Ur. SS8. übonnementS'Redlngungen: klbonnenienls> Preis pränumerando: Licrteljährl. 3£0 SKI., monatt. 1,10 Ml, wöchentlich 28 Pfg, frei ins HauS. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags» Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg, Post- Abonnement: l.'.O Wart pro Monat. Eingetragen in die Post.Zeitungs. Preisliste. Unter Kreuzband fitr Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat, Postabonnements nehmen an: Belgien. Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal. lliumänien, Schweden und die Schweiz. vlchel»t täglich außer montags. J** Nevlinev Dolksblntk. 26* Jahrg. Die Tnlerflons-Geböftr veträgt für die fcchsgcspaltene Kolonet« zeile oder deren Raum 60 Pfg,, für politische und gewerkschaftliche Vereins» und Versammlungs-Anzeigen 30 Psg. „Aletne Mnzeigen", das erste(seit» gedruckte) Wort 20 Pfg,, jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf- slellen-Anzeigen das erste Wort 10 Psg, jedes weitere Wort S Pfg. Worte über IS Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis SUhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Erpediiion ist bis 7 Uhr abends geöffneU Tckegraninl- Adresse: „Sozialdemokrat KcriiD**. Zentralorgan der fozialdemohratifchen parte! OeutfcMands. Demokratie gegen Burcaukratie. Die Generalversammlung des Vereins für Sozialpolitik, die diesmal in Wien stattfindet, erlebte am 28. September eine sehr interessante Debatte. Es wurde von den Rednern dieses Tages über alles mögliche gesprochen: Ueber die Kominunalisierung und Verstaatlichung von Betrieben, über die Vorzüge und Schwächen speziell der preußisch-deutschen Bureaukratie, über die Rechte der in Staats- und Kommunalbetrieben beschäftigten Beamten und Arbeiter, über Jndustriefeudalismus und andere Dinge mehr, Die ganze Debatte drehte sich jedoch im großen und ganzen darum, wie die Gefahren der Bureaukratie in der Gemeinde und noch mehr im Staate bekämpft werden könnten. Und so weit auch die sozialpolitischen Auffassungen der einzelnen Redner, des Heidelberger Professors Alfred Weber, des preußischen Ministerialdirektors v. Thiel und des bekannten National ökonomen Adolf Wagner, von einander abweichen mochten: darüber herrschte schließlich doch volle Einig k e i t, daß die Bureaukratie, der mit den sozialpolitischen und Verwaltungsaufgaben der Kommune sich immer inehr auswachsende Beamtenapparat nicht das Werk zeug kleiner privilegierter Schichten sein dürfe, sondern immer mehr der Kontrolle und dem Einfluß der großen Masse des Volkes unterstellt werden müsse. Demokratie gegen Bureaukratie, das war das einzige, das wirksame Heilmittel, das schließlich von allen Rednern, sowohl denen von konservativer Wescnsrichtung als auch von dem extrem liberalen Professor Alfred Weber empfohlen wurde. Die Kritik, die Professor Alfred Weber an unserm reaktionären bureaukratischen Regiment übte, zeichnete sich dnrdf eine rücksichtslose Forsche aus, die an einem deutschen Professor geradezu befremdend anmutete. Aber freilich, Alfred Weber doziert ja nicht an einer preußischen Universität, wo ihm solch ehrliches Draufgängertum leicht das Genick brechen könnte, sondern an einer badischen Universität, Er lehrte zudem früher an der Universität Prag, wo der preußische Geist, der seinerzeit einen Arons aus der akade- mischen Karriere heraustrieb, trotzdem der Sozialdemokrat Arons als Lehrer der Physik wahrhaftig keinen Umsturz anrichten konnte, ebenfalls nicht in borussischer Reinkultur gedeiht. Professor Weber, ein Bruder des bekannten Max Weber, zeichnete mit drastischen Strichen die Gefahren der Bureaukratisierung und Verphiliste- r u n g. denen durch den unseligen bureaukratischen preußischen Geist schließlich das ganze Volk ausgesetzt ist. Er sagte:.... „In unserer reicksdeutschen Kulturpsychologie sieht man eine Wandlung zur Pensionsberechtigung.(Heiterkeit.) Ein Witzblatt hat es neulich so ausgedrückt: Deutsch und treu und pensionsberechtigt.(Heiterkeit.) Das ist nicht bloß in der Bourgeoisie vorhanden. Dieses Gift sickert hin- unter in die unteren Schichten. Wenn wir heute Enqueten über die Arbeitcrverhältnisse anstellen und fragen, wohin der Arbeiter strebe, erhalten wir die Antwort, daß das Kind ein pensions- berechtigter Beamter werden soll.(Sehr richtig!) Da haben Sie die Gefahr der Verspießbürgerlichung und Verphilisterung der Arbeiter vor sich! Das ist die Hauptgefahr dieses geistigen Sippenwesens, das jede größere Be- wegung nicht vorwärts kommen läßt. Diese Papachen, und Mamachenexistenzen, die wir da sehen, und die charakterstarken Leuten der Aufenthalt in dieser Atmosphäre glatt unmöglich machen, drohen uns auch die großen Massen zu verderben, aus denen heraus wir zu neuen großen Kulturmöglichkeiten gelangen wollen.(Lebhafter Beifall und Unruhe.) Der charaktervolle Mann kommt gar nicht vor- wärts, weil die Bureaukratie ihn nicht herankommen läßt. (Widerspruch und Zustimmung.) Wir müssen deshalb eine abso- lute, scharfe Trennung des parteipolitischen Apparates und des bureaukratischen Appa- rates verlangen, vielleicht durch die Einsetzung von An- stellungsämtern. Diese Acmter würden das Prinzip der Trennung von Politik und Bureaukratie statuieren. Es würden sich ganz andere Menschen anbieten, wenn sie wüßten, daß sie nicht Gesinnungslumperei zu treiben brauchen, um vorwärts zu kommen. Das Koalitionsrecht und die Arbeitcrausschüsse sind gewiß sehr schön. Aber als rein formale Faktoren haben sie keine allzu große Bedeutung. Ich meine, wir müßten jede a g i- tatorische Aufrüttelung der Massen, auch wenn uns die Form nicht gefällt, billigen.(Beifall und Unruhe.) Dieses Mittel ist das einzige Gegengewicht gegen die Gefahr der Verdummung und Vergiftung von der anderen Seite.(Lachen.) Lachen Sie nur, das babe ich nicht anders erwartet. Wir müssen auch anerkennen, daß Streiks notwendig sind, weil sie kulturell notwendig sind. Auch die Angestellten müssen streiken dürfen und schließ- jich kann auch ein Beamter streiken unter Umständen, was für die Kultur notwendig ist.(Widerspruch.) Ich gratu- liere den Franzosen dazu, daß der starre bureaukratische Apparat nicht imstande war, das Temperament, das sie besitzen, zu zerstören.(Beifall.) Bei uns würde man ein solches Tcmpe- rament kaum mit der Lupe finden.(Sehr richtig!) Und deshalb ist es um so notwendiger, daß wir die Arbeiterange- legenhciten als notwendige Begleiterschei- nu ii gen der Ausdehnung der Bureaukrati- s i e r u n g unseres Volkes hinnehmen.(Lebhafter Beifall und Zischen.)- Da nach dieser temperamentvollen Anklage ein preu- bischer M i ni st e x iysdir e k to r zu Worte kam. per-. stand es sich von selbst, daß dieser Redner, Dr. v. Thiel, der Direktor für Verwaltung der Domänen, sich bemühte, eine gehörige Portion Wasser in den Wein seines Vorredners zu gießen. Exzellenz v. Thiel leistete sich sogar den Hieb, daß Webers Rede beweise, wie man vom Sozialismus zum Jndi- vidualismus und schließlich zum Anarchismus kommen könne. Eine politische Etikettierung Webers, die übrigens keine allzu schlinime Wirkung haben dürfte. Denn das Be- kenntnis zum Anarchismus wird einem deutschen Professor sicherlich zehnmal eher verziehen, als das zur Sozialdemo- kratie! Herr v. Thiel gab im übrigen zu, daß die Bureau- kratie nicht vollkommen sei. Die Bureaukratie hat tiach ihm sogar ihre entschiedenen Nachteile. Aber er findet sie doch noch toleranter als den Privatkapitalismus: „Wenn Professor Weber bei S t i n n e s b e- schäftigt wäre, und eine solche Rede gehalten hätte, er säße morgen vor der Tür." Er wolle gewiß nicht verkennen.- daß auf dem Gebiete der Bureau- kratisierung Gefahren für die individuelle Freiheit lägen. Aber gegen diese Gefahren könne Abhilfe geschaffen werden auf politischem Gebiete:„Sorgen Sie," so rief der preußische Ministerialdirektor der Generalversammlung zu,„für ein-ordentliches Wahlrecht zu den Landtagen und zu den Kommunen» dann haben wir die Garantien, um der Bureaukratie entgegenzutrete n." Herr v. Thiel wies im übrigen an einer Reihe von Bei- spielen nach, wie notwendig und rationell es sei, immer mehr Produktionszweige zu kommunalisieren. Er pries die Stadt Berlin als Großgrundbesitzer: er empfahl, e ine städtische Milch Versorgung zu organisieren. Besonders auch die Komniunalisierung der Apotheken rechnete er zu den Aufgaben einer rationellen Kommunalverwaltung. Woraus zu ersehen ist, daß auch für diesen preußischen Ministerialdirektor die unausgesetzte Propaganda sozial- demokratisckjer Gedanken nicht ganz vergebens gewesen ist! Auf der anderen Seite freilich glaubte sich Herr v. Thiel gegen das Postulat des Professors Weber wenden zu müssen, auch den Staatsbeamten das Streikrecht zu- zugestehen. Für die Beamten, auch die der Kommune, müsse das Streikrecht ausgeschlossen sein. Aber wenn auch Ministerialdirektor v. Thiel den Streik im allgemeinen als durchaus„unsoziale Waffe" bezeichnete, die in seine sozia- len Anschauungen gar nicht hineinpasse, so ging er doch nicht so weit, den im Gemeindebetriebe beschäftigten Arbeitern das Streikrecht aberkennen zu wollen:„Daß eine Fabrik sechs Wochen stehen bleibt oder ob eine Straße sechs Wochen nicht gefegt wird, kann man ertragen, wenn aber die Post und die Straßenbahn stehen bleibt, so entstehen unberechen- bare Schäden." Herr v. Thiel verkennt dabei nur, daß es ja in der Hand einer vernünftigen Verwaltung selbst liegt, die Gefahr solcher die Gemeindeinteressen schädigenden Streiks dadurch auszuschalten, daß sie rechtzeitig den berech- tigten Forderungen der betreffenden Arbeiterschichten Rech- nung trägt. Denn nur auf Verweigerung solcher Forde- rungen hin, die auch der Allgemeinheit der Bevölkerung als berechtigt erscheinen, könnten es die betreffenden Staats- oder Kommunalarbeiter ja auf einen Streik ankommen lassen, da der Ausgang dieses Kampfes ja wesentlich davon abhängt, ob die öffentliche Meinung auf ihrer Seite st e h t. Immerhin gehört dieser Ministerialdirektor nicht zu den rückständigsten Elementen der preußischen Regierung, sofern wenigstens seine Bekenntnisse nicht als rein p l a to n i s ch e aufzufassen sind. Jedenfalls aber wird sich die Sozialdemokratie mit Vergnügen bei ihrem Kampf um ein demokratisches Wahlrecht auf die Parole der Exzellenz v. Thiel berufen: Sorge» Sie für ein ordentliches Wahlrecht! Auch Professor Adolf Wagner, der übrigens erklärte, daß ihm das Temperament Webers eine hohe persönliche Ge- nugtuung bereite, polemisierte gegen die scharfen Anklagen des Heidelberger Professors. Er machte sich dabei die Sache einigermaßen leicht. Wie Herr v. Thiel berief er sich auf den Absolutismus der privaten Industrie- gewaltigen, speziell des Freiherrn v. Stumm, um den reaktionären Geist unserer Bureaukratie solchem Herrenmenscheutum gegenüber in milderem Lichte erscheinen zu lassen. Auch bewies er weitläufig, was Professor Weber zu bestreiten sicherlich gar nicht eingefallen war, daß gerade die Zuweisung größerer sozialpolitischer Aufgaben an Staat und Kommune die Armee der Staats- und Gemeinde- beamten naturgeinäß immer mehr anschwellen lassen müsse. Auch ein' Bebcl-Licbknechtscher Sozialismus bedürfe eines Beamtenapparates, gegen den sogar unsere heutige Bureau- kratie eine Kleinigkeit wäre. Auf einen Zuruf des Pro- fessors Weber:„Ich verlangte Garantien", ent- gegnete der persönlich wohlmeinende und ehrenhafte konser- vative Sozialpolitiker mit dem deplacierten Zusatz:„Ach, Garantien! Sic sehen ja an der heutigen Sozialdemokratie, wie die revisionistischen Bestrebungen der Bernstein und Schippe! in Acht und Bann getan werden, wie es nirgends bisher in der Kirche geschah. Ist das Freiheit, die wir da sehen?" Auch ein preußischer Professor sollte, zumal wenn er den in nianckier Beziehung auch wirklich der- dienten Ruf eines Adolf Wagner genießt, doch wohl den Unterschied zwischen einer Partei und dem Staate zu begreifen vermögen. Eine Partei ist eine Organisation von .Gleichgesinnten, die gegenüber dem Staate ganz bestimmte Ziele durchzusetzen sucht. Eine Partei wird ohnmächtig, wird zum Kindergespött in dem Augenblick, wo sie heterogene Elemente umfaßt, wo unter ihren Mitgliedern tief wurzelnde Streitigkeiten entstehen über die von der Partei zu verfolgenden Zwecke. So höhnt man jetzt, und nicht nur innerhalb der Sozialdemokratie, über die Nationalliberalen, die gegenüber den Oriola und Heyl von Herrnsheim keine klare Stellung zu nehmen wußten, sondern agrarische und industrielle Tendenzen nebeneinander her- laufen lassen wollen. Eine Partei beruht auf dem frei« willigen Zusammenschluß von Politikern, die in p r i n- z i p i e l l e r und taktischer Meinung einer Auffassung sind: der Staat dagegen ist eine Zwangsorgani- s a t i o n, er unifaßt alle Staatsbürger, er niuß alle Parteien umschließen und infolgedessen weitgehend st e Toleranz üben und auch die Rechte der kleinsten Minorität respektieren. Daß danach die Pflichten des Staates nicht die der Partei sein können, sollte von Rechts wegen auch den geistigen Horizont eines Mannes wie Adolf Wagner nicht übersteigen! Was Adolf Wagner über die Schäden deS Kapitalismus äußerte, wo er sich ohne wirkliche demokratische Kontrolle rücksichtslos auszuleben verniag, wie z. B. in A m e r i k a(wo zwar der Form nach das politische System demokratisch ist, aber infolge der Jugend des Staatslebens und der all- mächtigen Korruptionsmöglichkeiten der herrschenden Klassen in Wirklichkeit nichts ist als das Zerrbild einer wirklichen Demokratie), ist sicherlich richtig: aber darum hatte Professor Weber doch durchaus recht, wenn er den reaktionären Charakter unserer verknöcherten und vom Junkertum und dem ihm verbündeten Großkapital völlig beherrschten Bureaukratie brandmarkte. Der Einsicht ver- schloß sich auch Professor Weber nicht, daß Vergemeindlichung und Verstaatlichung von Betrieben eine größere Zahl von Staatsbeamten und Staatsarbeitcrn erheische. Um der da- durch gegebenen Gefahr der Bureaukratisierung zu be- gegnen, forderte er jä gerade eine größere Respektierung des persönlichen Rechts der Beamten und Arbeiter, das Koalitions- und Strcikrccht. demokratische Jnstitutiviien und das Recht der agitatorischen Aufrüttelung der Massen! Und diese Ansichten waren keineswegs anarchistisch, sondern durchaus demokratisch! Denn jede Bureaukratie, die nicht ihre Grenzen und ihre Kontrolle findet in der weitest- gehenden Demokratie, in dem weitestgehenden Rechts der öffentlichen Kritik, bedeutet eine schwere Gefahr. Daran krankt ja gerade der professorale Staatssozialismus Adolf Wagners, daß er sich diesen Staatssozialisnuis als ein patriarchaliches Gebilde vorstellt, daß er trotz aller bitteren Lehren und Enttäuschungen sich an den Wahn fest- klammert, daß die herrschenden Klassen diexUeberschüsse der Staats- und Gemeindebetriebe zum Wohle der Volksmehrheit verwenden würden, während die Ver- staatlichung der Betriebe nur dann zum Nutzen der Ge- samtheit auszuschlagen vermag, wenn das Volk selbst durch ein demokratisches Kommunal- und Staatswahlrecht die. Herrschaft über die Verwaltung auszuüben vermag! Dieser Einsicht vermochte sich sogar der preußische Ministerialdirektor von Thiel nicht zu verschließen. Sogar er mußte anerkennen, daß Garantien notwendig sind, um der Bureaukratie, diesen) Produkte und Werkzeug unserer herrschenden Klasse, entgegenzutreten. Sogar er ge- stand ein, daß unbedingt Abhilfe geschaffen werden müsse, und zwar auf politischem Boden. Alle vorwärts- strebenden Elemente, vor allen Dingen aber die nicht- besitzenden Schichten können die Parole der preußischen Exzellenz nur zu der ihrigen machen. Sorgen Sie für ein ordentliches Wahlrecht! Generalversammlung des Vereins für Sozialpolitik. Wien, den 29. September 1999. Auf der Generalversammlung des Vereins für Sozialpolitik sprach in der fortgesetzten Debatte Redakteur D i t t m e r- Berlin von der„Gewerkschaft" im Sinne der Ausführungen des Kollegen Mohs, daß die Kommunen als Arbeitgeber die Arbeiter schlechter entlohnten und rechtloser behandelten als die Arbeiter der Staats- industrie. Es bestehe kein prinzipieller Unterschied zwischen dem ersten Beamten der Kommune und dem letzten Arbeiter, deshalb sollte man allen kommunalen Angestellten gleiche Rechte gewähren. Mehr Arbeiter schütz, mehr soziale Einrichtungen für die Gemeindebetriebe!(Beifall.) Prof. Max Web er- Heidelberg: Was Gehcimrat Wagner sagte, habe ich nur mit Staunen gehört. Er sagte, die Ueberfchüsse aus den Staatsbetrieben kämen den unbemittelten Klassen zugute. Ich nahm bisher an, daß sie aus den Taschen der unbemittelten Kreise stammten! Mein Bruder ist bestürzt von den unaufhaltsamen Vordrängen des Bureaukratismus, und gegen dieses Vordrängen hat er sich ge- wendet. Der Bureaukratismus ist eine Maschine, und die Frage, die wir hier aufwerfen müssen, ist die: Wie entrinnen wir dieser Maschine, um den Menschen zu befreien von dem Teilmenschcntum, von dem Halbmenschentum, das diese Maschine unausbleiblich zur Folge haben muß? Professor Wagner sagte, die Staats-�ind Äom- munalbetriebe würden auch auf den Geist des Staates und der Gemeinden insoweit günstig einwirken, als sie Staat, und Ge- meinde mit sozialpolitischem Geiste erfüllen winden. Ich bin gerade cntgc gcnges etzter Meinung. Wenn wir mehr kommunale und Staatsbetriebe schaffen,'dann erfüllen wir die Ge- sctzgebung mit dem A r be i t geb e rg e d a n k en. Die Angestell, ten des Staates und der Gemeinden werden dann päpstlicher'fein als der Papst, die Vorarbeiter und Vorgesetzten werden keine soziale Gesinnung haben, sondern sie werden dann erst recht die Arbeit- g ebe rge s i n n u n g herauskehren.(Sehr richtig.) Ich erinnere nur an die fiskalischen Kohlengruben des Saarreviers. Dort Herr- schen die tollsten Zustände, viel tollere Zustände, als in den Privat- iohlengrubcn.(Widerspruch und Zustimmung.) Prost Wagner hat die Vorzüge des deutschen Beamtentums gepriesen. Nun, w e r i st denn in der Welt vorwärts gekommen, Deutschland mit seinem moralisch so hoch stehenden Beamtentum oder die demo- kratischen Länder mit ihren korrupten Beamten? Ich meine, die- demokratischen Länder mit diesen bestochenen Beamten haben mehr geleistet als wir mit unserer vielen Moralität. Ich kann deshalb vor der Hand an der Unübertrefflichkeit des deutschen Beamtentums noch nicht glauben.(Lebhafter Beifall.) Gemeinderat R e u m a n n- Wien: Wir Sozialdemokraten sind von jeher für Verstaatlichung und Verstadtlichung eingetreten. Aber auch wir verlangen, das; als Vorbedingung für diese Ver- staailichung und Verstadtlichung gelten muß die D e m o k r a t i- sierun� der gesamten osfentlichen(Sinti ch tun- gen. Wir müssen die öffentlichen Betriebe kontrollieren können durch die Parlamente und Gemeindevertretungen, die mif Grund des allgemeinen gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts zu- sammengesetzt sind. Deshalb gilt für uns der Satz: Nur Kommu- nalisierung mit vorheriger Demokratisierung und keine Demokrat!- sierung ohne folgende Kommunalisierung l Prost von Sch u lze- G ev er n i tz- Freiburg i. Br.: Wir müssen Professor Alfred Weber dankbar sein, daß er die De- batte auf eine grundsätzliche Höhe gehoben hat. Er hat der Klage der modernen Menschen Ausdruck gegeben über die turmhohen Lasten, mit denen die Bureaukratie heute die Menschheit fast zu er- drücken droht. Er hat uns aber keinen Ausweg angeben können, er hat uns vor ein Nichts gestellt. Das war der Fehler seiner Ausfuhrungen. Ich meine, es liegt auch viel an der Er- ziehung eines Volkes..In England sind die Zustände viel besser als bei uns, und das liegt daran, daß der englische Kapitalist eine viel bessere Vorbildung erhält als der deutsche Kapitalist. Prof. Redlich-Wien: Wir sind alle prinzipiell für die Verstadtlichung als einen Fortschritt, aber es gibt bei uns Meinungverschieden- heiten über das wann und wie. Prof. Weber beklagte die Gefahr. daß die moderne Menschheit der Hhperbureaukratisierung nahe käure. Dagegen mutz ich einwenden, daß die Bureaukratie(chne tv- pische Notwendigkeit für alle Staaten ist, sondern daß es so viele' Bureaukratie» gibt, als es Staaten gibt. Bureaukratie und Ge- meindebetriebe dürfen nicht in einem Urteil zusammengebracht tverden. Zwischen uns in Oesterreich und Ihnen in Deutschland bestehen gewaltige Unterschiede. Die österreichischen Gc- meinden sind Verwaltungsrepubliken, an deren Spitze ein frei gewählter Bürgermeister steht, während bei Ihnen in Deutschland der B ü r g e r m e i st e r der Un t e g e b e n e des höheren Verwaltungsbeamten ist.(Widerspruch.) Sorgen Sie für ein vernünftiges Wahlrecht zum preußischen > Landtag und Sie werden damit die Gefahr der Bureaukratisierung beseitigt haben.(Lebhafter Beifall.) Prof. Alfred W e be r- Heidelberg: Ich bin mir über die sozialpolitischen und technischen Borteile der Kommunalisier ung durchaus klar. Ich verkenne auch nicht die fiskalischen Vorteile. Die Bureaukratie hat uns organisiert, vielleicht stehen deshalb gerade die älteren Generationen der Bureaukratie anders gegenüber als wir jüngeren. Ich bin auch weit davon entfernt, die persönlichen Qualitäten der Bureau- traten als Beamten irgendwie antasten zu wollen. Die private Bureaukratie, sagt Gehcimrat Wagner, ist viel schlimmer als die öffentliche. Er verwies auf Amerika und Freiherrn von Stumm. Sprechen wir aber nicht alle mit der größten Entrüstung von der Korruption der amerikanischen Universitäten und mit der größten Entrüstung von Freiherrn von Stumm? Wenn Geheimrat Wagner sich nicht darüber entrüstet, daß hier in Wien niemand in der Gemeinde angestellt wird, der nickt eingeschworen ist auf das politische Programm der hier herrschenden Clique, dann hat er keine Berechtigung, sich über Amerika zu entrüsten,.„i Zum Sahlkamps. Rebellierende Lehrer. Wir lesen in der bürgerlichen Presse: „Die Mißstimnlnng innerhalb der Berliner Lehrerschaft über die Haltung der liberalen Mehrheit der Stadtverordnetenversammlung bei der neuen Lehrerbesoldungs- ordnung dürfte bei den bevorstehenden Ersatzwahlen zum L a n d l a g e deutlich zum Ausdruck kommen. Wie bei der Haupt- wähl ist seitens der Liberalen auck» bei der diesjährigen Landtags- wähl Stadtrat Dr. Weigert als Kandidat aufgestellt worden. Bei der Hauptwahl war jener bekanntlich dem Sozialdemokraten unterlegen. Nun wird jetzt von den städtischen Lehrern dieses Wahl- kreises eine lebhafte Agitation entfaltet. In einer zahlreich besuchten ' LehrerversammliingwnrdeLehrer Rosin als Gegenkandidat gegen Dr. Weigert aufgestellt sowie die Bildung eines Wahlsonds in die Hand genommen. Die Lehrer im siebenten Landtagswahlkreise weigern sich auch, das Mandat eines Wahlmannes für Stadtrat Dr.' Weigert anzunehmen, wie sie das bei der vorigen Wahl getan hatten." So berechtigt auch die Entrüstung der Berliner Lehrer über unseren doppelzüngigen Freisinn ist, so sehr sollten doch die Lehrer bedenken, datz sie durch Auf- stellung einer aussichtslosen Sonderlandidatur weder die Interessen ihres Berufs noch die der Gesamt- heit fördern können. Vielmehr sollten die Lehrer in ihrer Gesamtheit das tun, was mancher Einzelne be- reits getan hat: sie sollten geschlossen für die S o z i a l- d e m o k r a t i e eintreten, die ihre Interessen ebenso energisch wahren wird, wie das nur ein aus dem Schulberns hervorgegangener Abgeordneter zu tun vermöchte. Sa! bayerische Budget. Die bayerische Kammer der Abgeordneten hielt gestern ihre erste Sitzung in der neuen Session ab. Finanzminister von Pfaff legte das Budget für 1310/11 sowie einen Gesetzentwurf über den Malzaufschlag und über Aenderungen des Gebühremgesetzes vor. Der Minister erklärte den Finanzabschluß für das Rechnungsjahr 1306/07 für durchaus erfreulich. Wie er ausführte, beträgt der Ileberschuß 24 730 633 M. Dazu haben nahezu sämtliche Verwal- tungszweige beigetragen. Das Jahr 1008 schließt mit einem lieber- schuß von 0 381056 M. ab, von denen 24ü Millionen für Schulden- lügung zurückgestellt werden. Die Aufstellung des Budgets für 1010/11, erklärte der Minister weiter, bot ungewöhnliche Schwierig- leiten. Es lvaren Mittel für Mehrausgaben zu beschaffen, wie sie sich bisher noch niemals ergaben, nämlich für rund 53 Millionen Mark. Da die Steuerreform erst 1311 in Kraft tritt, bedarf öS für 1310 einer zwanzigprozentigen Steuer- er höhung, der Erhöhung verschiedener Gebühren und der Erhöhung des Malzaufschlags. Gehalts- aufbesserungen sind ausgeschlossen. Nur die Pensionen für Witwen und Waisen sollen verbessert wenden. Bei der Eisenbahn macht sich die noch nicht völlig überwundene wirtschaftliche Depression geltend, immerhin wird die Neineinnahme drei Millionen Mark betragen, y- Der Minister ging sodann die einzelnen Etats durch, die mannigfache Neuforderungen aufweisen, und fuhr fort: Das ordentliche Budget schließt in Einnahme und Ausgabe im ganzen mit 625 734 818 M. ab, weist also gegen das letzte Budget ein Mehr von 73 762 724 M. auf. Die Aufstellung des außerordentlichen Budgets war durch die Ueberschüsse von 1306/37 etwas erleichtert. Daraus werden bestritten zahlreiche große Bauforderungen für die Universitäten und andere Ressorts, serner 600 000 M. für Bohrun- gen und Schürfungen auf Kohle, Erz und Salz, sowie für Er- Werbung von Grubenfeldern; vier Millionen für Zwecke der staat- lichen Bäder, darunter Erbauung eines neuen Konversationshauses und einer großen gedeckten Wandelhalle in Kissingen; vierzehn Millionen für die Korrektion der Gebirgsflüsse. Aus all- gemeinen Anleihen sollen insgesamt 51 Mil- lionen gedeckt werden. Der Minister schloß:„Das Bild unserer Finanzlage ist kein erfreuliches, denn es zeigt die Not- wendigkeit, der Staatskasse neue Einnahmequellen zu erschließen. DaS Bild ist aber in keiner Weife besorgniserregend, denn auch nach der Deckung des Mehrbedarfs kann das Maß der steuerlichen Belastung in Bayern sowohl im Vergleich zu anderen Ländern, wie im Vergleich zur Zunahme des Wohlstandes in Bayern nicht als ungünstig und nicht als die EntWickelung des Landes hemmend bezeichnet werden."' '*'*' Unsere Genossen im bayerischen Landtag haben folgende An- träge eingebracht: Die Kammer wolle beschließen: Die Kgl. Staatsregierung sei zu ersuchen, in Rücksicht auf die hohen Preise der unentbehrlichen Lebensmittel und sonstigen Bedarfsartikel im Haushalte dem gesamten nichtstatusmäßigen Personal aller Staatsbetriebe ab 1. Januar 1910 eine tägliche Lohnzulage von 25 Pf. zu gewähren, j Die Kammer wolle beschließen: Die Kgl. Staatsregierung sei zu ersuchen, in Rücksicht auf die hohen Preise aller Lebensmittel und sonstiger Bedarfsartikel im Haushalte den Beamten aller Dienstzweige des Staates, so» weit sie ein Jahreseinkommen unter 3000 M. ab 1. Januar 1910 beziehen, eine Gehaltszulage im Betrage von jährlich 90 M. zu gewähren. v,. Die Kammer wolle beschließen: -• Es sei die Kgl. Staatsregierung zu ersuchen: 1. für Zwecke der Arbeitslosenfürsorge erstmalig in den Etat für 1310/11 eine Summe von 150 000 M. einzusetzen. Aus diesem Betrag sollen jene Gemeinden, welche arbeitslosen Ar- beitern Geldunterstützungen gewähren, Zuschüsse erhalten. Diese Zuschüsse sollen in der Regel 50 Proz. der von den Gemeinden an Arbeitslose verausgabten Beträge nicht über- steigen. 2. Um der in diesem Winter voraussichtlich auftretenden größeren Arbeitslosigkeit zu begegnen, dafür zu sorgen, daß die auf Rechnung des Staates, in allen Ressorts, vorgesehenen Neu- und Erweiterungsbauten rechtzeitig in Angriff, genommen und die hierzu erforderlichen Mittel sofort angewiesen werden; in?- besondere soll der Etat der Bauverwaltung schnellmöglichst fertig- gestellt werden. 3. Anordnung zu treffen, daß die auszuführenden Arbeiten nicht unter den tariflich festgelegten oder im AusführungSort üblichen Berufslöhnen bezahlt werden und 4. Die Kreis-, Distrikts- und Gemeindeverwaltungen zu veranlassen, ebenfalls für entsprechende Arbeitsgelegenheit zu sorgen. Die Kammer wolle beschließen: Die Staatsregierung zu ersuchen, die Aufhebung des zwischen Bayern und Rußland vereinbarten Ausliefe- rungsvertrageö vom 1. Oktober 1885 sofort in die Wege zu leiten. Die Kammer wolle beschließen: Es sei die Kgl. Staatsrcgierung zu ersuchen, dem gegen- wärtig versammelten Landtag baldigst einen Gesetzentwurf vor- zulegen, nach dem auf Grund der 88 58 und 59 des Reichs- erbschaftssteuergesetzes vom 3. Juni 1906 Zuschläge zu der nach den Vorschriften dieses Gesetzes veranlagten Steuer und Abgaben von den nach 8 11 Nr. 4a— e dieses Gesetzes von der Erbschafts- steuer befreiten Personen erhoben werden. Ferner brachte unsere Landtagsfraktion die folgende Jnter- pellation ein:>. 1. Ist der Kgl. Staatsregierung bekannt, daß die von der Abgeordnetenkammer in der Session 1907/08 genehmigten Be- schlüsse des 10.(sozialen) Ausschusses nur teilweise in durchaus ungenügender Weise zur Durchführung gelangten, und was ge- denkt die kgl. Staatsregierung zu tun, um diese Beschlüsse der Abgeordnetenkammer zu erfüllen.. 2. Ist der Kgl. Staatsregierung bekannt, daß in der Ma- schinenbau-Aktiengesellschaft Werk Augsburg den technischen Be- amten das Koalitionsrecht in gesetzlich unzulässiger Weise ver- kümmert wird. Was gedenkt die Kgl. Staatsregierung zu tun, um in Be- trieben, die Staatsaufträge erhalten, das Koalitionsrecht der Arbeiter und Beamten sicher zu stellen. 3. Ist die Kgl. Staatsregierung gewillt, die baldige Ver- abschiedung des Gesetzentwurfes, die Aenderung des Berggesetzes betreffend, zweite Novelle, soviel als möglich zu fördern. vom Kampf in Lchuieden. Zehn Tage dauerten die Verhandlungen in Stockholm. Die Arbeitervertreter haben in dieser Zeit ehrlich versucht, einen Weg zum Frieden zu bahnen. Sie wollten keine Demütigung der Unter- nehmer, sie forderten nur i h r R e ch�t. Einen schroffen Gegensatz dazu bildete das Auftreten der Unternehmer. In der schamlosesten Weise wurden die Ausgesperrten drangsaliert. Man hat sie aus den Fabrikwohnungen auf die Straße setzen lassen, weil sie ihr Koalitionsrecht nicht preisgaben; Polizei und Justiz hat man auf die Kämpfenden und ihre Führer gehetzt und geglaubt, damit ihren Widerstand brechen zu können. Vergeblich! Wie erbärmliche Wichte sind die Schmocko einer Reihe von bürgerlichen Zeitungen über die Kämpfenden her- gefallen, haben sie bedroht und verhöhnt, ihre Führer verleumdet und mit Kot beworfen. Vergebliche Bemühungen! Die Arbcitvertrctrr haben schließlich der Unterhandlungskomödie ein Ende gemacht. Die Gewerlschastsvorstände erklärten, die Be- dingungen der Unternehmer seien unannehmbar! Forderte man doch nicht mehr und nicht weniger als die Selbständigkeit der Arbeiter- organisation auszumerzen. In solchen Punkten kann es keine Einigung geben. So sind denn die Verhandlungen gescheitert. Darüber meldet uns eine Privatdepesche folgendes: Stockholm, den 23. S cp t e m b e r. Die Verhandlungen sind endgültig gescheitert. Die Bedingungen der Unter- nchmer sind für die Arbeiter unannehmbar. Die Gewcrl- sch asten werden den Kampf fortsetzen mit all der Kraft, die die schwedischen Arbeiter entfalten können. Hilft uns die internationale Solidarität wie bisher, so sind wir wegen des Ausganges nicht bange! 3!lir der Hunger wird unsere Phalanx brechen könne». Wir hoffen, daß die Arbeits- brüder i» anderen Ländern nach Möglichkeit helfe» werden, diesen Kampfgenosse» der Nnternchincr, auf den sie rechnen, zu bannen." » Wir haben im„Vorwärts" gleich bei Beginn der Verhandlungen die Auffassung vertreten, daß des großen Kampfes Ende damit kaum anbrechen werde. Dazu kennen wir die Drahtzieher der Unternehmer zu gut, als daß wir uns von der Verhandlungskomödie einschläfern ließen. Die deutsche Arbeiterschaft hat daher unbekümmert um die Stockholmer Verhandlungen ihre Sammlungen für die schwedischen Brüder fortgesetzt. Was an ihnen liegt, wird zweifellos auch fernerhin geschehen, um den Kampf zu einem für die Arbeiter befriedigenden Ergebnis zu führen! Was in Schweden zurzeit ausgefochten wird, ist der erbittertste Klassenkampf zwischen Kapital und Arbeit. In einem solchen Kampfe ist die Stellung der deutschen Arbeit nicht zweifelhaft. Wir begehen keine Indiskretion, wenn wir mitteilen, daß sowohl von Deutschland aus wie von anderen Ländern den schwedischen Gewerkschaften größere Summen zur Verfügung gestellt werden. Daneben werden die all gemeinen Sammlungen fortgesetzt. Die Hoffnungen der schwedischen Kapitalisten, die Arbeiter aushungern zu können, werden daher zweifellos in der nächsten Zeil nicht erfüllt werden. Mehr als 100 000 stehen nach zwei Monaten noch im Kampfe. Das ist dasselbe Verhältnis, als wenn in Deutsch- land mehr als zwei Millionen Arbeiter aus- ständig resp. ausgesperrt wären. Ein Riesenkampf. wie er noch in keinem Lande geführt Ivurde, ist es auch jetzt noch, nach dem Verlauf von zwei Monaten! Eine jämmerliche Rolle spielt immerfort die s ch w e- dische Regierung. Ihren Vergleichsbeamten hatte sie schon früher die Freiheit in ihren Maßnahmen beschnitten. Auch die ein- geleitete Verhandlung war eine Komödie. Sie entsprangen nur den politischen Bedürfnissen der Regierung und der Großindustriellen, deren Geschäftsträger sie ist. Sie wollte sich vor dem Lande den Deckmantel der Friedensfreunde anziehen, nachdem ihre ungesetzliche Haltung gegenüber den Vergleichsbeamten bekannt geworden war und ihr eine politische Blamage eingetragen hatte. Jetzt ist auch diese Maske gelüftet. Die schwedischen Groß- industriellen wollen den verwüstenden Krieg weiter führen. Sie rechnen dabei auf große Extraprofite aus dem unvermeidliche» Ruin der kleineren und mittleren Industrie. Diesen Feldzug deckt die schwedische Regierung. Diese Folgen des Kampfes werden einen weiteren Schritt zum Sozialismus bedeuten. Die Großindustriellen wollen durch ihren schamlosen Kampf, den sie angeblich nur gegen die nicht vorhandenen Forderungen der Arbeiter führen, die kleinere und mittlere Industrie ruinieren, die Konzentration des Kapitals durch ZwangSmaßregc!» beschleunigen. Die Klein- und Mittelbetriebe sollen verschwinden, das Großkapital allein Herr der Ausbeutung der schwedischen Arbeit sein. So betreibt der Großkapitalismus seine Geschäfte. In diesem Vorhaben hilft ihm der Staat. Aber die Konzentration des Kapitals kann nicht das Ende der EntWickelung sein! Das bedenken die Herren nicht, die jetzt den Großindustriellen Helfersdienste leisten. Mag auch die schwedische Arbeiterklasse in diesem Kampfe schwere Opfer bringen müssen, so wird sie doch dadurch entschädigt, daß der Kampf diesmal ohne ihren Willen die ökonomisch-polittsche Entwickelung in Schweden vielleicht um Jahrzehnte beschleunigt. ver ipioniereude Zar. W. Burz ew setzt in der soeben erschienenen Nummer seiner Zeitschrift„Byloje" die Enthüllungen über das berüchtigt- «Journal des Zaren" fort, da? vom Direktor des Polizei- departements speziell für den Zaren angefertigt und vom Minister des Innern dem Zaren unterbreitet wird. Bekanntlich besteht dieses mit der Hand geschriebene Journal aus einer Folge von Berichten, die den Zaren über alle Einzelheiten des Kampfes der Regierung gegen das Volk unterrichten. Den Hauptinhalt des Journals des Zaren bilden die Berichte seiner„getreuen Mitarbeiter" vom Schlage A z e w s und Hartings, und von ihrem Standpunkte aus sind auch die wichtigsten Ereignisse der inneren und äußeren Politik dar- gelegt. Der Inhalt dieses Journals ist aber nicht bloß charakteristisch für das geistige und moralische Niveau der Verbrecherbaiide, die Rußland regiert, er kennzeichnet auch die Methoden, die der Zar an- wendet, um diejenigen zu bekämpfen, die für die Freiheit deS Volkes ihr Leben einsetzen. Als man Alexander U ein Verzeichnis der Personen unter- breitete, die einen russischen Emigranten in London besucht hatten, warf er es ins Feuer, weil er es als eine Schmach betrachtete. polizeiliche Denunziationen zu lesen. Nikolaus II. ist weit entfernt von diesem elementaren Rcinlichkeitsbe�ürfniS seines Großvaters. Die vorliegenden Abschnitte seines Journals, die ausschließlich der russischen Emigration im Auslände in den Jahren 1897—1300 ge- widmet sind, und die er sämtlich„mit Vergnügen" gelesen hat, legen Zeugnis ab von den umfassenden Spionagetalenten dieses er- bärmlichsten und grausamste» aller Romanows. Der Zar interessiert sich nicht bloß für den Inhalt und die Mitarbeiter der im Auslände herausgegebenen revolutionären und oppositionellen Organe und Schriften, für die Art und Weise, wi- sie in Rußland eingeschmuggelt werden, für die Versammlungen der im Auslande weilenden Revolutionäre, für ihre Partei- Verhältnisse, für die Stimmung der russischen studierenden Jugend im Auslande, er läßt sich auch eingehend berichten über die Konflikte und Neugruppierungen im Lager der Revolutionäre, über ihren Verkehr mit den ausländischen sozialistischen Parteien, und über die Geldmittel, die ilrnen zufließen. Da wird die seit Königsberg bekannte Ailschuldigiuig wiedergegeben, daß die Borioärts-Vuchhandlung in Berlin russische sozial- demolratische Schriften in Nußland eingeschmuggelt habe. Da wird berichtet, daß ein russischer sozialdemokratischer Verein in Amerika vom Reinerträge seines NeujahrSballeS 1750 Fr. dem Genossen Plechanoff in Genf sandte, daß ein Studentenverein in Wien 25 Gulden für den„Fonds der Freien russischen Presse' in London spendete, daß Genosse Dr. Jngcrinann in Amerika Sammlungen für die politischen Verbannten in Sibirien veranstaltete, daß eine Gruppe jüdischer Sozialdemokraten in New Dork 3000 Rubel zur Unterstützung der sozialdemokratischen Pro- paganda nach Rußland sandte. Auch da? wird registriert, daß die Wiener jüdische Gemeinde den unbemittelten jüdischen Studenten aus Nußland eine JahreSunterftützung von 600 Gulden be- willigte mit dem Hinweis, daß dieses Geld in die Hände von Sozialdemokraten geraten sei, die es zum Teil zu Propagandazwecken ausgegeben hätten. Da wird ferner ein- gehend berichtet, welche Schritte die russischen Konstitutionalistcli im Auslande unternehmen, um die beginnende politische Bewegung in Rußland auszunutzen, wer von den russischen Liberalen sich durch seinen Verkehr mit den Revolutionären kompromittiert, welche Geldmittel und Informationen den Revolutionären von ihnen zufließen. Vor allem sind es aber die Briefe einzelner, der Regierung als gefährlich erscheinender Emigranten, die das Interesse des Zaren erwecken. In den Berichten an den Zaren sind folgende „ans dem Wege der Geheimagentur", d. h. durch Durchleuchtung oder Diebstahl erlangte Abschriften von Briefen enthalten: 1. Brief von Felix Wolchowski an Gabriel Valamez, Sofia; 2. Brief von Burzew an Iwan Kaschinzew, Sofia; 3. Briefe von A. Teploff, London, an Iwan Kaschinzew, Sofia; 4. Brief von Stepanoff an den bulgarischen Militärarzt Joachim Promn. Alle diese von den Spitzeln und Provokateuren gestohlenen und abgeschriebenen Briefe hat der Zar gelesen, genau so, wie er die von seinen Keaturen über- wachte private Korrespondenz Leo Tolstois und zahlreicher anderer Personen gelesen hat. Die Agenten des Zaren erhalten auch eingehende Berichte über die Veranstaltungen der internationalen Sozial- demokratie, namentlich über solche, die zu den Ereignissen in Rustland Stellung nehmen oder an denen sich russische Sozialisten beteiligen. So enthält der Bericht pro Mai 1837 die Mitteilung, daß am 24. Mai unter dem Vorsitz des sozialdemokratischen Deputierten Daczynski und Kosakewicz eine von SO 000 Personen besuchte Massen- Versammlung in Wien stattfand, in welcher Sieden gehalten wurden, die die russische Nevolutiou verherrlichte» und Geldsammlungen zugunsten der russischen Revolutionäre veranstaltet wurden. Der Bericht pro Mai 1833 enthält ein aus der deutschen bürgerlichen Presse stammendes Referat über die Internationale sozialistische Konserenz in Brüssel am 27. Mai 1833, in welchem darauf hingewiesen wird, das; auch ein Russe namvns Mechanoff an der Konferenz teilgenommen habe. Hierzu bemerkt der Verfasser des Berichtes melancholisch:.In den Akten deS Polizeidepartcments sind keinerlei Angaben über einen Mechanoff enthalten und es ist sehr wahrscheinlich, daß das nicht sein richtiger Name ist."_ politifcbc dcbcrHcbt Berlin, den 29. September 1909. Die Regierung schweigt. Die„Nordd. Allg. Ztg." schweigt noch immer zu der ungeheuerlichen Beschuldigung, dah die Negierung über die Novemberereignisse mit Wissen und Absicht die Oeffentlichkeit irregeführt habe. Je länger dies Schweigen währt, desto eher wird man das alte Wort:„Wer schweigt, scheint zu zu- st i m m e n" auch in diesem Falle für wahr zu halten geneigt sein. Die konservative und klerikale Presse wird auch zu- sehends zuversichtlicher. So erklärt heute die„Märk. Volks- Ztg." neuerdings: .Als Gewährsmann für unseren Artikel„Die Wahrheit über die Noveniberkrists" wird in den liberalen Blättern der RcgierungSrat a. D. Martin genannt. Ties ist total falsch. Verschiedene h o ch st e h e» d e M ä n n e r, die der Zeutruinspartei nicht augehören, auch nicht katholisch sind, haben unsere» Gewährsniann wiederholt eingehend informiert und alles Beloeisinaterial vorgelegt. Diesen war es nur um die Feststellung der Wahrheit zu tun. Wenn man nun allgemein eine neue amtliche Darstellung der Vor- lomnmisse fordert, so wird diese nicht gegeben werden können, da nach unseren Informationen im Auswärtigen Amte keine V o l l st ä n d i g e n Akten über das Interview mehr vorhanden sind. Das Schweigen an dieser Stelle sagt auch genug; nur wird sich der Reichstag damit nicht zufrieden geben können." Auch wir meinen, daß, wenn nicht früher, so sicher im Reichstag der Negierung der Mund geöffnet werden muß. Kommunale Scharfmacherpolitik. Die auf Antrag der sozialdemokratischen Stadtverordneten Kiels ausgesetzte Debatte über die Strcikabrechnung des Magistrats wurde in der Sitzung der städtischen Kollegien am letzten Dienstag fort- gesetzt. Wie wir schon berichtet haben, lagen zwei Anträge der sozialdemokratischen Fraltion vor. Der eine verlangte die Einsetzimg einer Kommission, die die Abrechnung des Magistrats nachprüft, der andere die Wiedereinsetzung der nach dem Streik wiedereingestellten Arbeiter in die Rechte, die sie in bezug auf Höhe des Lohnes, Ferien. Fortzahlung des Lohnes in Krankheits- fällen vor dem Streik durch ihr Dienstalter erworben hatten. Der Magistrat hat bekanntlich alle Arbeiter, die er nach Beendigung des Streiks wieder eingestellt hat, als Neueingestellte behandelt, die Einstellung nur nach dem AnfyngSIohn vorgenommen und auher- dem den Arbeitern die Vergünstigungen, die sie durch ihre Dienstzeit erworben hatten, entzogen. Nicht genug mit diesem brutalen Vorgehen, das selbst von Privatunternehmern bisher in Kiel nach verlorenen Kämpfen der Arbeiter nicht geübt worden ist, hat der Magistrat auch noch eine ganze Anzahl der Aus- gesperrten und Streikenden auf die schwarze Liste gesetzt, darunter viele Familienväter, und besonder? ältere Arbeiter, die heute auch nicht wieder eingestellt worden sind I Das veranlagte nun die sozialdemokratischen Stadtverordneten, in der Sitzung am Dienstag einen weiteren Antrag einzubringen: dag bei Einstellung von Arbeitern zunächst die alten sNdtischen Arbeiter zu berück- sichtigen sind und dag die EinMlung nach dem Dienst- alter zu erfolgen habe. Unsere Genossen Rindfleisch, Martens und Adler beleuchteten das allen guten Sitten zuwiderlaufende Vorgehen des Magistrats gegen die Arbeiter nach beendigtem Streik. Sie appellierten an das Gewissen der bürger- lichen Parteien, den Anträgen zuzustimmen. Der Appell war der- geblich— die bürgerliche Stadtverordnetenclique fühlte sich eins «nt dem Magistrat in der Vergewaltigung der städtischen Arbeiter. Alle drei Anträge der Sozialdemokraten stimmte die ge- schlossene bürgerliche Mehrheit nieder,"nur für den einen An- trag, der die Wiedereinsetzung der Arbeiter in ihre alten Rechte fordert, stimmte außer den Sozialdemokraten noch der Stadt- verordnete Hermann, ein vom HauSbesttzerverein protegierter Herr, der früher Mitglied des Hirsch-Dunckerschen GewcrkvereinS war und in dem sich bei der Abstimmung doch wohl etwas das Gewissen regte. Jetzt ist es an der Kieler Arbeiterschaft, mit dem Magistrat und den bürgerlichen Stadtverordneten abzurechnen. Diese Abrechnung wird nicht auf sich warten lassen! Ein Spezial-Koalitionsrecht für Beamte. Den: preußischen Landtage soll der Entivurf eines Gesetzes, die Beaniienorganisation betreffend, zugehen. Nach diesem Entwurf soll den Beamten das Recht zugestanden werden, sich zu organisieren! doch ist diesen Organisationen jede Ein- Wirkung auf die Oeffentlichkeit zum Zwecke der Abänderung bestehender Zustände verboten. Mitglieder können nur aktive Beamte sein. Die Redaktion der Beamtenfach blätter darf nur von aktiven Beamten geführt werden, die verpflichtet sind, verantwortlich zu zeichnen. Den Leitern der Organisation kann zur Wahrnehniung dieser Geschäfte Diensterleichterung zugestanden werden. Eine schroffere Verhöhnung des Gedankens der Koalitionsfreiheit ist jedenfalls noch nicht dagewesen. Wenn die Beamten sich darauf einlassen, solche Organisationen zu bilden, so werden es eben Vereine, die sich lediglich auf die Pflege der Harmonieduselci beschränken müssen. Jede Erörterung von Forderungen verfolgt doch die Absicht, be- stehende Zustände zu ändern, sodaß also den Beamten durch- aus nicht gestattet wäre, in ihren Organisationen über eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage auch nur zu beraten, geschweige denn zu beschließen. Daß die Redaktion von Fach- blättern nur aktiven Beamten übertragen werden darf, hat seinen Grund darin, daß sich die borgesetzte Behörde ein weit- gehendes.Anfsichtsrecht über die Haltung der Blätter sichern will. Der Redakteur untersteht dann in seiner Eigenschaft als aktiver Beamter der Disziplinarbefugnis seiner vorgesetzten Behörde, auch für seine redaktionelle Tätigkeit. Weder Politiker noch Literaten. Ein freundlicher Leser macht uns darauf aufmerksam, dag„Die Welt am Montag" in ihrer letzten Nummer sich in eine Polemik mischte, die wir mit der„Deutschen Tageszeitung" hatten. Wir haben dem Oertcl-Blatte bewiesen, dag ihm nicht einmal die Herr- lichsten Gedichte Frciligraths bekannt sind, und die Bemerkung ge- macht: wenn das teutsche Agrarierblatt uns mal mit Zitaten aus Freiligrathschen Gedichten von 1870 käme— etwa mit der „Trompete von Gravelotte"— dann würden wir uns besser beschlagen zeigen als die„Deutsche Tageszeitung". Der„Welt am Montag" nun gelüstete es, wie's scheint, hinter der„Deutschen Tageszeitung" an Ungeschicklichkeit und literarischer Tapsigkeit nicht zurückzustehen, und so leistete sich das Montagsblatt denn ein„Streiflicht": Politik kontra Literatur. Der werte Skribifax leitet seinen Sermon mit ein paar Redensarten über die Politiker ein, die nichts von Literatur, und die Literaten, die nichts von Politik verstehen, woraus er sich selber als einen neunmal- weisen Literaturkenner vorstellt. Und dann meint der Hans Dampf uns schulmeistern zu können, indem er dociert: wir hätten das Freiligrathsche Gedicht fälschlich„Die Trompete von Grovelotte" belitelt, während es sich doch„Die Trompete von Bionville" nenne und— wir hätten gar„Die Trompete von Gravelotte" mit dem Gedicht„Die Rosse von Gravclotte" verwechselt I So viel Worte, so viel Dummheiten. Das Freiligrathsche Ge- dicht heißt— da beißt keine Maus'neu Faden ab—: „Die Trompete von Gravelotte". Und wenn der Schlaukopf von der„Welt am Montag" Freiligraths Gedicht durchaus mit Karl Geroks„Die Rosse von Gravelotte" verwechseln will, so ist das seine Sache, qualifiziert ihn aber noch lange nicht zum literarischen Sachverständigen über andere Materien als vielleicht über die Pikanterien, mit denen sein Blatt allmontaglich die Backfische und Lebegreise von Berlin NW. erfreut. Vermutlich kam's dem Kritikus darauf an, zu beweisen, dag er weder Politiker noch Literat ist. Die beleidigte Kolonialnincht. Wegen angeblicher Beleidigung deS Schutztruppen-OberkommandoS und der Schutztruppe angeklagt, hatte sich Dienstag der Reichtagsabg. Genosse Stolle vor dem Schöffengericht Wildenfels zu verantworten. Der Grund der Anklage bildete eine Rede Stalles in einer Reichstags- Wählerversammlung vom 30.Dczbr. 1306, in der er die Kolonialskandale behandelte und die Reden der Vertreter der einzelnen Parteien aus dem ReichStagöberichte im Zusammenhange vortrug.— Darin erblickte die Anklagebehörde eine absichtliche Beleidigung. Das Gericht gelangte jedoch zu einer Freisprechung. Es würde Stolle der Schutz des tz 133 zuzubilligen sein, denn er habe als Reichstagsabgeordneter und Kandidat ein lebhaftes Interesse gehabt, die im Reichstage vor- gebrachten Migstände seinen Wählern llarzulegen. Aus dem Polenlager. Die erste Polenversamnilung, die seit Inkrafttreten deS neuen Reichsvereinsgesetzes in Berlin stattfand und mit Rücksicht auf die bevorstehenden LandtogSersatzwahlen genehmigt werden mußte, führte zu stiirmiscben Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern und Gegnern deS Verhaltens der polnischen Reichstagsfrnktion bei den Verhandlungen über die ReichSfinanzreform. Als der Reichstags- abgeordnete Kulcrski die Haltung der Fraltion im Reichstage der« teidigte und sie als„arbcitcrfreundlich" pries, ertönten Zwischenrufe wie:„Fahre nach Hause, alter Schlvindler",„Wann fliegst Du wieder mit Zeppelin?",„Sing lieber gleich: Deutschland, Deutsch- land über alles". Die Freunde KulerSlis behielten aber die Oberhand, sie schrien jeden Redner, der gegen die Fraktion sprach, nieder. Die Redakteure der polnischen Oppositionsblätter, darunter auch„Dziennik BerlinSli", wurden als„Schmierfinken" bezeichnet, die„nur im Trüben fischen wollten". DaS Berliner Politische Polenkomitee hat gegen den Abg. KulerSli eine Beschwerde an die Fraktion gerichtet, weil er die Ver- sammlung uiibefugteriveise einberufen und den Frieden unter den Berliner Polen gestört habe._ Das Blatt mit der eisernen Stirn. Die„ Staat sbürger-Zeitung" unterschlägt weiter die Erklärungen Hengsbachs und Severings. Genosse Hengsbach erklärte in einer Versammlung in Mülheim- Styrum nach der„Rbein- u. Ruhrztg." erneut die ganze G e> schichte, die selbstverständlich ein gerichtliches Nachspiel haben werde, für erlogen. Aus der Tatsache, dag er über neun Jahre von seiner Frau getrennt lebe, habe sich das Lügengewebe gebildet, Zu der Reise nach der Schweiz mit einem Frauenzimmer erklärte er, dag er im August 1300 nach einer zweimaligen Operation an Blinddarmentzündung zur Erholung dorthin gegangen sei. Er habe einen Bauunternehmer als Reisebegleiter, ferner seinen 13>/�jährigeil Sohn und eine 13 Jahre alte Tochter eine« Parteigenossen mit- genommen. Letztere habe eine frühere Schulfrenndin, die in Luzern lebte, besuchen wollen. Ans dieser» Mädchen habe man dann in dem Briefe, der in der Handlniigsgehilfeiiversammlniig verlesen wurde, ein Franeiizimnter gemacht. Er würde nicht in einer Versammlung auftreten, wenn an der Sache etwas Wahres wäre. In die Bresche gesprungen. Halle und der S a a l e k r e i S stehen noch immer bereits im vierten Monat— im Zeichen skandalölcr, gesetz- und vcrfassungs- widriger amtlicher Verschleppung der Bekanntgabe deS Termins der ReichstagSnachwahl. Inzwischen haben die bürgerlichen Parteien Herrn Reimann, einen waschechten Berliner Kommunalfreifinnigen, als gemeinsamen Kandidaten aufgestellt; während bereits vor Jahresfrist die Sozial- demokratie für die Kandidatur unseres Parteigenossen Kunert votierte. Gegen die Kandidatur R e i m a n n S war von gewissen bürger- lichen Berufsgruppen fund Parteien) energisch und wiederholt Einspruch erhoben worden. Im Zusammenhange damit beteuerte Reimann in seiner Halleschen Jungfernrede, dag er nicht wie ein folgsames Lamm der freisinnigen Parteileitung nach Halle ge« kommen sei, sondern erst dann, alS ihm ein Herr Döhler die Kandidatur angeboten habe. In seiner süßlich pathetischen Art bestätigte darauf Herr Wiemer, dag der Kandidat„mancherlei" Angriffe erfahren, bevor er noch politische Arbeit geleistet habe. St e i m a n n habe aber Dank und nicht bürgerliche Angriffe ver- dient, weil er— der Aufforderung Hallescher Parteisührer folgend— todesmutig den Sprung in die Bresche riskiert habe. Dag jedoch noch andere Ursachen zu dem„Sprung" des modernen Marcus Curtius mitgewirkt haben, geht für uns zweifellos aus der nachstehenden Zuschrift aus Plauen im Voigtland hervor: „Die Kandidatur des freisinnigen Stadtverordneten R e i m a n n auS Berlin könnte den liberalen Llockhalloren durch den Vertreter Plauens im Reichstage, Herrn Günther, schmackhaft gemacht worden sein. Das kam etwa so: Reimann betreibt in Verlin ein Tapisseriewarengeschäft, G ü n t h e r ist Mitbesitzer einer Tapisserie- waren f a b r i k und St e i m a n n ist sein guter Freund und dito Abnehmer. Wirklich zum Ueberfluß ist R. auch noch Stadtverordneter und streng vossisch-christlich-freisinnig. Es bedurfte wohl nur weniger Worte Günthers, um Freund Reimann bei den Kleingeisiern in der Zimmerstrage zu Berlin aufs beste zu alkreditieren. Und man weiß, wie sich der Mugdan über jeden christlichen Fraktionszuwachs freut. Hoffentlich bleibt Herr Rei- niann lediglich seinem Geschäft erhalte n." Der Minister des Pluralunrechts gestorben. Dresden, 29, September. Der frühere Staatsministcr Graf v. Hohenthal und Bergen ist heute abend gestorben. Graf Hohenthal, frllber sächsischer Gesandter in Berlin, hat nur kurze Zeit das sächsische Ministerium des Innern verwaltet. Er war, nachdem sein Vorgänger v. Metzsch an der Aufgabe verzweifelt hatte, berufen worden, um die Wahlreform zu machen, um den grollenden Unwillen, der sich gegen das Dreiklassenunrecht im sächsischen Volke aufgesammelt und sich in den Reichstagswahlen von 1303 explosiv entladen hatle, zu beschwichtigen. Den Wahlrechtsminister nannre man ihn. Als der Wahlunrechtsminister, der Minister des Plural- unrechls schied er aus dem Amte und jetzt aus dem Leben.— Anarchiftenprozest. Leipzig, 23. September. Das Reichsgericht verurteilte heute den anarchistischen Redakteur Hermann Reetz aus Berlin wegen fort- gesetzten Vergehens gegen I 110 des Strafgesetzbuchs(Auf- forderuug zum Ungehorsam gegen die Gesetze) begangen durch vier Artikel, zu einem Jahre Gefängnis. Drei Monate Untersuchungs- hast wurden aus die Strafe angerechnet. Die Anklage lautete auf Hochverrat. Da? Landgericht I Berlin harte ihn in den vier Artikeln entdeckt und sich deshalb für unzuständig zur Aburteilung des Sünders erklärt. Vor dem Reichs- gericht stimmte der Reichsanwalt den Berliner Richtern zu; er beantragte 1'/» Jahr Zuchthaus und 5 Jahre Ehrverlust gegen Reetz. Das Reichsgericht verneinte die Anklage wegen Hoch- verrat, verurteilte indes den Angeklagten auf Grund eines anderen Kautschukparagraphen des Strafgesetzbuchs zu der oben gemeldeten augerordentlich hohen Strafe._ Ocftermch. Der Generalstreik in Trient. Trient, 27. Sept.(Eig. Ber.) Der Generalstreik hat heilte früh mit imponierender Macht eingesetzt. Alle Arbeiter haben die Arbeit eingestellt, selbstverständlich auch die Buchdrucker. die Elektrizitäts- und die Gasarbeiter. Zum Zeichen des Protestes haben auch die Geschäftsleute ihre Läden gespe-rrt und auch die Zeitungsherausgeber haben sich der Protestkundgebung angeschlossen. Vormittags veranstalteten die Arbeiter einen De- monstrationsumzug durch die Stadt, wobei Abgeordneter Avancini eine Ansprache hielt, in der er die Arbeiter aus- forderte, die Kundgebung würdig zu beschliegen und sich durch nichts provozieren zu lassen. foilUaucl. Vom Henkerrcgime. Aus Jekaterinoslaw wird gemeldet, daß die Ge- nassen Mitusoff, Grigorotschenko, Subarjow, Tkatschcnko- Petrenko, Tscherbakow, Waschajew, Schmuilowit und Babitsch, die im bekannten Prozeß wegen des Aufstandes auf der Jekaterinenbahn im Jahre 1995 zum Tode verurteilt wurden, in der Nacht vom 18. zum 19. September hingerichtet worden sind. Die genannten Genossen hatten sich g e- weigert, dem Beispiele der übrigen zum Tode verurteilten 24 Angeklagten zu folgen und ein Begnadigungs» g es u ch an den Zaren einzureichen. Sie hielten bis zum letzten Augenblick die Fahne der Revolution hoch. In W i l n a wurden dieser Tage vier Gefangene, die im Juni einen Fluchtversuch aus dem Gefängnis unter- nahmen, zum Tode verurteilt. Der Verteidiger eines der Angeklagten, Genosse Drosdowitsch, hatte telegraphisch in Petersburg ersucht, die Hinrichtung zweier Verurteilten ans- zuschieben. Der Generalgouverneur hatte es aber so eilig. daß die nach 24 Stunden eingetroffene Begnadigung z u spät kam. Der Generalgouverneur Hörschelmann ist schon von seiner Moskauer Tätigkeit her durch seinen un- ersättlichen Blutdurst bekannt.— Rumänien. Ein Zensurstreich. Man schreibt uns aus Bukarest: Die Gcneralkommission der Gewerkschaften Rumäniens schickte vor kurzem an die Gewerkschafts» kommission Schwedens ein Sympathieteleqramm folgenden Wortlauts:„Die organisierten rumänischen Nassenbewugten Arbeiter, welche einen langen und schweren Kampf gegen die Unterdrückungen der„liberalen" Partei zu führen haben, senden ihre brüderlichen innigsten Griige den Vorkämpfern sür die Eroberung der Arbeiter- freiheit. Hoch der Streik!" Drei Tage später erhielt die Generalkommission von der Post die Mitteilung, dah dieses Telegramm im Auftrag der liberalen Regierung konfisziert worden seil Dieses Stückchen ist ja nun allerdings nicht das schlimmste, das einer„liberalen" Regierung zur Last fällt, unter der im Frühjahr 1807 Tau sende von Bauern ermordet wurden, die systematisch alle tätigen Sozialdemokraten ins Ausland hetzt und die auf Veranlassung eines ihrer Mitglieder, das ehemals sich als Sozial- demokrat gebürdete, eine ganze Armee von Lockspitzeln unterhält. Aber dieses Stückchen charakterisiert allerdings diesen „Liberalismus" so treffend, dag es der empörten Oeffentlichleit doch nicht vorenthalten werden durfte. IVlarokko. Die Besetzung des GurngubergeS. Melilla, 29. September. Heute vormittag 10 Uhr bemächtigten sich die zur Brigade des Generals Del Real gehörigen Truppen der Garnison Melilla des höchsten Punktes des Gurugu» b e r g e S und pflanzten dort die spanische Flagge auf. die von den Kriegsschiffen mit Salutschüssen begrüßt wurde. Ein nener Angriff der Mauren. Madrid. 29. September. Amtlich wird aus Melilla unter dem 28. d. M. gemeldet: Um 3 Uhr nachts wurde"das Truppenlager bei Suk el Arba von 500 Mauren angegriffen. Da eine Anzahl Mauren bis an die Verschanzungen vorging, so entspann sich ein Handgemenge. Die Spanier erwiderten das Feuer der Feinde loegen der herrschenden Dunkelheit nur vorsichtig. Während eines unter feindlichem Feuer unternommenen Rekognos- zierungSrittes wurden ein Major, ein Sergeant und drei Soldaten getötet, ein Hauptmann, zwei Sergeanten und zwölf Soldaten verwundet. Die Feinde wurden zum Rückzug gezwungen. In den Schluchten des GurngubergeS sind die Leichname von weiteren 50 gefallenen Spaniern aufgefunden worden. Die verhöhnten Diplomaten. Paris, 29. September. Im Ministerrat gab der Minister des Auswärtigen Pichon die von ihm erteilten Anweisungen zum Protest gegen die grausamen Strafen, die über die gefangenen An» Hänger des Rh o gi verbängt wurden, bekannt, und teilte die von Mnlay Hafid auf de» Schritt der Konsul» i» FeS gegebene Antwort mit. Die Bemühungen der politischen Agenten der Mächte hätten es nicht vermocht, vom Sultan die bestimmten Zu- sicherungen zu erhalten, die sie ihren» Auftrage gemäß von ihm sich geben lassen sollte». GewerkrchaftUchee. Die christlichen Gewerkschaften und die Bischöfe. Auf der internationalen Konferenz christlicher Gewerkschafts- sichrer, die im August 1908 in Zürich stattfand, sind bekanntlich von deutscher Seite entschiedene Worte gegen die Bischöfe gefallen, die gegen die Jnterkonfessionalität der Arbeiterorganisationen sind, weil sie darin eine Gefährdung des Seelenheils ihrer katholischen Schäfchen erblicken.„Bis hierher und nicht weiter"— rief der Abgeordnete S ch i f f e r den Bischöfen zu.„Sie haben das Recht und die Pflicht, in religiösen und kirchlichen Dingen uns die Wege zu weisen, aber wo es sich um vein wirtschaftliche Dinge handelt, Haider Bischof kein Recht, e i n Rh a ch t w o r t zu spreche n." Und der christliche Metallarbeiterführer W i e b e r meinte:„Auf diesem Gebiete gilt, wenn irgendwo, die Mahnung, den Anfängen zu widerstehen. Deshalb ist es unsere Pflicht, d e n kirchlichen Oberen beizubringen, daß es ein U n d i n g ist, in den wirtschaftlichen Kämpfen die katholi- schen Arbeiter von ihren evangelischen Genossen zu trenn en." Diese Worte zielten nicht nur nach Deutschland, sondern auch nach Holland, wo die Bischöfe aus ihrer Abneigung gegen die Jnterkonfessionalität der Gewerkschaften noch diel weniger ein Hehl machen. Auf die holländischen Bischöfe hat indessen die Züricher Kundgebung der Herren Schiffer, Wieber und Genossen nicht den mindesten Eindruck gemacht, denn ein Jahr darauf, im Juli 1909, erließen sie ein Pastorale, worin sie als ihren„ernstlichen und aus- drücklichen Wunsch" bezeichnen,„daß die ihnen unterstell- ten Katholiken sich vereinigen und vereinigt bleiben in katholischen Organisationen", und zwar sollen in diesen Organisationen„die katholischen Prin- zipien zu ihrem vollen Rechte kommen". Die allge- meinen Statuten der katholischen Berufsverbände sollen der Be- stätigung des Bischofs bedürfen, der auch den„ge i st l i che n Bei- r a t"(Adviseur) zu ernennen hat. Dieser„geistliche Beirat" hat „darüber zu wachen, daßkeineBeschlüssegefatztwerden. die mit der Religion und der Moral in Wider- spruch stehen, für die religiösen und sittlichen Interessen der Vereinigungen und ihrer Mitglieder zu sorgen und den Frieden scwohl zwischen den Mitgliedern untereinander als auch m i t anderen Vereinigungen und Ständen zu för- der n." Das bedeutet die völlige Unterordnung der christlichen GeWerk- schasten unter die kirchliche Autorität. Wie verhalten sich nun dem- gegenüber die Kollegen und Gesinnungsgenossen der Herren Schiffer, Wieber usw. in Holland? Sie unterwerfen sich l ö b l i chl Die stärkste christliche Organisation in Holland, die bisher auf interkonfessionellem Boden stand, ist die„U n i t a s", der Verband christlicher Textilarbeiter, auf dessen Bun- -desgenossenschaft die Christlichen in Deutschland am festesten bauen zu können glaubten. Im Bezirk Twente(Overyssel), wo die holländische Industrie ebenso wie die christliche Gewerkschaftsbewe- gung ihren Mittelpunkt hat, sind jüngst die Vertreter der„Unitas" mit den Vorständen katholischer Arbeitervereine zusammenge- kommen und haben nach langer Beratung beschlossen, daß nunmehr, nachdem die Bischöfe sich für die„nationale katholische Fachorgani- fation" ausgesprochen haben, den Mitgliedern der„Unitas" ange- raten werden soll. indiekatholischenFachabteilungen einzutreten! Die christlich- interkonfessionelle„Textilarbeiter- Zeitung" (Deutschland) bemerkt kleinlaut, daß allem Anschein nach die hollän- dische christliche Gewerkschaftsbewegung„in vollständig neue Bahnen eintreten" werde. Herr Schiffer, der Führer der christlichen Textilarbeiter, findet nicht mehr wie in Zürich scharfe Worte der Abweisung gegenüber der bischöflichen Anmaßung, er be- gnügt sich, der„Unitas" vorzuhalten, daß sie als Mitglied der inter- nationalen Textilarbeitervereinigung doch wohl gut getan hätte, vorher eine Aussprache mit den führenden Kollegen der internatio- nalen Vereinigung herbeizuführen, oder ob denn nicht die Sache der„Unitas" auch Sache der internationalen Textilarbeiterbewe- gung sei? Die deutschen christlichen Gewerkschaftsführer haben Grund, kleinlaut zu sein. Wer weiß, wie bald auch für sie die Zeit kommt, wo sie sich dem bischöflichen Machtgebot fügen und dein„Adviscur", dem geistlichen Vertrauensmann des Episkopats, die Sorge dar- über anvertrauen, daß in ihren Organisationen stets die„k a t h o- lischen P inzipien" gewahrt und die Mitglieder zur Friedfertigkeit mit anderen„Ständen" erzogen werden. Deutsche Gewerkschaftsführer iu Amerika. Seit Gompers auf seiner europäischen Studienreise auch Deutschland besucht hat, ist die Frage, wie drüben die zuwandernden Arbeiter von den Gewerkschaften behandelt und aufgenommen iverden, in den Vordergrund getreten. Soweit der Streit bis jetzt sich überblicken läßt, wirklich authentische Berichte aus der Union sind leider nur recht unzureichend vorhanden, scheint da allerdings verschiedenes nicht in Ordnung zu sein. Zur Aufklärung der Frage, insbesondere wie daS lithographische Gewerbe in Frage kommt, hat jetzt der Verband der Lithographen, Steindrucker und verwandter Berufsgenossen einen recht glücklichen Schritt unternommen. Da Amerika als Absatz- und auch als Konkurrenzgebiet für die deutsche graphische Industrie eine große Rolle spielt, und einmal die Tarifreform, zum andern der fortwährende Hinweis der deutschen Unternehmer auf die Leistungen der amerikanischen Arbeiter eine genaue Kenntnis der dortigen Verhältnisse wünschenswert erscheinen ließ, hat der ge- nannte Verband dafür gesorgt, daß einige deutsche Gewerkschafts- führer eine Studienreise nach der Union unternehmen. Als be- sonderer Grund zu dieser Maßnahme kam noch hinzu, daß die amerikanischen Lithographen nach kurzer Verbindung mit der Be- rufsinternationale wieder absolut still geworden sind. Um auch da einmal endlich Klarheit zu schaffen, schickte die Internationale ihren Sekretär, den Genossen Otto Sillier, Zentralvorsitzender der deutschen Berufsorganisation, nach den Vereinigten Staaten. Da aber, wie schon gesagt, gerade die deutsche Organisation noch besonderes Interesse an den amerikanischen Berufsgenossen hat, delegierte sie ebenfalls ein Mitglied ihres Hauptvorstandes, es ist der Genosse Hermann Müller, der im Zentralarbeiter- sekretariat als Sekretär beschäftigt ist und als Lithograph die Berufsverhältnisse ebenfalls kennt. Die österreichische Bruder- organisation delegierte dann ebenfalls ihren ersten Vorsitzenden. Die Studienreise der drei genannten Genossen ist jetzt nahezu be- endet, sie werden in allernächster Zeit wieder in Europa eintreffen. Sicher wird ihre Monate umfassende Informationsreise wichtiges Material zusammengebracht haben. Einmal wird ein klarer Blick über das größte Absatzgebiet der deutschen lithographischen Industrie geschaffen worden sein, und dies ist gerade jetzt, wo die Tarif- reform durchgeführt worden ist, von besonderer Bedeutung. Des weiteren werden die deutschen Kollegen über die Arbeitsverhältnisse ihrer amerikanischen Kollegen besser unterrichtet werden. Daneben wird noch manche der anderen, in der letzten Zeit aufgetauchten Fragen, einiges Tatsachenmaterial zu ihrer Beantwortung finden. Wie sich die amerikanischen Arbeiter zu den Eingewanderten stellen, wie sie organisiert sind, wie die Möglichkeiten der Aufnahme von Ausländern in die amerikanischen Gewerkschaften aussehen, und so manches andere wird dann besser beantwortet werden können. Und als besonderes kommt noch hinzu, daß die so schnell unter- brochene Verbindung der lithographischen Internationale mit dem Verantw. Redakteur: Hans Weber, Berlin. Inseratenteil verantw.; Lande der Streifen und Sterne seine Aufklärung finden wird, bielleicht sind sogar Möglichkeiten neuer Anknüpfungen schon wieder gegeben. Sicher wird durch diese Studienreise, die doch immerhin nur beschränkte Zeit zur Verfügung hatte, nicht über alle Fragen und Angelegenheiten Auskunft geben; aber es ist mit dieser Jnforma- tionsreise doch ein erster Schritt getan, um führende deutsche GeWerk- schaftsgenosscn mit amerikanischen Verhältnissen vertraut zu machen, und diese Erweiterung der Kenntnisse ist von größter Bedeutung. Lerttn und Umgegend. Achtung, Schuhmacher! Bei der Firma Schubert(Schuhfabrik), Elisabethstraße, haben sämtliche Arbeiter und Arbeiterinnen wegen fortwährender Entlassungen und Lohnabzüge die Arbeit niedergelegt. Zentralverband der Schuhmacher(Ortsverwaltung Berlin). Deutlcbes Reich. Eine neue Lohnbewegung der Binnenschiffer auf der Elbe. Ende August wurde mit dem Arbeitgeberverband für Binnen- schiffahrt ein Tarif vereinbart. Jetzt nun wird der Verband der Hafenarbeiter eine Nachlese halten. Er wendet sich an diejenigen Firmen, die dem Arbeitgeberverbande nicht angehören, um sie zur Anerkennung des Tarifs zu veranlassen. Unter ihnen befinden sich Unternehmer, die einen ansehnlichen Schiffspark ihr eigen nennen. Doch sie verhalten sich den Forderungen der Arbeiter gegenüber ablehnend. Die Organisation hat daher be> schloffen, die Unternehmer durch Arbeitseinstellung zu zwingen, die- selben Forderungen anzuerkennen, die mit den anderen Unter- nehmern abgeschlossen worden sind. Vorläufig sind es 12 Firmen, bei denen die Arbeit am 18. Oktober eingestellt werden wird. Die Kündigung erfolgt am 1. Oktober durch die Organisationsleitung, die hierzu von den Deckmannschaften bevollmächtigt ist. Die Firmen, bei denen die Arbeit eingestellt wird, find folgende: Pure Oel Compagnie, Hamburg; Dümling, Schönebeck; Wienicke, Tanger- münde; R. Vogel, Hamburg; Schwartzkopf u. Co., Magdeburg; W. Gerloff, Westerhüsen; Büchlein, Dessau; Deutsche Petroleum- verkaussgcsellschaft, Hamburg; Fräßdorf, Hamburg; Deutsch- amerikanische Petroleumgeselischaft, Hamburg; Albert Lüdicke, Magdeburg; Neubert, Nienburg. Diese zwölf Firmen sollen die ersten sein; es werden dann— je nach Lage der Verhältnisse— auch die anderen Firmen an die Reihe kommen, denn es ist beschlossene Sache, daß alle Unternehmer veranlaßt iverden sollen, die neuen Bedingungen anzuerkennen. Die Situation ist für die Schiffer die denkbar günstigste. Der Geschäfts- gang ist— wie alljährlich im Herbst— ein sehr flotter; es herrscht allgemein Mangel an befahrenen Deckmannschaften. Die Leitung der Bewegung erfolgt durch die Zentralstelle der Sektion Binnenschiffer in Magdeburg. Außerdem können sich die Mannschaften beim Verlassen der Schiffe an folgenden Orten melden: Hamburg: bei L. Grell, Besenbinderhof 57; Magdeburg: bei W. S ch ü n i n g, Petrieförde 3 I; Dresden: bei A. Li o ß b e r g; Ritzenbergstr. 4, pt.; Außig(Böhmen): bei A. P r a g e l, Töpfer- gasse 45 I; Berlin: bei W. C. B ö h m e r, Lankwitz, Charlotten- straßc 38. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Unternehmer Streikbrecher von auswärts herbeiholen wollen, da von der Schiffsmanuschaft auf der Elbe und Havel, die fast völlig organisiert ist, sich solche nicht finden werden. Es wird dann gebeten, der Ortsverwaltung des Hafen- arbeiterverbandes in Magdeburg, Petrieförde 3, davon Mitteilung zu machen._ Die Zigarrenfabrik E. Deten in Stettin, die eine Anzahl Filialen besitzt, will die in P a s e w a l k befindliche Filiale gänzlich auflösen. Es ist den dort beschäftigten hundert— größtenteils unorganisierten— Arbeitern gekündigt worden. In der Wagcnfabrik Käthe u. Sohn in Halle a. S. haben am Mittwoch sämtliche Sattler die Arbeit niedergelegt. Zu- zug ist sireng fernzuhalten!_ Lohnbewegung in der Nordhäuser Kautabakindustrie. Die Röllchenmacher der Kautabaksabriken verlangen V« bis 5 Pfennig pro Pfund mehr Lohn. Die Lohnforderung machte sich notwendig, nachdem die Kautabakfabrikanten dazu übergingen, die Preise für ihre Fabrikate zu erhöhen, und sich dadurch wesentliche Verschlechterungen im Lohnverhältnis einstellten. Jede Preis- erhöhung des Kautabaks hat zur Folge, daß in derselben Weise, wie sich der Preis um je 10 Pf. pro Pfund erhöht, die Röllchenmacher je ein Röllchen prvPfund mehr anzufertigen haben. Die Preisaufschläge, die infolge der Tabaksteuererhöhung vorgenommen wurden, bewegen sich aber zwischen 40 bis 100 Pf. pro Pfund für die Konsumenten, woraus sich ergibt, daß die Röllchenmacher 4—10 Stück Röllchen pro Pfund oder 400—1000 Stück pro Zentner mehr anzufertigen haben. So haben die Röllchenmacher neben der Einschränkung der Arbeitszeit und dadurch bedingte größere Lohnausfälle noch durch diese Verschlechte- rung ihres Lohnverhältnisses einen Schaden von 2,50—3 W. pro Woche. Die Forderung der Röllchenmacher, die als sehr mäßig bezeichnet werden mutz, entspricht nur den Verschlechterungen, die sich durch die Ein- führung der neuen Sorten ergeben haben; sie ist deshalb nur als eine Ausgleichsforderung zu bezeichnen, durch die die früheren Lohn- Verhältnisse wiederhergestellt werden sollen. Zum Kampfe der Holzarbeiter in Siidwcst-Deutschland. Wie schon berichtet, hat der.Südwestdeutsche Arbeitgeberverband für das Holzgewerbe" sich jetzt an die Schreinerinnung in Frankfurt um Hilfe gewandt. Die Versammlung der Innung, welche am 27. d. Mts. stattfand, war gut besucht. Herr Dr. Keiner- Mannheim und K e r t e l l- Frankfurt hatten es übern onnnen, die obligaten Speechs zu halten. Die Versammelten ließen dieses auch ruhig über sich ergehen. Die Jnnungsmeister haben sogar nach dem Willen der beiden Herren beschlossen, daß sie mit den Maßnahmen des Arbeitgeberverbandes im Schreinergewerbe und ähnlichen Betrieben, sowie des Süd- westdeutschen Arbeitgeberverbandes für da? Holzgewerbe be- treffend die Tischlersperre vollständig einverstanden sind. Sie er- klären sich bereit, den Arbeitgeberverband insoweit zu unterstützen, daß die einzelnen Mitglieder die organisierten Arbeiter aussperren, wenn nicht his zum 1. Oktober d. I. die Frankfurter Zahlstelle des Deutichen Holzarbeiterverbandes sich bereit erklärt, zu verhandeln. Der Vorstand der Innung wurde beauslragt, diesen Beschluß sofort dem Gesellenausschuß mitzuteilen. Für die Resolution stimmte die Hälfte der Anwesenden. Eine Anzahl Meister stimmten dagegen, während eine große Anzahl sich an der Abstimmung nicht beteiligte. Die meisten Anwesenden betrachteten die Versammlung als eine kleine Abwechslung. Das wird auch der einzige Erfolg sein. Aber es ist wenigstens einmal wieder etwas beschlossen worden, und das schlägt die Leitung der Arbeitgeber schon hoch an. Aussperren werden vielleicht noch einige Kleinkrauter und damit ist dem Schutzverbande nicht geholfen. Berichtigend sei noch mitgeteilt, daß in Frankfurt nicht 1041, sondern nur 104 Arbeiter von der Streikleitung veranlaßt wurden, die Arbeit niederzulegen, und zwar in solchen Betrieben, in denen ein Teil der Arbeiter ausgesperrt worden. In der Schuhfabrik von Kaufmann in Frankfurt-Ober- r a d sind sämtliche Arbeiter in den Ausstand getreten. Die Arbeiter der Petroleumraffinerie vormals August Korf A.-G. in Bremen sind am Montag wegen Lohndifferenzen in den Ausstand getreten. Sie verlangten eine Erhöhung der Löhne nm 15 Prozent. Die Direktion lchnre jedoch eine Anfbessernng im Lohn- Verhältnisse unter- Hinweis auf die schlechte Geschäftslage ab. worauf seitens der Arbener die Einreichung der Kündigung erfolgte. Vor Ablauf der Kündigungsfrist ist von den Vertretern der Arbeiter alles tlh, Glocke, Berlin, Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. VerlagsanstÄl" versucht worden, auf dem Wege der Verhandlungen eine VerstZndiglmg herbeizuführen. Selbst der Vermitteliiiigsversuch des Richters des Bremer Gewerbegerichts scheiterte an dem Starrsinn des Direktors. Nach Einpfangnahme des Lohnes und der Papiere haben die Arbeiter den Arbeitsplatz einmütig verlassen. Zuzug ist fernzuhalten. Ein Tnrifstreit wurde bor dem Gewerbegericht Erlangen am 20. September 1909 durch Urteil entschieden. Im Jahre 1903 schloß die Zahlstelle des Verbandes der Branereiarbeiler ErlangenS mit zwei Brauereien gleichlautende Tarifverträge ab. Die Lohnftage wurde durch K 5 festgelegt, der lautete: „Der Mindestlohn beträgt für Brauer, Mälzer, Maschinisten und Büttner inklusive 1,50 M. Wohnmigsentschädigung und 7 M. Freibierentschädigung pro Woche inklusive Sonntag im ersten Jahr 30,50 M., im zweiten Jahr 31,50 M., im dritten Jahr 32,60 M., nach weiteren zwei Jahren 33,50 M., nach weiteren zwei Jahren 34,50 M., nach weiteren drei Jahren 35,60 M. Bei der Beratung des Tarifs wurde§ 5 dahin interpretiert, daß im zehnten Dienstjahre der Höchstlohn erreicht wird. In der Leitung der Brauerei Henninger-Reif trat ein Wechsel ein und weigerte sich die neue Direktion, eine Aufbesserung des Lohnes mit Beginn des fünften Jahres eintreten zu lassen, nachdem sie den Absatz des§6„nach weiteren zwei fahren" dahin ausgelegt wissen wollte, daß erst mit Beginn des sechsten Jahres die vierte Lohnskala einzutreten hätte. Die Arbeiter beriefen sich auf die Direktion der zweiten Brauerei, bei der der Lohn von 33.50 M. mit Beginn des fünften Jahres bezahlt wurde. Bei der Zeugenvernehmung gab die Direktion einen Irrtum ihrer Buchhalter an. Auch sie legte den Tarif nach Anschauung der streitenden Brauerei aus. Nun hatten die Arbeiter noch den Direktor einer dritten Brauerei vernehmen lassen, mit dem der gleiche Tarif 1900, also 3 Jahre später, abgeschlossen wurde. Dieser inachte auf den Tarif bei der Beratung die Notizen 1., 2., 3., 5., 7., 10. Dicustjahr. Es war klar zu entnehmen, daß so die Aufbesserung zu erfolgen hat und der Tarif auszulegen sei. Der Vrauereiarbeiter- Verband erhob nur im Namen eines Ar- beiters Klage auf Bezahlung der tariflichen Zulage ab 1. April 1909 mit 1 Mark pro Woche. Die Firma stellte PräjudizialinzidentfeststellungSwiderllage(präjudiziell: was vor der Hauptsache entschieden werden muß) mit dem Antrage, es möge fest- gestellt werde», daß der Tarif nach ihrer Anschauung auszulegen sei; ferner beantragte sie, den Streitwert auf 500 M. festzusetzen. (Um eventuell Berufung zum Landgericht einlegen zu können.) Das Gewerbegericht verurteilte die Firma zur Nachzahlung des Lohnes und wies die Widerklage ab. ES führte in der Begründung an: Nicht der Wortlaut eines Tarifes ist allein bindend für dessen Auslegung. Nach§ 157 des Bürgerliches Gesetzbuches sind Verträge so auszulegen, wie Treu und Glauben mit Rücksicht auf die Verkehrssitte es erfordern. Der allgemeine Gesichtspunkt bei Abschluß von Lohntarifen ist der, daß zunächst die Löhne schnell, dann langsam steigen, dann eine gewisse Ruhe, bis zum Höchstlohn eingesetzt wird. Nach der Auslegung der Vrauereidireksion würde die Lohnfteigeruiig schnell, dann langsam, dann wieder schnell dann wiederum langsam zum Höchstlohn steigend. Dies war nicht die Absicht der Vertragschließenden, was auch der Zeuge mit seinen mit der Bleistiftnotiz versehenen Tarifvertrag bestätigte. Die Wider- klage mußte abgewiesen werden, weil eS sich nicht um das Be- stehen eines Rechtsverhältnisses, sondern lediglich uin die Auslegung eines solchen handelte. Zur Festsetzung eines Streit- wertes von 500 M. bestand kein Anlaß, da nur die Klage eines Ar- beiters zur Aburteilung stand, obwohl der eine Fall für die Firma maßgebend sein dürste, auch ihren übrigen Arbeitern die Lohn- zulage zu gewähren._ Huö der frauendewegung. Freisinnige Halluzinationen. Dienstag abend brachte die„Vossische" und„Nationak-Ztg.", gestern morgen die„Freisinnige" je eine Notiz über Frauenwahl- agitation, die ans der Lügenfeder ein und desselben Herrn stammen. Es wird darin von sozialdemokratischen Sprengkolonnen berichtet, in deren Gefolgschaft sich sogar 14jährige Mädchen befanden, die einen ohrenbetäubenden Lärm anstimmten.„Hoch Hoffmann I" und„Nieder mit den Pfaffen!" schrien. Unter G r ö h l e n und Schreien hätten sie den Saal verlassen,„die Kolonne konnte nicht wirksam in Aktion treten") da viel liberale Männer anwesend waren. DaS Vaterland war gerettet. Diese in den genannten Zeitungen wörtlich übereinstimmenden Angaben sind, wie uns berichtet wird, nicht nur maßlos übertrieben, sondern in der Hauptsache erlogen. Als Montag abend ausgezählt 87 Weiblein und Männlein in den„Hohenzollernfälen" saßen und ein sozialdemokratischer Redner so wirksam gegen den Freisinn sprach, daß die Vorsitzende wieder- holt und vergebens aufforderte, es mögen sich genaue Kenner der liberalen Politik zum Worte melden, da- mit die Ausführungen des Gegners nicht unwidersprochen bleiben, traten gegen 11 Uhr still und bescheiden etwa 40 Arbeiterinnen in den Saal. Sie kamen von der gemeinsamen Lesestunde des Moabiter Bezirks und folgten hier mit ge» spannter Aufmerksamkeit der Debatte. Lächelnd schüttelten sie die Köpfe, als der Vorsitzende erklärte, ihre Interessen werden vom Freisinn(I) am besten(!!) vertreten, stürmisch stimmten sie dem sozialdemokratischen Redner zu, der die Schlappheit des Freisinns hervorhob und seine volkSvcrräterische Politik scharf geißelte. Da es bereits spät war, als eine Resolution zur Verlesung kam, die sich gegen den Landtagskandidaten H o f f m a n n wandte, standen sie auf, an der Türe ertönte ein«Hoch Hoffmaun l' und draußen waren sie! Kein Wort fiel weiter!— Zunächst waren die Philister starr, dann tobten einige von diesen(!) und schrien Raus! obwohl die Türe sich läng st geschlossen hatte. Die 14jährigen Mädchen und der„ohrenbetäubende Lärm", den die Arbeiterinnen anstimmten, existierte nur in dem überreizten Gehirn des kapitalistischen SoldschreiberS. Letzte I�achricbten und Depefd�en, Der schiffbrüchige Landtag. Prag, 29. September.(W. T. B.) In der heutigen Voll- Versammlung der deutschen Landtagsabgeordncten wurden die Per- Mittelungsvorschläge als unannehmbar abgelehnt. Damit sind die Verhandlungen zur Flottmachung des Landtages endgültig ge- scheitert. Risiko der Arbeit. Frankfurt a. M., 29. September.(B. H.) In der Eisengießerei von D. S. Friessohn in Sachsenhausen riß heute morgen die Kette eines Aufzuges, an welchem schwere Eisenteile gehoben werden. Ein eiserner Träger stürzte herab und tötete den Anstreicher Hepff, während dem Schlosser Jost beide Beine zerschlagen wurden. Letzterer wurde schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. Hniiliu, 29. September.(B. H.) Am Neubau der Kaserne für das Eisenbahnregiment stürzten gestern infolge Gerüfthcdclbruchs drei Arbeiter ab. Der eine wurde schwer, die anderen leichter verletzt._,_ PaulSinger& Co., Berlin S W, Hierzu 3 Beilagen«. UnterhaltungSbl. Kr. 228. 26. Jahrgang. t KcilW des, Amiirls" Mim AlMlitt. Donnerstllg, 30. September 1909. Die Berliner Genoffen über den iParteitag in Leipzig Am Dienstag hielten alle sechs sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins Generalversammlungen ab. Die Ver- sammlungen beschäftigten sich durchweg mit der Aufstellung von Kandidaten für die Stadtverordnetenwahlen und mit der Entgegennahme der Berichte von der Provinzialkonferenz. Das Hauptinteresse aber beanspruchte in allen Versammlungen der Bericht vom Parteitage in Leipzig. Die. Debatte über diesen Punkt verließ nirgendwo den Rahmen sachlicher Er- örterung. In den meisten Versammlungen konnte sie noch an diesem Abend zu Ende geführt werden; nur einige wenige Kreise waren genötigt, die weiteren Verhandlungen wegen der vorgeschrittenen Zeit zu vertagen. Wir geben nachstehend die Einzelberichte über die Versammlungen wieder. Erster Wahlkreis. Zu Beginn der Versammlung wurde die Aufstellung der Kan didaten zur Stadtverordnetenwahl erledigt. Im 2. Bezirk wurde Stoltenberg und im 42. Dr. Oskar Kohn aufgestellt. Den ersten Teil des Berichts vom Parteitag gab Bittner. Eingangs seiner Ausführungen gab Redner einen allgemeinen lleberblick von den Arbeiten des Kongresses, über die in ausführ licher Form im„Vorwärts" berichtet wurde. Was die Kritik an der Tätigkeit des Vorstandes anbelangt, habe der Berliner 1. Wahl kreis an erster Stelle gestanden. Molkenbuhr habe in dieser Sache erklärt, Resolutionen ohne geeignete Borschläge hätten keine Wir- jung. Die Genossen sollten in Zukunft, wenn sie gute Ratschläge bätten, diese dem Parteivorstande übermitteln. Bezüglich des Schnapsboykotts müsse jeder einzelne seine Kraft einsetzen, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Nach Redners Meinung habe Ledebour in seinem Referat sich sehr zurückhaltend sachlich gehalten, dasselbe treffe auch auf die nachgefolgte Debatte zu. Nur das scharfe Eingreifen Fischers habe unangenehm berührt. In der Reichstagsfraktion sei scheinbar doch nicht alles einig gewesen, jedenfalls sei manches nicht geklärt worden. Wir können nicht heute sagen: wir stimmen für und morgen: wir stimmen gegen die Steuern. Redner bespricht sodann die bekannten Vorgänge bei der i siimmung über die Resolution des l. Berliner Kreises. Er selbst müsse aber zugeben, daß die letzten Sätze nicht sehr glücklich gefaßt waren. Leider habe ein Teil der Berliner, der vorher dafür ge stimmt habe, nachher dagegen gestimmt. Auch waren einzelne Freunde der Resolution im Moment der Abstimmung nicht im Coaal, so sei denn das Schmerzenskind durchgefallen. Hierauf sprach WolberSki: Er müsse sagen, daß er einige Punkte anders verstehe wie sein Vor rcdner. Ein Teil der Berliner habe jedenfalls Mehrings Mah nung befolgt, sich taktisch nicht festzulegen. Heute werden sich wohl alle Anwesenden mit der Korrektur des Parteitages einverstanden erklären. Auch sei es wohl eine Täuschung Bittners, wenn er meine, die Steuerdebatte sei sachlich gewesen bis Fischer einge griffen habe. Fijcher polemisierte nur gegen den Artikel Karskis im„Vorwärts". Als Reichstagsabgeordneter habe Fischer sich nur gegen diesen Angriff verwahrt. Was den Ton Fischers anbelangt so müsse man ihm seine bayerische Abstammung zugute halten. Auch Bebel habe angesichts der Situation erklärt, daß auch er für die Erbanfallsteuer gestimmt hätte. Schon Ende Juni sei dem Vor stände vom Aktionsausschuß gesagt worden, kräftiger einzuhauen. Singer habe gesagt, daß die Fraktion auch dieser Meinung sei, aber bei der heutigen Geschäftsordnung sei eine Obstruktion erfolglos. Der Wunsch gewisser bürgerlicher Kreise, daß es bei der Hofgänger- offäre zum Krach kommen würde, ist durch parteigenössische Aus spräche erledigt worden. Im großen und ganzen können wir mit den Ergebnissen des Parteitags zufrieden sein. Wenn man mit einem solchen Host Kleines Feuilleton. Jean Paul über die Flugmaschine. Jean Paul, der einzige deutsche Humorist großen Stils, ein verschollener Dichter nebenher, schrieb 1808 einen Aussatz.Ueber die erfundene Flugkunst'. Er hatte nämlich am 12. Mai im Extrablatt der„Bayreuther Zeitung die Nachricht gelesen:„Der Uhrmacher Jakob Degen in Wien sei mit Flügeln aus zusammengenähtem Papier, welche eine Last von 21t) Pfund bewegen, im Retthause vor einer Zuschauerschaft öl Fuß hoch nach beliebigen Richtungen geflogen.' Jean Paul knüpft an die zukunftsreiche Errungenschaft, von der er hofft, daß .ihre Erfindung leicht ihre Verbesserung nach sich zieht vorwiegend satirische Betrachtungen, die so ziemlich alles vorwegnehmen, was seither und auch in jüngster Zeit an Zukunftsausblicken produziert worden ist. Zum Beispiel:„Nach Äehnlichkeit eines GrubenlleideS zum Einfahren sind für die Damen sehr brauchbare Höhenkleider zum Auffahren erfunden und überall zu Kauf; und es erquickt ungemein, daß sie alle oben im Himmel und gerade im größeren Lufträume weit anständiger beNeidet(schon um Wind weniger zu fangen noch zu leiden) umfliegen als hier unten.' Neben solchen Bemerkungen fällt aber eine ernsthafte auf, weil sie zeigt, daß auch vor hundert Jahren, gerade wie jetzt, zwei Probleme naturwissenschaftlich-technischer Art zu gleicher Zeit und obendrein auch in Verbindung miteinander das Interesse in Anspruch nahmen: Flugkunst und Nordpolfahrt. Jean Paul sagt:.Es gibt nun ein gutes, ja ein einziges Werk über den Nordpol(was aber natürlich noch nicht da sein kann), nämlich das Werk, das der erste und für jetzo beste Polfahrer über den Nordpol darum ge schrieben, weil er aus seinem eingeschmiedeten Schiffe zwischen den zermalmenden Eisfeldern aussteigen und dann als Flugmensch von Insel zu Insel und Scholle zu Scholle(als Absteigequartier) immer weiter fliegen konnte, bis er oben auf dem Pole saß, gerade unter dem Polarstern."— Daß die Furcht vor Enteil auch in jener Kinder zeit des Zeitungswesens schon wach war, zeigt der Schlußsatz des Aussatzes:„Gott gebe uns, daß aus dem ganzen Fliegen etwas wird; oder wenigstens daß die Zeitungen die Nachricht nicht eher widerrufen, als bis dieser Aufsatz im.Morgenblatt' abgedruckt ist." Uebrigens fügt Jean Paul im Jahre 1815 noch eine Nachschrift hinzu, die zwar noch leine Erfüllung der gehegten Hoffnungen konstatieren kann, aber einen zukuuftsicheren Optimismus atmet, ccr in unseren Tagen enoüch Recht behält:„Alles oder auch viel ist dato noch nicht aus der Flügelmaschine geworden und man hätte solvohl Größeres gewünscht, den Erfolg anlangend, als Kleineres, die Milte! betreffend. Jetzo erhebt der Fingelvorspann von Luflkugeln den Flugkünstler bloß zu einem Luflfifche, welcher Schwinim blase und Floßfe der» zugleich zum Steigen vonnöten hat. Aber auch dies erhebt, wenigstens geistig, den Menschen, denn er selber hat sich zuerst die Blase und die Federn bauen müssen. Der Verfasser dieses ver- zagt noch immer an der Vollendung bequemer mensch- l icher Flügel nicht, da wir ja ein Paar große unbequeme durch viele kleine verdrängen und durch das Perpetuum mobile gänger am selben Tisch sitze und ihn selbst höre, so gewinne man den Eindruck, daß sie mit dem was sie taten, ehrlich der Partei zu nützen glaubten. Beim Organisationsstatut sei alles ziemlich glatt vonstatten gegangen. In der Maifeier stand der Parteitag vor der Frage, was nun zu tun sei. Die Unterstützungsfrage durch Lohnablieferungszwang zu lösen, sei nicht glücklich. Bömelburg habe sehr wirkungsvoll gesprochen. Wenn man die Leute höre, die die Folgen am besten verspüren, so könne man ihre Stellung verstehen. Er hoffe, daß nun endlich die Frage zur Ruhe kommen werde. In der Rcichsversicherungsordnung liege die Sache so, daß nicht alle im Volke Einsicht in diese Materie gewinnen könnten. Mit der vielgerühmten kaiserlichen Botschaft hat es eine andere Bewandtnis. als was davon immer erzählt werde. Die ausstrebende Industrie habe große Massen Arbeiter vom Lande in die Städte gelockt. Daß diese nun nicht einmal der Kommune oder dem Staate zur Last fielen, habe man die Vorsorge getroffen, die Kosten auf die Schul- lern der Arbeiter abzuwälzen. Redner erläuterte noch in kurzen Zügen die Bestimmungen der Reichsversicherungsordnung. Der Vorteil sei, daß der Parteitag sich jetzt mit der Frage beschäftigt hat, wo noch Sturm gelaufen werden kann gegen die Bestim mungen, die von uns nicht gebilligt werden können. Die drei Re ferate seien gediegen und inhaltsreich gewesen. Zur Frage der Ein führung eines Abendblattes werde wohl ein zustimmender Beschluß gefaßt werden Müssen. Der jetzige Zustand sei im Hinblick auf die bürgerliche Presse unhaltbar. Auch harrten unser noch riesige Auf' gaben auf dem Gebiete der Organisation und Agitation; Land arbeiter, Frauen und Jugend gäben noch ein reiches Arbeitsfeld ab Als erster Diskussionsredner sprach Alex Bloch: Der Boykott des Schnapses müsse streng durch' geführt werden, in erster Linie von den organisierten Genossen Mit den positiven Ergebnissen des Parteitages könne man zu frieden sein. Die versöhnliche Stimmung des Parteitages sei aller' dings mehr wahltaktischcn Gründen zuzuschreiben. Bezüglich Molkenbuhrs Acutzerung meinte der Redner, daß ja der Partei- vorstand klüger sein müsse wie die gewöhnlichen Genossen. Aber es hätten doch Ratschläge vorgelegen, zum Beispiel hätten verschie- dene Parteiblätter Anregungen gebracht, wie man einen schärscren Druck hätte ausüben können. Er sei nicht der Meinung, daß man unbedingt für die Erbanfallsteuer hätte stimmen müssen. In der Resolution 41 sei von einer Bindung keine Rede, wer lesen könne, müsse dies auch herausfinden. Immerhin habe er nichts gegen eine Bindung. Der Freisinn sei völlig reaktionär. Er wende sich dagegen, daß der Freisinn das kleinere Uebel sei. Die Kon- servativen gäben ehrlich zu, was sie wollen, der Freisinn heuchle. (Beifall.) P a r z i g bedauert, daß es auf den Parteitagen immer zu gereizten Debatten komme, und gibt seiner Freude Ausdruck, daß die Hofgängeraffäre so glatt erledigt wurde. In der Maifeierfrage sollte mau endlich einmal zu einem Resultat kommen. In der Erb- anfallsteuer hätte die Fraktton zu einer klaren Entscheidung kommen müssen. Wir hätten bei unseren Beschlüssen Rücksicht zu nehmen auf die noch unaufgeklärten Massen. Der Schnapsbohkott müsse streng durgeführt werden. Woldt:'Bloch habe Wolderskis Ausführungen ins Gegen- teil umgesetzt. Die Fraktton hat sich mit dem Aktionsausschuß ausgesprochen. Wer heute noch anderer Meinung sei, der ziehe die realen Machtverhältnisse nicht genügend in Betracht. Molkenbuhr habe deutlich genug erklärt, wer einen guten Rat wisse, möge ihn dem Vorstand unterbreiten. Wenn Bloch Stratzendemonstrationen und Generalstreik verlange, so ist er in die wirtschaftlichen und politischen Vorgänge nicht eingeweiht. Aehnlich sei es mit der Resolution 41 gewesen, deren Tragweite bei der Annahme nicht er- faßt worden sei. Wir sollten uns mehr Ruhe und Ueberlegung angewöhnen und die wirklichen Machtverhältnisse genügend berück' sichtigen. Guttmann polemisiert gegen Woldt. Der 1. Kreis habe ebensolche Rechte wie die anderen größeren Kreise. Die Reso- lution 41 sei durch die bürgerliche und sozialdemokratische Presse gegangen, niemand aber habe vorher eine Bindung herausgelesen. Die Resolution stand auf dem Boden unserer bisherigen Taktik. Ihre Schärfe sei herausgeboren aus dem Verhalten der Revtsio nisten, der Heine usw. A. Bloch erkennt an, daß Woldt sehr sachlich gesprochen habe, polemisiert aber gegen Woldt in einigen Punkten. A u g u st u l kritisierte die JmitationsauSgabe der„Sozialistt- unserer Willenskraft die metallenen Uhrfedern unseres Treibflugwerks immer von neuem aufspannen können. Zwei Arme— zwei Füße— ein beweglicher Kopf— eine Luft einsaugende und Luft ausdehnende Brust— also Ruder und Gegenruder— elastische Metall- und andere Federn— Winde, welche durch diagonale Luftfänge so gut zum Heben als die Seewinde durch Segelwinde zum Seitenbewegen helfen müssen, und mehr dergleichen, was mir jetzo nur nicht ein- fällt, weil ich sonst die Flugkunst ja selber hier erfunden gäbe, deren Finden ich erst ankündige.— Alles dies verbindet und verbürgt sich uns für die Hoffnung, daß einmal endlich— nach umgekehrter Rangordnung— aus dem geistigen Steigen und Fliegen des Menschen ein körperliches entstehen und den Geistem die Leiber nach fliegen werden.' Theater. Friedrich-Wilhelm städtisches Schauspielhaus Hinrich Lornsen', bürgerliches Trauerspiel in drei Aufzügen von Erich Schlaikjer.— Schlaikjers Tragödie, die schon vor einem Jahr- zehnt mit wenig Erfolg in Berlin über die Bühne ging, hat in der Direktion des Chausseestraßen-Theaters einen Erwecker zu neuem Leben gefunden. Aber auch diesmal wird ihr Schicksal voraussichtlich wieder Kurzlebigkeit sein. Es steckt in dem Stück zu viel jugendliche UnauSgegorenheit, zu viel Unfertigkeit im dichterischen und bühnen- technischen Sinne, als daß es irgendwie zünden oder packen könnte. Die Dialoge sind zu langatmig, die Kraftworte, die nicht gerade spärlich gestreut sind, zu abgebleicht, zu schablonenhaft. Der Witwe Lornsen, die durch ihre stüheren Beziehungen zum Schiffsreeder Sievert ihren Mann erst zum Trunk und dann in den Tod getrieben, ersteht in ihrem Sohn Hinrich ein harter und unbarmherziger Ankläger. Jahrelang gingen die beiden nebeneinander her: er mit dem wilden Haß seiner heißen Jugend,— sie mit dem lauernden Instinkt, daß ihr von ihm aus, der seinen Lehrerberuf aufgegeben und Schrift- steller geworden, Gefahr drohe. Ein Sturmabend bringt die Eni- cheidung zwischen Mutter und Sohn: die große Auseinandersetzung. Er bringt zugleich auch die Katastrophe: den Tod der Mutter. So« weit das eigentliche Drama in der Schlaikjerschen Tragödie. Was etzt folgt— ein langer, gequälter dritter Akt— sind Tiraden von Schuld und Sühne. Kampf und Wunden. Auch ein stilles Glück geht nebenbei noch in Scherben: die Liebe Anna Hansens, die in Freud und Leid unentioegt ausgehalten und nun von dem jugendlichen Brausekopf rücksichtslos zur Seite gestoßen wird. Die Darsteller waren in jeder Weise bemüht, den Personen des Dramas Leven und Glaubwürdigkeit einzuhauchen. Das gelang vielleicht einigermaßen bei der Rolle des vom Autor gut gegebenen Pastors Jverien, den Franz Cornelius gab, und bei der des von Emil Rameau dargestellten alten Lehrers Hansen. Die Kunst der anderen Schauspieler scheiterte jedoch an der Unmöglichkeil der dichterischen Figuren. Wohl setzte Agnes Werner-Wagner ihr ganzes, reiches Können ein, die Witive Lornsen plastisch heraus- zubringen; aber auch ihr blieb es versagt, aus dieser Hauptfigur deS Stückes mehr als ein altes, keifendes, atemnotgeplagtes Weib zu machen. Aehnlich erging es Rudolf Werner in der Titelrolle. Alle Jugendlichkeit und aller zulunftsfrohe Wagemut, mit denen er seinen Hinrich Lornsen ausstattete, vermochten nicht die geschraubte schen Monatshefte" durch die Leipziger Genossen, und hofft, daß so etwas nicht wieder gemacht wird. Die Resolution wurde im ersten Kreis angenommen, als die Versammlung schon ermüdet war. Wolderski greift noch einmal in die Debatte ein und wendet sich gegen Bloch. Die Stimmung sei damals eben nicht so gewesen, daß man hätte außerordentlich künstliche Mittel anwenden können. Wenn Partei und Gewerkschaft geschlossen zusammenstehen, müssen wir auch vorwärts kommen. Zweiter Wahlkreis. Die Generalversammlung, die im großen Saale der Bock- brauerei tagte, beschäftigte sich zunächst mit der Aufstellung der Kandidaten zur Stadtvcrordnetenwahl im fünften und achten Wahlbezirk. Im fünften Bezirk, wo Genosse Werner die Kandi- datur nicht wieder angenommen hat, wurde Genosse Max Grun- wald, im achten der bisherige Vertreter Genosse Du Pont als Kandidat vorgeschlagen. Die Versammlung erklärt sich ein- stimmig mit diesen Vorschlägen einverstanden. Der Vorsitzende Genosse Schwemke forderte dann zu eifriger Beteiligung an den Arbeiten für die Wahlbcwegung auf. Den Bericht vom Parteitag gaben die Genossen Fritze und Staeger; der dritte Delegierte, Genosse Schräder, ist erkrankt, so daß er nicht an der Versammlung teilnehmen konnte. Genosse Fritze führte aus, daß der Parteitag gute Arbeit geleistet habe und seine Tätigkeit nicht besser einleiten konnte als durch die Bewilligung jener zweiten Unterstützungssumme von 30 000 M. für die kämpfende Arbeiterschaft Schwedens. Der Rcdner sprach sodann über einige der wichtigsten Punkte aus den Berichten des Partei- Vorstandes und der Fraktion wie den damit zusammenhängenden Debatten und Beschlüssen. Er und seine Mitdelegierten seien er- staunt gewesen, als die erst angenommene Resolution 41 andern Tages von neuem zur Abstimmung gebracht und dann abgelehnt wurde. Jedoch sei später ja die Situation durch die einstimmige Annahme der Resolution Dittmann wieder geklärt worden. Ferner hob der Redner hervor, wie die Erledigung der württembergischen Angelegenheit der sensationslüsternen bürgerlichen Presse arge Enttäuschung bereitete, machte auf die große Bedeutung des Boykottbeschlusses gegen den Schnaps aufmerksam und forderte schließlich die Versammlung ans, sich mit den Beschlüssen des Par- tdtages einverstanden zu erklären. Jeder Genosse möge nun tm Sinne dieser Beschlüsse für die Organisation und die Ziele der Partei mit erneutem Eifer unermüdlich tätig sein. Genosse Staeger berichtete namentlich über das neue Organisationsstatut sowie über die Maifeierfrage. Er sprach zunächst die Erwartung auS, daß der dem Bildungsausschuß überwiesene Antrag auf bessere Ausgestaltung der Maizeitung den gewünschten Erfolg haben möge, und ferner, daß Preßkommission und Parteivorstand dahin kommen würden, dem Verlangen nach einer Abendausgabe des „Vorwärts" Rechnung zu tragen. Der Redner legte dann die wichtigsten Bestimmungen des Organisationsstatuts dar und be- merkte, daß man sich nun auch mit der Frage beschäftigen werde, ob es nicht vorteilhaft und zweckmäßig sei, für Berlin den 40 Pf.» Beitrag einznfiihren. Nachdem der Redner noch kurz die Mai- feier berührt, und hervorgehoben hatte, daß es sich bei der Debatte hierüber hauptsächlich um die Regelung der Unterstützung handelte, dem Gedanken einer Verlegung der Feier auf den Abend keine Bedeutung beizumessen ist, schloß er mit den Worten, daß die Genossen mit dem diesjährigen Parteitag vollständig zufrieden sein könnten, ver fleißig und sachlich gearbeitet habe. Zur Diskussion über den Bericht meldete sich niemand. ES wurde sodann mit allen gegen eine Sttmme folgende Resolutton angenommen: „Die Generalversammlung des zweiten Berliner Wahl- kreises erklärt sich mit der Haltung der Delegierten und mit den Beschlüssen des Leipziger Parteitages einverstanden und ersucht die Genossinnen und Genossen nach diesen Beschlüssen zu arbeiten und besonders den Boykott gegen den Schnaps wirksam zur Durchführung zu bringen." Den Bericht von der Provinzialkonferenz erstattete K l a j u s. Der Redner beschränkte sich darauf, die wichtigsten Punkte der Provinzialkonferenz kurz hervorzuheben und zusammengetüftelte Psychologie dieses großen Jungen glaubhaft zu machen. Marian Knorr scbließlich, die Braut HinrichS, wirfte einigermaßen durch die stille Vornehmheit, mit der sie ihre Rolle durchführte und die sie erst am Schluß, kurz bevor eS zum Bruch zwischen ihr und dem Geliebten kommt, verließ. Trotz der vielen und großen Schwächen des Trauerspiels blieb der Beifall nicht aus; der Autor konnte sich etliche Male zeigen. — Q Humor und Satire. Die Kunst des Fliegen». Zwar sind wir mit den Zeppelinen den andern schon ein Stück voraus, doch sieht es mit den Flugmaschinen bei uns noch ziemlich traurig aus. Im Ausland fliegt seit ein'gen Jahren— man kann wohl sagen: Hinz und Kunz. Wir müssen das mit Neid gewahren... Wie steht eS, Freunde, denn bei uns? So sprach ich, und an unserm Stammtisch schlug mir der Dickste auf den Bauch: Was quatschst du Esel? Gott verdamm' dich, wir haben so ein DingS doch auch! Und das Modell kann'was vertragen, da reißt nicht Stange oder Draht, da gibt's nicht Unfall und Versagen, stets klappt bei uns der Apparat. Ob Bürgermeister, Bahnarbeiter— ein Stümper gegen sie ist Wright, Briefträger. Lehrer und so Wetter. ein jeder ist stets flugbereit I Er braucht nicht lang' herumzudrucksen. braucht nur ganz leis' zu sagen Piep l Er braucht nur einmal aufzumucksen: dann fliegt er— schneller als ihm lieb l Franz. Notizen. — Dre Armut in London. AuS London wird berichtet: Das Blaubuch, das dieser Tage ausgegeben worden ist, enthüllt eine erschreckende Zunahme des Elends in der englischen Hauptstadt. Es werden mehr als 150 000 Arme in London gezählt, Sl/3 Peaz mehr als im Vorjahre, und Tag für Tag treten neue Rekruten in dieses gewaltige Heer deS Elends ein. Von 1000 Personen, die die Weltstadt beherbergt, haben 34 nicht die nötigen Mittel des Unter- Halts und kein Dach. unter dem sie ihr Nachtlager finden können: auf den Bänken längs der Themse, unter Torbogen und in den ParlS müssen sie einen Platz suchen, wo sie die müden Glieder strecken können. Seit dem Jahre 1872 war daS Elend i» Londo« nicht so groß wie heute. und bemerkte unter anderem, daß entsprechend dem Beschluß der Konferenz das Referat des Genossen Hirsch über die Verwaltung in Preußen demnächst als Broschüre im Vorwärtsvcrlag erscheinen wird.— Eine Debatte knüpfte sich auch an diesen Punkt der Tagesordnung nicht. Unter Vereinsangelegenheiten machte der Vorsitzende bekannt, daß demnächst wiederum einig« aufklärende Vorträge gehalten werden, und daß ferner am 31. Oktober und 14. Novenrber Vorstellungen in der Urania stattfinden.— Genosse K l ü S regte an, daß in einer der nächsten Versammlungen des Wahlvereins ein Vortrag über die Erbschaftssteuer gehalten werden möge, und Genosse Hensel wünschte, daß besondere Maß- nahmen getroffen werden, um den Schnapsboykott so wirksam wie nur irgend möglich zu gestalten. Der Vorsitzende bemerkte hierzu, daß seines Wissens der Parteivorstand ein besonderes Flugblatt zum Schnapsboykott herausgeben werde. Mit der Anregung über einen Vortrag zur Erbschaftssteuer werde sich der Vorstand befassen. Dritter Wahlkreis. Die Generalversammlung des Wahlkreises für den dritten Berliner Reichstagswahlkreis stellte als Kandidaten zu den bevor- stehenden Stadtverordnetenwahlen auf Vorschlag der Bezirksführer- konferenz den Genossen Wilhelm Börner für den 17. und den Genossen Emil K e r f i n für den 18. Kommunalwahlbezirk auf. Die erste Kommunalwählerversammlung, in der Genosse Dr. Wehl referieren wird, findet, wie der Vorsitzende Pohl mitteilte, in acht Tagen statt. Er ersucht um rege Beteiligung an den Wahlarbeiten. Es folgt die Berichterstattung vom Parteitag. Die Delegierten zum Parteitag Fröhlich, Braun und Jacob geben referierend einen Ueberblick von den Arbeiten und Be- schlüssen des Parteitages. Fröhlich meint, der Umstand, daß die bürgerliche Presse fast ausnahmslos mit dem Verlauf des Parteitages ihrer Unzufriedenheit Ausdruck gegeben hat, beweise, daß der Parteitag das Richtige in der Ver- tretung unserer Interessen getroffen habe. Wir dürfen also mit Recht mit ihm zufrieden sein. Braun, der auch über die Behandlung der Maifcierfrage berichtete, hätte es lieber gesehen, wenn in dieser Sache der Parteitag einen besseren Beschluß gefaßt haben würde. Aber selbst die diesbezügliche Neso- lution, tue von Teltow-Beeskow gestellt war und den Berliner Delegierten noch am meisten zusagte, erwies sich als nicht annehm- bar. Es blieb deshalb als der einzig richtigste Beschluß die An- nähme des Antrages des Parteivorstandes übrig. Eine Verlegung der Maidemonstration auf den Abend oder einen Sonntag wäre einer Beseitigung der Maifeier gleichgekommen. Redner sagt, Bömelburg hatte recht, indem er sagte, daß über die Maifeier schon viel zu viel gesprochen worden sei, er, Redner wünsche deshalb, daß bei den künstigen Debatten darüber, die Unterstützungsfrage nicht wieder so in den Vordergrund gerückt werde. Vor Eintritt in die Diskussion über die Berichte beschließt die Versammlung die Redezeit auf 10 Minuten zu be- schränken. A p p i ch ist erfreut, daß die Hoffnungen der bürgerlichen Par- teien und ihrer Presse. Leipzig werde ein zweiter Jungbrunnen werden, zunichte geworden sind. Einer der bedeutendsten Be- schlüsse sei der Schnapsboykott. Wir haben dafür zu sorgen, daß er in die Praxis umgesetzt wird und uns Erfolge bringt. In Anbetracht der beiden starken Richtungen, die sich in ihren An- sckmuungen über die Maifeierfrage gegenüberstanden, war das f schlossene Kompromiß das Richtigste. Der Streich der sieben chwaben sei, nachdem diese ihrerseits jene Erklärung abgegeben hatten, auch für den Parteitag gegenstandslos geworden. Redner vertritt den Standpunkt, daß die ReichstagSfraktion in der dritten Lesung für die Erbschaftssteuer hätte stimmen müssen. Wäre es durch den Fall derselben zu einer ReichStagSauflösung gekommen, so wäre eine maßlose Hetze gegen unS losgebrochen. Bebel habe mit seiner Ansicht durchaus recht Die Ablehnung der von Berlin I gestellten Resolution ist deshalb nur logisch, denn eine politische Partei könne sich nicht bezüglich ihrer Taktik auf Jahre hinaus festlegen. Gehrmann ist mit der Leipziger Tagung nicht ganz zu- frieden. Die Frage der Erbschaftssteuer hätte als besonderer Punkt behandelt werden müssen. Die Fraktion hätte sie auch in der dritten Lesung ablehnen müssen, schon weil ihr so ungeheure Summen indirekter Steuern gegenüberstanden. Bebel sei diesmal als Retter des rechten Flügels aufgetreten; er stimme mit ihm aber nicht überein. Wenn Steuern bewilligt werden sollen, so müsse auch danach gesehen werden, wozu sie gebraucht werden. Und wenn sie, wie hier zu volksfeindlichen Zwecken verwandt werden, so sind auch die direkten Steuern abzulehnen. Bei den letzten Wahlen haben die Auseinandersetzungen in Dresden durchaus nicht die Rolle gespielt, wie es immer behauptet wird. Lediglich der Kolonialenthusiasmus habe die Wahlen beeinflußt, indem man uns als die vatcrlandölosen Gesellen hingestellt hat. Mit der An- nähme und Ablehnung der Resolution von Berlin I hat der Partei. tag sich kein glänzendes Zeugnis ausgestellt. Die zweite Ab- stunmung, die ohne nochmalige Eröffnung der Debatte borge- nommen wurde, sei eine Ueberrumpelung des Parteitages ge- wesen. Es hätte bei der Annahme der Resolution verbleiben müssen, denn für den heutigen Liberalismus, der sich in seiner ganzen Erbärmlichkeit bei jeder Gelegenheit gezeigt habe, könne man nichts mehr übrig haben. Bei der bevorstehenden Wahl im Kreise Landsberg-Soldin, wo wir in Stichwahl kommen werden, wird sich sicherlich der Liberalismus wieder von dieser Seite zeigen. Reichstagsabgeordneter Heine hält das Gerede der bürger- lichen Presse vom Sieg« der Revisionisten über die Radikalen für eine große Dummheit. Er erkennt den Unterschied von Revisionisten und Radikalen überhaupt nicht an. Seit elf Jahren arbeite er mit den Genossen des Kreises zusammen. Selbstverständlich habe eS manchmal Meinungsdifferenzen gegeben, doch im Handeln feien wir uns immer einig gewesen. Der Streit um die Erbschafts- stcuer sei ein Streit auf Vorschuß gewesen. Vor der entscheidenden Stunde wäre genau geprüft worden, ob für oder gegen dieselbe zu stimmen ist. Dies kann erst immer aus der jeweiligen politischen Lage heraus beurteilt werden. Es wäre zweifellos das getan worden, was für die Partei von Nutzen und den Gegnern zum Schaden wäre. Er bitte aber, daß die Genossen etwas mehr Duld- samkeit anderen Meinungen gegenüber üben, und diejenigen, die an der einen oder anderen Frage eine abweichende Ansicht ver- treten, nicht immer zu Parteigenossen zweiter Klasse gestempelt werden. Die Resolution von Berlin I sei nicht, um die Liberalen »licht vor den Kopf zu stoßen, abgelehnt worden, wie Gehrmann meint, sondern um unS im entscheidenden Moment größeren Ein- fluß zu sicher». Nicht unter allen Umständen sollen die Liberalen unterstützt werden, sondern wenn wir sie unterstützen, so geschieht es nur, wenn uns bestimmte Garantien gegeben werden. Wenn aber von vornherein gesagt wird, wir unterstützen sie nicht, so treiben wir diese Leute ins reaktionäre Lager hinein. Auch er, Redner, habe kein Vertrauen zu den Liberalen, sie möchten gerne mit den Konservativen techtclmechteln. Wir dürfen ihnen dies aber nicht leicht niachen; sie würden sich sonst ihren Wählern gegenüber darauf berufen können, daß es die Sozialdemokratie nicht anders gewollt habe. ES könne uns aber auch nicht gleichgültig sein, ob ein Liberaler oder ein Konservativer gewählt wird, denn die Libc- ralen sind ihren Wählern gegenüber in doch einem andern Maße für ihre Tätigkeit im Reichstage verantwortlich als die Konser- vativen. Wir wollen uns durchaus nicht wegwerfen. In der zweiten Abstimmung der Berliner Resolution sei eine lieber- rumpelung nicht zu erblicken. Wenn die Delegierten versichern, daß sie sich geirrt haben, so sei das ihnen zu glauben. Dies kann man umsomehr tun, als der Parteitag von der Rede Ledebours sehr eingenommen war, die Resolution aber fast iin geraden Ge- gcnsatz zu ihr stehe. Nach seiner Ansicht habe der Parteitag gute Arbeit geleistet.(Beifall.) �_ MebuS ist gegenteiliger Ansicht wie Heine. Die Liberalen seien zu unzuverlässig. Nur weil sie aus dem Block hinausgestoßen wurden, haben sie gegen die indirekten Steuern gestimmt. Heine verwahrt sich dagegen, daß seine Artikel in den »Sozialistischen Monatsheften" Stänkereien seien. Für die„Neue Zeit" zu schreiben, halten ihn rein persönliche Gründe ab. Es gebe auch solche Grenzen.(Zurufe: Und die Sache!) Er könne, selbst wenn man es von ihm wünschen würde, für die„Neue Zeit" nicht schreiben. Man wünscht es ja auch nicht. Der Sache ist sein« Feder nicht entzogen. Er schreibe doch für mehrere Parteiblätter, auch für den„Vorwärts"; allerdings hier nicht mehr so wie im früheren Matze, weil jetzt der„Vorwärts" einen juristischen Redakteur hat. Erst kürzlich habe er gern auf Verlangen eine Arbeit für den„Vorwärts" geschrieben. Das hindere ihn aber nicht, auch für die„Sozialistischen Monatshefte" zu schreiben. Er entziehe damit der Partei nichts. Er sehe nicht ein, warum er dieser Mitarbeit ein Ende machen soll.(Zurufe: Aber die anderen Mitarbeiter?) Die Parteigenossen sollten erst einmal die„Sozia- listischen Monatshefte" lesen, ehe sie seine darin enthaltenen Artikel verurteilen. Wenn an irgendeinem Artikel etwas auszusetzen ist, so soll es gesagt werden; das erwarte er bei der bei uns üblichen Offenheit. Braun wendet sich gegen Heine. Er wird jedoch durch Lachen und Zuruf aus der Versammlung unterbrochen. Auch� Geh r mann spricht nochmals gegen Heine. Er ver- mute, daß die Prüfung der Erbschaftssteuerfrage in der Fraktion genau so ausgefallen wäre, wie auf dem Parteitage. Die Fraktion sei aber in eine glückliche Lage gekommen, indem sich die Prüfung für sie erübrigte. Die„Monatshefte" zu lesen, sei den Arbeitern leider nicht möglich; sie könnten ihr Budget nicht übersteigen, weil einige Literaten eö wünschten. Er glaube auch nicht, daß Heine nach dem Dresdner Parteitage noch einmal den Versuch gemacht hat, an der„Neuen Zeit" mitzuarbeiten. EineS Teils der Mit- arbeiter an den„Sozialistischen Monatsheften" müßte sich Heine schämen. Heine erklärt, der Leiter der„Neuen Zeit" und er können nicht mehr an einem Tische sitzen. Um seine Ansicht kennen zu lernen, brauchen die Genossen nicht die„Sozialistischen Monats- hefte" abonnieren. Er sei jederzeit bereit gewesen, seine Ansichten vor seinen Wählern darzulegen. Für seine Mitarbeit an einem Blatte ist die Anständigkeit desselben allein nicht entscheidend. Er bevorzuge das Blatt, in dem mehrere Meinungen nebeneinander sind. Und wer sind die Mitarbeiter der„Sozialistischen Monats- hefte", deren er sich schämen müßt«. Es sind die tüchtigsten und erprobtesten Gewerkschaftsführer. Nur dann, wenn mal ein bürger- liches Blatt etwas aus dem Zusammenhang reißt, dann wird dar- auf hingewiesen, welche Gemeinheit die„Monatshefte" wieder be- gongen haben. Er halte es für keinen Fehler, wenn Genossen in ihnen die Schutzzollpolitik vertreten. Er teile sie nicht, aber man sollte seine Ansicht auch nach dieser Richtung hin sagen dürfen. Auch Leuthner hat eine falsche Ansicht geäußert. Wenn aber solche Ansichten nicht geäußert werden oürfen, so ist die Gefahr sehr groß, daß die Partei geistig verarmen werde. Den Kampf gegen die„Monatshefte" sollten die Genossen einstellen, zumal wenn sie sie nicht lesen können.(Beifall.) Wu schick glaubte, daß nach dem vorzüglichen Verlauf des Parteitages eine solche Diskussion nicht stattfinden würde; aber es scheint, daß einige Genossen nicht umhin können, gegen die „Monatshefte" loszuziehen. Auch er sei Abonnent derselben. Daß die„Nene Zeit" weiter verbreitet sei, als die„Monatshefte" gebe er zu; sie sei aber darum noch nicht gelesener. Redner hätte ge- wünscht, daß man. die Zeit lieber dazu benutzt hätte, um sich über den Schnapsboykott und seine Durchführung zu unterhalten. Scholz will geistige Bewegungsfreiheit; aber die„MonatS- hefte" sind dem Proletariat nicht zugänglich. Fritz sagt, nur ein Teil der Arbeiter hat den Wunsch, solche Artikel kennen zu lernen. Den 400 000 Gewerkschaftsmitgliedern stehen nur 100 000 Abonnenten unserer Tagespresse gegenüber. Auch ein nicht unerheblicher Teil der Parteigenossen bevorzuge noch die bürgerlichen Blätter. Die geistige Freiheit müsse auch in unserer Presse gesichert werden. Mit der Ablehnung der Reso- lution von Berlin I sei er einverstanden. Man solle eine Partei wie die unsere ist, nicht immer in eine fatale Lage bringen, indem man sie festlegen will. Dazu lag keine Notwendigkeit vor. Damit schließt die Diskussion. Von der Berichterstattung von der Provinzialkonferenz wird abgesehen. In die Agitations- kommission wird an Stelle des ausgeschiedenen Genossen G e h r- mann, Genosse A y s ch e gewählt. Nach einem Hinweis auf die am Sonntag in den Arminhallen stattfindende öffentliche Ver- sammlung, wird die Versammlung geschlossen, Vierter Wahlkreis. In der Generalversammlung des vierten Kreises erstattete 'e Barenthin den Bericht vom Parteitage. Redner schildert kurz das Schicksal ver- schiedener Anträge und hebt die wichtigsten Tatsachen au? dem Vor- standSbericht hervor. Der verbesserungsbedürftige Abonnentenstand der„A r b e i t e r- I u g e n d" müsse uns zu eifrigerem Ausbau der Jugendorganisation und der damit zusammenhängenden BildungS- bestrebungen anregen; wer die Jugend habe, habe auch die Zu- tunft. Mit dem Beschlüsse des Schnapsboykotts habe der Parteitag gute Arbeit geleistet, zumal wenn man be- denke, welche verheerenden Wirkungen der SchnapSgenutz noch auf weite Kreise gerade der rückständigsten Arbeiter ausübe. Mit der Erklärung der Württemberger Hofgänger, die man als ausreichende Entschuldigung bezeichnen könne, sei diese Debatte zur allgemeinen Zufriedenheit vermieden worden. Ein wundersames Schicksal habe der Antrag des ersten Kreises gehabt, über den eigentlich drei Abstimnmngen stattgefunden haben. Redner bespricht sodann noch die wichtigsten Ncubestimmungen des Organi- sationSstatutS, wie Festsetzung eines MinimalbeitrogeS und Fest- setzung einer proportionalen Vertretung auf den Parteitagen. Daß die ReichstagSfraktion, wie früher, vollständig anwesend sein könne, hält Redner für durchaus berechtigt. Besonderes Interesse habe der parlamen- tarische Bericht durch die Erbschaftösteuerfrage erhalten. Da der Partei- tag beschlossen habe, die Steuerfrage auf die Tagesordnung des nächsten Parteitages zu setzen, so seien darüber nicht viel Worte zu verlieren. Soviel aber stehe fest, daß wir auch dann nicht mit verschränkten Armen zusehen könnten, wenn einmal ausnahmsweise die herrschenden Klassen die Machtmittel des Staates zur Unterdrückung der Arbeiter- klasse aus ihren eigenen Taschen zahlen wollten. Die Ver- Wendung der Mittel spiele bei einer Bewilligung die wichtigste Rolle. Von den Verhandlungen über die Mai- s e i e r könne man hoffen, daß sie durch die Regelung der Uuterftützungsfrage eilten neuen Impuls zur stärkeren Beteiligung an der Arbeitsruhe geben werden. Mit einem Appell an die Anwesenden, für Ausbreitung der Organisation und für Stärkung der Mittel, durch Erhöhung des Beitrags auf 40 Pf. pro Monat, einzutreten, schloß der Redner seine beifällig aufgenommenen Ausführungen. Als erster Diskussionsredner bespricht sodann Genosse H a ck e l b u s ch das provokatorische Auftreten Richard Fischers auf dem Parteitage. Fischer habe sich zwar über den Ton des „Vorwärts" beklagt, aber selbst in der illoyalsten unv nnpartei- genössischsten Weise dem„Vorwärts" eins auszuwischen gesucht. Die Redaktion habe ganz recht gehabt, dieses Vorgehen Fischers als ein Hineinwerfen einer Stinkbombe in die Verhandlungen zu bezeichnen. Hackelb usch beklagt es auch, daß diesmal die Berichte des„Vorwärts" zu kurz und Mangel- Haft gewesen seien. Da für das Protokoll doch ein neuer Satz her- gestellt werden müsse, so seien wahrscheinlich die Unkosten eher größer als sonst, und die Befürchtnng am Platz, daß das Protokoll noch teurer werde als in den letzten Jahren. SuS den Differenzen in der Fraktion möge die Arbeiterschaft die Lehre ziehen, sich ihre Vertrauensmänner besser als bisher anzusehen, sie nicht auf die Süßere Form, sondern auf d« ftmeren Sehakt hin zu prüfen. M u s s i a l ist mit dem Parteitage zufrieden, da er positive Leistungen vollbracht habe. Die Annahme der Resolution zum Branntweinboykott sei geradezu eine befreiende Tat, die nicht nur wirtschaftliche und kulturelle, sondern auch als Protest gegen die Steuervorlagen der Regierung große polittsche Bedeutung habe. Die Frauen sollten unablässig dafür sorgen, daß der Beschluß auch von ihren Männern durchgeführt werde. Redner wünscht, daß der „Vorwärts" in Zukunft die Schnapsannoncen abweisen solle, um sich nicht dadurch in Widerspruch mit seinem redaktionellen Inhalt zu setzen. Es sei auch bedauerlich, daß die Fraktion in der Frage der Erbschaftssteuer gespalten war. Bebel habe mit seiner Stellung das Empfinden der Arbeiterschaft getroffen; es wäre besser gewesen. wenn man sich auf das Programm besonnen und deshalb geschlossen für die Erbschaftssteuer eingetreten wäre. Bei den Verhandlungen über die Maiseier hätte der Nürnberger Be- schluß aufgehoben werden müssen. G l a ß ist empört über das Verhalten F i ssch e r S gegen die Ausländer. Wohin solle das noch führen, wenn sich Genoffen in der Stellung Fischers so wegwerfend über„Ausländer" auslassen. Er kenne keine deutsche Sozialdemokratie, sondern nur eine Sozial- demokratie Deutschlands, die zugleich eine internattonale Partei sei. Redner hätte gewünscht, daß anstatt eines Handbuches eine Agitationsbroschllce über die Erbschaftssteuer vom Parteivorstand herausgegeben würde. So rigoros ivie M u s s i a l brauche man in bezug aus den Schnapsbohkott nicht vorzugehen, um selbst die Annoncen zu verbieten; auch zum Tee brauche man Rum. Der Vorstand von Groß- Berlin möge des Molkenbuhrschen Wertes:„Agitation ist schwer; sie muß aber gemacht werden" auch bei der Agitation unter den Polen ein- gedenk sein; bis jetzt sei noch sehr wenig geschehen— trotz der Beschlüsse. Die Organisationen sollten diese wichtige Frage energischer in die Hand nehmen. P o e tz s ch wünscht von den Delegierten w Zukunft eine Be- richterstattung, die mehr Stimmungsbilder als Rekapitulationen der Verhandlungen geben sollte. Die Erbschaftssteuerfrage habe mit Revisionismus ebenso wenig zu tun wie mit Radikalismus; aber man könnte verlangen, daß sie im Sinne unseres Programms be- handelt würde. Die Agitation würde durch die Ablehnung der Erbschaftssteuer durch die Fraktion sehr erschwert worden sein. Die Fisch ersche Aeußerung über die Ausländer habe er so verstanden, daß diese in den ihnen weniger vertrauten inneren Verhältnissen größere Zurückhaltung üben möchten. Welch' wandelbare Auffassung auch bei den Radikalen herrschen könnte, hätte Kautsky durch seinen Vorschlag bewiesen, die Maifeier- Arbeitsruhe durch Geld ablösen zu dürfen. Mit der Behandlung der Resolution des ersten Kreises sei er ganz einverstanden. Es sei zu begrüßen, daß sie wieder aufgehoben wurde. Die Verhält- nisse. seien zu verschieden und schließlich auch der Freisinn im Süden ein anderer als im Norden. Die Leipziger Tagung löse große Befriedigung ans. Ein Antrag ans Schluß der Debatte wird abgelehnt. M i e t h e kritisiert einige Maßnahmen der Kontrollkommission. Der Fall Müller- Stuttgart sei nicht schlimmer als der Fall C a I w e r. Und Calwcr habe man nicht hinausgeworfen wie es notwendig gewesen sei. Die Frage der Erbschaftssteuer sei nicht von wahltaktischen, sondern von prinzipiellen Gesichtspunkten aus zu beurteilen. Die Sozialdemokratie dürfe der Regierung keine Mittel bewilligen, um Pulver und Blei gegen das Voll kaufen zu können. Bei der Maifeier sei nur noch die Geldfrage, nicht aber die Arbeitsruhe zur Erörterung gekommen. In den Kämpfen zwischen Kapital und Arbeit drängt sich das politische Moment immer mehr in den Bordergrund und darüber müßten die Arbeiter aufgeklärt werden. Redner hält es für richtig, daß der Nürnberger Angestellten- Beschluß in Kraft geblieben ist. Litfin tritt einigen Ausführungen PoetzschS entgegen. Die Berichterstattung sei immer Sache des Temperament? und des Gegenstandes. ES sei vernünftig, daß der Parteitag dem Wunsche der Gegner nach Streit und Spaltimg nicht nachgekommen sei. Auch er habe die Fischer sche Aeußerung nur so aufgefaßt, daß die Ausländer sich nur in bestimmten Fragen der inneren Politik bestimmte Beschränkungen auferlegen sollten. Die drei vorzüglichen Neserate über die Rcichsfinanzreform verdienten es, nach ihrer Drucklegung gründlich besprochen zu werden. Denn da die Fraktion zu schwach sei. einen genügenden Druck auf die Regierung auSzu- üben, so müsse dies auch von außen geschehen. Die Annahme oder Ablehnung sei keine Frage des Prinzips, sondern der Taktik. Die Maifeierfrage sei ja in diesem Jahre nicht aktuell; aber der Aus» spruch Bömelburgs, daß man den Arbeitern nicht solche Opfer zu- »nuten dürfe, sei zu bekämpfen. Wenn wir keine Opfer bringen wollten, dürften wir nicht mehr für Straßendemonstratione», ja überhaupt für keinerlei Kämpfe mehr eintreten, da diese immer Opfer erfordern. Adolf Hoffmann wendet sich gegen PoetzschS Vorwurf über die Berichterstattung. Die Rede PoetzschS habe die Fehler in viel größerem Maße enthalten. Die Erbschaftsstcuerfrage sei»och nicht geklärt. Das habe auch der Parteitag dadurch bestätigt, daß er die Angelegenheit auf dem nächsten Parteitage gründlich zu be- raten beschloß. Wenn wir uns die Argumente des Genossen P o e tz s ch zu eigen machen wollten, unsere Handlungen danach einzurichten, daß die Gegner uns nicht angreifen können, so dürften wir über- Haupt nichts machen. Redner sieht es geradezu als das Verdienst einiger Genossen an. gezeigt zu babcn, daß in der Fraktion Differenzeir bestanden. Weil die Frage auS der Dunkelkammer der Fraktion herauskam, ist auch die Gewähr gegeben, daß sie zweifelsftei erledigt werde. Dem Genossen G l a ß gegenüber bemerkt Redner, daß die Berliner Delc- gierten Wohl für die Schaffung eines Handbuches zur Steuerfragc gestimmt, aber deshalb nicht die AgitationSbroschüren für überflüssig erklärt hätten. Diese sollen ja von den einzelnen Bezirken trotzdem herausgegeben werden. Nachdem die bürgerlichen Journalisten sahen, daß ihre Hoffnungen auf Streit oder Spaltung sich nicht erfüllten, haben sie sich wenigsteiiS dadurch entschädigt, daß sie einen Sieg des Revisionismus verkündeten. Die Versammlung nahm eine Resolution an, die sich mit den Beschlüssen de» Parteitages und der Haltung der Delegierten des Kreises einverstanden erklärte. Nachdem noch die Genossen Singer, Stadthagen, Bruns und Schneider als Kandidaten für die Stadtverordneten- wählen aufgestellt und Frau Fahren wald einige Bemerkungen zum Parteitage, die zum Teil in der allgemeinen Unruhe verloren gingen, gemacht, schloß der Vorsitzende die Versanunlung. Fünfter Wahlkreis. Nach Eröffnung der Versammlung gedachte der Vorsitzende Friedländer der kürzlich verstorbenen Genossin S t ä g e, mann. Als erster Punkt der Tagesordnung erfolgte die Bericht» erstattung vom Parteitage. Sie wurde von den beiden Delegierten Hanisch und Timm gegeben. Die Diskussion begann mit längeren Ausführungen des Genossen � We I s. Er sprach seine Genugtuung darüber aus, daß die Er- J Wartungen, welche die bürgerliche Presse an unseren Parteitag ge- knüpft hatte, nicht erftillt wurden. Zwar sei der Boden bereitet gewesen, auf dem Auseinandersetzungen hätten stattfinden können, die geeignet gewesen wären, das Proletariat abzulenken von der Erörterung wichtiger Fragen und persönliche Streitigkeiten aufzu- rollen. Namentlich habe die letzt? Nummer der„Sozialistischen Monatshefte" Material für diesen Zweck zusammcnaetragen. Es fei eine erfreuliche Erscheinung gewesen, dag man auf dem Partei- tage der„Soz. Monatshefte" gar nicht gedachte, daß man gewisser- maßen mit Verachtung über das Blatt hinwegging, und allen denen das Konzept verdarb, die an persönlichen Streitigkeiten Gefallen gehabt hätten. Mit Unrcckst habe die bürgerliche Presse gesagt, der Revisionismus habe auf dem Parteitage gesiegt. Kein« AuS«ills anbersetzung.»-ine«istimnnm« sei vorgekommen, welche diese An- f„Frankfurter Zeitung' hätte sich die Fraktion in ihrer Haltung nähme rechtfertigen konnte. Unsere Haltung zur Erbschaftssteuer zur Börsensteuer nicht bestimmen lassen sollen. Wir ließen uns sei keine Frage des Prinzips. Sie dürfe nicht behandelt werden überhaupt zu sehr beeinflussen durch die bürgerliche Presse, anstatt ihren Aeußerungen über Revisionismus und Radikalismus kühl gegenüberzustehen. Das gelte besonders bezüglich der Resolution 41. Sie habe nicht die Bedeutung, die ihr von mancher Seite beigelegt werde. Soweit die Stimmung der Parteigenossen bekannt sei, würden sie bei einer Stichwahl zwischen einem Konservativen und einem F i s ch b e ck oder K o p s ch nicht für die letzteren eintreten, denn diese gelten uns nicht als das kleinere Uebel, sondern es sei zwischen ihnen und einem Konservativen kein Unterschied von unserm Standpunkt aus zu machen. Das Abkommen bezüglich der Maifeier sei mit Freuden zu begrüßen. Ebenso erfreulich sei es, daß seit Jahren zum erstenmal der Parteitag gezeigt habe, daß Gegensätze zwischen Parteigenossen in kameradschaftlicher Weise diskutiert werden können.(Beifall.) Dr. Wehl führte aus: Gewiß, der Parteitag habe einen fach- lichen Verlauf genommen, aber es sei nicht zu der notwendigen Klärung der Gegensätze gekommen, sondern dieselben seien ver- kleistert worden. Gegensätze müßten unbedingt zum Austrag ge- bracht«erden, allerdings in kameradschaftlicher Weise. Die Wer- lirrsr Genossen hätten einige Wortführer bestimmen müssen, die zu jeder wichtigen Sache gesprochen hätten. Als Fischer den„Vor- wärts" angriff, hätte Wels als Vertreter der Preßkommission den„Vorwärts" verteidigen müssen, denn mit der grundsätzlichen Haltung des„Vorwärts" seien die Berliner Parteigenossen einver- standen. In der Steuerfrage hätten die Führer beizeiten dos In- tevesse der Massen wecken müssen. Es sei aber in der Agitation gegen die Reichsfinanzreform gar keine Führung zu bemerken ge- lvesen. Hierauf wurde wegen der weitvorgerückten Zeit ein Wer- tagungsantrag angenommen. Als Stadtverordnetenkandidat für den 2S. Bezirk wurde Genosse Zucht aufgestellt. nach dem Grundsatz: Diesem System keinen Groschen. Wenn wir die direkte Besteuerung der Besitzenden fordern, dann müßten wir auch der Erbschaftssteuer zustimmen. Daß unsere Fraktion die Talonsteuer als verkehrsfeindlich bezeich- nete und dagegen stimmte, dafür werde man im Volke kein Ver- ständnis haben. Die Stellung zur Erbschaftssteuer könne nicht zu einer Frage des Revisionismus oder Radikalismus gemacht werden. Die Genossen Emmel, Hoch und Stadthagen hätten der Partei keinen Dienst geleistet, indem sie die Meinungsverschieden- heiten der Fraktion hinsichtlich der Erbschaftssteuer erörterten und ihren von der Mehrheit der Fraktion abweichenden Standpunkt betätigen wollten. Gegen einen Mehrheitsbeschlutz der Fraktion zu bandeln, dazu habe auch der Abgeordnete von Niederbarnim kein Recht. Die Art, wie die württembergische Hofgängerangelegenheit erledigt wurde, habe gezeigt, daß der Parteitag den Willen hatte, Differenzen unter den Genossen friedlich zu erledigen. Die Er- klärung der württembergischen Genossen sei mit Freuden zu be- grüßen. Durch die Annahme des Abkommens hinsichtlich der Mai- feier sei die Gewähr gegeben, daß diese Angelegenheit nicht auf jedem Parteitage und Gewerkschaftskongreß zu erneuten Erörte- rungen führe. Durch die Regelung der Unterstützungsftage sei eine ruhige Weiterentwickelung der Maifeier gewährleistet. Wenn sich jeder Genosse ebenso, wie es der Parteitag tat, zur Aufgabe mache, die Einigkeit der Partei zu wahren, dann werde unsere Kraft im Kampfe gegen unsere Feinde gestärkt.(Beifall.) Dr. Wehl führte aus, er teile nicht die optimistische Aus- fassung des Genossen Wels über den Parteitag. Er sei vielmehr der Ansicht, daß nicht bei allen Abstimmungen das proletarische Klassenbewußtsein ausschlaggebend gewesen sei. Wenn wir uns vom Prinzip des Klassenkampfes leiten ließen, dürften wir nicht der Erbschaftssteuer zustimmen, denn sie sei doch nur ein Schwindel gewesen, dazu bestimmt, um die Liberalen für die Annahme der indirekten Steuern zu gewinnen. Einen solchen Schwindel wollten verschiedene Parteigenossen nicht mitmachen. Deshalb habe Stadt- Hägen recht gehandelt, wenn er sagte, er würde sich der Stimme enthalten haben, falls die Fraktion beschlossen hätte, für die Erb- schaftsstcuer zu stimmen. Uebrigcns sei ja diese Frage in unserer Kartei noch strittig. Wels dürfe deshalb seinen Standpuntt nicht so vertreten, als ob er der allein richtige wäre. Unsere Stellung zu den bürgerlichen Parteien sei auf dem Parteitage auch nicht klar zum Ausdruck gekommen. Bei der nochmaligen Diskussion der Resolution 41 hätte zum Ausdruck gebracht werden niüssen, daß wir gegen die Freisinnigen sind in allen Fällen, wo es sich um ihr volksverräterisches Treiben handelt. Der einstimmige Beschluß über die Resolution 41 sei leider nicht von der Gesamtheit der Partei getragen. Es sei zu bedauern, daß die Berliner Genossen bei dieser Gelegenheit nicht ihren Standpunkt vertreten haben. Auch bei anderen wichtigen Fragen habe keiner von den Berliner Genossen das Wort genommen, obgleich es manchmal sehr am Platze gewesen wäre, wem: Genosse Wels die Donnerkeile seiner Rede in die Debatte geschleudert hätte. Die Berliner Genossen hätten auch begründen müssen, weshalb sie nicht für die Abhaltung des nächsten Parteitages in Berlin feien. Der Standpunkt der Ber- liner Genossen hätte auch bei anderen wichtigen Fragen vertreten werden müssen. Die Vertrauensmänner müßten wieder mehr Fühlung mit den Massen suchen und die Massen schulen und auf- klären.(Lebhafter Beifall.) Benno Maaß erklärte, er unterschreibe die Ausführungen des Genossen Wehl Wor> für Wort. Ferner bezeichnete Maaß den Ausschluß des Buchdruckers M ü l l e r- Stuttgart wegen Be- richterstattung über eine geschlossene Parteiversainrnlung an ein bürgerliches Blatt als eine Rechtsbeugung und Fehlurteil. Wir hätten, sagt« Maaß, in unseren Reihen ein« Anzahl Genossen, die sich viel schwererer Verstöße schuldig gemacht hätten und nicht aus- geschlossen worden seien. Calw er sei schon lange zum Ausschluß reif gewesen. Schippe l stehe mit seinen handelspolitischen An- sichten tm(Scgcnfatz zur Partei. Ei» Arbeiter würde sich nicht den Ton erlauben dürfen, den Richard Fischer auf dem Parteitage angeschlagen habe. Maaß beantragte, die Berliner Parteiinstanzen sollten geeignete Matznahmen ergreifen, um auf dem nächsten Par- teitage eine Aufhebung des Urteils gegen Müller- Stuttgart zu erwirken. Wels hielt gegenüber der vom Genossen Wehl geübten Kritik seine Auffassung auftecht, daß ber Parteitag von dem Wunsche beseelt gewesen sei, wir müßten die Situation ausnutzen, um die Gegner einig und geschlossen zu bekämpfen, eine Tatsache, die er, W e l s, mit dem Ausdruck der Freud« begrüße. Es sei ihm nicht eingefallen, wie Wehl sagte, den Genossen Stadthagen zu verunglimpfen. Er habe nur den Wunsch ausgesprochen, daß die Fraktion geschlossen austrete und sich nicht jeder nach Belieben der Stimme enthalten dürfe, wenn er mit dem Standpunkt der Mehr- heit nicht übereinstimme. Eine Lücke bemerke er in den Ausfiih» rungen des Genossen Wehl. Dieser habe die Hofgängerangelegen- heit gar nicht berührt, was sich wohl daraus erkläre, daß Wehl seinerzeit für die Englandfahrt der Berliner Stadtverordneten ein- getreten sei und deshalb nicht gut die Württemberger Hofgänger ver- urteilen könne. Genosse Wehl habe die Reden der Berliner Ge- nossen auf dem Parteitage vermißt. Er, W e l s, habe sich zur Frage der Erbschaftssteuer zum Wort gemeldet, er sei aber nicht mehr zum Wort gekommen, und habe also keine Gelegenheit ge« habt, die„Donnerkeile seiner Rede" in die Debatte zu schleudern. Der Parteitag habe es verstanden, auch in der Frage der Erbschafts- steuer keinen Streit aufkommen zu lassen. Das sei gut, denn wir hätten jetzt ein« so reiche und fruchtbare Agitationsarbeit zu leisten, wie seit langer Zeit nicht. Der Ausschluß des Genossen Müller- Stuttgart werde vom Genossen Maaß nicht richtig beurteilt. Der Kontrollkommission, die sich eingehend mit diesem Fall beschäftigte, könne man zutrauen, daß sie guten Grund zu ihrem Urteil hatte. Es sei nicht schön, dem ausgetretenen Calw er einen Esels fuß- tritt zu versetzen. Was Schippe! betreffe, so habe er ja seine Handels- und kolonialpolitischen Ansichten vor den Genossen des sechsten Kreises dargelegt und diese hätten darin keinen Grund zu einem Ausschlußantrage gefunden. Das könne wohl dem Genossen Maaß genügen. Richard Fischer habe ja auf. dem Parteitag «inen recht boshaften Ton gegen den„Vorwärts" angeschlagen. Aber der„Vorwärts" habe darauf mit einem Artikel geantwortet, derart, daß man wirklich nicht sagen könne, hier sei nur einer der Geprügelte. Diese Angelegenheit beschäftigte die Preßkommission, deshalb könne ein abschließendes Urteil noch nicht gegeben werden. Wenn die Berliner Delegierten die Abhaltung des nächsten Partei- tages in Berlin nicht wünschten, so deshalb, weil alle zwei Jahre der preußische Parteitag in Berlin abgehalten werde, was erheb- liche Kosten verursache. Käme dazu noch die bedeuteitde Ausgabe für die Abhaltung des deutschen Parteitages, so dürfte das selbst für die finanziellen Verhältnisse Berlins etwas viel werden. Uöbri- gens dürfe doch den Genossen, die sich von der Abhaltung des Parteitages an ihrem Orte agitatorische Erfolge versprechen, solcher Erfolg nicht durch Berlin genommen werden. Engelmann trat für die Konsumgenossenschaftsbewegung 'Friedländer wandte sich gegen die Ausführungen des Genossen Wehl in Sachen der Erbschaftssteuer. Wenn Wehl meine, die Führer hätten keine Fühlung mit den Massen, jo sei daran erinnert, daß die Massen während der Beratung der Reichs- finanzreform wenig Interesse für die Steuerfragen zeigten. Erst nach Ablehnung der Erbschaftssteuer durch Junker und Psaffen sei das Interesse bei den Massen erwacht. Hätten wir gegen die Erb- schaftssteuer gestimmt, dann hätte Bülow vielleicht die Aus- lösuirg des Reichstags wagen können, denn so würden wir bei den Wahlen einen schweren Stand gehabt haben, wenn man sagen konnte, daß wir zusammen mit Junkern und Pfaffen gegen eine direkte Besteuerung der Befitzenden gestimmt hätten. Es sei zu be- dauern, daß unsere Fraktion zu anderen Steuern nicht die Stellung eingenommen habe, die sie im Interesse des Proletariats hätte nehmen müssen. Durch die Ansichten des BärsenberichterstatterS der Sechster Wahlkreis. Die Generalversammlung für den sechsten Reichstagswahlkreis war sehr gut besucht. 1. Punkt der Tagesordnung war die Aufstellung der Kandidaten zur Stadtverordnetenwahl. Kreiskonferenz und Vorstand bringen folgende Kandidaten in Vorschlag: für den an einem Augenleiden erkrankten Genossen Schubert im 31. Bezirk den Genossen Rechtsanwalt Dr. Kurt R o s e n f e l d, für den 32. Bezirk Borgmann, 39. Bezirk Adolf Ritter, für den 42. Bezirk, jetzt von dem Freisinnigen G e r i ck e vertreten, Rechtsanwalt Dr. Oskar Cohn, 43. Bezirk Ferdinand Ewald und für den 47. Bezirk, den unser leider ver- storbener Genosse Richard A u g u st i n vertrat, Heinrich M e tz k e. Den Vorschlägen wird ohne Debatte zugestimmt. Den Bericht von der Kreiskonferenz erstattet Genosse Rosenow. Aus dem der Konferenz zum ersten Male gedruckt vorgelegenen Geschäftsbericht rekapituliert Redner die Tätigkeit des Vorstandes und hebt hervor, daß leider infolge der wirtschaftlichen Krise ein Verlust an Mitgliedern und Abonnenten verzeichnet werden müsse. Redner beschäftigt sich eingehend mit den Beratungen der letzten Kreiskonferenz und gibt am Schlüsse seiner Darlegungen dem Wunsche Ausdruck, daß durch rege Agita. tionsarbeit die nächste Kreiskonferenz wieder ein besseres Resultat in bezug auf Organisation und Presse vorfinden möge..(Beifall.) Zum Gericht über den Parteitag referiert Genosse tzentschel.< Die Vorgänge auf dem Parteitag seien im wesentlichen be- kannt; er wolle sich daher nur auf die wichtigsten Punkte be- schränken. Die Jugendorganisation habe gute Fortschritte gemacht, doch mußten alle hierzu gestellten Anträge zurückgestellt werden, bis uian auf längere Erfahrungen auf diesem Gebiete zurück- blicken könne. Zur Zahl der Reichstagswähler steht die Zahl der organisierten Genossen noch in keinem Verhältnis; hier und auch für die Gewerkschaften könne noch mit Erfolg gearbeitet werden. Beim Kassenbericht, den man als befriedigend bezeichnet habe, müsse doch hervorgehoben werden, daß das günstige Resultat auf die Ueberschüsse aus den großen Parteiunternehmungen und nicht etwa auf die Beitragsleistung zurückzuführen sei. Gegen die säumigen Wahlkreise, die der Zentralkasse gegenüber ihren Pflichten nicht nachkommen, biete das neue Parteistatut eine Handhabe. Durch den Rückgang der Abonnentenziffern sei der Partei ein Ausfall von 76 200 M. entstanden. Redner geht auf den Bericht der Kontrollkommission näher ein und gibt die Versammlung ihrer Unzufriedenheit Ausdruck, weil die Kontrollkommission den Ausschluß deS Genossen Heinrich wegen Nichtbeteiligung an der LandtagStvahl inhibiert habe; in ähnlichen Fällen sei sie ebenso verfahren, und in Hildesheim z. B. habe man sogar einem Genossen die- Mitgliedschaft belassen, der seine Nichtbeteiligung an der Wahl mit seinem Zweifel über den praktischen Wert der Wahl verteidigte.(Hört! hört!) Die weiteren Ausführungen des Redner? erstrecken sich auf die agitatorischen Aufgaben der Partei, die Jugendbewegung, den be- schlossenen Schnapsbohkott. Beim Bericht über die parlamentarische Tätigkeit sei der Vor» Wurf erhoben worden, die Fraktion hätte bei Beratung der Finanz- reform Obstruktion treiben sollen; doch sei die Unmöglichkeit und Aussichtslosigkeit nachgewiesen worden. Zur Erbschaftssteuer ist insofern ein Beschluß gefaßt worden, als die Steuerpolitik auf die Tagesordnung des nächsten Parteitages gestellt werden soll. Die bekannte Resolution 41, die sich gegen ein eventuelles Zusammen- gehen mit den Liberalen richtet, sei erst angenommen, tags darauf jedoch abgelehnt worden, nachdem durch die Erklärung einer An- zahl Delegierter, irrtümlich gestimmt zu haben, eine erneute Ab. stimmung veranlaßt worden war.(Bewegung.) Aus dieser Ab- stimmung mache man einen Sieg des Revisionismus; man übersehe aber dabei die Resolution D i t t m a n n, die für die Taktik auf den Beschlutz des Dresdener Parteitages verweist. Die Gabel- frühstückaffäre sei durch eine Erklärung der in Frage, kommenden Genossen gegenstandslos geworden, wodurch unseren Gegnern etwas entzogen wurde, worauf sie sich schon lange freuten. Die heutige Versammlung dürfte mit den von Genossen Singer zu dieser unliebsamen Angelegenheit gemachten Ausführungen ebenfalls wie der Parteitag einverstanden sein.(Zustimmung.) Nachdem Mai- feier und Organisationsentwurf vom Referenten eingehend erörtert sind, schließt er seine Ausführungen mit dem Resümee, daß, wenn wir uns das Resultat des Parteitages vor Augen halten, wir mit demselben zufrieden sein könnten. In der Diskussion knüpft Fritz Krüger an diese Schlußworte an, die Frage auf- werfend, ob denn tatsächlich Gründe vorliegen, mit den Arbeiten des Parteitages zufrieden zu sein. Ihm scheine dies nicht der Fall zu sein. Aufgabe des Parteitages war es, uns neue Waffen zu schmieden und zu schärfen. Wie stehe es damit? Der Bülowblock habe die Schädigung des Volkes durck, die Finanzreform durch die Besitzsteuern schmackhafter machen wollen und ihr das Feigenblatt der Erbschaftssteuer umgehängt. Unsere Fraktion habe die Situa- tion nicht genügend ausgenutzt, und der Parteitag habe dazu nichts gesagt. Die Mehrzahl der Genossen, besonders derjenigen des sechsten Kreises, wolle vom Revisionismus nichts wissen. Wir dürfen keinerlei direkte Steuern bewilligen. Wenn im Programm davon die Rede sei, dann sind nur solche gemeint, die kulturellen Zwecken dienen sollen. Genosse Richard Fischer habe Karski angegriffen, der sich nur durchaus sachlich im Zentralorgan ge- äußert habe. Hier sei es notwendig, daß der sechste Kreis aus- spreche, mit Fischers Vorgehen nicht einverstanden zu sein; hoffentlich rede dazu heute der zweite Kreis ein kräftiges Wort. Daß die Resolution 41 in der zweiten Abstimmung wieder ab- gelehnt wurde, sei eine Verhöhnung des Parteitages. Die zen- tralistischen Bildungsbestrebungen der Partei seien zu begrüßen als das beste Mittel gegen den Revisionismus. Hoffentlich werden diese Organisationen mit derselben Klarheit geleitet wie bisher die Arbeiterbildungsschule.(Beifall.) Obst wendet sich ebenfalls dagegen, daß man mit dem Partei- tag zufrieden sein könne. Der Vorstandsbericht habe gezeigt, daß manches besser werden müsse. Daß die Kontrollkommission den Ausschluß Heinrichs abgelehnt, sei unbegreiflich; wer sich zur Partei bekenne, müsse auch allen Pflichten nachkommen. Bezüg- lich der Erbschaftssteuer stellt sich Redner auf Bebels Stand- Punkt. Das habe mit Revisionismus nichts gemein, denn Bebe! sei doch wahrlich kein Revisionist. Was Richard Fischers Aus- führungen betreffe, so ist nur zu bedauern, daß er sie in Leipzig und nicht hier in Berlin machte. Karskis Artikel war nicht ganz einwandsfrei. Beklage sich die„Vorwärts"redaktion, über die Vorgänge in der Fraktion nicht unterrichtet zu sein, so war doch das Redaktionsmitglied Stadt Hagen mit in der Fraktion, um dem Mangel abzuhelfen, die Redaktion also zu unterrichten. Bezüglich der Württembcrger Hofgängerei soll man doch ehrlich sein und die Englandreise der Berliner Stadtverordneten in die Kritik mit- einbeziehen. Me inert: Die Diskussion auf dem Parteitag wurde sachlich geführt, und ist zu wünschen, daß nicht schon wieder in nächster Zeit der Stank im„Vorwärts" losgehe. Redner begrüßt den Schnapsboykott. Nichts sei leichter und notwendiger durchzuführen, als der Boykott des Fusels; bei anderen Getränken sei das schwie- riger. Bei der Erbschaftssteuer haben wir einen großen Bock ge- schössen. Nach dem Programm müßte die Fraktion dafür stimmen. (Rufe: Nicht für Rüstungszweckel) Die Maifeiervereinibarung sei zu begrüßen. Sie regele die Unterstützungsfrage, denn niemand kann nur aus Idealismus die Folgen einer Aussperrung auf sich nehmen. Genosse Fritz Müller erkennt an, daß der Parteitag gute Arbeit geleistet hat. Mit der Zustimmung zur Erbschaftssteuer in dritter Lesung erklärt sich Redner einverstanden, doch ist er dar- über im Zweifel, ob man die Finanzreform dem deutschen Volke in dieser Form zugemutet hätte, wenn alle Gegenmittel, Obstruk- tion und Opposition, was ja fast ein und dasselbe sei, zur Anwen- dung gekommen wären. Die Möglichkeit, größere Opposition zu treiben, war vorhanden. Im sechsten Kreis habe man sich mit dem Verhalten des Genossen Adolf Hoffmann einverstanden er- klärt, der im Landtag unter den schwierigsten Verhältnissen Oppo- sition trieb, bis man ihn gewaltsam mundtot machte. Dann habe sich H o f f m a n n in Volksversammlungen an die Arbeiterschaft gewandt, und damit agitatorische Erfolge erzielt. Aehnlich mußte auch die Reichstagsstaktion verfahren; hier war der Appell an das Volk am Platze. Wenn immer von Radikalismus und Rcvisionis- mus geredet lverde, dann müsse er doch fragen: wo bleiben die radikalen Taten? Wir hörten die radikalen Worte, bei. der Erb- schaftssteuer habe aber die radikale Handlung gefehlt. Ledebour will nur auf die Ansichten eingehen, die sich mit der Finanzreform befassen. Hier in der Versammlung gingen die Meinungen auseinander. Mancher der Vorredner sprach sich dafür, andere dagegen aus, als dritte Richtung kam jedoch Genosse Müller, der sich auffällig widersprochen habe. Müller mache keinen Unterschied zwischm Opposition und Obstruktion, indem er beide Begriffe verwechsele. In der Fraktion bestand darüber nur eine Meinung, daß man irgendwelche Obstruktion mit Erfolg unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht treiben könne. Was H o ßf- mann im Landtag getan, war scharfe Opposition, nicht aber Ob- struktion, und auch die Reichstagsfraktion nehme für sich in An- spruch, Opposition innerhalb und außerhalb des Parlaments gegen die Regierung betrieben zu haben. Als wir Obstruktion treiben konnten, geschah es, so bei der Zollvorlage» bei welcher Ge- legenheit man dann die Geschäftsordnung derart verschlechterte, daß die Obstruktion zur Unmöglichkeit gemacht wurde. In der Fraktion sei nicht ein Mann, der die Ansichten Müllers gut- heißt. Man berufe sich auf Bebels Erklärung zur Eübschafis- steuer und stimme dieser zu, kenne aber Bebels Gründe gar nicht. Er habe sie doch öffentlich nicht mitgeteilt.(Zuruf: Er hat sie doch Singer geschrieben!) Sicher genieße BÄel das größte Ver- trauen und verdiene die größte Beachtung. Di« Genossen aber, die sich auf Bebels Autorität berufen, ohne seine Gründe zu kennen, verfallen dem Autoritätsdusel. Bebel ist leidend und längere Zeit von der Frattion abwesend, konnte seine Gründe also gar nicht ausführlich entwickeln. Verwerflich sei es, daß man Bebel von gewisser Seite zu der bekannten Erklärung, die den Umständen nach nur kurz sein konnte, provozierte.(Bewegung.) Unser Pro- gramm spreche nur ein Prinzip aus; es sei aber nicht damit gesagt, daß wir jeder beliebigen Regierung solche Steuern bewilligen. 1906 tvar die Erbschaftssteuer in andere Steuervorlagen hineingearbeitet, die Fraktion hatte bei ihrer Abstimmung somit Gelegenheit, alles abzulehnen. Diesmal verzichtete die Regierung entgegen allem konstitutionellen Brauch auf das Mantelgesetz, sondern brachte alle Steuern einzeln zur Abstimmung; dies der Unterschied gegen 1906. M e i n e r t sagte, wir sollten direkte Steuern annehmen, um in- direkte Steuern zu beseitigen, aber etwas derartiges kommt doch gar nicht in Frage. Redner wendet sich in längeren Ausführungen noch gegen den Einwand, daß durch die Ablehnung der Erbschaft�- steuer die Agitation erschwert worden wäre. Die Agitation müsse sich eben auf unserer gesamten Weltanschauung aufbauen und könne nicht ängstlich Rücksicht nehmen auf die Augenblickspolitik; das hieße unsere prinzipielle Agitation vollständig aufgeben. Es be- stehen Menungsverschiedenheiten und wir sind nnS darüber einig gewesen, daß diese Steuerfragen auf dem nächsten Parteitag in großen Zusammenhängen zur Sprache gebracht werden sollten. Was den Genossen Richard Fischer betreffe, so handelte«S sich in Leipzig darum, daß er K a r s k i das Recht absprach, als Ausländer in der deutschen Politik mitzureden. Das sei ein Verstoß gegen die internationale Solidarität. Karski sei seit 15 Jahren für die deutsche Partei tätig, und es komme nur darauf an, daß er die Dinge, über welche er schreibe, auch genau kenne. Wenn Richard Fischer mit den Verhältnissen in Belgien und Frankreich hinreichend vertoaut ist, so kann er auch als Deutscher darüber schreiben, wie umgekehrt Karski bei seiner Kenntnis der deutschen Verhältnisse als Ausländer das Recht hat, über Deutschland zu schreiben. Wenn der Wunsch geäußert wurde, der„Vorwärts" möge keinen„Staut" aufrühren, so ist das Zentral- organ doch dazu geschaffen, daß dort Meinungsverschiedenheiten zum Austrag gebracht werden,»venu dies auch manchem Genossen unangebracht erscheine. Nun ist beschloffen, unsere Stellung zur Steuerpolitik auf dem nächsten Parteitag zur Sprache und zur Klä- rung zu bringen, was der Partei und der Agitation nur zum Vor- teil gereichen wird.(Lebhafter Beifall.) Ein Schlußantrag wird abgelehnt und die Vertagung der Versammlung mit großer Mehrheit beschlossen, WasierstandS-Nachrichten »er LandeSanstalt s>1r Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterdureau. Sasierstand M e m e I. Tilsit V r e g e l, Jnslerburg Weichsel. Thorn Oder, Natibor , Krossen , Franksurt Wa r t h e, Schrimm . Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leilmcritz , Dresden , Bardo , Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlltz Havel, Spandau') , Rathenow') Spree, Spremberg') , Bcestow Weser, Münden , Minden Rhein, ÄaxinnlianSau , Kaub Köln Neckar, Heildronn Main, Wertheüu Mosel, Trier 4- bedeutet Wuchs.— ftall.—') Unlerpegel. Verantwortlicher Retzakteur; Hcmö W«ber. Bertin. Für deognseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt»»uchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co� Berlin SW, GM. otäüft �©SBMirmLEE Soweit der Vorrat reicht: Kaiserschoten Do,. Kaiserschoten>/. do.. Junge Schoten Junge Schoten I v°,. Junge Schoten II>/. v°». Junge Schoten III>/. do.. Junge Schoten IV v. o°.. Gem. Gemüse II>/. o°-. Gem. Gemüse>/. v°.. Stangenspapgel Stangenspapgel I>/. o°.. Stangenspapgel II>,. o°.. Stangenspapgel III-/. 0°.. 1.30,>/, 00« 70 pt. 1.15,■/, Dou 63 Ff. 95 PC'/(Dom 53 Pf. 80 Pf.•/, Do»* 45 Pf. 55 Pf.-/a Do»« 33 Pf. 46 pf. 33 pc 65 PC 43 pc 1.70,>/, Do,» 90 pc 1.50 1.35,>/a Do«* 7 3 Pf. 1.1 5, Va Do<* 63 PC KONSERVEN Riesenbruchspargel v. Do»» 1.40, v, Do», 75 Pf. Bpuchspapgel citr!is>ar* Dote 1.30,./.do». 70 pc Bpuchspargel I«/. do». 1.10, v, do». 60 pc Bpuchspapgel II/. do»* 43 pc Bpuchspapgel ohne KÖ?�Dos, 75 pc Abschnittspapgel>/. Do» 40 pc Deutsche Marmeladen Aprikosen, Erdbeer, Himbeer, Johannis- ßQ beer, Kirschen.......... Glas OO P'. Pflaumen cu. 50 pc Orangen ma. 70 pc Gemischte Marmelade Eimer ca. 21/, kg 1 ,25, Eimer ca. 5kg 2.25 Marmelade Erdbeer-, Himbeer-, op- Orange-, Kirsch-, Johannisbeer... TopC�O Pf. in verschiedenen Saucen Bismarck-Heringe Bratheringe Delikatesshepinge Heringe in Aspic Aal in Gelee Lachs in Gelee Russische Sardinen Anchovis Gabelbissen Appetit-Sild Ech�; Nürnberger Ochsenmaulsalat Vi Do» 1,10, Vi Do» 60 PC Kronen-Hummer v.do» l.so,«/.do» 1.30 Dos* 45 Pf. Dos* 45 Pf. 'So» 52, 83 Pf. Dose 35 PC Dose 7 5 Pf. Dos* 1.10 Olaa 2 5 PC Glas 25 Pf. Dose 40, 55 PC Dos* 35 Pf. Riesenerbsen Pfand 1 7 pc Kleine Erbsen Pfand 1 6 pc Grüne Erbsen Pfand 1 6 pc Glasierte Erbsen gen. Pfund 24 pc Spalterbsen Pfand 1 9 pc Kleine Bohnen Pfand 1 5 pc KOLONIALWAREN Gebrannter Kaffee Mischung I Pfund II III IV VI vn 1.00 1.10 1.25 1.50 1.60 1.80 2.00 Langbohnen Pfand 1 8 pc Grosse Bohnen Pfand 24 pc Bruchreis Pfand 1 5 pc Rangoon-Reis Pfund 1 6 pc Bassein-Reis Pfand 20 pc Java-Reis Pfund 25, 30, 36 pc LIKÖRE UND SPIRITUOSEN vis Preise gelten nur noch heute Donnerstag u, erhöhen sich Von morgen ab bis 80 Pf, die Flasche Jamaika-Rum, Verschnitt II pi-sch* Jamaika-Rum, Verschnitt I piasch. Jamaika-Rum, Verschnitt extra n Jamaika-Rum II Fi«»ch. 2.80, I rusch. Extra feiner Jamaika-Rum pusch. Extra feiner alter Jamaika-Rum Arrak Verschnitt Arrak de Goa Arrak de Batavla Flaseb* Flasche Flaseb* 1.00 1.50 2.20 3.40 4.35 5.00 2.oo 3.oo 4.20 Deutschland gestellt) Französisch. Kognak K Edgard Remyf& Co. v.Fia»ch. 2.65 J. G. Monnet& Co.«Zoid-E, ikene>>/, nasche 3.oo 1 890 er J. G. Monnet& Co. v, Fia»». 4.00 1 885" Jas. Prunier& Co. v, nasche 5.50 1 883" Jas. Prunier& Co. v, nasche 6.00 Zervelatwurst...... Pfund l.io Salamiwurst....... pf�d l.io Teewurst.......... p�d I.15 Mausschinken Tc�73 I.20 Schinkenspeck— p�nd 1. 05 Gänsebrust........ Pfund I.45 Kognak-Verschnitt>/. nasch. 1.20 Feiner Kognak-Verschnitt v. nasch* I.75 FLEISCHWAREN Mettwurst......... Pfund 85 pc Jagdwurst......... p�nd 90 pf. Hallesch. Leberwurst Pfd. 1.00 Feine Leberwurst..Pfund 95 pf. Landleberwurst____ Pfund 90 pc Rotwurst...... Pfund 45, 65 pf. Deutscher Weinbrand-Kognak nasch» 2.75 Alter Nordhäuser Korn champagneroasch* 1.00 Extra feiner alter Nordhäuser Korn 1.30 �«'Nordhäuser Kornbranntwein ta£g2.oo Lütjenburger Korn v. nasch. I.25 Jrish Whisky v.Fu»ch. 3.90 Scotch Whisky(JohnDewar&Sons) Vi Flasche 3.90 Scotch Whisky wlack» Vhite) Vi nasch* 5,00 Hunter Rye Whisky v. nasch. 5.oo Kcnigsb. Fleck?�°d 50�.35 Pf. Frikassee von Huhn?�nd 65 pf. Del ikatess- Würstchen 90 pf. Oos« s 4 Paar Prima Ochsenzungen do.« 3.90, 5.25, 6.75 Frühstückszungen d«, 1.20, 2.1 5 GEFLÜGEL Junge Gänse......... PfU„d 57, 67 Pf. Suppenhühner...... l.so, 2.oo, 2.20 Brathühner......... 75, 90pr., I.20 OBST Tafelbirnen Beurreblanc......... PfUnd 10 Pf. Tiroler Äpfel.............. Pfund 14pf. Kochäpfel................ Pfund 10 Pf. Hirschfleisch Rücken und Keule Pfd. 80 Pf., Blätter Pfd. 40 Pf.. Ragout Pfd. 25 Pf. Nur heute: Wfsten HUl-GlilhkÖrper stück 27 Pt.| Nr. 228. 26. Jahrgang. 2. Irilogt Ks Jonniirtf Kerlim floliioliliilt. Donnerstag, 30. Septelnber 1909. Partei- Hngelegenbeiten. Zweiter Wahlkreis. Am Sonntag, den S. Oktober früh 8 Uhr, findet für den S. und 8. Kommunalwahlbezirk eine Fliigblattverbreitung statt. Es ist Pflicht aller Genossinnen und Genossen, sich an diesen Wahlarbeiten zu beteiligen. Die Genossen oer 7. Abteilung sind bereits den einzelnen Bezirken zugeteilt, die Genossen der 8. Abteilung treffen sich beiWiemers, Biilowstr. 58. und erhalten dort Auskunst. Parteigenossen! Auf. an die Arbeit! Der Vorstand. Königs-Wustkrhausen. Den Parteigenossen aller zum Agitations- bezirk KvnigS-Wusterhausen gehörenden Ortschaften, Deutsch-Wnster- Hausen, Schcnkendorf, Groß- und Klein-Besten, Zeesen. Senzig, Zernsdorf, Niederlehine und Wildau, zur Kenntnis, daß am Sonn- lag, den 3. Oktober, nachmittags 2 Uhr, im Lokale des Herrn Wed- Horn(„Altes Schiihcnhaus") eine öffentliche Versaminlung sür Männer und Frauen stattfindet. Tagesordnung: Rechenschaftsbericht über die Tätigkeit der sozialdemokratischen Fraktion im Reichstage. Referent: Rcichstagsabgeordneter Fritz Zubeil. Pflicht aller Partei- und Gewerkschaflsgenossen ist es, zu dieser Versammlung ihre Frauen sowie alle Indifferenten mitzubringen. Zu dieser Versammlung findet am Freitag, den 1. Oktober, abends 8 Uhr, in allen obengenannten Ortschaften eine Flugblatt- Verbreitung statt. Niedcr-Schönhausen-Nordend. Am Sonntag, den 3. Oktober, früh 3 Uhr, findet von folgenden Lokalen aus eine Handzettel Verbreitung statt: 1. Bezirk: Reuß, Platanenstraße-Ecke Kaiserweg; 2. Bezirk: Gappa, Eichenstraße-Ecke Waldstraße: 3. Bezirk: Babst, Beuthstraßc-Ecke Waldcinarstraße; Nordend: Schüßler, Blankenselder Straße. Wir bitten die Genossen, pünktlich und zahlreich in den Bezirkslokalen zur Stelle zu sein. Die Bezirksleitung. Tegel. Heute, Donnerstag, abends 8'/z Uhr, findet im Lokale von I. Klippeustei», Spandauer Str. 4. die Mitgliederversammlung statt._ Die Bezirksleitung. Berliner JVacbricbten. Das Fundament kommunalltberaler Herrschaft! Berlin rüstet zu den Stadtverordnetenwahlen, die im November stattfinden. Der Stadtverordnetenversamm� lung überreicht jetzt der Magistrat eine Vorlage über die Wählerzahl der Bezirke, die an den Wahlen teilzunehmen haben. Die Zahlen dieser Zusammenstellung zeigen mit noch größerer Deutlichkeit als früher, wie schmählich durch das Dreiklassen Wahlsystem des Gemeindewahlrechts zugunsten eines Häufleins privi legierter Geldsacksbesitzer die breite Masse des werktätigen Volkes entrechtet wird. Gleich ist der Einfluß der drei Klassen auf die Gemeinde Verwaltung, gleich ihr Anteil an der Gesamtzahl der Stadt- verordnetensitze, aber ungleich bis zur Ungeheuerlichkeit ist die Zahl der Gemeindewähler, die zu den drei Klassen ge hören. Wer die Ehre der Zugehörigkeit zur ersten Wähler abteilung genießen will, muß jetzt mindestens 6450,80 M. Steuern pro Jahr zahlen können; wer wenigstens noch mit der zweiten Abteilung wählen will, muß eine Steuerleistung von nicht Unter 192,73 M. aufweisen; wer es aber nicht mal so weit gebracht hat, der wird zur Masse der Wähler dritter Abteilung geworfen. Wie groß die Masse jetzt ist, das erfährt man diesmal leider nicht. Von den 144 Stadtverordnetenmandaten ent fallen auf jede Abteilung 48. und jede hat alle zwei Jahre 16 neu zu vergeben, da aber das Stadtgebiet Berlin für die erste und zweite Abteilung in je 16 Bezirke, für die dritte in 48 Bezirke eingeteilt ist, so wählen in der ersten und der zweiten Abteilung alle zwei Jahre sämtliche 16 Bezirke, jeder einen Stadtverordneten, in der dritten dagegen immer nur ein Drittel aller 48 Bezirke, abwechselnd jedesmal 16, gleich falls jeder einen Stadtverordneten. Die Vorlage des Mm gistrats enthält nun diesmal für die dritte Abteilung nur Angaben über die 16 an der diesjährigen Wahl beteiligten Bezirke, während in den vorhergehenden Wahljahren die bezüglichen Vorlagen uns für alle 48 Bezirke dritter Ab teilung über die Wählcrzahlen belehrten. Für die 16 diesmal beteiligten Bezirke finden wir eine Gesamtzahl von 121059 Wählern(ohne die noch zu erwartenden Nachträge). Wenn man diese Zahl mit drei multipliziert, so bekommt man f ü r die ganze dritte Abteilung über 363000 Wähler, wobei mal davon abgesehen werden soll, daß die drei Drittel der dritten Abteilung schwerlich gleich groß sein werden. Diesen 363000 der dritten Abteilung stehen jetzt gegenüber 31 504 Wähler der ganzen zweiten Abtei- lung und gar nur 995 Wähler der ganzen ersten Abteilung I Noch vor zwei Jahren zählte die ganze dritte Abteilung 346 157 Wähler, die zweite 33 252, die erste 4621(immer ohne die Nachträge). Man sieht, wie der Klassengegensatz, auf dem das Gemeindewahlrecht fußt, sich noch mehr verschärft hat. Diesmal kommen auf je einen Wähler er st er Abteilung rund 32 Wähler zweiter Abteilung und— 365 Wähler dritter Abteilung; mithin hat jetzt ein Wähler erster Abteilung durchschnittlich einen 365mal so großen Einfluß auf die Gemeindeverwaltung wie ein Wähler dritter Abteilung. 48 Stadtverordnete auf nur noch 995 Wähler erster Abteilung macht pro Stadtver- ordneten durchschnittlich 21 Wähler; auf die 48 Stadtver- ordneten der zweiten Abteilung entfallen von den 31 504 Wählern je 653; die 48 Stadtverordneten der dritten Abtei- lung aber vertreten 363 000 Wähler, macht pro Stadtver- ordneten durchschnittlich 7562 Wähler. Ist es nicht etwas Herr- liches— so darf hier der Berliner Stadtfreisinn frohlocken— um das Dreiklassensystem des Ge- meindewahlrechts? Die Betrachtung der Wahlbezirke im einzelnen ergibt noch Herrlicheres, weil ja auch die Bezirke noch sehr ungleich groß sind. Der Antrag der sozialdemokratischen Stadtverordneten, eine Neuabgrenzung der Wahlbezirke vor- zunehmen, weil die Ungleichheit im Laufe des letzten Jahr- zehnts schon wieder zu arg geworden ist, hat bisher zu keinem praktischen Ergebnis geführt. Für 1909 war die Ausführung versprochen worden, aber im letzten Augenblick fand der Stadtfreisinn, es sei noch nicht nötig. So sehen wir jetzt Wählerzahlen in den Bezirken erster Abteilung von nur 30 bis höchstens 129, zweiter Abteilung von 789 bis 4851, dritter Abteilung von 2870 hinauf bis zu der gewaltigen Zahl 16 195. Für die dritte Abteilung wollen wir die Wählerzahlen vollständig angeben: es haben her 2. Bezirk 2870 Wähler, der 5. Bezirk 6131, der 8. Bezirk 5776, der 13. Bezirk 6642. der 14. Bezirk 7097. der 17. Bezirk 4251, der 18. Bezirk 3956, der 24. Bezirk 15 676, der 25. Bezirk 14 655, der 28. Bezirk 5021, der 31. Bezirk 5321, der 37. Bezirk 5784, der 39. Bezirk 6208. der 42. Bezirk 6981. der 43. Bezirk 8495, der 47. Bezirk 16 195 Wähler. 16 195 in einem Bezirk ist übrigens noch lange nicht der Gipfel. Die überhaupt höchste Wählerzahl wird sich im 26. Bezirk finden, der diesmal nicht mitwählt; wir dürfen sie auf jetzt uiindestens 24 000 schätzen. Bleiben wir aber bei den diesmal mitwählenden Bezirken. Da ergibt sich, daß im kleinsten Bezirk e r st e r Abteilung 30 Wähler durch drei Stadtverordnete vertreten sind, macht pro Stadtver ordneten 10 Wähler. Dagegen sind im 47. Bezirk dritter Abteilung 16 195 Wähler durch einen Stadt verordneten vertreten, eine über 1600mal so große Zahl. Und dieses ungeheuerlichen Zustandes schämt der Berliner.Stadtfreisinn sich nicht? Die Herrschaft im Stadt Parlament, die durch solche skandalöse Benachteiligung der Wähler niassen ihm gesichert wird, gilt ihm nicht als entehrende Schmach? Die Beibehaltung der alten Bezirkseinteilung gewährt den Freisinnigen in den kleinen Bezirken dritter Abteilung ein paar letzte Schlupfwinkel. Das Dreiklassenwahlrecht aber wirft ihnen mit Hilfe der zweiten und der ersten Abteilung eine Zweidrittelmehrheit ohne jeden Kampf in den Schoß, eine Zweidrittelmehrheit, die il?m sicher ist, auch wenn die ganze dritte Abteilung der Sozialdemo kratie gehörte. Das Reichstagswahlrecht— das allgemeine, an keine Stcuerleistung gebundene— paßt dem Frei sinn nicht für di e Kommune. Er will nicht rütteln lassen an dem F u n d a m e ir t k o in m u n a l l i b e r a l e r Herrschaft, sich nicht stören lassen in der Entrechtung des werktätigen Volkes. Die AbteilungSlisten für die bevorstehenden Laudtagsivahlen rm 6., 6., 7. und 12. Berliner Landtagswahlbezirke werden ausliegen am Sonntag, den 10. Oktober, von 10 bis 1 Uhr, am Montag, den 11. Oktober, von 5 bis 8 Uhr und am Dienstag, den 12. Oktober, von 5 bis 8 Uhr in vier ver schiedenen Lokalen._ ; Vom Prügclstift Mielczyn. Auf Beschluß der Stadtverordnetenversammlung ist ein fünf- gliedriger Ausschuß gewählt worden, der sich mit dem Antrag der ozialdemokratischen Stadtverordnetenfrakiion auf Zurückziehung der Fürsorgezöglinge aus Mielczyn beschäftigen sollte. Dieser Ausschuß trat am Dienstag zusammen und nahm zunächst Kenntnis von dem Stande der ganzen Angelegenheit. Vom Magistrat wurde das ge samte auf die Sache bezügliche Material vorgelegt. Ans demselben geht hervor, daß tatsächlich die schweren Ausschreitnngen stattgefunden haben, von denen wir berichteten. Es sind verschiedene Unter- suchungen! vorgenommen worden, auch solche von der Regierung veranlaßte. Es sind auch bereits durch den Minister Anordnungen ergangen, die Abhilfe schaffen sollen. In einem solchen Schreiben an den Magistrat bczw. die Waisenverwaltung wird unverblümt ausgesprochen, daß der Pastor Breithaupt ungeeignet zum Erzieher ei, daß der Inspektor Engels zu seinem Posten nicht tauge und daß von den sogenannten Erziehern— besser Aufsehern— kaum zwei den minimalsten Ansprüchen genügten, die übrigen aber gar nicht an den Posten gehörten, an den sie gestellt worden sind. Gefordert wird, daß ein Mann an die Spitze der Anstalt gestellt wird, der die nötigen Fähigkeiten zum Erzieher besitze, und daß auch Personal angestellt werden müßte, das zum Teil gleichfalls über gewisse pädagogische Kenntnisse verfüge. Nicht uninteressant ist ein Schriftwechsel, der zwischen der Waisenverwaltung bez. dem Magistrat und dem Aufsichtsrat der Mielczyner Anstalt stattgefunden hat. Vom Magistrat �wurde dem genannten Aufsichtsrat unter Hinweis auf die Verhandlungen in der Stadtverordnetenversammlung mitgeteilt, daß für ein ferneres Ver- bleiben von Zöglingen in der Mielczyner Anstalt die Anstaltsleitung erst bestimmte formulierte Forderungen erfüllen müsse, Forderungen. zu denen die Stadt Berlin auch von ihrer vorgesetzten Behörde ge- nötigt wird. Auf dieses Schreiben hin antwortete der Aufsichtsrat in einem recht überhebenden Tone, der auf das Verhältnis der Stadt zu dem Aufsichtsrat für die Zukunft recht eigenartige Aussichten er- öffnet. Breithaupts Verhalten wird darin zu entschuldigen gesucht. Kein Wort von der Pflicht der Aufsicht, die die Leitung hatte, aber gar nicht ausgeübt hat. Schließlich aber macht die Verwaltung den Vorschlag, es wäre das beste, Berlin übernähme pachtweise das Restgut Mielczyn auf 20 Jahre zu einer jährlichen Pacht von 160 00 Mark, aber ohne die ertragbringende Landwirtschaft! Im Ausschuß herrschte ob des in dem Schreiben zum Ausdruck kommenden Tones nur eine Stimme der Mißbilligung. Es sei nicht geeignet, besonderes Vertrauen zu erwecken. Auf den gemachten Vorschlag einzugehen, könne aus dem Handgelenk nicht entschieden werden; von anderer Seite wurde ausgesprochen, daß davon gar keine Rede sein könne, der Wert der ganzen Anstalt mit Inventar sei überhaupt nicht mehr wert als die geforderte jährliche Pachtsumme. Die rechtliche Seite der Sache— Auflösung des Vertrages— wurde dann nach den verschiedensten Seiten hin erörtert. Die Kommission entschloß sich, in einer neuen Sitzung sich mit der Sache weiter zu befassen. Inzwischen haben die Mielczyner Vorkommnisse die Waisen« deputation veranlaßt, sich mit einer prinzipiellen Lösung wichtiger Fragen der Fürsorgeerziehung zu beschästigen. Die Waiscndcputation hat beschlossen, einen neungliedrigen Ausschuß aus den Stadträten von Friedberg, Dr. Münsterberg, Dr. Fischer und Dr. Straßmann und aus den Stadtverordneten Dr. Bernstein, Bruns, Dr. Bütow, Schulze und Ulrich einzusetzen, der über die Art der Ausführung der Fürsorgeerziehung, insbesondere über die Klassifizierung der Zöglinge, die Anstellung eines pädagogischen Leiters der Fürsorgeerziehung, die Regelung der Beaufsichtigung der Privatanstalten, die Uingestaltung der Lichtenberger Anstalt und den Bau eigener Anstalten der Stadt Berlin Vorschläge machen soll._ Ablenkung von sechs Straßenbahnlinien. Die Straßenbahn ist genötigt zur Auswechselung der KreuzungSanlage an der Bülow- und Mansteinstraße während einiger Nächte die über die Kreuzung verkehrenden Wagen umzulenken. Die Ablenkung beschränkt sich aber nur ans die Zeit von 2 Uhr nachts bis 6 Uhr früh. Sie ist not- wendig in den Nächten vom 30. September zum 1. Oktober, ferner vom 6. zum 7. und vom 7. zum 8. Oktober. Die Umleitung betrifft 'olgende Linien: Bei Linie 3 gehen in Richtung B die Woge» b.03, 5.17 und 5.8a ab Bellealliancestraße und b.78 ab Kleine Frankfurter Straße; in der Richtung A b.20 ab Weddingplatz über die Bülow-, Potsdamer, Haupt-, Kolonnen-, Siegfried-, Monumenten-, Krcuzberg- und Katzbachstraße in beiden Richtungen. Bei Linie 64 gehen die Wagen 6.06 ab Landsberger Allee und ö.25 und 5.40 ab Nollendorfplatz wie Linie 3. Von Linie 82/90 gehen die Wagen 6,03, 5. 18 und ö.83(Linie 82) und ö.26(Linie 90) ab Schlesisches Tor und wie Linie 3. vom Nolleudorfplatz durch die Motzstraße, über den Präger Platz usw. Von Linie HI geht der Wagen S.88 früh ab Eisenacher Straße über die Haupt- und Potsdamer Straße. Endlich gehen von Linie E die Wagen ab Linlstraße I.88 und 2.10 über die Lützow-, Potsdamer- und Hauptstraße. Ein Kirchcneinbriich wurde in der vergangenen Nacht am Johannistisch verübt. Noch unbekannte Diebe drangen durch die Seitentllr an der Blllcherstraße in das Gotteshaus ein, öffneten die Sakristei mit einem Nachschlüssel, erbrachen dort mehrere Spinde und erbeuteten daraus eine stark versilberte Taufschüssel mit Kanne, einen kleinen vergoldeten Abendmahlsteller, eine vergoldete Wasserkanne, einen schwarzen Gehrock und eine braunlederne Handtasche. Wahr- scheinlich haben sie die Geräte für massiv silbern oder golden ge- halten und den Nock benutzt, um die Beute einzuwickeln. Händler usw. werden vor dem Ankauf der Sachen gewarnt. Den Tod im Wasser fand eine unbekannte Frau, die gestern nachmittag um ö Uhr am Helgoländer Ufer in die Spree sprang. Obwohl Schiffer die Lebensmüde bald herausholten, war der Tod bereits eingetreten. Ausweispapiere hatte die Lebensmüde nicht bei sich. Sie ist etwa 60 bis 6S Jahre alt und scheint ihrer Kleidung nach dem Arbeitcrstande anzugehören. Not und Arbeitslosigkeit haben die Maschiuenschreiberin Maria Franz aus der Hussitcnstr. 4 in den Tod getrieben. Fräulein F. war seit längerer Zeit ohne Stellung und sie mußte infolgedessen große Entbehrungen leiden. In ihrer verzweikelten Lage erhängte sich die Unglückliche in ihrem Zimmer am Fenst-rhaken. Als Nachbarn die Tat entdeckten, war die Lebensmüde bereits tot. Eine tapfere Mitkämpferin ist dieser Tage zu Grabe getragen worden in der Person der Gattin unseres alten Genossen Fritz W i l k e. Unter schweren Sorgen aufgewachsen, mußte sie schon in- folge des Todes des Vaters in frühester Jugend mit 17 Jahren die Sorge für die Mutter übernehmen und schaffte auch durch Schneidern die Mittel herbei, um ihren jüngeren Bruder, der in der Häckselmaschine mehrere Finger verloren hatte. Kaufmann lernen zu lassen. Zwei Jahre nach ihrer Verheiratung, am 21. Juni 1856, traf ihren Gatten der Ausweisungsbefehl. Und obwohl Frau Wilke sich in hochschwangerem Znstande befand, lehnte sie es trotzig und mutig ab, einen Aufschub der Auslveisung bei den Vollstreckern nachzusuchen. Und so konnte Genosse Wilke erhobenen Hauptes und stolz auf seine tapfere Lebensgefährtin ins Exil gehen, wenn auch mit banger Sorge um sein Weib, das acht Tage nachher von einer Tochter entbunden wurde, die ferner als Schmerzenskind bezeichnet wurde. Am 1. Oktober desselben Jahres sollte die Ueber- siedelung nach Braunschwcig erfolgen. Genosse Wilke frug kurzweg beim Präsidium an, ob er zu diesem Zwecke nach Berlin kommen und seiner Frau mit zwei kleinen Kinderchen beim Umzug behilflich sein dürfe. Als darauf keine Antwort erfolgte, ging Mutter Willen mit ihren beiden Kindern auf dem Arm zum Präsidium, setzte den Herrschaften mit den Worten:„So, wenn Sie meinen Mann nicht herlassen wollen, dann muß ich allein den Umzug besorgen". die beiden Kinderchen auf den Tisch und bekräftigte ihre Worte noch mit einem kräftigen Faustschlag, daß die Tintengläser wackelten. „Aber gut verwarten, meine Kleinen sind an Ordnung gewöhnt". Mit diesen Worten wollte sie davonlaufen. Eiligst wurde sie zurück- gerufen und ihr aufgetragen, zu depeschieren� daß der„Aitcntäter" sofort herkommen könne, aber sich nur 24 Stunden in Berlin ans« halten dürfe. Durch diese brutale Behandlung wurde die Genossin, von Charakter und Herzensgüte die friedlichste Person der Welt, eine geschworene Feindin der bestehenden Gesellschaftsordnung. In Braunschweig und Umgegend fanden beide reiche Gelegenheit, der kämpfenden Arbeiterschaft nützlich zu sein. Wenn ihr Gatte oft 4 bis 6 Wochen lange Agitationsreisen unternahm, besorgte sie neben ihren häuslichen Arbeiten die Expedierung des damaligen Bauhand- werker-Fachblattcs der Berliner Richtung prompt und gewissenhaft, ohne daran zu denken, für diese Extraleistungcn auch Extra- entschädigungen zu beanspruchen. Nach dem Fall des Sozialistengesetzes kehrte Genosse Wilke mit seiner Familie nach Berlin zurück und hier hat die Verstorbene in goldener Treue ihrem Gatten in seiner proletarischen Aufklärnngs- arbeit zur Seite gestanden. Die zahlreichen Genossen, die Mutter Willen im Laufe der Jahre kennen und schätzen gelernt haben, wissen, welche Stütze und Kämpfcrin unserer Bewegung mit ihr dahin- gegangen, und werden ihrer ehrend gedenken. Unter dem Verdacht der Cholernerkrnnkuiig ist gestern abend der zwanzigjährige Asphaltarbeiter Friedrich Saß auö der Frankfurter Allee in die Charitö eingeliefert worden. Der junge Mann er- krankte am vergangenen Sonntag und seine Wirtöfrau konnte sich nicht erklären, was ihm fehle. Er litt unter starken Brechdurchfällen und gestern abend ließ man aus der Nachbarschaft einen Arzt kommen. Er untersuchte den Patienten und neigte zu der Ansicht, daß hier Cholera vorliege. Auf seine Veranlassung ivurde S. unter den nötigen BorsichtS- maßregeln in einen» Krankenwagen des Verbandes für erste Hilfe nach der Charitö gebracht, wo er gleich in der Cholerabaracke unter- gebracht wurde. Auch die Wirtin sowie eine Tante des jungen Mannes, die in den» Krankenzimnrer geweilt hatte, wurden nach der Charitö gebracht, wo sie unter Beobachtung stehen. Das gleiche geschieht vorläufig mit den beiden Krankentransportenren. dürfte wohl kaum am Leben bleiben. Ob tatsächlich die gesähr- liche asiatische Cholera vorliegt, wird erst später festgestellt werden können._ Vom Flugfelde. Bald nach 3 Uhr begannen gestern die Wetiflüge. Den Reigen cröffirete Molon, der mit seinem Blöriot-Eindecker um 3 Uhr 7 Min. für den GeschwindigkeitSpreis startete. Kurz vor den» Start hob sich der Apparat in der ihm eigenen eleganten Weise und legte die erste R»inde in gleichmäßige», Fluge zurück. Plötzlich stoppte der Aviatiker den Motor ab und wenige Sestlnden darauf senkte sich der Aeroplan zu Boden. Um 3 Uhr 18 Min. unternahm Latham einen Vogelflug, den er aber bereits nach der dritten Runde»veaen Aussetzens des Motors abbrechen mußte. Um 3 Uhr 26 Mirniteu startete Farman um den EntfernungS- und DauerprciS(Mindestleistung SO Kiloinetcr). Sein Zweidecker flog in einer Höhe von 1I2 bis 3 Meter über das Feld und nahm mit Leichtigkeit die Kurven. Der Lustschiffer mutzte je» doch nach der 11. Rmide infolge Propellerdefektes niedergehen, nach- dem er 30 Minuten in der Lust gewesen tvar. Alsdann startete Molon zum zweitenmal um den GeschwindigkeitSpreis. Nach- dem er in elegantem Bogen angefahren war, stürzte er schon in der ersten Runde in der Kurve rnis einer Höhe von vier Meter ab. Der Aviatiker selbst blieb glücklicherweise unverletzt, dagegen ist sein Apparat so gut wie vernichtet. Die Flügel, die Schraube und das Untergestell sind gebrochen, so daß dieser Luft- schiffcr an der Konkurrenz nicht mehr teilnehmen kann. Um 3 Uhr 49 Minuten stieg Sanchez Besa aus. ging aber schon nach einer Minute ebenfalls nieder. Inzwischen startete Latham zum zweiten Male. Der kühne Luftschiffer wurde aber anscheinend vom Unglück verfolgt, denn schon in der ersten Runde erlitt sein Aeroplan einen Defekt an der Zündung, infolgedessen der Aviatiker den Boden aufsuchte. Der berühmte Uebcrlandflicger verlor jedoch keineswegs den Mut, sondern meldete sofort einen dritten Auf» stieg an. Um 4 Uhr nachmittags lagen gleichzeitig vier defekt ge» wordene Aeroplane auf dem Flugfelde.— Während die Trümmer �e3 Molonschen Apparates mittels Wagens nach dem Flieger- Ichuppen geschafft wurden, unternahm Sanchez Besa wieder- holt Anflüge, konnte jedoch erst bei dem fünften Anlauf in die Hohe steigen. Er umflog dann auch glatt zwei Runden. Bei der dritten versagte jedoch anscheinend der Zylinder, der Spanier wich von der Fluglinie ab und ging gegenüber der Kaiser- löge hart zu Boden. Hierbei wurde ein Teil des Unter- gestelles zertrümmert, während auch in diesem Falle der Führer selbst glücklicherweise gänzlich unversehrt blieb. Um 4 Uhr 23 Min. startete dann Rougier um den Entfernungs- und Dauerpreis. Der Anflug war ein guter und der Franzose ging sofort bis zu einer Höhe von 4V Metern empor. Die ruhige Bewegung und der elegante Flug iss Rougierschen Aeroplans erregten die Bewunderung des Publikums, das dem Luftschiffer wiederholt zujubelte, eine Ovation, die der Franzose durch Schwenken der Mütze quittierte. Während Rougier noch in der Luft schloebte, stieg um S Uhr 10 Min. Latham auf. der sich um den Höhenpreis bewarb. Und nun entspann sich ein interessanter Wettflug in den Lüften. Es zeigte sich sofort, daff der Eindecker des Ueberlandfliegers dem Apparate seines Landsmannes in bezug auf Schnelligkeit weit überlegen war und eS gelang Latham bald, seinen Konkurrenten einzuholen. Nach einem wundervollen Fluge, der sich doppelt interessant gestaltete, weil an dem Wettstreit, allerdings auher Konkurrenz, auch Farman sich be- reiligte, landete Rougier um 6 Uhr S Min., nachdem er 31 Runden= TT'/a Kilometer in 1 Stunde 38 Min. zurückgelegt hatte. Die Landung vollzog sich in einem vorzüglich ausgeführten Manöver. Mit kolossaler Schnelligkeit schaff der Apparat aus einer Höhe von 30 Metern herab, um nach 20 Metern Fall wieder emporzusteigen und dann allmählich den Boden zu erreichen. Im Laufe der Fahrt hatte Latham seine Absicht, um den Höhenpreis zu konkurrieren, aufgeben müssen, weil er versehentlich über die Pylonen hinausgefahren war, so daff eine Höhenmessung nicht stattflnden konnte. Latham landete glatt um 6 Uhr 27 Min., nachdem er 27 Runden gefahren war. Er hat also 07l/z Kilometer in 1 Stunde 11 Minuten zurückgelegt. Damit waren die gestrigen Weltflüge beendet. Stürmische Heiterkeit erweckte bei den Zuschauern ein Borfall, welcher die Korrektheit des preuffischen Beamtentums am gestrigen Abend nach eingetretener Dunkelheit in das rechte Licht rückte. Latham hatte kurz vor seiner Landung um 6 Uhr 27 Min. abends ver- sehentlich einen Laternenpfahl angefahren. Als der Aviatiker ge- landet war, trat ein Gendarm auf ihn zu und wollte seine Sistierung vornehmen, weil L. sich einer Sachbeschädigung schuldig gemacht habe. Natürlich kam es nicht zu einer Sistierung, da der Zwischenfall durch die Leitung der Deutschen Flugplatz-Gesellfchaft sofort erledigt wurde. Gegen das Provinzialschulkollcgium richtete sich eine Klage der Stadt Berlin, die gestern vom BezirkSausschuff verhandelt wurde. Es handelte sich um eine Verfügung des ProviuzialschulkollegiumS, nach der ferner eine Mitwirkung der Stadtverordnetenversammlung bei der Wahl der Lehrer und Lehrerinnen noch bei den Rektoren der Volksschulen stattfinden darf. Der BezirkSausschuff erkannte auf Aufhebung der Verfügung. Der JugendauSschuß veröffentlicht heute im Inseratenteil die Vortragsfolge der für die Jugend in diesem Winter veranstalteten Vortragskurse. Wir weisen noch einmal darauf hin, daff schon morgen Freitag, den 1. Oktober, in den Arminhallen, Kommandantenstr. 58, pünktlich abends 8 Uhr. der Vortragskursus über Naturwissenschaft beginnt. Genosse Engelbert Graf spricht über: Die Rätsel des Lebens. Der Vortrag wird durch Lichtbilder unterstützt. Der Jugendausschuff erwartet eine recht zahlreiche Beteiligung der arbeitenden Jugend. Feuerwchricricht. In der gestrigen Nacht um 4 Uhr wurde der 12. Zug nach dem Zoologischen Garten alarmiert. Die Ermittelungen ergaben, daff es sich um blinden Alarm handelte, hervorgerufen durch Nebenschluff in einem der dortigen Feuermelder. Gegen mitter- nacht erfolgten zwei Feucrmeldungen nach der Prenzlauer Allee 100 und Brunnenstraffe 53. Hier war die UmWickelung eines Dynamos in einem Kinematographentheater und dort das Dachgebälk in einer Fabrik in Brand geraten. Die Flammen waren in der Fabrik aus- gekommen und hatten sich dann durch einen Transmissionsschacht fortgepflanzt. Als sie die Dachkonstruktion ergriffen, wurde die Gefahr bemerkt und dann von der 1. Kompagnie beseitigt. Der 13. Zug hatte abends in der Chausseestraffe 29 zu tun, wo in dem Laden der Firma Baer Sohn Feuer ausgekommen war, das Kartons und Packmaterial erfaßt hatte. Fast gleichzeitig brannten Gartenstraffe 4 Betten und anderes in einer Wohnung. Durch Selbstentzündung von Kohlen war in einem Keller Pückler- straffe 3/4 Feuer ausgekommen. Böswilligerweise wurde die Feuer- ivehr nach der Münzstr. 10 alarnuert. Um eine Katze, die sich in einer Notlage befand und jämmerlich schrie, zu befreien, wurden zwei Mann nach der Kesselstr. 31 entsandt, die das Tier herabholten. Ferner wurde die Feuerwehr nach der Nüdersdorfer Straffe 1 II gerufen, wo ein Strohsack brannte, nach der Ruppincr Straffe 27, wo auf einem Korridor Feuer ausgebrochen war, und nach der Wusterhausener Straffe 18/19, wo ein Teerdach in Flammen stand. Weitere Feuermeldungen liefen aus der Wilsnacker Straffe 43, Prenzlauer Allee 212, Stralauer Allee 22, Oranienburger Straffe 27 und anderen Stelle» ein. Vorort- ffacbncbteih Charlottenburg. Freisinnige Wahlmachinationen. Die Freisinnigen, die nicht genug sittliche Entrüstung über den angeblichen Terrorismus der Sozialdemokraten heucheln können. greifen bei den bevorstehenden Stadtverordnetenwahlen in Char- lottenburg zu Mitteln, die alles, was bisher von anderen Parteien an Terrorisnius begangen ist, weit in den Schatten stellen. Es gibt in Charlottenburg einen Wahlbezirk, in dem die Straffenbahner ein großes Kontingent von Wählern bilden. Das ist der erste Bezirk der dritten Wählerabteilung, der Stadtteil Westend, wo bekanntlich der Straffenbahnhof liegt und wo infolgedessen zahlreiche Beamte wohnen. Bereits vor zwei Jahren haben die Freisinnigen diesen Bezirk, der früher konservativ und dann sozialdemokratisch vertreten war, dadurch.erobert", daff sie den Strahenbahnhofs- Vorsteher Kern dort aufstellten: sie rechneten damit, daff die Straffen- bahner bei der öffentlichen Stimmabgabe nicht den Mut haben würden, gegen ihren Vorgesetzten zu stimmen. Das Manöver glückte und angefeuert durch diesen„Erfolg" hat der Liberale Bezirksverein Charlottenburg-West am letzten Montag für die bevorstehenden Stadtverordnetenwahlen wieder einen Straffenbahnbeamten. den Verkehrsinspektor Schulz als Kandidaten für den Bezirk Westend proklamiert. An und für sich ist natürlich gegen die Kandidaturen solcher Beamten nichts einzuwenden, aber wenn die Freisinnigen die Herren Kern und Schulz wirklich für unentbehrlich im Stadtparlament halten, dann sollten sie wenigstens so viel Takt besitzen, diese Herren in Bezirken aufzustellen, wo von einer Beeinflussung ihrer Untergebenen keine Rede sein kann. Gerade der erste Bezirk ist einer der am heißesten umstrittenen, die Frei- sinnigen wissen ganz genau, daff sie ohne die Stimmen der Straffen- bahner unterliegen, und deshalb greifen sie zu einem so nichts« würdigen Mittel, daS einer unzulässigen Wahlbeeinflussung ver- zweifelt ähnlich sieht. Und diese Gesellschaft stellt sich dann hin und zetert über sozialdemokratischen Terrorismus I Für unsere Genossen wird natürlich daS Vorgehen der Freisinnigen Anlaß sein, mit ver- doppelter Kraft die Wahlagitation zu betreiben, um dies schändliche Manöver zu durchkreuzen und den Bezirk der Sozialdemokratie zurückzuerobern.. Wilmersdorf. Die Delegiertenwahle» zur Ortskrankenkaffe fanden gestern unter der von den Arbeitgebern ausgegebenen Parole: Gegen Beitrags- erhöhung, statt. Das Wahlresultat gestaltete sich folgendermaßen: Insgesamt wurden abgegeben 707 gültige Stimmen. Davon eut- fielen auf die Liste der freien Gewerlichaften 810 Stimmen, während die Gegner 97 Stimmen auf sich vereinigten. Rixdorf. In einer sehr stark besuchten Gelieralversaminluilg des Wahl- Vereins nahmen die Parteigenossen bei Hoppe, Hermannstraffe, am Dienstag den Bericht über den Parteitag entgegen. Zu Beginn gedachte der Vorsitzende Genosse Karle der seit der letzten Generalversammlung verstorbenen Mitglieder und widmete einen längeren Nachruf dem Genossen Ostermann. Den Bericht über den Parteitag erstattete Genosse Pagets. Er stellte mit Befriedigung fest, daß durch die Parteiragsverbandlungen denen, die sich heftige Auseinandersetzungen davon versprochen hatten, eine Enttäuschung bereitet worden sei. Bon den einzelnen Ergebnissen hob er zunächst den Beschluß über den Schnapsboykol't hervor. Der Verzicht nur auf ein Uebcrmaff des Schnapsgenusses werde die Regierung am Steucrertrag und vor allem da? Junkertum an der Liebesgabe schädigen. Doch müsse, wenn die Wirkung fühlbar werden solle, die Einschränkung des Schnapsgennsses eine dauernde sein. Der parla- mentarische Bericht Ledebours habe gegen die von einer Gruppe in der Partei immer wieder empfohlene Mäffigungspolitik, ijje schließlich nur auf �eine Politik der Selbstcntmaunung hinauslaufe, sich nnt aller Schärfe gewendet. Bedauerlich sei, daff in der Fraktion Un- klarheit und Uneinigkeit bezüglich der Stellung zur Erbschafts- steuerfrage geherrscht habe. In solcher Lage sei es, sagte Pagels, durchaus angemessen, daff Abgeordnete sich an die Organisationen wenden und sie über ihre Meinung befragen. Nunmehr werde aus einem der nächsten Parteitage eine Klärung herbeigeführt werden. Man könne fragen, ob einem Staat neue Mittel, die er doch nur zur Weitersührung seiner Weltmachtspolitik verwenden wolle, über- Haupt zu bewilligen seien. Mindestens müsse verlangt iverden, daff die Bewilligung ausgeglichen werde durch Beseitigung in- direkter Steuern. Das neue Organisationsstatnt bringe für die Vertretung auf den Parteitagen den Organisationen eine gerechtere Berücksichligung ihrer Mitaliederzahl. Nach den Be- schlüssen über die M a i f e i e r f r a g e sei eS jetzt Sache der Ar- beiterschaft, aus der Maiseier das zu machen, was die als radikal bezeichneten Genossen von ihr erwarten. Im allgemeinen könne man mit dem Ergebnis der Verhandlungen des Parteitages zufrieden sein, das vom Parteitage— zum Aerger der Gegner— gegebene Beispiel der Einigkeit solle den Genossen ein Vorbild sein. In der Diskussion erklärte Genosse Max. mit dem Liberalismus zusammenzugehen, sei für die Arbeiterschaft un- möglich gerade in Rixdorf, wo der Liberalismus den schlimmsten Verrat geübt habe. A u g u st N e u m a n n erhob Einspruch gegen die Auslegung, die Pagels dem höchst bedeutungs- vollen Beschluß über den Schnapsboykott gegeben habe. Dieser Boykott müsse, so führte er unter zustimmenden Zwischenrufen ans, mit ganzer Energie durchgeführt werden, das sei offenbar auch die Meinung des Parteivorstandes. Jeder Parteigenosse müsse sich jedes Tropfens Branntwein enthalten. Bleibt der Schnapsboykotr wirkungs- los, so bedeute das eine Niederlage der Sozialdemokratie. Es dürfe jetzt nicht durch GewerkschaftShäuser der SchnapSgenuff gefördert werden, und auch von Konsumvereinen müsse man einen Verzicht auf Schnapsverkauf erwarten. Faß findet es erfrenlich, daff der Parteitag nicht schon dazu gelangt sei, zur Frage der Erbschaftssteuer Stellung zu nehmen und die Haltung der Partei im voraus fest- zulegen. Eine Ablehnung der Erbschaftssteuer müsse der Partei im Wahlkampfe Schwierigkeiten bringen. Die Hofgänger seien keines- Wegs zu Kreuze gekrochen. Wenn als würdigste Form der Maifeier die> Arbeitsruhe angesehen werde, so müsse die Partei für die Opfer eintreten. Die Absicht des Beschlusses über den Schnapsboykott sei, wie Neumann mit Recht gesagt habe, von Pagels falsch wiedergegeben worden. Franke ging näher ein auf die Frage der Jugend- organisatio», die der Referent gestreift hatte. Daff der Nachwuchs der Arbeiterklasse, entgegen den Bestrebungen der christlichen Jugend- organisationen, in unserem Sinne erzogen werden solle, sei von allen Arbeiterorganisationen gebilligt worden. Nur der Buchdruckcr- . Korrespondent" Rcxhänsers glaube die Väter warnen zu sollen und denunziere unsere Jugendorganisation der„Aufreizung zum Klassen- Haff". Der Schnapsboykott werde wohl erst dann wirken können, wenn auch die Landarbeiter dafür gewonnen werden. Durch Flugblätter müsse das versucht werden. Heise bestriti, daff die Erbschaftsstenerfrage von Bedeutung für den Wahlkampf sei. Den Schnavsboykott solle man durch den Bierboykott ergänzen, um auch hier sich einer indirekten Steuer zu entziehen. Die Diskussion wurde hier unterbrochen, weil die auf der Tages- ordnung stehende Neuwahl eines Partei spediteurs an Stelle des bisherigen Spediteurs Pagel, der zum Parteikassierer ge- wählt ist, erlebigt werden sollte. Die Abstimmung durch Zettel war bereits vor Beginn der Diskussion ausgeführt worden, wobei sich eine kurze Erörterung darüber entspann, daff der Vorstand es für zu- lässig gehalten habe, unter den ans den Bezirken benannten Kandi- baten eine Art Vorwahl vorzunehmen und danach die Kandidaten zu rangieren. Die Auszählung der Stimmzettel ergab 965 Stimmen, wovon 34 ungültig waren. Es entfielen ans: Feller 384 Stimmen, Vieweg 260, Rummel 124, Karle 110, Hildebrand 46, Heinrichs 39 z der Rest war zersplittert. Die hiernach erforderliche Stichwahl sollte sofort vorgenommen werden. Da aber ein Teil der Mit- glieder jetzt die Versammlung bereits verlieff, so wurde Ver- t a g u n g beschloffen, und die Stichwahl sowie die Fortsetzung der Diskussion über den Parteitag samt der Beschliißsassnng über eine den Parteitagsbeschlüssen zustimmende Resolution wurde einer nächsten Versammlung vorbehalten. Lichtenberg. Die Wählerlisten liegen nur noch heute von 9—3 Uhr im Rathause aus. Wer sich noch nicht überzeugt hat. daß er in der Liste steht, hole dies noch schleunigst nach. Rummelsburg. Beim Abspringen von einem fahrenden Straßenbahnwagen kam vorgestern mittag die Lehrerin Ziwell aus der Lenbachstr. 21 schwer zu Schaden. Sie sprang an der Ecke der Boxhagener und Lenbach- straffe während der Fahrt von einem Motorwagen der Linie 76, fiel und erlitt eine Kopfwunde sowie anscheinend innere Verletzungen. In bewufftlosem Zustande wurde die Verunglückte nach dem Kranken- hause Friedrichshain übergeführt. Ober-Schönelveide. Zu dem verwegenen Einbruch i» den Bureaiiräumen der hiesigen OrtS- krankenkaffe wird noch berichtet, daff die Verbrecher eine Anzahl Aus- Weispapiere, und zwar Jnvaliditäts- und Krankenkarten gestohlen haben und wahrscheinlich versuchen werden, die Kuponbogen auf jene Legi- timationen hin zu'veräuffern. Die gestohlenen Karten lauten auf die Namen Albert Gruudlach, Julius Grunow, Gustav Much. Rudolf Schwarzburger, Paul Burschat, Helene Grunow und Frau Onast. Die Kupons' von 3>/°Prozentigen preuffischen KoiisolS tragen den Aufdruck„Ortskrankenkaffe für Ober-Schöneweide". ES sei auf den tlm- stand besonders aufmerksam gemacht, weil die Einbrecher zweifellos versuchen werden, die am i. Oktober fälligen Zinsscheine sofort zu verwerten. Nach dem Ergebnis der jetzt beendeten Kassenrevision sind an barem Gelde 6257,78 M. und an Wertpapieren 77 770 M., insgesamt also 33 027 M. gestohlen worden. Bon den Dieben konnte bisher noch nicht die geringste Spur ermittelt werden. Nenenhagen-Petershagen. Neber das Thema: Ursache und Wirkung der neuen Stenern referierte in einer öffentlichen Versammlung in Petershngen im Lokal „Zum alten Dessauer" Genosse A. Hoffmann. Die scharfe Kritik des Redners über den Steuerraubzug auf die Taschen der Minder- bemittelten sowie seine Aufforderuna. durch die strikte Befolgung des auf. dein Leipziger Parteitag beschlossenen SchnapsboytottS die erwarteten Einnahmen deS Reiches zu hintertreiben, wurde mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Von einer Dislnssion nahm die Versammlung Abstand. Pankow. In eigenartiger Weise verunglückte vorgestern der Kaufmann Rosch, der einen Straffenbahnwagen der Linie 47 zur Fahrt nach seiner in der Berliner Straffe belegenen Wohnung benutzt hatte und von dem sich in voller Fahrt befindlichen Zuge absprang. Hierbei lief Rosch gegen einen Slraffenbahnmast und slieff mit solcher Wucht gegen das Eisen, daff er besinnungslos zusammenbrach. R. hatte, wie in dem Pankower Krankenhause festgestellt wurde, eine schwere Gehirnerschütterung erlitten. Serickts-�einmg» Die Belästigungen durch irrige Kirchenstcuerveranlagnna wurde» am Mittwoch vor Gericht erörtert. Vor dem Land- gericht I Berlin(Strafkammer 8 unter Vorsitz des Landgerichts- Direktors Onast) stand der Tischler Möller, der vom Schöffen- aericht Berlin-Mitte wegen Beleidigung des geschäfts- führenden Ausschusses der Berlin erStadtsynode zu 90 M. Geldstrafe oder 30 Tagen Gefängnis verurteilt worden war und gegen dieses Urteil Berufung eingelegt hatte. Die Stadtsynode hatte seiner Ehefrau plötzlich eine Kirchen- st e u e r v e r a n l a g im g auf den Hals geschickt, obwohl Mi mit seiner Frau schon im Jahre 1895 sich von der Kirche durch Aus- trittserklärung losgesagt hatte. Er teilte das dem Aus- schuff mit, bekam aber als Antwort die Aufforderung, de» Beweis hierfür zu erbringen. Dieses Verfahren erregte ihn begreiflicherweise, und so schrieb er zurück, wenn man ihm nach- weisen könne, daff seine Frau einer Gesellschaft angehöre, die einen Hund brauche, so sei er gern bereit, seinen Obolus nicht nur zum Hirten, sondern auch für einen Hund beizutragen. Das sollte ein Witz sein, aber der AuSschuff. der in solchen Dingen keinen Spaff verlieht, nahm's ihm übel. Er fühlte sich um'so mehr gekränkt, da in dem Brief auch die Frage aufgeworfen wurde, ob etwa die Ge- schäftsführung des Ausschusses so ungeordnet sei, daff er nicht zu finden vermöge, wer Christ, Jude oder Heide sei. Auch hatte lök. noch etliche Bibelsprüche hinzugefügt, von denen er meinte, daff sie hierher gehörten. Der Brief wurde dem Konsistorium überwiesen, und dieses hielt den Fall für so schlimm, daff es Strafantrag stellte. Weder im Konsistorimn noch im Aus schuff der Stadtsynode scheint man einen Grund zum Verzeihen darin erblickt zu haben, daff M. durch die irrige Kirchcnsteucrveranlagung sich belästigl fühlen muffte und als Arbeiter in seiner Erregung die Worte minder vorsichtig abzuwägen vermochte. Ueber Dt. füllte das Schöffengericht das oben erwähnte harte Urteil, um„die christliche Staatskirchs energisch vor solchen Angriffen zu schützen". Vor der S t r a f k a m in e r des Landgerichts bot sein Ver- t e i d i g e r Rechtsanwalt Dr. Karl Liebln echt Beweis dafür an, daff bei der Stadtsynode auch sonst mit der Vcraiilagnng zur Kirchensteuer in zahlreichen Fällen leichtfertig verfahren worden sei. Der Vorsitzende korrigierte hier:„Doch wohl nicht leichtfertig. sondern mir leicht." Der Beweisantrag ivar wichtig, weil schon aus M.s Kenntnis der durch die Presse bekanntgegebenrn Fälle irriger Kircheiisteuerveraillagung für ihn ein Anlaff zur Erregmig hergeleitet werden konnte. Zunächst wurde freilich durch den Vor- sitzenden festgestellt, daff die Stadtsynode ans Anfrage beim Polizeipräsidium im Januar 1909 die Auskunft des Ein- iv o h n e r m e l d e a m t e S erhalten hatte, M. sei Dissident, aber seine Frau sei evangelisch. Diese Auskunft war falsch. Der Verteidiger wies das nach durch Ueberreichling der Austritts- bescheinigung von 1893. Sodann trug der als Zeuge geladene „Vor wärts"-Nedakteur Leid die Erfahrungen vor. die er teils selber hatte machen müssen, teils in seiner beruflichen Tätigkeit aus zahlreichen ihm zugegangenen Beschwerde» entnommen hatte. Als er selber, obivohl er seit vielen Jahren ausgeschieden ist, noch in diesem Jahre durch eine irrige Kirchelistcnerveraillaglliig be- lästigt wurde, reklamierte er. Auch ihn» kam man jetzt mit einer Auskunft des Eiliwohiicrmcldeamtes, das ihn als noch evangelisch bezeichnet habe, und auch von ihm forderte mail de» Nachweis des Austrittes. Er führte ihn, im übrigen aber ersuchte er die S t e u e r v e r w a l t il n g der Stadt, die bekanntlich den Kirchen- gemeinden die etwa Steuerpflichtigen mitzuteilen hat, um Auskunft über die Möglichkeit solcher Irrtümer. Die Antwoet lautete, Leid stehe als Dissident in den ErhebungSkatastern, die Stadt- gemeinde müsse den K i r ch e n g e m e i n b e». die Dissidenten als solche bez ei chiieii,ilnddaSsci„unseres Wissens auch überall geschehen". Wen traf nun die Schuld an den zahlreichen Irrtümern? Wie zahlreich sie sind, das ging hervor aus der Bekundung des Zeugen Leid, daff er allein eine Sammlung von 57 Fällen vorlegen könne, in die die evangelischen und die latholischen Gemeinden sich zu teilen hätten. Zur Kirchensteuer seien da Personen veranlagt worden, die vor vielen Jahren, ja vor Jahrzehnte» schon ausgeschieden waren. Auf die Vernehmung der übrigen Zeugen, die selber solche Erfahrungen ge- macht hatten, verzichtete das Gericht; es kam so um das Vergnügen, auch einen Zeugen anznhöre», verschon vor 30 Jahren sich auffer- halb des Schaltens der Kirche gestellt hat und trotzdem noch jetzt von ihrer Steuerveranlagung erreicht worden ist. Der Verteidiger forderte für den Angeklagten die Frei« s p r e ch u n g. M. habe die bei den Veranlagungen vorgekoulmenen Irrtümer nur der Stadtsynode zur Last legen können. Er habe sich darüber aufregen müssen, daff man schließlich noch ihm selber zumutete, den Nachweis des Irrtums zu führen. Der Brief sei töricht, aber nicht beleidigend. Geichützt werden miiffe doch wohl nicht bloß die Kirche, wie das Urteil erster Instanz ausgeführt habe, sondern Schutz gegen Belästigung durch die Kirche habe auch der Bürger zu fordern. Was wohl ein Christ tun würde, wenn die Freireligiöse Gemeinde ihm irrtümlich einen Bei- trag abfordern wollte! M. habe nur sein Recht gewahrt, daher. fei ihm 8 193 zuzubilligen. Der Staatsanwalt sah besonders in der Anwendung von Bibelzitaten eine mafflose Verhöhnung der Kirche und beantragte, die Verufimg zu verwerfen. I» einem Schluffwort bat der Angeklagte, zu berücksichtigen, daff einem Arbeiter in der Erregung leicht mal ein Wort zu viel über den Mund fließe. Habe doch vor dem Schöffengericht, als er seine Notizen zur Hand»ahm, ihm sogar der Richter gesagt, er solle den„Quatsch" nur einstecken. DaS Gericht hörte das schweigend an und unterlieff jeden Versuch einer Prüfung der Nichtigkeil dieser Angabe, die imiiierhin er- heblich sein ckonnte für die Beurteilung einer Beleidigung aus Ar- beitermund. Dem Gericht freilich erschien sie wohl von vornherein nicht als glaubhaft, wenigstens wurde sie in keiner Weise berücksichtigt bei dem Urteil. Es lautete: Die Berufung wird verworfen, es bleibt bei 90 M. G e l d st.r a f e oder 30 Tagen Haft, obwohl§ 193 lWahniehinung berechtigter Interessen) zugebilligt wird. Auch die auffällige Berechnung 3 M.— 1 Tag, also 90 M.— 30 Tage, war dem Gericht kein Anlaff gewesen, das Urteil abzuändern. Ueber das Auffallende der Veriirteiiung lind der Strafhöhe babeu wir»us bereits bei Erlaff des schüffengerichllichen Urteils ge- äuffert. Möge der Prozeff das eine Gute haben, daff er vielen die Augen darüber öffnet, welch' einnehiiiendes Wesen die Kirche ist und daff den Vertretern der Kirche an der Zugehörigkeit zu ihr wenig gelegen sein kann, da sie selbst mit polizeilicher Hilfe nicht festzu- stellen in der Lage ist, wer noch der Landeskirche zugehört und des« halb steuerpflickitig ist. Wer innerlich mit der Kirche gebrochen hat, beeile seine AilStrittserkläriuig. damit er baldmöglichst dem ein- nehmenden Wesen der Kirche nicht noch serner Tribut zu zahlen hat. Geht Ticnstboteuqunl über Elternrecht? Am 6. April hatten wir über das aufsehenerregende Urteil be« richtet, das die 4. Strafkammer des Landgerichts II gegen de« Arbeiter August Schwarz aus Schöneberg gefällt hatte. Der An» geklagte hatte seine UjShrige Tochter bald nach ihrer Entlassung aus der Schule bei der Billenbefitzerin Witwe Stübbe in Schlachten- see, Waldemarstr. 87, in Stellung gegeben. Schon nach kurzer Zeit klagte das Kind ihrem Vater, daß sie nicht genügend zu essen be- käme, ein nur aus zwei Rosshaardecken bestehendes Lager habe und häufig eingeschlossen werde, wenn die Herrschaft ausgeht. Dem Angeklagten wurde ferner eines Tages von einem Nachbar mit- geteilt, daß seine Tochter weinend am Fenster sitze und ihn bitten Hetze, sie abzuholen, da die Herrschaft sie nicht gchen lassen wolle. Ter Vater fuhr sofort nach Schlachtensee, um fein Kind abzuholen. Frau Stübbe lietz ihn aber durch ihren Sohn auffordern, die Wohnung zu verlassen und verlangte, datz das Mädchen dableibe. Der Bater lehnte es mit Recht ab, ohne die Tochter zu gehen. Tie Herrschaft schloß hierauf die Türe ab und schickte nach einem Gendarm, um angeblich die Personalien festzustellen. Eine Straf- anzeige des Vaters wegen Freiheitsberaubung wurde abgelehnt, der Spieß umgedreht und der Bater wegen Hausfriedensbruchs unter Anklage gestellt. In der Verhandlung bekundete eine Reihe von Zeugen, datz mehrere Dienstmädchen der Frau Stübbe hatten huttgern müssen und eine alte Rotzhaardecke als Bett erhalten haben. Trotzdem wurde der Bater zu— 1 Monat Gefängnis verurteilt. Dieses ungeheuerliche Urteil ist am Dienstag vom Reichsgericht bestätigt worden. Nach gesunder Rechtsanschauung hat der verurteilte Vater nichts weiter getan, als seine Pflicht als Vater erfüllt. Wie die ergangenen Urteile beweisen, vertreten aber die Gerichte die durch- aus verwerfliche Ansicht, datz Vaterrecht und die Vaterpflicht habe zu ruhen, wenn es sich um Wwendung von Qualen handelt, die ihren Kindern als Dienstmädchen„auf Grund der Gesindcordnung" zugefügt sind. Hieraus mögen die Eltern die Nutzanwendung ziehen, wie dringend erforderlich es ist, datz sie bei Vermietung ihrer Kinder ausdrücklich so/riftlich sich das Recht vorbehalten, ihr Kind aus dem Dienstverhältnis zu nehmen. Mein der Zusammen- schlutz der Dienstboten in dem Verein der Hausangestellten würde die Wiederkehr ähnlicher Ungeheuerlichkeiten wenigstens für den Kreis von Grotz-Berlin unmöglich machen. Darlehnsschwinbler. Einen alten Trick der Darlehnsschwinbler hatte der Kaufmann Otto Kleusch in Anwendung gebracht, gegen den gestern die dritte Strafkammer des Landgerichts I unter Vorsitz des Landgerichts- direktors Lieber wegen mehrfachen Betruges verhandelte. Mit- angeklagt war der Inhaber einer Auskunftei Walter Kundt, der es aber vorgezogen hatte, sich nicht erst dem Strafrichter zu stellen, son- dern schon vorher spurlos zu verschwinden. Der Angeklagte Kleusch erlietz in verschiedenen Zeitringen Inserate, in welchen er sich gegen mätzige Verzinsung zur Vermittelung von Darlehen anbot. Er erhielt eine Unmenge von Zuschriften von Personen aller Stände, die ein Darlehen aufnehmen wollten. Die Betreffenden erhielten dann einige Tage später von dem Angeklagten ein Formular zugesandt, in welchem mitgeteilt wurde, datz die Beschaffung des gewünschten Darlehens von der Einsendung eines Vorschusses, der zwischen 5 und 10 Mark schwankte, abhängig gemacht werde, da man sich doch erst über die Bonität der Darlehnssucher erkun- digen und eine Auskunft einziehen müsse, für welche der Vorschutz verwendet werden solle. Zahlreiche Leute gingen auch auf den Leim und schickten vertrauensselig den verlangten Vorschutz ein. Nach längerer Zeit erhielten sie dann den Bescheid, datz die über sie eingezogene Auskunft so ungünstig ausgefallen sei. datz von der Beschaffung eines Darlehens Abstand genommen werden müsse. Tiefe Auskünfte, welche von dem Mitangeklagten Kundt herrührten, lauteten aus gewissen Gründen immer schlecht. Das Gericht er- rannte mit Rücksicht darauf, datz der Angeklagte eine ziemlich ge- meingefährltche und gewissenlose Spekulation auf die Dummheit mancher Menschen betrieben habe, auf 1 Jahr Gefängnis. Kraftdroschke und Alkohol. Wegen fahrlässiger Tötung ist am 10. Mai vom Landgericht II in Berlin der Kraftdroschkenführer Friedrich Adolf Gnindemann zu einem Jahre Gefängnis verurteilt worden. Am Abend des 8. Januar 1909 hatte er in einer Reihe von Wirtschaften Bier und 5kognak getrunken. Am anderen Morgen gegen 5Vj Uhr fuhr er mit seinem Bruder und dem Schlosser K. in schnellem Tempo durch die Waisenhausstratzc. Er wollte an einem dort stehenden Müll- loagen links vorbeifahren und steuerte links. Um dann wieder in die Fahrtrichtung zu kommen, steuerte er rechts, aber zu früh, so datz er gerade auf die Deichsel des Müllwagens losfuhr. Die Deichsel traf den Schlosser K. in den Leib und zerritz ihm Herz und Lunge. K. starb, als er in das Krankenhaus gebracht worden war. Als Angeklagter auf die Polizeiwache gebracht wurde, fiel es auf. datz er angetrunken war, seine strafrechtliche ZurechnungS- fähigkeit war jedoch vorhanden. Die Nevision des Angeklagten wurde am DienStag vom Reichsgericht verworfen. Verband und Lustbarkcitssteuer. Der Magistrat von Finsterwalde hatte den Holzarbeiterverband, welcher eine Vereinslustbarkeit veranstaltet hatte, mit 20 M. zur Lustbarkeitssteuer herangezogen. Nach den Vorschriften der Steuer- ordnung sollen die öffentlichen Lustbarkeiten den Lustbarkeiten von geschlossenen Vereinen und Gesellschaften gleichgestellt werden, welche zu dem Behufe gebildet werden. Lustbarkeiten zu ver- anstalten. Auf die Klage des Verbandes erkannte der Bezirks- ausschliß auf Freistellung von der geforderten Steuer, da der frag. liehe Verband hauptsächlich sozialpolitische Zwecke verfolge, die Ver- anstalkusig von Vereinsfestlichkeiten sei nicht der Hauptzweck deS Verbandes. An der hier in Betracht kommenden Festlichkeit hatten nur Mitglieder der betreffenden Zahlstelle und Frauen von den Mitgliedern teilgenommen. Diese Entscheidung focht der Magistrat durch Nevision an und behauptete, die Steuerordnungen beziehen sich auch auf solche Vereine sozialpolitischer Art, welche in gewisser Regelmäßigkeit Lustbarkeiten veranstalten. Das Ober- Verwaltungsgericht hob die Vorentscheidung auf und wies die Sache zur anderweiten Verhandlung an den Bezirksausschutz zurück, um zu prüfen, ob der Verein nicht so lose organisiert sei, datz man nicht sagen könne, die Vereinsmitglieder werden von einem innerlichen Band umschlossen. Von diesem Gesichtspunkte aus sei zu erwägen, ob es sich nicht um eine öffentliche Lustbarkeit handle. Die Gründe des Oberverwaltungsgerichts sind recht eigen- artige. Sache eines Revisionsgerichts ist es doch sonst nicht, sich darum zu kümmern, ob nicht vielleicht ein anderer Tatbestand vor- liege, wie der vom Vorderrichter festgestellte. Würde das Ober- verwaltungsgericht auch dann die überflüssige Erforschung, ob der Verband nur aus lockeren Gesellen bestehe, der Vorinstanz aufge- tragen haben, wenn es sich um einen ungerecht besteuerten Krieger- verband handelte? Ein Amtsrichter als Angeklagter. Vom Landgericht Schneidemiihl ist am 3. Mai der Amtsrichter Otto Pfannkuch in Lobsens wegen Unterdrückung einer ihm amtlich anvertrauten Urkunde zu 6 Wochen Gefängnis verurteilt worden. Ein Oberstleutnant hatte ihm Geld geliehen, erhielt es nicht zurück und sandte dann einen Zahlungsbefehl. Diesen lieh der Ange- klagte in semer Privatwohnung liegen, bis der Gläubiger sich beim Landgericht beschwerte. Die Revision des Angeklagten wurde am Dienstag vom Reichsgericht verworfen. Darf Impfung zwangsweise erfolgen? Das Oberverwaltungsgericht hat die Frage, ob die Polizei- behörde befugt ist, die Impfung von Kindern durch Zwang herbei- zuführen, dieser Tage bejaht. Einem Kaufmann C. war polizeilich aufgegeben worden, den Nachweis zu führen, daß seine Tochter geimpft sei, andernfalls würde eine zwangsweise Impfung vor- genommen werden. C. erhob Klage und betonte, da er bereits ein- mal bestraft worden sei, weil er seine Tochter nicht habe impfen lassen, so könne die Impfung oder die zwangsweise Impfung nicht gefordert werden, wie bereits früher ein Oberlandesgericht aus- gesprochen habe. Das ObcrvcrwaltnngSgericht entschied jedoch in letzter Instanz zuungunsten des klagenden Familienvaters. Es wurde in den Gründen u. a. ausgeführt: Nach den Bestimmungen und der Entstehungsgeschichte des Jmpfgesetzcs erscheine die Polizei- behörde befugt, die zwangsweise Vorführung von Kindern zur Vornahme der Impfung anzuordnen; Kinder seien der Impfung nur dann entzogen, wenn eine Gefahr für Leben und Gesundheit mit der Impfung verbunden sei. Die Impfung könne auch nach- geholt werden, wenn sie bei Kindern nicht rechtzeitig vorgenommen werde. Uebrigens könne auch nach Ansicht des Kammergerichts ein Familienvater wiederholt mit Strafe belogt werden, wenn er sein impfpflichtiges Kind nicht impfen läßt. Zur Auslegung des Arbeitsvertrages. Selten beschäftigt sich das Reichsgericht mit dem ArbeitSver» trage. Kaum ein halbes Dutzend Fälle, in denen Fragen aus dem Arbeitsverträge zu entscheiden sind, gelangen jährlich an die Zivil- senate des Reichsgerichts. Deshalb referieren wir nach Möglich- keit über alle derartigen Erkenntnisse des höchsten deutschen Ge- richts. Am Dienstag hatte sich der dritte Zivilsenat des Reichs- gerichts mit einem DienstvertragSverhältnis eines Filkallcitcrs zu beschäftigen. Gegen 4ö00 Mk. Jahresgehalt, freie Wohnung und Produktionsvergütungen war der Leiter einer Filialsabrik der Del- menhorster Linoleumiverke angestellt. Eines Tages, um die Mitte des Jahres 1906, erhielt der Angestellte seine Kündigung mit dem Bemerken, die Fabrik nicht wieder zu betreten und die Wohnung innerhalb 24 Stunden zu verlassen. Als Grund war angegeben, eL fei Verletzung des Dienstvertrages festgestellt, indem der Fabrik- leiter sich an einem anderen Unternehmen beteiligt habe. Der Dienstvertrag enthielt Bestimmungen, wonach der Angestellte seine ganze Kraft der Firma zur Verfügung zu stellen hatte, jede Neben- beschäftigung, insbesondere auch jede finanzielle Beteiligung bei einer Konkurrenzfirma, war untersagt. Der Angestellte hatte sich an einer Automobilgesellschast beteiligt und hielt sich dazu be- rcchtigt. Er klagte, wurde erst abgewiesen, focht das Urteil an und erzielte 1908 bei dem Kammcrgcricht ein obsiegendes Erkenntnis, wogegen die Linoleuinfirma Revision beim Reichsgericht einlegte. Es ward dargelegt, datz es sich weder um ein Konkurrcnzunter- nehmen, noch um irgendwelche tatsächliche Nebenbeschäftigung ge- handelt hatte. Kläger hat nach der Beweisaufnahme„seine ganze Kraft" der Fabrik zur Verfügung gestellt, er war nur finanziell am anderen Unternehmen beteiligt und ist Gegenteiliges nicht er- wiesen. Die beklagte Firma hatte daraus, datz der Kläger mit im Vorstand der Automobilgesellschaft sei, die Folgerung gezogen, der Kläger sei, respektive werde nun auch für die betreffende Gesell- schaft hervorragend tätig, während der Kläger dies bestritt, eventuell könne es sich nur um eine sehr gcringfiigige Tätigkeit handeln und eine Dienstvcrnachlässigung müsse überall verneint werden. Nach Treu und Glauben kann man eine Tätigkeit, wie sie der Kläger außerhalb seines Arbeitsfeldes als technischer Fabriklciter bekundet, keine Nebenbeschäftigung nennen, die nach dem Vertrage untersagt war. Die Revision wurde kostenpflichtig verworfen. Vernrifebtes. Der Mann mit der MaSkc im Schnellzuge. Im Eilzug Berlin-- Schneidemühl, der 1 Uhr 16 Minuten nachts in Landsberg eintrifft, versuchte, einer Meldung aus Landsberg zufolge, kurz vor Kiistrirr ein maskierter Mann in ein Wagenabteil einzudringen. Als dort die Notbremse gezogen wurde, sprang der Mann ab und entkam in der Dunkelheit. Dieselbe Nachricht ging in der der- gangenen Nacht auch der Äüstriner Kriminalpolizei zu. Die Ermittelungen, die darauf eingeleitet wurden, ergaben nun folgendes Resultat: Kurz vor der Einfahrt des Berlin-� Schneidcmühler ZugeS in den Ostbahnhof von Küstrin öffnete ein Mann, als der Zug bereits ein langsames Tempo angenommen hatte, die Tür eines Abteils dritter Klaffe, wo sich ein Sergeant und drei Zivilpersonen befanden. Der Fremde trug eine schwarze Maske vor dem Gesicht und war infolgedessen vollständig unkennt- lich. Die Passagiere fuhren erschreckt zurück; die ganze Szene dauerte jedoch nur wenige Sekunden, denn unmittelbar nach dem Oeffnen der Tür sprang der Eindringling wieder ab und entkam in der Dunkelheit. Eine Minute später hiel: der Zug auf der Station Küstrin-Altstadt. Von dem Vorfall wurde der Bahnhossvorstand be« nachrichtigt, und aus dessen Veranlassung nahm die Kriminal» Polizei die Verfolgung des Flüchtigen auf. Jrgendlvelche positiven Ergebnisse hatten indessen ihre Bemühungen nicht, da infolge des kurzen Aufenthalts des Zuges in der Station der Bahnhofsvorstand nicht in der Lage war, nähere Feststelluilgen zu machen. Fest scheint jedoch zu stehen, datz es sich nicht um einen geplanten Ucbersall handelte, sondern datz irgendein frivoler Bursche aus Küstrin oder einem nahegelegenen Vororte einen groben Unfug verübt hat. Brand in Naphtalinbehältern. Gestern früh 6 Uhr brach in der Benzolfabrik in Dittersbach bei Waldenburg in den dortigen acht Naphtalinbehältern infolge einer Explosion ein Brand aus. Wie die „Schlesische Volkszeitung" meldet, wurden die Arbeiter Linart und der Aufseher Machner schwer verletzt. Den Feuerwehren der Umgebung gelang es, eine Explosion des grotzen Benzolbehälters zu verhindern. Bei den Rettungsarbeiten wurden zwei Feuerwehrleute verletzt. Der Handelsdampfer„Clan Mackintosh", der auf hoher See in die Lust geflogen sein sollte, ist nach einer Meldung des Reuterschen Bureaus auS Bombay wohlbehalten in Kalkutta eingetroffen. Ueber ein sonderbares Schicksal zweier Geschwister wird auS Koblenz gemeldet: In der Nähe von UrWitz wurden zwei Geschwister im Alter von 8 und 9 Jahren gleichzeitig an weit von einander entfernten Stellen von verschiedene» Fuhrwerke» totgefahren. Ein Ehepaar ermordet. Einer Meldung ans Sassnitz zufolge wurden gestern mittag auf dem Uferwege zwischen Satznitz und Stubbenkammer zwei Personen, ein Ehepaar, erschossen aufgefunden. Die näheren Umstände lassen auf Raubmord schlietzen. Wertgegen» stände wurden bei den Leichen nicht aufgefunden; die Taschen waren durchsucht. Von dem Täter fehlt jede Spur. Schwere Regengüsse haben, wie eine Mitteilung ans London besagt, im ganzen Süden der Grafschaft Marwick gefährliche Ucber- schwemmungen verursacht. Weite Strecken Landes sind unter Wasser gesetzt. Die Ernte ist schwer geschädigt. Die Häuser in den tiefer gelegenen Bezirken sind überflutet, die Flüsse steigen noch. Der Flutz Avon in Wales hat die Ortschaft Oberavon überschwemmt, Hunderte von Menschen sind obdachlos. Luftwettfahrt. New D o r k, 29. September. Die Lustschiffer Tomlinson und Baldwin sind mit ihren Lenkballons heute zu einer Wettfabrt nach Albany aufgestiegen, wofür die„New Jork World" einen Preis von zehntausend Dollar ausgesetzt hat. Wilbur Wright stieg heute auf der Governorsinsel auf und umflog die Freiheits- statue. Nach einer späteren Nachricht ist der Luftschiffer Baldwin mit seinem Luftschiff im Norden der Stadt abgestürzt. Er fiel in den Hudsonflutz, blieb aber unverletzt. Amtlicher Marktbericht der städiischen Marklhalleii-Dircktiou über den Großhandel in den Zentral-Markthallen. Marktlage: Fleisch: Zusuhr schwach. Geschält still, Preise unverändert. Wild: Zusubr ge» nüaend, Gcschäst rege, Preise vcsciedigcnd. G e s l ü g e l: Zusuhr genügend, Geschäst nicht lebhast genug. Preise nicht des, icdigcud. Fische: Zusuhr mäkig, in Secsischcn reichlich, Gcschäst ziemlich lchhaft, Pretie, außer sür geringere Seefische, belricdigciid. Bultcr und Käse: Geschäst still, Preise unverändert. Gemüse, O b st und Südjrüchte: Zusuhr genügend, GeschSst sehr ruhig, Preise wenig verändert. SvttterungSvberNckit vom LS. September 1»«9. m argen» 8 Nbr. etatwaen Ii Ii 6° »=i SwMembe. erlin aM. üncheu Wien Franks., Münche ii ef 7KSNNO 763 O 763 Still 762 NO 764© 762 WNW Wetter 2 dedeckt 2 Nebel — wolkig 1 bedeckt Ibalbbd. 1 bedeckt »K »11 I* M« ktationen ■=£ »■H Haparanda Petersburg Scillh ilberdee» Paris » 5 '1 758 SW 756 SSO 763 O 769 Still Better �heiter 2 bedeckt 1 wolkig — bedeckt ttiK C-> Ii# 14 11 11 Wetterprognose für Donnerstag, den 30. September 1900. Ziemlich kühl, zeitweise ausklarend, vorwiegend trübe und ctivaS nebelig mit Regensallen und meist schwachen wechselnden Winden. Berliner Wetterburea«. Look oder Peary? Das ist die Frage wer hat die besten und billigsten Liköre? Hierauf gibt es nur eine Antwort: Hugo Beüti Weingroßhandlung D O O Fabrik feinster Liköre Filialen in allen Stadtteilen und Vororten. IllgtildsnOch fir Glgß-Knliil. Sonntag, den 3. Oktober, abends 7 Uhr, in den B o rn s s i a- S&1 e n, Acker strafte 6: lugend-Vcrfammlung. Vortrag des Herr« l�sube- Leipzig über- Deutschlands Städte und Gaue. (Lichtbilder-Vortraz,)' Nach dem Vortrage: Geselliger Faunlien-Abend. Zu dieser Versammlung sind alle Lehrlinge, jugendlichen Arbeiter "nd Arbeiterinnen sreundiichst eingeladen. 289/2» iiigendausscliiiß für Groß-Berlin. Vortragskurse. Sonntag: Elnftthrnng In die theoretische National- Ökonomie.(Fortschrittskursus.) Die Nationalökonomie als selbständige Wissenschaft, ihre Einteilung und Objekt. Die Entwickoiung zur kapitalistischen Weltwirtschaft; Entstehung und Wesen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Die Ware als Elementarform der kapitalistischen Produktionsweise, Der Gebrauchswert und der Tauschwert der Ware. Geld, Preis. Die Verwandlung von Geld in Kapital. Die Erscheinungsformen des Kapitals. Die Grundrente. Die Tendenzen der kapitalistischen Entwiokelung. (Mit mündlichen und schriftlichen Uebungen der Teilnehmer.) Vortragender: Max Grnnwald.(Lokal: Jugendheim, Waldemar Straße 65. Beginn des Kursus am 10. Oktober.) Dienstag; Die dentache Cleschlchte des 19. Jahrhunderts. Zeiten tiefer Erniedrigung. Befreiungskriege. Reaktionsjahre. Die Ursachen der Märzrevolution. Der Verlauf und die Folgen der Märzrevolution. Nationalkriege. Die Anfänge der Arbeiterbewegung. Das neue Deutsche Reich. Vortragender: Heinrich Schulz.(Lokal: Habels Brauerei, Bergmannstr. 5— 7. Beginn des Kursus am 12. Oktober.) Dienstag; Die Stufen des Wirtschaftslebens. Die Anfänge der menschlichen Kultur. Die ältesten Ver- wandschafts Verhältnisse. Die Sklaverei und ihre Folgen. Die Landwirtschaft zur Zeit der Markgenossenschaft und im Mittelalter. Das vorkapitalistische Gewerbe. Die Anfänge der kapitalls tischen Produktion. Der Großbetrieb und seine Wirkungen auf die Arbeiterklasse. Ausblick auf die Zukunft. Vortragender: Gustav Schumann.(Lokal; Verbandshaus, Große Hamburger Straße 18— 19. Beginn des Kursus am 12. Oktober.) Do-nerstag: Wirtschaftsgcschichto. Die Sorge für den Lebensunterhalt als Triebfeder in der Entwiokelung der menschlichen Kultur. Die ältesten Ver- wandsohaftsverhältnisso der Menschen. Die politische Gesellschaft. Die Sklavenwirtschaft im Altertum. Die Sitten der alten Germanen. Die landwirtschaftlichen Verhältnisse im Mittelalter. Mittelalterliches Stadtleben. Die Umwälzung der wirtschaftlichen Verhältnisse durch Erfindungen und Entdeckungen. Die heutige Wirtschaftsweise. Ausblick. Vortragender; Wilhelm Schenk.(Lokal: Starcke, Waldstraße 44. Beginn des Kursus am 14. Oktober.) Freitag: Katnrwissenscliaft.(Die Bätsei des Lebens.) Mit Lichtbildern. Schöpfung oder Entwiokelung? Die Geschichte des Ent- wickelungsgedankens vom Altertum bis zur Neuzeit. Das Leben, seine Enstehnng, Entwickelung und Erscheinungsformen. Physiologie der Pflanzen und Tiere. Waffen im Kampf ums Dasein. Soziale Momente im Leben von Tier und Pflanze. Symbiose: Vergesellschaftung von Tier und Pflanze, Pflanzen- genossensohaften, Tierstaaten usw. Vortragender; Engelbert Graf.(Lokal; Arminhallen, Kommandantenstr. 58. Beginn des Kursus am 1. Oktober.) Freitag: Die«nuidbegrlire des wissenschaftlichen Soziallsmas. Die heutigen sozialen Zustände und deren Ursachen. Woher kommt der Profit? Entstehen und Vergehen der kapitalistischen Gesellschaft. Der historische Materialismus. Unsere Gegen- wartsfordemngen. Der Zukunftsstaat. Vortragender; Julian Borchardt.(Lokal; Früchts tr. 36, Freischütz. Beginn des Kursus am 22. Oktober.) Sonnabend: Technik und Kultur. Erfindung und Entwickelung der Dampfmaschine: Ihre Anwendung in Industrie, Landwirtschaft, Verkehrsgewerbe. Die sozialen Wirkungen der Dampfmaschine. Elektrizität und ihre Anwendung: Die moderne Maschinenwirtschaft im Bergbau, Hüttenwesen, Metallindustrie, Landwirtschaft, Verkehrsgewerbe. Die sozialen Wirkungen der heutigen Maschinenwirtschaft. Die technischen Aufgaben der Zukunft: Drahtlose Telegraphie. Lenkbare Luftschiffahrt. Ausnutzung der Wasserkräfte. Die Technik und Arbei künstliche Düngererzeugung. Technik und Arbeiterbewegung: Die Bedeutung der Technik für den industriellen Großbetrieb. Wirkung der Technik auf die Arbeiterschaft. Technik und Sozialismus.._..., Vortragender; BichardWoldt.(Lokal: Gewerkschaftshaus, Engelufer 15. Beginn des Kursus am 9. Oktober.) Der Kursus: Theoretische Katlonalhkonomlo beginnt Tornittags 10 Uhr, alle anderen Kurse beginnen pünktlich abends S Uhr., Joder Jugendliche kann unentgeltlich an diesen Kursen teilnehmen..,..., Jeder Jugendliche muß teilnehmen, wenn er sich nicht selbst schädigen will..,,,,.._ Die arbeitende Jugend Berlins kann durch zahlreiche Teilnahme an den Kursen beweisen, daß sie Bildung und Wissen zu schätzen versteht, und daß sie sich keine Gelegenheit zur Fortbildung entgehen läßt._,, Jugendliche Arbeiter und Arbeiterinnen, Lehrlinge Berlins. Wir rechnen auf Euch! Der Jugendausschuß kur Oroß-Berlin, MMW MÖMki! 6criin5.0.SkaItoerS!r.25 Jttobel-Tabrik S Reichenberger Straße 5 liefert Einrichtungen von SOO, 800, 400, 500, ovo. 800 bis 10 OOO Hark. Anerkannt gediegene Arbeit! 2518L» Aeußorst billige fluch Teilzahlung!| Preise!| Auch Teilzahlung I Partei- Speditionen: Zentrum: Albert H a h n i s ch, Auguststr. 50, Eingang Joachimstratze. S. Wahlkreis, Westen: Gustav Schmidt, Kirchbachstr. 14, Hoch. parterre. , Süden und Südwesten: Hermann Werner, Gneisenaustr. 72, Laden. 8. Wahlkreis: St. Fritz, Prinzenstr. 31, Hos rechts pari. 4. Wahlkreis: Ost e n: Robert W e n g e l s, Andreasstraße 17.— Wilhelm Mann, Petersburgerplatz 4(Laden). 4. Wahlkreis, Südosten: Paul Böhm, Lausttzerplatz 14/15 (Laden). S. Wahlkreis: Leo Zucht, Jmmanueltirchstr. 12(Hos). O. Wahlkreis(lloublt und Hansavlertel): Karl Anders, Salzwedelerstr. 8, im Laden. Wcdding: Karl Weiße, Nazarethfirchstraße 49. Hosenthaler und Oranienburger Vorstadt: Hermann Naschte, Ackerstr. 36, Eingang Antlamerstraße. vorstehenden 160. Geburtstag Schillers und Fingerzeige für eine Gedenkfeier, Hinweise auf die Einrichtung von Bibliotheken mit Musterkatalog und Hinweis zum Katalog- anlegen, die erste Hälfte der Disposition eines zehn- ständigen VortragskurscS über das Parteiprogramm mit Literaturangaben von Dan neberg, Berichte aus der praktischen BildnngSarbeit, Bücherschau u. a. So stellt dieses neue Organ auch einen neuen und interessanten Versuch vor, dem auch die deutschen Genossen rege Aufmerksamkeit widmen werden. Namentlich diejenigen Genoffen, die praktisch in der Bildungsarbeit stehen, aber auch alle diejenigen, die zu ihrer eigenen Ausbildung Anregung und Anleitung suchen, werden in dem Blatte, das von den Genossen Danneberg und WinerSki herausgegeben wird, einen zuverlässigen Ratgeber finden. Vom SchnapSboykott. In SchwiebnS tagte am Sonntag eine General- Versammlung der Organisation des Wahlkreises Krossen-Schwiebus, in der der Delegierte Genosse Küter über den Parteitag referierte. Im Anschlust an diese Versammlung fand eine auhcrordentlich gutbesnchte(auch viele Frauen waren anwesend) Volks- v e r s a m mlun g st a tt. in der der Kandidat des Kreises, Ge- nosse Grauer, über:»Der Steuerraubzug der Junker und welche Lehren zieht das Volk daraus?" referierte. Im Verlauf seines mit grostem Beifall aufgenommenen Vor- träges ging der Redner auf die S ch n a p S b o y k o t t r e s o lu tion deS Parteitages ein und empfahl, dast die Versammlung sie zu der ihrigen machen möge. Das geschah denn auch— die Resolution, die den S ch n a p s b o y k o t t zur Pflicht macht, wurde von den Anwesenden einstimmig gutgeheißen! Soziales. Kann der Prinzipal ein zweites ärztliches Attest verlangen? Vor der 2. Kammer des Berliner KaufmannSgerichts stand diese Frage zur Entscheidung. Die Buchhalterin einer Fuhr« bctriebSgcsellschaft war erkrankt und cutschuldigte ihr Fehlen recht« zeitig. Die Firma stellte sofort das Ersuchen, das Zeugnis eines Arztes, in welchem ihre Arbeitsunfähigkeit bescheinigt werde, bei- zubringen. Die Buchhalterin kam auch diesem Verlangen sofort nach und reichte der beklagten Gesellschaft ein Attest ein, in welchem eS hieß:„Frl. L. niust infolge starker Nervenschwäche ihre Tätigkeit mehrere Wochen aussetzen". Nach vierzehn Tage» stellte die Bc- klagte an die Klägerin daS Ersuchen, ein neues Attest beizubringen, das sich über den jetzigen Stand der Erkrankung nuS- spreche. Die Klägerin erwiderte darauf, sie sei nicht in der Lage, die Kosten für ein neues Attest zu tragen, die Firma möge sich direkt an den Arzt, dessen Adresse ihr ja bekannt sei, wenden. In diesem Antwortschreiben erblickte die Gesellschaft eine Ungehörigkeit, und diese im Verein mit der Weigerung, das Attest selbst zii beschaffen, gab ihr Veranlassung. die sofortige Entlaffung der Klägerin zu verfügen. Die Beklagte vertritt den Standpunkt, daß die Klägerin auf alle Fälle verpflichtet war, das neue Attest zu beschaffen, dessen Kosten die Firma gern übernommen hätte. Eine direkte Anfrage beim Arzt wäre zwecklos gewesen, da der Arzt voraussichtlich keine Auskunft erteilt hätte. tt) BildungSarbeit. Blätter für das Bildungswesen der deutschen Sozialdemokratie in Oesterreich. Erscheint acht- bis zehnmal jährlich. Verlag, Wien VI., Mariahilferstr. 89.A.. Jahresprcis bei direktem Bezug vom Verlag 2 Kr.(M.) Im Buchhandel 3 Kr. Die erste Nummer auf Verlangen gratis. Das Kaufmaimsgericht verurteilte die Beklagte zur Zahlung des Restgehalts, indem es die Entlassung mit Recht ftir u n b e g ü n d e t ansah. In den Urteilsgründen wurde aus- geführt: Die Klägerin hat das erste Attest beschafft und hat auch dem weiteren Ersuchen der Gesellschaft genügen wollen, indem sie auf die Adresse des Arztes hinwies. Die Beklagte war dadurch wohl in der Lage, von dem Arzte unter Vorzeigung deS Briefes der Klägerin, der ja jenem von der Schweigcpflichr entbunden hätte, Auskunft über den derzeitigen Krankheitszustand einzuholen. Nach dem Gesetz war die Klägerin überhaupt nicht zur Be- schaffung eines Attestes verpflichtet. Fürsorgeerziehung und Lehrcrnot. Kein Vertrauen zur staatlichen Fürsorgeerziehung haben die ostpreustischen Lehrer. Bisher hat man sich daraus beschränkt, Fürsorgezöglinge als Ausbeutungsobjekte kleinen Handwerksmeistern und Landwirten zu liefern. Neuerdings sollen nun die Fürsorgezöglinge auch dazu dienen, der Lehrer- not auf dem Lande und in den kleinen Städten ab- z u h e l f e n. Dagegen wenden sich die Lehrer. Der Wehlauer Lehrerverein hat in seiner letzten Versammlung einstimmig folgenden Antrag angenommen: „Der Lehrerverein Wehlau und Umgegend entrüstet sich darüber, dah Fürsorgezöglinge aus Marwalde(Kreis Osterode) dem Lehrer« berufe zugeführt werden. Er bittet den Vorstand des Ostpreustischen Provinzial-LehrervereinS, sich mit dieser Angelegenheit zu beschäftigen und geeignete Schritte zur Abhilfe zu tun.". Invalidenversicherung der Gefangenen. Das württembergische Justizministerium hat entsprechend einer älteren Verfügung des preußischen Justizministeriums angeordnet, dast jeder Gefangene nach seiner Einlieserung in eine Strafanstalt über den Stand seines Versicherungsverhältnisses zu befragen ist. Im Falle des Einverständnisses deS"Gefangenen ist die freiwillige Versicherung aufzunehmen oder fortzusetzen. Die Versicherungs- beitrüge sind aus dem Guthaben der Gefangenen zu bestreiten, andernfalls sind nur so viele Beitragsmarken der niedersten Lohn« klaffe zu verwenden, als zur Aufrechterhaltung der Anwartschaft aus der Versicherung notwendig sind. Die Verweigerung einer Arbeitsbescheinigung ist unzulässig. Gustav A. Krüger, Belfortsr Straße 3, ersucht uns um Feststellung. dast er nilbt mit dem Inhaber des Fensterreinigungs- institutS Krüger identisch ist, der ausweislich unseres Berichts vom 10. September vom Gcwerbegericht wegen verweigerter Arbeits- bescheinigung zu 36 M. Schadenersatz verurteilt ist. Wir kommen diesem Wunsche gern nach. Der zum Schadensersatz verurteilte Krüger wohnt Kastanienallee 04. Hiid Induftne und Handel Die Erträge deutscher Waldungen. Vor Jahresfrist brachte der„Vorwärts" die Erträge der Staats- und Kronforsten Deutschlands für das Wirtschaftsjahr 1906, in vor- liegendem sind sie für das Wirtschaftsjahr 1907 zusammengestellt. Sie ergeben durchgängig eine Gewinn st'e i g e r u n g gegenüber dem Vorjahre, nur in wenigen Fällen haben sich die Ausgabequoten vergrößert. Wir bringen wieder den Gesamtgewinn in Tausenden von Mark, denselben dann auf das Hektar verrechnet. die Ausgaben wieder in Prozenten und den pro Hektar verrechneten Einnahmcüberschuß. Aus einer Gegenüberstellung von Roheinnahme pro Hektar und Einnahmcübcrschust pro Hektar lassen sich dann leicht die Ausgaben für Personal« und Betriebsaufwnnd herausziehen. Neben die diesjährigen Einnahmeüberschüsse pro Hektar, und ebenso neben die Ausgabenprozente stellen wir die betreffenden Summen des Vorjahres. Staatsforsten Roheinnahmen pro Hektar m iooo a«. Einnahme» Überschuh pro Hektar 1907 126 630 2 292 46 910 16 862 21682 8 602 163 4 647 4 260 430 1634 394 24 41 34 45 36 32 38 46 51 46 41 35 46 39 34 40 48 54 46 25.44 20,50 27,09 60,22 76,65 55,30 26,35 31,31 21,14 24,21 19,05 24,60 49,56 60,51 51,76 25,50 28,10 20,34 Preußen..... Preußen(Kronforsten) Bayern...... Sachsen..... Württemberg.... Baden...... Hessen...... Hessen(Kronforsten). Mecklenburg- Schwerin Mecklenburg- Schwerin (Kronforsten).., Mecklenburg-Strelitz. Oldenburg.... Hamburg..... Eine kurze Kontrolle ergibt, dast Jahre 1907 gegen das vorhergehende Jahr fast durchgängig geringer geworden sind. Diese Tatsache negativer Natur wird zur positiven Annehmlichkeit bei einer Gegenüberstellung der Einnahmeüberschüsse pro Hektar, die 1907 teilweise ganz bedeutend gestiegen sind. Dies alles sind natürlich keine Gründe, um den nach besseren auskömm- lichen Löhnen schreienden Waldarbeitern nicht mehr vorzulügen, dast die Einnahmen von Jahr zu Jahr schlechter werden. 43,29 31,26 49,02 93,67 114,03 89,36 49,28 64,38 40,09 60,87 36,46 25,14 26,62 40 31 47 120 die 39 33 43 141 Ansgabenprozente 30,59 25,23 13,40 1906 29,96 19,95 13,76 sin ßnefkaften der Redabtfon. Wcltordming. Pfaffen ja, Offiziere»ein.— Haynau. Nein. O. K. 71. Die Krankenkasse ist zur Klage auf Rückzahlung nach dem Gesetz und der herrschenden Praxis berechtigt.—<£. Seh. 373. Die Che. fcheidüngSklnge hätte Aussicht auf Erfolg. Sie mützte auf§ 1568 B. G.-B. gestützt werden. Ist nujzerdeni der Nachweis des Ehebruchs möglich, so sollte auch dieser Grund in der Klage niit nngcsührt werden.— N. 10. Dem noch Militärpflichtigen wird in der Ziegel ein AuslandSpas! aus längstens zwei Jahre erteilt. Aus die Erbschaft hat die Auswanderung keinen Einslust. Das StaatSbürgcrrecht des aiistündifchcn Staates er« wirbt man nach dem Recht dieses Staates.— F. Z. 40. Das österreichische Gesetz ist nicht geändert. ES kennt keine Scheidung von Katholiken, sondern nur eine Trennung von Tisch und Bett. — Karl 12. 1. und 2. Wenn kein Ehevertrag gemacht tst, sieht während der Ehe dem Ehemann die Verwaltung und der Nießbrauch des Ein- gebrachten zu. Nur wenn nachweisbarer Mißbrauch mit diesem Recht ge- trieben wird, würde die Frau gerichtliche Schrille mit Aussicht aus Erfolg unternehmen, iuSbesonderc das Berwaltungs- und NiestbrauchSrecht auf beben lassen können. Die Dolnielscheriu würde in dem von Ihnen de« schrieben«! Fall nicht hastp flichtig sein. 8. Solange die Ehe nicht rechts- kräftig getrennt ist, ist der Ehemann in berechtigtem Besitz. Erst nach Scheidung könnte die Frau mit Aussicht aus Erfolg aus Heraus- zahlung deZ GcldcS und aus Herausgabe der Möbcl klagen tönnen. M. H., Spandau. Die LaudeSverficherung ist nicht verpjlichtet. aber berechtigt, Zahnersatz zu liesern. Stellen Sie einen daraus bezüglichen Antiag im Gebäude der Anstalt, Am Kölluischen Park 8.— B. S. 76. H. M. S. S. B. Vor dem Beiwitt zu diesen Kassen ist behördlich wiederholt gewarnt, da in der Ziegel der überwiegende Teil der auskommenden Mitglicderbeiträge als Unkosten der Verwaltung Verwendung findet, während nur ein ganz geringer Teil zur eigentlichen Krankenuiiterstützung ver- wendet wird. Ilm nähere Auskunft über Krankenkassen wenden Sie sich bitte au Genossen SimanowSki, Zentrale für daS deutsche Kraiikcnkassen» wesen, Eugeluscr 15.— Posener Str. 20. Zllfrcd 1824 und B. 100. Wo sind die Ottittuugen?— P. F. 24. Die Pension richtet sich nach Dienstjahrcn. — Ballmüller. Nein, aber in Oesterreich. Wer eine Oefterreicherin heiraten will, must eine Bescheinigung der österreichischen Behörde beibringen, dast nach dortigem Gesetz der Ehe kein Hindernis entgegensteht.— 21. vi. 100. Der Verzug nach Berlin entbindet Sie nicht von der Vormundschajt. Sie kannten einen Antrag aus Entbindung an das Vomundschastsgertcht aber richten; dieses ist befugt, aber nicht verpflichtet, Ihrem Wunsche zu ent- sprechen— Grete 28. Die Strafandrohung wegen Beleidigung aus Grund des§ 185 geht auf Geldstrafe von 3 M. bis zu 600 M. oder auf Haft und Gefängnis von einem Tage bis zu einem Jahre. Dieselbe Strafe ist im£j 186 für Verbreitung nicht erweislich wahrer beleidigender Be- Haupinngen angedroht. Ist die Beleidigung öffentlich oder durch Schriften, Abbildungen oder Darstellungen oder mittels einer Tätlichkeit begangen, so geht die Strafandrohung bis zu 1500 ffl. oder bis zu 2 Jahren Gefängnis. In derRegel wird in Privatklagen aus Geldstrafen zwischen 3 und 30 M. erkannt. — K. 7. Es fehlt im Briefkasten der Raum zur Beschreibung, aber aus eine Anfrage bei der Direktion der Gesellschaft wird Ihnen sicher Auskunft zuteil.— F. St. 100. Die Zündwarensleuer tritt am 1. Oktober d. I. in Wirksamkeit, am 15. August trat die Steuer auf ausländische Zündhölzer in Kraft.— E. D. 1000. Ansangsgehalt 1400, Endgehalt 1900 M., Wohnungsgeld je nach der Servisklasse.— B. 34. Ausnahmsweise wäre das nach Meldung bei einem der Dozenten oder beim Rektorat der Universität zulässig.— Boykott. Wollen Sie gefl. die Frage an Ihre Organisation oder an die Lokalkommission richten. Vorsitzender der letzteren ist Gen. Henschel, Berlin 14., Ueckermünder Str. 17.— Ö. Z. 100.„New Iorker Volkszeitung", 184 William Street City, New Hork.— 777. Nein. — 91. S. 5. 1883 Chef der Admiralität, 1833 kommandierender General deS 10. Armeekorps als General der Infanterie.— R. S. S. Der Reichs« lanzler erhält an Gehalt 36 000 M.. ferner 64 000 M. Repräs.ntationsgeider und Dienstwohnung, der Polizeipräsident 12 000 M. und Dienstivohiinng, der Landrat 3600 bis 6600 M., Polizeihauptmann 3600 bis 5000 M., Polizeileutnant 2700 bis 4200 M.— M. T. 36. 35 Pf. pro Tag— 10,50 M. pro Monat.— M. S. H. Verlangt werden die Kenntnisse der ersten Klasse einer Elementarschule. Meldungen sind zu richten an die königl. Eisenbahndirektion Berlin, Schöueberger User.— 14. Wahl. Singer wurde im vierten Berliner Wahlkreise 1884 zum ersten Male gewählt. Ledebour im sechsten Berliner ReichstagSwablkreise 1S03. v. Vellmar in München II 1890. Südekum in Nürnberg 1900.— X.?). Z. Das ist nicht der Fall. Fiir den Inhalt der Inserate »ibernimint die Redaktion dem Publikum geg.aüber keinerlei Berantwortung. €hcatcr. Donnerstag, 30. September. Anfang 7'/, Uhr. Kgl. Opernhaus. Aida. Kgl. Schauspielhaus. Der ein- gebildete Kranke. Deutsches. Der Kaufmann von Venedig. K a m m e r s p I e l e. GhgeS und fein Ring.(Ansang 8 Uhr.) Ansang 8 Uhr. Neues königl. Operu-Dhcater. Der Dorspfarrer. Berliner. Der Befehl des Fürsten. (Ansang VU Uhr.) Neues. Das Urbild des Tartüffe. Neues Schauspielhaus. Miß Dudelsack. Lessing. Die PsarrerS Tochter von Streladorf. Volksoper. La Traviata. Thalia. Prinz Bussi. Komische Oper. Tiesland. Residenz. Gretchen. f ebbel. Hanna Jagert. riauou. Pariser Witwen. Lnstspielhaus. Man soll keine Briefe schreiben. Kleines. Moral. Neues Operetten. Die Dollar- Prinzessin. Westen. Der fidele Bauer. Schiller O.(Wallner- Theater.) Ei» Erfolg. Sch'lle, Cbarlottenburg. Die von Hochsattel. Friedrich- Wilbelmstödt. Schau- spielhaus. Hinrich Lornsen. Luise». Das Glöckchen des Eremiten. Bernhard Rose. Die Jäger- Meisterin. Metm-ot. Halloh II— Die große Revue. Folies Cnprice. Mobilisierung. Der gewisse Augenblick. Ans. 8'/« Uhr. lllpatio. Spezialitäten. Wintergarten. Spezialitäten. Gebr. Hcrrnfeld-Thcater. Frau Elkams Friseur. Meine«Deine Tochter. Gastspiel. Ungerade Tage. Der Deserteur. Die keusche Toinette. Cousin Pampoulette. Ans. 8'/, Uhr. Palast. Grotzstadtzauber. Speziali- täten. NoackS Theater. Im Jrrenhaufe. Paiiage. Spezialitäten Bolkögarten. Spezialitäten. Walhalla, spezialitälen. Reichsballen. Stettiner Sänger. Karl Haverland- Theater. Spc- zialitäten. Easino. Onkel Cohn. Prater. Einer von unsere Leut'. Urania. Tanvexilroiie 4k«i4i>. Nachmittags 4 Uhr: Bon Abbazia bis Korsu. Abends 8 Uhr: In den Dolomiten. Sterniuartc, Jnvalidenm. 57/62. liCSKing-Thcater. 8 Uhr: Des Pfarrers Tochter von Streladorf. Freitag, 3 Uhr: Der König. Sonnahend,8Uhr: Hedda Gabler. berliner'skester. Heute 7'/, Uhr zum erstenmal: des Pürsten. Morgen: Einer von unsere Leut'. Neues Theater. Ansang 8 Uhr. Das Drbild des TartQfTe. Morgen bis de* Tartüffe. Montag: Das Urbild Dienstag, den 5. Okt., zum erstenmal: Ein königlicher Spaß. Theater des Westens. Slllabendl. 8 Uhr: Der fidele Bauer. Sonntag nachm. 3fl.Ubr, halbe Preise: Ein Walzertranin. Ulencs Operetten-Theater. Schisibauerdamm 25, a. d. Luisenstr. Abends 8 Uhr: ldle ldnllarprlnzeaaln. Operette in 3 Akten von Leo Fall. Friedrich-Wilhelmstädtiscties Schauspielhaus. Donnerstag, 30. Septbr., Ans. 8 Uhr: Ninrick Bornsen. Ein bürgerliches Trauerspiel in drei Auszügen von Erich Schlailjer. Freitag: Die Stützen der Gesell- schalt. Sonnabend: Hinrich Lornsen. Sonntag nachm. 3 Uhr: Othello. Volks-Oper. SW., Belle-Alliance-Strasie Nr. 7/8. Ansa"-?£ Uyr. Zar und Zimmermann. I0SE=THEATE Grofec Frantsurter Str. 132. Ans. 8 Uhr. Ende 11 Uhr. Die Jägermeisterin. Volksstück aus dem Dänischen in vier Akten von Charlotte Eylersgaard. Morgen: Die iSgermeisterin. Urania. Wissenschaftliches Theater. Nachmittags 4 Uhr: Yon Abbazia bis Corfu. Abends 8 Uhr: In den Dolomiten. Täglich: Großes Militär- Doppel-Konzert. Eintritt 1 M., von abends 6 Uhr ab 50 Pf. Kinder unt. 10 Jahr, die Hälfte. LustspieBhaus. Abends 8 Uhr: Mao soll keine Briete sriireitieii. KKHmuuriiiua Zweites Operngaftspiel des Berliner OperngaftsPiel-EnsembieS: Das Diöciichöi) des Eremiten. Komische Oper in 3 Akten von L. Maillart. Freitag Premiere: Inspektor Bräsig. Gastspiel-Tlieater Köpenicker Strasze 67/68. Täglich abends 81/« Uhr: Ungerade Tage. Der Deserteur. Die kensche Toinette. Cousin Damponlette. Passage-fiieater. I Das führende Variete-Programm Berlins! Glaire Waldoff. i Lucio König. i The ISonte- Carlo-Girls! und 13| Tarletd-Attraktlonen!!!» Passage-Panoptikum. Täglich zu sehen: Die Traum-Malerin Wilhelmine Assmann Bilder ans d. Jenseits! OMalsitzungeii im Trance finden tägL v. 11— 1 U. u. von 8— VsS U. statt. Zutritt jederzeit. Ohne Extra- Entree. Eintr. 50 Pf. Kind., Soldaten 25 Pf. Zum 13, Male; Halloh!! Die pB. Rem!! Humorist.-satir. Jahresrevue in 7 Bildern von JuL Freund. Musik v. Paul Liuoke. In Szene gesetzt vom Dir. Rieh. Schultz. Tänze von Willy Bishop. Madge Lessing. Fritzi Massary. Jos. Giampietro. Guido Tliielsetier. K. Plann. M. Kettner. 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UP Extravorstellung: Jugend. iÜQ Unpcfslllinncilatan ,ür die einzelnon Abteilungen sind aus Ute lUlMCilUllyoudlcU den Ritglicdskartcn ersichtlich 241/19 Der Vorstand. I. V.: G. Winkl des abweohselungsroichen sensationellen Eröffnungs- Programms! Freitag, den 1. Oktober 1908; AM- Premiere!"VQ Palast-Theater. Direktion: Robert Dill d Karl Pirna». Burgstratze 24, am Bahnhos Börse. Letzter Tag! des kolossalell September- Programm. Großstadtzauber mit Dir. Rob. Dill in der Hauptrolle. JJM- Anfang'/,8 Uhr. Entree SV Pf. bis 2 M. Borzugskarte», an allen Wochentagen gültig, in allen Zigarren- und Barbiergeschästen. (Moabit) Perlebcrger Strasse 26. Gastspiel des Willi Voigts Bernhardt Rose-Thealcrs- Ensembles. Donnerstag, den 30. September: Unsere Keichspost. VolkSstück mit Gesang in vier Alten von Kneisel Kassenöffnung 7 Uhr. Anfang 8 Uhr. 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