Kr. SOS. BbonnementS'Bedingungcn: WonnementS- Prciz pränumerando: Lierteljähr� LL0 Mt, monatl. 1,10 Mü, wöchentlich 28 Psg, frei inS Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags« »umnier mit illustrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Preisliste. Unter Ureuzband für Deutschland und Oesterreich> Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 8 Mark pro Monat. Postaboiincmcnts nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg. Portugal, Numänien, Schweden und die Schweiz. SO. Jahrg. Vlcheliit taglich ZiiKik Meiitilg». j&' �* Verlinev VolKsblntk. Sie TnfertIon$' Gebühr beträgt für die scchsgefpaltene Kolonel- geile oder deren Raum bO Psg., für politische und gewcrkschastliche Vereins- und Vcrsammlungs-Anzcigen SO Pfg. „Kleine Hnrcigen", das erste(fettgedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- stcllcn-Anzcigcn das erste Wort 10 Pfg., jede? weitere Wort K Pfg. Worte über 10 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis SUhrnachinittagsin dcr Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adresse: „SozialiienioKrat Btrlln". Zentralorgan der rozialdemohratt feben Partei DeutfeHande. Redaktion: 8Al. 68, Lindcnstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. .«MaMHMBMeBHHMaaBKaa UolK$entre(l)tung äurch Nahlkreisgeometrie. In der letzten Numnier des„Tag" behandelt ein olden- burgischer Junker die in der Tat nachgerade brennend gelvordene Frage der Neueinteilung der Reichs- t a g s>v a h l. k r e i s e. Es versteht sich natürlich am Rande, daß dieser Junker, ein Herr v. Levetzow, zu einer Ab- l e h n u n g der Forderung der Neueiuteilung kommt. Und zwar durch eine Reihe der lächerlichsten Zahlenmätzchen. Da wird zunächst eingewendet, daß, wenn jetzt eine Um- änderung der Wahlkreise vorgenommen würde, nicht mehr die Zahl von 100000 Einwohnern zugrunde gelegt werden könne, sondern die Zahl von 150000. Wie sollte es dann aber nnt den kleinen Staaten gehalten werden, die nicht nur nicht 150 000, sondern sogar wesentlich unter 100 000 Ein- ivohnern haben, wie z. B."Waldeck, Schwarzburg usw.? Nun, es handelt sich in diesem Falle um ganze fünf Vaterländer, die ganze fünf Abgeordnete in den Reichstag entsenden: um Schwarzburg- SonderLhausen, Schwarzburg- Rudolstadt, Waldeck, Reuß jüngere Linie und Schaumburg- Lippe. Diese Staaten aber haben ja auch schon seit beinahe 40 Jahren das Recht, je einen Abgeordneten zu wählen, obgleich sie schon bei der Reichsgründnng, als das Wahlgesetz geschaffen wurde, zum Teil kaum d i e H ä I f t e der für die übrigen Teile des Reiches maßgebenden 100000 Einwohner zählten. Diese Schwierigkeit, die ja auch das Gesetz vom Jahre 1871 nicht unmöglich machte, kann also bei der Neu- einteilung der Wahlkreise nicht die mindeste Rolle spielen. Ebensowenig käme in Frage, daß bei einer Neueiuteilung unter Zugrundelegung der Zahl von 150 000 Einlvohnern für einen Abgeordneten zwar Preußen 12, Sachsen 7, Haniburg L— 3 und Bremen 1 Abgeordneten gewinnen, dafür Bayern 5, Württemberg' 2, Hessen 1, Baden 1, Elsaß- Lothringen 3, Mccklenburg-Schwcrin 2 und Sachscn-Weimar 1 Abgeordneten verlieren würden. Diese Verschiebungen nach Einzelstaaten würden bei der Zahl von rund 400 Abgeordneten gar keine Rolle spielen, und es ist eine geradezu lächerliche Behauptung unseres mecklenburgischen Junkers, daß der Bundesrat einer „so tief in die Rechte der Einzelstaaten einschneidenden" Acndcrung, die einer„Machtverschiebung" gleichkomme, unmöglich seine Zustimmung geben könne. Es bliebe also nichts anderes übrig, als die Neueinteilung nur innerhalb der Einzelstaaten vorzunehmen, wobei dann in Hamburg auf je 290000, in Bremen auf je 260 000, in Sachsen auf je 195 000, in Branllschweig auf je 165 000, in Preußen auf je 158000, in Bayern auf je 133 300 und in Waldeck schon auf 59 000 Einwohner ein Abgeordneter entfallen würde. Eine solche Gestaltung des Wahlrechts erklärt Herr v. Levetzow natürlich für absurd— und durch diese Absurdität glaubt er dann die Unmöglichkeit einer Neueinteilung der Reichstags Wahlkreise nachgewiesen zu haben. Dabei liegt die Absurdität einzig und allein bei Herrn v. Levetzow selbst, der die minimale Verschiebung der auf einzelne Bundesstaaten ent- fallenden Abgeordnctenzahl als eine„Machtverschiebung" nntcr den Vnndesstaaten, als einen tiefen Eingriff in die Rechte der Einzelstaatcn bezeichnet. Als ob im Reichstag bayerische oder preußische, württembergische oder hanseatische Politik getrieben, als ob dort nach Landsmannschaften ab- gestimmt würde I Nein, allgemeine wirtschaftliche und kulturelle Grundsätze sind es, die im Reichstag die Parteien- bildung ohne Rücksicht auf die Landesgrenzcn bewirken. Die preußischen Junker ziehen dort ebenso mit den sächsischen und mecklenburgischen Junkern an einem Strang, wie die bayerischen Zentrumsmänner ein Herz und eine Seele sind niit den rheinisch-wcstfälischen oder schlesischen Zentrnmsabgeordneten l Und so fadenscheinig, so abgeschmackt die Eimvendungen ». LevetzowS gegen die Stcueintcilnng der Wahlkreise sind, so zwingend sind die dafür sprechenden Gründe. Oder ist es nicht eine ungeheuerliche, aller Billigkeit und politischen Vernunft mit Fäusten ins Gesicht schlagende Tatsache, daß bei den letzten Reichstagswahlen am 25. Januar 1907 20 Konservative Mandate(in den Kreisen Heiligenbeil, Guhrau, Grcifcnberg, Pr. Holland, Labiau, Sangerhausen, Angerburg, Meseritz, Rosenberg, Pyritz, Militsch, Wartenbcrg, Züllichau. 5tönigsberg N.-M., Deninün, Sternberg, Reuß a. L., Neu- stettin, Dinkelsbühl, Namslau) mit insgesamt 210 278 Stimmen gewonnen wurden, während zur Eroberung von 6 sozial- demokratischen Mandaten(Teltow- Veeskow, Nicderbarnim, Berlin VI, Berlin IV, Hamburg III, Leipzig- Land) am gleichen Tage 465 738 Stimmen abgegeben wurden? Während dort mit je zirka 10 000 Stimmen zwanzig 5konservative gc- wählt wurden, entfielen auf jedes der sechs sozialdemokrati- schen Mandate rund 77 000 Stimmen I" In zahlreichen über- iviegend ländlichen Wahlkreisen also besaßen Bauern und Kleinbürger annähernd achtmal so viel Wahlrecht, als die Wähler großstädtischer und großindustrieller Wahlkreise! Herr v. Levetzow schiebt die angebliche Beeinträchtigung einzelstaatlicher Rechte vor, um die Neueiuteilung der Reichs- tagswahlkreise für undurchführbar zu erklären. In Wirklich- keit sind es einzig und allein die reaktiv- nären Interessen des neuen blau-schlvarzen Schnapsblocks, die durch eine Neueinteilung der Wahl- kreise gefährdet werden. Durch eine Neueiuteilung der Wahl kreise auf Grund der letzten Volkszählung würde eine An Näherung an den Zustand geschaffen werden, der sich bei Einführung der Verhältniswahl ergeben würde. Bei einer solchen Verhältnis lvahl aber würde nach einer Berechnung von Dr. Ernst Cahn das Ergebnis das folgende sein: Parteien Konservative.... Freikonservative... Bund der Landwirte. Süddeutsch. Baucrnbund Antisemiten.... Nationalliberale... Freisinnige Vgg.... Freisinnige BolkSpartci Süddeutsche BolkSpartei Dänen...... Zentrum...... Polen....... Weifen...... Elsäsicr...... Sozialdemokraten.. Zersplittert..... Zahl der Abgeordneten nach derMehrhcitswahl von 1907 60 2i 8 21 54 14 28 7 1 105. 20 1 ?i 43 4 113 104 133 43 397 Zahl der Abgeordneten. wenn Verhäitniswahl bestanden hätte 39 17 8 2 9 60 13 27 6 79 16 2 8 117 75 103 100 117 397 Bei einer Verhältniswahl würden also die Konservativen und ihre Anhängsel 190 7 38 Mandate weniger erhalten haben, desgleichen das Zentrum und die ihm befreundeten Parteien 33 Mandate weniger. Diesem Verlust von 71 Mandaten der Rechten gegenüber ergäbe sich für die Linke ein Gewinn von 75 Mandaten. Der Schnapsblock wäre also un- möglich gewesen! Und nicht nur im Reiche könnte durch eine Neueinteilung der Wahlkreise die Macht der Rechten gebrochen werden. sondern auch in der Hochburg der jmikcrlich-pfäffischen Reaktion: in Preußen. Wilhelm Heile stellt darüber in Nr. 31 der „Hilfe" folgende Berechnung an: „Die Blau-Schwarzen", schreibt Heile,„die jetzt in Preußen eine erdrückende Mehrheit von 331 Stimmen gegenüber nur 108 Stimmen der Linken haben, würden bei Ver- hältniswahl also auf 211 Stimmen gegenüber 224 sinken und dadurch aus einer Dreiviertel-Mehrheit zur Minderheit werden." Man sieht, daß es am Liberalismus selbst liegt, ob er die konservative und ultramontane Reaktion niederringen will oder nicht. Die dringend notwendig gewordene Neueinteilung der Wahlkreise im Reiche und die Demokratisierung des Wahlrechts in Preußen, die als selbstverständlichen Bestand- teil auch die Neueiuteilung der Wahlkreise enthalten müßte, würden dem Liberalismus bei einem Zusammengehen mit der sowohl im Reiche wie in Preußen ausschlaggebenden Sozial- demokratte sofort den Sieg über die junkerlich-pfäffische Reaktion sichern l Ob freilich unser Liberalismus einer solchen Kraft- anstrengung, einer ernsthaften liberalen Aktion fähig ist? I Versagt der Liberalismus trotz aller Brüskierungcn durch den Schnapsblock auch diesmal, so wird er vor allein Volke als der A l l e i n s ch u l d i g e an aller junkcrlich-pfäsfischcn Reaktion, aller agrarischen Volksausplünderung am Pranger stehen l__ Der Mesenkamps in Schweden. (Von unserem nach Schweden entsandten Mitarbeiter.) Stockholm, 1. September. „Herr Puntervold wurde ausgewiesen teils wegen seiner hier im Lande betriebenen Agitation, teils wegen der Verzerrten und lügenhaften Darstellungen über Schweden und schwedische Behörden im Zusammenhang mit dem Ar- bcitcrkonslilt, die er in Korrespondenzen ausländischen Zei- tungen lieferte." So lautet die Erklärung, die Zivil- minister Graf Hamilton über die Gründe für die sonderbare und eines Kulturlandes gänzlich unwürdige Zwangsmaßregel gegen unfern norwegischen Parteigenossen nun in die Welt gesetzt hat. Um eine schlechte Sache zu verteidigen, wird zu Ver- leumdungen gegriffen. Nicht genug damit, daß man den Norweger aus dein Lande treibt, wie einen Verbrecher, nian beschimpft ihn auch noch hinterher und wirft ihm'bewußte Fälschung vor. bezichtigt ihn,„IvKualctiM"— lügenhafte Darstellungen geliefert zu haben. Wer Puntervold kennt, seine Korrespondenzen gelesen hat und selbst sieht, wie die Dinge hier liegen, der weiß auch, daß dergleichen Bcschuldi- gungen und Vorwürfe diesem Mann gegenüber am aller- wenigsten angebracht sind. Aber für die Schwedische Arbeitgeber Vereinigung ist eben alles Lüge, was ihr nickst in den Kram paßt, und das gleiche gilt ja wohl auch als selbstverständlich für die R c g ie r u n g. Unter diesen Umständen kann sich hier zu Lande schließlich kein ausländischer Korrespondent mehr sicher fühlen, der mit offenem Auge die Lage betrachtet und ehrlich und aufrichtig seine Meinung niederschreibt. Es wird wohl notwendig sein, daß man seine Korrespondenzen drst der Arbcitgebervereinigung, der Re- gierung oder Polizei zur Zensur vorlegt, ehe mau sie ab- sendet, um vor Ausweisung sicher zu sein und es den Unter- nehmern möglich zu machen, die Auslandspresse in jeder Hinsicht richtig zu„bearbeiten". Viel- leicht kann man dabei noch ein Trinkgeld verdienen. Wie ich ersehen habe, hat der Vorstand der Schwedischen Ar- beitgebervereinigung am 24. August ein geheimes Zirkular Nummer 3, gezeichnet von Sydow, an die Mitglieder oder, wie es bei ihr heißt„Teilhaber" versandt, worin gesagt wird: „Die Bearbeitung der ausländischen Presse kostet uns viel, aber dies trägt nun Frucht." Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, daß die Schwindelnachrichten, die namentlich in der deutschen bürgerlichen Presse über das Abflauen des Generalstreiks, über die Niederlage der Arbeiterschaft, ihr Fiasko usw. er- scheinen, die hierher telegraphierte Lüge vom Versagen der Unterstützungsaktion der deutschen Arbeiterschaft und der- gleichen mehr von der hiesigen Arbeitgebervereinigung her- rühren, so wäre der Beweis jetzt erbracht. Kristianias„Socialdemokraten" hat übrigens bereits da- für gesorgt, daß die norwegische Partcipresse auch für die fernere Dauer des Massenstreiks keinen Mangel an zuver- lässigen Berichten aus Schwede» erleidet. Zum Ersatz des ausgewiesenen Korrespondenten ist heute der Genosse V i d n e S hier eingetroffen. Was er schreibt, wird den Unter- nehinern jedenfalls auch nicht gefallen, und man wird ab- warten müssen, ob er und vielleicht andere auch gezwungen werden, das Land zu verlassen. In dem erwähnten Zirkulare Nr. 3 wird den Teilhabern der Arbeitgebervereinigung auch mitgeteilt, daß die G e- r üchte über die Nervosität in Arbeitgeber- kreisen nicht mit der Wahrheit übe rein- stimmten. Das ist ein sanfter Trost, der die Arbeitgeber über die ihnen wohl am besten bekannte Tatsache hinweg- täuschen soll, daß in ihren Kreisen sich eine mit der Dauer des Kampfes immer mehr wachsende Unruhe bemerkbar macht, als eine natürliche Folge der Tatsache, daß die minder kapitalkräftigen Unternehmer, indem sie sich blindlings den Befehlen ihrer Leitung unter werfe n, ihreExiftenzimmermehraufs Spiel setzen! Trost hat allerdings in diesen schweren Zeiten mancher Unternehmer notwendig. Auch„Norrmartens Slagteriame- bolag" muß sich trösten, daß nachdem man aber sehr tüchtige Arbeiter niit vielen Unkosten aus Deutschland herbeigeholt hatte, diese Leute, kaum daß sie einen Tag gearbeitet hatten, wieder heimfuhren. Der Streikbrecheragent soll sich gerühmt haben, der Firma mit Leichtigkeit 150 Arbeitswillige aus Deutschland zu verschaffen. Mit seiner ersten Sendung hat er ja nun Malheur gehabt, eine zweite wird er jedenfalls gar nicht zustande bringen. ver Berliner fllaglftrat und die Cand- lagswahlen. DaS Gesetz betr. die Bereitstellung von Mitteln zu Dienstciu- kommenverbesserungen, das sogenannte Mantclgesetz, umfaßt eine Reihe Gesetze, darunter das Gesetz betr. die Abänderung des Ein- komincnstenergesetzeS und des ErgänzungSstenergefetzes, das unter anderem daS sogenannte Kindcrprivilcg enthält, und die Behandlung der Privilegierten bei den Wahlen durch den 8 20a wie folgt ordnet: „Die in den 88 � und 20 gewährten Ermäßigungen bleiben außer Betracht bei Berechnung der zu entrichtendeu Steuerbeträge für Wahlzwecke.' DaS Gesetz ist am 26. Mai dieses Jahres publiziert worden. und wir haben Beranlaffung genommen, unsere Leser auf dieses Recht aufmerksam zu machen, um bei der gerade im Gange befind- lichcn Veranlagung eine Herabsetzung ihrer Steucrleistung durch Reklamation zu erwirken. Die Zahl der Rellamationen, die ohnehin schon hoch war, ist daher in Berlin in diesem Jahre auf über h u 11 d e r t f ii n f z i g- tausend gestiegen. Dem Magistrat scheint dieser§ 20a gar nicht recht zu behagen, denn er hat über seine Anwendung einen Beschluß gesaßt, den wir nachstehend im Wortlaut wiedergeben: Berlin, den 11. Juni 09. Der Magistrat beschloß in seiner heutigen Sitzung, dag da? Gesetz vom 20./5. 09 dahin zu interpretieren ist, das; der im Artikel I unter 5 neu eingesngte§ 20a nur auf die in den tjZ 19 und 20 der neuen Fassung des Einkommensteuergesetzes vorgesehene Ermäßigung Anwendung findet»nid daß daher, weil bei der Steuerveranlagung für 1909 solche Ermäßigungen bisher nicht stattgefunden höben(etwa infolge von Reklamationen er- folgende Ermäßigungen aber für die Wahl nicht zu berück- sichtigen sind), eine Berichtigung der nach der Steuer- Veranlagung für 1909 aufgestellten Wähler- listen für die Wahlen sowohl zur Stadtverordncten-Versamm- lung wie zum Abgeordnetenhause für 1909 nicht vorzu- nehmen ist. K i r s ch n e r. Böhm. Der Magistrat scheint also der Ausfassung zu sein, daß daZ Gesetz für die diesjährige Veranlagung ohne Bedeutung ist und unbeachtet bleibe» kann, weil die Veranlagung schon erfolgt sei und das Gesetz keine rückwirkende Kraft habe. Das letztere ist sicherlich falsch, denn das Gesetz ist nur ei» Teil des sogenannte» MantclgcschcS. das in seiner Gesamtheit rückwirkende Kraft hat. Aber auch die Veranlagung kann mit der Zustellung der Veranlagung an die Zensiten n i ch t als a b g e s ch l o s s e n be- trachtet werden, sondern erst nach der abgelaufenen Reklamationsfrist. Da daS Gesetz in dieser Zeit in Kraft trat, so durfte es also auf keinen Fall unbeachtet bleiben. Der Magistrat behauptet zwar, daß solche Ermäßigungen bei der Veranlagung für 1909 nicht stattgefunden hätten, daS ist indessen nicht richtig, denn schon nach dem alten Gesetz waren solche Ennäßigungen zulässig und sind auch diesmal erfolgt. Nach dem neuen Gesetz müssen aber auch die hierbei in Betracht kommenden Steuerzahler mit dem höheren Betrag in die Wählerliste aufgenommen werden, was nach dem alten Gesetz nicht geschah. Dasselbe mußte auch bei allen Zensiten ge- schehen, die auf Grund des neuen Gesetzes einen Anspruch darauf hatten, und das war dem Magistrat mit Hilfe der Personenblätter und der Veranlagung auch sehr wohl möglich! Allerdings hätte es eine nicht geringe Auf« lvendung von Arbeitskraft erfordert, die der Magistrat sich wohl er- sparen wollte. Aus Sparsamkeitsgründen aber durfte der Magistrat sich nimmermehr einer GesctzeSwidrigkeit schuldig machen, um so weniger. da die Gefahr vorliegt, daß Mitglieder deS Magistrats gegebenenfalls diese Beschlüsse des eigenen Magistrats wiederum zur Anfechtung der Wahlen benützen könnten! Nun sagt der Mogistrat aber in seinem Beschlüsse vom 11. Juni d. I. weiter:„Daß eine Berichtigung der nach der Steuer- Veranlagung für 1909 aufgestellten Wählerlisten für die Wahlen sowohl zur Stadtverordnetenversammlung wie zum Abgeordnetenhaus nicht vorzunehmen ist". Wir stellen demgegenüber fest, daß für die Stadtverordnetenwahren wie stets so auch diesmal die Veranlagung ohne Berücksichtigung der etwaigen Reklamationen zur Aufstellung der Wählerlisten venützt wurde. Wir stellen ferner fest, daß für die Wahlen zum Abgeordnetenhaus 1903 und 1908 die Aufstellung der Listen auf Grund der Veranlagung erfolgte. Wir stellen aber weiter fest, daß die Aufstellung der Listen zu den Ergänzungslvahlen für daS Abgeordnetenhaus im 5., 6., 7. und 12. LandtagSwahlkrcis, die am 2S. Oktober vorgenommen werden, nicht nach der Veranlagung, sondern unter nur teilwciscr Berücksichtigung der Reklamationen er- folgt ist. Im Bürgersaal des Berliner Rathauses haben zirka fünfzig Hilfskräfte Wochen hindurch bis in die Nacht hinein ge- arbeilet, um die Steuerbogen auf Grund der Reklamationen z u b e r i ch t i g e n, es ist ihnen nur bis zu Dreivierteln ge- lungen, sodaß eine ganz verschiedenartige Aufstellung erfolgte. Dazu waren Mittel vorhanden, diese Arbeit hielt man trotz der Kosten für notwendig, obwohl man sie gar nicht vollenden konnte und damit das merkwürdige Resultat erzielt wurde, daß ein und derselbe Steuerzahler unter ganz gleichen Verhältnissen in der Stadtverordneten Wahlliste mit ganz andere» Stcncrsummeu figuriert als in der Liste für die Wahlen znm Abgeordnetenhansr! Wie dieses Verfahren mit dem Beschluß des Magistrats vom 11. Juni in Einklang zu bringen ist, ist uns unbegreiflich. Volles Verständnis haben wir aber dafür, weshalb die durch die wirtschaftliche Krise herabgegangene Steuerleistung vieler Arbeiter zur Geltung gebracht werden soll. Da das Verfahren aber nicht einmal in vollem Maße durchgeführt ist, so kann Herr Kirschner darauf gewiß nicht stolz sein. Viele Zehntausende haben auf Grund des neuen Gesetzes reklamiert; da nun die Berichtigung der Stenerlisten zum Teil von ungeübten Hilfskräften erfolgt, so steht zu befürchten, daß auch diese Reklamationen berücksichtigt sind und die Zensiten zu dem niedrigeren Steuersatz in die LandtagSwählerliste eingetragen wurden. Es muß also Sorge dafür getragen werden, daß die Wählerliste, die nur drei Tage auSliegt, gewissenhaft von jedem Wähler auf ihre Richtigkeit nachgesehen wird. Vor allen Dingen muß verlangt werden, daß die Reklamanten auf Grund des Z 20a zum vollen Steucrbetrag in die Listen aufgenommen werden. Es ist unerhört, daß der Berliner Magistrat einen Beschluß faßt, durch den das ohnehin schon beschränkte Wahlrecht der Arbeiter noch weiter verkümmert wird! Aber nicht nur im Interesse der Arbeiter, sondern auch in seinem eigenen Interesse sollte der Magistrat unverzüglich für die Aufhebung dieses gesetzwidrigen Beschlusses sorgen, damit ihm nicht aufs neue, und diesmal mit Recht, im Drei- klassenparlanient der Vorwurf der Gesetzes- Unkenntnis gemacht werden kann. Bleibt aber der Magistrat bei seiner Auffassung bestehen, will er sich vor aller Welt lächerlich machen, so kann es uns nur recht sein. Der Delegierte deS FreisiimZklüngelS, Herr F i s ch b e ck, wird dann wieder seines Amtes walten und die Körperschaft, der er selbst angehört, unter dem Beifall der Junker von der Tribüne des Junkerparlainents herab blamieren._ Freisinnige gegen das gleiche Aahirecht. '-Die sozialdemokratische Fraktion der Stadtverordneten- Versammlung in Lichtenberg Hatto in der DicnstagLsitzung folgende Resolution eingebracht: „Die heutige Stadtverordnetenversammlung erklärt sich damit einverstanden, daß die Delegierten zum 31. Brandeuburgischeu Städtetage zu Punkt 11 dieser Tagesordnung folgende Anregung geben: Der Städtetag ersucht alle Stadtverwaltungen, zu der Frage deS konrmunalen Wahlrechts Stellung zu nehmen und beim preußischen Abgeordueteuhause die Ein- führung des allgemeinen, gleichen, geheimen, direkten Wahlrechts für alle Komnnmalwahlen zu beantragen." Die freisinnigen Stadtverordneten bekämpften diesen Antrag mit aller Entschiedenheit. Der nicht nur in Lichtenberg, sondern überhaupt innerhalb des Freisinns viel- vermögende Reichstagskandidat für Nicderbarnim, Herr Plonz. nun Stadtverordnetenvorsteher, hat bei früheren Anlässen schon den Standpunkt der Freisinnigen präzisiert; seinen Spuren folgte der jetzige Wortführer der vereinigten Bürgerlichen, Rechtsanwalt Schachtel. Der Herr wandte sich nnt aller Schärfe gegen den Antrag, der geeignet sei, in die Berhand- lungen des Vrandenburgischen Städtctages politische Mo- mentc(!) hineinzutragen. Er würde cZ alS ein Unglück betrachten, wenn das von den Sozialdemokraten geforderte Wahlrecht eingeführt werde, meinte dieser„liberale" Mann. Die sozialdemokratische Resolution wurde denn auch mit allen gegen die sozialdemokratischen, drei Stimmen der Beamten- Vertreter und eine demokratische Stimme abgelehnt. Daß nicht das politische Moment an sich die Freisinns- kämpen schreckt, sondern die Forderung des allgemeinen, gleichen usw. Wahlrechts für die Kommunen, das hat der Freisinnsmann Plonz in einer früheren VerHand- lung des Lichtenberger Stadtverordnetenkollegiums im- verblümt eingestanden: damals, als er erklärte, das; er die Einführung deS allgemeinen, gleichen Wahlrechts für die Kommunen für das größte Unrecht erklären müsse! Daß der Freisinn vom gleichen Wahlrecht für die Kommunen nichts wissen mag, ist ja längst bekannt._ Die Zeiten, wo ein Eugen Richter einmal gegen jedes kommunale Klassenwahlprivileginm loszog, sind lange vorbei. Nichtsdestoweniger erfährt aber die freisinnige Forderung des Reichstagswahlrechts für den preußischen Landtag eine seltsame Beleuchtung durch die freisinnige Perhorres- zierung desselben Wahlrechts für die vom Freisinn beherrschten Kommunen. Hatte doch bei der Wahlrechtsdebatte des Jahres 1906"der Freiherr v. Zedlitz die Lacher auf seiner Seite, als er den Freisinnigen anbot, das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht für die Kvmmunalwahlen ein- zuführen, wenn auch nur„aus Probe, auf 10 Jahre". Der freikonservative Führer höhnte damals: „Wenn Sie»ach 10 Jobren noch darauf bestehen, dann würden wir uns überreden lassen, noch weiter in dieser Be- ziehung zu gehen. So lange Sie aber nach dieser Richtung hin nicht'mit Anträgen und Wünschen an uns herantreten, so werden Sie es unS nicht übel nehmen können, wenn wir Ihre Vorliebe für daS allgemeine gleiche Wahlrecht für Preuße» für platonisch halten, als eine von denjenigen Forderungen, die man ausstellt, weil man sicher ist, daß sie niemals in Er- fülluiig geht." Nach der Abstimmung der Freisinnigen vor den Toren Berlins wird der Hohn der Wahlrechtsfeinde über die dema- gogische Unehrlichkeit des Freisinns nur noch beißender werden! ein flzew im anterrocfc in Berlin. Einem Artikel W l a d i m ir V u r z e w s, den er uns aus Paris sandte und der uns infolge eines unglücklichen Zufalls leider verspätet erreichte, entnehmen wir noch die folgenden Angaben zur Ergänzung unserer gestrigen Mit- teilungen über den entlarvten Lockspitzel S i n a i d a Gerngroß-Jntschenko. Zuerst in ihrem Salon, dann in einem Cafö gestand die Sinaida, da sie sich entlarvt, in die Enge getrieben, ohne Ausweg sah, da sie wußte, daß sie hinfort der Verachtung, der allgemeinen Entrüstung verfallen sei, künftighin aus aller Gesellschaft als„Aussätzige" aus- gestoßen sein werde, mit namenloser Unverschämtheit, stolz ob ihrer Niedertracht, als ob der Schlamm und das Blut, darin sie watete, ihr zum Ruhme gereiche:„Jawohl, ich bin Polizciagentin. I a, ich habe Ihre Freunde an die Polizei ausgeliefert. Ich bin's die alle eure Unternehmen zum Eni- gleisen brachte, indem ich mit der einenHand schuf und mit der anderen zerstörte." Sinaide Gerngroß betrieb ihr unheilvolles Polizeihandwerl seit mehr denn 15 Jahren, verbreitete überall, wo sie hingelangte, Tod und Verbannung. Sie organisierte Verschwörungen, welche sie darauf verriet; sie warb neue Anhänger, die sie gelegentlich um- brachte; sie berichtete über alles, was sie wußte und erfand, und würde alles das noch lange fortgesetzt haben, wenn sie nicht Plötz- lich in ihrer todbringenden Laufbahn aufgehalten worden wäre. In den Kreisen der Revolutionäre erregte seinerzeit die Vereitelung des Attentats der Frumkin lebhaftes Auf- sehen. Denn nur wenige der Vertrauten wußten von der Vor- bereitung dieses Anschlages, und die cS wußten, waren alle er- gebene, im Kampfe erprobte Genossen. Man versuchte diese Bcr- Haftung durch äußere Umstände zu erklären: man führte an, daß Frumkin sich die Aufmerksamkeit der Polizei selbst zugezogen habe, daß sie ihr unruhiges und erregtes Austreten verriet. Niemand dachte daran, daß die Gcrngroß, die sich als intime Freundin der Frumkin gab, die Verräterin sein konnte. Besonders abstoßend ist die Rolle, die dieser weibliche Lock- spitze! bei dem Verrat einer ganzen Gruppe von Revolutionären im März 1909 spielte. Nach dem Muster AzewS, der jenen seinen Judaskuß gab, die er in den Tod schickte, schrieb sie einige Monate zuvor in einem Briefe über die Krankheit der Frau eines der Verratenen, dem sie Freundschaft heuchelte. „Ich habe das Gefühl, meine liebe Vera, daß unserer teueren Tania etwas Besonderes zugestoßen ist... Mit der Hilfe der A. I. könnte auch eine beliebige Persönlichkeit Moskaus diese Frage lösen. Tanjuschka(Kosenamen) würde um keinen Preis nach Bern gehen,'ch kenne sie ja! Tränen können hier nicht das mindeste ausrichten, aber ich konnte sie beim Lesen Ihres Briefes nicht zurückhalten! Und so ist es immer: die Besten unter uns müssen immer leiden. Ich möchte alles aufbieten, damit unsere liebe Tania wieder völlig gesundet." Und nochmals wiederholt sie in diesem Briefe von ihrer lieben Tania: „Unsere liebe, unsere teure Tania, alle meine Gedanken weilen bei ihr und mein Herz ist schreckerfüllt. Es ist ein Glück, daß A. I. bei ihr ist." Dem Kongreß der Sozialisten-Revolutionäre zu London, im August 1908, wohnte die Gerngroß an der Seite Azews bei und sandte wie dieser, die eingehendsten Berichte über die Arbeiten des Kongresses an die russische Polizei ab. Diesem Kongresse unter- breitete Burzew bekanntlich seine formelle Beschuldigung gegen Azcw. Die Gerngroß war als Delegierte von Moskau da. Um sich von ihrer Bedeutung in der Partei und der Arbeit, die sie dort verrichtete, einen Begriff zu machen, genügt es anzuführen, daß sie nur dank dem Verdacht, der schon auf ihrer Persönlichkeit ruhte, nicht zu den vertraulichsten und privatesten Sitzungen (denen nur einige Erwählte beiwohnten)«ingeladen wurde. Aber lange hat es gedauert, ungeachtet aller mißlungenen Unternehmungen, von denen sie Kenntnis hatte, trotz der un° zähligen Opfer, die nur sie in den Abgrund gestürzt hat. che man Wider sie Verdacht schöpfte. Die Gerngroß war in der Partei so angesehen, daß als W. Burzew ihr wahres Wesen dem Zentral- komitce enthüllt, es lange zögerte, gegen sie vorzugehen. Es be- durfte eines Geständnisses der Gerngroß selbst, daß endlich die Wahrheit über sie anerkannt wurde. Sehr lustig, oder auch empörend, wie mans nimmt, ist die folgende Mitteilung, die das„Berliner Tageblatt" im Anschluß an die Afsaire als Aeußerungen von hiesiger zuständiger Stelle, d. h. von der politischen Polizei Berlin?, bringt: „Die Jutschenko ist niemals, weder politisch in den Kreisen der russischen Revolutionäre, noch sonst irgendwie im Bereich von Groß-Bcrlin hervorgetreten. Sie gibt ja auch selbst an. überall, nur nicht in Berlin in ihrem Sinne„gewirkt" zu habe!-.. Ihren Charakter und ihre auswärtigen Machenschaften nach- zuprüfen, ist nicht Sache der Berliner Behörden, und da sie jetzt hier sozusagen inaktiv, kalt gestellt, völlig zurückgezogen als eine Art Pensionärin lebt, ohne sich irgendwie lästig zu machen, so liegt auch kein greifbarer Anlaß vor, sich für sie zu interessieren. Anders lüge die Sache, wenn es sich um eine Person handeln würde, die sich irgendwie aktiv in der erwähnten Weise und in Diensten der Polizei eines auswärtigen Staates bestätigen sollte. Es würde in einem solchen Falle sofort die Ausweisung verfügt werden." Das Blatt fügt dann noch hinzu: „Unser Gewährsmann betonte zum Schluß, daß der etwaigen Etablicruiig neuer auswärtiger Agenten auf preußischem Boden durch entsprechende Maßnahmen dauernd ein Riegel vorgeschoben sei." Alles das läßt das gutunterrichtete„Berliner Tageblatt" un- beanstandet passieren. Als ob es nichts davon wüßte, daß die preußische Polizei allezeit eifrig auf russische Revolutionäre, aber noch niemals auf russische Lockspitzel gefahndet hat. Als ob es nicht wüßte, daß noch niemals ein solcher Kerl aus Preußen auS- gewiesen worden ist. Und als ob es nicht wüßte, daß das gute Verhältnis der deutschen Regierung zur Regierung des Blutzareei gar nicht erlaubt, daß einer der Lockspitzel Väterchens aus Deutsch- lands Gauen ausgewiesen würde! Kathollitentag. 4. Berhandlnilgstag. In der gestern abgehaltenen vierten geschlosseue» Versammlung des Katholikentages sollten endlich verschiedene soziale Frage» zur Verhandlung kommen und es erschien als nicht ganz aus- geschlossen, daß dabei der Gegensatz zwischen den katholischen Fach- abteilem und den christlichen Gewerkschaftlern zur Sprache kommen könnte. Die klerikale Diplomatie hat aber jede Auseinandersetzung zwischen den feindlichen Richtungen zu verhindern gewußt. In geheimer Kommissionssitzung find die katholischen Fachabteiler gc- zlvungen worden, ihren Antrag auf bedingungslose alleinige Anerkennung und Unterstützung ihrer Organisation zurückzuziehen. Vor der Oeffentlichkeit wurde dieser Rückzug damit begründet, daß die Fach- abteilungen schon auf früheren Katholikentagen ihre Anerkennung gefunden hätten. Zur Frage der Tarifverträge waren sowohl von den Fachabteilern als auch von den christlichen Gewerlschaften An- träge eingebracht worden, die sich nicht unter einen Hut bringen ließen. Deshalb wurden die feindlichen Brüder beiderseits gc- zwungen, ihre Anträge zurückzuziehen. Begründet wurden diese A:- träge damit, daß eS hier längerer Erörterungen bedurft hätte, um das Nichtige zu treffen, wozu in der Konimission nicht mehr genügend Zeit vorhanden gewesen sei. So gelangte denn als erster der.sozialen" Anträge ein von Dj. Pieper- M.- Gladbach begründeter Antrag zur „Hebung und Veredelung der Lebenshaltung der erwerbstätigen Bevölkerung" zur Verhandlung, in dem es für eine dringende Aus- gäbe erklärt wird,„baß mit der wirtschaftlichen und sozialen Besser- stclliiiig der erwerbstätigen Bevölkerung Hand in Hand gehen muß die Förderung aller Bestrebungen, die eine Veredelung der Lebens- Haltung, Vertiefung des Geisteslebens und Festigung der religiös- sittlichen Grundsätze zum Ziele haben." Der Antrag wurde einstimmig angenommen. Ebenso ein vom Pfarrer Dr. Sonnenschein begründeter Antrag, der die„Zurück- drängung der sozialen Entfremdung" verlangt und zu diesem Zweck fordert, daß die Katholiken Deutschlands„alle Versuche sozialer Studcntenarbcit unterstützen, die geeignet sind, die Jugend der be- sitzenden und gebildeten Stände in verständnisvolle persönliche Be- Ziehungen zu den handarbeitenden Klassen zu bringen". Darauf folgte ein.Kaufmannsfragen" betreffender Antrag, in dem e-Z heißt: „Die 56. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands erblickt in der wachsenden Bedrohung des selbständigen kauf- männischen Mittelstandes durch die neuzeitliche Wirtschaflscntivick.'- lung eine bedenkliche Gefahr für Staat und Gesellschaft und spricht sich erneut für einen un, fassenden gesetzlichen Schutz dieses Standes an-Z, die eine notwendige Ergänzung der Bestrebungen der Selbst- Hilfe bildet. Die Eeneralversanimlung erkennt die Bestrebungen. der Handlungsgehilfen und sonstigen Privatbeamten zur Hebung ihrer wirtschaftlichen Lage als begründet an und wünscht den umfassendsten Ausbau der Schutz- und VersicherungSgesetzgebnng zugunsten dieser erwerbstätigen Personen. Insbesondere fprictr sich die Generalversammlung für die baldige Einführung der ge- planten staatlichen Pensions- und Hinterbliebenenversichernng der Privatbeamten aus." Auch dieser Autrag sowie zwei andere, die sich gegen die Frei- denkerbewegung aussprechen und Fürsorge für die schulentlassene Jugend fordern, gelangen einstimmig zur Annahme. Unmittelbar an diese Versammlung schloß sich um 11 Uhr in der Festhalle die von vielen Tausenden besuchte vierte uud letzte öffentliche Generalversammlung. AIS erster Redner sprach Reichs- uud LandtagS-Abg. Prälat Domdelan Dr. Schädler- Bamberg über:„P a p st t u m und P i u s X." Er knüpfte an die Tatsache an, daß Papst PiuS X. in diesem Jahre sein 25jährigeS BischofSjnbiläum feiert und gab ein Lebensbild d«ö Papstes. ES sei der Weg der Vorsehung gewesen. der den Sohn deS Gemeindedieners geführt hat auf deu Stuhl Petri als Oberhaupt der Kirche, als Statthalter Christus. Ter Jubelpapst steht uns auch menschlich sehr nahe, denn er ist ein Papst, der auS dem Volke hervorgegangen, ein Papst, der daS Volk kennt und seine Bedürfnisse kennt. DaS Papstkönigtiun kennt keine Ansehung der Person. Wie sein Vorgänger aus gräflichem Geschlecht war, so hat jetzt der schmucklose Sohn des Arbeiters den Stuhl Petri bestiegen. in Wahrheit von Gott gesandt.(Stürmischer Beifall.) Als der nene Papst den Thron bestieg, ging ein Raunen durch die Welt, man sprach von Refornrideen. Reformen— ja und nein. Wer geglaubt hat, Papst PiuS X. sei vom Geiste der sogenannten Modernen geleitet, der hat sich getäuscht, der wird sich täuschen. Wir wissen, was dem Herzen des Papstes am schmerz- lichsten ist; das ist die Einschränkung der Rechte und Freiheiten der Kirche, und darum verlangen wir in dieser feierlichen Stunde eine volle und tvirkliche Freiheit und Unabhängigkeit deS Papstes in der Ausübung seines Amtes als Oberhaupt der Kirche, weil eL die unerläßliche Vorbedingung ist für die Freiheit und Unabhängigkeit der katholischen Kirche selbst. (Stürmischer Beifall.) Als zweiter Redner sprach Professor Dr. Faulhaber- Straßburg über die Frauciifrage. Er sprach über die Neuordnung deS höheren MädchenschullvesenS und das Frauenstudium. Seine Ausführungen gipfelten in dem Satz: Der natürlichste und allgemeinste Beruf des Weibes ist der Beruf der Hausfrau und Mutter. Dieser häusliche und mütterliche Beruf nimmt allerdings die ganze Zeit und die ganze Kraft jähr- zehntelang in den besten Jahren des Lebens so in Anspruch, daß schon aus diesem Grunde der am 8. November 1907 geborene Frauen« typus der.ausnahmsweise verheirateten Lehre- rinn enMStürmische Heiterkeit), eineMistgeburtmit einem doppelten Gesichte ist, weil man nicht ini Nebenan, t Mutter sein und weil eine Person nicht zwei Berufe erfüllen kann, von denen jeder eine ganze Person fordert.(Lebhafter Beifall.) Alle Konfessionen sind einig in der Hochschätzung der Familie, der Keim- zelle jeder Gesellschaftsordnung, einig in der Ablehnung der Doppel- moral für beide Geschlechter, einig in dem Punkt, dasj die Frauen mit gutem Recht an das Vorleben des ManneS die gleichen Au- forderungcn stellen, wie die Männer an das Vorlebe» der Frau. (Lebhafte Zustimmung.) Wenn wir aber auch das Ideal der Häuslichkeit noch so stark betonen, an zweiter Stelle muß gesagt werden, daß die Frauen»auch diesseits" der Haustüre große Auf- gaben zu lösen haben in den Werkstätten der Erwerbstätigkeit, der sozialen Charitas und der Bildungsarbeit.(Lebhafter Beifall.) Das aktuellste und brennendste Kapitel in der deutschen Frauenfroge ist heute die Frauenbildungsfrage, zunächst das akademische Frauen- studium. Es handelt sich beim Frauenstudium nicht um eine Mode der emanzipierten Neuzeit. Die großen Frauen des Mittelalters, die mit dem Lorbeer der gelehrten Geistesbildung und von der Kirche mit der Gloriole der Heiligkeit geschmückt sind, sind eine lebendige Apologie des heutigen Franenstudiums, wie wir eS meinen. Damit war das lange Programm erledigt. Zum Schluß wies der Präsident, Zentrumsabgeordneter Herold auf die Tätigkeit der Generalversammlung hin. Der wichtigste Gegenstand der Beratungen sei die Schulfrage gewesen. Der Kampf für die Schule sei der Kampf für das Christentum. Der Vorsitzende dankte dann der Be- völkerung Breslaus und den städtischen Behörden mit dem Bemerken, daß auf eine Begrüßung seitens der städtischen Behörden leider ver- zichtct lverden mußte, obwohl sie allen Generalversammlungen zuteil geworden sei. Ein Mißklang sei in die Generalversammlung nur gekommen durch das Verbot der Regierung, den polnischen Glaubens- genossen zu gestatten, in ihrer Mutttersprache zu sprechen. Nachdem noch Kardinal- Für st bischof Dr. v. Kopp der Versammlung seinen Segen erteilt hatte, wurde mit dem Gesang»Großer Gott, wir loben Dich' die diesjährige Tagung geschlossen. Dann gingen die Wohlhabenden zum großen Festmahl, während das»gewöhnliche katholische Volk' sich auf dem zu seiner Belustigung im Schießwerder veranstalteten Volksfest vergnügte. Politische Cleberlicdt. Berlin, den 2. September 1909. Die Finanzen des Reiches im Jahre 1S08. Die Ergebnisse des Reichshaushaltcs haben sich für das Jahr 1908 wie folgt gestaltet: Von den dem Reiche zustehenden Einnahmen haben Mehrerträge gebracht: Die Zigarettensteucr 1 288 000 M., die Zuckersteuer 2 650 000 M., die Salzsteuer 499 000 M., die Schaumweinsteuer 34 000 M., der Spielkartenstempel 28 000 M., die Wcchselstempelsteuer 406 000 M., die Statistische Gebühr 14000 M. Bei der Brennsteuer, die in Gestalt von ausgeführtem oder zu gewerb- lichen Zwecken verwendetem Branntwein wieder zur Veraus- gabung gelangt, sind 2 471 000 M. mehr vereinnahmt, als verausgabt wurden. Gegen denVo ranschlag zurück- geblieben sind: die Zölle um 121 018 000 M., die Tabaksteuer um 482 000 M., die Brausteuer um 4 218 000 M., die Reichsstempelabgaben von Frachturkunden um 1 573 000 M., Personenfahrkarten um 5 056 000. M., von Erlaubniskarten für Kraftfahrzeuge um 83 000 M., von Vergütungen an Mit- glieder von Aufsichtsräten um 5 527 000 M., die Erbschafts- steuer um 11918 000 M. und die Abfindungen(Aversen) der Ausschlußgebicte um 13 000 M. Von den Betriebsverwal- tungen hat nur die Reichßdruckerei einen höheren Ueber- schuß und zwar von 614 000 M. abgeliefert. Dagegen ist der Ueberschuß der Reichspost- und Telegraphenverwaltung um 16 303 000 M. und der der Reichseisenbahnverlvaltung um 10 065 000 M. hinter dem Anschlage zurückgeblieben. Beim Bankwesen ist ein Einnahmeausfall von 9 034 000 M. zu verzeichnen. Die Ausgleichsbeträge für die nicht allen Bundesstaaten gemeinsamen Einnahmen haben dem Minderertrage der letzteren entsprechend 2 661000 M. weniger gebracht. Vom Soll der Matrikularbeiträge sind die zur Verminderung der Rcichsschuld nicht in Anspruch zu nehmenden 23 910 000 M. und die bei den Ueberweisungssteuern mehr aufgekommenen 1 721 000 M., zusammen 25 631 000 M. abgesetzt worden. Im ganzen sind an ordentlichen Einnahmen, soweit sie dem Reiche verbleiben, 185 115000 M. weniger aufgekommen. Da der Ausgabebedarf um 63 119 000 M. hinter dem Anschlage zurückgeblieben ist, so ergibt sich für das Rechnungsjahr 1908 ein Fehlbetrag von 121 990000 M._ Freisinnige Sozialpolitiker. In Meiningen sitzen im Gemeinderat dank des reaktionären Zehiiftimmen-Wahlrechts keine Arbeiter, dafür aber in großer Anzahl sogenannte Freisinnige und Liberale. Als vor einiger Zeit von der Arbeiterschaft die Errichtung eines Gewerbegerichts gewünscht wurde, lehnte der Gemeinderat diese Errichtung mit der Motivierung ab, daß kein Bedürfnis für ein Gcwervegenchr vorliege. In der letzten Sitzung hatte sich der Gemeinderat wiederum mit einer ähnlichen Angelegenheit zu � befassen: die Handlungsgehilfen ersuchten nm Errichtung eineS kaufmännischen Schiedsgerichts. Ob- wohl in einigen anderen kleineren Städten des Hcrzvgtmns— zum Beispiel in Sonneberg und Saalfeld— solche Kaufmanns- lind Gewerbegerichte bereits bestehen, wurde auch dieses Gesuch mit der Begründung abgelehnt, daß kein Bedürfnis vorliege. Die Petenten wollen sich nun an das Ministerium wenden, von dem sie mehr sozialpolitisches Verständnis erwarten, als von den Freisinnigen und Liberale»; denn als vor einigen Jahren in Pößneck die S tadtväter sich eben- falls mit einer nicht-ssagenden Begrimdung beharrlich weigerten, ein Gewcrbcgcricht' zu schaffen, ordnete das mciningischc Ministerium über die Köpfe der Gemeinderäte hinweg die Errichtung eines Gewerbegerichts an._ Ostelbische Znstände. In Ostelbien werden alljährlich eine Anzahl Landarbeiter von ihren»Herren' erschossen, ohne daß diese zur Verantwortung ge- zogen werden. ES heißt stets, daß sie in der»Notwehr' die Tat begangen hätten. Infolgedessen haben auch die Gutsbesitzer bei der geringsten Kleinigkeit das Gewehr bei der Hand. In welch skandalöser Weise die Schießerei ausgeartet ist, davon gibt die folgende Mit- teilung der bürgerlichen Presse ein Bild. In Wolfshagen bei Drangfurt badeten einige junge Leute, darunter auch der Fleischergeselle Vrofchelvsli aus Drangfurt. Sie befanden sich auf dem Grund«nd Boden des Besitzers MakolvSki, und dieser ging daran, mit Hilfe seines SohneS die Badenden zu vertreiben. Dazu nahmen sie sich einige Knültel und das un- vermeidliche Gewehr mit. Während der alte MakowSki auf die Leute, die das Wasser schon verlassen hatten, einschlug, befahl er seinem Sohne, den Fleischergesellen BroschewSki, der besonders seinen Zorn erweckt hatte, niederzuschießen. Der junge Makowski gab auch tatsächlich einen Schuß auf den Fleischer gesellen ab. Die ganze Schrotladung drang dem unglücklichen Menschen in den Leib. Er wurde nach Königsberg ge- bracht und hier operiert, verstarb aber am Sonnabend. Der Be- sitzer Makowski soll erklärt haben, daß er nur in großer Aufregung gehandelt habe. Sein Sohn soll über die Tat untröstlich sein. Wer- haftet sind beide noch nicht. Das Ende der Berliner Antisemitcrei. Die beiden Berliner Antisemiteublätter, die„Staatsbürger- Zeitung" und das„Reich", sind so weit heruntergewirtschaftet, daß sie trotz aller für sie vorgenommenen Saminlimgen bei reichen Protektoren des Antisemitismus nicht mehr zu existieren vennögen. Sie sollen deshalb ganz in den Dienst des Konservatismus gestellt und künftig in der Druckerei der»Kreuzzeitung' gedruckt�werdcn. Den reinen Antiseiniten geht dieses Ende der hauptstädtischen anti- semitischen Bewegung gegen den Strich. Es ist deshalb begreiflich, daß die Magdeburger„Sachsenschau" sich in ihrem Aergcr folgenden schönen Nekrolog leistet: „Die Berliner Sauwirtschaft hat dahin geführt, daß nun die„StaatSbürger-Zeitniig' ihre Selbständigkeit völlig auf- gibt. Wie jetzt erzählt lvird, sollen die Schwesterblätter„Staats- bürger Zeitung" und„Reich" vom Oktober ab in der Druckerei der„Kreuzzeitung" hergestellt werden.... Daß es in Berlin soweit kommen konnte, dafür mögen sich die Anti- semitem bei gewissen bekannten„Führern", in erster Linie aber bei sich selbst bedanken. Was diese.Führer", welche ehedem von den Gesinnungsgenosse» in den Himmel gehoben wurden, an Wirtschaft geleistet haben, das ist auf keine Bullen- h a u t z u sch r e ib en. Schließlich mögen sich die Gesinmmgs- genossen die Hauptschuld selbst zuschreiben. Wer fand am meisten Gehör und Unterstützung? Immer die großen Schwadroneure, die den Massen etwas vorblümeln konnten, aber nicht die ruhigen, ehrlichen, verständigen Männer. Deshalb war eS den ehrlichen Leuten nicht möglich, jene Schwadroneure auszumerzen und die Bewegung solide aufzubauen. Jetzt geht die Ernte dieser Sauwirtschaft herrlich auf." Ordnung mnst fein! Vor dem Landgericht in Stade standen vorgestern acht Teil- nehmer an einer gegen das prenßiscke Dreiklasscnwahlrecht gerichteten Demoustrationsversammlung. Sie sollten sich wegen gemeinsamen Widerstandes gegen die Staatsgewalt verantworten. Der ganzen Staatsaktion liegen sehr harmlose Vorgänge zugrunde. Von einem „gemeinsamen Widerstande" war keine Spur zu entdecken. ES hatten nur einige der Angeklagten der polizeilichen Aufforderung, sofort weiterzugehen, nicht gleich Folge geleistet. Trotz dieser Harmlosigkeit deS Vorkommnisses verurteilte das Landgericht einen Angeklagten zu zwei Monaten Ge- fängnis, zwei Angeklagte zu je einem Monat und zwei weitere Angeklagte zu zwei bezw. einer Woche Gefängnis. Vier Angeklagte wurde» freigesprochen._ Millionendefrandation und Mtendiebstahl. � Bekanntlich sind bei den Lieferungen für die Marine in Kiel sehr erhebliche Defraudationen vorgekommen. Es befinden sich des- wegen eine Anzahl Leute seit längerer Zeit in Untersuchungshaft. unter ihnen der Millionär Frankenthal. Vor einigen Tagen sind nun aus den Akten des Landgerichts, die diese Affäre betreffen, sechs wichtige Briefe verschwunden, durch die einige der Verhafteten schwer belastet werden. Infolge der eingeleiteten Untersuchung sind Mittwochnach- mittag der Gerichtsaktuar Zander und der Gerichtsdiener Halbach unter dem Verdachte verhaftet worden, den Diebstahl verübt zu haben. Weitere Verhaftungen sollen bevorstehen. Prinz Llkwa-Prozest. Vor einigen Monaten berichteten wir über einen Beleidigungs- prozcß mit kolonialpolitischem Untergrund. Es handelt sich um eine Klage des bekannten Negerprinzen Akwa, Sohn des Kameruner Oberhäuptlings, gegen den Kapitänleutnant a. D. L i e r s e m a n n, der in der„Preußischen Korrespondenz" einen Artikel„Zum Fall Puttkamer" veröffentlicht hat, in dem es unter anderem heißt:„Der Urheber der Beschwerde (gemeint ist die Beschwerde der Kameruner Häuptlinge über den früheren Gouverneur v. Puttkamer), der famose Prinz Akwa, ist mir als ein ganz minderwertiges Subjekt bekannt, der mehrfach wegen grober Diebstähle in unseren Gefängnissen Aufenthalt ge- nommen hat." Wegen dieser Behauptungen wurde Kapitänleutnant Lierse- mann vom Schöffengericht zu Hamburg zu 30 M. Geldstrafe ver- urteilt, aber die Berufungsinstanz sprach L. frei. Sie gelangte zu anderen Feststellungen, obwohl die Ausbeute gegen Akwa recht mager war. So soll dieser als sechzehnjähriger Bursche in einer Faktorei ein paar Zigaretten entwendet und andere Dinge be- gangen haben, wegen deren er in Afrika bestraft worden ist. Da- gegen vermochte.der Wahrheitsbeweis für die Behauptung, A. habe in deutschen Gefängnissen gesessen, nicht erbracht zu werden. Doch der Wahrheitsbeweis galt für erbracht. Das landgerichtliche Urteil, dem sich das Hanseatische Oberlandesgericht angeschlossen hat, enthält so viele„Schönheiten", die wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen. Zweifellos, so wird unter anderem ausgeführt, seien die Sätze des Artikels objektiv beleidigender Natur, und der An- geklagte sei sich dieses Charakters seiner Aeußerungen auch be- wüßt gewesen, aber er habe sie in der Wahrnehmung be- r e ch t i g t e r Interessen gemacht. Der ganze Artikel des Angeklagten knüpfe an die von Akwa für seine Stammes- genossen vertretene, an den Deutschen Reichstag gerichtete Be- schwerdeschrift der Kameruner Negcrhäuptlinge, die heftige An- griffe gegen den Gouverneur v. P. enthalten habe. In einzelnen ihrer Ausführungen seien auch absichtliche Entstellungen und Uebertreibungen enthalten gewesen, und es sei festgestellt, daß Akwa es nur darauf abgesehen habe, in Deutschland gegen die Kameruner Regierung zu Hetzen. Wenn bei dieser Sachlage der mit den Verhältnissen in Kamerun ver- traute Angeklagte, der wahrgenommen hatte, daß sich in den deutschen Kolonien eine Revolte der Schwarzen vorbereite, es unternommen habe, das Verhalten des Gouverneurs zu rechtfertigen und die Unrichtigkeiten und Ncber- treibungen der Beschwerdeschrift durch den Hinweis auf die moralische Minderwertigkeit des Anklägers auf ihren wahren Wert zurückzuführen, so habe er damit die Interessen eines jeden Deutschen und damit auch seine eigenen Wahrgenom m e n. Eine beleidigende Absicht sei weder ans der Form noch aus den Umständen zu entnehmen. Auch habe Lierscmann nicht wider befferes Wissen geurteilt. Akwa sei ein gänzlichunzuverlässiger und durchtriebener Mensch, dessen an sich schon minderwertiger Negercharakter durch die in Deutschland genossene falsche Erziehung(Verkehr mit Grafensöhnen. Der Ref.) noch mehr der- darben sei. Eine strafbare Handlung liege also nicht vor Ein Soldatenschinder. Der Unteroffizier Hannibald vom 13iZ. Jnfonterie-Regimen! in Straßburz i. E. befahl drei Musketieren, ihre Stiefel zu schmieren. Als der Unteroffizier nach einer halben Stunde Schmierens immer noch an den Stieseln auszusetzen hatte, befahl er den drei Soldaten, 76 mal auf die Knie zu fallen und wieder auf- zustehen. Das taten denn auch die Soldaten mit dem Erfolge, daß sie am andern Morgen den Dienst vor Schmerzen nicht versehen lonnten. Die„Strafe", die der Soldatcnschinder vom Kriegsgerichts erhielt, lautete ans ganze 1� Tage M i t t e l a r r e st. Ocftcvmcb. Auflösnng des Rcichsrats? Wien, 2. September. Wie polnische Blätter von informierter Seite erfahren, dürfte die Auflösung des Reichsrats und die Ausschreibung von Neuwahlen unvermeidlich sein, da die Negierung keine Aussicht hat, das bisherige Par- lament arbeitsfähig zu machen. ffÄnKmeK. Seid Untertan der Obrigkeit... Paris, 2. September. Nach einer Meldung des„Matin" aus Toulouse ist bei dem E r z b i s ch o f von Auch, der zu 699 Frank Geldstrafe verurteilt, das Urteil nicht anerkennen wollte, gestern in Abwesenheit des ErzbischofS zur Pfändung des Mobiliars geschritten worden, das am 11. d. M. auf dem Markt- platz von Auch � versteigert werden soll. Auch bei mehreren P r i e st e r n, die zugleich mit dem Erzbischof verurteilt wurden, sind Pfändungen vorgenommen worden. In A u ch herrscht wegen dieser Vorgänge lebhafte Erregung. Eine neue Winzerbewegung. Chalons sur Saone, 2. September. Der Allgemeine Winzerverein der Vourgogne lädt, wie der„Matin" meldet, alle Abgeordneten und Senatoren der Bourgogne zu einer großen P r o t e st v e r s a m m l u n g ein, die am 9. September in Chalons sur Saöne stattfinden soll, um gegen die vom Finanz- minister vorgeschriebenen Etikettierungsmaßregeln zu protestieren. Der Verein betrachtet diese Maßnahmen als eine neue Steuer, die die ohnedies schon schwer geprüften Winzer 26 Millionen Frank kosten würde. Spanien. Der Fortschritt der„Pazifizierungs"arbeit in Barcelona. Polizei und Klerus setzen in Barcelona ihre Razzia auf die Teilnehmer an den letzten Barcelonaer Unruhen fort. Laut amt- licher Note befinden sich infolge der letzten Ereignisse 169 Gefangene auf dem Montjuich, 449 in dem neuen und 499 in dem alten Ge- fängnis. Durch diese große Zahl— zusammen 999, wovon 609 Katalonier und beinahe 209 Valencianer, aber nur 13 Aus- länder— sind alle Gefängnisräumlichkeiten derart überfüllt, daß weitere Gefangene nicht mehr untergebracht werden können und nach den Gefängnissen der Nachbarstädte geschafft werden müssen. Und unaufhörlich treffen neue Gefangenentransporte aus den Pro. binzen ein, denn der Klerus scheint eben eine gründliche Razzia abhalten zu wollen. Und wer von den ihm mißliebigen Person- lichkeiten nicht ins Gefängnis wandert, wird ausgewiesen, ein Schicksal, das namentlich die Lehrer der weltlichen Schulen trifft, die, wie schon berichtet, alle geschlossen wurden unter der Beschuldi» gung, daß sie die anarchistische Werbung förderten. Besonders richtet sich die Wut der regierenden Clique gegen die Arbeitervereine. Alle Arbeitervereinignngen, die nicht reit- giösen oder reinen Fachcharakter haben, werden vom Gouverneur aufgelöst. Rußland. Ei» mißlungener Ausbruchsversuch politischer Gefangener. Petersburg, 2. September. In der S ch l ü s s e l b u r g, dem Gefängnis für politische Verurteilte, ist es dieser Tage zu einem Ausbruchsversuch gekommen. Als die Gefangenen unter Aufsicht von zwei Inspektoren ihre Arbeiten im GesängniShof aufnahmen, trat einer auf den Inspektor Rawda zu und schlug ihn mit einem Hammer nieder. Damit war das Signal zu einer allgemeinen Revolte gegeben. Der zweite Inspektor schoß darauf seinen Revolver auf die Revoltierenden ab. Durch die Schüsse wurden Truppen alarmiert, die die revoltierenden Gefangenen schnell bewältigten. Zehn Gefangene wurden ernst, doch nicht lebensgefährlich verwundet. Wir haben erst dieser Tage an der Hand der erschütternden Darstellung eines gefangenen russischen Genossen die furchtbaren Leiden geschildert, die die politischen Ge- fangenen in den überfüllten und verseuchten Gesängnissen deL Zaren und unter der brutalen Grausamkeit seiner Kreaturen erdulden. OrKd. Eine Anleihe in Amerika. Konstantiuopcl, 2. September. Wie die„Turquie" meldet, ent- sendet das Finanzministerium Delegierte nach Amerika, um über eine Anleihe von sechs Millionen Pfund zu ver- handeln._ Eine latente Miuisterkrise. Konstantinopel, 1. September. Eine Nachricht des Blattes „Jttihad", Arbeitsminister Noradnnghtan habe d e m i s s i o- n i e r t, ist unzutreffend. Der Minister, über dessen Prozeß gegen den Tanin, der ihn der Bestechlichkeit beschuldigte, wir gestern unter Letzte Depeschen berichteten, wohnte dem heutigen Ministerrat bei. Die Minister des Innern, der Finanzen und deS Unterrichts ver- langen die Demission Roradunghians, der sich aber weigert, abzudanken._ Der Aufstand in Albanien. Konstantinopel, 1. September. General Dschavid bereitet eine neue Expedition gegen die aufständischen A l b a n e s e n vor. In Jpek und Rugowo sind bereits große Truppen- massen versaminelt. Der Albanesenführer Jsa Poletin soll nach Montenegro geflüchtet sein. Belgrader Meldungen besagen, daß die Armee Dubeval Paschas kräftig gegen die Aufständischen vorgeht und sie von Ort zu Ort treibt. Ihre festen Häuser werden zerstört. Der letzte ernst- hafte Widerstand der Albancsen hatte sich bei Rugowo und bei Jpek konzeniriert. Auch dort siegten die türkischen Truppen, die Auf- ständische» wurden zersprengt, während die Armee nur geringe Ver- lnste hatte. perficn. Thronfolge und Amnestie. Köln, 1. September. Der„Kölnischen Zeitung' wird aus Teheran von heute telegraphiert: Der jüngere Bruder des Schah. Mohammed Hassan, ist zum Thronfolger bestimmt worden. Gelegentlich des heutigen großen Feiertags wurde eine A in» e si i e für politische Verbrechen erlassen. Sie ist nur für Teheran gültig. Teheran, 1. September.(Meldung der»Petersburger Tele» graphcn-Agentur".) In Llbwesenhcit Ivurdei: zu lebenslänglicher Verbannung verurteilt der Onkel des ehemaligen Schahs Naib es Saltaneh, der ehemalige Minister des Acnßern Bagadnr Sheng, der ehemalige Ministerpräsident und Finanzmiuister Saad ed Dauleh sowie neun andere Anhänger des ehe» m a l i g e n Schahs. Die Verurteilten befinden sich gegenwärtig in der türkischen oder der russischen Gesandtschaft. GcwcrkfcbaftUcbc� Die Arbeiterorganisationen in den Jndustriegrvppen. Es läßt sich leider heute noch nicht nachprüfen, wie weit der Organisationsgedanke unter den Erwerbstätigen in den einzelnen Jndustriegruppen vorgeschritten ist, das darüber existierende Material ist noch zu lückenhaft. Und ein Vergleich mit den amtlichen Zählungen läßt sich nicht durchführen, weil die Erhebungsmethoden zwischen ihr und den gewerkschaftlichen Statistiken verschieden sind. Aber nach einer anderen Rich- tung hin läßt sich heute schon ein Vergleich ziehen, nämlich inwieweit die einzelnen Arbeiterorganisationen an den Ge- werkschaftlern der einzelnen Industrien beteiligt sind. Vor einiger Zeit stellte die Generalkommission der Gewerkschaften eine Tabelle zusammen, in der die Gewerkschaften nach In- dustricgruppen getrennt waren, diese Zusammenstellung ist als Grundlage benutzt worden, aber so erweitert, daß die Gewerkschaften aller Richtungen, also außer den freien GeWerk- schaften, noch die christlichen, die Hirsch-Dunckerschen, die unab- hängigen, die gelben und die vaterländischen ebenfalls in die betreffenden Jndustriegruppen mit eingereiht worden sind. So ergibt sich dann für jede Jndustriegruppe die absolute Zahl der Organisierten, allerdings mit einer Einschränkung, es gibt gelbe und auch vaterländische Gewerkschaften die nicht auf beruflicher, sondern auf örtlicher resp. einzelbetrieblicher Grundlage aufgebaut sind, diese, und es sind die weitaus größte Mehrzahl dieser beiden Gewerkschaftsrichtungen, konnten nur im Endresultat erscheinen. In den einzelnen Jndustriegruppen sind die Zahlen für die beiden genannten Gewerkschaften in Wirklichkeit um einiges höher, bei der im Verhältnis aber so geringen numerischen Bedeutung dieser Organisationen fällt dies nicht allzu sehr ins Gewicht. Tes weiteren kommt noch hinzu, daß nicht für alle Gewerkschafts- richtungen die gleichen Zahlen gewonnen werden konnten, das statistische Jahrbuch gibt für die freien und christlichen Ge- werkschaften Jahresdurchschnittsziffern, für die übrigen Or- ganifationen Jahresschlußziffern, da die beiden zuerst ge- nannten von den 2,4 Millionen überhaupt Organisierten rund 2,0 Millionen ausmachen, so ergibt sich auch nach dieser Rich- tung noch eine Differenz: sie wird aber aus all den genannten Gründen nie wesentlich über die mitgeteilten Resultate hin- ausgehen.> In der nachfolgenden Zusammenstellung sind nun die überhaupt Organisierten jeder der genannten Industrie- gruppe zusammengezählt und dann gleich Hundert gestellt, für die einzelnen Arbeiterorganisationen der verschiedenen Richtungen ergibt sich dann der entsprechende Prozentanteil. Unter„verschiedene Berufe" sind einige Branchen zusammen- gestellt, die sich nicht in Jndustriegruppen einrangieren lassen, teils weil ihr Organisationsgebiet sich nicht mit einer In- dustriegruppe deckt, zum anderen weil sie nur ein Spezial- gebiet darstellen. Gewerkschaften •) In dieser Zabl sind, wie schon oben bemerkt, auch die örtlichen Vereine und die Gewerkschaften enthalten, welche sich mit keiner Jndustriegruppe decken. Die Schlußziffern zeigen das Stärkeverhältnis der ein- zelnen Gewerkschaftrichtungen zu einander, sie weisen aus, daß den freien Gewerkschaften mit 75,70 Proz. aller überhaupt organisierten Arbeiter, unbedingt und in jeder Be- ziehung der Name Arbeiterorganisation zukommt. Recht in- tcressant ist es. daß nach den christlichen die unabhängigen Getverkschaften kommen und nach ihnen erst die Organi- sationen Hirsch-Dunckerscher Richtung. Wird der Stärkeanteil der einzelnen Farben betrachtet. so ergibt sich, daß die freien Gewerkschaften über 90 Proz. aller Organisierten in der Holzindustrie, der Papier- und Lederindustrie, und dem Polygraphischen Gewerbe unter ihren Fahnen vereinigen. Dehnt man die Grenze bis 75 Proz. aus, so sind es die Textilarbeiter, das Handels- und Transport- gewerbe, die Bergarbeiter, das Gastwirtsgewcrbe und die Gemeindearbeiter, die noch weniger Anteil an den insgesamt Organisierten erhalten. Bei den Textilarbeitern sind es die Christlichen, bei den Transportarbeitern die unabhängigen Eisenbahner, bei den Bergarbeitern wieder die Christlichen, im Gastwirtsgemerbe unabhängige Köche- usw. Vereine, bei den Gemeindearbeitern christliche Krankenpfleger und Ge- nieindearbeiter. die sich in den weitaus größten Teil der übrig bleibenden Ouoke teilen. Die Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften sind m?t cmer Ausnahme" den Fabrikarbeitern, nirgends mit mehr als zehn Prozent an der Gesamtsumme beteiligt. Mit Ausnahme der Metallindustrie, dem Handels- und Transportgewerbe und der Bekleidungsindustrie, sind sie immer nur mit wenigen Prozent beteiligt., Die christlichen Getverkschaften konunen in der Starke- ouote an ziveiter Stelle. Es sind, wie schon gesagt, besonders Textilarbeiter, Bergarbeiter, Gemeindearbeiter und Gärtner, die eine nennensiverte Ziffer erreichen, sonst siyd es selten mehr als tO Proz. Die„Unabhängigen" treten als Gise-nbahner und als Koche und Gastwirtsgehilsen in starker Zahl an, sonst werden sie wenig bemerkt. Charakteristisch ist dies deshalb besonders, weil gerade in den beiden genannten Berufen die freien Ge- werkschasten noch nicht dominierend Fuß fassen konnten. Verantw. SUdälteur: Emil Unger, Berlin. Inseratenteil verantw.: Die Bedeutung der Gelben verschwindet ber dieser Zu- sammenstellung vollständig, wenn auch gejagt werden kann, daß sie numerisch in einzelnen Industrien recht stark aus- sehen, die Umbildung in prozentuale Verhältnisse zeigt ihre geringe Stärke in richtiger Beleuchtung. Nur im Nahrungs- mittelgewerbe erreichen die gelben Bäcker eine Ouote von fast 10 Proz. Die vaterländischen Gewerkschaften erreichen bei den Bergarbeitern gerade ein Prozent: im ganzen find es nur 0,76 Proz. mit denen sie beteiligt sind. Wenn die Statistik auch nicht absolut bis in die letzte Einzelheit zutreffend sein kann, schon aus dem Grunde nicht, weil sie die Mängel der amtlichen Statistik mit übernehmen mußte, so zeigt sich doch recht klar, wie verschieden die Ver- teilung der Arbeiter in den einzelnen Organisationsfarben in den Jndustriegruppen ist. Berlin und Umgegend. S-libarität! Heber 100 000 M. hat nun im Laufe weniger Wochen allein die Berliner Arbeiterschaft für die kämpfenden Brüder in Schweden aufgebracht. Die morgen im„Vorwärts" erscheinende Quittung der Berliner Gewerkschaftskommission kann als bisherige Ein- nähme eine Summe von 103 370,94 M. feststellen. 100 M. Gefängnisstrafe sollen nach unserer gestrigen Notiz „Unternehmerterrorismus" die Mineralwasserfabrikanten Berlins einem ihrer Kollegen zudiktiert haben, der einen Kutscher nicht nach Scharfmacherwunsch verhungern ließ. Natürlich handelt es sich um einen Fehler. Es muß heißen: 100 M. Geldstrafe. Deutsches Reich. Ei«„rocher de hronce"? DaS Tarifamt der Deutschen Buchdrucker fühlt sich gemüßigt, folgende Kundmachung von sich zu geben: Bekanntmachung. Auf Grund zahlreicher Anfragen und nach Kenntnisnahme von Artikeln, die seitens der Tagespresse unter Bezugnahme auf den Generalausstand in Schweden über den zweifelhaften Wert der Tarifverträge im allgemeinen und den des Buchdruckgewerbes im besonderen veröffentlicht worden sind, hat das Tarifamt der Deutschen Buchdrucker in seiner Plenarsitzung vom 23. August zu diesen Zuschriften und Publikationen Stellung genommen, soweit es sich hierbei um Angriffe und Schlußfolgerungen auf die Tarifgemeinschaft der Deutschen Buchdrucker handelt. Diesen Kundgebungen gegenüber erklärt das Tarifamt es tür ausge- schlössen, daß vor dem ordnungsgemäßen Ablaufe des tariflichen Vertragsverhältnisses und infolge der nebenher bestehenden be- sonderen Verträge, die zwischen den Arbeitgeber- und Arbeit- nehmerorganisationen im Buchdruckgewerbe abgeschloffen sind und die ausdrücklich Masseniündigungen. Arbeitsniederlegungen und Aussperrungen ausschließen, tiefgehende Störungen im deutschen Buchdruckgewerbe eintreten können. Berlin, den 24. August 1909. Das Tarifamt der Deutschen Buchdrucker. Georg W. Büxen st ein, L. H. G i e s e ck e, Prinzipalsvorsitzender. Gehilfenvorsitzender. Paul Schliebs, Geschäftsführer. Wenn das Tarifamt der Deutschen Buchdrucker zu einem alle Tiefen des gesellschaftlichen Lebens aufwühlenden Ringen wie dem Riesenkampf in Schweden nichts anderes zu sagen wußte, als daß eS ordnungsphiliströs seine wohlklausulierten Paragraphen über die Kündigungsfristen daneben hielt, so hätte eS im Interesse des eigenen Ansehens besser geschwiegen. Zerstört irgendwo ein Natur» ereigniS Länder, so wird man nicht mehr fragen, ob die not- gedrungene Einstellung der Betriebe oder die Arbeitsniederlegung auch in der vorgeschriebenen Form geschah. Ein gewaltiges politisches Ereignis oder eine große wirtschaftliche Katastrophe schwemmt ebenso alle Paragraphen beiseite. Als lange„vor dem ordnungsmäßigen Ablaufe des tariflichen Vertragsverhältnisses", ja bald nach feinem Abschlüsse eine der wichtigsten Bestimmungen „der nebenher bestehenden besonderen Verträge" eine Abänderung erfuhr, seufzte Herr Rexhäuser im„Korrespondent":„Die Verhältnisse sind eben mächtiger als die Menschen". Und jetzt glaubt man gewaltige wirtschaftliche Massenaktionen durch Tarifamtsentscheidungen bannen zu können! Zur Lohnbewegung in der Stettiner Herrenkonfektion. Statt aller Antwort auf den Tarifentwurf der Lohnkommission der Arbeiter haben die Unternehmer einen Tarif ausgearbeitet, der bedeutende Lohnherabsetzungen enthält, auch die verschiedenen Branchen nicht berücksichtigt, und nach einem Schreiben des Arbeit- gebervcrbandes am 1. Oktober eingeführt werden soll. So leicht, wie die Unternehmer es sich vorstellen, wird die Sache allerdings nicht gehen. Eine kombinierte Mitgliederversammlung des Schneide rverbandes und des Gewerkvereins(H--D.) nahm gegen den Unternehmertarif entschieden Stellung und erklärte in einer Reso. lution: .jBei Festlegung der Löhne durch einen Tarifvertrag in einem Berufe müssen tunlichst alle in demselben enthaltenen Branchen berücksichtigt werden. Da jedoch der Arbeitgeberver- band eS ablehnt, eine Tarifierung der Löhne für Näherinnen. Biigler und Einrichter vorzunehmen, da ferner nur auf Grund des ArbeitgebertarifeS verhandelt werden soll, welcher in vielen Positionen Lohnreduzierungen vorsieht, lehnt es die Arbeiter- schaft in der Konfektion ab, auf Grund eines solchen einseitigen Tarifentwurfes zu verhandeln. Jedoch beauftragt die Versamm- lung die Lohnkommission, erneut Verhandlungen anzubahnen, eventuell ist daS Gewerbegericht als EinigungSamt anzurufen, um auf friedlicher Basis zu einem geregelten Arbeitsverhältnis zu kommen." Die Einmütigkeit der Konfektionsarbeiter wird ihren Ein. druck auf die Unternehmer sicher nicht verfehlen und sie zu Ver- Handlungen auf der Grundlage des Tarifentwurfs der Lohnkom- Mission geneigt machen. Jedenfalls ziehen die Arbeiter eine tarifl ose Zeit dem Lohntarife des ArbeitgeberverbondeS entschieden vor._ Die dem Staate besonders niivllw«» Eteuientr! In Greifswald hat am Sonnabend der 29 Jahre alte böhmische Maurer Raiter feine Logiswirtin, eine alte Witwe, er- mordet und deren 29jährige Tochter lebensgefährlich verletzt. Tie Tat verübte R., weil die Frau ihn an das schuldige Logisgeld gemahnt hatte. Raiter ist einer der Streikbrecher, die an- läßlich des 42wöchigen Kampfes der Greifswalder Bauarbeiter» schaft im Jahre 1900 herangezogen worden. Einer der größten Scharfmacher hat diesen„Helden" bis jetzt beschäftigt; es war sein Liebling. Bei ihrem damaligen Einzug hatte man die ganze Schutzmannschaft aufgeboten, um diese Burschen zu schützen; selbst bei der Arbeit wurde diese Gesellschaft bewacht. Von sindtischen Arbeitsplätzen, auf denen Ausgesperrte in aller RechtSform ar- beiteten, wurden letztere vertrieben. Greifswalder Maurer hat man auf Aussagen derartiger Streikbrecher ins Gefängnis ge- warfen, obwohl sie in dem 42wöchigen Kampfe nur Streikposten standen. Sogar Messerstiche mußte sich ein als sehr ruhig be- kannter Maurer von dem einen dieser Burschen gefallen lassen, ohne daß der Staatsanivalt eingeschritten wäre. Der Mörder ist verhastet worden, der eigentlich Schuldige aber ist das gewissen. lose Unternehmertum, das solche minderwertigen Elemente ins l Land bringt._'_>_ Ach. Glocke, Berlin. Druck u.Verlag: Vorwärts Buchdr. u. BerlagSanstal» Kleinbürgerlicher Lohnkampf. Ein interessanter Lohnkampf spielt sich jetzt in der Metorpole der deutschen Stickereiindustrie, in Plauen i. V., ab. Die in ihrer Mehrzahl bisher indifferenten, zum Teil noch den Liberalen nachlaufenden Sticker sind in Be- wegung gekommen und stellen in großen Versammlungen ihre Forderungen. Ten Anstoß dazu gaben die Lohnschiffchenstick- inaschinenbesitzer. Im dortigen Gebiet existiert zwischen den Großfabrikanten und den Stickern noch eine sehr große Schar rleingewcrblicher Unternehmer, eben die genannten Lohnschisfchen- stickmaschinenbesitzer. Sie arbeiten auf eigenen Maschinen und beschäftigen eine kleine Anzahl Gehilfen. Das Produkt liefern sie an den Fabrikanten. Diese kleinen Unternehmer haben nun vor kurzem den Fabrikanten durch ihre nuincrisch starke Organisation einen erhöhten Lohntarif überreicht. Gleichzeitig kündigten sie an, daß, wenn der Tarif bis zum 15. September nicht bewilligt ist, sämtliche Maschinen, über welche sie verfügen, zum Stillstand gebracht werden sollen. Die Fabrikanten lehnten aber den ein- gereichten Tarif ab und nun lag es an den kleinen Unternehmern, am letzten Ende ihren vorher sehr trotzigen Reden die Tat folgen zu lassen. Dazu brauchte mau jedoch die Arbeiter, auch die nicht bei den kleinen Unternehmern beschäftigten Sticker hätten mit herangezogen werden müssen. Die im Textilarbeiterverband or- ganisierten Sticker hatten an ihrer Bereitwilligkeit, den Lohn- schiffchenstickmaschinenbesitzem beizustehen, keinen Zweifel gelassen. Jetzt zeigte sich aber wiederum die mangelnde Verläßlichkeit klein- bürgerlicher Elemente. Der in der Versammlung der Lohnschiffchen« stickmaschinenbesitzer von vielen Rednern gemachte Vorschlag, mit den Stickern gemeinsame Sache zu machen und alle Sticker auf- zufordern, sich dem Deutschen Textilarbeiterverband anzuschließen, wurde von dem Syndikus des Maschinenbcsitzervcrcins, einem Rechts- anwalt, mit dem Bemerken zurückgewiesen, die Lohnschiffchenstick- maschinenbesitzer seien doch in ihrer Mehrzahl nationalliberal und da könne ihnen nicht zu» gemutet werden, ihre Sticker zum Beitritt in eine sozialdemokratische Organisation aufzu» fordern. Dafür machte er den Vorschlag, die Durchführung der Sache den Leitern allein zu überlassen. Man möge dem Beschlutz des Ausschusses zustimmen, wonach der Stichlohn der Sticker um 3 Pf. pro 1000 Stich gekürzt wer» den soll, wenn der Tarif von den Fabrikanten nicht bewilligt wird. Dadurch soll auf die Sticker ein Druck ausgeübt werden. Dieser Vor- schlag wurde mit großer Majorität zum Beschluß erhoben. Das hat die Sticker in Gärung und Bewegung gebracht. Der Lohn der Stickcr ist in der Zeit der Krise sehr gefallen. Vorddm wurde im Durchschnitt 18—20 Pf. pro 1000 Stich gezahlt, jetzt ist er bis auf 13 Pf. gesunken. Dazu kommen noch die großen im ganzen Stickergebiet üblichen Betrügereien. Der Unternehmer gibt auf den Schablonen weniger Stiche an als das Muster enthält. Da der Sticker das beim Arbeiten nicht ohne weiteres nachprüfen kann. bekommt er die zu wenig angegebenen Stiche nicht bezahlt. So wurde in voriger Woche durch die vom Textilarbeiterverband in Falkenstein errichtete Stichzählstelle an einem Muster festgestellt, daß selbiges statt der angegebenen 60 000 Stiche 110 00O Stiche hatte. Der Arbeiter war also um den Lohn für 44 000 Stiche betrogen. Die Sticker haben nun beschlossen, jede Lohnrcdultion mit allen Mitteln zurückzuweisen und, um den vorgenannten Be. trug unmöglich zu machen, die Anbringung von Stichßählapparaten an den Maschinen anzustreben. Ob nun die kleinbürgerlichen Elemente des Maschinenbesitzervereins wirklich versuchen werden, den gefaßten Beschluß durchzuführen, bleibt abzuwarten. Gerichts-Leitung. Strahenpolizcivcrr.l nung gegen GeschäftsreName. Auf einem Lichtschirm, den er in seinem Schaufenster aufgestellt hatte, ließ der Kaufmann Kölliug in Erfurt tiueumtogra» phische Bilder erscheinen, um auf diese Weise Reklame zu machen. Die Polizei verlangte wegen der Menschenansammlungen vor dem Schaufenster, daß K. den Lichtschirm und den Projektionsapparat aus dem Laden entferne. K. tat das nicht. Daraufhin wurde er in zweiter Instanz vom Landgericht wegen Uebertretung der Stratzenpolizeiverordnung zu einer Geldstrafe verurteilt. Und zwar sollte er die Bestimmung übertreten haben, wonach den Poli- zeilichen Anordnungen Folge zu leisten ist, welche zur Erhaltung der Sicherheit, Ordnung und Leichtigkeit des Verkehrs auf der öffentlichen Straß? ergehen. Diese Vorschrift sei anwendbar, wenn sich auch die Anstoß erregenden Vorrichtungen im Laden und Schau- fcnster befanden. Entscheidend sei, daß ihre Wirkung auf der Straße in� einer Weise, die den Verkehr hinderte, in die Erschei- nung trat. Die Anwendung der Stratzenpolizeiverordnung werde auch nicht gehindert durch 8 2 des Reichs-PreßgeseheS, wonach dieses Gesetz auch auf Vervielfältigungen bildlicher Darstellungen anzuwenden sei. Denn kinematographische Projck» t i o n e n seien keine Vervielfältigungen bildlicher Darstellungen. Der Angeklagte hätte die polizeilick« Aufforderung beachten müssen. — Der Fericnstrafsenat des Kammergerichts verwarf die gegen dies Urteil eingelegte Revision. Die Stratzenpolizeiverordnung sei ohne Rechtsirrtum auf den vorliegenden Tatbestand angewendet worden. lUt2te JVacbnchtcn und vepelcden. Endlich daheim. Friedrichshofen, 2. September.(W. T. B.)„Z. III" ist nach einer ununterbrochenen Fahrt von 221/s Stunden um 9 Uhr 30 Minuten hier eingetroffen und um 9 Uhr 40 Minuten nach glatter Landung in die Halle gebracht worden. Riefenbrand. Köln, 2. September.(B. H.) Ein heute abend 7M, Uhr aus» gebrochenes Großfeuer äscherte den Pionier-Pontonschuppen im benachbarten Deutz ein. Die Flammen schlagen haushoch und sind jetzt noch weit über dem Rhein sichtbar. In dem Schuppen befand sich vornehmlich ein großer Kriegsbestand an Pontons. Der Schuppen ist bereits bis auf die Umfassungsmauern ausgebrannt. Das brennende Holz verursacht große Hitze. Da starker Nordwest- wind herrscht, hat auch das Feuer schon auf die benachbarten Häuser übergegriffen. Die gesamte Feuerwehr von Köln ist zur Stelle, auch eine Maschinengewehrkompagnie von Deutz ist bereits angekommen. Die Feuerwehr kann sich nur darauf beschränken, die benachbarten Wohnhäuser zu isolieren. Die Ursache des Brande? ist noch nicht festgestellt, ebensowenig ob Personen umgekommen sind. Um S%, Uhr dauerte der Brand noch fort. Die Bevölkerung von Köln zieht zu Tausenden„nach der Brandstelle und hält die Brücken besetzt. Ein Mariiiekommandeur verurteilt. Sebastopol, den 2. September.(W. T. B.) Das Mnrine. Militärgericht verhandelte heute in der Angelegenheit de» Zu. sainincnstostes bcs Nnterfeelxwtes Kambala am 12. Juni mit dem Panzcrschiss Nostisslnw im hiesigen Hafen, bei dem der Chef der UntersccbootSabteilung, Kapitän Bjclikow, sowie zwei Dcckofsiziere und 17 Matrosen ertrunken sind. Das Gericht sprach den Kam. mandeur Sapsai dcS Panzerschiffes Rostisslaw frei und vcrur- teilte den Kommandeur Aauilonow des Unterseebootes zu einer sechsmonatigen Festungshaft und Kirchenbuhe._ löülSinger KCo., Berlin SW. Hierzu 3 Beilagen„.NnterhaltnngSbl. Dr. ZG. 26. Jahrgang. L leite des.Ärmels" Inliier WilrsM Fttitag. 3>Keptembti!M. Sechste Wernstionale llonferen? Ser Sekretäre«ler gewerkschaftlichen canäesaentralev. Paris, S1. August. Morgenfitznug. Zlvetot-Frantrerkh, der den Vorsitz fiihrt, fordert bei der Er- offuung der Sitzung die Delegierten auf, sich möglichst kurz zuhalten, damit die Tagesordnung erledigt werden kann. Lian-Norwegen begründet den zun, Bericht des internationalen Sekretärs gestellten Antrag Norwegens: „Als Grundlage für die jährlichen statistischen Berichte der Landesorganisationen an das Internationale Sekretariat sind solche Bestiminungen auszuarbeiten und solche Be- Zeichnungen festzusetzen, dasj für die Angaben möglichst einheit- lichc Voraussetzungen geschaffen werden." Der Antrag wird ohne Diskussion angenommen. Legicn ergreift zu dem von Deutschland gestellten Antrag das Wort: „Die Konferenz beschließt, die gewerkschaftlichen Landeszentralen zu ersuchen, die Streik st ati st ik einheitlich zu führen und sofern diese Statistik durch staatliche Behörden aufgenommen wird dahin zu wirken, daß die Aufnahme nach einheitlichen Grund- sähen erfolge." Redner bemerkt dazu, daß eS vor allem nötig sei, jede Arbeits- cinstellluig, ganz unabhängig von der Zahl der daran Beteiligten als Streik zu zählen. Der Antrag wird ebenfalls ohne Diskussion an- genommen. Zu einer langen Debatte gibt der folgende Antrag Deutsch- 1 a n d S Veranlassung, der lautet: .Die Konferenz wolle feststellen, welche Schritte von den einzelnen Landeszentralen unternommen worden sind, um den ein- stimmig gefaßten Beschluß der letzten internationalen Konferenz in Kristiania 1907 zur Durchführung zu bringen, der da lautet:„Die Konferenz ist der Meinung, daß Mitglieder solcher Verbände, die der gewerkschaftlichen Zentrale ihres Landes angeschlosicn sind, wenn sie in einem anderen Lande zureiscn und eine Abmeldungs- befcheinigung ihrer bisherigen Organisation vorlegen, als Mitglieder aufgenommen werden muffen. Soweit keine anderweitigen Ab- machunqen zwischen den einzelnen Berufsorganisationen bestehen, gelten folgende UebertrittSbedingungen: a) Das in der bisherigen Organisation gezahlte Eintrittsgeld wird angerechnet. Sollte das von Inländern erhobene Eintrittsgeld in der neuen Organisation höher sein als in der alten, so kann die Differenz erhoben werden. b) Bezüglich des Anspruchs auf Unterstützungen und andere Vor- teile wird die Summe der in der bisherigen Organisation ge- zahlten Beittäge angerechnet, jedoch mit der Maßgabe, daß auf keinen Fall eine längere Mitgliedschaft angerechnet wird, als tat- sächlich vorhanden ist.— Die anwesenden Delegierten verpflichten sich, diese UebertrittSbedingungen der nächsten Sitzung der zu- ständigen Körperschaft vorzulegen und deren Annahme zu empfehlen." Saffcnbach- Deuffchland: Unseren Antrag haben wir besonders in Hinsicht auf die in England herrschenden Verhältniffe gestellt. In England werden gute Genoffen, die in ihrem Heimatlande ihren Organisationen angehörten, als Nichtorganisierte bettachtet, wenn sie sich bemühen, den englischen Organisationen beizutreten. England verschließt sich den gewerkschaftlich organisierten Arbeitem der anderen Länder. Deswegen haben wir schon in Kristiania die englischen Delegierten ersucht, dafür zu sorgen, baß in ihren Gewerkschaften die zureisenden Gewerkschaftsmitglieder anderer Länder anerkannt werden. Wir haben ihnen die Konzession gemacht, daß wenn ihre Beiträge höher sind, sie die Differenz erheben können. Die engl, schen Delegierten erklärten, einem direkten Beschluß der Konferenz sich widersetzen zu müssen, aber wenn sie nur ihre Meinung ausdrücken wolle, dafür zu sorgen, daß diese Frage den Organisationen unterbreitet würde. Zwei Jahre sind setther vergangen und wir haben nicht gehört, daß in England in dieser Hmsicht etwas geschehen ist. Wir wissen sehr gut die Schwierigkeiten zu schätzen. die bestehen, und wissen, daß alteingewurzelte Eigenschaften nicht so ohne weiteres abgeschafft werden können. Wir möchten jedoch wissen. was die englischen Delegierten getan haben, um den Beschlüssen von Kristiania Geltung zu verschaffen. Appleton-England: Die Zentrale der englischen Gewerschasten ist nicht imstande, den einzelnen Gewerkschaften bei diesen Angelegen- hciten hineinzureden. Sie sind vollständig autonom und würden Weines femtteton. Parseval geht zur Flugmaschine über. Diese Abficht hat der deutsche Lustschiffer, der den großen Fliegerwettkämpfen von Reims beiwohnte, gegenüber einem Interviewer des„New Kork Herald" geäußert.„Offen gestanden", so sagte Major Parseval.„ich hatte leine Vorstellung davon, daß die Flugmaschine so gut und so lange fliegen könne. Die Voisin- und die Wright-Maschine hatte ich bereits gesehen, aber noch nie einen Eindecker. Die Antoinette und die BlSriot- Apparate waren für mich eine Offenbarung. Die Flug- ivoche und die großartigen Rckordflüge haben mich über- wältigt." Der Luftschiffer hält die Zeit noch nicht für ge- loinmen, um beurteilen zu können, welches System der Flug- Maschinen das beste ist. Die Hauptsache ist der Motor, meinte er; ein guter Motor würde selbst einem mangelhaften System zum Fluge verhelfen, während ein schlechter Motor das beste System an wirklichen Erfolgen verhindern würde. Als Paseval nach seiner An- ficht über die Flugmaschine der Zukunft gefragt wurde, äußerte er, daß nach seiner Ansicht sowohl die Eindecker wie die Zweidecker sich bewähren würden.„In Frage der Schnelligkeit scheint das Monoplan in dieser Woche seine Ucberlegcnheit bewiesen zu haben, jedoch wenn auch die Voisin und die Wright-Maschincn langsamer sind als Antoinette und Vleriot, so ist damit der Zweidecker keineswegs ver- urteilt angesichts der außerordentlichen Geschwindigkeit, die Courtiß entwickelte." Parseval hält den Apparat von Courtiß für die beste Maschine in ReimS und rühmt ihre absolute Zuverlässigkeit. Vom ästhetischen Standpunkt gebührt dem Apparate von Latham die Palme: dessen Eindecker wirkt in seiner Grazie und Eleganz wie eine Verkörperung des Fluggedankens. Parseval läßt zurzeit in Berlin eine Flugmaschine konstruieren, die sich an die Modelle von Antoinette und Blöriot anlehnt. Er hält die Voisin- Maschine für die bequemste; die Steuerung der Wright- Maschine sei außer- ordentlich anstrengend und ermüdend, weil man unausgesetzt steuern -r.d die Hebel bewegen niuß. Nach Parsevals Ansicht wird die Flugmaschine in Zukunft zun, Reisen mehr bevorzugt werden als die Luftschiffe, die schwer zu handhaben sind und für die Füllung und Entleerung zu viel Zeit beanspruchen.„Die endgültige Entwickelnng der Luftschiffahrt kann niemand voraussehen, wenngleich sicher ist, daß die Flugmaschinen, tvie allgemein ihr Ge- brauch auch werden mag, innerhalb von Städten kaum verwendet werden können. Andererseits ist kein Grund zu», Zweifeln, daß sie in einigen Jahren allgemein benutzt werden können, ganz abgesehen von der Schnelligkeit, die sie als Beförderungsmittel ermöglichen. Ich bin hierher gekommen, um die neuesten Fortschritte kennen jju lernen, und habe gesehen, daß ich mit meinem Ballon weit zurück bin. Bon nun an werde ich mich den Flngmaschinen widmen..."1 jeden Versuch, diese Autonomie zu verletzen, scharf zurückweisen. Die Schwierigkeiten werden dadurch geschaffen, daß die englischen Ge- werkschasten außerordentlich hohe Beiträge erheben. Wenn sich der Kongreß der Trades-Nnions mit dieser Frage nicht beschäftigt hat, so liegt das daran, daß das föderale Komitee nicht das Recht hat, solche Anträge zu stellen. Das kann nur von einer angeschlossenen Gewerkschaft aus geschehen. Jaszai-Ungarn stellt den Anttag, daß die Landeszentralen den Mitgliedern, die ins Ausland gehen, Legitimationskarten geben, damit sie nicht nur das Verbandsbuch haben. Hueber-Oesterreich: Die internationale Vertretung der Gewerkschaften erfüllt nur i h r e i, Zweck, wenn sie die Freizügigkeit d er Mitg Ii e d e r für alle Länder wahrt. Was wir von unseren Machthabern verlangen, muffen wir selbst auch durchführen. Wenn die englischen Delegierten sagen, sie könnten als Zentralkommission die Initiative nicht ergreifen, so ist das vom englischen Standpunkt aus zu verstehen. Aber sie können doch ihrem Kongreß über die Beschlüsse der, internationalen Konferenz Bericht erstatten, daran würde sich dann sicher eine Debatte knüpfen. Wir haben kürzlich in Oesterreich eine ganze An- zahl internationaler Konferenzen gehabt und es hat sich heraus- gestellt, daß viele der englischen Delegierten über die Bcschlüffe unserer internationalen Konferenzen nicht unterrichtet sind. Der Bericht über unsere Beschlüsse könnte doch auf die Tagesordnung des nächsten englischen Gewerkschaftskongresses gesetzt werden. Das wäre doch kein Eingriff in die Autonomie der englischen GeWerk- schaften. Platonische Beschlüsse, die wir hier fassen, ohne reale Grundlage sind ohne Wert. Die Verbindung mit England ist sehr nötig geworden: das hat sich besonders in der letzten Zeit gezeigt. Früher hat der Kontinent England mit Streik- brechen, versorgt, heute hat England schon eine genügende Reservearmee, um dem Kontinent Streikbrecher zu schicken. Unsere österreichischen Gewerkschaften sind mit jeder einzelnen deutschen Gewerkschaft vertraglich gebunden— nur durch die Grenzen sind wir getrennt, sonst bilden wir einen Kampfkörper. So muß auch die Verbindung mit allen anderen Ländern werden. Wenn England zu dem zur Diskussion stehenden Punkt keine Aenderung herbeiführen kann, so müssen wir uns auf der nächsten internatio- nalen Konferenz fragen, ob die jetzt bestehende Verbindung über- Haupt einen Zweck hat. Oudegecst-Niederlande ftagt die englischen Delegierten, ob sie wirklich über die Beschlüffe von Kristiania so ungenügend Bericht erstatt-t hätten, obschon da? ausdrücklich befchlossen worden wäre. Appleton-England: Es ist uns unmöglich, unseren Arbeitern zu sagen: die internationale Konferenz hat das und das beschlossen, handelt danach. Wir sind ein demokratifches Volk. Die ausländischen Genossen kennen unsere Verhältnisse nicht genügend. ES wäre besser, wenn die einzelnen Gewerkschaften miteinander in Verbindung ttäten. Daß wir keinen Bericht erstattet hätten, ist falsch. Es ist auch nicht fein, unS die Stteikbrecher borzuwerfen, wo man weiß, daß diese in keinem Lande schärfer verurteilt werden als in England. Wir wollen alles tun, was möglich ist, aber wir können uns nicht binden. HuySmans-Belgien: Es ist recht seltsam, daß gerade von den Amerikanern und Engländern unS immer das demokratische Prinzip vorgehalten wird, da doch gerade sie als Führer auf ihre Organi- sattonen bekanntlich einen entscheidenden Einfluß ausüben. Die Konferenzen sind dazu da, um über die Durchführung der gefaßten Resolutionen zu sprechen. Appleton meint, die kontinentalen Gcwcrk- schasten sollten die Beschlüffe durchführen, was aber die englischen Gewerkschaften betreffe, so solle man sich mit jeder einzelnen der zwei- bis dreihundert englischen Gewerkschaften ins Einvernehmen setzen. Wenn er darauf hinweist, daß es schwer sei, bei der großen Mitgliedcrzahl von zwei Millionen solche Beschlüsse in England durchzuführen, so verweise ich auf Deutschland, das cbensalls zwei Millionen Mitglieder hat. Und von Deutschland kommen die meisten Klagen. Ich bin überzeugt, daß. wenn eS umgekehrt wäre, Legien dafür zu sorgen wüßte, daß die Deutschen den gefaßten Be- schlüsien nachkämen. ES bestehen ja schon eine Anzahl von Gegen- feitigkeitsverträgen zwischen einzelnen Verbänden. Ich hoffe, daß die Engländer, die als Parlamentarier Präzedenzfälle lieben, sich daran ein Beispiel nehmen und dafür sorgen, daß die Beschlüsse endlich durchgeführt werden. Jouhanx-Frankreich: Wir sind mit dem deutschen Antrage ein- verstanden. Für uns besteht aber der seltsame Fall, daß die meisten der ausländischen Arbeiter nicht in unsere Gewerkschaften eintreten wollen, ja daß sie nationale Organisationen neben der französischen gründen. Besonders bei den Deutschen ist das der Fall. Es besteht hier ein deutsches Gewerkschaftskartell. Die Deutschen sollten dafür sorgen, daß ihre Landsleute der C. G. T. beitreten, die alle Fremden willkommen heißt. Legten: Wenn sich die Sache so verhält, so bin ich von den Der bedrohte Tempel von Philae. Durch die neuen Stau- anlagen am Nil ist bekanntlich der Tempel von Philae bedroht. Wie der Regierungsbaumeister TholcnS im Zentralblatt der Bau- Verwaltung ausführt, beruht die Hauptgefahr auf der durch die Stauanlagen hervorgerufenen periodischen Erhöhung und Senkung des Wasserspiegels, der den Tempel bald überflutet, bald wieder der Luft aussetzt. Bei dem Wasserstande, der während der günstigsten Reisezeit, Januar bis März, in Aegypten herrscht, muß man im Boot den reizenden sogenannten Kiosk besuchen. Zu Wasser gelangt man weiter durch den � unvollendeten Säulenvorhof des Haupt- tempels unter dem mächtigen ersten Pylon hindurch in den Haupt- Hof. Diese Tempel werden durch die Stauerhöhimg bei Affuan noch um sieben Meter mehr überflutet werden. Ja, der Tempel des Neltanebo II., die Säuleuhalle vor dem ersten Pylon, der Hathor und der Isis Usret werden nach 1912 in jedem Jahre von Anfang Januar bis Ende März vollständig jüberspült werden, während der erste und zweite Pylon, der große Tempel der Isis und der Kiosk des Trojan in dieser Zeit noch teilweise aus dem Wasser herausragen werden. Eine Einsturzgefahr infolge unzureichender Gründung besteht nicht. Aber die Zeit muß lehren, wie lange die Außenflächen der Sandsteinstempel mit ihren Inschriften und ihrem Bildwerk dem Wechsel von Naß und Trocken, den Wirkungen der auswitternden Salze, dem Lecken der Wellen widerstehen werden. Theater. BerlinerThcater:„DaSLebenSfest". Lustspiel in drei Akten von Karl Rößler.— Die Theatersaison kommt auch in diesem Jahre nur langsam in Fluß. Die Direktionen halten aus naheliegenden Gründen anfangs ihre Trümpfe zurück und begnügen sich damit, erst einige Fühler vorsichttg auszustrecken. Novitäten, zu deren Aufführung man sich in schwacher Stunde kontraktlich ver- pflichret hat, und alte biedere Ladenhüter, bei denen nicht viel zu riskieren ist, werden als erstes Kanonenfutter ins Treffen geschickt. Auf der Bühne und im Parkett herrscht noch mildsröhliche Ferien- stimmung. So durfte uns das Berliner Theater der Herren Meinhard und Bcrnauer am vorgestrigen Mittwoch als EröffnungSstiick einen Schwank bieten, den man vor Jahren, als er neu war, nur ans sommerlichen Gastspieltouren zu präsentieren wagte und den sein Autor inzwischen durch wesentlich wertvollere Arbeiten überholt hat. Der vortreffliche Rößler ist einer der wenigen nnaffektierlen und ganz iviirzelcchten BohomienS«ntcr den zeitgenössisckicn deutschen Literaten und er keimt das Milieu und die Kreise, die er in seinem Miiiichencr Maler-Bohümestück zu schildern versucht, sehr genau. Als origineller Beobachter hat er seinen Koinödiciitypen immerhin manchen neuen Zug verliehen l»id als echter, nicht nur gcist-, sondern auch humorvoller Poet prägte er manche» feine und fein charakterisierende Wort. Aber er brachte doch leine plastisch gezeichneten, lebendigen Menschen zustande, nnd die eigentliche Handlung, die er als dürftige und wackelige Stütze hiesigen deutschen Genossen falsch unterrichtet. Ich dachte, ihre Or- ganisatton sollte lediglich dazu dienen, um die ankommenden deutschen Genoffen, die der Sprache nicht mächtig sind, den französischen Organisationen zuzuführen. Wenn es nicht so ist, so lverden wir die Verbindung mit dem hiesigen deutschen Kartell abbrechen. Denn wir können es nicht dulden, daß noch eine nationale Sonderorganisation neben der Zentrale besteht. Jouhaux nimmt Kenntnis von der Erklärung LegienS und weist noch einmal darauf hin, daß wenige ausländische Arbeiter den fran- zösischen Gewerkschaften angehörten. Hucbcr fragt an, ob die im deutschen Kartell Organisierten nicht zugleich den französischen Gewerkschaften angehörten? Jouhaux weiß nichts Genaues, er weiß nur, daß die Mehrheit ihnen nicht angehört. Bukseg-Kroatien will durchgeführt wissen, daß gemäß dem Be- schluß von Kristiania die Berufsverbände nicht nur ihrem inter- nationalen Verband, sondern auch ihrer nationalen Zentrale an- geschlossen sind. DaS Jittcruatioilale Sekretariat. ES komnit nun Punkt 2 der Tagesordnung: Das Internationale Sekretariat zur Verhandlung. Es liegt folgender Antrag der Niederländer vor: Die Konferenz ernenne einen besoldeten Beamten, der den Verkehr zwischen den verschiedenen Landes- zentralen zu vermitteln hat; dazu wird ihm neben den allgemeinen Bureauarbeiten die Herausgabe eines KorrespondcnzblatteS oder die regelmäßige Redaktion von Zirkularen zugewiesen. Oudegcest, der den Antrag begründet, sagt, daß der Vorsitzende der deutschen Gewerkschaftsorganisatton, der die Arbeit des Inter- nationalen Sekretariats ausgeübt habe, zu sehr überlastet sei. Die Anstellung eines besoldeten Sekretärs unter seiner Leitung sei wünschenswert. Der bisherige Informationsdienst, der hauptsächlich durch das deutsche„Korrespondenzblatt" besorgt worden sei, habe nicht genügt. Huebcr macht darauf aufmerksam, daß die Personenfrage wie die Finanzftage nicht so leicht zu lösen sei. Am besten wäre eS, dem Internationalen Sekretär die Anstellung einer Hilfstraft zu überlassen. Die deutsche Gencralkommission möge weiter ein Elaborat über die Errichtung eines Internationalen Sekretariats mit Berücksichtigung der Personen- und Budgetsrage der nächsten Konferenz vorlegen. Legien: Schon die Amsterdamer Konferenz hat dem Sekretär 1299 Frank für Honorierung eines Hilfsarbeiters bewilligt, heute brauchen»vir schon eine volle Arbeitskraft. Die Ausgabe eines be- sonderen Korrespondenzblattes scheint mir unnötig, da wir ohnehin mehr Gewerkschaftsliteratur haben als wir verdauen können. Ein Zirkular genügt. Oiidrgcest ist damit einverstanden. Er wünscht nur häufigere Versendung eines Zirkulars. In diesem Sinn wird der holländische Anttag angenommen, ES liegt weiter ein Antrag Dänemarks vor, dessen erster Teil indes durch den eben angenommenen Antrag erledigt ist. Der zweite Teil besagt, daß bei Konflikten von inter« nationalem Interesse die verschiedenen Landes« zentralen auf Aufforderungen des Internationalen Sekretariats einen Delegierten zu einer Konferenz entsenden sollen. Legien meint dazu, daß vorläufig wohl ein briefliches Ein- vernehmen genüge. Die internationale Verbindung sei noch nicht enge genug. Die Frage der gegenseitigen Unttrstützunaen ist ja jetzt noch den Landeszentralcn überlassen, auch sind die Kosten zu groß. Auch die Informationsreisen des Jnteniattonalen Sekretärs in das Streilland sind zurzeit noch nicht durchführbar. Die skandinavischen Genossen mögen sich mit der Anregung begnügen. Der Anttag wird zurückgezogen. NachmittagSsitzmig. Ein Begrüßungsschreiben der serbischen Gewerkschaften ist eingelaufen. Der Antrag Nordamerikas auf das Studium der Frage der Errichtung einer inter« nationalen ArbeitLkonföderation wird begründet von GompcrS: Wir wollen nichts, als daß unser Anttag beraten werde. Wir Amerikaner sind manchmal etwas eigen in unseren An- schauungrn. Auch haben die Worte bei unS oft eine große Be- deutung. Der Name Internationales Sekretariat sagt uns nichts. Wir müssen einen anderen Namen und eine andere OrganisationS- form haben. In der internationalen Organisation wollen wir nicht einen Platz für akademische Erörterungen, sondern für ernste praktische Fragen deZ allgemeinen Wohlergehens der Ar- beiterschaft haben. Wenn tvir Amerikaner, wie ich dessen gewiß bin. ein Teil der Internationale werden, wollen für daS üppig überwuchernde Gerank seiner bunten Milieuszenen zusammenleimte, ist ein schlechthin ungenießbares Produkt aus Blumenthalschcr Possenphautasie und übelster Schliersee- Sentimentalität. Den malenden Gemütsathleten, der die kokette Berliner KommerzieiiratStochter Lulu von sich gibt, um der armen goldhcrzigen Kollegin Centa treu zu bleiben, würde sich unser Premicrenpublikum in der strengeren Jahreszeit kaum gefallen lassen, zumal wenn die Hauptfiguren so aeist- und anmutlos agiert werden, wie eö durch Karl Clewing'(Richard Maier LandSbcrg), Julia Serba(Centa Oerterer) und Hedwig Lange(Lulu Schorner) geschah. Gestern aber blieb man trotz allem bei guter Laune und spendete sowohl dem Stück als den Darstellern, unter denen Albert Heine in der Rolle des cholerischen Neurasthcnikers Rodcrich und K l a r a G c r n o d als hypermoderner Blaustrumpf Maxime angenehm hervortraten, fteiindlichcn Beifall. J. 8, Im Kammcrspieltheater setzt das Ensemble deS Neuen Schauspielhauses sein Sommergastspicl mit Max Bernsteins:„Die Sünde" fort. Das bereits früher in Berlin zur Aufführung gelangte Lustspiel, an dem der Einschlag münchnerischen Humors und eine wirksam auf äußerliche Kontraste gestellte Mache das beste sind, vermag die Zuschauer immerfort aufs angenehmste zu erbeitern— dank einer durch prächtige Dekorationen unterstützten Negierunst, die Geschlossenheit ansttebt,' sowie vortreff- licher Leistungen einzelner Hauptdarsteller. Ernst Arndt als alter renoinmistischer Schmicrenkomvdiant Zumbufch schießt da den Vogel ab. Die Rolle des Paul voß, einst von Harry Waiden„krcirt", wurde von Erich K a i s e r- T i tz ansprechend gegeben. Artur R e tz b a ch S Staatsanwalt war eine gut urnriffenc Karikatur, die einem Mädel wie Charlotte Müller(Klara G o e r i ck e) nicht wohl behagen konnte. Albert Boree stellte den Rentier Pröll in Maske und Gehaben typisch hin. Die Kellnerin Rest(Ida Frey) bewegte sich dialcktsichcr. Die Uniform des Gendarms war aber nicht ganz bayerisch; es fehlte der blaue Streifen auf den Aermelaufschlägcn. Der Beifall hätte stärker geklungen, wenn der kleine Raum der Kammerspiele v»ller gewesen Ivärc.«. k. DaS Neue Theater eröffnete am Mittwoch seine Winter- spielzeit mit LessingS wuchtig-packender Tragödie«Emilia G a l o t t i". Zum vollen Erfolge, den das bewährte Stück auch diesmal errang, ttug die stimmungsvolle Inszenierung nicht lvenig bei. Die Dekorationen gaben schöne, fein abgetönte Bilder von in« timem, südländischem Reiz, Gespielt wurde im großen nnd ganzen flott und gut. Anna R u b n e r war eine wirksame nnd glaub« würdige Titelheldin, Walther Schmidthähler verkörperte in vollendeter Kunst de» intrigenreiche» Schurken Mnrinelli; den Prinzen hätte Otto Stoeckel mit ein wenig mehr Lebensmut nnd Wärme ausstatten können. Schließlich wäre auch ein minderes Maß polternden Tones, mit den, Alwin Neust den Baier Galotti überreich bedacht hatte, wirksamer für diese Nolle gewesen. — n. fe>fr fm vollen Veranllvortlichkeitsgefühl, an Ihrer Arbeit teilnehmen. Wir sind eine Bewegung der Tat. der Arbeit, des An- geiffs. Vielleicht arbeiten wir nüchterner, mit weniger Phrase» und Theorien, aber die amerikanischen Arbeiter sind für das Handeln und fordern praktische Leistungen. Als Personen beschäftigen wir uns ja auch gern mir ZukuuftSträumen. Hoffentlich haben Sie die Vorurteile, die Sie gestern gegen uns zu haben schienen, schon be- richtigt. Wir wollen nicht nur Verbesserungen ftir heute und morgen, sondern auch die Emanzipation der Arbeiterklasse, wenn wir auch nicht wissen, wie sie aussehen wird. Der Vorsitzende Yvetot bemerkt, daß eine Diskussion nach dem gestrige. r Beschlutz nicht statthaft sei und erklärt sich im übrigen Von den Aujührungen GompcrL befriedigt. Der belgische Antrag, der gleichen Inhalt hat, wie der amerikanische, wird zurückgezogen. Internationale Arbeiterkongresse. Es koimnt nun Punkt 4 der Tagesordnung zur Verhandlung; der französische Antrag auf Abhaltung von i n t e r- nationalen Arbeiterkongressen. Jouhaux begriindet ihn. Sckon 1900 hat die C. G. T. die Ein- bernfung von internationalen Gewerkschaftskongressen durchzusetzen versucht, doch ohne Erfolg,«seither ist die Frage immer lebendig geblieben, zuletzt auf dem französischen Gcwerkschaftskongretz in Marseille Gegenstand eines Beschlusses geworden. Der Antrag ist die logische ftoniequenz der die C. G. T. beherrschenden Anschauungen. Die internationalen Konferenzen geniigen uns nicht zur gründlichen Diskussion der Arbeitermr-resien. Auf den Kongressen sollen alle Interessen der Arbeiterklane beraten werden. Wir wollen nicht, daß Fragen, die die Arbeiterklasse betreffen, Organisationen zugewiesen werden, die außerhalb der Arbeiterklasse stehe»». Die Haltung der Engländer, die erst ihre Organisationen fragen wollen, ob sie die hier gefatzten Beschlüsse durchführen werden, wäre auf emem Kongretz unmöglich, da dessen Beschlüsse sofort ditrchsührbar wären. Wir wollen, datz dieselbe föde- ralistische Organisation, die wir in der C. G. T. haben und die die wahre Vertremng der in der Arbeiterschaft vorhandenen Tendenzen ist, auch in der Internationale zur Durchführung komme. Die Koi»- fcrenzen reflektiere,» nicht die»virklichen Meinungen der Organi- salionen. Wenn manche Gewerlschafien die Sozialistenkongresse be- schicken, so bleiben diese eben doch politische Kongresse. Wir müssen »nis aber strikte auf den Boden der gewerkschaftlichen Bewegung stellen. Wir wollen nicht das Sekretariat und die Konferenzen ab- schaffen, sondern, wenn Sie unser» Antrag annehmen, noch erweitern. Wir fordern von den Delegimen, datz sie ihre politischen Anschauungen hier beiseite lassen und nur vom Standpunkt der Arbeiterinteressen sprechen. Hiicber: Im Namen der Landeszentralen von England, Belgien, Norwegen, Dänemark, Holland, Spanien. Italien, Ungarn. Oe st erreich und Kroa-tien habe ich folgende Erklärung abzugeben: Wir achten die Begründung des Antrags der Franzosen. Wir begreifen, datz Sie in Frankreich Gründe haben,»ms solche Vorschläge zu erstatten. Aber wir meinen, datz schon jetzt die internationalen Konferenzen genug Schwierigkeiten bieten. Die Einberufung internationaler Kongresse halten wir für eine Unmöglichkeit. Schon hier hat eö sich gezeigt, datz Entscheidungen gegen den Willen einzelner Zentralen unmöglich sind. Die Kongresse würden in die Gefahr des Zerschlagenwcrdens geraten. Um dem Proletariat schwere Enttäuschungen zu ersparen, müssen wir von der Abhaltung von Kongressen derzeit absehen. Aber wir haben noch einen anderen Grund: wir stehen auf dein Standpimlr des g e« >!» einsame n politischen und gewerkschaftlichen Kampfes. Beides sind Arme des Körpers, der vom Kopf des organisierten Proletariats geleitet wird. Wir müssen den Kamps mit dem linken und dem rechten Arn» führen. Solange die Kapitalistenklasse die Arbeiterschaft politisch und gewerkschaftlich unterdrückt, wäre es ein Verbrechen gegen das Proletariat, getrennt zu marschieren. Legicu: Die deutschen Vertreter haben sich der Erllärung Huebers nicht angeschlossen. Nicht weil sie ihren Sinn nicht billigen, sondern weil sie meinen, daS Anhören der Meinung der anderen Nationen sei notwendig. Wir glauben, datz man die Frage der Zweckmätzigkeit der Kongresse sehr gut diskutieren kann. Ich komme allerdings zu Huebers Resultat, wenn auch aus anderen Gründen. Die Teilnehmer der Konferenzen werden zugeben, datz es schon schwierig ist, die ihnen vorliegenden gewerkschaftlichen Fragen zu diskutieren und nun sollen wir diese schwierigen Gegenstände, bei denen es sich oft um ein Wort handelt, vor Hunderten, ja Tausenden Delegierte» ver- handeln. Wollen wir Kongresse, wo»nan nur Reden hält? Solche Kongresse haben wir schon. Für Organisationsarbeit find die Kon- fcrenzen der richtige Boden. Da werden keine Reden gehalten. sondern eS wird gehandelt. Die Genossen sind klar darüber, wie weit sie gehen dürfen. Wir wollen auf den Konferenzen an» Ausbau unserer Organisationen, der festeren Bereinigung der nationalen Gruppen arbeiten. Für die Frage der allgemeinen Arbeiterbewegung haben wir die internationalen Sozialisten- Kongresse. Schließen sich die Franzosen von ihnen aus, so haben wir kein Recht, ihnen deshalb Vorstellungen zu machen. Die meisten hier vertretenen Kameraden sind auch dort vertreten. Die Voraussetzung von Kongressen wäre eine geschlossene, ausgebaute, leistungsfähige und opferwillige gewerkschaftliche Organi- sation. Die französischen Genossen mögen es mir aber nicht übel nehmen, wenn ich sie daran erinnere, datz sie gerade m bezug darauf an letzter Stelle stehen. Wenn sie zeigen, datz sie die wünschens- werte gewerkschaftliche Energie und Zusammenhalt haben, dann wollen wir erwägen, ob wir die gcwerkichaftlichen Kräfte zu einem Block zusammenfassen und auch Kongresse einberufen sollen, die dam» nicht Schauplatz von Redetourniere» sein, sondern über praktische Fragen des Proletariats entscheiden sollen. Vvetot-Frankr<;ich: Man hat die ganze Frage auf ein falsches Terrain geschoben. Wir wollten haben, datz nicht nur von Zeit zu Zeit Konferenzen der nationalen Sekretäre stattfinden zur Be- sprcchung von unbestreitbar wichtigen Verwaltungsfragen, sondern, datz internationale Kongresse stattfinden, in der die Delegierten der einzelnen Länder das Gesamtresultat ihrer nationalen Be- wegungen darlegen. Man will, datz wir zweiarmig organisiert sind. Schön, tvenn Sie die Gewerkschaften als den rechten Arm betrachten. Huebcr aber meint mit dem rechten Arm die sozia- listische Partei und nur»nit dem linken die Gewerkschaften. Da machen wir nicht mit. Ich befürchte zu sehr angegriffen z« werden, wenn ich Ihnen das sagen würde, was ich über die politische Tätigkeit denke, die der Arbeiterschaft schon so vielen Schaden ge- bracht hat. Die Arbeiterbewegilna hat mit den politischen Parteien nichts zu tun. In den letzten Jahren haben wir Leute gesehen, die die Arbeiterklasse lediglich benützt haben, um in die Höhe zu kommen, und wem» sie dam» am Ziel waren, verrieten sie die Arbeiterklasse. Die franzözischen Arbeiter vermögen zwar keine Geldopfer zu bringen, weil sie kein Geld haben, aber sie bringen um so inehr andere. Die französische Konföderation will den Nutzen des Internationalen Sekretariats nicht bestreiten, aber da- neben behalten internationale Kongresse ihre volle Bedeutung. Legien sagt, die Franzosen ständen hintendran; nun die Streik- statistik beweist, datz wir an zweiter Stelle kommen. Wenn»vir kein Geld haben, so besitzen wir doch un» so mehr Enthusiasmus. Wir wollen die Deutschen nachahmen in ihrer Disziplin, ihren ge- füllten Kassen, aber unsere Kampfmethode wollen wir uns wahren, selbst wenn sie gewalttätig ist. Sagen Sie, ob eine Regierung vor ihren Arbeiterorganisationen solche Angst hat, wie die fran. zösische vor der unseligen. Jede Regierung, jeder Kapitalist, den Sie befragen, wird sagen, datz die Taktik der französischen Gcwerk- schaften die beste ist. Was Lcgiens Vorwurf betreffe, den Fran- zosen fehle eine geschlossene Organisation, so weise er darauf hin, datz Frankreich das einzig? Land sei, in dem nur eine Zentrale bestehe. Wenn Meinungsverschiedenheiten darin vorkämen, so liege das weyiger gy den Arbeitern, als an den Führern. Geld haben wir keines, aber vm so mehr Solidaritäisgefühl. Wenn eine Aktion kommt, werden wir dabei sein. Französische Streik- brccher im Ausland gibt es nicht. Noch einmal: Sie wollen einen gewerkschaftlichen und einen politischen Arm, wir wollen einen ökonomischen und einen gewerkschaftlichen Arm haben. Unsere so oft ironisch erwähnte action directe wird uns aus die Dauer weiter führen als die Ihrige. An internationalen Sozialisten- kongressen werden die französischen Gewerkschaftler nicht teil- nehmen, die gehen sie nichts an.. Deshalb verlangen wir»nter- nationale Gewerkschaftskongresse und wir fordern als Vertretungs- system den Proporz. Durch die Tatsache, datz die Arbeiter dann Delegierte für diese Kongresse wählen, sich also mit den inter- nationalen Fragen beschäftigen mutzten, würde auch dafür gesorgt werden, datz die Arbeiter über die internationalen Beziehungen besser informiert sind. Jouhnux-Frankreich hält es für nötig, die Erklärung Dvetots noch zu ergänzen. Die Rede Huebers sei zwar sehr schön lite- rarisch, aber der Kern fehle ihr. Zwischen den französischen Ge- werkschaften und den ausländischen beständen weniger taktische Unterschiede als organisatorische. Die französischen Gewerkschaften sind föderalistisch aufgebaut und verwerfen die Zentralisation, die es den Führern erlaubt, zu kommandieren. Die Arbeiter sollen ein starkes Bewußtsein ihres Wertes haben und die Verantwortung für ihre Unternehmungen selbst