Nr- 289. HbonnementZ-keckingUMN: !!ib»nilemenls- Preis prünunierando: LicrtcljShrl. ZPO 9W, monatl. 1,10 Mk,, Iröchcntlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags- Nummer mit illustrierter Sonntags- Bcilagc„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-Zcitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Teutschland und Oesterretih- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland lt Marl pro Monat. PostabonnemcnIS nehmen an: Belgien, Dänemark .Holland, Italien, Luremburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz, SH. Jahrg. triihcint tsglich außer üloDtass. Vevlinev Volksblalt. Ble TnfertionS'GÄüIjr tc trägt für die sechsgespaltene Kolonel« zelle oder deren Raum so Pfg., für politische und gewcrlschastliche Vereins- und Vcrsamnilungs-Aiizeigen so Pfg. „leleine Anreizen", das erste(fett- gedruckte) Sott 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- siellcn-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg, jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Numnier niüssen bis ö Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist diS 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm-Adresse: .Ksalaltlemoßlat ßerlii". s Zentralorgan der fozialdcmokratifcbcn Partei Deutschlands. Rcdahtion; 8 AI. 68, Linden Strasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Sonnabend, den 11. Dezember 1909. Expedition: 8 AI. 68, Lindcnstrassc 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. SozialdcrocHratiklK und bürgerliche lülanenpolitik. Hatte dem ersten Tag der Etatsdebatte im Reichstag die inhaltlose pedantische Rede des Reichskanzlers das Gepräge bedrückender Langweiligkeit gegeben, so lastete dieser Alp zu- nächst auch auf den heutigen Verhandlungen. Für die frei- sinnige Fraktionsgemeinschaft ergriff der Abgeordnete Wie mer das Wort. Seine Rede war anfangs etwas frischer und ein- dringlicher, als die seines Kollegen von der national- liberalen Partei. Er machte etwas schärfere Opposition und polemisierte mit Glück gegen die Behauptung des Reichskanzlers von der Parteilosigkeit des gegen- lvärtigen Regiments. Er stimmte dabei in die sozial- demokratische Kritik der Bethmannschcn Anschauungen ein, indem er betonte, daß wir seit jeher ein konservativ- agrarisches Parteiregiment gehabt hätten, das in Preußen seine Hochburg und seinen Rückhalt für die konservativ- agrarische Wirtschast im Reiche habe. Schade nur, daß Herrn Wiemer und seiner Partei diese Einsicht nicht schon früher gekommen ist, denn dann hätten sie nun und nimmer sich dazu hergeben dürfen, dieses kon- scrvativ- agrarische Regiment durch den Bülow- Block in der nämlichen Weise zu stützen, wie heute die Zentrumspartei die Vorherrschaft des Junkertums mit ähnlichen Mitteln aufrechterhält. Herr Wiemer wies dann auf die preußische Wahlrechts- reform als notwendiges Mittel zur Untergrabung der Junker- Herrschaft hin. Er ging auch dabei weiter, als Herr Basser- mann, der nur von der Einführung der geheimen Stimm- abgäbe gesprochen hatte. Aus der„Kreuzzeitung" verlas er die Bezeichnung der Befürworter des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts für Preußen als Vaterlandsverräter und fragte, wie denn dem Zentrum dabei zu Mute wäre, da es als theoretische Anhängerin des Reichstagswahlrechts durch diese Angriffe seiner konservativen Bundesbrüder mitgetroffen ioürde. Aber so etwas scheine ja das Zentrum von seiner bundesbrüderlichen Zuneigung zu den Konservativen nicht zu kurieren. Da sieht man wieder, wie die Opposition einem Politiker die Augen schärft, denn zu der Zeit des Bülow-Blocks haben die Konservativen doch stets und ständig die nämliche feind- selige Haltung gegen eine preußische Wahlreform eingenommen wie heute, ohne daß die Freisinnigen sich dadurch in ihrem bundesbrüderlichen Verhältnis zu den konservativen Wahlrechts- feinden stören ließen. lieber die auswärtige Politik wünschte Herr Wiemer näheres zu hören, als die dürftigen Brocken der Thronrede oder die allgemeine Redensart von der Friedensliebe und der Stetigkeit unserer Politik in des Kanzlers Antrittsrede. Er versicherte, daß seine FraktionLgemeinschaft der Verständigung mit fremden Mäckten das Wort rede, beeinträchtigte aber diese platonische Friedenssehnsucht durch die Versicherung, daß„das Maß unserer Rüstungen nicht durch Mehrheitsbeschluß der Mächte fc st gesetzt >v erden kann." Zu solchen Erklärungen, denen dann gleich durch einschränkende Nachsätze die Spitze abgebrochen ivird, schwingen sich sogar die ärgsten Chauvinisten auf. Da- mit ist praktisch für den Frieden nichts getan. Haben ja doch die nämlichen freisinnigen Friedensfreunde im Vorjahre auch gegen die sozialdemokratische Resolution zur Beschränkung der Seerüstungen gestimmt. Zum Schluß gab Herr Wiemer dann seinem Bedauern Ausdruck, daß offenbar der Kurs nach rechts gesteuert werde, hielt es aber auch da für notwendig, ausdrücklich zu ver- sichern, daß die Liberalen nicht minder staatserhaltend seien als die Konservativen, denen fälschlich im sächsischen Landtage die Minister allein die staatserhaltende Gesinnung nachgerühmt hätten. Nach Anhörung dieser Rede konnten die waschechtesten Reaktionäre sich beruhigt sagen: Auch das ist ein Oppositious- mann, mit dem sich reden läßt. Herr v. Bethmann Hollweg suchte denn auch sofort die günstigen Handhaben, die Wiemers Rede ihm bot, zur Reparierung seiner gestrigen Fehlgriffe auszunutzen. Er be- mühte sich sorglich, nicht wieder seinen Pädagogischen Neigungen die Zügel schießen zu lassen. Der Reinfall, den er am Tage vorher dabei erlitten, war doch zu arg gewesen. Aber er konnte sich offenbar von einem bedrückenden Gefühle des Mißerfolges nicht losmachen, so daß er in einen so trüb- seligen Grabeston verfiel, als ob er feine Ansprache eröffnet hätte mit den Worten:„Verehrte Trauerversanunlung!" Die Herausforderung, über die Preußische Wahlreform sich zu äußern. lehnte er mit den beliebten Kompet> nz- erwägungen ab. Da die vieldeutigen Allgemeinheiten seiner gestrigen Rede Herrn Bassermann auf den Ge- danken gebracht hatten. daß der Kanzler Vorwürfe gegen die nationalliberale Partei habe erheben wollen, betonte der Kanzler, er habe mit dem Appell an die be- währten Traditionen die sämtlichen Parteien, natürlich die sämtlichen bürgerlichen Parteien genieint. Aber auch jetzt konnte er sich nicht dazu aufschwingen, klar und deutlich zu sagen, was er denn eigentlich will. Er ist und bleibt der Mini st er der Phrasen umkleideten Doppel- dcutigkeit, tvie wir ihn beim Vereinsgesetz kennen ge- lernt haben. Etwas redseliger wurde der Kanzler heute über die aus- wältige Politik, ohne auch da mehr als selbst- verständliche Allgemeinheiten zu bieten. Er versicherte, daß die Bundestrcue Italiens durch die Zusammenkunft zwischen Viktor Emanuel und Nikolaus nicht gefährdet sei, und daß die deutsche Regierung die Wünsche der englischen auf Herstellung eines guten Einvernehmens durch- aus erwidere. Diese rhetorische UnVerbindlichkeit entlockten einigen Freisinnigen, in deren wunden Herzen die Sehnsucht nach dem verflossenen Bülow-Block nachzittert, wiederholt be- wundernde Zurufe. Und doch hatte der Reichskanzler wieder nur Worte gemacht, ohne greifbare Tatsachen mitzuteilen. Zum Teil wurde das nachgeholt in bezug auf belanglose Einzelheiten der auswärtigen Politik, insbesondere die Marokko- Verhandlungen, durch den Minister des Aeußern v. Schoen. Aber der trübselige Ton der kanzlcrischen Rhetorik färbte auch aus den beweglicheren Herrn v. schoen ab. Auch seine Rede schritt einher mit gedämpftem Trommelklang. Aus dieser Stimmung langweiliger Monotonie wurde das Haus dann glücklicherweise aufgerüttelt durch den sozial- demokratischen Redner Schcidemann. Unser Genosse ging scharf ins Gericht mit dem Bemühen des Reichskanzlers. seine Ansichten und Pläne zu verschweigen und das Volk durch Anpreisung der Ruhe einzulullen. Sowohl der Etat wie die Thronrede und die Kundgebungen des Kanzlers hätten völlig die Entwicklung großer Aufgaben vcrniissen lassen. Was man aber von der bisherigen Aktion der Regierungsleiter wisse, erwecke die bedenklichsten Befürchtungen. Der Etat sei nur sparsam in Nebendingen. Und doch hätten durch kühnes Zu- greifen Hunderte von Millionen gespart werden können, z. B. beim Militäretat und Flottenetat. Scheidemann verlas zum Beweis dafür Aeußerungen des verstorbenen GcheimratS von Holstein, in denen die Verlogenheit der Flotten- treiberei an den Pranger gestellt wird. Was aber die innere Politik anbetrifft, so seien die schlinunsten Befürchtungen gerechtfertigt wegen der Persönlichkeit der Minister und ihrer Abhängigkeit von den Parteien des Schnapsblocks. Scheide- mann charakterisierte dann die Junker und die Anti- semiten. Als er dabei ein Beispiel für die Denkweise der Zentrumspartei durch Verlesung einiger Aussprüche der „Germania" über die Ermordung Ferrers erbrachte, be- kamen einige Zentrumsabgeordnete es fertig, ihre Zustimmung zu diesen Ergüssen ultraniontaner Mordgier in bezeichnenden Ausrufen Luft zu machen. Diese Ausbrüche des Glaubenshasses wurden aber noch weit übertönt durch das Toben der Junker, als Scheidemann in Befürwortung der Uebertraguug des Reichstags- Wahlrechts auf Preußen auf den Wortbruch Friedrich Wilhelms III. und den Verfassungsbruch Friedrich Wilhelnis IV. zu sprechen kam. Prinz Hohenlohe, der gerade das Präsioium führte, debütierte bei dieser Gelegenheit mit der Erteilung eines Ordnungsrufes. Die Rechte konnte sich noch lange nicht darüber beruhigen, daß wieder einmal historische Wahrheiten über preußische Könige gesagt waren. Unser Redner knüpfte an diese Darlegung die Be- merkung, daß durch die offene Feindseligkeit der Regierung und der Junker die Wahlrechtsbelvegung weniger gefährdet werde, als durch die Lauheit der Liberalen, die nicht un- umwunden und mit aller Energie für die Einführung des allgemeinen, geheimen, gleichen und direkten Wahlrechts in Preußen sich ins Zeug legen. Er erklärte das damit, daß die Liberalen als bürgerliche Klassenparteien dem unheil- vollen Einflüsse des Bundes der Industriellen, des Hansa- bundes und anderer kapitalistischer Organisationen unter- liegen. Bei der Darstellung dieser im geheimen sich ab- spielenden Machenschaften, dieser„politischen Krawatten- macherei", wurde den Liberalen recht unbehaglich zumute. Aus ihren Reihen erfolgte der Zuruf:„Sie sind ja auch eine Klassenpartei!" worauf Scheidcmann prompt erwiderte: daß wir sogar stolz darauf sind, die Klassenpartci der Ar- beiter zu sein und daß gerade in dieser Tatsache die sieg- reiche Kraft der sozialdemokratischen Bewegung liege, denn neun Zehntel der deutschen Bevölkerung gehöre ihrer Lebens- läge nach zum Proletariat: die wirtschaftliche Entwickelung arbeite darauf hin, diese Scharen mehr und mehr in unsere Reihen zu treiben. Die Sozialdemokratie sei die Partei der Zukunft, sie werde die Mächte der Vergangenheit und Gegen- wart überwinden. Ter Reichskanzler fühlte sich gedrungen, zur Ver- teidigung der früheren preußischen Könige der historischen Wahrheit Gewalt anzutun, indem er deren Wortbruch und Verfassungsbruch abzuleugnen suchte. Das mißglückte ihm aber ebenso kläglich, wie die Bemühungen, den Schein von politischen Darlegungen in seinen- ersten beiden Reden zu erwecken. Wie aller guten Dinge drei sind, dem Sprichwort nach, waren auch die drei Bethmannschcn Reden alle gleich kümmerlich und kläglich. Tann erging sich der freikonservative Herr v. Gamp nach einigen erheiternden Ausfällen gegen die Sozialdemo- kratie in Betrachtungen über die sogenannte Reichsfinanz- reform, während für die Politik der Polen in der vorigen Session Fürst R a d z i w i l l Rechtfertigungsgründe vor- zubringen suchte. Aus seinen Worten klang der Wunsch heraus, daß den Polen nunmehr eine bessere Behandlung durch die amtierende Bureaukratie zuteil werden müsse, trotz- dem doch diese gänzlich unsentimentalen Diener der Macht. gezeigt haben, daß sie die polnische Bevölkerung nach wie vor mit«Skorpionen züchtigen werden. Dann wurde die Debatte auf Sonnabend vertagt.. Szz Lcho der Elanzierrede. Die Rede, die Herr von Bethmann Hollweg, der Kanzler der Fortwurstelei, am Donnerstag im Reichstag gehalten hat» wird meist in der bürgerlichen Presse als eine Aneinanderreihung von Sätzen ohne eigentlichen Inhalt beurteilt. Zufrieden mit der par- lamentarischen Causerie des Kanzlers ist eigentlich nur das Blatt der Hammerstcin-Epigonen, die„Krenz-Zeitung", denn die Zurück- Haltung oder richtiger das Sichtreibenlasien des neuen Reichskanzlers scheint ihr sehr geeignet für die Geltendmachung des konservativen Einflusses aus die Regierungsbureankratie zu sein; und außerdem hat Herr von Bethmann Hollweg das Bestehen eines konservativen Parteiregiments bestritten und die komische Behauptung aufgestellt, in Deutschland könne niemals eine Regierung bloße Parteiregierung sein. Solche politische Phraseologie gefällt dem Blatt der Altfeudalen, und so schreibt eS mit ersichtlichem Wohlwollen: „Die Rede des Reichskanzlers hat die Erwartung derer be- stätigt, die von Herrn v. Bethmann Hollweg die größte Zurück- Haltung gegenüber den Parteien erhofften. ES klingt sehr ver- heißniigsvoll, wenn der neue Reichskanzler erklärt, in Deutschland könne niemals eine Regierung Parteiregierung sein, daß er auch nicht ängstlich sorgt um die Schaffung einer momentanen parlamentarischen Majorität, und daß er dem Zivange zum Schaffen vertraut, der über die gegenwärtigen Irrungen und Wimingen binaushelfen wird. Aus der ganzen Rede ersieht man den festen Entschluß des Kanzlers, seine Stellung wirklich und tatsächlich über den Parteien zu nehmen. Dazu kann das Reich sich selber und den Kanzler nur beglückwünschen. In der ganzen Rede war nichts, was einer einzelnen Partei zuliebe oder zuleide gesagt war. Es klang durch alles die Aufforderung an alle Parteien zu ernster, sachlicher Arbeit hindurch." Weniger zufrieden ist das Hauptblott des Bundes der Land« wirte, die„Deutsche Tageszeitung". Sie hätte gern gesehen. daß der Kanzler einen energischeren Ton angeschlagen und rückhaltlos die Bortrcfflichkeit der Steucrgesetzmacherei des kon- servativ-klcrikalen Blocks anerkannt hätte. Da das nicht geschehen ist, klagt sie: „Die Gründe, mit denen Herr v. Bethmann Hollweg die fast vollständige Zurückhaltung der Regierung in dem Streit der letzten fünf Monate zu verteidigen gesucht hat, können uns nicht überzeugen. Niemand hat von der neuen Re- gierung verlangt, daß sie an der Parteipolemik sich beteiligen solle. Aber sie erklärte, unbekümmert um die Fehde der Parteien, den Kampf aufnehmen zu sollen und müssen, soweit es sich um ihre eigene Sache handelte.... Je ausführlicher und nachdrücklicher wir unsere Ueberzeugung ausführen niußlen, daß die Regierung eine zu weitgehende Politik der„Neutralität" bei dem Kampf um die Reichsfinanzreform getrieben hat, um so vorbehaltloser können wir im allgemeinen unsere Genugtuung über den positiven, in die Zukunft gerichteten Teil der Kanzlerrede aussprechen. Auch wir tvünschen keine Fortsetzung des Kampfes, in dem wir die zu unrecht Angegriffenen waren 1 nnd wir sind um so eher zum Frieden geneigt, als man weiß, daß wir den Kampf nicht scheuen! Uneingeschränkt aber begrüßen wir daS Bekenntnis des Herrn� Reimskanzlers zu einem Programm nüchterner und nützlicher sachlicher Arbeit. Die Mahnung, die Herr v. Bethmann Hollweg in dieser Richtung an die Adresse der Nationalliberalcn richtete, wird dort hoffentlich bald richtiger gewürdigt werden» als eS gestern der