Nr. 353. RbonnementS'Rcdtogunsen: Abonnements> Preis pränumerando! Wierteljähri. 8�0 M5, tnonatl. 1,10 Mk,. wöchentlich 28 Pfg. frei WS Haus. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags- nunimer mit illustrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Well" 10 Psg. Post. Abonnement: 1,10 Mark pro Mona t. Eingetragen i» die Post-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband sür Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland S Marl pro Monat. PostabonnenientS nehmen an: Belgien, Däneniark, Holland, Italien, Luxemburg. Portugal. Ruinänien. Schweden und die Schweiz, 36. Jahrg. CiWnt kW» außer tilcntags. Vevlinev Volksblertt. Zcntralorgan der fozkaldemohrati feben parte! Dcutfcblands. Die TnJertionS'Gtbüör veiragt für die scchsgcspaltenc KolSnel- zeile oder deren Raum M Psg,, für politische und gcwcrlschastliche Vereins« und Bersammlungs-Anzcigcn L0 Psg. „Meine Jlnzeigen", das erste tselt- gedruckic) Wort 20 Psg,, jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- stellcn-Anzcigcn das erste Wort 10 Psg» jedes weitere Wort 5 Psg, Worte über IS Buchstaben zählen sür zwei Worte. Inserate sür die nächste Nummer nillsscn bis Sllhrnachmittags indcr Expedition abgegeben werden. Die Expedilio» ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adresse: „Sogialllkmslirat ReriiD* Redaktion: SÄl. 68, Lindcnstrasse 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 19S3. Freitag, de» 39. Oktober 1909. Expedition: SM. 68, Lindcnatrassc 69. Fernsprecher: Amt S.V, Nr. 1984. Wahltag- Zahltag. AuS Baden wird uns geschrieben: Mit diesem Schlagwort hat das Zentrum in seiner Presse, in Flugblättern und Versammlungen den Zorn der Wähler über die Steuennacherei von sich auf die Liberalen und Sozialdemokraten abzulenken versucht. Am Wahltag sollte den Nationalliberalen vom Volke heimgezahlt werden, daß sie dem Bauer die Erbschaftssteuer auferlegen, überhaupt mehr Steuern hätten bewilligen wollen, als das Zentrum schließlich im Interesse des Vaterlandes zu bewilligen sich verpflichtet gefühlt habe, Wahltag— Zahltag! war auch der 5iriegsruf gegen unsere Partei. Die christlichen Arbeiter und Kleinbauern sollten den Rothäuten— wie wir geschmackvoll bezeichnet wurden— eine vernichtende Niederlage be- reiten, um uns zu zeigen, daß wir uns vor vier Wochen nicht ungestraft niit den Liberalen gegen die schwarzen Herrschaften bei den Stichwahlen verbunden hätten. Um diesen Zweck zu erreichen, wurden die allerverwerflichstcn Mittel angekvaudt. In einem vom Abgeordneten Dr. S ch e f e r herausgegebenen Wahlflugblatt„Der W a l d ni i ch e l", das allen Zentrunis- blättern beigelegt und auch sonst im ganzen Lande verbreitet wurde, schüttete der priesterliche Verfasser den Unrat gleich kübelweise über uns aus. Ein beliebter Trick der Zentrums- presse war es, immer wieder in fetten Lettern die unver- schämte und verleumderische Behauptung aufzustellen: die Sozialdemokraten hätten im Reichstag gegen die Unte» st ü tz u n g der durch die Erhöhung der Tabak- st euer arbeitslos werdenden Arbeiter ge- stimmt. Der Wahltag sollte uns Zahltag werden für diesen an den armen Tabakarbeitern aus purer Lust am Bösen be- gangenen teuflischen Verrat ihrer Lebensinteressen. Ach, wie ist es doch ganz anders gekommen, als die um Wacker, dem intransigenten Führer des badischen Zentrums, mit Sicherheit erwartet hatten. Die Wahl brachte dein so fest- gefügten Zentrum eine geradezu verblüffende Niederlage über das ganze Land. Ungeheurer Niedergang der bürger- lichen Parteien und Massen. Fahnenflucht, namentlich im Zentrumslager, auf der einen Seite und ein voller Sieg auf sozialdemokratischer Seite, das war die Zahlung, welche die Wählerschaft am Wahltag den bürgerlichen Parteien in Baden gegeben hat. Wie unser Sieg ein vollständiger ist und über das ganze Land sich erstreckt und>vie das Zentrum auf der ganzen Linie in die Flucht geschlagen ist, darüber gibt die nachstehende Tabelle erschöpfende Auskunst: Wahlkreis 47, Stadt Pforzheim I. 48. Stadt Pforzheim II. 49. Pforzheim-Land... 59. Bruchfal-Durlach.. 5t. Stadt Bruchsal... 52, Bruchsal-Laiid.... 53, Bretten-Bruchsal.. 54, Wiesloch-Bruchsal.. 55, Heidelberg-Wiesloch. 56. Schiuetziugen..... 57. Mannh-Schwetzing,. 58—62. Mannheim-Stadt (5 Kreise)....... 63. Weinheim-Mannh... 64. Stadt Heidelberg I. 65. Stadt Heidelberg II. 66. Eppingen- Sinsheim- WieSloch....... 67. Sinsheim....... 68. Heidelberg-Eberbäch. 69. Biichcn-Adelsheim.. 70. Mosbach........ 71. Boxberg-Adelsheim. 72. Tauberbifchofsheim. 73. Werlheim» Tauberbifchofsheim...... Verlust der Liberalen... Verlust der Konservativen Verlust de» Zentrums und der Konservativen... Liberale N 204 56 782 89 152 326 143 592 193 23 238 296 28 65 15 562 685 478 54 l 757 89 — 589 5499 14686 5499 — 9187 Zentrum s 33 2 48 5 673 881 775 663 411 234 273 197 198 96 393 485 — 586 1976 18344 1976 — 16368 2221 — 18589 Sozial- demokraten N 447 239 696 688 78 651 435 838 999 693 562 3172 641 178 237 1963 596 986 569 471 299 112 217— 35351 131 131 -HJ5220 Kons. u. Vündl. 69 244 401 741 353 247 289 292 2221 2513 292 Die Zunahme der liberalen Stimmen ist minimal und ist. lvie in der Stadt Mannheim, auf das Wachsen der Wahl bcrechtigtenzahl zurückzuführen.' Dem stehen aber fast drei- mal soviele Verluste gegenüber. So haben sie in Müllhcim- Lörrach sast die Hülste(2321 im Jahre 1903 gegen 1380 1999) ihrer Stimmen verloren, von denen wir die Hälfte be- Wonnen haben, während die andere Hälfte zu Hause ge blieben ist. In Kehl sanken sie von 3313 auf 2331, also um 934 Stimmen, die bis auf 169 noch zu uns abgeschwenkt sind. Dasselbe ist in einer ganzen Reihe anderer Wahlkreise der Fall. Der Rückgang des Zentrums ist überall dort ein gleichmäßiger, wo die Industrie Eingang gefunden hat. Sehr wesentlich hat auch, namentlich im Unterland, der Zentrums verrat an den Tabakarbeitern zu seinem Stimmenrückgang beigetragen. Ein Vergleich der Riickgangsziffern des Zentrums und unserer Gewinnziffern zeigt, daß die Arbeiter und Kleinbauern vom Zentrum abschwenken und in die Neihen der Klassenkämpfer eintreten. Nach dem zwischen den Blockparteien und der sozial- demokratischen Partei getroffenen S t i ch w a h l a b- kommen erhalten die sozialdemokratischen Kandidaten die Unterstützung der Liberalen (Nationalliberale. Freisinnige und Demokraten) gegen Zentrum und Konservative in folgenden sechs Kreisen: Wahlkreis 13. Schopfheim-Schönau. 19. Stadl Freiburg.. 46. Durlach-Ettlingcn.. 59. Bruchsal-Durchlach. 55. Heidelberg-Wiesloch. 56. Schlvctziiigcil... Stimmen erhielte» bei der Bisher vcr« treten durch einen Nationallib. Sozialdem. Konservativ Konservativ Sozialdem. Demokraten In den folgenden zwölf Kreisen stimmen die Sozial demokraten und Demokraten für die National» liberalen: 2. Metzlirch-Stockach.. 5. Engen-Konstanz.. 6. Donauesching.- Engen 19. Säckingen-WaldShnt. 18. Freiburg I.... 29.. IH... 23. Emmendingen... 35. Baden-Stadt... 53. Bretten-Bruchsal.. 66. EpPingcn-SinSheim. 79. Mosbach..... 71. Boxberg-AdelShcim. Stimmen erhielten bei der Hauptwahl Demo-� Rat.- traten! Lib. 166 361 443 2733 2418 2820 1315 779 1349 1718 1114 1582 1013 1383 2342 Soz.- IZentr. Dem.| Kons. Bisher vertreten durch einen 328 584 211 1939 798 984 1249 633 1998 1383 719 363 2535 2442 2330 2211 1485 1162 748 1249 2429 1983 2597 2555 Nationallib. Zentrum Zentrum Zentrum Zentrum Nationallib. Nationallib. Nationallib. Bd.d.Landw. Nationallib. Konservativ Nationallib. Wahlkreis In folgenden sechs Kreisen ziehen National- liberale und Sozialdemokraten ihre Kandidaten zurück und treten für die Demokraten ein; 3. Konstanz Stadt. 26. Triberg-Billingen. 27. Lohr-Offenburg. 29. Osfenburg Stadt. 37. Rastatt Stadt.. 51. Bruchsal Stadt. Stimmen erhielten bei der Hauptwahl Demokraten 087 1493 1848 772 276 918 Rat.» Lib. 861 657 356 Soz.- Dem. 462 989 1982 648 472 276 denen Zentr. Kons. Bisher ver- treten durch einen In folgenden elf Kreisen, in klerikal-konservativen Sieges nicht, besteht, zwischen den Liberalen und traten durchgefochten: 992 l Demolratcn 747 Nationallib. 2093 Demokraten 942 Demokraten 428 Nationallib. 1189 Zentrum die Gefahr eines wird der K a ni p f Sozialdemo- Wahlkreis 11. Stadt Lörrach.. 12. Lörrach Land.. 25. Lahr Stadt..« 49. Karlsruhe Land. 42. Karlsruhe Stadt II III Stimmen erhielten bei der Hauptwahl Frei- Rat.- Soz.- Zentr. siilnig. Lib. Dem. Kons, 447 960 311 1331 995 1849 1692 937 1615 974 1622 1269 2946 1818 1886 639 775 1592 werden 223 198 1265 851 814 247 619 291 594 956 die Bisher vcr» treten durch einen Sozialdem. ?!ationallib. Nationallib. Nationallib. Nationallib. Freisinnigen Nationallib. Nationallib. Nationallib. Nationallib. Nationallib. National» 43.„, III. 1843 47. Pforzheim I... 873 1398 61. Mannheim II...— 2445 64. Heidelberg I... 351 1266 65. Heidelberg II... 488 1275 68. Heidelberg-Oberbach. 001 1309 Jin Kreise Pforzheim I liberalen zugunsten der Freisinnigen ihre Kandidatur zurück» ziehen, wofür die Freisinnigen, resp. Nationalsozialen, dann in Heidelberg II für den Nationalliberalen eintreten. In L ö r r a ch- L a n d, wo der natiouaUiberale Parteiführer Obkircher kandidiert,»vollen die Freisinnigen Gewehr bei Fuß dem Kampf zwischen den Sozialdemokraten und den Nationalliberalen zusehen. Da die Sozialdemokratie einen Vorsprung von 300 Stimmen hat, so hat sie in diesem Kreise gute Aussichten._ Zu den Berliner Candtagswablen bemerkt das„R e i ch": „Wir hatten zwar darüber zuvor keinen Zweifel aufkommen lassen, daß im 5., 6. und 7. Wahlkreis die sozialdemokratischen Aussichten außerordentlich günstige seien, aber es ist doch immerhin erstaunlich, daß, obwohl der Freisinn ganz erhebliche Anstrengungen gemacht hatte, sein Einstufe und seine Ziffern stets zurück» gehen... Das interessanteste Bild bot der 12. L a nd ta g L w ah l» kreis. Obwohl durch die Aufstellung eines freisinnigen, kon- servativen und nationalliberalen Kandidaten einer jeden nicht» sozialdemokratischen Gesinnung die Möglichkeit gegeben war, einen entsprechenden Wahlausdruck zu finden, so setzten dennoch die Sozialdcmolraten 327 Wahlmänner durch, so daß ihnen zur absoluten Mehrheit nur 32 Wahlmänner noch fehlten. Dabei wurden 141 freisinnige, 54 nationalliberale inid 10 tonservative Wahlmänner geivählt. Das Fiasko der Berliner Konservativen ist eklatant, wenn man erwägt, daß beider Vorwahl noch 125 konservative Wahl m ä tlnergcwählt wurden., Die im 12. Wahlkreise notwendigen Stichwahlen, an denen die Freisinnigen in 129, die Nationalliberalen in' 79, die Konservativen in 39, die Sozialdemokraten in 83 Fällen beteiligt find, werden erst die endgültige Entscheidung bringen, ob der Freisinnige R u n z e oder der Sozialdemokrat Hoffmann als Sieger aus dem Wahlkampf hervorgehen wird. Soviel ist aber sicher, daß, nachdem die bürgerlichen Parteien sich nicht genug tun konnten, sich in einer„ZerfleischuiHspolitik" zu gefallen, es kaum gelinge» wird, eine völlige Einigung der nationalliberalen, freisinnigen und konservativen Stimmen zu erzielen. Das Hebel sitzt zu tief. Die Flut steigt zu sicher, als daß kleine temporäre Mittel gegenüber der Sozialdemokratie viel ausrichten werden. Unsere nationalgesinnten Kreise müssen erst wieder wachgerüttelt werden, um aus dem Dämmcr- schlaf aufzuwachen, um die Gefahr, in der unser Vaterland schwebt, zu erkennen. So haben wir den Mut, zu sagen: Wir begrüßen das Anwachsen der Sozial demo» kratie! Möge es dazu dienen, daß unsere GesinnungS» genossen endlich aus der matten Ruhe aufgescheucht werden und in straffer Organisationsarbcit an die Durchsetzung und Vcr- wirklichung ihres politischen Zieles gehen." Die„T ä g l. R d s ch." hat eine Rechnung aufgeinacht, wonach zwar die absolute Majorität im 12. Wahlkreis nur 347 betrage, die Sozialdemokratie es aber höchstens auf 3'42 Wahlinänuer bringen werde. Das Blatt hat eine erstaunliche Prophetengabe! Weniger sind„National-Ztg." und„Post" von der sicheren Niederlage der Sozialdemokratie überzeugt. Sie fordern vielmehr ein„vereintes S ch l a g e n' a l l c r bürgerlichen Parteie n", da es eine„Ehren- fache" für das gesamte Bürgertum, lies: die eine rcak- tionäre Masse, sei, der Sozialdemokratie das Mandat ab- zusagen. Trotz der unmutigen Aeußerung des„Reich" sind wir denn auch davon überzeugt, daß Konservative, National- liberale und Freisinnige faktisch„gemeinsam schlagen" werden. Die bürgerlichen Gegner werden es an keinem noch so verzweifelten Mittel fehlen lassen� Herrn Runze. dem C».freisinnigen" Pastor unö Kriegorvereinler« zum Siege über Hoffmann zu verhelfen- Demgegenüber hat auch die Sozialdemokratie mit äußerster Energie die Agitation aufzunehmen, damit die am 16. November stattsindenden Wahlmiinnerstichwahlen den Sieg unseres Genossen Hoffmann sicherstellen! neuer Sieg in Ceipzig! Die Stichwahlen in Sachsen haben begonnen— an» Donnerstag wurden als erste die in L e i p z i g und im Wahlkreis Döbeln-Leisnig vollzogen. Die Wahl in Leipzig hat einen neuen Sieg gebracht. Das Mandat des Kreises III wurde vom Genossen Jllge, Redakteur der„Leipziger Volkszeitung", erobert In den übrigen Kreisen kamen die Nationalliberalen durch dank der Hilfe der Reaktionäre aller Farben und— des Freisinns, dessen Führer noch zu guterletzt für die„nationalen" Kandidaten eingetreten waren. In Leipzig sind jetzt also drei Sozialdemokraten gewählt, die Genossen Jllge im 3., Keimling im 4. und Lange im 7. Kreise. Der erfreuliche Sieg im 3. Leipziger Kreise wird für unsere sächsischen Genossen in den übrigen zur Stichwahl stehenden Kreisen ein anspornendes Signal für angestrengteste Arbeit bis zum Wahltermin sein! Die Resultate lauten: Leipzig: Haupt Wahl Stichwahl 1. Kreis: Schuchardt, Soz.... 83U 6772 Sämtl. Gegner.... 10 830 Löpner, NcM-Lib....— 10263 Gewählt der Nationalliberale. 2. KreiS: Seeger, Soz..... 6 862 7 839 Sämtl. Gegner.... 14 530 Wappler, Nat.-Lib...— 13 355 Gewählt der Nationalliberale. 3. KreiS: Jllge, Soz...... 11 209 12 477 Sämtl. Gegner.... 13 194 Müller, Nat.-Liv....— 12265 Gewählt Jllge(Soz.). 6. KreiS: BammeS, Soz..... 8 826 9 759 Sämtl. Gegner... 16 580 Rudolf, Nnt.'Lib....— 14474 Gewählt der Nationalliberale. & Kreis: Lehmann, Soz.... 6 562 7 371 Sämtl. Gegner.... 16 118 Steche, Nat.-Lib....— 15 263 Gewählt der Nationalliberale. Döbeln— Leismg. Niethammer(natl.) 7079, Bieweg demokratie nicht das geringste wissen wolle. Der scharfe Ton der Artikel sei gerade das Ventil gewesen. durch das sich das volle Herz der Beamten Luft gemacht habe. Die Beamten dächten weder jemals an einen Streik noch an eine Verbrüderung mit der Sozialdemokratie, da sie ganz genau wüßten, daß es sich unter sozialdemo- kratischer Herrschaft noch viel schlimmer be- finden würde als jetzt! Diese Berufungen auf die„Loyalität" blieben anscheinend j nicht ohne Wirkung. Denn während Amtsensetzung be- antragt worden war. lautete das Urteil wegen fahrlässiger Verletzung der Dienstpflicht nur auf Dienstversevung unter Ver- Minderung des DiensteinkommenS um ein Sechstel. Außerdem > wurden dem Angeklagten die baren Auslagen des Verfahrens zur S Last gelegt. Das Urteil beweist wiederum, wie wenig : die Regierung daran denkt, den Beamten wirklich freies Koalitions- und Staatsbürger- recht zu gewähren!_ Der Skandal von Iflansfeld. Keine Verhandlungen! Auf eine Anfrage deS ArbeiterauSschusieS an die Direktion der ManSfelder Gewerkschaft, ob eine dreigliedrige Deputation zur Auf- nähme von Einigungsverhandlungen empfangen werden würde, hat Direktor Vogelsang eine echte Stummsche Antwort gegeben. ES heißt in seinem Schreiben: .. daß ich Ihrem Wunsche zu meinem Bedauern nicht zu ent- sprechen vermag, da sämtliche Unterzeichnete des Schreibens aus der Belegschaft und damit aus ihrem Amte als Arveiterausschußn, itglieder ausgeschieden sind. Ich kann daher nur empfehlen, daß die Kameraden von Ihnen, welche ihre Abkehr genommen haben und in ihr früheres Arbeits- Verhältnis zurückzukehren wünschen, sich an die Herren Be- t r i e b s f ü h r e r wenden." Wer zahlt das Militäranfgcbot für die Mansfelder Gewerkschaft? Ans dem Kreistage in E i s l e b e n fragte am Mittwoch Apotheker Weber, ob Aussicht vorhanden, daß den Gemeinden die anläßlich des Streiks durch die Anwesenheit des Militärs entstehenden Kosten ersetzt werden. Der Vorsitzende, Landrat Kammer- Herr v. Wedel, gab folgende außerordentlich bemerkenswerte Ant- wort: Er bedaure, über den Streik nichts mitteilen zu können, und bezüglich der Kosteudeckungsfrage könne er nur sagen, daß die Mansfelder Gewerkschaft rundweg ablehnt» irgendwelche Kosten zu tragen. Sie verweigere sogar die U ebernah in e der Kosten für die Be- köstigllng der auf de» Schächten stationierten Gendarmen. Die Mansfelder Gewerkschaft zeigt sich demnach recht knickerig fiir den ihr i» so reichem Maße zuteil gewordenen staatlichen Schutz. Echt kapitalistisch I Ter Streik vor den Leipziger Stadtverordneten. Die Stadt Leipzig ist an dem ManSfelder Bergbau besonders interessiert, da sie einen beträchtlichen Teil Mansfelder Kuxe— 6993 Stück— besitzt. Ans diesem Grunde und da obendrein der Oberbürger m ei st er von Leipzig, Dr. D i t t r i ch � .Vorsitzender des Aufsichtsrates von Mansfeld ist' brachten am Mittwochabend die Sozialdemokraten im Leipziger Stadtverordnetenkollegium folgenden Antrag ein: Das Kollegium wolle beschließen, die Anfrage an den Rat zu richten, ob er bereit sei, Auskunft zu geben über die Ver- Hältnisse im Mansfelder Bergbaurevier, und ob der Rat geneigt ist, seinen Einfluß zur Beilegung des Streiks geltend zu machen. Der Antrag berührte die bürgerliche Mehrheit und den Rat sichtlich unangenehm. Der Stadtverordnetenvorsteher Dr. Rothe warf denn auch sofort die Zuständigkeitsfrage auf. Er fei der Meinung, daß das Kollegium über die Mansfelder Verhält- niffe nicht reden könne. Diese kollegiale Hilfe des nationalliberalen Vorstehers ließ sich der Rat gern gefallen. Der Oberbürger- meister schwieg sich völlig aus und die bürgerliche Mehrheit stimmte geschloffen gegen die Sozialdemokraten für die Unzuständigkeit des Kolke- g i u m 8. Die Leipziger Nationalliberalen und Mittelständler haben damit bewiesen, daß ihnen selbst die Jnteresien der Stadt gleichgültig sind, wenn ihretwegen gegen Großunternehmer Front ge- macht werden müßte. Kriegsbilder ans dem Mansfeldischen. Der kommandierende General des vierten Armeekorps, Herr v. Be'n necken st ein-Hinkendorf aus Magdeburg ist am 27. Oktober im Streikgebiet eingetroffen, um sich persönlich an Ort und Stelle von den Verdiensten seiner Krieger gegen den„reichs- treuen" inneren Feind zu überzeugen. Zu wünschen wäre, daß der Magdeburger General die Situation mit eben so klaren und vorurteilslosen Augen überschauen und erkennen möge, wie Herr v. A l b e d y l l eS 1889 im Ruhrrevier tat, als er seinem Kriegsherrn meldete:„Im Streikgebiei alles ruhig. mit Ausnahme der Zivilbehörde." Während des ganzen Streiks ist ja nicht die mindeste Unruhe oder Un- gesetzlickikeit vorgekommen und selbst die Werkspresse im Streik- gebiet, die sich alle Mühe gibt, die Notwendigkeit der Heranziehung des Militärs zu beweisen, weiß nur zu berichten, daß an einem Nachmittag in Hettstedt die Frauen nach einer Versammlung sich in größerer Anzahl vor der Kttpferkammerhütte angesammelt, die Streikbrecher und gar die Gendarmen— verhöhnt und bis in die Stadt begleitet hatten. Junge Weiber hätten vor alten Streik- blechern ausgespuckt, hätten ihnen zugerufen, man sollte ihnen direkt ins Gesicht spucken. Und deshalb Militär und Maschinen- gewehrel » Die Verhaftung der„widerspenstigen" Dienstmagd in Eisleben durch fünf Soldaten mit aufgepflanztem Seitengewehr hat wohl im ganzen Reiche homerisches Gelächter erweckt. Schon aber wird ein ähnlicher Fall aus Heldra gemeldet. Eine Frau blieb auf offener Straße vor einem Schaufenster stehen, besah sich die ausgestellten Waren, als plötzlich ein Leutnant auf sie zutrat und sie ausforderte, weiterzugehen. Die Frau verbat sich eine derartige Belästigung. ES kam zwischen der Proletarierin und dem Offizier zum Wortwechsel. Der Offizier ist beleidigt. Schneidig ruft er Soldaten heran, läßt das Bajonett aufpflanzen und also diese„Verbrecherin" abführen. m In EiSlcben konfiszierten Militärpatrouillen am 26. Flugblätter der Streikleitung. Um nun zu beweisen, daß die Behörde, vor allem das Militär,„objektiv und unparteiisch" handeln, ließ eS ruhig zu, daß die vom Pastor Harnisch zugunsten der Gewerkschaft herausgegebenen Flugblätter öffentlich und ungehindert verteilt wurden! Die Krife im Parlier Gemeinderat. Paris, 26. Oktober.(Eig. 23er.) Die sogenannte„republikanische Majorität" des Pariser Gemeinderats hat gestern versagt. Der Antrag des Gemeittderatsbureaus, eine Straße nach F e r r e r zu benennen und die Erziehung der Enkelkinder deS füsilierten Opfers des Klerikalismus aus Gemeindemitteln zu bestreiten, wurde mit 40 gegen 34 Stimmen abgelehnt, und das Bureau, an dessen Spitze der Sozialist Chausse stand und das eben erst wiedergewählt worden toar, trat zurück. Dieses Ergebnis mag auf den ersten Blick verwunderlich scheinen, besonders für den Ausländer, dem die ruhmvolle revolutionäre Vergangenheit von Paris im Gedächtnis haftet, aber bei genauerer Betrachtung ist es das natürliche Produkt gesellschaftlicher Prozesse. Die Zusammen- setzung der Pariser Bevölkerung hat in den letzten Jahrzehnten eine entscheidende Veränderung erfahren. Durch das Niederreißen gewaltiger Häuserblöcke, die von Proletariern bewohnt waren und durch die fortschreitende Umwandlung der Wohnhäuser im Stadt- Zentrum in Geschäftshäuser, ist die Arbeiterbevölkerung immer mehr an die Peripherie und in die Vorortgemeinden gedrängt worden. Während die„vornehmen" Viertel ihre reaktionäre, ja zum Teil monarchistische LLählerschaft von Aristokraten, Groß- bourgeois, Lakaien und Kammerdienern beibehalten haben, tritt in den anderen das Kleinbürgertum und das wohlhabende Krämer- tum immer stärker hervor. Und diese Klasse ist reaktionär, mag sie auch von den Vorfahren die Antipathie gegen die Pfaffen überkommen und sich neuerdings in ihrer Mehrheit wieder zum Radikalismus geschlagen haben. Mit gutem Instinkte hat sie in den großartigen Demonstrationen der letzten Wochen, die sich un- mittelbar gegen eine von den Jesuiten gegängelte Monarchie richteten, die revolutionäre proletarische Energie, die internationale Solidarität der gegen jegliche Ausbeutung kämpfenden Acheiter, klaffe wahrgenommen. Sicherlich, Ken Sechzigkausend, die am 17. Oktober durch Paris marschierten, haben hunderttausende voll Sympathie und ergriffen von einer so gigantischen 2)erkörperung eines politischen Willens zugewinkt, aber gleichzeitig füllten sich hunderttausende stockige Spiehbürgerseelen mit Unbehagen, Wut und Angst. Die mutigen Worte, womit der radikalsozialistische Vizepräsident des Gemeinderats, M o s s o t, bei der Beerdigung des bei der Manifestation bei der spanischen Botschaft getöteten Schutzmanns die Empörung der Pariser Demokratie über die Er- mordung Ferrers verherrlichte, wurden von den Klerikalen und Nationalisten zu einem demagogischen Appell an die polizeiliebenden Besitzenden ausgenützt. Ein übriges tat gestern noch der Seine- Präfekt, der die Ablehnung des Antrages im Namen der hohen Politik forderte und die eventuelle Sistierung des Beschlusses durch die Negierung in Aussicht stellte. To das für den Mord an Ferrer verantwortliche Ministerium Moura gestürzt ist. hätte die Annahme des Antrages, für den übrigens mehrere Präjudizfälle vorlagen (so hat z. B. seinerzeit der nationalistische Gemeinderatspräsident Da u s s e t eine doch weit mehr in die innere Politik eines fremden Staats eingreifende Erklärung abgegeben, als er als Sprecher einer Deputation in Prag versicherte, die Franzosen seien bereit, den, Tschechen zu helfen, wenn diese daS auf ihnen lastende Joch abschütteln wollten), diplomatische Schwierigkeiten ebensowenig geschaffen, wie die vorausgegangene Annahme des gleichen Antrages auf Straßenbenennung in zahlreichen französischen und nicht, französischen Städten. Die Intervention des Präfekten hatte nicht nur darum eine Wirkung, weil sie den Gemeinderatsspießern mit der Einladung schmeichelte, gleich Ministern diplomatische Weisheit zu entfalten, sondern besonders auch, weil dem Präfekten in dem komplizierten kommunalen Verwaltungsgetriebe, in dem so manche Profite für den Begünstigten abfallen, ein großer Einfluß zusteht. Ob der Gemeinderat dank der Regierung künftig ein aus- gesprochen reaktionäres Bureau erhalten wird, oder ob sich eine Koalition der Miitelparteien bildet, ist ziemlich gleichgültig. Tat- fache ist, daß der revolutionäre Ruhm des Pariser Bürgertums der Vergangenheit angehört und nur das Proletariat ine 2)er» teidigung gegen die von kapitalistischen Jntereffen angeschwellte Reaktion führt. politifcke Gebern cht, Berlin, den 28. Oktober 1909. Neue Steuerforderungcn. Es ist ein offenes Geheimnis, daß das Reichsschatzamt aus den neuen Steuern kaum die gewünschte jährliche Mehr- einnähme von 500 Millionen Mark ziehen wird; denn die Verteuerung des Bieres, Tabaks, SchnapseS usw. hat, ganz abgesehen von den Wirkungen des Schnapsboykotts, eine ganz beträchtliche Abnahme des Konsums dieser Genußnnttel zur Folge gehabt, und wenn auch in dem nächsten Jahre unter günstigeren wirtschaftlichen Verhältnissen der Verbrauch wieder steigen dürfte, so wird doch aller Voraussicht nach der veranschlagte»steuerertrag nicht erreicht werden. Das scheint man auch im Reichsschatzaint herausgefunden zu haben. Wie die„Deutschen Nachrichten" berichten, sollen die nach Inkrafttreten der neuen Steuern im Reichsschatzamte vor- genommenen Ueberrechnungcn ergeben haben. daß die effektiven Einnahmen aus den neuen Steuern lange nicht den gewollten Mehrbetrag von fünfhundert Millionen Mark erreichen werden. Es bestehe sogar die Ansicht, daß das ungünstige Resultat sich durch die Kalkulation späterer Mouate noch verschlechtern dürfte. Die Aufforderung des ReichLschatzamtes an die Bundesstaaten, beschleunigte Er- Hebungen zwecks Einführung einer Reichswertzuwachssteuer zu veranlassen, sei nur als ein Glied in der Kette neuzubeschaffender Steuern zu betrachten. Es besteht also die schönste Aussicht, daß schon in nächster Zeit die Regierung neue Steuersorderungen stellt. Solango nicht mit dem heutigen Rüstungssystem gebrochen wird, geht es immer tiefer hinein in den Dalles.— Nach berühmte» Mustern. ES ist Mode geworden, daß gestrauchelte Parlamentarier ver- suchen, ihr geschwundenes Ansehen dadurch wieder zu heben, daß sie einen kleinen Kreis von Freunden zusammenholen, um sich von ihnen ein Vertrauensvotum ausstellen zu lassen. Der Reichstags- abgeordnete Bruhn, der Verleger der berüchtigten Erpreffer-.Wahr- heil", ist auf den gleichen Gedanken verfallen. In einer Versamm- lung der Deutschnationalen Vereinigung, deren erster Vorsitzender er selbst ist, legte er Rechenschaft über die gegen ihn erhobenen Be- schuldigungen ab. Bruhn beklagte zunächst, daß ihn die einstweilige Verfügung leider hindere, in seiner„Wahrheit" gegen de» Verteidiger Dahsels, Rechtsanwalt Werthauer, vorzugehen: dann gab er die Erklärung ab, daß die gegen ihn eingeleitete Untersuchung wohl bald eingestellt werde, da sein Schild rein sei. An eine Niederlegung seines Mandats denke er nicht, denn aus seinem Wahlkreise ArnSwalde-Friedeberg sei ihm die Mitteilung geworden, daß dort gerade jetzt„die Treuehoch im Kurse st ehe" und daß die Zahl seiner Ver- ehrer von Tag zu Tag zunehme. Die„Wahrheit" werde nach wie vor die alten hohen Grundsätze vertreten und dadurch der Regierung eine Stütze sein. Schließlich wurde einstimmig folgende Resolution angenommen: „Die heutige, gutbesuchte Versammlung der Deutschnationalen Vereinigung spricht ihrem Vorsitzenden Herr» Reicbstagsabgeordneten Bruhn gegenüber den aus Anlaß des Dahiel-Schuwart-Prozeyes gegen ihn erhobenen schweren Verdächtigungen ihr reellstes Ver- trauen aus und gibt die Versicherung ab, auch in Zukunft in un- wandelbarer Treue zu ihrem Vorsitzenden und zu der gemeinsamen deutschnationalen Sache zu stehen." Im übrigen will Herr Bruhn bei der nächsten Beratung des Justizetats nachdrückliche Kritik an der Zulassung der gesetzwidrigen Behandlung der GerichtSzeugen durch Staatsanwaltschaft, Richter und Verteidigung üben._ Preußische Sparsamkeit? In der„Sport-Welt" finden wir folgende Notiz: „Der St. Leger Sieger Marabou hat seine Nennkarriere beendet, der Old Patrick-Sohn a. d. Mirza wird demnächst gelegt werden und dam: an den Mar st all des Kronprinzen abgeliefert werden, der ihn bekanntlich schon vor Jahr und Tag sich ausgesucht hatte. Der Gewinner einer solchen klassischen Prüfung, wie der Budapaster, als Reitpferd, noch dazu schon als Bierjähriger, das ist gewiß sehr selten borgekommen. Jedenfalls ist ein solches Reitpferd ein beneidenswerter Besitz." Man schreibt uns dazu, daß es doch einigermaßen in Er- staunen setzen müsse, daß dies Pferd in den Privatbesitz des Krön- Prinzen übergehen solle. Sei doch Marabou dasjenige der Renn- Pferde des Graditzer Gestüts, das in diesem Jahre am meisten an Rennpreisen eingebracht hat und dem auch im nächsten Jahre eine glänzende Lausbahn bevorstehe. Da das Pferd nicht nur seiner Rennleistungen wegen, sondern auch wegen seines prächtigen ivaues zur Zucht besonders geeignet sei, müsse es um so mchr Verwunderung erregen, dah eS jetzt„gelegt", das heißt zum Wallach gemacht werden solle. In der Tat sollte der Oeffcntlichleit mindestens mitgeteilt werden, und zwar sofort, welchen Preis denn der Krön- prinz für dies Pferd aus dem staatlichen Gestüt zu zahlen beabsichtigt. Denn der Wert dieses Rennpferdes dürfte sich auf mehrere hunderttausend Mark belaufen! In den letzten Jahren sind wiederholt für englische Vollblüter von der preußischen Gestütsvcrwaltung Preise von 500 000 bis 600 000 M. gezahlt worden— Summen, die doch aus allgemeinen Steuermitteln aufgebracht werden müssen. Weitere Folgen der Tabaksteuer. In der letzten Woche wurden weitere Arbeitseinschräulungen und Arbeitereutlassuiigen in der Tabakindustrie Westfalens vor- genommen. In Westerenger hat die Firma C. u. G. Schmidt ihre Filiale aufgelöst. 25 Arbeiter der Firma Steinsiek und 58 Albeiter der Firma Rehling u. Blank müssen auf unbestimmte Zeit feiern. In Herford sind über 80 Tabakarbeiter ohne Arbeit. In Werl ent- ließen die Firmen Kerkhoss und Schaff u. Mensing 24 Arbeiter. In Werther feiern bei fünf Firmen über 110 Arbeiter. In Vlotho hat sich ein 60jähriger Tobakarbeiter, der schon bei der Tabaksteuer 1870 schwere Zeiten durchgemacht hatte, erhängt. Er wollte nicht voch einmal solche traurige Zeiten in seinem hohen Alter durchleben. Aus dem Wahlkampf in Landsbcrg-Toldin. Nach Neustadt-Landau, Schnceberg-Stollberg, Meiningen. Elsaß- Lothringen,«ochsen, Baden und Koburg ist nun der Wahlkreis Landsberg-Soldi» an der Reihe, voni Fortschritt der Sozialdemo- kralie, vom Rückgang der bürgerlichen Parteien Zeugnis abzulegen. Die Vorbedingungen sind freilich nicht so günstig wie in jenen Kreisen und Staaten, in denen die Sozialdemokratie in den letzten Monaten und Wochen glänzende Siege erfocht. Die ländliche Be- völkcrnng überwiegt die städtische crbeblich, von einer Jndustriali- sierung deS Landes ist so gut wie nicht die Rede, die größte Stadt deS Kreises, Landsberg a. W., zählt rund 37 000 Einwohner, alle anderen bleiben weit unter 10000. Immerhin erhielt Genosse Pätzel 1007 6477 Stimmen gegen 13 828, die auf den Konservativen und 6176, die auf den Freisimi fielen. Die Sozialdemokratie ist eifrig und unermüdlich an der Arbeit. Die Zahl der Lokale, in denen sie Versammlungen abhalten kann, ist freilich nicht sehr groß— die Konservativen sorgen schon mit den bekannten sauberen Miltein dafür. Unsere Genossen müssen deshalb versuchen, die schäbige 10 Mimiten-Redezeit auszunützen, die ihnen in de» gegnerischen Versammlungen gegeben wird. Da ist es denn erfreulich, so wird aus dem Wahlkreis berichtet, daß mau uns gern hört und sieht. Zweifellos ist die neue Steuerreform der beste Anschauungsunterricht, der je den Wählern gegeben wurde. Jetzt sind ihnen die Augen geöffnet über die konservative Politik und die liberale Waschlappigkeit. Die Liberalen sind überhaupt in der putzigsten Lage. Sie suchen zu beweisen, daß sie konservativ sind, um die linkskonservativen Stimmen zu bekommen. und daß sie liberal und arbciterfreundlich sind, um auch bei den Arbeitern nicht zu kurz zu kommen. Hoffentlich ergeht eS ihnen wie allen, die zween Herren zugleich dienen wollen. Passierte eS doch Herrn Schoeppe, dem Kandidaten der Liberalen, daß der konservative L a n d t a g s a b g e o r d n e t e Graf Kalck- reuth sich ,nit den, Schoeppeschen Programm ein- der st an den erklärte! Und diese Liberalen glauben, mit unserer Hilfe in der Stichwahl siegen zu müssen.— Es ist wohl kaum nötig, zu versichern, daß wir alles tun werden, was zu tun wir der Gesamtpartei und dem Interesse des Volkes verpflichtet sind. Am Sonntag haben wir unser drittes Flugblatt verbreitet; es ist gegen die Liberalen gerichtet und illustriert. Gustav Ennert als Hypothekenschuldner des Fürsten Plest. Die Breslauer„VolkStvacht" und der„Vorwärts" veröffentlichten äm September vorigen Jahres einen Brief des Generalbevollmächtigten des größten Grubenbesitzers in Niederschlesien, des Fürsten Pleß, an den bekannten Sekretär der reichstreuen Bergarbeiter« Vereine, Gustav Ennert. In diesem Briefe schreibt der Generalbevollmächtigte, RegierungSrat Keindorff, an Ermert, daß es die fürstliche Verwaltung in Zukunft ablehnen n, üsse, die reichstreuen Berg- arbeitervereine materiell zu unter st ützen, wenn nicht in das Statut dieBestimmung hineinkommt, daß der Streik grundsätzlich zu verwerfen ist. Diesen Brief zeigte Ermert aber nicht seinen Mitgliedern und die „Volksmacht" versah ihn mit der entsprechenden Kritik. Das Ver- halten ErmertS grenze an Arbeiterverrat und fei unter Umständen als Bestechung aufzufassen. Ermert fühlte sich beleidigt und strengte Privatklage gegen den Genossen Wolff von der„Volksmacht" an. 'Zweimal lehnte Genosse Wolff die Waldenburger Richter wegen Befangenheit ab, das dritte Mal wurde ihm die Führung deS Wahrheitsbe weife's unmöglich gemacht, indem die Ladling von unparteiischen Zeugen und Sach- verständigen vom Gericht abgelehnt wurde. Das Walde n burger Schöffengericht, bekannt durch seine exorbitant hohen Geld st rasen gegen„Volkswacht"- Redakteure, erkannte anf sechs Wochen Gefängnis, weil— der Wahrheitsbeweis nicht„geführt" wurde. Dagegen legte Wolff Be- rufung ein. die am Dienstag vor der Waldenburger Straf- k a m m e r verhandelt wurde. Als Zeuge war der Brieffchreiber an Ermert, RegierunpSrat Keindorff, geladen. Dieser bekundete unter seinem Eide, daß er mit Ermert vor der Hamburger General- dersaminlung des Bundes vaterländischer Vereine über die Statutenberatung gesprochen und ihm gesagt habe, daß aus den Statuten der reichötreuen Bergarbeitervereine die M ö g I i ch- keit eines Streiks verschwinden müfle, wenn die nieder- schlesischen Grubenbesitzer ihre materielle Hilfe nicht einstellen sollen. Wörtlich sagte der Herr RegierungSrat: Wir werden uns doch nicht ein'e Organisation großziehen, die unSinkritifchenZeitenindenRücken fällt. DeS- halb habe er ein großes Interesse daran, daß die Fassung in dem alten Statut, welche den Streik zuläßt, entfernt wird." Ermert habe ihm, sagte der Regierungsrat weiter au«, versprochen, auf der Hamburger Generalversammlung in seinem Sinne zu wirken. Tatsächlich sind auch die Statuten an der entscheidenden Stelle geändert worden, die Möglichkeit eine? Streiks ist ver- fchwunden. Die Drohungen Keindorffs, die Zuschüsse zu ent« ziehen, haben also Erfolg gehabt. Trotzdem ist nach Ansicht der Waldenburger Justiz der Beweis der Wahrheit nicht erbracht.(!) Ermert habe durch sein warmeS Eintretei, für die Wünsche seines Arbeitgebers, der zugleich der der reichStreuen Bergarbeitervereinler ist, die Arbeiter- interessen nicht verraten, er sei nicht bestochen worden. Der Briefwechsel mit Keindorff, die Statutenänderung, die angedrohte Verweigerung der bisher geleisteten Zuschüsse, die Tatsache, daß Ermert von seinem Arbeitgeber eine Hypothek von 5000 M. erhalten hat und dadurch in ein Abhängigkeitsverhältnis gekommen ist, sind nach Ansicht der Waldenburger Richter immer noch nicht ausreichend, um Ermert den Vorwurf deö Verrats von Arbeiterinteressen und der Käuflichkeit zu machen. Die vom Vorderrichter verhängten sechs Wochen Gefängnis wurden für durchaus am Platze gefunden. Der Bund vaterländischer Arbeitervereine kann auf seinen Lorsitzenden wahrlich stolz sein. Nach der Urteilsbegründung müßten eigentlich die nieder« schlesischen Grnbenmagnaten ihre Zahlungen für die gelben Arbeiter- vereine einstellen. Aber sie zahlen weiter und lassen sich die Bekämpfung der sreiorganisierten Arbeiterschaft und ihrer Presse viel, viel Geld ko st eu. Das Hamburger Staatsbudget. Der Voranschlag des Hamburgischen Staatsbudgets für 1910 ist vom Senat an die Bürgerschaft gelangt. Er schließt mit einer Aus- gäbe von rund 150'/,, Millionen, einer Einnahme von rund 142>/z Millionen und dementsprechend mit einem Fehlbetrag von rund 78/4 Millionen ab. Der Senat schlägt für 1010 einen Steuersatz von 7>/z Einheiten gegen 7 Einheiten in den Vorjahren vor. Von den Stichwahlen in Sachsen. Der sächsische Freisinn hat, wie wir schon mitteilten, eine all- gemeine Stichwahlparole für das ganze Land nicht auszugeben ge- wagt— er möchte es mit keiner der Parteien verderben, die zu seinen Gunsten den Ausschlag geben könnten. Indes hat der Vor- sitzende des freisinnigen Landesvereins, der Reichstagsabgeordnete Günther-Plauen— der freilich in der Stichwahl gegen die Sozial- demokratie steht— das dringende Bedürfnis gefühlt, zu zeigen, daß das Herz des Freisinns, wie er ihn versteht, unentwegt für die Realtion schlägt. Er empfiehlt in einem Aufrufe den Freisinnigen, für die„nationale n" Kandidaten einzutreten. Ebenso hat eS der ausgefallene freisinnige Kandidat Engter in Leipzig gemacht. Dagegen haben die Freisinnigen der Oberlausitz beschlossen, wie die „Zittauer Morgenzeilung" meldet, im 1. und 3. ländlichen Kreise gegen die Konservativen Bolt und Donau zu stimmen. In diesen Kreisen stehen die Konservativen mit unseren Genossen Uhlig und Schnottler, Redalteure der„Zittauer Volks-Ztg." in Stichlvahl. Für den 2. ländlichen Kreis wollen die Freisinnigen keine Parole ausgeben. Dort steht unser Genosse Riem mit dem nationalliberalen Fabrikanten Rückert in Stichwahl. Ein großer sozialdemokratischer Erfolg im Zentrumsrevier. In Borbeck, der schwärzesten Ecke des WahllreiseS Essen, fanden von Montag bis Mittwoch Gemeinderatswahlen statt. Das Zentrum bekam vor drei Jahren 1183, diesmal 41171 Stimmen, während die sozialdemokratischen Stimmen von 258 auf 637 gestregen sind. Der ganze Zuwachs an Wählenden ist also der Sozialdemokratie zugefallen. Das Zentrum ist knapp auf seiner alten Stimmenzahl stehen geblieben. Und hier heißt's mit Recht: Stillstand ist Rück- gang!—_ Verurteilung des preußischen Kultusministers. Die Drangsalierung der Arbeiterturnvcreine durch die Regle- rungen und das Provinzialschulkollegium, die in der oft von uns geschilderten Art auf Grund des Geheimerlasses des Kultus- Ministers Holle vom 7. August 1007 gegen die Verfassung, gegen die Reichs- und Lcmdesgesetze vergingen, ist gestern von der Berliner Strafkammer für rechtswidrig erklärt worden. Freigesprochen ist unser verantwortlick>er Redakteur und der Redakteur der„Ar- beiter-Turnzeitung".' Beide hatten, wie in der Beilage dargelegt, ausdgrücklich zum Ungehorsam gegen die behördlichen Anordnungen aufgefordert, um das Gericht zu einem Urteil gegen den Kultusmini st er und die ihm nachgeordneten Re- gierungen zu veranlassen. Die vorsintflutliche Verwaltung in Preußen entzieht ja leider Anordnungen, wie sie gegen Ardeiterturnvereine rechtswidrig ergangen sind, dem Schutze durch Turnvereine gerichteten Machenschaften in der erwähnten Art herbeigeführt werden. Sie ist erfolgt. Das Ge- richt hat von den vielen Gründen, die die Verteidigung in trefflicher Weise gegen die Rechtsgültigkeit der be- hördlichen Anordnungen anführte, schon den für ausreichend erachtet, daß der Kultusminister und die ihm folgenden Behörden den Begriff„Jugendliche" entgegen dem Sprachgebrauch und nicht minder entgegen' den Reichs- und Landesgesetzen anzuwenden sich für befugt erachtet haben. Wird nunmehr der Kultusminister den rechtswidrigen Erlaß seines Vorgängers aufheben? Werden die Regierungen ihre rechtswidrigen Verfügungen zurücknehmen? Werden sie die gegen Recht und Gesetz verhängten und bei- getriebenen Strafen zurückzahlen? Und wird die Berliner„frei- sinnige" Stadtverwaltung die Turnsälr den Arbeiterturnvereinen endlich wieder öffnen, aus denen sie auf das rechtswidrige Geheiß des Provinzialschullolligiums die Jugendlichen vertrieben hat? Der deutsch-schweizerische Mehlzollkonflikt. Im Schweizer Nationalrat brachte heute, wie telegraphisch be- richtet wird, Frey-Zürich, einer der schweizerischen Handelsvertrags- Unterhändler, die Verhandlungen mit Deutschland über die Bei- legung des MehlzolllonfliktS zur Sprache und führte aus, er halte den Zeitpunlt für gekommen, diese Verhandlungen als fruchtlos aufzugeben. Der gegenwärtige Zustand könne nicht länger an- dauern, wenn die schweizerische Müllerei nicht untergehen solle. Die vereinigten Zolllommissionen des Nationalrats und Ständerats erwarteten einen baldigen Bericht des Bundesrats über das, was weiter zu tun sei. Bundesrat Schobinger. der Chef deS Handels departements, entgegnete, der Bundesrat prüfe die weiteren Maßnahmen zum' Schutze der Müllerei. Die Vorarbeiten über die Einführung eines Getreide- und Mehlmonopols seien ab« geschloffen. Man könne aber mit Schutzmaßnahmen nicht warten, bis die Entscheidung über die Einführung dieses Monopols gefallen sei. Der Bundesrat werde die Angelegenheit weiter auf- merkiam verfolgen, die Räte auf dem Laufenden erhalten und jeden- falls nicht zugeben, daß die inländische Müllerei zugrunde gehe. Mit dieser Erklärung war die Angelegenheit erledigt. Frankreich. Gegen die klerikale Bevormundung. Paris, 28. Oktober. Da von den Bischöfen der Gebrauch bestimmter Bücher in den Schulen verboten wurde, hat der UnterrichtSminister den Lehrern an öffentlichen Schulen vorgeschrieben. sich jeder fremden Einmischung in den Unterricht zu widersetzen. Kinder, die die Benutzung der in den Schulen eingeführten Bücher verweigern, sollen bestraft werden. Lelgien. Die Kongoreformen. Brüssel, 28. Oktober. In seinem Entwurf für die Reformen im Kongo schlägt der Minister für die Kolonien vor. den Kongo dem freien Handel in drei Etappen mit je einem Jahre Zwischenraum vom 1. Juli 1010 an zu öffnen; für Belgien ollen 600 000 Quadratkilometer reserviert bleiben. England. Arbeiterpolitik und Gewerkschaftsführer. London. 25. Oktober.(Eig. Ber.) Bekanntlich haben sich die organisierte» Bergleute Groß» britanniens ber Arbeiterpartei angeschlossen. In der poli- tischen Praris bedeutet dies, daß die parlamentarischen Ver- treter der Bergleute zur Arbeitcrfraktion gehören und die Satzungen der Partei unterschreiben müssen. Der wichtigste Punkt der Satzungen besagt, daß die Vertreter der Arbeiter 'ich weder mit den Konservativen noch mit den Llberalen indentifizieren dürfen. 9tun sind die Organisationen daran, Kandidaten zu er- nennen und sich auf den kommenden Wahlka'mpf vorzu- bereiten. In Northumbcrland sind die Arbeiterführer Burt und Fenwick hochgeachtet und sie besitzen das Vertrauen der Bcrgarbcitergewerkschaften. Beide sind seit vielen Jahren Parlamentsmitglieder und gehören der liberalen Partei an; Burt schon seit dem Jahre 1874. Diese Männer wurden vor einigen Wochen befragt, ob sie bereit wären, aus der liberalen Partei auszutreten und die Satzungen der Arbeiterpartei zu unterschreiben. Beide gaben eine ver il einende Antwort. Die Northumberländcr Bergleute standen vor einer schwie- rigen Situation. Nach Kongreßbeschluß müssen sie in die Arbeiterpartei eintreten. Aber die beiden hochgeachteten, alten und wohlbewährten Führer wollen nicht mitmachen: sie sind liberal und wollen liberal bleiben: sie betrachten die Arbeiterpartei als eine sozialistische Klassenpartei, und eine solche Parter ist eineni Liberalen zuwider. Um einen Ausweg aus der schwierigen Lage zu finden, fanden in Northunrberland inehrere vertrauliche Konferenzen statt, die letzte am 23. dieses Monats. Ihr Ergebnis ist der Beschluß, zweineueKandidatenzuernennen. Diese Nachricht besagt, daß die Bergleute von Morpeth (Burts Wahlkreis) und Wanpsbcck(Fenwicks Wahlkreis) beschlossen haben, ihre alten Führer nicht mehr aufzustellen. uni der Arbeiterpartei treu bleiben zu können. Bedenkt man. wie außerordentlich loyal englische Arbeiter ihren Führern gegenüber sind, so wird man daraus ermessen können, wie tiefe Wurzel der Gedanke der politischen Selbständigkeit deS Proletariats in den Gewerkschaften ge- schlagen hat. Die Nachricht hat hier viel Aufsehen erregt. Die meisten Londoner Morgenblätter komnientieren sie. Die Nachricht- beweist aber auch, daß die Kritiker der Arbeiterpartei, die die Arbeitcrfraktion als an die Liberalen verkauft brandmarken, sich wenig um Tatsachen kümmern. Burt und Fenwick— besonders Burt. der zum Mitglied des Geheimen Nats er- nannt wurde— kennen alle Geheimnisse der liberalen Partei. Und wenn sie sich demnach weigern, der Arbeiterfraktion bei- zutreten, so wohl nur deshalb, weil sie sie als Gegnerin der liberalen Partei wissen. Gestohlene Dreadnought-Pläne. London, 28. Oktober.(Unterhaus.) In der heutigen Sitzung fragte R e n v i ck(k.) den ersten Lord der Admiralität M c K e n n a, ob gewisse vertrauliche Zeichnungen, die den Unternehmern für den Bau eines der neuesten großen Kriegsschiffe geliefert worden seien und die jetzt wieder im Besitz der Admiralität sein müßten, verschwunden seien und ob die Admiralität diese Zeichnungen wieder zu erlangen hoffe. McKenna beantwortete die erste Frage im bejahenden und die zweite im verneinenden Sinne und fügte hinzu, daß das Schiff bereits einige Zeit in Dienst gestellt sei, so daß die Zeichnungen viel von ihrem Werte verloren hätten. DaS in Frage kommende Schiff ist vermutlich der„Jndo- mitable"._ Auch eine Demonstration. London, 23. Oktober. Im Stadtteil Bermondsey versuchten heute bei der Wahl eines Abgeordneten zum Unterhause Frauen in zwei Wahllokalen die Stimmzettel dadurch ungültig zu machen, daß sie eine ätzende Flüssigkeit in die Wahlurne» gössen. Ein Wahl- Vorsteher, dem etwas von der Flüssigkeit ins Gesicht gespritzt war, mußte sich in einem Krankenhause aufnehmen lassen. Eine Frau wurde verhaftet. Norwegen. f Die Storthingswahlcn. Aus Stockholm wird uns geschrieben: Die Hauptwahlen zum Storthing haben nun in allen Wahl- kreisen stattgefunden, die Stichwahlen werden erst im Monat November zum Abschluß kommen, so daß ein endgültiges Urteil über die Zusammensetzung des neuen Storthings vorläufig noch noch möglich ist. Soweit die Ergebnisse bis jetzt vorliegen, sind 33 Abgeordnete der Rechtenpartei, 21 der Linien und 7 Sozial- demokraten gewählt. Ueber 60 von den 123 Storthingsmandaten wird erst die Stichwahl entscheiden. Bei den Hauptwahlen sind auf die Kandidaten der Rechten, nach Angaben der konservativen Presse, 177 600 Stimmen abgegeben worden, auf die der Linken 145 100. Bei den vorigen Wahlen, 1906, erhielt die Rechte 88 323. die Linke 121500 Stimmen. Die sozialdemokratische Stimmenzahl ist jedoch seit 1906 von 43 134 auf 89 105 g e st i e g e n, und zwar in den städtischen Wahlkreisen von 20 576 auf 41 495. Der Fortschritt unserer Partei ist also ungefähr gleich stark auf dem Lande wie in der Stadt. Die Sozialdemo- kratie hat den verhältnismäßig höchsten Stimmenzuwachs er- halten, und die Hoffnungen der bürgerlichen Parteien, das an Steuerleistung gebundene Frauenwahlrechd, das rund 399 000 Frauen das Wahlrecht gibt, aber 200 000 davon ausschließt, werde der Sozialdemokratie eher Abbruch tun als Vorteil bringen, haben sich nicht erfüllt. In den Stichwahlen, soweit sie bis jetzt stattgefunden haben. zeigte es sich, daß die beiden bürgerlichen Parteien alles auf- bieten, um die Wahl weiterer Sozialdemokraten zu verhindern. Davon hqben bis jetzt die Konservativen den größten Vorteil ge- babt. Die Linkenpartei, die ja sowieso schon arg in? Hintertreffen geraten ist, wird eine andere Taktik einschlagen müssen, wenn sie nicht allzu schlecht abschneiden will.— Rußland. Lockspitzel Jrchmel. Der berüchtigte Lockspitzel F r e h m e l. von dem eZ hieß, dasi er sich aus Lodz in Russisch-Polen, wo er seine grausame Tätio- keit als freiwilliger Henker ausübte, nach Deutschland begab, und in einem Berliner Vorort seinen Wohnsitz nahm, hat diese Nachricht absichtlich in die Presse gebracht, um seine Spuren zu verwischen und dem zarischen Blutregiment weiter Dienste auf deutschem Boden zu verrichten. Tatsächlich hält sich Frehmel seit längerer Zeit in Kattowitz auf. Daß dieser Henker a. D. hier der russischen Behörde Spitzeldienste leisten will, kann als sicher angenommen werden.— Cürheu Eine neue Parteiorganisation. Konstantinopel, 28. Oktober. Ei» neues Komitee, da« den Namen Magdurin, d. h. die politisch Bedrückten, führt, ist hier letzthin gegründet worden. In dem Komitee, dem u. a. Prinz Sabal, Eddin angehört, sind die Ueberbleibsel der Partei der liberalen Union vertreten; auch einige Abgeordnete sollen sich dem Komitee angeschloffen haben. /Zmmka. Korruption im Zolldienst. New Dork, 23. Oktober. Großes Aufsehen erregen Enthüllungen über eine außerordentliche Korruption im Zolldienst. Jahrelang haben angeblich Bestechungen und Unter» Wertungen sowie Erpressungen an Importeuren statt- gefunden, an denen hie meisten Zollbeamten beteiligt sein sollen. GewerhfcbaftUcbe� Der Tarifvertrag und die Koalitionsrechts-Schlinge. Die galvanoplastische Anstalt von C- Behling in der Leipziger Straße zu Berlin hatte aus Anlaß von Warnungen vor ihrer Tarisuntreue, die der Vorstand des Vereins Berliner Buchdrucker und Schriftgießer pflichtgemäß vornahm, gegen diesen eine einstweilige Verfügung beantragt, durch welche dem gesamten Vorstand untersagt wird: a) an Buchdriickcreien die Aufforderung zu richten, Gal- valnos, Klischees, Platten und sonstige Stereotypieartikel nicht von der Antragstellerin zu beziehen, und zwar gleichviel, ob diese Aufforderung durch Druck oder Schrift oder direkt oder indirekt, insbesondere auch durch Vermittelung der Vertrauensmänner an die Druckcreibcsitzer gerichtet wird, b) an Buchdruckercigehilsen die Aufforderung zu richten, das Verdrucken von durch die Antragstellerin hergestellten Stereo- typieartikcln und Galvanos zu verweigern. Die Aiitragstelleriu sieht in dem Verhalten ihrer Gegner eilten Verstoß gegen§ 153 der Gewerbeordnung, infolgedessen eine unerlaubte Handlung im Sinne des§ 823 Abs. 2 Bürgerlichen Gesetzbuches, gleichzeitig aber auch einen Verstoß gegen die guten Sitten, da ihr der völlige Ruin drohe und andererseits der Arbeiterschaft Nutzen nicht gebracht wurde, welche aitgeblich besser gestellt sei als nach den Tarif- bedingungen. Das Landgericht hat diesen Antrag am 27. April 1939 zurückgelviesen, das kapitalistenfrommere Kammergericht, das ja auch die Allgewalt des preußischen Schutzmannes festgestellt hat, kam am 14. Juni zu einem anderen Beschluß. Es er- klärte, man höre und staune, der Tarifvertrag der Buch- ' drucker sei eine Vereinigung nach 8 152 der Gewerbeordnung, die den Strafbestimmungen des 8 153 unterstehe. Deshalb beschloß das Kammergericht, dem Antrage der Firma B e h- l i n g Folge zu geben. Wir erklärten damals schon: „Der jüngste deutsche Gewerbegerichtsvorsitzende hätte den Herren im Kammergericht ein Privatissimum darüber lesen tonnen, daß im Tarifvertrag ein Kompromiß zwischen den Wider- streitenden Interessen der Unternehmer geschaffen ist, wie im Grunde in jedem Vertrag, und daß die Tariforganisation ledig- lich die Jnnehaltung der im Vertrag niedergelegten Rechte und Pflichten überwacht, aber keine„Verabredung zur Erlangung günstigerer Lohn- und Arbeitsbedingungen" ist." Der Berliner Gauvorstand des Buchdruckerverbandes hat natürlich gegen den Beschluß des Kammergerichts sofort Widerspruch erhoben und so mußte sich die vierte Zivil- kammer des königlichen Landgerichts I am 17. September 1939 erneut mit der Sache beschäftigen. Das Urteil liegt jetzt vor und ist eine klatschende Ohrfeige für das preußische Kamniergericht. Die einstweilige Verfügung des Kammergerichts wurde aufgehoben. In der Urteilsbegründung heißt es: „Die Frage, ob der Tarifvertrag unter§8 153, 152 Gewerbeordnung fällt, ist in der Literatur streitig, wird dort aber über- wiegend verneint. Das Reichsgericht hat sie in der Entscheidung vom 30, April 1903(Entscheidung i. Straff. Bd. 26 S. 236) ohne Begründung bejaht. Gegen diese Entscheidung haben sich ge- wichtige Stimmen erhoben(vergl. z. B. Landmann, Druckschrift fiir Jahrgang 1968 S. 273 ff.). Sie gehört zeitlich zu den Eni- scheidungen, welche nach der Erklärung des Staatssekretärs des Reichsjustizamts in der Reichstagsverhandlung vom 26. April 1967(Vcrhaudl. des R. T. XII. L.-P. 1. Les. Bd. 228 S. 933) noch ernster Nachprüfung unterzogen zu werden verdienen. In der Entscheidung vom 26. Juni 1968(Entsch. i. Straff. Bd. 41 S. 365 s372j lägt das Reichsgericht die Frage ausdrücklich offen. Das erkennende Gericht hat die Frage verneint. Die Eni- stehungsgcschichte der§§ 152, 153 Gewerbeordnung, welche in der Entscheidung des Reichsgerichts vom 5. Oktober 1965(Entsch. in Straff. Bd. 38 S. 161) wiedergegeben ist, läßt erkennen, daß 8 152 Gewerbeordnung die Koalition als Mittel im Lohnkampf behandelt; der Tarifvertrag ist im Gegensatz hierzu ein Friedens- schluß. Die Koalition im Sinne§ 152 Gewerbeordnung setzt einen Gegner voraus, dem irgend ein Zugeständnis abgerungen werden soll; der Tarifvertrag ist eine friedliche Auseinander- setzung. Es ist auch keine Verabredung zum BeHufe der Erlan- gung günstiger Lohn- usw. Bedingungen, denn er setzt diese Be- dinguugen bereits selbst fest(vergl. Landmann a. a. O. Sp. 274, Lotmar Arbeitsvertrag I 771, Rundstein, Tarifverträge, Eni- scheidung des Oberlandesgerichts Kiel vom 29. August 1965 Ge- Werbegerichts Bd. 11 Sp. 1341.). i Auch die Erwägung, daß die Antragstcllerin zur Beteiligung an der Preiskonvcntion gedrängt werden sollte, rechtfertigt die Anwendung des 8 153 Gewerbeordnung nicht. In diesem Falle wäre die Antragstellerin nach der ausführlichen und über- zeugenden Entscheidung des Reichsgerichts vom 26. Juni 1963 (Entsch. in Straff. Bd. 41 S. 365 ff.) als„andere" im Sinne des § 153 Gewerbeordnung nicht anzusehen. Anderer ist danach nie- mals der Gegner, mit dessen Ueberwindung die Verabredung ihr Ziel erreicht, sondern nur derjenige, auf dessen werktätige Hilfe gerechnet und zu hoffen ist. Folgt man der Darlegung der An- tragstellerin, so hätte die Perabredung und Bildung einer Preis- konvention mit der Beteiligung ihrer Anstalt ihren Zweck er- reicht." Die Firma Behling hat gegen dieses Urteil Berufung eingelegt. Wir sind neugierig, wie das Kammergericht die Nuß knacken wird, die ihm die Herren vom Landgericht I auf die Zähne gepackt haben. Die Paragraphen 152 und 153 der Gewerbeordnung dürften dabei schwer gequetscht werden I Berlin und Umgegend. Achtung, Metallarbeiter! Die Differenzen bei Schwartzkopff- Wildau aus Anlaß des Streiks der Stemmer und Nieter sind noch nicht beendet. Wir ersuchen deshalb dringend, bis auf weiteres jeden Zuzug von der Firma Schwartzkopff fernzuhalten. Da Schwartzkopff in auswärtigen Blättern Ersatz für die Streiken- den sucht, ist es notwendig, daß alle arbeiter- freundlichen Blätter obige Sperrnotiz nach- drucken. Deutscher Metallarbeiterverband. Ortsverwaltung Berlin. Tie Werkstatt des Vereins für Unfallverletzte hat schon öfter Anlaß zu Klagen in gewerkschaftlichen Kreisen gegeben. Bekannt- lich unterhält der genannte Verein eine größere Werkstatt zur Herstellung von Bürstenwaren, in der Unfallverletzte beschäftigt werden. Ter Verein verfolgt den an sich anerkennenswerten Zweck, Arbeitern, die als beschränkt crioerbsfähig eine völlig ungenügende Unfallrente beziehen, eine leichte Beschäftigung zu gewähren, die ihnen einen Zuschuß bietet zu der Rente, die zum Leben zu wenig und zum Sterben etwas zu viel bietet. Was in gewerkschaftlichen Kreisen gegen die Leitung der Werkstatt des Vereins für Unfall- verletzte gesagt wird, das bezieht sich lediglich darauf, daß hier Arbeitslöhne gezahlt werden, die bedeutend niedriger sind als die tarifmäßigen Löhne der Bürstenmacher. Durch diese Lohndrückerci, werden natürlich die Interessen der Arbeiter in der Bürstenmachcrei ebenso schwer geschädigt, wie die Interessen der Arbeitgeber dadurch benachteiligt werden, daß die Werkstatt des Vereins für Unfall- verletzte die unter dem Tarif angefertigten Artikel billiger abgibt, als es ein Privatunternehmer kann, der seine Arbeiter tarifmäßig entlohnt. Berantw. Redakt.: Emil Unger, Grunewald. Inseratenteil verantw.: Ein Fall dieser Art, der sogar zu einem Konflikt zwischen der Leitung der Werkstatt und den dort Beschäftigten geführt hat, wurde am Mittwoch in einer Versammlung der im Holzarbeiter- verbände organisierten Bürsteninacher besprochen. Danach hat die Werkstatt des Vereins für Unfallverletzte für eine Firma Holz- müller die Herstellung von Piassavabefen übernommen. An diesen Besen wird eine bestimmte Arbeit, für die im Bürstenmachertarif ein Lohn von 2 M. vorgesehen ist, mit— 80 Pf. bezahlt. Natürlich konnten selbst die anspruchslosen Arbeiter der Werkstatt für Unfall- verletzte bei einem solchen Lohn keine tadellose Arbeit liesern. Die Firma Holzniüller wollte deshalb die Arbeit einer ganzen Woche nicht bezahlen. Das brachte die Arbeiter begreiflicherweise in Er- regung. Sie legten die Arbeit nieder und wandten sich an Herrn v. Schulz, den Vorsitzenden des Vereins für Unfallverletzte. Dieser wies sie an den Leiter der Werkstatt, Herrn Regicrungsbaumeistcr Eisner. Dieser aber enipfing die Vertreter der Arbeiter gar nicht, sondern ließ ihnen durch eine Angestellte sagen, wer die Arbeit nicht zu dem bisherigen Lohne macken wolle, der könne gehen, an- dere Arbeit sei nicht vorhanden.— Eine Woche hielten die Arbeiter im Streik aus. Der zuständigen Organisation, die ihnen einen Rückhalt hätte bieten können, gehören sie nickt an. Zugeständnisse wurden ihnen von der Leitung der Werkstatt nicht gemacht. Die Arbeiter haben also unter den alten Verhältnissen die Arbeit wieder aufgenommen, doch stellten sie die Bedingung, daß über die Diffe- renzen verhandelt werden solle. Ob hierbei etwas heraus- gekommen ist, oder ob Verhandlungen überhaupt stattgefunden haben, ließ sick nicht feststellen, denn es war der Organisation nicht möglich, Fühlung mit den betreffenden Arbeitern zu erhalten. Es soll aber versucht werden, Verbindungen mit ihnen anzuknüpfen. damit der das ganze Gewerbe schädigenden Lohudrückcrei entgegen- getreten werden kann. Veutkcbes Reich. Fachabteilnngsfiihrer als Arbeiterverräter. In Leobfchütz O.-Schl. brachen bei der Textilfirma Winfler u. Co. Lohndifferenzen aus, die von den Arbeitern mit der Arbeits- niederlegung beantwortet wurden. Die katholischen Fachabteiler machten mit den Zentralverbändlern gemeinsame Sache und be- schlössen, die Arbeit nicht wieder aufzunehmen, ehe die Firma Zu- geständnisse macht. Unter Umgehung der Mitglieder verhandelte der Vorsitzende der Fachabteiler und ein Kaplan mit der Firma, ohne etwas zu erreichen. Trotzdem versuchten sie, die Mitglieder der Fachabteilung zur Aufnahme der Arbeit unter Androhung des Ausschlusses aus der Organisation zu zwingen. Dieser Verrat war selbst den Fachabteilungsmitgliedern zu stark. Sie traten des- halb geschlossen zum Textilarbeiterverband über, dem es auch ge- lang, der Firma wesentliche Zugeständnisse abzuringen. Die Ar- beit wurde wieder aufgenommen. Der Verrat an Arbeiterinter- essen ist diesmal den Fachabtcilern teuer zu stehen gekommen. Differenzen im Dresdener GlaSgewerbe. In Dresden hat die Firma Bruno V o n h o f vorm. August Meier u. Sohn ihren Glasschleifern und Glasern Lohnreduzierungen von 7 bis 16 Pf. per Stunde gemacht. Drei Glasschleifer, die sick dem nicht fügen wollten, haben ihre Kündigung erhalten. Darauf haben die übrigen Glasschleifer und Glaser ebenfalls die Kündigung ein- gereicht. Da die Firma voraussichtlich versuchen wird, aus anderen Städten Arbeitskräfte heranzuziehen, wird ersucht, Arbeitsangebote von dort streng zurückzuweisen. Wir Arbeitswilligen.... Wie sich jetzt herausstellt, liegt die aus Nürnberg gemeldete Haftentlassung eines arbeitswilligen Messerstechers viel schlimmer, als es ursprünglich schien. Der freigelassene Streikbrecher Gaßner ist nämlich der Haupttäter bei der verhängnisvollen Messerstecherei, der dem streikenden Drechsler Wendler die tödlichen Messerstiche versetzte. Er ist auch der einzige Verhaftete in dieser Sache, sein Bruder, dessen angebliche Haftentlassung gemeldet wurde, ist gar nicht verhaftet gewesen. Das Gericht begründete die Entlassung damit, daß offenbar Notwehr vorliege. Der Staatsanwalt ist an- derer Ansicht und hat gegen die Entlassung Beschwerde ergriffen. Es scheint also wirklich, daß auch dieser Streikmord ungesühnt blei- ben soll. Die Aussperrung der Mühlenarbeiter in Mittelfranken zieht weitere Kreise. Eine Anzahl Mühlen haben den AuSsperrungs- b-efchl der Scharfmacher vom Mtühlcnbesitzcrverband nicht befolgt, weil sie keine Lust haben, für diese Herrschaften die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Um sie kirre zu machen, wurde die Nürnberger Bäckerinnung, in der die schlimmsten Arbeiterfeinde des Bäcker- gewerbes vereinigt sind, als Hilfstruppe gewonnen. Die Innung hat beschlossen, alle Mühlen, die die Aussperrung nicht verfügten, zu boykottieren. Die Herren vom Backtrog haben dabei aber nicht bedacht, daß ihre Existenz von der Arbeiterschaft abhängt und daß sie schließlich selbst unter die Räder kommen werden. Soziales. AuSfllhrungsanweifung zur Berggesetznovelle. Der gestern abend erschienene„Reichs-Anzeiger" veröffentlicht die vom preußischen Handelsminister erlassenen umfangreichen Ausführungsbestimmungen zur letzten Berggesetznovelle. Schikanöses Verhalten gegenüber dem zur Disposition gestellten Handlungsgehilfen. Manche Prinzipale glauben, sich den aus einer Zurdispositions- stellung ergebenden Pflichten am leichtesten dadurch zu entziehen, indem sie sich schikanös dem Angestellten gegenüber verhalten. So stellte eine Elektrizitätsfirma einen ihrer Beamten zur Dis- Position und verlangte, er„solle sich auf einen Schemel setzen und den ganzen Tag zusehen, wie die anderen arbeiten". In einem anderen Falle verlangte ein Fuhrhalter, daß ein zur Verfügung gestellter Expedient sechsmal täglich nach dem Geschäft komme,„Guten Tag!" sage und wieder fortgehe. Außer- dem sollte er dann und wann die Arbeiten eines Laufburschen ausführen. In beiden Fällen erklärte das Berliner Kaufmanns- gericht die Weigerung der Angestellten, dem Ansinnen nach- zukommen, dem Gesetz entsprechend für berechtigt. Ein zur Dis- Position gestellter Gehilfe müsse sich allerdings zur Verfügung halten, er brauche aber weder sechsmal am Tage vorzusprechen noch Botengänge zu erledigen, noch auf dem„Jsolierschemel" sitzen zu bleiben. Es läge in diesen Füllen schikanöse Inanspruchnahme der Dienste vor. Der Handlungsgehilfe und ebenso der gewerbliche Arbeiter ist lediglich zur Ausführung der von ihm vertraglich übernommenen Arbeiten verpflichtet. Zu diesen gehört die Erfüllung solcher Zu- mutungen nicht. UebeÄies wende sich auch das Bürgerliche Ge- setzbuch in§ 226 ausdrücklich gegen die Schikane, indem es be- stimmt:„Die Ausübung eines Rechts ist unzulässig, wenn sie nur den Zweck haben kann, einem anderen Schaden zuzufügen." Besteuerung von Konsumvereinen. Die Versuche der Drangsalierung von Konsumvereinen durch Steuern kam dieser Tage in einem Prozeß vor dem Ober- Verwaltungsgericht zur Sprache. In Zeitz wird nach 8 2 der dortigen Gewerbesteuerordnung eine � besondere Gemeindegewerbesteuer in Form einer hohen Umsatzsteuer von denjenigen gewerbesteuerpflichtigen Be- trieben erhoben, die in Anwendung auf den Einzelverkauf als Großbetriebe zu bezeichnen sind und Waren verschiedener Gattungen, die herkömmlich nicht zugleich feilgehalten zu werden pflegen, im Kleinhandel entweder in offenen Verkaufsstellen feilgehalten l». Block«. Berlin. Druck u. Verlag.'Vorwärts Buchdr. u. VerlagSanftals' i oder im Wege des Versandes an Konsumenten zum Verkauf bringen.(Warenhäuser, Bazare usw.) Auf Grund dieser Ordnung war der Konsumverein zu Zeitz für das Steuerjahr 1967/1968 zur Umsatisteucr herangezogen worden. Der Bezirksausschuß, bei dem der Verein auf Freistellung klagte, billigte die Heran- zichung in Höhe von 11387 M. Er ging unter anderem davon aus, daß der Verein in Zeitz in offenen Verlaufsstellen Waren, die herkömmlich nicht gleichzeitig feilgeboten zu werden pflegten» feilbiete, indem er neben Kolonialwaren auch Backwaren dort ver- kauft. Das Oberverwaltungsgericht hob auf die Revision de? 5ionsumvcrcins dies Urteil auf und stellte den Berein von der Gcmeindr-Gewcrbeumsabstcuer gänzlich frei. Begründend wurde ausgeführt: Die Heranziehung des klagenden Vereins zu der Umsatzsteuer sei zu Unrecht erfolgt, denn die Begriffsbestimmung von Warenhäusern usw., die die Stcuerordnung gebe, treffe auf den Kläger nicht zu. Wenn der 8 2 der Umsatzsteuer nur solche Geschäfte unterwerfe, die Waren verschiedener Gattungen feil- hielten, die herkömmlich nicht zugleich feilgeboten zu werden pflegen, dann seien damit nur heterogene Waren gemeint, nicht aber Waren, die an und für sich untereinander eine gewisse Ver- Wandtschaft haben. Harum scheide der Verkauf von Brot aus, denn es könne nicht als erwiesen angesehen werden, daß es nicht ncit Kolonialwaren zusammen feilgehalten zu werden pflege. Wo etwas sowenig Verschiedenes zusammen feilgehalten werde, treffe die Bezeichnung Warenhaus nicht zu.— Heterogene Waren seien nun allerdings Kleidungsstücke. Aber im fraglichen Steuerjahr seien solche in den Verkaufsräumen des Klägers in Zeitz über- Haupt nicht feilgehalten worden. Es sei im Mai ein besonderer Konsumverein in Zeitz entstanden, der solche Waren, die früher dem Kläger gehörten, übernommen und feilgehalten habe. Nach der Steuerordnung(Nachtrag) würde es den Kläger nicht von der Umsatzsteuer befreien, wenn hier ein Betrieb im Sinne des 8 2 nur zum Schein in mehrere selbständige Betriebe zerlegt wäre. Das sei nicht anzunehmen. Für eine solche Annahme genüge es nicht, daß die Mitglieder zum Teil identisch seien und daß der erste Vorstand des neuen Vereins aus denselben Personen; be- stand, wie der des älteren Vereins(des Klägers). Allerdings sei der neue Verein für den Verschleiß von Bekleidungsstücken nur gegründet worden, damit man der Umsatzsteuer entgehe. Aber daraus folge nicht, daß die Gründung nicht ernsthaft gemeint ge- Wesen sei. Eine Scheingründung sei nicht dargetan. Unter diesen Umständen müsse die Freistellung von der Gemeindeumsatzsteuer (Gemeinde-Warenhaussteuer) erfolgen. Freisinnige Arbeiterfreundlichkcit bekundete der Nürnberger Stadtmagistrat gegenüber einem An- trage der vereinigten Gewerkschaften, den ortsüblichen Tagelohn hinaufzusetzen. Er befürwortete bei der Regierung die Ab- lehnung des Antrages. Die freisinnigen Herren begründeten diesen Standpunkt damit, daß durch Annahme des Antrages die Unternehmer geschädigt würden, weil die Arbeiter mehr Lohn verlangen würden. Es wurde auf norddeutsche Städte verwiesen, wo der ortsübliche Tagelohn niedriger oder nicht höher als in Nürnberg ist, aber zu erwähnen vergessen, daß in Norddeutschland überall Ortskrankenkassen bestehen � und die Arbeiter nicht das Interesse an der Höhe des ortsüblichen Tagelohnes haben wie in Nürnberg, wo man die Errichtung einer Ortskrankenkasse hart» näckig verweigert. Es ist die Höhe des ortsüblichen TagelohneS auf die Wirkungen der sozialpolitischen Gesetzgebung von großem Einfluß. Für die Freisinnigen ist aber die Hauptsache: daß die Unternehmer nicht„geschädigt" werden. Letzte JNfacbncbten und vepelcben. Flugversuche auf dem Bornstedter Felde. Berlin, 28. Oktober. Korvcttenkapitäst Engelhardt hat trotz des ungünstigen Wetters und des starken WindeS auf dem Bornstedter Felde mehrere Flüge selbständig ausgeführt, unte« denen sich solche von zirka 36 Minuten Dauer befanden. Die er» reichten Höhen waren zwar noch keine beträchtlichen, immerhin wurden solche von 36—46 Meter erreicht. Bier Gehöfte niedergebrannt. Glogau, 28. Oktober.(W. T. B.) Im Dorfe Groß-Vorwerk wütete heute ein Großfeuer, das infolge des starken Windes daS ganze Dorf zu vernichten drohte. Nur durch �das Eingreifen einer Glogauer Pionierabteilung gelang es, das Feuer auf seinen Herd zu beschränken. ES hat vier Gehöfte in Asche gelegt. Briand gegen daS Proportionalwahlrecht. Paris, 28. Oktober.(W. T. B.) Bei den Verhandlungen der Deputiertenkammer über die Reform deS Wahl- rechts wies Charles B e n o i st auf die Vorteile der Pro» portionalwahl hin, die vom ganzen Land verlangt werde. Minist erPräsident Briand erklärte, die Regierung glaube aus praktischen Gründen gegenwärtig die Art der Befra-, gung des Landes nicht ändern zu sollen und meinte, die Wähler könnten das neu vorgeschlagene System nicht verstehen, das allerdings gerechter sei als das bisherige. Gegenwärtig hätten alle politischen Nuancen die Möglichkeit, in der Kammer vertreten zu sein, nehme man aber morgen die ProPortio- -nalwahl an, so könnten infolge des unvollständigen Mechanisinus der verfrühten Reform verschiedene Schattierungen der Majori- tätsparteien, namentlich die unabhängigen Sozialisten. aus der Kammer verschwinden. Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen wies Minister» Präsident Briand auf eine Reihe bereits angenommener oder in Vorbereitung befindlicher Gesetze hin, um zu zeigen, daß die Wahl nach Bezirken es sei, die das heutige Ergebnis der republika- nischen Staatsform hervorgebracht habe; indessen erkenne er an, daß dieses Wahlsystem die V e r w a I t u n g s r e f o r m nicht begünstige. Ter Minister bat die Republikaner der äußersten Linken, sich nicht zu gefährlichen Koali. tionen verleiten zu lassen. Das Haus nahm die Rede Briands mit Beifall auf und beschloß, sie anschlagen zu lassen._ Schüsse auf eine Polizeipatrouille. Tiflis, 28. Oktober.(W. T. B.) Als heute abend eine Polizei» Patrouille auf der Straße drei verdächtige Personen verhaften wollte, schössen diese und töteten einen Schutzmann. Auf der Flucht verwundeten sie einen zweiten Schutzmann, töteten einen Soldaten und verwundeten zwei Straßenpasjanten. Die Täter entkamen. Eine Wasserhose. Genua, 28. Oktober.(W. T. B.) Heute nachmittag brach eine Wasserhose über die Vorstadt Fece herein, warf alles nieder, waS ihr begegnete, und trug allerhand Gegenstände große Strecken weit mit sich fort. Drei große Bäume wurden entwurzelt, mehrere Dächer abgedeckt und weit weggetragen. Ein Wagen, der 3666 Kilogramm Sand geladen hatte, wurde wie eine Feder in die Höhe gehoben und weit fortgetragen. Die Kamine einer Fabrik wurden niedergeworfen, die Dächer der Fabrikgebäude und sie selbst stürzten ein und verschütteten zwei Pferde. Glücklicherweise ist kein Nienschenleben zu beklagen. Es sind nur einige Personen verletzt worden. Infolge eines nachfolgenden starken Regengusses, der viele Häuser unter Wasser setzte, mußten einige Fabriken den Betrieb einstellen. Die Behörden, Karabiniere und Feuerwehr eilten zur Hilfeleistung herbei._ Bomben. Petersburg, 28. Oktober.(W. T. B.) Heute abend explo- dierte in der Stadt eine von einem Unbekannten auf eine Schutt- grübe gelegte Bombe. Ein Mann wurde schwer verletzt. Ein Hau» wurde beschädigt.__ ßauISingcr& Eou Berlin S W. Hierzu 3 Beilagen». Unterhaltungsbl, it.253. 26. 3mm. i. Keilllge iles Lsrmrts" Kttlllltr Älksblllit. M'nmrwmuaa�mmmmmuM ummwmamBiK!*BammmaamtmBm*mmammBasmmmsM8ss&e*™v™*u*-nnrwwmnmm i m«iil>?>i Bericht über die tätigheit der iozialdemohratiichen frahtion im Berliner Bathauie. IV. Sozialpolitik und Arbeiterfragen. Bei den Etatsberatungen für das Jahr 1909 sprach der Kam- merer, der zur Sparsamkeit mahnte, am 18. Februar auch folgende Worte: „Ich habe noch einen Punkt, der mir besonders am Herzen liegt; das ist die Sozialpolitik. Meine Herren, Sie alle kennen das Wort, daß in unserer Zeit alles mit einem Tropfen sozial- politischen Oeles gesalbt sein müsse. Meine Herren, wenn es bei dem Tropfen geblieben wäre! Er könnte eine Färbung annehmen, wie er wollte! Aber, meine Herren, aus dem Tropfen ist ein Bottich geworden, und aus diesem ein ganzer See.(Bewegung und Unruhe.) Es ist ein ganzer See daraus geworden, unb_nahezu in seder Sitzung tauchen Sie die Beratung hübsch in diesen See." Müßte man nach diesen Worten nicht glauben, Berlin stürme auf dem Gebiete der Sozialpolitik voran? Es ist nur allzu bekannt, daß das gerade Gegenteil der Fall ist, und die Erfahrungen der letzten Berichtsperiode bestätigen das. Um der Verwaltung wenigstens die großen Aufgaben, die der Lösung durch eine einsichtige kommunale Sozialpolitik harren, ständig vor Augen zu halten und sie über die Fortschritte auf diesem » Gebiete in anderen Gemeinden auf dem Laufenden zu halten, hatte unsere Fraktion am 19. Oktober 1997 beantragt,„einen ständigen Ausschuß für soziale Angelegenheiten einzusetzen". Die Fraktion war sich darüber klar, daß dieser Ausschuß, dessen Zusammen- setzung ja ein Spiegelbild der Zusammensetzung der Versammlung kein mußte, eine praktische Wirksamkeit über die oben erwähnten informatorischen Aufgaben hinaus kaum ausüben würde; wohl aber — so führte unser Redner bei den Beratungen am 17. Oktober aus — sei zu hoffen, daß die intensive Beschäftigung mit sozialen An- gelegenheiten in einem besonderen Ausschuß geeignet sein werde, auch sonst sehr verhärtete Gemüter sozialen Regungen zugänglicher zu machen, und so mit der Zeit eine Befruchtung der ganzen sozialen Tätigkeit der Gemeinde herbeizuführen. Bei den Be- ratungen im Plenum und im Ausschuß wurde von unserem Redner ein ausführliches Bild des Arbeitsgebietes für einen solchen Aus- schuß gezeichnet, der übrigens in einer ganzen Reihe deutscher Städte schon bestände. Ein großes, besonders in Berlin wichtiges Feld sei die Wohnungsfrage; hier habe man die Möglichkeit der Errichtung eines Wohnungsamtes, eines W o h n u n g s- Nachweises, einer städtischen Wohnungsinspektion, die Förderung des Kleinwohnungsbaues— sei es durch die Stadt selbst, sei es durch Unterstützung von Genossenschaften—. die Pflege der kommunalen Boden- und Verkehrspolitik zu crörtörn. Ein weiteres wichtiges Feld sei die Arbeiter- Politik. Dahin gehören Besprechung der Arbeitsordnung für städtische Arbeiter, die Frage des Arbeitsnachweises, des A r b ei t s l o se n p ro b le m s. Bei dieser wichtigen Frage, die gerade jetzt wieder so energisch an die Tür klopfe, hätte der Ausschuß zunächst das st a t i st i s ch e Material zu verarbeiten, die Erfolge der Versuche mit>der Arbeitslos igkeitsversiche- r u n g in anderen Gemeinden und Ländern zu prüfen, die B e- schaffung von Arbeit im Winter und schlimmstenfalls von Notstandsarbeiten zu erwägen. Ein drittes großes Gebiet läge in der Sorge für die Jugend . bis zum schulpflichtigen Alter,— das Gebiet der Säuglings- für so rg e sei eben erst betreten, und hiermit müsse die Schw a n- g e r e n- und Wöchnerinnenfürsorge und des weiteren die Kinderhorte, die Krippen und die Kindergärten der- knüpft werden. Auf diesen Gebieten sei noch alles der Privat- tätigkeit überlassen, die— abgesehen von anderen Nachteilen— auf keinen Fall ausreiche. Freilich unterstütze die Stadt auch Vereine, die sich mit diesen und anderen sozialpolitisch wichtigen Gegen- ständen beschäftigten, durch alljährliche Zuwendungen. Aber wenn man auch nicht weitergehen wolle, so sei ein ständiger Ausschuß, der mit der Zeit ein großes Maß von Erfahrung und einen weiten lleberblick gewinnen müsse, nötig, um die Verteilung dieser Gelder zweckmäßig zu gestalten und an gewisse Bürgschaften bietende Be- dingungen zu knüpfen. Aber die Aufzählung aller dieser Aufgaben, denen noch andere angereiht waren, vermochte das Schicksal des Antrages nicht abzuwenden. Im Plenum wie im Ausschusse wurden nur recht wenig stichhaltige Gcgengründe angeführt,— da wurde bezweifelt, ob die Städteordnung einen solchen Ausschuß zuließe(!), da wurden Kompetenzkonflikte zwischen diesem Ausschuß und den cinzelkien Verwaltungen befürchtet. Da wurde angeführt, daß ein Kleines feuilleron. Ein Zeitungsjubilöum. Dreihundert Jahre sind in diesem Jahre vergangen, seit 1699 die erste regelmäßige Zeitung in Teutschland erschien. Bis zu diesem Zeitpunkte existierten nur private„Relationen"(Mitteilungen), die sich die Fürsten und 5taufleute durch ihre Korrespondenten aus verschiedenen, für sie wichtigen Gegenden zugehen ließen. Sowohl die privaten Re- lationen der Kaufleute als auch die später einsetzenden öffent- lichen Zeitungen wurden ins Leben gerufen durch die Interessen des Handelskapitals, das sich damals zu entfalten begann.� Ent- deckungen und Erfindungen waren gemacht worden, Handelsstraßen und Stapclplätze hatten sich herausgebildet, kurz: das Aufblühen des Handels verlangte eine bessere Informierung über die Zu- stände in den Bezugs- und Absatzgebieten, über Krieg und Frieden, Pest und Hunger usw. Dem Straßburger Buchdrucker Johann CaroluS gebührt das Verdienst, die erste öffentliche Zeitung herausgebracht und der erste deutsche Zeitungsverleger gewesen zu sein. Die Straßburger Zeitung des Johann Carolus wurde durch folgenden Kopf geziert: Relation Allen Fürncm- men und gedenkwürdigen Historien/ so sich hier vnd wider m Hoch und Nieder Teutschland/ auch in Frankreich, Italien, Schott- vnd Engelland Hispanien/ Hungarn/ Polen, Siebenbürgens Wallachey/ Moldav/ Türkev/ usw. Im diesem 1699 Jahr verlauffen vnd zutragen möchte. Alles auf das trevlichst wie ich solche bekommen vnd zu wegen bringen mag, in Truck ver- fertigen will. Auf beiden Seiten dieser Anpreisung befanden sich von Künstler- Hand gezeichnete Randleisten mit Blumcnmotiven. Diese Zeitung hat nachweislich bis zum Jahre 1679 existiert; ein ganzer Jahr- gang sowie auch der Druckereikaufvertrag dc.s Meisters Carolus befinden sich in der Heidelberger Universitätsbibliothek. Tie Straßburger Zeitung war ein Wochenblatt. Der zunehmende Verkehr sowie die Verwickelungen, die durch die damaligen Kriegs- bändet verursacht wurden, hatten bald das Bedürfnis nach einer Tageszeitung wachgerufen. Insbesondere in Leipzig, als einem bedeutenden Mittelpunkt des Handels, wurde bald der Ruf nach einer solchen laut. Der dortige Buchdrucker Peter Bauer wandte . sich, um das Privilegium zur Herausgabe einer Zeitung zu er- halten, an die hohe Obrigkeit, die ihm dieses jedoch verweigerte, solcher Ausschuß überflüssig sei, da ja überall in der Verwaltung und in der Versammlung sozialpolitisches Denken und Handeln Platz greife. Ja, es gab ängstliche Gemüter, die von einem solchen Ausschuß eine Verschleppung der Durchführung sozialpolitischer Maßnahmen befürchten wollten, als ob man in Berlin bisher an ein schnelles Tempo auf dieiem Gebiete gewohnt gewesen sei. Vergeblich machte unser Redner in der entscheidenden Sitzung vom 6. Februar 1998 noch einen letzten Versuch, gerade diese. Be- denken dadurch zu zerstreuen, daß er darauf hinwies, wie wertvolle Vorarbeit ein ständiger Ausschutz für Sozialpolitik für die zur Zeit brennend gewordenen Fragen der Arbeitslosigkeit und der Schul- speisung hätte leisten können,— der Antrag wurde mit über- wältigender Mehrheit abgelehnt. Das Hauptmotiv für die meisten Mitglieder der Majorität dürfte die Furcht vor der Aufklärung durch einen solchen Ausschuß gewesen sein,— die Herren wollen eben nicht festgestellt sehen, was ist. Um so energischer wird die Sozial- demotratie auch jetzt bei den Wahlen Wieder für Aufklärung sorgen müssen. Die Stadt Berlin ist einer der größten Arbeitgeber. Nach dem Statistischen Jahrbuch der Stadt Berlin(herausgegeben 1999) zählte die Betriebskrankenkasse der Stadtgemcinde im Jahre 1996 durchschnittlich 14 999 Mitglieder, dazu kamen von der städtischen Parkdeputation 696 und von der Straßenreinigung 9973, so daß das städtische Arbeitsheer rund 16 799 Mann stark war. Die Stadt Berlin wäre wohl in der Lage aus ihren Betrieben Muster- betriebe zu schaffen. Aber dahin geht der Ehrgeiz des Berliner Kommunalfreisinns nicht. Wir haben im vorigen Bericht (Seite 28/29) gezeigt, wie die freisinnige Majorität im Jahre 1996 unseren Antrag auf Einführung einer allgemeinen Arbeitsordnung für die städtischen Arbeiter behandelte. Ohne sich auf eine DiS- kussion einzulassen, gingen sie über den Antrag, dem ein sorg- sättig ausgearbeitetes Statut:„Bestimmungen über die Arbeits- und Lohnverhältnisse der städtischen Arbeiter Berlins" beigegeben war, zur Tagesordnung über. In der kurzen Rede, mit der der gemeinsame Sprecher der drei liberalen Fraktionen den Uebergang zur Tagesordnung„motivierte", wurde unverblümt die Rücksicht auf die"„Gefahr für die gesamte industrielle Welt Berlins" als ausschlaggebend angeführt,— eine Gefahr, die in der Notwendig- keit besserer Arbeitsbedingungen auch in der Privatindustrie be- stehen würde? Das Mißlingen des Vorstoßes betreffs der all- gemeinen Arbeitsordnung hielt die Fraktion natürlich nicht ab, mit weiteren Anträgen bezüglich der städtischen Arbeiter vorzugehen. Am 19. September 1998 wurde ein Antrag von uns beraten,„den Magistrat zu ersuchen, die Regelung der Lohn- und Arbeitsver- hältniffe der städtischen Arbeiter nach den vorliegenden spezialisierten Anträgen vorzunehmen und die dazu erforderlichen Mittel in den Etat 1999 einzusetzen". Für unser Vorgehen war maßgebend, daß im Jahre vorher eine direkte Petition der städtischen Arbeiter an den Magistrat damit beantwortet worden war. daß die„Anträge auf Erhöhung des Arbeitslohnes usto. durch die Feststellung des Etats pro 1998 ihre Erledigung gefunden" hätten, und daß der Magistrat„nicht in der Lage sei, zurzeit in eine erneuete Prüfung der Anträge einzu- treten". Bestimmend für uns wirr ferner, daß unseren Vertretern, die bei der Etatsberatung für Lohnrcgelungen eintreten, stets er- widert wurde, man könne so tief einschneidende Maßregeln nicht im Drange der Etatsfeststellung erledigen. In den einzelnen Ver- waltungsdeputationen aber,— nun, einer unserer Redner sagte aus eigener Erfahrung heraus:„Es ist ein großer Unterschied, ob die Frage hier behandelt wird oder in den Deputationen. In den Deputationen fehlt die Resonnanz der Oeffentlichkeit.(Zurufe.) Ja, das sage ich mit voller Ueberlegung. Da werden sehr viele Ausdrücke gebraucht und Ausführungen gemacht, die die Herren nicht wagen würden, hier in der Oeffentlichkeit vorzubringen.(Sehr richtig! und Unruhe.)" Häufig genug aber heißt es auch in einer Deputation, man dürfe in einer einzelnen Verwaltung nicht einseitig vorgehen; so war der von uns beschrittene Weg der ge- botene. Der Antrag forderte: In allen kontinuierlichen Betrieben Festsetzung der Arbeitszeit auf 8 Stunden, wie es bereits in den Gaswerken sei, im übrigen die 9stündige Arbeitszeit. Unser Redner konnte sich darauf berufen, daß die Forderungen außerordenlich mäßige seien. Der Neunstundentag ist in der Berliner Industrie allgemein üblich, zudem hätten wir anerkannt, daß es Betriebe gäbe, die nicht ohne weiteres zum 9stündigen Arbeitstag übergehen könnten. Darum seien Ausnahmen für das Badepcrsonal und für das Küchen- und Pflegepersonal der Pflegeanstalten vorgesehen. Dagegen werde vor allen Dingen für das Pflegepersonal der Fort- fall des Logiszwanges verlangt. Bezüglich der Löhne wurden zwei Forderungen gestellt. Einmal Einführung von Wochcnlöhnen an Stelle der Tages- und Stundenlöhne, wie sie bereits in Staats- betrieben(Bayern) und einer Reihe deutscher Städte bestehen; so- weil„mit solchen Zeitungen öfters große Unrichtigkeit vorgehet". Hier bekundet sich also zum erstenmal das Mißtrauen, womit die Behörden durch die Jahrhunderte hindurch die Presse verfolgt haben. Ehe in Leipzig der Plan verwirklicht werden konnte, er- schien vom Jahre 1651 ab in Köln die„Postzcitung", vorerst auch nur wöchentlich, später änderte sie ihren Titel in„Kays.-Röm.- Reichs-Obcrpostzeitung", und ist jetzt noch unter dem Titel„Köl- nische Zeitung" als nationalliberales Blatt bekannt. Am 1. Januar 1869 konnte man in Leipzig die erste deutsche Tageszeitung er» scheinen lassen. Sowohl die Kölnische als auch die Leipzigerin erschienen in einer deutschen und einer lateinischen Ausgabe mit Rücksicht auf die verschiedenen Abonnenten. Zu Anfang des folgen- den Jahrhunderts tauchten dann in den meisten größeren Städten Zeitungen auf, so 1710 der„Hamburger unparteiische Courrier", 1721 die spätere„Vossische Zeitung" in Berlin, 1739 die„Magde- burgische Zeitung", 1742 die„Schlcsischc Zeitung", 1731 die„Königs- berg. Hortungsche Zeitung". Die Herstellung der damaligen Blätter mittelst Flachdruck war ziemlich umständlich, ebenso der Nachrichtendienst, der durch Boten, Staffettenreiter und auch Extraposten bewerkstelligt wurde. Das große Format einzelner Blätter war eine Anlehnung an da? englische ZeitungLwescn. Dort mußte pro Bogen ein Stempelgeld bezahlt werden, daher suchte man die Bogen möglichst groß zu inachen. Das vielfach gebrauchte Worte„Gazette" für die Zeitung stammt von einer kleinen venezianischen Münze, für die dort im 16. Jahrhundert Nachrichtenblätter verkauft wurden. Seitdem hat sich das Zcitungswesen riesig entfaltet. Wenn der ehrbare Meister Johannes Carolus einen Blick, in das moderne Zeitungsgebäude unserer Zeit mit seinen Rotations- und Setzmaschinen, seinen aus- gedehnten Offizinen und dein entwickelten Nachrichtendienst werfen könnte, er würde Augen machen. Am meisten würde ihm wohl der „eiserne Kollege" imponieren, der heute vieler Hände Arbeit über- flüssig macht. Vanille und Vanillin. Seitdem die wissenschaftliche Chemie namentlich in Deutschland so gewaltige Fortschritte gemacht und der chemischen Industrie die Mittel und Wege gezeigt hat, wie sie ge- wisse Stoffe billiger herstellen kann, als sie sonst durch Anbau und Bearbeitung von Planzen zu erlangen sind, ist manche Pflanzen- kultur fast ganz eingegangen. Wir erinnern nur an die Indigo- kulturen. Neuerdings ist auch der Vanille ein.großer Konkurrent in dem auf chemischem Wege erzeugten Vanillin entstanden. Tie Vanille ist eine Zwischenwltur. deren Pflanzung in unseren Schutz- gebieten noch ziemlich im Anfange steht; in der Hauptsache wird sie in Mexiko und in den französischen Kolonien gewonnen. In diesen leben gegen 49 999 Personen von ihrer Kultur. Wer der Wert der berühmten französischen Vanille, die in die ganze Welt verschickt wird, ist so tief gesunken, daß die Pflanzer eifrig nach künstlichen Mitteln suchen, um den Preis wieder zu heben. Di« dann Lohnerhöhungen, indem ein Minimallohn von 4 M. pro Tag der Berechnung der Wochenlöhne zugrunde gelegt Werden sollte. Für den vollkräftigen Arbeiter war seit 1991 das Minimum auf 3,39 M. pro Tag festgesetzt. Des weiteren wurde eine fünfjährige Lohnskala mit jährlicher Steigerung gefordert. Die Sätze selbst waren bescheiden genug. In der Mehrzahl der Fälle sollte die Steigerung pro Tag und Jahr 13 Pf. betragen,— eine jährliche Steigerung des Stundenlohnes um IM- Pf. Im ganzen hätten die Lohnerhöhungen durchschnittlich 6— 7 Proz. betragen. Endlich war eine einheitliche Regelung der Bezahlung für Ueberstunden vorgesehen. Die Erhöhung für dieselben war gegenüber den bis« herigen, außerordentlich verschiedenen Sätzen nicht unerheblich, und zwar aus dem guten Grunde, um die Ueberstundcnwcrtfchaft nach Möglichkeit einzuschränken. Die„große Linke" stellte sofort den Antrag auf Uebergang zur Tagesordnung„in Erwägung, daß die Regelung der Löhne und sonstigen Arbeitsbedingungen der städti- scheu Arbeiter seitens der einzelnen Verwaltungsdcputationen des Magistrats gemäß den Gemeindebeschlüssen und dem Etat zu er- folgen hat, daß ferner die Versammlung erwartet, daß der Ma» gistrat, wie bisher, ttn geeigneten Fällen auf erforderliche Wände- rungen Bedacht nehmen wird". Vergeblich traten vier unserer Genossen für unseren Antrag ein, vergeblich bemühte sich der sozial- fortschrittliche Dr. Preuß. wenigstens die lleberweisung an einen Ausschuß durchzusetzen. In namentlicher Abstimmung wurde der Uebergang zur Tagesordnung mit 63 gegen 32 Stimmen beschlossen. Mit uns stimmten nur die Sozialfortschrittlichen. Andere Gründe, als die oben abgedruckten„Erwägungen", wurden in der Diskussion von den Gegnern kaum geltend gemacht. Man müßte denn die Entdeckung des Herrn Oberbürgermeisters dahin rechnen, daß„die Städteordnung, die ja vorsieht, daß die Bcamtengehälter festgestellt werden müssen, an keiner Stelle von einer Feststellung der Löhne der einzelnen Arbeitcrkategorien spricht". Die Städteordming, deren heut gültige Fassung aus dem Jahre 1833 stammt, und Lohn- festsetzung für die„einzelnen Kategorien" städtischer Arbeiter!! Einen recht guten Witz*) machte Dr. Preuß, als er unseren Vertretern in scherzhafter Weise vorwarf, einen taktischen Fehler begangen zu haben, indem sie diesen Antrag„ein Jahr zu spät oder ein Jahr zu früh gestellt haben; denn wenn wir im Herbst allgemeine Wahlen hätten, so würden wir vielleicht doch einen Ausschuß beliebt haben.(Sehr gut! und Widerspruch.)" Nun, wir hoffen, daß auch jetzt nach Jahresfrist die Arbeiter deS Vorgehens der Majorität gedenken und Manu für Mann dafür sorgen, daß die sozialdemokratischen Kandidaten mit überwältigenden Stimmenzahlen gewählt werden. Die Stadt Berlin ist nicht nur als Unternehmer Arbeitgeberiu, sie ist es auch indirekt, da vielfach Arbeiten an Unternehmer ver- geben werden. Wir erinnern nur an die zahlreichen Bauten und ihre innere Einrichtung. Betreffs der Vergebung solcher Arbeiten brachte unsere Fraktion noch im Oktober 1997 zwei Anträge ein: den Magistrat zu ersuchen, 1.„mit der Versammlung in gemischter Deputation darüber zu beraten: in welchem Umfange die gegenwärtig an Privatunternehmer vergebenen städtischen Arbeiten in eigener Regie der Gemeinde» Verwaltung ausgeführt werden können"; 2.„die Vorschriften über das städtische Submissionswesen einer Neuregelung zu unterziehen und hierbei festzusetzen, daß die Lieferungen und Arbeiten für die Stadt öffentlich aus- geschrieben werden, und daß den Submittenten die Verpflichtung auferlegt wird, für die mit der Ausführung städtischer Aufträge beschäftigten Arbeiter die von den gewerkschaftlichen Organisa- tionen ihres Berufes vereinbarten Lohn- und Arbeitsbedingungen anzuerkennen". In der Diskussion, die am 24. Oktober 1997 stattfand, der- wahrten sich die Redner der Majorität namentlich gegen die Uebcr- nähme neuer Arbeitsgebiete in städtische Regie; alle privatkap ita- listischen Register wurden gezogen; namentlich wmrdc entgegen aller Erfahrung behauptet, daß die Stadt viel tcurex arbeite und daß es daher höchst bedenklich sei, den der Stadt Verantwortlichen Unter- nehmer auszusckmltcn. Immerhin wurden beide Anträge einem Ausschuß überwiesen. In diesem wurde der erste Autrag schnell „erledigt", der denn auch am 16. Januar 1998 im Plenum glatt abgelehnt wurde, obgleich unser Redner immer wieder betonte, daß es sich zunächst doch nur um eine Untersuchung handele. Die Beratung des zweiten Antrages hatte der Ausschuß vertagt, *) In das Gebiet der unfreiwilligen Komik gehört dagegen eine Bemerkung, die Herr Cassel in einer wutschnaubeirden Erwiderung auf die Ausführungen unserer Redner und des Dr. Preuß mit Anspielung aus die französische Revolution machte»„Wir wollen nicht üie Stadtverordnetenverwaltung zu einer Art Konvent ge- stalten, der die gesamte Verwaltung an sich reißt." Schuld an dem großen Preissturz trägt die Billigkeit deS Vanillins, dessen Preis, anfangs 499 M. für ein Kilogramm, durch Verbesserung der Erzeugungsmcthoden nach und nach bis auf 39 Ml gesunken ist. Es wiederholt sich nun auch hier das alte Schauspiel: die bisherigen Produzenten wolle ii� den durch wissenschaftliche Rc- sultate erzielten Fortschritt durch Stcuereingriffe hemmen, zu dem einzigen Zwecke, um ihr bisheriges Monopol aufrechtzuerhalten Die französischen Vanillepflanzer, die. sich genau so für uncntbehr- lich halten wie die deutschen Agrarier, verlangen daher eine Steuer für das Vanillin, das zur Grundlage die Intensität des Ziiechstoffs hat. Man hat nun gesunden, daß das Vanillin hundertmal so stark riecht wie Vanille. Sie wünschen daher, daß die Steuer auf Vanillin hundertmal so groß sei wie auf Vanille; letztere beträgt nur 2,93 Frank für das Kilo. Indessen hat die französische Regie» rung diesen unerhörten Forderungen nur teilweise Rechnung ge- tragen. Sie hat in dem Etatsvoranschlag für 1919 eine Steuer von 69 Frank für das Kilo Vanillin vorgeschlagen, wozu noch 13 Frank für solches Vanillin tritt, das von fremden Ländern nach Frankreich eingeführt wird. Der Sicgeszug des Vanillin wird sich dadurch natürlich nicht aufhalten lassen. ?!otizen. — K u n st a b c n d o. Der Dichterahend des Schiller- Theaters, Charlottcnhurg. der am Sonntag stattfindet, ist Heinrich Heine gewidmet. Den cinloilenden Vortrag hält Theodor Kappstein.— Am 3. November findet im Mozartsaal eine Th oma- Feier statt, die von der»Freien Lchrcrvereiiiignng für Kunstpflege veranstaltet wird. Professor Thode-Hcidelbeig halt die Festrede. — Schillers Werke für eine Mark. Der Schwäbische Schillerverein gibt zum 139. Geburtstage Schillers(am 10. November) des Dichters Gedichte und Dramen in einer Auflage von 119 999 Exemplaren heraus. Der 394 Seite» starke, gebundene Band kostet 1 M. Bestellimgen sind an das Schatzincistcranit des Schwäbischen Schillervereins, Stuttgart(Königstr. 31 L> zu richten. — Vorträge. Tie norwegische Jbsendarstellerin Agnes S h ni r a trägt am 29. Oktober im Chowalionsaal»Peer Gynt" von Ibsen in deutscher Sprache box. — Ein W e t t f l u g von Paris noch Brüssel. Der Französische Automobilklub hat beschlossen,• eine Wettfahrt mit Flugmaschincn von Paris nach Brüssel zu organisieren, die wahr- scheinlich im nächsten Frühjahr während der Eröffnnngswochcn der Internationalen Brüsseler Ausstellung stattfinden wird. Das Terrain bietet keine ernsthaften Schwierigkeiten und man nimmt an. daß die Entfernung in vier Flügen von je einer Stunde wird zurückgelegt werden können. Es sollen vier Landungsstationen fest. gesetzt werden. Dem Gewinner würde auch der englische Preis von 29 999 M. zufallen, der für die größte mit der Flugmaschine zurückgelegte Entfernung zwischen dem 13.' August 1SVS und dem IB. August 1910 ausgesetzt ist. «m sich Material über das Submissionswesen aus anderen Ge- feinden zu'beschaffen. Außerdem wurde ihm eine im April 1L03 eingegangene Magistratsvorlagc überwiesen, die eine Neuordnung der'„Gcschäftsmvwcisungen der Hoch, und Ticfbaudcputation". der ..Geichäftsanweifungcn für die Vorsteher der Hochbauämter und Tiefbauämter" und dSr„Allgemeinen Vertragsbedingungen und der Bietun.qsbedingungen" enthielt. Die Beratungen dieses umfang- reichen Stoffes beschäftigten den Ausschutz in sieben Sitzungen und als er endlich am L8. Januar lS09 seinen Bericht vorlegt, wird die Angelegenheit auf Wunsch der Majorität noch einmal an den Aus- schütz zurückgewiesen, um noch einige Unternchmerbedenken, die außerhalb der Versammlung aufgetaucht, von Herrn Rettig der- treten wurden, zu beraten. Nach zwei weiteren Sitzungen kam es endlich am 6. April 1909 zur Beschlußfassung im Plenum. Die drei Magistrarsvorlagen wurden mit einiger, kleinen Aendcrungen des Ausschuffes angenommen. Das war nicht wunderbar— heißt es doch in der Magistratsvorlage selbst:„Es hat uns hierbei(bei den Abänderungen von größerer Bedeutung gegenüber den bisherigen Submissionsbedingungeni der Wunsch geleitet, den bisherigen, in erster Linie die fiskalischen Jntereffen der Stadtgemeinde der- tretenden Standpunkt zu ändern und mehr als bisher auch die Jntereffen des Unternehmers und seiner(!) Arbeiter zu berück» sichtigen." Freilich ging die Rücksichtnahme einigen Vertretern der Unternehmer nicht weit genug; und in den Verhandlungen vom 6. April 1909 brachte Herr Rettig, der namens seiner Partei(der allen Linken) die Zustimmung zur Vorlage aussprechen mußte. eine Reihe derartiger Anregungen vor, daß sich der Berichterstatter, selbst ein Unternehmer in der Baubcanche, gezwungen sah zu erklären, diese Anregungen seien schon im Ausschutz gründlich geprüft worden.„Selbstverständlich»var der Ausschutz nicht«n der Lage. Anträge anzunehmen, die, wenn ich mich etwas stark ausdrücken darf, ein krasses Unternchmerinteresse darstellen." Angenommen wurde auf Antrag des Ausschusses des weiteren «ine Resolution, die in b Punkten einige Wünsche an den Ma» gistrat ausspricht: uns interessiert hier nur der erste Wunsch, der dahin geht, „Unternehmer, welche 1. die zwischen den Organisationen der betreffenden Berufe der Arbeitgeber und Arbeitnehmer vereinbarten Tarife über Lohnhöhe, Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen nicht ein- halten, oder 2. da, wo solche Tarife in dem betreffenden Berufe nicht be» stehen, nicht die im Gewerbe ortsüblichen Löhne zahlen, oder die ortsübliche Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen nicht einhalten, 3. ganz oder teilweise ihnen übertragene Arbeiten in Straf- anstalten anfertigen lassen, von der Uebernahme städtischer Arbeiten und Lieferungen aus- zuschließen." Mit der Beschlußfassung wurde gleichzeitig unser Antrag vom Oktober 1907 als erledigt erklärt. Der kleine Erfolg, der für uns in der Annahme der Resolution liegt, ist freilich noch keineswegs gesichert. Am 23. September dieses Jahres ließ der Magistrat der Stadtverordnetenversammlung eine Vorlage zur Kenntnisnahme zugehen» in der er sich mit den Abänderungen an seinen Anwei- sungen für die Baudeputationen usw. einverstanden erklärt, der Resolution gegenüber aber Bedenken erhebt. Dem ersten Absätze könne er nur mit folgendem Wortlaut zustimmen: «Unternehmer, welche die in allgemeinen Tarifverträgen über Lohnhöhe, Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen vereinbarten Festsetzungen nicht einhalten, sind von der Uebernahme städtischer Arbeiten und Lieferungen ausgeschlossen." Die Fassung der Stadtverordnetenversammlung würde die Möglichkeit von Zweifeln offen lassen(!). Den weiteren An- regungen(oben unter 2 und 3) könne er nicht Folge geben, da der Begriff des Ortsüblichen„vielfach zu unbestimmt" sei und weil endlich Arbeit in Strafanstalten nach der Natur der zu vergebenden Aufträge fast völlig ausgeschlossen sei, andererseits nicht übersehen werden könne, welche Folgen eine solche Bestimmung mit Rücksicht auf die Beschäftigung der Anstaltsinsassen von Rummelsburg habe. Diese Magistratskundgebung wird von neuem einen AuS- schütz beschästigen. Auch hier trifft zu, was das freisinnige„Berliner Tageblatt" vom 26. Juni 1908 schrieb: „Immer wieder mutz leider auf die kommunalpolitische Rück- ständigkeit der Reichshauptstadt hingewiesen werden..... überall fehlen der weite Blick und das offene Bekenntnis vom sozialen Fortschritt. Selbst wo einmal die Stadtverordnetenversammlung einen von sozialer Einsicht zeugenden Beschlutz gefaßt hat, da stellt sich ihr der Magistrat mit bureaukratischen Bedenken und Rompetenzerwägungen hemmend in den Weg." Mögen die Wähler bei den kommunalen Stadtverordnetenwahlen durch eine gewaltige Stimmenzahl für die Kandidaten der Sozialdemokratie bekunden, daß sie mit dieser Rückständigkeit aufräumen wollen! Die Jahre 1908 und 1909 waren Zeiten einer starken Krise, die auch die Berliner Arbeiterschaft mit Arbeitslosigkeit heim- suchte. Die sozialdemokratische Fraktion im Rathaus hat beständig versucht, hier fehlend einzugreifen. Bereits am 13. Januar 1908 kam ein Antrag unserer Fraktion zur Beratung, den»Magistrat aufzu- fordern, schleunigst Matzregeln zu ergreifen, um die zurzeit«t Berlin herrschende Arbeitslosigkeit und ihre Folgen zu lindern." Bei der Begründung führte unser Redner aus, datz durch eine Zählung der Gewerkschaften 05 000 Arbeitslose— wohlverstanden solche, die nicht durch Streik oder Aussperrung, sondern durch Mangel an Arbeitsgelegenheit arbeitslos sind— festgestellt wurden. Diese Zahl sei sicher zu niedrig. Sei es doch„sogar von der Leitung des Zentralarbeitsnachweises zugestanden, baß eine große Anzahl Arbeitsloser sich darum gar nicht melden, weil sie gar keine Aussicht auf Arbeit haben." Unser Redner zählte in ruhiger und sachlicher Ausführung die Forderungen auf, die wir sn Anbetracht solcher Verhältnisse zu stellen hatten. Als erste die Beschleunigung aller angefangenen Bauten; zweitens die sofortige Inangriffnahme derjenigen Bauten, für die bereits Bauraten in den Etat eingestellt sind— eS wurden einige bestimmte mit über L Millionen Mark bezeichnet. Weiter wurde angeregt die schleu- nige Ausführung derjenigen kleineren Umbauten und Reparaturen, die sich durch sofort vorzunehmende Baubereisungen als ausführbar erweisen. Die Arbeiten am Schillerpark und den sonstigen Park- anlagen sollten sofort in Angriff genommen werden— während zu Ausgang des Jahres 190? von der Stadtverwaltung unerhörter- weite 200 Arbeiter entlassen worden seien, die bis dahin in der Parkvcrwaltung beschäftigt, nun die Zahl der Arbeits- losen vermehrten. Die Arbeitszeit in� den städtischen Betrieben müsse auf höchstens 8 Stunden verkürzt und Ueberzeit- arbeit und Doppelschichten vermieden werden. Die Staatsregierung solle aufgefordert werden, die für Grotz-Berlin geplanten Bauten und Anlagen schleunigst in Angriff zu nehmen. Besonders wichtig seien Beihilfen an diejenigen Arbeiterorganisationen, die die Ar- beitslofenunterstützung eingeführt hätten. Diese leisteten der Ge. sellschaft einen außerordentlichen Dienst und ihre Kräfte seien auf das stärkste in Anspruch genommen. So haben— selbstverständlich immer abgesehen von Unterstützungen bei Streiks und Äussper- rungen— in Berlin an Arbeitslosenunterstützung gezahlt: im t. Quartal 190S aber im 4. Quartal 1907 Buchdrucker... 50 000 86 000 Holzarbeiter... 44 000 133 000 Metallarbeiter.. 06 000 117 000 Zimmerer... 4 800 26 500 Bildhauer... 5 400 10 300 Für die geforderte Beihilfe an die Gewerkschaften usw. käme VaS sogenannte Genter Svstem in Betracht, das sich bereits auch jn deutschen Städten einzubürgern beginne. �. Ferner müsse die Stadt Wärmehallen in eigener Regie verert stellen; für die Kinder der Arbeitslosen sei durch die schleunige Einführung von Schulspeisung einiges zu tun. In der Vertreibung der Steuern müsse schonend vorgegangen werden, ohne dadurch das Wahlrecht der Betroffenen zu schmälern. Von großer Wichtigkeit sei ferner die Vorsorge für eme fort- kaufende Statistik des Berliner Arbeitsmarktes und der Arbeits- losigkeit, bei der übrigens nicht nur die völlige Arbeitslosigkeit, sondern auch die beschränkte Arbeitsgelegenheit— Feierschichten, .Halbzeitarbeit, Ausfall einzelner Arbeitstage— zu berücksichtigen sei. Daß unser Redner auch bei dieser Gelegenheit auf unfern Antrag betreffs Einsetzung eines ständigen Ausschusses für soziale Angelegenheiten hinwies, der damals noch im Ausschutz beraten wurde, ist selbstverständlich. Die Diskussion stand keineswegs auf der Höhe der Begrün- dnng des Antrages; Herr Goldschmidt, von dem man als Vertreter von Arbeiterorganisationen— der Gewerkvereine— ein unbedingtes Eintreten für den Antrag hätte erwarten müssen, wenn man ihn nicht freilich von früheren Gelegenheiten kennen würde, brachte es fertig, sich mit Angriffen auf die Sozialdemokratie zu begnügen! Geradezu unerhört war das Austreten des Magistrats- Vertreters, des Stadtrats Fischbeck. An positiven Maßregeln der- hieß er nur die Abtragung des Müllabladeplatzes in der Stralauer Allee, die sowieso ein dringender Wunsch der Straßenreinigungs- deputation sei.„Wir würden es aber für ganz falsch halten, ohne daß wir die innere Ueberzeugung haben, datz ein solcher Not- st a n d vorhanden ist, wie man ihn uns einzureden vcr- sucht, sogleich demgemäß einzugreifen." Im übrigen wagte er es. die Arbeitslosen zu verhöhnen, indem er ihnen empfahl, sich an die Armenverwaltung zu wenden oder doch der Stadt den Rücken zu kehren, um— noch dazu im Januar!— auf dem Lande Arbeit zu suchen! Nur der Vertreter der kleinen sozialfortschrittlichen Gruppe stellte sich an die Seite der drei Redner, die von unserer Seite den Angriffen entgegentraten. Und doch mußte selbst das„Berliner Tageblatt" von der Fischbeckschen Rede sagen(ausführlicher bei Hirsch S. 201):„Nur ein Politiker, der keinen Dunst von den libe- ralen Grundsätze» hat, der auch die ganze soziale Gesetzgebung des letzten Menschenalters verschlief, kann eine solche Antwort geben. ... Wenn wir die Arbeitslosenrede des Berliner Stadtrats Fisch- beck betrachten, dann können wir nicht mit gutem Gewissen be- streiten, daß die sozialpolitischen Auffassungen des Berliner Ma. gistrats von einer geradezu kläglichen Rückständigkeit sind. Es wird Zeit, daß auf diesem Gebiet ein schleuniger Wandel eintritt." Sache der Wähler wird es sein, mit allen Kräften auf solchen schleunigen Wandel hinzuwirken— das können sie durch Massen- hastes Eintreten für die Kandidaten der Sozialdemokratie. Die Beschäftigung mit der Arbeitslosenfrage zog sich durch die ganze Berichtsperiode hin und ist natürlich auch jetzt nicht abgeschlossen; leider entspricht der bisherige Verlauf nur allzusehr der geschil- derten Einleitung— den ernsthaften Anstrengungen der Sozial- demokratie blüht nur geringer Erfolg. Unser Antrag wurde einer Kommission überwiesen; diese leistete, wie eines ihrer Mitglieder, der sozialfortschrittliche Dr. Nathan sich ausdrückte, die„ganz ab- sonderliche sozial« Tat, daß wir uns in einer einzigen Sitzung, an einem einzigen Nachmittage, mit der schwierigen Frage der Arbeitslosen in Berlin abgefunden haben." Die Aeußerung fiel am 13. Februar, als die Kommission den dringlichen Antrag ein- brachte, den„Magistrat zu ersuchen, eine generelle Verstigung an die Deputationen und Werke zu erlassen, zwecks Beschleunigung der Ausführung derjenigen Arbeiten, für die Kredite bereits bewilligt sind und insbesondere eine raschere Inangriffnahme und Weiter- sührung aller städtischen Bauten zu veranlassen." Man hatte sich geeinigt, diesen Antrag, der ohne Widerspruch angenommen wurde, vor der eigentlichen Berichterstattung zu bringen. Diese erfolgte am 2. April 1908. Herr Rettig als Berichterstatter meinte, die Verhältnisse, die zur Beratung des Antrages Anlaß gegeben, seien von den Tatsachen zum Teil schon überholt— dabei verwies er auf den eben besprochenen Antrag und die Abfuhr des Scherbel- berges auf dem Stralauer Anger, der„in die Wege geleitet" sei. Dem Drängen einiger Mitglieder des Ausschusses— natürlich in erster Linie unserer Vertreter— auch die zahlreichen weiteren Forderungen wenigstens zu erörtern, habe man nicht statt- gegeben— weil es nicht Sache des Ausschusses sei, Maßregeln für die Zukunft zu treffen. Die lange Debatte, in der drei unserer Redner zu Worte kamen, war nicht ganz so gehässig, wie die im Januar; eS gelang uns, die Mickverweisung an den Ausschuß durch- zusetzen, der sich nunmehr mit unseren Forderungen abzufinden hatte. Er tat es, trotz aller Bemühungen unserer Vertreter, in höchst einfacher Weise, mdem er alle ablehnte. Als Ertrag seiner Arbeit kamen am 14. Mai 1908 zwei Anträge im Plenum zur Annahme, den Magistrat zu ersuchen „1. in gemischter Deputation über die Einrichtung einer Ar- beitSlosenversicherung für Berlin in Beratung treten zu wollen; 2. ihr recht bald Mitteilung zu machen über die Dauer der täglichen ArsseitSzeit in den verschiedenen städtischen Betrieben." So war wenigstens das Bedürfnis nach Schutzmaßregeln gegen die Folgen der ArbeitSwsigkeit im Prinzip anerkannt. llngeletÄichei' Kampf der Behörden gegen die flrbelter-Curnvereine. Die Drangsalierung der Arbeiterturnvereine durch den Kultus- minister, das Provinzjalschulkollegium und die Regierungen stand gestern im Mittelpunkt einer Anklage, die vor der 10. Strafkammer des Landgerichts l verhandelt wurde. Bekanntlich hat der Kultusminister Holle durch Geheimerlatz vom 7. August 1907 die Regierungen und daö Provinzialschulkolle- gium angewiesen, gegen die Arbeiterturnvereine vorzugehen. Er hat die ihm nachgeordneten Behörden angewiesen, ein« Kabinetts- order von— 1834 und eine Ministerialinstruktion von 1839 auf die Arbeiterturnvereine, in denen jugendliche Personen turnen, anzu- wenden. Die Personen, welche den Turnunterricht erteilen, sollen aufgefordert werden, um Erteilung eines Erlaubnisscheines bei gleichzeitigem Nachweis ihrer Qualifikation nachzusuchen. Alsdann solle den Personen die Erteilung des Erlaubnisscheines versagt werden, wenn die Zugehörigkeit der Antragsteller zur sozialdemo- kratischen Partei feststehe! Dementsprechend sind die Regierung und das Provinzialschulkollegium vorgegangen und haben den Turn- nnterricht untersagt, auch Strafen von 100 M. für jeden Fall der Zuwiderhandlung angedroht und auch festgesetzt. Einige Stadt- gemeinden, so der„liberale" Berliner Magistrat und die„liberale" Berliner Stadtverordnetenversammlung haben sogar dem Ansinnen des Provinzialschulkollegiums, den Sozialdemokraten die Turnsäle zu entziehen, stattgegeben! Durch dies Vorgehen hofften der Kriegsminister und die Regie. rungen, den turnfreudigen Nachtmichs der Arbeiterklasse in regie- rungsstomme Turnvereine hineinzutreiben. Das Verwattungs- streitverfahren gegen das rechtswidrige Vorgehen der Behörden ist unzulässig. Um die Rechtswidrigkeit dieses Borgehens der Be- Hörden gerichtlich festzustellen, war es notwendig, öffentlich zum Ungehorsam gegen diese Verordnungen aufzufordern. Der„Vor- wärts" legte deshalb in seiner Nummer vom 27. März dieses Jahres in einem Artikel unter der Ueberschrift„Behördlicher Kampf gegen die Urbeiterturnvereine" den Sachverhalt dar, betonte, aus welchen Gründen die von dem Minister angezogen« Kabinettsorder und Ministerialinstruktion unanwendbar sei, legte dar, datz das Vor- gehen der Behörden gesetzwidrig ist und gab eiüer Aufforderung der Redaktion der„Arbeiter-Turnzeitung" an die Turnwart« und Vorturner der Arbeiterturnvereine in Preußen Raum. Diese Auf- forderung schloß mit den Worten:„Ich fordere deshalb die Turn- warte und Vorturner in den Arbeiterturnvereincn des Arbeiter- turnerbundes öffentlich auf, den Anordnungen der Behörden, welche dir Erteilung von Turnunterricht gegen Entgelt oder die«nent- geltliche Erteilung von Schulunterricht au nicht mehr schulpflichtige jugendliche Personen auf Eirund der angezogenen Verordnungen verbieten, keine Folge zu leisten. Leipzig-Stötteritz. Redakteur der „Arbeiter-Turnzeitung"." Hieran war der Appell an die Staats» anwaltschaft geknüpft, wenn sie glaube, das Vorgehen der Be- Hörden sei ein rechtmäßiges, Anklage wegen Ausforderung zum Un- gehorsam gegen rechtsgültige Verordnungen von Behörden zu er- hoben, sonst ober gegen die Behörden, die solche AnordnunHe» er- lassen haben, strafrechtlich einzuschreiten,•, Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage. Gestern hatten sich der verantwortliche Ncdaklcur des„Vorwärts", Genosse Weber, und der Redakteur der„Arbeiter-Turnzeitung", Genosse Fritz Wildung, vor der Strafkammer gegen die Anklage zu verantworten, durch den Artikel des„Vorwärts" zum Ungehorsam gegen rechtsgültige Verordnungen und die von der Obrigkeit innerhalb ihrer Zuständig- tcit getroffenen Anordnungen öffentlich aufgefordert zu habe». Den Borsitz der 10. Strafkammer führte Landgerichtsdirektor Unger. Die Anklage vertrat Erster Staatsanwalt Br. Steinbrecht. Die Verteidigung führten die Rechtsanwälte Heine und Dr. Heine- mann. Beide Angeklagten erklärten an ihrer Ueberzeugung von der Rechtsungültigteit der fraglichen Verordnungen festzuhalten. Die im„Vorwärts" dargelegten Gründe für die Ungesetzlichkeit des behördlichen Vorgehens seien zutreffend. Der Anklagevertreter wünschte, daß zur„Charakterisierung" auch ein„Vorwärts"-Artike! vom 12. Mai 1909 verlesen werde, der das Vorgehen der Behörde gegen die Arbeiterturnvercine eine„rechtswidrige Schikanicrung" nenne. Oder aber Weber solle gefragt werden, ob es seiner Auf- fassung entspreche, daß es sich da um eine„rechtswidrige Schika- nierung" handle. Beides wurde vom Vorsitzenden abgelehnt, nach- dem die Verteidigung darauf hingewiesen hatte, datz das ja gar nicht Gegenstand der Anklage sei. Dem Staatsanwalt Stcinbrecht galt die Rechtsgültigkeit der Verordnungen, gegen die Wildung und Weber die Arbeiterturn- vereine zuni Ungehorsam aufgerufen hatten, als über allem Zweifel erhaben. Den Verfügungen, die die schulbehördliche Erlaubnis für den Turnunterricht an Jugendliche fordern, sei nicht einmal für den gewerblichen Turnunterricht durch die Gewerbeordnung die gesetzliche Grundlage entzogen. Schulbehördliche Erlaubnis und gewerbepclizciliche Untersagung seien nicht zwei sich widersprechende, sondern sich ergänzende Maßnahmen, die beide nebeneinander zu Recht bestehen. Die Rcichsgewerbeordnung habe weder die Ka- binettsorder noch die Ministerialinstruktion außer Kraft gesetzt. Beide seien auch heute noch rechtsgültig und innerhalb der Zu- ständigkeit der Regierungen erlassen. Aber selbst wenn man an» nehmen wollte, daß der gewerbsmäßige— gegen Entgelt— Turnunterricht durch die Gewerbeordnung völlig freigegeben sei, so würde die erlassene Aufforderung sich auch an d i e Turnwarte wenden. die unentgeltlich jugendlichen Personen Unterricht erteilen. Eine solche Tätigkeit unterstehe zweifellos der Austicht der Schulbehörde, wie der Staatsanwalt, ausgehend von Z 21 der Verfassung dar- zulegen sucht. Die Gewerbeordnung habe nur den Unterricht an Erwachsene und nicht auch an Jugendliche regeln wollen. Das Unterrichtswesen und damit der Unterricht an Jugendliche sei der Landesgesetzgebung vorbehalten. Der unentgeltliche Unterricht könne ausserdem nie durch die Gewerbeordnung gedeckt werden. Die Angeklagten seien daher strafbar. Gegen den noch unbestraften Wildung beantragte er 39 Mk. Geldstrafe, eventuell 6 Tage Ge- fängnis. Weber erschien ihm als der Schlimmere, weil alle bis- herigen Verurteilungen, die seine Tätigkeit als„VorwärtS"-Redak- tcur ihm eingebracht habe, ihn nicht gebessert hätten. Eine 14tägige Gefängnisstrafe sei angemessene Sühne gegen Webe». Wildungä Verteidiger, Rechtsanwalt Heine, erbrachte in längeren juristischen Ausführungen den Nachröeis der Ungesetzlichkeit jener Generalverordnung des Kultusministers Holle, seines Geheimerlasses von 1907, aus Grund dessen die Verfügungen gegen die Arbeiterturnvereine ergangen seien. Ungesetzlich sei sie. weil sie gegen die Verfassung verstoße, wie in dem„Vorwärts"-Artikcl zutreffend gesagt worden sei. Es gebe keine ungeschminktere Ber- höhnung der gesetzlichen Olleichberechtigung als die Stelle des Geheimerlasses, in der es heißt, daß gegen Uebertretung der Kabinetts- order und der Ministerialinstruktion durch sozialdemokratische Per- sonen unnachsichtlich mit Exekutivstrafen vorgegangen und ihnen der Erlaubnisschein versagt werden solle. Auf den Mangel sittlicher Tüchtigkeit allein werde, so stehe eS im Geheimerlaß, die Vcrsagung des UnterrichtserlaubniSschcineS Hann zu stützen sein, wenn die Zu- gchörigkeit zur sozialdemokratischen Partei unzweifelhaft festgestellt sei. Von einer Rechtsgültigkeit der Generalverordnung könne nicht die Rede sein geg>...über einem Turnunterricht, den ein Verein a» nicht mehr schulpflichtige Personen erteile. Die Angeklagten hätten deshalb ein gutes Recht, zur Mißachtung einer derartigen ungesetz. lichen Verordnung aufzufordern. Die behördlichen Anordnungen auf Grund des MinisterialrefkriptS ständen demnach im Wider- spruch mit dem Reichsrecht. Die unentgeltliche Erteilung von Turnunterricht an nicht mehr schulpflichtige jugendliche Personen unterstehe nicht der preußischen Kabinettsorder vom 10. Juni 1834 und der ministeriellen Instruktion vom 31. Dezember 1839. Auf der anderen Seite fei die Befugnis zur Erteilung von gewerbs- mäßigem Turnunterricht durch§ 35 der Reichsgewerbeordnung er- schöpfend geregelt und daneben gelten die Bestimmungen des preu- ßifchen Landrechts nicht mehr. Außerdem sei in einer Verordnung vom 27. Februar 1362 ausdrücklich ausgesprochen, daß der Unter» richt an„Erwachsene" nicht unter die qu. Verordnung falle. Man könne doch nicht alle Personen unter 21 Jahren als„Kinder" bezeichnen. Dies würde weder im Allgemeinen Landrecht, noch in den Verordnungen von 1834 und 1839, noch im Sprachgebrauch, noch in den tatsächlichen Verhältnissen eine Stütze finden. In der Kabinetts- order wie in der Ministerialinstruktion sei immer nur gedacht an genierbSmäsiigen Unterricht schulpflichtiger Jugend, immer Handels es sich nur um einen Privatunterricht, der als Ersatz für den öffent- lichen Unterricht diene. Der Begriff„jugendlich" Hobe in letzter Zeit eine seltsame Wandlung durchgemacht. Für die Unterrichts- erteilung an„Jugendliche" habe man die Grenz« der„Jugendlich- leit" immer weiter hinauSgerückt. schon sei man jetzt beim 21. Lebensjahre angelangt, vielleicht werde man nächstens das 25. oder 30. Lebensjahr fcstsetzen. Früher habe die Großjährigkeits» grenze, an die man sich jetzt halten wolle, bei dem 24. Lebensjahre gelegen, und in diesem Alter sei mancher bereits Staatsbeamter. Der Verteidiger wandte sich sodann gegen die Auslegung, die der Staatsanwalt der Gewerbeordnung zu geben versucht hatte. Den in der Oicwerbeordnung benannten Behörden stehe das Recht evcn- tuellen Einschreitens zu, nicht aber den Schulaufsichtsbchördea. Diesen sei freilick in Preuße»«ine besondere Stellung eingeräumt, ihnen sei es möglich, administrativ in einem an Rußland er» innernden Verfahren Strafen festzusetzen, gegen die es kein girchts- mittel gebe. Wildung habe ollen Grund gehabt, durch eine Auf- forderung zum Ungehorsam endlich einmal die gerichtliche Feststellung zu erzwingen, daß dem Vorgehen der Schulaufsichtsbehörden die Rechtsgültigkeit mangele. Endlich einmal habe diesem Vorgehen. durch das die dem Wohl der Arbeiterbevölkerung dienenden Be» strebungcn der Arbciteriurnvcreine schwer beeinträchtigt werden. Halt geboten werden müssen. Wildung sei freizusprechen oder, falls doch eine Verurteilung erfolge, nur ganz milde zu bestrafen. Für Weber machte sein Verteidiger Rechtsanwalt Heinemann dieselben rechtlichen Gesichtspunkte geltend. Den besonderen An- griff des Staatsanwalts gegen den„unverbesserlichen" Weber wehrte HeineMann mit der Erwiderung ab, Weber verdiene Tank dafür, daß er durch Veröffentlichung der Wildungschen Aufforde- rung dieses Gerichtsverfahren herbeigeführt habe, das die längst .notwendige Klärung bringen werde. Es folgt eine Replik deS Staatsanwalts, der unter anderem sich für seine Auffassung des Begriffes„jugendlich" darauf berief, datz ja auch das Fürsorgeerziehungsgesetz die Schutzbedürftigkeit bis zum 21. Jahre ausdehne. Rechtsanwalt Heine antwortete, für Geisteskranke reiche die Schutzbedürftigkcit oft noch viel weiter, aber niemand werde deshalb den Begriff der Jugendlichkeit ehenso weit ausdehnen wollen. Das Gericht kam nach knapp halbstündiger Beratung za dem Urteil. datz beide Angeklagten freizusprechen seien. Es gehe über die Befugnisse der Schulaufsichtsbehörden hinaus, als Grenze der„Jugendlichkeit" das 21. Lebensjahr fest. zusetzen. Der Begriff„jugendlich" sei sehr flüssig, keineswegs seien „jugendlich" und„minderjährig" als identisch anzusehen. In allen Gesetzen und Verordnungen werde in solchen Fällen ein bestimmtes Alter angegeben. Die KabinettSordcr von 1834 spreche nur von Jugend. Offenbar meine sie damit die Schulfugend der Volkse schule. Mithin dürfe nicht von den Schulbehörden die Grenze b>s zum 21. Lebensjahr hinaufgeschraubt werden. Schon aus diesem Grunde seien die Verordnungen usw., um die es sich bei der Wil- dung-Weberschen Aufforderung handle, rechtsungültig. Es liege daher keine strafbare Aufforderung zum Ungehorsam vor. Lie Klohmelche AiMniz vor dem Schwurgericht. (Telegraphischer Bericht.) Altona, 28. Oktober. In der heutigen Verhandlung wurde unter anderem ein Zeuge Volkmar vernommen, dessen Nichte im Krankenhaus gestorben ist, in das sie von der Blohmeschen Wildnis gebracht war. Die Ver- storbene hat dem Zeugen unter Tränen ihre Behandlung in der Kolanderschen„Fürsorgeanstalt" geschildert. Wenn sie ihre Ar- beiten nicht in einer bestimmten Zeit erledigt hatte, erhielt sie von Kolander bis zu 30 Stockschlägen. Kolander hatte sie einmal auch gezwungen. mit den bloßen Händen glühende Asche aus dem Ofen zu nehmen. Kolander und seine Frau standen mit dem Stock daneben. Das Ohr der Nichte war von den Mißhandlungen eitrig geworden. Kolander hatte die Nichte auch einmal mit dem Stock auf die ge- frorcnen Finger geschlagen und gesagt:„So mein Kind, ich werde Dir die Finger schon wieder warm machen!" Einmal hatte Kolander die Nichte von 2 bis 7 Uhr an die Kette gelegt. Alle Stunde wurde die Kette angezogen und Kolander schlug dann das Mädchen.— Vors.: Machten diese Mitteilungen Ihrer Nichte den Eindruck, daß sie richtig seien?.— Zeuge: Durchaus.— Vors.: Haben Sie etwa Ihrer Nichte angemerkt, daß sie von Haß gegen Kolander erfüllt war und deshalb übertrieb?— Zeuge: Keineswegs.— Zeuge Arbeiter Seemann hat an der Arrestzelle Repara- turen vorgenommen. Kolander drängte auf Beschleunigung, wobei er sagte, er brauche die Arrestzelle dringend für seine Strafen. Kolander erzählte dem Zeugen, in welcher Weise er die Mädchen bewillkommnete, wenn sie ins Asyl geschickt wurden. Der Zeuge selbst hat das nicht gesehen, aber Kolander hat wiederholt geäußert» die Mädchen bekämen bei ihm mehr Prügel als zu fressen. Kolander erzählte weiter, daß ein dreimaliges Austreten täglich genüge, und wenn die Mädchen öfter austreten müßten, müßten sie eben weniger zu essen bekommen. Zeuge hielt dem Kolander vor, weshalb die Mädchen sich nicht beschwerten, worauf Kolander erwidert habe: wenn sie sich beschweren würden, bekämen sie noch mehr Prügel. Kolander bestreitet natürlich die Bekundungen auch dieses Zeugen. Die brutale Art der Mißhandlungen läßt, ganz wie im Miclczimcr Fall, erkennen, daß der„Erzieher" nicht hat erziehen können, noch hat erziehen wollen, sondern den Willen brechen, aus den armen, der Fürsorge anvertrauten Menschen das Menschliche hinausprügeln, die Kinder zu willenlosen, unter dem Tier stehenden Wesen hinabmartern wollte. In beiden Fällen trifft die Aufsichts- instanzen eine Mitschuld. Ja, die„liberale" Berliner Verwaltung will ja gar einer Leitung, die so vorging, von neuem Kinder an- vertrauen! Landesrat Bachmann hatte bei den wiederholten Revisionen nichts Unrichtiges vorgefunden. Anders war es, als er am 8. Mai 1908 in Begleitung des Geheimrats v. Helling und des Bürger- meisters Brandes unvermutet revidierte. Kolander befand sich gerade auf dem Felde, so daß die Zöglinge allein vernommen werden konnten. Sie wurden zu Protokoll vernommen und be- lasteten übereinstimmend Kolander. Während der Vernehmung kam Kolander plötzlich ins Zimmer, sagte, er gehe zufällig vorüber und habe gehört, daß ein Zögling ihn beschuldige. Der Zeuge hatte schon damals den Eindruck, daß Kolander nicht beim Vorübergehen etwas gehört, sondern an der Tür gehorcht hatte. Die Straf- klcidung aus Sackleinewand hat Zeuge nie bemerkt. Auch der Bürgermeister Brandes, ein Mitglied des Kuratoriums, hatte von den tollen Zuchtverfehlungen Kalanders keine Ahnung. Ihm ist, wie er aussagt, nie der Gedanke gekommen, daß die Todesfälle, welche in so kurzer Zeit sich hintereinander ereigneten, mit der Behandlung in Zusammenhang stehen könnten. Der Journalist Schweriner ist vom„Tag" nach der Blohmeschen Wildnis geschickt. � Es scheint einer von den Leuten zu sein, denen mit Leichtigkeit Potemkinsche Dörfer vorgezaubert werden können. Er bekundet als Zeuge, er habe den Eindruck gehabt, als ob die Anstalt ein fidelcs Gefängnis sei. Die Mädchen unterhielten sich laut, sangen zum Teil, waren recht gemütlich und teilten ihm einen Brief der Mädchen an Kolander mit, in dem Kolander große Komplimente gemacht werden, und der nachher den, gewiß Kolander nicht unerwünschten Abdruck im„Tag" gefunden hat. Der Herein- fall, den der„Tag" und der„Lokalanzeiger" mit ihrem Bericht erlebten, wird wohl nicht der einzige sein, für den diese„Partei- losen" Blätter empfänglich sind. Der als Zeuge vernommene Vater des Angeklagten will auch nichts Uebles in der Blohmeschen Wildnis bemerkt haben. Er frägt: weshalb haben sich denn die Mädchen bei mir nicht beklagt? Der Borsibende erwidert: Weil sie Angst vor Ihnen hatten. Sie hätten natürlich Ihrem Sohne geglaubt? Darauf erwidert der Zeuge ganz treuherzig: Natürlich! Dieser Gesellschaft(auf die Anklagebank zeigend) glaube ich nicht! Die Verhandlungen werden voraussichtlich bis zum Schluß der Woche dauern._ Hus der parteu Schweizerischer sozialdemokratischer Parteitag. Am 23. und 24. Oktober tagte in Baden(Schweiz) der dies- jährige Parteitag, zu dem 326 Delegierte erschienen waren, die stärkste Zahl, die bisher auf einem Schweizer Parteitag zu ver- zeichnen war. Zu Anfang wurde eine Protestresolution gegen die spanischen Greuel angenommen. Dann wurde die„F i n a n z r e f o r m" d e r Partei behandelt. Ohne weitläufige Diskussion wurde den Vorschlägen der Parteileitung auf Einführung einer einheitlichen Mitgliedskarte, eines Maifeierzeichens und Herausgabe von Ansichtspostkarten zugestimmt; außerdem sollen von den Gewerkschaften Beiträge an die Partetkasse geleistet werden. Rasch erledigt wurde der Geschäftsbericht der Ge- s ch ä f t s l e i t u n g. Genosse Lang- Zürich referierte über den Stand der R e- Vision des Obligationenrechts, wobei er namentlich den Abschnitt„D i e n st v e r t r a g" und hierbei wieder den Tarifvertrag berücksichtigte. Er führte sehr richtig aus, daß mit der gesetzlichen Regelung des Tarifvertrages sehr vor- sichtig vorgegangen werden müsse und auch nicht viel davon zu erwarten sei. Die Hauptsache ist, daß die Gewerkschaften ferner- hin sich gut entwickeln und den Tarifvertrag in immer mehr Betrieben einzuführen und weiter auszubauen. Die Sitzung vom 24. Oktober wurde mit der Berichterstattung des Genossen Greulich über die Tätigkeit der sozial- demokratischen Nationalratsfraktion eröffnet. Er behandelte besonders eingehend die Frage der Erhöhung der Besoldung der Eisenbahner, die heute noch nicht erledigt ist. Erwähnenswert ist da speziell die energische Opposition der im Nationalrat sitzenden Großindustriellen gegen diese Besoldungs- erhöhung; sie wollen, daß der Staat seine Angestellten und Ar- beiter nicht besser zahlen soll als die Privatindustrie. Dagegen wehrte man sich entschieden von sozialdemokratischer Seite. So- dann besprach Greulich ziemlich eingehend den bekannten Fall Wasfilieff, der in einer die Schweiz beschämenden Weise vom Aundesgericht behandelt und mit der Auslieferung Wassilieffs erledigt wurde. Der Nationalrat stellte sich in seiner bürgerlichen Mehrheit auf die Seite des Bundesgerichts. Die Genossen möchten bei ihrer Kritik an der Fraktion nicht vergessen, daß sie nur aus sieben Mitgliedern besteht, und sie sollten daher überall und immer und energisch dahin wirken, daß die sozialdemokratisch« Vertretung im Nationalrat in Zukunft recht erheblich verstärkt werde. In der Diskusston wurde lebhaft daran Kritik geübt, daß die Genossen im Nationalrat sehr wichtige Gelegenheiten vor- übergehen lassen, ohne einzugreifen und den Standpunkt wie die Interessen der Arbeiterschaft energisch zu vertreten. Auch sind zum Teil Anträge gestellt worden, die alles andere eher als sozialdemokratisch waren. Die Fraktion soll mehr mit den Parteiorganen in ständigem Kontakt stehen und eine Arbeitsteilung für ihre Mitglieder treffen, damit jedes derselben auf einem Gebiete gut unterrichtet und imstande ist, wirksam in die Ver- Handlungen einzugreifen. Beschlossen wurde die Bekämpfung des AlkoholiS- mus, auch im Parlament; die Fraktion soll auf bessere Unter- stützung der Familien der diensttuenden Wehrmänner dringen. Die sozialdemokratische Fraktion soll vor dem Parteitag einen Tätigkeitsbericht veröffentlichen und gemeinsame Sitzungen mit den Parteiorganen abhalten. Genosse Dr. Stutzer- Winterthur berichtete über die Unterschriftensammlung für die Initiative be- treffend die Proportionalwahl des Nationalrats, deren Ergebnis 142 000 Unterschriften sind. Er appellierte«t! die Genossen, später, wenn es zur Volksabstimmung kommt, un- ermüdlich zu agitieren, um der gerechten Sache zum Siege zu verhelfen. Ueber die Kassenverhältnisse der Partei wurde be- richtet, daß die Einnahmen 6241,26 Fr., die Ausgaben 6998,25 Fr. betrugen und der Vermögensbestand 2206,25 Fr. beträgt, wozu noch der sogenannte Militärfonds(mit antimilitaristischer Be- stimmung) mit 4468 Fr. kommt. Zu der bevorstehenden Vereinheitlichung deS schweizerischen Strafrechts wurde beschlossen, eine besondere Kommission zur Aufstellung der sozialdemokratischen Forderungen einzusetzen, die aus den Genossen Lang-Zürich, Dannhausen- Rorschach, K n ö r r- Basel, Zgraggen- Bern, S t u d e r- Winterthur, F e r r i- Bellinzona und Keßler- Biel, lauter Juristen, besteht. In der Nachmittagssitzung hielt der Generalsekretär N i m a t h e- Zürich einen Vortrag über die schweizerische Eisenbahnpolitik. An das sehr beifällig aufgenommene Referat schloß sich eine Diskussion, die mit der Annahme einer Resolution endete, die die herrschende freisinnige Partei für die Misere der schweizerischen Bundesbahnen verantwortlich macht und eine Reform der Ver» waltung in demokratischem Sinne dringend fordert. Eine Diskussion über die Jugendorganisati on klang aus in dem Appell zur tatkräftigen Förderung der sozial» demokratischen Jugendorganisation. Auf die Tagesordnung des nächsten Parteitages soll die Frage„Partei und Gewerkscbaft" eventuell auch der General st reik gesetzt werden. Personalien. In die Redaktion des, Volksblatts für Halle" ist an Stelle des wegen Erkrankung auf längere Zeit beurlaubten Genossen Leopoldt der Genosse Kasparek ein» getreten.(Bisher war er am Lübecker„Volksboten" tälig.) Cingegangene Dmchrchnftcn. Von der„Neuen Zeit»(Swttgart, Paul Singer) Ist weben da» 5. Hest des 28. Jahrgangs erschienen. Aus dem Inhalt des Heftes heben wir hervor: Ein alter Demokrat.— Die Civio Federartion. Von K. Kautsky.— Das Görreslexikon. Kritische Glossen zur klerikalen Gesell- schaststheorie. Von H. Lausenberg(Schluh).— Ein materialistischer Historiker. Von Gustav Eckstein.— Die EntWickelung der öffentlichen Arbeitslosenversicherung. Von Friedr. Klecis(Würzen).— Zettschristen- � Feuilleton der„Neuen Zeit» Nr. 2l und 22: Die Berliner Nationalgaleri«. Von John Schikowsst. Fliegende Menschen. Von H. Ströbel. Kant, Dietzgen, Mach und der historische Materialismus. Von F Mehiing. Ein Brief von Engels an F. A. Lange.— Bücherschau: Wilhelm Windelband. Die Philosophie im deutschen Geistesleben des neun- zebnten Jahrhunderts. Felden, Kirche, Religion und Sozialdemokratie' Schillers Werke.— Lose Blätter: Eine Nationalspende? Eine Ironie der Geschichte. Nochmals derselbe und welcher. Die„Neue Zeit' erscheint wöchentlich einmal und ist durch alle Buch- Handlungen, Poslaiislailen und Kolporteure zum Preise von S.Ää M. pro Quartal zu beziehen; jedoch kaiin sie bei der Post nur pro Quartal abonnicrt werden. Das einzelne Hest kostet 23 Ps. Probcnummcrn stehen jederzeit zur Verfügung. Amtlicher Marktbericht der städliichen Marktballen-Direktton über den Großhandel in den Zenwal-Marttballe». Marktlage: Fleilib: Zutubr stark. Geschält schleppend, Preise für Kalbfleisch anziehend, für Ochsen- und Schweinefleisch nachgebend. Wiid: Zusubi knapp. Geschäft lcbbast, Preise gut. Geflügel! Zufuhr genügend, Geichäst rege, Preise anziehend. Fische: Zufuhr reichlicher, Geichäst etwas lebhafter, Preiie ausgebessert. Bulter und Käse: Geschäft ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obn und Südfrüchte: Zufuhr genügend, Geschäft rege. Preise weig verändert._ WttterunqSüderstcki» vom 88. Oktober ISNv. morgen» 8 llbr. L a � 6 §2 y° eS s? Franks.» K 751 S München|753@aD Wie»! 757 Still Setter cT, i* WÖ »tatioaen P Ii B'S' — 1 6 8 2 10 Swmemd» 754 SD 7 wolkig 6 Haparanda 765 NO 2 bedeckt Hamburg 749 SSO 5 Rege» 7 Petersburg 764 OSO 1 Regen «erlin 753 SO 3 heiter 6 Scillg 752 N 5 bedeckt 1 wolkig 8»lberdeen 759 NW 4 wolkig 1 wolkig 8 Part» 748 SSO 1 bedeckt Nebel 5, j «etterprognose wr Freitag, den LS. Oktober lSSS. Ziemlich mild bei lebbasten südöstlichen Winden und unerheblicher Bewölkung ohne erhebliche Niederschläge. Berliner Wetterbureau. Setter *9 e- Fur den Inhal» der Inserate «ibrrnimm» die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. Frau Dein« Spe< Zhczttr. Freitag, den 29. Oktober. Ansang VI, Uhr. König!. Opernhaus. FtgaroS Hoch- zeit. Königl. SchanspielhauS. Derein- gebildete Kranle. Deutsche». Faust. Kammerspiele. Der Arzt am Scheideweg(Ans. 8 Uhr.) Reue«. Der letzte Kaiser. Thalia. Die ewige Lampe. Anlang 8 Uhr. Nene? königl. Opern-Theater. Anno dazumal. Lessiug. Der König. Komische Oper. Auserstehung. Berliner. Alpentönig u. Menschen- seind. Schiller«. sWallner. Tbeater.) DaS Kälhchen von Heilbronn. Sch'Urr Sharlottendurg. Der Schwur der Treue. Hebbel. Der Skandal. Kleines. Moral. Rene» Schauspielhaus. DaS Exempel. Welten. Die geschiedene Frau. Bolksoper. RigoleUo.(Ansang 8-,. Mr.) Rene» Ovcretten. Der arme Jonathan. Reftdenz. Gretchen. Trianon. Partier Witwen. Lustspielhau». Man soll keine Briese schreiben. Arirdrich- Wilbelmstädt. Schau- spielhaus. Das große Licht. Puisen. Der Postillon von Lon- jumeau. Akoie. Die relegierten Studenten. ivleteopot. Halloh ll— Die große Revue. Folie» Capriee. Mobilisierung. Der gewisse Augenblick. Ans. 8')« Uhr. Apallo. Spezialitäten. Wintergarten. Spezialitäten. Casino. Onkel Cohn. Gebr. Herrnfeld-Theater. EltamS Friseur. Meine Tochter. Karl Haverland- Theater. zialitäten. Walhalla. Svezialltäten. Gastspiel. Die gute Partie. '«»»»ge. Spezialitäten Noack» Theater. Das Warenhaus sräulein. Palai». Der Blumenstrauß, Speziali täten. Retchshalle«. Steltlner Sänger. Urania. T»»de»s,r»ste««>49. AbenbS 8 Uhr: In den Dolomiten. Sternwarte. Jnoalidenar. 57/62. 8 Uhr: Der König. Eonnabend, 8 Uhr: Tantris der Narr. Sonntag, 3 Uhr: Die versunkene Glocke. 8 Uhr: Tantri». d Narr. Berliner Theater. Heute 8 Uhr: Alpenkönig und Menschenfeind. Morgen: Alpentönig und Men» schenfeind. Neues Theater. Abends 8 Uhr: Der letzte Kaiser. Morgen und folgende Tage: ver letzte Kaiser. Idestei' lies Westens. Abends 8 Uhr: Die geschiedene Fran. Sonntag nachm. 3'/« Uhr:£ln Walzertraum. Residenz-Tlieater Direktion: Richard Alexander. Abends 8 Uhr: <*rvtvI»viA. Groteske in 3 Akten von Davis und Lipschütz. Morgen und folgende Tage: Dieselbe Borstellung. Sonntag, 31. Okt., nachm. 3 Uhr: Kümmere Dich um Rmrlie. Schiller-Theater 0.(Wallner-Tbeater.) Freitag, abends S Ubr: Das N Uthchcn v. Hellhronn Großes historisches Ritterschauspiel in 5 Akten von Heinrich o. Kleist. War Ende 11 Uhr."TTC Sonnabend, abends 8 Uhr: Die erste Geige. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Hacbeth. Sonntag, abends 8 Uhr: _ Gespenster._ Theater. Schiller-Theater CharloHenburg. Freitag, abend» 8 Ubr: Dei- Schwnr der Treue. Lustspiel in 3 Sitten v. O. Blumenthal. MF" Ende 10'/, Uhr."WS Sonnabend, abends 8 Uhr: Die ven Hocbsattel. Sonnlag, nachm. 3 Ubr: VIe Veit, In der man sich langweilt. Sonntag, abends 8 Uhr: Der Scbvrnr der Treue. Gewerkschaftshaus if�iSuVr"� Sonnabend, den 6. November 1909, abends 9 Uhr; Heiterer Abend. gS ÄtüÄ Mitwirkende: Trudi Hagen, Melida Avonde, Gesanqsguartett„Freundschaft", Hugo Music. Nachdem Großer Ball-"WW Entree 80 Pf.— Herren, welche am Tanz teilnehmen, zahlen SO Pf. nach.— Eiiitriltstartcn: Am Biifelt des Gewerkschatts- hauses, Herrn Paul Horsch, Engeluser. 16, Herrn Richard Heinrich, * Wrangelstr. 107, und an der Abendkasse. LfrÄtila. Wissenschaftliches Theater. Abends 8 Uhr: In den Dolomiten. IOSE=THEATE friedrich-WilltelmstaMsctifis Schauspielhaus. Freitag, den 29. Oktober, Ans. 8 Uhr: Das große Licht. Schauspiel in 4 Alten o. F. Philippi. Somiabeiid: DaS große Licht. Sonntag nachm. 3 Uhr: Othello. Abends 8 Uhr: Das große Licht. Abends 8 Uhr: Tohuwabohu. Burleske nach dem Amerikanischen, bearb.v. Heinz Gordon, KesangStcxte v. Rudolf Schanzer, Musik v. JuliuS Elnödshoscr. S Uhr SV: Die grandiosen Spezialitäten« 10 Uhr: ? etissse-Tahna? Tolks-Oper. Belle-Alliancc-Straße Nr. Ansang 8*1, Uhr. Rigoletto. UfflftM Kommandantcnstr. 57. 2.21.4,5063. Letzte Ausführung: Helne-Delne Tochter. Frau Eikums Frlsenr mit Anton und Donar Herrnfelb. Morgen Sonnabend, Premiere: So muß ni uii'h machen. Burlcsle m. Gesang in 2 Alten von A. u. D. Herrnseld. Ein Rettungsmittel. Komöd. V.L. Huna. Ansang 8 Uhr. Premierrn-Billetts bereit» im habe«. Große Frankfurter Str. 132. Ans. 8 Uhr. Ende>,,11 U. vis relgierten Studeoten. Lustspiel in 4 Alten von R. Bcnedix. Sonnabend nachm. 3 Uhr z. kleinen Preisen, Schülcrvorstellung: Michael Kohlhaas. Abends 8 Uhr: Der Hüttenbesitzer. Kriiilliell-Thklitn. Badstraße 58. Direktion:«illl Voigt. Freitag, den 29. Oktober 1909: C*raL Essex, Trauerspiel in 5 Akten von Laich e. Kassenössnung 7 Uhr. Ansang 8 Uhr."Wg Luisen-Theater. Erstes Opern- Gastspiel der Mozart- Oper: ver PostilloD von Loipeaii. Komische Oper in 3 Akten v. Adam. Sonnabend nachm. 4 Uhr große Kindervorstellung: Aschenbrödel. 8 Uhr: Robert und Bertram. Gastspiel-Theater Köpenicker Straße 67/68. Täglich abends 8'/, Uhr: Gastspiel von Prltr Reekmann. Die gute Partie. Casino-Theater Lothringer Straße 37. Täglich 8 Uhr: ckNih»kel 'Kinkel oh» �"nkcl X�gh» Cnkel �z-s-oh« nkel iH.oh» »kel Sonntag 4 Uhr: Familie Klinkert« Metropol-Theater Hallo!!! Die grolSe Revue! In 8 Bildern von JuL Freund. Musik v. Paul Liticke. In Szene gesetzt vorn Dir. Rieh..Schultz. Anfang 8 Uhr. Rauchen gestattet. Folies Capriee. Mobilisierung. Hn nter Teil. Der gewisse Augenblick. Vorverk. 11—2. Anfang 81/. Uhr. Igstadt- Kasino. Hoizmarkistraße 72. Täglich: Eranz Stabanskl. Pill Morro, Gustav Eulenburg, Geschw. Arras, F. W. Hardt, The Hartle u. MiO Eltrah usw. Dr. Schwips. Posse mit Gesang in einem Akt. W.Koacks Theater Sruuneiiltr. in, am Rosenthaler Tor. Täglich'/z9 Uhr: Mit größtem Beifall aufgenommen 1 Das Maretthattsftättlttn. Volksst. v. d. Mclsiiigpiltzcr O. Popper. Sonnabend Kindervorstellung: Rot- käppchen. Abends Premier»! Freiheitsdrang. ftenes Opcrcttcn-Thenter, Schiffbauerdcmm 25, a. b. Luisenstr. Heute mid folgende Tage: ver arme �onatkan. I.us'tepivßKgus. AbendZ 8 Uhr: zgI! keine Briefe scöreilieö. _44 eigene Fischdawpfer. ¥ou frisclieü Fängeu unserep Dampfer empfehlen wir in dieser Woche preiswert; la große fette Schollen i-4pfdg.p. Pfd. 30 Pf. !a frische Bratflundern.•„ 30 Pf la Goldbarsch(Seezander)„ 25 Pf. °la kleineSchellfische zum Braten„ 22 Pf. Deutsciie DampffisGiierei-Geseilsciiaft„Nordsee". Größte Hochseefischerei Deutschlands. | Kauplgeschäft: Berlin C., Bahnhof Börse. Tel. III, 8804 u. 2784. VcrkunfMHtellcn: C.: Bahnhof Börse, Bog. 8-10. 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Oktober, abends 7� Uhr: Große Sport-Vorstellung. Sämtliche Sportuummern des Programms. Jagd- Sportakt Amerikanischer Sport. Les Arlbos. Pferd nnd Ballerina. Morgen Sonnabend, 30. Oktober: tinln-Ereinlere der gr. Ausstattungs- Pantomime Die drei Rivalen oder Das mysteriöse Schloh i» der ükiormandie. Sonntag: Zwei Vorstellungen. Nachm. eiu ftind frei, weitere Sünder zahlen halbe Preise. Letzte Woche! Maria Gaivany Primadonna von der Kgl. Oper in Madrid, sowie das Sonntag, den 31. Oktober: tiaehmittagsyorstellüiig. Anfang 31/, Ehr. Kleine Preise. VMB T rianon-Theater. Abends 8 Uhr; Pariser Witwen. Zirkus Busch. Freitag, den 29. Oktober 1909, abends 71/a Uhr präzise: Komischer Galaabend. Zwcrgelown Fran�ois als Kunstreiter. Die Clevelands! Herr Willy Manns Wunderelefant. Mdm. Smaragdas Katzendressur Herr E. Schumann mir neuen Dress. Gigerlolown Daniels. um 9-/. uhr: FarmeÄii! Besonders hervorzuheben: Jack Joyce, der berühmte Cowboy mit seinen wildesten Pferden. 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Für denJnseratenleilveranliv.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag:�rwär't»Buchdructiret u. Aerlagsanjtait Paul Singer Lc Co., Berlin SW, 9t. 253. 26. 2, Keillize i>es Joimärls" Knlim KldsdlM fttikj, 29.©Iifoiitt 1909. Stadtverordnetcn-Oerfammlnnti. 28. Sitzung vom Donnerstag, den 23. Oktober, nachmittags 5 U h r. Vorsteher Michclet eröffnet die Sitzung nach 5V2 Uhr. In der letzten geheimen Sitzung hat die Versammlung die Einsetzung eines Ausschusses zur Prüfung der Frage der Berechtigung der Mitglieder der 120. Armen- k 0 m m i s s i 0 u zur N i e d e r I e g u n g ihrer A e m t e r beschlosien. Der Ausschuß ist heute vor der Sitzung gewählt worden; ihm ge- hören von der sozialdemokratischen Fraktion die Stadtvv. Borg- mann, Ewald und Singer an. Es liegen eine Anzahl Petitionen vor, die der Petitionsausschuß vorbcraten hat, und über die Uebcrgang zur Tagesordnung beantragt ist. 'lieber die Petition des Gemeindelehrers Faust, Jonasstr. 4, um Gewährung einer Entschädigung von 60.0 M. für seine Arbeit an der P f l i ch t f 0 r t b i ld u n g s s ch u le im Jahre 1908/1009, war der Ausschußantrag auf Uebcrgang zur Tagesordnung in der Sitzung vom 15. Juni nicht gutgeheißen, sondern zunächst Berichterstattung verlangt worden. Heute referiert Stadtv. Barth(A. L.), der namens des Ausschusses bei dessen Antrag verbleibt. Stadtv. Hoffmann widersprach dem und foxderte, daß die Per- sammlung die Akten einsehen solle. Genosse' Singer beantragte sodann Verlegung der Entscheidung auf 14 Tag« und Requirierung der Zlkten für den Referenten. Angenommen wurde schließlich ein Antrag Cassel, die Sache dem Petitionsausschuß zwecks Berichterstattung zurückzugeben. Stadtv. Singer schloß sich dem unter der Voraussetzung an, daß dein Ausschuß die Akten zu- gänglich gemacht werden. Dem Berliner Verein für Luftschiffahrt soll, wie der eingesetzte Ausschuß mit 10 gegen 1 Stimme befürwortet, das zur Füllung benötigte Gas für 6 Pf. pro Kubikmeter von der Stadt geliefert werden. Der Magistratsvertreter hatte sich im Ausschuß gegen die Gewährung dieser Ermäßigung erklärt, da der Herstellungspreis 9 Pf. und die Gasanstalt ein gewerblicher Unter- nehmer sei, auch nicht dem Freiballon, sondern dem Lenkballon die Zukunft gehöre. Es geht ein Antrag A r 0 n s(Soz.) ein, unter Ablehnung des Ausschußantrages den Magistrat zu ersuchen, dem Verein durch eine Zuwendung im Rahmen des Spczialetats 49(Subvention gemeinnütziger Anstalten, Vereine usw.) entgegenzukommen. Stadtv. Singer: Unser Antrag will nicht dem Ausschußantrage entgegentreten. Im Interesse einer geordneten städtischen Wirt- schaft aber erscheint uns der Vorschlag des Ausschusses nicht enipfehlcnswert. Gehen wir so vor, wie der Zlusschuß es will, so können sich unangenehme Konseauenzen daran knüpfen. Was materiell durch diese Vorläge gMeben werden soll, wird in der Form der Verweisung auf Spezialetat 49 auch von uns genehmigt werden. Wir müssen aber dafür sorgen, daß unsere Etats, und Jinanzwirtschaft durchsichtig bleibt. Bei der Einmütigkeit über das Ziel wird eine Verständigung über den Weg leicht zu er- reichen sein. Stadtv. Jacobi(A. L.): Der ganze Streit ist ein rein theore- tischer. Von einer Verschleierung der Bilanz der Gaswerke kann keine Rede sein. Wir können dem Ausschußbeschluß unbedenklich zustimmen. Unter Ablehnung des Antrages AronS, der eine starke Minderheit findet, wird der Au s s chuß a n trag a n g e n 0 m m c n. Ueber die Aquarium- Angelegenheit hat der niedergesetzte Sonderausschuß jetzt ausführlichen Bericht erstattet. Er schlägt der Versammlung vor, gemäß dem Gesuch des Besitzers des Instituts, Dr. Hermes, die bisher gewährte städtische Beihilfe auch noch für das Halbjahr bis 31. März 1910 m i t 11 500 M. weiter zu bewilligen; ferner ist, da man den jetzigen Zu- stand der Ungeivißheit über das Fortbestehen der Anstalt zu be- seitigcn trachten müsse, und nachdem die Idee der Jnanspruch- nähme der Markthalle Dorotheenstraße zu Aquariumszweckcn des Kostenpunktes wegen fallengelassen war, folgender Antrag an- genommen worden: „Die Versammlung ersucht den Magistrat, iln: eine Vorlage zur Schaffung eines der Stadt Berlin würdigen Aquariums, sei es durch Angliederung an den Zoologischen Garten, sei es durch Einrichtung eines eigenen Gebäudes, zu machen." Der Antrag A r 0 n s auf Ueber nähme des Aqua- riums in städtische Regie soll durch diese Beschlußfassung seine Erledigung finden. Berichterstatter ist Stadtv. Bamberg (A. 2.) Stadtv. Jacob, widerstrebt durchaus dem letzten Antrage des Ausschusses, solvcit dieser dem Ucbcrgange des Instituts in städtische Regie vorarbeiten Ivürde und beantragt statt dessen eine Fassung, wonach der Magistrat aufgefordert wird, die betreffenden Bc- strebungcn durch Gcioährung einer angemessenen Subvention zu fördern. Wie der Vorsteher mitteilt, nehmen die Stadtverordneten Dr. Hermes und Cassel an der Beratung nicht teil. Stadw. Deutsch(soz.-fortschr.) befürwortet die unveränderte Annahme der Ausschußanträge. Stadtv. Dr. Wcyl(Soz.): Auch wir sind gegen den Antrag Jacobi. Wir wollen doch erst abwarten, wie der Entschluß des Magistrats ausfällt. Der Antrag Jacobi setzt voraus, daß auf keinen Fall ein Aquarium auf eigenem städtischen Gelände errichtet werden soll. Wir sind ganz und gar nicht dafür, uns derart fest. zulenen, wenn wir auch eine Reihe anderer Einrichtungen kennen, die der Kommunalisieruug dringlicher bedürftig sind. Stadtv. Jacobi: Solche Dinge, wie Aquarium, Urania, Sternwarte usw. gehören absojut nicht in die Regie der Stadt. Daß die Sozialdemokratie einen anderen Standpunkt einnimmt, ist ja eine alte Sache. Stadw. Deutsch: In erster Linie will ich ein Aquarium ge- baut haben. Erst wenn es gar nicht möglich sein sollte, mit dem Zoo zu einer Einigung zu kommen, halte ich das direkte Eingreifen der Stadt für geboten. Stadw. Mommsen: Daß auch derartige Anstalten un- bedingt in städtische Regie genommen werden müßten, ist doch wohl bisher noch nicht ausgesprochen worden. Wir sind entgegen- gesetzter Meinung und stimmen für den Antrag Jacobi. Der Ausschußantrag wird mit der Modifizierung nach dem Antrag Jacobi angenommen. Hinsichtlich der Ncueinteilung der Gemeinde- Wahlbezirke III. Abteilung liegt nunmehr der Aus- schußantrag vor: 1. von der(die Neueinteilung ablehnenden) Magistratsvor- läge Kenntnis zu nehmen; 2. den Magistrat jedoch zu ersuchen, eine Neueinteilung der Gemeindewahlbczirke III. Abteilung mit solcher Beschleunigung vorzunehmen, daß nach derselben die Ergänzungswahlen des Jahres 1911 erfolgen können und zwischen der Vollendung der neuen Einteilung lind der nächsten Wühl ein Zeitraum von mindestens 9 Monaten liegt. Der Passus betreffend den Zwischenraum von 9 Monaten ist km Ausschusse mit allen gegen 3, der übrige Text einstimmig an- genommen worden. Referent ist Stadtverordneter R 0 s e n 0 w. Stckdtv. Borgmann(Soz.): In seinem wesentlickien Teile ist der Aussckußantrag einstimmig wie 1906 angenommen wor, den. JchDhoffe, daß dieses wiederholte einstimmige Votum den Mogistrat veranlassen wird, diesmal dem Wunsche der Bersamm- lung Rechnung za tragen..(Unruhe.). Wird an eine neue Ein- tcilung der Wahlbezirke gegangen, so darf aber nicht etwa die Zahl der Wähler von 1900 zur Grundlage gemacht werden, wo- rüber der Magistrat ein Tableau hat aufstellen lassen, sondern es muß dann die Zahl der eingeschriebenen Wähler genommen werden, die augenblicklich vorhanden sind. Stadtv. Sonnenfcld(A. L.): Auch wir halten es nicht für der Gerechtigkeit entsprechend, wenn eine Einteilung beibehalten wird, die neben Wahlkreisen von 3000 Wählern solche von 23 000 Wählern aufweist. Der außerhalb des Hauses erhobene agitato- rische Einwand, daß wir deshalb der Ncueinteilung abgeneigt wären, weil sie die Geschäfte der Sozialdemokratie besorge, ist hinfällig; wir nehmen darauf gar keine Rücksicht. Die Versammlung beschließt ohne weitere Debatte nach den Ausschußvorschlägen. Abgelehnt wird der Antrag des Magistrats, vom städtischen Grundstück Ecke Kaiser Wilhelmstraße 16' und Dirckscustraßc 984 Quadratmeter für 500 M. pro Qimdratmeter zu verkaufen, nach- dem die Stadtvv. Kyllmann(fr. Fr.) und Borgmann(Soz.) da- gegen, Stadtrat Rast dafür gesprochen haben. Die Festsetzung der Unterrichtsstunden für die gewerblichen Fortbildungsschulen muß nach einem Er- kcnutnis des Kammergerichts durch Ortsstatut erfolgen und ihre Festsetzung in der für Ortsstatute üblichen Form veröffentlicht wer- den. Ter Handelsminister hat dem Magistrat mitgeteilt, daß noch nicht abzusehen ist, wann die von der Regierung vorgeschlagene Be- stimmung Gesetz werden wird, wonach die Festsetzung der Stunden- Pläne den Gemcindevorständen zustehen soll. Der Magistrat legte deshalb, um den Bestand der Fortbildungsschulen nicht zu gefährden, den Entwurf eines entsprechenden Ortsstatuts vor. Von den So- zialdemokraten ist beantragt, den Magistrat zu ersuchen, dies Statut so zu ändern, daß die Zeit abends nach 7 Uhr frei bleibt. Stadtv. Bruns(Soz.): In dem vorgelegten Tableau wird die Schulzeit vielfach auf die Stunde von 7— 8 Uhr ausgedehnt. Wir halten das für unangemessen und empfehlen unseren Antrag, auf dessen Boden auch die Versammlung sich schon früher ge- stellt hat. Stadtschulrat Michaelis: In der Einrichtung der Pflichtfortbil- dungsschulen für Berlin, die die Versammlung seinerzeit zur Kennt- nisnahme vorgelegt erhielt, ist die Rede davon, daß der Unter- richt in der Regel bis 7, ausnahmsweise bis 8 Uhr abends statt- finden soll. Diese Bestimmung hat die Schuldeputation stets im Auge behalten. An verschiedenen Stellen hat sich die Unmöglichkeit herausgestellt, dies Prinzip überall mit Strenge schon jetzt durch- zuführen. Dabei sind wir nicht etwa den Anforderungen der Jntcr- essanten leichthin entgegengekommen. Beschließen Sie jetzt prin- zipiell, daß nach 7 Uhr kein Unterricht mehr sein soll, dann ge- fährdcn Sie den ganzen Bestand der Pflichtfortbildungsschule(Zu- stimmung) und provozieren Streitigkeiten zwischen der Stadt und den Gewerbetreibenden, die Sie damit Bestrebungen in die Arme treiben, die darauf ausgehen, die Pflichtfortbildungsschule wieder zu vernichten.(Beifall bei der Mehrheit.) haben wir erst eigene Gebäude, so wird die Frage sich leichter lösen lassen; z. Z. sind wir aber gar nicht imstande, einen solchen Beschluß der Versamm- lung durchzuführen. Stadtv. Cassel unterschreibt diese Darlegungen durchaus. Tat- sächlich könne man über die Klagen einer großen Zahl von Hand- wcrksmcistern über Beeinträchtigung durch die obligatorische Fort- bildungsschule nicht so einfach hinweg. Die Schule müsse möglichst gut durchgeführt werden. Es sei ein unerfreuliches Faktum, daß aus diesem Grunde manche Handwerksmeister bereits von der Ein- stellung von Lehrlingen überhaupt Abstand nehmen.(Hört! hört!) Stadtv. Hiuye(Soz.): Wenn Sie die Vorlage ansehen, wer- den Sie finden, daß aus der bisherigen Ausnahme jetzt die Regel geworden ist.(Widerspruch.) Besonders schwer wurden die un- gelernten Arbeiter betroffen, aber auch für die Metallarbeiter, für das Bau- und Kunstgewerbe ist der Unterricht bis 8 Uhr festgesetzt! Für solche Maßnahmen müssen andere Gründe als bloß die Rück- ficht auf die Unternehmer angeführt werden. Der Ausbeutung der Lehrlinge soll doch gerade ein Ziel gesetzt werden. Nachdem Stadtschulrat Michaelis und Stadtv. Cassel dem Stadtv. Hintze entgegengetreten sind, führt Stadtv. Bcrger(A. L.) aus, daß man nicht gut tue, nachdem kaum die Ruhe in den Handwerkskreisen hergestellt sei, mit einem solchen Antrag, der die ganze Schule illusorisch machen müsse, einen neuen Sturm der Entrüstung heraufzubeschwören. Stadtv. Rosenow: Wir brauchen doch die Unternehmer auch auf der Welt; es kann doch nicht bloß Arbeiter geben.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) Herr Hintze hat selbst anerkannt, daß die Durchführung seines Verlangens nur allmählich vor sich' gehen kann. Der Antrag will sie aber sofort. Stadtv. Hintze: Daß die Arbeiter nicht ohne Unternehmer fertig werden können, ist Ihre Ansicht, wir stehen auf einem anderen Standpunkt.(Große Aufregung und Lärm bei der Mehrheit.) Der Widerstand der Unternehmer gegen die Pflichtfortbildungs- schulen ist um so unverständlicher, als sich die Herren damit ins eigene Fleisch schneiden. Stadtv. Rosenow: Wir können es ja jetzt täglich im„Vorwärts" lesen, daß alles, was für die Arbeiter von Stadt wegen geschieht, nur den Sozialdemokraten zu danken ist. Dabei wird nur ver- gcssen, daß die Herren hier stets in der Minderheit waren, also ihre Anträge niemals allein durchbringen konnten. Wir verbitten uns daher mit Recht eine solche Darstellung. Stadtv. Wurm(Soz.): Die Bevölkerung draußen weiß ganz genau, daß wir hier bei dem Dreiklassenwahlsystem keine Mehr- heit haben können. Wir haben auch nie behauptet, daß die Bc- schlösse der Versammlung von uns gemacht sind, aber angeregt worden sind sie von uns.(Zuruf: Alle!) Haben Sie uns nicht oft geradezu ausgelacht, wenn wir zum ersten Male mit unseren Anregungen kamen? Wie stand es denn mit den Schulärzten, mit der Säuglingsfürsorgc und zahllosen anderen Ein- richtungen? Sehen Sie sich das Buch meines Freundes Hirsch über„25 Jahre sozialdemokratischer Tätigkeit in der Kommune" an; da finden Sie das im einzelnen dargctan; der Kollege Dr. Preutz hat auf dieses Buch als auf ein sehr gutes Ouellenwert hinge- wiesen. Wir werden hier immer die Minderheit sein, die Sie vor- wärts treibt, wie sie Sie vorwärts getrieben hat. Stadtv. Cassel: Wir haben es hier mit einer alten Taktik der Herren Sozialdemokraten zu tun, die es lieben, alle gleichzeitigen Anregungen von liberaler Seite zu ignorieren, um für sich allein den Ruhm in Anspruch zu nehmen. Die obligatorische Fortbildungs- schule ist, nachdem das System des hochverdienten Bertram über- holt worden war, nicht bloß von den Sozialdemokraten, sondern auch von den Liberalen verlangt und in die Wirklichkeit übergeführt worden. Streichen Sie ihre Verdienste heraus, wie Sie wollen, der jetzige Antrag Arons ist ein Hindernis für die EntWickelung der Pflichtfortbildungsschule.(Stürmischer Beifall bei der Mehr- heit.) Stadtv. Wurm: Wir wollen mit unserem Antrage dem Magi- strat nur eine Anregung geben. Wir können gar nicht anders ver- fahren, als wir verfahren sind, toenn wir unserer Meinung Aus- druck geben wollen. Der Magistrat möchte ja diesen Weg gern auch seinerseits gehen; also unterstützen Sie ihn doch darin durch Ihr Votum l Nichts liegt uns ferner, als hier störend eingreifen zu wollen. Stadtv. Tove(A. L.): ES handelt sich in dem Antrage wie er vorliegt nicht, um eine bloße Resolution, die er also jetzt sein soll. Eine solche Resolution brauchen wir gar nicht, denn über den Wunsch der Beendigung des Unterrichts um 7 Uhr sind wir einig. Taniit schließt die Diskussion. Persönlich bemerkt ' Stgdtv. Dr. Prcuß, xr habe das Buch von Paul Kirsch nicht als Quelle objektiver Wahrheit, sondern als parteipolitische Tendcnzschrift charakterisiert, aber seine Verdienste gern aner- kannt. Die Vorlage wird angenommen, der Antrag Brunsabgclehnt.. Die Vorlage wegen Erhöhung der Diätensätze für Diplom- Ingenieure, Architekten, Techniker, Hilfsdiencr usw. geht auf An- trag Stapf(A. L.) an einen Ausschuß. Zur Beschlußfassung steht ferner die Vorlage betr. 1. den Erwerb der Straßenbahnlinie Warschauer Brück e— V iehho f, 2. die weitere Bewilligung von Mitteln zur Ausdehnung des Betriebes der städtischen N 0 r d l i n- e n bis zur Mühlen st raß« und zur Erweiterung des Straßenbahndepots in der Kniprodestraße, 3. die Erteilung der Zustimmung an die Gesellschaft für elektrische Hoch- und Untergrundbahnen zur Herstellung einer neuen nach R u m m e l s b u r g und Lichtenberg führenden Straßenbahnlinie in der Rcvaler, Libauer und Koperni- kusstraße. Für die Flachbahn sollen 700 000 M. gezahlt, für die Depot. erweiterung 219 000 M bewilligt werden. Tic Deckung der Aus- gaben für die Betriebsausdehnung soll mit 94 000 M. aus dem Rcstbestand der für die Nordlinien früher bewilligten Summen erfolgen: 85 000 M. stehen bereits zur Verfügung. Stadw. Cassel gibt zunächst der Freude über die so günstig« EntWickelung der städtische Nordlinien Ausdruck, die schon im ersten Betriebsjahr einen Zuschuß nicht erfordert hätten. Die Vor- läge sei der Alten Linken durchaus sympathisch; Bedenken seien nur laut geworden gegen die Erweiterung des Depots als eine eventuelle Störung des Großmarkthallenprojekts. Vielleicht lasse sich ohne Ausschußberatung fertig werden. Stadtv. Gronewaldt(A. L.) hält letztere doch für notwendig und zieht dafür unter anderem die Erfahrungen mit der„Großen" heran. Stadtv. Haberland(A. L.) will von AuSsckwßberatung absehen, hält aber für nötig, daß das neue Großmarkthallenprojckt an der Kniprodestraße der Versammlung zur Kenntnis gebracht werde, um ermessen zu können, ob dieses nicht durch die Depoterwciterung benachteiligt bezw. eine spätere Vergrößerung der Markthallen- anlage unmöglich gemacht wird. Stadtrat Zllberti sucht die erhobenen Bedenken zu zerstreuen. Stadtv. Dove hält nunmehr Ausschußberatung für unnötig. Stadtv. Borgmann erinnert an die Kämpfe, die es gekostet habe, um die Versammlung dahin zu bringen, daß die Stadt eigene Straßenbahnen baue oder betreibe.(Lachen bei der Mehrheit.) Mit dem Antrage Haberland sei er einverstanden, widerspreche aber einer Ausschußberatung, um die Entscheidung nicht auf die lange Bank zu schieben. Die mit der Annahme der Vorlage er- möglichte Verbindung des Südostens mit dem Norden sei für die Verkchrsintcressen von größter Bedeutung und ihre Verzögerung der Bürgerschaft gegenüber nicht zu verantworten. Stadtv. Werner(N. L.) tritt für Ausschußberatung ein. Stadtv. Cassel polemisiert gegen Borgmann; eine Berstadt- lichung der Straßenbahn sei niemals und von niemand beantragt worden. Oberbürgermeister Kirschncr sagt die Vorlegung des Spezial- Projekts für den Bau der Großmarkthalle zu. Nach weiterer Erörterung zieht Stadtv. Groucwaldt seinen Antrag zurück. Die Vorlage wird mit dem Antrag Haberland angc» n 0 m m e n. � Am Schlüsse der Sitzung wird noch auf Antrag Sonncnfeld die Petition wegen der Sperrung der Köllnischen Straße dmrch die A r m e n d i re k t i 0 n an den Petition?» ausschuß behufs Bestellung eines Referenten zurückgegeben. Schluß gegen 9 Uhr. Hus Induftrle und Handel. Krach im Holzhandel. Die Insolvenzen im Holzhandel, die als Folge der Zahlung?» schwierigkeiten der Firmen Brühl und Vallentin noch zu erwarten sein sollen, werden in ihrem finanziellen Umfange verschieden ge- schätzt. Man liest von Gesamtpassiveu in Höhe von 12 bis 50 Millionen Mark. Wenn dabei gesagt wird, solche Sumnien könnten verloren gehen, so ist das natürlich Unsinn. Von einem wirklichen Verlust, volkswirtschaftlich betrüchtet, kann keine Rede sein; bei solchen Katastrophen handelt eS sich letzten Endes doch immer nur um eine Verschiebung in den Bcsitzverhältnissen. Wie berichtet wird, sind mit der Firma Brühl fünf bis sechs Unternehmen liiert, die Brühl ins Leben gerufen hat. Die„B. Z." macht darüber folgende Mittet- lungen: Brühl lvar für sie ebenso wie für Vallentin Einkanfsagent, nahm ihre Akzepte und zahlte mit den durch deren DiSkontierinig erhaltenen Summen die russischen Lieferer, die für Kasse erledigt sein wollten. Brühls Verdienst bestand in den aus solchen Geschäften fließenden Provisionen, die durchschnittlich 5 Proz. betrugen. Die Ver- pflichtungen, die aus diesen ganzen Kreisen resultieren, sind viel größer als die bisher angegebenen. Sie betragen niindesteiis 12 Millionen Mark. Die bilanzmäßigen Aktiven betragen bei Brühl— soweit sich das bis jetzt übersehen läßt— 700 000 M. Außerdem ist Brühl mit über 1 Million Mark bei Vallentin beteiligt. Augenblicklich prüfen die beiden Trcnhandgesellschaften den Status. Es besteht die Tendenz, die Firma Brühl, sowie die 5 bis 6 Konzern» firmen zu stützen und Vallentin in Liquidation treten zu lassen.— Ueber das Resultat einer Beratung, zu der die Interessenten am Donnerstag in der Reichsbank zusammentraten, deren Ziel die Ver- Hinderung von Zusammenbrüchen sein sollte, ist bisher noch nichts weiter bekannt geworden._ Keine Preiserhöhung für Halbzeug. In der Hauptvcrsammlimg deS Siahlw�rkSverbandeL wurde die Freigabe des Verkaufes von Halbzeug»ud Formeise» für das erste Quartal 1910 z» den seit- herigen Preisen und Bedingungen beschlossen. Ueber die Geschäfts- läge wurde mitgeteilt: Das Jnlandsgeschäft in Halbzeug hat sich weiter befriedigend entwickelt. Die Spezifikationen gehe» reichlicher ein und vielfach lverden Zusatzmenge» für das laufende Onartal gekauft. Auch auf dem Auslandsmärkte ist die Stimmung weiter fest, zumal der amerikanische Wettbewerb seit einiger Zeit weg- gefallen ist. Der am 1. Oktober vorliegende Auftragbestand war rund 175 000 Touueir höher als am 1. Oktober 1903. Für das nächste Frühjahr ist bei de» Abnehmern Zuversicht auf ein besseres Geschäft vorhanden. 14 Prozent Dividende. Die Generalversammlung deS Eisen- und Stahlwerks Hösch beschloß, die sofort zahlbare Dividende auf 14 Proz. festzusetzen. Der Generaldirektor bezeichnete das finanzielle Ergebnis des ersten Quartals des laufenden Geschäftsjahres als zufrieden« stellend._ Elektrizitätswerke in Deutschland. Im Auftrage des Verbandes deutscher Elektrotechniker e. B. hat Generalsekretär Georg Deitmar im Verlage von Julius Springer, Berlin, die Statistik der Elektrizitätswerke in Deutschland veröffentlicht. Am 1. April 1909 befanden sich danach in Deutschland in Betrieb 1978(1908: 1530) Elektrizitätswerke. Die Zunahme gegen das Vorjahr betrug 448. Die Gesamtleistung belief sich auf 1 16l 609<1903: 858 841) Kilowatt, davon entfielen auf Maschinen 987 864(1908: 780 751) Kilowatt und auf Akkumulatoren 173 745(1S08: 128 000) Kilowatt. Die Zentralen besaßen eine Gesamtleistung in von Gleichstron,........... 362 577(243 022) Kw Wecksel- und Drehstrom....... 206 596(179 964), gemischten Systemen........ 592436(435 855), Es arbeiteten mit: Wechselstrom........... 47(41) Werke Drehstrom............ 183(129)„ Gleichstrom........... 1543(1217)„ gemischten bezw. unbekannten Systemen. 205(141)„ Am 1. April 1909 waren 12�/z Millionen Glühlampen mit 340 418 Kilowatt Anschlußwert, gegen S�/4 Millionen Lanipen mit 436 328 Kilowatt Nnschlußwert im Jahre vorher angeschlossen. Die angeschlossene» stationären Motorenhallen haben eine Leistungsmöglich- keit von 896 910 Pferdestärken(1908: 532 862 Pferdestärken), die ge- speisten Bahnmotoren indizierten 286 910 Pferdestärken, die an- geschlossenen Koch« und Heizapparate 37 721 Kilowatt. Als Belriebskraft kamen bei 713 Werken Dampf, bei 177 Werken Wasser, bei 36 Werken Umformer bezw. Transformatoren und bei 294 Werken Explosionsmotoren in Anwendung. 343 Werke der- wenden Wasser'und Dampf und 410 Werke verschiedene Betriebsarten(bezw. unbekannt). Im ganzen waren 1514(1364) Werke mit weniger als 1000 Kilowatt Leistung und 164(166) Werke mit 1000 bis 10 000 Kilowatt Leistung in Betrieb. Kapitalscrhöhung. Die Generalversammlung der Ostöank für Handel und Gewerbe in Posen und Königsberg r. Pr. beschloß auf Antrag des Vertreters der Königlichen Seebandlung eine Kapital« erhöhung von 4 500 000 Mark, wodurch sich das Aktienkapital auf 22 500 000 Mark, die Reserven aus Z'/z Millionen Mark stellen. Die Ncugrimdungc» gewerblicher Aktiengesellschaften. In den ersten neun Monaten dieses JahreS wurden nach den Beröffent- lichungen im„Neichsanzeiger" insgesamt 157 Aktiengesellschaften neu gegründet gegen nur 116 in derselben Zeit 1908. Das Aktienkapital stellte sich bei den in diesem Jahre neu gegründeten Gesellschaften insgesamt auf 198,47 Millionen Mark, während es bei den im Vorjahre gegründeten nur 127,87 Millionen betragen hatte. Es sind also in diesem Jahre in neuen Aktiengesellschaften 70.60 Millionen Mark mehr investiert worden als 1908. Besonders stark ging die Zahl der Nengründungen im dritten Quartal über die vorjährige hinaus; in den Monaten Juli, August. September entstanden ins- gesaint 67 neue Aktiengesellschaften gegen nur 35 im vorigen Jahre. Kohlenproduktiou der Welt. Ein zahlenmäßiges Bild von der Produktion des Brotes der Industrie für die letzten zwei Jahre gibt der Jahresbericht dcS Vereins für die Bergbaulichen Interessen. Die Weltprodultion für das letzte Jahr wird auf mehr als 1 Milliarde Tonnen veranschlagt oder um etwa 40 Millionen Tonnen weniger als im Jahre vorher. Der beträchtliche Ausfall ist der Produktionsvernünderung von 66 Millionen Tonnen in den Vereinigten Staaten zuzuschreiben. Die britische Steinkohlenförderung ermäßigte sich um 6,4 Millionen Tonnen. Dagegen vermochten Deutschland, Oesterreich- Ungarn und Frankreich ihre Förderung noch zu erhöhen, und zwar Deutschland um 9Vz Millionen Tonnen. Wie sich die Gesamtproduktion aus die einzelnen Länder verteilt, zeigt die folgende Zusammenstellung: Somit 1908 1908 Name des Landes China.... Indien.... Japan.... Neu-SüdwaleS, Neuseeland.. Uebr. Australien. Belgien.... Deutschland.. Frankreich... Großbritannien und Irland.. Italien...» Oesterreich-Ungarn Rußland... Schweden... Spanien... Kanada.... Ver. Staaten.. Transvaal, Natal und Kapkolonie Alle übrigenLänder (geschätzt) Tonnen 1 11 970 000 12 865 408 13 942 000 7 992 300 1 904 276 370 000 23 678 150 215 071 345 37 622 556 261 506 379 421906 40 760 870 22 943 794 300 000 3 87t 480 10 904 466 379 361 103 1909 Tonnen 10 450 000 11 147 339 13 716 488 7 850 000 1 831 009 900 000 23 705 190 205 542 683 36 753 627 267 823 276 453 137 40112 530 21 207 500 305 000 3 250 000 10 510 961 435 483 933 mehr(-fO, bezw. weniger(—) Tonnen 1520 000 1718069 225 512 142 300 73 267 30000 27 040 9 528 657 868 929 t 4621988 3 945 043 4 106 000 3 475.730 6 321 897 31 231 648 340 1 736 294 5 000 621 480 393 505 56 122 825 676 945 630220 Insgesamt 1054 714 021 1098 468 506— 43 754 485 Die Kokserzeugung der Welt hat 1907 92,3 Millionen Tonnen betragen. An der Zunahme gegen das Vorjahr sind vor allem die Vereinigten Staaten, deren Produktion sich um fast 4 Millionen Tonnen vergrößerte, beteiligt. Man hat errechnet, daß für die Welt- erzeugnng von Koks etwa 140 Millionen Tonnen Kohlen verwandt worden sind, daS heißt ungefähr der acht« Teil der Kohlengewimmng ist verkokt worden. Im letzten Jahre, über das bis jetzt nur lücken- hafte Mitteilungen vorliegen, ist ein erheblicher Rückgang der Koks- erzeugnng eingetreten, die in erster Linie von den Vereinigten Staaten getragen wird; infolge der äußerst ungünstigen Geschäfts- läge auf dem amerikanischen Eisenmarkt in 1903 ist die Koks- gewinnnng des Landes von 37 Millionen Tonnen in 1907 auf 23.6 Millionen Tonnen gesunken. Dagegen ist zum Beispiel die Kokserzeugung Deutschlands im letzten Jahre nur um 8/4 Millionen Tonnen zurückgegangen. Allerdings sind hier ganz enorme Lager- bestände angesammelt worden. Diese machen bei größeren Unter- nehmern, wie die Angaben in den Jahresberichten ausweisen, die ErzeugnngSleistung mehrerer Monate aus. Euq der frauenbeweguncf. Im Berein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse begann am Mittwoch ein Vortragszyklus über:„Theorie und Praxis der Erziehung". Genosse Heinrich Schulz behandelte im ersten Vor- trage:„Die Geschichte des Erziehungswesens". Aus den Aus- fiihrungen sei folgendes hervorgehoben: Die Epochen des Er- ziehungSIvesens hängen mit den verschiedenen Geschichtsabschnitten der menschlichen EntWickelung zusammen. Um die tatsächlichen Verhältnisse der früheren Zeiten kennen zu lernen, bedürfen wir der materialistischen Geschichtsforschung, denn auch in der Er- ziehungslehre sind es die wirtschaftlichen Verhältnisse, die die Grundlage bilden. Daneben allerdings werden wir auch der Ent- Wickelung der pädagogischen Ideen einen starken Anteil an der Gestaltung der Erziehungswissenschaft zuschreiben müssen. In den ersten menschlichen Gemeinschaften, im urwüchsigen KommnniS- muS, herrschte geschlechtliche Freiheit; es gab keine Einzelfamilie. die Kinder waren gesellschaftliches Eigentum. Wenn es auch keine Bildung für die Kinder im heutigen Sinne gab, so war es doch eine freiere und glücklichere Zeit für die Jugend, so daß Engels' Begeisterung für diesen Zustand wohl berechtigt ist. Kultur-- Historiker haben festgestellt, daß die Erziehung bei den Wilden völlig frei von Schlägen und Härte war; aber die Kinder muhten auch schon frühzeitig für sich sorgen. Die Erziehungsgrundsätze von damals erwuchsen aus der gemeinsamen kommunistischen Grund- läge. Man stand unserem heutigen pädagogischen Ideal insofern näher als jetzt, als alles, was an geistiger Tätigkeit existierte, un- mittelbar aus der Anschauung, der Handfertigkeit hervorging. Es kamen andere Wirtschaftsgebilde, die relativ nicht wieder so hohe Formen annahmen als der urwüchsige Kommunismus. Die weitere Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen. Mit der Ergiebigke-it der Arbeit, der Anhäufung von Schätzen tritt die Einzclpersönlichkeit in den Vordergrund. Der Siegreiche macht die Besiegten zu Sklaven. Es beginnt der Leidensweg durch das Privateigentum, mit ihm die Einehe und väterliche Autorität. Im alten Griechenland spielt die Ausbildung der Sinzelpersönlichkeit eine groß« Rolle. Es entstehen die ersten Schulen, die aber hier bereits zu Werkzeugen der Klassenscheidung werden. ES ist bi> kannt, wie gerade im alten Griechenland einer kleinen Kaste Hoch- gebildeter die Masse von unentwickelten Sklaven gegenüberstehen. Aus der Sklavenwirtschaft des Altertums entwickelt sich im Mittel- alter die Hörigkeit. Die Bildung wird zum Privileg von Kirche und Adel. Es entstehen Kloster» und Stiftsschulen, in denen fast ausschließlich nur die Kinder der Besitzenden unterrichtet werden. Im 13. und 14. Jahrhundert entwickelt sich der Handel, Städte lühcn auf und dadurch erhält die Schule neue Bedeutung. In Lübeck wird nun die erste Stadtschule gegründet, der erste Vor« läufer der künftigen höheren Schulen. Jetzt fängt auch da? Hand- werk an, selbstbewußt zu werden; es fordert eigene Schulen, und die deutsche Schreibschule entsteht, in der merkwürdigerweise im Gegensatz zur. heutigen Schule die Religion als Lehrgegenstand fehlte. Inzwischen kommt die bürgerlich kapitalistische Wirtschafts- weise auf. Eine Reihe von Handwerkern arbeiten für den Kapita- listen. Der Kapitalismus ist von Anfang an bildungsfeindlich; er braucht gebildete Leiter und Aufseher, für die er gute Schulen gründet, aber für die Masse des Volkes hat er kein Interesse. Gerade in England, wo im 16.— 18. Jahrhundert die kapitalistische EntWickelung rapide Fortschritte machte, finden wir keine Volksschulen. Für die höheren Schichten wurden große Geldsummen Zur Ausbildung ihrer Persönlichkeit ausgegeben, aber für die Bildung der Arbeiter geschah nichts. Es ist die Zeit der Herrschaft des rücksichtslosen Jndividualitätsprinzips. Auch in Frankreich gab es bis zur Revolution keine Schulen. Deutschland hatte Verhältnis- mätzig im Anfang des Mittelalters gute Schulen; jedoch entwickelten sich diese im höheren Mittelalter nicht fort. Die Re- formation und Luther taten nichts für die Hebung der Volksschule, ebensowenig haben die preußischen Könige die Schulen vervoll- kommnet. Erst der Merkantilismus lehrke üen Wert einer fürs praktische Leben vorbereitenden Schule erkennen, und es entstehen die Realschulen, die aber auch nur die besitzenden Klassen für sich in Anspruch nehmen. Die Volksschule blieb erbärmlich. Aus dieser Zeit stammen die grausigen englischen Berichte über die Aus- beutung der Kinder in Fabriken, die Marx in seinem„Kapital verewigt hat, aber ebenso furchtbar wurde das Kinderelend in Teutschland. Auch das 20. Jahrhundert ist nicht volksschulfreund- licher geworden; vor einigen Jahren hat man sich zu einem Kinder- schntzgesetz aufgerafft, man hat mehr und auch bessere Schulen ge- wünscht, aber noch immer herrscht in ihnen der Klasscngeist. Erst in den letzten Jahrzehnten sucht die erstarkende Arbeiterklasse mit zähem Eifer ihre wachsende Macht geltend zu machen, um die Volksschule zu einer wirklich freien Bildungsstätte für die Ge« samcheit zu entwickeln. Dies kann ihr aber unter der Herrschaft des Kapitalismus nicht gelingen, erst der Sozialismus wird die Bildung der Jugend zur höchsten Blüte entfalten.—- Am 3. No- vember findet der zweite Vortrag des Zyklus über:„Theoretische Grundbegriffe und Hilfsmittel der Erziehung" im„Neuen Klub» haus", Kommandantenstr. 72, statt, Gäste sind willkommen. Am 31. Oktober besichtigt der Verein die Arbeiterwohlfahrts-AuSstellnug in Charlottenburg. Treffpunkt vor der Ausstellung, Frauenhofen ftraße 12/13, um?L2 Uhr. Versammlungen. Oeffentliche EngroSschlächtergesellen-Bersammlung. In der gutbesuchten Versammlung sprach Genosse A. Hoffmann über: „Der Kampf um die Macht". Hierauf sprach Genosse Hirsch, der zur regen Beteiligung an der LandtagSwahl aufforderte. Nach ihm sprach Bergmann über:„Ist«ine spätere Oeffnung des Schlachthofes möglich?" Redner schildert die Arbeitszeit, die von 1% Uhr bezw. 294 Uhr bis abends 10 Uhr ausgedehnt werde, als eine unmenschliche. Die Verwaltung der Stadt Berlin trage hier ein groß Teil Schuld; sie öffnet der Ausbeutung Tür und Tor. Es sei ganz gut möglich, den Schlachthof ohne Störung der Fleisch- Versorgung später zu öffnen. Die freisinnige reaktionäre Stadt- Verwaltung habe jedoch für solche Zustände im Interesse der Meister gesorgt. Von dieser Seite sei auch wenig zu erwarten, ebenso« wenig wie von der Innung und sonstigen Meistervereinen. Hier wie überall seien die Gesellen auf sich angewiesen; die Organisation sei das einzige Mittel, diese Zustände zu beseitigen. Von allen Rednern wurde das Verhalten des FreisinnShelden F i sch back chavakterisicrt, der als Vorsitzender des Schlacht- und Viehhofs« Kuratoriums die von der Schlachthofdirektion abgestempelten Ver- sammlungseinladungen wieder herabreißen ließ. Als die beste Ant« wort auf diese Tat wurde den Anwesenden empfohlen, der Organ!» sation beizutreten. BrfcfkarUn der Redahtfcn. Die turlftlsqe eprechstunbe flutet Lindenstr-Se 3,»weite« P«f, dritter Eingang, vier Trrpprn, Itzssä" Fahrstuhl wachentigltch abend? von 7>4 bis 0>4 Uhr statt. Geitflnet 7 Uhr. IonvadendS beginnt die eorrÄsiunde um 6 Uhr. Jeder Anfrage ist«in Buchstabe und«tue Zahl als Merkzeichen»eizusstgen. Briefliche Antwort wird nicht erteil«, vis«ur Beantwortung im Briestaftc» toniicn 1t Tage«ergehe»»,«itige Fragen trag« man tu der e«rechki«nde vor. Disfid.'nt. Sie können den Austritt Jbres KwdeS als Vater erklären. Zur Anschaffung der Religionsbücher sind Sie leider dennoch verpflichtet. — K. L. 1875. 1. Rein. 2. Ja. Klagcn Sie ichleunigst Ihre Forderung ein und belegen Sie dann die Mieten mit Beschlag.— K. L. 6. Nein. Nur Adoplion würde bewirken, daß das Kind Ihnen nicht wieder genommen werden kann. Adoptieren kann aber nur, wer eheliche Kinder nicht befitzt. — Heini. Von dem Beilritt zu dem Lotterieunternehmen können wir nur dringend abraten.—(£.®, 41. Ja.— R. St» Nest», l. Der außer- eheliche Erzeuger hat keinen Anspruch aus Herausgabe des Kindes. S. Ja. 3. Nein.— L. W. 17. 1. Ohne Einsicht in die Akten ist Ihre Frage nicht zu beantworten. 2. und 3. Nein.— A. R. 10. 1. Die Kinder erben in den Nachlast deS Baters gleichmäßig. 2. Nein. Zu Lebzeiten kann der Vater mit leinem Eigentum machen, waS er will.— M. P. 87. Nein. — Partrigenosseu. Besten Dank, aber nicht verwendbar.— Thekla. Wenn Sie, was aus Ihrem Schreiben nicht hervorgeht, einen fchriftltchen Vertrag gemacht haben und dieser dem in Berlin üblichen gleicht, lo raten wir nicht zur Einbehaltung der Miete. Klagen Sie gegen den Wirt beim Amtsgericht aus Erfüllung seines VerlprechenS und auf Schadenersatz. R. 3. Die Bestrasung steht der Erteilung der Konzession nicht entgegen. Es kommt daraus an, aus welchem Grunde die Bestrasung erfolgt ist, ob also aus der Art der Strastat ein Schluß daraus gezogen werden kann, daß der Betresiende.daS Gewerbe zur Förderung der Böllerel, deS verbotenen Spiels, der Hehlerei oder der Unsittlichkett mißbrauchen werde.— Moabit 43. klKai« Gpoß-Berlin- Heate Freitag, den SS. Oktober, abends«Uhr, im Gewerkschaftshanse. Engelufer IS(großer Saal): General- BersammUmg. Tagesordnung: I. Bericht des Vorstandes vom 3. Quartal. S. Bericht über den Stand des FensterstreilS. Z. Beschluß. sassung über die Zlbänderungen des TarisS.'. ' M?- Ohne Mitgliedsbuch kein Eintritt.-»« 193/U Die Wichtialeit dieser Veriammluna erfordert, dast alle Kollegen erscheinen. V«»r»ti»«a. > Slrvvijx'rvr'vli» Berlin und Umgegend.-- Soulltag, 31. Okt., vorm. 10 Uhr, im Gemerkslijastshiluse, Engelchr 15, Saal 4 Gonvi'sI-Vei'SKMivswng TaqeS-Ordnung: 1. 3lbrechnung vom 3. Quartal 1909 und Bericht der Revisoren. 2. Diskussion. 3. Vortrag deS Redakteurs Genossen Wermnth über:»Die politische Lage in Deutschland und Preußen. 4. Verbandsanaelsaenheiten. MT Wegen der Wichtigkeit der Tagesordnung ist es Pflicht eines jeden Kollegen, in der Versammlung zu erscheinen.— tviitgliedsbnch legitimiert, ohne LaSsrtbe kein Einlast l U0/20 Der ZwcigvereinavorBtand. I» nUan Arbeitsnachweis: WerwaltnngSftell« Berlin. Hauptbureau: Hos I. 3iiul 3, 1239. LdaritSstraL» Z. Hof III. 3lmr 3. 1987. Sonntag, den 31. Oktober, vormittags 1« Uhr: Span eben»Versammlung der Schmiede und Kesselschmiede in„Gcwerkscliaftshaas'S Engclnfer 15(Saal VIII): Tages-Ordnung: 1. Bortrag de» Genossen Ertspien-Dvnzig. 2. DiSkusfion. 8. Ver- bandSangelegenheiten und Verschiedenes. Sonntag, den 31. Oktober, vormittags 1« Uhr: Spaneben- Versammlung der Wickelei- u. Isolalionsarbeiter».'Arbeiterinnen im Brunnen-Theater, Badstr. SS. TageS-Ordnung: Vortrag de» Kollegen Hartmann. 2. Diskusston. 3. Verbands« und Branchenangelegenheiten. Donnerstag, de» 4. November: Svaneben- Versammlung der Eiektromonteure und Helfer im Gewerkschaftshause, Engel-Ufer IS, Saal 5. Zahlreichen Besuch erwartet 124/1«__ Die Ortgvenraltnns. -II Zwelgveretn Berlin. Fliesenleger! Freitag, den SS. Oktober ISO». abendS 8 Uhr> Mitglieder- Persammlnng im»GewerkschaftShause*, Engelufer Nr. IS, Saal 7. TageS-Ordnung: t. Die BerschmelzunsiSfrage mit den Bauhilfsarbeitern. Referent: E. ThönS. 2. Berufsangelegenheiten. 139/1?« IW Erscheinen aller Ist dringend notwendig! Jotitglerrbenb ü» JHnfdiinillri!»nb Heiser sowie Kernssgcilejscn Deulschililibs Terwaltnngsstelle Groß» Berlin. Sonnadend, 30. Oktober, abends 8 Uhr. im»Englischen Gatten», Alexanderstrast« 37c: General-Versammlung. TageS-Ordnung: Kassenberich,. Bericht der Revisoren. Bericht der Delegierten der Ge» werkschastStommg'flon. 3lnträge. 149/12 Um zahlreiches Erscheinen ersucht_ Die Berwaltung. Ohne jede Anzahlung Pianos verkaufe ich erstklassiges Fabrikat (9mal prämiiert Stnats- medaiüe) in allen Holz- und Stilarten von wunderbarer Tonfülle. (FlUgelton) gegen kleine monatliche Teilzahlung, ohne Jeden PrclManfHchlag. 93/18* Für jedes Instrument gewähre ich 2{)jähr. schriftl. Garantie. Gontail Kraus! Ntblj., Auch Sonntag» gcOOaet. „Beriiner irbeiter* RaÄlabrer-llBreiD" Mitglied deS Arbeite» Radsabrer-Bunde» .Solidarität». Touren zum Sonntag, de« 31. Oktober. 1. Abt. 1 Uhr: Saatwmtel. 2. Abt. 3 Uhr: Spereuderg. 1 Uhr: Sputcndors(Vogel). 3. Abt. 7 Uhr: Potsdam(Witwe Tläser). 1 Uhr: Wanusec(Fai steichof). 4. Abt. 8 Uhr: Potsdam(Victoita- garten). 1 Uhr: Waunsee(Zürflenhos). 6. u. 10. Abt. 12'/, Uhr: PeterS- Hagen. 6. Abt. 7 Nbr: Reu-Zittau. 1'/, Uhr! Mnhlsdorf-Süd(Haidckrug). 7. Abt. 7>/, Ubr: Beelitz. 1'/, Uhr: Hohenneuendors. 8. Abt. 10 Ubr: MierSdors. l'/,Uhr: Schmargenbors(Schützenhaus). 9. Abt.!>/, Uhr: Spandau(Kumke). Start an den betanuten.Stellen. Freitag, den LS. Oktober 1909; abends 8'/, Uhr: Generai-Versammlung bei SSilke. Brunnenstr. 138. 12/9 Ber Voctand. 119/20* jetzt Im». Stoelr Alexanderstr. 35 (kein Laden). Mein Herren- und Damen- Stiefel 7.75 erfreut sich Infolge seiner Haltbarkelt großer Beliebtheit. Oskar Woliburg, Trauer� Magazin, Berlin N., Brunnenstr. 56. Gr. Auswahl in schwarzer Konfektion; auch einz. Röcke, Blusen, Hüte otc. Anfertigung nach MaB in 12 Stunden. Aenderungen sofort.* JdlllfS PreislajM, B. Weidner, Hutraacher, Prlnzenslr.57,0,„,;.,'.,,'8.. Gänse, Enten gar. leb. Ank., 8 Man. alt, fleischig, schlachtreif, vollsedrig, 10 St. ca. 8 Psd. schwere Eänse 34 M., IS St. sett« ' öne Enten 27 M. 257/13 Beruh. Stfennand, «IBlcniU o.'Setll. 242. Allen Verwandten, greunden und Bekannten die traurige Nach« richt, dag unsere liebe Tochter und gute Schwester martha nach langen, schweren Leiden am 20. d. MtS. plötzlich verstorben ist. Dies zeigen tiesbeirübl an Die trauernden Ellern l.ml�vig Gentzel nebst Frau und Sohn. Die Beerdigung findet am Sonnabend. den 80. Oktober, nachmittags 3Uhr. von derLe chen« Halle der Friedensgemeinde, Nord- end, aus statt. Von der Reise zurück Dr. Eugen iiaagen. Dp. Simmel Speziai-Arzt* für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, ÄÄ 10—2, 5— 7. Sonntags 10—12, 2—4. Verein der Stereotypeure und Galvanoplastiker j Berlin* and Umgegend. Am Mittwochabend um 8 Uhr v»>1chied unser lieber Kolleg« und Mitglied �uxustVolkmer »ach langem, schwerem Leiden in seiner Heimat. Ein ehrendes Andenken bewahrt dem Verstorbenen Der Borstand.% Die Beerdigung findet in Gie- g richswaide in Schlesien statt. Q Am 27. Oktober verschied nach längerem Leiden in GierichSwalde (Schlesien) unser lieber Kollege August Volkmer im 38. Lebenssahre. Ein ehrendes Angedenken ve- ivahren ihm vis Stereoiypeure der Firma Rudolf Messe. Vertrauensmänner-Versammlung für sämtliche Branchen nnd Bezirke Freitag, 39. Oktober» abends SV» Uhr, bti Freyer, Koppeustr. Z9. Bodenleger treffen sich um 7 Uhr bei Freyer im Büsettram». Sonntag, den 31. Oktober 1900. nachmittags S'l, Uhr: yckfamtnlnns der Ziellinchtt Knliits mit Frauen im Rofeuthaker Hof, Rosenthakerftr. 11— IL. Tagesordnung: 1. Vortrag des Genolsen Bomnleh;.Die Belastung durch die indirekten Steuern und die Antwort der Arbeiterklasse.* 2. Dt». kusfion. Wegen deS wichtigen Vortrages ersuchen wir um zahlreichen Besuch und laden speziell auch die grauen ein. Nachher: flcmOtllcbea Beleammensein and Tans. Die Brancheukommisfi»«. Bodenleser. Montag, den 1. November, nachmittags 6 Uhr, /.im Gewerkschaft». Hause(Saal 1): WT" Versammlung."DW _ Die Branchrnkommisston. Bilderrahmenmacher. Am 3. November finden die Stadtverordneten« Wahlen statt, vir werden deshalb unsere Branchen- Versammlung am Montag, den I. November» abends S Uhr,.im vewerkschaftS- Hause(Saal 8) abhalten. TageS-Ordnung: 1. Vortrag des Kollegen vnhihe:.Mehr Steuern, mehr Lohn! 2. Diskussion. 3. Branchenangelegeuhesten. 4. Verschiedene». Zahlreichen Besuch erwartet_ Dir Kommission. Potz Blitz beste Schuh Putz üeberall zu haben in Dosen. 10 und 20 PL Fabrikanten: liOhMjrn.kl* Co., Berlia NO. Die Beerdigung meine» lieben! | Mannes, des Gastwirt» Prltz JLiistig findet am Sonnabend, dm 30. 1 Okiober 1.909, nachmittags>/,tUhr,| von der Leichenhalle d s Zentral-[ Friedhoses in gnedrichsseide au§ statt. Die trauernde Witwe Manie Lustig. iZoMMMckMImsi!!! des 18. M. Beiekstapalreises.! Todes. Anzeige. Am 24. Okiober verstarb unser' Mitglied, der Gastwirt Fritz Lustig Oderberger Straffe 28. Ehre seinem Slndrnken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 30. d. M.. nach. mittag» 3'/, Ubr, von der Leichen- halle des Zentral- Fi iedhoses in FriediichSseide auS statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Borttand. Dodc»-Anzeige. Dm Mitgliedern zur Nachricht, daß der Bundesgenosse Fritz Lustig (S. Abteilung) am 27. Ottober er. verstorben ist. Ehre feinem Andenken k Die Beerdigung findet Sonn- abend, den 30. Oltober, nach- mittags'/,4 Uhr, von der Leichen- hall« des Zentral-Friedhoss in FriedrichSselde auS statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht >2/10 Der Vorstand. Oeutsctier Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht. daß unser Mitglied, der Schlosser Oslrar SehälTer am 28. d. MtS. an Lungenentzündung gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 29. Oktober, nach- mittags 4'/, Uhr, von der Leiche»- Halle des Städiischen FriedhoseS in der Gerichtstraffe aus stait. Rege Beleillgung erwartet 2t4/l8 Die OrtSverwaltung. Ili'Mkll-Uiitei'ZMM- liffii BeßPähnis-Verein für Bau- und gewerbiiciie Hillsarheiter Berlins und Umgegend. Den Kollegen zur Nachricht, baff unser langjähriges Mitglied kudolk Kiesewetter Willdenowstr. 25, am 27. Oktober gestorben ist. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 30. Oktober, nach- mittags'M Uhr, von der Leichenhalle des NazarethlirchhoseS, Neb nickendorj. Kügelstr. 8. aus statt. Um zahlreiches Ericheinen ersucht 37/9_ Der Borstaud. Verband der Schntider und Schntidtrinnkü. Tode». Anzeige. Dm Mitgliedern geben wir hiermit bekannt, daß der Kollege Willielm Ete�er am 27. Oktober Im Atter von 80 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenke« 1 Dt« veerblgimg findet Sonn- tag, nachmittags 3 Uhr, von der Salle des Friedhos» der Jerusa- iemer Kirchengemeinde, Berg- mannstraffe, auS statt. 183/10 Ole Ortsverwaltung I Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die schönen Kranz. spenden bei der Beerdigung unseres lieben Sohnes Alexander Itlohr sagen wir allen Freunden und Be- kannten, msbesondere dem Deutschen Metallarbeiterverband und dem Wahl» verem innigsten Dank. Familie Bfohe. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meine» lieben MaimeS sage Ich allen Be» kanten sowie den Kollegen der Der» einigten Werkstätten sllr Kunst und Gewerbe meinen besten Dank. Wittwe A. IValinskl 21745 und Kinder. UufatA if llnübeptroffen sortiert sind in dieser Saison die Abteilungen meiner Herren-». Damen- — Konfektion- Paletots ii Ulster Haaen Anzüge Joppen Jacketts» Paletots Böcke Kostüme Blusen AUF KREDIT Die Answahl wie in jedem Spezial-Geschält. 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Holzarbeiter Wegen Streik und Differenzen sind gesperrt: Bautischlerci Wallenburg, Wal- deinarsiraße 55. Modelltischlerei Borman» a Körting. Gerichtstraße. Theater-Dekorationen von Baruch, Alle Jalobstr. 133. Böhm u. Dräger, Posenerstr. 27 sür Möbeltischler, Sämtliche Betriebe ftr den Orlen Lnckeuwalde. Rathenow. Mus- kau, Frankfurt a. M., Manu- heim, Lndwigshafeu, Psorz- heim und Magdeburg. Gleichzeitig ersuchen wir die Kollegen aller Branchen der Holz- industrie das Vermitteliingsbureau des gelben»Handwerlerschutz- Verbandes* streng zu nieiden. Die OrtSverwaltung. Achluvg! Kanarbritkl! Wege» Streik in Luckenwalde sind folgende Bauten für Ei». seftcr gesperrt: Firma lScnmann: Steglitz, Filanderstr. ül. Charlottcnburg, Suarez- und Pestalozztstr.-Ecke. Brückner. » Mindencr Str. l-inilemiuiii. Firma«llllsi „ Dcruburgitr. Li». , Waitzstr. 31. SchSnlcke. Berlin, Senefelder Str. ftabl. Firma Gcnoffeiischaft,/ Luckenwalde: Eharlottenbnrg, Philippistr. 6. 00 3 Q Kaiser- Friedrich-Strafte 19, Ba« Heinrich. » Witzlebenstr. 1, 3, 33, 38. Der Ganvorstand. Verantwortlicher Redakteur: Emil Unger, Grunewald. Lür den Jnserateatcil vcranttv.: Th. Glocke, Berlin. Druck». Verlag: Vorwärts Buchdrucker« u. Berlagsanstalt Paul Singer Lr Co., Berlin SW, fr. 253. 26. ZahrMg. 3. Iriliiüt iifü Jotmütts" Krlim Jullislilirtf. Frettag. 29. Wober 1909. Partei- Angelegenheiten. Verband sozialdemokratischer Wahlvereine Berlins und Umgegend. Heute, am Freitag, den 39. Oktober, 8 Uhr abends, be- ginnen die Vorträge des Genossen Max Grunwald über„Theorie und Geschichte des modernen Sozialismus" in Ballschmieders Sälen, Badstr. 16. Eintrittskarten sind in den K r e i s w a h l v e r e i n s- b u r e a u s. bei den Bezirksführern und vor Beginn der Vorträge im Lokal für die Mitglieder in Bereitschaft. Zahlreiche Beteiligung wird erivartet. » Sonntag, den 31. Oktober, von 8 Uhr früh au Flugblattverbreitung in den 16 zur Wahl stehenden Kommunalbezirken. Auf beide Veranstaltungen machen wir die Genossen und Genossinnen ganz besonders aufmerksam. _ Der Zentralvorstand. KZnigSwusterhausen und Umgegend. Die Wahlvereinsber- sammlung findet am Sonntag, den 3t. Oktober, nachmittags SM Uhr. im Lokale des Herrn Otto Ballmüller(Restaurant „Lindenhof") in Nioderlehme, am Bahnhof, statt. Tagesordnung: Vortrag über die politischen Ereignisse der letzten Zeit. Bericht der Funktionäre. Der Vorstand. Tegel-Borsigwalde. Die Genossen beider Orte veranstalten am Sonnabend, den 6. November, in W. Trapps Festsälen, Bahnhof- stratze 1, gemeinsam einen Kunstabend. Konzert, Gesang und Rezitationen erster Kräfte versprechen den Besuchern einen genuh- reichen Abend. Der Eintrittspreis ist äußerst gering bemessen und steht in keinem Vergleich zu dem, was den Besuchern geboten wird. Eintrtttskarten a 50 Pf. sind bei allen Bezirksführern beider Orte zu haben. Um zahlreichen Besuch bitten Tie Bczirksleiter. Spanbau. Am Sonntag, den 31. Oktober, morgens Uhr: Flugblattverbreitung in den Bezirken 1, 5, 6 und 8 zu den bevor- stehenden Stadtverordnetenwahlen. Das Wahlkomitee. Den Genossen, welche sich am Sonntag, den 31. Oktober, an der Tour nach Cladow beteiligen, zur Kennwisnahme, daß der Abmarsch nachmittags l'/z Uhr vom Hause des Genossen Scior, Gatower Str. 1 erfolgt._ Der Vorstand. Berliner JVadmehtem Wahlsorgen im Stadtparlament. Die Stadtverordnetenversammlung stand gestern unter dem Einfluß der Wahlen. Die Frei- finnigen wurden bedrückt von dem Gedanken an die Ur- wählen zum Landtag, die hinter ihnen liegen, und dachten an die Stadtverordnetenwahlen, die ihnen noch be- vorstehen. Wie zuweilen Kinder im Dunkeln um so lebhafter und lauter sich geben, je bänger ihnen ums Herz ist, so empfand auch der Stadtsreisinn das Bedürfnis, im Hinblick auf die Stadtverordnetenwahlen vom 3- November einige lärmende Auftritte zu arrangieren. Das half für ein halbes Stündchen hinweg über die Sorge um den Wahl« aus fall, und es war zugleich ein wirksames Mittel, ».draußen" Aufmerksamkeit zu erregen— „draußen", das heißt bei der Wählerschaft, deren Beistand man haben möchte. In der etwas reichlich bemessenen Tagesordnung sahen wir nur einen einzigen Verhandlungsgcgenstand, von dem man im voraus hätte erwarten können, daß es dabei zu einer Wahldebatte kommen würde, lieber die„Vorlage betreffend die Neueinteilung der Gemeindewahl. bezirke dritter Abteilung"— in Wirklichkeit war's ja eine„Vorlage betreffend die N i ch t- Neueinteilung"— wurde vom Ausschuß der Bericht erstattet. Wieder mal wird jetzt gefordert, daß innerhalb einer bestimmten Frist, diesmal bis 1911, der Magistrat die Neueinteilung liefere. Genosse Borgmann mahnte, daß nun aber wirklich Wort gehalten werde, damit der Ungleichheit der Wahlbezirke, die der breiten Masse der Wähler dritter Abteilung in vielen Bezirken eine Schmälerung ihres Einflusses auf die Zu- sammensetzung des Stadtparlaments bringt, ein Ende gemacht werde. Am Tisch des Magistrats antwortete <— Schweigen. Hatten die Freisinnigen hier wohlweislich ihre Wahlreden „verkniffen", so legten sie um so forscher bei einem anderen Punkt der Tagesordnung los, der eigentlich sehr wenig Anlaß dazu bot: bei dem jetzt als Ortsstatut vorgelegten Stunden- plan der Pflichtfortbildungsschule. Die sozial- demokratische Fraktion kam zurück auf die vor Ein- richtung der Pflichtfortbildungsschule aufgestellte Forderung, den Unterricht so anzusetzen, daß er nicht über 7 Uhr abends hinaus dauere. Gegen die Ausführungen, mit denen Genosse Bruns eine bezügliche Resolution be- gründete, brachten Stadtschulrat Michaelis und nach ihm auch Stadtverordneter Cassel die gewohnten„Be- denken" vor. Als Genosse H i n tz c an die Auswüchse der L e h r l i n g s a u s b e u t u n g erinnerte, erhob sich ein Eutriistungssturm der Unternehmer. die in der Stadtverordnetenversammlung sitzen. Ihr Hauptwortführer war Stadtverordneter R o s e n o w. Er spielte bald die De- batte hinüber auf ein Thema, das er jetzt mit Vorliebe in den Versammlungen liberaler Komniunalwähler zu behandeln pflegt. Die Sozialdemokratie, sagte er, könne ja im Rat- Hause gar nichts ohne den Freisinn ausrichten, weil sie selber nicht die Mehrheit habe. Was in der Stadtverordnetenversammlung gemacht werde, werde alles vom Freisinn gemacht. Treffend antwortete ihm Genosse Wurm, die Sozialdemokratie wirke vor allem da- durch, daß sie vorwärts dränge und den Freisinn zwinge. zuletzt doch manche ihrer Forderungen zu akzeptieren, manche sogar, die anfangs vom Freisinn verhöhnt und als vermeintliches Mittel zur Herbeiführung des„Zukunftsstaates" verabscheut worden sei. Das gelte unter anderem auch von der Pflicht-Fortbildungs- schule, deren Einführung die sozialdemokratische Fraktion lange vergeblich gefordert habe. Die freisinnige Mehr- heit widersprach lärmend. wie wenn sie nicht wüßte, daß es die Sozialdemokraten waren, die schon 1891 die Pflicht- Fortbildungsschule beantragten. ohne Erfolg selbstverständlich. Mit demonstrativem Beifall begleitete die Mehrheit die prahlerische Erklärung des Herrn Cassel. der Freisinn wolle sich nicht durch die Sozialdemokratie seine Leistungen verkümmern lassen. So kurz vor den Wahlen machte sich das sehr wirkungsvoll. Auch Herr P r c u ß, der „Sozialfortschrittler", wollte schließlich in diesem Konzert nicht fehlen. Er wehrte sich eifrig gegen die Annahme Wurms, daß er, Preuß, das Buch eines Sozialdemokraten gelobt habe. Die Leute Cassels und Noscnows nickten freundlich Beifall; bei den Wahlen, an denen ja auch ein„Sozialfortschrittler" beteiligt ist, werden sie es ihm danken. Die gewählten Wahlniänuer werden darauf aufmerksam gemacht, daß heute der letzte Tag ist, an welchem die Er- klärung zur Annahme des Mandats abgegeben werden muß. Wer das versäunit haben sollte, hole die Unterlassung sofort nach; entweder beim Wahlvorsteher des UrWahlbezirks oder aber auf dem Wahlbureau, Poststr. 16. Zum Streit der westlichen Bororte über die Schnellbahnprojekte. Die Charlottenburger Stadtverordneten halten heute eine außer- ordentliche Sitzung ab, auf deren Tagesordnung ein ein- ziger, aber höchst wichtiger Punkt, die Vorlage betr. Unter- grundbahnen, steht. Wie erinnerlich, herrscht seit Monaten zwischen den westlichen Vororten, oder richtiger gesagt, zwischen dem Fiskus, einigen Privatspekulanten und Wilmersdorf auf der einen, Charlottenburg und Schöneberg auf der anderen Seite, ein leb- hafter Streit über die Linienführung der neu projektierten Unter- grundbahnen des Westens. Ein von Wilmersdorf und der Domäne Dahlem unterstütztes Projekt der Hochbahngesellschaft geht dahin, daß die Dahlem-Wilmersdorfer Bahn vom Nürnberger Platz über den Wittenberg Platz, durch die Nettelbeck- und Kurfürstenstratze bis zum Gleisdreieck fortgeführt werden soll. Die Stadt Char- loitenburg dagegen, die für eine Linie vom Kurfürstendamm her den Anschluß an das allgemeine Schnellbahnnetz sich offen zuhalten versucht, hat nach langwierigen Vorverhandlungen neuerdings der Hochbahngesellschaft ihre Straßen zur Verfügung gestellt für eine Linie, die durch die Uhlandstraße, über den Auguste-Viktoria-, den Wittenberg- und Nollendorfplatz nach dem Gleisdreieck führt. Dies Projekt wird auch von Sckzöneberg unterstützt, weil es eine Per- einigung mit der zum Teil bereits in der Ausführung begriffenen Schöneberger Bahn Hauptstrahe— Nollendorfplatz— Behrenstraße zuläßt und nicht nur einen guten Ausgleich zwischen den Interessen der verschiedenen Parteien schafft, sondern auch am besten dem Ge- samtinteresse der Bevölkerung dient. Bezeichnend ist es, daß obwohl der eigentliche Ressortminister, der preußische Minister der öffentlichen Arbeiten, bereits im Mai dieses Jahres das Charlottenburger Projekt vorgeschlagen hat und obwohl er es auch heute noch für das geeignetste hält, seine Kollegen im Staatsministerium, der Finanzminister und der Landwirt- schaftsminister über seinen Kopf hinweg ihre eigene Politik treiben und aus rein fiskalischen Gründen sich auf die Seite von Wilmers- dorf stellen. Hoffen sie doch, auf diese Weise in Dahlem die Grund- stückspreise in die Höhe treiben und dort eine Gemeinde für Millio- näre gründen zu können, die noch weniger Gemeindesteuern zahlen als die Bewohner der Kolonie Grunewald, und eine billige und be- queme Verkehrsverbindung nach Berlin erhalten, allerdings auf Kosten von Charlottenburg und Schönebcrg. Diese Unterstützung durch die beiden Minister stärkt die Ge- meindebehörden von Wilmersdorf in ihrem Widerstand, sie lassen sich auf keinerlei Einigungsverhandlungen ein, halten an ihrem bisherigen Projekt fest und verlangen, daß Charlottenburg ihnen die Benutzung seiner Straßen bedingungslos einräumt und dadurch feine eigene Entwickelung hemmt. Die Stadt Charlottenburg da» gegen hat wiederholt Einigungsvorschläge gemacht, ohne indessen bei Wilmersdorf auf Gegenliebe zu stoßen. Auf das Gesuch der Charlottenburger Gemeindebehörden an den Minister der öffent- lichen Arbeiten, zu erwägen, ob nicht zugunsten der Beilegung des schwebenden Streitpunktes eine vermittelnde Einwirkung auf die Beteiligten möglich und zulässig sei. hat der Berliner Polizeipräsi- dent geantwortet, daß er eS den Beteiligten selbst überlasse,„die durchaus erwünschte Einigung" herbeizuführen. Die Frist für die Einigungsverhandlungen hatte der Polizeipräsident auf 4 Wochen bemessen und hinzugefügt, sofern in angemessener Zeit eine Ver- ständigung nicht erzielt werde, müsse eS bei der Zulassungsentscheidung für die durch die Nürnberger- und Nettelbeckstraße projektierte Bahn, also für das Wilmersdorfer Projekt, sein Bewenden be. halten. Die Frist ist verstrichen, aber eine Einigung ist nicht erzielt. Nachdem der Wilmersdorfer Magistrat zunächst wiederholte An- suchen des Charlottenburger Magistrats, mit ihm zu verhandeln, einfach unbeachtet gelassen hat, ist es in den letzten Tagen endlich zu Verhandlungen gekommen, die aber resultatlos verliefen. Wilmersdorf will lediglich über den Bau einer Bahn verhandeln, die in Halensee. beginnt und durch den ganzen Zhtrftirstendamm hindurchführt, die aber von der durch die Nürnberger Straße zu erbauenden Bahn selbständig sein und neben dieser ausgeführt werden soll. Ueber dies rPojekt als über eine Kompensation für werden soll. Ueber dies Projekt als über eine Kompensation für nutzung Charlottenburger Straßen zu verhandeln, lehnt Wilmers- dorf ab. Der Charlottenburger Magistrat dagegen erachtet nach wie vor den Vorschlag des Ministers der öffentlichen Arbeiten und den auf diesen gegründeten Eimgungsvorschlag Charlottenburgs zur Führung der von Wilmersdorf kommenden Bahn durch die Uhlandstraße nach dem Nollendorfplatz im allseitigen Interesse für den besten und gerechtesten. Er hält solange daran fest, als nicht mit der Gemeinde Wilmersdorf eine Einigung auf einer anderen, die Interessen Charlottenburgs in gleicher Weise berücksichtigenden Grundlage zustande gekomwen ist und ersucht deshalb von der Stadtverordnetenversammlung die Ermächtigung, in die von Wilmersdorf gewünschte Verhandlung über die Erbauung einer selbständigen Bahn durch den Kurfürstendamm sofort einzutreten auf der Grundlage, a) daß für die zu erbauende selbständige Bahn an einem noch zu vereinbarenden Punkte direkter Anschluß an die Bahn der Gesellschaft für elektrische Hoch- und Untergrundbahnen gewährt wird, bl daß die Linienfiihrung der zur Auflösung des Gleisdreiecks bestimmten Erweiterungslinie über den Nollendorf- platz derart stattfindet, daß ein Anschluß'der Schöneberger Bahn mittels eines Gemeinschaftsbahnhofs am Nollcndorfplatz sicher- gestellt wird. Hoffentlich wird in der Stadtverordnetenversammlung auch Klarheit geschaffen werden darüber, welche unverantwort- lichen Stellen, vor allem welche Grundstücks» spekulanten, bei der Angelegenheit ihre Hand i m S p i c l e h a b e n. Es ist ja ein offenes Geheimnis, daß ein in letzter Zeit häufig genannter Spekulant im Ministerium ein- und ausgeht und hinter den Kulissen dahin arbeitet, daß nicht nur der Domänenfiskus, sondern auch er selbst einige Millionen dabei herausschlägt. Daß die Regierung das Selb st Verwaltung s- recht der Gemeinden, das hierbei auch eine wesentliche Rolle spielt, mit Füßen tritt, nimmt nicht Wunderz daß sie eS aber Spekulationsinteressen opfert, ist das neueste und tollste Stück preußischer Regicrungsweisheit. Verweigerter Urlaub zur Lanbtagswahl. Dieser Tage ging eine Mitteilung durch die Presse, nach der der Magistrat verfügt hüben sollte, daß jedem städtischen Arbeiter Urlaub zur Ausübung seines Wahlrechts gegeben werden müsse. Wir wissen nicht, ob diese Meldung zutrifft, halten es aber für selbstverständlich, daß den im städtischen Dienste stehenden Beamten und Angestellten Ge- legenheit gegeben werden muß, ihr Wahlrecht auszuüben. Um so mehr muß verwundern, daß an manchen Stellen Urlaub zu genanntem Zweck verweigert worden ist. Das wird uns berichtet von dem Straßenreinigungsdepot in. der Elbinger Straße. Als Arbeiter den Aufseher um Urlaub ersuchten, um zur Wahl gehen zu können, erklärte der Vorgesetzte, er könne solchen nicht geben; ihm sei nichts davon bekannt, daß Urlaub erteilt werden solle. Von der Direktion habe er keine Anweisung. Und so kam es, daß städtische Arbeiter nicht wählen gehen durften. Es wäre inter- cssant, festzustellen, ob auch in anderen Depots der Straßen» reinigung in gleicher Weise verfahren worden ist.— �Die Direktion der Straßenreinigung wie der Magistrat werden n?cht umhin können, sich zur Sache zu äußern. Straßenbahnvcrbindung Reinickendorf— GSrlihcr Bahnhof. Eine durchgehende Straßenbahnverbindung vom Rathaus in Reinickendorf bis zum Görlitzer Bahnhof hat heute die Große Ber» liner Straßenbahn eröffnet. Die Verbindung kommt dadurch zu- stände, daß die bisherige Linie 32 Reinickendorf— Charlottenstraße bis zum Görlitzer Bahnhof verlängert worden ist. Die Linie geht von ihrem nördlichen Endpunkt auf dem bisherigen Woge bis zur Dorothcenstraße. Tann geht sie über den Opernplatz, den Schloß- platz, den Köllnischcn Fischmarkt, die Dresdener Straße und den Oranienplatz. Im allgemeinen wird die Linie mit einer Wagen» folge von 7 Vi Minuten betrieben. Werktags geht der erste Wagen vom Rathaus in Reinickendorf 6,03 Uhr, von der Pankower Allee schon von 5,30 Uhr an. In umgekehrter Richtung geht der erste Wagen vom Görlitzer Bahnhof 7,07 Uhr, vom Weddingplatz schon 5,55 Uhr usw. Die letzten Wagen verkehren von Reinickendorf 11,43 Uhr, vom Görlitzer Bahnhof 10,37 Uhr und von der Char» loitenstraße 12,13 Uhr. Sonntags geht der letzte Wagen von Reinickendorf 12,04 Uhr, vom Görlitzer Bahnhof 11,38 Uhr, von der Charlottenstraße 12,43 Uhr. Die Fahrzeit beträgt wochentags 54 Minuten, Sonntags 62 Minuten, der Fahrpreis 10 Pf..Der Betrieb gilt zunächst als ein Versuch für die Dauer eines Jahres. Ungeheuer große Schwärme von wilden Gänsen strichen am Mittwochnachmittag, etwa zwei Stunden vor Sonnenuntergang, über die nördlichen Vororte von Berlin. In der für diese Tiere charakteristischen keilförmigen Flugaufftcllung zogen sie in beträcht- licher Höhe dahin. Von einzelnen versprengten tieferfliegendcn Exemplaren konnte man bei genauem Hinhorchen deutlich jene der wilden Gans eigentümlichen, kurz herausgestoßenen tochreie hören. Den Hals weit nach vorn gestreckt durchsegelten die Tiere die Lust. Ihre Flugrichtung nahm den Weg vom Nordwesten nach dem Süd- osten. Wenn der Volksmung recht hat, so haben wir nun bald ziem- lich strenge Kälte zu erwarten, denn die wilde Gans soll uns erst unmittelbar vor dem Eintritt starken Frostes verlassen. Die beiden„Antomobilecken" im Grunewald und an der Oranienburger Chaussee bei Tegel, an denen schon eine ganze Reihe von Automobilkatastrophen vorgekommen sind, werden jetzt dadurch beseitigt, daß in den Kurven die Straßenzüge verbreitert werden. Diese Verbreiterung wird soweit durchgeführt, daß die Automobilfahrer die Straße und somit die Gefahrstelle genügend übersehen können. Gleichzeitig sind auch Warnungstafeln für die Automobilisten auf der Chaussee aufgestellt. Da« Rolandufer zwischen Mühlendamm und Waisenbrücke soll nunmehr wenigstens an einer Stelle, nämlich an der Waisenbrücke, hergestellt werden. Dort an der Wasserfront des neuen Direktions« gebäudeS der städtischen Gaswerke(frühere Waiieukirche) soll eine neue massive Ufermauer errichtet werden. Gleichzeitig sollen die beiden dort unterhalb der Waisenbrücke befindlichen Flußbadeanstalten verlegt werden. Auch in der Nähe der Kleinen Stralauer Straße. wo jetzt ein großer Neubau auf den Grundstücken Stralauer Str. 46/47 aufgeführt wird, soll eine neue Ufermauer errichtet werden. Von einem schweren Unglück ist Dienstagabend der Genosse Waldheim, Pritzwalker Str. 4, heimgesucht worden. Während der Genosse im Wahllokal sich eifrig an den Wahlarbeiten zur Landtags- wähl beteiligte, wurde auf der Straße vor dem Hause Turmstr. 4 sein achtjähriger Knabe von einer Droschke überfahren und schwer» verletzt von einem daherkommenden Privataulomobil nach dem Krankenhause Moabit geschafft. Dort ist der Knabe nach Vornahme einer Operation bald nach der Einlieserung gestorben. Der Kutscher der Droschke ist nicht ermittelt worden. Ein Opfer der Kälte ist anscheinend ein unbekannter Mann in der Friedenstraße geworden. In den Anlagen an der Auferstehungs» kirche wurde eilt etwa 60 Jahre alter Mann in erstarrtem Zustand aufgefunden und nach der Unfallstation gebracht. Man konnte bei ihm aber nur noch den inzwischen eingetretenen Tod konsta» tieren. Wahrscheinlich, ist der Fremde ein Opfer des Nachtfrostes ge» worden. Auf einer Bank erschossen hat sich der Kellner Georg Schäfer. Sch. war in einem Sommerlokal in Treptow beschäftigt gewesen. Er wurde, da der Nestaurateur wegen Geschäftseinschränkung den größten Teil der Kellner entlassen mußte, arbeitslos und vermochte trotz angestrengter Bemühungen neue Beschäftigung nicht zu erhalten., In der Verzweiflung jagte sich der Bedauernswerte eine Kugel in den Kopf. Aus einer Bank im Plänterwald wurde der Lebensmüde tot aufgefunden. Neben der Leiche lag der Revolver. Aufgefahren. Bei Einfahrt des Leerwagenzuges 4668 in den Lehrter Jnnenbahnhof fuhr gestern früh 6 Uhr 53 Min. der Zug infolge falscher Weichenstellung auf den in der Halle haltenden besetzten Vorortszug 4666 auf. Personen haben sich als verletzt nicht gemeldet. Der Materialschaden ist nicht erheblich. Die Züge erlitten keine großen Verspätungen. Die Berliner Arbeiter- BildungSschule macht darauf auf" merksam, daß der Kursus des Genossen G r u n w a l d über Finanzwisscnschaft nach Rücksprache mit den Schülern nicht weiter Freitag abends, sondern Sonntags, vor» mittags um 9 Uhr stattfindet. Freie Jugendorganisation Berlins und Umgegend. Abteilung 25. Freitag, den 20. Oktober, abends 8 Uhr. bei Meyer, Oranienstr. 103: Versammlung. Vortrag dcS Kollegen Masch ke. Der Berliner Polizeipräsident hat die Organisation allerdings für politisch erklärt. Der Vorstand der Jugendorganisation vermag aber der durchaus irrigen Ausicht des stellvertretenden Polizei- Präsidenten keine Rechnung zu tragen, weil das Gesetz auf seiner Seite steht. Das Vorgehen des Polizeipräsidenten ist nicht minder rechtswidrig als der berühmte Turnerlaß des KultuSiuiiiisters. dessen Rcchtswidrigkcit gestern die Strafkammer des Landgerichts an» erkannt hat. Fcuerwehrbericht. Der 20. Zug wurde am Mittwoch nach der Wallstr. 26/27 alarmiert, wo in einer Metallwarenfabrik Waggon- lack, der äußerst feuergefährlich ist, in Brand geraten war. ES gelang, die Gefahr bald zu beseitigen. Nachts um 11 Uhr mußte der 16. Zug einen größeren Kellerbrand in der Schulzendorfer Straße 6 löschen. Das Feuer war in einer Wohnung ausgekommen. Fußboden. Balken usw. brannten in der Königgrätzer Straße 23/36 und Bahnhofstr. 1 Ecke Schöneberger Straße Möbel in einer Keller- Wohnung. Wegen eines Wohnungsbrandes wurde der 17. Zug nach der Hollmannstr. 22 alarmiert. In der Oranienstr. 65, wohin die Feuerwehr am Donnerstagvormittag gerufen wurde, war eine Brandstelle nicht zu ermitteln. Pankstraße am Nettelbeckplatz brannte Fachwerk. Der Bericht über die Tätigkeit der sozialdemokratischen Frak- tion(Abschnitt Schul- und Bildungswesen. Nummer vom 27. Ok- tober) enthält einige Fehler, die wir richtigstellen wollen. So mutz es ziemlich am Schluß der ersten Seite heißen, daß der Neubau einer einfachen Gemeindeschule in den Etat 1369 eingestellt ist, anstatt 1367. Auf der zweiten Seite in der dritten Spalte heißt es, daß dem Verein für-Kindervolksküchen für die Portion 12 Pf. gezahlt würden; es muß heißen 11 Pf. Zu Beginn des dritten Absatzes ist an Stelle des Wortes„Schulpflege"„Schulspeisung" zu setzen. Und lautet das Zitat aus der Rede des freisinnigen Ab- geordneten Ernst in seinem Wortlaut: „Die Vorschulen sind ein unschönes Gewächs der Reaktions- Periode; sie verdanken ihr Entstehen, Wachstum und Blühen der Vernachlässigung der Volksschule, der staatsmännischen Kurzsichtig- keit der früheren Unterrichtsverwaltung und dem Standeshochmut der besitzenden und höheren Stände." Vorort- JSacbridrten. CharlottenbM'g. In einer überfüllten Kommunalwählerversammlung referierte am letzten Dienstag im„Volkshaus" Genosse August Gebert. In mehr als einstündiger Rede gedachte der Referent der elenden Lage der städtischen Arbeiter, der mangelnden Arbeitslosenfürsorge sowie der Wertzuwachssteuer, deren Schicksal noch dunkel im Schöße eines Ausschusses ruht; auch forderte er eine bei den traurigen Wohnungsverhältnissen äußerst notwendige Wohnungsinspektion, die bei den Hausagrariern, die ja im Stadtparlament dominieren. keinen Beifall findet. Beim Schulwesen betonte Redner die sozial- demokratischen Forderungen, wie freie Beköstigung der Schulkinder und freie Lernmittel. Die reiche Stadt Eharlottenburg sei soweit gekommen, daß sie ihre Kinder nach den Berliner Gemeindeschulen überführen müsse, weil sie dieselben in Ermangelung von Schul- räumen nicht unterbringen könne. So sei meiner Familie das eine Kind innerhalb drei Jahren fünfmal, das andere in zwei Jahren dreimal und noch ein anderes Kind in einem Jahre zwei- mal umgeschult worden, obwohl die Eltern seit sechs Jahren in dem gleichen Schulbezirk wohnten. Auch auf hygienischem Gebiete sei noch viel zu wünschen. Nach einer Kritik des Verkehrswesens, das in Charlottenburg das denkbar schlechteste sei, schloß Rodner seine mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen mit dem Wunsche, daß bald wenigstens die 24 Plätze der dritten Abteilung mit Sozialdemokraten besetzt würden. Hierauf nahm der Stadtverordnete Genosse Dr. Borchardt das Wort. Von den durch die Schändlichkeit des Berliner Freisinns notwendig gewordenen Landtagsersatzwahlen ausgehend, kam Redner auf die Charlottenburger sogenannten Freisinnigen zu sprechen, schilderte diese„entschieden Liberalen", die in Charlottenburg die unumschränkte Herrschaft haben, in ihrer ganzen„Größe" und legte in wirklich vortrefflicher, klarer und überzeugender Weise die Klassengegensätze dar, die zwischen der Sozialdemokratie und dem liberalen Bürgertum bestehen. Wenn das gegenwärtige Klassen- Wahlrecht den Liberalen nicht ganz behagt, dann nur deshalb, weil die Junker unter diesem immer noch bessere Geschäft« machen als sie. Redner verwies wieder auf die Ripdorfer Vorgänge und ver- spottet den heuchlerischen Entrüstungsstürm der hiesigen Liberalen, die sich vorläufig ja leicht an die demokratische Brust schlagen können, solange die Sozialdemokraten noch nicht mal die dritte Ab- teilung erobern können. Mit eindringlichen Worten legte Redner zum Schluß es jedem als heiligste Pflicht ans Herz, überall, auch in unsicheren Bezirken, alle Kräfte anzuspannen, um eine Ver» mehrung unserer Stimmenzahl zu erreichen und damit unseren Forderungen größere Beachmng zu verschaffen. Einige unserer Kandidaten, nämlich die Genossen Lehmann, Vogel und Rosenfeld, unterstrickjen noch kräftig die Ausführungen der beiden Referenten. Genosse Rechtsanwalt Rosenfeld hob ins- besondere noch einmal die Wichtigkeit unserer Stimmenvermehrung auch in aussichtslosen Bezirken hervor und bezeichnete die Stadt- gemeinde als ein Institut zum Wohle derjenigen, die zur ersten und zweiten Steuerklasse gehören. Von Gegnern meldete sich nie- mand zum Wort. Nach Verkündigung der mit großem Jubel aufgenommenen Re- sultate der Berliner Landtagswahlen und nach einem kernigen Schlußworte des Genossen Will nahm die imposante Versammlung einstimmig folgende Resolution an: � „Die heute versammelten Kommunalwähl«r sind mit den AuS- führungen der Referenten vollständig einverstanden und erklären. am 3. November einzig und allein den Kandidaten der Sozial- demokratie ihre Stimme zu geben." Zehlendorf(Teltow-Beeskow). Die reiche Gemeinde Zehlendorf hat schon oft ihr mildtätiges Herz bewiesen, wenn es sich darum handelte, Forderungen auf Unterstützungen der Villenbesitzer für ihre Gymnasialzöglinge zu bewilligen. Sie kann aber auch sofort anders, wenn es sich um einen Arbeiter handelt. Unser Genosse P., ein vom Schicksal be. sonders schwer verfolgter Mann, mußte seine 8 Jahre alte taub- stumme Tochter einer Anstalt überweisen. P. ist bemüht, sich mit seiner starken Familie, bestehend aus einer kranken Frau, vier Kindern, die sich noch zu Hause befinden, und einer alten SckMieger- mutier, so gut es geht, durchzuschlagen. Von diesem Arbeiter nun fordert Zchlendorf 4 Ml pro Monat Beisteuer für die Anstalts- pflege seiner Tochter. In der Verhandlung vor dem Kreisausschuß vertrat der Vertreter des Ortsarmenvcrbandes Zehlendorf die Auffassung, daß P. sehr wohl noch imstande sei, die 4 M. pro Monat abzustoßen, um so mehr, da er sich seinerzeit dazu ver- pflichtet habe. Nach einer Schilderung seiner Lage mußte aller- dings der Kreisausschuß einsehen, daß ein Arbeiter in solch drückenden Verhältnissen nicht in der Lage sei, ohne Gefährdung seiner übrigen Familie den geforderten Beitrag zu leisten. Die Ansprüche Zehlendorfs wurden zurückgewiesen. Als Gegenstück er- innern wir an den hohen Beitrag, den Zehlendorf an die Rüde» Vereinigung der Gymnasien für die westlichen Vororte zahlt. Der FLrstenhofboykott vor dem Kammergericht. In dem seit fast drei Jahren schwebenden Boykottprozeß, den der Pächter des der Gemeinde gehörigen Restauranls„Fürstenhof" gegen eine Anzahl hiesiger Genossen angestrengt hatte, hat in der Verhandlung vom 21. Oktober das Kammergericht anerkannt, daß die Beklagten zur Zahlung der Schadenersatzsumme von 1 67 6 M. verpflichtet seien. Inzwischen hat sich aber Herr Schwedhelm darauf besonnen, daß sein Schaden für die vergangenen zwei Jahre 4766 M. betrage. Dieses Zugeständnis über die Wirkung des Boykotts ist immerhin beachtenswert. Das Kammergericht hat auch diese Forderung für berechtigt anerkannt. Nur soll Herr Schwedhelm erst den Nachweis des Schadens erbringen. Auf die Begründung dieses seltsamen Teilurteils sind wir gespannt. Soll etwa der Sozialdemokrat durch Gerichtsurteil ge- zwungen werden können, bei dem Wirt zu verkehren, der sein Lokal den Sozialdemokraten verweigert? Oder hat das Kammergericht angenommen, nicht der Wirt, sondern die Gemeindeverwaltung sei der eigentlich Schuldige an der Entziehung des Lokals den Ar- heitern? Dann hätte es diese, nicht die Beklagten verurteilen sollen. Die Gemeindeverwaltung hat in ihrem Pachtvertrag fest- gelegt, der Pächter müsse das Lokal den klassenbewußten Arbeitern. der Sozialdemokratie, für Versammlungen verschließen. Bald steht Zehlendorf vor der Gemeindewahl. Dabei wird diese gegen die guten Sitten verstoßende Pachtvertragsklausel die ihr gebührende Rolle spielen. Lichtenberg. Eisenbahnerlos. Zwischen den Cisenbahnpuffern erdrückt wurde der 26 Jahre alte Rangierer Karl Schorat aus der Gudrun. straße 1. Sch. hatte auf dem hiesigen Güterbahnhof die einzu- rangierenden Waggons zusammenzukoppeln. Als nun einer der Wagen auf den anderen anfuhr, geriet der junge Mann Unglück- licherweise zwischen die Puffer. Der Brustkasten wurde ihm voll- ständig eingedrückt, so daß der Tod auf der Stelle eintrat. Kol- legen fanden später den Leichnam des Getöteten auf und schafften ihn nach der Leichenhalle. Boxhagen- Rummelsburg. Am Sonntag, den 31. Oktober, abends 6 Uhr, veranstaktet der Jiigendausschuß im Cafs Bellevue, Hauplstraße 2. einen Familienabend. Vortrag des Herrn Redakteurs&. Davidsohn über:„Heinrich Heine und die Jugend". Nach dem Vortrage: Gesang und deklama- torische Vorträge. Alle Jugendlichen, wie die Parleigenosten sind zu dieser Veranstaltung freundlichst eingeladen. Eintritt frei! Ober-S ch önew eide. Am Sonntag, den 31. Oktober, veranstaltet der Jngendausschuß für die Jugend eine unentgeltliche Besichtigung des Aquariums. Die Teilnehmer treffen sich nachmittags l�h Uhr im«Jugendheim" bei Raabe, Wilhelminenhofftr. 43. .Am Bußtag, den 17. November, nachmittags 5 Uhr, ist die Be- sichtigung der Sternwarte in Treptow arrangiert. Jugendlich« zahlen für Vortrag und Besichtigung des Fernrohrs 36 Pf., deren Eltern und sonstige Erwachsene 86 Pf. Damit rechtzeitig die genügende Anzahl Eintrittskarten be- schafft werden kann, wollen sich die Teilnehmer an der Besichtigung in die vom Jugendausschuß ausgelegten Listen einzeichnen. Zossen. Der Stadtverordnetensitzung am Dienstag lag ein Vertrag der Stadt mit der Elektrizitäts-Gesellschaft, die Energie außerhalb der Gemarkung Zossens abgeben will, vor. Nach dem Antrage darf der Preis für Strom an hiesige Abnehmer nicht teurer als an aus- wältige berechnet werden. Die Stadt erhält vom Bruttogewinn für auswärtige Anschlüsse im Umkreis bis 4 Kilometer 3 Proz., inner- halb 4 Kilometer bei Abgabe von Licht 16 Proz., bei Kraft 5 Proz. Die Stadt ist berechtigt, alle Anlagen zum Torwerte übernehmen- zu können, jedoch nur im ganzen. In dem Vertrage ist gleichzeitig der Mindestfteuersatz, den die Gesellschaft zu zahlen hat, auf 346 M. festgelegt. Betreffs der Beleuchtung der Straßen mit Gas, die die Stadt wegen mangelnder elektrischer Beleuchtung vornehmen will und deshalb schon eine Anzahl Gaslaternen aufgestellt hat, ist es noch zu keinem Resultat gekommen. Das Elektrizitätswerk will nur an neuen Straßen, die noch keine elektrische Beleuchtung haben, die Gasbeleuchtung zur Hälfte zulassen. Ein Prozeß wird in diese Angelegenheit Aufklärung bringen. Bekanntlich beansprucht das Elektrizitätswerk eine Art Monopol auf Grund eines früheren Ver- träges.- Der jetzt vorgelegte Vertrag wurde vom Kollegium ein- stimmig angenommen. Die Art der Tilgung einer Anleihe in Höhe von 35 666 M.. die in einer früheren Versammlung beschlossen wurde, fand beim Regierungspräsidenten keine Genehmigung. Es wurde verlangt, die Tilgung mit 1% Proz. unter Zuwachs der er» sparten Zinsen vorzunehmen. Man einigte sich auf Is-h Proz. Sericbts- �eirung. Folgen zu zeitiger Zahlung. Das Handlungshaus Bornstein u. Bütow in Berlin sandte am 15. Januar 1363 einen Boten zur Firma Pick u. Co. zwecks Ein- kassierung einer Rechnung von 766 M. Letztere Firma händigte dem Boten einen auf die Deutsche Bank bezogenen, vom 17. Januar 1366 datierten Scheck über 766 M. aus. Der Bote begab sich so- gleich nach der Deutschen Bank, dort wurde ihm der Scheck ohne weiteres bezahlt. Der Bote unterschlug die 766 M., machte sich einige lustige Tage und wurde nach Verlauf einer Woche verhaftet. Er ist jedoch mittellos. Die Firma Bornstein u. Bütow verlangte daraufhin die 766 M. nochmals von der Deutschen Bank, da der Scheck rechtswidrig bezahlt worden sei. Die Deutsche Bank weigerte sich, nochmals zu zahlen, mit dem Einwand: Der Scheck sei ord- nungsmäßig ausgestellt gewesen, daß er zwei Tage früher bezahlt worden, sei eine Liebenswürdigkeit der Bank getvesen. Bornstein u. Bütow verklagten die Deutsche Bank. Das Landgericht Berlin I kam auch zur Verurteilung der Beklagten. Die Deutsche Bank legte Berufung ein. Aus diesem Anlaß hatte sich der 13. Zivilsenat des Kammergerichts mit der Angelegenheit zu befassen. Der Senat wies nach längerer Verhandlung die Berufung zurück und legte die Kosten des Verfahrens der Klägerin auf. Es heißt in den Urteilsgründen: Der Scheck wird auf Grund eines Scheckvertrages gegeben. Ter Scheckvertrag stellt sich als Auftrag, gemäß Z 662 des Bürgerlichen Gesetzbuchs dar. Durch den Scheckvertrag ver- pflichtet sich die Bank als Beauftragte, das ihr vom Scheckkunden an den Auftraggeber übertragene Geschäft, nämlich für ihn Zahlung zu leisten, zu besorgen. Als Beaufragte hat sich die Bank an die Weisungen des Auftraggebers zu halten. Der Auftrag selbst ist in dem Scheck schriftlich zum Ausdruck gebracht. Wenn nun in dem Scheck ein Ausstellungstag vermerkt ist, der noch nicht heran- gekommen ist, so kann dies im Zweifel nur bedeuten, daß der Auf- trag frühestens an diesem Tage von dem Beauftragten ausgeführt. also erst an jenem Tage Zahlung geleistet werden sollte. Von dieser Weisung des Auftraggebers darf der Beauftragte, gemäß § 656 des Bürgerlichen Gesetzbuchs nur abweichen, wenn er den Umstünden nach annehmen darf, daß der Auftrageber bei Kenntnis der Sachlage die Abweisung billigen würde. Zuvor hat er aber dem Auftraggeber Anzeige zu erstatten und dessen Entschließung abzuwarten, wenn nicht mit dem Aufzuge Gefahr verbunden ist. Die Beklagte hätte also, als ihr der fragliche Scheck am 15. Januar 1363 zur Zahlung präsentiert wurde, erst bei der Firma Pick u. Co. anfragen müssen, ob sie damit einverstanden sei, daß der Scheck bereits vor dem Ausstellungstage bezahlt wurde. Wenn sie dies nicht getan, sondern den Scheck ohne weiteres eingelöst, der Bote der Klägerin aber den erhaltenen Betrag unterschlagen hat, so ist diese Zahlung— weil auftragwidrig erfolgt— der Firma Pick u. Co. gegenüber wirkungslos. Erscheint bereits auf Grund dieser Erwägung der Klageanspruch als begründet, so findet er ferner seine Rechtfertigung darin, daß die Beklagte durch ein Zirkular vom April 1363 ausdrücklich ihren Kunden gegenüber die Ver- pflichtung eingegangen ist, in Zukunft vordatierte Schecks auf sie selbst nicht einzulösen. Dieses Zirkular hatte nicht den Charakter elner unverbindlichen Mitteilung. Seine Versendung, die an alle Kunden, auch an Pick u. Co. geschehen ist, konnte nur die Bedeutung haben, daß die Bank die in dem Zirkular enthaltenen Bedingungen für den Scheckverkehr als maßgebend bestimmen wollte. Die Be- klagte behauptet, unter Berufung auf die Auskunft des Aeltesten- kollegiums der Berliner Kaufmannschaft, daß es handelsüblich sei, der Bank vorher Mitteilung zu machen, wenn ein vordatierter Scheck ausgestellt werde. Daß ein solcher verbindlicher Handelsbrauch nicht bestehen kann, ergeben aber die eigenen Geschäftsbedingungen der Beklagten. Der Berufung mußte daher der Erfolg versagt werden._ Streiflichter. Zu dem unter Ausschluß der Oeffentlichkeit verhandelten Be- leidigungsprozetz des Schriftstellers Franz Pfemfert gegen den ver- antwortlichen Redakteur der„Wahrheit", bittet uns Herr Pfemfert folgende notwewdige Ergänzung zu geben: Die Verhandlung habe ergeben, daß der„Offene Brief des Bundes der Perversen" seiner- zeit ohne Wissen und unter mißbräuchlicher Benutzung des Namens des Privatklägers von dem Schriftsteller Rudolf Kurz-Riederschon- hausen verfaßt und von dem ehemaligen Herausgeber der„Kritik der Kritik", Lco Horwitz, der„Staatsb.-Zeitung" zwecks Düpierung in die Hände gespielt worden sei. Er, Pfemfert, habe erst durch die Presse von der Existenz des Briefes erfahren; er habe auch nicht die Sache als einen schlechten Witz darzustellen gesucht, vielmehr habe die Verhandlung und besonders das Gutachten des Kriminalkommissars Dr. Kopp daran keinen Zweifel gelassen, daß die Sache nur als schlechter Witz aufgefaßt werden konnte.— Herr Pfemfert bittet auch, festzustellen, daß er lediglich im„Kampf" vor Jahren zwei lyrische Gedichte veröffentlicht habe, die sehr harmloser Natur ge« Wesen seien. Gegen das durch seine Begründung auffallende Urteil hat Kläger Berufung eingelegt.■ Vermilcktes. Zur Kölner Flugwoche. Köln, 23. Ottober.(B. H.) Köln steht heute im Zeichen der Lenkballons. Schon um 3 Uhr vormittags wurde bei der Bicken- dorfer Ballonhalle ein Pilotenballon hochgelassen, der gegen 11 Uhr ziemlich unbeweglich im Winde stand. Um 11 Uhr 16 Minuten öffneten sich die Tore der Halle und der„Parseval III". der die Nacht darin verbracht hatte, wurde herausgezogen. Um 11 Uhr 26 Minuten stieg das Luftschiff in die Höhe, wandte sich zunächst nach Müngersdorf und schlug dann die Richtung nach Köln ein. Hier erschien das Luftschiff noch vor V2I2 Uhr, führte mehrere Lenkmanöver aus, umkreiste den Dom und wandte sich nach einer Schleifenfahrt nach Leichlingen. Um 12 Uhr 15 Min. passierte der„Parseval III" Bergisch-Gladbach. Kaum war der „Parseval III" den Blicken der zahlreichen Zuschauer, die sich auf den Dächern und Straßen angesammelt hatten, entschwunden, so erschien der„Parseval I". Ein Aufftieg des„Groß II" unter- blieb, obwohl das Luftschiff bereits aus der Halle gebracht worden war. Auch der„Parseval I" machte eine Schleifenfahrt über Köln, und gegen �2 Uhr überflog auch der„Zeppelin II" die Stadt Köln._ Die Klage eines verunglückten Mechanikers gegen Zeppelin. Vor der zweiten Zivilkammer des Stuttgarter Landgerichte? kam die Katastrophe des Luftschiffes„Zeppelin I" bei Echierdingen am 5. August v. I. anläßlich der Klage des dabei verunglückten Mechanikers Böhler gegen den Grafen Zeppelin zur Erörterung. Böhler ist durch die bei dem Unfall des Luftschiffes seinerzeit erlittenen Verletzungen noch immer arbeitsunfähig und mußte dreimal operiert und der linke Fuß abgenommen werden. Böhler verlangte von dem Grafen ein Schmerzensgeld von 16 666 M. und Zahlung sämtlicher Kosten. Graf Zeppelin bot ihm 3666 M. unter der Voraussetzung, daß Böhler anerkennt, iiatz dies aus Liberalität geschähe. Der Kläger hat das Angebot abgelehnt. Die Verhand- lungen wurden auf 14 Tage vertagt, um Zeit zu Vergleichs- Vorschlägen zu gewinnen. Nach Lage der Sache halten wir die Forderungen des Klägers für berechtigt und können nicht verstehen, daß Graf Zeppelin sich weigert, die Ansprüche des Verunglückten zu erfüllen. Attentat auf einen Posten. Einer amtlichen Meldung aus Mainz zufolge wurden gestern abend auf der Hochheimer Chaussee in der Gemarkung Kostheim von�einem Fuhrwerk aus drei scharfe Schüsse auf den Posten vor dem militärischen Pulvermagazin ab- gegeben. Der Täter entfloh in der Richtung nach Mainz. Er- Mittelungen sind eingeleitet. Folgenschwere Gasexplosion. Aus Boryslaw wird gemeldet: In der Wohnung des Bergwerkdirektors Leon Reiter in Tustanowice fand nachts eine fürchterliche Gasexplosion statt. Dem schlafenden Direktor Reiter wurde die rechte Hand weggerissen, die Frau Reiter sowie ihr drei Monate altes Kind wurden sofort getötet, die Amme des Kindes lebensgefährlich verletzt, das Haus zer» trümu'.ert. Sechs Bewohnerinnen eines Armenhauses verbrannt. In Vexjö(Schweden) brannte, wie eine Meldung von dort besagt, gestern vormittag das Armenhaus nieder. Sechs Bewohnerinnen sind in den Flammen umgekommen. Im Ballon über die Nordsee. Aus Southwold in Suffolk an'der englischen Novdseeküjte wird gemeldet: Ein Ballon, der während des Sturmes über die Nordsee getrieben worden war, verwickelte sich gestern in früher Morgen- stunde in den Telegraphendrähten. In dem Korb befanden sich zwei französische Lufischiffer, ein Fräulein Marvin und ein Herr Garnier. Die Dame sprang aus dem Ballon, der sich in demselben Augenblick aus den Drähten entwirrte und pfeilschnell mit Garnier in die Höhe schoß. Fräulein Marvin, die sich ein Fußgelenk ver» staucht hatte, schleppte sich nach dem nächsten Bauernhaus, wo ihr Pflege zuteil wurde. Der Ballon war inzwischen zwei Meilen weiter ins Land getiieben worden und verwickelte sich schließlich in den Zweigen eines Baumes. Garnier sprang ebenfalls, ohne eine ernste Verletzung zu erleiden, aus dem Ballon. Aus einem Pachthof kam Hilfe, und der Ballon konnte geborgen werden. Fräulein Marvin ist eine Championathletin. Sie erzählte, daß die Fahrt über die Nordsee furchtbar aufregend gewesen sei. Ver- schiedentlich habe der Korb das Wasser berührt. Als sie in Nancy aufstiegen, hätten sie gar nicht beabsichtigt, so weit zu gehen. Sie wurden durch den starken Sturm übers Meer getrieben. Ein Waggondach vom Sturm abgehoben. Innsbruck, 28. Oktober.(B. H.) Seit gestern wütet hier und in der Umgebung ein orkanartiger Sturm, der großen Schaden an Kulturen und Gebäuden anrichtete. Bei Hall wurde das Dach eines Waggons eines fahrenden Güterzuges auf die Schienen geworfen, und der nachfolgende Schnellzug konnte nur mit größter Mühe vor einer Katastrophe bewahrt werden. von Die Pest. Konstantinopel, 28. Oktober. An der Küste Adalia, Vilajet Konia, sind zwei Pestfälle vorgekommen. Deutscher Nrbeiter-Nbstiiicnten-Biind. Ortsgruppe Berlin. Heute abend 8'/, Uhr im Saat 1 deS GelverkschaslsbauscS, Engel- ustr tS: Dortrag des Genossen S. Katzcnstein: Der Kamps gegen den Alkohol- Eintritt 10 Ps. Allgemetne Kranken, und Sterbekasie der Metallarbeiter (E- H- 29 zu Hamburg-) Filiale Baumschulenweg. Sonnabend, den 36. Oktober, abends 3'/, Uhr, bei Kädlng, Baumschulenstr- 87. Wasierftando-Stachrichten der LandeSanltalt für Gewässerkunde, mitgetelll vom Berliner Wetterbureau. Wasserltand M e m e l. TUstt Vre g el. Jnsterburg Weichsel, Tboru Oder. Rattbor , Kroffen , Franksurt La r t h e, Schrimm , Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden , Bardo , Magdeburg st 4- bedeutet Wuchs.— Fall.— st Unterveqel. Verantwortlichcr Redakteur: Emil Unger, Grunewald. Für den Inseratenteil verantw.' Th. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag:Borwürtl Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW.