Nr. 246. IlbonnementS'Redlngungen: HSonnemcntä- Preis pränumerando: Licrtcljährl. SL0 m., Mona«. 1,10 Mk., wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- nummcr mit illustriertcr Sonntags- Beilage„Die Neue Welt' 10 Pfg. Post- Wonnemcnt: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeiwngs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich> Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Aumänien, Schweden und die Schweiz- 26. Jahrg. CrtdKint»glich iiilLcl mcntag». Verlinev VolKsblslk. Die TniertionS'GebQbr Beträgt für die sechsgcspallene Kolonel« zcile oder deren Raum 60 Psg., für polltische und gewerkschaftliche Vereins« und Versammlungs-Anzeigen 30 Pfg. „Kleine Hn:«ig«n", das erste(fett« gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf- stellcn-Anzcigen da? erste Wort 10 Pfg.. jedes weitere Wort 6 Pfg. Worte über 16 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis SUhr nachmittags indcr Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm-Adresse: „S»ÄallUni»ant Btrlin**, Zcntralorgan der fozSaldcinokrati feben partei Doitfcbtands. Redaktion: SM. 68. Lindenstrassc 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 19S3« Donnerstag, den 21» Oktober 1909. Expedition: SM. 68, Undenstrasec 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Die„IKreuz' Zeitung" für all' gemeines, gleiches Aahirecht. Die„Kreuz-Zeitung" würde sich heute lieber von König und Vaterland lossagen, als im Namen der Edelsten und Besten ihren Segen zum allgemeinen, gleichen Wahlrecht für Preußen zu geben. Das Dreiklassen Wahlrecht möchten die„Krcuz-Zeitungs"ritter am liebsten für ein Kräutchen-rühr-mich-nicht-an erklären. Das war aber nicht immer so. Wenn man die„Kreuz- Zeitung" vom Jahre 1866 zur Hand ninimt, so ist zwar äußerlich, von der Vergilbthcit der Blätter abgesehen, kein Unterschied gegen heute zu entdecken. Bei der Lektüre aber stößt man allerdings auf Unterschiede und zwar gerade in der Wahlrechtsfrage. Während nämlich heute die„Kreuz- Zeitung" jede Wahlrcform verhindern möchte, war die„Kreuz- Zeitung" von 1866 für eine radikale Wahlreform, d. h. für die Einführung des allgemeinen, gleichen Wahlrechts! Die„Krcuz-Zeitungs"-Partci war schon lange dem be- stehenden Dreiklassenwahlrecht nicht besonders grün, aber noch in den letzten Jahren Ferdinand Lassalles hatte sie, hatte besonders Hermann Wagencr nicht das allgemeine, gleiche, sondern das allgemeine, aber ständische Wahlrecht empfohlen. Und noch im Mai 1861 ist er dem allgemeinen Stimmrecht offenbar nicht durchaus gewogen, indem er, in der„Kreuz- Zeitung" Lassalles„Bastiat- Schulze" kritisierend, gegen den großen Volkstribunen den Vorwurf erhebt, daß er das all- gemeine Stimmrecht„in seiner rohestcn Form" fordere. Aber Wagener hat sich dann als lernfähiger Mann selber zum allgemeinen Stimmrecht„in seiner rohcsten Form" bekehrt und nicht das geringste Bedenken getragen, keine zwei Jahre nach Lassalles Tode und jener Rezension in der„Kreuz Zeitung" den neuen Standpunkt ebendort aufs schärf st e zum Ausdruck zu bringen. Und zwar keineswegs bloß in seinem Namen. Wir wissen aus Ludwig v. Gerlachs Tagebuchaufzeichnungen, daß der hauptsächlich in Betracht kommende Artikel auf W a g e n e r und auf den Minister- Präsidenten v. Bismarck zurückzuführen ist, an dessen Bundesreformantrag mit allgemeinem Stimmrecht angeknüpft wird; dahinter aber st and die konservative Partei mit Ausnahme etlicher feudaler Versteinerungen, die bei ihrem vorsündflutlichen Standpunkt blieben, während die Partei dem definitiv Abgestorbenen den Rücken kehrte und eine zeitgemäßere Haltung annahm. Das geschah, was das Wahlrecht angeht, zuerst im Leit- artikel der„Kreuz-Zeitung" vom Mittwoch, den 18. April 1866, Nr. 89 des Jahrganges. Der Artikel beginnt mit der Be- merkung, daß das allgemeine Wahlrecht nicht die voll- kommenste Form sei, um daraus eine Volksvertretung hervor- gehen zu lassen. Das konservative Blatt tritt grundsätzlich denen bei, die„eine der natürlichen Gliederung des Volkes entsprechende ständische Grundlage der Wahlen begehren". Leider aber, so fährt der Artikel fort,„wissen wir unsererseits zurzeit keine befriedigende Antwort auf die Frage, wo und welches die„Stände" sind, die man einer Wahlgebung zum Grunde legen könnte und sollte, oder woher man sonst in der Kürze eine derartige Organisation zu beschaffen gedenke". Die ständische Vertretung wird also als Ideal festgehalten, aber als nicht zu realisierendes Ideal für die politische Praxis fallen gelassen. Der„Kreuz-Zeitung" von 1866 zufolge kann„darüber kein Streit obwalten, daß nichts weiter ab von einer ständischen Vertretung liegt, als das gegenwärtige Zensus- tvahlsystcm mit Wahlmännern. Dies Wahlsystem ist nichts anderes, als die Repräsentation des Geldkapitals mit dem lügnerischen Schein, daß es eine Vertretung des ganzen Volkes wäre." Damit spielt die„Kreuz-Zeitung" auf die Tatsache an, daß das preußische Wahlrecht eine wider- l i ch e politische Heuchelei ist, indem das Stimm- recht nominell der Masse zusteht, durch das Klassen- system faktisch aber zur leer en Redensart gemacht wird. Das Dreiklassensystcm ist, so fährt die„Kreuz-Zeitung" von 1866 fort: „die Herstellung einer moderne» Sozialdemokratie, welche alles Hghcre nnd Edlere nach oben wie nach unten je länger desto mehr in den Staub des gemeinsten MatcrialiLmus herunterzieht... einem so traurigen System gegeniiber halten wir das allgemeine Wahlrecht für einen wirklichen Fortschritt." Die„Kreuz-Zeitung" verbreitet sich nun über ihre Gründe für die Meinung, daß das allgemeine Wahlrecht als ein Fort- schritt anzustreben sei. Zunächst wird darauf hingewiesen, daß „gegenüber der allgemeinen Militärpflicht das allgemeine Stinimrecht als ein schwer ab- zuweisendes Korrelat erscheint, und daß jedenfalls, um die bekannten Ausdrücke zu wieder- holen, die Blutstener ebenso schwer wiege» sollte, als die Gcwerbestener." Das Maßgebende aber ist für die „Kreuz-Zeitung" bei Beurteilung der Wahlrcchtsfrage,„daß in Ermangelung einer wirklichen ständischen Vertretung das allgemeine Stimmrecht das einzige ist, das Logik und Prinzip enthält." Zustimmend zitiert das konservative Blatt ein eng- lisches Parlamentsmitglied von streng konservativer Gesinnung, das sich dahin ausspricht, daß, nachdem einmal jede Spur des altständischen Systems beseitigt sei, es nichts anderes gebe, das irgendwelche Vernunft hätte, als das allgemeine Stimmrecht. Dieser englische Konservative und mit ihm die„Kreuz-Zeitung" erklärte es für ganz widersinnig, den Besitz einer Geldsumme als Berechtigung zum Stimmen anzu sprechen. Die„Kreuz-Zeitung" findet nun, daß diese Kritik das preußische Wahlsystem noch schärfer treffe als das englische,„weil man in England wenigstens die Täuschung vermieden hat, zunächst den„Urwähler" als Träger des allgemeinen Stimmrechts zu etablieren und sodann dieses öffentlich proklamierte Prinzip durch das Dreiklasiensystem zu einer Unwahrheit zu machen." Hier betont nun die„Kreuz-Zeitung" zum zweitenmal ihre Entrüstung über die Tatsache, daß das preußische Wahlrecht eine Verhöhnung der Bürger dritter Klasse ist, indem es ihnen mit der einen Hand ein Stimmrecht gibt, um es mit der anderen wieder lvegzucskamotieren. Die„Kreuz-Zeitnng" von 1866 verfügt aber über noch mehr Gründe, die„dem allgemeinen Wahlrecht vor dem Zensus Wahlsystem mit Wahlmännern den Vorzug geben dürften". Wenn nun einmal eine Volksvertretung nicht entbehrt werden kann,„so kann eine solche unmöglich aus so ausgesprochenen Minoritätswahlen hervorgehen, wie sie das Zensussystem bisher geliefert hat. Es niuß vielnichr ein Mittel gefunden werden, das Wahlrecht der Masse der Bevölkerung wertvoll und, soweit möglich, auch zu einer Wahl- Pflicht zu machen und einen Wahlmodus zu etablieren, welcher Minoritätswahlen von 11 Proz. der Bevölkerung für die Folge unmöglich macht." Dies Argument für Wahlreform gilt heute mehr als je. Damals lag die Sache wenigstens so, daß der Partei, die über die Mehrzahl der Mandate verftigtc, auch die Mehrzahl der abgegebenen Stimmen zugefallen war. Heute aber hat die Partei mit den m e i st e n Nnvählersümmen die wenig st enMandate, während die konservativen Parteien niit nicht einmal 11 Proz. der Be- völkerung fast die Hälfte aller Sitze innehaben l Und so gilt heute mehr als je der Grundsatz der„Kreuz-Zeitung" von 1866, daß der preußische Landtag aus einer Vertretung der oberen Zehntausend zu einer Volksvertretung bloß dadurch gemacht werden kann, daß das Dreiklassensystem durch daö allgemeine, gleiche Stimmrecht ersetzt wird! Schließlich kommt dann in der„Kreuz-Zeitung" auch der Grund zutage, der für die Bekehrung der Konservativen zum allgemeinen Stimmrecht sicherlich nicht am leichtesten gewogen hat. Der Artikel spricht es nach den Erfahrungen der Geschichte als kaum zweifelhaft an, daß das allgemeine Stimmrecht wesentlich konservativer und monarchischer sei als das privilegierte Wahlrecht einer bevorzugten Minderheit. So spricht sich ja auch die offizielle Begründung des preußischen Vundesreformantrages von 1866 aus. Das Dreiklassensystcni hatte eben bei den letzten Wahlen immer wieder liberale Mehrheiten ergeben. Und dieser Umstand hat natürlich nicht wenig dazu beigetragen, daß die Konservativen sich über die Vorzüge des allgemeinen Wahlrechts klar wurden. Wenn aber ihre Gegner schaft zur liberalen Bourgeoisie fiir ihre Stellungnahme in der Wahlrechtsfrage bedeutungsvoll war, so nimmt das doch den sachlichen Argumenten der„Kreuz-Zeitung" von 1866 nichts von ihrer Kraft. Jedenfalls dürfen wir ver sichert sein, daß wir im Sinne auch der besten konservativen Traditionen handeln, indem wir alle Hebel in Bewegung setzen, um die Ersetzung des Dreiklassenivahlrechts durch das allgemeine Stimmrecht herbeizuführen. Die Konservativen von 1866 trugen sich mit dem Ge- danken, kurzen Prozeß mit dem Dreiklassenwahlsystem zu machen. Sie hielten es gar nicht für nötig, daß der Landtag in dieser Frage beschließe, sondern waren der Meinung, daß das allgemeine Wahlrecht auf dem Berordnungswege ein- geführt oder vielmehr wiederhergestellt werden könne. Als Lassalle die Oktroyierung des allgemeinen Stimmrechts durch Bismarck in nahe Aussicht stellte, war nicht so sehr der Wunsch Vater des Gedankens, wie vielfach angenommen worden ist, sondern Lassalle war offenbar darüber orientiert, daß der- artige Absichten in den maßgebenden konservativen Kreisen gehegt wurden. Die Tagebücher des bekannten„Kreuz-Zeitungs"- Rundschauers Ernst Ludwig v. Gerlach lassen hierüber gar keinen Zweifel. Gerlach war mit der Wandlung der konser- vativcn Partei unter Bismarck, Blankenburg, Wagener nicht recht einverstanden, sondern hielt durchaus an dem feudalen Ideal einer ständischen Vertretung fest. Und so notiert er auch mit ausgesprochenem Mißvergnügen die Wahlrechtsoktroyierungspläne der Konservativen in der Kon- fliktszeit. Ueber eine Unterredung mit Bismarck, die am 4. März 1863 stattfand, teilt Gcrlach mit, daß der Minister- Präsident in letzter Instanz Beseitigung des Wahl- g e s e tz e s Projektierte. Ani 16. März 1863 sieht Gerlach Moritz von Blankenburg bei sich und schreibt als Quintessenz des Gespräches nieder:„Alles dringt auf Taten, sonst werde es immer ärger— so Bernd, Moritz, Senfft-Sandow— und versteht unter Taten: Oktroyierung von Preß- und Wahl- gesetzcn." Unterm 28. März 1864 konstatiert Gerlach wieder, daß Bismarck für die innere Politik wesentlich an Oktroyierungen dachte und die Hoffnung aussprach, diese Kaminer nie wieder- zusehen. In einem Brief vom 23. Februar 1866 an Frau v. Bismarck riet Gerlach dringend von Oktroyierungsabsichten ab, und so sagt er auch wieder am 22. März 1866 in einem Brief, der an Frau v. Bismarck adressiert, aber für ihren Gemahl be- absichtigt ist:„Setzen Sie keine Oktroyierungsgcdanken in Kurs", wozu dann Bismarck zwei Fragezeichen macht. Kein Zivetfel, Bismarck und seine konservativen Parteigänger haben sich damals mit der Absicht getragen, das Dreiklasscnwahlrccht auf dem Berordnungswege zu beseitigen, das allgemeine, gleiche Wahl- recht z« oktroyieren! Heute möchten die Konservativen das Dreiklassenunrecht am liebsten für ein unantastbares Allerheiligstes erklären, haben sie doch schon im Landtag davon gesprochen, daß der Minister wegen Hochverrats angeklagt werden müßte, der die Ersetzung des Dreiklassenwahlrechts durchs all- gemeine, gleiche Stimmrecht vorschlagen wollte. Der verflossene„Kreuz-Zeitungs"-Redakteur v. Hammerstein hat es seinerzeit zynisch ausgesprochen, tvarum sie jetzt am Drei- klassensystem so hängen:„Bei den Abgeordnetenhaus- wählen", sagte Herr v. Hammerstein, um das Festhalten am preußischen Wahlrecht zu begründen,„machen wir bessere Geschäfte, also wollen wir es nicht ändern." Wie Chamisso den Monarchismus des Junkertunis treffend erläutert hat: Der König absolut, wenn er unseren Willen tut, so finden sie auch das Wahlrecht gut, das ihren Willen tut! Daß dem so ist, darüber läßt der frühere konservative Eifer fürs allgemeine, gleiche Wahlrecht nicht den ge- ringsten Zweifel: sie w i s's e n. was recht und vernünftig ist, aber sie halten am blutigen Unrecht und der baren Unvernunft fest» weil sie heute im Dreiklassen- Unrecht den Ast erblicken, auf dem sie sitzen. Wenn aber auch die„Kreuz-Zeitung" heute sich selbst und anderen weis- machen möchte, daß das Dreiklassensystem der Weisheit letzter Schlitß sei, so bleibt deshalb doch wahr, was die„Kreuz- Zeitung" in besseren Tagen schrieb, als sie das bestehende preußische Wahlrecht für ein trauriges System erklärte, das alles Höhere und Edlere je länger desto mehr in den Staub des gemeinsten Materialismus herunterziehe und die wahren und reale» Interessen des Volkes nicht zur Geltung kommen lasse_ Zum NaWamps. Ein vernichtendes Urteil Über den Liberalismus. Im Hinblick auf die bevorstehenden LandtagSwahlen in Berlin dürfte es angebracht sein, an eine fast vergessene Schrift zu erinnern, die aus der Feder eines Mitgliedes der Freisinnigen Vollspartci ein Urteil über die Haltung der Liberalen im preußischen Ab« geordnetenhanse bringt, wie man eS sich vernichtender kaum dcnlc» kann. Vor den LandtagSwahlen deS Jahres 1893 veröffentlichte der danialige Privatdozent Dr. I a st r 0 w, heute Rektor der Handelshochschule und Charlottenburger Stadtrat, eine bcmcrkenS- werte, von der freisinnigen Presse aus leicht ersichtlichen Gründen totgeschwiegene Arbeit.Sozialliberal", worin er die Rückständigkeit des Freisinns auf allen Gebieten schildert nnd zu dem Ergebnis kommt, daß der Liberalismus in den letzten Jahren nirgends noch etwas geleistet hat, um die neu auftauchenden Ideen in sich aufzunehmen. Das ist nicht etwa eine bloße Redensart, Jastrow bringt vielnichr an einer großen Reihe von Beispielen den schlüssigen Beweis für seine Be» hauptung. Greifen wir, um nur einiges davon anzuführen, daS Gebiet des Volksschulwesens heraus, das den Liberalen angeblich be- sonders am Herzen liegt, so hat der Liberalismus, um mit I a st r 0 w zu reden, bei der Bekämpfung des gedlitzschen Volks« schulgesctzentwurfS unseligen Angedenkens nur dadurch einen Erfolg errungen, daß er eine seiner wesentlichsten Forderungen, die UnterrichtSsieiheit. opferte und(gelinde ausgedrückt) gestattete, daß man es für liberal ausgab, eine Unterrichtsfreiheit. welche auch den Katholiken zu statten käme, zu bekämpfen. Ja, noch mehr! Um von den Bundesgenossen in diesem Kampfe nicht allzusehr abzustechen, hat der Liberalismus auch bei dieser Gelegenheit den Versuch, unser Volsschulwesen rein konfessionell zu gestalten, nur mit dem Argument bekämpft, daß man dem Kon- fessionaliSmuS keinen größeren Spielraum als bisher gewähren möge. Wenn auch bei den Reden im Abgcordnetenhause mit einigen Sätzen der prinzipielle Standpunkt, Trennung von Kirche und Schule, gewahrt worden sei, so sei die Haltung des Liberalismus im ganzen doch so gewesen, daß das Volk den Eindruck bekommen mußte, liberal sei der, welcher den KonfessionaliSmuS in dem Maße, wie er heute besteht, erhalten wolle. Absolut nichts sei ge- schehen, um bei dieser Gelegenheit daS Bolk für den Gedanken einer freien, von jeglicher Eng- Herzigkeit loSg est ästen Schule zu erwärmen, nichts, um dem Volke zu zeigen, was andere Länder, was die Schweiz, was Frankreich, was Nordamerika in dieser Beziehung leistet. Die ganze Mißachtung des Liberalismus kommt in der Be- merkung Jastrows zum Ausdruck, der Liberalismus habe den Um- stand, daß er einmal einen Erfolg zu verzeichnen hatte, sofort dazu benutzt, um sich einen S 0 n n t a gsrausch zutrinken unddarauf blauenMontag zu machen. Das war anfangs der 90er Jahre. Und heute? Einen Sonntagsrausch trinkt sich der Liberalismus auch heute noch, allerdings nicht nach einem Erfolge, sondern nach jedem Mißerfolge, deren er ungezählte zu verzeichnen hat. WaS speziell die Volksschulgesetzgebung betrifft, so denken die heutigen Liberalen, gleichviel welcher Schattierung, gar nicht mehr daran, die konscrvativ-klerikalen Einflüsse fernzuhalten, im Gegenteil, s i e drängen sich förmlich dazu, mitzuarbeiten, um Me Schule der Kirche auszuliefern. Häven doch bei der Beratung des Vollsschul unterhaltungSgesetzes die Liberalen so freudig an der Verpfaffung der Volksschule mit- gearbeitet, daß das Zentrum sich schmunzelnd die Hände rieb I Ohne einen Finger krumm zu machen, hatten die Geschorenen dank der Bemühungen des Liberalismus erreicht, lvas sie kaum zu träumen wagten I Auch darin müssen wir I a st r o lv beipflichten, daß man dort, wo der Liberalismus selb st Schulen zu vertv alten hat, auch nicht mehr das Vorwärts st reben wie ehemals sieht. Nur weil die EntWickelung des preußischen Schulwesens im ganzen ins Stagnieren geraten sei und weil die städtischen liberalen Schulverwaltungen in diesem stagnierenden Schulwesen noch die besten seien, bemerke man es nicht so leicht, daß auch hier nicht mehr der alte, frische, jedem neuen zugängliche Sinn herrsche, sondern nur noch allenfalls eine wohlwollende Fortbewegung in der einmal eingeschlagenen Linie. Aehnlich ist eS nach I a st r o w auf dem Gebiete der A r ni e n- Pflege.„Die großstädtischen Armenverwaltungen, welche zum größten Teil in liberalen Händen liegen, sind geschickter und besser geleitet, als die kleinstädtischen oder gar die dörflichen. Und dieser Umstand wird dem Fortschritte der liberalen Ideen verhängnisvoll. Man sonnt sich in den Höhen dieser Ueberlegenheit und merkt nicht, daß auch die relative Höhe noch ein recht tiefes Niveau darstellt. Eine derartig schreiende Ungerechtigkeit wie die Regelung des Rechtsweges, der auf dem Gebiete der Armenpflege für die Interessen der Besitzenden geöffnet, für die Armen selbst aber ver- schlössen bleibt, ist vom Liberalismus nicht gegeißelt worden." Dem Einwände, daß die Freisinnigen nur wenig Mandate haben und daher nicht viel tun können, bricht Jastrow von vorn- herein'die Spitze durch den Hinweis darauf ab, daß das Volk früher, als auch wenige, aber auserlesene Männer, den Liberalismus im Parlament vertraten, ihre Reden so bedeutend waren, daß sie von Hunderttauscnden gelesen wurden, während das heute(d. h. zur Zeit, wo er sein Buch schrieb), nicht mehr zutrifft, und zwar ist der Liberalismus Mitschuld daran, daß an den Ver» Handlungen des preußischen Abgeordnetenhauses niemand mehr ein Interesse nimmt, daß man sie in bürgerlichen Kreisen überhaupt nicht mehr liest.„Das preußische Abgeordnetenhaus ist, was Jnteresie der Bevölkerung betrifft, unter die Stufe der kleinstaatlichen Landtage herabgesunken. In ganz Europa gibt es kein Parlament, dessen Verhandlungen das Volk mit einem solchen Mangel an Interesse gegenübersteht wie dem preußischen Abgeordnetenhause." Wir begnügen uns mit diesen Proben. Das Bemühen JastrowS, feine Parteifreunde zu sozialer Tätigkeit anzufeuern, ist vergeblich gelvesen, seine Ermahnungen sind auf unfruchtbaren Boden gefallen. Die Tätigkeit deS Liberalismus, auch des„ent- schiedenen" Liberalismus wurde immer unsozialer, seine Vertreter immer unbedeutender, bis er glücklich auf die K o p s ch, Wiemer, Fischbeck gekommen ist. Dazu kam die unheilvolle Blockpolitik, die den Liberalismus dem Bankrott entgegen- geführt hat. Wenn heute das Interesse des Volkes an den Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses allmählich wieder zu erwachen beginnt, so ist das einzig und allein den Sozialdemokraten zu danken, deren Vertreter das nachgeholt haben, was der Liberalismus ver- absäumt hat, und die man aus dem Tempel hinausgejagt hat. weil man feine Ruhe nicht gestört sehen wollte. Wer es ernst meint mit dem kulturellen und sozialen Fortschritt in Preußen, wer dem Parlamentarismus wieder zu Ansehen verhelfen will, dem ist die Gelegenheit dazu am 20. Oktober geboten. Jede sozial- demokratische Stimme bedeutet einen Protest gegen den Liberalismus, der schon vor sech- zehn Jahren von einem seiner geistreichsten An- Hänger in Grund und Boden kritisiert und der seitdem noch weiter von Stufe zu Stufe ge- funken ist. Freisinniger Flngblattschwindel. Wir besprachen gestern einige Punkte des freisinnigen Flugblattes, das im 6. Landtagswahlbezirk verbreitet worden ist. Wir fahren hiernnt in der Aufdeckung des freisinnigen Schwindels, der ja in allen freisinnigen Flugblättern wieder- kehrt, fort. Da heißt es: Trotzdem die Freisinnige Volkspartei gegen alle neuen Steuern gestimmt habe, richte die Sozialdemokratte die heftigsten Angriffe auch gegen die Steuerpolitik des Freisinns. Mit vollem Recht! Denn wenn nicht die Konservativen dem Freisinn einen Fußtritt versetzt und mit dem Zentrum zusammen die neuen Steuern gemacht hätten, hätte der Freisinn die„Finanzreform" mit den Konservativen gemeinsam gemacht! Der Freisinn war ja fest entschlossen, ein ganzes Bündel indirekter Steuern zu bewilligen, wenn nur durch Annahme der E r b s ch-a f t s st e u e r der Stenerauspliindernug der Massen ein fadenscheiniges Mäntelchen um- gehängt worden wäre! Erklärte doch die„Bosfische Zeitung" seinerzeit aus- drücklich: „Denn der Druck der direkten Steuern für den Staat. die Gemeinde, den Kreis, die Kirche, ist heute schon empfindlich, vielfach bei hohen Gemeindezuschlägen dermaßen, daß... eine ausschließliche Deckung des Fehlbelrages durch Einkommen- oder Vermögenssteuern völlig undurchführbar sein muß---- Der Standpunkt derjenigen Politiker, die lediglich die indirekten Steuern erhohen und vermehren wollen, ist un- haltbar.... Aber daß 600 Millionen jährlich mehr als bisher aufgebracht würden ausschließlich durch direkte Steueni, sei es vom Einkommen, sei es vom Vermögen, ist eine ebenso verkehrte und unannehmbare Forderung. Eine solche Forderung ist auch von der bürgerlichen Linke» niemals auf- gestellt nnd vertreten worden." Die„Voss. Ztg." bestätigt uns also, daß auch der Freisinn bereit war. das Volk mit n, ehrereu hundert Millionen indirekter Steuern zu belasten! Und da wagt das Flugblatt von„sozialdemokratischen Entstellungen und Un- Wahrheiten" zu schreiben I Im übrigen ist aber der Freisinn sogar direkt ver- antwortlich für die Steuern, wie sie der schwarz- blaue Block beschlossen hat I Denn Konservative und Zentrum hätten keine Mehrheit zu bilden vermocht, wen» der Freisinn nicht bei der Reichstagswahl 1907 der Reaktiv« durch Stichwahlhilfe 32 Mandate zugeschanzt hätte! • Freisinniger Schwindel Plumpester Art ist es ferner, wenn das Flugblatt behauptet, die Freisinnige Volks- Partei habe„seit Jahrzehnten vergeblich auf Sparsamkeit gedrungen". Hat nicht der Freisinn gerade in den letzten Jahren, als sich die Schuldenlast bergehoch antürmte, das Defizit immer größer und die Puuipwirtschast immer skandalöser wurde, für alle Heeres-, Marine- und Kolonialfordernngen gestimmt?! Ist uicht der Freisinn gerade deshalb in den Block aufgenommen worden, weil er noch bcwillignngsfrcudiger war als selbst das Zentrum? Die Zeiten, wo die Freisinnige Volkspartei das uferlose Flotten rüsten, das uns jetzt allein jährlich fast eine halbe Milliarde kostet, bekämpfte, sind längst dahin. Unter Führung des famosen Herrn Eickhoff wurde der Freisinn flottcnfromm, bewilligte er alle Marineforderungen! Und als sich 1906 das Zentrum erlaubte, an eine Forderung für Südwestafrika ein paar armselige Millionen abzustreichen, sprang der Freisinn in die Lücke'. Und dieser Freisinn wagt dann von Sparsamkeit zu reden I » Weiter bezeichnet es das Flugblatt als„dreisten Schwindel", wenn man dem Freisinn vorwerfe, daß er nicht den ernsten Willen gezeigt habe, das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht für Preußen zu erringen. Habe doch der Freisinn Anträge gestellt, einen Wahl- rechtsausschuß eingesetzt und eine„umfassende und planniäßige Agitation" im Lande entfaltet. Dem stellen wir folgende Tatsachen gegenüber: Als der Freisinn in den 60er Jahren die Mehrheit im preußischen Abgeordnetenhause besaß, fiel es ihm gar nicht ein, für ein allgemeines und gleiches Wahlrecht einzutreten l Gerade diese volksfeindliche Haltung des Freisinns veranlaßte ja Lassalle zur Gründung einer selbständigen Arbeiterpartei I Als im Jahre 1873 der Antrag W i n d t h o r st die Eiuführnng deö Reichstagswahlrechts für Preußen verlangte. stimmten für eine Vertagung dieses Antrages auf 6 Monate, d. h. für die Vertagung ans den St. Nimmerleinstag, auch die freisinnigen Abgeordneten Rickert, Parisius und— Eugen Richter! Als im Anfang des Jahres 1908 der Freisinn seinen Wahlrechtsantrag einbrachte, erklärte Fürst Bülow höhnisch, daß die Negierung gar uicht daran denke, das Reichtagswahl- recht auf Preußen zu übertragen. Die konservativen Redner erklärten sich sogar mit aller Schärfe gegen die geringste Acnderung der Dreiklassen-Schmach. Der Freisinn erhielt, um mit einem freisinnigen Blatte zu sprechen, „klatschende Ohrfeigen". Und was tat er? Als ein paar Monate später die Neuwahlen fürs Abgeordnetenhaus statt- fanden, unterstützte der Freisinn die grimmigste» Gegner des Wahlrechts, die Konservattven! Und da soll die Sozialdemokratie nicht das Recht haben, die Ehrlichkeit der freisinnigen Liebesbeteuerungen für ein demokratisches Wahlrecht anzuzweifeln?! ftir LharMeiMik der„anständigen" Prefle. Am 4. Oktober d. I. publizierte die Stuttgarter„Deutsche Reichspost", das„Zentralorgan der Konservativen Süddeutschlands" folgendes„Eingesandt": Sozialdemokratische Duldsamkeit. Religion ist Privatsalbe, heißt es gewöhnlich im Sozia- listenlager; wie duldsam aber die„Genossen" in dieser „Privatsache" sind, zeigt uns der nachstehende Vorfall.