Ur. 170. Ndonnemenk-keSZngungen: ?lbc>uncinci!tz- Preis pränumerando i Licrteljährl. 3,30 9Kf., monatl. 1,10 Mk„ wöchentlich 2» Psg, frei ins Haus. Einzelne Nummer S Pfg, Sonntags- Eingetragen in die Post-Jcitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich> Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Poftabonnemenls ucbuien au: Belgien, Dänemark Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Slumänien, Schweden und die Schweiz, vlchellit täglich außer montags, Verlinev Volksblcltt. . S6. Jahrg.' vis InIertisnZ-ciebiihl' lekägt für die scchsgcspaltcnc Kolonel- geile oder deren Raum bo Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins- lind Versammlungs-Nuzeigen 30 Psg. „Ulelne Snicig-N", das erste(selt- gedruckte) Wort 20 Pfg,, jedes weitere Wort 10 Psg, Stellengesuche und Schlas- stcllen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg,. jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über IS Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geössnet, Telegramm-Ndresse: „SHialdtniclirat Btrliu". Zentralorgan der fozialdeniokratt fchen partes Deutfcblands. Rcdahtion: SRI. 68, Lindenstrasse 69« Fernsprecher: Amt IV, �r. 1983 Zeh» fahre christlicher GewerKkhaftstätlgHelt. Der siebente Kongreß der christlichen Gewerkschaften, der � eben in Köln getagt hat, war als eine Art Jubiläumsveran� staltung gedacht. Vor zehn Jahren hatte in Mainz der erste Kongreß der christlichen Gewerkschaften stattgefunden, wo diese sich ihr Programm und ihre Verfassung gaben und von wo aus die christlichen Gewerkschaften ihre eigentliche Ge schichte beginnen lassen. Der Hinweis auf das, was von Mainz bis Köln geleistet worden sei, kehrte in den Verhand- lungen des diesjährigen Kongresses immer wieder, und in der einleitenden Versammlung war dem Rückblick auf die zehnjährige Tätigkeit der christlichen Gewerkschaften ein eigener Vortrag gewidmet. Es versteht sich, daß die Christ- lichcn— auf Jubiläen ist man immer freudig erregt— mit ihren Erfolgen seit Mainz zufrieden sind. Ohne in ihre Jubcltöne cinzustimnien, kann man zugeben, daß sie Erfolge erzielt haben— mehr als die Gegner damals gedacht, aber auch weniger, als die Christlichen selbst erwartet haben. Sie zählten voriges Jahr nahezu 300 000 Mitglieder(die Krise des letzten Jahres hat sie um ein Viertelhunderttausend zurückgeworfen): sie haben namentlich im Westen Deutsch- lands in einigen Berufen einen ansehnlichen Einfluß, mit dem die sozialistischen Organisationen dort wohl oder übel rechnen müssen: ihre Verbände sind— wozu ihnen das Muster und die Erfahrung auf unserer Seite gute Dienste geleistet haben — im Aufbau und den Finanzen leidlich in Ordnung, und die beamteten Personen beweisen meist das erforderliche Ge- schick in der Leitung und Verwaltung ihrer Verbände. Es wäre ungerecht und verfehlt, das zu verkennen. Wer einen der ersten christlichen Gewerkschaftskongresse mitgemacht hat, wo Herr Brust selbstherrlich präsidierte, wo seine Gesellen sich meist ratlos ansahen, indes schwarzrockige Drahtzieher im Hintergründe wimmelten, der mutz eingestehen, daß es in dieser Beziehung doch anders geworden ist im christlichen Lager. Nicht nur beherrscht die Leitung die organisatorische Technik, sondern die einzelnen Redner wissen auch in der Forin wie in der Sache ihre Gedanken meist wirksam zu vertreten. An der Anerkennung dieser Tatsache soll man sich nicht mit der ungebührlichen Hervorhebung dieser oder jener Neben- crschcinung vorbeidrücken. Das wäre, wie gesagt, nicht nur ungerecht, sondern auch in denjenigen Gegenden, wo die Christlichen von Einfluß sind, gefährlich. Muß inan also in gewissem Umfange zugestehen, daß die christlichen Gewerkschaften in den letzten zehn Jahren Er- folge äußerer und innerer Art erzielt haben, wie sie von unserer Seite nicht vorausgesehen worden sind, so steht andererseits fest, daß diese Erfolge weit hinter dem zurück- geblieben sind, was man auf christlicher Seite damals er- wartete. Man rechnete unter der Gunst des einflußreichen Zentrums, unter dem Segen der mächtigen Kirche, unter der Förderung durch Behörden und Unternehmer bestimmt darauf, der sozialistischen Gewerkschaftsbewegung bald nahe- oder auch überzukommen. Darin hat man sich arg getäuscht. Die christlichen Gewerkschaften haben zugenommen, gewiß, aber die freien Gewerkschaften haben noch mehr zugenommen. Wenn die Christlichen 15— 20 000 Arbeiter gewinnen, mehren sich die Reihen der Freien um 100 000 Mitglieder. � Gegenwärtig sind sie ihnen um das Sechsfache an Mitgliederzahl und demgemäß an wirtschaftlichem Einfluß und finanzieller Leistungsfähigkeit überlegen. Tie Hoffnung, die gesamte Arbeiterbewegung im Sinne christlicher„Neutra- l i t ä t" zu beeinflussen, die Gewerkschaftsbewegung von der Sozialdemokratie abzulenken und so die Partei zu schwächen, zu„überwinden", wie man sich das in der Jugend- zeit der christlichen Gewerkschaftsbewegung so schön ausgemalt hatte, diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt und lvird sich nicht erfüllen. In ihrem Endziel ist den christlichen Gewerkschaften also der Erfolg völlig ausgeblieben, und er ist auch ausgeblieben m bczug auf die Erwartung, durch bescheidenes Vorgehen und gute Gesinnung das Unternehmertum, die Parteien und die Regierungen zu Zugeständnissen zu bewegen, die der Ar- beiterklasse, wie man meinte, deshalb verweigert wurden, weil sie unter der Führung der revolutionären Sozialdemokratie steht, und diese sich durch ihre Grundsätze und ihr Verhalten des Entgegenkommens seitens der Behörden und Parteien unwürdig'macht. Die Christlichen gedachten die Führung in der Sozialpolitik zu übernehmen und auf diese Weise den Umsturz zur Strecke zu bringen, indem sie den Arbeitern den Nachweis brachten, daß nur unter christlichem und nationalem Banner etwas für sie zu erreichen sei. Auch darin sind sie eines anderen belehrt worden. Sie müssen genau wie die Sozialdemokraten dem Unternehmertum jeden Groschen Lohnerhöhung und jede Minute Arbeitszeitverkürzung aus den Zähnen reißen; sie müssen erleben, daß Regierung und Parlament auf ihre Forderungen pfeifen, auch wenn sie noch so bescheiden gehalten und reichlich mit der Versicherung un- wandelbar guter Gesinnung ausgestattet sind. Wenn man diese Umstände berücksichtigt, erkennt man, wie wenig die Christlichen Ursache zum Triumphieren haben. Und auch die Gönner, mit denen sie auf ihren Kongressen zu prnnken Pflegen, sind nicht imstande, diese Tatsache zu ändern. CxpedMon: SM. 68, Undcnstrasoe 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981. Die Behörden versichern die christlichen Gewerkschaften ihrer Gunst, denn die gute Gesinnung, die sich in der Bekämpfung der Sozialdemokratie bekundet, verdient Anerkennung, wenn diese auch nur in wohlwollenden Worten besteht, die zu nichts verpflichtet. Herr von Berlepsch begönnert die christlichen Gewerkschaften, weil er seiner Gesellschaft für soziale Reform einen gewissen Arbeiteranhang sichern will und. da die Sozial- demokraten nicht mitmachen, mit den Christlichen vorlieb nehmen muß. Pfarrer Weber von der gescheitelten Fakultät, der den Römischen das Feld nicht gern allein lassen möchte, begrüßt sie im Namen seiner evangelischen Schlafmützen- vereine, die im selben Augenblick wie die Gelben den Fürsten Bülow zu ihrem Ehrenmitglied ernannt haben. Und die Herren vom Zentrum und seiner M.-Gladbacher Agitations- Zentralstelle, sie wissen am besten, weshalb sie den christlichen Gewerkschaften ihr freundliches Gesicht zeigen und mit ihren Führern die wärmsten Händedrücke wechseln. Wie die christ- lichen Gewerkschaften sich auch gewandelt haben, in einem sind sie gleich geblieben: in ihrem Verhältnis zum Zentrum. Es tut nichts zur Sache, daß ein geringer Teil der Mitglieder auf anderem als ultramontanen Boden steht; das ultra- montane Element hat dieLeitung in Händen und bestimmt die gewerkschaftliche und außergewerkschaftliche Haltung der Mit- g l i e d e r. Und diese Haltung ist diktiert durch die Rück- ficht auf das Zentrum, das sich die christlichen Gewerkschaften als Schutztruppe gegen die Sozialdemokratie und ihre Führer als seine politischen Handlanger erzogen hat. In der Erfüllung dieser Aufgabe haben die Führer die christlichen Gewerkschaften auf die„politifche Neutralität" der- pflichtet, das heißt, sie ein- für allemal zum Schweigen ver- urteilt, wo das wirtschaftliche und gewerkschaftliche Interesse eine entschiedene Stellungnahme zur Pflicht macht. Dadurch ist den Führern als Zentrumsparteigängern und sogenannten Arbeiterabgeordneten die Ermächtigung ausgestellt, in gröblichster Weise gegen das Arbeiterinteresse zu handeln— denn, so verkündete Herr Generalsekretär Stegerwald auf dem Kölner Kongresse: Wir sind keine Klassenbewegung wie die Sozialdemokratie; ein christlicher Abgeordneter kommt bei parlamentarischen Ab- stimmungen manchmal in die Lage, wo ein höheres Interesse, die Rücksicht auf unsere Ideale den Ausschlag geben und das Arbeiterinteresse zurücktreten muß. Man setze statt„höheres Interesse" klerikales Interesse und statt der„Rücksicht auf die Ideale" die Rücksicht auf das Zentrum— und man hat den wahren Sinn dieser Worte und das wahre Wesen der christlichen Gewerkschaften, das darin besteht, daß die christlichen Gewerkschaften als Arbeiter- organisationen Arbeiterinteressen vertretest wollen und in ge- wissem Umfange auch vertreten müssen, daß sie aber unter dem Einfluß ihrer dem Zentrum ergebenen Führer in viel weiterem Umfange die Interessen von Parteien vertreten, die ihrem Wesen nach arbeiterfeindlich sind. Dafür ist gerade in diesem Augenblicke der beste Beweis gegeben durch das Ver- halten der ultramontancn Arbcitcrabgeordneten bei der Reichssinanzreform. Daß der Kölner Kongreß, dessen Redner so weidlich aus die Sozialdemokratie zu schimpfen wußte, kein Wort der Rüge fand gegen die Partei, die bei diesen: Volks- und arbeiterfeindlichen Streich die Führung hatte, daß er nicht wagte, die Arbeiterführer, die als Zentrums- abgeordnete sich an diesem ihrer eigenen Klasse zugefügten Streich beteiligen, zur Rechenschaft zu ziehen, das beweist besser als sonstwas, wie ungeeignet die christlichen Gewerk- schaften sind, die Arbeiterinteressen in schwerer Lage zu ver- vertreten, wie wenig berechtigt sie sind, sich als Arbeiter- organisationen in wirklichem Sinne zu bezeichnen. Wie die „Gelben" Schutztruppen des Unternehmertums, so sind die christ- lichen Gewerkschaften Schutztruppen rückschrittlicher, Volks- und arbeiterfeindlicher Parteien. Dieser Zwiespalt kennzeichnet daS Wesen der christlichen Gewerkschaften, und an diesem Zwiespalt werden sie zugrunde gehen— um so eher, als es uns gelingt, diesen Zwiespalt den Arbeitern zum Bewußtsein zu bringen, die noch im Ge- folge des Zentrums und im Banne der christlichen Gewerk- schaften sind. Dafür hat uns der Kölner Kongreß gute Waffen in die Hand gegeben. In überaus glücklicher Weise fiel der Kölner Kongreß der Christlichen zusammen mit der so- eben erfolgten Verabschiedung der Reichsfinanzreform, und dieses zeitliche Zusammentreffen ist in besonderem Matze geeignet, den Zwiespalt zu offenbaren, in den jede Organisation geraten muß, die gewerkschaftlich im Dienste der Arbeiter- interessen und politisch im Dienste bürgerlicher Partei- intereffen steht. Der siebente Kongreß der christlichen Gewerkschaften be- deutet eine Rechtfertigung unseres Standpunktes, daß der Arbeiter zum Arbeiter, die getverkschaftliche Arbeiterorganisation zur politischen Arbeiterorganisation gehört. In diesem Sinne gilt für uns der Satz: Partei und Gewerkschaft sind eins! „lüelchzliigetiverbaml" In einer öffentlichen Versammlung zu Friedland(Mecklenburg- Strelitz) bezeichnete Genosse K r a a tz den sozialistcntvterischcn Reichs- verband als„Reichslügenverband". Ein diesem Verbände ange- hörender Fabrikbesitzer nahm nebst einigen anderen Verbändlern an jener Versammlung teil; der gute Mann fühlte sich durch den Aus- druck„Reichslügenverband" in s e i n e r Ehre gekränkt und verklagte den Genossen Kraatz I DaS Friedländer Schöffengericht kam auf die Idee, den Fabri- kanten wirklich für beleidigt zu erklären und eine Sühne von— drei Wochen Gefängnis für angemessen zu erachten I Die Berufungsinstanz, das Landgericht zu Neustrelitz, an das Genosse Kraatz selbstverständlich appellierte, nahm zwar auch an, daß er den Reichsverbändlsr„beleidigt" habe, hielt aber die Ehre des klage- lustigen Fabrikanten mit einer Geldstrafe von 30 M. für genügend geflickt. Im Urteil des Landgerichts heißt es: „Der Angeklagte hat in einer politischen Versammlung in be- zug auf den Neichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie mehrfach den Ausdruck„Reichslügenverband" gebraucht. Daß hierin eine Mißachtung der Tätigkeit des Verbandes kundgegeben ist, kann nicht bezweifelt werden. Das Landgericht hat aber darin auch eine Beleidigung aller dem Verbände angehörigen Personen erblickt. Es hat angenommen, daß in der gegen einen Verein gerichteten wegwerfenden Aeußerung eine Beleidigung der einzelnen Mitglieder enthalten sei, wenn der Täter im Momente der Aeußerung das Bewußtsein habe, daß er da- mit die einzelnen unter die Kollektivbezeichnung fallenden Personen beleidige, und wenn dieser Erfolg von seinem Vorsatze mit umfaßt werde. Es hat weiter festgestellt, daß der Angeklagte die einzelnen dem Reichsverbande Angehörenden, insbesondere die in derVersammlung anwesendenMitglieder, hat treffen wollen." Kraatz beruhigte sich auch bei dem Urteil des Landgerichts nicht; er legte beim Oberlandesgericht zu Rostock Si e v i s i 0 n ein. Das Oberlandesgericht entschied: „Die Ausführungen(des Landgerichts) lasten einen Rechts- irrtum nicht erkennen, und es ist damit das Vorhandensein eines Vergehens gegen den 8 18ö St.-G.-B. in objektiver und subjektiver Richtung ausreichend festgestellt. Dem Landgericht ist auch darin beizutreten, daß nach diesen Feststellungen der gleichfalls in jener Versammlung anwesende Privatkläger, mich wenn der Angeklagte an ihn nicht besonders gedacht hat Briands Programm. Pari?» 23. Juli. Ueber die allgemeinen Richtlinien seines Programms machte Briand folgende Mitteilungen: Mein Pro- gramm wird darin bestehen, das radikale Reformprogramm möglichst schnell zu Ende zu führen. An der Spitze wird die Altersversorgung stehen und zwar soll dies Gesetz noch vor den Wahlen durchberaten werden. Einen weiteren Punkt bildet das Gesetz über die Kriegsgerichte. Heute wird sich Briand auch mit Caillaux ins Benehmen setzen und, falls dieser sich weigert, zu bleiben, auf eigene Faust ein Ein- kommensteuergesetz einbringen, dem eine bessere Aufnahme beim Senat sicher ist. Briand erklärte sich weiter als Anhänger der Wahlreform. Die Frage der Wiedereinstellung der entlassenen Postbeamten wird Gegenstand der ersten Beratung des neuen Kabinetts sein. Beratung des neuen Kabinetts sein.— Viele Abgeordnete er, klärten sich gegen eine Amnestierung dex gemaK- rege ljen P o st tz e g m t e n. l'eMchenhiebe gegen berliner FOrforgthlnder. Unsere detaillierte Mitteilung über die grausame Behandlung von Fürsorgekindern in Mielcztin wird von der„Berliner Volks- Zeitung" wiedergegeben. Sie knüpft daran die Hoffnung, daß der Berliner Magistrat sofort eine eingehende Untersuchung über die Nachrichten aus Mielczyn anstellen werde, die einem das Blut in den Adern erstarren lassen. Dem Magistrat müssen die Klagen über Mielczyn seit Wochen bekannt sein: wird er endlich einschreiten? Der„Berliner Lokal-Anzeiger' sucht in seiner Art die für die Roheit bürgerlicher Anschauung kennzeichnenden Mißhandlungen zu vertuschen! Er erwähnt— selbstverständlich ohne die Quelle zu nennen— unsere Mitteilungen. Er nennt sie„Gerüchte über angeblich grausame Behandlung Berliner Fürsorgekinder". Das Blatt behauptet weiter, es habe sich„an mahgebender Stelle zu unterrichten gesucht, was den Meldungen tatsächlich zugrunde liegt". Nach dieser„maßgebenden Stelle" soll eS sich nur um einen Fall handeln! Ein lüjähriger Fürsorgezögling sei wiederholt entlaufen und dafür körperlich gezüchtigt worden. „Mit den Spuren dieser Züchtigung sso fährt daS Scherlblatt dann wörtlich fort) flüchtete er wieder nach Berlin und ließ sich von einem Arzt untersuchen, der zugleich Mitglied der sozial- demokratischen Stadtverordnetenfraktion ist. Der Dezernent für das slädtische Fürsorgewesen hat darauf unverzüglich den Arzt aufgefordert. mit ihm nach Mielczyn zu reisen, um an Ort und Stelle die Sache eingehend zu untersuchen. Der Arzt ist aber dieser Aufforderung nicht nachgekonunen» sondern hat eine Erholungsreise angetreten." Die„maßgebende Stelle" hat den„Lokal-Anzeiger" falsch informiert. Wie in unserem gestrigen Artikel mitgeteilt ist. handelt es sich nicht nur um einen Fall— auch das wäre übrigens schon entsetzlich genug— sondern um eine Reihe von Fällen. Durchaus unrichtig ist eS auch, daß der Berliner Arzt, der zugleich Mitglied der sozialdemokratischen Fraktion ist, nach Untersuchung eines Falles und nach Berichterstattung hierüber von dem Dezernenten für das städtische Fürsorgewesen unverzüglich auf- gefordert fei, nstt ihm nach Mielczyn zu reisen, aber der Aufforderung nicht nachgekommen sei. Genosse Dr. Bern- stein— um den es sich hierbei handelt--- hat den Dezernenten des städtischen Fürsorgewesen» über den ihm bekannt gewordenen Fall eingehend informiert und es für das geratenste erklärt, an Ort und Stelle eine genaue Untersuchung vor- zunehmen, sich auch zu der Reise nach Mielczyn bereit erklärt. Das war vor sechs Wochen. Seitdem wartet Dr. Bernstein vergeblich I Er hat nicht, wie der„Lokal-Anzeiger" behauptet, eine Erholungs- reise angetreten, sondern sie eben wegen diese» Falles ver- schoben. ES ist in der Tat ein starkes, den„Lokal-Anzeiger" und seine Art kennzeichnendes Stück, daß er oder seine„maßgebende Stelle" diesem Tatbestand gegenüber die Sachlage zu vertuschen sucht. Die übrige bürgerliche Berliner Presse schweigt die Mielczhner Vorfälle tot.