Nr. 173. Hbonnemenfs-Bcdlnaungen: StSonncmentä- Preis pränumerando i Vicrtcljährl. 3£0 m., monatl 1,10 Md. köchenllich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg, Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags. Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg. Post. Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post.ZeilungS» Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland Z Mark pro Monat. PostabonnementS nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz, CrfilKlDt tilzll»«ßcr Clontags, S6. Jahrg. Vevlinev Volksblatt. Die TnfertlonS'Gcbüljr vekägt für die scchsgcspaltcne Kolonel. zeile oder deren Raum bO Pfg., sä» politische und gewerkschaftliche Bereinz» und Bersammlungs-Anzeigen 30'pf b „Kleine Hmetgen", das erste fselt. gedruckte) Wort 20 Pfg,, jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- stellcn-Anz eigen das erste Wort 10 Pfg,, jedes weitere Wort S Pfg, Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächst- Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expeditton abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm. Adreffe: „SozialtUnioHrat BwIIb". Zcntralorgan der fosialdcmokrat» fchen parte» DeutfcMands. Redaktion: SM. 68, Lindcnatraesc 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Dienstag, den 27» Jnli 1909. Das neue Zentrum. ii. Im ersten Artikel ist näher ausgeführt worden, wie die Aufgabe des Klerus, die im Zentrum bestehenden Gegensätze auszugleichen und den nichtbesitzenden Schichten die heutige Gesellschaftsordnung als in Gottes Willen begründet hinzu- stellen, den Einfluß des Klerus auf die Zentrumsführung mehr und mehr verstärkt hat. Die Folge war, daß auch die Politik des Zentrums immer mehr in halbfeudal-kapitalistische Bahnen einlenkte. Das Zentrum wurde anerkannte freiwillige Regierungspartei, die nach einigem, ledialich durch Rücksichten auf die proletarische und kleinbürgerliche Anhängerschaft ge- botenem Sträuben regelmäßig in der Hauptsache den Re- gierungsforderungen zustimmte, um dafür Zugeständnisse der Regierung auf kirchenpolitijchem Gebiet einzutauschen. Diese Politik entsprach im ganzen den Anschauungen des Klerus— nur, daß diesem die Opposition des Zentrums in militärischen Dingen sogar noch zu weit ging. Die katholische Kirche ist ihrer Natur nach konservativ: sie wurzelt mit ihren wesentlichsten Anschauung«» in den Zuständen des Mittel- alters, wie denn auch heute noch ihre Staatsrechtstheorie nichts anderes ist als eine Anwendung der Lehrsätze des Aiomas von Aguino(1225— 1274) auf moderne Verhältnisse. Durch die neuere Wirtschastsentwickelung gezwungen, hat sie jedoch an- sehnliche Portionen des Kapitalismus in sich aufnehmen müssen, und da sie bekanntlich seit jeher einen guten Magen besessen, so hat sie diese Portionen nicht nur verdaut, sondern sich selbst zu einer ganz respektablen kapitalistischen Gcldmacht entwickelt. Mit dem Kapitalismus findet sich demnach die katholische Kirche, indem sie ihn in alte thomistische Formeln hüllt, im ganzen recht gut ab: dagegen hält sie strenge an dem Autoritätsprinzip und der Auffassung fest, daß Standes- unterschiede die Hauptgrundlage der gottgewollten staatlichen Ordnung sind und deshalb jedes politische und wirtschaftliche Gleichheitsstreben dieser Ordnung widerspricht. In allen die sogenannte Arbeiterfrage betreffenden offiziellen Aeußerungen der Kurie kommt diese Auffassung deutlich, zum Ausdruck, am deutlichsten vielleicht in der Enzyklika Leos XIII. vom 13. Januar 1901. in der das bestehende Gewerbe- und Besitz- recht für„u u a n t a st b a r" und der„U n t e r s ch i e d der H ä n d e" für eine Notwendigkeit des geordneten Staats- lebcns erklärt wird. Alle demokratisch-politischen Bestrebungen werden deshalb auch in der Enzyklika entschieden abgelehnt und als Grundsatz der katholischen Kirche verkündet: .ES ist verwerflich, dem Namen„christliche Demokratie' einen politischen Sinn unterschieben zu wollen. Freilich bedeutet das Wort.Demokratie� nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch und nach seiner Abteilung Bolksherrschaft: im vorliegenden Fall jedoch ist jede politische Vor st ellung ausgeschlossen, e s b e- deutet eben nur die mildtätige christliche Be> wegung für die Bolkswohlfahrt... Dem Gesagten entsprechend, darf der Katholik, der sich zu- gunsten der Besitzlosen bemüht, weder praktisch noch theoretisch darauf ausgehen, eine Staatsform ans Kosten der anderen vorzuziehen und sie zur Einführung zu bringen. Auch ein anderer Mißgriff muß von der christlichen Demokratie vermieden werden. Sie darf nichts tun, um den Vorwurf zu ver- dienen, sie wende dem Volke der niedren Ständej dermaßen ihre Sorge zu, daß die höheren Stände von ihr vernachlässigt werden. Die Lei st un gen der letzteren sind doch sicherlich für die Erhaltung und Vervollkommnung des Staatswesens von nicht geringerer Bedeutung.' Von dieser Auffassung aus ist es durchaus begreiflich, daß der hohe Klerus nicht nur prinzipiell gegen die halb- feudale, sich den Tendenzen der Reichsregierung anbequemende Politik des Zentrums nichts einzuwenden fand, sondern, so- weit es die Rücksicht auf die Masse der Zentrumswähler irgend gestattete, die politischen und wirtschaftlichen Ansprüche der großgrundbesitzenden, konservativen Elemente in der Zen- trumspartei möglichst unterstützte. Noch mehr als seine feudale Anschauung bestimmte aber den hohen Klerus zu seiner Stellungnahme die Hoffnung, die Reichsregierung für die Unter st ützung derpolitischenAnsprücheRomszugewinnen. Auf Frankreich zu rechnen, das hatte die römische Kurie nach der dort durchgeführten Trennung der Kirche vom Staat und den folgenden Kämpfen zwischen Regierung und Klerus völlig aufgegeben: in Spanien verlor die klerikale Partei mehr und mehr an Bedeutung, während zugleich die offizielle spanische Auslandspolitik in steigendem Maße unter den Einfluß Eng- lands geriet: die habsburgische Monarchie war durch innere nationale Streitigkeiten geschwächt, im internationalen poli- tischen Konzert der Großmächte nahezu ohnmächtig und zudem gewann dort die antiklerikale Bewegung zusehends an Boden: eine Annäherung an die italienische Regierung aber verboten die kirchlichen Traditionen— um so notwendiger erschien es der römischen Kurie und dem mit ihr in dieser Frage völlig einigen deutschen Klerus, eine gewisse„Entente cordiale" mit der preußisch-deutschen Regierung zu unterhalten. Als ein Mittel zur Erreichung dieses Zieles betrachtete sie die so hoch gestiegene Macht des Zentrums. Diese schgnen Pläne wurden durch die Reichstagsauflösung am 13. Dezember IM grausam gestört.'Der in ihrer Hofs« nung getäuschten römischen Kurie bemächtigte sich eine wilde Erbitterung gegen die Zentrumsführung. Daß das Zentrum opponiert hatte, fand man begreiflich. Das mochte die Rüch ficht auf die politisch-radikalen Elemente erfordern und er höhte auch den Wert der späteren Nachgiebigkeit. Aber daß die Leiter des Zentrums die politische Situation nicht ge nllgend übersehen, daß sie die Stimmungen in den sogenannten maßgebenden Kreisen nicht besser erkannt und rechtzeitig ei» gelenkt hatten, das erschien den diplomatisch gewandten Köpfen der Kurie als eine unverzeihliche Dummheit. Weder der päpstliche Stuhl noch die deutschen Bischöfe brachen denn auch trotz des Wütens der deutschen Regierungspresse gegen das „kaudinische Joch der Römlinge" ihre guten Beziehungen zu der Regierung ab. sondern taten, als ginge sie das Verhalten des Zentrums nichts an. In der Stille aber wurden alle Vorbereitungen getroffen, dem Zentrum das Wiedereinrücken in seine frühere Stellung offen zu halten und die Wiederkehr ähnlicher„Dummheiten" des Zentrums zu verhindern. Dazu war nötig, erstens das Zentrum von der Einnahme einer allzu scharfen oppositionellen Stellung zurückzuhalten, vor allem es zu veranlassen, An- griffe auf die Person des Kaisers möglichst zu vermeiden, zweitens gegenüber der Anschuldigung der Gegner, daß das Zentrum nicht„national" fühle, dessen nationalen Charakter schärfer zu betonen und feine Bereitwilligkeit erkennen zu lassen: sich den Forderungen der imperialistischen Politik an- zupassen, drittens den Einfluß des Klerus auf die Zentrums- leitung zu stärken und zugleich das politische Ge- wicht der feudalen Eleniente des Zentrums auf Kosten der proletarischen und klein- bürgerlichen Schriften zu vermehren. Mit welcher Geschicklichkeit unter dem Druck des hohen Klerus das Programm durchgeführt wurde, ist aufmerksanien Beobachtern der Zentrumstaktik bekannt. Das Zentrum schwenkte keineswegs wieder, wie so mancher erwartet hatte, in die Oppositionsstellung ein, die es zur Zeit des Kultur- kampfes eingenommen hatte. Es begnügte sich mit allerlei Spöttereien über die Leistungen des liberal-konscrvativen Blocks und mit gelegentlichen Angriffen gegen den verhaßten Kanzler, schonte aber die Konservativen und den Kaiser, hielt sich, als der Entrüstungssturm gegen das persönliche Regiment einsetzte, in kühler Reserve und versäumte keine Gelegenheit zu betonen, daß es trotz seiner Ausschaltung aus dem Re- gierungskonzcrn, getreu seinem nationalen Charakter, un- eigennützig an den vaterländischen Aufgaben mitwirken, d. h., die von der Regierung geforderten Mittel für die Heeres- und Flottenvermchrung sowfe die Kolonien bewilligen werde. Schon im August 1997 verkündete bekanntlich Herr Spahn senior in Rheinbach, daß nicht nur seine Partei zur Bewilli- gung neuer Hceresverstärkungcn bereit sei, fondern auch zu einem den Rüstungen der anderen Seemächte entsprechenden Ausbau l�r Kriegsflotte. Gleichzeitig begann die Säuberung des Zentrums von den widerspenstigen und unbotmäßigen Elementen. Die nicht immer mit der Politik der Kurie einverstandenen Jntellek- tuellen(Redaktcure, sozialpolitische Professoren und Literaten) wurden politisch kaltgestellt, der Kampf gegen die„Moder- nisten" mit größter Strenge durchgeführt und dann, als im Juli 1997 eine Reihe Zentrumskapazitäten sich einfallen ließen, eine Milderung in der Handhabung des Inder zu wünschen, gegen sie das schwerste kirchliche Geschütz aufgefahren und sie durch die Drohung mit der Anklage der Apostasie und Häresie, d. h. der Anklage der Ketzerei und des Abfalls vom Glauben, zur absoluten Unterwerfung und zum Verzicht auf jedes selb- ständige Urteil über kirchliche Maßnahmen gezwungen. Dann wurden in den dem Zentrum sicheren Reichstagswahlkreisen, deren Mandate erledigt waren, um das konservative Element in der Zentrumsfraktion zu stärken, altadlige, feudale Kandi- baten aufgestellt, jede Teilnahme an der Agi- tation für die Aenderung des preußischen Dreiklasscnwahlrcchts abgelehnt und die katho- tischen berufsgenossenschaftlichen Arbeitervereine(katholischen Fachvereine) gegen die christlichen Gewerkschaften ausgespielt. So war das Zentrum genügend dafür präpariert, bei der nächsten günstigeil Gelegenheit wieder Regierungspartei zu werden— und diese Gelegenheit fand sich, als sich im konservativ-liberalen Block der Kampf um die Reichsfinanz- reform entspann. Zwar mußte das Zentrum sich dabei selbst mit manchen seiner früheren Forderungen in schärfsten Kon- flikt setzen: doch der hohe Klerus„wünschte" und die Fraktion gehorchte: sie machte mit den Konservativen zusammen die Finanzreform. Das Zentrum wird, daran ist nicht zu zweifeln, wieder Regierungspartei werden: a b e r es tritt in die neue Aera als eine wesentlich veränderte Partei e i n. Fester als jemals hält der hohe Klerus die Leitungs- fäden der Zentrumspolitik in der Hand, mehr als jemals wird das Zentrum daher sich in den Dienst der Vatikanspläne stellen: und mehr als früher werden feine konservativen Ele- mente den Ausschlag geben. Es ist deshalb auch nicht zu er- warten, daß das Zentrum sich zu irgendwelchem politisch ernst- lich in Betracht kommenden Widerstand gegen die imperiali- stische Weltpolitik aufrafft, noch daß es für eine Aenderung des preußischen Dreiklassen- Wahlrechts eintritt, die in seinen eigenen Reihen den proletarischen Elemententen eine größere Geltvng verschafft. Expedition: SM. 68» Lindenstrassc 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Das Zentrum hat seine einstige oppositionelle Kraft ver« loren. Uns kann's recht fein. Denn dieser Uebergang zum halbfeudalen Gouvcrnementalismus wird schließlich trotz aller Künste des konfessionellen Fanatismus das Zentrum um seine Arbeitermassen bringen.< Sie russische Schande vor dem englischen Parlament. London, 23. Juli.(©ig. Ber.) Seinem Versprechen gemäß ließ der Premierminister den Etat des Auswärtigen noch vor dein Eintreffen des Zaren vornehmen, um dem Parlamente eine Gelegenheit zu geben, sich darüber auszusprechen. Die Debatte fand, ivie telegraphisch berichtet, am 22. d. Mts. statt, wobei die Arbeiterabgeordncten Henderson, Hardie und Grayson sprachen. Henderson sagte: „Wie die Presse berichtet, werden der Premierminister, der Staats- sekrctär dcS Aeutzern und der Marineminister inEowes anwesend sein, um anläßlich des Zareubesuches die Regierung zu vertreten. Der Empfang erhält also einen öffentlichen und anitlichen Charakter, und die Regierung übernininit die Verantwortlichkeit in dieser Angelegenheit. Aus dem StaatSempfang könnte man schließen, daß das Volk diesen Schritr freudig begrüßte. Dieser Schluß wäre aber in den Augen vieler irreführend. Vor dreizehn Mannten protestierte die Arbeiter- fraktion gegen die Reise des Königs nach Rcval. Während der Debatte, die sich dcknials entspann, versuchte niemand das dunkle Kapitel der Ereignisse zu verteidigen oder die unbeschreiblichen Leiden, die diese Ereignisse anit sich brachten, zu verkleinern. ES wurde aber damals gesagt, die Entente mit England werde einen wohltätigen Einfluß auf die russische Bureaukrarie ausüben. Seitdem hat sich nichts ereignet, was diese optimistische Auffassung hätte rechtfertigen können. Die Lage ist gegenwärtig ebenso ernst, vielleicht gar noch ernster als früher. Nach einer Broschüre des Fürsten Krapotkin befanden sich am 1. Februar dieses Jahres 131137 Personen im Gefängnis, ausschließlich der 30 009 Verbannten, und in Polizeigcfänguissen waren über 50 000 Personen. Selbstmorde von Gefangenen als Folge schlechter Behandlung, Folterungen und ab- sichtliche Vernacklässigung der Häftlinge sind Vorkommnisse, die niemand bestreitet. Im Jahre" 1903 wurden von Kriegsgerichten 72 Todesurteile gefällt und 10 Hinrichtungen vollzogen: im Jahre 1906 450 Todes- urteile und 144 Hinrichtungen: im Jahre 1907 1056 Todesurteile und 480 Hinrichtungen: im Jahre 1903 1741 Todesurteile und 325 Hinrichtungen. Hinrichtungen wurden o f.t ohne Prozeß vollzogen. Nach einem Bericht an die Duma wurden 74000 politische Gefangene nach Sibirien verbannt, wo gebildete Männer und Frauen keine Beschäftigung finden können, sie erhalten 3 Rubel monatlich und sind Polizeischikanen ausgesetzt. Sie werden wie Verbrecher be- handelt. Seit 1905 wurden 237 frühere Dumamitglieder und 406 Redakteure zu verschiedenen Strafen verurteilt. Die Arbeiterpartei ist der Ansicht, daß der Zar und seine Negierung die Verantwortlichkeit für diese Ereignisse tragen müssen. Die Arbeiterabgeordneten müssen deshalb gegen den offiziellen Empfang des Zaren protestieren. Wir mischen uns nicht in die inneren Angelegenheiten eines fremden Staates, sondern wir miß- billigen die Handlungsweise der britischen Regierung. Wir erklären dem Zaren:„Ihre Politik ist in der ganzen Welt bekannt: sie ist den Volksmassen dieses Landes zuwider: deshalb sind wir nicht im- stände, Ihnen einen herzlichen Willkomincnsgruß zu bieten. „Ich gebe zu, die Haltung der Arbeiterpartei ist drastisch und extrem, aber sie ist durch die gegebene Lage vollständig gerecht- fertigt. Man könnte uns entgegenhalten, unser Protest gefährde den Frieden Europas. Ich bestreite daS. Aber wenn dem wirklich so wäre, so könnte ich nur antworten, die britische Regierung und an- dere Regierunge» sind schon für minder würdige Zwecke in den Krieg gegangen.(Beifall.) Als Protest gegen die Politik der Re- gierung werden wir für die Reduktion des Etats deS Auswärtigen stimmen, außer wenn man uns nachweist, daß die von uns er- brachten Beweise falsch seien."(Beifall.) * Nachdem Grey und andere Redner gesprochen hatten, er- griff Hardie das Wort: „Der Staatssekretär des Aeußern fragte, ob die von Henderson zitierten Zahlen offiziell seien. Die Antwort ist: ja. Der Staats- sekrctär wies auf die von Terroristen verübten Morde hin. Darauf möchte ich antworten: Diese Morde waren meistens von Lock« spitzeln arrangiert. Das Gewicht unserer Anklagen liegt darin, daß die meisten Hinrichtungen für politische Vergehen vor- genommen wurden, und daß die Prozesse meistens nur S ch e i n p r o z e s s e waren. Die Kriegsgerichte verurteilten nach Belieben. Als Folge des wachsenden Despotismus steigt die Zahl der Todesurteile und Hinrichtungen. Diejenigen, die der Ansicht sind, daß eine derartige RegierungSweise eine Beleid i- gung gegen jedes zivilisierte Gemeinwesen sei, müssen auch gegen einen offiziellen Empfang des Zaren stimmen. Nun sagt irnm, wir hätten kein Recht, uns in die inneren Angelegenheiten fremder Staaten zu mischen. Das ist neumodische r Libe- r a l i S m u s. In früheren Zeiten waren die Liberalen anderer Ansicht. Haben nicht englische Liberale gegen die armem- scheu Metzeleien, gegen die Kongoschande, gegen die früheren despotischen Zustände in Italien mit aller Kraft protestiert? Gladstone, Aberdeen, Russell sind oft für unterdrückte Völker eingetreten und sie haben deren Rebellionen und Revolutionen gebilligt. Aehnliches geht jetzt in Rußland vor. DaS russische Volk rebelliert gegen die despotische Regierung. Zweimal wurde die Duma aufgelöst, da deren Mitglieder keine Speichellecker waren. Das britische Voll will mit dem russischen Volk in Freundschaft leben, aber der Zar vertritt ebensowenig das russische Volk wie König Eduard das britische Volk bei dieser Gelegenheit vertreten wird. Der Zar ist Vertreter eines Despotismus, der wenige Parallelen in der Geschichte hat. Run sagt man, der Zar sei persönlich für diese Dinge nicht verantwortlich. Das ist aber sehr fraglich. Denn eS ist bekannt, daß er das Ab- zeichen der„schwarzen Hundert' auf der Brust trug. Seine Sym- pathien sind mit der Nealtion gegen das arbeitende Boll. Die Srvetterpnrisi fühlt sich ein? mit den Freiheitslämpfem Rußlands und Wird deshalb gegen den offiziellen Empfang des Zaren stimmen." Grahson erklärte: »In allen Volksversammlungen werden die Resolutionen gegen den Zareubesuch einstimmig und beifällig angenommen. Diejenigen, die die Schilderungen der Arbeiterabgeordncten bezweifeln, sollten nur die russischen Flüchtlinge, die jetzt in England leben, ausfragen und ihre gefolterten Leiber untersuchen. Auch unter der Flagge des britischen Reiches gibt eS Grausamkeiten genug. Aber wir morden die Menschen nicht, wir lassen sie einfach sterben. Trotz alledem ist England zu gut, um es durch die Berührung mit dem außer- ordentlichen Scheusal beschmutzen zu lassen." Einige Liberale, Nutherford und P o n s o n b y, hielten ebenfalls ausgezeichnete Reden. Ersterer verlangte, England solle den Aegyptern die parlamentarische Ncgicrungs- weise gewähren.— Das Tadelsvotum gegen Sir Edward Grey wurde, wie bereits gemeldet, mit 187 gegen 79 Stimmen abgelehnt. Das liiinlfterium ßriand. Paris, 25. Juli.