Nr. S3S. Bbonnemcnts-Bcdingungen: Abonnements- Preis pränumerando i Liertcljährl. 3£0 Mb. monatl. 1,10 Mb, wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg, Sonntags« nunimer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Pojt-ZciMngs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 8 Marl pro Monat. Postabonnenients nehmen an: Belgien, Dänemarl, Holland, Italien, Luxeniburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. 36. Jahrg. CridKlnt Wich außer montasi. Vevlinev Volksblctkk. Die InfcrtionS'Geböfjr Pekägt für die sechsgespaltenc Kolonel- geile oder deren Raum M Pfg., für politische und gewcrlschaftliche Vereins- und Versanunlungs-Anzcigcn 80 Pfg. „Klein« Hnselgcn", das erste(sctt- gedruclte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf, stellen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 6 Pfg. Worte über 18 Buchstaben zählen für zwei Wort«. Inserate für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist b>S 7 Uhr abends geöffnet. Delegramni. Adresse! „Sszialdcmhlirat Rirlia". Zentralorgan der fozialdemokratifchen Parte» Deutfcbtandd. Rcdahtion: SM. 68, Ltndcnstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Mittwoch, den 6. Oktober 1909. 6xpedition: SM. 68» Ltndcnatraaac 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981. Zum AahIKarnpf in Baden. In reichlich zwei Wochen, am 21. Oktober, findet in Baden die Wahl zur Zweiten Kammer statt. Es ist das zweite Mal, daß unter dem neuen allgemeinen, direkten und geheimen Wahlrecht gewählt und die Kammer völlig erneuert wird. Das Wahlrecht ist für die Arbeiterklasse insofern erheblich schlechter als das Reichstagswahlrecht, iveil es von dem Besitz der badischen Staatsangehörigkeit abhängig gemacht wird und zwar muß die Aufnahme in den Staatsverband mindestens ein Jahr vor dem Wahltage erfolgt sein. Damit werden die aus den anderen Bundesstaaten in die Jndustrieorte ein- gewanderten, meist sozialdemokratisch gesinnten Arbeiter zum gröstten Teil um ihr Wahlrecht gebracht. Aber auch für die eingeborene Arbeiterschaft hat das neue.liberale" Wahlrecht gegenüber dem ReichStagswahlrecht die Verschlechterung gebracht, daß die Wählerliste der Steuerbehörde borgelegt wird, die denn alle Namen streicht, deren Träger vom letzten Jahre mit ihrer Steuer im Rückstände geblieben sind. Aber trotzalledem war es unserer Partei im Jahre 1906 gelungen, von den 73 Sitzen 12 zu erobern. Die Nationalliberalen hatten 23, Demokraten und Freisinnige 3, die Konservativen und Bauern- bllndlcr 4 und das Zentrum hatte 28 Sitze inne. Das Zentrum hat sich nun dieses Mal noch offener mit den Konservativen verbündet, um mit diesen zusammen die Mehrheit in der Kammer zu erringen. Ueberall in den Landkreisen, wo das Zentrum nicht sichere Aussicht hat, den Sieg an seine Fahne zu heften, hat es auf die Aufftellung eigener Kandidaten verzichtet uitd tritt gleich im ersten Wahlgang für den Konservativen ein. Diese Unter- stützung geht so weit, daß der anerkannte Führer des badischen Zentrums, Pfarrer Wacker,.der Löwe von Z ä h r i n g e n', im Lande herum reist und Versammlungen vornehmlich in solchen Kreisen abhält, wo das Zentrum die Kon« servatien unter st ützt. Die konservativ-zentrümliche Brüder« schaft hat es sogar mit sich gebracht, daß das Zentrum im Kreise Schwetzingen, wo es bei der letzten Wahl mit 1790 Stimmen gegen 1299 sozialdemokratische, 1999 liberale und 369 konservative Stimmen weitaus an erster Stelle stand, keinen eigenen Kandidaten aufstellt, sondern für den von den Konservativen auf- gestellten evangelischen Pfarrer Karl aus Freiburg eintritt. Die.Karliste»"Versammlungen werden denn auch regelmäßig von den bekannten Zentrumsanhängern besucht, Pfarrer und Küster pflegen in der ersten Reihe zu paradieren. Was den Wahlkampf in diesem Kreis aber ganz besonders interessant macht, ist die Tatsache, daß die Nationalliberalen dem konservativen Pfarrerkandidaten den nationalliberalen Pfarrer Klein von Mannheim gegenüber- gestellt haben. Zu diesen zwei evangelischen Pfarrern kommt noch der demokratische Lehrer Ihrig, der de» Kreis seit 1993 inne- gehabt hat, und unser Genosse, Expedient K 0 h n. Da der Kreis starke Tabakindustrie hat, so darf die Sozialdemokratie mit Sicher- heit auf einen starken Stimmenzuwachs rechnen. Die für Zentrum und Konservative vor einem Jahre noch sehr günstigen Wahlaussichten haben sich seit der Stcuermacherei im Reichstag sehr verschlechtert. Es erscheint nicht unmöglich, daß das Zentrum einige Sitze verliert, weil die katholische Arbeiterschaft in verschiedenen Kreisen in Opposition zu den offiziellen Zentrums» kandidaten getreten ist und im Kreise Wiesloch dem Frciherrn v. Wen hingen sogar einen Arbeiterkandidaten gegenüber- gestellt hat.— In verschiedenen Zentrumsversammlungen ist es schon zu tmnultuarischen Auftritten gekommen. In einem Falle mußte der Pfarrer mit samt seinem Generalstabe durch die Hinter- tiir das Lokal verlassen. Hauptsächlich in den Gegenden der Tabak- industrie des Landes haben die Zentrumsagitatoren einen schweren Stand, da bis jetzt durch die Tabaksteuer allein in Baden zirka 6999 Arbeiter brotlos geworden sind. Aehnlich geht eS den christlichen Gewerkschastssekretären der anderen Berufe, der Metall- und Textil- arbeiter, die den allgemeinen Unmut über das Verhalten der .Christlichen" beim Streik in Bodisch-Rheinfelden einstecken müssen; ihre Versammlungen bedeuten öfter Erfolge für die Sozialdemo- kratie. Ueberall ist deutlich die, tiefgehende Empörung über die Reichsfinanzreform zu bemerken, die alle Bevölkerungskreise erfaßt hat. Jetzt' will sich das Zentrum damit helfen. daß eS die Reichsfinanzreform in seinen Versamm- lun gen überhaupt nicht mehr behandeln läßt. So wurde am letzten Sonntag in einer Versammlung in Ettlingen bei Karlsruhe, in der der Geistliche Rat Wacker sprach, ein Arbeiter gleich nach den ersten zwei Sätzen durch den Vorsitzenden am Weitersprechen verhindert, da über die Reichsfinanz- reform nicht gesprochen werden darf. Das ist das böse Gewissen des Zentrums. Der Liberalismus ist in Baden so bescheiden geworden, daß er es schon als einen großen Sieg feiern wird, wenn es gelingt, sich auf seine alte Zahl von Sitzen zu beschränken. Bassermann hat zu Mannheim großspurig den Kampf gegen zwei Fronten, gegen Zentrum und Sozialdemokratie proklamiert. Der Mut, den er damit bekundet hat. ist indes nichts weiter als ein Zwangsprodukt— dem Liberalismus bleibt gar keine andere Wahl, da die Sozialdemokratie natürlich nicht gesonnen ist. die Blocksünden des Liberalismus und feine Bereitwilligkeit, dem arbeitenden Volke 499 Millionen neuer Steuern aufzuladen, vertuschen zu helfen. Die Sozialdemokratie darf mit freudiger Zuversicht in den Kampf gehen. Von guter Vorbedeutung waren für sie die Ergebnisse vieler Gemeinderatswahlen und die wachsende Verbreitung ihrer Presse; in rein ländlichen Orten, in denen bisher kaum 3 bis 4 Abonnenten der sozialdemokratischen Presse vorhanden waren, sind jetzt 49 bis 60 zu verzeichnen. Auch das ist eine Quittung für die neuen Steuern. Zum Nahlßampf. Auf der Kandidatensuche. Unter den Freisinnigen des siebenten BerlinerLand- tagswahlkreises herrscht eine heillose Verwirrung. Die Parteileitung, die durch den Rücktritt des Stadtrats Weigert in arge Verlegenheit geraten ist, will von einer Kandidatur Rosin nichts wissen, und um die Verwirrung zu einer voll- ständigen zu machen, mischen sich nun auch die Hausbesitzer- vereine ein. Dieser selbstsüchtigen Gesellschaft, der lediglich ihr eigenes materielles Interesse am Herzen liegt, paßt Herr Rosin auch nicht I Man will sich nun, wie eine Korrespondenz zu melden weiß, unter Verzicht auf die Kandidatur Rosin, auf einen Kandidaten einigen, der sowohl den Beamten und Lehrern, als.auch den Hausbesitzern genehm i st, aber eS soll kein Kandidat des Berliner Kommunal- fteisinns sein, da die Beamtenschaft für einen solchen nie und nimmer zu haben sein würde. Anscheinend soll auch schon ein solches politisches Wundertier gefunden sein, der Name wird allerdings noch verschwiegen. Es muß ein sonderbarer Heiliger sein, der soviel fich direkt gegenüberstchrndc Eigenschaften in fich vereinigt. Ein Kandidat, der den Hausbesitzern paßt, würde im Landtage naturgemäß für das Hausbesitzerprivileg eintreten müssen, er würde dadurch einen der G r u n d p f e i l e r, auf dem die H e r r s ch a s t des Freisinns in den Kommunen beruht, stärken und die Macht des Berliner Kommniialfteifinns vermehren, die Beamten und Lehrer würden also noch mehr geschädigt werden, als es heute schon der Fall ist! Andererseits fragt eS sich doch sehr, ob die Parteileitung sich aus diese Weise einen Kandidaten oktroyieren läßt, von dem sie gar nicht einmal weiß, welcher politischen Partei er angehört und wie er sich zum Wahlrecht stellt. Die Stellung des Kandidaten zum Wahlrecht aber ist die Hauptsache und muß die Hauptsache sein für jeden, für den der Wahlkampf gleichzeitig ein Wahlrechts kämpf ist.- Die Lehrer und Beamten würden S e l b st m 0 r d be- gehen, wollten sie für einen Kandidaten eintreten, der nicht unbedingter Anhänger des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Landtagswahlrechts ist. denn sie würden dadurch die Reaktion stärken, sie wären indirekt verantwortlich für die Bcamtenknebclung, die Lchrerdisziplinierung, die materielle Schlechter stcllung der Lehrer und Beamten, kurz für alle Maßnahmen, die sich gegen die Beamten und Lehrer richten l Wie die Sache ausläuft, läßt sich heute noch nicht sagen. Viel leicht wäre es das einfachste und praktischte, die Leitung der Frei sinnigen Volkspartei würde gegen hohe Belohnung einen Durchfalls kandidaten suchen. Für Geld kann man heute alles haben und warum sollte sich nicht ein armer Teufel finden, der auf diese Weise seine zerrütteten Vermögensverhältuisse ausbessert? » Der Freisinn ans der Snche nach Wahlmännern. Man schreibt uns: Zu einem Jnvalidenrentner im 12. Berliner Landtagswahlkreis kommt in der vorigen Woche ein Herrund fragt den alten Invaliden, ob er nicht als Wahlmann kan- didieren wolle, es sei doch gar nicht so schlimm. Er sei von der Freisinnigen Partei als Wahlmann ausersehen worden und brauche sich nur unterschriftlich verpflichten, für den freisinnigen Kandidaten Prediger Runze seine Stimme abzugeben. Der alte Mann wußte eigentlich nicht, wie er zu der Ehre kam. als Wahlmann für die Freisinnigen zu fungieren, und nach einigem Ueberlegen sagte er, das könne er nicht machen. Doch der biedere Freisinnsmann ließ sich so leicht nicht abweisen. Noch einmal versuchte er den alten Mann zu überreden: Das können Sie doch ganz gut annehmen, Sie haben ja doch Zeit! Alles Liebeswerben half nichts, der Alte ließ sich nicht bewegen. An dieser Werbearbeit des freisinnigen Agitators fällt zweierlei auf. Erstens die Dreistigkeit, jemand, den man nicht kennt, von dem man nicht einmal weiß, welche politischen Anschauungen er hat, als Wahlmann für seine Partei zu reklamieren und zweitens: Es kommt ja nicht darauf an, welche politischen Anschauungen der Wahlmann hat, sondern es genügt, die Unterschrift- l i ch e Anerkennung, den Freisinnsmann wählen zu wollen. Und da der alte Mann angeblich Zeit genug hat, ist dies für die freisinnigen Wahlmacher der Gradmesser für seine Ouali- fikation, Wahlmann des Freisinns werden zu können! m Nochmals der freisinnige Terror. Die„Fr eis. Ztg." bringt eS fertig, trotz unserer Fest- stellungen den freisinnigen Terror zu leugnen. Unseren akten- mäßigen Nachweis, daß der Freisinn bei der letzten Landtags. wähl selbst die Schmach nicht gescheut hat, die Beamten durch Ein- schüchterung zur Stimmenabgabe für den Freisinn zu veranlassen, sucht sie durch einige Witzchen von einer Geistlosigkeit zu erledigen, wie sie eben nur der„Freis. Ztg." eigen ist. Unseren weiteren Hinweis darauf, daß Herr Schüler, der nicht nur im Jahre 1993 als Landtagskandidat fungierte, sondern auch jetzt wieder als Gegenkandidat gegen die Sozialdemokratie aufgestellt ist, im „Moabiter Bezirksanzeiger" selbst eine Boykottliste von Wahl- männcrn veröffentlicht hat, die nicht freisinnig stimmten, glaubt die „Freis. Ztg." mit der folgenden Bemerkung abtun zu können: „Der Vorwärts" erzählt aber außerdem noch eine schauer- / liche Mär von dem Schriftsteller Hermann Schüler, der sich eines schweren Boykottvergehens schuldig gemacht haben soll. Das ist ein Geschichtchen, welches bereits von dem sozialdcmo- kratischen Abg. Ströbel im Abgcordnctenhause vorgebracht und von dem Abg. Fischbeck schon durch folgende Worte hinreichend gewürdigt worden ist:„Wenn ein Schriftsteller wie Herr Schüler in einem Artikel darauf aufmerksam gemacht hat, daß ein konservativer Wahlmann schließlich für einen sozialdemokratischen Abgeordneten gestimmt habe, so soll das eine Wahlbeeinflussung sein! Meinen Sie, daß dieser Wahl mann aus freiem Herzen sozialdemokratisch gestimmt hat? Glauben Sie, daß Herr Schüler den Artikel geschrieben hat, um ihn zu einer anderen Abstimmung zu bewegen?" Es gehört wirklich die unverfrorene Spekulation der„Freis. Ztg." auf die Unkenntnis und die Gedankenlosigkeit freisinniger Wähler dazu, diese armselige Ausrede des wackeren Fischbcck als eine„hinreichende Würdigung" unserer Anklage auszugeben! Herr Fischbeck machte eS damals bei seiner Entgegnung genau so, wie diesmal die„Freis. Ztg.". Er ging auf die vorgebrachten Anklagen gar nicht ein, sondern klammerte sich an einen verein- zelten, für die Gesamtbcurteilung völlig nebensäch- lichen Fall. Im Abgeordnetenhause aber hatte wenigstens durch Ströbels Ausführungen auch die bürgerliche Mehrheit den wahren Sachverhalt erfahren, während die„Freis. Z t g." ihren Lesern den Tatbestand, wie ihn der„Vorwärts" wiedergegeben hat, vol ständig unterschlägt. Wir wollen deshalb noch- mals feststellen, daß es sich natürlich nicht nur um den einen konserviativen Wahlmann handelte, der sozialdemokratisch gestimmt hatte(obwohl dessen Boykott durch Herrn Schöler genau so verwerflich war, wie der von Herrn Fischbcck und seinen Kum» panen im Landtag perhorreszierte sozialdemokratische Boykott von Geschäftsleuten, die gegen die Sozialdemokratie stimmten), sondern um eine ganze Reihe von Fällen. Herr Schöler veröffentlichte nämlich nicht nur den Namen dieses einen Wahlmannes, sondern mit genauer Angabe der Adressen auch die Namen von neun freisinnigen Wahlmännern, die nicht etwa sozialdemokratisch gestimmt, sondern sich einfach der Stimme enthalten hatten. Aber damit nicht genug: Herr Schöler, der jetzige Landtags- kandidat des Freisinns, publizierte weiter Namen und genaue Adressen von 31 Wahlmännern der Konservativen und National liberalen, die sich gleichfalls an der Ab- stimmung nicht beteiligt hatten! Will die„Freis. Ztg." noch immer leugnen, daß diese Publi- kation nichts anderes war, als ein zweifelloser Boykottversuch, daß er keiner anderen Absicht entsprang, als diese 49 Wahlmänner den freisinnigen Wählern zu denunzieren, damit sie durch Wirtschaft- liche Schädigung künftig gefügiger gemacht würden, sich zum S t'!i m m v i(e h für dest freisinyitgen Kandidaten herzugeben? I � Das Programm des lyantabundes. Schon als sich der„H a n s ä b u n d" konstituierte, trug er ein großkapitalistisches Gepräge, und seitdem hat er sich trotz aller Bestrebungen, auch den kleineren Mittelstand und die Masse der kaufmännischen und industriellen Angestellten an sich zu ziehen, mehr und mehr zu einer bloßen Organisation des Großkapitals entwickelt, des Handelskapitals wie des Industrie- und Finanzkapitals. Fraglich ist nur noch, welche von diesen drei Kapitalarten heute in dem platonisch für die„Gleichberechtigung aller Erwerbs- st ä n d e" schwärmenden„Hansabunde" das Uebergewicht hat. Vorläufig scheint noch das Handels- und Finanzkapital den größeren Einfluß zu besitzen— ganz natürlich, da die Groß- industrie im Zentralverbande deutscher Industrieller bereits ihre erprobte Jnteressenorganisation besitzt; doch kann sich leicht über Nacht das Kräfte- bezw. Einflußverhältnis der- schieben. Um diesen großkapitalistischen Charakter zu verstecken und weitere Kreise des Mittelstandes in seinen Bann zu ziehen, haben sich das Präsidium und Direktorium des Hansabundes veranlaßt gefühlt, in tiner gemeinsam am 4. Oktober abgehaltenen Sitzung ein schönes vorläufiges Programm aufzustellen, das man jedoch, um politisch nicht anzustoßen, nicht offen als Programm, sondern als„Nicht- linien für die nach st e Tätigkeit des Bunde s" bezeichnet.•>_* Nach bekanntem Rezept wird in diesem Programm jede entschiedene Stellungnahme vermieden und jede Forderung in schöne Phrasen eingewickelt. Als Kampfziel des Hansa- bundes bezeichnet dessen Leitung: 1. daß Deutschlands Gewerbe, Handel und Industrie die ihnen auf Grund ihrer wirtschaftlichen Bedeutung zukommende Gleichberechtigung sowohl in der Gesetzgebung, wie in der Verwaltung und Leitung des Staates eingeräumt werde; 2. daß den berechtigten Interessen dieser Stände nicht nur bei dem Erlaß von Gesetzen, Verordnungen und Ver» fügungen, sondern auch bei deren Ausführung Rechnung go- tragen werde; 3. daß der für eine gesunde wirtschaftliche EntWickelung der Nation wie für unser Verhältnis mit dem Ausland gleicher- maßen unheilvolle Einfluß jener einseitigen agrar-demagogischen Richtung gebrochen werde, deren ganzes bisheriges Wirken von entgegengesetzten Grundanschauungcn getragen Ivar. Bei der Durchführung dieser Grundsätze wird sich der Hansabund, so versichern seine Leiter, von folgenden allgc» meinen Gedanken leiten lassen: 1. daß er, bei einem etwaigen Gegensätze, die nationalen Interessen allen einseitigen gewerblichen Interessen ohne weiteres - und bedingungslos voranzustellen hat; » 9. daß er ausschließlich die gemeinsamen Interessen von Gewerbe, Handel und Industrie zu vertreten, zu fördern und vor Schädigungen und Angriffen zu schützen hat; 3. daß seine Reihen jedem, ohne Unterschied der politischen oder religiösen Ueberzeugung, offenstehen, welcher seine Ziele zu den seinigen macht, und daß ihm daher jede Austragung politischer oder konfessioneller Gegensätze oder Interessen fern- liegt;. 4. daß er somit selbst keine politische Partei ist, da die ihm innerlich zugehörenden Mitglieder aller politischen Parteien in ihm Platz finden, Wohl aber eine wirtschaftliche Vereinigung mit den durch ihr wirtschaftliches Progradm bedingten, oben festgestellten politischen Zielen. Diesem grundsätzlichen Teil des Programms schließen sich allerlei einzelne Forderungen, Wünsche und Absichtsver- kündigungcn an, die aber so phrasenhaft formuliert sind, daß sie jeder auslegen kann, wie ihm beliebt. Anstatt zum Bei- spiel offen die Stellung des Hansabundes zur bisherigen Handels- und Zollpolitik des Deutschen Reiches darzulegen, zieht es die Bundesleitung vor, von einer„gerechtenAb- wägung der landwirtschaftlichen und der ge° werblichen Interessen" bei der Abschließung von Handelsverträgen zu sprechen, die EntWickelung der Exportpolitik zu verlangen und gleichzeitig für die Erhaltung der Konkurrenzfähigkeit des Kleingewerbes, des Detailhandels und des Handwerks einzutreten. Noch verschwommener ist der auf die Sozialpolitik be- zügliche Absatz des Programms, der folgenden Wortlaut hat: „In der Sozialpolitik für eine, auf die gemeinsamen Juter- essen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer unter Vermeidung bureaukratischer Ausgestaltung Rücksicht nehmende soziale Gesetz- gebung, deren Fortschreiten, Inhalt und Kostenlast sowohl der K o n k u r r e n z m ög l ich k ei t der deutschen ge- werblichen Tätigkeit auf dem Weltmarkt wie der inneren wirtschaftlichen Lage Rechnung trägt und mit dieser Maßgabe namentlich auf Sicher stellung derZukunftaller Arbeitnehmer und auf Erhaltung ihrer Arbeitsfreudigkeit Bedacht nimmt. Der Hansabund wird sich jedoch in Gemäß» heit seiner allgemeinen Grundsätze ss. oben II 2) auch in sozial- politischen Fragen, unter Wahrung strikter Neutralität, jeder Tähigkeit da einthalten, wo sich enitgegeni- gesetzte Interessen und Forderungen der in ihm vertretenen Erwerbsgruppen und deren Angehörigen gegenüberstehen. Dies gilt insbesondere von entgegengesetzten sozialpolitischen Forderungen und Interessen des Großhandels und der Großindustrie einerseits und des Mittel, und Kleingewerbes oder Handwerks andererseits, und von denen der Arbeitgeber auf der einen und der Arbeitnehmer auf der anderen Seite. Der Hansabund vertritt nur die ge- ineinsamen Interessen von Gewerbe, Handel und Industrie, d i e Vertretung von. sozialpolitischen Sonder- sorderungen einzelner Erwerbsgruppen, inS» besondere der Unternehmer und Ange st eilten, muß er ihren Sonderverbänden überlassen. Dagegen hält es der Hansabund auf allen Gebieten, also auch auf dem sozialpolitischen, zugleich im allgemeinen und öffentlichen Interesse, für seine Auf- gäbe, auf die Milderung und tunlichste Ausgleichung der verschiedenen wirtschaftlichen Richtungen und Interessen sowohl bei den Beratungen seiner Ver- waltung und den Versammlungen seiner Mitglieder wie in jeder sonst möglichen Weise hinzuwirken." � In verständliches Deutsch übersetzt, heißt das: 1. Der Hansabund ist gegen jeden weiteren Ausbau der sozialpolitischen Gesetzgebung, der die Unkosten der Unter- nehmungen erhöht und ihre Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt irgendwie schwächt. 2. Sind Großunternehmer, Kleingeiverbetreibende, An- gestellte und Arbeiter über sozialpolitische Fragen verschiede- ner Ansicht, so verhält sich der Hansabund neutral, das heißt, er tut gar nichts, denn er würde ja sonst die Jnter- essengegcnsätze schüren. 3. Sozialpolitische Forderungen der zu ihm gehörenden kaufmännischen und industriellen Angestellten kann der Hansa- bund nicht berücksichtigen. Die Vertretung solcher Interessen bleibt den Sondcrvereinen der Angestellten überlassen. Im Hansabund gelten nur die Interessen der kapitalkräftigen Unternehmerschaft. Von dem Scharfmachertum, der Notwendigkeit der Wahl- reform in Preußen, der imperialistischen Weltpolitik usw. schweigt das Programm. Die Herren im Präsidium und Direktorium fühlten nicht das Bedürfnis, sich darüber zu änßtzrn. Zur bayerischen Steuerreform. Mit dem ß. Oktober nehmen die Plenarverhandlungen des bayerischen Landtages über die Steuerreform ihren Anfang. Zur Vorbereitung dieses wichtigen Gegenstandes wurde noch in der vorigen Session ein SteuerauSschuß eingesetzt, der in monatelangen Sitzungen die Steuervorlagen in erster und zweiter Lesung erledigte. Die Beratungen der dritten Lesung im Plenum sollen möglichst be- schleunigt werden, weil die neuen Steuern mit 1. Januar 1V11 in Kraft treten sollen.> Bayern hat, von der Wandergewerbesteuer abgesehen, zurzeit fünf direkte Steuern: eine besondere Steuer für das Berufs- und Arbeitseinkommen, eine Grund-, Haus-, Gewerbe- und Kapital- rentensteuer. Das ganze System der direkten Steuern— genauer genommen ist es kein.System", sondern ein Konglomerat von Steuern-- ist sehr alten Kalibers. Die Steuern sind nicht ein- heitlich nach einem großen, leitenden Gesichtspunkte ausgestaltet worden, sondern zu verschiedenen Zeiten, also auch unter verschiedenen wirtschaftspolitischen Zuständen zur Einführung gelangt. Eine jede WirtschaftSepoche aber schafft gleichsam aus sich heraus neue, charakteristische Steuergattungen, weshalb auch die Steuersysteme der industriell-kapitalistischen und der agrarisch-feudalistischen Wirtschafts- ordnung von Grund aus verschieden sind. Die UebergangSzeit zwischen einer vergebenden und werdenden Wirtschaftsperiode schafft teils durch Konservierung, teils durch Neuansetzung die Steuer- konglomerate, wie Bayern eins besitzt. Grund- und Haussteuer könnten bald ihren hundert- jährigen Geburtstag feiern, ein Beweis für die Zählebigkeit kgl. bayrischer StaatSeinrichtungen. Sie sind die echten Kinder der Kgrarzeit aus dem Beginn des IS. Jahrhunderts, wo das moderne Wunderkind.Jndustria" in Bayern kaum geboren war. Die beiden Steuern, Ertragssteuern rohester Form, haben sich durch das späte Aufkommen der Industrie, den agrarischen Charakter des Parla- ments und durch die echt bayerische Gemütlichkeit eines .langjährigen' Finanzministers unverändert in unser industrielles Zeitalter hinübergerettet. Ein wunderschöner Beleg für die Richtigkeit des Lehrsatzes, daß RechtSformen alter Wirt- fchaftS- oder Gesellschaftssysteme noch fortbestehen, wenn diese selbst schon stark in Zersetzung und Auflösung begriffen sind. DaS Trägheitsgesetz ist hier gleichsam aus der Natur auf menschliche Dinge übertragen. Die ganze EntWickelung vom Agrar- zum Industriestaat, die mittels Wissenschast und Technik herbeigeführte Umwälzung der landwirtschaftlichen Betriebsmethode» und Organi- sationsformen, alles ist an diesen Steuern spurlos vorübergegangen. Heute noch wird die Grundsteuer für einen Acker nach dem Körnerertrag bestimmt, den er unter der Dreifelderwirtschaft vor achtzig Jahren gehabt hat. Heute noch ist es für die Besteuerung ganz gleich, ob der Acker unterdessen zum minderwertigen Brachland oder kostbaren Bauplatz geworden ist, ob er verschuldet oder nicht verschuldet ist. Ganz ähnlich liegen die Dinge bei der HauS- oder MietertragSsteuer. Weder Unterhaltungskosten, noch Mietsverluste, noch Schuldenzinsen dürfen an dem Mietsertrag in Abzug gebracht werden. Dieser Ertrag ist in vielen Städten zum letzten Male bor rund 30 Jahren ermittelt worden. Neueinschätzungen sind also gerade in der Periode des gewaltigen Wachstums und der ungeahnten Entwickelung der Städte nicht mehr vorgenommen worden. Nicht den kleinsten sozialen Zug zeigen die beiden Steuern. Für ihre Bemessung ist die Wirt- schaftliche Gesamtlage des Steuerpflichtigen ganz bedeutungslos. ES gibt weder Steuer- befrei ungen für die Kleinen noch eine Progression der Steuersätze für die Großen. Die drei anderen direkten Steuern sind in dem letzten Jahr- zehnt auf Drängen der Sozialdemokratie durch Hineinarbeiten sozialer Gedanken etwas modernisiert worden. Die von ihr ver- langte gründliche Reform aber wurde erst mit dem Einzug des neuen Mannes ins Finanzministerium in Angriff genommen. Er wurde zum schleunigen Neubau deS Systems schon gezwungen durch den Mehrbedarf an Einnahmen in der Höhe von zehn bis zwölf Millionen Mark. Die direkten Steuern müssen nach sozialen Grundsätzen und den veränderten Wirtschafts- Verhältnissen entsprechend umgestaltet werden. Das neue Steuersystem muß den Pflichtigen nach seiner Wirtschaft- lichen Gesamtlage erfassen, den Schwachen schonen und sich dem Auf und Ab der oft rasch wechselnden Konjunkturen des Wirtschafts- lebens anschmiegen können. Diese an ein gerechtes Steuersystem zu stellenden Anforderungen sind im großen und ganzen erfüllt in der allgemeinen progressiven Einkommen- st euer in Verbindung mit einer progressiven Ver- mögenS st euer. Mit diesen von der Sozialdemokratie seit langem vertretenen Reformgedanken befindet sich der Finanzminister zwar in grund- sätzlicher Uebereinstimmung. Er will aber die Reform nicht auf einen Wurf, sondern in zwei Etappen zur Durchführung bringen. Sein von der Mehrheit akzeptierter Gesetzesvorschlag geht dahin, zunächst nur die allgemeine Ein- kommensteuer ohne Vermögenssteuer einzuführen. Um nun aber das sogenannte fundierte oder Besitzeinkommen stärker als das unfundierte oder Berufseinkommen zur Steuer heran- zuziehen, sollen neben der allgemeinen Einkommensteuer die alten Steuern in ungefähr der halben Höhe vorläufig fortbestehen. Bayern geht also an eine grundsätzliche Umänderung und Anpassung seines Steuersystems nicht nur viel später als die anderen deutschen Bundesstaaten heran, es schafft auch dann noch nur halbe Arbeit. Die Sozialdemokratie und die Liberalen wollten das Ganze. DaS Zentrum mag nicht und so wird eS auch im Plenum bei der halben Reform bleiben. Parallel mit der Reformierung der Staatssteuern läuft eine solche der Gemeindesteuern. Bisher wurde der Gemeinde- bedarf gedeckt durch Umlagen, das sind prozentuale Zuschläge zu den direkten StaatSsteuern. Besondere direkte Gemeindesteuern gab eS bisher nicht. Jetzt sind für die Gemeinden die folgenden bestimmt: Hundesteuer, Warenhaussteuer, Wertzuwachssteuer, Jmmobilienumsatzsteuer und eine Bauplatzsteuer in der Form einer erhöhten Grundsteuer. Daneben soll das Umlageverfahren bis zum Abschluß der Reform in Geltung bleiben. In diesem Zeitpunkte, in dem der Staat die Vermögenssteuer eingeführt hat, sollen die noch zu reformierenden Grund-, HauS-, Kapitalrenten» und Gewerbesteuern den Gemeinden überwiesen werden und an die Stelle der Umlagen treten. Nicht nur über die Grundftage, ob halbe oder ganze Reform, sondern auch über die Detail-AuSgestaltung der neuen Steuern bestehen zwischen den bürgerlichen Parteien und der Sozialdemo« kratie bedeutende Differenzen. Die Zentrumspartei besonders ist bemüht, der Reform zum Nachteil der Jndustriebevölkerung einen stark agrarischen Charakter zu geben. Die Sozialdemo- kratie wird wie bei der Ftnanzreform tmReiche so auch bei der S teuerreform in Bayern auf der Seite der wirtschaftlich Schwachen stehen. politische Cleberlicdt. Berlin, den 5. Oktober 1909. Der sozialdemokratische Wahlsieg in Sachsen-Meiningen. Ueber den prächtigen Ausfall der LandtagSwahlen in Sachsen- Meiningen, den wir gestern noch telegraphisch melden konnten, wird des näheren noch gemeldet: In S a a l f e l d ist Genosse Hoffmann mit 1600 Stimmen wiedergewählt worden; der bürgerliche Kandidat erhielt 300 Stimmen. i In Pößneck siegte wieder der.Genosse«Seige mit 300 Stimmen Mehrheit. In Gräfenthal-Lehesten gewann Genosse Fischer mit über 300 Stimmen Mehrheit das Mandat wieder. Im Wahlkreise S t e i n a ch wurde Genosse W e i g e l t mit über 000 Stimmen Mehrheit wiedergewählt. In Witten-Steinach behauptete Genosse Knaver mit 1400 Stimmen Mehrheit das Mandat. Der Wahlkreis Sonneberg schickt wieder den Genossen W e h d e r mit 1000 Stimmen Mehrheit— in den Landtag. In Salzungen wurde Genosse Eckard t jen. mit 1000 Stimmen Mehrheit wiedergewählt. Der Wahlkreis Wasungen wurde vom Genossen Heinrich E ck a r d t jun. mit 300 Stimmen Mehrheit neu erobert. Im Wahlkreise Eisfeld siegte Genosse Schühlein mit 300 Stimmen Mehrheit.. In Hildburghausen findet Stichwahl � zwischen Michaelis(bürgerl.) und F r i t s ch e(Soz.) statt. Die anderen Wahlkreise sind bürgerlich besetzt. Stichwahlen zwischen Bürgerlichen finden in Camburg und in M e i n i n g e n Land statt. Bisher wurden gewählt 9 Sozialdemdkraten und 4 Bürgerliche. Drei Stichwahlen müssen stattfinden, an denen ein Sozialdemokrat beteiligt ist. Im letzten Landtage saßen 7 Sozialdemokraten.— Der Meiningische Landtag zählt 94 Abgeordnete, von denen 16 durch allgemeine Wahlen, 4 durch die Großgrundbesitzer und 4 durch die Höchstbesteuerten zu wählen sind. Von den 16 Sitzen, die durch allgemeine Wahlen besetzt werden, wurden also von den Sozialdemokraten im ersten Anhieb 0 gewonnen. Beständen die Mandate der Privilegierten nicht, so hätte die Sozialdemokratie die Mehrheit im Landtage- Preußische Fürsorgeerziehung. Auf der heutigen Versammlung des Verbandes fortschrittlicher srauenvereine wurde die vbsendung untenstehender Petition em- timmig beschlossen: Petition deS V. f. F. Enquete in preuß. Erziehungsanstalten betreffend. An Se. Exzellenz den Herrn Staatsmmister und Minister des Innern v. Mottle. Eurer Exzellenz unterbreitet der Verband fortschrittlicher Frauen- vereine das Gesuch: Ew. Exzellenz wolle alsbald eine Enquete über die Zustände in sämtliche» preußischen Fllrsorgeerziehungsanstalten durch eine neutrale Kommission von Sachverständigen unter Zuziehung von Pädagogen, Aerztcn und Frauen nach Anhörung der deutschen Zentrale für Jugendsiirsorge veranlassen. Die beigefügte Begründung lautet: „Wiederholt in die Oeffentlichkeit getragene Nachrichten haben es in hohem Maße wahrscheinlich gemacht, daß das in den preußischen Fürsorgeanstalten herrschende System un- geeignet ist. eine erziehliche Wirkung von der erforderlichen Dauer und Tiefe auf die Zöglinge auszuüben. Insbesondere haben neuerdings die Vorgänge in Mielczyn die sittliche Entrüstung weiter Vevölkerungskreise hervorgerufen. Die Mitteilungen der Presse über die in Mielczyn angewandten Strafnnttel haben von maßgebender Stelle keinen Wiederspruch erfahren. Es ist unbestritten geblieben, daß die dortigen Zöglinge Züchtigungen unterworfen wurden, die eines Kulturvolkes unwürdig sind und den beabsichtigten Zweck völlig verfehlen. Derartige grausame Strafen vermögen nicht, jugendliche Delinquenten zu brauchbaren Mitgliedern der menschlichen Gesell- schaft zu machen; sie müssen viettnehr naturnotwendig aufreizend und verbitternd auf die Betreffenden wirken. Leider liegt die Vermutung nahe, daß ähnliche Zustände auch in anderen Fürsorgeerziehungsanstalten herrschen. Eine genaue Untersuchung, welche sich vor allem aui die angewandte Erziehungsmethode, auf die zur Verfügung stehenden Aufsichts- und Lehrkräfte, sowie auf den Gesundheitszustand der Zöglinge zu erstrecken hätte, erscheint deshalb dringend geboten. Ans Grund einer derartigen Enquete könnte alsdann eine Reform des ErziehungSversahrens in den öffentlichen Fürsorgeanstalten und dabei die Nutzbarmachung der in englischen Fürsorgeanstalten ge- machten Erfahrungen erfolgen. Die dort angewandte Methode, welche den Zöglingen unter Leitung von pädagogisch geschulten Kräften ein hohes Maß von Freiheit gewährt, hat den Beweis er- bracht, daß nicht Gewaltmaßregeln, sondern Menschenliebe bei den Jugendlichen Lust und Freude zur Arbeit wecken und sie zu einem geordneten Lebenswandel zurückzuführen geeignet ist. Gegen die Arbeiterturnvereine hegt der sächsisch-altenburgische Staatsminister v. Borrieß eine un- überwindliche Abneigung und er gibt diese bei jeder Gelegenheit kund. So auch dieser Tage wieder in einer Antwort auf eine Be- schwerde der Freien Turnerschaft in Gößnitz, die sich bei ihm als obersten Hüter der Schulen über de» Schulvorstand in Gößnitz be- schwert hatte. Mit dem H�lweis auf daß„gleiche Recht für alle" hatten die fteien Turner in Gößnitz um Ueberlassung des Schul- Platzes als Spielplatz nachgesucht. Der Schulvorstand, der den„deutschen" Turnern den Platz zu sdem gleichen Zwecke anstandslos gewährt hat, versagte ihn den freien Turnern ohne jede Begründung. Das war Ende Juni. Anfang Juli richteten die Abgewiesenen eine Beschwerde an den Staats- minister v. Borries, auf die jetzt nach einem Vierteljahr des Ueber- legenS endlich eine ablehnende Antwort eingetroffen ist. Der Herr Staatsminister, der einmal im Landtage von seiner Regierung sagte, daß sie leine Nadelstichpolitik gegen die Arbeiterklasse treibe, begründet seine ablehnende Entscheidung mit der sozialdemokratischen Tendenz der freien Turnerschaft. Diese Tendenz.beweist" er in folgender Weise: „Wenn der Berein jetzt in Abrede stellt, sozialdemokratische Tendenzen zu verfolgen, so steht dem außer der Auffassung der den Verhältnissen nahestehenden örtlichen Behörde auch der Ge- brauch des Liederbuches„Der freie Turner" entgegen, in welche»? dem in§ 1 de« Volksschulgesetzes gesetzten Ziel der Volksschule, der Jugend die Grundlagen sittlich-religiöser Bildung zu ge- währen, offenbar entgegengearbeitet wird." Deutsche Polizisten in West und Ost. In Dortmund wurde zwei Tage lang ein Beleidigungsprozeß gegen einen Polizeiwachtmeister verhandelt, der gegen seinen vor- gesetzten Kommissar und mehrere Beamte der politischen und der Sittenpolizei in näheren Eingaben den Vorwurf der B e st e ch- l i ch k e i t erhoben hatte. Der Kommissar soll sich von Kirmes- schaustellern seit Jahren haben schmieren lassen usw. Die Regie- rung hat die Disziplinierung des Wachtmeisters zweimal abgelehnt. Deshalb haben die Beleidigten Strafantrag gestellt. Inder Verhandlung sagten Dutzende von Schaustellern aus. eS stehe seit Jahren fest, daß man in Dort- mund bei der Kirmes nur dann gute Standplätze erhält, wenn man gut schmiert!— Eine Anzahl Leute, die früher bestimmte Aussagen gemacht hatten, verhielten sich im Termin zurückhaltend, was sich wohl daraus erllärt, daß die Leute auf das Entgegenkommen der Behörde angewiesen sind. Verschic- dene Zeugen bekundeten, daß uniformierte Schutzleute in den Bordellen Schnaps getrunken hätten und daß sich Sittenschutzleute von Prostituierten bezw. Bordellinhabern traktieren ließenl Der Prozeh endete damit, daß der Angeklagte auf Grund des 8 61 des Reichsstrafgesetzbuches freigesprochen wurde, denn drei ärztliche Gutachter, von denen zwei angestellte Stadtärztc waren, bekundeten, daß der Angeklagte kür seine Handlungen nicht verantwortlich sei. « In einem Prozeß in Tilsit kamen auch recht erbauliche Dinge zur Sprache. Im Dorfe Kaukehmen wirkte als rechte Hand des Gemeindevorstehers ein Polizeisergeant Hoffmann. Dieser erhob gegen den Gemeindevorsteher allerlei Beschuldigungen. u. a. bezichtigte er ihn der V e r l e i t u n g z u m Me i n c i v. weil der Gemeindevorsteher den Polizisten veranlassen wollte, in einer Strafsache eine falsche Aussage zu machen! Der Gemeindevoc- steher revanchierte silh, indem er wieder dem Polizeisergeanten verschiedene Unregelmäßigkeiten nachsagte. Der Landrat schenkte den Angaben des Gemeindevorstehers Glauben und sus- pentierte den Polizisten vom Dienst, worauf dieser öffentlich er- klärte, wenn der Gemeindevorsteher für alles be- straft würde, käme er aus dem Gefängnis nicht heraus..... Es folgte ein Strafverfahren gegen den Polizeisergeanten. Für die gegen den Gemeindevorsteher erhobenen schweren Anschul- digungen wollte Hoffmann nun den Beweis erbringen. Dazu kam es aber nicht, da der Gemeindevorsteher den Strafantrag wegen Beleidigung zurückzog! Der Herr Gemeindevorsteher, ein stramm konservativer Wann, ist noch im Amte.— Ein Zentrumsskandal in Baden. Das badische Zentrum, das zurzeit im LandtagSwahlkampf ohnehin einen schweren Stand hat, empfindet sehr unangenehm das Ergebnis eines Prozesses, der in der verflossenen Woche vor der Strafkamn,er in Ofsenbnrg tagte. Er deckte nämlich eine arge Lotterwirtschaft in einem hauptsächlich von katholischen Geist- lichen geleiteten Betriebe auf. Es handelt sich um die„Druckerei- Gesellschaft Unitas" in Bühl, welche eine Tageszeitung „D e r A ch e r- und B ü h l e r b o t e". ein nichtiges Kaplansblättchen. und andere katholische Blätter herausgibt. Unter den Anteilbesitzern der Gesellschaft befinden sich rund 200 Geistliche; dem aus fünf Personen bestehenden AussichtSrat gehören drei Pfarrer an; auch der Vorsitzende ist natürlich ein Pfarrer. Die Gesellschaft UnitaS hatte auf eine bischöfliche Empfehlung hin in dem Kaufmann Beruh. Unfug sich einen Direktor zugelegt, der, wie der vereidete Bücherrevisor eidlich bekundete, gleich am ersten Tage, als er die Kasse übernahm, 200 M. unterschlug und innerhalb 14 Monate die Kasse der frommen Gesellschaft um über 8000 M. erleichterte. Die Herren Pfarrer vom Aufsichtsrat haben sich um ihren Direktor nicht gekümmert: es genügte ihnen die bischöflich Empfehlung. Hätten die Herren auch nur ein einziges mal einen Blick in das Kassenbuch geworfen, so hätte ihnen die unglaubliche Lotterwirtschaft sofort in die Augen springen müssen. Denn der Herr Direktor hatte monatelang gar keine Ein- t r a g u n g e n gemacht. Mit der Verurteilung des Direktors Unfug zu acht Monaten Gefängnis ist die Angelegenheit für die Mitglieder des Aufsichtsrats noch nicht erledigt, denn sie haben ihre Pflicht gröblich verletzt und gegen die Bestimmungen des Handelsgesetzbuches über die Führung der Handelsbücher verstoßen. Das unangenehmste ist nun aber für das Zentrum, datz der bloßgestellte Pfarrer Röckel Landtagskandidat in Achern-Bühl, einem für das Zentrum sicheren Kreise ist und daß nach diesen Enthüllungen eine heftige Opposition gegen die Kandidatur R ö ck e l s in den eigenen Reihen mit Sicherheit zu er- warten ist. Ohne Zweifel hat die Gerichtsverhandlung der Autorität der katholischen Geistlichkeit im Lande erheblich geschadet. Arbeiterentlassnngen in der Tabakindnstrie. Noch immer steigt die Masse der Arbeitslosen, die infolge der neuen Tabaksteuererhöhungen ihre bisherige Beschäftigung in den Tabak- und Zigarrenfabriken verloren haben und nun, in der Zeit der Krise und des herannahenden Winters, vergeblich nach anderer Arbeit ausschauen. Bald kommen aus dieser, bald aus jener Gegend Nachrichten über weitere Arbeiterentlassuugen. So berichtet die konservative„Brieger Ztg.", das Organ des im Wahlkreise Brieg- Namslau sSchlesien) gewählten Reichstagsabgeordneten Amtsgerichts- ratS Th. P e r n i o ck: .In der Ohlauer Tavakindustrie machen sich die Folgen der erhöhten Tabaksteuer recht unangenehm fühlbar. Nachdem bereits seit Wochen in den Zigarrenfabriken mit reduzierter Arbeits- zeit gearbeitet wird, hat sich jetzt die Entlassung zahlreicher Tabakarbeiter und Tabakarbei- terinnen notwendig gemacht. Die Nachfrage nach Zigarren ist auffallend gering. Sonnabend werden daher wieder viele Arbeiter und Arbeitermnen den seit Jahren inne- gehabten Platz in der Fabrik verlassen und sich einen anderen Broterwerb suchen müsien. Viele derselben haben Unter- stiitziingsgesuche beim Magistrat eingereicht. Ebenso ergeht eS den Kistenmachern. Eine größere Fabrik kündigt an, daß die Einstellung des gesamten Betriebes auf mehrere Wochen zu erwarten sei. Jnfolgedeffen wurde auch schon mehreren Meistern und dem Kontorpersonal gekündigt. Eine andere größere Firma hat bereits mehrere ihrer auswärtigen Filialen infolge des schlechten Geschäftsganges seit einigen Wochen geschlossen. Für die Ohlauer Geschäftswelt ist diese Arbeitseinstellung ein ichwcrer Schlag insofern, als auch auf den nahe gelegenen Dörfern Peisterwitz und Steindorf, wo sich bedeutende Filialen der Deterschen Fabriken befinden, annähernd 8500 Tabakarbeiter und-Arbeiterinnen in Mitleidenschast gezogen werden. In Wansen sind gleichfalls gegen 800 Tabakarbelter be- schäftigt, denen eS nicht besser ergeht." Es mag schon richtig sein, daß nicht nur die Ohlauer Arbeiter, sondern auch die dortigen Geschäftsleute durch die Arbeiter« entlassungen schwer getroffen werden. Sie können sich dafür bei ihrem Abgeordneten und dessen Partei, der konservativen, bedanken. Würzburger Schwindel. Durch die bürgerliche Presse wird folgende Meldung aus Würzburg verbreitet: „In einer gestrigen Zentrumsversammlung, in der der Reichstagsabgeordnete Justizrat Dr. Thaler gesprochen hat, der- suchten die Sozialdemokraten, Skandale zu erregen. Es kam zu Tumultszenen, bei denen 80 Schutzleute eingriffen und die Tumultuanten zerstreuten." Die Nachricht ist eine gröbliche Entstellung der Tatsachen. Das Zentrum hatte eine Versammlung einberufen, zu der nur Zentrums- Wähler Zutritt haben sollten. Das Zentxum wollte sich gegen die Angriffe wegen des Steuerraubzuges rechtfertigen. Die sozial- demokratische Parteileitung gab ein Zirkular heraus, in der sie die Parteigenossen zum Besuch der Versammlung aufforderte, weil sie eine Diskussion herbeiführen wollte. Daraufhin erließ die Zentrumspartei eine Bekanntmachung, daß der Zutritt nur gegen Karten gestattet sei; diese gab sie nur an sichere Zentrumsleute heraus. Daraufhin forderte die sozialdemokratische Parteileitung zu öffentlichter Demonstration auf; eS fanden sich auch etwa L000 Arbeiter ein, die öffentlich demon- strierten. Ein Schutzmannsaufgebot von etwa 80 bis g0 Mann bekam keine Arbeit, da Ausschreitungen nicht vor- kamen. Die Demonstranten zogen dann in die Stadt und sangen während, des DurchziehenS durch die innere Stadt die Marseillaise._ Die liberalen Pharisäer. Der aus der nationalliberalen Partei Bayerns ausgeschlossene jungliberale Abgeordnete Hübsch hat gegen diesen Ausschluß P r o t e st eingelegt. Er weist in seinem Protestschreiben darauf hin, daß er ausgeschlossen worden sei, ohne daß man ihn vorher von dieser Absicht unterrichtet hätte. Man habe es nicht einmal für der Mühe Wert erachtet, ihm die Gründe für den Ausschluß mitzuteilen. So sieht das Ausschlußverfahren bei den Liberalen aus, die nie genug über die Intoleranz der Sozialdemokratie schimpfen können, weil sie sich gelegentlich der Leute entledigt, die nicht zu ihr gehören. Dahei ist noch niemals jemand aus einem ähnlichen Grunde aus der Sozialdemokratie ausgeschlossen worden, wie der Abg. Hübsch aus dem bayerischen Nationalliberalismus. Er flog bekanntlich, weil er sich erlaubt hatte, den Widerspruch zwischen Theorie und Praxis des Parteiführers Casselmann in seinem Ver- halten zur Lehrerbesoldung anzunageln. Oeltermch. Der Agramer Justizmord. Agram, 6. Oktober. Im Hochverratsprozeß wurde heute das Urteil verkündigt. Adam und Valerian Pribiosevics wurden zu zwölf Jahren schweren Kerkers verurteilt. Eine Zahl weiterer Angeklagter erhielt Gefängnis st rasen zwischen vier und sieben Jahren. Achtzehn Angeklagte wurden frei- gesprochen. So hart das Urteil ist, so hat doch selbst dieser aus- gesuchte Gerichtshof nicht gewagt, die Todesurteile aus- zusprechen, die der Staatsanwalt gefordert hatte. Aber auch so bleibt dieser auf ganz vage und unzuverlässige Zeugen- aussagen politischer Gegner und Polizeispione aufgebaute Tendenzprozeß eine Schande für die kroatischen Rechts- zustände. Wenn, die Regierung gut beraten ist, so wird sie durch eine schleunige Amnestie versuchen, den Prozeß möglichst rasch vergessen zu machen. Spanien. Gegen den Ausnahmezustand. Madrid, 5. Oktober. Die Führer der liberalen und der republikanischen Parteien haben an den Ministerpräsidenten eine gemeinsame Note gerichtet, in der sie die sofortige Wiederher st ellung der verfassungsmäßigen Garantien in den Provinzen G e r o n a und B a r c e- lona verlangen._ Der Krieg in Marotto. Udschda, 5. Oktober. Die Stämme in der Umgebung von S e l u a n und Luluja lassen ihre Familien und ihre Viehherden I tiefer nach Süden gehen, während ihre Krieger zurück bleiben. Es liegt eine von Eingeborenen stammende Nachricht vor, wonach überall der heilige Krieg gegen die Spamer gepredigt wird. Der Kaid Mtalsi, der die Seele der ganzen Be- wegung sei, habe erklärt, daß drei wichtige Stämme, nämlich die Beni BraneS, die Beni Tnsil und die Beni Uriagel mit bedeutenden Verstärkungen zur Harka stoßen werden. Ministerpräsident Maura erklärte, daß anstatt der ganzen Division deS Generals Ampudia nur eine Brigade nach Melilla abgehen würde. Um Verstärkungen in dieser Hohe habe übrigens General Marina auch nur gebeten. Die Folgen deS Verbrechens. Paris, 6. Oktober.„Petit Parisien" erklärte in einer Be- sprechung über die marroklanische Angelegenheit, daß tatsächlich die Mitglieder der Regierung eine Besetzung T e t u a n s in Aus- ficht genommen haben. Bevor sie jedoch Tetuan besetzen lassen, müsse eine Kriegserklärung an Marokko abgehen. Sollte es zu Feindseligkeiten kommen, so wird Spanien noch bedeutendere Truppenverstärkungen absenden und Reserven einberufen müssen. Diese Möglichkeit gäbe Anlaß zu ernsten Befürchtungen in London und Paris, denn die neuen Truppensendungen stehen mit dem Zweck, den Spanien zu verfolgen scheine, in keinerlei Zusammenhang. Auch in algerisch-politischen Kreisen beschäftigt man sich mit der Möglichkeit eines fpanifch-marokkanischen Konflikts. Es wird die Frage aufgeworfen, welche Haltung die marokkanischen Grenzstämme einnehmen werden und ob sie der Aufforderung zum heiligen Krieg Folge leisten würden. Die Möglichkeit einer Rückwirkung der kriegerischen Agitation auf die marokkanisih- algerischen Grenzstämme auf daS Schaujagebiet wird ernstlich er- wogen. Eine französische Grenzaktion ist in diesem Falle nicht ausgeschlossen. Riißlanck. Petersburg, 3. Oktober.(Eig. Ver.) Der Wahlkampf in Petersburg ist gegenwärtig in vollem Gange. Kadetten und Sozialdemokraten ringen um das durch Ausschließung des kadettischen Abgeordneten K o l j u b a k i n aus der Duma freigewordene Mandat. Die Kadetten haben den früheren Landwirtschaftsminister Kuttler aufgestellt; der sozialdemokratische Kandidat ist der Rechtsanwalt S s o k o l o w. bekannt durch sein unerschrockenes und energisches Auftreten als Verteidiger in den bedeutendsten politischen Pro- zessen der letzten Jahre. Seine Kandidatur wird auch von der linksstehenden bürgerlichen Demokratie, den Trudowiki und Leu Volkssozialisten, unterstützt. Dg nur noch wenige Tage die Parteien von der Wahl trennen, finden jetzt fast täglich Versammlungen statt, in denen die Kandidaten sich ihren Wählern vorstellen� Doch ist eine freie, un- gebundene Aussprache über die brennendsten Fragen des russischen Lebens insbesondere der Sozialdemokratie unmöglich dank der schikanösen Polizeizensur, die an den Worten der Redner geübt wird. So ist auch den Rednern der Sozialdemokratie fast jede Möglichkeit abgeschnitten, auf die Anwürfe der kadettischen Redner und der kadettischen Presse gebührend zu antworten, da es sie weit über den Rahmen des polizeilich Zulässigen hinausführen würde. Der grundlegende Gegensatz, der jetzt in allen Kontroversen zwischen Kadetten und Sozialdemokratie wieder- kehrt, ist jener der verschiedenen Beurteilungen der gegenwärtig in Rußland herrschenden Staatsform. Während sich die Kadetten ängstlich an die leere Form, ans bloße Wort klammern, und in der Tatsache der Existenz einer Duma den Beweis für eine kon- stitutionelle Verfassung Rußlands sehen, geht die Sozialdemokratie von den realen Machtverhältnissen aus. und kommt zu dem Schluß, daß in Rußland nach wie vor die Autokratie herrsche. Daran kann auch die Duma nichts ändern, da sie nicht die Machtbefugnisse einer wahren Volksvertretung hat und weil sie sich nicht auf die breiten Massen des Volkes stützt. Dieser Gegensatz der Auffassungen bildet auch den eigentlichen Inhalt des Petersburger Wahlkampfes, denn alle Vorwürfe der Kadetten über unfruchtbare sozialdemokratische Taktik und über das Reden zum Parlament hinaus lassen sich aus ihm erklären. So- weit es die Polizeischikanen irgend erlauben, nehmen auch unsere Genossen kein Blatt bor den Mund und schenken den Wählern reinen Wein über das Wesen der Kadetten ein, ohne sich durch daS Geschrei beirren zu lassen, sie machten in ihrer„Kadettenhetze" gemeinsame Sache mit der Regierung. Ob aber die Sozialdemokratie damit Erfolg im Sinne eines Wahlerfolges haben wird, ist allerdings sehr zu bezweifeln. Dank dem famosen Wahlgesetz, verbunden mit den nicht minder famosen Ausführungsbestimmungen sind es nur wenige Arbeiter, die daS Wahlrecht haben. Die Hauptmasse der Wahlberechtigten bildet daS mittlere und kleinere Bürgertum, das der Sozialdemo- kratie fernsteht und dem die zage Halbheit der Kadetten viel besser behagt. Es hat somit dieser Wahlkampf für die Sozialdemokratie weit weniger die Bedeutung eines Kampfes um positiven Wahl- erfolg, als die einer Gelegenheit zur Agitation und zur Verbreitung ihrer Ideen. Petersburg, 5. Oktober. Bei der Ersatzwahl zur Reichsduma in Petersburg ist der ehemalige Ackerbauminister Kuttler (Kadettenpartei) gewählt worden. Kuttler war auch Mitglied der zweiten Reichsduma. Ausnahmsweise keine Hinrichtung. Petersburg» b. Oktober. Durch ein aus Livadia eingegangenes Telegramm des Kaisers werden die am 23. Juli von dem Militärgericht in Kursk wegen der revolutionären Bewegung in Schtschigrh zum Tode verurteilten neun Angeklagten begnadigt; unter ihnen befindet sich auch das Mitglied der zweiten Duma Pjanych.—__ Die Stellung der Juden. Petersburg, 5. Oktober. Der Kaiser hat den Beschluß des Ministerrats sanktioniert, wonach bei der Aufnahme von Juden in die staatlichen Mittelschulen ein erhöhter Prozentsatz zuzulassen ist. In den Residenzen sollen fünf, in den übrigen Reichsreilen zehn und in den Ansässtgleitsaebieten der Juden IS Proz. der Gesamtzahl der Schüler Israeliten sein dürfen. Hus der parteis Beklemmungen hat Genosse Dr. L. O u e s s e l- Darmstadt ob des UmstandeS. daß Genosse Singer ans dem Leipziger Parteitag bei der Frage der württembergischen Hosgängerei an die Parteigenossen die„Auf- forderung richtete, unsere republikanischen Auffassungen aufs entschiedenste zum Ausdruck zu bringen". Um diese Beklemmungen loszuwerden, hat Genosse Dr. L. Ouessel in der neuesten Nummer der„Sozialistischen Monatshefte" Sl/9 Seiten Papier volldrucken lassen über die Frage:„Sind wir Republikaner?' Er kommt zu dem Schluß, daß wir uns mit der demokratischen Monarchie die auch in Deutschland schon in der EntWickelung begriffen sei. genügen I lassen können, daß„für uns jede Veranlassung fehlt, republikanische ' Propaganda zu treiben". Und dann schließt Genosse Dr. Ludwig Ouessel:„Solange wir uns noch nicht Sozialrepublikaner, sondern Sozialdemokraten nennen, wird auch Genosse Singer das Bekennlnis jedes Parteigenossen zur Demokratie als ausreichend ansehen müssen." Womit wieder einmal eine sozialdemokratische Anschauung rück- wärts revidiert worden ist. Heil! Die Gefahren der BereinskasinoS. Die kürzlich zugunsten des Vorstandes des Sozialdemokratischen Vereins für den 13'. sächsischen Wahlkreis gefallene Entscheidung des Leipziger Landgerichts in Sachen des Vereinslokals in Beucha- Brandis kann irrig so aufgefaßt loerden, als wenn es nunmehr gar keine Gefahr für die Vereine hätte, wenn sie überall Vereins- lokale mit Schankbetrieb errichteten. So rosig liegen die Dinge nun aber nicht. Wie Rechtsanwalt Dr. Martin Drucker in Leipzig in einer Abhandlung Über die Schanklonzessionspflicht der Vereine in der Universitäts-Jnbilnnins- Festnummer deS„Sächsischen Archivs für Rechtspflege" auseinander- setzt, bedürfen Vereine irgendwelcher Art, wenn sie g e w e r b S- mäßig die Schankwirtschaft außerhalb des Mitgliederlreises ans- üben wollen, dazu der Erlaubnis. Konsumvereine bedürfen der Erlaubnis zum gewerbsmäßigen Schanlbetricbe auch dann, wenn sie ihn im Kreise der Mitglieder ausüben. Der Beucha- Brandiser Verein hatte seinen Ausschank nicht gewerbsmäßig(ohne Profit) und auch nicht außerhalb seines Mit- gliederkrcises ausgeübt. Daher seine Freisprechung, die aber nicht erfolgt wäre, wenn dem Verein nachgewiesen worden wäre, daß er, wenn auch nur geringen Nutzen aus dein Ausschank gezogen hätte. Dies ist die gefährliche Klippe. Die LandeSregicrungen haben nach Z 33 Abs. 6 der Gewerbeordnung das Recht, solchen Vereinen, die den Ausschank gewerbsmäßig betreiben, die Konzessionspflicht aufzuerlegen. Die Konzession wird aber, das ist vorauszusehen, den Arbeitervereinen regelniüßig versagt werden. Rechtlich liegt die Sache so, daß Vereine, wenn sie den Ans- schank nicht gewerbsmäßig betreiben und ihn nur auf den Kreis der Mitglieder beschränken, nach Reichsrecht keiner Konzession bedürfen, daß sie auch nicht durch Anordnung der Landesregierung der Konzessionspflicht unterworfen werden können. Aber es fehlt nicht an Stimmen, die diese Auslegung bestreiten und die der Landesregierung in jedem Falle das Recht geben wollen, den Vereinen die Konzessionspflicht aufzuerlegen. Dazu kommt, daß die Vereine sich gar zu leicht in den Maschen der gesetzlichen Be- stiminungcn dadurch verfangen können, daß ihr Schankbetrieb einen auch nur ganz geringen Gewinn abwirft, und daß er auch nur zeit- weise.Ein Beispiel, wie der Unterricht in der. Fortbildungsschule zum Besteq einer Unternehmer- gruppe, der Herren Agrarier, angewandt wird, liefer» die„Lehr- Pläne für ländliche Fortbildungsschulen"(Verlag Hahn, Leipzig). Es heißt da:„Im Rechnen könnten dabei die Aufgaben vorkoinmen: Ausgaben eines Landwirtes für seinen Knecht. Einnahmen und Ausgaben einer Arbeiterfamilie in der-Stadt und auf dem Lande. An der Hand einer solchen Aufgabe könnte man dem jungen Arbeiter zeigen, daß in der Stadt nicht allesGoldist.wasglänzt." Hier wird also in ganz unverhllllter Form ausgesprochen, daß der Unterricht benutzt werden soll, um der Landflucht entgegenzuarbeiten. um den Arbeiter an die„ländliche Scholle" zu fesseln, daS heißt, ihn der Ausbeutung durch den Großgrundbesitzer zu erhalten I Sozialdemokratischer Lese- und Diskutierklub„Karl Marx". Heute abend ö'/, Uhr Sitzung bei Hummel, Sophicnstraße 5. Gäste willkommen.- Gewei-hfcbaftlicbeo. Ausgleichende Gerechtigkeit in Preußen. Inden Militärwerkstätten des BeNeidungsamtes sur das 5. Armeekorps sind umfangreiche Lohnherab- se Hungen angekündigt worden. Es handelt sich hierbei Vrf1 m en ��Ücklohn. dessen Sätze bei einzelnen Teilen bis zu lü Proz. herabgesetzt werden sollen. Unter den davon be- troffenen Arbeitern herrscht eine begreifliche Erregung. Sie haben eine Petition in Umlauf gesetzt, in der die Verwaltung criucht wird, die beabsichtigten Lohnkürzungen nicht vorzu- nehmen und die alten Lohnsätze bestehen zu lassen.— Wie immer, die schon hohen Beamtengehälter werden erhöht, die niedrigen Löhne der Arbeiter noch weiter herabge etzt; das ist die ausgleichende Gerechtigkeit in Preußen! Die Petitionen werden den Arbeitern des Korps- beklcidungsamtes wenig helfen. Hier kann in letzter Linie auch nur die Organisation eine Verschlechterung ihrer Lage abwehren und eine Verbesserung derselben herbeiführen. Berlin und Umgegend. Die Stukkateure besprachen in einer Generalversammlung, die am Montagabend im Gewerkschastshause stattfand, die bestehende Situation in bezng auf die llnternehmerorganisation und den Tarif- verlrag. Dietrich referierte. Er schilderte die Taktik der Unter- nehmer als auf Verschleppung gerichtet. Die Zwangsinnung im Srukkateurgewerbe sollte am 1. Oktober in Kraft treten, aber die Unternehmer erklärten, daß sie sich noch nicht als Innung kon- stituiert hätten. Der Verband zog Erkundigungen ein und stellte fest, datz die Unternehmer noch nicht das neue Statut eingereicht und es überhaupt mit der Einrichtung der Innung gegenwärtig nicht sehr eilig hätten. Dem Antrage des Verbandes in der Schlichtungslommission. datz die Innung veranlatzt werden sollte, den Tarifvertrag zu übernehmen, hatten sich die Unternehmer entgegengestellt. Ihr Bestreben ist darauf gerichtet. den Tarifvertrag aus dem Wege zu räumen! sie behaupten, datz durch die verhängnisvollen Sperren und durch Einsetzung von Bauten- kontrolleuren Tarifbrüche von feiten der Arbeiter begangen worden seien. Die Bautenkontrolleure sind den Unternehmern besonders un- angenehm; für den Verband ist aber die Notwendigkeit einer Kon- trolle dringend geworden, um den Tarifbrüchen der Unternehmer begegnen zu können. Da gegenwärtig die Konjunktur im Stukkateur- gewerbe eine gute ist, verjucht man die Entscheidung darüber, ob die Innung den Tarifvertrag anzuerkennen habe, zu verzögern. Die Konstituierung der Innung mutz aber in kurzer Zeit stattfinden und damit mutz auch die Frage über den Tarifvertrag zur Entscheidung kommen. Die Verbandsleitung tritt dafür ein, datz der Tarifvertrag unter allen Um- ständen aufrecht erhalten werden mutz. Gegenwärtig nimmt sie noch eine abwartende Haltung ein. Sie ist sich aber des Ernstes der Situation wohl bewutzt und erwartet von den Mitgliedern, datz diese sich für die nächste Zeit besonders bereit halten, nötigenfalls die Angriffe der Unternehmer mit Energie abwehren zu können. Dem Referat Dietrichs folgte eine rege Diskussion, in der von manchen Rednern ein schärferes Vorgehen der Organisasions- leitung verlangt wurde. Man warnte vor der Verschleppungstaknk der Unternehmer und verlangte mit Nachdruck, datz die Innung den Tarifvertrag anerkennen mlltzte. Hervorgehoben wurde die Not- wcndigkeit eifriger Agitation für den Verband und der Pflege von mehr Solidarität unter den Berufskollegen. » Nach dem Kassenbericht der Filiale Berlin vom 3. Quartal tSOV, der in derselben Versammlung gegeben wurde, bilanzieren die Ein- nahmen und Ausgaben der Hauptkasse mit 6618,85 M. Die Filial- kasse buchte eine Einnahme von 22 765,75 M.(inkl. Kassenbestand vom 2. Quartal 190S im Betrage von 19 862,47 M.). Die Aus- gaben betrugen 3716,36 M., der jkassenbestand beträgt demnach 19 049,39 M. Unter den Ausgaben stehen 500 M. für die schwedischen Arbeiter verzeichnet und außerdem 332,40 M.. die als Sammlung auf Listen bei der Filialkasse eingingen. Die Zahl der Mitglieder beträgt 683. Aus Antrag der Revisoren wurde dem Kassierer Wengeis Decharge erteilt._ Die Tarifiewcgung der Hartgummiarbeiter. In einer Versammlung der Hartgummiarbeiter, die am Montag- abend im Gewerkschaftshause stattfand, berichtete Handle, der zweite Bevollmächtigte des Metallarbeiterverbandes, über die Ver- Handlungen mit den Arbeitgebern. Es ist gelungen, mit den beiden maßgebenden Firmen, die etwa die Hälfte der in Betracht kommenden Arbeiter beschäftigen, einen Tarifvertrag abzuschließen, nachdem sich die in Frage kommenden Personale mit dem Inhalt �desselben ein« verstanden erklärt hatten. Die Arbeitszeit soll danach 50% Stunden betragen; vordem war sie auf 52 Stunden festgesetzt. Die Löhne der Maschinenarbeiter sind durchweg uni2'/2Pf. erhöht. Sie betragen im Alter von 13—20 Jahren 37% Pf., über 20 Jahre im 1. Jahre der Berufstätigkeit 42% Pf. und im 2. Jahre 47% bezw. 50 Pf. Die Löhne der gelernten Arbeiter sind gleichfalls nicht unbeträchtlich erhöht worden. Im 1. Jahre der Berufstätigkeit werden 50 Pf., im 2. Jahre 52'/z Pf., vom 22. Lebensjahre ab 57% im 1. und 60 Pf. im 2. Jahre gezahlt; jedoch sind während der ersten 14 Tage die Löhne um 2 bis 2'/, Pf. geringer. Bei Arbeitern, die nachweislich ständig in der Hartgummibranche arbeiten, fällt diese Probezeit fort. Diejenigen Arbeiter, die diese Mindestlöhne bereits beziehen, erhalten 2% bis 5 Pf. Zuschlag die Stunde. Bei Akkorden werden 50 bezw. 55 Pf. und den Arbeitern, die 65 Pf. Stundenlohn haben, 57% Pf. garantiert. Werkzeuge werden geliefert oder im Lohn angefertigt. Der Tarif gilt bis zum 1. Oktober 1911. Die übrigen Firmen haben auf die am 14. August erfolgte Tariskündigung und neue Tarifvorlage erst unter dem 7. September fast gleichlautend im ablehnenden Sinne geantwortet. Die Ab- lehnung wurde damit begründet, datz einer weiteren hiesigen und einigen Firmen in den Vororten, mit denen bisher kein Vertrags- Verhältnis bestand, die neue Tarifvorlage nicht ebenfalls vorgelegt worden sei. Nachdem eS mit den beiden matzgebenden Firmen zu einem Vertragsabschluß gekommen war, ist der abgeschlossene Vertrag auch allen anderen Firmen zur Anerkennung zugestellt worden. Diese haben teils ablehnend, teils ausweichend, teils überhaupt noch nicht geantwortet. Redner empfahl der Versammlung, sich diesen Firmen gegenüber nicht auf eine bestimmte Taktik festzulegen, sondern der Organisationsleitung möglichst freie Hand zu lassen. Nach kurzer Diskussion gelangte folgende Resolution zur Annahme: „Die am 4. Oktober tagende Versammlung der Hartgummi- arbeiter erklärt ihr Einverständnis mit dem abgeschlossenen Tarif zwischen dem Deutschen Metallarbeiterverband und den beteiligten Firmen. Als die nächste Aufgabe betrachtet es die Versammlung, daß die Anerkennung des Tarifes bei den übrigen Arbeitgebern durchgesetzt wird. Die Versammlung beauftragt deshalb die Agitationskommission, in Verbindung mit den Vertrauensmännern die geeigneten Matz- nahmen zu treffen, um diese Angelegenheit in kürzester Zeit zu erledigen."_ Ein Konflikt der Fliesenleger mit der Firma Schachtsik n. Mcllin wurde am Montag in fünf Bezirksversammlungen der Fliesenleger besprochen. Es handelt sich um folgende Angelegenheit: Die genannte Firma hat den Fliesenlegern die Arbeiten auf dem Neubau Herz- bergstratze 55 in Akkord übertragen. Als die Fliesenleger einen Teil des Baues, der die umständlichsten und deshalb am wenigsten einträglichen Arbeiten enthielt, fertig hatten, erklärte die Firma, der andere Teil des Baues, bei dem glatte und einträglichere Arbeit in Frage kam, solle in Lohn ausgeführt werden. Die Fliesen- leger waren damit nicht einverstanden. Sie beriefen sich darauf daß sie den ganzen Bau iu Akkord übernommen hätten. Sie wollten sich die für sie günstigere Arbeit nicht entziehen lassen, nachdem sie> die ungünstige fertiggestellt hatten. Die Firma beharrte auf ihrem Standpunkt und entließ die betreffenden Fliesenleger. Ersatz für die Entlassenen hat die Firma nicht gefunden, obwohl sie sich fortgesetzt darum bemüht. Die Entlassenen find der Meinung, datz die Firma die Arbeiten von ihnen zu den vereinbarten Bedingungen wird aus- führen lassen müssen, sobald die Bauleitung auf Fertigstellung der Arbeiten besteht. Zurzeit wird es allen Fliesenlegern zur Pflicht gemacht, nicht bei Schachtsik u. Mellin in Arbeit zu treten. Berichtigung. In der Nr. 228 des„Vorwärts" im Hauptblatt unter„Gewerkschaftliches" befindet sich eine Mitteilung, beginnend mit den Worten:„Die Zigarrcnfabrik C. Deter in Stettin". Diese Notiz ist unrichtig. Es muß heißen: Die Zigarren- und Tabak- fabrik in Firma August Deter, Berlin, Neue Königstraße, die eine Anzahl Fabrikfilialen besitzt, löst die in P a s e w a l k befind- liche Filiale gänzlich auf. In Frage kommen zirka 100 Arbeiter und Arbeiterinnen. Deren Entlassung findet am Sonnabend, den S. Oktober, statt. Die Gauleitung des Deutschen Tabakarbeiterverbandes. Deurlcbes Reich. Lohnbewegung der Binnenschiffer auf der Elbe. Nachdem die Sektionsleitung der Binnenschiffer einer Anzahl Firmen die Kündigung für die Schiffer hat zugehen lassen, hat es den Anschein, als wenn es doch nicht alle auf einen Kampf an- kommen lassen wollen. Obgleich die Frist für Zustellung der Ant- wort der Unternehmer erst am 15. d. M. abgelaufen ist, hat die Firma W. W i e n i ck e- Tangermünde bereits erklärt, den Ver- trag anzuerkennen. Werden die übrigen Firmen diesem guten Beispiel folgen? Auf der Saale scheint die Bewegung einen größeren Umfang annehmen zu wollen, da hier die einzelnen kleinen Firmen sich anscheinend gegenseitig aus der Klemme helfen wollen. Sollte es hier zur Arbeitseinstellung kommen, was, da Verhandlungen angebahnt sind, sich erst am Schluffe der Woche sagen lassen wird, so wird diese einmütig erfolgen, da die Fahr- zeuge fast ausnahmslos mit Mannschaften aus dem Saale- gebiet besetzt sind und diese alle lange und gut organisiert sind. Die Firma Mann aus Halle scheidet bei dieser Bewegung aus, da sie dem Arbeitgeberverbande angehört und somit dem Tarifvertrage schon untersteht. Während des Streiks der Schneidcmühlenarbeiter in Tilsit. der Anfang Juli ausbrach und bis in den August hinein dauerte, waren die Unternehmer bemüht, durch allerlei Versprechungen recht viele Arbeitswillige in das Streikgebiet hineinzulocken. Wie überall, so waren es auch hier die fragwürdigsten Elemente, die herbei- eilten, um ihren Klassengenossen in den Rücken zu fallen. Es kam infolgedessen hier und dort zu kleinen Reibereien. Die „Arbeitswilligen" waren nicht blöde, zumal sie ja des Schutzes der Behörden sicher waren. Verloren nun die Ausständigen auch einmal die Geduld, dann wußte die wohlgesinnte Presse sofort allerlei Schauergeschichten zu berichten. Die Streikenden erhielten Strafmandate und Anklagen und muhten ihre„Frevel" zumeist sehr schwer büßen. Die letzte Gerichtssitzung verhandelte wieder gegen neun solcher„Sünder", angeblich, weil sie sich der Be- drohung Arbeitswilliger schuldig gemacht hatten; einige darunter waren auch noch ivegen Beamtenbeleidigung angeklagt. Die Til- siter Schneidemühlenarbeiter standen zum ersten Male im Lohn- kämpfe, da war es kein Wunder, wenn sie, durch das Verhalten der Streikbrecher veranlaßt, wirklich hin und wider die Ruhe ver- loren. Trotzdem muß es aber auch an dieser Stelle gesagt werden, daß ihre Haltung während des Streiks mustergültig war, hatten doch die Funktionäre des Transportarbeiterverbandes die Arbeiter- müssen gut vorgebildet. Alle neun Angeklagten wurden in erwähn- ter Gerichtsverhandlung für schuldig befunden und einer der An- geklagten wurde recht empfindlich bestraft; er erhielt drei Monate Gefängnis. Ein anderer erhielt sechs Wochen, einer vier Wochen Gefängnis, während die übrigen sechs mit Gefängnisstrafen von fünf Tagen bis zu drei Wochen davonkamen. Die Opfer des Wirt- schaftlichen Kampfes haben die Feuertaufe erhalten. Der Krnpf im Frankfurter Holzgewerbe. Frankfurt a. 9)1. Das B. H. meldet: Nach den Mitteilungen, die gestern abend in einer /Versammlung der Schreiner-Zwangs- innung gemacht wurden, haben sich die Gegensätze zwischen Arbeit. gebern und Arbeitnehmern im Holzgewerbe verschärft. Bisher sind rund 577 Arbeiter ausgesperrt Es wurde eine Resolution angenommen, wonach sämtliche Mitglieder der Zwangsinnung ihre organisierten Arbeiter zu entlassen haben, und zwar hat die Aussperrung am nächsten Sonnabend zu erfolgen. Die nicht- organisierten Arbeiter müssen sich verpflichten, weder einer freien. noch einer christlichen Gewerkschaft beizutreten. Falls sie dieser Verpflichtung nachkommen, werden sie nicht ausgesperrt. Kulmbacher Strcikjustiz. Die Kulmbacher Rechtspflege, die durch den verwichenen Amts- lichter Frohnauer, den Zeugniszwangshelden und Vernichter der Arbeiterbewegung, Weltbervhmtheit erlangte, macht wieder von sich reden. Es zeigt sich, daß die Traditionen des kaltgestellten Frohnauer noch sorgfältig gepflegt werden. Bei den Kulmbacher Gerichten schweben Massenklagen, die aus der dortigen Zimmerer- bewegung entsprungen sind. In der Verhandlung eines solchen Prozesses vor dem Schöffengericht wurde ein Arbeiter wegen Be- drohung bezw. Verrusserklärung verurteilt. Die Drohung sollte gegen einen Lehrling verübt sein. Belastungszeugen waren der Ehrling und der Sohn dcK Meisters, der Angeklagte hatte eine ganze Anzahl Entlastungszeugen angeboten, die aber bis auf einen nicht angenommen wurden, und dieser sagte aus, daß die Drohung nicht gefallen sei. Das Gericht erklärte jedoch, den Streikenden und den Zeugen des Angeklagten sei weniger zu glauben, weil sie gerade streikten und ihre Verteidigung„sinngemäß" sei. Uns er- scheint diese Begründung sehr„unsinngemäß". Bon der Waldarbeiterbewcgung in Bayern. Die Agitation furchen neugegründeten Verband der Land- und Waldarbeiter ist in Nordbayern im vollen Gange. Sie hat zwar mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, kommt aber vor- wärts, wenn auch die gegnerischen Gründungen alles aufbieten, um den Verband nicht aufkommen zu lassen. Selbst in den schwär- zesten Gegenden fängt es bei dieser Kategorie von schlechtest ge- stellten Arbeitern zu tagen an, und sie beginnen langsam einzu- sehen, daß das Zentrum nur die Partei des Arbeiterverrats ist. Auch in dem stockultramontanen Wahlkreis Lohr mit seinen reichen Waldgebieten findet der Verband Eingang. In Rechtenbcrg fand eine imposante Versammlung statt, in der die Gründung einer Zahlstelle zustande kam. lieber 30 Waldarbeiter erklärten ihren Beitritt, womit ein ganz schöner Anfang gemacht ist. Ausland. Achtung, Maurer! Die Wcltfirma Gebrüder Sulzer in W i n t e r t h u r steht im Begriffe, ein neues Fabrikgebäude her- stellen zu lassen. Obgleich die bürgerliche Presse seit Wochen eifrig bemüht ist, den Maurerstreik totzulügcn, ist es den Baumeistern und ihren Helfershelfern, den Strcikbrecheragenten nicht gelungen, eine größere Anzahl Streikbrecher zu gewinnen. Der Versuch, Streik- brecher aus kulturell rückständigen Ländern zu importieren, ist bis jetzt vollständig mißlungen. Das hindert aber die eingangs erwähnte Firma nicht, auf diesem Gebiete neue Versuche zu machen. In den nächsten Tagen erwartet dieselbe eine größere Anzahl Streikbrecher, die sie allem Anschein nach in den Fabrik- räumen unterzubringen gedenkt, denst bereits haben die Herren Gebrüder Sulzer zu diesem Zwecke eine Baracke als Unterkunfts- räum mit zirka 50 Schlafstellen einrichten lassen. Genossen, habt überall ein wachsames Auge auf Arbeitertransporte, damit auch diesmal der Streikbrecherimport in die Brüche geht. Insbesondere unsere Organisationsbehördcn sollten tun, was ihnen in dieser Beziehung möglich ist. Alle Mitteilungen sind auf dem kürzesten Wege an das Arbeitersekretariat Wintcrthur zu richten. Arbeiter- blätter sind um sofortigen Nachdruck gebeten. __ Arbeitersekretariat Wintert Hut. Telephon 909. Sechshundert Holzverlader des Hafens von Marseille find in den Ausstand getreten, weil das Syndikat der Holzhändler sich weigerte, einen bereits mündlich bewilligten Arbeitsvertrag zu unterschreiben.'_ Ganz wie bei nnS. Havre. Der Ausstand der Hafenarbeiter ist nunmehr ein voll- ständiger. Zirka 1800 Mann streiken. Ein Bataillon Infanterie ist aus Rouen hier eingetroffen, ebenfalls 121 Gendarmen, welche die Ordnung aufrecht erhalten sollen. Bus der frauenbeweflfung. Bürgerliche Frauentage. Auf die Fliegerwoche in Berlin ist eine F r a u e n w o ch e ge- folgt, eine Tagung bürgerlicher Frauen, die im Architektenhause in der Wilhelmstraße stattfindet. Sowohl der Deutsche Bund ab st inenter Frauen wie auch die Generalversammlung des Verbandes fortschrittlicher F r a u e n v e r e i n e hielten dort geschlossene Delegierten- und Mitgliederversammlungen ab. Die Tagung des Deutschen Bundes abstinenter Frauen schloß mit einem öffentlichen Vortragsabend. Die rüstige alte Vor- kämpferin für die Abstinenzbcwegung, Ottilie Hoffmann- Bremen, sagte in ihrer kurzen Begrüßung, daß der Bund 1902 zum ersten Male in Berlin getagt habe, und daß seitdem das soziale Gewissen im Volke mächtig erwacht sei, datz auch die Wissen- schaft endlich mit der Enthaltsamkeitsbewcgung Hand in Hand gehe, und daß diese große Bewegung im Westen, in Amerika, ein- gesetzt habe. Das Bestreben des Bundes müsse auf die Gewinnung neuer Mitglieder und Aufklärung über die Abstinenzbewcgung in den Schulen hinwirken. Nur amerikanische Blätter brächten wahr- heitsgemäße Berichte; die deutsche Presse versage hier fast ganz. Es ist bedauerlich, daß die Referentin nicht die sozialdemokratische Presse von diesem Vorwurf ausgenommen, denn seit Jahren unter- scheidet sie sich hierin von den meisten bürgerlichen Blättern. Und noch bedauerlicher ist es, daß sich der Deutsche Bund abstinenter Frauen, der sich dem Internationalen Abstinenzbund der Frauen angeschlossen, sich ganz und gar im christlich-konfessionellen Fahr- Wasser und Stil bewegt. Denn ob in Island die Kirchenglocken läuteten, als die Frauen ihren Kampf gegen den Alkohol be- schloffen, und ob die Frauen in Norwegen ihn mit den Worten: „Für Jesum!" eröffneten, ist wirklich absolut belanglos. Tie Hauptsache ist, daß der Kampf aufgenommen, und daß diesem Raubbau am Volk energisch entgegengetreten wird. Alsdann sprach die Johanniterin Freiin v. Hausen- Dresden vom hygienischen Standpunkt aus über den Einfluß des Alkohols auf Arbeit, Wohnung, Ernährung, körperliche und geistige Leistungs- fähigkeit. Der Alkohol entziehe den Geweben die Feuchtigkeit und rufe dadurch immer größeres Durstgefühl hervor. Durch den Alkohol werde Herz und Lunge übermäßig angegriffen. Seit 1880 sei durch das Aufkommen des Flaschenhandels der Bier- konsum um die Hälfte gestiegen. Fortschreitende Degeneration der ganzen Familien sei die Folge. Beklagenswert sei es, daß die Aerzte sich noch vielfach, ihrer studentischen Trinkunsitten ein- gedenk, gegen die Abstinenz wenden. Um so kraftvoller müßten die Frauen eingreisen und sich für das Gemeindeverbotsrecht ein- setzen.