Kr. IST. flbonnementS'ßedinsongen: Wonnements- Preis vrämmierandoi Bierteljährl. S&)»lt., monai!. 1,10 ffif., Ivöchcntlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- nunimer mit illustrierter Sonntags« Vellage»Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnemenl: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeiwngs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn L Mark, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg. Portugal, RumSnien, Schweden und die Schweiz. vlchkliit lZz»» auStr montags. Verlinev Volksblskt. 26. Jahrg. Die Tnlertlons-SeWUtr velrägt für die fechsgefpaltene Slolonel- geile oder deren Raun: 60 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins« und LersammlungS-Anzeigen 30 Pfg. „Aleine Hnzeigen", das erste(fettgedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weiters Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- Hellen-Anz eigen das erste Wort 10 Pfg.,' jedes weitere Wort 6 Pfg. Worte über 16 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis Z Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geössnet. Telegramm-Adresse: „SozIaUemolint BcrUa* Zentralorgan der foztaldcmokrati leben Partei Deutfcblande. Redaktion: SRI. öS, Lindcnstraosc 69, Fernsprecher: Amt rv, Nr. 1983. Sonnabend, den 3. Jnli 1909. Expedition: SM. öS» I-indenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Die SchliapphZhlie und ihre Lchnapsbeute. Nun sind die glorreichen Verbündeten des neuen Blocks bei dem für sie wichtigsten Teil der Fiuanzreform angelangt: die junkerlichen Schnapphähne werden ihre Beute bei der Branntweinbesteuerung einstreichen und die schwarze Klerisei wird ihren Segen dazu geben— ganz wie in jenen schönen Zeiten, wo der Junker vom hohen Schlosse herab die Wanderer überfiel und nach getaner Arbeit der Schloßkaplan seinen Segen zum guten Werke gab,— sintemalen er ja nicht leer dabei ausging. Welchen Lohn sich das Zentrum von den Junkern ausbedungcn hat, ist noch nicht offenkundig, aber die Ritter und die Heiligen werden sich schon verständigt haben— und das Volk ivird auch noch diese Buße auferlegt bekommen., Der Branntweinsteuerentwurf, der aus der Koinmission hervorging, ist zwar ganz anders gestaltet als der Regierungs- cntwurf, aber für die Konsumenten bringt er genau so viel neue Belastungen oder noch einige mehr. Den regierenden Herren— und das sind ja die Schnapsjunker in erster Linie — war es eine zu gefährliche Kompagnie, daß das Reich den Trog in Verwaltung nehmen solle, der bisher uneingeschränkt ihnen allein zur Verfügung stand. Das Reichsmonopol wollte ja reichlich und überreichlich die Schnapsbrcnner entschädigen, versprach auch, ihnen all die bisherigen Vorteile sogar auf ewige Zeiten zu sichern— aber die Junker sind kraftbewußt genüg, um auf diese Staatshilfe verzichten zu können. Sie kvissen ja, daß sie selbst der Staat sind, daß sie die Gesetze machen können wie es ihnen beliebt und der Blockschwindel von 1907 ihre Macht nur noch stärkte, indem ihnen der Liberalismus noch zu 23 Reichstagsmandaten der- half. Daß schließlich selbst dem ach I so duldsamen Liberalis- muS der Atem ausging, als die Junker auf ihr Herrenrecht pochten, ändert nichts daran, daß ohne die von ihm den Kon- servativen gegen uns geleistete Hilfe der neue Block unmöglich gewesen wäre. Jetzt ist das Ach- und Wehgeschrci der Frei- sinnigen zu spät— wie es in der Steuerkommission zu spät war als die Konservativen den alten Block wegen der Branntwein-Liebesgaben sprengten. So wie das bisherige Gesetz bringt der neue Branntwein- steuerentwurf jene unverschämte Ausplünderung der Bevölkerung durch das sogenannte Kontingent, das heißt: die Branntweinsteuer ist für einen Teil des erzeugten Spiritus » niedriger— und zwar wie früher um 20 M. für das Hektoliter—, so daß die Steuererniedrigung für diesen Teil den Produzenten zugute kommt. Nach den amtlichen Mitteilungen in der Kommission sind im Betriebsjahr 1907/08 im ganzen erzeugt worden 3°/« Millionen Hektoliter Spiritus, davon 2Vg Millionen Hektoliter innerhalb der für die Steuerdifferenz gezogenen Grenze, so daß also 46 Millionen Mark als Kon- tingent, das einst der Abg. v. Wedcll-Malchow mit unbewußter Ironie als„Liebesgabe" bezeichnet hat, den Brennern zufließen. Um diese 20 M. Liebesgabe war in der Kommission der grimme Streit entbrannt, der schließlich zur Sprengung des Blocks führte. Die Freisinnigen demütigten sich auch hierbei wieder bis zur Selbstverleugnung. Obwohl gerade Eugen Richter zu den eifrigsten Bekämpfern des Liebesgabenunfugs gehört hatte, obwohl in allen freisinnigen Programmen und Wahl- aufrufen feierlich betont ivird. daß die Kontingentprellerei fallen müsse— in der Kommission rutschten die Freisinnigen auf den Knien den Junkern entgegen und verlangten beileibe nicht die sofortige Beseitigung des ganzen Konsingents, sondern nur eine Herabsetzung von fünf zu fünf Jahren von 20 auf 15, 10 und auf 3 M. Wie stets mußte der Erfolg dieses kompromisselnden Entgegenkommens nur der sein, daß den Konservativen nun erst recht der Kamm schwoll, als sie sahen, daß der Freisinn nicht einmal den Mut hatte, bei seiner grund- sätzlichen Forderung zu beharren. Und nun machten die Junker gleich reinen Tisch: sie beschloffen mit Hilfe des Zentrums, der Polen und der Wirt- schaftlichen Vereinigung, daß nicht allein die vollen 20 M. ihnen zugute kommen sollen, sondern daß diese schöne Ein- richtung auch für die Ewigkeit dauernd gesetzlich festgelegt wurde. Die Steuer, die bisher 70 M. betrug— für den Kontingentspiritus also nur. 30 M.— wurde auf 125 M. r e s p. 105 M. erhöht. Der Spiritus, der einen Wert von 40 bis 45 M. pro Hektoliter hat, ist also nach dem neuen «Entwurf mit dem dreifachen Betrage seines Wertes, mit 123 M. Steuer belastet I Damit aber noch nicht genugl Der Branntwein trink er bekam noch mehr neue Lasten aufgebürdet! Beschlossen wurde eine sogenannte Betriebsauflage, die von 4 bis 14 Mark pro Hektoliter, je nach der Größe der Brennerei, er- hoben wird. Man rechnet dadurch auf 30 Millionen Mar! Einnahmen. Diese sollen dazu dienen, um den denaturierten Spiritus der für Brenn- und Beleuchtungszwecke, auch zum Betriebe von Motoren verwendet wird, zu verbilligen, damit der Absatz dieses denaturierten, oder wie er jetzt amtlich ge- tauft ist:„vergällten" Spiritus gesteigert werden kann. Letzteres erscheint den Brennereibesitzern sehr notwendig, da sie doch befürchten, daß die Verteuerung des Branntweins den Verbrauch etwas schmälern könnte. Nun ist gewiß die Verwendung des Spiritus für technische Zwecke sehr löblich. Daß sie aber aufKostenderAermstenderArmen, nämlich der Branntweintrinker, gefördert werden soll, gehört zu jenen Ausgeburten rücksichtsloser Vergewalti- . gu.igspolitik, wie sie nur ein Junkerstaat zeitigen kann. Denn �daß diese 30 Millionen Bctriebsauflage nicht von den Be- trieben getragen, sondern von diesen auf die B r a n n t w e i n- konsumenten abgewälzt werden, ist ganz selbst- verständlich: sie werden genau so wirken, als ob die Steuer auf Trinkbranntwein noch um- 30 Millionen Mark höher wäre, als sie ohnehin schon ist. Auch daß der von den Schnapsjunkern diktierte neue Ent- Wurf ihnen besonders zum Vorteil gereicht, gehört zu den selbstverständlichen und gewollten Folgen des neuen Bundes zwischen Konservativen und Zentrum. Das letztere hat zwar wiederholt die Liebesgabenpolitik als verwerflich getadelt— aber stets nur dort, wo es die Arbeiter und Bauern damit betrügen will: im Reichstage hat es stets für die Liebes- gaben gestimmt. Aber festgenagelt sei doch auch hier, daß in einer vom katholischen Volksverein herausgegebenen Broschüre:„Die Steuerpolitik des Zentrums" es auf Seite 3 ausdrücklich heißt, das Zentrum habe sich vergeblich bemüht, „den Unfug der Branntwein liebesgabe ab- z u s ch a f f e n". Welch widerliche Heuchelei! Daß es die preußischen Junker in erster Linie sind, welche von der Liebesgabenpolitik den Hauptvorteil ziehen, beweist die neue amtliche Statistik über die Verteilung des Kontin- gents deutlich genug. Das Gesamt kontingent aller Brennereien betrug 2,3 Millionen Hektoliter: davon ent- fielen auf landwirtschaftliche Brennereien 2,1 Mil- lionen Hektoliter, also 90 Proz.! Und von diesen kamen allein auf die Brennereien O st e l b i e n s 1,3 Million Hektoliter, das sind 65 Proz. aller Brennereien und 71 Proz. der landwirtschaftlichen! Deshalb sind auch diese Schnapsjunker gegen eine allzu hohe Steigerung der Branntweinsteuer, weil sie fürchten, der Verbrauch könne sich verringern! Haben sie doch als Gegengewicht eine Besteuerung der alkoholfreien Ge- tränke beantragt! Die Verteuerung des Branntweins würde freilich die Hauptquellen der Alkoholvergiftung nicht verstopfen! Die schlecht ernährten, überarbeiteten Volks- massen, die im Schnaps Vergessenheit ihres Elends suchen, sie werden durch jede Verteuerung des Branntweins nur noch mehr verelendet werden. Denn getrunken wird von ihnen nach wie vor, solange dieselben wirtschaftlichen Ursachen sie dem Schnapsteufel ausliefern. Aber je teurer der Schnaps, um so geringer das ihnen für Ernährung übrig bleibende Geld: und die Folge davon: noch schlechtere Nahrung und dadurch noch größeres Bedürfnis nach Schnaps. Wenn die Junker wieder von der segensreichen Wirkung der Brannt- weinstcuererhöhung für die Bekämpfung der Trunksucht reden sollten, muß man ihnen ins Gesicht lachen. Uebrigens haben ihre autoritativen Vertreter niemals sich gegen den Schnaps- verbrauch ausgesprochen, sondern dafür. Es sei daran er- innert, daß im Jahresbericht für 1903/4 die Zentrale für Spiritusverwertung schrieb: „Eine in ihren letzten Wirkungen allerdings wenig erfreu- liche Entlastung dürfte im Rückgang des Verbrauches liegen. Unser Unternehmen hat sich zwar niemals das Ziel gesteckt, den Verbrauch von Branntwein zu Trinkzwecken zu fördern. Das Brennereigewerbe hat aber auf der anderen Seite keineswegs das Interesse, den Absatz auf diesem Gebiets herabzudrücken." Und in der„Konservativen Korrespondenz" vom September 1905 hieß es gegenüber den Abstinenten zur Lobpreisung des Schnapses: „In unseren verwickelten Kulturverhältnissen sind wir weniger als je in der Lage, immer gerade dann auszuruhen, wenn wir möchten. Die Reizmittel sind daher not- wendig, gleich wie bei einem gut gefütterten Pferde die Peitsche oft notwendig ist, damit die aufgespeicherte potensielle Energie in dem Momente in Arbeit umgesetzt werde, wo es sonst nicht mehr geschehen würde." Diese Peitsche verwenden die Gutsherren ja mit Vor- liebe, um ihre Landarbeiter bis zur Erschöpfung anzutreiben! Wir sehr die Junker auch die Bauern in der Gewalt haben, dank der reaktionären Verwaltungsorganisation Preußens, beweist ihre Rücksichtslosigkeit gegen die bäuerliche Bevölkerung, die ja mit zu den Hauptkonsumenten des Branntweins gehört und durch die neue Steuer sehr schwer belastet wird. Hat bisher auf dem Liter. Branntwein eine Steuer von 24 Pf. gelegen, so steigt sie durch den neuen Entwurf auf 44 Pf. pro Liter! Daran werden auch die Bauern schwer zu tragen haben! Aber die Verwaltungs- Maschinerie sorgt schon dafür, daß der Bauer gegenüber dem Landrat nicht mucken darf und daß der Großgrundbesitzer auch ohne Landratstitel dieselbe Macht über die Bauern ausübt. So wird denn zu den alten Lasten auch diese neue den ärmsten Volksschichten aufgebürdet, wenn es dem neuen Block gelingt, die Vorlage im Reichstage durchzupeitschen. Daß sie für jeden, der nicht ein Volks f e i n d ist, in jeder Form unannehmbar sein muß, braucht nicht erst noch bewiesen zu werden: die geschilderten Schönheiten des Entwurfs— und es gibt deren noch viel mehr als hier erörtert werden können — sprechen für sich selbst. Wie bei der ganzen Finanzreform gibt es für unsere Partei nur die eine Parole, zu der wir uns bisher stets ohne Zögern bekannt haben: •s, Diesem S y st e m reinen Groschen! Das neue Kompromiß. Die Durchpeitschung der Finauzreform macht rasche Fortschritte. In einer Dauersitzung hat heute der schwarze Block die Tabak st euererhöhung bollendet, die das gesamte arbeitende Volk als Konsumenten schwer belastet, über zehn- tausende Arbeiter als Produzenten die Not der Arbeitslosigkeit ver- hängt und Tausende von kleinen Händlern mit Bankrott bedroht. Bei der Regierung finden die Pläne des schwarzen Blocks natürlich keinen Widerstand und die Liberalen können sich zu einem energischen Widerstand nicht auftaffen. Die Verhandlungen zwischen der Regierung und dem schwarzen Block nähern sich ihrem Ende. In der Besprechung, die heute vormittag zwischen den Regierungsvertretern — Fürst B ülo w soll sich vollständig passiv verhalten und den Dingen ihren Lauf lassen— und den Mitgliedern des Zentrums, den Konservativen und der Reichspartei stattfanden, sind die Einzel- heiten des neuen Kompromisses so ziemlich festgestellt tvorden. Die Grundlagen sind, wie uns mitgeteilt wird, die folgenden: Der schwarze Block bewilligt die gesamten 500 Millionen Mark. Auf neue Ersatzsteuern wird verzichtet. 397 Millionen sollen die indirekten Steuern bringen. Der Block verzichtet auf die Mühlenumsatzsteuer und den Kohlen- auSfuhrzoll, dagegen bleibt dieParfümeriesteuer. Die Besteuerung der Feuerversicherungspolicen, die in der Kommission fast von allen Parteien abgelehnt worden war, soll wieder beschlossen werden. Doch soll eine Ermäßigung des Betrages eintreten, so daß die Steuer anstatt der geplanten 3S Millionen nur 29 Millionen Mark bringen würde. Die anderen Ersatzsteuern, also die Effekten-, Wechsel- und Scheck st empelsteuer sollen nach der Fassung der Finanz- kommission Gesetz werden. Die Abschaffung der Fahrkartenstcncr unterbleibt, ebenso unterbleibt die Ermäßigung der Zuckcrsteurr. Die Matrikularbeiträge sollen auf 89 Pf. erhöht werden und somit eine Mehreinnahme von 23 Millionen Mark bringen. Am interessantesten ist, was über die Kotierungssteuer verlautet, die der Kanzler und die Verbündeten Regierungen auch nach dem bereits vollzogenen Umfall als durchaus u n- annehmbar bezeichnet haben. Die Steuer soll auf die Hälfte ermäßigt werden und ein Teil der neuen Steuer zunächst nur für drei Jahre Gesetzeskraft erhalten. Während dieser Zeit soll die Regierung eine Wertzuwachs st euer auf mobiles als auch auf immobiles Kapital vorbereiten. Diese neue Kotierungssteuer soll einen anderen Namen bekommen, um den zweiten Umfall der Verbündeten Regie- rungen zu erleichtern. Bei all diesen Kompromißverhandlungen spielen die in- direkten Steuern keine große Rolle, weil die gegenwärtige Rumpfregierung und der schwarze Block in diesen Fragen sich in gleicher Gewissenlosigkeit begegnen. Nur die Nicht- Herabsetzung der Zucker st euer, die vom Reichstag bekannt« lich beschlossen und von der Regierung nach der Erledigung der Finanzreform feierlichst zugesagt worden ist, findet eigentlichen Widerstand bei den Agrariern, deren Interesse einmal auSnahmS- weise an die Herabsetzung einer indirekten Steuer geknüpft ist. Größere Schwierigkeiten machen nur die B e s i tz st e u e r n. Nament- lich das Zentrum kämpft für die Kotierungssteuer in alter Hohe und sperrt sich noch gegen den endgültigen Abschluß des Komproniisses. Ihm kommt heute die„Deutsche Tageszeitung" zu Hilfe mit fol- gender Drohnote: „Wie verlautet, setzt der Bundesrat allen Versuchen, das mobile Großkapital und die Börse in wirksamer Weise zu den neuen Lasten des Reiches heranzuziehen, einen Widerstand ent- gegen, der in einem bezeichnenden Gegensatze zu der Bereitwilligkeit steht, mit der die Verbündeten Re- gierungen durch die Erbanfallsteuer und den Stempel auf Feuerversicherungsquittungen den immobilen Besitz vor« belasten wollten. Wir vermögen bis auf weiteres doch noch nicht zu glauben, daß dieser Widerstand von Dauer sein wird. Nicht nur die Mehrheit des Reichstages ist der An- ficht, daß auf dem Gebiete des mobilen Kapitals' die wirtschaftlich unbedenklichen und sozial gerechten Besitzsteuern zu suchen sind: Man würde es auch im Volke nicht verstehen, wenn der Bundes- rat die Börse und das Großkapital für sakrosankt ansehen wollte! Und die Verbündeten Regierungen würden eine sehr schwere Verantwortung auf sich laden, wenn sie deswegen das Zu- standekommen der ganzen Reichsfinanzreform erschwerten oder gar gefährdete n." Wir zweifeln nicht daran, daß diese Drohungen, wie ja bei dem Charakter der Regierung auch nicht anders möglich, den ge- wünschten Erfolg erzielen werden. Wenn eS nach den Plänen des SchnappsblockS geht und wenn die Liberalen auch jetzt noch sich zu keinem energischen Wider- stände aufzuraffen vermögen, dann wir die Finanzreform bis nächsten Donnerstag erledigt sein. Man kann nur hoffen, daß die Kotierungssteuer recht ausgiebig ausfällt, denn nur dann, scheint es, würden die Liberalen zu einigem Widerstand bereit sein. Die indirekten Steuern sind ihnen ja nicht des Kampfes wert. Das passive Verhalten der liberalen Opposi» t i 0 n findet übrigens in ihrer eigenen Presse keine Billigung. Die„Franks. Ztg." gibt unsere Mahmiiigeii wieder, der Durchpeitschung der Finanzreform endlich W i d e r st a n d z u leisten!, und bemerkt dazu: „Auch wir sind der Ansicht, daß die Linke eine überstürzte Verabschiedung der Finanzresorm nicht durch Passivität fördern ober auch nur dulden darf. Dazu find die Vorlagen, um die e« sich hier handelt, zu wichtig und für die gesamte Volks- Wirtschaft zu gefährlich. Die Linke mich deshalb eine ernsthafte und sachliche Beratung verlangen, und zwar um so niehr, als ein großer Teil der Steucrprojelte gar nicht genügend durchdacht und zur Erledigung noch völlig unreif ist. Natürlich wird der schwarze Block ein solches Vorlangen der Linken m i t � � � �" Gedankenloiigkeit sofort als Obstruktl ans versuch zu diskreditieren suchen; die Taktik der Linken müßte also derart sein, daß man im Lande allgemein sieht: die Linke treibt hier keine unparlamentarische Obstruktion, sondern sie lehnt sich lediglich gegen einen st euer- Politischen Schnellsohlereibetrieb. Insoweit kann man der sozialdemokratischen Anregung durchaus zustimmen." Die Nachrichten über das neue Kompromiß beweisen, daß der schwarze Block sich anschickt, ein Werk zu vollenden, daß für die Arbeitermassen noch viel drückender ist als selbst die miserable Regierungsvorlage. Die Negierung beugt sich voll- ständig den Geboten des Zentrums und der Konservativen, obwohl sie genau weiß, daß die Herrschaft der schwarzen Majorität eine freche Usurpation ist, die in dem Moment der Reichstagsauflösung ihr Ende gefunden hätte. Aus Furcht vor der Sozialdemokratie unter- lassen die regierenden Junkermannen, zu tun,! was nach ihrer eigenen Ueberzcugung ihre Pflicht wäre. Die liberale Opposition aber scheut davor zurück, im Parlament ernsten Widerstand zu leisten, und erleichtert dem Schnapsblock seinen Triumph. In den arbeitenden Massen aber, die das Opfer dieser Politik werden, steigt mit jedem Tage die Empörung und Er- bitterung über den Verrat, den die bürgerliche Welt an ihren Interessen verübt. Bei den nächsten Wahlen wird den Herren die Rechnung präsentiert werden. poUtifcbc Gebernebt* Berlin, den 2. Juli 1909. Der Tabak ums; auch bluten. Aus dem Reichstag. 2. Juli. Nach dem Bier kam heute der Tabak an die Reihe. Seit der Zeit, als Bismarck auf das Tabaksmonopol steuerte, ist bei jedem Steuerbedürfnis der Reichsregierung der Tabak als geeignetstes Besteuerungs- objekt ins Auge gefaßt worden. Man macht dafür geltend, daß der Tabak dasjenige Genußmittel sei dessen Verbrauch sich am leichtesten, je nach den Mitteln des. Verbrauchers, regulieren und einschränken lasse, so daß also eine Steuer auf Tabak am wenigsten drücke. Nun haben sich die nämlichen Steuersucher, die nnt diesem Argument operieren, gar nicht gescheut, auch solche Verbrauchsartikel mit Steuern zu belasten, die dem Volke die unentbehrlichsten Nahrungsmittel sind, wie Brot und Fleisch. Aber obgleich man zugeben kann, daß die Verteuerung von Brot, Fleisch, Milch, Salz und anderen Nahrungsmitteln weit schlimmer ist als die des Tabaks, zeigt sich doch auch bei einer Genußmittelbesteuerung, wie verderblich für das Volks- wohl überhaupt die Besteuerung■ von Verbrauchsartikeln ist. Denn in der Belästigung der Konsumenten erschöpft sich die übele Wirkung nicht. Gerade beim Tabak werden durch die Besteuerung zahlreiche in der Produktion tätige Existenzen schtver geschädigt. Die Verteuerung deZ Tabaks und der Zigarren wirkt natürlich einschränkend auf den Konsum. Und wie im Laufe der heutigen zweiten Lesung der Tabakssteuernovelle ein Fabrikant. Herr Schmidt- Altenburg, selbst eingestand, werden die Fabrikanten versuchen, der Einschränkung des Konsums nach Möglichkeit dadurch entgegenzuwirken, daß sie die Steuer durch Herabsetzung der Löhne auf die Arbeiter abwälzen. Arbeitslosigkeit und Lohn- Herabsetzung sind also die Gespenster, die den Tabakarbeitcrn infolge dieses Gesetzes gleichzeitig drohen. Unsere Genossen Molkenbuhr und Döhle nahmen wiederholt in der Debatte daS Wort, um die schwere Gefährdung des Volkswohls durch das Gesetz nach- zuweisen und gleichzeitig den sozialdemokratischen Antrag zu empfehlen, der für den Fall der Annahme der Vorlage eine Entschädigung arbeitslos gemachter Arbeiter nach be- stimmten Sätzen von 500 M. bis zu 2500 M. vorsieht. Der schwarze Steuerblock hielt aber auch hier wieder zusammen. Das Gesetz wurde in der Kommissionsfassung mit einigen von der Regierung vereinbarten Aenderungcn gegen die Sozial- demokraten und Liberalen angenommen. Nur so viel hat die Sozialdemokratie zugunsten der Arbeiter erreicht, daß das Zentrum nach altem Brauch eine Abschwächung des sozialdemokratischen Entschädigungs- antrages einbrachte, der nach Ablehnung des sozial- demokratischen Antrages auch unter Zustimmung unserer Partei mit großer Mehrheit angenommen wurde. Morgen Branntweinsteuer. Die liberalen Oppofitionshelde«. Die rechtsnationalltberale„Magdeburger Zeitung" bemerkt zu der famosen Erklärung Bethmann-Hollwegs: Die Versicherung über ungestörte Harmonie zwischen dem Reichskanzler und den, Bundesrat wird kaum den Erfolg haben, alle Zweifel aus der Welt zu schaffen, da die etwas brutale Tatsache bestehen bleibt, daß der K a n z l e r über eine Finanz- reform fällt, die für den Bundesrat annehmbar sein wird. DaS gibt dieser eigenartigen Kanzlerkrise ihre Bedeutung, daß die nationale Sammlungspolitik des Fürsten Bülow nun Bankerott anmelden muß und der Bundesrat nach 12 jährigen»vertrauensvollen Beziehungen" zu seinem Vorsitzenden die Masse im Verein mit dem Zentrum liquidieren wird. ES geht wirklich n,cht an, hierüber mit der ein- stimmigen Erklärung des Bundesrats hinwegzukommen. daß die Behauptung einer Meinungsverschiedenheit jeder Unter- läge entbehre, ebenso leicht mächte es dem Bundesrat gelingen, durch ein st immigen Beschluß daS Blaue vom Himmel fortzu dekretieren. ES ist unerläßlich, daß der Reichstag sich über diese Frage gründlich ausspricht, die wichtiger als selbst Brau- und Tabaksteuer ist. Das ist ganz die Meinung der Sozialdemokraten und deshalb beantragte Genosse Singer diese Debatte auf die Tagesordnung zu setzen. Es war der Abg. Bassermann. der mit seiner Partei den schwarzen Block dazu verhalf, den Antrag zu Fall zu bringen und so die Durchpeitschung der indirekten Steuern zu erleichtern. Natürlich fehlten dabei auch einige Freisinnige nicht. Man sieht, die uationalliberale Reichstagsfraktion ist noch reaktionärer als die national- liberale Presse. Der schwarze Block kann sich zu dieser liberalen »Opposition" wirklich gratulieren. Diskrete Indiskretionen. In der Freitagssitzung der Budgetkommission deß Reichstags kam vor Eintritt in die Tagesordnung wieder einmal eine In. diskretion zur Sprache. Die offiziellen Sitzungen der Kommission jjnd in letzter Zeit sehr eingeschränkt und dgrch sogenaMte iLtxr, fraktionelle Sitzungen ersetzt worden. An diesen nehmen außer sämtlichen Mitgliedern auch die Vertreter der Reichsregierung teil. Der Unterschied zwischen diesen und den offiziellen Sitzungen besteht lediglich darin, daß keine Beschlüsse gefaßt werden können; Vereinbarungen erlangen ihre Geltung erst durch Beschlüsse, die in den ordentlichen Sitzungen herbeigeführt werden. Gegenüber den früher so beliebten Subkommissionen haben jene inter- fraktionellen Besprechungen für die Geheimniskrämer den Vorteil, daß kein Protokoll geführt und in der Hauptkommission kein Be- richt erstattet wird. Da die geheim gehaltenen Vereinbarungen die Vorläufer der Beschlüsse sind, so hat die Oeffentlichkeit natürlich ein außer- ordentliches Interesse daran, zu erfahren, was vereinbart worden ist. So kommt es denn auch, daß zu wiederholten Malen bürger- liche Zeitungen sich Berichte über jene Abmachungen zu verschaffen wußten. Die„Magdeburger Zeitung" z. B. war kürzlich in der Lage, einen eingehenden Bericht über eine solche Sitzung zu bringen, einen Bericht, der von sehr guter Information zeugte. Der Abg. Beck. Heidelberg nahm infolgedessen Veranlassung, im Namen seiner Freunde zu erklären, daß von ihnen keiner die „Magdeburger Zeitung" informiert habe! Dieselbe Erklärung gaben der Reihe nach die Vertreter sämtlicher Fraktionen ab, wobei der Abg. G ö r ck e-Brandenburg auch auf wiederholte In- diskretionen der„Köln. Volkszeitung" hinwies. Dies gab wieder dem Abg. Erzberger Veranlassung, seinerseits zu erklären, daß er den Mitteilungen der„Köln. Volkszeitung" völlig fernstehe, was ja schon daraus hervorgehe, daß er selber in dem betreffenden Artikel am meisten angegriffen worden sei. Das Resultat war schließlich, daß es niemand gewesen sein wollte! Nach dieser erbaulichen Ouvertüre behandelte die Kommission die Klasseneinteilung der Städte für die Wohnungsgeldbemessung der Beamten. Der Antrag, München in die erste Klasse zu ver. setzen, fand Annahme. Im übrigen wurde die Regierungsvorlage nur unwesentlich verändert.