tragen. Im übrigen mache ich darauf aufmerksam, daß sich in den Händen Huebers eine Protest. liste befand, ehe unser Antrag auch uur diskutiert war. Ich will auf die Rolle einzelner Delegierten nicht eingehen, die hier eine doppelte Rolle spielen. Jedenfalls hätte es die elementarste Cour- toisie erfordert, datz man uns vorher angehört hätte. Wer hat denn die Einigkeit der französischen Partei herbeigeführt? Doch der internationale Kongretz von Amsterdam. Warum soll ein solcher Kongretz nicht auch für die Gewerkschaften dieselbe Wirkung haben? Was die Zahl der Delegierten betrifft, so wäre sie wohl nicht so grotz als man befürchtet. Aber es ist nun einmal so, tvenn die französische C. G. T. einen Antrag einbringt, heitzt es gleich, er sei gegen die politische Partei gerichtet. Niemals haben wir aber den Arbeitern gesagt, daß sie nicht zu den Sozialisten gehen sollen, wenn sie Lust dazu besitzen. Die französischen Gewerk- schaften stehen auf dem Standpunkt, datz allein die gewerkschaft- lichen Organisationen die Arbeiter zum Sieg führen können. Unsere Forderung, internationale Gewerkschaftskongresse-einzu. berufen, ist nicht gegen die sozialistische Partei gerichtet. Die sozialistische Partei hat in den Arbeitcrkongresscn nichts zu tun. Die Auswärtigen lieben eS, die französische Gewerkschaftsbewegung als kleines Kind zu schildern, das erst gehen lernen müsse, während die übrigen Organisationen mustergültig sind. Wir haben aber zum miiwesten schon ebenso große Resultate erzielt wie die andern. Ich will nicht glauben, datz die gewerkschaftliche Internationale nur eine Fassade ist, hinter der die Sozialisten operieren. Mögen die Delegierten über unseren Antrag urteilen als Arbeiterver» treter, nicht als Abgesandte von Organisationen, die sich von den Sozialisten kommandieren lassen. Oudegccst-Niederlande: Was ich hier von den französischen Genossen höre, habe ich' vor sechs, sieben Jahren»n Holland ge» hört. Das sind alte Dinge, die von der grotzen allgemeinen Be. wegung schon längst abgetan sind. Wenn die Franzosen immer von verhafteten und verurteilten Führern sprechen, um ihre Aktionsfähigkeit zu beweisen, so läßt sich das auch für Oesterreich und Deutschland sagen. Und Streikbrecher liefern auch Serbien, Oesterreich, Holland, die Schweiz nicht. Die sozialistischen Kon- gresse sind die Kongresse für die Arbeiterbewegung aller Länder. Wenn es in Frankreich so viele Renegaten gibt, so ist die Be- wegung wohl selbst daran schuld. Es wäre uns lieber, wenn die französischen Genossen mit eben so guten Berichten aufwarten könnten, wie die Delegierten anderer Länder. Wir sind gegen ihren Vorschlag. Gee-England: Ich verstehe die Aufregung über den fran. zösischen Vorschlag nicht. Seit Jahren besuche»ch die internatio- nalen Textilarbeiterkongresse. Da wird doch nur ein ganz be- stiinmter, ganz verschwindender Teil der die Arbeiterklasse be. treffenden Interessen besprochen und doch brauchen wir eine volle Woche. Ein internationaler Gewerkschaftskongreh, wie ihn� die Franzosen vorschlagen, würde mindestens drei Wochen oder einen Monat brauchen, wenn er nur einigermatzen gründliche Arbeit liefern wollte. Dazu fehlen uns englischen Gewerkschaften die Mittel. Es steht den Franzosen ja frei, jederzeit den internatio. nalen Konferenzen ihre Vorschläge ökonomischer Natur zu unter- breitem Politische Dinge gehen uns hier nichts an. In unserem Land betrachten wir die gewerkschaftliche Bewegung als die not- wendigste. Aber wir werden nie den Arbeitern sagen, datz sie nicht stimmen sollen. Ich hoffe, datz die Franzosen uns in Zu. kunft besser begründete Anträge �stelleii, als es heute mit dem vor- liegenden der Fall ist. Was heute hier verteilt wurde, ist voll» ständig ungenügend. Wir protestieren nicht gegen die Diskussion des französischen Vorschlages, sondern sind im Prinzip gegen ihren Antrag. Avetot sagt in einer zweiten Rede u. a.. daß die schwedischen Kameraden noch andere tatkräftige Methoden anwenden dürften. Wenn Sie den Vorschlag. Gewerkschaftskongresse abzuhalten, nicht für zeitgemäß halten, nehmen Sie ihn wenigstens im Prinzip an. Legien: Nicht aus Antipathie gegen die C. G. T., sondern aus praktischen Erwägungen lehnen wir die Kongresse ab. Wir werfen den Franzosen nicht ihre Armut vor. Die Franzosen wollen das Temperament in die Bewegung bringen. Wir, als verantwort- liche Leiter der Organisation, halten unS für verpflichtet, zu bremsen, wenn wir auf feiten der Arbeiter nicht genügend Kräfte vorhanden sehen, um zu siegen. Wir wollen nicht ohne Zwang Arbciterblut aufs Spiel setzen, wir haben ohne Gewaltanwendungen Resultate aufzuweisen, und bei unserer Taktik wollen wir bleiben. Auch ich glaube, daß der Ausbau der Organisation die Emberufung von internationalen Kongressen unausweichlich machen wird. Wir können also den Antrag der französischen Genossen annehmen, die Frage auf dem nächsten Kongretz zu diskutieren. Avetot erklärt seine Genugtuung und hofft auf Annahme des Prinzips der Kongresse.. � Hneber betont dagegen, datz er sowohl praktisch als pr,nz»piel! gegen die Einberufung von Kongressen sei. Auch wendet er sich dagegen, jetzt schon die Tagesordnung der nächsten Konferenzen festzustellen. Diese sollen nach den jeweiligen Bedürfnissen bc. stimmt werden. Die Annahme des Gompcrsschen Antrags gibt unS genug Arbeit.. � Avetot: Wenn Sie Furcht vor den internationalen Sozialtsten. kongressen haben, so gilt das nicht für uns Franzosen, da wir uns nur für gewerkschaftliche Fragen interessieren. Die Fran- zosen verlangen namentliche Abstimmung über das � 1'geflies» macht darauf aufmerksam, datz die boraussichtliche Ab- lehnung die Frage für diese Konferenz erledige. Darauf zieht Avetot den Antrag zurück und bittet die Dele- gierten, den Antrag gleich jenen Gompers wohlwollend zu prüfen. Hus der Partei. Bernsteins Feststellungen. Durch.zwei Feststellungen- sucht Bernstein zu erweisen, daß ich ihn aus der.Neuen Zeit' hinausgebissen habe. Beide sind Zitate aus Auerschen Briefen..' Daö eine Zitat gibt dem Acrger über meine Polciml mit Bernstein Ausdruck, in der ich„fast nur Personalien zun» besten' ge- geben habe. Ob diese Beurteilung meiner kritischen Arberten über das Bcrnsteiuschc Buch gerechtfertigt»st. kann ich ruhig dem Urteil meiner Leser überlassen. Wie immer aber man über jene Arbeiten denken mag. cö wird wohl niemand auf den kuriosen Gedanken kommen, ich hätte sie verfaßt, um Bernstein aus der„Neuen Zeit'.hinaus- zubeißen' I Was soll also die Berufung auf Auers Utteil daniber? Und nun die zweite.Feststellung'. Ich hatte erklärt, die einzige Beschwerde, die Bernstein gegen meine Redaktionsführung richtete, sei vom Parteivorstand einstimniig als unberechtigt zurück- gelviesen worden. Dagegen wendet sich Bernstein. „Das stimmt nicht. Nicht als„unberechtigt' wurde die Bs- schwerde zilrückgewiesen, sondern auf Grund eines bestimmten, von Kantskh abgegebenen Versprechens.' Hier gibt Bernstein selbst zu, daß seine Beschwerde zurück- gewiesen wurde. Hätte man das getan, wenn man sie als.be> rechtigr' erkannt hätte? Was soll da nicht stimmen? Ja, der Parteivorstand soll die Klage Bernsteins erst zurück- gewiesen haben, nachdem ich ein„Versprechen' abgelegt! Und ivorin bestand dieses Versprechen, in dem Bernstein offenbar eine Art Genugtuung ftir ihn sieht, eine Konzession an ihn, zu der ich ge- zlvungen wurde? Ich hatte.versprockicn', meine eigenen, von mir selbst aufgestellten redaktionellen Grundsätze, die mich zur Ablehnung deS Bernsteinschen Artikels veranlagten, auch künftighin einzuhalten! Das bezeugt für Bernstein deutlich, datz seine Beschwerde nicht als unberechtigt zurückgewiesen wurde, wenn auch der Parteivorstand mir recht gab. Datz Bernstein sich durch diesen Gedankengang von Auer trösten ließ, beweift, welch kluger Menschenkenner dieser war. Für die Fabel von dem„Hinausbeißen" Bernsteins beweist dieses Zitat aber ebensowenig als das andere. Und damit hoffe ich, ist die.HinanSbeißungSlegende' ebenso begraben wie die.AuShungerungslegende'. _ St. Kautsky. Auer und Bernstein. Zu dem Thema über das„Hinausgebissenwerden" Bernsteins auS der„Neuen Zeit" habe ich mich bisher nicht geäußert, weil Kautsky„der Nächste dazu' war; nunmehr aber, da Auer in den Streit gezogen wird, halte ich mich für verpflichtet, einige Bemer- kungen dazu zu veröffentlichen. Nachdem die Polemik wegen Bernsteins Revisionismus bereits Jahre lang gewährt hatte, war Auer weit entfernt davon, anzu- nehmen, daß die Redaktion der„Neuen Zeit" daran denke. Bern- stein„hinauszubeißen". Im Sommer 1899 hatte ich Bernstein in der„Neuen Zeit" gegen Angriffe Liebknechts verteidigt, worauf mir Auer am 19. Juli desselben Jahres brieflich dankte und hinzu- fügte: „Der arme Ede tut mir herzlich leid. Ich bin gewiß an allerhand gewöhnt, aber wenn ich denke, datz ich mich von Parvus, Ledebour und Schönlank, unter Beifall der Mehrzahl der Genoffen, als Abtrünniger aus der Partei hinauSgraulen lassen soll, so weiß ich nicht, waS ich bei der Gelegenheit machen würde. Nun schmerzt Ede besonders, datz er gewissermaßen als «Gezeichneter' auS der„Neuen Zeit" ausgemerzt werden soll. Sollte sich denn das nicht vermeiden lassen? Daß Ede nicht mehr namens der Redaktion in der„Neuen Zeit' schreiben kann, ist ja klar. Aber als Mitarbeiter müßte er doch Platz haben.... Ewig wird das Verhältnis auf leinen Fall dauern. Wie alles ein Ende nimmt, so wird dies auch mit der Mitarbeiterschaft Edes der Fall sein. Ja, ich bin überzeugt, daß das Verhältnis zwischen Ede und der„Neuen Zeit' längst gelöst sein wird, eh- der große Kladderadatsch kommt. Nun haben Sie ja wohl offiziell bei der Sache so wenig»nitzurcden wie ich, aber ganz ungehört würde Ihre Stimme gewiß nicht verhallen. Bc- sonders Kautskys Ohr besitzen Sie. Es wäre des Schweißes der Edlen wert, über die ganze Geschichte ohne Eklat weg- zukommen.' So ungerecht nun auch der Vorwurf ist, den Auer �egen Parvus. Ledebour und Schönlank erhebt, so geht doch aus diesem Briefe hervor, datz Auer weit davon entfernt war, in der Re- daktion der„Neuen Zeit' irgendeine Neigung zum„Hinaus- beißen' Bernsteins vorauszusetzen. Nun sagt man vielleicht: Ja, das war am 23. Juli 1899, aber am 24. April 1900 lag die Sache anders. Nun freilich lag die Sache anders, aber llicht, weil die Redaktion der„Neuen Zeit" sich an Bernstein versündigte, sondern weil Auer im September 1899 auf dem Parteitage"in Hannover eine Niederlage erlitten hatte, die auf lange Zeit hinaus sein Urteil über Parteiangelegenheiten stark trübte. Es heißt keinen Schatten auf den toten Genossen werfen, dessen Leben so ganz und gar mit dem Leben der Partei verflochten war, wenn ich sage, datz er durch die starke Opposition gegen seine Wieder- wähl in den Parteivorstand auf viele Monate sozusagen das seelische Gleichgewicht verloren hatte. Einen durchschlagenden Bc- weis dessen besitze ich in einem Briefe, worin er mir, obwohl ich ihm keineswegs nahe stand, am 28. Oktober 1899 sein Herz aus- schüttete. Er fiel darin über die„beiden Alten' in einer Weise her, die noch weit ungerechter war, als das Urteil, das er über Kautsky nach Bernsteins Angabe in derselben Zeit gefällt hat. Für mich hat einmal die Versuchung nahe gestanden, den Brief zu veröffentlichen, nämlich als Auer auf dem Dresdener Parteitage in einer mich schwer verletzenden, aber, wie gerade dieser Brief zeigt, objektiv unzutreffenden Weise über»neine und seine Be- ziehungen gesprochen hatte. Ich habe dieser Versuchung wider- standen, aus Gründen, die ich keinem Genossen auseinanderzusetzen brauche. Genosse Bernstein aber kennt solche Rücksichten nicht. Wie er einmal aus einem vertraulichen Briefe Kautskys eine verärgerte Aeutzerung über ParvuS in die Oeffentlichkeit warf, um Kautsky und Parvus zu verhetzen, wie er ein andermal aus einem vertrau- lichen Briefe von mir eine verärgerte Aeutzerung über KautSkh in die Oeffentlichkeit warf, um Kautsky und mich zu verhetzen, so veröffentlicht er jetzt eine verärgerte Aeutzerung. die Auer in einem vertraulichen Briefe über Kautsky getan hat, um diesen einer ver- werflichen Handlungsweise zu bezichtigen. DaS tut derselbe Genosse Bernstein, der in den Busen derselben„Berliner Volkszeitung", die einmal über Ledebour und mich den infamsten Hungerboykott ver- hängt hat, sinnige Betrachtungen schüttet über den geistigen und leiblichen Hunger, der ihm in der Partei bereitet wird. Wer, wie ich. Zeuge der schweren Seelenkämpfe gewesen ist, in denen sich Kautsky von seiner langjährigen Freundschaft mit Bern- stein losgerissen hat, immer wieder neue Anknüpfungen suchend, die immer wieder durch neue Rechthabereien zurückgestoßen»vurden, der kann nur lebhaft bedauern, datz Genosse Bernstein diesen Kon- flikt auf den Boden kleinlichen Gezänks und niedriger Verdächti- gung herabzuziehen bemüht ist. Steglitz. 2. September 1999. F. M e h r i n g. Soziales. Meuschenhlnidel. Der„Düsseldorfer Generalanzeiger" brachte dieser Tage folgendes bezeichnendes Inserat: (Hier Abbildung einer Knh.) Herren Landwirte! Bekomme täglich von meinen Agenten aus Holland n n- verdorbene Viehivärter. nur stramme Melker, welche ich unter halbjähriger Garantie bestens empfehle. Provision nach zwei Monaten bei zufriedenstellender Leistung der Leute. Peter Stuiver, Stellenvermittler, Düsseldorf, Kölner Straße 3S0. Telephon 2949. NL. Habe fortwährend 15 bis 20 Schweizer zur Verfügung Recht christlichchürgerlich anmaßend und brutal! An- prcisung der„Ebenbilder Gottes" wie jeder beliebigen Ramschware. Göttliche Weltordnung. Bon der chemischen Industrie. Der Bericht der BeriffSgenossenschaft der chemischen Industrie gibt ein kleines Bild von den Zuständen in diese»» Industriezweige. der in Deutschland zu ungeahnter EntWickelung gelangte. Versichert sind in Deutschlond zurzeit 8699 Betriebe dieser Art, welche inszesmiii 209 199 Arbeiter(Vollarbeiter zu 399 Arbeitstagen gerechnet) beschäftigen. Gegen das Jahr 1997 ist die Zahl der Betriebe um 81 oder 9,94 Proz., die Zahl der versicherten Arbeiter um 1495 oder 9,72 Prozent gestiegen. In früheren Jahren betrug laut Bericht die Zunahme mehr als 6—7 Proz. Der Durchschnittslohn cincS Arbeiters beträgt 1127 M. pro Jahr. Zu bemerken ist aber, dah die Lohnsumme auch das Gehalt der mitversichcrten Betricbsbeamtcn einschlicht. Die Jahreslöhne der Arbeiter selbst werden daher weit unter 1199 M. betragen. Reservefonds hat die Genossenschaft 8 Millionen Mark. Die Zahl der Rentenempfänger betrug am Schlüsse des Ve richtsjahres 13 492, darunter 1194 Witwen und 1792 Kinder. Das sind die Opfer der chemischen Industrie, soweit sie eben in den Gcnuh der Unfallrentc gelangten. Zieht man aber in Ve- tracht, daß wohl die meisten Unfälle sich als Vergiftungsfälle dar> stellen, die dank unserer„herrlichen" Gesetzgebung und Recht sprechung nicht als Betriebsunfälle entschädigt werden, so ist die Zahl der Opfer bedeutend höher. Gemeldet wurden im Jahre 1993: 12115 Unfälle, gegen 12 939 im Vorjahre. Ucber die Dauer der Erwerbsunfähigkeit dieser Unfälle gibt uns nachstehende gekürzte Tabelle des Berichts näheren Aufschluß: Auf 1999 Versicherte entfielen durchschnittlich 55,91 Unfälle, in Sektion Vll(Frankfurt a. M., Höchst usw. sogar 89,78), während nur 8,91 Unfälle mit Rente aus 1999 Arbeiter kommen. Gegen die Annahme, daß der„feuchtfröhliche" Montag die meisten Unfälle zeitigt, spricht eine Aufstellung des lesenswerten Berichts über die Tage der Unfälle. Danach ereigneten sich: Sonntags. Montags.. Dienstags. Mittwochs. Donnerstags Freitags.. Sonnabends. Das Lob der Genossenschaft laut 371 Unfälle oder 3,96 Proz. 2919,„ 16,67„ 1954., 16,13, 1907.. 15,74, 1864„„ 15,38. 1871.. 15,44, 2018„. 16,66. emischen Industrie, sang her Vorsitzende der bricht bei der Einweihung des neuen Verwal- tungsgebäudcs zu Berlin wie folgt: „Mag immerhin der Aufschwung des wirtschaftlichen Lebens zeitweilig in langsamcrem. Tempo sich vollziehen, so bietet doch unsere Industrie, mir wenig berührt von den Schwankungen wechselnder Konjunkturen, seit einem Menschenalter das Bild rastlosen stetigen Fortschreitens, weil kaum irgend ein Zweig gewerblicher Tätigkit sa vielseitig und so innig mit der wunder- baren EntWickelung der modernen Forschung auf dem Gebiete der Naturwissenschaft verknüpft ist, wie gerade die chemische Technik. Mit der Natur selbst wetteifernd, erzeugen ihre Ve- triebsstätten stetig nöue Produkle, die an Duft- oder Farben- Pracht die Kinder der Flora weit überbieten; mit dem schimmern- den Gespinst der Seidenraupe wetteifert ein Produkt chemischer Fabrikation; aus dem unerschöpflichen Vorrat unseres Luftmeercs holen die Chemiker die Stoffe, um die Ergiebigkeit unserer Ernten zu vervielfältigen und der Bevölkerung reichere. Nahrung zu geben. Mit Hilfe der von ihnen erzeugten Sprengstoffe öffnen sie dem durch schwer ersteigbare Gebirge gehemmten Verkehr die Wege und ermöglichen dem Bergmann das Eindringen in die Tiefe des Erdinnern, um die darAi schlummernden Schätze zu heben. Sie liefern andererseits die Stoffe, vermögen deren der Mensch befähigt wird, das Luftmcer zu durchschiffen. Der lei- dendcn Menschheit bieten sie krankheitvcrhütcnde, schmerzenlin- dernde und schlafbringcnde Mittel. Ja selbst der alte Traum der Alchimisten vom Stein der Weisen und der Umwandlung der Metalle scheint nicht mehr auherhalb des Gebietes des dem Chemiker Erreichbaren zu liegen." Gelobt wird ferner da? Entgegenkommen der Unternehmer, die angeordneten Mahnahmen zu treffen, um Leben und Gesund» heit ihrer Arbeiter zu schützen. Niemand hat gelacht, als der Redner weiter renomniicrte, daß durch die Berufsgenossenschas� sich„auch Arbeitgeber und Arbeitnehmer in ihrem Verkehr ohne Schaden der Disziplin einander näher gerückt sind." Die Berichte der 8 technischen Auffichtsboamten der Genossen- schaft sind recht vorsichtig gehalten: die Zahl der vorgefundenen Mängel wird gar nicht angegeben. Auch wurden keine Beschwerden der Versicherten den Beamten entgegengebracht. Kein Wunder. Am häufigsten gaben die„mangelhaften oder fehlenden Schutzvorrichtungen an„Arbeitsmaschinen" zu Beanstandungen Anlaß. In vielen Fällen fehlt die Sicherung von Transmissionen, Zahn- getrieben"—„die Prüfung der Hebezeuge läßt noch häufig zu wünschen übrig." Orakelhaft ist der Satz:„In der Bcsckmftigung jugendlicher und weiblicher Arbeiter an gefahrbringenden Maschinen hat sich gegenüber den Vorjahren nichts geändert." Als bcmerkens- werte Neuerung wird im Bericht erwähnt, daß die Farbwerke zu Höchst a. M. zur„magnetischen Beförderung von Eisenspänen, die täglich in vielen Waggonladungen zur Reduktion von Nitrokörpern gebraucht werden", gekommen ist. Eine Abbildung zeigt uns den Vorgang. Die Vorrichtung ist ganz einfach, besteht aus einem an der Laufkatze eines Laufkrans hängenden Elektromagneten, „welcher bei jedem Hub 399 Kilo Späne aus dem zu entladenden Eisenbahnwagen entnimmt". Dadurch wird an Arbeitskräften ge- spart, die Beförderung sehr verbilligt, denn das Abladen geschieht durch Stromausschaltung.„Der Magnet läht die beträchtlichen, den Spänen beigemengten Schniutzmengen in> Waggon zurück und erspart auf diese Weise zugleich einen Teil der Siebarbeit." Eue Induftrle und Handel. Händler gegen Fabrikanten. Eine Protestvcrsammlung der Zigarrenhändler, die am Mitt- ooch bei Keller in der Koppenstrahe abgehalten wurde, nahm Stellung zu der von den Zigarettenfabrikanten beschlossenen Preis- rhöhung der Zigaretten. Die Versammlung war von drei Berufs- rganisationen der Zigarren- und Tabakhändler einberufen. Wie er Referent, Herr Straffer, ausführte, haben die Händlerorga- lisationen versucht, sich über eine etwaige Preiserhöhung, die urch die Steuererhöhung bedingt wäre, zu verständigen; sie fanden edoch bei den Fabrikanten kein Entgegenkommen. Diese bc- chlossen auf ihrem Verbandstage, die Zigaretten im Preise zu rhöhen, und zwar über das Maß der Steucrerhöhung hinaus. Der iefercnt erklärte, die Fabrikanten brauchten die Preise überhaupt acht zu erhöhen, denn die Produktionskosten in der Zigaretten. ndustrie seien durch Einführung der Maschinenarbett so stark eruntergegangen, dah die� Industrie die jetzige Steuererhöhung llein tragen könne, ohne die Händler und die Konsumenten damit » belasten.— Folgende Resolution fand einstimmige Annahme: „Die Versammlung erklärt den Beschlüssen des außer» ordentlichen Vcrbandstages der Zigarettenindustricllen in Dresden, betreffend die durch das neue Tabakjteuergefetz bedingte Erhöhung der Banderolcnfätze auf die Händlcrfchaft abzu- wälzen, sogar noch über die Steucrerhöhung hinausgehende Prci Saufschläge zu fordern, ihre Zustimmung versagen zu müssen.— Die Versammlung steht auf dem Standpunkt, dah die Meuererhöhung in den billigen Preislagen nicht auf die Kon- sumentcn abgewälzt werden kann, also gegebenenfalls die Händlerschaft wieder, wie vor drei Jahren, die gesamte Preis- Verantwortlicher Redakteur: Emil�Nnger, Berlttü Für den erhöhung der Steuer und mehr tragen mühte. Die Versamm» lung erwartet von der Industrie, dah den durchaus berechtigten Wünschen der Händlerschaft Rechnung getragen wird, um so mehr, als die Industrie nach unseren Erfahrungen wohl in der Lage ist, die durch die neue Steuer bedingte Erhöhung selbst tragen zu können. Tie Versammlung beauftragt die Organi- sationsvertreter der Händlerschaft, weitere Verhandlungen mit der Zigarettcnindustrie zu führen und erwartet einen gedeihlichen Abschluß derselben."_ Industrielle Umwälzung. Keine Industrie wird durch die industrielle Umwälzung gc- schont. Von der Allgemeinheit oft gar nicht beachtet, vollzieht sich eine Umwälzung in der Produktionstechnik. Die Lithographie und der Steindruck ist zurzeit eine treffliche Illustration dafür. Ve- sonders beachtenswert erscheint dabei, dah zum Teil die amerika- nische Tarifreform mittelbare Ursache der Aenderungen war. Nach den Vereinigten Staaten lieferte die deutsche graphische Industrie in bedeutender Menge farbige Postkarten. Die Tarifreform hat den Zollsatz für die Einfuhr von Postkarten in Amerika um mehrere hundert Prozent gesteigert.»Infolgedessen ist in Deutschland das Postkartengcschäft wie gelähmt. Das Schlimmste bei der Sache ist, daß der deutsche Arbeiter die Zeche tragen muh. Eine große Berliner Firma, bei der vor einem Jahre noch 89 und mehr Litho- graphen arbeiteten, hat zurzeit nur noch ein Dutzend Mann ve- schäftigt, von denen in der nächsten Zeit noch mehrere entlassen werden sollen. Durch Einführung eines neuen Verfahrens wollen die Unternehmer ihren Profit auf der bisherigen Höhe halten. Auch die Steindruckerei wird durch eine industrielle Umwälzung aus ihrem alten Fahrwasser gedrängt. In Berlin ist jetzt eine amerikanische Schnellpresse aufgestellt worden, die die alte Stein- druckfchnellprcsse aus ihrer dominierenden Stellung aller Wahr- scheinlichkeit nach verdrängen wird. Die alte Presse leistete 3999 bis 4999 Druck pro Tag, die neue druckt pro Stunde 3699 Exemplare! Und es ist nur eine Frage der Zeit, dah sie auch Chromoarbeiten druckt. So sehen wir in einer alten Industrie, wie auch da die Umwälzung durch äußere Dinge beeinflußt oder aus sich heraus das Getriebe packt und immer in neue, größere Produktionsmög� lichkeiten hineintreibt._ Gründung in der russischen Holzindustrie. Der frühere Gehilfe des russischen Finanzministeriums und Leiter der Petersburger Handelsbank, KowalewSkh, gründet mit dem Ingenieur Palatz- kowsky ein großes Holzindustrieunternehmen. ES ist beabsichtigt, die unter dem Namen„Astarynski Magal" bekannten, im Balm gouvernemcnt gelegenen Wälder des Mara Achmed Chans abzu holzen. Das Grundkapital ist auf acht Millionen Rubel normiert worden._ Die größte« Kaffeehändler und Kaffeenlärkte der Welt. Die Kaffeeproduktion ist in den Siidstaatcn Brasiliens zienilich konzentriert und über die Ausfuhr aus den beiden Haupthäfen SantoZ und Rio de Janeiro werden zuverlässige Aufstellungen ge- macht. Von beiden Hafenplätzen kommt die größte Bedeutung dem Hafen SantoS zu, über den die Ausfuhr aus dem Hauptkaffeelande der Welt, den, brasilianischen Staate Sao Paulo geht. So betrug im Erntejahr 1908/09, das jetzt als abgeschlossen gelten kann, die Gesamtausfuhr von Kaffee aus SantoS 9 331 367 Sack. Die Exporte über Rio betrugen nur einschließlich des dortigen Konsums 2 817 716 Sack. Die Ausfuhr ans den anderen brasilianischen Häfen, Bahia, Victoria und einigen kleineren, ist nur unbedeulend. Der Gesamt- export Brasiliens an Kaffee belief sich auf 12 943 966 Sack. Nur für SantoS werden die verschiedenen am Export beteiligten Handels- firmen angegeben. Es sind dies: Theodor Wille u. Co.,,, Prado, ChaveS u. Co...> Michaelson, Wright u. To. Ltd. Naumann, Gepp u. Co. Ltd.. Harb, Rand u. Co...., Societö Franco-Brösilienne. E. Johnston u. Co. Ltd.... Baldwin n. Co....... Der Rest der SantoS-AuLfuhren verteilt Firmen. Die Haupthäsen, nach wurde, sind''' New Dork.... mit 2 627 931 Sack Hamburg...., 2 048 282, New Orleans..., 1 130 865» Die übrigen Weltplätze haben weniger als eine Million Sack Kaffee bezogen und bleiben hinter diesen drei Märkten wesentlich zurück. Die nächste Srelle hinter New Orleans nimmt Rotterdam ein, dann folgt Havre. Die englischen Haupteinfuhrplätze Southainpton und London stehen ziemlich weit unten auf der Liste. GencKts-�eltung. Erblich belastet— verurteilt. Eine Reihe verschiedenartiger Verfehlungen im Dienste führte gestern den früheren Postboten Richard St. unter der Anklage des Amtsvergehens vor die Ferienstrafkammer des Landgerichts III. Der Angeklagte war der Postanstalt auf dem Stettiner Bahnhof zugc- teilt, zu deren Bezirk auch Wittenau gehört. Einige vorgekommene Unregelmäßigkeiten veranlaßten eine Haussuchung bei ihm und da fand man eine ganze Anzahl von Postsendungen vor, die er nicht ausgetragen, sondern einfach mit nach Hause genommen und dort liegen gelassen hatte. Es wurde festgestellt, daß er auch einen Sol- datcnbrief nicht bestellt, sondern geöffnet hatte, wie angenommen wurde, weil er Geld darin vermutet habcu mochte. Der Angeklagte bestritt jede verbrecherische Absicht und behauptete, daß seine Vcr- fehlungen lediglich eine Bummelei darstellte, die auf seinen krank- haften Gemütszustand zurückzuführen sei. Der Angeklagte ist in» folgedessen einige Zeit in der Anstalt Wuhlgarten auf seinen Geisteszustand beobachtet worden. Nach dem Gutachten des Ober- arztes Dr. Bratz liegt die Anwendbarkeit des 8 51 St.-G.-B. auf den Angeklagten nicht vor. doch ist dieser erblich belastet und zwcifel- los geistig nicht ganz vollwertig. Der Gerichtshof verurteilte den Angeklagten zu 3 Monaten und 1 Woche Gefängnis. mit 1413 780 Sack . 933 272„ 932 379, . 717 714. 599 851. 589 613. 