— Fräulein Lischnewska beleuchtete alsdann in einem Dauerreferat die Alkoholfrage vom nationalökonomischen Stand- Punkt aus. Die Trunkenbolde, ihre Familien, ihre Verbrechen. alles falle der Gemeinde zur Last; daher habe auch die Allgemein- heit das Recht und die Pflicht, gegen das Alkoholkapital" Front zu machen. In einer langatmigen Statistik legte sie die Nachweis- baren Schäden, die der Alkohol den Gemeinden verursacht, dar, wies auf die dringend notwendige Reform des Schankkonzessions- Wesens hin, wobei als Hauptgegner des Gemeindeverbots die Gastwirte und Grundbesitzer in Frage kämen. Der Eisenbahn- minister sei ja kräftig gegen den„Alkohol im Dienst" eingeschritten. die Kommune solle diesem Vorgehen folgen. Fräulein v. Blücher sprach sodann über„Kriminalität und Alkoholismus". Sie führte an, datz jährlich in Deutschland zirka eine viertel Million Menschen durch den Alkohol auf die Anklagebank gerieten. Die Fürsorge. erziehung, die auch durch den Alkohol indirekt notwendig geworden, verschlinge allein 8V2 Millionen Mark Kapital. Abnahme der Schänken würde Abnahme der Kriminalität zur Folge haben. Allein schon die Verurteilung von 250 000 Menschen jährlich müsse die Frauen wachrufen, damit fortan nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen über die Konzessionserteilungen mitzureden hätten. und Solidarität sei Grundbedingung. Im Interesse der Sache liegt es leider nicht, daß, wenn derartige Vorträge sich solange(sie währten drei Stunden) ausdehnen, eine Diskussion unmöglich ge- macht wird, und daß diese Vorträge in einem Lokal stattfinden, wohin das eigentliche Volk seine Schritte lieber nicht lenkt, und wo sich die Referentinnen daher mit einem halbgefüllten Saal begnügen müssen, wenn eS sich um eine so brennende Tages- frage handelt._ Versammlungen— Veranstaltungen. Königs-Wusterhausen. Freitag, den 8 Oktober, abends 8 Uhr, findet im Lokale des Herrn Sie ch er dt(„Siegeskranz"), Kottbuser Straße, ein Zahlabend für Frauen statt. Genossin Ehnv hält einen Vortrag über:„Der neue Steuerraubzug und seine Wirkung auf den Arbeiterhaushalt". Letzte Nachrichten und Depefchen. Berichtigung. Berlin, 5. Oktober.(W. T. B.) Von der Deutschen Bank wird mitgeteilt, daß die durch die Presse verbreitete Meldung, die Bank hätte die Insel Pichelswerder zum Preise von angeblich 15 000 000 Mark gekauft, in jeder Beziehung unzutreffend ist. Ohne Zuchthausgesetz. Kiel, 5. Oktober.(22. T. 23.) Vor dem hiesigen Schwur- gericht wurde heute gegen die Arbeiter Ibers, Ziegler und Stein verhandelt, die wegen gefährlicher Ausschreitungen am 3. Juli gegen Arbeitswillige städtischer Arbeiter ange- klagt waren. Ziegler wurde unter Ausschluß mildernder Umstände des Landfriedensbruches für schuldig erklärt und zu einer einjährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Die übrigen Angeklagten wurden freigesprochen. Zu Tode gehetzt. Prag, 5. Oktober. Der Professor des Kirchenrechtes Wahrmund, dessen Vorlesungen auf Betreiben der Klerikalen von der Unterrichtsbehörde nicht genehmigt wurden, hat der„Bohemia" zufolge seine Pensionierung nachgesucht. Vom Unglück verfolgt. Paris, 5. Oktober.(W. T. B.) Der bei Pau erbaute Schuppen für die geplante Luftschiffstation ist in der vergangenen Nacht infolge Sturmes eingestürzt. Ein Protest gegen die Henkersarbeit. Konstantinopel, 5. Oktober.(W. T. B.) Dem armenischen Patriarchen ist heute die Antwort der Pforte auf sein Demissions- gesuch zugegangen. In dieser Antwort erklärt die Regierung, daß sie für ihre politischen Maßnahmen dem Parlament verantivort- lich sei; es liege daher für den Patriarchen kein Grund vor, wegen der in Adana vollstreckten Todesurteile sein Amt niederzulegen. Die Regierung ersuche ihn vielmehr, die religiösen Angelegen- heiten des Patriarchats weiterhin zu leiten und ihre Bemühungen um die Eintracht aller Nationalitäten zu unterstützen Die Antwort hat auf dem Patriarchat nicht befriedigt; der Patriarch hält-�eine Demission aufrecht._____________________ Maul Singer öe Co., Berlin Hierzu 3 Beilagen n.Unterhaltungöbl. Vergntw. Redgkt.: Emil Nnger, Grunewald, Inseratenteil vcrantw.: LH, Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. VerlagSanstall Kr. 333. 36. Jahrgang. 1. fdlift des Jons W Inliner NilksM. iittttiiid), 6, eiitotfi 1909. Die li!acl)t der GewerMcl�ften. Die Broschüre, die Genosse Karl K a u t s k y dor einiger Zeit unter dem Titel„Der Weg zur Macht" herausgab, hat ihm sehr gereizte Angriffe in einem Teile der deutschen Ge- Werkschaftspresse eingetragen. Besonders das„Kor- respondenzblatt" der Generalkommission hat in einer lang ausgesponnenen Polemik, in der sehr häßliche, durch die Ausführungen Kautskys in keiner Weise provozierte Unter- stellungen nicht verschmäht werden, die Broschüre heftig an- gegriffen, weil sie die Ohnmacht der Gewerkschaften lehre und ihre Unterordnung unter die politische Arbeiterbewegung fordere. Sehr erfreulich berührt angesichts dieses geflissent- lichen Bestrebens des einflußreichsten Teiles der deutschen Gewerkschaftspresse, den Genossen Kautsky bei den Ge- Werkschaftsgenossen zu diskreditieren, eine Auslassung des Organs der österreichischen Metallarbeiterorganisation. Wir entnehmen einem Artikel des„Oesterreichischen Metallarbeiters" die folgenden Stellen: „... Wenn man die Broschiire Kautskys, der als der hervor- ragendste Schüler unseres großen Meisters Karl Marx anzusehen ist, liest, so ergibt sich, daß von alledem keine Rede ist. Kautsky ancr- keimt vielmehr durchweg die Wichtigkeit, ja Uiieutbchrlichkeit der Ge- wcrkschaftcn; seine Behauptung geht bloß dahin, daß die wachsende Stärke der Unternehmerverbände und die zunehmende Feindschaft der Bourgeoisie bezw. des Älassenstaates dem Vordringen der Arbeiter immer mehr Hindernisse in den Weg schleudern, die zeitweilig eine Berlangsamung des Marsches der Arbeiter herbeiführen werden. Er sagt: .... So wichtig, ja unentbehrlich die Gewerkschaften sind und bleiben, wir dürfen nicht erwarten, daß sie durch rein gewerkschaft- liche Methoden das Proletariat noch einmal so mächtig vorwärts bringen, wie es ihm im letzten Dutzend Jahre gelang. Wir müssen sogar mit der Möglichkeit rechen, daß die Gegner die Kraft ge- Winnen, eS zeitweise wieder zurückzudrängen. Aber wir wiederholen, damit soll nicht gesagt sein, daß die Gewerkschaften dadurch machtlos oder gar überflüssig werden. Sie bleibe» die größten Massenorganisationen des Proletariats, ohne die es wehrlos völliger Verelendung preisgegeben ist. Die Acndcrung der Situation mindert nicht ihre sder Gewerkschaften) Bedeutung, sondern wandelt mir ihre Kampfesmcthoden. Wo sie mit großen Unternehmerorganisationen zu tun bekonnnen, mögen sie diesen direkt wohl nichts anhaben können; aber ihre Kämpfe mit solchen Organisationen wachsen riesenhaft an, vermögen die ganze Gesellschaft, den ganzen Staat zu erschüttern. Negierungen und Parlamente zu beeinflussen, wo die Unternehmer alle Konzessionen ablehnen." Wie man sieht, ist so ziemlich das Gegenteil dessen wahr, was man Kautsky in den Mund legt. In seinen Aeußerungen ist nichts, was darauf schließen ließe, daß er die Bedeutung der Gciverk- schaften irgendwie verkennen oder geringschätzen würde. Er meint nur. die Gewerkschaften allein seien es nicht, lvelche die Lebenshaltung der Arbeiter zu erhöhen vermöchten. Ist dies etwa unwahr? Sind die Arbeiter bisher lediglich durch die Ge- iverkschaften in ihren Interessen geschützt und' gefördert worden? Man braucht die Frage nur auszuwerfen, um daran erinnert zu iverden, daß die Gewerkschaften Schöpfungen der zum Klassenbewußt- � sein erwachten Arbeiter sind, deren politischer Ausdruck die Sozial- demokrarie ist. Ohne die letztere, ohne deren Tätigkeit und Einfluß auf Staat und Negierung gäbe es keine> Gewerkschaften, keine Bewegungsfreiheit für dieselben und keine Entwickelungs- Möglichkeit. Das leugnen, hieße die ganze Geschichte der Arbeiterbewegung ignorieren. Die Tatsachen, die Erfahrungen beweisen es täglich, daß nur die auf dem Boden des Klassenkampfes, nur die im Geiste des Sozialismus tätiger Gewerkschaften den Anforderungen gerecht werden, die die Arbeiter an sie stellen müssen.... Ueberall, wo die Gewerkschaften sich in das Schlepptau bürgerlicher Parteien nehmen lassen, wie in England, bleiben die Gewerkschaften nicht bloß hinter den Anforderungen der Arbeiter, sondern auch in der EntWickelung zurück und verleugnen— wie eben in England— die An- cikennung des Klassenkampsprinzips auch auf politischem Gebiete. Die englischen Arbeiter sehen ein, daß ohne den Sozialismus weder auf diesem noch auf gewerkschaftlichem Gebiet Erfolge zu erzielen Kleines Feuilleton. Forscher, die keinen Glauben fanden. Die Welt steht den Reiseberichten Cooks und PearYS noch immer mit ungläubigem Kopffchütteln gegenüber; die beiden Forscher haben eine schlechte Presse; man ist noch immer nicht überzeugt davon, daß sie wirk- lich den Nordpol entdeckt haben, und denkt bei ihren Zänkereien, gleich der Donna Blanka in Heines„Disputation":„Welcher recht lmt, weiß ich nicht— doch es will mich schier bedünken, daß der Pearh und der Cook, daß sie alle beide stinken." Wenn sie ein reines Gewissen haben, könnten Peary und Cook sich aber" mit dem Schicksal anderer Forscher trösten, denen es einst genau so ergangen ist, wie es jetzt ihnen ergeht. Es wurde bereits auf 'die Kontroverse der Afrikaforschcr Speke und Burton hingewiesen; auch das Schicksal Stanleys, des unbekannten Stanley, der im Austrage des Eigentümers des„New Dork Herald", Gordon Bennctt, auszog, um den verschollenen Livingstone in Afrika aufzusuchen, bietet ein Seitenstück hierzu. Im Januar 1871 kam Stanley in Sansibar an. Nach längerem Aufcnhalt trat er die Reise nach dem Innern an, erreichte auf unbetrctenen Wegen unter außer- ordentlichen Schwierigkeiten am 28. Oktober Ujiji am Tanganjika und fand hier Livingstone. Der herorische alte Mann war nur noch ein Skelett, aus dessen Augen aber ein unbezähmbarer eiserner Wille glänzte. Stanley suchte ihn wieder gesund zu machen. Er zog ihn aus Not und Elend, überreichte ihm die Briefe seiner Kinder und brachte ihm Nachrichten aus der Heimat. Dann machten beide zusammen eine Reise um das nördliche Ende des Tanganjika. Livingstone blieb in Unjamjembe, um Mittel zur Fortsetzung seiner Forschungen zu erwarten, während Stanley zur Küste weiterzog und diese im Mai! 1872 wieder erreichte. Was er auf diesen Wände- rungen durch Afrika zu erdulden hatte, hat er in seinem Buche „Wie ich Livingstone fand" geschildert. Als er dann aber in Sansibar die europäischen Zeitungen las, fand er das Aller- schlimmste, das ihm passieren konnte: man glaubte nicht an seine Reise. Gordon Bennett antwortete auf die Angriffe:„Ich habe kür diese Forschungsreise 100 000 Mk. ausgegeben. Das ist eine Tatsache." Man erklärte auch das für Erfindung, und die Geo- graphische Gesellschaft in London nannte Bennett einen Charlatan und den unbekannten Reporter seinen Helfershelfer. Es dauerte lange bis Stanley sich durchsetzen konnte. Eine„Marmorgrube auf dem Meeresgrunde". In der letzten Sitzung der Pariser Akademie der Inschriften hat der Direktor der tunesischen Altertümer Merlin den ersten genauen Bericht abge- stattet über die überraschenden Erfolge, die die im Mai und Juni d. I. durchgeführten Taucherarbeitcn bei Mahdia gekrönt haben. In der Meerestiefe von nahezu 40 Metern wurden vor 2 Jahren an der Ostküste von Tunis die halbversandeten Ueberreste eines alten Seeschiffes gefunden, das mit einer reichen Ladung grie- chischen Baumaterials und griechischer Kunstgegenstände hier ge- scheitert war. Mit Hilfe mehrfacher Subventionen wurde die Er- forschung und Bergung der Altertümer organisiert. Ein rei.cher sind. Für jeden, der unbefangen und verständig die Tätigkeir der klerikalen, nationalen und gelben Auch-„Gewerk- schaften" betrachtet, ist es offenkundig, daß diese Schlviudelorgaui- satioue» in erster Linie, wenn nicht ausschließlich, das Interesse dcS Ausbeutertunis wahrnehmen, daß sie infolge ihrer bürgerlichen Wirtschaftspolitik den Arbeitern nur Schaden bringen und zur Un- fruchtbarkeit verurteilt sind... Da die Arbeiteriuteressen nur gegen- über dem Ausbeutertum, dem Klassenstaat mit seiner parieiischen Bureaukratie wahrgenommen werden können, so sind alle diejenigen Arbeitervereine, welche diesen arbeiterfeindlichen Mächten— beivußt oder unbewußt— Helfershelferdienste leisten, nur auf den Betrug und die Irreführung der Arbeiter berechnet. Man kann es alle Tage erleben, wie diese Verräter die Ausbeuter schonen, die klassenbewußten Arbeiter aber gleich bissigen Hunden an- fallen. Sie haben eben die Aufgabe, die Arbeiterschaft von der Wahrnehmung ihrer Interessen abzuhalten und abzuschrecken und den bürgerlichen Parteien Zutreiberdienste zu leisten. Ihnen gegenüber hilft Neutralität so wenig wie etwa Teebutter als Rattcngist. Es ist also unbedingt notwendig, daß die sozialdemokratische Partei und Gewerkschaft zusammen Hand in Hand arbeiten, und das ist um so notwendiger, als die Klassengegensätze immer schärfer, die Organisationen der Unternehmer immer stärker und angriffskustiger werden. Daran aber, daß dies der Fall, daß die Situation für die Gewerkschaften immer schwieriger wird, ist nicht zu zweifeln; es hieße Vogelstraußpolitik treiben, wollte man verkennen, daß eS den bürgerlichen Klassen immer mehr darum zu tun ist, die Stärke der Gewerkschaften, welche ihre Profit bedrohen, zu brechen. Die Vorstöße der Arbeiterkoalitionen wider das feudale Fabriksystem, den Absolutismus der kapitalistischen Nutznießer und Plus- macher, die von der Ausbeutung„ihrer" Arbeiter ehrsam bürgerlich leben und die unbeschränlten Herren in„ihrem" Hause sein wollen, der Kampf der koalierten Arbeiter gegen die ewige Mehrwerterpressung— das ist eS, was die Unternehmer am meisten aufbringt. Darum organisieren sie sich so eilig und man darf sich darüber keiner Täuschung hingeben: Ihre Kampforganisationen sind schon sehr stark. Deswegen— im Hinblick auf diese unzweifelhafte Tat- fache— mahnt Kautsky zur Vorsicht und warnt vor Ueber- schätzungen der eigenen Kraft. Er verweist auf die gewaltige und ununterbrochene Steigerung der Lebensmittelpreise, die selbst von kapitalistischen Nationalökonomen hervorgehoben wird, und zeigt, daß das Verhältnis zwischen Geldlohn und Reallohn, zwischen elfterem und der ihm innewohnenden Kauskraft trotz der großen und erfolgreichen Anstrengungen der Gewerkschaften sich nicht so günstig gestalte, wie dies von den Arbeitern gefordert werden müsse. Und um Enttäuschungen vorzubeugen, gibt 5lautsky der Befürchtung Ausdruck, daß angesichts des Anschwellens der Macht der Unternehmer„auch nach dem Vorbeigehen der Krise und dem Wiedereintritt der Prosperität das Proletariat auf keine Wiederholung der letzten glänzenden gewerkschaftlichen Aera mehr zu rechnen hat". Das ist eine Annahme, die zum mindesten manches für sich hat und die ein so genauer Kenner der Dinge wie Kautsky anerkanntermaßen ist. auszusprechen — wenn schon nicht die Pflicht, so doch— das Recht besitzt. Hat er damit die Möglichkeit zukünftiger Erfolge für immer aus- geschlossen? Gewiß nicht, und es ist auch unrichtig, daß durch eine solche Darstellung den Arbeitern Hoffnung und Tatkraft, Leidenschaft und Mut geraubt würde. Nein! Die Erkenntnis der Wahrheit ist niemals gefährlich, sie schützt nur vor Fehlern und Unvorsichtigkeiten, und traurig müßte es um die Gewerkschaftsbewegung bestellt sein, wenn sie den Lehrern des Proletariats verbieten müßte soder dazu Ursache hätte), ihren Ueberzeugungcn Zügel aufzuerlegen, weil sonst die Arbeiter zag- hast werden könnten. Im Gegenteil, die Arbeiter müssen von allen ihren Vertrauensmännern— und dazu gehören doch wohl auch die Theoretiker und Lehrer der Partei— die volle Wahrheit fordern, und einzige, was notwendig ist, liegt darin: zu prüfen, ob es die Wahrheit ist und ob, wenn dies der Fall, die gewerkschaftliche Politik und Taktik den neuen Be- dingungen angepaßt ist. Also, es bleibt dabei: Die Wahrheit vennag niemals die Ge- werlschaften zu schwächen, sie ist nur eine Kraftquelle für sie. führt daher nicht-zur„Ohnmacht", sondern zur Stärkung der Gewerkschaften. Der selbstgefällige Standpunkt des Philisters: „Wie herrlich weit wir es doch gebracht haben!" paßt nicht im geringsten für klassenbewußte Arbeiter." Schatz von Inschriften, Marmor- und Bronzekunstgegenständen und altgriechischen Handwerksgeräten war die reiche Frucht der mühe- vollen Arbeit. Als erstes Stück wurde aus dieser unterseeischen Marmorgrube eine große Säule aus weißem Marmor mit schöner mattgrauer Aederung geborgen; sie hat eine Länge von 3,9b Meter. Die Taucher konnten das Vorhandensein von nahezu 80 dieser Säulen feststellen, deren Bergung voraussichtlich im kommenden Jahre durchgeführt wird. Unter den gehobenen Schätzen ragen eine Reihe schön gearbeiteter jonischer Kapitale hervor; sodann zahlreiche Gefäße, weitbauchigc Vasen und mannigfache kera- mische Arbeiten. Aber die Ausbeute war damit nicht erschöpft. Die Taucher brachten eine sehr schöne, kaum beschädigte Statue des Eros Androgyne aus den Tiefen, die den Gott im raschen Laufe darstellt, in der cmporgestreckten Linken eine Fackel; die Statue ist als Lampe gearbeitet. Zahlreiche antike Möbelfrag- mente werden die Möglichkeit geben, Sitzgelegenheiten und Ruhe- betten zu rekonstruieren. Man fand außerdem die Statuette eine? tanzenden Amors und eine zweite Statuette, die einen Schau- spieler mit bärtiger Maske vorstellt. Sie zeigen, wie noch mehrere andere aufgefundene kleine Bronzestatuetten, sehr feine Arbeit und prächtige Ziselierung. Eines der schönsten Stücke ist ein mar- morner Frauenkopf von herrlicher Kraft des Ausdrucks. Nach der Ansicht Merlins hat das Schiff in Attila seine Ladung auf- genommen; der Schiffbruch ereignete sich gegen Ende des Jahr- Hunderts vor Christi Geburt. Eine Bibliothek in der Sahara. Der französische Oberst Gaden, der unlängst eine Expedition nach dem südwestlichen Saharagebict unternahm, hat bei dieser Gelegenheit im Besitz des Scheilh Sidia, eines der mächtigsten Fürsten der Gegend, eine größere Bibliothek gefunden, über die im letzten Heft der„Revue du Monde Musel- man" berichtet wird. Die Bibliothek ist zwar nach unseren Be- griffen sehr klein, denn sie enthält nur 883 Bücher und 812 Hand- schriften, ist aber sowohl als ein Beweis dafür, wie das Bedürfnis nach Büchern selbst die äußersten Vorposten der mohammedanischen Gesittung ergriffen hat, wie auch wegen ihrer Zusammensetzung nicht ohne Interesse. Die Bücher umfassen etwa 30 Gruppen, dar- unter besonders koranische Wissenschaft, Glaubenslehre, Geschichte, Mystik, Rcchtskunde, Sprachcnkunde, Dichtungen in Vers und Prosa, Reiseberichte, Eheleben, magische Rezepte, Traumdeutung und Astrologie. Sie trägt also einen durchaus rechtgläubigen Charakter, was sich namentlich auch durch das Fehlen von Büchern aus verbotenen Gebieten wie Philosophie und Naturwissenschaften kundgibt; aber schon das Dasein gedruckter Bücher, deren Her- ftellung bekanntlich dem strengen Wortlaut des Koran durchaus zuwiderläuft, beweist, daß die Umwälzung in der Buchherstellung, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Stambul begonnen, dann vor etwa 40 Jahren durch den Druck billiger Bücher in Kairo wieder aufgenommen wurde, heute in der ganzen islamitischen Welt Bürgerrecht erlangt hat und daß in absehbarer Zeit auch in diesem Kulturkreis das gedruckte Buch durch die Kljc£)h(5pdschrift völlig in den HllitepgrMd gedräugt haben wird. Prozeß Dahles. Vor der vierten Strafkammer de? Landgerichts I begann gestern der Prozeß gegen den Schriftsteller Hermann Dahsel und die verehelichte Emmi Schuwardt, die der wiederholten vollendeten und versuchten Erpressung, Dahsel auch des Betruges beschuldigt sind.. Angckl. D a h s e l ist am 19. Februar 1857 zu Uggehnen. Kreis Königsberg i. Pr., die Angekl. Schuwardt am 27. Februar 1866 zu Jancowo bei Warschau geboren. Beide sind evangelischer Religion. Vor Eintritt in die Verhandlung findet eine längere Erörterung der Frage statt, od die Oeffentlichkcit auszuschlicßen sei? StaatSanw. Leisering beantragt den Ausschluß der Oeffentlichkeit im weitesten Umfange, auch gegenüber den Vertretern der Presse, weil die öffentliche Verhandlung eine Gefährdung der Sittlichkeit be- sorgen lasse. In allen Fällen, die zur Anklage stehen, handele es sich um Beschuldigungen, die auf Tatsachen sexueller Natur, Ehe- irrungen, Verführungen usw. bezug nehmen. Ausschlaggebend müsse ferner der Gesichtspunkt sein, daß die Zeugen zum großen Teil ge- rade über die Vorgänge geschlechtlicher Natur mit vernommen werden müssen und dadurch in eine peinliche Lage kommen. Wenn diese Dinge in der beitesten Oeffentlichkeit erörtert werden, sei zu besorgen, daß die Zeugen bemüht sein werden, die Angeklagten zu schonen, um auch von ihnen eine gewisse Schonung bei der Berührung intimer Familienverhältnisse zu erlangen. Das würde im Interesse der Ermittelung der objektiven Wahrheit sehr zu bedauern sein; es komme aus jedes Wort an und auf den Eindruck, den die Zeugen bei den betreffenden Verhandlungen gewonnen haben. Auch für zukünftige Fälle, in denen Erpresser nach dem Muster der Dahsel und Kon» sorten ihr Wesen treiben sollten, wäre eine öffentliche Verhandlung dieser Sache sehr be« denklich. Denn die Erpresser würden dann eine schöne Waffe in die Hand bekommen, wenn sie ihren Opfern vor- halten könnten: sie sollen an die Vorgänge bei der Ver- Handlung wider Dahsel denken. Den Preßstimmen, die sich neuer- dings gegen den Ausschluß der Oeffentlichkeit erklärt haben, sei eine Aeußerung der„Köln. Ztg." entgegenzusetzen, welche seinerzeit, als Dahsel verhaftet wurde, den dringenden Wunsch ausgedrückt, daß die Dinge nicht öffentlich verhandelt werden mögen. Die Vorgänge, um die es sich hier handelt, seien ja durch wiederholte Mitteilungen der Presse hinlänglich bekannt und daS Publikum habe lediglich ein Jnteresse an dem Ausgang der Sa ch-e. Interesse an der Zulassung der Oeffentlichkeit habe nur der Angeklagte Dahsel, dem es viel« leicht sehr gelegen wäre, wenn die Zeugen eingeschüchtert würden. Rechtsanwalt Dr. Werthauer: Die Oeffentlichkeit kann nur auS- geschlossen werden, wenn entweder die Staatssicherheit gefährdet wird oder wenn eine Gefährdung der Sittlichkeit zu befürchten ist. Letzteres soll nach Ansicht des Staatsanwalts hier der Fall sein. Ich muß dies mit aller Entschiedenheit bestreiten. Es ist natürlich völlig unzutreffend, wenn sich der Staatsanwalt auf jenen Artikel in der „Köln. Ztg." beruft, der für den Ausschluß der Oeffentlichkeit eintritt. Dieser Artikel ist drei Tage nach der Verhaftung Dahsels erschienen, als man noch keinerlei Kenntnis der ganzen Verhältnisse hatte. Es ist ja zur Genüge in der Oeffentlichkeit bekannt, um was eS sich hier handelt. Sollte trotzdem die Oeffentlichkeit hier in der Verhandlung ausgeschlossen werden, so würde man in der Oeffent- lichkeit sagen: Aha, einige Zeugen sollen geschont und davor bewahrt lo erden, hier über Dinge aussagen zu müssen, die ihnen unangenehm sind. Wenn ich nicht durch Zufall davon erfahren hätte, wäre ich nie auf den Gedanken gekommen, daß man beabsichtige, in dieser Sache die Oeffentlichkeit auszuschließen. Die Angekl. und wir erklären hier, daß wir mit keinem Wort jene Dinge berühren werden, die vielleicht eine Gefährdung der Sittlichkeit herbeiführen könnten. Ich selbst habe die Anklage sehr sorgfältig und aufmerksam durchgelesen, habe aber nicht einen einzigen Punkt gefunden, der eine Erörterung jener Dinge unbedingt erfordere. Die ganze öffentliche Meinung von Berlin und Deutschland erwartet aber von Ihnen, daß hier Klarheit nach jeder Richtung hin geschaffen wird. Die Oeffent- keit hat ein lebhaftes Interesse daran, festgestellt zu sehen, ob hier ein Revolverblatt existiert, welches, wie in der Anklageschrift steht, auf der dritten Spalte Dinge aus privatem Familienleben an die Oeffentlichkeit zu zerren sich zur Aufgabe gestellt hat und wie man sich gegen ein Notizen. Theaterchronik. Im Kleinen Theater ist die Erstaufführung von„Peer Bunles Vorgeschichten" auf Sonnabend, den 9., verschoben worden. — Vorträge. Die Freie Hochschule Berlin ver- onstaltet am Donnerstag, den 7., abends 8>/z Uhr, in der Aula Dorotheenstr. 