— Techtelmechtel in Sache» der Beamtenbesoldung. Herr Erzberger wird von der„Köln. Bolks-Ztg." wie ein dummer Junge abgekanzelt. Das rheinische Zentrums- organ beantwortet die Beschwerde Erzbergers, auch die„Köln. Volks-Ztg." habe sich über die Haltung, die er, Erzberger. bei einer vertraulichen interfraktionellen Besprechung in der Frage der Beamtenbesoldung eingenommen habe, an- schwindeln lassen, mit den massivsten Grobheiten: „Wir haben Herrn Erzberger persönlich geschont, soweit der objektive Tatbestand und das Juteresse der Partei dieses zuließen. Der Artikel im.Tag" aber war, gelinde gesagt, so maßlos ungeschickt, und das Verhalten des Herrn E. in den KommissionSvorbesprechungen ließ solche Deutungen zu, daß er nicht bloß den Unwillen seiner Kollegen und die Entrüstung der Beamten wachrief, sondern auch eine Zurückweisung in der Parteipresse im Interesse der Partei geradezu heraus- forderte. Man bätte vom Vlbg. Erzberger deshalb eine andere Erklärung mit weniger Selbstbewußtsein etwa mit der Feststellung erwarten sollen, daß sein Artikel im„Tag" mißverstanden, daß seine Absicht in den Kommissionen falsch gedeutet ivorden sei, daß er nichts gesagt und nichts getan habe, was als U m f a l l hätte ausgelegt' werden können. Diese Erklärung vermissen wir noch. Sie abzugeben hätte ihm auch die jetzt so peinlich gewahrte Schweigepflicht nicht verboten und die Oeffentlichkeit hätte mehr davon gehabt. Bis dahin müffen wir an unserem Artikel in allem f e st h a l t e n." In der Sache handelt eS sich darum, daß Herr Erzberger der Regierung zu verstehen gegeben haben soll, daß das Zentrum sich unter Umständen auch an seinen Forderungen für die Beamten mancherlei abhandeln lassen werde. Dies Eingeständnis erklärt die„Köln. Volksztg." für um so tölpel- hafter, als ja gerade Erzberger selbst der eifrigste Verfechter der Forderungen für die Beamten gewesen sei und außerdem die Verbündeten Regierungen ein Unannehmbar noch gar nicht ausgesprochen gehabt hätten. Es will uns scheinen, als ob die„Köln. Volks-Ztg." Herrn Erzberger hauptsächlich deshalb spottet, weil er einen Umfall des ZentruntS allzu früh und täppisch an- gekündigt hat. Die übrigen Herren der Zentrums- fraktion werden denken: so was tut man, aber man sagt es nicht vorzeitig. Ueber die Schachcrmachereien mit der Regierung meldet ein anderes Blatt: »Zlvischen der Regierung und KommisfionSmitgliedern aus allen Parteien finden gegenwärtig vertraulich geführte Vor- Handlungen über die Besoldungsfrage statt, die den Zweck haben, ähnlich wie im preußischen Abgeordnetcnhause eine Plattform zu finden, auf der sich alle Parteien mit der Regierung vereinigen können. Daß dabei nicht alle Wünsche erfüllt werden können, liegt auf der Hand." Na also!_ Dank für die polnische Hilfe beim Stenerrauvzug. Im Ruhrrcvier wird die Polizei verstaatlicht und zwar wesent- lich, um das P o l e n t u m wirksamer bekämpfen zu können. Bor einigen Tagen bereisten die Gcheimräte Laubach und Röden- beck vom Ministerium des Innern die Bezirke der am 1. Juli in Wirksamkeit tretenden.königlichen" Polizeidirektionen in Essen, Bochum und Gelsenkirchen, um sich von dem Stande der Einrichtungsarbelten zu überzeugen und einige wichtige OrganisaiionSfragen mit den be- teiligten Regierungspräsidenten und Polizeipräsidenten zu besprechen. Dabei wurde insbesondere auch die Frage der Schaffung einer Zentralstelle für die Ueberwachung der Polen- b e w e g u n g im W e st e n bei der Polizeidircltion in Bochum er« örtert._ Streit im konservativen Lager. Die städtischen Konservativen, die zumeist neben HauSagrariern und Mittelständlcrn aus Beamten bestehen, haben natürlich an dem Kampf, den der Bund der Landwirte für die Steuerfreiheit der Junker geführt hat, kein Interesse. Zudem geht der Bund mit dem Zentrum und den Polen ihrer nationalistischen Ideologie gegen den Strich. ES ist daher kein Wunder, daß in ihrenf Reihen|stch Opposition gegen die konservative Parteileitung regt. So hat der Konservativ- Verein Groß-Lichterfelde eine Kundgebung erlassen, in der eS heißt: „Der Vorstand verurteilt auf das allerschärf st e das Verhalten der konservativen Partei im Reichstage und die von ihr verfolgte Richtung. Er sagt sich daher von der jetzigen Parteileitung'loS. Wir halten es mit wahrhaft komer- vativeu Grundsätzen unvereinbar, daß sich die koilservativen Reichs- tagsabgeordneten in einer Lebensfrage des Reichs, wie die Finanz- resorm, gegen die Regierung mit den deutschfeindlichen Polen und dem Zentrum verbunden haben. Wir können nicht Bestrebungen unterstützen, die nur dem Zentrum zur Vorherrschaft verhelfen und zum Sturze des Fürsten Bülow beitragen, wodurch dem Kaiser ein treubewährler, dem Reiche ein unersetzlicher Kanzler geraubt wird. Ueberzeugt. daß Stadt und Land sich in nationaler Opferwilligkeit zusammenfinden müssen, bedauern wir aufs höchste, daß der Bund der Landwirte in kurzsichtiger und einseitiger Weise sein Interesse über das des Reichs gesetzt und die Massen in demagogischer Weise bearbeitet hat. Geradezu als ein Verhängnis müssen wir es aber betrachten, daß die konserbatiben ReichZtagSabgeordneten diesem Einfluß unterlegen sind. Wenn die konservative Partei nicht bald verstehen sollte, sich diesen unheilvollen Einflüssen zu entziehen, dann werden viele bis dahin treu konservative Männer nicht mehr in der Lage sein, der Partei Folgschaft zu leisten." Alis diese Kündigung hat die konservative Parteileitung ge« antwortet: .In der LoSsagung von der jetzigen Parteileitung erblicken wir, solange diese Parteileitung zu Recht besteht, eine Los- sagnng von der Gesamtpartei. Wir nehmen hiervon Kenntnis und betrachten den unter Ihrer Leitung stehenden Kon- servativen Verein Groß-Lichterfelde nunmehr als auS der Deutsch» konservativen Partei ausgeschieden." Also ein Ausschluß aus der Partei in aller Form. Man wird aber abwarten müssen, ob das der Partei, deren rein junkerlicher Charakter so deutlich zutage tritt, viel nützen wird. Auch aus anderen Orten kommen ähnliche Kundgebungen, und in Sachsen sind zwei Mitglieder der konservativen Partei, der Landtagsabgcordnete Behrens und sein Fraltionskollege G r u m b t, ebenfalls aus der Partei ausgetreten. Hanseatcngeist. In der letzten Sitzung der Hamburger Bürgerschaft brachte Genosse P a e p l o w eine den Geist der Verwaltung des Ge- werbeschulwescus charakterisierende Maßregelung eines Maurer- lehrlings zur Sprache. Der Lehrling war so vermessen gewesen, vor dem Eingang des GewerbeschulgebäudeS ein bei Auer u. Co. gedrucktes, zum Besuch einer vom Jugendbunde nach dem Gcwerk- IchaftShause einberufenen Versammlung aufforderndes Flugblatt zu verbreiten, in der � wie schrecklich I— die Gefahren des Alkohol- mißbrauchs behandelt wurden. Und dieser Tatbestand führte zur Relegation deS Lehrlings I In der Debatte, die mehr vom borussischen als vom Hanseatengeist beseelt war, hatte der Vertreter der betreffenden Deputation gegen die Relegation nichts einzuwenden, denn«in dem Flug- blatt wird aufgefordert, Vorträge im GewerkschaftShause zu besuchen, und es ist bei Auer u. Co. gedruckt". Ein Entsetzen bemächtigte sich ob dieser Worte der„echten" Hanseaten, das der Linksliberale Dr. Petersen und Genosse Stötten nicht zu bannen vermochten. zumal das Flugblatt auch noch, wie mit Nachdruck hervorgehoben wurde, aufforderte.unsere Bücher, unsere Zeitungen zu lesen". Die Maßregelung ist also zu.Recht" erfolgt, womit die Anfrage ihre.Erledigung" fand._ Nusweisung. Die preußische Polizei hat sich wieder einmal einen ihrer würdigen Streich geleistet. Sie hat den Genossen Fritz Low, einen Oesterreicher, der in Wien heimatberechtigt ist, als lästigen Ausländer aus Preußen ausgewiesen. Genosse Low war Oibmanu deS Rixdorfer Bildungsausschusses, einer unpolitischen Körper- schaft, die sich mit der Vermittelung von Bildungsvorträgen befaßt. Am 18. März wurde ein Vortrag über die geschichtliche Bedeutung des Tages veranstaltet. DaS Referat hatte der Genosse Ledebour übernommen. Durch ein Versehen wurde die Versammlung bei der Polizei zu spät angemeldet. DaS gab Anlaß zu einer auS- gedehnten Staatsrettungsaktion. Die Rixdorfer Polizei bemühte sich schon seit langer Zeit um unsere Genossen. Vor dem neuen Vereinsgesetz bedachte sie den Vorstand des Wahlvercins mit allerlei Fragen über die Richtigkeit und Genauigkeit der Mitgliederanmcldungen. Nach dem Erlaß des neuen Vereinsgesetzes nimmt sie sich mit besonderem Eifer der Jugendbewegung an. Auch jetzt suchte sie durchaus einen Zusammenhang zu konstruieren zwischen dem Bildungsausschuß und der Jugendbewegung. Besonders der Kriminalwachtmeistcr Hertung gab sich dabei große Mühe. Er erschien in der Wohnung des Genossen Low und wollte durchaus erfahren, ob nicht Jngend- liche im Bildungsausschuß Mitglieder seien. Natürlich erfuhr er nichts. Auch das Amtsgericht in Rixdorf brachte nicht mehr heraus, au» dem einfachen Grunde, weil die Jugendlichen mit dem BildungSauSschuß nichts zu tun haben. Wegen der verspäteten Anzeige erfolgte ein Strafmandat von 1t) M. und außerdem die Ausweisung. Genosse Low ist seit fünf Jahren in Berlin und steht gegenwärtig als Mechaniker bei Goerz in Arbeit. Er ist Bezirksleiter des Metallarbeiterverbandes. Die Ausweisung aus einer so nichtigen Ursache beweist aufs neue die völlige Rechtlosigkeit deS Ausländers in Preußen. Die ausländische Arbeitskraft ist Kapitalisten und Agrariern als AuS- beutungsobjekt gerade recht. In dem Moment aber, wo sich die ausländischen Arbeiter weigern, als Lohndrücker zu fungieren und anfangen, die Klassenbestrcbungen ihrer Genossen zu unterstützen, werden sie der preußischen Regierung lästig und ausgewiesen. ES ist eine Politik, die provozierend und gleichzeitig lächerlich wirkt. Denn wenn daS Deutsche Reich nun einmal die Umsturzbcstrebungen von 3s4 Millionen Sozialdemokraten aushalten muß, so wird eS auch durch die paar Hundert Ausländer schließlich nicht erheblich mehr gefährdet. Es ist übrigens zu erwarten, daß über die preußische AuSweisungSpraxis auch im österreichischen Parlamente so scharf geredet werden wird, wie kürzlich im italienischen. Soldaten im Dienste des Duellunfugs? Dieser Tage brachte das.Berk. Tagebl." aus Blankenburg am Harz eine Korrespondenz über ein Duell, in dem der Oberleutnant Zwitzer vom Infanterie« Regiment Nr. ISö in Blankenburg von seinem Gegner, dem Oberleutnant Gronier vom Infanterie-Regiment Nr. 61, erschossen wurde. Die Veranlassung zu dem.ritterlichen Zweikampf" war der Umstand, daß Zwitzer sich gegen die Braut GronierS uuritterlich benommen haben soll. DaS Duell unterscheidet sich alsv in Begleitumständen und Verlauf nicht von Dutzenden anderer derartiger törichter Schießereien. Wenn wir es doch noch nachirSalich erwähnen, so geschieht es um der folgenden Stelle aus der Schilderung: .... Zwei Aerzte waren zur Stelle, derPlatz war in großem Umkreise von zwei Sektionen Soldaten gesperrt, auf dem Bahnhof Blankenburg stand eine Lokomotive mit einem Babm'anität'wngeu bereit, in dem dann der Verwundete in das Halberstädter Krankenhaus geschafft wurde...." Wir haben erwartet, daß das Kommando des Regiments Nr. 165 oder irgendeine andere beteiligte militärische Behörde dem.Berliner Tageblatt" sofort eine Berichtigung senden würde, in der die� hier wiedergegebene Behauptung über die Rolle der Soldaten bei der Affäre kategorisch dementiert werde. Bis heute ist das aber nicht geschehen! Ms also wahr, daß die Soldaten von ihren Vorgesetzten dazu befohlen werden, Osfizicrcn ungebetene Zuschauer und Störungen vom Leibe zu halten, wenn die Herren dem deutschen Strafgesetz zuwiderhandeln wollen? Die höchste Militärbehörde hatte allen Anlaß, darüber der Oeffentlichkeit unverzüglich Auskunft zu geben. Tut sie es nicht, so wird sich der Kriegsminister im Reichstag dazu bequemen müssen._ Eine Reichstagsnachwahl steht für den Wahlkreis Coburg in Aussicht. Der den Kreis seit der letzten Wahl vertretende nationalliberale Abgeordnete Justizrat Quark ist gestorben. Um den Coburger Wahlkreis ist immer heiß gestritten worden. Ehemals war er ein fester Be- sitzstand der Freisinnigen, die Siemens und später Bcckh- Nürnberg in den Reichstag sandten. Bcckh konnte aber nur in der Stichwahl mit sozialdemokratischer Hilfe gewählt werden. Bei der Wahl 190:3 wurde dor Freisinn aus der Stichwahl gedrängt und unsere Gc- nassen standen den vereinigten Nationalliberalen und Landwirts- bündlern gegenüber. T.ex.Freisinn" fiel natürlich nm; die meisten seiner Wähler stimmten für den Nationalliberalen, so daß unser Kandidat, Genosse Krüger- Halle, mit 33V Stimmen unterlag. Bei der Hottentottenwahl 1307 gingen die Freisinnigen wiederum mit den Nationalliberalen und Bündlern in der Stichwahl zu- sammen. Mann für Mann traten die Freisinnigen für den bündle- rtfchen Nationalliberalcn ein, der 7852 Stimmen erhielt, während unser Kandidat, Genosse Z i e t s ch- Charlottcnburg, 4780 Stimmen erlangte. Die zwischen der letzten Wahl und heute liegenden Vor- kommnisse im politischen und wirtschaftlichen Leben dürften auch auf die bevorstehende Wahl wirken und nicht ohne günstige Folgen für uns bleiben._ Zweierlei Mast. Zu den Mitteilungen, daß der Bundesrat die Herabsetzung der Zuckersteuer verhindern will, schreibt die„Deutsche Tageszeitung" entrüstet: „Wir mutzten einem solchen Plane auf das entschiedenste widersprechen. Die Herabsetzung der Zuckerstener ist bedingnngs- los und feierlich zugesagt'worden; und nur diese Zu- sage der Verbündeten Negierungen hat eine ganze Anzahl von Mitgliedern des Reichstags dazu vermocht, trotz schwerer Be- denken der Brüsseler Konvention ihre Zustimmung zu geben. Es mutzte das Vertrauen zu feierlichen Negierungserklärungen be- deutlich beeinträchtigen, wenn der Bundesrat so leicht von einer derartigen Zusage abgehen wollte. Ein solches Verhalten wäre um so unverständlicher, als unter einer Aufrechterhaltung der gegenwärtigen Zuckerstener nicht nur weiteste Kreise der Landwirt- schaft, sondern auch die ganze Bevölkerung zu leiden hätte und es sich hier um einen Konsum handelt, dessen Ausdehnung und Verbreitung im Interesse einer gesunden B o lksernä h run g überaus wünschenswert ist." Das ist gewiß richtig. Nur daß bei diesen Leuten die Gesamtheit des deutschen Volkes nur dann Berück- sichtigung findet, wenn dies in Einklang zu bringen ist, mit agrarischen Profitintcrcssen. Noch wichtiger.und un- entbehrlicher als der Konsum des Zuckers ist der des Brotes. Da aber hier nicht die Verbilligung, sondern die Ver- teuerung das Einkommen der Agrarier er- höht, so wehren sich die Brotwucherer ohne jede Rücksicht aus die Volksgesundheit gegen die Herabsetzung der Getreide- zolle trotz der Hungersnotpreise. Wirkungslos. Der.Reichsbote' hält gegenüber der gestrigen Ableugnung Bethmann-HollwegS seine Mitteilungen aufrecht. Er schreibt: Was über mangelnde Konkordanz oder Kongruenz im Bundes- rat, der notabcne nicht etwa einzig und allein im Deutschen Reiche über der Kritik steht, bisher mehr. angedeutet als spezifiziert wurde, bezog sich darauf, datz über die Würdigung und die Traglveite des Blocks und der Blockpolitik die Meinungen Verschiedentlich auSeiit andergingen. Dadurch wurde die Kraft der praktischen Eni- schlietzung gehemmt, vom Bundesrat aus ein konzentrisches Benehmen mit Parteien des Reichstags dann wirksam werden zu lassen, wenn Gefahr im Verzuge war. Die feierliche Erklärung hat also den Herren vom Bundesrat nicht einmal bei dem frommen.Reichsboten" das geringste genützt. Zur Nachwahl in Neustadt-Landau. Der Agitationsausschutz der Freisinnigen Volks- Partei hat soldenden Beschlutz gesatzt: Wegen der Abmachungen des Blindes der Landwirte mit den Nationalliberalen soll, wenn möglich, ei» eigener Kandidat aufgestellt werden. Andernfalls ist strikte Wahlenthaltnng zu proklamieren. Keinesfalls aber soll die nationallibcrale Kandidatur Buhl in irgend einer Weise unterstützt werden._ Wenn das Zentrum herrscht. In Donaueschingen im badischen Schwarzwald, dem Sitz des Fürsten von Fürstenberg, hat bei der letzten Gemeinderatswahl das Zentrum gesiegt. Jetzt soll ei» neuer Bürgermeister gewählt werden. Der Zentrumsführer Bauer, Redakteur des katholischen Organs für Donaueschiiigen, stellte folgende Forderungen für den zu wählenden Bürgermeister auf: Er mutz 1. katholisch sein, 2. in katholischer Ehe leben, 8. seine Kinder katholisch erziehen lassen, 4. seinen religiösen Verpflichtungen nachkommen. lJn letzter Be- ziehung habe für ihn Fürst von Fürstenberg vorbildlich zu win. Erfülle der neue Bürgermeister die verlangten Obliegenheiten nicht, würde ihin die Zent'rumSmehrheit bei jeder Gelegenheit Opposition machen._ GrandingerS Fluch. Der.Nordhalbener Grenzbote", das Organ des bayerischen liberalen Abgeordneten Pfarrer Grandinger, verleiht seiner Eni- rüstung über das Verhalten von Zentrum und Konservativen gegen- über der ReichSfinanzreform mit folgenden Worten Ausdruck: .Zentrum undKonfervarive haben die Erbschaftssteuer abgelehnt. Acht Elimmchen ist die Mehrheit. Dem Zentrum half die dreckige Pollackei. Der Teufel fahre mitten hinein in den schwarzblauen Block, der das Reichs schnöde in Schulden stecken lätzt, der auf den Kanzler deS Reiches pfeift und für den die kaiserliche Mahnung Luft ist. Und abermals fahre der Teufel mitten hinein in den schwarzblaucn Block, der sich antideutsch bis an die Knochen zeigte, der uns dem Ausland zum Gespött überliefert und der auf die Jnnker- und Rittergcldbeutel den Daumen legt und die armen Leute Steuern zahlen lätzt. Und zum dritten Male fahre der Satan in die schwarz- blaue Blockblase, die Miuisterstllrzerci auf Volkes Unkosten treiben will, die miteinander einen Eid geleistet hat, fürs Wohl des Reiches zu arbeiten, die im Verein mit den JnSly und Omsky Schindluder tnit dem StaatSgedanken treibt." Oesterreich. Gegen die preußische Wien, 2. Juli. Im Einlauf gSPrnxiS. �eordnetenhauses be- findet sich eine Interpellation des Soztaldemo kraten Doetsch über die Behandlung der öfter- reich ischen StaatLdürge r.jn Preußen.— Gegen die tschechische Obstrilktion. Die österreichische Sozialdemokratie sucht daS Spiel der agrarischen tschechischen Reaktionäre, die, um Handelsverträge mit dem Balkan zu hintertreiben, daS Parlament arbeitsunfähig machen wollen, zu hintertreiben. Sie hat deshalb heute im RcichSrat neue DringlichkeitSanträge eingebracht. frankreick. Nachspie! zum Postsireik. Pari?» 2. Juli. Das Zuchtpolizeigericht von Versailles der- urteilte zwei frühere P o st b e d i e n st e t e, welche während des Poftstreiks mehrere Telegraphen leitungen zerstört hatten, zu je zwei Jahren sechs Monaten Gefängnis. Snglanc!. Ein politischer London, 2. Juli. Gestern schos auf den Obersten im indischen Wyllie, tötete ihn und Schanghai namens CawaSlalcaca f verhaftet; man fand zwei gclal bei ihm. Oberst Curzon Wyllie w als er aus einer von mehreren hu sammlung dtzr indischen Gesellschafts Der Attentäter ist der 22jährige Hindu Madar Lal aus Dhinagri. Der Mörder wurde am Freitag dem Polizeigcricht vorgeführt. Er trug eine gleichgültige Haltung zur Schau, schüttelte auf die Frage, ob er etwas zu seiner Entschuldigung anzu- führen habe, den Kops, erklärte aber, er habe auf den Arzt nur in der Notwehr geschossen, als dieser auf ihn eingedrungen sei. OrKei. Ein Verfahren gegen Abdul Hamid? Konstantinopel, 1. Juli.(Meldung der„Agence Havas".) Das Kriegsgericht hat die Untersuchung über die Er- zu Ende geführt und beschlossen, den Staatsgerichtshof zu cignisse vom 13. April Abdul Hamid vor stellen.— ndischer Student William Curzon e einen Arzt aus >er Student wurde r und einen Dolch Augenblick getötet, dcnten besuchten Ver. �erNen. Ausbreitung der Revolution. Teheran, 1. Juli.(Meldung der Petersburger Telegraphen- Agentur.) Zweihundert Bachtiaren ziehen aus Kum nach Karidfh, um sich mit den Nebolutionären zu vereinigen. In der Hauptstadt sind sämtliche Bazare geschlossen, die Ministerien haben ihre Tätigkeit eingestellt, die Bevölkerung bcrlätzt die Stadt. Die KaSwiner Revolutionäre richteten an die ausländischen Gesandtschaften einen Protest wegen der russischen Offiziere und der Kosaken- brigade. Sie machen Rutzland für das bevorstehende Blutvergießen verantwortlich. Mrokko. Neue Niederlagen. Paris, 2. Juli. Nach einer Meldung aus Fes vom 28. Juni haben die A i t i u s s i und die A i t s a r h u s ch i die Cherarga bei Sesru südlich von Fes angegriffen. Die drei Mahalla des Sultans wurden in einen Hinterhalt gelockt und erlitten schwere Verluste, vermochten jedoch ihr Lager wieder zu erreichen. Die Angriffe dauern fort. Der Wachsen ist unruhig über einen grossen Erfolg, den Mulay Kebir neuerdings über den Kaid Zaiani errungen hat, dessen zwei Söhne gefallen sind. Nach einer noch nicht bestätigten Meldung ist Mulay Kebir in Mekines eingerückt.— Hus der Partei. Noch ein letztes Wort zur Affäre der„S. M.". Es wird uns geschrieben: Auf das„letzte Wort" des Genossen Bebel auch mein letztes Wort. Genosse ide'M fügt seinen früheren Verdächtigungen die neue hinzu, die Verwaltung der„Sozialistischen Monatshefte" würde, wenn der Parteivorstand die Bücher geprüft hätte, diesen getäuscht haben. Das ist einfach eine niedrige Unterstellung, auf die auch nur einzugehen ich ablehnen mutz. Auch seine Gewährsmänner Elvert und' Schmidt sind ge- zwungen, meine und des Genossen Wolf Darstellung zu bestätigen. daß ich nicht mit der sogenannten„Liste" von Stadt zu Stadt gereist bin, daß die Liste vielmehr das Verzeichnis der Geldgeber für das Frankfurter Gewerkschaftshaus enthielt und mir von Parteigenossen in Frankfurt gegeben wurde. Diese ver- trauenswürdigen Ehrenmänner wissen aber nicht, wen von diesen Herren ich besucht habe. Was sie über meine„Absichten" aussagen, sind leere Vermutungen, die ein anständiger Mensch ohne Beweise nicht äußern würde. All ihr Gerede widerlegt auch nicht im mindesten das, was ich wahrheitsgemäß behaupte, datz ich von allen diesen Herren nur Charles Hallgarten um eine Unterstützung des BlatteS gebeten und von ihm eine solche erhalten habe, und dies unter HallgartenS ausdrücklicher Erklärung, er gehöre keiner Partei an. Ich muß hier einen Irrtum deS Genossen Wolf berichtigen. Nicht Herr Hallgarten hat mir 100 M. gegeben, sondern eine Ge- nossin hatte dies Geld von einer Dame erbeten und erhalten; ich habe es aber zurückgeschickt, weil diese Dame sich vorwiegend der Witwen- und Waisenpflege widmet, und ich das Geld diesem Zweck nicht entziehen wollte. Herr Hallgarten hat mir erst später die 5000 M. überweisen lassen. Genosse Wolf konnte dies damals nicht wissen......... Herr Hallgarten pflegte wissenschaftliche Uniernehmun'geN gu unterstützen im Interesse der Wissenschaft, nicht aus Partei- tendenzen. Nicht das geringste spricht dafür, daß er mit der Zu- Wendung an die„S. M." andere Zwecke verfolgt hätte. Die Be- haupwng, die mehr oder weniger ausgesprochen den Angriffen gegen die„S. M." zugrunde liegt, und auf die allein es ankommen kann, datz nämlich Hallgarten durch seine Geldspende die Sozial- demokratie habe korrumpieren wollen, und daß die Leitung der „S. M." durch die Annahme die Partei an bürgerliche Gegner verkauft habe, ist eine Beleidigung des verstorbenen Hallgartcn und des Redakteurs der„S. M.", und für sie ist trotz allen Ge- schreibe» der Genossen Dittmann. Elvert, Schmidt und Bebel nicht der geringste Beweis erbracht. Es mag nunmehr den Lesern überlassen bleiben, sich selber ein Urteil über derartige aus der Luft gegriffezie unqualifizierbare Verdächtigungen zu bilden. M. Mündt. Geschäftsführerin des Verlages der„Sozialistischen Monatshefte", G. m. b. H. «•• Genossin Mündt hat in ihrer Erklärung den Wunsch des Ge- Nossen Bebel, keine Rücksichten auf seine Person zu nehmen, sehr beflissen befolgt. Ihre Position und die der„S. M." verbessert sie durch die arroganten Anwürfe gegen einen Mann wie Bebel nicht, dazu ist die Distanz zu gross. Stark an Komik streift die anmatzende Bemerkung gegen die Genossen Elvert und Schmidt. Sie werden angefahren, weil sie ans der Tatsache, datz sich die Genossin Mündt die Namen mehrerer vermögender Bürgerlicher angeben lietz, den Schlntz zogen, datz die Genossin Mündt die Absicht hatte, diese Herren um Geld anzugehen. Wenn sie in den Augen der Genossin Mündt vertrauenswürdige Ehrenmänner sein wollten, so hätten sie wohl schlietzen müssen, datz die Genossin Mündt sich die Namen geben lieh, um nicht versehent- lich diese Herren um Geld anzugehen. Ucberblickt man jetzt die Angelegenheit, so bleibt ein erheb- sicher Rest, der für den Sozialdemokraten zu tragen peinlich ist. Festgestellt ist nun, datz die.S. M." 5000 M. von einem Mann erhielten, der ztvar als Ausländer formell keiner Partei angehörte, tatsächlich aber ein Linksliberaler war. Der Versuch, diese Spende mit einer Zuweisung einer Gesellschaft für Wohlfahrtseinrichtungen an die Herbergskommission der Frankfurter Gewerkschaften und der Hergabe einer Hypothek an das Frankfurter GewerkschaftShauS gleich- zustellen, kann nicht verfangen. Eine Herberge, ein GewcrkschaftshauS sind nicht Mittel, durch die man Einflutz auf die Theorie und Taktik der Sozialdemokratie gewinnen oder zu gewinnen versuchen kann. Eine sich sozialistisch nennende Zeitschrift aber ist ein solches Mittel. Ob Hallgarien eine solche Einwirkung gewünscht hat, lätzt sich natürlich nicht feststellen. Gewiss aber ist, datz ihm die Haltung der „S. M." gefallen hat und datz er voraussetzte, datz sie ihm später leinen Grund geben würde, seine Unterstützung zu bedauern. In der Leitung der„S. M." hat das Gefühl für diese Tatsache Frankfurt, die von den Genossen Schmidt und Elvert bestimmt be» kündet, von der Genossin Mündt bestritten, vom Genossen Wolf als möglich zugegeben, aber ins Harmlose auszudeuten versucht wird. Diese Deutung ist etwas sehr gesucht. Genosse Wolf gibt dabei selbst zu, datz die liberalen Herren, deren Namen er der Genossin Mündt gab. die„extremen Ansichten unseres linken Flügels" wahr- scheinlich für bekämpfenswert halten. ES liegt also sehr nahe, die Wendung, datz diese Leute„das grötzte Interesse an der Erhaltung der„S. M." haben", anders zu deuten. Damit ist der springende Punkt der Angelegenheit erreicht. DaS ist der: die Leitimg eines Organs, das beständig Kritik an der Taktik und Theorie der Partei übt, hätte vor allem Grund, auch den Schein irgend einer Spur von Abhängigkeit von bürgerlichen Kreisen zu vermeiden. Ganz besonders aber finanzielle llnterstützungen aus solchen Kreisen l Soziales* Ein skandalöser Fall von Dieustbotcnsklaverri war jetzt Gegenstand einer Verhandlung vor dem Schöffengericht in Dresden. Wegen Nötigung hatten sich die verwittvete Frau Reihig und deren Tochter aus Nadebeul bei Dresden zu verant- Worten. Ein ISjährigcs Dienstmädchen, welches bei R.'s in Stellung war, wurde fchlecht behandelt. Das Mädchen vermochte dies nicht auf die Dauer zu ertragen und kündigte deshalb die Stellung. Während der Kündigungsfrist kam es, wie schon oft vorher, zwischen der„Dienstherrin" und dem Mädchen zu Differenzen. Nichts machte das Mädchen nach Ansicht ihrer„Herrin" mehr gut genug. Ausserdem wurde das Mädchen verschiedentlich schikaniert. Als dem Mädchen eines TageS abermals Vorwürfe über ihre Arbeit gemacht wurden, geriet das Mädchen in eine grosse Erregung und sagte zur„Herrin":„Sie treiben eS auf die Spitze, das halte ich nicht mehr auS, ich gehe jetzt!" Das Mädchen begab sich nach ihrer Kammer, kleidete sich um und wollte sich bei der Polizei über die Behandlung beschweren. Währenddessen verschlossen aber die beiden Angeklagten die HauStllr, damit das Mädchen an der Aus- sührung des Planes verhindert wurde. DaS Mädchen verlangte die Oeffnung. Sie wurde mit dem Hinweis verweigert, datz es lieber an die Arbeit gehen solle. Wegen dieser Gefangenhaltung geriet das Mädchen begreiflicherweise in eine grosse Erregung. Es rüttelte an der Tür und verlangte wiederholt, hinausgelassen zu werden; jedoch umsonst. Die Erregung des Mädchens steigerte sich immer mehr und artete schliesslich in Schreien und Toben aus. In ihrer Verzweiflung lief das Mädchen die Treppen hinauf, bestieg das Dach und sprang aus die Straße, um in die Freiheit zu gelangen. Mit schweren Verletzungen und bewußtlos blieb das Mädchen liegen? es mußte in das Krankenhaus übergeführt werden. Das unglückliche Mädchen hat jetzt, nach vier Monaten, noch schwer unter den Folgen des Verzweifluilgssprunges zu leiden. Es kann sich schwer fortbewegen, und es ist zu befürchten, datz es ihr Leben lang unter den Folgen zu leiden hat. Die Angeklagten wollen, wie sie bor Gericht angeben, nicht gewußt haben, datz das Mädchen zur Polizei gehen wollte. Sie hätten es ausserdem für ihre Pflicht gehalten, daS Mädchen zurückzuhalten, weil sie verhindern wollten, daß dieses sich ein Leid antut. Das Schöffengericht erkannte auf--- Freisprechung. Die beiden Angeklagten hätten in„berechtigter Selbsthilfe" gehandelt. Das Gericht stützte sich dabei aus den§ 33 der sächsischen Gesinde- ordnung, wonach ein Dienstbote die Wohnung der Herrschast nicht ohne deren Genehmigung in eigener Angelegenheit verlassen darf. Da die Angeklagten nach ihrer Behauptung, der man Glauben beigemessen hat, nichts davon gewußt haben, daß daS Mädchen zur Polizei wollte, sei die Herrschaft zur Zurückhaltung des Mäd- chens berechtigt gewesen. Aber auch subjektiv seien die Angeklagten berechtigt gewesen, das Mädchen zurückzuhalten, weil es sehr aufgeregt war. Auch der AmtSanwalt hatte Freisprechung beantragt. Das Urteil schlägt gesundem Rechtsempfinden ins Gesicht und schreit geradezu nach enolicher Beseitigung der Gesindeordnungen. Auch ein Acrztckonflikt. Der dirigierende Arzt des LtreiSkrankenhauseS zu Salzwedel, Dr. Appun, geriet mit der hochadligen Oberin des Krankenhauses in Differenzen, die in dem Benehmen der Oberin ihre Ursache haben sollen. Die Oberin wandte sich an den Landrat de? Kreises Salzwedel. Dieser kündigte schliesslich dem Arzt und sorgte für einen Nachfolger. Dessen Bleiben sollte aber nicht lange sein. Denn die VertrtzgSkommission der Aerztekammer wies ihn an. sofort seine Tätigkeit einzustellen und verhängte außerdem die Sperre über daS Krankenhaus. Das hat nun zur Folge gehabt, datz das Krankenhaus am 1. Juli geschlossen worden ist. Die Leid- tragenden des landrätlichen Eingriffs find die Kranken. Die Rechtlosigkeit der Landarbeiter wurde wieder in einer Verhandlung dargctan, die vor dem Schöffengericht in Krossen a. O. stattfand. Angeklagt war ein Borschnittcr, der dem Besitzer deS Rittergutes Tammendors und gleichzeitigen Amtsvorsteher bei der Festnahme Widerstand ge- leistet und auch noch mißhandelt haben sollte. Der Angeklagte sagte aus, daß er für das Gut etliche Arbeiter besorgt und diese kon- traktlich gegen eine besondere Vergütung zu beaufsichtigen gehabt habe. Eines TageS hätte er keinen Lohn, wohl aber die Auf- forderung erhalten, selbst mitzuarbeiten. Das habe er nicht getan, weil es kontraktlich anders ausgemacht gewesen wäre. Da sei der Gutsinspektor gekommen, um ihn zu verhaften. Natürlich habe er sich in Wahrung seines SiechteS geweigert, mitzugehen. Nicht lange danach wäre der Gutsbesitzer selbst gekommen, um die ungerechte Handlung vorzunehmen. Das hätte ihn aber nicht ab- gehalten, von neuem sein Recht zu wahren. Doch hätte ihn der Gutsbesitzer nun ohne weiteres am Halse gewürgt und geschlagen, so datz er in der Notwehr nun zur Selbstverteidigung habe greisen müssen. Der Gutsbesitzer suchte natürlich die Sache anders dar- zustellen und meinte zur Rechtfertigung seines Vorgehens dem Vorschnittcr gegenüber, daß dieser nicht zum Aufseher zu brauchen gewesen wäre, außerdem auch seine Leute„aufgewiegelt" hätte. Er habe bei dem Aussprechen der Verhaftung nur die Hand auf die Schulter des Vorschnitters„gelegt", und das schon habe diesen veranlaßt, auf ihn einzudringen. Im übrigen war an seiner Aussage noch bemerkenswert, daß er mit einem aus einer eisernen Lanze gefertigten Stock nach dem Hause der Schnitter gegangen ist! Ob er ihn gebraucht hat, konnte nicht festgestellt werden. Die übrigen Zeugenaussagen ergaben, daß sich der Gutsinspektor mit in den Streit einmischte und mit einem glcvolver bewaffnet war; daß er den Vorschnitter schließlich aus der Stube gezerrt und gefesselt hat, daß dieser aber von seinen Kameraden wieder befreit und mit fortgenommen wurde, da sie alle die Arbeit niedergelegt hatten. Die Entlastungszeugen bekundeten, der Amtsvorsteher hsibe den Vorschnittcr an der Gurgel gepackt, und dessen„AuswkcgekuKg" hätte darin bestanden, daß er zu seinen Kameraden äußerkc: Er gehe, da die Forderung, mitzuarbeiten, gegen den Kontrakt sei, wer mit wolle, solle mitkommen. Sie hätten jedoch erst nach dem Streit die Arbeit niedergelegt, und zwar aus Aiigst. Der Amts- anwalt beantragte darauf nickt weniger als drei Monate Ge- fängnis. Dem schloß sich der Vertreter des als Nebenkläger zugelassenen Gutsbesitzers an und beantragte außerdem noch eine Geldbuße von 233 M. Der Verteidiger kennzeichnete das Vorgehen deS Gutsbesitzers mit Recht als unerlaubt und gesetzwidrig. Der Angeklagte brauchte sich diesen Eingriff in seine persönliche Freiheit nicht gefallen zu lassen, und bei Freiheitsberaubung könnte sich jeder Bürger des Angriffs erwehren. Im übrigen habe er gegen den Gutsbesitzer und den Inspektor Strafantra s wegen Körperverletzung gestellt. Er beantragte Freisprechung. Seinen Deduktionen schloß' sich das Gericht an. Der Angeklagte wurde freigesprochen, die Kosten hat die Staatskasse zu tragen. Treffliche Zustände: Der Gutsherr und der GutSinspektor begehen rechtswidrige Handlungen. Nicht sie, sondern der in piul Institute kam. I nicht gefehlt. Das zeigt die Aeutzerung in der Zusammenkunft in seinem Recht schwer verletzte Vorschnitter wird angeklagt Gcwcrkfcbaftlicbee. Sie Krise in der britischen Kohlcnindustrie. London, 30. Juni.(Eig. Der.)' � Am I. Juli tritt das Achtstundengesetz für Bergleute in Kraft; allein soweit man im gegenwärtigen Augenblicke urteilen kann, wird es nur durch schwere und umfangreiche Kämpfe zur Geltung gelangen. Die Ursache dieser Kämpfe läßt sich in wenigen Worten erklären: Die Minenbesitzer versuchen, die Kosten des Achtstunden- gesetzes auf die Schultern der Arbeiter abzuwälzen. Den Mittelpunkt des Kampfgebietes bildet Südwales mit seinen reichen' Kohlenfeldern, die 190 000 Bergleute und Hilfsarbeiter beschäftigen und etwa 40 Millionen Tonnen Kohle jährlich fördern im Werte von 13 Millionen Pfund Sterling. Etwa 25 Prozent der südwalisischen Kohlenförderung ist zur Ausfuhr be- stimmt. 1 Die Arbeitsverhältnisse in diesem Gebiete wurden in den letzten Jahren durch einen Einigungsamtsvertrag reguliert, der noch bis zum 31. Dezember 1909 zu laufen hatte. Dem Vertrage gemäß betrug die Arbeitszeit 54 Stunden pro Woche. Das Acht- stundengesetz, das dem parlamentarischen Drucke der Bergarbeiter- Vertreter zu verdanken ist und das die wöchentliche Arbeitszeit auf 48 Stunden festsetzt, tritt aber schon am 1. Juli, also sechs Monate vor Ablauf des Einigungsamtsvertrages, in Kraft. Die Minenbesitzer verlangten von den walisischen Bergarbeiterver- tretern, daß sie bei der Regierung dafür eintreten, die Jnkraft- tretung des Achtstundengesetzes bis zum 1. Januar 1910 zu der» schieben, um inzwischen über den Abschluß eines neuen Vertrags unterhandeln zu können. Dieses Verlangen wurde von den Berg- leuten abgelehnt. Hierauf ließen die Minenbesitzer am 1. Juni den Arbeitern die einmonatige Kündigung zugehen, da das am 1. Juli in Kraft tretende Achtstundengesetz die bestehenden Verträge beseitige und beide Parteien von ihren Verpflichtungen entbinde. Diese Begründung der Kündigung war aber nur ein Vorwand, denn wie es sich bald zeigte, machten die Minenbesitzer den Ver- such, die Arbeitsverhältnisse zuungunsten der Arbeiter zu ändern. Sie stellten eine ganze Reihe von Forderungen auf, von denen die beiden folgenden die wichtigsten sind: 1. Einführung von Doppelschichten oder Erhöhung der Ar- beitcrzahl von zwei auf drei Mann in jeder Abbaustrecke; 2. die 60 Ueberstunden, die das Achtstundengesetz im Jahr gestattet, so zu verteilen, daß regelmäßig je einen Tag der Woche neun Stunden gearbeitet werden soll, während die noch bleibenden acht Stunden für besonders dringende Fälle zu re- servieren sind. Die Minenbesitzer verlangten auch die Zustimmung der Ar- beiter zu einer Lohnherabsetzung entsprechend der Verkürzung der Arbeitszeit, aber sie stellten vorläufig diese Forderung zurück, um vorerst eine Einigung betreffend Toppelschichten und Ueberstunden zu erzielen. Seit der Kündigung fanden fortgesetzt Konferenzen der Minen- besitzcr und Bergleute statt. Bei diesen Konferenzen sind folgende auseinanderzuhalten: der südwalisischen Bergleute in Cardiff und der Führer des Verbandes der britischen Bergleute in London. Aber alle diese Konferenzen waren die Folge der Schwierigkeiten, die der Einführung des Achtstundentages entgegengesetzt wurden. Soweit bei Niederschrift dieser Zeilen bekannt ist, sind die. Kon- ferenzen erfolglos geblieben. Die Bergleute lehnten die Forderungen der Minenbesitzer ab. Sie erklärten: Doppelschichten oder Erhöhung der Arbeiterzahl in jeder Abbaustrecke würden erstens die Gefahren und die Un- fälle in den Gruben erhöhen und würden auch zur Ueberproduktion und deshalb zu Lohnherabsetzungen führen. Und was die 60 Ueber- stunden betrifft, so seien sie vom Gesetze nur als Ausnahmen, aber nicht als Regel vorgesehen worden. Wäre es die Absicht der Gesetz- (Tber gewesen, einen Tag der Woche regelmäßig neun Stunden arbeiten zu lassen, so würden sie das im Gesetze gesagt haben. S ie Bergleute seien bereit, neue Verträge abzuschließen und etwaige Differenzen dem Einigungsamte vorzulegen, aber am Achtstundengesetze dürfe nicht gerüttelt werden. Die Forderungen der Minenbesitzer seien aber nur darauf berechnet, die Vorteile, die das Achtstundengesetz den Arbeitern bringen könnte, illusorisch zu machen* i Demgegenüber sagen die Minenbesitzer: wir wollen Herren im Hause bleiben und unsere Betriebe so einrichten, daß sie ren- tabel sind. In den meisten der südwalisischen Gruben würde die effektive Arbeit nur höchstens 614 Stunden pro Tag währen, wenn das Achtstundengesetz so angewandt würde, wie die Bergleute es wünschen. i i Bei der letzten gemeinschaftlichen Konferenz zwischen den Ver- tretern der Minenbesitzer und der Bergleute beantragte der schottische Bergarbeiterführer Smillie, daß die Minenbesitzer die Kündigung bis zum 31. Juli verschieben. Der Antrag wurde von den Minenbesitzern abgelehnt. Am 13. Juni hielten die walisischen Bergleute eine Konferenz. in Cardiff ab, die von 273 Delegierten besucht war. Die Verhdnd- lungen wurden unter Ausschluß der Oeffentlichkeit geführt und be- trafen die oben erwähnten zwei Forderungen der Minenbesitzer, betreffend Doppelschichten und 60 Ueberstunden. Die Delegierten nahmen einstimmig folgende Resolution an: „Die 5lonferenz kann— trotz ihres Wunsches, den industri- eilen Frieden in den südwalisischen Kohlenfeldern aufrechtzu- erhalten— die Vorschläge der Mincnbesitzer nicht annehmen. Sie ist ferner der Ueberzeugung, daß die Vorschläge der Ar- beitervertreter betreffend eine Regelung dieser Frage so weit- gehend sind, daß weitere Konzessionen nicht gemacht werden können., Sollten die Minenbesitzer zum Mittel der Aussperrung greifen, so müßte die Konferenz des Verbandes der britischen Bergleute, die jetzt in London tagt, instruiert werden, die An- Wendung der Satzung 20 zu beschließen." Satzung 20 des Verbandes der britischen Bergleute lautet: „Wenn irgendeine Distriktsorganisation in Lohnfragen angegriffen wird, so sollen alle Mitglieder des Verbandes die Kündigung ein- reichen, falls eine zu diesem Zwecke einberufene Konferenz einen derartigen Schritt billigt."! Die südwalisischen Bergleute verlangen also vom Verband, das}! eine Aussperrung in Südwales mit einem allgemeinen Streik dür britischen Bergleute beantwortet werden soll. ' Am 29. Juni nahmen die Delegierten des Verbandes in London 'den Bericht der südwalisischen Konferenz(von Cardiff) entgegen und faßten folgenden Beschluß: i „Nachdem wir den Bericht von Südwales gehört haben. der den Konflikt über die Jnkrafttretung des Achtstundengesetzes behandelt, billigen wir die Haltung der südwalisischen Konferenz gegenüber den Minenbesitzern betreffend die Forderung, ihnen in bezug auf Schichtenzahl und Ueberstunden vollständig freie Hand zu lassen, und wir empfehlen den Arbeitern, im Falle einer Aussperrung der südwalisischen Bergleute die Satzung 20 zur Ausführung zu bringen. Um den Distrikten Gelegenheit zu geben, die Empfehlung zu besprechen und eine Urabstimmung ,lt darüber zu veranstal.-n. vertagt sich die Konferenz bis zu einem bestimmten Datum lm Monat Juli, an dem die Taktik des Verbandes definitiv festgesetzt wird, wobei zu bedenken ist, daß die Taktik davon abhängt, ob die südwalisischen Minenbesitzer die Zustimmung zu einer erheblichtn Lohnherabsctzung verlangen werden." In dem Konflikt sind demnach folgende Faktoren zu beachten: 1. Der Konflikt in Südwales, der sich hauptsächlich um Doppelschichten oder um Erhöhung der Arbeiterzahl in jeder Ab- baustrecke, dann um die Ueberstunden dreht; 2. die Stellung- nähme des ganzen Verbandes der britischen Bergleute, die aber davon abhängt, ob die südwalisischen Minenbesitzer eine Lohnherabsetzung durchsetzen wollen, denn nur in einem derartigen Falle könnte die Satzung 20 zur Ausführung gelangen, also ein allgemeiner Streik der britischen Bergleute herbeigeführt werden. Außer dem Konflikte in Südwales, wo es sich um das Acht- stundengesetz handelt, bestehen Lohnschwierigkeiten in den Berg- Werksdistrikten in Schottland: die Mincnbesitzer wollen den Tag- lohn um 12,5 Proz. herabsetzen. Artur Henderson, der Führer der Arbeiterfraktion, sprach gestern in der Provinz in einer öffentlichen Versammlung über den Konflikt in der Kohlenindustrie. Er sagte: „... Meiner Ansicht nach sind die Ansprüche der Minen- bcsitzer derartig, daß sie den Verdacht rechtfertigen, sie seien darauf gerichtet, das Achtstundengesctz illusorisch zu machen. Kommt es zu keiner Einigung, so wird man daraus den Schluß ziehen müssen, daß der Geist des Entgegenkommens und der Versöhnlichkeit, der seit Jahren in der Kohlenindustrie herrschte, rasch zu Ende gehe. Ich möchte besonders hervorheben, daß, wenn der Kampf einmal ausbricht, es schwierig sein dürfte, ihn auf die Kohlenindustrie zu beschränken. Es ist wesentlich, daß sich die ganze organisierte Arbeiterschaft hinter die Bergleute stellt, und ich glaube, das wird auch geschehen, wenn die Arbeiter die drohende Haltung der Minenbesitzer begreifen." Berlin unck Qmgegenck. Abwehrmaßregeln gegen die Lohnbrückereien i» der Album« und Galanteriewarenindustrie. In der Album-, Mappen- und Galanteriewarenindustrie haben die Arbeiter und Arbeiterinnen infolge der wirtschaftlichen Krise in besonders starkem Maße unter Lohndrückerei zu leiden, die um so schwerer zu ertragen ist, als es sich hier immer mehr um Saisonarbeit handelt, die meisten also mit einer Jahr für Jahr wiederkehrenden Zeit der Arbeitslosigkeit zu rechnen haben. Das fortgesetzte Bestreben einiger Fabrikanten, die Lohnverhältnisse zu verschlechtern, hat bereits im Laufe dieses Jahres zu mehreren Abwehrbewegungen in den einzelnen Werkstuben geführt, und es zeigte sich hierbei, daß, wenn die Arbeiter und Arbeiterinnen gut organisiert sind und fest zusammenhalten, es auch jetzt in der Zeit der Krise wohl möglich ist, der Lohndrückerei einen Damm ent- gegenzusetzen. Am Mittwoch fand nun bei Graumann in der Naunynstraße eine große Versammlung jener Branchen des Vuchbinderverbandes statt, in der der Verbandsvorsitzende K l o t h über die Aufgaben der Gewerkschaften in der K r i s e n z e i t sprach. Im Anschluß an den mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag Kloths sprach Brucks als Vertreter der Branchenleitung über die Mittel, den ungünstigen Einflüssen der Krise auf das Erwerbsleben entgegenzutreten. Er gab zunächst eine Uebersicht über die Lohnherabsetzungen bei einzelnen Firmen und die Abwehrbewegungen, die dagegen gc führt werden mußten. Es handelte sich hier hauptsächlich um die Album- und Galanteriewarenfabriken von Georg Weigand, Jean Fässig, Julius Schlank und Hubert B u n k e Die Lohnabzüge betrugen z. B. bei Schlunk 8— 40 Proz., und im Durchschnitt 20 Proz. ES kommt in der Galanteriebranche vor, das; ein geschickter Arbeiter bei fast voller Beschäftigung nur 20— 21 M. die Woche verdient, also weit hinter dem seinerzeit ver einbarten Stundenlohn von 60 Pf. zurückbleibt. Darum will auch z. B. die Firma B u n k e bei Zeitarbeit nicht den Minimallohn zahlen, sondern den Stundenlohn nach dem Akkordverdienst des ein- zelnen Arbeiters berechnen, wobei dann nur zwei oder drei ihrer Arbeiter auf 60 Pf. kommen. In den meisten Fällen ist es bei den genannten Firmen gelungen, die Lohnverschlechterungen, wenigstens teilweise, abzuwehren und einige Vorteile zu erringen. Der Redner hob hervor, wie notwendig derartige Abwehr- bewegungen vor allem mit Rücksicht auf die steigende Teuerung und die neuen ungeheuerlichen Steuerpläne der Reichsregierung sind und betonte, daß die Arbeiter und Arbeiterinnen in allen solchen Fällen der Unterstützung ihrer Organisation sicher sein könnten. Der Redner brachte dann im Namen der Branchenleitung eine Resolution in Vorschlag, wonach aus den maßgebenden Werk- stätten eine Kommission gebildet werden soll, die die Aufgabe hat, die Akkordlöhne aller Betriebe zu prüfen und dahin zu wirken, daß dort, wo die Arbeiter nicht mindestens 60 Pf., die Arbeiterinnen nicht mindestens 35 Pf. Stundenvcrdienst erzielen können, eine dementsprechende Erhöhung der Akkordlöhne eintritt. In Be- trieben, wo die Akkordarbeiter und-Arbeiterinnen infolge Unter- brechung der Arbeit durch Mangel an Material oder ungeregelte Arbeitseinteilung nicht auf jenen Minimalverdicnst kommen, soll der Stundenlohn garantiert werden und ebenso ist die Wartezeit nach dem Stundenlohn zu vergüten. Um in dieser Weise eine Regelung der Akkordlöhne zu erzielen, soll die Organisationsleitung alle erforderlichen Maßnahmen treffen. Die Resolution dieses Inhalts wurde nach reger Debatte, in der die traurigen Lohn- und Arbeitsverhältnisse noch näher be- leuchtet wurden, einstimmig angenommen.,- Ocutkchea Reich. Die Dachbcckergehilfen in Solingen sind am t. Juli In den Streik getreten. Da der alte Tarif am 30. Juni 1909 ablief, wurde von feiten der Gehilfen den Meistern schon vor Monaten ein neuer Tarif vorgelegt, in dem ein Stundenlohn von 60 Pf. und 914stündige Arbeitszeit verlangt wurde. Bisher betrug der Stundenlohn 55 Pf. bei zehnstündiger Arbeitszeit. Verhandlungen wegen Abschluß eines neuen Tarifs mit den Meistern auf Grund der Gehilfenforderungen führten zu keinem Ergebnis, weshalb die organisierten Gehilfen am 1. Juli einmütig die Arbeit nieder- legten. Eine„Berichtigung". In Nr. 139 des„Vorwärts" brachten wir folgende Notiz: „Wegen grosicr Mißstände auf der Grube kündigten am Mitt- woch auf der Zeche Werne im Kreise Hamm 150 Bergleute." Wir erhalten nun folgende Berichtigung: „Es ist unwahr, daß auf der Zeche Werne wegen Mißstände in diesem Monat 150 Bergleute gekündigt haben; es kündigten nur 85 Bergleute, eine im Verhältnis zur Größe der Belegschaft nicht außergewöhnliche Zahl." Also 85, nicht 150 Kündigungen! Und die Ursache derselben? Darüber schweigt die Zechenverwaltung sich ans. Ausland. _ Streikende Feuerwehr in der Schweiz. In Sitten(Hauptstadt des Kantons Wallis)' streiken die Feuerwehrleute um Lohnerhöhung. Am letzten Sonntag haben sie nun mit Musikbegleitung und unter Beteiligung der ganzen Be- völkerung ihre Uniform nebst der übrigen Ausrüstung abgeliefert und so das ganze Feuerwehrkorps aufgelöst. Es bleibt abzuwarten, ob nun der katholische Gemeinderat Vernunft annehmen und ein- lenken wird, oder ob er hartnäckig das größte Unglück für die ganze Gemeinde heraufbeschwören will. Hus Induftm und kiandel. Die Mehl- und Brotpreise. Die Veröffentlichung der amtlich ermittelten Detailpreise für den Monat Mai ist etwas verspätet erfolgt, was bei der Wichtigkeit der Wirkung der hohen Getreidepreise auf die Mehl- und Brotpreise zu bedauern ist. Nach den amtlichen Großhandelspreisen stellte sich in Berlin der Preis für eine Tonne: s-»..-». rüÄ Weizen.... 209,68 259,29 23,66 Roggen.... 167,36 187,02 11,75 Der Weizenpreis stellt sich im laufenden Jahre höher als im Vorjahre: im Mai 1903 notierte Weizen in Berlin mit 220,55 M., für Roggen wurden im Mai 198,00 M. bezahlt. Die ungewöhnliche Steigerung der Getreidepreise hat sich auf Mehl noch nicht in vollem Umfange übertragen. Es stellte sich im Durchschnitt der preußischen Erhebungsorte der amtlich ermittelte Mehlpreis für den Detail- verkehr pro Kilogranrm in Mark, wie folgt: MaiZ«�-u« Weizenmehl.. 0,35 0,40 14,67 Roggenmehl.. 0,31 0,32 3,23 In der Bewegung der Brotpreise folgte die Steigerung in der Hauptsache den Mehlpreisen: Weißbrot aus Weizen(Semmel) ist fast ebenso stark gestiegen wie der Weizenmehlpreis, während Roggen- Graubrot mit Zusatz von Weizenmehl einen stärkeren Aufschlag erlitten hat als Roggenmehl, dagegen einen geringeren als Weizen- nrehl. Es kostete ein Kilogramm im Durchschnitt von 50 Orten in Mark: Weißbrot(Semmel)... 0,49 0,56 14,29 Roggen-Graubrot(mit Zusatz von Weizenmehl).. 0,30 0,32 6,67 Der Weizenpreis ist demnach um 23,66, der Weizenmehlpreis um 14,67, der Weizenbrotpreis um 14,2? Proz. gestiegen. Für Roggen stellt sich die Steigerung wie folgt: Getreide 11,75, Mehl 3,23, Brot 6,67 Proz. Dabei ist allerdings zu bemerken, daß bei Roggenbrot der Zusatz von Weizenmehl den Grad der Steigerung beeinflußt. Besonders unerfreulich ist, daß an einzelnen Orten der Roggenbrot- preis schon ganz ungewöhnlich über den Stand vom Januar hinaus- geht, während viele Orte noch den Januarpreis haben, einige wenige sogar noch unter dem Januarniveau notieren. Wir führen nach- stehend einige der Plätze auf, in denen der Preis von Roggenbrot im Mai ganz erheblich über den Januar st and hinaus- ging. Es kostete ein Kilogramm Roggen-Graubrot in Mark: Januar Mai Memel...... 0,36 0,39 Graudenz..... 0,25 0,29 Liegnitz...... 0,30 0,34 Altona...... 0,32 0,38 Kiel....... 0,26 0,32 Emden...... 0,30 0,35 Düsseldorf..... 0,34 0,39 Köln....... 0,40 0,44 Die abs olut hoch st en Brotpreise hatten im Mai nachfolgende Plätze: Köln 44, Neutz, Aachen mit je 40 Pf. Die niedersten Preise notierten: Allenstein, Danzig mit je 25 und Erfurt mit 24 Pf. In außerpreußischen Plätzen notierte reines Roggenbrot zwischen 23 Pf. in Dresden und 27 Pf. in Stuttgart. Der Andrang von Hilfspersonal in Bädern und Kurorten ist in diesem Jahre viel lebhafter als sonst. Der Druck, der trotz der Erholung auf dem gewerblichen Arbeitsmarkt lastet, veranlaßt einen beträchtlichen Teil der Arbeitsuchenden, sich in Bädern und Kurorten nach Beschäftigung umzusehen. Berantw. Redakt.: Wilhelm Diiwell, Lichtenberg. Inserate veranty.: xh, Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr, u. Verlagsanstalt Paul Singer St Co., Letzte INfachricbtcn und Depelcbcn* Ein Massenunglück. Dortmund, 2. Juli.(W. T. B.) Ein Extrablatt der„Dortmunder Ztg." meldet auS Hoerde: In der Nähe der Seekante und des SchlachthauSweges platzte heute abend ein großes Gasrohr des Hoerder Werkes. Die Zahl der Verwundeten wird auf 40 geschätzt. Die Dortmunder Feuerwehr ist sofort mit allen verfügbaren Mann- schaften dorthin ausgerückt._ Jaures gegen den Zaren. Paris, 2. Juli. Die Dcputiertenkammer setzte heute die Debatte über die Interpellationen betreffend die allgemeine Politik fort. Jaures sprach von dem bevorstehenden Besuche des Kaisers von Rußland und sagte, er wolle gern erklären, daß die Zu- sammenkünfte von Staatsoberhäuptern, wer sie auch seien, zur Aufrechterhaltung des Friedens beitragen könnten. lZs würde unrecht sein, die ganze Mißbilligung der Völker auf einem Haupte lasten zu lassen. Wie würde man aber Abdul Hamid empfangen haben, wenn er eine Reise durch Europa in dem Augenblick unter- nommen hätte, als das Blut der Armenier floß? Jaures wies dann auf den in England erhobenen Widerspruch gegen den Besuch des Kaisers von Rußland hin und sagte, das Schiff des mörderischen Zarismus werde gezwungen sein, um Cowes herumzustreifen. Der Minister des Aeuhern Pichon erklärte, er könne die Worte nicht ohne den lebhaftesten Widerspruch lassen, und da Sie das Beispiel England angeführt haben,, werde ich so antworten, wie der eng- tische Unterstaatssekretär unter ähnlichen Umständen im englischen Unterhause einem Sozialisten geantwortet hat: Der Kaiser von Rußland wird in unserem Lande als Verbündeter empfangen werden, der ebenso der Freund Frankreichs wie ein Herrscher ist, ktung des internationalen Friedens Beifall auf allen Bänken, aüsgc- cken, die sich in heftigen Ausdrücken erging.) Jaures erklärte darauf, . die sich für die Freiheit opferten. nicht verkannt werde. Äaim der inneren Politik zu und n bereit, an jeder ernsten Reform 'alen vorschlagen würden. Dcjcante erung wegen der Gewalttätigkeiten, Kundgebung am 24. Mai sich habe _,,_____ ftbinnnb Buisson(sozialistisch radikal) beklagte sich darüber, daß die Regierung Beamte wegen eines Meinungsvergchens gestraft habe und bat sie. den bestraften Be- amten die Amnestie nicht zu verweigern. Eine Katastrophe auf dem Meere. London, 2. Juli,(W.?. B.) Nach einer Lloyds Meldung ans Gibraltar ist der britische Dampfer„Duart" mit dem deutschen Dampfer„Ockenfels" zusammengestoßen..Ockenfels" ist gesunken. Die Mannschaft ist gerettet._ Ein mörderischer Dammbruch. London, 2. Juli.(W. T. B.) Bei dem Bau der neuSn Hafen- anlagen in Newport(Wales) sind durch einen Dammbruch gegen 49 Arbeiter ums Lch-u gekommen. M Die Cholera. Petersburg, 2. Jutt-e Eigenschaft teilt er doch mit dem weitaus gröhtcn Teil aller Jndustrieprodukte. Auch die Holz- iudustrie, die Papierindustrie, die Lederindustrie, die Metallindustrie, die Textilindustrie, die keramische Industrie, die Industrie der Steine und Erden stellt keine Nahrungsmittel her. Wenn man also diese Begründung liest, so muh man sich sofort sagen, dah sie nur des- halb angeführt wurde, weil wirklich mah gebende und ausreichende Gründe, den Tabak als Steuerobjekt zu betrachten, nicht vorhanden sind.(Sehr richtig I b. d. Soz.) In einem deutschen Steuergesetz klingt solch eine Behauptung um so eigentüm- licher, weil man ja daraus schlichen mühte, dah man Nahrungs- mittel in Deutschland nicht versteuern will. Aber gerade unser Zolltarif zeigt, mit wie erheblichen Steuern Nahrungsmittel be- lastet sind. Unsere Finanzminister versteuern, je nachdem e-Z gerade patzt einmal Dinge, die man essen kann, und dann wieder solche, die man nicht essen kann.(Sehr gut l bei den Sozialdemokraten.) Aber sie lassen ganz auher acht, dah der Tabak das Rohprodukt für eine bedeutende Industrie ist, die mehr alS 200 000 Arbeiter beschäftigt, Ivenn man die Hilfsindustrien in Betracht zieht. Welchen Einfluh Hohe Steuern auf den Beschäftigungsgrad der Arbeiter haben, sieht man in den Monopolläudern mit ihrer genauen Produktionsstatistik. Frankreich hat zum Beispiel 1872 für seine Monopolprodukte eine Preiserhöhung von 9 Frank auf ll'/z vorgenommen, und der Konsum ging von 30,3 auf 27 Mil- lionen Kilogramm zurück.(Hört I hört I bei den Sozial- demokraten.) Einen ähnlichen Rückgang des Konsums werben auch wir zu erwarten haben und wenn wir ihn nur zu 10 Proz. an- nehmen, so werden dadurch 20000 Arbeiter brotlos. (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Das rührt natürlich die Finanzulinister sehr wenig. Wenn sie nur Geld in die Kasse kriegen. Wie sich die armen Leute durchhelfen, ist nicht ihre Sache.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Bei uns wurde im Jahre 1879 der Tabakzoll von 24 auf 83 M. pro Doppelzentner hinausgesetzt. Man hat uns stets vorgehalten, dah die Industrie das sehr leicht ertragen habe. Wenn damals ein erheblicher Rückschlag nicht ein- getreten ist, so liegt das daran, dah man damals den gröhten Teil der Zollerhöhung den Arbeitern vom Lohne abziehen konnte.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Dann geht natür- lich der Konsum nicht zurück, denn den Konsumenten ist es natürlich gleichgültig, ob er in der 3 oder 6 Pf.-Zigarre einen Pfennig Arbeits- lohn und einen halben Pfennig Steuer oder einen Pfennig Steuer und einen halbe» Pfennig Arbeitslohn bezahlt.(Sehr wahr! b. d. Soz.) Die Durchführung des Lohnabzuges zeigte sich bei den Lohndifferenzen, die wir damals in Deutschland hatten. Die Verbündeten Regie- rungen bestreiten zwar diese Wirkung der Zollerhöhung, aber sie scheinen nicht zu wissen, dah sie sie selbst in die Motive hineingeschrieben haben. Es sind damals in den Jahren 1879 bis 1331 eine grohe Masse Zigarrenarbeiter aus der Ham- Klcinea fcmllcton. Deutschland zum— Nordpol voran. Solange es Luftschiffe gibt, haben kühne Phantasten und rechnende Konstrukteure Pläne erörtert, im Luftschiff unerforschte Gegenden zu überfliegen und vor allem das alte und lzeih umkämpfte Problem des Nordpols zu lösen. In der Tat, nichts liegt näher als ein solcher Gedanke. Aber dah selbst von dem sorgfältig überlegten und durch methodische Untersuchungen gestützten Plan bis zu seiner Ausführung in diesem Falle ein sehr weiter Weg sich strecke, muhte auch dem Enthusiasten klar sein— oder werden. Den ersten praktischen Versuch unternahm am 11. Juli 1897 Andree. Er rechnete mit einer steten Windrichtung, die ihn von Spitzbergen zum Pole führen sollte und wollte außerdem seinem Luftballon durch Schlepp- seile eine gewisse Steuerbarkeit geben. Indes, von ihm und seinen beiden Begleitern ist uns nie mehr Kunde geworden. Die nächsten, sehr problematischen, ziemlich reklamehaften und ganz ergebuis- losen Unternehmungen sind mit dem Namen des Amerikaners W e l l m a n verknüpft, der 1900 und 1907 in Spitzbergen seinen lenkbaren Ballon vergeblich starten lieh und auch Heuer kein Glück zu haben scheint, da seine Halle im Winter zerstört wurde. Man hat Wellmans Pläne nicht recht ernst genommen, mit einem gewissen Recht, denn er wollte ohne genügende Vorbereitungen unter un- günstigen und ziemlich unbekannten Bedingungen leisten, was bis dahin überhaupt nicht und vor allem von Wellman nicht geleistet worden war. Inzwischen hat die Technik deS Lenkballons wieder erhebliche Fortschritte gemacht und es war zu erwarten, dah auch neue Projekte auftauchen würden. Ueberraschenderweise will Zeppelin selbst sich an die Spitze eines solchen Unternehmens stellen. Wie die Scherlpresse, die wieder hoffähig zu sein scheint— denn sie wurde zuerst mit der Sensation beglückt—, erfährt, hat der um die Erforschung der Luftverhältnisse verdiente Prof. H e r g e s e l l, der Präsident der internationalen aeronautischen Kommission, Wilhelm II. Kiel Vortrag gehalten über die Erforschung der arktischen Regionen mittels eines Zeppelinschen Luftschiffes. Zeppelin und Hergesell werden das„rein wissenschaftliche Unter- nehmen" leiten. Als Stützpunkt für die einzelnen Expeditions- fahrten des Luftschiffes ist die Crohbai an der Westküste von Spitzbergen in Aussicht genommen, die für besonders geeignet ge- halten wird. Die Fahrt nach Spitzbergen soll das Luftschiff von Deutschland über Norwegen mit einer oder mehreren Zwischen- landungen antreten. Die Vorexpeditioncn zur Unterstützung des Hauptunternehmens sollen bereits im nächsten Jahre beginnen. Tie Sensationsblätter, denen dieser heilsame Zwischenfall dazu dient, die Aufmersamkeit von der schweren inneren Krise abzulenken, geben bereits die genauesten Details über Möglichkeit und IMichten�MeK MestD UMrflkhmenSt � des ia sweifel- vurger und Breiner Gegend nach Amerika gegangen. Ich habe damals in einer amerikanischen Fabrik gearbeitet, in der allein in einem Saale 300 Hamburger Zigarrenmacher waren. In den Motiven wird uns auf Seite 89 mitgeteilt, dah in den Jahren 1881/32 in Schleswig- Holstein noch 4389 Zigarrenmachcr waren, im Jahre 1893 nur noch 3031. In Hannover schmolzen sie von 8922 auf 3044 zusammen. In Oldenburg ging die Zahl von 1060 ans 1493 zurück, in den Hansastädten von 3888 auf 4302. Dieser Rückgang also, der im Jahre 1870 mit der Zoller- höhung eingesetzt hatte, wirkte noch lange nach und ich glaube, diese Zahlen beweisen die verheerende Wirkung, welch« eine derartige Stcuererhähung ans den Arbeitslohn hat. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Weiter führt die Regierung an, dah andere Staaten höhere Tabaksteuern hätten. Aber gerade dieser Hinweis auf Oesterreich- Ungarn, Frank- reich, Grohbritannien ist das wirksamste Argument gegen die Stcucrerhöhung. Denn die Regierung mühte konsequent sein und sagen, dah man zwar die Erträge aus dem Tabak auf diese Höhe gebracht hat, gerade dadurch aber die Produktion so tief herabgedrückt hat, dah all diese Länder zu- sammen nicht annähernd soviel Tabakarbeiter beschäftigen als wir in Deutschland. Auher- dem sind doch diese Staaten, Oesterreich-Ungarn, Frank- reich usw. Monopolländer. Da flieht in die Staatskasse auch das, was bei uns die Händler verdienen. Wollte man konsequent sein, so mühte man zum Vergleich auch diejenigen Beträge heranziehen, welche die Fabrikanten und Händler bei uns in Form von Einkommensteuer zahlen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Daher kann man sagen, alle diese Mitteilungen der Regierung sind ans Täuschung der Leser berechnet. (Zustimmung bei den Sozialdemokraten, Unruhe rechts.) Wenn Sie die 43 Millionen Mark ans dem Tabak herausholen, so kann man sie heute nicht mehr den Arbeitern vom Lohn abziehen. Denn die Tabak- arbeiter gehören schon jetzt zu den schlechte st gelohnten Arbeitern in Deutschland. SeitJ1903 hat sich ihr Einkommen zwar allmählich etwas gehoben, aber trotzdem steht es auf einer sehr niedrigen Stufe, und jetzt kommt die Regierung wieder mit der neuen Steuer, um sie noch weiter zurückzuwerfen. Dazu kommt, dah im Tabakgewerbe sehr viele kleine selbständige Gewerbetreibende sind. Die werden von diesen Steuern erheblich mehr betroffen als der kleine Mann. Bei der Wertsteuer wollen Sie das nicht zugeben. jAber da muh man doch sagen, dah alle diejenigen. die dieses Steuerprojekt ausgearbeitet haben, von jeder Sachkenntnis vollständig un- h e r ü h r t sind. Es gibt keinen noch so guten Sachkenner von Tabak, der nicht doch zuweilen hineinfällt und zu erheblich höherem Preise kauft, als die Ware wert ist. Wenn nun minderwertige Ware zu einem hohen Preise gekauft wird, wie soll sie dann taxiert werden? Diese Wertsteuer durchzuführen, ist eben ganz unmöglich. (Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Auf alles Mögliche hat man Wertsteuern gelegt, aber den Tabak nach dem Wert zu besteuern, darauf ist bisher noch niemand verfallen, weil es eben vollständig unmöglich ist. Eine solche Steuer würde auch fortwährend in ihren Erträgen schwanken, weil ja der Wert des Tabaks erheblich schwankt. Brasiltabak kostete z. B. im Jahre 1900 142 M. in Hamburg, vier Jahre später 80,01 M. und im Jahre 1907 wieder 133 M. Demgemäß hätte die durchschnittliche Steuer 30,84, dann nach vier Jahren 34 M. und wieder drei Jahre später 30 M. betragen müssen. Aber nicht nur die durchschnittliche Steuer von Jahr zu Jahr schwankt, sondern derartige und selbst noch höhere Preisschwankungen kommen innerhalb jedes JahreS bei jeder einzelnen Tabaksart vor. Und da soll nun der Steuerbeamte feststellen, ob der Wert richtig angegeben ist. Das ist selbstverständlich ganz unmöglich. (Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Am schwersten wird der kleine Fabrikant geschädigt, der in den meisten Fällen auch dann kaufen muh, wenn die Preise auherordentlich hoch sind; der große dagegen brambt das nicht, er hält mit dem Kauf zurück, wenn der Preis über dem Durchschnitt steht. Also weil er mehr Geld hat, braucht er weniger Steuer zu zahlen, bekommt er geradezu eine Reichsprämie. Aber der kleine, der nicht Vorrat auf Jahre hinaus kaufen kann, der von der Hand in den Mund leben muß, der muß aus diesem Grunde, weil er arm ist, auch mehr Steuern bezahlen. Solchen Steuergesetzen können wir nicht zustimmen. Sie sprechen so viel von Familiensinn, hier sind Hunderttausende von Tabakarbeiten», deren Familien vollständig zerstört werde»». Das sind aber arme Leute, die können natürlich mcht Berücksichtigung von Ihnen(nach rechts) verlangen. Die können ruhig los amüsanter ist als die Reichsfinanzreform. Indessen wird man, bei aller Anerkennung des von Zeppelin Geleisteten, sagen müssen, daß wir vorläufig noch weit entfernt sind von der Durchführung solcher Pläne. Die Entfernung der Eroßbai vom Nordpol beträgt zirka 900 Kilometer. Es wird wohl noch vieler Versuche auch für Zeppelin bedürfen, um eine solche Strecke in Deutschland bei günstigem Wetter zurückzulegen. Zudem ist die Orientierung in einem bekannten Lande natürlich eine andere als in unerforschten Eiswüsten, deren klimatologische und aerologische(Lust) Verhält- nisse erst noch viel genauer bekannt sein müßten, ehe sie solches Wagnis vernünftig erscheinen lassen. ES wird also noch gute Weile haben, bis eins Zeppeline den preußischen Vogel am Nordpol aufflattern läßt. Die ernste geo- graphische Wissenschaft wird zudem von einer solchen Schnell- forschung vom Luftballon aus kaum allzuviel profitieren, um so weniger, da sie die Geheimnisse des Nordpols ziemlich kalt lasse»». Der„neue Tod" der indischen Witwe. Dank der energischen Maßnahmen der englischen Regierung in Indien ist die Witwen« Verbrennung überwunden, aber ein„neuer Tod" ist an die Stelle des Scheiterhaufens getreten, ein zwiefacher Tod, so hart, wie ihn nur die blinde Inbrunst des tiefwurzclndcn Janatismus ersinnen konnte. In der„Rivista delle Missioni" gibt ein in Indien weilender Missionar eine erschütternde Schilderung der Erniedri- gungen und Demütigungen, die die indische Witwe heute an Stelle des Scheiterhaufens erdulden muß. Der Glaube der Inder be- schi�digt die überlebende Witwe, den Tod des Mannes verursacht zu gaben, und sie wird dann„ehelich degradiert". Wenn der Mann bestattet»st, versammeln sich die Anverwandten bei der Witwe, die dann mit prächtigen Gewändern und Juwelen geschmückt wird. Auf einer Sänfte, ähnlich der, die sie am Hochzeitstage benutzte, bringt man sie an die Opferstelle und hier werden ihr nun die Juwelen, Blumen und Seidenkleider vom Leibe gerissen. Ihr Haar wird abgeschnitten, der Kopf rasiert und das Ehezcichcn, das sie am Halse trägt, zerrissen; erst dann ist sie wirklich Witwe. Von dieser Stunde an aber ist ihr Leben nur noch das der untersten Magd im Hause. Die Mutter»nutz selbst das Lächeln ihrer Kinder entbehren, denn ihre Söhne betrachten sie als die Schuldige am Tode ihres Vaters. Den Gläubigen ist sie ein Abscheu und alles wendet verachtungsvoll den Blick von der Unglücklichen. Viele Frauen haben dies furchtbare Martyrium nicht ertragen können und freiwillig den Tod vorgezogen; sie begehen Selbstmord. 1907 zählte man in Indien nicht weniger als 21 Millionen Witwen, darunter 700000 junge Geschöpfe, die noch nicht großjährig waren und so in der Blüte ihrer Jugend lebendig als tot erklärt und einem bitteren Dasein voll Demütigungen und Verachtungen preis- gegeben sind. Ein Besuch bei den letzten Irokesen.„Eine wahllose Ansamm- lung kleiner Häuser und Hütten aus Holz und Stein, hart an der Axenze ejnex halben Wildnis, inmitten eines lässig kultivierten dem Hungertod« preisgegeben werden. ES gilt ja, hundert Millionen Mark für daS Reich zu bekommen, aber die Taschen der Neichen dabei zu verschonen.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Wenn Sie diese Steuer be- willigen, so werden Sie nicht nur Hunderttausende von Arbeitern vernichten, sondern Sie treiben damit auch eine Mittelstands- feindliche Politik, weil gerade in der Tabakind»istrie noch eine sehr starke Kleinindustrie vorhanden ist, die Sie damit totschlagen. (Sehr richtig I links.) Die Leute, welche diese Steuer bewilligen, können sich ruhig als Avautgarde im Dienste des Tabaktnistes betrachte»».(Lebhafter Beifall bei den Sozialdeinokraten.) Abg. Dr. Strcseniann(natl.): Man sollte nicht bei unS den Wertzoll, diejenige Steuer einführe»», die andere Staaten abgeschafft haben, weil sie ihre schädigende Wirkung erkannt haben. Die Banderole wird zur Folge haben, daß die Anonymität in der Zigarreirindustrie aufhört, wie es bei der Zigarette der Fall war. Damit aber würde nur ein sehnlicher Wunsch der Großfabrikanten erfüllt, deren Interessen durch Anshebung der Anonymität ge- fördert wird. Dafür können wir uns nicht einsetzen. Wir müssen deshalb dabei bleiben, daß das Gewichtssteuersysiem, trotz der ih>n anhaftenden Mängel, immer noch das beste ist. Der Antrag Albrecht u. Gen., der eine Entschädigung der arbeitslos »verdenden Arbeiter fordert, ist für uns unannehmbar. Im übrigen habe ich, wie gestern mein Kollege Weber, die Erklärung ab- zugeben, daß wir zwar an der»vetteren Gestalttmg des Gesetzes mit- arbeiten, bei der gegenwärtigen Lage der Finanzreform aber das ganze Gesetz ablehnen werden.(Bravo l bei den Nattonalliberalcn, Zischen rechts.) Abg. Schultz(Rp.): Der Bund der Landwirte verhält sich ganz anders als der deutsche Tabakverein; er stimint dein Branntwein- gesetz zu. das doch der Landwirtschaft ganz andere Opfer auferlegt. (Schallende Heiterkeit links.) Der Tabak m»lß mehr hergeben, das verlangt man im Volke.(Lachen links.) Abg. Hormann(fts. Vp.): Die Freunde einer hohen Tabaksteuer verweisen stets auf das Ausland, aber kein Land hat eine so blühende Tabakindustrie wie gerade Deutschland.(Sehr richtig I links.) Außer den Arbeitern l»ird durch diese Steucrvorlage auch der Zwischen- Handel schwer geschädigt, und dadurch dokumei»tiert sich die Vorlage als im höchsten Maße mittelstandsfeindlich.(Lebhaftes Sehr richtig! bei den Freisinnigen.) Ich verweise auf die Schädigungen, die eine Steuererhöhung den Hilfsindustrien bringt. Die Tabakarbeiter sind seßhafte Arbeiter; sie arbeiten nicht heute hier und morgen dort, sie sind bodenständig. Solche Elemente sollten wir in ihrer Existenz nicht bedrohen. Vergesse man auch nicht, daß jede Steuererhöhung eine Vermehrui»g des Beamten- apparates zur Folge haben muß. Wir haben aber wirklich schon genug Beamte! Ich bitte dringend um Ablehnung der KommissionS- beschlüffe.(Beifall links.) Abg. Erzverger(Z.): Der Gedanke deS Wertzuschlags stammt gerade von der nationalliberalen Partei, und die„Nationalzeitung" »vor eS, die den Gewichtszoll als daS schliii»mste bezeichnet hat, waS der Tabakindustrie passiere», könnte. Viele Kleingewerbetreibende haben unS in Zuschriften un» Ablehnung des Gcwichtszolls gebeten. Reichsschatzsekretär Sydow: Es wird vom Volke nicht verstanden, daß ein entbehrliches Genußmittel nicht stärker herangezogen wird. (Sehr richtig I rechts.) An einen Konsumrückgang glauben wir nicht. Auch davon kann keine Rede sein, daß 23 000 Arbeiter brotlos werden. Vorübergehend kann wohl eine Verminderung der Produktion eintreten, aber eine Einschränkung der Staucher in bezug auf den Rauchgenuß wird i»n allgemeinen nicht eintreten. Auch zufolge des Zigarettensteuergesetzes sind keine Arbeiter- entlassui»gen eingetreten. Die sozialdemokratische„Tabakarbeiter- Zeitung" hat behauptet, 108 Fabriken seien infolge dieses Gesetzes eingegangen. Nur 23 Fabriken sind eingegangen, aber nicht wegen des Zigarettensteuergesetzes, sondern aus anderen, zum Teil per- lichen Gründen. Abg. Schmidt-Altenburg(Rp.) spricht sich für seine Person, im Zusammenhang unverständlich, gegen eine Erhöhung der Tabak- steuer aus. Abg. GieSberts Herr Kreth bestritt, daß infolge der höheren Besteuerung Lohn- rückgange eintreten werden und früher eingetreten sind. Die Tat- fachen beweisen das Gegenteil. Nach weiteren Bemerkungen der Abgeordneten Dr. Strese- mann(natl.). Erzberger(Z.). Kreth(t.) schließt die Diskussion. In namentlicher Abstimmung wird der Antrag Albrecht u. Gen.(Soz.) auf Entschädigung arbeitslos werdender Arbeiter mit 293 gegen 57 Stimmen abgelehnt. Dafür stimmen außer den Sozialdeniokraten einige Freisinnige, unter anderen Gothein. Dohm, Naumann, Dr. Neumann-Hofer. Darauf wird in namentlicher Abstimmung der Antrag G i e s- Berts u. Gen.(Z.). welcher die Unterstützung arbeitslos werdender Arbeiter fordert, mit 841 gegen 12 Stimmen angenommen. Hierauf wird zu z 1 der Antrag Mommsen-Gyßling ab- gelehnt, und unter Annahme der konservativen Anträge der jj 1 angenommen. Ueber 8 1a(Zollzuschlag bei Tabakblättem von 40 Proz. dos Wertes) wird namentlich abgestimmt. Der Paragraph wird mit 191 gegen 1KS Stimmen bei 10 Stimm- enthaltungen angenommen. Der Rest deS Gesetze? wird debattelo» angenommen. Darauf vertagt sich daS Haus auf Sonnabend 10 Uhr(Branntwein- steueraesetz, Gesetz über das Erbrecht des Staates. Weinsteuergesetz, Elektrizitäls- und GaSsteuer). Schluß-/t9 Uhr._ parlamentarikbes. lJf Die Kommission zur Beratung der Gewervenovelle beschäftigte sich am Freitag mit der zweiten Lesung des Kapitels über oie Hausarbeit. Eine größere Debatte entwickelte sich über die Einrichtung der Lohnämter. Nach den Beschlüssen der ersten Lesung sollte dem Reichskanzler, der Landeszentralbehörde oder den höheren Verwaltungsbehörden die Befugnis erteilt werden, für bestimmte Gewerbezweige, in denen HauSarbeiter in größerer Zahl beschäftigt sind, Lohnämter einzuführen, die, unter Parität!- scher Zusammensetzung aus Arbeitern und Unternehmern gebildet, unter einem von der Behörde ernannten Vorsitzenden Mindest- arbeitSzeit oder Mindeststücklöhne festsetzen. Der Staatssekretär v. Bethmann-Hollweg wandte sich sehr entschieden gegen diese Bestimmung: Wenn auch der Bundesrat zu der Frage noch keine Stellung genommen habe, so könne man doch annehmen, daß die Lohnämter keine Zustimmung finden werden. Die Re- gierung müsse es ablehnen, in diese Lohnverhältnisse einzugreifen. Da» würde mit allen bisherigen Grundsätzen brechen und der Weg zum sozialistischen Staat sein! Die Heim- arbeiter müssen, wie die übrigen Arbeiter, freihändig von Organ!» sation zu Organisation Tarifverträge abschließen; der Staat könne hier seine Autorität nicht einsetzen. Bon unseren Genossen S ch m i d t- Berlin und Molkenbuhr wurde dem entgegen. gehalten, daß bei isx LwMperjichxrungsordviuig in bezug««I die Herbeiführung eines Verträges d'er Aerzke mit den Krankenkassen der Staatssekretär seinen grundsätzlichen Standpunkt verlassen habe, denn hier sind Zwangsverträge zugelassen! Für die Heimarbeiter hätte diese Frage eine ganz andere Be- deutung; ihre Organisationen sind schwach, ihre elenden Lohn- Verhältnisse allgemein bekannt, so daß die Lohnämter die wichtigste Position in den Kommissionsbeschlüssen sind. Ohne Lohnämter ist die Vorlage von sehr minimaler Bedeutung für die Heimarbeiter. Unsere Genossen beantragten dann, daß die Lohnämter ohne Ausnahme für die Heimarbeiter eingeführt werden. Für die Lohnämter sprach noch Naumann(frs. Vp.) und Dr. Fleischer(Z.). während sich Manz(frs. Vp.) auf den Stand- punkt des Staatssekretärs stellte. Die Debatte soll in der nächsten Sitzung fortgesetzt werden; man hofft» dann das Kgpitxl der Heimarbeit fertigzustellen. ein Zubilsnw. Heute vor 23 Jahren wurden die zur Kark-Zeiß-Stistung in Jena gehörigen Glaswerke eröffnet— ein für die Wissenschast und für Sozialpolitik epochemachendes Ereignis. Gewissermaßen als Jubiläumsgeschenk ist ein prächtiges Werk über die Glasindustrie in Jena und ihre Entwickelung erschienen:„Die Glasindustrie in Jena. Ein Werk von Schott und Abbe. Geschildert von Eberhard ts ch i m m e r. Mit Zeichnungen von ErichKuithan. Verlegt bei ugen Diederichs. Jena 1909"(Preis broschiert 6, gebunden 9 M.). Das Buch ist ein einzig dastehendes Meisterwerk anichaulicher Dar- stellung. In großen Zügen wird die allgemeine Entwickelung der Glasfabrikation von der 4000 Jahre zurückliegenden Zeit an bis zu der an FrauenhoferS Namen anknüpfenden wissenschaftlichen GlaS- schmelzkunft im ersten Kapitel geschildert. Ein zweites führt uns die wissenschaftliche GlaSschmelzkunst vor: FrauenhoferS Problem, die Schmelzversuche des Pfarrers Harcourt, Experimente in der älteren Industrie, Studien des Chemikers Schott und des Physikers Abbe und das Zusammenarbeiten beider bis zur ersten Anlage des Jenaer Werkes im Jahre 1884 durch Abbe, Schott und Zeiß. Das Jenaer Werk selbst wird in dem letzten größten Kapitel ge- schildert. Wir behalten uns vor, auf die Darlegung der Entwickelung der Glasindustrie, die als ein Stück Kulturbild lebensvoll in Schilderung und Bild uns vorgeführt wird, zurück- zukommen. Für heute seien Abbes sozialer Tat, der im Jahre 1396 von ihm gegründeten Karl-Zeiß-Stiftung, nach dem Zschrmmerschen Buch einige Worte gewidmet. Mit Preisgabe aller persönlichen Interessen ernannte Mbe die von ihm gegründete„Carl-Zeiß-Stiftung" 1896 zur Mitinhaberin und späteren alleinigen Besitzerin des Glaswerkes, so wie er auch die optische Werkstätte von Carl Zeiß gleichzeitig zum Eigentum der Stiftung und dadurch ihren Ertrag zum Gemeingut der Gesellschaft gemacht hat. „Unpersönlicher Besitz und Vertretung idealer. unpersönlicher Interessen": Darin liegt— Abbe sagt es selbst— der Grundgedanke seiner groß- ortigen Schöpfung. Weder eine einzelne Person noch die Gesamtheit der lätigen Mitarbeiter des Unternehmens sollen seine Besitzer sein. Sie haben dazu nach seiner Ueberzeugung lein Recht, weil bestehende industrielle Organismen als solche viel mehr Gewinne bringen, als dem persönlichen Verdienst eines jeweiligen einzelnen Mitgliedes zukommt. Jeder soll uud muß aber dem Ganzen so weit dienen, daß das Unternehmen sich nicht nur„mit dem marktgängigen Kapitalzins und einer notdürftigen Risikoprämie" begnügt, sondern wie jede andere, innerhalb der lapita- listlscken Wirtschaftsform sich erhaltende Unternehmung einen an- gemessenen Reingewinn ergibt. Ein BetriebSaang um die Selbstkoftcu würde das Absterben der„vorgefundenen Kräfte der Organisation", die beginnende Faulheit das Ganzen, bedeuten. „Sozial" sein, heißt arbeiten, für die Gemein- schast arbeiten— so meinte«S Abbe l— So lange wir nun in einem kapitalistischen Zeitalter leben, so lange ein Unternehmen durch die Wirlschaftsform gezwungen ist.„kapitalistisch" zu produzieren, muß es deshalb auch einen Reingewinn ab- werfen. Wenn nicht, dann haben seine Verwalter schlecht gearbeitet und schlecht geleitet. Sozial wird daS Unternehmen allein dadurch, daß eS seinen Reingewinn, wie die Abbeschen StiftungSwerke. dem Staat, d. h. der Kultur zur Vor« fügung stellt. Täten die» alle Fabriken, dann hätten wir, sagt Abbe, einen solchen Ueberschuh an Mitteln für Kultur- zwecke, baß ohne weiteres ein großer Teil der sozialen Aufgaben eines besseren Staatswesens als das gegenwärtige gelöst wären. Die Abbesche„Carl-Zeiß-Stiftung", verwaltet durch daS Großherzoglich Sächsische Kultusdepartement, gemäß den Vorschriften des Stiflungsstatuts, ist: alleinige Besitzerin der selb- ständigen, unter eigener Leitung stehenden Optischen Werk- statten Carl Zeiß und ferner Mitbesitzerin(nach Ausscheiden von Dr. Schott alleinige Besitzerin) des selbständigen, unter eigener Leitung stehende» Glaswerke» Schott und Genossen. Für jeden der beiden Stiftungsbetriebe gelten gesetzmäßig fest- gelegte Bestimmungen über: 1. Arbeitslohn; 2. Versicherung gegen Arbeitslosigkeit(Entlassung); 3. Fürsorge für die Familie des Ar- beiterS; 4. Arbeitszeit. Nach AbbeS Willen ist es nicht der Zweck der Jenaer Fabriken, einen möglichst hohen Reingewinn aufzubringen, sondern„NahrungS- quelle eines zahlreichen Personenkreises" zu sein, deren gewerbliche Tätigkeit nur in solchen Industriezweigen besteht, welche die enge Ver- bindung zwischen Wissenschaft und Technik auf- recht erhalten, wie sie durch die Gründer der Unternehmungen selb st angebahnt worden ist. Unter diesem Gesichtspunkt ergibt sich für die Angestellten zu- nächst daS wirtschaftliche Verhältnis einer„Arbeitsgenossenschast" wie Abbe sagt, an Stelle eines ausgebeuteten, der Gewinnsucht eines persönlichen Unternehmers preisgegebenen„Personals". Für das Werk ergibt sich als geschäftlicher Standpunkt, im Gegensatz zu anderen Unternehmungen, die Einbeziehungen des Arbeitslohnes in die Summe des wirtschaftlichen Gesamtertrages. Der Lohn setzt sich ouS einem unverkürzten festen Lohn und dem aus der Höhe des Reingewinns, also veränderlichen G e w i n»- anteil zusammen. Der Nettogewinn der Stiftung ist Kultur- zwecken gewidmet. Jeder Angestellte erwirbt nach bjährlger Dienst- zeit einen Anspruch auf Jiivalidenpenston(600— 126l>M.) Die Witwe erhält 40 Proz., jede Waise bis zum vollendeten Ib. Lebensjahre 20 Prozent der Jnvalidenpenston. Die Arbeitszeit ist eine achtstündige(mit einigen bis zu 8>/« Stunden gehenden Aus- nahmen�) Jeder Arbeiter hat Anspruch auf sechStägigen Urlaub unter Fortzahlung des Lohnes. DaS sind einige der Hauptbestimmungen der Stifkmg. Der Verfasser des Büches hat recht: das Schönste. daS Abbehinterlassen hat, ist derideale Gedanke, den zu erhalten und fortzupflanzen Aufgabe insbesondere der Beamten deS Werkes sein sollte. Die Abbesche Gesinnung sozialer Gerechtigkeit wird weiter wirken:»die Achtung des ar- bettenden vor dem arbeitenden Menschen, gleichviel wcS Standes er sei— die tiefe Verachtung jener hofsärtigen Menschenklasse, die nur sich ielbst dient, von der Gesellschaft ernährt, die sie gewissenlos und schamlos ausbeutet." Ist auch das Ziel zu erreichen unmöglich, das Abbe früher vorschwebte, „Die Wiedererneuerung eines gesunden Mittelstandes", so wird seine Wirksamkeit für die Erreichung des großen Ziels ihr Teil bei- tragen, das die Gleichberechtigung aller Bürger durch Beseitigung der Ausbeutungsmittel erstrebt. Das Zschimmcrsche Buch schließt mit folgendem, warm empfundenen Nachruf: Ernst Abbe weilt nicht mehr unter den Lebenden. Er brach zusammen unter der Last fast übermenschlicher Geistesarbeit, von der hier nur ein winziger Bruchteil geschildert werden konnte. Ein tragische? Ende zerstörte diesen Einsamen unter den Großen der Industrie und Wissenschaft, dessen Dasein identisch war mit der Ärbeit. Arbeit für die menschliche Kultur; dessen höchstes. innigstes Glück es kvZr. die Früchke seiner genialen Gasten, seiNeS aufreibenden Schaffens anderen hinzugeben. Noch sind die„Optische Werkstätte" und„Das GlaSwerk" mit ihren dreitausend„Arbeitsgenossen" in Abbes Sinne einzig in ihrer Art. Wird das Flammenwort des großen JenenserS auch andere Täter finden?� Hier winden sich Kronen> In ewiger Stille,. � Die sollen mit Fülle Die Tätigen lohnen I Wir.heißen Euch hoffen. [ Zeit und die Verwendung boN minderwertigen Ersaßmitieln eine ausschlaggebende Rolle. Sitzt die arme Frau bei der Nähmaschine, so kann sie sich, will sie bei den bekannten Hungerlöhnen auf ftis der frauenbenegung. Her mit der Reichs-Mutterschaftsversichcrung! Die große Säuglingssterblichkeit in Deutschland hat die Aufmerksamkeit der Sozialpolitiker schon lange herausgefordert. eine Besserung von Staats wegen herbeizuführen, vergeblich. Es ist kein Geld da! Die Kosten für eine solche Forderung würden sich zu hoch belaufen I So lautet wie bei allen anderen Kultur- fragen die stereotype Redensart. Während man, um Menschen- leben zu vernichten, Millionen über Millionen auS dem Volke preßt und sie dem Moloch Militarismus skrupellos opfert, müssen so tief einschneidende Fragen wie die Säuglingssterblichkeit in ihrer Lösung an dem Kostenpunkt scheitern. Allerdings könnte diese Frage in den Kreisen der oberen Gesellschaft leicht gelöst werden, hätten nur die Damen mehr Pflichtgefühl und würden sie. anstatt täglich nach neuen verrückten Hutformen und Kleider- schnitten zu suchen oder ihre Stunden auf Bällen, Rennen und sonstwo in ödem Nichtstun zu vertrödeln, ihre Kinder selbst pflegen und nähren und dies nicht fremden bezahlten Kräften überlassen. In den arbeitenden Schichten spielt der Mangel an ihren notwendigsten Verdienst kommen, nicht allzuviel mit der Pflege und der Wartung der Kinder abgeben. Geht sie dagegen in die Fabrik oder ist sie gar in Stellung, bedeutet das die gänz- liche Trennung von ihrem Kinde. Zwar sind schon Anfänge mit Fabrikstillstuben gemacht, aber ehe diese Einrichtung verallgemeinert wird, läuft noch viel Wasser die Spree hinab. Nicht minder traurig liegen die Verhältnisse auf dem platten Lande, was in einem Lese- abend kürzlich ergreifend illustriert wurde. Eine Genossin schilderte ihre Erlebnisse auf einem schlesischen Rittergut, wo sie die Arbeiten, wie Wäsche und dergleichen, zu verteilen hatte. Es war ihr bei Strafe der Entlassung verboten, während der Arbeit den dort beschäftigten Müttern zu gestatten, ihre Säuglinge zu stillen. Die Gräfin selbst war es, die dieses Verbot erlassen hatte. Nur in der halben Stunde Tischzeit war es den Frauen gütigst freigestellt, ihre mütter- lichen Pflichten zu erfüllen. Auch der heute gewährte gesetzliche Schutz der Mutter vor und nach der Mutterschaft ist in der Praxis wenig wert. Nur die in Orts, und Betriebskrankenkassen Versicherten erhalten eine Unter- stützung und auch diese nur in Form eines Zweidrittcl- Tages- Verdienstes. Davon kann aber niemand leben. Es ist deshalb leicht erklärlich, daß die werdenden Mütter ihren Zustand mög- lichst lange, selbst bis einige Stunden vor der Niederkunft, ver- heimlichen, und daß die fungen Mütter bald nach der Geburt wieder zu arbeiten versuchen. Wenn der Staat Geld hat, um Milliarden zu kulturfeindlichen Zwecken zu verwenden, wenn für Repräsentation, Prunkbauten und unsinnig hohe Gehälter der oberen Beamten kolossale Summen vergeudet werden, dann ist es vor allem Pflicht, die am Marke des Volkskörpers zehrenden Uebel zu beseitigen. Deshalb: Her mit der Reichs-MutterschaftS- Versicherung!_ Versammlungen— Veranstaltungen. Berein fllr Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse! Montag, den 5. Juli, nachmittags 3 Uhr: Kaffeekochen im Viktoria- 1 garten, TrehIoS, Köpenicker Landstraße 25/26, Fnh. flad Ludwig. Mittwoch, den 7. Juli, im Neuen Klubhause, Kommandanten. straße 72: Generalversammlung.— Mitglieder, die schon längere Zeit im Besitz von Büchern aus der Bibliothek sind, werden Ml schleunige Rückgabe gebeten.' Eingegangene Druchfcbriften. Ei» tschechisches Dieiistmüdchen. Kleiner Roman von M. Brod, 1,50 M.— Das Herz des Little Pu. Roman von M. Hochdoch 4 M.— Das Meer und die grossen Wälder. Zwei Erzäblungcu von A. Hauk- land. 2,50 M.— Lusamgärtlein. FrllbiingSIteder aus Franken von M. Dauthendey. 2,50 M.— lieber allen Verstand. Von K. Michaelis. 2 M. Axel Junker, Berlin W. 15. Kurzgefasste Geschichte der Bildung und EntWickelung der Ligen wider den Zweikampf und zum Schutze der Ehre von S. K. H. Don Alsonso von Bourbon und Oesterreich> Este, Jnsanstn von Spanien. Uebersetzt aus dem Französischen durch Maria Freiin v. Bogelsang. Brosch. 1. Kr. Roller u. Co.. Wien. Der deutsche Metallarbeiterderband im Jahre 1308. Jahr- und Handbuch für Verbandsmitglieder. Selbswerlag in Stuttgart. Die Arbeitervertretung m der Kranken-, Unfall- und Invaliden- Versicherung. 88 Seiten. Herausgegeben vom Zentralardeiterjekretariat in Berlin. Selbstverlag. Mein kleiner Junge. Von K. Ewald.— Der Baum der Er- kenutuiS. Bon Swen Lange.— Monduacht tu Amalfi. Von H. Bcssemer. A. Langen, München. Das österreichische Antlitz. Essays von F. Sallm.(S. Fischer, Berlin.) Geh. 4 M.. geb. 6 M. Aus deutscher Dämmerung. Schattenbilder einer UebergangS. kultur. Von I. G. Freiherrn v. Grotthutz. Geh. 3 M., geb. 4 M. Greiner u. Pseiffer, Stuttgart. Park, und Gartenstudie». Von A. LIchtwark. 121 Selten. B. Cassirer, Berlin IV. 35. Die Gemeindebetriebe der Stadt Düsseldorf. Von Dr. O. Most. 3,80 M.— Die Gemeindebetriebe Mannheims. Von Dr. O. Mocrickc. 4,40 M.— Die Gemeindebetriebe der Städte Magdeburg. Nnnni- bürg a. S., Frankfurt a. M. Von Prof. Dr. O. LandSberg, Dr. E. W. Schiele und Dr. A. Busch. 4 M. Duncker u. Humblot, Leipzig. HERMANN UETZ LEIPZIGER STRASSE ALEXANDER PLATZ Soweit Vorrat: FRANKFURTER AU.ee Montag, den 13. er. Verkauf der Sommer-Rest-Bestände Die Preise sind teilweise bis zur Hälfte herabgesetzt Wollmusseline 45 Seidenstoffe 95 pf. pt. Batistblusen Seidenbiusen reich m.EIn- sätzengarn. a Unter anderem; a 25 auaT äffet u.Messal. t gTS Wascbanzto Wascbblusea fvp Knaben ver- tohle. dene Qrdieen und Fauant 85 60 Pf, Pf. Echt« Panamabiite«! Oberhemden 50 95 Für den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Bnblitn« gegenüber keinerlei Verantwortung. Ubeare?. Sonnabend, denS.JnIi. Anfang Q'f, Uhr. Rene» königliches Operntheater. Tristan und Jf-lde. Anfang S Uhr. Deutsches. Zu ebener Erde und im ersten Stock. Ramme v(Dielt. 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Abend» 8 Uhr: Ueber den Brenner nach Venedig. Sternwortr» Invaliden(U. 67/62. Beachten Sie unser Sonntags'lnserat. Friedrich-Wilheimstadtiscbes Lessing-Theater. Gastspiel d. Neuen Operetten-TheaterS. Anlang 8 Uhr. Die nollarprluxeaain. Operette in 3 Alten von Leo Fall. öerliner Tbeatei*. Operetten-Gastspiel. Mr Täglich 8 Uhr:-M« Gin HerbatmnnOver. Neues Theater. Abend« 8 Uhr! 9er MI«. Sonntag und folgende Tage: von JfoKoMZob. Neues Kgl. Opern-Theater(Kroll), Qura-Oper. i. Mottl-Abend. Tristan u. Isolde in 3 Aufzügen v. Richard Wagner. Anfang 6'/, Uhr. Sonnt.; Lehengrin. Einfache Preige. Neuen Operettea-Tlicatep, Schissbauerdamm 25, a. d. Lutfenstr. Ansang 8 Uhr: Die Sprudel fee. Operette in 3 Alien v. H. Reinhardt. �.uoispiolkaus. Abend« 8 Uhr: Der fesche Rudi. Max Sliems Sominer- Theater und FesÄ Rudolf Krüger Haaenheida 1S/t5. -- Tägli' �" Großes Konzert Theater § long. Art.'Leitung: Waller Gravenitz. leben Donnerstag: Eiltet» ff. 'ährend und nach der Vorstellung 8chlIler-Xlieater. Schiller-Theater 0.(Wallner-Theater.) Hadame Bonirard. Schwank in 3 Akten von Alexander Biffon und Antonq Mar«. Anfang 8 Uhr. Ende XO Uhr. Morgen und folgende Tage: BadaHie Bonlvard. Schiller-Theater Charleltenburg. Der Blberpela. sine DtebeSkomödi« in 4 Alte» von Verhart Hauptmann. Anfang 8 Uhr. Ende IE/, Uhr. Morgen und folgende Tage: Der Biberpelz. CASTAN's P ARfOPTlCDM Fried rlchstr. 165(Pechorrpalast). Beate: Eotzter Sonntag!-MG 0hStreT' Mariedi Riesln der Weit. Täglich von 11—1 Uhr mittag* und von 4 Uhr naohmitlage ab; Grolle» Konzert voa Itallenlachcr Daimenkapelle. Arturo's Zauberland! 4 uhr 12 Uhr mittags naon- Drei Züge und Sie werden Jubeln:„Endlich meine Ueolaigsmarke geiundea" Epirus-Cigaretten Udbllngtaiarkent Hndzi Loja.£ bis S iff Ring-Cigaretten 2 bis S Folo'ioglow, 3 bis 10 Lord Mayor. 4 bis 10> W.�Toacks Theatsr Dtreilion: Rod. Olli. Brnnnenstr. 16. Im schattigen Garten, bei Regen lm Pracht- Thentersaal: Grosse Extro-BorsteNung k Die Ehre des Hauses. 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Konzert, Tanz, Sehenswürdigkeiten aus dem Dreiklassenparlament, Marionetteu-Theater. Kafseneröffnung 2 Uhr. 218/18« Billett 20 Pfennige. Jedes Kind erhält am Eingang in allen Lokalen einen Don für Stocklaterne und Karassel gratis. Kaffeekochen in allen Lokalen. Deutsche!' Metallarbeiter-Verband. — Verwaltungsstelle Berlin.— Arbeitsnachweis; Hos I. Amt III, 1239. CharitSstraste 3. Hauptbnreau: Hos IN. Amt IN, 1387. AAmip! Geldschrankschlofler. Alhlung! Montag, den S. Snli 190S» abends Sv, Ubr: \r er�ammluii� sWtlilhtt in dt« Geldschrlnikfliiirikkli btslhüstigteu Irdeiter m. c rj r* s\ in Trankes Testsälen, Badstraße id. Tages-Ordnung: 1. Bericht über den Stand unserer Bewegung. 2. Diskussion. 119/9 Mit Rücksicht auf die Wichtigkeit der Tagesordnung ist es Pflicht eines jeden Kollegen, für zahlreichen Besuch dieser Veisammlung zu agitieren.__ Die Ortsverwal tnng. Stadt-Theater Moabit. Alt-Moabit 47/48. Täglich: Spezialitäten und Theater- Vorstellung. Ans. d. Borstellung wochentags 7 Uhr, Konzert ö Uhr. Sonnt. 6 bezw. 5 Uhr. Garteneröffnung 3 Uhr. Jeden Montag Elitetag, Spezia- litäten und Soiree der„Lnstigen Sänger«. Bei Regenwetter Vorstellung im großen Theater-Saal._ Schweizer-Garten Am Königstor. Am Friedrichshain( Tänliph Ansang 4 rcsp. 5 Uhr l layilUl Entree SO Pf. Theater-Vorstellung; Spezialitäten. D. neueJulivrogr. i Kinematograph, Volksbelustigung.' ÄDerSeekadettfÄ1! Jed. Mittwoch: Kinderfreudenfest.' o— oooooooooooooo# Merg-Festt ml CrtD. O.lrnerl, SW., Kreuzbcrgstr. 48. Jeden Freitag; HofTmanns Norddeutsche Silnger. Passep.u. Borzugsk. gültig. Jeden Sonntag: Gr. Spezialitäten Vorsie». _ Eniree frei. Vers chied. Sonnab. an Vereine zuverg. Eeuthen, Restaurant jUkeehtshol ! zum gemütlichen Heinrich, uoil* Beliebtester Auslingsort, idyllisch am Zcntbcner. See zwischen Eichwalde, Schmöckwitz u. Zeuthen Fahrplanmäßiger Verbehr(stündlich) der Stern-Dampf er ab Berlin-Jannowltzbrücko und Brünan. Den geehrten Vereinen und Ocwerbsctaaften bestens empfohlen. Hochachtungsvoll H« Spethmann* 7% Winiislgsl Eilissienl ji BepH Jnh,: R. Heinrichs.—(Schönstes Lokal an der Nordbahn.) Sonntag, den 4. du Ii IVOS: O K Großes Volksfest$ B veranstaltet von den soz. Wahlvereinen Waidmannslust u. Borsigwalde, bestehend in Konzert. Gesang, turnerischen und Radfahrer« Aufführungen, Belustigungen für Kinder, Feuerwerk usw. Anfang 3 Uhr nachm. Eintritt 20 Pf., Kinder frei. Im Saale: 7 AKT. Kerren-Stoji-Reste zu Herrenanzügen spottbillig, feinste Fabrikate, Kammgarne, Cheviots, neueste Muster von 5 M. an per Meter, reine Wolle. 81/10 Lndwlg Engel, Prenzlauer Straste 23, II(Alexanderplatz.) Wer— Stoff— hat SS, ohne Konkmnz, 'ÄlfSÄgolthWallle. Lndwlg Engel, Prenzlauer Str. 23,11.(Alexanderpl.) Gegr. 1892 Spezialität: Frühjahrsanzng nach Maß. komplett„Vnpoleon" M. 30.—, Sommerpaletot nach Maß.„WeltberUhrnV M. 33,—, Neueste gestreiste Musler, reine Wolle. Siehe auch Adreßbuch Teil 1 u. IV. AW" Ei» Versuch führt zu dauernder Kundschaft: M. fjffiitils&ii® Waren- und Möbel-Kredit-Haus liefert solide Waren zu soliden Preisen nur 193 Oranienstr. WZ tlUl � v am Heinrichsplatz. � Möbels Einrichtungen, wie auch einzelne Stücke Herren- und Damen- Konfektion zu billigsten Preisen. ilOT* Wegen vollständiger Aufgabe des Artikels 1770L* Aysverkaut m ßamensarderobe 5Ülliä?KpÄ GesaiigTer.IoiiiileQtscbeSetileile. Am 1. Juli verschied unser Mitglied August Weidener Grimmfttaße 7. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 4. Juli, nachmittags 5 Uhr, aus dem neuen Jakobi- Kirchhos, Hermannflraße statt. 352b Der Vorsitand. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß meine liebe Frau S51b Marie Sediert geb. Dichter plötzlich verstorben ist. DieBeerdigung findet am Sonn- abend, den 3. Juli, nachm. 5 Uhr, aus dem Thomas-Kirchhos, Rix- dors, Hermannstraße statt. Wiiholm Zediert nebst Kindern. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die zahlreichen Kranz- spenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unseres guten Vaters sagen wir allen Verwandten, Freun- den, Genossen sowie Kollegen unseren herzlichsten Dank. 343b Witwe Elise ßarschin _ nebst Kindern. Ausnahme- Preise. Abnahme: Mai, Juni, Juli. �muGiix Kohlengroffhandtung Gegründet 1893. Haupt-Kontor Berlin 0. 34, Petersbnrger Straße 1 (vis-ä-vis Warschauer StraSe). Fernspr. Amt 7 Nr. 3040 u. 3096. Lagcrplat« I: Berlin 0. 34, Brom- berger Str. IL(am Ostbahnhos). Lagerplaü 11: Bcrlin0.17, Frucht- straste 13(Güterbahnhof Ostbahn). LagerplastlIl:Güterbhf.Weisten- see, Greifswalder Straste Kva. Amt VlI, 7624. 6962* Lagerplaü IV: Berlin N., Behm- straste 28—34(Ecke Schievcib einer Straße). Preise sür nur l a Marken ab Platz von IV Ztr. an: Prima Halbsteine Ferdinand Ztr. 78 Pf. » Halbsteine Lauch- Hammer Ztr. 81 Ps. „ Halbsteine«kW. Ztr. 88 Ps. „ Ferdinand-Brik. 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Um rege Beteiligung ersucht Der Boritaub. 8ümIljei!Züd'M.WMe!'ei!i! TiixdoK'L. Todes-Anzelge. Am 30. Juni verstarb unser Mitglied, der Brauer Anton Stranb (20. Bezirk). Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Sonntag, nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle deS neuen Jakobi-KirchhofeS auS statt. Um rege Beteiligung ersucht 235/10 Der Vorstand. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwallungsstelle Berlin. Todes- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Arbeiter Karl Ragötzky am 30. Juni gestorben ist. Ehre seinem Nnden'.en! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 3. Juli, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle deS Virchow-Krankenhauses aus nach dem HcUandSsriedtzvs Plötzensee statt. Rege Beteiligung erwartet 113/10 Dia Ortsverwaltung. Dentseher Transportarljeiter-Ferhanl Ortsverwaltung Berlin I. Todes-Anzelge. Unseren Mitgliedern zur Nach- richt, daß der Kollege Ewald Maske Mitglied seit 23. Januar 1906, am 28. Juni er. freiwillig aus dem Leben geschieden ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 3. Juli, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- halle des Auserstehungs-KirchhoscS tn Wcißensee aus stalt. 68/9 Um recht zahlreiche Beteiligung ersucht Oie Ortsverwaltung. Nachruf. 17562 Am 1. Juli verschied nach kurzem Krankenlager unser hoch. verehrter Ches, der Stcdtgarten- Direktor. tterr Mächtig:* Wir verlieren in ihm einen stets gerechten und humanen Lorgesetzten. In seinem Berus und Pflicht- eiser wird er uns stcis ein leuchtendes Vorbild bleiben. Ehre seinem Andenke«. Verein stadtiseker Gärtner Berlins. Todes-Anzcige. Am 1. Juli starb meine Nebe Frau und gute Mulles Minna Rappelt am Herzschlag. 344b Die Beerdigung findet am Montag, den 5. Juli, nach. mittags 2'/t Uhr, von der Kapelle des Phllippus-Sipostel-KirdihofeS, Müllcrjlr. 44/45 aus statt. Theodor Kappelt und Kinder. Kerantloortl. Nedaktxijr: WiWlm Tiiwell, Lichtenberg. Sür.dp.rl Lnsergtezrtejlvercilitv'� TH.Alvcke, Bertin. Aruck u. Verlag; VomartS Bu.chdruckerej u, Verlagsanstglt.Sßaul ginget& Kv., getlin SW,, i». isa. 26. MM-. 2. Ktilllge des Dmill'ls" Kttlim Nolksdllltt. WA«, ä, I.» ,M. parte!- Hngelecfenbeiten� Auf! zum Sommcrfcst dc-Z 4. Kreises! DaZ diesjährige Sommcrfest des 4. Kreises findet am Sonntag, den 4. Juli, in den Lokalen Seetcrrasse-Lichtenberg, Ludwigs Viktoriagarten-Treptow, und in der Alten Taverne, Stralau, statt. Das Festkomitee hat es sich angelegen sein lassen, den Besuchern einige vergnügte Stunden zu bereiten und ist überall für reichhaltige und genußreiche Unterhaltung Sorge getragen. Die im Lokal Secterrasse vorhandenen Räumlichkeiten begünstigen besonders die in Aussicht genommenen Veranstaltungen und künstlerischen Aufführungen. Auch für die junge Garde ist Sorge getragen. Auf der an das Lokal grenzenden Wiese werden unter Leitung von Mitgliedern des Turnvereins„Fichte" Kinderspiele ver- anstaltet, so daß groß und klein, jung und alt auf ihre Rechnung kommen. Bei dem mäßigen Eintrittspreise wird natürlich auf Massenbesuch gerechnet._ V. Wahlkreis. Der Familienausslug der siebenten Abteilung findet morgen Sonntag nach Pichelswerder zum alten Freund statt. Treffpunkt früh 8'/z Uhr Bahn- Hof Grunewald, Pichelsberger Seite. Zahlreiche Be- tciligung erbittet Der Abteilungsführer. Wcißcilfee. Der sozialdemokratische Wahlverein veranstaltet Sonntag, den 11. Juli er., in Backhaus' Volksgarten, Uckermark- straße 6—0, ein großes Sommerfest, bestehend in Konzert, Gesang, Vorträgen usw., mit einem Festzng durch den Ort. Kaffeckochen Liter 66 Pf. Jedes Kind erhält eine Stocklaterne gratis. Ein- tritt 20 Pf. Rege Beteiligung hieran erwartet Das Komitee. Zchlendorf. Heute abend 8 Uhr findet im Lokale von Mieck, Karlstr. 12, eine Volksversammlung statt, in der Gcnoffe Fritz Z u b e i l über Volksausbeutung und VolksauSplünderung referieren wird. Maricndorf. Heute Sonnabend abend b'/z Uhr bei Lucas, Königstraße, außerordentliche Mitgliederversammlung. Lichtenberg. Die Bibliothek des Wahlvereins ist wieder geöffnet. Die Ausgabe der Bücher erfolgt Mittwochs und Sonnabends in der Zeit zwischen 6—8 Uhr. Kerlwer JVacbricbtern Zweierlei Jtigendausflüge. An der lebenden erwachsenen Generation versucht die moderne Muckerei ihre seelenrctterischen und staatserhaltenden Künsteleien vergebens. Die mit Macht erwachte Ucber- zeugung, daß die 5iirche als eine Stütze der heutigen reak- tionären Regierung angesehen werden muß, ist schon zu tief in die Massen gedrungen. Bibel und Rosenkranz können den klaffenden Riß in veralteten Ueberlieferungen nicht mehr verkleistern. Mit dem letzten Rest einer von Selbst- erhaltungstrieb eingegebenen Energie wirft sich daher alles, was geschäftsmäßig zu Thron und Altar schwört, auf die Jugend. Die„Mucker auf dem Kriegspsade", wie diese durch- fichtigen Bestrebungen spöttisch genannt werden, sind eine stehende, hoffentlich recht bald das Lebenslicht verlierende Einrichtung unserer ait politischen und kirchlichen Merk- Würdigkeiten so überreichen Zeit geworden. Die schwarz- bcrockten Herrschaften und ihre geschmeidigen Helfershelfer, die mit geisttötenden Salbadereien im hochgewölbten Stein- bau des Glaubenszwangs bei unserer pfiffigen Jugend nicht mehr viel ausrichten können, kamen auf die erleuchtete Idee, die auswachsende Generation in etwas weltlicherer Art ein- zufangen. Sie erinnerten sich der verbrauchten Vorliebe eines Teiles der allerkleinsten, allerdümmsten Berliner Jugend für patriotischen Klimbim mit„Trommeln, Pfeifen und Gewehr" und riefen auf zu„christlichen Kampfspielen", die unter dem Teckmantel der Vaterlandsliebe das Geschäft der Kirche be- sorgen sollen. Mit wehenden Fahnen und hölzernen Säbeln, in blaue und rote Armeen eingeteilt, ziehen sie, wie Bastarde von Kreuzrittern, aus zum Kampfe gegen den Geist des Un- glaubens. Kaum aus dem Stadtbilde heraus, das so viele neugierige Gesichter hat, wird mit Jerichotrompeten zum Halt geblasen. Der Führer zieht irgendeine fromme Litanei aus der Tasche und kommandiert mit schleimiger Stimme: Helm ab zum Gebet! So geht's den ganzen Tag abwechselnd mit Choral- und Kampfgebrüll. Und wenn arme Jungens, die der Zelotismus oder die geistige Beschränkheit ihrer Erzeuger und Ernährer in den neuesten faulen Zauber der Kirche zwingt, noch nicht ganz verdummt sind, so müssen sie notgedrungen unfruchtbare Triebe werden am weitverzweigten Geäst moder- nen sozialen Lebens. Ist es nicht eine wahre Lust und Freude, gegenüber diesen in die Zwangsjacke christlich-sozialen Fanatismus gesperrten Jünglings die kernige, freiheitatmende Armee unserer arbeitenden Jugend zu betrachten? Das ist pochendes, lebenswarmes Blut vom Blute sozialgcsinnter Mütter, strebender Geist vom Geiste zielbewußter Väter, die für Ideale und Freiheit kämpfen. Und was die Eltern und alle wahren Freunde des jugendlichen Arbeiters mit jedem Blutstropfen säen, sollen dermaleinst die Kinder der unter- drückten Arbeiterscharen auf lichten Gcisteshöhen ernten. Sie fühlen es, wissen es, daß sie berufen sind zu großen Dingen. Ter Tatendrang, gestärkt durch den engsten Zusammenschluß aller zusamniengehörigen Elemente, liegt ihnen schon in den Knochen. Nicht verknöchernde, freiheitraubende Gottes- männer wollen sie hören—• nein, sich Lebensmut trinken an den flammenden Worten begeisternder Volks- führer. Mit festem, dröhnendem Tritt, die junge Brust ge- schwellt von Frühlingssehnen, den hellen Blick geradeaus aufs Ziel gerichtet— so wird am Sonntag die Jugend der Berliner Arbeiterschaft einen Massenausflug nach Adlcrshof unter- nehmen. Ihre Kirche ist der freie Wald, ihr Gebetbuch des Arbeiters Liederschatz, ihre Predigt die Stimme der allum- fassenden Natur und der Vernunft. Und von Herz zum Herzen soll es bezwingend aus dem Munde des echten, wahren Volksfreundes klingen: Zeigt Euch des hohen Erbes würdig .... denn die kraftvolle, in Freiheitsidealcn erzogene Jugend ist unsere Hoffnung!.._ NuSflug und Reichsvcreinsgesetz. Ein jugendlicher Arbeiter schickt uns folgende amüsante Schilderung eines Ausflugs: „Was wir noch nicht gewußt haben, aber was wir jetzt desto besser wissen, besser vielleicht als diejenigen, welche das Reichs- bcreinsgcsetz geschaffen haben, ist, daß Ausflüge, an denen ein paar Dutzend junge Leute teilnehmen, von unserer preußischen Polizei als öffentliche Umzüge betrachtet werden, die 48 Stunden vorher angemeldet und genehmigt werden müssen. Machten wir da(zirka 40 Jugendliche)' am Sonntag, den 27. Juiitz einxn UeJnejt Äusflug auch AMkill« um Ä.lt in (dem Botanischen Garten einige Stunden an den Gebilden der Ilatur zu erfreuen. Als wir unseren Wissensdurst befriedigt hatten, uns aber noch sehr rüstig fühlten, beschlossen wir.anstatt zu fahren, durch den Grunewald nach Berlin zu laufen. Also einigermaßen geordnet und dann tüchtig ausgegriffen, wenn wir noch vor Toresschluß zu Hause sein wollen, war die Losung. Frische Arbeiter- und Wanderlieder singend ging es die Chaussee entlang. Links und rechts grünende Felder und Wiesen. Im Vordergrunde nicht mehr weit der Grunewald, hinten die unter- gehende Sonne, mit ihren letzten Strahlen die grauen Dunst- und Gewitterwolken über Berlin vergoldend. So recht ein Gegensatz zu dem engen und muffigen Häuserkasten unserer Großstadt, der uns bald wieder verschlingen wird. Doch, was ist das? Neben uns auf dem Zweirade ein Vertreter der heiligen Hermandad. Wir brauchen nicht lange nachzudenken, denn schon tönt uns ein lautes „Halt!" entgegen und weiter:„Wer ist der Leiter von diesem Zuge?" Leiter?! Leiter?!„Wir brauchen keinen Leiter."„Keinen Leiter? Na, wer trägt denn hier die Verantwortung?"„Bei uns kann und muß sich jeder selbst verantworten, wir brauchen keinen Ober!"„Aber was soll das?" fragen einige verwundert.„Was haben wir verbrochen?" „Wo ist der Ausweis, daß dieser Zug genehmigt ist?" tönt es als Antwort entgegen.„Was wissen wir von Ausweis und Genehmigung. Wir sind hier junge Leute, die den freien Sonntag dazu benutzen, den Lungen etwas frische Luft zuzuführen und dem Körper gesunde Bewegungen zu verschaffen, und dazu ist bis jetzt noch keine Genehmigung notwendig gewesen."„Ist mir ganz egal. Das ändert nichts an der Sache. Sie sind hier im geschlossenen Zuge mit Gesang marschiert, und da Sie eine Genehmigung hierzu nicht aufweisen können, so haben Sie das Vereinsgesetz über- schritten. Denn in demselben heißt es, daß öffentliche Umzüge und Versammlungen unter freiem Himmel 48 Stunden vorher bei der Ortsbehörde anzuzeigen sind." Heiliger Bimbam! Da haben wir'sl Schon ein Trupp mit Gesang auf freier Landstraße marschierender junger Leute genügt, um in dem Gehirn eines preußischen Polizeibeamten einen öffentlichen Umzug hervorzu- zaubern. Alle Einwendungen helfen nichts. Er wankt, aber er weicht nicht. Auf den Hinweis, daß er uns hier, wo sich die Hasen gute Nacht sagen, unmöglich eines öffentlichen Umzuges bezichtigen könne, antwortet er schon nicht mehr ganz sicher:„Ich muß das besser wissen." Nun folgt das Sistieren, und da wir nun mal keinen Ober haben, muß er sich schon dazu bequemen, alle aufzu- schreiben, was er mit einigen Schweißtropfen und unter dem Witz, den wir Berliner Jungen nun einmal besitzen, nach einer halben Stunde bewältigt hat. Auf die Frage, wie wir hätten gehen sollen, um es ihm recht zu machen, macht einer von uns den Zwischenruf: Im Gänsemarsch, 10 Schritt Entfernung.„Sehen Sie, Sie wissen es ganz genau", meint er in vollem Ernst.„Gehen Sie in kleinen Rotten, und kein Beamter wird Ihnen was sagen." Also nun wissen wir's ganz genau. Das nächste Mal geht es in kleinen Rotten, zehn Schritt Ent- fernung. und zur Sicherheit 43 Stunden vorher angemeldet. Vielleicht um die Sache abzurunden: Heil Dir im Sieger- kränz und dazu: Lieb Vaterland magst ruhig sein!"- Ein MassenauSflug der arbeitenden Jugend findet am Sonntag, den 4. Juli, nach dem Lokal von Wöllstein in AdlcrShof, Bismarckstr. 24, statt. Der Ausflug wird in Gruppen veranstaltet. Die einzelnen Gruppen marschieren morgens um 7 Uhr von ihren Treffpunkten ab und treffen um 12 Uhr in Adlershof ein. Von 12—1 Uhr: Mittagsrast, von 1—4 Uhr: Spiele im Walde, von 4— S Uhr: Kaffeepause. Um S Uhr hält Herr Dr. Karl Liebknecht eine Ansprache. Rückmarsch der einzelnen Gruppen um 6 Uhr. Treffpunkte: Die einzelnen Gruppen treffen sich an folgenden Punkten um 7 Uhr: Görlitzer Bahnhof. Um 7lli Uhr Abmarsch über Treptow durch den Plänterwald. Dann weiter durch die Cöllnische Heide nach Adlcrshof. Schlesischer Bahnhof. Vor der Billettausgabe an der Madaistraße. Die Fahrt geht bis Karlshorst. Wanderung durch den Wald bis eventuell Köpenick. Durch Wald nach Adlershof. Spiele und Frühstück diesmal im Walde. Landsbergertor-Friedrichshain(Kriegerdenkmal). Fahrt vom Schlesischen Bahnhof nach Karlshorst 10 Pf. Wuhlheide, Sadowa, Köpenick, Adlershof. Vinetaplatz. Abfahrt vom Bahnhof Schönhauser Allee um 7 Uhr bis Frankfurter Allee(10 Pf.). Marsch über Friedrichs- felde, Karlshorst, Sadowa, Köpenick nach Adlershof. Fahrgeld 30 Pf. inkl. Rückfahrt. Nettelbeck platz. Näheres wird dort mitgeteilt. Bahnhof Beufselstraße. Fahrt bis Treptow. Marsch über Baumschiilenwcg. Daselbst Frühstück. Weiter nach AdlerShof. Bahnhof A l e x a n d e r p l a tz(an der Berolina). Fahrt uach Karlshorst, Wanderung über Sadowa und Köpenick nach Adlers- Hof. Rückfahrt von Stralau- RummelSburg. Gesamte Fahrlosten 30 Pf. Potsdamer Bahnhof. Fahrt vom Potsdamer Ringbahn- Hof nach Treptow. Marsch durch den Treptower Park, Plänterwald, Königsheide nach Adlershof. Die Gruppen der Vororte treffen sich gleichfalls um 7 Uhr an folgenden Punkten: Charlottcnburg, Wilhelmsplatz.— Nixdorf, Kriegerdenkmal.— NummclSburg-Lichtenberg, Warschauer Straße, Ecke Kopernikusstraße.— Lichtcnbcrg-Friedrichsfcldr. Bahnhof Lichtcnberg-FriedrichSfelde.— Nciiiickcndorf und Pankow, Bahnhof Rcinickendorf-Schvnholz.— Schöneberg, Potsdamer Straße, Ecke Pallasstraße.— Tegel, Bahnhofsplatz.— Tcmpclhvf, Bahnhof Tempelhof.— Wcißensce, Antonplatz. Die Teilnehmer aus der näheren Umgebung AdlerS- Hofs treffen sich an folgenden Stellen: Köpenick, nachmittags pünktlich l'/s Uhr im Stadttheater; Grünau, nachmittags pünktlich 1 Uhr im Restaurant Joh. Franz, Köpenicker Straße 88; Nieder- Schöneweide, nachmittags pünktlich IVs Uhr im Restaurant Karl Bottke, Berliner Straße 64; Johannisthal, nachmittags pünktlich 12l/z Uhr im Nestnurant Senftleben, Friedrichstr. 48; Bohnsdorf, nachmittags pünktlich l2'/z Uhr im Restaurant Falkenruh; Alt- Glienicke bei Genosse Wutte, Köpenicker Str. 6, um 2 Uhr. O b e r> S ch ö n e w e i d e. Die Teilnehmer an dem AuSflug treffen sich un, l'/a Uhr bei Rabe, Wilhelmincnhofstr. 43. Die Jugendlichen wende» sich am besten dem ihrer Wohnung nächstgelegcnen Treffpunkte zu. Dort sind Leiter zur Stelle. Die Ordner tragen weiße Binden. Alle Lehrlinge, jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen sind hierzu eingeladen._ Freisinn und Lehrerbcsoldimg. Am Donnerstag hatten sich in ihrem Vereinshause weit über tausend Berliner Lehrer versammelt, um noch am letzten Tage vor den Ferien Stellung zu nehmen zu der Behandlung der Lehrerbesoldungsfrage in der Stadtverordnetenversammlung. In der Debatte wurden die„Verdienste" des Freisinns um die Lehrerbesoldung, sowie gewisse wenig freundliche Aeuße- rungen des Berliner Oberbürgermeisters gebührend gewürdigt. Einstimmig fand folgende Resolution Annahme: „Der Berliner Lchrcrvercin erhebt gegen die Behandlung der Besoldmigsvorlage durch die Stadtverordnetenversaininlung in ihrer außerordentlichen Sitzung am 29. Juni Protest. Nach der Vorlag- des Magistrats mit ihren geringfügigen Berbefferungen durch die Stadtverordnetenversaminlung soll die Besoldung jetzt so geregelt werden, daß der Berliner Lehrer in seinem Gehalt gegen seinen gleichaltrigen Kollegen in Charlotten- bnrg, Schöneberg und Wilmersdorf dauernd durchschnittlich um 200 M. zurückbleibt. Zu demselben Zeitpunkt, wo die städtischen Körperschaften das Gehalt der Magisiratssekrctäre dnrchschniitlich um 576, das der Bureanassistenten um 437 Mark aufbessern, soll das Lchrergchalt im Durchschnitt nur um 320 Mark erhöht werden. In der Sache und ebenso in der Form wurden die Lehrer im Gegensatz zu den übrigen städtischen Beamten bei dieser Gelegen- heit derart behandelt, daß sie sich schwer zurückgesetzt und gekfisiitt fühlen müssen. Der Berliner Lehrerverein beschließt, in dieser Frage die Entscheidung der königlichen Behörden anzurufen." Not und Arbeitslosigkeit. Der Polizeibericht vom Donnerstag meldet:„Die 23 Jahre alte Arbeiterin Helene T. sprang abends vor dem Hause Plan- Ufer 87 in den Landwehrkanal, wurde ober durch den Schiffseigner Hermann Forschack aus Költsch, der zufällig vorbeifuhr, wieder herausgezogen und vor einem Grundstück Kottbuser Ufer gelandet. Passanten schafften die Lebensmüde nach dem Kranken- hause Am Urban, wo sie Aufnahme fand. Nahrnngssorgen infolge von Arbeitslosigkeit hatten sie zu dem Schritt veranlaßt. An der Dampfer- station,, Schillingsbrücke" sprang nachmittags die 57 Jahre alte ivohnungs- lose Arbeiterin Amanda Z. in die Spree. Angestellte der Teßmerschen Reederei zogen sie wieder heraus, worauf sie noch lebend dem Krankenhause Bethanien zugeführt wurde. Beweggrund zum Selbst- Mordversuch Arbeits- und Obdachlosigkeit.— Mittels eines Taschen- messerS öffnete sich abends der 45 Jahre alte Arbeiter Bernhard I. in seiner Wohnung in der Koppenstraße die Pulsader der linken Hand. Als man ihn auffand, hatte er bereits einen größeren Blut- Verlust erlitten, so daß man ihn schleunigst in einem Wagen dem Krankenhause Am Friedrichshain zuführen mußte. Die Veranlassung zu dem Selbstmord dürften Nahriiugssorgen gewesen sein." Verschüttet. Zu der gestern unter„Letzte Nachrichten" mitgeteilten Nach- richt von der Verschüttung zweier Arbeiter beim Auswurf eines Brunnens auf dem Pionierübungsplatz an der Siboldstraße ivird noch berichtet:„Der vorgestern nachmittag hinter den Scheiben- ständen in der Hasenheide beim Brunnenbau verschüttete Schacht- meister Robert Schütze, Nixdorf, wurde nach zehnstündiger rast- loser Arbeit tot aus dem 11 Meter tiefen Schacht herausgeholt. Die Ehefrau hatte bis dahin an der Unfallstätte, von der sie n i ch t fortzubringen war, ausgehalten. Die Leiche wurde nach dem Schau- Hause geschafft. Der gerettete Arbeiter Schwarzer, der vorgestern über allgemeines Unwohlsein klagte und deshalb sich an den Rettungsarbeiten nicht beteiligte, ist ohne Schaden davongekommen. Schütze und Schwarzer sollen die strengen Vorschriften nicht be- achtet haben, wonach stets nur eine Bohlenschicht beim Abbau des Brunnenschachtes zu entfernen und dann sofort mit Erdreich auszufüllen ist. Statt dessen sollen sie gleich zwei und drei Lagen der Bohlen entfernt haben. Die Sandmassen kamen ins Rutschen und stürzten auf die in dem Schacht arbeitenden Leute. Tie Rettung gestaltete sich wegen der Gefahr für die RettungSmann- schaft recht zeitraubend; es mußte ein neuer Schacht von 3 Meter Durchmesser bis zu einer Tiefe von etwa 9)4 Meter getrieben werden, bevor die Feuerwehr den Mann erreichte, der in gebückter Stellung aufgefunden und dann sofort herausgeholt wurde. Wiederbelebungsversuche waren erfolglos. Die Zukunft des Aquariums. Die Liquidation der Aquarium- Gesellschaft ist beendet, und das Institut soll bis auf weiteres wie bisher fortgeführt werden. Allerdings kann dieser Zustand nur ein Provisorium sein, und über kurz oder lang mutz die Entscheidung darüber fallen, was mit dem Aquarium geschehen soll. Es ist zu- nächst erreicht worden, daß das Institut, das Direktor Hermes nunmehr auf eigene Rechnung— ohne die staatlichen Zuschüsse, nur die der Stadt blieben ihm vorläufig erhalten— weiterführt, bis über den 1. Oktober dieses Jahres in seinem alten Heim in der Schadowstraße, Ecke der Linden, verbleibt. Ursprünglich sollte es zwar an diesem Termin geräumt werden, aber Direktor Hermes hat die Erlaubnis zu einem Aufenthalt über diese Zeit hinaus er- wirkt. Die Verhandlungen mit dem Zoologischen Garten wegen Uebernahme des Aquariums scheinen ins Stocken geraten zu sein. Auf der einen Seite will der Zoo sich gewisse Rechte nicht uer- kürzen lassen, die er an die Uebernahme knüpfen zu können glaubt, auf der anderen Seite will Direktor Hermes sich seines Lebens- Werkes nicht ohne weiteres entäußern. Das Kultusministerium interessiert sich zwar, wie der„L.-A." erfährt, lebhaft für das Fortbestehen des Instituts, kann aber auch nicht die Entscheidung herbeiführen. Der Zoo hat noch immer die Absicht, ein eigenes Aquarium zu errichten, sofern eine Fusion nicht zu erreichen sein sollte. Entlassungen von Arbeitern ans der städtischen Parkverwaltnng werden wieder gemeldet. Am letzten Sonnabend sind im Revier III fünf Mann(2 Gärtner und 3 Arbeiter) entlasse» worden, denen am kommenden Sonnabend noch eine größere Zahl folgen soll. Man teilt uns mit, daß von Arbeitsmangel keine Rede sein kann. Sollen die Schmuckplätze in der erforderlichen Weise gehegt und gepflegt werden, so haben die zurzeit vorhandenen Arbeitskräfte den ganzen Sommer vollauf zu tun. Hierfür liefern die Nachbargcmeindcn den besten Beweis, indem sie um diese Zeit Arbeitcrentlassungcn nicht vornehmen. Berlin muß anscheinend unter allen Umständen immer an der Spitze marschieren, wenn es gilt, unsozial zu handeln. Uebcrfahrcn. Beim Einlenken aus der Camphausensiraße in die Freiligrathstraße überfuhr vormittags ein Milchwagen der Meierei „Schwcizerhof" daS 3jährige Söhnchen Gerhard des Werkmeisters Franz Sylwcdcl, Freiligraikisir 4 wohnhaft. Die Mutter, die Zeugin war, wie der Knabe Plötzlich über den Straßendannn gelanscu ist, trug das schwerverletzte Kind nach dein Krankenhause Am Urban, wo es bereits im Laufe des gestrigen Nachmittags gestorben ist. Einen Raubniordanfall hat gestern ein 17jähr!ger Gymnasiast fingiert. Er hatte einen größeren Geldbetrag von der Bank abgeholt, legte sich dann in einem Hause der Saarbrücker Straße hin und stellte sich, als sei er schwer verletzt worden. Der unbekannte Täter war aber nicht aufzufinden. Schließlich kam heraus, daß seine- Angaben alle erfunden waren. DaS Geld hatte der junge ManN-intterMhissre an sich selbst abgesandt, weil er viel Geld für sich verwendete. Ein Laufbursche, Sohn armer Eltern, hat ani Tinnerstag ein Paket Krokodilledcr im Wette von 10 M. verloren Und muß für den Schaden aufkommen. Er bittet deshJj»n chi liehen Finder, doch gefälligst den Fundgegenstand abzugeberunü dicHldrcsse Lederwarenfabrik P. Grohmann, Aiexandrinenstiujpyji 8. Hof, Aufgang VII, 4 Treppen. Gesperrt. Die Neue Friedrichstraße von der Spcn�dcmer Straße bis zur Burgstraße wird KanalisationSarbeiten halber sosnrt bis auf weiteres für Fuhrwerke und Reiter gesperrt; Sistiert wurde am Donnerstagabend gegen 8 Uhr ein Arbeiter in der Koppenstraße, der die Protcstvcrsanimlung bei Frcver be« suchen wollte. Wer diese Sistierung angesehen hat, wird um Abgabe seiner Adresse an Otto Boesc, Friedrichsfelder Straße 28, gebeten. NeSer einen seltsam verlaufenen Ausflug von Herren der Tech- msch-n Hochschule nach Fürstcnwalde berichtet ein Teilnehmer, ein RegicrungSbaumeister, merkwürdige Dinge. Nach der Besichtigung eines industriellen Werkes wurden die Herren von einem Bürger in der Stadt herumgeführt und kamen schließlich auch auf eine Wiese, wo sich die etwa 30 Herren photographieren ließen. Da erschien plötzlich mit einem Hunde ein Polizeibeamtcr und forderte die Gesellschaft auf, sofort die Wiese zu verlassen. Da aber keine Warnungstafel vorhanden war und die Wiese auch nicht der Stadt gehörte, so wünschte man unter Hinweis auf die Studentenkarte eine Auskunst. Nun wiederholte der Beamte dreimal seine Fordening, erklärte dann, es liege Hausfriedensbruch vor, drohte schließlich mit dem Hunde und soll sogar einige Teilnehmer angefaßt haben. Eine Ve- grllndung seines Vorgehens verweigerte der Mann. Er soll aber geäußert haben:„Technische Hochschule? Techniker haben ja auch dqs Denkmal kaput gemacht I" Man verlangte nun seinen Namen. Darauf soll der Polizist mehrfach den Hund auf die Gesellschaft gehetzt und den Säbel gezogen haben. Ilm Unheil zu verhüten, faßte einer der Teilnehmer den Säbel und zog sich dabei empfindliche Schnittwunden zu. Einem änderen wurde durch den Hund der Nock zerrissen. Die Leiter des Ausfluges begaben sich schließlich zum Bürgermeister von Fürsten- walde, der gegebenenfalls weitere Schritte versprach. Eine amtliche Aufklärung ist wohl in kürzester Zeit zu erwarten. Ein Glück, daß es sich im vorliegenden Falle um Leute ans besseren Kreisen handelt; mit Arbeitern hätte man noch weniger Federlesens gemacht. Fcucrwehrnachrichtcn. Die Feuerwehr wurde vorgestern abend zweimal nach der Licbenwalder Straße 8 alarmiert. Um 8f6 Uhr brannten dort auf dem Boden Strohsäcke u. a., und eine Stunde später mußte ein Biencnschlvarm eingefangen werden. Terpentin u. a. brannte in der Thomasstr. 64, Preßkohlen auf dem Nordbahnhof u. a. Stellen. Der 12. Zug mußte einen Küchcnbrand in der Steglitzer Straße 14 löschen und der 16. Zug einen kleinen Wohnungsbrand in der Christianiastr. 31. Der 7. Zug wurde nachts nach der Jungstr. 42 in Lichtenberg gerufen, wo in der Tischlerei von Beer ein großer Brand ausgekommen war. Die freiwilligen Feuerwehren von Friedrichsberg und Lichtenberg waren schon zur Stelle und gaben mit vier Schlauchleitungen bereits tüchtig Wasser, so daß die Berliner Wehr keine Hilfe zu geben brauchte. Die Entstehung des großen Brandes konnte nicht mehr ermittelt werden. Der Schaden ist ganz bedeutend. Die Schöneberger Feuerwehr hatte nachts einen um- fangrcichen Dachstuhlbrand in der Martin-Lutherstr. 21, Ecke der Rosenheimer Straße, zu löschen. Als die Feuerwehr, die erst alarmiert wurde, als die Flammen um 10 Uhr aus dem Dache cmporschlugen, an der Brandstelle ankam, stand der Dachstuhl des Eckhauses schon in großer Ausdehnung in Flammen. Diese hatten an dem Inhalt der Bodenverschläge reiche Nahrung gefunden, und die Treppen waren total verqualmt. Ueber zwei große mechanische Leitern ließ Branddirektor Floeter vorgehen und mit fünf Schlauchleitungen von Dampfspritzen Wafier geben. Erst in später Nachtstunde konnte die Feuerwehr wieder abrücken. Ueber die Entstehungsursache liegen nur Vermutungen vor. Vorort- JVachrichtcm Charlottenburg. Strafverfahren wegen Außerachtlassung der Unterhaltungs- Pflicht gegen Familienangehörige. Wegen Außerachtlassung der Unterhaltungspflicht gegen Familienangehörige auf Gruna deS § 361 10 des Strafgesetzbuches ist die Charlottenburger Armen- direktion im letzten Jahre in 667 Fällen eingeschritten, in denen sie die Pflichtigen zunächst zur Erfüllung ihrer Pflicht auf- gefordert hat. Die Aufforderungen betrafen 378 Fälle ehelicher Verwandtschaft und 239 uneheliche Kinder. Zu einem gerichtlichen Verfahren kam es in 184 Fällen. Der Strafantrag zurückgezogen wurde in 4 Fällen, das Strafverfahren eingestellt in 16. das Ver- fahren schwebt noch in 38, Freisprechung erfolgte 7 mal, während 44 Strafen erkannt wurden. Die Strafen gingen im letzten Jahre von 3 bis 40 M. Geldstrafe und von einem bis drei Wochen Haft. Auf die Strafen trat nur in 3 Fällen Besserung ein, während ebenfalls 3 mal wiederholter Strafantrag gestellt wurde. Die Zahl der Strafen ist im letzten Jahre etwas zurückgegangen. Sie war seit 1898 bis zum Jahre 190S stetig gestiegen, hat aber seit- dem langsam nachgelassen. In der Lchrstellcnvcrmittelung des städtischen Arbeitsnachweises Charlottenburg, der mit dem freiwilligen Erziehungsbeirat in ständiger Beziehung steht, ist im Interesse einer sachgemäßen Aus- wähl von Lehrstellen die Einrichtung getroffen, daß die zur Eni- lassung kommenden Schulkinder zu frühzeitiger Angabe ihres beabsichtigten Berufes veranlaßt werden. So sind schon jetzt Knaben angemeldet, die für Michaelis 1909 eine Lehrstelle suchen, und zwar nicht nur in den stets begehrten Metallgewerben(als Mechaniker, Maschinenbauer, Maschinenschlosser, Werkzeugmacher, Dreher), sondern auch im Baugewerbe(als Kleinpner, Tischler. Zimmerer sowie als Buchdrucker, Gärtner, Schneider, Schuhmacher. Barbier, endlich als Bureaubeamter. Buchhalter, Kaufmann, Schreiber usw.). Auch haben sich eine Anzahl Mädchen gemeldet, die eine Lehrstelle als Schneiderin, Putzmacherin, Buchhalterin und Verkäuferin suchen, sowie auch solche, die bereit sind, Dienstbotcnstellen anzu. nehmen, in denen sie für den häuslichen Beruf ausgebildet werden. Die Vermittelung im städtischen Arbeitsnachweis, Kirchstraße 6, in der Nahe der Luisenkirche, sowie in der Zweigstelle für weibliches Houspersonal am Wittenbergplatz 4, Ecke Bayreuther Straße 8, ist für beide Teile kostenlos. Schöneberg. Die Dtonatsversammlung des sozialdemokratischen WahlverriuS am letzten Dienstag hörte einen Vortrag des Neichstagsabgcordneten Genossen L e h m a n n> Wiesbaden über.die jetzige politische Situation". Der Vorsitzende, Genosse Rethfeld, gab bekannt, daß die kürzlich von den meisten Bezirken vorgenommene„VorwärtS"-Agitatiou einen Gewinn von 232 neuen Abonnenten brachte.— Mit der Provinzialkonferenz. die am 29. August tagen wird, und mit dem vom 12. bis 18. September abzuhaltenden Parteitag sollen sich die Zahlabende beschäftigen und eventuelle Anträge rechtzeitig stellen.— Das Kreisfest findet am 13. Juli in Treptow statt.— Genosse Schenk wies dann auf die Kinder-Ferienausflüge hin, zu deren Kosten die Stadt Schöneberg 1200 M. beisteuert.— Genossin Wickert er- innerte an die vom Jugendausschuß Groß-Berlins arrangierte Zu- sammenkunft der Jugend in Adlershof am 4. Juli und an den vom Schöneberger Ausschuß am 11. Juli geplanten Jugendausflug nach Eichkamp. Nixdorf. Not und Verzweiflung haben den 41 Jahre alten Schuhmacher Friedrich Braune aus der Richardstraße 49 in den Tod ge- trieben. Äichötte in den letzten Jahren viel durchzumachen ge- habt. Ei« Schicksalsschlag folgte dem anderen. Jetzt stellte sich auch noch hinere Not ein. Infolge Arbeitslosigkeit hatte B. schwer zu Wtzen. In der Verzweiflung wußte sich der Aermste schließlich«inen anderen Rat mehr, als freiwillig in den Tod zu gehen:'«'erhängte sich in der Wohnung und war bei Ent- deckung der Tat bereits tot. Die»M WahlbezirkSeiuteilLug der Stadt Rixdorf ist vom Regierungspräsidenten genehmigt worden. Nachdem durch Ortsstatut vom 29. Septeniber 1998 die Zahl der Stadt- verordneten von 69 auf 72 erhöht worden ist, hat der Magistrat eine neue Wahlbezirkseinteilung festgesetzt. Hiernach hat die dritte Wählerklasse 24 und die zweite Wählerabtcilung 4 Wahl- bezirke: den Nord-, Ost-, Süd- und Westbezirk. Die erste Wählerabteilung umfaßt das ganze Stadtgebiet. Für die Neu- eintcilung der Wahlbezirke und die Zahl der von jedem Wahl- bezirke zu wählenden Stadtverordneten sind folgende Festsetzungen getroffen: von jeder Wählerabteilung sind 24 Stadtverordnete zu wählen. In der dritten Wählerabtcilung hat jeder Wahl- bezirk einen Stadtverordneten, in der zweiten Klasse jeder Wahlbezirk sechs Stadtverordnete und in der ersten Abteilung 24 Stadtverordnete zu wählen. Zur Durchführung der Er- gänzungs- und Ersatzwahlen werden die jetzigen Stadt- verordneten neu verteilt. Aus der Vollzahl der Stadt- verordneten scheiden am 31. Dezember 1919, 1911 und 1912 aus der ersten, zweiten und dritten Wählcrabteilung je acht Stadtverordnete aus. Die neue Wahlbezirkseinteilung und die Verteilung der Stadtverordneten aus die einzelnen Bezirke tritt am 1. August d. I. in Kraft. Weißensee. Ein schwerer Unfall ereignete sich vorgestern abend gegen 6 Uhr auf der König-Chaussee in Weißensee. Als die in der Varnimstraße wohnende Frau R. mit ihrem neunjährigen Sohn an dem bis zu dem vierten Stock gediehenen Neubau vorüberging. stürzte plötzlich ein Brett in die Tiefe, flog über den Bauzaun hinweg und traf Mutter und Sohn, daß beide zu Boden stürzten. Die Verunglückten wurden zu einem in der Nähe wohnenden Arzt gebracht und von dort, weil sie außer Kopfwunden anscheinend auch innere Verletzungen erlitten haben, nach dem Krankenhause Friedrichshain übergeführt. Rummelsburg. In den Haaren liegen sich der„Rabatt-Spardcrein Lichtenberg- Rummelsburg" und der„Gcwerbe-Aerein Rumnielsburg" um die verehrten Hausfrauen, die nicht wissen, welchen Vereinen sie ihre Rabattspargelder anvertrauen sollen. Daß solche Gebilde nur be- stehen können auf Kosten der nicht denkenden Hausfrauen, ist längst bekannt und wird aufs neue bestätigt durch ein Flugblatt, daß der Lichlenberg-Rummelsburger Rabattverein gegen seinen Konkurrenten, den Gcwerbcvercin Rummelsburg, verbreiten ließ. Es wird darin behauptet, daß der Gewerbeverein Rummelsburg sich ersichtlich be- müht, die Hausfrauen von feinem Sparsystcm durch Täuschung abhängig zu machen, und wenn dies erreicht ist, nur der Ver- e i n auf Kosten der Hausfrauen seinen Nutzen ziehen wird. Na, die Herren müssen es ja wissen! Ob schwarze oder gelbe Rabattmarken, das System ist das gleiche. ES ist bloß zu be- dauern, daß zu den Getäuschten noch so viele Arbeiterfrauen ge- hören, die ihre saner verdienten Groschen den„angesehenen" Ge- schäftsleuten in den Laden tragen. Andererseits sind die Herren Rabattvercinler alleinal dabei, wenn eS gilt, die Bestrebungen der Arbeiterschaft zu bekämpfen. Am hiesigen Ort befinden sich Türr- schmidtstraße 6 und Wismarplatz 3 leistungsfähige Konsumläden, wo die Arbeiterschaft sicher ist, nicht übervorteilt zu werden, wie dies durch das Rabattsparsystem der Fall ist. Vom Sommerfcste. Bei dem am Sonntag, den 27. Juni, statt- gehabten Sommerfest des Wahlvercins Rummelsburg sind eine Reihe Gegenstände gefunden Ivorden, die in der ,Vorwärts"-Spedition, Alt- Boxhagcn 66, abzuholen sind. Außerdem sind Verlosungsgeivinne auf folgende Nummern in Empfang zu nehmen: 29, 108, 113, 122 133, 210, 216, 242. 262. 256. 272, 359. 361, 376, 413. 430. 437, 442 482. 661, 609, 627, 643, 669, 661. Groß-Lichterfelde. In der letzten WahlvcrcinSversammlung referierte Genosse Wenzel über die jetzige innerpolitische und parlamentarische Lage und bezeichnete die unverzügliche Auflösung des Reichstags als absolute Notwendigkeit.— Unter Vereinsangelegenheiten wurde auf das am 18. Juli im Wahrendorfs Gesellschaftshaus stattfindende Stiftungsfest des Vereins hingewiesen; das Komitee hat keine Mühe gescheut, das Fest in einer der Partei würdigen Weise auszugestalten. In bezug auf das am gleichen Tage statt- findende 57rcissest bemerkte der Vorsitzende, daß es leider nicht möglich gewesen sei, die Vereinsfeiern zu verlegen, da alle Vor- bereitungen und Abschlüsse bereits vor Bekanntwerden des Kreis- festes perfekt waren.— Die Steglitzer Genossen laden zu zahl- reichem Besuch ihres Sommerfestcs am 4. Juli im„Birken- Wäldchen" ein. Es wird betont, daß gerade die westlichen Vororte sich gegenseitig möglichst unterstützen und daß aus diesem Grunde der Einladung recht viele Genossen folgen sollen.— Zu einer sehr regen und lange währenden Debatte führte das Verhalten deS Gesangvereins„Einigkeit" zur Maifeier. Mit allen gegen eine Stimme wurde eine Resolution angenommen, die dem genannten Gesangverein die Anerkennung der politisch organisierten Ar- beiierschaft versagt.— Eine Anzahl Genossen wurden als Mit- glieder aufgenommen. Baumschulenweg. Das am vorigen Sonntag verregnete Waldfest deS Gesangvereins „Liedesfreundschaft", Baumschulenweg, findet morgen, Sonntag, nach- mittags, in der Königsheide nahe des Teltowkanals statt. Genossinnen und Genossen werden gebeten, sich mit ihren Kindern recht zahlreich an dem Feste zu beteiligen. Steglitz. Die WahlvcreinSvcrsammlung am letzten Dienstag ehrte zu- nächst das Andenken des verstorbenen Genossen Ernst Sudrow, dem der zweite Vorsitzende, Genosse Krause, einen Nachruf widmete, in dem er den Verstorbenen den jüngeren Parteigenossen als leuchtendes Vorbild in bezug auf treue Pflichterfüllung und Hingabs an die Sache der Arbeiterschaft empfahl. Nach Er- ledigung einiger Neuaufnahmen referierte Genosse Wolderski» Berlin über die Aenderungen des Organisationsstatuts. Er empfahl die vorgeschlagene Fassung zur Annahme, obgleich er selbst manche Bestimmung für verbesserungsbedürftig halte. In der Diskussion wandte sich Genosse Heinrich Schulz dagegen, daß die gesamte ReichStagsfraktion berechtigt sein soll, an den Partei- tagen teilzunehmen; eine Vertretung genüge vollkommen. Auch bemängelte er die Bestimmung des§ 12. wonach zur Einberufung eines außerordentlichen Parteitages der e i n st i m m i g e Be- schluß des Parteivorstandes oder der Kontrollkommission nötig sei. Hiernach könne ein einziges Mitglied jener Körperschaften die Abhaltung eineS im Interesse der Gesamtpartei vielleicht dringend nötigen außerordentlichen Parteitages verhindern. Ferner wandte er sich gegen den Antrag der Zentralvorstände von Groß-Berlin, bei§ 6 den Absatz:„Den weiblichen Mitgliedern ist die„Gleichheit" unentgeltlich zu liefern", zu streichen. Von einem anderen Genossen wurde der Antrag Groß-Berlins, der sich auf die Ausschließung und Wiederaufnahme bezieht, bekämpft und die Fassung deS Entwurfes empfohlen. Die Versammlung beschloß im Sinne der beiden Redner. Ein Vorstandsantrag, für die Zwecke der Jugendorganisation am Orte einen monatlichen Extrabeitrag von 5 Pf. obligatorisch zu erheben, wurde nach längerer und teil- weise erregter Debatte angenommen, jedoch mit der Aenderung, daß die weiblichen Mitglieder von diesem Extrabeitrag befreit sind. Tegel. Die Wahl des Genossen Arcndsce ist in der letzten Gemeinde- vertretersitzung für gültig erklärt worden, und zwar mit 8 gegen 6 Stimnien. Die Koinmission, die mit der Prüfimg der Wahl betraut >oar, hatte Ungültigkeit erklärt, wurde aber von der Mehrheit der Vertretung desavouiert. Die Proteste fochten vor allem die Frage der Ansässigkeit an, weil Arendsee nur Tcilbesitzer war. Die Tegeler Gemeindevertretung hat mit vollem Recht die Gültigkeit ans- gesprochen; interessant wäre es nun. die Personen festzustellen, die direkt und vor allem indirekt an den Protesten beteiligt waren. Schmargendorf. Im Wahlvereiu wurde mitgeteilt: Zur Beaufsichtigung von Schöneberger Arbeiterkindern, die während der Ferien nach dem hiesigen Orte kämen, sollen sich hiesige Genossinnen zur Verfügnng stellen.— Sammellisten für die Berliner LandtagSlvcihlen Verden ausgegeben. An die Gemeindevertretung soll eine Petition gerichtet werden um Erhöhung der Zahl der Gcmeiiidevcrtreter; außerdem soll Bezirks« einteilung gefordert werden. Unser Dorfparlameut besteht auS neun Vertretern. Bei der letzten Gcmeindewahl wählten in der ersten Abteilung drei Wähler, i» der zweiten Ableilung waren einige achtzig und in der dritten Abteilung gegen 1100 Wähler. Auf die drei Wähler der ersten Abteilung und zirka achtzig der zweiten Abteilung entfallen also je drei Genieindevertreter, während die zirla 1100 Wähler der dritten Abteilung cbeufalls nur drei Vertreter wählen dürfen. Dazu besteht die Gemeindevertretung aus lauter Hausbesitzern inklusive einem Vertreter der Stadt Berlin und einem einer Tcrraingesellschaft als Wähler der ersten Klasse. Daß die VerkchrSmisere mit der Straßenbahn und andere Mißstände immer deutlicher fühlbar werden, verdanken wir eben einer solchen Ver- tretung. Auch der hiesige Bürgerverein bereitet eine derartige Petition vor. Falkenhagen-Seegefeld. Von der Agitation. Nach langer Zeit war es den Genossen gelungen, eine Volksversammlnng unter freiem Himmel zu vcran« stalten. Am Sonntag, den 27. Juni, sprach Genosse Dentzer, Berlin. vor den zahlreich erschienenen Männern und Frauen über:„Die politische Lage in Deutschland". Die Stimmung der Versammlung drückte sich in der einstimmig und mit Begeisterung angenommenen Resolution ans:„Die versammelten Männer und Frauen schließen sich dein Protest der deutschen Arbeiter- klasse gegen die fortdauernde Bedrückung des Volkes durch Lebens- nrittel- Steuern und gegen die ins Ungeheure anlvachsende Ver- Wendung der Einnahmen für Soldaten, Kanonen und Kriegsschiffe energisch an. Sie fordern, daß eine direkte ReichS-Einkommensteuer zur Deckung des großen Defizits eingeführt lvird; daß serner mit den unerlräglichen Riistliiigen zu Wasser, zu Lande und in der Luft Schluß gemacht wird, und daß das dadurch ersparte Geld zum Arbeiterichutz verwendet wird."— Mit einem weithin schallenden Hoch auf die Sozialdemokratie schloß die Versammlung. Potsdam. Für rund 2 Millionen Mark Länbcreien sind von der Stadt- gemeinde seit 1. Januar v. I. erworben worden. Alle diese Ländereien sollen der Bebauung erschlossen werden mit der aus« drücklichcn Bestimmung, daß nur Villen und Land- Häuser erbaut werden dürfen. Macht sich schon gegen die Bodenpolitik, besonders über deren Umfang, eine große Miß- stimmung geltend, so noch mehr gegen die einschränkende Bau- Bestimmung. Den Schaden dieser letzteren haben hauptsächlich die Arbeiterbevölkerung und der Mittelstand zu tragen. Für die Arbeiterschaft verteuern sich die Wohnungen immer mehr; sie wird gezwungen, nach den Bororten abzuwandern. Dadurch wird den kleineren Geschäftsleuten und Gewerbetreibenden die an und für sich schon nicht große Kundschaft bedeutend verringert; dem größeren Teil der Stadtverordneten(Beamte, Pensionäre usw.) kommt diese Politik aber sehr zustatten. Wollen sie doch aus der „zweiten Residenzstadt" eine recht„fürnehme" Stadt machen. Solange wie sie selbst von den Kommunalsteuern befreit sind, können sie ja ganz gut wirtschaften, wenn sie aber erst einmal selbst bezahlen müssen, werden sie wohl auch Rücksicht auf die Arbeiterschaft und Gewerbetreibenden nehmen. Wenn es dann nur nicht zu spät istl Nm drei Nähmaschinen. Das Provinzialschulkollegium fordert für den Handarbeitsunterricht der höheren Mädchenschule die Anschaffung dreier Nähmaschinen. Die Stadtverordneten haben dies abgelehnt. Sie erachten die Beschäftigung höherer Töchter an solchen Maschinen nur als Spielerei; der Referent war seiner- zeit sogar der Ansicht, daß das Provinzialschulkollegium etwas anderes zu tun habe, als sich um solche Sachen zu kümmern. Jetzt hat sich dasselbe erneut an den Magistrat gewendet mit dem Hinweis, falls die Anschaffung dieser Maschinen abermals ab- gelehnt werde, der Minister darüber entscheiden müsse, ob die Anstalt überhaupt als„höhere Mädchenschule" anerkannt werde oder aber„Mädchen-Mittelschule" verbleibe.— Schrecklich! Serickts- Leitung. HochverratSriecherei. Unter dem Verdacht des Hochverrats wurde gestern der Schneider und verantwortliche Redakteur der anarchistischen Zeitschrift„Der freie Arbeiter" durch Beschluß der 3. Strafkammer des Landgerichts I verhaftet. Vor dieser Kammer hatte sich der Redakteur Hermann Reetz wegen Vergehens gegen den§ 110 St. G. B.(Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Gesetze) zu verantworten. In der Verhandlung war von Anfang an wegen Gefährdung der Staatssicherheit die Ocffcntlichkeit ausgeschlossen. Der Anklage liegen verschiedene im April und Mai d. I. er» schienene Artikel in dem Organ der hiesigen anarchistischen Föderation„Der freie Arbeiter" zugrunde. In dem einen Artikel wird für den Generalstreik Propaganda gemacht. Hierin soll eine Aufforderung zum Ungehorsam gegen das Bürgerliche Gesetzbuch liegen, die darin gefunden wird, daß zur Nicderleguna der Arbeit ohne Einhaltung der gesetzlichen Kündigungsfrist aufgefordert wird. In einem zweiten Artikel vom 24. April mit der Ucberschrift „Unsere Revolution" soll ferner nicht nur zum Ungehorsam gegen die Gesetze, sondern auch zu einem Bruch der Verfassung auf» gefordert worden sein.— Staatsanwalt Bernau beantragte die enorm hohe Gefängnisstrafe von einem Jahre.— DaS Gericht» unter Vorsitz deS LandgerichtsdircktorS Lieber, hielt aar in den Artikeln einen Hochverrat im Sinne des Z 86 St. G. B. für bor- liegend. Die Strafkammer erklärte sich deshalb für unzuständig und verwies die Sache an das Reichsgericht. Zugleich wurde der Angeklagte sofort verhaftet._ Die Mnsterpolizei in Tegel. Gestern beschäftigte sich die 6. Strafkammer deS Land- gerichtS III in der Berufungsinstanz abermals mit den Helden» taten des Polizcisergcantcn Mcgow In Tegel. Unsere Leser ent- sinnen sich, daß nicht Megow, sondern 2 Opfer dcS polizeilichen Benehmens auf der Anklagebank gebracht waren. Wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung waren der Schanl- Wirt Ernst Weile und dessen Ehefrau Anna W. geb. Schulz ange- klagt. DaS Schöffengericht Bcrlin-Wcdding hatte die beiden An- geklagten nicht nur auf Kosten der Staatskasse freigesprochen, sondern dieser auch noch die Kosten der Verteidigung und die den An- geklagten erwachsenen Auslagen der Staatskasse auferlegt. In diesem Urteil wird der Sachverhalt wörtlich in folgender Weise dargestellt: Am 20. August v. I. fiel der Polizeisergeant Mcgow in Tegel, der— wie es im ersten Urteil heißt— von seinen eigenen Käme. raden als ein völlig disziplinloser Beamter und gewalttätiger Mensch bezeichnet wird, schon aus der Straße durch ein ungcbühr- lichcS Verhalte» auf. Megow war ziemlich stark angetrunken und schwankte hin und her. Er ging u. a. auf eine Frau B. mit offenen Armen zu und versuchte sie zu umarmen. Die Frau gab ihm einen leichten Stoß, durch welchen M. zu Boden stürzte. Mcgow wurde von einem Nachlwächter im Rinnstein liegend aufgefunden, der ihm den Helm aufstülpte und ihn nach seiner in der Spandauer Straße gelegenen Wohnung schleppte. Hier spielte sich folgender Vorfall ab. Die im ersten Stockwerk wohnhaften Eheleute Weile erwarteten noch einen Geschäftsfreund des Mannes, namcnS Lindenberg. Als sie auf der Treppe ein Geräusch hörten, glaubten sie, daß eS der Erwartete sei und öffneten die Korridortür. Frau Weile sah auf der Treppe einen Mann liegen und holte sofort eine Lampe. Erst jetzt wurden sie gewahr, daß es der über ihnen wohnhafte Polizeisergeant Megow war. Beide erkannten sofort. daß M. betrunken war und sagten ihm. daß er ja eine Treppe höher wohn«. Megow schlug ohne weiteres der Frau W. in das Gesicht. Sie flüchleke foforl in die Küche und stellte die Lampe auf den Tisch. Inzwischen hatte Megow»eine Browningpistole hervor- xcholt und mit dieser auf den Ehemann Weile losgeschlagen, der halb besinnungslos auf dem Korridor zusammenstürzte. Frau W. lief an das Fenster und rief um Hilfe, während sich der Mann in die Küche flüchtete. Megow postierte sich vor der Tür auf und verlangte, daß geöffnet werde, mit der Drohung, daß er sonst schießen würde. Als Weile nicht öffnete, schoß Megow durch die Tür hindurch und traf den W. in den Oberschenkel. Sodann stürmte er in das andere Zimmer und warf der Frau in blinder Wut seinen Helm ins Gesicht. Auf die Hilferufe der Frau eilten schließlich zwei andere Polizeiscrgcantcn hinzu, denen sie den Hausschlüssel aus dem Fenster hinunterwarf. Die beiden Beamten eilten hinauf und hatten alle Mühe, den Rasenden zu überwältigen, der sogar die Pistole gegen sie richtete. Megow wurde dann von ven Polizeibeamten mit vieler Mühe in seine Wohnung geschafft, wo sie ihn erst bändigen tonten, nachdem sie ihm Fesseln angelegt hatten. Sie mußten den Tobenden drei Stunden bewachen, da er immer wieder Miene machte, in die Weilesche Wohnung ein- zudringen und schwere Drohungen ausstieß.— Der schwerverletzte Weile mußte sofort in ärztliche Behandlung gebracht werden. In- folge der ungeheueren Erregung unterließ er es, sofort Anzeige zu erstatten. Als er nach sieben Tagen gegen Megow Anzeige er- stattete, erfuhr er, daß Megow gegen ihn und seine Ehefrau An- zeige erstattet hatte. Das Schöffengericht kam auf Grund des vorstehend in dem Urteil wiedergegebenen Sachverhalts zu dem schon erwähnten frei- sprechenden Urteil. Der Polizciscrgeaiit Megow schloß sich nun unter Beistand des Rechtsanwalts Dr. Fiirle dem Verfahren als Nebenkläger an und legte Berufung ein, mit der sich nunmehr die Strafkammer zu beschäftigen hatte. Vor Eintritt in die Ver- Handlung regte der Vorsitzende an, ob Megow nicht seine Berufung zurückziehen und die Angelegenheit außergerichtlich auf gütlichem Wege beilegen wolle. Megow lehnte dies ab. In seiner Ver- nehmung als Zeuge gab M. unter vorläufiger Aussetzung der Bc- eidigung eine Darstellung des Vorfalles ab, nach der er keinesfalls betrunken gewesen sei und sich— in Notwehr befunden habe. Es handele sich bei der ganzen Sache um einen Racheakt der ihm feindlich gesinnten Angeklagten. Zwischen den W.schen Eheleuten sei es sehr häufig zu sehr heftigen Szenen gekommen. Einmal habe ihn Frau Weile in Anspruch genommen und ihn um Rat gefragt, wie sie von ihrem Manne loskommen könne. Dies habe sie anscheinend später ihrem Manne wiedererzählt, der deshalb gegen ihn(Megow) nicht gut gesinnt war und ihn deshalb auf der Treppe überfallen habe. Durch die weitere Beweisaufnahme in zweiter Instanz wurde der Sachverhalt so wie ihn das Schöffengericht für festgestellt ansah nur in unerheblichen Punkten abgeändert. Sanitätsrat Dr. Rocsrr hat festgestellt, daß der Schuß in der Tat durch die Tür und nicht vor der Tür abgefeuert worden sei und die Kugel den hinter der Tür stehenden Weile(gegen den der Musterpolizist in Notwehr gehandelt haben will) verletzt haben muß. Wie dieser Sachverständige bekundete, verträgt Megow nicht viel Alkohol und-wird leicht sehr aufgeregt. Bürgermeister Weigert gab dem Megow im ganzen ein gutes Leumundszeugnis. Derselbe habe sich eifrig bemüht, seine Dienst- pflichten zu erfüllen. Kleine Differenzen seien allerdings vor- gekommen, weil M. leicht aufgeregt sei; bei einigen Vorgängen sei auch behauptet worden, daß er jähzornig geworden sei, auf der anderen Seite habe er aber auf Vorhaltungen immer etwa be- gangeneS Unrecht eingesehen. Wie in erster Instanz auf Befragen der Verteidigung mußte auch jetzt zugegeben werden, daß Megow bei anderen Gelegenheiten Kollegen und Vorgesetzte haranguiert, ja mit dem Revolver bedroht hatte. Die als Zeugen vernommenen Polizeisergeanten, die an den Tatort gerufen worden waren, be- ftätigten, daß sie den Megow in einem so aufgeregten Zustande vorgefunden haben, daß sie ihn mit Gewalt zu Boden drücken und mit der Waschleinc binden mußten. Er habe mit den Füßen um sich geschlagen, Schimpfworte ausgestoßen und die Beamten mit Worten wie:„Wenn ich meine Arme frei hätte, könnten Sie Ihr Testament machen, denn ich schösse Sie tot," oder„Die erste Kugel ist Deine" und dergleichen beleidigt. Auch nach dem Zeugnis dieser Beamten ist Megow ein leicht aufgeregter Mann. Er habe nach dem Vorfall mit Weiles so getobt, daß er zwei Stunden lang an Händen und Füßen gefesselt im Bett gehalten werden mußte. Aus der Beweisaufnahme ist noch hervorzuheben, daß Bürgermeister Weigert auf Befragen erklärte:„Megow könne nicht viel ver- tragen und sei seelisch reizbar. Durch vorsichtige Behandlung würden aber solche Charaktere leicht wieder in die richtigen Gleise gebracht."— Die Beweisaufnahme wurde erst in später Nach- mittagstunde geschlossen. Der Vertreter des Nebenklägers, Rechts- anwalt Dr. Fürle, wies darauf hin, daß dem Megow nicht nur bezüglich seiner 17jäl)rigen Dienstzeit beim Militär das beste Zeugnis, sondern auch von dem Bürgermeister das günstigste Leu- mundszeugnis ausgestellt worden sei. Es habe ganz den'Anschein, als ob der Angeklagte auf eine günstige Gelegenheit gewartet habe, dem Megow, den er im Verdacht hatte, mjt seiner Ehefrau in un- erlaubten Beziehungen zu stehen, eins auszuwischen.— Rechtsanwalt Dr. Kurt Roscnfeld beantragte als Verteidiger des An- geklagten wiederum die Freisprechung, da die Beweisaufnahme, abgesehen von einigen nebensächlichen Punkten,, dasselbe Ergebnis gehabt habe wie vor dem Schöffengericht. Den besten Beweis da- für, wer der Schuldige sei, gehe der Schußkanal in der Tür, der klar beweise, daß der Polizeisergeant Megow vor der verschlossenen Tür stehend den Angeklagten angeschossen habe, so daß von Notwehr keine Rede sein könne. Der Verteidiger sprach ferner seine Ver- wunderung darüber aus, daß ein Polizeibeamter, der sich so un- glaublich benommen habe, noch die Uniform trage.— Der Staatsanwalt, der gegen das erste Urteil keine Berufung eingelegt hatte, teilte mit, daß das Verfahren gegen Megow noch schwebe und dieser demnächst ebenfalls vor dem Strafrichter stehen werde. Das Gericht hielt für festgestellt, daß die Beweisaufnahme im wesent- lichen dasselbe Ergebnis gehabt habe wie vor dem Schöffengericht, jedoch habe die Strafkammer dieses Mal auf Grund eines nem liquet(nicht aufgeklärt) zu einer Freisprechung des Angeklagten kommen müssen. Man könne nicht allein den Angaben der An- geklagten, aber auch nicht den Bekundungen des seinerzeit stark an- geheiterten Megow ohne weiteres folgen. Das erste Urteil wurde nur insoweit abgeändert, daß die Angeklagten die ihnen in der ersten Instanz erwachsenen notwendigen Auslagen selbst zu tragen haben. Die Kosten der Berusungsinstanz und die den Angeklagten erwachsenen Auslagen wurden dem Nebenkläger Megow auserlegt. Eigenartige Ncchtsempfindungen, die solchem Tatbestand gegen- über die Belassung des schlag- und schießlustigen, trunksüchtigen Polizeibeamten im Dienst und gar die Anklage gegen Gemitz- handelte ermöglichen. Der Bürgermeister in Tegel scheint, nach dem von ihm abgegebenen Leumundszeugnis zu schließen, die nun in zwei Instanzen vor Gericht festgestellten ungeheuerlichen Miß- stände im Tegeler Polizeiwesen für nichts besonders Auffälliges zu halten. Vielleicht erinnern sie ihn an Zustände seines früheren Wirkungskreises._ Vermifcbtcs» DaS RtichSluftfchiff„Z. l." kann wegen widrigen Wetters seine Fahrt nach Metz noch immer nicht fortsetzen. Von neuem hat starker Regen eingesetzt. Der Aufstieg des„Z. l." ist bis auf weiteres verschoben worden. Der im Bruggwaldtunnel Verschüttete gerettet. Der seit lOM Tagen im Bruggwaldtunnel verschüttete Arbeiter Pedersoli konnte nach Z�htägigen, unglaublich schwierigen RettungSarbeiten endlich aus seiner qualvollen Lage befreit werden. Pedersoli, der furchtbar mitgenommen ist, wurde sofort in ärztliche Behandlung gebracht. An der. Grenze erschossen. Als der Arbeiter Medwig von einer Kahnfahrt nach dem österreichischen Grcnzort Miclnice zurückkehrte und nach Befestigung seines Fahrzeuges sich nach Hause begeben wollte, fiel plötzlich von russischer Seite her ein Schuß. der Medwig tot niederstreckte. Der Erschossene hinterläßt außer seiner Witive vier unmündige Kinder. Nach dem„Obcrschles. Anzeiger" ist erwiesen, daß der Schuß von einem russischen Grenz- soldatcn abgegeben worden war. Zugentgleisung. Landau, 2. Juli. Kurz vor der Einfahrt in die Station Mörlheim entgleiste heute morgen um 8 Uhr der von Landau kommende Zug. Drei Wagen sind umgestürzt, einer von ihnen wurde zertrümmert. Ob Personen verletzt sind, ist noch nicht bekannt. Ein Hilfszug ist von Landau abgegangen. Hochwasser- und Unwctternachrichtcn. Hirschberg, 2. Juli. Alle Gcbirgsbäche sind stark angeschwollen und steigen noch un- unterbrochen. Die Lomnitz ist über die Ufer getreten und hat die Bahn Zillcrthal-Krummhübel auf eine Strecke von 40 Meter hin überschweinmt. Wien, 2. Juli. Hier tobt ein orkanartiger Sturm mit kaltem Regen. Aus dem Schneeberg» und Raxgebiet wird ein Temperatur- stürz bis auf 0 Grad gemeldet. Es wüten dort Schneestürme. Chalons für Saone, 2. Juli. Seit zwei Tagen weht ein eisiger Nordwind. Aus mehreren Ortschaften wird Schneefall ge- meldet. freireligiöse Gemeinde. Soitukag, de» t. Füll er., vormittags 9 Uhr, in der Halle, Pappel-Allee 15— 17: Freireligiöse Vorlesung.— Vormittags 10'/, Uhr in der Schule, Kleine Frankfurter Str. 6: Vortrag de» Herrn M. H. Barge über:„Der crlemiturslritische MoniSuiuS'.— Damen und Herren sind als Gäste sehr willkommen. Freie Jiigendorgailisatio» Lichtenberg Friedrichsfelde. Sonn» abend, den 3. Juli, 8 Uhr, im Lokale des Herrn Knie, Lichtenberg, Irenen» stratze 14a. Vortrag: lieber Zweck und Ziele unserer Organisation. ßr�fhaften der Redaktion. Tie lurlstlsche Sprechstunde findet Linden st raste S, zweiter Hof, dritter Eingang, dicr Treppen, Fahrstuhl wochrntägllch abends von 714 bis 914 Uhr statt. Gcössnct 7 Nhr. Sonnabends bcginnt die Sprcchstniide»in 6 Nhr. Jrdcr Anfrage ist ein Buchstabe und eine Zahl als Merkzeichen briznstigrn. Briefliche Antwort wird nicht erteilt. Bis zur Blantwortung im Brlrfkastcii können 1t Tage vergehen. Eilige Fragen trage man in der Sprechstunde vor. K. SS. Dem Drahtwurm, der Larve dcS SaatfchnellknserS, Ist schwer beizukommen. Legen Sie aus die bcfallcucu Beete Oclkuchcnstückchcir 10 Zentimeter lies, in je 25 Zentimeter Abstand. Die Drahtwünner srcsscn hiervon und vergiften sich. Halbiert:, sastige Kartoffeln, mit der Schnittsläche abends auf den Boden gelegt, ziehen die Drahtwürmer an, die Sie dann in der Morgcnsrühe absuchen müssen. — S. M. LS. Wenn Sie innerhalb der vereinbarten Zeit idie Ver- einbarung im Vertrage ist güllig) die Wohnung nicht zeigen können, so müssen Sie die Schlüssel zur Verfügung stellen.— N. G. 27. Nach dem Gesetz ist leider der Wirt im Recht.— Paul 3. Nein. Eine Nnsechtung eines Testaments wegen Verletzung des Pflichtteils ist nur möglich, wenn ihm weniger als die Hälfte des gesetzlichen Erbteils zufällt.— S. M. I, Sie müssen vor einem Notar oder vor dein Amtsgericht einen Vertrag fchlicsscn, in dein aus das Niessbrauchs- und Verwaltungsrecht von Ihnen verzichtet und das Vermögen Ihrer Braut anerkannt wird. Bringen Sie ein Verzeichnis des Vermögens unter'Angabe des Kennzeichens iür die Möbel mit.— F. 73. 1. Ohne körperlichen Verkehr. 2. und 4. Liebknechts Fremdwörterbuch erhalten Sie sür 3.20 M. in der Buchhandlung Vorwärts. DaS Bürgerliche Gesetzbuch und alle anderen Bücher erhalten Sie eben- salls dort. 3. Der Tod des Ehemannes berechtigt die Erben, bis am Dritten des aus das Stcrbcquartal solgenden Monat» zum OuartalSschluß auch länger dauernde Verträge zu kündigen. Amtlicher Marktbericht der städtischen Maritballen-Direktion über den Großhandel in den Zciiwal-Marlthallcn. ivlarltlage: Fleisch: Zufubr reichlich, Geschäft lebhaft, Press« unverändert. Wild: Zusubr knapp, Geschäft rege, Preise fest. Geslügel: Zusuhr reichlich, Geschäft etwas besser, Preise befriedigend. Fische: Zusuhr reichlich, Geschäft cliva« lebhafter, Preise wenig verändert. Butler und Käse: Geschäft ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obs» und Südfrüchte: Zusuhr genügend, Geschäft rege, Presse wenig verändert. vsasserstandS'Nachrichteu ')-ff bedeutet Wuchs,— Fall.— K Niilerpegel. Nach telegraphifcher Meldung haben heute die Glatzer Neiße und der B o b e r H o ch w a s f e r von mäßiger Stärke. WItterniigSüberstcht vom S. Juli IVOS, morgens 8»Hr. Stationen Kwtncmde. 763 NNW Hanibura! 7 66 NNW Bcrlü' 76 l NNW Franks.a.M.'763N München 1763 W Wen 1756 38 Wetter 6 heiter 3 bedeckt 5 wolkig 4 wollig 4 Regen 7 Regen «R G?- äll L? W-5 Stationen §2 C 5 Haparanda 761 S Petersburg 761 NNO Scillh Werde«, Pari» 768 S 767 S 765 NNW Wetter ! 2wolkenl 1 bedeckt 1 halb bd. 1 halb bd. 3bedeckt r-» £* 15 12 14 11 IL Wetterprognose für Sonnabeud, de» 3. Juli ISVS. Wärmer, vorwiegend heiter und trocken bei mäßigen südlichen Winde». Berliner W e t t e r b u r e a u. Warenhaus Wilhelm Siein Berlin Chausscestrasse 70-71, Doppelte Anzahl Sparmarken'>»* Reisezeit vom Sonnabend, den 3. Juli bis inklusive Mittwoch, den 7. Juli. :: Wir geben sonst bei einem Einkauf von 1 Mark :: 4 Sparmarken, an diesen Tagen jedoch geben wir:: 8 Sparmarken' 8 Besonders preiswerte Angebote: Reiseartlkel, Schuhwaren, Damen- uKinderkonfeklioo, Damenwäschen. Strümpfe. FSeäschwaren Weine u. 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