— An einem Abend der letzten Wochen trat ich in das Krankcnstübchen einer armen, schwer leidenden Witwe hiesiger Stadt. Da ihre Tochter den Tag über genötigt ist, den Unterhalt für sich und die kranke Mutter zu verdienen, so wäre die Kranke den Tag über dem Elend preisgegeben, wenn sich nicht die christliche Liebe ihrer angenommen hätte. Eine treubesorgte Diakonissin kehrt täglich bei ihr ein und auch der Herr Pfarrer macht Krankenbesuche, um Trost zu spenden. Das ist aber dem sozialdemokratischen Hausbesitzer zu- wider. Er kündigte der kranken Frau sofort die Wohnung mit der Begründung, er dulde keine Diakonissin und keine Pfarrer in feinem Hause. Wo bleibt hier das menschliche Gefühl und die Freiheit? Möchten doch manchem die Augen darüber aufgehen, welcher Geist die Sozialdemokratie beherrscht. Diese Notiz ging in die meisten der größeren konservativen, zentrumsparteilichen und liberalen(auch freifinnigen) Blätter über, die daran allerlei liebenswürdige Bemerkungen über die Intoleranz und Geineinheit der sozialdemokratischen Partei knüpften. Daraufhin richtete unser Stnttgarter Parteiblatt, die „Schwäbische Tagwacht" die ebenso höfliche wie bestimmte Anfrage an die allerchristlichste„Deutsche Reichspost", wer denn eigentlich der„sozialdemokratische Hausbesitzer" fei. Die „Deutsche Reichspost" schwieg sich auS. Am 9. Oktober wiederholte unser Bruderorgan die Anfrage in schärferer Form und bemerkte dazu: „Daß sie(die„Deutsche Reichspost' ein solch rotes SSeusal vor der Verachtung aller Frommen schützen will und deshalb seinen Namen verschweigt, ist nicht gut anzunehmen. Man könnte viel- mehr aus die Vermutung kommen, daß das allerchristlichste Blatt wieder eininal eine bübische Ver- leumdung in die Welt gesetzt hat." Das fromme Blatt rührte und regte sich nicht. Am 13. Oktober fragte die„Schwäb. Tagwacht" zum dritten Male an. Nun fand endlich die„Deutsche Reichspost" die Sprache wieder. Sie weigerte sich, Namen und Wohnung deö„sozialdemokratischen Hausbesitzers" zu nennen. Statt dessen faselte er allerlei Zeugs über das „Redaktionsgeheimnis", das verbiete, den Namen des roten Scheusals bekannt zu geben, klagte über die„Rachsucht" der Genossen und drohte zum Schluß mit einer Beleidigungsklage! Wenn aber das christliche Organ gehofft hatte, dadurch der un- bequemen Pflicht, seine Behauptungen beweisen zu müssen, entgehen zu können, so hatte es sich getäuscht. Die„Tagwacht" antwortete damit, daß sie den Einsender der Notiz einen Ehrabschneider und Verleumder nannte. Das zog endlich. Statt aber nun öffentlich den Beweis für die Behauptungen zu erbringen, sandte die Redaktion des konservativen Organs der Redaktion der„Tag- wacht" ein Brieflein, in dem die Namen der Personen, auch deS an- geblich„sozialdemokratischen Hausbesitzers" wie des Kronzeugen nnd Verfassers des„Eingesandt" genannt wurden. Der Kronzeuge und Verfasser ein evangelischer„Gemeinschaftsmann" (eine extrafromme Vereinigung, in Württemberg.Stundengänger" genannt), der Einsender ein Pfarrer a. D. und Redakteur eines evangelischen SonntagSblättleinS. Zugleich brachte das chrichstliche Blatt einen langen Artikel über die Angelegenheit, jammerte über die. schweren Beleidigungen" der„Tagwacht" und drohte nochmals mit demKadi, war aber vorsichtig genug, sich nunmehr auf diereinpreßgesetzliche Verantwortung zurückzuziehen! Zum Schluß des langen Artikels verübte das Blatt dann noch folgendes Schelmen- stückchen: „Oblvohl die tatsächlichen Vorgänge durch einen hiesigen Geistlichen nnd einen angesehenen Mann ans der chrift- lichen Liebestätigkeit genau im Sinne des„Eingesandt" festgestellt sind, haben wir uns doch noch persönliche Kenntnis der Dinge verschafft. Alle Angaben stimmen. Eine schwer kranke Frau, deren Mann seit langem blind ist, muß heute ausziehen. Christliche Barmherzigkeit hat sich der Aermsten angenommen, nnd ihr eine neue Wohnung verschafft. Die kranke Frau selbst, aber auch ihre Abvermieteriii hat uns— vor � Zeugen — erklärt, daß der Hausbesitzer gesagt hat,„die Frau müsse raus, er wolle niemand im Hause haben, bei dem Schwestern und Pfarrer aus- und einlaufen, auch passe die Frau mit ihrer Armur nicht in das Haus, in dem nur bessere Leute wohnen." „Alle Angaben stimmen," sagt die Redaltion. Aber auch die, daß der Hausbesitzer ein Sozialdemokrat ist. So meint der harmlose Leser. Diese Meinung zu erwecken, ist offenbar der Zweck der Leistung des evangelischen Jesuiten. Sieht man aber genauer zu, so findet man, daß das christliche Blatt sich nunmehr nicht nur auf die preßgesetzliche Verantwortung, sondern auch auf die „tatsächlichen Vorgänge" rückwärts konzentrieren möchte. Die Nachforschungen unseres Bruderblattes hatten nämlich vor Ein- lauf des„Privatbriefes" der Redaktion des allerchristlichsten Organs bereits ergeben, daß die Behauptung, ein„sozialdemo- kratischer Hausbesitzer" habe so gehandelt, total unwahr ist. Der betreffende Hausbesitzer ist kein Sozialdemokrat, anch niemals Parteimitglied gewesen! Mit welcher Frivolität der Verfasser des Eingesandts seine schwere Beschuldigung gegen die Sozialdemokratie in die Welt gesetzt hat. geht wohl am besten aus dem Schlußsatz des Schreibens hervor, das dieser„Diener des Herrn" auf eine Anfrage an die Redaktion der„R e i ch s p o st" richtete. Es heißt dort: „Der Einsender, ein geachteter Gemeinschaftsmann, steht für die Wahrheit, d. h. dafür ein, daß die Frau das Berichtete so erzählt hat und ausdrücklich bemerkt hat, der Mann sei Sozial- demokrat. Bei dieser letzten Aussage ist freilich an sich ein Irrtum der Frau nicht ganz ausge- schlössen; aber der Einsender zweifelt nicht daran." Ein Redakteur der„Schwöb. Tagwacht" wandte sich darauf an die betreffende Frau mit der ernsten Frage, ob sie behauptet habe, der Hausbesitzer sei„Sozialdemokrat". DaS Mütterlein antwortete:„Nein". Sie habe nur gesagt, der Hausbesitzer sei ein, unchristlicher Mann". Dabei blieb sie. auch als ih r g e s a g t wur d e, d a ß si e ihre Aussage even- tuell vor Gericht beeiden müsse. Und noch eins. Der Hausbesitzer, der die alte Fraus vor die Türe setzte ist nicht Sozialdemokrat; wohl aber ist der Mann, der sie nach ihrer Aussetzung bei sich aufnahm, ein alter Parteigenosse. Der oben geschilderte Fall ist typisch für die Art, wie die Ver- leumdungSnotizen der„anständigen", gutgesinnten Presse zu- stände kommen. Natürlich fällt es keinem dieser Blätter ein, nach- dem sich die Unwahrheit ihrer Notizen herausgestellt hat, sie zu be- richtigen. Soweit reicht die Anständigkeit nicht. Sie fahren viel- mehr ungeniert fort, weitere VerleumdungSnotizen nachzudrucken oder auch selbst zu fabrizieren. Wie sagt doch Zola im„Bauch von Paris"? „Welche Lumpen sind doch diese anständigen Leute I" für den Pastor Kreithaupt vom Prügelstikt tiiiekzyn treten seine„Brüder in Christo" mit erneutem Eifer als Ver- teidiger auf— und zwar just in dem Augenblick, wo die Nach- richt kommt, daß die Staatsanwaltschaft zu Gnesen ihre Unter- suchung der Mielczyner Vorkommniffe abgeschlossen hat und die gegen die Anstalt erhobenen Vorwürfe als im wesentlichen erwiesen ansieht. Das„Reich" bringt diese Nachricht in einer abschwächenden Verklausulierung nnd fügt hinzu, Hauptschuldiger scheine nicht der leitende Pastor Breithaupt zu sein, sondern sein Inspektor Engels, den man inzwischen entlassen habe. Offenbar ist es die Tatsache der Entlassung, aus der das pastorentreue Blatt den Schluß ziehen zu sollen glaubt, der Hauptschuldige sei Eugels. Man sieht, wie sehr d i e Tatsache, daß nicht auch der Pastor Breithaupt längst seines Postens enthoben wurde, nach außen hin den Eindruck machen muß, daß er minder schuldig oder überhaupt unschuldig sei. Der Herr Pastor hat diese ihm günstige Wirkung dem Berliner Stadtfreisinn zu danken, der die Affäre Mielczyn anfangs zu vertuschen gesucht hat und sie jetzt der Versumpfung entgegenführen will. Breit- Haupts Schifflein wurde, als es dem Sinken nahe schien, bereits von den Ratten verlassen, jetzt aber kehren fie auf das Fahrzeug zurück, da sie es gerettet glauben. DaS„Reich" wähnt schon den Zeitpunkt gekommen. wo lauter als je dem Erzieh ungs wefen der Kirche. als dessen Vertreter der Herr Pastor Breithaupt so eifrig mit Gottes- ivort und Peitsche seine BesserungSversuche betrieben hat, ein Lob- lied gesungen werden dürfe. Ein Artikel, der mit Mm unterzeichnet ist— Herr Mumm ist's ja ivohl, der im„Reich" sich dieser Chiffre zu bedienen pflegte— hält dem Pastor Breithaupt ein„Versagen der Nerven" zugute, daS den„Preßpiraten" genügt habe, ihn„zum gehetzten Wild zu machen". In demselben Atemzuge werden dann Männer der Erziehung wie Pestalozzi. Wichern und andere genannt und im Anschluß daran wird stolz erklärt: ,W i r l a s s e n uns das Werk ihrer Nachfolger nicht verunglimpfen." Nein, das hat selbst ein Wichern nicht verdient, daß man ihn in eine Linie mit einem Breithaupt rückte. Wir erwarten, daß diese„ver- folgte Unschuld" durch die Gerichtsverhandlung, zu der es kommen muß, aller Welt in ihrem wahren Lickit gezeigt werden wird, wenn alle Zeugen geladen werden. Eine Reihe Zeugen, die brutalste Behandlungen zu bekunden vermögen, ist noch nicht ver- nommen worden. Es wird sich dann ergeben, wie sehr für die „Erziehungsmethode", die in Mielczyn angewandt wurde, gerade der Pastor Breithaupt verantwortlich ist, der sie nicht nur angeordnet und geduldet, sondern auch selber ausgeübt hat. Die Waisen- Verwaltung von Berlin wird cS hoffentlich ebenso wie die Rc- gierung als ihre Pflicht angesehen haben, die ihr bekannt ge- wordenen Tatsachen der Staatsanwaltschaft zu Gnesen zu über- Mitteln, damit volle Klarstellung herbeigeführt werden kann. Aber nicht der Ausfall des Strafverfahrens ist das Entscheidende. Die Hauptschuld an den in Mielczyn gegen der Fürsorge über- wiesen« Kinder verübten Greueln trägt das dort betätigte System. Und an diesem trägt leider neben dem„Evangelischen Verein für Waisenpflege in der Altmark" die freisinnige Sladtverwaltmig ein voll gerüttelt Matz der Schuld. Die Schuld der Stadt wird erheb- lich vergrößert, wenn sie aufs neue demselben Verein die Fürsorge- linder anvertraut, unter dessen Oberaufsicht die zum Himmel schreienden Roheiten gegen Fürsorgekindcr sich ereignet haben. Charakteristisch tst es für die liberale Presse Berlins, daß sie, soweit wir sehen, Einspruch gegen dies Vorhaben nicht eingelegt hat. In den» Bestehen- lassen deS Vertrages zwischen der Stadt Berlin und dem Verein liegt eine indirekte Billigung des noch vor wenigen Monaten all- genrein verurteilten Systems. Von dieser heben sich einige Sätze des Mummschen Artikels noch vorteilhait ab. So da» zutreffende Zitat von Johann Heinrich Wichern:„Grundlage der Anstaltsarbeit ist nach Wichern die Vergebung alles dessen, was vor der Aufnahme liegt. Die Anstalten sind nicht Strasanstalte», sondern sollen die Familie ersetzen." In der Mielczhnschen Anstakt ist, ganz von den besonders brntatalen Roheiten abgesehen, die sie auszeichnet, keinerlei Ein richt nng getroffen, die geeignet wäre, die geistigen oder sittlichen Fähigkeiten der Fiirsorgekinder zu enttvickeln und zur Reife zu bringen. Sie ist keine ErziehmigSanftalt, sonRrn schlimmer als eine Strafanstalt, schlimmer als ein KorrektionShauS und ein Zuchthaus. Und für reichlichste Bezahlung des evangelischen Vereins aus städtischen Mitteln, der diese Anstalt ins Leben gerufen hat, trete» die Berliner Liberalen ein! polttilcbe Qeberlicbt Verlin, den 20. Oktober 1909. Der Landtagswahlkampf in Baden. Sogar der Führer des badischen Zentrums, der Geistl. Rat Wacker, prophezeit in einem Artikel im katholischen ..Volksboten" eine erheblicheZunahme der sozial- demokratischen Stimmen. Er dürste recht haben. Hat in die gesamte Wahlbewegung doch die Erledigung der Reichsfinanzreform durch das Zentrum stark hineingespielt. Dazu kommt die ständig steigende Arbeitslosigkeit in den Tabakdörfern ches badischen Unterlandes, die natürlich bei den Betroffenen keine patriotischen Gefühle auslöst. Bei der letzten Wahl von 1903 erhielt die S o z i a l d e m o k r a- tische Partei Badens 50 431 oder 17 Proz. der abgegebenen Stimmen, das Zentrum 125 453— 42 Proz., die vereinigten Nationalliberalen, Freisinnigen und Demo- kraten(Blockpartei) 105 429— 85 Proz., Konservative und Bllndler 11 146— 2,8 Proz. Die 73 Mandate der zweiten Kammer verteilten sich in der abgelaufenen Legislaturperiode wie folgt: 28 Zentrumsleute, 23 Stationalliberale, �Sozialdemokraten, 5 Demokraten, 3 Konservative, t Freisinniger und 1 Bllndler. Das Zentrum holt zum entscheidenden Schlage gegen die Nationalliberalen bczw. den Block aus und sucht mit den Konservativen und Bündlern die Mehrheit zu bekommen. Deswegen unterstützt es in 14 Wahlkreisen, in welchen es aus eigener Kraft nichts erreichen kann, gleich im ersten Wahlgang die konservativen Elemente. Damit wird, so begründet Wacker seine Taktik, der Block ge- schwächt und, wenn auch nur indirekt, das Zentrum gestärkt. Man strebt eine konservativ-klerikale Mehrheit an, damit künftig nicht mehr die Sozialdemokratie das Zünglein an der Wage zwischen dem Zentrum und dem Block bilden kann. Das Zentrum hat es auf die Schule abgesehen— in Baden besteht die Simultanschule, die den Klerikalen ein Dorn im Auge ist— und Wacker hat in einer Wahlversammlung dieser Tage selbst erklärt: Mit der Linken hat das Zentrum das gleiche und geheime Landtagswahlrecht erobert, mit der Rechten müsse es jetzt die Schulfragen regeln. Wie das Zentrum dieses„Regeln" unter dem Beistande der Konser- vativen und Landwirtsbündler auffaßt, braucht nicht erst gesagt zu werden._ Ein alter Trick. Im Königreich Sachsen finden am Donnerstag die Neu- Wahlen zum Landtage statt. Wenn auch durch das geradezu unerhörte Wahlsystem, das für einzelne Wähler eine Häufung bis zu 4 Stimmen vorsieht, die Sozialdemokratie zweifellos schwer beeinträchtigt wird, so ist doch die Angst unter den bürgerlichen Parteien, nicht minder bei der Regierung, eine ganz außerordentliche. Man fürchtet, daß der Steuerraubzug im Reiche und die Rllckständigkeit der sächsischen Verwaltung gerade die Mittelklassen und die kleineren Beamten veran- lassen könnte, sozialdemokratisch zu wählen. Nach berühmtem Muster hat die sächsische Regierung daher unmittelbar vor der Wahl eine Kundgebung erlassen, in der eine Reform der sächsischen Verwaltung in fortschrittlichem Geiste versprochen wird! So verspricht der Minister z. B. eine Vereinfachung im Geschäftsverkehr mit den Behörden— er will angeblich dem Bureaukratismus die Flügel etwas beschneiden, vor allen Dingen aber verspricht er, die Autonomie der Gemeinden nicht nur zu sichern, sondern gar zu fördern! Wohlwollende Handhabung der Staatsaufsicht wird außerdem zugesichert. Auf dem Gebiete der Handhabung des Verein swesens betont der Minister ausdrücklich, daß die Verwaltungs- behörden zwar das Recht haben, Versammlungen überwachen zu lassen, daß sie aber durchaus nicht verpflichtet seien, von diesem Rechte in allen Fällen Gebrauch zu machen. Wenn dies in wichtigsten Fällen nötig sein sollte, so müsse doch jede Erschwerung der Versammlungstätigkeit vermieden werden. Die bürgerliche Presse Sachsens sieht in der Kundgebung yinen Rettungsanker. Sie tut so. als ob nun jeder Anlaß zur Unzufriedenheit mit der sächsischen VerwalhingspraxiS beseitigt sei. Wir haben indessen keinen Anlaß, zu befürchten, daß der Erlaß einen'wesentlichen Eindruck machen werde. Denn gerade wenn das, was der Minister verspricht, in die Praxis überführt werden soll, dann ist es ja erst recht not- wendig, daß viel Sozialdemokraten in den Landtag gewählt werden, die sicherlich mit Freuden bereit sind, den Minister zu u n te r st ü tz e n, tvenn er die rückständige sächsische Ver- waltung in freiheitlichem Geiste ausbauen will! Tie sächsische Regierung und die Schiffahrtsubgaben. Die sächsische Regierung vermag sich noch immer nicht von der Richtigkeit der Behauptung zu überzeugen, daß die Schiffahrts- abgaben den Handelsverkehr auf der Elbe nicht schädigen würden. Sie hat im Bundesrat erneut Stellung gegen die Schiffahrtsabgaben genommen und, wie die„Magdeb. Ztg." von„unterrichteter" Seite zu melden weiß, dort den offiziellen Antrag gestellt, die Be- ratung des Gesetzes über die Einführung der Schiffahrts- abgaben bis auf weiteres zu verschieben. Die sächsische Regierung stand von allem Anfang an der Einführung der Schiffahrtsabgaben ablehnend gegenüber und wird in dieser Opposition von der badischen und hessischen Regierung unterstützt. Sachsen fürchtet von der Einführung der Schiffahrtsabgaben eine starke Beeinträchtigung des Verkehrs auf der Elbe, die im wesentlichen durch eine Ablenkung des böhmischen Exports nach Trieft und Fiume hervorgerufen werden würde, der bisher die Elbe entlang über Hamburg ging. Diese Gefahr liegt um so näher, als die österreichische Regierung schon seit langer Zeit durch Gewährung außerordentlich niederer Sätze den Verkehr über Trieft zu lenken bestrebt ist und dieses Ziel nach Einführung der Schiffahrtsabgaben voraussichtlich auch erreichen würde. Auch die bayerische Regierung hat gegenüber dem Entwurf in seiner jetzigen Fassung nicht unwesentliche Bedenken, trotzdem sie im Prinzip mit dxr Einführung der SchifiahrtSabgaben einverstanden ist, da Preußen von der Einführung der SchiffahrtSabgabcn den Bau des Kanals Aschaffcnburg-Offcnbach abhängig gemacht hat, dessen Zustandekommen ein LieblingSwunsch deS bayerischen Thron- folgers. deS Prinzen Ludwig, ist. Vorwehen. Der Reichskanzler hat nach einer Meldung der„Neuen Politischen Korrespondenz" die Vorlagen, die sich auf die S t r a fp r o z eß» r e f o r m beziehen und bereits in der letzten Session dem Reichstage vorgelegen haben, aber nicht zur Verhandlung gekommen waren, dem Bundesrat mit dem Autrage Iviedcr zugehen lassen, die Vor- lagen in ir»veränderter Gestalt an den Reichstag zu bringen. Es ist anzunehmen, daß der Bundesrat diesem Antrage zustimmen wird. Die Verhandlungen zwischen der NeichSfinanzberwaltuiig und den verschiedenen Reisorts des Reiches über die Feststellung deS R e i ch s h a u s h a l t s e t ats für ISIv sollen im weseut- lichen beendigt sein. Der Etat befindet sich— wie es heißt— bereits im Druck; er wird im Verlaufe der nächsten Wochen dem Bundesrat zugehen und dem Reichstag alsbald bei dessen Zusammen- tritt vorgelegt werden. Einstweilen ist nur der Etat im Druck, bald aber wird die deutsche Regierung samt ihrem neuen Block—„im Druck" sein I Die Arbeitslosigkeit im Tabakgewerbe. die durch die neue Steuer hervorgerufen wurde, wird jetzt auch von der Mindener Handelskammer bestätigt. Es ist vielfach versucht worden, die wirklichen Folgen der Tabaksteuer zu verschleiern, indem man behauptete, die Arbeiterentlassungeu seien nur künstliche Mache, eine Folge der Ueberproduktion vor Einführung des neuen Tabak- steuergesetzeS. Demgegenüber stellt die Handelskammer in Minden auf Grund eingehender Erhebungen und aus genauer Kenntnis der Sachloge fest, daß bei den alteingesessenen Firmen ihres Bezirks, die 7693 Arbeiter beschäftigen, die Produktion in der Zeit, in der man mit der Mehrbelastung und zwar in der jetzigen Form des Wertzuschlagcs rechnen konnte, nämlich in den l'/o Monaten vom 1. Juli bis 14. August d. I. allerdings um 6,17 Proz. größer gewesen ist als in derselben Zeit des Vorjahres, daß aber dennoch ihre gesamte Jahresproduktion vom Ib. August 1968 bis 14. August 1909 um 2,43 Proz. kleiner war als in derselben Zeit des Vorjahres, Haupt- sächlich infolge der Steuerbeunruhigungen. Für die übrige Pro- duktion der westfälischen Zigarrenindustrie träfen die gleichen Ver- hältuisse zu. � Höchst seltsam verfahren manche Hauptzollämter bei den Unter- stützuiigszuweisungen aus dem Vierniillionenfonds. In Minden kam z. B. der neue Zollkontrolleur am 16. Oktober zur Firma Schröder u. Donop, um die durchschnittliche Arbeiterzahl. welche die Firma vom 1. Juli 1968 bis 30. Juni 1909 beschäftigt hatte, festzustellen. Diese Zahl betrug 101. Am 13. August beschäftigte die Firma über 130 Arbeiter. Nach dieser Feststellung erklärte nun der Zollbeamte, daß die Arbeiter keine Staatsunterstützung erhielten. Wer solche erhalten habe, müsse diese zurückzahlen! Infolge dieser Aus- leguug der Bestimmungen iverden fast alle Arbeiter, die schon über vier Wochen feiern, nichts erhalten. Um den Tagelohn festzustellen, dividierte ferner die Zollbehörde den Wochenlohn du�rch sieben statt durch sechs. Man sollte das zwar nicht für möglich halten, aber es wird überall so verfahren I Den Tabakarbeitern der Firma Heye in Lippstadt, die arbeitslos sind, ist die Staatsunterstützung entzogen worden. Auf die Anfrage, weshalb das geschähe, Ivurde den Arbeitern der mündliche Bescheid: die Staatsunterstützung wäre entzogen, weil Heye in der Korreklions- austalt zu Benninghausen arbeiten lasse! Dre Arbeiter gehören alle bis auf einen dem christlichen Tabakarbeiterverbande an. Im Schmollwinkel. Während ein Teil der nationallibcralen Blätter deutlich durch- blicken läßt, daß sie sehr gerne sehen würden, wenn eine Aussöhnung der nationalliberalen mit der konservativen Partei erfolgte, verlangte ein anderer Teil Zurückhaltung— bis die Konservativen gewisse Garantien bieten. Zu der letzteren Richtung gehört die„Kölnische Zeitung". Sie meint: „Kann man so, wie die Dinge liegen, im Ernst verlangen, daß der Liberalismus gerührt die konservative Hand ergreife und geduldig den Rücken biete, um dem konservativen Blockbruder von ehedem die Verantwortung für die schlechte Finanzreform, die ihm zu schwer geworden, tragen zu Helsen? Wir glauben nicht, daß sich die nationalliberale Partei, an die jene Lockrufe vor allein gerichtet sind, nach den noch frischen Erfahrungen mit der konser- vativen Freundschaft dazu verstehen wird. Erst wenn die Konservativen sichere Bürgschaft dafür leisten. daß sie aus den Ereignissen des letzten Jahres gelernt haben, wenn sie einsehen, daß Politik die Kunst des Erreichbaren ist und Kompromisse ohne Opfer an Egoismus und Ueberzeugung un- möglich find. Kurz, wenn es ihnen noch viel schlechter geht als heute. Erst dann wird man wieder an konservativ-liberale Paarung denken können." Der eigentliche Grund deS Anstoßes liegt darin, daß die Nationalliberalen nicht gerne die Blockbrüderschaft des Zentrums mit in Kauf nehmen möchten. Da sie als politische Weichtiere äußeren Einflüssen sehr zugänglich sind, werden sie sich jedoch schließlich auch darin fügen, wenn das sogenannte Interesse des teuren Vaterlandes es verlangt. Spanien. Ferrer. Die Lage des Kabinetts M a u r a bleibt kritisch. Die An- griffe des liberalen Führers M o r o t haben sichtlich Eindruck gemacht und der empörte Aufschrei des Auslandes findet in dem unglücklichen Lande ein immer lauter werdendes Echo. Die Gärung iin Volke wächst und fast scheint die Regierung bereits in die Defensivstellung gedrängt. Montag soll in Madrid eine große Manifestation in den Straßen statt- finden, zu deren Durchführung sich die Sozialdemokratie mit den Republikanern verständigt hat. Die Kundgebung soll statt- finden, gleichviel ob sie die Regierung gestattet oder verbietet. Ein solcher Beschluß gegenüber einer Regierung, die vor keiner Gewalttat zurückschreckt, beweist zur Genüge, daß die revolu- tionäre Erregung in Spanien neuerdings einen hohen Grad erreicht hat._ Die KorteSdebatten. Madrid, 19. Oktober. M o r e t erklärte in der heutigen Sitzung der D e p u t i e r t e n k a m m e r die gestrigen Erklärungen MnuraS für u n zsti r e i ch e n d, protestierte gegen die nicht zu rechtfertigende Anfrcchterhaltung der Aufhebung der verfaffuugSmäßigen Garantie» in Barcelona, erhob gegen den katholiken- und papstfeindlichen Charalter einiger auswärtiger Zeitungen Einspruch und schloß mit der Erklärung, er und die gesamte Opposition seien einig in dem Verlangen, daß M a u r a seine Entlassung geben müsse. Ministerpräsident M a u r a trat den Ausführungen Morcts eut- gegen und erklärte, daß der Ernst der Unruhen tn Barcelona die Regierung verhindert habe, d e m K ö n i g e d i e B e g n a d i g n n g der Schuldigen anzuempfehlen. Es sei nicht die Schuld der Regierung, wenn man daö Gerücht verbreitet habe, daß Hunderte erschossen worden seien. In Barcelona sei eine Revolution versucht worden, welche die Regierung bekämpft habe und auch jetzt noch bekämpfe, wo man von ihr verlange, daß sie zurücktreten solle. Der MiiiisterpriisiDtU verbreitete sich besonders über die von den Revolutionären verübten Ausschreitungen-, in Katalonien seien 68 kirchliche Gebäude in Brand gesteckt, in Barcelona 133 Menschen getötet und 40 verwundet worden. Auf die Frage eines Ab- geordneten erklärte der Ministerpräsident schließlich, daß 1112 Per- sirnen verhaftet worden seien. Unter dem Beifall der Ministeriellen wurde darauf die Sitzung geschlossen. Der erste Racheakt. Paris, 20. Oktober. Dem„Petit Parisien" geht über Eerböre sollendes Telegramm ans Barcelona zu: Wie verlautet, ist gegen den Staatsanwalt, der gegen Ferrer die Todesstrafe beantragte, ein Attentat verübt worden. Der Staatsanwalt befand sich in der Nacht vom Freitag zum Sonnabend auf'einem Spaziergange in der Nambla EanaleZa. als sich don einer Gruppe von Personen ein Mann loslöste und zwei Revolvers chüsse auf den Staatsanwalt abfeuerte. Dieser sank schiver verletzt zu Boden und verschied um drei Uhr morgens. Der Mörder und seine Gefährten flüchteten und konnten bisher nicht ergriffen werden. Die Wohnungen der Mitglieder des Kriegsgerichts, welches über Ferrer die Todesstrafe verhängt hat, werden Tag und Nacht überwacht. Der Boykott. Marseille, 20. Oktober. Das Syndikat der Hafen- a r b e i t e r beschloß, die Aoykottierung der spanischen Schisse und Waren heute e i n z u st e l l e n. Gleichzeitig wurde aber erklärt, daß der Boykott sofort wieder aufgenommen»ud auch auf die nach Spanien bestimmten Waren ausgedehnt werden würde, falls in Mvntjuich neue Hinrichtungen vollzogen werden würden. Dagegen haben die Hafenarbeiter von C e t t e die Boykotticrung aller aus Spanien eintreffenden oder nach Spanien bestimmten Waren beschlossen._ Gegen das Marokkoabeuteuer. Paris, 20. Oktober. Wie aus Algier gemeldet wird, hat bel der Eröffnung der G e n e r a l r a t s t a g u n g der Vorsitzende Senator Gereute eine Rede gehalten, worin er den Feld zu g der Spanier in das Rifgebiet in lebhasten Ausdrücken kritisierte und den Gefühlen der Beunruhigung Ausdruck gab, die hierdurch hervorgerufen fei. In Wirklichkeit handele es sich bei dem Unternehmen Spaniens um einen Erober ungszug, und da sich die Eingeborenen Nordafrikas gegenüber de» Europäern solidarisch fühlten, so wirkten die Unruhen auf sehr große Eut- feruuugcn hin unheilvoll zurück. Spanien, dessen unselige Kolonialpolitik überall Proselytenmacherei, religiöse Unterdrückung und blutige A u f st ä u d e zur Folge gehabt habe, wolle sich in der unmittelbaren Nachbarschaft von Algier fest- setzen. Die Regierung in Frankreich müsse rechtzeitig handeln. um hier allen Verwickelungen vorzubeugen, die den Frieden deS Landes schwer gefährden könnten. Italien. Der Aufruf des Parteivorstandcs gegen den Zarcnbesnch. Rom, den 17. Oktober.(Eig. Ber.) Da nunmehr der Zaren- besuch für den 23. Oktober festzustehen scheint, veröffentlicht der Vorstand der italienischen Partei im„Avanti" vom 17. d. M. den folgenden Aufruf an die Bevölkerung: Italiener! Der blutbefleckte und blutdürstende Tyrann schickt sich an, unser Land zu besuchen, das noch gestern ein so prächtiges Beispiel seines unbesiegbaren Freiheitssinncs und seines mensch- lichen Solidaritätsgefühls gegeben hat. Nicht als Gast des Volkes, sondern als Gast des Herrschers wird der russische Zar nach Jta- lien kommen, und wir Italiener werden eingedenk sein, daß Nikolaus II. tausendmal grausamer und der Kulturbeweguug verderblicher ist als Alfons XIII., der nur ein halbzurechnungs- fähiges WerkzeuKsin den Händen der Jesuiten bildet. Wir müssen in nicht mißzudeutendcr Weise dem ungewünschten Gaste unseren unermeßlichen Abscheu zum Ausdruck bringen. Alle, die auf eine Zukunft der Freiheit und sozialen Gerechtigkeit hoffen, werden in diesen Tagen feierlich erklären, allem politischen und diplomatischen Opportunismus zum Trotz, daß die Methoden hinterlistiger und blutdürstiger Reaktion, die man als zaristisch bezeichnet, ver- rucht und verabscheuenswert sind. Parteigenossen! Arbeiter! Abneigung gegen alles, was von der Masse ausgeht, politische Berechnung, reaktionärer Sinn sowie Korruption oder Vergewaltigung der Regierung werden vielleicht viele von den Reihen der Demonstranten fernhalten: aber von den Unseren darf keiner fehlen. Solange noch das wirtschaftliche Privileg Schützer von der barbarischen Wut und blinden Roheit des Zarismus hat. solange die Forderungen eines so gewaltigen und großherzigen Proletariats wie des russischen durch eine pro- dozierende und verbrecherische Polizei, durch das organisierte Ber- brechertum der schwarzen Banden, denen der Zar nach jedem Pogrom Lob spendet, durch tägliche Todesurteile, durch Knebelung der Wissenschaft und deS Unterrichts bekämpft werden, bleibt jede Hoffnung auf die soziale Befreiung ein eitler Wahn für alle Völker. Nicht das vereinzelte Werk eines einzelnen Volkes wird die neue Gesellschaft herbeiführen, sondern g e m e i n s a in e s T u n aller Völker. Hieraus ergiebt sich die P f l i ch t der i n t e r» nationalen Solidarität. Darum lasse mau den Tag nicht vorübergehen, an dem die Herrscher Italiens sich vor dem Zaren neigen, ohne das ganze Volk zu Versammlungen zu berufen für eine große Kundgebung der Solidarität mit den bedrückten russischen Brüdern l ES fehlt nicht an Anzeichen für einen baldigen Sieg des Volkes von Rußland über die Tyrannei: vielleicht trägt die Ermutigung des italienWhen Proletariats dazu bei, den Fall deS Zarismus zu beschleunigNr und seine unzähligen Opfer zu rächen. Kein Generalstreik. Turin, 19. Oktober. Der Vorstand des allgemeinen Ar- b e i t e r v e r b a n d e S hat sich in einer heute abend stattgehabten Sitzung entschieden gegen die Proklamierung des General- st r e i k s bei Gelegenheit des Besuches deS Kaisers von Rußland ausgesprochen und die Arbeiterorganisationen aufgefordert, auch von einer teilweisen Einstellung der Arbeit abzusehen. fimilanä. Der BerfassungSbrnch und das zarische Manifest. AuS HclsingforS wird uns geschrieben: Die lange befürchtete KrisiS ist eingetreten. Am 14. Oktober gelangte an den Senat das vom Zaren Nikolaus in Livadia unter- zeichnete Manifest, welches einen gewaltsamen Eingriff in die finnischen Grundgesetze darstellt. Im vollständigen Wider- spniche mit der finnländischen Verfassung führt das Manifest a»S, daß die finnische Militärfrage nicht im Landtage, sondern durch die gesetzgeberischen Instanzen deS russischen Reiches endgültig gelöst werden soll. Und darauf kommt der strikte Befehl, sofort noch im Laufe dieses Jahres für das russische Militärbudget 20 Millionen Mark aus den finnischen Staatsmitteln zu zahlen. Diese Kontribution wird für das Jahr 1903 und 1909 beigetrieben, aber für die Zukunft stellt das Manifest einen RegierungSvorschlag in Anssicht, wodurch diese Summe jährlich erhöht wird. Dem Landtage wird nur anheimgestellt, neue Ein- nahmequellen resp. neue Steuern ausfindig zu machen, um diese Geldforderungen zu decken. Es ist für jeden hier klar, baß das finnische Volk und seine gewählten Vertreter weder auf diese Bestimmungen eingehen, noch auf die Grundrechte Finnlands freiwillig verzichten können. Selbst der unterwürfige fnometarianifche Senat kann feine Hand zur Durch» führung dieses zarifchen Ukas nicht leihen, und so ist schon die Liste der kommenden Handlange» StolypinS ausgefertigt. ES werden ausgediente russische Admirale sein, welche Finnland mit dem echtrussischen Regime beglücken sollen, zu denen sich noch ein filmischer Graf Berg aus der Periode BobrikowS gesellt. Zwei von diesen Staatsmännern aus der russischen Marine WireniuS und Sillmann find nicht in Finulaud geboren, obgleich nach finnische» Grundgefehcn nur finnische Staatsangehörige Scnatorenämter belleidcn dürfen. Ob der Kavalleriegeneral v. Böckmann auch fernerhin Gencralgonverneur bleibt, ist noch un- bestimmt. Nur das steht fest, daß der zarische Ukas zum offenen Konflikt mit der finnischen Volksvertretung führt und daß Finn- land— vor allem sein klassenbewußtes Proletariat— am Borabend schiverer Kämpfe steht. GewerkrchaftUcbee. Vom Reichsvereinsgesetz. _ Die Polizei in Wermelskirchen(Kreis Remscheid) scheint es auf öffentliche Gewerkschaftsversammlungen ab- gesehen zu haben. Nachdem sie vor einiger Zeit eine Schuh- macherversammlung auslöste, indem sie die Entfernung der Jugendlichen forderte, löste sie am letzten Sonnabend eine Textilarbeiterversammlung auf, weil sich der Vorsitzende der Versammlung weigerte, der Polizei einen Platz anzuweisen, mit der berechtigten Begründung, daß eine Gewerkschafts- Versammlung der polizeilichen Ueberwachung nicht unterliegt. Dagegen kann man sich beschweren— aber die Polizei macht's immer wieder. Das ist die vielgerühmte Errungen- schaft der liberalen Blockpolitik. Die Folgen der Schackaffäre. Die'„Handelswacht", das Organ der deutschnationalcn Hand- lungsgehilfen, mutz zu ihrem größten Leidwesen zugeben, datz alle Vertrauenskundgebungen für den ehemaligen Leiter des Verbandes nicht vermocht haben, einen Mitgliederrückgang zu verhindern. Im Monat September sind allein etwa 8000 Kündigungen eingelaufen, wodurch der Verein in diesem Monat 6% Proz. seiner gesamten Mitglieder verloren hat. Dabei sind die gewohnheitsmätzigen Ab- gänge, die durch Streichungen erfolgen, nicht mitgerechnet. Die Gesamtzahl der Verluste des Verbandes wird nicht angegeben, auch von den Monaten Juli und August wird nur gesagt, datz die Zahl der Austritte nur unwesentlich grötzer sei als in den Vor- monaten.. Verlin und Umgegend. Tie„Ausgelernten". Ein Ereignis im Leben des jungen Arbeiters, der sich einem Handwerk gewidinet hat, ist es, wenn er ausgelernt hat. Ausgelernt— das Wort bedeutet nichts anderes, als daß die vertraglich festgelegte Lehrzeit vorbei ist. Wer von den jungen Leuten sich einbildet, wirklich ausgelernt, sein Handwerk gründlich gelernt zu haben, irrt sich, und nur zu oft muß er einschen, daß seine Lehre eigentlich gar keine Lehre war, sondern vielmehr eine besonders krasse und unver- schämte Form der Ausbeutung seiner jungen Arbeitskraft. Mit der Unterweisung in einem Handwerk ist es weit schlechter bestellt als niit dem Unterricht in der Schule. Die Schule macht kein Geschäft mit der Arbeit des Schülers, seine Ar- beitskraft wird nicht ausgebeutet. Mag das, was gelehrt wird, noch so mangelhaft sein, die Schule verfolgt doch keinen anderen Zweck als den, daß das Kind etwas lernt. Aber der Lehrmeister oder Unternehmer nimmt den Lehrling an. weil er ihn in seinem Geschäft braucht, als di e b i-l li g ste Ar- beitskraft. die irgendwie zu haben ist.' Der Zweck, den der Lehrling, den seine Eltern im Auge haben, daß er etwas Tüchtiges lerne, wird von dem Lehrherrn, dessen„Väter- licher Zucht" er ja auch noch unterworfen ist, nur zu oft ganz- lich außer acht gelassen. Nur zu viele Lehrmeister verfügen auch gar nicht über die Arbeiten und Aufträge, an denen der Lehrling das lernen kann, was notwendig zum Handwerk gehört. Bestenfalls lernt er einen bestimmten Gegenstand. vielleicht im Tischlerhandwerk einen Sarg, einigermaßen ordentlich anfertigen, aber nicht, wie man die vielen anderen Erzeugnisse desselben Handwerks herstellt. Wohl dem, der dann, wenn er die Lehre verläßt, in eine Werkstätte kommt, wo er etwas lernen kann, wo seine älteren Kollegen ihm als treue Berater zur Seite stehen. In früheren Zeiten war es oftmals schwer, solche aufrichtigen Berater zu finden. Die Gesellen, die was Rechtes gelernt hatten, hüteten häufig ihre Kunst als eine Art Geheimnis und spotteten über den jungen Mann, der sich ungeschickt anstellte und nicht aus noch ein wußte, statt ihm zu zeigen, wie ers machen sollte. Seitdem aber der Geist der Solidarität seinen Einzug in die Ar' beiterschaft gehalten hat. ist es anders geworden. Der organi- sierte Arbeiter sieht in dem jungen Mann seinen Kollegen und weiß, daß es im Interesse der Kollegenschaft liegt, daß auch dieser richtig arbeiten lernt, daniit er zu seinem Arbeit- geber sagen kann:„Nun verstehe ich mein Fach ordentlich, nun verlange ich aber auch einen ordentlichen Lohnl" Aber um das zu erreichen, muß der junge Mann nicht nur ein tüchtiger Arbeitskollege, sondern auch M treuer Verbands- kollege werden. Denn alle Tüchtigknt in der Arbeit reicht nicht aus, sich einen anständigen Lohn zu sichern, wenn nicht die im Verband fest zusammenhaltende Masse der Berufs- genossen dahinter steht. Ihnen diesen Gedankengang klarzumachen, hatte die Verwaltung Berlin des Holzarbeiterverbandes die T i s ch l e r, Stellmacher und anderen Holzarbeiter, die am 1. Oktober ausgelernt hatten, zu einer zwanglosen Aussprache eingeladen. Der Arbeitslosensaal des Ver- bandes im Gewerkschaftshause war am Montagabend voll von den jungen Leuten, die nun nach dem Sprachgebrauch der Innung als„Gesellen" in die Reihe ihrer Kollegen getreten sind. Der Altgeselle K l i n g n e r, der den einleitenden Vor- trag hielt, hatte es leicht, die Versammelten von der Not- wendigkeit und Nützlichkeit der Organisation zu überzeugen. Er brauchte eben nur Tatsachen anzuführen. Gehört doch der Deutsche Holzarbeiterverband zu unseren besten und leistungs- fähigsten Organisationen. Hat dieser Verband doch im Jahre 1908 nicht weniger als 1 400 000 M. an seine arbeitslosen, über 800 000 M. an seine kranken Mitglieder gezahlt, dazu hohe Summen sür Sterbe- und für Notfallsunterstlltzung ausgegeben und im ganzen für diese Art Unterstützungszwecke über 3 270 000 M. aufgewandt! Verfügt er doch über ein Vermögen von mehr als 3 Millionen Mark! Daß der Ver- band vor Kämpfen nicht zurückschreckt und sie mit Erfolg zu führen versteht, beweist ja deutlich die große Aussperrung von 1907, für die allein in Groß-Berlin 2 300 000 M. aus- gegeben wurden. Daneben sorgt der Verband auch für die Fachausbildung seiner Mitglieder und gibt zu diesem Zweck sogar neben dem eigentlichen Verbandsorgan eine eigene reich illustrierte und wohl redigierte Fachzeitschrift heraus. Außer- dem steht den Mitgliedern für ihre allgemeine Bildung und zu anregender Unterhaltung eine reichhaltige Bibliothek un- entgeltlich zur Verfügung. Daß der Verband auch unent- gcltlich Rechtsschutz gewährt, daß oie Mitglieder im Bureau über alle Fragen des Arbeitsverhältnisses bereitwilligst zu- verlässige Auskunft erhalten, ist ja wohl bekannt genug. Im eigenen Interesse der Ausgelernten liegt es auch, dem Ver- band sofort oder wenigstens innerhalb der ersten vier Wochen nach Beendigung ihrer Lehrzeit beizutreten, da sie dann bereits nach 20 Wochen Anspruch auf einen Teil der Unterstützungen des Verbandes haben. Die Aussprache, die sich an das Referat knüpfte, war recht interessant und anregend. Die jungen Gehilfen hatten mancherlei Anfragen zu stellen, auch Beschwerden vorzu- bringen, die sich meist auf das Lehrverhältnis und die Ge- �eräntw. Redakt.: EmilNnger, Grunewald. Inseratenteil verantw.:! sellenprüfung bezogest. Unter anderem tvurde gesagt, daß das Gesellenstück von einzelnen Meistern viel zu spät in Ar- beit gegeben worden war, so daß es nicht mit der Sorgfalt ausgeführt werden konnte, die dazu nötig ist. Auch meinte nran, daß es bei der Prüfung selbst wie bei Beurteilung der Leistungsfähigkeit nicht richtig, zugehe. Daß für die Aus- schreibung der Lehrlinge 10 M. bezahlt werden müssen, konnte man auch nicht als recht und billig- ansehen. Der Referent sowie die übrigen anwesenden Verbandsmitglieder machten darauf aufmerksam, daß der Gcsellenausschuß von der Innung eben nur zur Beratung herangezogen, nur„gehört" wird, also keinen entscheidenden Einfluß auf die Lehrlingsverhält- nisse hat und eben nur im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften auf die Innung und das Lehrlingswesen einwirken kann. Es wurde noch manches gute und beherzigenswerte Wort gesprochen. Von den jungen Männern zeigten einige, nament- lich solche, die schon seit Jahren der Jugendorganisation an- gehört hatten, eine beachtenswerte Gewandtheit im Reden. Die ganze Veranstaltung war offenbar von großem Wert, nicht nur für die jungen Arbeitsbrüder selbst, sondern auch für den Verband, dem sie sich anschlössen, und für die allgemeine Solidarität, die die Arbeiterschaft umfaßt. Manch älterer Arbeiter, der an seine jungen Jahre zurück- denkt, wünschte nur. auch von Anfang an so gute Wegleitung gehabt zu haben, wie sie hier den jungen Holzarbeitern zuteil wurde. Veirtlcbes Reich. Gegen den ZwangSarbeitsnachweis des Zechenverbandcs. In der von den vier Bergarbeiterverbänden in Sachen des Zentralarbeitsnachweises eingereichten Eingabe an den Zechen- verband wird gegen die Errichtung des Arbeitsnachweises pro- testiert, weil er den Bergarbeitern das Recht der Freizügigkeit und ihre Bestimmung über ihre Arbeitskraft nehmen würde. Im Interesse des Friedens solle der Zechenverband von der Errichtung des Arbeitsnachweises Abstand nehmen und an seine Stelle einen mit den Bergarbeiterverbänden zu gründenden paritätischen Arbeitsnachweis setzen. In der Eingabe an den Minister für Handel und Gewerbe wird der Zwangsarbeitsnachweis als schädlicher wirkend be- zeichnet als das System der schwarzen Listen. Es wird dann auf die Eingabe an den Zechenverband hingewiesen und der darin geäutzerte Wunsch der Arbeiter skizziert, mit dem Bemerken, datz, wenn dem Wunsche der Arbeiter nicht entsprochen würde, ernste Konflikte unvermeidlich seien, die die schlimmsten Folgen für unsere Volkswirtschaft haben könnten. Im Interesse des Wirt- schaftlichen Friedens wird um«ine Vermittelung des Ministers zugunsten der Arbeiter gebeten. Gleichzeitig wird gebeten, die Be- strebungen auf Errichtung paritätischer Arbeitsnachweise auch gesetzgeberisch unterstützen zu wollen und die Einführung von Tarifverträgen im Bergbau möglichst zu fördern, da eine der Hauptursachen des vielfachen Belegschaftswechscls, dessen Ein- schränkung angeblich die Einführung des Arbeitsnachweises be- zwecken solle, die Einführung von Tarifverträgen fast völlig be- seitigen würde. Beide Eingaben sind dem Zechenverband und dem Minister am Dienstag zugegangen. Beginn der zentralen Verhandlungen im deutschen Baugewerbe. Der Vorstand des„Deutschen Arbeitgeberbundcs für das Bau- gewerbd" teijt im„Zcntralblatt für das deutsche Baugewerbe" seinen Mitgliedern mit, datz die Konferenz der Bundcsvorsitzenden als Verhandlungstag mit den Vorständen der Zentralverbände der Arbeitnehmer auf den 11. und eventuell auch den 12. November festgesetzt worden ist. Ein früherer Termin konnte nicht angesetzt werden, da sich die Zentralvorstände erst sür die erste Hälfte des November verhandlungsbereit erklärten. Nach dem bestehenden Vertrage findet eine Kündigung des Vertrages nicht statt und vier Monate vor seinem Ablauf haben die Verhandlungen über Fortsetzung oder Erneuerung zu beginnen. In den ersten zentralen Verhandlungen wird voraussichtlich nur über die Abänderungen des Vertragsmusters beraten werden, während den späteren örtlichen Verhandlungen die Beratung über Löhne und Arbeitszeit Wohl vorbehalten bleiben wird. Kellner für festen Lohn. Wir haben noch kürzlich betont, daß die Kellner, wenn sie ernstlich auf Beseitigung des Trinkgeldes hinwirken und die Forderung auf Zahlung fester Löhne aufstellen, sicherlich die Shm- pathien des Publikums aus ihrer Seite haben würden. Einer Nachricht aus Hamburg zufolge ist dort zurzeit eine solche Be- wegung im Gange. Unter der Leitung des Verbandes deutscher Ga st Wirtsgehilfen haben fünf Gehilfen- Vereinigungen gemeinschaftlich den Wirtevereinigungen einen Lohn- tarif unterbreitet, der die Gehälter der Kellner auf 120 M. per Monat für solche unter 20 Jahren, auf 180 M. für die über 20 Jahren festsetzt. In Geschäften, wo vorwiegend Nachtarbeit geleistet wird, wie in Cafes, soll ein monatlicher Zuschlag von 30 M., an Kellner mit Sprachkenntnisscn ein Extrazuschlag von 20 M. geleistet werden. Die Gehälter für Oberkellner, Direktoren usw. unterliegen besonderen Vereinbarungen, jedoch sollten sie nicht unter 250 M. betragen. Auch für die Aushilfsarbeiten sowie für das Hilfspersonal sind bestimmte Löhne vorgesehen. Alle Löhne sind als Minimal- löhne zu betrachten. Die Arbeitszeit wird für alle Kategorien auf 12 Stunden festgesetzt. Dieser unseres Wissens erste Versuch im Gastwirtsgewerbe, einen festen tarifmäßigen Lohn für ein größeres Gebiet zur Ein- führung zu bringen, ist von hoher Bedeutung als ein Symptom dafür, datz man auch in Kellnerkreisen beginnt, das Trinkgelder- unwcsen als unwürdig und schädlich anzusehen und zu bekämpfen. Ob die Bewegung schon einen Erfolg haben wird, ist freilich sehr zweifelhaft. Die Gastwirte rechnen darauf, daß die in viele Ver- eine gespaltene Gehilfenschaft(die große Mehrzahl ist überhaupt nicht organisiert) einen ernstlichen Kampf nicht wagen wird. Vor allem tut der Zusammenschluß aller Gehilfenorganisationen not; erst wenn ein größerer Teil der gastwirtschaftlichen Arbeiter ein- heitlich in einem gewerkschaftlichen Verbände organisiert ist, kann auch hier ein Erfolg erzielt werden. Der Bergarbeiterstrei! in ManSfeld. Prediger, Gendarmen und?Mr z t e stellen sich in den Dienst der Mansfelder Gewerkschaft und suchen die Streikenden zu bekehren, einzuschüchtern und sie zur Wiederaufnahme der Arbeit zu bewegen. Es wäre ja auch undankbar, wenn diese„Stützen der Gesellschaft" sich passiv verhiejten. In Hettstedt sinden zurzeit sogenannte Missionsabende statt, die zwar nicht von den Streikenden, jedoch von den Frauen besucht werden und in denen der„Diener Gottes" die Frauen eindringlich ermahnt, sie sollten ihre Männer doch veranlassen, die Arbeit wieder aufzunehmen und sie zwingen, aus dem Bochumer Verband auszutreten. Dieser Verband bringe nur Unheil, entzweie die Arbeiter mit ihren Arbeitgebern, raube ihnen das Heiligste und stifte nur Familien- zwist. Ehe die Bergarbeiterschaft etwas von diesem Verbände gewußt habe und ehe der„fremde Mann"—Sachse— ins Land gekommen sei, Ihabe die Mansfelder Bergarbeiterschaft ein lH.Glvckr. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. BerlagSanstalt f zufriedenes, tveM auch bescheidenes Leben geführt und eS sei besser. zu diesem bescheidenen Leben zurückzukehren, als sich den trüge« rischcn Versprechungen der„Hetzer" und„Aufwiegler" jenes Ver« bandes hinzugeben. Gottes weiser Natschlutz habe es so einge- richtet, daß es Reiche und Arme geben müßte und wer sich gegen die Reichen auflehne, versündige sich an Gottes Gebote. Datz diese Herren nicht in die Strcikversammlungen gehen. um dort Aug in Aug den„Aufwieglern" und damit gleichzeitig auch den Streikenden zu beweisen, wo und wann Gott eine „Ordnung", wie sie in Mansfcld besteht, eingesetzt hat, ist bei dem bekannten„Mut" dieser Vcrkündcr„göttlicher Wahrheiten" nicht zu erwarten, um so dreister sind sie jedoch dort, wo sie keine Gegenrede zu befürchten haben. Sie haben zwar noch nicht er- reicht, datz durch ihre„Predigten" auch nur einer der Streikenden sich„bekehrt" hätte, wohl aber, datz in mehreren Familien zwischen Mann und Frau Streitigkeiten aus- gebrochen sind und die Männer ihren Frauen den Besuch solcher„Missionen" untersagt haben. Mehrere Männer erklärten schon, datz sie aus Anlaß dieser „Predigten" ihren Austritt aus der Landeskirche erklären wollten, denn einer Kirche, die nur für die Unter- nehmer einträte, wollten sie ferner nicht mehr angehören. Die Mansfelder Vogelfänger können auch die Missionen nicht mehr retten, das Matz ist voll, und so können sie nur die alte Tat- fache aufs neue bestätigen, daß jede Unternchmertat den Segen der Pfaffen erhält. In H e l b r a und der näheren Umgebung, wo es einige katho- lifche Bergleute gibt, laufen die Kaplans von Haus zu Haus und warnen die Bergleute, sich dem Verband und dem Streik anzu- schließen. Von denjenigen, die ihren Beitritt bereits erklärt haben, fordern sie, datz dieselben sofort austreten müßten. andernfalls sie aus der Kirche ausgestoßen würden!! Den Frauen wird mit der Vorenthaltung aller kirch- lichen„Gnadcnmittel" gedroht. Da diese Leute kein Verständnis haben für Kulturforderungen und allgemeine Menschenrechte, sind mehrere, den Anweisungen des Kaplans folgend, wieder in den Schacht gekrochen. Während sich die Polizei und auch die Gendarmerie in und um Hettstedt bisher korrekt benommen und keinen Anlaß zu Klagen gegeben hat, treten einige Gendarmen von Heldra mit autzcrordentlichem„Schneid" auf. Schon am ersten Morgen wurde denjenigen Streikposten, die mittels Fahrrad auf Posten zogen, verboten, Lampen an den Fahrrädern zu führen, weil diese den Herren Gcsetzeshütern zu grell— ins Gesicht leuchteten. Wären sie ohne Laternen gefahren, hätten sie sicherlich ein Strafmandat erhalten; aber so war es auch nicht„recht". Die Wachtmeister Huhn und Nagel machen den Streikenden Vorhaltungen und fordern sie auf, zur Arbeit zu gehen. Wenn ihre Bemühungen auch ohne Erfolg geblieben sind, so zeigen sie wiederum, wie die „unparteiischen und objektiven" Behörden sich in den Dienst des Kapitals stellen. Findet man die Bemühungen dieser treuen Bundesgenossen des Kapitalismus noch erklärlich, weil sie auch anderswo ihre„ge- schätzte" Kraft dem Unternehmertum widmen, so ist doch das Be- nehmen einiger Knappschaftsärzte, das wir noch mit einzelnen charakteristischen Fällen beleuchten werden, ganz unverständlich. Die Beteiligung am Streik nimmt ständig zu und haben sich am Dienstag auf den Streikbureaus 6303 Streikende gemeldet, während die Werkverwaltung die Zahl nur auf 4000 angibt. Am zahjreichstcn ist der„rcichstreue" Hohcnthalschacht in Heldra mit 1425 Mann beteiligt. Die Streikleitung hat am Dienstag noch- mals eine Kommission an die Gcneraldirektion nach Eislebcn ent- sandt, um anzufragen, ob die Direktion zu verhandeln gedenke und auf welcher Grundlage. Die Streikleitung wird, je nach dem Ausfall der Antwort, ihre weiteren Matznahmen treffen. Der Streik bei der Firma R. u. A. Pfeiffer, Schuhfabrik in Wermelskirchen ist aufgehoben worden..Die Streikenden sind zum größten Teil anderweitig in Arbeit ge- treten. Der Kampf wird jetzt in der Form weitergeführt, datz die Sperre über die betreffende Firma verhängt worden ist. Kämpfe in der Brauindustrie. In der Schlohbrauerei Marktredwitz legte das gesamte Persona? die Arbeit nieder, als die Besitzer jede Unterhandlung mit dem Brauereiarbeiterverband über die eingereichten Forderungen ab- lehnten. Vor drei Jahren war es der Firma gelungen, die Ar- beiterschaft durch Unterschrift von der Organisation zu trennen. Diesmal scheiterte ein ähnlicher Versuch. Ein Besitzer erklärte, datz die Brauerei lieber zugrunde gehen wolle, als den Forderungen der Arbeiter nachgeben.— Tie Bierniederlage und Wasserfabrik KercS in Biebrich gehörte früher der Aschaffenburger-Aktienbrauerei. Diese hatte mit dem Brauerei- arbeiterverband ein Tarifverhältnis. Der neue Besitzer kündigte den Vertrauensmann des Verbandes und einen 5 Jahre dort be- schäftigten Arbeiter, reduzierte die Löhne und forderte von den Bierfahrern Austritt aus dem Verbände. Das rücksichtslose und unberechtigte Vorgehen wurde von den Arbeitern mit Arbeits- niedcrlcgung beantwortet.— In der Bavaria-Braueret in Kattowitz hatten die Arbeiter wegen Maßregelung und un- würdiger Behandlung die Arbeit eingestellt. Der eintägige Streik zeitigte den Erfolg, datz der gematzrcgelte Arbeiter wieder einge- stellt und der Braumeister zur anständigen Behandlung verpflichtet wurde. Letzte IVacbrichtcn und Vepelcken. Vom Nürnberger Streik. Um Mitternacht verbreitete Wolffs Telegraphen-Vureau folgende Meldung: Nürnberg, 20. Oktober. Der Streik in der Wolffschen Zelluloidwarenfabrik, der zirka drei Monate dauerte und in dessen Verlauf es häufig zu heftigen Zusammenstößen zwischen Streikenden und Arbeitswilligen kam, wurde heute nach zwei- tägigen Verhandlungen beigelegt. Italiens Schande. Rom, 20. Oktober.(W. T. B.) Der Kaiser von Rußland wird der„Tribuna" zufolge' von Alexandrowo über Posen, Frankfurt am Main, Lyon und Modane fahren. Da er inkognito reist, wird ihm weder von deutschen noch französischen Behörden ein Empfang bereitet werden. Der Kaiser kommt am 23. Oktober in Bardon- necchia an, wo ihn der russische Botschafter in Rom, Fürst Dolgo- rucki, und die zum Ehrendienst kommandierten Offiziere erwarten. Von Bardonnecchia soll der kaiserliche Zug direkt' nach Racconigi weitergehen, wo er am Nachmittage eintrifft. Auf dem Bahnhof werden der König, der Ministerpräsident Giolitti und der Minister des Aeutzern Tittoni den Kaiser empfangen. Am 24. Oktober findet Jagd statt mit nachfolgendem Empfang im Schloß. An demselben Tage ist Galadiner, an welchem autzer den Mitgliedern der könig- lichen Familie die Spitzen der Behörden teilnehmen. Am 25. wird wiederum Jagd abgehalten oder ein Ausflug im Automobil in die Umgegend gemacht. Die Abreise des Kaisers ist auf den Abend des 25. Oktobers festgesetzt._ Be»gmannSschicksal. London, 20. Oktober.(W. T. B.) In einer Kohlen- grübe in der Nähe von Cumnok(Ayrshire) fand eine Ex- plosion statt. Vier Leichen wurden bereits geborgen. Viele Personen sind verletzt.__ !aul Singer ö- Co,, Berlin L W. Hierzu 3 Beilagen u.NnterhaltungSbl. |r.246. 26. Jahrgang. 1. Irilngt des.Imörls" Kerlim NslksM ZoMttst«z> 2l. GKIsber lW. Sie Freiheit äer AHienichsN. Aus Unibersitätslreisen wird uns geschrieben: Dem Hochschullehrertage find im„Vorwärts" in den letzten Tagen lange Spalten gewidmet worden. Erlauben Sie mir die ketzerische Ansicht, datz das«große Ereignis" diese Aufmerksamleit von feiten der Parteipresse gar nicht verdient.*) Setzen wir voraus, daß der Hochschullehrertag sich zu den radikalsten Forderungen auffchwingt und ihnen in flammenden Resolutionen beredten Ausdruck verleiht.„Was wäre damit ge- gewonnen?"— wie Mehring mit Recht in der heutigen Nummer der„Neuen Zeit" fragt. Es könnte was gewonnen werden, Ivenn wirklich jemand hinter diesen Resolutionen stünde. Das ist aber nicht der Fall. In Hoch- schulkreisen interessiert sich in der Tat kein Mensch da- für, was ein paar Professoren und Dozenten in Leipzig zusammensprechen und beschließen werden. Und umso- iveniger würde in Hochschulkreisen jemand, der anderer Meinung wäre als die„radikalen" Herren in Leipzig, durch die Beschlüsse dieser Art aus korporativem Geiste heraus fich in der Richtung der Resolutionen für gebunden halten. Wer sich in Hochschulkreisen be- wegt, weiß, daß ich recht habe. Und steht niemand hinter diesen Resolutionen, so kommt ihnen auch nicht jene Bedeutung zu, die man ihnen in der Parteipresse zuschreiben will. Wer sind denn die Fakultäten, die den Resolutionen ' gemäß über die„Lehrbefähigung' deS wistenschaftlichen Nachwuchses entscheiden sollen? Die Männer, die in den Fakultäten sitzen, sind trotz ihrer wissen- schaftlichen Befähigung Menschen einer bestimmten gesellschaftlichen Klasse, die nur ihrem Klasseninstinkte entsprechend handeln können. Man braucht dazu nicht Profestor irgendeiner Sozialwissenschaft oder einer juristischen Disziplin zu sein— das gilt in gleicher Weise für die Lehrer der Medizin und Naturwistenschaften. Wer kommt heute in die Fakultät I Doch nur derjenige — wistenschastliche Befähigung vorausgesetzt, denn die deutsche Wistenschaft leistet Gewaltiges— wer der bürgerlichen Klasse angehört. wer Geld befitzt, um fich s» lange über Master zu halten, bis er eine ordentliche Profcssur erlangt. Denn daS ganze deutsche Universitäts Wesen ist auf dem Prinzip aufgebaut, daß ausschließlich der sehr gut Be- mittelte eine wissenschaftliche Laufbahn an der Universität einschlagen kann. Die Asfistentengehälter sind dementsprechend eingerichtet— ganz abgesehen davon, daß schon daS Studium bloß dem Bemittxlten zugänglich ist. So find die deutschen Professoren ganz Kinder der deutschen Bourgeoisie— mit all' der Be» schränktheit der Gesinnung, die dem deutschen Bourgeois zukommt. Dementsprechend ist der wissenschaftliche Nach- wuchs aller Fakultäten in Deutschland. Der Chef einer Klinik oder eines Instituts sucht sich den entsprechenden Assistenten, der in die herrschenden Vcrhältniste seinem ganzen Wesen nach hineinpaßt, er sucht sich Assistenten, mit denen er gesellschaftlich verkehren kann. Und das sind natürlich nur gute Bourgeois. Wehe demjenigen Universitätsassistenten, der seine Abneigung gegen daS persönliche und gesellschaftliche Getriebe in Universitäts- kreisen nicht unterdrücken wollte I Er bringt es dann auch nicht einmal zum Privatdozenten. Daher er- klärt es fich, daß es nur einen Fall Srons gibt und nicht ihrer viele. Als ob eS nicht eine Reihe tüchtige sozialdemokratische Aerzte gäbe, die eS mit manchem bürger- lichen Privatdozenten aufnehmen wollten, wenn sie die Möglichkeit hätten, wissenschaftlich zu arbeiten! ES ist aber nicht leicht, dauernd •) Der Verfasser irrt, wenn er dem„Vorwärts" U e b e r- s ch S tz u n g deS Hochschullehrertages und der dort gemachten Ans- führungen zuttaut. Wir nahmen von der Veranstaltung ausführlich Nottz, um nachzuweisen, wtt wenig selbst die relativ fortgeschrittensten Universitätskreise für eine wirkliche Freiheit der Wistenschaft zu haben find. Die Redaktton. Liemes fcuilleton. DaS Urbild zu Ibsens„Volksfeind". Ueber das Modell, nach dem Ibsen seinen Doktor Stockmann gestaltet hat, waren bisher verschiedene Annahmen verbreitet. Man hat geglaubt, au? einer Aeußerung des Dichters schließen zu dürfen, daß Björnson und Jonas Lie die wesentlichen Züge zu dem Bilde des streit- baren Badearztes geliefert hätten. Die Herausgeber des eben erschienenen Jbsenschen Nachlasses behandeln und lösen nun das Problem endgültig, indem sie auf den Konflikt verweisen, den der Apotheker Harald Thaulow, der Vater des Malers Fritz Thaulow, wegen der„Dampsküche" zu Kristiania, einer öffentlichen Speise- anstalt, die dem Volke billige Nahrung liefern sollte, zu bestehen hatte. Thaulow war ein Original und bekannt ftir die rücksichts- lose Unerschrockenheit, mit der er gegen öffentliche Mißstände aufzutreten Pflegte. So zog er unter anderem auch jahrelang gegen die Verwaltung der Akttengesellschast.Dampflüche" in den erbittertsten Angriffen zu Felde, vor allem in Flugschriften, deren eine den bezeichnenden Titel führte:„Die Stützen der Gesellschaft in Prosa". Am stürmischsten fuhr er in der Generalversammlung vom 23. Februar 1881. zwei Wochen vor feinem Tode, gegen die Verwaltung los. Er hielt eine nahezu einstündige, damals be- rühmt gewordene Anklagerede, zum Beweise dafür, daß kein Etablissement Kristianias größeren Humbug treibe als die„Dampf- küche". Als vom Vorsitzenden verlangt ivurde, er solle Thaulow das Wort entziehen, kam es zu einer stürmischen Szene, die die Kristianiaer„Aftenposten" im Wortlaut wiedergab und die ganz un- verkennbar die direkte Vorlage zu der großen VolksversammlungS- szene im vierten Akte des„Volksfeinds" abgegeben hat. Charakte- ristisch für den alten Thaulow ist auch der Umstand, daß er in seinem Testament den Wunsch aussprach, wie ein alter Wikinger auf einem Scheiterhaufen verbrannt zu werden: falls dies nicht anginge, sollte wenigstens die Asche seines Herzens in einer Urne aufbewahrt werden, die als Inschrift Goethes Worte wagen sollte: Dieser ist ein Mensch gewesen, Und das heißt ein Kämpfer sein. Abhärtting und Winterkleidung. Abhärtungsfanatiker gefallen sich darin, im Winter leichte Kleidung zu tragen, hingegen warm- haltende für unverzeihlichen Luxus zu erklären. Es gibt Leute unter ihnen, die ohne Beschwerde sogar zwischen Eisschollen herum- schwimmen können. Aber wie schätzbar ein gewisser Grad von Abhärtung gegen Kälte sein mag. so gereicht doch das Ucberweiben deS heroischen Kampfes dem Körper allmählich zum Nachteil. Ueberhanpt ist die Fähigkeit, fich abzuhärten. bei den einzelnen Individuen so sehr verschieden, daß von einer besttmniten Norn, gar keine Rede sein kann. Erfahrung und wissenschaftliche Unterftichungen haben erwiesen, daß der Körper in Bcrhältnisten zu leben, wo man es in tausend Dingen nicht wagen darf, so zu sein, wie man ist. Und das fällt gerade dann ins Gewicht, wenn das Verhältnis zur Umgebung ein so persön- l i ch e s sein mutz, wie im wissenschaftlichen Betriebe. Es erhebt sich der wissenschaftliche Nachwuchs an den deutschen Universitäten nicht über das Niveau der freisinnigen Helden. Die radikal- freisinnige Phrase, die die Dozenten auf dem Hochschullehrertag im Munde haben, ist ebenso zu bewerten wie die .Unentwegtheit" der Herren von den freisinnigen Parteien Deutsch- lands. Sie ist nötig zur D e k o r a t i o n, sie steht dem gebildeten Menschen, der sie in seiner Beschränktheit wirklich und ehrlich braucht, wie das tägliche Brot. Er braucht sie aber als radikale Phrase, der nie die Tat zu folgen hat l Hinter den Resolutionen so eines HochschullehrertageS stehen auch nicht diejenigen Dozenten, die diese Resolutionen an- nehmen! Aus all diesen Gründen ist eS eitler Wahn, zu glauben, es könnte jemals in Deutschland die Zeit kommen, wo die Verhältnisse auf den Universitäten anders würden. Nein, je mehr der Gegensatz zwischen Bürgertum und Arbeitcrklaste sich vertiefen wird, je mehr dieser Gegensatz organisierte Formen annehmen wird, d e st o so- zialistenfeindlicher werden die deutschen Universitäten werden I Geben wir uns doch keinen Täuschungen hin, die bei einer ge- wisten Gruppe von Genossen so beliebt sind. Die Universitäten sind die Brutstätten für die gebildetenBourgeois Und daS Bürgertum müßte, von seinem Stand- Punkt aus, auch wirklich töricht sein, wenn es Sozialdemokraten die akademische Laufbahn er- öffnen wollte. Der sozialistische Gelehrte, soweit eS sich um Disziplinen handelt wie Rechtswissenschaft, Geschichte oder Nationalökonomie, würde auch kaum seine Freude am Dozieren auf einer deutschen Universität haben I„Schule" könnte er hier nicht machen, einen ihm genehmen wistenschaftlichen Nachwuchs hätte er nicht zu erwarten. Und er wird darum wohl ohne innere Kämpfe sich der wissenschaftlichen Tätigkeit außerhalb der Universität zuwenden. Schwierig aber und mit schweren inneren Kämpfen verknüpft ist die Situation deS Naturwissenschaftlers, der die Arbeitsmittel braucht, die heute nur die Universitätslaboratorien geben können. Die professoralen Kämpen für„fteie" Wissenschaft gehen in diesen Fällen erbarmungs- loS über denjenigen Idealisten hinweg, der sich der Illusion hingibt, man könne Sozialdemokrat und Dozent zugleich sein. Und wenn ein Paragraph eines Universitäts- statuts für Deutschlands Universitäten lautete: „Sozialdemokraten dürfen grundsätzlich Uni- versitätSlehrer sein'— es gäbe an den deutschen Universitäten trotzdem keine sozialdemokra- tischen Assistenten und Dozenten, und seien es auch nur für solche unpolitische Disziplinen wie Physik, Chemie oder Biologie. Es sei denn, man behielte seine Meinung für sich... Zu den Freuden de» Lebens gehört das wirklich nicht I Euq der Partei. Parteitag für Hessen-Nassau. Tie zweite hessen-nassauische Provinzialkonferenz trat am Sonnabend im Frankfurter Gewerkschaftshaus zusammen. Es waren 117 stimmberechtigte Vertreter, darunter die Reichstags- abgeordneten Lehmann, Brühne und Hoch, anwesend. P f a n n k u ch- Berlin vertrat den Parteivorstand und Ab- geordneter Orb- Offenbach die sozialdemokratische Partei Hessens.— Bevor in die Tagesordnung eingetreten wurde, begründete Heiden- Frankfurt a. M. eine. Protestresolution gegen die spanische Pfaffenherrschaft und gegen den an Ferrer verübten Justizmord. Der Parteitag stimmte der Rc- solution, deren Wortlaut wir telegraphisch meldeten, einstimmig zu. Dann machte Sekretär Rudolph- Frankfurt a. Mt g e- schäftliche Mitteilungen, in denen er. ein kurzes Bild der EntWickelung der Organisation in der Provinz gab: Im Jahre 1905, als die Provinzorganisation gegründet wurde, betrug die bei leichter Kleidung im Winter zu einer größeren Wärmeproduktion veranlaßt, hierdurch fortgesetzt auf das äußerste angestrengt und dementsprechend schneller abgenutzt wird. Natürlich zwingt die größere Wärmeproduktion zu einer reichlicheren Ernährung. Leichte Kleidung hat also im Winter noch den ökonomischen Nachteil, die Lebens- weise zu verteuer». Eine warme Winterkleidung kann der Mensch ebensowenig wie das Tier entbehren. Die Vögel sind geschützt durch den unter und zwischen den Federn steckende» Flaum, und die meisten Säugetiere durch emen Pelz, der im Winter dichtere Be- haarung als im Sommer annimmt. Flaum und Pelz sind schlechte Wärmeleiter— sie verhindern, daß die vom Körper ausstrahlende Wärme allzuschnell an die äußere kalte Luft abgegeben wird. Ganz denselben Zweck sollen die Winterkleider erfüllen— sie werden am besten ans Materialien verfertigt, die als Wärmlciter schlechtester Art bekannt sind. Dahin gehört Schafwolle, und diese wird denn auch am meisten für unsere Winterkleidung benutzt. Daß Wolle zu den schlechtesten Wärmeleitern gehört, hat schon um die Wende des 18. Jahrhundert« der Physiker Rumford sehr sinnreich festgestellt. Er hing ein Quecksilberthermometer in der Axe eines unten als Kugel endigenden Glaszylinders so auf, daß der Mittelpunkt der Thermometerkugel in der Mitte der Glaskugel lag. Den Zwischen- räum zwischen beiden Kugeln füllte er mit Schafwolle an. Alsdann steckte er den ganzen Apparat in kochendes Wasser und hierauf in eine Kältemischung von gestoßenem Eis und Salz. Und nun beobachtete er die Zeitdauer, deren die Wolle bedurfte,»im sich um hundert Grad Celsius abzukühlen. ES ergab sich, daß diese Abkühlung in 1118 Sekunden erfolgte. In ganz derselben Weise prüfte er eine Reihe anderer Materialien. Hierbei stellte sich heraus, daß zur Ab- kühlung um hundert Grad Celsius Hasenhaar 1312, Eiderdannen 1395, Biberfell 1298, rohe Seide 1284, Tastet 1169, Baumwolle 1948, feiner Flachs 1932 und gedrehte Seide 917 Sekunden benötigten. Der erhebliche Unterschied zwischen roher und gedrehter Seide läßt erkennen, daß die Verarbeitung des Materials auf die Wärmelcitung von bedeutendem Einfluß ist. Auch die Qualität des Materials spielt eine Rolle. Das Haar der Schafwolle ist auf der Oberfläche mit Schuppen besetzt und bildet im natürlichen Zustande eine Menge wellenförmiger Bögen: je dichter und regelmäßiger die Schuppen stehen und je feiner, dichter und regelmäßiger die wellenförmigen Bögen erscheinen, um so besser ist die Wolle und um so wärmer hält sie. Vielgekräuselte, dicht beschuppte, leicht sich verfilzende Wolle wird zu Streichgarn und dann zu tnchartigen Geweben, hingegen Wolle ans längerem, weniger gekräuseltem Haar zu Kammgarn und dann zu glatten Geweben verarbeitet. Und so wärmt Tuch mehr als Kammgarngewebe. Theater. Hebbel-Theater:„Ein Skandal*. Schauspie! von Henry Bataille. Der Abend war eine angenehme Ueber- raschung. Nicht nur, daß vorzüglich gespielt wurde, auch das Werk selbst ermöglichte ein Mitgehe». Das Drama, in dem der ver- Zahl der organisierten Genossen 8599, 1997 waren es schon 16 599, und Ende Juni dieses Jahres konnten rund 29 999 organisierte Genossen in Hesscn-Nastau gezählt werden. Dabei sind mit Be- ginn dieses Jahres zwei Wahlkreise, Aschaffenburg und Lohr, die ungefähr 799 Mitglieder haben, aus dem Agitations- bezirk Frankfurt ausgeschieden und zum Bezirk Nordbavern über- getreten. Tie Provinz hat also trotz der Krisis ganz hübsche Fort- schritte gemacht. Ueber die Beschlüsse des Leipziger Parteitages referierte T h ö n e- Kassel. Er verbreitete sich eingehend über die Wichtigkeit der Jugendorganisation und hob die Aus- gaben der Jugendrommissionen besonders hervor. Den Schnaps- boykott begrüßt der Redner; die Parteileitungen müßten für die Durchführung dieses Boykotts energisch Sorge tragen, denn von der Durchführung des Beschlusses hänge das Ansehen und der Einfluß der Partei ab. Uebe der Boykott keine Wirkung aus, so würden die Gegner später unsere Beschlüsse nur verlachen, er- reichten wir aber unseren Zweck, so würden die Gegner das als eine Schlappe empfinden müssen. Der Redner begründete und empfahl folgende Resolution: „Die 2. hessen-nassauische Provinzialkonferenz verpflichtet die Parteiorganisationen der Agitationsbezirke Kassel und Frankfurt a. M., für die strikte Durchführung der Beschlüsse des Leipziger Parteitags Sorge zu tragen. Vor allem aber sind den Jugend- kommissionen diejenigen Mittel bereit zu stellen, die für eine planmäßige Erziehung der Arbeiterjugend erforderlich sind. Auch der in Leipzig gefaßte Beschluß des Branntwein- boykotts ist allerorts und bei jeder sich bietenden Gelegenheit eifrig zu propagieren.", Die Debatte drehte sich fast nur um den zu schaffenden Be- zirksfonds zur Unterstützung Maiausgesperr- t e r. Dißmann-Hanau begründete einen Antrag, in dem es heißt: „... Um dem zu schaffenden Bezirksfonds zur Unterstützung Mai- ausgesperrter Mittel zuzuführen, wird von den Mitgliedern der Partei wie der Gewerkschaften ein Extrabeitrag von 5 Pfennig pro Mitglied und Quartal erhoben... Die weiteren Redner waren mit dem Grundgedanken des Antrages einverstanden. Da aber eine Parteikonferenz nicht beschließen kann, daß auch die Gcwerkschafts» Mitglieder Extrabeiträge bezahl�! sollen, wurden Abänderungs- anträge eingebracht. Schließlich ward der Antrag in folgender Fassung einstimmig angenommen: „Die Provinzialkonferenz empfiehlt, dem Vezirksfonds zur Unterstützung Maiausgesperrter Mittel so zuzuführen, daß von den Mitgliedern der Partei wie der Gewerkschaften ein Extra- beitrag von mindestens 5 Pfennig pro Mitglied und Quartal er- hoben ivird. Um eine Doppelbesteuerung zu vermeiden, sind Mitglieder der Partei, welche sich in den Gewerkschaften dahin legitimieren, daß sie diesen Extrabeitrag bereits in der Partei- organisation entrichtet haben, in der Gewerkschaft von einer nochmaligen Zahlung des Beitrages befreit.. Die Konferenz beauftragt die beiden Agitationskomitees— nach Verständigung mit den angrenzenden Agitationskomitees—. mit den Gewerkschaftskartellen sofort in Verbindung zu treten, um dann in gemeinsamer Beratung der Vorstände der Gewcrk- schaftökartelle und der Vertreter der Wahlkreise eine Verständi» gung über die Beiträge an den Bezirksfonds sowie die Abgren- zung der Bezirke herbeizuführen." Hüttmann- Frankfurt a. M. sprach dann zu dem Punkte „Neue Organisationsfragen und unsere Organisation." Der Refc- rent untersuchte die wirtschaftliche und soziale Gliederung der Be- völkerung Hessen-Nassaus und die Ausbreitung der Parteiorganisa- tion: Im Agitationsbezirk Kassel, wo die Landwirtschaft dominiert. haben wir nur in 59 Orten Parteiorganisationen, in Betracht kommen aber 1799 Orte! Im Regierungsbezirk Wiesbaden, wo die Industrie mehr Eingang gefunden hat, ist das Verhältnis besser. Hier kommen auf 1999 Orte 151, in denen die Partei Fuß gefaßt hat. Diese Feststellungen zeigen, daß noch ein ungeheures Feld brach liegt und gewaltige Arbeit geleistet werden muß. Für die Landbevölkerung hat die Partei nach Ansicht des Redners bis- her nicht genug getan. Auch für die Erziehung der Partoi- genossen müsse mehr getan werden. Nach Erledigung einiger agitatorischer und organisatorischer Angelegenheiten wurde der Parteitag geschlossen. Der Grütli-Kalender für das Jahr 1910(Redaktion: Rod. Seidel), Zürich. XVIII. Jahrgang. 199 Seiten 4° mit über 39 Illustrationen. Beilage: ein Wandkalender. Ladenpreis 59 Cts., bei Partienbezug billiger. Zu haben in allen Buchhandlungen, Kalenderdepots, Papeterien, sämtlichen Grütli» und Arbeitervereinen, sowie direkt beim Verlage: Grütli-Buchhandlung in Zürich. standesmäßige Kalkül auf die Theaterwirkung die Direktive gegeben haben mag, unterscheidet sich vom hergebrachten Typus jedenfalls durch weitgehende Vereinfachung der Mittel. Der ganze komplizierte Apparat mühselig konstruierter Voraussetzungen, mit denen die französischen Autoren sich den Weg zu ihrer„großen Szene' zu bahucil pflegen, fehlt hier. Bietet die Psychologie keine intimere Vertiefung, keinen Ausblick auf neuartige Probleme, so hat sie doch Halt und deutlichen Zusammenhang. Sie wird, so wichtig dem Verfasser die Effekte sind, doch nicht zugunsten der Effekte ver- dreht und umgcfälscht. Es handelt sich um die Ehcbruchsgeschichte einer romantisch schwärmenden Fabrilantenfrau aus der Provinz, die in blinder Ver- liebtheit einem exotischen Gauner in die Netze läuft. Ida Roland brachte die glühende Exaltation, ebenso lvie den jähen Umschlag zu Scham und Verzweiflung, als der Vergötterte die schöne MaSke lüftet, in der Licbesszene des ersten Aktes mit suggestiver Kraft heraus. Auch in dem zweiten Anfzuge, in dem der Erpresser sich den Eingang in ihr HauS erzwingt und mit einer Geste des Edelmuts die tödlich Gedemlltigte zu versöhnen sucht, konzentriert sich das ganze Interesse auf die Frau. Ter Gatte bleibt im Hintergmnd. Man begriff nicht recht, lvas K a y ß l e r s männlich herbe Persönlichkeit in dieser anfänglich so banalen Bourgeoisrolle sollte. Aber der Kontrast ließ den späteren elementaren Ausbruch des Affekts dann nur umso mächtiger wirken. Die Gerichte sind dem Abenteurer auf die Spur gekonunen. Frau Fvrionl, deren Name» er bei seinen Schwindeleien benutzte, hat eine Zeugenvorladung er- halten. Ein alter Freund des Hauses hilft der Geängsteten das Geheimnis wahren. Wie der Ehemann F., der lange schiveigend zugesehen, endlich den Alten stellt, wie seine Erregung immer wilder wird, bis die brutale Wut jede Schranke der Selbstbeherrschung weg- fegt, das war in der Darstellung durch Kayh lerS eminentes Temperament ein packendes Gemälde menschlicher Leidenschaft. In wahnlvitziger Raserei ruft er Mutter und Kinder als Zeugen seiner Abrechnmig mit der Elenden herbei. Aber die Stimme ver- sagt, der drohend aufgereckte Arm sinkt wieder, als er sein Weib erblickt, und die Besinnung erwacht aus dem Starrkranipf. Er läßt sie reisen, ohne ihr ein Wort zu sagen. Und als sie wiederkommt. hat der Orkan in seiner Seele ausgetobt. Die Sache ist bekannt geworden, aber er fürchtet den Skandal nicht mehr. Das Auf und Ab der sich in Fsrioul bekämpfenden Empfindungen ist feinfühlig mit sicherer Hand skizziert. Er wird die Ungetreue nicht von de» Kindern reißen. Der Beifall klang stark und voll. dt. Notizen. — Ku«stabende. Der Liliencron-Abend des Charlottenburger Schiller-Theater» wird am Sonntaa öv, Uhr wiederholt. Wie seine Vorgänger, so ist der neue Grütli-Kalender wieder reich an gutem, schönem Stoffe. Dem Andenken des so früh aus seiner vielseitigen Tätigkeit dahingerafften Gottfried Reimann widmet Hans Wirz einen trefflichen, ehrenden Nachruf. Eine Anzahl kleinerer und gröherer Erzählungen wechseln ab mit belehrenden Abhandlungen von U. Meyer über die EntWickelung der schweizerischen Konsumvereine, Dr. W e h r l i über Erdbeben, Dr. Hertz über die Entwickelung der Weltwirtschaft. Die Reiseschilderuug Seidels über die Wisper Täler ist unter- haltend und belehrend zugleich. und in der sozialpolitischen Rund- schau erhält der Leser eine prägnante Zusammenfassung aller er- wähnenswerten Ereignisse. Der Kalender ist mit einer ganzen An- sohl sonstiger nützlicher Angaben aus der schweizerischen Arbeiter- bewegung ausgerüstet. Jeder Käufer des Griitli-Kalenders nimmt Übrigens noch an ewer Gratisverlosung guter Bücher teil. ?iigenclbe\vegiiiig. Die sozialdemokratische Jugendbewegung in Schweben. In der verflossenen Woche hielt der Sozialdemokratische Jugend- verband Schwedens im Volkshaus zu Stockholm semen Ver- bands tag ab. Es waren 200 Jugendklubs durch 180 Delegierte vertreten. Als Gäste nahmen der Vorsitzende des dänischen sozial- demokratischen Jugendverbandes. Genosse Jens Knudsen, sowie Genosse Dr. KarlLiebknechtan den Verhandlungen teil. Die sozialdemokratische Jugendbewegung Schwedens umfaßt jetzt 420 Klubs mit ungefähr 15 000 Mitgliedern. Von diesen Jugendklubs stehen jedoch noch 70 außerhalb des Zentralverbandes. Seit dem vorigen Verbandstag, 4007, ist die Zahl der Klubs um 67 gewachsen, die Mitgliederzahl jedoch um ungefähr 2000 zurück- gegangen, was offenbar aus die Wirtschaftskrise, die ungeheure Arbeitslosigkeit und die fortgesetzten Massenaussperrungen zurück- zuführen ist, wodurch große Scharen, namentlich junger Leute aus dem Lande getrieben wurden. Die Agitation ist in der verflossenen Geschäftsperiode recht lebhaft gewesen. Allein auf Veranlassung des Zentralvorstandcs wurden 36 Agitationsreiscn veranstaltet, mit denen 4432 Versammlungen verbunden waren, an denen über 466 000 Personen teilnahmen. Von der Ausdehnung der schriftlichen Propaganda zeugt die Tatsache, daß nicht weniger als 544 267 Bücher und Broschüren verbreitet wurden, neben ungefähr 4 Million Flugblättern und abgesehen von dem Verbandsorgan„Fram"(„Vorwärts"), das monatlich in 30 bis 40 000 Exemplaren erscheint. Der antimilitaristischen Propaganda wurde besondere Aufmerksamkeit gewidmet, ebenso der Aufklärungs- und Bildungsarbeit sowie dem K a m'p f gegen die Schmutzliteratur. Der Verband verfügt zurzeit über 30 Wanderbibliotheken, die auf Bestellung von Ort zu Ort ge- schickt werden und namentlich für die schwachbevölkerten Landstriche bestimmt find, wo es den Klubs an den Mitteln fehlt, sich aus eigener Kraft eine ausreichende Bibliothek zu verschaffen. Ferner zählt der Verband 60 Studienzirkel, die einem tieferen Bildungs- bedürfnis Rechnung tragen. Auf dem Kongreß wurde über verschiedene wichtige Fragen beraten. In einer der Oeffentlichkeit nicht zugänglichen Sitzung diskutierte man die Frage des Wehrpflichtstreiks. Das Ergebnis war eine Resolution, in der ausgesprochen wird, daß der Kongreß sich nicht der Illusion hingibt, die militaristische Frage könne durch einen Wehrpflichtsstreik gelöst werden, daß jedoch ein solcher Streit unter gewissen Umständen— z. B. wenn die Machthaber von der wehrpflichtigen Jugend Schwedens noch größere Opfer fordern sollten— eine wirksame gelegentliche Waffe im Kampfe gegen den Militarismus sein könne und daß darum die sozialdemokratische Jugend die Frage diskutieren müsse: ob nicht in einer solchen Situation eine neue Taktik mit Musterungs- oder Wehrpflichtstreiks angewandt werden sollte. Ferner wurde beschlossen, alle Jahr zum 4. Mai eine Antimilitaristen- und Friedcnsmarke herauszugeben, die bei den allgemeinen Mai» demonstrationen im ganzen Lande verkauft werden soll. Sodann wurde über»Königtum oder Republik" diskutiert und beschlossen, eine kräftige Agitation für republikanische Staats- Verfassung zu entfalten sowie dahin zu streben, daß diese Forderung vom nächsten Parteitag in das aktuelle Parteiprogramm aus- genommen wird. Ein Antrag, wonach der Jugendverband die unter Redaktion d«S Genossen Höglund erscheinende Zeitung „Stormklocken" übernehmen soll, fand ebenfalls die Zustimmung des Kongresses. Eine lebhafte Debatte entwickelte sich über da? Thema„A n t i- ncilitaristische R e i ch s t a g s t a k t i k", wobei eine gewisse Mißstimmung über die Haltung der sozialdemokratischen Fraktion zur Militärfrage hervortrat. Zu diesem Punkte wurde eine Reso- lution angenommen, in der der sozialdemokratischen Reichstags- fraktion vorgeworfen wird, daß sie infolge ihrer Kompromißpolitik die Prinzipien der Sozialdemokratie, besonders in der Militär- frage, beiseite gesetzt habe, und verlangt wird, daß die Fraktion eine scharfe prinzipielle Kritik und nicht nur Detailkritik führe, daß sie in Uebereinstimmung mit den Beschlüssen der inter- nationalen Kongresse dem bestehenden Militärwesen alle Mittel verweigere, daß sie bei guter Gelegenheit, ebenso wie es in Nor- wegen und in Dänemark geschehen ist, einen Abrüstungs. Vorschlag vorlege und daß die Initiative zu einer gemeinsamen skandinavischen Aktion für die Verwirklichung der Friedens- idee ergriffen werde. Ferner wurde eine Resolution zur Nüchternheitsfrage angenommen, in der erklärt wird, daß bei den Festen und Ver- anstaltungen des Jugendverbandes keine alkoholischen Getränke ausgeschänkt werden dürfen, daß die Agitatoren des Verbandes in ihren Vorträgen auf den Alkoholismus als eins der größten Hindernisse des Fortschritts hintveften sollen und daß in den Publikationen des Verbandes keine Annoncen über Alkoholgetränke Aufnahme finden! Zur Religionsfrage wurde beschlossen, eine Prokla- mation an die Arbeiter zu richten: sich und ihre Kinder von allen kirchlichen Zereinonien, wie Taufe, Konfirmation, kirchliche Trauung usw., fernzuhalten, sofern sie nicht aus religiöser lieber- ze u gu n g daran teilnehmen. Auch zum Sport nahm der Kongreß Stellung; er erkannte den guten Einfluß einer vernünftig betriebenen Gymnastik an, wandte sich jedoch gegen die einseitige physische Ausbildung und die Rekordjägerei, wie sie bei den Sports- leuten häufig hervortreten, und betonte, daß die sozialen Miß- Verhältnisse und Ungerechtigkeiten das größte Hindernis der Eni- Wickelung eines gesunden, starken Geschlechts sind. Im übrigen wurde eine Resolution gegen die indirekten Steuern angenommen, und schließlich sprach der Kongreß sich für die Förderung des Gedankens einer Weltsprache aus. Außerdem wurden besondere Maßnahmen zur Bekämpfung der Schmutzliteratur beschlossen. Der Sitz des Verbandes wurde von Malmö nach Stockholm verlegt. Der Kongreß beschloß, drei besoldete Funktionäre an- zustellen; für diese Posten wurden gewählt: als„Stormklockens" Redakteur Z. Höglund..Frams" Redakteur Frederik Ström und als Geschäftsführer des Verbandes E m u W a l l, n, her dies« Stellung schon bisher bekleidete. Genosse Liebknecht, der schon auf dem Kongreß eine An- Sprache gehalten, die Notwendigkeit der antimilitaristischen Agitation betont und seine Freude über die radikale sozialdemokratische Jugendbewegung Schwedens ausgesprochen hatte, hielt vor einer großen Versammlung im Volkshaus zu Stockholm über »Opportunismus in der Politik" einen Vortrag, der lebhasten Beifall fand,_ Hus Induftm und Kandel. Krisen-Gewinne. Das Gejammer über hohe Löhne, niedrige Preise, enorme Be« i lastung durch die Sozialpolitik usw., das besonders aus der Groß- industrie ertönte, erscheint als Ausfluß schrankenloser Begehrlichkeit angesichts der Abschlüsse der meisten Unternehmen. Daß manche von ihnen unter der Krise gar nichl gelitten haben, sie es trefflich verstanden, die Folgen des Konjunkturumschwunges auf die Arbeiter abzuwälzen, dafür ein paar Beispiele: Die Dillinger Hüttenwerke brachten für das letzte Jahr 2 667 456 M. Reingewinn heraus, gegen nur 2 476 797 M. im Jahre vorher; der Deutsch-Luxemburgische Bergwerks- und Hüttenverein, der für 4907/08 mit einem Betriebs- Überschuß von 8 900 622 M. abschloß, erzielte im letzten Jahre 10574 699 Mark. Die MaiineSmann-Röhrenwerke schließen für das letzte Jahr mit 4 676 931 M. Reingewinn ab gegen 4 004 639 M. im Vorjahre. Die Aktionäre brauchen sich keine Sorge um das tägliche Bröl zu machen. Für das neue GesMftsjahr werden ebenfalls.be- friedigende" Ergebnisse in Aussicht gestellt. Deutscher Außenhandel im September 1909. Nach dem Septemberheft der vom Kaiserlichen Statistischen Amt herausgegebenen monatlichen Nachweise gestaltete sich der aus- wärtige Handel Deutschlands im September d. I. wie folgt: Einfuhr 5 487 409 Tonnen verschiedene Waren, ferner 164 493 Stück, worunter 44 693 Pferde usw. gegen 6 009 980 und 6 688 439 Tonnen im Vormonat und im September v. I. und 116 492 und 166 440 Stück in diesen beiden Monalen. Ausfuhr 4 196 431 Tonnen, ferner 32 407 Stück, worunter 403 Pferde usw., gegen 4360 866 und 4 267 343 Tonnen im Vor- monat und im September vorigen Jahres und 43 430 und 29 487 Stück in diesen beiden Monaten. Die Gesamteinfuhr in den ersten neun Monaten dieses Jahres 46 663 612 Tonnen gegen 44 649 291 im Vorjahre, ferner 1 038 267 gegen 1 127 680 Stück im Vorjahre. Die gleichzeitige Gesamtanssuhr 34 869 768 gegen 83 858171 Tonneu im Vorjahre, ferner 264 769 gegen 283 840 Stück im Vor- jähre. Die Gesamteinfuhr hatte ohne Edelmetalle einen Wert von 6040,2 Millionen Mark gegen 6620,2 Millionen Mark, die Gesamt« ausfuhr einen solchen von 4796,6 Millionen Mark gegen 4732 Millionen Mark im Vorjahre. Der Edelmerallverkehr erreichte im laufenden Jahre einen Wert von 219,6 Millionen Mark in der Einfuhr und 222,0 Millionen Mark in der Ausfuhr. Die Vorjahrs- werte waren 303,6 Millionen Mark in Einfuhr und 66 Millionen Mark in Ausfuhr._ Gemeindewaldungeu der Provinz Brandenburg. Nachfolgend geben wir eine Zusammenstellung der finanziellen Ergebnisse einer großen Anzahl von Gemeindewaldungen der Provinz Brandenburg, soweit vergleichende Angaben vorliegen. ES bleibt bei der Wertung der Zahlen zu berücksichtigen, daß sie die absolute Güte der jetzigen Waldbehandlung und der daraus resultierenden Rentabilität nicht angeben können. Diese ist mit abhängig von der Qualität des BodenS usw. und nicht zum wenigsten von der Sorgfalt und der forsttechnischen Geschicklichkeit, mit welcher die Baumbestände in den letzten fünf und mehr Jahrzehnten gepflegt worden sind. Da sämtliche in Betracht kommende Forsten räumlich eng verbunden sind— was ziemlich gleiche Wärme« und Feuchtigkeitsbedingungen schafft— und auch bei ähnlichen Bodenverhältnissen in nicht allzu verschiedener Höhenlage existieren, können dir sich aus den Ver- schiedenheiten ergebenden Differenzen allerdings nicht sehr groß sein. Lübben steht somit an erster Stelle der Gemcindewaldungen, deren Ausgaben sich vermindert resp. deren Einnahmen sich ge- steigert haben. Bei den Mehrausgaben steht an erster Stelle mit 23 Prozent der gesamten Einnahmen die Gemeindewaldung Müll- rose. Leider ist zu befürchten, daß bei der allgemeinen Finanznot die Gcmeindewaldungen allzusehr als Milchkuh betrachtet werden, wobei die Gefahr des Raubbaues nahe liegt. StaatSaustrSge für Waggonfabriken. Wie die»Magd. Ztg." be- richtet, wird die preußische Regierung vom Landtage 460 Millionen Mark für Beschaffung neuer Güterwogen fordern. Diese Forderung sei hervorgerufen durch zahlreiche Klagen, die seit Einführung der Güterwagengemeinschaft auS anderen Bundesstaaten, insbesondere auS Sachsen, über die Verwendung der diesen gehörenden Güter» wagen in Preußen laut geworden smd. Im Sinne des Güterwagen- gemeiiischastSvertrageS müssen auch die anderen Bundesstaaten Preußen mit der Vermehrung ihres GüterwagenparkS folgen. So niuß z. B., wenn der preußische Landtag die geforderten 460 Millionen bewilligt, Sachsen für die Vermehrung der Zahl seiner Güterwagen eine Summe von annähernd 14 Millionen Mark aufwenden. Soziales. Haftung Dritter im Sinne des 8 151 des Unfallversicherung»- gcsetzes für Land- und Forstwirtschaft. Vor dem Reichsgericht wurde dieser Tage eine Klage des Oekonom S. in Neuhof gegen 22 Oekonomen dieser Gegend ver- handelt, die eine sogenannte Drrschgenossenschaft bilden und ihre Dampfdrcschmaschine nebst Personal nebenbei auch anderen Bauern zur Verfügung stellen. Als diese Maschine am 6. August 1904 bei einem Bauern in Neuhof arbeitete und der Kläger diesem Hilfe leistete, bestieg er in seinem Diensteifer die Maschine, um für den Einleger einzutreten, der sie für einen Moment verlassen hatte. Hierbei geriet er in die Dreschtrommcl, die ihm den linken Fuß zermalmte. Er mußte sich das Bein abnehmen lassen, und nimmt nun für alle Schäden die zu der erwähnten Genossenschast ver- einigten beklagten Oekonomen in Anspruch, da die Maschine mehr- fach Mängel gehabt habe und auch bei der Aufstellung gegen die Unfallverhütungsvorschriften verstoßen worden sei. Voraussetzung für den Anspruch ist, daß die beklagte Genossenschast als„Dritter* im Sinne des§ 161 in Betracht kommt. Dies bedingt wieder, daß der Kläger nicht im Betriebe der Genossenschaft, woselbst er für einen Moment aushalf, sondern im Betriebe des Landwirts, dem er dreschen half, beschäftigt gewesen sein mutz. Das Landgericht Fürth erkannte auf- Abweisung des Klägers. Auf die Berufung des Klägers erkannte das Lberlandesgericht Nürnberg soweit zugunsten des Klägers, als Schmerzensgeld und dessen weitere Ansprüche für die ersten 13 Wochen in Betracht kommen. Im übrigen wies es die Klage ab. Die dann vom Kläger beim Reichsgericht eingelegte Revision hatte den Erfolg, daß das Urteil des OberlandeSgerichts Nürnberg insoweit aufgehoben wurde, als Kläger mehr als zu einem Fünftel abgewiesen worden war und wurden die Ansprüche des Klägers auf Ersatz der Kur- und Pslegekostcn, auf Ersatz des entgangenen Arbeitsverdienstes, auf Schmerzensgeld und auf Entschädigung für dauernde Entstellung zu vier Fünfteilen dem Grunde nach als gerechtfertigt anerkannt. Der erkennende 6. Zivilsenat legt in seinen EntscheibungS« gründen dar, daß es keinem Zweifel unterliege, daß der Kläger in dem Betriebe des Bauern tätig war, dem er beim Dreschen Hilfe leistete. Seine Tätigkeit habe darin bestanden, daß er dem Einleger die Garben zureichte. Die Dreschgenossenschafi stelle zu ihrer Maschine nur zwei Personen, den Maschinisten und den Einleger, während für alle übrigen Arbeitskräfte der Landwirt, der dreschen lasse, zu sorgen habe. Bei Dampfdreschmaschinen werde aber nicht einmal der Einleger zu dem Maschinenpersonal gerechnet, sondern mehrfach unter die landwirtschaftlichen Ar- beiter. Im vorliegenden Falle habe der Einleger zwar zu der Gesellschaft gehört, trotzdem bleibe aber die Folgerung gerecht» fertigt, daß, wenn ein Arbeiter des dreschenden Landwirts zeit- weise die Funktionen des Einlegers übernimmt, er immer noch in dem landwirtschaftlichen Betriebe des Getreidebesitzers tätig sei. Bei vorübergehenden Hilfeleistungen zu einem stemden Betrieb finde ein Uebertritt des Arbeiters in diesen Betrieb nicht notwendig statt, insbesondere nicht, wenn die fragliche Arbeit zu- gleich dem Interesse dcS eigenen Betriebes diene.(Amtl. Nachr, des R. V. A. 1891, S. 244k Nr. 1027—1030.) Dieses berechtige aber zu der Annahme, daß nicht die beklagte Genossenschaft, sondern der Bauer, dem der Kläger dreschen half, Unternehmer des Be- triebes gewesen ist, in welchem der Kläger den Unfall erlitten hat; somit sei die beklagte Genossenschaft als Dritter im Sinne des angenommenen§ 161 anzusehen. Als Dritter haste sie aber, so- weit die Ansprüche des Klägers nicht auf die Berufsgenossenschaft übergehen, gemäß den§Z 823, 830, 707S, 714 des Büraerlichcn Gesetzbuches. HanvlungZgrhilfin oder Gewcrbegehilfin? Gegen den Fleischermeister Paul Merker klagte bor dem JnnungsschiedSgericht die Verkäuferin R. Sie war seit dem 1. August beim Beklagten beschäftigt. Am 1. September wurde ihr zum 46. gekündigt und schon am 2. September eine weitere Ver- käuferin eingestellt. Am gleichen Tage wurde die Klägerin von der Ehefrau des Beklagten zum Arzt geschickt, der ihr die Warzen von den Händen entfernen sollte. Die Klägerin wurde dadurch erwerbsunfähig und deshalb sofort entlassen. Sie fordert 23,64 M. Entschädigung für 44 Tage. Der Beklagte wendet ein, daß er zur sofortigen Entlassung berechtigt gewesen sei; eflie Ver- käuferin mit Warzen auf den Händen könne er nicht beschäftigen. Da Klägerin bereits einen vollen Monat beschäftigt gewesen ist, bestreitet sie die Berechtigung dieser Einrede. Das JnnungS- schiedsgericht wies die Klage ab, weil die Klägerin die Krankheit schon vorher gehabt hat und sich dieselbe nicht im Betriebe des Be- klagten zugezogen hat. Die Entscheidung geht aus zwei Gründen fehl. Formell ist nicht das JnnungsschiedSgericht, sondern das Kaufmannsgericht zu- ständig. Die Fleischermamsell, ebenso die Bäckermamsell, verrichtet keine technischen Dienste, sondern hat mit dem Umsatz der Waren zu tun. Sie ist mithin Handlungsgehilfin. Die entgegenstehende Spruchpraxis des Jnnungsschiedsgerichts und einiger Kaufmanns- gerichte verstößt gegen das Gesetz. Materiell war der Anspruch der Klägerin aber berechtigt, weil der vom JnnungsschiedSgericht an- geführte Grund im Gesetz keine Stütze findet. Hoffentlich geht die Klägerin an daZ Amtsgericht, um hier die Unzuständigkeit des Jnnungsschiedsgerichts ausspreck�n zu lassen, und klagt dann beim KaufmannSgericht ihr Gehalt für die Dauer eines Quartals eiu. Haftpflicht deS Arbeitgebers für entwendete Sachen. Der Maurer A. klagte gestern beim Gewerbegericht gegen den Architekten Berkefeld auf Zahlung von 14,60 M. als Schadenersatz für eine Hose, die ihm auf der Arbeitsstelle abhanden gekommen ist. Der dem Kläger zur Aufbewahrung der Kleidung zur Ver- fügung stehende Kellerraum wurde vom Polier nicht abgeschlossen. Das Gcwcrbcgericht hielt den Beklagten mit Recht für ersah- pflichtig, weil es zu den Pflichten des Arbeitgebers gehört, einen verschließbaren Raum zur Aufbewahrung ihrer Sachen den von ihm Beschäftigten zur Verfügung zu stellen. Der gerichtLseitige Vergleichsvorschlag auf 8 M. wurde von beiden Teilen an- genommen._ Die»Blutegel" de» Herrn Antelmann beschäftigten die letzte Sitzung der 1. Kammer des Berliner Kauf. mannsgcrichts. Der Kläger S. war mit drei anderen Handlungs- gehilfen in gleicher Stellung bei dem Bclagten Brun- Antelmann, Inhaber des»Deutschen Kolonialhauses", als Reisender tätig. Nach der Behauptung des Klägers soll nun A. eines Tages zu allen vier Reisenden zugleich geäußert haben:»Sie sind Blutegel an meinem Körper! Sie saugen mich aus!" Der Kläger fühlte sich durch diese Worte in seiner Ehre schwer gekränkt und verließ sofort die Stellung. Er nahm auch seine Tätigkeit nicht wieder auf, nachdem der Beklagte ihn durch Boten hatte bitten lassen, wieder ins Geschäft zu kommen. Der Beklagte wendet demgegenüber ein. daß er nur eine ähnliche Redewendung in Form eines Gleichnisses gebraucht habe. Weil die Herren so lange in der Kneipe saßen. habe er gesagt, daß Leute, die es so wenig gewissenhaft mit ihrer Tätigkeit nehmen, Blutegeln gleichkommen, die ihn aussaugen wollen. Zudem bezog sich die Redewendung nur auf die drei anderen Reisenden. Gerade der Kläger war nicht gemeint, da er nur in das von seinen Kollegen geschmiedete Komplott mit hineiri- gezogen worden sei. Vollends hätte der Kläger seine Tätigkeit wieder aufnehmen müssen, wenn der Chef extra zu ihm hinschicke. Er könne doch nicht verlangen, daß der Prinzipal selber ihn demütigst zurückhole. Das KaufmannSgericht verurteilte den Beklagten zur Zahlung des Restgehaltes von 413 M. Auch in der vom Beklagten zu- gestandenen Form durfte dieser den Ausdruck nicht gebrauchen. Kläger konnte als Teil der beleidigten Gesamtheit seine Tätigkeit sofort einstellen und hatte auch nicht nötig, mnem späteren wie immer auch gearteten Ersuchen um Wiederaufnahme der Arbeit Folge zu leisten. Seinen Gehaltsanspruch behalte er bis Ablauf der Kündigungsfrist._ DaS Halten eine» Ap-thekerlehrlingS. Der Apotheker W. aus Posen hatte einen jungen Menschen in seinem Geschäft angestellt, welcher Benzin, Magentropfen usw. verkaufte. Eine höhere Schule hatte der junge Mensch nicht be- sucht. Ein Gehilse war in der Apotheke nicht tätig. Von dem Regierungspräsidenten hatte W. keine Erlaubnis Malten, einen Lehrling zu halten. Die Strafkammer erkannte �zegen W. auf Grund der Apothekenbetriebsordnung und de»§ 367(6) des Straf. gesetzbuches auf eine Geldstrafe, weil er im Betriebe feiner Apotheke ohne Genehmigung des Regierungspräsidenten keinen Lehrling beschäftigen durfte. Diese Entscheidung focht W. durch Revision beim Kammergericht an und betonte, er verkaufe auch solche Sachen, welche in Kaufläden und Drogengeschäften zu haben seien. Der junge Mensch sei nicht im eigentlichen Apotheken- betriebe, sondern mit dem Verkauf von solchen Sachen im Handels- gewerbe beschäftigt worden, welche auch in Drogenhandlungen feil- gehalten werden. Das Kammergericht hob die Vorentscheidung auf und wies die Sache zur anderweiten Verhandlung und Eni- scheidung an die Strafkammer zurück. In den Gründen führte es unter anderem aus: Nach der Apothekenbetriebsordnung könne jeder Apothekenvorstand soviel Lehrlinge, als er Gehilfen habe, zur Ausbildung annehmen; wer keinen Gehilfen halte, könne einen Lehrling ausbilden, bedürfe aber hierzu der Erlaubnis des Re- gierungspräsidenten. Eine Verurteilung des Angeklagten auf Grund des§ 367(B) des Strafgesetzbuches könne nur in dem Falle eintreten, wenn W. dem jungen Menschen erlaubte, Arzneimittel zu verkaufen. Es bleibe mithin zu prüfen, ob Magentropsen zu den Arzneimitteln gehören._ Von der Elektrotechnik. Die Berufsgenossenschaft der Feinmechanik hat sich im Vor- jähre auch den Namen:„für Elektrotechnik" noch zugelegt, ein Beweis für das Fortschreiten der Elektrotechnik in Deutschland. Versichert Ivaren im Jahre l907: B8V3 Betriebe, im Jahre 7908 dagegen 6162. Auch die Zahl der versicherten Arbeiter ist von 222 786 auf 224 497 gestiegen. In der Elektrotechnik sind davon allein 108 472 beschäftigt oder 48 Proz. der Versicherten. Der Jahresdurchschnittslohn eines Versicherten hat sich gegen das Jahr 1907 von 1311 M. nur auf 1315 M., also um kaum 4 M. erhöht. Den niedrigsten Lohn zahlt man in Schlesien mit 1016 M., den höchsten in Sektion l Berlin mit 1474 M. pro Jahr. Auch die Zahl der Unfälle ist etwas zurückgegangen, weil, wie der Bericht richtig bemerkt:„die Industrie weniger stark beschäftigt war." Es fiel infolgedessen die unheilvolle Ueberarbeit fort, die ' Zahl der ungeschulten Arbeitskräfte war da sicher nicht so groß, als in Zeiten der Hochkonjunktur usw. Gemeldet wurden im Berichts- jähre 9942 Unfälle, gegen 10 336 im Jahre 1907. Ohne weitere Unfallfolgen waren hiervon allein 7528 Fälle laut Bericht imier- halb der ersten 13 Wochen erledigt, so daß zum Schlüsse nur an 1418 Verletzte Rente gezahlt werden mutzte. Von diesen Renten- empfängern waren 1306 männlichen und 112 weiblichen Geschlechts. Als Folgen dieser entschädigten Fälle gibt der Bericht an: 67 Todesfälle. 1097 Fälle mit teilweiser und 254 Fälle mit vorüber- gehender Erwerbsunfähigkeit. Die technischen. Aufsichtsbeamten können es sich nicht entgehen lassen, wieder den Verletzten die Hauptschuld an den Unfällen selbst zuzuschreiben. Den Unternehmern wird dies wieder grotze Freude bereiten, aber eS stimmt mit den„Feststellungen" nicht. So wollen die Beamten„keine schweren Mitzstände durch Beschäftigung von jugendlichen Arbeitern an gefährlichen Mto schinen" finden! Nachdem die Beamten zur Freude der Unternehmer wieder- holt erklärten haben, datz„ein grotzer Teil der Unfälle auf die Un- achtsamkeit und teilweise sogar groben Leichtsinn" der Arbeiter zu- rückzuführen seien, schildert man später folgende Zustände:„bei Verwendung von offenen Schmiedefeuern haben die Arbeiter in ge- schlossenen Räumen häufig unter Rauch und Oualm zu leiden."— „Gesundheitssckädliche Einflüsse hat man im elektrischen Schweih- betriebe beobachtet." Die Folgen waren„chronische Augenentzün- düngen", auch„Nickelkrätze", die aber heute noch nicht als Betriebs- Unfälle entschädigt werden. Wie sehr die Unfallgefahr von den Unternehmern selbst geschaffen wird, gibt der Bericht selbst zu: „Auch für die Aufstellung von Kraftmaschinen in kleinen Betrieben, vornehmlich von Gas- und Petroleummotoren, stehen mitunter nur ungeeignete Betriebsräume zur Verfügung. In niedrigen Keller- räumen ohne Luft und Licht ober auch in dunklen, anderweitig un- benutzbaren Winkeln der Arbeitsräume selbst finden sich Gas- motore, deren sorgsame Bedienung unter solchen Umständen nahezu ausgeschlossen ist." Trotzdem klagt der Bericht darüber, datz die Strafandrohungen gegen die Arbeiter erfolglos bleiben und schlägt vor schärfer vorzugehen! Das Glück der Unfallverletzten im Rentenstreit ergibt sich auS den Zahlen des Berichts. Von den Berufungen der Verletzten wurden von den Schiedsgerichten 594 abgewiesen und nur 231 als begründet anerkannt. Auch das Reichsversichcrungsamt hieb in die- selbe Kerbe, denn es wies 196 Rekurse der Verletzten zurück und nur in 29 Fällen hielt es den Rekurs für begründet. Dagegen hatte die Genossenschaft 62 Erfolge und 43 Mißerfolge mit eigenen Rekursen. Huö der frauenbcwegung. Die englischen Frauenrechtlerinnen. Die Behandlung der Frauenrechtlerinnen in den Gesängnissen gibt zu dielen irrtümlichen Anschauungen Aulab. Die Fälle, datz eine Frauenrechtlerin wegen Verkehrsstörung, Angriffe aus Polizei. Fenstereinschlagen bei Mnistern. Steinwerfen auf Minister- wagen usw. direkt zu Gefängnis verurteilt wird, sind äutzerst selten. Gewöhnlich wird die Uebertretung mit Geld be- straft, erst bei Nichtzahlung tritt Gefängnisstrafe ein. Im Gefängnis widersetzen sich die Frauenrechtlerinnen der Gefängnis- ordnung. Das neueste Protestmittel ist Fasten im Gefängnis, worauf die Gefängnisbehörden zur Zwangsernährung greifen. Die Zwangsernährung führt wieder zu aufregenden Szenen im Gefängnis und schlietzlich zu einer Klage der durch Zwang er- nährten Gefangenen gegen den Minister des Innern. Hier ein Beispiel: Der Premierminister Asquith sprach vor einigen Wochen in einer öffentlichen Versammlung in Birmingham. Bei seiner Rückfahrt zum Bahnhofe wurde er mit Steinen beworfen. Eine Mitz Ainsworth wurde als Steinwerferin verhaftet und zu zehn Mark Geldstrafe verurteilt. Sie zog Gefängnis vor. Hier angelangt, lehnte sie es ab. sich der Gefängnisordnung zu unterwerfen. Sie vcrioeigerte alle Nahrung, woraus sie zwangs- weise ernährt wurde. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis strengte sie einen Prozeß gegen den Minister des Innern an wegen Beleidigung, Beschädigung ihrer Gesundheit usw. Das Gericht beschlotz, der Anklage vorläufig stattzugeben und den Minister, die Lerzte und die Gcfängnisbehörden vorzuladen. Eine demokratische Fraucnrcchtsliga hat sich jetzt in England gebildet. Im Gegeinatz zu den Stimmrechtsfrauen. die nur die Ausdehnung des' geltenden Wahlrechts auf die Frauen und damit eine Vermehrung der Wählerzahl au-Z den besitzenden Klassen auf Kosten der Arbeiter fordern, verlangt die neue Liga dem soziolistilchen Programm gemätz: eine Stimme für jeden Mann und jede Frau! Dem Verein gehören auch Männer an. Sein taktisches Vorgehen unterscheidet sich in angenehmer Weise von dem jener SuffragistS aus den besitzenden Klassen, die alleS tun, um den gegenwärtigen Kampf um Demolratie im Staat zu stören und so der Frauensache am meisten schaden. Er fordert nach Erledigung der Budget- und Oberhausfrage den Erlatz eine? Gesetzes für ein völlig demokratisches Männer- und Fraueustiiimirccht. Dafür sind bereits 34 Abgeordnete ge« Wonnen. Ebenso wird die Agitation unter den Massen kräftig be- trieben. Schon haben 70 Organisationen, darunter die Frauen- Genossenschaftsgilde mit 26 000 und die Arbeiterinnen-Union in Leek (3000) ihren Beitritt erklärt und Dutzende anderer unterstützen die neue Bewegung. In den Bereinigten Staaten hat sich die nationale Organisation der bürgerlichen Frauenrechtlerinnen für das unbeschränkte und allgemeine Fraucnwahlrecht rückhaltlos ausgesprochen. Die Präsidentin, Frau Anna Howard Shaw, erklärte öffentlich, bei Gelegenheit der Eröffnung des neuen Hauptquartiers, daß die Organisation unter Ablehnung eines begrenzten Frauenwahlrechts für das allgemeine Wahlrecht kämpfe. Sie bemerkte:„Im vorigen Jahre hat man mich ersucht, einem im Staate Süd» Dakota eingereichten Gesetzentwurf, der den st e ue r zah l e n d e n Frauen das Wahlrecht geben sollte, meine Unterstützung zuzuwenden. Ich depeschierte sofort:„Bekämpft diesen Gesetzentwurf, unsere nationale Organisation wird keinen Cent zur Unterstützung dafür aus- geben." Dieselbe Antwort gaben wir, als im Staate Oregon ähnliche Gesetze durchgedrückt werden sollten. Seitdem hat man in diesen beiden Staaten Gesetzentwürfe eingereicht, die das all- gemeine Stimmrecht für die Frauen fordern und diese haben wir unterstützt. Von den Südstaatcn trat man an uns heran mit dem Ansinnen, das Wahlrecht nur für die weißen Frauen zu fordern. Unsere Erklärung lautete:„Wir wünschen das' Wahlrecht nur dann, wenn es allen Frauen, den schwarzen wie den weißen, zuerkannt wird." Das hat man uns im Süden sehr übel genommen und unsere Sekretärin im Staate Louisiana muhte daraufhin sogar ihr Amt niederlegen." Leseabende. Steglitz. Freitag, den 22. Oktober. S'/a Uhr, bei Rohmann, Schlotz- stratze 117: Rezitation Henckelscher Gedichte. Kericdts» Leitung. Unterschlagung im Amte. Den Anforderungen ihres Amtes nicht gewachsen war die frühere Fahrkartenverkäuferin Hedwig Kolleis, die sich gestern auf die Anklage des Vergehens im Amte vor der 1. Strafkammer des Landgerichts I zu verantworten hatte. Die Angeklagte nahm im Alter von 25 Jahren eine Stellung bei der Königlichen Eisenbahn- direktion in Berlin an und wurde drei Jahre zunächst als Aus- Hilfe und sodann als Anwärterin beschäftigt. Sie war zunächst auf dem Potsdamer Fernbahnhof, dann auf dem Bahnhof Wannsee und zuletzt in Friedenau als Fahrkartenverläuferin tätig. Ihr wurde zum Vorwurf gemacht, in den Jahren 190? bis 1909 fort- gesetzt Veruntreuungen begangen zu haben. Sie soll in den Jahren 1908— 1909 1115 M., die sie in amtlicher Eigenschaft empfangen, ferner im Jahre 1907 350 Fahrkarten ll. Klasse nach Potsdam, im Jahre 1909 40 Monatskarten II. Klasse von Friedenau nach Berlin unterschlagen haben. Sie war im großen und ganzen geständig, die höchst komplizierten Manöver ausgeführt zu haben, die dazu gehören, um die Entnahme so grotzer Posten von Fahr- karten aus den zeder Fahrkartenausgabestelle zugewiesenen Fahr» kartenbeständen zu bewerkstelligen, ohne datz das Fehlen der Karten gemerkt wurde. Sie bestritt aber lebhaft, auch nur einen Pfennig für sich verbraucht zu haben. Sie will Fehlbeträge an Geld und Mankos an Billetts schon in den ersten Wochen ihrer Schalter- tätigkeit bemerkt haben. Sie versichert, datz sie die veruntreuten Gelder nicht für sich, sondern nur zur Deckung der immer wieder» kehrenden Fehlbeträge verwendet habe, die ihr auf unerklärliche Weise entstanden seien. Sie ist auch der Ansicht, datz sie für die Sünden anderer vielleicht niitbützen müsse, denn auch andere Per- sonen hätten Zutritt zu den Fahrkartenbeständen und es sei nicht unmöglich, datz diese das Defizit, welches sie zu decken getrachtet habe, vergrößert haben. Der Eisenbahnfiskus ist nicht zu Schaden gekommen, da der Vater der Angeklagten den fehlenden Betrag ersetzt hat. Die Angeklagte selbst ist aus dem Eisenbahndienst ent- lassen worden. Sic hat sich dies so zu Herzen genommen, daß sie einen Selbstmordversuch gemacht hat; zurzeit sucht sie sich als Schneiderin durch die Welt zu bringen. Da es sich um Amts- vergehen handelt, beträgt das geringste Strafmatz 3 Monate. Der Staatsanwalt empfahl die Einsetzung dieses geringsten Strafmaßes und da drei Fälle unter Anklage standen, eine Gesamtstrafe von 6 Monaten Gefängnis.— Das Urteil des Gerichts lautete-ruf 4 Monate Gefängnis. Der Verteidiger der Angeklagten, Rechts» anmalt Schwindt, hatte einen Beweis für die Einwände der An- geklagten nicht angetreten._ Analysenfälschung. Wegen Beleidigung des Kaiserlichen. AdmiralitätSratS Pro- fessor Dr. StShr, Vorstandes des Torped'olaboratoriumS zu Kiel, hatte sich der Chemiker und Verleger Dr. Werner Esch auS Hamburg vor der 6. Strafkammer des Landgerichts Berlin l zu verant- Worten. Dr. E. war Assistent in dem Torpedolaboratorium unter Professor Stöhr gewesen und hatte diese Stellung gekündigt, da er in einem gegen Stöhr seinerzeit anhängig gewesenen Diszipli- narverfahren als Zeuge gegen diesen vernommen werden sollte. Er behauptet nun, seit dieser Zeit von Prof. Stöhr ungünstig be- auskunftet zu sein und wurde auch seinerseits in seiner Eigen- schaft als Reserveoffizier in ein ehrengerichtliches Verfahren ver- wickelt, weil er gegen Stöhr den Vorwurf der Analhfenfälschung erhoben haben sollte. Er soll nämlich— und darum dreht sich auch der Beleidigungsprozetz— gegenüber dem Großindustriellen Dr. Majert und dessen Sohn behauptet haben, Professor Stöhr habe Analysen gefälscht und sich nicht gescheut, dieses Vergehen ihm (Esch) in die Schuhe zu schieben. Hiervon erhielt Professor Stöhr Kenntnis und stellte Strafantrag. Der Angeklagte wandte ein, es sei seinerzeit von Herrn Professor Stöhr«in Bericht an den vorgesetzten Admiral entworfen und in eine Analhsentabelle eine geschätzte Zahl statt einer genau berechneten zwecks Täuschung ein- gesetzt worden. In dem Falle der Unterredung mit Dr. Majert junior habe er in Wahrnehmung berechtigter Interessen gehandelt» da er diesen in seinem ehrengerichtlichen Verfahren juristisch kon- snltiert habe. Dem Vater Dr. M. gegenüber habe der Angeklagte überhaupt nichts gesagt.— Das Gericht sprach den Angeklagten in dem Falle mit Dr. Majert junior frei, indem es ihm den Schutz des§ 193 zubilligte und beschloß, die Verhandlung über den anderen Fall zu vertagen und neue Beweise zu erheben, insbe- sondere Professor Dr. Stöhr zu laden. Mundraub. Abermals, am Dienstag, hatte sich das Reichsgericht gegen eine zu enge Auslegung des 8 370 Ziffer 5 des Strafgesetzbuches zu wenden. Das Landgericht M.-Gladbach hat am 22. April die un- verehelichte Wallraff wegen Rückfalldiebstahls zu g Monaten, ihre Schwester, die verehelichte Barbara Spix, wegen einfachen Dieb- stahls zu einer Woche Gefängnis verurteilt. Sie haben ihrem Dienstherrn 9 Flaschen Wein und eine Flasche Sekt entwendet. Das Landgericht meinte, schon wegen des nicht unbedeutenden Wertes könne Mundraub nicht in Frage' kommen. Das Reichs- geeicht hob auf die Revision der Angeklagten das Urteil auf, da nickt geprüft ist, ob es sich nicht um eine geringe Menge zum als- baldigen Verbrauch handelte. Wird diese Frage bejaht, so kann nur Bestrafung auf Grund des 8 370 Ziffer 5 erfolgen, der mit Geldstrafe bis zu 150 M. oder mit Haft bis zu 6 Wochen die Ent- Wendung von NahrungS. oder Genutzmitteln von unbedeutendem Wert oder in geringer Menge zum alsbaldigen Gebrauch bedroht. 8 175. Vom Landgericht III in Berlin ist, wie unseren Lesern er- innerlich, am 4. Mai der Rechtsanwalt Dr. Magnus Haase zu Berlin wegen Vergehens gegen die Sittlichkeit nach 8 175 zu drei Monaten Gefängnis und Unfähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Aemter auf drei Jahre verurteilt worden. Mit verurteilt ist der Steinsetzergehilfe Schmidt. Gegen Haase, dessen Ehe geschieden ist, schwebt ein Entmündigungsverfahren und ein Disziplinar- verfahren.— Seine Revision gegen das erwähnte Strafurteil wurde am Dienstag vom Reichsgericht verworfen. Wegen 5 Pfennig— 3 Monate Gefängnis. Der Fabrikarbeiter Müller in Würzburg war arbeits- und mittellos. Er bettelte und schützte, um das Mitleid zu erwecken, ein körperliches Gebrechen vor. Ein Architekt gab ihm 5 Pfennig. Darauf wurde er wegen Betruges angeklagt. Da er wegen Be- truges rückfällig ist, wurde er zu der gesetzlichen Mindeststrafe von 3 Monaten Gefängnis verurteilt!' Betrug begeht nach dem Strafgesetzbuch, wer in der Absicht. sich oder einem Dritten einen rechtswidrigen Vermögensvorteil zu verschaffen, das Vermögen eines anderen dadurch beschädigt, datz er durch Vorspiegelung falscher oder durch Entstellung oder Unter- drückung wahrer Tatsachen einen Irrtum erregt oder unterhält. Das Gericht mutz demnach angenommen haben, der Architekt hätte die 5 Pf. nicht hingegeben, wenn er nur gewußt hätte, der Bettelnde sei arbeits- und vermögenslos; vielmehr fei er zur Hin- gäbe der Pfennige durch den Glauben an das vorgeschützte Ge- brechen veranlaßt._ Vermischtes. Verhaftung wegen Abtreibung. Magdeburg, Verhaftet wurde hierfelbst die fröhere Hebamme Pauline Wolf, welche durch Hilfe, die nach§ 218 des B. Str. G. B. verboten ist, glänzende Geschäfte machte. Sie betrieb ihr Geschäft zuletzt in einer der frcquentiertesten Straßen Magdeburgs. Tod auf den Schienen. Mainz. Auf der Strecke Mainz— Worms wurde gestern abend ein Unbekannter von einem Eiscnbahnzug totgefahren. Die Leiche war völlig verstümmelt. Das Herz des Getöteten wurde auf dem hiesigen Hauptbahnhofe auf einem Trittbrett des Zuges gefunden- Der Mord auf Rüge» harrt immer noch der Aufklärung. In Middelfast auf Firnen find vorgestern zwei Personen im Seegelboot angekommen, auf die das Signalement der Rügener Mörder patzte. Sie wurden verhaftet, mutzten jedoch, wie eine Meldung aus Kopen- Hagen besagt, wieder freigelassen werden, nachdem sich ihre Unschuld herausgestellt hatte. Neue Cholerafälle. Nach amtlicher Meldung aus Königsberg i. Pr. sind der Arbeiter August Schulz und die Arbeiterfrau Marie Naujok in Andreischken, Kreis Niederung, an Cholera gestorben. Königsberg i. Pr., 20. Oktober.(W. T. B.) Die heutige amt» liche Meldung über die Choleraerkrankungen in Andreischken wird dahin berichtigt, datz autzer dem Oberleiter Schulz der Arbeiter Naujok an Cholera verstorben ist. Bei der Ehefrau des letzteren sind zwar Cholerabazillen festgestellt worden, jedoch liegt bisher eine Er- krankung nicht vor. Ei» Taifun in Hongkong. AuS Hongkong wird vom gestrigen Tage gemeldet: Hier wütete gestern ein heftiger Taifun, der unter den Schiffen großen Schaden anrichtete und viele Schiffsverluste herbeiführte. Mehrere Häuser sind eingestürzt, viele Dschunken ge- funken. In Macas wurde ein französisches und ein portugiesisches Kanonenboot durch den Orkan auf ein Reisfeld geworfen. Wie aus Manila gemeldet wird, hat der Taifun, der in Hongkong und Macao wütete, auch im nördlichen Teile sowie im Innern der Insel Luzon große Verheerungen angerichtet und viele Menschenleven gefordert._ eingegangene Druchfcbriften. » Die taktische» Differenzen in der Arbeiterbewegung. Von Paimekoek. 50 Pf. Auer u. Co., Hamburg. Uebcr die Indikationen der HochgcbirgSkurrn für Rerden- krank». Von Geh. S.-Zt. Pros. Dr. A. Nolda. 50 Pf.— Kinder- aussagen. Von Dr. H. Hahmann. 1 M. C. Marhold, Halle a. S. Ty. H. Morgan. Experimentelle Zoologie. Von Dr. L. Rhumbler. Beb. 11 M., geb. 12 M. B. G. Teubner, Leipzig. Der Zigarcttenkasten. Komödie von I. Galsworthh. vs Selten. B. Eassirer, Berlin IV. 35._,_ Die Abendburg. Von Bruno Wille. Broich, b M., geb. 6,50 M. E. Diederichs Verlag, Jena._„.,„. Sonnentage. Reisebilder Otts Andalusien von M. Andersen Nexo. Brosch. 3 M., geb. 4 M. G. Merseburger, Leipzig. Drei Novellen von adeliger Lust, von St. Martens. 2 Sil.— Quellen im Sande. Noman von C. G. Reuliiig. 3,50 M.— Glückslasten. Roman von H. v. Zobeltitz. 4M.— Eine Peri. Roman von Anselm« Heine. 3 M. E. Fleischet u. Co., Berlin, LInkstr. IS. Gant Pous. Roman von B. Catala. Geh. 4 M., geb. 5 M.— DaS ewige Rätsel. Roman von Gustaf as Geijerstam. Geh. 2,50 M., geb. 3.50 M.— Hans auS einer anderen Welt. Roman von G. Hirschseld. Geh. 5 M., geb. 6 M. S. Fischer, Berlin. Bülowstr. 00. Ein eigentümlicher Mensch. Von F. Kuschnitzky. Brosch. 3 M., geb. 4 M. Verlag für Literatur, Kunst und Musik in Leipzig. Unterin Rad. Roman von H. Hesse. 1 M., geb. 1,25 M. S. Fischer, Berlin, Bülowstr. 00. Streifzüge durch die Welt der Grostftadtkinder. Ei« Lesebuch für Schule und Haus. Von F. Gansberg. Geb. 3,20 M.— Der Fabrik» Lehrvcrtrag. Mustersormular. Mit einem Anhange: Die rechtlichen Grundlagen des Fabrik-LehrverhäitnisseS. Bon Dr. C. Faulhaber. Geh. 0,30 M.— Naturstudirn. Ei» Buch für die Jugend von Proseffor Dr. K. Kraepelin. Kart. 1 M. L. G. Teubner, Leipzig. KriekKasten der Redahtion. Sit wrlstlsche«vrechsmnde findet Linden st raste 3, zweiter Hos, dritter Eiugang, vier Treppen, MF" S a h r ft» h l toochrntögltch abends»»» 7>4 bis Wj Uhr statt. Geöffnet 7 Uhr. Sonnabends deginnt dir Sprechstnnbr»m V Uhr. Jeder Anfrage ist«in Buchstabe und eine Zahl als Mcrljitchcu»eiznfUgrn. Briefliche Antwort wird nicht erteil«. Bis zu« Beantwortung im Briefkasten können 1t rage vergehen. Eilig« Kragen trage man in dir Sprrchstundc vor. P. H. 63. 1. Ihr eigenes Vermögen bleibt Ihnen, außerdem würden Sie ein Viertel des Nachlasses Ihre« Mannes erben, drei Viertel fällt an seine Kinder. 2. Ja. 3. Nein,«S kann aber em Testament gemacht werden, durch daS die Kinder auf das PfUchtteil(die Hälfte der gesetzlichen Portion) gesetzt würden. Wird solch' Testament gemacht und Sie im übrigen als einzige Erbin eingesetzt, so würden Sie süns Achtel erben.— O. W. 101. Das ist unmöglich. Ein während- der Ehe geborenes Kind trägt den Namen des Ehemannes und gilt als eheliches Kind, auch wenn es durch Ehebruch erzeugt ist. Nur der Ehemann ist berechtigt, gegen da« Kind aus 11n- ehelichkeitserklärung uild Atndeftmg des Namens zu klagen.— B. G. 10. Der junge Mann gehört der evangelischen Kirche an und mühte aus dieser austreten.—. N. F. 84. Da ein schriftlicher Vertrag nicht vorliegt, ist die Kündigung rechtzeitig erfolgt. Si« hätte noch bis am 3. Oktober ausgesprochen werden können. — W. E. 4. Zwecks Wioderverheiratung müssen Sie sich an daS Vor- mnndschastsgerlcht mit dem Antrag wenden, Ihnen einen Auseinander» sctzungsschein bchuss Wiederverheiratung zu erteilen. Zweckmäßig ist es, dem Antrage die Sterbcurkunde Ihrer Frau, die Geburtsurkunden Ihrer Kinder beiznsügen und einen TellnngSpfleger vorzuschlagen. Die Teilung bezieht sich aus den Nachlag Ihrer Frau. Das Aufgebot müssen Sie dam« bei dem Standesamt vornehmen, vor dem die Ehe vollzogen werden soll. — B. P. 136. Haben Sie sich geeinigt, so können Sic gegen den Ver- gleich nichts mehr machen. Sonst würden Sie ständig Psändnngsversuche vornehmen können.— Wanderschein 300. Wenden Sie sich schleunigst an da» Polizeipräsidium mit einem ans Ausstellung deS Scheins gcrichtcren Antrage.— R. G. 100. Die vorübergehende Jnvalidenreiite tritt ein, wenn mindesten» 25 Wochen hintereinander Erlverbsunfühigkeit vor» gelegen hat, also bei Krankheit für den Rest der Krankheit — F. K. 777. 1. Ein rechtlich oerfolgbarer Anspruch steht der Fra» nicht zu. 2. Nur soweit die Betreffenden ohne Beeinträchtigung des Unterhalts ihrer Familie hierzu imstande sind.— M. M. Nein. WitternnaSüberffcht voi» SO. Oktober ISM»». morgen« 8 llftr. Wetterprognose für Donnerstag.be» LI. Oktober 1000. Mild und vielfach heiter, zeitweise nebelig oder wolkig bei mägiam südwestlichen Winden i keine erheblichen Niederschläge. Berliner«etterbnrea». TO�OTimLlE- STmSOT. CTMASSE. KOLONIALWAREN Viktoria-Erbsen wund 1 7 w. Kleine Erbsen wund 1 6 w Glasierte Erbsen» Pfund 24 pr. Spalterbsen e.» Pfund 1 9 pr. Grüne Erbsen Pfund 1 6 pr. Linsen I wund 22 pr. II pmnd 1 5 pr. Grosse Bohnen wnnd 24 pr. Lanxbohnen pfund 20 w. Kleine Bohnen p-und 1 6 pc Rangoon- Reis piund 1 6 pt Bassein-Reis piund 20 w. Patna-Reis prund 25 pt Java-Reis Pfund25, 30, 38 pr. Erbswurst SÜLSr*' Sehinlwn od*r 28 pr. Hafermehl m p*k»un von v«*« 45 pr. Hafermehl in p«ktt«n von/,»U 32 pr. Suppentafeln, Spexialmarke ic-u1»rr«1n. P»i», CtUnlcarn, Erbsan gelb und grQn, Linien, Tapioca-Joliinne, Reil Julicnna, Julimne-Bouillon, Bobnen, Geriti, Grill, Hafirirütll, Hiuimactair, Kerbel, RumTord, Sago Tafel 15 Pt Tapioca• Bouillon, Mocturtli, Krebi, Curry, PrUblingi, Ochienichwaru, Pili, Potage a la reine, To- A malen und Wildpret Ttfti n Jltil In dieser Woche besonders preiswert: KONSERVEN Hei Briefen ist Angabe Leipziger- Strasse erforderlich Kaiserschoten V, Dose 1.10, V, Dose 60 Pf. Junge Schoten extrafem Vi Dose 90 Pf. V, Dose 50 Pf. Junge Schoten IV vioose 38 Pf. Stangen-Spargel extmstark Vi Dose 1.65, V, Dose 88 Pf. Stangen-Spargel II Vi Dose 1.25, Vi Dose 63 Pf. Stangen-Spargel III Vi Dose 1. 1 0, V, Dose 60 Pf. Riesenbruch-Spargel Vi Dose 1.30, V, Dose 70 Pf. Bruchspargel I Vi Dose 1.00, V, Dose 55 Pf. Bruchspargel ohne x-pfe Vi Dose 70 Pf. Vi Dose 40 Steinpilze V, dos« l.is.v, Dose 63 Steinpilze bayerische Art Vi Dose 1.30, Vi Dose 70 Pf effe Hinge...... ViDose 48 Bismarckheringe...Dose 45 Bratheringe........ do.« 45 Heringe in Gelee... Dose 33 Anchovis........... qi«. 24 Sardinen...........«>.» 24 Aal in Gelee........-. do»« 70 Delikatess-Heringe Vi Dose 78, Vi Dose 50 Pf. Pf. Pf. Pf. Pf. Pf. Pf. Pf. Pf. Pf. Pf. KAKAO U.SCHOKOLADE Deutscher Kakao Pfd. 75 pf.. 1 mk. Holland. Kakao Pfund l.eo, 2.io Hau8hait-Schokoladepfd.60, 75 pf. Block-Schokolade. p�nd 75 W. Vanille-Schokolade l.os, l.is Haushalt-Cakes... Karton 60 pf. FLEISCHWAREN Teewurst........... Pfund l.is Salamiwurst........ Pfund l.is Zervelatwurst....... Pfund l.io Gänsebrust......... p�d 1.45 Mausschinken."hwer6'8.!� I.20 Weintrauben Schinkenspeck...... pfund l.oo Feine Leberwurst.. p�nd 95 pf. Hall. Leberwurst— pfund l.oo Landleberwurst— pf�d 90 pf. Jagdwurst......... p�nd 90 pf. blau Pfund 10 Junge Gänse............. p�d 55, 60, 65 pf. 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Es sei eigentümlich, daß Ge- nosse Wehl, der seinerzeit mit großem Eifer dafür eingetreten fei, daß unsere Stadtverordneten die Reise zu einer höfischen Veranstaltung nach London mitmachten, jetzt unzufrieden darübe: sei, daß ihm der Parteitag nicht radikal genug gewesen sei. Wenn man radikal sein wolle, dann müsse man doch auch konsequent im Radikalismus sein und nicht hin und her schwanken. Dies schon oft am Genossen Wehl beobachtete Verhalten lasse seine Kritik wenig wertvoll erscheinen. W e v l habe sich darüber beklagt, daß unsere Agitation gegen die Reichsfinanzreform nuht energisch ge- nug fre* rieben worden sei. Diese Klage sei unbegründet, denn während der Beratung der Steuervorlagen sei die Stimmung im Volke nur sehr lau gewesen, für eine Obstruktion, die an sich nicht durchführbar gewesen sei, wäre gar keine Stimmung vorhanden gewesen. Die Ansicht des Genossen Wehl, daß es von einzelnen Personen abhänge, ob Obstruktion gemacht werde, widerspreche der materialistischen Geschichtsauffassung. Die Frage der Obstruktion sei>auf dem Parteitage gar nicht ernstlich erörtert worden, weil man allgemein überzeugt war, daß sie unter den gegebenen Ver- Hältnissen nicht durchführbar gewesen wäre. Zur Frage der Erb- schaftssteuer vertrat der Redner in längeren Ausführungen den Standpunkt: Wir hätten in dritter Lesung für diese Steuer stim- men müssen, weil sie in unserem Programm gefordert werde und weil es sich im vorliegenden Falle darum gehandelt habe, von der Steuersumme, welche die Regierung verlangte, und die ihr auch in voller Höhe von den Mehrheitsparteien in Form indirekter Steuern bewilligt worden wäre, so viel wie möglich den Besitzen- den aufzuerlegen. Man sage, wegen des Verwendungszweckes müßten wir diese Steuer ablehnen. Das würde zutreffen, wenn die Regierung erst die Bewilligung der Steuern fordert, um eine nachher geforderte Ausgabe für Militärzwecke decken zu können. Es sei aber umgekehrt. Die Ausgaben für Rüstungszwecke seien bewilligt, die dazu nötigen Einnahmen sollten beschafft werden und wären auch von den Mehrheitsparteien bewilligt worden, so daß es also unsere Pflicht gewesen sei, die ärmeren Volksschichten möglichst zu entlasten und den Besitzenden so viel wie möglich von den neuen Steuern aufzuhalsen. Der Standpunkt: Diesem Svstem keinen Groschen, würde nur dann berechtigt sein, wenn wir durch die Ablehnung der geforderten Steuern die Regierung stürzen und dem herrschende» System ein Ende machen könnten. Dazu seien wir als Mindcrheitspärtei aber nicht in der Lage. Ja, wenn wir durch die Ablehnung der Erbschaftssteuer die Auflösung des Reichs- tagies hätten herbeiführen können, dann hätten wir selbstverständ- lich für die Ablehnung gestimmt. Also, nicht um jeden Preis und nicht unter allen Umständen sollten wir für die Erbschaftssteuer ader überhaupt für direkte Steuern stimmen, sondern nur in dem Falle, wo wir die Vermehrung der Steuern nicht verhindern können. In diesem Falle sei es unsere Pflicht, dahin zu wirken, daß wenigstens ein Teil der Mehrbelastung den Besitzenden in Form direkter Steuern auferlegt werde. In diesem Falle sei die Sozialdemokratie allein als Anwalt der Besitzlosen ausgetreten. Guß begründete sehr eingehend«inen Antrag, welcher ver- langt, daß der Ausschluß des früheren Mitgliedes, Brauer Vogel, aus der Partei rückgängig gemacht werde. Dr. Wehl stellte den Antrag: „Die Versammlung ersucht den Aktionsausschutz, schleunigst bei der Verwaltung des Gewerkschaftshauses vorstellig zu werden, auf daß der Ausschani von Schnaps und alkoholhaltigen Ge- tränken, soweit sie mit Kartoffelspiritus verschnitten sind, sofort einzustellen ist. Genosse Wehl begründete seinen Antrag mit dem Hinweis auf den vom Parteitage beschlossenen Schnapsboykott und führte aus, daß seiner Meinung nach von den Partciinstanzen von Groß- Berlin fiir die Durchführung des Boykotts nicht genug getan werde. Die Redaktion des„Vorwärts" habe ja in dieser Hinsicht im redak- tionellen Teile des Blattes ihre Schuldigkeit getan. Aber im Inseratenteil würden immer noch Liköre und derartige Getränke empfohlen. Dieser Unfug müsse beseitigt werden. In allen Ge- werkschaftshäusern sei nach Annahme des Parteitagsbeschlusses der Schnapsgenuß untersagt worden, aber im Berliner Gcwerkschafts- Hause nicht. Hier würden immer noch Getränke ausgeschänkt, deren Genuß durch den Partcitagsbeschluß verboten sei.— Zu den Ausführungen des Genossen Robert Schmid't sagte der Redner, es wäre gut. wenn Genosse Schmidt bei sachlichen Debatten den Ton hochfahrender Unfehlbarkeit unterlassen würde, den er hier angeschlagen habe. Was die Englandfahrt der Stadtverordneten anlange, so sei er(Weh l) unglücklicherweise für dieselbe ein- getreten, weil sie aus einem Fraktionsbeschluß beruhte und ledig- lich kommunalen Studien dienen sollte. Von einer höfischen Ver- anstaltung, wie Genosse Schmidt die Reise nannte, könne keine Rede sein. Man habe vorher nicht wissen können, daß sich in London gewisse für unsere Genossen unpassende Situationen er- geben würden.— Da die Reichstagsfraktion in der Frage der Erb- schaftssteuer geteilter Meinung gewesen sei. hätte sie die Frage der Entscheidung den Parteigenossen unterbreiten müssen. Manche Parlamentarier würden nicmche Seitensprünge nicht gemacht haben, wenn sie immer rechtzeitig mit den Genossen Fühlung genommen hätten. Genosse Schmidt habe kein Recht, ihm, dem Redner, ein Hin- und Herschwanken vorzuwerfen. Schmidt habe doch auch seine Meinung über manche Fragen geändert. Wenn man eine gegenteilige Meinung für minderwertig erkläre, dann höre die Möglichkeit einer Verständigung auf.— Bei der Beratung der Steuervorlagen hätte die Fraktion energischer vorgehen müssen. Es seien zwar energische, aber keine langen Reden gehalten worden. Wir hätten den Gegnern das Durchsetzen ihrer Pläne nicht so leicht machen dürfen. Ein bißchen rauhbeiniger und widerborstiger hätte die Fraktion auftreten müssen.— In der vorigen Versamm- lung habe Genosse Wels die„Sozialistischen Monatshefte" ge- kennzeichnet. Wohin er damit zielte, das scheine nicht von allen verstanden worden zu sein. Die Mitarbeit des Genossen Schmidt an den„S. M." erscheine der Mehrheit der Genossen des fünften Kreises außerordentlich taktlos. Genosse Schmidt sollte das Vertrauen der Genossen nicht durch seine Mitarbeit an den«S. M." verscherzen. Schmidt, der anderen vorwerfe, daß sie hin und her schwanken, sei ja vor zwanzig Jahren ein ganz anderer gewesen. als wie er heute sei. Aus einem Radikalen sei er ein zahmer Spießbürger geworden. Schmidt habe sich auf die rechte Seite begeben. Er stehe aus einer schiefen Eben«, er möge in seinem und des Kreises Interesse auf dieser Rutschbahn Halt machen. In der Frage der Erbschaftssteuer dürften wir nicht Opportunitäts- Politik treiben, sondern nur prinzipielle Politik. B e�n n o Maß zog den Antrags welchen er in der vorigen Versammlung betreffs der Wiederaufnahme des Verfahrens in Sachen des vom Parteitag ausgeschlossenen Buchdruckers Müller in Stuttgart zurück. Weiter führte er aus, die Steuerfragen, dich uns in letzter Zeit� beschäftigten, hätten uns unvorbereitet ge- troffen, deshalb müßten wir uns jetzt mit Dampfkraft auf das Studium dieser sehr komplizierten Fragen werfen, damit noch vor dem nächsten Parteitage Klarheit in dieser Angelegenheit geschaffen werde.— Vom Genossen Schmidt zu verlangen, daß er sich der Auffassung der Mehrheit des Kreises füge, gehe nicht an. Wenn der Abgeordnete eines Kreises sich den Ansichten der Mehrheit fügen und seine eigene Meinung im Busen bewahren solle, dann würde das geistige Leben in der Partei beeinträchtigt werden. I W e l s machte gegen den Antrag Wehl geltend: Der Aktions- ausschutz, an den sich der Antrag wende, sei kein ausführendes Organ eines einzelnen Kreises. Auch gegen den Antrag selbst be- 'ständen Bedenken. Die Gcwerkschaftshäuser seien Einrichtungen der Gewerkschaften. Wenn die Partei Einfluß ausüben wollte auf die Geschäftsführung der Gewerkschaftshäuser, so könnten dadurch leicht Konflikte entstehen, die unabsehbar seien. Man könnte sagen, die Partei übernehme keine Gewähr für das geschäftliche Bestehen des Gewerkschaftshauses; aber sie verbiete der Geschäftsleitung die Ausnutzung einer Einnahmequelle. Die Konsequenz des Antrages Wehl würde dahinführen, daß wir auch von den Schankwirten, die Parteigenossen sind, verlangen müßten, sie sollten keinen Schnaps verkaufen. Dann müßten auch die Wirte, die sich einem solchen Beschluß nicht fügen, aus der Partei ausgeschlossen werden. Zu solchen Eingriffen in den Geschäftsbetrieb bestimmter Personen hätte die Partei kein Recht. Solche Versuche könnten der Durch- sührung des Boykotts nur schaden. Vom Standpunkt der Abstinenz dürfe der Parteitagsbeschluß nicht betrachtet werden. Wenn im Inseratenteil des„Vorwärts" der Verkauf von Schnaps angezeigt werde, so könne das nicht untersagt werden. Der Inseratenteil sei unabhängig von der Redaktion und müsse als neutrales Gebiet behandelt werden, vpn dem nur Streikbrecher- und Schwindel- inserate fernzuhalten seien. Der Redner ersuchte um Ablehnung des Antrages Wehl, sowie des Antrages Guß. Hinsichtlich der Erbschaftssteuer vertrat er den Standpunkt, daß unsere Fraktion in der dritten Lesung für dieselbe hätte stimmen müssen. Mit Radikalismus und Revisionismus habe diese Frage nichts zu tun. Man solle doch nicht jeden, der mit bestimmten Auffassungen in der Partei in Widerspruch kommt, als Revisionist brandmarken. Hinsichtlich der Mitarbeit des Genossen Schmidt an den„S. M." erklärte sich der Redner mit dem Genossen Wehl einverstanden und ersuchte den Genossen Schmidt, seine Mitarbeit an den „S. M." einzustellen und auch seine Freunde in diesem Sinne zu beeinflussen. Robert Schmidt wandte sich gegen die auf seine Person bezüglichen Ausführungen des Genossen Wehl. In bezug auf seine Mitarbeit an den„S. M." sagte der Redner: Hier ist ein Ketzerspruch gegen mich gerichtet worden. Die Genossen, die hier sind, werden die„S. M." gar nicht lesen und also gar nicht wissen, was ich schreibe. Ich bin gern bereit, über das, was ich für die „S. M." schreibe, mit den Parteigenossen zu diskutieren. Ich sehe kein Verbrechen darin, an einem Blatte mitzuarbeiten, für das nur Parteigenossen schreiben. Das Recht der Mitarbeit kann ich mir nicht nehmen lassen. Ich bin gern bereit, Wünsche der Partei- genossen zu erfüllen; aber sie dürfen keine Wünsche an mich stellen, die ich nur erfüllen könnte, wenn ich ein Heuchler wäre. Ich glaube im Interesse der Partei zu handeln und der Partei zu dienen, indem ich meine Meinung vertrete. Wenn ich, um mit dem Genossen Wehl zu reden, auf der schiefen Bahn hinunter- rutsche, so ist das ehrenvoller, als oben zu bleiben durch Heuchelei. Ich bin kein Streber. Es würde mir deshalb nicht schwer werden, von dem Posten, auf den die Genossen dieses Kreises mich gestellt haben, zurückzutreten, wenn Sie es verlangen, und wenn es Ihnen nicht genügt, daß ich Parteigenosse bin, sondern Sie es für nötig erachten, unter den Parteigenossen eine Auslese zu halten und nur den Ihres Vertrauens zu würdigen, der einen ganz bestimmten Standpunkt einnimmt. Ich kann nicht versprechen, Ihren Wün- schen in dieser Sache entgegenzukommen. Es kommt nicht darauf an, w o ich schreibe, sondern w a s ich schreibe. Nur hierüber kann geurteilt werden und hierüber will ich gern diskutieren. Huhnsleisch erklärte sich in der Frage der Erbschaftssteuer mit W e l s einverstanden und sprach gegen den Antrag Guß. P i l i ck e befürwortete den Antrag Wehl und bezeichnete eS als selbstverständlich, daß in den Gewerkscbaftshäusern kein Schnaps ausgeschänkt und in den Inseraten der Parteipresse kein Schnaps empfohlen werde. Hieraus wurde die Diskussion auf Antrag geschloffen.— Der Antrag Wevl wurde gegen eine starke Minderheit angenommen. Der Antrag Guß(Wiederaufnahme des ausgeschlossenen Vogel) wurde abgelehnt. Einstimmig angenommen wurde eine Resolution, durch welche sich die Versammlung mit der Haltung ihrer Parteitagsdelegierten einverstanden erklärt. Die Fortsetzung der Generalversammlung für den sechsten Berliner ReichstagswahltrciS brachte eine längere Diskussion über den Parteitag. Genosse Fritz Krüger eröffnete diese und meint, die General- versanimlung vom 28. September habe durch den Bertagungsbeschluß bewiesen, daß für das behandelte Thema großes Interesse bei den Parteigenossen vorhanden ist. Redner behandelt in seinen Aus- führungen die württembergische Hofgängerei als ein Symptom inner- halb der Partei. Es sei entschieden zu verurteilen, daß sich Ab- geordnete unserer Partei an den Tisch des Königs setzten. Aehnliche Vorkommnisse gehören leider nicht zu den Seltenheiten und seien genau so wie die Mitarbeit an der bürgerlichen Presse zu verurteilen. Wohin wir bereits gekommen sind, sehe man an der Tatsache, daß in der Gewerkschaftsschule Nichtparteigenossen als Lehrer beschäftigt würden. Bebels Warnung in Dresden, wir sollten uns die Genossen, die wir als unsere Vertreter zu bestimmen gedenken. gründlich ansehen. dürfe nicht in Vergessen- heit geraten. Unter die Arbeiter müsse mehr Klarheit gebracht, der wissenschaftliche Sozialismus besser verbreitet werde», zu welchem Zweck die bestehende Bildungsorganisation in die all- gemeine Parteiorganisation hineinzuarbeiten sei. Die Stellung- nähme des Parteitages zur Stcuerfrage befriedigt den Redner nicht. Er wünscht deren gründliche� Diskussion, damit bis zum nächsten Parteitag die Meinungen geklärt sind und die ParteitagSdelegiertcn vorher aus die prinzipielle Frage festgelegt werden können. Martin Meyer ist in der Steuerfrage gegensätzlicher Meinung wie der Vorredner, der sich für Ablehnung in dritter Lesung aus- gesprochen hatte. Daß auf dem Parteitag die Einigkeit der Partei hochgehalten wurde, ist dessen ersreulichstes Moment. Die Hofgängerci sei nicht zu billigen, aber nachdem von den betreffenden Genossen die bekannte Erklärung abgegeben war, sei der Parteitag einstimmig über alle Anträge zur Tagesordnung übergegangen. In längeren AuS- führungen polemisiert der Redner gegen Ledebour, dessen Form des Auftretens gegen Genossen, die anderer Meinung sind wie er, bei vielen Versammlungsbesuchern Mißfallen hervorrufe. Zur Erbschaftssteuer übergehend ist Genosse Meyer der Ansicht, daß die Fraktion in dritter Lesung für dieselbe zu stimmen hatte. Die Berufung eines Genossen auf Bebel hat Ledebour fälschlich als Autoritätsduselei hingestellt. Daß Bebel etwa nur infolge unzu- reichender Fühlung mit der Fraktion anderer Meinung war, ist bei einem so alten, erfahrenen Genoffen ausgeschlossen. Hier lagen taktische Argumente vor, man kann sich alsg ohne„AutoritätSdnsel" sehr wohl ans Bebel berufen. Derselben Regierung, der wir eine verderbliche Kolonialpolitik vorwerfen, haben wir doch auch nicht die Mittel zur Führung deS Hererokrieges verweigert. Damals enthielten sich die Abgeordneten unserer Partei der Ab- stimmung, statt sich gegen jede Bewilligung mit allem Nachdruck zu wenden. Redner schließt mit dem Wunsche. eS möge wie auf dem Parteitage die sachliche Diskussion auch zur Signatur der General- Versammlungen werden. Schrodeck nieint, der Parteitag weise einen Zug nach rechts auf. Zur Maifeier ist die Partei auf die Unterstützungsfrage fest- gelegt worden, aber sie dürfte wohl in dieser Hinsicht kaum in Anspruch genommen werden, da man den Arbeitern die Maifeier geradezu verekelt habe. Ihn, den Redner, bcschleiche immer ein sonderbares Gefühl, wenn gesagt wird, eS bestehe doch kein so großer Unterschied zwischen Radikalen und Revisionisten. Es sei soweit gekommen, daß wenn jemand die reinsten Ideale des Sozialismus vertritt, er als Phrasenheld bezeichnet wird. Die Sozialdemokratie ist im Sturm geboren und im Sturm groß geworden, und jetzt soll sie es not- wendig haben, an dem Freisinn eine Stütze zu suchen? Welcher Art dieser scr, sehen wir an Haußmann, bei dessen Brief an Bebel man sich fragen muß, ob denn der Schreiber ein Mann ist, der im öffentlichen Leben steht. Bei der Erbschaftssteuer kommt in Frage, fiir welchen Zweck die Steuer verwendet wird. Wir dürfen nicht Mittel bewilligen, nicht Steuern zustimmen, die zur Ans- rcchterhaltung des Klassenstaates dienen. Ledebour wendet sich gegen Meyers Ausführungen, die in zwei Teile zerfielen. Der erste Teil soll der Aufrechtcrhaltung des guten Tones dienen. Das ist recht hübsch, aber es fällt doch ans, daß sich diese guten Lehren immer nur an die sogenannten radikalen Genossen richten. Wenn er gegen Genossen Müller in scharfer Weise gesprochen habe, dann weil dieser Ausdrücke gebraucht hatte, die direkt beleidigend waren. So sagte Müller doch in der letzten Ver- sammlung, manche Radikale seien nur Phrasendrescher mit Philister» köpfen, eine Redensart gegen Parteigenossen, die noch dazu der bürgerlichen Presse entnonunen ist. Schulmeisterci habe ihm fern» gelegen, aber wer glaubt, anderen gute Lehren geben zu dürfen, der fühle sich als Schulmeister, und das habe Genosse Meyer getan. Redner wendet sich nun eingehend der Stcuerfrage zu. Was die Bezugnahme auf Bebel anlangt, so habe er in der letzten Ver» sammlung gesagt, daß dieser zu einer Aeußerung über die ErbschaftS» fteuer provoziert wurde. Damit habe er nicht etwa eine„Ver» anlassung" Bebels durch ein Privatgespräch gemeint, sondern gerade das treffen wollen, was Bebel selbst in seiner Erklärung im„Vorwärts" hervorgehoben hat: daß er nämlich durch wieder» holte Nennung seines Namens zu einer öffentlichen Stellungnahme genötigt wurde. Sagte doch zum Beispiel Genosse David,„wir stehen aus dem Standpunkte Bebels". Daß Bebel seine Gründe habe, und sich solche nicht erst zurechtlegen müsse, ist doch ganz selbstverständlich; darüber ist unter vernünftigen Menschen kein Wort zu verlieren. Aber daß man Bebel angesichts der ganzen Situation, wo eine Darlegung seiner Gründe nicht zu erwarten loar, vor die Front schieben wollte, das ist die unverzeihliche Provokation. Die Erbschaftssteuer ist vom Gesichtspunkt des Vudgetrcchts zn beurteilen. Seitens der Regierung ist planmäßig darauf hingearbeitet worden, die Parteien für die dritte Lesung jedes einzelnen Gesetzes festzulegen. Die Finanzreform ist in einzelne» Gesetzen eingebracht worden, es mußte jedes für sich ab« gefertigt werden. Während bei den früheren Steuergesetzen schließ- lich die Zusammenfassung durch ein Mantclgesctz erfolgte, ist das bei der Finanzreform unterblieben. Die Verbindung mit dem Budget wurde umgangen, es erfolgten lauter Einzelabstimmungen. so daß niemand für die ganze Vorlage verantwortlich gemacht werden konnte. Auf diese Zertrümmerung des Budgetrechtes ist Genosse Meyer hereingefallen. Nach dem bisher üblichen konstiiHtioiiellen Brauch konnte man in der Vorabstimmung zunächst eins Einzel- forderung annehmen, wenn dazu Gelegenheit war, und in der letzten Abstimmung doch die ganze Vorlage ablehnen. Gelegentlich der Verfassungsdebatten haben wir auch' die Forde- rnng an die bürgerlichen Parteien gerichtet, der Regierung keinerlei Steuern zu bewilligen, ehe nicht die Verfassungsfrage geregell ist. Wenn wir damals so argumentierten, und wenn wir weiter jetzt sehen, wie durch die Form der Stenergesetzcinbringuug das Budget» recht des Reichstages zertrümmert wird, dann sind das zwei Argu» mcnte, die ausschlaggebend waren, die Erbschaftssteuer abzulehnen. Was unsere Enthaltung bei der Abstimmung gelegentlich des Herero- kriegcs anlangt, so übersieht Genosse Meyer, daß es sich damals um zwei Aktionen handelte. Einmal um die Rettung der Weißen und zweitens um die Fortsetzung des Kolonialkrieges. Wegen der ersten Möglichkeit enthielten wir uns zunächst der Abstimmung; als das nicht mehr in Frage stand, stimmten wir gegen die Bewilligung der Mittel. Redner erläuterte dann noch seine Stellung zum Ein» tausch direkter Steuern gegen indirekte, wobei es sich nicht uni die Bewilligung neuer Steuern, sondern um den Ersatz schlechter durch bessere handeln würde. Genosse Halfter mißbilligt die Hofgängerei. Der Parteitag habe gegen die Württemberger sehr brüderlich gehandelt, ihm er- scheinen aber schärfere Maßnahmen angebrachter. Abgesehen davon. daß der Parteitag einen Bock geschossen habe, indem er den Wahl- kreisvorftänden das Ausschlußrecht einräumte, ist Redner vom Partei» tage befriedigt. Genosse Martin Meyer wendet sich nochmals gegen Ledebour und dessen Stellung zur Erbschaftssteuer. Es seien in der Partei zwei Richtungen vorhanden, von denen die eine prinzipiell keinerlei Steuern bewilligen wolle, während es die andere der Fraktion zur Ausgabe mache, daß sie, wenn sie schon das llebel nicht verhindern kann, eS zn lindern versuchen müsse. Nur um durch die Ablehnung zu zeigen, daß wir uns das Budgetrecht nicht verletzen lassen, recht- fertige man noch nicht, daß dadurch die Arbeiter mit Steuern be- lastet und die Besitzenden entlastet werden. Ein Antrag auf Schluß der Debatte tvird angenommen. Nach persönlichen Bemerkungen der Genossen Fritz Müller, Krüger, Ledebour und Meinert wird ein Antrag, den AktionS» ausschuß zu ersuchen, auf die bessere Durchführung des Schnaps- boykotts durch Aushängung entsprechender Plakate hinzuwirken, vom Genossen Fischer als zwecklos bekämpft und auf Anregung des Genossen Leid mit der Motivierung abgelehnt, daß damit nicht ausgesprochen sein soll, die Versammlung wünsche keine Verschärfung des SchnapSboykotts; im Gegenteil sei eS ganz angebracht, den Aktionsausschuß zu ersuchen, zur Verschärfung des Schnapsboykotts geeignete Mittel in Erwägung zu ziehen. Nach einer Aufforderung zur regen Beteiligung an der Wahl- arbeit wird die Versammlung mit einem dreifache» Hoch auf die Sozialdemokratie geschlossen. Landtagswähler-Versammlunge». Im b. Landtagswahlbezirk fand am Dienstagabend eine Wählerversammlung im Lokal„Sanssouci". Kottbuser Straße, statt, � die sehr gut besucht war. Der Landtagsabgeordnete S t r ö b e l hielt einen mit großem Beifall aufgenommenen Vor- trag. Schars ging er mit den Freisinnigen ins Gericht und gewann sich die allgemeine Zustimmung der Versammelten, die dem Appell am Schluß der Rede, daß alle Kräfte angespannt werden müßten, um im 5. Bezirk dem Genossen Borgmann zum Siege zu ver- helfen, begeistert zujubelten.— Vergebens forderte der Vorsitzende die Gegner in der Versammlung zur Diskussion auf; es meldete sich niemand. Nach einer kurzen Ansprache des Vorsitzenden, in der er zu energischer Wahlarbeit aufforderte, wurde die Versamm- lung geschlossen. Im(5. Landtagswahlbezirk fand am Dienstag in den „Markgrafen-Sälcn" eine gut besuchte Landtagswählerversamm- lung statt. Der geräumige Saal war bis auf den letzten Platz besetzt. Stadtverordneter Genosse Heimann sprach über: „Preußische Wirtschaft unter dem Dreiklassen-Wahlrecht". Leb- hafter Beifall folgte dem Vortrage. Da Gegner sich nicht meldeten, wurde aus Vorschlag des Bureaus von einer Diskussion Abstand genommen. Der Vorsitzende ersuchte die Versammelten, im Sinne des Referats zu wirken und schloß die Versammlung mit einem Hoch auf die internationale siegreiche Sozialdemokratie. Die baugcwerblichen Arbeiterorganisationen im Kampfe um die Arbeitsbedingungen. Dieses Thema beschäftigte am Dienstag eine Generalver- sammlung der Sektion der Gips- und Zementbranche des Maurerverbandes, die den großen Saal des Gewerkschaftshauses füllte.� Der Referent Hermann Silberschmidt schilderte vaS Wesen unb die Ursache der wirtschaftlichen Kämpfe zwischen Kapital und Arbeit und gab dann eine Uebersicht über die Eni- Wickelung dieser Kampfe im Baugewerbe. In der Neuzeit, seitdem die Gewerbeordnung von 186g den Arbeitern, wenigstens auf dem Papier, die Koalitionsfreiheit gegeben hatte, unterschied der Redner drei Perioden. In den ersten 26 bis 80 Jahren muhte mit dem Unternehmertum, dem von Anfang an Polizei und Regierung zur Seite standen, um die Anerkennung der Organisation gekämpft werden, und dabei kam es auch vor allem erst einmal darauf an, der Arbeiterschaft das Gefühl ihres Rechtes beizubringen, sie aus dem althergebrachten Knechtssinn emporzuheben. Noch in den Jahren 1896 und 1897 hielt es in Berlin der Baurat Felisch nicht für nötig, auf die Forderungen der Maurer irgendwelche Antwort zu geben, noch ihre Deputation zu empfangen, und nicht besser machten es die Unternchmer andernorts. Ein Umschwung trat mit dem Jahre 1898 ein, als in Stettin der erste Tarifvertrag ab- geschlossen wurde. Das war der Beginn der zweiten Periode, der Periode der örtlichen Verhandlungen und Tarifverträge. Es wurden dann im Laufe der Zeit gewaltige Erfolge erzielt. Bis zum Jahre 1903 erhöhten sich die Stundenlöhne für 191 ö13 Be- rufSangehörige um im Durchschnitt 16,20 Pf. und für 131 000 wurde die Arbeitszeit verkürzt. Inzwischen hatten jedoch auch die Unternehmer ihre Organisation mehr und mehr gefestigt, und die dritte Periode, die der zentralen Verhandlungen und Verein- barungcn, brach herein. Die Unternehmer wollten Verschlechterung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse durchsetzen, es gelang ihnen aber nicht, zumal selbst die unparteiischen bürgerlichen Vcrlmndlungs- leitcr erklärten, daß im Kulturinteresse wie im wirtschaftlichen Interesse in keinem Gebiet Lohnherabsetzungen anerkannt werden könnten. Nun jedoch, da auf den 1. April 1910 der Ablauf der Tarifverträge für rund 150 000 Maurer und im Maurerverband organisierte Bcrufsgenossen, und dazu für die Zimmerer und Bau- Hilfsarbeiter, bevorsteht, trachten die Unternehmer von neuem Ver- schlcchterungen durchzuführen und jegliche Verbesserung der Lohn» und Arbeitsverhältnisse zu hintertreiben. Verkürzung der Arbeits- zeit soll es auf keinen Fall geben, eher Verlängerung. Die fest- zusetzenden Löhne sollen auf besonderen Wunsch der württem- bergischen Unternehmer nur für„tüchtige" Arbeiter gelten. Den Arbeitsnachweis wollen die Unternehmer ganz in ihre Hände bringen und mittels zwangsweise einzuführender Entlassungs- scheine zu einem Kampfmittel gegen die Arbeiterschaft machen. Noch mehr dergleichen Forderungen haben die Unternehmer auf ihrem Programm. So wollen sie z. B. auch noch, dast der End- termin für den Vertragsablauf auf den 1. Januar verlegt werden soll, also in die für die Arbeiter ungünstigste Zeit des JahreS. Bei oen zentralen Verhandlungen, die am 11. November beginnen, wird es sich erst einmal lediglich um das Vertragsmuster handeln; die örtlichen Forderungen kommen später an die Reihe. Die Gegen- sähe zwischen Unternehmertum und Arbeiterschaft im Baugewerbe Deutschlands haben sich aber offenbar so zugespitzt, datz Hoffnung auf Einigung nicht vorhanden ist. Nicht, dast die Arbeiter den Kampf herbeiwünschten. Aber die Arbeitgeber glauben offenbar. daß die Zeit für einen Kampf auf der ganzen Linie gekommen sei. Sie rechnen auch damit, daß die Arbeiterorganisation durch die schwere Krise geschwächt fei. Aber diese Schwächung war bei weitem nicht so einschneidend, wie die Herren glauben, und der Maurcrverband hatte bereits bis zum dritten Quartal dieses Jahres um 17 000 Mitglieder zugenommen. Dazu kommt, daß das Wirt- schaftsleben in der EntWickelung zum Aufschwung begriffen ist, was nicht zur Stärkung der Kampfposition der Arbeitgeber dient. Wollen sie dennoch den fönnpf, so müssen wir ihn aufnehmen, und es wäre ein Unglück, wenn wir ihn nicht mit aller Kraft führen wollten. Er wird große persönliche und finanzielle Opfer kosten und ein 5iampf werden, bei dem es sich nicht nur um das Bau- gcwerbe Deutschlands, sondern um die wirtschaftlichen Gegensätze zwischen Unternehmertum und Arbeiterschaft überhaupt handelt. Ich bin überzeugt, daß, wenn im nächsten Jahre der Kampfruf über die Lande geht, er überall lebhaften Widerhall findet, schloß der Redner seinen inhaltreichen Vortrag. Da die Versammlung allgemein überzeugt war, daß in dem Vortrage alles gesagt wurde, was vorläufig zu der Angelegenheit zu sagen ist. wurde auf eine Diskussion verzichtet. Der nächste Punkt der Tagesordnung toar: Die Verschmelzung des Maurerverbandes mit dem Verband der Bau- Hilfsarbeiter. Der Sektionsvorsitzende Haese schilderte kurz, wie bei diesen beiden Verbänden der Verschmelzungsgedanke immer mehr Eingang gefunden hat. Beide Verbände werden nun im Frühjahr 1910 an ein und demselben Ort Verbandstage ab- halten, um über die Frage endgültig zu entscheiden. Soweit die Stimmung bekannt ist, wird die Verschmelzung jedenfalls mit starker Majorität beschlossen werden.. Der Redner sprach die Er- Wartung aus, daß sich dann später auch die kleineren baugewerb- lichcn Verbände, die der Stukkateure, Dachdecker usw., der Ein- heitsorganisation anschließen werden. Im Maurervcrband findet gegenwärtig in den Mitgliederversammlungen eine Abstimmung über die Verschmelzung statt, die nun von der Gips- und Zement- blanche angenommen wurde. Die Versammlung erklärte sich gegen nur drei Stimmen für die Verschmelzung. Im übrigen wurde in der Versammlung die Abrechnung vom 3. Quartal verlesen. Sie schließt mit 18 638,93 M. Einnahmeil und 12 147,26 M. Ausgaben. Der Bestand der Lokalkasse ist im Laufe des Quartals von 5576,33 M. auf 6491,67 M gestiegen. Die Mitgliederzahl war am Quartalsschluß 1702.— Die Versamm- lung erteilte dem Kassierer einstimmig Decharge. Auch ein Held! Wir erhalten folgende Zuschrift: In der Versammlung des sechsten Wahlkreises, welche bei Franke in der Badstraße stattfand, und in der Genosse Molken- b u h r das Referat hielt, hat ein Herr August K u h l m e y in der Diskussion seine Worte hingestammelt, die er in jeder Ver- sammlung runterleiert. In der Kommunalwählerversammlung, Mc am 6. Oktober h» den„Pharussälen" stattfand, hat er ebenfalls in der Diskussion gesprochen. In dieser Versammlung war es der Genosse Heinrich Metzle, der den Versammelten mitteilte, wes Geistes Kind K u h l in e p ist. Damit sich der„Vorwärts" nicht des öfteren mit der Person Ks K u h l m e h zu beschäftigen braucht, teilen wir hierdurch den Genossen mit, was für eine Rolle der Mann bis dato gespielt hat: August K u h l m e y ist Maurer. Im Streik 1907 kehrte er der Organisation den Rücken, wurde Agitator bei den Gelben. Auch dort fand er keine bleibende Stätte, wurde vielmehr 1908 Mitglied der neugegründ-ten Vereinigung der Maurer Berlins und von dieser mit dem Posten des Hilfskassiercrs im Norden be- traut. Aber da ist er ebenfalls nicht mehr Mitglied. Im Jahre 1909 meldete er nun seinen Beitritt in den Zentralverband der Maurer Deutschlands an. Tie Vertretersitzung des Verbandes lehnte jedoch seine Aufnahme ab. Weitere Worte über die Person KuhlmeyS zu verlier«?, wäre ihm zu viel Ehre angetan. Lese- und Dtskutierklub„Johann Jacoby". Heute abend 8'/, Uhr bei Bugge, Kastanien- Allee S5/96: Sitzung. Fortsetzung über:„Das Efturtcr Programm". Gäste willkommen. Amtlicher Marktbericht der städtischen MarNballeu-Dwektion über den Großhandel in den Zentral-Marktballen. Marktlage: Fleisch: Zufuhr schwach. Geschält flau, Preise unverändert. Wild: Zufuhr knapp, Geschält lebhast, Preise gut. Geflügel: Zufuhr reichlich, Geichäst schleppend,, Preise nachgebend. Fische: Znsnhr genügend, Gelchäst schleppend, Preise gedrückt. Äutter und Kaj«: Geschäft ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obst und Süds rüchte: Zusuhr genügend, Geschäst sehr ruhig, Preise fast unverändert. LSaflerstandS-Nachrichte« der LandeSanitalt für Gewäisertunde, mttgeteM dm» Berliner Witterbureau. ')+ bedeutet Wuchs.— Fall.—•) Unlerpegel. Nlir den J«ba(t Der Inserate übernimmt b« Repaktion dem Publikum geSenub�x keinerlei VerautwortunS- Cbeater. Donnerstag, d en 21. O ktob er. Ansang VI, Uhr. Königl. OveruhanS. Bohdme. ttgl. Schauspielhaus. Die OuitzowS. Deutsches. Faust. K a n> m e r s p i e l«. Der Arzt am Scheidelvege.(Ansang 8 Uhr.) tlnsang 8 Uhr. «eueS königl. Opern-rbeater. Der Geigenmacher von Mitten- wald. Lcssing. Die versunken« Glocke. Vteues Schauspielhaus. DaS Erempel. Komische Oper. Auserstehnng. Berliner. Einer von unsere Leut. Steues. DaS Urbild deS Tartüffe. tebbel. Der Skandal. »estcn. Die geschiedene Frau. Bolksoper. Dt- Jüdin. Thalia. Prinz Bussi. Residenz. Gretchcn. Triano». Pariser Witwen. LustspielhanS. Man soll keine Briese schreiben. Kleines. Moral. Neues Overette«. Die Dollar- Prinzessin. . Tchiller<». sWallner- Dbeaier.) 1 DaS Käthchen von Heiwronn. Schi»er Gftarlotteuvurg. Die erste Geige. Friedrich- SÄilhelmftädt. Schau- iptelhauS. DaS grotze Licht. Luisen. Die rote Robe. Roie. Die JSgevmeislerin. Metrovoi. Halloh II— Di« große Revue. KolieS Gaprice. MobMfierung. Der gewisse Augenblick. Ans. 8st, Uhr. Apollo. Spezialitäten. SLintergarteu. Svezialitäten. Gebr. Herrnfeld-Theater. Frau Elkams Friseur. Meine- Dein« Tochter. Karl Havcrland- Theater, Epe- zialitäten. Easino. Onkel Cohn. Walhalla. Svezialtläte«. Gastspiel. Die gute Partie. Noarks Theater. DaS Warenhaus- sränlein. Palast. Der Blumenstrauß, Spezialt. täten. Valiagr. Spezialitäten. Reichshallen. Steitlner Sänger. Urania. Tnuvenstrast« Abends 8 Uhr: In den Dolomiten. Hörsaal 8 Uhr: Dr. W. verndt: Vom Ursprung deS Lebens. (2. Teil.) Steriiu arre, Fiivalidenltr. 67/82. Heues Theater. Abends 0 Uhr: Das DM Des Wie. Morgen und folgende Tage: Das Urbild des TartQITe. Theater des Westen:. Abend» 8 Uhr: Die KCMchlcdene Fran. Sonntag nachm. 31/« Uhr: Die Inatlge Witwe._ Kciics Operetten-Theater, Schissbauerdamm 26, a. d. Luisenftr. Heute Ansang 8 Uhr: Die DoUnrprinaeuUla. Morgen Freitag, 22. Oktober, zum erstenmal: Der arme Jonathan. fMek-MIItöMMoiiss Schauspielhaus. Donnerstag, 21. Oktober, Ans. 8 Uhr: Die goldne Eva. Freitag zum erstenmal: DaS große Licht. Sonnabend: DaS große Licht. Sonntag nachm. 3 Uhr: Oihello. Abends 8 Uhr: DaS große Licht. I.us'tspivlksu». Abend« 8 Uhr: toll soll keine Briete schreihen. Tolks-Oper. SW, Belle-Alliance-Str-che Nr. 7/8. Ansang 8 Uhr. Die Jüdin. _(Außer Abonnement.)_ «tiumaatmuiai Abends 8 Uhr: Die rote Robe. Schauspiel in 4 Akten v. E. Brieux. Freitag Premiere: Der Kampf um den Nordpol. Romantisches Zeitbild in 7 Bildern mit Gesang und Tanz. Sonnabend 4 Uhr große Kinder- Vorstellung: Der kleine Zeppelin. 8 Uhr: Jnjpektor Brafig._ Lcsslng-Theater. 8 Uhr: Die versunkene Glocke. Freilag, 8 Uhr: Tantrts d. Narr. Sonnabend, 8 Uhr: Xantris der Narr._ Berliner Theater. Heute; denchlosacn. Morgen?>/, Uhr znm erstenmal: Alpenkönig und Menschenfeind. Residenz-Theater Direktion: Richard Alexander. AbendS 8 Uhr: Groteske in 3 Alten von Davis und Lipschütz. Morgen und solgende Tage: Dieselbe Vorstellung. Sonntag, 24. Ott., nachm. 3 Uhr: Ter Floh im Ohr. OSE=THEATE Große Frantsnrier Str. 132. Ans. 8 Uhr. Ende 11. Uhr. die Jägermeisferin. VolkSstück nach dem Dänischen w vier Akten von Eharlolte EtlcrSgaard. Freitag: Michael Kohlhaa«. I Palast-Theater. Direktion: Robert Dill& Karl Pirnau. Burgstraße 24, am Bahnhos Börse. Di« erstklassigen 8pemMen. Da» in�»terl«»e Ii nhlnett. Olga Durand: ElnWeinraasch. Der Blumcnstranft. Liederspiel. Ansang'/>8 Uhr. Enkree: S« Pj. bis» Mark. BorzugSkarteu, an Wochentagen gültig, überall zu haben. Schiller Schiller-Theater 0.(Wallner-Theater.) Donnerstag, abendS8Uhr: Da» KUthchcn v. Hellbronn Großes historisches Rilterschauspiel in S Akten von Heinrich v. Kleist. Stö' Ende 11 Uhr,"VT Freitag, abend» 8 Uhr: Die von Uochsattel. Sonnabend, abends 8 Uhr: Zum erstenmal:(>!e»pen»ter. Zirkus Busch. Donnerstag, den 21. Okteber 1809, abends 7',', Uhr prizise; Grolicr Gala-Abend. U. a.: Die Clevcland»! Mdm. Smaragds mit ihrer tensa- tionellen Katzendressur. Herr Willy Manns Wunderelefant. Zwtorsclown Fran�ol» als Kunstreiter. Ferner zum erstenmal: Herr Bnrkhardt-Foottlt, Schulreiter. Herr E. Schumann, Neudress. Um 9'lt Uhr: fälMlM! Vorher dae groSe Galaprogramm. Gastspiel-Theater Köpenicker Straße 67/68. Täglich abends 8'/. Uhr: Gastspiel von Priiz Beckmann. Die gute Partie. Stadt-Theater Moabit. Alt-Hoabit 47/48. Donnerstag, den 21. Ottober 1808: Gliilh bei Frmn. Lustspiel in 4 Alten v. K. v. Moser. Kassenöffnung 7 Uhr. Vorstellung 8 Uhr. Borverlaus täglich von 10—1 Uhr im Theater-Rcstaurant.__ Trianon-Theater. AbendS 8 Uhr: Pariser Witwen. Vlteater. Sohüler-Theator CharloHenburg. Donnerstag, abendsSllhr: Die erste Geige. Lustspiel in 4 Akten v. Gustav Wied und Jens Petersen. Wm~ Ende 10'/, Uhr.-HD» Freitag, abend» 8 Uhr: Die erste Geige. Sonnabend, abends 3 Uhr: Die Ebre. DoontrSiag, den 21. Oktober, abends 7>,2 Uhr: Außerordentl. gr. Verstellung. Dehnt Dehnt ?? Les Aribots?? 6 Damen ProTeanies Miß Sllve mit dressierten Tauben. SMP Clown Adolf alS MIO-M» SWP" Ella zu Pferde."VQ Mme. de Bainville mit ihren Freiheitspferden. Pferd und Ballerina. Der Lchimpanse als Radfahrkünftler. Jim o. Jam— Ovaro Brot. u. d. übrigen groBen Spezialitäten. Artiisliof(Moabit) Perlcberger Straß« 28. Gastspiel d. Willi Voigt Theater-Ens. Donnerstag, den 21 Oktober: Ntber's Grad hinaus. Lebensbild mit Gesang in 6 Bildern von Sonntag. Kassenerössnung 7, Anjang 8 Uhr. U�i»ig»tn«i t-K rmIiio. Hol, marktstraße 72. Täglich: Frzmie 8oban»M. Fifi Morro, Gustav Eulanburf, Geschw. Arras, F. W. Hardt, The Hartle u. MIB Eltrah usw. Dr. Schwips» Posse mit Gesang in einem Akt. G E L H A R D T 118/1* Erst tobte ziemlich heiß der Streit, Ob Zeppelin, ob Groß, ob Wright, Ob Parseval der beste sei; Doch kaum war dieser Streit vorbei, Da könnt' man streiten nicht genug, Wer war es, Pcary oder Cook? Und so wird herrschen alle Zeit. Gleichviel worum, Uneinigkeit. Doch in dem einen, da» ist klar, Man sich schon immer einig war: Von allen Bieren, die eS gibt, Man Engelhardt am meisten liebt, Sein Pilsner und Berliner Bier Ist schmackhaft und bekömmlich dir, Doch's Beste mir dem Kranken dünkt, Wenn er sein Caramelbier trinkt! i Preisliste 18 gratis. iVUsehcrollen, Wasch- u. IVrlngmaHchinen liefert als Bpesiallttlt in neuester, praktischer Ausführung zu außerordentlich billigen Preisen Badoir Knapke, Berlin SW. 10, Seydelstr. 7, s. Splttelmarkt •• •• Einige neue Mitglieder n den Nachmittags-Abteilungen können sich noch in den Zahlstellen anmelden. Sonnabend, den 13. November 1909, abends 8'/, Uhr: Herbstfest mit Festball und Gesellschaftsabend I in den Konzertsälen der Brauerei Happoldt, Hasenheide 32/88. Humoristischer Vortragsabend* Mitwirkende; Soubrette und Vertragskün stierin: Fräulein Else Sern*.— I Uederslngerin; Fräulein I-lssl Kurz.— Konfereneier und Chansonnier: Herr Alfred Kühne.— Humorist: Herr Max Reichhardt. Am Flügel: Herr Kapellmeistor Giemen« Sehmalstich. Festmarken i 60 Pf, vom I. November ab in den Zahlstellen, 1 Die nüchsten Anlfüh rangen: Neues Schauspielhaus. Nachmittag- und Abend »bteiluagen: Ülaria Stuart. Trauerspiel von Friedrich Schiller. Leasing-Theater. ' Gerb. Hauptmann: tfftOOülü, � EztravonteUnng: DBF KÖtlifl. Resident-Theater: MllSOttt. ExtravorsteUnng: Dumas: Thalia-Theater. Halbe: E t S g E II g. I Hopp.: Der Dorltpn, Bauernkomödie aus d. sohlesiechen Gebirge. Herrnfeld-Theater. Bemann: UlltEr Ulill iOfeü, �'"rSti'�Jugenl Donnerstag, den 28. Oktober, abends 8 Uhr: Oeneral- Versammlung im Gewerkschaftehause, Engolufer 15. Tagesordnung: Vortrag des Herrn Schriftstellers Holnrieh Strtibel über: 1 Gerhart Hauptmann.— Geschäfts- und Kassenbericht dos| Vorstandes vom ersten Quartal, Bericht der Revisoren, I Diskussion nnd Verschiedenes. 242/2 Der Vorstand. I. V.: G. W i n k 1» r. Urania. WiaBenschaftlichee Theater. Abends 8 Uhr: In den Dolomiten. Hörsaal 8 Uhr: Dr. W. Berndt: Vom Ursprung _ dos Lebens(2. Teil). Folies Caprice. Mobilisierung. Bnnter Teil. Der gewisse Augenblick. Ververk. 11—2. Anfang 8'/, Uhr. O- O- Täglich g Uhr: --ahn CK Casino-Theater Lothringer Straße 37. nkel »kel nkel nkel ssx�oh» nkel UH.ohn nkel V�ohn Sonntag 4 Uhr: Jamilte Klinken W.KoaeksTiieäter Brunn eustr. 16, am Rosenthaler Tor. Aas Wareuhailsfräulki«. Volksstück in 5 Akt. v. R. O. Popper, Messingputzer i. Warenhaus». Tietz. Anfang'1,9 Uhr. Entree 30 Pf. Sonnabend; Der Glöckner von Notre-Tamc. Sonntag 3 Uhr: Jüdin v. Toledo. Restaurant„zum Leuchltn" S., Fotitane-Promenatle 18 (Ecke Blücherstraße). Hochzeiten und Bereinsfeftlichkciten, Acrsammlungeu usw. zu vergeben.--- Sonnabend« in dieser Sass« Kleiner Saal(150 Personen) zu Bersammlnngen usw. zu vei noch frei. SStlL* ' Passage-Theater. 1 >g i Abends 8 Uhr: Der gröBto Erfo der Theatersaison I ! Henry Bender 8 in der tollen Burleske| z Der süße Doktor. 0 Femer: Ciaire Waldoll. und der große Varifele-Teil. I Die enthusiastisch gefeierte 9'!, Primadonna 9'/, Maria Galvany Ton der kgl. Oper in Madrid und die sensationellen 12 Oktober- Attraktionen 12 und dos ferneren nur 4 Tage: liebend singende Bilder Enrico Caruso: Donnerstag: Arie a.„LaBohfeme". Freitag: Arie a.„Don Sebastiano". Sonnabend: Arie a.„Tristeritomea. Sonntag; Arie aus„La foraa del destino. Sonntag, den 24. Oktober 1909: Xacliinittag- V orstellung. Antang 8'/a Uhr. Kleine Preise! 9 Uhr: Tohuwabohu. Burlesk tn. Gesang und Tanz(auS dem Amerikanischen) in 8 Bild., bearb. von The Irish Indien Haids. Vorher ab 8 Uhr: Die vollstündig neuen Spezialitäten m. Habel Berra, The Automatus, 5 Schwestern War> wiek, 4 Black Oiamonds._ Metropoi-Theater Hallo!!! Die große Revue! In 8 Bildern von Juh Freilnd: Musik v. Paul Lincke. In Szene gesetzt vom Dir. Rieh. Schultz. Anfang 8 Uhr. Rauchen gestattet. Konnnandaiiteiistr. 57. T. A. 4, 5083. BW" Die erfolgreichste» Lach-Komödien Meine- Deine- Tochter Frau Elkams Friseur mit Anto» und Tonat Herrnfeld. Vorverkauf 11—2 Uhr. Ansang 8 Uhr. m alhalla Variefe Theafer 1 Weinbergsweg 19-20, Rosenth.Tor. | Ans. 8 Uhr. Die großartigen| Oktober-Spezialitäten. I Im Tunnel: RegimcntSkaPelle. I Theaterbesuchern sreier Eintritt.> I KeiedsdAilell-Iiiekler. Wocheut. 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. Sanssouci, e' Direktion Wilhelm Reimer. Sonntag, Montag und Donnerstag: Nenes Programm. ite-Mm von BolIniannsflord[I.SäDgerD Großer Erfolg l Ein alter Flieksekter. VolkSitück h. d. 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M., nach- mittags 2'/x Uhr, von der Leichen- Halle des städtischen Friedhofes in Friedrichsselde auS statt.* Um rege Betettigung ersucht 231/17 Ter Borttnnd. lumen-u.XranzliiRiierei Aug. Krause, Wiener Straße 7, liefert Berewskränze usw. billigst.'■ Charlottenburg. Solide Uhren, moderne Eoldtvare«, Reparaturen preiswert und gut. Prledrleb Stabenow, * jetzt Berliner Strafte IchK. Ohne Anzahlung flardinen, Pqrtierqn, Stores, Stepp- u. Tischdecken, Bilder, Teppiche. Uhren auf Teilzahlung. Ii. fflatzner, Auguststr. SO. AM- Nur Karte erbeten._* RhenWjisMS Gicht, Gliederreiste», Nerven. schmerzen.Huftmeh, Geschwulst-e. sind ost unerträglich, daher gebrauche man sofort Keiehel5.,l:leelrieuni" (Echtes Kiefernadeläther-Waldwollöl) ein reines, unschädliches Naturprodukt. Eleetrieum wirkt gleichsam elettri- sierend aus den Körper und nicht wie spirtwöseEinreibungen nur momentan, sondern ist von kräftig durchgrei- fender. nachhaltiger, schmerz- stillender Wirkung. Jflasche 1 M. und S M. 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Rege Betettigung erwartet Die Ortsverwaltung. Nachruf. Den Kollegen und Kolleginnen zur Nachricht, datz unser Mitglied, die Arbeiterin .lustine Seitz gestorben ist. 124/7 Ehre ihrem Andenken! Die Ortsverwaltung. Oeutseber fransportarbeiter-lferbanl Ortsverwaltung Krell Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Arbeiter KsH Ofta am Mittwoch, den 13. Oktober, im Alter von 31 Jahren infolge eines Schädelbruchs gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 21. d. MtS., nachmittags i'L Uhr, von der Leichenhalle des städtischen Fried- Hofes, Müller-, öcke Seestraste, aus statt. 70/00 Di« Verwaltung. Am Dienstag, den 19. Oktober, morgens 4 Uhr, starb uiei» lieber Mann, unser guter Vater, Schwiegervater und Grobvater, der Dreher Pranz Maschelzke nach kurzem, schwerem Leiden im SO. Lebensjahre. Die Beerdigung findet am Freitag, den 22. Oktober, nachm. 4 Uhr, von der Leichenhalle des St.Sebastlan-Kirchhoscs.Rcinickcn- dors, Humboldtstrabe, aus statt. Ole trauernden Hinterbliebenen. Berlin N. 31, Brunnenstr. 35. Wegen Brandschaden bleibt unser Geschäft bis aus weiteres geschlossen. Wir bitten unsere werte Kundschast, vorläufig ihren Bedarf in unserer Filiale Kottbuserstr.» zu decken._____________________________________________________________________________________ Verantwortlicher Redakteur: Emil Ungern Grunewald. Für den Jnsergtenteil veraniiv.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt» Buchdruckerei u. Berlagsanftalt Paul Singer Lc Eo„ Berlin L.W. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung mettier lieben, unvergeblichen Frau Aiarle Lehnigk geb. liChmann sage ich allen Verwandten und Be» kannten, insbesondere dem Verbände der freien Gast, und Schantwirto, dem Wahlverein des 4. Kreises und den Mitgliedern de« Wahlbezirks 348. dem Gesangverein„Lysoiia", dem Sparverein„Schimmernde Grotte- und dem Vergnügungsverein„Nasse» Dreieck' meine» herzlichsten Dank, 29413 Franz Lehnigk. e&al&SolG&o eSal��J�aJeJ�j�jle�aj�afG�lG� Ftledrmsse HO-HZ G.m. b.H. ](JUÖ kkleilM!trliue 110-112 DonnerslBi Freltai und Sonnabend Lebensmittel zu Besomfers mmsen Preisen soweit Vorrat: soweit Vorrat: Murstwaren Holsfdner' Ccrüdaftöursf Salami...;; i i., £chinkenmurst.......... JTiausschinkcn, 2— Z Pfd. schmvr„ Candschinken, 9— 12 Pfd. schcoer.. Schinkenspeck.......... Sänsebrüste, geräuchert.; i„ Teemurst.............. Mettwurst nach Braunschw. Art.. Prima tederratwurst........ Rotwurst..... i t». Pfd. 0.45 u feine Leberwurst. i.»... Pfd. 0.95 tandieberwurst.• 0.85 Leberwurst Hallesche Art..,„ 0.95 Jagdwurst..........; 0.90 Sülzwurst mit Zungeneinlage.„ 0.65 Halberstädter Würstchen, Marke K. M. Dose Inhalt 8 Paar 80 Pf. 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Wirsingkohl.... 30pf. 20 pf. Vi Dose Rote Rüben..... 35Pf. dO. dO. 10 Pfd.-Dose 1.50 Pflaumen...... 40 Pf. Preisseibeeren... 58Pf. Mirabellen..... 63 pf. Saure Kirschen m.stem. 60 pf. Aprikosen i srachte.. 90 pf. Erdbeeren..... 90 pf Kaiser Kirschen m. st. 75 pf. Birnen....... 60 Pf. Pflaumen ölas ca. 1 Cfr... Vs Oo« 23 Pf. 25 Pf. 33 Pf. 37 Pf. 35 Pf. 50 Pf. 50 Pf. 43 Pf- 35 Pf. 65 Pf. fisch-Konserocn Oelsardinen Dose Bratheringe.. Bismarckheringe Hering in Gelee Aal in Oelde Anchovis... Delikatessheringe Saucen f/i Dose 78 Vj Dose 50 Pf. Appetit-Süd. Dose 65 35 28 Pf. Oabeibissen. Dose 80 65 38 Pf. 26 30 50 70 90 1.25 1.40 Pf. «. Dose 45 Pf. •. Dose 45 Pf. •. Dose 35 Pf. .. Dose 85 Pf. Dose 75, 40 Pf. in verschiedenen Birnen blanc Pfd. 10 Pf. Blaue Weintrauben Kistchen Brutto ca. 4 Pfd.............. 65 Pf. 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Dezember 1887 zu Danzig geborene Verkäuferin Alice Ra- kowski, genannt Backeiser. ermordet und anscheinend beraubt auf- gefunden. Ein Stich mit einem großen Schlächtermesser hat sie getötet. Alice RakowZIi leitete seit Jahresfrist das Zweiggeschäft der Bäverei„Nordstern" deS Bäckermeisters Müller in der Landsberger Straße 75. Müller hat mehrere Zweiggeschäfte. Ihre Leiterinnen wohnen alle bei ihm in der Landsberger Str. 75. Alice Rakowski kam Dienstag abend nicht nach Hause. Der Meister schickte deshalb gestern morgen um 5 Uhr die Verkäuferin Hulda Hellfert nach der Weberstraße, damit sie sich nach ihrer Kollegin umsehe. Das Mädchen fand den Laden offen. Als sie ihn betrat, bot sich ihr ein schrecklicher Anblick. Auf dem dunklen Flur lag in ihrem Blute schwimmend die Leiterin der Filiale. Sie war tot. Fräulein Hellfert eilte sofort wieder nach Hause und machte ihrem Meister Mitteilung. Dieser benachrichtete die Revierpolizei, die bann sofort die Kriminalpolizei herbeirief. Nach kurzer Zeit erschien der Chef der Kriminalpolizei, OberregierungSrat Hoppe, mit mehreren Kommisssaren und dem Gerichtsarzt Dr. Strauch am Tatorte, um den Befund aufzunehmen. Im Laden, dessen Tür aufstand, war es noch dunkel. An der Brotschneidemaschine lagen einige Locken des toten Mädchens. Auf dem Tische standen eine Kaffee- und eine Milchkanne und zwei Tassen, die kurz vorher gebraucht worden waren. Hiernach mußten zwei Personen im Laden gewesen sein. Die angelehnt gewesene Korridor- tür war ebenso wie die großen Tüten, die daran hingen, mit Blut besudelt. Einige Spritzer zeigen, daß das Mädchen unmittelbar an dieser Tür erstochen worden ist. Etwa einen Schritt hinter der Tür lag die ermordete Verkäuferin in der Kleidung, in der sie äugen- scheinlich hat ausgehen wollen, ohne Hut, auf dem Korridor. Der Mantel lag hinter ihr, ebenso das Kleid, das sie tagsüber getragen und dann mit einem hellblauen Kleide vertauscht hatte. Der Körper schwamm im Blute. Eine starke Lache hatte sich gleich an der Schwelle gebildet. DaS Blut war in starkem Strome einer großen Stichwunde entquollen, die sich in der Herzgegend befindet. Die Wunde rührt von einem großen Schlächtermesser her, das stark mit Blut besudelt in einer Ecke neben der Türschwelle lag. Es ist ein ganz neues Messer, das nicht in den Laden hineingehört, ein Messer mit breiter Klinge, die nach vorn zugespitzt ist, und einem starken Holzgriff. In der Blutlache an der Schwelle ist ein Fußabdruck sichtbar. Er ist augenscheinlich dadurch entstanden, daß der Täter, nachdem er den tödlichen Stich geführt hatte, mit dem linken Fuß neben die Leiche trat. Diese lag auf dem Rücken. Slachdem der Besimd am Tatort durch photographische Auf- nahmen festgelegt worden war, leitete die Kriminalpolizei alsbald die Nachforschungen nach dem Mörder ein. Festgestellt wurde, daß die Ermordete ein Liebesverhältnis mit einem angeblichen Jockey Korb unterhält und sich in anderen Umständen befand. In derl nächsten Zeit wollte sie mit dem Jockey nach London fahren, um sich dort trauen zu lassen. Nebenher hatte sie aber auch noch andere Liebhaber. DaS Ver- hältniS mit dem angeblichen Jockey Ernst Korb bestand schon seit Jahren. Der angebliche Jockey wandte ihr auch wiederholt Geld zu, jedesmal, wenn er, wie er sagte, auf der Rennbahn gewonnen hatte. Er klagte aber auch mitunter, daß er verloren habe und deshalb kein Geld schicken könne. Es ist wohl auch vor- gekommen, daß er sich selbst von seiner Geliebten Zu- Wendungen machen ließ. Vor einiger Zeit gerieten die Beziehungen inS Wanken. DaS Mädchen erfuhr, daß ihr Geliebter gar nicht Jockey war und auch nicht Korb heißt. Um sich Gewißheit zu verschaffen, hatte sie den Jockey Korb aufgesucht und nun einen ganz anderen Mann gesunden. AIS stc darauf hin ihren Geliebten zur Rede stellte und ihm vorwarf, daß er geschwindelt habe, gab er das zu und nannte sich jetzt Friseur HanS Jühnemann. Dabei behauptete er aber, daß er ein verkrachter Rennstallbefitzer sei. Trotz ihrer unliebsamen Ent- deckung verkehrte Alice RakowSki noch weiter mit dem Manne. ES scheint, daß das Mädchen mit einem Manne, der um ö Uhr, nach Schluß des Geschäftes, noch im Laden gesehen worden ist, Dienstag abend noch ausgegangen ist. Von der DienstagS-Losung, die etwa S5 M. betragen haben muß. ist nur noch das Wechselgeld in 10 und 5 Pf.-Rollen vorhanden. DaS Goldgeld, das die Verkäuferin in eine kleine Tüte zu legen pflegte, und das Silbergeld, das sich in einem Leinenbeutel befand, sind verschwunden. Der Befund, insbesondere der Zustand des Anzuges und der Frisur erklärt sich auch aus der Annahme, daß das Mädchen mit dem Täter kurz vor der Tat nach Hause zurückgekehrt ist. DaS Polizeipräsidium erläßt folgende Bekanntmachung: 1000 Mark Belohnung. Am 20. d. M., morgens gegen 5'/« Uhr wurde die un- verehelichte Verkäuferin Alice Ralowski. am 18. Dezember 1387 in Danzig geboren. Landsberger Str.7ö bei Müller wohnhaft, in dem Bäcker- laden Weberstr. 40b tot aufgefunden. Die Leiche lag in einem von dem Laden nach hinten abzweigenden Korridor bekleidet auf dem Rücken mit einer Stichwunde in der linken Brustseite. Das zu der Tat anscheinend benutzte 6 Zoll lange Messer mit gebeiztem Holzgriff und polierter Klinge der Firma I. A. Röhle, Solingen, lag in einer Blutlache zu Füßen. Hut, Paletot. Handschuhe, Taschentuch und Handtasche lagen teils auf, teils neben der Leiche. Die Alice Rakowski ist am 19. d. M. gegen 9 Uhr abends im Laden sitzend gesehen worden, im Gespräch mit einem neben ihr stehenden Manne von kleiner Gestalt. Während der Nacht ist sie entgegen ihrer Gewohnheit nicht nach Hause gekommen. Die Verstorbene hat auch mehrfach in der letzten Zeit Selbstmordabsichten geäußert. Für den Fall, daß ein Verbrechen vorliegt, ist die oben ausgesetzte Belohnung für die Personen aus dem Publikum bestimmt, die sachdienlich Angaben zur Ermittelung des Täters beibringen. Besonders wichtig sind alle Mitteilungen über den Aufenthalt und den Verbleib der Rakowski in der Zeit vom IS. abends bis zum 20. Oktober früh. Mitteilungen nimmt die Kriminalpolizei und jedes Polizeirevier entgegen. Berlin, den 20. Oktober 1S0S. Der Polizeipräsident. I. V.(gez.) Friedheim. Daß ein Mord und nicht ein Selbstmord vorliegt, geht wohl ohne Zweifel aus dem ursprünglichen Befund hervor. Als der erste Beamte an die Leiche kam, war deren Gesicht mit Kleidungsstücken bedeckt. Erst der Beamte nahm diese herunter und legte sie hinter die Leiche, um zu sehen, ob sich noch Leben in dem Körper befindet. Von der Zudeckung rührt es auch her. daß diese Kleidungsstücke auch einige Blutflecke aufweisen. Allem Anscheine nach ist das Mädchen auf dem Korridor, an dessen Ende sich eine Toilette befindet, kurz vor der Ladentür unter dem tödlichen Stich zusammengebrochen. In einem Waschnapf in der Toilette hat sich der Täter die Hände s gewaschen. Der Napf weist noch Blutspuren auf. Blutiges Wasser ist einem Chemiker zur Untersuchung übergeben worden. An einer Schürze, mit der der Mörder sich die Hände abgetrocknet hat, finden sich noch Wischspuren und kleine Blutteilchen. Die weiteren Ermittelungen der Kriininalpolizei haben bereits ein bedeutsames Ergebnis gehabt. Es ist durch Zeugen festgestellt, daß der Friseur Hans Jühnemann Dienstag abend seine Geliebte aufgesucht hat. Um 3 Uhr nachts hat er dann ein Frauenzimmer nach Hause begleitet. Von dort ist er um 6 Uhr morgens wieder weggegangen. Einige Kleinigkeiten hat er zurückgelassen. Jühnemann, der am 15. Februar 1883 zu Hamburg geboren wurde, wohnt in Wilmersdor in der Güntzelstr. 36. Er ist niemals Jockey gewesen, wohl aber Friseur. Jetzt nennt er sich Kaufmann. Er ist noch nicht ermittelt. Wenn er auf der Rennbahn, die er viel besuchte, gewann, so sandte er, wie wir schon mitteilten, seiner Geliebten wiederholt Geld. Sonst lebte er von ihrem Gelde oder aus ihrer Kasse. Jühnemann ist klein und schlank von Gestalt. Er hat schwarzes Haar, schwarze Augen und ein brünettes Gesicht. Man kann ihn für einen Aus- länder halten. Bemerkenswert ist, daß der Ladenschlüssel fehlt. Nachdem auch Staatsanwalt Müller den Tatort besichtigt hatte, wurde die Leiche mittags nach dem Schauhause gebracht, um dort alsbald gerichtsärztlich untersucht zu werden. Gegenüber dem Bäcker- laden in der Weberstraße drängte sich den ganzen Vorniittag über eine große neugierige Menschenmenge, die von einem Schutzmanns aufgebot in Schach gehalten werden mußte. Nach den weiteren Ermittelungen der Kriminalpolizei ist der Friseur Jühnemann ohne Zweifel der Mörder. Jühnemann kam gestern morgen um 6 Uhr nach seiner Wohnung in der Güntzel straße 36 in Wilmersdorf zurück und trank mit einer Tochter seiner Wirtin, zu der er ebenfalls in Beziehungen stand, Tee. Nachdem er sich umgekleidet hatte, ging er wieder fort, um, wie er sagte, die Rennbahn in Weißensee zu besuchen. In seiner Wohnung fand man den Anzug, den er gestern ge tragen hat. Er ist ganz und gar mit Blut besudelt. DaS Jackett weist starke Spritzer auf, die Weste große Flecke. Die graue Hose, die Jühnemann aufgekrcmpt trug, ist an einigen Stellen mit Blut durchtränkt. Es sieht fast aus, als ob er in der Blutlache ge> kniet hätte. Auch das Unterzeug und Hemd enthalten Blutspuren. Die Wirtstochter war auf die Ermordete sehr eifersüchtig. Gestern abend wurde sie vor dem Laden gesehen, wo sie auf und ab ging. Auch die später Ermordete sah sie und äußerte:„Was will denn die. das ist ja JühnemannS Wirtin!" DaS Mädchen wurde gestern von der Kriminalpolizei vernommen. ES bekundet unter anderem, daß Jühnemann das bei der Leiche gefundene Messer schon seit zwei Monaten besessen habe._ Partei- Angelegenheiten. In den vier Landtagswahlbezirken: Sonntag Flugblattverbreitung! Niemand darf fehlen! _ Die Wahlkomitees. Dritter Wahlkreis. Heute Donnerstag, abends 8'/s Uhr, findet im Dresdener Garten, Dresdener Straße 45, für den 17. Kommunal Wahlbezirk eine Versammlung statt. Stadtverordneter Adolf Ritter und der Kandidat Wilhelm Börner werden über unsere kommunalen Forderungen sprechen. Am Freitag, abends 8>/, Uhr. findet für den 18. Kommunal- Wahlbezirk eine Versammlung in den Rittersälen, Ritterstr. 75, statt, Stadtverordneter Dr. Alfred Bernstein und der Kandidat Emil K e r f i n werden über dasselbe Thema sprechen. Britz-Buckow. Sonnabend, den 23. Oktober, findet im„Land- hauS", Chausseestr. 97, das Stiftungsfest des Wahlvereins statt. Billetts a 25 Pf. sind bei den Mitgliedern zu haben. Regen Besuch erwartet Der Vorstand. Obcr-Schöneweide. Freitag, den 22. Oktober, abends 3 Uhr, im „Wilhelminenhof": Oeffentliche Versammlung. Tagesordnung:„Die Ermordung von Francesco Ferrer". Hierzu heute abend Handzettelverbreitung.— Ebenfalls finden am Freitag, den 22.. und Sonn- abend, den 23. Oktober, abends von 6Vz Uhr an und Sonntag früh Verbreitungen des„Vorwärts" statt. Pflicht der Genossen ist es, sich vollzählig in den Bezirlslokalcn einzufinden. Niemand fehle, dann ist die Agitationsarbeit eine leichte. Der Lorstand. Bernau, Nöntgcntal, Schönow. Am Sonnabend, den 23. d. M., findet die Feier des neunzehnjährigen Bestehens des BczirkSwahl- Vereins Bernau im großen Saale des„ElystumS" Hierselbst statt. Ansang 8V2 Uhr. Mitwirkende: Herr Emil Walkotte, Rezitation: Serr Schulz-Fürstenberg. Cello; Frl. Rosa Kalischer, Konzertsängerin. enossen l Ein außerordentlich genußreicher Abend steht UNS bevor; belohnt durch zahlreichen Besuch diese Darbietungen. Berliner JVadmcbten* Herbstwandernng. Rüstig schreiten wir die graue von Aepfelbättmen ein- gefaßte Landstraße dahin. Die Luft ist von einer wunder- baren Klarheit. Ueberall satte, grelle Farbentöne auf tief- blaue Schatten. Blinkende Pflugscharen schneiden Furchen in das Erdreich, dessen Ausdünstung vereint mit dem süßlich- bittcrem Geruch des absterbenden Kartoffelkrautes die Gegend erfüllt. Auf den umgepflügten Aeckern arbeiten kartoffel- rodende Frauen. Eingehüllt in verschmutzte Kleider, knien sie auf dem feuchten Erdboden und wühlen für einen armseligen Tagelohn die Kartoffeln aus den kalten, durchnäßten Schollen. Keinen Augenblick lassen sie sich Zeit den überanstrengten, krummgcbeugten Rücken aufzurichten. Hastig wühlen sie mit verklammten Fingern Knollen suchend in der Erde herum. Die Ernte ist gut. Dicht stehen die hohen Säcke auf dem Acker herum, um gegen Abend mit dem Fuhrwerk abgeholt zu werden. Es ist Vesper. Mit einem Seufzer der Erleichterung richten sich die zusammcngekrüinmten Gestalten auf. Es sind noch Frauen in den besten Jahren. Aber ohne Form und Farbe. Abgerackert und von der Arbeit verkrüppelt, ist ihnen alle Weichheit in Körper und Gemüt geraubt worden. Hastig und plump ihre Bewegung; hart und verbittert ihre Sprache. Kein fröhliches Lachen erschallt hier. Das ist schon lange, lange tot. Mürrisch machen sie sich über ihr mageres Vesper- brot her, das sie mit einem Schluck kalten Kaffee hinunterspülen. Wortlos blickt jede vor sich hin, schon in Gedanken die Arbeit einteilend, die nach Feierabend zu Hause wartet. Aus den Schornsteinen des mit seinen chell getünchten Giebelwänden, grünen Fensterläden und roten Ziegeldächern freundlich herübergrüßenden Dorfes ringeln blane Ranch-. bänder empor. Der Wind weht den Geruch verbrannten Reisigs her. Mit Rüben und dergleichen beladene Wagen knarren und holpern die Dorfstraße entlang. Aus den offenen Fenstern des Dorfkruges ertönen laute Stimmen. Wir treten ein. Einige Bauern und ein Viehhändler sind im eifrigen Ge- sprach über die Begehrlichkeit der„Leute". Ein älterer, be- häbig aussehender Bauer eifert heftig gegen die Unzufrieden- heit der Weiber, die er zum Kartoffclbnddeln hatte, welche früher zum Frühstück und Vesper ihren„Korn" bekamen und jetzt gar schon ihren warmen Kaffee aufs Feld gebracht haben ivollen. Und alle Tage Hering und Schmalz- oder Musstulle paffe ihnen auch nicht mehr. Ja, er wüßte, warum die Arbeiter in der Stadt so schlecht aussähen und so früh stürben: sie äßen alle zuviel Fleisch. Ernsthaft nickte man ihm Beifall. Nach einer längeren Pause meinte der Viehhändler: „Ach so, was ich noch sagen ivollte, ich war gestern beim Landrat, und da hörte ich gerade, Büttner, daß Euer Pferds- junge, der Euch vor acht Wochen ausgerückt ist, Euch anzeigen wollte. Ihr sollt ihm damals mit der Wagenrunge den Arm zerschlagen haben. Der dumme Kerl verstand sich aber nicht zu benehmen. Na, den hat der Landrat schön angehaucht, der wird wohl das Wiederkommen vergessen I Was habt Ihr denn mit ihm vorgehabt?"„Na, der Lümmel hatte mir den Fuchs so liederlich aufgeschirrt, daß er sich durchgescheuert hatte. Na, und da häb' ich ihm mal ein bißchen die Jacke verklopft." Gelächter. Nachdem wir unseren Kaffee bezahlt, verließen wir die nebenan liegende Gaststube und traten den Heimweg an. Das Vieh blökt in den Ställen; Eimer klappern; Pumpenschwengel kreischen. Es ist Abend! Das Dorf ist bald hinter uns. Die Strahlen der sinkenden Herbstsonne lassen die braunen Kiefernstämme dort drüben am Waldessäume glühendrot aufleuchten. Bald umfangen uns die Schatten des Waldes. Noch ein letztes Glühen in den Gipfeln der Kiefern--- und dann ist alles vorbei. Aus den Moosen und Farcen des Waldbodcns schlängeln sich graue Schleier an den glatten Stämmen empor. Einige Frauen, die von der Feld- arbeit kommen, überholen uns. Hastig kenchen sie dahin. Eine von ihnen zieht in einem kleinen Wägelchen zwei kleine Kinder hinter sich her. DaS eine, kaum dreijährig, mit traurigem Gesicht, hat das kleinste krampfhaft umschlungen, um es vor dem Hinausfallen zu bewahren. Bald sind auch sie in die sinkende Nacht verschwunden. Ein Frösteln durch- schauert unseren Körper. Kein Ton ringsum. Nur das Stapfen unserer Schritte hallt in die im fahlen Licht dämmernde Landschaft hinaus._ Von der kommunalen WahlkreiSgeometrie. Berlin bekam die letzte Neuabgrenzung der Gemeindewahlbezirke vor einem Jahrzehnt. In diesen zehn Jahren hat die Wählcrzahl der einzelnen Bezirke sich in so ungleicher Weise gaändert, daß da schon wieder die ärgsten Kontraste bestehen. UnS interessieren hierbei besonders die Wahlbezirke dritter Abteilung, in die die breite Masse der werktätigen Bevölkerung sich hinein- stoßen lassen muß, damit eine bevorrechtete Minderheit durch die zweite und erste Abteilung die Herrschaft in der Ge- meindevcrwaltung ausüben darf. An den bevorstehenden Stadtverordneten, Wahlen nehmen von den 48 Bezirken dritter Abteilung 16 teil, und auf sie soll unsere Betrachtung sich erstrecken. Ihre jetzige Wählerzahl(ohne die noch zu erwartenden ge- ringen Nachträge) schwankt zwischen 2870 im kleinsten und 16 195 im größten Bezirk, und die Gesanstzahl der Wähler dieser 16 Bezirke stellt sich.auf 121 059. Vor sechs Jahren, als dieselben 16 Bezirke zu wählen hatten, stellte die Gesamt- zahl ihrer Wähler sich auf 107 019 und im einzelnen schivaukte die Wählerzahl zwischen 4249 in? kleii?sten Bezirk und 11 320 im größten. Man sieht, wie seitdem die Ungleichheit der Bezirke zugenommen hat. Vor sechs Jahre,? war der damals größte dieser 16 Bezirke nicht dreimal so groß wie der kleinste, heute aber ist der kleinste Bezirk nur noch wenig über ein Sechstel des jetzt größten, der im übrigen noch lange nicht der überhaupt größte aller 48 Be- zirke dritter Abteilung ist. In? einzelnen hat die Wählcrzahl der diesmal wählenden 16 Bezirke sich folgendermaßen geändert: im 2. Bezirk von 4249 auf 2870, in? 5. Bezirk von 6445 auf 6131, in? 8. Be- zirk von 6233 auf 5776, im 13. Bezirk von 7526 auf 6642, iin 14. Bezirk von 7232 auf 7097, in? 17. Bezirk von 4911 auf 4251. im 18. Bezirk von 4598 auf 3956, i?n 24. Bezirk von 9112 auf 15 676, tm 25. Bezirk von 11 320 auf 14 655, tm 28. Bezirk von 5717 auf 502l, iin 31. Bezirk von 5610 auf 5321, im 37. Bezirk von 6312 auf 5784, im 39. Bezirk von 7245 auf 6203, in? 42. Bezirk von 5250 auf 6981, im 43. Bezirk von 8367 a?!f 8495, im 47. Bezirk von 6842 auf 16 195. Der 47. Bezirk hat die stärkste Mehrung der Wählerzahl gehabt, sie ist hier weit über das Doppelte gestiegen. Die Bezirke 3. 13. 14. 24. 25. 28. 31. 37. 39, 43. 47 sind Besitz der Sozialde,nokratie. dagegen werden die Bezirke 2, 5. 17. 18. 42 noch durch Freisinnige iin Rathause vertreten. Die letztgenannten fünf Bezirke hatten vor sechs Jahren zusammen 25 453 Wähler, in? Durchschnitt 5091, jetzt haben sie nur noch zusammen 24 189, im Durchschnitt 4838. Da- gegen betrug für die elf sozialdemokratisch vertretenen Bezirke vor sechs Jahren die Wählerzahl zusammen 81 566. im Dm-ch» schnitt 7415, heute beträgt sie zusammen 96 870, in? Durch- schnitt 3806. Die Forderung der sozialdemokratischen Stadt- verordneten, daß die längst wieder nötig gewordene Neu- begrenzung derWahlbezirke schleunigst durchgeführt werde, hatte für 1909— so versprach niaus— endlich erfüllt werden sollen. DaS Versprechen ist nicht gehalten worden. weil daS dem Magistrat und der freisinnigen Stadtverordneteninehrheit„nicht zweck- mäßig" ersckien. Ein Blick auf diese 16 Bezirke lehrt, welches die Wirkung einer Neuabgrenzung sein müßte. Der Freisinn hat durchschnittlich die kleinsten Be- zirke noch zu behaupten vermocht, während die größte??, deren Wählerzahl noch immer weiter wächst, sozialdemokratischer Besitz sind. Bei einer Neuabgrenzung würde der Freisinn ohne weiteres mehrere seiner Schl?lpf>viurel einbüßen. Verstehst Du's. Wähler, warum der Freisinn diese schnläh- liche Beeinträchtigung der breiten Wähler- masse so lange wie möglich aufrecht erhalten zu sehen wünscht? Dann wirst Du um so?nchr dafür sorgen»vollen, daß bei den diesjährigen Stadtverordnetemvahlen die Sozialdemokratie ihre bisherigen Bezirke behauptet und womöglich auch der Freisinn aus einigen seiner Schlupfwinkel vertrieben wird. Fürsorge für Schwindsüchtige. Die Fürsorge für Kranke mit vorgeschrittener Lungen- und Kehlkopftubcrkulose bezweckt ein gemeinsamer Erlaß des Ministers des Innern und des Ministers der Medizinalangelegenheiten an die Regierungs- Präsidenten und den Polizeipräsidenten in Berlin. Es soll insbesondere bei den städtischen und Kreisbehörden für eine weitere Ausgestaltung der Fürsorge für die Lungenkranken bei jeder sich bietenden Gelegenheit nachdrücklich gewirkt werden. Empfohlen wird in erster Linie die Absonderung der Kranken mit offener Lungen- und Kehlkopftuberkulose, soweit sie nicht in Lungenheilstätten sich befinden. Zu diesem Zweck soll die möglichst langdauernde und möglichst viele derartige Kranke umfassende Unterbringung in allgemeinen Krankenhäusern stattfinden. Die Kranken sollen dort in eigenen Räumen abgesondert werden. Namentlich in großen Städten sollen in der Nähe der Stadt eigene Tuberkulosekrankenhäuser in gesunder, waldiger Gegend errichtet werden. Dagegen sollen Anstalten für unheilbare Kranke im letzten Stadium nicht errichtet werden. Auch außerhalb der Krankenhäuser soll die Gefahr einer An- steckung der Umgebung möglichst verhütet werden. Ueberall soll es Untersuchungsämter geben, in denen unentgeltlich Sputumuntersuchungen vorgenommen werden. Dieser Erlaß der Minister ist insbesondere der Stadt Berlin zur Beachtung zu empfehlen. Es besteht zwar die Absicht, ein Krankenhaus für Lungenkranke zu bauen, aber diese Absicht besteht schon seit Jahresfrist, ohne daß endlich Ernst mit dem Bau gemacht ivird. Dic Nntciiiteilnng der Stadtvcrordnctenwahlbezirke für die dritte Abteilung stand am Dienstag in dem dazu eingesetzten Ausschutz zur Beratung. Auf Veranlassung von Mitgliedern des Ausschusses war dem Ausschutz das Verzeichnis der eingeschriebenen Wähler in jedem Wahlkreise zugegangen. Das zeigte nun eine abermalige Verschiebung zu Ungunsten der Autzenbezirke gegenüber der inneren Stadt. Der kleinste Bezirk(der 2.) enthält jetzt nur noch 2870 eingeschriebene Wähler, der 1. Bezirk 3219. Diese beiden Bezirke umfassen die Stadtbezirke 1 bis 20 und 24. Also fast das ganze Alt- Berlin, beginnend au der Jannowitz-Brücke bis zum Zirkus Busch, von dort an der Spree entlang bis zum Reichstag, dann weiter bis Prinz-Albrecht-Stratze, von dort bis Spiitelmarkt und Waisenbrücke. Die in diesem grotzen Bezirk wohnenden Wähler dritter Klasse sind fast ausnahmslos Portiers, Hausbedienstete, Kutscher und Diener. Durch die Niederlegung des Viertels an der Stralauer Slratze zwischen Waisenbrücke und Mühlendamm, der Regulierung der Neuen Friedrichstratze und Parochialstratze, durch die unaufhörlichen Abbrüche der Wohnhäuser in der Friedrichstadt und Dorotheenstadt werden die 6000 Wähler dieser beiden Bezirke gar bald auf die Hälfte zusammen- schmelzen. Ganz ähnlich verhält es sich mit den Bezirken Nr. 3, 4, tt, 16, 17, 18, 19, 29. Denn auch dort verschwindet ein Wohnhaus nach dem anderen, um reinen Geschäftshäusern Platz zu machen. Die 2u kleinsten Bezirke haben zusammen 121 200 Wähler, im Durch- schnitt 4848. Die acht grötzten Bezirke haben 118 878 Wähler, das sind 14 859 im Durchschnitt. Für die übrigen 16 bleiben dann noch 104 640, also im Durchschnitt 6976 Wähler. Da die Gesamtzahl der Wähler der dritten Abteilung für 1909 344 718 ist, beträgt die Durchschnittswählerzahl für jeden Wahlbezirk 7180. 1896 betrug sie jedoch nur 6892. Die fünfundzwanzig kleinen bleiben daher weit unter dem Durchschnitt. Trotzdem war im Aus- schütz eine Minorität vorhanden, die sich gegen die Vornahme der Neueinteilung aussprach und warten wollte, bis das jetzt noch un- bebaute Berlin ausgebaut ist. Das könnte natürlich noch lange dauern. Schlietzlich kam der Ausschutz einstimmig zu dem Ergebnis, den Magistrat wiederholt um eine Neueinteilung zu ersuchen und zwar bis 1911, und diese Einteilung für die dritte Abteilung so vorzunehmen, datz dieselbe neunMonate vor den Ergänzungswahlen fertiggestellt ist. Wie lange wird der Magistrat brauchen, ehe er diesem schon im Jahre 1906 einmal gefatzten Beschlutz der Stadtverordnctenversamm- lung nachkommen wird? I» der Sitzung der städtischen Hochvaudeputatton vom 20. Ottober unter Vorsitz des Stadtrats Namslau wurden unter anderem die Vorentwürfe und Kostenrechnungen für Bauten beim Kaiser- und Kaiserin-Friedrich-Kinderkrankenhause sPavillon für geschlechtSkranke Kinder, Erweiterungsbau des Kesselhauses) im Betrage von 637 000 M. genehmigt. Ferner wurden die Kostenanschläge für Ein- richtung einer Warmwasserheizung im Falk- Realgymnasium und in der 68. Gemeindeschule im Betrage von zusammen 90 000 M. sowie ein Kostenanschlag über 70 100 M. für Neueinrichtung und Instand- setzung von Räumen des Dorotheenstädtifchen Realgymnasiums und des Friedrich Werderschen Gymnasiums gutgeheitzen. Weiter legte Stadlbmirat Hoffmann einen Vorentlourf zum Neubau der städtischen höheren Webcichule sowie spezielle Entwürfe und Kostenanschläge für den Neubau der vierten Irrenanstalt in Buch vor. Diese Entwürfe werden ebenfalls genehmigt. In der Sitzung der Schuldcputation vom 20. Oktober unter dem Vorsitz des Stadtrats Hirsekorn wurde u. a. beschlossen, die Versuche mit dem Werkunterricht sModellieren in Plastellin) in den acht Klaffen, welche vereinzelt schon stattgefunden haben, im Anschlutz an den Anschauungsunterricht weiter stattfinden zu lassen und die Ge- nehniigung des Provinzial-Schulkollegiums hierzu einzuholen. Hilfe bei Massenunfällen. Im Rathause fand gestern unter Vorsitz des Bürgermeisters Dr. Reicks eine Besprechung über die für Massenunfälle zu er- lassenden Bestimmungen statt. Außer Vorstandsmitgliedern des Acrzlvereins, des Berliner Rettungswesens, der Berliner Unfall- stationen vom Roten Kreuz, der Vereinigung der Berliner Sanitälswachen und des Verbandes für erste Hilfe waren Vertreter des Polizeipräsidiums und der Feuerwehr geladen und erschienen. Man einigte sich darüber, daß eS am zweckmäßigsten sei, bei allen Massenunfällen grundsätzlich zunächst telephonisch die Telephonzentrale des Magistrats im Rathause in Kenntnis zu setzen, weil diese am besten in der Lage ist, durch direkte Leitungen mit den beim Hilfswerk beteiligten Institutionen die Meldungen am raschesten an diese Stellen zu leiten. Sie wird die nächste ärztliche Wache des Rettungswesens, den Verband für erste Hilfe, wegen Wagengestellung, das nächst gelegene Kranken- hauS wegen Bereitstellung von Betten und etwaiger Entsendung weiterer Aerzte anrufen usw. Damit soll selbstverständlich nicht aus- geschlossen sein, datz unter Umständen zunächst die nächste ärztliche Hilfsstelle deS Rettungsdienstes angegangen wird. Die an die Unfallstelle entsandten Aerzte. die durch Armbinden äußerlich kenntlich sind, werden dann, wenn sie es für nötig halten. Feuerwehr und Polizei herbeirufen. Auf dieser Grundlage soll eine allgemeine An- Weisung ausgearbeitet werden und dann an die Vorortgemeinden herangetreten werden, datz sie sich im gleichen Sinne an der Regelung , dieses Rettungsdienstes beteiligen. Die Cholera in Berlitt? Unter dem Verdacht der Erkrankung an Cholera wurde gestern abend ein Mann uamens Kapischke aus der Niederbarnimstratze zu Lichtenberg nach der Charite gebracht. Dort wurde er isoliert. Ob wirklich Asiatische.Ehoftzia vorliegt, bedarf noch näherer Unter- tvAMg. Polizeitaten. Seit einigen Tagen ist die Berliner Polizei von einer nervösen Unruhe ergriffen, als gälte es, ein halbes Dutzend noch unentdeckter Mörder einzufangen. Und was ist der Grund? Weil in weiten Kreisen der Berliner Bevölkerung die Empörung über einen in Spanien an einem Freigeist vollzogenen Justizmord zum Ausdruck ge- langt. Am deutlichsten kam diese Nervosität zum Ausdruck anläßlich der drei am Sonntag von unserer Partei veranstalteten Versamm- lungen. In welcher Weile an diesem Tage von der Polizei, Be- rittenen wie Futzschutzleuten, gegen die ahnungslos dahergehenden Arbeiter eingehauen wurde, haben wir an� Dienstag in kurzer Dar- stellung wiederzugeben versucht. Wie spätere Zuschriften zahlreicher Zeugen besagen, geben unsere Mitteilungen nur ein kleines Bild der tatsächlichen Vorgänge. In Wirklichkeit ist an verschiedenen Stellen geradezu in unerhörter Weise gegen die Versammlungs- teilnehmer vorgegangen worden und zwar ohne jeden Grund und ohne jede Ursache. Wie wir bereits in der gestrigen Nummer mitteilten, ist auch die Polizei gegen die Teilnehmer einer von bürgerlicher Seite ein- berufenen Versammlung, in der gegen die Hinrichtung Ferrers protestiert wurde, eingeschritten. Graf v. Hoensbroech schreibt der„Volkszeitung" über seine Erlebnisse mit der Polizei folgendes: „Als nach der Versammlung die tausendköpfige Menge in größter Ruhe und Friedlichkeit sich nach Hause begeben wollte, da trat die Berliner Polizei, die durch Offiziere und zahlreiche Schutz- leute zu Fuß und zu Pferde vertreten war, in einer Weise auf, die die allerschärfste Zurückweisung erfordert. In das sich durchaus ruhig und anständig verhaltende Publikum, das selbstverständlich nicht ans einmal verschwinden konnte und das als einzige harmlose Demonstration ein Hoch auf die Referentin des Abends, Frau Lilh Braun ausbrachte, sprengte plötzlich eine Kolonne von acht bis zehn berittenen Schutzleuten in schärf st em Tempo hinein. Diese Attacke wurde nicht bloß auf dem Stratzendamm geritten, sondern auch auf dem Börgersteig. Ich selbst bin nur durch einen raschen Seitensprung dem Zertreten- werden durch die Pferde entgangen. Auf einen neben mir stehenden Herrn, der sich durchaus ruhig verhalten hatte, stürzte ein Polizeihanptmann los, packte ihn wie einen Dieb oder Mörder am Genick und warf ihn vom Bürgersteig auf den Stratzendamm auf die Gleise der elektrischen Bahn. Daß mir nicht das gleiche zustieß, ist ein reiner Zufall, denn ich hatte dasselbe Verbrechen begangen wie dieser Herr, das heißt, ich hatte mich anständig und gesittet betragen. Unter Nennung meines Namens trat ich zu einem Polizei- Hauptmann heran und erhob Einspruch gegen dies unerhörte Ver- halten der Polizei und verlangte Schutz vor ihr. Der Hauptmann antwortete mir, allerdings höflich, was geschehe, geschehe auf Befehl. Die Stellen, von denen solche Befehle ausgehet«, find nicht wert, ihre Aemter zu bekleiden. Stratzentumultuanten und Revo« lutionäre können nicht schlimmer, gewalttätiger und ungerechter vorgehen, als gestern abend die königlich preußische Polizei der Haupt- und Residenzstadt Berlin gegen ein durchaus friedliches und harmloses Publikum vorgegangen ist, und zwar mit Mitteln, die Leib und Leben von Staatsbürgern und Frauen auf das schwerste gefährden. Man mag über Ferrer-Versammümgen denken, wie man will. Ich selbst halte sie allerdings für sehr berechtigt, zumal wenn sie so ruhig und würdig verlaufen wie die gestrige, aber die ver- fchiedenen Auffassungen über solche Versammlungen gibt der Polizei ganz gewiß auch nicht einen Schein von Recht, m dieser Weise vorzugehen. Ihr Verhalten war nicht ein Aufrecht« erhalten der Ordnung, sondern ein Umsturz der Ordnung. Es ist das mindeste, was friedliche Staatsbürger verlangen können, datz sie nicht durch die Polizei an Leib und Leben gefährdet werden. Graf von HoenSbroech hat in seinem Leben wahrscheinlich daS erste Mal etwas von dem Wirken der Berliner Polizei mit eigenen Augen gesehen. Gegen die Arbeiter ist noch in viel schärferer Weise vorgegangen worden, und der Herr Graf soll seiner Kritik über die Taten der Polizei nicht gar zu sehr die Zügel schieben lassen, wenn er den Polizeistaat Preußen nicht noch von einer anderen Seite kennen lernen will. Ein getteuer Staatsbürger mutz die Polizei loben; höchstens darf er die Faust in der Tasche machen. Die Wahrheit über die Heldentaten der Polizei darf man heute in Preußen nicht sagen. UebrigenS begeht in feinem Bericht über die oben genannte Versammlung das„Berliner Tageblatt" die Unver- schämtheit, vom Berliner Mob zu reden, waS wir pflichtgemäß fest- nageln wollen. Für unsere Genoffen aber und alle, die gegen die Polizei- Willkür Front machen wollen, ist gerade jetzt Anlaß, bei den bevor« stehenden Landtags-Ersatzwahlen mit aller Kraft für die Kandidaten der Sozialdemokratie zu wirken. Im Landtage mutz über das Wirken der Berliner Polizei da? gesagt werden, waS in der Presse nicht ungestraft gesagt werden kann. Durch einen Sturz vom Treppengeländer ist gestern abend ein 5 Jahre altes Mädchen Frida Engeler aus der Memeler Str. 63 tätlich verunglückt. Die Kleine begleitete ihre Mutter beim Zeitung- austragen, während Frau Engeler in dem Hause Thaerstr. 52 den dritten Stock bereits erreicht hatte, befand sie sich noch im zweiten Stock, lehnte sich über das Geländer, verlor das Gleichgewicht und stürzte aus den Flur hinab. Die Verunglückte wurde nach der Rettungswache in der Warschauer Straße gebracht, der Arzt konnte aber hier nur noch den Tod feststellen. Der deutsche Arbciter-Sängcrvund(Gau Berlin) hielt am Sonntag seine Ausschutzsitzung ab. Vor Eintritt in die Tagesordmnig wurde auf Antrag beschlosien, die�Ausschutzsitzung und die Uebungssttmde um 12 Uhr aufzuheben, um den Sängern die Gelegenheit zu geben, an den Protestversammlungen teilnehmen zu können. Der Vor- sitzende gibt bekannt, daß der Verein„Edelweiß" aus dem Bund ausgetreten ist. Anlaß hierzu hat die Maifeier gegeben. Aufgenommen in den Bund sind die Vereine„Freiheit" (Angermünde) 24 Mitglieder und„Mclodia" sMittenwalde) 19 Mit- glicder. Das stattgehabte Sängerfest führte zu einer längeren Aus- spräche. Beim Stiftungsfest am 11. Dezember wirken folgende Ver- eine mit:„Fichte",„Georgina",„Liedesfreihcit-Ost" und„Lerche", „Kreuzberger Harmonie",„Gesundbrunner Harmonie",„Berliner Männer- Chor",„Libertö",„Liederlust II",„Liedertafel West". Die Vereine haben auch in diesem Jahre ihre Pflicht- billetts zu entnehmen und zu bezahlen. Der Vorstand wurde be- auftragt, allen Vereinen, welche sich nicht niit 75 Proz. ihrer aktiven Mitglieder gesanglich an der Maifeier beteiligt haben, eine Rüge zu erteilen; grundlegend hierbei ist die Statistik des Bundes. Zu der bevorstehenden Schillerfeier werden die Vereine um ihre Mitlvirkung ersucht und gebeten, diesbezügliche Mitteilungen an den Vorstand zu richten. Bekanntgegeben wird noch, �datz der Verein„Fichte- Georginia" am Sonntag, den 24. Oktober, in der Brauerei Friedrichshain zugunsten des Baufonds für den Turnverein „Fichte" ein Fest veranstaltet; es wird um rege Beteiligung gebeten. Dem Vorstande ist mitgeteilt, datz sich die Vereine„Rote Rose" mit „Empor" unter dem Namen„Rote Rose empor" und„Maientraum" mit„Soni-belli" unter dem Namen„Maicntraum— Soni-belli" ver- schmolzen haben. In der nächsten Uebnngsstunde werden folgende Lieder gesungen:„Sehnsucht",„Der Barde", Grablieder von Bombelke. Die Arveitcr-Nadfahrcr werden darauf aufmerksam gemacht, daß die Einkehrstelle des Bundes„Solidarität" in Kaulsdorf, Lokal Hamanns Gesellschaflshaus früher Mcctz, aufgehoben ist. Der Be- zirk 21 sNiederb«nim) hat die Einkehrstelle nach Mahlsdorf, Restau- rant Müller, auch an der Chaussee, oben am Berg gelegen, neu errichtet. r Der Berliner Arbeiter-Nadfahrervcrein(Mitglied de? Arbeiter« Nadfahrbundes„Solidarität") hält am Sonnabendabend von 8 Uhr ab in der„Neuen Welt" in der Hasenheide sein fünftes Stiftungsfest ab, wozu Freunde und Gömler des Arbeiter-Nadfahrerfports bestens eingeladen sind. Dem Berliner Aquarium sind von Norden und Süden � her farbenprächtige Erscheinungen aus der Lebewelt der Meeresgründe zugegangen, die nun in erwünschter Weise die Besatzung der See- Wasserbecken vervollständigen. Die königl. Biologische Anstalt auf Helgoland sandte eine große Anzahl Blumentiere von autzerordent« licher Anmut in Form und Farbe, besonders von jener Art, die ob ihrer kurzen, breiten, geftansten, den Kronenblättern einer Nelke zu vergleichenden Fühler als„Seenelie" bezeichnet wird. Hat durch diese Zuführung das sog. Nordseebecken des Aquariums einen Pracht- vollen lebendigen und anziehenden Schmuck erhalten, so hat das an- grenzende große Seepfcrdchenbecke» verschiedene auffallende Be- wohner des Mitlclmccrgebietes aufgenomnien. In erster Linie aus dem Kreise der Stachelhäuter drei Arten Seesterne, von denen der Purpurstern durch sein intensives Purpurrot ebenso wie der gleichzeitig angelangte gelbe Korkschwamm aus der Adria durch sein leuch« tendes Orange das bunte Farbenkleid des Beckens beherrscht; serner aus der Gruppe der verwandten Seeigel mehrere sehr große schwarz« blaue und weiße Steinseeigel u. a. m. Straßensperrung. Der Große Weg von der Charlottenburger Chaussee bis zum Restaurant Charlottenhof wird behufs Ausbeffe- rung des Fahrdammes vom 20. d. Mts. ab bis auf weiteres für Fuhrwerke und Reiter gesperrt.— Gesperrt wird auch die Grotz- görschenstratze von der Hauptstratze bis zur Bahnstratze wegen KanalisationSarbeiten sofort bis auf weiteres für Fuhrwerke und Reiter. Feuerwehrnachrichten. Um 7l/2 Uhr früh wurde die Feuerwehr nach dem Rathause gerufen. Sie konnte aber gleich wieder abrücken, da eine Gefahr nicht mehr vorhanden war. In der Küche des Rats- kellers, die im Keller auf dem Hofe an der Jüdenstratze unter einem Glasdache eingerichtet ist, war wieder einmal Fett in einem Kessel ans Unachtsamkeit in Brand geraten. Das brennende Fett flammte natürlich mächtig empor, wodurch die über dem GlaSdache arbeitenden Bauhandwerker erschreckt wurden und eiligst Feuer meldeten. Als die Feuerwehr eintraf, war der Kessel mit dem Fett schon aus- gebrannt. Wegen eines Wohnungsbrandes wurde die Feuerwehr nach der Thurneytzerstratze 7 gerufen. In einer Glühstrumpffabrik in der Liebenwalder Straße 10 brannten Rahmen mit Glühstrümpfen und anderes. Weitere Feuermeldungen liefen aus der Oranien« stratze 181, Malplaquetstratze 12 und anderen Stellen ein. Vorort- JVadmebtem Schöneberg. Zu den bevorstehende« Stadtverordneteswahle« herrscht im gegnerischen Lager bereits ein lebhaftes Treiben. Versammlung folgt auf Versammlung, um namentlich die Wähler der dritten Ab« teilung zu gewinnen. Alle Zeichen deuten darauf, datz unsere Ge« nassen diesmal einen heißen Kampf zu bestehen haben werden. ES ist daher jetzt, da der Wahltermin immer näher rückt, doppelte Pflicht eines jeden Arbeiters und Parteigenossen, fich in den Dienst der sozialdemokrattschen Agitation zu stellen. Die Wahlen finden, wie wir bereits einmal mitgeteilt haben, für die dritte Abteilung am Sonnabend, den 6. November, von vor« mittags 9 Uhr bis abends 8 Uhr statt. Jeder in die Liste eingetragene Wähler erhält vom Magistrat eine auf semen Namen lautende AuSweiSkarte, soweit der Einzelne nicht nach autzerhalb verzogen oder feine innerhalb deS Ortes veränderte Wohlmng unbekannt ist. zugesandt. Wer von den Wählern bis zum 2. November d. I. nicht im Besitz einer Ausweis« karte ist, kann diese von dem Tage ab im Rathause. 1 Treppe. Zimmer 22, an dm Werktagen von 9 bis 3 Uhr in Empfang nehmen. Diese Karte soll als Ausweis bei Ausübung deS Wahlrechts gelten, indes bleibt es dem Wahlvorstand Überlassen, im Einzelfalle die Identität deS Wählers nach eigenem Ermessen festzustellen; als Aus- weis dürften auch Steuerquittung und Militärpapiere genügen. Wähler, die keine Legittmation vorlegen können, auch sonst Mit« gliedern deS Wahlvorstandes nicht bekannt find, müssen mit der Stimmenabgabe dann solange zurückstehen, bis die mit Karte ver- sehenen gewählt haben. Daraus ergibt fich für jeden Einzelnen, datz er sich vorzeitig mit entsprechender Legitimation versehen mutz. Morgen Freitag, abends 8'/, Uhr. bei Poschmann, Borberg-, Ecke Gleditschstratze: Zweiter Vortragsabend. Referent: Genosse Albin Mohs über„Jugend und Gewerkschaften". Am Sonntag, den 24. Oktober: Familienabend bei Groffer, Marttn-Luther-Str. 51. Anfang 6 Uhr. Zu diesen Veranstaltungen bitten wir um das Er« scheinen aller Jugendlichen und deren Eltern. Der JugendbildungSauSschutz. Rixdorf. Die zweite Theatervorstellung veranstaltet der hiesige BildungS« auSschutz am Sonntag, den 24. Oktober, nachmittags 2�, Uhr im Rixdorser Theater, Bergstratze 147. Zur Aufführung gelangt:„Die rote Robe", Schauspiel in 4 Akten von Eugene Brieux. Eintrittskarten a 60 Pf. inkl. Garderobe sind noch in der Spedition Neckarstratze 2 erhältlich.— Ferner beginnt gleich zu Anfang des November der Vortragskursus über: Die Grundbegriffe des wissenschaftlichen Sozialismus,(Vortragender Genosse Julian Borchardt.)' Dieser Kursus erstreckt sich auf 5 Abende und zwar am 1., 8.. 15.. 22. und 29. November, abends 8 Uhr. Für jeden, der den Drang nach Wissen hat, ist es notwendig, sobald als möglich sich mit einer Eintrittskarte a 50 Pf., welche für alle 5 Abende berechtigt, zu ver- sehen.— Zum Andenken an den 150jährigen Geburtstag Schillers wird am Sonnabend, den 6. November im Rixdorfer Theater eine Schiller-Feier stattfinden, Kammermusik, Festrede. Gesang und Rezitation werden dazu beitragen, den Abend zu verschönen. Der Eintritt beläuft sich hier auf 50 Pf. Dieses sind die nächsten Veranstaltungen des BildungsauS- schuffes, der nun die Arbeiterschaft ersucht, datz sie hieran regen An- teil nimmt. BillettS zu allen Veranstaltungen sind bei den Bezirks» führern und in der Spedition, Neckarstratze 2 zu haben. Der BildungSauSschutz. Lichtenberg-Rummelsburg. Die Borträge der Arbeiter-BildungSschule nehmen am heutigen Abend 9 Uhr im Lokale von Steuer, Frankfurter Chaussee 128, ibren Aitfang. Es wird der Arbeiterschaft hierdurch Gelegenheit geboten sich weiter zu bilden. Eine recht zahlreiche Beteiligung ist daher nur dringend zu wünschen. Der erste Abend ist unentgeltlich. Friedrichshagen. Der JugcndauSschnß für FriedrichShagcn veranstaltet am Sonn- tag. den 24, d. M., nachmittags 4 Uhr, im Saale„Sängerhalle" eine öffentliche Versammlung niit der Tagesordnung:„Die proletarische Jugendbewegung". Referent: Herr Alb. Hortitz-AdlerShof. Parteigenossen! Bekundet durch zahlreiches Erscheinen, welches Interesse Ihr der Jugenderziehung entgegenbringt. Sorgt auch dafür, datz Eure Söhne und Töchter die Versaminlnng besuchen. Zossen. Die StadtverordnetenergänzungSwahle» finden, wie jetzt der Magistrat bekannt macht, bereits am Donnerstag, den 4. November, im Rathause. Zimmer 1. statt. Die dritte Ab- teilung wählt von vormittags 11 bis nachmittags 2 Uhr. Daß die Wahl schon am 4. November angesetzt ist, überrascht allgemein. Allem Anschein will man der Sozialdemokratie möglichst wenig Zeit zur Agitation lassen. Unsere Genossen werden indessen ldie kurze Frist ausnützen, um für die Kandidaten der Sozialdemo!ratie, die Genossen Buchdrucker Friedrich Saupe und Lackierer Her» mann Witzmann eine nachdrückliche Propaganda zu entfalten. Tegel. Ein tragischer Unglücksfall, der den Tod eines Kindes zur Folge hatte, ereignete sich am gestrigen Mittwochvormirtag gegen Vzt2 Uhr vor dem Hause Treskowstr. 6. Die vierjährige Tochter des in diesem Hause wohnenden StratzenbahnfahrerS Schulz spielte auf dem Bnrgersteige vor dem elterlichen Hause, als sie plötzlich auf der gegenüberliegenden Seite eine Spielkameradin erblickte. Die Kleine wollte schnell hinüberlaufen, als ein Stratzenbahn- ivngcn der Linie 31 herannahte. Das Mädchen blieb einen Augenblick stehen und sah nach dem Stratzenbahnwagen hin. vermutlich um zu sehen, ob sich ihr Vater auf demselben befinde. Als das Kind einen fremden Fahrer bemerkte, lief es weiter und betrat unmittelbar vor dem Motorwagen das Gleis. Der Führer des StratzenbahnzugeS hatte die Bremse schon angezogen, als das Mädchen dann stehen blieb jedoch dem Zuge wieder freie Fahrt ge- geben. Auf diese Weise gelang es ihm trotz Anwendung der Gefahr- bremse nicht mehr, den Wagen zum Stehen zu bringen. Die kleine Schulz wurde von der Vorderplattform erfatzt, niedergerissen und geriet mit dem Oberkörper unter den Schutzrahmen. Um die Ver- unglückte zu befreien, mutzte der Wagen mit Winden angehoben werden. Das Kind wurde als Leiche hervorgezogen, ihm war der Brustkasten eingedrückt worden. Lübars-Waidmaunslust. Die letzte Gcmcindevertrctcrfitzung genehmigte den Ankauf der zirka 3 Morgen grotzen Dorfaue vom Domänenfiskus zum Preise von 1 Pf. pro Quadratmeter. Für die Ausrüstung der neuerbauten Turnhalle wurden 45S M. und zur Pflasterung des Weges zum Ge- meindefriedhof 1100 M. bewilligt. Es zeigte sich nun, lvie leicht man in unserer Gemeinde von der Steuer befreit werden kann. Vom Kirchenbauverein lag ein Antrag auf Erlatz der Grundwert- steuer im Betrage von 38 M. vor, welcher ohne Debatte angenomnien wurde. Nicht ein einziger der bürgerlichen Vertreter hat es für nötig befunden, auch nur ein Wort darüber zu verlieren. Ein bürgerlicher Gcmeindevertreter bat den Gemeindevorsteher um Aus- kunjt über die Regelung der Lehrergehälter. Der Gemeindevorsteher teilte mit. datz das Grundgehalt 1400 M., Alterszulagen 100 M., Ortszulagen 100 M. und WohnungSgeldzuschutz 850 M.(früher 550 M.) betragen. Zu einer Einigung mit den Lehrern wäre es nicht gekommen, weil sie 700 M. Ortszulage verlangt hätten. Am 21. August seien die Lehrer nochmals aufgefordert worden, sich dazu zu äutzern, was sie jedoch nicht getan hätten. Daraufhin habe der Gemeindevorsteher am 1. Oktober den Lehrern die im vorigen Jahre nach der neuen Lehrerbesoldungsreform zuviel bezahlte Micts- entschädigung im Betrage von 200 M. vom Gehalt in Abzug ge- bracht, so datz die Lehrer 200 M. weniger erhalten hätten als bisher. Nachdem die Schulkommission noch um zwei Herren vermehrt, wurde ihr die Regelung der Lehrergehälter übertragen; damit war die ganze Angelegenheit erledigt. Ob die Lehrer aus dem Verhalten des Gemeindevorstandes svlvohl wie der Gemeindevertretung die Lehre ziehen und bei der nächsten Gemcindevertreterwahl im Früh- jähr 1010 nur solchen Kandidaten ihre Stimme geben werden, die ihre Interessen im Gemeindeparlament vertreten, bleibt abzuwarten. An unseren Genossen liegt es, jetzt in verstärktem Matze für unsere Ideen zu agitieren, damit wir bei der nächsten Wahl an Einfluß gewinnen. 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Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt«»uchdruckerei u. Berlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW.