Berliner Volksblatt. der fozialdemokratifcben parte» Deutfchlands. Die TnTertionS'Gebüftf BcltSgl für die scchsgespattene Stolonrt» jcilc oder deren Rnuni 50 Pfg., für politische und gewerlschasiliche Vereins- Und VersainmIungS-Anzeigen M Pfg. „kleine ZZnoeigcn", daS erste(seit- xedruckie) Wort 20 SPfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- slellen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 6 Pfg. Worte über IS Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis s Nhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adresse: „SoziaWeraoKrat tkrlm", Freitag, den 10. September 1900. Expeditisn: SM. 68, Lindenstrasse 69* Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Redaktton: SM. 68, Lindenstrasse 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Kr. SU. 36. Jahrg. MonncmentS'Bedingunsen: Abonnements> Preis pränumerando: Bierteljährl. 3,30 Ml, monatl. 1,10 Mb, wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 6 Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter SonntagS- Bellage„Die Neue Well' 10 Pfg. Post. Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingelragen in die Post-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien. Dänemark Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, Äumänien, Schweden und die Schweiz, Qfchtlnt täglich auSer lüontag». Zentratorgan Die gesicherte Cxiitenz der Liievbahver. Viele Tausende von Arbeitern, die in der Industrie, in der Landivirtschaft oder sonstlvie ihren Lebensunterhalt suchen, blicken sehnsüchtig nach den Betrieben der Staatseisenbahnen. Wie glücklich wähnen sie ihre Arbeitsbrüder, die das Schicksal in diese staatlichen Musterbetriebe führte, wo es keine Arbeits- losigkeit, keine Entlassungen gibt; wo die Arbeiter eine ge- sicherte Existenz bis ins hohe Alter, ja bis an ihr Lebensende haben. Viele, sehr viele Arbeiter betrachten den Eisenbahn- betrieb als das Ideal einer Arbeitsstätte, und als einen besonderen Glücksfall preisen sie es, wenn sich ihnen die Pforten zu einer Eisenbahndienststelle öffnen. Aber je größer die Hoffnungen, die der Mensch auf etwas setzt, desto größer ist die Enttäuschung. Ueber die Arbeitsverhältnisse in den Eisenbahnbetrieben ist die Arbeiterschaft leider viel zu wenig unterrichtet. In jedem anderen Gewerbszweige bemühen sich die Sozialpolitiker und die Wissenschast, die sozialen Verhält- nisse kritisch zu beleuchten und selbst die Regierung läßt durch die Fabrik- und Gewerbeinspektoren kritische Darstellungen der Arbeitsverhältnisse in den privaten Unternehmungen veröffent- lichen, während sie mit großer Sorgfalt zu verhüten sucht, daß über die Zustände in den staatlichen Unternehmungen Licht verbreitet wird. Den Beamten und Arbeitern ist es streng untersagt, die sozialen Verhältnisse ihres Betriebes öffentlich zu erörtern; jede Betätigung nach dieser Richtung hin gilt als ordnungsfeindlich oder sozialdemokratisch. Und wenn hier und da in der bürgerlichen oder auch in der sogenannten„unparteiischen" Presse einmal über die Arbeits- Verhältnisse in den Eisenbahnbetrieben berichtet wird, dann ist es in der Regel nichts als Lobhudelei, eine Verherrlichung der sogenannten„Wohlfahrtseinrichtungen" und ein Zerrbild der tatsächlichen Verhältnisse. Da aber die„billige". „unparteiische" Presse von einem großen Teil der Arbeiter leider noch immer gelesen wird, so ist es kein Wunder, wenn so viele Tausende sich nach den ägyptischen Fleischtöpfen der preußischen Eisenbahnver- waltung sehnen, um früher oder später zu der Erkenntnis zu kommen, daß Staatsbetriebe keine Musterbetriebe sind. Zu den„Wohlfahrtseinrichtungen" der preußischen Eisenbahnverwaltung gehören insbesondere auch die zur Ver- tretung der Arbeiterinteressen von amtswegen gebildeten A r b e i t e r a u s s ch ü s s e. Diese sollen die Verwaltung über die Interessen und Wünsche der ihr unterstellten Arbeiter unterrichten und. soweit dieselben mit den eigenen Auf- fassungen der Verwaltung nicht übereinstimmen, auf dem Wege geordneter und friedlicher Verhandlungen mit den Vertrauensmännern eine Verständigung herbeiführen. Wer nicht als Arbeiter im Eisenbahndienst beschäftigt war oder ist, hat kaum eine Ahnung davon. welche Be- dcutungslosigkeit diese Arbciterausschüsse haben und welche Gefahr außerdem für einen Arbeiter darin besteht, durch das Vertrauen seiner Kollegen in den Arbeiter- ausschuß gewählt zu werden. Wie die preußische Eisenbahn- Verwaltung die Vertreter der Arbeiter achtet und mit ivelchem Wohlivollen sie die Wünsche der Arbeiter prüft, das hat sie wieder einmal drastisch bewiesen. Am 31. August wurden vom Anhalter und Potsdamer Güterbahnhof acht Arbeiter plötzlich entlassen. Vor der Lohn- zahlung wurden die zu entlassenden Arbeiter vom Anhalter Bahnhof vor den Obergütervorsteher Pust berufen, welcher ihnen eröffnete, daß sie auf Grund des§ 2 Absatz 3 der Arbeitsordnung(Beteiligung an ordnungsfeindlichen Be- strebungen) unter Beobachtung der 14 tägigen Kündigungsfrist entlassen würden. Der Lohn für die Zeit bis zum 14. Scp- tembcr wurde ihnen sofort ausgezahlt mit der Auf- forderung, nun in zehn Minuten den Bahnhof zu ver- lassen. Um über den Grund der Entlassung näheres zu erfahren, wandten sich die Entlassenen nun an die Verkehrs- iuspektion. Herr Verkehrsinspektor Höffer empfing die Arbeiter und erkärte auf ihre Fragen, daß die Verwaltung zu der Ucberzeugung gekommen sei, daß die Entlassenen einer von der Verwaltung nicht geduldeten Organisation angehören, und daß die Entlassung von höherer Stelle verfügt worden sei. An eine Wiedereinstcllung sei deshalb nicht zu denken, selbst wenn die Arbeiter erklärten, keiner ordnungsfeindlichen Or- ganisation anzugehören. Hierauf ließen sich die Gemaßregeltcn beim Eisenbahnpräsidenten Behrendt anmelden. Der Herr hat sie auch freundlich empfangen und ihnen etwa folgendes ge- sagt: Wir mußten Sie entlassen, weil die untere Äerwaltnugs- behörde mit Ihnen nicht mehr arbeiten konnte. Nach der Statistik haben Sie einen Durchschnittsvcrdienst von 4,84 Mark pro Tag und bei Nachtarbeit achtstündige Arbeitszeit. Nun haben Sie die horrenden Anträge gestellt auf 20 Pfennig Lohnerhöhung und achtstündige Arbeitszeit auch für die Tagcsschichten. Aus Ihrem Vorgehen spricht eine ordnungsfeindliche Gesinnung und da sind»vir genötigt, Ordnung zu schaffen. Es tut nur leid, daß verheiratete Arbeiter von der Maßnahme betroffen werden, jedoch haben Sie den Lohn für 14 Tage erhalten und Sie werden inzwischen andere Arbeit finden und wir werden andere Arbeiter bekommen. Wollen wir also in Frieden auseinandergehen, ich wünsche Ihnen lohnende Arbeit und bereiten Sie uns keine Schwierigkeiten mehr auf dem Bahnhof. So der Herr Präsident Behrendt. Jetzt war es den Gemaßregelten klar, worin man ihre ordnungsfeindliche Ge- sinnung erblickte, Herr Behrendt hatte es ihnen in an- erkennenswerter Offenheit gesagt. Die Erklärung dafür liegt in folgenden Vorgängen: Vor kurzem fanden die Neuwahlen der Arbeiterausschüsse statt und es wurden an Stelle einiger Ausschußmitglieder, die glaubten, dieses Amt in Erbpacht zu haben, aber nie etwas im Interesse der Arbeiter taten, neue Vertreter gewählt. Im Gegensatz zu der früheren Gepflogenheit hielten die Neu- gewählten es für ihre Pflicht, die Wünsche der Arbeiter entgegenzunehmen und zu diesem Zwecke fanden Besprechungen in den Aufenthaltsräumen der Arbeiter statt. Sämtliche Arbeiter des Anhalter Güterbahnhofs waren sich darin einig, daß während der nächsten Wintermonate die vorhandene Arbeit in achtständigen Tagesschichten ohne Einstellung weiterer Arbeitskräste und ohne sonstigen Schaden erledigt werden könne. Deshalb sei es möglich, die Arbeitszeit für den Winter auf acht Stunden herabzusetzen und sie im Früh- jähr bei steigendem Verkehr nach Bedarf angemessen zu ver- längern. Ferner glaubte man, daß infolge der allgemeinen Teuerung und der neuen indirekten Steuern eine Lohn- erhöhung von 20 Pf. täglich gerechtfertigt sei. Die Mitglieder des Arbeiterausschusscs und deren Ersatzmänner wurden des- halb beauftragt, diese Wünsche in der nächsten Sitzung des Ausschusses der Verwaltung zu unterbreiten. Das geschah und die Antwort der Verwaltung war die Entlassung der Ausschußmitglieder resp. deren Ersatzmänner. Sie, die sich nichts weiter haben zuschulden kommen lassen, als entsprechend den statutarischen Bestimmungen die Wünsch« ihrer Kollegen der Verwaltung zu unterbreiten, sie mußten ihren Glauben an das Wohlwollen der Verwaltung mit der Dienstentlassung büßen. Besser als durch alle wissenschaftlichen und kritischen Ab- Handlungen werden die sozialen Zustände im Eisenbahnbetriebe durch solche demonstrative Handlungen der Eisenbahnverwaltung beleuchtet. In keinem Privatbetriebe hätten sich die Arbeiter die Maßregelung ihrer Vertrauensleute ruhig gefallen lassen. Nur die Eisenbahnverwaltung kann sich eine solche Willkür erlauben, weil die Bahner in ihrer übergroßen Mehrzahl leider noch jedes Solidaritätsgefühls bar sind. Deshalb ist es die notwendige Aufgabe aller aufgeklärten Arbeiter, bei jeder Gelegenheit die Agitation unter den Eisenbahnern zu betreiben. Was die Zugehörigkeit der Gemaßrcgelten zur gewerk- schaftlichen Organisation betrifft, so haben vier derselben un- umwunden zugegeben, Mitglieder des Deutschen Transport- arbeiterverbandes resp. dessen Reichssektion der Eisenbahner zu sein. Einer derselben ist seit 1897 gewerkschaftlich organi- siert und seit 1900 bei der Eisenbahn beschäftigt. Die weiteren vier sind unorganisiert oder sie gehören dem von der Verwaltung bisher nicht beanstandeten„Unterstützungsverein für die südlichen Bahnhöfe Berlins" an. Wie uns mitgeteilt wurde, ist der Deutsche Transport- arbeiterverband bereit, sich auch der unorganisierten Gemäß- regelten anzunehmen, sofern diese es wünschen und ihnen durch seinen Arbeitsnachweis Beschäftigung zu verschaffen. Im„Regulator" vom 9. April d. I. veröffentlichte ein Werk- stättenarbeiter aus der Eisenbahnwerkstatt Berlin I einige Miß- stände und die Redattion des„Regulator" bemerkte dazu: „Es bestehen doch überall Arbeiterausschüsse, wenn die in nachdrücklicher Weise und in geordnetem Instanzenwege auf solche Mißstände aufmerksam machen, wird doch sicher Abhilfe geschassen werden". Was wird der„Regulator", was wird der Hirsch- Dunckersche Eisenbahnerverband und was wird der Triersche Eisenbahncrverband. der kürzlich in Berlin unter Aus- schlich der Oeffentlichkeit seine Generalversammlung ab- hielt. zu dieser Maßregelung von Arbeiterausschuß- Mitgliedern sagen l Wir sind wirklich neugierig, denn diese Organisationen sind es doch, die so großen Wert auf die Ausschüsse und deren Tätigkeit legen. Sie sind es, die gerade in Rücksicht auf diese„Wohlfahrtseinrichtung" glauben, auf ein uneingeschränktes Koalitionsrecht der Eisenbahner ver- zichten zu können. Sie werden natürlich nichts dagegen tun und den Eisenbahnern dadurch erneNt den Beweis liefern, daß sie nicht gewillt sind, ihre Interessen wirklich wahrzu- nehmen, und so Iverden sie in Gemeinschaft mit der Eisenbahn- verivaltung darauf hinivirken, daß die Eisenbahner in Massen den Weg finden in die freien Gewerkschaften. vom Rieselistreto in Scßweden. Eine kurze Depesche, die uns heute zuging, besagt über die Lage folgendes: Stockholm, den 9. September. Die Stockholmer Straßen- bahngescllschaft hält ihre schändliche Forderun.q aus entehrende persönliche Verträge aufrecht. Die Arbeit wird bei ihr daher nicht aufgeiiouime», bevor eine Verständigung erfolgt ist. Die Regierung greift nach wie vor nicht vermittelnd ein. Dre Lage ist sehr zugespitzt, im übrigen jedoch unverändert. » Die Haltimg der Stockholmer Stratzenvahngesellschaften,— denn auch die zweite klein« Gesellschaft verlangt persönliche ver« träge— ist recht bezeichnend für die Brutalität der schwedischen Bourgeois gegenüber den Arbeitern. In diesen persönlichen Ver- trägen ist vor allem ein Koalitionsverbot enthalten, da? nur die Mitgliedschaft in VergniigungSvereinen zuläßt, die Zu- gehörigkcit zu einer Gewerkschaft indes verbietet. Dieses Verbot soll durch eine possierliche Redewendung maskiert werden, durch die den Arbeitern untersagt wird, Organisationen oder Ver- bänden anzugehören, die dem Personal die Nichterfüllung der Pflichten gegenüber der Straßenbahngesellschaft und der Oesfent« lichkeit auferlegen kann! Als Nichterfüllung dieser Pflichten betrachtet der Vertrag schon die Kündigung durch die Angestellten, sobald diese von mindestens 25 Proz. vollzogen wird. Eine größere Unverschämtheit ist kaum jemals dagewesen, als dieser brutale Vernichtungsversuch gegenüber jeglichen Organisationsbestrebungen der Arbeiter. Aber noch mehr. Die Straßenbahngesellschaft fordert von jedem, der einen Vertrag unterschreibt, die Hinterlegung einer Kaution von dreihundert Kronen, die verfällt, sobald der vertraglich Gebundene an einem Streik oder einer Massen- kündigung von mindestens 25 Proz. der Angestellten beteiligt ist. Hätte Schweden ein soziales Arbeiterrecht oder bestände nur ein Gesetz, das Verträge gegen die guten Sitten für nichtig erklärte, so wäre eine derartige Forderung der Kapitalisten rechtsungültig, denn das Recht der Kündigung eines Vertrages muß unter allen Um- ständen dem Vertragschließenden zustehen. Hier wird es dem einen Teil untersagt, sofern eine geringe Minorität, ganz gleich ob verab- redet oder durch Zufall von dem Recht der Kündigung Gebrauch machen will. Kann denn die Borniertheit der schwedischen Bourgeois wirklich noch bester nachgewiesen werden? Die Auszahlung der Kaution soll erst drei Monate nach Be- endigung des Dienstverhältnisses erfolgen. Auch gegen eine solche schändliche Forderung bietet das schwedische Recht den Arbeitern keinen Schutz. Die natürliche Folge derartig empörender Unter- Nehmerbrutalität muß die Aufnahme einer intensiven Aktion zur Er- langung eines von modernen sozialen Ideen getragenen Arbeiter» rechts in Schweden sein. Die sozialpolitisch interessierten Kreise, die, soweit sie dem Bürgertum angehören, noch keinen rechten Boden unter den Füßen haben, sollten für ihre künftige Wirksamkeit aus diesen Begebnisten eine Lehre ziehen. Mit der eigenen Heim- bewegung, den Trunksuchtsanatorien und den Alkoholverboten wird die soziale Frage in Schweden wirklich nicht gelöst. Ein vernünftiges Arbeiterrecht tut viel dringender not. Man sollte meinen, eine so brutal auftretende Gesellschaft würde ihren Arbeitssklaven auch etwas bieten. Weit gefehlt. In den ersten zwei Jahren wird ein Lohn von 3,60 Kr. bis 3,75 Kr. pro Tag gezahlt. Nachher„feste Anstellung" mit einem Monatslohn von 110 Kronen, die nach neun Jahren bis zu 135 Kronen monatlich steigt. Da die Konzession der Gesellschaft im Jahre 1916 abläuft, wird niemand bis dahin zu jenem grandiosen Gehalt gelangen. ES handelt sich hier um eine Lohnreduktion von 10 Kronen monat- lich zu gleicher Zeit, wo alle Lebensmittel fortdauernd im Preise steigen. Diese Lohnhöhe zeigt aber auch, wie frivol das Unternehmer« geschwätz zur Täuschung der deutschen Oeffentlichkeit ist, wonach in Schweden höhere Löhne gezahlt werden sollen als auf dem europäischen Kontinent. Stockholm ist eine der teuersten Städte in Europa, wozu noch die enormen Steuern kommen. Oder setzt viel- leicht die Stockholmer Straßenbahngesellschaft die Löhne herab, um den Steuersatz ihrer Angestellten zu ermäßigen? Die deutsche Arbeiterschaft ersieht hieraus, weß Geistes Kinder jene sind, mit denen die schwedischen Genossen ihren schweren Kampf jetzt führen. �. Da? Wölfische Telegraphenbureau meldet über die teilweise Wiederaufnahme der Arbeit noch das Folgende: Die Wieder- aufnähme der Arbeit nach der Einschränkung des Generalstreiks voll- zieht sich nur allmählich, da die Arbeitsbedingungen verschieden ausgelegt werden und verschiedene Fachvereine den Weisungen der Streikleitung nicht gefolgt sind. Die Hindernisse, die sich einer Vermittelung der Regierung entgegensetzen, sind also noch nicht beseitigt. Andererseits scheinen die Einigungs- Verhandlungen mit verschiedenen Gruppen, die zunächst Schwierig- leiten machten, zu einer Verständigung zu führen. Das Alkoholverbot ist aufgehoben worden, die Ordnung aber trotzdem nicht gestört. Auch die B ü r g e r w e h r i st aufgelöst worden. Verschiedene Behörden haben ihr für die zum Schutze der bürgerlichen Gesellschaft und im Interesse der öffentlichen Wohlfahrt geleisteten Dienste(?) ihren Dank ausgedrückt. Die militäriiche Ueberwachung verschiedener Plätze ist ein- geschränkt worden und die während des Streiks aus der Provinz in die Hauptstadt berufenen Truppen sind in ihre Gar- nisonen zurückverlegt worden. Sie trstle-llnions einst und ietzt. London, 7. September.(Eig. Ber.) Auf dem 42. Kongreß der Trade-Unions zu Jpswich hielt(wie wir gestern schon an anderer Stelle kurz meldeten. D. Red.) der Vorsitzende Shackleton die Eröffnungsrede. Er hob vor allem den Umschwung hervor, der sich in den letzten Jahren in der Haltung der Trade-UnionS in politischen und wirtschaftlichen Fragen vollzogen hat.„Die Arbeiter bitten jetzt nicht mehr die Führer der alten Parteien um Audienzen und um Berücksichtigung der von Arbeiterkongressen gefaßten Beschlüsse. Ebensowenig be- schränken sich die Arbeiter auf reine Gewerkschaftsftagen. Die britische Arbeiterbewegung hat gegenwärtig 63 Parlamentsvertreter. die im Unterhause den Bestrebungen und Wünschen der Arbeiterklasse Ausdruck geben. Der Erfolg der direkte» parlamev« tarischen Arveitervertretung zeigt sich in den Ergebnissen der parlamentarischen Arbeit, die von den der früheren Parlamente vorteilhaft abstechen. Unter den Kongreßdelegierten befinden sich 33 Parlamentsabgeordnete, 26 Friedensrichter, 2 Bürgermeister, 6 Aldermen und 18 Eenieinderäte. Aber besonders freut es uns. Delegierte von Landarbeiterorganisationen zu sehen. Manche unter uns hatten das Vergnügen, mit Josef Arch, dem ersten Landarbeiterorganisator, zu verkehren, der im Jahre 1873 die erste Landarbeitergewerkschafr schuf. Die Schwierig« keiten waren außerordentlich, dennoch hatten die Landarbeiter von Dorchester damals eine Organisation schaffen lönnen. Heute haben wir verhältnismäßig größere Bewegungsfreiheit, deren sich die Land- arbeiter bedienen müßten, eine starle gewerkschaftliche Bewegung in den Ackerbaugegendcn zu schaffen. „Die gegenwärtige Parlamentstagung, die noch nicht ab- geschlossen ist, war hauptsächlich mit dem Etat beschäftigt. Der Etat muß als eine der größten Finanzreformen unserer Zeit be- trachtet werden. In ihm wird zum erstenmal der Versuch gemacht, die wachsenden Staatslasten auf die stärksten Schultern zu wälzen. Die Arbeiter sehen im Etat eine Matzregel, die große Möglichkeiten in sich birgt. Deshalb der Enthusiasmus. Die Sorge für die Veteranen der Arbeit, die Ernährung bedürftiger Kinder, die Be- Handlung der Arbeitslosen nehmen die Staatsfonds immer mehr in Anspruch; aber erst dieser Etat gibt die Gelegenheit, für die Armen einigermaßen zu sorgen, ohne die Armen ungebührlich zu belasten. „Die Alternative zum Etat ist die sogenannte Politik„der Ber- breiterung der Steuerbasis", d. h. der Schutzzoll— eine versteckte und feindliche Methode, die Staatsfinanzen zu bereichern durch die Besteuerung der notwendigsten Lebensmittel. Die Drohungen der Grundherren, daß sie infolge des Etats ihre Beiträge für Wohl- tätigkeitszwecke beschneiden werden, um nur ihr Leben von Luxus und Freude fortsetzen zu können, werden— wie es sich von selbst versteht— von den Massen übel aufgenommen. Der Etat kann nur zur Wirkung haben, daß die Reichen weniger Lakaien halten werden. „Es soll indes nicht vergessen werden, daß die wachsenden Staatsaufgaben zum Teile dem Anschwellen des Armee- und Flottenetats geschuldet sind. Im Laufe dieses Jahres wurde eine panische Stimmung erzeugt, so daß man hätte glauben können, die Invasion Englands durch unsere deutschen Freunde wäre eine fast vollendete Tatsache. Wir glauben an diese Gefahren nicht. Ein Krieg zwischen Deutschland und England ist undenkbar, und diese Ansicht wird von den Arbeiterklassen beider Länder geteilt. „Trotz der Etatsberatungen, die fast die ganze Zeit des Par- laments in Anspruch nahmen, wurden zwei gewerkschaftliche Vor« lagen angenommen: die DraÄs Loards-BiU und die Labour Excbange-Bill: die erstere soll Mindestlöhne in manchen Zweigen der Heimarbelt festsetzen; die andere schafft Arbeitsnachweise.— Die Frage der Arbeitslosenversicherung wird höchstwahrscheinlich die kommende Parlamentstagung beschäftigen. Die Arbeiterfraktion wird alles tun, bei der Beratung dieser Vorlage die Interessen der organisierten Arbeiter zu schützen. „Schließlich weisen wir auf die Bildungsbestrebungen hin, die von dem gemeinschaftlichen Komitee von Oxforder Professoren und von Arbeiterorganisationen gefördert werden. Dieses Komitee wirkt abseits vom Ruskin-College und ist darauf gerichtet, die Arbeiter in den Provinzen durch briefliche Kurse zu unterrichten. Im Berichts- jähre wurden besonders die Zentren— Rochdale und Swindon bearbeitet Die Essays, die die Arbeiter einschickten, waren— nach Ansicht der Universitätsprofessoren— von hohem Werte: manche Aufsätze waren sogar den besten Leistungen der regelmäßigen Universitätsstudenten gleich. Es wächst eine Arbeitergeneration heran, die die praktischen Erfahrungen der Fabrik- und Minenarbeit mit dem theoretischen Wissen über Sozialökonomie. Wirtschafts- geschichte, Staats- und Munizipalpolitik vereinigen wird." Das neue Hjorneftead. Da? Blut der niedergeknallten und totgeknüppelten Streiker von McKeeS Rocks ist über die kapitalistischen Mörder gekommen. Seit die Arbeiter am Dienstag, den 24. August, ihre Toten be- gruben— 11 Tote und 66 Verwundete forderte die Schlacht I— ist ein totaler Umschwung der Lage zugunsten der Streikenden einge- treten. Am 27. August begannen nun auch die Streikbrecher in den Streik zu treten, indem ihrer 470 Mann, die nur Nuttels Knüppel und Revolver so lange in den Werken fest- gehalten waren, die Umzäunung durchbrachen und gleich unter Führung Pittsburger Soziali st en unter freiem Himmel eine Berbrüderungs- Versammlung mit den Streikern improvisierten. Dem Auszug ber Vierhundertsiebzig folgten TagS darauf abermals weitere 150 Mann, die damit den Betrieb des.Schlachthauses' wieder gänzlich stilllegten. Statt der erwarteten Kirchhofsruhe erfüllt den Fabrikort jetzt der Jubel von Tausenden armer hungernder und mißhandelter Menschen, die seit langer Zeit wieder einmal glücklich sein können und voll jauchzender Inbrunst Lieder der alten Heimat an- stimme». AuS dem kapitalistischen Zuchthaus„entsprungen', be- gaben sich ganze Scharen der streikenden Streikbrecher stracks nach dem Gebäude der Bundesregierung, um hier unter grauenhaften Schilderungen ihrer Behandlung in der Fabrik deren Beamten wegen betrügerischer Vorspiegelungen, fürchterlicher Mißhandlungen und Freiheitsberaubung zu verklagen. Nach der Fahnenflucht der Streikbrecher mutz sich der Präsident der Werke, Hoffstedt, nunmehr gefallen lassen, daß er sich mitsamt seinem obersten Treiber Cohn auf Anordnung der Regierung in Washington wegen des Verbrechens der„Peonage"(Sklavenhaltung) zu verantworten hat. Unter den die Untersuchung führenden Bundesbeamten, die das Arbeitsministerium nach Pittsburg entsandte, befindet sich auch ein Beamter der Einwanderungsbehörde auf Ellis Island, da die Gesell- schaff auch beschuldigt wird, sich ihr Sklavenmaterial unter Umgehung der Einwanderungsbehörde aus Europa importiert zu haben. Natürlich lassen die zynischen kapitalistischen Verbrecher eS auch nicht an Ver- suchen fehlen, die Untersuchung zu durchkreuzen.. Manche der wichtigsten Zeugen sind unauffindbar, gegen mehrere andere schweben bereits Meineidsverfahren, weil sie sich offenbar durch das Geld der Firmen zu falschen Aussagen verleiten lassen, so gegen einen Arbeiter Vogel aus New Aork, der vor den Untersuchungsbeamten Loblieder auf die Fabrik sang und sich darauf folgenden kennzeichnenden Brief vorhalten lassen mußte, den er kurz vorher anseineFraugeschrieben hatte:„Ich gebe Dir hiermit eine Beschreibung der Lage, in der ich mich in McKeeS Rocks befinde... Sie nahmen uns vom Zuge und behandelten uns wie Gefangene, indem sie uns ihre Revolver zeigten. Unsere Lagerstätte befindet sich in einer elenden Hütte. Die PinkertonS gehen fortwährend mit Revolvern um uns herum und wir müssen alle ihre Befehle befolgen. Jeden Tag erfahren wir, daß Leute getötet und verwundet werden und wir getrauen unS kaum zu arbeiten oder zu schlafen... Ich bin wieder matt und krank und möchte gern zurück, kann aber nicht fort.' Sonst ergeben die Aussagen vor den Unter« suchungSbeamten aber, daß die„Arbeitswilligen' in der Fabrik- gefangenschaft blutig geschunden, sogar bei einfachen Widerreden mit Totschlägern bearbeitet und in Frachtwagen eingesperrt wurden usw. Manche Zeugen weisen zur erschütternden Bekräftigung ihrer Schilde- rungen furchtbare Wunden, blutige Hemden oder dergl. vor. Leuten, die entlassen zu werden wünschten, wurde von ihren Schindern bedeutet, daß sie nur in einem Sarge die Fabrik verlassen könnten. Die Untersuchung erstreckt sich auch auf die von den Streikbrechern energisch aufrechterhaltene Behauptung, daß drei von ihnen an er- littenen Mißhandlungen gestorben und die Leichen entweder heimlich beiseite geschafft oder in den großen Schmelzöfen verbrannt worden seien I In den Werken wurden die Streikbrecher nur mit ver- dorbenen Konserven traktiert, so daß sich jetzt eine Anzahl von ihnen schwer vergiftet in Hospitalbehandlung befindet. Einmal mußte das Verhör abgebrochen werden, weil zwei Dutzend Zeugen infolge des genossenen Streikbrecherfutters zu krank waren, um überhaupt der Verhandlung folgen zu können. Kann das Wort von der„Kapitals- bestie', das oft genug als sozialdemokratische„Hetzphrase' denunziert wurde, drastischer gerechtfertigt werden, als durch den vollendeten Beftialismus, womit das amerikanische Stahlkapital gerade seine arbeitswilligen Lieblinge behandelt? Die von der Bundesregierung begonnene Untersuchung der Zu- stände in McKees Rocks bedeutet zugleich eine verdiente Brand- markung der pennsylvanischen Staatsregierung, die sich mit ihrem Gouverneur Stuart völlig in den kalten Herrenfäusten der Trust- kapitalisten befindet und demgemäß eine behördliche Untersuchung bis zum letzten Augenblick verweigerte, ja. sich jetzt wegen Beteiligung ihrer Polizisten, Konstabler und Richter an der verbrecherischen Bru- talisterung der Arbeiter selber in die Affäre verwickelt steht. Wäre Gouverneur Stuart ein„europäischer Bureaukrat', so meinte vor kurzem das parteigenössische„Philadelphiaer Tageblatt', für den das Motto gilt:„Was nicht in den Akten steht, ist nicht in der Welt", so ließe sich seine Jnaktivität erklären. Er ist aber ein amerikanischer Geschäftsmann(ein Buchhändler), von dem man schon annehmen sollte, daß er nicht erst geschoben zu werden braucht, um zu handeln. Kein Tag vergeht, der nicht neue Enthüllungen über die Schand- Wirtschaft in Mac Kees Rocks bringt. Ein Arbeiter hat dort in öffentlicher Versammlung erklärt, daß er seine Tochter und seine Frau einem Vormann(Meister) preisgeben mußte, um seinen Platz zu behalten. Mehrere Priester haben er- klärt, daß ihnen derartiges nicht neu sei und solche Fälle ihnen öfter zur Kenntnis gekommen seien. Genügt das etwa noch nicht, um die Staatsgewalt zum Einschreiten zu bringen?" Leider hat dasselbe Blatt Veranlassung, auch der amerikanischen „Federation of Labor', deren Präsident G o m p e r S ist, einen Teil der Verantwortung für die Katastrophe von Mc Kee» Rocks beizumessen, denn GomperS hat die amerikanische GewerkschastS- bewegung, von deren Errungenschaften er in Europa soviel Wunderbares erzählte, so engherzig gemacht, daß man sich in seinem Hauptquartier um die„Ausländer", die„Hunnen", überhaupt nicht weiter kümmert, sondern sich begnügt, alljährlich im Staate Pennsylvanien, wie in den anderen Staaten„Konventionen"(Konferenzen) zu veranstalten, deren Existenzberechtigung absolut unverständlich ist. Die sozialistische Partei des Landes nimmt sich der Streikenden natürlich nicht nur mit Rat, sondern immer nachdrücklicher auch mit der Tat an. Drei Tage nach der Schlacht kam, brutalen Einschüchterungen Trotz bietend, Genosse Debs mit einemGefolge berittener Staatstruppen im Automobil auf dem Schlachtfeld an, wo er vor 2000 Streikenden unter freiem Himmel redete. Der sozialistische Bannerträger des Landes warnte die Arbeiter davor, sich von ihrem berechtigtem Zorn übermannen oder provozieren zu lassen, und forderte die Hunderte von Polizei- lichen und militärischen Zuhörern, deren er sich nebenher noch er« freute, auf, ihn wegen der Brandmarkung ihrer Schande zu ver- haften. Sie wagten es nicht. Die Firma soll bereits zu erkennen gegeben haben, daß sie alle Forderungen der Streikenden zu bewilligen bereit sei; wird eS ihr bei den Enthüllungen, die die Untersuchung gebracht hat, doch auch schwer werden, noch„Arbeitswillige" zu finden, und außerdem hofft sie, damit die Fortführung der Untersuchung zu vermeiden, worin sich der verbrecherische Geldpöbel aber wahrscheinlich täuschen wird. Daß Mc KeeS Rocks seine auftüttelnde Wirkung tut, läßt schon folgender Satz ahnen, womit sogar ein bürgerliches Blatt PittSburgs eine Betrachtung über diese Kämpfe auSklingen läßt: „Die Pressed Steel Car Comp, und das gewissenlos» AuLbeutertum im allgemeinen haben eS sich selber und ihrem Uebermut zuzu- schreiben, wenn ein gewaltiges Menetekel vor ihren besitztrunkenen Augen aufflammt."_ politifcbc üeberficbt. Berlin, den 9. September 1909. Der olle ehrliche Triolist. „Ein moralischer Meuchelmordversuch'— nichts Geringeres ist an Wilhelm Schack verübt worden: so kündete es der Deutsch« nationale Handlungsgehilfenverband in einem großen und groß- mäuligen Flugblatt, das er gestern auf den Straßen Berlins ver- teilen ließ. Nicht» Dümmeres läßt sich denken als dieser Wisch der Thomas, Blobel, Döring. Warwing und Konsorten, die da glauben, erwachsenen denkenden Menschen einreden zu können, nur„wenn man eine schmutzige Phantasie besitzt", sei man imstande, Meister Schocks Triolen-Brief„falsch zu verstehen". Indessen— die Schackianer haben schon so viel Eseleien hinter sich, daß man ihnen auch schier Unglaubliches zutrauen kann, und daher muß immerhin erwogen werden, ob sie sich nicht wirklich von dem biederen Renaissance- menschen wieder einmal haben einwickeln lassen. Nun, die gekränkte Unschuld aus Hamburg-Altona hak wehr als einen Triolenbrief auf dem Kerbholz; denn dem von uns am Dienstag veröffentlichten Schack-Schreiben ist eine mündliche Unterredung mit dem zwanzigjährigen Mädchen, und dieser Unterredung ist ein erster Triolen-Brief vorhergegangen, der folgenden Wortlaut hat: Sehr geehrtes Fräulein! Meine Frau 30 und ich 40 Jahre alt. groß, schlank, suchen eine junge Dame, die gewillt ist, sich uns beiden innig anzuschließen. Gegenseitige Neigung natürlich vor- ausgesetzt. Sollten Sie grundsätzlich dazu nicht abgeneigt sein, erbitte ich Nachricht bis Montag morgen unter „T ri o I e", Hamburg. Postamt 36. Sollten Sie mich noch nicht verstanden haben, bitte frei und ossen zu fragen. Hochachtungsvoll R. M. Herr Schack, alias„Triole", alias„R. M."'(!). soll, so deutet's däS obengenannte Flugblatt versteckt an— mit der Absicht schwanger gehen, die.Presse, die ihn so arg„verleumdet hat, zur Verant- Wartung zu ziehen! Das wäre in der Tat ein Schauspiel für Götter. Sind doch selbst Blätter wie die„Deutschs Tageszeitung" von dem brünstigen Verbandsvorsteher und Reichstagsabgeordneten weit abgerückt, die„Tägliche Rundschau" nicht ohne sich einen Aus- fall auf die sozialdemokratische Presse zu leisten, die den Fall des Herrn Schack politisch ausgeschlachtet haben soll. Das ist— wir brauchen nur auf unsere Notizen zur Trioleaffäre hinzu- weisen— eine plumpe Unwahrheit. So dumm sind wir nicht, uns die Waffe selber WZ der Kgfld zp W.Mp, gut der wir unseren politischen Gegnern heimleuchten, tvenn sie Vorfälle aus dem Privatleben von Sozialdemokraten verallgemeinern und politisch ausschlachten: eine Methode, die durchaus im Rahmen bürgerlicher Moral liegt, von sozialistischem Denken aber so weit entfernt ist, wie Schack oder die„Tägliche Rundschau" von Anstand und Ehrlichkeit. Das„anständige" Blatt. Das„Verl. Tageb l." setzt seine Kampagne für Ed. Bern- stein unentwegt fort. Wir begreifen diese Sympathie und finden sie ganz in Ordnung. Nur sollte das Blatt unserer Meinung mich in seinem Eifer für den Revisionismus nicht so weit gehen, nach- träglich den Wahrheitsbeweis dafür zu erbringen, daß die Mit- arbeit an dem„Berk. Tagebl." unter die Dresdner Resolution falle. Was nämlich das Blatt sich seit einigen Tagen gegen Kautsch herausnimmt, gehört wirklich zu den hämischsten und gehässigsten Angriffen, die uns seit langem begegnet sind. Trotz des klaren Nachweises Kautschs, daß sein Brief an Lafargue mit einem Uriasbrief aber auch gar nichts gemein hat, wiederholt das„Berl. Tageblatt" Tag für Tag wider besseres Wissen die schofle Ver- leumdung, daß Kautsch an dem armen verfolgten Bernstein eine Schufterei begangen habe. Wir hängen diese niederträchtige Hand- lungsweise des„anständigen" Organs niedriger und überlassen es neidlos der„Gemeinschaft der anständigen Menschen", aus der nach seiner Behauptung Genosse Kauisky ausgeschieden ist. Er müßte sich für diese Gemeinschaft auch gewißlich bestens be- danken._ Sächsischer Wahlrechtsraub im Verwaltungswege. Wir haben bereits mitgeteilt, daß auf Grund einer Ministerial- verordnung alle diejenigen sächsischen LandtagSwähler, die innerhalb der letzten 15 Jahre einmal mit einem Steuerbetrage im Rückstände geblieben find, aus den Wählerlisten gestrichen werden. Hier einige besonders krasse Fälle aus dieser Praxis: Ein Dresdener Einwohner wurde als Steuerrestant angesehen und nicht in die Wählerliste aufgenommen, weil er 10 Pf. M a h n- gebühren schuldig geblieben ist I Ein Arbeiter war im Jahre 1903 dreiviertel Jahre krank. Da er kein Einkommen hatte, fiel ihm natürlich das Steuerzahlen schwer. Die BeHürde erkannte das an und erließ ihm einen Teil der Steuern. Auch dieser Wähler ist gestrichen worden. Ein anderer Wahlberechtigter hatte im Jahre 1900 keine Steuern bezahlt, weil er nicht steuerpflichtig war, denn er hatte keine Stellung und kein Einkommen. Er erhielt in jenem Jahre keinen Steuerzettel und ist nicht gemahnt worden. Jetzt hat man ihn aus der Wählerliste entfernt. Es ist festgestellt worden, daß Wählern, die über 1600 M. Ein- kommen haben und demzufolge zwei Stimmen haben müssen, eine Stimme abgezogen worden ist, weil sie schul- Pflichtige Kinder haben! Hierzu wird uns soeben telegraphisch aus Dresden berichtet, daß einer Deputation der Dresdener WahlkomitoeS gegenüber, die im Ministerium des Innern wegen der Streichung der Steuerrestanten aus den Wahllisten vorstellig wurde, der Ministerialdirektor ganz entschieden bestritt, daß die Regierung eine derartige Verfügung erlassen habe. Es bleibt also nur übrig, daß entweder die Gemeindevorstände, Bürgermeister und Stadträte aus eigener Machtvollkommenheit die Streichung vor- genommen haben, oder daß die Amtshaupwmnnschaft nach dieser Richtung hin geheime Anweisungen erlassen hat. Jedenfalls aber kennt man sich im Königreich Sachsen vortrefflich auf russische Manieren aus: Man fingert„administrativ", was man auf andere Weise nicht machen kann oder will. Bon der deutschen Justiz. Im Wahlkreise Klausthal-Zellerfeld griff am 2. Jmü vorigen Jahres in einer Wählerversammlung der Senator T e g t- meyer aus Klausthal den nationalliberalen Führer Ober- bergrat Ehrin g heftig an und sprach zuletzt von Wahl- beeinflussungen der Nationalliberalen. Der Versammlung wohnten auch drei Bergrefereudare bei, die ihrem Borgesetztcu Ehring sofort Bericht erstatteten. Es wurde ein Protokoll aufgesetzt, in dem u. a. behauptet wurde: Senator Tcgt- meyer hätte folgende Worte gebraucht:„Ein Mensch, der so handelt wie der Oberbergrat Ehring, der mit den Sozialdemokraten liebäugelt und gegen die Gesetze und die Ordnung des Staates verstößt, ist schlimmer wie ein Verbrecher und gehört ins Zuchthaus." Wegen dieser Aeußerung wurde gegen Tegtmeher An- klage wegen öffentlicher Beleidigung erhoben. T. b e- stritt in der Prozeßverhandlung, die am 8. September beim Landgericht G ö t t i n g e n stattfand, derartige Worte gebraucht zu haben. Er habe nur ganz allgemein gesagt: Staats- beamte, die dergleichen tun. feien Staats- Verbrecher und gehören ins Zuchthaus. Die als Zeugen geladenen Bergreferendare hielten ihre Behauptung, daß Ehrmg-Z Name dabei genannt worden sei, aufrecht. Alle übrigen Zeugen behaupteten das Gegenteil. Der Staatsanwalt hielt die Be- leidigung für erwiesen und beantragte eine Strafe von 200 M. Das Gericht erkannte aber auf Freisprechung. Es nahm als er- wiefenan, daß die in der Anklage behauptete Aeußerung getan sei, billigte-ber dem Angeklagten den Schutz des§ 193 zu. Wenn also jemand von einem Beamten sagt, er liebäugele mit den Sozialdemokraten und sei deshalb schlimmer wie ein Verbrecher und gehöre ins Zuchthaus, so ist er doch der Beleidigung nicht schuldig, weil er das in Wahrung berechtigter Interessen sagt. Die berechtigten Jnter- essen sind nämlich deshalb stets in solchem Falle vorhanden, weil nach der Ansicht der Göttinger Strafrichter jeder Staatsbürger ein berechtigtes Interesse wahrt, der Staatsbeamte, die seiner An- ficht nach mit der Sozialdemokratie liebäugeln, aufs gröblichste beschimpft. Staatsbeamte, die mit der Sozialdemokratie lieb- äugeln, sind offenbar nach Ansicht der Göttinger Richter nichts Besseres wert! Das Urteil zeigt wieder einmal, daß nicht bloß die Sozial- demokratie, sondern auch jeder, der mit ihr in einem Falle zu- sammen wirkt, für so manche deutsche Richter einfach als vogel- frei.gelten! Uebrigens ist wahrscheinlich, daß auf die Bildung des Urteils, das die Richter von Göttingen fällten, eine Aussage besonders eingewirkt hat. Sie wurde von dem Gewerkschaftssekretär H u f l e r aus Goslar abgegeben und lautete, daß damals bei der Wahl aus der nationalliberalen Parteikasse an sozialdemo- kratische Wahlmänner 50 M. Reisekosten gezahlt worden seien, damit sie an der Abstimmung teilnehmen sollten, und daß dies Geld im voraus habe bezahlt werden müssen, weil die Betreffenden sonst die Reise nicht antreten wollten. Daß damals sozialdemo- kratische Stimmen für den nationalliberalen Kandidaten Srinzig abgegeben worden sind, ist auch im Hannoverschen..Volkswillen" geradelt worden. Wir müssen dazu sagen, daß jene sozialdemokratischen Wahl- männer, die das Geld der Nationalliberalen angenommen haben, sich einer schlimmen Verletzung ihrer Parteipflicht schuldig machten. Daß sie dabei wider den Willen der Partei- i n st a n z e n handelten, geht aus der Mißbilligung ihrer Ab- stimmung im Hannoverschen Parteiblatt, dem„V o l k s w i l l e n". erfreulicherweise deutlich hervor. Ostelbische Zustände. Zu der Bluttat in Wolfshagen bei Drangfurt im Regienmgs- bezirk Königsberg(Ostpreußen), über die wir in Nr. 205 vom Frei- tag, den 3. September, berichteten, wird uns noch mitgeteilt, daß der erschossene Fleischergeselle Borschewski und dessen Freunde gar nicht auf dem Grund und Boden des Besitzers MakowSki badeten I Die jungen Leute badeten vielmehr an einer Stelle des Sees, die zu dem Gute des Besitzers Krause gehörte. Besitzer Krause hatte das Baden gestattet, weil die jungen Leute ihm bei den Erntearbeiten behilflich gewesen waren. So stellt sich die Tat des Besitzers Makowski und seines Sohnes also noch ungeheuerlicher dar. Die Staatsanwaltschaft ist jetzt eingeschritten, und auf deren Anordnung wurde endlich MakowSki jr., der den tödlichen Schutz auf Borschewski abgegeben hat, verhastet. Der Vater des Schützen, der den Befehl zum Schießen erteilte, befindet sich aber noch auf freiem Fuß. Uebrigens ist es eine echt bürgerliche Preßlüge, wenn geschrieben wird, daß der schießende Besitzersohn über die Tat„untröstlich" ist. Die beiden Täter ließen ihr Opfer am Boden liegen, nachdem der verhängnisvolle Schuß gefallen war, und erst die Freunde des Erschossenen holten eiligst einen Arzt aus der nahen Stadt Drangfurt herbei. Das Opfer von Wolfshagen ist kaum erkaltet, da wird schon wieder aus West Preußen ein Fall von gleicher Besitzerwillkür gemeldet. In der Nacht zu Sonntag wollte der achtzehn Jahre alte Arbeiter Julius Koschmieder aus Gischkau einen Zaun deS Mühlenbesitzers Scheffler in Prangschin bei Danzig über- steigen, um sich den Heimweg abzukürzen. Der Besitzer soll den armen Menschen, ohne zuvor einen Anruf getan zu haben, einfach über den Haufen geknallt haben. Der Revolverschuß durchbohrte dem Arbeiter die Brust, und der Schwerverletzte mußte nach dem Danziger Stadt- lazarett geschafft werden, wo er hoffnungslos darniederliegt. Anders als mit Revolver und Flinte scheinen in Ost- und Westpreußen die Besitzer Arbeitern nicht mehr gegenüberzutreten. Aufdecken von Steuermogelei ist„grober Unfug". Unser Parteiblatt„Görlitzer Volkszeitung" ver- öffentlichte im Mai dieses Jahres einen Artikel, in dem an einigen Beispielen gezeigt wurde, wie der preußische Staat von reichen Leuten um die Steuern bemogelt wird. Jetzt ist dem verantwortlichen Redakteur, Genossen Taubadel,'mit- geteilt worden, daß ein Strafverfahren gegen ihn ein- geleitet ist. Er soll durch die Veröffentlichung deö Artikels ».groben Unfug" begangen haben. Soll etwa durch solche Prozesse verhindert werden, daß die Steuermogeleien der Neichen öffentlich gebrandmarkt werden? Die Auflösung des RcichsinvalidenfondS. Nach dem Reichsgesetz vom 1. Juni 1909 geht mit dem 1. Oktober d. I. die Verwaltung des Reichsinvalidenfonds und des nnt diesem verbundenen Hinterbliebenenversicherungs- fonds auf das Reichsschatzamt über und hört mit dem gleichen Tage die bisher unter dem Namen„Verwaltung des Reichs- invalidenfonds" bestehende Behörde zu existieren auf. Die zur Ueberleitung des Invalidenfonds in die allgemeine Reichsver- waltung erforderlichen Anordnungen sind bereits getroffen. Die Uebernahme wird im Laufe der nächsten Wochen stattfinden. Der Invalidenfonds selbst besteht noch aus etwa 125 Millionen Mark, von denen allerdings ein erheblicher Teil schon durch Vorschüsse belastet ist. In den Hinterbliebenenversicherungs- fonds, der nach Z 15 des Zolltarifgesetzes zur Anbahnung der Witlven- und Waisenversicherung gegründet wurde, ist bekanntlich nur in einem einzigen Jahre die Summe von etwa 47 Millionen Mark gelangt. Auch für das laufende Jahr ist es zweifelhaft, ob irgend eine Ueberweisung an ihn erfolgen kann.—_ Wie„Insubordinationen" entstehen! Ein bemerkenswerter Fall von„Gehorsamsverweigerung" be- schäftigte dieser Tage das Dresdener Kriegsgericht. Am 28. Juli kam der Sergeant Koch vom Ulanenregimeut Nr. 17 in Oschatz in den Stall und ließ die zum Stalldienst kommandierten Mannschaften zum Futterschüttcn antreten. Es fehlte der sonst mit anwesende Gefreite, den der Sergeant unbedingt haben zu müssen glaubte. Er bemerkte nun den Gefreiten Rauchfutz und befahl kurzerhand diesen, obgleich er gar nicht kommandiert war. zum Futterschütten l Ganz erstaunt über das Ansinnen, unterließ es der Gefreite, dem Be« fehle nacbzukommen. Als der Sergeant den Befehl wiederholte, äußerte R.:„Ich bin nicht zum Stalldienst konini an- diert, ich komme nicht zum Futterschütten!" Diese Worte soll R. in einem„frechen" Tone und in„unmilitärischer" Haltung gesprochen haben. Weil nun die übrigen Mannschaften den Vorgang mit beobachteten und weil sich R. angeblich„frech" benahm, drang der Sergeant erst recht auf Ausführung des Befehls I R. kam der Aufforderung schließlich nach. Als er mit der Arbeit fertig war und sich entfernen wollte, wurde er vom Sergeanten zurückgehalten und zu anderem Dienste befehligt! Diesen Befehl ließ R. anfänglich unbefolgt. Er lief in der Erregung über das Verhalten des Sergeanten hin und her, woraus geichlossen wird, daß R. dadurch seine„Aufsässigkeit" zu erkennen geben wollte l I Er kam aber schließlich auch diesem Befehle nach. Damit war die Sache jedoch nicht erledigt. Die Angelegenheit wurde gemeldet und R. wegen Achtungsverletzung und Gehorsamsverweigerung vor versammelter Mannschaft angeklagt! Vor Gericht gab R. an. er habe sich nicht für verpflichtet ge- halten, die Befehle auszuführen, da er nicht der komman- dierte Gefreite war; er habe das Verhalten deS Sergeanten als Schikane aufgefaßt. Der Sergeant erklärte, daß er berechtigt gewesen sei, dem Angeklagten den Befehl zu erteilen. Sonst wurde R. als ein vorzüglicher Soldat geschildert. Nach Lage der Sache wies der Verhandlungsführer den Angeklagten darauf hm. daß möglicherweise der Z ö 3 des Militär-Strafgesetzbuchs(Wenn ein Untergebener durch vorschriftswidrige Behandliing zur Tat gereizt wird, kann die Strafe bis auf die Hälfte ermäßigt werden) in Frage komme. R. schilderte den Sergeanten als keinen „Guten". Seine Kameraden, wie z. B. Ulan Leupold, sind von jenem geschlagen worden.(Leupold war als Zeuge anwesend und be- stätigte, daß er g e m i ß h a n d e l t worden sei. Er hat die Miß- Handlung auch gemeldet. eS ist aber nichts g e s ch e h e n! I> Der Anklagevertreter beantragte unter Ausschluß des§ 98 sieben Wochen Gefängnis... Das Kriegsgericht nahm an, daß der Angeklagte geglaubt habe, er werde schikaniert, billigte ihm deshalb den K 08 zu, erkannte aber nichtsdcstotveniger auf die unglaubliche Strafe von— k Woche» Mittrlarrcst!! Mit Rücksicht auf die„Hartnäckig- k e i t"(I) des Sünders hat das Gericht keinen erheblichen Gebrauch vom§ 98 gemacht, nur vor dem Gefängnis hat es ihn schützen wollen... O welche Lust, Soldat zu sein I Milde Strafe. Der Kanonier Weiler von der 6. Batterie des 66. Feld- «tillcrie-Regiments in L a h r(Baden) hat sich vor wenigen Wochen erhängt. Er tvurde vom Sergeanten Weber in glühender Sonnenhitze im tiefen Sande der Reitbahn herumgejagt. Auch im Remontestall ließ Weber den Weiler laufen und springen. Am nächsten Tage meldete sich Weiler krank; es tvurde ihm von einem anderen Sergeanten namens R ü l e gedroht: Er werde schon in Bewegung gesetzt werden, wenn er nicht wirk- lich krank sei! Weiler ging darauf auf seine Stube und er- hängte sich.--- Weber erhielt drei Wochen Mittelarrest. Spanien. Die Zeusurbnrbarei. Madrid, 9. September. Das Blatt„Correspondencia de Espana" ist wegen eines Artikels, in dem der Chefredakteur gegen die telegraphische Zensur protestiert, b e s ch l a g- nahmt worden. Der Artikelschreiber wird sich vor dem Militärgericht zu verantworten haben. Ein Haft- b e f e h l ist gegen ihn erlassen. Eine Protestkundgebung. Paris, 9. September. Mitglieder des Komitees der sozialen Verteidigung veranstalteten in etwa dreißig Automobilen heute nachmittag Kundgebungen auf den Boulevards, um gegen die Gefangen setz ung Ferrors in Barcelona zu protestieren. Sie versuchten, sich nach der spanischen Botschaft zu begeben. Die Polizei zerstreute sie und nahm etlva 49 Ver- Haftungen vor. Sngland. Ein Hochverrater. Mit dem vor Jahren vielgenannten„Oberst" Lynch, der kürzlich vom irischen Wahlbezirk West-Clare ins Parlament entsendet wurde, zieht ein Abgeordneter von sehr eigentümlicher Vergangen- heit in da? Unterhaus ein. Artur Lynch widmete sich ursprünglich dem Jngenieurfach, wendete sich aber bald dem Journalismus zu. 1892 wurde er als Parnellit für Galway aufgestellt, aber geschlagen. Nach dem Ausbruch des südastikanischen Krieges trat er in die Buren arme e ein und organisierte die zweite irische Brigade, welche dem General Botha unterstellt war. Mit dieser nahm er an verschiedenen Gefechten gegen die englischen Truppen teil. Seine engeren Lands- leute wählten ihn bei der nächsten allgemeinen Wahl' für Galway mit beträchtlicher Mehrheit in das Parlament. Das erregte einem Sturm der Entrüstung in England. Seine Wahl wurde für ungültig erklärt und er selbst nach seiner Rückkehr verhaftet und wegen Hochverrats zum Tode ver- urteilt, welche Strafe allerdings in lebenslängliches Zuchthaus umgewandelt wurde. 1904 erhielt Lynch seine Eni- lassung„auf Urlaub". Damit war er natürlich noch immer von allen bürgerlichen Bertrauensämtem und vor allem von der Wieder- wähl ins Parlament ausgeschlossen. Als jedoch König Eduard 1907 den Entschluß faßte, der grünen Insel einen Besuch abzustatten, erhielt auch Lynch völlige Amnestie, womit alle Beschränkungen feiner politischen Rechte aufgehoben wurden. Orkei. Die Lage im Innern. Konstantinvpel, 9. September. Die aus der Pforte einlaufenden Nachrichten über die Lage im LandeSinnern melden über- einstimmend fortschreitende Beruhigung. Die aufständischen Albanesen in Ragova haben ihre Waffen abgeliefert. Der Kommandant deS Expeditionskorps in Derstm meldet, daß die Mehrzahl der K u r d e n st ä m m e fich unterworfen und zur Steuer- zahlung bereit erklärt haben. Nach Meldungen des WaliS von Zemen find auch die aufständischen Araber von den RegierungS- truppen geschlagen. Ihre Verfolgung führe noch zu vereinzelten Zusammenstößen; die Kraft deS Aufftands fei jedoch gebrochen.