13/14i einen Vortragsabend mit Lichtbildern über „Alfred Messel und die modernen Bestrebungen in der Bau- kunst". Eintrittslarten zu 75 Pf. und 50 Pf. — Direktor Marwitz, der lange Jahre in Berlin eine Sommeroper leitete, ist im Alter von 72 Jahren in B e r I i n ge- storben. Nachdem Marwitz verschiedenen Provinzbühiicn vorgestanden war, übernahm er 1894 zuerst eine Sominerbühne. Seitdem hat er Jahr für Jahr in verschiedenen Theatern zu erschwinglichen Preisen breiten Schichten sommerliche Opernaufführungen geboten, die bei allen kaum vermeidlichen Mängeln im ganzen verdienstvoll waren. — Der KultuSmini st er macht chri st liche Kunst. Die Kunst, die jahrhundertelang der Kirche gedient hat. hat sich naturgemäß seit dem Eintritte einer Iveltlichen Zivilisation cman- zipiert Die„christliche Kunst" ist längst unrettbarem Siechtum ver» fallen; sie wird nur noch künstlich gezüchtet, aber sie spielt keine Rolle mehr, weder in der Kunst noch im Leben. Kein großer Maler dient ihr mehr. In Düsseldorf ist nun wieder einmal ein Ver- such gemacht worden, durch eine besondere Ausstellung der„christ- lichen Kunst" aufzuhelfen. Der neue preußische Kultusminister, dessen Name ja niemand interessiert, hat dabei eine Rede gehalten, die davon zeugt, daß er von Kulturzusammcnhängen nichts begriffen hat, aber„im Einklang mit den hohen Interessen" Wilhelms II. durch christliche Kunst„im Volke edle Gefühle wecken und fördern will". Die„christliche Knust" und der preußische Kultusminister scheinen auf der gleichen Höhe zu stehen. — Der Zusammenhang von Sonnenflecken und Polarlicht hat sich auch am letzten Sonnabend wieder bestätigt. Nach einem Bericht des Göttingcr Geophysikalischen Instituts fielen an diesem Tage gegen Mittag starke magnetische Störungen mit dem Erscheinen eines riesigen Sonnenfleckens zusammen, der an Größe die Erde vielmals übertraf, und am Abend zeigte sich ein Polar- lichtbogen. '— Was die Entdeckung des Nordpols einträgt Dr. Cool wird in wenigen Tagen feine LorkesungStournee durch die Vereinigten Staaten beginnen, für die ihm ein amerikanischer Impresario ein Honorar von über eine Million Mark garantiert hat. Inzwischen hat er auch vom„New Dorl Herald" das Honorar für seine Artikelserie erhalten. Das New A orker Scnsationsblatt hat ihm 100 000 M. bezahlt. Das erste Telegramm, das Cook von den Shetlands-Jnscln aus an den„Herald" gerichtet hat, kostete allein die Kleinigkeit von 12 000 M. Man sieht also, daß bei den amerikanischen Honoraren Cook auf keinen Fall zu kurz kommt, ob er nun den Nordpol entdeckt hat oder nicht. solches Steißen wehten kann. Die ganze öffentliche Meinung Berlins und Deutschlands erwartet, daff dieser Punkt ein- mal gründlichst aufgellärt wird. Herr Dahsel wird sich an dieser Aufklärung beteiligen, damit die Verhandlung vielleicht den segens- reichen Erfolg habe, daß die Oeffentlichkeit liinftig verschont wird von solchen Preßverfolgungen und die eigentlich Schuldigen erbarmungS- los festgenagelt werden. Es ist nicht abzusehen, warum die A n- klage nicht ausgedehnt worden ist auf den Mann, der durch ein st weilige Verfügungen sich bestrebte, den An geklagten Dahsel von sich abzuschütteln. (Hiermit ist auf den Reichstagsabgeordneten Bruhn angespielt.) In den Alten finden sich zahlreiche Hindeutungen darauf, daß dort die eigentliche Quelle des Uebels liegt. Die Oeffentlichleit würde, wenn hier hinter verschlossenen Türen ver- handelt würde, sagen: das ist nur im Interesse dieses Mannes geschehenl Das Ansehen der Rechtspflege steht auf dem Spiel. Der Justiz muß es ganz gleichgültig sein, ob irgend ein Müller oder Schulze, oder ob ein Fürst oder Freiherr als Zeuge zu vernehmen ist. Wenn es sich nicht um Zeugen der letzt- genannten Art handelte, wüjbe der Staatsanwalt schwerlich seinen Antrag gestellt haben. Wir verpflichten uns, daß hier nichts vor- gebracht werden soll, was unsittliche Dinge streift. Eventuell aber bitten wir, die Presse Zuzulassen. Die Berliner Presse ist über jeden Zweifel erhaben und bietet wohl genügende Gewähr, daß sie es versteht, Anstößigkeiten in den Berichten zu vermeiden. Die Verteidiger Rechtsanw. Dr. Puppe und Dr. JaffS schließen sich den rechte lichen und tatsächlichen Ausführungen des Vorredners an. Angekl. Dahsel erklärt hierzu: Er sei kein Erpresser and habe keine Erpreffungen begangen. Er habe ein großes Interesse an öffent- sicher Verhandlung, denn die Oeffentlichkeit sei Nicht genügend in- formiert und planmäßig zu seinen Ungunsten bearbeitet worden. Gerichtsbeschluß. Räch kurzer Beratung beschließt das Gericht, die Oeffent« lichkeit während der Dauer der Verhandlung aus- zuschließen, aber dem Gerichtsberichterstatter Oskar Thiele die Anwesenheit im Saale zuge- statten. Vernehmung der Angeklagten. Auf Befragen des Vorsitzenden Landgerichtsdirektor Dr. Jaentsch läßt sich Angeklagter Dahsel ausführlich über die Anklage und seine journalistische Tätigkeit aus. Er sei 1890 in den journa- listischen Dienst getreten. 1891—92 sei er Mitglied eines steno- graphischen Bureaus im Reichstage gewesen und habe als solcher Stimmungsbilder für die.Staatsbürger Zeitung" ge- schrieben. Seit 1896 sei er Redakteur der»Staats- bürget Zeitung" gewesen, bis zum Verkauf des Blattes im Jahre 1906. Er habe die innere Politik be- arbeitet und Leitartikel geschrieben. In dieser Tätigkeit habe er natürlich auch diplomatische Beziehungen anknüpfen müssen. Ganz fälschlich werde behauptet, er sei ein politischer Jnttigant gewesen, die ganze antisemitische Bewegung habe in seiner Hand gelegen, er habe den Grafen Caprivi gestürzt, mit Herrn v. Miguel zusammen den Fürsten Hohenlohe gestürzt, beim Tausch- Prozeß seine Hand im Spiele gehabt und was dergleichen mehr ist. Was man seinerzeit dem Kriminalkommissar v. Tausch nachsagte. werde ihm jetzt nachgesagt, und dies sei wohl der Grund der furcht- bar schwierigen Position, in welcher er sich befinde. Das alles sei nicht wahr. Natürlich habe er als Vertreter der„Staats- bürger-Ztg." Verbindungen mit leitenden Per fön- Ii ch ketten. Zu Herrn v. Miguel habe er Beziehungen gehabt. Er sei zu dem Minister in besonders wichttgen Fragen ge- gangen, um Informationen zu erhalten. Ebenso habe er von Herrn v. Miguel Informationen erhalten, wenn so ein Preßskandal los- zugehen drohte, wie man ihn mehrfach erlebt habe. Alle solche Dinge habe er diskret, mit Verstand und Rücksicht behandelt. Er habe Preßskandale unterdrückt, Intrigen entlarvt und deshalb der Oeffentlichkeit genutzt. Wie sehr er in solchen Fällen den An- schauungen des Mnisterö v. Miguel entsprochen, beweise er durch einen Brief, den der Sohn des Herrn v. Miguel an ihn gerichtet habe, als es sich um eine etwaige Veröffentlichung des Nachlasses des Herrn v. Miguel handelte. Der Reichstagsabgeordnet« und Eigentümer der.Wahrheit" Herr Bruhn habe jetzt seinen Charatter zu verdächtigen gesucht und gesagt, er habe ihm. als Redakteur der„Staatsbürger-Zeiwng" kündigen müssen. Diese Kündigung habe ganz persönliche Gründe gehabt. Herr Wilhelm Bruhn habe damals einen Stellenschacher bei seiner Zeitung getrieben. Er habe die Zeitung ruiniert gehabt und suchte nach Leuten, die Geldmittel hatten. So habe Kr einen gewissen Leu in die Zeitung ge- bracht, nachdem dieser 10 000 Mark gegeben hatte; ein Oberleutnant Freitag gab 60000 Mark und daftir bekam er eine Stelle in der Zeitung, die gar nicht existierte; ein anderer Herr, der 6000 M. gegeben hatte, sei Briefkastenredakteur geworden. Unter diesen Umständen habe er seine Entlaffung er« halten, ebenso der langjährige Theaterrezensent Llwhll Raeder und der Dr. Böttcher, der für Bruhns Ritualmordarttkel ein Jahr ins Ge- fängnis habe wagdern müssen. Jetzt scheine Herr Bruhn ihm den Dolch in den Rücken stoßen zu wollen. Er be- dauere, daß er durch die Verhältnisse gezwungen worden sei. schließlich zn Herrn Bruhn zurückzukehren. Nach seinem Scheiden von der„Staatsbürger- Zeitung" habe er mit gutem Erfolge eine Korrespondenz für Provinz- b l ä t t e r herausgegeben, bis er die Torheit begangen, die R e- dakteur stelle bei der von Ahlwardt begründeten„Frei- heit' zu übernehmen. Dieses Blatt sollte ein sozialpolitisches Blatt sein. Ahlwardt hatte gesagt, daß er durch Studium und Erfahrung dahin gekommen ser. den Antisemitismus fallen zu lassen und sich niehr den rein wirtschaftlichen Fragen zuzuwenden. Er(Lhlwardt) hahe gesagt, er erblicke nicht mehr in den Juden den größten Schade», sondern mehr in den Jesuiten. Die„Freiheit" sollte dem Staatssozialismus nach Dühnngschem Muster dienen. Die„Freiheit" ging bald ein und so habe er sich, da er eine Frau und sechs Kinder zu ernähren habe, auf Bruhns Einladung dazu verstanden, Mitarbeiter der„Wahrheit" zu werden. Nach den gettoffenen Vereinbarungen habe er zu festem Honorar die Seit- artikel, die Wochenschau und zum Zeilsnpreise von 16 Pf. Sachen schreiben sollen,„so viel er wolle". Er habe denn auch auf Grund der Erkundigungen, die er angestellt, Artikel geschrieben, die Herr Bruhn zurecht st utzte und zu Auskunstsartikeln machte. Er habe mit seiner Familie leben müssen, er habe das ihm von Bruhn auferlegte Joch wagen müssen; denn je mehr er schrieb, desto mehr habe er verdient. Er habe sich immer bemüht, Herrn Bruhns„Wahrheit" zu einem nationalen Blatt umzugestalten,_ welches sich von allen pornographischen und sensationellen Dingen freihalten sollte. Herr Bruhn habe zuerst sich diesem Gedanken zugeneigt. aber mit Rücksicht auf den Straßenverkauf habe er von der a l t e n M e t h o d e. bei welcher die Veröffentlichungen auf der dritten Spalte eine Hauptsache seien, nicht abgehen wollen. Bruhn hatte immer Personen, die er immer wieder an das Messer nahm, namentlich Wolff Wertheim. Der Angeklagte erklärt mit En, Phase, daß er sich niemals aus uulautsren Motive» habe bestimmen lassen, einen Artikel zu schreiben oder nicht zu schreiben. Zu Geldzwecken sei er zu keinem Menschen gegangen, um Erkundigungen über bestimmte Fälle einzuziehen. Letztere habe er wegen körperlichen Leidens nicht immer selbst ausführen können, sondern sich dazu auch anderer Personen bedient. So habe er einen gewissen Werner und auch die Frau Schuwardt in wenigen Fällen zu Recherchen benutzt. Letztere sei keine Rechercheurin, sondern eine Art GeschäftSagentin. Er habe sie 1904 kennen gelernt. Sie sei infolge einiger Artikel der„Staatsb. Ztg." über den Fall des Landgerichts- rats Ehmke. die sie für irrig hielt, zur Richtigstellung auf der Re- daktion erschienen und habe sich als„alte Journalistenmutter" ein- gefiihrt, die, wie sich auch bewahrheitet habe, auch andere Zeitungen schon mehrfach bedient habe. Frau Schuwardt habe sich dann auch über Vorkommnisse in Hofkreisen sehr unter- richtet gezeigt. In dem sattsam bekannten Fall Milewska habe er auch Frau Schuwardt gebeten, sich zu informieren, und sie habe sich großartig bewährt. Auf Befragen des Vorsitzenden erklärte der Angeklagte, daß Bruhn den Artikeln die sensationellen Ueberschriften gegeben und sehr stolz darüber war. welche zugkräftigen Ueberschriften er zu geben verstand. Der Vorsitzende fragt den Angeklagten nach seinen Bermögensverhältniffen, die dieser als geordnete schildert. Wenn in den Akten darauf hin- gewiesen worden sei, daß er schon einmal vor dem Offenbarungseid gestanden, so müsse er sagen, daß es sich hier um ein Stückchen des Herrn Bruhn, der sich als seinen Wohltäter aufspiele, gehandelt habe. Dieser habe ihn vor längerer Zeit einmal zum Offen- barungSeid laden lassen. Die Verteidigung ergänzt einige weitere Bemerkungen über die Geschäftspraxis der„Wahrheit" dahin: Zuerst erschienen angreifende Artikel, dann seien Bemühungen zur Erlangung von Inseraten unternommen worden, und wenn In- serate zugestanden wurden, seien Ehrenerklärungen für die be- treffenden Personen erfolgt.— Präs.: Das würde ja geradezu auf ein Erpressungsblatt hindeuten.— RechtSau iv. Dr. Werthauer: Das ist es auch. Wir find der Meinung, daß hier der Falsche angeklagt ist. Angekl. Frau Schuwardt bestätigt kurz das, was Dahsel über sie gesagt hat. Sie habe für ihre Dienstleistungen keinerlei Bezahlung erhalten, sondern nur hin und wieder Theaterbilletts bekommen. Sie werde von ihrem Ehemann unterhalten. Sie ver- kehre in der Familie des Herrn Dahsel freundschaftlich. Zur Erörterung gelangt zunächst der Fall der Baronin Liebenlerg, geb. Marie Sulzer. Der Angeklagte Dahsel wird beschuldigt, in diesem Falle, in dem es sich um das Verhältnis der Baronin Liebenberg zu einem königlichen Prinzen und ihre Ehescheidung von dem Baron Liebenberg handelt, zu dem Rechtsanwalt Klemperer, dem Sachwalter der Baronin Liebenberg, gegangen zu sein und diesen bewogen zu haben, zur Unterdrückung' eines diesen Fall be- handelnden Artikels Geld herzugeben.— Der Angekl. Dahsel b e- st r e i t e t entschieden, in diesem Fall auf eine Erpressung es abgesehen zu haben. Er habe seinerzeit einen gewissen Robert Bauer, der früher Annonceu-Akquistteur für die Wiener„Zeit" war, kennen ge- lernt, und dieser habe ihm ein Manuskript über den Fall Liebenberg angeboten, welches die Ueberschrist ttug:„Ein bezahlter Freiherr und eine Ehescheidung unter Mit- Wirkung von Rechtsanwälten". Er habe sich den Artikel angesehen und dem Bauer gesagt, das sei nichts Neues, damit sei nichts anzufangen, die Sache sei ganz wertlos. Bauer habe aber immer mehr gedrängelt und wiederholt gesagt: Die Sache sei sehr pikant und wertvoll und die„Wahr- heit" wurde damit ein großes Geschäft machen. Alles, was Bauer über die Entwickelung dieser Angelegenheit ausgesagt habe, sei falsch. Er(Angeklagter) habe ge>ehen, oaß es sich um einen Skandalartikel handelte, der sich im wesentlichen gegen einen Prinzen und den Hof handelte und da habe er es als seine Aufgabe betrachtet, ihm das Material zu entziehen, denn er habe sich gesagt: Komme Bauer damit zu einem Revolverjournalisten oder zu Herrn Bruhn, dann gehe der Skandal los; deshalb habe er den Artikel zunächst an- gehalten und sei damit zum Rechtsanwalt Klemperer gegangen, da ein solcher Skandal gegen einen Prinzen gegen seine monarchische Gesinnung gehe und deshalb alles versucht werden müsse, eine Veröffentlichung zu verhindern. Der Angeklagte schildert dann aus- führlich, wie er mit dem Rechtsanwalt Klemperer erwogen habe, was zu tun sei; schließlich sei es zu einem festen Abkommen, einem Bertrage gekommen, nach welchem der Rechtsanwalt ihm 300 Mark zur Verfügung stellte, um dem Bauer das Manuskript abzukaufen und dafür zu sorgen, daß es nicht ander« weisig verwertet werde. Der Gesichtspunkt des Geldgebens sei nicht vor, ihm, sondern von dem Rechtsanwalt angeregt worden. Tatsächlich sei es ihm nur darauf angekommen, einen Skandal zu verhindern. Von den ihm zur Verfügung gestellten 300 M. habe er einen Teil dem Bauer bezahlt, das übrige zu seiner Verfügung gehalten, da es dazu dienen sollte, ihm auch etwaige weitere Manu- skripte abzukaufen. Zu diesem Fall wird nach Verlesung des von Bauer dem Dahsel angebotenen Artikels Rechtsanwalt Klemperer vernommen. Er hat in der Ehescheidungssache die Baronin Liebenberg vertreten. Er bekundet: Eines Tages sei Dahsel bei ihm erschienen und habe ihm gesagt, daß ihm der qu. Artikel zur Veröffentlichung von einem Dritten angeboten sei und seine konservattve und monarchische Gesinnung ihn anstachele, das Erscheinen dieses Artikels zu verhindern. Er stehe mit der Presse in Verbindung und es sei ihm möglich, seinen Einfluß daffin geltend zu machen, daß der Artikel nicht veröffentlicht würde. Er(Zeuge) habe sofort den Gedanken gehabt, daß es auf die Erlangung von Geld abgesehen sei. und hielt es für das klügste im Interesse seiner Klienttn, daraus einzugehen, um einen öffentlichen ZeitungSskandal zu vermeiden und den An- geklagten gleichzeitig in die Hand zu bekommen. Er habe sich gesagt: Der Artikel sei so skandalös und so elend geschrieben. daß ihn selbst das ärgste Revolverblatt nicht aufnehmen würde. Wenn dies doch geschehs» könnte, so würde er sofort zum Staatsanwalt gehen und die Beschlagnahme durchsetzen. Auf der anderen Seite habe er auch deswegen nicht geglaubt, daß er eine Veröffentlichung fürchten brauche, weil jeder, der den Artikel veröffentlichen würde, sich bewußt sein müßte, daß ihm ein paar Monate Gefängnis drohen würden. Der Artikel habe ihn daher an sich sehr kalt gelassen. Aber er habe doch ge- glaubt, daß es im Interesse seiner Klientin liegen würde, jedes Aufsehen zu vermeiden und so habe er den Gedanken an- geregt, daß sich die Sache vielleicht durch ein Geld- opfer beseitigen ließe und habe sich bereit erklärt, den Artikel dem Verfasser abzukaufen. Dabei habe er immer den Verdacht gehabt, daß der„Dritte" gar nicht existierte, sondern es sich nur um dre Person des Dahsel handelte. Letzterer sei sofort auf seine Anregu n-g eingegangen und habe an- gedeutet, daß für den Verfasser der Artikel wohl einen Wert von 300 Mark haben würde. Bei dem Hin und Her hierüber soll Dahsel»räch der Erinnerung des Zeugen gesagt haben: unter 300 M. würde es der Dritte nicht machen. Schließlich sei es zu dem schriftlich fixierten Abkommen gekommen und der Angeklagte habe seine Erwartung ausgesprochen, daß man sich nach Erledigung der ganzen Affäre dank- bar erweisen werde. Außerdem habe er betont, daß er erwarte, unter- richtet zu werden, sobald die Ehescheidung ausgesprochen sein würde. Nachdem Dahsel daS Abkommen unterschrieben hatte, habe der Zeuge ihm ausdrücklich gesagt: Er solle sich nicht in ihm täuschen, er habe dies nur getan, um ihn, den Angeklagten, in der Hand zn haben; er habe nun den Beweis in Händen, daß der Angellagt» von ihm Geld genommen habe. Wenn er noch einmal etwas in der Sache publizieren würde, würde er ihn wegen Er- Pressung anzeigen, denn er glaube nicht an den„Dritten". D» Angeklagte habe dazu gelächelt, die Achseln gezogen und etwas von seiner konservativen Gesinnung gesagt.— Der An- geklagte Dahsel protestiert mit großer Lebhafttgkert gegen Einzelheiten »n der Darstellung des Zeugen über die Art der Verhandlungen, die zwischen diesem und ihm gepflogen worden. Die ganze Schlußszene sei erfunden und es scheine viel Phantasie mitzuspielen. Er habe »liemals in dieser Affäre eine Drohung ausgesprochen oder Geld gefordert. Der Zeuge bestätigt dies auf Befragen der Ver- teidigung, ebenso, daß der Gedanke der Geldzahlung zuerst von ihm angeregt worden sei. Die Verteidiger vermiffen jedes Moment, welches die Anklage der Erpreffung stützen könnte. Der Zeuge bleibt dabei, daß sein subjektiver Eindruck der gewesen sei, daß es sich um Erlangung von Geld handelte. Sodann wird der Fall Wolff Wertheim behandelt. In der„W a h r h e i t" waren wiederholt Artikel gegen die Finna A. Wertheim erschienen, die ihre Spitze deutlich gegen Herrn Wolff Wertheim richteten. Es war dann ein Artikel er- schienen, welcher sich mit dem am Silvesterabend in einem hiesigen Hotel stattgefundenen Unglücksfall beschäftigte. An jenem Abend hatte sich die Tochter der Frau Wertheim, Frau Jollh Lcrnds- berger geb. Pincus, in einem Anfall der Verzweiflung aus dem Fenster gestürzt. Etwa am 6. Januar»st dann die Angeklagte Schuwardt in der Wohnung des Herrn Wolfs Wertheim erschienen und hat Frau Wertheim zu sprechen gewünscht, ihn aber zu sprechen bekommen. Wie der Zeuge Wertheim bekundet, habe die Angeklagte ihm gegenüber angedeutet, daß in einer Wpcheri- schrift ein Artikel gegen ihn erscheinen würde und sie imstande sei, das Erscheinen zu verhindern. Sie habe hinzugefügt: sie habe schon mehrere Male in Berliner Zei- tungen Artikel gegen ihn unterdrückt und nun liege neues Ma- terial vor. Der Zeuge ließ sich aber auf nichts ein. Er hatte, wie er aussagt, sofort die Empfindung, daß es sich um Geld handle und verhielt sich ablehnend. Die Angeklagte machte dann darauf aufmerksam, daß das Material aus sehr zuverlässiger Quelle stamme und der Zeuge doch wohl ein Interesse daran habe, da sich der Artikel auf das Unglück seiner Tochter beziehe. Eine be st i m m t e Forderung habe die Angeklagte nicht gestellt, er -sei aber der festen Ueberzeugung, daß es auf Er- langung von Geld geinünzt war. Die„Wahrheit" habe die Firma A. Wertheim wiederholt angegriffen. Auf Befragen des Rechtsanwalt Dr. Werthauer erklärt der Zeuge, daß er in der „Wahrheit" inserieren lasse, aber keineswegs aus Angst vor kom- promittierenden Artikeln. Er sei zwar wiederholt angegriffen. aber nicht kompromittiert worden.— Rechtsanwalt Ja ff 6: Kann der Zeuge irgendein Moment angeben, daß eine Erpressung beab- sichtigt gewesen war?— Zeuge: Ich habe die Ueberzeugung, denn die Angeklagte sprach davon, daß sie den Artikel verhindern könnte, wenn ich ihr entgegen käme.— Die Angeklagte Schu- Wardt bestreitet ganz entschieden, daß sie erpressen wollte. Sie sei zu Wertheim gegangen, weil Dahsel ihr gesagt hatte, er möchte eigentlich wissen, wie die Sache Landsberger ausgegangen sei und sie möchte sich doch einmal darum bemühen, Fühlung mit Wolff Wertheim zu gewinnen, da dieser ein neues Warenhaus begründe. Mit dem„Entgegenkommen" habe sie nur im Auge ge- habt, daß Herr Wertheim einen Herrn, mit dem sie em intimeres Verhältnis unterhielt, bei sich anstellen könnte. Der dritte Fall der Anklage betrifft den Freiherrn v. C o b u r g. Er spielte sich im Jahre 1907 ab, als der Angeklagte noch Redakteur der„Freiheit" war. Eines Tages erhielt die jetzt geschiedene Frau v. Coburg geb. Maria Heysel eine Rohrpostkarte, in welcher der Angeklagte sie um eine Unterredung in wichtiger Angelegenheit ersuchte. Auf Aufforde. rung»st der Angeklagte Dahsel in der Coburgschen Wohnung er- schienen und hat dort angegeben: er habe einen anonymen Brief erhalten, in welchem behauptet werde, daß in der Wohnung der Frau v. Coburg in der Hohenstaufenstraße eine Spielhölle existiere. Frau v. Coburg soll auf ihre Wohnung hingewiesen haben, die doch nicht wie eine Spielhölle aussehe. Es wird be- hauptet, daß Dahsel auf das Unangenehme hingewiesen habe, wenn solche Gerüchte in die Zeitung kätnen, er sei aber i n d e r Lage, diese Artikel zu verhinder»». Er soll dann nach der Behauptung der Anklage eine auf Schweigegeld bezügliche Andeutung gemacht haben. Herr v. Coburg und seine damalige Ehefrau verwiesen ihn an den Rechtsanwalt Morris. Dahsel setzte sich auch, so wird behauptet, mit Rechtsan- walt Morris in Verbindung und soll diesem versprochen haben, Erkundigungen einzuziehen und alle Publikationen einstweilen zu unterlassen. Im Anschluß an diese Besprechungen folgte dann ein Brief vom 6. Mai 1907, in welchem Dahsel dem Rechtsanwalt Morris mitteilte, daß es ihm mit großer Mühe gelungen sei, einen Sensationsartikel zu verhindern. Er soll dann den Vorschlag gemacht haben, die Tätigkeit sowohl nach der Richtung der Anstellung von Ermittelungen nach den» Briefschreiber als auch der Verhinderung eines Sensationsartikels zu über- nehmen, falls die materielle G�r undlage ge« schaffen werde. Es folgten dann noch weitere Verhandlungen mit dem Rechtsanwalt Morris, Dahsel soll 1000 M. verlangt, M. aber schließlich alle Verhandlungen abgebrochen und mit dem Oberstaatsanwalt Fsenbiel gedroht haben. Dahsel schrieb dann an Rechtsanwalt Morris, daß Hen: v. Coburg die Pflichten, die er übernommen habe, nicht zu kennen scheine. Wjenn er die Sache aufgebe und seine besänftigende Hand zurückzöge, würde die Katzenmusik gründlich losbrechen. Er erwarte die Erledigung des Versprechens des Herrn v. Coburg in den nächsten vier Tagen. Auf eine aberinalige ablehnende Antwort des Rechtsanwalts Morris schrieb Dahsel: er habe nichts angeregt und nichts ge- fordert. Angekl. Dahsel bestreitet auch in diesem Punkte seine Schuld. Den anonymen Brief habe er nicht in den Papierkorb werfen können und in seiner weiteren Folge nur journalistische Zwecks im Auge gehabt. Er behauptet, daß er in keiner Weise den Geld- pl�nkt berührt habe, dies bielmehr von Herrn v. Coburg geschehen sei. Dieser habe ihm Schweigegeld angeboten, er habe dies aber abgelehnt und nachher habe Herr v. C. sich bereit erklärt 2999 M. für die Ermittelung des anonymen Briefschreibers herzugeben. Darauf habe er sich bereit erklärt zu versuchen, den Verfasser zu ermitteln und seinen Artikel über die Spielhölle möglichst zu unter- drücken. Am nächsten Tage habe ihn eine Dame besucht, die sich als die Schreiberin des anonymen Briefes vorstellte und fragte, warum denn noch nichts in der„Freiheit" veröffentlicht sei. Auf die Erwiderung, daß die Mitteilung falsch sei, habe die Dame pro- testiert und vier oder fünf Zeitungen genannt, die denselben anonymen Brief erhalten hätten. Nunmehr habe er sich mit Rechtsanwalt Morris in Verbindung gesetzt. Wenn er denselben ersucht habe, eine»natcrielle Grundlage zu schaffen, so habe er damit gemeint, daß ein Depot von 699 M. für seine eventuellen Bemühungen hinterlegt werden sollte. Die Coburgs hätten gegen ihn hinterhältig gehandelt und ihn auf eine Leimrute gelockt. Zwei Jahre lang sei von einer Anzeige gegen ihn keine Rede gewesen und erst jetzt, als er verhaftet worden war, habe Herr v. Coburg an ihn einen überaus höhnischen Brief geschrieben, in welchem er sagte: Wenn er noch einmal einen Artikel über Herrn V. 6. veröffentlichen sollte, so würde er diesen zur Verfügung der Staats- anwaltschaft stellen. Diesen Brief habe er' selbst der Staats. anwaltschast übergeben. Er fühle, daß er nicht ganz fair ge- handelt habe, als er sich mit diesen Leuten einließ, die Leute hätten ihn hereingelegt, er sei völlig frei von Schuld. Die zu diesem Punkt vernommene Zeugin Frau v. Coburg hat bei der Unterredung den Eindruck gehabt, als ob der Auge- klagte sagen wollte, er könne die Sache inhibieren, wen» er etwas für die Zeitung zahlte. Sie entsinnt sich auch, daß Dahsel gesagt habe: ES sei doch sehr unangenehm, wenn derartige Gerüchte über sie in die Zeitung kämen und hinzugefügt:„Kominerzienrat Israel wäre heute noch am Leben, wenn die Gerüchte nicht in die Zei- tungen gekominen wären!" Dahsel bestreitet diese Aeußerung in dieser Form und in diesem Zusammenhange; die Zeugin bleibt aber nach ihrer besten Erinnerung dabei. Sie will Dahsel an den Rechtsanwalt Morris verwiesen haben mit dem Hintergedanken. daß sie ihn dann in der Hand habe, wenn er Geldfordcrungcn stellen sollte. Die weitere Beweisaufnahme über diesen Punkt wird auf heute S Uhr vertagt. Soziales« Wer ist Werkmeister»_____.. - Die Firma Georg Weigert, Albumfabrik, Ritterstr. 