(Eig. Bor.) Clemenceau nimmt in seinen Ruhestand eine Genugtuung mit: Diejenigen, die ihn gestürzt haben, sind ihres Sieges nicht froh geworden. Delcassö wurde mit demonstrativer Hintansetzung aus der Kombination des neuen Kabinetts ausgeschieden und mit den Radikalsozialisten sind auch die verräterischen»Stummen des Serails" um ihre Hoffnungen betrogen. Der Kammer, die in ihrer Mehrheit radikal ist, wird sich morgen ein Ministerium vorstellen, das dem bürgerlichen Radikalismus weniger Repräsentanten entnonimen hat als alle Ministerien seit Waldeck-Rousseau. Die gemäßigte Presse jubelt, die nationalistische verhehlt nicht ihr Behagen. Die zwei militärischen Ressorts, Armee und Marine, sind wieder Berufssoldaten übergeben, Bart hau, der alte Gehilfe Melines, ist in das Justizministerium empor- gestiegen, der entschiedene Sozialrealtionär und Mittelparteiler Jean D u p u y ist Handelsminister, der neue Finanzminister C o ch e r y erweckt ungeachtet seines radikalsozialistischen Adlatus R e n o u l t bei den Gegnern der Einkommensteuer Vertrauen. Und die drei»Sozialisten" im Ministerium machen der kapitalistischen Bourgeoisie nicht bange. Wie sagt doch der»Figaro":»Die Sozialisten der Nuance Briand und M i l l e r a n d taugen mehr als alle Pelleta n, Berteaux, CombeS, Buisson, Caillaux, Lafferre usw." Wie JauröS, so erhofft auch das reaktionäre Blatt vom neuen Ministerium eine Politik der»Entspannung"— nur in einem anderen Sinne. Briand soll den Besitzenden die Sicherheit vor der Verwirklichung des sozial- radikalen Programms der Blockära bringen. Die Erwartung scheint nicht ganz ungerechtfertigt. Der neue Ministerpräsident war eS, der vor zwei Jahren in der großen Debatte über die Lehrer- Maßregelungen von dem Jahrzehnt falscher Politik gesprochen hat. Und MillerandS Attacke gegen CombeS ist noch unvergessen. Für die drei.Sozialisten" im Ministerium ist diese« Frohlocken der giftigsten Arbeiterseinde recht kompromittierend. Indes braucht sich die sozialistische Arbeiterschaft gar nicht erst mit der Frage zu beschweren, was die Sache der proletarischen Befteiung von ihren emporgekommenen einsttgen Mitkämpfern zu erwarten hat. Mit dem MinisterialiSmus sind für die geeinigte Partei auch die Männer abgetan, die ihn aus mehr oder minder uneigennützigen Motiven in ihrer Person verwirklicht haben. Sie sind Organe der bürgerlichen Klaffenherrschaft geworden und gleich dieser selbst sind sie ohne moralisches Pathos zu beurteilen. Von den Be- denken, die der Generalleutnant des anttsozialistischen RepublikaniSmuS Lafferre plötzlich ob der drohenden»kollektivistischen" Tendenzen des Ministerpräsidenten erheuchelt, werden sich die Sozialisten ebenso wenig zu einem günsttgen Borurteil, wie von den combistischen Be- denken ob seiner.reaktionären" Sympathien zu einer oppositionellen Blockbrüderschast bestimmen laffen. Die polittsche Situation ist im Augenblick ungemein verworren. Der Organismus der radikalen Partei ist völlig zerrüttet und die nahenden Wahlen mit der für jeden Deputierten auftauchenden Sorge um die Wiederwahl verstärken die Ltomifierungstendenz. Das neue Ministerium wird begreiflicherweise mit dieser Psychologie des sterbenden Parlaments rechnen. Die Not- wendigkeit, den Wählern vor Schluß der Gesetzgebungsperiode noch Erfolge heimzubringen, dürfte einigen Reformen, wie der— allerdings noch arger Verstümmelung entgegensehenden— Altersversicherung und dem Beamten st atut zugute kommen. Die Reform der Kriegsgerichte, die von der Deputierten- kammer in einer absurden Forni beschloffen worden ist. und gar die Einkommensteuer blicken einem weniger sicheren Schicksal entgegen. Am bedenklichsten stehen die Aussichten der W a h l r e f o r m, die zweifellos zu den brennendsten Fragen der französischen Demokratie gehört. Die bürgerlichen Regierungen werden ohnehin nicht leicht geneigt sein, ohne eine starke Revision des Parlaments die Bezirkswahl, die den Einflüssen der Präfeften den weitesten Spielraum gibt, durch die Listenwahl zu ersetzen. Dazu kommt nun noch, daß gerade die große Mehrheit der radikalen Partei durch die Rullifizierung der Minderhetten zustandegekommen ist. und die von Anhängern verschiedener Parteien, von den geeinigten Sozialisten aber mit einer nur durch Genoffen Breton gestörten Einhelligkeit ge- forderte Einführung der Verhältniswahl manche radikale Lokal- größe um ihr Mandat bringen müßte. Wenn Briand diesem Problem mit unverbindlichen Redensarten aus dem Weg zu gehen versuchen sollte, so wird er zweifellos damit den Herzenswünschen vieler Radikalen entgegenkommen. Das Ferienbedürfnis der Deputierten macht einen borläufigen Erfolg des Ministeriums wahrscheinlich. Ob ihm Dauer beschieden sein wird, hängt davon ob. ob eS Briand gelingen wird, aus dem in unentrinnbarer Zersetzung befindlichen Radikalismus eine seiner Führung und Förderung vertrauende starke Truppe zu gewinnen. Seine vor der Delegation der Radikalen abgegebene Erklärung, daß er»keiner Gruppe angehöre", soll auch dazu dienen, die Bedenken zu zerstteuen, als ob er den.unabhängigen" Sozialisten größere Protektton zuteil werden lassen wollte als neuen Gefolgsleuten' Wenn er trotz seiner ungeheueren Geschmeidigkeit scheitert, so darum. weil die Ungeduld semes Nachttriebes der reifenden Frucht nicht Zeit gelassen hat._ politifcbc dcbcrRcbt. Berlin, den 28. Juli 1909. Bierpreiserhöhung. Der Gesamtborstand des Verbandes der Gast- und Schankwirte ' für Berlin und die Provinz Brandenburg hat sich mit den zwischen den Berliner Brauereien und den GastwirtSverbänden getroffenen Abmachungen, nach welchen die Brauereien auf den bisherigen BierpreiS pro Hektoliter 5 M., die Gastwirte 7 bis Ist M. auf- schlagen sollen, völlig einverstanden erklärt. In einer am Freitag- abend abgehaltenen Konferenz wurde einstimmig folgende Resolution angenommen: »Die heutige Sitzung des gesammte» Vorstände» des au» 34 Vereinen bestehenden Verbandes der Gaß- und Schankwirte für Berlin und die Probinz Brandenburg beschließt nach eingehender Prüfung der Verhältnisse, die herbeigeführt wurden durch die An- nähme der Brausteuer sowohl wie auch der übrigen Kousumsicuern, die samt und sonders das Gastwirtsgewerbe auf das schwerste be- lasten, einstimmig, den Beschlüssen beizutreten, welche die Ga st Wirtekorporationen in Gemeinschaft mit dem Schutzverband der norddeutschen Brau st euer- gemeinschaft am 16. Juli 190S gefaßt haben. Die Versammlung muß es auf das entschiedenste zurückweisen, daß von verschiedenen Seiten der Versuch geniacht wird, die diesbezüglichen Beschlüffe der Gastwirte so hinzustellen, als ob lediglich die Absicht bestände, sich auf Kosten der Konsumenten zu bereichern. Es i st eine zwingende Notwendigkeit, die Ausschank- preise zu erhöhen, da das GastwirtSgewerbe nicht nur mit den hmtdert Millionen für die Brausicuer belastet wird, sondern auch noch weitere zirka lost Millionen Verbrauchs- steuern zu tragen hat und somit fast die Hälfte des gesamten ReichSfinanzreformgesetzes überhaupt auf sich nehmen muß. Ferner lasten auch noch die im Jahre 1906 bewilligten 130 Millionen Brausteuern auf dem Gastwirts- gewerbe. Es sind diese Vorwürfe gegen daS GastwirtSgewerbe mn so weniger zu verstehen, als selbst in der Regierungsvorlage wie auch in den Reichstagsdebatten von fast allen Fraktionen zum Ausdruck gebracht worden ist, daß diese Verbrauchssteuern nicht Steuern für das Gastwirtsgewerbe, sondern Konsum st euern für das gesamte deutsche Volk sein sollen. Da? Gastwirts- gewerbe kann weitere Belastung nicht mehr aus sich nehme», da es ain Ende seiner steuerlichen Existenzfähigkeit angelaugt ist." In anderen Städten Deutschlands ist man etwas bescheidener und will sich mit Aufschlägen von 3, 4 oder 6 M. begnügen. So hat z. B. der Lokalverband der vereinigten Gastwirte Leipzigs er- klärt, daß er die Berliner Beschlüsse nicht anerkenne. Dagegen haben die Vertreter der Brauereien und des Gastwirts- gewerbes in Köln beschlossen, die Bicrpreise um so viel zu erhöhen, daß auch die durch die Stcuererhöhuug von 1906 erwachsenen Lasten, die Gewerbesteuern und alle sonstigen das GastwirtSgewerbe belastenden Ausgaben gedeckt werden. Wahr- scheinlich werden die Sätze der Preiserhöhung nicht hinter denen zurückbleiben, die mau in Berlin be- schlössen hat. Am stärksten im Fordern find jedoch die Saalinhaber der Kreis- hauptmannschaft Dresden. Sie beschlossen, den BierpreiS vom 1. August an um 5 Pf. pro Glas von 8/io Liter zu erhöhen, also pro Liter um 17 Pf._ . Die Folgen der Tabaksteuer für die Arbeiter sind geradezu ruinöse. Wie überall, wird auch in der b a d i s ch e n Tabakindustrie mit fiebernder Hast gearbeitet. In den Ortschaften Oestringen, Hingolsheim, Kronau. Hambrücken, gehört jetzt ein 14- bis 15-ftündiger Arbeitstag zu den Selbstverständlichkeiten. Die Heimarbeiter arbeiten f a st die ganze Nacht. Um die sich Sträubenden gefügig zu machen, läßt man einfließen, sie könnten daS verdiente Geld nach dem 15. August ja sehr gut gebrauchen, denn eS fei wahrscheinlich, daß manche Fabriken nach genügender Befriedigung der gegenwärtigen hohen Nachfrage auf einige Zeit gänzlich geschlossen würden. DaS wirkt I Die Arbeits- sklaven sind ohnmächtig. Sie laufen in den Tabakdörfern bei den Wahlen dem Zentrum nach. Aber nun, so erklären sie, sei eS genug! da» hätten sie nicht erwartet._ Zum Legitimationszwang. Bürgerliche Zeitungen melden jetzt, der preußische Minister des Innern habe, gewissermaßen zur Besänftigung der Drohung des italienischen Minister» Tittoni, eventuell wegen des durch den LegitimationSkartenzwang und die AuSweisungSdrohung gegen Aus- länder begangenen Verstoßes gegen das Völkerrecht das Haager Schiedsgericht anzurufen,.soeben" eine Verfügung zur Milderung des MinisterialerlaffeS vom 21. Dezember 1907 erlassen. Diese Meldung ist irrig. Die Drohung deS italienischen Ministers ist am 30. Juni erfolgt. Die.neue" Ministerialverordnung basiert vom 31. Mai. Sie ist im Ministerialblatt vom 1. Juli publiziert und an uu? am 2. Juli mitgeteilt. Sie beseitigt nach keiner Richtung hin den Bruch der Staatsverträge, der in der Ausweisung und in dem Erfordern von Legitimationskartengebühren liegt. Die Stichwahl in Nenstadt-Landau findet, wie bereits gemeldet wurde, am nächsten Freitag statt. Daß die Stimmen des Bundes der Landwirte auf den Nasionalliberalen übergehen, kann als sicher angenommen werden. Den Ausschlag gibt das Zentrum. Der»Germania' wird aus München darüber ge- schrieben, daß das Zentrum gewillt lei, dem Liberalismus Schonung zu gewähren und rhm das Mandat zu erhalten dadurch, daß das Zentrum strikte Stimnienthaltung üben wird. Der Rückgang der Zentrumsstimmen wird von der„Germania" darauf zurückgeführt, daß die Wahl gerade in die Zeit fiel, wo nach langer Regenperiode endlich die Sonne wieder über den Fluren strahlte. UeberdieS habe das Zentrum eine besonders intensive Wahl- agitation gar nicht entfaltet, weil der Kreis zurzeit für das Zentrum doch aussichtslos sei. Die Parteileitung deS pfälzischen Zentrum? will am DienStag ihre endgültige Stichwahlparole öffentlich kundgeben. Die badischea Landtagswahlea finden nach einer der Mannheimer„Volksstimme" zugegan- genen Information am Donnerstag, den 28. oder Freitag. den 29. Oktober, also 19 Tage später wie im Wahltermin 1993 statt.— Die Vorarbeiten zur Aufstellung der Wähler- listen bedingen die Verzögerung. Harting— Ritter dos Roten Adlerordens! Das Maß der Schande, das die Harting-Affäre der deutschen Regierung gebracht hat, scheint noch nicht voll zu sein. Wie Burzew im Pariser„Matin" vom 23. Juli mitteilt, besitzt er authentische Auszüge aus den Registern des Ministeriums des Innern für 1904 und 1908, aus denen hervorgeht, daß Harting im Verlauf dieser Jahre nicht nur den Titel eines Staatsrates und den Orden des heiligen Wladimir von der russischen Regierung, sondern auch den R o ten Adlerorden von der deutschen Re» gierung erhalten hat. Es liegt nicht die geringste Veranlaffung vor, diese An- gaben Burzews, die sich auf offizielle Dokumente stützen. an- zuzweifeln. Wir halten aber diese Nachricht— namentlich in Anbetracht der jüngst vorgenommenen offiziösen Rcinwaschungs- versuche— für so u n g e h e u e r l i ch, daß wir A n s! u n f t darüber verlangen, ob die deutsche Regierung den Mann, der mit ihrem Wissen und Willen die russische Spitzelorganisation in Berlin geleitet hat, und. wie jetzt osfiziös verlautet, nebst seinen Agenten NeuhauS und Woltz aus Berlin entfernt wurde, den Mann, dessen Verbrecherqualität ihr bekannt fein mußte, den die Leiter der deutschen Polizei in Swinemünde im Jahre 1907 für fähig hielten, ein Attentat gegen den Zaren zu inszenieren— ob die Regierung diesen Mann zur Det'orierung mit dem Roten Adlerorden vor- zeschlagen hat. Schätzte die Regierung die„Verdienste" Hartings um den Königsberger Prozeß und feine Dienstleistungen in Berlin wirklich so hoch, daß sie sich nicht scheute, sich durch diese Au?« zcichnung des russischen Spitzelgenerals öffentlich mit diesem zu verbrüdem?_ Was heißt„sofort". Aus Halle a. S. berichtet man uns: Unsere Parteigenossen warten seit rund sieben Wochen auf die Abschreibung der Wahl für Halle und den Saalkreis. Der frühere Abgeordnete Schmidt starb am 6. Juni und heute schreibe» wir den 27. Juli. Nach§ 34 des Wahlreglements soll die Ausschreibung der Wahl sofort erfolgen. Weshalb setzt man dieses„sofort" nicht in die Tat um. In der letzten siarkbesuchten sozialdemokratischen Vereins- Versammlung, in der Genosse Grunwald- Berlin einen Vortrag hielt, wurde eine Protestresolution gegen die Verzögerung der Aus- schreibung des Wahltcrmin-Z angenommen und die verantwortliche Behörde aufgefordert, den Wahltermin sofort festzusetzen. Das.Sofort' wird sonst von der Polizei und den Gerichten ganz anders ausgetegt. Als bor einiger Zeit eine ganze Anzahl Genossen eine polizeilich aufgelöste Versammlung nicht sofort vcr- ließeir, wurden sie unter Anklage gestellt und verurteilt, weil sie auf Anordnung des Wachtmeisters das Lokal nicht sofort verlassen hatten. Sie durften nicht einmal ihr Bier austrinken. Man scheint also daS Wort sofort auszulegen, wie es gerade trefft— bald so, bald so._ Bismarck und die Konservativen. Die Konservativen sind auf den kaltgestellten vierten Kanzler sehr erbost, weil er sie in seiner Herzenserleichterung vor dem Chef- redaltcur des»Hamb. Korresp." der Kanzlerstürzerei bezichtigte. AuS Acrgcr veröffentlichen sie jetzt allerlei kleine maliziöse Anekdoten über den gegangenen Reichskanzler. Darüber wieder scheint sich die»Köln. Zeitung" zu ärgern, denn sie sucht in einem »Die Konservativen im Urteil der Kanzler" überschriebenen Artikel nachzuweisen, daß Fürst Bismarck und Fürst Hohenlohe sich vcr- schiedentlich noch viel wegwerfender über die preußischen Konscr- vativen geäußert haben. So gräbt sie folgenden Ausspruch Bismarcks aus dem Jahre 1897 auS: „Die Gcrlach und Stahl sind heutzutage nicht mehr anzutrcsscu, die hatten wirklich noch ihre Ideale vom konservativen Staatswesen und gingen ihnen nach. Heutzutage hat die Sttebcrei alles ver« drängt: der eine will Beförderung in seinem Amte(man will doch nicht ewig Landrat bleiben I), der andere wünscht eine höhere Ordens- klaffe zu erhalten, der dritte erstrebt auf Wunsch seiner Frau Ein- ladungen zu Hoffestlichkeiten, der vierte möchte dem Avancemciit seines Sohnes sich förderlich erweisen, und so geht eS fort. Ich will nicht sagen, daß diese Charakterisierung auf alle Konservativen im Lande zutrifft, ich habe mehr die Führer im Auge, wckcbc heutzutage einflußreicher sind, als sie es jemals waren. Ueberhaupt muß man zwischen den einzelnen Mitgliedern, welche die Fraktion bilden, und der letzteren als solcher unterscheiden. Das ist so, wie es daS bekannte Wort ausdrückt, das einmal ein königlicher Herr ausgesprochen hat, als er in kritischen Herten direkten Verkehr mit Parlamentariern gehabt hatte:„Wem, man mit dem einzelnen spricht, ist es jedesmal ein ganz vernünftiger Kerl, mit dem man sich ver- ständigen kann und mit dem auszukommen ist; sowie sie aber zusammenkommen, sind es Rackers".— Sonst ist auch ein gewisier Neid eine hervorstechende Eigenschaft meiner Standesgenoffen, der Junker. Viele haben eS mir nie verziehen, daß ich, der kleine Guts- besitzer von Kniephof, hochgekommen bin, während sie das blieben, was sie waren."_ Lockspitzel in der Lüderitzbucht. Der»Lüderitzbuchter Zeitung" entnehmen wir folgenden Lock« spitzelfall. Vor dem Bezirksgericht hatte sich ein Lüderitzer Kauf- mann wegen Vergehen? gegen die Diamantenverordnung und wegen Hehlerei zu verantworten. Ein Detekttv, der sich Arbeiter Schulz nannte, ließ sich vom Bezirksamt 10 Diamanten aushändigen. Diese bot er dem Kaufmann zum Kauf an. Nach längcrem Handeln soll dieser die Diamanten dann gekaust haben; der Kaiifmaiin bestritt eS, der Detektiv bekundete es als Zeuge. Gegen fein Zeugnis sprach folgender Umstand. Auf ein Zeichen des Detektivs kamen zwei Polizeisergeanten, die nach Verabredung vor dem Laden ge- wartet hatten, in den Laden, durchsuchten dann vergeblich den Detektiv und den Kauftnann. Schließlich fanden sie auf dem Boden des Ladens«in Päckchen liegen, welches die 10 Steine des Detektivs enthielt. Der Angeklagte wurde, wiewohl er lebhast bestritt, die Steine erworben oder in der Hand gehabt zu haben. wegen Vergehens gegen die Diamantenverordnung zu 5000 Mark Geldstrafe verurteilt. Ob nicht aus juristischen Gründen bei dieser Sachlage eine Freisprechung erfolgen mußte, mag auf sich be- ruhen. Unerhört ist die Anstiftung zu Vergehen durch einen Polizeibeamten, der übrigens auf höhere Anweisung gehandelt haben will. Bezirksamtmann in Lüderitzbucht soll übrigens demnächst der Reserveleutnant und Farmer Eickhoff werden. Ihn qualifizir.t zu diesem Amt wohl seine verwandtschaftliche Beziehung zu dein freisinnigen Abgeordneten gleichen Namens. Für eine Verwaltung. deren Tätigkeit in der Beschäftigung von Lockspitzeln besteht, ist eine besondere Vorbildnng anscheinend nicht erforderlich. Ein preußischer Polizist. Vor der Strafkammer Münster i. W. erschien der Polizti- diene» Winnemöller aus Drcierwalde. Winnemöller ist im Haupt- beruf Holzschuhmacher, hat aber von seinem Vater auch noch daS Amt eines Polizeidieners geerbt, lieber seine Taten und seinen Prozeß berichtet ein bürgerliches Blatt, die» O b e r w e st. Ztg.: »Fort mit dem lästigen Altenkram", war auch seine Devise. und wenn sich jemand nicht ganz so benahm, wie er eS für einen Dierwalder angemessen hielt, hotte er sein Schwert und ver- prügelte ihn, gleich wo er war. Der Mißhandelte zog mit einem oder auch zwei blutigen Beinen ab. sagte aber ebenso wenig etwas, wie er vorher etlraS verbrochen hatte, und die Sache war erledigt. So waltete der„Herr Polizeidicner" schon sett 1902 schlecht uud recht seines Amtes zu Dreierwalde und bezog ftir seine»Tätlich- keit" ein JahreSgehalt von 300 Mark, hatte aber, d a S Zeugnis mußte der Staatsanwalt seinem Gehilfen heute ausstellen, von den Rechten und Pflichten eines Polizeibeamten keinen Schimmer. Der Polizeigewaltige, der so viele Dreiecwakder je nach Gutdünken verprügelt hatte, war endlich durch zwei Leute, die sich nicht anders zu helfen wußten, als einem Rechtsanwalt ihr Leid zu klagen, zur Anzeige gebracht worden. Mit ihnen erschienen noch weitere Zeugen, die ebenfalls ohne Grund geprügelt worden waren, die aber, so schien es bald, geglaubt haben, der Herr Polizeibeamte müffe eS wissen. wenn sie Prügel verdient. Für die beiden zur Anzeige gebrachten Fälle erhielt W. 50 M. Geldstrafe zudiiliert." 50 M. Geldstrafe für fortgesetzten Mißbrauch der Dienstgewall und ein halbes Dutzend sonstiger Vergehen, für die jeder Arbeiter monatsweise Gefängnis bekäme?! Zu dem großen Prozeß wegen Soldatenmißhandlung. der in der vorigen Woche von Montag bis Sonnabend vor dem Kriegsgericht der 87. Jnfanterie-Division gegen fünf Chargierte deS 146. Infanterie- Skegiinents vcrhandeli wurde, ist nachzutragen, daß in unserem am Sonntag veröffentlichten Verhandlungsberi'cht irrtümlich gesagt war. gegen Unteroffizier Stock habe der Anklagevertreter als erwiesen angesehen, daß er eine Turnabteiluna sich habe hinlegen und die Köpfe an einander stoßen laffen. Diese«nschuldizung bezog sich auf Sergeant Latza, doch wurde sie vom Anklagevertrreter erst zum Schluß und nachträglich erwähnt, so daß fie uns fälschlich in das Sündenregister Stocks, des letzten in der Reihe der An- geklagten, geraten ist._ Rußland. Hartings Geständnis und Ausreden. Petersburg. 23. Juli. Der„Rjetsch" veröffentlicht eine Unterredung mit Harting, worin dieser zugibt, unter dem Pseudonym Landesen früher der Terroristenpartei an- gehört zu haben. Später habe er seine Gesinnung geändert und sei in den Dienst der russischen Botschaft in Paris ge- treten: sodann sei er Chef der ausländischen Geheimpolizei geworden, habe jedoch niemals(?) die Rolle eines Provo- kateurs gespielt. Ponomarew, sein Berliner Ge- Hilfe, habe ihn dort bei der Ueberwachung der russischen Revolutionäre unterstützt und trete jetzt wieder in den Dienst der Geheimpolizei. Sein zweiter Gehilfe Azew sei derRegierungtreu ergeben. Harting erklärte, seit kurzem pensioniert zu sein, und will alle gegep ihn erhobenen Beschuldigungen öffentlich widerlegen. Sngland. Die neue« DreaduoughtS. London, 26. Juli. Unterhaus. Der Erste Lord der Admiralität Mc. K e n n a teilte mit, daß die Regierung besäilossen habe, die notwendigen Vorkehrungen zu treffen, um zum März 1912 die Fertigstellung der zweiten vier DreadnoughtS sicher zu stellen. London, 26. Juli. Unterhaus. Bei der Beratung des Marineetats berichtete Mc. Kenna über die Frage des Vier-Dread- noughtkontingents und erklärte, die Regierung hoffe, daß zwei von dem ersten Vier-Drednoughtkontingent in diesem Etatsjahr auf Kiel gelegt und vom Stapel gelassen werden würden. Nach sorgfältigster Prüfung des Schiffsbaues in fremden Ländern, sagte Mc. Kenna, sei die Regierung zu der Auffaffung gelangt, daß es wünschenswert sei, alle nötigen Vorkehrungen zu treffen, um die Gewißheit zu haben, daß das zweite, in dem diesjährigen Schiffsbauprogramm erwähnte Vier-Drednoughtkontingent zum März 1912 fertiggestellt sei.(Beifall.) Mc. Kenna fuhr fort: Wir wollen in der Vor- bereitung der Pläne, in der Aufforderung zur Einreichung von Offerten und in der Erteilung von Aufträgen alles tun, was nötig ist, damit die Schiffe zur festgefetzten Zeit abgeliefert werden können. Wie schon im März mitgeteilt wurde, wird es nicht nötig sein, diese Schiffe noch im Laufe des gegenwärtigen Finanzjahres auf Kiel zu legen, sondern es wird Zeit genug sein, wenn dies nächsten April geschieht. Die Prüfung der Schiffsbauprogramme der fremden Staaten muß, glaube ich, die Mitglieder dieses Hauses zu dem Schluß führen, daß der Regierung lein anderer Weg offen steht. Das Haus hatte im März ganz ausführlich fest- gestellt, welches damals die Lage der fremden Schiffsbauprogramme war. Seit der Zeit ist die EntWickelung des Schiffsbaues in den anderen Ländern schnell vorwärtsgeschritten. Zwei Länder, Jta- lien und Oestervsich-Ungarn, haben sich jetzt end- gültig für ein Programm von vier stark gepanzerten Schiffen des neuesten Typs erklärt. Im Hinblick auf das Programm Oester- reich-Ungarns könnten Skeptiker sagen, daß sie an das Programm nicht glauben, bis die Schiffe auf Stapel gelegt sind. Tat- fache ist aber, daß für die Festigkeit des Entschlusses der österreichisch. ungarischen Regierung Beweise vorliegen. Zwei große Hellinge sind in Stand gesetzt für den Bau von Schlachtschiffen größten Typs, und ein großes Schwimmdock wird gegen- lvärtig gebaut. Die Erklärungen der österreichisch-ungarischen Regierung und ihre Taten, alles führt unzweifelhaft zu der Folge- rung, daß das österreichifche Programm der vier Schlachtschiffe größten Typs ebenso wie das italienische Programm etwas Tatsächliches ist. Als neue Information bezüglich der Typs der Schiffe habe ich dem Haufe mitzuteilen, daß feit dem Monat März eine Aenderung in dem Programm der Admiralität eingetreten ist. Diese Aenderung besteht darin, daß von den beiden Schlachtschiffen, die im November auf Stapel gelegt werden und die beide Linien- schiffe sein sollten, eines ein verbesserter Kreuzer sein wird. Wir wissen, daß es möglich ist, Kreuzer zu bauen, die , nächtiger und schneller sind, als unsere Jnvincibles und Jndomi- tables. Ich meine, das Haus wird darin zustimmen, daß, da die Sicherheit unseres Handels davon abhängt, daß wir schneller fahren und jeden feindlichen Kreuzer aufbringen, es— was ich persönlich bedaure,— unsere Pflicht ist, Kreuzer von noch größerer Schnellig. keit zu bauen, als die Leviathans sind, die wir gegenwärtig zu schiminen haben. Dillon(Nationalist) unterbrach Mc. Kenna und fragte: haben die Deutschen schneller gebaut als ihr Pro- grramm vorsah oder hielten sie sich an den dem Auswärtigen Amt gemachten Mitteilungen?