— pcrficn. Der verbannte Schah. Teheran, 9. September. Der ehemalige Schah ist heute nachmittag nach Nußland abgereist. JVIarohho, Nene Angriffe. Melitta, 9. September. Die R i f l e u t e beschossen gestern abend Alhucemas. Ihre Geschosse drangen in die Mauern deS Theaters ein, verletzten jedoch niemand. Die spanischen Batterien erwiderten das Feuer unv beschossen die Laufgräben und die Stellungen der Rifleute. die diesen zum Schutz und zum Stützpunkt für ihre nächt- lichen Angriffe dienen. Seit heute früh 7 Uhr unterhält die In- fanterie em langsames Feuer gegen das feindliche Lager. Um 2 Uhr nachmittags zeigten sich zahlreiche Gruppen von Riflcuten, die jedoch dem auf sie gerichteten Artilleriefeuer nicht standhielten und sich in Sicherheit brachten. Chxm. Das Abkommen mit Japan. Da? Wolffsche Depeschenburcau meldet offiziös: Nach uns vor- liegenden Informationen schließt da? japanifch-chinefifche Mandfchurei-Abkommen weder, wie von einigen Blättern behauptet wurde, eine Militärkonvention zwischen den beiden vertragschließenden Ländern in sich, noch richtet eS feine Spitze überhaupt irgendwie gegen eine weiße Macht. Auch die Ver- Handlungen, die zum Abschlüsse des Abkommens geführt haben, haben sich ausschließlich auf die in dem Abkommen selbst nieder- gelegten ausschließlich auf die Mandschurei und Korea bezüglichen Punkte beschränkt._ Hus der Partei. Lehren der Internationalen Gewerkschaftssekretärkouferenz. In einer Vertrauensmänner-Versammlung der Metallarbeiter Wiens, die dem General st reik in Schweden gewidmet war, sprach als Hauptredner der Genosse Hueber, der Sekretär der österreichischen Gewerk- schaftsko m Mission. Er forderte zu schleuniger Vornahme von Sammlungen für die schwedischen Kämpfer auf und führte dann unter anderem aus: So notwendig diese Sammlungen, erhöhte Leistungen für die schwedischen Arbeiter sind, so wenig haben wir uns vor den anderen Ländern zu schämen. DaS reiche England hat 40 Pfund Sterling den schwedischen Arbeitern gewidmet, kaum mehr als 2000 kuS 3000 Fr. kamen aus Frankreich; nach Deutschland, Norwegen und Schweden kommen gleich die Oesterreicher. Die Franzosen, die jeden Augenblick das Wort Generalstreik in den Mund nehmen, haben für die Schweden, die wirklich einmal ernst mit dem Generalstreik machten, nur gute Ratschläge, aber kein Geld.'Ich war jetzt »n Paris bei der Konferenz der Gewerkschafts- fekretäre. aber ich bin froh, rasch wieder von dort weggekommen zu sein. Die französische Arbeiterbewegung hat mir gezeigt,»oie gefährlich eS ist, wenn die Parlamentarier immer mehr nach rechts rücken, sie habe» dann bald die Arbeiter links gelassen. Wir dürscu den Zu- sammenhang nicht verlieren. Wir müssen auch da von Schweden lernen. Die feste Ein- heit der Arbeiterbewegung muß uns wert bleiben, wir müssen nuS klar sein, daß der Stimmzettel nicht das letzte Wort sprechen wird. Gewerkschaftlich lehrt uns Schweden die Notwendig- keit weitestgehender Zentralisation der Gewerkschaften. Die Schweden sind da schon weiter als die Arbeiter aller Nationen, viel weiter als die österreichischen Arbeiter und doch wollen sie die Zentralisation noch steigern auf ihrem nächsten Gewerkschafts- kongreß. Die Schweden haben im Gegensatz zu den Franzosen bewiesen, daß der Enthusiasmus allein nicht ausreicht, daß die zähe Gewerkschaftsarbeit die Voraussetzung der großen imponie- renden Leistung ist. Man solle sich nicht einbilden, daß die U n t e r n e h m e r in dem Sinne aus dem schwedischen Generalstreik lernen werden, daß sie ähnliche Kämpfe vermeiden werden. Die Unternehmer lassen uns im Gegenteil mit immer größeren Kämpfen rechnen. Das sollten wir uns fest einprägen, das sollte uns ver- anlassen, uns auf alle Eventualitäten vorzubereiten, einigend, besestigend, das Klassenbewußtsein stärkend zu wirken. Die Lehre, die Genosse Hueber aus der Betrachtung der französischen Arbeiterbewegung gezogen hat, ist für die deutschen Genossen sehr wertvoll. Um so mehr, als sie den Eindruck der Pariser Verhandlungen auf einen Genossen widerspiegelt, der, wie der Bericht über die Konserenz zeigt, sowohl durch und durch Ge- werkschaftler als auch durch und durch Sozialdemokrat ist, und diese beiden Eigenschaften bei seiner Haltung auf der Sekretärkonferenz stets gleichmäßig zu bekunden gewußt hat. War er doch unter anderen der Wortführer jener Nationen, die sich gegen den Antrag der Franzosen auf inter- nationale Gewerkschaftskongresse in einer Erklärung wandten, in der als einer der Gründe angegeben wurde, daß die Unterzeichner auf dem Standpunkt des gemeinsamen politischen und gewerkschaftlichen Kampfes stehen. Eine Erklärung, der sich die deutschen Vertreter leider nicht an- geschlossen habev, wie wir denn überhaupt mit Bedauern haben sehen müssen, daß die deutsche Vertretung in der Bekundung des sozialistischen Standpunktes auf der Konferenz nicht die Führung hatte._ Eine faule Ausrede. Die Chemnitzer„Volksstimme" sucht den argen Reinfatt, den sie sich mit ihrem blöden Ausfall auf den„Vorwärts" selbst bereitet hat, aus der Welt zu— korrigieren. Sie will unseren Nachweis ihrer glänzenden„Fähigkeit", die sie bewies, indem sie die Ver- öffenilichung der angeblich so gefährlichen„Vorwärts"- Notiz noch am Tage der Wahl vornahm, durch folgende Ausrede ent- kräftigen: „... Wer noch im 19. Kreise am Wahltage unsere Zeitung hätte lesen wollen, hätte den Wahltermin verpaßt, da sie erst in der 6. bis 7. Nachmittagsstunde heraufkommt I..." Ei, eil Deshalb bringt also die Dienstagnummer der Chemnitzer „Volksstimme", die die gefährliche„Vorwärts"- Notiz veröffentlicht, auf der ersten Seite folgenden dreispaltig gesetzten Aufruf: Die Entscheidungsstunde ist da! Wähler! Parteigenossen l Arbeiterl Bürgerl Wenn dieses Blatt in Eure Hände kommt, neigt sich die Wahlzeit ihrem Ende zu. Wer noch nicht gelvählt hat, eile, renne zur Wahl! Wer sein höchstes Bürgerrecht, das Wahlrecht nicht ausübt, zeigt, daß er der Ehrenrechte nicht würdig ist. Nur ein überwältigender Wahlsieg der Sozialdemokratie kann die Reaktion vor weiteren Schandtaten zurückschrecken, kann Euch und dem ganzen deutschen Volke nützen. Rächt die Steuer- schmach l Vergeltet den nationalen Wahlschwindel I Alle Mann an die Urnen! Wählt den Kandidaten der völkerbefreicnden Sozialdemokratie: Georg Schöpflin! Und deshalb enthält die Nummer noch einige Spalten Polemik gegen ein Wahlflugblatt des Ordnungsbreis und gegen Wahlartikel bürgerlicher Organe! Ausgerechnet deshalb, weil, wie die Donnerstag- nummer der Chemnitzer„Volksstimme" sagt, der Wähler den Wahltermin verpaßt hätte,„der noch im 11. Kreise am Wahltage unsere Zeitung hätte lesen wollen"! Wir lassen es bei dieser Probe der„Fähigkeit" der Chemnitzer „Volksstimme" bewenden und schenken ihr alle Liebenswürdigkeiten, die sie in ihrer neuesten Notiz an uns reichlich verschwendet. Ludgctbcwilliguilg in Leipzig. Auf der jüngsten Landeskonferenz der sächsischen Sozialdemokratie hatte Genosse F l c i ß n e r scharfe Kritik geübt an der Haltung der sozialdemokratischen Stadtverordneten» fraktion Leipzigs bei der letzten Abstimmung über den städtischen Polizeietat. Die Fraktion zersplitterte sich dabei und einige ihrer Mitglieder stimmten zu. Auf der Landesversammlung fand sich kein Verteidiger dieses Verhaltens, nachträglich hat aber die Fraktion sich in einer Erklärung in der„Leipziger Volks- zeitung" zu rechtfertigen gesucht, worauf Genosse Fleißuer ihr an selber Stelle kräftig erwiderte. Wir haben im„Vorwärts" mehrfach, so noch bei der Bewilligung de? städtischen Budgets durch die sozialdemokratischen Stadtverordneten zu Frankfurt a. M. erklärt, daß unseres ErachtenS die Be- lvilliguiig eines Gemeindeetats nicht unter die Nürnberger Reso- lution fällt und anders zu beurteilen ist, als die Bewilligung eines Staatsbudgets, da die Gemeinde schon nicht unabhängig in der Gestaltung ihre» Etats ist. Die Frage, ob ein Gemeindcetat anzunehmen oder abzulehnen ist. ist deshalb von Fall zu Fall, nach dem Inhalt des Budgets zu entscheiden. Unbeschadet dessen ist es aber wohl selbstverständlich, daß Sozialdemokraten den Polizeietat nicht bewilligen können, weshalb die Haltung jener sozialdemokrattschen Leipziger Stadt- verordneten, die für den Polizeietat stinimten, starken Unwillen hervorrufen muß. Verschiedene Parteiblätter haben denn auch den Fall gegen die Leipziger Sozialdemokratie ausschlachten zu sollen gemeint, die einen mehr spöttisch gegen die„radikalen" Leipziger, die derartiges am eigenen Herd erleben müssen, andere mit lebhafter moralischer Entrüstung über diese Leipziger, die ständig andere Genossen schulnieistcrn wollen und dabei selbst soviel Dreck am Stecken haben. Namentlich die „BreSlauer Volkswacht" hat in die letztere Kerbe gehauen. Diese Entrüstung istS, die uns veranlaßt, von der Sache noch nachträglich Notiz zu nehmen. Denn eigentlich ist sie schon erledigt gewesen, als sie publik wurde. Und zwar, weil die Leipziger Parteigenossen ihre Pflicht getan und ihre vom Wege abweichenden Vertreter zur Ordnung ge» rufen haben! Auf Antrag der Leipziger Parteileitung ist folgender Partei- beschluh gefaßt worden: „Die Parteigenossen empfehlen der sozialdemokratischen Fraktion, den Po liz ei etat, unbeschadet ihrer Stellungnahine zu den einzelnen Positionen des Etats, die bewilligt werden können, abzulehnen." Dieser Beschluß paßt allerdings der Leipziger sozialdemo- kratischen Stadtvcrordnetenfraktion nicht und in ihrer letzten Er- klärung zielte sie auf eine EntscheidungZdes Parteitages hin, indem sie meinte, es könne erwartet werden, daß nunmehr auch der bevorstehende Parteitag sich mit der Sache beschäftigen«verde. Darauf hatte die Redaktion der„Leipziger Voikszeitmig" bemerkt, daß ihr diese Erlvartnng ganz unbegründet erscheine. Für die Leipziger Parteigenossen existiere in' diesem Punkte überhaupt keine„Frage".„Hier haben die maß- gebenden Parteiinstanzen unter Anwesenheit und gustimmniig der Stadtverordnetenfraktion die„Frage" schon lange gelöst, und das offensichtliche Bemühen der Leipziger Stadtverordnetcnfraktion, diese gelöste„Frage" von neuem wieder aufzurollen, ist total aussichtslos." Das paßt nun merkwürdigerweise der.Breslauer Volkswacht" ganz und gar nicht. Sie schreibt dazu:„Als voriges Jahr in ganz derselben Streitsache die Süddeutschen ihre Budgetbeivilligung als Landessache betrachten wollten, da ging ein Spektakel los. der nicht zuin Aushalten war. So werden„Prinzipienfragen" behandelt!" Die„BreSlauer Volkswacht" vergleicht hier zlvei Sacheir, die ganz verschieden sind. Wenn die süddeutschen Parteigenossen vor dem Parteitag in derselben Weise wie die Leipziger Genossen ihre Vertreter angewiesen hätten, das Budget abzulehnen, wenn sie so dem Willen der großen Parteimehrheit ent- sprachen hätten, so hätte kein Anlaß zur Erörterung der Sache auf dem Parteitag vorgelegen, und der„Spektakel, der nicht zum Aushalten war", wäre vermieden worden! GewerklcbaftUcbes. Handlanger der Reaktion. Der Germania-Verband deutscher Bäckerinnungcn fordert in einer Petition an den Bundesrat und den Reichstag eine Einschränkung des Streik- und Voykottrechts. So reaktionär dies Verlangen ist, brailcht man sich doch nicht darüber Wundern, daß es von Arbeitgebern, noch dazu so rückständigen wie es die Bäckermeister sind, gestellt wird. Schließlich der- treten sie ja nur die Interessen ihrer Klasse, wenn sie die allerdings nicht noble Forderung an die Gesetzgebung stellen, daß ihren wirtschaftlichen Gegnern die kümmerlichen Rechte, die sie besitzen, vollends geraubt werden. Wenn aber Arbeiter die gesetzgebenden Körperschaften anflehen, die winzigen Rechte der Arbeiterklasse noch weiter zu schmälern, dann ist kein Ausdruck scharf genug, um solch ein verräterisches Treiben zu kennzeichnen. Die gelbe Organisation der Bäckergesellen ist es, die sich auch in diesem Falle als getreuer Schildknappe der Unter- nehnier aufspielt und gegen die Rechte und Interessen der Arbeiterklasse Sturm läuft. Gleichzeitig mit den Innungen hat der gelbe Bund der Bäckergesellen eine Petition an den Bundesrat und Reichstag gerichtet. Der gelbe Bund bittet um gesetzliche Maßnahmen zum Schutze der Arbeitswilligen und behauptet, der§ 153 der Gewerbeordnung biete ihnen keinen genügenden Schutz. Das ist denn doch eine ganz unerhörte Behauptung. Bei jedem Streik sieht man, wie die Arbeitswilligen durch die Behörden nicht nur in der weitgehendsten Weise geschützt werden, sondern daß ihrem arbciterverräterischen Treiben jede nur denkbare Förderung zu teil wird, während das Streik- recht weit über die Grenzen des§ 153 hinaus durch die Hand- habung von Straßenpolizeiverordnungen und andere Polizei- liche Maßnahmen soweit beschränkt wird, daß das Koalitions- recht der Arbeiter geradezu als aufgehoben erscheint. Und was für ungeheuerliche Strafen sind schon auf Grund des§ 153 gegen streikende Arbeiter verhängt worden. Angesichts dieser allgemein bekannten Tatsachen wagt es eine Gruppe von Arbeitern, zu behaupten, der Z 153 der Gewerbeordnung biete den Arbeitswilligen keinen ncnnens- werten Schutz. Durch was für gesetzliche Maßnahmen die Arbeitswilligen noch weiter geschützt werden sollen, als es heut schon der Fall ist, das wissen die Gelben nicht zu sagen. Sie überlassen es dem reaktionären Teil der gesetzgebenden Körper- schaften, die Mittel zu finden, welche der gelben Sumpfpflanze ein üppiges Wachstum garantieren, alle Bestrebungen zur Ver- besserung der Lage der Arbeiter aber völlig unmöglich machen. Ebensowenig vermag der gelbe Bund Tatsachen zur Bc- gründung seiner Petition anzuführen. Er„begründet" sein Verlangen mit allgemeinen Redensarten über„skrupellose sozialdemokratische Agitatoren", welche den Staat um seine künftigen Stützen(nämlich die Bäckermeister, zu denen sich die gelben Bäckergesellen zu entwickeln hoffen) bringen wollen. Für diese künftigen Staatsstützen und gegenwärtigen Arbciterverräter kann jeder ehrliche Arbeiter nichts anderes als tiefste Verachtung empfinden. Wenn die Bäckermeister gesetzlichen Schutz gegen den Boykott verlangen, so sei darauf hingewiesen, daß dem Zweifel- los bestehenden Boykottrecht, sobald es von Arbeitern ange- wandt tvurde, ebensoviel Hindernisse in den Weg gelegt worden sind, wie der Ausübung des Streikrechts. Als die Berliner Arbeiterschaft den streikenden Bäckern seinerzeit durch den Boykott zu Hilfe kam, da griff die Polizei sofort ein, indem sie auf Entfernung der Plakate drang, durch welche Bäckermeister anzeigten, daß sie die Forderungen der Gesellen bewilligt hatten, und die Gerichte sanktionierten den polizeilichen Kampf gegen die Plakate.— Kann man denn einen noch weitergehenden Schutz der Boykottierten und eine weitere Beeinträchtigung des Boykott- rechtes verlangen? Aber das alles genügt den Bäckermeistern nicht. Vollen Schadenersatz wollen sie haben von allen, die sie als die Urheber eines Boykotts bezeichnen. Dazu soll ihnen die Gesetzgebung helfen. Man sieht also: Eine rückständige Arbcitgeberschaft Hand in Hand mit einer Gruppe von Arbeiterverrätern bemüht sich, um des eigenen Vorteils willen die Rechte der Arbeiterschaft zu vernichten und die reaktionärsten Bestrebungen zu fördern. Von der gelben Sippschaft kann man freilich nichts anderes erwarten. LerUn und Nmgegend. Die Kaffcehinisangrstcllten rühren sich. Die neuen Steuern und ihre Folgen auf den Trinkgelderderdicnst der Angestellten im KasfeehauSgewerbe beschäftigte eine am Montag früh in den.Germaniasälen' tagende öffentliche Versammlung aller in den Berliner CassS Beschäftigten. Der NeichStagsabgeordnete Eichhorn referierte über die all« gemeine Wirlung der neuen Steuern und insbesondere wie gerade die Angestellten des Gastwirts- und Kaffeehausgewerbes durch die Abwälzung der Steuern auf das grotze Publikum dadurch in Mitleiden- schaft gezogen würden insofern, als sie zwischen Profitgier der Arbeitgeber und den Abwehrbestrebungcn der Konsumenten, infolge des lediglich aus Trinkgeld bestehenden Arbeitsverdienstes den Puffer abgebe» müßten. Referent und die nachfolgenden Diskussionsredner waren sich darin einig, datz das Publikum nicht mit Unrecht die Zahlung des LSfachcn Aufschlages der Kaffeesteucr durch die von den Casetiers getroffene Kaffcepreiserhöhuug ablehne und sich einesteils durch Wegfall, andererseits durch Erniedrigung der sonst gewährten Trink- geldquote schadlos halte. Das Publikum könne doch mit Recht verlangen, daß der Gastwirt und Cafötier ebenso wie jeder ändere Arbeitgeber sein Personal den Leistungen entsprechend besolde. Statt dessen gingen aber gerade die Cafötiers von Tag zu Tag raffinierter gegen die Angestellten vor und lietzen sich von den Kellnern noch eine gewisse Pacht in Gestalt von allerhand Abgaben aus deren Trinkgeldvcrdienst zahlen, ja, brächten es soweit, datz die Angestellten zu betrügerischen Manipulationen greifen mutzten, wenn sie das zum Leben notwendige verdienen wollten. Die zum Wort gelangendeu Redner wandten sich mit aller Schärfe gegen diese Bcutegier der Arbeitgeber und verurteilten auch das Gebaren eines hier noch bestehenden gelben Vereins, der fort- geseht die durch den Zweigverein der Caföangestellten des Verbandes der Gastwirtsgehilfen erzielten Verbesserungen durch Plazierung zu schlechteren Arbeitsbedingungen wieder zunichte mache. Die gut besuchte Versammlung nahm einstimmig(auch die anwesenden Gelben stimmten mit) folgende Resolution an: Ein großer Teil der hiesige» Cafetiers haben die vom SchnapS» block bewilligte Kaffeefteuer �dazu benütztZ. um sich mitZ einem 25fachen Aufschlag derselben einen noch größeren Profit zu schaffen. Durch diese neue Schröpfung des konsumierenden Publikum« haben die Einnahmen der Angestellten, welche noch innner lediglich in Trinkgeld bestehen, derart gelitten, datz es auch in der besten Stellung nicht mehr möglich ist, auf ehrliche Art und Weise eine auSköminliche Existenz zu fiiiden.___ Lerantw. Redakteur: Emil Unger, Berlin. Inseratenteil verantw.: Aus diesem Grunde sehen sich die Angestellten nunmehr ver« anlaßt, gegen die weitere Heranziehung der Kellner zu den Ge- schäftskosten durch die von feiten der Arbeitgeber erhobenen Abgaben, wie Trinkgeldprozente, Bruchgeld, Anschaffung von Streichhölzern, Zeitungen usw. energisch zu protestieren und verlangen die Be- seitignilg dieser geradezu skandalösen Zustände. Die Versamnielten sehen in dem Zweigverein der Cafs-An- gestellten des Verbandes deutscher Gastwirtsgehilfen die einzige Jnteressenorganisation und beanftragen daher dessen Vorstand mit der Ausarbeitung eines Lohntarifcs, in dem vor allen Dingen die Abschaffung aller Abgaben, ganz gleich, in welcher Form sie er- hoben werden, zu fordern ist. Um den nur aus Trinkgeldern bestehenden Einnahmen eine gewisie Stabilität zu verleihen, ist für die fest angestellten Bc- schäftigten ein kleines Monatsgehalt und für die Aushilfen ein garantierter Lohn zu verlangen. Einer demnächst erneut einzuberufenden öffentlichen Versamm- lung ist der fertiggestellte Tarif zur Annahme zu unterbreiten, und wird dieselbe dann auch über die weiter zu ergreifenden Maßnahmen Beschlüsse fassen. Deutfrbes Reich. Streikbrechervermittelung anstatt Unterstützung für die Tabakarbeiter. Nun hat die Bestimmung des Artikels IIa der AuSführungS- bestimmungen zum neuen Tabaksteuergesetze in der Tat schon zu dem geführt, was in Arbeiterkreisen befürchtet wurde. Die Zigarrenfabrik Wichelmann u. Nolte in Burgdamm bei Bremen unterhält in Werffen bei Bünde(Westfalen) eine Filial- sabrik. In dieser Filialfabrik sind— wie wir schon berichteten— die Tabakarbeiter wegen Lohnreduktionen ausständig. Die Firma hat sich nun an daS Amt Ennigloh gewandt und um Ueberweisung von Tabakarbeitern, die die Staatsunterstützung beantragt haben, nach- gesucht. Und dieses Ansinnen hat das Amt nicht etwa abgewiesen. Obgleich die Arbeiter erklärten, sie nähinen keine Streikarbeit an, liehen sie sich dennoch bewegen, sich schriftlich zur Annahme der Arbeit zu verpflichten. In Arbeit getreten ist zwar allerdings noch keiner. Der Reichstag hat bei der Bewilligung der 4 Millionen und der Bundesrat bei Abfassung der ominösen Gesetzesbestimmung sich die Sache wohl doch nicht so gedacht, datz die Behörden sich als Strcikbrechervermittler etablieren könnten, um Unterstützung- nachsuchende Tabakarbeiter Arbeitsstellen zuzuweisen, die die Ar- beiter wegen Lohndifferenzen verlassen mutzten. Gegen das Vor- gehen des Amtes in Ennigloh wird daher sofort bei der Regierung Beschwerde eingelegt werden müssen, um zu verhindern, datz dem bösen Beispiele noch andere folgen. Denn wenn das Vorgehen gutgeheitzen würde, könnten samt- liche arbeitslos gewordenen Tabakarbeiter zur Streikarbeit ver- pflichtet werden, und sie würden der Staatsunterstützung verlustig gehen._ Eine gründliche Abfuhr der„Nationalen". Daß auch die nationalen Arbeiterorganisationen, sobald sie un- bequem werden und Forderungen stellen, das„Wohlwollen" ihrer Arbeitgeber in derselben Form zu spüren bekommen, wie die freien Gewerkschaften, trotz Hurraschreien und sonstiger Gesinnungstüchtig- keit, lehrt folgender Borfall: Der Trierer Verband der Eisenbahner hatte auf dem kürzlich abgehaltenen Frankfurter Bezirkstage Forderungen aufgestellt, so u. a. Lohnerhöhungen, Einfiihrung der neunstündigen Arbeitszeit für alle Betriebe(Güterboden, Strecke), Abschaffung der Akkord- und Prämienarbeit, Errichtung von Arbeiterausschüssen, und diese der Frankfurter Eisenbahnverwaltung unterbreitet. Darauf ist dem Bezirksvorsitzenden zur Bekanntgabe von der Direktion folgende? kennzeichnende Dokument zugegangen: Frankfurt a. M.„Wir bestätigen den Empfang Ihres Schreibens vom 15. d. M. und haben von dessen Inhalt Kenntnis genommen. Der Anregung von Ihrer Seite hätte es indessen nicht bedurft, da Vorrichtung getroffen ist, datz wir über die Wünsche unserer Bediensteten durch die Arbeiterausschüsse und, wo solche nicht bestehen, durch die Angestellten selbst und ihre Vorgesetzten unterrichtet werden. In eine Erörterung dieser Wünsche einzutreten sind wir nur mit den Arbeiterausschüssen als den berufenen Vertretern der Interessen unserer Arbeiterschaft in der Lage." Das heißt doch auf gut deutsch:„Wir wollen mit euch Wasch- läppen nichts zu tun haben und bleiben Herren im Hause!" Auf diese moralische Ohrfeige weiß das Trierer Verbandsorgan weiter nichts zu erwidern, als folgende Sätze zu stammeln: „Das Schreiben ist in seinem Inhalt klar und bedarf eitles Kommentars nicht. Wir haben nur leider keine großen Erfolge bei den wirklichen Jnteressentenvertretern konstatieren können. Hoffentlich wird eS künftig damit besser." Kein Aufbäumen gegen eine solche Behandlung, keine Kritik darüber in ihrer Zeitung, nur Hoffnung auf künftige Beste- rung bei den wirklichen Jnteressenvertretern.— Wenn die Trierer jetzt über schlechte Behandlung klagen, so geschieht ihnen, wie sie eS für ihre Arbeiterzersplitterung nach Fachabteilungsmuster nicht besser verdienen. Waren sie es doch, die z. B. in ihrer Zeitung, trotz religiöser und politischer Neutralität, für die bürgerlichen Kandidaten Propaganda machten. Wollen die Eisenbahner in Frankfurt a. M. und Umgegend ernstlich eine Verbesserung ihrer Lage herbeiführen, so müssen sie den Trierern den Rücken kehren und sich der.Reichssektion der Eisen« bahner" anschließen._ Weitere Vereinbarungen zwecks Vermeidung von vrbciterentlassungcn in der Brauindustrie. In Verhandlungen der Leihtng der Zahlstelle Leipzig des Brauereiarbeiterverbandes mit der Brauereivereinigung Leipzig wurden folgende Vereinbarungen getroffen: Die der Bezirksgruppe Leipzig des Brauereivereins Leipzig an- gehörigen, in Leipzig und besten Umgebung angeseffenen Brauereien verpflichten sich, bis zum 30. September 1909 keine Arbeiter auszustellen, die durch den Konsumrückgang infolge der Preiserhöhung ent« behrlich werden. Ausgenommen hiervon sind jedoch die regelmäßig im Betriebe alljährlich gegen Ende der Sommersaison erfolgenden Ausstellungen. Nach dieser Zeit soll in Aussicht genommen werden, datz Ausstellungen infolge deS Konsumrückganges nur erfolgen sollen bei größeren Brauereien, wenn der Konsumrückgang über ISProz., bei kleineren, wenn er über 10 Proz. erreicht, und zwar im Ver- hältnis des Konsumrückganges. Unter kleineren Brauereien sind solche zu verstehen, die bis 2000 Doppelzentner jährlichen Malz- Verbrauchs haben. Sollte in der Zwischenzeit der Boykott von der sozialdemokratischen Partei als solcher oder den Gewerkschaften aus- drücklich beschlossen oder erklärt werden, so ist die vorstehende Ab« machung hinfällig. Bevor die Ausstellungen, die für die Zeit nach dem 1. Oktober 1909 vorgesehen sind, in Kraft treten, werden die beiden hier vertretenen Organisationen in nochmalige Verhandlung eintreten. Diese Vereinbarung hat, abgesehen von dem Fall der offiziellen Boykotterklärung durch Partei und Gewerlschaft, Giltigkeit bis zum 30. April 1910. Zh. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u, BxrlagSanstglz kommunales. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Die Stadtverordneten hatten gestern in ihrer ersten Sitzung nach den Ferien sich zu erklären zu dem Antrag der sozialdemokratischen Fraktion, der dem Magistrat die Pflicht zuwies, sofort die Verbindung mit der Er- ziehungsanstalt Mielczyn, dem durch die Ent- hüllungen des„Vorwärts" gekennzeichneten Prügelstift in der„Ostmark", vollständig abzubrechen. Diese Forderung entfesselte eine sehr ausgedehnte und überaus lebhafte De- hatte, deren Ergebnis ein geradezu vernichtendes Urteil über Pastor Breithaupt und seine ihn schützenden Gönner war. Unser Genosse Dr. Alfred Bernstein, der an der Aufdeckung der Mielczyner Greuel hervorragenden Anteil gehabt hat, begründete den Antrag mit einer leidenschaftlichen Anklagerede. Er beleuchtete nicht nur die ungeheuerlichen Zu- stände, die er in der von Pastor Breithaupt geleiteten Anstalt vorgefunden hatte, sondern geißelte aufs schärfste auch die gesamte Mißwirtschaft in der Fürsorgeerzie- h u n g. Aus die schweren Vorwürfe, die Bernstein dabei gegen den Magistrat richtete, antwortete Bürgermeister Reicks mit der Versicherung des allertiefstcn Bedauerns darüber, daß in einer Anstalt der Stadt solche Dinge vor- gekommen seien. Herrn Reicks blieb nur übrig, den prügeln- den Pastor nahezu völlig preiszugeben. Er wollte es sich aber nicht versagen, doch noch einen allerletzten B e s ch ö n i- gungsversuch zu machen, indem er auf das Vorleben der Mielczyner Zöglinge hinwies. Preisgegeben wurde der Herr Pastor dann auch von den Freisinnsrednern Cassel, Rosenow und Dave; es war das Klügste, was sie nach Lage der Sache tun konnten. Dagegen fand Stadtrat M ü n st e r b e r g, der die Anstalt erst zu einer Zeit besucht hatte, wo dort nicht mehr viel fest- zustellen war, mildere Worte für den in Mielczyn immer noch seines Amtes waltenden Breithanpt. Münsterberg stellte ihm sogar das Zeugnis aus, daß er den Eindruck einer„angenehmen Persönlichkeit" mache: und gleichzeitig bezeichnete er die Germanisierungspolitik, die der Herr Pastor da draußen in der„Ostmark" mit der Peitsche zu fördern gesucht hat, als etwas durchaus Wünschenswertes. Der Herr Stadtrat schloß mit der Vorlegung eines Pro- gramms, das Aenderungen in der Ausführung der Fürsorgeerziehung ankündigte.„Die Botschaft hör' ich wohl—-!" spottete ein Zwischenrufer. Weder die Herren Reicke und Münsterberg, noch die Redner der freisinnigen Mehrheit hatten versucht, die Angaben des „Vorwärts" über Mielczyn zu bemängeln. Genosse Singer erklärte, daß der„Vorwärts" in der Tat alle seine Angaben aufrecht zu erhalten in der Lage sei. Volle Auf- klärung sei nur von einem gerichtlichen Verfahren zu er- warten, darum müsse man fordern, datz der Magistrat den Staatsanwalt anrufe, gegen Breithaupt selbstver- ständlich. Die zweideutige Haltung, die der Magistrat zu dieser Affäre bisher eingenommen hatte, die mit seinem Wissen betriebene Irreführung der öffentlichen Mei- n u n g, die die Würde des Magistrats preisgab, wurde von unserem Redner nach Gebühr gegeißelt. Schonungslos brandmarkte Singer die Erziehungsmethode des Mannes, den der Magistrat durch sich Immer wicdetMcNde Be- schwichtigungsnotizen hatte verteidigen lassen. Dem Bild der Anstalt Mielczyn und ihres Leiters Pastor Breithaupt wurden mit kräftigem Pinsel noch nianche vervoll- ständigende Striche hinzugefügt durch Genossen Stadt- Hägen, der selber den Herrn Pastor an der Stätte seines Wirkens aufgesucht hatte. Stadthagen richtete auch in aller Form an den Magistrat die Frage, ob gegen Brcithaupt bereits Strafantrag gestellt sei. Bürgermeister Reicks nickte dabei lebhaft mit dem Kopfe, so daß man fast an- nehmen möchte, daß doch der Magistrat sich auf seine Pflicht noch besonnen habe. Unser Redner begründete noch einmal die Notwendigkeit, den mit der Anstalt Mielczyn geschlossenen Vertrag aufzuheben. Der Ausschuß, dem der Antrag unserer Genossen schließ- lich überwiesen wurde, wird zu der Ueberzeugung gelangen müssen, daß nicht eine bloße Beseitigung des Pastors Breit- Haupt, sondern ein völliger Bruch mit der hinter ihm stehen- den Gesellschaft gefordert werden muß. Die Redner des Magistrats hatten allerdings keinen Zweifel darüber gelassen, datz der Magistrat hierfür nicht zu haben ist. Im letzten Teil der Sitzung wurde noch über die Ein- sprüche gegen die Gemeindewählerliste ver- handelt. Genosse Borg mann rügte das Verfahren, das bei der Aufstellung dieser Liste befolgt worden ist und auf eine Schädigung der Arbeiterbevölkerung hinausläuft. Er brachte dabei auch zur Sprache, daß bei der Aufstellung der Landtagswählerliste, gleichfalls unter schwerer Schädigung der Arbeiterbevölkerung, geradezu die gesetzlichen Bestimmungen außer acht gelassen worden sind. Die Ein- sprüche gegen die Gemeindewählerliste werden nun von dem ständigen Wahlprüfungsausschuß noch näher zu untersuchen sein. Letzte INfacbricbten und Depefcben. Was sagen Sie«un, Herr Pcary? Santiago de Chile, 9. September.(W. T. D.) Der belgische Ingenieur Max Pan Ryssclberghe, der ehemalige Begleiter Dr. Cooks auf seiner antarktischen Expedition in den Jahren 1897/99 an Bord eines belgischen Schiffes, erklärte, er kenne Cooks Energie und EnthnsiaSmus für Polarexpeditionen, und fügte hinzu, cr messe dessen Erklärungen volle» Glauben bei. Die Folgen der Tabakstener. München-Gladbach, 9. September.(B. H.) Wegen der Wirkung der Tabaksteuer kündigte die Zigarrenfabrik von Gustav Raube in Odenkirchen sämtliche» Arbeitern. Schön ist das Solbatenleben. Würzburg, 9. September.(B. H.) Beim Rückmarsch vom Manöverfelde wurden heute nachmittag etwa 39 Mann vom 14. In- fantcriercgiment vom Hitzschlag betroffen. Drei schwer Erkrankte wurden in das hiesige Garnisonlazarctt, die übrigen mittels Wagen in ihre Quartiere gebracht. Die Truppen waren seit heute morgen, etwa 9 Stunden, auf dem Marsch._ Paul Singer Le Co., Berlin LW.' HierzuSBeilagen u.UnterhaltungSbk. m.»i®» 1. Beilnje des Junüirts" ßwliiiH ViIksdiR i-,..»-®,»»« 6322 2,50, 6326 12,35, 6338 6,60, 6317 1,30. 6327 Lackierer Rate 14,15. Maler der Firma Bau Günzelstr. 9 3,50. Teller für den schwedischen Gentralftrelk. Bei der Berliner Gewerkschaftslommission gingen ferner für die ausgesperrten und im Generalstreil stehenden schwedischen Ar« beiter ein: Liste 7125 Arbeiter d, Neubau Schütz engilde, Spandau 6,05. 2858 d. Grögerchen 13,80. 8029 u. 8030 Buchdruckerei.Vosfische Ztg.«, 3. Rate 40,—. F. Schalnatz 2,—. Hilfspersonal der Akzidenz- und Rotations-Abt. „Verl. Tagebl.«, 5. Rate 45.—. 6530, 6531. 6532. 6534, 6575, 6579 Ver. band der Lauhllssarbeiter 19,85. Verein Berliner Buchdrucker u. Schrift- gicßer 3000,—. Schneider v. Jary 10,—. Landpartie der Firma I. Baer d. Heidke 18,—. Metallarbeiter v. R. Mosler 9,35. 4 Genossen Frank- surter Allee 70 2,—. AngesteMe der Jnnungskasse der Tischler, 2. Rate 22,—. Kneipe Fichte IV 5,—. 9270 Metallarbeiter v. Hirschhorn, 2. Rate 20,35. Verband der Maler und Lackierer, Filiale Berlin aus folgende Listen: 1300 11,45. 1305 12,20, 5069 3,50, 5071 13,65, 6318 15.45, 6319 1,65, 6320 10,50,' 20.—, 6344 5,50. 6315 2,20, 6346 bei Schulz, Eisenmöbelsabrik, 3. Wettert, 2. Rate 7,50. 7 Maler wmmlung Bezirk Pankow 5,10(in Summa 149 M.). 9104 Mechaniker von Thiele u. Co. 24,85. Verband der Schuhmacher, Filiale Berlin, 4. Rate 500,—. 9105 Buchdruckern®. Bernstein, 4. Rate 13,15. 8937 Metall- urbeiter von Spinn u. Sohn, 4. Rare 15,60. Stockfabrik von C. Retzlaff, 2. Rate 6,40. 7647 Buchdruckerei Pah u. Garleb(inkl. 1,50 M. Kochtops) 5. Rate 40,—. Freie Jugendorganisation. Abt. II 9,05. 9168 Metall- arbeiter von Bothmann u. Wobeser, 4. Rate 8,30. Port Artur 5,—. Schristg. u. Messingliniensabrik Berthold A.-G. 55,40. 7653 Buchdruckerei Wilhclma, 3. Rate 5,05. 9173 Tischlerei von Siebert u. Schwesiriger 14,10. 7683 bis 7686 Buchdruckcrei von Mittler u. Sohn, 4. Rate 70,85. Bezirk 317, 4. Kreis 8.—. Zahlabend Halensee 9,35. 2987 7,—. Haupt- gewinn Tombola d. Konsumgen. d. M. H. 10,—. Bez. 161 u. 162, 3. Kreis 13,70. 29 7,20. 6154 Bau Heincrsdorseritr. 4, Weißensee, d. Krause 5,10. Zahlabend 16 und 17 Charlottcnburg d. E. Lehmann 12,—. Möbelsabrik Adler 6,15. Tischler v. Görtz 2,50. Drei Kollegen v. Schmalisch u. Below 3,05. 4595 Karl Schulze, Stralau-Bcrlin 7,25. Tischler der Bautischlerci vorm. H. Voltmann, Pankow, 2. Rate 8,35. Sebastian Weih, Berlin, Müllerstr. 20,—. A. E.-G., Hs. II, gesammelt a. 4. 9. b. d. FidelitaS im Swinemünder GescllschastshauS 3,—. HilsSarbeiter der.Deutsch. Tagesztg." 8,70. Pflanzcrvereiu.Immergrün", Rixdors 3,—. Allgemeine Kranken» und Sterbckasse, Sitz Meißen, Zahlstelle Charlottenburg 20,—. Verlag u. Expedition„Volksbote", Stettin 660,—. Diskutierklub.Heinrich Heine« 5,—. Paul Sojka 3,50. M.-Ges.-Verein Vorwärts. Sprcmbcrg 20,—. Schiffbauer Müllrose 17,25. Verband der Schuhmacher Sorau, H. L. 2,50. Gesang- u. Turnverein.Mehr Licht« 10,—. Kollegen der Kessclmontage Tegel, 2. Rate 3,80. Kollegen der Werkstatt A. Richter u. Schevler 20,05. Wagenbaucr-Krankcnk. Schäneberg 10,—. K., Waidmannslust 2,—. Volksversammlung Caputh 9,55. Heilanstalt Willielmshagen 17,60. Arbeiter der Zigarrenfabrik Gust. Kaphun 8,50. Verb. d. Steinsetzer u. Berussgcn., Unter- bezirk Rixdors 3,75. Transportarbeitcrverb. 2,05. Rosenburg, NicolaSsee 7,—. Setzmaschinen-Abteilung, Buchdruckerei Deuter a. Nicolas, 3. Rate 4,—. Drei Lackierer d. Fa. Zwitusch 3,—. Bautischlerei G. Müller in Tegel 33,—. Stolze 6,—. Arbeiter-Radsahrer Teltow 6,—. Arbeiter-Raucherbuno Berlins u. Umgegend 100,—. W. Kordes 2,—. Bezirk 149, 2. Kreis 8,—. 8165 Buchbinderei Fritsche 17,—. Zahlabend Bez. 231 u. 232, 2. Kreis 18,20. Zentralverband der Steinarbcitcr aus folgende Listen: 9066 Marmor- arbeiter von Gottschalk 13,15. 9068 Steinmetzen von Czarnikow 4. Rate 15,95. 9058 Steinmetzen von Metting Nachs. 10,50.(In Summa 39,60.)— Bezirk 202, 4. Kreis 6,—,' Verband der Lithographen u. Steindrncker Berlins, a konto Listen 4. Rate 725,—. R. Meyer u. H. Maas 2,—. H. Tictgen 1,—. Gäste von Schön 2,50. Bezirke 33 u. 39, 2. Kreis 3,10. Kollegen bei Jakobowitz, Küchenmöbelfabrik 11,—. Expedition und Buch- bandlung Vorwärts 22,50. 6615 Buchdruckcrei Borussia 12,05. 1610, 7672, 7673, 7674, 7675, 7676, 7677, 7678 und 7679 Buchdrucker der RcichSdruckerei 125,60. 6434 und 6436 Verband der Asphalteure(Ortsverwaltung Berlin). 1. Rate 21,85. Buchdruckerci M. Lichtwitz. 3. Rate 10.—. 9113 Buchdruckerei Willi Simon, 3. Rate 4,60. 9350 Kollegen bei H. Müller u. Co. 49,70. Pxtzerkolonne Reise, Bau Masthet 11.—. Krastturnverein Südost 10,—. 8822 Setzer und Drucker bei Moriz u. Kummer 8,50. Tischler bei Schnell u. Co. 6,35. 7689 Kalendersabrik Nordhaus u. Ostermann 15,35. 7391 Werlitube Schlunk 8,80. Berliner Schwimmvercin Welle, M.d.A.-S.-B. 15—, Skatklub UnitaS 8,—. Hilfsarbeiter der Reichsdruckerei, 3. Rate 85 25. Sparverein Klondyke 10,—. 9150 Klavierarbeiter von Hcdke, 2. Rate 13,15. Rauchllub FidelibuZ, M. d. A.-R.-B. 8,—. Bautischlcrei Scheller u. Co. 5,05. Verband der Hafenarbeiter. Sektion der Viimcnschifser der Elbe, Versammlung vom 7. Septbr. 11,60. 1973 Berliner Genossenschasts- bäckerei, Gerichtstr. 23, 4. Rate 24,—. Plüschweber bei Elsbach, 5. Rate 15,—. Deutscher Metallarbcitervcrband, Ortsvcrwaltung Berlin, auf folgende Listen: Firma Schwartzkopff, Scheringstr. 3267 69,—. 3277 3,60. 3282 18,25. 3288 18,30. 5743 24.50. 5749 33,80. 5750 29,50. 5751 19,—. 5753 20.—. 3273 28,55. 3274 11,80. 3276 34,25. 3275 12,05. Deutsche Waffen- und Munitionsfabr. 3139 48,90. 5940 37,25. 5941 40,—. 5943 47 65. 5944 16,25. 5945 34,05. 5946 38.—. 5947 21,80. 5949 61 10. 5950 42,95. 5952 20,05. 5956 16,20. 5951 19,50. Kabel- werk Oberspree: 3037 26,—. 3718 6,60. 5855 24,50. 5856 4,40. 5863 21,15. Auto-Oberschöneweide: 3052 11,10. 3053 33,20. 3054 10,—. 3055 13,30. 3056 16,90. 3057 10,90. 3058 15,95. 3059 26,55. 3060 56,15. kleines Feuilleton. Peary und Cook. Peary hat aus Battie Harbour ein Tele« flrarnm abgeschickt, das einen ersten kurzen Bericht über seine Expe- dition enthalt. Dieser Pearysche Bericht unterscheidet sich von der sensationellen Depesche Cook» an den„New York Herald« durch seine auffällige Trockenheit und Magerkeit. Er enthält im lucsentlichen nur Angaben über die Zeitpunkte. an denen bestimmte Breitengrade auf der Schlittenreise von Kap Kolumbia auf(Grant-Land) nordwärts erreicht wurden. Danach verliest Peary Kap Kolumbia am 1. März 1909 und erreichte. wiederholt durch offene Wasser aufgehalten, den Nordpol am 6. April dieses Jahres. Die Rückreise wurde am folgenden Tage angetreten. Am 23. April erreichte man Kap Kolumbia und schiffte sich am 27. April auf dem„Noosevelt« wieder ein. Die Schlittenfahrt vom Nordpol bis zum Kap Kolumbia hat also blost sechzehn Tage gedauert, womit sich denn ein Bedenken erledigt, das gegen Cools Angaben geltend gemacht worden ist: die Schnelligkeit der Bewegungen PearyS ist offenbar wenigstens ebenso grast gewesen, wie die Cooks auf seiner Hinfahrt. Alle Teilnehmer der Expedition sind wohlbehalten in Jndian Harbour eingetroffen, mit Ausnahme des Professors Marwin, der während der Schlittenfahrt vom Nordpol zurück 45 Meilen nörd- lich vom Kap Kolumbia ertrank. Sonst ist an dem lakonischen Be- richt Pearys blost noch bemerkensivert die eigentümliche Art, womit er wiederholt von den verschiedenen.Rekords« spricht, die an bestimmten Punkten„geschlagen« wurden: da wird am 23. März der norwegische, am 24. der italienische, am 23. der amerika- nische„Rekord geschlagen«, gerade als wenn es sich um ein spart- lichcS Ereignis, etwa um ein Rennen, handelte. Von der sonderbaren Llusdrucksweise PearyS ist man hierzulande vielfach nicht besonders erbaut, und ebenso machen ihm viele die Heftigkeit zum Vorwurf, womit er Cook angreift, ohne dast er gleichzeitig genügendes Beioeismaterial für seine Angriffe beibrächte. In einer Depesche an seine Frau wiederholt Peary die Behauptung, dast die Eskimos aus- gesagt hätten, mit Cook nie auster Sicht von Land gekommen zu fern. Cool ist Peary die Antwort nicht schuldig geblieben. Er be- zeichnet die Angriffe seines Rivalen als Verleumdungen und teilt mit. dast Kapitän Sverdrup auf Cooks Kosten eine Expedition antreten wolle, um die bewußten Eskimos aufzusuchen und in den Bereich der Zivilisation zu bringen. Damit wäre dann also die Möglichkeit gegeben, diese Zeugen einer Vernehmung durch Unbeteiligte zu unterziehen. Gleichzeitig erklärt sich Cook nochmals bereit, seine Beweisstücke gelehrten Körperschaften zur Prüfung zu unterbreiten. Er ist am Donnerstag von der Universität Kopenhagen zum Ehrendoktor promoviert worden. Auch sonst halten zahlreiche gewichtige Stimmen an seiner Glaubwürdigkeit fest, darunter Polarforscher wie Nordenskjöld, Sverdrup und ArktowSki. Dieser letztere erklärt die ganze Welt für verrückt und Cook für ein Genie, will aber auch nicht entscheiden, ob Cook wirklich am Nord» 3061 17.—. 3062 25,45. 3063 25.—. 3712 8.80. 3238 Bergemann Rowen- thal 9.10. 3242 Boldt 4,10. 3319 Sudykasts 8.40. 3322 Weinitschke 4,60. (3482 Zyllon. 3. Rate 25,20. 2573 duech Fveiwald 7,85. 3581 E. Jacob. 2. Rate 8,55. 3582 durch Freiwald 8.25. 3670 M. Lindner 17,15. 4457 Siemens Eisengießerei 20,80. 5761 Rösscmann u. Kühnemann, Gießerei 22,—. 5845 Schwartzkopff, SSilda 14,20. 5975 Taxameter, Maucrstr. 32,60. 5988 durch O. Nagel 3,95. Riehm u. Sohn: 8208 10.30, 8209 18,80. 8210 Speck, 4. Rate 15,50. 8212 durch A. Bröller 10,15. 8213 Eckel u. Glienicke, 4. Rate 21,55. 8215 Härtung A.-G. 26,40. 8216 Osenbcr 5.—. 2818 Spitz u. Co.. 4. Rate 31,80. 8220 Knorrbremse 43,80. 8269 Neue Boma-Gesellschast 9,05. 8284 H. Klemme, Friedenau 19,50. 8291 Schleim u. Stesani 6,50. R. Stock, Mariendors 8293 37,60, 8294 24,65, 8305 8,80. 8313 Schönheimer, 4. Rate 15,25. 3314 Dapag, 3. Rate 25,40. 8374 Emerich u. Schöning, 4. Rate 16,10. 8385 Hauptner, 4. Rate 40,25. 8397 Härtung, Tempelhof 15,70. 8399 Stärke 16,60. 8419 Aron, Gasmesser 8.50. 8427 Sommer«. Runge 16,—. 8554 Kilian, 4. Rate 29,—. Turbine A. E. G.. 4. Rate 5671 26.75. 5682 25,10. 5690 24.—. 8235 11,80. 8236 40,50. 8237 26.25. 8233 13,50. 8239 11,—. 8240 21.—. 8241 12,80. 8242 11,50. 8243 24.50. 8244 12.75. 8246 40,20. 8247 8,50. 8248 31,45. 8249 24,40. 8250 16,80. 8253 43,90. 8254 28,—. 8255 22,25. 8257 25,50. 8261 24,50. 8263 23,50. L-gcl 8228 Abt. Gürtler, Dreher 20,15. 8229 Schleifer 7,50. 8230 Former 2,90. Eckert 3235 12,45. 3236 18,20. 5099 Jachmann, Abt. Dähnert, 2. Rate 24,—. 5727 Falkenstein u. Co., 2. Rate 13,20. 5775 Drohmann u. Schweiler, 3. Rate 14,—. 5826 D. W. F.. Wittenau 26,25. 5919 durch Zeidler 10,45. 5989 Humbert 8,70. 5997 Frost u. Söhne, 3. Rate 53,30. 6232 Hamann 17,50. 8233 Butzke, Dreherei, 3. Rate 15,70. 8266 Pranke, Gießerei, 4. Rate 7,—. 8283 Gundlach, 4. Rate 13,40. 8417 F. W. Hentschel ausschließlich Dreherei und zwei Or> ganifirter, 2. Rate 12,50. 8431 Schuchert u. Schütte 11,30. 8599 Eisbein- essen, Gemütlichkeit durch Heiser 8,—(in Summa 2543,50).— Zentral- verband deuffcher GastwirtSgchilsen, 2. Rate 400,—. Bisher sind cingeliesert 129 795,43 M.; dazu Summa 138 914.23 Dt. Gelder, welche per Post eingesandt werden, sind an A. Körsten, Engelufer 16 I zu senden. Alle Sammlungen sind sofort in unserem Bureau. Engelufer 16 I. Zimmer 23, vor- mittags zwischen 9—12'/a Uhr und nachmittags zwischen 4— I'/g Uhr abzuliefern. Die Listen 3396, 3387. 1194, 7248, 6282, 6233, 1860, 2614 und 6642 sind verloren gegangen und sind beim Vorzeigen anzuhalten. Der Ausschuß der Berliner Gcwerkschaftskommisfion. Summa 9118,80. kommen 9118,30 M., ver tschechische sozialdemohrntikche Parteitag. Wien, 8. September. Der heutige Vormittag lvar mit der Debatte über das Referat Dr. Schmerals über:„Die nationale Frage und die Sozialdcmo- kratie« ausgefüllt. Die Ansichten der Redner gingen ziemlich stark auseinander. Schließlich wurde der Antrag des Referenten, der Ver- Handlungen mit den Parteivertretungen der anderen Nationen in Oesterreich verlangt, einstimmig angenommen. Dann wurden die Wahlen vorgenommen. In die Partei- Vertretung der tschechischen Sozialdemokratie wurden gewählt die Genossen B r u h a, Dr. Houser, Jirasek, Frau M a l y, Motlik, Abg. Nemec, Abg. Dr. Soukup, Schuster, Steiner, Dr. Schmeral und Teska. Nun folgten die Referate über den Punkt: „DaS flache Land und die Sozialdemokratie". Referent Haberman beschäftigt sich vornehmlich mit der agrarischen Zollpolitik und der Feststellung, inwieweit die ländliche Bevölkerung ein Interesse an dieser habe. Die übergroste Mehrzahl der ländlichen Bevölkerung, selbst der Grundbesitzer, so weit sie uns die Besitzstatistik nennt, die für Böhmen 80 Proz., für Mähren 86 Proz., für Schlesien 79 Proz. Kleinbesitzer ergibt, die nicht mehr als 6 Hektar haben, hat kein Interesse an hohen Lebensmittelzöllen, sondern ganz im Gegenteil das größte Interesse an niedrigen Zöllen. Datum liegt unsere wichtigste Aufgabe auf dem flachen Lande, alle die an der Politik der Agrarier nicht interessierten, vor allem alle proletarischen Schichten, seien es nun Landarbeiter oder Häusler oder Klein- bauern aus der Gefolgschaft der Agrarier zu reisten.(Lebhafter Beifall.) Der zweite Referent, Dr. Meißner behandelt vornehmlich das Verhältnis der Großbauern zu den Häuslern in der Verwaltung der Landgemeinden. Er beantragt eine Resolution, in der die sozialdemokratischen Vertreter in den länd- lichen Gemeindevertretungen aufgefordert werden, ihre besondere Aufmerksamkeit der Erhaltung des Ge« pol gewesen. Sverdrup nimmt überaus scharf gegen Peary Stellung. den er als einen Büffel bezeichnet. Noch kräftiger geht ein anderer Cool-Anhänger ins Zeug, ein Landsmann und Kamerad Pearys, der Konteradmiral Osborn, der Peary für den kolossalsten Schwindler erklärt, den Amerika je hervorgebracht habe. Kurz, der Streit beginnt beiderseits in einer Tonart geführt zu werden, die von EuropenS übertünchtet Höflichkeit nickt mehr viel spüren läßt. Die massiven Grobheiten verhelfen der Oeffcntlichkeit ja nun noch nicht zu der Möglichleit, klarer in der Sache zu sehen: erst die Beibringung weiteren Materials kann dazu dienen, daß sich feststellen läßt, wer in dem Streit recht hat, Peary oder Cook. Eine Stromregulierung des Enphrat und Tigris betreibt seit einigen Jahren der berühmte englische Ingenieur Sir William Willcocks, dessen technischen Wasserbauten Aegypten das Wiederaufleben der aus dem Altertum bekannten Fruchtbarkeit verdankt. Heute ist Mesopotamien, einst die Korn- kammer Vorderasiens und der Sitz einer bis ins Mittelalter hinein blühenden Kultur, eine weite Wüste, teils ausgedörrt vom Sonnen- brande, teils von stagnierenden, giftige Dünste aushauchenden Sümpfen bedeckt, dazwischen Trümmer einer stolzen, vergangenen Herrlichkeit. Von Bagdad bis Schalt el Arab ziehen sich noch heute die Ruinen eines riesenhaften, sinnreich angelegten Damm- und Kanalsystems entlang, das einst dem Lande zu seiner be- rühmten Fruchtbarkeit verhalf. Wasser.ist genug da, um den alten Stand wieder aufleben zu lassen, aber der türkische Schlendrian hat sich um dergleichen Kulturaufgaben nie gekümmert. Und doch ist es, wie Willcocks nachgewiesen hat, mit verhältnismäßig ge- ringen Mitteln möglich, das Land erneut der Wüste abzugewinnen und es in einen blühenden Garten zu verwandeln; es handelt sich nur darum, für die Zeit von Juni bis Ende November, in der die Vegetation in jenen Gegenden sich hauptsächlich entfaltet, eine genügende Wassermcnge aufzustauen. Willcocks� ist gegenwärtig dabei, die praktische Durchführung seines Bcwässerungsplanes an Ort und Stelle selbst zu erproben; er arbeitet, unterstützt von 12 Ingenieuren, im unteren Mesopotamien, um wenigstens die hauptsächlichsten Schwierigkeiten hinwegzuräumen. Vor allem muß erst einmal ein genaues Nivellement des ganzen Landes auf- genommen werden. Der Bewässerungsplan erstreckt sich vorläufig nur auf das untere Mesopotamien, zwischen Beled am Tigris� Hit am Euphrat und dem Meere, im ganzen ein Gebiet von 66 600 Quadratkilometer Fläche, in dem zurzeit etwas über eine Million Menschen wohnen. Welche Wirkung die Durchführung des Will- cockschen Planes haben kann, mag daraus erhellen, daß Aegypten mit einem Flächenraum von nur 29 000 Ouadratkilomeicrn heute mehr als elf Millionen Menschen ernährt. Vorläufig plant man mehrere Stauwerke für den Euphrat bei Faloudja, Hindiä, Gurna, für den Tigris bei Rut el Amata, die teils zur Versorgung eines weitverzweigten Kanalshstcms, teils zur Stromregulierung und Trockenlegung der Sümpfe dienen sollen. Zugleich würden damit die beiden großen Ströme, die in heißen Sommern gegenwärtig oft kaum Wasser führen, für eine regelmäßige Schiffahrt dienstbar meindevermögenS zuzuwenden. Wo Weideland im Eigentum der Gemeinde ist, soll es der ärmeren Bevölke» rung unentgeltlich oder gegen eine geringe Ge» bühr überlassen werden. Ebenso sollen Grundstücke der Gemeinde den ärmeren Inwohnern in Pacht ge» geben werden. Ferner beantragt er, die O r g a n i s a t i o n der Häusler zu unterstützen und ihr Fachblatt indaS Eigentum der Partei zu übernehmen. Der Antrag wird einstimmig angenommen Ueber das allgemeine, gleiche Wahlrecht für die Landtage und Gemeindevertretungen referiert Abg. Rem«. Er beantragt eine Resolution, worin die Parteibertretung aufgefordert wird, im Ein- vernehmen mit der Landesexekutive alle Vorbereitungen zu treffen, damil eine energische Agitation für die Erringung des allgemeinen, gleichen Wahlrechtes für den böhmischen Landtag, sowie für die Bezirks» und Gemeindevertretungen eingeleitet werde. Der Antrag wird ohne Debatte einstimmig an» g e n o m m e n. Bei der Fortsetzung der Verhandlung des PunlteS„O r g a n i» f a t i o n« werden dieAnträgederBeratungSkommisfion angenommen. Damit ist die Tagesordnung erledigt und der nennte Kongreß der tschechische» Sozialdemokratie geschlossen. Stadtverontneten-Versammlung. 24. Sitzungvom Donnerstag, den 9. September 1609, nachmittags 5 Uhr. Mit der heutigen Sitzung nimmt die Versammlung, die am 29. Juni in die Sommerferien gegangen war, ihre regelmäßige Arbeit wieder auf. Die Tagesordnung umfaßt 88 Nummern, wo- von indessen 22 der geheimen Sitzung vorbehalten sind und 18 Rech- nungslegungen betreffen. Von den übrigen 43 Gegenständen ist diesmal das Verzeichnis der gegen die Richtigkeit der Wählerliste erhobenen Einwendungen ganz außergewöhnlich umfangreich, da nicht weniger als 3239 Anträge aus Nachtragung, 92 anf Um- tragung und 311 auf nnderweite Berichtigungen gestellt worden sind. Nach 5% Uhr eröffnet der Vorsteher M i ch e l e t die Sitzung. Unmittelbar vorher haben die Abteilungen zwei Ausschüsse ge» wählt, deren Einsetzung bereits vor den Ferien beschlossen worden war: 1. für die Vorlage betreffend die Frage der Neueinteilung der Gemeindewahlbezirke III. Abteilung, 2. für das„OrtLstatut zum Schutze der Stadt Berlin gegen Verunstaltung". Im erstcren Ausschüsse ist die sozialdemokratisch« Fraktion durch die Stadtvv. Borg mann. BrunS, Singer, TolkS- d o r f vertreten. Einen ehrenden Nachruf widmet der Vorsteher dem An- fang Juli verstorbenen städtischen Gartendirektor Mächtig und dem gestern beerdigten Polizeipräsidenten v. Stubenrauch. Für den verstorbenen Stadtv. Dr. Lang er Hans ist in zahlreiche Ausschüsse, Deputationen usw. Ersatz zu ivählen. Für den Ausschuß für Besoldete ist der Vorstellet M i ch e l e t gemeldet, für den großen Rat der Handelsschule Vorstcher-Stellvertreter Cassel. Um die vakante Stelle in der Krankenhausdcputation konkurrieren die Stadtvv. Galland und Rcimann(A. L.). Dr. Jsaac(N. L.) und Dr. Kuhlmann(Fr. Fr.). Zur Stiftungsdeputation haben sich der Vorsteher Michclet und Stadtv. Pfannkuch(Soz.) gemeldet, zur Deputation für Kunstzwecke Stadtvv. Galland(A. L.) und Dupont (Soz.). Die Meldungen Galland, Jsaac und Reimann für die Krankcnhausdeputation werden zurückgezogen. Durch Zuruf wer» den in die betreffenden vakanten Posten gewählt die Stadtvv. Michclet, Cassel, Dr. Kuhlmann; im übrigen werden die Wahlen durch Stimmzettel in der nächsten Sitzung vorgenommen werden. Ter tägliche Verpflegungssatz für die städtischen Heimstätten soll vom 1. Oktober d. I. ab von 2,26 M. auf 2,5V M. erhöht werden. Stadtv. Dr. Wehl(Soz.): Wir lehnen diese Vorlage mit oller Entschiedenheit ab. weil sie uns geeignet scheint, die Gesundheits- Verhältnisse der Bevölkerung zu schädigen. Die Vorlage ist offen- bar ein neuer Beweis für den neuen Kurs, den der Kämmerer gemacht. Die Ausführung des Planes soll etwa 400 Millionen Mark kosten. Nun scheinen sich aber der Realisierung doch erheb- liche Hindernisse in den Weg zu legen, wie der Kapitän Auginieur in der Zeitschrift„La Geographie" berichtet. Denn, trotzdem Willcocks einen Reingewinn von jährlich etwa 76 Millionen Mark garantieren zu können glaubt, sind in dem finanziell an und für sich schwachen Türkischen Reich keine so hohen Summen aufzu- bringen; und die Heranziehung ausländischer Kapitalien dürfte in diesem Wctterwinkel an der bekannten Eifersucht der dabei interessierten Großmächte vorläufig scheitern. Musik. Die Aufführung von A. L o r tz i n g S„Wildschütz« in der Komischen Oper am Mittwoch bedeutet wieder einen Schritt nach vorwärts in dem Bestreben, die gegenwärtige musikalische Vühnenkunst auf Opern aus einer andcrSarligen Zeit anzuwenden. DaS Werl selbst wurde in den letzten Jahren hier oft und oft ge» spielt— von der„Königlichen" an bis zur kleinsten Sommeropcr. Um so erfrischender die jetzige Darbietung I Die„Komische« hatte von Anfang an das schaffe und überscharfe, naturalistische und übernaturalistische Charakterisieren zu ihrer Aufgabe ge» macht, mit den von uns stets beklagten zappeligen Uebertreibungcn. Als das größte Verdienst in dieser Richtung haben wir den Ge- brauch eines kleinen, nicht als Masse, sondern als Gesellschaft von Individuen behandelten Chores bezeichnet. So nun auch hier. Dazu die Sensation des Abends: Erica W e d e k i n d als Baronin Frcimann. Die„Dresdener Nachtigall«, die wohl berühmteste Vertreterin deL SchönheitsgesaugcS, paßt allerdings in dieses Ensemble etwa so, wie der Biedermeierhut zum Sportkostllm. So lebhaft die übrigen ihre Gesangstechnik in den Dienst des Geistigen zu stellen versuchten und so reichlich beispiels- weise unser machtvoller Bast L. M a n t l e r in der BaculnS-Rolle die Klangfarben seiner Stimme gemäß der Bedeutung des Ge- sungenen variierte: so wenig ist dies bei der Nachtigall der Fall. Im Temperament allerdings, in Anmut und Beweglichkeit übertraf sie ihre Partner und sogar das Orchester. sz. Notizen. — Goethes Handzeichnnngen wird daS Goethe» Nationalmuseum in Weimar herausgeben. DaS Werk soll außer zahlreichen anderen Zeichnungen und Radierungen von der Hand Goethes, auch seine ersten auS der Leipziger und Strastburger Zeit enthalten. Darunter ist eine Nvtelzcichnung des Sesenheimer Pfarrhanses, auf deren Rückseite die Schriftzüge Friederike Brians zu sehen sind. — Die allgemeine deutsche Biographie soll dem» nächst zum Abschluß gelangen. I» Angriff genommen wurde das große Werk von der Münchener Akademie der Wissenschaften vor fünfzig Jahren. Zum Winter soll nun der fünfundfünfzigste Band erscheinen, der den Text abschließt. Es fehlt dann nur noch das Generalregister, dessen Drucklegung im nächsten Jahre beginnen soll. in semer letzten EtatSrede ankündigte, den neuen Kurs, der mit der Erhöhung der Sätze für die städtischen Krankenhäuser begann. Lag dort vielleicht wirklich eine Zwangslage vor, so keineswegs für die Heimstätten, bei denen von einer Konkurrenz doch nicht die Rede sein kann. Eigentümlich, datz man in der Zeit des Kampfes gegen die Tuberkulose den Eintritt der Tuberkulösen in die Heim- stättcn erschwert. Wir warten andererseits immer noch auf die Errichtung des großen Tuberkulosckrankenhauses, das längst ge- plant ist. Weiter ist eigentümlich die Bemerkung der Begründung. daß die Heimstätten den Charakter von„Wohltätigkeitsanstakten" hätten; das stimmt doch nicht und entspricht auch nicht dem modernen Zuge; höchstens daß man von ihnen als Einrichtungen der Wohlfahrtspflege sprechen könnte. Sie sind nahezu ebenso not- wendig wie unsere Krankenhäuser. Die Allgemeinheit muß eine Zubuße zu diesen Einrichtungen leisten, da auch ihr Interesse dabei in Frage steht, man denke nur an die Epidemiegefahren. Die Hauptleidtragenden werden unsere Krankenkassen sein, die% aller Leistungen aufgebracht haben. Die Kreise, aus denen sich die Mit- glieder in Krankenkassen zusammensetzen, werden ohnehin von der Teuerung und Arbeitslosigkeit aufs heftigste getroffen. Am letzten Ende aber wird der Stadtsäckel doch keine Erleichterung durch die neue Maßnahme erfahren. Die Vorlage ist inhuman, burcau- kratisch und fiskalisch, ja sie macht geradezu in fiskalischer Plus- macherci. Die'„Selbstkosten" sollen im Laufe der letzten Jahre gestiegen sein. Die Heimstätten für Rekonvaleszenten arbeiten außerordentlich billig; im Durchschnitt der letzten fünf Jahre bc- trugen die Selbstkosten 2,44 M., aber 2,50 M. sollen hinfort bezahlt werden! Von diesem Verhältnis scheint der Magistrat keine Ahnung zu haben. Es kann doch nicht die Absicht sein, auf Kosten der armen Leute für den Stadtsäckel einen Profit herauszuschlagen. Die Vorlage muß daher abgelehnt werden, wenn man Berlin seinen guten Ruf erhalten will. Stadtrat Marggraf: Nicht nur für die Beteiligten, sondern auch für den Stadtsäckel ist der Zeitpunkt der Einbringung der Vorlage sehr ungünstig; aber die Verhältnisse haben uns gezwungen. Die für die Selbstkosten in der Vorlage gegebenen Zahlen sind durchaus zuverlässig. Bei der Begründung der Anstalten ist aus- drücklich festgelegt, baß sie als Wohlfahrtsanstaltcn zu gelten haben. Stadtv. Deutsch(soz.-fortschr.) beantragt Ausschußberatung. Da der Kosten von den Krankenkassen zu tragen seien, müßte erwogen werden, ob der finanzielle Effekt für die Stadtkasse so er- heblich sei, daß man zu einer solchen Maßnahme greifen müsse. Die Einsetzung eines Ausschusses wird abgelehnt. In der zweiten Beratung bemerkt Stadw. Dr. Weist, daß seine Berechnungen für die letzten fünf Jahre und für die Heimstätten für Genesende auf den amtlichen Quellen beruhen. Die Begründung spricht eben nicht von Wiohlfahrtseinrichtungen, sondern von Wohltätigkeitsanstalten. Stadtv. Sachs(A. L.): Herr Dr. Wehl greift zwei Anstalten heraus; hier handelt es sich aber um das ganze Heimstätten- Wesen. Die Arbeitslöhne sind auch gestiegen.(Rufe: Wo denn!) Der Magistratsantrag wird angenommen. Mielczyn. Am 23. August haben die sozialdemokratischen Stadtverordneten Dr. A r o n s u." Gen. den Antrag eingereicht: ,,Tie Versammlung ersucht den Magistrat, die Fürsorge- zSglrnge, welche in der Anstalt Mielczyn untergebracht sind, sofort zurückzuziehen." ES ist Ausschußberatung beantragt. Stadtv. Dr. Bernstein sSoz.): Lediglich in dem Wunsche, unseren Mitbürgern zu dienen und ein schweres Unrecht wieder gut zu machen, stellen wir unseren Antrag. Dieses schwere Unrecht wirst seine schwarzen Schatten auf unsere ganze Verwaltung; eS gilt, einen Makel auszutilgen. Wir haben schon bei der Beratung der Vorschläge wegen Unterbringung der FüiiorgczSglinge in Mielczyn «nscre Bedenken vorgebracht; Sie haben sie nicht beachtet, und nun ist die Katastrovhe da! Ich wünschte ja, es wäre unwahr, was ich ärztlich konstatiert habe, aber es' ist wahr, und es ist nicht daran zu rütteln, auch wenn Sie eine ganze Zahl von Exporten gegen mich aufbieten würden. Was soll denn nun eigentlich geschehen? Mit den Prügelfreunden sans phraso diskutiere ich nicht; ihnen gegenüber heißt es einfach: handeln! Es herrschen auf dem Gebiete der hohen Politik die- selben Verhältnisse wie auf dem engen Gebiete der kommunalen Pädagogik; es gibt Persönlichkeiten, ivelche die soziale Be- wegung in einen: Meer von Arbeiterblut ertränken möchten, und nur der Blick auf die hinter uns stehenden Massen bringt diese Herrschaften zur Besinnung. sUnruhe.) Es ist ein Exempel statuiert worden; dieses Exempek ist sicher den Bodel- schwinghschen in die Glieder gefahren; die Bodelschwinghsche Schule ist auf's Innerste erschüttert. Ich hoffe, daß Sie unter dem Ein- druck dessen, was festgestellt ist, unserem Antrage zustimmen werden. Wir verlangen, daß sämtliche Zöglinge von Mlelczy» fortgcnommen »i»d anderweit untergebracht werden. Ihr Gerechtigkeitsgefühl wird Mißstände, welche durch die Sozialdemokratie konstatiert worden sind, nicht mit einer eleganten Handbewegung beiseite zu schieben suchen. Unsere Revisionszustände liegen im Argen. Nachdem die Misere in Rokitten festgestellt war, wurde ge« fragt, wer zu revidieren bereit sei. Kollege Bruns und ich haben sich zu jeder Revision bereit erklärt, aber freiwillig hat man uns keine Revision übertragen. Am 25. Juni wurde mir ein aus Mielczyn entlaufener Zögling borgesührt, der schwere Wundmale auf- wies und die schwersten Beschuldigungen gegen die Anstalt erhob. In der Deputationssitzung am folgenden Tage war der Refrain der dort gehaltenen Reden: daß sich ein alter Narr von einem raffinierten Fürsorgezögling habe an der Nase herumführen lassen! Ich verlangte Revision, aber es verging ein Monat und mehr. Da erschien der ,,Vorwärts"-Artirel, der wie eine Bombe einschlug, und nun wurde die Revision an- geordnet, und ich ging mit einem Magistratsrat nach Mielczyn. Dort hatte bereits ein staatlicher Vertreter revidiert. Der teilte mir mit, es sei zugegeben, daß der Pastor Breithaupt an einem Tage einem Zögling IVO Peitschenhiebe verabfolgt hatte.(Bewegung und Pfuirufe.) Als die Jungen nun einzeln verhört wurden, warnte Pastor Breithaupt die Revisoren:„Nehmen Sie sich vor dem Jungen in acht! Das ist einer der raffiniertesten Lügneri"— Ich untersuchte den Betreffenden und bemerkte unter der Ferse eine eiternde Wunde, herrührend von der Fesselung! (Bewegung.) Der Junge erzählte eine lange Pasfionsgeschichte, und als der Magistratsrat meinte:„Junge, wie soll man Dir denn alles glauben?" faßte ich den Jungen scharf ins Auge: „Junge, sprichst Du die Wahrheit?" Und das Feuer der Wahrheit leuchtete aus seinen Augen; er sprach die Wahrheit. Legen Sie sich jeder einzeln die Frage vor;„Was geschähe, wenn Dein Sohn so behandelt worden wäre?" Ich kam zurück in der Ueber- zeugung, der Augiasstall wird und muß in Kürze ausgefegt werden. Aber nach der Rück- kehr eröffnete mir der Borsitzende der Deputation den Magistrats- beschluß:„Die schlechten Jungen sollen fortgcnommen werden, die guten bleiben da; an eine Aenderung sonst denkt man nicht." Da sprang ich entrüstet vom Stuhle, aber es hieß: »Wir können nichts ändern!" Als ich den Oberbürgermeister zu sprechen verlangte, hieß es: „Der ist verreist, könnte Ihnen aber auch keine andere Auskunft geben." �Ja," frage ich mich,„ist es denn möglich, daß eine Be- Hörde, in der so viele Männer mit feinem Ehrgefühl und strengem Rechtssinn sitzen, sich zum Träger eines solchen Systems macht?— Hier handelt es sich nicht nur um die Interessen der Berliner Büraerickait." Iß kaate ich wir weiter,„hier spielt die hohe Politik, die Ostmarkenpolitik hinein! Hier haben einflußreiche, fromme Persönlichkeiten die Hände im Spiel."(Unruhe.) „Das System Bodelschwingh soll geschützt werden" Das Mielczyner Institut gehört ja dem„Evangelischen Wer- ein zur Verbreitung des Deutschtums in den Ostmarken"— mehr brauche ich nicht zu sagen. Weiter darf ich wohl hier die Frage aufwerfen:„Wie steht denn die Aufsichtsbehörde zu diesem Generalskandal?" Sie ist die sublimste Blüte aller Weisheit. Sie hat seinerzeit einem Manne den Eintritt in die Schuldeputation verwehrt, weil er ein Sozialdemokrat war, aber denen, die aus der Hochschule für Prügelpädagogik hervorgegangen sind, denen vertraut sie diese Jugend weiter an— es ist zum Totlachen! Es herrscht da eine höchst gefährliche Personalunion: der scheinheilige Pfaffe und der Unteroffizier! Auf diesen Anstalten lastet die ganze Schmach der- alteter militärischer Anschauungen und der engherzigsten Kon- fessionalität; alles ringt um die Palme der Unduldsamkeit. Treten Sie dieser Vereinigung von Pfaffen- und Junkertum entgegen! (Beifall b. d. Soz.) - Bürgermeister Dr. Reick«: Es ist keine leichte Aufgabe, in diesem Augenblick Rede und Antwort zu stehen. Dennoch begrüße ich die Interpellation mit Freuden. Namens des Magistrats gebe ich auch von dieser Stelle aus dem allerticfften Bedauern Ausdruck, daß in einer städtischen Anstalt solche Dinge erlebt worden sind. Der Magistrat hat ein- stimmig das Verhalten des Leiters der Anstalt verurteilt. Wir haben uns allerdings davor gehütet, das Kind mit dem Bade aus- zuschütten; wir durften unsere Entschlüsse nur nach sorgfältigster Erwägung des Vorliegenden fassen. Stadtrat Münsterberg hat die Dinge an Ort und Stelle untersucht und wird sich darüber noch auslassen. Die erste Kunde davon hat der Magistrat aus einem Artikel im„Vorwärts" vom 23. Juli bekommen. Die Untersuchung hat am 26. und 27. Juli stattgefunden, am 30. Juli wurde der Bericht eingereicht. In der nächsten Magistratssitzung kamen die Sachen zur Sprache, saum- selig ist also nicht verfahren worden. Richtig ist, daß die Waisen- Verwaltung die Dinge etwa? früher schon kannte: Am 25. Juni erschien ein von Mielczyn entlaufener.Zögling im Hause der Waisenverwaltung und gab im Beisein seiner Mutter eine ganze Reihe von Beschuldigungen gegen den Leiter an, besonders die in großem Umfange verhängten Prügelstrafen. Der Vorsitzende der Waisendeputation verfügte, daß am 1. Juli ein Magistratsrat und Dr. Bernstein revidieren sollten. Aber Dr. Bernstein war seit 30. Juni beurlaubt und teilte erst am 23. Juli mit, daß er da sei. (Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Sachlich ist es sehr zu be- dauern, daß diese 4 Wochen derart verstrichen sind. Revisionen der Anstalt hatten am 73. und 18. Mai stattgefunden, nachdem sie seit dem 15. April mit Berliner Zöglingen belegt war. Die Revisoren haben von der Anstalt Gutes zu berichten gewußt; von Prügeln findet sich in dem Bericht keine Andeutung. Die Waiscnverwaltung hatte also lediglich gute Berichte, und demgegenüber stand die Aussage eines entlaufenen Zöglings, dessen Angaben ja allerdings, wie sich nachher herausstellte, nicht auf tönernen Füßen standen, wie vielleicht vermutet werden konnte. Die Untersuchung hat nun eine übermäßige Zahl von Züchtigungen als Tatsache ergeben. Der Magistrat hat sofort Anordnungen ge- troffen, die eine Wiederholung solcher Vorkommnisse verhindern sollten. Der Magistrat bestand auf der Entfernung des Leiters; ihn zu entlassen oder ihm zu kündigen, haben w:r kein Recht. Weiter sollten alle disziplinarischen Maßnahmen genauer festgelegt werden. Fesseln, Schlagen mit einer Peitsche, Arrest- strafen in Kellern wurden untersagt, die Führung eines Straf- bucheS angeordnet. Dann sollte die Auswahl der nach Mielczyn zu sendenden Zöglinge mit größter Sorgfalt getroffen und dabei be- achtet werden, daß Mielczyn eine offene Anstalt ist. Weiter glaubte der Magistrat nicht gehen zu sollen. Die Wurzel aller Uebelstände war, daß ein ungeeigneter Mann an der Spitze stand und daß ungeeignetes Material dorthin gebracht war. Der Ma- gistrat war einstimmig der Meinung, daß Pastor Breithaupt absolut ungeeignet für diesen Posten war, ein Mann, der bereits in den ersten Tagen seiner erziehlichen Versuche zum Stock als dem einzig wirksamen Hilfsmittel greift, erklärt damit den Bankerott seiner Erziehungsmethode; ein Mann, der so wenig in unserem Geiste pädagogisch wirken kann, gehört nicht an solche Stelle. Seine Wnhl ist«ine unglückliche gewesen. Die Anstalt ist bereit, den Leiter zu wechseln; die hosfentlcch geeignete andere Persönlichleit ist bereits gefunden, und Pastor Brrithaupt wird in Kürze von der Stätte feiner bisherigen Wirksamkeit verschwinden. Die Leitung des Stifts hat es keineswegs an Entgegenkommen fehlen lassen. Für die Zeit, die der Pastor Breithaupt noch dort ist, ist ein Mißbrauch seiner Amtsgewalt nicht zu fürchten. Dafür, daß ungeeignetes Material nach Mielczyn geschickt worden ist, haben wir die betreffende verantwortliche Persönlichkeit zur Rechenschaft gezogen. Auch in dieser Beziehung ist jetzt das Nötige geschehen; der Wunsch, daß auch psychiatrisch untersucht wird, ist erfüllt worden. Im übrigen haben wir keinen Anlaß, an dem guten Willen der Leitung des Stifts zu zweifeln. Tatsächlich haben wir es doch auf diesen Gebieten mit einem recht schwierigen Material zu tun. Es handelt sich nicht um Kinder, sondern um 16° bis 20jährige junge Menschen, und die Straflistcn weisen Dieb- stahl, schweren Diebstahl, Brandstiftung, Erpressungen usw. in endloser Reihenfolge auf.(Große Unruhe bei den Sozialdcmo- kraten.) Begreiflich ist cS, daß, wenn man solches Material in die Hände bekommt, man mit ganz milden Mitteln nicht arbeiten kann. Die Instruktion für die Anstalt muß immerhin auch Schläge in beschränkter Anzahl als ultima ratio vorsehen, cmf die nicht ver- zichtet werden kann. Gefehlt worden ist hier, zum Teil infolge mangelhafter Aufsicht; aber wir hoffen, viel dazu getan zu haben, die Mißstände zu beseitigen. Die Zurückziehung aller Zöglinge wäre ein bedauerlicher Schritt. Die Anstalt Mielczyn ist eine offene Anstalt, wo sich die Zöglinge in Freiheit bewegen; wird sie evakuiert, so müßte dieses Erziehungsmittel ganz aufgegeben werden, und dazu würde ich nicht die Hand bieten. Zur Errichtung einer neuen Anstalt zu schreiten, dazu sind die Verhältnisse nicht angetan. Eine große Anzahl der Zöglinge sagt aus, daß sie weder geschlagen worden seien, noch gesehen hätten, daß andere geschlagen wurden.�(Ge- lächter bei den Soz;) Die meisten haben ausgesagt, sie fänden es viel besser als:n Lichtenberg. Lehnen Sie den Antrag ab und versuchen Sie mit dem Magistrat, ob nicht mit dem Geschehenen die notwendige Besserung erzielt werden kann. Stadtv. Cassel: Unter meinen Freunden hat nur eine Stimme der Miß- stimmung und Empörung über die Vorgänge in Mielczyn ge- herrscht. Daran kann auch der Umstand nicht irre machen, daß die dtdser Anstalt überwiesenen Personen zum größten Teil Be- strafte sind. Deshalb dürfen sie nicht ein Gegenstand der Miß- Handlung und Brutalität sein, sondern der Gesetzgeber will sie nach Möglichkeit wieder zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft er- ziehen. Wenn diese Aufgabe auch sicherlich eine schwere ist, so muß man sich doch mit Abscheu davon abwenden, wenn jemand es wagt, diese seiner Fürsorge Anvertrauten zum Gegenstande von Prügelstrafen zu machen. Empörend ist nicht bloß die Ueber- treibung der Prügelstrafe und die Fesselung, sondern die Tatsache, daß unbedeutende Ausschreitungen ebenfalls mit schweren Prügel- strafen bedacht worden sind, wozu selbst einem Verbrecher gegenüber kein Anlaß war. ES muß also alles geschehen, solchen Mißständen in Zukunft vorzubeugen. Der Magistrat hat sich viel Mühe gegeben, Besserung zu er- zielen, aber die Frage besteht, ob seitens der Verwaltung allcS geschehen ist, um solche Borkommnisse zu vermeiden, und ich muß bekennen, daß ich dicker Ucberzeugung nicht bin..(Hört, ljör.U). MS man den Vertrag machte, hätte man sich vielleicht doch über- zeugen sollen, wie es um die Angemessenheit der leitenden Person- lichkcit stand, zumal da der Vertrag uns kein Recht auf Eni- fernung des Leiters gab. Ich höre auch, daß die Instruktion von Berlin aus zu s p ä t in die Hände des Anstaltsleiters gelangt sein soll; der Punkt bedarf noch der Aufklärung. Es war über- Haupt geboten, die Revision schnell vorzunehmen. Warum hat die Waisendeputation kein anderes Mitglied herangezogen, wenn Dr. Bernstein beurlaubt lvar?(Sehr richtig!) Eine Sicherheit dafür, daß der Anstaltsleiter auch wirklich entfernt wird, hat uns der Bürgermeister nicht geben können. Alle diese Punkte werden in einem Ausschuß am besten geprüft werden können, besonders die Frage, ob wir nicht berechtigt sind, de» Vertrag als sofort aufgelöst anzusehen, weil keine angemessene Leitung der Ansialt vorhanden war und ist. Deshalb bitte ich um Annahme des An- träges auf Ausschußberatung.(Beifall.) Stadtv. Rosenow(Neue Linke): Ich bedaure, daß der sozialdemokratische Redner eS so hin- stellte, als ob nur die Sozialdemokraten sich energisch gegen die Prügelpädagogik wenden. Wir alle wollen das Uebel ausmerzen. Zu bedenken ist. daß bei diesen Fürsorgezöglingen es sich oft auch um geistig Minderwertige handelt, die man auf keinen Fall schlagen darf. Der Leiter der preußischen Strafanstalten, Geheim- rat Krahne, hat die Prügelstrafe in solchen Fällen aufs heftigste verurteilt. Selbst in preußischen Zuchthäusern wird nur bel tät- lichem Angriff gegen die Leiter geprügelt. Ob die Waisenver- waltung voll ihre Pflicht getan hat, will uns doch sehr zweifelhaft erscheinen. Warum mußte unter allen Umständen gewartet werden, bis Dr. Bernstein von seinem Urlaub zurück war? Was der Bürgermeister vorbrachte, reicht nicht aus, uns zu veranlassen, den Antrag Arons abzulehnen. Wir beantragen ebenfalls Ausschuß- beratung, um die Mittel zu gründlicher Remcdur gründlich zu er- örtern. Bürgermeister Dr. Reicks: Auch ich begrüße den Antrag auf Ausschußberatung mit Ereuden. Der Magistrat hat. so rasch es ging, sich und die effentlichkeit mit der Sache und seinen Beschlüssen befaßt. Herr Dr. Bernstein war in dieser Sache besonders kompetent und durfte nicht einfach beiseite geschoben werden; er hätte sich übrigens nur eine Tür weiter zu bemühen brauchen, dann hätte er statt des ab- wesenden Oberbürgermeisters mich, den Vertreter, angetroffen. Das Schlimmste ist, daß die Prügelstrv.se wiederholt angewendet wurde,„um den Willen zu brechen".(Hört, hört!) Stadtrat Dr. Münsterbcrg: Die Stadt Berlin hat nach dem FürsorgeerziehungSgesetz zirka 3500 solcher Zöglinge, darunter 2500 männliche, zu übernehmen gehabt, sie wurde mit diesem Material geradezu plötzlich über- schlvemmt und hatte die größte Mühe, sie zweckentsprechend unter- zubringen. Was Mielczyn betrifft, so läßt sich der Entschluß, die Berliner Zöglinge zum Teil dort zu belassen, rechtfertigen. Pro- tokollarisch liegen zahlreiche Aussagen von Zöglingen vor, die von den Mißhandlungen nichts wissen und auch nichts zu wissen brauchten, weil sie sich auf dem Felde befanden, als die Mißhand- lungen geschahen; dieselben Jungen haben mir in Gesprächen be- stätigt, daß sie dort viel lieber seien als in der geschlossenen Anstalt Lichtenberg. Pastor Breithaupt ist im Umgange ein angenehmer Mensch! Nach den neuen Anordnungen und Instruktionen und nach seinen Erfahrungen am eigenen Leibe(Heiterkeit) ist es ausge- schlössen, daß sich für den Rest seiner Wirksamkeit solche Exzesse wiederholen. Die Anstellung eines Psychiaters bei der Leitung ist nahezu perfekt. Die Fürsorgerziehungsgesetzgebung ist nicht sowohl selbst ein Fehler gewesen.als vielmehr ihre überhastete Jnkraft- setzung. Die Anstalt in Mielczyn wird mit der Ostmarlenpolitik in Verbindung gebracht. Wir können das Prinzip, die jungen Menschen:n der Landwirifchast zu erziehen und zu bessern, an sich nur gutheißen.(Rufe bei den Sozialdemokraten: Polen! Agrarier!) Die Frage der Errichtung einer eigenen Anstalt wird uns aber ebenso ganz intensiv beschäftigen müssen.(Zu- stimmung.) Wir werden an die ganze Erziehungspolitik die bessernde Hand anzulegen haben.(Beifall.) Stadtv. Dove(A. L.): Für die Behauptung, daß hier Rücksichten auf hochgestellte Per- sonen oder aus gewisse kirchliche Kreise im Spiele sind, ist kein Beweis erbracht. Auch kann hier nicht von einem Zusammenbruch des Systems Bodelschwingh die Rede sein. Herr v. Bodelschwingh hat doch sehr Verdienstliches geleistet.(Zuruf von Adolf Hoff- mann: Und Breithaupt ist sein Schüler!) Das weiß ich nicht. Auf die Aussagen der Zöglinge zugunsten des Pastors Breithaupt ist nicht viel zu geben. Der Ausschuß wird zu prüfen haben, ob die Verwaltung durchweg ihre Schuldigkeit getan hat; auch die Anstalt in Lichtenberg sollte man sich einmal genauer ansehen! Stadtv. Singer(Soz.): Der Verlauf der Debatte bietet uns alle Veranlassung, zu- frieden zu sein. Der Vertreter unseres Antrages wie auch der „Vorwärts" haben einen vollen Erfolg für sich zu verzeichnen, denn alle Behauptungen sind erwiesen worden. Tie Mitteilungen dcS„Vorwärts�, soweit sie hier nicht erhärtet wurden, Werdens durch mich in vollem Umfange anfrecht erhalten; die Redaktion würde erfreut sein, wenn der Pastor Breithaupt das Blatt ver- klagen wollte, namentlich auch wegen der Behauptung, daß eine der dort üblichen Strafen die Fußbastonade ist, ein Vorgang, so scheußlich, daß darüber nur eine Stimme des Abscheus herrschen dürfte. Wenn der Magistrat als solcher sofort seine Stellung der Oefsentlichkeit gegenüber so eingenommen hätte, wie heute der Bürgermeister sie darlegte, wäre der Bevölkerung eine große Menge Erbitterung und Empörung erspart geblieben. Der Magistrat hätte sofort selbst an die Oeffentlichke:t treten müssen. So aber würden wir ja noch heute nichts Beglaubigtes über die Dinge hören, wenn nicht unser Antrag vorläge. Hat doch in der Waisendeputation seit jenen Vorgängen noch nicht rimj einzige Sitzung stattgefunden!(Hört! hört!) Wenn so ver- fahren wird, weil Urlaub und anderes dazwischen tritt, dann kann sich die ganze Waisenhausverwaltung begraben lassen.(Heiterkeit und Zustimmung.) Aus welchen Personen rekrutiert sich denn nun die„Leitung" deS Stiftes? Wer sind sie? Welchen Kreisen gehören sie an? Das muß man doch wissen, wenn man dem schönen Optimismus des Bürgermeisters folgen soll. Wir wissen nur, dah die Anstalt gegründet ist von dem„Evangelischen Verein zur Förderung des Deutschtums in den Ostmarken". Wie weit ist ein solcher Verein geeignet für die Zwecke der Fürsorgeerziehung? Die Gründung der Anstalt hat den rein chauvinistisch-politischen Zweck, die Ost- marlen zu germanisieren, und in dieser Beziehung schließt sich die Anstalt würdig der Germanisierungspolitik des preußischen Staates an. das heißt: sie b r u t a l i s i e r t! Dann hat sie noch den Zweck, der Landwirtschaft billige Arbeitskräfte zuzuführen. Die „Erfolge" dieser Anstalt nehmen uns jedes Recht, darauf zu ver- trauen, daß die Leitung Garantie geben kann gegen, die Wieder- holung solcher Exzesse. In den Zeitungen ist behauptet, dem Pastor Breithaupt hätten monatelang die Akten unserer Fürsorgezöglinge gefehlt.(Hört! hört!) Da» charakterisiert sich als einen der größten Fehler, als eine große Unterlassungssünde, deren sich unsere Waisenver- waltung schuldig gemacht hat.„ Herr Breithaupt rühmt sich selbst, ein Schüler Bodelschwinghs zu sein; cS kann sich hier also sehr wohl um einen Ausfluß dcs Systems Bodelschwingh handeln.(Zuruf: Es gibt auch mißratene Schüler!) Der Urlaub deS Kollegen Bernstein hätte keinen Grund bilden dürfen für einen Aufschub, es liegt der Fall aber so, daß der Kollege zwar auf der Liste der Beurlaubten stand, aber dcm Boxsitzenden der Deputation erklärt hatte, er stehe zur Ver- Jügung, er bleibe in Berlin?(Hört, hört!) Bernstein elbst hat sich erkundigt, warum die Sache so lange dauere. Ich bedaure, daß der Bürgermeister sich bedingt für die Prügelstrafe ausgesprochen hat. In Mielczhn ist keine Ueber. schreitung des Züchtigungsrechtes, sondern gemeine Bru» talität verübt worden.(Lebhafte Zustimmung.) Ein Beschluß des Magistrats, die Kinder sofort von Mielczhn zurückzuziehen, wäre der außerordentlichsten Sympathie der ganzen Bevölkerung begegnet. Die klugen juristischen Erwägungen, die den Magistrat geleitet haben, reichen nicht aus, das Geschehene zu entschuldigen. Der entscheidende Schritt mußte sofort geschehen, koste es, was es wolle. Nur dann hätte der Magistrat seine Würde gewahrt. Der Pastor Breithaupt ist doch kein Fürsorgezögling, der sich bessern soll(Heiterkeit), sondern ein Beamter, der von feinem Posten wegen Unfähigkeit entfernt oder dem die Objekte semer Pädagogik ent- zogen werden müßten. Dem Antrag auf Ausschußberatung schließen wir uns an. Die Behandlung der Fürsorgczöglinge muß, wenn sie erfolgreich sein soll, auf einem ganz anderen Wege erfolgen, als es durch das jetzige Gesetz geschieht. Die Strafregister haben mir lediglich das tiefste Bedauern mit den Unglücklichen eingeflößt, von denen sie berichten; das andere Register, welches Stadtrat Münsterberg zitierte, erinnerte lebhaft an die Befragung der Soldaten, ob sie Mißhandlungen gesehen hätten, die ihren Kameraden zugefügt würden.(Heiterkeit.) Niemand kann herzlicher wünschen als wir, daß unsere Anregung dazu führe, diesen schauderhaften Zuständen ein Ende zu machen. Bürgermeister Dr. Reicke: Die Behauptungen bezüglich der Bastonade werden durchaus bestritten. Mit einem Ukas an die Bürgerschaft— ein ganz ungewöhnlicher Weg— hätte der Magistrat wohl kaum Glück gehabt. Die„Strafkolonne" ist ja dem Pastor entzogen worden; nur die andere haben wir dort gelassen. Stadtv. Stadthagen: Der Pastor hat diejenigen in die„Strafkolonne" geschickt, die geschlagen waren. Einige von denen, die er geschlagen hat, hat er nicht hineingeschickt. Es ist also durchaus ungerechtfertigt, junge Leute dafür leiden zu lassen, daß der Mann sie gestraft hat. Ver- wundert bin ich über die Verlesung der Listen der' früheren Strafen; sie ergeben nur, daß diese jungen Leute zur Selbstzucht und Selbstbeobachtung erzögen werden sollen. Ist dafür das richtige Mittel die Verabfolgung von 26, 50, 100 Peitschenhieben? Das ist die Art und Weise, den Rest von Selbstachtung auszu- treiben, die jungen Menschen geradezu zu Tieren zu degra- dieren. Weshalb hat der Magistrat noch nicht Strafantrag ge- stellt? Ist dem Magistrat auch die Vormundspflicht über diefe jungen Menschen übergeben? Selbst loenn nicht, so wäre es durchaus notwendig, daß amtlich die Staatsanwaltschaft davon in Kenntnis gesetzt wird. Nachzutragen ist, daß die Vorgänge nicht dem Pastor, sondern doch dem Stift zur Last gelegt werden müssen. Die„Schwester Olga", die allerdings in den Akten nicht zu finden ist, hat bei der Prügelei eifrig mitgeholfen I Wenn ein Junge eine Stulle nahm, so war das„Diebstahl", der mit 100 Peitschenhieben ge- ahndet wird! Und solcher Fälle gab es sehr viele. Jeder Richter würde die Stadt Berlin für berechtigt erklären, den Vertrag sofort zu lösen. Es haben Akte der Entmenschung stattgefunden, wie sie nicht schlimmer gedacht werden können. Mit dieser Stiftung, dieser G. m. b. H.> die„den W i l l e n b r e ch e n" wollte, darf die Stadt Berlin nicht paktieren. Der Vertrag muß gebrochen werden. Was die Kosten betrifft, so stelle ich fest, daß die Einrichtungen dort keineswegs gut sind; es sind nicht Häuser, es sind Ställe, geeignet, Vieh, aber nicht Menschen unterzubringen, kein Aufenthaltsraum für Menschen. Die„Auf- seher" sind Leute, ausgebildet von der inneren Mission; von Pädagogik keine Spurl Hoffentlich wird der Ausschuß und der Magistrat zu der Anschauung gelungen, daß die Anstalt ge- schlössen werden muß. Damit schließt die Beratung. Der Antrag geht in einen Ausschuh. Es folgt die Vorlage, betr. die gegen die Richtigkeit der Wählerlisten erhobenen Einwendungen. Der Vorsteher teilt mit, daß er bei der Massenhaftigkeit des Materials dasselbe bereits dem Wahlprüfungsausschuß zur Bearbeitung überwiesen habe. Stadtv. Borgmann(Soz.): Ich halte dieses Verfahren für ganz natürlich, weil wir nur wünschen können, daß eine recht gründliche Prüfung der einzelnen Einsprüche erfolgt und die Prüfung von 3000 solcher Einsprüche immerhin Zeit erfordert. Daß sich unter den Protestierenden eine so große Anzahl von Steuerrestanten befindet, ist auch mit darauf zurückzuführen, daß die Listen nicht völlig korrekt sind und daß ferner auch Leute schon gestrichen worden sind, wenn sie nur Stundung nach- gesucht haben! Charlottenburg befolgt schon längst eine mildere Praxis, indem es auch in Fällen gestundeter Krankcnhauskosten die Leute trotzdem in die Listen aufnimmt. Ein nach meiner Meinung ungesetzliches Versahren hat der Magistrat eingeschlagen, indem er bei Aufstellung der dies- jährigen Listen für die Stadtverordneten- und Landtagswahlcn die neueste Novelle zum Einkommensteuergesetz vom 20. Mai 1909 hinsichtlich ihrer Bestimmungen über das Kinderprivileg außer Acht läßt. Wir können nicht begreifen, wie der Magistrat zu dieser Auffassung kommen konnte, die e>ne schwere Schädigung für die Wähler bedeutet. Hoffentlich sieht der Magistrat den Fehler ein und macht ihn wieder gut; er wird sich doch nicht wieder der Gesetzesunkenntnis zeihen lassen wollen. Stadtrat Böhm: Der Magistrat hat nach genauer Prüfung beschlossen, die erwähnten Bestimmungen auf diese Listen diesmal für nicht anwendbar anzusehen. Die Versammlung heißt das Verfahren des Vorstehers gut und beschließt nach einem Antrag Singer, auch die eben erörterte Frage im Ausschuß prüfen zu lassen. Für den städtischen Forstbesitz und-betrieb soll eine eigene Forst Verwaltung mit einem Oberförster und drei Förstern eingerichtet und auf den Kanalisationsetat über- nommen werden. Nach 10 Uhr wird, obwohl die Tagesordnung noch nicht er- ledigt ist, Vertagung beschlossen. vom Bierltrleg. Nunmehr ist auch in Zwickau der Bierkrieg ausgebrochen. Die Brauereien haben einen Ausschlag auf Lagerbier von 3 Mark, auf Weißbier von 2 Mark und auf einfaches Bier von 1,50 Mark erhoben. Die Gastwirte hatten dem zugestimmt. Eine am Mittwoch abgehaltene Volksversammlung hat beschlossen, den Aufschlag mit aller Energie zu'bekämpfen und den täglichen Biergenuß so lange einzustellen, bis sich die Brauereien und die Gastwirte zur Uebernahme des Mehrpreises bereit erklärt haben. Die weiteren Maßnahmen wurden einem fiebengliedrigcn Akttonsausschuß übertragen. In Mülhausen i. E. wurde in einer gemeinschaftlichen Ver- sammlung de? Gewerkschaftskartells, des zu diesem BeHufe bevoll- mächtigten Vorstands des sozialdemokratischen Kreisvereins und einer Vertretung des Verbandes der freien Gast- und Schankwirte Dienstagnacht beschlossen, sofort zur voll st ändi gen Ent- Haltung von allem Biergenuß öffentlich aufzu- fordern! Der Boykott soll sortgesetzt werden, bis die Ver- Handlungen mit den verbündeten Brauereien zu einer befriedigenden Herabsetzung des Bierpreises, der um 2 bis 2,50 Mark pro Hektoliter erhöht worden ist, gefuhrt haben. Zur Leitung der Boykottbewegung und zur Führung der Verhandlungen wurde eine siebengliedrige Kommission eingesetzt._ Bus der frauenbewegimg. Arbeiterin und gewerkschaftliche Organisation. Mit der gewaltigen Zunahme der weiblichen Arbeitskraft in der Industrie wird die gewerkschaftliche Organisierung der Arbeiterin immer mehr zu einer ernsten, bedeutungsvollen Frage. In doppelter Hinsicht! Mit der wachsenden Zahl der Arbeiterinnen sinkt die gesamte Lohnsumme, die an die Arbeiterschaft gezahlt wird, weil daS Unternehmertum die weibliche Arbeitskraft relativ und absolut schlechter entlohnt als die männliche. Die billig schaffende Ar- beiterin ist aber auch eine Gefahr für daS Lohnniveau der Männer. Zeigt sich doch, daß in den Industrien, wo die Aus- Nutzung der weiblichen Arbeitskrast in größerem Maßstabe erfolgt, der durchschnittliche Lohn eine? Manne? und einer Frau zu- sammen ungefähr dem Einkommen entspricht, was für die männliche Arbeitskraft dort gezahlt werden muß, wo Frauenarbeit in großem Umfange nicht üblich ist. Davon ausgehend wird besonders in der Metallindustrie die Frage der Organisierung der Arbeiterin brennend, denn in dieser Industrie zeigt sich in den letzten Jahren eine über- raschend große Zunahme der weiblichen Arbeitskraft. Der Metall- arbeiierverband hat ja auch, mit Rücksicht darauf und in Er- kenntniS der großen Bedeutung der Frage, eine Kommission eingesetzt, der als besondere Aufgabe die Agitation und Organisation unter den Arbeiterinnen gestellt worden ist. In welchem Umfange die weibliche Arbeitskraft in die Metall- industrie bereits eingedrungen ist, dafür einige Angaben: Gegenüber der Zahlung des Jahres 1895 hatte die Zahl der männlichen Ar- beitSkräfte um 38*/t Proz. zugenommen. die der weiblichen um öi1/} Proz. Die Entwickeumg der Maschinenindustrie brachte eine Perl onalvermehrung von 99 Proz., aber die weibliche Arbeitskraft war um 373 Proz. in der Kopfzahl gestiegen. Gleichzeitig konnte die Metallverarbeitung bei einer Zunahme der Gesamtbelegschaft von 49�2 Proz. eine Steigerung der Arbciterinnenzahl von 91 Proz. konstatieren. Nach den der betriebsstatistischen Bericht- erstattung angeschlossenen Krankenkassen betrug die Zahl der mann- lichen Mitglieder: am 1. Juli 1907 3 331405, am 1. Juli 1909 — 3 887 834, DaS ergibt eine Zunahme von 1,09 Proz. In der gleichen Zeit stieg die Zahl der weiblichen Mitglieder von 140 993 auf 152 257 oder um 10,79 Proz. Die Berichterstattung der Betriebs- lassen beleuchtet wieder eine für die Metallindustrie charakteristische EntWickelung durch folgende Mitglicderzahlen: 1907 1909 Sämtliche Gewerbegruppen 983 086, männlich 990022 233 217, weiblich 243 853 Eisen-, Maschinen-, f l 407 472, männlich 401 319 Ekektrizitätsindustrie J'* 1 27 669, weiblich 33 410 Eine ganz enorme Differenz im EntwickelungSverhültnis der männlichen und weiblichen Arbeitskraft beweisen die Berichte der Krankenkassen, und sind aus den Angaben der Betriebskassen deS weiteren ersichtlich. In den letzten zwei Jahren steht der Zunahme der männlichen Arbeitskrast um 1,69 Prozent eine Vermehrung der weiblichen Arbeitskrast um 10,79 Prozent gegenüber. Angesichts der gewaltigen Heranziehung billigerer und willigerer AusbeutungS- öbjekte, was gewissermaßen als ein Trumpf der kapitalistischen Ent- Wicklung angesprochen werden kann, loird auch unter den Arbeite- rinnen daS Gefühl der Solidarität mehr und mehr erwachen, und so werden sie in die gewerkschaftliche Organisation in immer größerem Umfange hineingedrängt werden. Leseabende. Mariendorf. Freitag, den 10. d. M., abends 8 Uhr, bei LuraS. Königstr. 14. Besonderer Umstände halber findet unser dies- maliger Leseabend bei Lucas statt. Gerichts-Leitung. Zu der Notiz„Dienstbotenclend" in Nr. 201 vom 29. August des„Vorwärts" schickt uns Dr. Blum eine Berichtigung, welche die von uns gegebene Darstellung des Falles noch ungünstiger für Dr. Blum gestaltet. Seine Berichtigung lautet dahin:„Nicht i ch wohne bei meinem Vater, sondern mein Vater wohnt bei mir." und ferner:„Fräulein Dirks ist von mir nicht, als sie bei mir Dien st mädchen war, ärztlich behandelt worden, sondern als sie die Stellung bei mir, angeblich um sich zu verheiraten, längst verlassen hatte. Dann drängt sich doch sofort die Frage auf:„Warum hat das Mädchen ihren Lohn nicht erhalten, als sie die Stellung verlassen hatte? Warum mußte sie erst der Lohnforderung wegen klagen? Und was die Wohnungs- Verhältnisse angettifft, ob der Sohn beim Vateroderder Vater beimSohn wohnt, so ist dazu zu bemerken, daß es sich nur darum handelt, wer das Mädchen für den Dienst engagiert habe. Und darüber war die Zeugenaussage von Dr. Blum sehr u n- sicher, die Vermieterin wußte nichts davon, daß Blum junior und nicht Blum senior der Dienstherr sei. Das ScnsationSdrama, das sich Ende borigen Jahres vor den Schranken des Reichsgerichts abgespielt hat, hat in dem nunmehr beendeten Strafverfahren seinen Ausklang gefunden. Wie erinnerlich sein wird, war im November vorigen Jahres der stellungslose Kaustnann Oswald Grosser vor dem Reichsgericht in einem mit seinen Geschwistern seit Jahren ge- führten Prozeß erschienen, um dessen Ausgang abzuwarten. Obwohl er bestimmt auf eine glückliche Wendung deS bis dahin in allen Phasen zu seinen Ungunsten entschiedenen Prozesses zu rechnen schien, hatte er für den Fall, daß mit der Zurückverweisung seiner Revision alle seine Hoffnungen begraben würden, zwei Revolver mit nach Leipzig genommen, um sich und seine Frau zu erschießen. Als der Präsident des Reichsgerichts nach der Beratung wieder mit allen Richtern im Gerichtssaal erschien, um daS von Grosser befürchtete Urteil, das seine Revision zurück- wies, zu verlünden, feuerte, wie seinerzeit berichtet wurde. Grosser mehrere Schüsse auf die Richter ab. Ein Reichs- gerichlsrat wurde nicht unerheblich verwundet, der als Gerichts- schreiber fungierende Kanzleirat aber sank, tödlich getroffen, vom Stuhl und hauchte auf der Stelle sein Leben aus. Grosser selbst wurde unter dem dringenden Verdacht des Mordes verhaftet. In dem hierauf eröffneten Untersuchungsverfahren stellte Medizinalrat Dr. Thümmler den Antrag. Grosser auf seinen Geisteszustand in einer öffentlichen Irrenanstalt zu untersuchen, da verschiedene Verdachtsmomente für seine geistige Unzurechnungsfähigkeit zu sprechen schienen. Grosser würde auf Beschluß der Straf« kammer der Anstalt Sonnenstcin zur Beobachtung über- wiesen. Gcheimrat Weber begutachtete, daß Grosser zwar in der Aufregung gehandelt habe, aber nach dem bisherigen Aktenmaterial nicht als unzurechnungsfähig anzusehen wäre. Der Staatsanwalt erhob sodann nach Schluß der Voruntersuchung die Anklage auf vorsätzliche Tötung. Grosser erhielt diese Anklage mit einer Erklämngsfrist von drei Tagen im Gefängnis zugestellt. Sein Verteidiger erreichte in einer Beschwerde eine Verlängerung der Er- klärungsfrist,' da die gewährte Frist von drei Tagen zu einer sorg- samen Bearbeitung deS in fünfmonatiger Untersuchung gesammelten Belastungsmaterials nicht ausreichend wäre,- und reichte weiteres Material ein. Die Strafkammer entsprach diesen An- trägen und überwies nach Aufnahme der von dem Verteidiger angebotenen weiteren Beweise die Sache nochmals zur Prüfung dem Geheimrat Weber. Dieser gab nunmehr sein Gutachten dahin ab, daß Grosser wahrscheinlich zur Zeit der Tat unzurechnungsfähig ge- Wesen ist und hielt dieses Gutachten nach Aufklärung einiger schein- baren Widersprüche anstecht. Hierauf stellte der Anwalt des Grosser unter Hinweis auf eine in Band 21 enthaltene Entscheidung deS Reichsgerichts, die für die schwebende Frage von grundsätzlicher Be- deutung ist, den Antrag: den Angeklagten außer Verfolgung zu setzen. Die Strafkammer hat jetzt diesem Antrage entsprochen und Grosser ist aus der Haft entlassen worden. Unterschlagungen in Höhe von zirka 27 000 M. führten gestern den 26jährigen Buchhalter Robert Dunkelmann vor die 4. Fericnstraskammer des Landgerichts I. Der Angeklagte ist schon einmal im Jahre 1905 wegen Diebstahls zu einer längeren Gefängnisstrafe verurteilt worden. Er erhielt beider hiesigen Filiale einer ausländischen Maschinenfabrik eine Anstellung als Buchhalter und schwang sich zu einem Vertrauensposten empor, in welchem täglich große Geldsummen durch seine Hände gingen. Durch falsche Buchungen verstand es der Angeklagte nun in der kurzen Zeit von Dreiviertel- jähren sich die Summe von etwa 27 000 M. anzueignen, die er zum großen Teil auf den Rennbahnen ausgab.— Das Gericht verurteilte ihn mit Rücksicht auf den groben Vertrauensbruch dem Antrage des Staatsanwalts gemäß zu zwei Jahren Gefängnis und drei Jahren Ehrverlust. HERMANN UETZ ALEXANDERPLATZ LEIPZIGER STRASSE Soweit Vorrat: FRANKFURTER ALLEE 1 Waggon italienische Pfirsiche Pfund 19 pf. Original-Korb. Pfund 17 Pf. Prima blaue Pflaumen....5 Pfund 30 pf Pa. Werdersche Tomaten 5 Pfund 40 pe Italienische Tafeläpfel.-5 Pfund 65pf. Grosse Kochäpfel........ 5 Pfund 55pf. T afelbirnen saiander........ s Pfund 70p«. Aw-O'.i. Grosse Kochblrnen 5 Pfund 45 t Waggon Prima Weintrauben Kiste ca. SVj Pfund 1 30 Junge Gänse Pfd. 53 Pfennige, Pfennige. Ragout Prima Hirschwild 35«. Blatt Keule 65 Pf. 90 Pf, Rücken 100 Oeffenfliche Heute Treitag, 10. September, s. abends Landtags- Wahlbezirk. Sanssouci, Kottlichr Sit. 6. 8. Landtags- Wahlbezirk. Keller Koppeilstr. 29. s Ubr: ?. Landtags- Wahlbezirk. PriilHtslilede-Gjlciis.Franlif.AllllMSZ. 1. 12. Landtags- Wahlbezirk. NriiWle Nordwest, Miclefstr. 24. Tages-Ordnung: Die bevorstehenden Landtagswahlen. Referenten: Die Kandidaten der Kreise Kol�knaan, Heimann, Hirsch, Ad. Hoffmann. 2. Freie Diskussion. Jedermann ist freundlichst eingeladen. Um rege Agitation ersuchen Die sozialdemokratischen Wahlkomitees. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die reichen Kranz- spenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes Otto Hilnse sagen wir allen Beteiligten unseren herzlichsten Dand 13ä3b Die trauernden Hinterbliebenen für Nowawes und Umgegend. Am Dienstag, den S8. d. Bd abends 8'/, Uhr, findet im Restaurant von Singer, Nowawes» Priester stratze 31, eine Außerordentliche General-Versammlung statt, zu welcher die Mitglieder der selben hiermit ergebenst eingeladen werden. 277/3 TageZ- Ordnung: 1. Bericht vom Krankenlassen kongreh in Bremen. 2. Statuten änderung. Anderweitige Festsetzung des durchschnittlichen Tagelohnes. 3. Antrag der Acrzte aus Bezahlung von Extraleistungen. 4. Verschiedenes. Anträge zu der Generaiversamm- lung sind bis zum 17. d. M. bei dem Vorsitzenden einzureichen. Oer Vorstand. gez. Otto H o s s m a n n. Ji'Iiiie!' irbeiler- Raiilalirer-lerein" Mitglied des Arbeiter» Radsahrer-Bunde» »Solidarität-. Touren zum Sonntag, 12. September. 1. Abt. 7 Uhr: Prenden. 1 Uhr: Zepernick. 2. Abt. VI, Uhr: Mühlen 2. Abt. 6 Uhr: Zehdenick(Kadler). ---- ibeck(Baei'" (Baersch). 3. Abt. 7 Uhr: Velten(Räd-ke, Bahnstraße 3). 1 Uhr: Hackenfelde (Volksgartcn). 4. Abt.'Iß Uhr: Liebenwalde. 1 Uhr: Schönwalde(Schulze). 5. Abt. 6 Uhr: Zossen- Trebbin lerrcntourj. 7 Uhr: RüdcrSdors. 1 Uhr: Fichtenau. 6. Stbt. 6 Uhr: WolterSdorser Schleuse(Palm). 1 Uhr: Friedrichs- Hägen(Bchrend). 7. Abt. 6 Uhr: Teupitz(Teupitzer Idyll). 1 Uhr: Hirschgarten. 8. Abt.'Iß Uhr: Kloster Chorin. Uhr: Bernau(Elhsium). 10. Abt. 7 Uhr: Glienicke(Schnitzel. jagd). 11/17 Start an den bekannten Stellen. Fahrrad-HauS„frisch auf", Walter Wlttlg& Co., Hauptgcsch.: 8eriintt.3I,Brnnncnstr.3S Filiale: Kottbuser Str. 3, empfiehlt»Frisch auf-- Fahrräder owie sämtl. Radfahrer-Bedarfsartikel. Reparatur- Wertstatt mit«Irl. irischem Kraflbetricb._ 106/3* Lexika Z? kauft Bücher, Bibliotheken üanncmanns Buchhandlung, Berlin, FriedrichstraBe 208. htuo« Bureau: Engeluser 16. Zimmer 53. Zweigverein Berlin. Telephon Amt IV 4093. Sektion der Putzer. Zonutaft, den 158. September er., vormittags XV Uhr. in den„Neuen Arminhallen". Koiumandautenstraße 58/59(großer Saal): Mitgliederversammlung."MZ TageS-Ordnung: 1. Bericht von der Bantenkontrolle und was lehrt UNS dieselbe? 2. Wahl eines zweiten Kassierers. 3. Verschiedenes. Mitgliedsbncli icgitiroiert. OJmo dasselbe kein Zutritt. Um zahlreiches und pünktliches Erscheinen ersucht ll34/17*I I.«.: X!. Schulze. -7— WZ__ V Am Mittwoch, den IS. September, abends s Uhr. finden für Groft. a Berlin die Ileairkssltxungen statt. Da ein Antrag aus� HauS- kas'ierung zur Vorberawng aus Tagesordnung steht, wird ersucht, daß die Kollegen vollzählig vertreten find. D. O. ; Bekanntmachttug. Den freiwilligen Mitgliedern wird hierdurch zur Kenntnis gebracht, daß die Beiträge vo» heute ab inner- baib der statutarischen Frist von zwei Wochen täglich am Schalter ringe- zahlt werden tönncn. 277/10 Rixdorf, den 6. Septemder 1303. Llllgcm. OrtSkrankenkasse für Rixdorf. Der Kassenvorstand. & Zicliung 20.— 23. Sept. 09.1 1142b* ii/f Lose 2 M.! Porto und Liste 80 Pfg, 8943 Goveinne Mk. Lose überall zu haben sowie bei Ein- ondVerkaiilsgeselisciialt Dentselier Losgewerlie- treibeoder G. m. b. B. Berlin C. 25, Oircksenstr. 45. ■leri r Zwo.levereln Berlin. Achtung! Backofen-Maurer. Achtung; Freitag, den 10. September, abends 8'/s Uhr: aller an Backöfen beschäftigten Maurer. Tages-Ordnung: 1. Stellungnahme zu denjenigen Arbeltgebern, welche den Tarifvertrag noch nicht anerkannt haben. 2. Verschiedenes. 133/6* Oer Vorstand. Ehrenpflicht eines jeden BackofcnmaurerS ist es, daß er bestimmt und piinlilich in dieser Versammlung erscheint. D. O. JiiglÄMsM fir GrH-Kkrli«. Sonntag, den IS. September, abends 7 Uhr, in den Zlruiinyallcn, Kommandantcnfiraße 68: M Große Jugend-Versammlung, Vortrag dcS ArbeitersclrctärS B. Bissel über: „Entwickelnngstendenzen der modernen Technik." Stach dem Vortrag: Gesellige Uutcrbaltang. Alle Lehrlinge, jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen sind zu dieser Versammlung freundlichst eingeladen. 283/8* Hl*. Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzensir. 41,»SÄ, 10—2, 5—7. Sonntags 10— 12, 2—4. Isc er nlr Arbeitsnachweis: Hof I. Amt 3, 1239, Berwaltnngüftelle Berlin. Hauptbureau: LharitbstraSe 3. Hos IN. Amt 3, 1987. Sonntag, de» IS. September, vorm. 10 Uhr, im Englischen Garten, Alexanderstr. 27e: Branchen- Vcrfaminlimg aller in der Metallindnstrie beschöstigtea Maschineuarbetter nud Arbetttrillnea. Tagesordnung: 1. Bortrag de? Kollegen Wuschick über»Kirche und Arbeiter bewegnng*. 2. DtSkusfion. 3. Bericht über die Konferenz in Franlsurt a. M. 4. Diskussion. 5. Verbands« und Branchen� angelegenheiten. 122/11 Zahlreichen Besuch erwartet Ble Ortsverwaltnng. Heute Freitag, abdS. 3'/z Uhr, im GewcrkschaftShause, Engclufcr 14/15, Saal 4 sArbeitSlosensaal): Sät-ung ckvi' Sonntag» den IS. September, vormittags iv Uhr: SezirkLverssmmwKgen üsr§w8size? in folgenden Lokalen: 1. Mlerhorrshl, Andrcasstr. 28. N. Schilds, Kopenhagener Str.74. III. ISilller, Drcdowstr. 11. IV. Prell, Nosciistr. 24, Nixdorj. V. Wlemcr, Bülowstr. 53. VI. Mix, Skalitzer Str. 59. VII. Volkshans, Rosinenstr. 3, Charlottenburg. VIII. Molacr, Wiescnstr. 29. _ 89/5 Branche der lilufiliinftrumentenacheiter. Montag, den 13. September, abends S'h Uhr: Mitglieder- Versammlimg für alle in der Nlauoultltiamklttdujlrie lieschiistigten ptrsoneu im Gewerkschaftshanse, Engelnfer Rr. 15, Saal S. TageS-Ordnung: 1. Die gegenwärtigen Verhältnisse in der Berliner Piano- mechanikindustrie und die Organisation der Mechanikarbeiter. 2. Verbandsangelegenheiten. Bei der wichtigen Tagesordnung ist daS Erscheinen sämtlicher Verbands- kollcgen und Kolleginnen der Pianomechanikbranche dringend ersorderlich. Mitgliedsbuch legitimiert......... l>ie Branchcnlcitang. fi k Erfindung, aie an Einfachheit Alles — In den Schatten stellt.—_ Potentin in fast allen KuUurstaaten. Bol vielen Universitatspro/essoren und Frauenaorzten im eignen Gebrauche. Chcm. Fabr.„(laiiovla" Wicsbacteo 225. f.i Tischler-Verein.® H-»»• Sonnabend, den 11. September, avendS 8'/, Uhr, Mclchiorstr. 15 KVcrfammlung gel« genheiten. Sonntag, 12. September: Herrenbartie n> Birkenwerder. Absahrt früh 7,40 Stettiner Bahnhof. nach vor Vorstund. SozisidemokratischerVaiiifereiii des 6, Herl. Reiebstags- Wahlkreises. Todes• Anzeige. Am Dienstag, den 7. September, verstarb unser Mitglied, der Arbeiter Robert AHwardt Hochmeisterstraße 22. Ehre seinem Audenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 11. September, nachmittags 5 Uhr, von der Leichen- halle des Gethsemane-Zdirchhoses in Nordend aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 230/13 vor Vorstand. Mainj der Siieli- oml iStßinilriiekerei-llillsai'lieiterü/? Äriieiterliinen Dsutsebiamls. OrtsvcrrvaUnng Ucrlin. Am 7. September, mittags 12 Uhr, starb im noch nicht voll- endeten 32. Lebensjahre nach langem schweren Leiden unser Kollege, der Rotationsarbeiter Robert AUwsrdt an der Proletarierkrankheit. Ein ehrendes Andenken bewahrt dem Verstorbenen s27� Bio Ortsverwaltung Berlin. Die Beerdigung findet am Sonnabendnachmittag 5 Uhr auf den: Gethsemane. Kirchhos in Nieder» �-chönhausen(Nordend) statt. SozialileinokratisEherWäMferelii des 8. Bert. Reichslags-ffalilkreises. Todes- Anzeige. Am 7. September verstarb unser Mitglied, der Reslaurateur Paul paukopk Putbuserstr. 56. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet heute. Freitag, den 10. September 1809, nachmittags 4'/, Uhr, von der Leichenhalle(des Friedcns-Kirch- Hosts in Nordend aus statt. Um rege Beteiligung ersucht ...... Vors 230/12 l>er Vorstand. Sozlaltakratiseher Verein für den |6.BerlinerIleic!istägswa]ilkreis. Todes- Anzeige. Am 7. September verstarb unser | Mitglied, der Schlosser Ludolf kecker Schwedter Str. 23. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Freitag, den 10. September, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- balle des Zions-Kirchhoses in Nordend aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 230/11 Der Vorstand. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todea-Anzeige. Den Kollcgen und Kolleginnen zur Nachricht, daß unser Mitglied, die Arbeiterin Helene Krögler am 7. d. M. an Lungenleiden gc- starben ist. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 10. September, nachmittags 5'/, Uhr, von der Leichenhalle des Nirdorser Ge- meinde-FriedhoseS, Mariendorstr Weg aus statt. Stege Beteiligung erwartet 122/12 Oic Ortsverwaltung. Deutscher Bolzarbeiter-Yerbanöl Nachruf. Am 6. September starb unser Kollege, der Vcrgoldcr tluxo LüHnHotz. Ehre seinem Audcuken! 83/6 Oic Ortsverwaltung. Danksagung. Hierdurch sagen wir allen Kollcgen der Turbinen- Fabrik, die meinem Manne, unserem Vater die letzte Ehre erwiest» haben, unseren verbindlichsten Dank. 1352& Die Hinterbliebenen Frau Miisk« nebst Kinde ru. Danksagung. Für die vielen Bewciie herzlicher Teilnahme und die zahlreichen Kranz- spenden bei der Beerdigung meines lieben Sohnes Herrn. Sehlcko sage ich allen Verwandten, Freunden und Bekannten, sowie den Kollegen und dem Personal der Firma I. Sa- lomoniS, der Firma Werner Nachsg., dem Zentralverband der Glasarbeiter u. Arbeiterinnen Deutschl.(Zahlstelle Berlin), sowie den Sängern meinen innigsten Dank. 1354b Wwe. Anna Schicke. Kxrantwortlicher Redakteur: Emil Unger, Berlin. Für den Lnseratcnteilvcranj».: TH.Glo'ckc, Bcllin. Trucku.B»Iag: Vorwärts Puchdruckerei v, VerlagsgnMt PMl Zwger sc Co« Kerlm SV. iir.211. 26. WM, Z. Keilllge des Lomilrts" Kttlilttt DoldslllM. M.S.W.Z.MW.W. Landtagswahlen! Auf die heute abend 8 Uhr stattfindenden V e r s a m m- lungen machen wir besonders aufmerksam und bitten für regen Besuch zu wirken. 5. Landtagswahlbezirk: „Sanssouci", Kottbuscr Straße 6. 6. Landtagswahlbczirk: Kellers Festsäle(Jnh. Freyer), Koppenstraße 29. 7. Landtagswahlbezirk: Prachtsäle des Ostens, Frankstirter Allee 151/152. 12. Landtagswahlbczirk: Prachtsäle Nordwest, Wiclefstraße 24. Tagesordnung:„Die bevorstehenden Landtagswahlen". Referenten: die Genossen Borgniann, Heimaim, Hirsch und Adolf Hoffmnn«._ Die Wahlkomitees. Partei- Angelegenheiten. Britz-Bnifow. Zu der am Sonntag, den 12. September, nach- mittags 2 Uhr, stattfindenden Sondervorstellung in der Urania: „Messina" sind Billetts zu haben im Käufervercin Britz, Werder- strasze 33. Der Preis(inkl. Garderobe) beträgt 60 Pf. Der Vorstand. Stralau. Dienstag, den 14. d. M., abends 8 Uhr, findet in den Markgrafensälen, Markgrafendamm 34. eine Volksversammlung statt. Tagesordnung: 1.„Die Ausplünderung des Volkes durch die neuen Steuern". Referent: Parteisekretär Nud. B ü h l e r. 2. Diskussion. Parteigenossen und Genossinnen, agitiert für Massenbesuch, besonders unter den Frauen. Sonntag, den 12. d. M., früh 8 Uhr, Handzettelverbreitung zu dieser Versammlung in allen Bezirken. Die Bezirksleitung. Zossen. Parteigenossen! Versammelt Euch am Sonntag, vormittags 8 Uhr, im Lokale des Genossen P. Kurzner zwecks Agitation unter den dem Wahlverein noch fernstehenden Gewerkschafts« Mitgliedern. Der Vorstand. Bezirk WaidmannSlust. Sonntag, den 12. September, nach- mittags 4 Uhr, findet bei Bergemann in Stolpe die Mitglieder- Versammlung des Wahlvereins für schntliche Orte des Bezirks statt. Tagesordnung: 1. Vortrag des Genossen Ucko über das Thema »Kirche und Schule". 2, Vereinsangelegenheiten. _ Die Bezirksleitung. Berliner JVaebriebten. Die Sparkasse der Stadt Berlin hat ein paar schlimme Jahre hinter sich. Im letztvergangenen Rechnungsjahr 1908/69(vom 1. April 1968 bis zum 31. März 1969 reichend) sind zwar die ersten Anzeichen einer wiedcrbcginnenden Besserung bemerkbar geworden, aber günstig ist das Ergebnis noch lange nicht zu nennen. Gegenüber dem' vorhergehenden Rechnungs- jähr 1967/63 haben die Einzahlungen sich gemehrt, aber noch immer blieb die Summe der Einzahlungen be- tilächtlich unter der Summe der Nachzahlungen. In 1968/69(bezw. in 1967/68) wurden eingezahlt 64 166 463 M. (SS 924 460 M.) und zurückgezahlt 70 66S 637 M.(77 618 97S M.), so daß sich ein Nückzahlungs-Mehr von S 893 679 M.(21 694 S7S M.) ergab. Es haben die Einzahlungen sich um 3 182 668 M. erhöht, gleichzeitig die Rückzahlungen sich um 7 613 888 M. ermäßigt, mit- hin ist die Differenz zwischen Einzahlungen und Rückzahlungen um IS 79S 896 M. heruntergegangen. Das bedeutet für das letzte Jahr ein erheblich weniger un- günstiges Ergebnis als für das vorletzte. Man mutz hier aber be- rücksichtigen, daß frühere Jahre fast regelmäßig ein Mehr an Ein- Zahlungen gebracht hatten und daß z. B. in 196S/66 schon 63 Mil- lionen Mark Einzahlungen gegenüber nur S9l4 Millionen Mark Rückzahlungen gebucht wurden. Da fehlt denn doch noch sehr viel daran, dah bereits von einer Wiederkehr des normalen ZustandeS der Sparkasse geredet werden dürfte. Es wäre auch falsch, aus der beginnenden Besserung deS Ergebnisses der Berliner Sparkasse sogleich den Schluß zu ziehen, daß für das Gros der Be- völkerung Berlins— und insbesondere für die Arbeiter» bevölkerung— die ErwerbSverhältnisse sich bereits wieder nennenswert gebessert hätten. In den letzten Jahren hatten die- jenigen Sparer, die man schon mehr als„kleine Kapita» listen" bezeichnen kann, ihre Gelder aus der Sparkasse heraus- gezogen und sie den Banken übergeben, weil diese höheren ZinS zahlten. DaS war eine Hauptursache der Verringerung des Spar- kassenverkehrs gewesen. Jetzt kehren viele zur Sparkasse zurück. weil die Banken heute nicht mehr so hohen Zins hergeben, daß es sehr verlockend scheinen könnte, Ersparnisse bei ihnen anzulegen. Beachtung verdient auch die Zahl der Sparer— oder vielmehr der Sparbücher; denn es fehlt sicherlich nicht an Sparern, die zwei und mehr Sparbücher ihr eigen nennen. Die Gesamtzahl der Sparbücher war schon in 1967/68 heruntergegangen, von 822 7SS auf 866 981, also um 21 774. Hier ist auch in 1968/69 die Ab- wärtSbewegung noch nicht zum Stillstand gekommen, vielmehr haben die Sparbücher sich weiter auf 732 634 vermindert. noch um 18 347. Dagegen hat das gesamte Guthaben der Sparer, das in 1967/63 gleichfalls eine Minderung— von 327% Millionen Mark auf 314% Millionen Mark— aufgewiesen hatte, diesmal sich wieder gemehrt, um etwa 2% Millionen Mark auf jetzt 317 Millionen Mark. Trotz deS oben angegebenen Rückzahlungs-Mehrs von annähernd 6 Millionen Mark ist diese Guthaben-Mehrung möglich geworden, weil dem Guthaben der Sparer bei dem Jahresabschluß 8 616 623 M. Zinsen zugeschlagen werden konnten. In früheren Jahren war freilich zu ähnlich hohen Zinszuschlägen noch das damalige Einzahlungs-Mchr ge- kommen, so daß das gesamte Guthaben z. B. in 196S/66 um fast 12% Millionen, in 1964/05 sogar um 15 Millionen wuchs. Militär oder Arbeitslose. Auf dem„Flugplatz Berlin-Johannisthal' werden zurzeit zirka 1660 Morgen Wald niedergeschlagen, die Stubben ausgerodet, das Terrain eingeebnet und für die Flugbahn hergerichtet. Bei diesen Arbeiten werden annähernd 160 Arbeiter im Akkord beschäftigt. Der höchste Arbeitsverdienst beträgt bei neunstündiger Arbeitszeit für ein Paar gut eingearbeitete Arbeiter je 4,50 M. pro Tag. Die Fürsorge für die Arveiter ist eine ganz mangelhafte, denn auf dem ganzen Arbeitsplatz gibt es z. B. kein Wasser; wer solches haben will, muß nach dem 26 Minuten entfernten Johannisthal auf fremde Gehöfte gehen und dort Wasser erbetteln. 46 Minuten hin und zurück nach einem Trunk Wasser, was spielt dies für die Unternehmer für eine Rolle; keine, denn die Arbeiter arbeiten ja im Akkord, es kostet ihre Zeit, die Verwaltung hat keinen Schaden � davon. Jetzt soll nun plötzlich, wie es heißt, der Platz aus irgend- welchen Gründen bis 26. September fertig werden. Anstatt nun eine große Zahl aus der Armee der Arbeitslosen heranzuziehen, holt mau sich 156 Vaterlandsverteidiger in Gestalt zweier Komgagnien Pioniere, die gleich ihr Handwerkszeug, das ans den Mitteln der Steuerzahler bestritten wird, mitbringen und die auch gleich nachts auf dem Arbeitsplatz kampieren. Offiziere, Feldwebel und Unteroffiziere führen dabei die Aufsicht. Weiß die Militärbehörde von diesem Vorgang? Welche Instanz hat die Erlaubnis dazu gegeben, daß aktive Mannschaften zu solchen privaten Dienstleistungen kommandiert werden? Eine private An- gelegenheit ist es auch dann, wenn auch das Unternehmen von einem Major(v. Hüllesein) und einem Grafen Glitzing geleitet wird. Zwar wird es den betreffenden Herren leichter geworden sein, Militär zu requirieren, als anderen Sterblichen, indes auch sie sind dych nur Privatunternehmer, und die Militär- Verwaltung sollte sich scheuen, mit Rücksicht auf die Tausende von Arbeitslosen auch solchen Privatunternehmern zu Hilfe zu kommen, die sich mit Leichtigkeit genügend Arbeitskräfte zur Durch- sührung ihres Unternehmen» verschaffen können. Man komme nicht mit der Eintvendung, daß es sich hier auch u>n eine militärische Uebung handelt, davon kann gar keine Rede sein, es muß vielmehr im Interesse des Dienstes sowohl als im Interesse der brotlos herumirrenden Arbeitslosen gefordert werden, daß das Militär sofort zurückgezogen tvird. Es ist nnbegreiflich, daß dieselbe Militärverwaltung, die immer be- hauptet, eine Verkürzung der Dienstzeit sei nicht möglich, da sonst keine genügende Zeit zur Ausbildung der Mannschaften zur Ver- fügung stünde, ruhig zusieht, wie Mannschaften gezivungen werden, Arbeiten zu leisten, die mit dem eigentlichen Dienst nichts zu tun haben, und damit hungernden Arbeitern daS Brot wegnehmen. Der neue Herr Kriegsminister hat hier Gelegenheit zu zeigen, ob er Verständnis für die Not de» Volkes hat, auch dann, wenn hohe Militärs dadurch in ihren privaten Interessen geschädigt werden. Die Bestattung der verstorbenen Genossin Pauline Stäge- mann fand gestern unter überaus zahlreicher Beteiligung, be- sonders der Genossinnen, auf dem Friedhofe der Stadtgemeinde Verlin in Friedrichsfclde statt. Nachdem ein Freund der Familie in schlichten, von Herzen kommenden Worten der Entschlafenen als Gattin, Mutter und Freundin gedacht, legte Genossin Ottilie V a a d e r den Dankes- kränz der Frauen Deutschlands nieder, in tief empfundener Rede der organisatorischen Tätigkeit, dem regen Eifer und Pflichtgefühl der Heim- gegangenen gedenkend. Genossin Baader pries besonders das un- ermüdliche Interesse, welches die Geschiedene sich bis ins höchste Alter für die Emanzipationsbestrebungen des Proletariats bewahrt hatte, und stellte die Heimgegangene als leuchtendes Vorbild für Alt und Jung hin. Der Verband der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins und Umgegend, der Verein für Frauen und Mädchen, die gewerkschaftlich organisierten Frauen, der Wahlverein des fünften Kreises und viele, viele andere waren gleichfalls mit Kränzen lind Blumenspenden zur Stelle, der Toten ihre Liebe und Verehrung zollend. Mit dem stimmungsvollen Chorliede Goethes„Ueber allen Wipfeln ist Ruh" schloß die Feierlichkeit. Dann lvurde der Sarg aufgehoben und wiederum deckte die kühle Erde eine der Vor- lämpferinnen des Proletariats, eine der ersten, welche die Organi- sation der Frauen propagiert und in praktische Wirksamkeit umzu- setzen versuchten. Ehre ihrem Andenken!_ Ans der Heimstättenverwaltung. Gelegentlich der Etatsberatung hatten unsere Genossen wieder- holt auf einen Uebelstand hingewiesen, der in den Heimstätten für Genesende Blankenburg, Upstall und Heinersdorf die Kranken zwingt, bei ihrem Eintritt in die Heimstätte, r sich mit aus- reichender Kleidung sowie mit Leibwäsche zu versehen. Nach der Hausordnung der Heimstätten für Bru st kranke erhalten hier die Pfleglinge Bekleidung und Leibwäsche von der Verwaltung geliefert. Die Aerzte klagten häufig, daß vielfach die elenden, heruntergekommenen Kranken mit schmutziger, zerrissener Kleidung dort erscheinen. Da keine Anstaltskleidung geliefert wird, ver- schwinden Hautkrankheiten als Folge von Unsauberkeit überhaupt nicht. Einer Anregung des Genossen Dr. Wehl entsprechend hat nunmehr das Kuratorium der Heimstätten in seiner letzten Sitzung beschlossen, auch die Heimstätten für Genesende mit Wäsche und Kleidungsstücken auszustatten._ Der Vau der neuen Brücke für die städtische Straßenbahn über den Hafen am Tempelhofer Ufer macht auch eine Höherlegung des letztgenannten Straßenzuges erforderlich. Jetzt sind die Vorarbeiten hierzu in Angriff genommen und gleichzeitig wird damit eine Ver- breiterung des Fahrdammcs des Tempelhofer Ufers vorgenommen, indem die Bllrgersteige um zwei Meter zurückgelegt werden. Diese Verbreiterung des Fahrweges ist bei dem außerordentlich starken Verkehr nach dem Potsdamer Güterbahnhof schon längst als eine dringende Notwendigkeit empfunden worden. Durch die Hochlegung des StraßenzugeS wird auch die Steigung nach der Schöneberger resp. Königin-Augusta-Vrücke beseitigt. Bummelei in der Stcucrverwaltung. Der Geschäftsgang in unserer Steuerverwaltung ist ein recht langsamer. DaS merken vor allen Dingen diejenigen Leute, die um Stundung oder Erlaß von Steuern infolge schlechter wirtschaftlicher Verhältnisse einkommen. Ehe sie Antwort erhalten, ist oft schon der Vollziehungsbeamte in der Wohnung gewesen, um zu pfänden. Ein grelles Schlaglicht auf die Zustände in dieser Verwaltnng wirft ein Fall, der uns dieser Tage berichtet wurde. Im Hause Stallschreibcr- straße 4 bei den Eltern wohnte ein junger Mann namens Erich G., der im Dezember vergangenen Jahres starb. Der Tod deS jungen Mannes wurde pflichtschuldigst beim Standesamt und bei der Polizei gemeldet und muß auch von der Polizei der Steuerverwaltung mitgeteilt worden fein, da die letztere doch nicht gut Tote zur Steuer heranziehen kann. Nichts- dcstowcnigcr erschien im Februar bei den Eltern des verstorbenen dreiundzwanzigjäbrigen jungen MaimeS der Steuererheber mit der Stcucrqnittung, die aber im Hinblick auf den erfolgten Tod des Steuerzahlers zurückgewiesen wurde. Dann kam der Mahn» zettel und schließlich ein VollzichungSbeamter, der sich nach dem Nachlasse des Verstorbenen erkundigte, jedenfalls um ihn zu pfänden. Das Bemühen war vergebens. Nach einigen Monaten kam wieder der Steuererhcbcr, um die Steuer fürs nächste Ouartal einzuziehen, und wieder mußten die Eltern mitteilen, daß der Steuerzahler längst begraben sei. Inzwischen war auch die Steuerveranlagung fürs neue Jahr eingelaufen, welche aber nicht angenommen wurde unter dem Hinweis, daß Adressat verstorben sei. Am 7. September, also zirka dreiviertel Jahre nach dem Tode des jungen G. kam nun auch die Kirche mit der Ver- anlagung zur Kirchensteuer. Luch die Annahme dieser Ver- anlagung wurde verweigert. Abgesehen davon, daß durch diese Belästigungen in den Eltern deS Verstorbenen immer wieder schmerz- liche Erinnerungen wachgerufen werden, muß man sich doch über die geschäftliche Erledigung von Steuerangelegenheiten die sonder- barsten Gedanken machen. Bekanntlich befinden sich viele Personen deshalb nicht in der Wählerliste zur Stadtverordnctcnwnhl, weil sie angeblich Steuerrestanten sind. Wenn etwa die Langsamkeit des Meldesystems in unseren Steuerbureaus auch so geübt wird, wie im vorliegenden Falle, muß man den Angaben des Wahlbureaus mit schweren Zweifeln begegnen._ Eine Heldentat. An der Ecke der Rosenthaler und Neuen Schönhauser Straße stieß gestern ein jugendlicher Radfahrer, ein Arbeilsbursche im Alter von 18 Jahren, mit einem feingekleideten Herrn derart zusammen, daß beide stürzten. Wen die Schuld traf, ließ sich�im dortigen Verkehrsgewühl nicht bemerken. Ehe noch der halbhetänbte Radfahrer sich erheben konnte, stürzte sich der elegante Herr auf den jungen Menschen und schlug aus dessen Kopf seinen Spazierstock kurz und klein. Er konnte schließlich von anderen Personen, die über diese Roheit empört waren, nur mit Mühe von weiteren Tätlichkeiten abgehatten werden. Ein Schutzmann stellte die Personalien des eleganten Rohlings fest, der hoffentlich cnt- sprechend bestraft wird. Ausnahmsweise kam der Schutzmann so schnell, daß der Straßenheld die ihm vom Publikum zugedachte „Reinigung" nicht mehr einstecken konnte. Eine lebende Fcuersäule. Ein schreckliches Brandunglück hat sich gestern morgen in der Alten Jakobstraße zugetragen. Die 37 Jahre alte Ehefrau Pauline Usna, Alte Jakobstr. 6 wohnhaft, hatte beim Feueranzünden eine Flasche Spiritus benutzt. In dem Augenblick, als sie die Flasche an die Ofentür heranbrachte und unvorsichtiger- weise auf die glimmenden Funken Spiritus aufgießen wollte, schlug eine Flamme aus dem Ofen und traf die Flasche, die im nächsten Moment explodierte. In wenigen Sekunden stand Frau U. in hellen Flammen. Lichterloh brennend eilte die Bedauernswerte auf den Korridor und schrie um Hilfe. Mehrere herbeieilende Nachbarn erstickten die Flammen durch Umwerfen von Tüchern und Decken. Inzwischen hatte Frau U. aber am ganzen Körper und im Gesicht so schwere Brandwunden erlitten, daß sie in völlig hoffnungslosem Zustande in das Krankenhaus am Urban eingeliefert werden mußte. Die Kleider waren ihr vollständig heruntergebrannt und die Haare total versengt. Ein Berliner Fahrradmarder ist bei einer Gastrolle, die er in dem Dorfe Ranzow. an der Görlitzer Bahn, gab, festgenommen worden. Dort wurde in der vorigen Woche ein Zweirad gestohlen. Am Dienstag sah der Bestohlene einen Mann, der auf der Maschine durch das Dorf radelte, ließ ihn festnehmen und übergab den Dieb der Gendarmerie. Wie sich herausstellte, war der Verhaftete ein Arbeiter aus Berlin, der auf einer neuen Diebesfahrt begriffen war. Die benachrichtigte Kriminalpolizei stellte fest, daß der Verbrecher in Lichtenberg eine Schlafstelle besaß, außerdem aber auch einen leer stehenden Schuppen gemietet hatte, in welchem ein größeres Lager zusammengestohlener Zweiräder vorgefunden wurde. Die Maschinen waren zum größten Teil auseinander genommen, un» unkenntlich gemacht zu werden. Zweifellos hat der Festgenommene schon seit längerer Zeit in der weiteren Umgebung Berlins fortgesetzt Fahr- raddiebstähle ausgeführt. Die Arbeitslosigkeit. In der Spree hat der 31 Jahre alte Kellner Paul Schwarz den Tod gesucht und gefunden. Sch. war seit längerer Zeit ohne Beschäftigung. Vergeblich bemühte er sich, Arbeit zu erhalten. Nachdem er mehrere Tage wohnungslos in Berlin stellungsuchend umhergewandert, nahm er sich in der Ver- zweiflung das Leben; er stürzte sich am Holsteiner Ufer in die Fluten der Spree und ertrank. In der Dahsclschen Erpresseraffäre hatten wir am 8. Scp- tember mitgeteilt, daß Herr Bruhn, der Herausgeber der„Wahr- heit", den Journalisten Schweder verklagen will, weil er in ihm den Verfasser einiger Korrespondenzen vermutet, in denen die Be- Ziehungen Dahsels zur„Wahrheit" näher gekennzeichnet waren. Im Anschluß hieran veröffentlichten wir eine Zuschrift, in der gejagt wurde, daß dieser Konflikt zwischen zwei ehemaligen antisemitischen Freunden sehr interessant sei, daß Herr Bruhn Herrn Schwcder, den seinerzeitigen Famulus des Herrn Dahfel, in den 96er Jahren sehr begünstigt habe und daß auf ausdrückliche Veranlassung Schweders zwei Berichterstatter aus einer Antisemitenversammlung hinausgeprügclt worden seien. Daraufhin ersucht uns Herr Schweder um die Mitteilung, daß er niemals zu den Freunden Bruhns gehört habe, niemals der Famulus Dahsels gewesen sei und auch niemals Veranlassung gegeben habe, daß zwei Berichterstatter auS einer Antisemitenversammlung hinausgeprügelt worden seien, weil er befürchtet hätte, die genannten Journalisten(Wohlberg und Krause-Görner) könnten ihm Konkurrenz machen. Unser Gewährsmann hält seine Angaben, die er weniger Herrn Schweders willen, als zur Charakterisierung des Herrn Bruhn und seiner Anhänger gemacht' hat, aufrecht. Ein Irrtum könne höchstens unterlaufen sein, ob die genannte Versammlung von Herrn Bruhn präsidiert wurde. Ein folgenschwerer Zusammenstoß zwischen einem Automobil und einem Geschäftsfuhrwcrk erfolgte vorgestern in der Swinemündcr Straße. Unweit des VinetaplatzeS fuhr ein Kraftwagen mit solcher Gewalt gegen einen GeschäftSwagen, daß beide Gefährte eine Strecke fortgeschleudert und erheblich beschädigt wurden. Der in dem Auto- mobil sitzende Kaufmann Max Harting, Graunstraße 21 wohnhaft, wurde auf den Fahrdamm geschleudert und nicht unerheblich am Kopf und im Gesicht verletzt. Ebenso stürzte die auf dem Bock neben dem Kntscher sitzende zwanzigjährige Ida Heisermann, Lortzing- straße 31, von dem Geschäftswagen herunter und zog sich schwere Verletzungen zu. Beide Fuhrwerke mußten außer Betrieb gestellt werden. Wegen unheilbarer Krankheit haben sich zwei Personen da? Leben genommen. Die 64 Jahre alte Arbeiterin Auguste Stolle aus der Exerzierstraße 17. die schon lange innerlich litt, kehrte gestern morgen von Verwandten, bei denen sie vierzehn Tage zu Besuch gewesen war, zurück und vergiftete sich nachmittags mit Lysol. Ihre Flnrnachbnrin fand sie tot auf dem Fußboden liegen. Der 39 Jahre alte Buchdrucker Gustav Grimin aus der Urban- straße 166, der unverheiratet war, glaubte auch, daß sein Leiden un- heilbar sei und tötete sich in seiner Wohnung durch einen Revolver- schuß in die rechte Schläfe. Eine traurige Aufklärung hat das Verschwinden des Kaufmanns Willi Gutheil auS der Liegnitzer Str. 34 gefunden. G. wurde bereits seit vierzehn Tagen von seinen Angehörigen vernnßt. Gestern wurde die Leiche des Verschwundenen aus dem Schiffahrtskanal ge- landet. Verschwunden ist seit dem 27. August die elffährige Tochter des Böttchers Emil Ladewig. Dieselbe verließ am genannten Tage die elterliche Wohunug in Lichtenberg, Kictzer Weg 16, um nach der in Treptow in der Pappelallee, Kolonie„Weiße Nelke" belegenen Laube zu gehen. Seit dieser Zeit fehlt jede Spur von dem Mädchen. Die Vermißte ist schmächtig, hat blaue Augen, blondes Haar und trug ein graugestreifteS wollenes Kleid, eine schwarze Schürze, schwarze Strümpfe, schwarze Schnürschuhe und einen braunen Hut mit blau- garniertem Band. Personen, die über die Vermißte irgendwelche Auskunft geben können, werden gebeten, dies bei den Eltern unter angegebener Adresse zu melden. Wer ist die Tote? Aus dem Teltowkanal gelandet wurde gestem in der Nähe der Giesensdorfer Brücke die Leiche einer unbekannten fflrau von etwa 20 bis 25 Jahren. Man brachte sie nach der Halle des Giesensdorfer Friedhofes. Die Ertrunkene ist 1.6S Meter grog, hat dunkles Haar, graue Augen, vollständige Zähne und eine volle untersetzte Gestalt und trug ein grau gestreiftes Jackett und eine fchwarzweiß gestreifte Bluse. Ihre Wäsche ist A. 0. gezeichnet. Feuerwehrvericht. Wegen eines größeren Wohnungsbrandes wurde am Donnerstagbormittag der IS. Zug nach der Mittelstr. S/1V, Ecke der Friedrichstraße, gerufen. Möbel usw. brannten dort. Die Feuerwehr mußte kräftig löschen, um eine weitere Ausdehnung zu verhüten. Der Brand soll angeblich durch Unvorsichtigkeit entstanden sein. Wegen eines Küchenbrandes erfolgte ein Alarm nach der friedeberger Straße 15. Kohlen usw. brannten dort. In der ergmannstr. 57 war in einem Mädchenzimmer Feuer ausgekommen und in der Christburger Straße auf dem Hausflur. Hier brannte Werg und dort Papier u. a. Ferner hatte die Feuerwehr in der Wrangelstr. 13, Strelitzer Straße 45, Werststr. 12 und an anderen Stellen zu tun. Vorort- JVacfmchtem Charlotte, ibnrg. Charlottenburger Stadtverordneteuversammlung. Die Charlottenburger Stadtverordneten traten am Mittwoch zu ihrer ersten Sitzung nach den Ferien zusammen. Bor Eintritt in die Tagesordnung beschäftigte sich die Versammlung mit der bekannten Gymnasiastentragödie, das heißt mit dem Selbstmord zweier Schüler des Realgymnasiums in der Schillerstraße. Soweit es ihnen möglich war, gaben sowohl Bürgermeister Matting als auch der stellvertretende Borsteher Stadtv. Dr. Hubatsch, der Direktor jener Anstalt, Auskunft. Man kann aber nicht sagen, daß dadurch Klarheit über die Sache herbeigeführt ist. Nur soviel scheint aus der Debatte mit ziemlicher Bestimmtheit hervorzugehen, daß die Angriffe, die in einigen bürgerlichen Blättern gegen die Leitung der Schule und speziell gegen einige Lehrer erhoben sind, jeder Berechtigung entbehren. Die beiden Schüler werden wohl das Geheimnis ihres Selbstmordes mit ins Grab genommen haben. In rascher Reihenfolge nahm die Versammlung hierauf eine Reihe von Vorlagen an, darunter die Vorlage betreffend Abschluß des Vergleichs mit dem Polizeipräsidenten wegen Erstattung der aus Anlaß des Pestfalles Sachs gezahlten Entschädigungen für vernichtete oder unbrauchbar gewordene Sachen. Zum Brandenburger Städtetag, der am 20. und 21. d. MtS. in Rixdorf stattfindet, wurden delegiert die beiden Vorsteher und je ein Vertreter der vier Fraktionen. Als Vertreter der sozialdemokratischen Fraktion wird Genosse Hirsch am Städtetage teilnehmen. Einem Ausschuß überwiesen wurde die Vorlage betreffend Uebernahme der Talon st euer seitens der Stadtgemeinde. Es handelt sich darum, daß der Magistrat verlangt, daß die Talon- steuer für die von der Stadtgemeinde ausgegebenen und noch aus« zugebenden Zinsscheinbogen von der Stadt getragen werden. Der Gemeinde Charlottenburg erwachsen aus diesem Teil der Reichs- finanzreform für das Rechnungsjahr 1909 nicht weniger als 30 583.00 M. Unkosten. Nächster Punkt der Tagesordnung war der von unseren Genoffen gestellte Antrag, der Magistrat möge sich mit aller Energie um die Erwerbung eines geeigneten Grundstückes zur Anlage eines G e« meindefriedhofes bemühen. Genosse Dr. B o r ch a r d t er- iunerte in seiner Begründung des Antrages an die Besprechung der Anfrage, welche unsere Genossen in der gleichen Angelegenheit schon im Juni an den Magistrat gerichtet haben; Bürgermeister Matting er- klärte damals, der Magistrat habe seine weitere Stellungnahme zur Frage des Gemeindefriedhofes davon abhängig gemacht, daß nach dem Stahnsdorfer Friedhof bessere Verkehrsbedingungen geschaffen werden, und daß für die Beerdigung Andersgläubiger auf diesem Friedhofe dauernd ein besonderer Block zur Verfügung gestellt werde. Genosse Dr. B o r ch a r d t hob scharf hervor, daß die Dissidenten mit einer solchen Regelung der Frage nicht einverstanden sein könnten. eS sei ein engherziger und das moderne Empfinden verletzender Standpunkt, bei der Ruhestatt der Toten eine Scheidung nach dem Glauben stattfinden zu lassen; mindestens müsse verlangt werden, daß das Konsistorium bindende Zusicherungen bezüglich der Ausübung der Polizeigewalt auf dem Friedhofe bei Beerdigungen von Dissidenten gebe, so daß eine würdige Form des Begräbnisses gewährleistet werde, ohne daß ein Friedhofsbeamter störend in den Verlauf einer Bestattungsfeier eingreifen könne. Aber selbst wenn dies zugestanden werde, bleibe doch bestehen, daß der Stahnsdorfer Friedhof von Charlottenburg so weit entfernt liege, daß eine pietätvolle Gräber- pflege ganz unmöglich sei. Bürgermeister Matting mußte letztere? zugeben, erklärte aber, ein näher gelegenes Terrain habe der Magistrat beim besten Willen nicht finden können; auch bezüglich der Beerdigung von Dissidenten teile er persönlich den Standpunkt unseres Genoffen Borchardt, doch sei der Stahnsdorfer Friedhof nun einmal ein kirch- sicher, und wir könnten von der Kirche einen Verzicht auf die Aus- Übung der Polizeigewalt in ihrem Sinne nicht verlangen. Genosse Vogel wies darauf hin. daß Charlottenburg sehr wohl in der Lage sei, ein für einen Gemeindefriedhof geeignetes Terrain zu finden, es braucht nicht einmal gekauft zu werden, denn es sei schon im Besitze der Stadt; die Jungfernheide sei keineswegs durchweg sumpfig, sondern besitzt weite Stellen, die sich prachtvoll zur Anlegung eines Waldfriedbofes eignen, z. B. im Jagen S zwischen dem Genesungsheim und dem Spandauer Schiffahrtskanal; Wald- friedhöfe aber seien die schönsten, die eS überhaupt gibt, wie der bei München und in Ostheim bei Hamburg beweisen. Stadtv. B o l l m a n n(lib.) erklärte seitens der Liberalen die Zustimmung zu unserem Antrage, doch stimmte er im übrigen dem Bürgermeister zu, d. h. also, er will in Wirklichkeit auf eine toeitere Tätigkeit des Magistrats in der Friedhofsangelegenheit verzichten. Im Schlußwort erklärte Genosse Dr. Borchardt, wenn im Magistrat seine Anschauung über die Art der Beerdigungen Anders- gläubiger geteilt werde, so sei es um so bedauerlicher, daß der Magistrat bei seinen Anfragen an das Konsistorium es von vorn- herein für selbstverständlich halte, daß diese Behörde auf dem eng- herzigen Standpunkt stehen bleiben werde; wenn er überhaupt eine Anfrage an das Konsistorium in dieser Angelegenheit richtete, so hätte er es für selbstverständlich halten müssen, daß dem modernen Empfinden entsprechende Bestimniungen getroffen werden, wenn der Stahnsdorfer Friedhof irgendwie als Ersatz eines GemeindefriedhofeS betrachtet werden solle. Hierauf lvurde der sozialdemokratische Antrag angenommen. Die Einsprüche gegen die Richtigkeit der Ge- meindewählerliste wurden debattelos nach den Borschlägen des Ausschusses erledigt. Eine ganze Reihe von Einsprüchen, nament- sich solcher Personen, die irrtümlicherweise alS Schlafburschen ge- sührt wurden, konnten berücksichtigt werden. Nachdem die Versammlung dann weiter die Mitteilung des Magistrats über den Jahresabschluß der Stadthauptkaffe für das letzte Verwaltungsjahr durch Kenntnisnahme für erledigt erklärt und einige Etatsüberschreitungen genehmigt hatte, überwies sie zwei wichtige Vorlagen: die Vorlage betreffend die Errichtung einer An st alt zur Behandlung von Tuberkulösen und die Vorlage betreffend den Neubau einer Oberrealschule in der Schillerstraße, Ausschüssen zur Vorberatung._ Der Gesangverein Charlottenburger Liedertafel(M. d. A.-S.-B.) feiert am Sonnabend, den 11. September, im großen Saale des VolkshauseS, Rosinenstr. 3. sein diesjähriges Stiftungsfest, bestehend in Gesang, Konzert, Rezitation und Ball. Da dieser Verein bei unseren Parteifesten stets mitwirkt, so ist ihm ein guter Besuch auch seitens der Parteigenossen zu gönnen. Der Vorstand des WahlvemnS. Rixdorf. Achtung, Parteigenossen! Heute abend 8 Uhr findet in den Bürge rsälen, Berg- straße 147, eine öffentliche Versammlung statt, in der ein Herr Thomas-Berlin über:„Die Lügey der Sozial- demokratie" sprechen wird. Pflicht unserer Genossen ist es, recht zeitig und zahlreich zu erscheinen! Alfred Schulz. Emil Boeske. Friedenau. Ein Selbstmordversuch, welcher jedenfalls noch ein gerichtliches Nachspiel haben wird ereignete sich am Mittwochabend gegen QV2 Uhr in der Bismarckstraße. Ein bei dem Oberpostinspektor Jräntzel in Stellung befindliches Dienstmädchen stürzte sich aus der dritten Etage des Hauses Bismarckstr. 22 auf den Hof und erlitt einen Schädelbruch und schwere innere Verletzungen. Sie wurde in hoffnungslosem Zustande nach dem Kreiskrankenhause Lichterfekde gebracht. Das Mädchen, welches aus Magdeburg stammt, war erst seit 1. d. M. hier in Stellung. Leute aus der Nachbarschaft wollen, bevor das Mädchen die Tat ausführte, Hilfe- rufe aus der Fräntzelschen Wohnung vernommen haben. Es steht zu erwarten, daß eine strenge Untersuchung über den Vorsall ein- geleitet wird. A«S der Gemeindevertretung. Trotzdem im hiesigen Ort schon seit einem Vierteljahr keine Gemeindevertretersitzung stattgefunden hat, war die letzte äußerst schwach besucht. Es zeigt dies deutlich das Interesse der Herren an den Arbeiten für das Gemeinwohl. Bürgermeister Schnakenburg teilte mit, daß eine vom Gemeinde- vorstand unterstützte, von mehreren Vereinen aus Wilmersdorf und Friedenau an die Eisenbahndirektion gerichtete Eingabe, welche eine öftere Zugfolge für den Südring verlangt, abschlägig be- schieden sei. Er sei der Ansicht, daß man sich mit diesem Bescheid nicht zufrieden geben soll, da diese Antwort wohl nur das Resultat statistischer Erhebungen sei, und es in der Praxis doch ganz anders aussehe. Ein Beschluß in dieser Sache wurde nicht gefaßt. Zu dem am 8.— 10, September in Zürich stattfindenden Ksm. greß für öffentliche Gesundheitspflege schlug Bürgermeister Schnakenburg vor, zwei Gemeindevertreter zu entsenden. Die Kosten für diese Delegation würden sich auf 530 M. belaufen. Da die Tagesordnung des Kongresses wichtige sozialpolitische Fragen enthalte, sei die Beschickung notwendig. Dieser Vorschlag fand bei den Herren wenig Gegenliebe. Zur Begründung ihrer ablehnenden Haltung führten sie an, daß bei der Beratung der Gchaltsregulierung der Lehrer und Gemeindebeamten kein Mann fehlen dürfe. Man sieht, um eine für die Allgemeinheit nützliche Sache zu vereiteln, entdecken diese Leute, die nicht unter schiechten Wohmmgsverhältnissen u. dgl. zu leiden haben, plötzlich, ihr warmes Herz für die Beamten. Bei einem Huldigungsrummel für. irgend- einen Potentaten wäre man sicherlich nicht so knauserig gewesen, da hätten mindestens vier Mann zum Katzbuckeln entbehrt werden können. Sodann wurde die im praktischen Geschäftsleben schon lange übliche Aenderung des Ortsnamen» beschlossen. Der Ort wird also in Zukunft Berlin-Friedenau heißen. Bei dieser Ge- legenhcit glaubte der Führer des Friedenaucr Kommunalliberalis- muS, Herr v. Wrochem, auch einmal sein Licht leuchten lassen zu sollen. Er betonte, daß die Namensänderung schon im Interesse der Dienstbotenfrage notwendig sei. Wenn die auswärtigen Dienst. boten etwas von Friedenau lesen, so glauben sie, es liegt weit ab, wenn aber Berlin dabei steht, so vermuten sie gleich in der Nähe eine Kaserne. Es ließe sich auf diese Art vielleicht auch dem Mangel an Dienstboten abhelfen. So.Herr v. Wrochem— ein rechter, echter Freisinnsmann. In geheimer Sitzung wurde be- schlössen, den Posten des Gemeindevorstehers für Friedenau aus- zuschreiben. Das Gehalt, einschließlich des Wohnungsgeld- zufchuffeS, beträgt 9000 M., steigend von 3 zu 3 Jahren auf 12 000 M. Die Wahl erfolgt aus 12 Jahre. Mariendorf. Ein tSdlicher Straßeubahnunfall ereignete sich vorgestern abend gegen 6 Uhr auf der Chausseestraße. Der sechsjährige Sohn Paul des in der genannten Straße Nr. 82 wohnenden Steindruckers Jnne lief beim Spielen über den Fahrdamm und geriet dabei unter den Motorwagen Nr. 1900 der Straßenbahnlinie 9615. Obwohl der Wagenführer sofort die Gefahrbreinse zur Anwendung brachte, konnte er doch nicht verhindern, daß der Knabe eine kurze Strecke mit- geschleift und unter den Schutzrahmen des Wagens gedrückt wurde. Um das verunglückte Kind zu befreien, mußte der Wagen angehoben werden. Paul Jnne hatte eine schwere Brustquetschung erlitten und starb auf dem Transport zu einem in der Nähe wohnenden Arzt. Treptow-Baumschulentveg. Die Einführung der Wertzuwachssteuer in Treptow-paumschulenweg. Der Antrag unserer Genossen, die Wertzuwachssteuer nach dem Schöneberger Muster im hiesigen Ort einzuführen, hat eine Kommisston der Gemeindevertretung mit dem Gemeinde- Vorstande einige Wochen beschäftigt. Die Schöneberger Ordnung wurde gegen eine Stimme abgelehnt und beschlossen, einen neuen Entwurf, welcher nicht die hohen Sätze aufweist, der Gemeinde- Vertretung zur Annahme vorzulegen. Nach diesem Entwurf soll eine Wertzuwachssteuer erhoben werden, wenn der Wertzuwachs mehr als 10 Proz. des früheren ErwcrbSwerteS beträgt. Die Höhe der Steuer steigt mit der Höhe des Wertzuwachses und zwar auf 5 Proz., wenn der Wertzuwachs mehr als 10 bis 20 Proz. des früheren Erwerbswertes beträgt, und endet mit 25 Proz., wenn der Wertzuwachs mehr als 160 Proz. des früheren ErwcrbSwerteS ausmacht. Bei bebauten Grundstücken ermäßigen sich die Steuer- sähe, wenn seit dem früheren Umsätze mehr als 10 Jahre ver- flössen sind, um 20 Proz. des SteuerbetragcS, bis auf 40 Proz. des SteuerbetragcS bei mehr alz 30 Jahre. Der Bürgermeister gab eine nähere Erläuterung der Wertzuwachssteuerordnung und empfahl die Annahme. Gemeindeverordneter Nickel erklärte sich gegen die Einführung, nach seiner Meinung würde der Grundbesitz zu sehr belastet. Genosse Karow hielt die Wertzuwack>ssteuer für eine der gerechtesten Steuern; die Prozentsätze seien nur zu niedrig. Nach Lage der Sache würden er wie seine Jraktions- kollegen für den Entwurf stimmen. Redner ging noch auf die für das Jahr 1912 in Aussicht genommene Reichswertzuwachssteuer ein und meinte, daß eS fraglich sei, ob sie Gesetz würde, und weiin es dennoch geschehe, müssen die Gemeinden entsprechend entschädigt werden. Gemeindeverordneter Klapp, selbst Grundbesitzer, trat den Ausführungen Nickels entgegen und empfahl die Annahme der Steuer. Die namentliche Abstimmung ergab 8 Stimmen für und 4 Stimmen gegen den Entwurf. Dem schon oft von Anwohnern der Köpenicker Laitdstraße ge- stellten Antrage, der Köpenicker Landstraße von der Gabelung mit der Treptower Chaussee bis zur Parkstrahe aus postalischen Gründen einen anderen Namen zu geben, wurde zugestimmt. Die Straße erhält die Bezeichnung„am Treptower Park". Die Straße zwischen Treptower Chaussee und Neue Krug-Allee, welche noch keine Bezeichnung hatte, heißt„Alt-Treptow". Als Schiedsmann- Stellvertreter für Treptow I wurde Herr Holzhändlcr Hemkcn gewählt.— Das zur Höherlegung des Bahndammes und zur Be- seitigung des Knicks in der Kicfl,olzstraße notwendige Gelände wurde dem Eisenbahnfiskus zum Selbstkostenpreis überwiesen.— Die in der Pumpstation befindliche Zcntesimalwage wird gegen eine mäßige Gebühr zur öffentlichen Benutzung freigegeben.— Die Feststellung der Gcmcinderechnung für 1907 ergab neben ein- zelnen Etatüberschrcitungen einen Ucberschuß von 65 920 M., welcher zum größten Teil durch Steuern aufgebracht worden ist. Der vor längerer Zeit beschlossene Bau einer Bedürfnisanstalt in der Bouchestraße, Ecke Jordanstraße, für Männer und Frauen, soll in Angriff genommen werden.— Für die Jlußbadeanstalten find von den Gemeindeschülern 2414 Karten zu den ermäßigten Preisen von 5 und 10 Pf. in diesem Sommer entnommen worden. Für ipß zum Bürgexsteige in der Baumschulenstraße notwendige Vorgartcnland, welches einige Besitzer zur Verbreiterung desselben nicht hergeben wollten, ist in einzelnen Fällen das Enteignungs- verfahren eingeleitet worden. Dasselbe ist jetzt zum Abschluß ge« langt; es erhalten die Besitzer für den Quadratmeter 2 M. Spandau. Eine Anklage wegen verleumderischer Beleidigung hatte der Arbeiter Neinhold P 0 n t 0 w am Diesigen Feuerwerkslaboratorium erhalten. Er sollte, nachdem er 4 Jahre in der Fabrik gearbeitet, entlassen werden, weil bekannt geworden war, daß er früher ein- mal eine Vorstrafe erlitten. Pontow äußerte sich nun zu dem Meistergehilfen Axt: Wenn ich entlassen werde, dann zeige ich auch den Chemiker Dr. Holle an, denn dieser hat sich von Arbeitern des Instituts während der Arbeitszeit Privatarbeiten machen lassen und auch dazu Material der Fabrik verwendet. Infolge dieser Aeußerung wurde di- Anklage erhoben. Der Angeklagte gab die Tat selbst zu, wollte aber den Beweis der Wahrheit antreten und hatte dafür eine Reihe von Zeugen, fünf Arbeiter des Feuerwerkslaboratoriums benannt. Keiner der Zeugen wollte jedoch etwas wissen, obwohl der Angeklagte behauptete, die Zeugen hätten ihm erklärt, sie wüßten dies und hätten auch selbst Arbeiten gemacht. Sämtliche Zeugen waren bereits vorher von einem Offizier des Feuerwerkslaboratoriums vernommen worden und hatten hier auch bekundet, sie wüßten nichts. Das Gericht nahm an, der Ange- klagte habe sich an dem Chemiker Holle für die Entlassung rächen wollen und verurteilte ihn zu 3 Monaten Gefängnis. Vermischtes. Never eine Schießaffäre auf einen Hut wird aus Wittow auf Rügen berichtet: Das Gut Wollin auf Rügen, unweit Arkona ge- legen, war in diesen Tagen der Schauplatz einer Schießaffäre, der zwei Menschenleben zum Opfer fielen. Mehrere Angestellte des GnteS Wollin demolierten nach einem Streite. die Türen und Fenster des Gutshauscs. Seitens der Familie des Gutsbesitzers Stuth wurde auf die Angreifer scharf geschossen. Der Kutscher Schuld wurde sofort niedergestreckt; er schleppte sich nach der Leine- stube und starb nach wenigen Minuten. Ein Knecht erhielt mehrere Schüsse in den Hals und mußte, schwer verwundet, ins KrankeiihauS geschafft werden. Ein dritter Knecht wurde noch am Arme leicht verwundet. Der Schwiegervater des Gutsherrn, der die tot- bringenden Schüsse abgegeben hatte, wurde verhaftet.— Am Montag gegen 9 Uhr abends stand das ganze Gut mit Ausnahme des Wohnhauses in Flammen. Alle Scheunen und Viehställe samt dem ganzen Viehbestand außer einigen Pferden sind verbrannt. ES wird Bran dstistung vermutet. Folgenschwerer Automobilunfall. Stuttgarter Meldung zufolge ist vorgestern abend bei Zuffenhausen ein Automobil, das mit dem Kammerdiener und dem Zimmermädchen eines Stuttgarter Privatiers besetzt war. infolge Versagens der Bremse umgestürzt. Die Insassen kamen miter den Wagen zu liegen. Der Chaffeur wurde schwer ver- letzt; er ist auch noch gestern früh bewußtlos gewesen. Der Kammer- diener hat ein Bein gebrochen, das andere schwer verletzt. Das Zimmermädchen trug einen Armbruch davon und erlitt außerdem eine Gehirnerschütterung. Ein Kind verbrannt. Einer Meldung aus Gleiwitz zufolge hantierte in Zabrze in Abwesenheit der Mutter das vierzährige Töchterchen eines Bergmannes am Herdfeuer. Plötzlich fingen die Kleider des Kindes Feuer und hüllten es vollständig ein. Die zurückkehrende Mutter fand nur noch eine gräßlich verbraunte Leiche vor. In der Grube verunglückt. Nach einer Meldung aus Gelsenkirchen wurden auf Schacht 4 und 5 der Zeche Zollverein zwei Berg« leute durch herabstürzende Gesteinsmassen verschüttet. Nach einViertel- stündiger Nettungsarbeit ist es gelungen, einen der Arbeiter zu retten; von dem anderen fehlt noch jede Spur.— Pariser Meldung zufolge ist in den Kohlenminen von La Lucette bei Laval ein Förderkorb in die Tiefe gestürzt. Zwei Arbeiter sind tot, vier schwer verletzt._ Sinnlicher Marktbericht der stSd tischen Martthallen-Direktion über den Grotzbandel in den Zentral-Marktballen. Marktlage: Fleisch: Zufuhr stark, Geschäst schleppend, Preise unverändert. Wild: Zufuhr knapp, Geschäst rege, Preise unverändert. Geflügel: Zusubr nicht genügend, Geichäst etwas lcbhast, Preift gut. Fische: Zufuhr mätzig. Geschäst leb- Haft, Preise im allgemeinen besriedigend, sür Schleie hoch. Butter und Käse: Geschäft still, Preise anziehend. Gemüse, Ob ft und Südfrüchte: Zusuhr genügend, Geschäft schleppend, die notierten Preise waren kaum zu behaupten._ «Attterungsiibcrsicht vom V. September 190V. morgen» 8 Uhr. i Vetter 2b-diiN 1 bedeckt 4 wolkig LDunst ö bedeckt tt f* 10 15 12 6 11 Wetterprognose für Freitag, den 10. September IVOS. Trocken, vielfach heiter und am Tage ziemlich warm bei mätzlgen nord- westlichen Winden. Berliner Wetterbureau. WasserftandS-Nachrtchte» der LandeSanftalt für Gewässerkunde, milgeteM vo» Berliner Wettcrbureau. Wasserstand M-mel. TilsU Pregel, Jnsterbmg Deichsel. Thon, Oder, Ratibor , Krossen , Frankiurt Warthe, Schrimm , Landsberg Netze, Vordaonu Elbe, Leitmeritz , Dresden , Barbp » Magdeburg ft ft- bedentet Wuchs.— Fall.— ft Unlerpegel. Eingegangene Druckfchnften. (Stuttgart, Paul Singer) ist soeben das erschienen. ES hat folgenden Inhalt: 'um Parteitag. Von K. KautSky.— Die Von der„Sicuen Zeit« 50. Heft deS 27. Jahrgangs Zur freisinnigen Einigung.— Intellektuellen und die Politik. Von Adols Braun.— Die Verschlechterung der Unsallversicherung. Von Hermann Müller, Arbeitersekretär(Berlin). — Die moderne Arbeiterbewegung und die Arbeüer-VcrgnügiingS- und -Sportvereine. Von Max Schneider(Stratzburg).— Zu einer Reorgani- falton der Parteischule. Von P. Runge(Bochum).— Notizen: Der Er- werb von Volks- und Gewerlschastshäuseni. Von Richard Schreiter, Zittau. — ZeUschristenschau. Die„Nene Zeit" erscheint wöchentlich einmal und ist durch alle Buch- Handlungen, Postansiallen und Kolporlcure zilm Preise von 3.25 M. pro Quartal zu beziehen: jedoch kann dieselbe bei der Post nur pro Quartal abonniert werden. Das einzelne Hesl kostet 25 Ps. Probenuuinicrn stehen jederzeit zur Versügung. JnS innerste Afrika. Von Adolf Friedrich, Herzog zu Mecklenburg. Bericht über den Vcilaus der deutschen wissenschaftlichen Zentralasrika- Expedstion 1907—1908. Erst- Lieferung. In 28 Liescrungen a 50 Ps. Verlag von Klinkhardt u. Biermann, Leipzig. Besoldunastafel« für die HZHeren, mittleren und unteren Beamten des Deutschen Reiches und des preußischen Staates. Gültig vom 1. April 1303. Verlag Siemenroth, Berlin SW. 11. 1 M. Die verrostete Leyer. Von H. Meister. 50 Ps. Pendel» Verlag, .Heidelberg. Das Haus des Bampstrs. Von G. Sylvester Viereck. 2,50 M.— Ein Mensch. Roman von K. Dallago. 2,50 M.— Der kalte Eros. Roman von E. Rasmussen. 5 M. Axel Juncker Verlag, Berlin W. 15. Deutsches Wohnungöinietrecht. Ein Leitfaden vornehmlich für Mieter und Vermieter von H. RudelSberger, Rechtsanivalt. Geb. 1,50� M. — Deutsches Erbrecht. Ein Leitfaden für Erblasser und Erben bSV H. RudelSberger. Rechtsanwalt. PH. L. Jung, München. Geb. 1,50 M. Grundgedanken eines Luftrechts. Von Dr. M. Fleischmann. IM.— Wen, gehört die Volksschule? Von Dr. M. Bernhard. 1,50 M. E. Reinhardt, München. Fiir de» Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. €beatcr. Freitag, 10. September. Ansang 7'/, Uhr. Kgl. Operuhaus. CavaUsn» nisticana. Die Puppensee. Kgl. Schauspielhaus. Man spielt nicht mit der Liebe. Neues kgl. Opern-Theater. Q schlössen. Deutsches. Faust. Kammerspiele. Die Sünde. Ansang 8 Uhr. Ansang 8 Uhr. Lesstug. Der König. Neues. Emilia Galottt. Aerltner. Einer von unsere Leut. Nenes Schauspieldaus. Geschl. Vorstellung. Freie Volksbühne. Thalia. Prinz Busst. Komische Oper. Manon LeScaut. Restdeuz. Gretchen. Hebbel. Die RevolutionShochzeU. Trianon. Licbcsgewitter. Lnstspielhaus. Im Klubsessel. Kleines. Moral. Volksoper. La Traviata. Neues Operetten. Die Dollar- Prinzessin. LAcsten. Der fidele Bauer. Schiller<».«Ajallner» Theater.) Doktor KlauS. SchiOrr Charlotteuburg. Der Biberpelz. Friedrich< WilbelmstSdt. Schau, fPiclhauS. Die Stützen der Ge- sellsthast. Luisen. Einilla Galotti. Bernhard Rose. Im Casö Noblesse. Atetrovol. Die oberen Zehntausend. Folics Eaprice. Mobilisierung. Der gewisse Augenblick. Ans. 8'/. Uhr. Llpotto. Spezialitäten. Svtiltcrgarte«. Svczialitäten. Gebr. Herrnfeld-Theater. Frau Elkams Friseur. Meine- Deine Tochter. Noacks Dheater. Maria Stuart. ivniixg«, Spezialitäten. Aolksgarten. Spezialitäten. NZnlhalla. Speziaiilälen. Rctchsballen. Stettiner Sänger. Karl Haverlaud> Theater. Epe- zialitäten. Casino. Onkel Cohn. Prater. Der Verschwender. Urania. Daudennraste 48/49. AbendS 8 Uhr: Die Insel Rügen. Sternwarte. Jnvalidenftr.»7/02. T.v«i«tnzr.'ri»v«»ter. 8 Uhr: 0er König. «-onnabend. 8 Uhr zum erstenmal: 0!o Gefährtin. Hierauf neu s.ndtert: tianneiee ilimmeiialirt. ein- berliner"pkeater. Heute 8 Uhr: Etn«? von nnacre I-ent'. Morgen: Das Lebenssest._ Neues Theater. Ansang 8 Uhr. Emilia Qalotti. Dienstag zum erstenmal: vQ» IlrMId des TartüflTe. Theater des Westens. Allabendl. 8 Uhr: Der fidele Bauer. Sonnlaa nachm. 3'/, Uhr, halbe Prelse: Ein Walsertranm. Kenos Operetten-Theater, Schissbauerdamm 25, a. d. Luiseustr. Ansang 8 Uhr: Die Dollurprlnzessln. Operette in 3 Akten von Leo Fall. Friednch-Wllhelmstädtisches Schauspielhaus. Freitag, 10. September, Ans. 8 Uhr: Schauspiel m i Akten v. Henrik Ibsen. Sonnabend: Der Widerspenstigen Zähmung. Sonntag nachm. 3 Uhr: Othello. Abend» 8 Uhr: Maoöverrege». Besidenz-Tiieater Direktion: Richard Alexander. Abend» 8 Uhr: Zum erstenmal: Groteske ln 3 Slkten von Davis und Lipschüh. Morgen und soigende Tage: Dieseltw Vorstellung�_ Tolks-Oper. SW., Belle-Alliance-Strahe Nr. 7/8. Ansang 8 Uhr. La Traviata. Sonntag nachm. 3>/, Uhr: vor Trouhailour. tonw- cuQdmMU nm« ä Abends 8 Uhr: Neueinstudierung: EErrnim Galotti. Ein Trauerspiel ln 5 Slkten v. Lesstng. Sonnabend: Bon sieben die Häg- lichste. Sonntag nachm. 3 Uhr: Emilia Galottt. 8 Uhr: Gesallene Engel. Montag: Von sieben die Häßlichste. Schiller Schiller-Theater 0.(Wallner-Thcater.) Freitag, abends 8 Uhr: volrtoi» ITIan«. Lustspiel in 5 Atten v. Ad. L'Arronge. Sonnabend, abends 8 Uhr: Ein Erkols» Sonntag, nachm. 3 Uhr: Macbeth. Sonntag, abends 8 Uhr: vle von Hochsattel. Theater. Schüler-Theater Charlottenburg. Freitag, abends 8 U h r: Her Hiberpelie. Eine Diebeskomödie in 4 Alten von Gerhart Hauptmann. Sonnabend, abends 8 Uhr: Die von Hocbsattel. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Die Welt, in der man sieb langweilt. Sonntag, abends 3 Uhr: Hie Ehre. XV. Saison. Circus Busch. Sonnabend, den tt. September, abends 71/: Ehr: Gala-EröflnungS' Abend. Die Circuskassen sind täglich von 10 Ehr an geöffnet. Billetts sind ferner zu haben: beim Invaliden dank, Unter den Linden 24 und in der Billett- Abteilung des Warenhauses A. Werthelm, Leipziger Straße 132/133. 97/9 Brauerei Friedrlchshain Am Königstor. Freitags"U® Eintritt frei ohne jede Nachzahlung. IV" Gr. bayerisches Volksfest."TO Der berühmteste Nestwirt Schorseh Ehrengruber mit seiner Orlglnaliruppe(ca. CO Pers.) a. München. Bayer. Spezialgericht. Gr. Fischessen. Port. 50 Pf. Bei ungünstiger Witterung im großen Saale. Wf Tanzkranzchen. Ansang 6 Uhr. Anfang O Uhr. Urania. Wissenflchaftliohes Theater. Tanbenstraße 48/49. Abends 8 Uhr i Die Insel Rügen. 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