Nr. 175. HbonnementS'Bedingungen: Monnemenls. xr»>? Jrf5mm!etanbo: SicrtcIjftbrL 3�0 Mr., monai». 1,10 Sit, wvchcntlich 2s Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nunimer S Pfg, Eonniags- nunimer mir illuftricrler Sonntags- Beilage„Die Neue Welt' 10 Piq. Post. Wonnenient: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-Zcitungs- Preisliste, Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland S Mark pro Monat. Postabonncments nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxcinburg, Portugal. Rumänien, Schweden und die Schweiz, 26. Jahrg. Crldicint tssliA aiiScr Eontägj. WW. Berliner Volksblatl. Die Tnlertlons'Scbflftf Beträgt für die sechsgespaltene Kolonel- zeile oder deren Raum 50 Pfg., für politische und gewerlschastliche Vereins- und Versammlungs-Anzeigen 30 Pfg. „Ulelne ZZnreigcn", das erste(fett- gedruckte) Wort 20 Pfg,, jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf- ftcllen-Anzeigcn das erste Wort 10 Pfg,, jedes weitere Wort 5 Pfg, Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5«hi: nachmittags in der Expedition abgegeben werden Die Expedition ist bis 7 Uhr abends gcofsnct, Telegramm- Adresse: „Sczialttcmokrat Rcrlin'*. Zentralorgan der fozialdemohrati fchen Partei Deutfcblands. Die ipanilche Revolution. In raschem Fortschreiten hat die Revolution, die als Er- qebung gegen einen frivolen Kolonialkrieg begann, das ganze Land ergriffen. In den Jndustrierevieren hat der G e n e r a l- st r e i k seine furchtbare Wucht entfaltet: Die Arbeit ruht, aller Verkehr stockt, die Städte sind von der Zufuhr abgeschnitten; rasch steigen die Lebens- Nlitteipreise und Vermehren die erbitternde Not. Der Eisenbahnverkehr ist eingestellt, weil die Streikenden die Schienen aufgerissen haben und mit Gewalt den Verkehr der Züge hemmen, jener Züge, die niit Militär angefüllt sind, das den Aufstand niederwerfen soll. Aber die Arbeiter sind es nicht allein, die sich erhoben haben. Ihnen schließen sich auch die gedrückten, vom Fiskus und vom Wucher ausgesogenen Bauern an, die sich lveigern, in den 5trieg zu ziehen und die Aushebung der Truppen bereits mit Gewalt zu verhindem angefangen haben. Die verbrecherische Regierung, die einen frivoleil Krieg in fremdem Lande angezettelt hat, sieht sich so plötzlich in einen furchtbaren Bürgerkrieg verwickelt, der sie und den Thron einer unfähigen, den Geboten fanatischer Pfaffen blind ge- horchenden Dynastie plötzlich zu verschlingen droht. Die Ursachen der spanischen Revolution lassen sich leicht begreifen, nachdem einmal die Erhebung selbst gezeigt hat, daß die Widerstandskrast dieses unglücklichen Volkes denn doch größer ist als man hoffen zu dürfen gemeint hat. Der letzte Krieg mit Amerika hat dem Lande schwere Wunden geschlagen. Das Blutreginient, das der tückisch grausame General Weyler auf Kuba entfaltet hatte, bot den Vereinigten Staaten den willkommenen Anlaß, der spanischen Herrschaft ein Ende zu machen. Der Verlust der Philippinen und Kubas, sowie die ungeheuren Kriegsopfer bedeuteten für das Land eine schwere wirtschaftliche Katastrophe, die jahrelang auf Spanien lastete, um so schwerer, als die korrupte Wirtschaft der politischen Klüngel nichts zur wirtschaftlichen Hebung des Landes zu tun.wußte und die unglückliche Bevölkerung nach wie vor völlig der Gewalt der Pfaffen überliefert blieb. Erst in letzter Zeit hat eine allmähliche wirtschaftliche Besserung eingesetzt. Namentlich die Textilindustrie.begann sich zu erholen und der Bergbau, der allerdings hauptsächlich vom ausländischen Kapital betrieben wird, gewann rasch an Ausdehnung. Gerade die Profitsucht aber des Minenkapitals bot auch die Veranlassung zu dem Kolonialkrieg. Die Spanier besitzen von altersher an der Nordküste Marokkos einige be- festigte Plätze, die sogenannten„Presidios", zu denen auch Melilla gehört. Im Hinterlande von Melilla trieb in den letzten Jahren der Kronprätendent Bu Hamern sein Wesen; er stand mit den Spaniern gut und trat ihnen einige Bergwerks- konzessionen ab, die von der spanischen Regierung zwei Ge- sellschaften, der„Compania Espanola de Nif" und der„Nord Africain", die hauptsächlich mit französischem Kapital arbeitet, verliehen wurden. Diese bauten zwei Eisenbahnen zu den Grubendistrikten, die sechs bis acht Kilometer in das marokkanische Gebiet hineinreichem Bu Hamern war jedoch eigentlich nie mehr als ein größerer Räuberhaupt- mann. Vor einiger Zeit wandten sich die nördlichen Stämme g»gen ihn und Bu Hamera mußte die Gegend verlassen. Die Kabylenhäuptlinge erkälten ganz richtig, er hätte nie das Recht gehabt, Konzessionen zu verkaufen. Die spanische Re- gierung aber bestand auf ihrem Schein und ließ trotz aller Warnungen den Bahnbau fortsetzen. Da kam es am 9. Juli zu einem Ueberfall, bei dem die Mauren sechs Bahnarbeitcr töteten. Das war für die spanische Regierung, der wohl dieser Zwischenfall nicht ganz unerwartet ge- kommen war, die gewünschte Gelegenheit zu einer„Straf- expedition". Infanterie und Artillerie wurden gegen die Kabylen gesandt. Die sp a n i s ch e n S o l d a t e n sollten deni französischen Kapital die betrügerisch erworbenen Konzessionen sichern. Und da es sich eben zum großen Teil um französisches Kapital handelt, ist es nicht unmöglich, daß auch die fran- z ö s i s ch e Regierung einen gewissen Druck auf die spanische ausübte, um zu energischem Vorgehen anzueifern. Bald stellte es sich jedoch heraus, daß dieses koloniale Abenteuer nicht so rasch beendet werden wird, wie es be- gönnen wurde. Die Kabylen sind militärisch außerordentlich erfahren. Sie haben den heiligen Krieg verkündet und den spanischen Angreifer rasch in eine verzweifelte Ver- teidigungsstellung gedrängt. Trotz aller amtlichen Schön- färbereien läßt sich sagen, daß die Stellung der Spanier in Melilla von Tag zu Tag unhaltbarer wird und daß die wilden Angreifer den Spaniern außerordentlich schwere Ver- luste beigebracht haben. Nun sollte geschehen, was immer in solchen Fällen zu ge- schehen pflegt. Nicht mehr das Profitinteresse des Kapitals sollte bedroht sein, sondern die Ehre der Nation auf dem Spiele stehen. Die Regierung erklärte, militärische Vorberei- tungen in größtem Stil treffen zu müssen und fürs erste min- destens 14 999 Mann nach Marokko werfen zu wollen. Es war klar, daß die Regierung sich anschickte, einen Krieg zu be- ginnen, bei dem nichts zu gewinnen war, aber der Opfer tosten mußte, die hinter dem des letzten Krieges nicht zurück- blieben. Noch aber sind im spanischen Volke die schrecklichen Kriegserfahrungen nicht vergessen, noch erinnern sie sich des entsetzlichen Elends der in die Heimat zurückgekehrten Sol- daten und der lang dauernden Not, die der Krieg mit sich ge- bracht hatte. Und jetzt sollte das Volk wieder einen Krieg führen für volksfremde Interessen, einen Krieg, der n u r d i e Armen trifft und nicht die Wohlhabenden; denn nur die ärmeren Volksklafsen müssen Heeres- dienst leisten, während sich die Wohlhabenden schon um 1199 M., oder wenn sie versichert sind, sogar schon um die Hälfte vom Militärdienst loskaufen können. Mußten sich da die Armen nicht die Frage vorlegen, warum sie sich auf die Schlachtbank führen lassen sollten und mußten sie sich nicht sagen: Wenn wir schon das Leben einsetzen müssen, dann wollen wir es einsetzen für unsere eigene Be- f r e i u n g, nicht aber es nutzlos hinopfern für die Interessen einer' Handvoll spanischer und französischer Kapitalisten und für das Prestige einer unfähigen, korrupten und Volksfeind- lichen Regierung. So geht das spanische Volk lieber in dieRevolutionalsinden Krieg. Mit fürchterlicher Grausamkeit sucht die spanische Re- gierung der Erhebung Herr zu werden. Der Minister des Innern, der sich rasch den Beinamen eines„Generals Trepow" erworben hat, hat Vertretern Pariser Blätter Erklärungen abgegeben, die eine Bestialität der Gesinnung offenbaren, die sich nur allzu rasch in Taten umgesetzt hat. Der Minister meinte: „Die Umtriebe sind im gegenwertigen Augenblicke ein nichts- würdiger Anschlag gegen das Vaterland. Deshalb werde ich den Aufftand mit unbarmherziger Strenge nieder- schlagen; die bewaffnete Macht hat Befehl, auf jedes Individuum sofort zu schießen, das sich an der Zerstörung der öffentlichen Verkehrs- mittel beteiligt. Ich beabsichtige den Aufständischen einen Denkzettel zu geben, an den sie lange denken werden." Und diesen Worten entsprechen die Taten. In den Straßen Barcelonas feuert Artillerie auf die Barrikaden, und Infanterie schießt»n Salvep auf die Aufständischen. Wie in Barcelona, so wird in vielen anderen Städten Nord- spaniens mit äußerster Grausamkeit gegen die erregten Volksmassen vorgegangen. Bis jetzt freilich vergebens. Unerschütterlich scheinen die Arbeiter im Generalstreik aus- zuharren, der mit jeder Stunde die Desorganisation des Staates steigern, die Verwendung der staatlichen Machtmittel stärker lahmlegen muß. Mit den Arbeitern haben sich die Bauern«rhoben, die den Militärdienst verabscheuen, von dem sich die Neichen loskaufen können, und die erbittert sind siber die schonungslose Behandlung der verheirateten Reservisten, die brutal von Herd und Arbeit weggerissen werden. Sie sagen:„Wir wollen nicht, daß unsere Jungcns wie Hunde totgeschlagen werden, um den Bankiers Ver- g n ü g e n zu machen". Deshalb desertieren die Bauernsöhne in Massen. Bereits ist die Stellung der Regierung trotz ihrer brutalen Energie erschüttert und man denkt an das letzte verzweifelte Auskunftsmittel, an eine Militärdiktatur. Als Diktator wird General W e y l e r genannt, der Gallifet Spaniens, dessen berüchtigte Grausamkeit das schlimmste befürchten läßt, allerdings aber auch die Empörung und den Widerstand eines verzweifelten Volkes aufs schärfste aufstacheln müßte. Im jetzigen Augenblick lassen sich die Folgen und Aus- sichten der revolutionären Erhebung noch nicht voraussehen. Ziemlich sicher erscheint nur, daß die Revolution nicht Halt machen wird bei der Verhinderung des verruchten Krieges, sondern darüber hinaus sich auf die Befreiung des spanischen Volkes von dem Joche der klerikalen Unterdrücker erstrecken wird. Schon schlägt die revolutionäre Stimmung nach der Haupt st adt hinüber, in der der König ausgepfiffen wurde. Die verhängnisvolle Saat, die die Regierung in verbreche- rischem Leichtsinn ausgesäet hat, ist aufgegangen. Das blutige Drama enthält eine ernste Lehre. Jaurds zieht sie heute in der„Humanitö": „Die spanische Regierung hat auch vom Marokko- abenteuer kosten wollen. Man sieht, was das bedeutet: den Bürgerkrieg in Katalonien und die Drohung einer Um- wälzung. Was sagen nun diejenigen dazu, die geträumt haben, Frankreich in diesen Abgrund zu schleudern und die gemütsruhig verkündeten, eine geringe Anstrengung würde genügen, um Ma- rokko zu bcmeistern? Im täglich helleren Licht der Ereignisse darf die sozialistische Partei laut ausrufen, daß sie durch ihren Kamps gegen die M a r o k ko v er fü hr u n g Europa einen Dienst ersten Ranges erwiesen hat." Aber hat man nicht auch in D e u t s ch l a n d den wahn- witzigen Gedanken gehabt, um Marokkos willen einen Krieg zu entfesseln? Fürwahr, die sozialistische Polstik ist heute die einzige, die den Völkern eine ruhige und ungestörte Entwicke- lung zu sichern imstande ist. Die kapitalistische Politik be- deutet den Krieg. Im nachstehenden geben wir die wichtigsteiviRachrichten wieder: Eine provisorische Regierung? Bayonne, 29. Juli.(Moldung der Agence Havas.) Aus Madrid läuft folgende Meldung ein: Die Lage in Spanien erscheint unentwirrbar. Die Regierung hat die Zustände in Barcelona als sehr ernst anerkannt, Gerüchte außerordentlich schwerwiegenden Inhalts rufen, da zuverlässige Nachrichten nicht vorhanden sind, große Bestürzung hervor. Heute wurde hier davon gesprochen, daß in Barcelona eine provisorische Regierung proklamicrt worden sei. Der Ursprung der Bewegung liegt in einem Gegensatz der öffentlichen Meinung zu der gegenwärtigen Regierung. Die Re- volutionäre haben sich dann die schwierige äußere Lage zunutze gemacht und plötzlich eine allgemeine Revolte unter der Arbeiterbevölkerung Barcelonas hervorgerufen. Die Bewegung in Barcelona scheint demnach weder antipatriotischen noch separatistischen Charakters zu sein. Artillerickampf. Cerbere, 29. Juli. Ein aus Barcelona eingetroffener Brief besagt, daß dort fünf Klöster und mehrere Häuser in Brand gesteckt wurden. Die Artillerie fährt fort, auf die Barrikaden der Aufständischen zu schießen. Die Zahl der Gefallenen ist bedeutend; 39 zählt man allein an der Barrikade auf der Calle del Pino. Der Frühschnellzug von Portbou nach Barcelona mußte bei Lansa anhalten, da die neuen Brücken mit Dynamit»n die Luft gesprengt waren. Revolutionäre Kundgebungen in der Hauptstadt. Cerbere, 29. Juli. Aus Madrid wird gemeldet: Eine Volks- menge, der sich Soldaten angeschlossen hatten, veranstaltete lärmende Kundgebungen vor dem königlichen Schloß. Man rief: Nieder mit dem Krieg. Die Gendarmen bringen immer be- unruhigenderc Nachrichten. In Saragossa. Saragossa, 29. Juli. Infolge des Ausstandes der Spinnereiarbeiter kam es hier zu Unruhen. Die Polizei mußte einschreiten und zerstreute die Gruppen im Zentrum der Stadt. Kavalleriepatrouillen überwachen jetzt ganz Sarai- gossa. Die Ruhe ist wiederhergestellt. Ohne Schonung. Madrid, 23. Juli. Der Minister des Innern hat der Presse über die Ereignisse in Catalonien folgende Mitteilung zu- gehen lassen: In Reus ist der allgemeine Ausstand er- klärt worden und es haben dort Ruhestörungen stettgefunden. Auch in A l c o v herrscht allgemeiner Ausstand. Die Telegraphen- d r ä h t e wurden zerschnitten, die Gendaruicrie mußte von der Schußwaffe Gebrauch machen, wobei es Tote und Ver- wundete gab; die Ordnung wurde bald wiederhergestellt. In Calahorra versuchte die Volksmenge den Verkehr auf der Eisenbahn zu verhindern; durch Zerstörung der Weichen und durch andere Beschädigungen wurde ein Zug mit Truppen zum Stehen gebracht; die Truppen feuerten sofort, mehrere Personen wurden getötet und verwundet, der Verkehr konnte als- bald wieder aufgenommen werden. In anderen Ortschaften spielten sich ähnliche Vorkommnisse ab, so wurde in V e n d r e l l o ein Zug angehalten, der Truppen von Valencia nach Barcelona brachte. Die Regierung hat Beweise, daß Agita- toren um jeden Preis eine aufständische Bewegung ausgesprochen revolutionären Charakters in ganz Spanien hervorrufen wollen, um den Transport von Truppen zu verhindern und der Aktionsfreiheit der Regierung, besonders bezüglich des Feld- zuges bei Melilla Hindernisse zu bereiten. Die Nachrichten, die heute mittag aus Barcelona eingetroffen sind, nachdem die telegraphische Verbindung, die in der letzten Nacht unterbrochen wurde, wiederhergestellt war, melden, daß die Brandstiftungen und die Angriffe auf die öffentliche Gewalt fortgesetzt werden und daß die öffentliche Macht die Ordnung mit Waffengewalt wiederherstellt. Unter den kirchlichen Niederlassungen, die von den Aufrührern angegriffen wurden, befindet sich auch das Kloster der Kleinen Schwestern der Armen. Im Hinblick auf das Andauern der Bewegung hat der Minister des Innern allen Gouverneuren gemessenen Befehl erteilt, ohne Schonung für Aufrechterhaltung der Ordnung zu sorgen, die heute mehr als je ohne irgendwelches Zaudern gewahrt werden müsse. Kriegsschiffe gegen das Boll. Madrid» 29. Juli. Zwei Kreuzer und drei Torpedo« bootszerstörer aus Ferro! erhielten Befehl, nach B a r c e» lona abzugehen. Marineinfanterie soll gleichzeitig dorthin ab- gesandt sein. Verzweifelte Lage der spanischen Armee. Bayonne, 29. Juli. Nachrichten aus Melilla zeigen Marina in einer außerordentlich kritischen Lage. Der Gene- ral soll 75 099 Mann Verstärkungen erbeten haben. Die Soldaten sind demoralisiert und vollständig von Kräften. Die Eingebore- neu sind von ihren Erfolgen wie berauscht, greifen die Posten der Vorhut an und drohen bis an die Tore der Stadt vorzurücken. Die Einwohner der außerhalb der Mauern belegenen Vorstädte fliehen nach Melilla. Der Feldzug zeigt, daß die Organisation des Verwaltungsdienstes sowohl wie die der Armee mangelhaft ist.* Fürchterliche Verluste. Paris» 29. Juli. Aus Melilla wird unter dem 23. Juli gemeldet: Seit dem Kampf vom 27. Juli ist die Eisenbahn abgeschnitten und damit die Versorgung der spani» scheu Vorposten mit Munition und Lebensmitteln u n m ö g- l i ch geworden. Ihre Stellungen werden also wahrscheinlich aufgegeben werden müssen. Die Lage in Melilla ist ernst; man kämpft unter den Mauern der Stadt. Außer dem General Pintos sind ein Oberst, zwei Oberstleutnants, ein Major, fünf Hauptleute, viele Subalternoffiziere und etwa 1999 Soldaten gefallen. Die Zahl der Verwundeten, unter denen sich viele Offiziere befinden, beträgt 1599—2999. Das Hippodrom ist mit Lerchen angefüllt. Ein Gerücht will wissen, daß zwei Generale schwer verwundet seien. Zur preuMhe» OcrwaKungsrcform. Die Jmmcdiatkommission zur Vorberatung der VerwaltungZ- keforin hat einen Ausschuß zur Vereinfachung des Geschäftsbetriebes gebildet, der zunächst in Tätigkeit treten soll und schon im Monat Oktober Bericht zu erstatten hat. An dem Geschäftsbetrieb bei den Verwaltungsbehörden ist sehr viel schon reformiert worden. Aus der kollegialen Abteilung I, der sogenannten Abteilung dcS Innern, ist die burcaukratische Präsidialabteilung geworden, wie denn über- Haupt das Kollegialsystem dem sogenannten Präfektursystem weichen soll. Auch iil der Kirchen» und Schulabteilung will man anscheinend jetzt das bisher dort noch gültige Kollcgialsystem beseitigen. Vom reaktionären Standpunkt ans ist es äußerst wünschenswert, daß das Kollegialsystem bei der Regierung fällt. Zuverlässig reaktionär ist oft nur der Regierungspräsident und sein Stellvertreter. Die RcgierungSräte, besonders die Justitiare, neigen nicht selten zum Ratio» nalliberalismaS. ES ist deshalb höchste Zeit, daß sie ihre Stimme der- lieren. ES gibt bürgerliche Regierungsräte, die sich von Junkern so diel haben gefallen lassen müssen, daß sie in einem gewissen, natürlich ängstlich verheimlichten Gegensatz zum Adel siehe». Die preußische Junkerherrschaft könnte darunter leiden, daß diese bürgerlichen Rc» gierungsräte Sitz und Stimnie im RegieruugSkollegium behalten. ES ist deshalb besser, der adlige Regierungspräsident von erprobt reaktionärer Gesinnung entscheidet alles oder sein politisch ebenso zuverlässiger Stellvertreter. ES ist nicht leicht im 20. Jahrhundert, Preußen als verjunlerten Polizeistaat zu konservieren. Immer toieder kommt der demokratische Wind, immer wieder müssen die Ritzen und Löcher des mittelalterlichen Gebäudes unserer Verwaltung verstopft werden. Die gänzliche Aufhebung dcS KollegialsystcmS bei den Regierungen bedeutet zweifellos eine Verschlechterung m der Behandlung der Sachen. Aber der Minister wünscht dieS anS politischen Gründen, um jeden liberalen Einfluß lahmzulegen. Das Kollegialsystein ist außerdem gefährlich wegen der.verminderten' Heimlichkeit, und die Hcinilichkeit möglichst aller RegicrungSakle ist Grundprinzip der ganzen preußischen Verwaltung. Rur wenn das Volk über die aristokratischen Tendenzen der Regierung im unklaren bleibt, kann sich der kultnrwidrige Zug in der Regierung, die die Bevölkerung als eine Art Feind ansieht, erhalten. Die Sufrcchtcrhaliung der Fremdherrschaft der Junker ist nur denkbar, wenn die Ocffeutlichkcit von der Art und Weise, in der regiert wird, möglichst wenig erfährt. ES ist deshalb besser, daß der Regierungspräsident mit dem Dezernenten allein die Erledigung der Sachen vornimmt. Ein Vortrag im Kollegium ist unter Ilm- ständen gefährlich. Wenn eine Gemeinde mit List und Gewalt um ihre SelbstverwaltungSrechte gebracht werden soll, dann machen daS besser zwei Beamte unter sich ab. Darin ist dem Minister v. Mottle durchaus zuznstinimen. Eine Beschleunigung der RcgierungSarbeiten erscheint erwünscht. Die Dezcrnateiutcilungen sind so unzweckmäßig wie möglich. Der Miquelsche Erlaß über Verminderung des Schreibwerks hat dazu geftihrt, daß in ziveckwidrigster Weise derselbe Vorgang immer weiter gereicht wird, gleichgültig, ob er sich zur Mitteilung an Behörden eignet oder nicht. Es gibt überhaupt niauche Kräfte bei der Regierung, die die Vereinfachung des Schreibwerks und eine gewisse beleidigende Formlosigkeit anscheinend für gleichbedeutend halten. Voraussetzung für schnelle Erledigung ist Verhütung des fort» währenden Wechsels im Dezernat und Wrbcitssreudigkeit der Dezer» ncnten. Darüber ließe sich manches sagen. Es gibt RegierungS» rate in Preußen, hie nur einige Male in der Woche zu ihrer Be» Hörde kommen, natürlich sehr hochgestellte Herren, deren Mitarbeit trotz geringer Onantität und Qualität doch immer wegen deS hohen Adels eine hohe Ehre für die Behörde ist. Eine liberale Regierung würde diese Herren morgen entlassen. Unserer reatlionär-aristokra« tischen sind sie lieb, weil sie den Zusammenhang mit dem Landadel auscechterhaltcn. Unsere Landräte müßten gezwungen werden, Telephon zu hatten. Ein preußischer Landrat, der auf diese technische Neuerung und ihre Vorzüge aufmerksam gemacht wurde, sagte kürzlich:.Ich kann mich doch als Landrat nicht ans Telephon rufen lassen I' Diese grüßen- wahnsinnige Auffassung würde in jedem anderen Staate wie in Preußen zur Entlassung im Disziplinarwege führen. Landräte und Ncgienmgspräsidenten müßten Sprechstunden haben für die Bevölkerung. Jetzt ist mancher Landrat stolz darauf, oaß er Proletarier nicht vorläßt und sich von gewissen Leuten grund- sätzlich nicht sprechen läßt. Daß der höhere Verwaltungsbeamte für das Publikum da ist, weiß man in Preußen nicht mehr. Eine Audienz beim höheren VerlvaltungSbeamten ist meist eine Gnade. Ebenso wie der Amtsrichter Sprcchstnnden hat, müßte sie jeder Per- waltnngsbeamte abhalten._ Ras dem IPriigelStift tliielayn. ES ist bezeichnend für den Tiefstand der bürgerlichen Presse, daß sie von unseren Veröffentlichungen über die barbarische Behandlung von Fürsorgezöglingcn in Mielczyn mit vereinzelter Ausnahme zunächst keine Notiz nahm, noch viel weniger sich kritisch äußerte. Verständlich ist uns dieses Verhalten; es waren ja„nur Fürsorgezöglinge"! Der Für» sorgezögling ist verwahrlost, er lügt, stiehlt und was sonst noch, so heißt es im bürgerlichen Jargon. Dieselben Vergehen, wegen deren das Kind armer Leute in Fürsorge- erziehung kommt, werden beim Kinde besitzender Kreise ganz anders gewcrtet und vielfach sogar entschuldigt. Welche Entrüstung ging nicht vor Jahressrist anläßlich deS Falles des Schülers Mathcs durch die bürgerlichen Kreise, als bekannt wurde, daß sich dieser Schüler infolge verletzten Ehr- gefühls das Leben nahm. Welche Entrüstung wurde damals in der bürgerlichen Presse laut! Aber damals handelte es sich um eitlen„höheren" Schüler, um einen jungen Mann aus ihren Kreisen. Ein Fürsorgezögling aber ist vogclfrei; er verdient von vornherein keinen Glauben. Wir geben gern zu, daß viele Aeußerungen aus dem Munde der Zöglinge mit großer Vorsicht aufzunehmen sind. Auch wir glauben nicht ohne weiteres alles und jedes, was sie behaupten. Allein von vornherein diese Menschen, die ein Opfer der elenden wirtschaftlichen Verhältnisse sind, als Lügner und Schwindler zu betrachten, ist ein unerhörtes Unrecht l Kommen doch viele Kinder in Fürsorgeerziehung, die in ihrem Leben sich nie etwas haben zuschulden kommen laffen, lcdig- lich der Eltern wegen! Aber weil mau diesen Menschen nicht glauben dürfe, darauf bauen viele Erzieher. Kaum jemand kümmert sich ja um ihre Lage. Solche Ansicht hatte anscheinend auch der Leiter der Er-; zichungsanstalt Mielczyn, Herr Pastor Breithaupt. Er„erzog"' nach seiner Weise. Er schlug und schlug, auf Gesäß, Rücken, i Hände, wo er hintraf, und sogar auf die F u ß s o h l e n I Er ließ die Zöglinge fesseln, einsperren, alles um zu„er-, ! sehen". Das von uns veröffentlichte Ergebnis der Unter-! uchung ist aber selbst bürgerlichen Blättern zu viel. Nun-' wehr steht sich doch eine Anzahl von ihnen veranlaßt, von den! in Mielczyn vorgekommenen Mißhandlungen staunend Notiz zu nehmen und Abhilfe zu verlangen..