Abgeordnete Basiermann getan hat." Auch daS Blatt der freikonservativen Scharfmacher, die„Post", findet nicht alle ihre schönen Ansprüche erfüllt. Sie meint, daß die„Samnilung der patriotischen Eleinente" nur dann gelingen kann, wenn ihr durch einen kräftigeren, planmäßigeren Kampf gegen den Radikalismus, d. h. gegen die Sozialdemokratie— vielleicht durch ein neues Sozialistengesetz--- nachgeholfen wird: „Der Borwurf der Programmlosigkeit ist durchaus unberechtigt. Man wird auch vom Standpunkt ruhiger staatserhaltend« Politik sich mit den einzelnen Richilinien der Bethmaunfchen RegiernngS- poliiik einverstanden erklären müssen. Fraglich ist aber, ob die Hilfsmittel, welche in diesem Regie- rungSprogramm zur Gesundung unserer politischen Verhältnisse gegeben werden, zur Erreichung dieses Zieles kräftig genug sind. Der von Herrn V. Bethmann vorgezeictmete Weg ist sehr lang und eS ist demzufolge die Besürchnmg nicht abzuweisen, daß in der Zwischenzeit der Partcihader und die Verhetzung der bürg«» lichen Parteien untereinander so viel Unheil angerichtet haben. daß schließlich doch der Radikalismus das Ziel vollständiger Spaltung unseres Volkes und seiner Vertretung in zwei feind» liche Lager erreicht. So wirksam der Zwang zur schaffenden Arbeit auch sein mag. so ist doch im Hinblick a»f die starke Zcr- klüstung unseres Volkes in verschiedene Parteien die Gefahr nicht ausgeschlossen, daß er allein für die Sammlung der patriotischenElemente zur gemeinsame»Arbeit nicht ausreichen wird, sondern daß es dazu einer kräftigeren, planmäßigeren Initiative bedürfen wird, als sie anscheinend von dem Herrn Reichskanzler beab- sichtigt wird. Insoweit erfüllt die Rede des Herrn Reichskanzlers die an sie geknüpften Hoffnungen nicht vollständig." Gleiche Schmerzen hat das Blatt von der anderen Fraktion der Scharfmacher, die„Berliner Neueste Nachrichten", nur ist eS um einen Grad offenherziger als die„Post": „Wir gedenken der Eröffnung des BlockreichStageZ. Der »Wille zur Tat" war damals das Stichwort. Heute lautet es: «Zwang zur Arbeit". Wie man sich ans einem großen Kummer in die Arbeit flüchtet und an sie klammert,{0 sollen eS die Parteien mnchen. Dieser entsngungSdove Rat ist 6aS ganze Rezept des Kanzlers! Kein Wort über den Ans mar ich gegenüber der Sozialdemokratie; und das alte Scbweigeu über unsere Weltstellung, über das Verhältnis zu England und Frankreich. Wollte der Kanzler heikle Dinge nicht berühren?" Eine ganz verschiedene Haltung nimmt wie immer die national- liberale Presse zu der Kanzlerrede ein. DoS eine Blatt tadelt, das andere lobt, das dritte erklärt die Rede für ein Geniengsel von Ge- meinplätzen, das vierte findet die Inhaltslosigkeit augerordentlich schlau. Die„Magdeb. Ztg." sagt z. B.: „Wer vom Kanzler, dem siclierlich geistreichen nlid weitblickenden Staatsmann, nun endlich ein Wort zu vernehmen hoffte, das die vielfach verfahrene Situation durchleuchtet und einen Weg für die Zukunft gezeigt hätte— von einem„Programm" soll gar nicht gesprochen werden— der i st schwer enttäuscht worden. Tiefe Etatsrede des Herrn v. Bethinann stellt sich als zlveites Dokument einer Politik des FortwurstelnS, der Emscvlufilosigkeit und Passivität— von einer Stagnation ivill der Kanzler nichts hören— neben die inhaltslose Thronrede. Hat man je in einem Augenblicke tiefgehender Erregung und Verwirrung, da alles sich nach der ent- schloffenen Führerhand umsieht, eine Regierung sich in so nichts» sagenden Gemeinplätzen auslassen hören?" Dagegen ist der„Hanno». Courier" von dieser Nichtigkeit, die er„Neutralität" nennt, ganz entzückt: „Sprach Herr von Bülow, so hatte man den Eindruck, dasi er diese Rede nur vor diesem Auditorium halte, vor jedem anderen ganz anders sprechen würde. Spricht Herr von Bethmnnn , Hollweg, so fühlt man, dah er ganz ebenso vor jeder anderen Zuhörerschaft, sei es der Kaiser, seien es seine Ministerkollegen, seine Ansicht entwickeln würde. Herr von Bülow l i e b t e die Effekte, sein N a ch f o lg e r m e i d e t sie. Das liegt in seiner ganzen Art und lag heute wohl auch an dem, was er sich vor- genommen hatte zu sagen. Er hatte Sorge getragen, das; nichts von dem, loas ersagte, überraschend kam. Eine neutrale Rede wollte er halten, er hielt sie." Der„Nationalzeitung" hat sogar die staatsmännische Haltung des Kauzlers so gefallen, daß auch sie sich staatSmännische Reserve auferlegt: „Der Gedankengang der Ausführungen des Reichskanzlers entsprach allem, was man bisher von ihm gehört hat und was man von ihm erwarten konnte. Es war eine Vorlesung über allgemeine Politik und Staatslehre mit besonderer Berückftchti- gung der gegenwärtigen Lage... Sachlich und ruhig war der Ton seiner Rede. Er lehnte es ab, ein Programm zu entwickeln und seine Stellung zu den Parteien darzulegen. Das ist des Landes nicht der Brauch. Er setzte dem hohen Hause nur seine Ansichten über die neue Lage auseinander und kündigte eine Politik der Stetigkeit und Festigkeit im Innern und»ach Augen an. Der Reichskanzler proklamierte für seine Person und iin Namen der Negierung eine Politik der Sammlung, er stellte das philosophische Wort vom Zwang zum Schaffen als Leitmotiv auf und hofft, auf diesem Boden die Parteien zu gemeinsamer Arbeit vereinigen zu können." Die„Germania" ist verstimmt. Sie scheint so etwas wie eine Programmrede erwartet zu haben, zum mindesten aber eine gewisse Luerkennung des blau-schwarzen Blocks. Enttäuscht schreibt sie: „Der Reichskanzler v. Bethmann Hollweg ergriff allerdings sogleich zu Beginn der heutigen Sitzung das Wort: aber was er spcach, ivar kein eigentliches Regieruiigsprogramin. Die aus- wärtige Politik lieg er sogar vollständig auger Betracht, und für die innere Politik beschränkte er sich ans eine anscheinend wohl- abgewogene Rede, die»och keiner Seile austoge», sondern der positiven genieittschafllichen Arbeit- aller bürgerlichen Parteien das- WoN rede» sollte, im übrigen aber keine Direktiven und kein Programm für die Zukunft entwickelte. Der N e i ch s k a n z l-e r e r w ä h n t e nicht den Block und die Blockvolitik, aber er meinte, daß die Parteien, die bei der Steuerreform auseinander gegangen seien, jetzt wieder zusammengehen könnten. Der N�ichsfinanz- reform widmete er eine kurze und knappe Anerkennung; aber sein Versuch, die Regierung von dem Versuche reinznwasctien, daß sie die von der Mehrheit des Reichstags beschlossene Rcichsfinanz- reform in der Ocffentlichkett nicht genügend verteidigt habe, miß- lang." Die„Boss. Ztg." fühlt sich geradezu deprimiert. Im Stillen hat sie noch immer gehofft, daß Herr v. Bethmann Hollweg ähnliche halb- und viertelliberale Anwandlungen haben könnte wie der große Bülow und findet über den Eingang zur neuen Aera die Danteschcn Worte eingegraben:„I.asoiato ogni speranza I"(Laß jede Hoffnung schwinden). So klagt sie denn betrübt: „Wir hätten gern gelobt. Aber je weniger vor- eingenommen wir gegen Herrn v. Bethmann Hollweg waren, je eher wir ein Borurteil zu seine» Gunsten hegten, um so un- umwundener muß eingestanden werden, daß es nichts war, was er sagte, daß er alle Parteien. auch wen» es nicht alle Wort haben, enttäuschte. Er brauchte nicht viel zu sagen; aber zwischen nichts und viel gibt es eine Menge Wege. Keinen betrat der neue Kanzler, und der nalionalliberale Wortführer sprach vielen aus den Herzen:„Etwas mehr härte wohl gesagt werden können."... Wenn man auS der Erinnerung angeben soll, was Herr von Bethrnmin Hollweg ausgeführt hat, kommt man leicht in Berlegcn- heit. Haften bleibt höchstens seine Sehnsucht nach Frieden. Der alte Attinghausen ist gemeinhin eine dankbare Rolle:„Seid einig, einig, einig!" Aber dazu gehört ein iveißer Bart und ein tiefer Grundbaß. Herr von Bethmann Hollweg ist ein Mann in den besten Jahren, im schönsten städtsichen Gehrock, mit einein nicht sehr anSgiebigen Bariton. Und seine Mahnung zur Einigkeit, wenn eS eine war. machte geringen Eindruck." Kräftiger geht das„Berliner Tageblatt" inS Geschirr. Es höhnt: „Dürftig und unerguicklich, daS ist der bleibende Eindruck, den das gestrige Debüt des Reichskanzlers, des Herrn v. Bethmann Hollweg hinterlassen hat. In seiner Rede war nichts, was über die Mittelmäßigkeit auch nur um einen Zoll hinauswuchs. Hatte man bei der durch ihre Inhalt! vsigkeit befremdenden Thronrede»och annehmen könne», daß Herr v. Bethmann Hollweg absichtlich den trockenen Kanzlistenstil kopiert babe, um im Reichstage durch den Gegensatz desto mehr zu verblüffen, so zeigten seine gestrigen Darlegungen, daß dieser Stil ihm durchaus adäquat ist. Emige Anläufe, gewisse historische Lehren zu verwerten, machten den Gesamteindruck nur noch peinlicher. Herr v. Bethmann Hollweg hat bisher alle Befürch- tungcn gerechtfertigt und keine Hoffnung e r s ü l l t. Wenn Fürst Bülow ihn zu seinem Nachfolger vor- schlug, so gcickiah es vermutlich, weil er mit anderen der Meinung war, da ßs ei»eigenes Li cht durch diesen Kanzler nicht verdunkelt werden würde. Durch das gestrige mißglückte Debüt des Herrn v. Bethmann Hollweg erhält diese Meinung leider eine gewisse Besläligung." Der SlaRhampf in England. Das Land für das Volk. Tie Begründung, mit der die Lords daS Buvget verwarfen, war zu durchsichtig, als daß sie jemand hätte täuschen können; sie klang zu sehr wie die Aufforderung der Katze an die Maus, nur getrost hercinzumarschieren. Sic hat nur bewirkt, daß das Volk mit der Nase auf die wirklichen Beweggründe der 360 großen Land- Monopolisten, die gegen das Budget, stimmten, gestoßen worden ist. Daß diese Leute, die zusammen ein Siebentel ganz Englands, etwa 16 englische Provinzen oder ungefähr b Millionen Hektar Land besitzen, ein sehr großes Jnj�.esse daran haben, die stets wachsende Steuerlast dem Volke in Gestalt von Lebensmittelzöllen aufzubürden, muß auch schließlich dem einfältigsten Menschen klar werden. Die Lords haben das Ilrteil des Volkes über sich heraus- gefordert und werden es nur ihrer eigenen Erbweisheit zuschreiben müssen, wenn ihnen ein derber Denkzettel ausgestellt werden wird. Die Landfrage ist eine der Hauptfragen des Wahlkampfes ge- worden. Sie beherrschte die gewaltige Demonstration, die letzten Sonnabend auf der Trafalgar Square in London gegen die Lords stattfand. Wie ein Orkan brausten die Klänge des„Landliedes", in dem das Land als das Erbe des Volkes gefordert wird, über den historischen Platz. Tie Melodie ist die des Kam, sliedes:„Mar- schierend durch Georgia", unter dessen Klängen der General Sherman im amerikanischen Bürgerkriege die Truppen der Sklavenstaaten vor sich hinfegte. Die Losung des Landproblems ist in England eine nationale Lebensfrage geworden. Das fühlen nicht allein die Volksmassen, das fühlt auch die englische Bourgeoisie, die zusehen muß. wie die Konkurrenzfähigkeit der englischen Industrie trotz der großartigen natürlichen Vorteile, die England als Industrieland besitzt, wegen der maßlosen Ansprüche der englischen Junker schwer benachteiligt wird. In einem Land, wo 4000 Großgrundbesitzer die Hälfte des VodenS und gerade die Teile, die für die Industrie in Betracht kommen, besitzen, muß die Industrie den Druck des Grundbesitzes empfindlich fühlen und besonders muß das jetzt der Fall sein, wo England nicht mehr die„Werkstatt der Welt" ist und mit kräftigen und gut ausgerüsteten Konkurrenten zu rechnen hat. Man be- denke nur den Nachteil, der der englischen Montanindustrie daraus erwächst, daß sie jährlich den gewaltigen Tribut von 200 Millionen Mark an die Grundherren für das Recht der Hebung der Mineral- schätze zahlen muß. Ganze Städte werden ruiniert oder in ihrer Entwickelung gehemmt, weil der allmächtige Besitzer des an- stoßenden Landes seinen Boden nur zu Wucherzinsen vermieten will. Die Gemeinden müssen ungeheure Preise für Grundstücke zahlen, auf denen öffentliche Gebäude errichtet werden sollen. In den großen Städten, wie London, haben es die Landlords ver- standen, den gesamten Wertzuwachs, der der Erwerbstütigkeit des Volkes entspringt, in ihre Taschen zu leiten. Nach Gesetzen, die geschaffen wurden, als noch die LordS das Parlament durch ihre Kreaturen beherrschten, fällt nach SS Jahren der Grund mit allem, waS darauf ist, an den Grundbesitzer zurück, der dann in dem neuen Pachtvertrag dafür sorgt daß das Unternehmen bis fast an den Brechpunkt belastet wird. So hat zum Beispiel ein Londoner Ge- schäftshauS kürzlich für 0,4 Hektar Land im Westen Londons nicht weniger als 200 000 M. jährlichen Grundzins zahlen müssen. Wie London von diesen Vampiren ausgesogen wird, ergibt sich aus der unwidersprochenen Angabe, daß zwölf Landlords eine jährliche Ein« nähme von 400 Millionen Mark Grundzins aus der Stadt ziehen. Nicht Schutz gegen die Industrie des Auslandes, sondern Schutz gegen die einheimischen Parasiten heißt das Losungswort der gesamten erwerbstätigen Bevölkerung Großbritanniens. Diese Erkenntnis bricht sich immer mehr Bahn. Die Form des Land- besitzeS, wie sie jetzt in England besteht, ist der freien Entwickelung und dem Ausleben des Kapitalismus ungemein hinderlich und muß gesprengt werden. Die Lehren des Sozialismus werden hier durch die Tat bestätigt. Nie hat das englische Volk den Alpdruck des Landlordsystems schwerer empfunden. Daher die Agitation, die, durch das tollkühne Vorgehen der Lords angesacht, wun sichteplph emporsteigt. DaZ Wahsmanifest der Gewcrkschaftcu. Das Parlamentarische Komitee des Trade-Unionskongresses hat sein W a h l m a n i f e st veröffentlicht, das sich niit be- sonderen; Nachdruck gegen die Lords wendet und zum ersten Male in seiner Geschichte die Trade-Unionisten auffordert, für die Kandidaten der Arbeiterpartei zu stimmen. Das Manifest sagt: Das HauS der Lords hat nie aus freiem Willen irgend etwas getan, was die Interessen der Volksmasse» hätte fördern können. Im Gegenteil, es hol einen jeden Mißbrauch beschützt, jedes Vorrecht umerstützt und systematisch jede Reform verschoben. Es ist eine un- veraittivortliche Körperschaft und ein Hindernis für den gesellschaft- liwen Fortschritt. Wie lange noch werden die Arbeiter Englands sich das gefallen lasse»?... Die Resolutionen, die die Trade-llnionskongresse annahmen, enthalten ein großes sozialpolitisches Programm, das nur gesetzliche Kraft erhalten kann durch die Wahl einer immer stärkeren Zahl von Arbeiterlandidaten. Arbeiterl Stiinntt gegen olle Kandidaten, die hie Nahrungsmittel und den gewerblichen Fleiß mit Zöllen belegen wollen. Wie ersuchen die Gewerkschaften dringend, bei den kommenden Wahlen mit allem Eifer dafür einzutreten, daß die Oberherrschaft deS vom Bolke erwählten Unterhauses erhalten bleibt und daß das Oberhaus ab- geschafft wird... Am Wahltage unterstützt nur diejenigen Kandidaten, die bereit sind, die finanzielle Oberherrschaft des Unicr- Hans«« zu erhalten und mit aller Kraft für diejenigen sozialistischen Maßnahmen einzulretcn, die in den Resolutionen der Trade- Unions- kongresie verlangt wurden. Das Wahlmanifest der Unabhängigen Arbeiterpartei. Der Aufruf der Unabhängigen Arbeiterpartei hat folgenden Wortlaut: „Angesichts der herannahenden Wahlen unterbreitet der Vorstand der Unabhängigen Arbeiterpartei(I. L. P.) den Wähler feine Ansichten über die politische Lage und über die daraus entspringenden Fragen. Politische Reform. Die I. L. P. ist eine demo- kratische Partei. Sie tritt deshalb zugunsten des all- gemeinen Wahlrechts ein. Sie wird inzwischen jede Maß- nähme unterstützen, die Männer und Frauen befähigt, unter gleichen Bedingungen zu stimmen. Sie wird eintreten für die Abschaffung der Ueberreste der Pluralstimmen, für die Vereinfachung der Wahllisten, für die Uebernahme der Ab- geordnetendiäten und Wahlkosten durch den Staat. Die Lords. Tie I. L. P. ist gegen das Haus der Lords. Sie wünscht nicht die Reform, sondern die Abschaffung der Lords. Sie wird deshalb den Reformplan Sir Henry Campbell-Vaunermans bekämpfen. Sozialismus. Die I. L. P. ist immer für den Sozialisinus eingetreten und wird auch weiterhin für ihn kämpfen. Sie freut sich, daß die Fragen, die der Etat ans Licht brachte, dazu beitragen, daß der Sozialismus vom Volke besser verstanden wird. Sozialismus heißt nicht Raub, sondern Gerechtigkeit; er bedeutet nicht Tyrannei, sondern Freiheit; er bedeutet nicht Klassenhaß, sondern Kameradschaft. Sozialismus ist unser Ziel. Sozialreform. Die I. L. P. ist stets und immer bereit, jede Reforiumaßregel zu unterstützen, die geeignet er- scheint, die Armut zu lindern und die Verioirklichung des Sozialismus zu fördern. Die Besteuerung des unverdienten Wertzuwachses und die Besteuerung der hohen Einkommen, wie sie im letzten Etat versucht wurde, ist zum großen Teile der Agitation der I. L. P. zuzuschreiben. Die Anwesenheit der Arbeiterpartei im Unterhause hat die sozialistischen Forderungen wirkungsvoller gestaltet, und in dem Maße wie die Arbeiterpartei wachsen wird, wird auch der Fortschritt zum Sozialismus beschleunigt werden. 'Be st euere die Neichen und nicht die Arme n. Die Geldmittel, die zur Deckung der Kosten der Sozialreform nötig sind, müssen durch Besteuerung der Neichen und nicht durch Belastung der Armen aufgebracht werden. Die I. L. P. bekämpft deshalb mit aller Kraft die Bewegung für sogenannte Tarifreform. Tie I. L. P. kann nicht zugeben, daß man den Arbeitslosen helfen könnte durch die Besteuerung der Lebensmittel, der Kleidung und anderer Erzeugnisse. Solange die Produktion durch Individuen zu Profitzwecken geleitet wird, muß das Problem der Arbeits- losigkeit ungelöst bleiben, wobei es sich ganz gleich bleibt, ob die Steuern von einer freihändlerischen oder schutzzöllnerischen Regierung erhoben werden. Das Recht auf Arbeit und auf Leben. Erst wenn die ganze Gesellschaft ihre eigene Produktion in die Hand nimmt, wird es möglich sein, das Hebel der Arbeitslosigkeit zu beseitigen, und das kann nur geschehen, wem, der Grund und Boden und das industrielle Kapital im Be- sitze der Gesanitgesellschaft sind. Hnzwischen wird die I. L. P. von der Regierung dringend verlangen, sich mit dem Problem der Arbeitslosigkeit zu beschästigen. Ter Arbeitslose ist das Produkt eines Systems, das von der Re- gierung aufrechterhalten wird; sie ist deshalb verpflichtet, sich seiner anzunehmen. Tie I. L. P. geht deshalb in den Wahlkampf mit dem Rufe: Wir verlangen die An- erkennung des Rechts auf Arbeit und auf Leben. Kreuzzug gegen die Armut. Die F. L. P. nährt einen tiefen Haß gegen die bestehende Armengesetz- gebung mit ihren Bastillen, ihren Entrechtungen und Ab- schreckungen. Armut i st kein Verbrechen, sondern eine soziale Krankheit. Ein Wahl- kämpf ist für die I. L. P. ein Kreuzzng gegen die Ursachen der Armut. Alle diejenigen, die ihre Ideale teilen, werden hiermit aufgefordert, die Kandidaten zu unterstützen, die von der Allianz der Sozialisten und Arbeiter(der Arbeiterpartei) ausgestellt werden." Eine stürmische Versammlung. London, 9. Dezember. Sehr stürmisch verlief heute eine Wahlversammlung in dem nahe London gelegenen Bar- king, wo Lord Dunmore für den konservativen Kandidaten eintrat. Die Zuhörer schrieen unaufhörlich:„Nieder mit den Peers!" und unterbrachen den Redner mit gegnerischen Zwischen- rufen und Hochrufen auf Lloyd George. Auch andere Redner konnten sich kein Gehör verschaffen. politische Ocbcrncbt. Berlin, den 10. Dezember 1908. Aus dem Scniorenkonvent des Reichstages. Im Seniorenkonvent wurde am Freitag über die Ge- schäftslage des Hauses und die Weihnachtsfcrien beraten. Die Etatsberatung soll spätestens ain Dienstag in erster Lesung zu Ende gehen. Dann wird die Interpellation über den Zechen-Arbeitsnachweis auf die Tagesordnung gesetzt. Der Staatssekretär. des Itmern,-D�l b r ü ck, hat sich bereit erklärt, diese Interpellation noch vor Weihnachten zu be- antworten. Außerdem soff bcr e4ste..Nachtragsetat für 1903 bis in die dritte Lesung rommen. Dann werden die Ferien entweder Donnerstag oder Freitag nächster Woche beginnen; sie werden bis zum 11. Januar dauern. Die Pluralwahlentrechtung in Hessen beschlossen. Die Zweite hessische Kammer hat am Freitag in zweiter Lesung das Wahlgesetz in der zwischen Bauernbündlern, Nationalliberalen und Zentrum vereinbarten Fassung(direkte Wahl, einjährige Staatsangehörigkeit und eine Zusatz st imme für alle Fünfzigjährigen) gegen die 10 Stimmen bcr Sozialdemokraten, Freisinnige» und Wilden angenommen. Wachstum der Sozialdemokratie in Sachsen-Weimar. Das amtlickie Ergebnis der Landtags wählen im Groß- Herzogtum Sackisen- Weimar zeigt die Sozialdemokratie als die stärk st e Partei des Goethe-LandeS. Ihre Kandidaten erhielten 16 994 Stimmen, die der vereinigten Liberalen 870l und die des unterschiedslosen bürgerlichen Mischinaschs 6830. Es stehen also rund 16000 sozialde in akratische Stimmen 23 600 bürgerlichen gegenüber. Dabei ist zu beachten, daß die Arbejler- schast am meisten durch die Einschränkungen betroffen wird, die das' Landtagswahlrecht vom Reichstagsivahlrecht unierscheidcn. Uebrigens haben sich für die Stichwahlen Nationalliberale und Rechtsparteien schon gefunden. Im Eisenacher Kreise fordern die Nationalliberalen ihre Wähler auf, am 17. Dezember f ii r einen Antisemiten und für einen Konservativen zu stimmen. Kommunalwahlen. Bitterfcld, 10. Dezember.vicrigkeiten beginnen für die Unter- nehmer, sobald Weihnachten vorbei ist. Die Bodcnleger haben dann Arbeit in Fülle, und die guten Arbeitskräfte iverden vergeblich von den Firmen gesucht werden, die jetzt den Verband so bitter be- kämpfen. Wie die Zivischenmeister Streikbrecher heranzuziehen suchen, wurde in der Versainmlung verschiedentlich bloßgestellt. Bei Erwähnung der Firma Heine wurde das Verhalten der Zwischcnmeister P c tz s ch und Urban kritisiert. P e tz s ch hat nebenbei noch ein Zigarrengeschäft in der Käiser- Fnedrichstraße, Eharlottenburg. Bei der Firma Butterweich ist S w o b o d a nnd bei der Finita„Norddeutsche Parkettbodenfabrit" sind H ü b n e r und C l a s e n als Zwischenmeister in einer den Verband schädigenden Weise tätig. Zuweilen sind es ehemalige Kollegen, die ivohlbekannt find und sich nicht schämen, alle» zn tun, was sie können, uni die Organiiaiion ihrer Kollegen zu zerstören. — Viel Enttäuschung gab sich auch über die Firma E l b i n g e r kund, die die Forderungen der Bodenleger als berechtigt anerkannte, aber versucht, die Bohner als Bodenlcger aiizulernen. Es ist aber gelungen, die Bohner bei Elbinger für den Holzarbeiter- verband zu gewinnen; sie haben beschlossen, in den Verband einzutreten. Als E l b i n g e r das hörte, hat er gleich ver- sucht, die Bohner wieder dem Verband abspenstig zu machen und hat ihnen 3 Mk. Zulage gewährt. Dieser E l b i n g e r ist aus ganz kleinen Verhältnissen emporgewachsen, nimnit aber jetzt mit großer Vorliebe den.Herrenstandpunlt" ei» und ist ein grimmiger Feind aller Arbeiterorganisationen. Ungeachtet aller Schlvierigkeiten sind die Arbeiter entschlossen, den Streik energisch fortzuführen, wie sie nach einer Diskussion über den Bericht einstimmig entschieden. Der Streikkommission drückte die Versammlung ihr volles Vertrauen aus und gab ihre Vollmacht, die entsprechenden Maßnahmen zu ergreifen, die die Situation erheischen möge.— Eine ebenso feste Haltung nachm eine Vertrauens- »lämicr-Versainmlung ein, die Anfang dieserWoche stattfand und beschloß, an der bisherigen Taktik im Streik nichts zu ändern. Es sind gegemvSrlig noch etwa 70 Arbeitslose und Streikende vorhanden. Auf die Notivendigkeit, daß jeder darauf achte, nur durch den Arbeitsnachweis Stellungen anzunehmen, wurde noch bc- sonders aufmerlsam gemacht. Das sogenannte„Umschauen" muß streng vermieden iverden. Nach Weihnachten Ivird eine allgemeine Hebung der Geschäftslage erwartet, von der sich die Bodenleger noch mehr versprechen als in früheren Jahren. veuplcbes Keich. Der Holzarbeiterstreik in Luckenwalde währt nun 13 Wochen. Die Unternehmer versuchen mit allen möglichen Mitteln, Arbeits- kräste heranzuziehen; sie haben aber wenig Glück damit. Jetzt suchen sie durch Annonce in der„Bert. Volkszeitung" Arbeitskräfte. Es ist ihnen auch gelungen, einen Transport von 10 Mann am 3. d.»N. und am 8. d. M. 8 Mann nach Luckenwalde zu locken. Alle Polizisten und Gendarmen wann bei der Ankunft der Arbeits- willigen auf den Beinen und mit blanker Waffe ging man gegen die streikenden Holzarbeiter vor. Verschiedene Arbeitswillige suchten noch am selben Abend das Strcikburcau auf und erklärten, unter diesen Umständen nicht arbeiten zu wollen. Von den beiden Transporten sind noch b Mann den Unternehmern treu geblieben. Die streikenden Holzarbeiter sind fest entschlossen, nicht eher in die Betriebe zu gehen, als bis bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen erzielt sind. Der Zuzug nach Luckenwalde ist für alle Holzarbeiter und Polierer nach»vie vor streng fernzuhalten. . Ein Bergarbcitcrstrcik befiehl auf der Gruben- und Bergwerks- gesellschaft in F o l s ch w e i l e r in Lothringen. Eiwa 70 organisierte Arbeiter streike» wegen der überaus hohen Strafgelder und weil sie auf Leitern die Schächte besteigen müssen, ein gefährlicher und zeit- raubender Weg, um zum Arbeilsort zu gelangen. Sie verlangen, daß sie mit Förderkörben in diejächiichte transportiert werden. Es ist nicht ausgeschlossen, daß der Streik an Umfang gewinnt. Husland. Persönliche oder kollektive Arbeitsverträge. Bald nach dem Gewerkschaftskongreß der schwedischen Arbeiter- schaft hatte auch die Schwedische Arbeitgcbervcrcinigung einen Kongreß oder, wie sie es nennt, eine DiSkussionSversammlung nach Stockholm einberufen. Es standen dort»sichtige Fragen zur Be- ratung, und sicherlich haben die Arbeitgeber einander manches Interessante über die mißglückten Massenaussperrungcn, die aus- gebliebenen Aussperrungsunterstützungen usw. gesagt. Aber davon darf und soll die Oeffentlichkeit nichts erfahren. Der ganze Be- richt, den man der bürgerlichen Presse von diesem Geheimkongretz zugehen ließ, umfaßt 45 Zeilen. Was über die„Lehren des Groß- streiks" und Ivos über die„vermeintlichen Tarifvertragsbrüch,: der Arbeitgeber" gesagt worden ist, erfährt man nicht. Nur über einen Punkt der Tagesordnung wird ein wenig berichtet, was tvescntlich erscheinen kann, und zwar so:_ TH.Glocke.Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagianstal» „Der zweite Direktor der Schwedischen Arbcitgebervereini- gung, Herr Falkenström, leitete darauf die Frage ein: ...soll unter den gegenwärtigen Verhältnissen die kollektive Ver- tragsforin beibehalten oder durch persönliche Arbeitsverträge er- setzt werden?" Sowohl der Einleiter wie im allgemeinen die an der darauf folgenden Diskussion Teilnehmenden lvaren in der Haupsache darüber einig, daß die kollektive Vertrags- form bewahrt bleiben und zu größerer Voll» kommenheit entivickelt>v erden sollt c." Man könnte hiernach annehmen, daß die Arbeitgeber von der Sucht, die Arbeiter durch persönliche Kontrakte zu Hörigen oder Sklaven zu machen, kuriert wären. Das verhält sich jedoch nicht so. In verschiedenen Berufen, z. B. in der Konfektionsindustrie, der Textilindustrie, der Zündholzindustrie, suchen Arbeitgeber, die jener Vereinigung angehören, fortdauernd derartige Sklaven- kontrakte einzuführen. Auch den Hafenarbeitern Stock- Holms gegenüber wird jetzt ein solcher Versuch gemacht. Der alte Tarifvertrag ist gekündigt, und nun sollen die Arbeiter bis zum 15. Dezember jeder für sich einen persönlichen Arbeitsvertrag unter- zeichnen. Es wird ihnen darin ein Monatslohn von 300 Kronen geboten, was gegenüber den bisherigen Stundenlöhnen eine Herab- sctzung um zirka 15 Proz. bedeutet. Von dem Lohn sollen in Raten 300 Kronen als Garantiesumme einbehalten werden, die nickst nur als Ersatz für irgendwelchen durch, den Arbeiter herbei- geführten Schaben dienen sollen, sondern ihm auch dann verlustig gehen können, wenn er sich nicht ohne Widerspruch allen Anord- nungen seiner Vorgesetzte» fügt. Die Teilnahme cm Arbeits- einstellungen irgendwelcher Art soll den Arbeitern unter allen Um- ständen verboten sein. Unter den Hafenarbeitern herrscht große Erbitterung, und es ist klar, daß sie diese Versklavung nicht ruhig über sich ergehen lassen werden. Klus der Frauenbewegung. Arbeiterinnenbewegung in Oesterreich. Die Landesparteitage und eine Frauenkonferenz haben sich in den letzten Wochen mit dem Ausbau der politischen Frauenorgani- sation beschäftigt. Die Landesparteitage für Salzburg, Ober- österreich und Steiermark haben die Frauenorganisation auf der Tagesordnung gehabt und beschlossen, die politische Organisierung der Frauen durchzuführen. Frauenlandeslonferenzen werden in diesen drei Ländern vorbereitet, um statutarisch den Wirkungs- und Aufgabcnkrcis für die Frauen festzusetzen. In W i e n hat am 28. November eine Frauenkonferenz für Nicdcrösterreich getagt, die sehr gut besucht war. 26 Provinz- genossinnen und 38 Genossinnen aus Wien, die zum Teil Delc- gierte von Gewerkschaften lvaren, waren auf der vom Frauen- reichskomitee einberufenen Konferenz anivesend. Aus dem Bericht der Landesvertrauenspcrson, der Genossin Pölzer, ging hervor, daß gegenwärtig 2776 Frauen in Niederösterreich politisch organi- siert sind und mit vielen Orten Verbindungen angeknüpft haben, um Organisationen zu gründen. Die Konferenz hat ein Landesagita- tionshomitee gewählt, dem es obliegt. Niederösterreich agitatorisch zu bearbeiten. Es sollen überall, wie vom Parteitag beschlossen, freie politische Frauenorganisationen gegründet werden und nur, wo dies wegen zu geringer Mitgliederzahl nicht möglich ist, sollen die Frauen in den Parteiorganisationen eine Sektion bilden. Diese Form der Organisation ist nur auf solange gedacht, als die Frauen nicht Mitglieder politischer Vereine loerden können. Die Konferenz beauftragte das Landeskomitee, eine energische Aktion für die Ab- änderung des Bereinsgesetzes durchzuführen. An die Abgeordneten stellt die Konferenz das Ersuchen, bei jeder Gelegenheit für die politische Gleichberechtigung der Frauen einzutreten. Die Konferenz hat einen Mitgliedsbeitrag von 32 Heller im Monat für jene Frauen festgesetzt, die nur der politischen Organi- sation angehören. Hig� betojiuucw die„Arbciterinnenzeitung" obligatorisch. Gäwerkschaftlich organisierte Frauen haben in der politischen Organisation nur 10 Heller monatlich zu entrichi'. Falls sie avcr' auch die„ArbeiterinMnzeitung" erhalten»volle i, 20 Heller. Da mehrere Gewerkschaften ihren weiblichen Mitgliedern die„Arbeiterinnenzeitung" an Stelle des..Fachblatts" geben, so wird mit diesem Beitrag keine große Anzahl in Betracht kommen. An der Debatte haben sich viele Genossinnen beteiligt und auf die Hindernisse hingewiesen, die ihnen bei der Agitation im Wege stehen. Besonders sind es die Klerikalen, die die Ausklärung der Frauen hindern wollen. Wenn irgendwo für den Nachmittag eine Fraucnversammlung angekündigt ist, so predigen die Pfarrer am Vormittag von der Kanzel gegen den Besuch der Versammlung. Die niedcrösterceichische Frauenkonferenz hat ein Statut be- schlössen, das die Linien vorzeichnet, nach welchen die Genossinnen zu arbeiten haben. Der Landesparteitag Nicderösterreichs, der zwei Wochen vorder Frcmenkonferenz abgebaltcn»vorden war, hat befchlossen, den Frauen die materielle Möglichkeit zu geben, selbständig zu arbeiten. Von den 3 Hellern, die pro Mitglied an Parteibeitrag für das Land zu entrichten sind, überweist die Landesvertretung 2 Heller an das Frauenlandeskomitce. Wie schon berichtet, wird ebenso von der Reichsparteivertretung gegenüber dem Frauenreichskomitee ge- handelt. Bald wird es in ganz Oesterreich«ine einheitlich geleitete politische Organisation der Genossinnen geben, deren Ziel es sein soll, einen konsequenten Kampf für die politische Gleichberechtigung der Frauen zu führen. Gegen alle eventuell auftauchenden Bc- denken, daß diese Form der Organisation zu sehr nach Separatis- mus aussieht, sei hervorgehoben, daß niemand mehr als die Leite- rinnen der österreichischen Arbeiterinncnorganisation den Separa tismus bekämpfen. ES ist eine Arbeitsteilung aus Zweckmäßig- ieitsgründcn. Und da die Genossinnen sowohl in der Reichspartci- Vertretung als auch in den Landesvcrtretungen als gleichderech- tigtc Mitglieder>sitz und Stimme haben und jedes Statut, jede Konferenz im Einverständnis mit der Parteivertretung gemacht »vird, so ist der Separatismus ivohl ausgeschlossen. Wenn einmal der 30 des Vereinsgesetzes, der die Frauen von der Mitgliedschaft ausschließt, Ixseitigt sein wird, dann iverden die Genossinnen Sektionen in den politischen Vereinen, die ja jetzt die Grundlage der Parteiorganisation sind, bilden. Letzte IVachriebten und vepelcden. Zum Wahlkampf in England. London, 10. Dezember.(W. T. B.) Heute abend fand in der Albert-Hall eine liberale Dcmonstrationsversammlnng statt, an der etlva 10 006 Personen teilnahmen. Sämtliche Minister, ausge- nommen Gret) und Haldane, die in der Provinz Reden halten» waren anwesend. Asquith, Lloyd George und Churchill wurden beim Betreten des Saales mit stürmischen Beifallskundgebungen empfangen. Sodann ergriff der Premierminister das Wort und führte aus: Die einzige Lösung der irischen Frage sei die Gewäh, rung der vollen Autonomie für die rein irischen Angelegenheiten. Er tadelte weiter das Vorgehen der Lords nicht nur mit Bezug auf das Budget, sondern auch auf eine ganze Reihe liberaler Maß- nahmen und fügte hinzu: Unsere alleinige Aufgabe ist es nunmehr, den Grundsatz der Nepräscntativ-Vcrfassung aus eine unerschütter- liche Grundlage zu stcllciu Wir werden kein Amt annehmen oder verwalten, wofern wir nicht diejenigen Bürgschaften haben, die für eine gedeihlich gecsctzgeberische Tätigkeit unserer Partei not- wendig sind. Äeine neuen Kasernen in Serbie»». V.,»rad, 10. Dezember.(W. T. B.) Ter Finanzausschuß der Skupschtina hat die Bewilligung der vom Kriegsministcr für den Neubau von Kasernen geforderte» 7 Millionen abgelehnt, Infolgedessen hat der Kriegsministcr seine Demission gegeben. ZaulSingcr Lc Co., Berlin L�V. Hierzu 4 Beilagen u.Unterhaltungsbl. Nr. 289. 26. Jahrgang. 1. WM des Jotiitlf Wim llolfoliliilt. Sonnabend, 11. Dezember 1909. Reichstag» 8. Sitzung. Freitag, den 10. Dezember 1309, nachmittags 1 Uhr. Am Bundesratstisch.- von Bethmann Sollweg, Dr Delbrück, v. Schoe». von T i r p i tz. K r a c t k e, LiSco. von H e e r i n g c n. Tebattelos werden zwei schleunige Anträge Alb recht n. Gen.(Soz.) wegen �Einstellung von Strasverfahren gegen die Ab- geordneteii Geck(Soz.) und E m m c l(Soz.) für die Dauer der gegenwärtigen Session angenommen. Es solgt die Fortsetzung der ersten Beratung des Etats. Abg. Dr. Wiemer(freist Bp.): Der Reichskanzler ermahnte uns, die Gegensätze nicht sür alle Ewigkeit wirken zu lassen. Ihm scheint Ewigkeit eine sehr kürze Zeitdauer,(sehr richtig! b. d. Freist) Er meint, diese Gegensätze kommen nur dem Radikalismus zugute; aber dem Radikalismus der Sozialdemokratie würde meines Erach- tens am meisten gedient, wenn die Liberalen seinem Rate folgten und die Kritik der Finanzrefornr lediglich der äußersten Linken überließen.(Lebh. Sehr richtig! b. d. Freist) Ter Reichskanzler sagte Iveitcr, das Volk will eine Politik der Festigkeit und Stetigkeit nach innen und außen. Das ist tvohl richtig, aber dies Wort nimmt sich sehr eigenartig aus im Munde des Vertreters einer Regierung, die ihre Ansichten beständig gewechselt und in keiner Weise Festig- keit und Stetigkeit bewiesen hat.(Lebhafte Zustimmung bei den , Freisinnigen. Lachen rechts.) Diese Tatsache tvird tvcder durcb Lachen aus der Welt geschafft noch durch die Versicherung, daß wir in Deutschland nie eine Parteiregierung hatten. Wir haben eine Parteiregierung, nur stützt sie sich nicht aus die Mehrheit. In Preußen herrscht die konservative Partei, obwohl sie nicht einmal im preußischen Landtag die Mehrheit besitzt. Die Konservativen haben es verstanden, den Sturz des Fürsten Bülow herbeizuführen. weil er es abgelehnt I)öt. Geschäftsführer der konservativen Partei zu sein, l Lebhaftes Sehr richtig! bei den Freisinnigen.) Dann hat der Reichskanzler auf die Gesetzentwürfe hingewiesen, die den Reichstag beschäftigen werden. Diese sind aber von der vori- gen Session übernommen!«Sehr richtig! bei den Frei- sinnigen.) Mit der Nüchternheit der Thronrede steht übrigens sehr im Widerspruch der Prunk, der bei der Eröffnung des Reichstages entfaltet wird.«Sehr tvohr! bei den Freisinnigen). Ich will von der Entfaltung des militärischen Pomps ganz absehen. Aber von vielen Mitgliedern des Reichstages wird es in hohem Maße befremdlich gesunden, wenn der leitende Staatsmann bei dieser Gelegenheit in Uniform erscheint.(Lebhafter Beifall links, große, bis zum Lärm gcstei- gerte Unruhe rechts.) Ob Generalmajor oder Major, bei solcher Gclegeiiheit ist er nicht Soldat, sondern Staatsmann, und die Uniform könnte er zu. Hanse lassen.(Anhaltender Beifall links, erneute Unruhe rechts.) Die Zurückhaltung der Krone, die uns Fürst Bülow am 10. November vorigen Jahres zusicherte, ist in den Monaten, die hinter uns liegen, geübt ivordcn, und das Ansehen und die Autori- tat der Krone Wt dabei gewonnen.(Sehr richtig! links.) Ich hoffe, daß der Nachfolger des Fürsten Bülow unter der gleichen Poraussetzung die Verantwortung übernommen hat? Wir lassen uns das Recht nicht nehmen, auch im Reichstag über die Reform des Wahlrechts in Prenßen zu sprechen, zumal da diese Frage im engsten Zusammenhang mit dem Kampf um die neuen Steuern gestanden hat. Wir sehen einer Erklärung des Herrn Reichskanzlers und Ministerpräsidenten in Preußen auch über diese Frage entgegen, die in der letzten preutzi- scheu Thronrede als eine der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart bezeichnet worden ist. Die..Kreuzzeitung" ist so weit gegangen. die Freunde einer wirklichen Wahlrechtsreform in Preußen als ..Vaterlandsverräter" zu bezeichnen!(Hört! hört! links.) Nun, das Zentrum verlangt doch auch Ueberrraguug des allgemeinen, direkten und geheimen Wahlrechts aus Preußen! Das Zentrum hat auch Anträge zur Durchführung der Ministerverantwortlichkeit eingebracht! Ich finde es etwas hart, wenn die Herren vom Zen- trum, das mit Rücksicht auf die neugewonnene Freundschaft sogar auf die Stelle des Ersten Präsidenten verzichtet hat, jetzt von dem führenden Organ der konservativen Partei unter die Vaterlands- Verräter geworfen werden.(Sehr gut! links.) Die Erbitterung, die der ZwaiigsarbeitsnnKiveis der Zeche, ibesiuer in Rhcinland-West- salen mit Recht, wie mir scheint, hervorgerufen hat, macht es nötig» daß sehr bald hier»über diese Tinge gesprochen wird. Die wichtigste sozialpolitisch.' Aufgabe ist die ist e i ch s v e r s i ch c r u n g s o r d- nung; sie darf aber nicht zu einer Beschränkung der Scllsstver- waltung und Vermehrung der Beamten führen. Auf dem Gebiete des militärischen Strafrechts verlangen wir eine Reform des Beschwerderechts und Garantien für die Oeffe�t- lichkeit des Verfahrens. Hoffentlich wird der neue 5lricgsministec ebenso wie sein Vorgänger bemüht sein, dem ticfeingewurzclten Uebel der Soldatenmißhandlungen entgegenzutreten, i Zustimmung bei den Freisinnigen.) Ersparnisse sind beim Militärkabinett nur bei den einmaligen und bei den außerordentlichen Ausgaben eingetreten; die Budgetkommission wird zu prüfen haben, ob nicht auch bei den laufenden Ausgaben Ersparnisse möglich sind; diese zu benutzen, um den Kriegsveteranen die versprochenen Beihilfen zu gewahren, sollte als Ehrenpflicht angesehen werden. Ich bedauere, daß der Bundesrat einen formellen Mangel vorgeschützt hat, um auf diesem Gebiete nichts zu tun.(Sehr richtig! bei den Freisinnigen.) Auch bei der Marine muß Sparsamkeit geübt werden. Freilich engt das Flottcngesctz die Möglichkeit ein, t>en jährlichen finanziellen Bedarf der Marine den Finanzverhältnisfen anzupassen. Schuld daran trägt in erster Linie das Zentrum. (Zustimmung bei den Freisinnigen.) Meine Freunde teilen die Freude über die Besserung unserer Beziehungen mit Frankreich, die in der Thronrede zum Ausdruck kommt. Aber wir sind nicht der Meinung, daß das Abkommen über Marokko in dem Geiste ausgeführt wird, der dem Zweck ent- spricht, die beiderseitigen Interessen auszugleichen. Nicht nur Frankreich, sondern auch w i r haben wirtschaftliche Interessen in Marokko. Bezüglich Englands frage ich an. ob es richtig ist, daß die-englisch? Regierung mit neue» Vorschlägen über Abrüstung an unsere Regierung herangetreten ist. Falls es geschehe», so mtzßt« die deutsche Regierung diese Anregung mit allem Ernst und allem Wohlwollen aufnehmen-(Zustimmung bei den Freisinnigen.) Unsere-auswärtige Lage ist im allgcnieinen gut. Um so schliminer ist die innere politisch? Zerfahrenheit. Der leitende Staatsmann ist nicht imstande,-ein bestimmtes politisches Pro- gromm mit klaren Zielen vorzulegen. Die Politik seines Borgän- gcrs, die das Steuer des Staates nach links zu rücken-bemüht war, ist an dein Widerstand einflußreicher Kreise gescheitert. Der Ruck scheint wieder nach rechts zu gehen, und die Folge ist die Bcr- mehrung der sozialdemokratischen Stimmen. Die drei linkslibe- ral-en Gruppen sind sich ihrer Aufgaben bewußt, in schwerer Zeit durch festen Zusammenschluß und durch zähe, opferfreudige Arbeit dahin zu wirken, daß das liberale Bürgertum in Stadt und Land die Stellung erlangt, die ihm zukommt, und daß die Frage, was liberale Regierung heißt, auch von den sächsischen Minister» mit Taten beantwortet wird.(Bravo! links.) Reichskanzler von Bethmann Hollweg: Auf einzelne Ausführungen des Herrn Vorredners werde ich nicht eingehen, so nicht aus seinen Exkurs auf sächsische Verhä.t- nisse. Ich werde ihm auch nicht die gewünschte Erklärung über das preußische Wahlrecht abgeben können(lebhaftes Hört! hört! und große Unruhe links. Bravo! rechts), da dies ein Gegenstand ist, Uber den ich vor dem preußischen Landtag sprechen werde;(Lachen links.) Auch darin hoffe ich der Zustimmung der Mehrheit dieses hohen Hauses gewiß zu sein, wenn ich in eine Erörterung über die Kbei- dung der Minister bei der Eröffnung des Reichstags nicht eingehe. (Große Heiterkeit rechts, Oho-Rusc und Unruhe links.) Wenn ich zu den Fragen der auswärtigen Politik übergehe, so sehe ich davon ab, allgemeine Betrachtungen über die Weltlage anzustellen; ich halte es auch nicht für erforderlich, von so sestgegründetcn Verhältnissen wie unsere Beziehungen zur öfter- reichisch-ungarischen Monarchie zu sprechen. Was das allgemeine Ziel unserer Politik bildet, ist in der Thronrede ausgesprochen. Dagegen geben mir einzelne Fragen, die im bisherigen Verlaus der Debatte an mich gerichtet worden sind. Anlaß zu folgenden Be- merküngen: Zunächst das Marokkoabtomme» mit Frankreich. Wie bereits in der Thronrede angedeutet worden ist, hat seit seinem Abschluß ein fortgesetzter Meinungsaustausch zwischen uns und der französischen Regierung stattgefunden, und es ist dem beiderseits gezeigten guten Willen gelungen, in wichtigen Punkten Uebereinstimmung zu erzielen. Auf Grund des bisher erzielten Ergebnisses darf ich der Zuversicht Ausdruck geben, daß sich auf der- selben Basis eine der Bedeutung der beteiligten deutschen Wirtschaft- lichen Interessen entsprechende Lösung auch der noch ausstehenden Fragen vollziehen wird. Den Stand der amtlichen englisch-deutschen Beziehungen glaube-ich durch die folgende Erklärung zutreffend kennzeichnen zu können: Englische Staatsmänner, vor allem der zurzeit leitende Premierminister, haben in Reden der letzten Zeit die Herstellung guter Beziehungen zwischen England und Deutschland als eine wichtige Ausgabe einer weisen Staatskunst bezeichnet. Ich kann die Bekundung dieser Ansicht und Gesinnung auch von dieser Stelle aus nur ausrichtig und aus voller Ueberzeugung erwidern.(Bravo!) Ich bin gewiß, daß wir uns dem beiderseitig erstrebten Ziel um so eher nähern und damit zugleich den wahren Interessen beider Länder um so besser dienen werden, je freimütiger und loyaler diese Gesinniing in der Behandlung undjLösung von Fragen be tätigt wird, die beide Länder berühren.(Sehr gut!) Gegenüber dem Vertrauen, mit dem sich die Thronrede über den Bestand des Dreibundes geäußert hat, ist die Aufmerksamkeit daraus gelenkt worden, daß in Italien im Anschluß an den Besuch des Kaisers von Rußland in Raccon-igl Stimmen laut geworden sind, die dem Dreibund wenig freundlich waren. Diese Erscheinung, die sich allerdings tvohl nur auf eine Minorität erstreckt und nicht den wahren Ausdruck der Wünscke des italienischen Volkes darstellt, habe ich nicht über- sehen. Ich habe indessen keine Wahrnehmungen zu machen gehabt, die irgendwie dahin gedeutet' werden könnten, daß die oerantwort- liche Leitung der italienischen Politik den Wert der Dreibundver- träge sür Italien anders oder niedriger einschätzen als bisher. (Beifall.) Entsprechend dem Geiste vollster Loyalität, von dem unsere gegenseitigen Beziehungen erfüllt sind, hat uns denn auch der seitherige Minister des Auswärtigen, Herr Tittoni, Niitteilnn- gen über die llntcrrcdungcn in Racconigi gemacht, die ergeben, daß Italien in seiner Balkanpolitik keinerlei Ziele verfolgt, die mit unseren Verträgen in Widerspruch stünden. Bei der Betrachtung»»seres Verhältnisses zu Rußlaud hat, wie seit Iahren so auch jetzt wieder, die wenig freundliche Sprache eine Rolle gespielt, die ein Teil der russischen Presse gegen Teutschland geführt hat. Es ist nicht zu bestreiten, daß es dort— ebenso wie anderwärts— gewisse Kreise gibt, die es sich zur Auf- gäbe zu machen scheinen, Deutschland abenteuerliche, den Welt- frieden bedrohende Absichten anzudichten. Mit Recht und einmütig. leitet die deutsche Nation daraus die Forderung an ihre Regierung her, daß die deutsche Politik, die derartige Ziele nicht kennt, mit um so größerer Ruhe und Stetigkeit und frei von aller Nervosität geführt lverde.(Beifall rechts.) Einen guten Dienst hierbei wird unsere Publizistik leisten, lvenn sie diese Forderung auch für sich gelten läßt und in der Erwiderung auf deutschfeindliche Treibereien und in der Kritik an der Politik anderer Staaten und der Staats- münner dasjenige Maß kühler Reserve bewahrt, das dem eigenen Kcastgesühl und der Achtung vor den Nachbarn entspricht.(Sebr richtigl) Durch ein solches Zusammenwirken der öffentlichen Volks- stimmung mit der amtlichen Politik werden die Geschäfte des Landes am besten gefördert werden.