Nr. 380. RbonncmentS'ßedlngtin�n: AionncmcntZ> Preis pränumerailta t Bicrteljährl. S3ü SBlf, monatl. 1,10 Mk� wöchentlich 2a Pjg. frei ins Haus. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntag»« nummcr mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Well' 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post. Zeitung». Preisliste. Unter Kreuzband>ür Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark. Solland, Italien, Luxemburg, Porkigal. - nänien, Schweden unt die Schweiz, 36. VIiMnt Wich SliLtt liijnUäs. Vevlinev Volksblcrtk. Die TnfertIonS'6ebüf)r Betrügt für die sechsgcspaltcne KolonÄ« zeilc oder deren Raum 60 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins» und Versammlungs-Anzcigcn 30 Pfg. „Kleine Hnzeigcn", das erste tfctt» gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf. flcllcn-Anzeigcn das erste Wort 10 Pfg, jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 16 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis SUhrnachmittagsinder Expedition abgegeben werden. Die Erpeditioa ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm-Adresse: „SozialiUinotirat Berlin". Zentralorgan der(bzialdcmokrati fchen Partei Deutfcblands. Redahtion: SM. 68, Lindenstrasde 69» Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1983. Sonnabend, den 3. Oktober 1009. Expedition: SM. 68» I�indenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. SchliMbrennei' und(Parlamentarier. Es ist eine ganz selbstverständliche Forderung der Moral, daß Leute, die ein öffentliches Amt bekleiden, nie und nimmer den Einfluß, den dieses Amt verleiht, geltend machen dürfen, um sich und ihrer Sippe persönliche materielle Vorteile zu verschaffen. Indessen die politische Form, in der die Bourgeoisie ihre Herrschaft ausübt, die Gesetzgebung durch das Parlament, führt in zahlreichen Fällen notwendig zur Verleugnung jenes Prinzips. Die Parlamente waren von jeher Körperschaften mit scharf ausgeprägter Interessen- Vertretung, sie sollen den Interessen einzelner Gruppen der herrschenden Klasse dienen und der„Zug der Zeit" geht dahin, immer mehr die allgemeinen politischen Grundsätze hinter die engsten wirtschaftlichen Interessen zurücktreten zu lassen. In Deutschland proklamiert z. B. der Hansabund den Grundsatz, daß möglichst viele„Vertreter der Industrie und des Handels" in den Reichstag gewählt werden müssen: der Bund der Landwirte wiederum fordert von den Kandi- baten Vertretung der„wirtschaftlichen Interessen der Land- Wirtschaft", und selbstverständlich sind ihm Kandidaten, die selbst landwirtschaftliche Unternehmer sind, die liebsten. So muß aber notwendigerweise die Ausübung eines Reichstags Mandates dazu führen, daß der Abgeordnete, der zugleich Unternehmer ist, indem er für die Interessen seiner Gruppe eintritt, auch seine eigensten, persönlichsten materiellen Profitinteressen verficht. Ein Abgeordneter, der Besitzer eines Eisenwerkes ist, ist persönlich an hohen Eisenzöllen interessiert, und wenn die Frage der Eisenzölle zur Ent- scheidung steht, dann wird dieser Abgeordnete zum Richter in eigener Sache, er verschafft sich persönliche materielle Vor- teile, wenn er seine Stimme in die Wagschale wirft, um hohe Eisenzölle einzuführen. Der einzige Ausweg wäre, daß ein Abgeordneter, der derart persönlich an dem Ausgang einer gesetzgeberischen Maßnahme interessiert ist, sich der Abstimmung enthält. Früher galt das auch als eine selbstverständliche Anstauds- Pflicht. Heute offenbar nicht mehr. So haben z. B. bei der Entscheidung über den Zolltarif von 1903 die Großgrund- besitzer und die Industriellen ihre Stimme abgegeben, und da zusammen über 150 solcher Unternehmer im Reichstage saßen, so haben sie die Entscheidung herbeigeführt in einer Sache, die unmittelbar ihre materiellen Interessen berührte. Noch krasser tritt diese Tatsache der Beeinflussung einer gesetzgeberischen Maßnahme, die mit persönlichen Vorteilen für den Abstimmenden verbunden ist, zutage bei Gesetzen, die einer kleinen Gruppe von Interessenten Vorteile verschafft. Das ist zum Beispiel der Fall bei der Liebesgabe für die Schnapsbrenner. Die Liebesgabe besteht darin, daß der Besitzer einer Brennerei ein bestimmtes Quantum Spiritus zu einem Preise ver- kaufen kann, der um 20 M- pro Hektoliter über dem normalen Preise ist. Diese 20 M. Extraprofit entstehen einzig und allein infolge der Art und Weise der Steuer- erhebung. Weil das Steuergesetz die„Kontingentierung" der Produktion vorzieht und den kontingentierten Spiritus mit einer geringeren Steuer belegt, als den nichtkontingen- tierten, entsteht dieser Extraprofit. Für den einzelnen Brennereibesitzer ist dieser Extraprofit unter Umständen sehr bedeutend. Ein Rittergutsbesitzer, der eine Brennerei besitzt, der ein Kontingent von 500 Hektoliter zugesprochen wird, erzielt 10 000 M. Liebesgabe im Jahre. Um diesen Extra- prosit steigt sein Einkommen und auch sein Vermögen wird künstlich erhöht. Denn, da das Gut 10 000 M. mehr Rente abwirft, wird es beim Verkauf nach der allgemeinen Regel der Preisbildung um etwa 150 000 bis 200 000 M. höher bewertet. Der berüchtigte Schnapsblock hat alle Register gezogen, um die Liebesgabe unverändert bestehen zu lassen, ja, er hat Bestimmungen in das neue Steuergesetz gebracht, die den Extraprofit noch erhöhen. Nun gehören eine ganze Reihe von Brennereibesitzern dem Reichstage an, und zwar sind sie Mitglieder jener Parteien, die mit ganz besonderem Eifer daran waren, das Schnapssteuergesetz durchzudrücken und alle Bestrebungen auf Minderung oder Beseitigung der Liebesgabe abzuwehren, nämlich Mit- glieder der Deutschkonservative 11 Partei, des Zentrums und der P 0 l e n s r a k t i 0 n. Außerhalb dieser Parteien finden wir ganz vereinzelt Brennereibesitzer im Reichstage, z. B. Julius Sieg und Prinz Schönaich- Carolath bei den Nationalliberalen. Nachstehende Liste führt eine Anzahl Schnapsbrenner auf, die Sitz im Reichstage haben, unter Beifügung des Namens des Gutes mit Schnapsbrennereien, die sich in ihrem Besitze befinden(D.-K.— Deutsch-Konservativ, Z.— Zen- trum, P.— Pole, D. R.-P.— Deutsche Reichspartei): Graf Finck zu Finckenstcin, D.-K., Zakrzewko Nehbel, D.-K., Salusken Fritz Wilckens, D.-K., Shpnietvo und Dobrin Stubbendorf. D. R.-P., Zapel Löscher, D. R.-P., Neuhof Dietrich, D.-A., Wetzelthin I V. Kaphengst, D.-K., Kohlow v. Dirksen. D. R.-P., Jessen v. Steinäcker, D.-K., Roenfelde Gans Edler v. Putlitz, D.-K., Barskewitz v. Michaelis, D.-K., Quatzow v. Bonin, D.-K., Bahrenbusch Graf Mathias v. Mielzynski, P.,Chobienice, Groitzig und Lenka b. Trzcinski, P., Gocanowko Fürst Radziwill, P., Gorzyce und Przpgodzice Graf Carmer-Osten, D.-K., Riebe und Borne-Tschirnau V. Hehdebrand u. d. Läse, D.-K., Protsch Eue», D.-K., Korschlik v. Richthofen, D.-K, Damsdorf Graf v. Praschma, Z., Scheppanowitz Fürst Hohenlohe-Oehringen, D.-K, Jarischaw, Kaltwasser. Bizawa, Slaventzitz, Gr. Lassowitz, Kl. Lassowitz, Bitschin, Chechlau und Slupsko. � Die Liste macht keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit. eS ist leicht möglich, daß uns dieser oder jener Name eines Edlen, der das praktische Gewerbe der Vergiftung des Volkes mit Fusel und die Gesetzesmacherei in seiner Person verbindet, entgangen ist. Wir wollten nur an der Hand von Beispielen die Tatsache erhärten, daß unter den Mitgliedern des Schnapsblockes eine Reihe Leute sich befindet, denen aus der Liebesgabe persönlicher materieller Vorteil erwächst. Wollte man noch in Betracht ziehen, wer von den vieledlen Junkern und Schlachtschitzen, die den Reichstag zieren, mit Schnapsbrennern versippt und verschwägert ist, so würde man wahrscheinlich keinen einzigen ausschließen können. Wir sehen z. B., daß der edle Graf Mathias Miel- z y n s k i, der überaus eifrig für das Schnapssteuergesetz ins Zeug ging, auf dreien seiner Güter Fuselgift produzieren läßt: im Adreßbuch der Güter der Provinz Posen finden wir eine Komtesse Konstantia Mielzynska auf Kotowo, eine Komtesse Severina Mielzynska auf Sanniki, eine Frau v. Kurnatowska geborene Gräfin Mielzynska auf Dombrowo, und alle diese Güter haben Schnapsbrennereien. Wir sind in der Genealogie derer v. Mielzynski nicht be- wandert, glauben jedoch annehmen zu müssen, daß die Damen Blutsverwandte des edlen Grafen Mathias sind. Somit kommen für das Geschlecht der Grafen Mielzynski nicht drei, sondern mindestens sechs Brennereien in Be- tracht: die Liebesgabe sichert der Sippe einen ansehnlichen Batzen Geld. Graf Dohna-Schlobitten hat zufällig keine Schnapsbrennerei auf seinen Gütern, auch der Januschauer Oldenburg nicht, noch Gras zu Stolberg: aber der Dohnas, Oldenburgs und Stolbergs gibt es viele und die meisten von ihnen brennen eifrig Schnaps und stecken die Liebesgabe ein, für die die Repräsentanten der edlen Geschlechter im Reichs- tage so eifrig wirkten. Nun sollte man meinen, die Herren, die persönlich im Besitze von Schnapsbrennereien sind oder mit den Schnaps- brennern versippt sind, wahren wenigstens den Schein und enthalten sich der Abstimmung bei der Entscheidung über ein Gesetz, daß ihnen und ihrer Sippe die Schnaps-Liebes- gäbe zuschanzt. Weit gefehlt I Alle diese hochedlen Herren, die peinlich bedacht sind, die Formen des Austaudes und der Courtoisie im privaten Leben zu wahren, sie finden es mit dem politischen Anstand und der politischen Moral wohl ver- einbar, ihre Stimme in die Wagschale zu werfen, wo es gilt, durch ein Gesetz ihnen und den Ihren auf Kosten der Schnapstrinker, also zumeist der Elenden und Enterbten, Extraprofite zu verschaffen. Der entscheidende, die Liebesgabe betreffende Paragraph des� Schnapssteuergesetzes, wurde in namentlicher Ab- stimmung mit 205 gegen 142 Stimmen angenommen. Von den aufgezählten Schnapsbrennern waren ein paar nicht an- wesend, die übrigen stimmten mit Ja. Hätten sich alle Abgeordneten, die persönlich an der Sache interessiert sind, der Abstimmung enthalten, wie es die einfache An st an ds- Pflicht gebietet, die Liebesgabe wäre ge- fallen. Vielleicht wäre es angebracht, wenn unsere Fraktion einen Antrag zur Geschäftsordnung des Reichstages stellen würde, der lautet:„Abgeordnete, die ein unmittelbares materielles Interesse an einem Gesetze haben, dürfen an der Abstimmung über ein solches Gesetz nicht teilnehmen." Es ist freilich nicht üblich, selbstverständliche Dinge in Gesetzes- form zu kleiden, aber da das Selbstverständliche nicht be- folgt wird, ist es zur Wahrung der Würde und des Ansehens des Reichstages notwendig, dem Skandal einen Riegel vor- zuschieben. Zu befürchten ist, daß ein solcher Antrag von den Liebes- gabenempfängern niedergestimmt wird, doch wäre die Probe aufs Exempel von einiger Bedeutung. Geplante keawtenknebelung. Auch die Beamten-haben ja in der letzten Zeit begonnen, sich Organisationen zu schaffen und durch diese Organisationen eine Berbesserung ihrer Lebenshaltung zu erstreben. Namentlich die letzte Beamtenbesoldungsreform hatte eine äußerst rege Tätigkeit dieser Organisationen veranlaßt. In zahlreichen Petitionen und Denk- schriften wandten sie sich an die Parlamente, und als die bürgerliche Mehrheit her gesetzgebenden Körperschaften den Forderungen der Beamten nur in sehr unzulänglicher Weise entgegenkam, schreckten die Beamten auch nicht davor zurück, durch große DemonstrationS» Versammlungen energischen Protest gegen die ihnen zuteil gewordene Behandlung einzulegen. Unsere Bourgeoisie war über dies Vorgehen der Beamten höchlichst entrüstet. Alle bürgerlichen Parteien, selbst der Frei- sinn, sprachen den Beamten ihre Mißbilligung wegen ihres respektwidrigen Verhaltens aus. Kein Wunder deshalb, daß sich die Regierung nicht damit begnügte, mehrere an der Protest» bewegung beteiligte Beamte disziplinarisch zu be st rasen, sondern daß sie auch durch ein B e a in t e n 0 r g a n i s a t i 0 n s g e s e�tz eine ähnliche oder möglicherweise noch energischere Bewegung der Beamten im voraus zu ersticken versucht. Ueber dies famose Gesetz zur Knebelung und Bevormundung der Beamten- Organisation schreibt eine Korrespondenz: „Eine Organisation ist nach dem Entwurf erlaubt, sie wird aber verboten für Zwecke, die auf Aenderung be- stehender Zustände hinauslaufen, also Dienst- änderungcn, Gehalisänderungen usw. dürfen die Organisationen öffentlich nicht betreiben. Damit ist ihnen der Lebensnerv unterbunden, denn der Zweck der Organisation ist, bessere Lebens- und Existenzbedingungen, Wah- rung gewährleisteter Rechte zu erstreben. In nächster Zeit werden Ge'haltsfragen nicht akut werden, im allgemeinen ist die Beamtenwelt mit der augenblicklichen Regelung— von Ausnahmen abgesehen— zufrieden. Eine anderweitige Regelung der O r t s k l a s s e n e i n t e l u n g ist aber regierungs- scitig für die nächsten Jahre in Aussicht gestellt worden. Wird der Entwurf Gesetz, so dürften die Organisationen sich öffentlich mit diesen Fragen nicht beschäftigen. Petitionen an die Parlamente, deren Schicksal von vornherein feststeht, blieben das einzige Hilfsmittel, aber auch das Petitions- recht der Beamten möchte man regierungsseitig einschränken."... „Die übrigen Bestimmungen des Entwurfes verfolgen den Zweck, gefügige Werkzeuge für die Regierung zu schaffen: Pensionierte Beamte haben in der Organisation nichts zu suchen, Angestellte, d. h. Nicht- staalsbcamte dürfen in führender Stellung nicht ge- duldet lv erden, denn sie unterstcheu nicht der Fuchtel der Negierung. Fachblätter, falls sie überhaupt später noch nötig sein werden, werden von aktiven Beamten. die jederzeit ge maßregelt werden können, redigiert, diese Blätter sind also reine N e g i e r u n g S 0 r g a n e. Diese Bcamtcnrcdakteure erhalten Diensterleichterungcn. die Redaktions- Unkosten bezahlt demnach der Steuerzahler, denn da kein Beamter Inhaber einer Sinekure sein soll, so muß für den Beamten- redakteur eine Ersatzkraft eingreifen. Wie groß die Dienst- erlcichterung ist, wird der BeHorde anheimgegeben, viel Zeit wird den Organisatoren aber nicht gegeben werden zur Erfüllung ihrer Organisationsarbeiten. Die Bestimmungen über Festsetzung von Disziplinar- st r a f e n durch eine Kommission von Beamten sollen de» Totschlag der Organisation verzuckern." Man sieht, der Entwurf zielt mit diabolischer Schlauheit und Konsequenz auf die völlige Knebelung und Lahmlegung der Beamtenorganisationen ab. Eine Beeinflussung des Parlaments soll künftig anSgeschlossen sein, sogar das Petitionsrecht soll beschnitten werden I Und damit die Regierung die Verbände völlig am Draht hat, sollen die pensionierten Beamten, also die un- abhängigeren Beamten, auS den Organisationen hinaus- geworfen oder zum mindesten von leitenden Stellen ausgeschlossen werden. Die VerbandSlcitung, ebenso wie die Redaktion von Zeitungen, Flugblättern usw. soll ausschließlich aktiven Beamten vorbehalten bleiben, die ja ohne weiteres geniaßregelt werden können. Damit aber die Geniaßregclten nicht im Verbände eine Stütze finden und ihm selbst durch organisatorische Tätigkeit Dienste leisten können, sollen sie von jedem führenden Posten, ja von der Vcrbandszugehörigkeit selbst ausgeschlossen sein I Es ist begreiflich, daß die Beamten von einem solchen Knebel- gesctz nichts wissen wollen. Ob aber auch nur der Freisinn die Anschläge der Regierung, die er durch seine schlappe Haltung hat provozieren helfen, energisch bekämpfen wird? Die Beamten sollten jedenfalls das Wort beherzigen, das in den verschiedensten Variationen auf der Wiener Tagung der Sozial- Politiker ertönte: daß gegen die Vnreaukratie, das heißt die reaktionäre Einschnürung des Menschen und Staatsbürgers im Beamten, nur die Demokratie ein sicheres Schutzmittel darstellt! Das sollten die Beamten namentlich auch für die vier Berliner Landtagsersaliwahlc» beherzigen! Ein Beamter, der bei diesen Landtagswahlen direkt oder indirekt die Sozialdemokratie benach- teiligt, hilft damit selbst den Strick drehen, mit dem die Beamten geknebelt werden sollen I_ nie bayriiehen Finanzen. München, 30. September. Der Finanzminister zeichnet in seiner Budgetrcde ein Bild der bayrischen Finanzen, das nach seineu eigenen Worten zwar nicht „erfreulich", aber doch in keiner Weise„besorgniserregend" ist. Nicht besorgniserregend! Für den Minister freilich nicht, aber für das Volk, das die für Bayern geradezu ungeheure Mehrbelastung tragen nlutz. Nur das Einziehen neuer starker Träger und Stiitzen vermag den Finanzbau vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Das Defizit soll beseitigt werden durch eine Erhöhung der Gebühren, eine Verteuerung des Bieres, eine Erhöhung der direkten Steuern und durch Aufnahme eines AnlehenS von mehr als 50 Millionen Mark. Was hat nnn die bayerischen Finanzen so auf den Hund gebracht? Venninderte Einnahmen und vermehrte Ausgaben. Die wirtschaftliche Depression hatte wie übergll so auch in Bayern einen starben Ausfall Lei den EisenLahnüLerschussen zur Folge. Sie blieben für das erste Jahr der Finanzperiode 1308/09 um nahezu' sieben Millionen hinter dem Voranschlag zurück. Nun hat auch die Regie- rung endlich eingesehen, datz es sehr bedenklich ist, ein Staatsbudget auf den schwankenden Grund der Ucberschüsse der Verkehrsanstalten aufzubauen. Sie will vorschlagen, die U e b e r s ch ü s s e den Eisen- bahnen zur Bildung eines Ausgleichsfonds und zur Tilgung der Eisenbahn schuld zu verwenden. Es ist nämlich noch eine besondere, aber keine rühmenswerte Eigentümlichkeit der bayerischen Finanzwirtschaft, dast für die Til- guug der ganz gewaltigen Eisenbahnschuld bisher nichts geschehen ist. Die Hauptrolle spielen aber nicht die weit hinter den Schätzungen zurückgebliebenen Eisenbahnüberschüsse, sondern die sehr bedeutenden Mehrausgaben. Hier einige Posten des Mehrbedarfs: Fehlbetrag des Budgets der laufenden Finanzperiode für die Jahre 1908 und 1909 mit 2 300 000 M.; Kosten der Aufbesserung der Beamten 15 700000 M.; Aufwand für GehaltSvorrückungen 4 000 000 M., Mehrbedarf für Verzinsung der Staarsschuld 10,8 Millionen Mark; Mehrbedarf für Pensionen 5,3 Millionen Mark; Erhöhung der Aus- gleichnngsbeiträge für Bier 11,3 Millionen Mark. Der Gesamt- Mehrbedarf, der durch Mehreinnahmen gedeckt werden muß, beträgt rund 59 Millionen Mark. Und das bei einem Budget von 625 Millionen Mark! Wie sagt der Minister? Das ist zwar nicht„erfreulich", aber „in keiner Weise besorgniserregend". Eine der Hauptursachen für die miserable Finanzlage Bayerns ist in der schlechten R e i ch s p o l i t i k zu suchen. Die ver- hängnisvolle Zollgesetzgebung des Reiches hatte die gewaltige Verteuerung nicht nur der Lebensmittel, sondern aller Bedarfsartikel zur Folge und diese Teuerung machte wieder die GehaltSaufbesse- rungen der Beamten, Lehrer und Geistlichen unbedingt notwendig. Neben der dauernden Belastung des Budgets durch die vielen Millionen dieser Bcaintenaufbesserung fällt die lobenswerte Absicht des Ministeriums, durch Vereinfachung der Geschäfts- f ü h r u n g Ersparnisse zu machen, nur wenig ins Gewicht. Die schlechte RcichSpolitik äußert ihre Wirkung weiter in der Erhöhung der AusgleichungsbeiträgefürBier. Wäre die stärkere Heran- Ziehung des ViereS zur Deckung des RcichSdefizits unterblieben, so hätte auch Bayern jetzt keine Veranlassung, das Bier stärker zu be- lasten. Die Bierpolitik dcS bayerischen Finanzministers bewegt sich auf gleicher Höhe wie die der norddeutschen Brauer. Er will nicht mir die ReichZsteuer, sondern noch ein Mehr von 2— 2'/z Millionen herausschlagen und sagt:«Die voraussichtliche Folge der Erhöhung des Malzaufschlages(im Höchstbetrage von 1.60 bis 1,70 pro Hektoliter) wird eine Erhöhung deS Bierprcises sein, welche den Brauern die Mög- lichkeit gibt, die erhöhte Steuer auf den Konsum abzuwälzen. Ob der Finanzniinister nicht die Rechnung ohne die Konsumenten gemacht hat? Wenn schon die Norddeutschen sich nnt Erfolg gegen die Ausbeutung der Massen gewehrt haben, mit welchem Heroismus wird dann erst der V a y e r für das billige Bier kämpfen! Eine schwere Zeit für das Zentrum naht heran, für die Partei, die so leichten Herzens in Berlin die Volksinteressen verraten hat. Sie muß im bayerischen Landtage die Erhöhung der Bier- steuer bewilligen— eS ist das nur eine Konsequenz ihrer Politik im Reiche— und dadurch die Bevölkerung noch mehr gegen sich erbittern. Dazu hat die sozialdemokratische Fraktion den Antrag gestellt, Z u- schlüge zu der b c st e h en d e n R e i ch S e r b s ch a f t s st e u e r zu erheben. Biersteuer und Erbschaftssteuer l Das werden böse Tage für das Zentrmn werden!— polltifche Cleb er ficht, Berlin, den 1. Oktober 1909. Die Konservativen für die Vertuschnng. Die Regierung schweigt noch immer zu der Beschuldigung, dasz Fürst B ü l o w bei der amtlichen Darstellung der No- vembcrcreignisse die Oeffentlichkeit über den wahren Hergang gröblich getäuscht habe. Es gewinnt auch den Anschein, als ob den Konservativen, die diesen Vorwurf in schärfster Weise er- hoben haben, nachgerade vor den Folgen, die die Feststellung der Wahrheit für die ihnen so nützliche„staatliche Autorität" haben könnte, bange würde. Die„Deutsche Tagesztg." kommt heute in eineni langen Artikel nochmals aus die Sache zu sprechen. Sie stellt da zunächst fest, daß es absolut unrichtig sei, daß die konservative und agrarische Presse ihre Wissen- schaft von dem Negierungsrat Martin hat. Für sie kommen ganz andere und weit ernsthaftere Quellen in Betracht, wie jeder, der wirklich zu lesen versteht, aus unserer Veröffentlichung� ohne viel Mühe hätte entnehmen können. Gewisse ungünstige Folgerungen, die Herr Martin aus seinem „Material", für den Fürsten Bülow ableitet, sind auch von der erwähnten Presse direkt abgelehnt, niindestens als un- erwiesen bezeichnet worden. Das Blatt spricht zwar dann weiter von der notwendigen Klärung„dunkler oder verdunkelter Vorgang e", aber der ganze Artikel enthält zwischen den Zeilen ein deutliches Friedens- an gebot für die bülowfreundliche liberale Presse und ihre Inspiratoren. Wenn die Angriffe gegen die Konservativen, Bülow aus höfischen Rücksichten gegen bessere Ueberzeugung gestürzt zu haben, aufhören, dann will auch die konservative Presse das Dunkel der Novemberereignisse ruhig fortbestehen lassen. Aber so leicht sollen die Herren nicht davonkommen. Ent- weder sind ihre Behauptungen wahr � und das verlegene Schweigen der Offiziösen unterstützt diese Annahme—, dann muß die Frage aufgeworfen werden, wohin denn die Königs treue dieser Herren verschwunden war, als sie trotz besseren Wissens die Darstellung des Kanzlers ruhig hin- nahmen, die Wilhelm II. jedenfalls in einem noch un- günstigeren Licht erscheinen ließen, als dies bei der, nach den konservativen, Behauptungen, richtigen Darstellung der �fall gewesen wäre. Oder aber die konservative Presse hat in leicht- fertigster Weise eine falsche Darstellung der Er- eignisse unterstützt, um liberale Vorwürfe leichter abwehren zu können, dann stehen die Herren als infame Ver- I e u m d e r da. Denn es kann keine schwerere und giftigere Verleunidung geben, als die Beschuldigung, die gegen den früheren Kanzler erhoben worden ist, wenn die konservative Presse, die die wirklichen Vorgänge kennen muß und sie zu kennen ja auch behauptet, einen solchen Vorwurf ohne ge- nügende Beweise erhoben hat. Eine Vertuschung dieser Vor« gänge, wozu jetzt die Konservativen, die sich vor der Durch- fechtung ihrer Anklagen zu fürchten scheinen, auf einmal gute Lust haben, ist also nicht mehr möglich und die Regierung hat die Pflicht, zu diesen Anklagen endlich Stellung zu nehmen._ Ein offener Brief Hnnffmanns an Bebel. Stuttgart, 1. Oktbr.(Privatdep. d.„Vorwärts".) Im„Stuttgarter Beobachter" veröffentlicht Reichs- und Landtagsabgeordneter Konrad Haußmann einen offenen Brief an August Bebel. Der Zweck d'es Briefes ist angeblich, August Bebel für eine praktische Politik im Sinne der bürgerlichen Demokratie zu gewinnen: die Absicht ist aber offenbar, die revisionistische Richtung in der Sozialdemokratie zu stärken. Die erste Hälfte des Briefes ist mit Betrachtungen über den grundsätzlichen Teil des sozialdemokratischen Programms gefüllt. Die vorgetragenen Anschauungen sind von einer so verblüffenden Naivität, wie man sie selbst bei Konrad Haußmann nicht vermutet hat. Der zweite Teil des Briefes beschäftigt sich mit der praktischen Politik der Sozialdemo- kratie. Es wird die alte Behauptung, die Sozialdemokratie sei der Hemmschuh einer Auf- und Vorwärtsbewegung der politischen Verhältnisse in Deutschland, vorgetragen. Neu an der Argumentation Haußmanns ist nur die Ungeniertheit, mit der die Sünden des bürgerlichen Liberalismus der Sozialdemokratie angekreidet werden. Zum Schluß werden die Revisionisten als kluge Reformer und Politiker gefeiert, die keidev durch diö Radikalen und den huude'rtköpsigen Ver- sammlungsgeist kommandiert und malträtiert würden. Bebel wird angefleht, für eine andere richtige Steuerung der Sozial- demokratie zu sorgen._ Ein hundsgemeines Blatt. Genosse Hengsbach schreibt uns: Am Montag, den 27. v. M., sandte ich per Brief die folgende Erklärung an die Redaktion der„Staatsbürger- Zeitung": Sehr geehrte Redaktion! In der Nr.... Ihrer Zeitung nehmen Sie Notiz von den Behauptungen, die in einer Versammlung in Elberfeld von dem dcutschnationalen HandlungSgehilsen WicgerShauS über mich auf- gestellt worden sind und wonach ich früher ähnliche Affären wie der Abgeordnete Schuck gehabt haben soll. Ich bitte Sie, von meiner Erklärung Notiz zu nehmen, daß diese Behauptungen jeder Unterlage entbehre» und absolut un- wahr sind. Gegen die Herren WicgerShauS und Richter werde ich wegen Beleidigung gerichtlich vorgehen. Hochachtungsvoll Hengsbach, M. d. R. Die Erklärung muß am Dienstag, den 28., in den Besitz der„Staatsbürger-Zeitung" gekommen sein. Ich habe dabei die Nummer der Zeitung, gegen die die Erklärung sich richtete, nicht mit angegeben, da sie mir unbekannt war und habe auch ferner den§ 11 des Preßgesetzcs nicht angezogen, da dieses bei einem auch nur halbwegs anständigen Blatte in solchen Fällen überflüssig sein sollte. Trotzdem ersehe ich aus dem soeben hier eingetroffenen„Vorwärts", daß bis Mittwoch abend die„Staatsbürger-Zeitung" noch keine Notiz von dieser Erklärung genommen hat. Diese Handlungsweise richtet sich sich selbst. Allerdings! Und dieses Blatt, das in geradezu Hunds- gemeiner Weise die Erklärung eines von ihm geniein Ver- dächtigten unterdrückt, wagt es, von widerivärtiger Kampfes- weise der Sozialdemokratie ini Falle Schock zu reden. Es geht doch nichts über antisemitische Frechheit und Gemeinheit. Staatsangehörigkeit. Die Novelle zur Abänderung des Gesetzes betr. Erwerb und Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit hat die Genehmigung der beteiligten Ressorts(Reichsamt des Innern, Auswärtiges Amt, Kciegsiiünisterium) gefunden und wird dem Reichstage im Winter zugehe». Die Novells soll in Crsiilluug von Wünschen, die von ver« schiedcnen politischen Parteien, auch der sozialdemokratischen, wieder- holt. ausgesprochen sind, die bestehenden MißHelligkeiten und den Zweck verfolgen, den Deutschen ihre Staatsangehörigkeit auch zu be- lassen, wenn sie sich dauernd im Auslande aufhalten. Die vorgeschriebenen Fristmelduugcn bei den deutschen Konsulatsbeamten, von denen die Erhaltung der Staatsangehörigkeit jetzt abhängig gemacht ist, werden fortfallen. Frühere deutsche Staatsbürger, die ihre Staats- angehörigkeit aus bestimmten Gründen verloren haben, können nach der Novelle wieder den Antrag stellen, in den Staatsverband anf- genommen zu werden. Hierbei werden ihnen Erleichtenmgen gewährt werden. Die militärische Dieiistpflicht der Ausländsdeutschen wird neu geregelt, sie können ihrer Dienstpflicht künftig in der nächsten deutschen Kolonie nachkommen, sofern sie eine weiße Truppe unterhält In ganz besonderen Fällen kann auch eine Euibindung von der Dienstpflicht Platz greifen. Frühere Reichsdeutsche, die die deutsche Nationalität zurückgewinnen und einer militärischen Dienstpflicht vor Verlust ihrer deutschen Staatsangehörigkeit nicht unterworfen waren, sind auch jetzt dienstfrei, ihre Kinder werden aber bei Aufnahme in den deutschen Staaksverbaud militärpflichtig. Ein ostprcuffisches Kultnrbild. In Nummer 213 des„Vorwärts" vom 12. September brachten wir eine Nachricht aus dem Hiiitcrlaude OstelbicuS, die sich mit der preußischen Versammlungsfreiheit beschäftigte. Der sozialdemokratische Verein für KönigSberg-Land wollte im Dorfe KonradSwalde im Garten eines Parteigenossen eine Versammlung unter freiem Hinimcl abhalten, hatte damit aber kein Glück. Der Herr Amts- Vorsteher von Batocki verweigerte die Genehmigung zu geuaimter Ver- austaltung, zunächst eiumal, weil der Genosse, in dessen Garten die Versammlung stattfinden sollte und der sich bei dem Herrn von Batocki als Jnstmann in Stcllnug befindet, ihm bei der Kontrakt- abschließuug erklärt haben soll, er sei gar kein Sozialdemokrat. Nachdem der Herr Amtsvorsteher sich dann aber wohl lelbst gesagt hatte, daß seine private Unterredung mit dem Jnstmann unmöglich ausreichen dürfte, den Paragraph 7 des RdchsvereinSgesetzes gänzlich in seinem Amtsbezirke auszuschalten, erklärte er in einem zweiten Schreiben an den Veranstalter, daß er die Versammlung verbiete, da Gefahr für die öffentliche Ordnung und Sicherheit zu befürchten sei. Er schrieb das, Gründe für sein Verbot blieb der Herr v. B a t o ck i schuldig, obwohl er nach dem angezogene» Paragraphen zu solcher Angabe gesetzlich verpflichtet war. Gegen den Bescheid des Amisvorstehers wurde Beschwerde ein- gelegt. Aber auch der Herr Landrat v. Brünneck war der Ansicht, daß in dem weltfremden Dorfe KonradSwalde die Ruhe und Sicher- heit gestört werden würde, wenn ca. 60—70 Personen in einem Garten zur ernsten Beratung zusammenkoimnen. Er wies die Be« schwerde als unbegründet zurück. Interessant ist nun eine Stelle im landrätlichcn Schreiben, die folgenden Wortlaut hat: „Die Versammlung unter freiem Himmel sollte an einem Sonntag und in einer Gegend, deren Bevölkerung zum großen Teil den Bestrebungen und Zielen der Sozialdemokratie abgeneigt ist, stattfinden. Die Befürchtung des Herrn Amtsvorstchers, daß hierdurch Gelegenheit zu Reibungen und Ausschreitungen unter den einander gegenüberstehenden Parteien und somit zur Störung der öffentlichen Sicherheit gegeben werden würde, war daher ge- rechtfertigt." Da haben wir also„Gründe". Woher weiß beim aber der Herr Landrat, daß in KonradSwalde die Bcvölk»rmig den„Bestrebungen und Zielen der Sozialdemokratie abgeneigt ist"? Aber wenn schon. darum braucht: doch der Herr Landrat unbesorgt sein. Deshalb sollte ja gerade die Versammlung abgehalten werden, um die Be- völkerung für die Ziele und Bestrebunge» der Sozialdemolratie zu gewinnen. Natürlich ist gegen den Bescheid des Herrn Landrats Beschwerde erhoben worden. ES ist eigentümlich, daß die Behörden durchaus nicht für die öffentliche Ordnung und Sicherheit fürchten, wenn rückständige Volksschichten zusammenströmen, um sogenannte vaterländische Ge- denktage zu feiern. So finden im Kreise Goldap(Ostpreußen) all- jährlich zwischen den Dorfbewohnern von Alt-Bodschwingken und Kerschken Kriegsspiele statt', zur Aufführung gelangt die Schlacht bei Sedan. Auch in diesem Jahre wurde dieser Unfug wieder betrieben. Die Dörfler rücke» dann, in Deutsche und Franzosen geteilt, gegen einander loS. Dabei wird mit Platzpatronen tüchtig geknallt und große Kanonenschläge müssen das Artilleriefeuer ersetzen. An dieser mordspatriotischcn Feier sind die Kriegervereiyler der beiden Dörfer natürlich beteiligt, ebento die Turner und die Schüler aus den Dorfschulen. Auf der deutschen Seite sind einige Dorf- größen als König Wilhelm, Bismarck, Moltke und Roon kostümiert, auf der Seite der Franzosen wieder andere als Kaiser Napoleon, Mac Mahon und Bnzaine. Als diesmal nun die Schlacht bei Sedan zur Aufführung kam, muß die Kriegsbegeisterung besonders gewaltig geglüht haben. Die Preußen stürmten das in eine Festung verwandelte Dorf Kerschken und hierbei ereignete sich ein trauriger Unglücksfall. Die Franzosen wollten eine preußische Fahne erobern, die ein Schul- junge trug und fingen dabei sehr rabiat vor. Aber auch die Deutschen wurden wild und schössen ihre Platzpatronen tüchtig ab, bis der Schuhmachcrmeister Hilgert blutüberströmt am Boden lag, eine au? nächster Nähe abcfeuerte Playpatrone hatte den Unglück- lichcn getroffen und den Unterleib aufgeristen. 