�Volkszeitung" und „Berliner Tageblatt", das nun auch unsere Mitteilung bringt, schließen sich unserer Forderung auf Schließung der Anstalt und Erhebung der Anklage gegen Pastor und Jnspettor an. Die„Freisinnige Zeitung" hatte noch gestern den traurigen Mut, die von den„Posener Neuesten Nachrichten" inszenierten Reinwaschungsversuche des Pastors Breithaupt mitzumachen und zu versichern, daß„von Mißhandlungen ganz und gar keine Rede sein kann". Wir möchten von der„Freisinnigen Zeitung" gern einmal wissen, was sie denn eigentlich unter Mißhandlungen versteht. Pastor Breithaupt selbst sucht sich aus der für ihn so blamablen Affäre zu ziehen, indem er die ganzen Darstellungen über die Prügeleien als übertrieben hinstellt, ivobei er obendrein, wie wir auf den ersten Blick feststellen können, Unzutreffendes behauptet. Er sagt, daß in Mielczyn nur Zöglinge im Alter von 16 bis 21 Jahren untergebracht seien. Uns ist bekannt, daß der Zögling N., der aus Mielczyn entwichen und dort in einer solch furchtbaren Weise gezüchtigt worden ist, daß er noch heute, nach acht Wochen, ganz entsetzlich aussieht, noch keine 1b Jahre alt war. Auch d i e Ausrede kann der Pastor Breit- Haupt nicht für sich in Anspruch nehmen, daß er die In- struktion der Anstalt Lichtenberg, die nach dem Vertrage der Stadt Berlin mit Mielczyn sinngemäße Anwendung finden sollte, und die nur eine körperliche Züchtigung von zehn bis zwölf Hieben vorsieht, bis heute noch nicht erhalten habe! Die von ihm geübte Züchtigung ist ohnehin eine unmenschliche, und es ist ganz und gar nicht zu verstehen, daß sie gerade von einem Pastor ausgeübt werden konnte! Einige Blätter veröffentlichen eine ihnen„aus dem Rat- hause" zugegangene kurze Darstellung, die ganz ungerechtfertigt abschwächend wirkt. Wir meinen, wer sich an Vertuschungs- versuchen beteiligt, muß sich gefallen lassen, als Mitschuldiger zur Verantwortung gezogen zu werden. Inzwischen ist selbst der„Lokal-Anzeiger", der anfänglich gleichfalls Verdunkelungsversuche machte, genöttgt, selbst Material zu der Beurteilung der Erziehungsmethoden in Miclczyu beizutragen. Er veröffentlicht folgende ihm von einem Vater eines in Mielczyn untergebrachten 19jährigen Zöglings zugegangene Zuschrift, in der es heißt: .Mein Sohn, der, an einem unerkannten moralischen Defekt leidend, nach Posen geraten war, kam eines Tages im Monat Mai dieses Jahres bei mir plötzlich an, und zwar mit dem Hin» weis auf seine tatsächlich unerhört vielen Ver» w n n d u n g e n. die ich leider bestätigen muß. Seinen An» gaben entsprechend, röhrten sie von 54 hintereinander erhaltenen Stockhieben her. Ist es da ein Wunder, wenn ein ISjähriger Mensch. daS Vertrauen zur AnstallSleitung verlierend, sich zu seinen Eltern flöchtet? Ist es ein Wunder, wenn ein solcher sich lieber nach dem Gefängnis sehnt, ehe er in solche Behandlung und Mißhandlung zurückkehrt? Natürlich ist bei solcher Tatsache der Fürsorgczweck mehr als verfehlt. Die Zog» lftige verüben Straftaien, nur um nickt nach Mielczyn zurückkehren zu müssen. Mein Sohn bestätigte mir schon damals, als noch nicht vorauszusehen war, daß etwas von den Prügel- srrofen an die Oeffentlickkeit dringen könnte, daß in der Anstatt auf Anordnung dcS Geistlichen Ivb Prügel mittels StockcS, ferner 50, 50, 40 und 30 Hiebe vorgekommen feien. Und wer loeiß, was noch offenbarr werden würde, wenn die betreffenden Eltern nicht die Oeffentlichkeit fürchteten. Der Mißhandlung wird dadurch die Krone aufgesetzt, daß man die Mißhandetten durch weitere Schläge zwingt, die erhaltenen Schläge zu zählen! Als mein Sohn, aus solche Weise verwundet, bei mir«intraf, mußte er acht Tage liegen, denn die Hiebe hatten ihm die Haut aufspringen lassen, wie meine Familie bestätigt. Als gut beleumdeter, selbständiger Geschäftsmann und Pater noch weiterer, wohlerzogener Kinder genierte ich mich vor der Nachbarschaft, einen Arzt diese schweren Körperverletzungen bestätigen zu lassen. Auch der ursprüng» liche Grund der Prügelstrafe lvar«in ganz ungerecht« seriigter. Mein Sohn hatte sich beim Röhrcnlegcn' müde arbeiten müssen und hatte gebeten, da er sich ein halbes Jahr vorher die Beine gebrochen hatte, einen Augenblick aus- ruhen zu dürfen. Dafür wurden ihm vom Erzieher, dem früheren Pastor Seidel sgemeint ist Breithaupt) fünfundzwanzig Schläge zu- erkannt. Die nächsten fünsiindzwaiizig Hiebe erhielt er auf dessen Veranlasiimg mit der Bemerkung:„Zum Abgewöhnen!", weil er geschrien hatte, und die weiteren vier, weil er nicht genügend im Takt gezählt hatte." Nach den bisherigen Ermittelungen decken sich die vor- stehenden Angaben mit der Erziehungsmethode Lreithaupts. Wir sind gespannt, ob sich denn nicht bald der Staats- anwalt rührt, der doch sonst so schnell bei der Hand sein kann, wenn er will. nieder mit dem Zarismus! Ueber die Ricsendemonstration in Kiel schreibt unser Kieler Bruderorgan: Dienstagabend 6'/z Uhr. In schwarzer ununter- brochener Kette strömt eS zur Hamburger Chaussee hinaus zur .Waldiviese". Da» Volk will zu Gericht sitzen über den Zarismus, Protest erheben dagegen, daß der Repräsentani des abscheulichen russischen Regierungssystems seinen Fuß auf deutschen Boden setzt. Um 7 Uhr zeigt eS sich, daß der große Saal des Etablissements viel zu klein für die Versammlung wird. Vorsichtigerweise ist die Genehmigung zu einer Versammlung unter freiem Himmel nach» gesucht worden, die wider Erwarten von der Polizeibehörde erteilt worden ist. Die Versammlung wird auf den Sportplatz des Etablissements verlegt. Die Menschenmasse ergießt sich aus dem Saal ins Freie; immer neue Kolonnen rücken heran, so daß kurz vor S Uhr, bei Beginn der Versammlung, wohl gegen 10000 Per» sonen anwesend sind. Kurz vor acht Uhr eröffnet der Genosse Söhnker die Riesen» Versammlung mit einigen kurzen kernigen Worten, mif den Zweck der Versammlung hinweisend. Als dem Referenten, dem sozialbemokra- tischen LandtagSabgeordncten Dr. Karl Liebknecht, das Wort erteilt wird und er daS Podium betritt, begrüßt ihn die Versammlung mit stürmischen Kundgebungen. Und nun entrollte der Referent aus genauer Kenntnis der Verhältnisse ein Bild von den Zuständen in Rußland, so entsetzlich, so ungeheuerlich, daß sich immer wieder stürmische Entrüstungsschreie bei den Zuhörern auslösten. Und für dieses System ist verantwortlich der Zar als Repräsentant der Re- gierung. Er ist auch persönlich verantwortlich, für die Taten der echtnlssischen Lumpenhunde, die Pogroms organisieren, freiheitliche Abgeordnete morden usw. Die preußische Regierung gewährt dem Auswurfe des russischen Systems. den Lumpenhunden Azew, Harting und Genossen Gastfreundschaft, hetzt aber die Besten Rußlands, die ihr ganzes Leben dem Streben für das Glück des russischen Volkes weihen, von Ort zu Ort und über» liefert sie den russischen Schergen. Immer wuchtiger werden die Anllagen de? Redners gegen daS russische Regime in Rußland und in Deutschland. Längst haben sich die Schatten der Dämmerung über die Versammlung gelagert, und die silberne Scheibe de» Mondes steht über dem dunkelnden schweigenden Walde. Aber wie die Mauern stehen die Versammelten, mit atemloser Spanmmg lauschen sie den Worten des Redners, nur ab und zu bricht ein einmütiger Schrei der Enipörung der Tausenden durch, um dann sofort wieder einer Totenstille Platz zu machen. Als der Redner niit einem flammenden Protest gegen den Besuch des russischen Zaren auf deutschem Boden und dem Rufe:„Nieder mit dem Zarismus!" geendet hat. bricht ein Beifallssturm lo?. wie er auf diesem Platze wohl noch nie gehört worden ist. Dann besteigt der Genosse Adler die Tribüne, um eine Resolntion zu verlesen und ihre Annahme zu empfehlen. Satz für Satz der markigen Resolntion, die knapp zusammengefaßt den Inhalt des Rc- ferates wiedergibt, wird von der Versammlung mit stürmischer Zu- stimmmig begrüßt, und als die Resolution zur Abstimmung gestellt wird, erhebt sich ein Wald von Händen, niemand stimmt gegen sie. Dreimal braust dann der Kampfruf der Sozialdemokraten über den Platz; die Versammlung hat ihr Ende erreicht. Einer riesigen schwarzen Schlange gleich windet sich die Menge durch de» Garten auf die Straße der Stadt und dem Heim zu. Die bürgerliche Presse, die die russischen Zustände in Kiel be» schützt und verteidigt, handelt nur konsequent, wenn sie in wider- licher Lakaienhaftigkeit vor dem Verantwortlichen deS russischen SchandsystemS berumwedelt. Die Kieler Sozialdemokratie aber hat zu ihrem freimütigen Protest und der glänzenden gewaltigen Demonstration gegen da» russische Schandrcgime und den Besuch des verantwortlichen Trägers dieses Regimes nicht nur die Zu- stimmung der Sozialdemokratie ganz Deutschland» sondern auch die aller Freiheitsfreimde._ ßiiaods Mut als Sluüterprändent. Paris, 27. Juli.(Eig. Ber.) Die heutige Kammersitzung hat Briand den vorausgesehenen Erfolg gebracht. Das FerienbedürsniS der Deputierten und die DeSorieiitierimg deS Radikalismus schlössen einen ernsthaften Angriff au«. Die Sozialisten nahmen an dem Scheingefecht nicht teil. Für sie ist die Regierung BriandS wie jede andere bürgerliche Regiernno ein Organ der Klassenherschaft. In welche Formen aber sich tie proletarische Opposition zu kleiden hat, hängt natürlich von den Taten des neuen Ministeriums ab. Sie sind erst zu erwarten. Vorläufig kennt man erst ein Programm und eine Miiiisterrede. DaS Programm enthält nichts UeberraschcndcS. Daß die Alters- Versicherung und das Bcamtenstatut vor den Wahlen fertiggestellt werden, ist daS Minimum dessen, was die bürgerlichen Republikaner brauchen, um sich vor die Wähler zu wagen. Die Hervorhebung dcS Streikverbots für die Beamten ist bei dem einstigen Führer der Geiißralstreikspropaganda eigentümlich, aber eine natürliche Reaktion jeder bürgerlichen Regierung auf einen Ausstand, der wie der der Postbeamten die Ruhe der herrschenden Klassen gestört. aber gleichzeitig auch die mangelnde Bereitschaft der bc- herrschten offenbart hat. Merkwürdig ist die Lernach» lässigung der M i l i t ä r j u st i z r e s o r m. Ein merklicher Widerspruch besteht zwischen der Regierungserklärung und der Rede deS Ministerpräsidenten in bezug auf die E i n k o m m e n- st e u e r. In der Erklärung heißt eS:„Wir haben das Vertrauen, daß die Regierung die Zustimmung deS Senats zum Entwurf über dieEinkommensteuer erhalten wird. Keine Bemühung wird uns zu groß sein, um vor dem hohe» Hause den klar erklärten Willen der Kammer zu verteidigen." In der Rede verspricht Briand nur, daß die Einkommensteuer»zu ihrer Zeit" kommen werde und fügt hinzu, daß ihrer Durchführung wie die Gesetzgebung über die Verweltlichung nur in einem friedlichen und ruhigen Land möglich sei. Ueber die Wiedereinsetzung der gemaßregelten Postbeamten hat der Ministerpräsident nur ein paar ganz unbestimmte Worte gesagt, die sie als reine Opportunitätsfrage hin« stellen. Ueber da? wichtigste, dringendste politische Problem der Republik, die Wahlreform, Hilst sich die Regierungserllärung mit der Ausflucht aller wahlreformfeindlichen Regierungen der Welt hinweg, indem sie sagt, eS müsse erst„studiert" werden. Doch „meint" sie, daß man der Kammer wohl einen Versuch mit dem Proporz bei den nächsten— Gemeindewahlen vorschlagen werde. DaS heißt also, daß bei den bevorstehenden Kammerwahlen die korrumpierende, den Willen der Wählerschaft verfälschende Bezirkswahl jedenfalls noch Anwendung finden soll. Von den persönlichen Bekenntnissen Briands verdient ein Satz der Nachwelt als geflügeltes Wort erhalten zu werden:„In mir ist— ich möchte nicht. sagen, ein anderer Mensch entstanden, sondern ein Mensch, der sich an seine Funktion angepaßt h a t." Der Lessingsche Edelmann de la Mnrliniöre könnte sich nicht feiner ausdrücken. Auch die Beteuerung:„Wenn ich meine Person als Element der Spaltung der republikanischen Partei ansähe, würde ich Sie auffordern, mir nicht Folge zu leisten", ist interessant. Soviel zarte Rücksicht und Opferfähigkeit hat Briand gegenüber der sozialistischen Partei nicht an den Tag gelegt._ poUtifcbc üsberHcbt. Berlin, den 29. Juli 1909, Eine freisinnig-nationaNiberale Koalition bei den sächsischen Landtagswahlen. Verwandte Seelen finden sich zu Wasser und zu Land l Me der Nationallibcrale Landesverein für das Königreich Sachsen mitteilt. fand zwischen den Vertretern des Nationalliberalen LandeSvercins, der Freisinnigen Vollspartei und deS Liberalen Landesverbandes am 20. Juli in Leipzig eine Beratung statt zu dem Zweck, über die Wahlkreise, in denen durch die Aufstellung liberaler Kandidaten ver- schiedener Richtung voraussichtlich eine Zersplitterung der liberalen Stimmen herbeigeführt wird, eine Verständigung zu erzielen. Die Verhandlungen ergaben eine Verständigung Über einige allgemeinz Grundsätze, die für die Aufftellung der Kandidaturen maßgebend sein sollen, sowie über gewisse, einzelne Wahlkreise betreffende Vorschläge. Die Durchführung dieser zunächst unverhindlichen Abmachimgcu wird von der Zustimmung der Parteileitungen wie der örtlichen Organisationen abhängen.-- Alberne Beschuldigung. DaS Berliner Scharfmacherblatt„Berliner Neueste Nachrichten" läßt sich aus Bayern schreiben, daß der Stimmenzuwachs der Sozial- demokratie im Wahlkreise Neustadt-Landau darauf zurückzuführen fei, daß das Zentrum eine Anzahl seiner sicheren Wähler bestimmt habe, sozialdemokratisch zu wählen, damit der Sozialdemokrat mit dem Nationalliberalen in die Stichloahl konimt.— Bisher war man immer nur gewöhnt, daß in der bürgerlichen Presse behauptet wurde, die Sozialdemokratte habe Wähler abkommandiert, um die«ine oder die andere bürgerliche Partei in eine Stichwahl zu bringen. Selbst- verständlich war daran nie ein wahres Wort. Genau so aber steht eS mit der angeblichen Abkommandierung der Zentrumswähler. Bei der letzten Wahl erhielten die Nationalliberalen 14 SIS, das Zentrum 8707, die Sozialdemokratie 6340 Stimmen. Das Zentrum hätte also Aussicht gehabt, selber in die Stichwahl zukommen. ES ist nicht einzusehen, weshalb daS Zentrum diese Situation hätte fürchten sollen. Daß der Stimmenzuwachs der Sozialdemokratie den Gegner ükerraschend kommt, ist begreiflich; sie wollen aber diesen Stimmen« Zuwachs nicht auf das Konto der volksfeindlichen Politik der bürger- lichen Parteien gesetzt wissen, sondern ergehen sich in allen möglichen Phantastereien, um eine Erklärung für diese so außerordentlich leicht begreifliche Erscheinung zu finden. Folgen der Tabaksteuer. Wie der Berliner Gauleitung deS TabakarbeiterberbandeS mitgeteilt wird, beabsichtigen die Fabrikanten in Trebbin, am 13. August ihre Fabriken zu schlieficn. Dadurch würden in diesem Orte mit einem Schlage 250 Arbeiter und Arbeiterinnen der Tabakbranche brotlos werden. In Brandenburg a. H. konimt außer einigen ganz kleinen Fabri- kanten eine Firma mit 30 Arbeitern und Arbeiterinnen in Betracht. Diese hat sich damit einverstanden erklärt, daß sie keine Entlassungen vornehmen, sondern die Arbeitszeit für alle Arbeiter gleichmäßig ver- kürzen wird._ Nur nicht sparen! Kaum ist das Reichsdefizit durch die neubewilligten Steuern ziemlich gedeckt, so geht auch schon die Regierung daran, allerlei neue Geld erfordernde Kolonialpläne auszuhecken. Zunächst soll. wie eine halboffiziöse Korrespondenz zu berichten weiß, die höhere Lehranstalt in Tsingtau(Kiautschou) zu einer deutschen Hochschule ausgestaltet werden. .Die im Jahre 1907 in Tsingtau errichtete deutsch- chinesische höhere Lehranstalt soll*, so meldet die betreffende Korrespondenz, „im Herbst dieses JahreS weiter zur Hochschule ausgebaut werden. Bisber bestand die Schule aus einer Vorbereitungsanstalt von sechs Klassen, die sehr gut von jungen Chinesen besucht wird. Es soll nun- mehr, wie ursprünglich beabsichtigt, eine fachwissenschaftliche Hochschule angegliedert werden, die vier Abteilungen, eine staatswissenschaft- liche, eine technische, eine medizinische und eine land« und forst- wirtschaftliche, erhalten wird. Der Lehrgang soll 3 bis 4 Jahre währen. Zunächst kommt im Herbst die staatswissenschaftliche und technische Abteilung zur Einführung. Lehrfächer in der staatswissen- schaftlichen Abteilung sind: Völkerrecht, Staats- und Verwaltungs- recht. Etatsrecht, Eisenbahnrecht, Bergrecht, Seerechl, National- Ökonomie, Finanzwissenschaft, in der technischen Abteilung: Maschinen- und Schiffsbau, Hoch- und Tiefbau, Eisenbahnbau, Bergbau. Elektrotechnik. Die weitere Ausgestaltung der Hochschule hängt allein von den Fortschritten der Schüler in der Unterstufe ab. Die medizinische Abteilung soll in kleinem Rahmen gehalten werden. da geeignete Schüler an die deutsche Medizinschule in Shanghai ab- gegeben werden können. Der land- und sorstwirtschaftliche Unterricht soll nur so weit ausgestaltet werden, als sich hierfür die bereits im Schutzgebiet vorhandenen Betriebe nutzbar machen lassen.* Der neue Unterstaatssekretär im Reichsamt des Innern. Der Unterstaatssekretär Dr. Richter, bisher Delbrücks rechte Hand im Handelsministerium, ist zum Unterstaatssekretär im Reichsamt des Innern ernannt worden. Er ist also seinem bisherigen Chef in dessen neues Ressort nachgefolgt. Dr. Max Richter steht im 53. Lebensjahr. Nach dem Studium der Rechte wurde er 1879 Neserendar beim ostpreußischen Tribunal, trat 1882 zur Staats- Verwaltung über und wurde 188S NegierungSasieffor bei der Re- gierung in Posen. Seit 1888 arbeitete er bei dem dortigen Ober- Präsidenten, und 1891 wurde er als Hilfsarbeiter in das Reichsamt des Innern einberufen, in dem er im April 1892 zum Regierungs« rat.und ständigen Hilfsarbeiter ernannt wurde. Im No- vember 1895 rückte er zum Geheimen Reglernngsrat und vor- tragenden Rat und drei Jahre später zum Geh. Oberregierungsrat auf. Im Oktober 1902 erhielt er seine Beförderung zum Direktor im llteichsamt de« Innern und wurde darauf 1905 an Stelle des ver- storbenen Unterstaatssekretärs Dr. Lohmann Unterstaatssekretär im Ministerium für Handel und Gewerbe. Weiteren Kreisen bekannt geworden ist Dr. Richter vornehmlich durch seine Vertretung Deutschlands auf der Chicagoer Welt- auSstellung im Jahre 1893 und seine Tätigkeit als ReichSkomniissar der Pariser Weltausstellung im Jahre 1900. Erhöhung der Fahrpreise 4. Klasse in Württemberg. Die Finanzkommission deS württembergischen Landtages be- schloß mit 12 gegen 3 Stimmen, den Fahrpreis für die 4. Klaffe der württembergischen Eisenbahnen von 2 Pf. auf 2,3 Pf. pro Kilo- nreter zu erhöhen. Nur die Sozialdemokraten stimmten dagegen. während alle bürgerlichen Parteien geschloffen für diese Mehr- belastui'g der minderbemittelten Volksschichten eintraten. Von sozial- demokratischer Seite wurde nachgewiesen, daß keineswegs gerade die 4. Klaffe da» Defizit der Eisenbahnverwaltung verschuldet habe und ihr« Betriebskosten nicht decke; es stehe bielmehr fest, daß in der 4. Klaffe auf denselben Raum 70 Fahrgäste kommen, auf den in der 3. Klaffe nur 56 Platz finden und die Wagen der 4. Klaffe sind meist voll besetzt, während die anderen Klassen teils leer oder mangelhast besetzt fahren. ES sei zuzugeben, daß in den letzten Jahren eine Abwanderung solcher Passagiere in die 4. Klasse stattgefunden hätte, die früher in höheren Klassen fuhren. Die Ursache hierfür liege aber in der allgemeinen Verteuerung der Lebenshaltung, die immer weitere Schichten, auch die des Mittel- standeS, zu möglichster Einschränkung zwinge. Bei dem Mehrheitsverhältnis in der Kommission ist jedoch mit Sicherheit auf die Annahme der Erhöhung auch im Plenum des Landtages zu rechnen. NattonaMberale Eharakterlostgkeit. An politischer Charakterlosigkeit können die Nationalliberalen wahrhaftig nicht mehr übertroffen werden. Wie die„Germania* feststellt, bettelt die nationalliberale„Pfälzische Presse* daS Zentrum an, bei der Stichwahl in Neustadt- Landau die Stimmen dem nationalliberalen Kandidaten zu geben. Das Blatt begründet dies mit der Religionsfeindlichkeit der Sozialdemokratie. Die„Germania* übergießt das nationalliberale Blatt verdientermaßen mit Spott und Hohn, indem sie feststellt, daß die WeihnachtS-, Öfter- und Pfingft-Leiiartikel der„Pfälzischen Preffe* anttchristlich waren. Was daS Blatt von den Sozial- demokraten sage, gelte in vollem Umfange von ihm selbst und das ganze Gebaren müsse als bodenlose Heuchelei bezeichnet werden. Die„Germania* bemerkt zum Schluß:„In Nenstadt-Landau wird der Liebe Mühe freilich vergebens sein.' Studcntenstreiche. Zu widerlichen Auftritten ist es infolge von Ausschreitungen einiger Studenten vor dem bekannten Gasthaus„Zur Rose* in Jena gekommen. Dort hatten die Mitglieder einer studentischen Ber- indung dem Gambrinus wohl zu reichliche Opfer gebracht, denn ihr Tatendrang äußerte sich auf der Straße dadurch, daß sie harm- lose Passanten anrempelten und die„Philister anödeten*. Radfahrer wurden von den Rädern gerissen und Kindern Spirittiosen ver- abfolgt, sodaß sie betrunken wurden. Da die„Philister* nur ge- ringes Verständnis für derartigen Studcntenull zeigten, kam eS zu Zusammenstößen. Allmählich sammelte sich vor dem Gasthause eine Menschenmenge an. die ihrer Empörung über das Treiben der Studenten lauten Ausdruck gab. Diese mochten sich jetzt bedroht fühlen, denn einer von ihnen gab einen Schreckschuß aus einer Browningpistole in die Luft ab. Ein Polizist wollte darauf dem Studenten, der fortwährend rief:„Wer mir in den Weg kommt. den schieße ich nieder*, die gefährliche Waffe entreißen. Es entspann sich zwischen den beiden ein Handgemenge, in dessen Verlaus ein zweiter Schuß losging. Die Kugel traf den Schutzmann in den rechten Oberschenkel. Er mußte ins Kraukenhaus übergeführt werden. Der betreffende Student, der behauptete, er habe nicht absichtlich geichossen, wurde zu seiner eigenen Sicherheit nach der Polizei ge- führt, da die Menschenmenge nicht übel Lust hatte, an ihm eine Art Lynchjustiz zu üben._ Was sich die Polizei erlauben darf. Bei der Beerdigung eines StadtbaurateS in Hörde bei Dort- mund verlangte der Polizeirat Heide, daß ein Möbelwagen, der auf der sehr breiten Straße, die der Leichenzug passierte, stand, von der Straße für die Dauer des Vorbeizuges fortgefahren würde. Der Fuhrmann und die Packer wiesen darauf hin, daß die noch im Wagen befindlichen Möbel dann schwer beschädigt würden und der Wagen umfallen könne, und weigerten sich deshalb, der Polizei- lichen Aufforderung nachzukommen. Der Polizeikommissar ließ den Wagen dann einfach durch einen Beamten fortfahren. Den Kutscher ließ er festnehmen; die Möbel wurden alle beschädigt und fielen zum Teil auf die Straße. Der Kommissar hatte sich wegen der Gesetzesüberttewng vorder Dortmunder Ferienstrafkammer zu verantworten. Der Staats- anwalt beantragte wegen der unerlaubten Festnahme eine Gefängnis- strafe von vier Monaten. Das Gericht sprach jedoch den Angeklagten frei, weil eS annahm, daß der Polizeikommissar nicht bewußt rechtswidrig gehandelt habe._ franhmcb. Die Gciverkfchaft der Postbeamten. Paris, 29. Juli. Das Polizeigericht verfügte die Auflösung der P o st b e a m t e n- S Y n d i l a t e, die sich bei dem letzten Ausstande konstituiert hatten. 