(Beifall bei den Ministeriellen.) Mc. Kenna antwortete: Ich hielt es nicht für wünschenswert, in einen weiteren Vergleich der Schiffsbau- progamme einzutreten, aber da Dillon mich gefragt hat, will ich ihm kurz antworten. Vor drei Jahren wurde von feiten der eng- tischen Regierung in ernstester Weise de m� Wunsch Ausdruck gegeben, dem schnellen Anwachsen der Rüstungen in diesem und in den andern Ländern Einhalt zu tun,. Es ist ganz klar, daß kein Land für sich allein die Rüstungen beschränken kann. es sei dynn in den Köpfen von Personen, die die internationalen Beziehungen sanguinischer betrachten als ich. Die englische Re- gierung sprach nicht nur den Wunsch aus, sondern sie zeigte auch durch mehr als Worte ihren Entschluß, in der Beschränkung der Rüstungen die Führung zu übernehmen. Während der letzten drei Jahre hat die englische Regierung acht Panzerschiffe auf Kiel gelegt. Das war eine Beschleunigung, für die die einzig mögliche Erklärring war, daß es nach der M ei- nung der deutschen Regierung wünschen sw ext war, die Schiffe so früh Wie möglich vollzählig zuhaben. Es wäre möglich, in derselben Weise Jahr für Jahr weiterzugehen, und die Entwickelung abzuwarxen, die fich� am Ende von zehn � oder zwölf Jahren ergeben haben würde. Ich sage nicht, daß im Jahre 1999 als Folge davon, daß nur acht Schiffe gegen elf von Deutschland aus Stapel gelegt sind, der leiseste >Grund zur Besorgnis vorhanden wäre. Unsere Ueber- legenhcit ist eine derartig«, daß wir es abwarten können(Beifall bei den Ministeriellen), und daß wir in der Lage sind, ohne irgendwie Gefahr zu laufen, die Ernsthaftigkeit unseres Wunsches, die Rüstungen einzuschränken, zu zeigen. Aber ich appelliere an das Urteil des HauseS, wenn ich sage, daß es nach nunmehr dreijähriger Erfahrung nicht sicher sein würde, in der- selben Weise fortzufahren, und daß die Zeit jetzt gekommen ist, wo wir mangels einer Verständigung gezwungen find, alle erforder- liehen Schritte zu tun, um unsere Vorherrschaft zur See nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die Zukunft sicherzustellen. Gegen den blutigen Despoten. London, 23. Juli. Heute nachmittag fand auf Trafalgar Square eine Arbeite rkundgebung gegen den Empfang des Zaren statt, an der viele tausend Leute teilnahmen und bei der verschiedene Reden gehalten wurden Die politischen Beiträge der Gewerkschaften and die LordS. London» 24. Juli.(Eig. Ber.) Gestern begannen vor den Richtern de? Oberhauses die Verhandlungen über den Rekurs der Eisen- bahner(richtiger der Arbeiterpartei) gegen den Entscheid des Appell- Hofes, daß Gewerkschaften nicht berechtigt seien. Beiträge zu politischen Zwecken zwangsweise z» erheben. Dem Prozesse liegt folgender Sachverhalt zugrunde: Die Arbeiterpartei ist die politische Organisation der GeWerk- schaftm. Finanziell wird fie von den ihr angeschlossenen GewerkschaftS- dervänden gespeist, die zu diesem Zwecke Beiträge von ihren Mit- gliedern erheben. Nun gibt es aber eine Minderheit von Gewerkschaftsmitgliedern, die teils liberal, teils konser- vativ sind und deshalb mit der Taktik und den Zielen der Arbeiterpartei nicht einverstanden sind. Sie behaupten, daß es gegen das Gesetz sei, Gewerkschafter zu zwingen, für bestimmte politische Zwecke Beiträge zu leisten. Dem Vertreter der Minderheit, der Eisenbahner Osborn, hinter der verschiedene reiche bürgerliche Politiker stehen, strengte deshalb einen Prozeß gegen seinen Gewerkschaftsvorstand an, der im Juli 1998 vor dem Richter Neville verhandelt wurde. DaS Gericht entschied gegen Osborn und für die Arbeiterpartei, um so mehr, als im Jahre 1996 die Statuten der Eisenbahner dahin geändert wurden, daß jedes Mitglied verpflichtet ist, für parlamentarische Zwecke beizutragen. Osborn legte Berufung ein, die vom Appell- Hofe anerkannt wurde. Im November 1993 stieß der Appellhos das erstinstanzliche Urteil um und entschied, daß Politik nicht in die Gewerkschaft gehöre; man könne britische Bürger nicht zwingen, einer bestimmten politischen Partei anzugehören. Der Vorstand der Eisenbahner legte— im Etnverständnis mit der Arbeiterpartei— Rekurs beim Oberhaus ein, dessen Richter heute zur Verhandlung zusammentraten. DaS Hauptargument der Arbeiterpartei ist, daß die Gewerkschaften bei der Einführung der Trade-UnionS-Akte in den Jahren 1871, 1876 und 1996 politisch tätig waren, und da sie ihre Angelegenheiten auf demokratische Weise, das heißt durch Mehrheitsbekchlüsse, erledigen und da die Mehrheit sich für die Arbeiterpartei und ihre Politik aussprach, so hat die Minderheit kein Recht, die Beiträge zu verweigern, jedes Mitglied weiß, daß die Satzungen eS zu politischen Beiträgen verpflichten. So zum Bei- spiel stellen die Bergleute seit 1874 eigene parlamentarische Kandi- baten auf und zahlen für parlamentarische Vertretung, ohne daß das Gericht dagegen eingeschritten wäre. Ueber das Urteil werden wir ausführlich berichten. Für das Budget. London, 24. Juli. Eine Riesenkundgebung zugunsten des Budgets wurde heute von etwa 99 999 Personen ver- anstaltet, die sich in langem Zuge nach dem Hhde Park bewegten, wo politische Ansprachen gehalten wurden. Die Teilnehmer nahmen eine Resolution an, die für die S o z i a l r e f o r m eintritt und die Regierung auffordert, einer Verstümmelung der Budgetvorschläge entgegenzutreten._ Mrokko. Der Krieg mit den Riffkabhlen. Das derbrecherische Kolonialabenteuer, in das die ver» rottete spanische Regierung ihr unglückliches Land gestürzt hat, nimmt rasch immer größere Dimensionen an. Reisende, die aus M e l i l l a eingetroffen sind, erzählen: In M e l i l l a herrscht Panik. Der Kampf am Sonnabend soll furcht- bar gewesen sein. Die Zahl der gefallenen und verwundeten Spanier übersteigt 280, die Mauren haben die drei- fachen Verluste. Die Harka der Kabylen versuchte die Ver- bindungen der Stellung bei Atalayon mit Melilla zu unter- brechen. Die Spanier mußten einen Teil der Stellung räumen, in dem sich die Kabylen festsetzten. Ein vom Oberst C a b r e r a mit dem Bajonett geführter Gegenangriff, bei dem Cabrera den Tod fand, brachte sie dann wieder zum Weichen, doch erhielten sie neue Verstärkungen und um- zingelten nun die Kolonne Cabrera, die schließlich von gerade in Melilla ausgeschWen Truppen aus ihrer mißlichen Lage befreit wurde. Wiederum wurden die Mauren zurückgeworfen, doch immer wieder erneuerten sie ihre Angriffe. An vielen Stellen wurde ohne Gewehre mit blanker Waffe ge- kämpft. Aus Madrid wird gemeldet, die s p a n i s ch e n O f f i- ziere seien über die Vollkommenheit der Waffen und den Ueberflutz an Munition erstaunt, welche den Rifleuten zur Verfügung stehen. Es sei zweifellos, daß das Kriegsmaterial aus europäischen Häfen nach der Rifküste geschmuggelt worden sei. Die spanische Regierung versucht dem Volke mit allen Mitteln den wahren Stand der Dinge zu verheimlichen. Die amtlichen Nachrichten verschweigen die Zahl der Opfer und suchen die Mißerfolge zu beschönigen. Der Minister des Innern hat die Provinzgouverneure aufgefordert. Z e i t u n- gen, die Nachrichten vom Krieg, von der Abfahrt oder der Einschiffung von Truppen veröffentlichen, mit Beschlag belegen zu lassen. Dieselbe Maßregel ist bezüglich der Madrider Zeitungen verfügt worden. Ueber den Krieg dürfen nur die amtlichen Meldungen veröffentlicht werden. Die Zensur wird außerordentlich streng geübt._ Das Volk gegen den Krieg. Paris, 23. Juli. Wie der„Agence Havas" aus B a r c e- lona über San Sebastian gemeldet wird, dauern dort die Kundgebungen gegen den Krieg an. Am 21. Juli kam es zu einem scharfen Zusammenstoß zwischen den Manifestanten und der Polizei, bei dem drei Beamte durch Revolverschüsse und Stcinwürfe verwundet wurden. Der Generalstreik gegen den Krieg. Barcelona, 25. Juli. Da hier als Kundgebung gegen den Feldzug in Marokko der allgemeine Ausstand erklärt wnrde, ist über Barcelona der BelagernngSzustand verhängt worden. Die militärischen Maßnahmen. Madrid, 25. Juli. AngefichtS der gefährlichen Lage in Melilla beschloß die Negienmg. die spanischen Streitkräfte auf 49 999 Mann zu verstärken. Die Regierung wird alles aufwenden. um möglichst schnell Herr der Lage zu werden. Zu diesem Zwecke sollen alle Mannschaften� und Gelder bewilligt werden, die eine Erledigting der Angelegenheit in zivei Monaten möglich machen._ perfien. Der Schah. Teheran, 25. Juli. Der frühere Schah weilt noch in der rnssisckien Gesandtschast. Wie es heißt, ist seine Abreise verschoben worden wegen der Schwierigkeit, die Kronjuwclen ausfindig zu machen. Nach neueren Meldungen find starke Streitkräfte unter Saulet ed Dauleh auf dem Marsche nach Schiras. Die britische Konsularwache ist durch 49 Matrosen verstärkt worden._ Hu© der parte!* Der LaudcSparteitag der sozialdemokratischen Partei im Herzogtum Sachscn-Altenburg fand am Sonnabend, den 24. und Sonntag, den 25. Juli, in Meuselwitz statt. Wie aus dem gedruckt vorliegenden Bericht des Landesvorstandes hervorgeht, hat sich die Zahl der organifierten Parteimitglieder von 4225 auf 4875 erhöht. Diese Zahl ist aber berhästnismäßig gering, wenn man bedenkt, daß 19 298 freigewerkschaftlich organisierte Arbeiter im Lande vorhanden sind. Außerdem entfällt der Zuwachs in der Hauptsache auf die Frauen, deren Zahl beträgt aber auch erst 692. Noch geringer ist die Zahl der jugendlichen Organisationsangehörigen im Alter zwischen 13 und 21 Jahren. Ihre Zahl belänft sich auf nur 155. Die�Be- wegung zur Erringung des allgemeinen gleichen Landtags- Wahlrechts erreichte in einer imposanten Straßendemonstration in der Stadt Attenburg ihren Höhepunkt. Eine lendenlahme Wahl.reformch die der Landtag angenommen hat, um das schreiende Unrecht de-Z gegenwärtigen Wahlnnrechts in etwas zu mildern, sollte der sozial- demokratischen Agitation den Wind aus den Segeln nehmen. Was natürlich nicht geschieht. Einen schönen Erfolg hat die Partei auch bei den vorjährigen Gemeindewahlen errungen. Sie hat nicht nur den mit aller Wucht geführten Vorstoß des Reichsverbandes zur Vernichtung der Sozialdemokratie auf ihre Stellung kräftig abgewehrt, sondern auch die Zahl ihrer Vertreter von 98 auf 132 erhöht. Reichen Stoff zur Behandlung der Frage des reaktionären Landes- regiments bot der Partei auch der»Fall Dieteriei".(Es ist das der Fall des Bürgermeisters Dieterici aus Roda, der sich erschossen hat, weil ihm, dem ehrenhaften Mann, das militärische Ehrengericht die Uniform abgesprochen hatte und man ihn deshalb in Altenburg für unwürdig hielt, den Herzog am Rodaer Bahnhof zu empfangen.) Zur Förderung der Bildungsbestrcbungen sind in 15 Orten Vor« trags- und Unterrichtskurse abgehalten worden. Zur Förderung der Aufklärung unter der Landbevölkerung wird der allmonatlich er- scheinende„Landbote" in einer Auflage von 15 999 verbreitet. Der Geschäftsbericht der»Altenburger Volkszeitung" ist in seinen, finanziellen Teil sehr günstig. Die Einnahmen sind gegen das Vorjahr gestiegen. Der Reingewinn beträgt 5979 M. Es hat, wie in einem solch vermuckerten und reaktionär regierten Lande nicht gut anders denkbar ist, auch im verflossenen Jahre dem Blatte nicht an Prozessen gefehlt, was sich in der Steigerung des Redaktions« aufwands um 1200 M. kundgibt. Der Abonnentenstand des Blattes beträgt rund 7399. Zum deutschen Parteitag in Leipzig wurde Genosse Landtags- abgeordneter Böhme- Elsenberg gewählt. Die Wahl zum Vor- sitzenden der Landesorganisation fiel wiederum auf Genossen Käppler- Altenburg. Soziales* Schadenersatz wegen nicht ausgehändigter Papiere. Der Betonarbeiter M. wurde am 23. Juni, weil er zu spät zur Ar- beit erschien, vom Polier entlassen. Obwohl ihm der Polier die Zusen- dung der Papiere, die sich nicht auf dem Bau befanden, versprochen hatte, erhielt er diese erst auf seine schriftliche Mahnung hin am 2. Juli zugestellt. M. verklagte deshalb die Firma R e i n i ck e u. Co. auf Zahlung von 32 M. Schadenersatz. Die Beklagte bestritt, daß dein Kläger die Zusendung der Papiere versprochen worden und berief sich hierfür auf den Polier als Zeugen. Sie machte ferner geltend, daß der mit dem Kläger abgeschlossene Arbeitsvertrag vorsieht, daß die Papiere aus dem Kontor abzuholen find. Der Polier bestritt. das Versprechen der Zusendung gegeben zu haben. Der Kläger berief sich aber aus acht Zeugen, die mit ihm zu- gleich entlassen wurden und denen dasselbe Versprechen ge- macht worden ist. Das Gewerbegericht hatte die Ladung von zwei � dieser Zeugen angeordnet. Diese bestätigten die klägerische Behauptung, der Polier habe sich nicht nur die Namen, sondern auch die Adreffen der entlassenen Arbeiter notiert. Der Kläger ist dabei mehrmals nach der Hausnummer gefragt worden. Nach einigem Zaudern gab der Polier die Möglichkeit zu. daß er. um den Belästigungen der Arbeiter zu entgehen, ein solches Ver- sprechen gegeben hat. vermag sich aber deffen nichr zu erinnern. Das Gericht unter Vorsitz des MagistratSraieS D r. Wölbling verurteilte die Beklagte, die geforderte Ent- schädigung zu zahlen. Der Einwand des schriftlichen Vertrages, der den Kläger zur Abholung der Papiere aus dem Kontor verpflichte. sei nicht mehr erheblich, da der Polier auch berechtigt war, andere Abmachungen zu treffen. Daß die Zusendung der Papiere an den Kläger mit ihm abgemacht ist, ist erwiesen. Den Ein- wand, Kläger habe nachzuweisen, daß er mangels der Papiere anderweitig nicht eingestellt worden ist. hat das Gericht nicht gelten lassen, da eS dem Arbeiter unmöglich ist. diesen Nachweis im einzelnen Falle zu führen. Denn wenn der Arbeiter auf einem Bau um Arbeit anfrägt, so wird diese Tatsache dem jeweiligen Polier sebr bald entfallen. Auch eine Bescheinigung darüber zu erhalten, wird dem Arbeiter nicht möglich sein. Die Erfahrungstatsachen zeigen jedoch, daß Arbeiter, dw sich nicht im Besitz der Papiere befinden, gegenüber den andern Arbeitern, die solche vorweisen können, zurückgestellt werden. Es muß somit Sache des EiiiwandeS sein, den Nachweis zu führen, daß der Kläger ihm trotz des Mangeis der Papiere angebotene Arbeit anzunehmen unter- lassen habe._ Zur Frage der kommunalen Arbeitslosenversicherung hat die Verwaltung der Stadt Düffeldorf eine Denkschrift aus- arbeiten lassen. Das Ergebnis der Denkschrift kommt in folgendem Beschluß zum Ausdruck, den die Verwaltung der Stadtverordneten- Versammlung vorlegte und den diese einstimmig annahm: „Stadtverordnetenversaininlung nimmt von dem Berichte des Statistischen Amts, betreffend die Arbeitslosenversicherung, zu- stimmend Kenntnis und ersucht die Verlvaltung, durch Bericht an die vorgesetzte Behörde und ans ihr sonst geeignet erscheinende Weise den Erlaß eines Neichkgesetzes zu betreiben, welches den Gemeinden das Recht zur Einrichtung kommunaler Arbeitslosen- versicheruiigSIassen mit BeitrittSzwang für die in Frage kommen- den, im Gesetze selbst noch näher zu bestimmenden Personen- gruppen verleiht.'_ Flcischcreiberufsgcnosienschaft und RcichSversichcrungSordnung. Die Generalversammlung der Fleischereiberufsgcnossenschast. die am 22. dieses Monats in Göttingen tagte, schloß sich in bezug auf die Reichsversicherungsordnung der Resolution an. die vor einigen Wochen auf dem Deutschen BcrufsgenossenschaftStage angenommen worden war. In einer Zusatzresolution wurde verlangt, daß gesetzliche Bestimmungen erlassen würden, wonach») nur solche Betriebsmaschinen und Gerätschaften zum Vertrieb kommen dürfen, die zur Verhütung von Unfällen inindcstenS mit den allgemein bekannten und von den Verussgenossenschaflen vorgeschriebenen Gchutzvorkchriingtn versehen sind:' k>) auf Grund der Gewerbe- rollen»sw. die vorschriftsmäßigen An- und Abmeldungen der Uli- fallversicherungSpflichtigcn Betriebe behördlicherseits von Amts wegen zu veranlassen sind._ Dienstbotenelenb. Die Dienstmädchen Pauline Schulz und Minna Bubluweit hatten ein Strafmandat von je 15 M. erhalten, weil sie am 13. Mai dieses Jahres ihren Dienst bei dem Bauerngutsbesitzer Bartel in Staaken unberechtigt verlassen. Sie erhoben Einspruch und wendeten vor dem Schöffengericht in Spandau am Mittwoch ein: 1. das Essen sei sehr schlecht gewesen; 2. der Schwiegersohn der Bartel, ein Feldwebel, habe sie wiederholt beschimpft und bedroht, sie kalt zu machen; 3. die Frau Bartel habe sie wiederholt in ge- meiner Weise Sau und venerische Huren beschimpft; 4. Frau Bartel habe selbst gesagt, sie könnten gehen. Tie alz Zeugin vernommene Frau B. bestreitet, daß das Essen schlecht war und findet bei dem Schöffenrichter ein entgegenkommendes Verständnis für Tienstbotenessen. Bezüglich der Beschimpfungen verweigert sie ihr Zeugnis. Endlich muß die Zeugin zugeben, daß sic-bereits andere Mädchen hatte, als die Angeschuldigten erklärten, sie wollten weiter arbeiten. Trotz dieser für die beiden Mädchen günstigen Sachlage, oder vielleicht gerade deshalb, beschloß daS Gericht Vertagung und Ladung des Schwiegersohnes. 6ewerkrcbaftUd)C9. Politische Betätigung der Unternchmerverbände. Der Zentralverband deutscher Industrieller empfiehlt in innem Rundschreiben seinen Mitgliedern nicht nur den Bei- tritt zum Hansabund,„um, dem von den Landwirten ge- gcbenen Beispiele folgend, mit vereinter Kraft und dann hoffentlich mit besserem Erfolge als bisher für ihre bedrohten Interessen einzutreten," sondern er mahnt auch an die Aus- führung eines im Herbste v. I. gefaßten Beschlusses, einen Wahlfonds zu gründen. Ueber den Zweck des Wahlfonds heißt es u. a. in dem Rundschreiben: „Er soll dazu dienen, ohne Ansehen der politischen Partei, der sie(die Führer der Parteien) angehören, diejenigen Wahl- kandidaten zu unterstützen, von denen angenommen werden kann, daß sie in wirtschaftlichen und sozialpolitischen, besonders in allen die Arbeiter betreffenden Fragen, Ansichten vertreten, die mit den Bestrebungen und Beschlüssen im Zentralverbande über- einstimmen." Wird die Absicht der Unternehmer zur Tat, nämlich, ge- scllt sich zu dem wirtschaftlichen Uebergewicht, das die Unter- nehmer schon vielfach besitzen, auch noch ein starker politischer Einfluß, dann wird die Sozialpolitik im Lande noch mehr ins Stocken geraten. Ein würdiges Pendant zur Steuer- Politik I_ Berlin und drngegend. Der Streik der Gcldschrankschlosser erklärt. Die Verhandlungen mit den Unternehmern im Schlossergewerbe sind gescheitert, nachdem die Unternehmer die Entscheidung vier Monate lang hinausgezogen haben. Der deutsche Metallarbeiter- verband hatte für Montagabend eine Versammlung aller in den Geldschrankfabriken beschäftigten Arbeiter nach Frankes Festsälen in der Badstraße einberufen. Otto Handle referierte. Die ge- wählte Kommission hatte, wie in der Vcrsainmlung der Geldschrank- schlosser am 6. Juli verlangt wurde, den Tarif der Arbeiter den Unternehmern vorgelegt. Die Kommission der Meister erklärte bei den Verhandlungen am 20. Juli, daß alle Geldschrankfabrikanten einig seien, keineErhöhung derLöhnezu bewilligen. Man wolle den Tarifvertrag, wie er besteht, auf drei Jahre verlängern, weiter aber keine Zugeständnisse machen. Dem Vorschlage, den Tarif eventl. auf ein Jahr zu verlängern, standen die Unternehmer ablehnend gegenüber. Die Kommission der Arbeiter kam nach einer Sonderberatung zu der Ueberzeugung, es sei zwecklos, Vermittelungsvorschläge zu machen. Die VerHand- lungen mußten demnach als gescheitert angesehen werden. Eine Vertrauens männerversammlung beschäftigte sich dann mit dem Resultat und beschloß, eine Verlängerung des alten Ver- träges auf drei Jahre nicht zu empfehlen. Die Kommission legte die Entscheidung in die Hände der Versammlung vom Montag- abend. In der Diskussion, die Handkes Referat folgte, zeigte sich eine große Erregung unter den Arbeitern darüber, daß die Meister auch nicht die geringste Lohnerhöhung bewilligen und sogar kleine Zugeständnisse wieder zurückziehen wollen. Eine Resolution wurde aus der Mitte der Versammlung eingebracht, in der es heißt: „Da das Angebot der Arbeitgeber, den bisherigen Tarif- vertrag auf drei Jahre zu verlängern, für die Arbeiterschaft un- annehmbar ist. beschließt sie. am Dienstag, den 27. Juli, die Arbeit niederzulegen. Diese Maßnahme ,st notwendig geworden. da alle Versuche, die Tarifangelegenheit ohne Konflikt zu regeln. an der Haltung der Unternehmer gescheitert smd. Die Annahme dieser Resolution bedeutet den sofortigen Streik der in den Geldschrankfabriken beschäftigten Arbeiter. Die an- wesenden Vertreter der beteiligten Organisationen erkstirten, daß ihre Mitglieder sich solidarisch verhalten und den Beschlüssen der Mehrheit bereitwillig Folge leisten wurden.., In geheimer Abstimmung erfolgteAnnahme der Resolution mit 521 gegen 24 Stimmen; sieben weiße Zettel wurden abgegeben. Der Streik ist damit erklärt!__ Die bei der Parkvcrwaltung beschäftigten Gärtner oeschästigtcn sich in einer Versammlung, die im„Prälaten" statt- fand, mit ihren Lohn- und Arbeitsverhältnissen. Gegen die Zu- rücksetzung der Gärtner bei der vorgenommenen Lohnerhöhung wurde lebhafter Protest geführt. Beschlossen wurde, durch den Ausschuß folgende Anträge an den Magistrat zu stellen: 1. Zahlung von Wochenlöhnen. In die Woche fallende Feiertage sind mit zu bezahlen. 2. Für Nacht-, Sonn- und Feiertagsarbeit bezw.-Dienst soll ein Zuschlag von 100 Proz. gezahlt werden; ferner die Be- zahlung der durch Regen verloren gegangenen Arbeitszeit. 3. Der Anfangslohn soll 30 M. betragen, steigend jährlich um 1,50 M. bis zum Höchstsatz von 37,50 M. 4. Für den Schillerpark ist ein be- sonderes Ausschußmitglied zuzulassen. 5. Schaffung von genügen- den Unterkunftsräumen und Verbesserung der bestehenden. Die angenommene Resolution lautet: „Die starkbesuchte Versammlung der bei der Berliner Park- Verwaltung beschäftigten Gärtner gibt ihren Unwillen kund über die Behandlung ihrer durch ihren Ausschuß an den Magistrat gerichteten Forderungen betreffs Lohnerhöhung. Die Forderung und Anträge auf zeitgemäße Regelung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse hat der Gärtnerausschuß den zustandigen Verwaltungsstellen bereits seit Jahresfrist unterbreitet, und können sich die Versammelten des Eindrucks nicht erwehren, daß der Magistrat ihre bescheidenen und berechtigten Forderungen sticht ernstlich behandelt.. � Die Tatsache, daß der Magistrat ab I. April d. I. den voll- arbeitsfähigen ungelernten Parkarbeitern eine Lohnerhöhung von 25 Pf. pro Tag gewährt, und ferner den höheren Beamten bei der Parkverwaltung ab 1. Juli d. I. Gehaltserhöhungen von 200 bis 600 M. pro Jahr bewilligt hat, gibt Ursache zu einer starken und berechtigten Entrüstung über solche Zurücksetzung. zumal die Lohnsätze, wie schon so oft wiederholt, der übrigen beim Magistrat beschäftigten Handwerker durchschnittlich um 50 Pf. bis 1 M. pro Tag, im einzelnen sogar um 1,50 M. höher sind. Auch wird festgestellt, daß solche niedrigen Lohnsätze wie 4 M. bezw. 5 M. p>.o Tag nach zwölfjähriger Dienstzeit in keiner Vorortgemeinde Berlins den Gärtnern gezahlt werden, im Gegenteil um 50 Pf. bis 1.50 M. pro Tag höher sind, ungerechnet der gewährten Tcuernugszulagen und sonstigen Vergünstigungen. Der Ausschuß wird beauftragt, abermals die Forderungen, mit besonderer Betonung der Nowendigkeit sofortiger Lohn- erhöhung, unter Hinweis auf die durch das neue Steuergesetz hervorgerufenen und noch zu erwartenden Steigerungen vieler Lebens- bezw. Gebrauchsartikel, dem Magistrat bezw. der Park- deputation zu unterbreiten." Es wurde beschlossen, diese Forderungen dem Magistrat und dem Stadtverordnetenkollegium in Gemeinschaft mit den übrigen dem Gemeindearbeiterverbande angeschlossenen Ar>eiterkqtegorien zu unterbreiten. Oeutfebes Reich. Der Kampf im Hamburger Bangewerve. Der Obermeister der Töpferinnung in Hamburg Albert Krüger mackit in einem Flugblatt seinen Kollegen die Mitteilung, daß sich der Kampf in Hamburg hauptsächlich gegen die zentral- organisierten Gesellen richte, weil diese über verschiedene Geschäfte Sperren verhängt hatten. Derselbe Herr Krüger schreibt dagegen in der„Neuen Deutschen Topferzeitung", daß es eine Unwahrheit fei, wenn be- hauptet werde, der Schlag in Hamburg werde deshalb geführt, um die zentralorganisierten Vereinigungen zu sprengen. Ein drittes,„streng vertrauliches" Schreiben, das derselbe Herr Krüger an ein Mitglied der berüchtigten Sperre- und Tarifbruch- garde in Berlin gerichtet hat, lautet: Hamburg, den 14. Juli 1909. Herrn Otto Walter Tempelhof-Berlin, Berlinerstraße 32. Auf Ihre Karte vom 13. �uli er. teile ich Ihnen ergebenst mit, daß ich zunächst wissen möchte, mit wieviel Leuten Sie von Ihrer Vereinigung nach hier kommen könnten und ob Sie Reisegeld beanspruchen. Wie Ihnen be� kannt sein dürfte, sind hier in unserem Berufe keine Lohnforderungen, sondern wir mußten uns der Aussperrung anschließen. Ihrer geschätzten Nachricht gewärtig zeichnet Hochachtungsvoll Albert Krüger. KB. Eine Gründung eines Hirsch-Dunckerschen Vereins wäre augenblicklich hier sehr angebracht. So der Herr Albert Krüger, Obermeister in Hamburg und Vor- sitzender des UnterverbandcS Hamburg-Altoua, Wandsbcck-Harburg! Oeffentlich behauptet dieser Mann, der Kampf richte sich nicht gegen die Zentralverbände, im Geheimzirkular sagt er das Gegenteil und in dem Briefe an den Berliner„Hirsch- Dunckerschen" erklärt er, daß es sehr angebracht wäre, wenn in Hamburg ein Hirsch-Dunckerscher Verein gegründet iv e r d e! In voriger Woche sind wieder einmal 69 Arbeitswillige ein- getroffen, die von zwei Agenten gesichert wurden. In Harburg und Hamburg waren die Bahnhöfe durch zahlreiche Schntzmannsposten besetzt. Namentlich in Hamburg waren außer den Schutzleuten zu Pferd und zu Fuß noch außerordentlich viele in Zivil zu sehen. Die ArbcitSivilligen wurden von den Mitgliedern des Bundes der Maurer- und Zimmermeister recht liebevoll empfangen und dann in bereit stehende Breaks gepackt und nach der Glashüttenstraße befördert. Dort hat der Baugewerbe- verband ein größeres Lokal als Streikbrecherquartier ein- gerichtet. Viel Glück haben die Unternehmer mit diesem Schub Arbeitswilliger nicht gehabt; viele haben Hamburg schon wieder den Rücken gekehrt. Gleich am Tage ihrer Ankunft haben 26 von diesen Leuten die Hilfe der Streikenden nachgesucht. Alle gaben an, durch Annoncen oder Agenten unter falschen Vorspiegelungen nach Hamburg gelockt worden zu sein. Fast alle angeworbenen Arbeitswilligen sind ungelernte Arbeiter; Maurer und Zimmerer sind fast nicht darunter. In den letzten Tagen haben die Unternehmer täglich größere Transporte Arbeitswilliger erwartet, aber eingetroffen sind teiue. In Hamburg-Altona ist das Gerücht verbreitet, daß ein Extrazug mit mehreren Tausend Arbeitswilligen eintreffen soll. Wiederholt sind auch die Unternehmer mit ihren großen Breaks am Bahnhof gewesen, aber regelmäßig mutzten sie leer von bannen ziehen. Die an einigen Betonbauten arbeitenden Streikbrecher werden jetzt nicht mehr mit Fuhrwerk von und nach der Arbeils- stelle transportiert, sondern kolonnenweise unter starker Polizei- deckung eskortiert. Die Unternehmer haben eine andere Taktik eingeschlagen. Die „Freie Vereinigung der Maurer Hamburgs", die schon lange bei den Unternehmern herumgewinselt hatte, ist in Gnaden ausgenommen worden. Der Bund der Maurer- und Zimmermeister hat eS bei dem Bangewerbeverband durchgesetzt, daß die Mitglieder der„Freien Vereinigung" überall zu den alten Lohnbedingungen eingestellt werden können. Der Vorstand der„Freien Vereinigung" ist hiermit einverstanden und versucht, die Mitglieder der„Freien Vereinigung" überall in Arbeit zu bringen, ganz gleich, ob die Arbeit gesperrt ist oder nicht. Die Unternehmer derjenigen Berufe, die ihre Leute aus Gefälligkeit für die Herren Bauunternehmer ausgesperrt haben, die Töpfer, Gipser, Klempner, Schlosser, Steinmetzen, Plattcnsetzer usw. beabsichtigen, die Aussperrung aufzuheben. � Die Töpfer sind sich mit den Unternehmern schon einig ge- worden und arbeiten bereits wieder. Die Aussperrung wird sich also noch auf die Maurer, Zimmerer und Bauhilfsarbeiter be- schränken. Die Unternehmer sollen sich der Hoffnung hingeben, daß diese Berufe sehr bald kapitulieren werden. In dieser Hofnung wird sich der Baugewerbeverband sehr bald getäuscht sehen. Zumal wenn der Zuzug von Bauarbeitern nach Hamburg fernbleibt. Darum müssen alle Arbeiter des Baugewerbes es für ihre Ehrensache halten, dafür zu sorgen, daß keine Arbeitswilligen nach Hamburg kommen._ Sieg der Rheindampfer-Maschinisten. Der Streik der Maschinisten und Heizer auf dem Rheinstrom ist beendet. Die Kommissionen des Verbandes der Hafenarbeiter, der Maschinisten und Heizer und des Arbeitgeberverbaudes unter dem Vorsitze des Gewerbegerichtsvorsitzenden Herrn Rechtsrat Dr. Erdel verhandelten im„Rathaussaal" zu Mannheim. Die Verhandlungen nahmen 4 Stunden in Anspruch. Die Arbeitgeber sträubten sich mit äußerster Zähigkeit gegen jede Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Schließlich kam aber doch eine Einigung zu- stände, wonach die Tarifverträge der Stückgutarbe.ter, Elevator- und Kranführer von Jahre 1906 incl. der Nachträge sowie der Tarifvertrag betr. die Heizer und Maschinisten auf den Schiffen vom Jahre 1907 für die Zeit vom 1. Juli 1909 bis 1. April 1911 mit einigen Abänderungen verlängert wurden. Für die Stückgut- arbeiter tritt ab 1. Januar 1910 eine Lohnerhöhung von 20 Pf. pro Tag in Kraft. Für das M-afchinenpersonal auf den Schiffen tritt eine sofortige, d. h. ab 1. Juli datierende Lohnerhöhung von 1 Mk. pro Woche in Kraft und eine weitere Lohnerhöhung von 50 Pf. pro Woche ab 1. Januar 1910.— Dem Maschinenpersonal auf den Streckenbooten wird ununterbrochene Nachtruhe von mindestens 6 Stunden garantiert; es darf davon nur bei Havarien, Hochwasser, Sturmwind und plötzlicher Eisgefahr abgewichen werden. Die Ueberschreitung gilt in diesen Fällen als Ueberarbeit. Für die Zeit des Tarifvertrages übernehmen der Hafew- arbcitervcrband und der Zentralverband der Heizer und Ma- schinisten bei denjenigen Arbeitgebern, die Tarifkontrahenten sind, die Verpflichtung, in keinen Streik auS Anlaß der Schaffung eines neuen Tarifvertrages einzutreten. Ebenso übernehmen die Ar- beitgeber die Verpflichtung, in der genannten Zeit aus den ge- nannten Anlässen keine Aussperrung vorzunehmen und keine Ver- schlechterung der bestehenden Lohn- und Arbeitsverhältnisse ein- treten zu lassen. Der Abschluß dieser Tarifbewegung im Hafen Mannheim-Lud- wigshafen bedeutet für die Hafenarbeiter und für die Maschinisten und Heizer auf dem Oberrhein einen glatten Sieg. Die Arbeit- geber hatten die Tarife gekündigt, Lohnherabsetzungcn bis zu 5 M. pro Woche nicht nur angedroht, sondern auch ausgeführt. Auf ihre prinzipiellen Forderungen: die Ilmwandlung der Tage- und Wochen- löhne in Stundenlöhne mußten sie verzichten, ebenso auf den Ab- laufstermin am 1. Februar 1911. Alle Verschlechterungen durch die Arbeitgeber wurden abgewehrt, die gemachten Lohnabzüge müssen nachbezahlt werden und Lohnerhöhungen treten in Kraft. Ganz besonders wertvoll ist, daß es gelang, eine Arbeitseinstellung im Hafen Mannheim-Ludwigshafen ganz zu vermeiden und den Kampf auf den Rheinstrom und die Boote im Oberrhein zu beschränken. Dank der von den organisierten Arbeitern geübten Disziplin war die Durchführung dieser Taktik möglich. kZiioland. Schokolade- und Zuckerwarcnarbeiter und-Arbeiterinnen! Wegen Tarifforderungen bei der Firma A. G. Globus in Ashus(Dänemark) sind 20 Arbeiter und 40 Arbeiterinnen ausge- sperrt Korden. Ein deutscher Werkmeister namens Klakvftter sucht in Deutschland Streikbrecher. Die dänische Organisation ersucht deshalb dringend, Zuzug streng fernzuhalten. Streik beendet. Der Streik der ausländischen Arbeiter der„Standard Steel Eompany" ist nach einer Meldung des W. T. B. beendet. 2000 Mann haben zu den von der Company gestellten Bedingungen die Arbeit wieder aufgenommen. Dem offiziellen Bericht zufolge wird amerikanischen Arbeitern in den Werken der CoiMmtz in Zukunft der Vorzug gegeben werden. stoppelte Moral. In der gestrigen Schlußverhandlung im Prozeß gegen Peter Ganter bor dem Münchcner Landgericht beantragte der Staats- anwalt Bestrafung des Angeklagten wegen Privaturkundenfälschung unter Zubilligung mildernder Umstände, serner wegen Betruges und Beleidigung zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren sechs Monaten und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf vier Jahre. Die Untersuchungshaft ersucht der Staatsanwalt in Höhe von sechs Mbnaten anzurechnen. Ferner beantragt er, den Angeklagten Ganter wegen Vergehens gegen das Postgesetz zu einer Strafe von 156 090 M. zu verurteilen. Im Nichtcinbringungsfalle die höchste dafür zulässige Strafe von 6 Wockjen. Der Staatsanwalt stellte jedoch dem Gericht anheim, diese Strafe aus die Untersuchungshaft anzurechnen. Den Angeklagten Hantburg beantragt der StaatSanlvalt wegen Privaturkundenfälschung unter Zubilligung mildernder Umstände und wegen Betruges zu fünf Monaten Gefängnis zu verurteilen. Ferner beantragte der Staatsanwalt, den Rechtsanwalt Mauer- meier wegen Nichterfiillung der Zeugenpflicht zu einer Strafe von 100 M., eventuell fünf Tage Haft, zu verurteilen. Das Urteil lag uns bei Schluß des Blattes noch nicht vor. Letzte JSfachricbten und Depereben. Für den Generalstreik. London, 26. Juli. Das Referendum der Grubenarbeiter über den Gcneralausstand hat für den Streik eine stärkere Ma- jorität ergeben, als erwartet wurde. In Süd-Wales stimmten 96 Proz. für den Generalstreik. Bis jetzt sind folgende Zahlen bekannt: In der Grafschaft Nord-Cumberland stimmten 25 100 Arbeiter für den Ausstand, 2700 dagegen, in der Gras- fchaft Sunderlaitd 14 960 dafür, 1290 dagegen, in Lancashire 56 500 dafür, 5250 dagegen, in Lanarkshire 26 000 dafür, 12 000 dagegen, in Bristol 15 970 dafür, 1920 dagegen. Die von Churvill präsidierte Konferenz zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern am Freitag ist ergebnislos verlaufen. Niederlage der Aufständischen. Rom, 26. Juli. Depeschen des Gouverneurs von Benadir vom 14. und 17. d. M. melden, daß der Stamm Mohalliin JSmail versuchte. Uarsceik in Brand zu stecken, weil der italienische Resident in Uarsceik den aufständischen Häuptling Scheik Ussein gefangen genommen hatte. ES kam zu einem Gefe-bt des Stammes mit einer Kompagnie Askaris, bei dem die Auf» ständischen 45 T ote, 2V V er w un d ete und 3 Gefangene verloren, unter den letzteren einen Sohn des Häuptlings der Auf» ständischen, während auf italienischer Seite 5 Askaris fielen. Brand einer Eisengießerei. Budapest, 26. Juli. Die Schicksche Eisengießerei und Maichinen« fabrik, welche 1000 Personen beschäftigte, steht in Flammen. Das Hauptgebäude und mehrere Nebengebäude sind bereits ein Raub der Flammen geworden. Die gesamte Feuerwehr ist an der Unter- drückung des Brande? beschäftigt. Drei Personen wurden lebensgefährlich verletzt. Man sagt, daß der Brand durch die Sonnenglut entstanden ist._ Die verschwundenen Detektivs. Budapest, 26. Juli. Heute morgen erschienen in einem hie- sigen Hotel zwei Herren, die sich als Detektivs vorstellten. Sie ver- hafteten etwa 20 Personen und nahmen ihnen das Bargeld sowie sämtliche Wertsachen ab und verschwanden. Es fehlt jede Spur von ihnen. Aussperrungswur. Stockholm, 26. Juli. Die Aussperrungen, von denen bisher 13 000 Arbeiter betroffen waren, haben heute weitere Ausdehnung angenommen. Falls auch dieser Schritt erfolglos bleibt, werden weitere Aussperrungen nach den Bestimmungen des Schwedischen Arbeitgebcrvereins erfolgen. Die Zahl der heute ausgesperrten Arbeiter beträgt 40 bis 50 000. Generalausstand. Stockholm, 26. Juli. Das Landessekretariat der Fachvereine hat heute abend dem Arbeitgeberverein mitgeteilt, daß beschlossen worden ist an die Mitglieder sämtlicher Landcsorganisationcn eine Proklamation zu senden, in der zur Arbeitsniederlegung im ganzen Lande am 4. August aufgefordert wird. Schiffskarambolage. Pola, 26. Juli. Während eines Nachtmanövers ist das Tor- pedoboot„Skorpion" mit dem Kreuzer„Erzherzog Karl" zusammengestoßen und hat schwere Havarien erlitten. Personen sind nicht zu Schaden gekommen. Aktion gegen den Krieg. Madrid, 26. Juli.(W. T. B.) Nach amtlichen Depeschen aus Sabadell(Provinz Barcelona) protestieren die Arbeiter gegen den Feldzug bei Melilla, erklärten den Ausstand, drangen in den Bahn- Hof und verhinderten einen Zug an der Abfahrt nach Barcelona. Die Eisenbahnschwellen wurden aufgerissen und die Telegraphen- und Telephondrähte durchschnitten. Bürgergarde machte später den Weg frei, so daß der Zug abgehen konnte, bald jedoch mußte er um- kehren, da auch weiterhin die Schienen aufgerissen waren. Zu der- selben Zeit wurde in Barcelona der allgemeine Ausstand begonnen. Ueber die Provinz Barcelona ist, wie in der Hauptstadt, der Be- lagerungszustand verhängt worden. Heiliger Krieg. Madrid, 26. Juli. Aus AlhucemaS wird berichtet: Die Ein- geborenen haben, entmutigt durch das Gerücht, daß die Spanier Verluste erlitten haben, drei Kanonen im Stich gelassen und die Gewehre und die Munition fortgeworfen. 12 000 Eingeborene ver- stärkten die Harka in Melilla; andere Eingeborene errichteten Ver- schanzungen auf den umliegenden Höhen. Die Marubuts predigen den heiligen Krieg._ Einsturz eines BersammlnngSranmrS. Alessandria, 26. Juli. In dem Vorort Vale San Bartolomeo stürzte während einer Besprechung, die der Franziskanerpater Albasini über eine italienische Expedition in die Weingegenden Chinas abhielt, der Verhandlungsraum zusammen und"ritz alle Anwesenden, etwa 200, hingb. Von Alessandrkr eilten Militär und Acrzte zur Hilfeleistung herbei. Bisher wurden etwa 30 Verwundete unter den Trümmern hervorgezogen, darunter sechs Schwerver- wundete. Sehr viele der Verunglückten erlitten Quetschungen. Pergntw. Redakt.; Wilhelm Diiwell, Lichtenberg.' Inserate vergntip.i kh, Glocke, Berlin. Druck it. Verlag Vorwärts Luchdr. u, VerlagSanstalt Paul Singer �Co,«Berlin SW. HierzuLBcilagcn«. UnterhaltungSbl. Nr. 172. 26. Zahrgaug. L KcilM Ks JutiDärls" Aerlim Boiblilntl. AitMz.Z7.ZM MS. Die ichwekeniche ßelmarbeitsausitcllung in Zürich. Die Züricher HeimarbeitSau-stellung kann der Berliner Heim- arbeitsausstellung von 1906 als würdige» Pendant zur Seite gestellt werden. Mi ihren zirka 3000 Ausstellungsgegenständen ist sie auch sehr reichhaltig und die an denselben angebrachten Etiketten mit An- gaben über die Arbeits-, Lohn-, Wohnungs- und persönlichen Ver- Hältnisse bieten ein reiches Tatsachenmaterial, das uns das ganze ergreifende Elend der Heimarbeiter und ihrer Familien vor Auge» süh�t und das einen ungemein wertvollen und wirksamen neuen Agitationsstoff zur Aufklärung und Organisierung derselben bietet. Für die wichtigsten Industrien find die durchschnittlichen Stundenlöhne der Heimarbeiter berechnet worden und bietet die Zusammenstellung folgendes Bild: Cts. Schuhmacherei(Handwerk).... 48,2 Beuteltuchweberei....... 34,4 Holzschnitzerei........ 31,4 Sattlerei.......... 23,7 Seidenbandweberei...... 22,9 Kleiderkonfektion....... 21,3 Wäschekonfektion....... 17,9 Plattstichweberei....... 16,5 Schuhmacherei(Fabrik)..... 14,8 Strickerei.......... 13,4 Handschuhmacherei...... 12,2 Leinenweberei........ 11,1 Häkelei.......... 10,2 Seidenstoffweberei...... 8,4 ES erschemt überraschend, die Schuhmacherei, die sonst nicht im Rufe hoher Arbeitslöhne steht, an der Spitze der Tabelle zu sehen, und man wird da unwillkürlich an das Sprüchwort vom Einäugigen, der im Reiche der Blinden König ist, erinnert. Es handelt sich da um tüchtigste Gehilfen in Zürich, Basel, Bern und Genf, die nach den bestehenden Tarifverträgen bezahlt werden und deren Verdienst daher eher niedrig als hoch erscheint, namentlich auch in Rücksicht aus die teilweise oder gänzliche Arbeitslosigkeit in der flauen Zeit. Die einzelnen Stundenlöhne bewegen sich zwischen 55,4 und 25,3 CtS. Letzterer Lohn ist nur ein Trinkgeld für einen gelernten Berufsarbeiter. Die Heimarbeiter für Schuhfabriken kommen auf ein Drittel des Lohnes ihrer Kollegen vom Handwerk, doch handelt eS sich hierbei meistens um Frauen, die eine Teilarbeit ausführen. Natürlich ist auch für sie der Lohn viel zu gering. Aber es ver- dienen selbst gelernte Heimarbeiter für Schuhfabriken, ausgebildete Schuhmacher, nur 27,5 bis 35 CtS. durchschnittlichen Stundenlohn. In der Sattlerei, die glücklicherweise nur ganz wenig Heimarbeit kennt, verdient eine verheiratete Heimarbeiterm in Zürich mit dem Nähen von Schultaschen 19,4 bis 34,1 Cts. pro Stunde, je nach der Art der Arbeit. Die Handschuhmacherei beschäftigt zwar mehr Hefor arbeiterinnen, ist aber auf der Ausstellung nur schwach vertreten. In Zürich verdient eine 23iährige ledige Handschuhnäherin 14 bis 15'/, Cts., in Einsiedel» kommen ihre Leidensgenossinnen auf 9,1 bis 26,3 Cts. pro Stunde. In der P l a t t st i ch» und Seidenbeuteltuchweverei ist besonders die Tatsache bemerkenswert, daß die Heimarbeiter meistens gewerkschaftlich organisiert sind. Bon 3500 Platfftichwebern sind 2200, von den Seidenbeuteltuchwebern 98 Proz. gewerkschaftlich organisiert. Die letzteren haben ihre Organisation schon seit 1886 und ihr Arbeitsverhältnis durch Tarifvertrag geregelt und nur darum wohl haben sie auch einen durchschnittlichen Stundenlohn von 34.4 Cts., der freilich noch immer nicht„hoch* ist. Bezeichnend für den in dieser Industrie herrschenden Unternehmergeist ist das Verbot der Fabrikantenorganisation für die Arbeiter, an die Heimarbeiter- ausstellung Muster zu liefern. Der selbstherrliche Ukas ist in der Abteilung für die Textilindustrie angeschlagen. ES hat dann aber eine anders denkende Firma von sich aus Muster in der Heim- arbeitSauSstellung untergebracht. Auch den Plattstichwebern hat die Organisation etwas höhere Löhne gebracht, aber auch heute noch sind Tagesverdienste von 4—5 Fr. bei 11— 13stündiger Arbeitszeit seltene Ausnahmen, und Kinder sowie ältere Leute bringen es mit dem Spulen nur auf 50—60 Cts. bei 12stündiger Arbeitszeit. Nicht besser daran sind die Heimarbeiterinnen für Seiden- st o f f w e b e r e i, die übrigens immer mehr in der Fabrik kon- zentriert wird. Von 27 531 im Jahre 1871 ist die Zahl der Hand- kleines feuilleton. Lilieneron und wir. Als Liliencron seine ersten Gedichte schrieb -i» er war damals schon für einen angehenden Lyriker ganz hübsch bei Jahren— da herrschte in der deutschen Literatur als gangbare Marktware der sütze und verlogene Kitsch. Natürlich mochten die literarisch maßgebenden Herrschaften Liliencron nicht. Aber die Jungen, die die satt und bequem gewordene Literatur revolutionieren wollrcn, die sahen in ihm alsbald einen der ihren. Da war Ursprünglichkeit und Frische; in dieser Lyrik kam ein ganzer Mann zu Wort, der nicht für Backfische Goldschnittbändchen kleisterte. Erlebtes aus der Wirklichkeit, das als lyrisches Stimmungsbild Gestaltung fand, kräftige Sinnlichkeit, Verachtung der Konvenienz, neue Stoffe und Töne und dabei die lebendigste und bildkräftigste Phantasie— das alles fanden sie in dem Dichter. Und der Mensch Liliencron war trotz der Jahrcsunterschiede, jung wie sie, ein Bohömier, ein Ungebundener, einer, der das Leben auf eigene Art packen und meistern wollte. Unser Kraust hat vor einigen Jahren in einem der kurzen, knappen Bilder, die ihm so meisterlich gelangen(„Wie ich sie sah") seine ersten Begegnungen mit Liliencron geschildert.„Mitte der achtziger Jahre— schrieb er— wustte das deutsche Lesepublikum noch nichts von ihm. Bei uns, den.Jungen", galt er als ein kleiner Herrgott. Die„Gesellschaft" hatte für ihn die Trommel gerührt. Jeder Blick in seine„Adju- tantenritte" machte uns Freude... Da war einer, der die Natur wieder mit eigenen Augen ansah, und, waS wir geahnt und gefühlt, darzustellen wustte, dast es ein Kunstwerk ward. Bnefe fanden ihn bald. War gar nicht stolz der Freiherr... Mir sandte er einige Originale fürS Blättle:„Der stille Weg",„Ueber ein Knicktor ge- lehnt" u. a. Nahm sie selbstverständlich, mit geschmatzten Händen, und liest sie drucken." Die bürgerliche Presse feierte Liliencron, seitdem er sich durch- gerungen hatie, wie sie alles anerkennt, was zu Erfolg gekommen ist. Aber cS lvird doch gut sein, daran zu erinnern, dast die sozial- demokratische Presse zuerst ihm Verständnis entgegenbrachte. Bereits im Jahre 1887 erschien eine Skizze(„Der Töpfer") von Liliencron im„Vorwärts". In der„Neuen Welt", im.Hamburger Echo' und auch in anderen Parteiblättern ist dann Liliencron wiederholt zu Wort gekommen, als Lyriker und Erzähler. Was Liliencron selber von der honetten Presse hielt, erzählt jemand in einem Hamburger Blatte: „Zuerst hat inan auch mir meine Sachen zurückgeschickt wie jedem Anfänger, umsonst habe ich sie schliestlich gegeben, nachdem ,ch sie vergeblich sieben, acht, Zeitungen angeboten, aber jetzt, jetzt kommen sie von allen Seit-n und gäben mir zwanzig Mark die Zeile, wenn sie etwas von mir bekämen. Nun aber kann ich nicht mehr so, und ich schriebe ihne» ketue Zeile, ging's nicht für Frau und Kinder." Mit Hamblittjrti Genoffe» hat Liliencron immer Fühlung ge- habt und mit ihnen— trotz seiner abweichenden, wenn auch nicht deutlich politisch ausgesprochenen Anschauungen— in der Vorurteils- losesten und echt menschlichen Art, die ihn auszeichnete, verkehrt. Webstühle auf 11 430 in 1906 zurückgegangen und gleichzeitig die der mechanischen Webstühle von 927 auf 15 156 gestiegen. Diese Verschiebung ist besonders bedeutungsvoll für das Kleinbauerntum, dessen weibliche Angehörige zu Hause als Seidenweberinnen tätig waren und Jahreslöhne von 350 bis 400 Fr. in 240 Arbeitstagen erzielten. In dieser Industrie beträgt der höchste Stundenlohn einer Heimarbeiterin 27,5 Cts. und der geringste nur noch 2,6 Cts. I Besser daran sind die 7553 hausindustriellen Seiden- bandweber, die hauptsächlich von Baseler Unter- nehmern im Kanton Baselland beschäftigt werden und im Maximum auf 54 Cts., im Minimum auf 16,3 Cts. pro Stunde, in guten Jahren auf 700 bis 1200 Frank kommen, in schlechten aber auch unter 600 Frank bleiben. Dreiviertel der Seidenbandweber sind Arbeiterinnen. Die meisten Heimarbeiter beschäftigt dieStickereiindustrie mit über 35000 Personen, wovon allein 20484 im Kanton St. Gallen I Die durchschnittlichen Stundenlöhne schwanken zwischen 65 Cts. und 4.2 Cts. Schuler nimmt für den Sticker einen durchschnittliche!? Tagesverdienst von 3 Frank, für die Fädlerin von 1,20—1,50 Frank an. Ein schwerer Schaden ist das Abzugswesen. Ein Sticker hatte beispielsweise 5,77 Frank an Lohn verdient, er muhte aber wegen Fehlern die Arbeit für 20,25 Frank übernehmen, die er dann um einen kleinen Betrag beim Ramscher losschlagen muh. Konfektion und Putz beschäftigten 1905 8524 Heim- arbeiter. Auf der Heimarbeitsausstellung sind Wäsche-, Damen-, Knaben- und Herrenkonfektion, auch«die hausindustrielle Uniform- schneiderei stark vertreten, letztere allerdings nur durch einige Stücke. Die Etiketten mit ihren wichtigen und präzisen Angaben bekunden viel Elend. Sd verdient eine Heimarbeiter!» in Zürich 9 Cts. pro Stunde, und sie wohnt mit ihrer llköpfigen Familie in einem Raum, der zugleich Arbeits- und Schlafraum, Küche, Keller und Holz- behälter ist. Eine andere Züricher Heimarbeiterin hat mit 12� Cts Stundenlohn ihren arbeitsunfähigen Mann mitzuerhaltcn. Aber am elendesten sind die Verhälwisse in der Stroh- industrie. Nur selten erhebt sich der Stundenlohn über 20 bis 35 Cts. im Maximum, er sinkt aber andererseits bis auf 0,4 Cts. herab. Die Unglückliche ist eine 63iShrige Witwe, die die 4 bis 5 CtS. als„notwendigen Nebenverdienst" braucht. Und in diesen elenden Verhältnissen arbeiten über 6000 Personen, meistens im Kanton Aargau. Die Unternehmer beschönigen die schamlosen Hungerlöhne mit der japanischen Konkurrenz, sie selbst gedeihen aber trotzdem dabei und auch die Zwischenhändlergewinne erreichen das „landesübliche Mast". Die Holzschnitzerei wird fast ausschliestlich im Berner Oberland von Männern betrieben. Ihre Stundenlöhne bewegen sich zwischen 12>/z bis 53,6 Cts. Die zirka 12 000 Heimarbeiter der Uhrenindustrie kommen auf 13,4 bis 75 Cts. Die Musik- dosenmacher in St. Croix(Kanton Waadt) verdienen 11,03 bis 50,90 Cts., der Lohn wird teils in Waren bezahlt, teils in bar, aber nur auf Verlangen. Abgerechnet wird nur halbjährlich! Die Zigarrenindustrie zeigt Löhne von 3 bis 30 Cts., Bürstenbinderei von 14 bis 30 Cts., Korsett schneiderei 17 bis 17,3 CtS., Schirmmacherei 14,2 bis 30,4 CtS., Hanfspulen von 5,4 bis 45 Cts., Häkeln, Stricken und Kauschen 5 bis 48 Cts.(für Seidenfransen), Papiersäcke 18,7 bis 31,4 Cts., Bonbontüten 3 Cts., Gebetbücher 9,4 Cts.. wovon der fromme Kapitalist in dem frommen Einsiedeln noch 10 Proz. ohne jede Grundangabe zurückbehält. Das Elend der Hausindustrie in allen seinen Formen. Möge die Heimarbeitsausstellung die Selbsthilfe und Staatshilfe in Be- wcgung setzen, um hier Besserung zu schaffen. Hus Induftne und Ftandel Die Semmeln steigen im Preise. Im Laufe dieses Jahres haben die Semmelprcife eine erhebliche Verteuerung erfahren, sie stehen um nicht weniger als 14 Proz. über dem Stande vom Januar. 1 Kilogramm Weistbrot(Semmel) kostete nämlich im Durchschnitt von 55 deutschen Städten Mitte des Monats Mark: Januar Februar März. Brauchten im so kostet es jetzt 0,49 0,52 0,53 April.... 0.54 Mai.... 0,55 Juni.... 9,56 für das Kilo nur 49 Pf. gezahlt lverden, 56 Pf. Der Preisaufschlag bettägt also 7 Pf. in einem halben Jahre. Aaffallend ist die Steigerung in Potsdam, wo 1 Kilogramm Weistbrot im Januar mit 35, im Juni �anuar bereits Das„Hamburger Echo" hatte sogar die Generalerlaubnis zum Ab druck seiner Prosawerke. Bis ihn eines TageS die Militärbehörde zivang, sie zurückzuziehen. Man hatte, so wird im„Echo" erzählt, ein hochnotweinliches Verfahren gegen ihn eröffnet mit der Beschuldigung, dast er„für die sozialdemokratische Zeitung „Hamburger Echo" einen Artikel(sio!) Adjutantenritte ge- schrieben" hätte. Der hohe militärische Herr, der ihn ver- nahm, hielt dem Verstockten schwarz auf weih den„Artikel" im„Echo" triumphierend unter die Nase: Willst Du noch leugnen, Du Förderer deS Umsturzes? In Lilienzron kämpften helle Empörung und schreiende Lustigkeit. Was man ihm vorhielt, war die. MittagSschlacht", die als erstes Stück der Reihe unter dem Generaltitel„Adjutantenritte" im„Echo" abgedruckt war. Man hatte sich anscheinend nicht einmal die Mühe genommen, das oorpus delicti zu lesen. Der Titel, der Autorname und die Tat- fache, dast die Sache im sozialdemokratischen„Echo" stand, hatten der Militärbehörde genügt, um Liliencron, der nicht nur Deutschlands gröstter Lyriker, sondern auch Offizier a. D. war, in so ungeheuer- lichcr Weise zu belästigen. Es halfen ihm auch alle verständigen Dar- legungen nicht, dast es sich nicht um einen Artikel, sondern um eine vor vielen Jahren schon entstandene Geschichte handelte, daß er durch eine früher gegebene Generalerlaubnis geschäftlich gebunden sei usw. Man erklärte ihm: wenn er nicht dafür sorge, dast nie wieder von ihm in sozialdemokratischen Zeitungen etwas abgedruckt würde, so mühte er gewärtigen, dast ihm seine Osfizierspension und die 2000 M. jährlichen Gnadengehalts, die er vom Kaiser erhalte, entzogen würden. Liliencron konnte diese Einkünfte nicht entbehren. Er muhte sich fügen. Dast Liliencron grost von der Arbeiterbewegung und von den Kulturlcistungen unserer Presse gedacht hat, war bekannt. Man vcr- sieht es daher, dast Liliencron, der es mit großer Freude sah, wenn feine Werke durch unsere Presse in§ Volk getragen wurden, nach dem Gewährsmann des„Echo", diesen Schlag der Militärbehörde um so tiefer und schmerzlicher empfand. Wir aber fragen: Ist es nicht eine Schmach sondergleichen, dast dem Künstler der Weg zum Volke künstlich versperrt wird? Und ist eS nicht eine Ironie sondergleichen, dast die kapitalistische Presse jetzt einen Dichter feiert, dem sie den Erfolg seiner besten Jahre unter- schlagen hat? Musik. Am Sonnabend hörten wir in der Gura-Oper den „Othello" von G. Verdi, nachdem er ein paar Tage früher in einer der Direktion selbst noch nicht ganz geglückt erscheinenden Auf- ftthrung herausgebracht war. Man sieht nicht nur daraus, dast diese Direktion etwas auf sich hält. Sommertheater sind überhaupt Stätten eines die Mitwirkenden außergewöhnlich anstrengenden Fleißes. Verdi war in der Mitte seines Lebens, in den Jahren 1851 und 1853, durch seine so ganz„italienischen" Opern„Rigoletto",„Trou- badour",„Traviata" weltberühmt geworden. Zur Eröffnung deS Suezkanals 1871 kam seine äußerlich hochdrarnalische„Alda"; und aber mit 45 Pf. bezahlt wurde. Der Aufschlag bettägt fast 30 Proz. Noch schärfer ist der Semmelpreis in Branden- bürg a. H. hinaufgeschnellt: er stellte sich im Januar auf 40, im Juni aber auf 55 Pf. In Frankfurt a. O. ist die Preissteigerung nicht viel geringer. Exorbitant ist der Preisaufschlag in Stettin, wo 1 Kilogramm im Juni 75 Pf. kostete gegen nur 45 Pf. im Januar I In KöSlin ist der Preis von 33 auf 50 Pf. hinaufgegangen, also nicht viel geringer. Der Semmelpreis in Breslau stieg von 40 auf 50 Pf., in Erfurt von 48 auf 50 Pf. Mit einer außergewöhnlichen Steigerung ragt sodann Kiel hervor. Hier wurden im Januar für das Kilo Weistbrot 36 Pf. bezahlt; im Juni steht der Preis auf 02 Pf. Auch Hannover gehört zu den Städten mit ungewöhnlicher Preissteigerung: der SemmelpreiS notierte im Januar mit 35, im Juni mit 53 Pf. In Stade und Emden ist die Verteuerung ebenfalls enorm. Die Krise. Wegen schlechten Geschäftsganges sollen laut Vereinbarung im Verbände bayerischer Glasschleifer und Polierwerke vom 9. August ab sämtliche Fabriken auf vier Wochen geschlossen werden. Die Bergwerksdirektion Saarbrücken legt auf sämtlichen Gruben für Montag, 26. d. M., eine Feierschicht ein. Industrie und Presse. Die„Köln. Volksztg." schreibt in ihrer Nummer vom letzten Freitag:„Ein Blatt, das sich der Gunst der Verbände erfreuen und „Informationen" haben will, muh mit vollen Backen ihr Lob singen und durchaus verbandsfreundlich sein. Auf die verbandstüchttge Ge« sinnung kommt es in allererster Linie an, ist diese echt und über allen Zweifel erhaben, so darf sich das Blatt wohl auch gelegentlich mal einen Tadel erlauben. Dies hört der Verband zwar nicht gern, aber ein solches Blatt fällt bei ihm deswegen noch nicht in Ungnade, denn der Verband weist, dast er bei solchen ihm sonst ergebenen Zeitungen doch viel Schutz und alle Unterstützung findet. Als solche verbandstteue Blätter gelten z. B. die„Kölnische Zeittmg" und die „Rheinisch-westfälische Zeitung"." So ist's aber überall! Als lustiges Kuriosum mag bemerkt werden, dast das fromme„N. Münchener Tageblatt" sich furchtbar über das Ganlersche Buch aufgeregt hat, das in der Druckerei des —„N. Münchener Tageblatt" gedruckt worden ist. Moral, Geschäft und Presse passen oft recht eigentümlich zusammen. Gegen den Hansabund. Der 4000 Mitglieder umfassende Verband selbständiger deutscher Installateure und Klempner sowie der Kupferschmiede begann mit 600 Teilnehmern am Sonntag in Wiesbaden seine Hauptversamm- lung. Man sprach sich gegen den Beitritt zum Hansabund aus. Eruteanssichten in Amerika. Amerika steht, wie die„New D orker Handelsztg." schreibt, vor einer ungewöhnlich reichen Ernte, die nach den neuesten amtlichen Ermittelungen 3 000 000 000 Bushel Mais verspricht. Auch im übrigen lautet der neueste Regierungsbericht über den Stand der Ernte am 1. d. M. sehr günstig. Für die Körnerfrüchte stellen sich die ErnteauSstchten in Bushels wie folgt: Juli Ernte 1909 im Jahre 1908 Winterweizen. i.. 409 704 000 437 908 000 Frühjahrsweizen.. 253 796 000 226 694 000 Weizen insgesamt.. 663 500 000 664 604 000 Mais...... 3161 174 000 2 668 651000 Hafer...... 962 933 000 807 156 000 Roggen...... 31928000 31851000 Gerste...... 183 723 000 166 756 000 Für das ganze Land schätzt das Ackerbauamt die Vorräte auf nur 15 062 000 Bushel, während sich am 1. Juli der letzten Jahre in Händen der Farmer befanden: in 1908 33 794 000, in 1907 54 353 000 und in 1906 46 053 000 Busheis. Ueberlandzentralen. Immer neue Ueberlandzentralen iverden gegründet. Jetzt geht die ElektrizitätslieferungS- Aktiengesellschaft, die zum Konzern der A. E.-G. gehört, an die Herstellung eines solchen Werkes. Mit der Braunkohlen-A.-G. Herkules in Zittau-Hirschfelde hat sie einen großen Kohlenabnahmevertrag geschlossen. Es ist beabsichtigt, für 1387 und 1893 schenkte der nahezu 80jährige Greis der Welt noch zwei Vertonungen Shakespearescher Werke: den„Othello" und den „Falstaff". Den letzteren hat vor einigen Jahren die hiesige König- liche neueinstudiert. ES ist eine der eigentümlichsten Episoden der Musikgeschichte, dast ein an Verdienst überreicher Ehrengreis nach dem Vorbild eines weit größeren, Richard Wagners, eine neue Wandlung durchmacht. Beide zuletzt genannte Opern gelten als Wagner-Verdis. Tatsächlich interessieren sie nicht nur durch den in Sing- und Spielstimmcn auf- gebotenen Reichtum, sondern auch durch ein auffallend energisches Losgehen auf dramatische Kraft, auf gegensätzliche Wirkungen sowie durch eine besondere Kunst, zwei oder mehrere Dialoge gleichzeitig miteinander zu führen. Nur fühlen wir bald, dast hier doch mehr ein mächtiges Theaterblnt und Bühnentemperament wirkt, als der eigentliche dramatische Künstler, der aus ruhigerer Tiefe allmählich zum Sturm des Konfliktes und zur Steigerung seiner Gaben hinaufführt. Und außerdem schlägt durch all die„Wagnerei" etwas anderes durch, die erste Liebe, zu der auch der Komponist zurückkehrt— der alte Opernsang. Tritt man dann während des Zwischenaktes hinaus in den Krollschen Garten und hört ein Potpourri von alten Verdischen und ähnlichen Lcierarien wie z. B.„Ach wie so trügerisch sind Weiberherzcn": dann fragt man sich doch, ob nicht gerade die Unechtheit dieses Singsanges das Echte und die Echtheit jener Dramatik das Un» echte ist. WaS getan werden konnte, um das schwer Ueberzeugende glaub- Haft zu machen, haben H. G u r a und die Seinen getan. Er selbst sang den Intriganten Jago mit so reichem Aufgebot von Ausdrucks- färben, wie es vielen schöneren Stimmen nicht eigen ist. Die Be- setzung der Titelpartie durch Herrn P e n n a r i n i und der Desdemona durch Fräulein tz u m in e I stellte den richtigen Gegen- satz zwischen einem in gutem Sinne überkräftigen Tenor und einem zugleich weichen und starken Sopran nebeneinander. Der letztere klingt auch in tieferen Lagen soweit mächtig, daß zu reiner Vollendung nur wenig mehr fehlt. sz. Humor und Satire. Deutsch- Ferien. Stimme deine Leier, Barde I Sing: 0 tempora! 0 mores! Unser Reichstag ging zu Bett. Aber, soll das Reich bestehn, Eine halbe Milliarde Rauche Geistig Stinkadorss! Neuer Steuem ist komplett. Achter kosten jetzo zehn. Kaum verlohnt es sich zu leben. Einen Panzer einzusparen Wenn man nicht ein Junker ist. Für des Reiches Herrlichkeit, „Wer da hat, dem wird gegeben", Rat ich, Eisenbahn zu fahren Sagte schon Herr Jesus Christ. Dritter Klasse, möglichst weit! Lüstert's dich nach großen Taten, Treu den deutschen Idealen, Michel, ttinke fleißig Bier I Leiste freudig du Verzicht! Dann bezahlst du die Soldaten Für die Reichen zu bezahlen. Und ersparst dir ein Klistier. Ist des Armen heil'ge Pflicht. (Edgar Steiger im„Simplicisjimus"� Me Oberlaus�tz eine Ueverlandzentrare zu errichten. Es bestehen bereits mehrere solcher Uebcrlandwerke, die Vraunlohlenbergwerke und Kraftstation verbinden. Die Moorausbeutung erfolgt schon durch mehrere Betriebe dieser Art. Wieder ein neues Arbeits- und Profit- gebiet für die Elektroindustrie, was noch aus dem Grunde beachtenS- wert erscheint, als eS sich hier gleich um modernste Riesenbetriebe handelt._ Hvis der f rauenbewcgung» Fürsorgeerziehung. Zu diesem aktuellen Kapitel liefert die„Gleichheit' einen Bei hau in einem Artikel, in dem die Zwangserziehung, soweit sie weibliche Minderjährige betrifft, kritisch gewürdigt wird. Der Per- fasser nimmt dabei Bezug auf das Reglement des preußischen MädchenheimS zu Moritzburg bei Zeitz. „Dieses Mädchenheim ist eine Anstalt des ProvinzialverbandeS der Provinz Sachsen. Sie ist zur Aufnahme und Erziehung schul- entlassener minderjähriger Mädchen evangelischer Konfession be- stimmt, die dem Provinzialverband auf Grund des Gesetzes vom 2. Juli 1900 fpreußischeS Gesetz über die Fürsorgeerziehung Minderjähriger) überwiesen find. Die Anstalt hat die Aufgabe, die Zog- linge durch Zucht und Arbeit in sittlicher und religiöser Beziehung zu heben und zn fördern. Sie soll sie des weiteren zur Erleichterung ihres späteren Fortkommens mit den Kenntnissen und Fertigkeiten ausrüsten, welche für den Gesindedienst und für die selbständige tühnnig eines einfachen Hauswesens erforderlich sind. Die Be- andlung der Zöglinge sowie die Art und Weise ihrer Erziehung ist entsprechend der Eigenart deS einzelnen so einzurichten, wie es zur Erreichung der Anstaltsaufgabe nötig erscheint. An Festsetzung von Strafen fehlt es in dem erwähnten Reglement nicht. Wenn Belehrungen, Ermahnungen und Verwarnungen sich als unzu reichend erweisen sollten, um einzelne Zöglinge zu einem gesitteten Betragen und zur Verträglichkeit mit anderen Zöglingen anzuhalten, so tritt Disziplinarbestrafung ein/' Als Strafen sind vorgesehen: ») Verweis; b) Verlust von Freistunden, Ausschließung vom Spiel und vom Spazierengehen, Verbot der Unterhaltung mit den anderen Zöglingen? o) Versagung jeden Besuches und deS Briefschreibens vis zu sechs Monaten; ä) trocken Brot zum zweiten Frühstück und Vesper(gewöhnliche Portion) oder morgens, mit- tagS und abends nur die Hälfte oder Dreiviertel der gewöhn- lichen Portion der warmen Kost bis auf die Dauer einer Woche einen um den anderen Tag, sofern der Arzt, dem von der beabsichtigten Bestrafung Kenntnis zu geben ist, dies für zu- lässig erklärt, oder beide Schmälerungen zusammen? o) Em- sperrung mit Beschäftigung in einer Einzelzelle, für Zöglinge unter 16 Jahren bis zu zwei Tagen? für Zöglinge über 16 Jahren, je- doch unter 18 Jahren bis zu sieben und für solche über 13 Jahren bis zn vierzehn Tagen. Die Arreststrafe kann durch die Kost- schmälerung unter Ziffer d noch verschärft werden, sofern der Arzt dies für zulässig erachtet. Bei Einsperrung über einen Tag ist den Zöglingen an jedem Tage eine Stunde Bewegung in freier gen oen ällerdringendsten Fällen und nur in Geaenwart der Oberin oder ihrer Vertreterin vorzunehmen. Sie erfolgen mittels RohrstockeS von nicht mehr als einem Zentimeter Durchmesser; höchstens zehn Hiebe, die auf den Rücken versetzt werden. Bei den körperlich kranken oder schwächlichen Zöglingen ist vor Verhängung dieser Strafe der Anstaltsarzt zn hören. Die Verabreichung von Ohr- feigen. Ziehen am Ohr, Stoßen unter das Kinn und dergleichen ist nicht gestattet. Die Disziplinarstrafen werden nach Anhörung der Zöglinge von dem Vorsteher der Anstalt verhängt. Hat ein Zögling sich einer Haiidlung schuldig gemacht, welche der An- Wendung der allgemeinen Strafgesetze unterliegt, so ist dem Landeshauptmann Anzeige zu erstatten. Im übrigen wird darauf Bedacht zu nehmen sein, von dem Strafmittel der Kostschmalerung nur vorsichtig Gebrauch zu machen, damit eine Schädigung des in der Entwickelung begriffene» jugendlichen Körpers des Zöglings vermieden wird. Die Prügelstrafe kann also sogar über körperlich fxanke oder schwächliche Zöglinge verhängt werden. Die Beförderung der Briefe, für die Zöglinge und die. die von ihnen geschrieben werden, vermittelt der Anstaltsvorsteher, der wie in den Gefängnissen und Zuchthäusern Einsicht in die Briefe nimmt. Das genügt, um zu der- hindern, daß aus der Anstalt ungünstige Nachrichten den Weg in die Oeffentlichkeit finden. Dieses System ermöglicht auch Zustände, wie wir sie in diesen Tagen aus der FürsorgeerziehungSanstalt in Mielczhn mitteilten. Die Fürsorgeerziehung bedarf einer schnellen, gründlichen Reform._ Gmcbta- Zeitung. ___________-v Eine Entführungsgeschichte beschäftigte gestern die 7. Ferienstrafkammer des Landgerichts I. Angeklagt wegen Entführung einer Minderjährigen war der Buch. drucker Jacob Meinfeld.— Der Angeklagte hatte Anfangs Mai d. I. die erst ISjährige Else K. kennen gelernt. DaS Mädchen trat schon nach kurzer Bekanntschaft zu dem Angeklagten in nähere Beziehungen. Als die Eltern dahinter kamen, wurde das„zarte Verhältnis" auf einige Zeit gestört. Der Angeklagte soll nun, wie die Anklage behauptet, trotzdem sich weiterhin mit dem früh- reifen Mädchen in Verbindung gesetzt und sie schließlich überredet haben, das Elternhaus zu verlassen. Eines schönen TageS war die K. spurlos verschwunden. Die Polizei wurde sofort benach- richtigt. die nach langem Herumfragen feststellen konnte, daß das ungleiche Pärchen in einem hiesigen Hotel logierte. Die K. wurde ihren Eltern wieder zugeführt. Das Gericht verurteilte den An- geklagten dem Antrage des Staatsanwalts gemäß zu 1 Monat Gemfängnis.' ist den Zogmigen an ieoem xrage eine Stunde Bewegung m frei Luft zu gewähren; jedoch sind sie dabei von anderen Zögling« getrennt zu halten, f) Körperliche Züchtigungen sind nur in d Ueber die Heranziehung zum Geschworenen- und Schöffenamt herrschen bielfach unklare Auffassungen. In Rücksicht darauf, daß laut Bekanntmachung, gerade in den jetzigen Tagen die von den Gemeinden aufgestellten Urlisten der Personen, die zum Ge schworenen- und'Schöffenamt berufen werden können, öffentlich ausliegcn und nur in diesem Zeitraum gegen die Heranziehung zu einem solchen Amt Einspruch erhoben werden kann, dürfte die Mitteilung der einschlägigen Bestimmungen von Interesse sein. Gegen die Urliste ist nur innerhalb einer bestimmten Frist Ein spruch zu erheben, Gesuche um Befreiung von den Aemtern sind in dieser Zeit einzureichen. Die Urliste für die Auswahl der Schöffen dient zugleich als Urliste für die Auswahl der Ge schworenen. Die Gemeinden senden die Urliste nebst den erhobenen Einsprüchen und den ihnen erforderlich erscheinenden merkungen an das Amtsgericht des Bezirks. Der alljährlich beim Amtsgericht für die Wahl der Schöffen zusammentretende Ausschuß hat gleichzeitig diejenigen Personen aus der Urliste auszuwählen, welche er zu Geschworenen für das nächste Geschäftsjahr vor schlägt. Die Vorschläge sind nach dem dreifasten Betrage der auf den Amtsgerichtsbezirr verteilten Zahl der Geschworenen zu be� messen. Die Namen der zu Geschworenen vorgeschlagenen Per- sonen werden in eine sogenannte Vorschlagsliste aufgenommen. Diese wird nebst den Einsprachen dem Präsidenten des Landgerichts übersendet. In einer Präsidialsitzung des Landgerichts wird dann endgültig über die Einsprachen entschieden und werden aus der Vorschlagsliste die für dos Schwurgericht bestimmte Zahl von Hauptgeschworenen und Hilfsgcschworenen gewählt. Die Namen der Haupt- und Hilfsgeschworenen werden in gesonderte Jahres- listen aufgenommen. Einige Zeit vor Beginn der Sitzungen des Schwurgerichts werden dann in einer Sitzung des Landgerichts 30 Hauptgeschworene ausgelost. Auf Geschworene, welche in einer früheren Sitzungsperiode desselben Geschäftsjahres ihre Ver« pflichtung erfüllt haben, erstreckt die Auslosung sich nur dann, wenn dies von ihnen beantragt wird. Der Ausschuß des Amts- aerichts entscheidet über die gegen die Urliste der Schöffen er- hobenen Einsprachen und wählt aus der berichtigten Urliste für die Jahrcsliste die erforderliche Zahl von Schöffen und Hilfs- schössen. Die Wahl ist auf Personen zu richten, welche am Sitze des Amtsgerichts oder in dessen nächster Umgebung wohnen. Die Landesjustizverwaltung bestimmt die erforderliche Zahl von Ge- schworenen und Schöffen. Die Schöffen sollen in der Regel höchstens zu 5 ordentlichen Sitzungstagen im Jahre herangezogen werden. Die Geschworenen- und Schöffenämter sind Ehrenämter und können nur von einem Deutschen versehen werden. Unfähig zu diesem Amt sind: Personen, welche die Befähigung infolge strafgerichtlicher Verurteilung verloren haben; Personen, gegen welche das Hauptverfahren wegen eines Verbrechens oder Ver- gehenS eröffnet ist, das die Aberkennung der bürgerlichen Ehren- rechte oder der Fähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Aemter zur Folge haben kann; Personen, welche infolge gerichtlicher Anord. nung in der Verfügung über ihr Vermögen beschränkt sind. Zu dem Amt sollen nicht berufen werden: Personen, welche da» 30. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, welche den Wohnsitz in der Gemeinde noch nicht 2 volle Jahre haben, die für sich oder ihre Familie Armenunterstützung auS öffentlichen Mitteln empfangen oder in den drei letzten Jahren empfangen haben, solche, die wegen geistiger oder körperlicher Gebrechen dazu nicht geeignet sind und Dienstboten. Ferner: Reichsbeamte, Staatsbeamte, richterliche Beamte, Beamte der Staatsanwaltschaft, Vollstreckungsbeamte, Religionsdiener, Volksschullchrer und aktive Militärpersonen. Die Berufung zu diesem Amt dürfen ablehnen: Mitglieder einer beut- schen gesetzgebenden Versammlung; Personen, welche im letzten Geschäftsjahr Geschworener waren oder an 5 Sitzungstagen als Schöffe fungierten; Aerzte; Apotheker, welche keinen Gehilfen haben und ferner Personen, welche glaubhaft machen, daß sie den mit der Ausübung des Amtes verbundenen Aufwand nicht zu tragen ver- mögen._ Tanzen ist staatSgefährlich. Bei einer Vereinsfestlichkeit im Lokal des Gastwirts Rücker in Stettin, die am 1. Weihnachtstage stattfand, wurde nach Mitter- nacht getanzt. Das Landgericht Stettin verurteilte R. deshalb wegen Uebertretung der Polizeiverordnung vom 9. Dezember 1895 zu einer Geldstrafe. Die Verordnung verbietet Tanzlustbarkeiten, auch solche geschlossener Gesellschaften, in öffentlichen Lokalen an den ersten Feiertagen der drei großen Feste und bestimmt, daß am zweiten Feiertage nicht vor 3 Uhr nachmittags mit dem Tanze be- gönnen wevden dürfe.— Das Kammergericht verwarf die von R. eingelegte Revision. Die Vorschriften seien rechtsgültig zum Schutze der äußeren Heilighaltung der Sonn- und Feiertage er- lassen. Ihre Stütze sei die KabinettSorder vom 7. Februar 1837. ür Lustbarkeiten, die im allgemeinen geeignet seien, zu einer 'torung der äußeren Heiliahaltung der Sonn- und Feiertage zu 'ren, könnten derartige Vorschriften erlassen werden. Ob im füh kllN! önkreten Falle wirklich eine Störung vorgekommen sei oder nicht, wäre für die Anwendung ohne Belang. Die Verurteilung des Angeklagten fei auch gerechtfertigt. Zwar handele e? sich nicht um eine Tanzlustbarkeit am ersten Feiertage, da erst in der ersten Morgenstunde deS zweiten Feiertags damit begonnen worden sei. Auf diesen Tatbestand sei aber mit Recht die Vorschrift angewendet worden, wonach an den zweiten Feiertagen Tanzlustbarkeiten vor 3 Uhr nachmittags nicht beginnen dürfen. Eigenartig, daß daS Tanzen in öffentlichen Lokalen staats- gefährlich sei, aber das Tanzen in großen Privatwohnungen die äußere Heilighaltung an Feiertagen nicht gefährdet. Eigenartig? Keineswegs: Arbeiter haben ja keine großen Privatwohnungen. Die Religion soll also nur den Arbeitern erhalten bleiben,"Ä». Versammlungen. Der Zentralverband der Brauereiarbeiter hatte den Verbandsvorsitzenden Martin Etzel zu einem Vortrage eingeladen, in dem die Lehren des Mainzer Kampfes für die bevorstehende Lohnbewegung?n Berlin behandelt werben sollten. Der Vortrag stand als erster Punkt auf der Tagesordnung in einer allgemeinen Mitgliederversammlung, die am Sonntagnachmittag im großen Saale des Gewerkschaftshauses stattfand. Etzel schilderte die großen Schwierigkeiten, unter welchen der Kampf in Mainz aufgenommen werden mußte. Die Unternehmer traten im Gefühle ihrer Stärke sehr rücksichtslos auf; ihnen standen die„Bundesgesellen" zur Verfügung. Am schlimmsten aber wäre die Zersplitterung in den Reihen der freiorganisierten Arbeiter ge- Wesen, die in den Brauereien nach Berufen organisiert waren; de- sonders unter dem Fahrpersonal bestand viel Uneinigkeit. Am 6. Mai wurde der Streik in Mainz erklärt, und gleich in der ersten Versammlung habe sich ein erschreckendes Bild der Zersplitterung in den eigenen Reihen gezeigt. Der Redner hob den Wert der Einheitsorganisation in den Brauereien stark hervor. In Mainz hätte der Brauereiarbeiterverband den Kampf allein zu führen und alle Kosten zu tragen gehabt. Der Kamps wurde siegreich zu Ende geführt und für alle in den Brauereien beschäftigten Arbeiter wurden Vorteile erzielt. Etzel kritisierte den jüngst abgeschlossenen Kartellvertrag unter den Berufsverbänden in Berlin, soweit ihre Mitglieder in Brauereien beschäftigt sind; er meinte, dieses Kartell bedeute einen zweiten Brauereiarbeiterverband für Berlin. Dem Beschluß des Gewerkschaftskongresses sei in dieser Beziehung nicht Rechnung getragen. Der Brauereiarbeiterverband sei durch- aus berechtigt und er habe sogar die Pflicht, alle in den Brauereien beschäftigten Personen als Mitglieder zu gewinnen. Der Mainzer Kampf habe deutlich die Notwendigkeit der Einheitsorganisation in Brauereien erwiesen.(Beifall.) Nach einer kurzen Diskussion gab der Vorsitzende H o d a p p den Geschäftsbericht für das 2. Quartal 1909. Der Verband hielt 2 gemeinsame und 3 Gruppenversammlungen ab. 6 Sitzungen der Ortsverwaltung und 134 Betriebsbesprechungen mit eventuellen Verhandlungen fanden statt. Eine Verhandlung, die mit der Span- dauer Berg-Brauerei geführt wurde, ist von besonderem Interesse für alle Flaschenbierfahrer. Em Fahrer hatte die tarif- mäßige Erhöhung von 3 M. bisher nicht erhalten und die Brauerei zahlte den Betrag(für 193 Wochen je 3 M.) nachträglich auf Ver- langen des Verbandes aus. Drei Lohnbewegungen, die eine ohne Streik, die zwei anberen mit Streik, wurden im Laufe des Quer- tals geführt und zugunsten der Arbeiter erledigt. Vor dem Ein:- gungsamt fanden drei Verhandlungen statt, die ebenfalls in einer zufriedenstellenden Weise zur Erledigung kamen. In der Diskussion über den Bericht brachten einige Mitglieder Beschwerden vor. die aber vom Vorsitzenden als unbegründet zurück- gewiesen wurden. Der Kassierer Kastner erstattete den Kassenbericht für daS 2. Quartal des laufenden Jahres. Danach bilanzierten Einnahmen und Ausgaben der H a u p t k a s s e mit 22 043,73 M. Unter den Ausgaben stehen verzeichnet für Krankenunterstützung 4818 M., für die Einnahmen im 2. Quartal 2028,65 M. An Kassenbestand wa am Schlüsse des 1. Quartals die Summe von 88 444,86 M. vor- handen. Die Ausgaben betrugen im 2. Quartal 2814,71 M Der Kassenbestand ist somit 37 653,80 M. Der Mitgliederbestand betrug am Schlüsse deS vorigen Quar- tals 3888(darunter 10 Arbeiterinnen); es traten im Laufe des Quartals 237 Personen(darunter 3 weibliche) dem Verbände als neue Mitglieder bei; von anderen Verbänden traten 25 Mitglieder zum Brauereiarbeiterverbande über. Vier Mitglieder traten aus. gestrichen wurden 156, es reisten ab 6, es starben 7. Der Mitgliederbestand war am Schlüsse des Quartals 3975(darunter 7 weibliche), hat sich also um 87 seit dem letzten Quartal erhöht. WitterungSüberstcht vom 86. Juli ISvS. morgen« 8 Uhr. ff tlitlpum Twtnemv». erltn antJ.a.Sl. tn Wien i? '? 752 SW 752@<8 754 WSW 757 SW 61» 758 W Wetter 4 6(tIB Bd. 4 Bedeckt 5 heiter Bwolkig 3 Regen 2 wolkenl tim äH 1*4 mS> ktatlonen Ii | öS a 5 Havaranda PererSBurg Sctllh Werde» Parts -ass Ii «I 753 S 755 SW 756 W 744 NRW 75g SSW I 8 Wetterprognose für Dienstag, den 87. Jali 1909. Ein wenig kühler. vlelsach heiter. aBer noch veränderlich ml' ilnzehnn Regenschauem und ziemlich fvilchen westlichen Winden. Lerliner WetterBurea» WaflerstandS-Nachrichten der Landes anstatt sür Wewästerlunde. mltgeleill vom Berliner WetterBureau. Wasserstand N- m e l. Tilfit V r e g« l, JnfterBmg Weichsel, Schorn Oder, Ratibor , Krosse» . Franksurt Wa r t h e. Schrimm , LandSberg Netz«, Vordamm E I B e, Leitmeritz , TreSdea , varBy . Magdeburg am j seit 25. 7/24. 7. cm ora l) -16 194 184 269 281 114 50 -18 10 —76 199 170 +4 —18 —13 — 5 +8 —2 -1-3 —3 —25 —2 —27 -22 Wasserstand 5 a ale, Grochkitz Havel, Spandau') , Rathenow') Spree, Spremberg') , Leestow Weser, Münden , Minden Rhein, MaximManSau , Kaub Köln Neckar, Heilbronn Main, Wertheim M o I« l, Trier i) 4. bedeutet Wuchs.— Fall.—•) Unterpegel. Wer eine wirklich gute Pfeile rauchen will, der wühle unter den apitän« Rauchtabaken die von hervorragendster Qualität Mischungen und P: in 'roisli, den meisten' in den verschiedensten en(in Päckchen von 10 Pf. bis Sigorrengesoh&ften in haben sind. 1,50 M.) Spezialität: Peiner Ooldshag in roten Duten. Han achte Jedoch genau anf das ges. gesell. Wort „Kapitän". 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Stuhloerstopsmg, Kopfschmerzen, grosse Nervenschwäche, grosse Blutarmut und Geschwülste in den Gelenken! ich habe nie gedacht, datz ich jemals Wied« gesund werden würde. Und doch, wie schnell kam meine Gesundheit wieder.'—.Ich Bin entzuckt über den raschen, ausgezeichneten Erfolg, den ich erzielt; habe ich doch nach kurzer Zeit einen herrlichen Appetit erhalten,\ alle lästigen Magenbeschwerden sind verschwunden, und die alle Tatkraft lahmend« Schwäche nimmt immer mehr ab.'—.Der Lamscheider Stahlbrunnen hat mir meine Kraft und meinen Mut wiedergegeben."—— Trink» kuren im Hause warm empfohlen Bei Blutarmut, Bleich- sucht, versch. Arien von Frauenkrankheiten. Magen- und Darmleiden, Nervenkrankheiten, blutarmen Zuständen, bei standenen erschöpfenden Infektionskrankheiten wie Influenza ie. Broschüren tostenloS durch: Lamscheiher Stahlbrunnen tu Düsseldorj 8. 164. Höchste Anerkennung finden bei allen Rauchern Manoli Cigaretten Spezialtnarken: Dandy* Fix* Chic* Gibfon Girl. 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Sonnabend: Othello. Sonnt.: lohengrin. Montag; Tannh. Kene« Operetten-Theater, Schissbauerdamm 25, a. d. Luisenttr. Ansang 8 Ubr: VI« SpruckelTee. Operette in 8 Akten v. H. Reinhardt. fsiöllslett-WilltglmtzlitiZlittös LüliZtiZpielliZuz. Dienstag, 27. Juli, abends 8 Uhr: Gastspiel A. Beckmann; . Der Troubadour. Mittwoch: Undlne. Donnerstag: Nachtlager von Grenada. s Freitag: Oberon, König der Elten. Lustspielhaus. Abends 8 Uhr: familie Schimek. WWMstMIM s Anfang 8 Uhr. Ende lO'l, Uhr. Auf der Earlenöllhne Ansang 4>/, Uhr. U.a.: Bau dldel liau I Gr. Pantomime. Paul Qoradlni. kpezialttäte«. keiedLiisiien-Idesler. Heute: Gastspiel Winter- Tyraian mit seiner berühmt. Herrengesellschast. Anf. wochent. 8 Uhr Sonntags 7 Uhr. den t August: Wiederbeginn der Soireen der kiteuinet. HUnger. Urania. WisBenechaftliches Theater. Taubenstraße 48/49. Abends 8 Uhr: Rom ond die Campagna. z aOlbCiSCHüT Täglich: I Grolles Militär-Doppel-Konzert. Eintr. 1 31., v. abends 6 Uhr ab | 50 Pf., Kind, n. 10 Jahr, d. Hälft 1 Passage- liebend! IDie letzten weilebeD lesen vom Stamme der Bzteken! die schwebende Jungfrau. Ganz Berlin zerbricht sich den Kopf über««»oJi Altes ohne Exira-Entree. Passage-Theater. Das sensationelle Eriiis-PresräÄ WUll Präger. The Babys. 5 Klite Hyan.! 12 Attraktionen, j Passage«Theater. Die nene Kimstlerhar. j Eine Sehenswürdigkeit vis ol» Zehntausend. Amorik. Operette v. JuL Freund. Musik v. Gust. Kerker. In Szene gesetzt von vir. Rieh. Sohnita. Tänze von Mr. Bishop. Anf. 8 Uhr. Rauchen gestattet. IMheafer Moabit. Ilt-Mo.ob.lt 47/48. Täglich. jezialitäten und ater• Vorstellung. Vor-stellung wochentags 7 Ubr t ö Uhr. Sonnt. 6 bezw. 5 Uhr! Gartencröffnung 3 Uhr. n Montag Elitctag, Spezia. , und Soiree der.Lustige« Regenwetter Vorstellung Theater-Saot im UM- Petzte Woche t"VI „ta W in ihrem Phantasie-Tan» „Der Wellen Geist" sowie das vom Publikum und Presse glänzend beurteilte Juli« Programm I Reservierter Platz 2 M., Entree I M. (einschl. Programm u. Garderobe.) Saison-Schiaß: Sonnabend, 81. Jall IßOO ___> lietzte Woche. 9.50 Zum 08. Male: 0.50 Hartstein E�rBr. Vorher: JeflO Paul. Ms lustigen Zeeher. Die 0 Yankee Doodle Girls. 10.30 10.30 Schüncnfeftzng in Hamburg. Premiere mit Anion und Donat Herrnfeld. raiMTPf �frtle-Th�eier I Weinbergeweg i9-20, Rosenth.Tor. ilnsang 8 Uhr. Im Theater s Die grandiosen Spezialitäten. Im Garten: Freikonzort. Vor der spanischen Arena. 'er. I in.| ü ilolksgarten- Theater früher WrimannS Bolksgarten. Dienstag, den 27. Juli: Benefiz für den Regisseur Otto Rlcktor, Ausgewiesen. Soziales Drama in 4 Akten. ' KSn Igstadt- Ii a«no. Holzmarnjlr.72(Ecke Alexandcrstr.) 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Juli im Alter von/ 53 Jahren verstorben ist. 163/3> Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am s Dienstag, den 27. Juli, nach» mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle aus dem Friedhofe ins FriedrichSselde aus statt. 103/3[ Die Ortsverwaltung. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß mein lieber Mann, der Schneider(24/7 Robert Frank am 24. Juli sanft entschlafen ist. Die Beerdigung findet am 27. Juli, nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des Zentral- Friedhofs in FriedrichSselde aus 'um stille« Beileid bitten Bio trauernde Witwe Anna Frank und IVlchte. SoziddemoMcLtfiiyereiii dos Todes- Anzeige. Am 23. Juli verstarb unser Mit- glied, der Zigarrenmacher Franz Ihde Beusselstr. 67. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute i Dienstag, den 27. Juli, nach. mittags 5>/, Uhr. von der Leichen. Halle des Heilands- KirchholeS, i Plötzensee, aus statt. Um rege Betelligung ersucht 229/9 Der Vorstand. GGMemolmMerVMMi des 6. Berl. RÄtags-WÄelses.l Todes- Anzeige. Am 23. Juli verstarb unser Mit- 1 glied, der Gastwirt �osvph Klinke! Zwinglistr. 12. Ehre feinem Andenken k Die Beerdigung findet heute j Dienstag, den 27. Juli, aus dem i katholischen Kirchhof in Neinicken-( dors statt. Um rege Betelligung ersucht Der Vorstand. Deutscher iMetallarbeiter-VerbaDd Verwaltungsstelle Berlin. Todes-Anzelge. Den Kollegen zur Nachricht,' daß unser Mitglied, der Schrauben- l dreh« Michael Becker an Herzleiden gestorben ist. Ehre seinem Andenken I Die Beerdigung findet hmte Dienstag, dm 27. Juli, nach- mittags 6 Uhr, von der Leichen- Halle de« Pius» Kirchhofes in WilhelmSberg aus statt. Rege Betelligung erwartet. 126/15 Die Ortsverwaltung. Am Sonntag, dm 25. Juli ct., nachmittags 41/« Uhr, verstarb nach langen, schweren Leiden mein innlgstgeliebter Mann, unser für- sorglich« Bater und Schwieg«- vat«, der frühere Steindrucker, jetzige Kassenbeamte Rudolf Kunkel im 55. Lebensjahre. Die» zeigen ttesbetrübt, um stille Tellnahme bittend, hierdurch an Die trauernden Hinterbliebenen. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 28. Juli, abends 6 Uhr, von d« Leichenhalle der Freireligiösen Gemeinde, Pappel- Allee, aus statt. 696b Danksagung. Für die herzliche Tellnahme bei der Beerdigung meines lieben Manne» 'agen wir allen Verwandtm und Le- kannten uns«m herzlichsten Dank. Miwe Mathilde Weimann Bebst Tochter. 18102 Verband der Hausansestellten. Mittwoch, den 28. Juli, abends 9 Uhr, in den„SPichern-SSlen«, Spichern strafte S: Crr. Dienstboten- Versammiimg Redakteur Paul John spricht über: „Wo bleiben die Dienstboten während der Reisezeit?« Genossen und Genossinnen! Macht alle Dienstboten auf diese Ver- fammlung aufmerksam,_ 286/18_ Der Vorstand. Mierii Zahlstelle Berlin. ItCitglieder- Versammlungen: öbelpoliepep. Dienstag/, den 27. Juli, abends 8 Uhr: im Gewerbschaftshause, Engeluser 15, Saal 8: Branehcn-Verfaitimlungo Tagesordnung: 1. Beratung der von der gewählten Kommission gestellten Anträge betreffend Aenderung der Arbeitsvermittelung aus dem paritätischen Arbeitsnachweis. 2. Diskussion. 3. Verbands- und Branchenangelegenheiten. Die arbeitslosen Kollegen werden ersucht, an dieser Versammlung teilzunehmen. 87/9_ Die Branchenkommission. Sörsten- und?itiselmaeher. Mittwoch, den 28. Juli, abends 8 Uhr, bei PreuS, Holzmarktstr. 65. JaIousie=Arbeiter Mittwoch, den 28. Juli, abends 8 Uhr, bei Boeber, Weberstr. 17. Bodenleser. Mittwoch, den 28. Juli, abendS 8 Uhr, im Ge-�rbschaltshanso, Engelufer 14/15, Saal 7. Perlmutt-, Horn- n. Steinnußartieiter Mittwoch, den 28. Juli, abends 6 Uhr /gleich nach Feierabend) im Gewerbsehaltshause, Engelufer 14/15, Saal 6. Deutscher HJetallarbsiter-Verband. ss Vcrwaltnngsstelle Berlin.— Arbeitsnachweis: Hos I. Amt III, 123?. Charitdftrafte S. Hauptbureau: Hos HI. Amt iii, 19S7. Aebtong! Schlosser! ledliwg! Mittwoch, den 28. In» 1999, abends 8 Uhr: Allgemeine Versammlung der Schlosser Berlins und Umgegend im Palast-Theater(früher Feen-Palast), Burgstraße 24, vis-a-vis der Börse. TageS-Ordnung: 1. Bericht über die letzten Verhandlungen mit den Arbeitgebem. 2. Diskussion. ßflü&S* Die Vertrauensleute der Schlosser werden ersucht, um 9 Uhr in dem Versammlungslokal anwesend zu sei». Mittwoch, den 28. Juli 1909, abends Uhr: Branchen-Versammlung der Graveure nnd Ziseleure im„Dresdener Garten", Dresdenerstr. 45. TageS-Ordnung: 1. Vortrag. 2. Diskussion und Verbandsangelegenheiten. _ Zahlreichen Besuch erwartet_ 120/13_ Die Ortsverwaltnng. Orts-Krankenkasse der Heehaniker, Optiker und vrrw. Gewerbe zu Berlin. Die von der Generalversanunlunz am 25. Mai 1903 beschlossen- tS. Ab- änderung zum Kaffenstatut betreffend die Erhöhung der Beiträge aus 4 Proz. des durchschnittlichen Tage- lobnS ist vom Bezirksausschuß ge> nehmigt und tritt am 2. August d. I. in Straft. Von diesem Tage ab be- tragen die Wochenbeiträge für die Mitglieder der 1. Stlaffe 96 Ps. ...-. " 4' 45' :::: S': 24: Druckexemplare dieser Abänderung sind im Staffeulokal abzuheben. Berlin, den 27. Juli 1308. 276/15 Der Vorstand. i Knicd-Poilniglm Empfiehlt seiaLager in Bruch- bandagen, Leibbinden, Ge- radeiialtern, Spritzen, Suspensorien sowie sämtliche Artikel zur Krankenpflege. Eigene Werkstatt. Lieferant für Orts- und Hiiss-Krankenkassen. Beelin V.,' seht liOthringer Straße OO. Alle Bruchbänder mit elastischen Pe- loten, angenehm u. weich am Körper. 4* Hygienische - BedmsaraKei. wouoBt.i\.ataiog ID. Empfehl.Tiei- Aerzte u.Prol grat. uüj B. Unser, Gnmniwarenlabrft Gorlio HW.. Friqdrichatraaae 91/91 Deutscher Tabakarbeiter-Verband - Zahlstelle Berlin.- Mittwoch, den 28. Juli, abends S'/a Uhr, bei Fritz Witte, Brnnnenstrafte 188 lNähe Rosentaler Tor): Mitglieder-Versammlung TageS-Ordnung: 1 Abrechnung vom zweiten Quartal 1999. 2. Tarifverträge. Referent: Arbeitersekretär Genoffe B. Brückner. 3. Bericht der Delegierten über die am 27. Juni in Berlin statt- gefundene Gaukonferenz. 4. Oertliche Verbandsangelegenheite». Kollegen und Kolleginnen I Erscheint in der sür Euch so hochwichtigen Versammlung in Massen. 187/11 Die OrtSverwaltung. I. A.: Sallh Rosenthal Steinarbeiter! Mittwoch, den 28. Juli, abendS 8 Uhr, im„Englischen Garten", Alcxanderstraße 27 c: IMimerte Mitglieder-Versammlung. TageS-Ordnung: 1. Rückblick aus daS vergangene und Ausblick auf daS begonnen« Jahrzehnt Referent: Kollege Hugo fValther, Leipzig. 2. Dis. fufsion. 3. Gewerkschaftliches. Kolltgeu beider Sektioneu! w- g«t«««esuch: Mit diesem Tage wird auch die Ablieferungsfrist der statistischen Fragebogen beendet. 172/1 Die Ortsverwaltnng. Jedes Wort 10 Pfennig. �■■ s»» fi ANZEIGEN Das er»(e Wort(fettgedruckt) 20 Plg. Stellengesuche> Iä B Q BD*9 R«ür die nächste Nummer werden in den Annahme- und Schlafstellen-Anzeigen S Pfo-! das erste Wort B g§» H ET H C■ gl*»W AT f g B W F■ W 1 D stellen fQr Berlin bis I Uhr, für die Vororte bis (fettgedruckt) 10 Pfg. Worte mit mehr als 15 Buchstaben B■ Vk H\~a B I I �-ff R I An. B B I R 12 Uhr, in der Haupt-Expedition, Lindenstrasse«9, zählen doppelt R■ �■■■ rnor M B B■ Irsni a"■ B_ bis 5 Uhr angenommen._ Verkäufe. Borwärtslefer erhalten 5 Prozent Extrarabatt selbst bei nachstehend aus- ' genbeitskäusen.�TepPich- ' nitro homaS, Oranienstrage 160, Oranien- platz._ 2153St* Teppiche, sarbsehlerhaste, spott- billig.__ Schülerplaids, grober Posten unter Preis. Gardinen, Store«, Muster« -xemplare. für halben Werl für Schlafdecken, halben Wert. ein Posten, Steppdecken, Musterstücke, spolt- billig._ Borwärtslefer, beachtet Bor« stehende 6 Anzeigen._ Taschenbuch für Gartenfreunde. 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Holzarbeiter Wegen Streik und Differenzen stnd gesperrt: sür Tischler, Polierer und Ma- schiuenarbeiter cäserei Schendler, Blumenstrafte. /Irma Staats, Oberbaumstr. 5. Sämtliche Betriebe in den Orten Rathenow, Fürstenwalbe.Mns- kau, Segeberg(Holstein) und Magdeburg. Gleichzeitig ersuchen wir die Kollegen aller Branchen der Holz» induftrie da« Bermittelungsburcau Blankenfeldeftr. 4 und Amster- damerstrasze 3 streng zu meiden. Für Einsetzer: die Bauten Lenbachstr. 10, Kor- «eliusftraste 30 tn Lankwitz und Windscheidtftr. 08 und in Charlottenbt-rg. Für Stellmacher: Berliner Motorwagenfavrik in Reinickendorf. _ Die Ortsverwaltung. iesehaftsfuhrer für größeres GewerkfchastShauS zum 1. September gesucht. Nur energische, umsichtige Genoffen, welche mit der Buchführung vertraut sind, wollen Offerten bis zum 7. August mit Angabe ihrer GehaltSansprüche unter 0. 3 an die Expedition dieses Blattes senden. 107/2, Lerantwortl. Redakteur: Wilhelm Düwell. Lichtenberg. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. VerlagSanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW. ii,. 172. ZK. mm. 2. Deilllze des Lomliris" Knlilltt VollisdlM. � N-?«'! lW. Die LemetoMHIeAn liegen nur noch bis zm 30. Juli aus. Der flog über den flermellsanat. Den Aermelkanal mit einer Flugmaschine zu überfliegen, ist schon seit langem ein Ziel der Flugtechniker. Kürzlich hat der französische Aviatiker Laham daS Experiment gewagt, kam aber nicht weit, jetzt ist seinem Spezialkollegen Blöriot der Flug gelungen. Ueber dieses Ereignis wird berichtet: Dover, 25. Juli. Heute früh machte Blöriot einen Probeflug von 10 Minuten Dauer und trat dann um 4 Uhr 30 Minuten von Baraque bei Calais den Flug nach Dover an. Der Morgen war klar mit hellem Sonnenschein und es wehte ein frischer Südwestwind. Der französische Torpedozerstörer „Escopette", der den Flug begleiten sollte, war vorsichts- halber etwas früher von Calais abgefahren, um bei einem Unfälle sofort zur Stelle zu sein. In wundervollem Schwung erhob sich Blöriot zu einer Höhe von elloa 40 Metern und in stetigem Fluge kreuzte er den Kanal. Der Monoplan kam in East Cliff bei Dover fast zur selben Zeit in Sicht, wie die Nachricht von dem gelungenen Start anlangte. Blöriot flog hier etwa 200 Meter über der Meeres- oberfläche. Er legte die Wasserstrecke in 23 Minuten zurück. Sein Freund Fontaine hatte sich mit einer großen Trikolore an dem vorher auserwählten Landungsplatze hinter dem Schlosse aufgestellt, Nachdem der Flieger die Küstenwachtstation passiert hatte, begann er den Abstieg. Er hob sich aber wieder und kreiste nochmals über dem angrenzenden Ta» Als er dort herabstieg, erfaßte ihn plötzlich ein Wirbelwind und drückte' die Maschine zu Boden, so daß das Unter- geslell aufstieß und beschädigt wurde, während Blöriot glücklicher- weise nicht verletzt wurde, wie man zuerst glaubte, da er stark hinkte. Doch war das Hinken seinem früheren Unfall zuzuschreiben. Einige Freunde kamen bald im Automobil an und brachten den Aviatiker nach dem Lord-Warden-Hotel. Blöriot ist entzückt über seinen Er- folg. Der Torpedozerstörer„Escopette", der Frau Blöriot an Bord halte, kam erst um 6 Uhr 50 Minuten in Dover an. Blöriot erzählt seine Eindrücke folgendermaßen in„Matin": Wie ich den Aermelkanal überflogen habe? Die Sache ist so ein- fach, daß ich fast verzichten würde, sie zu beschreiben, wenn ich nicht nachmittags Journalist wäre, nachdem ich morgens Flieger gewesen. Ich hatte ein böses Erwachen. Ich war nicht gewillt, abzufliegen. Ich sah alles schwarz und wäre eigentlich froh gewesen, wenn der Wind so heftig gewesen wäre, daß der Versuch unmöglich geworden wäre. Mein Freund Leblanc sprach mir Mut zu und führte mich im Auto zu den Baracken. Die frische Morgenluft richtete mich auf. Ich schämte mich meiner Schwäche und hatte wieder Wage- lust für ztvei. Wir zogen die Maschine unter dem Zelt hervor. Trotz der frühen Morgenstunde waren im Nu tausend Neugierige zur Stelle, die mich ein wenig hinderten. Ich wäre gern allein ge- wcsen. Ich beschließe eine Probefahrt. Ich bleibe etiva 10 Minuten in der Luft. Die neue Schraube arbeitet vortrefflich. Ich stelle erfreut eine kleine Brise fest, die mich von der Küste auf die See tragen wird. Alles ist bereit, ich warte aber den Bestimmungen gemäß den Sonnenaufgang ab. Als die Sonnenscheibe am Gesichrs- kreis auftaucht, gab Leblanc ein Zeichen, indem er eine Fahne schwenkt. Ich besteige mein Schiff mit einiger Bewegung. Sie hält indes nicht lange au. Ich denke nur an meinen Motor, an meine Schraube. Alles bewegt sich. Alles bebt und schwingt. Ein Zeichen, die Arbeiter lassen los. Ich steige auf. Ich fliege über die Düne, wo Leblanc mir den AbschiedSgrutz zuwinkt und bin nun über dem Seespiegel. Ich lasse das Torpedoboot, dessen dicker Qualm den Himmel verdunkelt, rechts hinter mir. Ich fliege und fliege ruhig ohne jede Erregung, ohne irgend einen wirklichen Ein- druck. Ich glaube in einem Ballon zu sein. Die vollkommene Wind- stille gestattet mir, das Steuerruder und die Seitensteuerung unberührt zu lassen. Hätte ich eine Vorrichtung, um die Hebel festzulegen, könnte ich beide Hände in die Taschen steckeir. Ich habe die Empfindung, nicht rasch vorwärts zu kommen. DaS liegt wohl an der Einförmigkeit des MeereS. lieber dem Lande erscheinen und verschwinden Häuser, Wälder, Straßen traumschnell. Ueber dem Meere glaubt man immer dieselbe Woge zu sehen. Ich bin mit meiner Maschine zufrieden. Ihre Stetigkeit ist volltonimen. Und der Motor: Welch ein Wunderwerk! Mein Weißbrot hatte ich in der ersten halben Stunde aufgegessen. Auf die.EScopette", das Geleitschiff, rechnete ich nicht mehr. Mag kommen, was da will I Zehn Minuten lang war ich vollkommen einsam, mitten im un- geheueren Meer verloren. Kein Land im Gesichtskreis I Kein einziges Schiff I Diese Ruhe, die nur das Schnurren des Motors unterbrach, hatte einen gefährlichen Zauber. Um ihm zu entgehen, wandte ich den Blick nicht ab vom Oelverteiler. von der Höhe des Benzinvorrats. Diese 10 Minuten schienen mir lang. Ich war wirklich glücklich, endlich im Osten eine graue Linie Ivahrzunehmen, die immer deutlicher wurde. Kein Zweifel, das war die englische Küste I Ich steuerte gerade auf diese weiße Linie hin. Aber da erfaßt mich der Wind und ich gerate in den Nebel. Ich muß mit Blick und Hand gegen die Hindernisse ankämpfen. Die Maschine gehorcht mir. Wo bin ich Z Ich erblicke drei Schiffe. Sie scheinen einem Hafen zuzustreben. Ich folge ihnen vertrauensvoll. Die Seeleute rusen mir begeisterte Hurras zu. Ich hatte gute Lust zu fragen, wo eS nach Dover gehe. Leider spreche ich nicht englisch. Ich folgte der Klippenlinie von Norden nach Süden. Der Wind, gegen den ich kämpfe, lvird immer heftiger. Eine Bucht öffnet sich rechts vor meinen Blicken und ich eile hin. Ich sehe das Schloß Dover. Ich bin über dem Festland l Wahnsinnige Freude bemächtigt sich meiner. Ich erblicke am Boden einen Mann, der eine dreifarbige Fahne Frankreichs mit wilden: Eifer schwenkt. Er ist allein fin einer weiten Ebene und schreit und schreit. Es ist der treffliche Fontaine, der Mitarbeiter tes„Matin". Ich will landen. Ein Wirbelwind steigt vom Boden auf und trägt mich empor. Ich will jedoch nicht länger in der Luft bleiben. Der Flug hat 33 Minuten gedauert. Das genügt. Auf die Gefahr hin, alles zu zertrümmerir, stelle ich die Feuerung ab. Rufs Geradewohl l Der Nahmen leidet ein wenig, splittert ein bißchen. Um so schlimmer. Den Aermelkanal habe ich doch über- flogen." Die Strecke, die die schnellsten Dampfer in 75 Minuten zurück- legen, überflog der ebenso ausdauernde wie kühne Ingenieur Louis Blöriot in 27 Minuten 21 Sekunden. Nach Blöriots eigenen An- gaben betrug seine Fluggeschwindigkeit mehr als 61 Kilometer in der Stunde. Ein eigenartiger Zufall will es, daß der französische Aviatiker seinen Flug von jener Stelle aus nahm, die einst den Ausgangspunkt für den unterseeischen Kanaltunnel zwischen Frankreich und England bilden sollte, von dem Flecken Sangatte, der nur 9 Kilometer von Calais entfernt ist. Noch erzählen die hoch- ragenden Schornsteine des verlassenen Maschincnhauses von den ersten Bohrversuchen für diesen geplanteit unterseeischen Verbindungs- weg zwischen dem Festlande und dem britischen Jnselreich. Doch der Volkswille Englands, in dem schon damals sich ein wenig von der heutigen.Jnvasionsfurcht" regte, hat davon nichts wissen wollen. Aber wenn man auch das„Unten durch' dem Dampfroß verwehren konnte, daS„Drüber hinweg' vermag man dem Motor, der sich kühn in die Luft erhebt, nicht zu verbieten. Die Ueberquerung des Kanals im kühnen Flug mit dem Eindecker, worum so viele Aviatiker im heißen Bemühen gerungen, ist gelungen und leitet sicherlich einen neuen bedeutungsvollen Abschnitt in der an Erfolgen nicht armen Geschichte der Flugtechnik ein. Paris, 25. Juli. Blöriot ist zum Ritter der Ehrenlegion er- nannt worden. Die Blätter feiern in warmen Worten den Flug Blöriots als eine der glänzendsten und kühnsten Fahrten. Der „Temps' sagt: Der Tag, an welchem ein Aeronaut zum ersten Male den Aermelkanal überquert hat, ist ein geschichtliches Datum, das unauslöschliche Spuren in den Annaleit der Wissenschaft und der Zivilisation zurücklassen wird. Die Angaben über die Zeit des Fluges differieren; teils heißt es, B. habe 23, teils 27 oder 33 Minuten gebraucht. Jedenfalls ist die Tatsache, daß dieser Flug geglückt ist, sehr bemerkenswert. Nach neueren Meldungen ist Blöriot um 4 Uhr 35 Minuten früh nach französischer Zeitrechnung aufgestiegen und um 4 Uhr 53 Min. englischer Zeitrechnung in Dover eingetroffen. Da der Unterschied zwischen französischer und englischer Zeit 9 Minuten 21 Sekunden beträgt, brauchte Blöriot zu seinem Flug 27 Minuten 21 Sekunden. Partei- Angelegenheiten. Schöncierg. Heute Dienstag, den 27. d. M.. abends 8'/z Uhr, findet die Generalversammlung des Wahlvcreins in den„Neuen Rathaussälcn", Meiuinger Straße 8, statt. Die Tagesordnung lautet: 1. Borstands- und Kassenbericht. 2. Das Organisationsstatut nebst Anträgen. 3. Anträge zum Parteitag. 4. Wahl der Delegierten. Der wichtigen und reichhaltigen Tagesordnung wegen ist das Erscheinen aller Genossen unbedingt Pflicht. Wilmcrsdorf-Halensce. Die heute Dienstag fällige Mitglieder- Versammlung findet umständehalber erst Dienstag, den 3. August, statt. Gleichzeitig machen wir darauf aufmerlsan:, daß Mittwoch, den 28. d. M., vom Zentralverband der Hansangestellten eine ösfcnt- liche Dienstbotenversammlung in den Cpichernsälen stattfindet und bitten wir die Parteigenossen und Genossinnen, für regen Besuch in Verwandten- und Bekanntenkreisen agitieren zu wollen. Hohen-Schönhausen. Heute Dienstag Generalversammlung des Bezirks im Lokal des Genossen Herschleb. Tagesordnung: Vor- standsbericht. Ergänzungswahl zur Bezirksleitung. Delegierten- wählen. Bericht der Gemeindevertreter. Reinickcndorf-West. Heute abend 8 Uhr findet im Lokale von Schiller, Eichbornstr. 60, die Generalversammlung des Bezirkswahl- Vereins statt. Tagesordnung lvird in der Versammlung bekannt ge- geben. Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt. Biesdorf. Heute, Dienstag, den 27. Juli, Zahlabend bei Gustav Berlin. Pünktliches Erscheinen sämtlicher Parteigenossen ist Pflicht, es wird ein Vortrag gehalten. Der Vorstand. Niedcr-Schönhauscil-Nordcnd. HeuteDienStag, dcn27.Juli, abends 8>/z Uhr, findet im Lokal des Genossen R a d s e ck, Kaiser- Wilhelm-Straße 10, die Generalversammlung des Wahlvcreins statt. Tagesordnung: Geschäfts« und Kassenbericht. Stellungnahme zum Entwurf des neuen Parteistatuts. Vereinsangelegenheiten. Ver- schiedenes. Ohne Mitgliedsbuch kein Zutrittl Die Mitglieder werden auf die Verlegung des Versammlungslokals auf- merksam gemacht. Der Vorstand. Steglitz. Heute Dienstag, abends 8>/z Uhr: Mitglieder- Versammlung des Wahlvereins bei Schellhase, Ahornstr. Iba. NowaweS. Am Donnerstag, den 29. Juli, abends 3>/s Uhr, findet im Lokal des Herrn Max Singer, Priesterstr. 31, eine Volks- Versammlung für Männer und Frauen statt. Reichstagsabgeordneter Genosse Fritz Zubeil spricht über:„Unser Kampf im Reichstag". Es gilt Protest einzulegen gegen das Wirken des Schnapsblocks. Erscheint in Massen in der Versammlung. Britz-Buckow. Heute abend 8 Uhr findet im Landhaus, Chauffee- straße 97, eine öffentliche Volksversammlung statt. Tagesordnung: „Unser Kampf im Reichstage". Referent: ReichStagsabgeordner Fritz Zubeil. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Die Versammlung wird pünktlich eröffnet. Arbeiterl Arbeiterinnen l Demonstriert durch Massenbesuch. Fricdrichshagcn. Heute, Dienstag: Mitgliederversammlung dcS Wahlvereins. Tagesordnung: Vortrag des Genossen Unger über: „Kirche und Christentum". Gäste willkommen. FriedrichSfclde. Heute, Dienstag, den 27. Juli, abends 8'/z Uhr, findet die Generalversammlung unseres Bezirks im Lokal von Bausdorf. Berliner Straße 18, statt. 1. Bericht der Funktionäre. 2. Der Parteitag. 3. Verschiedenes. Zum Eintritt berechtigt das Mitgliedsbuch. Lichtenberg. Heute, 8Vz Uhr abends, findet im Lokal der Gebr. Arnhold, Frankfurter Chaussee 5, die Generalversammlung des Sozialdemokratischen Wahlvercins statt. Tagesordnung: 1. Bericht des Vorstandes, Anträge. 2. Verschiedenes.— Das Mitgliedsbuch legitimiert. ßcrlimr J�acfmcbten* Von den Wirkungen der Arbeitslosigkeit hat man sehr bald auch in unserem Rathause Notiz nehmen müssen, so sehr sonst der Berliner Stadtfreisinn sich gegen das Zugeständnis wehrt, daß eine Arbeitslosigkeit in größerem Umfange bestehe. Sogar in dem neuesten Bericht über die Verwaltung des Obdachs der Stadt, der das Etatsjahr 1908 behandelt und soeben vom Magistrat veröffentlicht worden ist, begegnet uns diesmal der an solcher Stelle ungewöhnliche und darum bemerkenswerte Hinweis:„Die Folgen der wirtschaftlichen Depression und die ungünstigen Ver- Hältnisse aus dem Arbeitsmarkt finden be redten Ausdruck in den Frequenz- ziffern beider O b d a ch ab teilung en, nament- lich des nächtlichen Obda ch�s". Diese Feststellung muß umsomehr überraschen, da der Obcrstkomniandierende der Obdachverwaltung, der Stadtrat F i s ch b e ck, bei anderen Gelegenheiten sich alle erdenkliche Mühe gegeben hat, d i e Ungunst der Arbeitsmarktverhältnisse weg- zubeweisen. Allerdings muß hier zur„Entschuldigung" des Herrn Fischbeck hervorgehoben werden, daß der erwähnte Verwaltungsbericht nicht von ihm. selber sondern von seinem Stellvertreter in der Obdachverwaltung unterzeichnet ist. Schon das Etatsjahr 1907(1. April 1907 bis 31. März 1908) hatte dem Obdach der Stadt eine merkliche Frequenz- steigerung gebracht. In dem Verlvaltungsbericht über jenes Jahr wurde diese Tatsache noch mit völligem Schweigen über- gangen, aber gegenüber der gewaltigen Steigerung der Obdachfrequenz, die im darauf folgenden Etats- jähr 1908(1. April 1908 bis 31. März 1909) eingetreten ist, ließ sich die Schweigetaktik denn doch nicht mehr aufrecht erhalten. Die Abteilung für nächtlich Obdachlose hat in 1908/09 8 66 300 Personen beherbergen müssen, während in 1907/03 erst 629 173 und in 1906/07 nur 349 493 beherbergt worden waren. Eine Frequenz von mehr als 3000 Personen wurde festgestellt in 1906/07 nur an 6 Tagen, in 1907/08 an 48 Tagen, in 1903/09 an 113(!) Tagen. An 54 von diesen 113 Tagen ging die Frequenz sogar über 4000 hinaus, was in den vorhergehenden Jahren überhaupt noch nicht vorgekommen war. Der 13. Fl- bruar 1909 brachte mit 4409 das Maximum. In den vier Monaten Dczeniber, Januar, Februar, März wurden diesmal 103 875, 122 019, 113 199, 120 525 Personen aufgenommen, während noch im vorhergehenden Winter in denselben vier Monaten nur 76 938, 97 008, 86 708, 81 479 Personen auf- genonimen worden waren. Auch in der Familienabtei- l u n g ist in den letzten Jahren die Frequenz gestiegen, offenbar ebenfalls infolge der Arbeitslosigkeit. Wenn ein Fanülieuvatcr arbeitslos wird und die Miete schuldig bleiben muß, dann macht der Hauswirt nicht viel Federlesens mit ihm, sondern setzt ihn samt den Seinen baldigst an die Luft. Das Familien- obdach beherbergte in 1906/07, 1907/08, 1908/09 702, 807. 1028 Fanülien mit 2091, 2549, 3181 Köpfen. Nur die Zahl der außerdem hier untergebrachten Einzelpersonen— 2959, 2948, 2905— hat sich ein wenig ermäßigt. Oft haben Wortführer des Berliner Stadtfreisinns— und vor allem Herr Fischbeck— behauptet, daß das Obdach hauptsächlich von solchen aufgesucht werde, die gor nicht arbeiten wollen. Als dann die Stadt mit dem Pastor v. Bodelschwingh Freundschaft schloß und Obdachlose an seine Arbeiterkolonien abschob, zeigte sich, daß es un Obdach wahrlich nicht an Arbeitsfreudigcn fehlte. Aber auch das wurde jetzt sehr bald klar, daß Bodelschwinghs Mitwirkung ohne n e n n e n s iv e r t c n E i n f l u ß auf d i e O b d a ch l o s e n- f r e q u e n z blieb. Um das Obdach möglichst zu leeren, wurde sodann zu dem Mittel gegriffen, im Obdach selber einen Arbeitszwang einzuführen. Der neueste Ver- waltungSbericht meldet, seit Anfang 1909 beschäftige man Arbeitsfähige morgens vor- der Entlassung zwangsweise bis zu zwei Stunden mit Holzzerkleinern. Hinzugefügt wird aber das Eingeständnis, daß der„Arbcitszwang bei den davon Be- troffenen nur in den seltensten Fällen Wider- stand gefunden" habe. Es scheint, daß nian anderes er- wartet hatte. Auf welches neue Mittel wird Herr Fischbcck, der„richtige Mann" für das Obdach, nunmehr sinnen, um sein Haus leer zu kriegen?_ Städtische Sozialpolitik. Der Berliner Magistrat hat an alle städtische Verwaltung?. deputntionen und Kommissionen in der Frage des Abzuges der Unfallrenten vom Arbeitslohn folgende Verfügung erlassen: „In Zukunft ist denjenigen Arbeitern, welche eine Unfallrente bewilligt erhalten haben, derjenige Lohn zu zahlen, der ihrer Leistung entspricht. Verrichtet also ein Arbeiter nach einem Unfall seine bisherige Arbeit in derselben Weise wie zuvor, so erhält er auch den bisherigen Lohn wie früher. Ist seine Arbeits- leistung vermindert, so verringert sich auch sein Lohn in ent- sprechendem Maße. Wird er in eine andere Tätigkeit verwiesen, so wird er auch dort nach seiner Leistung bezahlt. Für den Fall, daß der Lohn wegen der geringeren Leistungen gekürzt werden soll, ist eine dahingehende förmliche Vereinbarung mit dem betreffenden Arbeiter herbeizuführen, und, falls er einer solchen Vereinbarung nicht zustimmt, ist ihm zu kündigen. Sämtliche städtische Verwaltungsstellen werden ersucht, hier- nach weiterhin zu verfahren." Dieser Ukas ist selbst dem„Berliner Tageblatt' zu toll, es schreibt:„Diese Verfügung schließt sich würdig dem famosen Ferienukas für die städtischen Arbeiter an, der seinerzeit in der Stadtverordnetenversammlung zu so stürmischen Debatten Anlaß gab. Der Beschluß des Magistrats bedeutet eine Knebelung der städtischen Arbeiterschaft. Der Arbeiter darf erst im Dienste der Stadt seine Gesundheit zu Markte tragen, und wenn er dabei unfällig wird, muß er sich eine einseitige Herabsetzung seines Arbeits- lohnes gefallen lassen oder er fliegt auf die Straße. Und der Berliner Magistrat hat den Mut, sich seiner„Sozialpolitik" zu rühmen l"_ Die Sommerfcste der Wahlvcrcine, die an den letzten Sonn- tagen stattgefunden haben, waren vom schönsten Wetter begünstigt und vereinigten große Massen Parteifreunde nach vielen agitato- rischen Mühen auch einmal in geselliger Weise. So hatte der 4. Kreis vor 14 Tagen einen guten Besuch aufzuweisen, und speziell in der Seeterrasse herrschte ein buntes Leben und Treiben. Dasselbe kann auch von der Veranstaltung der Genossen des Tel- tower Kreises gesagt werden. Ganz gewaltige Massen aber waren am Sonntag nach dem Schloß Weißensee gepilgert, wo der 6. Kreis sein Sommerfest feierte Di» Schätzungen über die Zahl der Teil- nehmer gehen weit auseinander. Gegen 5 Uhr nachmittags war nirgends mehr ein Plätzchen aufzutreiben, so daß sich manche Familien im Grase lagern mußten. Konzert und Spezialitäten, Gesangvereine und Athleten usw. sorgten für Unterhaltung. Auch das bei einigen anderen Sominerfestcn ausgestellte„Landtags- museum" fand die gebührende Würdigung. Dabei ereignete es sich, daß ein den preußischen Polizeistaat darstellender Genosse in ©chutzmannsuniform von Gendarmen nach der Wache sistiert wurde. Warum das geschah, ist unerfindlich, denn die Uniform war nicht einmal so echt wie die Hauptmannsuniform des Schuh- machers Voigt. Das focht aber die Genossen weiter nicht an. Auch andere Unbequemlichkeiten, die ein solcher Massenberkehr für den einzelnen mit sich bringt, wurden mit gutem Humor hingenommen. Ernsthafte Klagen sind auch in diesem Jahre wieder über die Kaffeeküche zu führen, die auch nicht im entferntesten den bei einer solchen Gelegenheit an sie gestellten Anforderungen gerecht werden konnte, und es ist dringend beachtenswert, in Zukunft bei Abschlüssen solcher Festlichkeiten an Abhilfe zu denken. Unglücks- fälle wesentlicher Natur sind nicht zu verzeichnen, so daß unsere arbeitsbcreiten Genossen von der Samariterkolonne glücklicherweise nicht allzuviel zu tun bekamen. Ein prachtvolles Feuerwerk be- schloß das Fest. Was aber bei allen diesen Festen in den großen Vorortlokalen immer wieder auffällt, ist, daß die in diesen Lokalen befindlichen Bedürfnisanstalten recht primitiver Art sind und in keiner Weise den an sie zu stellenden hygienischen Anforderungen entsprechen. Von einer originellen Umgehung der Zündholzstencr weiß die „Berliner Morgcnpost" zu berichten. Hiernach sind mehrere größere Zündholzsabriken mit fieberhafter Tätigkeit dabei, Zünd- Hölzer mit zwei Kuppen, die also zweimal benutzt werden können, herzustellen. Nach der Meinung des genannten Blattes und wohl auch der betreffenden Fabriken könne die neue Steuer diesem Doppelzündholz nichts anhaben, da die Steuersätze nach der Zahl der in den Schachteln enthaltenen Hölzchen und nicht nach der Zahl der Zündkuppen bestimmt werden. Wenn die Sache nicht wahr ist, wäre sie mindestens gut er- funden. Aber die Erfinder rechnen nicht mit der juristischen Spitz- sindigkeit unserer Steuerbehörden. Es ist hundert gegen eins zu wetten, daß in den Ausführungsbcstimmungen, die der Bundesrat erst noch zu den einzelnen neuen Steuern erlassen soll, das Doppcl- zündholz unter doppelte Besteuerung genommen werden wird, weil ja Vicht dgs Holz, fondeiv die Zündung der Sieker»nterliegt und f8 sich hier tatsächlich MN zköei ZündMgen an einem Holz handelt. Die erfinderischen Zündholzfabriken hatten also das Geheimnis hüten sollen, bis die Ausführungsbestimmungen erlassen sind. Ei» Rangsdorfer Besitzer gegen Ausflügler. Rund zwei- tausend Strafmandate hat man im Rangsdorfer Macht- bereich gegen alle die Missetäter erlassen, die sich erkühnt haben, dort einmal frische Luft zu schnappen. Kinder und Erwachsene, Prole- tarier und Geheimrate, einzelne Personen und ganze Gesellschaften, Privatleute und Beamte, Zivilisten und Uniformierte, Damen und Herren, Würdenträger mit und ohne Stern; kurz ein jeder, der sich dort auf dem Gelände des Herrn Hauptmann a. D. Spiekermann, eines geborenen Berliners, sehen lieh, wurde kurzerhand von dem Förster des gestrengen Herrn am Kragen gepackt und von den bissigen Hunden fürsorglich eskortiert zum allgemeinen Gaudium der lieben Dorfjugend, die stets dabei sein mutzte, nach dem„Amtslokal" geführt. Nach der Feststellung des Nationale konnten dann die Ausflügler das ungastliche Rangs- dorf auf kürzesten Wegen, schimpfend und wetternd ob dieser neu- germanischen Gastfreundschaft und um eine Erfahrung reicher, ver- lassen. Manch einer hat dabei wohl gedacht, der übertrifft noch den FiskuS. Dieser lätzt doch wenigstens den Spaziergänger zufrieden und sorgt für Warnungstafeln, anders aber der gestrenge Herr von NangSdorf. Liebesbrama in Niederschönhausen. Am Sonnabendnachmittag kehrten der Handlungsgehilfe Arndt auS der Lützowstr. 42 und die Verkäuferin Frieda Richter aus der Schönhauser Allee 6S in ein Restaurant in Niederschönhausen ein. Sie bestellten sich Kaffee. Bald darauf bemerkte der Wirt, daß das Paar sich in Schmerzen wand. Es stellte sich heraus, daß sie dem Kaffee ein großes Quan- tum Lysol zugesetzt hatten. Inzwischen hatten beide die Besinnung verloren; sie mußten in das Pankower Krankenhaus überführt werden. Frieda Richter ist gestern an den Folgen der Lysolver- giftung gestorben. Dem Handlungsgehilfen Arndt geht es, wie wir erfahren, besser, jedoch ist die Gefahr für sein Leben noch nicht völlig beseitigt. Als Grund für die Tat wird unglückliche Liebe an- gegeben. Im Freibad Wannsee ertrunken ist am Sonntag nachmittag ein etwa Mjähriges Mädchen, das ziemlich weit in den See hinaus- geschwommen war. Anscheinend ermattete das Mädchen und ver- schwand plötzlich in den Fluten. Der Vorfall war von anderen Badenden beobachtet worden, doch waren diese von der Unfallstelle zu weit entfernt, so daß eS ihnen nicht mehr gelang, der Ertrin- kenden rechtzeitig zu Hilfe zu kommen. Die Leiche der Verun» Glückten wurde nach halbstündigem Suchen gelandet und nach dem sriedhof Wannsee gebracht. Automobilunfälle. Der Rentner Friedrich Radloff aus der Birkenstraße wurde, als er die Fagolvstraße überschreiten wollte, von einem Kraftwagen überfahren und so schwer verletzt, daß er auf dem Transport nach dem Krankenhaus Moabit starb.— Der Fabrikbesitzer Helm aus der Wollinerstraße in Berlin hatte mit seiner Frau, seiner Tochter und seinem Schwiegersohn eine Auto- mobilfahrt unternommen. Das Ziel der Fahrt sollte Reichenbach sein. Helm lenkte den Wagen selbst. Kurz bor Zossen wollte er, so erzählt das„B. T.", an einem Fuhrwerk, das vor ihm herfuhr, vorbei. Er geriet dabei in den Sommerweg, der aufgerissen war. DaS Auto fuhr mit dem rechten Hinterrade an einen Prellstein, und der Reifen des RadeS platzte. Der Wagen fiel zum Glück gegen einen Baum, so daß ein völliges Umkippen verhindert wurde. Die Insassen wurden aus dem Wagen geschleudert. Sie erlitten mit Ausnahme des Fräuleins Helm Verletzungen. Fabrikbesitzer Helm zog sich außer einige» Hautabschürfungen eine Verrenkung des rechten Oberarmes und eine Quetschung der Wirbelsäule zu. Frau Helm brach den rechten Unterarm und renkte sich das rechte Ellbogengelenk aus. Am gelindesten kam der Schwiegersohn davon, der nur Hautverletzungen am Kopf erlitt. Hundetreue. Der 32 Jahre alte Obsthändler Oskar Arnold, eine bekannte Stratzenfigur, zog feit 12 Jahren mit einem Hundewagen umher, um seine Waren feilzubieten. Seit langer Zeit besaß er einen schwarzen Boxer. Mit diesem Tier kam er gestern abend um lO3/- Uhr in die Schankwirtschaft von Hübner in der Gormann- stratze 25/23. Nachdem er einen Schnaps getrunken hatte, trat er aus, ohne daß jemand es merkte. Erst beim Schluß des Geschäftes um 11 Uhr wurde man wieder auf den Gast aufmerksam, als der Hund allein dasah. Jetzt fand man Arnold aus dem Abort tot auf. Sofort übernahm der Hund die Totenwacht. Nur mit grotzer Mühe gelang es dem Arzte, der gerufen wurde, an den Körper heranzukommen, um Wiederbelebungsversuche zu machen. Diese blieben erfolglos. Ein Herzschlag hatte dem Leben des Mannes ein Ende gemacht. Um die Leiche wegbringen zu können, inutzte man erst die Braut des Verstorbenen holen. Diese überredete den treuen Hund mit vieler Mühe, ihr zu folgen und seinen toten Herrn zu verlassen. Die Leiche wurde darauf noch in der Nacht nach dem Schauhause gebracht. Fünf VootSunfälle werden vom Sonntag aus der Umgebung Berlins gemeldet. Am Nachmittag kenterte auf der Havel in der Nähe von Gatow ein Nuderboot, in welchem sich drei junge Männer befanden. Zwei der Insassen gelang eS, sich an dem umgeschlagenen Boot so lange festzuhalten, bis Hilfe zur Stelle war, während der dritte, ein Tischlergeselle, ertrank. Seine Leiche konnte noch nicht geborgen werden.— Auf dem Tegeler See geriet ein kleines Boot, in dem sich zwei Damen befanden, in die W e l l e n eines Per. sonendampfers und schlug infolge falscher Steuerung um. Glücklicherweise befanden sich in der Nähe der Unfallstelle mehrere Ruderboote, so daß es gelang, beide Frauen zu retten. Die eine war jedoch bereits besinnungslos und konnte erst nach längeren Bemühungen in das Leben zurückgerufen werde». Mitglieder der freiwilligen Sanitätskolonne brachten die Verunglückte nach Tegel, von wo aus sie nach dem Paul-Gerhardtstift übergeführt wurde.— Auf der Oberspree in der Nähe von Wilhelminenhof wurde ein Ruderboot dadurch zum Kentern gebracht, daß die Insassen, vier halbwüchsige Burschen, die Plätze wechselten. Drei der Ver- unglücktcn retteten sich selbst durch Schwimmen, der vierte wurde von einem vorbeifahrenden Privatdampfer aufgenommen.— Ferner kenterte gegen 10 Uhr abends zwischen Niederschöneweide und Treptow ein Segelboot, in welchem sich zwei Herren befanden. Die Verunglückten wurden durch einen Bootsverleiher in Treptow gerettet. Ferner schlug auf dem Zeuthener See ein Segelboot um, das mit einem Herrn und einer Dame besetzt war. Hierbei geriet der Herr dadurch in ernste Lebensgefahr, daß er in dem Segelwerk des BooteS stecken blieb und sich nicht zu befreien vermochte. Hin- zukommenden Ruderern gelang es erst nach längeren Bemühungen. den Mann auS seiner gefährlichen Lage zu befreien. Die Bcrhaftnng cincS gewerbsmäßigen Fahrradmarders ist gestern der Polizei auf dem Wedding geglückt. Vor dem Hause Reinickendorfer Straße 05 hatte der Mechaniker Janz, Kameruner Straße 4g, sein erst kürzlich erworbenes Fahrrad einen Augenblick unbeaufsichtigt auf dem Bürgersteig stehen lassen. Ein Fahrrad- marder benutzt« die günstige Gelegenheit, um sich das Rad anzueignen und damit loszufahren. In diesem Augenblick stellte sich I. wieder ein. Er verfolgte den Flüchtling und auf dem Nettelbeck- platz konnte der Dieb von einem Schutzmann festgenommen werden. Bei seiner Vernehmung entpuppte sich der Verhastete als ein ge- werbSmäßiger Fahrradmarder namens Gurell. Auf das Konto des G. dürste wohl ein grotzer Teil jener zahlreichen Fahrraddiebstähle zu setzen sein, die in den letzten Monaten in allen Stadtteilen Berlins verübt worden sind. Einem Kinbesmord ist man an der Marchbrücke auf die Spur gekommen. Schiffer sahen auf der Oberfläche des Wassers ein Paket treiben, das sie heranfischten. Sie entdeckten nun zu ihrem Schreck den Leichnam eines neugeborenen Kindes männlichen Ge- schlechtS. Am Halse der Leiche konnten Merkmale beobachtet werden, die anscheinend auf Strangulierungen zurückzuführen sind. Die Leiche wurde zur Obduktion nach dem Schauhaus gebracht. Ein weiterer Leichenfund wurde in der Gitschiner Straße ge- macht. Auf dem Hof des Grundstücks Gitschiner Straße 87 fand ein Hausbewohner neben Sern Müllkasten die nackte Leiche eines nur wenige Tage alten Knaben. Die Polizei beschlagnahmte die Leiche und forscht nach der Mutter. Durch die gerichtliche Ob- duktion wird festgestellt werden, ob hier ein Kindesmord vorliegt oder ob der Knabe einen natürlichen Tod gefunden hat. Radrennen in Treptow, 25. Juli. Die Treptower Bahn hatte als erst« unter der infolge des Unglücks im Votanischen Garten er- gangeneu Verfügung des Ministers des Innern, nach der die„Ver- Wendung von Motorrädern als Renn« und Schrittmachermaschinen auf Radrennbahnen bis auf weiteres untersagt wird", zu leiden. denn sie mußte die geplanten Dauerrennen anstatt mit Motor« führung hinter Zweisitzerführimg ausfahren lassen. Zum Glück waren Zweisitzer und Mannschaften genügend zur.Stelle; auch wurden die Rennen verlürzt, so daß sie einiger- maßen spannend verliefen. Die zahlreich erschienenen Be- sucher ließen eS nicht an ermunternden Zurufen bei dem Schrittmacherwechsel fehlen. Von den vier Fahrern Hugo Przyrembel, E. Wiewerall, G. Raschle und Eh. George zeigten sich die erstercn beiden ihren Gegnern überlegen, wie die nachstehende Aufftellung zeigt. 10 Kilometer-Rennen(300, 200, 100, 80 M.): 1. Przyrembel in 12 Min 52«/, Sek.; 2. Wiewerall 290 Meter; 3. Raschle 620 Meter; 4. George 1570 Meter. 15 Kilometer-Rennen(400, 300, 200, 100 SR.): 1. Przyrembel in 20 Min. 19 Sek.; 2. Raschle 330 Meter; 3. Wiewerall 630 Meier; 4. George 1000 Meter.— 20 Kilometer-Rennen(600, 400, 200, 100 M.): 1. Wiewerall in 26 Min. 42V5 Sek.; 2. Raschle 290 Meter; 3. Przyrembel 420 Meter; 4. George 1280 Meter.— In dem Hauptfahren über 1200 Meter(20, 15, 10. 5 M.) siegte Hamann vor Sterba. Fr. Hoffmann und Fr. Stellbrink waren zu Fall gekommen. An den acht Vorläufen nahmen 33 Fahrer teil.— Das Prämien- fahren über 5900 Meter(20, 15. 10, 5 M.> gewann T r i n k s vor W. Theis, Bogt und Tschirpe; Führungspreise a 5 M.: Lohrentz, Thiem(2) und W. Theis(2). In drei Vorläufen 20 Fahrer.— Tro st fahren(1200 Meter, 15, 10, 5 M.): 1. Birkholz, 2. Freiberger, 3. Kohnert. 13 Fahrer im Rennen. Feucrwehrbericht. Sonntag und in der letzten Nacht hatte die Feuerwehr mnmterbrochen tüchlig zu tun. Unter andern wurde der 15. Zug nach der Ouitzowstr. 18/21 gerufen, wo auf dem Hofe der Allgemeinen Benzin- Vertretung und Lagerhofgesellschast m. b. H. drei Ballons mit Salpetersäure ausgelaufen waren. Feuermänner mit Rauchkappen näherten sich der Unfallstelle, gaben dann tüchtig Wasser und streuten Sand. Dadurch wurde die Gefahr beseitigt. Gleichzeitig hatte der 7. Zug einen großen Kellerbrand rn der Boxhagener Stratze 17» zu löschen. Preßkohlen hatten sich dort entzündet. Längere Zeit mutzte mit mehreren Schlauchleitungen Wasser gegeben werden. Auf der Char- lottenburger Chaussee brannte nachts um 2 Uhr ein Automobil. Als die Feuerwehr erschien, hatten die Flammen die Karosserie schon ergriffen, so daß kräftig gelöscht werden mutzte, um nur etwas von dem Auto zu retten. Durch die Explosion einer Spiritnslampe entstand ein gefährlicher Brand in der Claudiusstr. 3, wobei eine Person leichte Verletzungen erlitt. Am Sonntagabend stand in der Claudiusstr. 24 ein Zimmer und Gubener Str. 6 ein Schuhwaren- laden in grotzer Ausdehnung in Flammen. Hier mutzte ebenfalls kräftig gelöscht werden. In der Rüdersdorfer Str. 31 kam Feuer in einer Werkstatt aus, das an Holzkisten, Papierabfällen, Futz- böden usw. schnell Nahrung fand, aber auf die Werkstatt beschränkt werden konnte. Möbel, Gardinen, Vorhänge u. a. brannten in der Hochstratze 37, Friedrichstr. 96, Rüdersdorfer Str. 59 u. a. Stellen. Regale, Packstroh u. a. brannten Alexanderstr. 61 und Preßkohlen auf mehreren Bahnhöfen. Auf dem Hofe der Seifenfabrik von Palis brannten Sonntag Fässer. Der 11. Zug löschte die Flammen mtt einem Rohre. Gleichzeitig mutzte ein Kellerbrand in der Prenzlauer Stratze 5 gelöscht werden. Durch die Explosion einer Petroleumlampe entstand in der Prenzlauer Str. 5 ein Brand. Ferner hatte die in der Weinstr. 23, Elsasser Str. 33 und an anderen Orten zu tun. Die Schöneberger Feuerwehr hatte am Sonntagabend wieder einmal einen großen Holzlagerbrand in der Holbeinstratze am Bahnhof Friedenau zu löschen. Diesmal brannte der Lagerplatz der Firma N. Lebbin in grotzer Ausdehnung, die Schöneberger Feuer- wehr war unter Leitung des Brandmeisters Meyer zur Stelle und löschte bald den Brand. Vorort- JSacbncbten. Nixdorf. Der Nixdorfer Wahlrechtsranb ist jetzt endgültig durch die Aufsichtsbehörde genehmigt. Das Ortsstatut ist mit dem 22. Juli d. I. durch seine Veröffentlichung in Kraft getreten und bestimmt:„Bei der nach§ 2 des Gesetzes vom 30. Juni 1900 erfolgenden Bildung der Wählerabteilnngen tritt an Stelle des auf einen Wähler entfallenden durchschnittlichen Steuerbetrages ein den Durchschnitt um die Hälfte desselben übersteigenden Betrag." Nun ist der Nixdorfer Wahlrechtsraub endlich gesichert. Freude haben die Herren bis jetzt an ihrem Entrechtungs- beschluß noch nicht erlebt und werden es auch in Zukunft nicht. Lichtenberg. Millionengeschenk für die Stadt. In den letzten Tagen macht die Moldung von einem Millionengeschenk des Rentiers Löper an die Stadt Lichtenberg die Runde durch den Blätterwald, wobei sich Wahrheit und Dichtung zu einem dem Geschcnkgeber günstigen Bilde mischen. Ein Uebriges zu tun, nämlich die Sozialdemokratie in Verbindung mit der Geschenkfrage anzupöbeln, hielt das Schwindelblättchen„Lichtenberger Tageblatt" für ersprietzlich. Zu diesem Zwecke hat eS sich in der nötigen Weise über sie bezüglichen Verhandlungen in der geheimen Sitzung der Stadtverordneten „informieren" lassen. Wir wollen hier nur konstatieren, daß der Besitzer des Blattes, ein gewisser Herr Koch, Mitglied des Magistrats ist. Die bürgerlichen Herrschaften verhandeln sehr gern in ge- heimer Sitzung und aus dieser wird dann, durch boshafte Eni« stellungen und WahrheitSverrenkungen. in einer die Sozialdemo- kratie verleumdenden Weife berichtet. Nun wird gesagt, die Sozial- demokraten hätten bis auf zwei gegen die Annahme der Schenkung gestimmt, obwohl es sich dabei zum Teil um Unterstützung für arme Kranke handele. Trotz dieser schäbigen Provokation versagen wir es uns auch jetzt noch, auf die„geheimen" Verhandlungen ein- zuochen, werden aber kurz beleuchten, was es mit der Schenkung und ihrem Stifter auf sich hat. Im Interesse der Sache wollten wir das vermeiden; Verleumdung zwingt uns zu sagen, was ist! Das Objekt der Schenkung ist ein Grundstück an der Ruschestratze, das Herr Löper zu einem Preise von zirka 809 990 M. zum Ver- kauf gestellt hat. Der Erlös soll zur Freilegung der Dorfaue be- nutzt werden, der eventuell überschießende Betrag der Kranken- fürsorge Unbemittelter dienen. Für die Freilegung der Dorfaue — drei Wohnhäuser müssen niedergerissen werden— dürften 400 000 bis 500 000 M. erforderlich sein. Sachverständige Personen erklären den Wertansatz von 800 000 M. für das geschenkte Grund- stück als viel zu hoch, 600000 M. dürften wirklich zu erzielen sein. Infolge der hohen Wertangabe kann es nun aber möglich sein, daß die Stadt soviel Stempelsteuern zahlen mutz, daß bei der Schenkung kaum die Kosten der Freilegung der Dorfaue herauskommen; für die reklamenhaft bekannt gemachte Stiftung zu mildtätigen Zwecken bleibt dann gar nichts übrig. Obwohl zudem Herr Löper auch noch die Bedingung gestellt hat, die Anlagen„Löperplatz" zu nennen und darin seine mit Namen gezierte Bronzebüste aufzustellen, ist von unserer Seite die Schenkung in der Baukommission nicht ab- gelehnt worden. Nicht gegen die Ablehnung zu stimmen, war auch die Absicht aller Genossen im Stadtverordnetcnkollegium. Außer den erwHnten Umständen sprachen auch noch andere dafür, sich bei der Abstimmung passiv zu verhalten. DaS war u. a. daS schon börhtt bekundeke Verlanyett, Herr» Löfftt zum Ehrenbürger au machen, und dann spielt eine gewisse Rolle der llebergang des jetzt der Stadt geschenkten Grundstückes in den Besitz des Herrn Löper. Als dieser Herr noch Gemeindeschöffe war, wollte man das erwähnte Grundstück für die Gemeinde erwerben. Damit es nicht zu teuer werde, sollte eines der Vorstandsmttglieder als Privat- käufer auftreten. Im Kollegium war man der Ansicht, Herr Löper habe die Mission übernommen. Er kaufte es billig; als es dann aber für die Gemeinde reklamiert wurde, erklärte der Gemeinde- schöffe, er habe das Terrain für— sich gekauft! Die Gemeinde hätte es später zu einem Preise, der wesentlich über dem von Herrn Löper gezahlten lag, erlangen können, sie verzichtete darauf. Was eS damals gekostet hat, daS steigen im Preise die dem Herrn Löper gehörenden in der Nähe der Dorfaue belegenen Grundstücke, sobald die Freilegung erfolgt ist. Wenn Herr Löper nun, dem Rate guter Freunde folgend, der Stadt ein Geschenk macht mit eben diesem in Frage kommenden Grundstück, dann kann das wohl das Fleck- chen, däs seinem Ansehen anhaftete, fortreiben, aber es liegt für unsere Genossen kein Anlaß vor, den Herrn zu einem Lokalheiligen niachen zu helfen. Man hätte froh sein sollen, daß wir die Kreise nicht stören wollten, anstatt uns durch plumpe Schwindeleien zu provozieren. Ober-Schöneweide. Maulkorbzwang. Der Amtsausschuß hak eine Polizei- Verordnung erlassen, nach welcher ab 1. September 1909 alle im Amtsbezirk Ober-Schöneweide befindlichen Hunde, welche frei um- herlaufen oder an der Leine geführt werden, mit einem Maul. korb versehen sein müssen, welcher so eingerichtet sein muß, daß das Beißen verhindert, jedoch daS Saufen möglich gemacht wird. Gegen Zuwiderhandlungen wird eine Geldstrafe bis zu 9 M. angedroht., Potsdam. Die Listen zur Stabtverorbnetenwahl im Herbst d. I. liegen bis Ende Juli, von 8—1 Uhr, im Rathaus. Bureau 1, Zimmer 28, zu jedermanns Einsicht öffentlich aus. Versäume keiner sich zu überzeugen, daß tc in dieser Liste steht.— Wer nicht aufgenommen ist, darf im Herbst nicht wählen! Diejenigen, die selbst keine Zeit zur Einsichtnahme haben, wollen sich sofort an einer der nachstehenden Stellen melden: Beneke, Barbier, Alte Luisenstr. 13 und 43. Lindemann, Restaurateur, Alte Luisenstr. 37, Krakau, Stehbierhalle, daselbst. Staab, Zigarrenhandlung. Junkerstr. 75, Jakobi, Barbier, Junkerstr. 53. Waldt, Expedition des„Vorwärts", Jägeryr. 34. Iwan, Barbier, Mtttelstr. 2. Ladenthin, Restaurateur, Kl. Fischerstr. 4. Durch das Explodieren einer Spiritusflasche ist am Sonnabend vormittag die Frau und das vierjährige Kind des Schiffsführers Wesenberg in der Burgstraße schwer verunglückt. Die Frau hatte Feuer angemacht und die offene Flasche auf dem Herd stehen lassen. Während ihrer Abwesenheit spielte das vierjährige Mädchen und riß/dabei die Flasche um. Ms die Mutter wieder die Suche betrat, glich daS Kind einer Brandfackel. Man löschte das Feuer sofort an dem auf dem Hofe stehenden Brunnen. Mutter und Kind er. hielten schwere Brandwunden, so daß sie beide das städtische Krankenhaus aufsuchen mußten. Der Zustand des KindeS ist sehr besorgniserregend. Den in der Wohnung entstandeney. Brand löschten Hausbewohner ohne Eingreifen der Feuerwehr. Venirifcbtes. Ei» neues Reanbahnnnglück in Chemnitz.; Während am Sonntag auf allen preußischen Radrekttibahnett infolge de? von uns mitgeteilten ministeriellen Verbots die Schritt» machermotorräder ausgeschaltet waren, ereignete sich auf der alten Rabrennbahn in Chemnitz im Königreich Sachsen infolge eines Motorradsturzes ein neues bedauerliches Unglück. ES wird darüber telegraphisch gemeldet: Chemnitz, 25. Juli. In Chemnitz ereigneten sich heute auf der alten Bahn schwere Stürze, die lebhaft an die Berliner Radrennbahn-Katastrophe erinnern, wenn ihre Folgen auch glücklicherweise nicht so schwer sind, wie bei dem Berliner Unglück. Mit Rücksicht auf die bekannten Berliner Vorfälle waren verstärkte Polizei- und Feuerwehrmannschaften aufgeboten. Der Besuch war größer denn je zuvor. Die drei Vorläufe zum großen Steherpreis über je 20 Kilometer waren von Nonnewitz-DreSden, Bieglas- Berlin und Echenke-Magdeburg gewonnen worden. Diese drei Fahrer standen sich dann im Enischeidungslauf über 40 Kilometer gegenüber. Schenke lag an der Spitze und schien gewinnen zu können, als in der 138. Runde sich der Unglücksfall ereignete. Bie- glas fiel von seinem Motor ab, so daß sein Schrittmacher Jung- Berlin abstoppte. Um aber nicht in seine Schriitmachermaschine hinein zu fahren, bog BieglaS nach rechts aus. Im gleichen Augen. blick kam SckenkeS Schrittmacher Müller hinter ihn angesaust, und Schenke wurde nach außen gedrängt, geriet dadurch gegen die Barriere und sauste von dort quer über die Bahn in den Innen- räum mitten in das Publikum hinein. Der Motor überfuhr drei Erwachsene und ein Kind und stürzte dann um. Auch Schenke war zu Fall gekommen und mußte besinnungslos von der Bahn getragen werden. Die Verwundungen aller bei dem Unfall Verunglückten sind nicht allzu schwerer Natur. Sie bestehen zumeist in leichten Verletzungen. Das Rennen selbst wurde, wie uns weiter tele- graphiert wird, sofort abgebrochen. Kraftwagenunfall. Auf einer Kraftwagenfahrt bei Lud. w i g S l u st in Mecklenburg kam der 26 Jahre alte Berliner Hof- lieferant Eduard Rossi, der in der Linienstraße 139/140 eine Luxus- wagen- und Karosseriesabrik betrieb, umS Leben. Er hatte in Ham- bürg geschäftliche Angelegenheiten zu erledigen und auf Bitten eines Freundes zwei junge Damen, Fräulein Lotte Tesch aus Berlin und Fräulein Charlotte Schneider aus Schöneberg, in seinem Privatautomobil mitgenommen. Auf der Landstraße, unweit des Dorfes Kummer, fuhr daS Automobil an die Hinterräder eines Bauernwagens, der nach der verkehrten Richtung auSbog, und dann gegen einen Baum, so daß die Insassen im weiten Bogen heraus- geschleudert wurden. Rossi und Fräulein Schneider starben alsbald an Schädelbrüchen. Fräulein Tesch brach den rechten Arm, während der Chauffeur mit leichteren Verletzungen davonkam. Der Be- sitzer des Bauernwagens wurde vom Wagen geschleudert, blieb aber unverletzt. Rossis Gattin fuhr sofort mit dem Geschäftsführer nach der Unfallstelle. Die beiden Leichen wurden nach Berlin ge- bracht._ Nnwetter. Bamberg, 26. Juli. Schweres Unwetter tobte vergangene Nacht gegen 12 Uhr hier und in der Umgebung. Zahlreiche Dächer wurden stark beschädigt, viele Fensterscheiben zertrümmert. Auch in den Fluren hat das Unwetter großen Schaden angerichtet. Neustadt a. H., 26. Juli. Besonders stark hauste das Wetter in Meckenheim, Gönnheim, Ellerstadt, Fuß-Gönnheim und Franken- thal. Die Leute, die morgens nach dem Felde gingen, mußten un. verrichteter Sache zurückkehren, da das Getreide vollständig zer- schlagen war. Auch auf den Kartoffelfeldern wurde großer Schaden angerichtet._ Ein Personenzug in de» Missouri gestürzt. New Aork, 26. Juli. AuS Kansas-City wird gemeldet: Ein Personenzug der Wabashbahn stürzte infolge Unterwühlung des Bahnunterbaus in den Missouri. Sechs Personen wurden dabei getötet und fünfzig verletzt._ Opfer des bewaffneten Friedens. Tokio, Juli. Beim Gcschützexerzieren explodierte gestern auf dem Linienschiff„Asahi" ein zwölfpsündiges Geschütz. Bier Manu wurden getötet, fünf verwundet. Verantwartb Redakteuri Wilhelm Tiiwell, Lichtenberg. Für den gnjeratenteil verntw.iTh. Glocke, Berlin. Druck u- Verlag-Vorwärts vlichdruckcrei u. LerlagSanstalt Paul Singer& Go« Berlin SW,