialdemokraten.) Den Verteidigen: unserer agrarischen Schutzzollpolitik wird die Freude an diesem Werk immer mehr verekelt. Sie sagen oft: Nor lehrt beten. Ich sage: - Not lehrt denken, und wenn unser Volk erst angefangen hat, auch nickst zu denken aus. und das Denken Herrschaft sicherer, als Sie vermuten. Wie Wuchers in den letzten Jahren betrieben wurde, das ist weder mensch- lich noch christlich.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Unter dem Vorgeben, staatSerhallend zu sein, verurteilen Sie Tauiei'.dc und Tausende in unserem Volke zum Siechtum, zu frühein Tode. zerstören Sie das Mark und die Kraft des Volkes.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Herr v. Bethmann-Hollweg tat sich hier als Konsequenzeinnacher auf. Der Vertreter einer Regierung, die in der letzten Zeit jede Spur von Konsequenz hat vernnffen lassen, als es sich um einen Kampf gegen das Junkertum handelte, wurde jetzt ans einmal kühn und konsequent, wo er die Junker in seinem Rücken mußte. (Sehr gut I bei den Sozialdemokraten.) Er erklärte, der Zolltarif iei ein einheitliches Ganzes und dem gesamten Volkskörper angepaßt. Gewiß, dem Bolkskörper angepaßt, ungefähr wie ein spanischer Stiesel den Opfern der Inquisition angepaßt wurde.(Sehr gut! bei den Sozial- demokraten.) In der Manier'des GrandseigncurS leugnet der Staatssekretär eine allgemeine Teuerung. Weiß der Herr Staatssekretär nicht, daß in allen Berichten der Fabrikmspektoren. in den vielen Arbeiterbudgets, die maffenhaft auch amtlich veröffentlicht worden sind, allgemein zugestanden worden ist, daß wir unter einer beispicl- losen, nicht mehr erträglichen Teuerung der Lebensmittel in Deutsch- land leben? Hat er nicht die Begründung der Beamtenbesoldungs- Vorlage für Reichs«, Staats- und Gemeindebeamte gelesen, die daraus hinweist, daß die Lebenshaltung der Beamte» mit den heutigen Gehältern unter den gesteigerten Preisen nicht mehr aus- reckt'zu erhalten wäre?! In der Tat ist die Preissteigerung ver- schärft durch die industrielle Krise und eine seit Jahrzehnten bei u»S unbekannte, massenhaft auftretende Arbeitslosigkeit: das Symptom sür die schwerste Not, in der sich unser Volk seit langem befindet. Der Herr Staatssekretär verwies darauf, daß die Fleischpreisc ge- stinken seien. EineHerabminderung derRindfleischprcise ist allerdings zu verzeichnen, aber zurückzuführen, wie Ihnen Spezialisten aus dem Hause sagen können, auf den vermindetlcn Absatz des viel zu teuer gewordenen-Fleisches. Was aber das Schweinefleisch anlangt, so betrugen nach der amtlichen Statistik die Schweinepreise in verlin im Mai 1907 90.25. 1908 111. 1909 119,44 M.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) In Hamburg 117 und 124, in München 107. 110, 133 M.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) DaS nennt der Herr Staatssekretär ein Herabgehen der Preise I Die Preissteigerung könnte nicht zur Wirklichkeit werden, Wenn wir mit dem Schutzzoll nicht zugleich das System der Einfuhrscheine hätten. Graf Kanitz hat einmal ganz richtig bemerkt, der ganze Schutzzoll wäre nichts wert, wenn nicht die Einstihrscheine damit ver- knüpft wären! denn nur dadurch, daß man dauernd das in Deutsch- land vorhandene Quantum Getreide auf jene kleine Menge vermindern kann, die auch bei einer schlechten Ernte erzielt wird, ge- lingt es, die Preise in dieser Weise zu steigern. Es genügt vollkommen, daß selbst ein Mann wie Herr Paasche, der sich als praktischer Land- wirt hier einführt, zugeben muß, daß die heutige Verwendung der Einfuhrscheine für Kaffee und Petroleum unter allen Umständen selbst vom Standpunkt des praktischen Landwirtes zu bekämpfen ist, und bei der sympathischen Aufnahme, die Herr Paasche bei Ihnen gefunden hat— Herr Hahn hat ihn ja beinah: geküßt—(Heiterkeit), wird vielleicht auch auf jener Seite die Neigung wachsen, das System der Einfuhrscheine aufzuheben und zunächst einmal den Identitätsnachweis einzuführen. Daß das Einfuhrscheinsystem für gewisse Zweige und sür den Handel, z. B. von Stettin und Königsberg, notwendig ist, leugnet niemand. Indessen, auch mit den Einfuhrscheinen wäre noch nicht ein so großes Geschäft zu machen, wenn als drittes nicht noch die Einsuhrpriimie der Eisenbahn in Gestalt der Ausfuhrtarife hinzukäme I Was sagen nun die Vertreter der agrarischen Parteien rjt den Ausführungen des Staatssekretärs? Der Vertreter des Zentrums war sehr vorsichtig. Ich kann ihm das nachfühlen. Das Zentrum wird ohnehin, wenn es dem Volke erst die indirekten Steuern aufgebürdet hat, einen schweren Stand haben, und so wollte es wohl vermeiden, noch mehr Belastuugs- material herbeizubringen.' Sehr interesiant war mir das Verhalten des Vertreters der polnischen Fraktion. Die Polen haben früher für jede Getreidezollerhöhung gestimmt, jetzr aber, wo sie drauf und dran sind, der Regierung, die sie so gut behandelt hat, siehe Ansiedeltmgsgesetz, siehe Enteignung, sieh: Sprachcnparagraph(Sehr gut I bet den Sozialdemokraten), also, wo sie drauf und dran sind, der Regierung indirekte Steuern zu bewilligen, finden sie doch ein kleines Haar in der Suppe und sagen: Wir wollen uns für den Gedanken der Interpellation sympathisch aussprechen. Es wird daS mit Dank akzeptiert, aber was dieser Erklärung zugrunde liegt, werden wir uns noch deutlicher merken. (Sehr gut! bei den Sozialdemolraten.) Daß an der Existenz der leistungsfähigen Landwirtschaft da° ganze Volk interessierr ist, ist von uns nie bestritten worden. Nie- mand erleimt so sehr wie wir an, daß ehrliche Arbeit ihren Lohn verdient. Deshalb sollen auch die Bauern für ihre Arbeit ihren Lohn erhallen. Hier aber handelt eS sich nicht um den Lohn dessen, der den Acker bebaut, sondern um die Sicherung einer hohen Rente für den monopolisierten Boden t (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Heute haben wir die Gefahr, daß die übermäßig gesteigerten Preise der Lebeusntilicl infolge der agrarischen Prosite daS Volk aushungern. Wegen der Zurückweisung der Steuergcsetze gärt und bclvegt es sich im ganzen Volke. Wir wollen diesen Kampf gegen die Wurzel des UebelS richten. Wir wollen den Wohuboden und den Nährboden wieder unter die Kontrolle der Gesamtheit bringen, und die große Menge des Volkes steht dabei ans unserer Seite. (Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Die ganz: agrarische Politik kommt einer Minderheit zugute, selbst einer Minderheit der Landwirte. 0 Proz. der in der Landwirtschaft Tätigen haben über 70 Proz. deS Bodens zu verfügen. Und das sind die Stipendiaten der Liebesgabe, die ungekrönten Könige von Preußen! (Lebhaftes Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Daß läßt sich die große Menge des Volkes nicht mehr gefallen. Selbst wenn alle unsere technischen Einwciidimgen unrichtig wären, ändert das nichts an dem Sachverhalt, daß es' unmöglich ist. heute noch ein Kultur- Volk in Herren und Sklaven zu scheiden, und Not i st die schlimm st e Sklaverei. Daß die Not besteht, kann höchstens ein agrarisches Gemüt bestreiten. Alles hat seine Zeit. Die agrarische Welle, die über unser Volk hinweggegangen ist. hat Un- heil genug gebracht. Aber jetzt ist sie im Zurückebb'en. Der Kampf gegen sie hat nicht nur begonnen, sondern er hat erfolgreich begonrnm.(Zustimmung links.) Noch einmal ist es Ihnen gelungen. einen Reichskanzler zu beseitigen, der anzudeuten gewagt hat, Ihr Bollwerk, daS preußische Klasscnwahlrecht, sei reformbedürftig. Aber ich glaube, es ist der letzte Reichskanzler, den Sie wegen einer solchen Aeußerung über die Klinge springen lassen.(Sehr richtig l links.) An eine Interpellation können wir keine Beschlüsse knüpfen. Wir müssen uns mit der ablehnenden Antwort de« Staatssekretärs begnügen. Aber wir richten eine ernste Mahnung an die Sic- giermig und die Agrarier. Wir wollen unsere Ziele durch legale Mittel erreichen, wenn aber die legalen Mittel nicht zum Ziele führen(Aha! rechts.), wenn in Zeilen der Arbeitslosigkeit und Hungersnot der Proletarier vergeblich nach Hilse von Staat Und Gemeinde ausschaut. die ihm zwar helfen könnten, aber nicht helfen, weil sie unter der Votniähigleit von Leuten wie Herr Hahn stehen, wenn dann die Not die Fesseln des Gesetzes und der Sitte sprengt, dann höhnen Sie noch diejenigen, denen Sie helfen könnten, aber nicht helfen I Der Staatssekretär kennt die Zusammenhänge zwischen Lebensmittelpreisen und Luc- brechen. Er weist, dast cS hier kein Ausweichen gibt, dost mit automatischer zermalmender Negelmähigkeit die Kurve der Ver brechen mit denen der Getreidcpreise steigt. Von den Getreide preisen hängt auch die Höhe der Kindersterblichkeit ab. Alles, was zur Bekämpfung der Tnberknlose geschieht— und ich erkenne an, dast es nicht wenig ist—, bedeutet gar nichts, ist nur ein Schönheitspflästerchen, wenn das Volk nichts zu essen hat. (Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Wie wollen Sie eS verantworten, dast so viele unserer Landsleute zusammenbrechen? Wollen Sie diesen bethlehemitischen Kindcrmord auf sich nehmen? (Lachen rechts.) Wer über diese Frage lacht, richtet sich selbst I (Sehr richtig I links.) Das Strafgesetzbuch zwingt uns, wenn wir Zeugen eines Verbrechens find, dieses zu bindern. Aber das Ver brechen eines einzelnen kann niemals so volkszerstörend wirken, wie die agrarische Politik bei unserem Volke zerstörend wirkt.(Lebhaftes Bravo I bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Heim(Z.): Wenn in Bayern früher Abneigung gegen die Einfuhrschcme herrschte, so lag das an besonderen Ursachen, die inzwischen behoben worden sind. An den gewist beklagenswerten Weizenpreisen ist die Landwirtschast unschuldig. Andererseits kann dem Abg. Dr. Arendt nicht zugegeben werden, dast die Preis- steigerung wesentlich spekulativen Ursprunges ist.(HörtI hört I links.) Die steigende Produktivität und Stabilität des deutschen Getreidebaues ist von der alleräustersten und erfreulichsten Wichtigkeit für die nationale Wirtschaft.(Stürmischer Beifall bei den agrarischen Parteien.) Wie können da die Herren Molkenbuhr und Südekum von Hungersnot sprechen?(Leb- Haftes Bravo! rechts.) Die Suspension der Getreidezölle wäre nur ein Hundertmillionengeschenk an den Getreidehandel.(Lebhafte Zu- stimmung rechts und im Zentrum.) Der Bauer ist doch auch ein Arbeiter I(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Junker I) Ich bin nicht dazu da, die Junker zu verteidigen— das besorgen sie im aus- reichenden Mäste selbst.(Schallende Heiterkeit.) Der Hahn kräht innerhalb und austerhalb des HauseS.(Stürmische Heiterkeit.) Aber die Landwirtschaft besteht doch nicht nur aus Junkern. In Bayern werden die Bauern gelegt von Leuten, die sich gegen die Parfiimeriesteuer wenden.(Lautes Bravo! und stürmische Heiter- keit rechts.) von Leuten ohne bodenständige Vergangenheit.(Brüllendes Sehr gut! bei den Antisemiten.) Dr. Südekum sagt: Das Volk hat das Recht zu essen. Ich sage: das Volk hat zunächst das Recht zu arbeiten!(Lautes Bravo I rechts und im Zentrum.) Die Art und Weise, wie Kollege Dr. Südekum den Rückgang der Fleisch- preise zu erklären gesucht hat, war sehr gekünstelt.(Zuruf bei den Sozialdemokraten. Präsident Graf Stolberg: Ich bitte, den Redner nicht zu unterbrechen!) Ich habe Zwischenrufe sehr gern, nur verstehe ich sie nicht.(Schallende Heiterkeit.) Der Weizenpreis ist zu hoch, aber mit den Mitteln, die die Interpellanten vorschlagen, wird ihr Ziel nicht erreicht. Wartet nur die Ernte ab; wenn sie gut ausfällt, wird alles gut werden.(Heiterkeit links; lebhafter Beifall rechts und im Zentrum.) Hierauf vertagt sich das Haus. Abg. Molkenbuhr(Soz.)(persönlich): Gras Schwerin sagte, ich hätte behauptet, die Landwirtschast brauche die Getreideproduktion nicht. Er läht mich also einen Unsinn sagen, indem er nach dem Sprichwort handelt:„Mattheis bricht Eis, und hat er keins, so macht er sich eins.'(Heiterkeit.) Ich habe ausgeführt, dast der Wertzuwachs der gesamten landwirtschaftliche Produktion einschliehlich deS Getreidebaus mindestens so grost gewesen ist, wie der der industriellen Werte. Dabei ist die Arbeiterzahl auf dem Lande gleich geblieben, während die in der Industrie gewachsen ist. Der Profit der Grundbesitzer must daher gröster gewesen sein als der der Jndustriekapitalisten. Nächste Sitzung Donnerstag 1 Uhr.(Bier-, Tabak-, Brannt- weinsteuer.) Schlutz 6B/« Uhr. parlamcntarifcbeQ* Die Frage bei elsafi-lothringischcn Wahlrechts in der Petitionskommifsio». De« Vorstand der sozialdemokratischen Partei Eisast- Lothringens hatte im Auftrage von 12 am 7. Februar abgehaltenen Volksversammlungen dem Reichstage folgende Resolution unter- breitet: „Die Versammlung fordert mit aller Entschiedenheit die Einführung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts auf Grundlage des Verhältniswahlsystems zum elsast- lothrcngischen LandeSausschust für alle über 2» Jahre alten Einwohner beiderlei Geschlechts. Da die in den letzten drei Jahren an den LandeSausschust gerichteten Petitionen erfolglos geblieben oder beiseite geschoben worden sind, tritt die Versamm lung nunmehr an den Reichstag heran und erwartet von ihm als einem der gesetzgebenden Faktoren der RcichSlande eine energische Initiative in der für die elsah-lothringische Politik und Kultur so bedeutungsvollen Wahlrechtsfrage. Sie erachtet es als eine moralische Pflicht des deutschen Volkes und seiner Vertretung, den wiedergewonnenen Brüdern, wie es so oft im Regierungsjargon heistt, das Selbstbestimmungsrccht zu ver- schaffen. Weil die anderen gesetzgebenden Faktoren in der Wahlrechtsfrage die Pflichten dein elsast-lothringischen Volke gegenüber vernachlässigt haben, fordert die Versammlung den deutschen Reichstag als die Vertretung des gesamten deutschen Volkes auf, dem elsaß-lohtringischen Volke zu dem ihm zustehen- den Rechte zu verhelfen." Die Petition war mit folgender Begründung versehen: „Seit der Einverleibung Elsast-Lothringens sind 38 Jahre verflossen. Im Reiche übernahm man für den Reichstag das allgemeine, geheime und direkte Wahlrecht des Norddeutschen BundeSreichstags. Dem elsast-lothringischen Volke enthielt man bis zum Jahre 1874 das Wahlrecht zum Reichstage vor und ver- sagte ihm das Recht der selbständigen Regelung der eigenen Landesangelegenheiten. Erst im Jahre 1874 bildete man eine begutachtende Institution über den Landesausschuß, der erst im Jahre 187L unter gleichzeitiger Verstärkung seiner Mitglieder die Rechte einer gesetzgebenden Körperschaft mit AuSschlust der Verfassungsangelegenheiten des Landes erhielt. Aber dem Volke gab man noch immer nicht daS Recht, die Abgeordneten zum Parlament selbst zu wählen. Noch heute wird der LandeSaus- schust durch die Bezirkstage und Gemeinderäte teils direkt, teils indirekt durch Wahlmänner gewählt. Diese Art der Zusammen- setzung der Volksvertretung ist veraltet, und sie ist ungerecht, weil sie nickst den Willen der Volksmehrheit zum Ausdruck kommen lästt und dem Volke das Selbstbestimmungsrecht zur Regelung seiner eigenen Angelegenheiten vorenthält. Infolge der wirtschaftlichen EntWickelung werden die Ausgaben des Staates immer vielseitiger und zahlreicher. Das Volk wird immer mehr das Objekt der Gesetzgebung, ohne dast sein eigener Wille dabei berücksichtigt wird. Dadurch gerät die Gesetzgebung in Widerspruch mit dem Volkswillen und den Bedürfnissen des Volkes. Das Volk aber will in Gesetzgebung und Verwaltung nicht allein Objekt, sondern auch S u b i e k t sein. Ein nicht aus allgemeinen Wahlen hervorgegangenes Parlament kann kein wahres Spiegelbild der VolkSmcinung sein. Die süddeutschen Staaten Baden, Bayern, Württemberg, das auch das Propor- tionalwahlsystem teilweise zur Anwendung bringt, haben aus- nahmsloS der gerechten Forderung nach dem allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrecht Rechnung getragen. In Hessen ist man mit einer freiheitlichen Gestaltung des Wahlrechte be» schäftigt. In Oesterreich, der Schweiz und Frankreich hat das Volk daS allgemeine Wahlrecht zu den Parlamenten. Nur Elsaß-Lothringen liegt wie eine Wüste in volksrechtlicher Be- ziehung zwischen diesen Staaten und Reichen eingekeilt. Selbst in Norddeutschland lästt sich das allgemeine Wahlrecht nicht mehr zurückhalten." Der Berichterstatter der PetitionSkommisston, Abg. Dr. Will. Straßburg(Z.), trat den Ausführungen der Petenten über das rückständige, veraltete Wahlrecht bei. Genosse B ö h l e, der die Petition überreicht hatte, wies darauf hin, dast der Zustand in Elsast-Lothringen vom Volke als um so unwürdiger empfunden werde, als die anderen süddeutschen Staaten daS allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht eingeführt hätten. Ter Reichstag, der als gesetzgebender Faktor für Elsast-Lothringen in Frage komme, müsse in dieser Frage Stellung nehmen, um so mehr, als der LandeSausschust seit Jahren den Petitionen der sozialdemokratischen Partei keine Beachtung schenke und regelmäßig über sie zur Tagesordnung übergegangen sei.— Böhle bat, die Petition dem Herrn Reichskanzler zur Be- rücksichtigung zu überweisen. Die Mehrheit der Kommission stand der Grundforderung der Petition sympathisch gegenüber, lehnte es aber ab, die Einführung des Fraucnstiinmrechts und die Herabsetzung des Alters von 25 auf 20 �ahre zu befürlvorten. Angesichts der Zusage der verbündeten Regierungen, in nächster Zeit dem Reichstag einen Gesetzentwurf über Berfassungsänderungen in Elsast-Lothringen vorzulegen, be« schloß die Kommission, die Petition des Vorstandes der sozialdemo? kratischen Partei in Elsast-Lothringen dem Reichskanzler zur Er- w ä g u n g zu überweisen. Sericdts- Leitung» Der tierische Magnetismus stand im Mittelpunkt einer Verhandlung, die gestern das Schöffen- »gericht Berlin-Mitte beschäftigte. Auf die Anklage des Betruges hatte sich der„praktische Magnetopath" Carl Pohl wegen Betruges zu verantworten. Der praktische Arzt Dr. Schlesinger, der selbst Magnetopath ist, begutachtete, daß vielfach Heilungen durch Mag- netismus erfolgten, z. B. werde dadurch bisweilen eine hohe Fieber- teinperatur herabgedrückt.— Der vernommene Kreisarzt von Char- lottenburg leugnete die Heilwirkung des Magnetismus überhaupt. Der Vertreter der Amtsanwaltschaft hielt die Tatbestandsmerkmale deS Betruges für vorliegend und beantragte 300 Mark Geldstrafe. — Das Schöffengericht sprach den Angeklagten frei, weil er sich in gutem Glauben an die Heilkraft seiner Methode befunden habe. Schwere Beleidigungen zweier Vorsteher einer Armenkommisfion hatte sich der Architekt Karl Knispel zuschulden kommen lassen, der gestern wegen mehrerer Fälle des Betruges und der Beleidigung vor der 3. Strafkammer des Landgerichts Berlin I stand. Der An- geklagte hat mehrere Betrügereien ausgeführt. Austerdelu ist es ihm gelungen, von einer hiesigen Armenkommission vielfach Armen- nnterstühuiigen zu erhalten. Diese hörten aber auf, nachdem durch Stecherchen festgestellt war, daß der Angeklagte in höchst verschmitzter Weise es verstand, sich Armengelder zu verschaffen. Damit hatten aber der Armenkommisstonsvorsteher und sein Stellvertreter den Zorn des Angeklagten auf sich geladen. In Schreiben an den Ober- bürgermeister, die Armenverwaltung und das Polizeipräsidium überhäufte er die beiden städtischen Beamten mit häßlichen Schmäh- reden und beschuldigte sie aller möglichen Schandtaten, an denen kein wahres Wort war.— Das Gericht hielt diese Beleidigungen für den schwersten Teil der Vergehen, die dem Angeklagten zur Last fielen. Denn nach seiner Meinung müßten die Bürger, die sich bereitfinden, dieses mühevolle Amt in der Armenverwaltung zu übernehmen, gegen solche Verunglimpfungen energisch geschützt werden. Der Gerichtshof erkannte auf eine Gesamtstrafe von 1 Jahr Gefängnis._ Amtlicher Marktbericht der städtischen Markthallen. Direktion über den Grogbandel in den Zentral-Markthallen. Marktlage: Fletsch: Zufuhr schwach. Geichäst still, Preise unverändert. Wild: Zusnür knapp. Geschalt lebhast, Preise scst. Geslllgel: Zusubr reichlich, Geschäst schleppend, Preise nachgebend. Fische: Zusuhr reichlich, Gctchäst schleppend, Preise wenig verändert. Buiter und Käsci Geschäft ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obst und Südfrüchte: Zusuhr reichlich, Geschäft schleppend, Preise gedrückt. M Ausflügler 100 AusAiigt m Snli« mit 12 Illustrationen und 20 Karten von Georg Siegcrist. Preis karwnniert mit bunten Karten M. Ein- bis dreitägige Ausflüge in die Mark von Georg Siegerist. Preis karwnniert mit 10 Karten 1.S0 M. Mit 38 Karten.. Preis 2,50 M. Mauderbuch für die Mark Krandcubnrg and anjrrciiascnde Gebiete. Mit 53 Karten. Erster TeU: Nähere Umgebung Berlins.... Preis 1,50 M. Zweiter Teil: Weitere Umgebung Berlins, westliche Hälfte Preis 2 M. Dritter Teil: Weitere Umgebung Berlins. LsMcheHälste Preis 2.50 M. Wanderführer mit Karten-AtlaS für Oberfpree und Dahme Preis 1 M. 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Wahlkreis tlUoahlt und Ilaasaviertel): Karl Anders, Salzwcdelcrstr. 8, im Laden. WeddliiK: Karl Weiße, Nazarethkirchstraße 43. Itvseathaler und Oranienburger Vorstadt: Hermann Naschte, Ackerstr. 33, Eingang Anklamerstraße. CSesnndhrannea: F. Trapp, Stettinerstr. 10. SiehUnhanser Vorstadt: Karl Mars, Lychcnerstr. 123. -Idlershor: Karl Schwarzlose, Hoffmannstr. 9. .4It-renFaarbeenpi!st,. 1.95 BIUS6n-Kragen Fasson„Feter-Pan" feine Spachtel-Ausführung. 95, 1,25 Kinder-Kragen 45, 65, 85pt Plissee-Bäffchen SÄf.f0!!!... 25, 35, 45 bis 95pi Einhefte-Rüschen ÄÄ ÄÄeon: 8, 10, 15 ws 1.00 Spachtel-Stehkragen moderne Oibson-Fasson..■..... 10, 15, 45 Pf. Ein sehr grosser Posten Spitzen- und Spitzen-Einsätze in weiss, ecrü oder leinenfarbig, Meter 2!� 4"� y PL Der hervorragenden Billigkeit wegen können diese Spitzen u. 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Verlag: Borwärt» Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer Sc Co., Berlin SW, Nr. 150. 26. Jahrgang. 2. KilM des Lamiills" Snli»tr Msdlslt. Donurrstag, l. Inli 1909. Eue der Partei. Mein letztes Wort in Sachen der„S. M.". Der Genosse Arons macht mir den Vorwurf, daß ich die Frankfurter Vorgänge, obgleich sie mir schon seit 1907 bekannt gewesen seien, nicht früher zur Sprache brachte, wenn ich sie für bedenklich hielt. Ich habe geschwiegen, weil ich keinen Parteistreit hervorrufen wollte. Ich habe auch noch geschwiegen, als im letzten Sommer ein Teil der Parleipresse die Anklage gegen die„S. M." erhob, sie hätten Geld aus bürgerlichen Händen empfangen und die„S. M." die Richtigkeit dieser Angabe bestritten. Als dann aber kürzlich, ohne mein Zutun und ohne mein Vorwissen, die„Leipziger Volkszeitung" und der„Vorwärts" die Anklage gegen die„S. M." von neuem erhoben und die letzteren wiederum die Richtigkeit dieser Angaben bestritten, hielt ich mich im Parteiinteresse für verpflichtet zu sagen, was ich wußte, um festzustellen, was Wahres an diesen Anklagen ist. Dieses meine Stellung zu der Angelegenheit. Der Genosse Arons erhebt dann gegen den Parteivorstand den Vorwurf, daß dieser es abgelehnt, die Bücher der„S. M." zu prüfen,„um dem sinnlosen Gerede von dem„bürgerlichen Unter- nehmen" ein Ende zu bereiten". Ich habe an jenem Beschluß des Parteivorstandes nicht teil- genommen, aber ich billige ihn. Der Parteivorstand hat sich vermutlich gesagt, und ich teile diese Ansicht: haben die„S. M." wirklich Geld aus bürgerlichen Händen empfangen, dann hat auch die Verwaltung der„Monats- hefte" in ihrem Interesse und im Interesse der Geldgeber dafür gesorgt, daß die Beiträge unter einer Form gebucht wurden, die es dem Außenstehenden unmöglich macht, die Geber zu erkennen. Zu einer solchen Buchung wäre die Verwaltung der„S. M." sogar verpflichtet, da sie es nicht auf einen unglücklichen Zufall an- kommen lassen durfte, durch den die NameiA der Geber bekannt wurden. Der Genosse Arons beklagt, daß der Name des verstorbenen Hallgarten öffentlich als Geber für die„S. M." genannt wurde. Es war, irre ich nicht, die Frankfurter„Volksstimme", die den auf aller Lippen liegenden Namen nannte. Damit hat die„Volks- stimme" kein Unrecht getan. Wer in politische Dinge sich ein- läßt, muß auch die Konsequenzen tragen. Außerdem ist das Be- kanntwerden der Handlung HallgartenS für dessen Andenken weder ehrenrührig noch beleidigend. Im Gegenteil. Der Ver- ftorbene handelte von seinem Parteistandpunkt aus sehr klug, als er die Schenkung an die ,.S. M." machte. Was sollte er übrigens noch besondere Bedingungen an die Verwendung seines Geldes knüpfen? Er gab eben, weil ihm die Haltung der„Monatshefte" zusagte. Die Genossin Mündt erklärte, daß meine Verdienste um die Partei sie hinderten, mir mit der gebührenden Schärfe zu ant- warten. Ich bedaure diese Rücksichtnahme, auf die ich keinen Anspruch erhebe. Wie ich mein Leben lang gegen keine Person Rücksicht genommen habe, sei sie, wer sie wolle, wenn ich das im Interesse der Partei für nötig erachtete— die Partei über allem Persönlichen—, so wünsche ich auch, daß man mir gegenüber handle. Es handelt sich auch nicht um böswilligen Klatsch, dem ich keine Autorität leihen solle, sondern um feststehende Tat- fachen, die Männer verbürgen, deren Glaubwürdigkeit ich über die der Genossin Mündt stelle. Die Liste bestand auch nicht bloß aus den Namen Hallgarten, Merton und Dr. Rößler, sondern es standen auf derselben auch die anderen Namen, die ich schon nannte, und noch eine Anzahl Namen, die mir nicht genannt wurden, die sich aber feststellen lassen. Die Genossin Mündt beklagt sich über meine UnHöflichkeit. daß ich ihr grobe Unwahrheit und Lüge vorgeworfen. Sie hat recht, ich hätte etwas höflicher mich ausdrücken sollen, aber sachlich kann ich nichts zurücknehmen von dem, was ich ihr geantwortet. In sittlicher Entrüstung schließt sie ihre Erklärung:„Der Zweck der Hetze ist klar. Sie gereicht ihren Urhebern und Förderern nicht zur Ehre und ist nur geeignet, die Partei zu schädigen." Die Genossin Mündt beruhige sich. Für mich hat die„Hetze" i keinen anderen Zweck, als endlich einmal die Wahrheit fest- �zustellen. Und die Wahrheit ist, daß die Genossin Mündt im Jahre 1995, im Einverständnis mit dem Verleger der„S. M.". nach Frankfurt a. M. reiste und dort eine Reihe bürgerlicher Persönlichkeiten besuchte, um Geld für die„S. M." zu erlangen. An dieser Tatsache ändern alle gegenteiligen Versicherungen nichts. Ob die Genossin Mündt bei diesem Bittgange viel oder wenig oder nichts erlangte, ist vollständig gleichgültig. Die Fest- stellung der Tatsache, daß ein fvzialistisches Blatt die Hilfe bürgerlicher Politiker für seine weitere Existenz in Anspruch zu nehmen versuchte, genügt. Auch wegen des Schadens, den die Parte« aus solchen Er- örterungen haben soll, sei die Genossin Mündt unbesorgt. Die Feststellung unangenehmer Tatsachen kann der Partei nicht schaden: die Verantwortung aber tragen die, die sie verschuldeten. _ A. Bebel. Ein Vorschlag zur Güte. Wenn ich zur Frage der Streichungen in der Engelsschen Vorrede nochmals das Wort nehme, geschieht es nicht, um mit Fischer darüber zu disputieren, ob sein Verfahren ein Streichen zu nennen ist. Das wär«� jetzt, wo die Tatsachen festgestellt sind, ein müßiger Wortstreit, der allerdings weniger an die Kirchen- väter als an den Talmud erinnert, was Fischer offenbar sympathischer ist. Ich möchte aber auch dem„Kirchenväterstreit" ein Ende setzen. Dieser Streit um den Charakter des Vorwortes konnte ja nur daher entstehen, daß die gestrichenen Stellen wie ein kirch- liches Mysterium behandelt wurden, das vor profanen Augen streng geheim zu halten war. Zur Zeit der Umsturzvorlage mochte das einen Sinn haben. Heute ist die Vorrede ein historisches Dokument geworden, das ein Anrecht darauf hat, in seiner ursprünglichen Fassung, ohne jede Streichung, zu erscheinen. Wir sind es dem Andenken unseres Altmeisters schuldig, daß die Ab- Handlung, die sein politisches Testament geworden ist, un- verstümmelt an die Oeffentlichkeit kommt. Das forderte ich schon vor mehr als zehn Jahren. Jetzt dürfte doch die Zeit dazu ge- kommen sein._ K. K a u t s k y. Ueber 509 neue Abonnenten hat unserem Kölner Bruderblatt, der„Rheinischen Zeitung", die Agitation gebracht, die letzten Sonn- tag in Köln-Stadt und in Köln-Land veranstaltet wurde. Außer- dem hat eine große Anzahl der Befragten das Abonnement für spätere Monate zugesagt, weil die verschiedensten Verhältnisse (Arbeitslosigkeit, Krankheit und dergleichen) ein sofortiges Abonnement nicht ermöglichten. Die Aufnahme der Parteigenossen bei der Bevölkerung war im allgemeinen sehr gut. Kam es doch vor, daß selbst Hausfrauen der Einführung des sozialdemokratischen Blattes das Wort redeten! Bewundernswert ist der Mut der Kölner Genossen, die trotz der Krise an die schwere Werbearbeit gingen. Allerdings kommt andererseits die gegenwärtige politische Situation unseren Partei- genossen bei der Abonnentensuche zu gute— wie der Erfolg in Köln, in Halle und an anderen Orten beweist. Ein AuSschluhantrag gegen Enriro Ferri. Rom, 28. Jpni.(Eig. Ber.) Bei der Diskussion des Budgets des Ministers des Aeußeren hat Genosse Enrico Ferri eine Rede gehalten, die sich mit der Notwendigkeit beschäftigte, die Aus- Wanderung in die südamerikanischen Staaten zu regeln und den italienischen Auswanderern den Schutz ihres Vaterlandes auch im Auslande� zuteil werden zu lassen. In diese Rede, über die wir nicht berichtet haben, weil wir ihr keine politische Bedeutung bei- messen, hat Genosse Ferri begeisterte Erklärungen über italienische Kulturarbeit und die intellektuelle Bedeutung Italiens einge- flochten. Schließlich hat er den Wunsch ausgesprochen, der italienische König möchte sich durch Augenschein von der Lage der Auswanderer überzeugen und hat einem solchen Besuch eine wohltätige Wirkung beigemessen. Wer Ferris Ansichten kannte, konnte sich über die ausgesprochenen Gedanken nicht wundern. Trotz- dem scheint die Rede die übrigen Genossen der Fraktion etwas vor den Kopf gestoßen zu haben, denn sie haben sie ganz kalt auf- genommen, während die übrige Kammer ihr lebhaften Beifall spendete. Aber mit dieser kühlen Aufnahme durch die Fraktion war die Sache nicht erledigt. Das Komitee der sozia» l i st i s ch e n Sektion i n Mailand hat die folgende Tages- ordnung angenommen: kleines f eullleton* Die Tagung der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst, die am 28. und 29. Juni in Hamburg stattfand, behandelte zwei Themata von allgemeiner Bedeutung. Ueber Reform- be strebungen auf dem Gebiete der Friedhofskunst referierte Gartendirektor He icke(Frankfurt a. M.). Er ging von den großen Hamburger Friedhofsanlagen in Ohlsdorf aus, die er als mustergültig bezeichnete. Besonders wirksam sei bei ihm die landschaftliche Ausgestaltung und die Anlage von ge- schwungenen Wegen. Auf vielen Friedhöfen seien Unschönheiten und Geschmacklosigkeiten vorhanden. Eine Besserung müsse ein- setzen bei der Ausstattung des einzelnen Grabes, dann werde auch das Ganze sich schöner präsentieren. Die oft allzu bunte Aus- schmückung des Grabes müsse durch Einfachheit ersetzt werden. Vielfach sei auch der Glaube verbreitet, daß auf einen Grabhügel ein Denkstein aus möglichst festem Material gehöre, etwa Granit. Dabei werden aber diese Kreuze später meistenteils, wenn die Schutzfrist für das Grab abgelaufen sei, einfach zerschlagen und zu Wegebauten benutzt. Recht wirksam machten sich die einheit- lichen Grabsteine auf den jüdischen Friedhöfen. Auch manche christliche Friedhöfe, so der Erfurter, zeigten große Einheitlichkeit. Vorbildlich in dieser Richtung sei der Münchener Waldfricdhof, für den ganz bestimmte Vorschriften für die Ausgestaltung und die Form der Grabmonumente beständen. Der Kernpunkt der Friedhofsgestaltung müsse bleiben das Verdecken der Rcihengräber durch Baum- und Buschwerk und die Bildung von bestimmten Abteilungen. Im Zukunftsfriedhof dürften auch die Aschen- und Urnenanlagen nicht fehlen. Allgemein müßten bei Friedhoffragen Gartenkünstler und Architekten Hand in Hand gehen, v. Engel- brecht(Düsseldorf) verlangte, daß die Repräsentationssucht und daS Protzentun«, die sich auf vielen Friedhöfen breitmachten, energisch bekämpft werden. Die„Bedeutung von Stadtwaldanlagen für die Groß- und Industriestädte" behandelte Gartenarchitekt Hanisch (Breslau). Er wies darauf hin, daß in der letzten Zeit ein Rück- gang in der Waldflächc zu verzeichnen gewesen sei. Da sei es doppelt erfreulich, daß die großen Städte auch die Erhaltung und Schaffung von Wäldern in den Kreis ihrer Aufgaben gezogen hätten. Die Verwaltungen der Großstädte begnügen sich nicht mehr damit, innerhalb der Steinwüsten grüne Oasen zu schaffen, sie bemühen sich vor allem, den Bewohnern an der Stadtgrenze aus- gedehnte vorhandene Waldgebicte für die Zukunft zu sichern, sie durch Wcgebauten zu erschließen und so Gelegenheit zur Erholung in der freien Natur zu verschaffen. Eine ganze Reihe großer Städte haben dieses Kapitel als eine der wichtigsten Tagessragen von hoher volkswirtschaftlicher und sozialpolitischer Bedeutung für unser modernes Volksleben erkannt und sind bereit, auch mit großen „Das Komitee der Mailänder Parteisektion nimmt die neue politische Ueberzeugung des Prof. Enrico Ferri, der mit seinen Erklärungen in der Kammer zum monarchischen Radikalismus, von dem er ausgegangen ist, zurückkehrt, zur Kenntnis, bedauert das Beispiel der Haltlosigkeit uird Inkonsequenz, das dem italienischen Volke geboten wird und fordert die Mantnaner So- zialisten, die sich bei anderer Gelegenheit als eifrige Hüter des antimilitaristischen und internationalen Gedankens des Sozia- lismus erwiesen haben, auf, für den Schutz der Würde und Folgerichtigkeit der Partei Sorge zu tragen." Die Mailänder Sozialisten, in deren Komitee übrigens die Reformisten nicht die Mehrheit haben, wollen sich offenbar für den Protest revanchieren, den seinerzeit dieMantuancr gegen Chi esaL Erklärungen eingelegt hatten. Der„Avant i" kommentiert die Mailänder Tagesordnung und meint, daß es unbillig sei, die Kritik bis zur Exkommuui- zierung zu treiben. Wohl hätte eine Partei Recht über die ihr angehörenden Personen, aber diese Personen hätten auch innerhalb gewisser Grenzen Recht auf freie intellektuelle Eritwickelung. Wenn die äußerste Linke Ferris Rede kühl aufgenommen hätte, so sei dies nicht wegen der nationalistischen Anklänge gewesen, die den Grundsätzen der Partei nicht zuwiderliefen, sondern weil die Schwenkung Ferris sie befremdet hätte. Ferri selbst hat in einem Interview dem Redakteur des„G i o r n a l e D' I t a l i a" er- klärt, daß er prinzipiell Internationalist sei, womit seine Worte über die Eigenart und Vorzüge der italienischen Kultur keines- Wegs im Widerspruch stände««. Es liegt auf der Hand, daß kein Mensch in der Partei den Ausschlußantrag gegen Ferri ernst nehmen kann. Ferri hat sich seit Jahren vom Revolutionarismus zum Reformismus entwickelt: Mese Entwickelung als solche und die Art, wie sie sich vollzog, mag vielen unsympathisch sein, aber sie ist gewiß kein Grund zum Ausschluß aus der Partei. In der beanstandeten Rede Ferris war wirklich nichts, was im Munde BissolatiS oder �T u rat i s Anstoß erregt haben würde._ Achtung!•■ Vor einem Schwindler, der als„russischer Flüchtling" unsere Parteigenossen zu prellen sucht, tvarnt die„Leipziger Volks- zeitung". Der Patron zeigt einen russischen Paß vor und sucht Geld zu ergaunern, das er angeblich braucht, um vor der An- meidung bei der Polizei seinen Paß übersetzen zu lassen! Der „russische Flüchtling"«st der Friseur Oskar Hermann Jakob Anson, geb. 23. Aug«lst 1878 zu Doblen in Kurland. Er ist von untersetzter Statur und spricht ziemlich geläufig deutsch. Mit der russischen Revolution hat er nichts zu tun gehabt. Schon 1998 hat Anson mehrere Genossen unter falscher Vorspiegelung um Geld- betrüge geprellt. Da Anson sich auch anderer Namen bedient, ist um so größere Vorsicht am Platze! polizeiliches» gerichtliches ulw. Ein drolliger Prozeß. f Im Dezember 1993 beschloß der Gemeinderat von Roßkau, gegen den Genossen Linneweber vom„Volksblatt für Anhalt" Straf- antrag zu stellen, weil er in einem Artikel die bürgerliche Mehrheit des Gemeinderats beleidigt haben sollte. Anfangs April fand in dieser Sache vor dem Schöffengericht zu Dessau ein Termin statt, in dem auf Vorschlag des Vorsitzenden eine Erklärung formuliert wurde, die im„Volksblatt" veröffentlrcht werden sollte, wenn der Gemeinderat den Strafantrag zurücknähme. Es fand sich eine Mehrheit im Gemeinderate dafür, daß der Strafantrag zurückgenommen werden sollte, wenn das„Volksblatt" eine„schärfere" Erklärung auf- nähme und 199 Mark als Sühne in die Armenkasse zahlte. Linne- lveber schrieb, daß er sich darauf nicht einlassen könne, und so nahm denn das Verfahre«« seinen Fortgang. Am 1ö. Juni fand vor dem Schöffengericht in Dessau ein zweiter Termin statt. Nach kurzer Verhandlung entschied das Gericht: die Klage des Roßlauer Gemeinderatcs wird abgewiesen, weil der Magistrat, der den Strafantrag formell gestellt hat, dazu nicht be- rechtigt war, da er nicht die vorgesetzte Behörde des GeineindcrateS ist. Das Urteil ist inzwischen rechtskräftig geworden.— Der christlich-soziale Agitator. Vor der Strafkammer in Essen sollte an« Sonnabend die Beruflingsverhandlung in der vom christlich-sozialen Agitator Rafflenbeul gegen den Genossen Rotte- b o h m von der„Arbeiterzeitung" zu Dortmund angestrengten Privatklage stattfinden. Rafflenbeul wurde bekanntlich bei der Siegener Reichstagswahl von einem Laudrat geohrfcigt und Nottebohm wegen des Berichtes über diesen Vorgang mit 39 M. Geldstrafe bestrast. Gleichzeitig wurde Rafflenbeul wegen Beleidigung Opfern sich Waldterrain zu sichern. Einen Beweis, wie sehr der Großstädter am Walde hängt, biete die Zähigkeit, mit der B e r l i n sich gegen die Pläne zur AbHolzung des Grunewaldes wehrt. Recht günstig in der Waldfrage steht die Stadt Frankfurt da, die bei einem Stadtgebiet von 13 599 Hektar einen Stadtwald von 479 Hektar besitzt. Es ist leicht zu erklären, daß zunächst Städte in laiidschaftlich armer Gegend an die Schaff««ng von Stadtwäldern herangetreten sind. So z. B. die großen Städte der Industrie- reviere, Essen, Elberfeld. Krefeld, Hagen. M.-Gladbach, Barmen, Mannheim. Im Osten können sich Posen und Görlitz ihrer schönen Wälder rühmen.— In der Diskussion verlangte v. Engel- brecht(Düsseldorf), daß man den Wald, auch den Stadtwald, in seiner ursprünglichen Gestalt erhalten möge. Würde man den Wald 19 Jahre ohne Pflege lassen, würde er ein schöneres Bild geben als alle Stadtgärten. Das Problem liege in der Frage, wie man die Mcnschcnmassen in die Natur einfügen sollte.— B e i tz(Köln) hob hervor, daß die Städte immer wieder darauf hcngewiesen werden müßten, sich rechtzeitig Terrains für Stadt- Wälder zu sichern. Der Fiskus zeige hier leider nicht das ge- wünschte Verständnis ui«d Ei«tgegenkommen.— Direktor Cordes (Hamburg) hält es für selbstverständlich, daß da, wo Kultur in die Natur hineinkomme, die Kultur sich der Natur unterzuordnen habe. Bei Anlage von Stadtgärten und Stadtwäldern müsse man den Zweck der Anlage vor Augen haben und die Interessen aller Be- völkerungskreise mitsprechen lassen. In letzter Linie komme dann der Gartentechniker, der sich bemühen müsse, Harmonie in die verschiedenen Wünsche hineinzubringen. Humor und Satire. Der Pferdesport. „I-'assiotts au bsurrs", das führende französische sa- tirische Blatt, hat seine letzte Nummer(Nr. 439) den« durch den Aus- stand der Pfcrdejungen aktuell gewordenen Thema des Rosscsports gewidmet«lnd beleuchtet den grellen Kontrast, wie Pferd und Mensch eingeschätzt und behandelt werden. Das Titelbild stellt das lorbeer- gekrönte, edle Siegesroß vor. dessen Kräpfel ein zerlumpter Pferde- junge aufsäugt. Darunter liest man: Das Pferd gelvinnt 399 999 Fr. in drei Minuten, ber Mann erhält 2 Fr. den Tag. Zlvei weitere Bilder führen den reiche» Mann vor, der die zwei Methoden, auf vornehme Weise sei«« Geld auszugeben, befolgt. Auf dem ersten sieht ma>«, wie er die Kunst fördert: 3 Millionen Frank hat er für irgend ein Bild aus- gegeben, und er wird es auch noch dem Louvre(der staatlichen Kunstsammlung) vermachen. Auf dem anderen ist die zweite Methode dargestellt:«vie er die Pferdezucht fördert.� Er spricht mit seinem Pferdeangestellten:„Was, Ihren Lohn soll ich erhöhen? Ja. bedenken Sie denn nicht, daß mir mein Rciinstall jährlich 499 999 Fr. kostet?" Die Peitsche. Der Eigentümer zu dem Trainer, der eine Peitfche führt:„Sie werden die Peitsche doch nicht gegen die Renn- Pferde verwenden wollen?"— Der Trainer:„Gott bewahre; die Peitsche brauche ich bloß für die Pferdejungen.' Guter Rat. Der gemästete Reirnstallbesitzer zu der Witwe eines verunglückten Jockeys:„Also Ihr Mann ist von« Pferd gestürzt und hat Ihnen kein Geld hinterlassen? Ja, was kann ich dabei tun?... Wem, man einen so gefährlichen Beruf ausübt, milß man nicht heiraten." Was streng verboten ist. Der eben entlassene Jockey: „Warum schmeißen Sie mich rauß? Ich habe immer meine Pflicht getan."— Der Eigentümer:„Weil Du zu nichts mehr zu gebrauchen bist... Du wirft fett, Kai«aille." Notizen. —„Der benrerkenswerteste Beitrag zum Fort- schritt": der große OsiriS-Preis, der alle drei Jahre vom Institut de France in Paris vergebe»«vird, ist diesmal an die beiden Luft- schisset LouiS Blöriot und Gabriel Voisin in Anerkennung ihrer Taten«nid Experimente auf dem Gebiete der Luftschiffahrt verliehen ivorden. Der Preis, der 89 999 M. beträgt, wurde von dem Pariser Finanzgauner im Großen, OsiriS, gestiftet und soll den Personen zugesprochen werden, die in den letzten drei Jahren den bemerkenStvertesten Beitrag zum Fortschritt deS Menschengeschlechts getan habe««. — Gerhart Hauptmann will diesen Herbst in Denisch- land, Oesterreich«nid der Schivciz eigene ungedruckte Werke vor- lesen. Die Konzertdirektioi«. die diese Veranstaltungen«nanagert, gibt zu verstehe««, daß„Hauptmann, wie Eingeweihte wissen,' ein Rezitator von eigenartigstem Zauber im Vortrag" ist. Merkwürdig. daß man erst nach dem«viederholten, betrüblichen Draniendurchfall etwas davon erfährt. — Hartlebens„Diogenes", zwei Fraginent gebliebene Szenen ans einer Komödie vom Jahre 1899. wurde bei der Ein- weihung der Theater- und Konzerlhalle der Stadt Hagen erprobt. Da« Bühnenbild Ivar dabei nach den Angaben des Professors Behrens gestaltet, der die Bühne zur Reliefbühiie reformieren, das heißt aus der ilaturalistischcn Dreirälunlichkcit in die der Bild- lvirkung sich nähernde Ziveiräumlichkeit umwandeln ivill. — Carnegie rühmt sich, wie die„Franks. Ztg." ouS New Dork berichtet, in einer von ihm selbst aufgestellten Uebersicht bisher 51596 993 Dollar für Bibliotheken und sonstige Stiftungen mif- gewendet und insgesamt etwa 1899 Büchcreien gestiftet zu haben. Wie viele Meiischen er wirtschaftlich und physisch zugrunde ge- richtet hat. um diese» Sport betreiben zu können, vergiß« der Stahl- könig anzugeben. Wie die großen Vermögen in Anierika zustande kommen, schildert Upton Sinclair in seinen« neucsten Roman aus der amerikanische» Finanz- und Trnstwelt. der demnächst auch in deutscher Sprache erscheint. Wenn«vir nicht irren, ist auch Herr Carnegie hierin abkonterfeit, freilich nicht als„Philanthrop". NottebohmS zu der gleichen Strafe berurteilt. Zum Termin am Sonnabend war Rafflenbeul nicht erschienen, obgleich sein Erscheinen ausdrücklich angeordnet worden war. In der Verhandlung stellte sich heraus, daß Rafflenbeul in Untersuchungshast ist. Gegen den christlich-sozialen Agitator schwebt nämlich ein Strafverfahren! er soll seine Braut zum Meineid verleitet haben. Die Verhandlung endete damit, daß die Strafe gegen Nottebohm aufgehoben wurde. Die Strafe Rafflenbeuls bleibt bestehen. )Ziis Induftne und DandcL 1379 Millionen Mark Extragcwinn. Die durch das Zusammenwirken von erhöhtem Schutzzoll und Ausfuhrprämien ermöglichten Hungersnotpreise für Getreide in Deutschland machen nun sogar ausgesprochene Schutzzollblätter be denllich. DeS Volles Wohl schreit geradezu nach Maßnahmen auf Abstellung der unhaltbaren Zustände. Die„Hamb. Nachr." lieferten dieser Tage einen Beitrag zur Frage der Liebesgabenpolitik. Das Blatt veröffentlichte nämlich eine Aufmachung, nach der die Agrarier in den letzten drei Jahren allein durch die eingetretenen Zoll- erhöhungen auf Weizen, Roggen und Hafer eine Mehreinuahnw von 1379 Millionen Mark einheimsten. Die Rechnung sieht so aus: Der Weizenzoll wurde von 35 auf 55 M. pro Tonne erhöht, der Zoll für Roggen stieg von 35 auf 50 M. und bei Hafer trat eine Erhöhung von 22 auf 50 M. ein. Danach ergibt sich folgende Rechnung: 1906 Weizen Roggen Hafer. 1907 Weizen Roggen Hafer. 1908 Weizen Roggen Hafer. Sa.: 1379,1 Wohlgemerkt: Das ist das Resultat nicht der ganzen Zölle. sondern nur der durch den berüchtigten Wuchertarif vorgenommenen Aufschläge! Und nur drei Getreidesorten sind der Rechnung zu- gründe gelegt. So raffen die Junker und zwingen die Regierung auf die Knie, weil diese so vermessen war, von den Liebesgaben- schluckern zu verlangen, sie sollten von Erbschaften im Werte von über 20000 M. eine Kleinigkeit auf dem Altar des Vaterlandes opfern. Und die Regierung beugt sich unter das Joch der vom Zentrum assistierten Junker, damit das Volk keine andere Eut- scheidung bei Neuwahlen herbeiführen kann. Arbeitercntlassunge«. Umfangreiche Arbeiterentlassungen finden augenblicklich auf der ,.VuIkan"-Werft in Stettin statt. Bisher haben bereits an dreitausend Arbeiter die Abkehr erhalten. Weitere Entlassungen stehen noch bevor. Als Grund der Maßnahme wird mangelnde Beschäftigung angegeben. Die Tätigkeit der neuen Stabciscnkonvcntion. Die vor kurzem neugebildete Konvention der Berliner Stabeiscnhändler trat in Wirksamkeit mit einer Erhöhung der Preise für Stabeisen und Bleche im Berliner Verkehr um IVa M. pro 100 Kilogramm. Das ist den Herren aber entschieden noch nicht genug gewesen, denn jetzt haben sie die Preise abernrals um eine halbe Mark heraufgesetzt. Diese Verteuerung des Rohmaterials wird die gegenwärtige geringe Bau- tätigkeit Berlins nur noch weiterhin anhalten lassen. DaS Bank- und Börsengeschäft in Großbritannien 1908. Das Jahr 1908 ist für die Banken Großbritanniens weniger lohnend ge- Wesen als das Jahr 1907. Der Grund hierfür liegt im niedrigen Stande des Zinsfußes. Nach einer Zusanunenstellung im„Economist" vom 30. Januar 1909 erzielten 26 Banken, deren Ergebnisse vorlagen, 1908 nur 6 603 679 Pfd. Stcrl. an Reingewinn gegen 7 621 493 Pfd. Stcrl. im Vorjahre, so daß sich eine Abnahme um 1 112 914 Pfd. Sterl. oder 14,6 Proz. ergeben hat. Die Ergebnisse der Banken in der Provinz sind günstiger gewesen als die derjenigen Londoner Banken. welche ihr Geschäft ganz oder überwiegend in London betreiben. Diese Erscheinung, die in der größeren Stetigkeit des Zinsfußes in der Provinz ihren Grund hat, ist schon seit längerer Zeit hervor- getreten und hat dazu geführt, daß die Londoner Banken mehr und mehr strebten, ihren Geschäftskreis auf die Provinz auszudehnen. Anderseits ist es für die Bankinstitute in der Provinz auch von Bedeutung, in London wirksam vertreten zu sein. Diese Umstände hatten zur Folge, daß die Londoner Banken, eine nach der anderen, sich mit Provmzinstituten verschmolzen. Dieser Prozeß hat auch 1903 Fortschritte gemacht und die Zahl der Londoner Banken, die sich auf das Londoner Geschäft beschränken, hat sich weiter ver- mindert._ Ckncbta-Zeitung. AuS dem Jnnungsfchiedsgcricht. 1. Am Dienstag klagten vier Klempner gegen die Firma Hermann Zeglin. Sie waren am 11. März zur Arbeit bestellt worden, warteten eine Stunde vergebens und wurden darauf zum nächsten Morgen wieder bestellt. Nach abermaligem zweistündigen Warten erhielten sie die Mitteilung, daß die Arbeit, zu deren Fertigstellung sie bestellt seien, bereits fertig ist. Eine Bezahlung der 3 Stunden Wartezeit erfolgte nicht. Die Kläger klagten nun auf Bezahlung eines vollen Arbeitstages. Die Beklagte hielt sich zur Zahlung nicht verpflichtet, weil sie mit den Klägern Vereinbark hatte, daß das Arbeitsverhältnis zu jeder Zeit und Stunde gelöst werden kann. Das Schiedsgericht belehrte jedoch den Vertreter der Firma dahin, daß die drei Stunden Wartezeit bezahlt werden muffen. Die Parteien einigten sich dahin. 2. Die Maurer N. und S. klagten gegen den Maurermeister Johannes Strache auf Zahlung von 7,96 M. Lohn. Sie waren gegen 76 Pf. Stundenlohn engagiert und arbeiteten nur 8 Stunden während der Nachtzeit. Bei der Löhnung wurde ihnen der Zuschlag für Nachtstunden nicht gezahlt. Der Beklagte hält sich zur Zahlung dieses Zuschlages nicht für verpflichtet. Nach seiner Meinung sehe der Tarif diesen Zuschlag nur für Nachtstunden vor, die als Ueber- stunden geleistet werden. Die Kläger hätten aber Ueberstunden nicht geleistet, denn sie seien ja nur für die Nachtschicht angenommen. Das Schiedsgericht überzeugte den Beklagten, daß er zur Zahlung des Zuschlages verpflichtet sei. Er erkannte darauf die Forderung an und beglich sie. 3. Der Arbeiter Schulz war beim Töpfermeister Ernst Schöwe beschäftigt und wurde am Morgen des 21. Juni entlassen. Er klagt aus Zahlung der Lohnentschädigung für einen Tag von 4,60 Mark und 2,60 M. für Ueberstunden. Der Beklagte bestreitet die Leistung der Ueberstunden, gibt sie dann aber auf Befragen indirekt zu. Zur Entlassung habe ihm der Kläger durch sein Zuspätkommen an jenem Tage Grund gegeben. Kläger sei wiederholt gewarnt worden. Der Kläger bestreitet dies; der Beklagte kann seine Be- hauptung nicht beweisen. Das Schiedsgericht verurteilte ihn zur Zahlung der 7 M. 4. Die Verkäuferin Richter hat am 30. Juni ihre Dienste beim Fleischermeister Oskar Lcske aufgegeben, weil sie von diesem gröblich beleidigt worden sei. Sie klagt auf 63,60 M. Entschädigung für entgangenen Lohn und Kost und Logis für einen Monat. Klägerin hatte sich zunächst rechtsuchcnd an das Kaufmannsgericht gewandt, ist aber entgegen dem Gesetz von diesem, weil der Beklagte nicht im Handelsregister eingetragen ist, an das Jnnungsschiedsgericht verwiesen worden. In der Verhandlung vor demselben machte der Beklagte geltend, daß sich die Klägerin im ersten Monat ihrer Tätigkeit gut bewährt habe; deshalb habe er ihr den Lohn von 30 M. auf 36 M. erhöht. Im zweiten Monat haben ihn aber die Leistungen der Klägerin nicht mehr befriedigt. Er habe deshalb mit ihr die Vereinbarung getroffen, daß sie aufhören solle, wenn er für sie eine passende Ersatzlraft gefunden hat. Es gelang ihm am Tage darauf, Ersatz zu finden. Als er die Klägerin entlassen wollte, habe sie ihr Einverständnis in Abrede gestellt. In seiner Erregtheit habe er fies darob ein„verlogenes Frauenzimmer" ge- nannt. Darauf habe sie gegen seinen Willen die Entlassung ge- fordert. Obwohl der§ 122 der Gewerbeordnung eine solche Ver- einbarung, weil sie gegen die Gleichheit der Kündigungsfristen verstößt, als nichtig erklärt, war der Borsibcnde des Schiedsgerichts der Ansicht, daß die getroffene Abrede auch für die Klägerin bindend sei. Er empfahl einen dieser irrigen Ansicht entsprechenden Per- gleich auf 20 M- den leider die Klägerin akzeptierte. Donnerstag, den 1. Knli, abends 8 Uhr: so Tages-Ordnung: uflösnng?- Berlin. Litfin, Memeler Straße 67. Glysium, Landsberger Allee 46. Aktienbrauerei Friedrichsham(früher Lipps). Prater-Theater, Kastanienallee 7/6. Germania-Säle, Chauffeestraße U6. Jos. Frankes Festfäle, Badstraße 16. Gebr. Cranz' Festsäle, Kösliner Straße 8. Pharus-Säle, Mnllerstraße 146. Kronen-Brauerei, Alt-Moabit 47/46. T el tow-Beeske w. Rixdorf: Hoppe, Hermannstraße 48/46. Schöneberg: Rathanssäle, Meininger Straße 8 Charlottenbnrg: Bolkshans, Rosinenstraße 3 (Unterer Saal und Garten.) Wilmersdorf: Lnisenpark, Wilhelmsaue IIS. Treptow-Bamnschulenweg: Trabrennbahn, ffi Johannisthal Sophiensäle, Sophienstraße 17/18. Neuer Hofjäger-Palast, Hasenheide 33/33. Zühlke, Dennewitzstraße 13. Gewerkschaftshans, Engelnfer 13, großer Saal. Arminhallen, Kommandantenstraße 38/36. Kellers Nene Philharmonie, Köpenicker Str. 66. Urania, Wrangelstraße 11. Süd-Ost, Waldemarstraße 73. Freyer, Koppenstraße 29. Nieder-Barnim. Pankow: Zum Kurfürsten, Berliner Straße 16S. Karlsho�st��°��! Restaurant Wilhelminenhof. Weißensee: Schloß Weißensee. Rummelsburg: Weigelt, Türrschmidtstr. 43. Lichtenberg: Schwarzer Adler, Frankst.rter Chaussee s/«. Tegel: Trapps Gesellschaftshaus, Bahnhofstr. 1. Spandau. Böhle, Havelstraße 20. Referenten: Albreclit, I>r. Alfred Bernstein, Brey, Borchardt, Bnpont, Emmel, Eicliliorn, Richard Fischer, Br. Frank,$*rnnwald, Meine, Mitdenhrand, Klotli, Behmann, Bedehonr, Mr. K. Idehkneeht, IKolkenbnhr, Noske, Pasels, Mr. Svurt Rosenfeld, Scheidemann, Rohcrt Schmidt, Severing, Hinger, Stadthagen, Stücklen, Wels, Wermuth, Mr. Weyi, Unheil. Massenbesuch erwartet verband a« Sr-Schöneweide! Restaur. Wilhelminenhof. Für den Inhalt der Inserate vlicruiinmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Aerautwortung. �Keater. Donnerstag, den 1. Juli. Anfang Tl, Uhr. Neues königliches Operntheater. Der fliegende Holländer. Anfang 8 Uhr. 'LeutscheS�Zil ebener Erde und im ersten stock. Kammer spiele. Ein Skandal in Monte Carlo., Scssiiig. Die Dollarprinzessin. Berliner. Ein Herbslmanöver. Schiller t».«�Saliner» Theater.) Madame Bonivard. S�'Ner Charlottenburg. Der Biberpelz. Neues Schauspielhaus. Moral. Friedrich- Wilbelmftadt. Schauspielhaus. Der Freischütz. Komische Oper. O diefe Leutnants. Neues. Der Hoteldieb. 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Jnli IVOS, abends 6V2 Uhr: Mitgtletler-llersammlung 3S im Gewerkschaftshause, Engelufer 13, Saal 4. TageS-Ordnung: 193/2 1. Vortrag des Genossen Adolf Ritter über: Die Reichsversichernngsvorlage. 2. Gewerkschaftliches.__ MM" Anfang präzise."MW Zahlreichen Besuch erwartet Der Tdrkitand. Verband der Kaier, Saekierev» Unsfveleher Melchiorstraße 28. Filiale Sellin. USW. Fernsprecher Amt IV Nr. 4787. Die zum Donnerstag, den 1. Juli, nach dem„GewerkschaftShanse" einberufene Nttsmiiiiiliiiig der Ißitdiifliislioniiiiifjioiifn s-Mc fittdet der Volksversammlungen wegen nicht statt. Die Versammlung findet nun am Donnerstag, de» 8. Jnli 1909, abends 8V» Uhr statt. 129/1 Die Ortsverwaltung. Deutscher Arbeiter=Sängerbund. Unseren Mitgliedern znr Kenntnis, daß unser langjähriger Vorsitzender und später als Ausschußmitglied tätig gewesener Sangesbruder 17/7 Fritz Schräder am 29. Juni im 52. Lobensjakre verstorben ist. Der Verstorbene war Mitbegründer der„Lieder- gemeinschaft* und des„Berliner Arbeiter-Sängerbundes a. Sein reger Eifer und sein uneigennütziges Wirken für die Arbeitersache werden ibm ein dauerndes Andenben sichern. Der Vorstand. Deutscher Tabakarbeiter-Verband. (Zahlstelle Berlin.) Am 28. Juni verstarb nach langen schweren Leiden unser Mitglied, die Zigarcitenarbeiterin Frau Hawa Zalkin (Zigareiienfabril.Manoli"). Ehre ihrem Andenke» I Die Beerdigung sindei am Donnerstag, den l. Juli, nach- mittags 5 Uhr, aus dem Fried- lose der jüdischen Gemeinde in Seißensee statt. Um rege Beteiligung ersucht 187/9 Die Ortöverivaltnug. kreier Mtmereiwr. 2tm Dienstag, den 29. Juni, i 1 erlag seinem langen, schweren | Leiden unser treues Mitglied k�ritz Schräder im 52. Lebensjahre. Wir betrauern in dem Ver- storbenen einen selbstlosen, aus- opfernden sangesbruder. Die Beerdigung findet am I Donnerstag'l22 Uhr vom Trauer- Hause, Dunckerstr. 88, aus nach! dem städtischen Friedhose ml Friedrichsseide statt. 3286 Der Vorstand. Von der Reise zurück: Owenarzt Dr. Taeiiöler Oranienburger StraOe 44 Landsberger Slraße 66/67. Wasch �Maschinen dir. v. Fabr.-Nied. auf Teilzahlung! 1 JM. pro Woche Ijäbr. Garantie. A. Wiener BERLIN SW. Alexandrinen- Straße 27 p. Platz-Vertr. ges. Todes-Anzeige. Am 29. Juni entschlief sanft nach langem, schwerem, mit Ge- duld getragenem Leiden mein innigstgeliebter Mann, unser guier Laier, der Nestauraieur Paü\ Fanselow | im 48. Lebensjahre. 3276 Um stille Teilnahme bittet Zlarto Fanaelow nebst Kindern. Die Beerdigung findet Freitag. l nachm. 5'/, Uhr, von der Halle I des Philippus-Aposiel-Kirchhoses, IMüllerstr. 44/45, aus statt. Arbeiter-Wanderbund „Hie Aswrfreunäe". Am Freitag, den S. Juli ISO», abends 8-/, Uhr, findet die nächste 1/1 Bttttdes-Versammlnng im Gewerkschaftshause, Saal 1, Engelufer 15, statt. Tages-Ordnung: 1. Bericht. 2. Ausgabe der Mitgliedskarten, der Satzungen und der Bundesabzeichen.(Hierzu ist unbedingt erforderlich, datz jedes Mitglied mit einer Legitimation— ob gewerkschaiilich oder politisch organisiert— zwecks Kontrolle, verseben ist.)'3. Grüppenbildung. glieder. 5. Berschiedenes. 4. Ausnahme neuer Mtt- Sonntag, den 4. Juli l Botanischer Ausflug nach Finkenkrug— Brieselang— Bütenheide. Vortrag des Genossen G u h n. Absahrt: Lehrter Bahnhos 1" Uhr. Führer: W. Gott schar. ll. Lichterfeldc-Ost— Teltow— Machnow— Zehlendorf— Teltow. Abfahrt: Potsdamer Bahnhos 1 Uhr. Führer: M. O st r o w S k i. UtzST" Auf allen Touren mit vollem Proviant versehen k"Wg Bei allen unseren Veranstaltungen Gäste herzlichst willkommen. Freitag, den S. Juli ISttS, abends S'/a Uhr: im„Neuen Klubhause", Kommandanteustraße 7S. TageS-Ordnung: und div SuKauntepnelinierfr>ag®. Kollegen! ES wird hiermit jedem dringend an daS Herz ,elegt. zu dieser Versammlung zu erscheinen und auch die Arbeits- ollegen von der Wichtigkeit dieser Versammlung z« überzeugen. ilricl» die Hilfsarbeiter sind hiermit eingeladen! 138/14'_ Der Einberufer. Dr. Simmel Spezial-Arzt 62/9* für Haut- und Harnleiden. Prinzeüstr. 41, Äw*, 10—2, 5— 7. Sonntags 10— 12, 2—4 4. Hygienische. Befl&nsärUKei. rieuost. Katalog EU Einpfohl. viel Aerzto u.Prol grat«»7,{y H, C&ger, fiimuniw&renlabrüi 6erllo NW.. Friedrichfiirasaa 91/92 AMuug! Das nachstehend verzeichnete, außerordentlich billige Angebot lohnt gelosen zu werden. Zum Verhauf kommen, solange der Vorrat reicht: 1 Posten Knaben- Waschblnscn.... jetzt nur 0.75 U. 1 Posten Knaben-Wa8chanzage,|Blasen- form................. jetzt nur 1.50 n 1 Posten Knaben- n. Burschen-Wasch- anzüge, Joppenform.... jetzt nur 1.00 und 1.25„ 1 Posten Knaben- n. 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Alle» Bewerbern um die ausgeschriebene Kasscubolenstelle besten Dank sowie die Mitteilung, daß die Stelle besetzt ist. 275/18 Der Vorstand, st. Kowaike. Achtung! Holzarbeiter Wegen Streik«nd Differenzen sind gesperrt: sür Ttschlcr. Polierer«nd Ma. fchinenarbeirer Mosel, Marianncnstraste 31/32. Sämtliche Betriebe in den Orlen Rathenow. Fürstenwalde.Miis- kau und Nürnberg. Gleichzeitig ersuchen wir die Kollegen aller Branchen der Holz- industrie das Vernuttelungsburcau Blankcnfeldestr. 4 streng zu meiden. Für Korbmacher: Korner in NowaweS. Die Oriövcrwaltung. MragtWrtiiAer Mgkteur: Kanö Webxr, BerM Kür des LnsexgteiilcUxprttnw.i Th. Glocke, Berlin. Krück u,Verlsg: Vorwärts Buchdrückeret u, Vcrlagsgnstalt Paul Singer& Co., Berlin SW« imso. 26 � Z. Keilllge des Lsmärts" Knlilln NslksdlM., m. Partei- Hngelcgenbeiten. Achtung, Volksversammlungen! Die Leiter der Ver- sammlungen werden gebeten, der Rodaktion des„Vorwärts" von etwaigen besonderen Vorkommnissen in der Versammlung durch besonderen Boten noch heute abend Mitteilung zu macheu. Redaktion des„Vorwärts". Das diesjährige Sommerfest des 4. Kreises findet am Sonntag. den 4. Juli, in den Lokalen Seeterrasse Lichtenberg, Ludwigs Viktoriagarten Treptow, und in der Alten Taverne, Stralau statt. Das Festkomitee hat es sich angelegen sein lassen, den Besuchern einige vergnügte Stunden zu bereiten. Für reichhaltige und genufi- reiche Unterhaltung ist Sorge getragen, auch der jungen Garde ist gedacht. Kinderspiele werden unter Leitung von Mitgliedern des Turnvereins„Fichte" veranstaltet, so daß Gros; und Klein, Jung und Alt auf ihre Rechnung kommen. Bei dem mäßigen Eintritts- preise wird natürlich auf Mafienbesuch gerechnet. Rixdorf. Die für heute anberaumte Versammlung des S. Bezirks fällt der öffentlichen Versammlung wegen aus. Johannisthal. Wegen der öffentlichen Versammlungen fällt heute die Handzettelverbreitung aus. Dieselbe findet am Freitag, den 2. Juli, abends 8 Uhr statt. Die Parteigenossen beteiligen sich an der Versammlung in Ober-Schöneweide. Der Vorstand. Friedrichsfelde. Die Genossen treffen sich heute abend 8 Uhr im Lokal von Bertholein, Prinzen-Allee 59. Von da gemeinschaft- licher Besuch der Protestvcrsammlung in Lichtenberg. Der Vorstand. RüderSdorf-Kalkberge. Am Sonntag, den 4. Juli, nachmittags 3 Uhr, findet in Kalkberge, Restaurant„Glückauf", Jnh. C. Koppen, eine öffentliche Versammlung statt, in welcher Stadtverordneter Wilhelm Düwell- Lichtenberg einen Vortrag über:„Äe Armen und Reichen" halten wird. Diskussion und Verschiedenes. AdlerShof. Eine Flugblattverbreiwng findet heute abend TVa Uhr vom Lokal Töpfer, Helbigstr. 39, aus statt. Hohen-Schönhausen(Wilhelmsberg). Das diesjährige Sommerfest des Wahlvercins findet am 4. Juli im Lokal des Genofien Teschner, Landsberger Chaussee 117/118 sConcordia-Garten) statt. Berliner JNacbnchten. Znm Schnellbahnstreit der westlichen Bororte. Seit geraumer Zeit schweben zwischen den Gemeinden Charlottenburg, Schöneberg und W i l m e r s- d o r f Verhandlungen und fanden Auseinandersetzungen statt, durch welche eine Einigung in bezug auf die Schnellbahn« Projekte der drei Vororte, die dadurch eine bessere Verbindung mit dem Zentrum und.Osten Berlins erlangen wollten, erzielt werden sollte. Die Projekte sind folgende: Schöneberg will eine sein Gebiet fast in der vollen Länge durchschneidende Bahn bauen, die am Nollendorfplatz endet und von dort später nach dem Zentrum Berlins, zur Behrenstraße weitergelettet werden soll. Diese Bahn ist bereits im Bau und die Schöneberger sind mit ihren Arbeiten bereits in die Nähe des Nollendorfplatzes ge- langt. In der Motzstraße und am Nollendorfplatz trifft die Schöneberger Bahn auf Charlottenburger Gebiet. Zwischen Charlottenburg und Schöneberg galten bisher die gegenseitigen Verständigungen als abgeschlossen. Charlottenburg stellte Schöneberg das zum Bau notwendige Straßengelände zur Verfügung und vereinbarte mit Schöneberg den eventuellen Bau eines gemeinschaftlichen Bahnhofs am Nollendorfplatz. Dazu führte die Absicht Charlottenburgs, eine Untergrund- bahn, die vom Bahnhof Charlottenburg ausgehend, auf den Kur- fürstendamm laufend und am Nollendorfplatz endigen sollte, zu bauen. Dabei war aber angenommen worden, daß dieses Projett auch von Wilmersdorf unterstützt werden würde. Wilmersdorf wollte mit einer eigenen Bahn zum Wittenbergplatz und von dort nach Berlin gehen. Hinter Wilmersdorf stand und steht noch heute der preußische Fiskus— der Finanzminister und Land- wirtschaftsminister—. welcher an der baldigen Erschließung der fiskalischen Domäne Dahlem als Bauland lebhaft interessiert ist. Ferner ist an dem Wilmersdorfer Projekt die Gefellschaft fürHoch« und Untergrundbahnen stark interessiert. Die Gesellschaft muß das Gleisdreieck, dessen unzulängliche Sicherheit durch den Unfall im vorigen Jahre bewiesen wurde, auflösen. Das aber soll der Gesell- schaft nur dann ohne schwere Verluste möglich sein, wenn ihr dafür eine neue rentable Linie erschlossen würde. Mit der Wilmersdorfer Linie scheint das der Fall zu sein. Aber nicht in der Trassierung wie sie von Charlottenburger Seite, wo man wünschte, daß die Dahlem- Wilmersdorfcr Bahn an der Leibnitzstraße und Kurfürstendamm in die Charlottenburger Linie eingeführt werden sollte, gewünscht wurde, sondern es war der Wunsch von Wilmersdorf-Dahlem und der Hochbahngesellschaft, in kürzerer Linienführung zum Wittenbergplatz zu kommen und von dort eine Abzweigung nach Berlin zur Auflösung des Gleis- dreiecks vorzunehmen. Demgegenüber blieb Charlottenburg auf seiner Forderung, bis zum Nollendorfplatz zu gehen. um dort Anschluß an die Schöneberger Bahn zu finden, be- stehen. Eine volle Einigung konnte bisher nicht erzielt werden. Nun aber berichteten plötzlich die Blätter, daß der Minister der öffentlichen Arbeiten durch einen Machtspruch den Streit zwischen Charlottenburg einerseits und Wilmersdorf- Hochbahngesellschaft andererseits entschieden habe. Das ist gelinde gesagt, Unsinn. Insofern, als selbst ein preußischer Minister die Macht dazu nicht hat. Es wird behauptet, der Minister habe b e st ini m t, daß die Bahn von Dahlem- Wilmersdorf dirett nach dem Wittcnbergplatz, also nicht durch den Kurfürstendamni, geführt werde und von dort als besondere Linie durch die Nettelbeck- und Kurfürstenstraße nach dem Gleisdreieck, wo ein besonderer Umsteigebahnhof errichtet werden soll, weiter zu leiten sei. Charlottenburg dagegen könne seine Bahn durch den Kurfürstendamm bis zum Nollendorfplatz bauen, müsse aber mit seiner Schienenführung am Wittenbergplatz, wo sechs Gleise nebeneinander laufen würden, unter die Bahn von Wilmersdorf gehen. Was die Linienführung im allgemeinen anbetrifft, so mögen diese Vorschläge der Wunsch des Ministers sein. Aber er kann den Bau dieser Bahnen nicht verfügen. Er kann auch nicht einmal bestimmen, daß sich zum Beispiel Charlotten- bürg diesem Vorschlag fügt. Wilmersdorf kommt mit seiner Bahn auf Charlottenburger Gebiet. Charlottenburg kann als Wcgeunterhaltungspflichtige die Benutzung des Gebiets Wilmersdorf vorenthalten. Dagegen könnte selbst der Minister nichts tun, sondern der Widerstand Charlottenburgs könnte nur auf dem Wege des Ergänzungsverfahrens beseittgt werden. Ob das aber möglich ist, ist, selbst in formeller Beziehung, noch zweifelhaft. Doch erhellt aus dieser Taffache ohne weiteres, daß von einer endgültigen Entscheidung des Ministers nicht gesprochen werden kann. Und, was bisher bei dieser Sache noch am wenigsten er- örtert wurde, und doch für die Wetterführung der Wilmers- dorser Bahn von größter Bedeutung ist, ist die Frage, wie sich Berlin, auf dessen Gebiet die Bahnen weitergeführt werden sollen, zu diesen Projekten stellt. Darüber hat man bisher sehr wenig gehört. Ist das vielleicht auch mit dem„Macht- spruch" des Ministers erledigt? Jedenfalls stehen zurzeit die Dinge so: Schöneberg baut seine Bahn von der Hauptstraße über den Bayttschen Platz, durch die Motzstraße nach dem Nollendorfplatz. Zwischen Schöneberg und Charlottcnburg schweben noch die Ver- Handlungen über die Abmessung der gegenseitigen Rechte und Verpflichtungen in bezug auf den Bau eines Gemeinschafts- bahnhofes am Nollendorfplatz. Festgestellt dürfte ferner der Anspruch Charlottenburgs sein, die Strecke Wittenbergplatz- Nollendorfplatz seiner freien Verfügung sich vorbehalten zu können. Dagegen ist die jetzt vorgeschlagene Linienführung der Wilmersdorfer Bahn noch in dem allerersten Stadium eines Projekts, dessen Durchführung noch in weiter Ferne zu liegen scheint, so daß durchaus noch nicht angenoinmen werden kann, daß jetzt das letzte Wort über den Schnellbahnstrcit gesprochen worden ist. Ebensowenig steht bereits jetzt fest, in welcher Weise das Gleisdreieck aufgelöst werden wird. Daß das bald geschehen muß, dürfte klar sein. Es wird aber um so eher möglich sein, je eher die strittigen Fragen zwischen Wilinersdorf— Hochbahngesellschaft— Fiskus und Charlottenburg beigelegt sind. Durch einen„Machtspruch" ist das nicht zu erreichen. Es muß schon Entgegenkommen von beiden Seiten bewiesen werden und eine Verständigung würde sich vielleicht auf der Mittellinie finden lassen können, daß Wilmers- dorf mit seiner Bahn in die Charlottenburger Bahn an der Uhlandstraße, Ecke Kurfürstendamm mündet. Abschaffung der neunten Briefbestellnng in Berlin. Die Bttefbestellung findet in Berlin bei allen Postämtern achtmal täglich statt. Bei den Postämtern der inneren Stadt fand bisher eine neunte Briefbestellung abends zwischen r!lU und 8l/j Uhr statt, zog sich aber in Wirklichkeit vielfach noch länger hin. Besonders seit der Einführung des Achtuhr-Ladenschlusses stößt diese Bestellung vielfach auf Schwierigkeiten. Wie wir seinerzeit benchtet hatten, hatte die Oberpostdirektion in Aus- ficht genommen, diese jetzige letzte Briefbestellung ganz abzu- schaffen. Auch die Verttetungen von Handel und Gewerbe haben sich mit der Maßnahme einverstanden erklärt. Die Oberpostdirettion hat deshalb jetzt angeordnet, daß die neunte Bttefbestellung, die noch bei einem Teile der Berliner Stadt- Postämter besteht, vom nächsten Montag, den 5. Juli, an nicht mehr ausgefühtt wird. Es ist inzwischen dafür Sorge getragen worden, daß die um 6 Uhr ankommende Pattser Post sowie ein erheblicher Teil der späten Stadtauflieferung usw. noch in die achte, künftige letzte Bestellung kommt. Zum nächsten Morgen bleiben nur einige wenig umfangreiche Posten aus der weiteren Umgebung Berlins liegen. Maßnahmen gegen Choleragefahr. Mit Rücksicht auf die Zu- nähme der Choleraerkronkungen in Petersburg bringt der Polizei- Präsident seine durch Bekanntmachung vom 3. Oktober 1998 er- lafiene Anordnung in Erinnerung, nach der aus Rußland zu- gereiste Personen, die in Berlin, Charlottenburg, Schöneberg, Rixdorf, Deutsch-Wilmersdorf, Lichtenberg und Boxhagen-Rummels- bürg Aufenthalt nehmen, auch solche in einem der genannten Orte des Landespolizeibezirks Berlin ortsangehörige Personen, die nach längerem oder kürzerem Aufenthalt in Ruhland nach Hause zu- rückkehren, sofern sie nicht Ruhland schon vor länger als sechs Tagen verlassen haben, spätestens innerhalb 24 Stunden von dem Haushaltungsvorstand, dem Inhaber des betreffenden Gast- Hofes oder der sonstigen in Betracht kommenden Unterkunftsstelle der zugereisten Person dem für ihre hiesige Wohnung oder ihr Absteigequartier zuständigen Polizeirevier gemeldet werden müssen. Gleichzeitig werden die Polizeireviere angewiesen, Unterlafiungen behufs Besttafung zur Anzeige zu bringen. Verlegung von Straßenbahnlinien. Die Straßenbahn ist ge- nötigt, wegen der notwendig gewordenen Auswechselung von Weichen- und Kreuzungsanlagen in der Kreuzung der Potsdamer und Bülowstrahe dre Stratzcnbahnlinie 74 Kniprodestrahe-Schöne- berg in den Nächten vom 2. zum 3. und vom 8. zum 9. Juli in der Zeit von 2,99 bis 5,25 Uhr früh umzulenken. Die Linie 74 geht nicht durch die ganze Potsdamer Stziahe, sondern wird durch die Bülowstrahe, über den Nollendorfplatz, durch die Motz-, Gcnthiner und Lützowstrahe wieder in die- Potsdamer Straße eingelenkt. Bei der Linie 69 Weißenfes-Friedenau kommt nur der erste Wagen, der 5,94 Uhr vom Wartburgplatz abfährt, in Frage. Dieser geht vom Nollendorfplatz nicht durch die Bülowstrahe, sondern durch die Motz-, Gcnthiner, Lützow. und Potsdamer Straße.— In Tegel müssen jetzt die Gleise in der Treskow- und Schlieperstrahe aus- gebessert werden. Es werden dort Schweihstötze hergestellt, so.daß die beiden Ströhen an Werktagen nicht befahren werden können. Die jetzige Endhaltestelle ist deshalb für die Dauer der Arbeiten nach der früheren Haltestelle Schlohstrahe verlegt worden. Eine Sperre der Provinzialchaussce Berlin— Potsdam wird wegen des Umbaues der Chaussee durchgeführt, was den Nadfahrerverkehr und den Autoverkehr sehr behindert. Von heute ab wird eine zienilich große Strecke auf die Dauer von voraussichtlich sechs Wochen für Fuhrwerke jeder Art und für Räder gesperrt. Während der Zeit der Sperre wird der Verkehr durch die Viktoriastrahe in Zehlendorf über den Bahnhof Schlachtensee, Beelitzhof und Bahnhof Wannsee gelegt. Die städtischen Straßenbahnen: Stettiner Bahnhof— Viehhof- Rudolf Virchow-Krankenhaus sind jetzt ein volles Jahr im Betrieb. In dieser kurzen Zeit hat sich die Bahn ausgezeichnet entwickelt. Die bei der Eröffnung der 16 Kilonieter langen Bahn von Gegnern und von Freunden einer städtischen Regie geäußerten Bedenken wegen der Rentabilität usw., die zur Prägung des Kosenamens„Wüsten- bahn" führten, sind n i ch t in Erfüllung gegangen. Allgemein wurde mit eine», Verlust in den ersten Jahren gerechnet. Der Magistrat rechnete bei der Festsetzung des ersten Etats mit einem Zuschuß von 75 999 M. bis Ende März d. Js. Von all diesen Befürchtungen ist auch nicht eine eingettoffen. Die Bahn hat unter Leitung einer tüchtigen sachverständigen Direktion ein ausgezeichnetes Ergebnis gezeitigt und gleichzeitig ist der Beweis erbracht worden, daß die Stadt Berlin weitgehenden An- sprüchen auch im Verkehr genügen kann und wohl in der Lage ist Bahnen in eigener Regie zu betreiben. Die neue städtische Straßenbahn hat im abgelaufenen ersten Betricbsjahr über 8 Millionen Fahrgäste befördett und damit alle Erwartungen über- troffen. Und was noch wichtiger ist, die Bahn hat dem Verkehr im äußersten Norden, in einer von der Großen Berliner Straßenbahn von jeher stiefmütterlich behandelten Gegend neue Wege geebnet. Hierbei ist nicht außer Acht zu lassen, daß die Bedeutung und der Wert der städtischen Bahnen mit dem geplanten Ausbau und der Erweiterung nach Südosten im Anschluß an die Siemensbahnen usw. ganz erheblich wachsen wird. Für das erste Verwaltungsjahr, das mit dem 31. März d. I. endigte und nur 9 Monate umfaßte, ergab sich eine Einnahme von rund 559 999 M. und nach Abzug der Ausgaben, einschließlich der für den Erneuerungsfonds ein U eberschuh von nahezu 147 999 M., also eine Verzinsung von 6 Proz. aus das bis zum 31. März aufgewendete Kapital statt des angenommenen städtischen Zuschusses von 75 999 M. Auf das volle"ahr berechnet ivürde sich demnach ein Ueberschuh von 299 999 M. erg.oen, der dem Stadtsäckel zugute kommt. Ein schweres Automobilunglück hat sich in der vergangenen Nacht, eine Stunde nach Mitternacht, im Grunewald am Großen Stern ereignet, wobei zwei Damen getötet wurden. Der praktische Arzt Dr. Aronsohn aus Charlottenburg, Fasanenstr. 21, befand sich um die angegebene Zeit mit drei Damen, seiner Braut, Frau Daniel, seiner Mutter und der Nichte seiner Braut, einem Frl. Helene Löwenstein auf der Heimfahrt von Wannsee. Als das Automobil kurz vor der Eisenbahnüberführung eine Kurve durch- fuhr, sauste es in voller Fahrt gegen einen Baum, überschlug sich und ging in Trümmer. Frau Aronsohn, die Mutter Dr. Aron- sohns, und Frl. Löwenstein waren sofort tot, Dr. Aronsohn und Frau Daniel erlitten Verletzungen verhältnismäßig leichter Natur. Die beiden Leichen wurden nach Schildhorn geschafft, während die beiden Verletzten nach der Wohnung Dr. Aronsohns gebracht wurden. Dr. Aronsohn gilt für einen erfahrenen Automobilisten und nahm u. a. in diesem Jahre an der Prinz-Heinrich-Fahrt teil. Die Stelle, an der sich das Unglück zugetragen hat, ist allen Ber- liner Automobilisten als gefährlich bekannt. Schon mehrere Auto- mobile sollen dort zu Schaden gekommen sein. Eine entschlossene Selbstmörderin war das 19jährige Dienst- mädchen Emma Marks, deren Leiche gestern im Teltowkanal auf- gefunden wurde. Die M. war bei einer Herrschast in der Schiller- slraße 12 in Stellung gewesen und hatte dort am 15. Juni einen Selbstmordversuch umernommen, indem sie sich durch Einatmen von Leuchtgas zu vergiften suchte. Die Tat wurde jedoch noch rechtzeitig entdeckt, und einem hinzugerufenen Arzt gelang eS, die M. in das Leben zurückzurufen und jede Gefahr zu beseitigen. Acht Tage später entfernte sich das Dienstmädchen heimlich aus der Wohnung ihrer Herrschaft und war seitdem verschwunden. Die Marls war jedenfalls nach Steglitz gegangen und hat sich dort ertränkt. Die Veranlassung zu dein Selbstmord dürste jedenfalls Liebesgram sein.— Als Leiche aufgefunden wurde der Arbeiter Rewald aus der Reinickendorfer Str. 29, der seit zirka 14 Tagen vermißt wurde. R. hat sich, wie nunmehr ermittelt ist, im Seddinsee ettränkt, loa- selbst seine Leiche vorgestern gefunden wurde. In einem Zettel, den der Verstorbene bei sich trug, bat er seine Angehörigen um Ver- zeihung wegen des verzweifelten Schrittes, ohne jedoch die Motive zu dem Selbstmord anzugeben.— Ertränkt hat sich gestern in der Oberspree bei Nieder-Schöne- weide ein unbekanntes, etwa 18jahriges Mädchen, welches sich von der Oberspreebriicke in das Wasser stürzte. Obwohl der Vorgang von verschiedenen Personen wahrgenommen wurde, blieben die sofort unternommenen Rettungsversuche erfolglos. Auch die Leiche konnte bisher nicht gefunden werden.— Auf dem städtischen Zenttalsriedhof in FriedttchSfelde erschoß sich vorgestern ein unbekannter, etwa 39 Fahre alter Mann. In den Anlagen des Begräbnisplatzes jagte er sich aus einem Revolver eine Kugel in den Mund. Das Geschoß drang in das Gehirn und führte den augenblicklichen Tod des Mannes herbei. Die Personalien des elegant gekleideten Selbstmörders konnten bisher nicht festgestellt werden. Beim Baden im Landwchrkanal ertrunken ist der 88 Jahre alte Former Julius Jagdmann. I. beging die große Unvorsichtigkeit, in überhitztem Zustand in den Landwehrkanal zu springen, um ein er- frischendes Bad zu nehmen. Er wurde aber vom Herzschlag getroffen und ging unter. Die Leiche konnte später gelandet und nach dem Schauhaus gebracht werden. Die Kindcslciche im Schiffahttökanal. Nicht weit von der Put- litzbrücke sahen Schiffer auf der Oberfläche des Wassers den Leich- nam eines Kindes treiben. Sie fischten ihn heraus und stellten fest, daß esffich um einen neugeborenen Knaben Handeste. Ob das Kind ins Wasser geworfen und ertränkt worden ist oder ob es sich hier nur um die Beseitigung einer Leiche handelt, wird durch die Ob- duktion ermittelt werden. Eine eigentümliche Praxis scheint die Direktion des Sportparks Steglitz bezüglich der Rückzahlung von bereits gelösten Eintritts- karten zu üben. Ein Leser schreibt uns: Als am Sonntag wegen Regens das Fahren um den großen Preis von Europa ausfallen mußte, versuchte ich mein Eintrittsgeld zurück zu erlangen. Mir wurde einfach gesagt, Geld gibt es nicht wieder. Die Billetts haben zum nächsten Renntag Geltung. Der nächste Renntag fand am Montagabend statt. Ich war infolge meines Dienstes nicht in der Lage, Montag das Rennen zu besuchen. Einein Teil des Publikums, hauptsächlich solchem mit 3 M.-Plätzcn wurde das Geld zurückgezahlt, während die Besucher des Stehplatzes leer ausgingen. Wenn sich die Direktion noch öfter dieser Manipulationen bedient, dürfte sie wohl schwerlich auf die Sympathien der Besucher des Stehplatzes rechnen. Ein Paket mit Tapczicrcrhandwerkzcug ist gefunden worden. Der Verlierer kann dasselbe bei Hahnisch, Auguststr. 59,„Vorwärts"- Spedition in Empfang nehmen. Ein Mord- und Selbstmordversuch rief gestern früh in dem Hause Tieckstr. 4 Aufregung hervor. Im dritten Stock des Vorder- Hauses wohnt seit IVi Jahren der Zimmermann Wolter mit seiner 43 Jahre alten, aus Rußland gebürtigen Frau Karoline und zwei Töchtern von zwölf und zehn Jahren. Bei den Leuten hatte schon seit sieben Jahren, die ersten 5� Jahre in Charlottenburg, der 41 Jahre alte, aus Züllichau gebürtige Maschinist Ruß Kost und Wohnung. Er geriet zuletzt in Schulden, weil er seit 5 Monaten keine Arbeit mehr hatte. Am 15. Mai machte ihm Wolter Vor- Haltungen und bat ihn, dafür zu sorgen, daß er endlich wenigstens einen Teil der Miete bezahlen könne. Ueber diese berechtigte Mahnung aufgebracht, wurde Ruß ungezogen und richtete gegen Frau Wolter verschiedene Beschuldigungen. Die Folge war, daß er sofort vor die Tür gesetzt wurde. Seitdem sann er auf Rache. Von seiner neuen Wohnung in der Schlegelstr. 5 aus kam er oft abends nach der Tieckstratze und legte sich auf die Lauer. Gestern früh kam er endlich dazu, seinen Plan auszuführen. Wolter ging um 5 Uhr zur Arbeit nach einem Neubau im Norde» der Stadt. Eine halbe Stunde später holte seine Frau das Frühstück. Unter- dessen schlich sich Ruß mit geladenem Revolver in das Haus ein und versteckte sich auf der Bodentreppe. Als Frau Wolter zurück- kehrte, trat er ihr entgegen und schaß zweimal auf sie. Die erste Kugel traf sie in die linke Backe, die zweite ziemlich schwer in die linke Seite. Während die Getroffene um Hilfe rufend die Treppe hinunterstürzte und bald zusammenbrach, ging Ruß wieder hinauf und schoß sich eine Revolverkugel in die rechte Schlafe. Erheblich, aber nicht lebensgefährlich verwundet blieb er bei Bewußtsein auf der Treppe sitzen, bis auf Veranlassung der Hausbewohner die Polizei des 7. Reviers und ein Arzt kam. Dieser ließ mit einem Krankenwagen und einer Droschke beide nach der Charite bringen. Nuß M Pplizttgefgngenen.. Ein Massenausflug Sek arbeitend� JugenK findet am Sonntag, den 4. Juli, nach dem Lokal von Wöllstein in Adlershof, BiSmarckstr. 24, statt. Der Ausflug wird in Gruppen veranstaltet. Die einzelnen Gruppen marschieren morgens um 7 Uhr von ihren Treffpunkten ab und treffen um 12 Uhr in Adlershof ein. Von 12— 1 Uhr: Mittagsrast, von 1— 4 Uhr: Spiele im Walde, von 4—5 Uhr: Kaffcepause. Um 5 Uhr hält Herr Dr. Karl Liebknecht eine Ansprache. Rückmarsch der einzelnen Gruppen um 6 Uhr. Treffpunkte: Die einzelnen Gruppen treffen sich an folgenden Punkten um 7 Uhr: Görlihcr Bahnhof, Ecke Wendenstrasic: Schieftscher Bahnhof, vor der Billettausgabe in der Madaistraße; Landsberger Tor; Binctaplah; Nettelbcckplatz; am Bahnhof Bcusselstraße; Alexander- Platz, an der Berolina; Potsdamer Bahnhof. Die Gruppen der Vororte treffen sich gleichfalls um 7 Uhr an folgenden Punkten: Charlottenburg, Wilhelmsplatz.— Rixdorf, Kriegerdenkmal.— Nummelsburg-Lichtcnberg, Warschauer Straße. Ecke Kopernikusstraßc.— Lichtcnberg-Friedrichsfelde, Bahnhof Lichtenberg-Fricdrichsfelde.— Neinickendorf und Pankow, Bahnhof Reinickendorf-Schönholz.— Schöneberg, Potsdamer Straße. Ecke Pallasstraße.— Tegel, Bahnhofsplatz.— Trmpelhof, Bahnhof Tempelhof.— Weifiensee, Antonplatz. Die Teilnehmer aus der näheren Umgebung Adlers- Hofs treffen sich an folgenden Stellen: Köpenick, nachmittags pünktlich IMi Uhr im Stadttheater; Grünau, nachmittags pünktlich 1 Uhr im Restaurant Joh. Franz, Köpenicker Straße 88; Nieder- fchöncweide, nachmittags pünktlich IVs Uhr im Restaurant Karl Bottke, Berliner Straße 54; Johannisthal, nachmittags pünktlich 12� Uhr im Restaurant Scnftleben, Friedrichstt. 48; Bohnsdorf, nachmittags pünktlich 1244 Uhr im Restaurant Falkenruh; für Alt- Glienicke erfolgt die Bekanntgabe am Sonnabend. Die Jugendlichen wenden sich am besten dem ihrer Wohnung nächstgelegenen Treffpunkte zu. Dort sind Letter zur Stelle. Die Ordner tragen weiße Binden. Alle Lehrlinge, jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen sind hierzu eingeladen._ Arbeiter-Bildungsschule. Der heutigen Versammlungen wegen findet die Lektion Nationalökonomie von 8—9 Uhr statt. Fcucrwrhrimchrichtett. Gestern früh um 7lU Uhr stand in der Turmstraße 53, nahe der Waldstraße, der Dochituhl des Hauses in großer Ausdehnung in Flammen. Der 15. Löschzug unter Leitung des Brandmeisters Hammers fand bei feinem Eintreffen schon einen großen Brandherd vor und mußte mit mehreren Schlauchleitungen längere Zeit kräftig Wasser geben, um die angrenzenden Gebäude zu schützen. Die Entstehung des Brandes war nicht zu ermitteln. Der Schaden ist bedeutend. In der letzten Nacht hatte der 7. Zug auf der alten Brandstelle an der Revaler Str. 53 zu tun. In den Wagenhallen brannten Dachbalken, die vermutlich unbemerkt weiter geglimmt hatten. Die Gefahr wurde gleich bemerkt und konnte bald beseitigt werden. Wegen einer Gasvergiftung wurde die Feuerwehr nach der Wilhelmstr. 34 gerufen. Durch Einflößen von Sauerstoff gelang es den Samaritern, die vergiftete Person zu retten. In der Heinersdorfer Straße mußte ein Brand gelöscht werden, der das Zwischengebälk ergriffen hatte. Möbel, Gardinen u. a. brannten u. a. WinSstr. 26, Gollnowstr. 11, Hübenerstr. 3 u. a. Stellen. Außer- dem hatte die Feuerwehr in der Leipziger Straße 75. Markgrafen- straße 92/93 u. a. Orten zu tun. dorfer Zeitung' ungültig, da in keiner Weise im Hauptbkatt, im amt-» lichen Teil, darauf hingewiesen sei, daß zu der Nummer eine Beilage ni i t einer amtlichen Mitteilung gehöre. Unter diesen Umständen könne der Veröffentlichung keine Wirkung beigemessen werden. Es könne niemand zugemutet werden, alle Beilagen einer Zeitung durchzuforschen, ob eine von ihnen vielleicht eine amtliche Publikation enthalte. Bei Veröffentlichung der Verordnung in einer Beilage müsse mindestens verlangt werden, daß im amtlichen Teil des HauplblatteS darauf hingewiesen werde. ES könne zum Bei- spiel sehr leicht vorkommen, daß eine solche Beilage nicht mit ab- getragen werde. Dann hätte der Leser ohne einen derartigen Hin- weis überhaupt keine Möglichkeit, sich von der Verordnung Kenntnis zu verschaffen. Da die Gültigkeit der Verordnung gemäß der erwähnten Verfügung des Regierungspräsidenten von einer gültigen Publikation in beiden Rixdorfer Blättern abhing, so sei die Verordnung infolge der ungültigen Veröffentlichung in der „Rixdorfer Zeitung' ungültig.— Es e r ü b r i g e sich deshalb, darauf einzugehen, ob die Veröffentlichung im„Rixdorfer Tage- blatt' auch ungültig sei oder ob dem Vermerk über die Seitenzahl der fraglichen Nummer dieses Blattes irgend welche Bedeutung zukäme. Verloren wurden am Sonntag zwischen der Selchower Straße und Steinmetzstraße Beitragsmarken des Verbandes der Schneider und Schneiderinnen. Dieselben tragen folgenden Aufdruck: V. d. S. S. u. W. A. Deutschlands, und im mittleren Feld die Zahlen I— IV. Der Finder derselben wird gebeten, die Marken on das Bureau des Verbandes der Schneider. Schneiderinnen und Wäschearbeiter Deutschlands, Filiale Berlin l: Michaelkirchplatz Nr. 1, park., abzuliefern. Verrnilcdtes. Ter„Zeppelin 1" befindet sich noch immer in Mittelbibvach in einer schwierige» Lage. Bis zur Stunde ist on eine Weiterfahrt nicht zu denken. Ein gestern mittag in Mittelbibrach aufgegebenes Telegramm meldet: Das Wetter ist stürmisch geworden. Heftige Böen niachen Aufstieg und Weiterfahrt des Zeppelin I vorerst ganz unmöglich. Man schätzt die Windstärke auf 14 Meter in der Sekunde, und es ist die ganze Umsicht und Energie der Führer erforderlich, um das auf offenem Felde liegende Luftschiff vor Unfällen zu sichern. Der Aufstieg wird wahrscheinlich nicht vor morgen früh erfolgen. ... Mannheim wird Luftschiffstation. Nach einem Telegramm aus Mannheim ist diese Stadt als Luftschiffstation endgültig bestimmt. Die Luftfchiffhalle wird auf der Friesenheimcr Insel errichtet werden. Die Kosten der Halle werden durch private Beiträge bestritten. Neber eine folgenschwere Explosion wird aus Düsseldorf vom gestrigen Tage berichtet: Heute vormittag erfolgte bei den Neini- gungsarbcitcn in den 5wnalisationSanlagcn eine heftige Explosion, die man auf eine Ansammlung von Gasen an der Unglücksstätte zurückführt. Vier städtische Arbeiter wurden mit schweren Ver- lctzungen von der Feuerwehr aus den Schutthaufen hervorgezogen; einer ist im Krankenhause seinen Wunden bereits erlegen. Vorort» sttackriebteit. Lichtenberg. StadtverordnetenversammluNg. In der am DienSkag ab- gehaltenen Versammlung standen unter anderem zwei Anträge auf der Tagesordnung, die besonderes Interesse beanspruchen. Sie beschäftigen sich mit dem Elektrizitätswerk, das schon oft Anlaß zur öffentlichen Diskussion gegeben hat. Durch die eine Vorlage wurde mitgeteilt, daß nach den Gutachten, die eingefordert worden sind, für die Betriebsstörungen im Elektrizitätswerk objektiv wohl der Baugrund, andererseits aber mangelhafte Vorsicht und Auf- merksamkeit der in Betracht kommenden Maschinenfabriken verant- wortlich zu machen sei. Der Magistrat erhielt Auftrag, die Gut- achten juristischen Sachverständigen zu unterbreiten und der Stadt- vcrordnetenversammlung eventuell eine Vorlage betreffs Regreß- ansprüche vorzulegen. Durch eine andere Vorlage wurden 35 006 Mark als Nachbewilligung für den Umbau des Elektrizitätswerks gefordert. Vor einem Jahre waren zu diesem Zwecke 80 000 M. bewilligt lvorden, mit der Bestimmung, daß ein Vertrag mit dem Bauführer Herrn Bernhard abgeschlossen werden sollte, laut welchem dieser die angegebenen Rekonstruktionsarbeiten auszuführen habe, sich dabei aber verpflichten müsse, für jeden Schaden, der der Ge- meinde Lichtenberg eventuell durch diese Arbeiten erstehe, aufzu- kommen. Im Dezember v. I. wurde der Magistrat über die Arbeiten interpelliert, wobei ganz außerordentlich hohe Preise für Erdbewegungen zur Kenntnis der Stadtverordneten gelangten. Die Besprechung der damaligen Interpellation wurde abgebrochen und dabei der Magistrat ersucht, der Stadtverordnetenversammlung den mit Herrn Bernhard abgeschlossenen Vertrag abschriftlich zu unter- breiten. In der Sitzung vom Dienstag erteilten unsere Genossen dem Magistrat scharfe Rügen, weil er den damaligen Beschlüssen und dem Ersuchen der Stadtverordnetenversammlung nicht nach- gekommen sei, sich trotzdem aber erlaube, ohne weitere Motivierung um Nachbewilligung von 35 000 M. zu ersuchen. Um die Fort- führung der Arbeiten zu ermöglichen, wurde die geforderte Summe bewilligt, aber mit der ausdrücklichen Bestimmung der Verpflichtung für den Magistrat, spezielle Nachweisuug über die Verwendung der Summe und alsbaldige Vorlage aller der erwähnten Materialien zu unterbreiten.— Infolge Einspruchs Lepperscher Erben mußte der Fluchtlinienplan für das ehemalige Dottische Gelände nochmals einer Korrektur unterzogen werden. Veränderungen der Flucht- linien der Dorfitraße und Neufestsetzung von Fluchtlinien inner- halb des Blocks zwischen Herzberg- und Rittergutsstraße betraf eine andere Vorlage, deren Verhandlung insofern bemerkenswert war, als der bei der geforderten und genehmigten Stratzenver- engerung hauptsächlich beteiligte Rittergutsbesitzer Roeder sich nicht nur an der Debatte betctligte, sondern auch mitstimmte und zu- gunsten der Vorlage den Ausschlag gab. Ein von unserer Seite erfolgter Widerspruch wurde vom Vorsteher zurückgewiesen, mit dem Bemerken, er habe nach der Städteordnung die Entscheidung darüber, ob ein erhebliches persönliches Interesse vorliege oder nicht, und in diesem Falle verneine er die Frage. Weiter wurde be» schlössen, die Blumenthal-, Friedrich-Karl-, Kreutzigerstraße sowie einen Teil der Wilhelmftraße neu pflastern zu lassen. Die übrigen Punkte der Tagesordnung waren von weniger allgemeiner Be- deutung. Rixdorf. Ungültigkeit der Sttaßcnpolizeivemdnung. Durch Verfügung des Regierungspräsidenten waren für Rixdorf als amtliche PublikationS- organe das„Rixdorfer Tageblatt' und die„Rixdorfer Zeitung" be- stimmt worden, und zwar mit der Matzgabe, daß die Gültigkeit von Polizeiverordnungen davon abhängig sein sollte, daß sie in beiden Zeitungen publiziert würden. Nun ist zwar die Rixdorfer Straßenpolizei- Verordnung, die seit einer Reihe von Jahren angewandt wird, im „Rixdorfer Tageblatt" und in der„Rixdorfer Zeiwng" publiziert worden. jedoch in beiden in einer Beilage, ohne daß im amtlichen Teil des Haupt- -blattes daraus verwiesen wurde. Das.Rixdorfer Tageblatt' enthielt im Hauptblatt wenigstens den Vermerk:„Diese Nummer umsaßt 16 Seiten.'— Das Kammergericht erklärte am Montag die Verordnung für formell ungültig und sprach den Angeklagten Kuchenbecker frei, der in zweiter Instanz wegen Ucbertretung der Verordnung zu einer Geldstrafe verurteilt worden war. Der Senat führte aus: Auf jeden Fall fei die Veröffentlichung in der„Rix- veiantw. Redakteur: Hans Weber, Berlin, Jnjeratentejl vexgntw.: Steglitz. Unter Bezugnahme auf unseren Bericht über die Neuregelung der Gemeindebeamten- und Lehrergehälter erhalten wir vom hiesigen Gemeindevorsteher folgende Zuschrift:..Wenn in dem Bericht über die hier beschlossene Neuregelung der Gehälter der Lehrer. Gemeindebeamten und Arbeiter behauptet wird, daß hin- sichtlich der letzteren nur ein Versprechen gegeben sei,„daß der Tarif revidiert werden solle", und daß„die Arbeiter auf die Erfüllung noch geraume Zeit warten müssen", so widerspricht dies dem tarsächlichen Hergange der letzten Sitzung der Gemeindever- tretung. ES sind keineswegs nur Versprechungen erfolgt, vielmehr ist beschlossen worden, daß die Erhöhung der Lohnsätze für die Gc- meindearbeiter bereits am 1. Juli d. I. in Kraft treten soll.' Boxhagen- Rummelsburg. Die Gesetzsammlung veröffentlicht das Gesetz betreffend die Erweiterung des Landespolizeibezirks Berlin. Nach diesem Gesetz tritt die zum Landkreise Niederbarnim gehörige Landgemeinde Stralau dem Landespolizeibezirk Berlin hinzu. DaS Polizeigesetz vom 13. Juni 1900 findet mit der Maßgabe Anwendung, daß in polizeilichen Angelegenheiten die Zuständigkeit deS Landrats und die des KrcisausschusseS auf die im Stadtkreis Lichtenberg zu- ständigen Behörden übertragen wird. An Stelle des Stadt. ausschusses treten jedoch in der Gemeinde Stralau der Gemeinde. Vorsteher und die Schöffen als Kollegium. Das gleiche gilt auch für die in den erweiterten Landespolizeibezirk einbezogenen Box, hagen-Rummelsburg derart, daß in dieser der kollegialische Ge- meindevorstand an die Stelle des Stadtausschusses tritt. Der Minister ist ermächtigt, das Inkrafttreten der einzelnen Vor. schriften dieses neuen Gesetzes festzusetzen. Der Minister des Innern hat nun durch einen im gestrigen„ReichS-Anzeiger' ver- öffentlichten Erlaß angeordnet, daß die auf die Landgemeinde Boxhagen-RummelSburg bezüglichen Bestimmungen mit dem Tage der Veröffentlichung des Gesetzes in Kraft treten. Friedrichshagen. Aus der Gemeindevertretung. In der am 23. Juni ab- gehaltenen Sitzung wurde die Aufstellung eines neuen Zaunes an dem Schulgrundstück in der Friedrichstraße beschlossen.— Die im April d. I. beschlossene Anschaffung eines Desinfektionsapparates konnte noch nicht erfolgen, da der in Aussicht genommene Apparat nicht mehr erhältlich ist. Der Gemeindevorstand wird ermächtigt. die betreffende Firma mit der besonderen Anfertigung des gewünschten Apparates zu beauftragen, eventuell auch zu einem höheren Preise.— Die im Jahre 1907 von der Vertretung empfohlene Abänderung der Bauordnung hat die Regierung ab- 'schlägig beschieden mit der Begründung, daß die bestehende Bau- ordnung den Ortsbedürfnissen entspricht. Die Vertretung beschloß, daß die seinerzeit gewählte Kommission nochmals bei dem Minister vorstellig wird unter ausführlicher Darlegung der Verhältnisse. — Der Antrag der Deutschen Dichtergedächtnisstiftung um eine jährliche Zuwendung zur Bekämpfung der Schundliteratur wurde angenommen und der Jahresbeitrag auf 25 M. festgesetzt.— Von der Errichtung eines Pflegeheims für erblich belastete Kinder auf dem Grundstück Seestraße 43 wurde mit anerkennenden Worten Kenntnis genommen.— Ein Antrag der Gasanstalt, wegen der starken Belaubung der Bäume bis Ende Juli sämtliche Laternen in der Friedrichstraße als Nachtlaternen brennen zu lassen, wurde angenommen.— Vom Genossen Sonnenburg wurde die Verzögerung der Pflasterung des Mhliusgartens und der Kastanienallee infolge eingelegter Proteste auf das lebhafteste bedauert. Der beschämende Zustand dieser Straßen, namentlich bei starken Niederschlägen, bedingt die schleunigste Inangriffnahme der Pflasterung trotz der erhobenen Widersprüche verschiedener An- lieger. Die Vertretung beschloß, dem Gemeindevorstand aufzu- geben, die Angelegenheit zu beschleunigen und in der nächsten Sitzung Bericht zu erstatten. Ngch einem angenommenen Dring- lichkeitsantrag des Genossen Sonnenburg verurteilte derselbe in scharfer Weise die Behandlung der Unterstützungsgesuche arbeits- loser Einwohner. Drei Gesuche seien von dem Eemeind-worstand der Armenkommission zur Recherche überwiesen, trotzdem bei der Etatsberatung der Antrag der sozialdemokratischen Vertreter an- genommen wurde, 3000 M. zur Unterstützung von arbeitslosen Einwohnern nicht in den Titel„Armenwesen", sondern in den Titel„Insgemein" einzustellen. Bedauerlicherweise seien die drei Gesuche um Arbeitslosenunterstützung vom Gemeindcvorstand ab- gelehnt worden. Er, Sonnenburg, beantrage daher, aus der Mitte der Vertretung eine Kommission zu wählen, welche die Grundsätze aufstellt, nach welchen die Unterstützung von Arbeitsüssen zu er. folgen hat. Die von der Kommission ausgearbeiteten Grundsätze sind dann der Vertretung zur Beschlußfassung vorzulegen. Nach längerer Debatte wurde der Antrag Sonnenburg angenommen und in die Kommission der Schöffe Lindenberg als Vorsitzender und die Vertreter K u n z k e und Sonnenburg gewählt.— Die Ausführung der Bedürfnisanstalt auf dem Marktplatz wurde dem Maurermeister Paul Lerche übertragen. Mit der Errichtung eines Geräteschuppens und der Aborte auf den Sport- und Spiel- Plätzen wurde Schrammers Nachfolger und mit dem Brunnenbau der Brunnenmacher Ahl betraut. In dem Gemeindcbezirk Friedrichshagen(einschließlich der Kolonie Hirschgarten) starben im Jahre 1908 165 Personen. Im 1. Lebensjahr starben 31 männliche und 17 weibliche, im 2. bis 16. Lebensjahre 4 männliche und 4 weibliche, über 16 Jahre 56 männliche und 53 weibliche Personen. Von den über iß Jahre alten Personen starben an Altersschwäche 21, an Gehirn- und Hirnhautentzündung 4, an Gesichtsrose 1, an Lebererkrankung 5, an Lungen, und Luftröhrenentzündung 15. an Lungenschwind- sucht 8, an Magen, und Darmkatarrh 8, an Nierenerkrankung 2, an Schlaganfall 20, an Unterleibsentzündung 1, an Zuckerkrank- heit 2 und an unnatürlichen Todesarten 6. Deutscher Arbeiter-Sllisiineuteii-Bund. Ortsgruppe Berlin. Freitag abend Lfl, Uhr im GewerlschaltShaule, Engeluser IS: General- Versammlung._')+ bedeutet Wuch».— Fall.--•) Unterpegel. 'kh, Glocke, Berlin. Druck u.Perlag:VorwärtKBuchdr.».K�sgSgykgtt Pgul Singer ä- Co,. Berlin SW.' Lebendig begraben. In St. Gallen und St. Fiden verbreitete sich am Dienstogvormittag das Gerücht, in dem verschütteten Brüggwaldtunnel befinde sich noch ein Lebender. Man habe Hilfe- rufe von innen gehört. Die Nachricht fand zuerst keinen Glauben, sind doch bereits acht Tage seit dem Unglück verflossen. Schon nach zwei Tagen hatte man offiziell alle im Schacht Liegenden für tot erklärt. Nun bestätigt sich aber, wie der„L. Ä." meldet, das Ge- rächt, daß noch ein Lebendigbegrabener zu retten sei. Um Mitter- nacht schon wurden, nachdem wenige Meter Schutt weggeräumt waren, die ersten Hilferufe vernommen. Unter Lebensgefahr setzte sich Oberingenieur Mas während voller zwei Stunden persönlich mit dem U<Ä>crlebenden in Verbindung. Dieser gab an, er habe von den anderen Verunglückten kein Lebenszeichen gehört. Ein halbes Dutzend Arbeiter stellen jetzt einen schmalen und niederen Mnimal- stallen durch die eingestürzten Erdmassen hindurch her. Tie Nach- grabungen müssen hinsichtlich der Richtung mehr oder weniger aufs Geratewohl erfolgen. Genaue Anhaltspunkte hierfür sind nicht vorhanden. Der Bortrieb durch die Sckuttmasscn erfordert große Vorsicht und umfassende Vorbereitung. Fortwährend müssen Einbaue hergestellt werden. Sozusagen jede Schaufel Material erfordert eine Sperrung. Die Arbeiter am Unglücksorte legen bei den Rettungsarbetten einen staunenswerten Mut an den Tag. Abends 3 Uhr waren die Rcttungsarbeitcn immer noch erfolglos. Die Hälferufe sind inzwischen wieder verstummt. Es wird nun versucht, dem Verschütteten Wasser und Lebensmittel zuzuführen. Der Arbeiter und des übrigen Personals hat sich eine fieberhafte Erregung bemächtigt, und zahlreiche Techniker eilen herbei, um an der Rettung mitzuhelfen. Tödlicher Absturz in den steirischen Alpen. Der Ingenieur Gütel aus Wien ist im Gebiete des Gruening nächst Aussec von der Multereckerspitze abgestürzt, als er die letzte schwierige Stelle, einen Kamin, passieren wollte. Er stürzte 30 Meter tief zu Füßen seiner sechs Begleiter ab und blieb mit zerschmettertem Schädel tot liegen. Die Bergung der Leiche des in den besten Jahren stehenden Mannes erforderte eine sechsstündige Arbeit. Die Leiche mußte stellenweise über das zerklüftete FclSterrain hinabgeworfen werden. Die Schande von Petersburg. Man schreibt uns aus St. Petersburg vom 27. Juni: Das diesmalige Ueberhandnehmcn der Cholera in der Haupt- stadt, die täglich bereits mehrere Dutzend neuer Kranke aufweist und am letzten Tage sogar die Zahl 100 neu Hinzugetommencr erreicht hat, ist nicht nur ein Unglück, cS ist auch eine Schande für die gesamte Stadtverwaltung. Als die Cholera im vorigen Jahre ausbrach, gab es wenigstens eine Entschuldigung für die Kopftosig- kcit der Behörden. Unterdes ist bald ein volles Jahr verflossen, ohne daß irgendwelche wesentliche Maßregel zur Sanierung Petersburgs ergriffen worden wäre. Alles rief im vorigen Herbst, nach schleuniger Durchführung der Kanalisation, alles mahnte, warnte vor diesem Sommer, der Chef der Sanitätskommission Gubert er- klärte im April, daß die Cholera nach einem Monat zu erwarten sei, aber die Petersburger Stadtvätsr rührten bis zum letzten Tag nicht einen Finger, um dem Unheil zu steuern, obwohl es bc- kannt war, daß die reichen Gewässer von Petersburg, von der Newa bis zur kleinsten Pfütze, von Cholerabazillen überfüllt sind. Die Stadtverwaltung, die als Vertreterin großer Hausbesitzer stets nur deren Interessen zu wahren bedacht ist, hat sich dermaßen blamiert, daß die Regierung jetzt in ihre Rechte eingreift und die Zwangs- weise Sanierung der Residenz durchguführeit entschlossen ist. Zu diesem Behufe setzt sie jetzt eine Bcamtenkommission ein, die auf eigene Faust hin alle für die Gesundheit Petersburgs ihr crforder- lich scheinenden Maßnahmen in die Wege zu leiten hat, weswegen eine Hundertmillioncnanleihe aufgenommen werden soll. Dies heißt allerdings den Teufel durch Beelzebub vertreiben. Denn wer sollte noch nach den unheimlichen Enthüllungen über die Diebstähle in allen staatlichen Institutionen zu der neuen bureaukratischen Kommission Vertrauen haben? Die Stadtväter und Magistrat haben es sich aber außerdem noch zuzuschreiben, daß das Prinzip der selbständigen städtischen Verwaltung bei dieser Gelegenheit gründlichst durchlöchert wird, so daß ein Präzedenzfall von unab- '«' Petersburg, 39. Juni. An der Cholera sind seit gestern 9 0 Personen erkrankt, 23 gestorben. Die Gesamtzahl der Kranken beträgt 574.___ WitterungSübersicht vom 30. Juni 1909, morgen» 8 Uhr. Stationen Swwemde. i 755 NNW damsurg 756 NNW Scrliii j 754 NO Frantl.a M. 755 SW Münchev 1756 Sä Witt! 175318 Wetter 1 halb bd. 2 bedeckt 2 wolkig 3Negen 4 bedeckt 4 wollig all i? btta Stationen is tle Sc -- A 5 e c S« avaranda 754N cterSburg 752 SSW Scillq j 764 NNW Slberde«! 765 NNW Paris 1 761 NW Wetter ul« all h 6 halb bd. 18 17 13 9 IL 1 beiler ihciler 3 bedeckt 3bedeckt LSettcrprognose für Donnerstag, den». Jnli 1909. Etwas kühler, zeitweise heiter, aber sehr veränderlich mit Regensällen und mäßigen nordwestlichen Winden. Berliner Wetterbureau. eSasserftandS-Sta-hrtehteu