16 Postbeamten wurden als Gründer der Syndikate zu je 16 Frank Geldstrafe verurteilt. Begnadigung der Deserteure. Paris, 29. Juli. Die kürzlich vom Kriegsgericht zu Cafablanca über die Deserteure der Fremdenlegion verhängten Strafen find vom Präsidenten FalliöreS gemildert worden. Englanä. Die Arbeiter gegen das Wettrüsten. In der letzten Flottendebatte, die wir bereits in telegraphischem Auszug wiedergegeben haben, hielt der Wortführer der Arbeiter- fraktion BarneS eine Rede, die sich mit großer Schärfe gegen die imperialistische Agitation wandte, und aus der wir noch einige charakteristische Stellen nachtragen wollen. BarneS sagte: „Die Arbeiterpartei unterstützt das Amendement auf Herab- setzung deS Flottenetats, da keine Gründe für die Erhöhung der FlottenauSgaben vorgebracht wurden; ebensowenig wurden Beweise geliefert, daß die deutsche Regierung ihr Bauprogramm beschleunige. Das deutsche Flottenprogramm enthält nichts Mysteriöses. Um die Mitte deS Jahres 1912 wird Deutschland 13 Schlachtschiffe vom Dreadnoughtthp haben, während England zu Ende des JahreS 1911, wenn die 4 Dreadnoughts des laufenfen Etats fertiggestellt sind, 16 Dreadnoughts besitzen wird; mit den 4 Eventual-DreadnoughtS würde England 20 gegen 13 deutsche haben. Die kon- servative Opposition ist in Flottensachen nicht zu- frieden zu stellen. Die Arbeiter fraktion vertritt in England dieselben Ansichten, wie die Sozialdemokratie mit ihren drei Millionen Wählern in Deutschland. Ich kann nicht zugeben, daß die herrschenden Klassen Deutschlands uns feindlich gesinnt feien. Aber auch wenn sie es wären, so könnte dies nur die Folge der Jingo- reden britischer Politiker sein. Die Mitteilung des konservativen Abgeordneten Lee, daß die Kruppschen Werke im letzten Jahre ihr Personal um 38000 Mann oder um60Proz. vermehrt haben, um die Flottenrüstungen beschleunigen zu können, ist eine groteske Uebertreibung. Währenddem hier Panikreden über die Beschleunigung der deutschen Flottenrnstungen gehalten wurden, schrieben mir meine Freunde, daß nur auf einer einzigen deutschen Schiffswerft die Zahl der Arbeiter erhöht wurde. Die britische Regierung scheint den Vor- Wurf, daß Deutschland seine Flottenrüstungen beschleunige, still- schweigend fallen gelassen zu haben. Es wäre aber ihre Pflicht, diesem Hause und Deutschland gegenüber dieS offen anzuerkennen und die Anschuldigung zu widerrufen.(Beifall bei der Arbeiterfraktion.) In Deutschland sowohl wie in England entsteht eine Bewegung gegen das Anschwellen der R ü st u n g e n. Die Arbeiter beider Länder erblicken in den wachsenden Rüstungen eine Gefahr für den Frieden. Sie fürchten weder fremde Armeen noch fremde Flotten. Die Feinde, die sie bekämpfen, befinden sich inner- halb ihrer eigenen Länder, und sie heißen: U n w i s s e n- heit, Elend und Krankheit.*(Beifall.) Die Territorialarmee. London, 28. Juli. Das Kriegsministerium gibt bekannt, es habe beschlossen, die Territorialarmee durch Bildung einer Reserve zu erweitern, die alle geeigneten Leute umfassen soll, welche sich zur Teilnahme an der Landesverteidigung bereit zeigen. Die Reserve wird aus drei Klassen bestehen. Zur ersten Klasse sollen 100000 Mann gehören, die bei Verlusten im Kriege als Ersatz herangezogen werden. Die zweite Klaffe soll eine technische Reserve darstellen. Die dritte Klosse besteht in einer Veteranenreserve auS gedienten Offizieren und Mannschaften. Cürhei. Die kretische Frage. Konstantinopel, 29. Juli. Die Erregung über die H i s s u n g der griechischen Flagge auf Kreta dauert fort. Die Blätter weisen in scharfen Worten auf die Erfolglosigkeit der türkischen Diplomatie hin. Die jungtürkischen Deputierten erklären, es sei der Türkei unwürdig, die Bedeutung der letzten Vorgänge verschleiern zu wollen, wie dies der Großwesir in der Unterredung mit dem Redakteur der„Sabah* versuchte. Die Stellung des Kabi- netts, die in den letzten Tagen etwas befestigt war. erscheint neuerdings stark erschüttert. Ein gestern abgehaltener Ministerrat soll über die künftige Haltung der Regierung in der Kretafrage wichtige Beschlüsse gefaßt habe». Die türkischen Vertreter im Auslände erhielten neue Instruktionen. Wie verlautet, wird die Kammer in den nächsten Tagen die Regierung über die Kretafrage interpellieren. „Tachhdromos* erfährt, die griechische Regierung habe an die Pforte das freundschaftliche Ersuchen um Aufklärung über die Gründe von Truppenbewegungen an der türkisch- griechischen Grenze gerichtet. Nach der„Turquie* habe die türkis cheFlotte Befehl erhalten, nach dem Aegäischen Meer abzugehen. Nach Mitteilungen des neugeschaffenen� türkischen JuformationS- bureauS hat sich die Pforte wegen der Hiffung der Flagge an die S ch u tz in ä ch t e gewandt, welche versicherten, sie garantierten die Wahrung der türkischen Rechte und deS Ltntus guo auf Kreta. Die kriegerische Kammer» Konstantinopel, 29. Juli. In der Kammer kam eS heute zu einer patriotischen Kundgebung wegen Kretas. Die Sitzung wurde mit der Verlesung von Telegrammen eröffnet, welche in sehr großer Zahl aus allen Teilen der Türkei eingelaufen sind. In diesen Depeschen wird die Ver- anstaltung von Versammlungen angekündigt und erklärt, daß alle Ottomanen bereit seien, ihr Blut für die Verteidigung der Rechte der Ottomanen auf Kreta zu vergießen. Mehrere türkische, albanische und arabische Deputierte hielten unter lebhaftem Beifall begeisterte Reden, in welchen sie der Regierung Untätigkeit vor- warfen, sie aufforderten, energisch vorzugehen, und er- klärten, daß alle zum Kampfe bereit seien, um die griechische Flagge auf Kreta zu zerreißen und eine Regie- rung zu vernichten, welche diese Flagge auf Kreta gehißt habe. An der Debatte beteiligten sich auch ein armenischer und ein bulgarischer Deputierter sowie der Grieche Arta, der die Regierung aufforderte, diese Frage in einer den Interessen der Otto- mancn einsprechenden Weise zu lösen. Der Präsident erklärte, er werde dem Kabinett von den Gesinnungen der Kammer Mitteilung machen. Wie er wisse, sei die Regierung bemüht, die Jnterffen des Vaterlandes zu wahren. Mau müsse ihr darin freie Hand lassen..____ Eus der Partei. Aus den Organisationen. � � �.. Der Jahresbericht des sozialdemokratischen BereinZ In Fürth verzeichnet trotz der Krise, die in Fürth geradezu verheerend wirkt (heute sind 600 Arbeitslose vorhanden, für die die städtischen Kollegien dieser Tage 6000 M. für Notstandsarbeiten ausgeworfen haben), einen Fortschritt in der Entwickelung I Bemerkenswert aus dem Bericht ist die Tatsache, daß die Vorteilung eines Brieses in Form eines Flugblatts an Landarbeiter und Kleinbauern der Partei viele neue Mitglieder aus diesen Kreisen gebracht hat. Frauen sind im Wahlkreis vorerst nur 200 politisch organisiert. für die neben Leseabenden auch R ä h k u r s e eingerichtet sind, die gut frequentiert werden. Der sozialdemokratische Verein Nürnberg hat seine Mitgliederzahl im vergangenen Jahre um 1000 vermehrt. Unter den 13 500 Mit- gliedern befinden sich 700 Frauen. Das Prozentverhältnis der Mitgliederzahl zu den sozialdemokratischen RcichStagswählcrn ist von 37,8 auf 40,6 gestiegen. Bei einem Kassenbestand von 12 000 M. bilanzieren Einnahmen und Ausgaben mit 67 000 M. Der Nürn- bergcr Parteitag verursachte eine Ausgabe von 10 300 M. und brachte eine Einnahme von 8750 M. Das Defizit von 1500 M. wurde auS der Vereinskasse gedeckt. Die Neubauten der. F r ä n k. Tagespost* repräsentieren inklusive Maschinen usw. einen An- schaffungswert von rund 900 000 M. Unser Parteiorgan ist bei einer Auflage von 80 500 die größte politische Zeitung Nürnbergs und ganz Nordbayerns. Die neu eingerichtete Buchhandlung floriert sehr gut. Sehr interessant ist der Bericht des Bildungsausschusses: 159 Unterrichtsabende und Vorträge wurden im Berichtsjahre ab- gehalten, davon von dem angestellten Lehrer(Dr. Maurenbrechcr) 147. Uebcr die Unterrichtskurfe für Jugendliche sagt Manrenbrccher: „ES hat sich gezeigt, daß die Aufmerksanikeit am größten war bei dem Thema:„Die Abstammung deS Menschen* und„Der 18. März*. Die theoretischen und literarischen Stoffe, die einige Fähigkeit zu systematischem Denken voraussetzen, gingen Wohl über das Interesse der Jugendlichen hinaus.* Ferner meint Maurenbrecher, nach seinen Erfahrungen sei es überhaupt unmöglich, an Sonntagen eine systematische und planmäßige Bildungsarbeit unter den Jugendlichen zu treiben; sie wollen den Sonntag als Tag des AufatnienS, des Frobsinns und des Spiels. Er empfiehlt daher die Unterrichtsabende an Wochentagen. Mit den theoretischen und wissenschaftlichen Lehrkursen für fort- geschrittene Parteigenossen sind gute Erfahrungen ge- macht worden: Die Kurse wurden durchschnittlich von 90 Proz. der Angemeldeten regelmäßig bis zum Ende besucht. In Betracht kamen in der Bewegung mit an erster Stelle stehende Parteigenossen. Da« gegen sank die Teilnchmerzahl bei Unterrichtskursen, die jedem zugänglich und für eine größere Zahl von Hörern(130) berechnet waren, zuletzt bis auf ein Drittel der Angemeldeten. Maurenbrecher sagt dazu:„Gerade derjenige Kursus(die sozialen Klassen), der mir in der Vorbereitung die meiste Arbeit gemacht hat, in dem meiner Meinung nach am meisten Arbeit steckte, hat das wenigste Interesse in der breiteren Masse der Zuhörer gefunden.* An Theaterbilletts bat der BildungSauSschuß 5000 Stück vermitteln können.— Die Jugendabteilung zählt heute 700 Mitglieder. Bei einem Kassenbestand von 1000 M. bilanziert der Etat des Bildungsausschusses mit 9500 M. Soziales. Fabrikbctricv oder ZnchthanS. Ein bor dem Gewerbegericht um ein Objekt von 80 Pf. ber- handelter Rechtsstreit zeigte wieder einmal, wie Fabrikunternehmer die Rechtsverhältnisse ihrer Arbeiter durch rigorose Straf- bestimmungen in der Arbeitsordnung„regeln". Die Arbeiterin K. ivar bei der Firma Siegel u. Cie. beschäftigt. Bei der letzten Lohnzahlimg wurden ihr 80 Pf. in Abzug gebracht und zwar, wie der Vertreter der Beklagten sagte. 30 Pf. für eine Wider- spenstigkeit und 50 Pf. weil durch Unvorsichtigkeit der Klägerin ei» Stempelkissen beschädigt worden sei. Die Firma hält sich zu den Abzügen auf Grund der Arbeitsordnung für berechtigt. Daö Gericht bezeichnet die Strafbestinimungen der Arbeitsordnung— unter anderem wird auch den Arbeiterinnen das Lochen bei einer Strafe von 30 Pf. verboten— als gegen die guten Sitten verstoßend. DaS Gericht hielt aber doch eine Beweisaufnahme über das Verhalten der Klägerin für erforderlich, deshalb wurde die Verhandlung vertagt._ Nichtbezahlung der Ueterstundru als Grund zur Lösung deS Arbeits- Verhältnisses. Nach f!!nfwöche»tlicher Beschäftigung bei der Firma Lippnimin, Fabrik ätherischer Oele und Essenzen und Fruchtsaftpresserei, löste der Fruchtsaftpresser M. das Arbeitsverhältnis, weil er die geleisteten Uebersiunden nicht bezahlt erhielt, und klagte vor dem Gewerbe- gericht aus Entschädigung. Er bezog in der ersten Woche seiner Tätigkeit einen Stundenlohn von 50 Pf.; plötzlich sollte er mit 25 M. Wochenlobn zufrieden sein. Die Firma will den Kläger nur für die Zeit der ArbcitShänfung in der Fruchtsaftpresserei engagiert und ihm gesagt haben, daß er eS mit der Arbeitszeit nicht genau nehmen dürfe. Sie hält sich zur Erfüllung der Forderung, eine vierzehn- tägige Lohncntschädigung zu zahlen, nicht verpflichtet, da der Kläger infolge der Lohnverweigerung für die Ueberstimden selbst das Arbeitsverhältnis gelöst hat. Das Gewerbegericht vertrat die An- ficht, daß bei einem dauernden Arbeitsverhältnis, in dem die Arbeitshäufmig durch eine schwächere Geschäftszeit mit ihrer Arbeits- Verringerung wieder ausgeglichen wird, der Anspruch auf Ueber- stundenbezablung noch streitig sein könnte. Der Kläger sei aber. wie die Beklagte selbst angibt, nur für die Zeit der ArbeitShäusimg in der Fruchtsaftpresserei engagiert worden und war somit berechtigt, die Bezahlung der Ueberstimden zu fordern. Da ihm dieser Lohn nicht gezahlt wurde, war er nach§ 124 Ziffer 4 der Gewerbeordnung zur Lösung deS Arbeitsverhältnisses berechtigt. Der Beklagte mußte.deshalb zur Zahlung der 60 M. Entschädigung verurteilt werden. GcwerkfcbaftHcbej*. Noch ein Appell! Die amerikanischen Arbeiter bedienen sich des Boykotts mit mehr oder weniger Erfolg seit den letzten 23 Jahren. Alle die berüchtigten Entscheidungen des Bnndesgerickztes der Vereinigten Staaten gegen die Arbeiter wurden hervorgerufen durch Boykotts, welche gegen den organisierten Arbeitern feind- lich gesinnte Firmen geführt wurden. Die Vereinigten Hutmacher von Nord-Amcrika waren von einer Hutfabrik auf Schadenersatz verklagt worden und ein Zahlungsurteil wurde gegen dieselben erlassen. Um dieses Zahlungsurteil durchzuführen, ließ dieKlägerin dic Ersparnissennd Heimstätten von Mitgliedern der Hutmacher-Union mit Be* schlag belegen und brachte dadurch" viele Arbeiter und ihre Familien in Not und Elend. Samuel Gompers, John Mitcbell und Frank Morrison, Beamte der ,..Ämeri«m Federation of Labor", wurden zu Geld- und Gefängnisstrafen verurteilt, weil sie in dem„Federationist", dem offiziellen Organ der A. F. of L., eine Liste von arbeiter- feindlichen Firmen veröffentlicht hatten. Ferner stehen die Beamten und viele Mitglieder der Schriftsetzer-Union Nr. 6 von New Aork unter Anklage wegen Mißachtung der Gerichte des Staates New Jork, weil sie die Mitglieder und Freunde der Union gegen den Kauf der Schnittmuster und Zeitschriften der Buttcrick Publishing Company beeinflußt hatten. In Deutschland scheint in dieser Beziehung ein anderer Wind zu wehen. Dort wurde vom Reichsgericht den Mitgliedern von Organisationen das Recht zugestanden, auf ihre Freunde einzuwirken und dieselben zu veranlassen, nicht solche Firmen zu unterstützen, welche die Absicht haben, die Arbeitervereinigungen zu zerstören. Wenn die amerikanischen Arbeiter ein gleiches Recht vor dem Gesetze hätten, wäre es den unionfeindlichen Korporationen, wie der B u t t e r i ck Publishing Company, nicht möglich, ihr Geschäft weiter zu betreiben, und die amerikanischen Arbeiter hätten es nicht nötig, sich hilfesuchend an ihre Kameraden in Europa zu wenden. Wir haben schon darauf hingewiesen, daß die B u t t e r i ck Publishing Company(bekannt als der Schnittmuster- Trust) ihre Erzeugnisse über die ganze Welt versendet. In Deutschland sind ihre Zeitschriften unter den Titeln „Moden-Revue",„Buttericks Moden-Album" und„Buttericks Moden der Hauptstädte" bekannt und enthalten dieselben Ab- bildungcn und Beschreibungen von Moden, von deren Vcr- breitung der Verkauf ihrer Kleider-Schnittmuster abhängt. Wenn die Frauen und Töchter der Arbeiter und Partei- genossen in Deutschland sich strikt weigern, die„Moden- Revue",„Vuttericks Moden-Album",„Buttcdcks Moden der Hauptstädte", sowie auch alle Schnittmuster der Butterick- Gesellschaft zu kaufen, würde mindestens eine der gierigen Korporationen die internationale Solidarität der Arbeiterschaft zu fühlen bekommen._ auf, gegen solche Verhältnisse Sturm zu laufen; man könne nicht? neuen Gewerkschaftsbewegung abzugeben hätten. Es soll nnrt' länger warten, man habe dies schon zu lange getan.— Mit Mühe � diesmal zunächst versucht werden, die Western Federation of gelangte ein Mitglied der Kommission, das sich gegen den sofortigen! Miners(die außerhalb der Federation of Labor steht) mit den Streik wandte, zum Wort. Die Masse war erregt und erbittert und i uoch zum Gompers-Bunde gehörenden United Mine Workers, •r �......„____. IpÖVftrtV» i S n«-» Ol ,, l, OTs O �/ CY>__________'-' J___.\ t X ferner mit den Brewery Workers(Brauereiarbeitern) und noch ssgÄttett»-*'->«Äjsafe sä lehnte eine Resolution, welche die Kommission vorschlug, und die � weiteres ab. Diese Resolution lautete: „Die am 28. Juli tagende Versammlung der Schlosser Berlins und Umgegend nimmt Kenntnis von dem Verlaufe der Ver- Handlungen init den Arbeitgebern und lehnt das Anerbieten, den bisherigen Tarifvertrag auf weitere drei Jahre zu verlängern, ab.— Die Versammlung nimmt auch Kenmnis von dem Vor- gehen der Kollegen aus der Geldschrankbranche und spricht den Streikenden ihre volle Sympathie aus. Die Agitationskommission der Schlosser wird beauftragt, gemeinsam mit der Streikleitung geeignete Maßnahmen zu treffen, um die Tarifbewegung erfolg- reich zu beenden. Die Versammlung erwartet von den Kollegen der einzelnen Betriebe, daß sie den Anordnungen und Ratschlägen der zu- ständigen Konunission resp. der Organisationsleitung Folge leisten werden." Den Anträgen auf einen allgemeinen Streik konnte nicht statt- gegeben werden, da sie in dieser Versammlung unzulässig waren nächst gewonnen werden sollen, unterscheiden sich nun dadurch von- einander, daß der größere von ihnen, die United Mine Workers, einer der konservativsten Verbände ist. der mit Gompers durch dick und dünn geht, während die Brewery Workers eine schneidige Kampfesorganisation bilden, die stärker als irgendein anderer Ver- band von dem klassenbewußten deutschen Arbeiterelement beeinflußt wird. Aber auch die Brewery Workers wollen nicht gern dauernd außerhalb der Federation of Labor stehen, wie'ihr Verhalten nach ihrer Ausschließung seinerzeit bewiesen hat. Das alles läßt dem Experiment in Denver, wenn es wirklich versucht werden sollte, wenig Chancen. Die Western Federation of Mincrs war schon bei der 1905 in Chicago vollzogenen Gründung der„Jndustrial Workers of the World" beteiligt, die ein ganz ähnlicher organisatorischer Versuch war. Schon damals sind die Hoffnungen, der Federation of Labor eine Reihe Zentralverbände abspenstig zu machen, völlig gescheitert, und heute existiert nach genügend Krakeelereien und Spaltungen nur noch ein konfuser Rest dieser Organisation mit .,ch w. mch erledigt werden zu machen, vorläufig in der Metallindustrie und im Baugewerbe; es wurde eine organisatorische Verbindung der verschiedenen Branchenorganisationen hergestellt. Die Socialist Party läßt sich gemäß Beschluß ihres Parteitages von 1994 in die gewerkschaft- lichen Richtungsstreitigkeiten nicht hineinziehen, aber das deutsch- sprachige Organ der Partei, die„New Dorker Volkszeitung", rät den sozialistischen Gewerkschastlern doch, in dem bestehenden Gc- samtverbande zu bleiben, dessen innere organisatorische Entwickc- lung zu fördern und seine Mitglieder zum Verständnis der Lehren des Klassenkampfes zu erziehen, statt außerhalb dieser Organisation wertvolle Kräfte zu vergeuden. konnten. Durch die Ablehnung der Resolution ist die OrtZverwaltung des Deutschen Metallarbeiterverbandes in die Lage gebracht, sich mit der gegebenen Situation von neuem zu beschäftigen; in einer besonderen Mitgliederversammlung werden entsprechende Vorschläge zur Lösung der schwebenden Fragen gemacht werden. Unter großer Aufregung wurde die Versammlung geschlossen. Berlin und llmzezencü Die Bewegung der Schlosser. Der Feenpalast war am Mittwochabend schon um 8 Uhr über- füllt; Kopf an Kppf drängten sich die Schlosser Berlins und Um- gegend in dem großen Saale und auf den Galerien. Der Deutsche Metallarbeiterverband hatte eine allgemeine Schlosservcrsammlung einberufen, um Bericht über die Verhandlungen mit den Unternehmen: zu erstatten. In der letzten großen Versammlung, die am 30. Juni in Freyers Festsälen in der Koppenstraße stattfand, hatten die Arbeiter aus den Wunsch der Meister beschlossen, bis zum 19. Juli auf eine Wiederaufnahme der Verhandlungen zu warten. Am 20. Juli fand nun die Sitzung der beiderseitigen Kommissionen statt. Ueber das Resultat war man im allgemeinen durch die Bewegung der Geld- schrankschlosser und durch die Bekanntmachungen im„Vorwärts" unter- richtet. Otto Handle gab aber noch einen ausführlichen Bericht über den Verlauf der Verhandlungen. Die Schlossermeister wollen nichts bewilligen, nur den alten Vertrag, den sie gekündigt haben, wollen sie erneuern, aber gleich auf drei Jahre, das war das Resultat der Verhandlungen. Nach den Verhandlungen haben die Unternehmer das folgende Rundschreiben erlassen: Schlosserinnungen zu Berlin und Charlottenvurg und Schutzverband Berliner Schlossereien und verwandter Gewerbe. 20. Juli 1909. Gitschiner Straße 2. An die Mitglieder der Schlosserinnung ic. Die Juli-OnartalSversammlung vom 19. Juli 1909 hat folgenden einstimmigen Beschlutz gefaßt: „Die Ouartalsversammlung beschließt einstimmig, die Lohn- sätze deS jetzt abgelaufenen Tarifs auf keinen Fall zu erhöhen. sondern nur die bisher gezahlten Mininmllöhne zu bewilligen. Die bereits von der Meislerkommission gemachten weitgehenden Zugeständnisse in Lohnerhöhungen müssen zurückgezogen iverden." Nachdem nnn die gememsamen Verhandlungen mit der Arbeitnehmerkommission vom 20. d. Mts. über diesen Beschluß zu keinem Resultat gekommen sind und die Arbeitnehmer erklärt haben, daß sie die Entscheidung ihrer Generalversammlung ab- warten müssen und uns innerhalb der nächsten 14 Tage darüber be- nachrichtigen werden, erwarten wir von unseren Kollegen, daß sie bis dahin unter den alten Tarifbedingungen arbeiten lassen, damit nutzlose Differenzen vermieden werden. Mit kollegialem Gruß und vorzüglicher Hochachtung Paul Markus, Obermeister-Berlin, Th. K a e b e r, Obermeister-Charlottenburg, Ernst Franke, stellv. Vorsitzeuder des SchntzverbandeS, Dr. K a r w e h l, Syndikus und Geschäftsführer. Handle teilte dann mit, daß die Geldschrankschlosser nicht lange gezögert haben, sondern sofort zum Angriff übergegangen seien und den Streik erklärt haben. Die Unternehmer waren überrascht und erklärten dies Vorgehen als Vertragsbruch, obgleich sie in einem Rundschreiben selbst anerkannten, daß der Vertrag am 1. Juli schon ablief, und obgleich sie durch ihre Kommission erklären ließen, daß eine tariflose Zeit beginnen müßte, wenn ihr Vorschlag nicht an- zenommen würde.