24 Stunden später war der arme, aber begeisterte Patriot eine Leiche. Er ließ ein Weib und sechs Kinder in Trauer und Not zurück. Die Dörfler ließen sich aber gar nicht stören. Die„Schlacht" wurde zu Ende„geschlagen", bis. wie verabredet, Kaiser Napoleon seinen Degen überreichte, nachdem die Festung Sedan von den sieg- reichen Preußen eingenommen. Man sollte Derartiges kaum für möglich halten. Bezeichnend für die Rückständigkeit dieser Dörfler ist es aber auch noch, daß der Täter des verhängnisvollen Schusses bei einem Teil seiner Partei Verteidiger fand. die da sagten, daß auf einem Schlachtfelde auch Blut fließen müsse. Die öffentliche Stühe und Sicher- heit war aber hier nicht in Gefahr! Ein„unbefangener" Nichter. Gegen den der Wirtschaftlichen Vereinigung(Antisemiten) an- gehörigen NeichStagSabgeordneten Nmtsgcrichtsrat Kölke schwebt ein Disziplinarverfahren, weil er sich zu Unrecht in einem Be- leidigungsprozeß für unbefangen erklärte. In der Kölle nahe- stehenden„Harzzeituug" erschien ein Artikel, der dem Senator Prüfert in Lautenthal vorwarf, datz er seine Stellung als Senator dazu gebraucht habe, sich persönliche Vorteile zu erwerben. Prüfert stellte Strafantrag gegen den Redakteur Noack von der„Harz- zeining". Vor dem Amtsgericht Zellerfeld kam eS zur Verhandlung. Amlögerichlsrat Kölle führte den Vorsitz. Der Privatkläger lehnte ihn wegen Vesängenheit ab, Kölle aber erklärte sich für u n» befangen und sprach den Redakteur Noack frei! Im B e» rufungSverfahren erkannte später das Landgericht Göttingen auf drei Monate Gcfänznis l! Da an der Unbefangenheit Kölles Zweifel bestanden, wurde das Disziplinarverfahren wider ihn eingeleitet. Letzter Tage fand in Goslar eine Vernehmung durch den Direktor des Land- gerichtS Göttingen statt. Hierbei wurde, wie man der„Braun- schweiger LandeSzeitung" schreibt, unter Eid behauptet. daß Amtsgerichtsrat Kölle damals der„Harz- zeitung" sehr nahe gestanden hat, daß die„Harz- zeitung" auf seine Veranlassung gegründet worden, daß das für die Gründung und Agi- tation aufgewendete Kapital durch Kölle auf- gebracht worden sei und daß er sich das Verlags- recht habe verpfänden lassen! Ferner wurde behauptet, bah Kölle selber o.ft Artikel für die„Harzzeitung" geschrieben habe und daß er den inkriminierten, gegen den Senator Prüfert gerichteten Artikel vor dessen Veröffentlichung gelesen hatte I Es wird erforderlich sein, nach Erledigung deS Disziplinarverfahrens mif diesen symptomatischen Fall Kölle zurückzukommen. Blnnschtuavzer„Zeitgeist". Die ultramontane Presse ist eifrig am Werke, die Sünden, die daS Zentrum bei der Reichsfiuanzreform auf sich geladen hat, da- durch zu vertuschen, daß sie die Gefahr eines drohenden Kulturlampfes und das Hereinbrechen einer„liberalen Aera"(!) an die Wand malt. Anlaß dazu geben ihr die Verhandlungen des ProtestanlenvereinS und dcS Evangelischen Bundes sowie ein Artikel der«G r e n z b o t en", worin ein Katholik die Frage»ntersucht, ob eS den katholisch-dater- ländischcn Bestrebungen, wie sie in der Deutschen Vereinigung zu- tage traten, gelingen könne,„das Zentrum zu zersprengen, eS auf« zulöscn und den Widerspruch einer kouscssionellen Partei überhaupt zu beseitigen?" Der Verfasser kommt zu dem Ergebnis, daß dahin zielende Bestrebuugen„keinesfalls aussichtslos" seien, was der „Kölnischen Bolkszcitung" Anlaß gibt, die Angehörigen des Zentrums zur»Einigkeit und Wachsamkeit" zu mahnen. Das Blatt schreibt: „Was in diesem Artilel ausgesprochen und angedeutet ist, kann nicht als eine private Meinungsäußerung augeschen werden. Jeder Kenner der Verhältnisse weiß, daß eS sich hier um eine symplomatische Erscheinung handelt, um die Auslösung der KämpfeSlust, wenn wir nicht sagen sollen der Zentrums- b e r n i ch t u n g S g e l ü st e. Das eine aber ist dem anderen gleich: fällt das Zentrum, dann ist der Weg frei für die liberale Aera auf wirtschaftlichem und ideellem Gebiet. Denn mit dem Fallen des Zentrums- turmcS würden auch die Grundlagen erschüt:ert, auf denen bisher die Konservativen den A n st u r m des liberalen Zeitgeistes mit Erfolg überstehen konnten." Man weiß, was Nltramomane und Konservalive unter dem „liberalen Zeitgeist" verstehen und wie der„Zeitgeist" beschaffen ist, der ans dem blauschlvarzcn Block hervorgeht. Sogar Bülow war den Konservativen zn„liberal". Wenn sie den liberalen Block- brüdern die Freundschaft gekündigt haben, so nicht zum wenigsten deshalb, weil sie sich dadurch von jeder Verpflichtung auf eine auch noch so geringfügige Aendcrmig des preußischen Wahlrechts lossagen wollten._ DaS Kompromift in HaNc endgültig! Man schreibt uns ans Halle: Die Konservativen in Halle und Saalkreits nahmen in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung Stellung zu der ReichstagSkandidatur des Berliner Komimnialsreisinnigen R e i m a n n. Die Versammlung, von der nicht gesagt wird-, wie sie besucht war, erklärte sich mit allen gegen eine Stimme bereit, die liberale Kandidatur zu unterstützen. Ein Vertreter des M i 1 1 e l st a n d e s, ein Buchdruckcrcibesitzer, erklärte eS für einen Fehler, daß die Konservativen solange untätig gewesen seien und auf die Aufstellung eines eigenen Kan- didaten verzichtet hätten. Der konservative Kandidat wäre sicher mit dem Sozialdcmokraicu in Stichlvahl gekommen. Der Liberale sei für die Handtverker und Gewerbe- treibenden schlimmer als der Sozialdemokrat! Ein Schneidermeister bezeichnete eS als feine GewiffenSpflicht, reiflich zu überlegen, ob er dem liberalen Kandidaten seine Stimme geben könne.— Inzwischen ist auch eine Pressefehde zwischen den Freisinnigen und dim Kon» servativen entstanden, wobei der Freisinn bisher jämmerlich ab geschnitten hat. DaS konserdatibe Organ nannte den Kandidaten Reimann einen.rabiaten Asphaltliberalen tollsten Berliner Kalibers', seine Ausführungen über den Zolltarif und Brotwucher«aufgewärmten Kohl', «kränkende Schmähnngen und Verdächtigungen' und so weiter, schloß seinen Artikel aber, daß man aus Pflichtgefühl für das„kleinere Uebel", den Herrn Reimann, eintreten werde. Die, S a a l e- Z e i t u n g' als Sprachrohr der Freisinnigen protestierte nur schüchtern gegen den Ton des konservativen Artikels und. erklärte am Ende, daß «die Quintessenz dieser Ausführungen im' ganzen Reiche bei den bürgerlichen Parteien ein freudiges Echo' finden werde I— Während dieses Scheingeplänkels mehren sich auch die Stimmen im bürgerlichen Lager, die in der ungeheuerlichen Wabl- Verschleppung eine Gefahr für die„liberale Sache' erblicken. Unsere Genossen stehen angesichts dieser bürgerlichen Zerrcrei, die so recht von innerer Zerfahrenheit und Haltlosigkeit zeugt. Gewehr bei Fuß. Kommt endlich der Tag der Ausschreibung, dann werden sie auf dem Posten zu finden sein._ � Der sächsische Wahlrechtsgraf. Zum bereits gemeldeten Ableben des Ministers a. D, Grafen H o h e n t h a I wird uns aus Dresden geschrieben: Der sächsische Wahlrechtsgraf ist er ironisch genannt worden. Als er sein Amt antrat, erklärte er es für seine wichtigste Aufgabe, dem sächsischen Volke ein Wahlrecht auf breiterer Grundlage zu geben. Seine Vorlage aber war ein Wahlrechtsscheusal schlimmster Art. In dem endlosen, kläglichen Wahlrechtsgezerre, das schließlich zu dem neuen Pluralwahlrechte führte, hat er hin und her geschwankt und ist schließlich vor der konservativ-nationalliberalen Mehrheit kapituliert. Obwohl er anfangs erklärte, nie werde die Regierung einem Plural- Wahlsystem obne Verhältniswahl die Zustimmung erteilen, hat er das neue Bierklassenwahlrecht doch akzeptiert, obwohl es ein reines Pluralsystem ist.— Hohenthals Ministerherrlichkeit war nur von kurzer Daner. Es kann nicht geleugnet werden, daß er bemüht ge- Wesen ist, die sächsische Nadel st ichpolitik einzuschränken. Einige Verordnungen hat er dagegen erlasien, doch die Amtshauptleute fragten wenig nach den Verfügungen des damals schon kranken Mannes; es ging daher trotz Hohenthal in der alten Weise klein- licher Schikanen in den meisten Bezirken weiter. Ein deutsch-russischer Zwischenfall. Die Petersburger Telegraphen-Agentur verbreitet nachfolgende dem Ministerium des Acußern aus C h a r b i n zugegangene Mit- teilung über einen dort vorgekommenen Zwischenfall: Nach den Bestimmungen des Grcnzbezirksgerichts sowie der russischen Gesandtschaft in Peking vom ö. August war verschiedenen Person- lichkeiten die Summe von über 3()lK) Rubel, als von der Brauerei- gesellschaft..Charbin' zahlbar, zugesprochen worden, auf Grund dessen der Gerichtsvollzieher laut Exekutionsschein zum Verkaufe des Brauercieigentums schritt. Unterdessen hatte man in Rußland festgestellt, die Brauereigescllschaft sei keine juristische Person; die Gcldforderungsklage müsse daher jedem Teilhaber einzeln vor- gelegt werden. Unter den Teilhabern befinden sich die beut- schen Untertanen Rublewsky und Roetger, die gegen- den Verkauf ihres Eigentums auf Beschluß des russischen Gerichts pro- testierten. Auf diesen Protest erwiderte das Bezirksgericht, cS sehe die Gesellschaft als juristisdhe Person an, die den russischen Ge- richten unterstehe, weil der Vertrag der Gesellschaft von einem ruf- fischen Notar beicheinigt worden sei und weil die Gesellschaft bisher stets auf Geldfordcrungsklagen reagiert, selbst solche bei dem russi» schen Gerichte anhängig gemacht und dessen Entscheidungen sich als juristische Person unterworfen habe. Dabei wurde erklärt, die deutschen Teilhaber der Gesellsd&aft hätten volle Möglichkeit, Schadenersatz zu verlangen ,m Falle unrechtmäßiger Handlungs- weise des Bezirksgerichts. Am 2t>. d. M. erschien der Gerichtsvollzieher an der Brauerei, deren Tor er geschlossen vorfand, über dem die deutsche Flagge wehte. Er sah sich gezwungen, mit Hilfe der Polizei sich gewaltsam Eintritt zu verschaffen. Dabei wurden zwei russische Polizei- b e a m t e von den im Hofe sich befindenden deutschen Untertanen geschlagen. Die Polizeibeamten zogen ihre Säbel und stellten die Ordnung wieder her. ohne jemand Schaden zuzufügen. Alsdann fand unbehindert der Verkauf der Brauerei durch den russischen Gerichtsvollzieher statt. Der während der Auktion eingetroffene deutsche Konsul erklärte, er habe Weisung er- teilt, keinen Widerstand zu leisten. Die russische Obrigkeit erhob Klage gegen die deutschen Untertanen wegen der der Polizei zugefügten Beleidigung und händigte das darauf sich beziehende Protokoll dem russischen Konsul zur weiteren Uebcrgabe an den deutschen Konsul ein. Dieser erhob seinerseits Protest gegen die von der russischen Obrigkeit verübte Verletzung des Ex- territorialrechtes deutscher Untertanen. Die„Nordd. Allg. Ztg." bemerkt dazu lakonisch, daß von deutscher Seite eine Untersuchung eingeleitet fei. Es scheint sich da um einen russischen Uebergriff zu handem. Die Russen gebärden sich in der chinesischen Mandschurei noch immer als Herren und maßen sich eine Gerichtsbarkeit auch über Nichtrussen an. die ihnen sicher nicht zusteht.-- Zur Geschäftspraxis der Syndikate. Wie kürzlich berichtet wurde, ist auch der StahlwerkSverband dem sich immer mehr zu einer politischen Jnteressenorganisation der Banlfinanz und Großindustrie entivickeludcu„Hansabund' bei- getreten, und zwar soll er sich verpflichtet haben, für je 1000 Tonnen Beteiligung seiner Werke in Rohstahl einen jährlichen Beitrag von 1,50 M., also im Ganzen ungefähr 18 000 M., in die Kasse des Hansabnndes zu zahlen. In die GcschäftspraxiS der industriellen Syndikate und Kartelle Nichteingeweihte werde» sicherlich angenommen haben, daß dieser Betrag vom StahlwerkSverband aus eigener Tasche bezahlt wird. In Wirklichkeit erscheint eS jedoch nicht ausgeschlossen, daß der Wer- band einfach den Betrag von seinen Abnehmern durch Extra- kontributioncn eintreibt. Wie in dieser Hinsicht verfahren wird, zeigt folgendes Rnndschreibe», das die Nordostdentsche Trägerhändlervereinigung zu Berlin, ein Ableger des StahlwcrlSverbcmdeS. an seine Abnehmer gerichtet hat. Das interessante Schriftstück lautet: Berlin W. 8, Leipziger Str. 23, den 27. September 1909. An sämtliche Listenhändler der N. O. T. V. in den Provinzen Brandenburg, Pommer», Ost- und Westpmißen. P. P. In unserer letzten Hauptversammlung ist beschlossen worden. daß sämtliche Firmen für die Ausiiahme in die Listen der Träger- Händler und den Schutz, den unsere Vereinigung ihnen bietet, zur Bestreitung der Geschäitsimkosten einen Beitrag von jährlich 20 M. zu zahlen habe». Das Geschäftsjahr ist das Kalenderjahr, und ist der betr. Jahresbeitrag pränumerando, und zwar in ganzer Höhe zu zahlen, ohne daß hierdurch irgendwelche Ansprüche an die Kasse der Verciiiiguiig begründet Iverden können. Inden, lvir Ihne» von diesem Beschlüsse Kenntnis geben, er- suchen wir Sie, nnS bnldgesälligst Ihr Einberständnis hiermit zu erkennen z» geben, indem wir schon heute darauf hinweisen, daß diejenigen Firmen, welche den vorstehenden Beitrag nicht ent- richten, fernerhin als Trägerhändler von uns nicht geführt werden können und demgemäß aus der Liste der Trägerhäudler gestrichen werden müssen. Hochachtungsvoll.. Nordostdeutsche Trägerhändler- Verenngling. Der Vorsitzende. Klerikale Zetisur. Der FranziSkanerpater E. Schmidt aus München sollte am 1. Oktober in.Koblenz in der Literarischen Gesellschaft einen Vortrag über„Henrik Ibsen als Dichter der Frau' halten. Auf Betreiben der Koblenzer Geistlichkeit ist ihm der Vortrag von den Ordensoberen untersagt worden. Die„Koblenzer VolkSzeitung', das Matt dcS Zentrum-Sabgcordneten Dr. Marcour, heißt die Tat der Ordcnsoberen gut. Sie schreibt:„?. Schmidt behandelt Ibsen eben nur als Literaturhistoriker und Acsthctiker; eine Würdigung des Dichters vom christlichen Standpunkt ans finden wir bei ihm nicht; und das ist es gerade, was wir bei ihm tadeln als katholischem Ordensinann. V.Schmidt gibt sich der verhängnisvollen Täuschung hin, von diesem Standpunkt aus die Theaterwelt für das Christentum zu gewinnen.'_ Wechsel im Bundesrat. Mit dem I. Oktober ist der sächsische BundesratSbebollmächtigte Geheimrat Dr. Fischer, mit dem die Sozialdemokraten manchen Strauß auszufechten hatten, in den Ruhestand getreten. Er hatte die wenig beneidenswerte Aufgabe, die sächsische Polizei- und Nadelstichpolitik im Reichstage zu rechtfertigen: eine Aufgabe, der er mit mehr Eifer als Glück gerecht geworden ist. Wieder ein geweihter Sünder. Der katholische Pfarrer B u ch h o l z aus Emmersweiler Kreis Saarbrücken ist seit einigen Wochen spurlos verschwunden unter Mitnahme zweier Kirchen- lassen, derjenigen von Emmersweiler und St. Nikolaus, einer kleinen Pfarrei, die dlinb Buchholz mit„versehen" wurde. Das Mobiliar des flüchtigen„Diener Gottes" wird z w a n g s- weise vor der Kirche zu Emmersweiler versteigert. Die für „Wahrheit" und„Recht" streitende Zentrumspresse, die jeden Floh im sozialdemokratischen Lager husten hört und die allerkleinste Verfehlung eines Porteigenossen vor die breiteste Ocffcntlichkcit zerrt, verschweigt die Flucht und erst recht die Motive, die den „Gesalbten des Herrn" zur Flucht zwangen, tot und auch die liberale Presse nimmt keine Notiz von dem Skandal. In den streng katho- lischen Ortschaften bis nach Forbach, Rösseln und selbst Völklingen bmauf, sind die tollsten Gerüchte im Umlauf. Danach soll Herr Buchholz ein begeisterter Verehrer des WeinS und des Weibes sein, was dem Bischof seit Jahren bekannt gewesen sein soll, der es denn auch an„väterlichen" Ermahnungen nicht habe fehlen lassen. Es wird erzählt. Herr Buchholz habe nicht bloß Lieb- schaften mit erwachsenen Beichtlindern unterhalten, sondern sich auch an K o n f i r n, a n d i n n e n vergangen, was man als den Hauptgrund für seine Flucht annimmt. Als loeiterer Grund werden seine Schulden angeführt. Den Wein soll er in großen Ouanti- täten bezogen, Lieferungen für andere Pfarrer übernommen, da? Geld einkassiert, die Wein Händler aber nicht bezahlt h a b e n I Bei einen: Forbncher Weinhändler soll er im letzten Jahre für über 1500 M. Wein bezogen und nicht bezahlt haben! In seiner Wohnung habe er öfter große Weingelage abgehalten, zu denen er seine„Brüder in Christo' einlud und bei denen es echt — christlich zuging. Messen habe er sich bezahlen lassen, ohne sie gelesen zu haben uiw. lieber die Höhe der mitgenommenen Gelder aus den beiden Kirchenkasicn gehen die Angaben weit auseinander, doch spricht man von 20 000 bis 25 000 M. Jedenfalls ist die Kontrolle der Kirchenkasse eine so„vorzügliche", daß niemand' weiß, was in der Kasse gewesen ist und wie viel„Hochwürden' mitgenommen hat. Der verfemte„Simplicissiinns". Die bayerische Regierung fühlt sich veranlaßt, das Witzblatt „Simplicissimus' wegen feiner selbst vor der RegieniugSautorität nicht zurückschreckenden Satire zu bestrafen. Der VerkchrSminister v. Fcauendorfer hat den Verkauf der Wochenschrift«SimplicisstmuS' aus sämtlichen bayerischen Bahnhöfen verboten.! Der nervöse Militarismus! Ein bemerkenswerter Fall von Achtungsverletzung und Drohung beschäftigte das Kriegsgericht in Dresden. Am 25. Juni d. I. konzertierte die Kapelle dcS 6i. Artillerie-NegimeutS in Pirna im dortigen Regimcntskasino, wo eine Festlichkeit staltfand, an der eine Anzahl Zivilpersonen teilnahmen. Unter den Musikern befand sich der T r o m p e t e r- S e r g e a n t B e n i k e, der um 1/30 Uhr den Musikmeister ersuchte, w eg e»Kr a n kh e it seinerFrau"weg- treten zu dürfen. DieS wurde dem Sergeanten verweigert. An- geblich weil er bei diesem Konzert notwendig gebraucht wurde I Benike spielte denn auch weiter mit. war aber während der ganzen Zeit von der Sorge um seine kranke Fron erfüllt. Um Val2 Uhr abends wandte er sich abermals mit der Bitte um Dispensienmg an den Musikmeister; jedoch wieder vergebens!? Er bat schließlich, zum Oberstleutnant schicken und dort um Befreiung vom Dienst nach- suchen zu dürfen. Auch dies wurde ihm nicht gestattet! Der Sergeant sagte darauf:„Da könnte ich mich eventuell beschweren!' Als der Dtusikmeistcr den Sergeanten daraus hinwies, daß daZ eine Drohung sei, lachicn einige Trompeter, und auch der Sergeant lächelte. Der Vorfall wurde gemeldet und der Sergeant wegen„AchtungS- Verletzung und Drohung vor versammelter Mannichaft" vor daS Standgerichr gestellt, das'ihn denn auch zu--- 14 Tagen mittleren Arrest verurteilte I Dagegen legte der Angeklagte Berufung ein mit der Bc- grüudung, daß er sich in einer großen Erregung befunden und daß ihm eine AchtimgSverletzung und Drohung ferngelegen habe. Auch habe er das Konzert nicht für Dienst gehalten. Der Verteidiger wies auf die Haltlosigkeit der Anklage hin, daS Kriegsgericht als Berufungsinstanz aber hob das erstinstanzliche Urteil nur insoweit auf, als es die Drohung ausschaltete; im übrigen verurteilte es den Angeklagten wegen„AchtungSverlctziing(weil er gelächelt hat!) vor versammelter Mannschaft' zu der Mindeststrafe von— 14 Tage» mittleren ülrrcst! Etwas Derartiges sollte man nicht für möglich halten, wenn -man nicht wüßte, daß wir in einem nervösen Militärstaat leben. Graf Westarp vor seinen Wählern. Am Mittwoch geruhte der konservative Graf Westarp in seinem Wahlkreise zu erscheinen, um den Wählern Bericht zu erstatten über die segensreiche Schnapsblocktätigleit. die er entfaltet habe. Seine Wähler waren von dieser Tätigkeit allerdings nichts weniger als erbaut. Obwohl in der Versammlung fast nur Anhänger der tonservaiivcu Partei anwesend waren, konnte Graf Westarp sein Referat nur sehr schwer zu Ende führen. In seiner zweistündigen Rede wurde er durch lebhafte Zwischenrufe wie Vertrau euSbruch!'„Fort!"„Wortbruchl" usio. fortgesetzt unterbrochen. Als er fein Referat schließ- lich beendet hatte, traten ihm der Amtsrichter F e l g n e r, Landrichter Jena und Rektor H e n s ch e l entgegen. Sie führten dem Grafen vor Augen, daß feine Politik den Beifall feiner Wähler nicht finden könne, und legten ihm nahe, aus diesem Mißtrauens- Votum die Konsequenz zu ziehen und sein Mandat niederzulegen. Die einzige Hilfe wurde dem Grafen von dem Bezirksvorsitzenden de«— Bundes der Landwirte I Dieser Herr allein war mit der Tätigkeit des Grafen Westarp zufrieden... Graf Westarp zog tiefbetrübt von danneu. Ob er mit sich zu Rate gehen und dem Wunsche seiner Wähler, daS Mandat niederzulegen, Rechnung tragen wird!