22, stand gestern wieder einmal vor dem Gewerbcgericht. Diesmal klagte der bei ihr als Mappenmeister beschäftigt gewesene Buchbinder stoppen, weil er ohne Beachtung der für Werkmeister durch Gesetz borge- schriebenen sechswöchentlichen Kündigungsfrist ohne Grund auf die Strohe gesetzt worden ist. Die Beklagte bestritt, dah der Kläger Werkmeister gewesen sei. Er sei als Buchbinder bei Kündigungsausschluh engagiert und habe während der Erkrankung des Werkführers Scheffler diesen vertreten. Der Kläger legte dar, von einer Vertretung des Sch. könne keine Rede sein. Diesem unterstehe der gesamte Betrieb, ihm sei nur die Mappenabteilung, und zwar lange vor Erkrankung des Sch., nämlich 14 Tage nach seinem Engagement, unterstellt worden, nachdem sein Vorgänger entlassen worden war. Der Kündigungsausschluh habe nur für die ersten 14 Tage gegolten, in denen er als Buchbinder tätig war. Das Gericht stellte fest, dah der Kläger mit der Abnahme und Ausgabe der Arbeiten, ihrer Durchsicht und Nachprüfung beschäftigt war und die Beaufsichtigung des etwa 15 Personen starken Per- sonals zu führen hatte, auch Einstellungen und Entlassungen von Arbeitern bewirkte und geleistete Ueberstunden nicht bezahlt er- hielt. Darauf wurde die Beklagte zur Zahlung der geforderten 21K M. verurteilt. In der Begründung wurde mit Recht dar- gelegt, es komme nicht darauf an, ob der Kläger als Meister tituliert worden und was beim Engagement mit ihm darüber ver- einbart sei, sondern lediglich seine wirkliche Tätigkeit. Die sei aber zkveifellos die eines Werkmeisters gewesen. Deshalb war der Anspruch auf die sechswöchentliche Kündigungsfrist berechtigt. CScricbts- Zeitung* Menschenpflicht— kein grober Unfug. In der Polizei- und Gerichtspraxis ist es durchaus nichts Seltenes, dah man Handlungen, die man gern bestrafen möchte, obwohl sie nicht strafbar sind, als groben Unfug definiert, um sie bestrafen zu können. Dah aber selbst eine Handlung der Menschen- freundlichkeit, eine Tat, die den Zweck hat, ein in Gefahr schweben- des Menschenleben zu retten, von der Polizei als grober Unfug gekennzeichnet und unter Strafe gestellt wird, dürste selbst im Polizeistaate Preuhen nichts Alltägliches sein. Ein solcher Fall hat sich kürzlich in Berlin zugetragen und wurde gestern vor dem Schöffengericht verhandelt. Allerdings erfuhr die Polizei in ihrer Anwendung des Groben-Unfug-Paragraphen vor Gericht eine ent° schieden? Abweisung. Der Fall, welcher die eigenartige Blüte polizeilicher Bestrafungssucht zeitigte, liegt nach den vor Gericht getroffenen Feststellungen so:> Auf der äusseren Fensterbrüstung in der dritten Etage eines Hauses in der Neuen Jakobstrahe stand ein Mädchen, mit einer Hand sich am Fensterkreuz haltend, augenscheinlich im Begriff, den Todessprung in die Tiefe auszuführen. Auf der Strasse hatte sich eine Menschenmenge angesammelt. Alle blickten empor zu dem sprungbereiten Mädchen und machten ihr Zeichen, sie solle ins Zimmer zurückgehen. Man sprach hin und her, was wohl zur Rettung der Unglücklichen zu tun sei. Einige meinten, die Feuer- wehr müsse gerufen werden, andere verlangten nach einem Schutz- mann. Zwar stand in unmittelbarer Nähe«in Schutzmann auf Posten. Als man sich aber um Hilfe an ihn wenden wollte, war er verschwunden. Auch er hatte das Mädchen in schwindelnder Höhe auf der Fensterbrüstung stehen sehen und sich gesagt, dah zu ihrer Rettung etwas geschehen müsse. Doch wuhte er nichts besseres zu tun, als— nach dem Revierbureau zu gehen und den Fall zu melden. Ob vom Polizeibureau aus nach Erledigung aller vor» geschriebenen bureaukratischen Formalitäten bielleicht Rettungs- mckhnahmen ergriffen worden wären, wurde vor Gericht nicht er- örtert.> Doch den Augenzeugen des aufregenden Vorfalles war eS klar, dah dem in Lebensgefahr schwebenden Mädchen schnelle Hilfe ge- bracht werden müsse. Man erinnerte sich der Feuerwehr, die ja schon oft in ähnlichen Fällen, wo Menschenleben in Gefahr waren, Hilfe leistete. Was in der Menge als notwendig und zweckmässig erkannt wurde, das suchte der Buchbinder Brinkmann auszuführen, indem er zu dem in der Nähe befindlichen Feuermelder ging und die Feuerwehr alarmierte. Ehe diese eintraf, war das Mädchen indes bereits durch Hausbewohner in das Innere des Hauses zu- rückgeholt worden. Brinkmann aber erhielt von der Polizei ein Strafmandat über drei Mark. Er soll nach polizeilicher Auf- fassung die Feuerwehr ohne Veranlassung alarmiert und dadurch groben Unfug verübt habeni. Vor Gericht widersprach Brinkmann dieser Auffassung. Er legte dar. er habe schon öfter gelesen, dah die Feuerwehr alarmiert worden sei, um Menschenleben auS Gefahr zu retten, ja, die Zei- tungen hätten sogar tinen Fall mitgeteilt, wo die Feuerwehr an- gerückt sei, um eine Schwawe zu retten, die sich zwischen den Telephondrähten gefangen hatte. Auf den Amtsanwalt hatte dieser Hinweis keine Wirkung. Er erklärte, der Angeklagte habe groben Unfug verübt und müsse mit drei Mark bestraft werden. Der Verteidiger, Dr. Kurt Roscnfelb, beantragte nicht nur die Freisprechung, sondern auch die Uebernahme der VerteidigungS- kosten auf die Staatskasse. DeFn, wenn die Amtsanwaltschaft, wie eS ihre Pflicht sei, Ermittelungen angestellt hätte, würde sie erkannt haben müssen, dah der polizeiliche Strafbefehl unbegrün- det sei. Dieser Hinweis des Verteidigers veranlasste den Amtsanwalt, 'sich in gereiztem und recht lautem Ton gegen die Ausführungen des Rechtsanwalts zu wenden und die Rechtlosigkeit der Amts- anwaltschaft gegenüber den Anträgen der Polizei zu verteidigen! Die Amtsanwaltschaft— sagte der Amtsanwalt— habe kein Recht, in Fällen, wo die Polizei Bestrafung beantragt, Ermittelungen anzustellen. In dieser Hinsicht stehe die Amtsanwaltschast nicht, wie der Verteidiger meine, über der Polizei, sondern sie habe nur die Anträge der Polizei zu vertreten. Nochmals wies der Verteidiger hin auf das unbegründete Vor- gehen der Polizei und die ebenso unbegründete Haltung, des Amts- anwalts gegenüber dem Angeklagten, der nicht groben Unfug ver- übte, sondern eine edle Menschenpflicht erfüllte. DaS Gericht gab dem Antrage des Verteidigers statt. Es sprach den Angeklagten frei und legte der Staatskasse sämtliche Kosten, einschließlich der Verteidigungskosten, auf. Wie der Vor- sitzende in der Urteilsbegründung sagte, rechtfertige sich die Erstat- tung der Verteidigungskosten dadurch, dah der Amtsanwalt trotz der für den Angeklagten durchaus günstigen Beweisaufnahme den Strafantrag aufrecht erhielt. Jeder der Richter würde im gleichen Falle ebenso gehandelt haben, wie der Angeklagte und jeder humane Mensch würde so haben handeln müssen, denn wo Menschenleben in Gefahr seien, da sei ja die Feuerwehr meist das einzige Hilfs- mittel, welches in Bewegung gesetzt werden könne. Der Angeklagte habe nicht groben Unfug verübt, sondern eine Menschenpflicht erfüllt. i|- Wird der Minister des Innern nun Veranlassung nehmen, die Polizei über den Unterschied von Menschenpflicht und groben Un- fug zu informieren? Sarglieferungsgeschichten, in die das Krankenhaus zu Britz verwickelt war, wurden gestern vor dem Amtsgericht Rixdorf aus Anlah einer Beleidigungsklage erörtert, die von der Amtsanwaltschaft gegen den Tischlermeister Kühl für die sich beleidigt fühlenden Krankenhausbeamten erhoben worden war. Kühl, der in Britz dicht neben dem Krankenhause ein Sarggeschäft betreibt, hatte zu bemerken geglaubt, daß im Krankenhause die Hinterbliebenen Verstorbener gewohnheitsmäßig an das Sarggeschäft des Tischlermeisters Schadow in Britz ge- wiesen würden. Auch meinte K. Grund zu der Annahme zu haben, dah gegenüber Hinterbliebenen, die bei ihm selber einen Sarg hatten kaufen wollen, Krankenhausbeamte geradezu versucht hätten, sie davon abzuhalten. Mehrfach beobachtete er, dah Sch. zum Krankenhaus kam und von hier aus Hinterbliebene mit nach seinem Geschäft nahm, oder dah Hinterbliebene von einem Kranken- Hausangestellten an K.s Geschäft vorbei nach dem Ort hinüber- geführt wurden, wo Sch. sein Geschäft betreibt. Um sich Klarheit zu verschaffen, trat K. öfters an Hinterbliebene heran, die aus dem Krankenhause kamen, und befragte sie; wobei er zugleich sich selber zur Lieferung eines Sarges anbot. Bei einer solchen Ge- lcgenheit sagte er einem Hinterbliebenen namens Grobelnh, er solle nur nicht auf die von Kraiikcnhansbeamtcn gegebenen Empfehlungen eingehen, die Herren bezögen ja dafür eine Pro- Vision. Auf K.s eigenen Rat trug Gr. das im Krankenhause vor, und hier nahm man mit ihm ein Protokoll auf, das nach„oben" weitergegeben wurde und dann als schätzenswertes Material für eine— Anzeige gegen Kühl diente. K. bekam auch seine Anklage wegen verleumderischer Beleidigung der Krankcnhausbeamten. Vor Gericht bot er aber den Wahrheitsbeweis an. Nicht weniger als 27 Zeugen waren von der Anklagebehörde bezw. von der Ver- teidigung mobil gemacht worden, darunter selbstverständlich auch die Beamten, die bekunden sollten, dah von Provision keine Rede sein könne. Nach Angabe des mit Grobelnh aufgenommenen Protokolls sollte Kühl gesagt haben, Gr. möge doch auf den Schwindel nicht hineinfallen, er werde dabei übervorteilt, da würden Durch- stechereien getrieben, die Beamten bezögen daraus ihr Sündengeld, Betrüger seien sie, er selber habe das schon erklärt, und gewartet, daß man ihn verklagen werde, aber sie hätten es abgeschüttelt wie die Hunde. K. gab zu, dah er dem Sinne nach sich so geäussert habe, bestritt aber, so starke Ausdrücke gebraucht zu haben. Zeuge Expedisnt Grobelnh erinnerte sich der Ausdrücke nicht mehr genau, doch bestätigte er das vorgehaltene Protokoll. Nach dem Todesfall habe er bei seinem ersten Besuch im Krankenhause gesagt, einen Sarg wolle er nebenan kaufen; darauf sei ihm geantwortet worden, das könne man ihm nicht raten, er solle doch zu Sch. gehen. Ein Angestellter, der zum Amtsgericht ging, habe ihm dann das Ge- schüft von Sch. gezeigt. Bureauassistent Krause, der später mit Gr. das Protokoll aufgenommen hat, erinnerte sich nicht, ihm Sch. einpfohlen zu haben. Nur auf Frage der Hinterbliebenen werde ihnen vorschriftsgemätz Sch. genannt, weil er der Krankenhaus- Verwaltung als ihr Haustischler durch seine Armensarglieferungen bekannt sei. Niemals habe Krause von Sch., mit dem er allerdings verkehre, Provision oder sonstige Vorteile erhalten. Manchmal trinke er— so fügte der Zeuge, durch den Verteidiger befragt, hinzu— mit Sch. ein Glas Bier, da bezahle manchmal Sch., manchmal aber auch wieder er. Zeuge Grodelny wiederholte, dah auf seine Bemerkung, er wolle nebenan kaufen, Kr. gesagt habe: „Das würde ich Ihnen nicht empfehlen." Der jetzige Kreisausschnß- sekretär Nowald aus Lichterfelde, früher Bureaubeamter im Kreiskrankenhause zu Britz, bekundete gleichfalls, nie habe er ab- geraten, bei K. zu kaufen; auch er habe Sch. nur dann empfohlen, wenn Hinterbliebene fragten. Nie habe er eine Provision oder sonstige Vorteile erhalten, wahr sei nur, dah er selbstverständlich manchmal mit dem ihm bekannten Sch. ein GlaS Bier trinke. Auch von Geschenken an seine Frau wisse er nichts.„Frau Schadotv hat uns— bestätigte er dem fragenden Verteidiger— natürlicherweise manchmal Eier gebracht, die habe ich aber bezahlt. Ob die Eier so teuer gewesen sind, weih ich nicht. Jedenfalls habe ich meinen Obolus dafür gezahlt— ob er der richtige gewesen ist, weih ich nicht." Von Würsten, die von Schadows zu Nowaldts hinübergewandert seien, wußte der Zeuge wiederum nichts. Die wichtigsten Punkte der Aussagen Krauses und Nowalds wurden auf Antrag der Verteidigung protokolliert. Vernommen wurden dann mehrere Privatpersonen über die Erfahrungen, die sie bei Sargbestellungen gemacht hatten. Fuhrmann Rettschlag hatte schon auf dem Wege zum Krankenhause einen Sarg bei K. bestellt. Nowald habe dann gefragt, ob sie schon einen Sarg hätten, und danach gesagt, sie hätten lieber bei Sch. kaufen sollen. K. habe, als er im Krankenhause den Sarg abliefern wollte, die Leiche nicht einsargen dürfen. Rettschlags Schwiegersohn, Gastlvirt Scheppau, bekundete, ihn habe Krause gefragt, ob schon ein Sarg gekauft sei, und als K. genannt wurde, habe Kr. gesagt, bei Sch. würde man besser kaufen. Zeuge hat dann im Krankenhause sehr lange auf Abfertigung warten müssen; er erklärte es aus dem Verdruß der Beamten über den Kauf bei K. Ein Rentenempfäng'.r Weiland ist im Krankenhause gefragt worden, ob er schon einen Sarg habe. Als er K. nannte, habe man geantwortet, da müsse er mit Sch. sprechen, der liefere fürs Krankenhaus, so werde er euch die Leiche früher herauskriegen. Ein Bote habe ihm den Weg zu Sch. gezeigt, gekauft habe er aber doch nicht bei Sch., auf dessen Namen sogar der Ueberweisungsschein schon ausgestellt war, und hieraus erklärt er sich die Schwierigkeiten, die bei der Aus- lieserung der Leiche entstanden. Auch Tischlermeister Schadow selber wurde vernommen. Er habe nie Provision gezahlt, obwohl er wuhte, dah er empfohlen wurde. Die Einladungen zum Bier seien gegenseitige gewesen. Von Eierlieferungen wisse er nichts; Wurst könne mal nach einem Schweineschlachten geschickt worden sein. Schon früher hatte K. behauptet. Sch. treibe Durchstechereien mit Beamten. Sch. hatte nichts, abgesehen von einem Sühnetermin, gegen K. unternommen. Vor Gericht konnte er sich auf die ganze Sache nicht mehr recht besinnen. Auf weiteren Beweis wurde verzichtet. Der Amtsanwalt de- antragte 50 M. Geldstrafe. Das Verhalten der Beamten sei nicht ganz einwandfrei, aber K. habe das Mass berechtigter Kritik überschritten. Der Verteidiger. Rechtsanwalt Lewinski, beantragte Freisprechung. Durchstechereien seien erwiesen, K. habe sich da- gegen gewehrt, habe also nur berechtigte Interessen gewahrt. Das Nrteil lautete: Freisprechung. Die Beamten seien nicht ganz korrekt verfahren; hiergegen habe K. sich wehren dürfen; der Wortlaut der angeblich beleidigenden Abwehr sei nicht festgestellt. Wird der Landrat nunmehr das Erforderliche tun, um ähn- lichen Mißständen, wie den aufgedeckten, vorzubeugen? Und wird endlich eine allgemeine Verfügung dahin ergehen, dah eine Beleidigungsklage kein Mittel zur Beseitigung tatsächlich vor- liegender Mißstände ist._ ßnefhaften der Redaktion. Sie lurlstllchc Sprechstunde findet Linde« st ratze S,»Weiler Pof, driiier Eingang, vier Treppen, DW- Fahrstuhl-WE wochentiiglich abend? von TA bis 9 Ii Uhr statt. Geöffnet 7 Uhr. Sönnabends beginnt die Sprechstunde um s Nhr. Jeder Anfrage ist ein Buchstabe und eine Zahl als Merljeichen beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht erteilt. BIS»nr Beantwortnng Im Briestasten können 1t Tage beegehen. Eilige Frage» trage man in der Sprechstunde vor. E. H. 4». Die Nähmaschine gehört zu Ihrem vorbehaltenen Eigentum und hastet nicht für die Schulden des Mannes. Im Falle einer Psandung würden Sie mit Ersolg Jnterventionsklage erheben.— O. K. 13. Jin Falle einer Klage würde die Lösung des Vertrages schwerlich vom Gericht als gerechtsertigl erachtet werden. Klagen Sic beim Amisgericht aus Bc- seitiguna des Mißstandes und aus Schadenersatz.— H. B. Rg. 6. Wenden Sie sich an Ihre Gewerkschaft oder an den Gewerbcinspcktor direkt. — A. Mit einer Ehescheidungsllage würden Sie nicht durchdringen. Ivenn Sie nicht andere Gründe, z. B. Ehebruch, beweisen könnten. Aussicht hätte nur eine Klage aus Wiederherstellung des ehelichen Lebens. Kommt nach einer Verurteilung zur Wiederherstellung dcS ehelichen Lebens die Verurteilte innerhalb eines Jahres dem Erkenntnis nicht nach, so kann erst dann aus Ehescheidung wegen böswilliger Verlassung gellagt werden. — H. H. 10. Wenn Sie kein wechselseitiges Testament errichten, so würde, sallS die Ehe kinderlos bleibt, Ihre Frau nur die Hälfte des Nach- lasscS erben, die andere Hälfte fällt an Ihre Verwandten, Als voraus würde die Witwe die Hausbaltungsgegenstände und die Hochzeitsgeschenke erhalten, Anleitung und Formulare zu einem wechselseitigen Testament finden Sie aus den letzten Seilen des dem„Arbeiterrecht" beigefügten Führers. Das Buch liegt in den öffentlichen Lesehallen aus.— Breslau 45. Suchen Sie eine Einigung mit dem Magistrat nach, sonst würde Zwangsvollstreckung vorgenommen werden können,—) Unterpegel. 8» Isiigs ich denken kann, war ich nur ein halber Mensch. Ich bin stets müde und abgespannt gewesen, hatte, obwohl ich blutarm war, immer Nasenbluten und sah aus wie der Tod. DaS ganze Jahr war ich in ärztlicher Behandlung, nahm alle möglichen blutbildenden Mittel ein, aber von einer Besserung war kein« Spur. Mit der Zeit wurde ich melancholisch. Ein Freund von mir bestellte für mich 30 FWchen Lamscheider Stahlbi-unnen; schon nach der 5, Flasche bemerkte ich ewe wesentliche Besserung. Ich wurde frischer, lebhafter. Nachdem ich alle Flaschen verbrauckit hatte, war ich ein anderer Mensch. Wenn ich mich abends zu Bett legte, war Ich nicht so müde als früher, wenn Ich morgens auswachte. Und das danke ich nächst Gott Ihrem wunderbaren Walser."—„Mi Freuden teile ich Ihnen mit, daß ich eine Kur gebraucht und die ersehnte Hilfe gefunden habe."—„Das Wasser kam wie ein rettender Engel, ich bin ganz glücklich, daft es mir so gut geht."—„Der Stahlbrunnen hat bei meiner Frau verblüffend gewirkt."—„ES ist für alte Leute eine wahre Wohltat."—„DaS Waffer ist einfach»It. lich und steht wohl einzig w seiner Art heilwirkend aus der ganzen Welt da."— Solche Worte der Anerkennung nach erfolgreichen Kuren find der beste Beweis für die treff» lichen Eigenschaften dieser Hellquelle, Trinkkuren im Hause mit Lamscheider Stahlbrunnen warm emplohlen. Keine vcrussstörung, AuSsührliche Mittellungen über Kurersolge und Anwendungsgebiet kostenlos durch die Verwaltung deS Lamscheider Stahlbrunnen in Diiffcldors SW. 164. ?aphe's Gesellschaftshaus, entttti-sttt als Varteigenosse seinen Saal und Ga 188L empfiehlt als Parteigenosse Di»»«- II ei n lo i» Weißensee, ItOlkcstraße LO, Tel. 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Sonntags 7 Uhr. i®;l GUSlo l C'jJp I G25; I OJir)} C-JJg 1 t5;o\ GJJd IG�O J Gj�-j 1 tj�a G�-a J e�-) J L�z t g�o 1 t5;o I(?2i 3! ö I cZ�> I ejjca 1 G�a! J Gj�o J 1 e�d J J GJ�a J e�i-j J G�g] �' Z W w. K.M. b.k. MMIlMSe 110-112 FMicilM 110-112 Zum Sthul-Beginn: Löschblätter ,;,. 25 Stück 4 Pf. .. Stück 3 u. 3 Pf. Oränungshett0....stück4u.8pf. Lach-Diarien und Colleghefte Stück 15 u. 30 Pf. Schulhefte flfhbfsSl4 5 Pf. Diarien mit festem Deckel 15 u. 18 Pf. Heftetiquettes 100 stück 10«. 15 pt. ümschlagpapier Bog5«, 8 15 35 pt. Federwischer 2 5 8 18 30 pt. Schulmappen: Federhüchsen 3 und 5 Pf. FederS™ 7 12 18 35 1.00 Federtaschen 30 45 65 1.45 Tinte.. 3 8 15 25 40 75 pi. Reißnägel gen».. Gros 12 pf Federhalter mit Rmg otz. 15 20 pf. ümsteckhalter 7 15 20 40 50 SChUitedern in Mctalldosen Perry Dtz. 8 SChUlf6d6rn in Holzdosen. Dtz. 4 Pf. TornisterÄÄS 75 pf. 1.65 Massiv Rindledcr, schwarz und braun echt..... Gros 85 Pf. Sommenille Alfredfeder 1.60 JohnMitschell-Feder o?-?. or.85 pf. 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Kommunalwahlbezirk in Wilkes Festfälen, Brunnenstr. 188. Referent: Stadtverordneter Hermann Borgmann. Vollzähligen Besuch erwartet Das Wahlkomitee. Verband der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins und Umgegend. Die weiblichen Mitglieder der sechs Berliner Wahlkreise werden auf die im Inseratenteil angezeigte kombinierte Versammlung aufmerksam gemacht. Die Versanimlung findet in den Armin-Hallcn, Kommandautcn- straße 58/59(Saal in der ersten Etage) heute Witt- woch, den 6. Oktober, abends Z'/z Uhr, statt. Die Dele- giertinnen Genossinnen Baader und Lnngwitz werden über den L e ipziger Parteitag Bericht erstatten. Mitglieds- buch kegitimiert. Zahlreiche Beteiligung erwartet _ Der Vorstand. Fünfter Landtags-Wahlkreis! Heute Mittwoch, abends Uhr. findet im Märkischen Hof, Admiralstr. 13o, eine Versammlung statt. Reichstagsabgeordneter Stücklen spricht über: Die bevorstehenden Landtagswahlen. Zahlreichen Besuch erwartet Der Einberufcr. Schöneberg. Die Mitglieder des Wahlvereins werden auf den heute abend 8 Uhr stattfindenden Extrazahlabend hingewiesen. Es treffen sich die Genossen deS 1., 2. und 11. Bezirks bei Folger, Kyffhäuserstr. 26; des 4. und 5. Bezirks: im Tunnel der Neuen Rathaussäle, Meininger Str. 8: des 7. und 8. Bezirks: im Schwarzen Adler, Hauptstr. 144; des 6., g., 10. und 12. Bezirks: im Saale der Schloffbrauerei, Hauptstr. 122. Da dieser Zahlabcnd ein auster- ordemlich wichtiger ist, werden alle Mitglieder des Wahlvereins aufgefordert, zu erscheinen. Der Vorstand. Britz-Buckow. Heute abend Vo9 Uhr, findet im Lokal des Herrn Schöneberg, Rudower Straße 66, eine Vereinsversammlnng statt. Tagesordnung: 1. Berichterstattung vom Leipziger Parteitag. Referent Reichstagsabgsordneter Genosse Fritz Zubeil. 2. Dis- kussion. 3. Bericht des Vorstandes. 4. Verschiedenes. Das Er- scheinen der Buckower Genossen ist besonders erwünscht. Gäste will- kommen. Der Vorstand. Fricdrichsfeldc. Heute, Mittwoch, findet die Mitglieder- Versammlung bei Schulz,.Lindenpark", statt. Genosse Brühl wird den Bericht vom Parteitag geben. Die Genossen wollen pünktlich 8Vz Uhr anwesend sein. Der Vorstand. Niedcr-Schöuhausen-Nordrnd. Heute Mittwoch, abends 8>/zHhr, findet bei Stechert(Schwarzer Adler), Blankenburger Straße 4' eine Volksversammlung statt. Tagesordnung:.Gottesglaube und Menschentum." Referent: Stadtverordneter A d o lf H o f fm a n n. Genossen und Genossinnen I Agitiert für Massenbesuch I _ Die Bezirksleitung. Berliner JVaebriebten» Mangelnde Krankenfürsorge in Groß-Berlin. Furchtbare Zahlen sind es, die der Verwaltungsdirektor der Charite, Geheimer Regierungsrat Pütter, in den eben erschienenen Charite-Analen mitteilt; Zahlen, die zeigen, daß auf dem Gebiete der Krankensürsorge in Berlin noch sehr viel zu tun ist. Nach seinen Mitteilungen werden Tausende von Kranken, besonders Tuberkulöse, und Hunderte von Kindern abgewiesen, für die kein Unterkommen zu finden ist. In der Charite z. B. betrug die Gesamtzahl der im Rechnungsjahre 1. April 1968 bis 31. Mcwz 1999 aufgenommenen Kranken 11 582. Die Zahl der Abweisungen machte fast die Hälfte der Aufnahmen aus, sie betrug 5179. Geheim- rat Pütter führt aus: „Am meisten Abweisungen erfolgten in diesem Jahre bei Geschlechtskranken, sodptin bei schwerkranken Tuberkulösen, bei Säuglingen und Aborten. Von letzteren wurden 40 schwere Fälle, deren Weitertransport in das nächste Krankenhaus das Leben der Patienten immer gefährdet hätte, wegen Platzmangels auf der Frauenklinik in die inneren Kliniken verlegt, obwohl letztere auf diese spezielle Behandlung nicht eingerichtet sind. . Abgewiesen werden mutzten nach persönlicher Vorstellung: Geschlechts- uns hautkranke Männer 861, Frauen 516, Tuberkulöse 404, Aborte 186, Säuglinge 161, Kinder von 1— 3 Jahren 56, infektiöse kranke Kinder 51, desgl. Erwachsene 73. Wegen offener Tuberkulose wurden auf den inneren Kliniken nebst Tuberkulose- baracken 242 Fälle aufgenommen, und 22 auf der Halsklinik. Wieviele Patienten mit offener Tuberkulose auf diese und andere Kliniken wegen anderer Krankheiten aufgenommen sind, hat nach- träglich nicht festgestellt werden können. Doch wird die Isolierung dieser Patienten auf den Kliniken durchgeführt. Die gemeldeten Todesfälle an Lungenkrankheiten betrugen im Jahre 1908 in der Stadt Berlin 8377. Die Abweisungen Tuberkulöser von den Krankenhäusern be- tragen nach der Auskunft der Zentralmeldestelle für den Betten- Nachweis täglich 20— 50, so datz bei täglich durchschnittlich 35 Ab- Weisungen 12 775 im Jahre erfolgen. Wie aus der Praxis der Auskunfts- und Fürsorgestellen für Lungenkranke aber bekannt ist, nwchen sehr viel Kranke mit offener Tuberkulose gar nicht mehr den Versuch, in ein Krankenhaus aufgenommen zu werden, da sie denselben für aussichtslos halten. Wer die Fahrt mit der Straßen- bahn noch vertragen kann, sucht morgens die Walderholungsstätten vor den Toren der Stadt auf, um abends in seine Familie zurück- zukehren. In der Wohnung versuchen die Auskunfts- und Für- sorgestellen für Lungenkranke möglichst gute sanitäre Verhältnisse herbeizuführerr und den Bazillenspucker von der übrigen Familie zu isolieren. Mehr Krankenhäuser für offen Tuberkulöse sind ein dringendes Bedürfnis? eine grotze Krankenanstalt wie die Königl. Charite und die allgemeinen städtischen Krankenhäuser, die alle Arten von Krankheiten behandeln, müssen nicht nur die wegen Tuberkulose speziell aufgenommenen Patienten, sondern auch diejenigen an offener Lungen- oder Kehlkopftuberkulose Leidenden, die wegen einer anderen Krankheit, z. B. Frauenleiden, Nervenleiden, äuheren Verletzungen usw. Aufnahme finden, in ganz isolierten Räumen unterbringen, damit sowohl die anderen Kranken wie das Pflegepersonal besser vor Infektionen geschützt werden. Von den übrigen Krankheiten fällt am meisten die hohe Zahl der abgewiesenen Geschlechtskranken auf. Viele können der Poli- Ilinik zur ambulanten Behandlung überwiesen werden, doch bleibt noch eiste viel zu grotze Zahl dieser Kranken ohne die erforderliche Krankenhausbehandlung. Eine Vermehrung billiger Heilanstalten jftir sie ist ein dringendes Bedürfnis. Nicht minder schlimm steht es um die Fürsorge für erkrankte Säuglinge. Soviel heutzutage für die Belehrung der angehenden Mütter und für sachgemätze Ernährung der Neugeborenen geschieht, so sehr fehlt es an Krankenhäusern für kranke Säuglinge und Kinder von 1— 3 Jahren. In der Charite sind im Berichtsjahre 161 schwer kranke Säuglinge und 56 Kinder von 1— 3 Jahren abgewiesen, ohne datz es gelungen wäre, sie in einem anderen Krankenhause Grotz-Berlins unterzubringen, obwohl dies uner- lätzlich war." Die Darlegungen des Geheimrat Pütter zeigen, daß bisher viel versäumt worden ist, und geben weiter den Weg an, der zur Abhilfe eingeschlagen werden mutz. Der Stadt Berlin kann der Vorwurf nicht erspart werden, datz sie nur sehr widerwillig und dann auch in unzureichendem Matze ihrer sozialen Aufgaben gerecht wird. Wie wenig sie sich ihrer Pflicht bewußt ist, beweist der erst kürzlich gefaßte Beschlutz der städtischen Körperschaften, durch Heraufsetzung der Pflcgegeldsätze in den Krankenhäusern und den Heimstätten den Aufenthalt in diesen Anstalten zu crschlveren und somit den Gesundheitszustand der Bevölkerung zu ver- schlechtern. Schon jetzt zeigen die Frequenzen in den Heimstätten ein fortgesetztes Anwachsen der Zahl der freien Betten; ein Zustand, der im wesentlichen auf den oben mitgeteilten Beschlutz der städti- schen Behörden zurückzuführen ist. Zwar trägt sich die Stadt Berlin mit der Absicht, eine Anstalt für Tuberkulöse zu erbauen; allein das Projekt ruht fortgesetzt im Schöße der Erwägungen. Es ist aus einer Verwaltung in die andere bugsiert worden und wenn wir recht berichtet sind, schlummert es zurzeit im Schatze einer Subkommission der Krankenhausdcputation. Wann wird die Oeffentlichkeit von dem Stande dieses Projekts etwas erfahren? Berliner Asylverein für Obdachlose. Im Monat September nächtigten im Männerashl 14 645 Personen, wovon 6940 badeten, im Frauenasvl 3623 Personen, wovon 1439 badeten. Arbeitsnach- weis wird erbeten für Männer: Wiesenstr. 