— Die Geldschrankschlosser haben einmütig den ersten Vorstoß gewagt, erklärte der Redner, und es gilt nun, die Wirkung abzuwarten und die weitere Taktik der Unternehmer zu Seobachten. Taktisch klug sei eS für die große Masse im Schlosser- gewerbe, vorläufig mit entscheidenden Aktionen zurückzuhalten. Diese Erklärung H a n d k e s rief in der Versammlung einen Sturm hervor. Die Masse verlangte den S t r e i k. den sofortigen Angriff aufderganzenLinie. Von allen Seiten kamen An- träge, den allgemeinen Streik am nächsten Morgen schon zu beginnen. Von einzelnen Werkstätten wurde die Erklärung abgegeben, daß man selbständig in einen Streik eintreten würde. Ein Diskussionsredner nach dem andern stand auf und erzählte von dem Elend der Schlosser, die als gelernte Arbeiter für SV'/g Pf- pro Stunde ihre Arbeitskraft �asis inoivioueiier Anstrengungen oder o.us verkaufen müssen, während alle», was sie zum Leben brauchen, immer! heraus gegründet werden könne; vielmehr seien es bereits vor teurer wird. Unter donnerndem Beifall forderten sie die Anwesenden i handene große Zentralorganisationen, die das Fu Die streikenden Geldschrankschlosser kamen am DonnerStagmorgen bei Franke in der Badstraße wieder zusammen. Ihre Zahl hat sich vermehrt, da die Arbeiter von einigen weiteren Firmen sich den Streikenden angeschlossen haben. Arnheim, Panzer und andere haben an die streikenden Arbeiter Briefe gerichtet mit der Aufforderung, angefangene Aikordaufträge auszuführen: diese Aufforderung ist in einigen Briefen mit allerlei Droh ungen verbunden. Handle erklärte, daß sich niemand zu beunruhigen brauche; im Notfalle gewähre der Verband Rechtsschutz, man sollte sich um die Briefe überhaupt nicht kümmern. Die Fabrikanten ver- suchen bereits Streikbrecher heranzuziehen, aber die Organisation ist auch nicht müßig und hat entsprechende Gegenmaßregeln ergriffen. In der bürgerlichen Presse wird dem Streik viel Aufmerksamkeit ge- widmet, der„Lolal-Anzeiger" schreibt, daß(KXX) Leute feiern müßten, wenn dem Streik eine Aussperrung folgt; man sucht Stinimung gegen die Streikenden zu machen. Handle legte den von einer llntcrkommission in Verbindung mit den OrganisationSvertretern noch einmal durchgesehenen Tarifvertrag, wie er jetzt zur Anerkennung gebracht werden soll, der Streik- Versammlung vor. Die Arbeitszeit soll wie bisher neun Stunden betragen. Ueberstunden dürfen nur im äußersten Notfalle gemacht werden und sind dann die ersten zwei Stunden mit 25 Proz., die darauf- folgenden zwei Stunden mit bv Proz. und die weiteren Stunden, also Nachtarbeit sowie Sonntagsarbcit mit 75 Proz. Lohnaufschlag zu zahlen. Als Ueberstunden gelten diejenigen Stunden, welche über die tariflich festgelegte tägliche Arbeitszeit zu leisten sind. Der M i n d e st l o h n für auSgelernte Schlosser beträgt 50 bis 53 Pf. Selbständig arbeitende Schlosser und Anschläger er- halten 70 Pf. Der M i n d e st l o h n pro Stunde beträgt: Für Schleifer....... 70 Pf. , Dreher....... 67 Vz„ „ Fräser und Hobler... 62i/z„ „ Maschinenarbeiter... 50'„ „ Schmiede...... 70, „ Stockgesellen..... 55, „ ungelernte Arbeiter... 45„ , Maler und Lackierer... 63„ „ Anstreicher...... 57, „ ArbeiiSbnrschen.... 80„ Die länger als sechs Wochen in der Anstreicherei beschäftigten ArbeilSburschen erhalten 45 Pf. Die Versammelten waren mit diesen und einigen anderen Aenderungen deS Tarifvertrages einverstanden und erteilten ihre Zustimmung dazu, daß dieser Vertrag den einzelnen Firmen vor- gelegt werde._ Achtung, Staker I Die Firma Julius Wolf, Bahrischestr. 24, hat bewilligt. Der Zweigvereinsvorstand. Achtung, Fliesenleger! Die Differenzen bei der Firma Bielsli sowie bei G. Palm sind beigelegt, die Sperre aufgehoben. Geschäftsstelle der Fl.iesenleger. Husland. Bor dem Generalstreik der englischen Grubenarbeiter. Bei der von der Vereinigung der britischen Grubenarbeiter ver- anstalteten Abstimmung stimmten 513 361 Arbeiter für den AuS- stand zur Unterstützung der schottischen Grubenarbeiter und nur 62 980 dagegen._ Eine neue Konkurrenzorganisation gegen die American Federation of Labor? Während Samuel Gompers. der Führer der American Federation of Labor, in Europa Anschluß an die klassenbewußte Gewerkschastswelt sucht, holt die klassenkampffrohe Opposition im eigenen Lager zu einem neuen Schlage gegen die Gomperssche Richtung aus. Nach einem programmatischen Artikel, den„The Miners Magazine", die Verbairdszeitschrift der„Western Fede- ration of Miners(des Bergarbeiterverbandes der Weststaaten), zu der bevorstehenden 7. Jahresversammlung dieser Gewerkschaft veröffentlicht, soll hier wieder einmal versucht werden, der Fede- ration of Labor eine klassenbewußte Konkurrenzorganisation ent- gegenzustellen. Es wird hierbei einmal auf die immer größere Uebermacht des einheitlich durch das ganze Land organisierten Kapitals und im Gegensatz dazu auf die veralteten Oraanisations- formen und Methoden der orthodoxen„Unions" hingewiesen. Diese huldigen bekanntlich dem Grundsatz strikter Berufsauto- nomie, der in der Regel eine einheitliche KampfeSführung, damit aber meist auch eine erfolgreiche Beendigung der Kämpfe aus- schließt. Nur in einzelnen Gewerben haben die Arbeiter sich das System der kombinierten lokalen Aktionsausschüsse angeeignet, aber sonst sind Zwistigkeiten unter den aufeinander angewiesenen Branchenorganisationcn und schlimmeres noch sehr häufige Er- scheinungen. Um eine weitere Verschiebung der Machtverhältnisse zuungunsten der Arbeiter zu verhindern, empfiehlt der Artikel- schreiber die Reorganisation der Gewerkschaftsbewegung in Form der Jndustrieverbände. Dieser Organisationsform dankte die Western Federation of Labor ihre bisherigen Erfolge. Im eigenen wie im Gesamtinteresse müßten die Western Miners aber auf einen allgemeinen industriellen Gewerkschaftsbund hinarbeiten, der nicht, wie es der Fehler früherer Versuche gewesen sei, auf der Basis individueller Anstrengungen oder eus kleinen Vereinen Versammlunosen. Die Möbelpolicrer beschäftigten sich in einer Versammlung, die am Dienstagabend im Gewerkschaftshause stattfand, mit Ver- besserungsvorschlägen für den paritätischen Arbeitsnachweis. Tie in der letzten Versammlung gewählte Kommisston legte das Re- sultat ihrer Beratungen vor. Eine längere Diskussion entspann sich über die vorgeschlagenen Aenderungen, die eine gerechtere Verteilung der vorhandenen Arbeitsgelegenheit bezwecken. Viele müssen unter langer Arbeitslosigkeit leiden, sie werden erbittc-rt und mißtrauisch gegen jeden, von dem sie glauven, daß er ihnen eine gute Gelegenheit geraubt habe. Allerlei persönliche Reibe- reien sind die Folge, wie die Diskussion zeigte. Manche Arbeits- lose sollen, so wurde mit Entrüstung behauptet, so lange auf dem Arbeitsnachweis warten, um sich die besseren Gelegenheiten herauszusuchen; dadurch werden aber die Mitbewerber benach- teiligt.— Das Hauptübel bleibt freilich, daß schon seit langer Zeit die Nachfrage nach Arbeitskräften zu gering ist.— Man einigte sich auf eine Reihe von Vorschlägen, darunter die fol- genden: Der Arbeitsnachweis soll bei den Unternehmern durch ein Zirkular in Erinnerung gebracht werden. Alle Arbeitsgelegen- heit, die auf dem Verbandsbureau gemeldet wird, soll unverzüglich dem paritätischen Nachweis übermittelt werden. Diejenigen, welche 15 Wochen lang auf dem Nachweis eingeschrieben waren, passende Arbeit, die ihnen angeboten wurde, aber ablehnten, haben, sich neu einschreiben zu lassen. Die Wichtigkeit der Organisation, besonders aber der An- schluß an den Deutschen Holzarbeitervcrband, der für die Möbel- Polierer allein in Frage kommen kann, wurde vom Vorstand her- vorgehoben und darauf hingewiesen, daß die Extramarken regel- mäßig entnommen werden sollten, um den Ausgesteuerten eine kleine Extraunterstützung gewähren zu können. Letzte JVacbncbtcn und Depcfcbcn. Invasion unmöglich. London, 29. Juli.(Unterhaus.)(W. T. B.) Bei der Tis- kussion über die vom Reichsverteidigungskomitee gemachten Vor- schlüge erwähnte Premierminister Asquith, das Komitee habe die Frage einer Invasion geprüft. Seit BalfourS Erklärungen vom .Jahre 1903 seien in der strategischen Lage Europas und der Welt große Veränderungen eingetreten und Lord Roberts habe Zweifel- los aus diesem Grunde und aus anderen Gründen eine neuerliche Prüfung des Problems im Lichte dieser neuen Tatsachen und Aenderungen verlangt. Seit 1905 bestehe ein Subkomitee, das in den Jahren 1907 und 1903 mit großer Sorgfalt alle Aenderungen in der strategischen Lage und in den Möglichkeiten einer Invasion geprüft habe. Das Komitee habe denen, die eine Invasion fürch- teten, die denkbar günstigsten Bedingungen zugebilligt, nämlich die Möglichkeit, daß das Land von regulären Truppen entblößt sei, und daß der Angriff unerwartet und von feiten einer Macht er- folge, die mit Großbritannien in den normalen diplomatischen Bc- Ziehungen stehe. Das Komitee sei einstimmig zu dem Schlüsse ge- langt, daß. solange die britische Vorherrschaft zur See in ange- mcssener Weise gesichert sei. auf dem Wege, wie Roberts ihn ge- zeichnet hat, eine Invasion eine durchaus unmögliche Operation sei.(Beifall.) Balfour drückte seine allgemeine Uebereinstimmung mit den Erklärungen ASquiths auS. Darauf wurden die Bor- schlage der Kommission angenommen, ebenso wurde die dritte Lesung des ArbeitSbörsengesctzeS angenommen. Soldaten gegen den Krieg. Madrid, 29. Juli. Die Kundgebungen vor dem Königlichen Palais haben sich wiederholt. Es beteiligten sich daran außer der Volksmenge auch Soldaten, die Rufe ausstießen:«Nieder mit dem Krieg!" Bürgergardisten treffen abteilungsweise in der Stadt ein. Bcrgarbcitcrschutz in der Kammer. Brüssel, 29. Juli. Die Kammer hat in ihrer heutigen Sitzung mit 75 gegen 48 Stimmen die vom Senat vorgestern beschlossenen Abänderungen an dem Gesetz betreffend den Maximalarbeitstag für Grubenarbeiter verworfen. Das Gesetz geht nunmehr wiederum an den Senat zurück,_ Die Pforte droht. Konstantinopel, 29. Juli.(W. T. B.) Die Pforte hat ihre Botschafter beauftragt, den Kabinetten der Krcta-Schutzmächte mit» zuteilen, daß, wenn auf Kreta die griechische Flagge gehißt werden sollte, die Türken energisch vorgehen und die Fahne selbst herunterholen würden._ Syndikat aufgelöst. Paris, 29. Juli. Das während des letzten Poststreils ge. gründete Syndikat der Postbeamten wurde heute durch gerichtliches Erkenntnis aufgelöst und die Gründer zu je 16 Frank Geldstrafe Fundament der i verurteilt. Berantw. Redakt.: Wilhelm Düwcll, Lichtenberg. Inserate verantjv,; xh, Glocke. Berlin. Druck U.Verlzg; Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co,.Berlin S W, Hierzu 2 Beilagen«. Nnterhaltungsbl. It. 175. 26. m t Knlize des Jonnättf Ittlintt WksdlM. Freitag, 36. IM MS. Nur«och heute liegen die Gemeindewählerlisten aus und zwar in der Zeit von nachmittags 3 bis abends 8 Uhr und zwar an folgenden Stellen: In der Turnhalle der 108.1116. Gemeindeschule in der Hagelbergerstraße 34 für die Stadtbezirke 1— 78 c. In der Turnhalle der 20. Gemeindeschule in der Waldemar- straße 77 für die Stadtbezirke 79—144. In der Turnhalle der 23. Gemeindeschule, Strausberger Straße 9, können die Listen für die Stadtbezirke 145— 201 eingesehen werden. In der Turnhalle der 200./214. Gemeindeschule, Oder- berger Straße 57. liegen die Listen für die Stadtbezirke 202—215, 218—267, 277 und 321 aus, und in der Turnhalle der 70./202. Gemeindeschule, Ravenöstr. 12, können die Wählerlisten für die Stadtbezirke 216, 217, 263 bis 276, 278— 3200 und 322—3261) eingesehen werden. Wahlberechtigt ist jeder selbständige Einwohner, der Preuße und 24 Jahre alt ist, wenn er seit mindestens einem Jahre in Berlin wohnt und im letzten Jahre keine Unterstützung aus öffentlichen Mitteln erhalten hat und wenn er mindestens zur zweiten Steuerstufe(660 bis 900 M.) eingeschätzt ist und die Steuern — sofern er über 900 M. eingeschätzt ist— bezahlt hat. Der Unterstützung aus öffentlichen Mitteln gleichgeachtet wird die eigene Krankenhausbehandluna oder die Verpflegung An- gehöriger im jlrankenhause im letzten Jahre, für deren Unterhalt der Betreffende zu sorgen hat. Selbständig ist jeder, der einen eigenen Haushalt oder die selbständige Verfügung über einen Raum hat. Chambregarnisten sind Wahl- berechtigt, Schlafburschen nicht. Wahlberechtigt ist aber nur» wer in der Wählerliste steht. Deshalb darf kein Parteigenosse, kein Arbeiter versäumen, die Wählerliste einzusehen. Wer die Voraussetzungen der Wählbarkeit erfüllt und trotzdem nicht in die Wählerliste ein- getragen ist, der erhebe sofort Einwendungen gegen die Rich- tigkeit der Wählerliste. Spätere Einwendungen bleiben un- berücksichtigt. Die Genossen werden freundlichst gebeten, bei der Einsichtnahme, wenn möglich, eine Steuerquittung mit zur Stelle zu bringen. Das Vorzeigen derselben erleichtert das Aufsuchen der Namen und etwaige Reklamattonen ganz ungemein. Hua Induftm und Handel. Lebhaftigkeit im Terraiugeschäft. Man könnte fast zu der Annahme kommen, wir befänden uns in einer Periode der Hochkonjunktur und unmittelbar vor der Aus- lösung einer Bautätigkeit, wie bisher kaum erlebt. Mt Terrains wird nämlich zurzeit beinahe ebenso eifrig gehandelt wie mit Streichhölzchen. Auf den Grundbuchämtern herrscht Massenandrang. Amtsrichter müffen telegraphisch vom Urlaub zurückgeholt werden. Und was ist die Ursache des geschäftigen Treibens? Ist plötzlich die Unternehmungslust in so kolossalem Umfange erwacht, daß daraus fich das lebhafte Grundstücksgeschäft erklärt? Nichts davon I Der Erscheinung Ursache ist. wie bei der Kauflust für Zünd- Hölzer, Glühkörper und auch für Zigarren, Steuerspareifer. Um der mit dem I.August w Wirksamkeit tretenden ReichSumsatzstempel- sieuer von a/a Proz. zu entgehen, werden nun schleunigst viele Geschäfte erledigt. Bielleicht kommen die Steuermacher nun aus die Idee, sich daS Verdienst für eine Konjunkturverbefferung zuzu» schreiben, ähnlich wie es die Zollwucherer vor Jnkrast- kleines feuiUeton. Die Wirkung des Obstes auf den menschlichen Körper. Die Bedeutung des ObstgenusseS geht weit über das Behagen hinaus, daS die meisten Menschen dabe» empfinden, obgleich auch dies allein sür die Beförderung der Eßlust und der Verdauung wichtig genug wäre. Die Früchte enthalten gewisse Salze in chemischem Sinne. die für den Aufbau der Gewebe unseres Körpers wesentliche Dienste leisten, indem sie gerade in solchen Verbindungen sich befinden, die unmittelbar von den Geweben ausgenommen werden können. Selbst die unverdaulichen faserigen Bestandteile der verschiedenen Obst- arten werden noch als ein heilsames Reizmittel für die Darm- tätigkeit betrachtet. Die besonders saftigen Früchte haben, aber noch andere Eigenschaften, die ebenso wichtig sind. Die organischen Säuren, die darin enthalten sind, vereinigen sich mit dem Eisengehalt festerer Nährstoffe zu apfelsauren, zitronensauren usw. Salzen. Diese treten zu den Verdauungssäften im Darm in Be- ziehung, und dadurch wird das Eisen löslich und kommt zur Wirkung auf den Körper. Dieser Vorgang ist selbstverständlich von allergrößter Wichtigkeit, zumal das dadurch erzeugte Eisen leicht und ohne Reizung vom Körper aufgenommen wird während eS sonst vielfach ungenutzt verloren geht. Es er- gibt sich daraus, daß eine solche Maßregel für alle Blutarmen von größter Wichtigkeit ist. Allerdings ist von manchen Fachleuten bestritten worden, daß organische Eisenverbindungen gegen Blut- armnt überhaupt von Nutzen sind; aber dieser Zweifel läßt sich bündig widerlegen. Außerdem enthalten nun die saftreichen Früchte noch einen oder mehrere Gärstoffe oder sogenannte Fermente, Körper, die außerordentlich wirksam sind. Auf der Betätigung solcher Fermente beruhen die meisten Veränderungen und Zersetzungen von orgarnischen Verbindungen in der Natur. Nun könnte man meinen, daß die wissenschaftlichen Behauptungen über die nützlichen Vorgänge, die der Obstgenuß in unserem Körper hervorruft, doch nur auf Vermutungen beruhen. Ein hervorragender Chemiker. Dr. Sharp, hat jedoch in einer langen Reihe von Ex- perimeuten die Wirkung verschiedener Fruchtsäfte auf organische Stoffe, die in der Zusammensetzung auch des menschlichen Körpers die wichtigste Rolle spielen, über jeden Zweifel hinaus gerechtfertigt. Er untersuchte die Säfte von Stachelbeeren, reifen Kirschen, Orangen, Birnen und reisen Acpfeln, indem er sie mit Eiweißstoffen, wie sie unseren Körper aufbauen, zusammenbrachte. Aus den im„Laucet* zusammengefaßten Ergebnissen dieser Versuche ist an allgemeinen Regeln zu entnehmen: Um den größten Nutzen aus saftigen Früchten zu ziehen, sollten sie am Ende der Hauptmahlzeit gegessen werden. Eine Ausnahme davon machen Bananen, die mehr als Nahrungs- mittel zu betrachten sind. Geschmortes Obst, das oft als förderlich für die Verdauung empfohlen wird, tut seine Wirkung in neun von zehn Fällen nur unter Beobachtung bestimmter Regeln. Sechs oder acht geschmorte Pflaumen eine halbe Stunde vor dem Frühstück gegessen, werden diesen Einfluß zeigen, während er bei dem Genuß der doppelten Menge, namentlich, »venu sie gleichzeitig oder nach einer Mahlzeit genommen wird, durch- aus versagt. Dasselbe ist von geschmorten Feigen oder Aepfeln zu sagen. Als besonders wertvoll bezeichnet Dr. Sharp einen Salat treten der neuen Handelsverträge gemacht haben. Damals handelte es sich um eine Borversorgung, man wollte nach Möglichkeit den höheren Zöllen entgehen, jetzt macht man Vorgeschäfte, damit der Staat keine Steuern bekommt. Damals waren die Junker Haupt- akteure, sie wußten ja, daß nachher mit dem famosen Einfuhrschein- system ein gutes Geschäft auf Staatskosten zu machen war. Jetzt entrüsten die Edlen sich— sachlich nicht mit Unrecht—, daß die Patrioten von der anderen Fakultät sich bemühen, dem steuerlüsternen Fiskus ein Schnippchen zu schlagen. Der ArbeitSmarkt im Juni. Der Arbeitsmarkt wies, nach den Mitteilungen im„Reichs- arbeitsblatt', im Monat Juni wenig Veränderung im Vergleich mit dem Vormonat auf. Im Kohlenbergbau des Ruhrgebiets war zwar die Förderung und der Absatz noch nicht befriedigend; Feierschichten waren nach wie vor erforderlich, Die Beschäftigung der Stahl- und Walzwerke war im allgemeinen etwas besser als im Vor- monat und zur gleichen Zeit des Vorjahres; nach den Berichten aus Schlesien und Südwestdeutschland jedoch war eine Besserung der Lage nicht zu bemerken; im allgemeinen war ein starkes Angebot an Arbeitskräften vorhanden. Was die Gießereien betrifft, so wiesen den Berichten zufolge die norddeutschen Werke einen ungünstigen Geschäftsgang auf, so daß vielfach Feierschichten eingelegt werden mußten; die süddeutschen Berichte lauten dagegen befriedigend. Wenig übersichtlich ist die Lage im allgemeinen Maschinenbau, das Angebot an Arbeitskräften deckte aber auf jeden Fall die Nachfrage. Die Textil- industrie, insbesondere die Spinnereien, hatten keine befriedigenden Ber- Hältnisse zu verzeichnen. In der chemischen Industrie war der Geschäfts- gang nach der Mehrzahl der Berichte normal, auch hier reichten die Arbeitskräfte aus, besonders in den Großstädten zeigte sich oft ein Ueberangebot. In der elektrischen Industrie war die Lage ungefähr dieselbe wie im Vormonat, auch hier trat vor allem in den Groß- städten häufig ein Ueberangebot von Arbeitskräften in die Er- scheinung. Soweit Berichte aus dem Baugewerbe vorliegen, trat häufig eine weitere Verbesserung ein. das Angebot von Arbeitern genügte überall der Nachfrage. Auf den Geschäftsgang der Brauereien übten meist noch der wenig befriedigende Geschäftsgang anderer Industriezweige und vielfach auch die Wrtterungsverhältnisse einen ungünstigen Einfluß aus. Bei den an das Kaiserliche Statistische Amt berichtenden Kranken- kaffen ergab sich am 1. Juli gegen den 1. Juni eine Abnahme der Beschäftigungsziffer um insgesamt 17 306 Mitglieder(->- 185 männliche,— 17 991 weibliche) gegenüber einer Zunahme um 66 554 {+49 738 männliche,+16 816 weibliche) Mitglieder im Vormonat. Die Arbeitslosenziffer der berichtenden Fachverbände belief sich Ende April 1909 aus 2,9 Proz., Ende Mai und Ende Juni aus 2.8 Proz. Die entsprechenden Ziffern des Vorjahres waren 2,8 Proz., 2,3 Proz. und 2,9 Proz. Die Berichte der Arbeitsnachweise zeigen kaum eine Aenderung gegen den Vormonat an. In Bayern herrschte rege Nachfrage nach landwirtschaftlichen Arbeitern. In den Großstädten, besonders in Berlin, machte sich die stille Zeit im Schneider- und Handelsgewerbe bemerkbar._ Banken. ES haben im Laufe des ersten Halbjahres 536 Aktien« banken ihre GeschäftSergebniffe für 1903 veröffentlicht. Ihr Akttenkapital in Höhe von 3,73 Milliarden Mark brachte im Jahre 1907 bei 521 Gesellschaften einen Reingewinn von 479,05 Millionen Mark und einen Verlust von 6,89 Millionen bei 15 Gesellschaften. Es ergibt sich demnach ein Gewinnüberschuß von 472,15 Millionen Mark. Im Jahre 1903 belief sich der Reingewinn bei 522 Gesell- schaften auf 498,83 Millionen, also nahezu eine halbe Milliarde Mark; der Verlust betrug bei 14 Gesellschaften 9,04 Millionen. So kommt man bei den 536 Banken aus einen Gewinnüberschuß von 489,79 Millionen. DaS Mehr gegen den Ueberschuß vom Jahr« 1907 beträgt 17,63 Millionen Mark. Der Reingewinn nach Abzug der Verluste nahm um 17'/,, die Dividenden- summe um 4'/, Millionen Mark zu. Gegen den Hansabund. Die Handelskammer in Wiesbaden hat eS abgelehnt, dem Hansabunde beizutreten. von Orangen. Zu achten ist dann noch darauf, daß viele Früchte, namentlich Trauben, wenn sie aus ziemlich leeren Magen geuossen werden, dessen Säure zu sehr steigern. Trauben sollten also stets nach der Hauptmahlzeit genommen werden. Musik. Die Morwitz-Oper im Friedrich-Wilhelmstädti- schen Theater erinnerte uns mit ihrer Ausführung von A. LortzingS romantisch-komischer Oper„Ündine* an frühere Zeiten einer eiftigeren Pflege deS volkstümlichen Opernspieles. Wenn solche Zeiten wiederkommen werden, wird wohl auch wieder Lortzing voranstehen. Der ihm so häufig nachgerühmte„unverwüst- liche Humor" ist's nicht allein, was ihn dazu befähigt. Vielmehr denken wir wenigstens diesmal an sein Streben nach einem