653 388, "' 532 892. sich auf 35 kleinere denen der Kaffee verschifft Oesterreich und die deutsche» BinnenschiffahrtSabgabc». Die Frage der Wiedereinführung der durch die Verfassung des Deutschen Reiches und korrespondierende Staatsverträge abgcschasflen Schiffahrtsabgaben ans offenen Strömen hat in Oesterreich große Beunruhigung erzeugt. Die Handelskammern und freien Wirt- 'chaftlichcn Verbände daselbst haben zu der Angelegenheit wieder- holt Siellung genommen, und an den Beratungen deutscher Interessentenkreise beteiligten sich auch Vertreter österreichifcher SchiffahrtSinteressentcn. Die Erklärungen der österreichische» Re- giernngen lauteten immer sehr bestimmt und entschieden dahin, daß man auf der vertragsmäßig zugesicherten freien Schisfahrt auf der Elbe beharre. Allein Preußen hat es verstanden, die Widerstände der Bundesstaaten und Städte wesentlich� ab- zuschwächen, und wenn auch die Mehrzahl der industriell- kommerziellen Korporalionen dem Projekte ablehnend gegen- übersteht, so wird doch in den interessierten Kreisen als wahr- 'cheinlich angenommen, daß Preußen sein Ziel: die Kosten der Kanal- und Stronibauten sowie deren Erhallung abzuwälzen, er- reichen wird. Daß dabei die österreichischen(und niederländischen) Schiffe keine Aliönahme bilden werden, ist klar. In Oesterreich iürchtet man daher die Konsequenzen der preußischen Schiffahrt«- Politik, die in ihren Wirkungen solvohl die Schiffahrt als auch die Industrie und den Handel schädigen würden. Man vergleicht die Monopolisierung der Schleppschiffahrt auf Kanälen und Flüssen und die Erhebung von Abgaben oder gar die Monopolisierung der ge- samten Binnenschiffahrt insbesondere ans der Elbe mit der Wirkung, die der Verlust von Trieft für die österreichischen Handclsintercssen hätte.....Unser AuSfallstor nach Nordwesten", heißt eS in einem kürzlich ausgegebenen Berichte der Wiener HandelSkainmer, „in die Hände unserer wirtschaftlichen Konkurrenten gegeben. In Verbindung mit der Zollpolitik und der Tarispolitik der preußischen Stagtsbahnen würde eine analoge Schiffahrtstarispolitik unseren Export nach Deutschland und nach Ucbersee via Nordscehäfcn und den Import ivichtiger Rohmaterialien, kurzum die vitalstcu Interessen der österreichischen Volkswirtschaft auf das schwerste gefährden." Der Elblveg, der da vornehmlich in Betracht kommt, gewährt aber nicht bloß Oesterreich die Möglichkeit, in einer ganzen Reihe von Artikeln in Deutschland selbst und auf dritten Märkten mit Deutsch- land erfolgreich zu konkurrieren; er ist auch für die deutschen In- dustriellen und Konsuniente» von Wichtigkeit; denn nach Deutschland werden von Schandau jährlich über 3 bis 3,3 Millioucu Tonneu(davon über zwei Millionen Braunkohle) airs geführt. Die Durchbrechung des Prinzips der Abgabensrciheit der Flußschiffahrt könnte aber auch im Donaugebiete zu Verhältnissen führe», die für Oesterreich und Deutschland sehr unerwünscht sein müßten. Die Donauuferstaaten würden sich die BinncnschiffahrtSpolitik nicht gefallen lassen und mit entsprechenden Gegeimiaßregcln anllvortc», die wiederum die Produktion und den Konsum in empfindlicher Weise zu treffen gc- eiguct wären._ Trntscher Slrbcitcr-Nbsti»c»tc»-Bund. Ortsgruppe Berlin. Heute abend 8'/, Uhr im Geivci kjchasishause, Eligeluser 15: General- Berlamiiilung. Vortrag des Genossen Otto Berg: ,ÄuS der EntivickelungS- geschichte unserer Organisation." Ein„Scherz". Einen bedenklichen„Scherz" hat sich der Kürschner Bernhard Hessel, ein aus Dänemark hier eingewanderter Mann, geleistet. Er stand infolge dieses„Scherzes" gestern vor der 4. Ferienstrafkammer des Landgerichts I, um sich wegen unbefugter Anmaßung eines öffentlichen Amtes und versuchten Betruges zu verantworten. Saß da in der Nacht zum 11. Juli ein Schneider auf einer Bank am Leipziger Platz und machte ein Nickerchen. Cr wurde aus seinen Träumen, die nach dem zufriedenen Ausdruck seines Gesichts sehr lieblich gewesen sein müssen, jäh gerissen, denn plötzlich fühlte er. daß ihn jemand rüttelte und als er die Augen aufschlug, stand der Angeklagte vor ihm und herrschte ihn an:„Hier darf man nicht schlafen! Ich bjn Kriminalbeamter! Wo haben Sie Ihre Papiere? Falls Sie solche nicht haben, haben Sie eine Mark zu zahlen!" Der biedere Däne, der sich auf diese Weise Geld machen wollte, hatte aber ein untaugliches Objekt vor sich: Der schlaftrunkene Schneider war ein heller Berliner, der nicht auf den Kopf gefallen war, das Manöver sofort durchschaute und den„Kriminalbeamten" zunächst dringend um Vorzeigung seiner Erkennungsmarke ersuchte. Nun gab der Angeklagte Fersengeld, ec wurde aber festgenommen und zur Polizeiwache gebracht. Er suchte die ganze nächtliche Szene als einen in der Trunkenheit verübten„Scherz" hinzustellen. Der Staatsanwalt nahm die Sache aber so ernst, daß er 6 Monate Gc- fängniS beantragte, mit der Begründung, daß solche nächtlichen Abenteurer eine ernste Gefahr für das Publikum darstellen. Der Gerichtshof erkannte auf drei Monate Gefängnis und gab dem An- geklagten den Rat, sich so bald als möglich nach Dänemark zurück- zubegeben, da wir hier solche Leute nicht gebrauchen können. Die loyale Anwendung des Vereinsgesetzes. Wegen eines Vergehens gegen das Vereinsgesetz hatte sich der Schriftsetzer S. vor dem Schöffengericht in Köpenick zu verantworten. Es wurde ihm vorgeworfen, gelegentlich de? Aus- fluges des Jugendausschusses einen nicht genehmigten Aufzug aus den Straßen von Nieder-Schöneweide geleitet zu haben. Der Angeklagte bestritt dies; er hatte sich lediglich dem Ausfluge der Jugendlichen angeschlossen und war plötzlich und grundlos zur Polizeiwache sistiert worden. Dagegen bekundeten drei Gendarmen, daß der Angeklagte einen Aufzug geleitet habe. Sie hätten durch den L a n d r a t den Befehl erhalten, auf den Ausflug der Jugendlichen aufzupassen. Diese seien in vielen geschlossenen Zügen in Schritt und Tritt sektionsweise durch Nieder-Schöne- weide marschiert und in dem einen Zug sei der Angeklagte an der Spitze gewesen; er habe auch, als er sistiert worden sei, den anderen zugerufen, sie sollten weitermarschieren. Diese Be- kundungen genügten dem Amtsanwalt; er beantragte 29 M. Geldstrafe, wobei er betonte, daß es sich nicht um einen harmlosen Ausflug, sondern um die Gewinnung der Jugend für politische Bestrebungen gehandelt habe, lediglich zur Umgehung des Vcreinsgesetzes sei die Form des Ausfluges gewählt worden, und der Angeklagte Müsse um so schwerer bestraft werden, da man die anderen Leiter der Aufzüge nicht habe fassen können. Der Verteidiger� Dr. Kurt Rosenfeld, beantragte die Frei- sprechung, weil vor allem nicht nachzuweisen sei, daß der An- geklagte den Zug geleitet habe. Es wäre wahrscheinlich nicht das geringste passiert, wenn die Gendarmen sich mehr zurückgehalten hätten. An der Spitze könnten auch solche Personen marschieren. die mit'"der Leitung des Zuges nichts zu tun hätten, und wenn der Angeklagte seinen Freunden zugerufen habe, sie sollten weiter- gehen, so bcioeise dies nur, daß der Angeklagte einen Auflauf habe vermeiden wollen. Das Gericht gab dies auch im ganzen zu. legte aber cnt- scheidendes Gewicht darauf, daß der Jugendausschuß in der Be- kanntmachung des Ausfluges den Ausdruck„marschieren" gebraucht habe. Daraus soll hervorgehen, daß Aufzüge geplant worden seien. Die Gendarmen hätten den Angeklagten als Führer eines solchen Aufzuges angesehen, also müsse er als solcher bestrast werden. Die Strafe lautete auf 29 M. Auch dies Urteil beweist wieder, wie sehr die Gerichte geneigt sind, den Ansichten der Gendarmen zu folgen. Von der ver- sprochcnen loyalen Anwendung des ReichSvereinsgesetzeS ist nichts zu merken. WltterunqSiibersicht vom S. September littis, morgens 8 Ilftr. etationni Ss s? Ii Setter Srotnembe 754(5® 6 bedeckt Hamburg 1756 KS© 5 bedeckt Berlin 1757 5® 3 heiler •Itankf.a.M. 761 5® 3 heiter München(762 NW Emolttfl Wie»!761 Sti?—bedeckt »s »II t? mS> «tattonen |0 2j B— i® s Setter c- »II ßa» aparanda 746 SS® etersburg 755 SSW Setllh -rberdeeu Part» 763«NW 763 W 763 NO i 6 bebeckt 1 bedeckt 3 bedockt IwMeuI 2 bedeckt( 11 11 13 8 1t Wetterprognose für Freitag, den 3. September lAVV. Etwas wärmer, vorwiegend Heller bet mäßigen weltlichen Winden; keine oder unerhebliche Nicdcrlchläge. Berliner v e tt e r b ur e au. kür ckcm 1 4. Berliner Reiciistapalilkpeisi Landsberger Biertel. Bezirk Nr„ 35V. Den Mitgliedern zur Nachricht, j daß unjet Genosse, der Packer Franz Fehrmann Meldenweg 6 gestorben ist. (Stire feinem Andenke»!, Die Beerbigiiiig findet mn I Sonnabend, den 4. September,| nachm. 3 Uhr, von der Lejchfn. Halle des Zentral-Fricdhoses inl Friedrichssetde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht _ Ter Vorstand. /S. FRAUEN, V" Wollen SleffMand bleiben,«) verlungon i SU< sofort fT05poK4 Uder unsere neueste! in den Soh/uten stellt.. Palenliit in fast alltn Kuliursfauten.. Bei vielen UnlversltAtsprofessoren urni i ffFrauannerzten im oltrnsn Qebraucho. I CJicrn. Fabr.„Nasiovia" Wiesbaden 225, J Klnmtn- und KlMdlildtM von ködert Aexer.' nur Wariniuitu-Slrliße 2. Dr. Schünernann Spezialarzt dir Haut- und Hnrnloldon, Frauonkrankheilen. Frledrichstr. 203, Ecke Schützenstr. «Sochentag» 30— S, 5—7« gnsrratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck». Verlag:Vyrwärt»Nuchdruckerei u. PerlagSanstalt Paul Singer öe Co., Berlin SW, G�alG�alG�DIG�alG�QlG�ajG�DlG�JalG�Q 'g�B�jg�ETglB�lE�IE�ii W. WERTHEIM G.m. b.H. FrfedrlclistriiBe 110-112 /ZMF FrlBdrlilKtrofie 110-112 Von der PreUermäßigung sind einige wenige Artikel s ausgenommen. s Freitag nna Sonnabend In allen Abteilungen Waren aus den von der Passag-e-Kaufhaus-Betriebsgesellschaft übernommenen Beständen zu onorm billigen Preisen. Lebensmittel Auch die zur Vervollständigung der Auswahl neu eingetroffene Ware wird zu entsprechend s billigen Preisen verkauft, s zu besonders billigen Preisen FRISCHES FLEISCH Prima Hammelfleisch Keule, im ganzen Pfd. 80 Pf. „ geteilt...„ 85— 90 Pf. Rücken.......„ 1.00 M. dicke Rippe....„ 85 Pf. Dünnung....„ 65 Pf. Prima Kalbfleisch Keule im ganzen Pfd. 90 Pf. „ geteilt...„ 95 Pf. Rücken.......„ 1.00— 1.10 Bug.........„ 85— 90 Pf. Kamm.......„ 75— 80 Pf. Brust,,»»,,.„ 75— 80 Pf. Spitze......*„ 90— 95 Pf. Prima Ochsenfleisch Schmorfleisch o. Kn. Pfd. 1.00 M. „ m. Kn.„ 90 Pf. Kamm.......„ 75— 80 Pf. Brust.......,„ 75— 80 Pf. Fehlrippe....»„ 80 Pf. Querrippe.....„ 70— 75 Pf. Pökelbrust.....„ 90—100 Pf. Pökelzungen....„ 1.50 M. soweit Vorrat: KOLONIALWAREN lä Raffinade zum Einmachen, in ganzen Broden, 20— 22 Pfd. schwer, Pfd. 22 Pf. Einmache- Essig 5 Liter 1.00, 10 Liter 1.90 (extd. Glas) la Haushalt- Schokolade 60, 70 Pf. la Deutscher Kakao(lose) Pfd. 75, 85 Pf. WEINE und LIKÖRE RoUSSÜlon(Otsch.Rotwein).. Medoc. Bordeaux..... Medoc. Margeaux.,.;, Portwein............. Old Portwein...;;,,;;. Madaira....... Feiner alter Madeira...; Treiser 1908.......... Treiser 1907 Trarbacher 1907...... Flasche 10 Flaschen 80 Pf. 95 Pf. 1.15 75 pl 95 Pf. 1.15 1.45 60 pl 75 Pf. 90 pl 7.50 8.50 10.50 7.00 9.00 10.50 13.50 5.50 6.50 8.50 WURSTWAREN Pfd. Cervelatwurst(Holsteiner).. 1.05 Salamiwurst...... 1.05 Rügenwalder Cervelatwurst• � 1.25 Teewurst......... V 1.10, 1.25 Braunschweiger Mettwurst. 85 Pf. Kaiser Jagdwurst•... 3�5?. 85 Pf. Mausschinken, 2—3 Pfd.»chwer.�f?� r 1.10 Delikat. Schinkenspeck. 1.00 Feine Leberwurst... 90 Pf. Dänischer Korn(Tafel Akvavit) kl. 1.00 Original-Bären-Bitter Fl. 1.50 Landleberwurst.. 85 Pf. Hallesche Pastetenleberwurst 1.20 Trüffelleberwurst...» 1.20 Zwiebelleberwurst-'.XW1". 45 Pf. Thüringer Rotwurst...< 70 pl Rotwurst..... 7. 45 Pf. Pommersche Gänsebrust V 1.50 Feinste Kräutersülze 75 Pf. Eisbein in Gelee. /TTT Stück 55 Pf. Taglich von 11 bia 1 Uhr sowie von 4 Uhr nachm. ab: Warmer Schinken nach Prager Art, in Brotteig gebacken. i I Preiselbeeren Pfd. 1/ Pf. 1 Waggon ital. Weintrauben Prima Ananas pfd78 Pf. in pfd. 16 pl Kisten ca. 9 Pfd. Ie35 Rettichbirnen Pfd. 8 Pf. Tomaten pfd 8 Pf. FRUCHT- KONSERVEN Vi Dose*/» Dose SEEFISCHE Cabljau......... Schollen 1— 2 Pfund schwer Rotzungen........ . Pfund 15 Pf. .„ 25 Pf. ., 25 Pf. GEMUSE-KONSERVEN */a Dose Dünner Stangen-Spargel Stangen-Spargel II.. Stangen-Spargel III. Bruch-Spargel la..; V Bruch-Spargel ohne Köpfe Schoten extrafein.»,., Schoten mittelfein,»»., Schoten I...... X Suppenerbsen..... 1 Schoten m. Karotten •» GEFLÜGEL Pa. junge Gänse.... Pfund 58, 65 Pf. Pa. ungar. Milch- Mast-Poulets Stück 95, 1.05, 1.15 FISCH- KONSERVEN V, Dose V* Dose Sardinen Amieux freres... 1.60 90 Pf. Sardinen Glorioles...... 1.20 65 Pf. Sardinen Liberte.......— 55 Pf. Sardinen Etienne......... Dose 38 Pf. Gabelbissen'/t Dose 70, Dose 60, Vi Dose 40 Pf. Appetit-Sild.... Vz Dose 60, V« Dose 30 Pf. Katerfrühstück.......... Dose 38 Pf. Heringe in Gelee........ Dose 30 Pf. Forellen-Heringe........ Dose 65 Pf. Roll-Mops.,.*........ Dose 38 Pf. -FLÜSSFISCHE- Spiegel- u. Schuppen-Karpfen Pfund 75 Pf. Sxg) Exe) E/Z) BZsiM Nr. 205. 26. Jahrgang. 2. Mm iirs Jowitfs" Krlim Oollisliliitt. Frrttag, 3. September 1900. Partei- Hngelegcnbeitem Verband sozialdemokratischer Wahlvereine Berlins und Umgegend. Die Fortsetzung der am 22. August vertagten Generalversammlung findet am Sonntag, den 5. September, 12 Uhr mittags, bei Keller(Inhaber Freher), Koppenstraße 29, statt. Tagesordnung: 1. Fortsetzung der Disknssion über den Vortrag des Genossen Ströbel. 2. Partei- und Verbandsangelegenheiten. Der Versand der Delegiertenkarten an die Kreise und die sonst Berechtigten ist erfolgt. Der geschäftsfiiyrende Ausschuß. Wilmersdorf. Heute Freitag, abends 8'/, Uhr, findet die Mit« gliedervcrsammlimg des Wahlvereins im GesellichaftShanse, Wilhelms- ane 1l2, statt. Tagesordnung: 1. Vortrag des Genossen Dr. K. Rosenfeld über„Jugenderziehung". 2. Bericht von der Kreisgeneralversammlung. 3. VereinSangelegenheiten. Die Wichtigkeit des VoriragSthemaS bedingt die Anwesenheit aller Genossen. Lerzirk Französisch- Vnchholz. Sonntag, den 3. September, findet ein gemeinsamer Besuch der Arbeiterwohlfahrts-Ansstellung in Charlottenbnrg, Fraunhoferstratze, statt. Abfahrt vom Bahnhof Blankenburg mittags 12.06 Uhr bis Jungfernheide. Um pünktliches und vollzähliges Erscheinen ersucht Die Bezirksleitung. Eichwalde, Zeuthen, Miersdorf. Sonntag, den 6. September, früh 8 Uhr: Flugblatt- und Handzettelverbreitnng. Den Partei- genossen wird zur Pflicht gemacht, recht pünktlich und zahlreich in den bekannten Lokalen zu erscheinen. Der Vorstand. BerUner JNacbncbten. Die Zugvögel tiificn jetzt allgemein zum Fortfliegen nach dem Süden. Die niedrigen Temperaturen, die iit diesen Tagen allmorgentlich das Thermometer aufweist, mögen, im Verein mit dem fast unablässig wehenden kalten Sturm, sie zu einem zeitigeren Fortflug als gewöhnlich veranlassen. In den Vororten Berlins, und wohl auch inmitten der Stadt auf bäum- bepflanzten Plätzen, kann man die Abschiedsriistungen gegen- wärtig besonders bei den jungen Staren beobachten. Die Kirschen und Pflaumen, an denen sich diese jugendlichen Nascher gern gütlich tun, sind jetzt meist abgeerntet. Da gibt es nichts mehr zu schnabulieren, also auch nichts mehr, was die gefliigelten Feinschmecker noch bei uns halten könnte. In den dichten Kronen alter, buschiger Kastanien halten sie des- halb jetzt häufiger denn sonst ihre Zusammenkünfte ab. Bei denen geht es immer überaus lärniend zu. Mit schrillem Ge- piep, das laut das der Spatzen übertönt, zanken sie viertel- stundenlang henim. Schließlich aber müssen sie doch zu irgend einer Einigung konimen, denn urplötzlich hebt sich gewöhnlich von einem solchen Versammlungsbanni eine große, schwarz- grün gefiederte Wolke, die fast schnurgerade aufsteigt, um in beträchtlicher Höhe den Kurs nach Süden zu nehmen. Gewöhnlich sind es mehrere Hundert Tiere, die auf diese Art gemeinsam die Reise beginnen. Auf einem einstündigcn Spaziergang in baunibestandener Gegend kann man gegen- wärtig diese Erscheinung mehrere Male beobachten. Zinsfreie Darlehen werden aus einigen Stiftungen gegeben, die von der Stadt Berlin verwaltet werden. Zu ihnen gehört ein Stiftungsfonds, der die Bezeichnung„F r i e d r i ch- W i l h e l m s- Anstalt für Arbeitsam e" führt, und die damit verbundene ..B ied er s e e- S t i ft u n g". Dem neuesten Jahresbericht beider Stiftungen, den der Magistrat jetzt veröffentlicht hat, entnehmen wir, daß im letzten Jahr die Verwaltung etwas tiefer in ihren Beutel gegriffen hat. Die Friedrich-Wilhelms-Anstalt hatte im Etatsjahr 1907 nur 308 Darlehiissucher berücksichtigt und im ganzen nur 29 613 Me Darlehen gewährt, im Etatsjahr 1908 ober berück- sichtigte sie 314 Darlehnssucher und gewährte im ganzen 32 200 M. Tarlehen. Die Biedcrseestiftung hatte in 1907 nur 70 Darlehen im Gesamtbeträge von 4445 M. hergegeben, in 1908 aber gab sie 100 Darlehen im Gesamtbeträge von 6665 M. her. Gegenüber der Zeit vor 1907 sind freilich diese Zahlen immer noch recht niedrig, mindestens bei der Friedrich-Wilhelms-Anstalt. In den letzten fünf Jahren, 1904—1998, gewährte die Frredrich-Wilhelms-Anstalt 596, 460, 394, 308, 344 Darlehen mit 52 555 M.. 44 655 M.. 38 320 Mark. 29 6,5 M.. 32 200 M.«durchschnittlich 104 M.. 97 M.. 96 M.. 94 M.); die Biedersccsiistung 198, 97, 80, 70, 100 Darlehen mit 6880 M.. 6210 M.. 5050 M.. 4445 M.. 6665 M.(durchschnittlich 65 M.. 64 M., 63 M.. 63 M., 67 M.). Wundern wird sich mancher, warum die Friedrich-Wilhelms- Anstalt gerade jetzt— in einer Zeit weit verbreiteter Arbeits- losigkeit— so sehr viel weniger Darlehen gewährt als vor drei oder vier Jahren. An Mitteln fehlt's ihr nicht, denn ihr Vermögen ist recht beträchtlich, und es mehrt sich noch fort- gesetzt, regelmäßig durch einen Teil der Zinsen, oft auch durch neue Zuwendungen. Auch iin letzten Jahre hat diese Stiftung wieder 21 500 M. als„überflüssige Barmittel"— so nennt sie der Be- richt— dem Kapital zuschlagen können, weil so wenig Darlehen gewährt worden waren. Statutengemäß sollen berücksichtigt werden von der Friedrich-Wilhelms-Anstalt solche Einwohner Berlins, die durch Krankheit, Unglücksfälle, Strafverbüßung arbeitslos ge- worden find, von der Biedcrseestiftung solche, die ohne ihr Ver» schulden in ihrem Erwerb zurückgekommen und vorübergehend be» schäftigungslos gclvorden sind, namentlich verheiratete Handwerker, verheiratete Arbeiter, selbständige Arbeiterinnen. Die Darlehen müssen selbstverständlich in einer bestimmten Frist zurückge- zahlt werden, aber«S kommt recht oft vor, daß infolge an- dauernder Not des-Darlehnnchmcrs die Rückzahlung sehr viel langsamer von statten geht oder schließlich überhaupt unterbleibt. Die Friedrich-Wilhelms-Anstalt hatte im Etatsjahr 1903 Rück- zahlungcn in Höhe von 30 436 M. Als Reste wurden 48 721 M. in 1900 mithinübcrgcnommen, außerdem standen am Schlüsse des Etatsjahres auf dem Schnldenkonto noch 24 423 M., deren Ein- ziehung bisher trotz aller Versuche nicht gelungen war, aber später aufs neu? versucht werden soll. Die Biederseestiftung hatte 4466 Mark Rückzahlungen, nahm 8482 M. Reste hinüber, behielt 1593 Mark als zunächst uncinziehvar auf dem Schuldcnkonto. Die Einziehungsversuche werden auch von diesen Stiftungen mit allen nur denkbaren Mitteln betrieben, sie werden unterstützt durch Klage, durch Auspfändung, durch Nötigung zum Offenbarungseid usw. Der Wegfall des AnknnftSstemPelS durch die Post hat schon zu vielen Ilnannehmlichkeiten Veranlassung gegeben und ver- schiedene Handelskammern veranlaßt, bei der Reichspostverwaltung um Wiedereinführung des Ankunftsstempels vorstellig zu werden, bisher ohne Erfolg. Durch die Maßnahme läßt sich in streitigen Fällen vielfach nicht feststellen, an welcher Stelle eine Verzögerung der Briefbestellung vorgekommen ist. Das mußte dieser Tage em Leser unseres Blattes erfahren, der sich beschwerdeführend an die Oberpostdirektion gewendet hatte, weil ein am 14. August in Genthin abgestempelter Brief erst am 17. August, also nach drei Tagen, in seine Hände gelangte. Der Bescheid lautete dahin, daß nicht festgestellt werden könne, wo der Brief solange gelegen hätte und wer die Verzögerung sich habe zuschulden kommen lassen. /Das wird noch in vielen Fällen so gehen, solange der Anlunftsstempel fehlt. Für viele Prozesse ist das Vorhandensein dieses Stempels von großer Wichtigkeit. Tic Verwendung von Feuerwehrleuten bei Umzügen will trotz wiederholter Rügen kein Ende nehmen. Hierzu liegt uns wieder folgende Meldung vor: „Bei der Firma Wullkopf, Fabrik für vorgezeichnete Stickerei, Neue Friedrichstr. 3, arbeiten seit 14 Tagen täglich zwei bis vier Feuerwehrleute, welche der Firma beim Umzug helfen. Die Fabrik bleibt im selben Hause, nur wird nach der unteren Etage verzogen. Es ist festgestellt worden, daß bezeichnete zwei bis vier Mann Feuerwehrleute sind, welche täglich wechseln. Der Umzug hat am Dienstag 14 Tage gedauert. Am Montag zog die Firma vier Feuerwehrleute zu Hilfe." Eine andere Mitteilung, die in das gleiche Gebiet gehört, lautet:„Ein Oberfeuerwehrmann Richter arbeitet an seinen freien Tagen als Maurer bei dem Maurermeister Grosse, Goltzstr. 40, vorn 3 Tr. Auch in seiner Ferienzeit hatte er bei Obengenanntem gearbeitet, zuletzt im Monopol-Hotel." Wir haben wiederholt auf das Unzulässige der Beschäftigung der Feuerwehrleute bei Umzügen usw. hingewiesen und dargelegt, daß die freie Zeit der Feuerwehrleute der Ruhe gewidmet sein soll, um dem schweren Dienst auch gewachsen zu sein. Und so sehr wir jedem Verdienst gönnen, so scheint unseres Erachtens diese Beschäftigung der Feuerwehrleute nicht im Allgemeininteresse zu liegen, zumal in einer Zeit, wo es freie Arbeiter genügend gibt, die die genannten Arbeiten gern übernehmen. Wegen Scdanfeier geschloffen. Außer den Schulkindern, die sich des freien Tages freuen, denken jetzt wohl nicht allzuviel Menschen daran, daß am 1. September 39 Jahre seit dem..glorreichen'' Sedantage verflossen sind. Einer anderen Gruppe deutscher Reichs ungehöriger wurde dies aber gestern in recht unangenehmer Weise fühlbar: Den Militärinvaliden, die schon aus ihrer Friedensdienst- zeit eine Probe davon erhielten, was ihnen eventuell ein Krieg bringen kann, und die für ihre verlorenen Glieder bezw. ihre teil weise geschwundene Erwerbsfähigkeit eine kleine Rente— meist nicht über 10 M. monatlich— erhalten. Diese wird ihnen in den ersten Tagen des Monats ausgezahlt, und ein großer Teil der Leute begab sich auch gestern nach der Militärpensionskasse in der Königgrätzer Straße, um die paar Mark, die so notwendig ge- braucht werden, zu holen. Sie fanden aber verschlossene Türen und eine Tafel mit der Inschrift: Kasse geschlossen! Weder eine Erklärung über den Grund hierfür war beigegeben, noch war ein Mensch zu sehen, der Auskunft darüber erteilen konnte. Manche Frau— diese holen meist das Geld für ihre Männer ab— mutzte nach langen: Warten wieder nach Hause gehen, und mit den Klagen über das herausgeworfene Fahrgeld und die verlorene Zeit vermischte sich manch derbes Wort gegen den Staat, der den in seinem Dienst zum Krüppel Gewordenen noch in dieser Weise Um- stände und Kosten bereitet. Unter dem Verdacht vieler Schwindeleien ist der Rechts- anwalt a. D. Louis BuderuS verhaftet worden. Buderus machte seinerzeit durch sein„Silberfest" viel und unliebsam von sich reden. Er warb für eine große Veranstaltung bei Kroll, deren Ueberschuß dem Kaiserpaare zur silbernen Hochzeit für eine wohl- tätige Stiftung zur Verfügung gestellt werden sollte. Es ergab sich aber, daß er in seinen Ausrufen und Einladungen die Namen großer Künstler und anderer hervorragender Personen miß- braucht hatte. Alles rückte von ihm ab und aus dem Silberfeste wurde nichts. Seit Mai vergangenen Jahres gehört Buderus der Rechtsanwaltschaft nicht mehr an. Trotzdem nannte er sich an der Flurtür eines Bureaus, das er seit Juni d. I. im Erdgeschoß des Hauses Gartenstratze 102 besaß, Rechtsanwalt am Land- gericht I, II und III. Das Bureau bestand aus einem Laden mit großer Scheibe und dürftiger Einrichtung. An der Ladenscheibe prangte die Aufschrift:„Rechtsbureau Justitia. Detektivzentrale. Vertretung vor Gericht. Ehesachen, Strafsachen, Alimentation. Mäßige Honorare; Teilzahlung gestattet". Durch Anzeigen suchte uun Buderus Bureauvorsteher, die sich gegen entsprechende Ein- lagen auch am Geschäft beteiligen konnten. Ilm den Bewerbern die Armseligkeit seiner Einrichtung nicht zeigen zu müssen, empfing er sie unter dem Vorwande, daß er in seiner Zeit sehr beschränkt sei, in irgendeiner Kneipe und nahm ihnen dort gleich die Einlage von 200 bis 300 M. ab. Erst wenn die Leute dann ihre Stellung antraten, sahen sie. daß sie getäuscht worden waren. Sie blieben meist nur wenige Tage und forderten vergeblich ihre Einlagen zurück. Teilzahlungen auf das Gehalt, die er nicht uin- gehen konnte, leistete Buderus dem einen Bewerber von der Ein- läge eines anderen. Für Vermittelung von Stellen, über die er gar nicht verfügte, nahm Buderus anderen Leuten 20 bis 50 M. Gebühren ab. Dreißig bis vierzig Mann bestürmten sein Bureau mit der Behauptung, daß er sie aus diese Weise betrogen habe. Auf dem Hausflur und auf der Straße gab eS oft einen Lärm, daß die Wirtin schon daran dachte, die Polizei zu Hilfe zu rufen. Ein Geprellter schlug dem Rechtsanwalt die Türschciben ein. BuderuS war trotz seiner Lage so dreist, einen der Dränger wegen Hausfriedensbruches anzuzeigen. Andere aber gingen gegen ihn vor. Nachdem die Hauswirtin wegen Mietsschulden und des fort- währenden Lärms bereits die Räumungsklage angestrengt hatte. erschienen vorgestern nachmittag drei Kriminalbeamte im Bureau und nahmen Buderus wegen der Schwindeleien fest. Der Be- schuldigte wurde gestern dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Freibad Baumwerder endgültig geschloffen. Nach einer amt- lichen Verfügung ist nunmehr das Freibad auf der Insel Baum- Werder endgültig geschlossen worden, und die Polizei hat weiter angeordnet, daß Personen im Badeanzug auf der Insel nicht mehr geduldet werden können. Aug der Fürsorgeanstalt in Camin sind sieben Fürsorge- zöglinge auf einmal entwichen; eS soll sich zumeist um Berliner Zöglinge handeln. Entgleisung am Ringbahnhof Landsberger Allee. Gestern mittag mn 12 Uhr 10 Minuten entgleisten auf dem Ringbahnhof Landsberger Allxe mehrere Wagen eines Güterzuges. Der Zug. der zum größten Teil aus leeren Wagen bestand, lam vom Viehhof in langsamer Fahrt in den Bahnhof Landsberger Allee eingefahren. Auf dem Gleise, das der Güterzug passierte, war vor wenigen Tagen eine neue Weiche eingebaut worden. Dort sprang aus bisher nicht auf- geklärtem Grunde der erste Wagen hinter der Lokomotive aus dem Gleise. Ein Beamter, der sah, daß der Wagen sich hob, gab dem Lokomotivführer sofort ein Zeichen. Die Lokomotive wurde durch Bremsen und Gegendampf zum Stillstehen gebracht. Trotzdem wurde der zweite Wagen quer über die Schienen geworfen. Der dritte Wagen blieb auf dem Gleise stehen, während der vierte ebenfalls aus den Schienen gehoben wurde. Die Lokomotive ist unbeschädigt. Die beiden ersten Wagen sind aber fast vollständig zertrümmert worden. Menschen sind nicht verletzt worden.(Im 1 Uhr traf auf dem Bahnhofe Landsberger Allee ein Hilfszug mit Mannschaften ein, um das beschädigte Gleis zu reparieren. Ein lange gesuchter Schwindler und Fälscher, der mit einem besonderen Kniff arbeitete, wurde gestern in der Person des 40 Jahre alten früheren Handlungsgehilsen Max Lefkowsky er- mittelt und festgenommen. Lefkowsky, der wegen Betrügereien aller Art schon zwölf Jahre Zuchthaus verbüßt hat, suchte aus dem Adreßbuch Namen und Wohnung von Leuten heraus, die ein Bank- konto haben. Diesen Leuten, meist kleineren Geschäftsinhabern und Handwerkern, stellte er sich dann als Beauftragter der städtischen Gaswerke vor. Er brachte eine Quittung über 35 Pf. bis 1 M. mit, zahlte diese Beträge als angeblich zu viel erhoben aus, ließ sich die Quittung unterschreiben und steckte sie ein. Da solche kleine Ueberhebungen wohl vorkommen können, so dachte sich bei dem einfachen Vorgang niemand etwas böses. Lefkowsky aber opferte gern diese paar Pfennige, um mehr zu ergaunern. Ihm kam es nur darauf an, von den Geschäftsleuten eine Quittung mit richtiger Unterschrift zu erhalten. Die Aufschrift hatte er mit Bleistift oder leicht zu beseitigender Tinte hergestellt. So war es ihm leicht, ganz etwas anderes daraus zu machen. Nachdem er dann einen Betrag von einigen Hundert Mark eingesetzt hatte, legte er die Quittung der Bank vor und erhielt auf das Konto des Unterzeichneten das Geld. Dieser Schwindel wurde schon seit April dieses Jahres verübt, ohne daß es gelang, den Täter zu fassen. Die Kriminalpolizei benachrichtigte nun alle Banken und bat, auf den übereinstimmend beschriebenen Menschen zu achten. Gestern kam Lefkowsky zu einem Geschäftsmann in der Charlottenstraße und erhielt wieder eine Quittung. Jetzt versuchte er, auf der Deutschen Bank 1000 M. zu bekommen. Obgleich er auch noch eiw Begleitschreiben vorlegte, war man doch so vorsichtig, bei dem Geschäftsmann durch den Fernsprecher erst anzufragen. Jetzt er- gab sich, daß man es mit dem gesuchten, bisher unbekannten Schlvindler und Fälscher zu tun hatte, und ließ ihn festnehmen. Der Verhaftete behauptet, er habe die Quittungen nicht selbst ge- fälscht, sondern von einem Unbekannten zum Ueberreichen erhalten. Er ist aber in vollem Umfange überführt und wurde nach dem Untersuchungsgefängnis gebracht. Selbstmord eines Berliner Opernsängers. Mittwoch nacht hat sich der Tenorist Konradin Rotter, der seit Beginn dieser Spielzeit der kiesigen Komischen Oper angehörte, erschossen. Der jugendliche Selbstmörder ist identisch mit dem vorher an verschiedenen Berliner Bühnen als Schauspieler tätig gewesenen Kurt Rinlel, der zuletzt im vorigen Sommer im Rahmen des Deutschen Theater-Ensembles Proben seiner schauspielerischen Begabung abgelegt hat. Schon damals äußerte Rinlel seine Ahsicht, zur Oper überzugehen, und wurde nach eifrigem Studium erst kürzlich von Direktor Gregor für die Komische verpflichtet. Dort trat er seit Mitte August unter dem Namen Konradin Rotter als Peter Schlemihl in„HoffmannS Erzählungen" mit erfreulichem Erfolge auf. Noch vorgestern abend spielte er seine Rolle, ohne daß seiner Umgebung eine Veränderung in seinem GeimitSznstande aufgefallen wäre. Was den jungen Künstler in den Tod getrieben hat, darüber fehlen zurzeit noch alle Anhaltspunkte. Vom Bmiger, Ist abgestürzt. Ein Opfer des Berufs wurde gestern der Bauarbeiter August Bach, Schulstraße 21 wohnhaft. B. war auf dem Neubau Wildenbruchstratze 20 beschäftigt. Als er auf dem Gerüst mit dem Hochziehen der Frontinauer beschäftigt war, stürzte er, das Gleichgewicht verlierend, aus der Höhe des zweiten Stockwerks in die Tiefe. Er zog sich einen komplizierten Schenkel- bruch und anscheinend innere Verletzungen zu, so daß seine lieber« führimg nach dem städtischen Krankenhause notwendig wurde. Deutschnationaler Verrat. Zu den„christlichen Gewerkschaftsführern", die ihre Mitglieder bei der Beratung der sogenannten Reichsfinanzreform verraten haben, gehört bekanntlich auch der Abgeordnete Schack, der Vor» steher des antisemitischen Deutschnationalen Handlungsgehilfen- Verbandes. Unter dem aufgeklärten Teil der Mitglieder des anti- semitischen Verbandes herrscht jetzt große Erregung über das Ver- halten dieses Handlungsgehilfcnführers. In ihren Zeitungen wie in Flugschriften versuchen die Führer jetzt ihre rebellisch ge- wordenen Schäfchen wieder zu beruhigen, indem sie wacker den roten Lappen schwenken, und den Versuch machen, in jeder Weise zu verleumden. Um die Aufklärung über den schmachvollen Verrat des antisemitischen Handlungsgehilfenverbandes in immer weitere Kreise dringen zu lassen, veranstaltet der Zentralverband der Handlungsgehilfen und-Gehilfinnen Deutsch- l a n d s heute Freitag, abends SVi Uhr, in den B ü r g e r s ä l e n. Rixdorf, Berg st r. 147, eine öffentliche Versammlung, in welcher Genosse Georg Ucko mit den deutschnationalen Ver- rätern abrechnen wird. Es steht zu erwarten, daß die HandlungS- gehilfcn und-Gehilfinnen für Massenbesuch dieser Versammlung Sorge tragen werden._ Nnion-Theatcr nennt sich ein Unternehmen, daß als ein großes Kinematographentheater am Alexanderplatz am Sonnabend er» öffnet wird. 800 Personen sollen darin Platz finden. Gesperrt ist der Kreuzdamm der Tile Wardenbergstraße und des Hansaufers behufs Ncupflasterung für Fuhrwerke und Reiter. Neue Forschungen über den Mond und den Mars bilden das THema, welches am Sonntag, den 5. September, nachmittags 5 Uhr, Direktor Dr. I. S. Archenhold in der Treptow-Sternwarte in einem Vortrage behandeln wird. An demselben Tage, abends 7 Uhr, wird derselbe über den Planeten:„Mars, seine Kanäle und Eisfelder" sprechen.. Beide Vorträge sind für den Laien durdhanS verständlich gehalten. Am Montag, den 6. September, abends 0 Uhr, hält Dr. Archenhold einen Vortrag über:„Ein Tag auf dem Monde". Die Ergebnisse der Forschungen werden in zahlreichen Lichtbildern vorgeführt.— Im Anschluß an die Vorträge haben die Besucher Gelegenheit, den Mond und den Planeten Mars in dem großen Fernrohr der Treptow-Sternwarte, an welchem jetzt tagsüber die Sonne gezeigt wird, zu beobachten. Außerdem können an kleineren Fernrohren Doppelsterne, Sternhaufen und andere beliebige Himmelsobjckte beobachtet werden. Feucrwehrbericht. Wegen eines größeren WohnungsbrandeS wurde gestern vormittag um 8 Uhr die 4. Kompagnie nach dem Alexanderufer 7 am Humboldthafen gerufen. Möbel, Gardinen. Betten usw. brannten dort, so daß kräftig Wasser gegeben werden mußte. Das Feuer soll durch Unvorsichtigkeit entstanden sein. Der 12. Löschzug mußte nach Blumeshof 3 ausrücken, wo ebenfalls in einer Wohnung Feuer ausgekommen war. Unter großer Qualm- entWickelung brannte in der Wilhclmstraße 33 Teer. Kcllerbrände beschäftigten die Berliner Feuerwehr in der Steglitzer Straße 87, Gartenstraße 66 und an anderen Stellen. Küchenbrände wurden aus der Bergmannstraße 91, Mühlhausener Straße 4, Zorndorfer Straße 58 und anderen Stellen gemeldet. Ohne Erfolg wurde ein Sauerstoffapparat bei einem Kranken in der Dnnckerstraße 17 benutzt. Ferner wurde die Berliner Feuerwehr nach der Pasteur- straße 31, Schönhauser Allee 33/34, Schulstr. 20, Kastanien-Allee 75 und anderen Stellen gerufen, wo es aber nur wenig zu tun gab. Vorort- JNtacbncbtem Rixdorf. Eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit bedeutete nach Ansicht des hiesigen Polizeipräsidenten ein von dem Musikverein„Einigkeit, Frisch voran zu Rixdorf" geplanter Auf« zug, an dem sich eventuell Sozialdemokraten beteiligt hätten. Genannter Verein suchte zu diesem Aufzug die Genehmigung bei dem Polizeipräsidenten naH. Er schielt Kierau� folgenden Bescheid: Der Polizei-Präsident. Tagebuch-Nr. I A 2600/09. R i x d o r f bei Berlin, den 28. August 1909. Dem Musikverein„Einigkeit. Frisch voran zu Rixdorf" wird die nachgesuchte Genehmigung zu dem am Sonntag, den 29. d. Mts., in Aussicht genommenen Aufzuge versagt, weil aus der Veranstaltung des Aufzuges Gefahr für die öffentliche Sicher- heit zu befürchten ist. Wie m Erfahrung gebracht ist, beabsichtigt der 10. und 11. Bezirk des sozialdemokrtischen Wahlvereins zu Nixdorf sich mit seinen Mitgliedern dem Aufzuge des Musikvereins„Einig. keit. Frisch voran zu Rixdorf" anzuschließen. Ob dies mit oder ohne Willen des erwähnten Musikvereins geschehen soll, kann dahingestellt bleiben. Jedenfalls muß ein gemeinsamer Aufzug der beiden Vereine bei der weitaus überwiegenden Anzahl des sozialdemokratischen Wahlvereins als ein sozialdemokratischer Aufzug betrachtet werden. Ein solcher wirkt aber bei der der herrschenden Staats-, Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung notorisch feindlichen Gesinnung der Sozialdemokratie ebenso aufreizend auf diejenigen Teilnehmer und Zuschauer des Auf- zuges, die ihrer Gesinnung nach zur Sozialdemokratie gehören, wie verletzend und provozierend auf denjenigen Teil des Auf- zuges und des Publikums, der auf dem Boden der gegen- wältigen Staats- und Gesellschaftsordnung steht. Bei dem zu erwartenden Umfange des Aufzuges und des Sonntagsstraßen- Verkehrs muß nun damit gerechnet werden, daß die gegenseitige Verbitterung Formen annehmen wird, die eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit befürchten läßt. Der eingereichte Stempelbogen folgt anbei zurück. I. V.: Keßler. Dem Polizeipräsidenten ist der Bescheid sicher nicht schwer geworden, kehrt doch in demselben die allenthalben angewandte stereotype Form wieder, die von der bekannten„feindlichen Ge- sinnung der Sozialdemokratie gegenüber unserer herrschenden Staats- und Gesellschaftsordnung" handelt. Doch wie der Polizei» Präsident in der so ausgeprägten und in ihrer übergroßen Mehr» heit aus Sozialdemokraten bestehenden Arbeiterschaft Nixdorfs in einem solchen Aufzuge eine aufreizende, verletzende und pro- dozierende Wirkung auf die der Sozialdemokratie etwa noch fern» stehende Passanten usw. befürchten kann, wird im Ernst niemand verständlich sein. Solch- Gründe für die Ablehnung des Umzuges in? Feld zu führen, wirken denn doch schon mehr komisch wie ernst. Wäre cS nicht da viel besser, wenn der Polizeipräsident ein anderes Mal mit einem kategorischen Nein antwortete? Er ersparte sich dabei die Mühe und Zeit, nach Gründen zu suchen, und was die Haupt- fache ist. er fände auch sofort das nötige Verständnis für seine Ablehnung. Eharlottenburg. Zwei Schülerselbstmorde. Das Kapitel der Schülersclbstmorde ist abermals um zwei Fälle vermehrt worden. Im vorliegenden Fall handelt cS sich um Schüler des Charlottenburger städtischen Gymnasiums. Der Unterprimaner Kurt S k a l l a hat sich vorgestern in der Speisekammer seiner elterlichen Wohnung, Stuttgarter Platz 18, erhängt. Die völlig ent- bläßte Leiche des Knaben wurde von dem Bater wenige Minuten nach dem eingetretenen Tode vorgefunden. Fast um die gleiche Zeit setzte der Obcrsekundaner Adolf Brück ans der Wilmersdorfer Straße 106 seinem jungen Leben ein vorzeitiges Ziel, indem er sich ebenfalls in der elterlichen Wohnung in einem Kleiderschrank erhängte. Welche Ursachen diesen beiden Schülerselbstmorden zugrunde liegen, steht noch nicht genau fest. Bei Brück wird behauptet, daß er an einer unheilbaren Krankheit gelitten habe, die ihn oft in über- große nervöse Reizung versetzte, während man bei Skalla noch vor einem unlösbaren Rätsel steht._ Bon einem Automobil überfahren und getötet wurde am Mittwochvormittag das sechsjährige Söhnchen des in der Schiller» straße 76 wohnhaften Briefträgers Masserath. Der Kleine hatte mit mehreren anderen Kindern vor dem elterlichen Hause gespielt und lief plötzlich auf den Fahrdamm, gegen eine Kraftdroschke. Der Knabe wurde umgerissen und geriet unter das Fahrzeug, dessen Räder über ihn hinweggingen. Der Führ«r der Droschke brachte den schwerverletzten Knaben zu einem in der Nähe wohnenden Arzt und von hier nach dem Krankenhause Westend, der Ver- unglückte starb aber bereits auf dem Transporte. Nach dem Bericht von Augenzeugen trifft den Chauffeur an dem bedauerlichen Unglücksfall keine Schuld. Schöneberg. Der Betriebsbahnhof der Nntergrundbahn auf dem städtischen Gelände zwischen Ring» und Wannseebahn, der zunächst als ein Provisorium, bestehend aus einem eingleisigen Tunnel mit an» schließender Rampe, mit einem Kostenaufwand- von annähernd 268 300 M. gedacht war, muß bei der Verlängerung der Untergrund- bahn in das Südgelände entfernt und durch eine andere, definitive Anlage ersetzt werden. Die Bebauung des Westgeländes gelangt voraussichtlich früher zum Abschluß, als angenommen, so daß auch die Bebauung des Südgeländes und somit der frühere Ausbau der Untergrundbahn vor sich gehen wird; daher sollen die bedeutenden Ausgaben für die provisorische Anlage gespart und dafür jetzt schon mit oem Ausbau der später doch notwendigen definitiven Anlage be- gönnen werden. Die Mehrkosten dieser Anlage gegen die provisorische betragen 301 380 M. Diesen Mehrkosten stehen beim Untergrund- bahnbau schon jetzt Ersparnisse gegenüber, so daß man die ganzen Mehrkosten aus den Ersparnissen zu bestreiten gedenkt. ES wird nunmehr eine definitive Tunnel- und Rampenanlage gebaut werden, sowie die dadurch bedingten Abänderungen an dem Betriebsbahnhof zur Ausführung gelangen. Lichtenberg. Stadtverordnetensitzung. Zu der in der Zeit vom 8. bis 11. September dieses Jahres in Zürich stattfindenden Tagung des „Vereins für öffentliche Gesundheitspflege" beschloß die burger- liche Mehrheit von einer Delegation Abstand zu nehmen, trotzdem der Magistrat zwei Vertreter entsendet und die Tagesordnung diesmal mehr wie je von allgemeinem Interesse ist. So stehen zum Beispiel folgende Punkte auf der Tagesordnung: Fürsorge- stellen für Lungenkranke, Konserven als VolkLnahrung, Hygiene der Heimarbeit, kommunale Wohnungsfürsorge usw. Beschlossen wurde lediglich, das; es einem der beiden ärztlichen Stadtver- ordneten freistehen solle, den Kongreß als Vertreter zu besuchen. SanitätSrat Dr. Wolf lehnte ab, Herr Dr. Bokofzer nahm dankend an. Das hat eine gewisse Pikanterie. Derselbe Herr war im vorigen Jahre als Delegierter zum Gesundheitskongreß in Wies- baden in Vorschlag gebracht worden. Gleichzeitig fand in Königs. berg der preußische Städtetag statt, der sich durch ein sehr reich- .haltiges Festprogramm auszeichnete. Und unser Mediziner er» klärte, der Gesundheitskongreß habe für ihn kein Interesse, er wolle lieber Königsberg besuchen und er war Teilnehmer der Festivitäten. So kam es denn, daß damals zum Gesundheits» kongreß zwei Sozialdemokraten entsandt wurden, die für diese Vergünstigung auf ein Mandat zum Festtrubel nach Königsberg verzichteten. Und nun schickt die bürgerliche Intelligenz den Arzt nach Zürich, den im vergangenen Jahre der Gesundheits- kongreß gar nicht interessiere» konnte. Zu dem am 20. und 21. September in Rixdorf stattfindenden Brandenburgischen Städtetag wurde beschlossen, drei Stadtver- ordnete zu delegieren. Folgender, von der sozialdemokratischen Fraktion gestellter Antrag:„Der Städtetag ersucht alle Stadtver» waltungen, zu der Frage des kommunalen Wahlrechts Stellung zu nehmen und beim preußischen Abgeordnetenhaus die Einführung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts für alle Kommunalwahlen zu beantragen", wurde in namentlicher Ab- stimmung abgelehnt. Nur drei Herren der sogenannten„liberalen" Fraktion stimmten mit für unseren Antrag. Der Führer der Bürgerlichen, Rechtsanwalt Schachtel, erklärte frei und offen, es geradezu als ein Unglück zu betrachten, wenn der Antrag ange- nomine» würde. ,Unsere Genossen ermangelten nicht, die frei- sinnig-liberalen Herrschaften als Wahlrechtsfeinde an den Schand- pfähl zu nageln. Aber das ließ diese Mugdanesen kalt, sie wollen in der Kommune unbeschränkt herrschen. Eine Vorlage des Magistrats, betreffend Abänderung der fest» gesetzten Strahenzüge auf dem zwischen Möllendorf-, Scheffel- straße und Eisenbahn belegenen Stadtteil, wurde angenommen. Bei der hierbei von unseren Genossen erfolgten Anfrage, ob der Magistrat gedenke, die auf diesem Stadtteil geplante Volksschule wegzulassen, wurde vom Magistrat geantwortet, das sei allerdings beabsichtigt, weil, wie der neue Stadtbaurat meint, die Gefahr bestehe, daß bei dicht zusammenliegenden Volksschulen und dem Gymnasium zwischen der Schuljugend leicht—„Straßenkämpfc" entstehen könnten. Nachdem von uns diese mehr wie lächerliche Begründung zurückgewiesen worden war, kam das„entsnt terrible" des Magistrats in seiner bekannten Offenheit mit dem wahren und von unS bereits vermuteten Grund des Weglassens der Volksschule heraus. Er erklärte nämlich, daß, da in Lichten- berg viele Fabrikbesitzer und höhere Beamte wohnen, es notwendig wäre, für diese steuerkräftige Bevölkerung einen Ortsteil zu schaffen, in welchem sich diese wohtfühlen könnte. Nach diesem Geständnis kann man allerdings verstehen, weswegen die Volks- schule da nicht passend gelegen sein soll. Im Verlaufe der Debatte sah sich der Herr Stadtbaurat genötigt, seine provo. zierende Begründung dahin zu interpretieren, daß er nur an ein starkes Zusammenfluten von Schülern nach Schluß der Schul- stunden gedacht habe. Auf die von unseren Genossen erhobene Einwendung, daß man nun die Volksschule in der Gegend erbauen wolle, die von den bürgerlichen Herren früher als gefährlich gesundheitsschädlich bezeichnet worden sei, hatte man nur die windige Antwort, die Schule erhalte ihren Platz in günstiger Windrichtung. Bei der folgeaden Vorlage betreffend Bewilligung der Kosten für Baueinrichtungen der Leichenhalle auf dem neuen Friedhof in Marzahn wurde von unseren Genossen das eigenmächtige Vor- gehen einzelner Dezernenten, wie überhaupt des Magistrats, scharf gekennzeichnet.— Der geforderten Kassierung des Teils der Magnerstraße zwischen Ruschestraße und Wagnerplatz wurde zu- gestimmt und dafür die Anlage einer neuen Straße, der Straße 71, von der Normannenstraße bis zur nördlichen Fahrstraße am Wagnerplatz beschlossen. Der mit der Gesellschaft für elektrische Hoch- und Untergrundbahnen in Berlin abgeschlossene Vertrag wird dahingehend abgeändert, daß die projektierte Zubringerbahn nicht, wie erst geplant, durch die Jungstraße geführt wird, sondern durch die Weichselstraße, und zwar von Weser- bis Scharnweber« straße, alsdann durch die Scharnweberstraße, bis zur Gürtelstraße und von da die Gürtelstraße entlang bis zur Frankfurter Chaussee. Es machte sich dies notwendig, da die Gemeinde Rummelsburg die Bedingung gestellt hat, daß die Bahn durch die Holtcystraße ge- führt wird.— Bei dem folgenden Punkt der Tagesordnung, Ein- richtung einer Krankenstation im Anschluß an die Rettungswache, war es interessant, zu hören, daß die von uns wiederholt fest- gestellte Tatsache, es sei sehr häufig nicht möglich, schwerkranke Lichtenberger Einwohner in einem Krankenhause unterzubringen. jetzt selbst vom Magistrat zugegeben werden mußte. Die Vorlage selbst wurde daraufhin einstinimig angenommen.— Bezüglich der Wochenmärkte wurde beschlossen, daß beide, der in Neu-Lichtenberg sowohl wie der am Travcplatz. Mittwochs im Sommer von 7 Uhr, im Winter von 3 Uhr bis mittags 1 Uhr und Sonnabendsnach- mittags von 3 Uhr bis zum Eintritt des für offene Verkaufs- stätten festgesetzten Ladenschlusses stattfinden. Zum Schluß wurde noch einem Abkommen mit der Stadt Berlin, betreffend die Ge- Währung von Löschhilfe durch die Berliner Feuerwehr, zugestimmt. Ober-Schöneweide und Nieder-Schöneweide. Der JiigeiidauSschuß veranstaltet am Sonntag, den 5. September, einen Ausflug nach dem Zoologischen Garten. Treffpunkt ist Nestauraut Raabs, Wilhelmineuhofstr. 43, 8 Uhr morgens. Abfahrt 8 Ubr 35 Min. vom Bahnhof Nieder-Schöneweide nach dem Eörlitzer Bahnbof. Die Genossen obengenannter Orte werden ersucht, ihre jugend- lichen Angehörigen auf diese Veranstaltung hinzuweisen. Der JngendauSschuß. Pankow. Aus der Gemeindevertretung. In der ersten Sitzung nach den Ferien, am 31. August, wurden die Mitglieder der Kommission gewählt,, welche die Voreinschätzung zur Einkommensteuer zu er- ledigen hat. Tann wurde über einen Bebauungsplan verhandelt, welcher die Erschließung des Geländes zwischen Spandauer und Wollank- resp. Kreuzstraße dient. Dieser Plan sieht die Aus- gcstaltung der Spandauer Straße am Bürgerpark zu einer breiten mit Promenade und Rasenstreifen versehenen Straße vor. Da aber die Verhandlungen mit den Besitzern des Hinterlandes noch nicht abgeschlossen sind, wurde dit Beschlutzfassung vertagt. Ferner wurde die Anlage einer Straße und Brücke in der Richtung Schulzestraße— Bcgräbnisplatz Schönholzer Heide vertagt, weit bei der jetzigen Finanzlage die Deckung der Kosten, annähernd 60 000 M., erhebliche Schwierigkeiten verursachen würde. Für das Projekt wurde geltend gemacht, daß von der Erwerberin der Schönholzer Heide, der Firma Worch u. Co., die Regulierung der Straße am Pankower Begräbnisplatz beabsichtigt sei, und daß dckmit endlich die baupolizeiliche Genehmigung zum Bewohnen des Jnspektorwohnhauses aus dem Begräbnisplatz zu erlangen sein würde. Ein weiterer Plan, die Stegerstraße bis zur Völkerstratze durchzulegen, wurde von der Gemeindevertretung angenommen. Dabei wurde auch die Ausführung eines weiteren Anschlusses an die Berliner Wasserleitung in Aussicht gestellt. Angeblich sind die Röhren in der Wollankstraße nicht weit genug, um hinreichend Wasser aus der Berliner Wasserleitung nach Pankow zu leiten, so daß der Wassermangel an den letzten heißen Tagen unvermeid« lich war. Wirksame Abhilfe wird, erst durch den Bau des neuen Wasserwerks geschaffen werden. Daran sollte mit möglichster Bc- schleunigung gearbeitet werden, zumal die Baukosten schon durch Anleihen bereitgestellt sind. Einstweilen beschäftigte sich aber die Gemeindevertretung erst nochmals mit dem Vortrag über den Kauf des Wasserwerkgrundstückes an der Havel bei Stolpe. Dem Rittergutsbesitzer v. Veltheim zu Schönfließ, welcher der Gemeinde das Grundstück verkauft hat, haben die Agnaten nicht die Zu- stimmung zu verschiedenen Punkten des Vertrages gegeben, nament- lich insofern es sich um in das Grundbuch des Rittergutes ein- zutragende Lasten handelt, zum Beispiel in gewisser Entfernung von dem Pankower Wasserwerk keine andere derartige Anlage zu errichten. Demgemäß wurde der Kaufvertrag abgeändert, auf Wunsch des Verkäufers auch der Anschluß der Gutshöfe zu Stolpe und Schönfließ an die Wasserleitung gegen Zahlung von 16 Pf. für 1 Kubikmeter Wasser genehmigt. Der Stiftung von Frei- betten im Gemeindekrankenhaus wurden 34 000 M. überwiesen. Bekanntlich haben die Separationsinteressenten zugunsten dieser Stiftung auf diejenigen Einnahmen verzichtet, welche der Verkauf der zugeschütteten Gräben einbringt. In einem Falle hat es ein Grundbesitzer wegen der vorgenannten Summe auf einen Prozeß ankommen lassen, diesen aber verloren. Die Anstellung eines zweiten Desinfektoren wurde beschlossen und der Betrag von 3l0 Mark zur Beschaffung einer Ausrüstung für denselben bewilligt. Da er nebenbei noch den Posten eines Geineindeuachtwächters be- kleidet, wird manchmal die Desinfektion mit Nachsicht beurteilt werden müssen. Schließlich wurde noch mitgeteilt, daß vom 1. Oktober ab die'Straßenbahnlinie ö— Gerichtsring— eingeht lind durch eine neue Linie 4S, Pankow— Hasenheide, ersetzt wird. Vmmlcbtes. Die Heimreise des„Z. IIL� Die am Mittwochabend angetretene Heimfahrt de?»Z. Hl" ist, soweit ans den bisherigen Meldungen zu ersehen, ohne Unter- brechung verlaufen. Das Lnftschiff nahm sofort seinen Kurs nach Süden und fuhr in ruhiger und sicherer Fahrt in der Richtmig nach Leipzig. Um 2 Uhr 15 Minuten passierte es Bitterfeld und kam um 4 Uhr 15 Minuten in Leipzig in Sicht. Trotz der kalten Witterung hatten sich auf den freien Plätzen und den Dächern der Häuser Hunderte von Menschen angesammelt, die daS Luftschiff bei seinen Manövern über der Stadt beobachteten. Zwei Stunden später kreuzte der„Z. HI" bereits über Pegau und wurde um 6 Uhr 55 Minuten in Zeitz gesichtet. Um 8 Uhr 15 Minuten befand sich das Luftschiff über dem Rathausturm in Gera und hatte gegen heftigen Westwind zu kämpfen, so daß es längere Zeit tnauöverieren mußte. Dann schlug der„Z. III" die Richtung nach Greiz ein, wo er kurz vor 9 Uhr in Sicht kam. Das Wetter hatte sich wieder aufgeklärt und das Luftschiff konnte bei Sonnen- schein und völliger Windstille seine Fahrt in der Richtung auf Plauen fortsetzen. Um 9 Uhr 40 Minuten wurde Plauen in schneller Fahrt passiert. Nach weiteren 50 Minuten war Hof in Bayern erreicht. Um 11 Uhr 45 Minuten überflog das Luftschiff in langsamer Fahrt die Stadt Münchberg und traf um 12 Uhr 45 Minuten über Bayreuth ein. Kurz vor 2 Uhr passierte es Pottenstein, um 2 Uhr 15 Minuten Gösweinstein, gegen 2s/4 Uhr Gräfenberg und um 3 Uhr 15 Minuten fuhr es im Osten von Nürnberg auf den Dutzendteich zu, machte dort angelangt 8 Uhr 20 Minuten eine Schwenkung und flog mit geneigter Spitze um die Burg und dann über ganz Nürnberg hinweg nach Südwesten weiter, ohne zu landen. Um 5 Uhr 25 Minuten passierte der Ballon Ostheim, die Mitte der ersten Zwischenlandung auf der Hinfahrt nach Berlin. In Nord- lingeu wurde er um 5 Uhr 50 Minuten gesichtet. Das Gntienuiiglück im Saarrevier. Nach einer Meldung aus Saarbrücken vom gestrigen Tage waren von den auf der Grube Camphausen Verunglückten bis vorgestern abend 6 Uhr zwei Mann geborgen. Die übrigen sechs Mann liegen im Schacht unter einer Seilmasse von ungefähr 720 Metern. Wann sie geborgen werden können, ist noch nicht abzusehen; die Bergungsarbeiten werden eifrig betrieben. Alle Verunglückten waren noch junge Leute, der älteste zählte 33, der jüngste 21 Jahre. Zwei der Verunglückten waren verheiratet. Die Mauerbühne ist etwa 90 Meter abgestürzt. Der Dampfhaspel, an dem die Bühne mittels Stahldrahtseils befestigt war. ist zerstört. Der einzig Ueberlebende von den im Schacht Befindlichen, der sich aber nicht auf der ab- gestürzten Mauerseite befunden hatte, wurde gestern morgen gegen 3 Uhr mittels Haspels aus dem Schacht hervorgezogen. Die Ab» teufung des Schachtes wird von der Firma Battenberg in Esten (Ruhr) ausgeführt, deren Arbeiterschaft die Verunglückten größten- teils angehören._ Tie angebliche Entdeckung des NordpalS. Mit wachsendem Jntereffe wird die Nachricht. eS sei dem ameri- kanischen Forscher Dr. Cook gelungen, den Nordpol zu entdecken. erörtert. Bereits gestern abend brachten Blätter Nachrichten auS Lerwick auf den Shetland-Jnseln, denen der Charakter zweifelloser Gewißheit beigemessen wurde. Doch angesichts der jahrhunderte- langen Bemühungen um die Erreichung des Nordpols sind solche Nachrichten nur noch mit gewisser Borsicht aufzunehmen.„New Jork Herald" veröffentlicht eine Zuschrift, die er von Cook selbst.über seine Nordpolreise erhalten habe. Cook erllärt darin, daß tt nach langem beschwerlichen Kampfe gegen Hunger und Kälte den Nordpol erreicht habe. Wir haben, so heißt eS in dem Bericht, einen neuen Weg und ein sehr wildreiches Gebiet entdeckt, das das Jagdgebiet der Eskimos wie der europäischen Jäger erweitern wird. Wir entdeckten ein Land, auf dem die Felsen ruhen, die den nördlichsten Teil der Erde bilden. Wir haben dreißig Ouadratkilometer neues Sand erobert._ Die TyPhuSkPidemie in Altwasser, worüber wir schon im Juni berichteten und die damals einen ganz gewaltigen Umfang an- genommen hatte und viele Opfer forderte, ist nach unS zugegangenen Nachrichten aus Altwasser immer noch nicht zu Ende. Noch kürzlich find zwei Schwestern, die sich in aufopferungsvoller Weise der Krankenpflege lvidmeten. Opfer ihres schweren Berufes geworden. Bergsturz infolge eines Erdbebens. Wie aus Trient gemeldet wird, veranlasste ein Erdbeben in den Grenzgebirgen von Südwest- Tirol einen Bergsturz im Cainonicalale, wodurch auch die Bahnstrecke verschüttet wurde. Ein Parlamentsgebände vom Feuer zerstört. Wie aus Toronto iCanada) berichtet wird, entstaiid im dortigen Parlamentsgebäude Feuer, das einen Schaden von 1 Million Dollars verursachte. DaS Dach des Westflügels stürzte ein und fiel in die Bibliothek. Die Cholera in Rotterdam. Nach einer Bekanntmachung deS Rotterdamer Bürgermeisters befinden sich 20 Cholerakranke in de» Baracken. Die Ober Pflegerin der Cholerakrankeu in den Baracken ist plötzlich gestorben. Das Befinden von zwei Kranken ist sehr ernst, von zwei anderen leidlich und bei den übrigen befriedigend. Alle isolierten Personen sind gesund. Die Ursache der Erkrankung liegt hauptsächlich in dem Genuß von unfiltriertem Fluß- wasser. Vom Feuer bedroht. Wie das Pariser Journal aus Toulon meldet, bedroht ein Brand, der die großen Waldungen in der Gegend von Ranatuelle sDepartement Var) ergriffen hat. diesen Ort selbst. Es war notwendig, 50 Meter von den Häusern entfernt ein Gegenseuer anzuzünden, das die Ortschaft bedroht. Der Mangel an Walser läßt eine Katastrophe befürchten. CingeganZens DruckfcbHften. Don der»Neuen Zeit-(Stuttgart, Paul Singer) ist soeben das 49. Hest des 27. Jahrgangs erichleucn. ES hat solgeiibcn Inhalt: Hunger- und Hundepeitsche.— Am zwanzigsten Tage. Von Hjalmar Branting.— Der Bauer als Erzieher. Von A. Hoser(SkalSgirrcn). (Schlutz.)— Nochmais die amerikanische Statistik. Von Karl KaulS'y. (Schlug). Das Ergänz»»gshest Nr. S, welche? dieser Nummer beigegeben ist, enthält: Ursprung und Ent Wickelung de» Begrtsss der Seele. Von Paul L a s a r g u e. Ucbersctzt von Luise Kantlly. Die»Neue Zeit' erscheint wöchentlich einmal und ist durch alle Buch- Handlungen, Poslanstalte» und Kolporteure zum Preiie von 3.25 M. pro Quartal zu beziehen; jedoch kann dieselbe bei der Post nur pro Quartal abonniert werden. DaS einzelne Hest kostet 23 Bs. Probenummern stehen jederzeit zur Versüguug. Timplicissimuö< Kalender für 1S13. Umschlagzeichnung von Zh. Th. Heine. Gchcstet 1 M. Verlag von Albert Langen in München. Amtlicher Marktbericht der städtischen Markthallen-Dtrektion üd.-r den Erohbandel in den Zcutral-Marltballen. Marktlage: F l e i I ch: Zufuhr stark, Geschäft ruhig, Preise unverändert. Wild: Zufuhr knapp, Geschäft rege, Preise gut. Geflügel: Zufuhr nicht ausreichend, in Gänsen genügend. Geichäst lebhaft, Preise scst. Fische: Zufuhr mägig, Geschäft ziemlich lebhast, Preise anziehend. Butter und Käse: Ge» schäst ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obst und Südsrüchte: Zujuhr genügend, Geschäft schleppend, Preise wenig verändert. ffms». 1 IIIHI II■IWIIH Ftir den Inhalt der Inserate rii'crnimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Üierantwortuug. �BaaKaaaHenBi™ Theater. Freitag, den 3. September. Anfang VI, Uhr. Kgl. Opernhaus. TanühSufer. Kgl. Schauspielhaus. Cm Puppenheim. TentscheS. Faust. K a m m e r,, e l e. Die Sünde. Ansang 8 Uhr. Lefstug. RomerSholm. Anfang 8 Uhr. Neues. Emilia Galotti. Berliner. Das Lebenssest. Neues Schauspielhaus.(Freie Bolksbühne.) Gyges und fein Ring. Thalia. Prinz Busfi. komische Oper. Tiefland. Niesidenz. Kümmere dich um Amelie. Hebbel. Revolutionshochzeit. Trianon. Licbesgcivitter. LustsPielhauS. Im Klubsessel. Kleines. Moral. Neues Onerctte«. Die Dollar» Prinzessin. VZcflen. Der fidele Bauer. Schiller o. lBiallner» Theater.) Ein Erfolg. Tch 11-� Charlottenburg. Die von Hochfaltel. Friedrich- Wilhelmstädt. Schau« spielhaus. Widerspenstigen Zäh« mung. Volksover. La Tmviata.(Ansang vi, Uhr.) Luisen. Die Herren Söhne. Bernhard Sloie. Im Cass Noblesse. Nietronol. Die oberen Zehntausend. Folieö Caprice. Mobilisierung. Der gewisse Augenblick. Ans. 8'/« Uhr. Llpollo. Spezialitäten. L�intergarten. Spezialitäten. vlcbr. Herrnfeld-Theater. Frau Elkams Friseur. Meine» Deme Tochter. ?!oacks Theater. Geschlossen. Stndt-Theater Moabit. Spezia- litäten. Passage. Spezialitäten. Bolksgarten. Spezialitäten. Walhalla. Spezialitäten. Retchsballen. Stettiner Sänger. Karl Havcrland- Theater. Spe> zialitäten. Gasino. Onkel Cohn. Brat er. Der Verschwender. Urania. Tanoe»itrnhe 48/19« Abends 8 Uhr: Von der Zugspitze zum Watzmann. Sternwarte, Ziivalidcnstr. 67/62. liessi ngz-Tbcater. Freitag, 7'/, Uhr: Ibsen» ZykluS, g. Vorstellung: lioswersbolm. berliner �lieater. Heute 8 Uhr:' va« Liebcnarest. Morgen; Einer von unsere Leilt'. Neues Iliesler. Ansang 8 Uhr. Lmilialklotti. Morgen und folgende Tage: Emilia Galotti. 'Dbe-ate»- S?«>Vv«t«na. ?lllabendl. 3 Uhr: Der fidele Bauer. Operette von Leo Fall. Sonntag nachm. 3'/.Uhr, halbe Preise: Die lustige Witwe. ieskienzllieater Direktion: Richard Alexander. Abends 8 Uhr: Schmant in 3 Akten von Feydeau. Morgen und folgende Tage: Dieselbe Vorstellung._ Fnsdricti-WiliielmstäijtiSGhes Schauspielhaus. Freitag, den 3. September, 8 Uhr: Oer Widerspeüstip IMmi Lustspiel von William Shakespeare. Sonnabend: Die Stützen der Gesellschaft. L.us�spis?Ksus. Abend» 8 Uhr: Im Klubsessel. ?»cues Operettcn-Thentep, Schissbauerdamm 25, a. d. Luiscnstr. Ansang 8 Uhr: Dia DoIIarprinzcasin. Operette in 3 Alten von Leo Fall.� I«UWOMWBt« TMnt W. Abends 8 Uhr: D!e Herren Söhne. Vollsstllck m 3 Mtcn von O. Walther und L. Stein. «ou nabend: Die Herren Söhne. Sonntag nachm.: Die Jungfrau von Orleans. Abends: Von Sieben die Hätzlichste._ Stadl-Theater Moabit. Att-Koablt 47/48. Sonntag, den 5. September: OroSo Ansang der Vorstellung 7 Uhr, Konzert 6 Uhr. Kassencröfsnung 5 Uhr. Montag, den 6. September! Soiw der„Lustigen Sänger". Urania. Wissenschaftliches Theater. Tanbenstraßa 48149. Abends 8 übr: Von der Zugspitze z.V/atzmann. Täglich: Großes Militar- Doppel-Konzert. Eintritt 1 31., 1 von abends G Uhr ab 58 Pf, Kinder unt. 10 Jahr, die Hälfte� Schlller-Tlieater. Schiller-Theater 0.(Wallner-Theater.) Freitag, abends 8 Uhr: klia Onkvlx. Lustspiel in 4 Akten v. Paul Lindau. Sonnabend, abends 8 Uhr: Die£brc. Sonntag, nachm. 3 Uhr! Nacbstb. Sonntag, abends 3 Uhr: IM« Ehre. Schilter-Theater Charlottenburg. Freitag, abends 8 Uhr: Z. 1. M.: v!« vor» Hocbuattel. Lustspiel in 3 Ausz von Leo Walter Stein und Ludwig Heller. Son»abend. abeudS 8 Uhr: ]3p«st«pu milloneii. Sonntag, Hamm. 3 Uhr: Die Welt, in der man sich langweilt. Sonntag, a v e n d S 8 Übt: Die von Hochsattel. Volks-Oper. SW., Belle-Alliance-Strasse Nr. 7/8. Ansang VI, Uhr. La Travlala. Große Oper in 4 Allen von G. Verdi. Gr. Frankfiirlcr Str. 132. Ans. 8 Uhr. 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Mk. 17 712,50 73 859,59 52 424,80 31 745,91 146 000,— 47 000,— 14 000,— 15 000,— 15 000,— 45 000,— 48 000,— tll 160,- 6,79 16,40 446,40 400.— 1 338,80 280,88 18,38 2 985,67 522 390,02 Gewinn- und Berluftrechnung. ReservcsondSkonto 50°/,. eilsSreservesondslonto 10°/, nventarkonto 5°/,2lbschreib. von Mk. t 271.53... Gcschäjtsunlostcnkonto.. Zinsenkonto s.Psl.-sp-Einl. 8insenkonto für SparsondS Zinjenlonto s. Darlchenssch. Schuldoerschrelb.-Zinsen-K. Baukonto I, Abschreibung l°,„ von Ml, 67 851,63_ Hypolherenschuld,-Zins,-K, II »uld. >uld. uld jllld Hypotbckens Hypotheken� Hypoihekeu Hypolhcken,�____ Hypothekenjchuld, � Hausunkostenkonto I.. Hausunkvstenkonlo II.. HauSunkostenkouIo III.. Gewinn- ll. Verl,<51.(G-w) jinf.-Ä.III flnI.-K.IV äns.-K.V ins,.K,VI stns.-K.VII Mk. 133,84 13,33 63,68 3 403,99 1 966,80 1 653,37 1 136,01 18,65 678,52 1 880,— 630,— 525,— 525,— 796,87 640,— 397,87 249,18 249,84 2 985,67 17 947,62 Haftsumme. Dieselbe betrug am 31. März 1908.. 20 856.— Ml. Verringerte sich i. Lause deS Geschäftsjahres UM..,,., 1776,—„ Mk. Saldo-Gewinnvortrag.. 267,63 Zinscncinnahmekoiito.. 125,81 Pachteinnahmckonto.. 1 722,03 Extrabeiiräge u. Eintritts« gelderkonto..... 1 934,25 HauSerträge, Konto I., 4 036,25 HauSerträge, Konto II. 2 533,20 HauSeiträge, Konto HI. 2 3S1I0 Grundstücks« Guthaben- Zinsenkonto..... i 947,20 Beträgt mithin am 31. März 1909.. 19 080,— Mk. Geschäftsgnthabe». Dasselbe betrug am 31. März 1908.. 19 590,— Mf, Verringerte sich i. Lause des Geschäftsjahres um...... 1 877,50, Beträgt mithin am 31. März 1909.. 17 712,50 Ml. 17 947,62 Mitgliederbewegung. Am 3t. März 1908... 869 Ge». Eingetreten btS 31. März 1909....... 34, AuSgetchteden am 31. März 190# durch Kündigung 99 Gen. durch Uebertrag. 1„ durch Tod 8„ 108 Gen. Mithin am 31. März 1909 795 Gen. WteNspniittlt„Parais" zu Berti». (Eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpfllohl.) _..,,.__. Der Vorstand: n f n. � m v Georg Dorner. Vorsitzender. Friedrich Hoppo. Paul Schlffke, Vorsitzender." August Reineoke. Die BevlalonttkommlNBlon: Friedrich Zimmermann. Albert langer. Otto Herzog. 35 i Baras— Verkauf nur Im Fabrlkeebilade! M Sie sparen Geld! sr| ö||ei � Engrospreisen g der Möbelfabrik 1 H. Walter tWilllMaaß, Ä II 1 kaufen. Verkauf nnr im Fabrik gobttnelo— nur■ ■ eigenes Fabrikat.— Auf Wunsch Teilzahlung. 35 m Permanente Musterzimmer-Ausstcllung. am 35 Arbeiter» Bekleidung- Berufskleidung. Größtes Spezialgeschäft. Kolinen& Jöring, filexaiiderstr. 12. Filialen: Landsberger Allee 148. Rix dort: Bergstraße 06 Riilgbahiihoi. «$> & 10 Ol Z. Ä N JANDORF&Ci lle Alliancestrasse Grosse Frankfurterstrasse Brunnenstrasse Kottbuser Damm s»ireä Vorrat Belle Alliancestrasse Grosse Frankfurterstrasse ßebmmiM Pa Zervelatwurst..... Pfund 1.15 Pa Salamiwurst....... phmd 1.15 Teewurst................... Pfund 1.15 Thür. Knoblauchwurst m 1.15 s|| Tafelbirnen ptd 10,14 N| KÜrblS(zum�'nmachen)Pfd. 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Druck u. Verlag: BorwärtSBuchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW, Ar. 205. 26. Iahrgaug. 3. KeilM des„öotiDitts" Kerlim lolUliitt. Freitag, 3. September 1909. vom ßlerhrieg. Obwohl in einigen Orten der Kampf gegen die Biervertcue- rung schon wieder dem friedlichen Schlürfen des Gerstensaftes Platz gemacht hat, weil Brauer und Wirte von der beabsichtigten happigen Preissteigerung wieder Abstand nahmen, zieht der Bier- lrieg doch immer noch weitere Kreise. Vor allem ist es die Ar- beiterbevölkerung in den Jndustricgegenden und in den Groß- städten, die durch direkten Boykott resp. durch weitgehende Ein- schränkung des Biergenusses die Brauereien zur Rückkehr zu den alten oder doch zu niedrigeren Preisen nötigen will. Besonders ist die Bewegung gegen die Bierpreiserhöhung im rheinisch-westfälischen Industriegebiet von einer Intensität, die die Brauereien schon veranlahte, mit den örtlichen Organisationen der Arbeiter und mit den Wirtevereinigungen in Verbindung zu treten, um mit ihnen zu einer Einigung zu gelangen. Sehr zu statten kommt der Arbeiterbcvölkcrung, daß ihre Organisationen sich der Frage der Bierpreisregelung annehmen. Auch in den Schichten des Handwerts, in der Beamtenschaft, in kleinbürger- lichen Kreisen wird die Bewegung gegen allzu hohe Bierpreise mitgemacht, während in den Kreisen, wo Kleingeld keine Rolle spielt, der Sinn für die Bewegung gegen die erhöhten Bierpreise völlig fehlt. Doch liegt der Schio erpunkt des Kampfes zweifellos bei der Arbeiterbcvölkerung, ganz einfach aus dem Grunde, weil ihr Bierkonsum am stärksten ins Gewicht fällt. Wenn man erwägt, was täglich auf Bauten und in Fabriken an Bier umgesetzt wird, und daß gerade hier infolge der Preis- erhöhung das Bier durch Milch, Kaffee, Limonade usw. crs«tzt wird, so kann man es verstehen, wenn heute schon die Brauereien für ihren Absatz ernstliche Befürchtungen hegen. Erschwert wird den Brauereien ihre Position aber auch dadurch, daß keineswegs alle Brauereien die von den Verbänden jeweilig beschlossene Preis- erhöhung mitmachen. Eigenartig ist in dem ganzen Bierkricg die Stellung der Wirte. Wie sie ihrem ganzen Berufe nach zwischen Brauer und Biertrinker stehen, so ist auch im gegenwärtigen Kampfe ihre Haltung keine einheitliche. Dort, Ivo sie in starker sinanziellcr Abhängigkeit von den Brauern stehen, toaren sie ge- nötigt, die Bierpreiserhöhung mitzumachen, freilich vielerorts mit dem Erfolge, daß ihre Lokale weit weniger besucht wurden als vorher. Denn das ist den Brauern nicht gelungen, auch die Außen- sciter unter den Wirten unschädlich zu machen. Ganz im Gegen- teil blühen deren Geschäfte gerade augenblicklich besonders üppig dort auf, wo der größere Teil der Wirte die Bierprciserhöhung durchführen mußte. Es fehlt ihnen merkwürdigerweise auch nicht an Lieferanten von Bier, die ihnen das Bier so liefern, daß sie es zu den bisherigen Preisen ausschenken können. Ein anderer Teil der Wirte, und zwar soweit sich übersehen läßt, der größere, hat sich von dem Einfluß der Brauereien emanzipiert und nimmt mit den Konsumenten gegen die Brauereien Stellung. Verschärfung des Bierkrieges in Chemnitz. Nachdem die Verhandlungen zwischen dem von den Konsumenten in großen öffentlichen Versammlungen gewählten Aktionsausschuß und den Vertretern der verschiedenen Gast- und Schankwirtevereine auf der einen, und den Vertretern der Brauereien auf der anderen Seite vollständig resultatlos verlaufen sind, hat der Aktionsaus- sckuß unter dem 1. September die Parole ausgegeben: Von heute ab muß jeder Bierkonsum ein, gestellt werden! Wird diese Parole von dem Gros der Bevölkerung in der ge- wünschten Weise befolgt— und daran ist kaum zu zweifeln, auch der Bierkrieg vom Jahre 1906 wurde in Chemnitz scharf durch- geführt und hatte den Abschlag jeder Preiserhöhung für das Publi- kum zur Folge—> so dürfte ein Nachgeben der Brauer in nächster Zeit zu erwarten sein. Vollkommene Abstinenz. Die Kieler Arbeiterschaft hat ani Mittwoch in fünf großen Versammlungen beschlossen, die Wirte zu boykottieren und sich des Bier, und Schnapsgenusses vollkommen zu enthalten, bis eine Herabsetzung der Preise erfolgt. Eisenbahndirektion und Bierpreise. Auf Ein- gaben aus Wirtekreisen in Hannover, in denen um Zulassung kleinerer Schankgefäße in den Bahnhofswirtschaften gebeten wurde, hat die kgl. Eisenbahndirektion in Hannover erwidert, daß die Direktion erst weitere Ermittelungen anstellen werde, nach deren Abschluß für die Bahnhofswirtschaften des Bezirks eine Preis- erhöhung erfolgen solle. Bis dahin sind die jetzigen Preise und Gefäße beizubehalten. Ablehnung der beabsichtigten Preiserhöhung. In einer Volksversammlung in Osnabrück gelangte eine Resolution zur Annahme, in der die Anwesenden erklären, daß sie die von den Brauern und Wirten projektierte Bierverteuerung ganz ent- schieden ablehnen. Abstinenz und absolute Meidung der Lokale, in denen höhere Bierpreise verlangt werden, sollen dem Protest den nötigen Nachdruck verleihen Hus der Frauenbewegung. Kinderschutz, eine soziale Aufgabe der Genossinnen. Die Folgen, die für die Kinder selbst wie auch für die nach- kommende Generation aus der Ausbeutung jugendlicher Arbeits- kräfte entstanden sind und weiter entstehen, schreien zum Himmel. Unsummen von Gesundheit und Glück werden da frühzeitig ver- nichtet; nicht meßbares Elend wird hier gezeugt, hat in der Kinder- ausbeutung seine Ursache. Wohl ist unter dem Drucke der Arbeiter- bewegung mit einer schüchternen Kinderschutzgesetzgebung begonnen worden. Aber was bisher erreicht werden konnte, ist nur minimal, und die meisten Gesetze zum Schutze der arbeitenden Kinder stehen dabei nur auf dem Papier, werden in der Praxis nicht be- folgt. Die Stiefkinder in der Sozialgesetzgebung sind die Land- arbeiter und die in häuslichen Diensten Beschäftigten. Und auch das Kinderschutzgesetz macht vor den Privilegien der Junker und Dienstherrschaften Halt; ebenso läßt es die Heimarbeit unberührt. Zwar besagt das Gesetz, daß Kinter unter 12 Jahren von 8 Uhr abends bis 8 Uhr morgens nicht beschäftigt werden dürfen; aber wer übt in der Heimarbeit, bei Aufwartemädchen usw. eine Kon- trolle aus? Auch im übrigen haben die gesetzlichen Bestimmungen nur einen sehr problematischen Wert. In großer Zahl kann man früh morgens Kinder sehen, die das Schutzalter noch nicht über- schritten haben, aber doch ungestört Frühstück und Zeitungen aus- tragen. Selten schreitet da ein Schutzmann ein. Das Gesetz reicht in der Erfassung der Schutzbedürftigen bei weitem nicht aus, und dort, wo die gesetzlichen Maßnahmen ausreichen, werden sie um- gangen. Noch in keiner Bevölkerungsschicht sind die schädlichen Folgen der Kinderarbeit richtig erkannt. Auch bei den Arbeitern bringt man dieser Frage im allgemeinen viel zu wenig Interesse ent- gegen. Die Eltern sind oft leider der Ansicht, die Erwerbsarbeit sei den Kindern dienlicher als das Umhertollen. Das schlimmste natürlich ist, daß in unzähligen Arbeiterfamilien die paar Pfennige, die die Kinder ins Haus bringen, für den Haushalt schon eine gewisse Bedeutung erlangt haben. Es gibt Gegenden, wo— z. B. in der Heimindustrie— den Erwachsenen solche Hungerlöhne gezahlt werden, daß ohne den Verdienst und die Mitarbeit der Kinder die Familie aus dem Zustand der Unter- ernährung dem des Verhungerns näher gebracht würden. Eine gute Erziehung der Kinder bedingt wohl, daß sie schon früh an- fangen, sich praktisch zu beschäftigen. Das fördert ihre Geschick- lichkeit sowie die geistige und körperliche Entioickelung. Tätigkeit, die spielend verrichtet wird, wie kleine Handreichungen im Hause usw. hat keine Schadenwirkungen. Solche erwachsen nur aus der aus Erwerbsmotiven aufgezwungenen Arbeit. Um so mehr, als bei dieser der fremde Unternehmer mit der kindlichen Arbeitskraft rücksichtslos Raubbau treibt. Dieser Kinderausbeutung mutz die Arbeiterschaft energisch entgegentreten. Besonders den Frauen und Müttern muß es klar gemacht werden, wie schwer sie an ihren Kindern sündigen, wenn sie sie zu früh ins Joch der Arbeit spannen. Die paar Pfennige. die das täglich einbringt, wiegen nicht den damit verbundenen Raub an Daseinsfreude und vor allem an Gesundheit und Leben auf. Von Lehrern ist es festgestellt, daß schulpflichtige Kinder» die in der freien Zeit erwerbstätig schaffen müssen, oft bei großer Begabung im Lernen zurückbleiben. Auch das sollte den Eltern stets gegenwärtig sein. Wer selber weiß, wie hemmend ihm im Leben mangelhafte Schulbildung war, der sollte großes Gewicht darauf legen, daß den Kindern das Wenige, was ihnen die Volks- schule bietet, nicht noch verkümmert wird. Besonders die Frauen, deren eigene Kinder nicht arbeiten müssen, sollten ein wachsames Auge auf die arbeitenden Kinder haben. Wo sie Kinder bei der Arbeit, hauptsächlich bei solcher Arbeit treffen, die nach dem Gesetz verboten ist, müssen sie die Eltern, und wenn das nicht hilft, die Lehrer darauf aufmerksam machen, und wenn alles vergeblich ist, Anzeige erstatten. Nehmen die Genossinnen den Kampf energisch auf, dann ist es möglich, wenigstens im Nahmen der Gesetze dem Mißbrauch der Kinderarbeit zu steuern. Gleichzeitig sammeln sie aus der Praxis reiche Erfahrungen, die bei Forderungen auf Ausgestaltung der Kinderschutzgesctze als werwolles Material dienen können. Hier eröffnet sich den Genossinnen ein dankbares Feld sozialer Tätigkeit. Versammlungen— Veranstaltungen. Verein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse. Sonntag, den 5. September, vormittags 9410 Uhr: Vortrag und Führung durch das Märkische Museum. Referent: Professor Pniower. Die Besichtigung des Erziehungsheims in Zehlendorf findet Anfang Oktober statt, näheres wird noch bekanntgegeben. ITOl TiBTI ALEXANDERPLATZ Freitag, Sonnabend Leipziger Str.: Versand-Abteilung Versand nach ausserhalb erfolgt prompt FRANKFURTER ALLEE Soweit Vorrat 12 aussergewöhnlich billige Artikel Hervorragend preiswerte irtscliaftsartlkel Emaille-Eimer«. aa cm..... 60 Mülleimer I95 Toiletteneimer™Hhevr.u?'.8U4#'' 235 KOnSOiB m SehSIter f. Sanck, Seite, Soda I?tl8!�00lier 1 Flamme u. 1 Kochstelle 2" Gaskocher 2 Flammen U.2 Kochstellen Aluminium» Kochgeschirre Prima Qualität Schmortöpfe.......... I50 200 250 300 Kasserollen............ I25 I50 I75 200 Stielpfannen.......... 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Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 4. d. M-, nachmittags 4 Uhr, von der Leichen- halle des Zentral-FriedhoseS in Friedrichsselde aus statt. Oankaagnnflr. Allen Verwandten, Freunden, Be- kannten, Kollegen und Sanges- brüdern sür die Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes, Vaters. Sohnes usw. (Zustav Drömert hierdurch unseren tiefsten Dank. Im Namen der Hinterbliebenen Harle Driimert. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme anläßlich des HinscheidenS meines lieben Mannes, meines guten Vaters, deS Gastwirts Franz Kleineidam sagen wir unseren tiesempfundcnen Dank. 22S3L Agnes Kleineidam und Tochter. Warschauer Straße 48. Für die herzliche Teilnahme upd Kranzspenden bei der Beerdigung unseres lieben Sohnes Mlbelm Guderjabn sagen wir allen, welche ihm die letzte Ehre erwiesen, unseren herzlichsten Dank. Die trauernden Hiuterbliebenen. Danksagung. Für die rege Teilnahme und schönen Kranzspenden bei der Beerdigung meiner lieben Frau sage ich allen Beteiligten meinen besten Dank. 1255b_ A. Wolgast. Jerliner Meiler- UMrer-weill" Mitglied de» Arbeiter» Radfahrcr-BundeS .Soltdarität-. Touren zum Tonntag, S. September. 1. Abt. 4 Uhr: Luckenwald«. 1 Uhr: Teltow(Preuß). 2. Abt. 4.. v Uhr: Buckow, s., 3 Uhr: Buckow(Schweiz erhauS). 1 Uhr: Hennigsdorf. 3. Abt. 7 und 12 Uhr: Königs- Wusterhausen(AltcS SchützenhauS). 4. Abt. jrüh 8 Uhr: Petershagen 5.»wt. 2 Uhr: Htrschgarten(Wil- heimshos). S. Abt. S Uhr: Streifzüge durch den Norden. 12'/, Uhr: Uetzdors. 7, Abt. 6 Uhr: Teupitz. 1 Uhr: Hirschgarten. 8. Abt. 6 Uhr: Nauen(Volks- garten), 1 Uhr: Staaken(.Zum braunen Hirsch"). 3. Abt. VU Uhr: PichelSwerder. 10. Abt. 6 Uhr: Beelitz. 1 Uhr: Zehlendors(Moeck). 11/15 Start an den bekannten Stellen. Fahrrad-HanS„frisch auf", Walter Wittig& Co., Hauptgcsch.: geeIintt.Sl,Brumlenstr.35 Filiale: Kottbuser Str. 9, evstifichlt«Frisch auf"- Fahrräder owie sämtl. Nsdtahrer-oedarlesrtlliel. Reparatur-Wertstatt mst elek- irischem Kraftbetrieb. 105/3- Leiterprüstliauer. Unsere letzte Branchen- Versammlung vom 25. Juli faßte den ein- stimmigen Beschluß, daß von jetzt ab regelmäßig jeden 2. Sonntag im Monat unsere Branchcn-Versammlung stattfinden soll. Demgemäß findet am Sonntag, den 12. September, vormittags 10 Uhr, BrancfKn-Verfammtung im Englischen Garten, Alcxanderstraße 27o, statt. 62/12* Tages. Ordnung: 1. Vortrag. 2. Diskussion. 3. Ausgabe der Legitimationskarten. ntf Kollegen I Wir erwarten einen recht zahlreichen Besuch. Marken sür die Unterstützungskasse tonnen in der Versammlung entgegengenommen werden. Die Scktiouslcitung. Hente Freitag, abds. 8Vz Uhr, im Gewcrkschaftöhause, Engclufer 14/15, Saal 4(Arbeitsloscusaal): Sitzung der Ortsverwaltung. IMildliligjW für Griß-Kerlin. Sonntag, de« s. September, abends 7 Uhr, im Gcmerkschafts- hause, Eugelufer 15: Große Jugendversammlttng. Vortrag deS Schriftstellers Heinrieh Schulz �{J�CIlbtbCOlC Nach dem Vortrage: Gesellige Unterhaltung. Zu dieser Versammlung sind alle Lehrlinge, jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen eingeladen. 287/18 Drei Tropfen machen das schmutzigste Metall spiegelblank. In FUscbon von 10—50 PIg. Überall in haben. Kredit.$ JHIolml leiindimg Ibei allcrklelnstcr An- u. Abzahlung. Größte Rücksicht I SXusTÄ"!" E. Cohn, Gr. FraiikIiirtErstF.58 1 Sonth Africsm Territories litd, Isondon. Mitteilungen tverde ich von jetzt an in den Besprechungen der Teilhaber(sftnrss— Besitzer) zur Kenntnis bringen. Teil- Haber sind diejenigen, die in den Büchern der Gesellschaft in London als solche eingetragen sind. Die Einission der sbares der KharaS Exploration Company findet nicht statt, weil ein Unternehmen, das sich die Erforschung der Bodenschätze zum Ziele setzt, den öffentlichen Geldmarkt nicht in Anspruch nehmen soll. Die Kharas Exploration Company ist bereit, unbeschadet ihrer eigenen Tätigreit, von anderen auf Territories-Gebict be- reits entdeckte Mineralien-Funde in Gemeinschaft mit ihnen auf Abbaufähigkeit zu untersuchen und zu diesem Zweck Ge- sellschaften zu bilden. Wie schon früher mitgeteilt, bin ich Besitzer von über 120 000 shares der South African Territories. Der Wert der sllarss dieser Gesellschaft hängt nicht von den 5kursschwankungen an der Börse ab, wo der Verkauf oder Einkauf von wenigen hundert shares auf den Markt Einfluß ausübt, sondern von dem Vorhandensein der Bodenschätze. Land- und Geldbesitz und sonstigen Rechten. Die Kursschwankungen sind nicht die Folge meiner Ver- öffentlichungcn, sondern die Folge von Blanko-Angebot und Blanko-Ankauf. Ich habe mich überzeugt, daß die englische Verwaltung der South African Territories den Glauben an die Richtigkeit der gemeldeten Diamantenfunde haben mutzte. Die Richi» bestätigung derselben hat die englische Verwaltung ebenso überrascht, wie die Shares-Besitzer. Als zwei Stunden nach Unterzeichnung des Abkommens über die Abtretung der Minenrechte das Kabeltelegramm mit der Nichtbestätigung der Funde eintraf, stellte mir die englische Verwaltung frei, den Vertrag zu annullieren, was ich nicht tat. Die Repräsentanten in Deutschland für die South. African Territories Ltd.» London, und die Kharas Ex- ploration Company Ltd., London, sind: Westdeutsche Thomasphosphat-Werke G. m. b. H. Berlin W., am Karlsbad 17» Weder die South African Territories noch die KharaS Exploration Company haben mit der Anglo-German Terri- tories Ltd., London irgend etwas gemein. Man kann sich als guter Deutscher dem nicht entziehen, datz es ratsam ist, die Erfahrungen der Engländer zu benutzen, um unkultivierte Länder gewinnbringend zu erschließen, be- sonders wenn vertragliche Rechte ihnen zustehen. Notwendig ist ein Akticngesetz, welches Teilhaber schafft und keine Gegen- sätze, Blanko-Angebot und Blanko-Ankauf ausschließt und dem Volke ermöglicht teilzunehmen an der Erzeugung von Werten durch Kapital. Die nationalen finanziellen Mittel können international vereinigt werden als Teilhaber an denselben Werken. Teilhaber sollten auch Frauen sein. Meine öffentlichen Mitteilungen bezweckten. daS Vertranen der Shares-Besitzer in ihren Besitz herzustellen. Der dunkle Erdteil ist die mangelnde Erkenntnis. Johannes Schlutius, Karow. Mecklenburg. Sanct Blasien, 2. September 1909. Verkatrfe. Vorwärtsleser erhalten 5 Prozent Exirarabatt jelbst bei nachstehend auj. vcsührten Gciciienheitsläusen. Teppich- Thomas, Oranienstraße 160, Oranienplatz. 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