55/59, für Frauen: Kol- bergerstr. 30. Der„Süddeutsche Poftillon" ist ausgeblieben und durfte heute im Laufe des Tages zur Ausgabe gelangen. Um zehn Pfennig. Folgende erbauliche Geschichte wurde unS gestern vorgetragen, deren Inhalt für sich spricht: Ein Droschkenkutscher bekam kürzlich an der Friedrichstratze, Ecke Französischestraße, einen Fahrgast, den er nach der Voßstraße 18 fahren sollte. An der Endstation zeigte der Fahrpreisanzeiger 90 Pf. an. Der Fahrgast— Boenike ist sein Name— verlangte Marken und forderte von den gezahlten 90 Pf. 10 Pf. zurück. Dessen weigerte sich der Kiltscher. Darauf erklärte Herr Boenike. der in der Französischeiistraße ein Zigarrcnimportgeschäft besitzt, in der Voßstraße wohnt und außerdem in Wannsce eine Villa besitzen soll: Es hätten ihm schon so viele den Groschen zurückgebracht, auch der in Frage kommende Kutscher würde ihm die 10 Pst zurückbringen. Nach fünf Tagen erhielt der Kutscher eine Aufforderung vom' Verkehrskommisfariat, zu einem Termin auf dem Präsidiuni zu erscheinen. Nach mehrnraligem Nachsehen am amtlichen Wegemesser wurde dem Kutscher erklärt, daß das Anfangsfeld sowie das Endfeld nur ein Viertel abgefahren sei, so daß ungefähr 200 Meter an den letzten 10 Pf. fehlten, er müsse dem Fahrgast Boenike die 10 Pf. wieder- erstatten. Daraufhin fuhr der Kutscher nach der Voßstraße. Dort wurde ihm von der Portierftau erklärt, sie dürfe die 10 Pf. nicht abnehmen, es seien schon mehrere Kutscher dagewesen, die die 10 Pf. los sein wollten. Der Kutscher müsse entweder nach Wannsee oder nach der Französischestr. 21a fahren, wo B. sein Importgeschäft hat, um die 10 Pf. abzugeben. Als der Kutscher nun nach der Französischestraße kam, wurde ihm bedeutet, daß der Chef schlafe und nicht geweckt werden dürfe. Erst nach mehrmaligem Bitten ließen sich Angestellte zur Abnahme der 10 Pf. und Ausstellung einer Quittung herbei, die der Kutscher dem Verkehrskommissariat abliefern muß. Berichtet wird uns noch, daß Herr Boenike ein sehr reicher Mann sein soll. Uns wundert zunächst der Bescheid des Verkehrskommissariats. Der Fahrpreisanzeiger gilt für den Fahrgast wie für den Kutscher. Der Kutscher, der im Auftrage eines Fuhrwerksbesitzers fährt, muß diesem den Betrag abliefern, den der Fahrpreisanzeiger anzeigt. Was nun Herrn Boenike betrifft, so scheint dieser Herr eS sich zur Passion zu machen, den Kutschern Schwierigkeiten zu machen. Jedes Wort der Kritik über das Verhalten dieses Herrn Droschken- kutschern gegenüber würde die Wirkung des oben dargelegten Sach- Verhalts nur abschwächen._ Sämtliche Mitglieder einer Armcnkommission sollen nach einer Mitteilung des Magistrats ihre Aemter niedergelegt haben, weil die Stadtverordnetenversammlung ein anderes als das von ihnen vor- geschlagene Mitglied für eine offene Stelle innerhalb der Armen- kommission gewählt hat. Sie erblicken hierin eine verletzende Nicht- achtung ihres Ehrenamtes. Gegen die gewählte Person hätten sie an sich zwar nichts einzuwenden, aber der für ihren Bezirk zuständige recherchierende Stadtverordnete, nach dessen Vorschlag die Neuwahl erfolgt sei, habe erklärt, daß er nur Mitglieder seiner Partei in Vorschlag bringen werde, und so sei vorauszusehen, daß nach und nach die bisherigen Mitglieder aus der Armenkommission verdrängt würden. Hierzu wird der»Berliner Volks- Zeitung" mitgeteilt, datz der recherchierende Stadtverordnete, der im vorliegenden Falle nur Mit- glieder seiner Partei in Vorschlag bringen will, der sozialdemokratische Stadtverordnete Wengeis sei. Wir sind ermächtigt zu erklären, daß an dieser Behauptung kein wahres Wort ist. Dem Genossen Wengels ist es nicht im Trauine eingefallen, eine solche Aeußerung zu tun. Es wäre wünschenswert, die Armeukommission zu nennen, um die es sich handelt, um die Tatsachen festzustellen. Bei dieser Gelegenheit wollen wir bemerken, daß es Sache der Stadtverordnetenversammlung ist, die Mitglieder zu den un- besoldeten Kommunalämtern zu wählen. Der Geschäftsgang ist der, daß der recherchierende Stadtverordnete Vorschläge macht und wenn eine Kommission besondere Personen berücksichtigt zu sehen wünscht, hat sie sich»nt dem Stadtverordneten ihres Bezirks in Ver- bindung zu setzen. Der Stadtverordnete ist aber keinesfalls verpflichtet, etwaige Vorschläge einer Kommission ohne weiteres zu akzeptieren, sonst brauchte die Stadtverordnetenversammlung einfach zu beschließen, daß die einzelnen Kommissionen sich kooptieren. Dann aber würden bestimmte Bürger von den Aemtern ausgeschlossen werden nnd eine Cliquenwirtschaft würde einreißen, wie sie schlimmer kaum gedacht werden kann. Wir haben an der jetzigen schon genug. Zwar glaube» heute schon viele Kommissionen und das trifft be- sonders auf die Armenkonmtissionen zu, diskretionäre Befugnisse zu haben und machen zu können, was sie wollen. Das hat schon in zahlreichen Fällen selbst der Leiter unseres städtischen Armenwesenö zu seinem Leidwesen erfahren müssen. Wir halten die Angabe der Kommission, daß ein Stadtverordneter ge- äußert haben soll, nur Mitglieder seiner Partei in Vorschlag bringen zu wollen, für unglaubwürdig, so lange nicht einwandsfcei da? Gegenteil bewiesen ist, obwohl feststeht, datz in den von den frei- sinnigen Stadtverordneten ressortierten Bezirken fast ausschließlich Freisinnige sitzen und andere Bevölkerungskreise, inshesondere Arbeiter, so ziemlich ausgeschlossen sind. Unserer Meinung nach sollten alle Bevölkerungskreise an der ehrenamtlichen Tätigkeit in der Kommune teilnehmen können. Weitere Umleitung von Straßenbahnlinien. Die Straßenbahn ist wegen Answechselung der Krcuznugsanlage an der Biilow- und Mansteinstraße genötigt, bei Nacht einige Ablenkungen vorzunehmen. Infolge von technischen Schwierigkeiten, die sich nachträglich heraus- gestellt haben, müssen diese Ablenkungen in der Nacht vom 6. zum 7. Oktober schon von 1 Uhr an eintreten nnd die Gleise vom Be- triebe freigemacht werde». So muß auch bei der Linie 64 der Wagen ab Landsberger Allee 12.29 über die Katzbach-, Kreuzbcrg-, Monumenten-, Siegfried-, Kolonnen-, Haupt-, Potsdamer und Bülowstraße abgelenkt werden. Von Linie 40 gehen die Wagen 12.31 und 12.46 ab Swinemündcr Straße über die Potsdamer und Hauptstraße. Von Linie B gehen die Wagen 1.17 ab Linksiraße über die Lützow-, Potsdamer und Bülowstraße, über den Nollendorf- Platz, die Maaßen- und Goltzstraße. Bei Linie E endlich gehen die Wagen 1.10 und 1.30 ab Linkstraße über die Lützow-, Potsdamer und Hauptstraße. In der Nacht vom 7. zum 8. Oktober erfolgt die Umleitung nur in dem bisherigen Umfang. Diese tritt nur in der Zeit von 2 bis 6 Uhr früh ein nnd betrifft Frühwagen der Linie 3, 64, 82, 90 und III sowie einige Späiwagen der Linie E, die sämtlich nur in den bezeichneten vier Stunden verkehren. Einen bösen Reifall leistet sich die„Freisinnige Zeitung" in ihrer letzten Nummer. In ihrem blinden Eifer, alles was nach Sozialdemokratie riecht, zu besudeln und zu verkleinern, druckt sie folgende Notiz ab: „Die Arbeiterbildungsschule, eine Gründung der sozial« demokratischen Partei zur Erweiterung der Kennwisse der Genossen, hat mit nur 27 Schälern. unter denen sich auch drei iveibliche befinden, ihren Winterkursus eröffnet. Diese geringe Schülerzahl muß Verwunderung erregen, denn an Agitation für den Besuch der Schule hat es von feiten der Partei und der Gewerkschaften nicht gefehlt. Außerdem hat man das Interesse der Arbeiterschaft für die Schule dadurch zu erwecken gesucht, datz der Lehrplan durch zwei neue Fächer erweitert wurde. ES sind dies„Geschichte des'Sozialismus" und„Der zweite Teil des Erfurter Programms in seminaristischer Behandlung". Der schwache Besuch der Schule erweist deutlich, daß es mit den so vielgerühmten Bildungs« bestrebungen der Genossen nicht weit her ist." Der Redaktion der„Freisinnigen Zeitung" ist eine Verwechslung passiert; sie hat die Parteischule mit der Arbeiter-Bildungsschule verwechselt und zieht daraus ihre Schlußfolgerungen. In Wirklich- keit sind die beiden genannten Bildungsinstitute zwei ganz ver- schiedene Einrichtungen. In die Parteischule, die von der Gesamt» Partei erhalten wird, werden nur eine begrenzte Anzahl Schüler unter ganz bestimmten Bedingungen aufgenommen und es müssen jedesmal eine Reihe Genieldeter-zurückgewiesen werden. Tie Arbeiter-Bildungsschule dagegen ist eine Schöpfung der Berliner Arbeiterschaft. Ihr Mitgliederbestand beträgt gegen 2000 und ist in den letzten Jahren fortgesetzt gestiegen. Die„Freisinnige Zeiwng" braucht natürlich das alles nicht zu wissen. Die Hauptsache ist, daß die Sozialdemokratie begeifert wird, auch wenn dies auf Kosten der Wahrheit geschieht. Echt freisinnig!_ Ganz üderfliissig. Der Vorstand und Wahlausschutz des konservativen Bürger- Vereins Moabit lädt die bürgerlichen Landtagswähler zu einer Ver- sammlung ein, die am Donnerstag in den„Hohenzollernsälen" statt- findet, bemerkt aber dabei,„daß er sich sozialdemokratische» Besuch als leider zwecklos verbitte, da er eine geordnete und ruhige Aus- spräche innerhalb der bürgerlichen Parteien herbeiführen, nicht aber eine Radauversammlung haben will". Wir verstehen vollkommen, daß die Herren unter sich sein wollen, denn sie haben allen Grund dazu. Das Schuldkonto der Konservativen ist so groß, daß es ihnen begreiflicherweise recht un« angenehm wäre, wenn Sozialdemokraten dasselbe näher beleuchten tvürden. Die Redensart, daß man eine geordnete und ruhige Aus- spräche wünscht, ist nur eine Ausrede, um sich einer Diskussion zu entziehen; jedenfalls fühlen die Herren ihre schwache Position. Und nun gar die Bemerkung, daß der Wahlausschuß keine Radau- Versammlung haben will. Er kennt wohl aus früheren Antisemiten» Versammlungen seine Leute, die andere Meinungen nicht hören konnten und andere Redner niederschrien und niedertrampelten. Aber er kann unbesorgt sein. Sozialdemokraten werden die Versammlungen der Konservativen weder füllen noch interessant gestalten. AuS der städtischen Kanal- und Rieselfclderverwaltung. In Hobrechtsfelde und Heinersdorf soll je ein LedigenhauS für je vierzig ledige Arbeiter und Arbeiterinnen gebaut werden. Auf diese Weise will man die Kosten für den Bau von Familien- Wohnungen ersparen. Ein solches Haus kostet 100 000 M., enthält neben den Wohnräumen Gesellschaftsräume, Kantine, auch eine Warenhandlung. Die Häuser können, falls der Versuch sich nicht bewährt, in Familienwohnungen umgestaltet werden. Die Ver- waltung verfolgt dabei die Idee, aus diesen jungen Leuten, falls sie sich verheiraten, den Stamm der Tagelöhner beziehungsweise der Deputanten zu ergänzen. In Lehmetzdorf soll eine Schnitterbaracke errichtet werden, da die Verwendung von Arbeitskräften aus Hoffnungs- tal ebenso hoffnungslos ist, wie die Verwendung solcher aus der Gefangenenanstalt Bernau. Von einem Mitglied wurde die Er» bauung einer Schule in Albertshof gefordert; dort sollen zwei neue Vier« familienhäuser erbaut werden, 40 Kinder sind schon vorhanden, die alltäglich mit den Kindern aus der benachbarten Fleischvernichtungs- anstatt nach dem l'/a Stunden entfernten Rüdnitz wandern müssen. Der Weg führt durch ödes Gestrüpp und Heide und bildet vor allem aber im Winter eine schwere Gefahr für die Kinder. Der Dezernent der FleischvernichtungSanstalt ist der Stadtrat Fischbeck, der aber für diesen jammervollen Zustand kein Auge zu besitzen scheint, ob- wohl die Anstalt, will sie sich einen größeren Stamm Arbeiter er- halten, genötigt sein wird, weitere Arbeiterfamilienhäuser zu er- richten, wodurch die Zahl der Schulkinder weiter vermehrt werden wird. Können sich die beiden Verwaltungen, namentlich wegen der verknöcherten Bnreankratie der Viehhofsverwaltung, welch letztere seit Fischbecks Leitung noch schlimmer geworden ist, nicht verständigen, so müssen Magistrat und Stadtverordnete eingreifen. Das ist man den Kindern und dem Ansehen der Stadt Berlin schuldig. Ein erneutes Gesuch der Heizer um Anstellung als Beamte wurde abermals abgelehnt._ AuS dem BetrievSicricht der städtische» Straßenbahnen für Sep- tember 1909. Die Einnahmen für September 1909 betrugen 76 535,05 M.(gegen 60 080,90 M. im September 1908) d. i. 2551,17 Mark Tageseinnahme(gegen 2002,70 M. im September 1903). Be- fördert wurden 834 526 Personen(gegen 637 206 Personen im Sep- tember 1908). An Wagenkilometern wurden gefahren: 111996 Motorwagenkilometer und 23 890 Anhängewagenkilometer, zusammen 135 886(gegen 105 555 im September 1903). Die Einnahme für das Wagenkilometer beträgt demnach 56,32 Pf.(gegen 56,32 Pf. im Sep- tember 1908). Gegen das Urteil des Landgerichts Hl, das in der Klage der Stadt Charlotten bürg gegen die Hochbahn- ge feilsch aft die Nnznlässigkeit deS Rechtsweges ansgesprochen hat und die Verwaltungsbehörden als zuständig erklärt für die Ent- fcheidung über die Frage der Aufchlußpflichr, die der Hochbahn- gefellschaft gegen Charlottenburg nach einem alten Vertrage obliegt, ist voit der Stadt Charlottenburg Berufung eingelegt worden. Die Waisendcputation keschloß in ihrer Sitzung vom S. Oktober den Neubau eines Jnfeitionshauses auf dein Grundstück des Waisen Hauses in Rummelsburg. Der Bau soll u. a. einen großen Saal mit zehn Betten, einen Tageranm, die notwendigen Bäder- und Siebenräume und Schlafräume für das Personal enthalten. Die Kosten sind vorläufig auf etwa 49 700 Vi. veranschlagt. Ferner wurde beschlossen, in den Kreisen der Fürsorge- zöglinge ausllärend über die Gefahren der Geschlechtskrankheiten und den Mißbrauch des Alkohols zu wirken. Zunächst soll mit der Deputation für die städtischen Fach- und Fortbildungsschule» in Verbindung getreten werden, die seit längerer Zeit durch Vorträge bor den zur Entlassung gelangenden Schülern die gleichen Aup klärungszwecke verfolgt. Seiner Bestrafung entzogen hat sich der Chemiker Georg Heim, der unter der Beschuldigung, in Südwestafrika für große Summen Diamanten beiseite geschafft zu haben, kürzlich verhaftet wurde. Er hat sich in der Krankenstation des Untersuchungsgefängnisses gestern erhängt. Die Leiche wurde beschlagnahmt. Ei» schweres Brandunglück ereignete sich gestern abend kurz bor 7 Uhr in der Schivelbeiner Straße 7 im Norden Berlins. Seit einiger Zeit hat dort der Arbeiter I e r o k o w s k i mit seiner aus Frau und einem kleinen Kinde bestehenden Familie im Erdgeschoß des Seitenflügels eine kleine Wohnung inne. Die Frau leidet zeitweise an Kranipfanfällen. Während gestern der Mann auf Arbeit war, hatte sie wieder einen derartigen Anfall und zwar in einem Augenblick, als sie niit brennender Lampe durch das Zimmer ging. Sie fiel zu Boden, wobei die Lampe zersprang und explodierte. Durch Stichflammen fingen die Kleider Feuer, so daß die Frau im Nn lichterloh brannte. Hausbewohner eilten zu Hilfe und erstickten das Feuer. Die Frau hatte aber schon so schwere Brandwunden davongetragen, daß sie schleunigst mit dein Automobilkrankenwagen des Verbandes für erste Hilfe nach dem K-rankenhause am Friedrichshain geschafft werden mußte. Weil er arbeitslos war. Mit Karbolsäure hat sich gestern ein Arbeitsloser in der Grllnthaler Straße vergiftet. Der in der Put- buser Straße 49 wohnhafte Zigarrenarbeiter Bernhard Schills war vor einiger Zeit arbeitslos geworden und vergeblich hatte er ver- sucht, wieder Beschäftigung zu erhalten. Zu der Arbeitslosigkeit gesellte sich in den letzten Tagen auch noch Krankheit. Der bedauernS- werte Mensch wußte schließlich keinen anderen Ausweg mehr, als sich das Leben zu nehmen. Er trank auf offener Straße Karbolsäure und wurde in fast hoffnungslosem Zustande in das Virchow-Kranlen- hauS gebracht. Unter einer einstürzenden Mauer begraben. Ein schwerer Unglücks- fall hat sich gestern morgen auf einem Abrißgrundstück in der Bcllermannstraße zugetragen. Gegenwärtig werden die Mauern des alten Gebäudes niedergelegt. Als nun ein Teil der Mauer um- gerissen wurde, trat der 24jährige Bauarbeiter Johannes Gastrow aus der Wrangelstraße S4 nicht schnell genug zur Seite, so daß er von der umstürzenden Wand niedergeschlagen niid unter dem Trümmerwerk begraben wurde. Arbeitskollegen sprangen sofort helfend hinzu und befreiten den Verunglückten aus seiner s-brcck- lichen Lage. G. hatte schwere innere Verletzungen sowie einen Ober- schenkelbruch erlitten. Er wurde nach dem Virchow-Krankenhause gebracht, wo er in sehr bedenklichem Zustande daniederliegt. Borsicht, Gasautomatenschwindler. Ein falscher Gasanstalts- beamter treibt gegenwärtig in der Reichshauptstadt sein Unwesen. Der Betrüger, der etiva 2S Jahre alt sein dürfte, stellt sich bei den Inhabern von Gasautomaten als Anstaltsbeamter vor und gibt an. er sei geschickt worden, mn die Autonialen ihres Geldinhaltes zu entleeren. Er öffnet sodann die Apparate und nimmt die Geld- bchälter heraus. Erst wenn sich einige Tage später der echte Beamte einfindet, stellt sich der dreiste Schwindel heraus. Da der Gauner sehr sicher auftritt, so gelingt es ihm auch stets, die Hausfrauen von seinen Angaben zu überzeugen. Den Kincmatograph im Dienste dcS Unterrichts und der Wiffen- schaft wird ein Bortrag behandeln, der bereits seit mehreren Monaten im wissenschaftlichen Theater der Urania vorbereitet und von Herrn Dr. O. Driesen gehalten werden wird. Der Zweck des Vortrags ist, zu zeigen, daß oer Kinematograph auch der Erziehung dienen und bei geeigneter Auswahl der Objekte ein wichtiges Hilfsmittel im Anschauungsunterricht werden kann. Die Aufnahmen sind der Urania zum größten Teil von Professoren in- und ausländischer Hochschulen zur Verfügung gestellt worden, auch haben sich einige der bedeutendsten kinematographischen Firmen Lereiterklärt, ihre wissenschaftlichen Demonstrationsobjekle der Urania für diesen Vor- trag zu überlassen. Das Mitglied dcS Deutschen TabakarbeitervcrbandeS Willi Auer- Hahn hat am 26. September in Rixdorf von der Münchener Straße bis zur Hasenheide sein Mitgliedsbuch verloren. Serie I Nr. 32 694. Der Finder wird gebeten, dasselbe bei Börner, Berlin, Ritterstr. 15, abzugeben. Nrbelter-Samariter-Kolonne. Heute abend 9 Uhr: 5. Abteilung in Rixdorf bei Kaufhold, Erkstr. 8. Morgen Donnerstag: 3. Abteilung in Schöne berg bei Wieloch, Grunewaldstr. 110, und 4. Abteilung in Lichtenberg bei Beckmann, Samariterstr. 11. Vortrag in allen Abteilungen über Physiologie, 2. Teil. Neue Mit- glieder können noch eintreten. Vorort- l�admcbten. Friedenau. In der letzten Mitgliederversammluug des WahlvereiuS referierte Genosse Ulm unter allseitigem Beifall über den Parteitag. In der Diskussion wurde allgemein eine strenge Durchführung des Schnaps- boykotts gewünscht und zum Ausdruck gebracht, daß der Erfolg nicht ausbleiben könnte. Zur allgememen Freude wurde be- kannt gegeben, daß in dem umfangreichen Kantinenbetriebe der optiichen Anstalt von C.� P. G o e r z im Monat September an Spirituosen nicht der achte Teil gegen die früheren Monate konsumiert worden ist. Weiter forderte Genosse Ulm und in der Diskussion auch Richter auf. der Aufklärung der Jugend unsere ganze Aufmerksamkeit zu widmen, damit sie später als aufgeklärte, gut ausgerüstete Genossen in den Kampf eintreten. Zur Maifeier nahm Genoffe Budraß Stellung. Er wünscht unter anderem, daß alle Genossen, die am 1. Mai arbeiten ihren Tagesverdienst an die Partei ab- zuführen haben. Genossin Budraß rügte die geringe Be- teiligung der Frauen an den Zahlabenden und stellte den Antrag, für Friedenau jeden Monat einen besonderen Frauen-Leseabend einzurichten. Der Antrag wurde angenommen. Des weiteren wurde eine Flugblattverbreitung unter den Dienstboten in Aussicht ge- nommen und die Genossin Budraß beauftragt, sich mit den Ge- nossinnen wegen der Verbreitung in Verbindung zu setzen. Im Laufe des Oktober wird ein Ausflug des Wahlvereins stattfinden. Zum Schluß wurde nochmals auf die Vorträge des Genossen Dr. Max Schütte über das Zeitalter der Reformation am Montag hingewiesen. Außer dem bereits am Montag, den 4., abgehaltenen Vortrage finden am 11.. 18. und 25. Oktober Vorträge in Steglitz bei Schell- Hase statt. Bei dem geringen Preise von nur 30 Pf. für alle Vor- träge wird eine recht lebhafte Beteiligung erwartet. Rixdorf. Ein schwerer Unfall ereignete sich gestern nachmittag auf der neuen Gasanstalt. Der 50jähtige Maurer Gustav Jankowickt aus der Frankfurter Allee 173 stürzte von einem hohen Gerüst an der Teupitzer Straße 15 über eine Mauer hinweg in den Bau. Be- wußtlos wurde er von seinen Genossen nach dem Krankenhause ge- bracht, wo man einen Bruch der Wirbelsäule feststellte. Wilmersdorf. Den„Vorwärts"- Lesern zur Kenntnis, daß sich die Spedition von jetzt ab Gasteiner Str. 4. Ecke Holsteinischestraße, beim Genossen Wilhelm Wittnebel befindet. Die Gruudsteinlegunz zur WilmcrSdorfcr lk»tcrgr»ndbahn erfolgte gestern mittag unter den bei solchen Gelegenheiten üblichen Feierlichkeiten. An der Ecke der Uhlandstraße und des Hohenzollern- damms war ein Festzelt errichtet worden, in welchem Vertreter der Regierung und der städtischen Behörden sich versammelt hatten. Der Erile Bürgermeister Habermann hielt die Festrede, und Ministerialdirektor v. Thiel beglückivünschte darauf die Stadt, ohne daß er, wie vorige Woche vor den� Sozial- Politikern in Wien, die Notwendigkeit eine» vernünftigeren Gemeindewahlrechts als Forderung erhob. Hierauf machte Oberregierungsrat v. I a g o w dem Erste» Bürgermeister die Mitteilung, daß der Kaiser ihn zum Oberbürgermeister ernannt habe. Der Negierungsvertreter sprach bei dieser Gelegenheit den Wunsch aus, daß Wilinersdorf wachsen, blühen und gedeihen möge, damit es wie bisher immer an der Spitze des k o m« m u n a l e n Fortschritts in Groß-Berlin marschieren möge. So leid es uns tut, die freudige Erinnerung an das für Wilmersdorf gewiß bedeutungsvolle Ereignis durch einen Ein- wurf beeinträchtigen zu müssen, so können wir ini Hinblick auf diese Worte eines Vertreters der preußischen Regierung doch nicht eine kleine Korrektur unterdrücken. Es ist ein Irrtum des Herrn v. Jagow. daß Wilmersdorf bisher an der Spitze des kommunalen Fortscbritts gestanden hat. Die günstige Stellung, die dieser Vorort beileibe nicht aus eigener Kraft, fondern dank der Ent- Wickelung der Reichshauptstadt in Groß-Berlin erreicht hat, b e- s ä h i g t e ihn wie keinen anderen zu hervorragenden Leistungen be- sonders auf dem wichtigsten aller kommunalen Gebiete, dem sozialpolitischen. Aber gerade hier hat Wilmersdorf bislang versagt, gerade hier ist es hinter anderen Vororten weit zurückgeblieben. Wir schreiben die Schuld� an dieser nicht gerade rühmlichen Tatsache keineswegs dem Oberbürgermeister zu, der ein rühriger, in seinem Fach wohlbefähigter Mann ist. Die Ursache liegt in der Zusammensetzung der Bevölkerung und dem volksfeindlichen Wahlsystem. Das Dreiklassen Wahlrecht, das selbst einem Ministerialdirekior unhaltbar erscheint, hat gerade in den letzte» Jahren, wo Sozialdemokraten im Ortsparlament eine bittere Notwendigkeit waren, emeVertretung der Arbeiter- schaft verhindert. Das überdies noch politisch reaktionär gesinnte Bürgertum war völlig unter sich, und daher die sozialpolitische Rückständigkeit, angesichts deren ein Ober- rcgierungsrat von kommunalem Fortschritt spricht I Wir haben früher schon darauf hingewiesen, daß mit der Grund- steinlegung noch lange nicht reine Bahn für das Unternehmen ge- schaffen ist. Langwierige Auseinandersetzungen mit Charlottenburg und Schöneberg stehen bevor und können die Ausführung des Bahnbaues noch auf Monate hinaus verhindern, Die Baukosten der 4.3 Kilometer langen Strecke vom Nürnberger Platz bis zum Rastatter Platz an der Dahlemer Grenze stellen sich auf 15'/, Millionen Mark. Hiervon sind 11 Millionen durch eine An- leihe aufzubringen, während 4'/« Millionen durch Beiträge von Interessenten geoeckt sind. Diese Interessenten setzen sich zusammen aus einer Anzahl Terraingesellschaften und dem königlichen DomänenfiskuS in Dahlem, dessen starke Hand die Nachbarorte in dem bekannten Konlurrenzstreit bekanntlich schon zu spüren be- kommen haben. Treptotv-Baumschulenweg. Aus der Gemeindevertretung. Die Ausschreibung über die Straßcnreinignng, welche auf Autrag der betreffenden Kommission vom Gemeindevorstand veranstaltet worden ist, hat kein befriedigendes Resultat ergeben. Die Fuhrleistungen stellen sich um ca. 10 000 M. höher als bisher. Es wurde beschlossen, die Reinigung und Be- 'prengung wie bisher weiter ausführen zu lassen.� Zu dem Bericht der RechnungSprüfungSkommisston machte Genosse Gramenz als Mitglied dieser Kommission einige Ausführungen. Redner empfahl dem Bauamte gewissenhafte Beaufsichtigung und Prüfung der Ar- beiten, sowie genaue Durchsicht der vorgelegten Rechnungen. Der Bürgermeister sowohl wie auch der Baumeister versprachen dem nachzukommen.— Der Bau des Rathauses, desien Grundstein am Sonntag gelegt wurde, ist mit 500 000 M. veranschlagt worden. Auf Grund verschiedener Abändcrungs- antrüge der Genieindevertretung hat die Baukommission das Projekt entsprechend geändert. Die Mehrkosten betragen 200 000 M., so daß ich die Baukosten auf 700 000 M. belaufen. Gemeindeverordneter Klapp kritisierte diese Mehrforderung i er sprach die Befürchtung an«, daß noch niehr verlangt würde, was unbedingt unterbleiben müsse. Genosse Gerisch als Mitglied der Baukommission bemerkte, daß die Kommission mit schwerem Herzen die Wünsche der Gemeindevertretung, die Mängel des ersten Entwurfs zu beseitigen, erfüllt habe; da die Kommission aber nicht wolle, daß öfter Nachbelvilligungen gefordert werden, sei ganze Arbeit gemacht worden. Auch sei die erste Berech- nung. der Herstellungskosten pro Kubikmeter mit 19 M. eine irrige gewesen. Der jetzt festgesetzte Satz von 21 M. entspreche der Wirklichkeit, daher sei die Bausumme eine höhere geworden. Vom Baumeister und Bürgermeister wurden hierzu noch Ergänzungen ge- macht und alsdann die Summe bewilligt. Unsere Genossen regten noch die Frage der Atkordmaurerei an, die auf dem Bau eingerissen sein soll. Der Bürgermeister bestätigte, daß tatsächlich ein Teil � der Arbeiten im Akkord ausgeführt worden sei. Die Bauiommission habe sich hiermit beschäftigt und es sei dem Bauunternehmer aufgegeben worden, keine Arbeiten mehr in Akkord ausführen zu lassen. Herr Oskar Müller hat der Gemeinde das in der Ernststraße 14 gelegene HauS geschenkt. ES soll darin nach Anordnung des Stifters ein Schwestern- und Krüppelheim errichtet werden. Auch sind dem Ge- meindevorstand 1000 M. zum Ausbau vom Stifter zur Verfügung gestellt worden, welche Summe auch überschritten werden kann. Die in voriger Sitzung beschlossene WertzuwachSsteuerordnung ist vom Kreisausschuß in einigen Punkten beanstandet worden. Um eine Verschleppung zu vermeiden, wurden die Abänderungsvorschläge angenommen.— Eine Reihe von Petitionen um Gehaltsregulierungen wurden einem Ausschuß, in welchen unter anderen auck die Genossen Karow und Gramenz gewählt wurden, überwiesen. Als Waisenrat für den Bezirk I wurde Herr Hartrath. Beermannstr. 7, gewählt.— In die Voreinschätzungskommission für die Staatssteuern wurden die Genossen Gramenz, Joseph Hartmann, Wilhelm Schnorre und Karow gewählt. _ Eine lebhafte Debatte entspann sich in der letzten Mitglieder- Versammlung des Wahlvereins in Baumschulenweg, in der Genosse Kurt Heinig den Bericht vom Parteitag gab. In der Dis- kussion betonte Gen. L ü d i e, die Haltung der Fraktion zur Erb- schaftssteuer sei ein Beweis dafür, wieweit der Revisionismus fti der Partei an Einfluß gewonnen habe. Genosse Karow schloß sich der Auffassung Lüdkes an. Er übte u. a. an dem neuen K 2 des OrganisatlonsstatutS Kritik und erklärte am Schluß seiner Aus- führungen, daß das neue Organisationsstatut ein Produkt des Revisionismus sei. Genosse Poppe meint, man solle doch nicht so viel mit dem Schlagwort Radikalismus operieren. Dieses Wort habe genau so wenig Bedeutung in der Partei wie das Wort Revisionismus. Hätte die Fraktion nicht für tiie_ Erbschaftssteuer gestimmt, so hätte dieselbe der Arbeiterschaft gegenüber ein Unrecht begangen, indem sie noch die für die Erbschaftssteuer veranschlagte Summe den Arbeitern aufgehalst hätte. Genosse Gerisch be- zeichnete die Auffassung des Genossen Karow betreffs des revisio- nistischen Einflusses auf das Zustandekommen des neuen Organi- sationsstatutS als ein Märchen. Genoffe Magel machte dann noch auf die„VorwärtS'-Agitatiou und auf das am 23. Oktober statt- findende Stiftungsfest des Wahlvereins aufmerksam. Ei» schwerer Unglücksfall ereignete sich gestern vormittag 11 Uhr auf dem Holzplatz der Firma Richter in der Kiefholzstraße. Als ein Wagen zum Beladen an einen Holzstapel geschoben wurde, fiel dieser um und begrub einen dahinter stehenden Arbeiter. Mit gebrochenem Kreuze und anderen schweren Verletzungen wurde er mittels Krankenwagen nach dem Krankenhause geschafft. Friedrichsfelde-Karlshorst. Mit einer Borlage des GemeindevorstandcS und der Bau- konimiffion auf Erlaß eines OrtSstatutS betr. die Befreiung derBürg er steige von Eis und Schnee und auf Erlaß einer diesbezüglichen Polizeiverordnung beschäftigte sich die letzte Gemeindevertretung. In der Begründung der Vorlage wird darauf hingewiesen, daß nach dem Märkischen Provinzialrecht die Gemeinden zur Reinigung des Straßendammrs einschließlich der Bürgersteige verpflichtet seien, sofern nicht andere, z. 23. die Straßenanlieger, auf Arund eines befonderen Rechtstitels den Straßendamm zu reinigen haben. Die örtliche Polizeiverordnung bestimme in§ 18, daß jeder Besitzer eines an der öffentlichen Straße oder an einem öffentlichen Platze liegenden GruudstückeS die Verpflichtung habe, den Bürger- steig zu reinigen. Zuwiderhandlungen würden nach§ 26 der be- treffenden Verordnung mit Geldstrafe bis zu 9 M. geahndet. Durch eine Reihe gerichtlicher Erkenntnisse seien die über die Reinigung von Bürgersteigen erlassenen Bestimmungen der fraglichen Polizei- Verordnung für rechtsungültig erklärt worden, weil angenommen wurde, daß eine Observanz für den Amtsbezirk Friedrichsfelde, nach der die Reinigung der Bürgersteige den Straßenanliegern obliegt, nicht bestehe. Da die Gerichtshöfe für Friedrichsfelde die Observanz verneint hätten, müffe die Frage der Reinigung der Bürgersteige anderweitig geregelt werden. Die Verwaltung habe dem Beispiele anderer Gemeinden folgend ein Ortsltatut und eine Polizeiverordnung entworfen. Es entspann sich nunmehr über die Vorlage eine leb- hafte Debatte. Während die Gemeindevertreter Schäfer, Vierroth und Genosse Pinseler für die Vorlage eintraten, wandten sich der Gemeindevertreter Metzner wie auch der Schöffe Pechardscheck gegen dieselbe. Die Vorlage wurde gegen drei Stimmen abgelehnt. Pankow. Ein Bauunfall hat sich gestern mittag auf einem Baugrimdstück an der Ecke der Berliner- und Borkumstraße zugetragen. Dort werden zurzeit Ausschachtungsarbeiten verrichtet. Als nun gestern der 2öjährige Arbeiter Hermann Zinn aus der Florastraße 60 Erde ausschachtete, gab das Erdreich plötzlich nach und stürzte ein. Zinn wurde von den Erdmassen verschüttet und konnte erst nach längerer Zeit aus seiner gefährlichen Lage befreit werden. Er hatte neben Knochenbrüchen anscheinend auch innere Verletzungen davon- getragen und wurde nach dem Pankower Krankenhause geschafft. Lebensgefahr besteht nicht. Der Unfall hatte auch eine Alarmierung der Pankower Feuerwehr zur Folge. Tegel. In der letzten Mitgliederversammlung des Wahlvereins gab Genoffe I. Massa den Bericht vom Parteitag. Eine lebhafte Debatte entfpann sich über die Maifeierfrage. Von verschiedenen DiSkusfionS« rednern wurde der Beschluß des Parteitages als zwecklos angesehen. Es wurde betont, daß der 1. Mai aus Idealismus gefeiert werden und nian deshalb die Unterstützungsfrage ausschalten müffe. Eine ebenfalls lebhaste Debatte entspann sich über den Schnaps- boykott und die Erbanfallstener. In seinem Schlußwort forderte der Referent die Genossen und Genossinnen auf, die Beschlüsse des Leipziger Parteitages streng zu beachten und auszuführen. Hierauf gab Genoffe Baske den Bericht von der Kreis-Generalversammlung. Ein Antrag, 50 M. den Schweden zu überweisen, fand einstimmige Annahme. Bernau. Bor Eingang ln die Verhandlungen der letzten Stadtverordneten» Versammlung wurde der neugewählte Ratsherr Kießling durch den Bürgermeister Petzold eingeführt. Alsdann nahm die Versammlung den Bericht der Delegierten vom Städtetag in Rixdorf entgegen. Der Ablehnung verfiel die Magistratsvorlage, betreffend den Anstrich der Heizkörper im städtischen Krankenhaus. Fast alle Arbeiten für das Krankenhaus sind im Submissionswege an den Mindestfordernden vergeben worden, in diesem Falle sollte einem Malermeister, welcher in der Kirche die Heizkörper gestrichen hatte, die Arbeit außer Sub- misston zuerkannt werden. Hiergegen erhob Genoffe Helbig Ein- spruch, worauf die Vorlage mit 12 gegen 8 Stimmen abgelehnt wurde. Es ist somit der Magistrat gezwungen, die öffentliche AuS- schreibung zu vollziehen. Bei dem Kesselbrunnenbau aus dem Krankeiihausgruiidstück, welcher bis 15 Meter Tiefe vorgesehen war und 1591,50 M. kostete, hatte man bis 14 Meter noöh kein Wasser gefunden. Nach weiteren Bohrungen stieß man aus eine Wafferader. Da ein weiteres Mauern des Kessels jedoch unmöglich wurde, sollen unterhalb deS Mauerwerkes Zementröhren von 1 Meter lichter Weite eingesenkt werden. Die hierfür geforderte Summe— 100 M. pro Meter— wurde von der Versammlung bewilligt. Des weiteren wurde bekannt gegeben, daß der Länderaustausch der Stadt Berlin mit Bernau, vorbehaltlich der Zustimmung der beiderseitigen städti- schen Körperschaften nunmehr perfekt geworden sei. Aufgabe der Stadt Bernau wird es nun sein, in Bälde mit den Wald- anpflanzungen an der Wandlitzer Chaussee zu beginnen. Vermischtes. Was man aus Liete tut. Breslau, 5. Oktober. DaZ hiesige Schwurgericht verurteilte heute den Operettensänger Dworzak-Hofer wegen deS bekannten Eifersuchtsattentates auf die Lpernsängerin Annie Tharau im März d. I. zu einem Jahr drei Monaten Gefängnis. Drei Monate wurden auf die Untersuchungshaft angerechnet. Richter Lynch. In der Schnurgasse zu Frankfurt ä. M. kam es gestern mittag zu einer blutigen Messerstecherei. Der 30 Jahre alte Fahrbursche Gottlieb Rist, ein schon vielfach vorbestrafter Mensch, verletzte in angetrunkenem Zustande und ohne jede Veranlassung einen Mann und eine Frau durch mehrere Messerstiche schwer. An dem Messerstecher wurde arge Lynchjustiz geübt, so daß die Polizei ihn vom Platze tragen mußte. Man glaubt es mit einem Irr- sinnigen zu tun zu haben. Eingegangene Druckschriften. .Mär»«. Halbmonalsschrtst für deutsche Kultur. Erstes Oktoverheft. Preis 1,L0 M.— Jules Huret, Berlin(In Deutschland. Dritter Test.) Geh. 4M.— Bellinan. Brevier. AuS FredmannS Episteln und Liedern. Deutich von H. v. Gumppenberg, Verlag von A. Langen in München. Wider den Dualismus von Leib und Seele, Fleisch und Geist. Von L. Feuerbach. Frauljurt a. M., Nmer Franljurter Verlag. Preis 0.S0 M.__ Amtlicher Marktbericht der städttichen Markthalleu-Direktton über den Mroßbandcl in den Zenwal-Marttballen. Marktlage: Fleisch: Zusuhr genügend, Geschäsl flau, Preise unverändert. Wild: Zufuhr ge- nügend, Geschält lebhasi, Preise fast unverändert, Geslügel: Zusuhr genügend, Geschäft schleppend, Preise nicht besriedigend. Fische: Zusuhr mähig, Geschäsl lebhast, Preiie befriedigend, Butter und Käse: Eelchäst still, Preise unverändert. Gemüse, Obst und Süd» s r ü ch t e: Zujuhr genügend, Geschäft still, Preise wenig verändert. WttternnaSbbersicht vom 5. Oktober l»09. morgen« 8 ttbr. eiatwnen Swtnembe Haniburg Berlin Frauts.a M München Wien vi« B» »II i? W»o Stationen HaHaranda ££ rz 2 ie LS = 5 8? 747 NO Petersburg 755 S Scillh Werde«» Pari» «etter i 2 Regen 2 wolkig 5 bedeckt ** c— »II f* ak 747 SSW 741 SSO 2Ncgcn I 756 SSS3J 2 bedeckt « 12 14 12 16 Wetterprognose für Mittwoch, den S. Oktober 1009. Mild und zeitweise aufklarend, aber vorwiegend trüb« mit Regensillm und ziemlich starten jüdwestlichen Winden. Berliner Wetterbureav. «£€€€€««* Unserem Genossen r> Paal Grabein nebst Frau O Gcnoffm Emilie Gräbeln ö zu ihrer heutigen Silberhochzeit Z die herzlichsten Glückwunsche I Dt« Genossen u. Genossinnen des Bezirks?SS. AAS-JASSES«H«> Lomlileiiililli'zt. VildlvM für SvKLnoKvi'g. Bezirk So. Am 3. Oktober verstarb unser Mitglied, der Steinmetz Alfred Raab im 39. Lebensjahre. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Mittwoch, den(3. Oktober, nachmittags 3 Uhr, vom Schöneberger 5lranienhausc, Rubens straste, aus nach dem Schöneberger Friedhos (Blanke Hölle) statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht Der Vorstand. Zentral-Yerbanii der Steinarbeiter. Am 3. Oktober verstarb unser Kollege, der Steinmetz Alfred Raab j im 39. Lebensjahre. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am I Mittwoch, den K. Oktober, nachmittags 3 Uhr, vom Schöneberger I Krankenhause. Rubenssttafie, aus I nach dem Schöneberger Friedhos |(Blanke Hölle) statt. Zahlreiche Beteiligung erwartet via Ortsvernaltung. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Tode«- Annelff e. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Mechaniker Walter Wiltielm am 2. d. MtS. an Lungenleide» gestorben ist. Die Beerdigung findet heute, I Mittwoch, den ö. Oktober, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- hall« deS Nazareth-KirchhoseS in Ncinickendors-West aus statt. Ferner starb unser Mitglied, s der Dreher � Paul Schneider. Die Beerdigung findet heute, l Mittwoch, den S. Oktober, nach. mittags 4'/, Uhr, von der Leichen- Halle deS neuen Jakobi-KirchhoseS in Rixdors(Hermannstraße) aus I statt. Rege Beteiligung wird erwartet. Den Kollegen zur Nachricht, daß | unser Mitglied, bis Arbeiterin Hed�vix Faber | an Lungenleiden gestorben ist. Ehre ihrem Andenken! > 123/14 die Ortsverwaltung. Am Sonntag, den 3. Oktober, verstarb unser langjähriger Mit- arbeiter, der Hilssarvetter Paul Lichtner im Alter von 54 Jahren. Ehre seinem Andenken! Das Personal der «uchdruderet H.S.Herman». Die Beerdigung swdet statt am Donneritag nachmittags>/,ö Uhr von der Leichenhalle des neuen Luisenkirchhoses in der Hermann- straße aus.' 1829b I t ♦ ♦ * ♦ t I Uerbaud der Maler, Lackierer, Anstreicher usw. Filiale Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß am 2. Oktober unser Mitglied, der Lackierer Mm Sehmalz in der Heilstätte Buch an Blut- j stürz gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am I Mittwoch, den 6. d. M., nachmittags I 3 Uhr, vom Hospital in Buch aus I statt. 129/15 1 _ Die Ortsverwaltung. Aerband der Schneider nnd Schneiderinnen. Filiale Berlin I. Tod es- Anzeige. Den Mitgliedern geben wir hiermit bekannt, daß der Kollege Kllgust Sebüebl im Alter von 4? Jahren der- starben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Mittwoch, den 6. Oktober, nachmittags 3 Uhr, von der Halle des neuen Luisenkirchhoss in Rix- dors, Hermannstraße, aus statt. 163/9 Die Ortsverwaltung I Deiitseher Transportarbeiter-lferhaDil. OrtSverwaltung Berlin V. Den Kollegen zur Nachncht, daß unser Mitglied, der Arbeiter Huxo Anders am Sonntag, den 3. Oktober, im Alter von 33 Jahren an Kehl- topskatarrh gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 7. d. M., nach- mittag? 4'/, Uhr, von der Leichen- Halle deS EmmauS« Kirchhoses auS statt. 70/10 Rege BeteUigung erwartet Die Verwaltung. Allen Genossen, Kollegen und Freunden die traurige Mitteilung, daß meine inniggeliebte Frau, unsere herzensgute Mutter, Schwiegertochter, Schwester und Tante 1825b Helene Reimann geb. Hinz am Sonntag, den 3. Oktober, im 38. Lebensjahre entschlasen ist. Um stille Teilnahme bitten Der trauernde Gatte Riebard Reimann und die Familienangehörigen. Berlin S. 54. Fichtestr. 29. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 7. Oktober, nach- mittags 4 Uhr, aus dem Friedhos der Freireligiösen Gemeinde, Pappel-Allee 15-17. vom Kranken- hause Urban aus statt. Sonntag nachmittag 1'/« Uhr entschiies sonst nach kurzem. schwerem Leiden meine liebe Frau, gute Tochter, unsere Schwester, Schwägerin und Tante Antonie Höft geb. Schneider im 37. Lebensjahre. Dies zeigt tiesbetrübt an im Namen der Hinterbliebenen minx HOIt. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 7. Oltober, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- halle deS Rirdorser FriedhoscS, Rudower Straße, aus statt. ISiob 011118 Anzahlung Gardinen, Portieren, Stores.Stepp- o. Tischdecken, Bilder. Teppiche, Uhren aui Teilzahlung. lt. tlatzner, Angnststr. 60. ' Nur Karte erbeten.• KmMMMhlkr-RttsmmtWt« Mittwoch, den 6. Oktober, abends 8'/, Uhr: 37. Kommunal- Wahlbezirk. Wilkes Festsiile, Brnnuenstr. 188. Referent: Stadtverordneter Hermann Borgmann. 31. Kommnual- Wahlbezirk. Obiglos Festsiile, Schwedter Str. S3/34. Referent: Der Kandidat Dr. Kurt Rosenfeld. Tages-Ordnung in beiden Versammlungen: i. Die bevorstehenden Stndtverordnetenwnhlen. 2. Freie Diskussion. Tablreieber Besuch wird erwartet! _ Die Wahlkomitees. 803/17 Danksagung. Für die überaus zahlreiche und innige Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben unvergeßlichen Mannes, des Architekten 1820b Oskar RlsKa sage ich aus diesem Wege allen Bi> teiligten meinen tiefgesühltcsten Dank. Im Namen der Hinterbliebenen Wwe. Anna Riska geb. Schulz. ISr.Simmel Spezlal-Arzt* für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, ÄplS*, 10—2, 5—7. Sonntags 10—12, 2—4. Polsterwaren, fertige Küchen halb umsonst auf Abzahhing und gegen bar liefere an Jedermann ohne Ausnahme. 100 bessere und billfge Meunns-Einricfitunp von loO— 500 Rk. Anzahlung von an. 5 M.'*»!™" Einzelne Möbel sohon von alten Kunden ev. auch P ohne Anzahlung.| Ferner empfehle Herren- u. Damen-Garderobe, Pelz- Stolas, Muffen, Leib- u. Bettwäsche, Betten, Steppdecken, Teppiche, Portieren, Gardinen, Bilder, Uhren, Gas- und Petroleum-Kronen, Sport- und Kinderwagen wöchentlich I M. an. Rubel- nnd Waren- Krcdit-Uaus 8. 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I Billigste Bezugsquelle I gedieii.Trauerganierohe IWestmannsl Trauer-Magazin 1 Berlin W., Mohrenstr. 37a 1 NO., Gr. Frankf. Str. 116. Genaue Beachtung I | meiner Finna u. Haus- 1 n ummer geboten! S teppdecken (aoti nion imt am be(K» uns MaiAllin dttiN In der gotrtl _ B.rab.rd Btrobm.nd.u 7Ä Wallstr. 72, gwetaaeldl gonqimSidalrre»»04!». ■tu Sirnplxdcn ncrdrit eutdinrdeUeU aisuiif, freMtataiot vuit (" i: Haben Sie Stoff? Ick fertme davon Anzug od. Paletot nach Mais, schick, daucrh. Zuraten, von 20 Mark an. Moritz Lahand, Setu PionunadeS.II. I SidtöBdriij. Nerhnnli d» Mnlcr.ßliihitrn.AiijlrcliHn». Sektion der Lackierer.� Donnerstag, de» 7. Oktober, abends 81/, Uhr, im Gewerkschafts, Hause, Engclufer IS: Sektions-Versammlung mit Frauen. Tagesordnung! 2. Diskussion. 3. SeltionS« .Der junkerliche Raubzug auf die Taschen des arbeitenden Reserentin: Genossin M. Wurm. 1. Bolkes«. angeiegenheiten. Wolle ge nl Di« vom Reichstag angenommene Steuergesetzgebung trat am 1. Oktober in ihrem ganzen Umsang in Krast. Infolge diese» Ge« setze» wird sich Eure wirtschastliche Lage ganz wesentlich verteuern. Wenn eS Euch ernst mit der Umgestaltung der bestehenden Wirtschaftsordnung ist, so kommt Mann für Mann zu dieser Versammlung. Die Kollege» werde» dringend ersucht, ihre Frauen mitzubringen. vi« Sektlonsleltnng- Zentralverband der Lederarbeiter. ------- Filiale I Berlin.------ Donnerstag, den 7. Oktober, abends 8 Uhr, im Lokal deS Herrn Schmidt, Prinzenallee SS: M AlttKltSSvrvvrsttNtUKltlUtK. 3S TageS-Ordnnng: 1. Bericht de» Borstandes. 2. Bericht über die Lohnbewegung der Handschuhmacher. 3. VerbandSangelegenheiten und Verschiedene». PfinklüchcS und zahlreiches Erscheinen erwartet 144/18 Der Torstand. In allen Drogen-, Kolonialwaren- und Seifengeschäften erhältlich. Fabrik-Niederlage für Berlin und Vororte; Jota« Scbmalor» Berlin N.» Tieckstraße 11. mm* erscheint 8 mal «Bohentlioh. Bezagsqnellen- Verzeichnis. 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Lüdecke, Franz, Greifswalderstr. 31. Soeben erschien: Babeuf und die Nttschwörimg für die«Ifidjljdt mit dem durch sie veranlagten Prozeß und den Belegstücken* von Ph. Unonarroti. Uebersetzt und eingeleitet von �.naa und Wlltlolni Itlcg. ?m drosch. 2, geb. 2,50 M, Expedition des Vorwärts, Berlin SW. 68, Lindenstr. 69, Laden. VeranMSktliSer ateiaEtuuL: Lmil Onstr, fifmeöfllt». Lür den Lnserateoitil veravlSri TH.Alvlke, Verlin, Drucke. Verlag: BomärtS Buchdlucke.r.ei u. Verlagsanftalt Paul Singer& So* Berlin S.W. c. Kr. 233. 26. Jahrgang. 3. KilM des Jotiräis" Kerlim WWsll. Mitw«ch> Vkl-btt lW. IZus Inclustrie und Randd. Die Urb erProduktion in der Baumwollspinncrei. Wie ein Tele- gramm aus Frankfurt vom 6. Oktober meldet, wurde dort der internationale Spinnereikongreß eröffnet, an dem be- sonders England und die Vereinigten Staaten von Nord- amerika sehr stark beteiligt find. Im Laufe des Vormittags fanden eine Anzahl Besprechungen statt, die sich mit der gegenwärtigen Krisis im Spinnereigewerbe befaßten. Besonders von England und Amerika wurden die zur Debatte gegebenen Vorschläge, eine Einschränkung der Garnproduktion eintreten zu lassen und eine Verkürzung derArbeitszeit herbeizuführen, sehr energisch verfochten, da man hofft, dadurch die heruntergegangenen Preise der Spinnerei-Jndustrie wieder etwas zu beleben. Definitive Beschlüsse werden erst in einer morgen stattfindenden allgemeinen Versammlung gefaßt werden. In einer gemeinschaftlichen Sitzung der Baumwoll- industriellen, auf der Deutschland. Großbritannien, Frank- reich, Italien, Oesterreich, Portugal, Belgien und Holland ver- treten waren, während Rußland, Spanien und Japan fehlten, wurde dann nach längeren Beratungen eine Resolution angenommen, in welcher die Kommission des Internationalen Verbandes der Vaumwollindustriellen ihrer Freude darüber Ausdruck verleiht, daß in den amerikanischen Großbetrieben Einschränkung der Arbeitszeit und Produktion stattgefunden habe und weitere Einschränkungen bevorständen; damit würde der Krise in der Baumwollspinnerei ein Ende bereitet. Der Außenhandel der Schweiz hat im zweiten Quartal einer, beachtenswerten Aufschwung erfahren, in dem man wohl ein Symptom der wirtschaftlichen Besserung erblicken darf. Im ersten Quartal be- trug die Einfuhr der Schweiz mit 363 Millionen Franken um vier Millionen mehr als im ersten Quartal 1908, im zweiten Ouartak dagegen belief sich das Mehr auf 25 Millionen bei insgesamt 382 Millionen; die Ausfuhr im ersten Quartal mit 260 Millionen um 8 Millionen weniger, im zweiten Quartal dagegen mit 261 Millionen um 27 Millionen mehr. Demnach ist eine entschiedene Besserung eingetreten._ ßmfkaften der Expedition. Fürth. Abonnieren Sie die von Ihnen benötigte Anzahl.Vorwärts' beim dortigen Postamt, 1,10 M. pro Monat und Exemplar bei Abholung vom Postamt. Die Zusendung unter Kreuzband steU sich aus 2 M. pro Monat und Exemplar. Ftir de« Jnbalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. Zheater. Mittwoch, 6. Oktober. Ansang?>/, Uhr. Königl. Opernhaus. Tristan und Isolde. Ansang 7 Uhr. Kgl. Schauspielhaus. Die ein- gebildete Kranke. Deutsches. Faust. Kammerspiele. Der Gras von Gleichen.(Ansang Ü Uhr.) Ansotlg 8 Uhr. 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Sonnabend: Manöverregen. Sonntag nachm. 3 Uhr: Othello. taIStspioHlSIIS. AbendS 8 Uhr: Hau soll keine Briefe seWen. Urania. Wissenschaftliches Theater. Nachmittags 4 Uhr: Rom und die Campapa. Abends 8 Uhr: In den Dolomiten. Residenz-Tiieater Direktion: Richard Alexander. Abends 8 Uhr: Ctretclien. Groteske in 3 Akten von Davis und Lipschütz. Morgen und folgende Tage: Dieselbe Borstellnng. Sonntag, 10. Oktober, nachm. 3 Uhr: Kümmere Dich nm Amelie. Volks-Oper. SW.; Bellc-Alliance-Straße Nr. 7/8. Ansang VjO Uhr. Der Troubadour. Donnerstag: Ein Maskenball. I Heimtnu-Rum Abends 8 Uhr: Der Mann initiier eisernen Maske. Donnerstag: Onkel Bräsig. Freitag: Onkel Bräfig. Sonnabend: Die Herren Söhne. OH-THHUI Große Franksurter Str. 132. Ans. 8 Uhr. Ende 11 Uhr. �_1 Oie Jägermeisterin. Volksstück aus dem Dänischen in vier Akten von Charlotte EiterSgaard. Morgen: Die Jägermeistcrtn. 1 Gastspiel-Theater Köpenickcr Straße 67/68. Täglich abends 8'/« Uhr: Fnscradc Tage. Der Deserteur. 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