weit höheren Ernst und bei der„Undine" besonders an sein Bemühen, eine romantische Ueberwelt ins gemütliche Irdische harmonisch hinein- zuarbeiten. Daß ihm dies zum Teil gelang— weniger als dem Schauspieldichter Raimund, weniger als dem Komponisten des „Freischütz": das herauszufinden ist eine gute Uebung in der Geschmacksbildung. Die deutsche Romantik fand hier einen wundervollen Ausdruck, soweit sich LortzingS Text und Mufik um die Hauptfigur schlingen. Die Undine selbst, das Wasserwesen der alten Sage und Literatur, steht als ein glaubhaftes, markiges Geschöpf vor unS; die übrigen Figuren sind fast durchgehendS flache Gestalten ohne Kern. Und nun die Musik: so hoch sie sich in ihrer Darstellung der Geisterwelt erhebt{zumal in UndinenS großer Arie des zweiten und im Finale des dritten Aktes)— in ihrer Gesamtheit ist sie doch wieder nicht dramatische Entwickelung, sondern Anreihung von mehr oder minder prächtigen Stücken, mit manchen matten Trinkliedern und dgl. als Lückenbüßern. Aber weder dies noch die etwas gar gemütliche Wiedergabe in der Morwitz-Oper soll uns von solchen Auffuhrungen fernhalten. In einer idealen Welt leben wir nun einmal nicht; nicht jede Stimme ist so hervorragend wie der Baß von Jean Müller(in einer Nebenrolle); nicht alle Sänger und Sängerinnen bieten so gute Schule und so viel guten Eifer auf wie Josefine G r i n i n g und {in der Titelrolle) Elisabeth Otto. Aber es bleibt noch so mannig- jaches Tüchtige übrig, daß dem Sommeropcrchen doch etwas mehr Besuch, als z. B. er diesinal war, gewünscht werden darf. ez. Theater. Münchener Theater. Im Münchener Schauspielhaus, wo Frank Wedekind und Frau seit einem Monat gastieren, hatte die Uraufführung von„Zensur" einen vollen unbestrittenen Er- folg. Trotz dem Untertitel:„Thcodizee" wird darin aber weder Gott bewiesen noch geleugnet; eS ist wiederum nur ein Stück paradoxen- reicher Eigenphilosophie, in der der Verfasser dem Publikum im Parkett und dem geistlichen Zensor auf der Bühne zu beweisen sucht, daß es den Sinn seines Lebens ausmacht, den Drang nach dem Göttlichen und die Freude am Irdischen, die Beglückung im Geistigen und den Genuß der Schönheit, insbesondere körperlicher Schönheit, zu vereinigen. Im Kapitel Zensur werden die persönlichen schrift- stellerischen Nöte Wedekinds zur Diskussion gestellt. Nebenher läuft ein von nachdenklicher Psychologie durchsetzter Dialog über sein Verhältnis zur Schauspielerin Nadldja, in der Neugründungen im Terraingeschäft. Von Jahresbeginn bis jetzt wurden in Aktiengesellschaften des Baugewerbes insgesamt 22,13 Millionen Mark neu investiert gegen rund 6 Millionen in den ersten sieben Monaten 1903 und 6,87 Millionen 1907. Ernteaussichten in Rußland. Nach den von der„Handels- und Jndustriezeitung" über den Saatenstand zu Anfang des Monats Juli herausgegebenen Informationen sind die Aussichten für eine bedeutend bessere Ernte als in den Vorjahren weiter gestiegen. Unbefriedigend steht in einer größeren Zahl von Bezirken nur der Wintcrroggen. eine bessere Ernte läßt der Winterweizen erhoffe». Das Sommergetreide steht, von geringen Ausnahmen abgesehen. über beftiedigend, bemahe gut. Dies trifft ganz besonders auf Hafer und Gerste zu._ Hus der frauenbewegung* Vom Kampf um das Frauenstimmrecht in England. Die Liga für Frauenfreiheit— Womens Freedom League—« nächst den Suffragettes, mit denen sie freundnachbarliche Be- Ziehungen unterhält, wohl die bedeutendste bürgerliche Frauen- stimmrechtsorganisation Englands, hat in ihrem Kampf um die Feststellung des Petitionsrechtes einige kleine Zugeständnisse erzielt. In der„Woman Worker" lesen wir darüber:„Da der Premier- minister Mr. Asquith nach wie vor unzugänglich blieb, beabsichtigte die Liga dem Könige selbst eine Petitton zu überreichen. Auf Befehl Eduards VIl. wurde die Deputation der Frauen in das Ministerium des Innern beschiedcn, wo sie unter Führung von Mrs. Despard dem Staatssekretär des Innern ihre Sache vor- trug. Was dieser darauf erwiderte, klang wohl höflich und sym- pathisch, war aber dennoch geflisientlich so unverbindlich wie möglich gehalten. Er versprach den Damen, die Petttion dem Könige zu überreichen, indem er bemerkte, so wäre ein guter Anlaß für eine Audienz gegeben. Bekanntlich ist es eine Spezialität der Suffragettes Mr. ASquith, wo sie seiner nur habhaft werden können, mit der Frage zu über- fallen, wie er über das beschränkte Frauenwahlrecht denke. Eine runde und klare Antwort war indes bisher nicht von ihm zu er- zwingen. Er verhielt sich den Suffragettes gegenüber durchaus ablehnend, bersteckte sich nicht selten hinter Polizei, um seinen hartnäckigen Verfolgerinnen zu entgehen. Oft ließ er sie ver- haften und ins Gefängnis sperren. Ern ganzer Kranz von Legenden hat sich schon um die unerschöpflich variierten Ueberrumpelungs- versuche der Suffargettes wie um die Fluchttnanöver deS Premier» Ministers gebildet. Einer Delegiertin der WomenS Freedom League gelang eS nun endlich, ihm eine Petition zu überreichen, doch weigerte er sich, sie anzuhören. Das nennt die Liga„den drittenTriumph ihres friedlichen Protestes". Der erste bestand darin, dasnhre Deputation diesmal unbelästtgt blieb{im Gegensatz zu der despotischen Per- Haftung Mrs. Despards, die im Februar d. I. den verfassungs« mäßig zulässigen Versuch machte, eine Petition zu überreichen). Zweitens wurden ihre Delegiertinnen im Ministerium empfangen und drittens hat Mr. Asquith ihr Petiiionsrccht anerkannt. Diese Konzessionen erfüllen die Liga mit hoher Freude. Sie hofft, dem Premierminister nun auch die Anerkennung des Audienzrechtes ab» zuttotzen. Inzwischen agitierten die Frauenstimmrechtlerinnen bei drei Nachwahlen gegen die Kandidaten der liberalen Regierung. Aus einem Kreise kamen mehr als 1000 Postkarten in Westminster an, in denen mitgeteilt wurde, daß über 1000 liberale Wähler auf Ansuchen der Frauen das Parteiintereffe dem Prinzip geopfert und gegen die Regierung gestimmt hätten. Und dies trotz der hochbedeuffamen Budgetsrage. In Derbyshire entbrannte ein Kampf zwischen den Subffragettes{den Frauenrechtlerinnen der älteren, gemäßigten Richtung) und den liberalen Frauen, die durch einige sufsragistische Siege zu äußerster Kraftentfaltung angespannt waren. Um die Frauen zu bekämpfen, hatten die Liberalen— Frauen zu Hilfe rufen müssen." Solche kleinen Details geben ein Bild davon, mit welcher Leidenschaft gegenwärtig in England für und wider des Frauenwahlrecht gekämpft wird. Unerschöpfliche Geldmittel gestatten eS den für das beschränkte Wahlrecht eintretenden Organisationen der Suffragists, der Suffra- gettes und der Womens Freedom League bei allen Wahlen eine unschwer die junge Frau des Autors zu erkennen ist. Auch hier wird Allerpersönlichstes. Allerintimstes mit einer fanattschen Offenheitswut entblößt. Die Hingabe des liebenden Weibchens vermag Schaffens- kraft und Leidenschaft nicht zu entflammen. Der sexuell übersättigte und nun vom Ernst und faustischem Drange beseelte Literat Buridan braucht das„geistige Band". Ein Weib, das mehr ist als nur ein tteuer gelehriger Pudel. Den Anreiz der Individualität. Die arme Nadidja aber»st zu billig für ihn, das ist ihr ttagischeS Schicksal. Als sie sich aber zuletzt— als Opfer— aus dem Fenster stürzt, er- kennt Buridan die Größe seiner durch Sophisterei durchquerten Liebe und das Walten eines„unergründlichen Gottes". Trotz einiger echt Wedekindscher Kopfspriinge ist daS Werk von überzeugendem Ernst durchflammt. Nun warten wir noch auf daS letzte Bekenntnis, auf seine Auseinandersetzung mit dem Kind! m. Nottzen. — In der Gura-Oper begann am Mittwoch B u r r i a n sein Gastspiel als Tristan mit starkem Erfolge. Besonders im dritten Akte zeigte er als Sänger und Darsteller seine Meisterschaft. Auch konst war die Aufführung wohlgelungen. Frau Lefsler- B u r ck a r d bot als Isolde eine wundervolle Verkörperung dieser tiefsten aller Wagnergestalten. Das Orchester leistete unter GilleS Leitung Hervorragendes. — Das Museum fürMeereSkunde in Berlin, Georgen- straße 34/36, ist vom 1. August dS. Js. an für den unentgelttichen Besuch geöffnet: Sonntag« von 12—4 Uhr, Montage, Mittwochs und Sonnabends von 10—3 Uhr. Außerdem ist da« Museum, wie bis- her. Dienstag« von 10—3 Uhr aber nur für Schulklassen in Be- gleitung von Lehrern und für Vereine geöffnet. — Das Leipziger UniversitätSjubiläum. daS heuer zur Erinnerung an daS 500 jährige Bestehen der Hochschule ge- feiert wird, wurde am Donnerstag mit dem üblichen offiziellen Pomp in Szene gesetzt. Der König von Sachsen sprach dabei den Wunsch ans, die Universität möge auch in Zukunft eine Pflanzstätte der Wiffenschaft, eine Zuflucht und ein Schutz für unseren heiligen christlichen Glauben, ein Hort guter Gesinnung gegen König und Vaterland, Kaiser und Reich sein. Man sieht daraus, was für merk- würdige Ansichten Fürsten von den Aufgaben einer wissenschaftlichen Anstalt haben. — Der erstelleberflieger deSAermelkanalS war Blanchard. der am 7. Januar 1735 von Dover anS sich im Ballon über die Meerenge vom Winde wagen ließ und nach drei Stunden daS französische Festland erreichte. Auch ihm wurde ein Denkstein errichtet. Dieses Experiment ist dann wiederholt aufs neue mit Erfolg unternommen worden. — Ein mittelalterliches Strafurteil von heute. Dänemarks höchstes Gericht in Kopenhagen hat am 27. Juli 1909 ein Negern, ädchen von St. Thomas, eine arme Plantagenarbeiterin, die ihr Kind umbrachte, zum Tode verurteilt. Von rechtswegen. Außerdem ist angeordnet worden, daß ihr abgehacktes Haupt auf eine Stange ge st eckt werde. Dieses Urteil entspricht dem auf den dänisch-westindischen Inseln noch immer geltenden Strafgesetzbuch Christians V. aus dem 17. Jahrhundert. Allerdings ist zu erwarten, daß der Vollstreckung des Urteils durch Begnadigung vorgebeugt wird. MSgiebige Agitation für ihre Ziele zu entfalten. Einen schweren Stand hat demgegenüber die proletarische Adult Suffrage Society (Verein für daI Wahlrecht aller Großjährigen), die das Damen- Wahlrecht bekämpft und das allgemeine Wahlrecht erstrebt,»Ti Versammlungen— Veranstaltungen. SJettftt für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse. Sonntag, den I. August: Wanderpartie(nur für gute Fußgänger) von Wannsee bis Potsdam. Treffpunkt früh bis 9 Uhr in Wann- see gm Bahnhof, für Nachzügler bis 11 Uhr Pfaueninsel. Sericbts- Leitung. Eine Steiniergiade. Am Donnerstag hatten sich die Schöffen mit einem jener Fälle ßu beschäftigen, die Berliner Gerichten durch die Liebenswürdigkeit des berühmten Krawatten-„DireltorS" Steinberg von Zeit zu Zeit beschert werden. Steinberg hat in einem uns bekannt gewordenen Falle einen Maler, der vergebens seine sauer verdienten Groschen zu fordern kam, wegen Hausfriedensbruchs und später, als der arme Handwerker vor Gericht wahrheitsgetreu aussagte, obendrein lvegen Meineids denunziert. In emem zweiten uns bekannt gewordenen Falle hat er einen Herrn A, der Steinbergs Geschäftsgebaren gegenüber A.'s Braut und späteren Frau als Betrug charakterisierte, wegen Beleidigung vorS Gericht gezerrt— ganz ab gesehen von Klagen wegen unlauteren Wettbewerbs und anderen Affären, mit denen Steinberg Berliner Gerichte nicht zu selten erjreut. Gestern stand vor den Schöffen ein Herrn Brandt, dessen Frau sich durch Steinbergs Annoncen hatte verleiten lasten, die.Akademie" zu besuchen, um nach Absolvierung eines Zwanzigmark-KursuS der von den Steinbergs versprochenen„lohnenden Heimarbeit" teil haftig zu werden. Als die„Akademie" der armen Frau keine Arbeit verschaffte, ging ihr Mann(der Angeklagte) zu den Steinbergs und forderte das Lehrgeln zurück. Die„Direktorin" komplimentierte ihn aber so schnell heraus, daß er, eh« er sich besten versah, vom „Direktor" Steinberg einen Beleidigungs- und Hausfriedensbruch- Prozeß auf den Hals bekam. Während nun der Angeklagte meinte, er sei der Aufforderung, die gastliche„Akademie" zu verkästen, bald gefolgt, und er habe sich der Worte bedient:„Ihr Treiben ist Schwindel, ist B e- t r u g, Sie haben meine Frau beschwindelt, betrogen!" blieb Frau Steinberg, die in diesem durch die Anzeige ihreS Mannes provozierten Prozeß als Zeugin fungieren durfte, uner» schütterlich dabei: der Angeklagte habe 1. die Wohnung nicht sofort verlosten und er habe 2. gesagt: die SteinbergS seien Schwindler und Betrügerl Eine Angestellte der„Akademie" bestätigte die Darstellung des A n g e k l a g t e n, aber da das junge Mädchen nicht der ganzen Aussprache beigewohnt hatte, so ließ das Gericht die Möglichkeit offen, daß Brandt die Steinbergs in einem Augenblick, als er mit der Frau„DireGor" allein war, doch Betrüger und Schwind. Itt genannt haben könnte. Frau Steinberg bewies für die Szene, die zur Anklage geführt hatte, ein außerordentlich gut funktionierendes Gedächtnis: sie erinnerte sich jedes Moments, jedes Worts aufs allergetreueste. Weniger treu war dieses Gedächtnis, als ihr Fragen über den eigenen Betrieb vorgelegt wurden! So als sie dem Gericht die Bedingungen nennen sollte, unter denen die Schülerinnen in die „Akademie" eintreten. Da erklärte die Zeugin unter ihrem Eide (wörtlich):„Die Bedingungen kann ich auch nicht s o g an z g ena u sage n.. Da ist ein Prospekt!"— Oder als der Vorsitzende der Zeugin das berühmte Inserat mit der„Heim- existenz" usw. vorhielt und fragte:„Ist die Annonce von Ihnen?" da erwiderte Frau„Direkte" unter ihrem Eide(wörtlich): „Wenn's unsere Adresse ist, dann ist sie wohl von uns!"— Oder als sie Auskunft darüber geben sollte, ob die Frau des Angeklagten denn sauber gearbeitet habe, da ant- wertete die Zeugin unter ihrem Eide(wörtlich):„Das kann ich nicht sagen— ich habe dieZensuren nicht hier! Und als es sich darum handelte, zu ermitteln, ob die Steinbergs überhaupt eine Fabrik haben und die Frau„Direktor" dem Gericht deshalb sagen sollte, wieviel Arbeiterinnen eigentlich in der— Fabrik beschäftigt seien, da versagte das kurz vorher noch so gute Gedächtnis zum vierten Male, und Frau Steinbery er- klärte unter ihrem Eide(wörtlich):„Das kann ich nicht sagen, da muß ich erst das Buch nachsehen!" Als jetzt der Vorsitzende die Frau„Direktor" in die Enge trieb, da besann sie sich schließlich darauf, daß ihre„Fabrik" aus 6—8 Heim- arbeiterinnen besteht, die in ihrer eigenen Behausung, nicht bei Steinbergs, Krawatten nähen!! Im übrigen brüstete sich die Zeugin damit, daß der Betrieb demnächst vergrößert werden soll— eine Erklärung, die gewiß denen Freude machen wird, die seinerzeit den Genossen D a v i d s o h n durch Arrestklagen zwangen, die Buße, die dem„beleidigten" Steinberg zugesprochen war, ja sogar die Kost ein, die diesem erwuchsen, nicht an den«Sieger" ab- zuführen, sondern an dessen Gläubiger! Aus den Bekundungen der Frau deS Beklagten ging herbor, daß„Direkte" Steinberg entgegen den tönenden Versprechungen seiner Inserate ihr keine Arbeit zu schaffen imstande war, trotzdem er selber zugeben mußte, daß die Krawatten, die sie angefertigt hatte, sehr gut seien, und trotzdem an dem betreffenden Tage die übliche Annonce in der Zeitung stand: daß die„Akademie" Steinberg Unterricht zu vergeben und— Arbeit zu vermitteln habe! Der Staatsanwalt sah die Vergehen des Angeklagten mit ver- ständiger Milde an und beantragt« für die Beleidigung und den Hausfriedensbruch Summa Summarum 25 M. Der Verteidiger— Rechtsanwalt Dr. Hugo Meyer— zeigte, daß man den Steinbergschen Angaben kein Vertrauen entgegen- bringen dürfe, wie u. a. die Vortäuschung der Existenz einer Fabrik beweise. Er gab der Ueberzeugung Ausdruck, daß eS den Sieinbergs nur auf die Lehrgelder ankommt, nicht im geringsten aber auf die Einlösung des Versprechens der Arbeitsbeschaffung, und daß der Angeklagte, ein 66 jahriger ehrbarer Mann, der noch niemals mit einem Gericht zu tun hatte, die allermildeste Beur- teilung vollauf verdient. Das Gericht, dessen Borsitzender— Assestor Grauenhorst— eine Urteilsbegründung gab, wie man sie so eingehend und klar in Berlin leider nur sehr selten zu hören bekommt, verurteilte den Angeklagten zu einer Geldstrafe von zehn Mark, weil es annahm, daß er sich sowohl einer Formalbelcidigung als auch eines Hausfriedensbruchs schuldig gemacht habe. Die drei Richter er- klärten aber durch den Mund des Verhandlungsleiters, daß Stein- bergs Verhalten zweifellos nicht einwandsfrci sei und daß die Er- regung des Angeklagten berechtigt war! Aus den juristischen Erläuterungen, die in der Sitzung zutage gefördert wurden, ergab sich die Lehre, daß jemand, der mit den Steinbergs in Konflikt kommt, sich hüten soll, von„Betrügern"' oder„Schwindlern" oder dergleichen zu reden. Man sage in solchen Fällen, wenn einem daran liegt, vom Ge. richt die Möglichkeit der Beweisführung zuge- billigt zu erhalten: es sei Betrug es sei Schwindel verübt worden, oder: der und der habe betrogen, habe geschwindelt. Tann hat man wenigstens die Chance, die Berechtigung der behaupteten Tatsachen aufzuzeigen, während andernfalls das Gericht den An» geklagten, selb st wenn er in der Sache recht hat, wohl oder übel wegen formaler Beleidigung bestrafen muß. „Billige GclcgcnhcitSverkäufe". Wie die„billigen Gelegenheitsverkäufe" zustande kommen, zeigte wieder einmal eine Verhandlung, mit der sich die dritte Ferien strafkammer deS Landgerichts I zu beschäftigen hatte. Wegen Unter schlagung beziehungsweise Begünstigung war der Student der Philosophie Fritz Ri chter angeklagt, während sich der Kaufmann Georg Leisegang wegen Hehlerei verantworten mußte. Der Angenagte Leisegang betreibt auf dem Schloßplatz und in der Leipzigerstraße ein„photoaraphischeS Antiquariat", in welchem er zu verblüffend billigen Preisen photographische Apparate und optische Artikel als„Gelegenheitskäufe" vertreibt. Die niedrigen Preise fanden eines Tages ihre Erklärung durch die Verhaftung des Leise- gang unter dem Verdachte der gewerbsmäßigen Hehlerei. Die Kriminalpolizei hatte kurz vorher eine aus allerlei verkrachten Existenzen bestehende„schwarze Bande" festgenommen, deren Mitglieder Studenten, ein Architekt, ein„Redakteur" und ein Ossi zier waren. DieseHerren wußten der in ihren Geldbörsen herrschenden Ebbe dadurch abzuhelfen, daß sie von zahlreichen großen Firmen photographische Apparate, Jagdferngläser, Goerz-Trieverbinocles und andere Sachen auf Abzahlung entnahmen und sofort an den Angeklagten Leisegang für einen Schleuderpreis weiterverkauften. Die Mitglieder dieser „Einkaufsgenossenschaft" wurden seiner Zeit zu empfindlichen Ge- sängniSstrafen verurteilt. Hiergegen legten Richter, der mit i1/, Jahren Gefängnis bestraft worden war, und Leisegang, der wegen Hehlerei neun Monate Gefängnis zudiktiert erhalten hatte, Revision ein. Das Reichsgericht hob wegen eines Formfehlers daS erste Urteil in einigen Fällen auf. DaS Gericht erkannte jetzt fegen Richter auf eine Zusatzstrafe von einem Monat Ge- ängniS. Gegen Leisegang wurde die Verhandlung wegen der vom Reichsgericht aufgehobenen Fälle vertagt, da durch Vernehmung von Sachverständigen festgestellt werden soll, ob Leisegang die Apparate und Gläser bei den Fabrikanten zu dem gleichen Preise hätte kaufen können, den er an Richter gezahlt hatte. Wegen der rechtskräftigen chlereifälle lautete das Urteil gegen Leisegang auf acht Monate e f ä n g n i s unter Abrechnung von einem Monat der erlittenen Untersuchungshaft. Versammlungen. Die Sektion der GipS- und Zementbranche des Maurerverbandes nahm in ihrer am Freitag abgehaltenen Generalversammlung den Rechenschaftsbericht für das zweite Quartal entgegen. Die Ein- nahmen betrugen 1ö 461,82 M., die Ausgaben 9334,99 M., der Bestand 6 576.83 M. Di« Mitgliederzahl beträgt 1329. davon gehören 791 der GipS» und 638 der Betonbranche an. Das Ergebnis einer Bautenkontrolle. die vom 23. Juni bis 1. Juli vorgenommen wurde, ist in der Hauptsache folgendes: In der Gipsbaubranche wurden auf 227 Arbeitsstellen 1164 Arbeiter angetroffen, von denen 836 organisiert sind. 796 arbeiten in Lohn, 366 in Akkord. Auf 196 Bauten wurde täglich 8 Mi Stunden, auf 80 Bauten 9 Stunden, auf 2 Bauten 9� bis 12 Stunden gearbeitet.— In der Betonbaubranche wurden auf 182 Bauten 1390 Arbeiter angetroffen. Davon sind 960 organisiert. 1624 arbeiteten in Lohn, 148 in Akkord. Namentlich bei den Steindeckenarbeitern herrscht die Akkordarbeit. Auf 123 Bauten betrug die Arbeitszeit 9 Stunden, auf 47 Bauten 9Ma Stunden, auf 12 Bauten 10% bis 15 Stunden.— AlS arbeitslos wurden 44 Gips- und 85 Zement- arbeiter gezählt.— Bei der Besprechung der Bautenkontrolle er- wähnte H a e s e, daß sich seit dem vorigen Jahre die Organisa- tionSzugehörigkeit verschlechtert habe. Die Lohne seien im all- gemeinen stabil geblieben, mit Ausnahme der Löhne der Jemen- tierer und deren Hilfsarbeiter. Hinsichtlich der letzteren berufen sich die Unternehmer auf einen Beschluß des Bauarbeitgeberver- bandeS, wonach Erdarbeiter geringer entlohnt werden als die Bauhilfsarbeiter, deren tarifmäßiger Stundenlohn 60 Pf. beträgt. In der Betonbranche werden demgemäß die beim Ausschachten be- schäftigten Arbeiter mit 40 bis 45 Pf. entlohnt. Die Unternehmer wiffen, daß diese Erdarbeiter nicht organisiert und einstweilen dem Gedanken der Organisation unzugänglich sind und deshalb bieten sie denselben geringere Löhne. Auf diesen Umstand beriefen sich die Unternehmer, als Haese in der SchlichtungSkommisslov tli geringere Bezahlung der Erdarbeiter zur Sprache brachte.— Auch unter den Zementierern herrscht ein starker JndifferentismuS, in- folgedeffen arbeitet ein Teil derselben zu geringeren als den tarif- mätzigen Löhnen, auch wird in dieser Branche die neunstündige Arbeitszeit nicht selten durch Ueberstunden regelmäßig verlängert. — In der Gipsbranche wird die 8%stündige Arbeitszeit im all- gemeinen innegehalten, auch sind die Löhne in dieser Branche stabil geblieben. Die Arbeitsleistung wird in der Regel bis zum äußersten angespannt, so daß dem Unternehmer die Lohnarbeit oft erheblich billiger zu stehen kommt, als die Akkordarbeit. Der Redner verwies darauf, daß eine derartige Schinderei die Ge- sundheit und Kraft der Arbeiter auf das schwerste schädigt und sie frühzeitig aufreiben muß. Die Arbeiter sollten deshalb nicht so unverständig sein, ihre Arbeitskraft schon im besten Alter völlig zu ruinieren.— Nach einem Bericht über die Tätigkeit der Gewerkschafts- kommission wurden Haese und Plagemann als Delegierte zu derselben gewählt.— Die Wahl eines Arbeitsvermittlers fiel auf Hirschmeier._ Vermilcbtes. Ein schweres Brandunglück hat sich, wie aus Rathenow gemeldet wird, gestern dortselbst ereignet. Die 21 Jahre alte Ottilie Fechner, die sich binnen kurzem zu verheiraten gedachte, wollte auf einem Grude-Ofen Kaffee bereiten und glaubte, da die obere Kohlenlage schwarz war, die Glut erloschen. Sie nahm deswegen eine Petroleumkanne und goß deren Inhalt in die Grude, in der sich aber tatsächlich noch Feuer befand. DaS Petroleum explodierte und die Kleidung deS bedauernswerten Mädchens wurde von den Flammen ergriffen. Bevor noch Hilfe zur Stelle war. hatte die F. bereits am ganzen Körper schwere Brandwunden erlitten; sie wurde in hoffnungslosem Zustande nach dem Krankenhause gebracht. Ei» LieveSroman. Der 23 jährige Konditorgehilfe Willi Wetzel aus Rathenow hatte seit längerer Zeit ein Liebesverhältnis mit der 19 jährigen Buchhalterin Helene Thte, die bei ihrer Mutter, der Witwe Thie, Milower Str. 67, wohnte. DaS Mädchen hatte von Anfang an überhaupt keine Neigung, in ein Liebesverhältnis mit dem etwas phantastisch veranlagten Wetzel einzutreten, doch Wetzcl fand immer wieder Wege und Mittel, daS Mädchen an sich zu fesseln. Am Sonnabendmittag kam W. wie gewöhnlich auS Charlottenburg, wo er in Stellung ist, mit einem Blumenstrauß und begab sich direkt in die Wohnung seiner Braut. Hierbei kam eS zu einer heftigen Szene, in deren Verlaufe zog W. einen Revolver und jagte seiner Braut«ine Kugel in den Kopf, daß sie sofort tot zusammenbrach._ Zusammenstoß. Prix«, 29. Juli. Heute vormittag 9.64 Uhr erfolgte in Sterzing infolge unrichtig« Weichenstellung ein Zusammenstoß zweier Züge, SS Personen wurden leicht««letzt, der Berkehr ist nicht gestört. «mtltcher Marktbericht der städtischen Markthallen-Direktion über den Großhandel in den Zenirai-Marktballen. Marktlage: Fleisib: Zufuhr stark, GeschSst flau, Preise für Ochsen- und Schweinefleisch nach- gebend, sonst unverändert. Wild: Zufuhr nicht genügend, Geichäst lebhast, Preise unverändert. Geflügel: Zufuhr geuügend, Geschäst ziemlich lebhast, Preise befriedigend. Fisch«: Zusuhr mäßig, GeschSst ziemlich lebhast, Krebse wenig begehrt, starke Aale gesucht, Preis« leicht nach. gebend. Butter und Käse: Geschäft ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obst und Südfrüchte: Zusuhr reichlich, Geschäst säst ebloS, Preise gedrückt._ BSltternngSüberstcht vom LS. Juli 1909, morgen» 8 Uhr. Swtnemde. erlw jJranff.flM, München Wien Setter I 7LZWNW 7S9W 757 WNW 764 SW 766 W 761 W Wetterprognose kür Zeltweise heiter, am Tage ändmich mit leichten Regensällm bRegen 4 halb bd. 6woMg 6 heiter 7 heiter 4 halb bd. ri« f- mSi fftfftionfn Haparanda 750 O Petersburg 753 W Scilly Werde« Part» 765 WNW 755 SSW 765 SSW L bedeckt 2 halb � 8 wolkig 1 Regen 2 bedeckt 14 14 14 11 1? 13 13 13 12 13 »> Freitag, den 80. Jul« 1909. wieder etwa» wärmer, aber noch v« und ziemlich irischen westlichen Winden. Berliner W e tt erb u r e an. Setter WafferstandS-Nachrtchte» da LaudeSanstalt für GewSflerlmide. mitgelell» vom Berliner Wetterbureau. Wasserstand M e m e l. Tilsit B r e g e l, Jnfterburg Weichsel, Thorn Oder, Ratlbor „ Krofleo , Frankfurt Wa r t h e, Schrimm , LandSberg Netze, Vordamm Elbe, Lettin eritz , Dresden „ Bardo , Magdeburg am! feit 28. 7. 27. 7. cm 194 —25 124 168 207 235 72 44 —24 —104 150 133 cra') —6 —6 —18 +16 —30 —26 —16 —2 —5 —7 —12 —10 Wasserstand Saale, Grochlitz Havel, Spandaus . Rathenow') Spree, Svremberg') , BeeSkow Weser, Münden , Minden Rhein, Maximiiiansau , Kaub Köln Neckar, Heilbronn Main, Wertheim Mosel. Trier am 23. 7. cm 64 46 17 84 98 —92 —34 518 289 303 60 117 77 seit 27. 7. om —6 +1 —1 0 +8 —9 —9 —7 —8 —8 •)+ bedeutet Wuchs.— Fall.—•) Nnterpegel. Für den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. Zheater. Freitag, den 30. Jult, Ansang 8 Uhr. MeueS königliches Operntheater. Salome. Deutsches. Ketten. Kammerspiele. Mn Skandal in Monte Carlo. Lessiug. Die Dollarprlnzesfin. Berliner. Ein Herbstmanover. Neues Schauspielhaus. Moral. Schiller 4».> Wallner« Thealer.) Madame Bonivard. Schiller Charlottenburg. Der Biberpelz. Friedrich- Wilhelmstädt. Schau. spielhaus. Oberon. Komische Oper. Demimonde. Neues. Sein Sündenregister. Thalia. Im Cafü Noblesse. Lustspielhans. Familie Schimek. Neues Operetten. Die Sprudclsee. FolieS Eaprice. Drei Frauenhüte. Der Deserteur usw. Ans. Uhr. Metropol. Die oberen Zehntausend. Apollo. Hart stein. Er oder Er. Spezialitäten. Wintergarten. Spezialitäten. Passage. Spezialitäten. Bernhard Rose. Was eine Frau kann. Walhalla. Spezialitätea. Berliner Prater. Man lebt ja nur einmal. W. NoackS Theater. Schuldbewußt. Spezialitäten. Stadt-Theater Moabit. Sdezia- litäten. BoNSgarten. Spezialitäten. Brunnen. Eine tolle Nacht. Epe- zialiläten. ReichShallcn. Winter-Tymlan. Urania. Taubcustraste«K/4S. AbendSSUHr: Ueb er den Brenner nach Venedig. Sternwarte. Jnvalidenstr. 57/62. �essinx-l�keater. Gastspiel d. Neuen Operetten-Theater». Ansang 8 Uhr. 01« l>olliirpi-lnn«»»la. Operette in 3 Akten von Leo Fall. Berliner Theater. Heute 8 Uhr: Ein HerbstmanöTer. Morgen: Ein HerbstmanSver. Neues Tbeater. ABenbJ 8 Uhr: Sein Sündenregister Sonnabend und folgende Tage: Lein Lülidenregister. Nene« Operetten-Theatep, Schissbauerdamm 25, a. d. Luisenstr. Ansang 8 Uhr: VI« Sprndelfce. Operette in 3 Akten v. H. Reinhardt. 8clitller< 8ohlll«r-THea»er 0.(Wallner-Theater.) Täglich: Madame Bonivard. Schwank in 3 Akten von Alexander Bisson und Antony MarS. Anfang 8 Uhr. End- 10 Uhr. Theater. Schiller-Theater Charloftenbura. Täglich: Der Blberpela. Eine DiebeSkomödie w 4 Akten von Gerhart Hauptmann. Ansang 3 Uhr. Ende IG/, Uhr. Neues Kgl. Opern-Theater(Kroll). Gura-Oper. Salome. Von StranD.— Anfang 8 Uhr. Sonnabend: Othello.(71/, Uhr.) Bonntag: Lohengrin.(7 Uhr.) Montag; Tannhäueer.(7 Uhr.) Theater des Vestens. Voranzeige I WiedererSifnung Sonntag, I. August. Per fldcleBaner. Von LeaFall. 9.50 l\ Hart st ein Er itter Er. M 8 Uhr: Das miübertr. Progr. Paul Jülich. SHe wsttgsn Zecher. Die B Tanbeo Ooodle Girls. Friedrich-Wilhelmstädtisches Schauspielhaus. Freitag, den 30. Juli, abends 8 Uhr: oberon, König der Elfen Gr. rom. Fecnoper w 8 Akt. v. Weber. (Kleine Preise.) Sonnab.(A. Bockmann): Troudalwur. Sonntag 3 Uhr: vor Waffenschmied. Passage-Theater. Setzte Tage! Das sensationelle Willi Präger. The Rubys. KUte Hyan. 19 opstklass. Variete- Attraktionen. Passage- Panoptikum. l-ebcnd I Die letzte» veiblieiieD ffesen vom Stamme der Aztehen! Ano die schwebende Jungfran. Ganz Berlin zerbrich! H—— sich den Kopf Ober Alles oboe Extra-Entree. Saison-SchlnO: Sonnabend, 81. Juli 1900. AM- Vorletzter Tag!"MA „Sa fiaN in ihrem Phantasie-Tan» „Der Wellen Geist" aowie IQ die sensationell. IQ iZ Juli-Attraktionen 12 Reservierter Platz 2 M., Entree 1 M. (einschl. Programm u. Garderobe.) Urania. WisBenechaftlichoa Theater Taubens traßo 48/49. Abends 8 Uhr: 5 WMMMW (Sc. grantlurler Str. 182.| WasifiFraiita.\ Anfang 8 Uhr. Ende 11 Uhr. Aus der Gartenbühn« Ansang 4'/, Uhr. U.a.: Raodldeldaul Gr. Pantomime. Paul Coradini. Spezialitäten. «MU Sonnabend, 31. Jul), 8 Uhr abendg: Premlere der Novität: krau Hkanis Friseur. Hierzu zum 20. Mole: Heine- Deine Toebter Beide Komödien mit den AutoriQ Anton und Donnt Herrnfeld in den Hauplrollen. Vorverkaus ab heut» OOIOCISCHER GARTEN Täglich: QroBes Militär-Doppel-Konzert, Eintr. 1 31., v. abends 6 Uhr ab | SOPt, Kind.o. 10 Jahr, d. Hälft. J Hetropoi-Theater Die oberen Zehntausend. Ämerik. Operette v. Jnl. Freund. Musik v. Grust. Kerker. In Szene gesetzt von Dir. Rieh. Schultz. Tänze von Mr. Bishop. Anl 8 Uhr. Rauchen gestattet. Reicbsballeu-Tbeater. Heute: Gastspiel Vinter- Tymian tnlt seiner berühmt. Hcrrengesellschast. Ans. wochenl.S Uhr TonniagZ 7 Uhr. Sonntag, den 1. August: Wiederbeginn der Soiree« der Sttnger. Max Kliems SoDuoer- Theater und Festsäle Rudolf KrQger Hasenheide 13/15. Bm- Täglich:-- Grußes Konzert' Spezialitäten-Törstellnog. Art Leitung; Walter Gravenitz, Jeden Donnerstag: Elitetag. Während und nach der Borstellung TanzkrUnzcheii. .lest >olzmartll!r.7S((Stfeitlejanberfh'.) tgl. i herrl.Natur-Sommergarten bei ungünstiger Witterung i, Saale Gr. Idealer- u, Spez- Vorstellung. Ich danhe, Herr Franke. Schwant in 1 Alt von O. Richter. fleidner, Dumby, Steininger, Filippe La belle Therese, Stuhr u. Schnell. Ans, aochent. 8, Sonntags 6 Uhr. Brunnen-Theater Badstrahe 58. Direktion: Willi Voigt Heute sowie täglich: X Ersiklassige Spezialitäten k X Xovltitt! UTovIUUt Eine tolle Nacht« Gr. AuSstattungS-BolkSstück «tü Gesang und Tanz m S Bildern von Freund und Mannslädt, Kafseneröfsnung L Uhr. Ans. 4 Uhr. Schweizer- Garten; [ Am KönigStor. Am FriedrichShaln Isnlioll Ansang 4 resp. 5 Uhr l agU�ll Entree 30 Pf. Tbealer-Vorstellung;; i Spezialitäten. D. neueJuliprogr. iKinematoi_ 'JedAb lvUhr | Seb.SWillrooch: Kinderlreudenfett. lematograph, Volksbelustigung.! ÄüiserGoldjBiiiBSj h• RinriftrfpnnHonfottf' Klysinm Landsberger Allee 40/41, Ecke Petersburger Strafte. DM- Heute sowie täglich-ME im prachtvollen Naturgarten: Vorstellung abwechselnd von drei der bejlrriiomiiilrrtesteii Siiiigergkskilschlisttii. Ifariete-Theater 1 Weinbergaweg 18-20, Rosenth.Tor. 1 I Ansang 8 lihr. Im Theater: \ Die grandiosen Spezialitäten. Im Garten: Frolkonnart. Vor der spanischen Arena. Stadt-Theater Moabit, Alt-Hoabit 47/48. Täglich: Spezialitäten und Theater- Vorstellung. Ans. d. Vorstellung Wochentag» 7 Ubr, Konzert S Uhr. Sonnt. 6 bezw. 5 Uhr. Garteneröffnung 3 Uhr. Jeden Montag Elitetag, Spezia- litäten und Soiree der»Lustigen Sänger-, Bei Regenwetter Vorstellung im großen Theater-Saal._ Lustspielhaus. Abends 8 Uhr: Tamilie Schimek. Kreiizberg-Festsäle und Garten. o.Ärt, SW., Kreuzbcrgstr. 48. Jeden Freitag: HofTmanns Xord- dcutsche Sänger. Pafsep. u. Vorzugsk. gültig. Jeden Sonntag: Gr. Spazialitltlen-Vorstell. Eniree srei. Verschied. 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Beruan-KUntgental: peinnch B r o s e, Hohestelnftr. 74, part vobnsdorr und Falkenberg: G. Pfeiser, Bohnsdorf, nosfenschastshauS. Obarlottenbiirg: Gustav Scharnverg, SesenHelmerftraße 1, Ecke Goethestraße, Laden. Elohrvuldc, Zcntben, HHersdorf und IVanbel« Ablage: Frttz Oldenburg, Eichwalde, Kronprinzenstr. 81. Frkner: Ernst H o s s m a n n, Friedrichshagener Chaussee. Frledcnan-tSteglltz-Südonde: H. B e r n I e e, Schloßstr. 11g, Hos I, in Sieglitz. Bestellungen nehmen entgegen in Steglitz: H. Mohr, Düppelstr. 32. und Fr. Schellbase, Llhornsk. 15a. Frledrlcbshagcn: Ernst W e r l m a n n, Friedrichstr. 67. Grünau: Franz Klein, BaHnHosstr. 6 HI. Hoben-Vfcnendorf: Wilhelm Tenlscher, Slolperstr. 50 l. Jobannlstkal: P i e l i ck e, Kailer-Wilhelm-Platz 4. Knrlskorst: Richard K ll i e r, Rödelstr. 9, II. KUnig«- W nsterhansen: Friedrich Bau mann, Niederlehme, Winlelmannstr. 12. Kttpenlck: Emil W ißler, Kietzerstr. 6, Laden. Lichtenberg, Frlcdrlchsfeldc, Wilhelm»borg: Otto Seilet, Kronprinzenstraße 4, L Hahlsdorf und Kaalsdorf: Hugo S ch etd s» MahISdors, Walderseestr. 14. Itlarlendorr: August Letp, Ehausseestr. 296, Hos. h'eu-Welücn»ee: Kurt Fuhrmann, Sedanstr. 105, parterre. Xlcdcr-Scbüneweldc: Paul Benasch, Giümmerstr. 3. h'oxvaves: WUhelm I a p p e, Friedrichstr. 7. Obcr-ScliUnewelde: August y e n j e S, Lausenerftr. 2, I. I'ankoHs.h'lcderschSnhanscn: Otto Riß mann, Mühlen- slraße 30. Kclnlckcndork- V«t, Wilhelmsruh und Schüuholz: P. G ursch, ffiameteftr. 12, I. Rlxdorf: M. Heinrich, Neckarstraße 2, im Laden. Rnnimolsbnrg, Roxhagen:A. Rosenkranz. AU-Boxhageu SS. Schmargendorf: Gustav K a m t n i k y, Cunostraße 2. SchUneberg: Wilhelm Bäumler, Martin Lulherstr. 51, im Laben. Unserem Genossen und BezirlSsührer MW Lehmann Äf die herzlichsten Glückwünsche zu seinem Wiegenfeste. 1953L Die Genossen des IS. und 17. Bezirks Charlottenbnrg. Deutseber Ortsverwaltung Berlin II. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Mineral- wasser-Arbeiter Ott© Hanne am Mittwoch, den 23. Juli, im Alter von 21 Fahren an Lungen- leiden gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Neuen St. Paulus- Kirchhofes, Seestraße, aus statt Um rege Beteiligung ersucht 68/tS Die Verwaltung II. Deutseber Transportarbeiter-Yerhanl Ortsverwaltung Berlin II. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Mitglied, Kellerarbeiter Otto Hentze am Dienstag, den 27. Juli, plötz- lich verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 30. Juli, nachmittags 5 Uhr, von der Leichenhalle deS Kemcinde-Friedhoss in Weißensee, Rölkestraße, aus statt. Um rege Betetligung ersucht 68/14 Die Verwaltung II. Beerdigungsverein Berliner Zimmerleute. Am 27. Juli starb nach langem Leiden im 75. Lebensjahre unser Mitglied, der Zimmerer H. Winter. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet heute Freitag, den 30. Juli, nachmittags 4 Uhr, vom Trauerhause Mainzer- straße 1» in Lichtenberg aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 7286 Der Vorstand. Für die rege Beteiligung bei der Beerdigung unseres lieben SohneS Alfred Hellwig sagen wir allen Freunden und Be> kannte», dem Jugendverein und Ar beiier-Turnverein von Adlershos. den Kollegen der Firma Bram: u. Weise so wie dem Lithographen- Verband un- seren besten Dank. 72i6FarTiiIie Hellwig. Danksagung. Für die herzliche Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben, un- vergeßlichen Mannes, unseres guten Vaters, sagen wir allen Verwandten und Bekannten, ganz besonders den Mitglieder» des Sozialdemokratischen Wahlvereins des 6. Berliner Reichs- tagsivahIkreiseS Bezirk 557, sowie dem Verband der Maler, dem Lotterte� verein»Hoffnung II" und den Kol- legen der Firma Zimmermann im- seren herzlichsten Dank. 1951b Wwe. Anna Öuhert geb. lilcae nebst Kindern. � Kerlmer Prater-Wrattr Kastanienallee 7—9. Täglich: Itfan lebt Ja nnr einmal! Havemanna größte Raubtiarschule I d. Welt. Spezialität., Konzert, Ball. Ansang 41/, Uhr. Sozitddemokratiselier Mvereln für den l. Berliner Reielislags-WalilkrEis. Bezirk 152. Todesanzeige. Am Dienstag, den 27. Juli, verstarb unser treues Mitglied, der Kassenbeamte Gustav Wolter wohnhast Boeckhstr. 25. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 31. Juli, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- Halle des Neuen Jalobi-Kirchhoss, Rixdors, Hermannstraße, aus statt. Um zahlreichevetelligung ersucht 211/2 Der Vorstand. Verband d. Bureauangestellten! und der Verwaltungsbeamten» der Krankenkassen und Bcruisgenossenscbaften Deutschlands. Orfsgruppe GroQ-Berlin. Todes- Anzeige. Den Mitgliedern hiermit zur s Kenntnis, daß am 27. Juli 1909< unser Kollege Gustav Wolter verstorben ist Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am s Sonnabend, nachmittags 5Uhr,'von i der Leichenhalle des Neuen Jakobi- Kirchhofs in der Hermannstraße j aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 287/2 j Der Vorstand. tllMM Opts-WeBkasse zu"" Am Dienstag, den 27. Juli cr., nachmittags 3 Uhr, verstarb der seit 1. Januar 1905 bei der dies- sciiigen Verwaltung angestellte Kassenbeamte Herr (kstav Wolter im 42. Lebensjahre. 270/17 Der leider zu früh Verstorbene war UNS ein pflichttreuer Bc- amter, welcher sich durch Aus- zeichmma eines ehrenvollen Eha- raklerS bei uns ein dauerndes 'Andenken gesichert hat. Der Vorstand. Wilh. Piehl, Vorsitzender. Todes• Anzeige. Slm 27. Juli cr. verschied an den Folgen eines erlittenen Sturzes unerwartet unser lieber Kollege Gustsv Wolter im 42. Lebensjahre. Der Ver- blichene hat sich durch ruhiges bc- scheidcneS Wesen wie auch ehren- vollen Charakter ein bleibendes Andenken bei unS gesichert. vis Angestellten der Allgemeinen Orts-Kranken» Kasse zu Berlin. Die Beerdigung findet am Somi- abend, den 31. Juli, nachmittags 5 Uhr, von der Leichenhalle des neuen Jakobi- Kirchhofes in Rix. dors, Hcrmaunstraße 99/105, mie. statt. 276/18 Oeutsctier Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes• Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Arbeiter Albert Schulz am 28. Juli an Nervenleiden ge störten ist Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 31. Just, nach- mittags Ist, Uhr, von der Leichen- halle de» Zentral» FrlcdhoscS in FriedrichSselde au» statt. Rege Beteiligung erwartet 120/13 Ofe Ortsverwaltung. der Möbelfabrik tUMfolN MLSSS] Tel.: A.III, 5157® kaufen. Verkauf nnr im Fabrikgebände— nur H eigenen Fabrikat.— Auf Wunsch Teilzahlung. 35 mm Permanente Musterzimmer-Ausstellnng. W» 35 I Spundun: Koppen, Jagowstr. 9. Tegel, Borsigwalde. Wittenau, Waldmannzlust, Hermsdorf und Uotnlchciidorf• West: Paul Kienast, Borsigwalde, Räuschstraße 10. Teltow: Wilhelm Keßler, Hohersielnweg 7. Tempelhof: Albert Thiel, Friedrich WUHelmstr. 20. Treptow: Rob. Gramenz, Kiefholzsiraße 412, Laden. Wllmerzdorf-Halennce: Wittnebel, Landhaus str. 27 Sämtliche Parteiliteratur sowie alle wissenschastlichen Werke werben geliefert Annahme von Inseraten für de«„Uormarts". MM- Bitte ausschneiden.-WU 245/1* im Geschmack, Aroma und Nährwert gleich mit feinster Molkereibutter «n Ist 6« ff. u. Postkolli a 9/1 Psd. franko jedem Postort Deutschlands. In allen itöfecren Plätzen werden für den Zerkauf von Postkolli an Private Vertreter(auch weibliche) enaaatert, gegen Gehalt und Provision. 253/16* Altm-Otteitskn Hnr Ug«-» « m. h. H. J lcrmit zur Nachricht, daß unser er Bruder, Schwager und Onkel, der Tapezier 7305 Albert Schulz nach langen schweren Nervenleiden am Mittwoch sonst entschlasen ist. Die Beerdigung findet am Sonn- abend, nachmittags Ist, Uhr, von der Leichenhalle in FriedrichSselde aus statt. vis trauernden Hinterbliebenen. Allen Freunden und Bekannten I die traurige Nachricht, daß mein! lieber Mann, der Schuhmacher! und Laternenanzünder trledrlch Baeker an: Dienstag, 27. Juli, mittags i 1 Uhr, saust entschlafen ist.— Die Beerdigung findet heute Freitag, nachm. 3 Uhr, von der Leichen-! Halle des Hl. Äreuz-Kirchhoses in 1 Mariendors, Eisenacher Straße, I aus statt. 720b j Die trauernde Witwe Frau Anna Baeker nebst Kindern. Wung! Grosse Versammlung Achtnag! Vortrse ZW. kW« SM Zosasdenil. Sen 31. Zuli, sbenlls 8% Uhr, im Saal 4 des Gewerhsebaftstianses, Sngel-Ufer 15. Tagesordnung: des Präsidenten der Gewerkschaften Nordamerikas (American Federation et Labor) „Die Gewerksctiaftsbewegung diesseits und jenseits des Ozeans". Wir ersuchen die Partei« und CewerlschaftSgenossen um recht regen Besuch. 200/6" Der Allsschuß der Keriwer StVttkschastskommisßoli. Achtung! Schutidemuhl! Am Sonntag, den 8. August, treffen sich sämtliche Schneidemühlcr vormittags 10 Uhr bei �ntxm Gotowlcz, Heidenfeldstratze 17, zwecks Gründung des Landsmann- schaftsverems. 1SS0L" Der Einberufer. Zwelgrereln Berlin nnd UniRejrend Sonntag, den 1. August, vormittags 10 Uhr: General= Versammlung, im Gewerkschaftshaus, Engel-Ufer 15, Saal 4. TageS-Ordnung: 29120* 1. Vortrag des ReichStagSabgeordneten Fritz Zubeil. 2. DiSIuffion. S. Abrechnung vom Zwesten Quartal 1209 und Bericht der Revisoren. 4. Diskussion. K. AuSschlubanträge. Mitgliedsbuch legitimiert, ohne dasselbe kein Einlast. vollzähliges und bünktlicheS Erscheinen erwartet Ber Zvcclgverclnuvorstand. iehtong! deutscher Metallarbeiter-Verband. — Verwaltungsstelle Berlin.= Arbeitsnachweis: Hof I. Amt IN, 1239. CharitSstraste Z. Hauptbureau: Hof III. Amt III, 1987. umsi Schlosser! Sonntag, den 1. Angnst 1909, nornlittags 9 W: Dtchmmimlg der Slhiojstr KtliiilS llild Umgegeiid im Palast-Theater(früher Feen-Palast), Burgstraße 24, vis-a-vis der Börse. TageS-Ordnung: 1. Der Stand unserer Lohnbewegung und welche weiteren Maßnahmen find notwendig? 8. Diskussion. Das Mitgliedsbuch ist mitzubringen und am Eingang vorzuzeigen. Mitglieder anderer Organisationen, die der Gewerkschaftskommission angeschlossen sind, haben Zutritt. Zahlreichen Besuch erwartet Die«rtsverwaltnng. 120/17 Heute Freitag, ahds. S'/s Uhr, im Gcwerkschastshaust, Engtlufer 14/1ö, Saal 4(ArbeitSlosensaal): TiKaimg der OptsvenwaBiung. Billigste Bezugsquelle für Hugienische Sedarfs- Artikel Drogerie Zaremba, Berlin N., Weinbergsweg 1. ------ Ein Versuch-----• führt zu dauernder Kundschaft. Jerlieer irbeiter- Radlaliref-Iereir Mitglied des Arbeste» Radfahrer-BundeS .Solidarität«. Touren zum Sonntag, de» 1. August. 1. Abt. 5 Uhr: Buckow(Mark. Schweiz). 1 Uhr: Straußberg. Start: Bülowslr. 58. 2. Abt. 5 Uhr: Ehori». 1 Uhr: Bernau(Elysium). Start: Fontane- Promenade 18. 3. Abt. 6 Uhr: Wandlitz-Liepnitzfee. t2 Uhr: Bernau(Waldtater). Start: Mariannenplatz. 4. Mt. 7 Uhr: Hohenbinde(Guten- Berg). 1'/, Uhr: Friedrichshagen (Lerche), start: Küstririer Platz. 5. Abt. 5 Uhr: Körbeskrug. 1 Uhr: MierSdors(Lier). Start: Elysium. 5. Abt. 5>/, Uhr: Teupitz. 12 Uhr: MierSdors(Stühle). Start: Oder- berger Straße 28. 7. Abt. 6 Uhr: Streifzüge durch den Norden. Ziel: Waidmannslust (Schweizerhaus). 1 Uhr: Familien. tour. Waidmannswst. 8. Abt. 6 Uhr: Lindow, l'/i Uhr: Wilhelmsruh(Schneider). Start: Waldftr. 8. 9. Abt. 12 Uhr: Rüdersdorf. Start: Schtllingstr. 15. 10. Abt. 7 und 1 Uhr: Kiekemal (Dräger). Schnitzeljagd. Start: Weberstraße 0. Montag, den 2. August: Fahrwart- fitzung._ 11/10 Fahrrad-HauS„Krisch auf", Walter Wittig A Co., Hauptgesch: BerlinN.3t,®runnenftt.35 Filiale: Kottbuser Str. 9, empfiehlt, Frisch auf«-Fahrräder owie sämtl. Radfahrer-Bedarfsartikel. Reparatur-Werkstatt mit elektrischem Krastbetrieb. 105/3' Berliner ailMrfö. Felix Scheuer H# Stralsnnderstr.l. TYPOÜRAPHIA Wegen Mitwirkung bei dem zu Ehren des Vorsitzendender amerikanischen Gewerkschaften, Mr. G o m p e r s, stattfindenden Begrüß ungsabend am Freitag, den 30. Juli, abends S'k Uhr, im Gewerkschaftshause, Saal 4, 6I/3' kann der Verein an der Uebungsstunde des Arbeiter-Sängerbundes in der Brauerei Friedrichshain nicht teilnehmen. Statt dessen werden die Sänger ersucht, sich recht zahlreich und pünktlichst zu der oben angegebenen Feier einfinden zu wollen. Der Vorstand. Achtung! Achtung! Verband d» Isolierer». Steinholzleger Deufschl. Ortsverein Berlin. Abteilung II. - Steinholzleger!-. Hente Freitag, abends S'/i Uhr, bei Freiheit, Dragonerstr. IS: Mitglieder-Bersammlung. TageS-Ordnung: Bericht von den Verhandlungen mit de» Fabrikanten unseres Bernfes. 287/3 ES ist Ehrensache eines jeden Mitgliedes, dort zu erscheinen. _ Per Voratand. I. A.: H. Langu. Tischler-Verein Sonnabend, den 31. Juli IVOS: ----------- Versammlung----------- Um regen Besuch bittet_[199/3]_ Per Torntand. Bauhandwerker- Krankenkasse für Berlin und Umgegend. (Eingeschriebene Hilfskasse No. 118.— Bureau: C. 54, StelnstraBe 88.) Sonntag, den 8. August ISO», vormittags 10 Uhr, bei Wille, Brunnenstr. 188: Außerorilentliebe Ceneralversammtnng. TageS-Ordnung: sämlllcher Ber Vorstand. I. A.: Heinrich Metzkt. Mitgliedsbuch legitimiert. Gesundheit ist Reichtum I Bade Berlin-Ost Im• „Bad Frankfurt" Große Frankfurter Str. 136. Medizinische Bäder aller Art in werktäglich ununterbrochen ge- öffneten Sonder-Abteilungen für Damen 4661, und Herren. t Wannenbäder mit je 2 Handtüchern 75 Pf.