— Will sie sie billigen, oder ist sie von der durch sie bekundeten Roheit so entsetzt, daß sie Worte der Mißbilligung noch nicht hat finden können? Polftilcbe Geb er Hebt Berlin, den 23, Juli 1909. Tie Berliner Bierpreiserhöhung. Die Kritik des Geschäftsgebarens der Bierbrauereien, den Bierpreis um das Doppelte des neuen Steuerbetrages zu er. höhen, scheint doch nicht ganz ohne Einfluß geblieben zu sein, denn in einer gestern abgehaltenen Konferenz der Vertreter der größeren Bierbrauereien wurde von verschiedenen Seiten vorgeschlagen, den Preis pro Hektoliter nur um 3 bis 4 M. hinaufzusetzen. Das »Berl. Tagebl." weiß darüber zu berichten: Es trat in der Versammlung eine vielseitige Geneigtheit herbor, den Mindestpreis für den Hektoliter Bier auf 20 M. und gleichzeitig einen Normalpreis auf 21 M. zu normieren. Da der bisherige Mindestpreis der größeren Berliner Brauereien etwa 1? M. betrug, würde für diese Brauereien eine Erhöhung deS Mindestpreises um etwa 3 M. vorgenommen werden. Für die mittleren und kleinen Brauereien, die auf Grund ihrer früheren geringeren Steuersätze etwas niedrigere Mindestpreise als die Großbrauereien gehabt hatten, würde die Erhöhung der Mindestpreise etwa 3,50 bis 4 M. betragen. Doch ist zu be- rücksichtigen, daß die Differenz in den Steuersätzen der einzelnen ' Brauereikategoricn nach dem neuen Ärausteuergesetz infolge der engeren Staffel stark'zusammenschrumpfen wird, so daß die mittleren und kleineren Brauereien infolge ihrer relativ stärkeren Steuermehrbelastung auch relativ weitgehendere Preis- erhöhungen nötig haben. Wie wir indes bereits erwähnt haben, bestehen in Kreisen der Grohbrauereien Bedenken gegen eine Differenzierung der Mindestpreise je nach Größe und Erzeugung der Brauereien, da eine solche nach Ansicht jener Brauereien die ganze Abwälzung unter Umständen gefährden könnte. Um aus dieser für die mittleren und kleineren Brauereien wenig günstigen Situation einen Ausweg zu finden, hat man den früher schon sinmgl gbgelehytko Vorschlag! eine gejvisse Absatz, legulierung unier den Berliner Brqjliereien börzunehmen, wieder hervorgeholt, und es besteht jetzt seitens einer Anzahl von Groß- brauereien größere Neigung, eine derartige— vielleicht nicht ganz treffend— als Kontingentierung des Absatzes bezeichnete Absatzregulierung in modifizierter Form den kleineren und weniger wettbewerbsfähigen Brauereien zu kozediercn. Zu Grunde lag den gestrigen Verhandlungen ein von der Schultheiß- Brauerei auf Grund von Besprechungen mit anderen Brauereien ausgearbeiteter Entwurf, nach dem der Absatzregulierung die von den einzelnen Brauereien in der Zeit vom 1. Juli 1903 bis zum 1. Juli 1009 abgesetzten Biermengen zu Grunde gelegt werden sollen. Es soll nun nicht eine Kontingentierung der einzelnen Brauereien nach festen Absatzquanten, sondern nach Prozenten des Gesamtabsatzcs vorgenommen werden. Die Brauereien, die ihren Absatzprozentsatz überschreiten, sollen einen noch näher festzusetzenden Geldbetrag pro Hektoliter Mehr- absatz an die Gemeinschaft zahlen, während andererseits die Brauereien, die einen Minderabsatz zu verzeichnen haben, eine entsprechende Entschädigung erhalten." Das wäre also der Biertrust in aller Form! Die Vorbe- dingungen für die Gründung eines solchen Trusts hat der Schnaps- block dadurch geliefert, daß er in aller Eile zwischen der zweiten und dritten Lesung einen Antrag einführte, wonach neugegründete BrgllLreixo echs um 50 Proz. höhere Steuer zu entrichten haben. Zentrums-Toleranz. In Aachen findet zurzeit die Ausstellung der im dortigen Münster aufbewahrten„Heiligtümer", das heißt allerlei alter Reliquien statt. Aus allen Teilen Deutschlands strömen deshalb„Heiligtumsfahrer" nach der frommen Kaiserstadt s darunter, wie eS sich geziemt, auch viele Zentrums- abgeordnete. So hatten sich am 20. d. M. in Nachen auch die Reichstagsabgeordnete» Gcrstenberger, zugleich Mitglied des baye- rischen Landtages, Pütz. Sittart, Nacken, Dr. Becker-Köln, die Land- tagsabgeordneten Dr. Kaufmann, Jmbusch, Klausener, Sauermann und Kohaus eingefunden. Arn Vormittag beschäftigten sie sich mit der Besichtigung und Verehrung der verschiedenen Heiligtümer, während der Nachmittag durch ein fröhliches Mahl ausgefüllt wurde, das ihnen zu Ehren der Verein Constantia veranstaltet hatte. Bei diesem Mahl hielt nach dem Hoch auf den Papst, den Kaiser und das Zentrum— der Schnapsblock wurde vergessen— der Reichs- und Landtagsabgeordnete Gerstenberger eine fulminante Kulturkampfrede, wie denn überhaupt seit einiger Zeit das Zentrum wieder, um die Entrüstung mancher seiner Anhänger über seine Mitwirkung bei der neuesten Steuervermehrung abzulenken, iu der Entfachung von konfessionellem Fanatismus macht. Den Anlaß zu dieser Pauke bot die„Beschimpfung des heiligen katholischen Glaubens" durch die Freidenker. Letztere hatten nämlich gewagt, zum Dienstagabend eine Versammlung in Aachen einzuberufen. DaS ging den Aachener ZentrumSparteilern als Vertreter der Toleranz gegen deu Strich. Sie rückten mit Sprengkolonnen in den Vee- sammlungssaal und veranstalteten einen solchen Radau, daß die Versammlung aufgelöst wurde. Diese Heldentat der Toleranz genügte jedoch den an der Heilig- tumsfahrt teilnehmenden gentrumsparlamentariern nicht. Die Sache ließ sich so schon zur Entfachung des religiösen Fanatismus aus- schlachten und so hielt denn Herr Gerstenberger nach dem Bericht der klerikalen„Märk. VolkSztg." folgende schöne Rede: „Wir haben uns nicht nur erfreut, wir haben unS auch erbaut an den schönen Kirchen, welche die Stadt hat. und an der Frömmigkeit, die sich auf Schrill und Tritt offenbar macht. Wir sind aber auch begeistert von der Begeisterung, die hier in Aachen in Ihrem Verein herrscht, von der Begeisterung, mit der Sie un» aufgenommen haben. Allen, besonders dem Verein Eon« stantia, daher herzlichen Dank. Ich kann aber nicht verhehlen, daß wir auch sehr entrüstet waren über die Taktlosigkeit, mit der es Leute in einer überwiegend katholischen Stadt unternehmen, die Reliquien zu beschimpfen, die allen Katholiken teuer sind. Mag der Glaube deS einzelnen sein, wie er will, eine Taktlosigkeit besteht schon darin, wenn man einem den Glauben nehmen will, den Glauben, der keinem andern Schaden zufügt, zur Kunst, zu caritativen Werken, dem Kaiser und dem Reiche zu dienen um Gottes Willen. Sie sehen aber auch daraus, was wir eigentlich im deutschen Vaterlande, selbst in einer so katholischen Stadt wie Aachen, u nS b iete n la s sen m ü s se n. Solche Erscheinungen sind nicht veretnzslt. Auf allen Gebieten sind die Verhöhnungen gerade der katholischen Kirche an der Tagesordnung und der Kamps geht auf der ganzen Linie vor sich, der Kampf gegen den katho- tischen Glauben, gegen de» positiven Glauben überhaupt. Herr Prälat Dr. BelleSheim hat dargelegt, wie wichtig eS ist. daß eS große Parteien gibt, welche den Gedanken, daß die Politik m letzter Linie ihre Grundlage hat in den Naturgeboten und in den Geboten Gottes, zu ihrer Richtlinie nehmen, welche» Unglück eS für unser Vaterland wäre, wenn solche Parteien auSaeschaltet würden au» dem öffentlichen Leben. Wenn ihr Einfluß auf die Gesetzgebung zurückgedrängt würde, dann würde das zur Herrschaft jener führen, deren Richt- linie da» goldene Kalo ist. DaS Zentrum hat den Kampf, der ihm aufgedrängt wurde, ange- nommen. ES war kein leichter Kampf. Vor 30 Jahren war der Kulturkampf. Man hat versucht, das katholische Volt aus seinem ureigensten Gebiete, in der katholischen Gesetz- gebung, auszuschalten. Und jetzt, nach 30 Jahren, ein neuer Kamps hat sich entwickelt, der darauf ausging, daS Zentrum im politischen Leben auszuschalten. Der tieffte Grund ist immer derselbe. Worin hat der ganze Kampf bestanden? Seit 20 Jahren hat der Evangelische Bund sich zusainmengetan und darauf hingewirkt, die anderen Parteien zu vereinigen zu einem antikatholischen Block. Diesen Kampf haben wir zu führen gehabt, und wir haben glücklich gesiegt." Danach steht Herr Gerstenberger in der Durchführung der Finanzreform einen Sieg drS Katholizismus über den Evangelischen Bund. Nicht übel!_ Das Zentrum zur ReichStagsersatzwahl i« Neustadt-Landau. Die Stichwahlparole de» Zentrum? wird— so schreibt die „Augsburger Postzeitung"— wohl auf Stichwahlenthal- tung lauten; für einen Dr. Oehlert seien die ländlichen Wähler deS Zentrums unter keinen Umständen zu haben. Die Liberalen könnten daS Mandat nur mit Bündlerhilfe be- Haupte». Ob diese die Schmähungen mit solcher Liebe vergelten. werde die Erfahrung lehren. Das Zentrum würde,>— das sei sicher— eine Kandidatur Oehlert nicht unterstützen, aber auch die Sozialdemokraten nicht.$___«tt».'. i Eine Stimme aus dem Zentrumsturm. Man schreibt uns aus Baden: Das in seiner beachtenswerten Aufrichtigleit seit einiger Zeit be« kannt gewordene Zentrumsblatt in Lahr(Baden), der„Anzeiger für Stadt und Land", setzt sich in der Dienstagsnummer mit dem führenden Organ der badischen Nationalliberalen auseinander. Der„Anzeiger" meint, das Zentrum bestehe den Wahlkampf in Baden erfolgreicher als die Nattonalliberalen, fügt aber folgende Andentungen über die momentane Stimmung im Zcntrumsturme hinzu: „Es soll nicht bestritten werden, daß manche Zentrumsleute von der ReichSfinanzreform nicht begeistert find und es lieber gesehen hätten, wenn das Zentrum die Erbanfall st euer statt der Vier- und Tabaksteuer angenommen hätte, allein die vernünftigsten Elemente lassen sich gerne belehren." Diese Belehrung ist bisher in Baden von sehr schlimmen Folgen begleitet gewesen, namentlich in Gegenwart der christlichen Tabak- arbeiter und Zentrumsbauern. Deshalb meint der„Anzeiger", es sollten die u, der Sommerfrische lustwandelnden Reichstags- abgeordneten des Zentrums heimkehren, um die etwa herabfallenden Ziegel des Zeittrumsturmes wieder zu befestigen, das sei jetzt erne Zentrumspflicht: „gegenüber dem Mißtrauen, das da und dort in seinen eigenen Reihen gegen die Haltung der Zentrumsfraltion in Sachen der Reichsfinaiizreform t a t s ä ch li ch vorhanden ist— das totzuschweigen oder gar zu leugnen, wäre ein Fehler—(der Ans- ktärung gegenüber der Verhetzung) und am besten wird eS sein, wenn die Herren Reichstagsabgeordneten nach einer kurzen Er- holung selber diese Arbeit besorgen, sowell ihre Kraft und Zeit dies erlaubt." Wie wirksam diese Aufklärungsarbeit schon eingesetzt hat, lehrt die Reichstagsnachwahl in Neustadt- Landau, wo sich die„ver- »ünfttgsten Elemente" schon zu Tausenden vom Zentrum abgewandt haben. Indessen ist es schwer für den Fernstehenden, sich einen Be- griff davon zu inachen, wie heftig der Unmut auch in ländlichen und Arbeilerlreisen über die schwarzen Verbündeten des Raub- junkertums jetzt schon angewachsen ist, da doch erst die Streichholz- steuer ihre verderbliche Wirkung fühlbar macht. Die Pfaffen nehmen nun ihre Zuflucht zu religiösen Beschwörungen und fanatischen Berfluchuiige» der Sozialdemokratie. Es hilft nichts! Amtmann und Landrat als Wahlmacher. Dieses in Preußen schier unerschöpfliche Kapitel erhält eine amüsante Bereicherung durch den untenstehenden Bescheid, den ein LandtagSwähler im Wahlkreise Hagen-Schivelm auf seinen Einspruch gegen die Richtigkeit der Wählerliste erhielt. Leider ist das Schritt- stück erst jetzt, nach dem Tode des Wählers, einem Parteigenossen bekannt geworden. Es ist Haßlinghausen, 17. Oltobor 1903 datiert, an den Glasmacher F. F. adressiert und lautet: „Ihr Einspruch gegen die Richtigkeit der Urwählerliste von Haßlinghausen II. Bezirk ist zwar an und für sich unbegründet, weil Sie denselben verspätet und an unzuständiger Stelle ein- gebracht haben. Um Sie jedoch in Ihren politischen Rechten nicht zu be- einträchtigen, sollen Sie nach Entscheidung des Kgl. Herrn LandratS zu Schwelm ausnahmsweise noch nachgetragen werden. Indem ich Sie davon, daß dieses geschehen ist, in Kennt, us setze, spreche ich die Hoffnung aus, daß Sie durch diese iveitgehende Rücksichtnahme des Kgl. Herrn La ndrars sich bewogen finden werden. am Tage der Wahl Ihre Stimme einem be- sonders königstreuen und vaterlandsliebenden Wahl manne zu geben. v. Aste r." So der Herr Amtmann. Das Schriftstück spricht für sich selbst. Bemerkt mag nur werden, daß mik� der„besonderen königstreuen und vaterlandsliebenden Partei" die Nationalliberalen gemeint sind. die bei der Wahl 1903 hofften, den Freisinnigen den Wahllreis enl- reißen zn können._ Gefährdung der öffentlichen Sicherheit. Schwiebus, den 23. Juli. Seit fünf Jahren wird hier zum G e w e r k s ch a f t s f e st ein Umzug veranstaltet, der immer ge- nehmigt wurde. Der für 25. Juli stattfindende Umzug wurde jedoch gestern wegen Gefährdung der öffentlicheil Sicher- h e i t versagt. Beschwerde an den Landrat ist eingelegt. Die Abwälzung der„Besihstcuern". In der letzten Sitzung der Düsseldorfer Stadtverordnetenber- sammlung erklärte bei der Beratung des Finalabschlusses der Stadtkasse Oberbürgermeister Marx, daS neue Dividendensteuer- gesetz stelle eine direkte Belastung für die Städte �ar. Tic Hypothekenbankverwaltungen hätten sich. dahin schlüssig gemacht, diese Steuer als Geschäftsunkosten zu tragen. Die Städte könnten schon nicht anders handeln aus Zweckmäßigkeitsgründen, sie müßten daher die Kosten auf die Stadtlasse übernehmen. Wenn jeder beim Ankauf städtischer Papiere fragen müsse:„Wann werden sie eingelöst?", und dann noch fragen müsse:„Laufen auch nicht die Dividendenscheine im nächsten Jahre ab?", so würde das eine ungeheure Erschwerung für den Absatz der Papiere ergeben. Er, der Oberbürgermeister, habe schon angeordnet, daß 2 5 00 0 M. in den Schuldentilgungsetat der Stadtkasse dafür eingesetzt werden. Mit einer solchen jährlichen Ausgabe werde die Stadtdauerndzurechnenhaben..... So sehen die„Besttzsteuern" des Schnapsblocks auS; sie werden in diesem Falle, wie obige Ausführungen zeigen, nicht von den Dividendenscheininhabern getragen, sondern von der Allge- meinheit der städtischen Steuerzahler, die dafür im Düsseldorfer Falle jährlich LS 0.00 M. und vielleicht noch mehr aufbringen muß.'.'>» Die Wachskerzensteuer. Je näher der Termin rückt, an welchem die vom SchnapZblock bewilligten Steuergesetze in Kraft treten sollen, desto deutlicher zeigt sich, mit welcher Liederlichkeit und Oberflächlichkeit die Klerikaleu und Konservattven ihre sogenannte Reichsfinanzreform zusammen- gestoppelt haben. Ein weitere? Beispiel dafür liefert die Versteuerung der Wachskerzen. Sämtliche Vorräte an Zünd- waren bei Händlern, Wirten usw. unterliegen nach näheren Bestimmungen des Bundesrats bei Inkrafttreten deS Gesetzes nach § 42 der Nachsteuer; ausgenommen sind nur angemessene Vorrüle an Wachskerzen, die sich im Besitze von Straßenhändlern befinden. Mit dem Inkrafttreten des Gesetzes im Ollober verschwinden namentlich auch die durch Automaten verlauften Wachsfäden und Sturmhölzer von mehr als 7000 Bahnhöfen, denn der Gesetzgeber hat die zwei Schächtelchen WvchSfäden, die der Automat heute für 10 Pf. abgibt, mit je 10 Pf., also mit 20 Pf. Steuer belegt. Eine Nachfrist, vorhandene unversteuerte Bestände zu verkaufen, sieht der Gesetzgeber nur bei Straßenhändlern vor. „WaS soll nun," so fragt die„Köln. Ztg.",„mit all den Züudwaren, die sich im Oktober in den Automaten und bei den Automatenbesitzeru befinden, geschehen? Der Automat arbeitet nur auf ein 10-Pfennigstück. kann also versteuerte Zündsäden nickt mehr verkaufen. Wie sieht es nun mit dem Handverkauf dieser Artikel auS? Schwerlich werden sich die Besitzer dieser Automaten- waren dazu verstehen, auf einen Artikel, der einen Handelswert von bisher 10 Pf. hatte, nachttäglich 20 Pf. Steuer zu ent- richten, das kaufende Publikum aber dürft« einen dem Steuer- zuschlage entsprechende» Preis nicht bezahlen. Es bleibt demnach nichts anderes übrig, als daß diese Waren, soweit ein Hausvorrat unversteuerter Züudwaren nicht gestattet ist. vernichtet werden. Der Gesetzgeber wird zweifelsohne derartige Schädigung eines JndustrieziveigeS und der kleinen Gelverbe- treibenden, die Züudwaren durch Automaten oder durch Hand- verkauf vertreiben, nicht beabsichtigt haben. Vielleicht ist eS noch möglich, daß der Bundesrat durch Ausführungsbestimmungen diese unbeabsichtigte Härte mildert und den Verlaus der Borräte steuere frei gestaltet, damit die kleinen Gewerbetreibenden und die Autoniatenindusttie vor so empfindlichem Schaden bewahrt werdeit. Dies um so mehr, als diese durch die hohe Zigarren-, Zigaretten- und Zündwarensteuer in ihrem Gewerbe so wie so cntpfindlich beeinträchtigt werden, ganz abgesehen von der neuen preußischen Automatensteuer.". Liederliche Arbeit deS Schnapsblocks. I Die don der klcrikal-konserdativ-polnischen Mehrheit des Reichstages geschaffenen Steucrgesetze sind so unklar, daff sich kein Mensch in dem Sammelsurium von Bestimmungen zu- recht findet und fortwährend in der Presse die Widerspruchs- vollsten Auslegungen auftauchen. Die Regierung fühlt sich deshalb gezwungen, eine Neuredaktion der meisten dieser Ge- setze vorzunehmen. Offiziös»vird darüber berichtet: „Man wird an den zuständigen behördlichen Stellen diese Arbeit sofort aufnehmen, die alten bestehengelassenen Bestimmungen mit den neuen zu einem Texte zusammenarbeiten und dann die ganzen Gesetze, wie sie sich hiernach ergeben, veröffentlichen. Dies wird der Fall sein einmal mit dem Tabaksteuergesetz, so- dann mit dem Brausteuergesetz, ferner mit dem Wechsel- stempelgesetz und schließlich mit dem Reichs st empel- g e s e tz. Bei der neuen Branntweinbesteuerung ist ein ähnliches Vorgehen nicht nötig, weil bei ihr das ganze Gesetz bereits um- gearbeitet ist und eine fortlaufende Nummerfolge seiner Para- graphen aufweist. Beim Schaumweinsteuergesetz sind die Aenderungen nicht so umfangreich, daß dadurch die Ueber- sichtlichleit beeinträchtigt würde. Außerdem aber werden die im bereits veröffentlichten sogenannten Fiuanzgesetz enthaltenen Leuchtmittel- und Zündwarenbesteuerungsvor- s ch r i f t e n nochmals veröffentlicht werden. Der Reichskanzler ist in dem genannten Gesetze ermächtigt, die darin enthaltenen Vor- schriften über die Bestimmung der Beleuchtungsmittel und der Zünd- waren als besondere Gesetze mit dem Titel:„Leuchtmittel- steuergesetz* bezw.