36* Jahrg. in, ii r-.......—— � Berliner Volksblntt. der foztaldemokrati fd�en Partei Deutschlands. Sie Tniertions- Gebühr Ecltägt für die fcchsgc'paltcnc Kolonel- zeile oder deren Raum KO Pfg» für politische und gewerkschaftliche Vereins- und VsrsanunIungS-Aiizcigcn L0 Bs«. „ülclne Sn--lg-n". das erste lfett. gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf- slellen-Anzeigen das erste Wort 10 Psg., jedes weitere Wort 5 Psg. Worte über lö Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nunmier müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm-Adresse: „SöÄilläemsIlkZt RcrliB**. Ztr. 385. Sbonnementz-lZeSingungen- Monnements- Preis pränumerando: Vierteljährl. ZPO Mr., monatl. 1,10 Mk., wöchentlich St Pfg. frei ins HauS. Einzelne Nunimer 5 Pfg. Sonntagsnummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeiMnas- Preisiistc. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland Z Mark pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien. Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg. Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. erscheint tsglich SltLer MmtSN. Tentralorgan Redaktion: SM. 68. Ltndenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1983. iHSMMMWWMMhiHftnMnm�wwiirgiTi.ii1 mit«■¥— ir inna—■ Oer Oorentwurf zum neuen Strafgefetzbud). IV.*) Wie kaum in irgendeinem anderen Strafgesetzbuche der Welt und wie in keinem anderen Abschnitte des Entwurfs feiert der Grundsatz der richterlichen Willkür seine Triumphe in den Bestimmungen über Strafen und Straf- bemessnng. Bestimmungen, die auch von unserem Standpunkte aus als Verbesserungen zu begrüßen wären, werden dadurch, daß ihre Anwendung in das willkürliche Ermessen der bürger- lichen, von der gegen die Arbeiterklasse gerichteten Tendenz abhängigen Richter gestellt wird, wertlos oder sogar gefährlich. Dies gilt z. B. von der Regelung, welche die bedingte Strafaussetzung, die bedingte Entlassung und die sog. Wiedereinsetzung in dein Entwürfe ge- sunden haben. In allen den Fällen hat der Ver- urteilte keinerlei Rechts anspruch auf die Gewährung dieser Vergünstigungen. Und da ihre Anwendbarkeit grundsätzlich an' das Erfordernis der„guten Führung" geknüpft ist, ein Hauptkennzeichen der guten Führung aber nach den Anschauungen unseres Klassenstaates die„gute politische Gesinnung" sein dürfte, lassen sich die vorgeschlagenen Verbesserungen nur sehr skeptisch beurteilen. Schon seit Jahrzehnten ist im A u s l a n d e das System der bedingten Verurteilung eingeführt. Hiernach ivird der erstmalig Verurteilte nur für den Fall verurteilt, daß er sich innerhalb einer bestimmten Verjährungsfrist wieder eine Straftat zuschulden kommen läßt. Ist dies nicht der Fall, so gilt ihm nicht nur seine Strafe als erlassen, sondern er gilt als überhaupt nicht verurteilt. DieS System hat sich sehr bewährt. Es hat viele dadurch, daß es ihnen den Makel der Verurteilung genommen hat, für ihr ferneres Leben ge- rettet. In Deutschland behalf man sich bisber mit der bedingten Begnadigung, d. h. man überließ es der landesherrlichen Willkür. Verurteilten für den Fall mehr- jähriger guter Führung die Begnadigung in Aussicht zu stellen. Selbst in dieser willkürlichen Form hat das System auch in Deutschland gute Früchte gezeitigt, indem es bei iveit mehr als 100000 Anwendungsfällen vier Fünftel der bedingt Be- gnadigtcn(fast nur Jugendliche) vor der verhängnisvollen Bekanntschaft mit dem Gefängnis bewahrte. Von allen ernst- haften Kriminalisten wird gefordert, daß dieses Willkür- system der bedingten Begnadigung durch das Rechts system der bedingten Verurteilung ersetzt werde. Wie überall, wo es sich nicht um die Schaffung Politischer Ausnahmegesetze ge- handelt hat, haben sich die Väter des Entwurfes auch hier mit einer halben Maßregel begnügt, indem sie die„bedingte Strafaussetzung" einführten. Sie hat vor dem bisherigen System den Vorteil, daß sie vom Richter ausgesprochen wird statt von der zuständigen Majestät oder der die Begutachtung ausübenden V e r w a l- t u n g s behörde. Sie hat aber gegenüber dem System der bedingten Verurteilung den Nachteil, daß im Verjährungsfälle nicht die Verurteilung als nicht geschehen sondern nur die Strafe als erlassen gilt. Auch derjenige, der sich die bedingte Strafaussetzung verdient hat, bleibt also vorbestraft und hat all die Existenzerschwerungen des Vorbestraften durchzukosten. Die Verjährungsfristen sind auf 1— 5 Jahre normiert. Ein trauriges Zeichen von dem Elend und der Rück- ständigkeit unserer deutschen Zustände ist die B e g r ü n d u ng, ivelche die Fertiger des Entwurfs der Ablehnung der bedingten Verurteilung geben. Sie führen aus (S. 145 der„Begründung"):„es widerspricht der deutschen Anschauung.- der hier in Rede stehenden ge- setzlichen Einrichtung eine Wirkung zu verleihen, die... viel weiter geht als selbst die dem Majestätsrecht der Gnade zugestandene!" Mit ähn- licher kurioser Begründung kvird es abgelehnt, die bedingte Entlassung aus der Strafanstalt, die künftig schon nach Ber- büßung von zwei Dritteln(statt bisher drei Vierteln) der Strafzeit, jedoch wie bisher erst nach mindestens einjähriger Dauer der Strafhaft zulässig sein soll, auf Verurteilte zu lebenslänglichem Zuchthaus auszudchnen, und so diesen aus- gestoßenen Sündenböcken der kapitalistischen Gesellschaft wenigstens einen Hoffnungsschimmer zu lassen. Die Väter des Entwurfs meinen(S. 102/103 der Begründung),„daß die Ausdehnung der vorläufigen Entlassung ans lebenslänglich Verurteilte eine Einengung des landesherrlichen Gnadcnrechts darstellen würde, die von der Bewilligung der Träger dieses Rechtes abhängig wäre". Es wird hier also als ein unantastbares Gottesgnadenrecht der Verwaltungsbehörden oder der Landes- Herren proklamiert, stets genügend Objekte für die Ausübung des Begnadigungsrechts zu haben. Bon diesem Gesichtspunkte aus, der ein grelles Schlaglicht auf die reaktionäre Gesinnung der Gesetzesmacher wirft, wäre es von reaktionärer Seite aus .zu empfehlen, jeden Staatsbürger bei seiner Geburt zu lebens- länglicher Freiheitsstrafe zu verurteilen, damit er jeden Tag, den er im Freien zubringen darf, der landesherrlichen Gnaden- sonne verdanke! Zum mindesten aber wäre unter logischer Anwendung des von der Kommission aufgestellten Grundsatzes •) Vgl. Nr. 265, 270, 272 deS.Vorwärts". Mittwoch, den 1, Dezember 1909. jede richterliche Freisprechung und jede Milderung eines Strafgesetzes als Einengung des landesherrlichen Begnadigungs- rechts von der Bewilligung der in Betracht kommenden Majestäten abhängig zu machen. Neu eingeführt in unser Strafrecht wird im Entwurf die sogenannte Rehabilitation. Diese besagt hauptsächlich, daßStrafen, dielängereZeit(im Entwurf2—10Jahre mindestens) zurückliegen, im Strafrcgister oder sonstigen amtlichen Straf- Verzeichnissen gelöscht werden. Wenn man bedenkt, wie so oft Personen, die sich in der Jugend aus Leichtsinn oder Not eine Strafe zugezogen haben, diese ihr Leben lang wie ein Bleigewicht mit sich Herunischleppen müssen, muß man eine solche Neuerung, die sich anderwärts schon vielfach bewährt hat, begrüßen. Aber natürlich wird uns in. Deutschland diese Neuerung in arg gewässerter Form beschert. Zunächst ist, worauf schon hingewiesen ist, die Gewährung dieser Er- leichterung in das willkürliche Ermessen des Gerichts gestellt, statt daß jedem Verurteilten ein Rechtsanspruch daraus unter gewissen Umständen gegeben wird, wie es bei dem System der sogenannten roKabiliUtticm de droit der Fall ist. So- dann ist nnvcrständigerweise diese Vergünstigung nach dem Entwürfe unzulässig bei längeren als einjährigen Freiheits- strafen. Aufs schärfste zu bekämpfen, besonders auch wegen ihrer bequemen Anwendbarkeit auf politisch mißliebige Personen sind die vorgeschlagenen drakonischen Rückfall- b e st i m m u n g e n. Während jetzt der Rückfall nur bei be- stimmten Eigentumsdelikten als straffchärfeudes Moment im Gesetz besonders berücksichtigt ivird, soll in Zukunft der Rück- fall bei allen Delikten strafschärfend wirken. Der Z 88 be- stimmt, daß im dritten und ferneren Rückfalle die Strafe min- bestens ein Viertel und höchstens das Doppelte der angedrohten höchsten Strafe zu betragen habe. Da nun politische U ebeltäte r und Streiksünder die üble Angeivohn- heit haben, sich durch Strafen nidit belehren und bekehren zu lassen, würde dieser Paragraph für die Strafverfolgung der Vorkämpfer der Arbeiterklasse von verhängnisvollstem Einflüsse sein. Würde doch hiernach z. B. für die rückfälligen Be- leidiger beim Vorliegen der Voraussetzungen des§ 88 die Winde st st rase sechs Monate Gefängnis sein, statt, wie sonst, ein Tag oder drei Mark Geldstrafe. Eine begrüßenswerte— aber auch selbstverständliche— Verbesserung des bestehenden Gesetzes stellt der vorgeschlagene Z 86 dar. Dieser bestimmt, einem iviederholt von der sozial- demokratischen Fraktion gestellten Antrag entsprechend, daß grundsätzlich die e r l i t t e�n e Untersuchungshaft im Urteil auf die erkannte Strafe unverkürzt anzurechnen ist. Daß durch eine solche Bestimmung die Forderung nach gründ- licher Reform und möglichster Beseitigung der Untersuchungs- Haft ihre Bedeutung nicht verliert, ist selbstverständlich. Dies ergeben schon die vielen Fälle, in denen nach erlittener Unter- suchungshaft schließlich Freisprechung erfolgt, also eine An- rechnungsniöglichkeit gar nicht gegeben ist. Dsz Gndergebnis der Candtagswable». Die am Dienstag vollzogene Abgeordnetenwahl in den vier Berliner Landtags Wahlkreisen endete, wie vorauszusehen war, mit der Wahl der drei sozialdemokratischen Abgeordneten Borgmann. Heimann und Hirsch im 5., 6. und 7. Wahlkreise, während im 12. Wahlkreise leider unser Genosse Hofsmann dem freisinnigen Kandidaten Dr. Runze gegen über untecrlag. Die„Freis. Ztg." posaunt diesen glorreichen Erfolg des Frei- sinns bereits triumphierend in die Welt hinaus, obgleich der F r e i- sinn doch wahrhaftig alle Ursache hätte, ob des Ausganges der Wahlen Asche auf sein Haupt zu st reuen! Denn ganz abgesehen davon, daß der Freisinn in Moabit nur auf den Krücken der Nationalliberalen, Konservativen und Antisemiten noch einmal in den Landtag einmarschiert, ist s e l b st dort das Wahlergebnis ein derartiges gewesen, daß es einen Triumph der Sozialdemokratie bedeutet! Denn die Sozialdemokratie gewann auch im 12. Berliner Land- tagswahlbezirk bei der Abgeordnctenwahl gegenüber dem vorigen Jahre 17 Stimmen. Die Sozialdemokratie hatte also einen reellen und wirklichen Fortschritt zu verzeichnen. Die 37 Stimmen, die der Freisinn mit konservativer und antisemi- tischer Hilfe mehr für seinen Kandidaten aufbrachte, bedeuten da- gegen keineswegs eine wirkliche Vermehrung der'bürgerlichen Wahlmänncr. Waren doch im vorigen Jahre in der ersten Klasse allein einige 40 Wahlmänncrwahlen nicht zustande gekommen, weil damals kein einziger der Geld- sackwählcr zur Wahl erschienen war. Diese säumigen Viel- st i m m e n w ä h l e r hatten diesmal gewissenhaft ihr Wahlrecht ausgeübt und nur diesem Umstände ist es zu- zuschreiben, daß der Freisinn in Moabit noch einmal sein zcr- schlissenes Banner aufpflanzen kann. Nur das skandalöse Drei- klasscnwahlsystem, nur der gegen die im Moabiter Wahlkreise be- sonders zahlreich wohnenden Beamten geübte Terrorismus, nur die Schändlichkeit der auf den TcrrorismuS berechneten öffent- lichen Abstimmung verdankt der Freisinn seinen„Sieg"! Man sieht, der Freisinn hat in der Tat alle Ursache, auf diesen Phrrhussteg besonders stolz zu sein! Beweist schon daS Mvabiter Resultat allein, wie kläglich der Freisinn abgeschnitten hat. so wird das erst vollends deutlich bei einer Vergleichung der Resultate in sämtlichen vier Wahlkreisen. Da zeigt sich nämlich, daß die Expedition: SM. 68» I-indenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981. sozialdemokratischen Kandidaten diesmal 94 Wahlin iinnerstimmen mehr erhielten als im vorigen Jahre, während die freisinnigen Kandidaten insgesamt 55 Wahlmännerstimmen einbüßten! So „siegt" sich der Freisinn zu Tode! Im übrigen ist eS grober Schwindel, wenn auch diesmal wieder die freisinnige Presse sich so anstellt, als habe sie von vorn- herein allein in Moabit auf einen Erfolg gerechnet. Wenn das der Fall gewesen wäre, würde'der Freisinn niemals die Schmach auf sich genommen haben, durch nachträgliche Anfechtung der Listen- aufstellung auch die drei anderen Mandate zu beanstanden. Denn gerade die Moabit er Wahl hätte ja wegen der in den freisinnigen Protesten behaupteten Unregelmäßigkeiten kassiert werden können, auch ohne daß der Freisinn sich den Protestgründen des Leutnants Pohl oder gar die unerhörte Heuchelei der Beschwerden über den sozialdeino- kratischen Terrorismus zu eigen gemacht h ättel Aber man wollte nicht nur den einen Sozialdemokraten aus dem Landtag herauswerfen, sondern glaubte durch das niederträchtigste politische Falschspiel, das je unter freisinniger Biedermannsmaske getrieben wurde, der kleinen sozialdemokratischen Fraktion mehrere Mitglieder entreißen zu können. Daß diese Hoffnung so schmählich zuschanden geworden ist, daß auch in Moabit die Sozialdemokratie ein derartiges Anwachsen bewiesen hat, daß ihr in Zukunft selbst unter dem elendesten aller Wahlsysteme der Sieg sicher erscheint, ist ein Wahl» ergebnis, auf das die Berliner Arbeiterschaft und die ganze deutsche Partei mit Recht stolz sein darf! » 5. LaudtagSwahlkreis. Wahlmänner 541. Borg mann(Soz.).... 318 Stimmen Freisinn......... 203„ Gewählt: Borgmann(Soz.). 2 Wahlmänner wurden für ungültig erklärt; 4 Wahl- männer fehlten; 1 soz. Wahlmann war schwer erkrankt, konnte deshalb nicht wählen. 6. LanbtagSwahlkreiS. Heimann(Soz.)..... 413 Stimmen Freisinn......... 277 Stimmen Gewählt: Heimann(Soz.). Von den freisinnigen Wahlmännern fehlten 48. 7. Landtagswahlkreis. Hirsch(Soz.)....... 393 Stiinmen Freisinn......... 253 Gewählt: Hirsch(Soz.). 12. LanbtagSwahlkreiS. Adolf H 0 f f m a n n(Soz.)... 330 Stimmen Dr. Runze(freis.)..... 349„ Gewählt: Dr. Runze(freis.) 15 bürgerliche und 4 sozialdemokratische Wahlmänncr- wählen waren kassiert worden. Außerdem war ein sozial- demokratischer Wahlmann verstorben. Oie Chronrede. Die Thronrede, mit der am Dienstag der Reichstag er- öffnet wurde, zeichnete sich durch ganz besondere Nüchtern- heit und Inhaltslosigkeit aus. Die Nüchternheit wäre ja unter Umständen lobenswert, denn wenn man sich der pomphaften Tiraden erinnert, mit denen sich die Thron- rede vom 19. Februar 1907 an das Parlament wendete, so könnte man die Nüchternheit der diesmaligen Thronrede bei- nahe angenehm empfinden. Wurde doch 1907 dem deutschen Volke bescheinigt, daß es„Ehr und Gut der Nation ohne kleinlichen Parteigeist treu und fest gehütet wissen wolle", daß„in solcher Bürger, Bauern und Arbeiter einigenden Kraft des lltationalgefühls des Vaterlandes Geschicke wohl- geborgen ruhten". Die Vermeidung derartiger Phrasen wäre wirklich lobenswert, wenn man sich nur nicht rechtzeitig der letzten politischen Ereignisse, des B l 0 ck k r a ch s, des K a n z l e r st u r z e s und der letzten Wahlen er- innerte, durch die allerdings derartige Phrasen in alle Winde geblasen werden mußten. Die Thronrede lautet: Der Reichstag wurde Dienstag mittag im königlichen Schlöffe mit dem üblichen höfischen Zeremoniell eröffnet. Die vom Kaiser verlesene Thronrede lautet: Geehrte Herren! Bei dem Eintritt in Ihre Beratungen entbiete Ich Ihnen, zu» gleich namens der Verbündeten Regierungen, Gruß und Willlommcn. Nachdem die in Ihrer letzten Tagung vereinbarte Steuer- gesetzgebung dem Reiche neue Einnahmequellen erschlossen hat, mutz beharrlich dahin gestrebt werden, die finanzielle Stellung des Reichs mit den so gewonnenen Mitteln zu befestigen. Der Ihnen zugehende Etatsentwurf für 1910 entspricht dieser Aus- gäbe. Ein Nachtragsctat für das laufende Jahr fatzt die Rückstände aus den Jahren 1906 bis 1909 zusammen, die das Reich nach dem Finanzgesetze vom 15. Juli 1999 zu übernehmen hat. Die Arbeilen des Bundesrats an der in ciirem Vorentwurse bereits bekannt gegebenen ReichSversicherungS ordnung nähern sich ihrem Äbschlusse. Dieses Gesetz wird, neben einer Ber- einheitlichung deS gellenden Rechts und Aenderungcn in der Or- ganisation, die Krankenversicherung ans weitere Kreise aus- dehnen und der Fürsorge für die arbeitenden Klassen die Hinter- bliubenenDer sichern ii g hinzufügen. Ein neuer Gesetzentwurf wird die Vorschriften der nicht voll- ständig verabschiedeten Gewerbeordnnngsnovelle zu- san>"««nfasfen, über welche zwischen den Verbündeten Negieriiiigen und Sein dteichstag Eiiivcrstäudiiid bestand. Daneben wird ein be- sonderet Gesetz iiber Handarbeit vorgelegt werden. Antzer- dem wird Ihnen der Entwurf eines Stellenvermittler- g es e tz e s zugehen. Die in der letzten Tagung gleichfalls nicht erledigten Entwürfe einer Strasprozestordnuiig und einer Novelle zum Gerichts- versassungsgesetz über die Organisation der Strafgerichte werden Ihnen von neuem unterbreitet werden. Unsere überseeischen Besitzungen in Afrika und der Siidsee entwickeln sich erfreulich. Das Anwachsen der eigenen Einnahnieii hat das Reich von Ausgaben für unsere Kolonien nicht unerheblich cmlastel. Es wird Ihnen vorgeschlagen werden, die U s a in b a r a b a h 11 bis zum Kilimandscharo fortzuführen und das s ü d w e st a s r i i a n i s ch e Bahn netz auszurunden. Diese Bahnbauten in Südwestafrika werden eS ermöglichen, die Kopfstärke der im Schutzgebiete verwendeten Truppen weiter zu verringern. Die Zunahme der werktätigen Bevölkerung und die Erhöhung der Vermögenswerte in den Schutzgebieten machen eine Reform dcS Gerichtswesens erforderlich. Zunächst wird eure dritte Instanz in der Heimat zu errichten sein. Der Entwurf eines K o l o ii i a l b e a in I e ii g e s e tz e S wird Ihnen vorgelegt werden. Auch werden die Beziige der Koloiiialbcamten neu zu regeln«sein, nachdem die Besoldnngsreform im Reiche abgeschlossen worden ist. Das Gesetz vom 1ö. Dezember 1907, betreffend die Handels- b e z i e h n ii g e n zum Britischen Reiche, tritt mit deni 31. Dezember d. I. antzer Kraft. Es wird Ihnen ein Gesetzentwurf zugehen, durch den der Bundesrat ermächtigt werden soll, den be- stehenden Zustand um weitere zwei Jahre zu verlängern. Auch ein Handelsvvertrag zwischen dem Deutschen Reiche und P o r- t u g a l wird Ihnen unterbreitet werden. Um dem deutschen Volke eine ruhige und kraftvolle Eni- Wickelung zu sichern, ist Meine Regierung andauernd bemüht, friedliche und freundliche Beziehungen zu den andere» Mächten zu Pflegen und zu festigen. Mit Befriedigung sehe Ich, datz das mit der Französischen Regierung g e t r o f f e ii e Abkommen über Maroklo in einem Geiste ausgeführt wird, drt: de» Zwecken. die beiderseitigen Interessen auszugleichen. durchaus entspricht. Im Deutschen Reiche ist ebenso wie in der Oesterreich-Ungarischen Monarchie dankbar der Zeit gedacht worden, als vor einem Menschen- alter die später durch den Beitritt Italiens zum Drei- b ii ii d erweiterte Alliance beider Mächte ins Leben trat. Ich hege das Vertrauen, datz das Zusammenhalten der drei ver- bündeten Reiche auch ferner seine Kraft für die Wohlfahrt ihrer Völker und die Erhaltung deS Friedens bewähren wird. Ilnd nun, geehrte Herren, wünsche ich Ihren Arbeiten gedeih- lichcn Erfolg zum Heile des Reichst Man sieht, hie Phrasen fehlen, leider aber auch jeder Inhalt. Mehr als die Hälfte der Thronrede nehmen sehr allgemeine und nichtssagende Ausführungen über unsere Weltpolitik ein. Die Ankündigung, daß die Handelsbe- Ziehungen zum britischen Reiche auf zwei Jahre in der alten Form erneuert werden sollen, ist nur eine formelle Registrie- rung, ebenso wie die Versicherung der friedlichen und freund- lichen Beziehungen zu Frankreich und zu den beiden Drei- bundsmächten Oesterreich und Italien nichts sind als eine Wiederholung stereotyper diplomatischer Redensarten. lieber die innere Politik wird eigentlich nichts gesagt. Es müßte denn sein, daß der Satz: Es müsse bcyarrUch dahin gestrebt werden, die finanzielle Stellung des Reiches rnit den durch die Reichsfi nanzreform ge- w o n u e n e u Mitteln zu b e f e st i g e n. dahin zu deuten wäre, daß keinerlei Ausgaben mehr ge- macht werden sollten, die nicht durch die neuen Steuern ihre Deckung fänden. Das bedeutete aber nichts anderes, als daß Militarismus und Marinismus sich künftig nach der Decke zu strecken, daß ihre Forderungen sich den gebahnten Mitteln anzupassen hätten. Das wäre aber etwas so unerhört Neues, datz es ganz unglaublich erschiene! Auch die dürftigen Andeutungen über die ins Gebiet der soziale n G e's e tz g e b u n g fallenden Aufgaben des Reichstages geben nur insofern Aufschluß iiber die Absichten der Regierung, als die Regierung tatsächlich die Absicht zu hegen scheint, den Arbeitern den Hauptteil an der Verwaltung der 5k r a n k e n k a s s e n aus den Händen winde wzü wollen! Scharfinacherei an Stelle sozialer Reformen: Das wäre auch das Programm des Herrn von Bethmann Hollweg! Wenn Regierung und bürgerliche Parteien den Protest- stürm des Volkes, der sich bei allen Wahlen der letzten Monate so machtvoll bekundete, zum Orkan anschwellen lassen wollen, mögen sie nur im Geiste dieser„Sozialpolitik" handeln! Aus der fozialdemoIiratifcheD Reichs- tagsfraktioD. In der FraltionSsitzung, die am Dienstag unmittelbar nach dem Plenum stattfand, wurde beschlossen, den altenFraktionS- v o r st a n d wieder zu wählen? ebenso die alten Mitglieder zum Sciiiorenkonvent. Die Fraktion beschloß ferner bei der Prä- f i d« n t e n w a h l— entsprechend ihrem alten Grundsätze, daö Stärke- Verhältnis der Parteien als matzgebend anzusehen— für Stolberg als Presidenten, für Dr. Spahn als ersten Bizepräsidenten zu stimmen und— falls die Nationalliberalen und Freisinnigen auf den zweiten Vizcpräsidentenposteii verzichten— diesen für uns zu beanspruchen und den Genossen Singer in Vorschlag zu bringen. Auch einen Schriftführerpostcn beansprucht die Fraktion und wird den Genossen F i s ch e r borschlagen. Die Fraktion wird folgende Interpellationen einbringe»: 1. Ist dem Herrn Reichskauzker bekannt, datz die Bergwerks- besitzer im R uhrrevier am 1. Januar 131V einen ein- feitigen Arbeitsnachweis zwangsweise einzuführen gedenken, und datz die Arbeiter, davon große wirtschaftliche Nach- teile befürchtend, sich der Einführung widersetzen, so datz ein un- geheurer wirtschaftlicher Kampf zu erwarten ist? Ist der Herr Reichskanzler, um diese arbeiterfeindlichen Matz- nahinen deö Zechen-SchntzverbandeS zu verhindern, bereit, dem Bundesrat und Reichstage baldmöglichst einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch den der Arbeitsnachweis von Reichs- wegen einheitlich und auf paritätischer Grundlage geordnet wird?,, 2. Ist dem Herrn Reichskanzler bekannt, datz die AnSführung der Borschriften über den Bezug von Unterstützungen an arbeitslose Tabakarbetter(Artikel Iis, des Tabaksteuer- gesetzeS) Härten und Mitzstände für die Unterstütz, mgsberechtigten ergeben hat? Ist der Herr Reichskanzler bereit, zur Beseitigung dieser Miß- stände BerwaltungSmatznahmen zu treffen und einen Gesetzentwurf einzubringen, durch den die im Artikel II deS Tabasteuergesetzcs ausgeworsene NiiterstütznngSsuMine von 4 Millionen M erhöht wird? • 3. Ist dem Herrn Reichskanzler bekannt, datz bei dem kürzlich im ManSfelder Bergrevicr ausgebrochenen Berg- arbeiterstreik Militär zugezogen worden ist, um den Bergarbeitern die Ausübung ihres reichsgesetzlich gewährleisteten KoalitionsrechtS zu erschweren und sie an dessen Ausübung zu hindern? Ist dem Herrn Reichskanzler ferner bekannt, datz bei diesem Streit Offiziere und Beamte sich viele Ver stütze gegen Reichsgesetze haben zuschulden kommen lassen? Was gedenkt der Herr Reichskanzler zu tun, um solchen Vor- kommnissen für die Zukunft vorzubeugen? O 4. Ist dem Herrn Reichskanzler bekannt, datz bei den gerichtlichen Verhandlungen über die Unterschlagungen auf der Reichswerft in Kiel Unregelmäßigkeiten in der Verwaltung der Reichswerften festgestellt worden sind, und was gedenkt der Herr Reichskanzler zu tun, um eine geregelte und wirtschaftlich�' Gcschästssührung in den Betrieben der Reichswerften herzustellen? . � Außerdem hat die Fraktion folgende Antröge bez«. Resolutione» eingebracht: 1. Bauarbeiterschutzgesetz. 2. Entwurf eines Gesetzes betreffend die Hau?» und Heim- arbeiter und die Hausgewerbetreibenden. 3. Abänderung des Krankenversicherungsgesetze S. 4. Einsetzung von parlamentarischen Unter suchungS- kommissionen. 5. Abänderung derReichSverfassung(Verantwortlichkeit des Reichskanzlers). 6. Erweiterung der Abgeordneten-Jmmunität. 7.'Erweiterung der Rechte deS Reichstags. 8. Einführung des ReichStagSwahlrechtS für die Wahl der Landtage in den deutsche» Bundesstaaten. S. Reichsgesetzliche Regelung des V e r t r a g S v e r h ä l t nisseS der in land- oder forstwirtschaftlichen Bc- trieben tätigen Arbeiter. 10. Einführung des achtstündigen NormalarbeitS- t a g e s unter Freilassung der Sonnabendnachmittage. 11. Regelung des Wohnungswesens. 12. Einheitliche Regelung der privaten PenfionSkasfen. 13. Schaffung einer Reichsbehörde zur Untersuchung b o n U n f ä l l e n im Bergbau. 14. Vorlage eines RcichLbergesetzeS. IS. Verbot der Beschäftigung jugendlicher Arbeiter unter Tage. IS. S ch n tz b e st i m m u n g e n für die Arbeiter in Walz-, H ü t t e n- H a m m e r w e r k e n und Metallschleife- r e i e n. 17. Abänderung deS Lohnbeschlagnahmegesetzes. (Hiiiaufsetznng deS Existenzminimums von 1200 a u f 20 00 M.) 18. R e i ch ö g e f e tz l i ch e Regelung des Knappschafts» kaffenwefens. 19. Sondergerichte zur Entscheidung von Streitigkeiten zwischen land- nnd forstwirtschaftlichen Unternehmern und ihren Arbeitern und Dienst- boten. 20. Schutz der Arbeiter in der Glasindustrie. 21. Reichsgesetzliche Regelung der Arbeitsverhältnise der Privatbeamten. 22. Abänderung des Handelsgesetzbuches zum Vorteil der Angestellten. 23. Ausdehnung der Wirksamkeit der Kaufmanns» g e r i ch t e. Einige weitere Anträge befinden sich noch im Stadium der Vor- bereitung.__ poUtilchc debcrHcht» Berlin, den SO. November 1909. Die erste Sitzung. Der Reichstag hielt heute nachnnttags um 2 Uhr seine erste Sitzung, die rein formale» Eharakler trug. Graf S t o l b e r g präsidierte. Seine Mitieilung, datz der Abg. S ch a ck sein Mandat niedergelegt hat, wird mit Heiterkeit aufgenommen. Eingegangen ist die Interpellation der Freisinnigen über die Zustände anf der Kieler Werft. Nutzer dein Etat und zwei Nachtragsetats sind einge- gangen Gesetzentwürfe betreffend die Haftung des Reiches für seine Beamten, eine Novelle zum Strafgesetzbuch. zum Gerichtsverfassungsgesetz, zur Strafprozeß- o r d n u n g. Hierauf beraumt der Präsident die nächste Sitzung auf Mittwoch 1 Uhr an. Auf der Tagesordnung steht die Wahl des Präsi« denten, der Vizepräsidenten und Schristfuhrer. Der mecklenburgische Verfassungsentwurf abgelehnt. In dem in der kleinen Stadt Sternberg tagenden mecklenburgischen Landtage fand heute die Abstimmung über die Regierungsvorlage betreffend Aendening der bestehenden landständischeu Verfassung statt. Die Landschaft nah», den Regiernngsentwurf mit 36 gegen 7 Stimmen mit einigen Abänderungen an, die Ritterschaft lehnte den Entlvnrf mit 169 gegen 15 Stimmen ab. Die Städte Rostock und Wismar verwarfen die Vorlage gleichfalls. Die Regier ungs- Vorlage ist somit abgelehnt. Bekanntlich ist auch der erste Entwurf— der jetzige ist der zweite— vom Landtage abgelehnt worden. , Durchs kandinische Joch. München, 27. November. Die ältesten Parlamentarier der Prannerstraße zu Mim» chen erinnern sich nicht einer gleichen Szene. Zur Beratung steht das Umlagegesetz, das zweite Haupt- stück der bayerischen Finanzreform. Schon der Regicrungs- entwurf war ein Stein des Anstoßes für alle Parteien, be- sonders aber für Zentrum und Bauernbund, denen die Schonung der niedere!» und mittleren Berusscinkommen zu weit ging. Tie Situation wurde verschlechtert durch einen Ausschußbeschluß, der von der Regiexung als unannehmbar und undurchführbar bezeichnet wurde. Nun machte die Ne- gierung neue Vorschläge, die die Berufseinkommen stärker zu den Umlagen heranziehen sollten. Aus der Grundlage des neuen Regicrungsvorschlages gelang es dann den Bemühun- gen des Zentrums und des Finanzministers, die Liberalen und den Bauernbund zu einem Kompromiß cinzufangeu. Alle Anzeichen machten es zur Gewißheit, daß. die Koni- promißparteien über die Wirkung ihrer neuen Anträge samt und sonders im Dunkeln waren. Sie wußten nicht, was sie beschlossen hatten. Da veröffentlichte die„Münchener Post" einen Nachweis der ziffernmäßigen Wirkung der Kompromißanträge. Die Veröffentlichung wirkte wie eine Bombe. Das Kompromiß und die Kompromißparteien waren vor dem Lande aufs schlimmste kompromittiert, denn es ergab sich, daß die Generals- und Ministergehälter gegenüber dem früheren Regierungsantrag eine bedeutende Ent- l a st u n g erfuhren, während die E i n k o m m e n d e r T a g- l ö h n e r, der unteren und mittleren Beamten st ä r k e r zur Umlagezahlung herangezogen wurden. Nun wurde es„draußen" lebendig. In sonst zahmen liberalen Blättern erschienen scharfe Artikel gegen das Kom- promiß und die liberale Fraktion. Telegramme, Briefe, Resolutionen verlangten Ablehnung des Umlagegcsetzes. Unruhe bemächtigte sich des Zentrums. Tie Opposition gegen das Kompromiß in den liberalen und büudlerischcn Fraktionen war noch nicht ganz totgemacht? sie konnte durch die Enthüllung der„Miinchener Post" an Boden gewinnen. Es galt, rasch zu handeln. Am Freitag wurde die Generaldiskussion in zwei aus- gedehnten Sitzungen begonnen und zu Ende geführt. Und schon ging ein Raunen durchs Haus: am Sonnabend wird durchgesessen, bis das ganze Gesetz erledigt ist. Tie Sitzung am Sonnabend beginnt. Etwas nach 10 Uhr wird ein neuer Antrag des Zentrums verteilt, der die gröbsten Unstimmigkeiten des Kompromißantragcs beseitigen soll. Die Sitzung zieht sich bis gegen Uhr hin. Um Klarheit über die Absichten des Zentrunis zu schaffen, bc- antragt Genosse v. Volkmar Vertagung. Nun entspinnt sich ciit? erregte Geschäftsordnungsdebatte. Liberale und Sozialdemokraten werfen der Mehrheitspartei Rechtsbruch und Vergewaltigung vor. Hilft alles nichts. Unter Protest der Linken wird die Weitcrberatnng beschlossen. Schon beim nächsten Artikel wiederholt v. Vollmar seinen Antrag ans Vertagung. Es kommt zu denselben Szenen und erregten Erklärungen. Das sonst so lebhafte Zentrum läßt die Köpfe hängen. Umsonst sucht Dr. Heim, der offenbar unschuldig an dem dummen Streich ist, die Situation zu retten. Tie Liberalen reden sich in eine kolossale Empörung hinein, um Dr. Günther erklärt, unter solchen Uniständen nicht für das Gesetz stimmen zu können. Vergebens. Das Zentrum beantragt zwar jetzt Vertagung, aber nur bis zu einer Nach mittagssitzung. Der Antrag wird gegen die Stimmen der Linken angc- nommen. Das Zentrum hat gesiegt. Dr. Casselmann, der Fraktionschef der Liberalen, gibt noch die Erklärung ab, daß seine Parteifreunde um 3 Uhr darüber beschließen, ob sie an den Beratungen dieses Ec- sctzes überhaupt noch teilnehmen werden. Nachmittags um 3 Uhr Besprechung der Fraktionen. Um 3i/ff Uhr beginnt die Plenarsitzung. Die Bänke der Liberalen und Sozialdemokraten sind leer. Der Präsident eröffnet die Sitzung. Der Zentrumsabge ordnete Held(wie es scheint der Held der ganzen Aktion> nimmt das Wort und beantragt Vertagung der Sitzung bis Mittwoch. Schluß! Das Zentrum hat sich blamiert. Wirkungen der ultramontanen Steuerpolitik. Ganz besonders haben die christlichen Gewerkschaften an den Folgen der ZentrumLpolitik zu leiden. Sie haben nach der Be. Häuptling bavcrischer ultramontaner Abgeordneter nicht weniger wie 200 000 Mitglieder verloren I In München hat die christliche Arbeiterbewegung einen so hcf» tigen Rückschlag erlitten, daß man sich vor die Notwendigkeit ge- stellt sieht, zwei Sekretäre entlassen zu müssenl Kommunalwahlen. Siege in der Pfalz. G l ii n z e n d ist der Erfolg der Sozialdemokratie bei der Stadt- ratswahl in Kaiserslautern. Sie errang 1 3 S i tz e? in der letzten Periode war sie gar nicht im Stadtrat vertreten. Die Libc- ralen und die Freifinnigen blieben mit ihren Stimmenzahlen ge- waltig gegen die sozialdemokratischen zurück. Der Wahlerfolg sichert auch die Besetzung des AdjunktenpostenS mit einem Sozial- demokraten. Am Montag wurde bei der Adjunktenwahl in Ludwigöhafen Genosse Binder, der schon in der ah- gelaufenen Periode das Amt des ersten Adjunkten bekleidete, für diesen Posten wiedergewählt. Bei der Stadtratswahl in Frankenthal eroberte die Sozialdemokratie zu den vier Mandaten noch sechs, so daß ihre Fraktion jetzt zehn Mann stark ist. Damit ist nach dein Proporzwahlsystem auch die Wahl eines Sozialdemokraten als Adjunkt gefichert. In Bad Dürkheim, wo die Sozialdemokratie im Gemeinde- Parlament bisher unvertretcn war, gelang es ihr, fünf Sitze zu erobern. In Landsberg a. W. wurde am Montag in der Stich- wähl ein Sozialdemokrat gewählt. » Bei der Stadtverordnetenwahl in Schkeuditz bei Leipzig eroberte die Sozialdeinolratie in der dritten Abteilung einMandol. Der dritte Sozialdemokrat wird daher demnächst in das Rathaus einziehen. « Zum ersten Male gelang es unseren Genoffen, in dem reußischen Dorfe KraftSdors bei der Gemeinderatswahl drei Kan- didaten durch zubringen. Einen noch größeren Erfolg er- zielten sie in dem Orte Langenberg, wo ihre a ch t Kandidaten siegten, so daß die Sozialdemokratie im Ge- meinderat die Mehrheit erlangt. « In Westfalen wurde in den letzten Tagen wieder eine Reihe von sozialdemokratischen Wahlsiegen erfochten. Fe ein Sozial- demokrat wurde in D e r n e und Horstmar(Wahlkreis Dort- m u n d) g e lo ä h l t. In B r a ck e l bei Dortmund erzielten der sozialdemokratische Kandidat 323 Stimmen, daö Zentrum 90 Stimmen, die Liberalen 30 und die Zechenpartei M Stimmen. In Wischerhöfen erhielten unsere Genosse» in der z w e i t e n A b t e i l u n g die Mehrheit.— In Stockum(Kreis Bochum) wurde der sozialdemokratische Kandidat mit grotzer Mehrheit ge- wählt. Provinzialrat und Lehrerbesolduug. Die Besoldung der Lchrpersonen in Berlin ist bekanntlich anders geregelt worden als in den Städten Schöncbcrg, Cfjarloltmburg und Wilmersdorf. Während der Berliner Kommunal- fr ei sinn in seiner bekannten Riickständigkeit die Ortszulagen der Lchrpersonen auf 750 M. festsetzte, haben die Gemeindebehörden der oben genannten drei Städte für ihre Lehrpersonen die nach dem LehrerbcsoldnngSgesetz hochstzulässige Ortszulage von 000 ausgeworfen. Die Potsdamer Negierung hat ober diesen Beschlüssen ihre Genehmigung versagt im Hin- blick darauf, dah Berlin mit den Vororten ein ein- heitliches Wirtschaftsgebiet bilde und deshalb eine vcr- schiedcnartige Festsetzung der Ortszulagen für Lehrer un- tunlich fei. Jetzt hat fich der P r o v i n z i a l l a n d t a g im Be- schwcrdcwcge mit der Sache beschäftigt und beschlossen, den ab- lehnenden Besch! nß des Potsdamer Regierungspräsidenten aufzuheben und die Lehrerbesolduug zur nochmaligen Prüfung an die Vorinstanz zurück- z n V e r lo e i s e n. Unserer Meinung nach wäre eS das einfachste, Berlin anzuhalten, seine Beschlüsse denen der genannten drei Städte anzupassen! Dann wäre mit einem Schlage die Angelegenheit in einer für die Lehrer befriedigendeir Weise gelost. Der Berliner Konnnunalfrcisinn hat sich in der LehrcrbesoldungS- frage mit Schande bedeckt, indem er nicht nur die Berliner Lehrer, sondern auch die zahlreicher Vororte um die ihnen rechtniüßig zukommenden Zulagen gebracht hat! Eine Drohung an den Freisinn. � Der frühere rmtionalliberale Reichstagsabgcordnetc Bari- l i n g hat in einer Versammlung in Idstein erklärt, datz der »Freisinn bei acht Wahle», die in letzter Zeit stattgefunden haben, für die Sozialdemokraten und gegen die Nationalliberalen gestimmt hat. l?» Wenn er nach Berlin komme, so werde er von der Gc- schästsleitung der nationalliberalcn Partei fordern, an die links- liberalen Gruppen heranzutreten und die bündige Er- k l ä r u n g zu fordern, ob sie bei solchen Wahllagen für den sozialdemokratischen oder für den nationallibcralen Kandidaten ftimmcn werden. Sollten bindende Erklärungen nicht gegeben werden, werde er weiter fordern, die Konsequenz daraus zu ziehen, und keinen freisinnigen Mann gegen einen So- zialdcmokratcn zu wählen. Dies müsse den linkslibcralen Gruppqn endlich einmal unzweideutig gesagt werden. Wird nicht so heitz gegessen werden.'... Der Etat im sächsischen Landtag. Am Dienstag begann in der 2. sächsischen Kammer die Be- ratung des Etats. Dazu stand ein Antrag der frei- filtnigcn Voltspartei zur Beratung: die unterste Steuerstufe aufzuheben, ohne dadurch das Wahlrecht zu Gemeinde und Staat zu beeinträchtigen, sowie ein Antrag der Sozialdeniokratie, die 4 untersten Steuer st ufcn aufzuheben, unter gleichzeitigen, Wegfall der Be- Kimmungen des Wahlgesetzes, die das Wahlrecht bei Eteuerrrstcn ausschließen. Finanzminister v. Rüg er leitete die Verhandlungen ein. Er predigte Sparsamkeit, teilte aber gleichzeitig mit, eö würde sich nicht umgehen lassen, mit(3 0 Millionen Mark neuer Anleihen auf den Markt zu kommen. Zum Schluß seiner L�hstündigen Ausführungen kam der Finanzminister auf die R e ich s f i na n z r e f o r m zu sprechen. Die sächsische Regierung stehe nach wie vor auf dem Standpunkte, daß die Bedürfnisse desflicicheS durch indirekte Steuern gedeckt werden müssen. Die Steuern auf Einkommen und Vermögen müßten den Einzclstaaten erhalten bleiben, wenn sie nicht auf die Rolle nrediatisicrter Staaten kommen sollen. Er selber stehe der Erbschaftssteuer nicht sympathisch gegenüber, aber er habe sich in Etaatsnotivendigkciten gefügt. Er hoffe, daß das einmütige Zusammenwirken der nationalen ReichStagsabgeordnetcn aus c i n ferneres Zusammenarbeiten hoffen lasse zum Besten des Vaterlandes. Auf absehbare Zeit sei damit wohl eine Regelung der Reichsfinanzcn geschaffen. (Zwischenrufe von sozialdemokratischer Seite: Daran glauben wir nicht!) Trotzdem die Erbschaftssteuer abgelehnt wurde, sei der Bundesrat einmütig dem Be- schlusse des Reichstages beigetreten. Im nationalen Interesse des Reiches sei die Finanzreform zustande gekommen. Eine andere Stellungnahme sei der sächsischen Regierung nicht möglich gewesen. Die Rechte spendete Beifall, alle anderenParteienvcr- hielten sich stumm._ Bon der deutschen Justiz. Ueber den Prozeß gegen den Genossen Quint von der �V o l kS sti m m e" zu Frankfurt a. M.. von dem wir schon in der SonntagSnnmmer berichteten, wird uns noch aus Frank- furt a. M. geschrieben: Im August wurde Genosse Dr. Onarck von der„Voltsstimme" wegen Beleidigung des ReicbSverbandSgeneralS zu lOO M. Geldstrafe verurleilt. Die„BolkSstimme" beiprach das Urteil in einem Artikel, der die Manier des Herrn Generals, zum Kadi zu laufen, sobald seine Person einmal etwas unsanft angefaßt werde, während der Herr selbst mit Beleidigungen schnell bei der Hand ist, gehörig hernahm und worin sonst noch einiges von seinen Taten und Wer- dicnsten erzählt wurde. Liebert antwortete abermals mit der Privaillage. Am Sonnabend kam die Sache zum Austrag. Bei Eintritt in die Verhandlung vor dem Schöffengericht beantragte der Verteidiger Genolie Dr. Frank, den Prozeß zur Erhebung von Beweisen zu vertagen. Die Klage sei nicht nur wegen formaler Beleidiginig <8 185 Str.-G-B.), sondern auch wegen Vergehens gegen§ 186 (Bcbaliptung von nicht erweislich lvahren Tatsachen) erhoben. Dem Angeklagten müsse das Recht zngestandcn werden, zu beweisen, daß die erwähnten Vorkommnisse wahr sind. Als Beweis dafür. daß der Privatkläger unter Umgehung des Auswärtigen Amtes zum deutschen Gesandten in China ernannt worden ist, und das Auswärtige Amt. weil es L i e b e r t für diesen Posten für unfähig hielt. ihn als Gouverneur nach Ostafrika sandte, wird die Vernehmiiilg des ReichStagsabgeordnetc» Dr. P a ch n i ck e beantragt. Der Gerichtshof lehnte jedoch diesen sowie alle anderen Antrage der Verteidigmig ab, wie cS LiebertS Recbtsbcistand v. Brentano gefordert Halle. Bei der Begründung dieser Ablehnung, die sich auch auf den BeweiSantra� erstreckte, daß Liebert in einer seiner Schriften die Sozialdemokratis verleumde, indem er ihr Förderung des AlkoboliSmuS vorwerfe, fiel die kamose Konsta- tierung des Vorsitzenden. AmtSgerichlSratS Rückert, cö sei gerichtS kundig, daß die Sozialdemokratie den Alkohol er st seit dem Eisen er Parteilag bekämpfe. Der scharfe Protest, den Genosse Dr. Frank gegen diese ge- richtliche Vergewaltigung der Wahrheit erhob, ist schon mitgeteilt. Genosse Quint schloß sich dieser Ettlärung seines Anwalts an und verzilbtete demgemäß auf jede weitere Aenßernng zur Sache. Herr AmtsgenchtSrat Rückert, der schlechte Kenner der Sozial- demokratie. aber führte die Verhandlung zu Ende und belegte den Genossen Quint mit 300 M. Geldstrafe. Zahlen muß also unser Genosse. Aber der Verurteilte dieses ProzeßeS ist nicht er! Das amtliche Wahlergebnis für Halle. Lei der NeichStagSersatzwahl am 26. November wurden abgegeben für K u n c r t(Soz.) 2d 843 und für R e t m a n n (freis.) 21836 Stimmen. Zersplittert waren 45, ungültig 328 Stimmen. Danach hat Knnert zirka 300 Stimmen weniger erhalten, als ihm die vorläufige amtliche Meldung zuschrieb. Vermut- lich hatte man die 328 nachträglich für ungültig erklärten Stimmen ursprünglich für Kunert angerechnet. Trotzdem hat Kunert mit einer Mehrheit von viertausend Stimmen über den Freisinnigen gesiegt! Nltramontaue Litcraturkunde. Das badische Zentrumsblatt„Obcrländische Tagespost" berichtete kürzlich übcr de» Bezirkstag der katholischen Arbeitervereine des Wiesenlals folgendes: „Der Redner, Arbeitcrsekretär Kaiser, schloß seinen Vorirag mit den Worten des verstorbenen Kardinals K r e m e n z von Köln: Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not unS trennen und Gefahr.(Stürmischer Beifall.)" Sollten nicht doch die zitierten Worte von einem gewissen Friedrich Schiller herrühren?_ Ter Gemeindevorsteher als konservativer Agitator. Gemeindevorsteher und Vertrau enSnrann des B Ii n d e S der Landwirte in einer P e r s o n, daS ist in länd- lichen ostelbischen Wahlkreisen eine häufige Erscheinung. Damit haben die Konservativen die beste Organisation bei Wahlen. Die konserbalive Wablleitnng schickt Aufrufe. Stimmzettel usw. an die Gemeinde- Vorsteher und diese sorgen für die richtige Verbreitung des Materials in ihrer Gemeinde. Um sich in ihren Versammlungen auf dem Lande nicht durch„Fremde", wie Liberale oder Sozialdemokraten. stören zu lassen, werden die Versammlungen mit Handzetteln an- gezeigt. die häufig der Gemeindediener austrägt, manchmal er st ein oder zwei Stunden vordem Be- ginn der Versammlung. Sind nun die konservativen Agitatoren mit den Dörfler» hübsch allein, dann lassen sie die Zügel schießen und heizen den politiich unerfahrenen Leuten gründlich ei». Schlimmer kann ein katholischer Kaplan nicht die Schrecken der Hölle und des Fegefeuers malen, als von diesen Klopsfechtern die Verruchtheit der Sozialdemokratie geschildert wird. Außer Vater- und M„ttermord dürfte eö kaum noch ein Verbrechen geben, das der Partei der Arbeit nicht angehängt wird. Kein Wunder, daß aus solchen Dörfern nie oder nur wenige sozialdemokratische Stimmen kommen. Von den Gntsvezirken überhaupt abgesehen: denn da ist es ja ganz selbstverständlich, daß sozialdemokratische Stimmen nicht ab- gegeben werden. Die paar Wähler sind leicht zu kontrollieren und wehe dem Arbeiter, der nicht konservativ wählt. Gibt es doch Wahl- bezirke im Landöberg-Soldiner Wahlkreise mit 13(!). 22. 24, 27 ein- geschriebenen Wählern, die natürlich alle.überzeugte" Kon- lervaiive sind. Aber selbst in Bezirken, wo große Güter nicht existieren und lantcr kleine Leute, Kolonisten, wohnen, die häufig weniger haben als ein Arbeiter— höchstens mehr Arbeit haben sie zu leisten—, sitzt der Konservatismus außerordentlich fest. Die stärkste Macht ist dort die Ucbcrliefermig. Die neuen Ideen finden sehr schwer Eingang. Die Sozialdemokraten wollen ja keinen König, keinen Gott, kein Eigcntnnt, die Kinder wollen sie nehmen und ein Baterland wollen sie auch nicht u. a. m. Gegen solche Voreingenommenheit läßt sich nur ankämpfen, wenn man an die Leute herankommt und mit ihnen bekannt wird. Bezeichnend für die politische Tätigkeit der Gemeindevorsteher und die Anschauungen der Dörfler über die Sozialdemokratie sind zwei Schriftstücke, die aus einem im Soldiner Kreiie gelegenen Dorfe mit 65 eingeschriebenen Wählern herrühren. Sie lauten: II. Bekanntmachung. Am 22. d. MtS., vorm. 10 bis nachm. 7 Uhr findet die engere Wahl zwischen AmtSgcricktSrat Holtschke-Soldin und Expedent Pätzcl-Berlin statt. Wahllokal ist das Schulzenamtslokal, Wahl- Vorsteher ist der Unterzeichnete, Stellvertreter GerichtSm. Hintze. Stimmen, welche nicht auf obige Kandidaten fallen, sind ungültig. Kuhdamm, den 21. November 1909. Der Gemeindevorstand. Eilt. Poisin. Da Morgen, de» 22. d. Mts. Stichwahl zwischen einen Kon- serbativen und einen Sozialdemokraten stanftnvet, ersuche ich jeden nationalen Wähler, der also treu zu seinen Gott und treu zu Kaiser und Reich steht. Morgen nicht zu Hause zu bleiben, sondern hinzugehen und seine Stimme für Holtschke-Soldin abzugeben, damit auch unier Ort zeigt, daß wir der vaterlandslosen Sozial- demokratie voll und ganz entgegentreten. Kuhdamm, den 21. Novbr, 1909 Possin. Der Herr Gemeindevorsteher Possin kennt offenbar die Eni- schcidungen des Reichstags, wonach Wahlaufrufe für eine bestimmte Partei, die von Landrätcn, Amts- und Gemeindevorstehern unter Anführung ihrer amtlichen Eigenschaft unterschrieben sind, einen Protestgrund abgeben. Er teilt sich daher; die amtliche Bekannt- machung des SnchivahlterminS trägt außer seinem Namen auch die Bezeichnung„Gemeindevorsteher". Die ziveite, darunter stehende aber, die sich an die nationalen Wähler richtet, will Herr Possin offenbar als Privatperson erlassen haben, deshalb läßt er die Bezeichnung seiner amtlichen Stellung weg. Natürlich weiß jeder Einwohner Kubdmnins. daß der Herr Possin unter der zweiten Bekannt- machung der Gemeindevorsteher ist, und die Art ihrer Abfassung und der Ort ihres Anschlags, die räumliche Verbinvung mit der erste» Bekanntmachung werden sie manchem naiven Wähler ebenfalls als eine amtliche Aufforderung erscheinen laffen. Das wird Herr Poisin nicht ungern gesehen haben— aber nichts hat ihm natürlich serner gelegen, als ein Versuch, die Wahl unter Mißbrauch seiner amtlichen Stellung unzulässig zu beeinflussen. Wenigstens glauben er und seine Ratgeber, daß cS ihm niemand beweisen kann. Und daraus kommt's an!_ Eine Prämie für Soldatenschinder. Wegen zahlreicher Soidatenmißhandlungen. begangen an dem mtnmehr geisteskranken und nicht mehr vernehmungsfähigen ehe- maligen Jufaiileriste» Weich ielbaumer hatte sich der frühere Unterosfizier des 2. Jnf.-Regiments Joseph Mittermeier von Wenigarten vor dem Kriegsgericht in München zu verantworten. Der Angeklagte ist bes-buldigt, den Weichselbanmer im Januar und Februar in mindestens 12 Fällen dadurch mißhandelt zu haben, daß er ihm zur Strafe für schlechte Gewehrgriffe befahl, 10 bis 40 mal sich auf den Baden zu legen und wieder aufzustehen. War der Mann bereits übermüde, so daß das Hinlegen nicht mehr schnell genug ging, io gab ihm der Unteroffizier mehrmals zur Ermunlernng Rippenstöße. Weiterhin liegt dem Angeklagten zur Last, an«nndestenS sieben verschiedenen Tagen mit seinem Seitengewehr den Weictisclbauiner mehrere Male hinter einander auf die Finger und die Hand geschlagen zu haben, um ihn zu schnelleren Gewehrgriffen zu veranlassen. Außerdem packte er ihn an der Uniform und schüttelte ihn, auch versetzte er ihm Stöße, daß er an die Wand flog. Der Angeklagte stellt in der Verhandlung fast alle der ihm zur Last gelegten Reale einfach in Abrede. Einen anderen Standpunkt hatte er früher eingenommen, als die Angelegenheit zum ersten- mal verhandelt, aber ausgesetzt wurde. Damals halle er einen großen Teil der Anschuldigungen zugegeben und erklärt, sein Leutnant habe mit Bezug auf den Weickiselbaimier zu ihm gesagt: „Schaun Sie, daß Sie den Mann noch hereinbringen(bis zur Be- sichligung I), sonst werf ich Sie von der Abteilung weg." Die Zeugen bestätigten die Borgänge, wie sie die Anklage an- nimmt, nur bezüglich der Zahl der einzelnen Vorfälle wurden der- schiedene Angaben gemacht. Der mißhandelte Weichselbanmer befindet sich, wie bereits erwähnt, in der Irrenanstalt, er leidet an ckomsati» prsocoxs. AuS dem Gutachten des Oberstabsarztes geht hervor, daß der Mmm erblich belastet ist, daß er schon vor Eintritt in daS Militär durch sein Verhalten auffällig war und daß bereits beim Eintritt in daS Militär die Zeichen der beginnenden geistigen Erkrankting vorhanden waren. Einen ursächlichen Ziisammcnhang habe die geistige Ertrankung mit den Mißhandlunge» nicht. Der Anklagevertreter beantragte zwei Monat fünf Tage Gefängnis. Das Gericht erkannte auf 21 Tage Mittclarrest. Es hielt von den Zeugenaussagen jeweils nur die als glaubwürdig, Ivclche die wenigsten Mißhandlungen konstatierten. Engwnä. Die Debatte im Oberhaus. London, 20. November. Nach der Rede MorlehS kam Lord Rothschild zu Wort, der erklärte, die City of London erkenne wohl die Verpflichtung an, ihr Teil der nationalen Lasten zu tragen, sie sei aber gegen viele der Bestimmungen des Budgets, da diese ihrer Ansicht nach den Kredit uniergraben, das Vertrauen zerstören und die Quellen, auf die der Schatzkanzler zu rechnen gewohnt sei. verstopfen würde. Eine Menge Kapital, das nicht sür ausländische Anleihen oder Unternehmungen bestimmt gewesen, sei außer Landes gegangen, und es sei eine merkwürdige Talsache, daß, während Geld kür ausländische Kapitalsanlagen leicht zu erhalten sei, Geld für englische Unternehmungen äußerst schwierig zu beschaffen sei. Gegenüber der Behauptung, daß der niedrige Stand der englischen Staatspapiere aus den Burenkricg und seine Folgen zurückzuführen sei, warf Rothschild die Frage auf, warum denn die russischen und japanischen Staatspapiere nach dem russisch- japanischen Kriege gestiegen seien, trotzdem dort ebenso wie in England neue Anleihen ausgenommen ivorden wären. Lord Swaythling, der frühere Sir Samuel Montag», vertrat die Ansicht, daß das Budget den sichersten Weg für die Geldbeschaffung darstelle. Der englische Kredit sei»och jetzt der beste der Welt und die englischen Konsols hätten den höchsten Kurs von allen Rcgierungs- werten der Welt mit Ausnahme der amerikanischen niedrig verzinsliche» Bonds. Lord James of Hereford(Unionist) erklärte, die Lord» hätten leine konstitutionelle Befugnis, das Budget zu verwerfen; er ivürde sich der Abstimmung nicht enthalten und. obwohl Gegner der Regierung, gegen die Resolution LanSdownes stimmen._ Zur Krise. London, 30. November.(Privatdcpesche beS„Vorwärts".) Heute nacht fällt die Entscheidung der Lords. Ueber den Ausfall ist kein Zweifel möglich und Lord LansdowncS Resolution wird mit großer Majorität angenommen werden. Mittwoch wird der Miuistelpräsident im Unterhanse eine Gegenresolution einbringen, die den Lords das Recht der Einmischung in die Budgetbewilligung abspricht und dem Unterhause allein die Befugnis zuspricht, über Geldbewilligung nnd Geldverweigerung zu entscheiden. Donnerstag findet im Unterhause die Debatte über diese Resolution statt und Freitag wird das Parlament mit einer Thronrede der- tagt werden. Die Liberalen erklären, daß von einer Nachgiebigkeit keine Rede sein könne. In einer Versammlung sagte das Kabinetts- Mitglied Herbert Samuel wörtlich:„Wir werden uns mit dem Oberhause über die finanziellen Fragen in keinerlei Vcr- Hand l ugen einlassen, denn das füllt außerhalb der Kom- pctenz der Lords". Die Regierung wird die erhöhten Stenern, die das Budget vorsieht, ruhig weiter erheben. Sollten Steuerverweigcrungen vorkommen, so würden die Gerichte entscheiden. Das neugewählte Unterhaus, daS wahrscheinlich im Februar zusammentreten wird, würde dann vor allem die Wiederherstellung der durch den Uebergriff der Lords gestörten Gesetzlichkeit zu besorgen haben. Erhalten die Liberalen die Majorität, dann ist die Sache einfach. Die Regierung erhält Indemnität, das Budget wird vom Unterhaus an- genommen und die Lords müssen es bestätigen. Aber selbst wenn die Konservativen siegen sollten, würden allzu große Aendcrungen wegen der drängenden Zeit kaum vorgenommen werden. Um so größere Veränderungen würde die Finanz- Politik der Konservativen dann in der Folge bringen. franhmcb. Eine Zyankali-Affäre in der französischen Armer. Paris, 30. November.(W. T. B.) Dem„Temps" wird aus V e r d u n gemeldet, daß gegen eine ganze Schwadron des dortigen 8. H u f a r e n r e g i m e n t s ein Vergiftungsanschlag verübt morden sei. Der Schwadron sei von einem Verbrecher eine große Menge Zyankali in die Suppe geschüttet worden, doch habe das Gift einen so heftigen Geruch entwickelt, daß die Soldaten die Suppe nicht anrührte». Die Suppe wurde untersucht, und die Aerzte erklärten, daß sämtliche a ch t z i g S o l d a t c n, wenn sie die Suppe oerzehrt hätten, innerhalb weniger Minuten gestorben wären. Nach dein bisherigen Ergebnis der Untersuchung richtet sich der Verdacht hauptsächlich gegen einen Unteroffizier, in dessen Beinkleidern Spuren von Zyankali gefunden wurden, und dessen Vater als Vergolder häufig Zyankali benutzt. Ein Soldat hatte diesem Unteroffizier vor einiger Zeit 150 Frank geliehen und ihn wiederholt zur Rückzahlung gedrängt. Man hält eS für möglich, daß der Unteroffizier, in dessen Tasckien auch eine von einem Diebjtcihl herrührende kostbare Zigaretten» lasche gefunden worden ist, sich durch den Anschlag seines Glau» bigers habe entledigen wollen. Spanien. Die landesüblichen Polizcibombcn. Saragossa, 30. November. Drei Bomben wurden gestern abend unter dem Portal eines Klosters gefunden und nach dem Artilleriearsenal gebracht. Bei den Bomben lag ein Blatt Papier mit der Aufschrift: Rache für Ferrer l Rußland. Enthaftet. Petersburg, 30. November. Der bei der Auflösung einer un- angemeldeten Versammlung gestern abend verhaftete sozialdemo- kratische Dumaabgeordnete Predkaln ist, nachdem« sich legitimiert hatte, wieder in Freiheit gesetzt worden. Cürhci. Gegen die Versammlungsfreiheit. Saloniki, 29. November. Der Wali von M o n a st i r hat die Sperrung aller politischen Klubs in dem Wilajet veranlaßt. Bei dem Klub der V u l g a r e n, der sich gegen die Verfügung ab- lehnend verhielt, mußte die Polizei intervenieren, weSe halb die Bulgaren eine Proteswersammlung einberufen haben. Tduftralien. Intervention im BergarboitergnSstand. Sydney, 30. November. In der Gesetzgebenden Vcr- samnilnng teilte heute in Vertretung des Premierministers der Minister der öffentlichen Arbeiten Lee mit, daß die Regierung beschlossen habe, unverzüglich in dem Berg- arbeitcrausstan d zu intervenieren. Sic werde so sehr als möglich bemüht sein, daS Funktionieren der öffentlichen Dienste zu sichern und werde zu diesem Zwecke alle not- wendigen Kohlen von den zurzeit im Betrieb befindlichen Bergwerken beziehen. Wenn die An- gelegenhcit der Arbeiter nicht binnen weniger Tage einer Lösung entgegen geführt seien, würden die S t r a f b e st i m m Ii n g e n des Gesetzes betreffend industrielle Streitigkeiten in Kraft gesetzt und eS würden Schritte unternommen werden, ein obligatori» schesLohnamt einzusetzen. Gewerkfcbaftlicbce. Neue Einblicke in amerikanilcbe Organisationen. Recht interessante Einblicke in die Verhältnisse der amerika- nischen Gewerkschaften, die auch für die Allgemeinheit aus dem Grunde wissenswert erscheinen, weil sie mehr oder weniger typisch sind, hat die Studienreise der deutschen Gewerkschaftler gebracht, die auf Kosten des Verbandes der Lithographen und Steindrucker resp. ihrer Internationale das Dollarland aufsuchten. Durch die persönliche Verbindung ist ein außerordentlich wertvoller Einblick in die organisatorischen Verhältnisse einer Reihe amerikanischer Gewerkschaften erzielt worden. Es handelt sich dabei um die polygraphischen Gewerkschaften. Die Organisationen halten drüben auch heute noch gern an der Branchenverbindung fest. Es ist nicht nur der Lithograph vom Stcindrucker gesondert organisiert, es sind auch noch der- schicdene Lithographenorganisationen vorhanden. So besteht eine Zentralorganisation der Steindrucker. Sie nimmt nur in einer Stadt— New Dork— auch Merkantillithographen auf. Daneben besteht ein Zentralverband der Chromo- und Merkantillithographcn. Die Plakatlithographen haben wieder ihre eigene Zentralorgani- sation, die Chemigraphen, die Steindruckereihilfsarberter, Kupfer- drucker und Tapetendrucker haben alle ihre besondere Organisation. In Deutschland bilden sie sämtlich, mit Ausnahme der Hilfs- arbeiter, einen Verband. Wie fremd sich diese Verbände auch heute noch gegenüberstehen, geht daraus hervor, daß ein Lithograph, der früher bei den Steindruckern organisiert war, Eintrittsgeld bezahlen muß, wenn er zum Lithographenverband übertreten will! Ebenso ist es umgekehrt. Genau so geht es einem Plakat- liihographen. Noch schlimmer ist es aber, wenn ein Lithograph in den Verband der Plakatlithographen übertreten will: er muß dann er st noch einmal eine vierjährige Lehr- zeit als Plakatarbeiter durchmachen, ehe ihn diese Organisation aufnimmt!.Es wäre gar nicht recht verstand- lich, daß sich diese Leute so abschließen, wenn dies nicht ein Zug wäre, der durch die amerikanischen Gewerkschaften im allgemeinen geht. Selbstverständlich muß auch dieses Verhalten aus den besonderen Verhältnissen zu erklären sein, wenn es auch vom deutschen Standpunkt aus als verfehlt anzusehen ist. Zu dieser außerordentlichen Branchentrennung kann noch gesagt werden, daß die polygraphischen Organisationen drüben jetzt ernstlich daran gehen, sich cpenfalls zu vereinigen, und zwar nach deutschem M u st e r. Die amerikanischen Organisationen versuchen durch zweierlei, sich stark zu erhalten, einmal mittels der Eintrittsgelder, die ihre Antipathie gegen die Ausländer zeigen, zum anderen durch die „geschlossen Shaps". Diese letzteren bestehen in einer ganzen Reihe von Industrien. Es sind darunter Geschäfte zu verstehen, die nur Verbandsmitglieder beschäftigen dürfen. Der Arbeits- Nachweis ist dann in den Händen der Arbeiter. In allen solchen Betrieben werden nur Unionleute beschäftigt, das heißt solche, die den Unionlohn, den Mindcstlohn, verdienen. Da die Zugehörig kcit zur Organisation einen verhältnismäßig hohen Lohn garantiert, denn organisiert sein, ist gleich Arbeit finden, so stellen sich die Verbände auf den Standpunkt, nur Leute auf nehmen zu können, die imstande sind, den Unionlohn zu ver- dienen; deshalb nehmen sie auch minderwertige Ausgelernte über Haupt nicht auf. Dem Fremden wird deshalb auch gesagt, daß man ihn aufnehmen wolle, wenn er den Nachweis er- bringe, daß er ein tüchtiger Arbeiter sei. Dies ist natürlich so lange sehr schwer, als die Unternehmer eben an die geschlossenen Shaps gebunden sind; sie dürfen ja dann einen Unorganisierten Arbeiter gar nicht einstellen. Solch ein Ausschlußsystcm geht natürlich nicht auf die Dauer. Recht klar hat dies gerade die Entwickelung im polygraphischen Gewerbe bewiesen. Ein großer Streik, der das ganze Jahr 1906 andauerte, hat in diesem Gewerbe nicht nur die geschlossenen Shaps, sondern fast auch die ganze Organisation zertrümmert, und nicht am wenigsten eben durch den Ausschluß organisations- williger Arbeitskräfte. Denn nur selten wird ein Einwanderer zurückgegangen sein, weil er in seinem Berufe keine Arbeit fand; er hat in der Regel eine andere Arbeit ergriffen und auf die Ge legenheit gewartet, in seinem erlernten Berufe unterzukommen. Diese Gelegenheit bot der Streik von 1906. Jetzt waren die Ge schäfte offen und nun tauchten plötzlich Steindrucker und Litho- graphcn aller Nationalitäten auf, die zum Teil schon lange in Amerika waren, aber dem Berufe ferngehalten worden waren. Dieser Umstand hat nicht wenig dazu beigetragen, daß der Streik, der etwa ein Jahr dauerte, schon in den ersten drei Monaten ver- loren war. Als dann die Organisationen ihren Fehler ein- zusehen begannen, und sich auch den vorher Ausgeschlossenen öffneten, war es oft genug zu spät; die Verbitterung war zu groß geworden. Der Streik wurde völlig verloren; die Organi- sationcn brachen ebenso fast völlig zusammen; an ihrem Wieder- aufbaü bis zu der früheren Größe wird heute noch gearbeitet. Anerkannt muß werden, in verbesserter Form, unter Vermeidung der alten Fehler. Trotzdem will es schwer halten, von der alten Gewohnheit zu lassen. Auch jetzt noch wird daran festgehalten, daß der sich zur Aufnahme Meldende den Befähigungs- Nachweis erbringt. Jeder muß erst zwei Wochen arbeiten; empfiehlt ihn dann der Vertrauensmann nicht, dann wird er nicht in die Organisation aufgenommen. Glaubt aber der Ver- trauensmann, ihn empfehlen zu können, dann müssen zwei der Mitarbeiter sich finden, die sich dafür schriftlich verbürgen, daß der Angemeldete leistungsfähig ist. Diese Bürgschaft übergibt der Vertrauensmann seiner Organisation, die nun den Kollegen über seine Pflichten als Mitglied instruiert und ihn ver- cid igt! Erst nach abgelegtem Eid gilt er als Mitglied und nun wird ihm auch das Losungswort mitgeteilt, das ihm die Türe des Versammlungslokales öffnet. Ohne Kenntnis des Losungs- Wortes kommt kein Mensch in die Versammlungen. Die drüben gewesenen Genossen sagen dazu:„Wir trafen viele Kollegen, die über die Geheimniskrämerei spotteten; aber gesagt hat uns das Losungswort keiner." Das andere Mittel, sich nach außen abzuschließen, ist das Eintrittsgeld. Gergde darüber ist bis jetzt schon sehr vtel erzählt worden. Die Kollegen können über das polygraphische Gewerbe das Folgende berichten: Die Lithographen machen einen Unterschied zwischen Einheimischen und Fremden. Sie erheben auch ein verhältnismäßig niedriges Eintrittsgeld. Es ist gleich- mäßig hoch im ganzen Organisationsgebiet und beträgt 3 Dollar. Anders ist es bei den Steindruckcrn. Dort schwankt das Eintritts- geld nach dem Ort und dem Alter; auch wird der Fremde ganz anders behandelt als der Einheimische. In Chicago gibt es die folgenden Abstufungen: Einheimische bis zu 30 Jahren zahlen 10 Dollar; ffhb sie bis zu 3ö Jahren alt, dann 15 Dollar; bei einem Alter bis zu 40 Jahren steigt eS auf 20, und 25 Dollar werden eS bei einem Alter bis 43 Jahren. Ist der Kollege noch älter, dann steigt das Eintrittsgeld nach dem Beschlüsse eines für diesen Zweck tätigen Komitees bis zu 5V Dollar! Man geht dabei wohl von der Ansicht aus, daß bei Arbeitskämpfen der ältere Berantw. Redakt.: Rickmrd Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.: Kollegs dev» Verbands mehr kostet; er wird schwerer Arbeit finden als ein junger Arbeiter. In New Dork ist das niedrigste Eintritts- geld 7�2 Dollar. Das Statut läßt, wie es in Amerika allgemein üblich ist, den Mitgliedschaften innerhalb bestimmter Grenzen absolut freie Hand. So ist es recht charakteristisch, daß ein Mit- glied, welches von einer Stadt kommt, wo es niedriges Eintritts- geld gezahlt hat, und in einem Orte tätig sein will, wo höheres Eintrittsgeld üblich ist, die Differenz nachzahlen muß. Das Eintrittsgeld für Fremde wird durch das schon erwähnte Komitee festgesetzt und beträgt mindestens 2 5 Dollar und kann bis zu 50 Dollar(mehr als 200 M.l) gesteigert werden! Dabei spielt es keine Rolle, ob der Fremde aus seinem Lande als Organisierter nach drüben kommt. In der Tapetenbranche werden Eintrittsgelder erhoben, die die genannten ganz gehörig in den Schatten stellen; der Form- stechervelband verlangt 200 Dollar; die diesjährige General- Versammlung hatte sich sogar mit einem Antrag zu beschäftigen, der den Betrag auf 500 Dollar(über 2000 M.!) fe st gesetzt wissen wollte! Von den 200 Dollar müssen 100 beim Eintritt entrichtet werden; die andere Hälfte ist in Raten zu begleichen. Die Tapetendruckerorganisation verlangt ein noch höheres Eintrittsgeld. Die ganze Frage mutz, um überhaupt begriffen zu werden, mit der Einwandcrungspolitik der amerikanischen Gewerkschaften verglichen werden, erst dann wird die Sache verständlich. Damit ist natürlich noch lange nicht gesagt, daß eine solche Methode für die EntWickelung der Gewerkschaften günstig ist. Das Unterstützungswesen ist in den amerikanischen Gewerk- schaften sehr wenig ausgebaut; von den graphischen Organisationen wird das Folgende berichtet: Der Verband der Steindrucker zahlt eine Krankenunterstützung in der Höhe von 9 Dollar für 13 Wochen, die Höchstleistung ist, nach der Dauer der Mitgliedschaft abgestuft, 500 Dollar. Streikunterstützung wird selbstverständlich gezahlt. Die Lithographen zahlen nur Streikunterstützung, 5 Dollar für Ledige und 10 Dollar für Verheiratete pro Woche. Der Beitrag beträgt in den beiden Organisationen 1 Dollar pro Monat. Dazu kommt für die Steindrucker in New Dork ein Lokalzuschlag wegen deS eigenen Bureaus und eines Beamten. Zu den Löhnen in der amerikanischen graphischen Industrie konnte festgestellt werden, daß sie wesentlich, zum Teil ganz be- deutend höher sind, als die in Deutschland üblichen. Daraus läßt sich auch erklären, daß die Arbeiter für die Zollerhöhung auf deutsche graphische Produkte gewesen sind. Der Deutsche gilt ihnen immer wieder als der Schmutzkonkurrent, dessen Ausschluß vom amerikanischen Markt eine verdienstliche Tat darstellt. Alles in allem: Die Studienreise hat vieles bestätigt, was früher als Gerücht in der Presse zu finden war. Sie hat aber auch für das polygraphische Gewerbe eine neue, gute internationale Ver- bindung herstellen können. Und daß die junge, in unserem Sinne noch in ihren Anfängen steckende amerikanische Arbeiterbewegung mit der Arbeiterinternationale überhaupt erst einmal in engen Kontakt kommt, ist die Hauptsache. Daß sie von ihren älteren Brüdern zu lernen gewillt ist, dies zeigen ja die Einigungsbc- strebungen der verschiedenen polygraphischen Berufsorganisationen in der Union._ Dcutfches Reich. Lästige Ausländer. In der Malzfabrik von Warendorf in Striegau (Schlesien) sind eine Anzahl tschechischer Arbeiter beschäftigt. Die Verhältnisse in der Malzfabrik sind sehr verbesserungsbedürftig. Nachdem eS dem Braucreiarbeiterverband gelungen war, die Ar- beiter des Betriebes für die Organisation zu gewinnen, beauf- tragtcn diese ihre Organisation, Forderungen auf Verbesserung der Lohnverhältnisse bei der Betriebsleitung einzureichen. Die Arbeiter hatten jedoch ihre Rechnung ohne die allezeit wachsame Polizei ge- macht und ohne Wissen der engen Beziehungen, die anscheinend zwischen Unternehmern und Behörden dort bestehen. Es gab keine Lohnzulage oder auch nur eine Antwort durch den Unternehmer; statt dessen nahm die Polizei die Sache in die Hand. Sie bcschäf- tigte sich sehr eingehend mit den tschechischen Arbeitern und schob sie über die Grenze abl Unter den Abgeschobenen befand sich ein Verheirateter, der nicht einmal Zeit hatte, von seiner Familie Abschied zu nehmen. Wohlgemerkt: die Leute standen nicht etwa im Streik(an Streik hatte niemand gedacht); lediglich die Einreichung der Forderungen war Anlaß zu so schnei- digem Vorgehen.„Ja, in Schlesien machen wir das so!"— Schade nur, wird die schlesische Polizei denken, daß einheimische Arbeiter, die sich etwa unterstehen, Lohnforderungen zu stellen, nicht auch des Landes verwiesen werden können. Dann erst würde ja die Polizei ihrer Aufgabe als Hüter der Unternehmerinteressen voll gerecht werden können. Die LehrlingSzüchterei im Bäckergewerbe blüht in Bayern in ganz erschreckendem Maße. In Nürnberg und Fürth find jetzt schon mehr Lehrlinge als Gehilfen beschäftigt. In einer Reihe von bayerischen Städten kommen auf 100 Gehilfen nicht weniger als 150 bis 200 Lehrlinge. Von den 8000 Gehilfen in den größeren Städten Bayerns sind nicht weniger als 1000, also fast 15 Proz., arbeitslos. Eine Bäckerversammlung in Nürnberg nahm zu diesen Zuständen Stellung und forderte, daß gegen diese Lehrlings- züchterci Schritte unternommen werden; ferner wurde eine bessere Regelung der Arbeitsvermittelung durch Einrichtung paritätischer Arbeitsnachweise verlangt._ Schutz für messerstechende Streikbrecher? Der Sekretär des Holzarbeiterverbandes in Nürnberg, Ge- nosse Schneppcnhorst, sah eines Tages im September, wie ein Streikbrecher— ein junger Bursche von 18 Jahren— ein langes Küchenmesser aus dem Rocke hervorzog und auf einen ruhig mit dem Burschen sprechenden Streikposten losstach. Schneppen- h o r st— als Streikleiter— eilte hinzu und sagte nach den Fest- Stellungen vor Gericht:„Tun Sie sofort das Messer weg!" Der Bursche begann aber auch sofort auf Schneppenhorst einzu- hauen, was den Bedrohten veranlaßte, dem stechenden Streik- brecher ordentlich ein Paar aufs Maul zu hauen und ihm das Messer aus der Hand zu winden. Schneppenhorst ging dann mit dem Messer zur Polizei und machte von dem Messerattentat des Streikbrechers Anzeige. Der Amtsanwalt leitete ein Strafverfahren ein, und die Ver- Handlung fand vor dem Schöffengericht in Nürnberg statt. Angeklagt war aber nicht etwa der Streikbrecher, sondern Schneppenhorst, und zwar wegen Körperverletzung. Der techende Streikbrecher trat als Kronzeuge auf!-- DaS Gericht konnte jedoch den Aussagen des Streikbrechers— trotz seines Eides — keinen Glauben beimessen und sprach Schneppenhorst von Schuld und Strafe frei. Der Streikbrecher hatte behauptet, er sei zuerst geschlagen worden, und er habe dann erst das Messer gezogen. Daß in einem solchen Falle aber überhaupt erst Anklage gegen den Gewerkschaftsführer erhoben wurde, ist bezeichnend für unsere Nechtszustände im lieben deutschen Vaterlande und für die staats- rctterische Fürsorge, dessen sich die nützlichen Elemente im Rechts- staate erfreuen. Christliche und Hirfch-Tunckerfche Lüge». „Schauderhafte Terrorismusgeschichten" hat die ultramonkaM „Nürnberger Volkszeitung" und nach ihr die gesamte Scharfmacher» presse Deutschlands erzählt. Es wurde unter anderem mitgeteilt- daß der freiorganisiertc Maurer Franke in Nürnberg christliche Mitarbeiter terrorisiert und einem von diesen, der sich nicht für die freie Gewerkschaft gewinnen lassen wollte, sogar das Werkzeug gestohlen habe, wofür er wegen Diebstahls bestraft worden sei. Franke verklagte den schwarzen Redakteur Grohrock, der in der Verhandlung erklären mußte, daß er den Vorwurf nicht aufrecht- erhalten könne. Es sei ihm ein„LapsuS" unterlaufen, er habe den Artikel aufgenommen, weil sein Gewährsmann, ein christlicher Arbeitersekretär, ihm versicherte, er habe alles schwarz auf weiß in seiner Mappe. Der Kläger war so gutmütig, einen Vergleich einzugehen, wonach der Beklagte Abbitte leistet, alle Kosten und Auslagen trägt und in die Publikation willigt. Der Hirsch-Dunckersche Arbeitersekretär Hotz in Nürnberg hatte ebenfalls eine Schlechtigkeit von einem„sozialdemokratischen Führer" entdeckte Er hatte in öffentlicher Versammlung dem Vor- sitzenden der vereinigten Arbeiterausschüsse sämtlicher städtischen Betriebe, Holk, vorgeworfen, dieser verfahre in seinem Amt parteiisch und nehme nur die Interessen der seinem Verband, der freien Gewerkschaft, ungehörigen Gemeindcarbeitcr wahr. So habe er in einer Aufstellung der für die Lohnaufbesserung vorzuschlagen- den Arbeiterkategorien absichtlich die Grubenarbeiter weggelassen, weil sie Hirsch-Dunckerisch organisiert seien. Vor Gericht ergab sich das gerade Gegenteil: Holk hatte selbst darauf aufmerksam ge- macht, daß in der Aufstellung die Grubenarbeiter übersehen waren, und deren Aufnahme veranlaßt. Hotz mußte ebenfalls alles zurück- nehmen und sich zur Zahlung der Kosten und Veröffentlichung der Abbitte bereit erklären. Die Zahlstell» München des SchuhmacherverbandeS hat in ibrer letzten Miigliederversammlung mit erdrückender Mehrheit beschlossen, den mit den Unternehmern am 15. Februar 1903 vereinbarten Tarif- vertrag am 1. Dezember 1909 zu kündigen. Der Tarif wird nicht gekündigt, um etwa Forderungen zu stellen, sondern der Beschluß ist eine Antwort auf die seit zwei Jahren seitens der Herren Schuh- fabrikanten beliebte Nichtachtung des Tarifs. Zu wiederholten Malen mußte das Geiverbegericht als Einigungsamt in Tätigkeit treten und den Herren Fabrikanten bedeuten, daß Tarifverträge— wenn sie einmal abgeschlossen— für beide Teile bindend sind. Die Arbeiter ziehen daher diesen Plänkeleien eine tariflose Zeit vor. IZuslanck. Elektrikerstreik in der Pariser Oper. Während der Galaoper, ivelche die Republik zum Empfange des Königs Manuel von Portugal in Paris gab, streikten plötzlich die Elektriker. Sie nahmen die Arbeit nicht eher wieder auf, als bis ihnen eine Lohnzulage gewährt wurde. Letzte IVacbnchten und Depefeben. Ein Raubmord. Prag, 30. November.(W. T. B.) In der Prager Vorstadt Karsli n enthal ist heute an der Tabaktrafikantin F r a n» ziska Bartak ein Raubmord verübt worden. Als der Tat ver-- dächtig ist ein 15jähriger Bursche verhaftet worden. Tie Altersversorgung im französischen Senat. Paris, 30. November.(W. T. B.) Der Senat trat heute in die Einzelberatung deS Geseyentwurfes über die Altersversorgung ein und begann mit der Diskussion deS ersten Artikels, welcher besagt, daß Lohnempfänger beiderlei Geschlechts, deren Einkommen niedriger als 3090 Frank, auf Altersversorgung Anspruch haben. wozu die Mittel durch Zwangs« und freiwillige Beiträge der Mit- glieder und durch einen Zuschuß seitens deS Staates aufgebracht werden. Außerdem würden die Mitglieder alljährlich eine Zulage lebenslänglich ausgezahlt erhalten, deren Betrag durch Beiträge der Arbeitgeber und durch eine ergänzende Subvention deS Staates aufgebracht werden soll. Ein von der Regierung bc- kämpfter Zusatzantrag, wonach man die Beitrags- zahlung und demgemäß die Teilnahme an den Wohltaten des Gesetzes dem freien Willen der Beteiligten überlassen solle, wurde mit 214 gegen 68 Stimmen abgelehnt. Der Finanzminister als Beschühcr der Großbanken. Paris, 30. November.(W. T. B.) Die Deputierten» kam m er beriet heute den Etat des Finanzministeriums. Finanz- minister C o ch e r y rechtfertigte die französische» Großbanken gegen den Vorwurf, daß sie das französische Kapital nach dem Ausland abfließen ließen. Der Minister meinte, daß man in dieser Be» Ziehung keine Befürchtungen zu hegen brauche., Das englische Budget im Oberhaus. London, 30. November.(W. T. B.) Bei der fortgesetzten Beratung der Finanzbill im Oberhaus erklärte der Erzbischof von Vork: Er könne es mit seinem Gewissen nicht vereinen, sich der Abstimmung zu enthalten, und wenn er an der W- stimmung teil nähme, müsse er gegen die Resolution Lansdowne stimmen. Er habe nicht gehört, daß Gründe vorgebracht worden seien, die bewiesen, daß das Budget so schlecht sei oder etwas enthalte, was gegen die Verfassung oder revolutionär sei. Gleichzeitig müsse er aber den Ton einiger für das Budget gehaltenen Reden bedauern und erklären, daß, wenn aus der Heu- tigen Abstimmung ein ernster Konflikt entstehen sollte, die ganze Verantwortung dafür nicht denen auferlegt werden könne, die für die Resolution Lansdowne gestimmt hätten.(Beifall bei der Opposition.) Er fordere die Peers auf. die Folgen ihres Handelns wohl zu erwägen:.denn wenn sie vernünftig nachdächten, müßten sie vor diesen Folgen zittern. Lord E u r z o n stellte mit Nachdruck in Abrede, daß auf Lansdowne ein Druck ausgeübt worden wäre» feine Resolution einzubringen. Lansdowne hätte seinen Schritt nicht unternominen ohne reifliche und sorgfältige Ueberlegung und ohne sich in vollstem Maße der ungeheueren Schwere der Folgen bewußt gewesen zu sein. Hoffentlich würden die LordS nicht gestatten, daß man ihnen den Prozeß mache und sie ver» urteile, ohne siegehörtzuhaben. Er bitte sie dringend, auf öffentlichen Versammlungen im ganzen Lande ihrer AnsichtAusdruck zu geben, idaß sie im Sinne und nach den Bestimmungen der Verfassung gehandelt hätten. Wenn sie Lords Roseberys Rede befolgen und das Budget annehmen würden. so würden sie nicht fair mit dem Lande umgehen. Das Land würde es ihnen nicht danken und würde sagen, die Lords versuchten nur i h r e e i g e n c H a u t zu retten.. Eiscnbahncrstrrik in Sicht. Saint Paul �Minnesota). 30. November.'(W. T. B.)! Auf Nord Western Railroads droht ein Streik der Weichensteller auSzu, brechen, die eine Lohnerhöhung von 6 Cents für die Stunde und doppelten Lohn für den Sonntagsdienst sowie für die 10 Stunden überschreitende Arbeitszeit fordern. Die Ver» waltung der Eisenbahnen beschloß, den Kampf aufzunehmen. � Im Sturme auf hoher See. Tokio, 30. November.(W. T. B.) Bei S h i m o n o s e k i ist während eines heftigen Sturmes ein japanisches Schiff gesunken. 25 Leichen sind an die Küste gespült. LH. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Maul Singer& Co., Berlin SVV. Hierzu 3 Beilagen u. vaterhaltungphl, |t. 280. 26. Jahrgang. 1. KkilM äfs Lmiills" Ititet pllislilnlf. MMoch, I. Depmd» MS. Kuväesrztzverorävunzea über üie KeichMigung von ürbeiterinne». Der gestern abend erschienene„Reichs-Anzeiger" veröffentlicht drei Bundcsratsverordmmgen voni 25. Noveniber über die Beschäftigung von Arbeiterinnen. Die erste dehnt das Verbot der Beschäftigung und des Aufenthalts von Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeitern in Räumen, in denen Darren im Betriebe sind, auf alle Zichorienbetriebe aus. Die beiden anderen sind Durchlöcherungen des Arbeiterinnenschutzes, der mit dem 1. Januar 1910 auf Grund der von uns wiederholt be sprochenen Gewerbeordnungsnovelle vom Dezember 1908 in Kraft tritt. Die vom Bundesrat aus Grund des Gesetzes gestatteten Ausnahmen betreffen 1. die Betriebe, die der Herstellung von Gemüse- oder Obstkonservcn sowie von Gemüse oder Ob st präserven dienen; 2. die Betriebe zur Herstellung von Fisch konserven. Die Verordnungen sind auf Grund des§ l39a Ziffer 5 erlassen. Diese Ziffer ermächtigt den Bundesrat, für Gewerbe ' zweige, in denen die Verrichtung der Nachtarbeit zur Ver- > hütung des Verderbens von Rohstoffen oder des Mißlingens von Arbeitserzeugnissen dringend erforderlich erscheint, Aus- nahmen von denjenigen neuen Schutzbestinimnngen zu erlassen, die für Betriebe, in denen mindestens in der Regel 10 Arbeiter beschäftigt werden, vorschreiben: 1. Die Beschäftigung von Arbeiterinnen ist in der 9! a ch t z e i t von 6 Uhr abends bis 0 Uhr morgens und am Sonnabend sowie an Vor- abenden der Festtage nach 5 U h r n a ch m i t t a g s v c r- boten. 2. Die Höchstarbeitszeit der Arbeiterinnen beträgt zehn Stunden, an den Vorabenden der Sonn- und Festtage acht Stunden. 3. Den Arbeiterinnen ist nnndestens eine e i n st ü n d i g e Mittagspause, 4. so- wie nach Beendigung der täglichen Arbeitszeit eine u n- inrterbrochene Ruhezeit von mindestens elf Stunden zu gewähren. Die Alisnahmebefugnis ist dem Bundesrat mit der Einschränkung zugestanden, daß die un- unterbrock>ene Ruhezeit an höchstens 60 Tagen im Kalender- jähr bis auf Z'/z Stunden täglich herabgesetzt werden darf. Für die Betriebe, in denen Gemüse- oder Ob st konserven oder-Präserven hergestellt werden, 'autet die neue Bundesratsverordnung im wesentlichen dahin: I. Abweichend von den Lorschrifien des§ 137 Abiatz 1, 2, 4 der Gewerbeordnung dürfen Arbeiterinnen über sechszehn Jahre an den Werltagen an höchstens sechzig Tagen i-n Kalender- jähr unter den nachstehenden Bedingungen beschäftigt werden. Dabei wird jeder Tag angerechnet, an dem auch nur«ine Arbeiterin abweichend von einer jener Borschriften beschäftigt wird. 1. Die Beschäftigung darf nicht vor viereinhalb Uhr morgens beginnen und nicht länger als bis zehn Uhr abends dauern. Findet die Beschäftigung am Sonnabend oder am Vor- abend eines Festtags statt, so ist sie über siebeneinhalb Uhr abends hinaus nur unter der Bedingung gestattet, daß die in dieser Weise beschäftigten Arbeiterinnen am folgenden Sonn» und Festtag arbeitsfrei bleiben. 2. Die tägliche Arbeitszeit darf dreizehn Stunden nicht überschreiten. 3. Die ununterbrochene Ruhezeit muß mindestens acht- ein halb Stunden betragen. II. Die Befugnis der unteren Verwaltungsbehörden, nach Maßgabe des§ 138a Abs. 5 in Verbindung mit§ 105c Abs. 1 Rr. 3 der Gewerbcordiiung. Ueberarbeit zu Reinigungs» zwecken zu gestatten, bleibt unberührt. Die wesentlichsten Bestimmungen der Bundesrats- Verordnung über die Beschäftigung von Arbeite- rinnen in Betrieben zur Herstellung von Fischkonserven gehen dahin: I. Abweichend von den Vorschriften des Z 187 Abs. 1 der Gewerbeordnung dürfen Arbeiterinnen über sechzehn Jahre an den Kleines feuilleron. Georg Herweghs Religionsbekenntnis. Hat Georg Herwegh, der revolutionäre Dichter, al« Protestant gelebt und ist er als solcher gestorben? Für ihn, den Feind des monarchistischen Staates, kann von vornherein als ausgemacht gelten, daß er auch ein Feind der Kirckie war. Obzwar in der Augsbnrgcr Konfession erzogen, be- kannte er sich zum Atheismus. Von diesem Bekenntnis hat er auch einmal in offizieller Form Gebrauck gemacht, was schwerlich bekannt sein dürste. Seit leincr Desertion aus der Stutigarter Garnison hatte er in der Schweiz und zwar in Zürich Aufenthalt genommen. Dort wohnte er auch, als er sich verheiratet hatte und unterhielt auch, wie wir ja wiffen, mit Richard Wagner einen regen freundschaftlichen Verkehr. Zu Anfang des Jahres 1850 wurde in Zürich eine Ein- wohnerzählung vorgenommen. Da hatte nun Herwegh im Frage- bogen die Rubrik.Religion" mit einer kräftigen Null ausgefüllt. Weil der hachwohllöbliche Skat nicht so ohne weiteres sich mit dieser Tatsache abzufinden vermochte, so wurde der Dichter zur Beruhigung aller Rechtgläubigen amtlich aufgefordert, doch um Himmelswillen irgend etwas anderes hinznznfiigen, eS könne ja„Türke" oder„Heide" «ein. Herivegh beharrie aber auf der Null, da er, wie er kaustisch bemerkte,„gar keine Religion" habe. Eine gleiche Ein- tragung machte natürlich auch seine Frau Ennna für sich, der anti- semitische und byzanlinisch gesinnte Geschichtsschreiber noch bis in unsere Tage innner noch nachrechnen, sie sei eine Jüdin gewesen. Für den Austritt aus der Landeskirche in unserer Gegenwart sind Georg und Emma Herwegh, desgleichen der greise, ichwer krank daniederliegende norwegische Dichter Björnsterne B j ö r n s o n, der ja auch vor Jahren der evangelischen Kirche seines Heimatlandes den Rücken kehrte, beredte Bundesgenossen. Der gegenwärtige Stand der Funkentelegraphie. Als Marconi im Jahre 1893 mit seiner Erfindimg der drahtlosen Telegraphie vor die Oesteiälichkeit trat, hielten überschwengliche Sanguiniker das letzte Stündlein des bisherigen TelegrapbensystemS. besonders aber der Unterseekabel, für gekonimen. Wie sehr dies trotz der außer- ordentlichen Tragweite der Erfindiing den Tatsachen vorauseilte, be- lveist die von dem Deutschen Reichspostamt mitgeteilte Statistik der dem öffentlichen Verkehr dienenden Funkenstationen. Man zählt ihrer zurzeit in ganz Europa 63, in Amerika 103, in Afrika 8! in Asien 10 und in Australien 7. von denen sich keine auf dem australischen Festlande, dagegen 3 auf den Sandwichinseln und eine auf den Marianen befinden. In Asien nimmt Japan wegen seiner insularen Lage mit 5 Stationen die erste Stelle ein, während sich in Afrika sämtliche Stationen in englischen Kolonien oder Ländern befinden, wo Enzland das Protektorat ausübt und sich einen unkontrollierbaren Nachrichtendienst geschaffen hat. In Amerika Sonnabenden und an den Vorabenden von Fest- tagen bis s i e b e n e i n h a l b U h r abends beschäftigt werden. II. Abweichend von den Vorschriften des§ 137 Abs. 1, 2, 4 der Gewerbeordnung dürfen Arbeiterinnen über sechzehn Jahre an höchstens sechzig Werktagen im Kalenderjahre unter den nachstehenden Bedingungen beschäftigt werden. Dabei wird jeder Tag angerechnet, an dem auch nur eine Arbeiterin über die gesctz- mäßige Zeit hinaus beschäftigt wird. 1. Die Beschäftigung darf nicht vor sechs Uhr morgens beginnen und nicht länger als bis zehn Uhr abends dauern. Findet die Beschäftigung am Sonnabend oder am Vorabend eines Festtags statt, so ist die Beschäftigung über siebeneinhalb Uhr hinaus nur unter der Bedingung gestattet, daß die in dieser Weise beschäftigten Arbeiterinnen am folgenden Sonn- oder Festtag arbeitsfrei bleiben. 2. Tie tägliche Arbeitszeit darf dreizehn Stunden nicht überschreiten. 3. Die ununterbrochene Ruhezeit muß mindestens acht- e i n h a l b Stunden betragen. III. Die Besugnis der unteren Verwaltungsbehörden, nach Maßgabe des Z 138a Abs. 6 in Verbindung mit Z 105c Abs. 1 Nr. 3 der Gewerbeordnung, Ueberarbeit zu Neinigungszweckeit zu gestatten, bleibt unberührt. IV. Die höhere Verwaltungsbehörde kann für ihren Bezirk oder Teile davon bestimmen, daß bei der Verarbeitung von See- fischen, die den Gewerbeunternehmern unmittelbar von den Fischern alsbald nach ihrer Ankunft mit den Boote» geliefert werden,§ 137 Abs. 1*) der Gewerbeordnung auf die Be- schäftigung von Arbeiterinnen über sechzehn Jahre keine Anwendung findet. Wird bei Benutzung dieser Ausnahme zugleich von einer der unter Nr. II gewährten Befugnisse Gebrauch gemacht, so tvird jeder Tag, an dem dies geschieht, auf die zulässigen Ucberarbeits- tage angerechnet. Der Bundesrat ist also leider den Wünschen der Äonscrvenfabrikanten im weitesten Maße entgegengekommen. Sie pkälÄichen SeineiiiÄeumhIen. AuS Bayern wird uns geschrieben: In der vergangenen Woche erreichte die Wahlbewegung in unserer Rheinpfalz ihren Höbepunkt. ES wählten die großen Städte Ludwigshafen. Kaiserslautern, Speyer, Franken- thal, Neustadt nutz Landau. Das Schlachtfeld läßt sich jetzt. obwohl noch nicht alle Wahlen vorüber sind, im ganzen über- blicken. Die Wahlen trugen diesmal ein wesentlich anderes Gepräge als die früheren, denn in den Orten über 4000 Seelen wurde zum ersten Male nach dem Proporz gewählt. Die Gemeinden unter 4000 Einwohnern wählten nach dem alten System der Mehrheits- wähl. Das Gemeindeproportionalwahlrecht ist eine Frucht der zähen Arbeit der sozialdemokratischen Partei, die eS, freilich ohne Erfolg, ausnahmslos für alle Gemeinden verlangt hatte. Die Proportionalwahl geschieht nach freien Listen. Der einzelne Wähler hat somit unbeschränkte Freiheit in der Auswahl der Kandidaten. Er kann sogar Bürger wählen, die aus keiner Vorschlagsliste stehen. Das neue Gemeindewahlrecht sieht auch die Möglichkeit einer Verbindung mehrerer Vorschlags- listen vor. Diese Listenverbindung bedeutet aber keineswegs ei» Wahlbündnis mehrerer Parteien. Ihre stets geringe Wirkung äußert sich nur bei der Verteilung der Mandate. Eine Eigenart des neuen Wahlrechts, die vielen Wählern Kopfzerbrechen verursachte, ist die Möglichkeit der Häufung einzelner Namen der Vorschlagsliste. Sie macht es kleinen oder kandidnten- armen Parteien möglich, die nötige Anzahl von Namen und Nummern für ihren Wahlvorschlag aufzubringen. Sie ist auch geeignet, tüchtigen Parteigenossen durch Dreifachung oder Doppelung einen Borsprung vor anderen zu verschaffen und so ihre Wahl möglichst sicher zu stellen. *)§ 137 Abs. 1 betrifft das Verbot der Beschäftigung in der Nachtzeit von 8 Uhr abends biS 6 Uhr morgens und für die Sonnabende und die Vorabende der Festtage in der Zeit nach 5 Uhr nachmittags. marschieren selbstverständlich die Vereinigten Staaten mit 48 Stationen, denen noch weitere 10 auf Kuba, Portoriko und in Panama zu- zurechnen sind, an der Spitze, während gleich darauf Kanada mit 25 folgt. In Europa besitzt Marconiö Vaterland Italien die meisten, nämlich 19 Slati-onen. während Großbritannien über 17 und Deutschland über 15 versügen. Rußland, das dem Verkehr in der Luft gründlich abbold zu sein scheint und folgerichtig auch den kürzlich gegründeten Luftschifferverein unter die Aufsicht der Geheimpolizei gestellt hat. ist überhaupt nicht vertreten und lvird also selbst von dem Fürsten von Montenegro übertroffcn, der für den Verkehr mit seiner gekrönten Tochter in Rom eine auch dem öffenllichen Nachrichtendienst offenstehende Station in Antivari ge- schaffen hat. Im ganzen arbeiten 70 Stationen nach dem System Marconi und 33 nach dem deutschen System Telefunken, während sich der Rest anderer Syst--"« bedient. Eine dänische Forschungsreise nach Pcrflcn. Die Geographische Gesellschaft von Kopenhagen, deren Betätigung sonst unter den erd- kundlichen Vereinigungen Europas weniger hervortritt, aber durch den Zufall, daß der Polarreisendc Cook zuerst in Kopenhagen an- langte und in dieser Gesellschaft seinen ersten Vortrag hielt, in letzter Zeit eine größere Beachtung gefunden hat, wird jetzt einen Plan von erheblicher Bedeutung zur Ausführung bringen. Gegenwärtig ist eine wissenschaftliche Expedition, deren Zweck die Erforschung der Länder um den Persischen Golf ist, im Begriff Kopenhagen zu verlassen. Nach einer vor- liegenden kurzen Nachricht sind die Ziele der Reise recht umfaffend, denn eS sollen sowohl völkerkundliche wie botanische Studien ge- macht, außerdem genauere Karten aufgenommen iverden. Die Zahl der Teilnehmer wird nicht angegeben, aber als ungewöhnlich groß bezeichnet. Zu ihr gehören auch zwei Sachverständige auf dem Ge- biet des Handels, die jede erreichbare Kenntnis sammeln sollen, um die HandelSrückstchtcn im Persischen Golf zu fördern. Theater. Friedrich-Wilhelmstädtisches Schauspielhaus. „Der Bibliothekar." Von Gustav von Moser. Die Idee ist nichts; die ausgebrannte Harmlosigkeit des HumorS und der Situationskomik ist alles. Nachdenkliches serviert Moser nicht. Wie er sein Privatleben recht eigentlich zwischen Jonglellerkllnsten. Tanzbeinschwingen und Strumpfbändersammeln verbrachte, so jongliert, schwadroniert und schwerenötert er in seinen Lustspielen. Sic sind im Grunde nichts mehr und nichts weniger als arg verwäfferte neukranzLnsche Schwänko und Possen. Massieren- des Limonadcngetränk. Man lacht über die Narretei, bis der Vorhang fällt; aber hernach hat man einen fadsüßlichen Geschmack im Halse. Im dritten Akt des„Bibliothekar" treibt Moser seine Jongleurkomik auf die höchste Spitze des Durcheinander der Sinnlosigkeit. Man weiß nicht, was daraus werden soll. Sonst im In den Orten über 4000 Einwohnern mit Pro- portionalwahl wurde fast durchweg nach politischen Parteien gewählt. Hier und da schob sich zwischen hinein die Liste einer wirtschaftlichen Gruppe wie der Hausbesitzer und Jnnungsleute oder auch unpolitischer Bürgervereinigungen. Einem Beschlüsse des letzten pfälzischen Gautages zufolge ging unsere Partei in allen Orten über 4000 Seelen für sich allein vor. Es sind wohltätige Wirkungen des neuen Wahl- Verfahrens, daß Bündniffe zwecklos geworden und die Stadträte nun als Vertreter bestimmter politischer Parteigruppen in das Gemeinde- Parlament einziehen. Dadurch geht die Verantwortung für die ge- meindepolitische Tätigkeit von den Einzelpersonen mehr auf die Partei über. Wesentlich anders gestalteten sich die Dinge in den Orten unter 4000 Seelen. Für sie gilt noch die Mehrheitswahl, die in der Pfalz gleich und direkt ist und alle fünf Jahre das ganze Gemeindekolleginm erneuert. Da bringen es die Verhältnisse mit sich, daß unsere Partei an vielen Orten mit anderen Parteien oder Biirgergnippen zusammengeht. Die Ursachen dieser Kompromisse sind verschiedener Art: Einmal gilt es, da§ tyrannische Dorfregiment einer Partei zu stürzen, ein anderesmal die Herrschaft eines protzigen liberalen Unternehmertums zu beseitigen. In letzterem Falle ist eS der proletarische Charakter des Großteils der Bevölkerung, der über die Parteigegensätze hinweg ein Zusainmen- gehen der Arbeiter verschiedener politischer Richtung herbeiführt. In anderen Fällen kann unsere Partei die nötige Anzahl von Kandidaten nicht stellen und muß notgedrungen eine Anleihe bei dem bürgerlichen Element machen. DieseS Zusammengehen bei den Gemeindewahlen auf den Dörfern wird noch durch den Umstand begünstigt, daß infolge der engen Verhällnisse die sozialdemokratischen Wähler mit den bürgerlichen vielfach in naher verwandtschaftlicher oder freundschast- sicher Beziehung stehen. Die Ergebnisse der Wahlen sind sehr erfreulich. In vielen Gemeinden unter 4000 Seelen, wo die Arbeiterschaft noch vor fünf Jahren sich um die Gemeindewahl wenig oder gar nicht kümmerte, haben unsere Parteigenossen sich lebhaft be- teiligt, bald mit, bald ohne Erfolg. Wir haben die Zahl unserer Vertreter in den Orten unter 4000 Einwohnern un« gefähr verdoppelt. In zirka acht ist der Bürgermeisterstellvertreter oder Adjunkt und in zwei der Bürgermeister selbst Partei- genösse. In die Augen stechend und auch bedeutungsvoller sind unsere Erfolge in den Städten. Liberale, bisher sozialistenreine Hochburgen wie Landau, Zweibrücken und Dürkheim müssen sich zum ersten Male sozialdemokratische Vertreter gefallen lassen. In unseren großen Fabrifftädten Kaiserslautern, Pirmasens, Ludwigshafen und Franken thal bleibt die Zahl der gc- wählten sozialdemokratischen Vertreter nur wenig hinter der ab« solnten Majorität zurück. Noch ein kräftiger Ruck und diese Städte erhalten bei den nächsten oder übernächsten Wahlen sozialistische Mehrheiten. Ein charakteristisches Ergebnis der Wahl ist der vollständige Zusammenbruch der bisherigen Parteiherrschaft und die mehr als bescheidenen Erfolge des Zentrums. Man versteht jetzt, toarum die pfälzischen Liberalen mit allen Mitteln die jetzige Gemeindeordnung durch die MagistratSberfassnng ersetzen wollten. Sie sahen ihren Bankrott vor Augen und hofften mit Hilfe einer neuen oberen Kammer ein soziasistisches Regimen! zu verhindern. Die Ursachen unserer Erfolge sind verschiedener Art. Keinem Zweifel unterliegt es, daß, wie bei allen Wahlen der letzten Zeit, die Ausraubung des Volkes durch die ReichSfinanzreform ihre Wirkung äußerte. Sie lourde in der Pfalz verstärkt durch den un- sozialen Charakter der neuen bayerischen Steuerreform, die von deni Zentrum und den Liberalen gemacht und von den Sozial- demoliaten bekämpft wird. Eine Ursache unserer Erfolge in den Städten liegt auch in der sozialen Riickständigkeit des national- liberalen Parteiregiments, das überall die Unternehmer- intereffen über die Arbciterintcreffen stellt. Im ganzen aber, und das ist daS erfreulichste an den pfälzischen Gemeindewahlen, liegt der Haupt- grund unserer Siege in der stetigen Ausbreit rrng der sozialistischen Ideen und dem dadurch be- dingte nWachstumdcrsozialdemokratischcn Partei. übrigen ist alles Schablone; auch die Menschlein, die wie Puppen am Draht gezogen werde». Zum Schluß gibts die üblichen drei Brautpaare mit obligatem Vricftaschenoiilel, Kuß- und ftnutschterzett, Gratulationscour, Schampuspfropfenknallen— und so in Grazie weiter. Die Schauspielkunst hat bei dem allem keine Aufgaben zu lösen. Man mimt tapfer„wie's trefft". Den Darstellern leuchtet ordentlich die Freude im Gesicht, einmal so recht nach Herzenslust das alle HanSwurfthandwerk gebrauchen zu dürfen. v. K. Notizen. — Vorträge. Auf Veranlassung des Deutschen Monisten- bundeS hält Mittwoch, den l. Dezember, abends 8'/« Uhr, im Bürger- saale des Rathauses Dr. Otto Juliusburger einen Vortrag über das Thema:„Vom gesunden und kranken Seelenleben". — EmilRitterhans'.AilLgelvählteDichtungen", mit einer biographischen Einleitung, werden demnächst, einem testa« mentarisch ausgesprochenen Wunsche des Dichters entsprechend, in einer Volksaus'gäbe erscheinen. — Eine Guillotine zu verkaufen. Anfang Dezember kommt in Paris eine Privalsammsimg von Andenken an die Revolution zur Versteigerung. Ihr Hauptstück ist eme Guillotine. die in der Schrcckenszcit in Fenrs sDep. Loire) in Verwendung ge- standen hat. Sie hat eine Höhe von 3,50 Meter. Die bcideir Pfähle tragen an der Spitze grob geschnitzte und rot bemalte phrygische Mützen. Auf dem oberen Onerbalken ist auch eine In- schrift zu sehen, die bekanntgibt, daß diese Guillotine im Jahre II auf Anordnung des Bürgers Javogues, Mitglied deS Konvents, er« richtet worden ist. — Die längste st e i n e r n e B o g e n b r n ck e ist kürzlich fertiggestellt worden. Sie ist eine Eisenbahnbriicke der eingleisigen Wocheinerbahn und führt über den Jsonzo bei Salcano in Jstrien. Die 5,3 Meter breite Fahrbahn liegt rund 28 Meter über dem höchsten Wasserstande.� Die 85 Meier weite Hauptöffnung hat im Scheitel eine Gewölbestärke von 2,1 Meter. Als Widerlager für den Hauptbogen wurden zwei 2,2 Meter dicke Eisenbetonplatten gebaut. deren jede fast 300 Ouadratmeter groß ist. Der Hauptöffnuna schließen sich auf der einen Seite drei je 12 Meter weite und auf der anderen zwei je 10 Meter weite Landöffnungen an. — Was ein Blumenblatt trage it kann. Bor kurzem fand in» Münchener Botanischen Garten eine Belastungsprobe der herrlichen Victoria rs�ia statt, die im Gewächshause ihre riesigen Blüten entfaltete. Auf ein Blatt der Blume, das im Durchmesser ganze zwei Meter maß, legte man eine Tischplatte im Gewicht von 15 Pfund. Daraus stellte sich ein Gärtner, der 122 Pfund wog. s» daß das Gesaintgewicht, das zu tragen war, 137 Pfund ausmachte. Dieses lourde von dem Blatt völlig anSgehalten; es tauchte n»cht unter den Wafferspiegel unter. Preußen Im Jahre 1856.*) Von Karl Marx. Der absonderliche Wahnsinn, der Frankreich in eine Spielhölle verwandelt und das napoleonische Kaiserreich mit der Börse iden- tifiziert hat, ist an den Grenzen Galliens nicht stehen geblieben. Ueber die pvlitischen Grenzen hinwegschreitend ist diese Geijjel über die Pyrenäen, die Alpen und den Rhein hinübergegangen und in das solide Deutschland eingedrungen, wo die ideale Spekulation der Spe- kulation in öffentlichen Fonds, das„mmimiirn bonurn" sdas höchste Gut), dem„boni�(der Prämie), der geheimnisvolle Jargon der Dialektik dem nicht minder geheimnisvollen Jargon der Börse und >.mS Streben nach der Einheit der Leidenschaft für die Dividenden Platz machen muhten. Rheinpreuhen wurde, infolge seiner Nachbar- schaft zu Frankreich und dank dem Aufschwung seiner Industrie und seines Handels, zuerst von der Krankheit ergriffen. Nicht nur schlössen die Kölnischen Bankiers eine förmliche Allianz mit den Pariser Grotzgaunern, indem sie mit ihnen im Verein die„Jndöpendencc Belge" zum gemeinsamen Organ erkauften, nicht nur zogen sie ganz Südwestdeutschland in den Abgrund des Crödit Mobilier, sondern auch in Rheinpreuhen und im Herzogtum Westfalen reüssierten sie so voll- kommen, das; zur Stunde daS Goldfieber in jede GesellschastSschicht eingedrungen ist, ausgenommen diejenige, die von den arbeitenden Klassen und den Kleinbauern gebildet wird. So zwar, daß selbst das Kapital der kleinen Bourgeoisie, seine gewöhnlichen Kanäle ver« lassend, Abenteuer sucht und jeder Krämer sich in einen Alchymisten verwandelt. Das; auch daS übrige Preußen der Ansteckung nicht ent- gangen ist, geht aus folgendem Auszug aus der„Preußischen Korrespondenz", einem Regierungsblatt, hervor: „Die jüngsten Beobachtungen auf dem Geldmarkt erlauben den Schluß, daß eine der furchtbaren Handelskrisen, die regelmäßig wiederkehren, von neuem im Anzüge ist. Die fieberhafte Bewegung einer maßlosen Spekulation hat sich, vom Ausland herkommend, im letzten Jahre»in Deutschland ausgebreitet, und nicht nur die Berliner Börse und die preußischen Kapitalisten wurden in diesen Abgrund hilleingerissen, sondern auch ganze Gesellschaftsklassen, die in joder anderen Epoche eine direkte Teilnahme am Glückspiel der Finanzoperationen vermieden hatten." Es war diese Wahrnehmung einer unmittelbar bevorstehenden Finanzkrise, die der preußischen Regierung die Begründung gab, die Errichtung eines„Crödit Mobilier" zu untersagen, hinter dessen blendender Außenseite man gaunerische Absichten vermutete. Aber was unter einer Form nicht erlaubt ist, kann unter einer anderen gestattet werden, und was in Berlin nicht zugelassen ist, kann in Leipzig oder in Hannover geduldet werden. Die letzte Phase deZ SpeklilationSwahnsinnS zeigte sich am Ende beS Krieges und unabhängig von dem kommerziellen Antrieb, der von jedem Friedens- schluß untrennbar ist— wie man dieö 1802 und 1815 konstatieren konnte—. zeigt diese Phase das besondere Merkmal, daß Preußen in aller Form den Wunsch ausgedrückt hat, dem Kapital und der Spekulation des Westens Märkte zu öffnen. Bald also werden wir von der großen Eisenbahnlinie nach JrkutSk mit ihren Ab- zweigungen nach Peking und anderen Monster- Projekten sprechen hören, wobei die Frage nicht sein wird, waö ausgeführt werden soll, sondern welche neuen Materialien dem SpekulationZgeist als Nahrung zugeführt werden können. Es bedurste nur noch des Friedens, um den von der preußischen Regierung wahrgenommenen großen Krach zu be- schleunigen. Diese ungewohnte Teilnahme Preußens an der europäischen Spe- kulationsbewegung wäre ohne den großen Ausschwung seiner Industrie in den letzten Jahren nicht möglich gewesen. DaS in den Eisenbahnen an- gelegte Kapital allein ist im Zeitraum von 1340 bis 1854/55 von 71 auf 577 Millionen Frank gestiegen. Andere, auf 187 Millionen ge- schätzte Eisenbahnlinien, sind im Bau und überdies hat die Regierung die Anlage von neuen Linien mit einem Kostenpreise von 203 Millionen bewilligt. 87 Finanzgesellschaften mit einem Kapital von 311 Millionen sind seit 1848 emporgeschossen und von 1854 bis 1858 wurden neun Versicherungsgesellschaften mit einem Kapital von 82 Millionen eingetragen. In den letzten zwei Jahren haben ferner sechs Gesellschaften mit einem Kapital von 89 Mill. Frank Spinnereien errichtet. AuS dem Baumwollbericht ergibt sich, daß die Quantität der in den verschiedenen europäischen Häfen eingetroffenen Baumwolle von 1853 bis 1853, nach dem Ergebnis der ersten sieben Monate sich in folgendem Verhältnis ver- ändert hat: 1853 1854 1855 1853 England...... IIOOOOO 840 000 9Ö3 000 1131 000 Frankreich..... 255 000 229 000 249 000 354 000 Andere europäische Häfen 240 000 179 909 137 990 343 OOO Wie man steht, hat der Kontinent, der 1853 etwa nur ein Drittel der nach England expedierten Baumwolle erhalten hatte, 1353 fünf Achtel erhalten. Dazu kommt noch die Baumwolle, die von England nach dem Kontinent weitergesandt wurde. Der Import Frankreichs ist dem Anschein nach größer als in Wirklichkeit, da beträchtliche Quantitäten von Havre nach der Schweiz, nach Baden, nach Frankfurt und Antwerpen transportiert wurden. Die aus den angeführten Ziffern hervorgehende Entwickelung der kon- tineutalen Industrie zeigt vor allem das Wachstum der preußischen. Die Profite, die während der Periode des Krimlriegs, von 1854 bis 1853, in der Zeit der Hungersnot und der hohen Preise von den Grundeigentümern eingeheimst wurden, rivalisieren beinahe mit den in diesen letzten Jahren von der industriellen Bourgeoisie allumuli-rten Reichtümern. Der Preis der Pferde, des Groß- und Kleinviehs, sowie deS Getreides hat sich im Inner» Deutschlands auf einen, so hohen Niveau erhalten, daß die Bodenbesitzer kaum auf den Einfluß der ausländischen Märkte angewiesen waren, um im Golde zu schwimmen.' Es ist der Reich- tum— daS vordem von diesen beiden Klassen noch nicht erfahrene rapide Anwachsen des Reichtums, das der in Preußen heute herrsweuden svekulatiben Pest zugrunde liegt. Sobald die Dinge an den Tag kommen, wird Preußen einer harten Prüfung ausgesetzt sein. Die verschiedenen Konterrevolutionen, die eö seit 1849 durchgemacht hat. hatten das Ergebnis, die Re- gierung in die Abhängigkeit von der engen Klaffe der Grundherren zu bringen, denen gegenüber sich der König, der alles getan hat. um ihre Vorherrschast zu errichte», gegenwärtig in derselben Situation befindet, wie einst Ludwig XVIU. gegenüber der „unfiudbaren Kammer". Friedrich Wilhelm hat sich niemals dem trockenen bureaukratischen Mechanismus anpasse» können, den ihm sein Vater hinterlassen hatte. Sein ganzes Leben hindurch hat er davon geträumt, den preußischen Staat durch eine ro- mantisch-gothische Deloration zu verzieren. Aber die kurze Erfahrung in seinem Herrenhaus hat ihn überzeugen müssen, daß in Wahrheit die Junkers weit entfernt davon, ihr Glück darin zu finden, daß sie der Bureaukratie als mittelalterlicher Aufputz dienen, alles tun. was in ihrer Macht steht, um die Bureaukratie zu degradieren und sie in einen einfachen Exekutor ihrer Klaffen- iutereffen zu verwandeln. Daher der Bruch zwischen den Junlern '). nachstehende., ursprünglich in der New Nork-Triblme ver- öffentlichte Artikel von Karl Marx ist soeben in der französischen Uebersetzung von Laura Lafargue m der Wochenschrift ,Le SocialiSme", die von Jules Guesde herausgegeben wird, erschienen. und der Verwaltung, zwischen dem König und dem Prinzen von Preußen. Sie erklärten mit kalter Ueberlegung. daß sie in ihren kleinen Domänen ebenso Könige seien wie der König selbst im ganzen Laude. Sie wollen, daß die Verfassung wohl für die anderen Klassen ein Blendwerk bleibe, aber für fie eine Realität sei. Indem sie sich selbst der Kontrolle der Bureaukratie vollständig entziehen, fordern sie, daß fie auf die unteren Klassen mit ihrem vollen Gewicht drücke. Die Bourgeoisie, die die Revolution von 1843 verraten hat, sieht sich jetzt, in derselben Stunde, wo sie ihren sozialen Triumph durch eine unbegrenzte Kapitalsakkumulation vollendet, politisch zunichte gemacht. Ja. die Junker finden ein Vergnügen daran, jeden Tag neue Gelegenheiten zu suchen, um fie zu Tode zu höhnen, und beobachten ihr gegenüber nicht einmal die elementaren Regeln der Etikette. Wenn die bürgerlichen Redner sich erheben, um zu sprechen, verlassen die Junker on rnasso ihre Bänke, und wenn man sie bittet, die Meinungen, die nicht die ihren sind, wenigstens anzuhören, lachen sie den Herren von der Linken ins Gesicht. Wenn sich diese über die bei den Wahlen bereiteten Hindernisse beschweren, bedeutet man sie, daß es einfach Pflicht der Regierung sei. die Massen vor Verführung zu bewahren. Halten fie der Freiheit der aristokratischen Presse dem Zwang entgegen, der der liberalen auf- erlegt wird, erinnert man sie daran, daß die Freiheit des Menschen in einem christlichen Staate nicht darin besteht, zu tun, was ihm ge- fällt, sondern das wa-Z Gott und den Behörden gefällt. Einmal gibt man ihnen zu verstehen, daß die„Ehre" ein aristokratisches Monopol sei, den anderen Tag werden sie durch eine Praktische Illustration der veralteten Theorien der Haller, Bonald und de M a i st r e ge- martert. Stolz auf seine philosophische Erleuchtung hat der preußische Bürger die Pein, die Elite der Wissenschaft von den Universitäten ge- jagt und den Unterricht einer Bande von Dunkelmännern anvertraut zu sehen, er sieht geistliche Gerichte sich in seine Familienangelegen- heiten mischen und muß sich von der Polizei am Sonntag in die Kirche führen lassen. Nicht zufrieden damit, sich selbst soweit als möglich von der Steuerleistung befreie», haben die Junker die Mittelklaffen in die Zünfte gesperrt, ihre munizipalen Ein» richtungen verfälscht, die Unabhängigkeit und Unabsetz- barkeit ihrer Richter anfgehoben, die Gleichheit der ver- schiedenen Rcligionssekten annulliert usw. Wenn bisweilen der Zorn, der sie erstickt, über ihre Furcht obsiegt, und wenn sie von Zeit zu Zeit genug Mut aufbringen, um von der Höhe ihrer Kammersitze die Junker mit einer nahen Revolution zu bedrohen. antwortet man ihnen höhnisch, daß die Revolution init der Bour- geoisie eine ebenso große Rechnung zu begleichen habe wie mit dem Adel. In der Tat ist es nicht wahrscheinlich, daß die Großbourgeoisie von neuem, wie 1848, an die Spitze einer preußischen Revolution tritt. Die Bauern des östlichen Preußen haben nicht nur alles ver- loien, was ihnen die Revolution an Befreiung gebracht hatte. sondern sie sind noch einnial in das Joch des Adels gespannt worden. In Rheinpreußen, wo das Kapital durch die industriellen Unter- nehmungen angezogen wurde, fielen sie in die Hände des Hypo- thckengläubigers, je mehr der Leihzins stieg. Während man in Oesterreich versucht hat, die Bauern zu versöhnen, hat man in Preußen nichts unterlassen, was sie zur Verzweiflung bringen konnte. Was aber die arbeitenden Klassen anlangt, so hat die Regierung sie verhindert, an den Profiten ihrer Unternehmer teil- zunehmen, indem sie sie wegen Teilnahme an Streiks bestrafte und sie systematisch von der Politik fernhielt. Eine veruneinigte Dynastie, eine in feindliche Lager geteilte Regierung, eine Bureau« kratie, die mit der Aristokratie in Streit liegt, die Aristokratie im Zwist mit der Bourgeoisie, eine allgemeine Handelskrise, und«ine enterbte Klasse, die den Geist der Rebellion gegen Me oberen Schichten der Gesellschaft legt— das ist zur Stunde das Bild Preußens.________ parlamemanlckes. ReichStagS-DiSpositionen. Mit der Etatsberatung soll im Reichsrage am Montag nächster Woche begonnen werden. In dieser Woche werden außer- dem noch zur Beralnng kommen: die Handelsabkommen mit England und Portugal: ferner das Notgesetz betr. die Witwen» und Waisenversicherung. DieHinterbliebcnenverficherung wird hinausgeschoben. DemReichS- tag ist ein Gesetzentwurf auf Abänderung deS ß 15 deS ZolltarifaesetzeS zugegangen. Er hat den Zweck, den Termin für daS Jnkrafttrelen der Witwen- und Waisenversicherung bis zum 1. April 1911 hinauszuschieben, während bisher der 1. Januar 1910 in Aussicht genommen war._ Mehrere Denkschriften sind dem Entwurf deS ReichSetats beigegeben. Eine betrifft die Beteiligung des Reichs an der Weltausstellung in B r ü f i e l. Ferner liegt eine Denkschrift vor über den Stand der Arbeiten an der Erweiterung des Nord-Ostsee« k a n a l s. Hus der Partei. htin Freund der Parteischule. Da der theoretische RepisioniSmus theoretisch nicht vom Fleck kommt, wird er praktisch. Er sucht Macht zu gewinnen dadurch, daß er Zwietracht zivilchen Partei und Gewerkschaften sät, diesen ein- redet, die„Radilalen", daS heißt die Mehrheit der Parteigenossen. ständen ihnen feindselig gegenüber, nur fie, die Revisionisten hätten ein Herz für die Bedürfniffe der Gewerkschaften. Aber bisher wandte man sich dabei bloß gegen einzelne Parteigenossen, die man als GewerkschastSfeinde denunzierte und verdächtigte., Eduard B e r n st e i n, der sich wohl wieder einmal geistig auS- gehungert, das heißt, zu lange unbeachtet fühlt, geht in der neuesten Nummer her S. M. einen Schritt weiter. Zuerst erklärt er in der herkömmlichen Weise, die„offiziellen" Theoretiker der Partei ständen den heutigen Bedürfnissen der Gewerkschaftsbewegung verständnislos und ablehnend gegenüber und wenn es auf fie an- getoinmen wäre,«so hätten wir— das läßt sich an der Hand der offiziellen Parteiwochenschrist dokumentarisch nachweisen— seit Jahren hellen Krieg mit allen seinen schädlichen Folge» für beide Flügel der Arbeiterbewegung". Die Revisionisten seien die FriedenSengel. die durch ihr»takt- volles" Austreten diesen Krieg verhinderten. Eine sonderbare Manier, für den Frieden zwischen Partei und Gewerkschaften zu wirken, daß man diesen zuruft: Die„offizu'Ken" Vertreter der Partei sind Eure Feinde und möchten Euch an den Kragen, wenn wir nicht wären! DaS wäre indes nichts Neues. Unser Friedensstifter geht daher weiter. Er bemerkt, bisher seien die„Politiker" wohl mit„der- artigen Tendenzen" fertig geworden. Aber wir hätten keine Bürg- schaft dafür, daß das immer der Fall sein werde: „Verschiedene Erscheinungen weisen für die Zukunft eher auf das Gegenteil hin. Um den geistigen Nachwuchs zu fördern, hat die Partei eine eigene Parteischule eingerichtet. Dort aber ist gerade der Unterricht in der sozialistischen Wirrschafls- lehre Monopol von Vertretern der gekemizeichnete« Richtung und läßt somit von den künftigen Partei redakteuren und Parteisekretären nicht jenen freien Blick erhoffen, der für die Würdigung von Neuerscheinungen und neuen Formen im Wirtschaftskampfe der Arbeiterklasse unbedingt erforderlich ist. Es widerstrebt mir, mehr über die Parteischule zu sagen. Aber der Bildungsdrang in der Partei hat eine Fülle anderer Institute und Veranstaltungen der Fortbildung ins Leben gerufen, in deren Programm ebenfalls WirtschaftSlehre an erster Stelle steht und meist auch im Sinne der„reinen" Lehre erteilt wird." Wenn die Genoffen für die Aufgabe, in der Arbeiterschaft kon- sequenteL Denken und tieferes Verständnis der Grundlagen des prole- tarischen Klassenkampfes zu fördern, andere Leute heranziehen als Bernstein, so wird niemand von ihm verlangen, daß er daS anerkennt und sich darüber nicht ärgert. Aber die Sache verliert ihren humoristischen Beigeschmack, wenn er seinem Aerger in der Weise Lust macht, daß er die gesamten Bild u n gsbe streb u ngen der Partei den Gewerkschaften als gewerkschaftSseindlich verdächtigt und denunziert— noch da- zu ohne irgend ivelche sachliche Begründung. Denn Bernstein ist so„taktvoll" und„schonend", daß es ihm„wider- strebt, mehr über die Parteischule zu sagen" als eine bloße Ver- dächtigung. Bernstein kennt nichts vom Lehrgang in der Parteischule, er weiß nicht die winde ste Tatsache zu berichten, die darauf hinwiese, in der Parteischule würden Anschauungen vorgetragen, die den gewerkschaftlichen Kampf beeinträchtigen und schädigen könnten. In gewerkschaftlichen Kreisen selbst gewinnt die Parteischule an Achtung und Ansehe». Jedes Jahr wächst die Zahl der Schüler, die ihr von den Gewerkschaften zugesandt werden. Die Parteischule verspricht so ein Mittel zu werden, die unentbehrliche Einheitlichkeit des Denkens in Partei und Gewerkschaft, da» geistige Band zwischen beiden, zu kräftigen. Dies sucht Bernstein durch seine Verdächtigung zu stören. Er weiß nur die Talsache, daß die Lehrer an der Parteischule kon- sequente Marxisten sind, kein so weites Herz haben wie seine Kollege» Calwer und Bernhard, und das genügt ihm. gegen dieses Parteiinstitut, gegen die BilduiigSbestrebungen der Partei, damit aber auch gegen diese selbst das Mißtrauen und die Feindseligkeit der Gewerkschaften wachzurufen. Es kann keine schlimmere Schädigung der Partei wie der Ge- werkschaften geben, als diese planmäßige Aufhetzung der letzteren gegen erstere._ DaS Befinden des Genossen Hue hat sich soweit gebessert, daß er an den ReichSta�Sverhandluiigen teilnehmen kann. Er ist bereits in der gestrigen ReichSlagSsitzung erschienen. Allerdings muß er sich noch große Schonung auferlegen. Rcichstagskandidatur. Zum ReichStagZkandidaten für den Wahlkreis Breslau- (Land) Neu markt wurde Parteisekretär Genosse S ch o l i ch- Breslau gewählt. poKzeiliches, Omchtilchcs ufw. Eine Haussuchung wurde am Sonnabend in der Parteidruckerci in Zittau auf Ver- anlassung der Gärlitzer Staatsanwaltschaft vor- genommen. Gesucht wurde nach dem Manuskript eines Artikels, der unter der Uebersctirift„Preußische Rechtspflege" in der „ G ö r l i tz e r B o l k s z e i t u n g", die in der Zittauer Partei« druckerei gedruckt tvird, erschienen ist. In dem Artikel wird be- richtet, daß ein Polizeibeamter in L a b i a u in Ostpreußen einen Arbeiter zum Krüppel geschlagen hat und daß dann der zum Krüppel Geschlagene von der Kvnigsberger Strafkammer Ivegen Widerstands gegen die Staatsgewalt»och verurteilt worden ist.— Wegen dieses Artikels hat die Görlitzer Staalsauwaltschast Anklage erhoben. Soziales. Haftung wegen Stichtanbringung von Schutzvorfchrifte«. Landwirte haben wie jeder, der die Arbeitskraft eines anderen gegen Entgelt braucht, alle für die Natur deS Betriebes möglichen Schutzvorschriften zu treffen. Das folgt aus dem das VertragSrccht jeder auf Verträgen Freier beherrschenden Grundsatz, daß Gesund- heit und Leben des Bürgers zu schützen ist und höher stehen muß als der Profit, der durch die Verwendung fremder Arbeitskraft dem Nutznießer zufallen soll. Treu und Glauben fordern die Be- schaffung von Schutzeinrichtungen durch den Arbeitgeber. Diese aus allgemeinen Rcchtsgrundsätzen abgeleitete Pflicht des Arbeit- gebers, alle erforderlichen Schutzeinrichtungen zu treffen, und seine eventuelle Schadenersatzpflicht ist vom Reichsgericht schon vor dem Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuches stets anerkannt. Sic ist in dem tz 318 des Bürgerlichen Gesetzbuches(gewerblichen Ar- beitern gegenüber schon vorher in tz§ 129s bis 1296 der Gewerbcord- nung) ausdrücklich ausgesprochen. Das Schadenersatzrecht des Ar- bciters wegen unterlassener Schutzeinrichtungen ist durch die Unfall- versichcrungsgesetzgebung erheblich eingeschränkt, nämlich nur für vorsätzliche Schadenszufügungen gegeben. Anders steht eS mit dem Schadenersatzanspruch der Berufegenoffenschaft. Diese ist berech- tigt, wenn sie eine Unfallrente zahlt, gegen den Arbeitgeber, durch dessen Verschulden der Unfall herbeigeführt ist, auf Schadenersatz zu klagen. Leider ist der Bcrufsgenoffenschaft durch die Novelle vom 39. Juni 1999 das Recht eingeräumt, auf die Geltendmachung dieses Rechts zu verzichten. Leider sagen wir, weil die Verpflich- tung zur Zahlung ein sehr erziehliches, für manche Arbeitgeber das einzelne Mittel ist, sie zur Anbringung aller möglichen Schutz- einrichtungen zu veranlassen. Insbesondere gilt das für die Land- Wirtschaft. Die von Jahr zu Jahr wachsende Zahl der landwirt- schaftlichen Unfälle beweist, daß auf diesem Gebiet nicht entfernt die gesetzliche und vertragliche Pflicht der Arbeitgeber erfüllt wird. Vielmehr herrscht hier eine erhebliche Schlamperei. Sie hat auch Gerichte angesteckt und zu der durchaus verkehrten Auffassung geführt, der Arbeitgeber habe nicht alle möglichen, sondern nur die ihm bekannten Schutzvorschriften anzuwenden. Dieser irrigen Ansicht, die übersieht, daß der Arbeitgeber verpflichtet ist, sich über die möglichen»schutzvorschriften zu informieren, ist am Montag das Reichsgericht in dem nachstehend wiedergegebenen Rechtsstreit entgegengetreten. Der Landwirt Keis aus H. in Schwaben hat eine Futter- schneidemaschine der ältesten Konstruktion bereits 29— 30 Jahre im Betrieb. K. versäumte es, an dieser Maschine Schutzvorrich- tungen gemäß den neuen Verordnungen vom Januar 1997 an- bringen zu lassen, so daß nur die alten Schutzvorrichtungen vom Jahre 1892 in Betrieb waren. Am 1. März 1997 kam an dieser Maschine ein Arbeiter dadurch zu Unglück, daß er beim Nach- schieben und Verteilen des FuttcrS mit der linken Hand an die Walzen geriet, so daß die Hand mit hineingezogen und abgeschnitten wurde. Die Land- und Forstwirtschaftliche BcrufSgenoflcnschaft für Schwaben nahm der K. für die dem Verunglückten zu leistende Un- fallrente in Anspruch, und zwar auf Grund von tz 147 des land- wirtschaftlichen UnfallversicherungSgescheS, weil der Beklagte den Unfall durch feine Fahrlässigkeit herbeigeführt habe. Er hätte nicht nur das gewöhnliche Schutzbrctt anbringen, sondern auch die Rinne uiitbedecken sollen. Das Landgericht erklärte die Ansprüche der BcrufSgcnosscn- schaft für begründet, weil die Schutzvorrichtungen nach den Unfall- Versicherungsvorschriften so zu treffen seien, daß der Arbeiter nich» verletzt werden könne. DaS Oberlandcsgericht AugSburg wies die Klägerin ab; es will den Beklagten deshalb als entschuldigt au- sehen, weil er nicht in so kurzer Zeit von den neueren Kon- struktionen wissen konnte, die die Maschinenfabriken auch erst zum Oktobcrfest 1997 in München ausgestellt hätten. Auch sei durch Sachverständige festgestellt worden, daß die neueren Einrichtungen zwar die Arme des Einlegers zurückhalten, aber doch nicht ganz verhindern können, daß die Hand oder wenigstens die Finger- spitzen von den Messern erfaßt werden. Die neuen Unfallver- hütungsvorschriftcn, die durchaus jeden Unfall durch Schutzvorrich. tungen verhüten wollen, seien also unerfüllbar. Auch könne dem Beklagten daraus, daß er keine Umfrage nach den Reuerungen gehalten habe, ein Borwurf nicht gemacht werden. Diesen völlig verfehlten Ausführungen pflichtete das Reichs- gcricht nicht bei. Es führte vielmehr aus, daß der Beklagte ver- pflichtet gewesen sei, Verbesserungen an den alten Schutzvorrich- tungen vorzunehmen, daß er jedoch rein gar nichts getan habe, während er zum mindesten verpflichtet gewesen sei, Umfrage zu halten. Das Reichsgericht kam dementsprechend zur Aufhebung de« Bordcrurtcils und verwies die Sache zur anderweiten Per- Handlung und Entscheidung an das Lberlandesgericht zurück. Zur Behandlung auf dem Lande. Gestern berichteten wir über einen empörenden Fall rohester Mißhandlung aus dein Posenschen, sowie über die überaus milde Strafe, die den Gutsbesitzer und über die Freisprechung, die seine Helfershelfer traf. Wie im Gegensatz hierzu Landarbeiter vom Gericht abgeurteilt werden, zeigt nachstehende Verhandlung bor dem Schöffengericht zu Flatow in Westpreußen. Der Schweizer Fritz Blech, jetzt in Langendreer(Westfalen), war dieser Tage angeklagt des Vergehens der Körperverletzung mittels gefährlichen Werkzeuges. Vom persönlichen Erscheinen war er wegen der großen Entfernung entbunden. Am 25. August d. I. geriet der Domäncnpächtcr Stcinbach in Slawianowo, Kreis Flatow, mit dem Angeklagten in Differcnzeü, angeblich, weil dieser sich weigerte, den Befehlen des Steinbach zu gehorchen; Bloch erklärte, daß seine Arbeit sich nach den An- Ordnungen des Oberschweizers regele. Steinbach schickte darauf den Bloch an die Arbeit im Kuhstall und ging ihm nach. Auf dem Mittelgang im Kuhstall hat nun Steinbach den angeblich langsam vorangehenden Bloch vorwärtsgestosien, und als Bloch sich umdrehte und sagte:„Gestoßen wird hier nicht I"(er soll dabei eine Hand erhoben haben), versetzte ihm Steinbach eine derbe Ohrfeige. Bloch gab darauf dem Steinbach einen Schlag mit einem Striegeleisen, � ,das er in der Hand hatte. Nach ärztlichem Attest verursachte dieser Schlag eine Q'/j Zentimeter lange Durchtrcnnung der Kopfhaut, «die nach kurzer Zeit verheilte. So war die Darstellung, die als Zeuge der Oberamtmann Steinbach von dem Sachverhalt gab. Der Schweizer Fritz Bloch wurde unter angeblicher Zubilligung mildernder Umstände dem Antrag des Amtsanwalts(Bürgermeister Haack aus Flatow in Westpreußen) entsprechend zu vl> M. Geld- strafe oder für je 3 M. ein Tag Gefängnis und Tragung der Kosten verurteilt. Amtsrichter Lüschow führte noch begründend aus, das unbotmäßige Verhalten des Angeklagten gegen seinen Herrn mache eine hohe Strafe notwendig. Das nennt man Gleichheit bor dem Gesetz. Wohnungen auf dem Lande. Welch traurige Wohnungszustände auf dem Lande herrschen und wie gefühllos dem die Bourgeoisie gegenübersteht, zeigt folgen- «der, dem„Saalfelder Kreisblatt" entnommener Gerichtsbericht: Großjena. Eine kuriose Zeugenvernehmung wurde vor kurzem in der Großjcnaer Flur abgehalten. Dort haust in einer halbverfallenen Wcinbergshütte eine Wjährige Greifiii, die auf einer Seite gelähmt ist. In einer Prozeßsache mußte sie als Zeugin vernommen werden; da sie krnnkheitehalber nicht trans- portabel war, so begaben sich ein Landgerichtsrat und ein Ge- richtsdiener zu ihr. Man hatte jedoch kaum begonnen, die Perso- nalien der ältlichen Dame festzustellen, als ein schweres Un- weiter einsetzte. Es begann unter Blitz und Donnerschlägen ein wolkenbruchartiger Regen, dem die Decke der Hütte in keiner Weise standhielt. Die Beamten muhten die Regenschirme auf- spanne». An ein Verlassen der Hütte war nicht zu denken, da das nächste Haus in ziemlicher Entfernung stand und draußen haselnußgroße Hagelkörner zur Erde fielen. Immer komischer und unheimlicher zugleich wurde die Situation, denn das Wasser stieg in der Stube höher und höher, und endlich stieg das„hohe Gericht" auf die Stühle. Trotzdem wurde selbstverständlich die Vernehmung von den braven Jüngern der Gerechtigkeit ord- nungsgemäß zu Ende geführt.-- Bemerkenswert erscheint dem Kreisblatt, daß die Gerichts- Personen einige Unbequemlichkeiten hatten. Ja, es erscheint ihm das kurios. Aber selbstverständlich dünkt ihm, daß eine 82jährige Greisin, die von ihrer Hände Arbeit gelebt hat, in einer Hütte zu- bringen muß, die dem Wetter nicht standhält. Zur Stadtwerdung Hamborns. Hamborn, die größte Landgemeinde Deutschlands, mit rund 94 900 Einwohnern, kämpft um die Erlangung der Stadtrechte. Man sollt« meinen, daß eine Gemeinde von einer derartigen Größe nicht erst um die Erlangung der Stadtreckte zu kämpfen braucht, sondern daß es als ein Gebot der klarsten Notwendigkeit anerkannt würde, daß eine derartig große Gemeinde nur dann gedeihen kann, wenn sie Stadtrechtc und eigenen Stadtkreis hat. Diese eigentlich selbst- verständliche Meinung scheinen jedoch verschiedene der in Frage kommenden VertvaltungSbehörden nicht zu haben. Aus Anlag der erhobenen Tckwierigteiten beschloß am Donnerstag eine öffentliche, überaus zahlreich besuchte Bürgerversannnlung in Hamborn, durch eine Massenpetition an die zuständigen Behörden den Stadtantrag der Gemeindeverwaltung energisch zu unterstützen und nicht eher zu rasten, bis Hamborn zu seinem Rechte gelangt ist. Hus Induftm und Kandel. Rheinisch-westfälisches Kohlcnsyndikat. Aus dem letzten der Zechenbesitzer-Versammlung des Kohlen» syndikats erstatteten Bericht ist folgendes zu entnehmen: Der rechnungsmäßige Absatz betrug im Oktober bei 20(im gleichen Monat des Borjahres 27> Arbeitstagen 5 544 759 Tonnen(i. V. 5 580 623 Tonnen). Der Versand einschließlich Landdebit, Deputat und Lieferung der Hüttenzechen an die eigenen Hüttenwerke betrug an Kohlen 4 642 587 Tonne»(i. V. 4 842 986 Tonne») oder arbeits- täglich 178 561 Tonnen(i. V. 179 871 Tonnen); an Kolks 1 267 503 Tonnen(i. V. 1033 232 Tonnen) oder arbeitsiäglich 40 887 Tonnen (i. B. 33 493 Tonnen); an Briketts 262 296 Tonnen(i. B. 273 031 Tonne») oder arbeitstäglich 10 088 Tonnen(i. B. 10 112 Tonnen). Die Förderung stellte sich insgesamt auf 6 954 445 Tonnen(i. V. 7 102 683 Tonnen) oder arbeitstäglick ans 267 479 Tonnen(i. V. 263 062 Tonnen)(und im September 1909 auf 6 864 040 resp. 264 002 Tonnen). Der gegen den Vormonat zu verzeichnende Versandansfall. Ab- nähme der Bahnzufuhr nach den Häsen und Abnahme der Schiff- abfuhr von den Zechenhäfcn beziffert fick auf rund 80 090 Tonnen und hat den im übrigen erzielten Mehrabsatz überholt. Einen be- frtedigeiiden Verlauf hat der Absatz für Hausbrand genommen. Der Absatz für industrielle Zwecke läßt noch immer zu wünschen üöria. Die Abrufe haben sich zwar etwas lebhafter gestaltet: indessen ist eine nachhaltige Zunahme des Verbrauches noch nicht festzustellen,' weshalb das Syndikat fortgesetzt in einzelnen Sorten und besonders in Feinkohlen und in kleinen Nüssen Abiatzmangel hat und genötigt ist. einen, wenn auch nicht bedeutenden Teil der abgenommenen Mengen aus Lager geben zu lasse». Im Koksabsatz ist ein geringer Fortichritt zu ver- zeichnen. Der durchschnittliche TageSversand für Syndikatsrechnung hat sich gegen September um 455 Tonnen gesteigert. Eine annähernd gleiche Steigerung ist in den Kokslieferungen an die eigenen Hütten- werke der Zecken eingetreten.— J„ der Sitzung des Beirotcs des Kohlensyndikals wurde beschlossen, die Richtpreise für Kohlen für das Abschlnßjahr 1910/11 unverändert wie bisher bestehen zu lassen, wobei zu bemerken ist, daß die Preisfestsetzung für Kokskohlen nur für die Zeit vom 1. April bis zum 30. Sep- tember gültig ist. Die Richtpreise für Briketts wurden mit Rücksicht auf die stark gestiegene Produktion für das Abschluß- ,ahr 1919/11 auf 0,50 M. für die Tonne ermäßigt. Die Richtpreise sur Hochofenkoks bleiben für die Zeit vom t. April bis 30. September unverändert wie bisher. Dagegen wurden die Richtpreise für Gießereikoks, Brechkoks I und Brechkoks II um je 1 M. und für Brechkoks III um 0.50 M. ermäßigt, und zwar erfolgt die Preis- festsetzung nicht nur für diese, sonder» für samtliche Kokssorten nicht mehr wie bisher für das ganze Adschlntzjahr, sondern im Einklang mit der Preisfestseyung für Hochofcnkoks und für die Zeit vom 1. April bis zum 30. September. Die Richtpreise für die übrigen nicht erwähnten Kolssorten bleibe» unverändert. Ausfuhrvel-gütungen. Ms ein Zeichen dafür, daß sich der Eisen- markt im sinternalioualen Verkehr gebessert hat, kann es angesehen werden, daß der Deutsche Stahlwerksverband beschlossen hat, die Ausfuhrvergütung, die er bisher in Höhe von 15 M. pro Tonne ge- zohlt hat, für das zweite Quartal 1910 auf 10 M. herabsetzt. Der Verband glaubt demnach, daß die Preise auf dem Weltmarkt dem- nächst in die Höhe gehen. Nene Warenhäuser. DaS Grundstück am Bahnhof Aleranderplatz, hinter den KöiiigSkolonaden, ist angeblich zu einem Preise von 7l/2 Millionen Mark an die Firma A. Wertheim, G. m. b. H., ver- kaust worden. Wie der„Confectionair" versichert, soll auf dem Grundstück ein neues modernes Warenhaus errichtet werden. Mit dem Bau des neuen an drei Straßenfronten(König-, Neue Friedrich- und Grunerstraße) gelegenen Warenhauses soll bereits im Frühjahr 1910 begonnen und noch im Laufe des Jahres vollendet werden. 5 Millionen soll der Bau und l'/z Millionen die Jimelieinrichlung kosten. Ein weiteres Warenhaus soll, wie mitgeteilt wird, a» Stelle des jetzigen Börsencasvs, Ecke Burg- und Neue Friedrich- straße, erstehen. Die Fahrradsättcl- und Taschenfabrikantcn Deutschlands haben sich in ibrer Mehrheit zu einem Kartell zum Zwecke der Herstellungs- und Preisrcgulierung zusammengeschlossen. Aus der Erfahrung mit den Organisationen der Lederwarenfabrikanten, die sich unter gleichen Vorwänden gebildet haben, steht zu erwarten, daß auch diese Gründung eine Arbeitgeberorganisation werden wird. Tantiemen. Die Dresdner Bank gehört zu den modernen Riesenbank- instituten. Ihr jüngster Jahresumsatz betrug 58 857 Millionen Mark I Sie ist bei einer Reihe anderer Bankinstitute dauernd beteiligt. In der nachfolgenden Tabelle, die eine Aufstellung über die gezahlten Tantiemen bringt, wird auch die Beteiligung der Dresdner Bank bei anderen Instituten veranschaulicht: Die bei der Dresdner Bank ausgewiesene Summe von 2 376 765 M. sind als Vorstandstantiemen, die 58 857 M. als AusjichtSratStantiemen gebucht. Bei der Rheinischen Bank ist Vorstands- und AufstchtSratS- tontieme zusammen angegeben. Bei der Märkischen Bank und der Wiirtttembergischen Landesbank sind Auksichtsratstantiemen und Gratifikationen an Beamte zusammen mitgeteilt. Die Deutsch- Südamerikanische Bank ist erst 1906 gegründet worden und hat noch keine Dividende gezahlt. Der Konzern der Dresdner Bank zahlte also im letzten Ge- schäftSjahre, soweit als s i ck t b a r ist, 2,9 Millionen an T a n t i e m e n. Für die Aufsichtsratsmitglieder sind dies aber nicht die gesamten Einnahmen. Haben doch die 36 A u f s i ch t s r ä t e der Dresdner Bank außerdem noch bei 283 Gesell- s ch a f t e n tantiemeberechtigte Posten inne. Einzelne der Herren Ausficktsräte der Dresdner Bank haben 19, 26, 30 und sogar 40 solcher Tantiemeposten._ Zur Geschäftslage im Solinger Judustriebczirl. In der Solinger Stahlwareninduslrie, die seil 1907 ganz besonders unter dein all« gemeinen wirtschafilichen Niedergang zu leiden batte, so daß die dortigen Gewerkschasten zur Unter st ützung ihrer arbeitslosen Mitglieder im Zeitraum von zwei Jahren zirka eine halbe Million Mark verausgaben mußten, scheinen jetzt wieder bessere Zeiten einzukehren. In fast allen Zweigen ist eine Hebung des Beichäftigungsgrades zu verzeichnen. Von den einzelnen Zweigen der Industrie ist besonders die Waffenindustrie durch Auf- träge aus Argentinien und der Türkei gut beschäftigt. Im A n S f u h r g e s ch ä f t ist eine Belebung deutlich fühlbar. Die Aus- fuhr nach England war bisher mäßig. Das Geschäft mit Rußland jedoch wird allgemein als schleckt bezeichnet. Hier wirken hemmend die seit dem letzten deulsch-ruisischen Handelsvertrag in Kraft getretenen hohen Zollsätze. Was den deutschen Inlands- mar k t für Solinger Stahlwaren anbetrifft, so ist ein Anziehen des Geschäfts zu verzeichnen. Als Gradmesser für die Beschäftigung der Solinger Stahlwarenindustrie gilt die Beschäftigung der Lieferante» von Mcsserschalen, die gegenwärtig vollauf zu tun haben. Natürlich kann von einer Hochkonjunktur»och keine Rede sein. Aber die Solinger Industrie hat den Tiefstand der Krise überschritten. China emanzipiert sich. Schon seit längerer Zeit ist ein Bestreben der chinesischen Re- gierung zu bemerken, die in früheren Jahren an Ausländer verliehenen Konzessionen znriickzukaiifen. Damit wird in erster Linie der Zweck verfolgt, die Herrschast über die chinesischen Bodenschätze und den Verkehr wieder in die Hände der Eingeborenen zu legen, Das nr- alte chinesische Eisen- und Stahlwerk in Haiiyang ist modernisiert ivorden und nimmt nicht nur am Wettbewerb um die Vergebung des chinesischen Eisenbahnbaubednrfs teil, sondern hat auch bereits mit großem Erfolg Roheisen nach Japan exportiert.— Der Rückkauf der Konzesston für die wichtige Eisenbahn Kanton�-Hankau. die an ein belgisches Syndikat ver- geben worden war, ist ein weiterer Beleg für das Bestreben China«, sick zu emanzipieren. Diese Bahn wird jetzt unter chinesischer Oberleitung gebaut. Um ihr« Finanzierimg und die Lieferung des Materials hat sich ein lebhafter Weltstreit zwischen den Europäern untereinander und zwischen ihnen u»d den Amerikanern entsponnen. An diesem Bahnbau ist auch Deutschland beteiligt. Jetzt ist die chiucfische Regierung an die Verwaltung der „Deutschen Gesellschaft für Bergbau und Industrie im Auslände" herangetreten zwecks Rückkaufs der diei'er Gesellschaft verliehenen Konzession aus den Abbau von Gold in einem Bergbaufelde der Provinz Schantung. In der letzten Generalversammlung erstattete die Verwaltung Bericht darüber und ließ sich von den Aktionären zum Verkauf det Konzession bevoll- mächtigen. In erster Linie begründete die Direktion das Eingehen auf den chinesischen Borschlag, der von der Provinzial- regierung ausgeht, damit, daß die Annahme seitens de« Auswärtigen Amtes dringend empfohlen sei. Die Felder sind in den letzte,: Jahren soweit vorgerichtet worden, daß demnächst mit dem Abbau begonnen werden sollte. Es wird vielleicht gar nicht mehr lange dauern, dann geht auch der Kohlenbergbau m Schantung und die dortige deutsche Eisenbahn in chinesische Hände über. Bus der Frauenbewegung. Gegen die Schundliteratur. Sage mir, mit wem Du umgehst, und ich werde Dir sagen, wer Du'bist!— sagt bezeichnend ein altes Sprichwort. Daß der Um- gang mit rohen, verdorbenen, dummen Menschen meist schädlich und verderblich einwirkt, haben uns Dausende von Beispielen aus dem Leben gezeigt. Ebenso lehrt uns die Erfahrung sowohl aus der Geschichte wie aus dem täglichen Leben, welchen gewaltigen Einfluß geistig hochstehende und seelisch tief und gut erzogene Menschen auf ihre Umgebung ausüben. Die gleichen Erfahrungen machen wir im Umgang mit unseren Büchern. Ds�se sollen in Mußestunden unsere Freunde sein, Freunde, die Geist und Gemüt bilden helfen. Aber nicht solche Freunde, die unnütz unsere Zeit in Anspruch nehmen, Geist und Gemüt mit blühendstem Blödsinn verslochen, vergiften. Solche Freundschaftsangcbote, die dem Nichtwissenden häufig in bestechlicher Außcnhülle dargeboten werden, müssen wir uns energisch vom Halse schaffen, als ärgsten Feind die„Schund- literatur" bekämpfen. Wieviel Tausende von Menschen den Geld- 'beute! der raffinierten Schundliteraturunternehmer füllen Helsen, davon macht man sich kaum einen Begriff. Jüngst hat Dr. Schultze in Hamburg einige Zahlen über den Umfang der Schundliteratur zusammengestellt, wonach zirka 8000 Geschäftsleute und 3V 000 Kol- pvrleure sich mit dem Vertreiben der Schundliteratur befassen. Die von der Kolportage in Deutschland erzielte Umsatzsunime gibt er auf 50 Millionen Mark an. Ein Uniernchmer erzielte aus einer Räubergeschichte einen Reingewinn von 40 000 Mk. Bei einem anderen Schundroman, einer Scharfmachergeschichte, erzielte der Verleger einen Gewinn von l�Millioncn Mark. Ein Berliner Verlag, der sich mit der Herstellung und den Vertrieb von Hinter- treppenromanen, ägyptischen Traumbüchern, Geister- und Ge- spenstergeschichten und ähnlichen Dingen befaßt, gab an, daß er in einem Jahre 25 Millionen Kolportagehefte verbreitet habe. Und wer zahlt den Schundliteraturunternehmern diese Unsummen? Nicht die Schar unserer aufgeklärten Genossen und Genossinnen, — nein, es sind die großen indifferenten Volksmasscn, die durch Geist und Gemüt verblödendes Zeug zu passiver Feindschaft gegen- über der modernen Arbeiterbewegung erzogen werden. Sehr viel hat die Volksschule gesündigt, die in der Geschichtsstunde das un- reife Kindergemüt zur Begeisterung fiir Abcnteurergeschichten und Säbelhelden erweckte, ihm die Lenker großer Meiischenschlächtereien als Jdealgestalten vorführte. Da wird der Grund gelegt zu un- gesunder Räubergeschichten-Begeisterung. Man soll die Jugend nicht für die Roheit, sondern für Veredelung begeistern, für die Fort- schritte auf allen Wissensgebieten, die der Gesamtheit zu höherer Kultur verhelfen. Zu diesem Ziele sollen und müssen vor allein die Mütter helfen. Die Kinder(nicht nur Knaben, sondern eben- falls Mädchen) sollen Freude an ihren Büchern haben, sie sollen ihre vertrauten Freunde werden. Haben sie sich an gute Bücher gewöhnt, Geist und Gemüt daran belebt und erfrischt, hat sich auch ihre Geschmacksbildung bald entwickelt und sie werden alle Schund- literatur abweisen. Daß unsere Genossinnen nicht Opfer der Schundlitevaturunternehmer werden und für ihve Kinder auf den Weihnachtstisch nur wirklich Gutes fiir Geist und Herz bringen, dafür ist, wie im Vorjahre, auch jetzt wieder gesorgt. Der von der Partei eingesetzte Bildungsausschutz hat wiederum ein Schriften� Verzeichnis hermisgegeben, wonach in den einzelnen Orten zweck- entsprechende Buchausstellungen arrangiert werden können. Daß überall, stets und ständig, die Schundliteratur beseitigt und bekämpft werde, dafür sollten die Genossinnen eintreten, be- sonders auch da, wo sie Einfluß auf' Hausangestellte haben, denn die Dienstboten werden am meisten von den Kolporteuren mit Hinter- treppenromanen und Räubergeschichten geschröpft. Von der klerikalen Volksverdummungslektüre halte man Kinder ebenfalls fern; auch diese verhindert klares Denken und hemmt die Aufwärtsbewegung._ Sericdts- Leitung. „Aufruhr" während eines Streiks. Vor dem Schwurgericht Hamburg hatte sich gestern der Maurer Hermann Kühl wegen Aufruhr und Rädelsfllhrerschaf.t zu verantworten. Am Abend des 10. Juni fand in Haniburg- Barmbcck— es war zur Zeit deS Streiks der Betonarbciter und der Aussperrung der übrigen Bauarbeiteischast— vor dem Neubau des VergnvgungS- und Versammlungslokals„Viktoriagatten" ein Menschenauflauf statt, wie dott schon vorher Ansammlungen von Menschen erfolgten, die sich den eigenartigen Zu- und Abtrieb der aus Galizicrn, Slovenen usw. bestehenden Streikbrecher ansahen. Als an dem genannten Abend der Polier Koczmarek auf der Bildfläche erschien, soll dieser einige Schläge erholten haben und ein Polizeiwachtmeister und ein Schutzmann sollen ebenfalls angegriffen worden sein. AuS der Menschenmenge heraus soll der Angeklagte gerufen haben:„Schlagt die Menschen- schinder, die Hunde tot." Auch soll er fich an dem Angriff auf die Beamten, auf die auch mit Steinen geworfen sein soll, beteiligt haben. Der Angeklagte bestreitet entschieden, sich der Rädels- kührerschaft und des Aufruhrs schuldig gemacht zu haben. Er sei ganz zufällig in den Menschenknäuel geraten und habe gesehen, wie die Beamten rücksichtslos Frauen und Kinder beiseite stießen, worüber er in Erregung geraten sei; er habe den Beamten zugerufen, sie sollten nicht so rücksichtslos zu Werke gehen. Darauf habe man ihn ergriffen. Er habe weder Bedrohungen ausgestoßen, noch die Menge zu Gewalttätigleiten aufgefordert, noch die Beamten selbst angegriffen. Wie unS eine Privatdepesche meldet, verneinten die Ge- schworcnen die auf Aufruhr lautenden Schuldfragen, bejahten aber die Untersrage, ob Wider st and gegen die Staatsgewalt vorliege. DaS Gericht verurteilte den Angeklagten zu Vier Monaten Gefängnis.___ Spezialarzt für Zahn- und Mundkrankheiten. Der Zahnarzt Vilsendorf, ein approbierter Zahnarzt, halt-«uf seinem Firmenschilde die Aufschrift:„Spezialarzt für Zahn» und Mundkrankheiten; Zahnersatz". Wegen dieser Aufschrift wurde er vom Landgericht Berlin zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er den§ 147 Ziffer 3 dex Gewerbeordnung übertreten habe. Dieser bedroht den mit Strafe, der, ohne hierzu approbiert zu sein, sich als Arzt bezeichnet oder sich einen ähnlichen Titel beilegt, durch den der Glaube erlveckt wird, der Inhaber desselben sei eine geprüfte Me- dizinalperson. Das Landgericht meinte, der Angeklagte hätte sich nur Spezial-Zahnarzt nennen dürfen. Die von ihm gewählte Be- zeichnung sei geeignet, beim Publikum den Glauben zu erwecken, er sei nicht nur als Zahnarzt approbiert, sondern auch als Arzt (Vpllarzt). Damit sei der Tatbestand des 8 147 Ziffer 3 erfüllt.— Das Lkammergericht verwarf dieser Tage die Revision B.s als unbegründet und führte aus: Als Vollarzt dürfe sich nicht jemand bezeichnen, der nicht vermöge einer besonderen Prüfung den Nachweis der Fertigkeit eines solchen erbracht habe. Indem B. die Bezeichnung Spezialarzt fiir Zahn- und Mund krankhciten wählt«, habe er sich damit als Vollarzt bezeichnet, obgleich er nur Zahnarzt sei. Es sei zu beachten, daß es viel« Mundkrankheiten gebe, die mit dem zahnärztlichen Beruf nichts zu tun hätten. Wenn ein Zahnarzt vorgebe, Mundkrankheiten zu heilen, so komme das dem Senat so vor, als wenn ein Tierarzt, der sich speziell auf die Heilung der Rinderpest lege, sich als Spezialarzt für Infektionskrankheiten be» zeichne. Versammlungen. Kür die in Warenhäusern beschästigte» Hilfsarbeiter aller Kategorie» hielt der Transportarbeitcrverband am Montag eine öffentliche Versammlung ab. Es galt, den Gedanken der Organi- sation zu propagieren. Genosse Kaliski schilderte in anschau- licher Weise die EntWickelung der modernen Warenhäuser uud führte dann aus: Wie die Warenhäuser in wirtschaftlicher und kaufmännischer Hinsicht dem Kleinbetriede weit überlegen seien, so wären sie auch in der Lage, ihren Arbeitern und Angestellten bessere Lohn- und Arbeitsverhältnisse zu gewähren wie der Kleinbetrieb. Allerdings werde kein Warcnhausbesitzer aus gutem Herzen den Arbeitern geben was sie wünschen, sondern auch hier gelte, wie überall im wirtschaftlichen Leben, der Grundsatz, daß die Arbeiter nur dann ihre Forderungen durchsetzen können, wenn sie sich auf eine starke Organisation stützen. Leider habe der Gedanke der Organisation unter den Angestellten und Arbeitern der Waren- Häuser noch nicht so stark Wurzel gefaßt wie unter den industriellen Arbeitern. Auch die Leiter der Warenhäuser wüßten recht gut, daß die Einigkeit und Solidarität ihrer Arbeiter eige Macht wäre, der sie, die Unternehmer, nicht widerstehen können. Deshasb suchten sie Uneinigkeit und Zersplitterung unter den Arbeitern zu erzeugen. Dem einen würden kleine Vorzüge und Auszeichnungen gewährt, um den Neid der anderen zu erregen. Ja, es herrsche sogar die verwerfliche Praxis, daß derjenige, welcher Fehler und Versehen seiner Kollegen anzeigt, als Belohnung dafür das Strafgeld be- kommt, welches der Kollege bezahlen muß. Töricht und unmoralisch handele der Arh""ter. der auf solche Weise die Interessen seiner Klassengenossen miS damit seine eigenen Interessen schädigt. Ar- beitervereinc, welche von Unternehmern unterstützt und aufgezüchtet werden, können nicht dem Wohle der Arbeiter dienen. Sic fördern nur die Interessen der Unternehmer. Die Arbeiter aber, welche sich für derartige Bestrebungen der Unternehmer ködern lassen, be- gehen Verrat an ihren Klassengenossen, an ihren Arbeitsbrüdern. Nur die freie gewerkschaftliche Organisation der Arbeiter ist in der Lage, Arbeitcrinteressen zu vertreten. Wenn der Warenhausbesitzer weis, daß seine Arbeiter einer solchen Organisation angehören, dann wird er ihre Forderungen anerkennen, ohne es erst auf einen Konflikt ankommen zu lassen. Mit dem einzelnen Arbeiter kann der Warenhausbcsitzer nach Belieben verfahren. Das hört jedoch auf, wenn hinter dein einzelnen die starke Organisation steht, der die Mehrheit der Arbeiter angehört. Ein großes Warenhaus kann einen Konflikt wegen berechtigter Forderungen der Arbeiter nicht riskiere», weil in solchem Falle die ganze Arbeiterschaft und die öffentliche Meinung hinter den Arbeitern steht und der Waren- Hausbesitzer eine empfindliche geschäftliche Schädigung zu fürchten hätte. Aus diesem Grunde ist in den Arbeitsverhältnissen der Warenhäuser schon manches erreicht worden. Dessen müssen die Arbeiter der Warenhäuser eingedenk sein, daß alles, was in dieser Hinsicht geschehen ist, dein Eintreten der Organisation und der ge- samten Arbeiterschaft zu danken ist. In ihrem eigenen Interesse müssen deshalb die in den Warenhäusern beschäftigten Arbeiter ihrer Gewerkschaft, dem Deutschen Transportarbeiterverband bei- treten und unter ihren Kollegen für die Ausbreitung der Organi- sation sorgen. Nur so könnten sie auf eine Verbesserung ihrer Arbeitsverhältnisse rechnen. Der Vortrag fand lebhaften Beifall und wurde in der Dis- kussion durch persönliche Erfahrungen mehrerer Redner illustriert. Der Verlauf der Versammlung zeigte, daß die Propagierung des Organisationsgedankens ihre Wirkung aus die Zuhörer nicht ver- fehlt hatte. Brnfkaften der Redahrton. Sie l»r>siische Tprechstttndi findet Linde»st raste 3, zwetter Hos dritter Eingang, vier Treppe», DM" Fahrstuhl-ZMF ivochentöglich abends von 7>,z bis 9� Uhr statt. Geöffnet 7 Uhr. Eonuabends beginn» die Spreihstunse um o Uhr. Jeder Anfrage ist ein Buchstabe und eine Zahl als Mertzrichcn brijusügrn. Briefliche Antwort wird nicht erteilt. Bis zur Beantwortung im Brieftasten können 1t Tage vergehen. Eilig« Fragen trage man in der Sprechstunde vor. M. D.(U. 1. Wenden Sie sich cm das Gericht. L. Nein.— G. L. 33. Nein. Verklagen Sie den Betreffenden.— F. V. 46. 1. Ja. 2. Dem Wirt. 3. Nein.— K. u. 93. 1. Eine solche Sammlung besteht nicht. 2. und 3. Ohne Einsicht in den Mietsvertrag nicht zu beantworten. — O. G. 9. 1. Ja. 2. Wiederholt haben wir daraus hingewieien, wenn jemand nach einem anderen Ort verzieht, so soll er vor Beginn des Monats, in dem er in der neuen Gemeinde Wohnung nimmt, der Steuer- behörde der früheren Gemeinde Mitteilung machen. Sonst laust er Ge- fahr, sür den Monat doppelt Kommunalsteuer zahlen zu müssen, weil i.;. c....----- seitens der Polizei in der Regel erst im der Steuerdehörde eingeht.— ft. M. 1888. kaufmännische Arbeiten verrichte» und über nichts vereinbart ist, steht Ihnen eine sechs Wochen zum Ersten des Quartals zu. — F. St. Wenn nichts anderes vereinbart ist. so ist bei Wochenlohn, MonatSlohn, also bei Löhnen die als scste Löhne sür eine Woche oder eine längere Zeitperiode sestgefetzt sind, ein Abzug für die Feiertage nicht zu- lässig.— I. T. lvy. Die Meldung muß nach Polizeivorschrist erfolgen, ist sie aber unterlassen, so würde für den Fall strasrechllicher Bersolgung diese? Versehens eine geringfügige Geldstrafe die Folge sein. Ersolgt die Anmeldung in Brl, so würde auch die Abmeldung in B. vorgenommen werden.— K. M. 33. Sie können mit Aussicht auf Erfolg gegen den die Benachrichtigung nächsten Monat bei Da lsie lediglich die KündiaungSsrist Kündigungsfrist von Wirt und gegen den Mieter ans Unterlaffung des mhestiirende» LärmS Lei« Amtsgericht klagen.— Z. US. Die Fleischbeschau ist allgemein ein« geführt. Die näheren Bestimmungen enthält das Fleischbeschaugesetz. — L» M. 38. Strasbarkeit liegt nicht vor, wohl aber würden Sie mit Aussicht auf Erfolg sich bei dem Magistrat beschweren können. — R. E. 100. Ihr Mann, nicht aber Sie, ist zur Zahlung verpflichtet. — Mar»» 1883. Auch ohne besonderen Vertrag leben die Eheleute außer» halb der Gütergememschast. Es ist aber zweckmäßig, einen nomriellcn oder gerichtlichen Vertrag zu schließen, in dem der Ehemann aus sein chemänn« lichcs Nießbrauchs- und Verwaltungsrecht verzichtet und daS Vermögen seiner künftigen Frau anerkennt. Die Vernrögensgegenstände sind vor Ab« schluß des Vertrages in einem Verzeichnis auiznsühren.—<£. W. 14. Es wäre beim Landgericht gegen die Schwester und ihren Ehemann aus Rück« zahlung zu klagen.— H.®. 15. 1. Ja. 2. Ja, die Hälfte.— P. 100. 1. und 2. Ja.— G. G. F. 98. Ja. Der Frau fällt ein Viertel deS Nachlasses zu.— E. L. 08. i und 3. Wende» Sie sich an den Polizei- Präsidenten. 2. Nein.— A. 300. Eine ausgeklagte Forderung verjährt in 30 Jahren. Dia Frist wird von der letzten Zwangsoollstrcckungshand» lung. zu der auch die Leistung des Offcnbarunzseides gehört, ab gerechnet. — 444. Ja, das könnte als Betrug ausgesaßt werden.— C. K. 103. 1. Leider ist der Betreffende lediglich aus Armeiiunterstützung angewiesen. 2. Ja. 3. Für die Dauer von sechs Wochen ist der Lohn zu zahlen.— M. P. 500. Setzen Sie sich mit dem Gläubiger oder dem Anwalt in Verbindung. Ratenzahlungen zu bewilligen, ist er berechtigt, aber nicht verpflichtet.— G. F., Neu-Ztttau. Es bleibt nur der Weg der Bc- schwerde beim Regierungspräsidenten übrig.— H. 3. 7. Ja, Sie können aber einen Antrag aus Erlaß stellen.— Tedocki. Die ZahliingSpflicht liegt vor. Die Verjährung triit erst in süns Jahren ew.— W. G. 74. Die Klägerin ist nicht verpflichtet, Ratenzahlungen anzunehmen, kann viel« mehr die Beitreibung der Summe berbeisühren.— A. T. 100. Wende» Sie sich an den Rektor einer Fortbildungsschule.— Kuhhorn bei Schweins« berg. Nein. BSItteruuqsüberstcht vom 30. November 1909. morqeus S ttbr. «tati-uen Setter w« all Sa Zwmemde 749 sSW Hamburg>746 SSW st erlin!7Sl SW Frcmki.aM 752© München>753 SW W'en 761 0 obedeckt 7 Regen 3 wolkig 5 Regen 4 wolkig 1 wolkig 4 9 6 7 0 _ 2 Stationen Ii Siii tavaranda 76191 etersburg 76033 Scillp 749 33 Merdeen: 731 SS Paris 750 SSW Setter »? c« f* Mi 2 wölken!— 15 1 woilenl— 14 5 bedeckt 2 wollig saugen I Wettervrognose kür Mittwoch, den 4. Dezember 1900. Etwas kühler, zeitweise ausklarend, vorwiegend trübe mit Niederschlägett und ziemlich starken südwestlichen Winden. Berliner Wetterbureau. MUmg! Rixdorf. Donnerstag, den 3. Dezember 1909, abends 8'/, Uhr. im„KarlSgarten". KarlSgartenstr. 6—10: OefTenlliche Wähler-Versammlung für den 22. und 24. Kommunal-W�blbezirk. Tages-Ordnung: L Vortrag des Stadtverordneten Pageis. 2. Diskussion. 8, Auf- stellnng der Kandidaten. 4. Verschiedenes. Kein Wähler der obengenannien Bezirke sollte eS in Anbetracht der Wichtigkeit der Tagesordnung verabsäumen, diese Versammlung zu besuchen. 236/13 Das Wahlkomitee. Partei- Speditioue»: Zentrum: Albert Höhnisch, Auguststr, 50, Eingang Joachimstraße 9. Wahlkreis, Westen: Gustav Schmidt, Kirchbachstr. 14, Hoch« parterre. , Süden und Südwesten: Hermann Werner, Gneisenaustr. 72. Laden. S. Wahlkreis: St. Fritz, Prinzenstr, 31, Hos rechts park. 4. Wahlkreis: Ott e n: Robert W e n g e I S, Andreasstraße 17.— Wilhelm Mann, PeterSbnrgerplatz 4(Laden). 4. Wahlkreis, Südosten: Paul Böhm, Laufitzerplah 14/15 (Laden). 5. Wahlkreis: Leo Zucht, Jminaimelkirchstr. 12(Hos). 4. Wahlkreis(lloahlt und Kansavlertcl): Karl AnbeiS, Salzwcdelcrstr. 8, im Laden. Weriding: Karl Weiße. Nazarethkirchstraße 49. Dosenthaler und Oranlenbnrger Vorstadt: Hermann R a i ch k e, Bernauerjtr. 9, vorn Part. D es» n«thron neu: F. Trapp, Stettlnerftr. 10. ViehOnhaoiter Vorstadt: Karl MarS, Lychenerstr. 123. .Adlershot: Karl Schwarzlose, Hoffmannstr. 9. ,4It-<«Ilenieke: Wilhelm Dürre, Rudowerstr. 83 17. Baumsrhulenn eg: H. Hornig, Marienthalerstr. 18. I. Bernau, Itöntgcntal, Zepernick, SchOnow und SehOn. brück: Heinrich Brase, Hohesteinslr. 74. pari. Bohnsdorf und Falkenherg: Alois Lauf, Bohnsdorf, Ge» noffenschaftShaus»Paradies". Oharlottcnhorx: Gustav Scharnberg, Sefenheimerstraße 1, Ecke Goetbestraße, Laden. Elchwalde. Zeuthen, Blersdorf und Hankela Abläse: Fritz Oldenburg, Eichwalde, Kroupniizenftr. 81. Erkner: Ernst H o s f m a n n, Friedrichshagener Chaussee. Erledenao-vitegllts- Südende: H. Bernsee, Schloßstr. 119, Hos I, in Sieglitz. Bestellungen nehmen entgegen in»tesllts: H. M o b r, Düppelsir. 32. und Fr. S ch e l I h a s e, Ahornstr. 15a. Frleilrlchshagcn: Ernst 33 e r f m a n n, Friedrichstr. 07. Grünau: Franz Klein, Bahnhosstr. 6 III. Bohen»X enendorl: Wilhelm T e n t s ch e r, Stolperstr. 50 1. JohMimisthal: P i e l i ck e, Kaiser-Wilhelm-Platz 4. Karlshorst: Richard K ü t e r, Rödelslr. 9, II. KUnigs-W asterhunsen: Friedrich B a u m a n n, Bahnhosstr. 13, BOnenlek: Emil W i ß l e r. Kietzerstr. 6, Laden. Uchtenhcrg, Frledrlehsfelde, Wllhelmsberg: Otto Settel, Kronprinzenstraße 4, L Bahlsdorf und Kaulsdorf: Hugo Scheibe» MahlZdorf, Walderseestr. 14, Barlenilorf: Zlugust Leip, Cbausseestr. 296. Hos. Xeu- WelOeusee: Kurt Fuhr manu, Sedanstr, 105, parterre. Xleder-Schüneivelde: Max Pricbkc, Britzerstr. 14 IL Non au es: Wilhelm I a p p e, Friedrichstr. 7. Ober-MchUneweidc: August H e n j e s, Lausenerstr. 2, I. Paukow-Alederschünhauaen: Otto Riß mann, Mühlenstraße 30. Heinickendorf• Ost, Wilhelmsruh und SchUnholz: P. G u r s ch, Kamekestr. 12, l Bltxdorf: M. Heinrich, Neckarstraße 2, im Laden. Hunimelsburg, Boxliugen: A. Zi o s e n k r a n z, Sllt-Boxhagen 56. Schmargendorf: Gustav K a m i n S k y, Cunostraße 2. bichvneherg: Wilhelm Bäum lex, Marliii Lutherslr. 51, im Laden. Spanrian: Koppen, Jagowstr. 9. Tegel, Borsigualdc, Wittenau, Waldmannslnst, Hcrmsdorf und Iteinickendorf- West: Paul Kieuast, Borsigwalde, Räuschstraße 10. Telton: Wilhelm Bonow, Teltow, Zehlendorfer Str. 4. Tempelhof:'Albert Thiel, Friedrich WilHelinslr. 20. Treptow: Rod. Gramenz, ttiesholzstraße 412, Laden. Wiliucrsdorf-Hulcnsee: 3L i t t n e b e l, Gasteiner Str. 4. Sämtliche Parlelliteratur soivie alle wissenschajtliche» Werke werden geliefert. Annahme von Inseraten für de«„Uorwärts«. Bitte aussebnclden. 245/1' Wegen Auflösung unseres Fabriklagers verkaufen wir zirka 2 WiUionon Zigaretten an jedermann bei Mindoätentnalimo von 100 Stück zum Engrosvireiso von 70 Pf. pro 100 Stück an. Vorkauf lindot werkt'- gL v. 4— 7 Uhr statt. Zigarettenfabrik SchliclrtUng& Opelt, Kochstr. 5, 1. Hof tzuergebäude. 33531,* Westaanns fraoer-Mapn Extra- Abteilung I. Geschäft: Berlin W, Mohren- StraBe 37a(2 Haus von der Jerusalemer StraBe). II. Geschäft; Berlin NO.. GroBe Frankfurter Str. 115(2. 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Eintrittskarten sind in der Spedition. Martin-Luther-Str. öt, und bei den Vezirksführern zu haben. Der Vorstand. Marienfeldr. Donnerstag, den 2. Dezember, abends 8V2 Uhr. hält der Wablverein im Lokal von Adolf Berger. Berliner Str. 114. eine Mitgliederversammlung ab. Tagesordnung: 1.„Die Aufgaben der� Sozialdemokratie in der Gemeindevertretung". Referent: Ge- nofie Greulich. 2. Diskussion. 3. Wahl der Delegierten zur ÄreiZgeneralversammlung. Niedrr-Schönhausen-Nordcnd. Heute Mittwoch, den 1. Dezember, bends 8-/2 Uhr, findet im„Lindengarten", Lindenstr. 43, die Mit- nliedcrveriaminlnng des Wahlvereins statt. Tagesordnung: 1. Vor- nag:„Friedrich Schiller und seine Zeit." Referent: Reichstags- abgeordneter Genosse Eichhorn. 2. Vereinsangclegenhcitcn. 3. Verschiedenes. Wir ersuchen die Mitglieder, recht zahlreich mit ihren Frauen zu erscheinen.— Für ein gut geheiztes Lokal ist Sorge getragen.— Die Bibliothek des Wahlvcreins befindet sich W a I d 0 w st r. L8d II. Ausgabe der Bücher jeden Freitag von 8 bis 9 Uhr abends._ Die Bezirksleitung. Berliner JVacbricbten. DaS Hansbesitzerprivileg und Bürgermeister Reicke. Die Haus- und Grundbesitzer Berlins im Verein mit Bank- und Börsenspekulanten sind augenblicklich in heller Auf- regung. Grund hierzu sind zwei der Stadtverordueten- versanimlung vom Magistrat gemachte Vorlagen auf Er- höhung der Kanalisationsgebühr von l'/e auf 2 Proz. und Einführung einer Wertzuivachsstener. Alle Mittel werden in Bewegung gesetzt, die Magistrarsvorlagcn zu Falle zu bringen oder so zu gestalten, daß ihr Wert verloren geht. In der letzten Sitzung des Bundes der Berliner Grund- bcsitzcrvereine kam der Vorsitzende auf die„droheude Mehr- belastung des Berliner Grundbesitzes" in Gestalt der Erhöhung der Ülaualisationsgebühr und der Eilifühnmg der Wert- znwachssteucr zu sprechen. Die Stadtverordneten Herren Jdcn, Landsberg und Zylicz hätten, ivie der Vorsitzende an- erkennend feststellte, in der letzten Stadtverordneten- versanimlung sich hinsichtlich der Erhöhung der Kaualisations- gebühr zu einem Staudpunkt bekannt, der der Sache der Hausbesitzer gerecht zu werden suche. ES müsse aber un- bedingt erwartet werden, daß sämtliche Stadtverordneten, die Hausbesitzer nnd Mitglied eines BuudeSvcreius sind, die vom Magistrat geplante Mehrbelastung dcS Grundbesitzes mit Eut- schicdcilhcit bekämpfen. Das sind also die Leute, die angeblich das„Gemein- Wohl" fördern, in Wirklichkeit ihre ureigensten Interessen aus- schließlich wahruehmcu zum Schaden der Allgemeinheit. Soweit es sich um die Wertzuivachsstcucr handelt, haben die privilegierten Hansbesitzer, die in einer Anzahl von L9 von 144 überhaupt in der Stadtverorditetenversammlung der- treten sind, bereits vor zwei Jahren die Einführung derselben verhindert und damit der Stadt eine nicht unerheb- liche Einnahmequelle verstopft. Angesichts dieser Tat- fache ist eS nun nicht uuiutercssant, zu vernehmen, wie sich Vertreter des Magistrats zu dem den gesunden Fortschritt des gesamten Gemeinwesens hemmenden Hausbesitzerprivileg stellen. Es ist kein geringerer als der Bürgermeister Reicke. der sich kürzlich, wenn auch so beiläufig, zu dieser Frage geäußert hat. Zur Feier des 25jährigen Jubiläums" des Haus- und Gruudbesitzervercins im Osten Berlins>var neben anderen Gästen auch Herr Reicke als Vertreter des Magistrats erschienen, worüber die Arrangeure ganz außer sich vor Entzücken waren. Bei einer solchen Ge- legeuheit Ivird auch geredet, und auch Herr Reicke redete. Daß man sich dabei gegenseitig Liebenswürdigkeiten sagt, ist üblich, und so wollen tvir es Herrn Reicke nicht besonders an- kreiden, daß er den Festteilnehmern Kompliniente über den schönen Andreasplatz machte, und daß er dem Vorsitzenden dankte, daß er ihn über den Znstand des Platzes informiert habe. Er habe sich den Platz, den er bisher nicht näher gekannt habe, besehen und hoffe, daß dieser Besuch bei dem Herrn Vorsitzenden und aus deni Andreasplatz der ganzen Gegend zum Vorteil gereiche» werde. Anders liegt es mit der Charakteristik der Hausbesitzer. Von denen sagte er: „Wenn der Bürger mit seiner Behörde geht, so handelt er im Sinne der Selbstverwaltung. Sie repräsentieren die Kreise, nuf die die städtischen Behörden rechnen müssen. Der Mieter wechselt oft die Wohnung, der Hausbesitzer ist der Stamm, auf den die Stadt das Schwergewicht legen muß. Mit gutem Grunde hat daher die Städtrvrdnung die Anordnung gctrosscn, daß die Hälfte der Stadtverordneten Hausbesitzer sind.... Wir sind gar nickt so klug im Stadthause, wie Sie meinen; Sie sind eS, die uns klug machen... Diese Darlegungen des Herrn Bürgermeisters bedeuten ein Loblied auf das Hausbesitzerprivileg. Er sagte, daß mit guten Gründen die Städtcordnung das Hausbesitzerprivileg geschaffen habe. Wir meinen zum Schaden des Gemein- Wesens. Das bat der Magistrat, dessen Mitglied Herr Reicke ist, schon deutlich zu fühlen bekommen und wird noch sehr oft daran gemahnt werden.„Sie repräsentieren die Kreise, auf die die städtischen Behörden rechnen müssen," sagte Herr Reicke. Jawohl! Der Magistrat muß mit der Hausbesitzermajorität rechnen, wenn er ihr Vorlagen macht, die ihr nicht passen. In diesen Fällen werfen ihm„die Kreise" die Vorlage vor die Füße. Rur wenn Beschlüsse zufassen sind, die den Grund- und Hausbesitzern Vorteile bringen, kann der Magistrat auf „diese Kreise" zählen. Feststellen wollen wir noch, daß Herr Reicke politisch sich der Freisiililigen Volkspartei zurechnet, deren Kandidat er bei der letzten Äeichstagswahl im 2. Berliner Kreise Ivar. Wir nehmen Akt, daß ein Vertreter dieser Partei sich für das Hausbesitzerprivileg des niederträchtigen Dreiklassenwahlrechts zur Kommune begeistern kann. „Fliegende" Gewerbe. Große Erfindungen rufen erfahrungsgemäß bald viele Dutzende neuer Erwerbszweige hervor. Das zeigt sich auch wieder an der modernen Flugtcchnik, die Tausende von spekn- lativen Köpfen anspornt, direkt oder indirekt durch sie Geld zu verdienen. Am schnellsten arbeitet in dieser Beziehung bei uns neben der Ansichtspostkartenindustrie stets die Spielwaren- brauche. Noch im vorigen Jahre sahen wir auf den elenden Resten dcS dem Volke zerstörten Berliner Weihnachtsmarktes die niedlichen„lenkbaren" Luftballons aus Blech, die leider bloß an der Strippe flogen, und diesmal dürften sie so ziemlich durch die Flugmaschine verdrängt werden. In unseren Schnlen wird zwar schon seit Monaten nach allen Regeln der Kunst „geflogen", natürlich nur bildlich genommen. Fast jede obere Klasse zählt mehrere Schüler, die zu Hause nach berühmten Mustern ein Flugmaschiuenmodell konstruiert haben und es nun stolz in den physikalischen Unterricht mitbringen. Alle möglichen Systeme haben die Herren Jungens aus Zeit- schristcn und anderen Beschreibungen kopiert oder die be- rühmtesten gar der Wirklichkeit aus dem Tempelhofer Felde und in Johannisthal abgesehen. Mehr oder minder gut gelungene Modelle kommen da aus fleißiger Kindeshand zum Vorschein. Sie erregen die Bewunderung der ganzen Klasse, auch nütunter das Staunen des Lehrers, der hier zum ersten Male sieht, daß unter seiner Schar talentierte angehende Tech- nikcr vorhanden sind. Aus Holz und Lcintvand sind die Modelle gebaut, den Motor ersetzt eine oft gar nicht übel erfundene Antriebsvorrichtung. Wer sich nicht selbst als jugend- licher Erfinder produziert, darf sich, wenn er in der Wahl seiner Eltern vorsichtig war, auf den Wcihuachtswunschzettel einen jener für die goldene Jugend bestimmten Flugapparate setzen. ivie solche in den verschiedensten Formen jetzt in den großen Spiel- Warengeschäften zn haben sind. Beide Spielzeuge, die lehrreiche Be- schäftigungsmittel sein sollen, aber schließlich doch nur der- führcrischer Luxus sind, können sich mittels eines Propellers nnd starken Gnnimistranges in die Luft erheben und eine Strecke weit wirklich fliegen. Höhere Zwecke verfolgen zahl- reiche Nachfragen und Angebote auf dem flugtechnischen In- seratcnmarkt. Den„leichtesten" Flngmotor wollen eine ganze Menge Leute erfunden haben. Es fehlt ihnen bloß an Kapital, um d.e Arbeit von Monaten und vielleicht- Jahren fruchtbar zu inachen. Mehrere andere unbemittelte Ingenieure suchen einen„Sportsmann oder Kavalier" als Teil- haber zum Bau von Aeroplanen,-die angeblich von Fach- leuten als große Sensation anerkannt sind. Möglich ist es ja, daß hier, genau wie vor Jahrzehnten beim Grafen Zeppelin, das Beste noch im Verborgenen blüht und sich nur mangels des erforderlichen Betriebskapitals nicht zur Höhe emporringen kann. Auch regelrechte„Fliegekunstschulen" zur Ausbildung von Sportslcuten und Bernfsflicgern in Theorie und Praxis, mit Fachingenieuren und Lehrkräften an der Spitze, sind schon gegründet worden. Die Schüler der ans acht Wochen berechneten und natürlich nicht billigen Kurse dürfen nicht nur an aviatischcn Vorträgen, sondern auch persönlich an Flugversuchen mit deutschen und französischen Maschinen teilnehmen. Nach alledem hätten wir Aussicht, nach wenigen Jahren schon vielleicht konzessionierte Luft- droschkenführer mit dem polizeilichen Fahrschein zu haben, ähnlich wie heute Chauffeure auf dem Erdboden. Auf dem Alexanderplatz soll man bereits den hochfliegenden Plan ge- faßt haben, ein paar hundert Luftkontrollbeamte ausbilden zu lassen. Der Schutzmann auf der Flugniaschine— das hat uns nämlich noch gefehlt. Einen bitteren Tropfen Werniut gießt in das Vergnügen der Zukunft, für einen Nickel durch die Lust zu gondeln, eine— Lebensversicherungs- gesellschaft, die sich allen Aviatikcrn für vorkommende Fälle bestens empfiehlt._ In der Sitzung der Berkchrsdcputation vom 29. November teilte der Vorsitzende Oberbürgermeister mit, daß an Stelle des Stadtrats Rast Stadtrat Proscssor Dr. Mosse in die Verkehrsdepntanon ein- gelretcn ist; sodann wurde der Plan der Stadtgemeinde Schöneberg sllr eine Untergrundbahn Nollendorfplatz— Behrenstraße beraten. Nicht weil diesem Plan von Berlin auS Schwierig- keilen gemacht werden sollten, wie in der Oeffemlich- keit neuerdings verlautete, ist bisher eine Beschlußfassung nicht erfolgt, sondern weil dem Antrage der Stadt- gemeinde Schöneberg nähere technische nnd finangielle Unter- lagen fehlten, die erst nach und nach eingefordert werden mutzten. Es wurde denn auch eine amtliche Erklärung Schönebcrgs »Ülgeteilt, datz anders lautende ZeitungSmeldunge» auf eine amt- licke Stelle der Schönebcrger Verwaltung nicht zurückzuführen seien und daß die Absicht, ein ErgänznngLverfahren zn beantragen, dort nicht bestände. Aus den unter dem 10. November gestellten Antrag der Stadtgemeinde Schöneberg auf eine grundsätzliche Stellung- nähme wurde beschlossen, den Plan einer Schöneberger Untergrund- bahn Nollendorsplatz— Behrenstratze bei den städtischen Körperschaften durchaus zu befürworten. Die Genehmigung einer Teilausführung zunächst bis zur Potsdamer Brücke war die Vcrkehrsdeputation aus Verkehrsrücksichten nicht geneigt. Gegenüber dem Antrage der Hoch- bahngesellschaft, die ErlveitenmgSstrecke von dem Gleisdreieck nach dem Westen nunmehr durch die Äursürsten- und Nettelbeckstratze nach dem Witienbergplatz zu führen, erklärte sich die Verkehrsdeputation auch mit dieser Linienführung einverstanden. Die Ausstellung empfehlenswerter Jugendschriften, der- bnndcn mit einer Äusstellung von Wandschmuck, wird am Sonntag, den 5. Dezember, nachmittags 3 Uhr im Saale III des Gewerkschaftshauses eröffnet. Die Ausstellung ist bis einschließlich Sonntag, den 12. Dezember, täglich von 3 bis 10 Uhr geöffnet. Eintritt unentgeltlich; Kinder haben nur in Begleitung von Erwachsenen Zutritt. Ebenfalls am 5. Dezember findet im großen Saale des GewerkschastShauses eine Märchenvorlesung mit Licht- bildcrn von Frau Johanna Meyer statt. Die Veranstal- tung ist für schulpflichtige Kinder berechnet; diese haben daher freien Einttitt, während Kinder unter sechs Jahren überhaupt nicht zugelassen werden. Für Erwachsene in Be- gleitung von Kindern ist als Abschreckungsmittel ein Eintritts- geld von 30 Pf. vorgesehen. Die Begleitung der Kinder durch Erwachsene ist nicht nötig, da die erforderlichen Anfsichts- Personen durch den Verein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse gestellt werden. Der Saal wird um 3 Uhr geöffnet, die Veranstaltung beginnt um L'/z Uhr. Holzschuhe für Straßenreiniger. Aus den Kreisen städtischer Arbeiter wird uns unter Bezugnahme auf unsere gestrige Notiz:„Die Arbeitslosen bei der Arbeit" ge- schrieben: Die Schädigungen deS Gesundheitszustandes der Arbeiter finden in dem kärglichen Lohn von täglich 3 M. keinen Ausgleich. Die vom„Lokal-Anzeigcr" vorgeschlagene Abhilfe, daß ein Wohl- tätcr der Berwaltniig der Berliner Stratzenreinigung einen Posten Holzschuhe stiftel, die dann den Arbeitslosen bei der Arbeit zur Ber- fügung gestellt werden sollten, scheitert aus zwei Gründen. Einmal fallen die Wohltäter nicht vom Himmel. Wenn aber sich wirklick einer finden sollte, würde derselbe bei der Direktion der Stratzenreinigung keine Gegenliebe finden. Im Herbst dieses Jahres hat der Direktor den ständig beschäftigten Arbeitern daö Tragen von Holzschuhen v e r b 0 t e n. Der ArbeiterauSichutz stellte den Antrag, das Verbot ans gesundheitlichen Rücksichten aufzu- heben, wobei darauf verwiesen wurde, datz bisher die Holzschube jahrzehntelang anstandslos getragen wurden, wodurch den besonder? beim Stratzenreinigcn stark auftretenden Erkältungskrankheiten vor« gebengr iverde. Dieser Antrag des ArbeilerauSschnsseS ist aber ab- gelehnt worden. Vielleicht wird durch die Veröffentlichung dieser Zeilen daS Tragen von Holzschuhen bei der Berliner Straßen- reinigung erlaubt. Dann braucht die Stadtverwalmug nicht zu warten, bis ein Wohltäter Holzschuhe für die Arbeitslosen stiftet, sondern sie schafft solche selbst an." Nur eine„Armenleiche"! Wo und wie manchmal eine„Armenlciche" zur„letzten Ruhe" bestattet wird, das haben wir öfters unter Anführung von Bei- spielen zu erörtern gehabt. Heute wird uns ein neuer Fall gc- meldet, der weiteren Kreisen bekannt zu werden verdient. Im Krankenhaus am Friedrichshain lag sieben Wochen hindurch ein Schlächtergeselle R. Seine Eltern waren nicht mehr am Leben, eigene Familie hatte er nicht, der nächste Ver- wandte war ein Bruder von ihm. Dieser und dessen Familien- angehörige besuchten den Kranken in der Anstalt mehrfach, jeden Sonntag mindestens einer. An einem Sonntag, am 14. November, wurde einem Sohn des Bruders, als er nachmittags in der Be- suchsstunde an das Bett des Kranken trat, von anderen Patienten gesagt, daß Herr R. am Vormittag gestorben sei. Vom AnstaltS- personal ließ sich niemand sehen, um einem etwa zum Besuch kommenden Verwandten Mitteilung von dem eingetretenen Tode zu machen. Datz aber R. regelmähig von nahen Verwandten be- sucht worden war, konnte der Oberschwester und dem übrigen Personal nicht entgangen sein. Der Bruder nahm an, datz man ihm schriftliche Nachricht senden werde, doch er wartete vergeblich auf eine solche. Im Krankenhaus soll bekannt gewesen sein, datz ein Bruder vorhanden war. Es scheint aber, datz der Kranke bei der Aufnahme die Adresse deS Bruders nicht angegeben hat und datz die Krankenhausverwaltung nicht Sorge getragen hat, sie an- derwcitig zu ermitteln. Schwer wäre das wirklich nicht gewesen, wenn es einer gewollt hätte. Da Herr R.. der Bruder, keine Nachricht erhielt, so ging er am Abend des auf den Todestag folgenden Tages nach dem Kran- kenhaus, um sich im Bureau zu erkundigen, wann die Beerdigung stattfinden könne. Man fragte ihn, ob er selber die Kosten über- nehmen wolle. Als er antwortete, er sei hierzu nicht imstande. wurde ihm kurz erklärt, dann müsse der Verstorbene auf Kosten der Stadt beerdigt werden, die Zeit werde man in der Leichen» s a m m c l st e l l e in der Diestelmeyerstratze bestimmen. R. ließ sich die Leiche zeigen und sagte dann im Bureau, die Beerdigung werde ja wohl am 17. November stattfinden müssen, das passe ihm auch sehr gut, weil es da ein freier Tag, Butztag sei. Nein, wurde ihm geantwortet, der Tag sei schon festgesetzt, die Leiche werde erst am Donnerstag beerdigt. Und R. verstand, er solle nur am Morgen des Donnerstag herkommen. N. wutzte nicht, datz dann unmöglich die Leiche noch im Krankenhaus sein konnte. Als er mit seiner Gattin und einem Neffen am Donnerstag wiederkam, vermochte der ihn abfertigende Burcaubcamte(es soll ein Herr Köppen gewesen sein) ihm natürlich noch immer nicht zu sagen, wann man die Leiche der Erde übergeben werde. Auf R.'s Bitte, ihm etwas Schriftliches über den Tod des Bruders zu geben, damit er nötigenfalls einen Ausweis über den Todestag habe, antwortete derselbe Beamte, das gehe ihn(den Herrn R.) nichts an, er könne zufrieden sein, datz die Stadt ihm den Bruder beerdige. R. ging nun mit seinen Angehörigen zur Leichcnsammelstelle an der Diestelmeyerstratze, und hier wurde dann nach etlichem hin und her festgestellt, datz die Leiche bereits am Dienstag nach dem G e- meindefriedhof bei Friedrichsfclde hinausgeschafft war» den war. Die Leidtragenden fuhren jetzt schleunigst nach dem Friedhof hinaus, aber in der Leichenhalle fand sich die Leiche nicht mehr und auch als schon beerdigt war sie nicht gebucht. Schlietzlich ergab sich, daß sie soeben wieder nach Berlin zurückgeschickt worden ivar, um der Anatomie überwiesen zu werden und den Stu- dierenden als Lehrmaterial zu dienen. Die Uebcrweisung war verfügt worden, obwohl— wie oben mitgeteilt— bereits am Tage nach dem Ableben des Kranken der Bruder als allernächster Ver- wandter sich im Krankenhaus gemeldet und den Wunsch einer Teil- nähme an der Beerdigung deutlich genug zu erkennen gegeben hatte! Der Inspektor des Friedhofes erwies sich entgegenkommen- der, als man nach seinen sonstigen Manieren von ihm hätte er- warten können. Er riet Herrn R., unverzüglich nach Berlin zu fahren und in die Anatomie zu eilen, und er selber tclcphonicrte sofort dorthin. MS R. in der Anatomie ankam, fand er die Leiche noch unversehrt vor. Er traf auch noch den Kutscher, der sie eben erst abgeliefert hatte, aber dieser erklärte jetzt, fürs erste könne er sie nicht wieder mitnehmen, vor Sonnabend werde nun die Beerdigung nicht stattfinden können. In der Tat war am Freitag, als die Leidtragenden zum Friedhof hinauskamen, die Leiche noch nicht zurückgeliefert. Erst am Sonnabend fanden sie sie dort, und nun endlich konnte sie zu Grabe getragen werden. Nur einem Zufall war es zu danken, datz nicht die Leiche in der Anatomie zerfleischt wurde und ihre einzelnen Teile in den Besitz lernbegieriger Jünger der Heilkunde übergingen. Wir be- greifen die Entrüstung des Herrn R. und seiner Angehörigen. Erwirb die Krankcnhausdeputation bitten, zu untersuchen, wie dieses skandalöse Vorkommnis möglich geworden ist. Geschäftsmaximen eines Geographischen Verlags. Seit einiger Zeit wird ein« grotze Reklame auf Straßenbahn«, Omnibus-Fahrscheincn. in Zeitungen usw. durch einen Leipziger Verlag entfaltet, die die Lieferung eines Globus mit Gratiszugab: eines Atlas für den Preis von 30 M. anpreist. Zur Erleichterung der Anschaffung sind auch Ratenzahlungen von monatlich 3 M. zu- gelassen. Ein Besteller dieses Globus in Berlin schildert nun seine Erfahrungen mit dem Verlage wie folgt: „Abgesehen davon, datz der Preis des GlobuS durch Porto und Verpackung sich auf 31,30 M. stellt, scheint die Besorgung der Korre- spondcnz des Verlages sehr nach Schema F betrieben zu werden. Da der Besteller infolge Krankheit in der Familie mit zwei Mo- natsraten in Rückstand kam, erhielt er eine Zahlungsaufforderung mit dem Schlußsatz:„Nach Ablauf dieser Frist übergeben wir di: Sache unserm Rechtsanwalt, und haben Sie sich die Kosten und Unannehmlichkeiten selber znzuschreihen." Der drohende Ton ver- anlatzte den Besteller, die Reste und einen Monatsbeitrag voraus einzusenden: er kam aber im Laufe des Sommers wieder mit drei Monatsbeträgen in Rückstand, worauf prompt die Klagezustellung seitens dcS Rechtsanwalts und die Vorladung bor das Amtsgericht in Leipzig erfolgte. Da die Klage die oben bezeichneten Zah- langen nicht in RechOing gezogen hatte, so wandte sich Beklagter an die Firma mit dem Ersuchen um Berücksichtigung derselben unter gleichzeitiger Begründung, weshalb die Zahlungen nicht pünktlich eingehalten worden waren. In der Antwort des Verlags wird die Nichtanvechnung der obigen Zahlungen mit„Uebcrsehen des?ln» walts" entschuldigt, mit dem Zusatz:«Bei Tausenden von Kunden werden diese Klagen mechanisch herausgeschrieben, sobald auf dem Konto die Zahlungen im Rückstände sind." Da Besteller bis zu dein sofort stattfindenden Termin nicht zahlen konnte, mutzte die Verurteilung erfolgen. Infolge der Vertretung des Verlages durch den Rechtsanwalt erwuchsen dem Beklagten noch lOchö M. Kosten. — Man fragt sich nun: Ist wirklich die Vertretung einer solchen Klage vor dem Amtsgericht durch einen Rechtsanwalt nötig, um ein Objekt von 31 M. um den dritten Teil durch Kosten zu vcr- teuern? Das Verlangen des Verlages nach pünktlicher Raten- Zahlung ist ganz berechtigt, aber müssen diese Klagen sofort„nach Tausenden mechanisch herausgeschrieben" werden? In der jetzigen schweren Zeit, wo der Arbeiter sich die Mittel zu seiner Weiter- bildung gcwissermatzen am Munde abdarben mutz, ist unpünktliche Zahlung doch noch lange nicht immer Böswilligkeit, und darum wäre wohl etwas mehr Kulanz seitens eines grotzen Verlages zu erwarten." Ohne näher auf den vorliegenden Fall einzugehen, möchten wir bei dieser(Nelcgenheit darauf hinweisen, daß in sehr vielen Fällen die Unterschrift zum Bezug größerer Werke zu leicht ge- geben wirch um später einzusehen, wie gefährlich und kostspielig diese Unterschrift werden kann, wenn unvorhergesehene Umstände die Erfüllung der übernommenen Verpflichtungen unmöglich machen. Eine sonderbare FricdhofSgcschichte wird unS wieder mal von den» alten Charitsfriedhof an der Müller st ratze gemeldet. auf dem der Inspektor Lüdke das Kommando hat. Der Herr ist unseren Lesern hinreichend bekannt nnS mancherlei Auf- tritte», in denen er feine Eigenart bekundete. Ein Herr SS. teilt unS mit, er habe dort feit 1887 einen Angehörigen liegen, dessen Grab sorgfältig gepflegt worden sei. Das Anrecht auf diese Grabstelle habe nur 20 Jahre gedauert, die Familie aber im Jahre 1907, so versichert er, es durch erneute Zahlung der Gebühr auf weitere 20 Jahre verlängert und gleichzeitig zwei benachbarte Grabstellen dazu erworben, auf denen das Ehepaar einmal bestaltet zu werden wünscht. Als nun am diesjährigen Toten- sonntag Herr S. und die Seinen hinauskamen, war zu ihrer grotzen Ueberrasckning und Bestürzung der Grabhügel, auf dem der mitgebrachte Blumenschmuck niedergelegt werden sollte, voll- ständig verschwunden und dem Erdboden gleichgemach r. Verschwunden war auch das Gitter, das den efeubedeckten Hügel umschirmt hatte, verschwunden die beiden Fliederbäume und die Topfpflanze», die ihn verschönt hatten. Man ging kopfschüttelnd zum Inspektor und bat um Aufklärung; der aber machte in seiner Manier ein paar kurz angebundene Bemerkungen, aus denen die Familie nicht klug wurde und den Grund der Beseitigung des Grabhügels nicht entnahm. Auf die Frage nach deni Verbleib deS Gitters, der Bäume usw. habe der Jm'veltor, so wird aus- gesagt, die Antwort gegeben, weim an den Sachen so viel gelegen sei, so möge man sie sich da hinten von dem Haufen holen. Als Herr S. seine Verwunderung darüber aussprach, datz ihm auch das so beiseite geworfen worden sei, soll der Herr Inspektor erwidert habe», da könne er noch nrehr finde», alte Palmen- zweige usw. Unter de» zahlreichen Besuchern, die an diesem Tage auf dem Friedhof weilten, rief dieses Vorkommnis Staunen und Erregung hervor. Wir nehmen an, datz der Grabhügel infolge eines Versehens beseitigt worden ist, vielleicht in Unkenntnis der Verlängerung des Pachtverhältnisies oder unter Verwechselung dieses Hügels mit einem anderen. Herr S. hielt«S für geraten. sich mit dem leicdt erregbare» Herrn Lüdke auf keine weiteren Er- örteruirgen einzulassen. Da die Verwaltung des ehemaligen CharilösriedhofeS in neuester Zeit an die Stadt Berlin übergegangeil ist, so will S. sich an das Bestattungskuratorium der Stadt wenden und dort sein Recht fordern. Wenn er im Jahre 1907 die Grabstelle auf weitere 20 Jahre erworben hat, so wird ihm dex Hügel, wie er war. mit Gitter, Bäumen usw. wiederhergestellt werden müssen. Die Kosten fallen dann der Stadt zur Last. Nach einem Beschluß des Kuratoriums für die städtischen Hospitäler und Siecheiianstalten darf der Besuch des Hospitals Buch nur noch mit Genehmiauna des Vorsitzenden des Kuratoriums stattfinden. Die Befuchszelt ist auf Mittwoch von 8—6 Uhr nachmittags fest- gesetzt. Die Anzahl der Teiluehiner soll 100 nickt überschreiten, auch dürfen Kinder nicht mitgebracht werden. Es werden den Besuchern, so lange dies noch möglich ist, unbelegte Häuser gezeigt werden. Ein Arbeiterveteran. Ein alter Parteifreund schreibt unS: Heute Legehr der Arbeiterveteran Wilhelin Schmitz, unter den Tischlern und Parteigenossen unter dem Namen„Lucas" bekannt, seinen 80jährigen Geburtstag. Schmitz ist ein echter Veteran der Arbeit, der bis zu seinem 77. Jahre allen Stürmen Trotz bot und so manches Stückchen Eichenholz verarbeitete, bis auch diese knorrige Eiche vom Slurin geknickt wurde. Ein schwerer Schlaganfall setzte seiner rastlosen Tätialeit ein Ziel und warf ihn auf das Krankenlager. Die alten Tischler erinnern sich gelvitz noch der'Zeit ßu Anfang der siebziger Jahre. Damals lagen die Tischler Berlins im Streit. Zu ihrem Führer und Leiter erkoren sie sich Wilhelm Schmitz, der es meisterhaft verstanden hatte, die damals noch unorganisierten Tischler zu disziplinieren und den Grundstein zu legen zu der heutigen grotzen und mächtigen Organisation der Tiichler Berlins. Wir Alten rufen den» Achtzigjährigen zu seinem heutigen Geburts- tage zu: nicht zu verzagen; auch die Jungen mögen an dem Alten sich ein leuchtendes Beispiel nehmen." Für den Abbruch der KünigSkolonnadeii wird von mehreren Seiten Stimnmng gemacht. Wie dem„Berk. Tagebl." auf Anfrage in der Akademie des Bauwesens von zuständiger Seite inilgeleitt wird, schweben augenblicklich noch Verhandlungen darüber, ob es notwendig ist, die Kolonnaden dem„Interesse deS Verkehrs" zu opfern. Das letzte Wort hat dabei der Kaiser zu sprechen, dem über diese Angelegenheit sawobl vom Kultusminister wie vom Minister der öffentlichen Arbeiten Bortrag gehalten werden mutz. Zu dem KindcSmord im Asql wird noch mitgeteilt, datz die slmge Mutter dem Untersuchungsrichter vorgeführt worden ist. Zu- gleich aber hat sich die Fürsorgedame des Polizeipräsidiums ihrer angenonimen und sich mit den zuständigen Stellen im Unter» suchiingsgefängnis in Verbindung gesetzt. � Die Ermittelimgen haben ergeben, datz sich das Mädchen ohne Zweifel iu der größten Notlage befand. Aus der Provinz kommend, hat es wohl nicht gemutzt, wohin eS sich in seiner Verzweiflung wenden sollte. Durch Selbst- ernährung das Kind zu rette», wäre wohl nicht mehr möglich ge- Wesen, wenigstens nicht ohne Gefahr für die Mutter. Die gerickts- ärztliche Oeffnung der Leiche hat festgestellt, datz das Kind durch Brechdurchsall und Racheukatarrh schon so herliiitergekommen war. datz man es nicht lebcnsiähig nennen konnte. Ja. es ist nicht ans- geschlossen, datz cö bereits tot war, als ihm die verzweifelte Mutier die Schlinge um den Hol» legte, um ihm das Leben zu nehmen. Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der Strangulation und dem Tode ist schweilich nachzuweisen. Was für einen Einfluh das auf das Strafverfahren baben wird, kann erst durch die eingeleitete Boruntersuchung festgestellt werden. Nach einem Unfall gestorben ist im Alter von nahezu 102 Jahren die Arbeiterwitive Auguste Beuster geb. Wolff, verwitwet gewesene Lüde mann auö der Blücherftr. 54. Die Greisin war schon seit 80 Jahren Witwe und wohnte stets bei fremden Leuten. Am Freitag- abend ging sie aus. um einzukaufen. Bei der Heimkehr kam sie um 0s/4 Uhr auf der Treppe zu Fall und blieb hilflos liegen. Haus« beivobner und die WirtSleute, die sie auffanden, brachten sie nach dem Krankenhaus am Urban. Dort starb sie am Donnabeitdmntag, ob an Aliersschiväche oder an irgend welchen Folgen des Unfalles. lästt sich nicht sagen. Aeustere Berlehungen hatte sie nicht erlitten. Zur Feststellung der Todesursache durch gerichtsärztliche Untersuchiing wurde die Leiche beschlagnahmt und vom Kranleiihause nach dem Schauhause gebracht. Die Automobildroschke im Landwehrkanal. Ein eigenartiger Unfall ereignete sich gestern vormittag am Halleschen Ufer. Vor dem Hause HallcscheS Ufer 12/13 wollte die AiUoiuobildroschke 1674. die vom Halleschen Ufer her nach der Möckernbrücke fuhr, eine Wendung vollführen. Der Chauffeur lieh die Droschke rückwärts aufen und drehte das Steuer. Der Wagen geriet dadurch über die Bordschwelle des TrottoirS, gerade an eine offene Stelle des die Uker des Londwehrkanals umrandenden Rasenstreisens, der an dieser Stelle kein Guter ausweist. Die Droschke rollte trotz der Bemühungen des Chauffeurs, den Wagen zu bremsen, bis an die Steinquadern der Nseteinsassung und blieb hier sieben. Diesen Augenblick benutzte dieeinzige Insassin, eine Tarne, im» hinausznipringen. Kurz darauf stürzte der Wagen mit dem Chauffer in den Landwebrkanal. DaS aufregende Schauspiel halte eine große Menschenmenge angelockt, und den ver- einten Bemühungen mehrerer Retter gelang es, den Chauffeur Trieiix aus den Fluten zu ziehen. Er fand in der Rettnugswache am Scköueberger Ufer Aufnahme. Seine Verletzungen find nicht schwerer Natur. Slratzenpassanten benachrichtigten dann sofort die enerwehr, die mit den, 9. Löschzuge aus dein Depot am asenplatz und mit dem Aetlungswagen ans der Haupt- fcucrioache in der Lindenstratze zur Unfallstelle eilte. Die Bergung der Droichke lvar sehr schwierig. Auch der Feuer- wehr gelang eS lange Zeit nicht, das Gefährt herauszubringen, und man erwog schon, Flaschenzüge an dem Oberbau der Hochbahn anzubringen. Bevor aber diese Absicht zur Ausführung gelangte, waren von Lastkähnen, die in der Nähe lagen. Taue geholt lvordc». Bald zogen mehr als fünfzig Menschen an den Tauen, und eS gelang, die Räder des Hinterwagens auf die Mauer zu ziehen. Schivieriger war die Hebung des Vorderwagens. Diese gelang erst unter Benutzung grotzer Hebcbäume. die von Schiffer» berbcs- geholt waren. Unter großem Hallo der bieltansendköpfigen Menge. die sich an beiden Ufern angesammelt halte, gelang schließlich die Bergung der Droschke, die natürlich schwer beschädigt ist.' Vorort- s�acd richten. Wilmersdorf. Zur KrankenhauSfraze. Die Skadt Wilmersdorf ist trotz ihrer hunderttaiffeitd Eintvohncr immer noch ohne eigenes Krankenhans; und wenn auch ini Rathause ein Entwurf für eine Anstalt mit 200 Betten ausgearbeitet ist, so hat es mit der Errichtung bei den eigentümlichen Zuständen, die in dieser Beziehung am Orte herrschen, noch keine große Eile. Als Wilmersdorf im Jahre 1906 ans dem Kreise Teltow ausschied, mutzte es sich damit zukneden geben, datz ihm fast der vierte Teil der Unterhaltungskosten für die beiden Kreis- krankenhäuser in Gros;- Lichterfelde und Britz aufgebürdet wurde! doch darf die Gemeinde nach dem damals obgeschloffenen AuSeinandersetzungSvertrage handgreifliche Rechte nicht geltend machen. Auf dem Papier stehen ihr nach dein Vertrage in beiden KreiSkrankenhäuserii zwar 130 Betten zur Verfügung, jedoch wird diese Bestimmung hinfällig durch eine andere, wonach dem Kreise Teltow das Recht eingeräumt ist. auch die Wilmersdorf zur Ver- fügung gestellten Berten insoweit mit Kranken zu belegen, als Betten frei sind. So kam eS denn zuweilen, datz WilinerS- dorfer Kranke keine Aufnahme in Groß- Lichterfelde fanden, trotzdem die Stadt im laufenden Jahr einzig für die Unterhaltung der Kreiskrankenhänser 159 000 Mark zu zahlen hat, uiigerectmet die VerpflegungSkosten, die die einzelnen Kranken oder ihre Kasten zu entrichten haben. Merkwürdig ist nun das Ver- halten etlicher mahgebenden Personen in diesem Falle. In einer kürzlich vom Bezirksvemn Norden einberufenen Versammlung trat der Botschastsarzl a. D. Dr. Lehden dafür ein, datz in dein von der Stadt geplanten Krankenhauie vorab 100 Betten eingerichtet werden, von denen aber vierzig für.Bürger" in einem besonderen Vürgerhospital reserviert werden müßten. Auch ineinte dieser Arzt in der Versammlung, daß man ein Krankenhaus nicht zu komfortabel Herrichten dürfe; dadurch würde bei den u n- bemittelten Klassen eine zu große Verwöhnung über da« Matz ihres Lebenszuschnittes hinaus grotz gezogen. Eerner sprach Herr Dr. Lehden etliches über„Hospitalmllisiggänger". Die nSkenntnis dieses Arztes glänzte dadurch, datz er meinte, in Wilmersdorf bildeten Portiers und Dienstboten das Hauptkontingent der Krankenhausaufsuchcr. Es scheint dieser Autorität unbekannt zu sein, daß allein die Wilmersdorfer OrtSkrankenkasse 13 000 Mit- glieder zählt, die sämtlich für die Krankenhausbehandluiig in Frage kommen. Die Angst dieses Herrn vor zu(jrotzcm Luxus in den Krankenhäusern wurde Lügen gestraft durch et» Gutachten, daS der Chefarzt Dr. v. Oettingen veröffentlichte. Es heißt darin über de» geplanten Bau:.Vom Künstler sind Vorschläge zu erwarte», wieweit er durch seine Mittel den Kranken zu Höherem zu erheben vermag, ihn» die Zeit seines Aufenthaltes im Gegensatze zum geisttötenden Treiben der Großstadt, zu einer Zeit geistigen Erweckens und Erwachens werden lassen will." Auch meinte dieser Arzt, datz das Krankenhaus dem Kranken in Ge- mütlichleit eine Zeitlang daS heimatliche HauS ersetzen solle. Allem Anschein nach werde» die in der Stadtvervrdnetenvcrsammlung mutz« gebenden Personen sich mehr für die Armenhausmethode des Dr. Lehden als für ein gut ausgestaltetes Krankenhaus interessieren, besonders wenn das aparte Bürgerhospital zustande kommen sollte. Die Errichtimg eineS Genesungsheimes für die Mitglieder der Ortskrankenkasten zu Wilmersdorf, Friedenau und T e m p e l h o f kann jetzt als gesichert gelten. Die Ortskranken- kasie zu Tempelhof hat vor kurzem bereits ein Grundstück in G r o tz- Besten zum Preise von 140000 M. erworben, das sich nach der Ansicht von Sachverständigen für den erwähnten Zweck in joder Hinsicht vortrefflich eignen soll. Wald und Waffer sind in un- mittelbarer Nähe reichlich vorhanden. In den vorhandenen Ge- bänden ist Raum für 56 Betten; und die Ausgaben stellen sich in der Annohme, daß 18 000 VerpflegungS- tage in Betracht kommen, pro Person ans 2,50 bis 2,60 M. pro Tag, während in Privatsanatorien 4 bis 5 M. erhoben werden. Bei einer Berechnung von 3 M. für die Krankenkasse würde sich ein Ueberschutz von 7000 bis 9000 M. ergeben, der zur Tilgung der Hypotheken verwandt werden soll. Beim Erlverb kommt für Wilmersdorf der halbe Anteil und für die Ortskrankenkassen der beiden anderen Vororte je ein viertel in Berechnung. In der General- Versammlung der Wilmersdorfer Ortskrankenkaffe»lachten die neu- gewählten Delegierten der Arbeitgeber kleinere Bedenken gegen den Erwerb geltend, denen die Vertreter der Arbeit- nehmer insoweit Rechnung trugen, als sie der Wahl einer aus vier Arbeitgebern und acht Arbeitnehmern zusammen» gesetzten Kommission znstiinmten, die das Genesungsheim zu besichtigen hat. Der Kaufvertrag gilt auch für Wilmersdorf als ab- geichlosten und ist bis zum 15. Dezember zu vollziehen, wenn die Kommission sich mit dem Ankaiif einverstanden erklärt. In dein hierauf erstaltete» Vorstaudsbericht wieS A. Riedel wirsain die zahlreichen Angriffe zurück, die von einer Anzahl Arbeit- geber gegen die bisherige Kastcnverwaltung geführt worden sind. Die Angriffe waren im wesentlichen gegen den Ankauf eines eigenen HauseS, gegen die dringend notwendige Erhöhung der Mitglieder- beitrüge und gegen die Energie gerichtet, mit der die im Zahlen säumigen Arbeitgeber an die Erfüllung ihrer Pflichten erinnert worden sind. Die Arbeitnehmer gaben der Hoffuuiig AuSdnick, datz auch die Herren Arndt, Hennemann und Andritzli, die als Vertreter der„neuen Richtung" von den Arbeitgebern in den Vorstand gewählt wurden, die Haltlosigkeit der biSIang erhobenen Angriffe erkennen und ebenso wie die ausscheidenden Borstandsmitglieder zum Besten der Kasse wirken werden. Rixdorf. Falsche? Geld ist in der letzten Zeit in vielen Flitlen in Rixdars ausgegeben und angehalten worden. Besonders sind es nachgemachte Em- und Zweimarlflücke. seltener Fünfmarkstücke. Gestern wurde an der FahrkaitenmiSgabe auf dem Ringbahnhof auch eine'/» Mark beschlagnahmt. ES scheint, datz sich in Nixdorf selbst eine Falsch- münzerbande eingerichtet hat. Die Prägung der Falschstücke ist sehr mangelhaft, ihre Farbe bläulich. Sie fühlen sich auch fettig an. Die Deputation für die städtischen BcleuchtungSaiistalte» erklärte sich mit der Errichtung einer Transformatorenstation auf dem Gas- anstaltsgrundstück in der Teupitzer Siratze nach Maßgabe des vor- gelegren Planes und der Vorschläge der Gasanstalisverwaltung ein- verstanden und genehmigte ferner die Anmietung von Räumen In der Mainzer Str. 55 für Zwecke der Erweiterung des Reviers II.— Die Her» stellimg einer Dampfleitung für überhitzten Dampf von 10 Atmo» sphären wurde der Firma Franz Seiffert u. Co., A.-G. in Berlin,. die Ausführung der Isolierung dieser Leitung dem Unternehmer P. Krause in Berlin, die Lieferung und Ausstellung eines Wellblech» hänscvens der Firma de la Sauce u. Klotz in Lichtenberg und die Ausführung der Entivösierungsanlagen für die Neubauten dem Unternehmer Otto Wöltinger hierielbst nach Matzgabe ihrer Angebote übertragen.— Die Deputation nahm des weiteren KeinitiiiS von dem Berichte des TiefbauamteS über die Ausführungsinöglichkeit der von der GaSaiistallSverwalwng bcabsichiiglen Hnsenerweiterung am Schiffahrtskanal. Da nach diesem Bericht die Aussühning in dem erforderlichen Umfange zur- zeit nickt durcliführbar ist, soll diese Erweiterung bis zum Beginn der Arbeiten für die Fortführung des Schiffahrtskanals ausgesetzt werden. Eine für die Abnehmer von GaS durch Gas- automaten wichtige Bestimmung wurde dahin getroffen, datz in Zukunft von der Berechnung deS im§ 4 der Bedingungen� festgesetzten Mindest Verbrauchs Abstand genommen wird. Eine Zentralstelle für WohlfahrtSbestrebungen hat aus Anlaß d?S nahenden Weihnachtsfenes der Rirdorfer Magistrat eingericktcl. Ihr Zweck ist Mitzbräuchen möglichst vorziibeugen. Seit Jahren hat sich nämlich bei der Weidnachrsbescherung der Uebelstand fühlbar gemacht, datz eine Anzahl unwürdiger Personen die Privatioobltätigkeit ausnutzt und dadurch verursacht, daß andere, wirtlich Bedürftige wegen Mangels an ausreickenden Mitteln leer ausgehen. Der Magistrai erstickt deshalb die Rixdorfer Vereine und Privatpersonen, die WeihnacktSbescherungen für Be- dürftige veranstalten, die Listen der zur Bescherung in Aussicht ge- nommenen Personen, alphabetisch geordnet, bis zum 17. Dezemver dem Bureau der Armenverwaltuiig m der Neckarslr. 1 einzureichen. ES wird alsdann durch Bergleichmig der Listen festgestellt werden, welche Personen von mehreren Seiten vorgemerkt sind. In einer Zu- samnienkunst der Vertreter der Vereine und der Privatpersonen sollen dann die Listen gemeinsam besprochen und eine Verständigung herbeigesührt werden. Diese gemeiusame Besprechung soll am Freilag. den 17. d. M., nachmittags 6 Uhr, im Sitzungssaal 2 deS Rixdoifer Rathauses erfolgen. Charlottenvnrg. Wie man der Arbeitslosigkeit entgegenwirkt, zeigte sich dieser Tage auch wieder an folgendem Fall. Bei den Arbeiten für die unterirdischen Telephonanlagen werden jetzt von der Post Soldaten vom Eisciibahnregiment beschäftigt. Es war nun für den Be- obachter, der dieser Szene am Wilhelmsplatz beiwohnte, ein eigen» lümiickeS Bild von der Rücksicht und Fürsorge, welche die staatlichen Behörden für den Arbeilsloscn übrig haben, zu sehen, wie in den Erdgrnben die Eisenbahner hackten, die Arbeiten aus- führten. Oben schauten die Passanten der Arbeit der Sol- daten zu und wunderten sich, datz für diese Beschäftigung durchaus Militär verwendet werden mutz. In der füuslen Nach- Mittagsstunde sammeln sich gerade an jenem Stratzenpunkt zahlreiche Scharen von ArbeiiLlosen an, um in den, dürftigen ArbcitSmarlt eines LolalblatteS einen neuen Hoffnungsschimmer auf Arbeit zu finden. Ist eS denn nun unbedingt nötig, datz zu diesen Arbeiten, die doch init irgendwelcher militärischen Ausbildung der Eisenbahner nicht das mindeste zu tun haben, nur Soldaten verwendet werden müssen? Diese Arbeit könnte wohl ohne weiteres auch von Leuten verrichtet werden, die nicht immer dabei beschäftigt waren. Einer großen Anzahl von Arbeitslosen könnte durch diese Beschäfti» gung ein wenn auch vorübergehender Verdienst verschafft werden. Aber es scheint auch hier wieder das»Sparsamkeitsprinzip im Kleinen" zu wüten. Wahrscheinlich werden den Soldaten ein paar Groschen weniger gezahlt als den Arbeirern. Und für diesen geringe» Pfennignutzen ist einem echten preußischen Postbureaukralen jede praktisch betätigte Arbeitersürsorge»schnuppe"! Steglitz-Friedenan. Das hiesige GewerkschaftSkartell beschloß in seiner letzten Sitzung, zur Agitation für den Verband der Hausangestellten Flugblätter herauszugeben. Das weitere wurde dem Borstande überlassen.— Genosse Hagen machte auf eine am Montag, den 6. Dezember, in Steglitz statifindende Volksversammlung aufmerksam. Die hierfür notwendige Propaganda soll, am Sonnlag durch die Genossen des Wahlvereins erfolgen.— Genosse Schmidt wünschte für den Bildungsausschutz stnanjielle Unterstützung. Dem soll Rechnung ge- tragen werden.— Der Sitzung ferngeblieben waren die Delegierten der Metallarbeiter, Heizer und Maschinisten. Karlshorst. Großfeuer. Gestern früh gegen 5 Uhr bemerkten die Bewohner des an der Ecke der Köpenicker und der Bothaallee gelegenen zwei» stöckigen Miethauses einen starke» Brandgeruch. Als man zum Boden eilte, schlugen den Suchenden bereits die Heven Flammen entgegen. Bold erschien auch die KarlSharster freiwillige Feuerwehr. doch hotte in dieser kurzen Zeit das Feuer bereits so grotze Fortschritte gemacht, datz die wenigen Mannschaften nich:S gegen die Flammen auszurichten verinockte». Nun wurden die benachbarten Wehren um Hilfe angegangen, was aber mit großen Schlvierigkeiten verbunden war, da die Fernsprechleitnngen zum größten Teil dort noch gestört sind. Nach und nach erschienen die freiwilligen Wehren von FriediichSfelde, Ober-Schöneweide und Kaulsdors; im ganzen wurde aus sieben Rohren Wasser gegeben, aber erst nach stmidenlangem Mühen konnte ichlietzlich die Gewalt des Feuers gebrochen werden, und erst gegen 10 Uhr vormittags war die Geiahr beseitigt. Der Dachstnhl war vollständig ein Raub der Fiainincn geworden, ferner ist eine Woh- nung fast gänzlich anSgebrannt. Der Schaden ist sehr belrächl'.ich, da auch die Möbel in den vom Feuer verschont gebliebenen Räumen sehr unter dem Wasser gelitten haben. Leider ist«ine ganze Anzahl Mieter nicht versichert. Mariendorf-Südende. Der hiesige Wahwerem veranstaltet am dritten Weihnachtsfeier- tage eine Wrihnachlsfeier. Es sollen auch lebende Bilder aufgeführt werden, wozu Kinder zur Mitwirkung erforderlich sind. Da eS bis zum nächsten Zahlnbend zu spät ist. um hierüber mit den Partei- gsuosten Rückipcache zu nehmen, so werden hierdurch diejenigen Genosten, deren Kinder an der Vcraiistaltnng teilnehmen wollen, ersucht, morgen Donnerstag, abends, im Feldschlößchen, Kutfiirstelistratze, zu erscheinen. Die Mädchen treffen sich um'/,? Uhr, die Knaben um'/,» Uhr.. Strausberg. Lei der Stadtverordneten-Stichwahl in der dritten Klasse wurde unser Genoffe Paul Schröder und der bürgerliche Kandidat Guseler gewählt. Spandau. Vermißt wurde seit dein 26. November der Kanonier Ott von der vierten Batterie des Garde-Futz-Artillerie-Regiments, der in der Zitadellkaserne lag. Trotz vorgenommener Nachforfchnngen konnte der Vermißte nicht aufgefunden weiden. Der Kouuiiaudeur ließ daher einen Polizeihund aus Berlin kommen. Das Tier verfolgte eine Spur, die cin daS llfcc deS AnadeNgrabenS führte. Es wurde im Wasser nacÜAesucht und kurze Zeit daraus die Leiche deS Soldaten im Wüster aufgefunden. Ott war Rekrut und hat wahrscheinlich seinem Lebe» selbst ein Ende gemacht. Er soll schon vor einigen Tagen sich mit Selbstmordgedanken getragen haben. Kürzlich ging durch die hiesigen bürgerlichen Zeitungen die Nach- ricbt, datz ein Arbeiter der Artillerieweristatt, der 25 Jahre dort be- schäfligt ist, als Anerkennung für treu« Dienste eine goldene Uhr von der Direktton überreicht erhielt. Die Sache verhält sich nun ■ folgenderm folgendermaßen: Nickit eine goldene, s,ndern eine silberne Uhr er- dielt der Arbeiter. Jedermann wird um glauben, daß die Mittel für solche Gaben vom Staat bewilligt ider'aus einem vorhandenen staatlichen Fonds genommen werden.?em ist aber nichl so, diese Uhren werden von dem Ueberschuß der ilantine gekauft und bemhlt, den die Arbeiter durch ihren Konsum sebft aufbringen. Der Staat bat keinen Pfennig Kosten davon. Auck haben die Arbeiter über die Verwendung der Kantincnüberschüsse nichts zu sogen. Die Direktoren bestimmen selbständig darüber. Daß.durch solche.Anerkennimg" die Arbeiter der Siaatswcrkstätten sil besonders geehrt fühlen. werden die„wohltätigen" Herren Diuroren wohl selbst nicht an- nehmen. Vermischtes. Die Zyanlalibriefe. Eine Lücke n dem Beweismaterial gegen Hofrichler ist. wie aus Wien gemadet wird, noch offen, nämlich: Wober hat sich der Oberleutnant dat Gist verschafft? Diese Frage ist noch nicht beantwortet, trotz der Aussage Türrkräutlcrs in Linz. Denn der Diener Hofrichlers hat nemalS ausgesagt, daß er von seinem Herrn ausgeschickt wurde, Gift zu beschaffen. Hofrichter wurde wiederholt vernommen, hat aber keinerlei Geständnis ab- gelegt. Die Vernehmung des Dieners HofrichterS soll bereits gestern erfolgt sein. Ueber das Ergebnis liegt eine Meldung im Augenblick noch nicht vor. Die Revision gegen das Todesurteil HackradtS verworfen. Wie aus Leipzig berichtet wird, verwars das Reichsgericht gestern die Revision deS Schriftsetzers Hackradt, der am 11. Oktober vom Schwurgericht Potsdam zum Tode verurteilt worden war, weil er am 27. August zu Bornim die Witwe Rudolfi ermordet und zu be- rauben versucht hatte._ Diebstahl von S chuni ckg rge» stand en. Pariser Meldimg zusolge ist aus einem Speditionsmagen der Nordbabngesellschaft von bisher unbekannten Dieben ein Koffer mit Wertpapieren und Schmuck- gegenständen im Werte von mehr als dreihunderttausend Frank ge- stöhlen worden. Gestrandet. Einer Meldung aus Madrid zufolge ist in Ferro! eine Fischerbarke gestrandet. Die Besatzung, bestehend aus 10 Mann, gilt als verloren. ES herrscht heftiger Sturm. Man hegt Besorgnis sür die Schiffahrt. Die vulkanischen Ausbrüche in Teneriffa haben, wie von dort gemeldet wird, aufgehört. Die Gendarmerieposten sind zurückgezogen worden. Die Bevölkerung nimmt wieder ihre Tätigkeit auf. Lese- und TiStutterklub.Tüdoft". Heute abend 8h, Uhr Sitzung bei Neidbardt, Görlitzcr Str. 88. Gäste willkommen, Sozialdemokratischer Lese, und Diskutierflud„Heinrich Hclnc*. Heute abend 81/, Uhr Sitzung bei Bolze, Rodcnbergstratze 8. Käste willkommen. Sozialdemokratischer Lese, und DiSkntierklnb„Karl Marx«. Heute Sitzung bei Hummel, Sophienstraße 8. Gäste willlommen. Lese- und DiSkutierklub Baumschutcnweg. Heute abend pünlnich 9 Nkir Im Lokale von Görgens, Baumschulenstraße 27, Sitzung. Vortrag. Gäste haben Zutritt. Amtlicher Marktbericht der städtischen Marktballeu-Direktion öder den Grohbandel m den Zentral-MarttKallen, Marktlage: Fleisch: Zusubr genügend, Keschüit flau, Preise unverändert. Wild: Zufuhr ge- nügend, Geschöst schleppend, Preise nachgebend. Geflügel: Zusubr über Bedarf, Geichäsl still, Preise nachgebend. Fische: Zusuhr ziemlich genügend, Geschäst zienilich lebhaft, Preue wenig verändert. Butter und K a s c: Geschäft ruhig, Preise unverändert. Gcmü>e,Obsrund Südfrüchte: Zufuhr reichlich, besonders in Gemüse, Geschäft still, Preise gedrückt. WagerftandS-Nachrtchtc« der Landes anüalt sür Gemäss erkunde, mitgeteilt vom Berliner Wctterburcau. 0+ bedeute! Wuchl.—!>oll. ff treiben, ff Grundeisgang. ff Eisfrei. Unterp-gel. ff Eisstand, ff Eis- Ausverkauf in fertiger Herren- und Knaben-Kleidung enorm unter Preis wegen Filial-Aufgabe Oranien-Strasse 48 I Posten Damen- Jacken, Mäntel, Röcke und Blusen aussergewötinlick billig. Ausverkauf nur Oranienstr. Ecke LucKauerstr am Moritzolatz. «ANi CINOCNJTAEOT Dreiltopfeii 4a6 W eihnachtsf est empfehlen wir als Prämie für die Leser des„Vorwftrts Verlangen' Sie gntif flüssige Metall-Poütur machen das schmutzigste Metall spiegelblank in Flaschen von 10 bis 50 Pf. UeberaN zu haben. lubszynski& Co., BF. RLIH NO. Künstlerische Wandbilder. .Barometer. J JnhalfcGrainaphone' iMusikund Sprech-. lAimanileJlücher.'* Zieh-Harmomkas. In drei eleganten Leinenbänden geb. (ca. 2800 Saiten umfassend) Uebersetzt von A. W. v. Sohlegel and L. 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Jnni dieses Jahres kurz nach 7 Uhr abends mußte der Vorortzug 2640 kurz vor der Einfahrt zum Bahnhof Alexanderplatz hallen, da das Einfahrtssignal auf.Halt' stand. Infolge des 2V,- Minuten» Verkehrs folgte dicht, hinter diesem Zuge der von dem Bahnhof Jannowitzbrücke kommende von dem Angeklagte» Martin geführte Südringzug 2621. Wie die Anklage behauptet, soll M. das a» der Magaziustraße stehende Vorsignal,'welches auf.Halt' stand, über- fahren haben. Da sich kurz vor dem Bahnhof Alcxanderplatz eine starke Kurve befindet, so konnte Martin den vor ihm haltenden Vorortzug erst im letzten Augenblick, als es bereits zu spät war. sehen. Er setzte zwar sofort die Bremsen lu Tätigkeit und gab Gegendanipf, konnte es aber trotzdem nicht mehr verhindern, daß er mit seinem Zuge mit einem weithin tönenden Krach auf den Vorortzug auffuhr. Die Puffer der Lokoinouve und des Wagens zerbrachen wie GlaS, das Bodeugestell der Lokomotive schob sich unter den Wagen und hob ihn in die Höhe. Der Fahrgäste der beiden Züge bemächtigte sich eine ungeheuere Verwirrung. und in der ersten Aufregung liefen inehrere Personen auf die Gleise der Schwere des Unglücksfalles und der des Zusanunenprallcs erlitten glücklicherweise souen leichtere Kontusionen, die ärztliche und Stelle nicht notwendig machten. Da sich hinaus. Trotz kolossalen Wucht nur acht Per- Hilfe an Ort der Zusammenstoß gerade um die Zeit des Geschäftsschlusses ereignet halle, war die durch ihn hervorgerufene Verkehrsstörung eine besonders große. Infolge der Materialtrünimer mußten beide Stadibahngleise außer Verkehr gesetzt werden und konnten erst gegen 10 Uhr wieder in Betrieb genommen werden. Die' Anklage erblickt eine Fahrlässigkeit des Angeklagten darin. daß dieser entgegen der Dienstinstruklion nicht an dem aus .Halt' st ehe il de»Vorsignal den Zug zum Stehen gebracht, sondern dieses in vollem Tempo überfahren hatte. Vor Eintritt in die Verhandlung gibt Rechtsanwalt Dr. Puppe die Erllärung ab, daß er den als Sachverständigen geladenen Regicrungsbaumeister Stöcke! wegen der B e s o r g n i s der Befangenheit als Sachverständigen ablehnen müsse, da dieser nicht nur der direkte Vorgesetzte des An- geklagten sei, sondern auch als Zeuge die Behauptung aufgestellt habe, daß Martin an jenem Tage nach Alkohol gerochen habe. Der Ablehmnigsgrund. erledigte sich dadurch, daß mehrere Zeugen, insbesondere der RegicrnngSbnurat Stiller ihn wider- legen. Das Gericht lehnte den Amrag a b. In seiner Vernehmung machte der A n g e k la g te folgende Angaben: Er bestreite ganz ent- schieden, sich nach irgend einer Richtung hin einer Fahrlässigkeit schuldig gemacht zu haben. Das Vorsignal, welches auf.Halt' gestanden habe, habe er allerdings überfahren. Dies fei allgemein üblich geworden, da ein Lokomotivführer, der an dem Vorsignal .Halt' machen würde, unter keinen Umständen seine Fahrzeit ein- halten könne. Es komme auf der Stadtbahn auf jede Sekunde an. Das Hanptsignal habe er nicht sehen können, da dieses durch den Rauch eines anderen ZugcS völlig verdeckt gewesen sei. Erst im letzten Augenblick habe er gesehen, daß diese» Signal auf „Hall' stand. ES sei da aber schon zu spät gewesen.— Der Vorsitzende macht den Angeklagten darauf aufmerksam, daß von anderen Zeugen bekundet worden sei, daß das Hauptsignal völlig frei sichtbar gewesen war. Außerdem habe der dort postierte Block- Wärter Hornsignale gegeben, auf welche der Angeklagte hätte auf- merksam werden müssen.— Der Angeklagte behauptet dagegen, daß eS bei dem Lärm auf der Lokomotive unmöglich sei, ein Hornsignal, vor allen Dingen bei dem Straßenlärm in der Nähe des Alexaüder- Platzes zu hören. Die Beweisaufnahme verlief sich zumeist in der Erörterung bahntechuischcr Fragen, die allgemeines Interesse nicht besaßen. Der Bahnwärter Lange bekundete u. a., daß nach seiner Beobachtung das Hauptsignal nicht vom Rauch verdeckt gewesen ivar. Auf einem anderen Gleise sei allerdings gerade ein anderer Zug vorübcrgefahren. Der Heizer, welcher sich aus der Lokomotive de« Angeklagten als Heizer befunden hatte, bekundete, daß er Horn-WarnungSsignale nicht gehört habe.— Mehrere Zeugen werden über die bei dem Augeklagten seinerzeit angeblich vorhanden gewesene Anssetrnnkenbeit vernommen. Der Zeuge Geheimrat WambSganS bekundete, daß er in einem Gespräch nach dem Unfall einen deutlichen Alkoholgcruch wahrgenonnnen habe. Den Eindruck eines Angetrunkenen habe Marlin jedoch nicht gemacht. Geheimrat Stiller erklärte dagegen, daß ihm� ein Alkoholgeruch trotz sorgfältiger Kontrolle nicht auf- gefallen sei.— Die Sachverständigen sprachen sich fast überein- stimmend in einem für den Angeklagten ungünstigen Sinne aus.— Da» Gericht fällte in später Nachmittagsstunde daS Urteil, welches auf eine Geldstrafe von 200 Mark lautete. Molden wider Riffen. Der Konflikt, in welchen der ehemalige Redakteur de? Organs der Bühnengcnvssenschaft Herwarth Waiden mit dem Präsidenten der Bühnengenossenschaft Hermann Nissen geraten, batte einen Bcleidigungsprozeß gezeitigt. Die im Februar plötzlich erfolgte Ent- lassung de» Herrn Waiden auS seiner Stellung wurde von diesem als völlig ungerechtfertigt bezeichnet und erregte in den Kreisen der Bühnenkünstler großes Aufsehen. In einer Geheimversammlung der Delegierten der Genoffenschaft wünschten die Delegierten die Gründe zu erfahren, die zu der Entlassung geführt halten. Herm. Nissen setzte diese Gründe des längeren auseinander, erklärte die Kasienführung als eine inkorrekte und führte einzelne Spezialfälle in einer Weise vor, von der inehrere Zuhörer dcu Eindruck hatten, daß Herr» Hcrwarth Waiden der Vorwurf der Unterschlagung gemacht werden sollte. Daraufhin strengte der letztere die Beleidigungsklage gegen den Präsidenten Niffen an. Das Schöffengericht billigte, wie unseren Lesern erinnerlich, dem Angellagten aber den Schutz des tz 193 deö ReichSstrafgesetzbucheS(Wahrung berechtigter Interessen) zu und erkannte auf Freisprechung. Hiergegen legte der Privatkläger Berufung ein, die gestern die 3. Slrafkamnier deö Land- gerichts II beschäfligte. Nach Vernehmung einiger Zeugen, die zum Wahrheitsbeweise geladen waren, erkannte das Gericht auf Verwerfung d e r B e r u f u n g. Das Gericht hielt durch die AuS- sagen der vernommenen Zeugen für dargetau, daß sich Herr Walde n einer Unterschlagung nicht schuldig gemacht habe. Dieser Vorwurf sei geradezu widerlegt. Dagegen lasse sich nicht leugnen, daß das Kassabuch durchaus inkorrekt geführt sei und daß eS nicht nur das Recht, sondern die Pflicht des Angeklagten in seiner Eigenschaft als Präsident der Bühnengenossenschaft gewesen sei, den Delegierten darüber Bericht zu erstatten. ES sei ihm auch zuzugeben, daß er zu der Zeit, als er referierte, der irrigen Meinung habe sein können, daß eS sich um eine Unterschlagung handelte. Dem Angeklagten sei deshalb der Schutz des§ 193 in vollstem Um» ränge zuzubilligen. Die Kosten des Verfahrens wurden dein Privat- kläger auferlegt. Ztziir den Jnvatt der Zuteraee üderiiiiiimt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. UKearer. Mittwoch, 1. Dezember. Ansang T'/i Uhr. Känigl. OvernliauS. Siegfried. (Änsana 7 Uhr.) Köuigl. Schauspielhaus. Die Braut von Mcssina. Teuisches. Ein Sommernacht?. träum. K a m ni e r s p i« l e. Der Arzt am Scheideweg.(Ansang 8 Uhr.) Rene» Schauspieldaus. Ihr letzter Brief. Nachm. 3 Uhr: Maria Stuart. .Miintig» Übt Neues köuigl. Opern-Theater. Geschloffen. Lessing, TantrIS der Narr. Reues Operetten. Miß Dudelsack. Verliuer. Hohe Politik. Trimio». Buridans Esel. »omische Oper. Der polnische Jude. Neues. Herbst Der Unbelarmte. Kleines. Moral. Residenz. Grelchen. Hebbel. Der Skandal. Schiller«>.feuuncr• Xbcatti.) Miß HobbS. Sri:. Eliar. ottenburg. Wallen- stein» Lager. Die Piccoloniint. Fri erich< tvtlbrlmbadi. Schau» spielhmis. Der Bibliothekar. Wcsie». Die geichiedcue Frau. Nachm. 4 Uhr: Der Swiuvwelpeter. Thalia. Die ewige Lampe. Rachm 4 Uhr: Max und Moritz. Luisen. Die GeierwaUh. Bolkoopcr. Rigoletto.(Ansang 8-/, Udr.) Roie Maria Stuart. Lulispielhaus. Der dunkle Punkt. Wi et». Halloh l I— Di« große Revne. golies Eaprice. Sicher ist sicher. Bunter Teil. Der Mann meiner Frau.(Aus. 8',, Uhr.) Slp Spezialitäten. Sviiitergorie». Svezialiläten. Easino. Onkel Eohn. Gebr. Herruseld. So muß man'» machen. Ein RettungSmlttel. Karl Habe. land. Svezialiläten. BsalliaUa. öoeznillläie». Gastspiel. Der HüNcnbcfltzer. Po»gr. Der sütze Doktor. Spezla« litätcn Noacks. DaS DarenhauSsräulein. (Ansang SV, Uhr.) Palalt. Tie neue Herrin. Tasl? Spezialitäten. ReiriiS-nbeu. Slettiner Sänger. Uro: ia. T»>>»>-»»> wissenschastllchen Theater: Abends 8 Uhr: In den Dolo» milcn. Nachmittags 4 Uhr: Trauerspiele im Ticrleben. Im Hörsaale: Abends 8 Uhr: Pros. Dr Nathgeu: Phosphor, Arsen, Aullmon. Steruiaurte,«Jiivalidetiltr. 47— 82. Neues Theater. Abends 8 Uhr: t- Der Diikainle. Morgen u. folgende Tage: Herbst. T crll übe kannte._ Wiu-H Opcrpttcn-Thoater. Schiffbauerdamm 25, a. d. Luisenstr. Abends 8 Uhr: lklitj Idntlvl�avk. Operelte in 3 Akten von Rudols Nelson. fsikljfivtt-MIttölmztSMlZttö! Schauspielhaus. Mittwoch, 1. Dezember, Ansang 8 Uhr: Der Bibliothekar. Schwank in 4 Akten v. G. o. Moser. Donnerstag: FlachSmann als Erzieher. Freitag: Der Bibiloihekar. Sonnabend, nachm. 3'/, Uhr Nibelungen I und II. Teil. Die Liisispielhaus. NbcudS 8 Uhr: Der dunkle Punkt. Voüls-gper. W., Belle-AMauce-Slraße Nr. 7/8. Abends•/,9 Uhr: „Rigoletto". Residenz Theater Direktion: Richard Alexander. Abends 6 Uhr: Groteske in 3 Akten von Davis und Liplchütz. Sonnabend, den 4. Dezember, zum ersttnmal: Ii» Taubenschlag. Seil III er- Schlller-Theater 0. sWallner-Tbealer.j Mittwoch, abend« 8 Uhr: MI» Ifobbs. Lustspiel in 4 Auszügen von Strome $1. Jerome. Deutsch von W. Wolters. Ende lOV, Uhr. Donnerstag o r> e n d» 8 U h r: Hiß liobba. F re i t a a a o e n a s 8 Übt Da« Ii Uthchen v. Heilbronn Theater. Schiller-Theater Chartattenburg. Mittwoch, abend» 8 Udr: WaIIerieteI»z Lager. Die Piccoiomini. Schaiilmel i» 5 Auszügen von Friedlich Schiller. Ende 11 Uhr. Donnerstag, abendsßllhr! Wallenstclna Tod. Freitag abend» it Uhr: Die Ehre. Urania. Wissenschaftliches Theater. Nachmittags 4 Uhr: Trauerspiele im Tiorleben. Abends 8 Uhr: In den Dolomiten. Hörsaal 8 Uhr: Prof. Dr. Ratbgen: Phosphor, Arsen, Antimon. Metropol-Theater Htilloü! Die groüe Revue! In 8 Bildern von Jul. Freund. Musik v. Paul Linoke. In Szene gesetzt vom Dir. Rieh. Schnitz. Anfang 8 Uhr. Rauchen gestaltet. Keilte kremiere! Otto Reutter I.esHlnjs-Theater. Mittwoch. 8 Uhr: Tai, triSd. Narr. Donnerstag: Vor Sonnen- aufgaug. Frellag: TautriS der Narr. berliner Tlieatei*. iZ: Jtohc Politik. Morgen; Hohe Politik._ Thealer des Vestens. Heule, nachm. 4 Uhr: Struwwelpeter 8 Uhr: Die geschiedene Fra». Sonntag 3','. Uhr: Litt WiUertrauffl. OSE=THEATE ttirojjf Frankfurter Str 132 Aui.8 Uhr Ende geg. Ii U. ! Maria Stuart. Traaerspiel in 5 Akt. B. F v Schiller. Donnerstag! Michael KohlhaaA_ Luisen-Theater. Abends 8 Uhr- 8"Ättt Pif Kem-My. Schauspiel in S Akten und einem Vorspiel von Wilhelmine Hillern. Donnerstag: Heimat. Freitag: Gib mich srei. S oiiitabttid, 4 Uhr: Große Kinder- Vorst.: Goldhärchen« Himmelfahrt. 10 Minteressante Sehüts. 10 Gastspiel-Theater. Heute und folg ende Tage 8 Uhr: Der Hütteubesitzer- Sonntag nachmittag 3'/, Uhr: Kleine Preise. W. ftoaeks Theater Srnniiennr 18, am Rosenthaler Tor. Zum letzten Male: Abend» 8'/, Uhr: Die drille. Ländliches Eharaktergemälde in 5 Akt. DomierStag: Der Veiichenkreeser. Sonnabend: Gastspiel Käte Wille- Bach: Butchlisl oder: Im Edelgrund und tiefem Wald. -n m Demus. »MMU Kommandanlenstr. 57. T. A. 4, 5033. Sek größte Pjerriifeld- erfolg! „So muß mau's machen" Burleske mit Gelang in zwei Akten, Musik von L. fttnl. mit den Autoren Ztnton imd Tonat Herrufrtd in den Hauptrollen.— Hierzu: Lin NLettunxsmZttel Komödie in 1 Akt von Ludwig Huna. Ansang 8 Uhr. Vorverkauf 11—2 Uhr Theaterkasse. Folios Caprice. iilnfang 8'/. Uhr. Sicher ist sicher. Neuer bunter Teil. ver%m meiner 3ran.| 8 Uhr Das Progr. d. Novitäten I 8 Uhr �KossBlJaraesCreat'ÄÄ Musiker, Rodetfahrar, Mimiker, Dresseur, Radfahrer, Rollschuhläufer. 9. In Prcmirre! 9.15 Prinz Pinne. Burleske in 3 Bildern von Henry Bender und Mai Reichardt, Musik von Artur Steinke. Hanpt' rolle Aenrzz 3knüsr. PassagePaaesililiaffi. Iloilto 8eaegal ia KeM! KLtzwUäs Reiher V V Männer, Kinder. Drei Negerdörfer Die Traummalerin. fiemliußeieiie lies Königs Äp. Gehelmnisse der Wassertiefe. Plastische Rlosendicramen. 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BorzngSkartr« überall zu habeu. Den p. t. größeren Vereinen zur Kenntnis, daß durchZufall der l. Weih. nachtssciertag zur Abhaltung einer Matinee ft-eigcworden ist. Refleklantcn wellen sich umgehend melden.— Des- gleichen vmvsehlen wir unser Theater (bis 5666 Pcrf. saff.) zur Abbaitung gi öß. Vcriamniluiigcn und Matinccs. Kön igntnd t- Kasino. Hoizmarktilraße 72. Täglich: Konzert, Theater- und Spezialitäten- Vorstellung mit Franz Sobanekl. Olga Loy, Musik. Komödianten Carmanelll Kurl Werther, EmmyGaiotti, Rockawsky- Duo Gust. Burg Truppo Juhaez (4 Personen, 1 Foxterrier) u(tu Prinz Wendelin, KciangSp. v. Klein iZfrkus Busch. Heute Mittwoch, den I. Dezember, abends?>/, Uhr präzise: Gala-Premiere-Äbend Die groBartigen Debüts 1 1 1 Familie Alb. Jungmaiui Drahtseil. Debüt! Debüt! Debüt! Rolterfainliio ProHerpl! Debüt! DebUt I Debüt I des amerlkan Clowns Kerslake mit 5 dressierten Schweinen I Ferner: Herr Burkhardt-Footlit, Schulreiter.— Herr Ernst Schumann, Koudressuren, usw. 9',. 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Morgen DonncrStag: Boltmaniis Dordl Sänger --- wtd Tanzkränzcheu. vcgiim Sonntags S, wochentags 8 Uhr. lMM's'' SM ffsorikpisit knl 8 Uhr Pik piviiiniiitiljc Fiilflkii-Fiiiliilit „SilonesaeJaglo" in ihren gehoiranisvollen Kunst«! sowie das iflänzende SpcaialltUtcn- S'i 0«» arnrn. esse (älteste u. grSBte) »,»» KONZERT. Eröffnung: Wochentags 5 Uhr, Sonntags 3 Uhr. Entree SoimlagSA), wochentags 10 Pf. Karl Haverland Anfang Theater präz. 8 U, 77/79 Kommandantenstratze 77/79. O neue erstklassige-g 4» K» Special it Ilten. Schlager auf Schlager! findcu nicht statt cmil AliSnadme der Brrgoldkrvcrsammlun«». Freitag, den S. Dezember, abends 8 Uhr: :: Kombinierte Versammlung:: der Kovtroll- Kommisflou mit der Ortsvcrnmltung im««vvrksvdsttsliansv. Montag, den«. Dezember, abends 8'/, Uhr: Vertrauensmänner- Versammlung sämtlicher Branchen nnd Bezirke » i bei Freyer, Koppenstr. 89.------ Donnerstag, de« 9. Dezember: Mitglieder- Versammlungen in den Bezirken und Branchen. JDte Ortsverwaltnne« Verband»«, Isolierer, Steinholzleger und verwandten Berufsgenossen Deutschlands. ------------------- Ortsvcreln Berlin(Isolierer).------------------ Achtung! Isolierer! Achtung t idonaerstag, den S Dezember, abends S'/, Uhr, bei FrelNelt, Dragonerstr. IS: ü AuBerorWiclie Mitgliederversammlung:: TageS-Ordnung: I,»Unser Streik". 2. BerbansZangelegcnhelten. - ES ist Pflicht eweS jeden Kollegen, zu erscheinen. Ber Vorstand. R. Beckmann. tSCff Iii «rbritSnachweiS: BerwaltniigSitelle Berlin. Hnnprbureau- Hos l. Amt 3. 1239. CharitestraSe 3. Hos III. Amt 3. 1987. Achtung! Schlosser! Achtung! Donnerstag, den 2. Dezember 1909, abends SVa Uhr: Versammlung der Schlosser in den Andreas-Festsäle», Andreasstratze 21. TageS-OrdNung: i. Vortrag de» Genossen Stadtverordneten sk. Koblenzer über: „Die nene Beledsverslolieruii/rsoi-dnnna��, 2. Ausstellung der Delegierten zur Onskraulenkasse der Schlosser. 126/11 AM- Pflicht eines jeden Kollegen ist eS, zu erscheinen. voll IM im Bnrean nnd bei den Die Lrtsverwaltung. a 00 Pf. find erschienen Kassierern zu haben. und OasimiM» und vollkommtniM■•IbattRtlda Waschmittel «oo Weder orrtmichier, ccradeiu wunderbarer Waten» od Bietehkrafi. WRsctal dia Wische von selbst Is tinriertd bla tlnhalbttündigtm Kochen, macht ai« rein nnd Mendend weiss, frisch und duftig wie von der Sonne ««bleicht I Reiben, Barsten, Wsschbrett, selbst Seile und Soda sind entbehrlich, dsher gsna enorme Ersparnis an Zeit. Arbeit und Celd. Csranlicn unscbadUcb bei Jeglicher Anwendung. Pekei» ä 3$ und 6S Pfg Verbessertes. Im Gebrauch btlli«stes. unerreichtes Seitenpulver. Garantiert unschädlich Kein Zusala tob Seif« und Soda erfordetlich I Erieichtect bedeutend das Wsechen, da oor leichtes Nachreiben rnii Hand oder Maschine nOlfg. Die Wtache wird achneeweite und cihait den irischen Geruch der Rasenbleiche. 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SNslen bei Döring, Brltzcr Straße 32. SUtlTS'estQn bei Habel. Bergmannltraße 5—7. Westen bei Wiemers. Bülowstraße 58. Bondlt bei Start. Waldstraße 3. Oranionburger Vorstadt in den Borussta» Sälen, Ackerflraße 6/7. Wedding bei Hossmau», Pasewaller Straße 3. Charlottenburg im„VolkShauZ", Rosinen- straße 3. Rixdorf bei Wolf. Kirchhofstraße 41. Lichtenberg bei Pickcnhageu, Scharnweber- straße 60. Friedrichsfelde bei Sommerfeld, Miquel- straße 70. Schöneberg bei Großer, Meininger Straße 8. Mahlsdorf bei Müller, Berliner Chaussee 20. Adlersbof bei Baschin, Metzer Straße 1. Friedrichshagen bei Lerche, �riedrichstr. 112. Mariendorf bei Löweuhage», Chausseestr. 27. Marienfelde bei Berger, Berliner Str. 114. Friedenau bei Schönefeld, Rhcinstraße 31. Lankwitz bei Schulz, Mühleiistraße 21.« Steglitz bei Rohmanu, Schloßstraße 1l7. Gr.-Lichterfelde im„Kaiserhof", Am Kranold- platz 1. Zehlendorf bei Miikley, Potsdamer Str. 25. Wilmersdorf bei Käsler, Lauenburgcr Straße 21. Weistensee bei Roßkopf, Königchaussee 33. Tegel bei Kienzler, Schlieperstraße 64. Tenipelhof bei Müller, Berliner Straße 41. Pankow bei Clemen, Wollankstraße 122. Reinickendorf bei Anders, Hauptstraße 51. Sektion der Putzer. „Armlnhallen", Kommandanteiistr. 58/59(grosser Saal) t 1. Delcgiertenwahl zum Verbandstag. 2. Bortrag des Arbeitersekretärs Genossen Ritter über:„Genossenschaftswesen". 3. Verschiedenes. Lektion der Gips- und Zementbranche. „Gewerkschaftsbans'S Engelufer 15(großer Saal). Sektion der Fliesenleger. „Gewerfeschaftsbans", Engelufer 15(Saal 10). Mitgliedsbuch legitimiert, ohne dasselbe kein Zutritt, sas Jltt JutiptttiiismitBaiib. den «lenlkhen Reichstag Berlin. Die Befürchtungen, die wir anläß'ich der Kaffeerollerhöhung übet deren Wirlcubgen ausgeiprochcn haben, die aber als übertrieben de» zeichnet wurden, find weit übertreffen worden. Air müllen heute folgendes feftftcllen; I. Der Kaffeehandel, einer der bedeutendften Zweige des gefamten deutfeben Randeis, ift auf das fcbwerlte geschädigt worden. Der Konsum geht ständig zurüdi, was um fo begreiflicher erscheint, als die ITiarkipieite für Rohkaffee infolge fchlcchter Grnte-Husficbtep im Steigen begriffen find. 2. Bei dieler Sachlage ift es für den Kaffeehandel unmöglich geworden, den Betrag de» erhöhten Zolles in der ganzen Röhe auf den Kun» fumenten abzuwälzen, geschweige denn, daß er aus der Zollerhöhung hatte Dützen ziehen können, wie hier und da wahrheitswidrig behauptet worden ist. Datsache ilt, daß der Röfter einen Ceil des Zolles trä3t, der nunmehr ST'/a PfS- für ein einzges Pfund gebrannten Kaffees beträgt, notabene ungefähr soviel, als ein Pfund Roh-Kaffec kostet. Wer hierdurch getroffen wird, das ift vor allem ein Ceil des TTiittelftandes, der inf. Ige der Valonfation und vieler anderen ilmitände schon feit Jahren Rot leidet. 3. Unter dem Schutze der Reichsgefetzgebung bleiben nicht nur Erzeugnisse, die als Konkurrenz-Produkte auftreten, fteuerfrei, vielmehr gc» Hattet ihnen auch noch die Reichsgesetzgebung, die Bezeichnung „Kaffee" zu führen. So wird denn mit Srfolg für geröstete Möhren, Datteln, Getreide- und andere Produkte alias„Kaffee" die Werbe» trommel gefcb'agen. namentlich einzelne dieser„Kaffee-Fabrikanten" tun lieh in dieser Beziehung hervor. Mit Aufwand von Millionen wird dem Publikum pfeudowifienichafiiicb suggeriert, daß der Kaffeegenuß gelundheitslcbädlich fei. Gs wird dem Publikum vor Augen geführt, daß es bedeutende Grlparnifie erziele, wenn es die angepriesenen logen.„Kaf ees" an Stelle wirklichen Kaffees kontumiere, für den es tatsächlich keinen Grlatz gibt. Obgleich der geiunde Menschenverstand sich(agen müßte, daß, wer solche Unsummen, wie es geschieht, für Reklame ausgibt, leine Ware nicht billig hergeben kann, läßt sich das Publikum gewiifermaßen Steine für Brot geben. Dasselbe läßt lieh auch darüber täuschen, daß die angepriesenen Surrogate,(o z. B. Malzkaffee, abgesehen von der Unvergleichbarkeit mit dem Kaffee, bei weitem nicht die Grgiebigkeit dieses Raturproduktes besitzen und daß sonach die behauptete Sparsamkeits-fflöglichkeit nicht besteht. So bedarf man für den Aufguß einer Calfe Kaffee 3 Gramm, während von den Surrogaten das zwei- bis dreifache Quantum erforderlich ilt Gin umiangreiebes Material haben wir der Reichsregierung vor» gefegt, von der wir erwarten, daß fie ihre Rand dazu reicht, Abhilfe zu schatten. Auch an den hohen deutschen Reichstag richten wir die Bitte, In gleicher Richtung zu wirken. Zuvörderlt aber sprechen wir die Roffnung aus, daß ohne Verzug nach dem Vorgehen anderer Staaten eine gesetzliche Bestimmung getroffen wird, wonach es unterlagt wird, den Surrogaten die Bezeichnung„Kaffee" weiterhin beizulegen. Köln, den 27. November 1909. 181/19 Verein Dcutfcber Kaffee--6roßbändIcr und Rölter C. V. mit dem Sitze in Köln. 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(Ohne GewUir.)(Nachdruck verbotea.) 87 SCJ 403 533 43 M[500] 839 1 325 34 475 5M [1000] 816 977 89 2140 78 849 95 433 631[1000] 88 3085 222 377 929[1000] 67 90 4354[500] 64 479 729 884 907 62 SlSl 79 252 99 382 494 713 60 914 6300 445 809 7015 67 218 863 532(71 916 8208[3000] 457 603 876 9.15 70 8063 347 88 10451 518 48 761 908 43[SOO] 58 11004[560] 81 254 368 496 517[1000] 614 884 929 1S212 343 481[500] 316[lOOO] 56[1000] 75 681 889 911 91 13268 469 560 692[1000] 94 726 892 996 1 4129 466 502 704 82 864 915 18125[1000] 818 438 45 67» 818 16016[1000] 73 :62[1000] 429 564 95 957 1 7041 257 381 645 63 640 76[500] 789 1 8277 614 70 712 24 82 1 9184 23? 516 03 647 20063 118 249 645[500] 82[590] 721 22179 208 548 777[3000] 856 917 2 3243 54 340 85 477 618 3« 95» 24061[1000] 62 463 614[500] 18 25 735[500] 46 81 898 2 5105 34 97 99 SCO[1000] 81 88 472 590 958 2 6075 411 574 27171 316 624 2 8009 279 555 644 70 761 809[ 500] 42 63 29185 248 840 98 404 742 70 856 901 30755 807 86 978 3 1 052 279 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P» 3Qa«i» tt 1(9 U«(( tu Si» fjä Am 29. November verschied nach langen Leiden die Lebensgefährtin unseres verstorbenen Theodor Metzner Marie Metzner 220/19 geb. Büchler im 77. Lebensjahre. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, nachmittags 3 Uhr, von der i. eichenhalle des Friedhofs der Freireligiösen Gemeinde in der Pappelallee statt. Dia Geeilt zahlr nossen werden gebeten, sich recht zahlreich zu beteiligen. Der Vorstand des IV. Wahlkreises. Allen Genossen, Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, dag unsere liebe Mutter und Groß- mutier, die Witwe Marie Metzner geb. BUchler am 29. November nach langem, schwerem Leiden verstorben ist. DteS zeigt tiefbctrübt an Familie SUx. Die Beerdigung findet am Donnerstag, dm 2. Dezember nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Friedhoses der Freireligiösen Gemeinde, Pappel- allee 14/>5, aus statt. 27096 Danksagung* Für die zahlreiche Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unseres guten Vater». sagen wir ollen, den Kollegen sowie der Firma Balder u. Lchneevogel, den Genossen seiner Abteilung vom S. Wahlvercin, dem Metallarbeiter. Verband, den Sängern deS Herrn Neumonn sowie nbs allen Verwandten, Freunden und Bekannten unseren herzlichsten Dank. Bert» Zlinmermann 27016 nebat Kindern. ferW der Fabrikarbeiter Deutseblaods. Verwaltung Gr.-Berlln. Todcs-Zlnzeige. Am Sonntag, den 28. November, verstarb unser langjähriges Mit. glied Karl Kasche Ehre seine», Andenke»! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 1. Dezember, nachmittags 3 Uhr. von der Halle des städtischen Friedhoses, Müllerstrage. Ecke Scestratze, auS statt.«4/18 Die Ortsverwaltung. illpeii Kranken- und Sterbekasse der Metallarbeiter i (E. H. Nr. 29, Hamburg). Filiale Tempelhof. Am 29. Nvveuiber verstarb| unser Mitglied I Verband der Fabrikarbeiter Deutscbiands, Riehard Buehmann. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am I Donnerstag, den 2. Dezember,! nachmittags 4 Uhr, vom Trauer- hause, Tempelhos, Kaiserin- Augusta-Slrage 74, aus aus dem i Gemelndesriedhos i» Tempelhos statt.' Rege Beteiligung erwartet Oie Ortsverwaltung. Berwaltung Groß-Bcrlln. Bezirk Zernsdorf. Nachruf! Am Sonnabend, den 27. No- veinber verstarb unser lang- jähriges Mitglied Ken««!». Ehre seinem Andenken! s 64/19 Oie Ortsverwaltung. Hiermit die traurige Nachricht, i dag meine liebe Frau, rniscre gute Mutter und Tochter j27VOb Winzer geb. liltzke nach schweren Leiden verstorben ist. Die Bcerdigniig findet am Donnerstag, nachmittags 3 Uhr, aus dem Städtische» Friedhos, Gcrschtstr. 32—31 statt. Um stilles Beileid bitten Oie trauernilen Hinterbliebenen. Willi Winzer nebst Kindern. Beerdigungsverein ! Berliner ZimmerleuleJ Am 29. November starb unser j Mitglied, der Zimmerer Fritz Knpre. Danksagung. Allen Freunden und Verwandten sowie dem Zentral-Raucherbund, dem Verein der Zigarrenladeniiihaber von Rixdors und Britz, dem tozialdemo- kratischen Wahlverein(18. Bezirk) und dem Gesangverein. Georgini,»"-Berlin sür die Beteiligung bei der Beerdigung meines lieben Mannes, des Zigarren- bändlerS Sin, Oletziuann, meinen herzlichsten Dank. Frau Witwe Ttehmann. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet am 2. Dezember nachmittags 2'/, Uhr 1 vom Trauerbausc Altonaer Stratze Nr. 21 aus statt. Um reg« Beteiligung ersucht 2708b Der Vorstand. Ich bin von Potsdamer Str. 40 nach W. RIeiststr. 2 (am Nollendorfplatz) verzogen. Sprechst. 4'/,-«. Te>.vl 2909. Prioatklinii(W. Augsburger Str. 68) und Poliklinik(Wilhelmstrahe 105) bleiben unverändert. Dr. RiFred Pinkuss, 131/13 Frauenarzt. Dr. SimmeS Spezial-Arzt* für Haut- und Harnleiden. Priuzenstr. 41, Mt"z, 10—2, 5— 7. Sonntags 10— 12, 2—4. Orcsden-Radebeul,3 Aerzte. Prospekts frei. Zu Winterkuren senr geeignet! 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