(40 Minuten Badezeit) Lieferant sämtllcber Krankenkassen. Reinickendorf, Mm ML in ioee Mi, tn nächster Nähe des SchillerparkS und des Schäsersee» verzüglich gelegene, billige 3>, 2- und l-Zimmerwohnunge» im Vorder- oder Eartenhause, mit auch ohne Bad, Balkon dp. sosort vermietbar in den Neubauten der Schiller» Promenade, Brienzer Straße, Rülli-Straße, Holländer- und Thuner Straße. »Isdss Wort 10 Pfennig. 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Firma Staats, Oberbaumstt. 5. Sämtliche Betriebe in den Orten Rathenow. Fürstenwalde, Mus- kau, Segcberg(Holftctu) und Magdeburg. Gleichzeitig ersuchen wir die Kollegen aller Brauch« der Holz« mdnsttte daS VermittelungSburenn Eltfabethstr. Zv stteng zu meiden. Für Einsetzer: die Baut« Lenbachftr. 10. Kor- neliusstrasie 30 in Lankwitz und Wiiidscheidtstrasze 0 und H in Charlottenburg. Für Stellmacher: Bertiner Motorwagenfabrik in Reinickendorf. _ Die OrtSverwaltnng. ZZerantwortl. Redalteur: Wilhelm Tüwell, Lichtenberg. Kür den gnseratenteil verantw,: Th, Glocke, Berlin, Druck u,Berlqg: Vorwärts Luchdruckerei u. VerlaaSanttalt Vau! Sinaer& lio- SBetlin SW. ilt.175. 26. 1.1*5. 2. DtÜllßt parte!-?Zngelegenkeiten. Lichtenrade. Sonnabend, diu, 3t. Juli, abends Uhr, findet ftt dem Lokale von Rudolf Deter die Generalversammlung des Wahl- Vereins statt. Tagesordnung: 1. Vorstandsbericht. 2. Kassenbericht. S. Aufnahme neuer Mitglieder. 4. Bericht über die kombinierte Vor- ftandssitzung. 5. Verschiedenes. Mahlsdors(Ostbahn). Der Sozialdemokratische Wahlverein .Bezirk Mahlsdorfj hält am Sonnabend, den 31. Juli, abends 8� Uhr, im„Heidekrug", Kvpenicker Allee, seine Mitgliederversammlung ab. In Anbetracht der wichtigen Tagesordnung ist das Erscheinen samt- licher Mitglieder notwendig. Zossen. Sonntag früh 8 Uhr vom Lokale des Genossen P. Änrzner aus Flugblattverbreitung. Die Parteigenossen werden aufgefordert, pünktlich dazu zu erscheinen. Lerlmer J�acbricbtcn. Mißbrauch der Arbeitslosen. In welcher Weise oft die Arbeitslosen gemißbraucht werden, davon könnte man alle Tage erzählen; schildern wir heute eine besondere Seite dieser Ausnutzung. Ter Arbeitslose verfolgt natürlich mit großem Interesse den Arbeitsmarkt der Zeitungen. Da fällt ihm dann gleich zu Anfang auf, daß— wenn auch sonst keine Stellenangebote vorliegen— doch in der Versicherungsbranche anscheinend immer zu tun ist. In jeder Nuinmer suchen mehrere„alte angesehene Gesellschaften" Subdirektoren, Inspektoren, Reise- Vertreter oder schlechtweg Agenten„bei höchsten Bezügen". „Branchekenntnis nicht erforderlich".„Für energische, arbeitsfreudige Kraft hochdotierte Lebensstellung". Und was noch sonst alles in den Anzeigen zum Lockköder gemacht wird. Der Arbeitslose steht in der ersten Zeit solchen An- geboten mit einem gewissen Mißtrauen gegenüber. Er weiß, wie der Volksmund oft despektierlich über die Versicherungs- tätigkeit spricht. Aber mit der fortschreitenden Arbeitslosig- keit, mit der Verminderung seiner Mittel üben gerade die ständig sich wiederholenden Versicherungsinserate eine sozu- sagen magische Wirkung aus. Etwas Suggestives liegt in ihnen, und der Arbeitslose, dem sich gar keine andere Existenz bieten will, fragt sich schließlich, ob er nicht doch ein- mal auf so ein lockendes Inserat schreiben soll?— Vielleicht?! — Wer kann es wissen?— Und er überlegt sich schon im vor- aus, ob er nicht den einen oder anderen Bekannten hat, dem er als Anfang eine Versicherung aufreden kann— und dann müßte sich das andere ja finden! Er entdeckt also— mürbe gemacht durch den Druck der Verhältnisse und unter der Ein- Wirkung der betreffenden Inserate in sich das Talent zum Versicherungsagenten und malt sich— je nach dem Grade seiner Einbildungskraft— gegenüber seiner trostlosen Lage Zukunftshoffnungen von mehr oder minder hellem Glänze aus. Diesen psychologischen Effekt hervorzurufen? bezwecken nun die Inserate und damit haben sie ihre Aufgabe erfüllt. tDer Arbeitslose schreibt! Und zwar sucht er sich das Angebot aus, das ihm die größten Versprechungen macht; er weiß ja nicht, daß alles im Grunde auf ein und dasselbe hinausläuft. Er will z. B. sich der Gesellschaft weihen, die gegen Fixum. Spesenzuschuß und hohe Provifion Reise- Vertreter sucht. Fixum, Spesen und Provision! Drei Ein- nahmemöglichkeiten auf einmal! Welch berückende Aussicht angesichts des fast erschöpften Geldbeutels! Also der Arbeitslose schreibt und bittet um nähere Aus- kunft. Postwendend erhält er Bescheid. Zumeist ein ge- drucktes Rundschreiben in Schreibmaschinenschrift. Darin wird ihm auseinandergesetzt, daß man gern bereit sei, mit ihm „in Geschäftsverbindung" zu treten, er möge nur entscheiden, ob er nur als Agent mit h ö ch st e n Provisionssätzen arbeiten wolle, oder als Reiseverlreter gegen Fixum, Spesen und hohe Provision. Natürlich wählt unser Freund das letztere und schreibt dementsprechend. Und wieder erhält er Post- wendend Antwort. Nachdem er die erste Seite des wieder gedruckten Rund- schreibens gelesen hat, fühlt er sich vielleicht veranlaßt, einen Freudensprung zu machen. Er darf sich als engagiert betrachten. Und zwar gewährt ihm die kulante Gesellschaft ein Gehalt von mindestens 200 M., sagen wir mal 12 M. täg- liche Reisespesen und außerdem noch näher zu bestimmende Provision. In der Freude seines Herzens beachtet er nicht groß, daß die Zahlung der betreffenden Summen von einer bestimmten Gegenleistung abhängig gemacht wird, sagt doch das Zirkular selbst, daß es bei einigermaßen Rührigkeit ein leichtes sei, die verlangte Höhe der Versicherungen zu erreichen. Er wirds schon erreichen, wenn er nur erst den Spesenzuschuß in Händen hat, damit er zu arbeiten anfangen kann. Aber was ist das? Ganz am Schlüsse des sehr ausführlichen und sehr höflichen Zirkulars heißt es mit einemmal etwa wie folgt: „Die außerordentlich hohen Bezüge, die die Gesellschaft gewährt, machen natürlich(I) eine Probezeit notwendig. Wir sind aber auch in dieser Beziehung sehr entgegenkonimend, ge- währen Ihnen höchste Provisionen und verlangen den Ab- schluß von nur(!) 10 Versicherungen nach Ihrer Wahl."— Die Versicherungen müssen eine bestimmte Polizenhöhe er- reichen, sie müssen durchaus einwandsfrei sein, d. h. es muß abgewartet werden, ob die Versicherten auch prompt ihren Verpflichtungen nachkommen und noch manches mehr, dann— ja dann steht dem endgültigen Engagement nichts mehr im Wege. Der„Engagierte" fällt aus den Wolken. Also war das Inserat Schwindel. Von Probezeit stand keine Silbe darin. Er würde sich auch gehütet haben, sonst zu schreiben. Aber was nun? Das richtet sich nach dem Temperament des Betreffenden. Ist er melancholisch, dann gibt er die Sache dran und bekümmert sich nicht weiter drum, ist er cholerisch, dann zerreißt er wohl gar die Schriftstücke und steckt sie ins Feuer, wütend wegen des vergeudeten Portos, der Zeit und der vergeblichen Hoffnungen, ist er phlegmatisch, dann über- legt er sich die Sache noch einmal und läßt sie nur vorläufig ruhen, ist er dagegen sanguinisch— und das sind die meisten — dann wird er doch an die Arbeit gehen, in der Hoffnung. das verlangte Pensum zusammenzubringen, um dann die ver- lockende Anstellung zu erlangen. Vielleicht hat er schon hier und da sondiert und den einen oder anderen gefunden, dem er eine Versicherung�„anhängcn" kann. Jedenfalls gehts ans Werk, nochmals aufgemuntert durch ein erneutes Schreiben Ks Jmwtla" Krlim der Gesellschaft oder einen Besuch des örtlichen«General- Vertreters". Ehe er beginnt, macht er oft noch das letzte seiner Habe zu Geld. Er muß doch äußerlich repräsentieren, hat auch ständig Ausgaben. Und nun los! Viele dieser neugebackenen Versicherungsreisenden sind mit ihrem Mut der Verzweiflung förmliche Landplagen für ihre Bekanntschaft. Und so mancher Bekannte geht bei ihnen, nur um sie los zu werden, eine höchst überflüssige Versiche- rung ein. So ein kleiner Erfolg hat natürlich auch seine Schattenseiten. Alte Freundschaften gehen entzwei, viele Un- annehmlichkeiten entstehen und wenn dann alles drauf und dran kommt, gelingt es doch nicht, das verlangte Pensum zu erreichen, und wenn es gar mit Hängen und Würgen erreicht wird, findet die Gesellschaft genug Ausflüchte, durch die sie die Verweigerung der versprochenen festen Anstellung be- gründen kann. Der Agent steht also am Endx einer zwar nicht langen, aber mühevollen und an unangenehmen Auftritten reichen Laufbahn schlechter da als zuvor. Er hat nichts erreicht, aber zumeist manchen Freund verloren, manche Stütze verscherzt. Doch halt! Er hat doch die„höchsten" Provisionen ausgezahlt bekommen. Allerdings. Nur stehen diese zumeist nicht ent- fernt im Verhältnis zu den gemachten Aufwendungen und vor allem nicht dem den Gesellschaften errungenen Vorteil. Wobei zu beachten ist, daß der Agent alles Risiko zu tragen hatte, die Gesellschaft nichts. Nehmen wir einmal an, der Agent habe in achtwöchiger mühseliger Tätigkeit nur einen Abschluß zustande gebracht, dann bedeutet schon das für die Gesellschaft einen erheblichen Gewinn. Sie zieht ja von dem neuen Versicherungsnehmer 20, 30 Jahre, noch länger die Polizen ein, während der Agent mit der ein- m a l i g e n Provision abgefunden wird, und wenn er nichts mehr bringt, gehen darf. Ist niehr als ein Abschluß geglückt, um so besser für die Gesellschaft und den dazwischen ja mit- verdienenden Generalagenten. Sie haben die Versicherungen ja für ständig fest. Den„Agenten" mögen, wenn er nichts mehr bringen kann, die Hunde beißen. Er war ja nur das Mittel zum Zweck und da er jahraus, jahrein hundert, tausende Leidensgenossen findet, so möge man ermessen, welche ungeheuren Verdienste die Versicherungsgesellschaften, d. h. die Direktoren, Aktionäre, Aufsichtsräte, Generalagenten, aus diesem planmäßigen Mißbrauch der Arbeitslosen ziehen. Wie würden hie Herren aber entrüstet auffahren, wollte man ihnen vorhalten, daß sie ihren Profit einer eminent unmora- tischen Handlungsweise verdanken, daß an dem daraus ge- wonnenen Mammon die Verwünschungen von Tausenden be- trogener, ausgesogener und beiseite geworfener Arbeitsloser kleben. Vielleicht haben sie aber für Gefühlsaufwallungen überhaupt kein Verständnis und belächeln nur mitleidig die Torheit derer, die nicht alle werden und freuen sich ihrer eigenen Schläue, ihrer psychologischen Gerissenheit, dem Hauptfaktor ihrer Erfolge. Es bedarf Wohl zum Schluß keiner Frage, daß Versicherungsabschlüsse auch auf andere einwandfreiere Weise erzielt werden, das ändert aber nichts an dem Urteil über den Mißbrauch der Arbeitslosen, der leider wohl erst mit dem System der nach kapitalistischen Grundsätzen geleiteten Versicherungsgesellschaften verschwinden wird. Fürsten als Amateur-Photographen und Aussteller. Es ist gewiß nichts Besonderes, wenn sich in einer Zeit, wo die Amateur-Photographie eine so weite Verbreitung gefunden hat, wie es gegenwärtig der Fall ist, auch Mitglieder siirstlicher Faini» lien, ja sogar gekrönte Häupter mit der Handhabung der Photo- graphischen Kamera betätigen. Aber bezeichnend ist es für die widerliche byzantinische Strömung unserer Zeit, daß Leute, welche in der photographierenden Welt ein gewichtiges Wort mitreden, diesen neuen Sport„hoher Herrschaften" mit bewundernder Ver- ehrung betrachten, nicht etwa weil es sich um hervorragende Leistungen handelt, sondern lediglich deshalb, weil es„hohe Herrschaften" sind, welche sich photographisch betätigen. Gegenwärtig wird in Dresden eine internationale Photo- graphische Ausstellung abgehalten. Sie hat neben vielen anderen auch eine Abteilung für Amateur-Photographie. Sinn und Zweck dieses Teils der Ausstellung kann natürlich nur sein, zu zeigen, was in Amateurkreisen geleistet wird an guten Arbeiten, die lediglich auf Bildwirkung hinstreben und in denen, soweit es die Technik gestattet, künstlerischer Geschmack und künstlerische Emp- findung zum Ausdruck kommt. Nicht, wer sich als Amateur-Pho- wgraph betätigt, sondern was vom Amateur-Photoyraphen geleistet wird, soll gezeigt werden. Das ist auch— wie die Ausstellung zeigt— in der Tat der Grundgedanke ihrer Veranstalter und Leiter. Nur mit den„hohen Herrschaften" wird eine Aus- nähme gemacht. Deren Arbeiten rangieren nicht in Reihe und Glied mit den Arbeiten der übrigen Aussteller. Wie im sozialen und politischen Leben, so wird auch den Fürstlichkeiten in der Aus- stellung ein besonderer Platz emgeräumt. In eigenen, besser als alle anderen ausgestatteten Zimmern sind die photographischen Ar- beiten der„hohen Herrschaften" ausgestellt, wo sie von byzantini. schen Gemütern mit ehrfurchtsvollem Staunen betrachtet werden. Dem unbefangenen Beschauer bleibt es überlassen, sich seine eigenen Gedanken über die Sonderstellung zu machen, welche den Fürstlichkeiten hier eingeräumt worden ist. Ohne Zweifel war es Respekt vor dem hohen Range der Aussteller— der König von Sachsen und andere Mitglieder seines Hauses, sowie der Krön- Prinz und die Kronprinzessin des Deutschen Reiches sind unter ihnen— was die Leitung der Ausstellung zur Einrichtung der Fürstenzimmer veranlaßt hat. In diesen Räumen ist ein Vergleich der fürstlichen Ausstellungsprodukte mit den Arbeiten anderer Aus- steller, der sehr zuungunsten der„hohen Herrschaften" ausfallen würde, nicht jedem möglich. Würden die Erzeugnisse fürstlicher Amateur-Photographie unmittelbar neben den Arbeiten der anderen Aussteller hängen, dann würde mancher, der jetzt bewundernd in den Fürstenzimmern weilt, die Frage stellen: Wie kommt denn Saul unter die Propheten? Und diese Frage wäre berechtigt, denn was die„hohen Herrschaften" ausstellen, das sind fast ausnahmslos so nichtssagende inhaltlose Alltäglichkeiten, die von der Aufnahme- jurh sicher zurückgewiesen worden wären, wenn die Aussteller nicht eben„hohe Herrschaften" wären. Doch, der Byzantinismus treibt in den großen einflußreichen Amateur-Photographenvereinen, welche die Ausstellung arrangiert haben, seine nicht angenehm duftenden Blüten. Um den Wert fürstlicher photographischer Arbeiten recht wür- digen zu können, muß man wissen, wie solche Arbeiten zustande kommen. Eine Notiz der„Photographischen Mitteilungen�' gibt darüber Aufschluß. Nach einer Bewunderung des Interesses, welches die Kaiserin der Photographie entgegenbringt, schreibt Schultz-Hencke. der Direktor der photographischen Lehranstalt des Berliner Lettevereins: „Vor zehn Tagen erbat Ihre Majestät wiederum, wie im vergangenen Jahre, die persönliche Hilfe der stellvertretenden Direktorin der Anstalt. Fräulein Kundt, bei Ihren Aufnahmen in der Umgebung des Neuen Palais, innerhalb einiger Bor« ' vluö vIlUL krettilg, 30. Inli 1900. I——■B— B— BBBBWM—BB—— SüBEItWIlHUWIIIHMSaSBaB Mittagsstunden nahm Ihre Majestät 22 Aufnahmen vor. Diese wurden noch am selben Tage in der Lehranstalt entwickelt, und schon am folgenden Tage durfte Fräulein Kundt auf ausdrück- ' lichen Wunsch Ihrer Majestät die fertigen Platten persönlich übergeben. Ihre Majestät svrach sich über das erzielte Resultat äußerst lobend aus und ließ Fräulein Kundt als Dank für die geleistete Hilfe eine Brosche mit Allerhöchst Ihrem Namenszuge überreichen." Man darf wohl annehmen, daß alle„hohen Herrschaften" nach dieser vom Direktor Schultz-Hencke im devotesten Höflingsstil ge- schilderten Methode„arbeiten". Wenn es einer fürstlichen Per- sönlichkeit einfällt, einige Mußestunden mit photographischen Auf» nahmen auszufüllen, dann wird ein tüchtiger Fachmann zur Hilfe- leistung deordert, einige Dutzend Aufnahmen werden in kurzer Zeit gemacht— eine Massenproduktion, die selbst von den knipswütigsten Amateuren kaum erreicht werden dürfte— der Fachmann besorgt mit allen Hilfsmitteln seiner Technik die Fertigstellung der Bilder, eine Auswahl davon erscheint schließlich in den Fürstenzimmern photographischer Ausstellungen und findet trotz der Alltäglichkeit der dargestellten Motive devote Bewunderer. Julischnee. Eine ungewöhnliche Ueberraschung bot sich am gestrigen Donnerstagmorgen den Frühaufstehern in Berlin. Die Temperatur war in der Nacht schnell gefallen und bis gestern morgen um Uhr auf 7 Grad gesunken. Um diese Zeit setzte dann plötzlich ein heftiges Schneegestöber ein. Es fielen große, schwere Flocken, die allerdings auf dem Großstadtpflaster äugen- blicklich zergingen. Das merkwürdige Schauspiel dauerte etwa zwei Minuten. Auch aus den Vororten wird ein ziemlich kräftiges Schneegestöber gemeldet. Auf den Feldern soll der Schnee sogar bis zu zehn Minuten lang liegen geblieben sein. Mit dem Unwetter der verflossenen Nacht war auch ein ziem- lich stürmischer Wind verbunden, der sich zeitweise zu einem form- lichen Sturm ausbildete und in den Baumbeständen erheblichen Schaden verursachte. In den Waldungen wurden vielfach Bäume geknickt und die Anlagen waren heute früh mit Zweigen dicht besät. Besonders haben die Obstbäume gelitten, von denen die unreifen Früchte zum größten Teile heruntergerissen wurden. Eine ausgedehnte Störung des Straßenbahnbetriebes zwischen Berlin und Charlottenburg wurde gestern früh durch den Sturm herbeigeführt. Auf der Charlotttcnburger Chaussee in der Nähe des Brandenburger Tors war in der Nacht eine Eiche umgerissen worden, die auf die Stromleitung der Straßenbahn fiel und die Drähte zerstörte. Bis zur Beseitigung des Hindernisses und Wieder- Herstellung der Leitung mußten die durch die Charlottenburger Chaussee fahrenden Straßenbahnwagen der Linien 53, dl., II., T., S., O. teils über den Potsdamer Platz, teils über den Königsplatz und Moabit nach dem Großen Stern geleitet werden. Die Störung dauerte von Betriebsbeginn bis 8 Uhr morgens. Im Zug erschossen. Ein aufregender Vorgang hat sich in der vergangenen Nacht in einem Vorortzug abgespielt. Der in der Bergstr. 43 wohnhafte 53 Jahre alte Töpfer Paul Greiner hatte seit mehreren Wochen vergeblich versucht, Beschäftigung zu erhalten. Gestern fuhr er nach Oranienburg hinaus, weil er glaubte, dort endlich wieder Arbeit zu erhalten. Aber auch diesmal waren seine Bemühungen nutzlos. Von dem letzten Gelde kaufte sich der Ver» zweifelte jetzt einen Revolver. Zwischen den Stationen Pankow und Gesundbrunnen jagte sich dann der Lebensmüde vor den Augen der anderen Fahrgäste eine Kugel in die Schläfe. Sterbend wurde G. auf der Swtion Gesundbrunnen aus dem Zug herausgeholt und nach dem Virchow-KranlcnhauS gebracht. Der Planet MarS ist jetzt allabendlich von etwa UVi Uhr ab am südöstlichen Himmel als intensiv rotlcuchtender Stern auf- zufinden. Am Sonntag, den 1. August, nachmittags 6 Uhr, wird in der Treptow-Sternwarte Direktor Dr. F. S. Archenhold im Hinblick auf die im September bevorstehende Erdnähe dieses inter- essanten Planeten einen Vortrag über das Thema:„Llltes und Neues vom Mars" halten. Abends 7 Uhr findet an demselben Tage ein Vortrag statt über:„Ein Tag auf dem Monde", und am Montag, den 2. August, abends 3 Uhr, über:„Unser Wissen vom Monde". Im Anschluß an diese Vorträge, welche durchaus leicht verständlich sind und durch zahlreiche Lichtbilder erläutert werden, haben die Besucher Gelegenheit, im großen Fernrohr den Mond oder andere Himmelsobjekte zu beobachten, während tagsüber die Sonne gezeigt wird. Auf der Sonne sind seit einigen Tagen sehr große Sonnenflecken sichtbar, wie sie in derartig ungeheurer Aus- dehnung selten auftreten.— Außerdem stehen den Besuchern kleinere Fernrohre zur Aufsuchung beliebiger Objekte zur Ver- fügung. Das Polizeipräsidium teilt mit: Am S. d. M. wurde auf der Eisenbahnstrecke Berlin— Kottbus bei der Station Eichow ein unbekannter Mann vom Eiscnbahnzuge überfahren und getötet. Er ist etwa 63 Jahre alt, untersetzt und hat stark meliertes Kopf- haar und Bart. Bekleidet war er mit dunklem Jackett und Weste, grauer Arbeitshose, blaugestreiftem wollenen Hemd, graubunter Klappmütze und Halbstiefeln. Mitteilungen über die Persönlichkeit des Toten nimmt jedes Polizeirevier und die Kriminalpolizei, Zimmer 321 des Polizeipräsidiums, zu 3523 IV. 3. 39 mündlich oder schriftlich entgegen. Der Arbeitcr-?lthletenbund Deutschlands(Ortsgruppe Berlin) veranstaltet am Sonntag, den 1., 8. und 15. August, im Garten des Konzerthaus Sanssouce, Kottbuser Straße 3, einen Wettstreit im Heben und Ringen in je 4 Klassen. Anfang vormittags 13 Uhr. Fcuerwchrnachrichten. Eine geradezu unglaubliche Vorsatz- liche Brandstiftung beschäftigte gestern früh den 11. Zug in der Camphausenstr. 32, Ecke der Urbanstraße. Dort bemerkten Straßenpassanten früh um 4'/z Uhr aus der Destillation von K. ver- dächtigen Rauch dringen und alarmierten die Feuerwehr. Als diese erschien und in die Restauration eindrang, brannte u. a. der Schank- tisch im Vorderzimmer. Als dann Brandmeister v. Borch nach der Ursache des Brandes forschen ließ wurden vier weitere Brandherde im angrenzenden Billardzimmer, der Küche und dem Korridor ent- deckt sowie schließlich noch einer auf dem Hängeboden. Nur dem Umstände, daß die Räume fest verschlossen waren, wodurch der Rauch nicht abziehen konnte und die Flammen sich nicht entwickeln konnten, ist es zuzuschreiben, daß der ge- fahrliche Brand im Keime erstickt werden konnte. Die sofort benachrichtigte Kriminalpolizei hat den Inhaber der Destillation verhaftet. Die 2. Kompagnie hatte gestern früh um 3 Uhr in der Krautstraße 14 zu tun, wo in einer Tischlerei Hobelbänke, der Fuß- boden u. a. in Flammen standen, so daß kräftig gelöscht werden mußte. Die Ermittelungen über die Entstehung dieses Brandes find noch nicht abgeschlossen. In der Wichertstraß« 4 brannten Lkleider, Stoffe usw. in einer Schneiderwerkstatt. Balken, Schaldecken usw. standen in der Holzmarktstraße 36 in Flammen. Grober Unfug lag einer Feuermeldung auS der Riigener Straße 15 zugrunde. Aus der Ziinmerstraße 74 wurde ein WohnnngSbrand gemeldet. Lottum» straße 16 brannten Gardinen u. a. Vorort- JVaebriebten. Tchöneberg. In Schönheit sterben. Aus LicbcSgram in 1... Tod gegangen ist die Telephonistin K. Sie war auf dem Hauptpostamt Schöneberg als Telephonistin tätig und wohnte in der Martin-Lutherstraße, wo sie ein möbliertes Zimmer inue hatte. Ihre Wirtin,. die Einkäufe besorgte, bemerkte bei ihrem Eintritt in die Wohnung einen inten- sivsn Gasgeruch. Nach näherer Untersuchung stellte sie fest, daß der Geruch aus dem Zimmer ihrer Mieterin kam. Sofort das Zimmer öffnend, fand sie die Telephonistin K. auf ihrem Bett ruhend ohne irgendwelche Lebenszeichen. Das Bett war ganz mit Blumen aus- geschinückt. Wiederbelebungsversuche, die angestellt lvurden, blieben ohne Erfolg. Das Motiv des Selbstmordes soll in unglücklicher Liebe zu suchen sein. Unter ähnlichen Umständen unternahm vor einigen Jahren eine in der Koburger Straße wohnende Telephonistin einen Selbstmord, auch ihre Todesstätte hatte sie vorher mit Blumen aus- geschmückt. Messer, Schere, Licht gebe man kleinen Kindern nicht. Die dreizehnjährige Schülerin Frieda M., wohnhaft Sedanstr. S3, kam mit einem brennenden Streichholz dem Sofa zu nahe, das sofort in Brand geriet. Hausbewohner, die herbeigerufen waren, hatten bereits den Brand gelöscht, so daß die inzwischen eingetroffene Feuerwehr wieder abrücken konnte, nachdem sie sich überzeugt, daß es nichts mehr zu löschen gab. Den Eltern ist jedoch anzuraten. Zündhölzern solchen Standort anzuweisen, wo Kinder nicht hin- gelangen können. Zum Asphaltieren der Scdanfiraße ist ein Teerofen in Benutzung, der die Ursache eines Brandes war. Der Ofen war mit einer Plane zugedeckt, obwohl das Feuer noch nicht ganz ausgelöscht war. Die glimmenden Kohlen brannten weiter, wurden zur hellen Flamme, die die Plane erfaßte, und gleichzeitig geriet auch der Teer in Brand. Einigen Schutzleuten gelang eS, de» Brand durch Bewerfen mit Sand zu beseitigen. Dadurch war eine weitere Gefahr abgewendet. Rixdorf. Nach welchem Prinzip werden die diesjährigen Gemeinde- Wählerlisten aufgestellt? Bei der verwickelten Rechtslage ist die Frage nur zu be- rechtigt, und wir verstehen es, wenn die Bürgerschaft er- wartungsvoll vom Magistrat Antwort erheischt. Dieser jedoch hüllt sich in beredtes Schweigen. Wir fragen: will der Magistrat das Werk der Wahlrechtsräuber krönen? Die Ent- Wickelung der Dinge gibt zu der schlimmsten Befürchtung Anlaß. Bis zum Jahre 1907 wurden die Wählerlisten zu den Gemeindewahlen nach dem Prinzip der Drittelung auf- gestellt. Als dann nach den Beschlüssen des Abgeordneten- Hauses die Arbeiter schärfer zur Steuer herangezogen wurden, faßte der wohlweise Magistrat den noch weiseren Beschluß, das Durchschnittsver fahren künftig zur Anwendung zu bringen. Die neue Methode hatte den gewollten Zweck und auch die Wirkung, daß die Steuergrenze der einzelnen Wählerabteilungen zum Nachteil der Arbeiter und des Mittel- standes verschoben wurde, so daß ein großer Teil der Wähler, die bisher in der zweiten Abteilung wählten, in die dritte abgeschoben wurde, wo sie bedeutungslos untergingen. Nur zu bald durchschauten die Sozialdemokraten das Ge- baren und erhoben beim Bezirksausschuß Einspruch gegen die Gültigkeit der Wählerlisten; wie bekannt mit dem Erfolge, daß der Bezirksausschuß im Sinne der Beschwerdeführer ent- schied. Gegen diesen Entscheid legte der Vorsteher der Stadt- verordneten Berufung beim Oberverwaltungsgericht ein. Mittlerweile ist nun. wie wir schon mitteilten, von demselben Bezirksausschuß der am 17. Dezember 1908 beschlossene Wahlrechtsraub, der den anderthalbfachen Durch- schnitt zur Grundlage hat. bestätigt worden. Bei der reaktionären Zusammensetzung des Magistrats ist als sicher anzunehmen, daß bei Ausstellung der neuen Wählerlisten die Errungenschaften des Wahlrechtsraubes die Feuertaufe erleben werden. Die proletarischen Wähler insbesondere müssen ein auf- merksames Auge auf die Maßnahmen des Magistrats haben, wenn die Interessen der breiten Massen der Bevölkerung ge- wahrt werden sollen. Für die ganze Situation überaus be- zeichnend ist, daß wir trotz größter Aufmerksamkeit im redaktionellen Teil des amtlichen„Rixdorfer Tageblattes" noch keine Mitteilung finden konnten, welche Stellung der Magistrat einzunehmen gedenkt. Allem Anschein nach werden die reaktionären Machtgelüste in aller Stille vorbereitet, um die Wähler wieder zu überraschen. Wir bezweifeln nur. daß dieser saubere Plan gelingen wird. Bon einem Arbeitswagen überfahren und lebensgefährlich verletzt wurde gestern nachmittag der 24jährige Arbeiter P. Zimmcck, Bode- straße 17 wohnhaft. In der ThomaLstraße hatte Z. das Fuhrwerk während der Fahrt besteigen wollen. Er kam dabei zu Fall und stürzte unter den Wagen, so daß die Räder des schweren Gefährtes ihm über Brust und Beine hinweggingen. Mit lebensgefährlichen Verletzungen wurde der Verunglückte in das städtische Krankenhaus eingeliefert. Nummelsburg. Unter den Rädern eines Güterzuge? zermalmt. Einen schrecklichen Tod fand der Rangierer Hermann Boot aus Rummelsburg. B. hatte beim Ueberschreiten der Gleise wohl nicht das Herannahen eines nach Berlin fahrenden Güterzuges beobachtet und wurde infolge- dessen von der Lokomotive umgerissen und unglücklicherweise auf die Schienen geschleudert. Die nachfolgenden Waggons gingen� dem Manne über die Brust hinweg und zermalmten sie vollständig. Kurz darauf erlag der Verunglückte den furchtbaren Verletzungen. Lichtenberg. Die Generalversammlung deS sozialdemokratischen Wahlvcreins Bezirk Lichtenberg beschäftigte sich vorzugsweise mit örtlichen An- gelegenheiten. Vor Eintritt in die Tagesordnung wurde das An- denken der verstorbenen Genossen in üblicher Weise geehrt. Dem Vorstandöbcricht des Genossen Koppenhagen ist folgendes zu ent- nehmen: ES wurden im vergangenen halben Jahre zur Erledigung der Geschäfte abgehalten: vier engere Sitzungen, zehn mit Ab- teilungsleitern und vier erweiterte Vorstandssitzungen, außer- dem mehrere Mitglieder« und Generalversap, mlungen. Gegen den neuen Steuerraubzug wurde in verschiedenen Versammlungen p-nMtiert. Erwähnt wurde außerdem, daß die Mitgliederzahl nicht zugenommen habe und man werde die Gelegenheit nicht versäumen, zum Herbst in die Agitation zur Gewinnung neuer Mitglieder ein- zutreten. Den Kassenbericht gab Genosse Linke. Einnahmen von Januar bis Juli 1609 4117,18 M.. Ausgaben in derselben Zeit 3639,61 M. Bleibt ein Bestand von 477,67 M. Der Mit- gliederbestand betrug am 1. Juli 1909 2264 Genossen und 226 Genossinnen, also zusammen eine Mitgliederzahl von 2480. In der Diskussion wurde der Borstand aufgefordert, noch einmal mit dem Gesangverein in Verbindung zu treten zwecks Regelung der Kostenfrage für dargebrachte Grabständchen. Angeregt wurde, sämt- lichen Funktionären die„Neue Zeit" zu liefern, damit die Zahlabende besser ausgestaltet werden können. Demgegenüber wurde darauf hingewiesen, diese Sache beiseite zu lassen, da die Kassenverhältnisse nicht dazu angetan sind. In jedem Zahlabend wird in den Bezirken ein belehrender Bortrag gehalten, der geeignet ist zur Bildung bei- zutragen. Einer eingehenden Kritik wurden die Anträge des Bildüngsausschusses unterzogen. Der Geldfrage wegen wurde eine Einigung nicht erzielt. Vom Vorstande wurde geltend gemacht, daß mau die BildungSfrage keineswegs unterschätze; aber man könne dem BildungSausschuß die gewünschten Kompetenzen nicht einräumen. Die Organisation sei vor allen Dingen eine Kampforganisation, nnd dazu da, der Agitation zu dienen. Einem Jahresbudget könne man nicht zustimmen, da hierzu be- Berantwortl. Redakteur: Wilhelm Tüwell. Lichtenberg, stimmte Summen erforderlich sind, welche auf so lange Zeit nicht festgelegt werden können. Es wurde dam, auf die Bildungsausschüsse aufmerksam gemacht, die aus Partei und Gewerkschaft zusammengesetzt find und für die die Kostenstage geregelt ist. In der Diskussion wurde folgender Antrag eingebracht: Der bisherige Bttdungsausschuß fällt fort. Statt dessen wird für die Schaffung eines Bildungsausschusses für Groß-Berlin in der Berbands-Generalversammlung eingetreten. An Stelle deS Bildimgsausschusses die Bibliothekkommissson und VergnügungS komitee zu wählen. Diesem Antrage wurde zugestimmt. Friedrichshagen. Die Gemeindevertretung wählte in der am 27. Juli abgehaltenen Sitzung den Gemeindevecireter Lange zum Gcmeindeschöffen. Der Bericht der RechnungSprüfungskommission über die Gemeinde- kassenrechnung für das Etatsjahr 1908 ergibt eine Bermiiiderung der Gemeindescbulden von 122 172,93 M., nämlich von 1 893 633,72 M. auf 1 771 365,74 M. Die Verbesserung des Gemeindevermögens be� trägt 103 122 M. Der Prüfungskommission wurde Entlastung er- teilt.— Der Antrag des„Deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose, insbesondere des Lupus" um eine Beihilfe der Gemeinde wurde nach näherer Begründung des stellvertretenden Gemeindevorstehers und warmer Befürwortung deS Ver- ireterS Sonnenburg angenommen und ein Jahresbeitrag von 60 M. bewilligt.— Die Gesuckie des Dürerbundes, Ortsstelle Friedrichshagen, und des Verschönerungsvereins, zur Erzielung künstlerischer Bauten sowie der Beseitigung häßlicher Reklameschilder und der Verunstaltung der Umgegend eine Kimstkommission zu wählen, die aus Mitgliedern der Vertretung, des Dürer-BundeS und des VerschönerungsvereinS zusammenzusetzen ist, wurden von der Vertretung zur Kenntnis genommen, In der Debatte wurde zwar allseilig die Tendenz der Gesuche anerkannt, jedoch den Gesuch- Itelleri, aufgegeben, die Obliegenheiten und Aufgaben der Kunst- kommission eingehend darzulegen. Im Anschluß hieran wurde von den Vertretern Gloede, Sonnenburg, Axnick und Moide i, Hauer beantragt, die am Müggelsee gelegenen Gemeinde- grundstücke Seestr. 62 und Seestr. 71 zu Schmuckplötzen umzu- wandeln und dem Gemeindevorstaiide aufzugeben, der Vertretung den, nächst eine Vorlage in diesem Sinne zu unterbreiten.— Der stellvertretende Gemeindevorsteher teilte der Vertretung mit, daß nunmehr nach langen Bemilhungen der Gemeindebehörde sämtliche Anlieger des östlichen Gemeindegebietes(Kaiserstraße, verlängerte Kurze Straße und verlängerte StahnSdorfer Straße) der Zu- sammenleguiig ihrer Grundstücke zugestinimt haben, so daß die Ansertiguug eines neuen Bebauungsplanes erfolgen kann.— Der Anfertigung eines' Planes über die in den Straßen liegenden Gasröhren, Wasserleitungs- und Kanaliiations- röhren wird zugestimmt und der Gemeindebaubeamte Ingenieur Baumgarten mit der Anfertigimg des Planes beauftragt.— Die durch die unbedingt notwendig gewordenen Reparaturarbeiten in den beiden Gemeindeschulen entstandenen Kosten wurde,, von der Per- tretung nachträglich bewilligt.— Das Gesuch eines Hausbesitzers, ihm das durch einen Rohrbruch verloren gegangene Wasser zum Selbstkostenpreis anzurechnen, wurde porläufig von der TagcS- ordnung abgesetzt. Der Gemeindevorstand wird beauftragt, bei Gemeinden mit gleicher Einwohnerzahl, die bereits längere Zeit die Wasserleitung eingerichtet haben, anzufragen, in welcher Weise die Eittschädigimg für durch unverschuldete Rohrbrüche verloren ge�aiigencs Wasser gchaudhabt wird.— Die Vorarbeiten zur Pflalterun« des MyliuSgarlens und der Kastanien- allee sollen trotz eingelegter Widersprüche' verschiedener Anlieger nun- mehr ganz energisch betrieben werden. Nach der Entscheidung deS Oberverwaltungsgerichts ist die Gemeinde berechttgt, die Anlieger zu den Pflasterkostenbeiträgei, herauz,«ziehen. Der Gemeindevorstand wird daher beauftragt, alles Nötige zu veranlassen, damit in der nächsten Sitzung endgültig Beschluß gefaßt werden kann.— Einem Gesuch des„Verbandes der deutschen gemeinnützigen und unparteiischen Rechtsauskunftsstelle" um Beitrittserklärung der Gemeinde wird zu- gestimmt und der Jahresbeitrag auf 6 M. festgesetzt. Ober-Schöneweide. Gemeinbevertreterslhung. Die von unseren Genossen ange- regten Verhandlungen mit der Verwaltung dcS im Bau begriffenen Elisabethkrankenhauses betreffs Bereitstellung einer gewissen Anzahl Betten für die Gemeinde haben bisher zu keinem Resultat geführt. Die Verwaltung scheint hierzu anscheinend nicht geneigt zu sein, was allerdings nicht als Entgegenkommen zu be- zeichnen ist in Anbetracht der von der Gemeinde für die Zwecke des Krankenhauses gemachten Aufwendungen. In der Angelegen- heit des in der vorigen Sitzung zur Sprache gekommenen Ver- Haltens der G e m e i n d e f e u e r w e h r der Fabrikwehr des Kabel- Werkes Oberspree gegenüber gelegentlich eines Brandes wurden vom Vorsteher Feststellungen vorgetragen, welche die Sache wesent- lich abschwächten. Es gewinnt den Anschein, als ob hier übermäßiger Schneid eine große Rolle spielt. Die an der Errichtung eines Kaufmanns- und Gewcrbegerichtes beteiligte Ge- meinde Johannisthal weigert sich in letzter Stunde die in dem Entwurf des Orlsstatutes vorgesehene jährliche Pauschale von 250 Mark für Besoldung des Vorsitzenden und Bereitstellung der Bureauräume als anteiligen Kostenbeitrag zu leisten, mit der Be- gründung der geringen Bedeutung des Gerichtes für den Ort. ES wird allenfalls eine Prozent, mle Kostenbeteiligung an der Hand der auf den Ort entfallenden verhandelten Sachen zugestanden. Angcsichtz der Tatsache, daß durch erneute Verhandlungen die Errichtung zum 1. Oktober 1909 wiederum in Frage gestellt würde und anderer- seits für die in Johannisthal wohnenden Arbeiter, da sie in der Mehrzahl in hiesigen Werken arbeiten, das Gericht doch zuständig ist, wurde beschlossen, weitere Verhandlungen nicht aufzunehmen und den Geltungsbereich des Gerichtes nur auf Ober- und Nieder- Schöneweide auszudehnen. Hoffentlich kommt nun diese zur See- schlänge gewordene Angelegenheit glücklich zu Ende. Die 13 Mit- glieder der Einkommcnsteuereinschätzungskommission und ihre Stell- Vertreter wurden nach der vorliegenden Vorschlagsliste gewählt. In geheimer Sitzung wurde über die Anstcllungsbedingungen des neuzuwählenden Gemeindevorstehers beraten. Ein Antrag unserer Genossen, die Stelle auszuschreiben, wurde in Anbetracht des sicher zu erwartenden Wahlergebnisses abgelehnt. Die Ver- Handlungen selbst zeigten, daß man der Dosierung solcher Stellen etwas mehr Interesse entgegenbringt, als wenn es sich um niedere Beamte und Arbeiter handelt. Eine außerordentlich gutbesuch.e Lorlsvecsaulmluug tagte am Dienstag im„Wilhelminenhof", in der Genosse Bühlcr über die Ausraubung des Volkes durch die neue Reichsfinanzreform refe- rierte. Redner übte scharfe Kritik an dem gemeingefährlichen Gebaren des Schnapsblocks und appellierte an die Versammelten, besonders an die Frauen, Schulter an Schulter mit den Männern zu kämpfen, zu agitieren und organisieren, bis die Reaktion zer» schmettert am Boden liegt. Folgende Resolution fand einstimmige Annahme:„Die am 27. Juli im„Wilhelminenhof" tagende Volks- Versammlung spricht ihre Entrüstung aus über die von der Mehr- heit des Reichstages, dem Zentrum und den Konservativen, an. genommene Finanzrcforin. Die Versammleten sehen darin eine ungeheure Belastung der minderbemittelten Bevölkerung zugunsten der besitzenden Klassen. Da hierdurch die Lebenshaltung der Arbeiter- schaft aufs ärgste gefährdet wird, verpflichten sich die versammelten Männer wie Frauen ohne Ausnahme sich den sozialdemokratischen Organisationen anzuschließen, um ein unüberwindliches Bollwerk gegen alle volksverräterischen Pläne der Regierung sowohl wie den gesamten reaktionären Parteien zu errichten. Ebenfalls erklären die Versammelten, daß sie für eine weitere Verbreitung der sozial- demokratischen Presse Sorge tragen wollen, damit in jedem Haus- halt der„Vorwärts" gelesen wird, um bei den kommenden Reichs- tagswahlen durch eine geistig aufgell, arte Arbeiterschaft die polisische Macht zu erobern." Tempelhof. Gemeindevertretersitzung vom LS.Juli. Antrag des sozial« demokratischen Wahlvereins Tempel Hof auf Er« richtung eines Gewerbegerichts einstimmig ab« gelehnt. Schon vor langer Zeit hatte der sozialdemokratische Wahlverein Tempelhof an die Gemeindevertretung eine Eingabe gerichtet zwecks Errichtung eines Gewerbegesichts für Tempelhof. Nachden diese sich schon früher einmal hiermit beschäftigt hatte, wo- bei die Angelegenheit der Vertagung anheimfiel, ist vorgestern die endgültige Ensicheidung gefallen. Das Referat über diesen Punkt der Tagesordnung hatte der Schöffe und Syndikus Wiesuer, der folgendes ausführte: AIS der Antrag des sozialdemokratischen Wahl- Vereins auf Errichtung eines GewerbegerichtS für Tempclhof einlief, stand er demselben sympathisch gegenüber. Das Gesetz schreibt den Gemeinden mit 20000 Einwohnern die Errichtung eines GewerbegerichtS vor. Diese Berpflichtung trifft aber bei Tcmpelhof nicht z,..' dessen Einwohnerzahl augenblicklich erst 16 463 beträgt. Wem, mau die Gründe für_ und wider Errichtung eines Gewerbegerichts betrachtet. so spricht für dasselbe die Beteiligung des LaienelcmcntS und die schnelle Erledigung der Prozesse, dagegen aber die Kostenfrage. Er wäre der Anficht, daß die Errichtung eines Gewerbegesichts zu begrüßen wäre. Er habe aber beim Amtsgericht Ermittelimgen an- gestellt, wieviel derartige Prozesse für Tempelhos in Frage kommen, und habe darauf die Autwort bekommen, daß vom 1. Januar 1903 bis 1. Juli 1909 nur 56 derartige in Frage kommende Prozesse an- hängig gemacht worden seien; diese Zahl sei für eine Zeit von ändert« halb Jahren außerordentlich niedrig. Die Kosten für das Gewerbe- gericht müßte die Gemeinde tragen und diese würden sehr hoch sein, wenn in jeder Woche für je einen Prozeß ein Termin angesetzt werden müßte. Könnte aber in jeder Woche nicht eine Sitzung des GewerbegerichtS stattfinden, dann würde der Hauptzweck eines Gewerbe- gerichts, die Beschleuliigiuig des Verfahre, is nichi erreicht werden. Aus diesen Gründen schlage er der Gemeindevcrtretersitzuug vor, zurzeit von der Errichlung eines GewerbegerichtS Abstand zu nehmen I Bei der fortschreitenden Entwickelung Tempelhofs werde über kurz oder laug doch die Einwohnerzahl von 20 000 erreicht werden, in welchem Falle dann so wie so laut Gesetz ein Getverbcgericbt ersichtet werden muß. Eine längere Debatte schloß sich diesem Anttage nicht an, nur der Gcmeindevcrtreter Maurermeister Tiedecke gab seiner Ansicht dahin Ausdruck, daß er ein Gewerbegericht zurzeit auch nicht fiir nötig halte. Existiere erst ein solches, so werden die betreffenden Klagen vom Amtsgericht nicht mehr aligcnommei», sondern an das Gewerbcgericht gewiesen, vor das sie gehören. Bei der geringen Anzahl von Prozessen müßte aber, um den Zweck deS Geiverbegerichts zu erreichen, für jede Klage eine Exttasitzuug einberufen werden, und die Kosten ivürden sehr große sein, da für jeden Beisitzer uiigcjähr 6 M. von der Gemeinde gezahlt werden müßten. Be, der Abstiiiiinung wurde der Antrag des sozialdemokralisckei, Wahl- Vereins ein stimmig sabgelehnt. Auch die übrigen Pmikte der Tagesordnung wurden ohne erhebliche Debatten erledigt. Nachdem mitgeteilt war, daß der Kasienbestaud„ach der am 29. Juni statt- gehabten Revision 916 713,68 M. betrage, wurde auf Vorschlag der Armenkommission Bäckermeister Faltin. Friedrich-Wilhclm-Strntze, als Armeupfleger gewählt. Gemeindevorsteher Mnsiehl teilte dam, das Ergebnis des Preisausschreibens für den Neubau eines Reform- realgy>n»asillmS mit, für den von allen Preisträgern mit einer Ausnahme 20 M. für den Kubikmeter Bauplatz und Baurailm veranschlagt seien, so daß die AnSsührung ans 600 000 M. zu stehen kommen würde. Für einen bestimmten Entwurf habe man sich noch nicht entschlossen. Da das Gemeindebauamt bereits mit Arbeiten überhäuft sei, so schlägt er vor, die Leitung des Baues dem zweiten Preisträger, den Architekten Köhler und Kranz, Charlottenburg, Grolmanstraße, die hierfür 16 000 M. verlangen, zu übergeben; die Gemeindevertretersitzung chlietzt sich diesem Antrage an. Nachdem dann noch ein Vertrag mit der Nixdorf-Miltenwalder Bahngesellschast wegen Herstellung eiueS Tunnels bei dem„euzucrbaueudeu Güterbahnhof sowie eine Bedürfnisanstalt für Männer an der Ecke der Ringbahn- und Borussiastraße bewilligt wurden, wurde die öffentliche Sitzung der Gemeindevertretung nach einstündiger Tagung geschlossen. Steglitz. Die Wahlvereinsversammlung vom 27. Juli hatte u. a. auch den Punkt„Anträge zum Parteitag" auf der Tagesordnung. Ein vom Genossen Krause gestellter Antrag, der eine energischere Propagierung der Arbeitsruhe am 1. Mai fordert, wurde gegen eine Stimme angenommen. Zwei weitere Anträge, die ebenfalls, wenngleich gegen starke Minoritäten, zur Annahme gelangten. fordern die Verbilligung deS Bezugspreises für den„Vorwäsis" und Einführung deS Wochenabonnemenis, u», dadurch die Zahl der Leser zu vergrößern. Im übrigen beschäftigten Vcrwaltungs- angelegenheitcn die Versammlung. Der Kassenbericht verzeichnete als Einnahme für das zweite Quartal 344,30 Mk., am Ort wurden verausgabt 162,66 Mk., an den Zentralvorstand abgeliefert 191,64 Mark. Der Mitgliederstand ist von 499 am Ende des ersten Ouar- tals auf 476 zurückgegangen, davon sind 60 weibliche Mitglieder.— Der nächste Diskussionsabend findet am Montag, den 16. August, statt. Miersdorf. Ein Wahrsageschwindel wurde kürzlich gegen eine hiesige Schweizerfamilie verübt. Bei derselben erschien eine Wahrsagerin und erklärte der sehr leichtgläubigen Frau, ihr Mann würde"bald sterben. DaS könnte sie möglicherweise verhüten, wem, sie ihr ganzes Geld hervorholen würde. Die geängstigte Frau folgte dem Rate und vertraute daS in einem Beutel befindliche Geld(ihr ganzes Ver« mögen in Höhe von 800 M.) der„weisen" Frau an, die alle möglickien Zeremonien damit anstellte. Mit diesem Gelde verschwand die raffinierte Gaunerin, nachdem sie der Frau auf die Seele ge- bunden hatte, niemand etwas davon zu erzählen, sie käme um l/z4 Uhr wieder. Wer nicht kam, war die Schwindlerin, die nebenbei einen kleinen Handel betreibt und damit Gelegenheiten ausbaldowert. ES ist doch unglaublich, welche Uusumnie von Unglauben und Aber- glauben in weiten Kreisen noch vorhanden ist. Spandau. Bon nicht allzu großer Pietät zeugt eine Inschrift, welche sich auf einem Grabkreuz auf dem hiesigen städtischen Friedhof befindet. Nachden, vor Jahren die kirchlichen Kirchhöfe geschlossen wurden und der städtische Friedhof eingerichtet ist, läßt die Militärbehörde auch ihre Gestorbenen dort beerdigen. Auf jedem solchen Soldatengrab wird von der Militärbehörde ein einfaches schwarzes Kreuz mit Iii- schrift aufgerichtet, sofern nicht Anverwandte es vorziehen, ein anderes Denkmal aufzustellen. Auf einem dieser schwarzen Kreuze ist nun folgende Inschrift zu lesen:„Hier ruhet in Gott Militär- gefangener Uccker vom FestungSgefän gnis Spandau." Die Entrüstung verschiedener Besucher des Friedhofs über diese öffent- liche Brandmarkung eines Toten war eine derartige, daß man das Kreuz herausreißen und vernichten wollte. Wer unsere Militär- gerichtsbarkett kennt, wird wissen, daß man sich sehr leicht in den Maschen dieser Mililärgesetze verstricken kann. ES genügt mitunter das geringste Subordinationsvergehen. um in die Festung zu fliegen. Wer weiß, ob nicht der Tote auch wegen eines solchen Vergehens eine Festnngssttafe erhalten hat. Aber selbst, wenn er ein anderes Vergehen begangen, so sollte man sich doch begnügen mit der Strafe bei Lebzeiten und nicht noch einen Toten öffentlich in dieser Weise brandmarken. Der neugewählte zweite Stadtbaurat Brngsch sollte Anfang August in sein Amt eingeführt werden und beabsichtigte man zu diesem Zwecke eine Feriensitzimg der Stadtverordneten anzuberaumen. Da aber sowohl der Stadtverordnctenvorsteher wie dessen Sicll- Vertreter sich auf der Ferienreise befinden, so ist eine Einberusung der Stadtverordneten mcht möglich. Man hat deshalb den ziveiten Stadtbaurat, der sein Amt Ansang August antreten sollte, bis Milte des Monats beurlaubt. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: VorwärtSBuchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW,