Nr-S8S. HbonnemcnfS'Bedingungfii: Womiements- PreiZ pränumerando; Sterteljährl. 330 TOf., mono«. 1,10 Mk,. wSchentNch 28 Pfg, frei ins Haus. imtw Einzelne rer K Pfg, Sonntags» Eingetragen in die Post-Zeitungs» Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Zlusland 3 Marl pro Monat. PostabonnementS nehmen an: Belgren, Dänemark, Rolland, Italien. Luremburg, Portugal, Rmnänien, Schweden und die Schweiz. Aß. Jahrg. Mchklllt»glich IllSkk stlsilUgz. Verlinev Volltsblntk. 91« Tn!erf1ons<6ebüi)r beträgt für die fechsgcspaltene Kololiel« zcile oder deren Raum 50 Pfg., für polltische und gewerlschastliche TereinS- und Versammlnngs-Anzeigen 30 Psg. „Ulclne Rnretgen". das erste ffett- gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- stellcn-Anzelgcn das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Anferate für die nächste Nummer müssen vis SUhr nachmittags indcr Expedition opgegeben werden. Die Expedition ist pis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm-Adresse: „SttliilOilMM Bkrliirt Zentralorgan der rozialdetnokrati leben Partei Deutfcblande. Redahtion: SM. 68, Lindetiatrassc 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1983. Cxoedirion: SM. 68. JUndcnatraaö« 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 19»»» Der Vorentwurf zum neuen Ztrafgeletzbuch. V.*) An Haupt st rasen kennt der Entlvurf außer der Todesstrafe und den F r e i h e i t s st r a f e n den V e r° weis, der in der Erteilung einer Rüge in mündlicher oder schriftlicher Form besteht und der im Unterschiede vom geltenden Rechte auch gegen Erwachsene zulässig sein soll, und die Geldstrafe. Es läßt sich nicht verkennen, daß die Geldstrafe vom Standpunkte moderner bürgerlicher Kriminalpolitik aus ein sehr brauchbares Strafmittel ist. Zwei Hauptforderungen sind jedoch hier zu stellen, um sie annehmbar zu machen: 1. Die Umwandlung der Geldstrafe in Freiheitsstrafe wegen Zahlungsunfähigkeit des Bestraften mutz ausgeschlossen werden. 2. Die Geldstrafe muß nach den Einkommensverhältnissen des Verurteilten bemessen sein. Keine dieser von allen einsichtigen Kriminalisten unter stützten Forderungen wird im Entwürfe erfüllt. Die zweite Forderung wird, wenn mau von dem frommen Wunsche in l) 80, die Vermögensverhältnisse des Verurteilten möchten berücksichtigt werden, absieht, glatt abgelehnt, und zwar mit einer für den Geist der Kommission sehr charakteristischen Motivierung. Die Durchführung der Forderung, so heißt es auf Seite 112 der Begründung, würde volkswirtschaftlich unerwünschte Er- gebnisse mit sich bringen.„So würde beispielsweise in großen Gewerbebetrieben die manchmal schwer ver- m eidliche(I) öftere Wiederholung von Ueber- trctungen gewerbepolizeilicher Vorschriften bei hohem Ei nkonimen desFabrikantenGeld- st rasen zur Folge haben, welche die Fort- setzung des Gewerbes überhaupt bedrohen könnten; jedenfalls aber weder als gerecht noch als billig empfunden werden würden." Es bleibt also dabei, daß die Uebertretung von Arbeiter- s ch u tz b e st i m m u n g e n für den Unternehmer selbst im Falle der„Bestrafung" ein lukratives Geschäft bleiben soll l Dafür wird aber die M i n d e st g e l d st r a f 0 für Vergehen des armen Mannes von drei auf fünf Mark erhöht. Ein charakteristisches Zusammentreffen I Ebenso soll be- stehen bleiben,„daß für die Tat, die der Reiche mit einigen Talern abmacht, der Arme an seinem Körper und an seiner Seele büßen muß."(Professor v. Liszt„Das Verbrechen als sozialpathologische Erscheinung".) In dieser Beziehung sind allerdings einige kleine Verbesserungen im Entwurf ent- halten. So die Bestimmung, daß dem Verurteilten im Urteil eine Zahlungsfrist oder die Befugnis zur Ab- zahlunq in Raten zugebilligt werden kann. Ferner kann der§ 32, der die Tilgung der Geldstrafe durch freie Arbeits- lcistung zuläßt, segensreich wirken. Hier wird es aber viel auf die Durchführung ankommen. Der Erlaß von Ansführungsvorschristen soll aber dem Bundesrat vor- behalten bleiben. Vor allem wird Sorge zu tragen sein, daß eine Schmutzkonkurrenz gegenüber der freien Lohn- arbeit vermieden wird. Die Gefahr ist groß, daß der tz 32 zur Züchtung von Lohndrückern und Streik- blechern benutzt wird. Als Hauptstrafe in einzelnen Fällen und im übrigen als Nebenstrafe kennt der Entwurf ferner das Arbeitshaus, das im geltenden Rechte nur als Nebenstrafe verwandt wird. Es ist und bleibt das„Klassenprivilegium" des Armen wie etwa die Festungshaft dasjenige des Reichen ist. Die Be- gründung freilich weist den Vorwurf, daß die Anwendung des Arbeitshauses ein Akt der Klassenjustiz sei. als„unberechtigt" zurück.(S. 149.) Es soll also als ein Akt wcitausschauender soz.alpvlitischcr Fürsorge betrachtet werden, daß auch künftig- hin der Bettler, Landstreicher und Obdachlose im Arbeitshause über die Herrlichkeiten der kapitalistischen Wirtschaftsordnung nachdenken kann! Außer für die genannten Kategorien und die Prostituierten und Zuhälter, für die bisher schon das Arbeitshaus zulässig war. wird es jetzt auch für gewisse andere Delikte wie Dieb st ahl, Betrug und Kuppelei für zulässig erklärt, falls die strafbare Handlung„auf Lieder- lichkcit oder Arbeitsscheu" zurückzuführen ist. Die angedrohte Dauer des Aufenthaltes im Arbeitshause wird von zwei auf drei Jahre erhöht. Daß bei der heutigen Ge- staltung des Arbeitshauses der Aufenthalt in demselben nicht als Besserungsmittel, sondern nur als grausam und in keinem Verhältnis zur Straftat stehend in höchstem Maße verbitternd wirkt, scheint den Verfassern des Entwurfes gleichgültig zu sein. In Deutschland scheint eS keinen besseren Grund zur Konservierung einer verkehrten Einrichtung zu geben, als daß sich die Entrüstung aller Kulturmenschen gegen sie ivendet. Das beweist die Aufrechterhaltung der Polizei- a u f s i ch t. Zwar der N a ni e ist gefallen. Der neue Ent- wurf kennt keine Polizeiaufsicht wehr- Doch das Institut bleibt trotzdem unversehrt. cS ist in seine Elemente zerlegt. ') Vgl. Nr. 265, 270, 273, 280 deS„Vorwärts". Die Begründung gibt selbst zu(Seite 179), daß fast allgemein darüber geklagt wird, daß die Polizeiaufsicht in Hinsicht auf ihr Ziel nicht viel genützt, dagegen vielen Bestraften die Wiedergewinnung der bürgerlichen Existenz unmöglich gemacht und den Rückfall befördert habe. Mit Recht wird auch darauf hin- gewiesen, daß die Gründe für diese Erfahrungen zu suchen seien erstens in der besonderen polizeilichen Kontrolle, der die unter Polizeiaufsicht Stehenden unterworfen werden und die sich in der Pflicht zu gewissen Meldungen, zur Anzeige- erstattnng usw. und in der öfteren Nachfrage durch Polizei- beamte äußert; zweitens in der zugelassenen polizeilichen Untersagung des Aufenthaltes an bestimmten Orten, die Wohnungs- und Erwerbslosigkeit zur Folge haben kann, und endlich in der unbeschränkten Zulässigkeit der Haussuchungen. Die genannten drei Elemente der bisherigen Polizeiaufsicht werden trotz des allgemeinen Unwillens, der sich besonders an- läßlich der traurigen Lebensgeschichte des durch seinen Genie- streich bcrühnit gewordenen„Hauptmanns von Köpenick" überall äußerte, beibehalten. Die polizeilichen Llontroll- maßregeln bleiben wie bisher der Landespolizei überlassen. Die unbeschränkte Zulässigkeit der Haussuchungen ist für die Fälle der Polizeiaufsicht auch in den neuen Strafprozeß- entwurf übernommen. Und die schlimmste von allen Maß- regeln, die Aufenthaltsbeschränkung, findet sich auch in dem neuen Strafgesetzentivurf Wieder, wenn auch in etwas verklausulierter Form(tz 53 des Entwurfs). Es soll also dabei bleiben, daß der entlassene Strafgefangene, der sich redlich beniüht, sich anständig durchs Leben zu schlagen, wie ein räudiger Hund von Ort zu Ort gehetzt und dadurch mit Gewalt zu einem Feinde der Gesellschaft gemacht werden kann. Außerordentlich einschneidend und durchaus bekämpfenswert ist ferner der§ 57 des Entwurfs. Dieser sieht vor, daß gleich im Strafverfahren auf Blrlangen des Beschädigten neben der Strafe auf Schadenersatz in Höhe bis zu 20 000 M. erkannt werden kann. Jetzt ist die Zuerkcnnung einer der- artigen Buße an den Verletzten nur in Ausnahniesällen zu- lässig. Von dieser vorgeschlagenen Bestimmung kann mit Sicherheit angenommen werden, daß sie benutzt iverdcn wird uni die Kassen unserer Organisationen zu schädigen. DaS vorgeschlagene Verfahren bietet lange nicht die Garantien.eines Zivilprozesscs. Der Geschädigte ist hier, was im Zivilprozeß unmöglich lväre, vereideter Zeuge in eigener Sache. Er schwört in seine eigene Tasche. Das Strafgericht bestimmt schon jetzt in den Schöffensachen, nach dem neuen Strafprozeßentwurf sogar in allen Fällen, selbst- herrlich den Umfang der Beweisaufnahme. Das Strafgericht wird schließlich noch viel leichter als das Zivilgericht zum Tummelplatz politischer Leidenschaften. Alle diese Bedenken lassen den, wie schon erwähnt, politisch sehr verwendbaren § 57 als recht bedenklich erscheinen. Also auch der Abschnitt über die Strafen, der von den bürgerlichen Kriminalisten, auch von denen moderner Schule, wegen seiner vielen scheinbaren Fortschritte sicher sehr gelobt werden wird, ist aufs schärfste zu bekäinpfen. Ist hier doch überall als oberstes Gesetz die richterliche illkür aufgestellt. Was das im Klassenstaate besagen will, bedarf keiner Auseinandersetzung. Besonders gilt dies aber noch von der Bestimmung des tz 83 über die„ b e- sonders leichten Fälle". Bisher ließ es sich bei bestem Willen nicht vermeiden, daß auch hier und da Arbeiter- feinde, gute Ordnungsslützen, in politischen oder gewerkschaft- lichen Dingen mit Strafe belegt werden mußten, weil die Gesetzesparagraphen um des Scheines formaler Ge- rechtigkeit halber nicht umhin können, ihre Strafdrohungen gegen die kämpfenden Arbeiter gleichzeitig auch gegen die Unternehmer zu richten. Es ist bekannt, daß es zum Beispiel nach mancherlei Kämpfen mit der widerstrebenden Staats- anwaltschaft mitunter gelungen ist, auch Unternehmer in den Schlingen des tz 153 der Gewerbeordnung(Beitrittszwang zur Koalition) zu fangen und ihnen zu einer Verurteilung von einigen Tagen Gefängnis,— bei Arbeitern geht's bekanntlich in ähnlichen Fällen gleich nach Monaten,— zu verhelfen. Derlei soll in Zukunft nicht mehr möglich sein. Deshalb be- stimmt tz 83 des Entwurfs: „In besonders leichten Fällen darf das Gericht die Strafe nach freiem Ermessen mildern und. wo dies ausdrücklich zugelassen ist, v 0 n e i 11 e r S t r a f e überhaupt absehen. Ein besonders leichter Fall liegt vor. wenn die rechtswidrigen Folgen der Tat unbedeutend sind und der verbrecherische Wille des TälerS nur gering und nach den Umständen entschuldbar erscheint, so daß die Anwendung der ordentlichen Strafe des Gesetzes eine unbillige Härte enthalten würde." Der Richter des Klassenstaates wird natürlich, wenn ein Unternehmer oder Reaktionär sich in Angelegenheiten mit ge- Werkschaftlichein oder politischem Einschlag vergeht, leicht geneigt sein, anzunehmen, daß ein„besonders leichter Fall" vorliegt, daß die rechtswidrigen Folgen der Tat unbedeutend sind, sowie daß der verbrecherische Wille des Unternehmers oder Reaktionärs nur gering und nach den Umständen ent- schuldbar erscheint. Er wird fast stets in solchen Fällen in der Anwendung der ordentlichen Strafe des Gesetzes eine„un- billige Härte" gegen den königstreucn Mann erblicken und den Fall des tz 83 demgemäß für gegeben halten. Dem kämpfenden Arbeiter hingegen, der sich in den Schlingen des Strafgesetzes fängt, wird diese Wohltat stets versagt bleiben. Das ist kein Vorwurf gegen die richterliche Persönlichkelt, sondern nur die Konstafierung der Tatsache, daß auch der Bourgeois-Richter nicht auS seiner Bourgeoishaut heraus kann. In, Falle des tz 83 kann der Richter in vielen Fällen, z. B. auch bei Hauptgattungen politischer Delikte wie Beleidigung und den Uebertretnngen, von Strafe überhaupt absehen. In sämtlichen Fällen ist er an den angedrohten Strafrahmen nicht gebunden und kann mit der Strafe her- untergehen bis zu einem bloßen Verweise. Die Bestimmung des§ 83, die in einem Staatswesen mit wirklich vom Volke und aus dein Volk freigewäblten Richtern sehr segensreich wirken könnte, würde im Klassen- staate mit Naturnotwendigkeit ein weiteres Glied sein in der Reihe der Ausnahmegesetze gegen die Feinde des heutigen Klassenstaatcs und zugunsten seiner Nutznießer. Ihr reihen sich wie in den folgenden Aufsätzen näher dargetan werden soll, eine Reihe von Bestimmungen des„besonderen Teils" des Entwurfs würdig an. Sine Frechheit. Aus dem Ruhrbecken schreibt man uns: Bekanntlich traten im Laufe der vergangenen Woche die Vertreter der Bergarbeiterverbände zusammen, um einer geplanten Ueberr'umpelung der Ruhr- bergarbeiter durch den Zechenverband vor- zubeugen. Der Zcchcnverband plante nämlich die Ein- führung des Arbeitsnachweises schon mit dem 1. Dezember. Am 30. November sollte durch Anschlag den Belegschaften hiervon— Kenntnis gegeben werden. Es ist selbst- verständlich, daß die Bcrgarbeiterverbände aus dieses frivole Spiel des Zechenverbandcs hin einen Aufruf an die Ruhr- bergleute erließen, sich durch ein solches Uebcrrumpelungs- Manöver nicht zu einer wilden Bewegung hinreißen zu lassen. Der Erfolg dieses Aufrufs war, daß der Zechenverband von dieser Ueberrumpelung Abstand nahm, dafür aber herkam und durch die„Rheinisch-Westfälische Zeitung" mitteilen ließ, daß solche Absichten vom Zechenverbänd niemals verfolgt worden wären! War dem Bergarbcitcrverbande schon von dein Ueberrnmpeliliigsversilch von zuverlässiger Seite auL Mitteilung gemacht worden, so bestätigt sich der Plan der Werksherren auch durch eine Anzahl Schriftstücke, di(* dem Bergarbeitervcrbande in diesen Tagen zuging. So U. a. auch der gedruckte Anschlag für die Belegschaften selbst. Dieser lautet: Bekanntmachung. Am morgigen Tage tritt der Arbeitsnachweis für die Zechen deS rheimsch-westsälischen Jndustricbezirks in Kraft. Zur Durchführung der Arbeitövermiiielung sind an einer größeren Anzahl von Orten Rachweissiellen errichtet. Die für unsere Schachtanlage zuständige Nachweisstelle befindet sich in... Die Belegschaftsmitglieder, welche unsere Zeche verlassen und auf einer anderen dem Zechenverbande angeschlossenen Zeche in Arbeit zu treten wünschen, sind verpflichtet, die oben genannte Nachweisstelle in Anspruch zu nehmen. Dieselbe ist geöffnet, auL« schließlich der Sonn- und gesetzlichen Feiertage, morgens von... bis.... nachmittags von... bis... Uhr. Hm das Belegschastsmit- glied dem zuständigen Werlsbeamten(Bctriebsfübrcr, Stellvertreter) gegenüber die Kündigung ausgesprochen, so wird ihm von jetzt ab ein Küiidigungsschein ausgestellt. Der Arbeitsuchende hat diesen Schein der NachweiSstelle vorzulegen unter Angabe der Zeche, auf der er in Arbeit zu treten wünscht. Werden von dieser Zeche noch Arbeiter seiner Art gewünscht, so wird dem Arbeitsuchenden ein ausgefüllter Arbeitsnachweiöfchein ausgehändigt, auf dem die von ihm gewünschte Zeche bezeichnet ist. Mit diesem Schein hat sich dann der Arbeitsuchende innerhalb zweier Werktage auf dieser Zeche zu melden. Läßt der Arbeiter diese Frist an zwei Werktagen verstreichen, ohne daß er bei der aus dem Schein bezeichneten Zeche um Arbeit nachgefragt hat, so wird die Ausstellung eines neuen Arbeits« nachiveisscheines erforderlich. Wird der Arbeitsuchende an der neuen Zeche zur Arbeit an« genommen, so wird ihm der Nachweisschein abgenommen. Anderen» falls wird der Schein mit Stempel und Unterschrift der Werksbeamten versehen zwecks Erlangung eines für eine andere Zeche gültigen neuen ArbeitsnackweisicheineS zurückgegeben. Erhält der Arbeitsuchende an der Nachweisstelle einen Arbeits» nachweisschein für eine in einem anderen Nachweisbezirk ge« legene Zeche ausgestellt, wird jedoch an dieser Zeche nicht an« genommen, so kann die Ausstellung eines neuen Arbeitsnachweis- fcheines auch durch die für diese Zeche zuständige Nachweisstelle erfolgen, im übrigen aber nur durch die NachweiSstelle, die den ersten Nachweisschein ausgestellt hat und für seine jetzige Zeche zuständig ist. Zeche.................................. (Datum.) (Unterschrift.) In dieser Bekanntmachung wird nicht auf die Folgen eines Kontraktbruches hingewiesen, ebenso wenig darauf, daß ein Arbeiter, der Arbeit erhalten hat und diese binnen z>vci Tagen nicht aufgenommen hat, den Kontrakt- brüchigen gleichgestellt wird. Das könnte zu viel Beunruhi- gung gleich nach Bekanntwerden deS Anschlages hervorrufen. Darum läßt man so etwas sein. Wir wollen nun ablvarten. waS der Zechenverband auf die Veröffentlichung dieses An- schlages zu sagen hat und dann weiter mit ihm reden. Wir wundern uns nur, mit welcher Frechheit heute noch auch durch die Industriellen Dementis in die Welt gesetzt werden. Riclttrltt des italienischen ffiiniiteriuius. ?Cu» Rom meldet ein Telegramm vom 2. Dezember: Nachdem heute vormittag in die Kommission zur Be- ratung der neuen Steuervorschläge der Negierung sieben oppositionelle und zwei ministerielle Abgeordnete gewählt tvorden sind, hat Ministerpräsident G i o l i t t i der Kammer den Rücktritt des Kabinetts angekündigt. Die An- kündigung erfolgte offiziell in der heutigen Kammer- s i tz u n g. Anwesend ist Ministerpräsident Giolitti mit sämtlichen Ministern. Saal und Tribünen sind überfüllt. Unter leb- hafter Aufmerksamkeit des Hauses erklärt Giolitti, an- gesichts der Beschlüsse, welche die Bureaus der Kammer in Sachen der S t c n e r g e s e tz e gefaßt, habe das Ministerium dein König sein Entlassnngsgesuch unterbreitet. Der Sömg habe sich die Entscheidung vorbehalten. Das Ministerium bleibe im Amt, um die öffentliche Ordnung ausrecht zu erhalten und die ordentlichen Geschäfte zu erledigen. Er bitte die 5kanimcr sich zu vertagen. Nachdem der Präsident erklärt hatte, die Kammer nehme die Mitteilungen der Regierung zur Kenntnis, wurde die Sitzung geschlossen. Giolitti war um 2 Uhr nachmittags vom Könige einp- fangen worden. Vor der Sitzung der Kammer hatte im Parlamentsgebände ein Ministerrat stattgefunden. Der Rücktritt kommt nicht ganz unerwartet. Die Stellnug des Ministeriums mutzte schon seit einiger Zeit als kritisch gelten. Die unvermutet eingebrachten Reformen änderten daran nichts. Ja sie »nutzten den Verdacht erwecken, datz der Ministerpräsident seine so unvorgeseheneu Ncsormcn überhaupt nur vorlege, um mit«mein demokratische» Programm zu falle»», da er schon einmal fallen nultzte. Denn, wem» Giolii»» geglaubt habe»» sollte, durch seine Refoxnren eine neue Mehrheit um sich zu scharen, so hätte er dabei in erster Linie die äutzersto Linke und vor allem deren kampftückitigsten Teil, die Sozialisten, im Auge haben müssen; denn datz sich seine kunterbmrte Mehrheit plötzlich für progressive E» n k o n>»n e n st e u e v und B e r m i»»» derung des Profits der Ziickerbaione begeistern würde, konnte er sicher nicht annehmen. Er»nag gemeint haben, datz die Sozialisten den von ihnen selbst geforderten Reformen zu- liebe über die Bergairgenheit des MinisterinmS und die früheren Erfahrungen hinwegsehen würde»». Statt dessen hat die sozialistische ParlamentSfraktion aber sofort erklärt, das in Giolitti verkörperte System Iv e i t e r zu bekämpfen, ungeachtet der einzelnen Reforniperstlche. Bei den Sozialisten hatte sich der Ministerpräsident also einen Korb geholt. Jnzivischcn waren die Interessenten nicht untätig. Da ist zunächst die Herabsetzung der Z n ck e r a b g a b e n. Heute beträgt der Zoll für den Doppelzentner Zucker erster Qualität 99 Lire, die FabrikaUonStaxe 70,10 Lire. Der Entwurf reduziert den Einfuhrzoll auf 60 Lire, die FabrikatioizStaxe auf 35. Was die Opposition der Zuckerfabrikauteu aufstachelte, war der Umstand, datz die Differenz zlvischen Fabrikationstaxe und Einfuhrzoll allmählich ge- ringer werden sollte, sodatz sie am ersten Januar 1913 nur noch 15 Lire betragen hätte. Für eine an eine» Schutz von beinahe 30 Lire pro Doppelzentner gelvohnte Industrie wäre das ein schtverer Schlag gewesen, und die Grobindustriellen nahmen ihn natürlich nicht ruhig hin, sondern setzten sich ganz energisch z»»r Wehr. Allen Zuckernibeiibauern wurde ein Rundschreibeii zugeschickt, in den» die italienische Gesellschaft für Zuckerindustrie. die fast die ganze Produltion in Händen hat, ihren Lieferanten bekannt gab. datz sie, falls das Gesetz durchginge, nach Ablauf der diesjährigen Saison ihre Fabriken schließe n würde. Dles-S Verhalten, das verflucht einer Erpressung ähnlich sieht, zielte natürlich darauf ab, die Landwirte folvie die Arbeiter in den Zuckerfabriken für eine Agitation gegen die Refoni» zu gewinnen. Die Verminderung der Zuckerabgaben ivürde eine»» E i»» n a h m e- «Ulsfall von 40 Millionen mit sich bringen, dessen Deck»»ng d»»rch Erhöhung der Erbschaftssteuer, Erhöhung der Ab- gäbe auf den Besitzttechsel der industriellen Aktien und gewiffer Staatspapiere und durch pro- gressive Einkommensteuer erzielt werden sollte. Die Er- höhuug der Erbschaftssteuer und der beiden anderen neuen Abgaben sollte 15 Millionei», die progressive Einkommensteuer 25 Millionen bringe»». Die Ste»ler setzt nach dem Vorschlag Giolittis bei den Einkommen von über 5000 Lire netto ein und beträgt bis zu 10000 Lire---1 Proz., bis zu 30 000----2 Proz., bis zu 70 000 ---- 3 Proz., bis zu 100 000---- 4, bis zu 200 000---- 5 und darüber hinaus 0 Proz. Auch gegen diese gerechte Steuer begannen die Besitzenden sofort eine lebhafte Agitation. Aicht eigentlich zu den Giolittischen Reformllberraschungen ge- hören die Matznahmen für das Eisenbahnwesen. Hier wird dc»n Personal Gewinnbeteiligung gesichert, und zwar wird das Verhältnis, das die Alisgaben für das Personal gegenüber den Geiainteinnahrnen der Jahre 1907/09 hatten, zugrunde gelegt, un» jede Ersparnis, die innerhalb dieses Verhältnisses gemacht wird,»inter die Angestellten der betreffenden Kategorie zu verteile»». Es soll aber»»»»r die Hälfte bis höchstens drei Viertel der Angestellten bei dieser Verteilung berücksichtigt werden, was ddm Günstliiigssysten» Tür und Tor öffnen würde. Welter werden alle Gehälter unter S000 Lire, die von rund 45 000 Eisenbahnern bezogen werden, um ILO Lire jährlich erhöht. Erhöht wird auch um 30Ccnts täglich der Lohn der 57 000 im Taglohn stehenden Angestellten und um 20 oder 10 Cents der der Streckenwächter. Dafür werden die WohnnngSzuschnsse in Zukunft abgeschafft, aber denen, die sie jetzt beziehen,»veiter gewährt. Um für die aus diesen Reformen erwachsenden Mehrkosten aufzukommen, werden die Tarife für die Warenbiförderung um 3. und die für Personenbeförderimg um 9 Proz. erhöht. Das Zentralkomitee der Eisenbahnergcwerkschaft hat schon zu diesem Enttvurf Stellung ge- liomule» und erklart, datz die heute gewährten Ausbesserungen noch vor einem Jahre vom Ministerium abgewiesen wurden, unter dem Vorwaude, datz sie unberechtigt seien. Weiter hat das Zentral» komitee die Ansicht ausgesprochen, datz die Gehaltsverbesser»>ngen bei besserer Ad»»i»istration auch ohne Tariferhöhnngen möglich wären, Mld datz die Organisation der Eisenbahner nicht aufhören wlirde, die Uebergabe der StaatSbahi»en an eine Genossenschaft des Personals zum kooperativen Betriebe zu fordern. Die Agitation der Interessenten ist, wie das Abstimmungsresultat in den Kam-nerlommissioucn beweist, von vollem Erfolg begleitet gelvesei». Giolitti hat den Kampf gar nicht einmal auf- genommen, sondern sofort vor der Steuerreaktion kapituliert. Seine Flucht erhebt den Verdacht, datz seine Reformvorschläge nur den Zweck hatten, ih>n einen guten Abgang zu schaffen, zur Gewißheit. 0er Kegiim des englischen SshI- Kampfes. Der Protest der Liberale»». Nachdem das Oberhaus dem Volke den Fehdehandschuh hingeworfen, rüsten die Parteien zum Wahlkampfe. Die National Liberal Federation, die liberale Parteiorganisation, veröffentlich! eine Erklärung, in der nochmals die Gründe aufgezählt werden, die gegen das Vorgehen der Lords sprechen. und in der das Volk aufgerufen wird, seine so teuer erkauften Privilegien und Rechte zu verteidigen sowie gegen Schutzzölle und B e st e u e r u»» g d e r N a h r»l n g s ,n i t t e l Schutzmaßregeln zu ergreifen. Die Zeit sei reif, so heißt es weiter, für eine Neuregelung des Verhältnisses zwischen Oberhaus und Unterhaus, und zwar in der Weise, daß die liberaleil Grundsätze nachdrücklich zur Geltung gelangten. Ohne eine Einschränkung des Vetorechts der Lords werde kein liberales Ministerium sich wieder bereit finden lassen, die Regierung zu übernehmen. Die Haltung der Arbeiterpartei. Energischer als die Stellungnahme der Liberalen, die sich mit einer Einschränkung der Befugnisse der Ersten Kammer zu- frieden geben wollen, ist die Haltung der Arbeiterpartei, Die Leitung der Partei faßte einstimmig einen Beschluß, in de»»«S heißt, die Handlungsweise der Lords bedrohe die Freiheiten des Volkes und diese Freiheiten könnten nur durch voll- ständige Abschaffung des Oberhauses gewahrt werden. Die Arbeiterpartei steht jetzt auch vor eincii, schwierigen ivahl- taltischen Problem, vor der Entscheidung, wie sie sich bei den be- vorstehenden Wahlen zur liberalen Partei zu verhalten hat- Bei der Bedeutung dieser Frage ist eS interessant, darüber die Ansichten der sozialistischen Presse zu hören. Die„Justice", das Organ der Sozialdemokratischen Partei, erklärt: «... Wäre es den Liberalen wirklich ernst um einen Kampf »iiit dem Hause der Lords, so würde dies eine Gelegenheit sein, ein Arrangement mit den Liberalen zu treffen. Unsere Aufgabe ist, gegen beide Parteien zu kämpfen: und solange die eine oder die andere Partei zur Regierung gelangen mutz, so ist»mS eine so lieb wie die andere. Wir haben keine Ursache, irgend»ine der Parteien vorzuziehen. Unter diesen Umständen mutz die Wahltaktik unserer Partei oder irgend einer andere» Paktei, die auf die Vertretung der Arbeiterklasse Anspruch macht, voi» ganz anderen Rücksichten geleitet sein als von den Tugenden und Lastern der beiden Parteien.... Wir würden in der Regel überall«inen Kandidaten ausstellen und wir bedauern nur, datz uns die Geldmittel fehlt», in jedem Wahlkreise einen Kampf zu provozieren. Eine derartige Taktik würde die Liberalen zivingen, die Wahlreform zu beschleunige»,. Aber es kann auch eine Frage von großer Bedeutung vorhandeil sein, die eme Abweichung von dieser Regel rechlferlige» würde. Da« war der Fall in, Jahre 1900(während des Burenkrieges), als wir beschlossen, alle Kandidaten, die gegen den Krieg waren, zu unterstütze». Ebenso könnte die gegenwärtige Skrifs ein Uebcreinkominen mit den Liberalen rechtfertigen, wonach keines der liberale» Mandate gefährdet und ein festes Zusammenarbeiten gegen die Lords stattfinden sollte, jedoch nur wenn eS eine» ehrlichen Kampf geben sollte. Allein wir wissen, wir können den Liberalen nicht trauen, datz sie ehrlich kämpfe» werden." In der„Cla.rion" schreibt Grahson unter dem Titel:„Der große AbfallI Zu den Waffen!" Die Anklage aus Abfall richtet sich gegen die Führer der Arbeiterpartei, die— nach GraysonS Ansicht— bereit seien, mit den Liberalen ein Kompromiß abzuschlietzen. Er fordert deshalb die Mitglieder der Unabhängigen Arbeiterpartei auf. sich gegen das Kompromiß zu wenden. Denn— schreibt Grayson weiter—.es ist entmutigend, ja herzbrechend zu sehen, wie die sozialistischen Organisationen im ganze» Lande diesen Abfall mit faulem Stillschweigen betrachten... Aber ich kann nicht stillsitzen, wenn ich sehe, wie die sozialistische Bewegung in das liberale Leihamt gebracht wird, um sie einst, mit Schimmel und Motten bedeckt, wieder herauszuholen, wenn die liberalen Hausierer ihrer nicht mehr bedürfen... Nun sagt man, es handele sich um„die Abschaffung der Lords. um die Verteidigung der Skoustitntion". Aber»vas haben wir mit diesen Dingen zu tun? Wir wolle» Beschäftigung für die Arbeits» losen, Nahrung für die hungernden Kinder, Schutz und Keuschheit für die hilflosen und degradierten Frauen. Die Kapitalisten, die unsere Städte zu Höllen machten, sind liberale Kapitalisten. Die Männer, die sich Ehren kaufen mit dem unreinen Golde, das sie von den Arbeitern geraubt habe», sind liberale Zierden. Die Männer, die unsere Töchter auf die Stratze treiben, um ihre Körper zu verkaufen, sind liberale Ehrenmänner.... Der„Labour Leader" rechnet vorerst mit dem liberalen Whip ab, dessen reaktionäre Eesimmng ihn unfähig mache, Arbeiterpolitii zu verstehen. Dann wird im Artikel gesagt:„Wir setzen voraus, datz kein Mitglied der Partei, sei es sozialistisch oder geiverkschaftlich, den Wunsch hegt, den Etat abgelehnt oder die LordS in dem kommenden Kampf siegreich zu sehen. Jedermann anerkennt die Größe und die weitreichende Bedeutung der Fragen, um die eS sich gegenwärtig handelt. Die LordS werden vor keiner Form von Korruption zurückschrecken; ihb Sieg würde einem Triumph aller Mächte der Finsternis gleichkommen. Wenn nun die Liberalen sich für den Augenblick in der Lage befinden, für das Recht zu kämpfen, so ist dies noch kein Grund für die Arbeiter- Partei, den Kamps aufzllgeben. Wir müssen über die Gegen- tvart hinauSblickei« und zwar in jene nicht allzu ferne Zukunft, wo der liberale Whip und seine Freunde sich mit den Konservativen zum Kampfe gegen den Sozialismus vereinigt haben »Verden. Das ist bereits der Fall bei Gemeindewahlen; früher oder später werden»vir dasselbe bei Parlamentswahlen treffen. „Die Arbeiterpartei ist eine Zni'amnicnsctzung der verschiedenste»» Elemente der Arbeiter- und sozialistischen Bewegung; alle Richtungen sind in ihr vertreten: die»ehr gemäßigten sowohl wie die extremsten. Wird sie den gegenwärtigen Druck aushalten 1 Ohne Zaudern antworten wir: Ja 1 Vorausgesetzt, datz die Selbständigkeit nicht ge- schwächt wird.., „Wir erklären hier im Namen aller, die die Partei wirk- lich vertreten und von ihrem Geist durchdrungen sind, datz irgend ein Handel, ein Einverständnis, ein Uebereinkommen mit den Liberalen oder»nit den Konservativen nicht abgeschlossen werden kann. Denn eine derartige Matznahme würde wie Scheidewasscr auf die Elemente der Partei wirken.... Wir erklärten letzte Woche, die Arbeiterpartei ist sich der Tatsache bewußt, datz der gegenwärtige Moment nicht geeignet sei, eine große Zahl von Kandidaturen auf- zustellen. Aber die Partei wird in jedem Wahlkreise, wo sie sich zur Aufstellung eines Kandidaten berechtigt fühlt, ohne Rücksicht auf andere Parteien kämpfen. Darüber kann gar kein Zweifel obwalten____ Die Arbeiterpartei hat sich kämpfend Bahn gebrochen, und von dieser Taktik kann sie ohne Gefahr nicht abweichen. Ihre Führer wiffen das, und sie werden auf Grund dieser Erkenntnis handeln." Eine neue Erklärung ASqmthS. London, 2. Dezember. In der heutigen Sitzung des Unterhauses teilte Premierminister ASquith mit, daß er dem König geraten habe, das Parlament so bald als möglich aufzulösen und datz der König diesen iiiat angenommen habe. Wenn die Liberalen am Ruder blieben, würde ihre erste Handlung sein, alle in der Finanzbill enthaltenen Steuern mit Wickung von dieser Woche »veiter zu erheben und alle bisherigen Steuereinziehungen für rechtmätzig zu erklären. London, 2. Dezember. Premierminister ASquith erklärte in seiner Rede im Unterhanse: Das Haus sei in eine Lage gekommen, die in der Parlame n tsge schichte ohne Beispiel sei. Als daS Budget das Haus der Gemeinen verließ, habe es in größerem Maße als irgend eine andere Borlage das wohlerwogene Werk der Volksvertreter dargestellt. lBeifall bei den Liberalen.) Im Laufe einer Woche sei das ganze Werk in Grund und Boden getreten worden. Zun» ersten Male in der englischen Geschichte seien die von» Unterhause der Krone für das Jahresbudget gemachten Bewilligungen zunichte gemacht worden durch eine Körperschaft, die anerkannteruiatzen nicht die Macht habe, auch nur eine einzige vom Unterhause bewilligte Steuer abzuändern. Es würde den bisherigen Ueberlieferimgen u n- würdig sein, wenn das Hau» auch nur einen Tag ver- gehenließe, ohne darüber Klarheit zu schaffen, daß eS nicht gesonnen sei, die s ch w e r st e Schmach und die unerhörtesten Uebergriffc, die ihm seit zwei Jahr- Hunderten widerfahren seien, zu ertragen.(Lauter Beifall.) ASquith erklärte die Zumutung für lächerlich, daß die Regierung ein neues Budget einbringen solle, un» eS der Zustimmung oder der Ablehnung der Lords zu uiiterbreitei». Lord LanSdowne und Lord Cawdor hätten gnädig ihre Mitwirkung zugesagt.(Gelächter und Rnfs:„Wir brauchen sie nicht!") Ein Minister, der einen derartigen Vorschlag machen Ivürde, würde nicht fünf Minuten das Ver- trauen der Unterhaus Mitglieder behalten.(Beifall.) Est» solcher Vorschlag ivürde in Wirklichkeit die AneriMinung des Rechts der Peers bedeuten, nicht allein das jährliche Budget des Jahres abzulehnen, sondern es auch abzuändern. Nach der Ansicht der Regierung sei der alleinige Weg, den sie einschlagen könne, ohne daS Gesetz oder die Verfassung zu verletzen, her, dem König anzuraten,, das Parlament so rasch als möglich aufzulösen.(Beifall bei der Regierungspartei.) Der König habe diesen Vorschlag gnädig angenommen und er, Asquith, sei der festen Ueberzeugung, datz das neue Unterhaus noch zu einer Zeil werde zusammentreten können, in der man eS ermöglichen könne, sowohl noch rückwärts wie nach vorwärts für die Bedürfnisse des laufenden Finanzjahres Vorsorge zu treffen. Wenn die Regierung so glücklich sein werde, das Vertrauen des Unterhauses zu genießen, würde ihre erste Handlung sein, alle in de»� Finanzbill enthaltenen Steuern und Abgaben mit Wirkung von dieser Woche ab wieder zu erheben und alle bisherigen Steuer- einziehungen und Zahlungen für rechtmätzig zu erklären. Mittler- weile mögen alle, die ihre Steuern entrichten wollen, diese zu den» genehmigten Satze einzahlen. Nähere Mitteilungen würden un» verzüglich von den betreffenden Ressorts gemacht werden. London, L.Dezember. Die Erklärung des Premier- Ministers ASquith wurde mit 349 gegen 134 Stimmen an- genommen. London, 2. Dezember. Das Parlament wird morgen vertagt werden. Wie verlautet, werden die Neuwahlen zwischen dem 19. «nd 39. Januar stattfinden. politifcbe(leberllckt. Berlin, den 2. Dezember 1909. Eigenartiger Royalismus. Und derKönig absolut, Wenn er unseren Willen tut! Di» Agrarkonservativen sind königstreue Leute, denen ein Königswort über alles gilt— wenn dieses Wort sich mit ihren Spezialinteressen verträgt und ihnen nützt. Im anderen Falle nehmen sie für sich in'Anspruch, royalistischer als der Monarci» zu sein und ein Königoversprecheu für eine höchst»vertwse Gewäb. zu halten, für eine Redensart ohne jede ernste Bedeutung. Zu entscheiden aber, ob sein Wort ernst zu nehmen ist oder nicht, hat nicht etiva der Monarch selbst, sondern die Agrarkonservativen. Infolge ihrer tieferen politischen Einficht und geistige» Ueberlegrn- heit wissen sie natürlich viel besser, was monarchisch ist und dem Ansehen des Monarchen nützt, als dieser selbst. Dementsprechend haben den» auch allein die Agrarkonservativen in Preußen darüber zu befinden, ob der preußische König ein öffentlich gegebenes Ver- sprechen halten soll oder nicht. Der König hat sich einfach der Einsicht seiner„Getreuesten", das heißt der Agrarkonservativen, unterzuordnen. Eine neue Bekundung dieser kuriosen altpreutzisch-konservativen Theorie hat sich vor einigen Tagen die bekannte geistige Größe des Bundes der Landwirte, der Abgeordnete v. Oldenburg-Januschau, geleistet. Nach dem„Geselligen" hat er vor einigen Tagen in einer Rede in Deutsch-Ehlau mit Bezug auf die preußische Wahlreform erklärt: „Die Konservativen vertreten dabei folgenden Standpunkt: Ist der Gedanke für»ncinen König und mein Vaterland gut, dann stimmen wir zu, sonst aber nicht." Weiter meinte er: „Wir lverden die Vorlage prüfen, und wenn wir finden, daß sie, wie in Sachsen, einen breiten sozialistischen Strom herein- fluten lassen und ein Tohuwabohu schassen würde, wnn wir finden, daß sie für unseren König und unser Vaterland nicht gut ist, so werden»vir sie ablehnen. Die Slonservativen werden sie prüfen mit der Loyalität, aber auch mit der Selbständigkeit, mit der sie im ReichSiage getan haben, was sie für gut hielten für Kaiser und Reich." Also nur soweit Herr von Oldenburg königliche Versprechungen für„seinen" König zuträglich hält, stimmt er solchen Ver- sprechungcn zu; sonst agitiert er gegen sie und hält c» mit dem „SimplicissimuS": Oh, Herregott, oh Herregott! Wir bitten Dich, Du starker Horh Um ein gebrock/neS Jürstenwort. Neue Kolonialbahnen. In dem dem Reichstage vorgelegten Nachtragsetat, der eine Ergänzung des fiskalischen BahnnetzcS in Ost- und Südwestafrika fordert, werden die ersten Raten gefordert für die Verlängerung der Umsabarabahn in Ostafrika, die jetzt nur bis zu 174 Kilo- nieten» festgesetzt ist, auf 847 Kilometer, sowie für Südwest- asrika der Bau einer Nordsüdbahn von W i n d h u t nach KeetmanShoop. ferner der Umbau der Linie Karibik— Windhnk. Durch die Fortsetzung der Usambaravahn hofft man daS Kili- mandscharogebiet für Kaffeebau, Sisal-Baumwoll- und Kautschuk- kultur sowie Viehzucht erschließen zu können. Die Kosten sollen einschließlich der IV- Millionen für den Nnsbau des Hafens von Tonga 13«/4 Millionen Mark betragen.— Anspruchsvoller noch sind die Forderungen für Südwestafrika. Die Nord- Südbahn von Windhuk nach Kcetmanshoop soll 523 Kilometer lang sein und 40 Millionen kosten! Dafür verspricht man, datz zwei weitere Kompagnien der Schntztrnppe nach Deutschland zurück- geschickt werden sollen. Ferner soll der Umbau der Linie Karibik- Windhuk 11 Millionen Mark kosten, so datz allein die Lahnbauten für Südwestafrika 51 Millionen Mar! erfordern werden. Davon sollten 34 Millionen auS den ordentlichen Eiimahmen des Schutzgebietes gedeckt werden; der Rest soll durch eine Schutz» gebietSanleihe beschafft werden. Die Verzinsung dieser rest» lichen 17 Millionen soll sicher gestellt werden durch die Ueber» s ch ü s s e, welche die Kolonie aus der gleichfalls g e- forderten Verstaatlichung der Otavi-Minen-Bahn erzielen soll! Eine famose Rechnung I Die Ergiebigkeit der Otadiminen ist eine sehr fragwürdige! Die Kupferminen scheinen zum Teil bereits erschöpft zu sein. ES ist also höchst fragwürdig, ob sich auch nur die 2ö Millionen, die die Regierung für diese Bahn zu zahlen beabsichtigt, überhaupt rentieren werden, geschweige dem» ob auch nur der geringste Ueberschnsz sich ergeben wird! Denn böten die Otaviminen irgendwelche Garantie für eine längere Rentabilität der Bahn, so würde eö der Gesellschaft gar nicht einfallen, ihre Bahn zu verkaufen! Die Ver- zinsung für die 17 Millionen ist also höchst unsicher. Aber auch die Deckung der 34 Millionen auS den o r d e» t- lichen Einnahmen des Schutzgebietes ist noch keineswegs sicher. Und wenn man die Zurückziehung der Truppen als Gegen- geschenk anpreist, so iväre dem gegenüber zu verlangen, daß die Truppen in dem völlig pazifiziertcn Slidwestafrika auch ohne jede Gegruleistung zurückgezogen werdet! müßte n! Unsere südweslafritanischen Rannet werden freilich von der Zurückziehung der Truppen wenig erbaut sein, denn gerade die Anwesenheit einer starke» Echutztruppe nmchte ja den ssarmbetricb bisher noch einigermaßen rentabel. Fällt die Absatzmöglichkeit an diese Truppen fort, so ver- wandelt sich das ja er st durch den großenKrieg Wirt» schaftlich belebte Eüdwestafrika mehr und mehr in eine große Einöde. auS der trotz aller Bahnbauten außer für gründende Börsianer verteufelt wenig heraus- zuholen ist! Die geprellten Eingeborene»». Im zweiten Nachtragsetat für die Schutz- ig e b i e t c werden zur Entschädigung der im südwestafrikanischen Slufftand trcugebliebenen Eingeborenen 100000 M. verlangt. Diese Forderung wird wie folgt begründet: Im Eingeborenenaufstande sind die Bergdamaras und einzelne Hererofainilicn trotz stärlster Drohungen und Ver- lockungen seitens der Aufständischen der deutschen Sache treu geblieben. Bielfach haben sie den deutschen Truppen als Boten. Führer und Viehtreiber wichtige Dienste geleistet. Durch Mord und Raub haben die Aufständischen sich an den Treugebliebenen gerächt. Bei O m a r u r u allein sind mehr als 300 Berg- damaras von den Ausständischen getötet worden. Der Verlust, den die Treugebliebenen an Eigentum, hauptsächlich an Vieh, er- litten haben, ist auf mindestens 600 000 M. zu beziffern. Da- malS ist den Betroffenen das Versprechen gegeben worden, daß sie für die Verluste wenigstens teilweise Entschädigung erhalten würden. Zu diesem Zweck ist durch den Etat für 1907 der Be- trag von 10 000 M. und durch den Nachtrag zum Etat für 1908 der Betrag von 40 000 M. bewilligt und bezahlt worden. Ferner wurde zu diesem Zweck der sogenannte Benteviehsonds in Höhe von 17 610,19 Mi, verwendet. Die bisherige Entschädigung zu etwa ein Zehntel des festgestellten Verlustes erscheint nicht aus- reichend. Es hat sich gezeigt, daß di« BergdamaraS und treugebliebenen HercroS es nicht verstehen und eS als ein schlveres Unrecht empfinden, daß die besiegten Hottentotten Vieh be- kommen haben, während sie, die Treugeblicbene», nur geringe Entschädigung erhalten haben. Aus dieser Empfindung heraus haben sie bereits, wie beobachtet worden ist. begonnen, Ansckstuß an die Hottentotten zu suchen, um. wie wohl mit Sicherheit ver- mutet werden darf, im Gelegenheitsfalle gemeinsam gegen die deutsche Herrschaft aufzutreten. Es ist daher nicht nur ein Gebot der Billigkeit, sondern auch eine politische Notwendigkeit, den treugebliebenen Eingeborenen alsbald ein« weitere billige Eni- schädigung zu etwa zwei Zehnteln ihrer Verluste zukommen zu lassen. Daß sich die Eingeborenen damit zufrieden geben werben, daß ihnen zwei Zehntel de» erlittenen Verlustes ersetzt werden, ist nicht anzunehmen. In der Tat grenzt es an Prellerei, den Leuten für ihre Treue wenigstens teilweise Schadloshaltung zu ver- sprechen und dann die Erfüllung dieses Versprechen? in dem Ersatz von zwei Zehnteln des erlittenen Schadens zu erblicken. Gegen die Pflanzer, die die unerhörtesten Summen als Entschädigung verlangten und teilweise auch erhielten, war man nicht so zu- geknöpft.—_ J»»t Zeichen der Sparsamkeit. Vom Reichstag werden 102 292 M. verlangt zur Instandhaltung deS Dienstgebäudes des ReichSjustizamte». Diese Forderung steht im Zusammenhang mit dem Wechsel im Staätssekretariat und betrifft in der Hauptsache die Dienstwohnung de» neuen Staatssekretärs. Wenn man die Begründung für diese Forderung durchliest, dann könnte man fast annehmen, daß der seitherige Staatssekretär Dr. Ni eberding in Räumen gehaust haben muß, die zum Aufenthalt von Menschen völlig ungeeignet find. Die Lpftheizung wird als gesundheitsschädlich bezeichnet, weshalb sie durch eine Warmwafferheizung ersetzt werden soll. Die Lichtleitungen müssen verlegt werden, weil der jetzige Zustand angeblich feuergefährlich ist. Allem Anscheine nach handelt eS sich um einen völligen Umbau der Wohnung, denn in der Be- gründung wird ausgeführt, daß der neue Staatssekretär Dr. Lisco noch bis 1. April 1910 auf Kosten des Reiche? in seiner seitherigen Rrivatwohnung wohnen bleiben muß. Der geforderte Betrag von »02 292 M. ist so enorm hoch, daß man in der Tat erst genau prüfen sollte, ob Arbeiten in diesem Umfange nötig sind. Als der jetzige Reichskanzler v. Bethmann Hollweg Nachfolger des Grafen PosadowSly wurde, ist auch seine Dienstwohnung mit hohem Kosten- aufwand umgebaut worden. In der Budgetkommission kam es damals zu lebhaften Auseinandersetzungen, obwohl die Summe nicht so hoch war. und Herr v. Bethmann Hollweg bedauerte da- mals, daß die Sache so teuer gekommen war. Bei dem an- geforderten Betrag wird eS natürlich nicht bleiben, denn man weiß auS Erfahrung, daß solche Anschläge in der Regel um 60 Proz. überschritten werden, so daß dem Reiche schon allein der Einzug de» neuen Staatssekretärs weit über 109 000 M. kostet.— Tie blau-schwarze», Bundesbrüder. Das Zentrum, das sich jetzt mit den Konservativen zur Rettung der.christliche» Weltanschauung"— wie eS heißt— zusammengefunden hat. war auf seinen jetzigen Bundesbruder nicht immer so gut zu sprechen. Auf einer Zentrumsversammlung in Xanten am ».Februar 1898 ließ sich der Abg. Fritzen über die Konservativen wie folgt aus: -.In wirtschaftlichen Dingen haben die Konservativen allerdings mancherlei Berührungspunkte mit dem Zentrnm. anderer» feits bestehen hier auch wieder unüberbrückbare Gegensätze. In kirchenpolitischer Beziehung stimmen wir mit den ;konservalivcn»nr in der Erhaltung der konfessionellen Volksschule überein. sonstbestehendieschärfstenGegeniätze. ES darf niemals veraesjen werde», daß die Konservativen in ihrer übergroßen Mehrheit stark mit protestanlische» Vorurteilen behaftet sind. Die iraurigen Ex- »esse gelegentlich der Versammlung des Evana. BimdcS in Krefeld haben stattgefunden in Gegenwart deS Grafen v. Wintzingerode und des Frhrn. v. Plettenberg: beide haben keinen Anlast gc- nommen, iveder in der Versammlung selbst, noch in der Presse ein Wort deS Tadels gegen die wüsten Ausfälle laut werden z» lasten.... Auf politischem Gebiete sind die Berührung»- punkte noch geringer. Die Konservativen find Vertreter des absolutistische» Shstems, unter dem die hohen Beamtenstcllungen ihr ausschließliches Monopol gebildet haben. Ihren tiefsten Neigungen würde es jedenfalls entsprechen, daß lieber heute als morgen der ganze„parlamentarische Plunder" beseitigt würde. Sie sind weiterhin für jede Vermehrung deS Heere«, ohne Rücksicht auf die Steuerkraft des Landes. Die notwendigen Steuern suchen sie mit Vorliebe aus indirektem Wege, wo sie von der breiten Masse getragen werden, zu beschaffen, während dasZentrumderMeinunaist, daß das indirekte Steuersystem schon über Gebühr ausgebaut i st." Trotz der scharfen und zum Teil lmüberbrückbaren Gegensätze haben sich die Konservativen und Ultramontanen gefunden. Das Zentrum hat dem blauen Bundesbruder zuliebe sogar vergessen, daß das»indirekte Steuersystem schon über Gebühr ausgebaut ist". Es sucht mit dem blauen Blockgenosten die Steuern wieder»mit Vorliebe auf indirektem Wege, wo sie von der breiten Masj� getragen werden'. Bon der bayerischen Steuerreform. München, 1. Dezember. In der Angelegenheit des Umlage- g e s e tz c s herrscht ein unbeschreiblicher Wirrwarr. Die neuerlichen AuSschußberaiungen sprengten den Kompromißblock de? Zentrums, der Liberalen und des Bauern- b n n d e s. Alle Parteien hatten Abänderungsanträge gestellt. Nach mühsamen Beratungen ergab sich als Endresultat die Aufrecht- erhaltung des frühereu Kompro in isseS. ES stimmte aber jetzt e i n T e i l d e r B a u e r n b ü n d l e r, ja sogar deS Zentrums dagegen. Die Väter verleugnen ihr eigenes Kind. Die Situation hat sich also wesentlich verschlechtert und das Z u- st an bekommen der Steuerreform ist sehr ernstlich in Frage gestellt. Auf die Plenarvcrhandlungen kann man recht gespannt sein. »• München, 2. Dezember. Die Abgeordnetenkammer hielt heute zwei Sitzungen zur Beratung des Umlage- g e s e tz e S ab. Die dreistündige VomnttagSsitzung wurde vollständig ausgefüllt durch ein Referat des sozialdemokratischen Berichterstatters Segitz, der stundenlang über die Misschußverhandlungen referierte. Am Nachmittag hielt der Sozialdemokrat Freiherr v. Haller eine f a st vierstündige Rede. ES wird mit der Möglichkeit ge- rechnet, daß das Umlogegcsetz auch in dieser Woche noch nicht zur Verabschiedung gelangen wird._ Kommunalwnhle». Kommunalwahlerfolge in Sachsen-Meiningen. Die zurzeit im Herzogtum stattfindenden GemeinderatSivahlen brachten unserer Partei eine Reihe schöner Erfolge. In L i ch t e n- Hain bei Jena wurden ö Genosten gewählt, und zwar mit großer Majorität. Wir haben nun die Mehrheit im Gemeinderat. In Judenbach bei Sonneberg gingen unsere 4 vorgeschlagenen Kandidaten ebenfalls glatt durch, so daß sich der ganze Ge- meinderat jetzt aus Parteigenossen zusammen- setzt. In T h e m a r zieht zum ersten Male ein Genosse in die Stadtvertretung ein. während in Salzungen Landtagsabgeord- neter Genosse E ck a r d t in den Gemeinderat gewählt wurde. In einer Anzahl Gemeinden, wo wir infolge des Zehnstinimen-Geldsack- Wahlrechts einflußlos gemacht wurden, gelang es, den ersten Wahl- gang durch Stimmenthaltung zu vereiteln. Die Kommunalwahlen in WandSbetk. An den letzten beiden Montagen fanden eine Ersatzwahl für einen verstorbenen Genossen und die allgemeinen Wahle» für die turnusmäßig ausscheidenden Stadtverordneten statt. Sic endeten mit einem„Siege" des„einigen" Bürgertums. Die Zusammen- legung de» alten Stadtteils Wandsbeck mit dein 1878 eingemeindeten Billenbezirk Mariental zu e i u e m Bezirk war eine be- deutende Wahlrechtsverschlechterung. Sie hat den erhofften Erfolg gezeitigt, indem die mit dem roten Lappen toll gemachten Geld- säcke so ziemlich Mann für Mann zur Rettung des Kapitals er- schienen. Außerdem war noch, um sa sicher zu gehen, den söge- nannten„Hamburgern'(Geschäftsleute, die in Hamburg ihr Ein- kommen versteuern und hamburgische Beamte, die mit Genchmi- gung ihrer Behörde in Wandsbeck wohnen) das Wahlrecht verliehen worden. Unter großen moralischen Opfern ist so ein„Sieg" er- fochten worden, der aber schon den zukünftigen Sieg unserer Ge- nossen, die über 200 Stimmen mehr erhalten haben als im Vor- jähre, in sich birgt. Auf der auderen Seite ist man am Ende d«S Lateins angelangt, eine weitere Wahlrechtsverschlechterung ist aus- geschlossen, es sei denn, daß man wie in Kiel dann aus dem eine n Bezirk Bezirke macht, um in dem einen oder anderen über die Roten zu siegen. In Wandsbeck, dessen Bourgeoisie „liberal" bis in die Knochen sein will, hat man von Hause aus den höchst zulässigen Wahlzensus von 1500 M. festgesetzt, während er in den anderen großen Gemeinden Sckilesivig-Holsteins— Kiel, Altona, Flensburg, Neumünster— 1200 M. beträgt. Und trotz- dem war es unseren Genossen in zäher Agitationsarbeit gelungen, die„Liberalen" in ihrem Besitzstände zu schwächen« worauf der Mlagistrat den sauberen Streich ausklügelte. Während des mit beispielloser Heftigkeit geführten Wahlkampfcö wurde namentlich von„freisinniger" Seite mit den schofelsten Mitteln gekämpft, in- dem sie das Nochcsche Sudelwert„AuS dem roten Sumpf" ver- breiteten und im Amtsblatt zum Bovkott sozialdemokratischer Ge- schäftSleute und Arbeiter(die öffentliche Stimmabgabe begünstigt solch fchändliches Treiben) aufforberwn. Unsere Kandidaten er- hielten bis 690, die gegnerischen bis 1252 Stimmen. Geinastregclte Lehrer.- Bei den Stadtverordnetenwahlen in Kattolvitz haben mehrere Lehrer ihre Stimme den polnische» Kandidaten gegeben. Diese Lehrer sind jetzt teilweise nach entlegenen Dörfern versetzt worden. Dort werden sie auch bleiben müssen, denn sie sind keine gegen königliche Versprechungen sich auflehnende Kanalrebellen. Rur Landräte und Regierungspräsidenten fallen die Treppe der Karriere hinauf._ Misshandelude Vizefeldtvebel und ihre„Bestrafung". Ztvei Bizefeldwebel von der Halbinvalidenablcilung des zweiten Gardckorps, Georg Horn und Georg Büscher, hatten am 18. August dieses Jahres in der Nähe des Bahnhofs Jungfernheide den Schuhmachcruieistcr S t r o i n S k i dermaßen blutig geschlagen, daß er eine Sanitätslvache aufsuchen mußte und vier Tage arbeits- unfähig war! Sie hatten sich nun am 2. Dezember wegen gefähr- licher Körperverletzung vor dem Kriegsgericht der 2. Gardedivision in der Prinz August von Württembergstraße zu verantworten. Der Angeklagte B ü scher, der den Schuhmachermeistcr mit dem Säbel- korb ins Gesicht gestoßen hatte, behauptet, dazu durch den Zuruf: „Ihr EtaatSbummler, die sich auf unsere Kosten bcsaufen' gereizt ivorden zu sein. Auch die Frau des Gastwirts Kortincier vom„Heidekrug' am Tegeler Weg, die als Zeugin vernommen wurde, behauptete, diesen Zuruf gehört zu haben. Der ebenfalls als Zeuge vernommene StroinSti erklärte jedoch, nichts der- gleichen gesagt und die Angeklagten in keiner Weise gereizt zu haben. Er und sein Gesell«, ein älterer Mann, waren mit einem Handwagen die Straße entlang gefahren und wollten nach der Laubenkolonie, wo der Meister ein Stückchen Land bewirtschaftet. ES war schon gegen Mitternacht, und sie hatten die Absicht, dort zu übernachten, als sie von Büscher überfallen wurden? Dieser Darstellung gegenüber behauptete Büscher nunmehr. in„Rotwehr" gehandelt zu haben! Wenn er die Notwehr überschritten habe, so deswegen,»weil in der Jungfernhcid« schon häufig durch Strolche Ueberfälle verübt worden sindl' Er habe geglaubt, er hätte eö mit solchen zu tun und es könnten mehrere dazu kommen.... Sein Mitangeklagter Hör n. der hinzugc- kommen war, als Büscher schon auf Stroinski einschlug, erklärte sehr naiv: er habe»n dem Augenblick nicht untersuchen können. wer Schuld hatte, und darum habe er auch mit drcingcschlagen! Ein Teil der Zeugen behauptete, die beiden Vizefeldwebel seien arg betrunken gewesen, andere wie Frau Äortmeier unh zwei Schutz- leute Walter und Hinz— b e st r i t t c n das. Der Vertreter der Anklage beantragte gegen jeden der beiden Angeklagten— 20 M. Geld- oder entsprechende Gefängnisstrafe wegen gemeinschaftlich begangener gefährlicher Körperverletzung. Er nahm an, daß sie z u n ä ch st in N o t w e h r gehandelt, die Notwehr dann jedoch stark überschritten hätten. Als Milderungsgrund müsse gelten, daß sie durch den Zuruf„Staatsbummler" in be- rcchtigte Wut geraten seien. Das Gericht faßte die Sache noch milder auf und verurteilte die Angeklagten zu je---— h M. G e l d- {träfe oder einem Tag Gefängnis! Zipilijtenpack käme bei gleicher Sachlage nicht so billig davon. Oeftcmich. Die Obstruktion eingestellt. Wien, 2. Dezember. Das Abgeordnetenhaus hat sämtliche Dringlichkeit Lanträge über die Minoritäts» schulen abgelehnt. Di« S l a v i s ch o Union hat bc- schlössen, von der Obstruktion zunächst abzusehen und die Verhand- hing über das Budgetprovisorium nicht zu verhindern. frankrekh. Lohnbewegung der Polizei. Paris, 2. Dezember. 2000 Polizisten hielten gestern abend plötzlich eine Versammlung ab, in welcher sie verschiedene Forde» rungen professionaler Art berieten, welche sie demnächst ihren Vorgesetzten unterbreiten werden. Es handelt sich u. a. um eine Gehaltsaufbesserung, serner um Einführung der Wochen ruhe, sowie um eine bessere Arbeitseinteilung. Es wurden schließlich für jeden Pariser Bezirk zwei Delegierte er- nannt, welche den Auftrag erhielten, die verschiedenen Fragen zu prüfen und sie in einer öffentlichen Versammlung zu beraten. Zu dieser Versammlung sollen Pariser Gemeinderäte geladen werden. Die Beamtenorganisatio». Paris, 2. Dezember. Der jüngst gegründete Verband der Beamtenvereinigungen erklärt, daß die Verbandsmit- glieder als treue Diener der Republik außerhalb der Parteikämpfe bleiben und die öffentliche Ordnung nicht stören wollen. Es sei einstimmig beschlossen, den Streik nicht als Mittel zur Verteidigung der beruflichen Interessen zu be- trachten. -.-" Dänemark. Die Mimsteranklage. Kopenhagen, I.Dezember. Die zur'Beratung über die Erhebung der Anklage gegen die f r ü h e re n Minister Christensen und Sigurd Berg eingesetzte FolkethingSkommission hat heute Bericht erstattet. In diesem Bericht beantragt die Majorität, besteoend auS Mitgliedern der Rechten, aus Radikalen und Sozialdemokraten, die beide» genannten früberen Miuister wegen der dienstlichen Beziehungen, die sie i» den Jähren 1906—03 zu dem danialigeu Justizminister Albertt bntten, vor den StaatSgerichtShof zu stellen. Der Anklageantrag gegen Ehristenscn wird u.(i. damit begründet, daß er als Ministerpräsident und als ver- teidigungSminister trotz vorhandener Verdachtsmomente nicht ver- hindert habe, daß A l b e r t i sein Amt zu seinen, eigenen Vorteil und zu dem seiner Verwandten mißbraucht habe, ferner daß Christensen trotz der im Reichstage gegen Albertt erhobenen Beschuldigungen eS unterlassen habe, eine Untersuchung einzuleiten, und baß trotz der vorliegenden ungünstigen Nachrichten über die Verhältnisse bei der Seeländischen Bauernspartasse, deren Präsident Albertt ivar, Ehristensen dieser Bank auS der Staatskasse ein Darlehen von ein- einhalb Millionen Kronen gewährt habe. Der Anklageantrag gegen Berg wird damit begründet, daß er als Minister des Innern trotz verdächtiger Nachrichten über die Beziehungen AlbertiL zur See- ländischen Bauernsparkasse eS versäumt habe, die Lage der Spar- kasse untersuchen zu lassen. foißlatid. Ei» Mißtrauensvotum. Petersburg, 1. Dezember. In der R e i ch L d u m a wurde mit allen gegen drei Stimmen der Rechten eine vom Zentrum vor» geschlagene Formel angenommen, ivorin die Handlungs» weise des ehemaligen Handelsministers Timirjasew in Sachen der Verpachtung von Parzellen naphthahalttgen Bodens für ungesetzmätzig und die von ihm darüber abgegebenen Erklärungen für unbefriedigend erllärt werden, finnlanä. Rücktritt von«eueruaunte» Senatoren. Drei von den am 1. Oktober d. I. ernannten russischen Offizierssenatoren, die Finnland verfassungswidrig regieren sollten. Sillman. Kraatz und H e d l u n d, haben bereits ihre Eni- assungsgesuche eingereicht._ Militiirbewachung der Eisenbahnen. Die russische Militärverwaltung läßt die größeren Stationen an der Linie St. Petersburg-Helsiiigfors militärisch bewachen. Auf jede der Stationen sind zirka 200 Mann berechnet. Die Stationen Kouvola. LachtiS und Rihimäli haben bereits ihre Be- satzung erhalten. Da auf den Stationen für das Militär keine Räume beschafft werden können, werden die Soldaten in Waggons einguartiert. Die Besetzung soll erfolgen, um einem befürchteten Generalstreit vorzubeugen. Die Furcht vor dem Streik spielt überhaupt bei den echtrussischen Regierungsheloten eine große Rolle. In Finnland selbst ist dieser Gedanke ziemlich nnpopulär. Hmeriha. Die Berein,'nten Staaten gegen Mcaragua. Washington, 2. Dezember. Die Vereinigten Staaten haben dem Geschäftsträger von Nicaragua die Passe ausstellen lassen. In dem Begleitschreiben führt Staatssekretär Knox auS. I c l a y a habe seit dem Washingtoner Uebcreinkommen von Jahre 1907 fast beständig Zcutralamcrika in Unruhe versetzt und du, nationalen und inwrirationalen Frieden gejtört. Er sei ein Tyrann, dessen Verwaltung den guten Namen einer Regierung beflecke. Knox erkennt an, daß die Revolution der Ausdruck der Ansichten des Volkes von Nicaragua sei, erklärt aber im übrigen, daß beide Parteien verantwortlich seien für Homid- lungen, welche die Interessen Amerikas berührten. Gewerkfcbaftltcbee. Me!tere Gefchäftsprahtihen der(lnternekmer- f�achwcifc. Bei der einfachen Acchtung des Arbeiters durch den Zwangsnachweis bleiben unsere Unternehmer nicht stehen. Fast jede größere Firma führt noch ihre eigene schwarze Liste. So funktioniert denn der Mannheinier Nachweis nach den An- gaben des„Bergknappen" in der Weise: Die Firma H. L a n z in M a n n h e i in schreibt vor, daß von jedem einzelnen Ar- beiter, der ihr vom Arbeitsnachweis zugewiesen wird, der Zu- Weisungsschein in Empfang genommen und vorerst daraufhin geprüft wird, ob der Inhaber in der schwarzen Liste.der Firma vorgeinerkt ist. Trifft das zu, so wird der Mann ohne Anhörung abgewiesen. Pflichtgemäß trägt der Arbeiter seinen Schein zu dem Arbeitsnachweis zurück. Vielleicht bemerkte er nicht einmal, daß mit dem Schein eine ganz harmlos er- scheinende Berändcrungstiorgegangen ist. Ein einfacher runder Firmenstempel ist ihm aufgedrückt worden. Dieser harmlos erscheinende Aufdruck aber soll dem Arbeiter zum Verhängnis werden. Der Schalterbeamte, dem der Schern wieder vorzuneigen ist, erkennt aus ihm sofort, daß der Arbeiter für die Firma Lanz als gesperrt gilt, und ein entsprechender'Ver- merk in der Nachweisliste sorgt dafür, daß der Geächtete nicht noch einmal die für ihn aus immer verschlossenen Fabrikräume der Firma Lanz betritt. Weist die schwarze Liste der Firma Lanz den Namen des Arbeiters nicht auf, so wird der Schein mit einem langen Stempel versehen. So trägt der Arbeiter nichtsahnend sein eigenes Urteil davon! Um die Oeffentlichkeit zu täuschen, hat man, nach der Mannheimer„Volksstimme", fortgesetzt die Statistik Hinsicht- lich der Herkunft und des Alters der vermittelten Arbeiter gefälscht und im„Generalanzeiger". gefälschte Ausstellungen veröffentlicht. Die Firma Lanz, die so viel in Arbeiter- Wohlfahrt macht, steht in beziig auf die Führung der schwarzen Liste mit an erster Stelle. Von der Anilinfabrik in Ludwigs- Hafen sind allein über 4lKK) Arbeiter gesperrt. Der Leiter des Nachweises. Dr. Moebius, bezieht für die Ausübung seines Handwerks nicht weniger wie 14 000 M. im Jahre. Berlin und Clmgcgcncl. Die Strahenreiniger Berlins gaben in einer öffentlichen Versammlung, die am Mittwochabend im„Englischen Garten" stattfand, ihrer Unzufriedenheit mit den jüngsten Verfügungen der Direktion lebhaften Ausdruck. Die Arbeiter fürchten, daß diese Verfügungen darauf abzielen, die Achtstundenarbeitszeit aufzuheben. Im November vorigen Jahres wurde der achtstündige Schichtwechsel in der ersten Abteilung probe- weise eingeführt. Ter Versuch bewährte sich so gut, daß im Anfang dieses Herbstes zuerst in vier weiteren Abteilungen, dann, vom 1ö. November ab, in sämtlichen Abteilungen der achtstündige Schicht- Wechsel zur Einführung kam. Man schien mit der Neuerung durch- aus und allgemein zufrieden zu sein. Der Arbeiterausschuß hörte keinerlei Beschwerden von der Direktion, daß sich Schwierigkeiten ergeben hätten. Der Ausschuß, der aus Praktikern im Betriebe besteht, hätte gern der Direktion geholfen, etwaige Hindernisse zu heben und hätte gern nützlichen Rat gegeben. Er wurde über- Haupt nicht gehört. Zur Ueberraschung der Arbeiter erschienen nach 14 Tagen schon zwei Verfügungen der Direktion, nach welchen die alte Arbeitszeit von 12 Stunden(einschließlich der Pausen) wiederhergestellt werden sollte I Auffällig war es den Arbeitern auch, daß diese Verfügungen sofort auf zwei Artikel im„Lokalanzeiger", die gegen die Straßenreiniger gerichtet waren, erfolgten. Auch in der..Morgenpost" war ähnliches zu lesen. Man stellte es in diesen Artikeln so dar, als seien die Straßenreiniger daran schuld, daß der letzte große Schneefall allerlei Uebelstände im Gefolge hatte. Die Arbeiter wissen aber besser, woran es liegt. daß die Straßenreinigung bei außergewöhnlicher Wetter nicht flott von statten geht. Es fehlt an einer zweckmäßigen Einteilung: die Abfuhr ist schlecht geregelt: die Fuhrherrcn leisten einen gewissen passiven Widerstand, um größeren Nutzen zu erzielen. Die Arbeiter sind auch der Ansicht, daß die Park- v e r w a l t u n g bei großen Schneefällen zur Reinigung der Plätze herangezogen werden sollte; auch müßten die Straßcnpolizeiver- Ordnungen, welche den. Hausbesitzern bestimmte Verpflich- tungen in bezug auf die Straßenreinigung auferlegen, viel strenger zur Durchführung kommen.— Diese Gründe will man nicht sehen, dagegen nimmt man die schlechten Folgen davon als Vorwand, um eine den Arbeitern günstige Neuerung wieder rückgängig zu machen. In der ersten Verfügung der Direktion war die Absicht noch etwas verhüllt: es hieß darin, daß die zwölsstündige Schicht nur solange gelten sollte, als Hilfsarbeiter beschäftigt werden. In der zweiten Verfügung wurde erklärt, daß nicht im achtstündigen Schichtwechsel gearbeitet werden sollte, solange irgendwo in einer Abteilung auch nur eine geringe Anzahl Hilfsarbeiter beschäftigt würden. Damit wäre die Achtstundenarbeitszeit begraben, denn es hängt ganz von der Ansicht eines Oberaufsehers ab, ob Hilfsarbeiter ein- zustellen sind. Die Versammlung war außerordentlich stark besucht und spendete den Ausführungen des Referenten Schultz vom Verband der Gemeindcarbeiter reichen Beifall. In der Diskussion wurden die Verfügungen der Direktion scharf kritisiert. Auch die Mit- glieder vom Hirsch-Dunckerschen Ortsverein traten energisch für den achtstündigen Schichtwechsel ein, obgleich, wie Schultz hervorhob, ihr Leiter G o l d s ch m i d t als Stadtverordneter diesen Wünschen nicht das mindeste Verständnis entgegenbringt und sie sogar noch bekämpft.— Die versammelten Arbeiter protestierten lebhaft gegen die Verfügungen der Direktion und beauftragten den Arbeitsrausschuß, mit der Direktion Rücksprache zu nehmen, damit den Straßenreinigern Berlins der achtstündige Schichtwechsel er- halten bleibt. Deutfches Reich. Aussperrung. Der Arbeitgeberverband der Stettiner Herren- undKnabenkonfektionsfirmenhat 7000—8000 Arbeiter und Näherinnen wegen Differenzen über den Abschluß eines neuen Lohntarifes ausgesperrt. Arbeitsbedingungen im Lithographie- und Steindruck- gewerbe. Der Verband der Lithographen und Steindrucker hat im Jahre 1908 statistische Erhebungen über die Lohn- und Arbeitsverhältnisse im Gewerbe veranstaltet, die jetzt vom Vorstand des Verbandes im Druck veröffentlicht werden. Die Statistik umfaßt 85 Proz. aller im Gewerbe beschäftigten Gehilfen, sie hat schon dadurch größeren Anspruch auf Zuverlässigkeit und Darstellung des Tat- sächlichen, ajs die vorangegangene Erhebung vom Jahre 1903. Die Angaben über die im Gewerbe herrschenden Arbeitsbedingungen sind nach Landcsteilen gruppiert und in weiterer Umfassung sodann für Nord-, Mittel- und Süddeutschland zusammengestellt, um so gegenübergestellt zeigen zu können, wo die Arbeitsverhältnisse am ehesten der Abänderung und Besserung bedürfen. Doch sind die Unterschiede sehr unwesentlich: Norddeutschland zeigt allgemein ein klein wenig bessere Arbeitsbedingungen gegenüber Mittel- und Süddeutschland. Im Gesamtergebnis wird die durchschnittliche effektive wöchent« liche Arbeitszeit für Lithographen auf 49 Stunden 6 Minuten, für Steindrucker auf 54 Stunden 6 Minuten angegeben. In Br a u n s ch we i g und in Bremen haben die Lithographen die günstigste Arbeitszeit mit 8 Stunden täglich, dann folgen die Landes- ' teile Brandenburg, Hamburg, Lübeck und Bayern mit 8 Stunden 3 Minute»; die ungünstigste Arbeitszeit ist in Neuß ä. L. und Schwarzburg-Sondcrshausen mit 9lv Swn- den anzutreffen. Seit dem Jahre 1903 haben in den einzelnen Landcsteilen ganz bedeutende Arbeitszeitverkürzungen stattgefunden; die Rheinprovinz figuriert mit 1 Stunde und 5 Minuten wöchent- licher Arbeitszeitverkürzung für Lithographen an niedrigster Stelle, Schlesien mit 3 Stunden und 56 Minuten an höchster Stelle, während für Steindruckcr Westpreußcn mit sogar 4 Stunden 5 Minuten die höchste Ziffer aufweist. Die günstigste Arbeitszeit ist für Steindrucker in Lippe-Detmold und in Hamburg mit 8 Stunden 48 Minuten, die längste mit 10 und Osh Stunden in Reuß ä. L. und Schwarzburg-Sondershausen.— Auch die Löhne haben seit der letzten statistischen Erhebung eine nicht unwesent- liche Steigerung erfahren. Die Durchschnittslöhne betragen wöchent- lich bei den Lithographen, Chromo.. 30.62 M.(1903 27,80 M.) Merkantil. 29,70„(1903 27,23„) Steindruckern, Maschine.. 30,10„(1903 27, 11„) „ Handpresse. 27,27„(1W3 25,74„) Im einzelnen Falle betragen die Lohnsteigerungen bis zu 8,36 Mark pro Woche. Eine prozentuale Zusammenstellung ergibt, daß ruird 41 Proz. der Lithographen einen Wochenlohn von 27— 33 M. haben und 231h Proz. darüber. Von den Steindruckcrn haben 43 Proz. Wochenlöhne von 27— 33 M. und 15 Vi Proz. darüber. Eine wöchentliche Arbeitszeit bis zu 48 Stunden hatten 78,72 Proz. der Lithographen(gegenüber 33,09 Proz. im Jahre�1903!) und bis zu 54 Stunden mußten 88,25 Proz. der Steindrucker arbeiten(gegen- über 59,52 Proz. im Jahre 1903!). Diese sehr beachtenswerten Erfolge errang der Verband in der Zeit einer niedergehenden Geschäftskonjunktur: die im Jahre 1903 gemachten Angaben fielen in die Zeit der Hochkonjunktur, die für 1908 gemachten in die Zeit der schweren wirtschaftlichen Krise. Sollte es da noch Arbeiter geben, die ob solcher Erfolge der Gcwerk- schaftsverbände ihrer Organisation fernbleiben? Die Tarifbewegung der Breslaucr Buchbinder und Buchbinderei- Hilfsarbeiter hat ihren Abschluß durch Annahme eines auf 3 Jahre geltenden Tarifs gefunden. Die Arbeitszeit wurde um 1 Stunde wöchentlich verkürzt. Der Minimallohn beträgt für Gehilfen vom 1. Januar 1910 ab 21 M., vom 1. Januar 1911 ab 22 M. Arbeite- rinnen erhalten(ausschließlich Lehrzeit) 7,50, 8,50 und 9,50 M. Sämtliche Gehilfen, die bei Inkrafttreten des Tarife» den Minimal- lohn und darüber beziehen, erhalten eine wöchentliche Zulage von 1 M., die Arbeiterinnen eine solche von 50 Pf. Ueberstunden werden mit 25 Proz. Aufschlag bezahlt; Akkordarbeiter erhalten 10 Pf., Akkordarbeiterinnen 5 Pf. Zuschlag pro Ueberstunde. Sonn- und Feiertage werden mit 30 Proz. resp. 12 und 6 Pf. Zu- schlag bezahlt. Eine Versammlung der Buchinder und Buchbindereihilfsarbeite- rinnen erklärte sich mit den gemachten Zugeständnissen, die am 1. Januar 1910 in allen Breslauer Betrieben in Kraft treten sollen, einstimmig einverstanden._ Die Gewerbegerichtswahl in Esien a. d. Rh., bei der zum ersten Male die vom Kruppschen Geldc unterstützten Gelben auf dem Plane traten, hatte folgendes Resultat: Die freien Gewer kschaften steigerten ihre Stimmen» zahl von 7950 auf 8977; sie erhalten 8, statt bisher nur 7 Sitze. Die christlichen Stimmen sanken von 8752 auf 7517; sie bekommen 6 Sitze, statt bisher 8. Die Hirsch-Dunckerschen statt 1130 nur 489 Stimmen; sie verlieren ihren einzigen Sitz. Die Gelben erreichten 2756 Stimmen und bekommen zwei Sitze. Eine Polen liste erzielte 345 Stimmen. Der Anteil der abgegebenen Stimmen für die Christlichen be- trug 1906: 43,9 Proz. und diesmal 37,4 Proz.— Angesichts der un- geheuerlichen Wahlmache für die Gelben durch Krupp ist der Erfolg der freien Gewerkschaften durchaus zufriedenstellend. Die„gelbe Zeche" wird von den Christlichen bezahlt! Die Bewegung der Wachstuchdrncker in Borsdorf ist beendet; sämtliche Streikende haben die Arbeit wieder aufgenommen. Die Einigung kam durch Verhandlungen zustande, die auf Grund einer seitens der Firma Alexander Schumann unterbreiteten Akkordlohntabelle gepflogen wurden. Dadurch sind nun die schlimmsten Mißstände beseitigt, und der Streik konnte nach 7Viwöchiger Dauer mit gutem Erfolge für die Arbeiter beendet werden. Der Terrorismus der Maschinenfabrik Augsburg. Im September v. I. wurde der Diplomingenieur G. Scheib seitens der Direktion der Maschinenfabrik Augsburg „beurlaubt", weil er als Mitglied des Bundes techmsch-industrieller Beamten die Interessen seiner Organisation vertrat. Zugleich war der Portier angewiesen worden, Scheib unter keinen Umständen mehr das Betreten der Fabrikräume zu gestatten. Der Gemäß- regelte klagte nun gegen die Firma auf Zusendung seines Gehalts, seiner noch in der Fabrik befindlichen Sachen, sowie auf Aus- stellung eines Zeugnisses. Die beklagte Firma hatte hierauf dem Kläger eröffnet, daß er seinen Gehalt beim Portier in Empfang nehmen könne, was dieser jedoch ablehnte, nachdem ihm das Be- treten der Fabrikräume verboten worden war.— Nach Verhandlung der Sache vor dem Landgericht Augsburg wurde folgendes Urteil erlassen: Die Beklagte wird verurteilt, an den Kläger Scheib zuzuschicken: 1. 1900 M. Gehalt nebst 4 Proz. Zinsen, 2. ein Zeugnis über die Dauer seiner Beschäftigung in der Maschinen- fabrik Augsburg und Ausdehnung desselben auf Leistung, und Führung, 3. Herausgabe der in dem Pult in der Fabrik befind- lichen. dem Kläger gehörigen Gegenständ«. Tarifkündigung in der Schulsindustrie in München. Nunmehr haben auch die Münchener und Augsburger Schuhfabrikanten den Gehilfen den Tarif gekündigt mit der Angabe, daß sich die bis- herigen Arbeitsbedingungen in einigen Punkten als unhaltbar er- wiesen hätten. Sollte sich das Gerücht bewahrheiten, daß die Herren Fabrikanten eine Lohnregulierung nach unten vorzunehmen gedenken, so dürften sie die Arbeiter und Arbeiterinnen nicht un- vorbereitet antreffen. KnslancL Auf dem JahreSkongreß der American Federation of Labor, über deren Verhandlungen wir bereits einmal berichteten, waren, wie bisher stets üblich, Vertreter der englischen Gewerk- schaften als„Brüderschaftsdelegierte" anwesend. Das sozialistische Parlamentsmitglied K l i n e s, der eine der beiden Abgesandten, hielt eine feurige Ansprache, in der er die Notwendigkeit einer selbständigen politischen Aktion der Arbeiterklasse hervorhob. Er zeigte, wie die englischen Arbeiter sich von den bürgerlichen Par- teicn losgesagt haben, wie sie auch durch Gerichtsurteile(wie die Taff-Bale-Entscheidung) gezwungen wurden, eine eigene Partei zu bilden, um die Äertretung der Interessen der Arbeiterschaft in die eigene Hand zu nehmen.— Die Rede wurde oft von Beifall unterbrochen. Auch ein Abgesandter des schwedischen Arbeiterverbandes, Thobin, hielt eine Ansprache, in der er den großen Kampf der schwodischen Arbeiter schilderte und die Arbeiter in Amerika auf- forderte, ihren Brüdern in Schweden Beistand zu leisten. Samuel Gompers ergänzte T h o b i n s Rede und erklärte, daß unter gleichen Umständen keine Gewerkschaftsleitung gezögert haben würde, den Generalstreik zu erklären, und er forderte die zum Arbei.evbunde gehörigen Organisaiioncn auf, den schwedischen Arbeitern den gewünschten Beistand zukommen zu lassen. Als Folge der gerichtlichen Verfolgung von GomjtcpZ, Mitchell und Morrison lag dem Kongreß ein Antrag vor, durch welchen die Leitung des Arbeitcrbundes dem Präsidenten der Vereinigten Staaten Empfehlungen bei der Ernennung van Bundesrichtern eiitreichen soll, sobald Vakanzen enistehen. Der Antrag wurde angenommen.— Eine Resolution zugunsten; der Einführung von Postsparbanken fand ebenfalls die all- gemeine Zustimmung.— Der Kongreß verlangte ferner, daß inr Bundesdepartemcnt für Handel und Arbeit in Washington ein besonderes Departement, das sich mit den Zuständen in bezug auf die Frauenarbeit beschäftigen soll, eingerichtet werde.— Beschlossen wurde auch, in eine„Aufklärungskampagne" zur B c u hütung der Schwindsucht unter der Arbeiterschaft einzu- treten.— Für die Gewährung des Stimmrechts an die Frauen erklärte sich der Kongreß mit allen gegen eine Stimme. Eine Frauenrechtlerin hielt eine Ansprache an den' Kongreß, worin sie bLwnte, daß die Wahlrecksisbewcgung der Frauen in Amerika während der letzten Jahre große Fortschritte gemacht habe, be- sonders auch in den Gewerkschaften. Die Organisation der Landarbeiter war auch Gegenstand einer längeren Diskussion auf dem Kongreß. Dieser Organisation stehen noch besondere Schwierigkeiten im Wege da- durch, daß die Farmers-Union Anschluß an den Arbeiterbund sucht. Eine Organisation der Landarbeiter würde sich aber gegen die Farmer richten. Von der Leitung des ArbeiterbundcS wurde empfohlen, eine„Förderung der zwischen der Farmers Union und den Gewerkschaften herrschenden Harmonie" anzustreben. Die Rc- solution für die Organisation der Landarbeiter wurde schließlich angenommen. Eine hitzige Debatte entspann sich auch über den Antrag eines Komitees, den Bundeskongreß der Vereinigten Staaten anzugehen, „den wahnsinnigen Ausgaben für kriegerische Zwecke, die nur Witwen und Waisen schaffen", die Genehmigung zu versagen. Die„Patrioten" standen auf und machten Lärm; sie erklärten, daß die Kriegsrüstungen so notwendig seien wie die Ansammlung von Streikfonds; sie setzten es durch, daß der Antrag an das Komitee zurückgewiesen wurde. Daß ein großer Teil der amerikanischen Arbeiter noch auf Kirche und Geistlichkeit allerlei Hofsnungen setzen, zeigt die An- nähme einer Resolution, die von den Buchdruckern vorgelegt wurde und die Einsetzung eines Arbcitersonntagcs verlangt, weil es„im Interesse der Kirche wie der Arbeiter selbst liegt, einen besonderen Tag zu bestimmen, an dem die Aufmerksamkeit aller Klassen auf die Fragen, welche die Arbeiter berühren, gelenkt werde. Eingangs dieser Resolution heißt es,„daß die Kirchen und die Geistlichkeit ein immer stärkeres Interesse an dem Studium der Arbeiterbewegung zeigen und manche Geistliche der verschiede- neu Richtungen dieses Interesse durch öffentliche Erörterung der Probleme der Lohnarbeiter bekunden". Als Arbeitersonntag wurde der Sonntag vor dem ersten Montag im September� festgesetzt. (Der erste Montag im September ist nämlich der gesetzlich ein- geführte Arbeitcrfeicrtag in Amerika.) Die Kirchcngemeinschaftcn werden aufgefordert,„einen Teil dieses Tages der Arbeiterfrage zu widmen, und zugleich werden die lokalen und zentralen Gc- nierkschaftsinftanzen aufgefordert, in jeder erlaubten Weise mit den Geistlichen zusammenzuarbeiten, welche den Arbeitersonntag innehalten, um einen möglichst zahlreichen Kirchenbesuch von Ar- beitern und anderen herbeizuführen".— Der Kongreß erklärte sich für die Bildung weiterer In- dustriegruppen innerhalb des Gowerlschaftsbundes zum Zwecke des engeren Zusammenschlusses der vielen Gewerksckaften der gleichen Industrie; es bestehen bis jetzt vier solcher Industrie» gruppen. Für die Organisation der Seeleute soll mehr als bisher getan werden. Der Verband der Seeleute führt seit 7 Monaten schon auf den„Großen Seen" einen umfangreichen Streik. Von den Staatsbetrieben verlangte der Kongreß, daß sie als Musterbetriebe im Sinne der Gewerkschaften geleitet werden. Den Gewerkschaftskartcllcn wurde empfohlen, der Frage der Errichtung von Gewertschaftshäusern ihre Aufmerlsamkeit zuzuwenden.. Samuel Gompers wurde einstimmig wieder zum Pra, sidenten des Arbeiterbundes gewählt. Letzte jSacbncbtcn und Dcpcfcben. Die Landtagswablen in 8acbfen-Meimar. Weimar, 2. Dezember. Unter starker Beteiligung fanden heute die Wahlen zum Wcimarischen Landtag statt, und zwar zum e r st e n Male nach der neuen Wahl- oebnung, die an Stelle des indirekten das direkte Wahlrecht vorsieht. Nach einem uns vorliegenden Telegramm waren von den 23 Wahlkreisen erst neu» Resultate bekannt. Danach wurden gewählt: vier Sozialdemokraten, zwei Liberale, ein Nationalliberaler, ein Ko n s ervativer, ein Zentrums Mitglied. Aus den ländlichen Wahl- bezirken sind die Wahlresultate erst morgen zu erwarten. Ilmenau, 2. Dezember.(Privatdepesche des„Vorwärts".) Bei der heute stattgefundenen Landtagswahl wurde im Wahl- kreise Ilmenau der Kandidat der Sozialdemokratie mit großer Majorität gewählt._ Das wandernde Heine-Denkmal. Stuttgart, 2. Dezember.(B. H.) Die Stadtverordnekenvcr- sammlung befaßte sich heute mit einer von sozialdemokratischer Seite ausgegangenen Anregung, das früher auf Korfu, jetzt in Hamburg befindliche Heine-Denkmal für Stuttgart zu erwerben- Die Stadtverordnetenversammlung lehnte mit überwiegender Mehrheit diesen Vorschlag ab. Der Präsident kneift. Belgrad, 2. Dezember.(W. T. B.) In der Skupschtina fragte heute der Sozialdemokrat Kazlerowitsch beim Präsi- deuten, ob die Regierung Schritte unternommen habe, um den durch die Hinrichtungen in Cetinje begangenen Mord, der eine Schmach für das ganze serbische Volk sei» zu ver- hindern. Der Präsident erwiderte, Kazlerowitsch möge seine Anfrage direkt an die Regierung richten.— Am Abend veranstalteten Universitätöstndenten wegen des erwähnten Urteils eine Protest- Versammlung._ Ein Balkanbund. Sofia» 2. Dezember.(W. T. B.) Wie in politischen Kreisen verlautet, wird zwischen der bulgarischen Regierung und der Pforte die Frage der Möglichkeit einer gemeinsamen Verständigung zur Bildung eines Balkanbundes erörtert. Die Türkei beansprucht hierbei die führende Rolle, wogegen die bulgarische R e» g i e r u n g entschieden Stellung genommen und erklärt hat, nin! auf der Basis: psr inter pares verhandeln zu wollen. 2lll)()() Streikende in Minnesota. St. Paul. 2. Dezember.(W. T. B.) Der Streik der Weichen- steller zieht die gesamte Industrie des Nordwestens in Mitleiden- schaft. Die Zahl der feiernden Arbeiter wird bereits auf 29 999 geschätzt. Ganze Wagenladungen leicht verderblicher Güter sind auf Nebengleise geschoben worden. Die Kupferminen und Hütten in Montana sind außerordentlich geschädigt, da die Erzförderung auf- gehört hat. Die Eisenbahnen lassen Arbeiter aus Chicago und anderen Orten kommen. Erfolglose Verhandlungen. Sydney(Australien), 2. Dezember.(W.T.B.) Die Kon fc. renz des Premierministers Wade mit den Arbeiterführern und den Vertretern der Bergwrrksbesitzer über den Bergarbeiter» streik ist ergebnislos gewesen. Tic Regierung wird daher morgen vor dem Gewerbegericht die Errichtung eincsEinigungs» amts zur zwangsweisen Festsetzung der Löhne beantragen. Verantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.: rh.Glocke, Berlin. Druck u.Verlag:BorwärtsBuchdr.u-PerlagSanstaaPaulSmgerL:Co..BerlniSVV. Hierzu 4 Beilagen u.Nnt'.rhaltungsbll Ar. 282. 26. Iahrglwg. ciiM Ks ne Fmtag. 3. Dezember 1909. Cine foziaüfüiclje Schale. Paris, 30. November.(Eig. S3ev.) Die gestern abend mit einem Vortrag Faurös' eröffnete„iSools ZoeiaUsts� ist nicht der erste Versuch, ein den Fragen des Sozia- lismuS und der Soziologie gewidmetes Vortragswesen mit sozialistischer Grundtendenz zu organisieren, aber die gesicherte Mitwirkung einer großen Zahl bekannter akademischer Lehrer und sozialistischer Schriftsteller wird ihr vielleicht ein länger dauerndes Interesse ge- Winnen, als eS ihren Vorgängern beschieden war. Man würde indes fehlgehen, wenn man die von der rührigen Gruppe der kollektivistischen Studenten ms Leben gerufene Einrichtung etwa mit den Berliner BildungSanstalten der deutschen Sozialdemokratie auf eine Stufe stellen wollte. Sie ist nicht nur kein von der sozialistischen Partei für die sozialistische Partei gegründete«, seine pädagogischen Ziele in die Erziehung arbeitseifrigcr und begabter Proletarier für die ver- schiedenartigen leitenden Betätigungen in der Bewegung sehendes Institut, sondern sie will zunächst in abgeschlossenen Einzelvorträgen oder in auf wenige Lektionen bemessenen Uebersichten die aus die sozialen Probleme angewendete wissenschaftliche Betrachtungs- und Forschungsweise in ihren Resultaten vorführen, wobei ein so- zialistischer Eklektizismus, der verschiedene„ Richtungen" zu Worte gelangen läßt, leitend bleiben soll. Damit ist freilich auch schon ausgesprochen, daß die„Ecolo Socialiste" ebensowenig wie als methodisch geleitete Uebungsanstalt als sozialistische Elementarschule wirken, ja daß sie, als solch« benutzt, die vielbeklag� Unklarheit der Masse der Parteigenossen eher noch vergrößern kann. Jaurss hat ihr denn auch in der Tat Aufgaben zugewiesen, die von solchen Bestrebungen abseits liegen. Er sieht sie, über daS ganze Land verzweigt, zu einer Stridiengesellschaft erweitert, die das fortschreitende Leben der fran- zösischen Gesellschaft wissenschaftlich beobachten und beschreiben soll. Als wichtigste Gegenstände solcher Erfahrung nannte er die Rolle , deS Staats, die Frage der Kopitalskonzentration, die Agrarfrage und die Handelspolitik. Er machte auch kein Hehl daraus, daß er von ihren Feststellungen die Unterstützung der reformistischen Auf- fassungen erwartet, so den Beweis, daß der Staat heute nicht mehr in demselben Maße wie ehedem ein Bourgeoisstaat sei. Die Not- wendigleit, von allgemeinen Formeln zu realistischen, mit der kom- plizierten Wirklichkeit rechnenden Aktionsmethode» zu kommen, wollte der Redner durch die kritische Analyse des kürzlich erschienenen Buches»Wie wir die Revolution machen werden" der Anarcho- syndikalisten P a t a u d und P o u g e t illustrieren. Es gelang ihm in der Tat ohne jede Mühe, die darin enthaltenen Ab» furditäten und Kindereien nachzuweisen, nicht ohne indes in manchem Zubörer das Bedauern wachzurufen, daß so viel Scharf- sinn und Beredsamkeit an eine unverantwortliche Sudelschrist ver- schwendet wurde, mit der identifiziert zu werden sich auch die ernsten Syndikalisten zu verwahren das Recht haben. Als dann gar Pataud JauröS zu belehren versuchte, daß die soziale Revolution mit LenkballonS und.Chemie" zum Sieg gelangen werde, erzielte er einen schallenden Heiterkeitserfolg, trotz semer pompösen Wer- kündigung einer soeben glücklich vollbrachten„Sabotage". Pataud hat nämlich die Direktoren der großen Oper durch die Veranstaltung einer Arbeitsverweigerung während der Galavorstellung zu Ehren deS Königs von Portugal gezwungen, den Elektrikern schriftlich eine Lohnerhöhung zu bewilligen. Da die Umstände es ausgeschlossen erscheinen lassen, daß das bürgerliche Gericht ihre Gültigkeit aner- kennt, handelt es sich um einen gewerkschaftlichen Bluff PataudS, der um nichts höher steht als sein literarischer. Schließlich wird nicht einmal die bürgerliche Sensationspresse mehr Interesse daran haben. dieser bei allen ernsten Sozialrevolutionären diskreditierten Hans- wurstgestalt des sozialen DramaS ihre Fanfarenbläser zur Ver- fügung zu stellen. Die„�ools Socialiste" wird sicher, auch wenn sie überschwäng- liche Hoffnungen nicht zu erfüllen vermögen wird, viel Nützliches leisten können. Aber sie macht den Mangel einer Arbeiter- schule, statt ihn zu beseitigen, nur nock fühlbarer. Mit einer kleines feuitteron. Eine Steuer auf Bibliothekbcnutzung plant Preußen einzu- fuhren. Niemand wird diesem Unternehmen die Kühnheit und das dringende Bedürfnis abstreiten. Das dringende Bedürsiiis, das Antikulturstreben und die Bildungsfcindlicbkeit durch eine weit- hin leuchtende Spitze zu bekrönen. Als Versnchskarnickel sollen die königlichen Bibliotbeken dienen. Zwischen dem Kultus- Ministerium und den Direktoren der Bibliotheken haben Ver- Handlungen stattgefunden, deren Resultate zwar geheim gehalten werden sollten, aber nun doch durchgesickert sind. Das ungeheuer- liche Attentat ans die Bildung bezweckt danach, von jedem ans der Bibliothek verliehenen Buch eine Gebühr zu erheben. Bücher, die nur im Lesesaal benutzt werden, sollen davon befreit sein. Die KulturfeindliÄkeit und Ungerechtigkeit dieser Ge- bühr, die allen modernen Steuerprinzipicn ins Gesicht schlägt, den Bermsten und den Reichsten mit gleichem Maße mißt, und in der ganzen Welt einzig dastehen würde, springt dermaßen in die Augen, daß man wnklich i» Preuße» leben muß, um den Gedanken an ihre Möglichkeit znznlasien. Der Ertrag der Steuer soll dazu verwandt werden, den BlbliotheksfondS zu ver- mehren. Zusammen mit diesem sauberen Plan wird ein zweiter erörtert, die Berliner königl. Bibliothek in eine Reichsaiistalt zu verwandeln und als ReichSbiblioihek auszugestalten. Die Zweckmäßigkeit einer solchen Aenderung braucht heute noch nicht besprochen zu werden. Aber wo immer die neue Steuer unser verruchtes Steuersystem der Bedrückung vervollständigen sollte— im preußischen Landtage oder im blauschwarzen Reichslage— sie wird uns nicht nur lächerlich machen, sondern vor allem auch der gesetzlich verbotenen Aufreizung der Bevölkerung aufs wirksamste nachhelfe». Da alles besteuert ist, warum sollte das Brot der Wissenschaft und der Kultur, da§ Buch davon ausgenommen sein. Die Entdecker der neuen Stcuerart können sich rühmen, endlich den wahren Zweck der kgl. preußischen Bibliotheken herausgefunden zu haben: eine Steucrqnelle zu sein. Venedig in Gefahr des Einsturzes! Ter Zusammenbruch des Eampanilc von San Marco am 14. Juli 1902 war eine furchtbare Warnung für die Lagunenstadt, durch die die Aufmerksamkeit auf die Fundamente Venedigs überhaupt mit erhöhtem Eifer gelenkt wurde. Befürchtungen für das Schicksal der alten„Königin an der Adria" wurden laut und man suchte nach Mitteln zur Rettung und Abhilfe. Weitschauende Betrachtungen über die Gründe des Turm- einsturzes und der sonst aufgetretenen Bauschädcn hat nun der badischc Oberbauinspektor Heinberger angestellt, über die in..Ueber Land und Meer" berichtet wird. Der Campanile und die wunder- vollen Architekrurdenkmäler in seiner Umgebung wurden bedroht durch die vor etwa 30 Jahren begonnene Ausbagger ung des San Marco-Kanals. die durch den heutigen Tiefgang der Handels- und Kriegsmarine erforderlich wurde. Sie erstreckt sich westlich auch auf den Giudeccakanal. Während früher die Sohle Arbeiterschule haben natürlich noch weniger die seltenen Kurse zu tun, die die Sabotage-Propheten jetzt ankündigen. Es sollen nämlich fortlaufend Unterweisungen über die„Rolle ver- schiedener Industrien in der sozialen Revolution gegeben' werden. Den Reigen eröffnet Pataud selbst mit einem Vortrag über die Elektrizitätsindustrie, dann folgt die GaSindustrie usw. Die Veranstalter dieses UnfugS haben vielleicht den Mildemngsgrimd, daß sie sich selbst nicht ernst nehmen, aber immerhin könnte es im WellstädtisKen Lumpentum manchen einer solchen„Bildung" Be- flissenen geben, der sich mit dem Gedanken trüge, mit der Slbsol- Vierung diese Kurses seine Reife zur Lockspitzelkarriere zu erringen. «. Ter Lchrplan, der für die Monate Dezember bis Mai auf- gestellt ist, weist in Einzelvorträgen und Zyklen von 2— 4 Stunden unter anderem folgende Gegenstände auf: l. Geschichte der sozialistischen Lehre und Bewegung. Historischer Materialismus und wissenschaftlicher Sozialismus.— Der Aiarxis- mus als rechtswissenschasiliche Lehre.— Der ökonomische Determinismus(d. h. die Abhängigkeit des einzelnen von den Verhält- nissen); einige Richtigstellungen.— Der deutsche Revisionismus. — Geschichte der Kommune.— Geschichte des französischen und des englischen Sozialismus.— II. Organisation der Arbeit: Arbeitsgesetzgebung.— Theorie und Praxis des Gewerkschafts-, Genossenschasts- und Hilfskassenwesens und der Gemeindepolitik. — III. Arbeiter- und Arbeitgeberorganisation in der Metallindustrie, dem Baugewerbe, dem Bergbau, der Gärtnerei, dem Buch- und dem NahrungKmittelgewerbe.— IV. Wirtschaftsgeschichte: Die wiffenschaftliche Methode des Wirt- schaftsswdiums.— Die Agrarfrage.— Die industrielle Konzentration.— Der Lohn.— Die städtischen Bodenrechte.— V. A l l- gemeineSoziologie: Die wilden Völker.— Die menschliche Auslese.— Sozialismus und Naturwissenschast.— Die soziale Kunst.- Dazu kommen einige öffentliche Vorträge: Ueber das Buch der Syndikalisten Pataud und Bouget:„Wie wir die Revo- lntion machen werden"(Jaurös, am 1. Dezember gehalten); Der Antimilitarismus(Lafargue); Gesetzgebung durch das Volk(Snell); Organisation der öffent- l i ch e n D i e n st e i.V e b e r). Von bekannten Namen unter den Lehrern finden wir: Sembat, Bracke, Guesde, Lagar- delle, Dubreuilb, Thomas, Merrheim, Bonnet, Andler, Elte, Faure. Sie SemeinSe- unS Sie KehSrclea- organiiatioo. Die wichtigste Forderung, die die Demokratie in bezug auf die Stellung der Gemeinde erheben muß, ist, sie von der Lundratstyrannei unabhängig zu machen. Die Befugnisse der sogenannten Kreisinstanz müssen so beschnitten werden, daß die Selbstverwaltung der Gemeinde keinen Schaden mehr leidet. Dazu bedarf es aber einer Umgestaltung der Organisation der staatlichen Behörden, der Eliminierung der überflüssigen Instanzen und der Lereinfachung der übrig- bleibenden. Die Herren von der Jmmediatkommission zur„Reform" der preußischen Verwaltung marschieren hier natürlich mit gebundener Marschroute. Der Regierungsrat Kruse be- grüßt es im„Preußischen Verwaltungsblatt" freudig, daß wesentliche Aenderungen an der gegenwärtigen Staffelung der Behörden der allgemeinen Landesverwaltung nicht in Frage kommen, und insbesondere weder die Oberpräsidenten noch die Regierungen fortfallen können. Man fragt sich er- staunt, was denn die ganze Verwaltungsreform soll, wenn an der ganzen Behördenorganisation grundsätzlich nicht ge- rüttelt werden darf. Die Reaktion würde bei uns allerdings am liebsten die Regierungen aufheben und ihre Befugnisse auf Landräte und Oberpräsidenten verteilen, also aus die beiden politischen Beamten. Man wagt das aber doch noch nicht. Innerhalb der höheren Bureaukratie selbst ist vielfach eine starke Abneigung gegen die Landräte vorhanden. Die dieses Kanals nur wenig tiefer lag als die des etwa 3 Meter tiefen, die Ost- und Weststadt trennenden Canal Grande, ist jetzt diese Stömung nach Senkung von deS letzteren Sohle durch Ausba.zgerung verhängnisvoll, da sie bei dem wechselnden Aufstau und Abfluten der Lagunen vermutlich eine Pfahlrostlockerung bewirkt. Die Schädigung der Gebäudefundamente äußert sich in zahlreichen Nissen sowie in Verdrehungen der die Bogen stützenden Pfeiler der alten Bibliothek, ferner im Dogenpalast, sie zeigt sich besonders deutlich in den Nissen, die in neuester Zeit am Fondaco dei Tedeschi, am östlichen Teibe des Rialtobrückenbogens und an der Ecke des Dogenpalastes bei der Scufzerbrücke sich beobachten ließen. Alle diese Orte liegen an einem Nebenkanal, dem Hcmbergcr die Schädi- gung der Gebäudefundamente und auch den Einsturz des Campa- nile zuschreibt. Während die Republik einst für die Uferbefestigung der Insel Murano 20 Millionen Lire aufwandte, sind mit den Baggcrungcn keine schützenden Maßnahmen verbunden worden. Es wäre dringend an der Zeit, diese Nachlässigkeit möglichst wieder gutzumachen, ba der Dogenstadt eine ungeheure Gefahr droht. Die größte Talsperre Europas wird nach dem„Prometheus" die im Bau begriffene Edermlsperre bei Bringhausen in Waldeck werden, die dos Wasser aus einem NiederschlagSgebiet von 1430 Quadrat- kilometer in einem 202 000 000 Kubikmeter fassenden Staubecken sammeln soll. Dieses wird, wenn es ganz gefüllt ist, einen See von 1100 Hektar Fläche bilden. Die Sperrmauer wird 43,6 Meter hoch und 400 Meter lang werden; 300 000 Kubikmeter Bruchstein- Mauerwerk süid für diese Mauer erforderlich, und etwa 190 000 Kubik- meter Erd- und Felsinassen sind auszuheben und fortzuschaffen. Dem Bau, den man bis zum Jahre 1914 zu beendigen hofft, müsse» mit zusammen 140 Gehöften und 900 Einwohnern die drei Orte Bringhausen, Berich und Asel weichen, die vollständig verschwinden werden. Der Durchschlag des AndentuunelS. Die gewaltige Arbeit, die Argentinien und Chile trennende Bergkette der Anden mit einem Tunnel zu durchbrechen, ist am Sonnabend glücklich vollendet worden. In den Tiefe» der Berge stießen die beiden Kanäle des Tunnels aufeinander, und der Durchbruch wurde ohne Zwischenfall feierlich durchgeführt. Es hat der neue Scheiteltunuel, der etwa 11 000 Fuß über dem Meeresspiegel liegt, eine Gesamtlänge von fast 3000 Metern. Vier Jahre lang hat eine Armee von 1500 Arbeitern unausgesetzt mit ständigen Achtstundenschichlen an dem großen Werke gearbeitet: selbst an Sonn- und Feiertage» ruhten nickt Hacke und Meißel. Der Tunnel durchquert das Gebirgmassiv unter dem Cnmbrepaß; er beginnt bei Las Cnevas in Argentinien und endet bei CaracoleS in Cvile. Der Bau der Bahn soll jetzt mit größter Energie und Be- schleunigung ohne Zögern aufgenommen werden; bereits im kommenden März wird voraussichtlich der erste Zug verkehren können. Der Tunnelbau lag in den Händen eines großen englischen Unter- nehmens und wurde von englischen Ingenieuren durchgeführt; auch der Bahnbau wird von britischen Unternehmern ausgeführt. Die ganze Länge der Bahn von der argentinischen bk» zur chilenischen Küste wird 1430 Kilometer beiragen; die Fahrzeit für Verteilung aller Regierungsbefugnisse auf die politischen Beamten wäre auch zu plump. Das Ziel ist immer in Preußen: Verbindung technischer Behörden mit politischen Beamten. Aber man kann dies Ziel nicht so direkt anstreben. Das erregt Aufsehen und Mißtrauen. Man will also die Regierungen und Oberpräsidenten bestehen lassen. Jede wirklich demokratische Vcrwaltungsreform würde allerdings» die preußischen Oberpräsidien sofort beseitigen. Sind diese Oberpräsidien doch die stärkste Stütze des Junkerrcgiments. Nur ein Sechstel der preußischen Oberpräsi- denken ist bürgerlich. Alle, auch die bürgerlichen, sind Vertrauensmänner des regierenden Landadels. Der Fern- stehende hat keine Ahnung davon, wie abhängig sich ein preußischer Oberpräsident von dem Landadel seiner Provinz fühlt. Es ist vorgekommen, daß ein Oberpräsident einer preußischen Provinz an einem patriotischen Festtag seine Dienstwohnung nicht zu beflaggen wagte, weil der fron» dierende Landadel der Provinz nicht flaggte und der Ober- Präsident durch sein Flaggen dem Adel unsympathisch zu werden fürchtete! Der Oberpräsident hat die Weisung, dem Adel, wenn es sich nicht gerade um den polnischen handelt, in jeder Weise entgegenzukommen. Er muß zunächst den söge- nannten alten Familien gesellschaftlich den Hof machen, sie in jeder Weise ehren. Er vermittelt zwischen ihnen und den Spitzen der Behörden, nimmt ihre Wünsche in bezug auf Be- setzung der Landratsposten entgegen, versorgt nicht anders unterzubringende Söhne alter Familien mit angesehenen anderen Verwaltungsposten, trägt den Interessen des Groß- grundbesitzes in der von ihm beaufsichtigten Provinzial- Verwaltung möglichst Rechnung. Kurz, das Oberpräsidium ist der Fels der Junkerherrschaft, in der Verwaltungsmaschinc der Apparat, der die alten Privilegien rettet. Dazu geht der Oberpräsident mit den Landräten meist Hand in Hand, weil diese dieselben Aufgaben haben. Jeder Provinziallandtag ist durch Landräte„verunreinigt", wie der ReichstagSabgeord- nete R i ck e r t zu sagen pflegte. Die stärkste Stütze der Reaktion in der Provinzialverwalwng ist also der Ober- Präsident. Was die technische Bearbeitung der Verwaltungsange- legenheiten angeht, so gestehen die Regierungsorgane, wie z. B. der Regierungspräsident Kruse im„Preußischen Ver- waltungsblatt" vom 31. Juli, selbst ein, daß es dem Ober- Präsidenten an technischen Beratern völlig fehlt und daß di«; Provinzen heutzutage keinen geschlossenen wirtschaftlichen Charakter mehr tragen und keine Gebilde von räumlich ab- gegrenzter Eigenart sind. Selbst wenn also unsere höheren Verwaltungsbehörden außer der Bodenmclioration eine Art Kulturpolitik verfolgen möchten— sie tun das natürlich nicht— selbst dann wäre eine Provinzialzentralinstanz völlig überflüssig. Die Dänen und die Norweger, die ihr Land sehr viel besser verwalten wie die Preußen, haben überhaupt zwischen Ministerium und Gemeindevorsteher nur den Amt- mann. Bei diesen hochentwickelten Völkern haben die Beamten allerdings auch keine politische Tätigkeit aus- zuüben. Ist es aber nicht völlig überflüssig und schädlich, daß wir mit Tausenden von Talern Beamte besolden, die bei Wahlen die Parole im' Sinne der Konservativen ausgeben, große Fonds zur Subventionierung von Regierungszeitungen ver- walten, jede demokratische Regung dadurch aus der Verwal- tung ausmerzen, daß sie die Spitzen aller Behörden mit dem Landadel und init dem Militär in gesellschaftliche Fühlung bringen, kurz, Beamte, nur dazu zu bezahlen, daß sie mehr oder weniger freiwillig fortgesetzt als staatliche Kom- missare für de» regierenden Landadel tätig sind? Was an positiver juristischer und verwaltungsrechtlicher Arbeit auf den Oberpräsidien geleistet wird, könnte ebensogut oder stellenweise besser auf den Regierungen geschehen. Als die ganze Strecke soll 29 Stunden dauern, während der Schiffs« verkehr durch die Magelhaensstraße zehn Tage erforderte. Auf den bereits fertiggestellten Bahnstrecken, an denen mit Unterbrechungen seit 80 Jahren gebaut wird, kann man heute schon in 83 Stunden von Buenos Aires nach Valparaiso fahren. Die Verbindung zwischen den beiden jetzt durch den Tunnel verbundenen Bahnen stellt einst- weilen die Post her, die über den 3842 Meter hohen Cnmbrepaß fährt. Theater. Neues Schauspielhaus:»Ihr letzter Brief", Lust« spiel von Viktorien Sardou. Die Sardouscken Komödien aus den sechziger Jahren verdanken ihren Ruf nicht dem Gehalt an humoristisch-ironischer Charakteristik, sondern ausschließlich der ver- bluffend erfinderischen Behendigkeit, mit der der Autor puppen- ähnliche Figuren an den Schnüren irgend welcher dünn gewebten Intrigen durcheinander tanzen läßt. Ein spielerischer und zugleich subtiler Scharssinn, dem cö indeffen auf eine Handvoll innerer Un- Möglichkeiten in den Voraussetzungen nicht ankomrm, sckürzt und löst mit immer neuen Tricks die Knoten. So lveiiig diese Rechen« kunststücke mit Kunst zu tun haben, erscheinen sie neben dem, was heutzutage für den laufenden Lustspielbedarf ge- liefert wird, noch immer als Produkte eines respektablen Könnens, das eS hier und da zu eigenartig amüsanten Effekten bringt. In dem von der Direktion des neuen Schauspielhauses ge- wählten Drama dreht sich die Intrige darum, den letzten kompromittierenden Liebesbrief, den eine Frau vor ihrer Heirat schrieb, seinem Besitzer abzulisten. Es dauert etwas sehr lange, bis die Geschichte, in der die kluge Freundin der �kompromittierten den Spürsinn eines Sherlock Holmes entwickelt, recht in Gang kommt, dafür fällt dann aber der weibliche Feldzug und namentlich am Schluß die allgemeine Hetzjagd nach dem schon halb verbrannten Korpus delikti um so vergnüglicher ans. Die flotte Aufführung, bei der die Herren Kaiser-Titz und Romberg und Frl. Waldegg dankbare Rollen zu repräsentieren batten. gewann an Farbe durch die hübschen altmodischen Zeitkostüme. ckt. Notizen. — Musikchronik. Einen Bach-Händel-Abend ver« anstaltet die Neue freie Volksbühne am Sonntag abend in der Hoch- schule für Musik. — Der Bronzelöwe von Gaul, der bisher im zweiten Geschoß des Nationalmuscums stand, ist jetzt in den das Museum umgebenden Anlagen aufgestellt worden. Er hat durch diese Exmittierung ebenso an Wirkung gewonnen, wie die Bronzewerke, die bereits früher ins Freie gebracht winden. — Michelangelos Vorarbeiten zu den Figuren der vier Tageszeiten auf den M e d i c e e r g r ä b e r n in Florenz will der deutsche Kunsthistoriker Bombe in den Gipsfiguren entdeckt haben, die in der Glyptothek von Perugia aufbewahrt werden. Sie sollen größer und individueller durchgeführt sein als die angeblich nach ihnen gearbeiteten Marmorausführungen. Beschivcrde- und höhere Ailfsichtsinstanz her Negimmg gegenüber istdasOberträsibiumzutKeit überflüssig, was schon daraus hervorgeht, daß die Entscheidungen der Regierung und des'Oberpräsidiums sich ja ziemlich regel- mähig decken. Em der Partei. Die zweite Konferenz der sozialdeniokratischen Geineindevertreter Nordbayerns tagte dieser Tage in N ü r n b e r g und besprach in zioeitägigen Ver- Handlungen einige wichtige Fragen. Die in ganz Nordbayern auf- tretenden, auf die Agitation de? Bundes der Landwirte zurück- zuführenden Bestrebungen, die Milchpreise erheblich zu v erteuern, gab der Konferenz Anlaß, die Frage der g e m e i n d- l i ch e n L e b e n s nri t t e l v e r s o r g u n g eingehend zu behandeln. Genosse Merkel- Nürnberg hielt darüber ein umfangreiches Referat, in dem er hauptsächlich die Versorgung der Bevölkerung der Gemeinden mit Brot, Fleisch und Milch behandelte. Er kam in seinem Resümee dahin, daß überall dahin zu wirken sei, daß die Gemeinden nicht nur den Handel mit diesen wichtigen Lebensmitteln, londern schließlich auch die Produktion selbst in die Hand nehmen müssen. Das werde sich natürlich nicht alles auf einmal erreichen lassen, aber durch unablässiges Bohren und Drängen werde man nach und nach Erfolge erzielen und so allmählich zur Verwirklichung der in unserem Gemeindeprogramm ausgesprochenen Forderungen kommen. Vor allen Dingen müßten die Gemeinden einmal dazu gedrängt werden, die Versorgung ihrer eigenen Anstalten mit Nahrungsmitteln in Regie auszuführen. Schon das werde auf die Preisbildung eimvirkcn. Bezüglich der Milchvcrsorgung müsse zu allererst die Beschaffung der Säuglingsmilch von der Gemeinde übernommen werden. In der Diskussion wurde die Frage der gemeindlichen Brotfabriken, S ch l ä ch- tereien usw. eingehend erörtert; dabei kamen wohl einige ab- weichende Meinungen zum Ausdruck, die diesen Punkt für sehr ge- fährlich halten, im allgemeinen aber bekundete die Konferenz die Ansicht, daß bei jeder Gelegenheit auf das Ziel, die Lebensmittelversorgung durch die Gemeinde herbei- zuführen, hingearbeitet werden müsse. Bezüglich Milchverteuerung haben die sozialdemokratischen Vertreter in den Gemeinden jeden dahingehenden Versuch auf das entschiedenste z» bekämpfen. In einigem Zusammenhang mit dieser Angelegenheit stand der zweite Punkt:„Der§13 d e S Zolltarifs und biege- m eiu d lich e n Er s a tz st e u e r n." Hierüber referierte an Stelle des verhinderten Genossen Segitz der Genosse Simon. Durch den Wegfall der städtischen Aufschlägel auf Fleisch und Mehl ab 1. April tgll) entgehen den Städten groß? Einnahmsn, für die durch die eben in: Landtage bchandelle Steuerreform kein aus- reichender Ersaß geschaffen wird. Den Gemeinden werden lediglich einige Nebensteuern, wie die volle'Hundesteuer. die We r t zu w a chs st euer zugewiesen, außerdem hat das Ministerium ihnen angeraten, die L n st b a r k e i t S st e u e r kräftig auszugestalten und insbesondere eine B i l l e k t st e u e r ein- zuführen. Biel« Gemeinden gehen jetzt dazu über, den§ 13 des Z.lltariscS zu umgehen, indem sie die Schlachthof- gebühren»im den Betrag der wegfallenden Auf- f ch l ä g e e r h ii h e n. In der Konserenz wurde allgemein betont, daß die sozialdemokratischen Vertreter sich gegen jeden Ver- such, ueue indirekte Steuern einzuführen, zu wenden haben, sie sollen lieber eine Nm lagen er höhung verlange». Die Lustbarkeitssteuer wurde von den »leisten Rednern überhaupt verworfen. Eine Resolution empfiehlt, überall den Wegfall der Aufschläge zum Anlaß zu nehmen, eine Preisherabsetzung bei Fleisch und Mehl- Produkten zu erwirken und zugleich die Frage der gemeindlichen Lebensmittelversorgung in Erwägung zu ziehen. Auf joden Fall sollen die Genossen in den Gemeindevertretungen einen geplanten Ersatz der entgehenden Aufschläge durch erhöhte Gebühren mit aller Energie bekämpfen. lieber die Arbeitslosen-Fürsorge in' derGemeinde referierte ebenfalls Simon- Nürnberg. Er behandelte die Arbeits- losigkeit und ihre Ursache» sowie die verschiedenen Methoden der Arbeitslosenfürsorge. Von den UnterstützuiigSsystemen gefällt ihm am besten das reine Genter System, luv das aber nicht zu erreichen ist, empfiehlt er, für ein gemischtes System einzutreten, daß eine gemeindliche ArbettSlosenunterstützungSkasse mit baren Zuschüsse» an die Mitglieder solcher Vereine, die Arbeitslosenunterstützung ge- währen, verbindet. Das Berner System der bloßen Arbeitslosen- versichsruilgsknssen sei unbedingt zu verwerfen. Die Konferenz schloß sich diesen Ausführungen an. Sozialistische Tageszeitnugen in Frankreich. Ein neues Tageblatt haben unsere französischen Genossen in Marseille, der Großstadt, die sich zuerst dem SoziallsmuS zu- gewandt hat, unter dem Titel„I, a Vöritö" s„Die W a hr h cit") ins Leben gerufen. Es ist die fünfte tägliche Zeitung. Die anderen sind:„I-s Droit du Peupl o" s.Daö Recht des Volkes") in G renoble,„Do Populairs du Contra"(„Der Volksfreund aus Mittelfrankreich") in Limoges,„Do hlidi Socialiste1'(„Der sozialistische Süden") in Toulouse und „D'Lumanitü"(„Die Menschheit") in Pari s. Dazu komml eine große Reihe Wod)enblätter.„Die Humanitö" bemerkt dazu: „Das will noch nichi viel heißen gegenüber den 75 Tageblättern unserer deutschen Genossen, aber cS ist doch ein ganz hübscher Anfang. Mögen diejenigen, die manchmal Worte des Zweifels aussprechen, daran denken, wo wir noch vor ein paar Jahren standen." Parteiliteratur. Im Verlag von Molkenbuhr u. Co., Elberfeld (Verlag der„Freien Presse"), gibt daS Niederrheinische Agitationskomitee heraus: Die Waffen nieder. Eine Abrechnung mit dem Militarismus von Z. H ö p l u n d. Ans dem Schwedischen übersetzt von einem deutschen jugendlichen Arbeiter. 13 Seiten. 15 Pf. Die kleine Schrift des Redakteurs unseres Stockholmer Partei- blatts„Socialdemokraten" ist in der deutschen Ucbertragung mit Erlaubnis des Verfassers den deutschen Verhältnissen angepaßt worden. So ist das Kapitel„Der Militarismus in Schweden" ganz fortgefallen und dafür vom Uebersetzer ein neues Kapitel»Der Militarismus in Deutschland" eingefügt. polizeUiesits, OenchtUches ukw. Das Ansehen der Polizeibeamten. Zu 133 Mark Geldstrafe wurde Genosse Berten von der„V o l k s z e j t u n g" in Düsseldorf verurteilt. Der Polizei- sergeant Meiner entwendet« einem Arbeiter vor der Haustür einer Wirtschaft eine mit Branntwein gefüllte Flasche aus der inneren Rock« tasche. In zwei Notizen der„Volkszcitung" wurde das Borgehen des Beamten kritisiert. Wiemer fühlte sich durch die Notizen beleidigt und die Staatsanwaltschaft erhob Klage.— Trotzdem von drei Arbeitern bestätigt wurde, daß der Beamte das ihm zur Last gelegte Bergeheu beging, beantragte der Staatsanwalt für jede Notiz 7S M.Geldstrafe; das Gericht erkannte auf die oben angegebene Strafe.-__ Jugendbewegung. Propaganda- und Organisationsliteratur. Die Zentralstelle für die arbeitende Jugend Deutschlands zu Berlin hat drei Flugblätter herausgegeben: „Bäter und Wütterl"„An die Arbeiter-Eltern!" und„An die Eltern der ArBeiterjiugendl"— Die Blätter wollen da§ Verständnis für die Jugendbewegung fördern. Die Arbeitereltern sollen auf die Bedeutung der Veranstaltungen der Jngendausschüffe hingewiesen und veranlaßt werden, ihre Söhne und Töchter zum Lesen der„Arbeiter-Jugend" anzuregen. Gleichzeitig hat die Zentralstelle einen kleinen Leitfaden für die Leiter der Jugendausschüsse erscheinen lassen, betitelt: Künstlerisch-gesellige Veranstaltungen für die arbeitende Jugend. Das Heftchen enthält neben allgemeinen Ratschlägen und Quellennachweisen einige Musterprogranmie für Dichter- und Kompo- nisten-Abende, Schulentlassungs- und Weihnachtsfeiern u. a. m. Im Verlag der Leipziger Buchdruckerei A.-G.(Verlag der«Leipziger Volkszeitung") erschien soeben: Spielbuch für die arbeitende Jugend von Paul Böttcher. Zweite stark vermehrte Auflage. 112 Seiten. Preis 1 Mark. Das Buch führt neben Regeln für Spielleiter auch eine Einführung für Spiele im Freien und im Zimmer auf. Die ersteren gliedern sich in Kinderspiele, Spiele ohne Geräte, Spiele mit Geräten, Volksbelustigungen: die letzteren in Pfänderspiele. Spruchspiele und Scherzspiele. DaS Buch ist, wie der Verfasser in der Einführung auseinandersetzt, auS der Praxis der Leipziger Jugendvereine hervor- gegangen._ grübe Cuiie und Marianne. In der gestrigen Sitzung wurde nach Beendigung der Ver- nehmung der Angeklagten mit der Beweisaufnahme begonnen. Von der Verteidigung wurde beantragt, den durch den Umfang seines Grundstückbesitzes und durch seinen Reichtum bekannten Geh. Kommerzienrat A s ch r o t t als Zeugen zu laden. Er soll be- künden, daß der Angeklagte Echtermeyer bis zu scin-cr Verhaftung. mit der naturgemäß sein Kredit schwand, in den GeschäftSkresien, zu denen auch Geh. Rat Aschrott gehörte, den Ruf eincö tüchtigen und sehr versierten Geschäftsmannes genoß, dem man persönlich und hinsichtlich seiner Uritenwchmungen volles Vertrauen entgegenbrachte. Dem Antrag wird stattgegeben. Bei der Vernehmung stellt der Vorsitzende auS den Akten fest, daß der über 73 Jahre alte Schwiegervater des Echtermeyer, der Kaufmann Martin Friedmann, der ebenfalls Mitinhaber der FirmK Grunsfeld u. Co. gewesen war, sich aber nie um die Geschäfte beküimnert hat, bereits zweimal den Offenbarung&eid geleistet hat. Zu der Zeit— Ende Februar 1906— als dieser noch„Ritterguts- besitzer" war, hat er das erstemal den OffenbärungSSId geleistet. In dem zur Verlesung gebrachten Lermögcnsverzeichnis hat Friede- mann außer einigen Kleinigkeiten einen Kleidersckirank, einen Tisch, zwei Stühle und 28,30 M. bares Geld als sein Vermögen angegeben. In dem zweiten Falle handelte es sich um eine unerheblidje Forderung der Gerichtskasse. Auch in diesem Falle leistete F. am 4. März 1907 den Ofsenbarungseid. Die Vorgänge bei der Uebernahme der Zeche Luise und Bildung der Gewerkschaft stellt der Angeklagte Echtermeyer wie folgt dar: Als die Frist zur Inbetriebsetzung des Bergwerks bis zum Oktober bewilligt war, habe er mit Grunsfeld den Finan- zierungSplcm ausgearbeitet. Die Sache sei sehr aussichtsreuh ge- wese». Er sei durchaus berechtigt gewesen, Obligationen in Höhe von 1 500 000 M. auszugeben. Betrügerische Absichten hätten dabei nicht obgewaltet, vielmehr habe er bei dem Finanzplan möglichste Vorsicht walten lassen wollen. Der Vorsitzende hält ihm bei diesen Erörterungen immer wieder Einzelheiten vor, die große Bodenken erregen müssen. Dazu gehört auch die Begründung der „Treuhand-Gesellschast", die als G. m. b. H. gegründet wurde und an deren Spitze dieselben Herren Grunsfeld und Martin Friede» mann standen, die auch die nominellen Inhaber des Bankgeschäfts Grunsfeld u. Co. waren.— Der Angekl. Echtermeyer behauptet, es seien die verschiedensten Dinge unternommen worden, um die Grube auf Grund der Obligationen in Betrieb zu setzen. Ein Bergwerk, welches Jahre lang tot gelegen, könne in der kurzen Frist, die gestellt war, unmöglich vollständig in Betrieb gesetzt werden. Die Mitteilung des Herrn Landrats Hellwia, daß die Beschäftigung von zwei Arbeitern nicht als Inbetriebsetzung an- gesehen lverden könne, sei wie ein Blitz aus heiterem Himmel gekommen. Landrat Hellwig sei vielleicht durch andere Leute, die auf die Ausgabe der Obligationen hinwiesen, zu der Meinung gebracht worden, daß hier Schwindel vorliege, was ihm ja auch nicht zu verdenken fei. Die Meinung sei aber falsch gewesen. Die Treuhand-Gesellschast habe mit Recht eine Forderung j!N Höhe von 10 000 M. im Interesse der Gläubiger geltend machcsi und mit Recht auf Grund dieser Forderung die Zwangsversteigerung bcan- tragen können. Das ZivangsversteigerungZvcrfahren wurde auch eingeleitet, da aber vom Gericht 200 M. Vorschuß verlangt wurden und diese Summe nicht bcigetrieben werden konnte, so ist die ganze Zwangsversteigerung ins Wasser gefallen, das Bergwerk ist ein Nichts und die Obligationen sind keinen Pfifferling wert. Die Inhaber der ausgegebenen etwa 200 000 M. Obligationen haben das Nachsehen. Der Angeklagte Laufer ist seit vier Jahren in Berlin Auto. mobilhändler. Mit dem Angeklagten Echtermetzer ist er schon von Kassel her bekannt. Im Jahre 1903 traf er dann zufällig Unter den Linden mit Echtcrmeyer zusammen, der ihm dann bald darauf mitteilte, daß er wieder«in Automobil kaufen wollte. Der Kauf sei auch perfekt geworden und E. habe ihm für ein Automobil fitr 15 000 M. Obligationen der Zeche Marianne zum Kurse von 95 Proz. in Zahlung gegeben. Er habe den E. damals für einen Gcldmann ä la Fritz Fmedländer oder Mendelssohn gehalten. Bei einem zweiten Automobilgeschäst habe ihm Echtermcyer Obligattonen der Zeche Luise als„gnwa prima" angeboten. Echtermeyer kaufte einen großen Dürkopp-Wagen, den er mit 18 500 M. in Obli- gationen der Zeche Luise bezahlte. Der Angeklagte Laufer hat dann noch ein Antomobilacsd)äst mit einem Herrn Becker gemacht, der ihn mit 25 000 M. Obligationen Luise bezahlte. Als Leute, denen er Obligationen der Luise als Zahlung gegeben hatte, re- klamierten, habe er sich an Cchtermcycr gewandt. Dieser aber habe geantwortet:„Lieber Laufer, das verstehen Sie nicht! Ein Baum, welcher Früchte trägt, ist doch wohl nicht wertlos und ein Papier, welches seine Zinsen trägt, hat doch seinen Wert!" Dabei habe er sich beruhigt. Auf Befragen des Vorsitzenden gibt der An- geklagte zu, daß er mehrfach in dem GeschaftöloM von Grunsfeld und Eo. und auch im Lokal der„Treuhand-Gesellschast" gewesen sei. Auf die Frage, ob ihm denn nicht aufgefallen sei, daß das „große Bankhaus" doch sehr dürftig eingerichtet war, er- widert Laufer:„Ich habe schon besser eingerichtete Bankgeschäft: gesehen, aber auch solche, die recht abgewetzte Tische hatten. Letztere haben oft das meiste Geld!" AuS der Vernehmung der anderen Angeklagten und der Be- Weisaufnahme war etwas Besonderes nicht zu entnehmen. Heber den Ausgang des Prozesses, der 14 Tage lang dauern dürfte, werden wir berichten. Gmedts- Zeitimg, Hinter den Knlissen einer„Sparbank". Unter dieser Ucberschrist brachten wir am 6. März 1903 über eine Verhandlung vor dem KaufmannSgericht einen Bericht, der folgenden Tatbestand enthält: Ein Kandidat der Theologie. W., der sich die Mittel zum Studium der Medizin erwerben wollte und deshalb«ine Stellung suchte, wandte sich auf Grund eines Zeitungs- inferatS an die„Deutsche Sparbank für Lebens- Versicherung" G. m. b. H., die einen Geschäftsführer mit einigen tausend Mark zur selbständigen Leitung einer Filiale suchte. W. verhandelte mit einem Herrn Prinz, der sich als Prokurist der G. m. b. H. ausgab und ihm die Stellung eines Geschäfts- fllhrerS der Filiale Breslau übertrug. Sein ganze? Bermügen. 3003 M.. gab W. als Kaution und bekam als angebliche Sicherheit drei Anteilscheine der Gesellschaft a 1330 Mark, die aus den Namen des Geschäftsführers der Gesellschaft. Leutnant der Landwehr Brandt, lauteten. W. sollte laut dem mit Prinz abgeschlossenen Vertrage auf fünf Jahre die Filiale Breslau leiten und ein Monats- gehakt von 250 M. bekommen. Er ist auch nach Breslau gereist, konnte dort aber keine Tätigkeit entwickeln, da die„Direktion" der Gesellschaft seine Anfragen nicht beantwortete. W. erhielt auch kein Gehalt, ja er mußte sogar den Geschäftsraum, den er für die Gesell- schast gemietet halte, aus seiner Tasche bezahlen. In unserem Bericht wurde ferner gesagt: in der Verhandlung vor dem Kaufmanns- gericht schob der Geschäftsführer Brandt alle Schuld aus Prinz und Henrion, der als„Direktor" der Gesellschaft fungierte. Da Henrion und Prinz flüchtig seien, so sei dem Kläger W. der Eid auferlegt, daß er von Prinz engagiert worden sei, in welchem Fall? er 1105 M. Gehalt zu beanspruchen habe. Durch diesen Bericht fühlen sich Leutnant der Landwehr Brandt und der Buchhalter Henrion beleidigt. Der erstere meint, der Bericht lasse ihn als einen Menschen erscheinen, der sich an einem KautionSschwinde! beteiligt und die Schuld auf einen anderen zu schieben versucht habe. Henrion faßt es als eine Beleidigung auf. daß der Bericht ihn als„flüchttg" bezeichnete während er vom Kaufmannsgericht nur als„unauffindbar" bezeichne l worden sei. Brandt und Henrion haben die BeleidigungS- klage erhoben gegen unseren Genossen D a v i d s o h n als damals verantwortlichen Redakteur des„Vorwärts" sowie gegen die verantwortlichen Redakteure einiger bürger- licher Zeitungen, die denselben Bericht brachten. Auw auf den Herausgeber einer Kaufmannsgerichts«i orrespondenz, Schrift- st e l l e r I g e r- L e i p z i g e r. der den Bericht verfaßt hat. haben die Kläger die Klage ausgedehnt! In der Verhandlung, die gestern vor dem Schöffengericht Berlin-Mitte anstand, verglichen sich die Beklagten Dr. Stanjek(„Berliner Volks-Zeitung") und Mulle („ D e u t s ch e S B l a t t") mit den Klägern. indem sie erklärten. sie nähmen die Aeußerungen, soweit sie für die Kläger beleidigend seien, mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück. Es blieben noch Davidsohn und Jger-Leipziger übrig, die auf keinen Vergleich eingingen. Jger-Leipziger bc- stritt, seinen Bericht in der von den Zeitungen veröffentlichten Form abgefaßt zu haben. Der Redakteur des„Deutschen BlatteS", Herr Mulle, erklärte aber als Zeuge, daß außer Streichungen leine Aenderungen an dem Bericht vorgenommen worden seien! David söhn lehnte einen Vergleich deshalb ab. weil alles, was in dem Bericht gesagt wird, der Wahrheit ent- spricht und Aeußerungen, durch welche sich die Kläger mit Recht beleidigt fühlen könnten, nicht in dem Bericht enthalten sind. Die Beweisaufnahme ergab denn auch, daß sich die Verhandlung vor dem KaufmannSgericht genau so abgespielt hat, wie im„Vorwärts" angegeben war. Sie erwies sogar noch mehr zuungunsten der„Deutschen Sparbank für Lebensversicherung". Da-Z KaufmannSgericht hatte dem als„Filialleiter" engagiert ge- wesenen 83. daS von ihm eingeklagte Gehalt zugesprochen. Aber bekommen hat er bis heut noch keinen Pfennig. weil die Zwangsvollstreckung fruchtlos ausgefallen ist. Auch von den 3000 M., die W. als Kaution stellte, hat er nichts wieder- gesehen. Er führt deswegen einen Zivilprozeß, der vielleicht seinen Rechtsanspruch feststellen, aber ihm sein Geld nicht verschaffen kamt. weil von denen, die zur Zahlung in Anspruch genommen werden könnten, nichts zu holen ist. Ob die„Deutsche Sparbank für Lebensversicherung" überhaupt noch existiert, kam nicht zur Sprache. Leutnant Brandt ist schon lange nicht mehr ihr Geschäftsführer, Prinz, der den 83. seinerzeit engagierte, ist ins Ausland g e- flohen und nicht erreichbar. Henrion, der in unserem Bericht als Direktor bezeichnet wurde, soll nur Buchhalter gewesen sein. Auch er ist längst nicht mehr in Stellung bei der genannten Gesell- schast. Henrion war allerdings nicht flüchtig, sondern nur für das KaufmannSgericht unauffindbar. ES ist aber in der Kaufmannsgerichtsverhandlung gesagt worden, auch Henrion sei flüchtig. Der Anwalt der Kläger beantragte eine empfind- liche Strafe und außerdem für Henrion noch eine Buße von 3000 Mark! Die Beklagten sowie Gen. DavidsohnS Ver- teidiger, Rechtsanwalt Siegbert Loewy, beantragten die Freisprechung, weil in dem Artikel keine Beleidigung der Kläger gefunden werden kömie. Die„Deutsche Spar- bank für Lebensversicherung" fei schon im Juni 1907 durch ein hervorragendes Fachorgan, die„Deutsche Versicherungszeitung" als ein Schwindelunternehmen gekennzeichnet worden, vor dem daS Publikum gewarnt werden müsse. Die Leitung der Gesellschaft habe nicht gegen die„Deutsche VersicherungS- zeitung" geklagt. Wer in die Leitung eines Sdiwindelunternehmens eintrete, der müsie, selbst wenn ihm der schwindelhafte Charakter nicht bekannt wäre, doch die Konsequenzen seiner Beteiligung an einem solchen Unternehmen tragen. Wer ein solches Schwindel- unternehmen in der Oeffentlichkeit kennzeichne, der erwerbe sich ein Verdienst und gehöre nicht auf die Anklagebank. Daß der Kläger Henrion nicht flüchtig war, könne gern zugegeben und als entschuldbarer Irrtum bezeichnet, aber nicht als Beleidigung bestraft werden. Der Antrag auf Buße sei ebenso unbegründet wie die willkürlich be» messene Höhe derselben. Das Gericht sprach beide Beklagte frei und legte den Klägern die Kosten des Verfahrens auf.— In der Urteilsbegründung wurde erklärt: Das Gericht hat die Ueberzeugung gewonnen, daß die Darstellung, welche der Zeitungsbericht giebt, den Berhandlungen, wie sie sich vor dem KaufmannSgericht abgespielt haben, entspricht. ES mag dahingestellt bleiben, ob betrügerische Manipulationen gegen 83. versucht worden sind, aber ein Vorwurf gegen die Sparbank habe aus der Verhandlung des KaiisinannSgerichtS entnommen werden können. Der Bericht enthält keine Beleidigungen des Klägers Brandt. Daß 83., wie es in dem Bericht heißt, um sein Vermögen erleichtert wurde, ist Tatsache. Daß Henrion flüchtig war, ist zwar vor dem KaufmannSgericht nicht festgestellt, aber es ist doch davon die Rede gewesen, also liegt auch keine Beleidigmiz des Klägers Henrion vor._ Zwang der Dissidenten. Einem Zufall ist eine dieser Tage vom Kammergericht erfolgte Freisprechung von dem Bergehen zu verdanken, dem GeivisieirSzwaug sich iijcht gebeugt zu haben. Im Gebiet des ehemaligen Herzogtum» Nassau(im jetzigen Regierungsbezirk Wiesbaden) hatten die Dissidemen Bacher und Scvmidt, die Mitglieder der freireligiösen Gemeinde sind, ihre Kinder nicht am Religionsunterricht in der Volksschule teilnehmen lassen. Sie wurden deshalb auf Grund des§ 52 der allen nassauischen Schulordnung von 1817 zu SchulvenäumniSstrasen ver- urteilt. Das K a m in e r g e r i ch t kam als Revisionsinstanz ans einem ganz eigenartigen Umivege zur Freisprechung der An« geklagten. Zunächst erklärte es in Uebereinstimmung mit dem Land» gericht Wiesbaden, daß die Angeklagten an sich nach dem nassauisch«» Schulrecht ihre Kinder nicht ohne DiSpenS vom Religionsunterricht in der Schule hätten fernhalten dürfen. Dann führte es aus: Das Landgericht IjoEo jedoch das Verschulden bezüglich der Einzelfälle nicht onZreichend festgeslellt. Teshalb müßte das Urteil aufgehoben lverden und cS würde eine neue Verhandlung vor dein Land- gericht notwendig, wenn sich daS hier nicht aus einem ganz besoit deren Grunde erübrigte. Mmlich im Hinblick ans Z b2 Absatz 2 des Strafgesetz- buchs. wonach bei Verschiedenheit der Gesetze von der Zeit der l> c g a n g e n e n H a n d l u n g bis zu deren Aburteilung das n» i l d e s't e Gesetz anzuwenden sei. Hier liege nun die Sache so: Der Strasparagraph 52 der nassanischen Schulordnung sei durch Gesetz vom 1. August 1909 mit der Wirkung aufgehoben worden, baß er am 89. August außer.ilrast trat. Dies Gesetz habe ferner der Bezirksregierung zu Wiesbaden die Befugnis beigelegt, wegen der Schulversäumnisse schulpflichtiger Kinder gegen diejenigen, denen die Sorge für die Personen der Kinder obliegt, im Wege der Verordnung Strafvorschristen zu erlassen. Eine entsprechende Verordnung der Regierung in Wies- baden sei aber erst am 1. Septeinbcr erlassen und am 2. September im Amtsblatt publiziert worden. Zwischen der Aufhebung deL h 52 der Schulordnung von 18l'/ und dein Erlaß der Verordnung der Regierung in Wiesbaden liege aber mindestens der 31. August als ein Tag, an dem es im fraglichen Gebiete keine Straf- Vorschrift für Schulvcrsäumnifle gab. Also habe an diesem Tage das mildeste Gesetz bestanden, denn einGesetz das es gar nicht gibt, sei das mildeste. Dies.Gesetz", müsse hier gemäß§2 des Strafgesetzbuchs zur Anwendung kommen, denn es habe iu der Zeit zwischen der Handlung und der Ab- urtcilung.bestanden", da als Tag der Aburteilung ja erst der der notwendig gewordenen n e u e n Verhandlung vor dem Landgericht anzusehen sein würde. Diese neue, zunächst für notwendig erachtete Landgerichtsverhandluug erübrige sich nun aber, weil im Fehle rr einer Strafvorschrift am 31. August ja das .mildeste Gesetz" bestand und somit in Anwendung dieses in Wirk- lichkeit nicht vorhanden gewesenen Gesetzes gleich auf Frei» sprechung zu crkctmen sei._ Und wer den Papst zum Vetter hat, kann Kardinal noch werden. Von der Strafkammer zu Düsseldorf war der Groß- industrielle Ferdinand van der Zypen in Köln zu e i n c m M o n a t G e fä n g ni S verurteilt worden, weil er einen zehnjährigen Knaben niit seinem in rasender Fahrt dahersausenden Automobil totgefahren hatte. Der Staatsanwalt hatte vier Monate beantragt unter Hinweis darauf, daß der Kölner Millionär schon zweimal wegen zu schnellen FahrenS best rast worden war, und daß Zeugen erklärt halten, daß sie ein so schnelles Fahren eines Automobils noch niemals be« obachtet Härten. Der Verurteilte legte gegen daS Urteil Revision ein, die aber vom Reichsgericht verworfen wurde. Jetzt erfährt man, daß es dem Herrn gelungen ist, auf dem Wege der Begnadigung die ohnedies winzige Strafe in Festungshaft umgewandelt zu bekommen. Durch Polizeiaufsicht ins Verbrechen getrieben. Vor der Chemnitzer Strafkammer hatte sich der Kaufmann Georg Reimer dieser Tage wegen Betrügereien zu verantworten, die weniger ihm als der Institution der Polizeiaufsicht zur Last fallen. Der Vater und die Verwandte des Angeklagten haben Einflußreiche, gut dotierte Stellungen. AIS junger Mann kam R. in die Reichsbank. Mit 26 Jahren wurde er infolge von Unter- schlagung und Urkundenfälschung zum ersten Male mit dem Zuchthaus« bekannt. Nach Verbüßung dieser Strafe wurde er im Elternhause wieder aufgenommen. Dem Einfluß seines Vaters gelang seine Unterbringung bei einer großen Gesellschaft. Die Stellung war eine gutbezahlte und R. hatte sich fest vor- genommen, ehrlich zn bleiben. Mit Rücksicht auf den auten Namen des Boters hatte man Abstand genommen, nach der Vergangenheit N.s zu fragen. Als dieser aber in Nixdorf bei Berlin, dem Domizil der Firma, Wohnung genommen hatte, griff dir Polizei mit rauher Hand in das Schicksal RS ein; er wurde aus Rixdorf wegen seiner vrrbiifflen Zuchthausstrafe ausgewiesen.' Diese kam nun auch zur Kenntnis der Firma, die ihn nun ohne weiteres entließ. Hinabgestoßen ins Elend wurde R. nun ein arger Trunkenbold, schlug sich durch Handel mit Ansichtskarten und als Karnsiellarbeiter auf Jahrmärkten und Schützenfesten durch, beging weiter Betrügereien und Urkunden- fälschungen und wanderte zwischen Gefängnissen und Zuchthäusern hin und her. Einmal kam er in eine Trinke rheilan st alt und dann versuchte er eine nochmalige Annäherung an seine Verwandten. Vom Bater und von der Schwester wurde er durch die Dienerschaft abgewiesen und»nit einem kleinen Geldgeschenk abgespeist. Run begann wieder das mit Alkohol reichlich durchtränkte Leben. In DarkehnSschwindel machte er öfter und wurde zuletzt in Zwickau zu 10 Monaten Gefängnis verurteilt. In Dresden und Chemnitz verschaffte er sich ebenfalls je 50 M. unter Vorspiegelung falscher Tat- fachen und mit Hilfe gefälschter Papiere; in einem Falle blieb eS beim Versuch. Das Landgericht Chemnitz billigte dem reuigen Angeklagten mildernde Umstände zu und erkannte unter Einschluß der Zwickauer Strafe aus zwei Jahre Gefängnis und drei Jahre Ehrenrechtsverlust. kommunales. Die Aus der Stadtverordnrtendcrsammlung. Frage, ob in der Schönhauser Allee eine Hochbahn oder eine Untergrundbahn gebaut werden soll, ist längst entschieden. Aber der Streit, der darum geführt worden ist, will noch immer nicht zur Ruhe kommen. Gestern wurde noch einmal in langem und hitzigem Rede- kämpf das Für und Wider des einen wie'des anderen Planes erwogen. Zu denen, die der Schönhauser Vorstadt statt der beschlossenen Hochbahn eine Untergrundbahn wünschen, ge- hört auch die sozialdemokratische Fraktion. Genosse Borg- mann hob hervor, daß es sich nicht nur um die Schönhauser Vorstadt handelt. Der prinzipielle Streit, ob in Berlin Hoch- bahnen oder Untergrundbahnen zu bauen seien, stehe hier aufs neue zur Debatte. Oberbürgermeister K i r s ch n c r antwortete ablehnend. B o r g m a n n richtete dann heftige Angriffe gegen den Magistrat, der die berechtigten Wünsche der Bevölkerung de in Vorteil einer Unternehmergesellschaft unterzuordnen be reit sei. Beschlossen wurde, daß es bei dem bereits durch Vertrag festgelegten Plan sein Bewenden haben und die Schön hauser Vorstadt sich mit einer Hochbahn beglücken lassen soll. Was die freisinnige Mehrheit der Stadtverordnetenver sammlung unter einem„a u s k ö m m lTch e n" Lohn der steht, das ersah inan aus ihrem Beschluß über eine Vorlage betreffend die A k t e n w a g e n, die die Stadtverwaltung sich von einem privaten Unternehmer stellen läßt. Genosse Pfannkuch empfahl hier den von der sozialdemokratischen Fraktion eingebrachten Antrag, den Unternehmer zu verpflich ten, daß er den Kutschern einen M i u d e st l o h« von 24 Mark zahlt. Das ist wahrhaftig nicht so viel, daß einer davon ein Schlemmerleben führen könnte, aber die Frei sinnigen lehnten es ob. Auch von der„s o z i a l- f or t � s ch r i t t l i ch" sich nennenden Gruppe des Freisinns stimmte keiner für den Antrag. Und dann kam die Affäre M i e l c z y nl Eine große Debatte, wie wir sie im September erlebten, war nicht mehr zu erwarten. Sie war überflüssig geworden, nachdem der Magistrat sich endlich entschlossen hatte, gu tun. was im Sep- tember der bekannte Antrag der sozialdemokratischen Fraktion gefordert hatte— aus der Mielczyner Prügelanstalt alle Ber- liner Zöglinge herauszunehmen. Was jetzt zu tun noch übrig ist, das setzte unser Genosse S i n g e r in ruhigen Darlegungen dem Magistrat und der Waifenverwaltung auseinander. Es gilt darauf hinzuarbeiten, daß aus den Greueln von Mielczyn unserer Stadt Berlin eine Reform ihres Fürsorgeerziehungs Wesens erwächst. Die Wiederkehr solcher Greuel muß verhütet werden, am besten dadurch, daß Berlin die eigenen Erziehungsanstalten vermehrt. Oberbürgermeister K ir s ch n e r versprach, daß im Hinblick auf die Mielczyner Vorgänge die Waiseuverwal- tung die ihr gestellte Aufgabe fortan mit ganz besonderer Sorgfalt zu lösen suchen tverde. Die Redner des Freisinns brachten in ziemlich kleinlautem Ton ein paar zustimmende Worte vor und dann wurde der Antrag für erledigt erklärt. Zur Lehre wird diese Affäre Mielczyn hoffentlich nicht nur unserer Stadtverwaltung, sondern auch weitesten Kreisen der Bevölkerung gereichen. Wir wollen hier noch einmal feststellen, Laß die Aufdeckung der Greuel J6on Mielczyn durch den„Vorwärts" herbeigeführt worden ist, daß die sofort unterrichtete Waisenverwaltung zunächst ihre Mitwirkung ver- weigert hat, daß nach der Veröffentlichung des ersten„Vor- wärts"-Artikels die öffentliche Meinung vom Rathaus aus in skandalösester Weise irregeführt worden ist, daß die bürger- liche Presse sich zu den schamlosesten Vertuschungsversuchen hergegeben hat— mit einem Wort: daß es eines harten Kampfes gegen unseren Stadtfreisinn und die ihm dienende Presse bedurft hat, ehe es gelang, die Stadt Berlin von ihren Beziehungen zu dem Prügelstift Mielczyn zu be- freien._ Versammlungen. Erklärung. Unter Bezugnahme auf die seinerzeit im..Vor- Ivärts" enthaltene Annonce des Zcntralverbandes der Zivilmusiker Deutschlands(Ortsgruppe Berlin), sowie auf den in derselben Nummer veröffentlichten Bersammulugsbericht obiger Ortsgruppe erklären wir die dort aufgestellten Behauptungen für unrichtig und nicht den Tatsachen entsprechend. Der Allgemeine Deutsche Musiker- verband, dem der Verein Berliner Musiker(E. V.) als Lokalverein angehört, ist keineswegs, wie dies seitens des Zentralverbandes behauptet wird, ein Feind der modernen Arbeiterbewegung, sondern steht in politischer Hinsicht auf vollständig neutralem Boden und erkennt insbesondere die deutsche Arbeiterbewegung, sowie jede Berufsorganisation, deren Ziel die Erringung besserer Lebensver- Hältnisse für seine Berufsangehörigen ist, als nicht nur berechtigt, sondern durchaus notivendig an, um so mehr, als er selbst ja aus gleicher Grundlage aufgebaut ist.— Betreffs des Liegnitzer Musiterstreits ist nach unseren Informationen erwiesen, daß der dortige Lokalverein des Allgemeinen Deutschen MusikerverbandeS sich in diesem Kampfe vollständig neutral verhalten hat, wie dies auch seitens unserer Verbandsleitung angeraten worden ist. Drin- gend notwendig und wünschenswert wäre es, daß die so schwer unter den bestehenden unhaltbaren Verhältnissen leidenden deutschen Zivilmusiker die zurzeit ganz unfruchtbaren und unangebrachten Zwistigkeiten im eigenen Lager im Interesse des Kampfes gegen die gemeinsamen Feinde ruhen ließen, und alle ihre Kräfte nur auf das eine Ziel:„Die Niederringung der uns Vernich- tenden Militär- und Beamtenmusikerkonkur- renz" konzentrierten. Der Verein Berliner Musiker(E. V.). I. Ä.: A. Prietzel, Vorsitzender. Eingegangene DrueKfchnften. Von der„Neuen Zeit"(Stuttgart. Paul Singer) ist soeben das 10. Heft des 28. Jahrgangs erschicueii. GS hat folgenden Inhalt: Eine Vogelscheuche.— Zur Metbode der politischen Oekoiiomie. Von Gustav Eckstein.— Ein neues Werk über die Australncger. Von Heinrich Cunow. — Versicherung oder sozialpolitische Füriorye V Von Friedrich Klecis (Würzen».— Die Giitivickeluna des Betonbaues und sein Etiisluß aus die Arbeiterschaft. Von Joses Klichc.— Literarische Rundschau: Philipp Buonarotti, Babeus und die Verschwörung für die Gleichheit. Von Her- mann Wendel. Marlin Hartman!!, Der Islam. Dr. Pank Rohrbach, lim Bagdad und Babylon. Bon Karl Rndek.— Notizen! Eisinderproletariat. Von Alwin Nitzschkc.— Zciifchristenschau. Die„Neue Zeit" erscheint wöchentlich einmal und ist durch alle Buch- Handlungen, Poslanstallen und Kolporteure zum Preise von 8.25 M. pro Quartal zu beziehen; jedoch tnnn dieselbe bei der Post nur pro Quartal abonniert lverden. DaS einzelne Heft kostet 25 Ps. Probenunrmern stehen jederzeit zur Verfügung. Kultur und Alkohol. Vortrag von Dr. E. Neumann.— Alkohol und istassciihvgicue. Von Dr. flock.— Die Gefahren des Bier- genuffes von Dr. H. Hoppe.—«Sirtshmisrrforin und Frauenarbeit von Frau S. Orellr.— Wozu führt uns die Betrachtung der Alkohol- frage? Bortrag von Dr. K. Meyer. Eirizelhest 10 Ps.— Schriststelle des AUobolgegrierbundes, Basel(Schweiz). Novelle» der italienischen Reualssauce« Bischos u. Hörle, München. Pompeji vor der Zerstörung von C. Weinhardt. Verlag, München. Ältmieuer Bilderbuch. 72 Aiisichtcn nach allen Slichen. Eingeleitet von Dr. Christine Touaillon. 64 Seite». M. Gotllieb, Wien I. Iwan Goutscharolvs gesammelte Werte. 2. Band. Oblomow. Roman. 769 Setten. B. Easstrer, Berlin W. 35. Der Naturschutz« von Dr. K. Griemher. Geh. 3 M., 4 SB. ia Leinenband. fl. E. Feysenseld in Frelbltrg i. Br. Scotns Biator über Kroatien. Eine Entgegnung von Dr. Krsnjavi. C. Fromme. Wien und Leipzig. Tie Frnlrreuaisiance der italienischen Malerei. 4,50, gebunden 5.50 M. E. DietcrichS, Jena. »mm 1. Band. 175 Seiten. 2 M. Einhorns« Reell! 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Spalt-Erbsen g«» prund 20 pt Grosse Bohnen Pfund 24 pc Mittel-Bohnen pfund 20 pt Kleine Bohnen pftmd 1 7 pr. Grosse Linsen pfund 22 pc Mittel-Linsen pfund 1 5 pt JVeu eingerichtet LEIPZIGER STR. Feine Kalte Küche Portionsweiser Verkauf u. Verkauf von bratfertigem Geflügel. Freitag u. Sonnabend: Gänsebrust............. pfmd l.so Zervelatwurst.......... pfund 1.20 Salamiwurst............ Pfund 1. 20 Plockwurst............. pfund I.20 ZerVelatWUrSt in Fettdarm.... Pfund 1 ,30 Teewurst............... pfund I.15 Feine Kalbsleberwurst.p�nd I.20 Landleberwurst......... p�nd 90pf. Rotwurst............ p�d 50, 70 pf. Fleischwurst............ p�nd 95 pf. Rollschinken ca. v— S Pfd. schwer. Pfund 1.30 Zungen In Dosen, Natto-Gewlcht.... Pfund 2.30 Delikatess-Würstchen 12 Paar Inhalt, Oese 1.50, 6 Paar Inhalt, Dose 75 Pf. Apfelsinen otz. 48 pf. Ananas Pfd. 75 pf. Calville-Aepfel......... p�nd 22 pf Tiroler Tafeläpfel Edeirot.. pmnd 38 pf. Rote ital. Tafeläpfel... Pfund 15pf. Weisse ital. Tafeläpfel. p�nd 1 3 pf. Tafelbirnen 15.'""�und20pf. Gporto-Zwiebeln zu'n FÄ 10pf. Blumenkohl............ stock 15pf. Geräucherte Aale starke..Pfund I.35 Sprottbücklinge........ p�d 20 pf Kieler Bücklinge...... 4 stock 10pf. Nur Leipziger u. Rosenthaler Str. FLUSS- u. SEEFISCHE Lebende Karpfen... p�d 85, 95 pf. Lebende Hechte....... p�d 1. 00 Lebende Schleie....... p�nd 1. 25 Lebende Aale.......... p�d 1. 30 Lebende Forellen. p�nd 2.75«. 3.00 Seezungenprd.i.50, SteinbuttenPfd. 1.25 LaChS Pfund 85 Pf., im Anschnitt Pfund 1»00 Heilbutten Pfund 45 Pf, Im Anschnitt 70 Pf. Kabeljau pfd.30,Schellfischepfd.25 Pf. SeelaChS Pfund 20 Pf.,.. Im Anschnitt 25 Pf. Schollen........ Pfund 25, grosse 40 Pf. Zanderpfund 75 pf. Maränen p�nd 45 pl Lebende Hummern..... p�d 2.80 Austern Holland, otz. 2.oo Verantwortlicher Redakteur Richard Barth, Berlin. 2ür den Inseratenteil verantw�: Th. Glocke, Berlin. Drucku. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer Li Co., Berlin LW» Nr. 282, 26. Jahrgang. 2. WIM des Jimirts" lufelihlt lttitag, 3. pfieiitb« 1903. Stadtverordneten■ Versammlung. 88, Titzung v o m Tonncrstag, den L. Tezembcr, nachmittags 5 U h r. Tcr Vorsteher Michclct eröffnet die Sitzung nach 5% Uhr. Durch Entscheidung des Obcrvcrlvaltungsgerichts ist das Mandat des Stadtv. Dr. M u g d a n(A. L.) für ungültig erklärt. In den Ausschuß für die Wcrtzuwachsstcueroorlage hat die sozialdemokratische Fraktion die Stadtvv. Dr. Arons, Hei- mann, Singer entsandt. Am vorigen Donnerstag ist in geheimer Sitzung die erste Lesung einer Vorlage wegen Ankaufs von Grundstücken im Gutsbczirk Tegel für Wasserwerkszwcckc erfolgt und die Vorlage einem Ausschuß Überwiesen worden. Die Wahl des letzteren hat ebenfalls beute stattgefunden; ihm gehören auch die sozialdemokratischen Stadtvv. Bas n er. Mauas sc, Gr Schulz, Dr. Wehl an. Mit dem Antrag G r o n e>v a l d t aus erneute Verhandlung nnt der Hoch- und Untergrundbahn-Gesellsckaft behufs Ausbaues der geplanten Hochbahnstrecke auf der Schönhauser Allee von Franseckistraßc bis Stolpjsche Straße als Untergrund- bahn hat sich ein löglicdriger Ausschuß am 28 Juni und 10. November beschäftigt. Trotz des Widerstandes des Magistrats und des Hinweises aus die eventuell 6 Millionen Mark betragenden Mehrkosten hat die Beratung mit der Annahme des Antrages mit 7 gegen 5 Stimmen geschlossen. • Inzwischen hat sich die Hoch- und Untergrundbahn-Gesellschaft bereit erklärt, die Strecke Alexanderplatz— Schönhauser Allee schon bis zun, Jahre 1912 fertigzustellen. Für das Hochbahnstück sind bereits die Eisenkonstruktioncn in Auftrag gegeben, und es ist bc- obsichtigt, Ivährend unter Tage an der Strecke bis zur. Trcsckow- ftraße gearbeitet wird, die Hochbahn zu erbauen, so daß der Bc- trieb zu gleicher Zeit apf der ganzen Strecke eröffnet werden kann. Ausschußresercnt ist der Antragsteller Stadtv. Gronewaldt stA. L.). Er kämpft lebhaft gegen die Behauptung der technischen Undurchsührbarkeit der unterirdischen Bahnanlage auf der Strecke an und empfiehlt der Versammlung aufs eindringlichste, den Aus- schußantrag zum Beschluß zu erheben. Nach diesem Antrage sollen in der verlangten Magistratsvorlage auch die erforderlichen Mittel beantragt werden. Stadtv. Jacobi(A. L.): Im Ausschusse ist nichts zutage ge- treten, was nicht schon vor drei Jahren erörtert wurde. Um so wichtiger ist, was uns die Gesellschaft mitgeteilt hat: daß nämlich Berlin die Wohltat der ganzen Bahn vom Spittelmarkt bis zum Wahnhof Schönhauser Allee schon 1912 genießen wird. Tic Freunde des Antrages Gronewaldt übersehen, daß die Rcnlabilitätsfragc Noch keineswegs entschieden ist. Die Stellungnahme von Pankow braucht uns nicht zu schrecken. Der Magistrat würde mit dem An- trage absolut nichts anzufangen wissen. Lehnen Sie den Ausschuß- antrag ab!(Beifall.) Stadtv. Lentz(A. L.) macht als Techniker den Versuch, die von der Gesellschaft aufgestellte Berechnung zu entkräften. Den Hin- weis auf die bereits längst abgeschlossenen und in Ausführung be- griffenen Verträge will er nicht gelten lassen; bestehende Ver- träge würden sehr oft geändert, wie das Beispiel Charlottenburg- Wilmersdorf beweise. Stadw. B-rgmann(Soz.): Es ist eine unangenehme Aufgabe. für eine verlorene Sache zu plädieren, denn es ist ja sicher, daß der Ausschutzantrag abgelehnt werden wird, da der Magistrat sich kategorisch dagegen erklärt hat und arich die beteiligten Grund- besitzer die Sache in einer Art verteidigt haben, die jedes ideale Jnteresie vermissen läßt. Offen gestehe ich. daß die Manier der Gesellschaft, ihre Gegenforderungen aufzustellen und zu begründen. an Dreistigkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Der Vertrag nnt der Gemeinde Pankow ist noch nicht zustandegekommen. Pankow hat erklärt, es denke gar nicht daran, eine Hochbahn ausführen zu lassen, und trotzdem werden uns hier schon jetzt zahlreiche hundert- tausende Mari Mit Rücksicht auf die eventuelle Fortführung nach Pankow in Rechnung gestellt! Der Magistrat würde sicherlich die unsere Versammlung aber ist es geradezu beleidigend, wenn ihr die Gesellschaft mit solchen Zahlenaufftellungen kommt.(Große Unruhe.) Schlimmstenfalls würde bei anderweitiger Anlage des Bahnhofs der Höchstbetrag der Mehrkosten zwei Millionen sein. Für die Hoch- und Untergrundbahngescvschaft ist diese Entscheidung die Entscheidung über die Zulassung von Hochbahnen überhaupt. Wird die Hochbahn hier abgelehnt, so ist sie auch überall anderswo in Berlin in Zukunft unmöglich. Es ist ja auch ein Unding, wenn die Bahn nach Pankow hinein wieder als Untergrundbahn geführt wird und wir dann ein lebendiges Stück Krähwinkel in der Schö.l- hauser Allee zu stehen bekommen. Sollte es dem Magistrat und dem Oberbürgermeister ernstlich darum zu tun sein, sich hier ein solches Denkmal zu schaffen, an welchem später die beteiligten Grundbesitzer ein entsprechendes Rclwf vielleicht anbringen lasten werden?(Erneute große Unruhe und Lachen bei der Mehrheit, Beifall bei den Sozialdenwkraten.) Stadtv. Ladewig(N. L.): Vom Standpunkte der Fahrgäste er- kläre ich. daß ich mit der Hochbahn lieber fahre als mit der Unter- grundbahn. Was das Technische airbetrifft, so schenke ich unserem Baurat Krause doch mehr Vertrauen, als den Kollegen Gronewaldt und Lentz, die den Befähigungsnachweis für solche Berechnungen keineswegs erbracht haben. Der Broschüre, welch« von interessierter grundbesitzerlicher Seite gegen uns und unsere angebliche Partei- lichkeit bei unserer Stellungnahme verbreitet worden ist, können wir nur mit Verachtung begegnen; ihr letztes Motiv ist der Verdruß darüber, daß die durch die Bahn veranlaßt« Grundstückswertsteige. rung nicht hoch genug sein möchte.(Große Unruhe.) Darum wollen die Grundbesitzer den Stadtsäckel um ßVa Millionen erleichtern! Stadtbaurat Krause: Ich habe, ohne dazu verpffichtct zu sein. den Anschlag der Hochbahngesellschaff nachgeprüft. b,n also dem Ausschuß entgegengekommen. Jetzt soll alles, was ich gemacht habe, nicküs taugen! Da werde ich mir in Zukunft doch überlegen müssen, ob ich nochmals so viel Entgegenkommen beweisen soll. (Unruhe.) Privatim hören wir, daß die Gesellschaft mit dem ausgerechneten Betrage sich noch nicht einmal zufrieden geben will! (Hört, hört!) Ursprünglich war ich selbst für eine Untergrundbahn. Aber angesichts der Kosten- und der technischen Fragen habe ich schließlich auch erkannt, daß hier an dieser Stelle eine Hochbahn möglich ist. Auf dem Relief möchte ick neben dem Oberbürger- meister auch ein Plätzchen haben, denn ich würde teil haben an dem Verdrenst. den Nordosten mit einer Schnellbahn zu versehen. Sonst wäre aus der Sache gar nichts geworden!(Heiterkeit und Beifall.) Oberbürgermeister Kirschncr: Ausschuß und Plenum der Ver- sammlung haben sich 1900 um die Frage die allergrößte Mühe gc- geben. Damals war der Zeitpunkt, wo die Bürgerschaft eventuell ihren anderweitigen Willen durchsetzen mußte.(Zustimmung.) Heute hat die Gesellschaft erworbene Rechte auS dem Vertrage und kann fordern, was sie will. Ob es 0'� Millionen oder weniger sind, darauf kommt es nicht an, da? ändert kaum etwas an der Situation. Ter Kkagistrat kann in keiner Weise den Beitritt zu dem Antrage in Aussicht stellen. Aber bringen Sie ihn, mit Rück- ficht aus die Autorität Ihrer Beschlüsse, gar nicht erst in diese Lage!(Lebhafter Beifall.) Die Erfahrungen mit der Bülow- straße lehren, daß die Antvohner der Schönhauser Allee nicht so viel verlieren werden, wie sie glauben, Stadtv. Dyhrenfurth erklärt, daß die Mehrheit der Freien Fraktion gegen den?lusichußai>trag stinunen wird, um vertrags- ff'cu zu bleiben, und auch der hohen Kosten tvegcn. Stadtv. Tove(A. L.j: Der Kollege Jacobi hat namens der Mehrheit unserer Fraktion gesprochen. Mauern Sic die erwähnte Broschüre auch noch in den Grundstein der Hochbahn, das wird für uns ein Ehrendenkmol sein! tHeiterkcit.) Stadtv. Dr. Fricdcmann(soz.-fvrtschr.): Wir werden auch den Ausschußantrag ablehnen, aber leider und nicht mit dem leichten Herzen, wie die anderen Herren. Wir müssen sehr bedauern, daß mir durch Verträge mit Privaten derart gebunden sind.(Zu- stimmung.) Stadtv. Borgmann: Kollege Dobe erinnert sich offenbar nicht, daß schon 1900 derselbe heftige Widerstand aufgetreten ist. Die- jenigen, die damals den Ausschlag gegeben haben, sind sich der Tragweite ihres Votums gar nicht bewußt geworden. Ter Hochbahn muß doch sehr daran liegen, gute Beziehungen zur Stadt zu be- halten. Ausführungen, wie sie der Baurat gemacht hat, dienen aber nur dazu, die Stellung der Gesellschaft uns gegenüber zu ver- stärken. Die Erfahrungen mit dem neuen Projekt der A. E.-G., die jetzt auch für die Bruunenstraße eine Untergrundbahn pro- jektiert, zeigen, daß es doch auch anders geht. Ich vertraue, daß der Magistrat bei neuen Verhandlungen sich nicht ohne weiteres herbeilassen wird, Oll) Millioiic» zuzugestehen. Die große, 230 000 Einwohner zählende Schönhauser Vorstadt hat keine andere Stätte für die Erholung der Bevölkerung, und die einzige, die Allee, soll ihr jetzt ohne jedes Aequivalcnt genommen werden! Der Oberbiirgermcister konstatiert noch, daß die Magistrats- Mitglieder wohl zur Ausluiifterteilung, nicht aber zur Nachprüfung solcher Anschläge verpflichtet sind, und bleibt dabei, daß die Hoch- bahn den Stadtteil ästhetisch nicht irgendwie erheblich schädigen werde. Damit schließt die Beratung. Der Ausschnßaiitrag wird mit großer Mehrheit abgelehnt. Der Magistrat schlägt vor, dem Fuhrlverksbesitzer N i e h o f f, Greifswalderstr. 200. die Gestellung der Akte nlva gen auch für die 3 Jahre: 1. April 1910/1913 zu übertragen. Der geltende Ver- trag ist am 30. September 1909 abgelaufen. Bis 1. April 1910 will der Gesteller noch mit dem jetzigen Preise von 2250 M. pro Jahr und Wagen sich begnügen, von da ab soll die Zahl der Wagen von 19 ans 21 und der Preis von 2250 auf 2400 M. erhöht werden. Stadtv. Pfannkuch(Soz.): Der Vertrag und die Erhöhung des Betrages findet unsere Zustimmung, da zugegeben tverden muß, daß die Steigerung der Futter-, Materialienpreise usw. mit 150 M. pro Jahr zutreffend in Anschlag gebracht worden ist. Auch ist zweifellos, daß die Fortführung des Vertrages mit einem bereits bewährten Unternehmer zweckmäßiger ist als mit einem neuen. Aber nicht einverstairvcn sind ivir damit, daß es neben dieser be- rechtigten Erhölmug bei dem Tagelohn von 3 M. für die Kutscher bleiben soll. Ein Wocheulohn von 18 M. gibt einen jährlichen Arbeitsverdienst von 930 M. Die Kutscher babcn um 8 Uhr, die mit dem Transport der Sparkassenakten usw. Beauftragten schon um 7 Uhr aus dem Platze zu sein. Um 5 Uhr morgens haben sie schon auf dem Hof anzutreten, um die Vorarbeiten zu erledige». Die Fahrten erfordern den ganzen Vormittag; nur l'/z Stunden sind Mittagspause, um 21/a Uhr haben sie sich wieder an den Abfahrtsstcllen einzufinden. Wann die Fahrten nachmittags zu Ende sind, ist mir nicht bekannt, aber bis abends 8 Uhr dauert ihr Dienst unweigerlich. Ist es da möglich, daß mit 930 M. ein Familienvater in Berlin ein Jahr lang durchkommen kann? Wenn der Magistrat sür die Materialienprciie jene Erhöhung dem Unternehmer zubilligte, so hätte er doch auch der Kutscher ge- denken sollen; ans Kosten der Ausnutzung der Kutscher darf doch der neue Verlrag nicht zustande kommen. Wir fordern daher, daß die Kutscher 24 M. Wochenlohn erhalten sollen, und ersuchen den Ma- gistrat. deshalb mit dem Uniernehmer in erneute Verhandlungen einzutreten. Die Versammlung wolle also der Vorlage mit diesem Vorbehalt zustimmen. Wir erheben die Forderung der Besserstellung der Kutscher auch deswegen, weil in den neuen Submifsions- bedingungen vorgeschrieben ist, daß nur mit solchen Unternehmern kontrahiert werden soll, welche die in den betreffenden Betrieben be- stehenden Tarifverträge anerkennen. Nun bestehen ja freilich keine „allgemein" gültigen Tarifverträge für das ganze Transportgewerbe, aber es bestehen für zahlreiche Kategorien von Kutschern in Berlin, etwa sür 5000, solche Verträge. Darum bitte ich Sie um Annahme unseres Antrages.(Beifall.) Stadtrat Sclberg: Der betreffende Paffus in dem Vertrage trifft nicht mehr ganz zu; eS ist vielmehr schon eine Zulage von 1,50 M. zum Wochenlohn gewährt worden. Ich bitte, die Vorlage unverändert anzunehmen. Stadtv. Pfamikuch: Es ist ja sehr erfreulich, daß diese Zulage schon erfolgt ist. Ich habe auch gehört, daß die Sparkasseneffekten fahrenden Kutscher L M. mehr erhalten. Aber auch 19,50 M. ist als Wocheulohn für Berlin zu Ivenig; damit kann ein Arbeiter mit seiner Familie nicht leben. Der Unternehmer hat u. a. auch das Recht, Ordnungsstrasen zu verhängen; da muß man auch die Möglichkeittgeben. daß die ciiigcgaiigenen Verpflichtungen eingehalten werden können. Nehmen Sie also unseren Antrag an. Der Antrag wird abgelehnt, die Vorlage unverändert genehmigt. Stadtv. Rosenow(N. L.) berichtet über die AuSschußverhand- lungen anläßlich des Antrages Dr. Arons u. Gen.(Soz.) auf sofortige Zurückziehung der städtischen Fürsorge- z ö g l i n g e aus der Anstalt M i e l c z y n. Bekanntlich hat sich der Magistrat nach langem Zögern und langwierigen Verhandlungen zu diesem Schritt entschlossen, womit die Ausschußderatung und der Antrag AronS gegenstandslos geworden ist. DaS bezügliche Schreiben des Magistrats wird verlesen. Der Referent führt an, daß u. a. die Behauptung zutreffe, daß die Anstalt die für die Behandlung der Fiirsorgezöglinge be- stehende Instruktion nicht erhalten habe, daß die Schuld hierfür aber nicht die Berliner Verwaltung treffe. Die Verhandlungen mit der Leitung der Anstalt hätten sich sehr lange hingezogen»nd schließlich auch den Magistrat überzeugt, daß die Erfüllung des Vertrages seitens des Mielczyncr SriftS unmöglich sei, da die Anstalt wesentliche Garantien, welche die Stadt verlangen mußte, zu geben außer- stände war. Stadtv. Singer(Soz.): Die Mielcziner Affäre wird ja für uns jetzt erledigt sein, und es bleibt der Stadt in bezug darauf nur noch die Konstatierung übrig, daß sie nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hatte, die Fiirsorgezöglinge von dort zu entfernen. Wer die Ausführungen der Leitung der Anstatt im Original im Ausschüsse kennen zu lernen Gelegenheit gehabt hat, wird zugeben. daß schließlich auch dem Magistrat die Lust vergehen mußte, mit dieser Gesellschaft weiter zu verhandeln. Die scheußlichen Miß- Handlungen, die dort geschehen sind und die die Entrüstung der ganzen gesitteten Welt erregt haben, sind als Tatsachen fest- gestellt; es ist keinerlei ungerechte Verdächtigung der Gesellschaft im Spiele. Die Gepflogenheit der Gesellschaft, sich Wer A-ußernngen, die hier über sie gefallen sind, zu bcschiveren, übergehe ich. Der Be- schlnß des Magistrats ist gerechtfertigt; man könnte nur bedauern. daß cS so lange gedauert hat, bis er gefaßt wurde— indessen haben ja die meisten Fiirsorgezöglinge zur Selbsthilfe gegriffen und ihrer- seit« dafür gesorgt, daß sie dieser Bchandlimg entzogen würden. (Heiterkeit.) Unsere Aufgabe an sich ist damit aber nicht erfüllt: es ist die Frage: Wie können in Zukunft solche Vor- k o m m n i s> e b e r h ü t e t werden? Der Kommission für die Reform des FürsorgeerziehungSwesenS muß der dringende Wunsch ausgesprochen werden, diese Frage nicht auf die lange Bank zu schieben. Wie die Erziehung an sich in den anderen Anstalten ist, ob da nicht auch Mißstände vorliegen, da? läßt sich doch nicht nn- bedingt verneinen. Eins ist sicher: das neue Fürsorgcgesetz hat bis' her keine guteii Früchte getragen und eS ist notwendig, daß auch Berlin Schritte zu einer gründlichen Reform tut. Die Kommission wird hoffemlich so schnell wie möglich Remedur zu schaffen bestrebt sein. Schon als der Beschluß, unsere Zöglinge zum Teil nach Mielczyn zu überweisen, gefaßt wurde, haben wir unsererseits be« ton», daß die jungen Leute, deren Sitten unter einer verwahrlosten Erziehung gelitten haben, in Anstalten untergebracht werden müssen, Ivo der Sinn sür das Gute wiedcrgeweckt werden laiin. Wir durften mit Recht annehmen, daß das in Privat- anstalten nicht genügend geschieht; Ivir hielten städtische Anstalten für das Bessere. Diese Meinung hat sich heute crfrelilich weiter verbreitet. So lange man aber noch gezwungen ist. die jungen Leute in anderen Aiistaltxn zu lassen, muß die Aufsicht verstärkt werde»; wie das zu geschehen hat, das zu bestimmen muß ebenfalls eine Ausgabe der Kommission sein. Die Revisionen hätten auch bisher schon gründlicher erfolgen müssen. Die Waisen- verwaltniig wird auch sehr gut tllii, ihre Berichte über Fürsorgeerziehung zu erweitern. Eigene städtische Anstalten empfehlen sich schon deshalb, weil viele der privaten Anstalten unter g e i st- l i ch e r Aufsicht stehen und in einem Geiste geleitet werden, welcher noch meiner Ansicht nicht wohllärig für die körperliche und geistige Fürsorge der Kinder wirkt. Wir müssen über das ganze System der Erziehiing und Behandlung der Zöglinge in den einzelnen Anstalten einen lleberblick gewinnen können, über das Maß dessen, was ihnen zugemutet wird, und was sie zu leisten haben. Der„Evangelische Verein zur Hebung der deutschen Kultur in den Ostmarken" ist ein durchaus politischer Verein, der weder in seinem Statut noch sonstwo festlegt, daß es sich um die Erziehung von solchen jungen Leuten handelt und der dafür gänzlich ungeeignet ist. Wir müssen in erster Linie verlangen, daß Pädagogen die Erziehlliig leiten. Diese Forderuiig wird auch von Leuten erhoben, welche auf einem ganz anderen wirischastllchen und politischen Srandplnikte stehen als wir. Ich verweise auf Ausführungen de§ Geh. Obcrjustiz- rats Plaschke aus dem Justizministerium, wonach die Hoffmingen, die man auf das Gesetz gesetzt hatte, arg enttäuscht worden seien, die Resultate geradezu erschreckende seien, selbst unter den Erziehern die Meinimg vorherrsche, daß die Zöglinge in den Anstallen eS schlechter haben als in den Gesäng nissen.(Hört, hört!) Dieser freiiniitige Ausspruch bestätigt ja nur, was mau in der Bevölkerung weiß, daß die Behaiidliing dort ßso schlecht ist, daß die Zöglinge das Gefängnis vorziehen. Bisher hat z» meinem Bedauern in unserem Fürsorgeerziehungswescn auch sehr die Empfindung dafür gefehlt, daß diese verwahrlosten Menschen in Verhältnisse gebracht werden müssen, wo auch ihr Menschentum wieder geachtet wird.(Beifall.) Sladtv. Dr. Nathan(soz.- fortschr.) bemängelt die Dürftigkeit des schristlichei« Berichts, der weder das Schreiben des Ober- Präsidenten, noch dasjenige der Stadtleitiing mitteile, das dem Faß dem Boden ausgeschlagen babe.(Zuruf: Sind Sie aber»cu- gierig! Heiterkeit.) Die„Voss. Ztg." habe das letztere Schreiben als eine unglaubliche Heralisforderung bezeichnet. Die Laiigmut des Magistrats in diesem Falle sei außerordentlich gewesen. Erfreulich sei die Zusage des Magistrats, Reformen auf diesem Gebiete schleunigst durchzuführen. Der Oberbürgermeister hält dafür, daß da? vorgelegte Material völlig für die Entscheidung genügt. Die Aufgabe, welche das Gesetz der Stadt Berlin gestellt habe, sei eine ganz besonders schwierige; der Vorgang in Mielczyn habe natürlich den Magistrat anspornen müssen, auf Reformen hinzuarbeiten; eine eigene Kommission der Waisenverwaltung sei damit befaßt. Man werde die Aufgabe nicht lösen können, ohne unter dem Material an Fiirsorgezvglmgcn zu differenzieren. Stadtv. Dr. Ritter(Fr. Fr.) fprichl die Hoffnung aus, daß es gelingen werde, zu ersprießlichen Reformen z» kommen. Stadtv. Cassel(A. L.j hält eS für iiberfliissig, noch auf die Sache materiell zunickzukommen. Die Versammliliig beschließt nach dem Ausschuß- antrage, von der Magistratserklärimg Kenntiiis zu nehmen und de» Antrag Arons damit für erledigt zu erklären. Die Mogistratsbeschlüsse hinsichtlich der Erhöhung der D im t e n s ä tz e für Diplomingenieure, Architekten, Ingenieure. Techniker I. und II. Klasse. VermessungS- techniker und Hilfsdicner haben nicht durchweg den?lnrcgungen entsprochen, die die Versammlung gelegentlich der Beamten-Be- soldungsverbesserungsvorlagen gegeben hat. Die Ausschußberatung der zur Kenntnisnahme vorgelegten Beschlüsse hat demgemäß zu dem Antrage geführt, den Magistrat zu ersuchen, den erhöhten Diäten für sämtliche obigen Kategorien mit Ausnahme der HilfS- diener noch eine oberste Stufe aufzusetzen. Berichterstatter ist Stadtv. Barth(A. L.). Ohne Diskussion tritt die Versammlung ciiistimmig dem Ausschußantrage bei, wo- nach die nach den Wünschen des Ausschusses gestalteten Diätensätze mit dem 1. Oktober 1909 in Kraft treten sollen. Dem Magistratsvorschlage, im Enteignungsverfahren eventuell das gesamte Jnselspeichergrundstück freiwillig zu übernehmen, hat der eingesetzte Ausschuß die Zustimmung gegeben. Referent ist Stadtv. Jacobi(A. L.). Die Versammlung beschließt ohne Debatte dem Außschuß, antrag entsprechend. Der 1839 zur Förderung des Rhein-Weser-Elbe-Kanalprojekts (Mittellandkanal) begründete Ausschuß hat bis 1899 auch die Stadt Berlin zu seinen körperschaftlichen Mitgliedern gezählt. Ter Vorstand des Ausschusses, welcher bezweckt, den Bau des Rhein- Leinc-Kanals und dessen Fortsetzung bis Magdeburg nach Kräften zu fördern, will die Agitation dafür wiederbeleben und die früheren Beiträge(500 M. jährlich für körperschaftliche Mitglieder) wieder in Hebung setzen. Der Magistrat hält für nützlich, dem betr. Er« suchen nachzukommen, und schlägt vor, dem Ausschuß für 1908 und 1909 nachträglich 1000 M. zu zahlen, die Mitgliedschaft wieder zu erklären und den Betrag von 500 M. künstig in den Etat ein- zustellen. Die Versammlung stimmt zu. Schluß der öffentlichen Sitzung Ii 10 Uhr. Die CandesverSichernngsanltalt Brandenburg im lahre IM. Die Versicherungsaustalt Brandenburg hat ihren Bericht für das Jahr 1908 herausgegeben. Dem ziemlich umfangreichen Bericht entnehmen wir folgendes: Im Berichtsjahre sind 42 502 304 Wochen- marken verkauft, so daß. wenn wir auf jeden Versicherten 45 Wochenmarkcn rechnen, die Anstalt Brandenburg rund 950 000 Ver- sicherte zählt. Die Rentenbewilligungcn gestalten sich wie folgt: Altersrenten» antrüge wurden im Jahre 1908 insgesamt 1009, darunter 30 aus dem Vorjahre übernommene, gestellt; davon wurden 787 bewilligt. Invalidenrenten wurden neu beantragt 9380, dazu kommen aus dem Vorjahr 1122 unerledigt gebliebene, zusammen 10 508. Hier» von wurde in 921 Fallen die Krankenrcnte(8 10 J.-V.-G.), in 0300 Fällen die Invalidenrente bewilligt. 1514 Rentcnanträge wurden abgelehnt; unerledigt geblieben waren am Jahresschluß 1132 und 035 wurden auf andere Weise erledigt. Die von der Landesversicherungsanstalt erteilten AblehnungLbescheide wurden im Berufungs- bezw. Revisionsverfahren be; den Altersrenten in 1, bei den Invalidenrenten in 109, bei den Krankenrenten in 20 Fällen aufgehoben und die Renten zuerkannt. Demnach sind im Jahre 1908 zugekommen Altersrenten 788, Invalidenrenten 0995, Kranken. reuten 947, zusammen 8730. Im Berichtsjschre IW3 sind von den beivilligien Altersrenten 1-ttv, Von den bewilligten Invalidenrenten 4872; von den bewilligten Krankcnrcntcn 840 durch Tod oder ans sonstigen Gründen i» Weg» fall gekommen. Am 1. Januar t90g zählte die LandeSversicherungö- anstalt Brandenburg 8050 Alters-, öl ööö Invaliden, und 1060 Krairkenrcntenempfängcr. Insgesamt 61 OKö Personen, die Renten bezogen. Die Rentenbeträge variieren zwischen 110,40 bis 230,40 Mark bei der Altersrente und 110,40 bis 2ö3,20 M. jährlich bei der Invaliden-»nd Äraiitenrentc. Die Zahl der Altersrentncr ist seit dem Jahre ISVÜ(wenn auch nur gering) gewachsen, die der Krankenrentnrr, die im Jahre 1007 gegenüber den Borjahren zurückgegangen war, ist im Be- richtsjahr(1908) wieder gestiegen und hat den bisher höchsten Stand erreicht. Die Aufwärtsbewcgung fällt indessen nur auf die mann- liehen Rentenempfänger. Es kommen(1908) auf 100 Kranken- rcntncr 57,3 männliche und 42,7 weibliche. Bei den Invaliden- rentenbcwilligungen scheint eine geringe Besserung eingesetzt zu haben. Während die Reubewilligungen der Invalidenrenten im �ahre 1903 mit 10 005 den bisher höchsten Stand einnehme», sind sie dann auf Grund der Bereifungen" des Bezirks der Versiche- rungsanstalt durch Kommissare des Reichsversicherungsamts in den Jahren 1904 auf 8905, 1905 auf 6265 und 1906 auf 5348 zurück- gegangen. Im Berichtsjahre 1908 wurden 6995 Invalidenrenten bewilligt gleich eine Zunahme von 2,9 Proz. gegen 1907. Die Zahl der weibliche» Jnvalideiirentencmpfänger ist auffallcnderweise im Be- richtsjahre gegen 1907 zurückgegangen. Auf 100 Jnvalidenrentner kommen 40,9 weibliche und 53,1 männliche. Bon den 1514 ergangenen Ablehnungsbescheide» der Invaliden- rcntcnsachen wurden allein 05,8 Proz. wegen noch nicht.vor- handener" Invalidität erlassen. Das heisst, ein« gewisse Aerzte- spezieS bringt es fertig, die Invalidität noch nicht auszusprechen, obwohl die Invalidität„hart" an der Grenze steht. Häufig wird angenommen, daß der Versicherte noch imstande ist, durch„Nacht- Wächterdienste",„Portier" usw.% des geringen Lohnes verdienen zu können, den gleichartig« Arbeiter mit dergleichen Ausbildung zu verdienen pflegen, wen» er die Nachtwächter- oder Portierstclle hätte. Ein recht trauriges Kapitel offenbart der Bericht dem Sozial- Politiker über die Ursachen der Invalidität. An erster Stelle steht die Gruppe der durch Entkräftung, Blutarmut und Altersschwäche erwerbsunfähig gewordenen Rentenempfänger mit 1385 Personen — 13,80 Proz. aller Rentenempfänger. Hier sind es besonders die Personen der Altersklassen der 00 Jahre und hoher(116,8), die überwiegen. Die zweite Stelle nimmt die Gruppe der durch Lungentuberkulose Erwerbsunfähigen mit 320 Personen= 13,24 Prozent aller Rentenempfänger ein. Hier sind es die jüngeren Jahrgänge, die von dieser grauenvollen Vroletaricrkraniheit l«- falle» werdcn. Sie betragen nämlich für die 20er Jahrgänge 57,30 Prozent, für die 30er Jahrgänge 38,33 Proz. und für die 40er Jahrgänge noch 23,02 Proz. aller Fälle in den betreffenden je zehn Jahrgängen. Die dritte Stelle nimmt die Gruppe der durch Er- krankung des Herzens und der grosic» Blutgefäße erwerbsunfähig Gewordene» mit 740 Personen— 10,58 aller Rentenempfänger ein. Ihr folgt die Gruppe der durch Gelenkrheumatismus und Gicht erwerbsunfähig Gewordenen mit 543 Personen— 7,85 Proz., und endlich als größere fünfte Gruppe die durch Lungenkrankheiten— ausschließlich Lungentuberkulose— erwerbsunfähig Gewordenen mit 540 Personen— 7,76 Proz. aller Rentenempfänger. ??ach Prozentziffern sind die Ursachen der Invalidität im Be» richtsjahre auf 100 Rentenempfänger: durch Tuberkulose 13,24; durch andere Lungenkoantheiten 0.12; durch Lungenkrankheiten ein- schließlich Tuberkulose 22,36. Vergleicht man die Prozentziffer mit 1301— dem ersten Vergleichsjahr— dann ergibt sich die betrübende Tatsache, daß in den Jahren 1301 bis 1904 die Zahl der Tuber- kuloson 10—11 Proz., dagegen in den Jahren 1905 bis 1908 rund gerechnet 13 Proz. aller Rentenempfänger umfaßte. Die Zunahme der Lungentuberkulose glaubt der Berichterstatter in der genaueren Präzisierung der Diagnose der neuen Formulare für die Aerzte erblicke» zu können. Ei» sehr fadenscheiniger Trost. Die ständige Zunahme der Tuberkulose ist vielmehr eine Folge der fortgesetzten schlechten Ernährung und damit verbundene» Unter- ernähning der arbeitenden Bevölkerung. Und diese findet in den schier unerschwinglichen Preisen der notwendigsten Nährmittel ihre Ursache. Heilverfahren: Für das Heilverfahren(ausschließlich der Lungentuberkulose und des Zahnersatzes) wendete die VersicherungS- emstalt Brandenburg(einschließlich der Reisekosten und der Ange- hörigenunterstützung) im Jahre 1908 insgesamt 70 795,07 M. auf. Hiervon wurden indes 3634,08 M. von dritter Seile erstattet. Für Zahnersab bezw. Zuschüsse betrugen die.Kosten 53 594,00 Mark. Hiervon haben oie Krankeukassen indessen 13 342,55 M. und die Versicherten selbst 15108,13 M. aufbringen müssen. Die An- stakt selbst hat demnach nur 25 043,02 M. aufgewendet. Dt« reiche Anstalt hat also kaum 1000 M. mehr aufgewendet als die armen Berstcherten, Immerhin ist das ein Fortschritt gegen früher. In- dessen auch heute ist der Standpunkt der Anstalt Brandenburg in bczug auf den Zahnersatz noch ein ziemlich reaktionärer. Die Aus- schutzmitglieder(Arbeitnehmer) der Versicherten haben hier ein vor- züglichcs Arbeitsfeld, den reaktionären und engherzigen Tiand- Punkt der Herren von Mantvuffel u. Gen. in der sozialen Fürsorge zu brechen. Tie Gcsamtkosten der Tuberkulosebehanblung einschließlich der Reisekosten und Angchörigenunterstützung usw. betrugen im Be- richtsjahre 823 331,07 M. Hiervon wurden der Anstalt indessen von dritter Seite 207 073,87 M. erstattet. Die Behandlung dieser Armen geschieht auf Kosten der Anstalt in den verschiedensten Heil- stäiten, so auch in dem„Pslegeheim"" Vurg Daber. In diesem Pflegeheim scheinen recht eigenartige Ansichten über die Behandlung derjenigen Kranken, soweit es Versicherte— also Arbeiter— sind, zu herrschen. Die LandesversicherungSaustalt Brandenburg sollte eö daher vermeiden, hier ihre tranken Mitglieder überhaupt einzu- iveise». Die Beschwerde der mit einem Male entlassenen 9 Ver- sicherten hat doch in allen Teilen zugegeben werden müssen. Hervorzuheben ist, daß von den in der Lungenheilstätte Kottbus wegen Tuberkulose behandelten Iveiblichen Personen die höchste Ziffer(72) die in Tuchfabriken beschäftigten Arbeiterinnen ein- nehmen. Dann folgen die Dienstmädchen mit 52. In 70 Fällen war denn auch die Einatmung von Tuchstaub die Ursache der Lungentuberkulose. Erfreulich ist, daß die Anstalt als„außerordentliche Leistungen" (Z 18 J.-V.-G.) wenigstens etwas höhere Ängehörigenunterstützung gewährt hat. Hierfür wurden 29 433,27 M. aufgewendet. Eine merkwürdige Auffassung über:„Die soziale Fürsorge" der Anstalt Brandenburg bietet das Kapitel 12:„Ausübung der Kon- trolle." Im Berichtsjahre sind in 54 855 Betrieben, Haushaltungen usw. die Karten von 279057 Versickerten kontrolliert und dabei 70932 Karten beanstandet und in 10 087 Fällen Strafanzeigen erstattet worden. Die Kontrolle gilt, und das wird besonders betont, zwecks Beeinträchtigung der schmalen Rentenbezüg«. Es heißt in dem Bericht ausdrücklich:„Die sachgemäße Revision der Invaliden- rcntcncmpfänger hat mehrfach zur Rentenentziehuug geführt und ist jedenfalls ein geeignetes Mittel, dem unberechtigten Weiterbezuge der Invalidenrente entgegenzuwirken." Die finanzielle Seite dieser„geeigneten" Revision ist: daß dadurch 114 305,80 M. eingenommen wurden; demgegenüber kostete die Ausübung der Kontrolle 34 330,80 M. Die vereinnahmten Strafgelder betrugen 28 133,30 M. Tie Finanzlage. Die Anstalt Brandenburg hatte im Berichts» jähre eine Einnahme von 13 010 451,83 M. Hierzu ein Barbestand von 1907 mit 2 116 531,10 M.. insgesamt 15 126 982,93 M. Darunter für verkaufte Marken 10 200 714,18 M., für Barbeträge der in landwirtschaftlichen Betrieben indessen nicht versicherungspflichtigen Parten 78 012,19 M. Die Ausgaben betrugen 13 357 327, 90 M., darunter an Rente» 5 575 330,12 M. und 5 224 435,17 M. für Erwerbung von Kapitalanlagen. Das Gesamtvermögen der Anstalt beträgt 70 403 595,51 M. Demnach hat die Versicherungsanstalt Brandenburg im Be- richtsjahre rund 10 Millionen für Marlcnbeiträge eingenommen, davon 39i Millionen, also etwas mehr als die Hälfte als Renten für die Versicherten ausgegeben. Resümieren wir, dann mutz von der Landesverstcherungsonstalt Brandenburg gesagt werden: Die Anstalt sieht ihre vornehmste Aufgabe der„sozialen Fürsorge" darin, eine Menge von„An- Ivärtern" anzustellen und diese auf die Ueberwachung der Renten- cmpfänger abzurichten. Damit ein armer Teufel ja nicht„un- berechtigter" Weise eine Rente„weiter bezieht", wird ein Heer von Beamten angestellt, die rund 05 000 M. kosten und der Anstalt rund 13VOO M. einbringen. Eine nette Fürsorge! Die Gelder iverden von den Versicherten aufgebracht. Sie sollen in erster Linie dazu dienen, die nicht mehr Erwerbsfähigen, die durch die Arbeit im Leben aufgebrauchten Personen vor der bittersten Not zu schützen, aber nicht einem Heer von?Ntlitäranwärtern auf Kosten der Versicherten Unterkunft zu verschaffen. Nicht in der Auf- speicherung von Millionen an Vermögen, sondern in dem weiteste» Ausbau der Rentrngewährung und der Verhütung der Ursachen der Invalidität sollte sich die soziale Fürsorge der Anstalt widerspiegeln. Die Anstalt Brandenburg indessen scheint eS sich zur Aufgabe zu machen, die Rente erst dann zu gewahren, noch dazu imrch Ver- urteilung durch das Schiedsgericht, wenn der Versicherte bereits auf dem Totenbett liegt. Wie oft wird gar den an Entkrästung Verstorbenen der Bescheid zugefertigt, sie seien noch erwerbsfähig! Das ist die Praxis, wie sie von der Anstalt„Brandenburg" in der Invalidenversicherung, die den Versicherten— nach Ansicht ge- wisser Kreise— eine„gesicherte Existenz" bis in das hohe Alter hinein gewähren und einen„ruhigen Lebensabend" bescheiden soll, gehandheebt wird. Dabei handelt es sich nicht um«ine privatrecht- liehe, sondern um eine öffentlichrechtliche Fürsorge. Das nennt man just»soziale Fürsorge"!_______ vienltboteneleock. Vor dem Schöffengericht.in Köln stand dieser Tage die Frau de? Direktors Karl Max Lehman» aus Köln-Lindenthal unter der Anklage, ihr sechzehnjähriges Dienstmädchen mitteis eines Rohr- stockes und einer Hundepeitsche auf den nur mit einem zerrissenen Hemd« bekleideten Körper mißhandelt zu haben. DaS Mädchen mußte sich im Hofe frühmorgens waschen. Zum Bodenaufwischcn durfte eS sich nur mit einem kurzen Röckchen und einem Jäckchen bekleiden und dabei stets auf den Knien rutschen. Währenddessen und bei anderen Gelegenheiten trat eS die Angeklagte mit Füßen, riß eS an den Haaren, schlug es mit harten Gegenständen und mit der Faust auf die nackten Körperteile, goß ihm große Gefäße mit Wasser über den Leib(in einem Falle fünfmal hintereinander), schüttete ihm schmutzige» Wasser ins Gesicht. Ein Zeuge sah, wie das Kind sich unter den Mißhandlungen krümmte und zu einem Häufchen zusammensank. ES war so dürftig bekleidet, daß ein hinter der Mauer stehender Polizetbeamter, der von Arbeitern herbeigerufen wurde, die Schamteile des Kindes beim Bücken sah. Mit den nassen Kleidern mußte es auf den Knien liegend weinend weiter arbeiten. In einem Falle wurde das Mädchen 21 mal hintereinander mit einer Fliegenklatsche geschlagen. Das jetzt 17 jährige Mädchen, das eine Großnichte der An- geklagten ist, befindet sich heute noch in deren Haus. Die Folge dieses UmstandeS, den die Behörden zu verhindern verpflichtet ge- wesen wären, trat in der Verhandlung klar zutage. Das durch die rohe, sittenlose und unmenschliche Behandlung terrorisierte, noch jetzt dank des Mangels jeglicher gesetzlicher Schutzmaßrcgeln unter der Botmäßigleit der Frau Direktor stehende, willenlos gemachte Kind schwor in der Verhandlung alle Mißhandlungen ab! ES konnte aber der Sachverhalt, wie wir ihn eingangs schilderten, durch mehrere Banarbeiter und zwei von diesen herbeigeholte Schutzleute bekundet werden, die an vier verschiedenen Tagen alle die Grausamkeiten, hinter einer Mauer stehend, genau beobachtet hatten. Der Staatsanwalt beantragte zwei Monate Gefängnis, das Gericht ließ eine geradezu empörende Milde walten. Es erkannte auf eine Geldstrafe von 200 M. Gesundes RcchtSgefühl fordert, wenn die Frau Direktor zu» vechnungsfähig ist, eine längere Gefängnisstrafe. Und überdies liegt der Sachverhalt doch so, daß dringender Verdacht der Ver- leitung des durch Angst willenlos und unzurechnungsfähig gemachten Mädchens zum Meineid vorlag und deslzalb die Frau Direktorin in Untersuchungshaft hätte genommen werden müssen. Weshalb die Eltern oder der Vormund und da? Vormund-- fchaftsgericht gegen die Defttalitäten nicht eingeschritten und das Mädchen in Fürsorge genommen haben, ergab die Verhandlung nicht. Aber nicht allein diese Personen und Behörden trifft die Schuld an der Möglichkeit einer so gemeingefährlichen Entmensch- lichung eines armen Kindes. Die Hauptschuld trifft da» Gesetz: die gegen das Gesinde bestehenden Ausnahmegesetze, die vorsint- flutlichen Vorschriften der Gestndeordnung und der Mangel jcg- ltcher Arbeiterschutzvorschriften für das Gesinde und die länd- lichen Arbeiter sind die Hauptursache für die Möglichkeit solcher zum Himmel schreienden Zustände. Wenn solche in einer Groß- stadt wie Köln vorkommen können— wie sieht es da erst in Klein- städten und auf dem Lande auS! In der letzten Reichstagssession hat der Reichstag einen sozialdemokratischen, auf Beseitigung der eines Kulturstaats unwürdigen Vorschriften gegen Gesinde und Land- arbeiter gerichteten Antrag einer Kommission überwiesen Von dieser ist die Regierung aufgefordert, da» vorliegende gesetzgeberische Mate- rtal zusammenzustellen. Bis heute hat die Regierung dieser Auf- forderung nicht entsprochen. Der sozialdemokratifche Antrag ist von neuem eingebracht. Werden nun endlich der Reichskanzler und der Staatssekretär deS Innern Gelegenheit nehmen, von Reichs wegen auf diesem Gebiete Abhilfe zu schaffen? Oder erlauben es ihnen die Herren Junker nicht? Sind sie durch diese und das Zentrum so eingeschüchtert, wie das arme mißhandelte Mädchen.___ )Zus Induftric und Handel. Vom Arbeitsmarkt. Nach dem Bericht« des Zentralvereins für Arbeitsnachweis hat sich im Oktober die Lage verschlechtert, wenn auch im Vergleich mit dem Vorjahr immer noch eine Besserung zu verzeichnen ist. Un- günstiger noch als die Arbeitsgelegenheit scheint sich das EntlohnungS- Verhältnis entwickelt zu haben. Die Lohnliste enthält für September 4045. für Ottober 4005 Personen, für welche folgende Wochenlöhne ausgewiesen werden: Von 100 Arbeitern erhielten folgenden Lohn: September Oktober Demnach ist der Anteil mit den niedrigsten Löhnen Verhältnis- mäßig stark gestiegen, der mit den höheren Einlonime» zurück- gegangen._ Konkurs in der Texiilindnstrie. Die große Tnchfabrikfirma J.'Langst«in Söhne in Reichenberg und Proschwitz hat gestern Konkurs angemeldet. Die Passiven betragen anderthalb Millionen, die Akliven find gering. Vom Kampf im Kalisyndikat. In wenigen Wochen läuft das notdürftig zustallde gekommene Syndikatsprovisorium ab. Bisher ist eine Einigung zwischen der Schmidtmanngruppe und dem Syildikalsvorstand noch nicht erzielt worden. Schmidtmann hat in den letzten Tagen sogar mit Ver- sendungen nach Amerika begonnen, die angeblich den Syndikats- vertrag verletzten. Wenigstens ist das Landgericht in Nordhausen solcher Ansicht. Es hat einem Antrage dcS Syndikats auf einst- weilige Verfügung entsprochen, weitere Verschiffung untersagt unter Androhung einer Haft strafe von drei Monaten gegen Schmidtmmm. DaS Reichsgesetz betreffend die Kaliindustrie soll dem Bundesrat am 10. Dezember zugehen. Wie verlautet, wird eS in der Haupt- lache eine Kontingentierung und SpannungSzölle enthalten. Es ist inzwischen bekannt geworden, daß die amerikanischen Kontrakte Schmidtmani'.s derartige Zolliimßnahinen zu Lasten der Käufer schon vorgesehen haben._ Für Erfinder. Geldpreise im Betrage von 30 000 M. hat der „Verein Deutscher Eiienbahnverwaltungen" für Erfindmigen und Verbesserunge» ausgesetzt. Das Preisausschreiben, welches zur allgemeinen Bewerbung öffentlich auffordert, unterscheidet Erfin- düngen usw. betreffend die baulichen Einrichtungen der Bahn und Betriebsmittel, die Signal- und Sicherheitseinrichtnugen, Betrieb und Verwaltung usw., sowie hervorragende schriftstellerische Arbeiten aus dem Gebiete des Eisenbahnwesens, wobei als„erwünscht" unter anderem folgende Ausgaben bezeichnet werden: Lokomotivfeuerung mit mechanischer Beschickung, Berbesserung der Beheizung der Personenzüge, der Luftdruckbremsen, Vorrichtung zur Verstäudigung zwischen Lokomotiv- und Zugpersonal, baudtiche Wage, um jederzeit das Ladegewicht eines Güterwagens feststelle» zu können, Motor- Dräsine bis zu 40 Kilometer- Stundengeschwindigkeit usw. Zu dem Wettbeiverbe werden nur solche Erfindungen, die ihrer Aus- führung nach und nur solche schriftstellerische» Werke, die ihrem Er- scheinen nach in die Zeit vom 10. Juli 1305 bis 15. Juli 1311 fallen, zugelassen; die Erfindungen müssen auf einer vereinsbahn praktisch erprobt und von der Verwaltung derselben empfohlen sein. Die Preise, die zwischen 7500 und 1500 M. schwanken, werden nur dem Erfinder selbst bezw. dem Verfasier(nicht Herausgeber) zu- erkannt. Die Bewerbungen sind in der Zeit vom 1. Januar bis 31. Juli 1311 an die Vcreinsverwaltung(5V 9, Köthener Str. 28/29) -inzureichen. Die Entscheidung des PrciSauschusseS erfolgt im Laufe deS Jahres 1912. Ein schwerer Winter ficht den Tabakarbeitcrn bevor. Schon im Herbst hat die Arbeitslosigkeit einen Umfang erreicht, wie er in keinem anderen Gewerbezweig zu bemerken ist. Im ganzen Reiche ergibt sich im Durchschnitt ein Andrang von rund Z70 arbeitsuchenden Tabakarbcitern aus je 100 offene Stellen. In Nheiiiland-Weslfaleii ist besonders der Ucberfluß an männlichen Tabalarbeitern groß: im Durchschnitt kamen auf je 100 offene Stellen nicht weniger als 1180 Arbeitsuchende. Exorbitant hoch ist auch der Andrang im Königreich, wo er durchschnittlich 1023 betrug. In Posen meldeten sich aus je 100 offen« Stellen durchschnittlich llllv Arbeitsuchende. In Berlin be- zifferte sich der Andrang Arbeitsuchender im Tabakgewerbc durch- Ichiiittlich auf 2S9, in Hamburg aus ZZS. In der Provinz Sachsen stellte sich der Andrang im Durchschnitt aus 248. Die Preisangebote auf die Lieferung von Fleisch- und Wurst- waren für die Garnison Berlin ergaben, wie die„Allgem. Fleffcher- Zeitung" berichtet, ganz erhebliche Preisdifferenzen: Bei Los I. das 300 030 Kilogramm Rind-, Kalb- und Hammelfleisch umfaßt, beträgt die Differenz zwischen dem Höchslangebor deS Meister« Otto Künzrl(309 453 M.) und dem niedrigsten Angebot des Meisters Otto Voigt(344 631 M.) 54 822 M. Bei Los II. das 289 680 Kilo- gramin Schweinefleisch, Speck und Wurst umfaßt, hat die Differenz zwischen dem Höchstangebot des Meisters Alfred Butz(443 678 M.) und dem niedrigsten Angebot des Meisters A. Müller(302411 M.) 41267 M. betragen._ Huö der frauenbewegung. Katholische Arbeitrrinncnvercine. Schon vor mehr als vierzig Jahren wurde der erste kakholische Arbeiteriiineuvcrein gegründet, dem aber erst in den achtziger Jahren eine merkliche Zahl wciierer Gründungen folgte. Im Jahre 1898 bestanden in Deutschland erst 40 Vereine mit etwa 6O0o Mitgliedern. In den letzten Jahren aber hat man sich der„Organi- satio»" der katholischen Arbeiterinnen mit einem auffälligen Eifer gewidmet, so daß heute zu verzeichnen sind: 1. der Verband katholischer erwerbstätiger grauen und Mädchen Deutschlands (Zentrale Berlin) mit 22 000 Mitgliedern in 150 Vereinen; 2, der Verband süddeutscher katholischer Arbelterinnenvereine(Zentrale München) mit 10 314 Mitgliedern in 68 Vereinen: 3. der Verband der kalholtschen Arbciierinnenverciiie der Erzdiözese Köln (Zentrale M.-Gladbach) mit 12 000 Mitgliedern in 80 Vereinen. Dazu kommen noch katholische Arbeitertiinenvereiile in den West« fältichen Diözesen Münster und Paderborn. Jeder der. drei genannten Verbände hat seine besondere Zeitung. Der Berliner Verband die„Frauenarbeit", der Münchener Verband„Die Arbeiterin", der M.-Gladbacher Verband das Blatt„Nusivärts", welcher etwas absonderliche Titel aber nicht in sozialem, sondern in religiösem Sinne zu verstehen ist. Die Gründung ist stets von katholischen Geistlichen ausgegangen. die auch das Präsidium in den örtlichen Vereinen haben. Kein Wunder, wenn bei der Aufzählung des Zweckes der katholische» Arbeiterinnenvereine die w i r t; ch a f t l i ch e n Interessen der Mitglieder erst in dritter Linie kommen. Die Zwecke werden in der eigenen Literatur wie folgt aufgeführt: Wecknng und Stärkimg des religiössittlichen Sinnes, Vertiefung der religiösen Kenntnisse und geistige Bildung, Förderung der wirtschaftlichen Interessen und Ausbildung für de» zukünfligeu Hansirauen- und Mutterberuf. Der größte der drei Arbeiteriimenverbände, der Berliner, lehnt sogar die gewerkschaftliche Betätigung ausdrücklich ab. Bei dem mächtigen Einfluß der katholischen Geistlichkeit gerade auf das weibliche Element ist die Zahl von etwa 45 000 „organifierten" katholischen Arbeiterinnen, unier denen sich übrigens auch noch Dienstmädchen und andere Kategorien befinden, nicht gerade achtunggebietend. Man darf aber nicht außer acht lasten, daß der Aufschwung ziemlich schnell gekommen ist und daß die Klerikalen eben jetzt im Begriffe sind, sich mit besonderer Energie auf den Arbeiterinneufang zu werfen, nicht den Prolctaricrinnen zuliebe, sondern um sie der Aufklärung durch die sozialistische Frauen- und die freie Gewerkschaftsbewegung zu entziehen. Ober-Schöncwride. Eine den großen Saal im Schloßpark „Wilhelmincnhof" völlig füllende, fast nur von Frauen besuchte Ver- sammlung hörte am Mittwochabend einen Vortrag der Genossin Zietz über:„Die Belastung der Frauen durch die neuen Steuern"/ Nach dem Vortrage wurden 107 neue Mitglieder fiir die politische Organisation gewonnen. Für die Frauen. Der„Volksbote", unser ParteMatt in Stettin, berichtet, daß er durch eine neue Beilage den Frauen die Zeitung wertvoller machen werde. Die Beilage soll jede Woche einmal und zwar am Freitag erscheinen._ Leseabende. Relnlckeniwrf-West. Freitag, den 3. Dezember, S'/z Uhr, besonderer Umstände halber nicht im Lokal von Wohlfahrt, sondern bei Wienhold. Eichbornstraße 87. Vortrag Genoffe Kurt Heinig. Versaninilnngc»— Veranstaltungen. Friedrichshage». Montag, den 6. Dezember, S'U Uhr. öffentliche Fraucnversammlung im Restaurant Witwe Lerche, Frtedrichstr. 112. Vortrag der Genossin Berta Lungwitz:„Die neuen Steuern und die Stellung der Frauen". Händzettelverbreitung zu dieser Versamntlung Sonntag vormittag 8 lihr von den bekannten Bezirkslokalen. Zentralverbäßii der Masetiislen 11! Heizer Verwaltungsstelle Lree-Lerlm> Todes- Anzeige. Am 30. November verstarb unser Mitglied, Kollege 145/13 Vilkelm IloselL Ehre feinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Freitag, den 3. Dezember, nach- mittags 3 Uhr, von der Seichen- Halle des Freireligiösen Friedhoses, Pavpela-ee>5/17, aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht Die Ortsverwaltnng. Zentral-Verband der Töpfer| Deutschlands. Fllinle Berlin. Am 29. November verstarb an Herzlähnmng unser Mitglied, der Kollege Paul Wendt (Bezirk Rixdors) | im Mter von 55 Jahren. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute, I Freitag, den 3. Dezember, nach. I nritlags 3 Uhr, von der Leichen- Halle des Emmaus-KirchhoscS, Hermanustr. 130— 137, auS statt. 193/18 Der Vorstand. Deutscher Holzarbeiter-Verband! Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler Autjust Neumanu am 30. November gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 3. Dezember, nach- mittags 3 Uhr, von der Salle des Schönhausener Gemeinde-Fried- hoses in der Buchholzcr Etratze aus statt. 93/3 vis Ortsverwallung. Verband der Schneider, Schneiderinnen o. Wäsche- arbeiter Deutschlands Filiale Berlin III der Wiscbe- and Krawatfenbranche. Allen Kolleginnen. Kollegen und Genossinnen die traurige Nachricht, das, unser langjähriges, stets eisrig und ausopserungsvoll siir die Organisierung der Är- beiterinnen tätiges Borstands- Mitglied, die Kollegin Näherin |rou Emilie Gericke am 2. Dezember nach kurzem Krankenlager im 51. Lebensjahre an den Folgen einer Operation im Virchow-Kranlenhause ver- starben ist. Ehre ihrem Andenke«: Die Beerdigung findet von der Leichenhalle des Friedhofs der Freireligiösen Gemeinde in der Pappcl-Allee auS statt. (Die Zeit der Beerdigung wird noch bekanntgegeben.) Die Ortsverwaltung III. Ddutsugnng. Fllr di« zahlreiche Beteiligung soivie auch sür die reichlichen und schönen Kranzspenden bei der Be- erdigung meines lieben Mannes .lomeplv Hmlda sage ich allen Freunden und Bekannten, msbeiondere den Kollegen der Firma H. u. A. Schulz sowie den Sängern und Herrn Schült« sür seine trostreichen Worte meinen herzlichsten Dank. 333M Witwe Mathilde Radda. Tisehler-Verein E.H. 89. Sonnabend, den 4. Dezember, abends iL/z Uhr, Melchiorstr. tS: Versammlungm Aortrag. Erledigung eines Unter- slützuiigSgesucheS. Zahlen der Bei» träge.[199/15] Der Vorsta»d. Jerliner Ärbeiier- Hsiliziirer-wck- Mitglied des Arbeile» Radtahrer-Bundet »Solidarität». Touren zma Sanntag, den S. Dezember. 1.— 10. Abt.! 12-, z Uhr- Stolpe. Sammelstart 2 Uhr, Glienlcke(Schulz). Start an den bekannten Stellen. W lln. Simmsl LpewsI-�rN* für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, Ä*. 10— 2, 5— 7, Sonntags 10— 12. 2—4. 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Wenn tidi eine Clgarette in verhältnismässig kurzer Zeil in so ansserordentlkhem Masse die Guqg oUer B&ödiW 9Wtrbh wie unsere , wie unsere M-Ä CIGASCTTE. dann ouss sie unbedingt sehr erhebliche Vorzüge besitzen, die sie anderen Harken Sberlegen sein lasst. ßass dies wirklich der Fall, wird nach gewissenhafter Prüfung Überzeugung ein« jeden Rauchers, der sich ein auf Sachkenntnis beruhend« Urteil ober Qualität und Güte von Cigaretten bflaen kann. Jasen! Vera m. n. o. H. 10 St 30 Fl *-*§ Genoralvertreter für GroO-ßorlin: Erich Strokorb, Berlin SW., Kranz'oergstr, 30.Toi. Ä 9, S719 SlrbeitSnachweiS- BertnaltnngSstelle Berlin. Hauptbureau: Hos l. Amt 3,»239. CharitistraSe 3. Hos III. Amt 3. 1987. Sonntag, den F.Dezember, Vormittags 10 Uhr bis nachm. 1 Uhr, findet die Wahl eines Beamten in folgenden Lokalen statt: Loekbrsuere!,«4. Bruh\nen- Theater,»adstr, s«. Hönisch? Restaurant, wichertotr.». ObiglOS Ffc5tsäle, Schwedter Str. SS. Karsowskis Restaurant, aemaner str. s». Schulz' Restaurant, Max.tr. wb. Kronen-Brauerei, Ait-Moab« 47,4s. Reichenberger Hof, RcichenberSer str. 147. Craumanns Festsäle, waunynetr.«7. Heitmanns Festsäle, schünicmstr.«. Schmidts Festsäle, Eiaden.tr. 3, 2.$ef. Wiemers Restaurant, amow-tr. s». LMInS Festsäle, Mcnieler Str. 67. 126/14 Bökers Festsäle, webcr.tr. 17. Rummelsbnrg, Blnmes Restaurant,»oxbt-ea so. Riidorf, Hoppes Festsäle, Hermana.tr. 40. do. Zlbeiis Restaurant, Eibe.tr. s. do. RQckheims Restaurant, �«.tr.>. Tempelhof, Müllers Restaurant, aernaer str. 40/4». Charlottenburg, Volkshaus, Bo.iaea.tr. 3. Köpenick, Ritters Restaurant, Bahnhoi.tr. 44. Sieglitz, Clements Restaurant, a«pp°i.tr. 7. nhPP.Qnhfinowairlo Wernlcke. Ro.taurant, UUcr-OLllUlieWriUe, Wllbclmlnenhof-StraNe 18. Weißensee, Roßkopfs Festäle, Kdaig ci>aaS.cc ss. Pankow, Rozyckis Restaurant,«.«--»tr.«,4. Spandau, Ruths Restaurant, unden-efer 17. Tegel, Halles Restaurant, Braaow.tr.»s. M Ohlle Mitglitdsblich kann niriRanb nräljlru! � Die Stimmzettel werden am Eingang zu den Wahllokale« verteilt. Wahlleitcr ist der Kollege Otto Handke, Eharittstr. 3» Sonnabend, den 4. Dezember 1909, abends 8'/, Uhr, im Lokal »Siid-Öst«, Waldemarftrafie 75: Kezirks Uersammlung der Südenbezirke 8, s und 10. TageS-Ordnung: t> Vortrag-»Dir nächste soziale Zukunft der Fran.« Referent: Ednard Eera«te!a. Um zahlreichen Besuch bittet Die Ortsverwaltnng. Nach der Versammlung:«ematUebe. Bel.ammea.ela. "'"-- Entrce mit Tanz 25 Pfi.- Sonntag, de« S. Dezember 1909. vormittags 10 Uhrr Krauche« Versammlung nllft in der MetallmdnSm lieschijstigttll Miischinttt- arbeiter uud Arbeitermnen im GrwcrkschaftShanse(Saal 1), Engcluser IS. TageS-Ordnung: 1. Vorlrag deS Genofien O. Sllller über:„DieSseitS und JeuseltS deS Ozeans.« 2. Diskussion. 3. Verbands- und Braiichenaiigelegeiihettcn. In Anbetracht des aktuellen und lehrreichen Themas werden alle in der Metallindustrie beschättigten Maschiucnarbettcr, Hobler, Bohrer, Fräser, Stober. desgleichen Schmttarbetler, an Zugpressen und Siobwcrkcn Beschäftigte, serncr die i» diesen Betrieben beschasttgtcn Arbcltcriiiucn zu dielerV c rsamnilun geingcladen, Hle�Ortoverwaltanx. Dtilischkl Arbkitkl-Siillgtrbniid. Sonntag, 5. Dezember, vormittags 10 Uhr, im»Ttvinemünder Sesrllschastsyaus«, Swlnemüilder St ratz« 42, Montag, 6. Dezember, abends 8'/, Uhr, im Lokal»Kitntgsdauk�, Grobe Franksurter Straße 117, 2 SJfentliche Sängerversatntnlungen. TageS-Ordnung: Vorlrag des ReichstagSabgcordiietcn Elebbora über: WaS I will der Arbeiter> Sängerbund? Diskusston. flBW Um zahlreiches Eischeinen. auch der nicht dem Arbeiter, ! Sängerbund angehörenden SangeSbrüdcr ersucht 17/16 I. 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Tie Kreis-Generalversamuilung des sozialdemokratischen Wahlvereins für Niederbarnim findet anl Sonntag, den 5. Dezember, mittags 12 Uhr, im Cafe Bcllevue in Rummelsburg, Hauptstr. 2, statt. Auf der Tagesordnung steht: 1. Stellungnahme zum Preußentag. a> Allgemeines. b) Das neue Kommunalprogramm. o) Wahl der Delegierten. 2. Kreisangelegenheiten. Zur Teilnahme sind verpflichtet: Die gewählten Dele- gierten, die Bezirksleiter und die Vorstandsmitglieder. Die Parteimitglieder. die den Verhandlungen als Gäste beiwohnen wollen, haben als Legitimation ihr Mit- glicdsbuch vorzuzeigen. Friedenau. Sonntag Flugblattverbreitnng. Die Genossen treffen sich vollzählig in den bekannten Bezirkslokalen. KönigS-Wnsterhaiisen. Sonntag, den S. Dezember, morgens 8 Uhr, findet die Verbreitung von Flugschriften statt. Empfang- nähme des Materials in den bekannten Bezirkslokalen, in Wildau beim Bezirksführer Genossen Adolf Tänzer. Der Borstand. ßerlimr JVacbricbtcn. Unter Weihnachtskuratel. Fn den Hunderten von Wohltätigkeitsvereinigungen der Kroßstadt wird schon seit Wochen wieder mit Hochdruck ge- arbeitet. Man schlägt sich liebedienerisch an die mit so- genamiter Nächstenliebe plötzlich vollgepfropfte Menschenbrust ilnd entdeckt im Kreislauf des Jahres von neuem, daß es Zeit ist, ein paar brillante Wohlrätigkeitösaltomortales zn exekutieren und nebenher nach dem Eindruck auf die Oest'ent- lichkeit zu schielen. Die weihnachtliche Wohltätigkeit, die aus den sonst so verkieselten Herzen der Begüterten heraus mit einem Male förmlich ansteckend und explosionskräftig wirkt, hat uns noch niemals irgendwelche besondere Bewunderung abnötigen können. Was man gibt, ist der bekannte Tropfen auf den heißen Stein, und wie man es gibt, ist vielfach nur die selbstbeliebäugelnde Modemache iz'mütsversetteter Gesellschaftsclowns. Bor einigen Jahren fl&t man diese nach außen hin ungemein herzlich schillernde \0l nach innen oft nur schematische oder rein geschäftliche , eigensüchtige Betätigung des gefüllten Geldbeutels in ein '�fjes Sammelbecken geleitet. Man glaubte erkannt zu jfc�en, daß sich an die Weihnachtskrippe gewisie Leutchen ?«wn, die dort nichts zu suchen hatten und sich be- Rostiger stellten, als sie waren, oder daß wirklich '�tze Familien von mehreren Seiten Berücksichtigung �'gfthren und zu viel geschenkt bekamen, während .gfrtsi ärmere übergangen wurden. Die Wahrheit liegt in der W'ftte. Wo Geschenke verteilt 4verdcn, finden sich immer ��marotzcr ein. Es soll auch richtig sein, daß einzelne Emilien, die bei solchen Gelegenheiten„drauf zu laufen" 5r?rstehen, zuungunsten weit ärmerer bevorzugt worden sind. .'Doch alle diese Bedenken sind auf Grund vereinzelter, aller- � Vings sehr charakteristischer Fälle, stark übertrieben worden. EL ist seitdem nicht besser, sondern schlechter geworden. Offener denn je läßt man die Wohltätigkeitsmaske fallen und bekennt sich unverblümt zu dem Leitmotiv: Bloß nicht zu viel geben, damit die Armut nicht üppig wird I Nicht mit vollein Herzen tatkräftig die ganze Hand, nur vorsichtig und zurück- haltend die Spitze des kleinen Fingers I Der Schemen der weihnachtlichen Wohltätigkeitsaktion wird sofort klar, wenn wir sehen, wie die Namenslisten der zu bedenkenden Einzelpersonen und Familien Zustandekommen. Glaubt nicht etwa, daß die am vollen Tisch sitzenden Sports- men des Wohltättgkeitsrnmmcls die Armut in ihren vier kahlen Pfädlen suchen. Meint ihr, daß es sie gelüstet, sich auf die Entdeckungsreise nach der verschämten Armut, die lieber darbt, als bettelt, zu begeben? Da hätten sie viel zu tun und könnten ja nicht ihrem unersättlichen Vergnügen nachgehen. Man wartet, bis die Anwärter aus den Wohltätigkeits-Tannenbaum sich melden, woran ja leider kein Mangel ist, und nun wird mit Hilfe der bürgerlichen Armrnkommissionsmitglieder und der unvernieidlichen Gemeinde- heiligen kräftig sortiert. Die mit der Wurst nach der Speck- seite werfen, vor jedem Höhergestellten das Rückgrat vcr- krümmen und als gewohnheitsmäßige Äugcnverdreher auch sonst schon aus den Fleischtöpfen dcrKirche mitessen,— die werden in Hülle und Fülle bedacht. Welche zynischen, herzlosen Moral- predigten manche andere Blutarme, die aus ihrer Ueberzeugung. aus ihrem Haß gegen die göitlicke Weltordnung kein Hehl niachen, über sich ergehen lassen müssen, ehe man ihnen viel- leicht doch noch eine winzige Kleinigkeit hinwirft— gerade das ist das Empörendste an diesem modernen Weihnachtssport, der sich Wohltätigkeit schimpft. Es fällt uns gewiß nicht ein, das Kind mit dem Bade ausschütten zu wollen. Manchem bescherten Armen wird sicher eine immerhin nich. zu verachtende Annehmlichkeit bereitet. Es soll auch nicht wenige Wohltäter geben. die mit dem Herzen bei der Sache sind. Neber die wahre, furchtbare Not des Volkes im Gegensatz zu dem Ueberflnß und dem Schlemmertum der Besitzenden kann uns diese kurze Periode, in der alljährlich die Wohlhabenheit in einem Meer von Nächstenliebe plätschert, nicht hinweg- täuschen. Das innerste Wesen der Weihnachtswohltätigkeit ist und bleibt eine lünstlich erzeugte Fata Morgana. Man zeigt dem Notleidenden an diesem einen„Tage der Liebe" eine Wenigkeit von Lebensfreude, um ihn hinterher desto tiefer und verlassener in sein Elend zurücksinken zn lassen. Schafft ihr da oben auf den Höhen desGcnnßlebenS andere, menschlicheresoziale gustäude... bezahlt die Knochenarbeit, aus der ihr das tark saugt, nach Gebühr.— dann wird die Armut dezimiert und verzichtet getrost auf den goldflittrigen Strohhalm euerer WeihnachtS-Wohltätigkeit. Aber andere soziale Zustände herbeizuführen, ist Sache des klassenbewußten Proletariats selbst: da darf die arbeitende Klasse nicht auf Hilfe von außen rechnen. Kahle Aeste. Wie sehr auch warme Regen und laue Winde im Früh- ling das Hervorbrechen der Knospen beschleunigen mögen, es hat doch seine Weile und braucht seine Zeit, bis ans einem leisen grünen Schimmer eine üppige Vegetationsdecke gc- worden ist. Die Farbe des Winters aber kommt wie der Dieb über Nacht. Man reibt sich den Schlaf aus den Augen und sieht es weiß vom Himmel rieseln und einen kalten glitzernden Flaum Dächer und Gärten, Straßen und Dämme mit der gleichen Uniform überziehen, die der Reiz der Neuheit anziehend macht, bis der Verkehr und Staub und Regen das Weiß in Grau und den Reiz in Gleichgültigkeit wandeln. Vom kalten Himmel und dem klaren Weiß heben sich die kahlen Aeste schärfer ab als zuvor. Ein letztes Vlättchen zittert noch am Ende schlanker Zweige vor Frost, es schauert zurück vor dem Wege, den wir alle gehen müssen. Aber die kahlen Aeste sprechen nicht vom Tode, sie reden vom Leben. Sie sind nicht kahl, außer für den Kurzsichtigen. Reihenweise stehen die Knospen daran, und wer nach Birken, Erlen und Haseln schaut, der sieht schou jetzt in Menge die Kätzchen daran, die der Frühlingssonne harren. Wie alle Knospen, sind sie schon im Laufe des Sommers entstanden, denn das Leben aller Pflanzen und aller Wesen heißt Ver- jüngung. Derselbe Stoff, der in braunen, verwelkten Blättern nun mit Füßen getreten wird, er ist es auch, der in Form frischer Knospen frisch und kühn, jeder Winterkälte zum Trotz, an den Aesten sitzt. Uebers Jahr werden auch diese Knospen fallen, um wieder aufzuerstehen. Denn die alte Mär von der Auferstehung ist nur die dichterische und religiöse Form, die die unantastbare Wahrheit vom Kreislauf alles Geschehens und alles Lebendigen gefunden hat. Wer die kahlen Aeste in die kalte Luft ragen und das weiße Feld über dem Lebendigen und dem Toten sich breiten sieht, der soll nicht schauern und nicht zagen. Es ist nur ein Uebergang, der immer wieder den Sieg des Lebens zeigt. Wie der KirchenNberalismus sich auf den„Vorwärts" beruft. Im Oktober meldete da?„christlichsoziale" BlättSen„Reich", in der Slephanuskirche auf dem Gesundbrunnen habe man eines SonnkagS den Hauptgottesdienst„wegen n, angelhafter Beteiligung" ausfallen lassen. Das war vor den Kirchenwohlen,»nd die Rücksicht auf sie erklärte auch, warum das sonst der Kirche so eifrig dienende Blättchen diese die Kirche so arg bloßstellende Notiz gebracht und sogar die höhnende Spitzmarke„Berliner Kirchenpleite" darüber gesetzt hatte. In der Stephanusgemeinde ist die liberalkirchliche Richtung obenauf, und ihr galt der Kampfruf, mit dem die Notiz die Strenggläubigen zur Teilnahme an der Wahl an- feuerte. Als dann der Kirchenrat der Stephanusgemeinde die ganze Nachricht für unwahr erklärte, aber das„Reich" dessen un- geachtet sie voll aufrecht hielt und„es vorerst dahingestellt lassen" zu sollen meinte, ob der Gemeindekirchenrat oder der eigene GewährS« mann„die Wahrheit gesprochen" habe, wurde dem Blättchen eine Beleidigungsklage angedroht. Jetzt wird gemeldet, das Konsistorium habe den Wunsch des Kirchenrates erfüllt und Strafantrag gestellt. War das nötig? Hätte es nicht genügt, jene Selbst demoskierung der über„Kirchenpleite" witzelnden„Frommen" deZ „Reich" lediglich niedriger zu hängen? Niedriger hängen möchten wir bei dieser Gelegenheit ein uns erst jetzt' bekannt gewordenes Flugblatt, das nach jenem „Kirchenpleite"-Streit vom„Kirchlichliberqlen Wahlaus- schuh der Stephanusgemeinde" verbreitet wurde, r forderte auf, bei den Kirchenwahlen gerade deshalb liberal zu stimmen, weil das orthodoxe„Reich" die Slephanuskirche„zum Gc spött gemacht" habe. Zitiert wurde, was darüber sogar der„Vor- wärtS" geschrieben habe. Von der Ansicht ausgehend, in einem Arbeiterviertel werde ein Pastor mangelhaften Kirchenbesuch als die Regel hinzunehmen gewöhnt sein, hatten wir geschrieben: „Daß in einer solchen Stadlgegend, die hauptsächlich von Arbeitern bewohnt ist. ein Pastor den Gottesdienst„wegen mangel- hafler Beteiligung" habe ausfallen lassen, will uns eigentlich nicht recht glaubhaft erscheinen. Schwerlich werden da die Verkünder des Gotteswortes so verwöhnt sein, daß sie ein Häuslein von wohlgezählten zwölf Besuchern für gar zu winzig halten. Wir ver- muten, daß in Berlin schon mancher Pastor froh war, wenn immer noch zwölf zu seinen Füßen saßen und ihm zuhören wollten. Indes, das stockiromme„Reich" muß es ja wissen und wird jene Nachricht nicht ungeprüft der Oeffentlichkeit übergeben haben." Aus diesen vier zusammenhängenden Sätzen ließ nun das Flug blatt die beiden mittleren weg(die wir diesmal durch Sperrdruck hervorgehoben haben) und gab nur den ersten und den letzten, sodaß Sinn und Absicht unserer Ausführungen verdunkelt wurden. Und fast in ihr Gegenteil wurden sie verkehrt durch die Be- merkung, die das Flugblatt aus Eigenem hinzufügte: „Wie eS scheint, kennt der„Vorwärts" die kirchlichen Ver> hältnisse des Gesundbrunnens besser als dieses kirchliche Blatt." So beruft der K i r ch e n li b e r a l i S m u s sich auf den „Vorwärts"! Wir brauchen über diese Art deS Zitierens kein Wort weiter zu sagen, sie richtet sich selber. Zum Schnellbahnstreit. Die von der Regierung ausgearbeiteten Einigungs- Vorschläge in der Schnellbahnfrage wurden am Mittwoch von der' Wilmersdorfer Stadtverordnetenversammlung verworfen. Stadtv. Dr. Heinitz setzte als Berichterstatter des Verkehrs- ausschusses auseinander, warum Wilmersdorf sich auf den bekannten Vorschlag vom 26. Oktober nicht einlassen könne. Sache der Hochbahngesellschaft sei es nun einmal, den ursprünglichen Vertrag. der einen Durchgangsverkehr ins Innere Berlins gewährleiste, zu erfüllen. Nehme Wilmers- dorf aber den im Berliner Polizeipräsidium vorgelegten Einigungsvorschlag an. so ginge nicht nur der direkte Verkehr mit.dem Osten Berlins verloren, sondern es sei gleichfalls mit Sicherheit zu befürchten, daß bei der später zu er- wartenden hohen EntWickelung des Schnellbahnverkehrs auch die direkte Verbindung mit dem Zentrum aufgehoben werde und die Wilmersdorfer Bahn endgültig ihre Endstation am Wittenbergplatz erhalte. Stadtv. Dr. Wolfs trgt für die Anbahnung neuer Einigungsversuche ein und beantragte zu diesem Zlvcck, die Beschlußfassung auf vier Wochen zu vertagen. Bor diesem Schritt warnte Bürgermeister Peters, der im Namen des erkrankten Oberbürgermeisters die Erklärung abgab, daß mich dieser bei genauerer Prüfung sich von der Schädlichkeit des Einigungsprojektes überzeugt habe, obgleich von ihm am 26. Oktober die Erklärung abgegeben worden sei, daß er den Vorschlag in der Stadtverordnetenversammlung befürworten wolle. In der lveiteren Erörterung brachte dann Dr. Heinitz die Neuigkeit ans Licht, daß das von den Vertretern der Regierung so warm emp- fohlene Einignngsprojekt durchaus mit einem bereits im Mai dieses Jahres von der Hochbahngesellschaft aus- gearbeiteten Projekt übereinstimme. Als man den Vertreter der Hochbahngesellschaft auf diese Tatsache aufmerksam machte, habe er harmlos erwidert, daß es doch nicht die Schuld der Gesellschaft sei, wenn das Vcrkehrsministerium in Verkehrs- fragen dieselben Gedanken habe wie sie. Gegen acht Stimmen beschloß die Stadtverordnetenversammlung schließlich, den Einigungsvorschlag der Regierung abzulehnen. „Intelligente" bürgerliche Wahlmänner. Zu der aus dem freisinnigen Wahlbureau stammenden Nach- richt, daß bürgerliche Wahlmänner im sozialdemokratischen Wahl- bureau ihre Stimme für den Prediger Runze abgegeben hätten, wird uns von der Leitung deS sozialdemokratischen WahlbureauS berichtet:„Das von unserer Partei eingerichtete Wahlbureau befand sich im Garten weit rechts vom amtlichen Wahllokal in einem kleinen Nebensaal. Am Eingang zu demselben waren zwei deullich lesbare Plakate angebracht, die auch nicht den geringsten Zweifel lassen konnten, daß hier das sozialdemokratische Wahlbureau sei. Die Freisinnigen hatten de» Mittelgang, der direkt zum amtlichen Wahllokal, dem Hauptsaal der Patzenhofer Brauerei, führte, zu beiden Seiten mit großen Plakaten an langen Stangen eingesäumt und eine Anzahl Wahlhelfer an diesem Wege stationiert. Vor der Tür des amtlichen Wahllokals hatten sie ebenfalls zwei dieser großen Plakate aufgestellt. Im Türeingang stand stets ein weithin erkennbarer Magistratsbeamter in voller Uniform. Da viele unserer Wahlmänner mit den örtlicheu Verhältnissen de? großen Lokals nicht vertraut waren und die Verpflichtung hatten, sich im sozialdemokratischen Wahlburcau zu melden, wurden sie von unseren Stimmzettelverteilern mit den Worten:„Unser Wahlburcau befindet sich dort rechts' darauf hingewiesen. Wenn nun der eine oder andere der bürgerlichen Wahlmänner gedankenlos unseren Wahlmännern folgte und erklärte, daß-er den Prediger Dr. Rnnze wählen wolle, so ging unS das gar nichts an. Wir haben wirklich die Intelligenz einiger unserer Gegner zu hoch eingeschätzt, denn daß sie ein paar Genossen, die in diesem kleinen Nebensaale am Tische sitzen und unsere Listen führen, für einen amtlichen Apparat halten konnten, hatten wir nie gedacht. Weiter sind wir aber auch der Meinung, daß es eine bestimmte Absicht gewesen sein kann, dort die Stimme abzugeben, um bei einer etwaigen Wahl des Genossen Hoffmann sofort einen Protest einlegen zu können. Denn es ist doch kaum anzunehmen, daß ein Mann wie Herr Maurermeister Karl Bredereck und andere Herren aus Unkenntnis dort ihr Wahlrecht ausüben wollten._ Ueber eine Massenverhaftung bei einer Baumwollfirma wird in hiesigen Zeimngen berichtet. Dem Exporthause Gebr. Friedländer u. Maaß in der Bischofstr. 6—8 sollten von Hausdieben für über IM ovo M. Waren gestohlen worden sein. Nach Beobachtungen, die das Detektivinstitut„JuS" fünf Tage lang anstellte, wurden denn auch als die angeblichen Diebe zwei Hausdiener, der Fahrstuhlführer, ein Handlungsgehilfe und der Personalchef verhaftet. Nach einem lange» Verhör durch die Kriminalpolizei wurden die Fest- genommenen gestern ohne Ausnahme wieder entlasten. Für die An- Ichuldigungen wurde auch nicht der geringste Beweis beigebracht, nicht einmal irgend ein Anhalt. Was die Detektivs zusammen- getragen hatten, waren Pbaiuasiegebilde. Ein Verhafteter wurde z. B. beschuldigt, gestohlene Sachen bei einem Pfandleiher versetzt zu haben. Ein Detektiv hatte ibn dabei beobachtet. Es ergab sich bei der Nachprüfung, daß der Mann allerdings beim Pfandlciher gewesen war, aber nur, uin ihm einen alten Ueberzieher abzukaufen. Es fehlt auch an einem Nachweis, daß die Unterschlagungen oder Diebstähle überhaupt stattgefunden haben. Jedenfalls haben die verhaftet gewesenen Leute mit etwaigen Veruntreuungen nichts zu tun. Ihre Beschuldigungen werden wohl noch ein Nachspiel haben. Vom Kahn herabgestürzt und ertrunken. Von einem bcklagenS- werten Geschick ist die Ehefrau des Schiffers Wreh aus Eberswalde betroffen worden. W. hatte mit seinem Fahrzeug auf der Oberspree vor Anker gelegen. Abends verließ er den Kahn, um nach Berlin zu fahren und hier Verwandte auizusuchsn. Als er dann wieder nach der Zille zurückkehrte, fand er auf der Oberfläche der Spree einen weiblichen Leichnam, in dem er zu seinem Schreck seine Frau erkannte. Die Unglückliche hatte wahrscheinlich nach ihrem Manne Ausschau halten wollen und war dabei vom LandungSbrett abgestürzt und ertrunken. Spielwaren- Ausstellung. Die Ausstellung der Sonneberger Spielwaren(angefertigt von den organisierten thüringer Partei- genossen) findet am Sonntag, de» ö., bis einschließlich Sonntag, den 10. Dezember, im Gewerkschaftshause Saal 11 statt. Der Verkauf der Spielwaren beginnt Montag, den 6. De- zember, nachmittags 3 Uhr. Die Arbeiter-Dilettantcn-KunstauSstellung, Potsdamer Straße 4, wird, wie wir hören, noch bis zum 15. d. Mts. geöffnet sein. Wir empfehlen allen Genossen, die sich für künstlerische Bestrebungen interessieren und einmal sich überzeugen wollen, was Arbeiter ohne alle und jede Vorbildung leisten können, den Besuch der Ausstellung. Wenn irgendwo, so zeigt sich hier, wie ungezählte Talente und genial veranlagte Naturen in der bürgerlichen Welt nicht zur Geltung kommen, weil ihnen die Gelegenheit oder die Bedingungen zum Emporkommen fehlen. Die Ausstellung wird im Januar in die Räume des GewerkschastSbauses wandern und wird dort das Ein- trittSgeld, das jetzt 1 M. beträgt, erheblich niedriger sein. Wem eS aber auf das höhere Eintrittsgeld nicht anzukommen braucht und die jetzigen Ausstellungsräume bequem liegen, empfehlen wir jetzt den Besuch. Die Ausstellung kann bis abends 9 Uhr besucht werden. Die Ortsgruppe Berlin der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Gcschlechtstraulhriten veranstaltet am 8. Dezember, abends 8 Uhr, im Bürgersaale deS Rathauses einen Vortragsabend. Professor Dr. Lazarus spricht über:„Die Geschlechtskrankheiten in ihren Beziehungen zu Erkrankungen von Herz und Atmungsorganen". Fencrwchrbcricht. Am Mittwochabend während der Borstellung kam durch elektrischen Kurzschlliß im ZirkuS Busch Feuer au§. ES brannte ein herabhängendes Kabel einer Bogenlampe. Die Gefahr wurde von der anwesenden Feuerwehr schnell beseitigt. Das Publikum blieb ruhig. Wegen ein" Schmifeiisterbi— ides erfolgte ein Alarm nach der Neuen Jakobstraße 22. Putz- und Weißwaren brannten dort._ Vorort- JNradmcbtern Rixdorf. Die bevorstehenden Stadtverordnetenwahlen bildeten 8en Gegenstand der Erörterungen in der am Mittwoch abgehaltenen Generalversammlung des Wahlvercins. Es handelt sich um die Nachwahlen, die wegen des Ablebens des Genossen Ostermann und der Mandatsniederlegung des Genossen Füllgraf im 22. und 24. Bezirk dritter Abteilung notwendig geworden sind, sowie um die Wahl von zwei Stadtverordneten im Stadtbezirk der zweiten Wählerabteilung. Genosse Dr. Silber st ein, der in der Generalversammlung das Referat hatte, beleuchtete in anschaulicher Weise die kom- munalen Verhältnisse RixdorfI und zeigte, daß auf den bcr» schicdenstcn Gebieten eine Reihe durchgreifender Verbesserungen eingeführt Iverden müssen, wenn nicht nur die Interessen der Be- mitteltcn, sondern auch die Interessen der arbeitenden Bevölkerung, die in Rixdorf die grosse Mehrheit bildet, ausreichend berücksichtigt werden sollen. Der Referent wicS auch darauf hin, daß diese Wahlen vollzogen werden unter der Herrschaft des durch den bc- kannten WahlrechtSraub verschlechterten Wahlrechts nach dem Prinzip des anderthalbfachen Durchschnitts, wonach von den Wählern der dritten Klasse mehr Steuern aufgebracht werden wie von denen der ersten und zweiten Klasse zusammengenommen. Es gelte zu zeigen, dass unsere Parteigenossen trotz des verschlechterten Wahlrechts das Feld behaupten. In der regen Diskussion betonten mehrere Redner,' durch das verschlechterte Wahlrecht sei eine wesentliche Verschiebung in der Klasseneinteilung der Wähler eingetreten. Viele Angehörige des Mittelstandes, zahlreiche Beamte, die früher der zweiten Klasse angehörten, wählen jetzt in der dritten Klasse. Me bürgerlichen Parteien trügen sich infolgedessen mit der Hoffnung, es werde ihnen gelingen, uns nicht nur die zweite Klasse völlig zu sperren, sondern uns auch in der dritten Klasse Mandate abzunehmen. Deshalb müssen unsere Genossen den diesmaligen Wahlkampf mit viel mehr Energie führen, wie sie es bisher, wo ihnen der Sieg nicht streitig gemacht werden konnte, zu tun gewohnt waren.— Ein Redner richtete an unsere Parteigenossen in der Stadt- vcrordnetenversammlung das Ersuchen, die Genossen auch über die Vorgänge in den Kommissionen zu informieren. Wenn das immer geschehen wäre, dann würde einer der bekanntesten Wahl- rechtsverschlcchterer, der Buchdruckercibesitzer Glasemann, wahr- scheinlich nicht wiedergewählt worden sein, denn er habe sich, was erst nach den letzten Wahlen in kleinen Kreisen bekannt geworden sei, einer Steuerhinterziehung im Betrage von 3<300 M. schuldig gemacht und sei mit Zahlung des zehnfachen Betrages der hinter- zogcnen Summe bestraft worden.— Diese Mitteilung erregte Aufsehen in der Versammlung. Als Kandidaten wurden die Genossen Jäck für den 22., Keil für den 24., L e n n i g und B r e i l für den Nordbezirl aufgestellt. Hierauf wurden Vereinsangelegenheiten erledigt. Der Vor- sitzende teilte mit, dass am Freitag die Bibliothek des Vereins in der Jdeal-Passage eröffnet wird und die Bücherausgabe von 7 bis 10 Uhr abends erfolgt. Für die Ausgabe von Jugendschriften. welche Mittwochs und Sonnabends nachmittags erfolgt, wurden die Genossinnen Hanemann, Sticlcr, Bölian und Scheite bestimmt. Die Versaninilung stimmte einem Beschluss des Vorstandes zu, den Ausschluss des Mitgliedes Steinmetzen Bofinger zu be- antragen, weil er sich laut Feststellung seiner Gewerkschaft des Tarifbruches schuldig gemacht hat. Das Kuratorium der Boddinstiftung beschloh in seiner Sitzung, dasselbe Verfahren bei der Prüfung der Unterstützungsgesuche zu beobachten, wie es von dem Kuratorium für den Wohltätigkeiis- fonds seit längerer Zeit gehandhabt wird. Hierauf folgte die Fest- setzung des Voranschlages für 1310. Die Zinsen von dem SO 000 M. betragenden Vermögen sowie etwa unvertcilt gebliebene Beträge aus dem Vorjahr sollen als Unterstützungen zur Ver- teilung kommen. Von den bisher eingereichten 20 UntfrstützungSgcsuchen mutzten 2 Gesuche abgelehnt werden, weil die Antragsteller die Satzungsbedingungen nicht erfüllt hatten. Di« übrigen IS An- träge wurden zur weiteren Prüfung gegeben. Bei dieser Ge- Icgcnhcit sei nochmals darauf hingewiesen, dass auS den Zinsen der Boddinstiftung nur an nicht unter SS Jahre alte hilfsbedürftige, würdige Rixdorfer Einwohner beiderlei Geschlechts gewährt werden, lvobei solche Personen zu bevorzugen sind, die mindestens seit lO Jahren in Rixdorf gewohnt und nach Kenntnis der Rixdorfer Armenverwaltung noch niemals auS eigenem An- triebe Ärmcnunterstützung nachgesucht haben. Den Plirteigenoflcn zur KennlniSiiabme, dass sich die Bibliothek des Wahlvereins jetzt Fuldastr. SS.'SO(Jdeal-Passage) befindet und heute eröffnet wird. Geschäftszeit täglich 7— 10 Uhr abends. Die Extraausgabe der Jugendschriften erfolgt Mittwoch und Sonnabend in der Zeit von 4—7 Uhr. Die Bibliothekskommlssion. Steglitz. In bejammernswertem Zustande stellte sick> gestern abend der 16 jährige FNrsorgezögling Willi Schultz au« Berlin der hiesigen Polizei. Der ftmge Mensch war auS der Fürsorgeanstalt in Neppen emflohen und hatte sich seitdem hungernd und frierend in der Umgebung Berlin« umhergetrieben. Vergeblich versuchte der Flüchtling sich Essen und ein Nachtlager zu verschaffen. Vom quälenden Hunger und Kälte getrieben zog es der hart Geprüfte schliesslich vor, sich der hiesigen Polizeibehörde zu stellen. Wilmersdorf. Die Stadtverordnetenversammlung zog in ihrer Sitzung vom Mittwochabend ans dem Fall Beckmann die erforderlichen Kon- sequenzei» und schritt zur Wahl dcS Stadtverordneten- v o r si e Hers. Mit 32 von 33 Stimmen wurde das Amt dem Stadtverordneten Professor Dr. Leidig über- tragen, der vorher schon das Amt eines Stellvertreters ausgeübt hatte. Eharlottendurg. Ausstellung empfehlenswerter Jugendschriften. Am Sonntag, den S. Dezember, nachmitlagS 3 Uhr, wird im Volkshause. Rosinenstr. 3. unsere diesjährige WeihuachlSausstellung eröffnet. Dieselbe findet statt in der Zeit voin ö. bis 19. Dezember und zwar wochentags von S— 10 Uhr und Sonntags von 3—3 Uhr nachmittags.— Der gute Erfolg, den wir im vorigen Jahre hatten, lässt uns hoffen, dass das Bestreben, den Proletarierkiudern nur wirtlich gute Bücher in die Hand zu geben, auch unter den Charlottenburger Arbeitern immer mehr Beachtung findet. Wie im vorigen Jahre, so kommen auch diesmal wiederum künstlerischer Wandschmuck, ante Klasstkerausgaben und Parteischrifien für die Erwachsenen zur Ausstellung und zum Verkauf.— Wir erwarten, doss sich die Charlotlenburger Arbeiter recht rege an dem Besuch der Ausstellung beteiligen werden. Ter sozialdemokratische Wahlverein Charlottenburg. Tchöneberg. Ueber die Bestrebungen der Haus- und Grundbesihervereine referierte Herr Albert K o h n in der am 23. November cr. statt- gehabte», zahlreich besuchten ordeullichen Generalversammlung der Ortskrankenkaffe der Stadt Schöneberg. Hierauf wurde folgende Nesolution einstimmig angenomnie»: Die Generalversammlung der Ortskrankenkaffe der Stadt Schöneberg protestiert auf das entschiedenste gegen jeden Versuch, die Bauordnungs- bestinmiungen für Gross- Berlin im Sinne einer abermaligen Verdichtung der Bauweise zu erstreben und damit die Daseinsbedingungen der Gross-Berliner Bevölkerung auf diesem Ge- biete noch weiter zu verschlechtern. Die Krankenkassei, haben bereits jetzt unter all den schlechten Wvhiuingsvcrhältnissen. i» welchen sich der grvsste Teil ihrer Mitglieder befinden, ausserordentlich schwer zu tragen und erachten deshalb im Gegenteil eine durchgreifende Reform der Gross-Berliner Bebauungsbestimmungen für unerlässlich und un- ausschiebbar: ganz besonders auch im Interesse der Bolksgeftindheit und der Jugendfürsorge. Eine JugcndschriftenauSstellung findet wie in den Vorjahren so auch in diesem Jahre im Tunnel der Neuen RathauSsäle, Meiiilnger Strasse 8, statt. Die Aiisstellunaen früherer Jahre haben gezeigt, dass das Bestreben der Arbeiterschaft, die Schundliterattir von ihren Kindern fernzuhalten, in starkein Masse vorhanden ist. Dann legte der starke Besuch sowie auch der erfreuliche Unisatz von Schriften beredtes Zeugnis ab. Die Ausstellung ist geöffnet am Sonntag, den S., 12. und 19. Dezember, nachmittags von 4 bis abends 8 Uhr. Es wird erwartet, dass die Arbeiterschaft dieselbe rege besucht. Klein-Schönebeck-Fichtena». Ter Anschlag auf das kommunale Gaswerk ist mißglückt, die Einsprüche sind jetzt in allen Instanzen zurückgewiesen worden. War dieses Resultat auch mit Bestimmtheit zu erwarten, so ist es doch einer Clique von Gemeindeschädlingen, deren Treiben wir bereits mehrere Mal« gebührend gekennzeichnet haben, ge- lungen, den Bau ein Jahr zu verschleppen und, da der Winter bevorsteht, noch auf längere Zeit zu unterbinden. Im Sommer 1308 beschloß die Gemeindevertretung den Bau der Gasanstalt. Als geeigneter Platz wurde der sogenannte Richterbcrg ausersehen; es wurde auch sofort mit den Vorarbeiten begonnen. Gegen diesen Beschluss lief eine Handvoll Grundstücks- spekulanten, die erstens eimnal die Gasversorgung der Gemeinde einem Privatunternehmer zuschanzen wollten, dann aber auch diese Gelegenheit beim Schöpfe nahmen, um Vergeltung gegen die ihnen mit auferlegte Wcrtzuwachösteuer zu üben, Sturm. Die Separationsgemeinde wurde rebellisch gemacht, worauf dieselbe gegen den Vau auf dem Richterberg Protest einlegte. To die Gemeinde die Verpflichtung übernommen hatte, vom b. März 1303 ab den Bahnhof Rahnsdorf mit Gas zu versorgen, war sie ge- zwungen, einen neuen Bauplatz zu suchen. Dieser wurde ge- funden und durch Ankauf von Rebenparzellen entsprechend ver- grössert. Kaum war jedoch mit Zustimmung des Landrates hier der Bau in Angriff genommen, hagelte es— wieder von derselben Clique— neue Proteste. Diese wurden erhoben gegen die pro- visorisch« Bauerlaubnis, gegen den Bau überhaupt, gegen den neuen Bauplatz, gegen den Kauf der Rebenparzellen, gegen die Pflasterung der Zufahrtstrasse usw. Sämtliche Einsprüche wurden dnrch alle Instanzen bis zum Minister durchgefochten, wobei noch zu bemerken ist, dass die Protestler den Rekurs stets am Ende der Berufungsfrist erhoben— Verschleppungstaktik auf Gemeinde- kosten! Ist auch der saubere Plan der Clique, durch die Ver» zögerung des Baues die Gemeinde um ihren Hauptabnehmer, den EisenbahnfiskuS zu bringen und damit das Gaswerk totzulegen, nicht geglückt, so hat sie doch vermocht, den Bau bis jetzt zsu inhibieren und die Gemeinde um zirka IS 000 M. zu schädigen, die nun wieder die Steuerzahler aufzubringen haben. Charakteristisch für das gemeingefährliche Treiben dieser Leute ist es, dass sie jeden neuen Streich in zynischer Weis« öffentlich bekanntgaben mit dem Hinweis, dass noch weitere folgen werden. So erlebte man dann das Schauspiel, dass in den Strassen Röhren lagen, Kandelaber standen und die Häuser Gasanschlüsse hatten— ohne Gasanstalt; in den Käseblättchen niedrigster Qualität dagegen schimpften die Vcranlaffer dieses Zustandcs über schlechte Be- leuchtung, über die Gemeindevertretung u. a. m. Eine Komödie könnte man es nennen, wenn das Wort Niedertracht nicht paffender wäre. Und dies« Personen haben noch die Stirn, sich zur Gemeinde- Vertreterwahl im Frühjahr als Kandidaten zu empfehlen; die Ar- beiterschaft wird den Wahlkampf mit dem Rufe aufnehmen: Nieder mit der Cliquenwirtschaft! Für uns ist der Ausgang nicht zweifelhaft.. fliehen können und fast wehrlos sind, während man sich an i älteren Tiere viel seltener heranwagt. Die Jäger lassen von ihr, Arbeit des Schlachtens nicht ab, bis alle in der Nähe befindlick)« Opfer ihren Haken zur Beute gefallen sind oder die Nacht dm j Gemetzel ein Ende gebietet. Häufig haben sie sich dabei viel: Meilen von ihrem Schiff entfernt tind müssen nun bis zum Morger auf dem Eisfeld bleiben. Daraus entwickeln sich bisweilen sehr gefährliche Situationen, wenn ein plötzlicher Schneesturm losbricht' und die Jäger in Nebel und Wolken hüllt, so dass sie den Weg zum Schiff nicht zurückfinden oder sich in der Eiswüste völlig verirreir Wenn eine genügende Anzahl von Fellen erbeutet ist, fahren die: Schiffe wieder heim; die Beute eines Nobbenfahrers beträgt i:» einer Woche etwa 20 000 Felle, die zwischen 10 und 12 M. das Stück wert sind. Wenn die Jagd nicht glücklich von statten gebt, bleiben die Schiffe allerdings manchmal viele Wochen im Eis. Der jährliche Fmig von Robben beträgt etwa eine halbe Million und der Gesamtwert der Industrie für Neufundland belauft sich aus ö Millionen Mark._ Massenvergiftungen in einer Irrenanstalt. Hamburger Meldung zufolge sind gestern in der Irrenanstalt FriedrichSberg nach dem Genuss von Reis mehrere hundert Personen unter vergistuitgSerscheinungen erkrankt, von denen zwei nach einigen Stunden gestorben sind. Die vorgefundenen Speisereste werden im bakteriologischen Institut untersucht. Da nach Aussage der Köche der Ret« einwandfrei gewesen ist, nimmt man an, dass eS fich um einen BergiftungSversitch handelt. Eine spätere Meldung auS Hamburg besagt: Wie die Polizei- bebörde mitteilt, bietet die Maffenerkrankuiig in FriedrichSberg keinerlei An laß zur Beunruhigung. Dem Anschein nach liegt keine V-rgistung vor; die Ursache der Durchfäll«, die am Montagnachmittag bei den Erkrankten eintraten, ist allerdings noch nicht ermittelt. Zwei schwächliche Frauen sind unter Erscheinungen von Herzschwäche ge» storben. Alle anderen Erkrankten sind heute bereit« wieder völlig genesen._ Bom Zug«drrfahren und getötet. AuS Wollstein(Provinz Posen' wird gemeldet:„Der um 1 Ubr 38 Minuten von Grätz fällige Zup überfuhr gestern zwischen Grätz und Südhof ein Baueritgespann zertrümmerte den Wagen und tötete den Bauer auf der Stell«. Der Bauer hatte, obwohl der Zug schon von weitem sichtbar war, den Versitch gemacht, noch vorher den Uebergang zu überfahren. 20 300 Mark vom Postwagen gestohlen. Nach einer Meldung aus R y b n i l wurde gestern abend aus einem von Ratibor nach Rybntk abgegangenen Postwagen eine Geldkassette mit 20 800 Mark Inhalt gestohlen. Als Täter wurden der Postillon Bola und der Maurer Mucha ermittelt. Wieder abgeschleppt. DaZ vor dem Hafen von PortSmouth in Dominica(Westindie») leicht auf Grund geratene Schulschiff de« Deutschen SchulschiffoereiitS„Grossherzogin Elisabeth* ist, wie auS Bremen gemeldet wtrd, mit Hilfe von Dampfern ohne Beschädigung abgeschleppt und im Hafen zu Anker gegangen. An Bord ist alle» wohl. Uebrr eine Bankatastrophe wird vom gestrigen Tage aus Alfeld gemeldet: Heute früh stürzte beim Siichten de« grossen Fabrik- gebäude« der neugegründcten Norddeutschen Steinzeugwerte im Marktflecken Duingen das gesamte Laikenwerk und der ausgebaute Kniestock ein. Durch die Gewalt de« Sturzes wurden auch die Eisenträger mit fortgerissen tind sämtlich zertrümmert. Zwei Personen sind tödlich, zwei schwer und drei leicht verletzt. Da» Unglück ist wahrscheinlich durch ein Nachgeben der Aussenmauer ver« ursacht worden. LiebeSimterricht der Könige oder: Die Erziehung zum Monarchen. Tie„pikante" französische Schauspielerin Jeanne Granier war dieser Tage nach Neudeck in Schlesien auf das Gut des Fürsten Henckell von Donnersmarck(der von altersher Beziehungen zur Pariser Welt unterhält) geladen worden, um Wilhelm II. etwas vorzuspielen. Zum Schluß gerierte sich die Granier als Eon- ferendere und hielt einen Speech über die Liebe und die Man- archen. Sic plauderte darin allerlei aus über die Beziehungen der Monarchen zu den großen Pariser Schauspielerin nen-Hetären, Sachen, die im Lande der frommen Dcnkungsart nicht jedermann geläufig sind. Da Madame Granier offenbar ihr Metier versteht und aus Erfahrung sprechen kann, dürften einige ihrer Jndis- kretionen bei uns auf Interesse zählen. Nach dem„Gil Blas" sagte Madame u. a.: Wenn ein König mit einer Schauspielerin zusammentrifft, sagt er zu ihr:„Liebste, sprechen wir von der Liebe.. Und sie vergessen sich in wonnigem Entzücken, fern von den Blicken Europas. Die Könige beklagen sich darüber nicht, die Schauspielerinnen auch nicht. Diejenigen Monarchen, welche eine gefühlvolle und zärtliche Frau mit den Freuden und Bitter- nisscn der Liebe bekannt macht, erwiesen sich als besonders geschickt zur Leitung der Völker, als duldsam und gut und um das Glück chrer Untertanen besorgt. Deswegen. Majestät, machen die Könige mit einer Freude, die uns Frauen stolz macht, den Weg nach Paris. Sie haben als junge Männer schon von den Reizen der fran- zösischcn Frau gehört, und ihre königlichen Augen richten sich. kaum daß ihre Phantasie erwacht ist, auf diese herrlichen Muster von Grazie, mit welchen die von der Schönheit begeisterten Maler des 18. Jahrhunderts die fürstlichen Galerien gefüllt haben. Und ihr erster Liebestranm ist ein französischer Traum, eine Schwärmerei für ein Pariser Mädchen. Stach Paris kommen sie fast alle, und sie kehren immer mit Lust und Liebe dorthin zurück. Zu beklagen sind diejenigen, welche nickt mehr wiederkommen! Sie mögen Waffenruhm errungen und mit starker Hand regiert haben: sie haben nicht gesiegt, sie haben nicht geherrscht, sie haben nicht gelebt, wenn sie nicht den Zauber einer Stunde höchsten Triumphes bei einer Französin, die sich hingibt, ausgekostet haben. Es gibt Fürsten, Majestät, die die Liebe niemals kennen gelernt haben werden, weil sie sich niemals werden rühmen können, daß sie unser Herz besessen haben.... Sache der Schauspielerin ist es, den Königen gründ- lichen Liebesunterricht zu geben. Welche Frau kennt und schätzt die Könige der Welt besser als eine Königin der Bühne? Wir Schauspielerinnen lieben das Königtum wegen des Ma- jestätischen, Feierlichen, Theatralischen, das ihm anhaftet, wegen seines Pomps und seines Aufputzes. Wir sind weder banale Bürgerfrauen noch steife vornehme Damen: wir sind„amoureusss" (Geliebte), und damit ist alles gesagt. Wir geben uns mit einer Vertraulichkeit, die niemals den Respekt ausschließt. Di« Könige haben im Verkehr mit uns weder dumme Konsequenzen noch un- angenehme„lenäernsins"(Nachwehen am folgenden Tage) zu fürchten. Wir lieben, und wir scheinen zu vergessen, daß man uns geliebt hat.... Die Königinnen betrachten daher auch die Schau- spielerinnen, die zu gefallen, zu erfreuen und zur rechten Zeit zu verschwinden wissen, mit liebevoller Nachsicht. In einem Hause der Avenue de Wagram zu Paris hängt eine talentvolle Künstlerin, die meine Bescheidenheit mir zu nennen verbietet, an die Wände ihres geheimen Boudoirs königliche Photographien, die sie arz glückliche Minuten erinnern:„Alexander, Krönung, November 1W9(?)",„Großfürst Boris, der nicht vergißt",„Herzog von Orleans",„in tiefer Verehrung", ein melancholischer Prinz Na- poleon, ein pathetischer Prinz von W---sis, und unter so vielen männlichen Erinnerungen Gesichter von Königinnen und Fürstinnen, die ohne Groll lächeln. Man ahnt wohl, weshalb uns immer verziehen wird. Wir wissen so viele Dinge und erzählen davon so wenig! Wir intrigieren nicht, wir regieren nicht, wir Herrsiben nur über das Herz, und unsere Herrschast dauert nur eine Stacht. Gute Nacht, Majestät!" So interessant Madame Granier auch geplaudert haben mag, viel Neues hat der Kaiser«ms ihrem Vortrage wohl kaum gelernt. Ein überaus heftiger Sturin wütet, wie. aus Brest gemeldet wird, seit gestern früh an der Küste. Das Panzerschiff.Charles Martel", das aus Cherbourg nach Brest zurückkehren wollte, tele- graphierte nachmittags von offener See, etwa zwölf Meilen von Ouessant, daß es den Hafen nicht erreichen könne. Man nimmt an, daß das Schiff eine Maschinenbavarie erlitten hat. Wegen des Sturmes ist es vorläufig unmöglich, Hilfe zu senden. Aus Toulou wird gemeldet: Das frühere, durch eine Explosion schwer beschädigte Panzerschiff„Jena" schlug heute, als es zur Re- paratur nach Toulon geschleppt wurde, infolge Sturmes vor der Insel Porquerolles um und liegt tn zehn Meter Waffertiefe Steuer- bord aus Grund. Menschen sind nicht verunglückt. Amtlicher Marktbericht der ltädtüchen Marttballen-Direktion über den Grozbandel in den Zentral-Marktdallcn. Marktlage: Kleilch: Zulubr stark, Ncschäsl kvhig, Preise für Schweinefleisch nachgebend, sonst unverändert. Wild: Zufuhr reichlich, Geschäst schleppend, Preise nachgebend. Geslügel: Zufuhr reichlich, Geschäst still, Preise wenig vcr- ändert. Fische: Zusuhr ziemlich genügend, Geschäst ziemlich lebhaft, Preise wenig verändert. Butter und Käse: Geschäst ruhig. Preise unverändert. Gemüse, Obst und Südfrüchte: Zufuhr über Bedarf, besonders in ausländischen Kohlsorten, Geschäft sehr still. Preise kam» zu bebaupten. Zentralverband derHandlungsgehilfen und Gehilfinnen Dentsch« lands. Bezirk Rixdors. Heute abend 9 Uhr Bürgersäle, Bergftr. 107: Vortrag des Genossen Stadlverordneten August Hintze. Gäste will« lommen._ «Mterungsüberlick,» vom 8. Dezember 1909, morgen» 8 llfir. «tatton en Setter zinnnemde 738 O SD Hamburg>738 NNW Berlin 1 735 SSO ■Hanfi.a SR 741 S® Äünchen 1745 3® Wien>744 W 3 Regen 2 bedeckt 2 Regen 5 bedeckt 6 wolkig 2 wolkig «;«• 5" I? wlö Stattonen SS äE §■2 = 2 »— £5 s? Detter e» äII i* Mm Havaranda 760 N s'bedeckt—16 Petersburg 753 ONO o, bedeckt— 8 Sctlly 750 WSW vNcgen 9 ilberdeen j741SW! 4 wolkig 1 Part» 750 WSW 2 heiter 6 I> Ii Wettervrognoic für Ztzreitag. den 3. Dezember 1909. Zunächst ausklarend, etwas kühler bei mäßigen nordwestlichen Winden; später Mieder langsame Erwärmung, Trübung und geringe Niederschläge. Berliner Welte rbureau. Wastcrftands-Nachrtchten der LandeSanftalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vo» Wasserstand M e m e l, TUM P r e g c l, Jnsterburg Weichsel. Thon, Oder, Ratibor , Kroffen , Frankiurt Warthe. Schrimm , LandSberg Netze, Bordamm Eibe, Lettmeritz , Dresden , Bardo • Magdeburg 1+ bedeutet Wuchs.— Fall. 1 Unterpegel. � Eis stand, ch Eistreiben. Die gesamte Oder und Warthe bis Schwedt einschließlich ist elssrci. Auch die Saale, Werra, Fulda, Lahn und Ruhr habe» mittelgroßes Hochwasser. Das Steigen der Leine und Innerste hat sich verlangsamt und irgendwie bedenklich ist die Gcsamllage nicht. stzür den Inhalt der Inserate übernimm» die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. 3 Cbcatcr. Herbst. Zreitag, 3. Dezember. Ansang 71/, Uhr. Königl. Opernhaus. Sinfonie- konzett der kgl. Kapelle. Königl. Schauspielhaus. Der deutsche König. Deutsches. Faust. K a m m e r s p i e l e. Der Arzt am Scheidewege.(Ansang 8 Uhr.) Komische Oper. DaS Veilchenselt. Antang 8 Übt. NeneS königl. OPern-Dheater. Geschlossen. Neues Schauspielhan». Ihr letzter Brief. Lesstug. Tantris der Narr. Neues Operetten. Miß Dubelsack. Berliner. Hohe Politik. Trianon. Buridans Esel. Neues. Der Unbekannte. Kleines. Moral. Ncstdrnz. Gretchen. Hebbel. Der Skandal. Schiller«» Wallner- Tbealir.) Das Käthchen von Hellbronn. Sch u? Charlottendurg. Die Ehre. Friedrich- ZSilbrlmItäd,. Schalt- spielhanS. Der Bibliothekar. Westen. Die geschiedene Frau. Thalia. Die ewige Lampe. Luisen. Gib mich frei. Boiksoper. Die Hugenotten.(An- sang 8'/, Uhr.) Rote. Die relegierten Studenten. Lustspielhaus. Der dunkle Punkt. Metianu». HallohII— Die große Revue. Kolies Capricr. Sicher ist sicher. Bunter Teil. Der Mann meiner Frau.(Ans. 8'i, Uhr.) APi'ito. Spezialitäten. Wintergarien. SvezialUälen. Casiuo. Onkel Cohn. Gebr. Herrnseld. So mich man'S machen. Ein ReliungSmittel. Karl Havelland. Svezialitäten. Walhalla, evezialilätkii Gastspiel. Der Hüttenbesttzer. Paiiagr. Gussi Holl. Ola Svezialitäten Roacks. Der Veilchensresser.(An- fang 8'/, Uhr.) Palas». Die neue Herrin. Tast? Spezialiläten. Reichsiiallru. Slettiner Sänger. Urania. Daiibei'iir Ke Im wiNenschaltlichen Thealer: Abends 8 Uhr: In den Dolo- mite». Sterinvarte, gnvalideiistr. 67—62. I.,ca«in,c-Theatei*. 8 Nhr: Dantris der Narr. Sonnabend 8 Uhr: TaniriS der Narr. Sonntag s Uhr: Hedva Gabler. 8 Uhr: Bor Sviinenanfgang. Urania. Wissenschaftliches Theater. Abends 8 Uhr: In den Dolomiten. Thealer des Westens. Heule nachm. 4 Uhr: Struwwelpeter. 3 Uhr: Die geschiedene Frau. Sonntag 3'/, Uhr: Ein Waliertraum. Friedrich-WiiheUdtiscties Schauspielhaus. Freitag, den 3. Dezember, Ans. 8Nhr: Der Bibliothekar. Sonnabend nachm. 3'/. Uhr: Die Nibelungen I. und II. Teil. 8 Nhr: FlachSmaMl als Erzieher. Sonntag nachm. 3 Uhr: Othello. Abends 8 Uhr: Der Bibliolhekar. Uus'tspßktksus. Abends 8 Uhr: Der dunkle Punkt. Rene» Operetten-Theater. Schissbauervamm 25, a. b. Lmsenstr. AbendS 8 Uhr: 9118 OndclKack. Operette in 3 Akten von Rudolf Nelson. Volks-Oper. 3W., Belle-Alllance-Straße Nr. 7/8, AbendS'/jO Uhr: Die Hugenotten. Residenz-Theater Direktion: Richard Alexander. Abends 0 Uhr: Groteske in 8 Akten von Davis und Lipschütz. Sonnabend, den 4. Dezember, zum eiftuimal: Im Daubenschlag. Berliner Theater. i'S: stöbe Politik. Morgen: Hohe Politik. Neues Theater. Abend« 8 Uhr: ler&sl- Oer MM. Morgen«. folgende Tage: Herbst. Der llnbi kannte. I0SE=THEATE Große Franksurler Str. l32. Bei ausgehoben. Adonneni. I ii Luisen-Theater. Abend» 3 Uhr: Gib mich frei. Schauspiel in 5 Akte» v. H. Courths- Mahler, E. Rilteiseldl. S onnabend 4 Uhr: Große Kinder- Porst. Zum erstenmal: Goldhärchcns Himmelsahrt. 8 Uhr: Gcier-Wally. Sonntag nachm. 3 Uhr zu kleinen Preisen: Wilhelm Till. SlbendS 8 Uhr: Aeier-Wallh._ Schiller-Theater 0.(Wallner-Tbeater.) Freitag, a b e» d S 8llbr: IbssKiUhrhon v. Heilbronn Große» historisches Nitterschauspiel i» 5 Alten von Heinrich v. Kleist. Ende 11 Uhr. Sonnabend, abend» 8 Uhr: I>ns Khthchen ▼.Hellbronn 3 u u n i a q, nachm. 3 U b r: l»e Welt, in iler man sich langweilt. Sonning. a b i II d 4 H Uhr: Wilhelm Teil. 0J£UJf X'V? ea.ee r» 3 Uhr Das Progr. d. Novitäten I 8 Uhr Bio Der Schimpanse K Gret»»8 Tourist, Rodstfahrer, Rollschuhläuier. 9.15 9.15 Prinz Pinns. Burleske in 3 Bildern. V: Kenru Bender. 10 Uhr; Das Wunderkind Petit Roberto, d. kleinst« u. beste Ziylophon- Virtuosc der Welt. Schiller-Theater ChartoHeBburg. Freitag, abends 8 Uhr: Die Hhre. Schauspiel in 4 Allen von Hermann Sudermann. Ende 10'/, Uhr. Sonnabend, abendS8Uhr: Oer Sohwur der Treue. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Macbeth. Sonntag abend« RUH ri Miß Hobhs. Neues Programm! Otto Heutter. La Pia in ihrer Szene„Der Wellen Geist", stiel? Bros., Box and Ball Pnnching Sport. Hlle. Borellya, franz. Sängerin. Fred Mario n,Musik- Imitator.„Kinemacolor", bioakop. Projektionen in natürl. Farben. Mariane Hurdetheater:-Entführung d Salome-Tänzerin", Posse i. 8 Akt. gespielt von 9 42 Hunden.■ The 4 Fords, Tanz- Neuheiten. Emerson u.ßaidwln, mod Jongleure. Tom lack Trio, Muaik.-Akt. stell» 4 Gilette, ein Spaß im BUlardaalon. Biograph. Gastspiel-Theater. Heute und folgende Tage 8 Uhr: Der Hiittenbesitzer. Sonntag nachmittag 3'/, Uhr: Kleine Preise._ Lustspiel In 4 Allen von Ben cd ix. Ansang 8 Uhr. Ende'/,1l Uhr. Sonnabond: Die rcleg. Studenten. Metropol-Theater Hallo!!! Die große Revue! In 8 Bildern von Jul. Freund. Musik v. Paul Lincke. In Szene gesetzt vom Dir. Rieh. Schultz. Anfang 8 Uhr. Rauchen gestattet. Trianon-Theater. Abend« 8 Uhr: Kuridaus Esel. Bater Kommandanlenstr. 57. T. A. 4, 5083. Sek grüßte Heirofelck- Erfolg! „So muO uian's machen" BurlcSke mit Gesang in zwei Akten, Musik von L. Atal, mit den Autoren Slnto» und Tonat Herrnseld hl den Haupttollen.— Hierzu: Ein Rettungfsmittel Komödie in 1 Akt von Ludwin Huna. Ansang 8 Uhr. Voroerkaus 11—2 llhr Theaicrkasse. KönigNtadt-Kanino. Holzmarktstraße 72. Gänzlich neues Programm tnil Franz Kobitnnkl. Neu I Um 9 Uhr i Neu! Am Nordseestrand. Nordische« Volksstück in einem Akt Nach der Vorstellung Mittwoch, Sounab., Sonnt.: Tanzkränzchen. Am le.Ecz StB.b.WelhnaohUvorat i Passage-Thealei. t 5« Erst«» Äultreten I dor bezaubernden{ iCassi Holl! Ola Gygi I 14 epatklassise .Spezialitäten. iß KKM WW VMM"»'»' W WRF V»»«'' Passege-Paeeplitlaii!. Hont« Seaegel ia Berti!!! Rft wilde Weiber ßß" Männer, Kinder. Drei Negerdörfer Sie Traummalerin. Geheimnisse dor Wassertlefe. Plastische Riesendioramen. 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Die Zimmer sind täglich mit Automorswassor aufzuwischen und mehrmals zu besprengen(1 Eßlöffel voll auf 1 Eimer Wasser). 2. Dem Wasch» und Badewasser sämtlicher Hausbewohner setzt man einige Tfopfen Automors zu oder gebraucht Automors» Toilette- bezw. Bade-Soife. 3. Dia gebrauchte Krankenwäsohe muß sofort in Antomorswasser geworfen, eine halbe Stunde darin belassen und erst dann dorchgewaschen werden. AÜTOMORS, welches eine fünffach starke Wirkung wie z. B. Carbol- säuro besitzt und geruch- und giftfrei desinfiziert, erhalten Sie in den Apotheken und Drogerien. Gebr. Hey!& Co., A.-G. Charlottenburg. Achtung! Zigarrenhändler! Achtung! Größtes Lager m abgelagerten Zigarren Größtes Lager!» Weihnachtspackungen um Ii Ii iü i Telephon; Amt VII, 3047. K Gänse nur•rfte Dualitäten von 7 618 14 Psund a Piund 65 Ps..» Gänserümpse.'1, Gänse. Junge Enten M. Hühner, seit« Suppenhühner, jge. Brathühner in besonders schöner Auswahl. Wegner, SO. WJorianncnftr. 34. Preisliste 18 gratis. 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Könnte man nun diese so gestalten, daß sie unseren berechtigten Wünschen leidlich nahekämen, so wären sie unserer- feits gutzuheißen. Man sehe sich aber einmal einige solcher schon abgeschlossenen Reichstarife an. Die Gewerbegerichte hatten nun noch nicht genug an der Einführung von Vertrauensleuten. Jeht sollen auch noch Scharfmacher hineinbugsiert werden. Gepflogene Einigungsverhandlungen, von denen bürgerliche Blätter zu be- richten wußten, sind heute weiter nichts als reine Privatvcrhand- lungen, Hauptpersonen dabei aber„zufällig" Gewerbcgerichtsvor- sitzende mit gutklingenden Namen. Das Bestreben gehe dahin, die Gewcrbegcrichte auszuschalten. Bedauerlich sei es, daß Männer wie Herr von Schulz u. a. mithelfen, das Gewerbegcricht des objektiven Charakters zu entkleiden, der ihm bis dahin eigen war. Dagegen müsse Protest erhoben werden. Von wirklichen EinigungS- ämtcrn könne nach solchen Vorgängen nicht mehr gesprochen werden. Wenn man aber glaube, daß diese Privatzirkel etwas Besseres schaffen könnten, dann irre man sich. Das würden auch noch einzelne Gewerkschaftsvorstände einschen. Wir dürfen nimmer Einrichtungen wie unsere Einigungsämter, die schwer erkämpft wurden, preisgeben. Wie die neuesten„Schiedssprüche" aussehen. charakterisierte Redner an mehreren Beispielen. Zum Beispiel geht man daran, Sympathiestreiks in Zukunft zu verhindern. Auch beständen schon Bestimmungen, nach denen Tarife zeitweilig außer Kraft gesetzt werden können.(Maler.) Um den neueren Kurs nach seinem Werte zu kennzeichnen, genüge das schon: Sobald ein Schiedsspruch nicht zustande komme, dann solle der Spruch des— Direktors der technischen Hochschule entscheiden. DaS sei die stärkste Herabsetzung der Gewerbegerichte und ihrer Vorsitzenden. Das Unternehmertum sei nur den Tarisen zugänglich geworden infolge des Kleinkriegs. Es sei am empfindlichsten zu treffen, wenn es disponiert hat. Diese Kleinkriege hätten den Gewerkschaften die meisten Erfolge gebracht. Wenn wir nun für Tarife find, so doch nicht unter allen Umständen. Lieber gar keine als schlechte. Nun seien ja die Löhne in letzter Zeit gestiegen, aber auf der ande- ren Seite werde das Errungene dem Arbeiter auf andere Weise wieder abgenommen. Redner schließt seinen aufmerksam aufge- j nommenen Vortrag mit der dringenden Aufforderung, aus dem �Gehörten die Konsequenzen zu ziehen und unermüdlich in der Agitation und Organisation weiter zu wirken. An den mit leb- haftem Beifall aufgenommenen Vortrag schloß sich keine Debatte. Unter Branchenangelegenhciten nahm Handle das Wort, um auf eine Angelegenheit des Wiesenthalverbandes einzugehen. In einer kürzlich abgehaltenen Versammlung dieses Verbandes war in der Diskussion auch die Meinung zum Ausdruck gelangt, man solle eine Teuerungszulage fordern und bei ablehnendem Bescheid der Unternehmer eventuell in einen Streik treten. Redner glaubt. daß dies nur ein Vorwand sei, um Mitglieder zu fangen, und die ganze Forderung Theaterdonner wäre. Sollte es aber wirklich Ernst damit sein und die Wiesenthalschen Mitglieder wirklich sich als Männer zeigen, dann würden die Kollegen des Deutschen Metallarbeitcrverbandes so handeln, wie es einer Kampfcsorganisation allein würdig sei, und nicht so, wie es Wiesenthal mit seinem Anhang im vorigen Jahre bei der Tarifbewcgung gemacht hat.(Zustimmung.) Uebrigens sei es kennzeichnend für die Stimmung unter den Mit- gliedern der Wiesenthalschen Organisation, daß ausdrücklich be- schloffen wurde, den neuen Lohntarif nicht eher zu unterzeichnen, ehe nicht eine Versammlung der Lrganisationsleitung einen dem- entsprechenden Auftrag erteilt habe. Der nächste Redner erklärte, daß ihm die ersten Ausführungen HandkeS gefallen hätten, die letzten jedoch nicht. Es wäre besser gewesen, er bälte versöhnlicher gesprochen. Der 1. April sei bald heran, da müsse man versuchen, alle Kollegen unter einen Hut zu bringen und auch mit den Wiesenthalschen Anhängern sich einigen. Mit Handkes Radikalismus erreiche man nichts. Dem trat ein anderer Redner entgegen, der erklärte, Handle habe nicht scharfgemacht, sondern nur klipp und klar den Stand- Punkt vertreten, daß die Verbandsmitglieder nicht Streikbrecher werden wollten. Auch habe er nicht gesagt, daß unbedingt am 4. April gestreikt werden solle; eS kämen noch Zeiten, die besser seien. Handle wendet sich gegen den ersten Redner. Den Wiesen- thalschen Kollegen werde der Uebertritt zum Deutschen Metall- arbeiterverband so leicht wie möglich gemacht. An diesem liege es nicht. Dessen Mitglieder würden auch fernerhin kollegial zusammenarbeiten mit den Mitgliedern des Wiesenthalverbandes. Tüchtige Agitation sei nötig, besonder? unter den Unorganisierten. Auf eine Anfrage aus der Versamm- lung betreffs einer Schmähbroschürc gegen den Deutschen Metall- arbeiterverband eingehend, erklärt Handke, darauf eine Gegen- broschüre herauszugeben, sei die Zeit und auch das Papier zu schade.(Beifall.) Bnefhaftcn der Redaktion. Tie luristische Tyrcch«»»!>e findet Lindensirafte 3, iWeliet Qaf, dritter(f ingong, vier Trerven,{MT* Sehrftuljl VM»»chentitglich abends don 7V, bis 9V4 Ub:(In«. Geiffnet 1 Uhr. Saiinabcnds beginnt die Sprechstunde um S Uhr. Jeder Anfrage ist ein Bnchitade und eine Zahl all Merl, eiche» beizusngen. Briefliche Aniwort wird nicht erteilt. Bis jus Beantwortung im Briefkasten tonnen 1t Tage»ergehen. Eilige Fragen trag» mau in der Specchsiunoe dar. Junger Genosse Sie können sich erst nach erreichter Polljährig- keit verheiraten, also w nn Sie 21 Jahre alt geworden oder auf Ihren An- trag vo her für grogjährig erklärt worden lind. Der Antrag ist an das Amtsgericht zu richien.— R. B. 4. Den Hinterbli-benen steht in Ihrem Falle ein Anspruch nicht zu.— Zukunft.48. 1. DaS ist möglich. 2. Rem. Für die Kosten hasten die Verurteilten solidarisch.— W 9. Erbeben Sie gegen die Kasse Ihren Anspruch in der im Statut geregelten Weise. Ihrer Frau steht die Unterstützung zu. weil eS sich um eine aus der schwanger Ichast resullierrnde Krankheit bandelt.— I. L. 19. l. Die ArbritSzeU für mäun- Ilche Arbeiter ist gesetzlich nicht geregelt. Ueberswnden zu machen find Sie nicht verpflichtet. 2. Wenden Sie sich an die Zolldircktio». — A. 10. Zum Veitauf sind Sie nicht berechtigt. Sie lönmen lediglich die Sachen anjbewabren und. wenn Sie endlich Name und Adresse deS Aus- traggeberS crtundct haben, Ihre Forderung einklagen med dann Zwangs- Vollstreckung in die einbeballcncn Sachen vornehmen.— M. B. 39. ele würden mir Aussicht aui Erfolg gegen die Veranlagung reklamieren können. — K. 39. Gegen den ablehnenden Bescheid ist Berufung an das Schiedsgericht zulässig. Wenden Sie sich wegen Einlegung derselben mit den Papieren an das Arbeiterickreianat, Engcluser 15.— Genosse 76. Leider lrcht Ihnen ein Anspruch nicht zu.— Rotenbruch 3. Legen Sie gegen den Bescheid des AmtsgerichlS Beschwerde ein. Nach einem Befchlutz deS Kamm-r- gcrichlS vom Dezember 1906 sind die Eltern berechtigt, die Austritts- crklärung für ihre minderjährige» Kinder unter 14 Jahren zu erklären. — N. 2. 25. 1 und 2. Nein.— RummelSbueg 100. Legen die Söhne keine Vollmacht oder Legitimation vor, so hinterlegen Sie die Miete. — R. S. St- 1. Ja. 2. Die Klägerin könnte van neuem Pfändung vor» nehmen. Ihre Fragen sind schon einmal beantwortet.— P.®. 43. 1. Nein. Es soll wodl heitzcn, daß die Prämie erst nach zwei Mona'en zu zahlen ist. Wir können die Kasse nicht als eine reelle empjehlen.— Koch. 1. Hat jemand Sachen zum eigenen Gebrauch gekaust, so oerjährt die Forderung aus Zahlung des KaufgeldeS in zwei Jahren nach Ablauf deS Jahre«, in dem die Forderung entstanden lst. Handelt eS sich um Kauf zwecks Weiterverkauf oder für den Gewerbebetrieb des Käufers, so beträgt die Verjährungsfrist vier Jahre. Die Frist wird durch Anerkennung. Raten- zahlung, Klage unterbrochen. Das von Ihnen geschilderte betrüge- rische Vorgehen durch Inserate haben wir wiederholt gegeltzelt. — I. 40. Zuständig für die Klage wäre das Amtsgericht.'Aach der GesinLeoidnung ist die Herrschast leider berechtigt, euren Gegeuanipnich leitend zu machen, der dadurch entstanden ist, daß daS Dienftmädcheu lahrlässig Sachen zerbrochen bat. Ob Fahrlässigkeit vorliegt, ist vom Gericht rn entscheiden, das in der Regel nicht znguufien de« Gesindes urteilt.— rthur 115. Wenn nichts vereinbart ist, mhlen.— St. 73. 1. Ha. 2. Bis 900 Mark.— Kenntnis des Wortlauts de« Kassenstatuts nicht zu beantworten.-- hoben Sie die Kosten nicht zu W. 300. Ohne ?sssenüs VteiKnasKts-lfcseKetiKe! BtihestüHle— Klappstühle Triutnphslöhle, Konnal- Kinderpulte vo,Vn."■ PreUIlBteNo.108 Xratla n. trank*. 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Nur die Gewinne über 240 Mark sind den betreffe». den Nummern in Klammern beigefügt. <(01ine Gewähr.)(Naehdruck verboten.) 76 153 82 219 20 848 91 440 739 910 74 1 223 394 411 1, 718 2195 534 679 746 929 3138 343 95 674 90 95 736 1560] 50 56 4 254 637 844 5150 6 4 234 76 83[500] 470 «73 755 66[500] 893 993[500] 603 1 38 201 363 72 77 637 672 831 908 64 83 7339 484 98 99 767 986 SOfcO 31« -446 527 714 826 75 954 9014 334 463 543[600] 766 10193 ,74 374 457 515[500] 54 11006[1000] 25 312 *5 459 1 2010 160 383 417[500] 505 623 920 IglZS[500] «30[3000] 553 813 70 934 14070 157 83 84 370 429 552 12 74[500] 644 90 93 860 943 1 5181 258 419 4« 603 749 36119 24(1 430 578[SOOO] 17011 27 83[SOOO] 143 91 406 585[500] 6(3[lOOO] 704 625[500] 18376 449 675 784 868 82 1 9009 20 25[500] 23 164 388 825[500] 30 13009] 99 564 740 862 935 66 201!! 246 47 367(30«0] 412 689 837 59 21104 98 31, «8« TO 951 22134 318 706 2 3091 313 2 4353 434 523 155 2 5067 88 262 917 2 6015 95 455 836[1000] 954 2 7036 237 5« 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