_ Znm Fall Brehm. Der ans der konservativen Partei ausgeschiedene Generalsekretär Brehm geht noch einmal auf die Gründe seines Rücktritts ein. Er hat, wie er miltcilt, am 20. Mai 1909 an das Berliner Haupt- bureau der Konservativen folgendes Schreiben gerichtet: .... Obwohl es keinen Zweck hat, möchte ich doch kurz be- merken, daß der gesamte vorponmiersche Mittelstand in Handwerk, Kleingewerbe, Beamtentum, bis tief in die Reihen der mittleren Beamten hinein, eine Erbanfallsteuer billigt bezw. verlaugt. Diese Kreise erklären sich, unbekümmert um irgendwelche Gegen- Vorstellungen, den Widerstand der konservativen Fraktion lediglich aus dem Egoismus des Großgrundbesitzes.' Eine Antwort erhielt der Ex-Generalselretär vom Hauptbureau der Konservativen auf diesen Brief nicht. Was hätte das Haupt- bureau der Konservativen auch antworten sollen, da die Wahr- heit selbstverständlich nicht gesagt werden durfte! Berichtigung. In die Notiz„Die letzten der neuen Steuern"(Politische Uebcrsicht) in der gestrigen Nummer des „Vorwärts" hat der Druckfehlerteufel einen entstellenden Druckfehler eingeschmuggelt. Die neue Steuer für Brennstifte zu elektrischen Bogenlampen beträgt nicht 00 Pf. resp. 1 M. Pro Stück, sondern pro Kilogramm. Englanä. r Die Millionäre gegen den Etat. London, 1. Oktober. Der„Standard" schreibt: Eine bedenk- same Erklärung, in der gegen die Budgetvorschläge Einspruch erhoben wird, und die unterzeichnet ist von 30 Ver- tretern von Bankhäusern, unter ihnen N. Rothschild, Daring Brothers, Lord Avebnry, Sir Felix Schuster und Viscount Goschen, ist dem Ministerpräsidenten am 16. Mai unterbreitet worden. Nach- dem sie ohne Wirkung geblieben ist, wird jetzt in der Londoner City eine Petition zur Unterzeichnung vorbereitet, worin die Lords ge« beten werden, den Finanzgesetzentwurf nicht anzu« nehmen, ohne der Nation Gelegenheit zu geben, ihre Wünsche zu dem Gegenstand zum Ausdruck zu bringen. Rußland. Armcnicrversolgtlngen.' -( Uns wird aus armenischen Kreisen geschrieben: Wie bekannt, hat die russische Regierung seit einem Jahre eine allgemeine Verfolgung gegen die Armenier eingeleitet. Unter den Verhafteten befindet sich auch der bekannte armenische Schrift- steller A. Aharonian, dessen Gesundheitszustand so bedenklich ist, daß auch Anatole France, Victor Berard usw. durch die russische Botschaft in Paris die russische Regierung um die Er. leichterung seiner Lage ersucht haben. Trotz dieser Intervention seiner berühmten Kollegen bleibt der beliebte armenische Dichter bis jetzt eingekerkert in Baku, und neulich haben die Acrzte bei ihm galoppierende Schwindsucht festgestellt. In verschiedenen Städten des ganzen Rußlands sind Hunderte von intelligenten Armeniern ins Gefängnis geworfen. Obwohl sie als Revolutionäre und Verschwörer angeklagt werden, besteht ihre Schuld nur darin, daß sie während der von der Regierung selbst im Jahre 1905 inszenierten Tatarenangriffe die Sclbswer- tcidigung der armenischen Bevölkerung organisiert hatten. Die Untersuchung führt der Untersuchungsrichter L i s ch i n, ein ge- fühlloser Tschinownik des alten Regimes, der in letzter Zeit da» durch bekannt wurde, daß er während des großen Prozesses in Noworoßijsk das ganze Untersuchungsmaterial gefälscht hatte, um die Möglichkeit zu haben, die Angeklagten zum Tode ver- urteilen zu lassen und auf diese Weise eine glänzende Karriere zu machen. In den Händen dieses Menschen liegt daS Schicksal von etwa 500 Personen. Serbien. Die dynastische Krise. Unser Belgrader Korrespondent schreibt unS: Wie von zuverlässiger Seite berichtet wird, besteht trotz aller Ableugnungen die dynastische Krise fort. Unsere bürgerlichen Klassen sind des König Peter und seiner Söhne herzlich satt. Die Gründe dafür sind aber keineswegs die, die von der anSländischcn und besonders von der Wiener Presse angeführt werden. Würde der König Peter es nur mit den Anhängern des ermordeten Alexander zu tun haben, er könnte ruhig schläfern Aber die Unzufriedenheit mit der Dynastie hat viel weitere Kreise ergriffen und muß verstanden werden als ein Symptom der vcrzwciselten Stinunung, die gegenwärtig in Serbien herrscht. Der Ausgang der Balkankrise bedeutete für Serbien die Ver- nichtung aller Hoffnungen und Träume aus wirtschaftliche Selb« ständigkcit und vom Ausland unabhängige EntWickelung. Unter dem tiefen Eindruck dieser Enttäuschung bildete sich jene Koalition der bürgerlichen Parteien, die sich bisher auf das heftigste bekämpft hatten und jetzt gemeinsam die Regierung übernahmen. Im Volle aber herrscht große Verzlvciflimg, da man keinen Ausweg zur Lösung aus dem Elend und der nationalen Zerrissenheit und der Wirtschaft- lichen Abhängigkeit sieht. In dieser Stimmung war eS natürlich leicht, in der Dynastie den Sündenbock z» sehen. Und das Verhalten des Exkronprinzcn Georg bietet fortwährend neuen Anlaß zu neuen Konflikten. Der Verlust des Thronfolgerechts hat das pathologische Temperament dieses Menschen nicht gezügelt. Die Regierung mußte daher darauf hinwirken, ihn aus dem Lande zu entfernen, und stieß dabei auf den passiven Widerstand des Königs. Dazu kommen die fortwährenden Versuche des Prinzen Georg, seinen Verzicht wieder rückgängig zu machen. Versuche, die freilich von der Regierung energisch zurückgewiesen werden müssen, da sich die gesamte öffentliche Meinung einstimmig dagegen wehrt. Freilich getrauen sich weder die Regierung noch die bürgerlichen Parteien, die Konsequenzen, die die Situation erfordert, zu ziehen. Nur die Belgrader„Arbeiterzeitung" hat rund heraus erklärt� daß daS mon» archistische Uebel, unterdem Serbien leide, nur geheilt werden könne, wenn man es radikal anpackt. Serbien werde nur dann Ruhe für die ihm so dringend uotwendige EntWickelung erhalten, wenn die Monarchie als Institution überhaupt beseitigt werde. Das einzige Heilmittel für das monarchistische Uebel sei die Republik. Die bürgerlichen Parteien sind freilich anderer Meinung und hoffen noch immer durch die Ersetzung dieser Dynastie durch eine andere eine Besserung. Sie werden sich wieder täuschen und wir können nur hoffen, daß die Kosten dieser Täuschung für das serbische Volk nicht allzu hohe seien. IVlontenegro. Eine Verschwörung des Thronfolgers. Cetinsc, 1. Oktober. Die Untersuchung über das vor einigen Tagen entdeckte Komplott hat ergeben, daß dieses zu dem Zwecke organisiert worden war, die Regierung zu stürzew, die wegen der Bombenaffäre vom Jahre IM? zu Kerkerstrafen verurteilten Personen zu befreien, den Fürsten Nikolaus zu entthronen und den Prinzen D a n i l o zum F ü r st e n zu proklamieren sowie die jetzigen Minister zu töten. In das Komplott sind etwa zwanzig Personen verwickelt, von denen fünfzehn bereits nach Albanien geflüchtet sind. Die Anstifter der Verschwörung haben bei der Bevölkerung keine Unterstützung gefunden. sVlavokko. Ei»»euer Augriff der Maureu. Oran, 1. Oktober. Eine aus Reitern der Stämme Ist:! BraneS, el Riata und Hiana zusauuncngesetzte Harka befindet sich im Vormarsch gegen das von den Spaniern besetzte S e l n a n. Nach amtlicher Meldung auS Melilla hatten die Truppen dcS Generals Orozco bei einem ErkundimgSmarsiMvon Celan nach Suk el DjenniS folgende Verluste: Gcueral�Diaz Vicario, zwei Haupileute, ein Leutuant und 14 Mann tot» etwa 130 Mann ver» wunoet. Gewerklcbaftlicbee* Rohtauscher. Wie eZ die Gelben verstehen, die Oeffentlichkeit über die wahre Zahl ihrer Anhänger zu täuschen, lehrt folgender Vorgang: Der Bund der gelben Bäcker hielt am S. September seinen diesjährigen Bundestag in Kassel ab. Der Vorsitzende dieses Bundes, Kaufmann und Zigarrenhändler Wischnöwski er- klärte dort in seinem Bericht, daß der Bund zurzeit IL Zweige bünde, 200 Ortsgruppen und 10 038 Mitglieder zähle. Es wäre daS, wenn diese Angaben vor einer Nachprüfung bestehen könnten, ein kolossales Wachstum der Gelben, da sie ja erst seit 3l4 Jahren existieren. Diese Angaben sind aber unwahr. Der Hauptkassierer des Bundes gab in seiner Rechnungslegung nämlich bekannt, daß die Gesamteinnahmen des Bundes im letzten Jahre sich auf nur 4553,70 Mark belaufen haben. Der jährliche Bundesbeitrag aber beträgt pro Mitglied 1,80 M., das sind pro Monat und Mitglied 15 Pf. Wären diese 10 038 Mitglieder des gelben Bundes wirk- l i ch vorhanden, so hätten sie bei nur zehn Monatsbeiträgen a 15 Pf. pro Mitglied die Summe von 15 057 M. aufbringen müssen. Eingekommen aber sind insgesamt nur 4555,70 M. Diese Summe stammt aber nicht etwa lediglich aus Mitgliedcrbeiträgen, sondern es sind darin enthalten: 1. der Kassenbestand vom Vor- jähre, 2. die freiwillig geleisteten Zuwendungen, die ja leider nicht kontrolliert werden können. Im Vorjahre wurde der alte Kassen� bestand vom Hauptkassierer mit 2008,25 Mark, und die frei willigen Zuwendungen mit 220,21 Mark, zusammen 2228,40 Mark angegeben. In diesem Jahre haben die Angaben über den Kassenbestand und die freiwilligen Zuwendungen gefehlt. Es ist aber sicher anzunehmen, daß dieselben,— besonders die freiwilligen Zuwendungen, die ja zumeist von Bäckerinnungen herrühren, viel größer gewesen sind, als im Vorjahre. Nehmen wir aber diese Summe von 2228,46 M. auch in diesem Jahre als Kassenbestand vom Vorjahre und freiwillige Zuwendungen an, so bleiben von der Gesamteinnahme nur noch 2327,24 M., die von den Mitgliedern als Beiträge gezahlt wurden. Nimmt man nun an, daß im Durch- schnitt jedes Mitglied 10 Monatsbeiträge a 15 Pf., das ist pro Jahr 1,50 M. bezahlt, so bleiben von den 10 033 Mitgliedern, die der Präsident Wischnöwski angegeben hat, ganze 1552 Mitglieder übrig, die in Wirklichkeit vorhanden sind. Das ist dann die ganze Herrlichkeit bei den gelben Bäckern, vorausgesetzt natürlich, daß die freiwilligen Zuwendungen nicht bedeutend höher waren, und daß in der Summe von 4555,70 nicht auch noch die Schuldscheine a 10 M. enthalten sind, die der gelbe Bund seit April d. Js. her- ausgibt, um die Kaufsumme für die gelbe Bundeszeitung im Be- trage von 10 000 M. aufzubringen. Aber noch ein anderes Kunststück haben diese gelben Macher fertig bekommen! Sie verkünden in allen Jnnungszeitungen und auch in ihrem Organ, daß der Bund in diesem Jahre mit einem Ueberschuß von 0800,15 Mark abschließt. Dieses Kunststück aber haben sie dadurch fertig gebracht, daß sie nicht bezahlte Beiträge — Außenstände nennen sie es— als Kassenbestand führen. Ob sie aber von diesen 8100 M. auch nur einen Pfennig einnehmen werden, wissen sie selbst nicht; es ist auch mehr als zweifelhaft. Nach Abzug dieser 8100 M.„Außenstände" aber verbleibt ihnen nur noch ein Kassenbestand von 1700,15 M. Es ist anzunehmen, daß 6000 Mitglieder im verflossenen Jahre keine Beiträge mehr bezahlt, d. h. den Gelben den Rücken gekehrt haben. Die gelbe Vundesleitung aber bucht diese nicht gezahlten Beiträge schlankweg als vereinnahmte Gelder, als Kassenbestand. So sucht man die Oeffentlichkeit zu täuschen. Bekanntlich hat ja der Präsident der Gelben, Kaufmann und Zigarrenhändler Wischnöwski, in einer Petition an den Reichstag darauf hin- gewiesen, daß der gelbe Bund zurzeit über 10 000 Mitglieder be- sitze. Wie groß aber die Zahl der Mitglieder in Wirklichkeit ist, zeigt der Kassenbericht. Natürlich haben die gelben Drahtzieher das größte Interesse daran, daß die Oeffentlichkeit keine Gelegenheit findet, ihre An- gaben über ihre Mitgliederzahl nachprüfen zu können. Das jetzige Organ dieser Gelben,„Der Deutsche Bäcker- und Kondiwrgehilfe" hat deshalb auch keinerlei Angaben über Einnahme und Ausgabe gebracht, sondern lediglich sich darauf beschränkt, den sogenannten jetzigen Kassenbestand zu veröffentlichen und zwar einschließlich der 8100„Außenstände", d. h. nicht bezahlter Bundesbeiträge. Der „Internationalen Rundschau für Bäckerei und Konditorei", die von dem Ehrenmitgliede des Bundes, Wilhelm Hartmann, her- ausgegeben wird, der ja den Bundestag selbst besucht hat, der- danken wir die Angaben über Einnahme und Ausgabe, sowie die »Außenstände". So betrügen die Gelben die Oeffentlichkeit. Verlin und Umgegend. Der Transportarbeiterverband hatte in Berlin bisher vier ge- trennte Verwaltungen mit selbständigen Leitungen und Geschäfts- führungen. Seit längerer Zeit machte sich das Bestreben geltend, die vier Verwaltungen aus praktischen Gründen zusammen- zulegen. Schließlich haben auch die einzelnen Verwaltungen sich für den Zusammenschluß erklärt.— Am Donnerstag tagte in der Brauerei Friedrichshain eine außerordentliche Generawersamm- lung der Mitglieder aller Verwaltungen, um die Grundlagen der neuen Organisationskörperschaft festzulegen und deren Leitung zu wählen.— Wie der Vorsitzende Werner mitteilte, ist für die neue gemeinsame Verwaltung des Bezirks Groß-Berlin folgende Einteilung vorgesehen: Die Gliederung nach Verufsgruppen bleibt im allgemeinen so bestehen, wie sie durch die bisherigen Verwaltungsstellen gegeben war. Die Verwaltungsstellen heißen nunmehr Sektionen. Es sollen fünf Sektionen gebildet werden, und zwar 1. Handelsarbeiter, 2. Transportarbeiter, 3. Straßen- bahner, 4. Droschken- und Automobilführer, 5. Industriearbeiter. Jede Sektion soll in Branchen eingeteilt werden. Außerdem ge- hören die Agitationsbezirke Charlottenburg und Köpenick zum Be- zirk Groß-Berlin. Die Bezirksverwaltung soll aus 21 Mitgliedern bestehen.— Die Versammlung stimmte diesen Vorschlägen zu. In die Bezirksleitung wurden gewählt: 1. Bevollmächtigter Werner. 2. Bevollmächtigter Knütter. Kassierer Steinicke. Schrift- führer L i e b e n o w. Sektionsleiter der 1. Sektion W a p p l e r, der 2. Sektion U t h e s, der 3. Sektion O r t m a n n, der 4. Sektion Becker, der 5. Sektion F r o m k e.— Branchenleiter der Ge- schäftSkutscher Hadbart, der Bierfahrer Suchard, der Roll- kutscher Sprenger, der Kohlenarbeiter D i l l g e, der Jugend- lichen Schröder, der Weiblichen Fräulein Philipp, der Handelsarbeiter Paul Müller. Braunert. Luckow. der Autoführer Abraham; Vertreter des Bezirks Köpenick jvreitenborn. des Bezirks Charlottenburg Nordmann. Achtung. Stcinarbeiter! Kollegen! Granit-, Kunststein-, Marmor» Sandsteinarbeiter, vergeht nicht morgen. Sonntag zwischen 0 und 12 Uhr. Euer Mitgliedsbnchsbuch in einem der bekannten Lokale zur Kontrolle vorzulegen.„VorwärtS"-Abonnenten und Wahlvereins- Mitglieder haben auch hierfür Legitimationen mitzubringen. Zentralverband der Steinarbeiter Deutschlands. Ortsverwaltung Berlin. Bureau: Seydelstrahe 30. Achtung, Fliesenleger? Nachdem die Firma Schachtzick u. Mellin am 4. August vordem Gewerbegericht erklärt hat, daß die Arbeiten auf dem Neubau Hertzbergstr. 55 in Akkord auszuführen seien, erklärten sich die in Frage kommenden Organisationsvertreter damit einverstanden. Des weiteren wurde bereinbart, daß die betreffende Arbeit seitens der Organisation beaufsichtigt wird. Dies ist auch bis dato ge- schehen. Im Laufe der Zeit wurde durch verschiedene Geschäfts kniffe offenbar, daß der Firma das bisherige System nicht ge- nehm war. Man wollte einen Keil in die Einigkeit der Fliesen leger treiben, indem man die Vertrauenspersonen durch Ver sprechungen für die Interessen des Geschäfts zu gewinnen suchte. Diese Absicht wurde aber durch die Standhafligkeit der in Frage kommenden Kollegen vereitelt. Dir Firma Schlachtzick u. Mellin erklärte nun, nachdem sämtliche Manipulationen versagt hatten, daß alle auf dem Bau Hertzbergstr. 55 arbeitenden Fliesenleger den Bau zu verlassen haben. Wir erwarten, daß die Fliesenleger Berlins und Umgegend hiervon Kenntnis nehmen und der ge nannten Firma die gebührende Antwort erteilen. Alle Anfragen betreffs dieser Firma beantwortet der Arbeitsnachweis der Fliesenleger Berlins und Umgegend. Vom Montag, den 4. Oktober ab befindet sich der Arbeits� Nachweis der Fliesenleger und Hilfsarbeiter in der Schützen straße 18/19, Telephonamt l 7730. Alle arbeitslosen Fliesenleger und Hilfsarbeiter haben sich dort zu melden, und sind auch alle Meldungen nach dort abzugeben. Die Geschäftsstundcn sind außer Sonnabends von 6— 8 Uhr abends und Sonnabends von 5— 7 Uhr. Als Legitimation dient die Jnvalidcnkarte. Die Geschäftsstelle der Fliesenleger und Hilfsarbeiter. I. A.: H. Wald heim. Oeiftsebes Reich, Eine Warnung für die Heizungsmontenre, Rohrleger und Helfer Deutschlands. Im borigen Jahre hatten die im Deutschen Metallarbeiter-, Schmiede- und Kupferschmiedeverband organisierten Heizungsmon- teure, Rohrleger und Helfer Berlins dem Unternehmertum den Streik erklärt, da ihnen zugemutet wurde, einen Tarif abzu- schließen, welcher eine gewaltige Verschlechterung der bis dahin be- stehenden Lohn- und Arbeitsbedingungen bedeutete. Durch das Verhalten des sogenannten„Allgemeinen Deutschen Metallarbeiter- Verbandes", an dessen Spitze Herr Wiesenthal steht, waren die Arbeitgeber in die Lage versetzt, die durch die streikenden Ar- beiter freigewordenen Plätze zu besetzen, und so erlebte man das Schauspiel, daß eine Arbcitergruppe der andern den Streik illu- sorisch machte und ein berechtigter Kampf als erfolglos beendigt werden mußte. Was war denn nun der Lohn der Arbeitgeber an diese Leute, welche während des Streiks so warm die Unternehmer- interessen vertreten hatten? Die in Frage kommende Unternehmer- organifation hatte einen Tarif mit dem„Allgemeinen Deutschen Metallarbeiterverband", den Hirschen und den Gelben abgeschlossen. Der Deutsch Metallarbeiterverband sowohl als auch der Zentral- verband der Schmiede und der Kupferschmiedeverband haben es als nicht ihrer Würde entsprechend erachtet, sich in solch Gemeinschaft zu begeben; die Mitglieder dieser Verbände arbeiten tariflos. Wie sieht nun der von den Unternehmern geschnkte und von den angeblichen Arbeitgebervertretern mit offenen Händen emp- fangene Tarif aus? Was sind die praktischn Folgen desselben? In diesem Tarif wurde der schon im Jahre 1905 vereinbarte Stundenlohn(für Rohrleger 65 Pf., für Helfer 47� Pf.) wieder fest- gesetzt. Wenn auf Bau gearbeitet wird, gibt es 21Ai Pf. mehr. Doch die Unternehmer kehren sich nicht daran! So werden Rohrleger, welche bei einer Firma schon mehrere Jahre beschäftigt sind, mit 55 Pf. Stundenlohn abgespeist, die Helfer mit 40 bis 45 Pf. Bei einer auderen Firma wird ein Mann, wclchr nach seinen Papieren ein perfekter Monteur ist, mit 57� Pf. pro Stunde entlohnt. Laut Tarif können die Arbeitgeber Hilfsmon- teure beschäftigen. Jedoch machn bei einer Firma Hilfsmontcure selbständige Arbeiten. Eine Firma, deren Mitinhaber eine führende Rolle in der Schlichtungskommisswn spielt, hat eine richtige Hilfs- Monteur- und Lehrlingszüchterei errichtet. Dieselbe Firma hat auch gleich nach Abschluß dieses famosen Tarifs eine gelbe Organisation 'ür die bei ihr beschäftigten Rohrleger und Helfer gegründet. Ver- Ftsiedene andere Firmen taten dasselbe. Das sind die„Erfolge" ?er Tarifbewegung des Herrn Wiesenthal und seiner Gefolg- 'chaft von 1903. Für dir Hcizungsmonteure ist der Stundenlohn bei Monteuren in keiner Weise garantiert, sondern der Stunden- lohn und die Arbeitszeit bei auswärtigen Arbeiten unterliegt der reicn Vereinbarung. Nun hat man auch noch für die Gas- und Wasscrrohrleger einen Akkordtarif geschaffen und somit einen lange gehegten Wunsch der Arbeitgeber ersüllt. Wie die Kollegen über diese„neue Errungenschaft" denken, ist durch eine Resolution, welche in einer Rohrlegerversammlung vom 29. August d. I. ange- nommen wurde, am besten bewiesen. Dort wurde dieser Akkord- tarif als eine schwere Berufsschädigung bezeichnet.� Aus allen diesem können die in dem Heizungsfach beschäftigten Arbeiter sowie auch die Gas- und Wasscrrohrleger ersehen, was ür eine schwere Schädigung der eigenen Berufsintenessen, was für eine Gefahr fiir die Zukunft des gesamten Berufes es bedeutet, wenn man eine solche„Arbeitervereinigung" wie es die„Wiesen- thaler" sind, noch in irgend einer Weise unterstützt. Hoffentlich ziehen sie die richtige Schlußfolgerung daraus und agitieren überall unter ihren Kollegen fiir die Zugehörigkeit zum Deutschen Metall- arbeiterverband. Nur wenn sich die Rohrleger geschlossen in einer wirklich machtvollen Organisation zusammenfinden, können sie er- olgreich für die Verbesserung ihrer Lage kämpfen! Gewcrkvcreinler für de» Schnapsboykott. Eine Versammlung der Vertreter des Magdeburger Orts- Verbandes der Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine beschloß, alle Mit- glieder der Gcwerkvereine aufzufordern, keinen Schnaps mehr zu trinken._ Der Streik der Steinmetzen in Hiltrup bei Münster in _ e st f a l e n ist mit einem Erfolge der Streikenden beendet worden, obgleich sich ein Vertreter des christlichen Keram- und Steinarbeiter- Verbandes bei dem Unternehmer erbot, genügend christliche Arbeits- willige liefern zu wollen._ Sozialce» Die Betriebskrankenkassen zur Rcichsversicherungsordnung. Unter dem Vorsitz des Direktors bei der Firma Krupp, Justizrat Wandel, tagten die Vertreter der deutschen Betriebs- krankenkassen gestern im„Savoy-Hotel" in Berlin, um Stellung zu nehmen zu dem Entwurf der Rcichsversicherungs- ordnung. Die Vertreter nahmen eine Resolution an, aus der wir folgendes hervorheben: Die weitgehenden Verwaltungs- bcfugnisse der Versicherungsäinter bedeuten eine Beschränkung der gesetzlich gewährleisteten Selbstverwaltung: sie erfordern einen großen, teuren Apparat und könnten zudem nur auf Grund der Angaben der Kassen ausgeübt werden. Parität bestände in den Schiedsausschüssen zur Schlichtung von Streitigkeiten mit Aerzten und Apotheken nicht, wenn mehr Aerzte als Kassenvertreter zugezogen werden. Die Beseitigung der Bestimmung, welche eine Verschmelzung eines Teiles der Bctriebskrankenkassen mit den Ortskrankenkassen herbei- führen, und andere Betricbskrankenkassen beschränken würde, wird mit Entschiedenheit gefordert. Die Bestimmungen zur Regelung des Verhältnisses der Krankenkassen zu den Aerzten und Apotheken werden als nicht ausreichend erklärt. Die gesetzliche Pflicht der Krankenkassen, bei Krankheitsfällen ärztliche Hilfe zu ge- währen, erfordere auf der anderen Seite einen Zwang für die Aerzte, diese Hilfe zu l e i st e n. Mit der Absicht, die freie Apothekenwahl grund- sätzlich einzuführen, konnte man sich nicht einverstanden er- klären. Auch dagegen wandten sich die Vertreter, daß eine Erhöhung der Ersatzleistung bei Uebernahme von Heilder fahrest Hürth die Unfallberufsgenossenschaften und Invaliden» Versicherungsanstalten eintreten solle. Das würde auf die Absicht hinauslaufen, daß sich die Bcrufsgenossenschaften und Versicherungsanstalten auf Kosten der Krankenkassen be- reichern würden. Man sieht, daß die wahrlich nicht sozialdemokratischer Ansicht huldigenden Betrieskrankenkassen mit den Orts- krankenkassen und mit der Sozialdemokratie in der Verurtei,- lung der Beschränkung der Selbstverwaltung durch die Reichs- verficherungsordnung'in vielen Punkten übereinstimmen. Neugestaltung der UnfallverhlltungSvorschriften. Das Reichsversicherungsamt hat an den Verband der Deutschen Bcrufsgenosicnschaften ein Schreiben gerichtet, in dem es eine anderweitige Gestaltung der Unfallvcrhütungsvorschristcn anregt. Es heißt darin u. a.: „Die Unfallverhütungsvorschriften der meisten Berufs- gcnossenschaftcn haben allmählich einen Umfang angenommen, der ihrer genauen Kenntnisnahme und Befolgung durch Betriebsunter- nehmer, Beamte und Arbeiter nicht förderlich sein dürfte. Soll den beklagten Uebelständen abgeholfen werden, so werden die Vor» schriften sachgemäß beschränkt, außerdem aber auch in einzelne Gruppen aufgelöst werden müssen, die für sich in den betrefjcnden Betriebsstätten bekanntzugeben wären. Auch ließen sich für viele Gewerbszweige getrennte Vorschriften für Hand- und Maschinen- betrieb aufstellen. Dies hätte den Vorteil, daß in einer großen Zahl von Betrieben nur die einfacheren Vorschriften der erst- genannten Betriebsart ausgehängt zu werden brauchten. Für be- sonders gefährliche Bctriebseinrichtungen könnten auch kurzgefaßte Anleitungen zur Verhütung von Unfällen bei ihrer Bedienung auf- gestellt und in Plakatform an den betreffenden Arbeitsstellen cn- gebracht werden. Einige Berufsgenosscnschaften sind bereits in dieser Richtung vorgegangen. Im Interesse einer noch wirksameren Durchführung der Unfallverhütungsmaßnahmeu ist es erwünscht, daß auch die übrigen Berufsgcnossenschaften diesem Beispiele folgen. Es käme daher zunächst in Frage, die vom Verband im Jahre 1896 veröffentlichten Normalunfallverhütungsvorschriften mit Rücksicht auf die inzwischen gemachten Erfahrungen vmzuge. stalten. Auch wäre zu erwägen, die Normalvorschristen auf andere Gebiete der Unfallverhütung, z. B. für elektrische Einrichiumzen und für die gebräuchlichsten Holz- und MetallbearbdtungS- Maschinen, auszudehnen und für bestimmt in den Normal- Vorschriften behandelte Betriebseinrichtungen kurzgefaßt; An» Icitungen aufzustellen."_ Hus Industrie und f>andel» Die wirtschaftliche Krise in der Metallindustrie. Kaum ein anderer Industriezweig ist von der wirtschaftlichen Krise so hart betroffen worden wie die Metallverarbeitung. Die angerichteten Verheerungen sind ganz furchtbare. Am deutlichsten kommt das zum Ausdruck in de nBerichten der Eisen» und Stahl- Berufsgenossenschaften für das Jahr 1908, die nunmehr voll- ständig erschienen sind. Diese Genossenschaften, acht an der Zahl» welche die gesamte deutsche Eisen- und Stahlboarbcitung umfassen, zählten im Jahre 1907 zusammen 1 200 269 Vollarbeiter, welche 1 494 464 000 M. an Löhnen und Gehältern erhielten. Im Jahre 1908 wurden nur 1 177 799 Arbeiter gezählt, die 1444 659 289 M. an Lohn erhielten. Es hat demnach die Zahl der be- schäftigten Arbeiter um 22470 und die Summe der gezahlten Löhne um 50804711 M. abgenom» m e n. Verhältnismäßig ist der Rückgang der Löhne größer als der der Arbeiterzahl. Das hat seinen Grund darin, daß statt Ar- beitcrentlassungcn vielfach Feierschichten vorgenommen wurden. Infolgedessen sind also auch die durchschnitt- lichen Löhne sämtlicher Arbeiter zurückgegangen und zwar von 1245 M. im Jahre 1907 auf 1227 M. i m Jahre 1908. In den einzelnen Beriifszweigcn und Gebietsteilen war der Einfluß der Krise natürlich ein sehr verschiedener. Am stärksten war er wohl bei der Südwcstdcutschen Eiscnberufsgenosscnschaft, welche Elsatz-Lothringen umfaßt. Bei dieser verminderte sich die Zahl der beschäftigten Arbeiter von 76 354 auf 60 507 und die Summe der gezahlten Löhne von 93 Millionen auf 71 Millionen Mark. Im Jahre 1907 entfiel auf einen Arbeiter ein Durchschnitts- lohn von 1230 M., im Jahre 1908 aber nur von 1195 M. Schlechte Geschäfte hat auch die Rheinisch-Westsälische Hütten- und Walz- wcrksindustrie gemacht. Bei dieser verminderte sich die Arbeiter- zahl von 174 863 auf 168 442 und die Summe der gezahlten Löhne von 266 auf 251 Millionen Mark. Bei der Sächsisch-Thüringischcn Eisen- und Stahlberufsgenosscnschaft verminderte sich die Zahl der Arbeiter von 156 042 auf 152 070, die gesamte Lohnsumme von 179 auf 172 Millionen Mark und der Durchschnittslohn eines Arbeiter» von 1148 auf 1137 M. Verhältnismäßig am günstigsten war die Situation noch in Schlesien. Auffällig ist das Ergebnis der Nord» östlichen Eisen- und Stahlberufsgcnossenschaft(Brandenburg, Pom- mern, Ost- und Westpreußen), bei welcher die Zahl der Arbeiter von 123 765 auf 124 948 stieg, die Lohnsumme sich aber von 148 auf 144 Millionen Mark verminderte. Einen ähnlichen Rückschlag hatte die deutsche Metallverarbeitung nur im Jahre 1907 gegenüber dem Vorjahre zu verzeichnen; doch war hier die Verringerung sowohl der Arbeiterzahl als auch der Lohnsumme nicht so erheblich wie 1903. Letzte I�acbricbten und Oepelcben. Bergmanns Los. Helmstedt, 1. Oktober.(W. T. B.) Von den drei auf der Grube„Prinz Wilhelm" verschütteten Bergleuten sind bis 41/2 Uhr nachmittags zwei gerettet worden. Der dritte, Rincke, liegt noch unter den Sandmassen begraben.(Siehe unter Vermischtem.)_ Ein Reichstagsabgeordncter verurteilt. Flensburg, 1. Oktober. Die Strafkammer verurteilte den Reichstagsabgeordueten Hansien, Herausgeber des dänischen Blattes„Heimdal", wegen Beleidigung des Vorsitzenden des beut- scheu Vereins für das nördliche Schleswig, Dr. Hahn in Flcns- bürg, zu 400 M. Geldstrafe eventuell 14 Tagen Haft. Die Be- leidigung wurde erblickt in einem Artikel, in dem der Angeklagte die Enteignungsvorlage in der Ostmark besprach und damit die Zu- stände in Nordschleswig in Verbindung brachte.> Um den Nordpol. Washington» 1. Oktober.(W. T. B.) Die National Gcogra- phical Society hat, nachdem ihre Direktoren kürzlich beschlossen haben, die Frage der Auszeichnung ihrer Mitglieder Cook und Pcary erst aufzunehmen, nachdem deren Berichte wissenschaftlich geprüft sind, jetzt den Beschlust gefastt, Cook bei Gelegenheit seines am Sonntag hier stattfindenden Vortrages als den Entdecker des Nordpols offiziell nicht anzuerkennen. Türkisches. Saloniki, 1. Oktober.(W. T. B.) Der neue Mali von Salo- niki, Ibrahim Bei, ein Sohn des Scheich ül Islam, hat die Polizei veranlaßt, den türkischen Frauen bei Strafe zu verbieten, sich in der Oeffentlichkeit unverschleiert zu zeigen. Der Wali ließ ferner alle Mohammedaner auffordern, die für den Ramasan vorgcschric- denen Fasten einzuhalten Wer in dieser Zeit öffentlich esse oder trinke, solle verhaftet werden. Die Kundgebung erinnert zum Schluß die Mohanrmedoner daran, daß die Zeit gekommen sei, streng an den Satzungen des Korans festzuhalten, und wirft ihnen vor, die Pflege der Religion vernachlässigt zu haben._ Perantw. Redakt.: Emil Nnger, Grunewald. Inseratenteil verantw.: LH. Glocke, Berlin. Druck u.Verlag: Vorwärts Buchdr.u. VerlagSanstatt PaulSinger Sc Co., Berlin LW. Hierzu 4 Beilagen u.Nntcrhaltungsbl. Nr. 230. 26. Jahrgang. 1. Iriltgt des, Amiirls" Arlim AlksdIM Zonilahtud. 2. Olitober 1W. 6,55. 6197 Töpler 2l,25. Müller, Br rien ichwerlischei» Seneralltreili. Bei der Berliner Gewerlschaftskommission gingen ferner für die ausgesperrten und im Generalstreik stehenden schwedischen Ar- beiter ein: Stellmacher v. Gründler 6,60. Max Hensel 10,—. St. N. 3,—. Verband der Tapezierer Filiale Berlin aus folgende Listen: 2129 6,—. 2133 7 75. 2169 Werlst. L. PeK> 11,95. 21716,20. 2192 Werkst. Keller u. Reiner 12 80. 8119 N. Israel 12,85. 9261 GroschkuS 11,25. 9265 Jahn 11,30. 9981 2,—. 9984 Werkst. Reckling 7,50. 10871 Kunst und Handwerk 12,—. 10877 Ditstnar, 4. Rate 16,—. 10878 Hohenzollern 13,50. 10881 Werkstatt Treichert 7,—.(In«umma: 114,65 Mark.) Fliesenleger und Hilfsarbeiter der Stcttiner Firma 21,— Bau Gebert, Schmargendorf 3,25. 12198 Tischlerei Prachtel, 3. Rate Tischlerei Ludwig Lüdtke, 7. Rate 11,40. 12113 Gießerei Gebr. 5. Rate 6,50. Freie Turner, Lichtenberg, 2. Rate 6,—. 11834 Buch- druckerei Berg u. Schach 5,75. Personal o. C. Lehne 11,—. Drei Tapezierer zgjlt 3,—. Töpfer der Firma Kunde 12,55. Eduard Bernstein, Betrag eines Honorars 20,—. Ueberschutz der Kranzspende der Rohrleger der A. E.-G. K.-W. O. 5,—. Maler v. L. u. H., Nieder- Schöneweide, 5. Rate 2,20. R L. u. M. St., Friedenau 10,—. Sparvcrein Zufriedenheit 1907 8,30. Sieben Stukkateure v. Bau Hardenbergs�. 41 6,50. Hausdruckcrei Berthold, 5. Rate 4,10. Reinhold Baumann 1,—. Von den Kollegen der Bautischlerci Raetz 4,40. Radsahreroerein 15,—. Firma H. Lüdtke, Möbclfabr. Pankow, 3 Rate 18,45. Kontobuchfabr. Alexander Weber 8,—. Frau B. Berlin, Heinersdors 5,—. Hilssarbeiter der„Deutschen Tageszeitung", 7. Rate 7,15. Kesselschmiede, Abt. 9 der Firma A. Borsig, Tegel 11,05. Maler von Gutknccht u. Becker. 3. Rate 11,50. Von den Kollegen der Kessel- Montage, Tegel, 4. Rate 5,—. Sozialdemokratischer Verein München 165,—. 9919 Buchdruckerei H. Tbeinhardt 6,95. 9486 Buchbinderei Hildebrandt u. Stephan 5,60. Stocksabrik F. Retzlaff, 3. Rate 9,—. 12176 Kronleuchter- sabrik Hauschild u. Co.. 3. Rate 18,85. Gürtler v. Moser 25,—. 10901 Metallarbeiter von Matthay 13,75. 9918 Vcrbandsmitglicder und Hilss- arbeit« von Liebheit u. Thiesen 8,—. 11811 Kronleuchtersabrik von Gan- screit u. Co. 11,50. 12062, 12063 und 12064 Buchbinderei ASHelm, 7. Rate 46,30. 9916 Buchdruckerei W. Greve, 6. Rate 13,25. 9816 Buchdruckerei Streisand 6,15. Kraswerein Achilles 9,85. Kraftvercin Herkules 5,35. 9462 Luchbinderei Wucherpsemiig 8,—. Lindendruckerci(Nat.-Ztg), 7. Rate 64,05. Buchdruckerei Simion Nachs., 6. Rate 8,60. Korbmacher von Heine. mann, 5. Rate 6,15. 11966 Kollegen von H. Gundclach, 7. Rate 14,10. 11790 Tischlerei v. Blankenburg u. Schnabel, 7. Rate 11,05. 10927 Tischlerei von Zache, 4. Rate 10,—. 9430 Buchbinderei Thomas 9,40. 9907 Seher und Drucker von Moritz u. Kummer, 3. Rate 4,90. Tischlerei Wähler u. Schwab, 6. Rate 7,80. 11338 Tischlerei und Maschinenarbeiter v. Wolshardt u. Goldschmidt, 7. Rate 15,45, 11964 Verbandsmitglieder der.Deutschen Tageszeitung", 6. Rate 29,10. 11247 Töpfer Nenban Danziger Str. 5,50. 9619 Töpfer Neubau Fricdelstraße 12,—. 10931 Dillmars Möbelfabrik, 6. Rate 16,25. 10413 Metallarbeiter von Schulz, Hasenhcide, 6. Rate 15,55. 10921 Tischlerei Schulz u. Hinsche, 4. Rate 10,65. 12116 Silberwarensabr. v. Freund 9.—. 11968—11973 Buchbinderei Lüdcritz u Bauer, 4. Rate 57,45. Kollegen der Möbelsabr. Phönix 15,35. Tischlerei Schuster, Böhm u. Co., 4. Rate 10,40. Jugendweihe Buttmannstr. 7 2,20. 9934 Buchdr. O. v. Holten. 7. Rate.23,85. 11315 Tischlerei Treue, 4. Rate 7,50. 12057 Montiersaal Lindström. 5. Rate 55,—. Kollegen der Märkischen Metallwarensabr. 13,55. 11793 Tischlerei Fürst u. Kuhnert 5,35. 11807 Verbandsmitglieder d. Reichsbotcn, 6. Rate 16,15. 11311, 11312 und 11313 Pianomechanilsabr. O. Köhler 37,50. 11998 Expedition I. Sittenseld 3,20. 9698, 9699, 9865 und 9866 Buchdruckerei Vojsijche Zeitung, 5. und 6. Rate 80,—. Fünf Klempner bei Schnelle 5,—. 9819 Bauhilfsarbeiter 3,—. Stammtisch Pampiger Herr 1,50. 2281 Restbetrag 7,90. 11867, 11863 und 11869 Buchdruckerei Braunbeck und Gutenberg A. G. 42,55. Sektion der Gips« u. Zementbranche aus folgende Listen: 5142 6,—. 9317 10,15. 9315 6,50. 9316 5,80. 9323 Rabitzputzer und Träger d. Fa. O., Prügel- strafte, Bau Wilmersdorfer strafte 6.—.(In summa: 34,45 M.)— Polnische Berussvereinigung zu Berlin 100,—. Desgl. Filiale Stettin 17,50. 9910 Deutscher Provinzialocrlag C. Hause, 3. Rate 10,—. Tischlerei Knüttel u. Klar 4,25. Verband der Lithographen und Steindrucker Mitgliedschast Berlin, 6. Rate 680,—. Gießerei Schwedlinski, 2. Rate 5,—. Bautijchlerei Kuhnert u. Kühne, 3. Rate 22,85. 12067 Verband der Buchbinder Zahl- stelle Berlin 15,50. 12165 Tischlerei Kütwer u. Haus, 4. Rate 14,30. 9915 Personal C. Kühn u. Söhne. 7. Rate 32,30. Damen- und Herrenschneider der Firma Fabian u. Hrick 17,—. Tellersammlung vom Leseabend des' 6. Wahlkreises 7. Abt. 8,60. Arbeiter von Hoffmann. Möbelfabrik, Frankfurter Allee 7,70. 5. Rate aus unserer Ossizin 14,25. Sl. Fl. 2,—. Umzug Ernst Host Willi Latznack 1,40. Kraft, Bernau 1,—. 11886 Buch- druckerei Paß u. Garleb, 8. Rate 40.—. 12063 Buchbinderei F. Römer 7,80. Personal Buchdruckerei F. Manning, 3. Rate 8,20. Buchdruckerei G. Bernstein, 7. Rate 12,10. Goldieistensabrik von F. Wehner 6,10. Zentralverband der Handlungsgehilsen u. Gehilfinnen Deutschlands Bezirk Berlin aus folgende Liften: 952 3.-. 964 4,20. 7839 70,—. 7841 11,—. 7842 11,20. 9092 6,85. 9099 11,—(in Summa 117,25).— Verband der I Schuhmacher, Fil. Berlin, 6. Rate 500,—. 5437 nnd 5441 Dachdecker 22,20. Dachdecker Bau Strammerstr. 2.—. 9943 Personal Buchdruckcrci Bollfratz u. Apel, 7. Rate 10,70. 11292 Buchdruckerei O. Drcwib, 4. Rate 17,25. Doppelhochzeit Löbnitz-Lindner 3,55. 11291 Tischlerei Teifcl u. Co. 8,35. 11300 Metallarbeiter von Wolff Nachs. 9,40. Verband der Buch- u. Stein- druckerei-HilsSarbeiter und-Arbeiterinnen aus folgende Listen: 4635 Hilss- Personal der Buchdruckerei Günther u. Sohn 2,50. 9511 Hilfspersonal der Buchdruckern Strautz 8,75. 9513 Personal der Steindruck erci Schröder u. Co. 7,65. 9515 Rotationsarbeiter Tagschicht Ullstein u. Co. 23,55(in Summa 42,45).— Verband deutscher Gastwirtsgehilfen, Orlsverwaltung Berlin I, aus folgende Listen: 4609 aus dem Bureau 19,15. 4611 zweite Liste des Bureaus 18,85. 131? 15,—. 1337 4,25. Tellersammlung Versammlung am 17. September 3,85. Aus dem Sammelbuch derselben Versammlung 10,—. Kellner Robert Beetz 3,—(in Summa 74,10).— 11975 Kollegen v. D. Meyer, 6. Rate 10,20. JllustrationS-Rotation Ullstein 14,—. 12059 Druckerei Ashclm, 6. Rate 21,50. Brauereiarbeiter, Teller sammlung des Kartells 33,65. 11858 Buchdruckerei Hausmann 4,10. 11961 Tischlerei Metzer. 7. Rate 17,20. 9181 Druckerei Feilchenseld 6,65. 9944 bis 9950, 11841 und 11842 Buchdrucker der Reichsdruckerei, 3. Rate 113,10. 6186 Maurer und Arbeiter Bau Bcuthstr. 3, 4. Rate 13,85. Verbands- Mitglieder der Buchdruckerei Büxcnstein, 7. Rate auf folgende Listen: 12014 15,15. 12015 8.75. 12016 11,15. 12017 9,55. 12018 18,45(in Summa 63,05 M). Zuckersack, Salzuser 7 4,50. 12313 Töpfer, Hauptbureau L. D. S. B. 16,—. Kollegen bei Wagner u. Dllnnebeil 13,10. 12047 tandtuchfahrer Emensia, 6. Rate 10,—. 9856 Buchdruckerei Roscnthal, Rate 16,—. Küchenmöbelmaler v. Rutsch, 7. Rate 4,50. Küchenmöbelmaler v. Reimann u. Co., 7. Rate 6,—. Verband d. Lederarbeiter(Zahlstelle Berlin II) aus folg. Listen: 4788 Treibriemensabrik Rüacr u. Mallon, Zurichter 1,75. 7808 Leder Otto 5,50. 11286 Lederfabrik Äösler, Zurichter 5,95. 11231 Lederfabrik Fritz 4,50. 12115 Lederfabrik Salomon 25,70(in Summa: 43,40.) Verband der Maler und Lackierer Berlins aus folgenden Listen 1293 11,50. 1294 11,85. 1295 14,—. 1296 6,25. 1297 5,15. 1298 10,70. 5059 3,80. 5065 3,30. 5079 7,10. 5080 2,55. 5093 12,45. 5095 15,80. 5096 9,70. 5097 18,55. 6323 9,40. 6329 11,70. 6349 4,70. 5055 Lackierer der Firma Bergmann 12,05. 6335 Lackierer der Firma Arnheim 9,40. 6451 Maler der Firma Lutze 4,80(in Summa: 184,75.) 9888, 9892, 9893, 9898 u. 11853 Buchdr. Ullstein u. Co., 7. Rate 75,25. Rauchklub Frohsinn 5,—. 10786 Tischlerei Wegener, 5. Rate 28,90. Geburtstagsfeier Familie Schlosser 3,—. 9458 Etuilverkstatt v. A. Schulze, 4. und 5. Rate 11,40. 11791 Metallarbeiter v. Zemlin, 5. Rate 8,20. 12007 Tischlerei v. Siebert u. Schwesmgcr, 8. Rate 12,10. Hochzeitsfeier O. Gäbel 24. 9. 09 5,50. Falzcrei des„Verl. Tageblatt", 7. Rate 24,50. 10645 Treppengeländcrfabr. v. Geißler 34,60. 12175 Buchdruckerel v. Sehdcl u. Co., 6. Rate 24,—. 12060 Metallarbeiter v. Bergmann u. Westpbal 17,20 Arbeiter und Arbeiteriunen bei C. P. Goerz, Friedenau, 7. Rate, aus folgende Listen: 16,90. 11164 33,25. 11172 107,— 11174" 38.-. 11981 18,—. 11982 18,25. 11983 22,—. 11989 20,50. 11990 21.—. 11991 27,25. 11996 11,50(in Summa: 2 23 39 107 308 528 581 1.2 8,7 11,4 20,9 38,0 47,0 45,0 Kleines feirilleton. AlkoholiSmus und Geisteskrankheit. Eine geradezu er- schreckende Statistik über die alkoholischen Geistesstörungen teilt Dr. Max Sichel in seiner kürzlich erschienenen klinisch- historischen Studie über die Geistesstörungen bei den Juden (Leipzig, M. W. Kaufmann, 1909) mit. Demnach stieg die Zahl der Alkoholtranken in der städtischen Irrenanstalt in Frankfurt am Main wie folgt: „ r__ Dabon Prozentsatz der Alkoholtker Jahrgang Gesamtaufnahme A�ghghker von der Gesamtzahl 1888/39 160 2 1.2 1890/91 264 1895/96 337 1899/00 511 1901/02 796 1503/04 1123 1907/03 1289 In der Frankfurter Irrenanstalt iverdd» allerdings die Träger alkoholistischer Störungen ohne besondere Formalitäten aufgenommen. Aber auch in anderen Anstalten, die keineswegs den Vorzug der freien Aufnahmebedingungen haben, ist der Pro- zentsatz der alkoholistischen Geistesstörungen im Laufe der Jahre gestiegen. So betrug der prozentuale Anteil der Alkoholisten unter den Aufnahmen in Stephansfeld im Jahre 1896/97 1.8, im Jahre 1907/08 6,2; in Owinski im Jahre 1890/91 1,4, im Jahre 1905/06 10,8; in Jllenau im Jahre 1901/02 0.8, im Jahre 1905/06 7,0. Dr. Sichel sagt aber, daß aus diesen Zahlen nicht auf eine entsprechende Zunahme der Alkoholpsychosen in den letzten Dezennien geschlossen werden dürfe. Nur der ioachsenden Kenntnis der schädigenden Wirkungen des Alkohols auf das Nervensystem sei es zu verdanken, daß sich die Psychiater mit den Alkoholkrankcn tn neuester Zeit eingehender beschäftigen und ihnen bereitwillig die Tore der Anstalt öffnen. Die Südpolarausstellung. Aus London wird berichtet: Eine eigenartige Ausstellung ist am Mittwoch von dein Londoner Lord- mayor eröffnet worden: es ist die SüdpolarauSstellung Leutnant Shackletons, und der Ausstellungsraum ist sein gutes Schiff, der „Nimrod", mit dem er seine glänzende Expedition ausgeführt. �Schön ist es zwar nicht, das Schiff," sagte Shackleton,„aber fest und so kräftig wie nur irgend eins. Seht Euch die Spuren an, die das Eis an seinem Bug hinterlassen; es ist wohl 300 Meilen weit hindurchgegangen. In einein Orkan möchte ich ebenso gern aus dem„Nimrod" sein wie sonst irgend wo; wir haben einmal vierzehn Tage lang Sturm auf ihm durchgemacht." Von den Unbequemlichkeiten des antarktischen Lebens können die winzigen Kabinen ein anschauliches Bild geben, in denen Leutnant Shackleton, der Kapitän und der Biologe lebten und arbeiteten. Eine solche Enge herrscht auf de»,.Nimrod", daß man sich„kaum herumdrehen" kann. Für seine großen Sammlungen hat daher der Walfischfänger als LlnsstellungSranm auch mcht genügt, und der Besichtigung des Schiffes ist in einem Museum in der Nähe eine reichhaltige Vorsührmig angeschlossen, die die Wissenschaft- liche Ausbeule der Expedition zeigt. Da steht man eines der 10005 11980 11988 11994 12003 92,—. 11182 15,95. 34,50. 11985 41,25. 7,25. 11993 6.75 531,35 M.) 11965 Klempner von Giejjem Kraas 5,—. Metallarbeiter bei Spinn u. Sohn 2l,15. Gerccke 7,95. Sparverein Kein Geld, Rixdors 5, 9532 Hilssarbeiter Druckerei.Sonntagsblatt", 3. Rate 10,—. 5922 Elektro� Monteure von Gebauer u. Meh 20,05. Hilsspersonal der Slkzidenz- und Rotationsabtcilung„Berliner Tageblatt". 8. Rate 41,—. Berliner galvano> plastische Anstalt 8,50. Verband der Bäcker und Konditoren Filiale Berlin aus folgende Listen: 1074, 6960, 6965 und 9049 47,—. Angestellte de? Bäcker- und Kondttoren-Verbandes Filiale Berlin 14,—. Oessentl. Bäcker- Versammlung, Rixdors 7,50(in Summa 68,50). Angestellte der Ortskasse der Kaufleute 100,—. 11870 Buchdruckcrei Leo Schultz, 2. Rate 8,25. Von einer Einsegnung ohne kirchlichen Segen, Friedrichshagen 4,—. Bam tischlerei G. Müller, Tegel. 6. Rate 23,20. 2 vaterlandslosc Maler 1,— 4756. 4755, 4750, 4751, 4748, 4747, 4746, 4757 4753 und 4754 Unter-Konv Mission Friedrichshagen 73,50. 11296 Buchdruckcrei Gebhardt, John u. Land, 7. Rate 21,15. Klempner bei Beuger u. Co. 15,50. Hilsspersonal bei Schalem, 4. Rate 6,05. 11840 Luxuspapiersabrik H. Wolfs, 7. Rate 28,05. Möbetsabrik H. u. A. Schulz, 4. Rate 35,45. Bautischlerei Büttner 8,40. Verband der Stcinar beiter, Verwaltung Berlin, aus folgende Listen: 9498 20,95. 9502 Gebr. Huth 7,70. 9495 Metzing Nachs. 11,50. 11813 Metzing Nachs. 13,50. 9492 Teich 11,75. 9503 Stanke 1,90. 9079 Taucher! 3,25. 9076 Messerschmidt 13,50. 9500 Messerschmidt 6,-. 9077 Sasse, Steglitz 14,20. 11814 Sasse, Steglitz 11,25. In Summa 115,50.) 11947 Kollegen bei Bischost, Neue Königstraße 12,25. Unterkommission Charlottenburg aus solgende Listen 84 Ahrens 5,20. 90 Huxol 13,l5. 92 Giza 4,60. 110 G. Arndt 5,—. 113 Bernhardt 6,50. 7119 Hochzeitsseier im Gesangverein Charlottenburger Ltedertasel 12,10. 7166 Dermitzcl 8,90. 7920 Buchdruckcrci von Richard Münch 7,50. 7925 August taste 11,50. 7926 Tischler der A.-G. sür Bauausführungen 12,30. Bau cidel, Hohenzollerndamm: 9558 13,80. 9559 9,60. 9568 Kollegen der Firma Kärger 25,30(in Summa: 135,45).— Verband der Lederarbeiter, Filiale I, 4. Rate aus folgende Listen: 11258 Hegermann 13,60. 11253 Karplus u. Herzberger. Färberei und Farblederzurichter 15,60. 11251 Gerberei u. nudelet 18,95. 11252 Weig- u. Chairlederzurichter 30,85. 11257 Schneider u. Schwarzmann 6,55. 11256 Handschuhmacher v. Teuer- laus 6,75. 11255 Handschuhmacher v. Samter u. Bollmann 6,95(in Zelte aufgestellt, das die Forscher benutzten; der Boden ist mit Renntiersell belegt und eine realistisch aufgebaute Scenerie führt das Leben in der Anarktis mit ihren zahlreichen Seerobben und Pin- guinen vor. Kochapparate, Schlitten, vollständige Ausrüstungen und Bekleidungen für den Südpol werden vorgeführt. Auch eine Reihe von Photographien. Tiere der Anarktis und die an Bord des „Nimrod" gedruckte Schiffszeitung sind ausgestellt. Was aus Papier alles gemacht wird. Das Papier gilt in der allgemeinen Meinung für eine wenig widerstandsfähige und leicht zerstörbare Substanz. Doch denkt man dabei nur an die dünnen Blätter, in deren Gestalt wir Papier zumeist vor uns sehen; man vergißt, daß Papier in einer bestimmten Dicke eine erstaunliche Haltbarkeit besitzt, die es zu den mannigfachsten Dingen verwend- bar macht. So nimmt denn auch die Benutzung des Papiers für industrielle Zwecke, besonders in komprimierter Gestalt als Papier- mache, immer mehr zu. Man konstruiert heute schon in Amerika und auch in Europa Eisenbahnwagen und besonders Luxuswagen aus Papiermache. Dieses Material hat sich als besonders billig erwiesen, zudem ist es leicht zu verarbeiten und sielst besser aus als Holz. Es bietet auch den Vorzug einer absoluten Undurchdring- lichkeit. Auch in der Wagenfabrikation bedient man sich bereits des Papiers; aus Papier tvcrdcn Kisten und Gefäße angefertigt, die zum Transport chemischer Produkte dienen; an zahlreiche an- dere Artikel aus Papiermache, die uns täglich umgeben, braucht nur erinnert zu werden. Auch für Pfeifen wird solch erhärtetes Papier benutzt, denn es ist unverbrcnnbar, so daß man sich sogar seiner zur Herstellung mancher Gegenstände bedient hat, die früher aus Asbest hergestellt wurden. Doch gibt es, woran Nos Loisirs erinnern, ein Land, in dem die Verwendung von Papier im tag- liehen Leben die größte Ausbreitung gefunden hat und von dem wir in dieser Hinsicht mancherlei lernen können. Das ist Japan. Der Bindfaden, mit dem hier die eingekauften Waren umschnürt werden, ist aus Papier. AuS Papier ist das Taschentuch, das man nach Gebrauch im Winde fortflattern läßt. Auch die Zwischen- räume, die das Innere der japanische» Häuser in einzelne Räume teilen, sind von Papier. Aus Papier ist die Fensterscheibe, durch die ein indiskreter Blick uns beobachtet, und wenn dieses Fenster auch an Durchsichtigkeit manches zu wünschen übrigläßt, so wissen sich doch die neugierigen Japanerinnen durch ein einfaches Mittel den freien Durchblick zu verschaffen; sie stecken einen Finger durch die Scheibe und alles ist in schönster Ordnung. Der Hut des Vor- beicilenden, der Mantel des Lastträgers, die Kleidung des Schiffers, sie sind von Papier. Aus dem gleichen Material bestehen Fächer, Schirme, Laternen, Tabaksbeutel, auch die Zigarrenetuis, die wie aus Maroquinlcder gefertigt aussehen. Die eleganten Blumen, die das Haar der japanischen Damen schmücken, die Garnierungen ihrer Kleider, die man von weitem für Seide hält, sie sind aus Papier. So könnte die Verwendung dieses Stoffes nicht nur man- cherlei anspruchslose Schönheit in unser Leben bringen, wie sie sich die Japaner daraus zu gestalten missen, sondern es würde auch manches schwierige Problem der Toilette gelöst werden, wenn man sich wie in Japan auch bei uns des leicht zu drapierenden, leicht zu ersetzenden Papier» bedienen würde. Theater. Berliner Theater:„Der Befehl des Fürsten". von Robert O v e r w e g. Uralt und xmal bildlich und textlich in Summa: 99,25). Kollegen bei Pardemmin, 6. Rate 16,—. 11967 Tischlerei Harris u. Sheldon, 4. Rate 22,—. 10339 Kollegen bei Keyling u. Thomas 19,30. 11750 Metallarbeiter bei Rofenstock, 6. Rate 5,30. 12050 Berliner GenoflenschaftSbäckerei, Gerichtstraße 23, 7. Rate 21,—. Deutscher Metallarbeitervcrband. Ortsvcrwaltung Berlin, aus solgende Listen: 3966 W. Schwarzenau 3,60. 8214 Gießerei Härtung 50,25. 8221 Gebr. Siemens 17,—. 8225 Teschow 3,55. 8559 F. Kilian, 6. Rate 31.—. C. Otto Nachs.. 4. Rate 22,70. Baumgarten u. Sohn 5,50. Kray, 7. Rate 45,—. 3503 Bergas, 5. Rate 10,50. 3514 Roggc 14,05. 3580 Magnet, 7. Rate 31,50. 3589 Gebr. Krüger, Köpenick, Reduckbau 15,70. 3654 A. Wehrscn 8,15. Stessen u, Nolle 5932 8,40. 5933 21,65, 5931 10,60. 5935 Druckniüller 30,55. A. Borsig, 5998 Dreher u, Maschinenbauer 29,10. 5999 21,50. 6000 45,00, 8201 45,55, 8396 E. Jakob, 3. Rate 6,40. Auer 8406 10,80. 8408 2,90. 8412 17,75. 8682 22,20. 8681 24,—. 8683 13,55. 8684 5,—. 8686 20,15. 8690 6,65. 8691 12,60. 8692 3,70. 8693 8,50. 8694 10,80. 8451 F. A. Conrad 17,25 8454 Hoffmann u. Co. 15,50. 8535 6,05. 8665 F. W. Müller 8,45. D. W. F. Wittenau, Groschenkasse 20,—. 8609 16,80. 10247 33,35. 10243 48,50. 10249 14,30. 10250 16,75. 10251 25,15. 10252 11,—. 10253 9,15. 10254 40,95. 10255 9,60. 10256 5,50. 10257 13,20. 10258 8,20. 10259 21,45. 10260 30,45. 10261 5,80. Puls, Tempclhos 10218 9,50. 10219 12,85, 10396 Jastrow, 4. Rate 10,50. 10414 Goliasch u. Co. 43,40. 10445 Dewitt u. Herz, Dreherei 7,50. 10448 V-ediz. Warcnh., 4. Rate 31,80. 10461 Placke u. Hartmann 17,65. 10524 O. B. Nitsch, 7. Rate 7,70. 10526 Deutz« GaSmot., 3. Rate 31,—. 10527 Schäfer u. Haufchner 15,30. 10530 Türk 10,45. F. Gebert. Sophienstraße 10571 9,05, 10572 17,50, 10573 16, tO. 10574 17,70. 10575 Emmerich u. Schöning, 7. Rate 17,90. 1057? Frost u. Söhne, 6. Rate 43,10. 10579 Speck, 7. Rate 16,15, 10580 Panke, 7. Rate 7.15. 10585 Asch u. Sons. 4. Rate 17,30. 10598 Zülke, 6. Rate 7,30. 11442 E. Lcntz. 5. Rate 19,—. 11443 Schönheimcr, 7. Rate 14,05. R. Stock u. Co., Marien- dors 5. Rate 11444 15.55, 11445 30,—. 11446 12,75. 11443 Leget, Schleiferei 3,45, 11449 Lcgel, Former 2,—. 11450 Legcl, Gürtler u, Dreher 15,20. 11454 Eckel u. Glienicke, 7. Rate 20,95. 11456 Gebr. Krüger u, Co.. Dreher u. Gürtler 18,40. 11546 Kray, 6, Rate 32,20. 11548 Schlcin u. Stephani, 7. Rate 5,50. 11550 Welcher, Schlosser u. Anschläger 14,—. 11553 A. Haupwer, 7. Rate 34,55. 11556 A. Mols u. Co.. 2. Rate 23,25. 11557 Berg- seid, 2. Rate 36.05. 1t 558 Faltsohn. 2. Rate 8,05. 11564 Schubert».Werth 26,10. 11569 Deutsche Maschiiicnoertriebsgesellschast, 3. Rate 26,15. 11572 Muth u. Schmidt 14,75. 11573 D. Hirsch 34,80. 11581 Beermann 14,—. IlOI Muth 12,45. 3717 Kabelwerk Obersprce 14,80. Schwartzkopsf, Wildau 5849 7,30. 5852 19,70. 5854 15,55. Kabelwerk Obersprce 5859 25,80. 5860 12,10. 5861 31,90. 5862 17,95. 5870 Deutsche Preßlustwcrke, 2. Rate 21,75, 5879 Auto, Ober-Schönewcide 43,—. 5886 Kabelwerk Obcrspree 9,40. 5887 Auto Ober< Schöneweide 52,45. 5888 Kabelwerk Ober- Schönewcide 15,25. 5889 Handwerker Schultheiß 4. 2. Rate 9,15. Schwartzkopsf, Wildau 5894 31,50. 5895 10,60, Kabelwerk Obcrspree 5901 20,—. 5902 23,30. NieleS. Werke 5904 35,40. 5905 37,—. 5906 34.45. 5907 13,75. 5908 15,20. 5909 11,40. Kabelwerke Oberspree 10474 14,25. 10480 22,45. 10482 40,—. 10483 30,75. Sentker 2. State 8439 16,—. 8440 16,65. 8477 durch Lösgren 9,70. Eckert 8555 18,35. 8556 11,30. 8669 5,70. 8670 Piatzek 23,35. Hasse u. Co. 8675 19,10. 8676 29,85. 8677 Borsig, Gießerei Germania 30,20. Deutsche Waffen- und Munitionsabr., 3. und 4. Rate 10264 20,10. 10269 16,—. 10270 17,—. 10272 18,90. 10274 15,80. 10276 17,25. 10277 33,—. Gebr. Bolzani, 5. Rate 10470 23,45. 10471 19,—. 10472 11,85. 10546 Deutsche Mutoskop-, Biograph- und Automatgcsellschast 8,20. 10554 Flohr Abt. Wittenau 32,—. 10583 A. Schneider, 4. Rate 47,60. Frister u. Roßmann 10588 10,80, 10589 2,75, 10590 8,30, 10591 5,10, 10592 7,15, 10593 10,65, 10594 8,90. 10596 6,30, 10597 8,10. B. Joses 11472 Gießerei, 4. Rate 29.30, 11475 Gürtlerei 9.25, 11476 Schleifer 7,—, 1147? Gießerei II 16,40. Turbine A. E.-G., 6. Rate 10303 27,25, 11478 34,—, 11479 29,—, 11480 12,-. 11481 8—, 11482 18,50, 11483 11.80. 11484 12,25, 11485 22,80, 11488 32,50, 11489 18—, 11490 39,65, 11491 21,—, 11492 19,35, 11493 4,10, 11494 32,—, 11495 9,—, 11496 3.—. 11497 21,85. 11498 17,50. 11500 41,55. 11501 24,—. 11503 15,30. 11504 46,50, 11505 24,—. 11506 49,—. 11507 10,10. 11508 7,50. 11509 18.—. 11510 19.75. 11511 37.-. 11513 Hartmann. 5. Rate 39,—. 11547 Röffemann u. Kiihnemann, Gießerei 24,—. 11555 durch Zeidler 15,75. 11567 Schuchardt u. Schütte, 5. Rate 10,75. 11718 durch Weinberg 42.50. Orcnstein u. Koppel 3212 8,70. 3213 12,35. 3215 10,20. Karl Flohr 10415 27.55. 10416 24,20. 10417 14.-. 10418 17,-. 10419 14.85. 10420 12,35. 8620 W. Humpert 8,85. 10338 Muskulus 16,30. 11576 Eminerich u. Schöning. 6. Rate 20,95. Siemens Dynamowcrke, 4. Rate 8567 14,75. 10208 2,—. 10203 5,50. 10210 27,10. 10213 10,30. 10214 9,—. 10215 12,35. 10538 40,45. 10545 7,—. Bergmann, Wilhelmsruh 10340 13,20. 10341 23,20. 10342 50,10. 10343 8,40. 10344 12,—. 10345 18,50. 10346 15, 50� 10347 54,30. 10348 20,75. 10349 12,75.(In Summa 4403,45.) In«umma 10 005,45 M. Bisher sind veröffentlicht 193 924,74 M.; dazu kommen 10 005,45 M. (Summa 208 930,19 M. Gelder. welche per Post eingesandt werden, sind an A. Körsten, Eng.elufer 151 zusende». Alle Sammlungen sind s o f o r t m unseren! Bureau, Engelufer 15 1, Zimmer 23, vor- Witzblättern aller Schattierungen behandelt ist das Gleichnis von der fortgesetzten Steigerung eines„oben" geäußerten harmlosen Wunsches z» einem nach unten weitergegebenen Befehl, wobei stets aus der Mücke ein Elefant gemacht zu werden pflegt. Dies Thema ist so dankbar als hundertfach auch von Bühnenschriftstellcru be- handelt. Der Herzog von 5krähwinkcl beabsichtigt, um sich einmal von der„Bürde des Regierens" in ländlicher Abgeschiedenheit aus- zuruhen, ein Jagdschloß in Dingsda anzukaufen. Seine alte Tante hat von der banernvölkischen Morül die abenteuerlichsten Bor- stellungen. Hierüber macht der junge Regent seinem Hofmarschall einige scherzhafte Andeutungen. Wie sich diese Vermerke, dank dein Servilismus der Hofschranzcn, ausgewachsen haben, das illustriert der Verfasser nun an den„amtlichen" Ausführungen unten im Dorfe. Ein RegierungSassessor ist hingeschickt worden, um gründliche „Säuberung" vorzunehmen. Da aber der„Herr Fürstand" benebst Gemeinderäten keine moralisch anrüchige Weibsperson im Dorfe kennen, so wird eine gesucht und— amtlich als solche gestempelt. Der Gemeindcschreiber muß die Rolle des Don Juans für einen Taler spielen. Und er spielt sie gründlich; denn nach Jahresfrist beglückt ihn die amtlich aus dem Dorfe ent- fernte Nähmamsell Susanne mit Vaterfreuden. Natürlich weigert er sich �— zudem verheiratet— die Alimente zu zahlen. Unterdessen hält der Herzog seine» Einzug. Er sieht, was seine Schranzen für Dumniheite» angerichtet haben, und bestraft sie mit der sauer» Verpflichtung, für den„amtlich" ins Leben gesetzten Sprößling zu sorgen. Vielleicht ist diese Zuspitzung noch das beste an dieser gut gemeinten, aber allzu oberflächlich und grob- schrötig ausgeführten„Satire" auf Beamtendunimheit.„Lustspiel" durste der Verfasser das groteske Ding nicht nennen. Daß Overweg sich bei manchen Vorbildern umgesehen hat, sei ihm nachgesehen; insgleichen, daß von allen Dorflcuten erzgebirglerisch gesächselt wird. CS wurde deshalb von den„Frcibergeru", die recht zahlreich vorhanden zu sein schienen, tüchtig gelacht und kräftig Beifall ge- klatscht— trotz einer ziemlich schablonenhaften Darstellung der meisten Figuren; Albert Heine(Gemeindevorsteher), Julia S e r d a (Susanne), Oskar S a b o(Gemeindeschreiber) und Josephine D o r a ausgenommen._ e. k. Notizen. — I n der Sammlung für deutsche Volkskunde, Klosterstraße 36, ist.der sogenannte Kammerwagen(mit dem Heiratsgut) vom Jahre 1785 aus der Gegend von Tegernsee in Oberbayern wieder aufgestellt worden, der anfangs des Jahres in der hiesigen Internationalen Ausstellung für Volkskunst allseitig Beachtung fand. Die Sammlung ist auch um eine littauischc Leuchterkrone bereichert worden. Sie ist aus Holz gearbeitet und bemalt. Besonders merkwürdig ist ihre Ausschmückung mit Fisch- und Vogelfiguren. Die Sammlung ist täglich außer Montags un» entgeltlich geöffnet. — Das Lessing haus-Museum(KönigSgraben 10. am Alexanderplatz) veranstaltet Sonntag und Mittwoch(11—1 Uhr) eine Ausstellung der Bildertafcln aus dem Prachtmerk„Die G e- schichte der Familie Lessin g", das vom Stadtbibliothekar A. Buchholz verfaßt wurde. Das Werk, das nur als Privatdruck vorliegt, vermittelt das bildliche Material zur Kenntnis von Lessings Leben und Schaffen und der gesamten Lessingschen Familie(d:e auf diese Weise offenbar auch unsterblich zu werden hofft). mittags zwischen 9— 12'/z Uhr und nachmittags zwischen 4— 7>/z Uhr abzuliefern� Die Listen 83SS. 8878. 3687. 9390. 3248, 1860, 2514 1402, 7186, 7908, 936, 922, 941, 8342, 10335 und 1403 sind Oer» lote« gegangen und sind beim Vorzeigen anzuhalten. Berichtigung. In der Zeitung arn 23. v. M. mutz es heißen: Zentral- Verband der Schmiede, Ortsverwaltung Berlin, nicht Zentral- Verband der Schneider. Der Ausschuß der Berliner Gewerkschaftskommisfiou. ein mißlungener �oebverratsprozeß. Ein Helles Licht auf die Wege und Ziele unserer Straf- justiz im Gebiete des politischen Prozesses wirft die VerHand- lung, die am Mittwoch vor dem Reichsgericht in Leipzig gegen den verantwortlichen Redakteur des anarchistischen Organs, der„Freie Arbeiter". Hermann Reetz stattfand. Wir haben über den Aufgang schon kurz in der Donnerstags- nummer berichtet und einige kritische Worte zum Urteil gesagt. Der Prozeß verdient indes nähere Beachtung. Wir geben taher aus dem Verhandlungsbericht das Wesentlichste hier wieder: Reetz, der vom Januar bis Juni den.Dreien Arbeiter" als verantwortlicher Redakteur zeichnete, war vor einiger Zeit vor dem Landgericht Berlin I wegen Vergehens gegen den§ 110 St.-G.-B. angeklagt worden. Tas Landgericht verwies aber die Sache vor das Reichsgericht, weil Hochverrat im Sinne des § 85 St.-G.-B. vorliege. Heute wurde die Sache vor dem Reichs- Gericht verhandelt. Verhandelt wurde vor demselben Kollegium und unter Vorsitz desselben Senatspräsidenten Bülow, der vor ungefähr anderthalb Jahren den Anarchisten Oesterreich wegen Hochverrats zu drei Jahren Zuchthaus verurt-ilte. Die Anklage vertrat Reichsanwatt Dr. Nagel, die Verteidigung hatte Rechtsanwalt Dr. H a l p e r t übernommen. Reetz ist ein junger Mann von etwa 25 Jahren, einer jener Leute, die sich aus Idealismus für ihre Sache auf- opfern. Die Totenblässe seines Antlitzes deutet aus eine schlei- chende Krankheit hin. Er verteidigt sich nur sehr mangelhast, sprach stockend und sehr schwer verständlich. Von der Verteidigung ist der Schriftsteller G. Landauer als Zeuge und Sachverständiger und von der Anklagebehörde der Kriminalkommissar Kunze als Zeuge geladen. Sie müssen beide den Saal verlassen. Die Anklage stützte sich auf eine Reihe von Artikeln vom April und Mai, aus denen eine Anzahl Stellen ohne Zusammen- hang verlesen werden. In einem Artikel heißt es: Hut ab vor den Kamerade»! nachdem von verschiedenen Dienstverweigerungen aus- lündischer Soldaten Kenntnis gegeben wurde. In einem längeren Artikel: Wo liegt die Schuld? wird die Sozialdemokratie kritisiert, weil sie bei wichtigen Dingen mit Resolutionen arbeitet. Es heitzt barin an den„gefährlichsten" Stellen, die Slegicrung werde fort- fahren, solange die Massen auszubeuten, als dem Volke der Geist ber Gerechtigkeit von seinen Führern gepredigt wird, und solange man nicht zur Tat, zum Handeln übergeht. Der Artikel schließt mit den Worten: Auf zur direkten Aktion! Als Mittel wurde der Generalstreik empfohlen. Ein Artikel„Unsere Revolution" geht von der türkischen Revolution aus. Es wird darin gesagt, daß eine Revolution nur dann das richtige Resultat haben könne, wenn die Expropriation des Grvnd und Bodens durchgeführt würde. Die Anarchisten ersehnten die Revolution herbei und wenn man auf das Blutvergießen dabei hinweise, so müsse betont werden, daß eine einzige Schlacht mehr Opfer koste, als eine Revolution. Da die Regierung im Falle einer Revolution von ihren Waffen Ge- brauch"machen werde, müsse antimilitaristische Propaganda ge- trieben werden. Bezeichnend für das Verfahren ist. daß gegen den Widerspruch des Verteidigers, der sich dabei auf zwingende prozessualische Vor- schriftcn stützen konnte, da ihm das Beweisthema nicht mitgeteilt war. zur„Beleuchtung der Tendenz" des„Freien Arbeiter" Stellen aus mehreren Artikeln dieses Blattes verlesen wurden, die bis zu einem Jahre vor der Ue bernahme der Verantwortlichkeit durch Reetz zurückliegen. .sowie das Urteil des Reichsgerichts im Hochvcrratsprozeß Oester- reich. Damr wurde der Schriftsteller Landauer als S a ch v c r- ständiger vernommen. Er wies vornehmlich darauf hin, daß die„direkte Aktion", die die Artikel des„Freien Arbeiters" empfehlen, nicht Gewalt bedeute, sondern die Aktion des Prolc- tariats mit ö k o n o m i s ch e n Mitteln im Gegensatz zu der politischen. Es kämen als Mittel der direkten Artion die Demonstration, der Streik, der Generalstreik, der Boykott, die Sabotage und das Labell in Betracht. Durch den Generalstreik hoffe man, auf Grund der ökonomischen Macht des Proletariats die bürgerliche Gesellschaft durch einen besseren Gesellschasts- zustand abzulösen. � t Der Präsident stellte dann einige Fragen an Landauer, die beweisen, daß er sich eine Gesellschaft ohne Justiz und Polizei nicht vorzustellen vermag. � Eine Stelle aus diesem Verhör sei hier wiedergegeben. Präsident: Da soll es dann keine Obrigkeit mehr geben, kein Heer, k e i n e Justiz? Wie denken sich diese Männer einen solchen Zustand? Oder kommt eine neue Polizei, neue Justiz? Es wird von Expropriationen gesprochen. Soll eS kein Privateigentum geben? Landauer: Ausgeschlossen soll nur das Eigentum an den Produktionsmitteln sein. Präsident: Wenn nun einer seinen Geldbeutel ,n der Tasche hat und wenn nun einer kommt und nimmt ihn weg. Da braucht man doch P o l i z e i und Justiz?.... Was der- steht man denn unter einer Diktatur des Proletariats? Die Diktatur ist doch gerade der Gegensatz zum Proletariat.... Es müßte doch einen gegenseitigen Mord geben, wenn keine Autorität vorhanden wäre.... s r Schließlich wird über die Frage der Expropriation gesprochen, bei der Lan da u e r die Meinung Marxens über die Expropria- tion der Expropriateure darlegt, wonach dieser Vorgang die gesetz- liche Maßregel ist. die das Proletariat treffen wird, sobald es die Leitung der Gesellschaft in die Hand genommen hat. Der Reichs- anwalt hält dem entgegen, daß in der letzten(!) Nummer des„Freien Arbeiters" die Auslieferung eines russischen Expro- priatcurs durch die Schweiz kritisiert worden sei, er meint, daraus gehe hervor, daß das Blatt stets gewaltsame Expropria- tioncn. Räubereien, vor Augen habe. Er weist dann mach auf eine Resolution des Amsterdamer Kongresses hin, in oer der gewaltsame Aufstand gepredigt werde und auf eine Lutticher Broschüre über den Generalstreik. Landauer erklärt, eine Amsterdamer Resolution zu kennen, in der aber vom Aufstand leine Rede sei. Die Lüttichcr Broschüre kenne er mcht, er wisse aber, daß vor einem Lütticher Klub gewarnt worden sei. weil feine Mitglieder der Prvokation verdächtig wären. Der Reichsanwalt erklärt dann, daß im„Freien Arbeiter" ein Artikel von Malatesta veröffentlicht worden sei. wegen dessen «in neues Berfahren wegen Hochverrats schwebe, und in dem der Syndikalismus als ungenügend bezeichnet und an die Gewalt appelliert werde. In Chicago sei seinerzeit eine Bombe geworfen worden, der 55 Personen, darunter Polizisten zum Opfer fielen. Daraufhin seien vier Anarchisten gehenkt worden. Diese Mörder stelle der„Freie Arbeiter" als Vorbilder hin. denen nachgeeifert werden müsse. Landauer erklärt, daß die Sache völlig entstellt sei. Der Gouverneur von Chicago habe selber zugegeben, daß die Bier unschuldig hingerichtet loorden seien. Nur ihrem Opfer- mut solle nachgeeifert werden....... Es folgen die Plädoyers. Der Reichsanwalt halt den Tatbestand des§ 85. des unmittelbaren Hochverrat« nicht für erwiesen, aber den§ 86, die Vorbereitung des Hochverrats. Für den Beweis müsse das ganze Milieu, die ganze bisherige Tendenz de?„Freien Arbeiters' herangezogen Wer den. Ex versucht daraus die Abficht zu erweisen, durch gewaltsamen Aufruhr den Staat zu vernichten. Er fordert dann Zuchthaus- strafe. Sie kann nur verhängt w-rden, wenn die Ehrlosigkeit der Handlung als erwiesen angenommen wird.»Ich will darüber keine weiteren Ausführungen machen, sondern nur darauf hin- weisen, daß stets auf Zuchthausstrafe erkannt worden ist. Eine Festungshaft ist g e g e n ü b e r solchen Tendenzen(!) nicht statthaft. Gegenüber Anarchisten muß aus Zuchthausstrafe er- kannt werden. Ich beantrage 1 Jahr 6 Monate Zucht- haus und 5 Jahre Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte." Der Verteidiger Dr. Halpert(Berlin) beginnt mit dem Bekenntnis, daß nach den Eindrücken, die er aus der Stellung- stahme der Anklagebehörde während der Beweisaufnahme und nach ihren mündlichen Ausführungen empfangen hat, der vor- liegende Prozeß ein politischer Tendenzprozeß ist. Präsident v. A ü l o w: Was verstehen Sie unter einem Ten- dcnzprozeß? Dr. Halpert: Darunter verstehe ich einen Prozeß, der her- vorgegangen ist aus politischen Motiven und darauf abzielt, im politischen Gegner seine Parteianschauung zu treffen. Der Reichs- anwalt hat das wider Willen mit dürren Worten zugegeben als er sagte, wenn die Anarchistenartikel auf dem jetzt inaugurierten Wege als Hochverräte- reien be st rast worden wären, so wäre der Freie Arbeiter" längst niedergebrochen und der Anarchismus längst verblutet. Für den Pro- zeß und die Perspektiven, die sich eröfsnen, war diese Auslassung der höchsten Anklagebehörde bemerkenswert. Was dem vorliegenden Verfahren die Signatur des politischen Tendenzprozesses ausdrückt, waren auch die Mittel der Beweisführung, die sich nicht auf die Handlung des Angeklagten beschränkt. Man greift zu Artikeln zurück, die völlig unbeanstandet geblieben, also an sich legal waren und zumeist aus einer Zeit stammen, in welcher der Angeklagte gar nicht Redakteur-war. Dann operiert der Reichsan>valt mit dem Urteil gegen Oesterreich. Sind das nicht Mittel des Tendenz. Prozesses, wenn der Reichsanwalt einen Artikel von Malatesta aus einem schwebenden Hochverratsprozeß in die Debatte des jetzigen hineinwirft. Das Hauptmittel ist aber die falsche Deutung, die die Anklagebehörde an die anarchistische Terminologie knüpft. Er verwechselt„direkte Aktion" mit der„Revolution" und versteht diese im Heugabel-Sinne des Wortes. In dem Ge- neralstreik findet er eine gewaltsame Erhebung. In dem End- zweck der Expropriation einen ausgesprochenen Raub am legalen Besitz. Diese Deutung, die den bürgerlichen Parteien geläufig ist, ist falsch. Der Generalstreik, das heißt der rein wirtschaftliche Kampf, ist für den Anarchismus das alleinige Mittel. Es ist also das Gegenteil einer auf Eroberung der politischen Macht abzielen- den gewaltsamen Revolution. Er verwirft jede Gewalt, die der Hochverrat als Mittel verlangt. Dann wendet sich der Verteidiger der antimilitaristischen Propaganda zu, deren eine Art, der Mili- tärftreik, mit zum Thema eines Hochverratsprozesses gehört hat, der die Aufmerksamkeit der gebildeten Welt bis zu seinem letzten Atemzuge festzuhalten vermochte. Das war der damalige Prozeß gegen den Kollegen Liebknecht. Hier handelt es sich um Fälle indi- vidueller Dienstverweigerung, die, weil der individuelle Dienst kein Grundpfeiler unserer Verfassungszustände ist, nicht unter den Hochverrat fällt. Der Verteidiger schließt nach längeren juristischen Ausführungen mit dem Hinweis, daß die ganze Anklage, die eine neue Aera von H o ch v e r r a t s p r o z e s s e n einleiten soll, nur von der Furcht diktiert ist vor der revolutionären Phrase, die ein ernster Politiker wie Naumann seinerzeit im„Ber- liner Tageblatt" als ein Zeichen unserer politischen Unduldsam- keit gerügt hat. Wenn diese gallertartige Anklage zur Verur- teilung wogen Hochverrats führt, dann verliert das Gesetz jeden sicheren Boden und verliert sich in dos Gebiet verschwommener Ideen. Damit ist bezweckt, bestimmte Themata aus der politischen Diskussion auszuschalten und das Recht ver freien Meinungsäußerung zu unter- binden, auf das Anhänger wie Gegner des heutigen Staates gleiches Recht haben. Daher sei prinzipiell Freisprechung vom Ver- dacht des Hochverrats geboten. Ueber das Strafmaß äußert sich der Verteidiger sodann folgendermaßen: Es geht nicht, daß die Festungshaft als Vorrecht der Leute hingestellt wird, die nicht Arbeiter sind. Mein Kollege Liebknecht wurde wegen desselben Verbrechens zu Festungshaft verurteilt. Und da müssen Sie be- denken: das war ein Mann, dessen hohe Intelligenz Sie nicht be- zweifeln können, der eine Broschüre selbst geschrieben und in die Massen geschleudert hat, die in der großen Arbeiterpresse empfohlen wurde. Dieser Mann kam auf Festungshaft, wird man sagen, weil er den gebildeten Klassen angehört. Bei dem Angeklagten treffen alle diese Umstände nicht zu. Eine Zuchthausstrafe bedeutet für ihn das Grab, ihn, der einen Jdealisinris gezeigt hat. wie wir ihn der bürgerlichen Klosse wünschen. Er hat für andere, die na- türlich auch von Idealismus getragen, die Schuld auf sich ge- nommcn, um seiner Sache zu nützen, um ihr sein bißchen. Leben aufzuopfern. Und da Zuchthaus? Der Reichsanwalt erklärt antworten zu müssen, weil es eine gewisse Presse gibt, die diese Aussührun- gen breittreten und ihn hinstellen wird, als ob er Irrtum auf Irrtum, Tendenz auf Tendenz g e. häuft habe. Er geht lang und breit abermals auf den Mal a- t e sta- A r t i k e l ein und wiederholt seine Behauptungen über die Chicagoer Bombe. Das Berliner Landgericht habe dem Reichsgericht einen guten Wegweiser für die Behandlung von Anarchistensachen gegeben. Schließlich meint er: In Deutsch- land wird niemand wegen seiner politischen An- sichten unter Anklage gestellt. Wer die Polizei und die Staatsanwaltschaft werden ständig wachen, daß die destruktiven Ideen, die zollfrei sind, nicht in der Presse in ungesetzlicher Weise propagiert werden. Alle Revolutionen, die entstanden sind, hatten zwei Hebel: eine iniserable Presse und die KlubS, und die werden wir im Auge behalten. Rechtsanwalt Dr. Halpert entgegnet: Die letzte Auslassung ist vom kriminalistischen Standpunkt aus verständlich und daher verzeihlich. Es ist aber blinde Wut, an den Erfolg solcher Mittel zu glauben, wenn die Grundlagen einer Gesellschaftsordnung zu- sammenbrechen. Das aber ist eine weltgeschichtliche Frage. Für den jetzigen Prozeß ist wichtiger, daß der Reichsanwalt den Be- schluß des Berliner Landgerichts dem hohen Reichsgericht als „Wegweiser" empfohlen hat. Das Reichsgericht mit seiner autoritären Rcchtsansicht gibt den unteren Instanzen die Direktive. Hier will umgekehrt der Rcich&vnwalt, daß das angebliche„pol:- tisclje" Wissen des Landgerichts, das wir nicht nachkontrollieren können, dem höchsten Gericht Deutschlands als Nahrungsquelle dienen soll und zum„Wegweiser". Darum ist es gerade von prin- zipiellcr Bedeutung, daß Freisprechung von der Anklage des Hoch- Verrats erfolgt. Daß Urteil. Der Angeklagte wird wegen Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Gesetze zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Drei Monate Untersuchungshaft Iverdcn angerechnet. Für den Tat- bestand des§ 85 fehlt es an einem bestimmten Unternehmen des Hochverrats, das ein bestimmtes Angriffsobjekt und eine bestimmte Ängriffshandlung voraussetzt. Eine Verurteilung wegen Hochver- rats konnte nicht erfolgen. Es ist aber aufgefordert worden zur Desertation und Gehorsamsverweigerung, zum Generalstreik, der die Aufforderung zum kündigungsloscn Ver- tragsbruch(!) enthält, ferner zum Landsriedcnsbruch, Auf- rühr, Raub, Totschlag usw. Es ist eine fortgesetzte Handlung an- genommen worden. 25 lahre kionstinlgenossenichaft. Während der Parteitagswoche besuchte eine große Anzahl von Delegierten, wie unseren Lesern erinnerlich fein wird, die gewal- tigen Anstalten deS Konsumvereins Leipzig-Plagwitz. Dieser I Konsumverein ist iiach 25jährlgem Ringen eine Musterinstitutlon geworden. Er steht an der Spitze der deutschen Konsumvereins- bewegung. Er weist 40 665 Mitglieder auf. An Mitgliederzahl ist er danach der zweitgrößte Konsumverein in Teutschland. Der 1866 gegründete Breslauer Konsumverein hat über 87 060 Mit- glieder, also eine größere Mitgliederzahl, steht aber an Intensität der Leipzig-Plagwitzer Genossenschaft bei weitem nach. Der Um- satz des Plagwitzer Vereins betrug im letzten Rechnungsjahr(Juli 1908 bis Juli 1909) 16 364 590 M., während der über das Doppelte an Mitgliederzahl verfügende Breslauer Verein nur 18 815 313 M. Umsatz aufweisen konnte. Ueberdies hatte der Plagwitzer Konsum- verein über Millionen Eigenproduktion und nahezu 114 Millionen Spareinlagen aufzuweisen. Unter gewaltiger Mühe ist der Konsumverein von Leipzig- Plagwitz und Umgegend zu der jetzigen Größe gelangt. Unter dem Sozialistengesetz im Jahre 1883 warben insbesondere der Tischler Kalisch und der Schlosser Zuckschwerdt eifrig für die Idee eines Konsumvereins in Leipzig. Am 12. Dezember 1883 fand eine öffentliche Versammlung statt, in der der Nutzen des Konsum- Vereins besprochen wurde. Wie vorsichtig und skeptisch die Ver- sammelten die Sachlage betrachteten, zeigt ein lleiner Voriall in jener Versammlung. Ein Redner. Kretzschmar, meinte, in Leipzig tönne solche Genossenschaft einen Umsatz erlangen, der nach Mit- lionen zu bezisfern sei. Taraus erscholl lautes Gelächter über diese kiibne Prophezeiung. Die Wirklichkeit hat jenem Redner mehr als Recht gegeben. Am 3. Februar 1834 fand die von 130 Personen besuchte konstituierende Versammlung statt. Als sein Zweck wurde bezeichnet: An Mitglieder sowohl als an NichtMitglieder unver- fälschte gute Ware zu persönlichem Bedarf sonne für Haushalt und Gewerbe gegen sofortige Barzahlung zum Tagespreise zu verkaufen und aus dem erzielten gemeinsamen Gewinn Kapital für die Mitglieder zu sammeln. Am 3. August 1884 konnte die erste Warenabgabcstelle des Vereins eröffnet werden. Beim Ab» schluß des ersten Geschäftsjahres gehörten der Genossenschaft 121 Personen an. Ihnen konnte eine Dividende von 8 Proz. ausgezahlt werden. Trotz aller Anfeindungen durch Krämer und Kleinhändler wuchs die Genossenschast, langsam aber stetig. Das zweite Ge- schäftsjahr wies 168, das dritte 311, das vierte 549, das fünfte 946 Mitglieder aus. Im sechsten Geschäftsjahr war die Agitation gegen den Verein unter den Kleinhändlern eine außerordentlich rege. Trotzdem, teilweise auch infolgedessen, stieg die Mitgliederzahl auf 2467, und die Genossenschaft konnte dazu übergehen, eine eigene Bäckerei zu errichten. Im Jahre 1896/91 hatte der Verein eine Mitgliederzahl von 3821 erreicht, der Warenumsatz hatte eine Mil- liou Mark überstiegen. Der Aufschwung des Vereins wurde auch dadurch lebhaft gefördert, daß das neue Haftpflichtgesetz von 1839 die Beschränkung der Haftpflicht ans das eingezahlte Kapital zu» läßt. Im Jahre 1895 wurde ein neues Lagerhaus erbaut, die Bäckerei erweitert, die Gundorfer AUihle von der Stadt Leipzig gepachtet. Die Eigcnbetriebe des Vereins wurden im nächsten Jahr durch die Errichtung einer Kaffeerösterei und durch Einrichtungen für das Formen der Butter und das Abfüllen von Flaschenbier vermehrt. Im Laufe der Zeit wurden eine Reihe anderer Leipziger Konsum- vereine mit dem Plagwitzer verschmolzen. Im Jahre 1895/96 be- trug die Zahl der Mitglieder 16 933; sie stieg im Jahre 1899/1966 auf 26 856 und in den folgenden Jahren auf 29 358, 31 559, 33 826, 36 654, 38 354, 33 359, 38 619, 46 568, 46 665. Der vorliegende Ge- schäftsbericht weist darauf hin, daß auch seit dem Beginn des neuen Geschäftsjahres 1. Juli 1909 eine Steigerung zu verzeichnen ist. Der Warenumsatz betrug im letzten Geschäftsjahr, wie erwähnt, gegen 17 Millionen Mark. Die Rückvergütung wies seit 1892 jähr- lich 10 Proz. auf; sie belief sich im letzten Jahr aus 1460 652, in den gesamten 25 Jahren auf 14 393 886 M. Die Zahl des beschäf- tigten Personals umfaßt 1156 Personen mit Jahreslöhnen von 1 364 134 M. Die Eigenproduktion belies sich im letzten Geschäfts- jähr auf über 5M> Willionen Mark, die Spareinlagen aus mehr als m Millionen. Der Verein ist Eigentümer einer Reihe von Grundstücken; er hat außer den schon erwähnten Eigenbetrieben eine Schlosserei, eine Klempnerei, eine Käserei, eine SclterL- und Branselimonadenfabrit errichtet. Der größte Teil der alten Bäckerei wurde am 25. Juni 1603 durch eine Feuersbrunst zerstört. Eine gewaltige, mit den modernsten Einrichtungen versehene nahezu automatisch arbeitende Mühle und Bäckerei wurde alsbald errichtet. Mit der im Jahre 1904 erfolgten Uebernahme des Connewitzer Vereins erweiterte sich der Eigenbetrieb um eine Fleischerei und den Wurstbctrieb. Eine Eisfabrikationsanlage setzte den Verein seit 1906 in die Lage, fast seinen gesamten Bedarf an Eis selbst zu erzeugen. Noch einige Zahlen zur Illustration der Größe des Umsatzes. Für die Mühle wie für den Verkauf des Mais zu Futterzwecken bedurste die Genossenschast: 9 147 770 Kilogramm Roggen, 2 451 817 Kilogramm Weizen, 213 487 Kilogramm Gerste, 179 858 Kilogramm Mais. In den Bäckereien wurde produziert 991 477 Brote zu je 1 M., 3 694 859 Brote zu je 50 Pf., über 200 000 Stück Weihbrote über 21 Millionen Stück Semmeln usw. Statt der einen kleinen Verkaufsstelle im Jahre 1884, für die ein Jahresmictszins von 337,56 M. zu entrichten ivar, hat der Verein mit Beginn deS 25. Geschäftsjahres 76 Verkaufsstellen für Kolonialwaren, 9 Schuitt- warenverkaufsstellcn, 10 Berkaufsstellen für Fleischwarcn und eine Verkaufsstelle für Milch aufzuweisen. Ein gewaltiger Aufschwung, herbeigeführt durch die emsige von sozialistischem Geist durchtränkte Arbeit seiner Mitglieder. Dem Verwaltungsbericht entnehmen wir eine Reihe interessanter Momente, die den Kampf von Kleinhändlern, von Kriegervereinlern und des Staats gegen den Konsumverein widerspiegeln. Als Re- sultat der teilweise mit recht niedrigen Mitteln vorgehenden Gegner des Konsumvereins war ein um so schnellerer Aufschwung des Ver- eins zu verzeichnen. Eine Fülle von Denunziationen hatte bei der Aufsichtsbehörde den traurigen Erfolg, daß der Genossenschaft untersagt wurde, aus ihren Ueberschüssen Arbeiterbildungsvereinen, Milch- und Ferienkolonien und ähnlichen gemeinnützigen Vereini» gungen Unterstützungen zukommen zu lassen! Neben dieser ZwangSentziehung an arme kranke Arbeiter und Arbeiterkinder ist als Erfolg der Hetze gegen den Konsumverein eine ungeheure Steuerlast zu verzeichnen. Die Konsumvereine sind, wiewohl ihr Ueberschuß kein Gewinn, sondern eine Ersparnis darstellt, mit einem höchst ungerechten Steucrscgen bedacht. In 25 Jahren hatte der Plagwitzer Verein an den Steuerfiskus die respektable Summe von 1 136 872 M. abzuliefern. Daneben war in den letzten Jahren quartaliter rund 166 666 M. Zoll zu entrichten. Recht zutreffend ist die Darlegung in dem Rechenschaftsbericht. daß die Bekämpfung des Konsumvereins durch die Kleinhändler durchaus kurzsichtig ist. Denn in der Hauptsache benutzten die Mit- glieder des Konsumvereins die ausgezahlte Rückvergütung zu An- schaffungen solcher Gegenstände, an denen gerade die Händler und kleinen Geschäftsleute profitieren. Die Zahl der Krämer und Händler hat sich in Leipzig trotz oder wogen des Konsumvereins schneller vermehrt wie die evölkerung selbst. 2luf dem Gebiete des Kohlenhandels ist der Konsumverein mit Erfolg gegen die Preistreiberei des Syndikats der Braunkohlen- werke aufgetreten. Das Haftkapital beträgt bei der Plagwitzer Genossenschaft für jedes Mitglied 46 M. Das Mitglied übernimmt nach dem Haft- pflichtgcsetz bekanntlich nur eine Haftpflicht noch in derselben Höhe. Wird, wie es in Leipzig-Plagwitz der Fall ist, 16 Proz. zurück- gewährt, so ist bei einem Jahresumsatz von 466 Mk. das Haftkapital vergütet. Mit Recht wird in dem Bericht hervorgehoben, daß der Zweck de? Konsumvereins nicht eine Dividcndenjägcrei sein darf. Noch größere Erfolge würde die Genossenschaft wohl erzielen, wenn die Mitgliederversammlungen die Höhe der Rückvergütungen herab- setzten. Mustergültiges hat der Leipzig-Plagwitzer Konsumverein nach der Richtung hin geleistet, daß er gute gesunde Ware seinen Mit- gliedern zuführt, daß er ferner als eine Art Preisregulator wirkt und im Kampf gegen die preistreibenden Trusts zugunsten der Ar- beiter vorzugehen imstande ist. Möge er auch in der Zukunft von genossenschaftlichem Geiste beseel� weiter blühen, wachsen und ge- deihen, In Berlin Ijat die Zersplitterung der Konsumv'ereinSbeine» gung seit dem letzten Quartal des vergangenes Jahres aufgehört. Die Konsumvereinsbewegung ist hier gewachsen, aber bei weitem nicht der Zahl der Arbeiter entsprechend. Je mehr Arbeiter in Berlin Mitglieder der Konsumgenossenschaft werden, desto schneller wird es möglich sein, auch in Berlin aus der Konsumvereinsbewegung ähn- liche Vorteile für die Arbeiterklasse zu schaffen. wie sie in Leipzig für die Arbeiterklasse durch das zielbewußte Vorgehender sozialdemokratisch denkenden Mitglieder ermöglicht wurde. Gerade in dieser Zeit besonderer Teuerung durch die Gesetzgebung wälzt der Arbeiter einen Teil der Verteuerung durch Beitritt zu dem Konsumverein ab. Möge die Berliner Konsumgenossenschaft bald so blühen, daß sie ähnliche und höhere Umsatzziffern wie dex Leip- zig-Plagwitzer Verein aufweisen kann. 8o2ialLS. Haftet die Bcrufsgeiwsscnschaft wegen Fahrlässigkeit? Das Reichsgericht bestätigte unlängst ein Urteil des Oberlandes- gerichts Frankfurt a. M., in dem ausgedrückt ist, daß der Verletzte in der Regel auS einem Betriebsunfall nicht Ansprüche gegen die Berufsgenossenschaft als.dritte Person" im Sinne des Gewerbe- unfallversicherungsgesetzcs herleiten kann, sondern nur gegen den Arbeitgeber und andere mit dem Unfall in Ver- bindung stehende Personen. Es handelte sich um folgende Prozcßgeschichte: Der Kläger war als Brauereigchilfe bei dem Brauer ei besitz er St. in Eichstadt beschäftigt und hatte in dessen Brauerei am 10. Februar 19VS eine» Betriebsunfall erlitten, für den er nach Maßgabe des Gewerbennfallversicherungsgesetzes Eni- schädigung zu 662/, Pxoz. erhielt. Eine Kurbel des Schwungrades hatte dem Kläger das Gesicht zerschmettert und ihm noch weitere Verletzungen beigebracht. Er forderte mm von der Brauerei- und Mälzerei-VerufSge nossenschaft in Frank- furt a. M. Ersatz des übrigen Drittels, sowie weitere 10 000 M. für de» immaterielle» Schaden, weil diese die Anbringung der Kurbel an dem Schwungrade veranlaßt habe, ohne die Anbringung einer Rückstoßsicherung anzuordnen, durch die der Unfall verhütet worden wäre. Das Landgericht in Frankfurt a. M. gab den Ansprüchen des Klägers statt. Das Oberlandes- gericht in Frankfurt a. M. erkannte jedoch auf Ab« Weisung. In den EntschcidungSgründen legt der erkennende Senat dar, daß der Anspruch nach 8 140 des Gewerbe- Unfall- Versicherungsgesetzes nicht begründet sei. Nach dem G. U. B. G. erfolgt die Versicherung der Arbeiter gegen Betriebsunfälle durch die Unternehmer der versicherungspflichtigen Betriebe. Da die Versicherung aber auf Gegenseitigkeit geschehe, so wären zu diesem Zwecke die Unternehmer gleichartiger Betriebe in Berufsgenossenschaften vereimgt s§ 28). Durch diese Regelung der Entschädigungspflicht wolle das Gesetz die schwierigen und mißlichen Prozesse zwischen Arbeitern und Unternehmern über die Frage der Haftpflicht für Betriebsunfälle ausschalten und den Verletzten an Stelle ihrer nach dem früheren Recht höchst unsicheren Ansprüche eine zwar begrenzte, aber voll- kommen sichere Entschädigung gewähren, trotzdem soll die Haft- Pflicht„dritter Personen"'nicht eingeschränkt werden. Diesem Grundgedanken und Zweck des Gesetzes würde es aber widerfprecycn. wenn neben dem genau umschriebenen Anspruch, der vom Gesetz dem Verletzten gegen die Berufsgenossenschaft gegeben wird, auch noch ein weiterer Anspruch gegen die Berufsgenossenschaft für den Fall zugesichert sein sollte, daß die Entstehung deS Unfalls auf eine Fahrlässigkeit der Genossenschaft selber, also gegen den sich zur praktischen Durchführung jener Grundsätze ge- bildeten Verband der Unternehmer zurückgeführt werden könnte! Wenn daher in einer der Schlußbestimmungen(unter§ 140) neben der besonderen Haftpflicht der in den 8§ 135. 136 be- zeichneten Personen noch allgemein von der„Hastung Dritter" für den durch den Unfall entstandenen Schaden gesprochen werde, so könnten diese Worte' schlechthin auf die Berufs- genossenschaft selber bezogen werden. Jedenfalls sei dies insoweit ausgeschlossen, als der Unfall durch eine Handlung oder Unter- lassung der Genossenschaft verursacht ist, die im Rahmen ihrer durch das Gesetz zugelassenen Einwirkmrg auf die Führung der Betriebe liegt. Anders läge die Sache, wenn eine Fahr- lässigkeit der Genoffenschaft nicht bezüglich der Verursachung des Schadens, sondern bei Erfüllung ihre: gesetzlichen Entschädigungspflicht in Frage stände. Sodann ent- hält das BernfnngSurteil noch de» folgenden recht befremdend wirkenden Satz:„Würd? in allen diesen Fällen, in denen dem Arbeiter nur im Hinblick auf.§ 135 G. 1l. B. G. kein Anspruch gegen den Unternehmer zusteht, die fahrlässige Handhabung der Unfallverhütung«» Vorschriften gegen die Genossenschaft geltend gemacht werden können, so wäre damit die vom Gesetz gewollte Befreiung der Unternehmer von der Haftung der Fahrlässigkeit auf einem Umwege wieder aufgehoben." Die vom Kläger gegen diese? Urteil eingelegte Revision hatte keinen Erfolg und wurde vom VI. Zivilsenat deS Reichsgerichts zurückgewiesen. DaS Urteil nuitet eigenartig an. Nicht auf Grund de? Unfall« gesctzcS, sondern auf Grund der allgemeinen Vorschriften des Bürger» lichen Gesetzbuches haftet eine Berufsgenossenschaft wie jeder Bürger für den fahrlässig von ihr verursachten Schaden. Das erkannte das Landgericht zutreffend an. Das ObcrlandeSgericht hat nach den oben wicdergegebenen UrteilSgründcn eine gegenteilige Ansicht ausgesprochen, deren Hauptstütze dahin geht, der oder ein Ztoeck des Unfallgesetzes fei Befreiung der Unternehmer von der Haftpflicht gewesen. Dieser Zweck ist richtig mitgeteilt. Daraus folgt aber keineswegs, daß die B e r u f s g e n o s s e n f ch a f t e n nicht wie jeder andere für Fahrlässigkeit zu haften haben. Bei der Beratung der Reichsver« sichernngsordnung wird klarzustellen sein, ob diese durch die reichS» gerichtliche Entscheidung den Berufsgenossenschaften zugebilligte Prämie für fahrlässiges Vergehen gegen Leben und Gesundheit dkl Arbeiter in der Tal dem Willen des Gesetzgebers entspricht. ??ttter»»qssil>ersicht vom 1. Oktober INN». Mareens 8 Itbr. Stationen SB II LZ Simnembe,' 758 Hamburg(758® Berlin j 759 Still Frants.a.M. 75g NW München 1 760 still Wie»!760WNW Wetter «II L? 2be!ter 11 L bedeckt 11 Nebel 7 1 Nebel 10 Äberdeen heiter 10 Paris 1 heiler 13 Wetterprognose für Sonnabend, den 2. Zunächst vielfach heiter und am Tage mild Winde»! später Trübung und etwas Regen. Berliner Wette rbureatt. 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Muttersegen oder Die Perle von«sadoyen. vauagc. Spezialitäten Bolksgarten. Spezialitäten. SLalhalla. Spezmiiiäten. Neichsballen. Stcitiner Sänger. Karl Haverland- Theater. Epe- ziaiilälen. Easiuv. Onkel Cohn. Prater. Einer von unsere Leut'. Urania. Taiivenstrake 4e«,4!>. Nachmittags 4 Uhr: Rom und die Campagna. Abends 3 Uhr: In den Dolomiten. Sternwarte. Invalidenilr. 07/öü. I-eHüiing.Theater. 8 Uhr: Hedda Gabler. Sonntag, 8 Uhr: Des Pfarrers Tochter von Streladorf. Moatag, 8 Uhr: Die versunkene Glocke. berliner �bester. Heute 3 Uhr: ll>oi> llvlvlil ck«» p'tii-e-ten. Morgen: Der Beseht des Fürsten. Heues Tliester. Anfang 8 Uhr. Das Urbild des TarUKTe. Morgen und Montag: Das Urbild des Tarlüffo. Dienstag>/,8 Uhr: lin königlicher Spaß. Theater des Westens. Heute 7'l, Uhr zum ersten Male: VI« ff«a«M«ck«ii« Frau. Sonntag nachm. H'/.UHr, halbe Preise: Fla HVaI««rtraaai. Nva«» Vporvttea-T'ticarsr, Schisjbauerdainm LS, a. d. Lutsenstr. Abend» 8 Uhr: VI« v«llarprla»o»»la. 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Kasse W* , BC* « Y* LM* ES* SP» Die mit einem* bezeichneten Kassen besitzen Stahlkammereinrichtung. Die Depositenkassen eröffnen Geschäfts treibenden, Industriellen und Privaten laufende Konten für den Depositen- nud Scheck- Verkekr und besorgen den An- und Verkanf von Wertpapieren, fremden Geldsorten, Schecks und Wechseln aal das Ausland, die Ausschreibung von Kreditbriefen, die Ausgabe von Welt-Zirkular-Kreditbriefen, zahlbar an allen Hauptplätzen der Welt, etwa 1300 Stellen, die Diskontierung sowie Einziehung von Wechseln, die Aufbewahrung und Verwaltung von Wertpapieren, die Vorsicherung von Wertpapieren gegen Kursverlast im Felle der Auslosung, die Einziehung der abzutrennenden Coupons. Außerdem befassen sieh die Dopositenkassen mit der Beschaffung und Unterbringung von Hypothekcngelderii. Besondere Abteilung für NachlaS- und Vermfigens-Verwaltung sowie für Uebemahme von Testamentsvollstreckungen, Diskontierung von Buchforderungen. Stahlkammern. Die Stahlkammern der Depositenkassen stehen unter eigenem Verschluß der Mieter und eignen sieh znr Aufbewahrung von Wertpapieren, Hypotheken» Dokumenten, Urkunden, Wertgcgennttkuden und ScUmuckitaehen. Die Vermietung dieser Schrankfächer erfolgt je nach Wunsch auf beliebige Zeit Bedingungen für den Depositenverkehr und die Benutzung der Stahlkammern nebst Be» schreibang der letzteren werden an den Schaltern der Kassen ausgehändigt. Die Deutsche Bank ist mit Annahmestelle von Zahlungen Postsparkassen-Amte in Wien. ihren sämtlichen Zweigniederlassungen und Oeposltenkassen amtliche für Inhaber von Scheckkonten bei dem Kaiserl. König!. Oestorreichischen Heute Sonnabend, den 2. Oktober, ebenda?>/, Uhr: Gala-Abend. Frl. Dora Schumann in. ihr. Hannoveraner Hengst Dewett und dein irländisch. Svringpserd Hock. DobUt I DebUtt 6 Proveanies 6. 6 Damen. Der Schimpanse ol» Kunstradfahrer. Pferd und Ballerina, Schulakt d. Bitter v. Benroff. Mme. de Bainville au» Paris mit ihren Freiheits- pferden. 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Berliner Bandels-Cesellsclialt in Frankfurt a. IS.„„ Dlrection der Blseonto-Gesellselialt sowie in Amsterdam bei dem Bankhause Hope 4 Co., zzu denBodingun- .- n Llppmann, Rosea- �ü7er verö5e°nl° thal 4 Co. l Rehen worden während der bei jeder Stelle üblichen Gesohäftsstunden, und zwar in Berlin und Frankfurt a. M. zu nachfolgenden Bedingungen: 1, Der Subscriptionspreis beträgt 03 0/0 vom Nominalbetrage in Mark zuzüglich 4'/,°/t Stückzinsen vom 1. Juli 1909 bis zum Tage der Abnahme. Den Stempel der Zuteüungsscbluß- note trägt der Zeichner zur Hälfte. 2. Die Subsoription erfolgt auf Grund des zu diesem Prospekt gehörigen Anmeldungsformulare s, welches von den vorgenannten Stellen bezogen werden kann. Jeder SubscriptionB- s teile ist die Befugnis vorbehalten, die Subscription auch schon vor Ablauf der festgesetzten Frist zu schließen und nach ihrem Ermessen den Betrag jeder einzelnen Zuteilung zu bestimmen. Die Zubdllung erfolgt sobald wie möglich nach Schluß dar Subsoription. 3. Bei der Subscription ist eine Kaution von 5 ,f, des gezeichneten Noralitalbetrages in Bar oder in solchen Effekton zu hinterlegen, dia die Subsoriptionsstelle als zulässig erachten wird. 4. Die Abnahme der zugeteilten Beträge kann gegen Zahlung des Preise« vom 18. Oktober d.i. an geschehen. Der Zeichner ist indessen gehalten, die Hälfte des zugeteilten Betrages ara 18. Oktober d. I. die andere Hälfte dos zugeteilten Betrages spätestens am 15. November d. J. abzunehmen. Zugeteilte Beträge bis 6000 Mark sind am 18. Oktober d. i. ungeteilt zu ordnen. Bei vollständiger Abnahme wird die hinterlegte Kaution verrechnet oder zurückgegeben. Anmeldungen auf bestimmte Abschnitte können nur soweit berücksichtigt werden, als dies nach dem Ermessen der Subscriptionsstolle mit den Interessen der anderen Zeichner verträglich ist. 6. An den deutschen Plätzen können nur dia von den Berliner Häusern ausgestellten Interimsscheine in Original- Obligationen umgetauscht werden. Berlin, im September 1909. 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Partei-?Znge!egenkeiten. Morgen Sonntag, den 3. Oktober, von früh 8Uhr an findet in den 16 Kommunalbezirken Berlins eine Flugblattverbreitung von den bekannten Stellen aus statt. Wir bitten um allseitige Beteiligung. Die WahlkomiteeS. Zweiter Wahlkreis. Morgen Sonntag, 3. Oktober. früh 8 Uhr, findet für den o. und 8. Kommunalwahlbczirk eine Flugblattverbreitung statt. Es ist Pflicht aller Genossinnen und Genofien, sich an diesen Wahlarbeiten zu beteiligen. Die Genossen der 7. Abteilung find bereits den einzelnen Bezirken zugeteilt, die Genossen der 8. Abteilung treffen sich bei W i e m e r S, Bülowstr. 58, und erhalten dort Auskunft. Parteigenossen! Auf, an die Arbeit! Der Vorstand. Dritter Wahlkreis. Morgen Sonntag abends 6'/z Uhr findet in den Arminhallen, Kommandantenstraße 58/5S(großer Saal), eine öffentliche Versammlung statt. Genosse I. Hildebrand spricht über: Der Steuerraubzug und die Frauen. Nach der Versamm- lung: Gemütliches Beisammensein. Entree inkl. Garderobe 20 Pf. Tanz stei. Rixdorf. Den Mitgliedern des Wahlvereins hiermit zur Kennt- niS, daß die Fortsetzung der außerordentlichen Generalversammlung am Dienstag, 5. Oktober, abends 3r/z Uhr, in Hoppes Festsälen statt- findet. Die Tagesordnung lautet: 1. Fortsetzung der Diskussion über den Leipziger Parteitag. 2. Wahl des Parteispediteurs.(Stich- wähl.) 3. Anträge. 4. Vereinsangelegenheiten— Verschiedenes. Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt. Der Vorstand. Groß-Lichtcrfelde. Der Inhaber des Etabliffements A. Lücke, Berliner Straße 129, hat sein Lokal unserer Partei zu Ver- sammlungen usw. zur Verfügung gestellt. ES findet am Sonntag, den 3. Oktober, nachmittags 2 Uhr, daselbst eine Volksversammlung im Garten statt, in welcher Genosse Kaliski über:.Die jetzige innerpolitische Lage" sprechen wird. Die Partei- genossen hauptsächlich des östlichen und füdlichen OrtsteileS werden ersucht, eifrig für den Besuch dieser Versammlung zu agitieren. Treptow-Banmschnlcnweg. Die Mitglieder beider Ortsteile werden ersucht, sich morgen, Sonntag, früh 8 Uhr in den Bezirkslokalen zur Erledigung wichtiger Parteiarbeit einzufinden. Die Mitglieder des 6. Bezirks(Treptow) versammeln sich bei Schnorre. Elseustraßc. Der Vorstand. Bezirk Herzfilde. Sonntag, den 3. Oktober, nachmittags 3 Uhr, findet im Lokal von H. Henze eine außerordentliche Mit- g l i e d e r v e r s a m m l u n g des Wahlvereins statt. Tagesordnung: Berichterstattung vom Parteitag in Leipzig. Referent: Genosse Wessel. VcreinSangelegcnheiten. Die Bezirksleitung. Tegel. Am Sonntag, den 3. Oktober er., morgens 8 Uhr, findet von den bekannten Bezirkslokalen ans eine Handzcttelverteilnng statt. Am Montag, den 4. Oktober, abends 8'/z Uhr, in W. TrappS Festsälen: Volksversammlung. Agitiert für Mässenbesuch. Die Bezirksleitung. Nieder- SchSuhausen» Nordend. Am Sonntag, den 3. Oktober, früh 8 Uhr, findet von folgenden Lokalen aus eine Handzettel- Verbreitung statt: 1. Bezirk: Reuß, Platanenstraße-Ecke Kaiserweg-, 2. Bezirk: Gappa, Eichenstraße-Ecke Waldstraße: 3. Bezirk: Babst, Beuthstraße-Ecke Waldcmarstraße; Nordend: Schüßler, Blankenselder Straße. Wir bitten die Genossen, pünktlich und zahlreich in den Bezirkslokalen zur Stelle zu sein. Die Bezirksleitung. Hermsdorf-Glienicke. Sonntag, den 8. Oktober, vormittags 8Vz Uhr, findet vom Forsthaus zu Hermsdorf aus eine Flugblatt- Verbreitung für beide Orte statt. Berliner JSaebriebten. Opfer des Kapitalismus. Wir betreten eine jener kleinen Oasen, die glücklicherweise noch nicht dem Moloch Kapitalismus zum Opfer> gefallen find.„Lungen der Großstädte" hat man sie zutreffend genannt. Es ist Werktag vormittags. Rings unibraust uns das vielgestaltige, ncrvenzerrüttcnde Leben und Treiben der Millionenstadt. Hunderttausende fleißiger Hände regen sich gegenwärtig und schaffen all die unzähligen Dinge, die der moderne„Kulturmensch" braucht oder doch zu brauchen glaubt. Hier aber, auf diesem Fleckchen Erde, herrscht scheinbar Ruhe und Friede. Hier haben sich eine Anzahl Menschen zu- sammengefunden, die nicht teilnehmen an der wilden Jagd ums tägliche Brot da draußen. Kleine Kinder tollen mit der glücklichen Sorglosigkeit der Jugend umher, behütet von der Mutter oder der„Gouvernante". Sie kennen noch nicht das Leben mit seinen Gefahren, seinen Kümmernissen und seinen Niederträchtigkeiten. Auf den Bänken sitzen einige alte Männer, teils friedlich, teils niürrisch und verdrossen drein schauend, denen man auf 50 Schritte den„Sechsdreierrcntier' oder den pensionierten Beamten ansieht. Sie haben abgo schlössen mit dem Leben, das ihnen meist nicht viel Freude beschert hat. Auch zahlreiche Kranke, die sich wieder erholen wollen, sind unter den Besuchern. Aber eine Reihe von Gestalten erblickt man auch da- neben, die eine einzige große Anklage gegen die bestehende Gesellschaftsordnung bilden. Menschen, die im Lebenskampf aufgerieben, von dem un- barmherzigen Kapitalismus zermalmt sind. Lumpen- Proletarier sind es. Welch furchtbare Sprache reden diese jammervollen, armseligen Erscheinungen, diese von Elend und Laster durchfurchten Gesichter! Sie kennen einander alle. Täglich treffen sie hier zusammen, und das gemeinsame Unglück hat um sie ein Band der- Freundschaft geschlungen. Einige lesen Zeitungen oder Zeitschriften, fast ausnahmslos bürgerliche. Dlese Leute stehen ver- ständnislos den Ideen des klassenbewußten Proletariats gegenüber, ihnen fehlt der Mut und die Kraft zum Kampfe. Alle paar Minuten zieht einer eine Schnapsflasche aus der Tasche, nimmt daraus einen kräftigen Schluck und läßt sie dann unter seinen Freunden weiter wandern. Was wissen die Unglücklichen davon, daß die sozialistische Arbeiter- schaft den Boykott des Junkerfusels beschlossen hat? Und wenn sie es auch zufällig erfahren haben sollten — sie sind nicht mehr stark genug, um dem gewohnten Gifte zu entsagen... Interessant ist es, ihre Physiognomien zu studieren. Wohl find die meisten jetzt abgestumpft, apathisch, aber nicht alle Seugen von geistiger Beschränktheit. Manchem merkt man es an. daß er ehemals bessere Tage gesehen hat. Einen mit einer Brille und einem Spitzbarte nennen sie„Schulmeister". Ob er es einst war? Ihre Unterhaltung verrät, daß ihnen alles Hohe und Edle völlig gleichgültig geworden ist— soweit sie überhaupt jemals Sinn dafür gehabt haben. Einer kommt mit eiligen Schritten heran. Er scheint etwas auf dem Herzen zu haben. „Kinder," ruft er.„wißt Ihr schon das Neueste?" „Nun?" „Der Budiker an der Ecke da drüben hat einen neuen Schnaps:„Gummi-Max", schmeckt jroßartig!" Und eifrig wird das wichtige Ereignis besprochen. Auch einige Frauen sieht man hier— Frauen, die alles Weibliche und Zarte verloren haben.„Penn- s ch w e st e r n" nennt sie der grausame Witz des Berliners. Sie sitzen zwischen den Männern und trinken mit ihnen um die Wette. Wovon diese Menschen leben? Vielleicht von Gelegen- heitsarbeiten, vielleicht von etwas anderem? Wo sie schlafen? Heute im Asyl, morgen in einem Hausflur, übermorgen auf einer Bank... Von Zeit zu Zeit nähert sich ein königlich preußischer Schutzmann mit aufgewichstem Schnurrbart und durchbohrt jeden einzelnen dieser Parias mit seinen Blicken. Passanten eilen geschäftig vorüber, flüchtig die bunte Gesellschaft musternd. Meist sind es Geschäftsreisende, den Musterkoffer in der Hand. Hier und da eine„höhere Tochter" mit Musik- mappe und langen Zöpfen. Beim Anblick der Armen be- schleunigt sie ihre Schritte. Inzwischen ist es Mittag ge- worden, und zahlreiche Angestellte strömen vorbei, nach ver- schiedenen Restaurationen, um sich dort zu neuer Arbeit zu stärken. Die Unglücklichen auf den Bänken aber rühren sich nicht. Sie haben ja ihren Schnaps. Das ist ihr Mittag- brot... Einmal kommt strammen Schrittes, sporenklirrend ein höherer Offizier daher, die Brust voller Orden. Verächt- lich rümpft er die Nase und geht weiter... Ob wohl ein einziger von denen, die vorüberhuschen, so etwas wie Mitleid verspürt?-- Ein Elendsbild ist es von einer erschütternden Tragik. Und um diese jammervollen Gestalten spielen die sorglosen Kinder in seliger Lust, und die honetten Rentiers lesen ihre „staatserhaltenden" Zeitungen, bisweilen indignierte Blicke auf das„Gesindel" werfend. Du aber, bürgerliche Gesellschaft, schlage an deine Brust: du trägst die Verantwortung für jene zertrümmerten Existenzen! Uclier die Behandlung von Jnvalidenrenten-Antragstcllern bei der Versicherungsanstalt Berlin wird nach einer bestimmten Rich- tung hin Klage geführt. Nach dem Gesetz soll bekanntlich derjenige Invalidenrente beanspruchen können, welcher unter der Voraus- sctzung richtiger Markcnverwendung nicht mehr imstande ist, den dritten Teil seines bisherigen Arbeitsverdienstes zu erwerben. In den Kreisen der meist sehr einfachen Leute, die sich um Invaliden- rente bewerben, ist nun aber diese Grundbedingung nicht durchweg bekannt. Die überwiegende Aiehrzahl von ihnen meldet sich mit RcntengewährungSanträgcn, sobald die alten Knochen die gewohnte Arbeit nicht mehr verrichten wollen und der Verdienst zum Lebens- unterhalt kaum noch hinreicht. Sie haben also das sozusagen instinktive Gefühl, daß ihr Leben nunmehr für den Genuß der vom Gesetzgeber garantierten Rente reif sei. Desto eifriger sind die für die schriftliche Fixierung solcher Anträge bestimmten Beamten darauf bedacht, genau nach dem Buchstaben des Gesetzes zu ver- fahren und die Antragsteller einem förmlichen Jnquisitorium, wie es vor Gericht oder bei der Polizei üblich ist, zu unterziehen. Vielleicht hat sich ja diese Praxis herausgebildet aus der Tatsache, daß alljährlich außerordentlich viele Antragsteller, deren Erwerbs- verhältniffe den gesetzlichen Vorschriften noch nicht entsprechen, abgewiesen werden müssen. Sie darf aber nicht soweit gehen, daß man in jedem Antragsteller von vornherein einen unreellen Men- schen wittert, der es darauf anlegt, die Versicherungsanstalt über den Grad seiner Erwerbsunfähigkeit und damit seiner Invalidität zu täuschen. Während die Ermittelung des körperlichen Erwerbs- zustandes der Untersuchung durch den Vertrauensarzt vorbehalten bleibt, haben sich die Aufnahmebeamtcn auf die Feststellung der pekuniären Lage zu beschränken. Sic tun tun dies oftmals nicht mit der bündigen Frage, was früher verdient wurde und was jetzt ver- dient wird, sondern in der Form eines namentlich ältere Leute stark verwirrenden Kreuzverhörs. Wenn beispielsweise eine Auf- Wärterin wiederholt erklärt, daß sie keine 3 M. mehr in der Woche verdient, so liegt doch gar keine Veranlassung vor, ihr immer wieder zu sagen:„Also, nicht wahr, Sie verdienen jetzt nur noch sechs Mark in der Woche? Wie meinen Sie... noch nicht drei Mark? Na, das ist doch ein bißchen zu wenig. Vorhin sagten Sie doch sechs Mark! Geben Sie doch zu, daß Sie manchmal auch sechs Mark verdienen und daß Sie oft auch Lebensmittel erhalten." Wiederholt haben in solchen Fällen die Antragsteller grob werden und energisch dagegen protestieren müssen, daß man ihnen Worte in den Mund legen will, die sie nicht gebraucht haben und die den tatsächlichen Verhältnissen nicht entsprechen. Wer da nicht aufpaßt, kann es erleben, daß nachher im Protokoll Dinge stehen, die gar nicht zutreffen, aber zur Ablehnung des Rentenanspruchs genügen. Das Protokoll wird nämlich— und das ist der zweite, erst recht nicht zu billigende Punkt— von einigen Aufnahmebeamten dem Antragsteller nicht vorgelesen, wie es doch die Elementarregel für jeden Protokollführer sein soll. Man schiebt dem Betreffenden den beschriebenen Bogen hin und sagt:„Na, nun unterschreiben Sie mal... Sie bekommen Bescheid!" Und leider unterschreiben sehr viele Personen, ohne zu wissen, was sie eigentlich unter- schrieben haben. Man verlange also in jedem Falle die Perlesung des Protokolls, zu welcher der Beamte schon ohne weiteres ver- pflichtet ist, und lasse streichen oder ändern, was etwa nicht richtig und von dem Beamten falsch aufgefaßt ist. Denn die Unterschrift ist bindend, weil sich ja später gar nicht feststellen läßt, ob das Protokoll verlesen wurde oder nicht. Vor allem aber soll jeder Antragsteller sich einprägen, daß er weniger als den dritten Teil des normalen Lohnes verdienen mutz, wenn er nicht mit seinem Rentenanspruch abgewiesen werden will. Die Beamten würden sich ihre 5lreuz- und Querfragen, aber auch manche� Schreiberei ersparen können, wenn sie von vornherein auf diese gesetzliche Grundbestimmung aufmerksam machen wollten. Eine besondere Klage wird über die lange Wartezeit auf den Korridoren geführt. 2�—3 Stunden Wartezeit ist nichts seltenes .md bedeutet für die alten erwerbsunfähigen Leute eine doppelte Die Wasserversorgung Berlins. Der Magistrat beschäftigte sich in seiner gestrigen Sitzung eingehend mit Frageft der Wasserversorgung von Berlin. Der Stillstand der Bautätigkeit und der Um- stand, daß mehrere Großabnehmer(Eisenbahn, Fabrikanlagen und ahnliche) in letzter Zeit dazu übergegangen sind, Grundwasser aus c'gcncn Anlagen unmittelbar für ihre Maschinen zu verwenden. haben zwar in der letzten Zeit die städtischen Wasserwerke stark entlastet, so daß sogar ein kleiner Rückgang im Wasserverbrauch eingetreten ist. Immerhin ist die Stadt der Sorge für die Zukunft nicht enthoben und muß weiter darauf bedacht sein, ihren Bürgern und den an ihr letzt angeschlossenen Vororten ausreichendes und völlig einwandfreies Wasser zu liefern. Seit Jahren ist die Stadt zu der idealsten Lösung der Frage, zur Grundwasserversorgung, übergegangeg. Das mit Genehmigung der Regierung errichtete Werk am Müggelsee ist mit großen Kosten zum Grundwasserwerk umgestaltet worden, das Wasserwerk in Tegel ist gleichfalls ein Tiefbrunnenwcrk und neue Ticfbrunnenwerke werden in Saat- winkel-Hciligensee und in der Wuhlheide geplant. Trotzdem wird die Stadtgemcinde auf Entnahme von Oberflächcnwasscr nicht völlig verzichten können. Bis die neu geplanten Werke in vollen Betrieb genommen sind, werden noch mehrere Jahre vergehen— Für die Anlagen in der Wuhlheide ist die Genehmigung des Land» Wirtschaftsministers noch nicht erteilt— und dann wird für be- sondere Inanspruchnahme in Notfällen vorgesorgt werden müssen. Hierfür kommt in erster Linie das Wasser des Müggelsees in Frage, das infolge der günstigen örtlichen Verhältnisse besonders geeignet erscheint. Daß oberhalb des Sees sich keine größeren Ort- schaften befinden, daß auch die Industrie sich hier nur sehr spärlich angesiedelt hat, daß der große durchgehende Schiffahrtsverkehr infolge der Verbesserung des Spree-Oderkanals diesen Weg aus- schließlich benutzt, so daß der Müggelsee nur noch dem Personen- verkehr und geringem lokalen Güterverkehr dient, hat es bewirkt. daß die Beschaffenheit des aus dem Müggelsee entnommenen Ober- flächenwassers sich in den letzten Jahren nicht verschlechtert, sondern verbessert hat. Die 14iägigen Analysen zeigen eine beständige Ab» nähme der Keimzahlen. Die Keimzahl von 30 auf 1 Kubikzentimeter ist in den letzten Jahren nie überschritten worden, während die Wissenschaft ein Wasser mit 11 Keimen auf 1 Kubikzentimeter noch für durchaus einwandfrei erklärt. Dem Wunsche des Magi- strats, den Müggelsee als Schöpfstelle für Oberflächcnwasser in Reserve zu halten, steht nun das Bestreben der Staatsr-egierung entgegen, alle Gemeinden grundsätzlich zur alleinigen Verwendung von Grundwasser zu veranlassen. Aus diesem Bestreben heraus soll auch der Stadt Berlin die Benutzung des Müggelsees grundsätz» lich nur noch für 5 Jahre gestattet werden. Der Magistrat hat nun beschlossen, ein Gutachten der ersten Autorität auf diesem Gebiete, des Ehrenbürgers der Stadt Berlin, Robert Koch, einzuholen und danach zu entscheiden, ob die von der Regierung gefürchtetcn Ge- fahren aus der Verwendung von Oberflächenwasser, gerade bei den besonderen Verhältnissen des Müggelsees, vorliegen, und ob also die Verwendung des Müggelseewassers auch späterhin ohne Ge- fahren für die Gesundheit der Bürger geschehen kann. Entsendung Hilfsbedürftiger nach Heilstätten usw. Im Stadt- haushaltetat für 1909 sind der Armcndirektion zur Unterbringung von Hilfsbedürftigen in Heilstätten, Erholungsstätten und ähnlichen der Gencscndcnfürsorge dienenden Anstalten, in Fällen, welche über die gesetzliche Armenpflege hinausgehen, 160 000 M. zur Ver- ftigung gestellt worden. Die Armendirektion hat eine erhebliche Verstärkung dieser Etatsposition schon für das laufende Jahr be- antragt, da die Mittel trotz sorgfältigster Prüfung der Fälle bei weitem nicht ausreichen. Der Magistrat beschloß gestern, der Armcndirektion noch für das laufende Etatsjahr weitere 100 000 Mark für den genannten Zweck zur Verfügung zu stellen vorbehält, lich der noch einzuholenden Zustimmung der Stadtverordneten. Mit dem projektierten«Bau eines Krankenhauses für Ge- schlcchtskranke in NummelSburg scheint es noch lange Wege zu haben. Dieses Krankenhaus soll zur Aufnahme von geschlechts- kranken Prostituierten und geschlechtskranken Fürsorgezöglingcn dienen. Bekanntlich werden diese von der Polizei überwiesenen Personen seit Jahrzehnten„vorübergehend" im städtischen Obdach in der Fröbelstratze untergebracht. Die Räume des ObdachS werden aber dringend für Hospitalzwecke gebraucht. Dann aber ist es ein unhaltbarer Zustand, daß in demselben Hause, in dem obdachlose Familien mit ihren Kindern vorläufige Unterkunft finden, sich geschlechtskranke Prostituierte— wenn auch räumlich getrennt— aufhalten. Der Bau eines eigenen Krankenhauses für genannte Zwecke ist deshalb dringend. Eine Verzögerung ist ein- getreten durch die Forderung der Gemeinde Rummelsburg auf Zah- lung der Kleinigkeit von 107 000 M. für die 5bassierung eines über das der Gemeinde Berlin gehörigen Grundstücks führenden WegeS. Jetzt auf einmal erklärt die hiesige Waisenvcrwaltung, sie ver- zichte auf Unterbringung der geschlechtskranken Fürsorgezöglinge in dem neu zu erbauenden Krankenhause. Nachdem ein Antrag der Waisenverwaltung, diese Personen im Rudolf-Virchow- Krankenhaus aufzunehmen, auf Grund ärztlicher Gutachten abge- lehnt worden ist, verlangt sie vom SWtischen Obdach die Auf, nähme geschlcchtskrankcr männlicher Fürsorgczöglinge in die Ge- schlechtskrankenstation des-Städtischen Obdachs. Ein recht sonder- bares Verlangen unserer Waiscnvcrwaltung, die ansck?eincnd nach dem Ruhm geizt, sich noch berühmter zu machen, als das schon in Sachen Mielczyn geschehen ist. Das Kuratorium des Obdachs lehnte denn auch einstimmig das Ansinnen der Waisenverwaltung ab und beschloh, nochmals an den Magistrat das Ersuchen zu richten, schleunigst den Bau eines besonderen Geschlechtskranken- Hauses zu veranlassen. Besteht Rummclsburg auf seiner Fordr, rung, müsse ein anderer Bauplatz gewählt werden. Fuhrwcrksbefitzer und Absperrungen. Der Verband der Fuhr- Werksbesitzervereine Berlins und Umgegend beschloß in seiner letzten Vorstandssitzung, sich beim Polizeipräsidium über die am Zeppelin» und Paradetage vorgenoinmenen übertriebenen AbsperrnngS- maßregeln zu beschweren und darauf zu dringen, daß künftig bei ähnlichen Anlässen es den Droschken gestattet werde, in einigen Querstraßen der Bellealliance-Straße wenigstens an einer Straßen- seite Aufstellung nehmen zu können, damit dem Publikum nach Schluß der Parade in nicht zu weiter Entfernung auch Droschken zur Ver- fügung ständen._ Vom Flugfelbe. Um 3 Uhr 21 Minuten stieg Baron de CaterS zu einer Versuchsfahrt auf. Der Voisin-Zweidecker entwickelte wenig Stabilität, doch gelang es dem belgischen Luftschifser in einer Höhe von 10 bis 20 Zentimetern über dem Boden eine Runde zurück- zulegen. Um 3 Uhr 32 Mm. startete Henry Rougier um den Ge- schwindigkeits- und Michelin-Preis. Farman stieg um 3 Uhr 53 Min. zum Wettbewerb um den Höhen- und Entfernungspreis auf und bald darauf startete Baron de Caters zum zweiten Male. Obwohl sein Apparat stark schwankte, durchflog er die Bahn in einer Höhe von 10 Metern und es gelang ihm, obgleich er sich nicht zur Konkurrenz gemeldet hatte, in vier Runden Rougier zu überholen. Der belgische Aviatiker legte insgesamt 12 Runden in einem Zest. räum von 32 Min. 50 Sek. zurück und landete glatt. Die Landung erfolgte wegen Ueberanftrengung des Aviatikers bei der Steuerung des Fliegers, die er infolge böiger Winde anfangs fortgesetzt Hand- haben mußte. Farman landete nach Zurücklegung der 38. Runde infolge Motordefekts um 5 Uhr 24 Min. Er hat also 95 Kilometer in einem Zeitraum von 1 Stunde 31 Min. zurückgelegt. Baron de Caters entschloß sich nach seinem vorzüglichen Äersuchsfluge am Nachmittage doch noch in den Wettbewerb einzutreten und startete um 5 Uhr 49 Min. um den Geschwindigkeitspreis. 3 Min. später- wiederholte Dorner einen Aufflugsversuch, konnte mit seinem Apparat jedoch nur einige Sprünge machen. Baron de CaterS landete nach der zweiten Runde, wahrscheinlich infolge eines Zün» dungsdefektes seiner Maschine. Rougier landete um 6 Uhr 14 Min., nachdem er 52 Runden in einem Zeitraum von 2 Stunden, 41 Min. 59 Sek. zurückgelegt hatte.- Die Strecke wurde mit 132 Kilometer bewertet, doch hat der fran. zösische Aviatiker infolge der großen Bogen, die er machte, mW- bestens 150 Kilometer durchfolgen. Die übrigen Aviatiker, Molon, Edwards und Sanchcz Besä, sowie Latham wurden mit den Repa. raturen an ihren Apparaten nicht fertig, werden jedoch aller Wahr» scheinlichkeit nach am heutigen Sonnabend sich an den Wettflügerr wieder beteiligen. Der Höhenpreis, um welchen sich gestern Farman bewarb, ist am Freitag nicht ausgefahren. Schwere Verfehlungen städtischer Beamten des Schlacht- und Viehhofes und dkx FleischhernichtungsWstalt habe? die sofortige Eist, lassung Lreker WeM Veamkttt zu? Folge gSljaN. SefönFetS kM. promittiert ist der Betricbsingemeur Heinze vom Vieh- und Schlachthof. Es handelt sich im wesentlichen um Bevorzugung be- stimmter Firmen, die ihren Grund wiederum in der Annahme von S ch miergeldern haben. Es wurde dabei sehr dreist verfahren. An gewisse Firmen wurde die Anfrage gerichtet, wieviel sie den Beamten verdienen lassen wollten; worauf eine Firma anfrug, wie- viel Prozente beansprucht wurden, um danach kalkulieren zu können. Eine Reihe angesehener Firmen, darunter eine Kohlengrube, wurden aus dein Verzeichnis der für die Stadt in Frage kommen- den Lieferanten gestrichen. Interessant ist, daß der Betriebs- ingenieur Heinze gegen die Arbeiter sehr rücksichtslos vorging. Erst kürzlich maßregelte er einen Rohrleger, weil dieser sich in einer Gewerkschaftsversammlung über schlechtes Material und Hand- wcrkszeug beschwert hatte. Wer nicht nach dem Willen des gestren- gen Herrn Betriebsingenieurs handelte,..flog". Nun ist er selbst geflogen. Von der Moabiter Brücke in die Spree gesprungen und er- trunken ist eine weibliche Person, deren Personalien bisher nicht festgestellt werden konnten. Die Lebensmüde, die etwa 60 Jahre alt gewesen sein dürfte, sprang vor den Augen zahlreicher Passanten ins Wasser und ging sofort unter. Rettungsversuche, die sofort unternommen wurden, hatten keinen Erfolg. Nur noch als Leiche konnte man die Selbstmörderin landen. Die Tote wurde nach dem Schauhaus geschafft. 1_ Das Ticrweltblatt. Der„Lokal-Anzeiger" ist in seinem VerblödungZeifer bereits zu dem Sprachrohr der Tierwelt geworden, während er früher bloß als solches der deutschen Regierung galt. Er gesteht das in der gestrigen Abendansgabe ganz offen ein. Es heißt da:»Unter den Tieren ist heute der allgemeine Liebling der Storch, alldieweilen und sintemalen er zum dritten Male bei unserem Kronprinzenpaar Einkehr gehalten und znm dritten Male einen Prinzen mitgebracht hat". Daß das Getier den Scherlschmock zu seinem Bertrauten gemacht hat, wird hoffentlich die menschlichen Leser dieses Blattes dazu bewegen, die kompromittierende Verbindung mit diesem Organ aufzugeben._ Ein Totgeglaubter wieder lebendig. Eine Korrespondenz verbreitet folgende scntationelle Mit- teilung: „Totgesagte sollen nach dem Volksglauben immer noch recht lange leben. Wenn das zutrifft, dann kann der Arbeiter Stüwer, dessen Verhältnisse noch nicht näher bekannt sind, ganz sicher auf ein sehr hohes Alter rechnen. Der Mann wurde gestern morgen in der Putbuscr Straße bewußtlos auf dem Bürgersteig liegend von einem Schutzmann aufgefunden und mit einer Droschke nach einem Krankenhause gebracht. Hier untersuchte ihn ein Arzt, wäh- rend er noch im Wagen lag. Nachdem der Arzt den Tod festgestellt hatte, brachte man Stüwer mit der Droschke gleich weiter nach dem Schauhaus. Während sich dort die Beamten mit ihm befaßten und besonders nach irgend einem AuslHcispapier in seinen Taschen suchten, bewegte die vermeintliche Leiche erst den linken, dann den rechten Arm und endlich den ganzen Körper. Schleunigst wurde der Vorsteher des Schauhauses, Kriminalkommissar Dr. Rösky, der Mediziner ist, herbeigerufen. Er machte die noch erforderlichen Wiederbelebungsversuche und ließ dann den Mann sofort nach dem Krankenhause zurückbringen. Stüwer ist noch nicht Vernehmung»- fähig, man weiß daher noch nicht, wie er in der Putbuser Straße in seine hilfsbedürftige Lage geraten ist. Daß der Arzt im Kran- kcnhause-den Mann für tot hielt, ist erklärlich, denn Stüwer war, als der Schutzmann ihn in früher Morgenstunde auffand, voll- ständig kalt und starr. Erst durch den Aufenthalt in der Droschke und durch die Hantierungen, die der Arzt im Krankenhause und später die B-eamten des Schauhauses dort mit ihm vornahmen, war er allmählich wieder aufgelebt. Er selbst weiß noch nicht, daß er bereits zu den Toten gehört hät und schon im Schauhause gc- Wesen ist." Wenn die vorstehende Mitteilung richtig sein sollte, werden die Erzählungen von Lebcndigbegralbenwevden wieder viele Gläubige finden._____ Der Berliner Volks-CH-r wird M o n t a g. d e n 11. O k t o b e r. im großen Konzertsaale der„Brauerei Friedrichshain" sein erstes großes diesjähriges.Konzert veranstalten. Es wird ein B ee t h o v e n- M e n d e l s s o h n-A b en d sein. Von Beethoven bringt der Chor die„Ruinen von Athen". von Mendelssohn„Die erste Walpurgisnacht" mit dem Text von Goethe. Zwischen beiden wird Karl Klingler, der Joachims- schüler, Beethovens Violinkonzert spielen. Es sind also ausgesuchte Schätze von höchstem musikalischem Kunstwert, die zu Gehör gehracht werden. Vor allem, daß Beethoven geboten wird, wird der Berliner Arbeiterschaft von besonderem Werte sein. Noch sind ihr gerade dessen'unsterbliche Schöpfungen verhältnismäßig wenig zugänglich gemacht worden. Was aber Goethe in der Literatur ist, das ist Beethoven in der deutschen Musik: der größte von allen. Der ge- bildete Arbeiter muß ihn kennen so gut wie Goethe. Durch den Volkschor werden ihm zwei seiner feinsten Werke geboten. Die „Ruinen von Athen" bringen unter anderem den allbekannten i„Türkischen Marsch", ein Kabinettstück von erlesener Charakteristik ' der Instrumentierung, sowie einen„Derwisch-Chor", der von Beethoven mit kühnstem Realismus entworfen ist und offenbar die Sekte der tanzenden und heulenden Derwische schildert; darauf deutet wenigstens die das ständige Drehen des Körpers malende Triolenbewegung der Streicher hin; man lernt also zugleich wirk- liche Triolen kennen. In der„Walpurgisnacht" wird bekanntlich von Goethe und Mendelssohn eine Maifeier unserer alten Heid- mischen Vorfahren in Schönheit geschildert. Auch sie geht nur unter Kämpfen und Gegensätzen vor sich, genau wie die unsrige heute noch. Als Orchester wirkt an dem Abend das Blüthner-Orchester mit. Es besteht also die Aussicht auf einen ebenso reinen wie billi- gen Kunstgenuß, der sich der Berliner Arbeiterschaft am 11. Oktober bietet. Die Stellung der polnischen Reichstagsfraktion zur Finanz- reform sowie die Wahlen zum preußischen Landtag wird eine zu morgen, Sonntag, den 3. Oktober, nach Kellers Festsälen, Koppen- ssraße 29, einberufene öffentliche polnische Versammlung beschäf- tlgen. Feucrwchrbericht. Es vergeht jetzt wieder keine Nacht, in der die Feuerwehr nicht ein oder mehrere Male böswilligerweise alarmiert wird. In der vergangenen Nacht gegen 3 Uhr lief ein Alarm nach dem Arkonaplatz 4 ein. Als die Feuerwehr dort an- kam, war nirgends eine Gefahr zu entdecken. Nach längerem Ver- weilen und Suchen mußte die genarrte Feuerwehr wieder abrücken. Von dem Täter war keine Spur zu entdecken. Wegen eines Kurz- schlusses in einem Laden wurde der 7. Zug nachts nach der Gubener Straße 1 Ecke Frankfurter Allee und Königsberger Straße alar- miert. Die Gefahr konnte schnell beseitigt werden. Nachts um 19 Uhr wurde die Berliner Feuerwehr nach der Huttenstraße 93 ge- rufen, wo die auf Berliner Grenzgebiet liegende, aber zu Char- lottenburg gehörige Deutzer Motorenfabrik in geraumer Ausdehnung brannte. Da die Charlottenburger Feuerwehr unter Leitung des Branddirektors Bahrdt schon mit zwei Schlauchleitungen wirksam Wasser gab. konnte der 15. Zug der Berliner Feuerwehr bald wieder abrücken. Die Charlottenburger Wehr war des Feuers nach einstündiger Tätigkeit vollständig Herr. Der Schaden ist er- heblich, da auch einige Maschinen vom Feuer und Wasser sehr ge- litten haben. Ferner hatte die Feuerwehr in der Luisenstr. 46 zu tun. wo Betten u. a. in einer Wohnung gestern früh brannten und eine allgemeine Aufregung herrschte. Weitere Brände beschäftigten die Feuerwehr in der Jablonskistr. 9, Wichmannstr. 5, Manteusfel- straße'98 und anderen Stellen. Gardinen, Lumpen, Schornsteine, Möbel usw. standen dp.rt in FlamniSK > Vorort- JVaefmebteth Rixdorf. Das ueue städtische Krankenhaus ist jetzt vollendet und wird dem- nächst seiner Bestimmung übergeben werden. Da das Interesse für diesen vom Stadtbaurat K i e h l geschaffenen modernen Bau ein allgemeines sein dürfte, haben Bildungs- und Jugend- ausschuß der Arbeiterschaft RixdorfS Gelegenheit ge- nommen, eine Besichtigung des neuen Krankenhauses zu veranstalten. Der Erbauer hat in freundlicher Weise die Führung zugesagt. Die Teilnehmer versammeln sich am Sonntag, den 3. Oktober, nach- mittags 1�/,, Uhr präzise vor der Rampe der neuen Anstalt an der Nudower Chaussee(vom Buschkrug ab 29 Minuten zu Fuß). Eine Jugendfeier veranstaltet am Sonntag, den 3. Oktober. abends 6 Uhr, der Jugendausschuß der Arbeiterschaft Rixdorfs im Gesellschaftshaus von Felsch, Knescbeckstr. 48/49. Den Festvortrag hält die Genossin Mathilde Wurm. In dem ge- diegcnen Programm wirken mit: Konzertsängerin Frau Erna Hallenslcben-Schneider. Fräulein Maria Holgers(Rezitationen) und ein Solisten-Trio(Klavier, Violine, Cello» des Berliner Sin- fonie-Orchcsters. Ein Eintrittsgeld wird nicht erhoben, denn der Jugendausschuß hat den Wunsch, allen jugendlichen Arbeitern und Arbeiterinnen den Besuch des Festes möglich zu machen. Die Eltern der soeben aus der Schule entlassenen. Jugend seien an dieser Stelle ganz besonders angeregt, ihre Söhne und Töchter auf die Feier hinzutveisen. welche gleichsam die Einführung ist in die während des Winterhalbjahrs geplanten Veranstaltungen. Wie wir hören, findet noch in diesem Monat an einem Sonntage die Besichtigung der Glasmosaik-Kunstwerkstätten von Puhle u. Wagner statt. Ferner sind für den November mehrere Vortragsabende in Aussicht genommen, die der Jugcndausschuß hofft, bereits in seinem in der Einrichtung begriffenen Jugendheim abhalten zu können. Da über die Aufgaben und die Tätigkeit des Jugendausschusses noch vielfach irrige Auffassungen hervortreten, möchten wir noch ausdrücklich betonen, daß zu den Veranstaltungen desselben die jungen Leute weder Beitrüge zu leisten, noch sonst irgendwelche Kosten beizutragen haben.■, Wilmersdorf. Das Opfer eines eigenartigen Unglücksfalles wurde vorgestern der neunjährige Schulknabe Oskar Frank aus der Sigmarinaen- straße 33. Er hatie mit anderen Kindern vor dem Grundstück Landhausstraße 7 gespielt. Als er beim Laufen dem abgrenzenden Bretterzaun zu nahe kam, geriet dieser ins Schwanken und stürzte teillveise um. Der Knabe wurde zu Boden geschlagen und erlitt einen komplizierten Bruch des rechten Unterschenkels. Er mußte nach einem Krankenhause gebracht werden. Steglitz. Bei der Wahl der Vertreter der Arbeiter zur Ortskrankenkasse wurde die Liste der Gewerkschaftskommission mit 194 gegen 34 Stimmen gewählt. In aller Stille hatten sich verschiedene Herren zusammengefunden, und eine Liste zusammengestellt, um, wie ein von diesen Leutchen herausgegebenes Flugblatt behauptet, den „extremen Einflüßen" den Zutritt zur Kassenverwaltung zu ver- wehren. Dieses Grüppchen, in dem, wie böse Zungen behaupten, die Arbeitgeber die Mehrheit haben, hatte sich mit dem Namen Mit- gliederkommission bezeichnet. Obiger Name schien gewählt zu sein, um die Arbeiterschaft zu täuschen. Dem Verfasser des erwähnten Flugblattes, einem Zigarrcnhändler Karl Schulz, Düppelstr. 33, wäre zu raten, wenn er sich wieder einmal an eine derartige Ar- beit herantrant, etwas mehr seine Gedanken zum Ausdruck zu bringen. Denn tatsächlich enthält dasselbe außer einigen Redens- arten gegen die sogenannte extreme Richtung genau denselben In- halt, wie das vor einigen Tagen von der Gcwerkschaftskommission herausgegebene Flugblatt. Nur war immer an Stelle des Wortes Gcwerkschaftskommission das Wort Mitgliederkommission gesetzt. Um nun auch Arbeiter zu finden, welche ohne getäuscht zu werden, für eine derartige Liste stimmen, hatte man sämtliche polnischen Arbeiter der Charlottenburger Wasserwerke zur Wahl komman- diercn lassen. Trotzdem nun diese Arbeiter vollzählig ihre Stimme für die Liste der Mitglieder- oder besser gesagt Unternehmcrkom- Mission abgaben, erlebten die Herren einen Rcinfall, welcher noch schlimmer ausgefallen wäre und der Unternehnierkommission wäre noch besser heimgeleuchtet worden, wenn man der organisierten Arbeiterschaft nicht den Wahltermin so spät mitgeteilt hätte. Wildau-Hoherlehme. Aus der Gemeindevertretung. An Stelle des vom Ort ver» zogenen Herrn Rundfeld wurde Genosse Hoffmann als Mitglied zur Voreinschätzungskommission gewählt. Der Gemeindevorsteher wurde beauftragt, für Wildau-Hoherlehme einen eigenen Schätzungs- bezirk zu beantragen, da der Ort in den letzten Jahren bedeutend gewachsen und es für die Kommissionsmitglieder mit großen Zeit- opfern und Geldunkosten verknüpft ist, wenn dieselben mit noch zwei Orten die Einschätzung vornehmen müssen. Der von unseren Ge- nossen im Dezember 1998 gestellte Antrag auf Einführung einer Wertzuwachssteuer wurde nach kurzer Debatte mit acht gegen vier Stimmen angenommen. Das hierzu vom Gemeinde- Vorsteher ausgearbeitete Statut wurde einer dreigliedrigen Kom- Mission überwiesen, welcher die Herren Dir. Brückmann, Amtmann Schmidt und Genosse Taenzer angehören. Aus dem im Ortsteu Wildau abgehaltenen Gemüsewochenmarkt sollen außer den bereits geführten Waren noch Butter, Käse, Fleisch- und Wurstwaren zu gelassen werden. Weiter wurde beschlossen, im Ortsteil Wildau im nächsten Frühjahr eine Badeanstalt zu errichten. Die hierzu nötigen Vorarbeiten wurden den Herren Dir. Stretbhardt, Weid- mann und Genossen Hoffmann übertragen. Es wurde darüber Be- schwerde geführt, daß im Ortsteil Wildau die Glühkörper der Laternen in unverhältnismäßig großer Zahl von Schulkindern durch Erklettern der Masten usw. zerstört werden; der Rektor der Schule soll davon unterrichtet werden, damit derselbe die Unsitte aufs strengste untersage. Ebenso sollen Eltern und Erzieher durch orts- übliche Bekanntmachung darauf aufmerksam gemacht werden, daß sie im Wiederholungsfalle für den entstandenen Schaden ersatz- pflichtig gemacht werden. Oranienburg. Ein entsetzlicher Betriebsunfall ereignete sich in dun Hüttenwerk von Wil. C. Kayser u. Co. In der Kupferabteilung wurde an einem neu aufgestellten Kran, dessen Ketten auf eine Last von zehntausend Kilogramm geprüft waren, ein Kessel mit tausend Kilogramm ge- schmolzenem Kupfer emporgezogen. Plötzlich riß die Kette, der Kessel fiel aus einer Höhe von zlvei Metern herab und sein Inhalt ergoß sich über den dicht dabei stehenden 39 Jahre alten �Arbeiter Meier. der am ganzen Körper entsetzlich verbrannt wurde. Der Verunglückte wurde zwar noch lebend nach dem Krankenhause gebracht, verstarb jedoch schon wenige Minuten nach seiner Einlieferung. Weiftensee. Aus der Gemeindevertretung. Die erste Sitzung nach den Ferien nahm Ergänzungswahlen für einen Schiedsmann und einen Stell- Vertreter vor, sowie Wahlen zur Voreinschätzungskommission und zweier Armenbezirksvorsteher. Für die Alterszulagenkasse der Volksschullehrer mußte für 1998 noch ein Betrag von 9479,59 M. nachbewilligt werden. Ueber die von den Lehrern ersehnte Fest- setzung der Ortszulagen wurde noch nicht verhandelt. Einige An- geböte auf kostenfreie Abtretung von Straßenlandparzellen wurden einstimmig angenommen. Die Bewilligung von 8899 M. für das Entleihen eines Dampfflugcs auf dem Rieselgute des Rittergutes Birkholz rief eine längere Diskussion hervor; jeder bemühte sich, seine Bauernschlauheit zum besten zu geben. In einer Landwirte- Versammlung hätte nicht besser geredet werden können. Als man sich überzeugt hatte, daß der Dampfpflug doch mehr leiste als 26 Ochsen, würde die Summe beschlossen. Der Ankauf eines Grund- stücks in der Berlinerstxgße erfolgte.ebenfalls erst Nack) lMger De- fdfk uftS man merkks. Faß in 5er leßlen Gehelmsitz'lMg 5eI Grund- besitzervereins die Herren bürgerlichen Vertreter festgelegt worden sind, keine Grundstücke mehr in Gemeindebesitz übergehen zu lassen. Da dieses Grundstück nur für einen ganz bestimmten Zweck gekauft werden sollte, fand sich noch eine Mebrheit dafür. Der Beitritt zum Verkehrszweckverband wurde nochmals bis auf weiteres vertagt. Pankow. In der letzten Gemeindevertretersitzung wurden die Gemeinde» Vertreter in die mißliche Lage gebracht, bedeutende Summen zu be- willigen, ohne daß etatsmäßige Mittel dazu vorhanden waren. Für Alterszulagen der Lehrer und Lehrerinnen verlangte die Regie- rungskasse 11 445 M. für das Fahr 1997/1998. Als im Jahre 1997 die Lehrergehälter erhöht wurden, war der Etat fertiggestellt und es wurde daher unterlassen, die entsprechende höhere Summe für die Zulagenkasse bereitzustellen. Da jetzt das Rechnungsjahr abge- schlössen ist, wurde die Summe aus dem vorhandenen Ausgleichs- fonds gedeckt. Eine weitere Zahlung in Höhe von 5476 M. wurde auf Grund des Polizcikostengesetzes vom 3. Juni 1998 verlangt un» zwar als Beisteuer für die vom Berliner Polizeipräsidium in Pankow eingerichtete Abteilung der Kriminalpolizei. Der Etar für 1999/1919 wird durch diese Ausgabe nachträglich bedeutend de- lastet, was bei der jetzigen ungünstigen Finanzlage um so schwerer ins Gewicht fällt. Eine längere Verhandlung wurde darüber ge» führt, wie die Gemeinde sich ihre Forderungen auf ausstehenden Wasserzins und fällige Kanalisationsbeiträge sichern kann, wenn Grundstücke zwangsweise versteigert werden. Nach einer Ent- scheidung des Kammergerichts gehören derartige Forderungen der Gemeinde nicht zu den gesetzlich bevorrechtigten Forderungen. Ins- besondere wurden dagegen Einwendungen erhoben, daß den Mietern in solchen Häusern ohne weiteres die Wasserleitung abgesperrr werden soll. Die beantragte Aenderung des Wafferwerksregulativs wurde beschlossen, u. a. auch folgende Bestimmung:„Die Verwaltung ist ferner berechtigt, die Wasserlieferung sofort einzustellen, falls die dem Vorbesitzer zur Last fallenden Beträge für Wasscrliefcrung und Kanalgebühren nicht vollständig bezahlt sind und die Bezahlung von dem Besitznachfolger abgelehnt wird." Welche Gefahren hier- durch den Mietern unter Umständen erwachsen können, ist wohl zu bedenken und es verbietet sich die rigorose Durchführung dieser Maßregeln auch aus hygienischen Gründen. Nunmehr wurde der in der vorigen Sitzung gestellte Antrag angenommen, die Schulze- straße bis zum Begräbnisplatz in der Schönholzer Heide zu ver. längern und zwar unter der Bedingung, daß die Firma Worch u. Co., welche die Schönholzer Heide parzelliert, 5999 M. des aus Pankow entfallenden Teils der Brückenbaukosten übernimmt. Die Pankebrücke soll 36 999 M. kosten; davon hat Pankow die Hälfte zu zahlen. Außerdem sind zirka 59 999 M. für den Straßenbau erforderlich. Auf den Antrag der Armenkommission wurde die Mit- gliederzahl um zwei vermehrt und die Wahl von zwei weiteren. Mitgliedern vorgenommen. Ferner wurden mehrere Etatsüber» schreitungen genehmigt. Bei einer Mehrausgabe für Druckkosten wurde bemerkt, daß künftig Druckarbeiten an billigere auswärtige Druckereien vergeben würden. Das widerspricht einem früheren Beschlüsse der Gemeindevertretung, wonach denjenigen Pankower Druckereien, welche die Löhne gemäß des vereinbarten Tarifs zahlen, die Herstellung der Drucksachen zu übergeben ist. Weitere bedeutende Etatsübcrschrcitungcn sind durch die Heizung de»: Schulen und des Rathauses während des letzten strengen Winters entstanden. Winterliche Kälte und Not hatten auch Ueberschreitungeu des Armenetats zur Folge. Wie viele haben durch die Armen» Unterstützung, zu der sie in der Not greifen mußten, ihr Wahlrecht eingebüßt! Nieder-S ch önh ausen. Die letzte Gemeindcvertreterfttznng besckäftigke sich mit 5'em Lageplan für den neuen Friedhof in der Schönholzer Heide. Die Friedhofskommission hatte die Planierung des gesamten Geländes beantragt. Die Planierung kostet 7799 Mk. und die Errichtung des Bretterzaunes 3999 Mk. Da vormrSsichklich das Gelände nicht groß genug ist, soll beim Fiskus angefragt werden, ob er das Land, worauf sich die Heilstätte vom Roten Kreuz befindet, an die Gc- mcinde zu Friedhofszwecken abtreten würde. Die Vertretung stimmte dem Antrage zu, jedoch wurde der Lageplan nochmals an die Kommission zur Umarbeitung zurückverwiesen. Die. Vergebung der Schlosserarbeitcn am Rathausncubau wurde air den'hiesigen Schlossermeister Zetsche zum Betrage von 648 M., die Maler- arbeiten wurden Malermeister Franzenhagen in Spandau zum Preise von 4991 M. übertragen. Die Zimmerarbeiten für den Schulhausneubau wurden dem hiesigen Zimmcrmeister und Ge- incindevcrtreier Thiebach zum Preise von 32 342 M. überwiesen. Gegen die Bezeichnung der Straße 23 als Braunschwcig-Bevern» straße ist vom Polizeipräsidium Einspruch erhoben worden, da in Groß-Berlin bereits eine Bcvernstraße vorhanden ist. Die Straße hat nunmehr den Namen Karawerstraße erhalten. In der hierauf folgenden nichtöffentlichen Sitzung stand der Ankauf eines Grund» stückes zur Vergrößerung des Wasserwerkes zur Beratung. Treptow-Baumschulenweg. Den Bericht vom Parteitag erstattete in der letzten Mitglieder» Versammlung in Treptow die Genossin Martha Zeetze. Sie nahm im Verlauf ihrer Berichterstattung Gelegenheit, auch auf die Frage einzugehen, welche Stellung unsere Reichstagsfraktion zur Erbschafls- steuer in dritter Lesung hätte einnehmen müssen. Hierbei vertrat die Rednerin den Standpunkt, daß jene Steuer keine Annahme hätte finden dürfen. Genosse Strieder wandte sich in der Diskussion gegen diese Auffassung. Zunächst müsse doch das Programm be» achtet werden; weiter kämen taktische Gründe in Be» tracht. Dann finde der Grundsatz: Diesem System keinen Mann und keinen Groschen hier keine Anwendung, denn die zu bewilligenden Geldmittel sollten ja Ausgaben decken, die schon vorher bewilligt waren. Im übrigen bedauerte er die Uneinigkeit der Fraktion in dieser Frage. In ähnlichem Sinne äußerte sich auch Genosse Cohen. Die Erbschaftssteuer hätte bewilligt werden müssen, um eine schwerere Belastung des Volles durch weitere indirelte Steuern zu verhüten. Die Fraktion habe schon einmal für eine Steuer gestimmt und zwar anläßlich der Behandlung der CaprivUchen Zollsätze. Damals galt es zu verhindern, daß der bis dato � bestehende 8 Marl-Zoll weitere Geltung behalte. Es wurde also das kleinere Uebel gewählt, um Scbliniineres abzuwenden. Besonders nach den Aeußerungen des konservativen Redners zur Erbschaftssteuer wäre es ein schwerer Fehler gewesen, gegen diese Steuer zu sliininen. Redner ftihrte noch weitere wichtige Momente an, welche die Notwendigkeit der Zustimmung zur Erb« schaftssteuer in dritter Lesung beweisen sollten.— Unter BereinS- angelegenheiten machte Genosse Ehm auf die am Sonntag statt- findende„Vorwärts"-Agitation aufmerksam. Zugleich forderte er zu reger Teilnahme an dem im Oktober stattfindenden StiftungS» feste auf. Nowawes. Eine Sitzung, deren öffentlicher Teil knapp 19 Minuten dauerte. hielt am Mittwoch die Gemeindevertretung ab. Zuerst beschäftigte sich dieselbe mit der Festsetzung des Kostenvertöilungsplanes für die Pflasterung der Luisenstraße. Die Pflasterung der Fußwege in dieser Straße hat 2993 M. gekostet, wovon die Anlieger 1684 M. zu tragen haben. Es wurde beschlossen, für den Teil zwischen Wilhelm- und Auguststratze wie für den Teil zwischen August- und Priesterstraße die Anliegerbeitröge nach Maßgabe der wirklich ent» standenen Kosten zu verteilen. Für den erstgenannten Teil würde sich der Anliegerbeitrag auf 24,89 M., für den letztgenannten Teil auf 15,19 M. pro laufenden Meter Grundstücksfront stellen. Im Interesse des Verkehrs hat der Gemeindevorstand die Auspflasterung der Wiesenstraße und des Hellerschen Weges durch die Steinsctz- meister Götsch-Nowawes rcsp. Seykorn-Potsdam in Angriff nehmen lassen. Die Kosten im Betrage von 6999 M. werden wahrscheinlich durch Ersparnisse bei anderen Ausgaben gedeckt werden. Die Ver- tretung erklärt sich hiermit einverstanden. Damit war der ösfent» liche Teil der Sitzung erledigt, Gencbts- Zeitung j Schutz gegen Schutzleute._____ - Ingsklagt wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt und Äeamtenbeleidigung war der Schankwirt Robert Schubert, der sich gestern vor der 13g. Abteilung des Schöffengerichts Berlin-Mitte zu verantworten hatte. Der Vorfall, der ihn auf die Anklagebank führte, war nach den bor Gericht getroffenen Feststellungen folgender. In der Nacht zum 31. Juli glaubte der Schutzmann Bräuning im geschlossenen Schanklotal des Angeklagten Stimmen zu hören. Der Beamte schloß daraus, daß noch— nach Eintritt der Polizeistunde—(Iäste im Lokal feien. Bräuning holte den Schutzmann Kilian hinzu. Beide verlangten von Schubert, der inzwischen durch die Haustür auf die Straße getreten war, daß er ihnen- das Lokal öffne. Schubert weigerte sich dessen und gab zu verstehen, er würde den Beamten den Einblick nur gestatten, « wenn der Reviervorstand dabei wäre. Es kam nun zwischen Schubert und den beiden Schutzleuten zu einem erregten Wort- Wechsel, wobei Schubert die Beamten beleidigt haben soll. Die Schutzleute packte» Schubert, fesselten ihn am Handgelenk mit einer Kette, die sie so fest anzogen, daß ein Arzt am folgenden Tage die hierdurch verursachten Abdrücke und sonstige Verletzungen fest- stellen konnte. So gefesselt wurde Schubert von den beiden Schutz- leuten, denen sich noch ein dritter hinzugesellte, nach der Polizei- wache gebracht. Auf dem Wege dahin soll er durch Stöße gegen die Beamten Widerstand geleistet haben. Auf der Wache angc- kommen, verlangten die Schutzleute, Schubert solle den Inhalt seiner Taschen aushändigen. Nun trat aber der Wachtmeister da- zwischen, der wohl erkannt haben mag, daß die Schutzleute Bräu- ning und Kilian ihre Befugnisse weit überschritten hatten, und ordnete die Entlassung Schuberts an. Das geschilderte Vorgehen der Schutzleute bcranlaßte den Vorsitzenden des Gerichts zu der Bemerkung, bei einer so gering. sügigen Sache, wie die Feststellung einer Uebertretung der Polizei- stunde sei doch das Aufgebot eines solchen Apparates nickst erforder- lich gewesen.— Als der Schutzmann Bräuning mit wichtiger Mientz sagte, er habe eine Leiter angelegt, um durch das Fenster zu sehen, ob Gäste im Lokal seien, warf der Vorsitzende lächelnd ein:„Wie in einem Detektivroman," und der Verteidiger, Rechtsanwalt Karl Liebknecht richtete an die' Schutzleute die Frage, ob sie denn bei derartigen Feststellungen die Leiter immer mit sich führen. Sichtliche Schwierigkeiten- machte es den beiden Schutzleuten, anzugeben, aus welchem Grunde sie eigentlich den Angeklagten sistiert hatten, Urp eine Feststellung der Persönlichkeit � konnte es sich doch nicht handeln,'denn'Schubert war ja den Beamten be- kannt. Es mußte also ein anderer Grund gesucht werden. Im Vorverfahren gaben die Beamten als Grund der Sistierung an, Schubert habe sie in ihrer Amtshandlung gestört. Als aber der Verteidiger vor Esericht.auf die Hinfälligkeit dieses Grundes hin» wies, meinten die Schutzleute, Schubert habe ruhestörenden Lärm verursacht, und um diese Straftat zu verhindern, sei er sistiert worden.— Dieser Angabe- gegenüber verwies Rechtsanwalt Lieb- knecht darauf, daß weder in der Anzeige der Schutzleute, noch in der Anklage von ruhestörendem Lärm die Rede ist. Man könne deshalb wohl annehmen, daß die Schutzleute, nachdem ihnen von dritter Seite die Ungesetzmäßigkeit ihres Vorgehens klar gemacht worden sei, sich div von ihnen'angbfsihlten Grunde nachttäglich zu» rechtgelegt hätten. Trotz des für das Vorgehen der Schutzleute keineswegs gün- stigen Ergebnisses der Beweisaufnahme, fühlte sich der Amtsan- walt doch veranlaßt, das Verhalten der Beamten zu rechtfertigen. Dem Vertreter dtr Anklage mag wohl zur rechten Zeit da» Goethesche Wort eingefallen sein:„Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewußt". So variierte er die» Wort in bezug auf die Schutzleute Bräuning und Kilian, indem er darlegte: Die Beamten können zwar den Grund der Sistierung nicht angeben, sie seien ja keine Juristen, aber sie hätten als Praktiker in einem dunklen und unklaren Empfinden doch das Richtige getroffen, denn sie hätten erkannt, daß Schubert zum Wiederstande gegen die Amtshandlung bereit gewesen' sei und den Widerstand hätten sie durch die Sistierung hindern wollen! Ter Amtsanwalt beantragte tpegeij Widerstandes gegen die Staats- gewalt 14 Tage und wegen Beamtenbeleidigung drei Tage Ge. sänguis. Rechtsanwalt Liebknecht legte in längeren Ausführungen dar. daß die Beamten kein Recht hatten, in die Wohnung des Ange- klagten einzudringen. Wollten sie eine Durchsuchung zum Zweck der Feststellung vornehmen, so mußten sie die hieraus bezüglichen Bestimmungen der Strafprozeßordnung erfüllen, was aber nicht geschehen sei. Offenbar hätten die Beamten gar nicht gewußt, unter welchen Voraussetzungen sie in die Wohnung des Ange« klagten eindringen dursten. Der Staat lege ein großes Maß dis- kretionärer Gewalt in die Hände der unteren Beamten. Deshalb hätten die Bürger das Recht, zu verlangen, daß die Beamten über ihre Befugnisse unterrichtet und die Staatsbürger vor Belästi- gungen durch Beamte, die die Grenzen ihrer Befugnisse nicht kennen, geschützt werden. Der Angeklagte habe das gute Recht ge« habt, den Beamten das Eindringen in seine Wohnung zu ver« weigern. AuS einem unklaren, aber nicht aus einem richtigen Empfinden seien die Beamten zur Sistierung geschritten, die sie offenbar nur deshalb vorgenommen hätten, weil sie der Angeklagt» nicht in seine Wohnung lassen wollte. Bei der Sistierung hätten sich die Beamten nicht in rechtmäßiger Ausübung ihres Amtes be» fundcn. Wenn sich der Angeklagte der Sistierung widersetzt haben sollte, so sei das in diesem Falle kein Widerstand gegen die Staats- gewalt. Höchstens könnte der Angeklagte wegen Beleidigung be- straft werden, nach Lage der Sache jedoch nur mit einer geringen Geldstrafe. Nach kurzer Beratung fällte das Gericht folgendes Urteil: Ter Angeklagte wird wegen Beleidigung mit 20 M. bestraft, von d'ckt Anklage 6es Wibcrstaklbcs gegeki die StaatIgelvalt aber srek- gesprochen. Wie hoch wäre der Schankwirt bestraft worden, wenn er die Schutzleute so behandelt hätte wie sie ihn. Wäre er hierzu berechttgt gewesen? Und doch erhob der Staat nicht gegen die rechtswidrig vorgehenden Schutzleute, sondern gegen den in seinem Rechte miß- handelten Bürger Anklage. KakcSvcrfslschung..— Einen groben Verstoß gegen die Gesundheit seiner Mit- menschen hatte sich der Inhaber einer Kakrsfabrik, Ernst Klein, zuschulden kommen lassen, welcher sich gestern unter der Anklage des wissentlichen Vergehens gegen das Nahrungsmittelgesetz vor der 4. Strafkammer des Landgerichts ll zu verantworten hatte. Der Angeklagte betrieb in Schkneberg eine Kakcsfabrik, in welcher hauptsächlich Eierzwiebacke für Kinder hergestellt wurden. Es wurde gestern festgestellt, daß der Angeklagte bei der Herstellung des Katcs völlig verdorbene Eier verwendet, welche einen entsetz- lichen Gestank verbreiteten, so daß den Gesellen häufig schlecht ge- worden war. Medizinalrat Dr. Hoffmann erklärte in seinem Gutachten, daß die Verwendung sauler Eier schon aus dem Grunde höchst gefährlich sei, da Hauptsäckstich Kinder vom zartesten Alter an die Konsumenten des Kakes wären und dadurch schwere Gesundhritsschädigungen hervorgerufen werden können. Der Staatsanwalt beantragte eine Gefängnisstrafe von zwei Monate». DaS Gericht erkannte auf sechs Wochen Gefängnis und ordnete ferner die Publikation des Urteils in einer Berliner Zeitung an. Prozeß Kieselbach. Anfang Mai d. I. verübte, wie noch erinnerlich sein wird. der Maurer Kicselbach vor dem Kriminalgerichtsgeoäude in Moabit eine aufsehenerregende Bluttat, indem er zwei Eisenbahn- bcamte, die als Zeugen vor Gericht gegen ibn ausgesagt hatten, mit einem Revolver niederschoß und zwei andere lebensgefährlich verletzte. Bald nach der Ueberführung des Beschuldigten in das Untersuchungsgefängnis regten sich Zweifel an seiner Zu- rechnungsfähigkeit. Die Ehefrau des Kieselbach unterbreitete Material aus dem Borleben ihres Mannes, wonach er in seinem Leben verschiedene Unfälle erlitten hat, die geeignet erschienen, die ZurcchnungSfähigkeit des K- völlig herabzumindern. So steht fest/ daß er als junger Mann einmal aus der Gondel eines Äarussels gestürzt ist und schwere Kopfverletzungen, die noch heute sichtbar sind, erlitten hat. Einen ferneren Unfall erlitt er in der Ausübung seines Berufes als Maurer, wobei er eine' schwere Ge- Hirnerschütterung davontrug. Das Gericht vernahm die einzelnen Zeugen dieser Unfälle und der Beschuldigte wurde dem Gefängnis- arzt Medizinalrat Dr. Hoffmann überwiesen. Auf Grund des von diesem erstatteten Gutachtens wurde der Angeschuldigte auf die Dauer von sechs Wochen der Irrenanstalt Dalldorf zur Be- obachtung seines Geisteszustandes überwiesen. In einem sehr umfangreichen Gutachten der Irrenanstalt hat sich Professor Dr. Liepmann dahin ausgesprochen, daß der Angeklagte geistes- krank sei. Auf Grund dieses Gutachtens wird voraussichtlich die Einstellung des Verfahrens gegen den Anaeschuldigten verfugt werden._ Haftpflicht der Automobilgesellschaft. Die Motorwagengesellschaft in Donauc/chingen hat sich mit zur Aufgabe gemacht, Wagenführer auszubilden. Es wird dies folgendermaßen gehandhabt: Hat ein„Ehauffeur" sein Examen bestanden, so bekommt er einen Neuankommendcn auf einen Lern- wagen, den er in der Kunst des Führens unterrichten muß. Bei diesvr'Anlernung' wutde nun vor längerer Heit auf der Landstraße zwischen Dürkheim und Donaueschingen ein Fleischermeister tot- gefahren. Derselbe wollte dem Auto ausweichen, stieg ab von seinem mit einem Pferd bespannten Wagen, bremste stark, um allen Eventualitäten vorzubeugen, und stand beim Pferd, als das Adt0 hetabsSuste'.' Doch das Auto warf den' Mcktzgekwagen um und der Besitzer, Meister Holwegler, ist bald darauf gestorben. Die Hinterbliebenen verklagten die Gesellschaft, Die Gerichts- i» stanzen erkannten die Schadenansprüche an, indem das Ver- schulden der Gesellschaft insofern festgestellt wurde, daß sie auf der Verkehrsstraße nicht den ausgebildeten Chauffeur das Auto fahren ließ, sondern gerade den das Fahren Lernenden. Diese beiden Fahrer wurden auch in einem besonderen Ver- fahren lvegen fahrlässiger Tötung zu je zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Die Eigentümerin wollte jedoch für nichts aufkommen, da sie mit der Sache überhaupt nichts zu tun habe! Sie ging bis ans' Reichsgericht. Am Donnerstag wurde die Angelegenbeit vor dem sechsten Zivilsenat verhandelt. Es kam zur Sprache, daß ein erhebliches- Verschulden der Chauffeure vorlag. Obwohl die Straßenbreite an der Unfallstelle mehr als S Meter breit ist, der Wagen des Schlächters nur schmal, hat das Auto durch die übrige Breite nicht hindurchkommen könne», was allein daran lag. daß der lernende Chauffeur das Steuer hatte und nicht lenken konnte. Der Verteidiger der Klägerin kritisierte eine solche Lehrlings» ausbildung, die die Straßen wie die Rotte Kornh beherrsche, auf das schärfste. Ebenso der Vorsitzende in seiner kurzen Be- gründuttg: Der Schutz des Publikunrs liege darin, daß nur des Automobils kundige und geeignete Personen damit auf die offene Straße gelassen werden. Natürlich wurde die Revision kosten- pflichtig verworfen, und die Firma eignet sich hoffentlich eine andere Autoinobilführerausbildung an. Leipzig, 1. Oktober. Vor dem Reichsgericht kam heute die Revision-im Prozeß d«S Rennfahrers Breuer zur Verhandlung, der am 10. Juli d. I. vom Schwurgericht Trier wegen Mordes zun» Tode verurteilt worden war. Das Urteil wurde aufgehoben und die Sache an das Schnnirgericht Trier zurttckverwisen. befunden und zuin Tode verurteilt... Bremberg, 1. Oktober. Das Schwurgericht hat den Besitzer Nyka aus Kamsdorf bei Znin, der angeklagt war, seine Schwicger- mutter erwürgt und im Walde aufgehängt zu haben, für schuldig freireligiöse Gemeinde. Sonntag, den 3. Oktober, vormittags ? Uhi, In der Halle Pappel-Allce 15/17: Freireligiöse Vorlesung. 11 Uhr in der Schule, Kleine Franlsurter Str. S: Bortrag de? Herrn Dr. Bruno Spll«:„Was ist Leben, was ist Tod?" Damen und Herren als Gäste sehr willkommen. Vermischtes. Ein Brand auf der Frankfurter IIa. Einer Meldung aus Frankfurt zufolge, brach gestern nachmittag zwischen 2 und 3 Uhr im Maschinenhaus der Marineschanspiele auf der IIa ein Brand aus. der auf die benachbarte Kammer übergriff, in der Pulver und Feuerwerkskörper aufbewahrt wurden. Diese ex- plädierten unter dounerähnlichein Getöse und die Flammen ver- breiteten sich nunmehr über das ganze Maschinenbaus. Es gelang der Feuerivehr, den Brand zu löschen. Ein Elektrotechniker wurde getötet. Den Sasmitzer Doppclmördern glaubt die Kriininalpolizei jetzt auf der Spur' zu sein. Man bringt die Täter in Zusammenhang mit dem Diebstahl eines Segelboots in Wyk bei Greissivald in der vergangenen Woche, ferner mit einem Diebstahl am Sonnabend in Saßnitz und einem Segelbootdiebstahl am Mordtage(Mittwoch) in Sttalsund. Die Uietersüchung hat ergeben, daß wahrscheinlich die beiden Mörder— zwei Männer müssen ivenigstenS an der Bluttat beteiligt gewesen sein— in Greifswald das Boot gestohlen und nach Saßnitz gefahren sind. Sie haben dort das Boot verlassen, wo eö herrenlos aufgefunden wurde. An» Sonnabend haben sie einen Einbruch in Saßnitz ausgeführt, bei dem sie aber gestört wurden. Die Verbrecher sind nun in den Wald entflohen und haben dann am Mittwoch den Doppelmord an dem Pastor Vermehren und seiner Gattin ausgeführt. Nach der Tat sind sie wahrscheinlich mit der Bahn nach Stralsund gefahren, hoben dort wieder ein Boot ge- stöhlen und sind auf diesem geflüchtet. Aus Stralsund werden jetzt Polizeihunde noch der Mordstelle entsandt werden. Ein Schweinmsandbnich in der Grube. Auf der Grube„Prinz Wilhelm", Hauptschacht, dem Brmrn- schweigschen Kohlenbergwerk gehörig, ist, wie aus Helmstedt gemeldet tvird, gestern vormittag 11 Uhr ein S ch w e m in s a n d d u r ch» bruch erfolgt. An der Stelle waren fünf Arbeiter beschäftigt, von denen zwei sich retten konnten, während die drei anderen vom Sande verschüttet wurden. Die Rettungsarbeiten sind sofort energisch in Angriff genommen worden. PearyS Ankunft in New Jork. Pearl) und seine Frau sind von Portland Maine ln New Dork angekommen und von einer großen Zuschauermcnge begrüßt worden. Todesurteile. Das obcrbayerische Schwurgericht perurteilte, wie aus München gemeldet wird, die Tagelöhner Huber und H a u s e r. welche die Gittlerswitwe Oberinaier in Grafing ermordet und be- raubt hatten, zum Tode. durch indirekte Steneru in Leipziger Buchdruckcrei A.-iK., Dresden, E. Pierson» Verlag.. Singegangene vruckfcki'lften. Der Türmer. MonatSIchrist für Gemüt und Geist. Herausgeiec L. E. Freiherr v. Grotthuß. Einzelheit 1.S0 M. Grcincr u. Pseisscr, Stuttgart. Kriechtiere und Lurche Deutschlands. Von Dr. K. Floericke. Geh. 1 M.. geb. 1,80.— KoSinos, H lindweiser für Naturfreunde. Heft 30 P>.„KosmoS", Gesellschaft für Natursrmnde, CöcchnjlSftcHc: Franckhsche Verlagshandlung, Stuttgart. Tie Brandschatzung des Voltes Deutschland. Von J. Karsli. 50 Pf. Leipzig. Nichtwissen. Bon Marie Vacrtlng. Preis 1 M. Die Welt dcS Kanfnianns. Heft S. Wonatschrist von I. Buch- mann. Pro Jahr 6 M. ffi. D. 33. Callwey, München. Karl Georg Winkelblcch(Karl Marls). Sein Leben und sein Werk. Bd. II. Bon Dr. W. E. Bieristaim. 10 M. A. Dctchert(G. Böhme), Leipzig. ReclamS Universal- Bibliotsicr. 5121—23. Der Roman cincS Romans. Von E. Wontcil.— 5124. Erläuterungen zu Meister- werken der Doukunft. L. v. Beethovens„Fidelio".— 5125. Die Sleckenreiterei. Das Naive und anderes. Bon K. I. Weber.— 5126. Kniiieradcn. Komödie von A. Etrindberg.— 5127—28. Timm BredeukenipS Glück. St. Jürgen. Bon Luise Westlirch.— 5123. Oohd Gäste. Schwant von G. Bellt) und P. Henrlon.— 6130. Klein- Hrannnur. Novelle von Anar Hjörlesszson.— Einzelnummer geh. 20 Pf. Ph. Reclam, Leipzig. Daö.Heiratsproblem im Jahre 8000. 73 Selten.— Hinan zu Sonnenhöhen. 128 Seiten. Beide Bücher von Cornel. Vinzenz Hoppe. Verlag I. Singer, Strasburg i. Eis. Berliner Wegweiser mit PharuS-Plan von Berlin und Umgebung. 25 Pf. PharuS-Verlag, Berlin SW. 68. Protokoll des ÄerbandStageö des Deutschen Transportarbeiter- Verbandes IVOS. 2SS Seiten.„Eomin", Berlin SO. 16. Die Rgrarvcrfassnng und das GrnndcntlastungSproblcin in Bosnien und der Herzegowina. Bon K. Grünberg. W. Bramnüllcr, Wien. Die Majcstätöbeleidiguiig im geltenden dentscheu Strafgesetz. Bon I. Bleetk. 86 Seiten. F.(Suttentag, Berlin. Der Sport um» Dascrn. Entwurf einer neuen biologischen Welt- anschauung von S. I. Magncr..2.M. H. Dege, Leipzig. Zur E-nttvickclnngsgeschichtc des SozialiSinuS. Bon Dr. Otto Warschauer, Prosessor der Staalswislenschaiten in Berlin. Verlag von Franz Bahlen. Geh. 4 M., geb. 5 M. WasserstaudS-Nachrichten der LandeSanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. Wasserstand M« m e l. Tilfit D r e g e l, Jnsterbmg Weichsel, Tborn Oder, Ratibor , Krossen , Franks urt Warthe. Schümm , Landsberg Netze, Vordainm Elbe, Leitmcritz . Dresden , Barbv , Magdeburg ')+ bedeutet Wuchs.— Fall.—») Unterpegel. Sunlicfif Seife lern f man bei der grossen Wäsche schäfzen.Sie efmogüchl' Zei Sparende ArbciÜ Ohne scharfe Zutal'en reinigt sie 5chnell und gründlich, schont die Gewebe und Hände der Wäscherinnen. Da sie sehr ausgiebig, ist&miicht5eife ein ökonomisches Woschmfttel.das sich bei kleiner und grosser Wäsche bewährtl Pergnttpprtt icher Mdglttur.:.EMll Unger, Grunewald. Für den Inseratenteil verant».: Tjs. Glocke, Berlin, Dlück u,. Versag: VprtvärtSBuchdruckerei u, VerlagsanstM Mul«Singer& Co.. B.erM SW, Brunnen-Strasse 17-18 BERLIN N. Veteranen-Strasse 1-2 Diese Woche; Hervorragend billige Angebote in allen Abteilungen und grosse Gelegenheits-Posten Konfektion 1000 Kostumröcke unter Preis Serie I n III IV 3.25 3.95 4.75 5.75 6.75 Hocheleg. Kostüme weit unter Preis Serie I_ II_ III_ IV 19.75 27.50 32.50 42.50 2000 Velour- Blusen unter Preis Serie I_ H_ HI 1.95 2.95 3.95 Weisse reimvoll. 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I ßtiliije ilrs Jotmärtö" Ittliitet ZollNkbead, 2. Cktsber l909. Buq der f rauenbewegun� Zcntrumsschwindel. Die dem Zentrum im allgemeinen eigene, seinem Charakter innewohnende verräterische Taktik sozialen Problemen gegenüber bekundet es auch in der Frage der Frauenbewegung, insbesondere auf dem Gebiet des Arbeiterinnenschutzes. Das Zentrum spielt sich als die wärmste, begeistertste Verteidigerin und Schützerin des Weibes auf; gleichzeitig aber wird das Weib als soziales Wesen zur Dienerin des Mannes gestempelt, angeblich, demit dem Willen Gottes gehorchend. Die Religion mutz herhalten zur Rechtferti- xung der Unterdrückung der Frau. Das Weib wird idealisiert, um es andererseits als Mensch und Staatsbürgerin entrechten zu können. Als Frau verweist man sie ins Haus und verweigert der Arbeiterin die Mittel, die ihr Schutz gegen schrankenlose Ausbeu- jung gewähren könnten. In der Theorie ist das Zentrum der beste Hort aller Frauen- und Arbeiterinncninteressen, in der Praxis jedoch haben die Frauen und Arbeiterinnen von der Demagogen- Partei nichts zu erwarten. Und dabei heuchelt es Entrüstung über andere, die angeblich nicht genügend arbeiterinnenfreundlich hau- dein. Um den eigenen Verrat zu verschleiern, schwindelt man in frech-frommer Weise über Verräterei der— Sozialdemokratie. Ein Musterbeispiel jesuitischer Demagogie liefert„Die Arbeiterin", das Organ des„Verbandes süddeutscher katholischer Arbeiterinnen- vereine". In einem Artikel mit der sensationellen Ueberschrift „Sozialdemokratischer Arbeiterinnenschutz" wird versucht, den Ge- Nossen Stadt ha gen als Feind des Arbeiterinnenschutzes er- scheinen zu lassen. Zu diesem Zwecke serviert das mit salbungs- vollen, frömmelnden, orthodox-moralischen Sprüchlein und Rat- schlügen gespickte Blatt den von Stadthagen bereits auf dem Partei- tage enthüllten Schwindel, dast er gegen besseren Schutz der Arbci- terinnen, soweit die Bauarbeit in Frage kommt, gewirkt habe. Wie unser Genosse festgestellt hat, wird umgekehrt ein Schuh daraus. Des Zentrums Vorgehen in dieser Frage lief darauf hinaus, unter �em Scheine verbesserten Schutzes die von der Sozialdemokratie fciir das körperliche und geistige Wohl der gewerblich tätigen Frau geforderten Schutzmastregeln abzuschwächen. Wir könnten nach den Darlegungen Stadthagens auf dem Parteitage das verlogene Geschreibsel des Zentrums ignorieren, wenn nicht die Art der Pu- blikation in dem genannten Organ uns den Anlaß gäbe, nachzu- weisen, mit welcher Ungeniertheit die frommgläubigen Leserinnen beschwindelt werden. In dem erwähnten Artikel heißt es: „Im Oktober v. I., noch vor Beginn der Plenarsitzungen des Reichstages, beschäftigte sich die Gewerbcordnungskommission des Reichstages mit jenem Teile der Gewerbcordnungsnovelle, die einen erweiterten Arbeiterinnenschutz bezweckte, und der auch glücklicherweise noch vor Weihnachten vom Reichstag endgültig verabschiedet wurde. In der Kommission stellte das Zentrum einen Antrag auf Verbot der Frauenarbeit auf Bauten. Ter - Zentrumsabgeordnete Becker-Arnsberg schilderte in der Dis- kussion die gesundheitlichen und sittlichen Schädigungen der Frauenarbeit auf Bauten, und meinte mit Recht, das gesunde Empfinden bäume sich auf, wenn man Frauen Steine und Mörtel ust.,. zum Bau schleppen sehe. Schon im Interesse der Frauenwürde solle man solche Arbeiten für die Frauen verbieten. Und wer war es, der dieser Forderung entgegentrat? Nicht etwa ein Scharfmacher, nein, es war der sozialdemokratische Ab- geordnete Stadthagen, der einen maßgebenden Einfluß in der „Vorwärts"-Ncdaktion ausübt.... Herr Stadthagen aber pole- misierte noch einmal recht lebhaft gegen den Zentrumsantrag zwecks Verbotes der Arbeiten von Frauen auf Bauten, und wies dann darauf hin, daß mit dem Antrag ja auch das Reinigen der Bauten für die Frauen verboten würde. Diese Erwerbs- quelle könne das Zentrum doch den Arbeiterinnen nicht rauben wollen; zum wenigsten sei doch das Reinigen der Bauten für die Arbeiterinnen nicht zu schwer usw." Also daß Stadthagcn den Zcntrumsantrag nicht akzcp- tierte. um Wn Frauen die Erwerbsgelegcnheit der Reinigungs- arbeiten auf Neubauten zu erhalten, das versuchen die Ultramon- tanen als gegen die Arbeiterinneninteressen auszulegen. Mit frommem Augenaufschlag und erborgter Hochachtung vor der Weib- lichen Würde erklärte sich die schwarze Heuchlerin für ein Verbot der Rcinigungsarbeit, während man in Zentrumsresidenzcn, wo deren Interessen im Spiele sind, viel schädlichere Frauenarbeit duldet. Hier bezeugt man kein Verständnis dafür, daß den Frauen nicht jede Erwerbsarbeit unterbunden werden darf. Aber das gilt nur in der Polemik gegen die Sozialdemokratie. In der Abwehr wird ganz anders argumentiert. Dieselbe Nummer der„Arbeiterin" enthält einen Leitartikel, in dem versucht wird, die reformfeindliche Haltung des Zentrums in der Frage des Verbotes der Beschäftigung von Arbeiterinnen im Bergwerksbetriebe zu vertuschen. Um die ganze Ungeniertheit des pfäffischen Demagogentums zu zeigen, lassen wir die Rein- Waschungsversuche der dunklen Zentrumspolitik wörtlich folgen. Man liest da: „Daß das Zentrum für seinen vom Reichstag angenom- menen Antrag des Verbots der Beschäftigung von Arbeiterinnen in Kokereien und auf Bergwerken UebergangSbestimmungen vor- sah, ist so selbstverständlich, daß wir weiter kein Wort darüber verlieren. Ebenso, datz� es nicht jegliche Arbeit von Arbeiterinnen auf Bergwerken verbieten kann, da die Arbeiterinnen dann bei- spielsweise auch nicht mehr auf Bergwerken Säcke nähen dürften. Es handelte sich darum, zunächst die Arbeiten zu verbieten, welche für die Frauen sich nicht eignen, und das ist geschehen." Demnach darf man auf den Bergwerken nicht jegliche Frauen- arbeit verbieten. Entspricht denn die Bergwerksarbeit mehr der Frauenwürde als die an sich doch nicht ungesunde Reinigungs- arbeit auf Neubauten? Das wohl nicht,— aber Frauenarbeit in Bergwcrksanlagen kennt man in Deutschland eigentlich nur im Reiche der frommen— Zentrumsgrafen. Im liberalen Ruhr- revier geht es auf den Zechen ohne Llusbeutung der weiblichen Ar- beitskraft. Die Zentrumsgranden ä Balle st rcni jedoch wollen auf die billige Arbeiterin nicht verzichten. Allerdings, der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, stimmte das Zentrum wennigstens für das Verbot der Frauenarbeit in Kokereien, aber es verschlechterte diesen Fortschritt, indem es einer Ucbergangszeit von drei Jahren zustimmte. So lange noch dürfen die Zierden der Katholikentage und der Zentrumspartei Arbeiterinnen in den gc- sundheitsschädlichsten Betrieben ausbeuten. So sieht es mit der zentrümlichen Achtung vor„Frauenwürde" aus. Da bäumt sich kein„gesundes Empfinden" auf, die Arbeit auf t>en Bergwerken hält man anscheinend wohl als besonders geeignet, die Sittlichkeit zu fördern. Und auch fis: die in Gast- v?»d Schankwirtscbaften usw. beschäftigten Arbeiterinnen hält das Zentrum besseren Schutz nicht für erforderlich. Ja, die Apologeten der Zentrumspolitik gehen so weit, daß sie die Forderung der Sozialdemokraten, die Arbeitszeit der Spülmädchen, Köchinnen usw. auf die Tagesstunden von ö bis 8 Uhr als„Unsinn" erklären. Die„Arbeiterin" salbadert: „Daß Zntrum stimmte dagegen, daß die Arbeiterschutzbestim- mungen auf Gast- und Schankwirtschaftcn mit mindestens zehn Arbeitern ausgedehnt wurden, heißt es in den sozialdemokrati- schen Flugschriften. Darauf ist zu erwidern: Zum Personal in Gast- und Schankwirtschaften gehört auch das Personal der Küche. Daß diese— Spülmädchen, Köchinnen— nur zwischen 6 Uhr morgens und 8 Uhr abends beschäftigt werden sollen, wie es der sozialdemokratischen Kritik entspräche, ist Unsinn; denn es wird einfach unmöglich sein, nach 8 Uhr abends ohne weiteres im Gast- Wirtschaftsgewerbe die Küche zu schließen." Die Sorge für die Kücheninteressen derer, die es sich leisten können, ist wirklich rührend. Vor dieser Frage halten die Befürch- tungcn wegen der gesundheitlichen und sittlichen Schädigungen, denen die Arbeiterinnen gerade in diesen Betrieben ausgesetzt sind. nicht Stand, und die Sorge um die Wahrung der„Fraucnwürde" ist vollständig vergessen. Um die Sozialdemokratie verleumden zu können, werden Tat- fachen korrigiert und in ihr Gegenteil verkehrt. Dann flammt helle Empörung auf, weil Stadthagen den Frauen die Arbeit der Reinigung auf Neubauten nicht nehmen wollte, und in derselben Nummer wird den gutgläubigen Arbeiterinnen auseinandergesetzt. daß man ihnen doch nicht die Erwerbsarbcit beschneiden könne. Wie's gerade trefft! Das ist die ausgemachte Zentrumstaktik, eine Taktik des Luges und Truges. Wie wenig das Zentrum um Frauen- würde und Arbciterinnenintcrcssen besorgt ist, bezeugt es dadurch. daß von seiner Seite jeder Kampf gegen die schamlose Gesinde- ordnung und für wirtschaftliche und politische Rechte der Frauen verhindert, abgeschwächt wird. Und wie ist es mit dem Eintreten für sittlichen Schutz bestellt? Eine Tatsache genügt da als Beweis. Bei Gelegenheit der Lex Heinze beantragte das Zentrum den bc- kannten Arbeitgebcrparagraphen, nach welchem sittliche Verfeh» langen der Unternehmer gegen ihre Arbeiterinnen besonders be- straft werden sollten. Die Sozialdemokraten traten für den Para- graphen ein und verteidigten ihn gegen Unternchmerwünsche. Das Zentrum aber gab seine eigene Forderung und die Arbeiterinnen preis, nachdem die Regierung ihr widersprochen hatte. Und das entrüstet sich über andere, die angeblich nicht genug Achtung vor der Wisibwürde bezeugen! Zentrumsschwindell Sericbrs Leitung. Massenumfall von Zeugen. Einen seltsamen Ausgang fand die Verhandlung wegen ge- werbsmäßigen Glücksspiels bezw. Beihilfe und Duldens von Glücksspiel, mit welcher die 2. Strafkammer des Landgerichts I beschäftigt war. Angeklagt wegen Buchmacherei waren der Handelsmann Otto Kurznig. der Agent Robert Mendt und der Schlächter Wilhelm Fritz, ferner der Besitzer des„Residenz-Casös" in der Alcxanderstraße, Cafetier Berthold Nehab, dessen Ehefrau und Stiefvater. Durch anonyme Briefe wurde im Jahre 1303 der Kriminalpolizei angezeigt, daß das„Residenz-Cafe" ein Haupt- quartier der Buchmacher Berlins wäre. Daraufhin unternahm die Polizei eines Tages in Stärke von sechs Beamten eine Plötz- liche Haussuchung im Cafe, die aber anscheinend vorher verraten worden ist. Ein Gast stürzte bei dieser Gelegenheit so eilig die Treppe herunter, daß einer der Beamten beinahe mit herab- gerissen worden wäre. Von der Kriminalpolizei wurden sieben Zeugen, ehemalige Kellner des Cafes, vernommen und bekundeten nach den Protokollen eines Kriminalwachtmeisters, daß die drei erstgenannten Angeklagten im Cafe des Angeklagten Nehab in den Jahren 1807 und 1308 fast tagtäglich Buch gemacht hätten' und be- schrieben die Tätigkeit der Angeklagten mit allen Details, die das Gewerbe eines Buchmachers mit sich bringt. Die Angeklagten bestritten die über sie erhobenen Anschuldigungen, insbesondere verwahrte sich der Angeklagte Nehab dagegen, daß er in seinem Lokal ein derartiges gewerbsmäßiges Buchmachen geduldet haben würde. Und nun ereignete sich das Ueberraschende: Dieselbe» sieben Zeugen, die durch ihre augcblichcn positiven Aussagen die Erhebung der Anklage veranlaßt haben, erklärten in der Verhand- luilg sämlich unter ihrem Eide, das? sie die bei der Polizei pro- tokollierten Aussagen in der vorliegenden Form nicht gemacht hätten, auch jetzt nicht etwas Derartiges oder Achnlichcs behaupte» könnten. Bei dieser Sachlage mußte der Staatsanwalt selbst die Freisprechung beantragen. Die Verteidiger schlössen sich diesem Antrage an und betonten unter anderem, daß ein solcher Massen- umfall von Zeugen ihnen noch nie vorgekommen sei. Dieser Vor- gang zeige aber, wie notwendig die Reform der Strafprozeß- ordnung in bezug auf das Vorverfahren wäre. Bor allein müsse das Moment der Oeffentlichkeit mehr betont werden.— Das Gr» richt erkannte auf Freisprechung der sämtlichen Angeklagten. Amtlicher Marktbericht der städtiichen Markthalleu-Direktion über den Grohhandcl in den Zenwal-Markthallen. Marktlage: Fleisch: Zufuhr genügend, Geschäft schleppend, Preis- unverändert. Wild: Zufuhr nicht genügend, Geschäft lebhaft, Preise bcsriedigcnd. Geflügel: Zu- sllbr genügend, Geschäft schleppend, Preise ziemlich besriedigend. Fische: Zusuhr genügend, Geschäft ruhig,' Pteise wenig verändert. Butter und Käse: Geschäft stich Preise unverändert. Gemüse, Obst und Südfrüchte: Zusuhr genügend, Geschäft ruhig. Preise wenig verändert. «-»»SSIsSsZ Ihrem Genossen und Zahl- abendwirt I-oois Boy" und Genossin Frau' Boye zu: silbernen Hochzeit die herzlichsten Glückwunsche! Die Geuoffen bei» 715f. Bezirks. täa Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstello Berlin. Torte»- Anzeigen. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schlosser Karl Marten am 29. v. Mls. an Herzschwäche gestorben ist. Die Beerdigung findet heute, Sonnabend, den 2. Oktober, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Dankes-KirchhoseS in Reinickendorf, Blankcstraßc, aus statt._ Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schlosser «rnil Kabel am 29. v. Mts. an Magenkrampf gestorben ist. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 3. Oktober, nach- mittags 3'/, Uhr, von der Leichen- Halle des PanIS. Kirchhofes in der Seestroße aus statt. Ehre ihrem Andenken! Rege Beteiligung erwartet 123/12 Bio Ortsverwaltung. Zentralverband deutscher Textilarbeiter. Filiale Berlin. Unser Kollege, der Weber tteiarick Bodin ist am 29. September an einem KrcbSlelden gestorben. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 3. Oktober, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des Kirchhofes der AndreaS-Gc- meinde zu WilhclmSberg aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 197/10 Bis Brtsverwaltung. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meiner lieben, guten Frau, unserer-lieben Tochter, Schwiegertochter, Schwester und Schwägerin Luise Strenlzsch sagen wir allen lieben Verwandten. Freunden und Bekannten sowie den Mitbewohnern des tzaules Helmholtz- ftraße 14, dem V.-B- ToScana und den Kollegen der Firma Jachmann unseren innigsten Dank. Otto Strentzsch. Familie Ernst Rodewald. B iiiigsten Lesestoff für Lesefreunde bieten w. Zeitschriften, welche ich äußerst billig abgehe, um schnell zu räumen. Jahrgang 1908 u. frühere Jahrg. Daheim, Gartenlaube, Welt u. Haus, Land u. 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Die Tagesordnung in allen dielen Sitzungen lautet: t. Die Vorgänge bei der Firma Lobaebiiile& Mellin. 8. Die Neuregelung des Arbeitsnachweises der Fliesenleger u. Hilfsarbeiter. Berichterstatter: 1. P. Schneider. 2. H. Waldhelm. 3. Fr. Domke. 4. Fr. Schwarz. 6. H. Oommert. Die Mitglieder der Sektion wie der Bereinigung der Fliesenleger sind verpflichtet, in diesen Sitzungen zu erscheinen und die regste Agitation für den Besuch zu erltsalten. 139/10* tieach&ftBstolle der FUescnleyer. Deutscher Buchbinder-Verband. Zahlstelle Berlin. Artung! Karton-Branche! Sonntag. 3. Oktober, vorm. 10 Uhr. in„Manns Fortuna-Sälcn«, Strausbcrger Str. 3: H�anehen- Vertaminhmg aller in der Post- Kartonbranche beschäftigten Nieter, Zuschneider und Arbeiterinnen. TageS-Ordnung: 1. Der in gemeinsamer Beratung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufgestellte Tarifvertrag. 2. Dislussion. Allgemeine Orts-Krankenkasse zu Berlin. Sonntag, den 10. Oktober 1000, vormittags 10'/, Uhr. im tZeweckschaftshanse, Engel-Ufer 15, Saal 1: zu der die für 1968/09 gewählten Vertreter hiermit ergebenst eingeladen werden. TageS« Ordnung: Beratung und Beschlutzfassung über «in PcnsionS-Regnlatio für die An. gestellten der Allgemeinen Orts. Kranlenkasse und deren Witwen und Waisen. 278/8 Berlin, den 2. Oktober 1909. Ter Borstaud. Wilhelm Pichl, Vorsitzender. 24/12' Zahlreichen Besuch erwartet llio Branchenleitung und Ortsverwattung. Orts- Krankenkasse derPhotographen zu Berlin. IekAnntmaekung. Dienstag, den 1«. Oktober 1000, in B. Schnlz PeachtslUen, Köiiigsgraben IIa, Ecke Münzstr.: WWeiler'VerzsmMng. Tages-Ordnung: 1. Wahl von 12 Delegierten der Arbeitnehmer. 2. Wahl von 20 Ersatzdelegierten der Arbeitnehmer. MitgiielUduch legitimiert. Nur grostjährige Mitglieder haben Zutritt. 278/7 l>er Vorstand. C. Siele, F. Stemuler, Vorsitzender._ Schristsührer._ ßau-Genossenseliafl „Turnerheim". Eingetragene Genossenichast mit be- schränkter Haftpflicht. Freitag, den g Oktober, abds 8 Uhr, bei Hoppe, Hermannstr. 49: M Außerordentliche General-Versammiung. Tagesordnung: 1. Abschlust eines Vertrages. 2. Verschiedenes. Wieder eoMrühl Erscheinen notwendig. Der Vorstand. 289/' Max Schönberg. Per Aufslchtsrat. Otto Klein. August Mähring. Bekanntmachung der Orts-Krankenkafse für den Gewerbebetrieb der Knnfleutk.Hlludtlsltnteuud Apothehkr zu Krrlin. Die von der antzerordentlichen Ge« neralversammlung vom 25. Juni 1909 beschlossene vierte Abänderung zum Statut, wonach der§ 29 des Statuts folgende Fassung erhält: .Die wöchentlichen Kassenbeiträge betragen 1. sür Mitglieder der 1. Klasse 1,26 M. 2.... 2.. 0.99. 3.... 3.. 0.75. 4....4.. 0,51. 5.... 5.. 0.24. hat durch Beschluß vom 27. August 1909 die Genehmigung des Bezirks- auSschuffeS erhalten und tritt am Montag, den 4. Oktober d. I. in Krast. 278/6 Der Vorstand; Richard Nürnberg, Vorsitzender. JonaS Stahl, Schristsührer. Wohllahrts Lotterie Ziehung 13. und 14. Oktober 1909. Gesamtbetrag der Gewinne I. W. v. Mark 85 0 00 Hauptgewinne M. 3000®, 20000 10000, 3000-- Lose i 3 Mark, Porto und Liste 30 Plennisr extra, xu haben in allen Lotterie- und Zigarren- Qeschiften sowie beim Qeneraldebit Paul Steinberg& Co., G. m b. H, Bankgeschäft, Berlin C, Rosentbaler Str. 1 1-13. CfoOgOfrOKUL IßebtEllfirßn Rinripm wohlschmeckendes Chocoladen- Ut!UlIiUtUeUh.lllUtJlll Lebertran- Präparat Knochen I ndlPriSAnü f bildend, kräftigend, ärztl.empfohl. V>lIUL.U3aliat ,Zu haben i. Apothek. u. Drogerien. Gänse! Tttglich irisch! Gänse! usw. säratuch« Gänse-Artikel, am Gänseklein, Gänsefleisch Prima Schlack- und Salami-Wurst a Pfd. 1.10 empaehu Hermann Leissner, 107/17 Hlostcristr. 03/05, Eckhaus Kaiser-Wilhelm-Str. 11. Warenhaus Wilhelm Stein Berlin N.t Chausseestrasse 70-71. Heute Sonnabendi den 2. 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