„Zündwarensteuergesetz" mit Datum des Finanz- gesetzes unter Vornahme der hierfür erforderlich werdenden Fassungs- änderungen im Reichsgesetzblatt bekanntzugeben. Es ist sicher, daß der Reichskanzler auch von dieser Ermächtigung Gebrauch machen wird, schon weil die besondere Veröffentlichung der beiden Gesetze ihre Anwendung und Handhabung bedeutend erleichtern wird." Die Ankündigung erinnert an einen alten Witz. Ein Lehrling, der bei einem Meister untergebracht ist, der ständig Pfuscharbeit liefert und deshalb meist nach kurzem seine Er- Zeugnisse zur Reparatur zurückerhält, frägt seinen Herrn Prinzipal:„Meister, die Arbeit ist fertig; soll ich nicht gleich mit dem Ausbessern anfangen?" Die Stichwahl für den ReichstagswahlkreiS Neustadt-Landa» ist auf Freitag, den 30. Juli, anberaumt. Bei der Festsetzung des Termins haben die Liberalen Zuträgerdienste geleistet, da der Freitag der ungünstigste Wahltag für die Arbeiter ist. Italien. [ Katholische Pfarrer als Organisatoren der Feldarbeiter. ' Rom, 20. Juli.(Eig. Ber.) Aus der Umgebung von Perugia wird dem„Corriere della Sera" geschrieben, daß die dortigen Landgeistlichen in letzter Zeit eine sehr rege Agitation unter dem Landvolk betreiben, um dieses zum Wider- stand gegen die Grundbesitzer aufzufordern. Im Mai dieses Jahres veröffentlichten die Pfarrer der kleinen Ortschaften ein feuerrotes Manifest, in dem von„Widerstand gegen die Ueber. griffe der Kapitalisten" die Rede war. Es scheint sich um ein paar junge Feucrköpfe zu handeln, denen die Tatsache des Klassenkampfes zum Bewußtsein gekommen ist, und die die Ar- beiter in diesem Kampfe zu unterstützen gewillt sind. Die Grund- besitzer haben dann auch trotz der geistlichen Führerschaft den wirtschaftlichen Kern der Bewegung erkannt und reagieren ihrer- seits mit wirtschaftlichen Mitteln. Die Grundbesitzer haben auf- gehört, den Pfarrern die üblichen Regalien zu senden, haben ihre Privatkapläne entlassen und ziehen zu den Festlichkeiten, die sie zu veranstalten pflegen, auswärtige Ordensbrüder statt der Orts- geistlichen zu. Ferner haben sie an den E r z b i s ch o f von Perugia appelliert, aber ziemlich erfolglos, denn der hat die Geistlichen nur ermahnt, sich in der Form zu mäßigen. Jetzt ist die Sache auch vor den Papst gekommen, der augenblicklich durch einen klerikalen Propagandisten eine Enquete ausführen läßt, deren Resultat das sein wird, die Organisationsbestrebungen zu verwerfen, falls sie auf etwas anders hinauslau fen, als � auf die Schaffung von Streikbrechergewerkschaften.." 1 Gngland. Der Zarenbesuch. Zum Schluß seiner von uns bereits größtenteils tvieder. gegebenen Rede über auswärtige Politik polemisierte Sir Edward G r e y noch gegen den Protest, den namens der Arbeiterpartei Henderfon gegen den bevorstehenden Zarenbesuch erhoben hatte. Das HauS sollte begreifen, führte Greh auS, daß Henderfon von uns verlangt, die Begrüßungshöflichkeitcn, die von allen unseren Nachbarn in Europa geübt werden, zu unterlassen. Ich appelliere an den gesunden und praktischen Menschenverstand des HauseS und bitte die Mitglieder desselben, zu bedenken, daß der Kaiser von Rußland in der Geschichte unzweifelhaft als der Herrscher bezeichnet werden wird, unter dessen Negierung dem Lande die Konstitution gewährt wurde. Im Namen der Regierung erkläre ich, wir heißen den Kaiser willkommen als das Haupt einer Großmacht(Stürmische Protest rufe der Nationalisten und der Mitglieder der Arbeiterpartei.), mit dessen Regierung und Volk wir in freundschaftlichen Beziehungen zu stehen wünschen.(Beifall.) Dillon(Nationalist) erklärte hierauf, der Deutsche Kaiser habe keine Furcht, in Eng- land zu landen und durch die Straßen Londons zu fahren. Er fordere Grey auf, den Kaiser von Rußland durch die Straßen von London zu führen, dann werde er sehen, welche Gefühle das englische Volk hege.> Der Antrag der Arbeiterpartei auf Kürzung beS Budgets als Protest gegen den Besuch deS Kaisers von Ruft/ land wurde sodann mit 187 gegen 7g Stimmen abgelehnt. Die starke Minorität, die der Antrag gefunden hatte, wurde von der Arbeiterpartei mit lautem Beifall aufgenommen. Dhingra zum Tode verurteilt. London, 23. Juli. Der indische Student Dhingra ist des Mordes an dem Obersten Curzon Wyllt, verübt am 1. Juli d. F., schuldig befunden und zum Tode v e r- urteilt worden. Nach der Urteilsverkündigung erklärte Dhingra: Ich bin glücklich, die Ehre zu haben, für mein Vaterland zu sterben. Die indische Agitation. London, 23. Juli.>Artur Horsley, der Heraus- geber der bis vor kurzem hier erschienenen„Jndian Sociologist", ist wegen Veröffentlichung aufrührerischer Schmähschriften zu vier Monaten Gefängnis der- urteilt worden. Die fraglichen Artikel stammten aus der Feder eines in Paris lebenden indischen Agitators. Ciirkd. Die Verfassungsfeier. Konstaiitlttepel, 23. Juli. Aus Anlaß des heutigen Jahrestages der Einführung der Verfassung ist die Stadt festlich geschmückt. Der Festparade, die auf den Freiheitshügeln von Schischli stattfand, wo die Grabstätten der bei dem letzten Aufstand gefallenen Soldaten sich befinden, wohnte der Sultan bei. Die Teilnahme von feiten der Bevölkerung war außer- ordentlich groß. Das jungtürkische Komitee veranstaltet ein Diner im Aildiz Kiosk. Ferner findet eine große Anzahl öffentlicher Festlichkeiten statt. Trotz geringer polizeilicher Vorkehrungen ist die Ordnung bisher nirgends gestört worden. Aus Anlaß der morgigen N a t i o n a l f e i e r hat der Sultan eine Amnestie erlassen für alle an den Ereignissen vom 13. April beteiligten und bisher kriegsgerichtlich nicht verfolgten Personen. Fenicr wurden fünf zum Tode verurteilte Personen, unter ihnen ein Arnienier, begnadigt. Die Kriegsgerichte bleiben weiter bestehen._ Die Kretafrage. Konftantinopel, 23. Juli. In der Antwort auf die Kretanote, die gestern abend den Botschaftern der Schutzmächte übergeben wurde, erklärt die Pforte, daß sie die Versicherung der Wächte über die Wahrung der Hoheitsrechte des Sultans sowie der Rechte der Mohammedaner zur Kenntnis nehme, und spricht die lleberzeugung auS, daß damit auch die Bürgerrechte der Mohammedaner gemeint seien. Die Pforte erblickt die einzige Lösung der gegenwärtigen Schwierigkeiten in der Fixierung einer Fcrm der Autonomie für die Insel, erklärt aber den heutigen Status quo für eine Verletzung der Souveränitäts- rechte des Sultans und des Völkerrechts. Tie Einmischung eines dritten Staates in die Verwaltung der Insel könne nicht mehr geduldet werden. Nur wenn die Einmischung aufhöbe, könne die Pforte in Verhandlungen über ein autonomes Regiment auf du Insel auf Grund ihrer Souveränitätsrechte eintreten. Amerika. Das deutsche Handelsabkommen. Frankfurt o. M., 23. Juli. Wie der Vertreter der„Frankfurter Zeitung" in Washington meldet, haben Präsident Taft uitd Staats- sekretär K n o x endgültig beschlossen, spätestens 10 Tage, nachdem der Tarif Gesetz geworden, das deutsche Handelsabkommen auf sechs Monate zu kündigen. Die Auffassung der Senatszöllner, die April- note sei bereits«ine Kündigung, ist damit zurückgewiesen, und der deutsche Handel kann sich auf die Fortdauer des gegenwärtigen Ver- hältnisses bis mindestens Anfang Februar verlassen. Südamerika. Neue Berhaublungen. Washington, 22. Juli. Nach einer dem Staatsdepartement zugegangenen amtlichen Mitteilung sind Bolivien und Pexu übereingekommen, direkte Verhandlungen miteinander ohne Ein- Mischung einer anderen Nation zu eröffnen. Sie hoffen, eine Aenderung in dem Schiedsspruch Argentiniens herbeizuführen,'die alle Beteiligten befriedigt. Huö der Partei. Italien.„Das HauS der Sozialisten." Die italienischen Parteigenossen wollen«ine Subskription eröffnen, eS sollen 5000 Anteilscheine a 20 Lire— in Summa 100 000 Lire— ausgegeben werden. Für das Geld wollen die Genossen ein Terrain im Mittel. punlt Roms erwerben, um dort ein großes Gebäude zu errichten, das den Parteivorstand, den römischen Lokalvorstand, das Zentral- organ der Partei„Avanti"(Redaktion und Druckerei), eine Kon- sumgenosscnschaft und die Abgeordneten, wenn sie in Rom sind, beherbergen soll. Gegen den Zaren. In Italien wird die Propaganda gegen die Zarenreise von Tag zu Tag lebhafter. Mittwoch abend hatten die beiden großen Agitationskomitees, die speziell zur Propaganda gegen die Reise eingesetzt sind, eine kombinierte Sitzung, in der sie sich zu einem Komitee verschmolzen. Man beschloß einen flammenden Aufruf zum Protest an das Boll Italiens zu er- lassen und allen wirtschaftlichen und politischen Organisationen des Landes ein Zirkular zu überreichen, um die Bildung von Lokalkomitees und die Befeuerung der Propaganda gegen Nicolaus zu erzielen. An daS Internationale sozialistische Bureau zu Brüssel und an daS Revolutionäre russische Komitee wurden Sym- pathietelegramme gesandt.. Tom Miili, an die Arbeiter Australiens. Seit drei Monaten streiken die Bergarbeiter von Brockcn-Hill (Neu-Südwales), und die Schiedsgerichte zur Vermeidung gewerb- licher Konflikte sind nicht in der Lage, die Unternehmer zu Kon- zessionen zu bewegen. Dieser Kampf zwischen Bergarbeitern und Minenbesitzern ist nun mit einer bisher in Australien unbekannten und ungewohnten Erbitterung geführt worden. Es wurden Ver- Haftungen vorgenommen, Versammlungen verboten, Anklagen er- hoben, gegen 5 Arbeiter gar wegen„Verschwörung und Aufruhr"! Unter den Angeklagten befand sich auch Tom Mann, der— wie in der Arbeiter-Jnternationale bekannt ist— Anno 1900 nach Austra- lien auswanderte und seit dieser Zeit dort unermüdlich für den Sozialismus wirkt. Wie die jüngsten aus Australien einlaufenden Zeitungen melden, ist Tom Mann von der gegen ihn erhobenen Anklage freigesprochen worden. In seinem Blatte(„The Socialist") bespricht er die Lehren des Kampfes der australischen Bergarbeiter: In Brocken-Hill waren 40 Proz. der Arbeiter organisiert, aber es gab noch eine sogenannte „unpolitische Union", die jeden Augenblick auf die Gelegenheit wartete, zu den Unternehmern überzugehen! Auch die Solidarität der nicht unmittelbar am Streik beteiligten Ackieiterschast ließ zu wünschen übrig, eine Erscheinung, die aufs Konto der„gewerblichen Schiedsgerichte" zu fetzen ist. Die Arbeiter find durch diese Schiedsgerichte sowohl territorial wie beruflich dermaßen zer. splittert, und sie haben durch die verschiedenen Einigungsämter und Schiedsgerichte derlei von einander abweichende und zum Teil auf viele Jahre laufende Vereinbarungen mit den Unternehmern getroffen, daß unter den jetzigen Zuständen eine einheitliche Zusammenfassung und eine solidarische gemeinsame Aktion selbst innerhalb einer Berufsklasse fast unmöglich gemacht ist. Tom Mann kommt daher zu dem Schluß: das ganze gegen- wärtige Vereinbarung?- und SchicdSgerichtSwesen sei zu verwerfen und die Arbeiterschaft müßte sich aufraffen zum gewerkschaft- lichen Kamp-f nach eu»opä, schein Muster! Die australischen Arbeiter sollen ihre Gewerkschaften ausbauen, sie zentralisieren, zu großen Verbänden machen, die sich über ganz Australien erstrecken. Vor allem aber sollen sie ihre An- gehörigen politisch aufklären, sie zum Klassen- vewußtsein und zur Solidarität erziehenl, Soziales. Antialkoholbcwegung und internationale Handelspolitik. Ob von der Erhöhung der Bier- und Branntweinsteuer ein Rückgang des AlkoholgenufieS in Deutschland zu erwarten ist, wie die Wirre glauben, ist fraglich. Dagegen ist eS richtig, daß infolge der Abstiiieiizbewegung, infolge der mannigfachen Belehrungen über die Schädlichkeit des Alkoholgennfses auch in Deutschland bereits eine relative Abnahme des Bierkonsum» stattgefunden hat. Dieses Resultat wird wohl einst die wohltätige Folge der Antialkohol- bewcgung in allen Ländern sein, während der Durchführung der völligen Abstinenz überall große Schwierigkeiten erwachsen. Sie ist auch unseres Erachtens weder nötig noch erreichbar. Die Ab- itinenzbelvegung in Norwegen zeigt, daß auch die Landelsinteressen des Landes de» Versuch, durch gesetzliche Mittel den Alkoholgenuß zu unterbinden, entgegenstehen. In Norwegen ist bekanntlich die Abstinenzpartei sehr stark und hat einen großen Einfluß aus die Regierung und das Parlament. Bei den Wahlen im Jahre lOOO hatte das Programm der Abstinenzler einen Sieg insofern davongetragen, als sich 83 von den 123 neugewählten Stortings- abgeordneten verpflichteten, die Reformbegehren der Abflinenzpartei ganz oder teilweise zu unterstützen- Die Abstinenzler hatten aber ihre Rechnung ohne Rücksicht ans die internationalen Handelsbeziehungeil gemacht! DaS Ziel der Abstinenzler war das völlige Verbot der Alkoholproduktion und des AlkobolhandelS, das natürlich in Etappen erreicht werden sollte. Durch hohe Ab- gaben aus Wein. Bier, Bramittoein und durch Erschwerung resp. Unmöglichmachung des Handels mit Alkohol glaubten die Abstinenzlel neben der Auftlärung den Alkoholkonsum so einschränken zu können, daß sie bald zum völligen Verbot übergehen könnten. Nun hat aber Norwegen eine starke Ausfuhr nach den Wein und Kognak produzierenden Ländern. Seine Ausfuhr nach Frankreich, Spanien, Portugal und Italien hatte im Jahre 1907 insgesamt einen Wert von 32 034 600 Kronen, während die Einfuhr aus den genannten Ländern sich nur auf>2 308 400 Kronen belief, worunter der Wein und Branntwein eine sehr große Rolle spielte. Die Ausfuhr Norwegens nach diesen Ländern besteht hauptsächlich aus Holz, Holzwaren und Fischprodukten. Dazu kommen, wie wir einem Artikel von D r. I ohann Schärfte nberg(Kristiania) in Nr. 6 der„Jitternationalen Monatsschrift zur Erforschung des Alko- holisnius und Bekämpfung der Trinksitten" entnehmen, noch folgende Erwägungen: Norwegen hat eine sehr große öffentliche Schuld. Die Staatsschuld belief sich am 31. März 1906 auf 334 744 126 Kronen <143,64 Kronen auf den Einwohner); die Schuld der Gemeinden betrug im Jahre 1906 im ganzen 145 522 000(62,70) Kronen. Nun hat Norwegen seine Anleihen in großem Umfange in Frankreich aufgenommen, weil das Geld dort in der letzten Zeil am billigsten gewesen ist. Bei einem Zollkriege mit Frankreich, Spanien, Portugal und Italien, ber infolge eines hohen Wein- und Vranntlvemzolles oder gar eine? Verbotes des Alkoholhandels eintreten würde, hätte daher Norwegen einen großen Teil feines auswärtigen Handels verloren und der französische Geldmarkt wäre ihm verschlossen worden. Wie Schweden, so mußte deshalb nun auch Norwegen, auf Drängen Frankreichs, auf eine Herabsetzung des Weüizolles und eine Bindung des Branntweiiizolles einwilligen. Ohne einen hohen Zoll ist aber natürlich auch die Unterdrückung der einheimische» Alkohol- Produktion zwecklos. Einem Verbot oder auch nur einer wesent- lichen Schikaniernng des Alkoholhandels widersetzen sich außerdem Frankreich und die anderen weinproduzierenden Länder. Norwegen kann daher, obwohl die Abstinenzler im Parlament die große Mehrheit haben und die Negierung auf ihrer Seite steht, keine gesetzliche Unterdriickung oder Einschränkung deS Alkoholhandels vornehmen, wenn es nicht seine materiell« Existenz aufs Spiel setzen will, umsomehr, als es gegenwärtig zu großen Eisenbahnbauten Geld braucht, das e? durch Anleihen in Frankreich aufnehmen will. Dr. Scharffenberg, ein hervorragender Anhänger der Abstinenz- bewegung in Norwegen, gesteht zu, daß sich die norwegischen Abstinenzler„vermutlich für längere Zeit auf die Agitation und die Aufklärungsarbeit beschränken müssen". Für die Vorkämpfer der Ab- stinenz in allen Ländern aber, meint er, sei da« Unglück Norwegens „ein neuer und lehrreicher Beweis für die unheimliche Macht des internationalen AlloholkapitalS". Diese Ansicht des Verfechters absoluter Alkoholabstinenz schüttet da? Kiich Mit dem Bade ans, Der Mißbrauch des AlkoholgenusieS ist es, der zu bekämpfen ist, nicht jeder Alkoholgenuß. Da können gesetzliche Verbote nichts nützen. Die Gesetzgebungöklinke hierfür in Veiveguna zu setze», ist ver- kehrt und drängt von dem den Alkoholmißbrauch wirksam bekämpfenden Wege ab, durch vrbeiterschutzgesetze, unbedingten Schutz des Koalitionsrechts und politische Freiheit dem Fuselmißbrauch zu steuern. Aufklärung über die schädlichen Wirkungen des Alkohol« mißbrauchs wirkt mehr als Predigt zu absoluter Abstinenz oder gar ein gesetzliches Verbot._ Textilarbeiter in Rheinland-Westfalen. Die Entwickelnng der Textilindustrie in Rheinland-Westfalen drückt sich trotz der ungeahnten Verbesserungen der benutzten Arbeits- Maschinen und deren Leistungsfähigkeit auch noch in der Zahl der beschäftigten Arbeiter aus. Vom Jahre 1886 bis zum Jahre 1903 ein langsames, aber sicheres Aussteigen der Arbeiterziffern, die sich von 92 323 im Jahre 1886 bis auf 145 690 im Jahre 1908 erhöht hatten. Da setzte die Krisis ein und sofort sinkt die Zahl der be- schäftigten Arbeiter um 3533, also auf 142152 zurück. Nach dem Bericht der Textil-Berufsgenossenschaft für diesen Bezirk hat sich dagegen die Zahl der versicherten Betriebe noch etwa? erhöht, sie ist um 23 gegen das Vorjahr gestiegen. Die Arbeiter haben also in erster Linie die Krisis zu spüren. Dabei waren ihre Löhne nicht so hoch, um einen etwaigen Lohnaussall zu tragen. Nach dem Bericht ist die Lohnsumme pro Kopf der beschäftigten Arbeiter schon im Jahre 1908 gefallen. Im Jahre 1686 kam nach dieser Statistik auf den Kopf des Arbeiters ein Jahresverdienst von 767 M., im Jahre 1907 dagegen 889 M. Dieser an sich so niedrige Satz fiel aber im Jahre 1908 wieder auf 838 M. zurück. Die Weberlöhne lassen also nichts von einem„wirtschaftlichen Aufschwung" ahnen, der noch eine ungeheure Erhöhung der LebenSmittelpretse vertragen könnte. Ob die christlichen Textilarbeiter diesen Umstand nicht auch endlich herausfinden und sich gegen ihre„Freunde" vom Zentrum wehren? Zur Anmeldung gelangten im Berichtsjahre 2250 Unfälle, wovon jedoch nur 430 entschädigt wurden. Hiervon waren 8 Unfälle mit tödlichem Ausgange. Nach Art der Verletzungen geschieden betrafen die Fälle: 175 Verletzungen von Kopf und Gesicht(Augen), 1285 von Armen und Händen, 433 von Beinen und Füßen und 139 Ver- letzungen anderer Körperteile. Interessant ist auch eine Stattstik der Folgen ber Verletzungen. Bis 4 Wochen Erwerbsunfähigkeit hatten 1286 Unfälle, bis 13 Wochen 419 Fälle, mehr al« 13 Wochen jedoch mir 67 ohne dauernde Folgen, und nur 430 Unfälle wurden als teilweise erwerbs- beschränkend enischädigt. Man sieht also hieraus wieder deutlich, welche Lasten die Krankenkasse» den BerufSgenosseuschaften abnehmen. Die technischen Aufsichtsbeamtcn der Genossenschaft geben sehr vorsichtige Berichte über ihre Tätigkeit ab. Ja, sie finden für zahl? reiche Mängel sogar noch folgende Entschuldigung: „Bei der fortschreitenden Verwendung der Elektrizität als Kraft- quelle ist es erklärlich, daß auch im Berichtsjahre au einer größeren Anzahl von Eleltromotoren die Zahnräder und die Antriebsriemen nicht vorschriftsmäßig geschützt waren." Auch die Mängel an den übrigen Maschinen werden ähnlich entschuldigt. Weiter heißt eS:„Die Anbringung einer mechanisch wirkenden Sicherung der Einrückstanae an Selbst- spinnern stößt hauptsächlich in Baumwollspinnereien immer noch auf Widerstand, trotzdem in jedem Jahre durch unbeabsichtigtes Einsetzen der Maschine mehrfach Unfälle vorkamen." Diese Unfälle haben eben nicht die Fabrikanten, sondern die armen Arbeiter erlitten, die nach dem Bericht der Beamten auch die Hauptschuld der Unfälle tragen. Geklagt wird, daß u, a,„die Arbeiterinnen die Haarzöpfe immer noch frei herabhängen lassen".„Die Beschäftigung jugendlicher oder weiblicher Arbeiter an gefährlichen Maschinen oder mit gefahr- bringenden Arbeiten fand sich nur selten vor." Alles, alles in bester Ordnung. Sind Verstöße gegen, die BerhütungSvorschriften trotzdem vorgekommen, so haben eben die bösen Arbeiter die Schuld welche die Schutzvorrichtungen wieder„entfernen", und leider„hält eS jedoch schwer, die beantragte Bestrafung der betreffenden Arbeiter durch die Krankenkassen wirklich zu erreichen". Bei dem bekannten Strnfsystem in dieser Branche ist diese Klage recht unverständlich. Es ist sonach auch kein Wunder, daß die Beamten in der dem Reichs- versifheruiigsamt gemachten Aufstellung über die Ursachen der Uu- säfl�bie Hauptschuld den Arbeitern beimessen. Die amtliche Unfall- staiWik des Reichsversicherungsamts verliert infolge solcher auf ein» seitigen Angaben beruhenden Unterlagen) wie wir wiederholt betonten, außecordeuttich an Werv GewerkfcbaftHcbes. Zwei Urteile. Nach btt Veröffentlichung der Lebius- Briefe im Januar d. I. hatten die gelben Vereine bekanntlich eine Versammlung nach den Germaniasälen in der Chausieestrahe einberufen. Dort wollte Lebius versuchen, im Nedekampf mit Cohen das Odium von sich afr zuwenden, mit dem er sich durch die Abfassung und Versendung jener Briefe in den Augen aller redlich denkenden Arbeiter bedeckt hatte. Die Lebius- Briefe hatten damals so bedeutendes Aufsehen in der Arbeiterschaft hervor- gerufen, daß außer dem Häuflein der Gelben auch eine große Zahl klassenbewußter Arbeiter zu der Versammlung gingen. Sie wurden aber durch die von den gelben Häuptlingen herbeigerufene Polizei aus dem Saale gewiesen und harrten dann bis zum Schluß der Versammlung auf der Straße aus. Als Lebius, nachdem die Versammlung beendet war. auf die Straße hinaustrat, trieb ihn dw Angst zur schleunigen Flucht. Unter Bedeckung von zuverlässigen Unterhäuptlingcn schlich der gelbe Oberhäuptling zum nächsten Halteplatz, warf sich in eine Autodroschke und raste davon. Zu der Bedeckungsmannschaft des L e b i u s ge hörten auch die in der gelben Bewegung hervorragend tätigen Herren I e s ch k e und Schönknecht. Beide begaben sich, nachdem sie ihren Herrn und Meister im Auto unter- gebracht hatten, nach dem Lokale des gelben Arbeits- Nachweises, Jnvalidenstraße 120. Von denen, die den Schluß der Versammlung abgewartet hatten, befanden sich noch viele auf der Straße. Durch diese Menschenmenge führte der Weg der Herren Jeschke und Schönknecht. Als die beiden am Haustor des Arbeitsnachweises angekommen waren, drehte sich Jeschke Plötz- lich um, zog einen derben Gummiknüppel aus der Tasche und versetzte dem Metallarbeiter W e i ß e n b e r g, der sich in der Menge befand, mehrere wuchtige Schläge über den Kopf. Nach dieser Heldentat verschwand Jeschke im Hause. Weiße nberg suchte mit Hilfe eines Schutzmanns die Persönlich- kcit des Knüppelhelden festzustellen; aber der hatte sich so ver- krochen, daß er nicht zu finden war. Erst nach zwei Stunden ver- ließ Jeschke das Haus und nun gelang es. seine Persönlichkeit festzustellen. Wegen dieser Affäre erhielt Jeschke eine auf Körperverletzung mittels gefährlichen Werkzeugs lautende Anklage, welche dieser Tage bor Gericht verhandelt wurde. Jeschke suchte zunächst Sttmmung für sich zu machen, indem er den Richtern eine Geschichte erzählte von einem großen Aufruhr, den die Roten an jenem Tage gegen die Gelben geplant hätten, daß er selber durch die roten Auftührer bedroht worden sei usw. Im übrigen bestritt Jeschke ganz entschieden, daß er W e i ß e n b e r g e r, den das Gericht als Nebenkläger zuließ, ge schlagen habe. Doch das Leugnen half dem„mutigen" Knüppel- Helden nicht. Durch fünf einwandfreie Zeugen wurde nachgewiesen. daß Jeschke und kein anderer die Schläge mit dem Gummiknüppel gegen Weißenberger geführt hatte, und zwar wurde ausdrück lich festgestellt, daß ihm derMißhandeltenichtdiege- ring st eVeran lassung zu dem Ueberfall gegeben hatte. Während der Staatsanwalt unter Zubilligung mildernder Um stände eine Geldstrafe von 100 M. beantragte, verwies Rechte anwalt Roth als Verteidiger des Nebenklägers darauf, daß man einem Manne, der ohne jede Veranlassung einen anderen in so schwerer Weise mißhandelt und dann seine Tat dreist bestreitet, keine mildernden Umstände zubilligen könne. Doch das Gericht hielt dem Angeklagten die Erregung» in der er sich befand, als Milderungsgrund zugute und verurteilte ihn zu einer Geldstrafe von 30 M. m Eine recht gelinde Strafe. Hätte einer aus den Reihen der Noten Herrn Jeschke oder einen anderen Gelben in solcher Weise mißhandelt, dann wäre er wohl nicht so glimpflich davon- gekommen. »»» Daß deutsche Gerichte in ähnlichen Fällen in der Tat anders können, zeigt folgendes Urteil: Wegen Beleidigung eines Arbeitswilligen in Helmstedt. des Tischlers Rosenberg, wurde der Gauvorfitzende des Holz- arbeiterverbandes, Genosse Bauer aus Magdeburg, vom Helm- stedter Schöffengericht zu drei Wochen Gefängnis verurteilt. Wir haben seinerzeit von den Heldentaten der Streikbrecher in Helmstedt ein anschauliches Bild gegeben, wie sie sich nächtlicherweile in den Straßen im Revolberschießen übten. Auch Rosenberg, der ebenfalls einen Revolver bei sich führte, hantierte in den Straßen der Stadt in der Nacht damit umher; er hat dabei einen Arbeiter angeschossen. Bauer soll ihn:„Berliner Louis, Lump und Streikbrecher" ge- nannt haben und zu mehreren Berliner Streikbrechern, darunter dem Revolverhelden, gesagt haben:„Wie lange habt Ihr schon wegen Zuhälterei abgemacht, Ihr Streikbrecher?" Selbst der Ver- treter des Rosenberg, Rechtsanwalt Dedekind— die übrigen Arbeitswilligen haben gar keine Klage angestrengt— er- klärte den Ausdruck„Streikbrecher" in der Zeit des Konfliktes als durchaus erklärlich, weshalb er darauf keinen Wert lege. Trotzdem kam das Gericht zur Verhängung einer so hohen Strafe. Zieht man in Erwägung, wie die Bevölkerung und be- sonders die Streikenden durch daS provokatorische Auftrete» der Revolverhelden gereizt wurden, so wird man eS auch verstehen, daß der sonst so besonnene Genosse Bauer sich in der Erregung zu solchen Aeußerungen hinreißen ließ. Sollte das bei der Abmessung des Urteils nicht berücksichtigt worden fem? m Wegen Körperverletzung 80 M. Geldstrafe, wegen einiger Be- leidignngen drei Wochen Gefängnis I Aber die Leute, die beide Urteile fällten, glauben nicht an eine Klassenjustiz. Berlin und Omgegenck» Tavakarbciter, zieht de» Schmachtriemen an! Die Berliner Zigarrenfabrik Gustav Kaphun, die in Berlin viele hochfein eingerichtete Läden für die Detailkundschaft hat, erklärte ihren Heimarbeitern an den letzten Ablieferungstagen, daß sie in zirka 14 Tagen infolge der Tabaksteuererhöhung entlassen würden, und daß sie ferner sämtliches noch vorhandene Rohmaterial abliefern müßten. Das gilt als Beweis dafür, daß sich die Wirkung dieser Steuer- erhöhuug genau in der Weise vollzieht, wie die Organisation der Tabakarbeiter eS im voraus sagte. Die Organisation weiß dies aus den Wirkungen der Erhöhung des Tabakzolles vom Jahre 1879 noch sehr genau; wurden doch damals mit einem Schlage 16 000 Tabakarbeiter brotlos.. � Die Firma Kaphun beschäftigt in Berlin zirka 130 Heim- arbciter; außerdem unterhält sie in Pommern eine größere Fabrik. Die Hartgummiarveiter, eine Branche, die vorwiegend Be- darfsartikel für die elektrische Industrie anfertigt, stehen vor einer Lohnbewegung. Für die Branche besteht seit 1000 ein Tarifver- trag, der vom 1. Oktober dieses Jahres wieder ein Jahr weiter laufen würde, falls er nicht sechs Wochen vorher gekündigt werden sollte. Mit der Frage, ob der Tarif gekündigt werden soll oder Nicht, befchäftigie sich am Donnerstag eine vom Deutschen Metall- arbeitervcrbande einberufene Versammlung der Hartgummi arbeitcr. Allgemeine Uebereinstimmung herrschte darin, daß eine Aufbesserung der tariflichen Lohifc- und Arbeitsbedingungen wünschenswert und notwendig sei. Besonders wurde die Forde- rung vertreten, daß eine Verkürzung der bLstündigen wöchentlichen Arbeitszeit und eine Erhöhung der Mindestlöhne, welche 35 bis 50 Pf. pro Stunde betragen, durchaus berechtigt sei. Die Ver sammlung beauftragte die Verbandsleitung, noch vor dem Kündigungstermin(15. August) mit den Arbeitgebern Verhand- lungen über eine Verbesserung des Tarifs anzubahnen. Sollten die Arbeitgeber die Verhandlungen ablehnen, oder bis zum 2. August noch keine Antwort erteilt haben, dann soll wieder eine Versammlung der Hartgummiarbeiter stattfinden, um über die weiteren Matznahmen Beschluß zu fassen. Achtung, Banhandwcrker! Wir ersuchen alle Bauhandwerker, darauf Obacht zu geben, daß nur mit der Berechtigungs- karte versehene S t a k e r zu den neuen Bedingungen arbeiten. Die Karte ist rot und mit dem Stempel des Verbandes der baw gewerblichen Hilfsarbeiter versehen. Bewilligt haben folgende Unternehmer: Anders, G.. Lübbener Str. 10: Arold. Th., Krenmrener Str. 7; Barsch, I., Charlottenburg, Havelstraße 2; Bartz, A.. Cotheniusstraße 15; Becke, P., Pücklerstraße 4; Chemidewski, Schönhauser Allee 177b; Dädelow, A.. Lychener Str. 16 a; Fischer, F., Pankow, Florastt. 21; Ernst, L. Rykestr. 32; Kyborg, Krummestr. 62; Schmoll, Lieben walder Str. 16 a; Stolinski. Dorkstr. 15; Lorenz, Rixdorf, Schillerpromenade 31; Metze, W., Stettiner Str. 21; Micknaus, A., Pankow, Uckermarkstr. 177; Bärenstrauch, W., Reinickendorf, Herbststr. 13; Richter, Lüderitzstr. 7 a; Schneider, Charlottenburg. Bleibtreustr. 3; Herbst. F., Bamberger Str. 39; Böhm, P.. Nieder-Schöncweide, Britzer Str. 7; Höhne, A., Ober-Schöneweide, Westendstr. 27; Kläge, E., Steglitz, Holsteinische Straße; Smolny, M., Finowstraße Ecke Scharn- weberstraße; Rümmer, Steglitz, Zimmermannstr. 14; Schöne, K., Wilmersdorf, Badensche Str. 18; Feiertag, A., Psuelstr. 2; Gut- schmidt, K., Lüderitzstr. 53; Zuch, W., Romintcner Str. 52; Köß- ling, P.. Grätzstr. 51; Fox, B., Bornholmer Str. 83; Hcßler, W., Kopernikusstr. 10; Schlösser, K., Romintcner Str. 32; Kölping, A., Stolpische Str. 30/31, und Kawig, A., Spandau, Amalienhofstr. 5. Gesperrte Firmen: Älbuschat, Gabelsbergcrstraße 1; Butschke, K., Heidenfeldstr. 8; Weimann, Heidenfeldstr. 10; Schneider, A., Steglitz, Peschkestr. 15; Wolter, Zehlendorf. Schönower Str. 3; Liepe, F., Spandau, Metzer Str. 12; Walter, Rixdorf, Richardplatz 1. Der Kampf gegen das Subunternehmertum im Fliesenlcgerberuf, über dessen Einleitung wir berichtet», hat bereits infolge von Ar beitsniederlegungen und Sperren einige bemerkenswerte Erfolge erzielt. Es ist gelungen, die für die beiden Firmen Gebrüder Vogel und Schmalisch u. Below tätig gewesenen Sub Unternehmer auszuschalten. Zwischen den beiden Firmen und den Vertretern der drei beteiligten Organisationen sind überein- stimmende Verträge abgeschlossen worden, die im wesentlichen folgendes vorsehen: Die Bestimmung des bestehenden Tarifver- träges von 1908 über die Entschädigung von Fahrgeldern, Fahr- zeit und Laufzeit soll auch bei Akkordarbeit Anwendung finden. Der im Tarifvertrag vorgesehene Akkordtarif soll in Zukunft auf allen Neubauten in Anwendung gebracht werden. Lohnarbeiten können nach vorheriger Vereinbarung mit den Arbeitnehmern aus- geführt werden. Für die zurzeit begonnenen Bauten bleibt es den Kontrahenten überlassen, nach bestem Ermessen den Akkordtarif oder den Lohntarif in Anwendung zu bringen. Gemäß Absatz 25 des Tarifvertrags wird bei Akkordarbeitern am Sonnabend jeder Woche auf die geleistete Arbeit eine Abschlagszahlung in Höhe der geleisteteten Stunden gezahlt.— Die Firma erklärt, in ihrem Betriebe während der Dauer des zurzeit bestehenden Tarifvertrags sogenannte Z w i s ch e n m e i st e r, die bei der Firma bisher be- schäftigt waren, in Zukunft als Z w i s ch e n m e i stpr, Werkmeister oder Fliesenleger nicht mehr zu beschäftigen. Maßregelungen dürfen nicht eintreten.— Ferner sehen die Verträge eine Schlichtungskommission vor. Diese SpezialVerträge unterlagen der Zustimmung einer öffentlichen Fliesenleger, und Hilfsarbeiter- Versammlung, die am Tonnerstag im„Neuen Klubhaus" tagt und wo W a l d h e i m über den Gang der Bewegung Bericht erstattete. Die Versammlung sanktionierte die Verträge ein- stimmig. Eine Reihe von Sperren bestehen noch und es dürften in nächster Zeit neue hinzukommen. Sie werden im„Vorwärts" bekanntgegeben. Die Versammlung diskutierte über die wirksame Durchführung der Sperren. Ihre Beachtung wurde von ver sckiedenen Rednern als moralische Pflicht bezeichnet. Man hofft, auf dem eingeschlagenen Wege zu neuen Erfolgen im Kampfe gegen das Subunternehmertum zu kommen. Es sind alle Aus- sichten vorhanden. Zur Förderung des Kampfes wurde beschlossen, daß Ueberstunden von jetzt ab zu versagen seien.— Die Zentralgeschäftsstelle der beteiligten Organisationen befindet sich jetzt Berlin W. 30, Kyffhäuserstraße 26; Telephon VI, 1398(Folger). Für die Dauer der Bewegung ist die Zentralgeschäftsstelle auch Meldestelle für alle Arbeitslosen, gleich welcher Organisation sie angehören. Deutfckes Reick). Die von der Firma Fichtel u. Sachs in Schibeinfurt g?matz- regelten Arbeiter sind auf die schwarze Liste gesetzt und wir sehen uns veranlaßt, über sämtliche Betriebe der Metall- industrie in Schweinfurt die Sperre zu verhängen. Alle arbeiterfreundlichen Blätter werden um Abdruck gebeten. Deutscher Metallarbeiterverband, Ortsverwaltung Schweinfurt. Zum Kampf der Maschinisten und Heizer auf dem Rheinstrom. Die Reihen der von auswärts herbeigeholten Arbeitswilligen lichten sich immer mehr. Die Leute sehen ein. daß sie von den Agenten getäuscht worden sind. Die versprochene außergewöhnlich hohe Bezahlung erhalten sie uicht und die schwere ungewohnte Arbeit erschöpft die Leute» bis zur völligen Erschlaffung, wozu die Sonne, die ihre sengenden Strahlen nicht nur auf Gerechte und Ungerechte, sondern auch auf die Streikbrecher herabsendet, ein übriges tut. Sind dann die so schwer Getäuschten gezwungen, die Arbeit wieder aufzugeben, so versuchen die Kapitäne, sie durch Ueberredung an Bord zu halten. Vielfach wird ihnen auch der verdiente Lohn vor- enthalten...... Die Ausständigen sind unter diesen Umstanden guten Muts und denken den Kampf, wenn es notwendig werden sollte, noch auf Wochen hinaus zu führen._ Sieg der Holzarbeiter in Nürnberg. Eine vernichtende Niederlage hat der Rahardtsche Arbeitgeber- schutzverband in Nürnberg erlitten. Die Forderungen der Tischler wurden in vollem Umfange bewilligt. Die Arbeiter erhalten eine Lohnerhöhung von sofort 3 Pf. und am 1. April 1910 1 Pf. Am 1. April 1911 wird die 53stündige wöchentliche Arbeitszeit� mit Lohnausgleich eingeführt. Der Mindestlohn wird sofort auf 46, am 1. April 1910 auf 47 und ab 1. April 1911 auf 43 Pf. erhöht. Den in Tischlereien beschäftigten Arbeitern, welche im Vertrags- gebiet ihre Arbeitsstelle wechseln, wird der in der neuen Werkstelle übliche Lohn für ältere Arbeiter gezahlt, falls sie vorher den Min- destlohn verdient haben. Für Arbeiten im Bau wird ein Aufschlag von 5 Pf. pro Stunde bezahlt. Für Montagen im Vorortverkehr werden 2, im Fernverkehr 3 M. Aufschlag täglich vergütet. Akkord- arbeit darf nur ausgeführt werden, wenn die Schlichtungskom- Mission die Preise vorher festgelegt hat. Der abgeschlossene Ver- trag hat Geltung bis zum 17. Februar 1912. Die beiderseitigen Versammlungen haben bereits zugestimmt und ist die Aufnahme der Arbeit in einer.Reihe von Betrieben bereits erfolgt, in den tveiterekl ivirb dieses In btfff nächsten Tagen geschehen. Damit hat nach elfwöchentlicher Dauer ein Kampf seinen Abschluß gefunden, mit dem der Deutsche Holzarbeiterverband sich sehen lassen kann.-> Bekanntlich hatten die Tischler Nürnbergs kurz vor dem 1. Mar den Arbeitgebern Forderungen unterbreitet, und zwar wünschte man eine Lohnerhöhung von 5 Pf. innerhalb der Vertragsdauer und Verkürzung der Arbeitszeit von 54 auf 53 Stunden. In den Verhandlungen lehnten die Arbeitgeber jedes Zugeständnis ab, ver- langten aber den Abschluß eines Vertrages bis zum 12. Februar 1911. Als die Tischler es sich nicht nehmen ließen, in gewohnter Weise den 1. Mai zu feiern, wurden die Verhandlungen von den Unternehmern abgebrochen und die Arbeiter auf eine Woche aus- gesperrt. Als die Ausspcrrungsfrist vorüber, beschlossen die Tischler, nicht früher zur Arbeit zurückzukehren, bis die gestellten Forderungen bewilligt wurden. Wiederholte Verhandlungen ver- liefen resultatlos und scheiterten meistens daran, daß die Arbeiter sich weigerten, den von den Unternehmern gewünschten Ablaufs- termin des Vertrages anzuerkennen. Man versuchte nun, eine Aus- sperrung in großem Matzstabe durchzuführen. Insbesondere sollten die Arbeiter in Fürth wie im übrigen Batzern und in Südwest- deutschland hinausgetvorfen werden. Noch vor 8 Tagen drohte Herr R aHardt mit„weiteren Konsequenzen". Man gab sich auch alle erdenkliche Mühe, die Aussperrung fertig zu bringen. Insbesondere Herr Dr. K e i n e r- Mannheim, der Vorsitzende des südwest- deutschen Verbandes der Holzindustriellen, hat nichts unversucht gelassen, seine Mitglieder zu dieser törichten Maßnahme zu ver- anlassen,— dafür werden ihm die Holzarbeiter danken— aber die Unternehmer in Fürth und Südwestdeutschland wußten, was ihnen bevorstand und ließen darum die Finger von der Geschichte!— Als alle Drohungen nicht verfingen, wurden von den Unternehmern neue Verhandlungen angebahnt, welche dann am 17. Juli daS oben mitgeteilte Resultat zeitigten. Die Unternehmer haben in bezug auf Lohnsicherung usw. mehr bewilligen müssen, als die Ar- beitervertreter vor einer Reihe Wochen als annehmbar akzeptierten. Der Schutzverband mußte aber die gestellten Bedingungen aner- kennen, wenn er seine Organisation in Nürnberg retten wollte. Viel wird davon ohnehin nicht übrig bleiben. Bemerkt werden mag noch, daß— ausgesprochen in der elften Woche des Kampfes— Herr Rechtsrat Wagner, der Gewerbegerichtsvorsitzende, seine Vermittlung anbot. Die Polizei hat sich— wie sich das gehört— bei dem Kampf anständig verhalten, zum Leidwesen der Scharfmacher. Dagegen wurden in den letzten Tagen Gefangene als Arbeitswillige ver- wandt. Darüber wird im Landtage noch zu reden sein.— Ob Herr Rahardt nach neuen Lorbeeren verlangt? ZZusland. Aufgeschoben oder aufgehoben? Die schottischen Kohlenbergwerksbesitzer und die Grubenarbeiter sind übereingekommen, die Lohnkürzungen und den Ausstand, die am 26. d. M. erfolgen sollten, um eine Woche zu verschieben zur Weiter- führung der Verhandlungen. Versammlungen. Im 6. Wahlkreis fanden am Dienstag 12 Versammlungen statt,»n veneft die Genossen die Delegiertenwahlcn zur Verbandsgeneralversammlung vornahmen, und in denen teils Stadtverordnete, teils andere Genossen Vorträge hielten. Offenbar scheint die Polizei von einem Spitzel düpiert worden zu sein, der ihr wer weiß welche Räuber- geschichten aufgetischt hat, denn in der Müllerstraße, in der Um- gegend der Pharussäle, hatte man ein ungewöhnlich großes Polizeiaufgebot stationiert. In der den Pharussälen vis-ö-vis belegenen Sendkerschen Fabrik war eine fliegende Polizeiwoche er- richtet, wo die Berittenen mit Schutzleuten zu Fuß der Dinge harrten, die da kommen sollten, aber nicht kamen. In die Wahl- Vereinsversammlung war von„hinten herum" ein Kriminalbeamter hereingekommen, der sich zunächst als„Freund des BüffetierS" bezeichnete, aber doch erkannt und hinausbefördert wurde. bfodrncbten und Vepelcben. Kundgebungen gegen den König. Paris, 23. Juli.(W. T. B.) Der„Agcnce Havas" wird aus Madrid über San Sebastian gemeldet, daß die Kundgebungen, die sich aus Anlaß der Absendung von Reservetruppen nach Melilla ereigneten, sehr heftigen Charakter trugen. Am 21. und 22. Juli habe König Alfons mehrere Kasernen besucht und sei dort Gegen» stand wenig freundlicher Kundgebungen gewesen. Drei Kompagnien Jäger, so wird weiter gemeldet, hätten versucht, zu meutern und hätten ihre Vorgesetzten bedroht. Am 21. Juli abends kam es im Augenblick der Abfahrt des Reservistenzuges zu sehr heftigen Auf» trittcn. Die Menge drang in den Bahnhof ein und warf Schwellen auf die Schienen. Die Polizei erwies sich als machtlos. Bürger- garden erst machten die Schienenwege mit Kolbenschlägcn frei. Es wird sehr strenge Zensur geübt; man läßt nur wenige Telegramme durch, und auch der Tclephonverkchr wird unterdrückt. Sozialistische Versammlungen sind untersagt und die Zeitungen werden streng überwacht. Nach einer aus Melilla auf brieflichem Wege ein- gegangenen Meldung soll General Marina telegraphiert haben, er brauche 40 000 Mann. Der Platz könne den Mauren, die durch das defensive Verhalten der Spanier ermutigt würden, nicht mehr lange widerstehen._ Der Schuhzoll-Unscgen. London, 23. Juli.(W. T. B.) In einer Versammlung von Kaufleuten der City hielt heute Premierminister Asquith eine Rede über das Budget, in der er unter anderem sagte, er wisse nicht. was die Freunde des Schutzzolls über ihre jetzigen Aussichten dächten, er weise aber darauf hin, daß zwei große Länder, Eng- lands größte Rivalen auf dem Gebiete des Handels, gegenwärtig einen Zolltarif auf Fabrikate erprobten. Ein voll entwickelter aus wissenschaftlicher Grundlage bearbeiteter Tarif sei zwei Jahre lang in Deutschland in Wirksamkeit gewesen, und Deutschlands Defizit sei viel größer als daS englische und habe schon den Sturz eines der mächtigsten Staatsmänner Europas verursacht. Die Deutschen sähen mit einem gewissen Aerger nach einem Mittel auS, um die riesige, trotz des wissenschaftlichen Tarifs bestehende Lücke aus- zufüllen. Asquith sprach sodann über die Revision des ameri- konischen Zolltarifs, den amerikanische Männer selbst als einen Triumph der Sonderintcressen über die Interessen der Allgemein- heit ansehen, und sagte, er wolle nicht geringschätzig noch selbst- gefällig über Schwierigkeiten der Nachbarländer sprechen, aber da der Generaltarif als Heilmittel für die fiskalischen Schwierig» leiten Englands empfohlen worden sei, so glaube er berechtigt zu sein, auf die Erfahrungen hinzuweisen, die Englands Nachbarn mit ihrem Zolltarif gemacht hätten. Dafür, daß England im Be- griffe sei, sich zur Annahme des Zolltarifs zu bekennen, sehe er kein Anzeichen._• Die Cholera. Petersburg» 23. Juli.(W. T. B.) Seit gestern sind 71 Neu. erkrankungen und 25 Todesfälle an Cholera vorgekommen. Gesamtzahl der Kranken beträgt 797. D re Verantw. Redakt.: Wilhelm Düwcll, Lichtenberg. Jnsergtx pj-rgntw,� Zh. Glocke, Berlin. Druck u.Perlgg:VvrwärtSBuchdr.lt.BerlagSgnstali PgulSinger&Co.,BcrlmLW. Hierzu 3 Beilagen u-UoterhaltungSbl. Kr. 170. 26. Jahrgang. 1 KtilU des Jpnoätfs" Ktllmr Zmmbnd, 24. Juli 1909. Zur neuen iundesrats-Uerordnung betreffend die rhomszfchlsckenmöhlen und-Lager. Die von uns sofort nach ihrem Erlaß inhaltlich wiedergegebein neue Vundesratsverordnung vom 3. Juli dieses Jahres über Ein richlung und Bytrieb von Thomasschlackenmühlen und-Mehllagern zeigt einige Verbesserungen. Neben diesen sind aber Aenderungen getroffen, die weit mehr als Verschlechterungen oder Vertuschungen zu bezeichnen sein möchten. Die wesentlichste Verbesserung ist die Ausdehnung des Verbots der Beschäftigung weiblicher Arbeiter und jugendlicher männlicher Arbeiter von solchen unter 16 Jahren auf alle im Alter unter 18 Jahren in Thomasschlacken mühlen und Schlackenmehllagern sowie beim Ausklopfen der zum Einfüllen von Thomasschlackenmehl gebrauchten Säcke. Zu begrüßen ist auch die Erweiterung der Vorschrift über Badegelegenheit für die Arbeiter innerhalb der Betriebsanlagen: die Arbeitgeber find verpflichtet, die Arbeiter zum täglichen Baden vor dem Verlassen der Betriebsanlage, statt wie bisher wöchentlichen, anzuhalten, wobei die Bade- einrichtungen im Winter mit warmem Wasser zu versehen sind. Auch die Bestimmung, daß mit Thomasschlackenmehl gefüllte Säcke, um Unfälle zu verhüten, nur unter Aufsicht fach kundiger Personen oder von fachkundigen Personen zu Stapeln aufgebaut werden dürfen, daß diese Stapel nicht höher als zu fünf Säcken übereinander aufgerichtet werden dürfen, daß das Abtragen der Säcke auch nur unter sachkundiger Aufsicht oder von sachkundiger Hand von oben herab und nicht durch Herausziehen von Säcken aus unteren Lagen geschehen darf— ist als eine Verbesserung anzusprechen. Diese Verbefferung ist wohl durch den Aufsichtsbeamten des Bezirks Danzig veranlaßt worden, weil im vorigen Jahre in einem Thomasschlackenmehllager in diesem Bezirke ein Arbeiter bei nicht sachgemäßem Abtragen eines Sack- stapels tödlich verunglückte. Auch einen anderen von demselben Auffichtsbeamten hervor� gehobenen U e b e l st a n d hat die neue BundeSratsverordnung berücksichtigt. Dieser Beamte hatte benierkt, daß beim End laden eines mit Thomasschlackenmehl in Säcken beladenen Schiffes im Hafen von Danzig die damit beschäftigten Arbeiter in eine dichte Staubwolle gehüllt waren, und fand dann bei näherer Besichtigung der Säcke, daß diese in keinem Falle der im§9 Abs. 1 der Bekanntmachung vom 25. April 1899, die im gleichen Wortlaut in die neue Bekanntmachung vom 3. Juli er. übergegangen ist, ver- langten Beschaffenheit in Dichtigkeit und Fadenstärke entsprachen, und daß die dadurch verursachte übermäßige Staubentwicklung nur wegen des beständigen Wechsels der Hafenarbeiter keine größeren Gesundheitsschädigungen dieser Arbeiter zur Folge hatte. Doch sei es dringend nötig, die in der Rheinprovinz wohnenden Fabrikanten strenger zur Beachtung der gesetzlichen Bestimmungen in betreff der Beschaffenheit der Säcke anzuhalten. Nach der neuen Verordnung ist die Benutzung geringwertiger, staubdurchlassender Säcke, die nach der Verordnung vom 23. April 1899 noch mit Genehmigung der höheren Verioaltungsbehörde verwendet werden durften, allgemein verboten. Jedoch ist in der neuen Verordnung vom 3. Juli er. die Weiterbenutzung auch schwächerer, bereits zugelaffener Säcke bis zum 1..Januar 1919 gestattet. Es heißt im letzten Satz dieser Ver- ordnung:„Säcke zum Transport mit Thomasschlackenmehl können, auch wenn sie nicht den Vorschriften des§ 9 Absatz 1 entsprechen, noch bis zum 1. Januar 1910 verwendet werden.' Zweckmäßiger wäre eS gewesen, diese UebergangSvorschrist über- Haupt zu streichen. Die Fassung deS zitierten Absatzes:, n o ch bis zum irJanuar 1910" läßt erkennen, daß nicht etwa allgemein schwächere Säcke zugelassen werden sollen— das wäre eine erheb- liche Verschlechterung—. sondern nur in den bereits bei Erlaß der Verordnung genehmigten Fällen. Eine Verschlechterung der Arbeiter schütz« bestimmungen enthält unseres Erachters§ 11 Abs. 2. Die Ver« ordnung vom 23. April 1899 schrieb vor, daß die Beseitigung des Staubes aus den Arbeits« und Lagerräumen vor Beginn jeder Arbeitsschicht auf feuchtem Wege' zu erfolgen habe, um eine starke Staub- entwicklung zu verhüten. Die neue Verordnung gestattet auch die Reinigung auf trockenem Wege und verlangt nur, daß die fie ausführenden Arbeiter dabei Nase und Mund entweder mit einem Nespirator oder einem feuchten Schwamm, Tuch oder dergleichen vor dem dabei entstehenden Staube schützen. Das ist ungenügend. ES ist häufig festgestellt, daß daS angestrengte Arbeiten mit solchem Llespirator, feuchtem Schwamm oder dergleichen für die Arbeiter Kleines feuilleton. AuS den Erinnerungen eines Automaten. AIS Napoleon 1806 in Berlin einzog, befahl er auch, daß ihm der berühmte schach- spielende Automat vorgeführt werde, den der ungarische Finanzrat de Kempelen konstruiert hatte, um die Kaiserin Maria Theresia zu erheitern. Diese Maschinerie, wohl der berühmteste Automat, der je existiert hat, stellte einen lebensgroßen Türken dar, dessen rechter Arm aus einein Kasten ruhte, während der linke eine lange Pfeife hielt. Der Türke saß auf einem reich drapierten Sessel, so daß nur cin Teil für einen Spiegel frei blieb, durch den man das äußerst komplizierte Räderwerk sehen konnte. Vor dem Automaten war ein Schachbrett angebracht, auf dem nun der Türke mit jedem beliebigen Gegner eine Partie Schach spielte. Bei der Vorstellung wurde der Apparat einen Augenblick ge- öffnet, um zu zeigen, daß niemand in dem Kasten wäre, und dann begann die Vorstellung, bei der der automatische Schachspieler nach dem Zuge des Gegners langsam den Arm ausstreckte, zu über- legen schien und dann seinen Zug machte. Hatte der Gegner falsch gespielt, dann schüttelte die Figur den Kopf und konfiszierte den Stein; kamen allzu viel Fehler vor, so warf sie wohl auch das ganze Spiel um. Kempelen zog mit seinem schachspielenden Türken durch die ganze Welt; meist war dieser siegreich, wurde aber auch von ausgezeichneten Schachmeistern besiegt. Schließlich kaufte Friedrich IL den Automaten. Aber nach dem Ankauf kümmerte er sich gar nicht mehr um das Spielzeug und ließ es in einem Winkel seines Palastes verstauben. Dort fand man den Türken, als Napoleon ihn zu sehen wünschte. Kempelen war tot und so wurde er von dem Uhrmacher Maelzel wieder hergestellt. Nun begann eine neue Aera des Ruhmes für den Automaten, der in der wunder« süchtigen Zeit der Romantik gewaltiges Auffehen erregte und viele kluge Köpfe mit seinem Rätsel narrte. Poe z. B. hat diesem Phänomen einen langen Aufsatz gewidmet. Man weiß heute, daß haS Ganze ein sehr geschickt inszenierter Betrug war; in dem Kasten des Automaten befand sich ein Mann, der für den Türken spielte und durch den Spiegel da? Schachbrett des Gegners beobachten konnte. Sobald der Kasten vor der Vorstellung geöffnet wurde, kroch er in einen engen Geheimraum. Der Komplize Maelzels war ein gewisser Mouret, der später seine Erinnerungen aufgezeichnet hat, aus denen Paul Ginisty im„Journal des Döbats" allerlei mitteilt. Mouret war ein geschickter Schachspieler. Er erzählt voll Stolz, wie er in dem Automaten mit Napoleon gespielt hat und den Sieger auf so vielen Schlachtfeldern aus dein Schachfelde besiegte. Napoleon wurde über diese Niederlage so wütend, daß er den Automaten zertrümmern lassen wollte, und nur ein Kniefall Maelzels rettete den Türken und seinen Insassen vor dem Verderben. Der Prinz Eugen Beauharnais war so entzückt von der Maschine, daß er fie für 30000 Lire kaufte, aber sein Entzücken schwand, als ihm Maelzel nun das Geheimnis mitteilen bald äußerst lästig und beängstigend wird, und daß sie sich dann häufig gerade im ärgsten Staube nicht anders vor Stickanfällen zu helfen wissen, als daß fie die Schutzvorrichtung schnell lösen. � Auch sind es nicht nur die unmittelbar mit der Reinigung beschäftigten Arbeiter, die durch den bei der Reinigung aufgewirbelten Staub dann leiden, sondern ebenso auch andere in ge ringerer Entfernung beschäftigte Arbeiter. Das beweisen die häufigen Erkrankungen an schwerer Lungenentzündung von Hof arbeitern und Schlackenfahrern. Die R e s p i r a t o r e n usw. sind daher ein ungenügenderer Schutz gegen den gefährlichen Schlackensiaub als die Reinigung auf feuchtem Wege, wenn auch diese nicht ohne Unannehmlichkeiten ist. Aber unsere Technik hat seit einiger Zeit so ausgezeichnete und sicher funktionierende Apparate hergestellt, die die Entfernung von Staub ohne jede Belästigung der Menschen durch Aufsaugen besorgen. Mit solchen Vakuumreinigungs- und Sauglustapparaten, die in manchen „herrschaftlichen Häusern" zum Reinigen der Teppiche, Treppen-� läufer usw. zur Zufriedenheit der Bewohner benutzt werden, können auch die Arbeiter in den Thomasschlackenmühlen und-Lagern vor dem sehr viel gefährlicheren Schlackenstaube geschützt werden. Praktische und bewährte Neuerungen sollen doch nicht nur Personen zugute kommen, die in wohlhabender Lage sind, sondern vor allem den unter weit schlimmcrem Staube Leidenden, zumal die Preise für diese Apparate durchaus nicht unerschwinglich sind.— Noch sicherer wäre ja die Zerkleinerung und Mahlung der Thomasschlacke auf nassem Wege, die jede Staubbildung überhaupt ausschließt und die von Mathesius und anderen vor- geschlagen wurde; auch kurze Zeit zur allgemeinen Zufriedenheit der Arbeiter in der Ruhrorter Schlackenmühle eingeführt, dann aber wohl wegen der größeren Kosten wieder ausgegeben worden ist. Eine weitere Neuerung der Verordnung vom 3. Juli er. will der nicht zu bestreitenden Verschärfung der Gefährlichkeit des Schlackenstaubes durch Alkoholgenuß entgegentreten. Zwar enthielt auch schon die Verordnung vom 23. April 1897 die Be stimmung, daß Gewohnheitstrinker nicht als Arbeiter in Schlacken- mühlen und-Lagern eingestellt werden dürfen, aber die neue Bundes- ratsbekanntmachung verlangt, daß in die Arbeitsordnungen allgemein ein Verbot der Mitnahme von Branntwein in die Arbeitsräume ausgesprochen werde, und außerdem das Verbot des EinnehmenS von Mahlzeiten in den Arbeitsräumen. Aerztliche Untersuchungen verlangt die neue Ver- ordnung in höherem Maß« wie früher. Es sollen die Arbeiter nicht nur wie bisher vor Antritt der Arbeit von einem dazu von der Be- Hörde ermächtigten Arzte auf ihre Gesundheit und Tauglichkeit zu dieser Arbeit untersucht werden, sondern diese Untersuchung soll wenigstens jeden Monat wiederholt werden. Daß aber auch diese Anordnung noch nicht genügt, um das Entstehen tödlicher Er- krankungen durch Unkenntnis zu verhüten, zeigt sehr deutlich der letzte Jahresbericht des Aufsichtsbeamten für den Bezirk Trier. Dieser schreibt Seite 467: „In den acht Thomas- Schlackenmühlen und einem Thomas- Schlackenlager sind32. IlMeffi Zlnfang 8 Uhr. Ende 11 Uhr. Llus der Gartenbühne Ansang i'l, Uhr. U.a.; Raudideldau! Gr. Pantomime. Erstklassige Spezialitäten. W.Koacks Theater Ttrektion: Rod. Oill. Brimnenitr. 16. Grofte Extravorstellung! s'/. Schuldbewußt.»'/. Charallcrgemälde a. d. Bert Vollslcb. Vorher: llas grobe neue Programm. Ans. 7, Kaffeekochen 3-6, Entrce»0 Pf. Während u. nach d. Vorst.: Extra-Ball Iiiinis«tadt-Ztas!n«. Holzmarktslr.?2(Ecke Alcxanderstr.) Tägl. i berrl.Natur-Sommergarten bei ungünstiger Witterung i. Saale O. Iheaier- u. Spez.- Vorstellung. Ich danhc, Herr Franke. Schwank in 1 Akt von O. Richter. Meiöner, Dumby, Steininger, Fillppo La belle Therese, Stuhr u. Schnell. Ans, wochcnt. 8, Sonntags 6 Uhr. Ion der Miehaelöriieke an der MicliaellirelistraSe Cr. Moußselieiüfalirl Ä nach Rlclitershorn, direkt am Wald und Langen See gelegen. Daselbst: Grosser Ball. Abfahrt 9'/, Uhr abends. 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Der Brandstifter uou Berlin. Volks st. m. Ges. u. Tanz o. Neifflingen. Donnerstag, 19. Aug./(ssr.Garten fest l-olllLue Tugend. AuSstaltlmgS-Operette in 2 Akten von Walter Ger icke. Sowie 12 erstklassige Spezialitäten. Prllliis. Anfang 5'/, Uhr. Entree 20 Ps. Vereins- Sranerei Rixdorf, Hermannstr. 214/219. Oekonom; Max Wendt 1, Täglich; Gr. Militär-Konzert. Jeden Dienstag: Gr. iderMi-F Entr. ISPs. Mütze od. Schärpe grat. >>» w w> AehtnaBi Fahrstuhlarbeiter! Sonntag, öen 25, Juli, mittags 12 Uhr: OeffentUclie Versammlung für lämlllche an fahrltühlen betebäftigten Kollegen in Anton Boekers Festsalen, Weberstr. 17. Tages-Ordnung: 29/17* 1. Die Missstände in unserem Beruf und wie sind dieselben zu beseitigen? 2. Diskussion. Wegen der Wichtigkeit der Tagesordnung ist es Pflicht eines jeden Fahrstuhlarbeiters, w dieser Versammlung zu erscheinen._ Per Zweigvereinsvorstand. Deutscher IKetallarbeiter-Verbaut!. — Verwaltnngssfelle Berlin.= Arbeitsnachweis: Hof I. Amt Hl, 1239. Charitestraste 3. Hauptbureau: Hos NI. Amt III, 1937. FtaBrtung! Achtung! Qeldschr anksehlosser! Montag, den AG. Juli, abends Uhr, in Frankes Fesisalen, Badstr. 19: Versammlung-HW sämililher in den Geidsihrnnlisiidriken deschnftigten Ardeiter. TageS« Ordnung: 1. Bericht über den Stand unserer Bewegung, 2. Diskussion. Zahlreichen Besuch erwartet_ 120/10_ Die Ortsverwaltnng. Verband ferbaugewerbl. Hilfsarbeiter Deutschi. Zweigverein Berlin und Umgegend. KSlitiLilm der Staker! Montag, den 26. Juli 190», abends S1/» Uhr: Außerordentliche Mitglieder'Versammlung im Gewerkschaftshaus, Engelufer 15(Saal 5). TageS-Ordnung: 1. Bericht über den Stand unserer Bewegung. 2. Diskussion. Zahlreichen Besuch erwartet 29/l9' Ter Einberufer. Aligemeine Kranken-». Sterbekasse der deutschen Drechsler und deren Berufsgenossen(E. H. 86 Hamburg). MitgUeder-Uersammlimgeu finden statt: Da-rtflr A am Montag, den 20. Jnli, abends 8'/, Uhr, IjQZITK. A Gewerkschaftshans, Saal 9. B am Nioutag, den 20. Juli, abend? 8'/, Uhr, Lblert, Wiener Strasse 25. im bei Com Montag, de» 26. Juli, abendS S'l, Uhr» bei Schulz, Alte Jakobslr. 18/19. am Wkontag, den� 26. Jult, abends 8'/, Uhr, bei Bninniel, Sophienstr. 5. TageS-Ordnung: 1. GeschästlicheS. 2. Kassenbericht vom 2. Quartal 1909. 3. Verschiedenes. 286/16_ Die Ortsverwaltungen. D Brunnen-Theater Sadstrasse 58. Direktion: Willi Voigt. Heute sowie täglich: X Erstklassige Spezialitäten k X Novität! Novität! Eine ioESeHacfrts Gr. ZluSstattnngs-Volksstäck mit Gesang und Tanz in 5 Bildern von Freund und Mannstädt. Kassenerösiliung 2 Uhr, Ans.'4 Uhr. ! Woinborgswog 19-20, Rosenth.Top. Ansang 8 Uhr. Im Theater: Tie grandiosen Spezialitäten. Im Garten: Pi-elkonzeet. Vor der spanischen Arena. Staitt-Theater Moabit. Alt-JIoabit 47/48. Täglich: Spezialitäten und Theater- Vorstellung. Ans. d. Vorstellung wochentags 7 Ubr, Konzert ö Uhr. Sonnt. 6 bezw. 5 Uhr. Gartenerössnung 3 Uhr. 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VerlagSanitalt.Paul ßinger äi£p., Berlin SW. Nr. 170. 26. Jahrgang. 2. ßfilnp des Fmiirts« Sttliiitf MM Sonnabend, 24. Juli 1909. parte!- Angelegenheiten. Zur Lokalliste. Am heutigen Tage feiert der Mundharmonika« verein»Namenlos' in den uns nicht zur Verfügung stehenden.Germania-Sälen' in Charlottcndurg ein Sommerfest mit Tanz. Wir ersuchen alle etwa angebotenen Billetts entschieden zurückzuweisen. In Marienfelde steht uns das Lokal von B e r g e r, Dorf- straße 30, nicht mehr zur Verfügung; in Treptow wird das Lokal der Witwe Graszmann, Köpenicker Landstratze, Ecke Elsenstraste, nicht mehr zu allen Veranstaltungen hergegeben; in Mariendorf suchen wir die Lokale Gravis.Gesellschaftshaus', Chausseestraße 305, und ZierockS. Feldschlößchen', Kur- fürstenstraße 44, zu meiden. Zum Bergmannsfest in Rüdersdorf-Kalkvcrge teilen wir mit, daß uns daselbst nur folgende Lokale zur Verfügung stehen: »Gasthaus zur Linde', Jnh. Grewe, Heinitzcr Straße 19, »DeutfcheSHaus', Jnh. SchwederSky, Am Kesfelfee, »Gesellschaftshaus Glück Auf', Jnh. Köppel, Schulsiraße 18. Die Lokalkommission. Zweiter Wahlkreis. Morgen, Sonntag, den 25. Juli, findet unser beliebtes Waldfcst statt, und zwar geht es nach dem wundervoll gelegenen Grünau. Es finden dort Belustigungen statt für Jung und Alt. Treffpunkt früh 7.30 Uhr am Görliyer Bahnhof. Gutes Wetter ist bestellt. Zu diesem Fest werden alle Genossen mit Familie eingeladen. Freunde und Bekannte sind herzlich will- kommen. Die Abteilungsführer. Dritter Wahlkreis. Heute. Sonnabend, den 24. Juli findet in der»Neuen Welt', Hasenheide, das Sommerfest des Wahlvereins statt. Dasselbe besteht aus Konzert, Spezialitätenvorstellungen, Marionettentheater, Fackelpolonäse, Neigensahrcn u. s. w. Bons zu Stocklaternen werden am Eingang gratis verteilt. Zahlreickie Be- teiligung erwartet Der Vorstand. Vierter Wahlkreis. Wie im vergangenen, so findet auch in diesem Jahre das beliebte Familienfest des vierten Kreises am Montag, den 26. Juli in dem zu diesem Tage be- sonders dekorierten Gartenlokal des Herrn Ludwig, Treptow, Köpcnickcr Landstraße, statt. Jedes Kind erhält je einen Bon für Stocklaterne, Kopfbedeckung und Karussell gratis. Außer den übrigen Unterhaltungen werden vornehmlich für die Kinder unter Leitung von Mitgliedern des Turnvereins.Fichte' Spiele mit Verteilung von Bonbons arrangiert. Bei dem niedrigen Eintrittspreis von 20 Pfennigen für Erwachsene— Kinder sind frei— wird auf starken Besuch gerechnet. Nowawcs. Am morgigen Sonntag von 9 bis 12 Uhr vor- mittags werden die Beiträge des Wahlvereins einkassiert im ersten Bezirk bei Otto Hiemke, Wallstr. 55; im zweiten Bezirk bei Karl Gruhl, Pricsterstr. 69, und im dritten Bezirk Karl Gomoll, Groß- becrenstr. 59. Auch werden neue Mitglieder aufgenommen. Rege Beteiligung erwartet Der Vorstand. berliner JVacbricbtem Das„Workhoufe". Einen beachtenswerten Beweis im Tiefstand sozialpolitischen Empfindens leistet sich der„Berliner Lokalanzeiger' in seiner Morgennnmmer vom 20. Juli. Die Nummer enthält unter der Ucberschrift.England, wie es ist' unter anderem eine Abhandlung über die Londoner Arbeitslosenfrage. Angesichts des grenzen- losen Elends, das in der Riesenstadt herrscht, ein Elend, dessen Wahrnehmung jeder menschlich Fühlende zu seinen erschütterndsten Erlebnissen zählen wird, mutet es wie ein Hohn an, wenn der Artikelschreiber sich wie folgt ausläßt: „Wenn die Londoner sagen:„Das sind unsere Arbeitslosen', so merken sie gar nicht, was jedem Fremden sofort auffällt; nämlich, daß all diese schmutzigen, zerfetzten Gestalten gar nicht den Eindruck Arbeitsloser machen. Daß sie vielmehr aussehen wie Leute, die der Arbeit meilenweit aus dem Wege zu gehen bemüht sind. So wie der durchschnittliche Londoner Arbeitslose sieht kein Mensch aus, der wirklich Arbeit sucht. Der hat keine Zeit, sich an den Ecken zu versammeln oder die Hauptstraße zu patrouillieren; alles Plätze, wo sicherlich keine Arbeit zu finden ist.' Dieser Erguß verdient nur tiefer gehängt zu werden, bringt er doch zur schreienden Not noch den schneidenden Hohn. Der Ver- fasser versteigt sich dann zu der nachfolgenden Behauptung: „Zweifellos gibt es Tausende von wirklich Arbeitslosen im großen London, aber dies sind gerade die, welche der Fremde nicht sieht. Die sich aufdrängen auf Schritt und Tritt, das ist die beschriebene„Sorte'.' Es ist ja sehr gnädig, anzunehmen, daß es unter den Hundert- raufenden, die in London ohne Erwerb herumlungern, auch einige Tausend..wirklich' Arbeitsloser gibt. Warum die sich aber gerade von den Fremden und damit auch wohl den Einheimischen nicht sehen lassen sollten, ist nicht erfindlich, erreichen sie etwa eine Er- werbsmöglichkeit, indem sie sich im Winkel verkriechen? Und wie mögen sich wohl die wirklichen von der beschriebenen„Sorte' unter- scheiden. Die geradezu ideale Lebensweise dieser..Sorte' schildert der Verfasser dann wie folgt: „Natürlich fragt der Fremde sofort: Wie leben alle diese Menschen? Und die Antwort macht ihn dann mit einer englischen Institution bekannt, die einzig in der Welt dastehen dürfte, die dem Deutschen jedenfalls gänzlich unbekannt ist; nämlich das .Workhoufe', zu deutsch Arbeitshaus. Die Bezeichnung erinnert wohl an unsere KorrektionSanstalt; das„Workhoufe' ist in der Tat aber wohl daS gerade Gegenteil. Es ist gewöhnlich ein prächtiges Gebäude— in dem Stadtteil Lambeth könnte man es fast einen Palast nennen, zu dem jeder Mensch, der außer Arbeit ist, Zutritt erhält. Das heißt, er erhält ein Ahcndbrot, Bett und ein Frühstück und darf dann den Tag hindurch— auf die Ar- bcitsstube(soll wohl heißen Arbeitssuche) gehen. Findet er keine, so kommt er am Abend wieder ins.Workhoufe" zurück. Und wie nicht anders zu erwarten, kommt er eben meistens— zurück.'' Möchte unter diesen Umständen nicht mancher arme Teufel in deutschen Großstädten gern Arbeitsloser in London sein? In prächtigen Palästen Hausen, gut gespeist und beherbergt werden, wem liefe nicht das Wasser im Munde zusammen? Sonderbar nur, daß man de» Nachts in London auf Schritt und Tritt Obdachlose bemerkt, deren Zahl in die Zehntausende geht. Männer, Weiber, Kinder, Mütter mit Säuglingen auf dem?lrin kauern in Winkeln, unter Brücken, auf Bänke, in leeren Wagen usw. Trotz der ge- priesenen Workhäuser. Warum wohl? Sollte sich nicht doch die Ueberzeugung aufdrängen, daß zu der grenzenlosen Not die Jnsti- tutionen der Wohltätigkeit sich verhalten wie Tropfen auf dem heißen Stein? Im übrigen sind die Workhäuser manchem Deutschen durchaus nicht so unbekannt, vor allem nicht vielen in London weilenden. Sie wissen aber aus eigener Erfahrung ein ander Lied darüber zu singen. Doch darüber nachher noch ein Wörtchcn. Gesetzt nun, die„Workhäuser' wären eine so ideale Einrich« tung, wie unser Artilelschreibcr sich äußert, wie denkt nun unser Menschenfreund über den Segen, den sie angeblich stiften. Er schreibt mit kühler Gelassenheit, nachdem er noch eine Bemerkung gemacht hat, die beweist, daß er vom Wesen der Londoner .Borough' pickst die m.iMste AhnMg Hat4;" „Sie— die Häuser— verursachen eine Unmenge Kosten, und es ist gewiß charakteristisch für das gute Herz des Engländers— denn der Engländer ist gutherzig— daß er diese Kosten aus den Stadtsteuern zahlt, ohne zu murren. Aber ob die ganze Ein- richtung gut ist, möchte ich bezweifeln. Der Mann, der sich sagt, er mutz heute noch 50 Pf. verdienen, sonst hat er morgen nichts zu essen, wird sich doch noch ganz andere Mühe geben, diese paar Pfennige zusammenzubringen, als der Mann, der sich sagt: „Schlimmstenfalls gehe ich ins„Workhoufe'!" Man fühlt sich veranlaßt, zu wünschen, datz der Mann, der eine solche Behauptung wagt, selbst einmal arbeitslos nach London versetzt werden möchte, damit er auskosten kann, was es in der Lage heißt, selbst 50 Pf. zu verdienen. Charakteristisch ist ja übrigens, datz 50 Pf. als zum Leben genügend erachtet werden. Was sind nun diese erst gepriesenen und dann als unnütz er- klärten„Workhouscs". Es sind— wie ihr Name besagt—„Arbeitshäuser". Ergo mutz darinnen auch gearbeitet werden. Davon steht in dem Artikel kein Ton. Und zwar mutz hart gearbeitet werden. So hat Schreiber dieser Zeilen gelegentlich einer vorüber- gehenden Notlage in einem englischen Arbeitshaus Steine klopfen müssen, und zwar bei etwa 10 Grad Kälte. Und worin bestand die Ver- pflcgung? Es gab des Abends 250 Gramm trockenen schwammigen Weißbrots. Weiter nichts. Nicht mal einen Trunk. Wer einen Becher eklig schalen Tees haben wollte, mutzte Vi Penny bezahlen. Und am anderen Morgen gab es wieder die gleiche Ration Brot und wieder nichts— rein nichts dazu. Dann hieß es drei Stunden Steine klopfen bis zum„Dinner". Und worin bestand dies? Wieder die betreffende Ration trockenen Brotes, diesmal ergänzt durch eine dünne Schnitte holländischen Käses. Und das waren nicht Ausnahmemahlzciten, sondern wie ein Anschlag an den Wänden bewies, die vom Verwaltungsrat der Anstalt für jeden Tag festgesetzten Rationen. Das klingt anders, als die Schön- färberei im„Lokalanzciger". Nicht wahr? Und bei dieser Ver- pflegung müssen Steine geklopft werden! Außerdem wurde ja ohen behauptet, datz man ein„Bett" bekäme. Ein Bett! Ja, eine zerlumpte Hängematte, eine schmutzige Decke oder auch einen Winkel auf dem harten Steinboden. Einen„Vorteil" haben die betreffenden Häuser allerdings. Sie bieten Sckmtz gegen die Kälte im Winter. Es ist sogar sehr warm darin, da jedes Winkelchen mit schlafenden, schnarchenden, ausdünstenden Menschen überfüllt ist. Welche Wonne mutz es für den englischen Proletarier sein, in solchen Gebäuden seine Zeit zu verschlemmen. Es sei nicht ver- schwiegen, daß viele Engländer mir gegenüber die Einrichtungen der Arbeitshäuser als eine Schmach bezeichneten; erst dem ehe- mals„größten' deutschen Blatte bleibt es vorbehalten, diese „Luxusorw" in bengalischer Beleuchtung zu zeigen. Ein blutigerer Hohn aus die Elendesten der Menschheit ist nie in die Welt gesetzt worden._ Das Fernsprechnetz der Berliner Vororte. Von den Fernsprech anschlüssen des OberpostdircktionSbezirks Berlin, die nach der letzten Aufnahme, wie berichtet, 146 476 betragen, entfallen auf die Acmter außerhalb Berlins jetzt insgesamt 38 927 Anschlüsse. Die meisten Anschlüsse hat nach wie vor das Amt Berlin-Charlottenburg. Mit 16 071 Anschlüssen übertrifft es an Umfang drei Berliner Acmter. Nur die Aemter 6, 1 und 4 sind größer als das in Charlottenburg. An zweiter Stelle kommt unter den Vororten das Amt Berlin- Wilmersdorf mit 6967 Anschlüssen. Selbst ganz Rixdorf hat noch nicht die Hälfte davon, nämlich 2927 Anschüsse. Steglitz zählt 2122 Anschlüsse. Alle anderen Aemter haben noch nicht einmal 2000. Am meisten hat Groß-Lichterfelde mit 1807, dann Friedenau mit 1579, Lichtenberg mit 1286, Pankow mit 1214, Tcmpelhof 1097 und endlich Weißensee. das zur Zeit der Auf nähme merkwürdigerweise genau 1000 Anschlüsse zählte. Nahe kommt das industriereiche Ober- Schöneweide mit 971, dann Reinickendorf mit 825. Tegel zählt 671, Adlershof 252. Verhältnismäßig klein ist das Amt Hohen-Schönhauscn mit III Anschlüssen. Großbeeren hat jetzt 17, Müblenbeck, das kleinste Amt im Berliner Bezirk, ganze 10. Hauptanschlüsse hat kein Amt in den Vororten 10 000. Selbst Charlotteuburg nur 9913. Wilmersdorf zählt 4656, Rixdorf 1711, Steglitz 1306, Groß-Lichterfelde 1196, Friedenau 1020. Charlotten- bürg mit seinen großen industriellen Anlagen zeichnet sich durch be- sonders zahlreiche Anschlüsse aus. die von der Privatindustrie her- gestellt sind, nämlich 888, eine Zahl, die selbst in Berlin nur von den Acmtern 1 und 6 überttoffen wird. Bon der Nnfallversichening durch ZeitungSabonnement. Für Abonnenten der„Berliner Allgemeinen Ztg.' zahlt der Verlag des Blatte« bei Einfällen eine Bergütigung, sofern gewisse Bedingungen erfüllt werden. Der Höchstbetrag ist auf 1000 M. festgesetzt; sie werden gezahlt, wenn ein Unfall die Ganz- inValidität oder den Tod herbeigeführt hat. Sonst aber muß man schon einen sehr erhebliche» Schaden am Körper erlitten haben— z. B. Verlust von zwei Fingern einer Hand, Verlust einer ganzen Hand, eines Armes oder Beines, des Gehörs oder eines AugeS— wenn man eine Vergütung von ganzen 100 M.. 200 M., 300 M. davontragen will. Manche der Hoffenden, die durch das Versprechen einer Unfallvergütung sich zum Abonnement auf das Blatt bewegen lassen, sind nicht ganz im klaren über die Tragweite jener Be« dingungen, durch die ihre Ansprüche stark eingeschränkt werden. Daher kommt es immer wieder vor, daß nach Unfällen der Verlag der„Berl. Allg. Ztg.' den geltend gemachten Anspruch »mit Bedauern' zurückweist, weil die Bedingungen nicht erfüllt sind. Recht lehrreich ist wieder eine Erfahruüg, die von der Witwe eines kürzlich verstorbenen Gas werkSarbeiterS B. gemacht werden mußte. B. fiel krank auf seiner Arbeitsstelle um. ein Arzt nahm Herzschwäche als Ursache an, acht Tage nachher erlaubte er dem Genesenden wieder auszugehen, am nächsten Tage trat eine neue Erkrankung ein, und eine Herzlähmung machte dem Leben deS Mannes ein Ende. Jetzt gab der Arzt auf dem Toten- schein an, Herzschwäche nach Gasvergiftung sei die Todesursache. Die Polizei vcranlaßte hiernach, daß die Leiche zur sicheren Fest- stellung der Todesursache obduziert wurde. AuS den Mitteilungen über das Ergebnis der Obduktion entnahm die Witwe, daß tatsäch« lich eine Gasvergiftung mit ihren Folgen den Tod herbeigeführt habe, daß also ein Unfall vorliege. Der Verstorbene war Abonnent der„Berl. Allg. Ztg.' gewesen, mithin glaubte Frau B. einen Anspruch auf Unfallvergütung zu haben. Noch ehe durch Obduktion festgestellt war, daß ein Unfall vorlag, hatte sie— gestützt nur auf die Angabe deS behandelnden Arztes— sogleich am Tage nach eingetretenem Tode dem Verlag den Unfall und Tod gemeldet. Die Antwort, die ihr zuteil wurde, bereitete ihr eine bittere Enttäuschung. Der Verlag schrieb, er.bedauere', keine Vergütung zahlen zu können, da der Unfall zu spät gemeldet worden sei. Der Unfall habe bedingnngSgemäß„innerhalb 8 Tagen' gemeldet werden müssen, daS sei nicht beachtet worden, der Verlag müsse aber„auS bestimmten Gründen' an den Bedingungen festhalten.»Innerhalb 8 Tagen', so steht'S in dem Brief und ebenso steht'S in der Tat auch in den Bedingungen. Ob daS aber bedeutet: innerhalb acht Tagen nach Ereignnng des Unfalls oder: innerhalb acht Tagen nach Erkennung des Unfalls, daS ist nicht angegeben. Die Witwe des durch Gasvergiftung zu Grunde gegangenen GaSwerkSarbeitcrS meint, man könne einen Unfall selbstverständlich erst dann als Unfall melden, wenn er als Unfall erkannt und festgestellt worden sei. Der Verlag der.Berl. Allg. Ztg.' aber glaubt.aus bestimmten Gründen' daran festhalten zu müssen, daß ein Uusall innerhalb acht Tagen nach Ereignung gemeldet werde. Kann das nicht geschehen, weil der Unfall innerhalb dieser Zeit noch nicht als Unfall erkannt war. so— i st d e r A n- spruch auf Vergütung futsch. Die Vorschrift über die Meldefrist ist nur eine von den vielen Bedingungen, die dem Abonnenten auferlegt werden und seine An- spräche einschränken. Seit dem 1. Juli dieses Jahres sind nun vom Verlag die E i n s ch r ä n k u n g e n. die er sich ausbedingt, wieder noch vermehrt worden. Selbstverständlich gelten diese neuen Bedingungen auch für die alten Abonnenten, nicht nur für die etwa noch neu hinzutretenden. Denen, die sich nicht rechtzeitig über die gemachten Zusätze und ihre Bedeutung unterrichteten, können nach Unfällen sehr unangenehme Ueberraschungen bereitet werden. Wir wollen hier nur einen Punkt hervorheben. Vom Anspruch auf Vergütung sind unter anderem auch diejenigen Unfälle aus- geschlossen, die bei„nicht auf festem Boden auSge- führten Arbeiten' sich ereignen. Das ist eine sehr dehnbare Bedingung, deren Tragweite nicht unterschätzt werden darf. Zum Schluß gestatte man uns noch eine Feststellung, die sehr nötig er- scheint. Auch in den neuesten Bedingungen fehlt noch immer eine Angabe, nämlich die, datz die versprochene Unfallver- gütung nicht etwa eine lebenslängliche ist. Um Irr- tümer zu verhüten, sollte der Verlag der»Berl. Allg. Ztg.' bei der nächsten«enderung seiner Bedingungen ausdrücklich hervorheben. datz er die Vergütung nur einmal zahlt. Die verschwundenen Akten. Ein sehr dankbares Arbeitsfeld für einen„Sherlock Holmes' bot sich gestern in dem Moabiter Kriminal- gericht. Vor der 25. Abteilung des Amtsgerichts Berlin-Schöneberg lallte morgens um 9 Uhr mit der Verhandlung be- gönnen werden. Richter, Schöffen, Amtsanwalt, Angeklagte, Zeugen und selbst die Zuhörer waren pünktlich zur Stelle, es fehlte nur noch etwas, nämlich die Hauptsackie.— Die Gerichts- akten. Diese waren spurlos verschwunden. Es entstand eine heil- lose Verwirrung, jeder Winkel wurde von den Bureaubeamten durch- stöbert, die Akten waren und blieben spurlos verschwunden. Schließ- lich stellte es sich nach allen möglichen Recherchen heraus, daß das .Karnickel' ein Aktenwagenkutscher war, der die sämtlichen Akten an irgend einer Stelle, nur nicht an der richtigen abgegeben hatte. ES wurde nunmehr daS Telephon in Bewegung gesetzt, um den Ans- enthaltSort der Akten zu ermitteln. Aber auch dies blieb ohne Er- folg. Mittlertveile hatten sich auf dem Korridor zahlreiche Vor- geladene angesammelt, die nach längerem Warten wieder nach Hause geschickt werden mußten. Dem Gericht blieb endlich nichts weiter übrig, als sämtliche 19 Sachen aufzuheben, da alle Bemühungen, die Akten ausfindig zu machen, scheiterten. Der Paletotmardcr im Aerztezimmer. Seit Monaten gingen der Kriminalpolizei sortgesetzt Anzeigen über Paletotdiebstähle zu, die in den Vorzimmern von Aerzten im Westen Berlins, sowie in Schöneberg und Charlottenburg verübt worden waren. Die Polizei konnte aus den zahlreichen Anzeigen feststellen, daß der Spitzbube ganz systematisch bei seinen Raubzügen vorging, indem er immer den Aerzten der angrenzenden Straßenzüge seine unwillkommenen Besuche abstattete. Daraufhin wurden die ärztlichen Vorzimmer in denjenigen Stadtvierteln, aus denen die letzten Anzeigen er- stattet waren, von der Krimiiialpolizei überwacht und in dieser Weise ist es denn gestern endlich gelungen, den Paletotmarder in der Person eines 27 jährigen Kaufmanns Ernst Cohn bei einem Diebstahl in der Pragersttaße festzunehmen. Der Verhaftete, der einer angesehenen Berliner Familie angehört und sehr elegant auf- trat, hat bereits über dreißig in solcher Weise verübte Paletot- diebstähle eingestanden. Die gestohlenen Ueberzieher hat er teils versetzt, teils an Trödler verkauft. Er hat auch m den Taschen der entwendeten Paletots zum Teil nicht unerhebliche Geldbeträge vor- gefunden. C. arbeitete in der Weise, daß er sich als Patient unter falschem Namen bei den Aerzten melden ließ, um dann bei geeigneter Gelegenheit unter den auf dem Korridor hängenden Paletots mit Kennerblick eine Auswahl zu treffen. Das eine Opfer deS schweren Bootsunfalles am Sonntag bei Nieder-Neuendorf an der Havel. der Schlosser Raffin aus Char- lottenburg, ist gestern in der Nähe der Unfallstelle bei Heiligensee aufgefunden und gelandet worden. Die Leiche des ertrunkenen Kindes konnte noch nicht geborgen werden. Eine Protestversammlung gegen den Radrennbetrieb im Botanischen Garten fand in der Viktoria-Brauerei statt. Zahl- reiche Personen, die in der Nachbarschaft des Botanischen Gartens wohnen, wurden durch den dort verübten Lärm schwer geschädigt. Eine Beschwerde an den Polizeipräsidenten hat aber, wie Holz- Händler Lebbin mitteilte, nichts genützt; die Antwort lautete, datz das Geräusch, das durch die Radrennen hervorgebracht werde, nicht größer sei, als der gewöhnliche Stratzenlärm(??) und ein Verbot des Betriebes nicht erfolgen könne. Es wurde beschlossen, zunächst gegen den ablehnenden Bescheid des Polizeipräsidenten Beschwerde zu erheben. Man wählte eine Kommission, die den Auftrag erhielt, weitere Schritte vorzubereiten. Die Erörterung der Rechtsfrage und deren formeller AuStrag wird in jedem Falle allgemeine und große Bedeutung haben, wenn auch für die Anwohner vielleicht praktisch nicht mehr nötig sein. Denn„über das Vermögen des Kaufmanns Adolf Elsner zu Berlin, Potsdamer Straße 75 wohnhast, ist am 21. Juli, nach- mittags 1 Uhr, das Konkursverfahren eröffnet worden. Der Kaufmann Ernst Zuther, Berlin W. 30, Barbarossastratze 42, ist zum Konkursverwalter ernannt." So lautet die Bekanntmachung des königlichen Amtsgerichts Berlin-Schöneberg, Abteilung IX. Diese Nachricht kommt nicht überraschend, wenn man die Entwickc- lung des„Sportparks Botanischer Garten" in Betracht zieht. Die „B. Z. a. M." teilt hierüber folgendes mit: „Aus dem Sportpark Botanischer Garten ist im Laufe dieses Jahres ein Rummelplatz geworden... Elsner hat vom Fiskus das Gelände des Botanischen Gartens für 50 000 M. jährlich ge- pachtet und an die anderen Unternehmer weiter verpachtet, die ihrerseits Wieder an Jahrmarktsveranstaltungen und Schaubuden- besitzer Plätze vergeben haben. Elsner war früher ein bekannter Rennfahrer zu der Zeit, als noch die Hochradfahrer ihre Triumphe feierten. Später gründete er dann ein Fahrradgeschäft, bis er das Terrain des alten Botanischen Gartens pachtete, das für Sportzwecke, Tennis, Eisbahn usw. umgewandelt wurde. Mit seiner neuesten Gründung, der Radrennbahn, scheint sich das Schicksal seiner Unternehmungen erfüllt zu haben. Wie wir ver- nehmen, sind die Verhältnisse, sowohl die rechtlichen wie die finanziellen, äußerst verworren. Es ist übrigens von Direktor Elsner gegen die Beantragung und Eröffnung des Konkurses die Beschwerde eingelegt worden. Wir möchten noch besonders darauf hinweisen, daß es der Fiskus ist, der durch seine spekulative Ausnutzung des Geländes sicherlich nicht zum Wohle der großen Masse der Bevölkerung bei- trägt. Anstatt auch seinerseits neben den Kommunen in hygienischer Beziehung für das gesundheitliche Wohlbefinden der Steuerzahler beizutragen durch Herrichtung des Geländes zu einem schönen Park, sucht er alles heraus, um nur recht viel Geld herauszu- schinden. DaS Passage-Thcater hat die zeitweise Schließung zu einer Renovierung benutzt und einen neuen Foyersaal und eine intim eingerichtete Künstlerbar geschaffen. Das Eröffnungsprogramm ist mit gutem Geschmack zusammen. gestellt und enthält verschiedene.recht gute Nummern.. Da ist zu» nächst die Gartnerirüffpe, Ks auf dem Gebiete dir Parterre- akrobatik Vorzügliches leistet. Als Handstandkünstler entwickeln die vier jungen Leute eine große Gewandhcit und Exaktheit. Das gleiche Lob kann auch den„The Diomes" als routinierte Reckturner gespendet werden. Als flotter JmprovtsiationSzeichner erweist sich Richard d. Asir, der nach zugerufenen Thematas originelle Zeich- nungcn, Karikaturen, Satiren mit Kohle auf Papier zaubert. Nn Miß Capells Pensionat stellen sich uns sechs lebhafte Pen- sionärinnen vor, die tolle Streiche beruben und fich dabei als bor- zügliche Tänzerinnen und Meisterinnen verschiedener musikalischer Instrumente vorstellen. Käthe Hyan mit ihren Liedern aus alter Zeit will so gar nicht in diesen Nahmen hineinpassen, da sie mit ihrem gutmütigen Gesichtchen so traumverloren uns anschaut. Den Humor vertritt Willy P r a a e r, an dem wir nur bewundern, daß er es mit seinem„Eispalast- Und dem»ruhige runde Sachen", Couplet noch nicht dicke bekommen hat. Verloren gegangene Proteste gegen die Nichtigkeit der Wählerliste. In der vierten Auslegestelle: Turnhall« der 200./214. Gemeindeschule, Öderberger Straße 57, erschienen am 21. d. Mts. in der Zeit von nachmittags 3 bis abends 3 Uhr unter anderem auch 13 Wähler zur Einsicht der dort ausliegenden Gemeindewählerliste der Wahlbezirke 29-33 der M. Abteilung sStadtbezirke 210-21«, 218-267. 277 u.321) 18-14„ II.„(Stadtbezirke 202-269) 14, I.,(Stadtbezirke 202—254®), deren Namen aber in den Listen nicht verzeichnet waren. Sie gaben deshalb einzeln ihren Einspruch zu Protokoll. Diese 13 Ein- sprüche nebst einem Rapport über die Anzahl der zur Einsichtnahme Erschienenen sind am Morgen des 22. Juli er. auf der Fahrt zum Wahlbureau in einem Wagen der Linie 47 E der Großen Berliner Straßenbahn liegen geblieben und trotz aller Nachfragen nicht ge- funden worden. ES ist anzunehmen, daß diese Vapiere von dem betreffenden Finder vernichtet oder weggeworfen sind. Aus diesem Grunde fordern wir die vorerwähnten 13 Wähler auf, ihre Ein« spräche nochmals zu erheben und zwar durch Schreiben an unser Wahlbureau. Poststr. 16, bis spätestens 30. Juli d. I. Nach einer Mitteilung de» deutschen Generalkonsulats für Nor- wegen in Kristiania gilt da? norwegische Schiff.Jarlen", HeimatS- Hafen Sandefjard, feit der am 16. Juni 1908 von LoboS de Tierra nach Antwerpen angetretenen Reis« als verschollen. Der auf diesem Schisie bedienstet gewesene, am 2ö. November 1864 geborene See- mann(Steward) R. von Stein(B. von Stein)— zuletzt in Berlin wohnhaft— ist mit dem Schisi als umgekommen anzusehen. An- gehörige oder Personen, welche über den Verschollenen oder seine Verwandten Auskunft geben können oder als Erben Ansprüche auf den Nachlaß erheben, werden aufgefordert, sich bei dem kgl. Polizei« Präsidium in Berlin, Abteilung IIa zum Aktenzeichen L. 875 IIa B. 09 zu melden. Die Sprcestraße von der Brüderstraße bis zur Friedrichsgracht wird behuf« Asphaltierung vom 26. d. M. ab bis auf weiteres für Fuhrwerk« und Netter gesperrt. Feuerwehrbtricht. In der letzten Nacht kam in der Prinzen- straße 36 in einer Wohnung Feuer au», dem Betten und Möbel zum Opfer fielen. Durch Unifallen und Explodieren einer Petroleum« lampe entstand in der Großen Frankfurter Straße 99 ein Brand, der auf seinen Herd beschränkt werden konnte. In der Admiral« straße 37 brannten in einem Geschäftskeller Eierlisten, Holzwolle und andere», gerner hatte die Feuerwehr in der Ormuenstr. 2a und an anderen Stellen zu tun. Vorort- JNtadmchtett» Chnrlottenburg. Zu einem Kampf zwischen einem Bauwächter und Einbrechern kam e» in der gestrigen Nacht auf dem Neubau Sharlottenburger Ufer 15. Der Bauwächter Meißner überraschte auf dem bereits im Rohbau fertiggestellten Grundstück zwei Einbrecher, welche im Begriff waren, Bleiröhren und andere Metallteile zu stehlen. Die Verbrecher griffen den Wächter tätlich an, der sich mit einem alten Säbel verteidigte und auch einen ferner Gegner nicht unerheblich verletzte. M. wurde aber von den beiden Männern schließlich niedergerissen, mit Instrumenten geschlagen und mit Füßen ge- treten, so daß er besinnungslos liegen blieb. Die Verbrecher er- griffen dann unter Zurücklassung der Beute die Flucht und ent- kamen. Meißner, der erst am Morgen von Bauarbeitern aufge- fundcn worden war, wurde nach der Charlottenburger Unfallstation in der Berliner Straße gebracht und von dort, nachdem ihm Not- verbände angelegt worden waren, nach dem Krankenhause Westend übergeführt, wo er in nicht unbedenklichem Zustande danieder- liegt. Ein Kabinettstück vom preußischen RegierungsburcaukratismnS lieferte die schon sehr weit zurückreichende Vorgeschichte der Er- richtung eines Gemeindefriedhofs für Charlottenburg� So nach- teilig der schleppende Gang der Regierungsmaschinerie für die hie- sige Bevölkerung auch ist, er brachte doch ein gut Teil Humor in diese überaus ernste Frage. Magistrat und Stadtverordnetenversammlung waren sich über die Notwendigkeit der baldigen Anlage eines Gemeindefriedhofs schon im Jahre 1904 einig. Und am 8. Oktober 1904 frug deswegen der Magistrat bei dem Regierungspräsidenten an, ob von der Re- gierung prinzipielle Bedenken gegen die Schaffung eines Gemeinde» friedhofs erhoben würden; im verneinenden Falle wurde dann zu. gleich um die Einleitung kommissarischer Verhandlungen ersucht. Da bis zum 26. November 1904 auf dieses Schreiben noch keine Antwort eingegangen war, wurde von dem Magistrat auf die Dringlichkeit dieser Angelegenheit hingewiesen. Aber auch das hatte keinen Erfolg, so daß am 1. Dezember 1904 sich der Magistrat, zur Sicherheit, mit der Bitte um Beschleunigung dieser Sache an den Oberpräsidenten wendete. Darauf entgegnete derselbe am 14. Dezember 1904, daß er fich eine endgültige Stellung zu dieser Frage vorbehalten mühte, bis die Stadt Charlottenburg mit be- stimmt formulierten Vorschlägen an die Regierung herantrete. Und der Regierungspräsident antwortete am 3. Januar 1905 dasselbe, wobei er zugleich die Einleitung von kommissarischen Ver- Handlungen ablehnte. Die Stadtverwaltung machte sich nun über die Aufarbeitung der erforderlichen Pläne; man pflog Beratungen und suchte ein geeignetes Terrain. Aber das dauerte bis zum Herbst 1906. Aber inzwischen hatte sich das Konsistorium in die Sache ge- mischt und mit prophetischem Blick in die Zukunft fragten die Kirchenmänner bei der Regierung an. ob es richtig sei, daß auf dem Charlottenburger Gemeindefriedhof— der noch gar nicht existierte— die Unsitte Heubt werde, laufgrabcnähnliche Massen- gräber herzustellen! DaS gab dem Polizeipräsidenten Veranlassung, am 23. Marz 1905 bei dem Charlottenburger Magistrat anzufragen, was denn aus dem Gemeindefriedhof geworden sei. Am 12. September 1906 reichte dann der Magistrat sein fertiges Projekt über die Anlage eines Gemeindefriedhofs bei der Regierung ein und schlug als Terrain dafür die Rädwitzwiesen bor. Nun überlegte sich die Regierung die Sache. So gründlich, daß man bis zum 31. März 1907 nichts mehr darüber erfuhr. Dann hörte der Oberbürgermeister bei einer gelegentlichen Besprechung mit dem Oberpräsidenten,„daß die Sache schwebe". Und sie „schwebte" beharrlich weiter. Am 30. September 1907 erkundigte sich der Magistrat darum nochmals nach dem Stand der Dinge. Doch die Sache„schwebte" noch immer, so daß der Magistrat am 7. November 1907 wiederum anfragte, wie es denn nun mit dem Entscheid der Regierung aussehe. Begründend für die Dringlich- keit der Sache wurde angeführt, daß die Armendirektion die aller- größten Schwierigkeiten habe, die Leichen Andersgläubiger bestatten lassen zu können. Aber für eine Sache, die„schwebt", scheint die Regierung prinzipiell keine Dringlichkeit anzuerkennen. Und so fragte der Regierungspräsident erst am 1. Februar 1908 an, wie« Berantkoocll. Medaktxttr; Wilhelm Diiwrll, Lichtenberg. Für den viele AnderSgläulzige denn durch die Armendirektion zu bestatten wären!!? Worauf am 15. Februar 1908 der Magistrat ent- gegnete, daß sich diese Zahlen nicht genau feststellen ließen, da auch durch private Vermittdung Armenleichen Andersgläubiger zur letzten Ruhe gebracht worden seien. Doch die Regierung wollte der Sache aus den Grund gehen, und am 22. Februar 1903 frug sie danach, wo denn die Leichen der Andersgläubigen, für welche die Armendirektion nicht zu sorgen habe, beerdigt würden? Da das dem Magistrat nichts anging, muhte er der äußerst wißbegierigen Regierung mitteilen, daß er darüber nichts sagen könnte. Nun verfiel die Regierung wieder ins Ucbcrlegcn und die Sache„schwebte" von neuem. Bis zum 11. Oktober 1908, Da besann sich die Regierung auf die Anfrage und den Antrag dcS Magistrats vom 12. September 19061 Und sie antwortete, daß sie sich erst dann werde entscheiden können, wenn die genauen Grenzen des zukünftigen Gemeinde- friedhofs angegeben werden, um dann die erforderliche Prüfung in ortspolizeilicher und kreisärztlicher Hinsicht vornehmen zu können. Doch inzwischen waren zwei volle Jähre vergangen und das Pro- jekt mit den Rädwitzwiesen mußte als erledigt angesehen werden. weil das Terrain nicht mehr zu bekommen war. Auch dem An- kauf anderer geeigneter Terrains stellten sich Schwierigkeiten ent- gegen, die bisher nicht überwunden wurden. So kommt eS denn, daß Charlottenburg noch immer keinen Ge- meindefriedhof hat, obgleich Bürgerschaft und Stadtverwaltung in dem Verlangen nach der Anlegung eines Gemeindefriedhofs sich einig sind. Aber die Kirche will nicht und die Regierung„erwägt". Und darum„schwebt die Sache". Sie schwebt noch immer. Ein- mal beim Magistrat, dann wieder bei der Regierung. Aber die Sache„sifiwebt" unausgesetzt. Seit fünf Jahren! Und da behaupten die Gelehrten, das Problem des Perpetuum mobile sei noch Ungelöst!? Zum Besten de? BolkShauscS findet am Sonntag, den 25. Juli, vom Arbeiter-Theaterverein„Freiheit" im großen Saale des „Volkshauses," Rosinenstr. 3, eine Theatervorstellung statt. Zur Aufführung gelangt:„Der rote Leutnant". Da der Ueberschuß dieser Vorstellung dem„Volkshause" zufallen soll, wird um zahl- reiche Beteiligung gebeten. Die„Freie Turnerschast" veranstaltet morgen Sonntag eine Familienpartie. Treffpunkt um 1 Uhr mittags am Luifeuplatz; von 2— 3 Uhr Kaffeckochen im„Waldkater", Tegeler Weg; 144 Uhr Abmarsch nach der Jungfernheide; Spielen daselbst für Alt und Jung. Freunde und Gönner sind herzlich willkommen. Weißensee. Die Generalversammlung de» hiesigen Wablvereins am DtenStag nahm zuerst den Halbjahresbericht der Bezirksleitung entgegen, der sich hauptsächlich auf die Agitation bezog. Der Kassenbericht lag gedruckt vor. Er wies eine Einnahme von 2061,52 M. auf, welcher eine Ausgabe von 1712,41 M�gegenüber. stand. Beim Bibliothekbericht wies Genosse Schulz darauf hin, daß die Bibliothek jetzt vervollständigt sei und wünscht, daß sie auch bedeutend mehr in Anspruch genommen werden Mge. Sein Antrag, die Bibliothek Sonnabends von 8 bis 9 Uhr zu öffnen, wird debattelos angenommen. Den Bericht von der Zettungs- spedition gab Fuhrmann. Der Redner wies nach, daß der„Vor- wärt?" in unserem Orte verhältnismäßig kehr schwach oerbreitet ist. Sein Antrag, einen Ausschuß, bestehend aus Mitgliedern der Partei und Gewerkschaften zu schaffen, welcher die„Vorwärts"- Agitation betreiben soll, wurde angenommen. Längere Diskussion rief der Antrag de» Genossen Schramm, da» Wochenabonnement deS„Vorwärts" einzuführen, hervor. Die Versammlung stimmte dem Antrage zu. Die Ersatzwahlen gaben folgendes Resultat: 2. Bezirksleitung Genosse Paul Haak, welcher zu gleicher Zeit die Landagitation leitet; Bibliothekare die Genossen Brettschneider und Trischi Klnderschutzkommission: Genossen Levy, Weise und die Genossinnen Hersing, Dröger und Meinicke. Ein Antrag zum Organisationsstatut, den Absatz 2 des§ 7 dahin zu ändern, daß die ReichStagSfraktion nur beratende Stimme auf dem Parteitag habe, wird mit geringer Majorität angenommen. Im§ 23 soll da» Wort„wiederholt" gestrichen werden. AI» Kandidat zur Delegiertenwahl zum Parteitag wird Genosse Kohl, zur Provinzial- konferenz Genosse Teuber vorgeschlagen. Rixdorf. Maifeiervcitrag und„BorwärtS"buchdr«ckrr. Genosse Fülle schreibt unS:„Das Berliner Verbandsbureau bestätigt die Richtigkeit der von mir in der Wahlvereinsversammlung gegebenen Ziffern über Ablieferung der Maifeierbeiträge im VorwärlSbetriebe. Das ist auch ganz selbstverständlich, da ich mich lediglich an die Ziffern im Mitteilnngsblatte hielt. Die sonstigen Bemerkungen deS Verbandsbureaus treffen Meine Stellungnahme in der strittigen Frage nicht. Im Vorwärtsbetriebe waren in der Maiwoche d. I. nach den Bei- tragSlisten des Berliner GauvorstandeS 146 VerbandSmitglieder beschäftigt. Zu behaupten, daß Lavon„der größte Teil nicht be- zahlt" habe, ist einfach— unrichtig und dagegen habe ich mich gewandt. Für die den Maifeierbeitrag verweigernden Vorwärtsangestellten habe ich in der Versammlung kein Wort der Eirtschuldigung übrig gehabt, im Gegenteil ihr Verhalten verurteilt." Bemerken möchten wir zu dieser Zuschrift, daß in unserem Blatt die Behauptung,„der yrößte Teil der VerhandSmitglieder habe seine Pflicht nicht erfüllt", nicht aufgestellt worden ist. auch nicht aufgestellt werden konnte. Tödlicher Unfall auf dem Bahnhof Nixdorf. Der Musketier Herzog von der 12. Kompagnie des Infanterieregiments Nr. 45 in Jnsterburg ist gestern nachmittag auf dem Ringbahnhof Rixdorf tödlich verunglückt. Er wollte den Bahnhof verlassen und fiel durch Verfehlen einer Stufe von der Treppe deS Bahnhofs. Er blieb besinnungslos liegen. Er hatte eine schwere Gehirnerschütterung davongetragen und starb im Rixdorfer städtischen Krankenhau».— liehet daS täglich lebensgefährliche Gedränge auf dem Ringbahnhof Rixdorf,� so schreibt man dem„Berl. Tageblatt" hierzu, wird schon lange lebhaft Klage geführt, da sich der Bahnhof für den stark angewachsenen Verkehr auf dieser Station als viel zu kleim erweist. Insbesondere wird ein zweiter BahnhofSaüsgang— auf der Südseite— gefordert. Jedenfalls wäre es wünschenswert. wenn untersucht würde, ob der gestrige Unglücksfall mit den mangelhaften Bahnhofseinrichtungen im Zusammenhang steht. Der Männergesangvcrrin„Rixdorf" veranstaltet am morgigen Sonntag im.Karlsgarten" sein diesjähriges Sommerfest. Da sich der genannte Verein zu jeder Zeit der Partei zur Verfügung stellt. ist den Parteigenossen zu empfehlen, daS Fest recht rege zu besuchen. Für den geringen Preis von 20 Pfennig, an der Kasse 25 Pfennig werden den Genossen einige genußreiche Stunden geboten. Jedes Kind erhält am Eingang eine Stocklaterne. Eine Verkaufsstelle der Konsumgenossenschaft Berlin und Um- gegend, die 5. in Rixdorf, wird Anfang August in der Böhmische Straße eröffnet werden. Lichtenberg. Heute Sonnabend findet das Sommerfest des sozialdemokratischen Wahlvereins Bezirk Lichtenberg im Lokal von P. Schwarz, Dorf- straße 26. unter Mitwirkung des gesamten dort engagierten Künstler- Personals statt. Besonders erwähnenswert ist die Borführung der dressterten Seelöwen und das Auftreten eines renommierten Ver- Wandlungskünstlers. Parteigenossen und Genossinnen, sowie Jnter- essenten sind freundlichst eingeladen. Eintrittskarten kosten nur 29 Pf. Beginn4Uhr. Der Jugeudauöschuß für Lichtenberg veranstaltet für Sonntag, den 25. Juli, eine Partie»ach Pferdebucht(Sadowa). Treffpunkc: 1 Uhr nachmittags am Bahnhof Lichteuberg-Friedrichsfelde, von da aus zu Fuß nach Pferdebucht. Treffpunkt für Nachzügler 4 Uhr im Lokal daselbst._ SnseiatiiUcilCilflflßPd si&Jsäf, SitUü. Svutk u. Berlsg i SälBäüi Die Jugend sowie Parteigenossen und Genossinnen ersuchen vtsi dafür zu wirken, daß die Beteiligung eine lebhaste wird. Marieudorf-Südcnde. In der außerordentlich gut besuchte» Generalversammlung deS Wahlvereins gedachte man vor Eintritt in die Tagesordnung der verstorbenen Genossen Goldstein und Augustin �und ehrten die Ver- sammelte« das Andenken derselben in der üblichen Weise. Nach dem Bericht des Vorsitzenden fanden im verflossenen Halbjahr zwei Mitglieder- und drei öffentlich« Versammlungen statt. Zur Erledigung der Vereinsgeschäfte waren neun erweiterte und drei engere Vorstands- fitzungen nöiig. Flugblattverbreitungen fanden sechs starr. Die Mitgl'iederzahl beträgt 282 gegen 253 am 1. Januar 19VS. Hiervon sind 284 männliche und 48 weibliche Mitglieder. Der Besuch der Versammlungen hat viel zu wünschen übrig gelasi.n. Die ahl der„Vorwärts"-Leser beträgt 378 gegen 364 am «fang des Jahres. Recht ungünstig gestaltete sich der Bericht deS Kassierers, zu dem wohl der örtliche Lokalkampf und andere örtlich« Verhältnisse beigetragen haben. Im ersten Quartal betrug die Einnahme 247,07 M., die Ausgabe 307,79 M., mithin ein Defizit von 56.72 M. Im zweiten Quartal betrug die Einnahme 267,45 M., die Ausgabe 285,45 M.. bleibt ein Defizit von 13 M. Der Lokalkampf hat bereits 80 M. Kosten verursacht. Es folgten nach diesem die Berichte der übrigen Funktionäre- es muß hierbei lobend anerkannt werden, daß der Besuch der Lese- abende der weiblichen Mitglieder mit 7b bis 80 Proz. ein sehr guter war, wohingegen über den Besuch der Zahlabende der Ge- uossen zum Teil recht ungünstig berichtet wurde. Auf Antrag des Vorstandes uud des sechsten Bezirks wird der Zahlabend deS letztgenannten Bezirks ausgelöst und die Genossen dem fünften Bezirk überWielen. Nach dem Berichte wurde in eingehender, zum großen Teil recht leidenschaftlicher Diskussion zum örtlichen Lokalkainpfe Stellung genommen und darauf- hin ein von, Vorstand gestellter Antrag, beim Zeutralwablverein zu versuchen, den dem örtlichen Wahlverem aufgedrungenen Lokalkampf im„Vorwärts" mehr zur Geltung kommen zu lassen, einstimmig angenommen. Alsdann werden die Genofien Jeserich und Händel zur Kreisgeneralversammlung und die Genossen Deinert und Singer zur Verbandsgeneralversammlung von Grotz-Berlin delegiert. Es wird dann aus die am Sonntag, den 25. Juli, nachmittags 2'/z Uhr bei Martin Müller. Tempelhof. stattfindende Jugendversammlung hingewiesen und aufgesordert, für dieselbe recht eifrig Propaganda zu machen. Genosse Deinert berichtet am Schluß über das sich i» nächster Zeit gründende Unterkartell der Gewerkschaften für die Orte Tempelhos und Mariendorf. Nach diesem wurde die recht imposant verlaufene Versammlung geschlossen. Wittenau. Der Achtnhr-Ladenschluss für die offenen Verkaufsstellen in Wittenau uud Borsigwalde mit Ausnahme der Sonnabende ist vom 19. Juli ab in Kraft getreten. Rosenthal» Wilhelmsruh, Nordend. Der Gcsaagverei»„Waldesrauschen" Strasse 188 SW. Friedrich- Strasse 23) C. Kosenthaler Tor KW. Wils nacker Strasse Eck« Turm-StraaM» C. König-Strasse 47 W. Potsdamer Strasse 5 W. Taaentzien-Strasse 18 '•■>"' T" fNeu eröffnet:, Berlin N.t Bad-Strasse 20 Spandau. Breite-Strasse 30 Arbeiter finde» tut ihre« Zsrus gute und billige großer Auswahl Lrunnsnstr. 158, lielber Laüsn. Mein Geschäft hat mit den»Gelben Gewerkschaften' nichts zu tun. LOti Der schönste Ausflugsort und Aufenthalt ist immer und gern gcsehn sind wir beim PZvkelsvissSNtloin 17042* Alten fretmd. Oejellschaftshans(Siüdsnuf Kalkberge, Dampierstation Seestraüe. 622b Zum Bcrgmannsfest empsehle ich mein herrlich gelegenes Garten» Restaurant mit grof/em Saal. Vorzüglich geeignet für Dampferpartien, Kremferfahrten, Fabritsesten usw. Verd. 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Mosel, Mariannenstraße 31/32. Sämtliche Betriebe in den Orten Rathenow. Fürstenwakde.Muö- kau, Nürnberg» Segeberg (Holstein) und Magdeburg. Gleichzeitig ersuchen wir die Kollegen aller Branchen der Holz. Industrie daS VermitlclungSbureau Blaukeufeldeftr. 4 und Amfter- damerstraffe 3 streng zu meiden. Für Einseber: die Bauten Leubachstr. IS. Kor« ncliusftraste SO in Lankwib und Wiudscheidtstr. B in Char- lottenburg. Für Korbmacher: Köruer in NowaweS. Für Stellmacher: Berliner Motorwagenfabrik in Reinickendorf. Die Ortsverwaltung. Fliesenleger v.Hllfsarbeittr! Gesperrt sind folgende Subunter- nehmer und Firmen: Dörr bei Hantdorf, Meyer, Gronoki u. Betersdorf. Lauten: Suarezstr. 29, Spandaucr Bockbrauerei. Gertraudlcnstraße, Siiederbarnimstr. 6, Windscheid. straße 2, Charlottenburg, Teltower straße 140, Llchtevfelde, Köpenicker Landstraße, Treptow, Bau Tchulize» Döscher bei Rosettfeld: Klosterstr. 87. Frankfurter Allee 117, Reichsmililärgericht am Lietzensee, Victoria, VersicherungS-Gescllsch., Lindenftraße, Klaus-Groth-Str. 8, Bambergcrstr. 82, Kaiserdamm 8. Wolf». Bielefeld bei Billeroy > Boch: Am Olivaer Platz, Jagowstraßen- Ecke, Menzelftraße, Grunewald. PalmwegcnMaßreaelung, Kranken» hausRixdors und alle übrigen Bauten. Sqachtzik u. Meli«: Johannis- stist, Hackenseide, Spandau. Die Sperren über die Firmen Bogel u. Schmalisch und Bclow ist hiermit sür ausgehoben erklärt. Der Vorstand. Parteisekretär sür den Wahlkreis LllbSCli zum 1. September d. I. gesucht. Derselbe muß agitatorische und organisatorische Fähigkeiten besthen mtd hat auch die Kassengeschäfte mit zu erlcdigeu. Ansangsgeholt 2200 M. 286/14* Bewerbungen, mit der«usschrist.Parteisekretär* sind bis zum ». August d. I. an dm Genossen I»»«! LOwlfft, JohanniSslr. 46, zu richten.__ WM» GcUbtc-VM CigareUen-�actterin ««fort verlangt. Namkori- Phänomen 1897L V.O., I,andsberger StraBe SO. Verantwortl. Aedaftxiiri. Uhelm Düwkll« LWenberg. Aür den Lnkexgtenteil vcrgntw� Th> Glocke, Berlin, Druck u, Lk/rlsglBorwärtt iöuKdruckecei u. Berlggsonstalf Mul Singer St Qen(Berlin äw.