(Beifall recht» und im Zentrum.) Staatssekretär v. Schoe»: Die Marokko frage ist ja in ein ruhigeres Fahrwasser gekommen. Die Behauptung, auch jetzt noch sei die Lage so, daß es sich für den deutschen Handel nicht lohnt, sich dort zu detätigen, ist eine weitgehende U e b e r tr e i b u n g. Die Entschädigungen werden allerdings erst zur Auszahlung kommen, wenn die neue ma- rokkanische Anleihe perfekt geworden ist. Bei den Anleiheverhaud- lungen ist übrig..is die französische Regierung sehr loyal ver- fahren. Bei den Angelegenheiten am Kongo handelt es sich um die Grenzrcgulierung im Westen von Deutsch-Ostafrika, worüber wir auch mit England in Verhandlungen getreten sind. Da die Verhandlungen noch schweben, kann ich nicht näher darauf eingehen. Abg. Scheideinann(Soz.): Nachdem der Herr Reichskanzler und der Herr Staatssekretär des Auswärtigen Sie in die� schönen afrikanischen Gefilde geführt haben, erlauben Sie mir, Sie wieder aus den heimischen Boden zurückzuführen. Ich möchte diese Gelegenheit benutzen, um ent- schieden Einspruch zu erbeben gegen die Art und Weise, wie der Reichstag im Juli dieses Jahres heimgeschickt und der neue Reichs- kanzlcr berufen wurde. In zivilisierten Ländern ist es üblich. daß eine neue Regierung sich so schnell als möglich dem Parlament V o r st e l l t. Das ist nicht nur ein Akt der Höflichkeit vor der Volksvertretung, sondern auch eine konstitutionelle Form, denn durch sie stellt sich die neue Regierung ausdrücklich unter die Kon- trolle der Volksvertretung.(Sehr richtig! bei den Sozialdemo- kraten.) Wie lagen denn die Dinge? Das Reich befand sich in einer außerordentlich schwierigen Lage, in einer finanziellen Krise ersten Ranges. Fürst Bülow hatte seine Entlassung geiÄmme». Der Deutsche Reichstag hatte alle Hände voll zu tun, um den Steuersegen über die Häupter des deutschen Volkes zu ergießen. Dem Volke sollte dieser Steuersegen unerhörte Lasten aufdrücke», Sandel und Wandel wurde durch ihn aufs schwerste geschädigt. (Widerspruch rechts, Zustimmung links.)� In solcher Zeit ist es nur natürlich, daß auf allen Seiten dieses Hauses— soweit die Abgeordneten es ernst mit dieser Pflicht nehmen— die ganz be- stimmte Ansicht vorherrschen mußte, daß in einer solchen kritischen Situation der Reichstag nicht geschlossen werden dürfe, sondern beisammen bleiben müsse!(Sehr richtig! bei den So- zialdemokraten.) Es kam aber anders. Fürst Bülow blieb schein- bar ini Amte, als eine Art galvanisierte Miiiistcrlcichc.(Große Heiterkeit.) Er blieb im Amt, erschien aber nicht niehr im Reichs- tage und unterzeichnete auch nicht die Finanzreform! Seine letzte Amtshandlung war die Unterzeichnung der Botschaft, durch die der Reichstag geschlossen wurde. Was kam es im Lande der sozialen Reformen auch darauf an, daß eine ganze Reihe sozialpolitischer I Gesetzentwürfe dadurch unter den Tisch geworfen wurde!(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Nachdem der Reichstag ge- schlössen, nachdem wir wie Schulbuben weggeschickt waren, wurde der neue Reichskanzler berufen, und es spielte� sich die außerordentlich charakteristische Szene unter dem grünen Hute ab.(Große Heiterkeit.) Ein Mitglied des Hauses hat ja erzählt, wie er im Juli an die Schloßbrücke kam und da ein starkes Zu- sammenlausen von Menschen bemerkte. Das ist ja in Berlin nichts Seltene», er glaubte, es sei ein Droschicngaul gefallen oder ein Hund überfahren und ging deshalb seines Weges weiter. Des Abend» aber las man, daß ein neuer Reichskanzler an jener Stelle gemacht worden war!(Große Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Dieser neue Reichskanzler hat nun seit 5 Monaten die Geschäfte geführt, der Reichstag ist aber erst in der letzten Minute zu- s ammenberufen, erst als den Herren das Feuer unter den Nägeln brannte und gar nicht mehr länger gezögert werden konnte. Diese Tatsache stellt sich als ein ungeheuerlicher Akt der Mißachtung des deutschen Volkes dar. lLebhaftc Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Aber es ist erklärlich, daß es so kam. Erinnern Sic sich doch der Noveirchcr- dcbatten über das persönliche Regiment, wo bis tief in die Reihen der Rechten hinein der Wunsch laut tvurde, daß uns bestimmte Garantien gegen die Aeußerungen des persönlichen Regiments gc- geben werden sollen. Die Art der Entlassung des Fürsten Bülow. der Berufung des Herrn v. Bethmann-Hollweg und der Ein< berufung des Reichstages war die Antwort des persönlichen Rc- gimcnts.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Was waren denn am 13. Juni sür Garantien dafür gegeben, daß nicht irgend- ein General, der seine Verdienste aus irgendeiner Kabarettbühnc erworben hat(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten), zum Reich»- kanzlcr gemacht und dann zur Ausführung bestimmter persönlicher Wünsche benutzt wurde? Daß der Reichstag nicht einberufen wurde, und gar nicht Gelegenheit hatte, den Herrn zur Rede zu stellen? Und daß am Tage der Einberufung des Reichstages der alte Reichskanzler längst über alle Berge war und hier ein neuer Reichskanzler saß, der für all das, was sein Vorgänger getan, seine Hände in Unschuld wusch?(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Herr v. Bethmann hat in der Zeit, wo er„regiert" hat, wenig- stcns für die Oeffentl'ichkeit sozusagen nichts getan. Ich will nicht das wiederholen, was Herr Wiemer über die Uniformen gesagt hat. Jedenfalls war das einzige, was man von dem Reichs- iänzler hörte, daß er hie und da bei irgendeiner feierlichen Ge- lcgenheit in einer bestimmten Uniform erschienen sei!(Hefter- keit links.) E t tnas hat er allerdings doch getan: Einem außer» ordentlich tüchtigen Journalisten ist es gelungen, doch eine Aeuße» rung von ihm zu erzielen, und zwar aus Anlaß einer Kundgebung der englischen Regierung, die bekanntlich wiederholt Teut�hland sondiert hat, ob inaii sich nicht verständigen könne üper eine gc- wisse Einschränkung«der Secrüstung. Da soll Herr von Bethmann gesagt haben— sehr geistreich—: „Wir werden ja sehen, wir werden ja hören, und dann wird cs sich zeigen!" (Große Heiterkeit links.) Das war zweifellos cinc außerordent- lich schwerwiegende- philosophische Antwort.(Heiterkeit.) Da? macht den Eindruck, als lvenn der neue Reichskanzler die Absicht hätte, eine Aera dcr Ruhe einzuleiten. Nach der gestrigen söge- nannten Rede des Herrn Reichskanzlers(Heiterkeit) glaube ich in der Tat, daß er die Absicht gehabt, eine solche Ruhe einzuleiten. Das deutsche Volk verträgt einen kräftigen Luftzug, es will nichts wissen von Schlummerliedern, es will auch keinen faul-en Frieden mit den Herren da drüben, im Gegenteil: einen frisch-fröhlichcn Krieg bis zum Niederschlagen! (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Dcr Reichskanzler hat uns beschworen, keine retrospektive(rückschauend?) Kritik zu treiben, sondern uns den Aufgaben der Zukunft zu widmen. Da werfe ich die Frage aus: Wo sind die Aufgaben dcr Zukunft? Wo ist das Programm? Wo sind die Ideen, die großen Gedanken, für die wir uns begeistern sollen? Im Etat sind neue t�ufgabe» kultureller Art nicht zu finden. Wie früher fordert er ungeheure Summen für Heer, Marine und Kolonialpolitik, die über 1500 Millionen hinausgehen und gedeckt werden sollen durch Zölle und indirekte' Steuern, die den Lebensunterhalt des deutschen Volkes in sehr schlimmer Weise verteuern, Millionen zur Unter- crnährung zwingen und damit Leben und Gesundheit des Volkes schädige».(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Das'kann nun nicht bestritten werden, daß dcr Etat mit einem gewissen Geschick aufgestellt worden ist. Er ist aufgestellt worden, um diejenigen, die nicht tiefer eindringen wollen, und diejenigen, die sich, ach so gern, täuschen lassen, über die unangenehmen Dinge, über-das, was drin steckt, hinwegzutäuschen!� Die verhältnismäßig geschickte Ausstellung des Etats ist gemacht worden, um das Fiasko dcr Reichssinanzreform nicht noch krasser in die Erscheinung treten zu lassen, als cs ohnedies geschieht�(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Da, wo es wirklich möglich gewesen tväre, sind keine Ersparungen gemacht worden. Ich will ganz absehen von unseren Forderungen, die wir in bezug auf Heer und Marine seit Jahren vertreten haben, aber selbst bei Bei» beHaltung des jetzigen Standes des Heeres und der Marine, den wir in dieser Form bekämpfen, werden Sie nicht bestreiten können, daß Hunderte von Millionen dabei gespart werden können. Ich er- innere daran(was von Männern bestätigt wird, die Sachkenntnis haben und die nicht mehr in Amt und Würden sind und deshalb nicht mehr den- Mund zu halten brauchen), was deutsche Offiziere in diesem Jahre für Erfahrungen in dcr Schweiz gemacht haben. wo sie an den Manövern teilgenommen haben, vor allem daran, Inas lvir nun auch von einem Mann gehört haben, dessen Autorität und Verständnis, wenigstens in diesen Dingen, von- keinem von Ihnen bestritten werden dürfte, nämlich das Urteil des früheren Geheimrats von Holstein ülrcr die Heeres- und Marineforderungen. Nach dem, was dcr nationale Abgeordnete vom Rath in der „Deutschen Revue" geschrieben hat, hat Herr v. Holstein gesagt: „In Teutschland grassiert das Flotten siebe r. Die gefährliche Krankheit wird durch die nuzutreffendc Furcht vor einem englischen Angriff vermehrt; sie ist in dreifacher Richtung verderblich: in der inneren Politik durch die Treibereien des Flottenverein», die auch größte Verstimmung in Süddentschkand herbeiführen, in der Finanzwirtschaft. durch die unerschwiug- lichen Aufgaben und i» dcr auswärtigen Politik durch das Miß- trauen, das die Rüstungen wecken. England erblickt darin eine Drohung, durch die es dauernd an die Seite Frankreichs gc- fesselt wird. Dabei ist cs gänzlich ausgeschlossen, auch bei höchster Steueranspannung, eine Flotte zu bauen, die den vereinigten Flotten von England und Frankreich gewachsen wäre." Das klingt schon ganz sozialistisch. Wenn Sic frühere Etat?� reden meiner Freunde lesen, tverden Sie ganz ähnliche Aeuße- rungen finden. Weiter hat Herr v. Holstein gesagt: „Wer heute gegen da» herrschende Flottcnficber spricht, wird als»»patriotisch angesehen, aber nach wenigen Jahren tvird die Richtigkeit meiner Ansicht sich herausstellen." Das erklärt, weshalb ein Mann wie Herr V. Hollstein so lange geschwiegen hat, als er im Amte war. Er tväre sofort ein toter Mann gewesen.(Sehr richtig! bei den Soz.) Jm-Etat steht also von den Aufgaben, denen wir uns für die Zukunft widmen sollen, nichts. Also vielleicht in der Thronrede! In ihr wird im: angekündigt, daß wir die Arbeiten, die uns im Juli dieses Jahre» aus den Händen geschlagen sind, in einem Augenblick, wo sehr wesentliche Vorarbeiten geleistet waren, fortführen möchten. Tobet ist uns das Arbcitskammergesetz noch nicht einmal vorgelegt, und die Gewerbeordnungsnovclle ist uns durch einen Trick des neuen Mannes in zwei Stücke zerschlagen worden. Ueberhaupt ist diese neue Aeva des neuen Kanzlers und des neuen Staatssckre- tärs des Innern mit einer sehr merkwürdigen Aktion cingestcitct worden, nämlich mit der Vertagung der Witwen- und Waisenvcrficherung! Das ist ein außerordentlich bezeichnender Ansang. sSehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Ich will bei dieser Gelegenheit gleich feststellen, daß jedenfalls die deutschen Arbeiter keinerlei Ursache haben, gerade Herrn Delbrück mit besonderem Vertrauen entgegen- zu kommen. Ist ihm doch von den Scharfmachern, vom Zechenvcr- band ausdrücklich das Zeugnis ausgestellt worden, daß er in ihrem Sinne einer der besten Minister sei. sHört! hört! bei den Soz.) — Wo sind nun die großen Ideen, für die wir uns begeistern sollen? Als letzte Hoffnung blieb uns die Ankündigung, daß der Reichskanzler bei Eröffnung der Etatsdebatten eine große, wenig- steus der Länge nach �Heiterkeit) mindestens eine halbstündige Rede halten würde. Ich behaupte wohl nicht zuviel, wenn ich sage, daß die gestrige Rede des Reichskanzlers allgemein eine außerordent- liche� Ernüchterung hervorgerufen hat, auch bei denen, die von vorn- herein sehr wenig erwartet hatten.(Lebhafte Zustimmung links.) Was hat uns denn der Reichskanzler gestern gesagt? Seine besten Freunde, die Konservativen, haben sich bemüht, aus dem kraft- und saftlosen Kuchen einige Rosinen herauszulesen.(Heiterkeit.) Ber- geblichcs Bemühen! Bon älteren Mitgliedern dieses Hauses ist mir gesagt worden, daß der frühere Reichskanzler Fürst Hohenlohe ein ziemlich unbeholfener Redner gewesen sei, bcj einem Vergleich mit der gestrigen Rede des Reichskanzlers aber wäre er ein De- mosthenes gewesen!(Minutenlonge Heiterkeit und lebhafte Zustimmung links.) Der Reichskanzler hat gesagt, eine deutsche Regierung würde niemals eine Parteiregierung sein.(Lachen bei den Soz.) Das ist ein erstaunliches Urteil im Munde eines deutschen Reichs- kanzlers. Das wird gesagt, nachdem der lvdann schleunigst beseitigt worden ist, der die Verwegenheit gehabt hat, zu behaupten, kein konservativer Minister sein zu wollen!(Sehr gut! bei den Soz/) Sein Nachfolger nun hat zu uns gesprochen wie ein Oberlehrer zu seinen Quintanern, die recht brav sein sollen.(Heiterkeit und Zustimmung links.) Der Reichskanzler sollte einmal probieren, kein konservativer Reichskanzler zu sein, womit er allerdings mehr Kurage bekunden würde, als seine gestrige Rede gezeigt hat. (Heiterkeit und sehr gut! links.) Der Reichskanzler hat auch ge- sprachen von einer Politik der Stetigkeit. Auch eine sehr schöne Sache im Munde eines deutschen Reichskanzlers! Dabei macht sich seit 20 Jahren alle Welt lustig über die deutsche Zickzackpolitik, über die Art und Weise, wie bei uns links und rechts regiert worden ist. Speziell in der Marokkofragc war das der Fall. (Sehr richtig! bei den Soz.) Und wenn ein deutscher Reichskanzler von der„Stetigkeit" in der deutschen Politik spricht, dann sollte er das nicht in derselben Stunde sagen, in der das Wort Ma- rokko fällt.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Dieses unglückselige Beispiel beweist, daß keine Hoffnung bei uns vor- banden ist, die Politik in feste Bahnen.zu bringen. Nur in der Behandlung aller derer, die der Negierung unbequem sind, zeigt sich ein— konsequenter Zug. Die Beamten, die unbequem werden, die eine Moeichende Meinung haben, werden, diszipliniert, gemäß- regelt, bedroht, schikaniert. In das große Beamtenheer, das stetig anwächst, ist dadurch eine Axt der Gesinnungsschnüffelei hineingebracht worden, die ganz naturgemäß zur GesinnungS- Inmperei führen muß.(Lebhafte Zustimmung bei den Soz.) Das hieraus resultierende Duckmäusertum ist der leitende Staats- gedanke, der uns jetzt begeistern soll. Gemildert wird die Art, wie die Reichsregierung und die preußische Regierung mit ihren Unter- Mbencst uuMht, nur durch das, Maß von. Ungeschick,,-«cht. dem sie es tun, das einen Zug der Komik hmeingetrage» hat. Zur Zeit des Bülowblocks war die Regierung so geschmackvoll, frei- sinnige Lehrer zu maßregeln.'(Heiterkdit und Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Und jetzt, zur Zeit des s ch w a r z- b l a u e n Blocks, maßregelt die Regierung in ihrer großen Geschicklichkeit Zenirumslehrer, Ldhrer, die im Osten für einen Zentrums- oder polnischen Kandidaten stimmen!(Heiterkeit und Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Herr Reichskanzler, die Polen gehören doch auch zu Ihrer Mehrheit, Sie maßregeln ja die Wähler Ihrer eigenen Mehrheit!(Sehr gut! links.) Es gehört woht mit zu den größten Kümmernissen des Herrn Reichskanzlers, daß er sich täg- lich sagen muß: Wenn Du bloß nicht einmal etwas machst, was den Sozialdemokraten gefallen könnte!(Heiterkeit.) Mögen Sie yvmal den Junkern einen Gefallen tun und nur einmal uns Sozialdemokraten, Herr Reichskanzler, dann sind Sie ein toter Wann!(Große Heiterkeit und lebhafte Zustimmung links.) Sie haben es ja an ihrem Vorgänger gesehen, Sie sind ja Zeuge gewesen, wie Ihrem Vorgänger gewissermaßen der Dolch in den Rücken gestoßen wurde, wie Fürst Bülow gestürzt wurde, nur weil er seine absolute Abhängigkeit von den preußischen Junkern zu bemänteln versuchte durch den Schein einer gewissen welt- männischen Vorurteilslosigkeit.(Sehr richtig! links.) Und das geschah dem Manne, der stolz darauf sein zu können glaubte, die Sozialdemokratie niedergeritten zu haben, der es sich als' größtes Verdienst zuschrieb, einen scheinbar erfolgreichen Kampf gegen uns geführt zu haben! Die Herren, die den Fürsten Bülow zur Strecke gebracht haben, haben jetzt Herrn v. Bethinann« Hollweg in den Fingern, uud der neue Reichskanzler sollte sich keinen Augenblick darüber täuschen, mit wem er es zu tun hat, wer seine Herren sind.(Sehr richtig? bei den Sozialdemokraten.) Das sind die- selben Leute, die den Schnapsbohkott mit Hohn und Spott über- schüttet haben, die die ernsten Bestrebungen der Arbeiter auf Hebung der Bildung als„Bildungsschwindel der unteren Schichten" bezeichnen. Tas, Herr Reichskanzler, sind Ihre Herren!(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Ferrer. Als vor einigen Monaten ein Schrei der Empörung durch die ganze zivilisierte Welt ging, als in Spanien ein freisinniger Mann ....(auf der Rechten und im Zentrum bricht wüster Lgrm aus, in dem die folgenden Worte verloren gehen). Ich war auf diesen Jubel hier gesaßt. Ich weiß, daß Sie zu denen gehören, die sich freuen, wenn man jemand, der gegen sie kämpft, abtut, denen es leid wt, daß sie ihn nicht braten und schmoren können I (Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Was haben wir in der reaktionären Presse darüber lesen können:„Der An- archist Ferrer hat bereits seine Strafe erlitten; damit ist einer der größten Verbrecher an der Menschheit gerichtet."(Sehr richtig! rechts und im Zentrum. Lebhafte Pfuirufe links.) Ich bitte, tun Sie Ihren Gefühlen keinen Zwang an; man wird ihr Be- nehmen draußen sehr wohl verstehen. In der„Germania" ist die Genugtuung darüber ausgesprochen, daß die spanische Regierung sich„glücklicherweise" nicht hat rühren laßen von der von der französischen Loge ausgegangenen Bewegung zugunsten Ferrers l „Glücklicherweise" hat man menschlichen Regungen nicht Platz ge- geben! Die einfache Erschießung war viel zu milde, heißt es weiter, doppelt und zehnfach hat er den Tod perdient, denn in Wahrheit war er noch ein viel größerer Verbrecher als ein Mörder, der zehn oder zlvölf Menschenleben auf dem Gewissen hat, denn Ungezählten hat er den Glauben aus dem Herzen gerissen!— Ein katholischer Raubmörder, der ein Dutzend Menschen ermordet hat, nst, wenn er nur gläubig ist, nach den Anschauungen der Leute, die das schreiben, noch ein vornehmer Charakter im Vergleich zu diesem Manne, dessen ganzes Verbrechen darin bestanden hat. freisinnig zu sein.(Lebhafte Zustimmung links. Widerspruch und Unrul>e im Zentrum.) Ihre„Beifalls"pezeuguligen(Heiter- teit).machen mich nicht irre in der Ueberzeugung, die ich vorgetragen habe, und auch den Reichskanzler sollten sie nicht irre machen, tmß diese Leute mit einer derart borgeschrittenen Weltanschauung seine Leute sind.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Noch eine dritte Probe. Ich möchte den Reichskanzler auf- fordern, nach einem der wichtigsten Wahlkreise seiner Mehrheit, nach Friedeberg-Arnswalde, zu gehen. Da spricht man einem Manne der Mehrheit„das höchste Vertrauen aus, daß er im Kampf für die„W a h r h e i t" nicht erlahmt.(Lebhafter Beifall und Sehr gut! links.) Ich bin überzeugt, daß eine Regierung, die im Zeichen J>es Blocks, den mgn hier nicht beim richtigen Namen nennen darf, geboren' ist, nicht den Mut finden wird, sich dieser Mehrheit zu widersetzen. Wir leben leider in Teutschland und nicht in einem so wilden Lande wie England, wo wir augenblicklich einen Kamps beobachten, de» die dortige Regierung gegen dieselben Leute führt, die hier die.Herren des Reichskanzlers sind: den Kamps einer Re- gierung, die den Mut gefunden hat, den Kampf gegen die englischen Junker in erfreulicher Weise aufzunehmen. Ich will auf die eng- tischen Verhältnisse nicht näher eingehen, trotzdem die Versuchung dazu nahe liegt. Ich bitte aber die Regierung, ihren Blick über den Kanal zu richten, wenn auch nur der Kuriosität wegen, um zu sehen, wie in England Finanzpolitik gemacht wird, und einen Ber- gleich anzustellen zwischen einem englischen Staatssekretär und dem Nachfolger des Herrn Bülow I— Der englische Schatzsekretär hat vor einigen Wochen eine Rede gehalten in einer Volksversamm- lung— ein Minister in einer Volksversammlung!—(Hörtl hört! bei den Sozialdemokraten), worin er ausführt, daß nacki dem Wunsch der Regierung die armen Teufel, die im Jahre lOOOOO, 200 000, 400 000 M. zu verzehren haben, in Zukunft mehr für das Reich bezahlen sollen, ebenso die Nnglücklichen, denen durch eine Erbschaft ein großes Vermögen zugefallen ist. Er schildert dann den Kampf der englischen Lords gegen die Finanzreform und sagt, daß die arbeitenden Klaffen nicht zufrieden zu stellen sind mit leeren Versprechungen und mit Verheißungen auf jene Welt, denn sie sind längst dahinter gekommen, daß die Leute, welche das sagen, für sich das Beste in dieser Welt fordern! Kein Sozialist hat das— und viel Schärferes— gesagt, sondern ein leibhaftiger eng- lischer Minister ist es, der solche Worte sprach!(Hört! hörtl bei den Sozialdemokraten.) Als ick das las, mußte ich an Deutschland denken und stellte mir vor, welckes Gesicht wohl der Reichskanzler machen würde, wenn er eines Morgens in einem gut national ge- sinnten Blatt— vielleicht der„Staatsbürgerzeitung" oder der „Wahrheit"(Große Heiterkeit links) oder der„Kreuzzeitung" oder „Norddeutschen" lesen würde, daß sein Schatzsekretär in einer Volks- Versammlung eine Rede gehalten wie Llopd Gearge. Ich will sein Gesicht nicht beschreiben, vielleicht tun es die Zeichner des„Sim- plicissimus".(Große Heiterkeit und Sehr gut! links.) In der Thronrede von 1908 wurde eine Wahlreform für Preustcn angekündigt und als die wichtigste Aufgabe der Gegenwart be- zeichnet.„ES ist mein Wille!" bieß es in der Thronrede. Wenige Tage später lasen ivir in den Organen der staatserhaltenden Parteien:„Es ist nicht sein Wille, er sträubt sich vielmehr, und der Minister ist nicht verpflichtet, das. waS der König versprochen hat, zu halten."— Ein konservatives Kirchenblatt schrieb damals:„Ein König braucht nicht zu halten, tva? er versprochen hat in der Zeit, wo ein nicht mehr amtierender Minister im Amte gewesen ist.(Hört I hört I bei den Sozialdemokraten.) Die Herren, die sich so außer- ordentlich viel auf ihre Religion und ihr Christentum einbilden, können sich wirklich nicht wundern, Ivenit angesichts solcher Verössent- lichungen Taufende aus der Kirche aitstretcn. Ein Mensch mit fünf gesunden Sinnen kann ja gar nicht mehr in der Kirche bleiben, da deren Organ den Standpunkt vertritt, daß ein König unter be- stimmten Umstmidcn sein Wort brechen kann. Das ist ein Christen- tum sehr bedenklicher Art.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Um nun kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, niöchte ist fest- stelle», daß Sie gicht etwa von mir annehmen sollen, ich setzte besonderes Vertrauen auf ein Kölligswort. Ich bitte Sie dringend, das nicht zu tun.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten, Unruhe rechlö.) Ich kenne genug aus der preußischen Geschichte, um zu wissen, dasi der Wortbrnch sozusagen zu den erhabensten Traditionen der preußische» Könige gehört. (Große Unruhe rechts, lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemo« krateu, Glocke des Präsidenten.) Vizepräsident Erbprinz z» Hohenlohe: Das muß ich unbedingt rügen, das dürfen Sie nicht sagen. Ich ruse Sie zur Ordnung. (Bravo I rechts.) Abg. Scheidemann(fortfahrend): Nachdem das, was ich gesagt habe, so kräftig blauschtvarz unterstrichen worden ist, will ich zwei ganz kleine Beispiele anführen: Als Friedrich Wilhelm III. von Napoleon sehr in die Enge getrieben worden war, als Napoleon die deutsche Landkarte sehr wesentlich verändert hatte, wandte sich der preußische König an sein Volk um Hilfe und versprach ihm eine Verfassung. DaS preußische Voll ergriff die Waffen, opferte Gut und Blut und machte den König frei von Napoleon. Der König aber vergaß nachher, fein Versprechen zu halte».(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Heinrich Heine schrieb damals:„Der König von Preußen ist ein frommer Mann, aber ich wünschte, daß er auch glaubt an Jupiter, den Bater der Götter, der den Meineid rächt."(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Friedrich Wilhelm IV. regierte dann acht Jahre lang, ohne sich des Versprechens seiner Vorgängers zu erinnern. Dann kam die Revolution von 1848, Berlin wurde von den kämpfenden Kleinbürgern und Arbeitern gemeinschaftlich genommen, die Soldaten verließe» ziemlich fluchtartig Berlin.(Unruhe rechts. Rufe: Zur Sache!) Der König wurde gezwungen, vor de», Volks den Hut abzuziehen.(Andauert, de Unruhe rechts, Rufe: Zur Sache I) Was hier hergehört, bestimmen nicht Sie, ich glaube schon, daß Ihnen das sehr unbequem ist. (Lachen rechts.) Da zog der König durch die Straßen, und Unter den Linde», wo sich das Voll versammelt hatte, versprach der König von neuem eine Verfassung. Er sprach vom W a h l r e ch t, und als der Jubel des Volkes wegen dieses Versprechens des Königs sehr groß war, da erhob sich ein Arbeiter, der seine Pappenheimer kannte, und schrie:„Glaubt ihizi nicht, er lügt, er lügt, wie er immer gelogen hat!"(Pfuirufe und große Unruhe rechts. Zuruf bei den Sozialdemokraten: Das sind Tatsachen!) Damals wurde die Verfassung gegeben(Rufe rechts: Na also!), aber ein Jahr später wurde sie dem preußischen Volke wieder ge- r a u b t. Das ist der springende Punkt.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Von jener Zeit her ist das preußische Volk an das erbärmliche Dreiklassenwahlshstcm gekettet worden.(Unruhe rechts.) Daß Sie von diesen Dingen nichts wissen wollen, glauben wir. Wie der Reichskanzler über diese Dinge�cnkt, haben wir ja heute gehört. Er hat sich wieder, toie früher seine Kollegen, hinter dem preußischen Landlag verschanzt. Wir sind ja jetzt in der angenehmen Lage, trotz des erbärmlichsten aller Wahlsysteme dort einige Vertreter zu haben, und eS wird Ihnen doch nichts geschenkt werden.— Wenn mich irgend etwas bedenklich machen könnte in bezng auf die Erfolge des Voltes im Kampfe um das Wahlrecht in Preußen, so wäre es nicht daS Verhalten der Rechten. Das Verhalten der koiiiervanven Partei in dieser Frage ist ein so brutales, daß es offen zu Tage liegt. Vizepräsident Erbprinz zu Hohenlohe: Ich nehme an, daß Sie mit dein Ausdruck„brutal" lemen der anwesenden Konservativen gemeint haben? Abg. Scheidemann ifortfahrend): Aber selb st der ständlich! (Stürmische Heiterkeil.) Al'o, wenn, mich etwas bedenklich machen könnte; dann wäre es viclinehr das Verhalten der Parteien, die zwischen dem neuen schwarzblaucn Block und der Sozialdemokratie stehen; ihre Politik war bedauerlicherweise eine unklare,('«ehr richtig I bei den Soziald.) Sie kämpfen jetzt gegen eine Mehrheit. die Sie selbst geschaffen haben.(Sehr wahrl be? den Sozialdemo« kraten.) Sie brauchten diesen Kamps nicht zu führen, wenn Sie nicht denen drüben Dutzende von Mandaten zugeschoben hätten. Sie wenden sich jetzt gegen die Steuern und kritisieren mit Recht das Verhalten der Parteien der Reckten und der Mitte, aber klopfen' Sie sich an die eigene Brnstl Waren Sie nicht bereit, alle diese schlimmen indirekten Steuern selber mitzumachen?(Sehr richtig! bei den Sozialdeinokralcn. Zustimmung nnd Heiterkeil rechts.) Das sind Dinge, die nicht aus der Welt zu schaffen sind, die man fest- stellen kann und muß. Es sollte mich freuen, wenn wir jetzt in eine Aera hineinkämen, die es uns ermöglichte, bestimmte Forderungen durchzusetzen, die wir gemeinsam haben, die auch in Ihrem Progriimm stehen.(Ruf rechts: Tie armen Liberalen! Heiterkeit rechts.) Stall dessen sehen wir, wie die Nationalliberalen siir ein Plural tvahlsy st em sind I Allerdings, das liegt in, Klassencharakter dieser Partei begründet. Die Nationalliberalen sind eben abhängig von den Großindustriellen, die die Gelder geben. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Der Zentralverbaud der Deutschen Industriellen Hai am lö. Oktober d. I. beschlossen, einen Wahlfonds zu gründen mit einem besonderen anonymen Komitee zur Verwaltung dieses Rcptilienfonds- (Hört! Hört! bei den Sozialdemokraten.) Es sollen Kandidaten nnterstiitzt werden, die heimlich sich bereit erklären, in ihren Fraktionen als Agenten des Zentralvcrliandes zu wirken.(Hört hört! bei den Soz.) Es ist charakteristisch, daß alle bürgerlichen Parteien für geeignet gehalten werden, daß man in dieser Weise mit ihnen umgeht. Und die spezielle Behandlung, die den Nattonalliberalcn zuteil geworden ist, ist kennzeichnend für die Art, wie weit es mit der politischen Krawattenmacherei(Heiter- keit) bereits gekommen ist. Diskretion ist Ehrensache bei diesem Zentralverband, es wird nicht ausgeplaudert, jeder kann das Geld nehmen. Aber wenn die Leistungen der Bezahlung nicht ent- sprechen, dann wird natürlich Skaudal gemacht. In der„Volts- wirtschaftlichen Korrespondenz" wurde geschrieben:„Leuten, wie Baffermann und Strcsemann keinen Pfennig!"(Heiterkeit.) Dar- aus können Sie ersehen, was für Ansprüche gestellt werden, wenn solche Leute den Herren schon zu radikal sind! Da wird ein Ein- treten auch für die geringsten sozialpolitischen Forderungen nicht mehr geduldet. Ist es denn anders mit dem neugegründeten Hansabund? Der lebt sozusagen noch in den Flitterwochen(Heiterkeit), man verträgt sich noch wunderschön, aber wie lange wird es dauern und sie müssen auch kompromisseln zwischen den Interessen der Geldgeber und Wünschen der Wählermassen.(Zuruf rechts: Und die Sozial- demokratie?) Wir sind ganz offen ein« Klasscnpartei, wir vcr- treten die Interessen dcö arbeitenden Volkes. Es ist unL borge- worsen worden, daß unsere Partei von Arbeitergroschen lebt. Wir sind stolz daraus, daß es so istl Sie werden mir zugeben müssen, wie unsinnig es ist, wenn Sie reden von„patriotischen" Parteien, von„nationalen" Parteien, von Volks Parteien. Mit viel größerem Recht könnten wir uns eine Volkspartei nennen, denn zweifellos entsprechen die Interessen, die. w i r Vertreten, den Interessen von neun Zehnteln der gesamten Bevölkerung. Glauben Sie nicht, daß Sie uns beikommen können mit Verbänden wie dem Reichsverband, der das ganze Land überschüttet mit seinen verlogenen Schriften oder mlt dem Zentralverband mit seinem „Juliusturm", mit dem Hansabund usw. Tas hält die Sozial- demokratie in ihrem Siegeslaus nicht auf. Es ist ganz falsch, daß Sie die letzten Wahlerfolge der Sozial- demokratie lediglich unter dem Gesichtspunkt der Steuerhetze, wie Sie sagen, betrachten oder als eine Folge des Sturzes des Bülow- blocks. Ter Wahlerfolg, der dem Bülowblock seinerzeit gelungen war, war, wenn ich so sagen darf, eine F ä ls ch u n g. ES ist ledig- lich gelungen, unsere Partei, die früher schon entsprechend ihrer Stnnmenzahl viel zu schwach in'diesem Hause vertreten war, um ein Gewisses an Mandatenzahl herabzuorücken. Tas war lein Kunststück, viel weniger, ein Heldenstück. Gewiß haben die Ereignisse die Wähler aufgepeitscht und somit zu unseren Erfolgen in der Pfalz, in Baden, in Sachsen und Meiningen beigetragen. Aber im Grunde sind noch andere Verhältnisse maßgebend. Wenn Sie auf die 25 Jahre sozialer Entwickelung zurückblicken, finden Sie, daß die Sozialdemokratie sich in ganz bestimmter Weise ver- größert und verstärkt hat. Nicht Tagesereignisse drängen uns in dieser Weise vorwärts. eS ist die kapitalistische Entwickelung, die uns die Massen zutreibt. Sie sprechen von sozialdemokratischen Terrorismus, vom Terrorismus der Arbeiterl Stellen Sie sich vor, wie diese Riesengebilde der modernen Wirtschaft durch ein ganz raffiniert ausgetlügelteS System alle Außenseiter in bru- talster Weise niederzulnüttcln verstehen, wie sie ihre Arbeiter und Beamten um ihre staatsbürgerlichen Rechte betrügen, und wenn dann die Arbeiter sich an den Staat um Hilfe wenden, dann stellt sich heraus, daß dieser Staat nichts anderes ist als der Verbündete der kapitalistischen Rechte(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten), der Mitschuldige an alledem. Aber wie geht eS, wenn die Arbeiter infolge der Bedrückungsmahrcgeln sich wehren, wenn sie zum Streik greifen? Dann fährt der„soziale Staat", das„soziale Königstum", wie jetzt im Mansfelder Kreise, die Maschinengewehre auf.(Pfuirufe bei den Sozialdemokraten) So ein Maschinen- gewehr ist ein außerordentlich leistungsfähiges Geschütz.(Abg. Arendt: Sehr richtig! Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Man kann mit einem solchen Maschinengewehr zweifellos, wenn e3 ver-' ti/rte Menschen geben sollte, die einen solchen Befehl auSführvn, zahlreiche Brüder, Väter und Mütter totschießen. Aber ein solches Maschinengewehr, in einem Augenblick aufgeführt wie in Mans- feld, das wirkt auch ausklärend aus die Massen.(Sehr wahrl bei den Sozialdemokraten.) Ich glaube. Ihnen gezeigt zu haben, wie das Wachstum der Sozialdemokratie sich erklärt. Es ist nicht abhängig von der Ge- schicklichkeit oder Ungeschicklichkeit irgend eines Ministers, es kommt auch nicht aus irgend eine Parteikonstellation an, sondern es voll- zieht sich nach den großen Gesetzen der gesellschaftlichen Ent- Wickelung.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Sie wissen, wir sind mit der Zukunft im Bunde und S i e sind die Vertreter der veralteten Tradition. Wir sind im Bunde mit der Volkstraft, die aus der Tiefe kommt, wir kämpfen für Freiheit, für Wohlfahrt und für daS Recht.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Wir wissen, daß unsör Ziel nur zu erreichen ist durch die Demo- kratie, durch die Beseitigung des kapitalistischen System?. Und dieses Endziels'wegen sammeln sich die Massen um unsere Fahne. (Lebhaste Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Dieses End- zielS wegen wissen wir, welchen Weg wir zu gehen haben, heute und morgen. Tarauf beruht unsere Kraft in der Gegenwart und die unerschütterliche Zuversicht in unsere Zukunstl(Lebhafter, langanhaltender Beifall bei den Sozialdemokraten.) Reichskanzler v. Bethmann Hollweg: Der Abg. Scheidemann hat es für gut befunden, seine Ausführungen zum Etat zu ver- binden mit einem Exkurs über preußische Geschichte und mit de:: heftigsten Schmähungen gegen Preußens Könige. Er ist dafür vom Präsidenten bereits zur Ordnung gerufen worden. Aber auch ich muß Verwahrung einlegen gegen eine solche Verunglimpfung von Preußens Königen.(Lebhaftes Bravo! rechts.) Ich kann mich mit dieser Verwahrung begnügen, denn das Bewußtsein im preußischen Volke von dem, was seine Könige geleistet haben, ist viel zu fest be- gründet(lebhaftes Bravo! rechts, Lachen bei dcv Sozialdemokraten), als daß die Ausführungen des Abg. Scheidemann geeignet wären, an dieser Ueberzeugung irgendwie zu rütteln.(Lebhaftes Bravo? rechts, lakiganhaltendes Lachen bei den Sozialdemokraten.) Abg. Freiherr v. Gamp(Rp.): In keiner Partei wird die Freiheit so unterdrückt wie in der Sozialdemokratie.(Sehr richtigl rechts.) Sie dulden in Ihren Lleihen keinen, der nicht Ihrer Ansicht ist.(Sehr wahrl rechts.) Sie stehen immer noch unter dem Eindruck der Niederlage vor drei Jahren.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) Was regen Sie sich über den Zentralverband deutscher Industrieller auf? Geben Sie Ihre Wahlgelder Abgeordneten anderer Parteien?(Sehr gut'. rechts.) Ich habe wenigstens davon noch nichts gehört.(Heiterkeit.) Ein Vergleich mit England ist unmöglich, unsere Verhältnisse sind ganz anders. Sorgen Sie doch erst einmal für die Einführung unserer Sozialgesetzgebung in England! Wenn bei uns noch nicht m e b r erreicht ist, so liegt das an Konkurrenzrücksichten gegenüber des Lluslande. Was soll die Entrüstung gegen den Arbeitsnachweis dem Auslande. Was soll die Entrüstung gegen den Arbeitsnachweis weise zu errichten, dann müssen Sie dasselbe Recht auch den Ar- bcitgebern einräumen.(Sehr richtig! rechts; Zuruf bei den So- zialdemokraten: Paritätische Arbeitsnachweise!) Redner aeht nun auf die einzelnen Etats ein: Die Gesichts- punkte, die der Herr Reichsschatzsekretär aufgestellt hat, billigen wir. Hoffentlich wird nun auch endlich einmal danach ge° handelt werden. Von den Beamten müssen wir nach der Er- höhung der Gehälter auch eine erhöhte Inanspruchnahme verlangen, namentlich sollte man nicht dulden, dast in verschiedenen Ressorts hierbei verschiedene Grundsätze Platz greifen. Fürst Bülow wäre im Amte geblieben, wenn die Nationalliberalen bis zu Ende mit- gearbeitet hätten. Daß die Finanzreform, die mit solcher Einig- keit der bürgerlichen Parteien begonnen wurde, mit einem so schlimmen Mißton endete, ist tief betrübend. Aber die Per- ärgerungspolitik soll man nicht weiter treiben; eine Vermehrung der Sozialdemokratie im Reichstag wäre sehr bedenklich, deshalb sollten wir uns alle zu ernsthafter Arbeit zusammenfinden.(Leb- Haftes Bravol bei der Reichspartei.) Abg. Fürst Radziwill(Pole)� Die Stellungnahme meiner Fraktion zur Finanzreform war eingegeben von dem Gesichtspunkte des kleineren Uebels. Ob wir damit auf dem richtigen Wege waren, wird die Zukunft lehren. Herrn Hertling sagen wir Dank für seine rückhaltlose Ver- urteilung der gegen die Polen betriebenen Politik. In unseren t Landesteilen besteht der Kulturkampf ungeschwächt fort, und die , Maßregelungen der Lehrer in Kattowitz drücken die Hoffnung auf Besserung auf ein Minimum herab. Auch eine nationale Minder. heit hat Zlnspruch auf Gleichberechtigung; wir verlangen nur unser Recht als selbständige Nationalität und werden diesen An- spruch nie aufgeben!(Zustimmung bei den Polen.) Wenn man uns das verweigert, so ist das eine Verlebung der elementarsten Kulturprinzipien.(Bravo! bei den Polen.) Hierauf vertagt das Haus die Weiterberatung. Einem Vorschlage des Präsidenten entsprechend wird der Nach» traqsetat für 1909 der Budgetkommission überwiesen. Nächste Sitzung: Sonnabend 1l Uhr. (Fortsetzung der Etat-Beratung.) Nächste Sitzung: Sonnabend 11 Uhr.(Fortsetzung der Etat- b-eratuug.) Schluß Uhr. Hiis der parteL Zum Unterricht in der Parteischule. AIS ehemaliger Schüler der Parteischule sei es mir gestattet, zu diesem Thema auch einiges zu sagen. Aus der Einsendung des Genossen S ch e in b o r könnte der Schluß gezogen werden, als ob man auf seinen Vorschlag bätte warten müssen, um den Unter- richt für die Zukunft„praktisch" gestalten zu können, als sei Genosse Bernstein mit seiner Kritik der„übergebührlichen" Beschäftigung der Schüler mit dem„metaphysischen" Teil der Oekonomie auf dem rich- tigen Wege gewesen und als ob der Unterricht in den vorher- gehenden Kursen insoweit wenigstens unfruchtbar gewesen wäre, als man den Schülern keine Gelegenheit bot. die.Neuerscheinungen im h lvirtschastlichen Kampf" freie» Blicke» würdigen zu können. In der 'Zuschrift de? Genossen Scheinövr alt d Winter> Paletots und Anzöge Uü �"icn Monats-Garderobe oouZkavaliereii getragene Lachen, sasl neu. für jede Figur pasiciid, IvezleU Bauchanziige sind in grosicr Auswahl slets zu staunend D billigen Preisen zu haben._ Nathan Wand 12» Skalii.cr Str. 12». HochbahilsintioilKottbuserTor. 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Verlag: PorwärtsBuchdruckcrei u, BerlagSanstalt Paul Singer Si Co., Berlin SW. Nr. 289. 26. Jahrgang. Sonnabend, II. flmtnbet 1909. Hus Indurtne und Handel Tantieme». Gerade jetzt, wo in der Zementindustrie alle Preisbindungen ausgelöst sind und über.die schlechten Berdienste sehr geklagt wird, erscheint es recht nützlich, sich eininal die Tantiemen in diesen Unter nehnilnlgen anzusehen. Die Dividenden der 32 üt der nachsolgeiiden Tabelle znsainincngestellicn Zeliient-Llkiicngescllschaftcn sind durch weg günstig, und den Tnnlieincbezügen der Herren Aufsichtsräte ist auch keine Not anzusehen. Das aufgeführte Kapital setzt sich ineist aus Aktienkapital und Anleihen zusammen. Portlandzement« Tantieme Kapital Dividende fabriken: in Mark in Mill. in Proz. Vorwohler, Plancku.Co. ö Aussichtsräte 42 765 2,8 22 Hannoversche 4 Anisichtsräte 99 723 4,9 t6 Norddeutsche, Misburg 5 Aussichtsräte 26 551 3,1 15 Schönebeck 5 Anssichtsräte und Vorstand 2» 173 1,8 12'/3 Karlstadt a. M. 9 Anssichtsräte 12 843 4,3 12' Vorstand 46 303 Heidelberg u. Mann- 7 Anssichtsräte 176 545 16,2 12 heim Vorstand 298 947 Gratifikationen 27 282 Finkenbcrg, A.-G. 6 Anssichtsräte 8 629 1,9 12 Rheinisch- Westfälische 5 Anssichtsräte Z.-Ind.-A.-G. und Vorstand 16 863 1,5 12 Sächsisch-Vöhmische 19 Anssichtsräte 43 554 2.6 12 Vorstand und Beamte 56 312 Sächsisch- Thüringische, 5 Anssichtsräte, Prüsing u. Co. Direktoren u. Beamte 48 334 2,2 12 Saxonia 5 Anssichtsräte 19 186 2,9 11 Vorstand 17 359 «Slbler* 7 Anfsichtsräte 35 848 8,5 10 Vorstand 57 699 Schlesische A.-G. 6 Anfsichtsräte und Vorstand 43 997 4,7 19 „Teutonia' 8 Aussichtsräte 24 339 3,4 19 Wickingsche 5 AnisichlSräte 21983 3,9 19 Oppelner, Grundmann 7 Anisichtsräte 45 618 4,9 19 Alsensche 3 Anfsichtsräte und Vorstand 63 739 14,9 9 Lothringer 9 Anfsichtsräte 36 989 4,7 9 vorm. Stiesel 5 Anfsichtsräte 9 946 1,3 9 Schimischower 5 Anssichtsräte und Beamte 29 314 2,3 9 „Rosla' 5 Anssichtsräte 9 199 2.6 8 „Germania� 7 AnisichlSräte 31 891 13,8 3 Beamte 33 922 Breitcnbnrger 3 Anssichtsräte und Vorstand 42 623 4,7 8 Stettin-Bredower 5 Anfsichtsräte u. Direktoren 18 398 3.2 6 Bayerische, Marienstein 6 Anssichtsräte? 1.7 6 Oberschlesische 6 Anfstchtsräte 69 973 3,9— .Hemmoor 3 Anssichtsräte 32 399 9,9 4 Höxter-Godelheim 3 Anfsichtsräte 11999 1,9 4 Vorstand 19 682 „Westfalia', A.-G. 5 Anfsichtsräte und Vorstand 22 487 1,9— Gogolin-Gorndzcr 5 Anssichtsräte 21 134 2,8 13 Vorstand 32 815 Stettiner 4 Anfsichtsräte 45 949 1,6— Wunsdorfer 5 Aussichtsräte 27 399 2.3— 1 749 362 126,9 Bei einigen Gesellschaften enthält die aufgeführte Summe auch die Gratifikationen für den Vorstand. 32 Gesellschaften, die ein K a p i t a l von 126 Millionen Mark repräsentieren, haben alio an sichtbaren Tantiemen im letzten Geschäftsjahre 1 749 362 Mark gezahlt. Die gröjste» Summen erhielten die 7 Anssichtsräte der Portlandzementfabriken Heidelberg und Wiaiinheim, nämlich 176 545 Mark. Der Vorstand kleines fcinlleton. Karl Böttcher f. Der Schrislstellcr Karl Böttcher, der in Berlin durch die Aufführung seiner freiheitlichen Dramen auch in Arbeiter- kreisen bekannt war, ist im Krankenhanse zu Grob-Lichtcrfelde gestorben. Böttcher, der 57 Jahre alr geworden ist, gehörte zu den' immer seltener werdenden Literaten, die sich in der prenstisch- deutschen Herrlichkeit den Sinn für Unabhängigkeil and da? Recht ans eigene politische Meinung zu bcivabrcn wissen. Der ehemalige Lehrer, der nachher eine umfassende journalistische Tätigkeit entfaltete, hatte am eigenen Leibe den Segen des preußischen Systems, das ihm ein Drama verbot, erfahren mrd lange genug im Auslände gelebt, um sich den Blick für die Unter- schiede zwischen modernen Staaten und prensfilchcr Fendalität und Bnreaukratie schärfen zu lassen. In zahlreichen Broschüren und Reiseglossen hat er unsere Zustände ironisch und satirisch beleuchtet. Unmittelbar ans dem Leben griff er die Stoffe, um sie auf die Bühne zu bringen. Sein Drama„Ausgewiesen", das der StaalS- anwalt verbot, behandelte ein Erlebnis ans der Sozialistengesetz- zeit. Voll satirischer Schlagkraft war sein Stück:„Wegen Prcszvcrgehcn'. In seiner Trilogie„Freiheit',„Gleichheit",„Brüder- lichkeir" suchte er die großen Stoffe de» GegemvarlskampfeS zu ge- stalten. Ohne politisch hervorzutreten, rechnete sich Böttcher zu der einzigen Partei, der ein für die Freibeil kämpfender Schrislstcller angehören kann, zur Sozialdemokratie. Ihrer Sache hat er auf seine Weise dienen lvollen. Eine Gedächtnisfeier findet Somitagnachmittag 3 Uhr im Kreis- kraukenhause Groß-Lichterfeldc-West statt. Die Nobelpreise erhielten die? Jahr, wie aus Stockholm depeschiert wird, für Physik Mareoni nnd Professor Ferdinand Braun in Straß- bürg, für Chemie Wilhelm Ostwald in Leipzig, für Medizin Professor Theodor Kocher in Bern und für Literatur die Schriftstellerin Selma Lagcrlös. Jeder Preis beziffert sich in diesem Jahre auf 134688 M. —'Bon den Preisträgern ist Ostwald die markanteste Persönlich- keit. Er ist abgesehen von seiner rem fachmännisch-wiffeilschaftlichen Bc- deutung auch als Naturphilosoph hervorgetreten. Seine Weltanschauung ist die energetische. Zudem hat er als Herausgeber populärer chemischer Bücher auch in weiteren Kreisen gewirkt. Im Gegensatz zu seinen meisten Kollegen hat er seine Professur in Leipzig lange vor Ein- tritt der Greisenverblödung niedergelegt, um als freier Forscher und Schriftsteller zu wirken. Er ist für eine künstliche Welljprache eingetreten, hat unser höheres Schnlimwesen gebrandmarkt nnd den Malern manche nützliche Anregungen und Farbenrezepte gegeben. Prof. Braun ist durch seine Untersuchungen über Wellentclcgraphie, die die drahtlose Telegrapbie theoretisch fundierten, bekannt ge- worden.— Als Chirurg ist Prof. Kocher besonders durch seine Arbeiten über die Kriegschirurgie sz. B. die Wirkungen der kleinkalibrigen Geschosse) hervorgetreten. Vor allem aber hat er sich als Erforscher und erfolgreicher Operateur des Kropfes um die leidende Menschheit verdient gemacht. Für de» LiieraturpreiS war bereits im vorigeit Jahre die schwedische Schriftstellerin Selma Lagerlöf vorgeschlagen worden. Als Romanschriftstellerin hat sie vor allem durch ihr romantisches dieser Werke bekam außerdem sogar 293 947 Mark! I» ähnlicher Höhe bewegen sich sicher noch eine ganze Reihe von Tantiemen der Zeineiitgesellschastcn, sie sind, ans irgendwelchen„Gründen", meist nur schon vor der Schlußabrechnung verbucht. Ein neuer Rirscutrust in den Vereinigten Staaten von Amerika. Neben den Milliarden-Stahltrnst wird jetzt ein zweiter Trust mit ebenfalls einem Milliardenkapital gestellt. Die Amerikanische Telephon- nnd Telegraphen- Gesellschaft hat die Western Union Telegraph-Gesellschaft erworben nnd geht nun daran, eine Verschmelzung der verschiedenen maßgebenden Fernsprechgesell- schafleu herbeizuführen._ Soziales. Werkmeister oder Gehilfe? Der Korkschneidcr H. war im Strasgefängnis zu Plötzensee für die Firma G. A. Berghaner, Korkenfabrik, beschäftigt. Er hatte die mit Korkschiieiden beschäftigten Gesängnisiiisnsscn bei der Arbeit zu beaufsichtigen, ihnen die Arbeit zuzuweisen nnd abzunehmen. H. bezog dafür einen Lohn von 39 M. pro Woche. Am 6. November kündigte ihm die Firma vcrciiibarnngsgeniäß mit 14 lägiger Frist uitd entließ ihn auch am 29. November. H. betrachtete sich aber als Werkmeister nnd beanspruchte die für die Werkmeister gesetzlich vor- geschriebenen Kündiguiigsbedingungen,»ämlich Lösung des Dienst- Verhältnisses zum Schlüsse des Kalcndcrvicrtcljahres mit nach sechs Wochen vorher erklärter Aufkündigung. Die Firma entsprach diesem Verlangen nicht. Deshalb klagte H. beini Gewerbegericht auf Fort- zahlmig des Lohnes bis zum 31. Dezember. Infolge der leider vielfach verbreiteten irrtümlichen Ansicht, daß sich der Dienst- verpflichtete im Falle einer gesetzwidrigen Lösung des Dienstverhält- nisies durch den Dienstbcrechrigten demselben zur Verfügung halten müsse, unterließ es der Kläger, sich sofort nach anderweitiger Be- schäftiginig umzusehen. Erst nachdem er im Termin am 1. Dezember vom Richter dahin belehrt worden ist. daß er nach den Vorschrislcn deS§ 234 des Bürgerlichen Gesetzbuches ver- pflichtet sei, den Schaden nach Möglichkeit abzuwenden, bemühte er sich vergebens um anderweitige Beschäfligung. Im gestrigen Termin ermäßigte er seinen Schadenersatzaiisprnch von 173 M. auf 129 M. Der Beklagte wendete ein, daß der Kläger nur als Korkschneider nicht als Werkmeister engagiert worden sei. Er wurde zwar als Meister tiinliert. Würde Kläger bei der Einstellung auf den Kün- digungsbedingungen, die er jetzt beansprucht, bestanden haben, so wäre er gar nicht eingestellt worden. Ueberdies sei seine Schwer- Hörigkeit, die Kläger bislang bestritten habe, ein wichtiger Grund zur Lösung des Dienstverhältnisses. Das Gericht unter Vorsitz des M a g i st r a t Z r a t s Dr. Gerth betrachtete den Kläger seiner Tätigkeit entsprechend als Werk- meister. Nach Z 133aa G.-O. darf aber die Kiindignngsfrist nicht weniger als einen Monat betragen. Sie ist nur für den Schluß des Kalender- monats zulässig. Eine Vereiiibnrung, die diesen Vorschriften zu- widerläuft, ist nichtig. Dies trifft ans die getroffene Vereinbarung über die Kündigungsfrist zu. Die cingewendete Schwerhörigkeit des Klägers ist nicht eine so erhebliche, daß sie als wichtiger Grund zur Lösung des Dienstverhältnisses in Fracze kommen könne. Der Anbruch des Klägers, sei demnach berechtigt. Mit Rücksicht darauf, daß die Forderung in ihrem ganzen Unifange zurzeit»och nicht fällig ist, riet das Gericht zur Einigung. Die Parteien verglichen sich darauf- hin, indem dem Kläger noch 39 Mk. gezahlt weroen. Geschlechtskrankheiten im Heere. Von allen eingestellten Rekruten sind im Durchschnitt 7,7 pro Mille venerisch krank. Das legt v. S ck j e r n i n g in seinen inter- essantcn sanilätSstatistischen Betrochtnngen über Volk nnd Heer Berlin 1919, Verlag Aug. Hirschwald) dar. Krank waren danach von de» Rekruten: ans Verlin.............. 41,3 pro Mille „ Städten mit mehr als 199 999 Einwohnern. 15,3„„ „„ 59 999 bis 199 999 Einwohnern. 19.2.„ „„„ 23 999 bis 39 999 Einwohnern. 8,9„„ „ den übrigen Städten und den Landgemeinden 4,4„„ Eigentümlich erscheint es, daß die verschiedenen Waffengaliunge» hinsichtlich der venerischen Krankheiten recht erhebliche Differenzen Fabnliertalent und ihre feinen Naturschildernngen sGösta Berling und Wundersame Reise des kleinen Nils Holgersson) weit über Schweden binanS Aiierkennimg gefunden. Das Nobel-Komitee des norwegische» Storthings verteilte zu gleichen Teilen den F r i c d e n§ p r e i s an de» ehemaligen belgischen Miiiisterpräsidenten Becrnaerl und an den sranzvsischen Senator d'Estonrnelles de Constant. spenden bei der Beerdigung unseres lieben BaterS liiirl Texrhc sagen wir dem Wadtverein Rixdors, dem Deutschen Metallarbeiterverband, dem Personal und den Kollegen der Firma Gashert, dem Lolterieverein .Glückspilz', den Kolonisten der Kolonie.Feldschlößchen' sowie allen Bekannten und Verwandten unseren herzlichsten Dank. 3S12L Die trauernden Hinterbliebenen. Dr. Simmel Spezial-Arzt* für Haut- und Harnleiden. Prinzensir. 41, 10—2, 6— 7. Sonntags 10— 12, 2—4. EEEEEEEEEOEEEEEEEEEE Jeder wundert sieb über mein« Spott-Preise In Bonatsgarderoben. Anr.iige schon von Mk. 8,00 an Paletots.s« O SS„ Hosen„ B„ 1,50, Abt. II: Xene- Maß-Sachen von la Schneidern angefertigt. Monatsgarderobenhaus, nur Brunnenstr. ISS u. Linienstr. 28. Ein Versuch führt zur dauernden Kundsoh. Jed. 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Verantwortlicher Redakteur Richard Barth, Berlin. Für denJnjeratenteil verantw.: Th. Glockr, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt» Buchdruckerei u. VerlagSanstatt Paul Singer äc Co., Berlin SW. |t. 289. 26. Iahrgaug. 8. Kcilagt des„iloiiiiilü" Knlim MIKsdIM Sonnabend. iL Dezember 1909. Partei- Angelegenheiten. Zahlmorgen! Zweiter Wahlkreis, Friedcichstadt. Buch- druckerei- Nachtarbeiter. Sonntag, den 12. Dezember er., bei Jul. Meyer, Oranienstr. 103:„Christentum und Sozialdemokratie." Referent: Genosse Heinrich Kunert. Der Vorstand. Sechster Wahlkreis. Heute abend findet in den Prachtsälen N o r d w e st, Wiclefstr. 24, ein zweiter und letzter Vortragsabend der Künstlervereinigung„Münchener Scharfrichter" statt. Billetts sind für Mitglieder noch bei Nichter, Wiclefftr. 24, Fröhlich, Wittstocker Str. 23, und im Bureau Ravenestr. 6 zu haben. Anfang 8Va Uhr. Sechster Wahlkreis. Sonntag, den 12. Dezember, abends 6 Uhr. bei Bernbard Raabe, Kolberger Straße 23: Oeft'entliche politische Versammlung sür Männer und Frauen. Tagesordnung: Vortrag des Redakteurs Genossen Mermuth über„Fichte und sein Erziehungs- Problem". Nach der Versammlung: Gemütliches Beisammensein mit Tanz. Lichtenrade. Am Sonnabend, den 11. Dezember, abends 8'/» Uhr, findet in dem Lokale von Rudolf Deter, Bahnhossiraße, der regel- mäßige Zahlabend statt. Erkner. Sonntag, den 12. Dezember, nachmittags 21l2 Uhr, findet im Degebrodrschen Gesellschaftshause eine öffentliche Ver- sammlung statt. Tagesordnung: 1.«Die Wirkung der neuen Steuern für die Hausfrau". Refercntin: Berta Lungwitz- Berlin. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Es wird ersucht, sür regen Besuch namentlich unter den Frauen zu agitieren. Fricdrichshagen. Wie alljährlich im Winterhalbjahr, so werden auch in diesem Jahre jeden zweiten Sonntag im Monat vormittags 10—11 Uhr Bibliothekstnnden abgehalten: die nächste Bücherausgabe ist am Sonntag, den 12. Dev a r e n eine Wcihnachtsfreude bereitet, sondern auch Hunderte von geknechteten Proletarierfamilien werden den Käufern dankbar sein und am Feste der Freude ihrer gedenken. Die Post am diesjährigen Weihnachten und Neujahr. Für den Postdicnst zu Weihnachten und Neujahr werden jetzt in jedem Jahr neue besondere Bestimmungen getroffen. Seit der Durch- führung der Sonntagsruhe bei der Post ist es den Oberpost- direktioncn überlassen, in jedem cinzeliien Falle zu bestimmen, für welche Tage an den Festzciten die Sonntagsruhe aufgehoben wird und in welchem Umfange ausnahmsweise ein Postdicnst im Verkehr mit dem Publikuni einzurichten ist. Für den Berliner Bezirk hat die Oberpostdircktio» soeben folgende Anordnungen ge- troffen: Am letzten Sonntag vor Weihnachten, am 10. Dezcnibcc. können Pakete bei allen Postanstaltcn des Bezirks, die werktags Pakete annehmen, in den Stunden von 8 Uhr morgens bis 1 Uhr mittags aufgeliefert werden. Die Pakctausgabestellcn sind demselben Sonntag, den 10. Dezember, von 8 biö 1 Uhr geöffnet. Am Weihnachtsfest selbst werden die Aus- gabcstellen für Pakete wie an Werktagen geöffne-. Be- stcllung von Paketen findet nicht nur an den beiden Weihnachts- fciertagen, sondern auch am Sonntags den 12. Dezember, in Berlin und einigen Vororten, am Sonntag, den 10. Dezember, und am Sonntag, den 2. Januar, allgemein statt. Sie ruht dagegen am Neujahrstage. Eine einmalige Geldbestellung wird am 25. De- zcmbcr sowie am 1. und 2. Januar ausgeführt. Ferner läßt die -Oberpostdirektion darauf hinweisen,, daß es im eigenen Interesse der Absender liegt, die Postsendungen möglichst genau zu adressieren. Auf Briefscndungcn nach Berlin muß außer der Wohnung des Empfängers noch der Postbezirk und die Nummer der Bestellpostanstalt angegeben werden. Bei dem lebhaften Wer- kehr besonders zu Festzeiten können Sendungen ohne Angabe des Postbezirkes und der Bestellpostanstalt nicht so rechtzeitig zur Be- stcllung gelangen wie Sendungen, in deren Aufschrift jene An- gaben enthalten sind. Anläßlich der Untcrschleife bei der Stadtsynode wird in der Tagespresse eine Ansknnft des geschnftsführenden Ausschusses der Berliner Stadlsynode mitgeteilt, in der gesagt wird, daß der er- mittelte Diebstahl von Vera nlagungs Materialien für einige b e st i m m t e Persönlichkeiten entweder schon im Bureau der Steuerdeputation des Magistrats oder auf dem Transport nach dein Synodalbureau bewirkt sei. Dazu schreibt der Magistrat: Die in dieser Mitteilung offen ge- lassene Möglichkeit, daß Beamte der Steuerdeputation hier eine Mitschuld trifft, nötigt zu einer Darstellung des Geschäftsganges. Auf Grund gesetzlicher Verpflichtung stellt das Einkommensteuerbureau Listen— nicht einzelne Personenblätter— von den kirchensteuerpflicdtigen Personen, soweit sie der evangelischen Kirchen- gemeinde Berlin angehöre», ans. Diese von der Stadt- synode gelieferten Formulare werden an der Zentralstelle des Einkommensteuerbureaus, nachdem sie ausgefüllt sind, ge- sammelt und von dort aus durch Beamte der Stadtsynodc abgeholt. Erst von Beamten der Synode werden die Listen in so viel Streife tr zerschnitten, als sie steuerpflichtige Personen nachweisen. Da nach der eingangs genannten Mitteilung der Stadtsynode nicht ganze Listen gestohlen worden sind, was ja auch bei oberflächlicher Kontrolle sofort hätte bemerkt iverdcn mnssen, sondern„VeranlagungSmaterial für einige bestimmte Persönlichkeiten", so können städtische Beamte nach dem geschilderten Geschäftsgänge hieran nicht beteiligt sein. Das hätte der Vorsitzende der Berliner Stadtsynode, Herr Faber, der die in Frage kommende Erklärung veröffentlicht hat, auch wissen sollen. Schlnitm genug, daß der Vorsitzende der Synode den Geschästsgang im Bureau der Synode nicht besser keimt. Unberechtigte Kirchensteuerveranlagimg und kein Ende. Die Zahl der zu Unrecht zur Kirchensteuer Veranlagten will noch immer kein Ende nehmen. Fortgesetzterhalten wir Beschwerden von Personen, die seit Jahren der Kirche Valet gesagt und gericht lich ihren Austritt erklärt haben, trotzdem aber Kirchenstener-Vcran- lagungen erhalten. Die Erbitterung gegen diese Belästigungen ist im Wachsen begriffen. Aus der Fülle des uns neuerdings zuge- gangenen Materials wollen wir einen besonders charakte- ristiichen Fall herausgreifen. Der Arbeiter M., Äöpenicker straße 79 wohnhaft, ist im Jahre 1907 aus der Kirche ausgetreten und hat auch seine Kirchensteuer bezahlt. Im Juli dieses Jahres erhielt M. die Veranlagung zur Kirchensteuer für die Zeit vom 1. April 1908 bis 31. März 1909. Er reklamierte am 13. August 1909 durch Einschreibebrief, schickte auch auf Aufforderung im Oktober die Urkunde über die Austrittserklärung ein. Illach Verlauf von einigen Wochen erhielt er die Nachricht, daß er das zuviel gezahlte Geld— vom 1. Januar bis 31. März 1909— durch die Post zurückerhalten würde. Am 4. Dezember erhielt M. bereits eine neue Einschätzung für das Stenerjahr 1909/1910, obgleich kaum einige Wochen ver- strichen waren, daß die Synode Einsicht in die Austrittsurkunde M.'s genommen hatte. M. Ivird Zugemutet von neuem zu reklamieren- Wann werden endlich in der Stadtsynode Einrichtungen beziehungS- weise Vorkehrungen getroffen werden, um das. Publikum vor solchen unerhörten Belästigungen zu bewahren! Bei dieser Gelegenheit Wollen wir noch besonders darauf auf- merksam machen, daß diejenigen, die er noch vor Schluß des Jahres 1908 ihren Austritt aus der Landeskirche gerichtlich zu Protokoll er- klärt haben, nur bis Schluß des Jahres 1909 Kirchensteuer zu zahlen brauchen. Da die Veranlagungen vom 1. April bis zum 31. März lauten, mutz darauf geachtet werden, daß nur bis 31. Dezember bezahlt zu werden braucht. Unter Deckadresse sticht die„Deutsche Warte" Leute zum Sammeln von Abonnenten. In mehreren Zeitungen erschien folgendes Inserat: Reisende, tüchtige, sür Fixum und Provision verlangt sofort SiemerS, Friedrichsir. 18. Daraufhin ineldeten sich eine ganze Anzahl Personen. Sie mußten gewahr werden, daß die angegebene Adresse eine Deckadresse war. Sicmers ist Inhaber eines Zigarrengeschäfts und schickte die Bewerber nach der Expedition der„Deutschen Warte", wo ihnen bedeutet wurde, daß man Abonneiitensammler anstellen wolle. Täglich müssen drei Abonnenten gesammelt werden, wenn ein Fixum gezahlt werden solle. Tie Leute, die die Auskunft erhielten, waren empört über die Art, wie mit Stellungslosen verfahren wird: Fürchtet sich der Verlag der„Deutschen Warte", wenn er offen und ehrlich sagt, was er will? Warum versteckt er sich hinter einer Deckadresse I_ Aus Not in den Tod. Erschossen und ertränkt hat sich der Buchhalter Erich Mewes auö der Schlesischenstrnhe 14. Mewes war seit längerer Zeit stellungslos. Er geriet bald in große Not, die von Tag zu Tag empfindlicher wurde. Um alledem ein Ende zu bereiten, nahm er sich das Leben; er jagte sich, dicht am Karpfen- teich im Treptower Park stehend, eine Nevolverkugel in die Schläfe und stürzte dann vornüber inS Wasser. Die Leiche des Lebens» müden wurde bald von einem Parkwächter gefunden und geborgen. Zum Fraucnmord wird berichtet, daß ein in der Britzer Straße wohnender Schneider- moister T., der in einem kleinen Laden ein Konfektionsgeschäft betreibt, sich das ausgestellte Jackett angeschen hat und es bestimmt wiedererkennen will. Er hat dieses Jackett nicht persönlich ange- fertigt, aber verkauft. Er kaufte im August v. I. 39 Stück dieser Jackctte. Vor 4 bis 5 Wochen, Ende Oktober oder Anfang November dieses Jahres, kamen zwei Frauen in seinen Laden, um ein Jackett zu taufen. Die ältere war etwa 50 Jahre alt, untersetzt, mittel- groß und sehr dick. Die jüngere zählte höchstens 39 Jahre, war etwa 1,69 Meter groß und auch sehr stark. Das verlangte Jackett war für die jüngere bestimmt. T. legte den Frauen verschiedenes vor. fand aber lange nichts Passendes, weil die jüngere Frauens- Person, die es tragen sollte, im Verhältnis zum Brustumfang einen anormal großen Hüftenumfang besaß. Nach vielem Suchen fand man endlich ein einziges Jackett, das patzte, und dieses ist, wie T. bestimmt erklärt, das jetzt gefundene. Die ältere Frau schien nicht die Mutter der jüngeren zu sein, wenn auch die Figuren einander ähnlich waren. Es machte den Eindruck, als wenn die jüngere bei der älteren wohnte. Im allgemeine» machte die jüngere den Ein- druck eines Dienstmädchens oder einer Fabrikarbeiterin. Be- merkenswert ist noch, daß dieses Jackett das einzige mit schwarzem Futter war, alle anderen hatten graues Futter. Es stimmt auch, was die Sachverständigen sagen, daß das gefundene Jackett noch I nicht lange im Gebrauch gewesen sein könne und nur wenig ge- Eine beachtenswerte Verbesserung der BesoldungSordimng liegt«stich tragen sein müsse. Ter Kauf liegt ja erst 4 bis 5 Wochen zurück, in der auf Antrag der sozialdemokratischen Kommissionsmitglieder Auch die Frau des Schneidermeisters, die beim Verkauf zu-! getroffenen Bestimmung, daß erkrankten Bediensteten die ihnen eventnell gegen war, bestätigt die Angaben._ Auch die Anfertigerin de»! zustehenden Bezüge aus der reichsgcsetzlichcn Kranken- und Unfall- Jacketts ist ermittelt worden. Der Schneidermeister T. hatte das Versicherung während der ersten sechs Wochen nicht vom Gehalt geJackett mit 29 anderen gekauft, und zwar von einem Händler' kürzt werden dürfen. Bernstein in der Alexanderstraße. Dieser hatte den Posten von einer Schneiderin erhalten, die eine eigene Werkstatt beireibt und eigene Stoffe auf eigene Rechnung verarbeitet. Die Schneiderin stellte Jacketts dieser Art vor zwei Jahren her und verkaufte die 30, die sie nicht gleich absetzte, später an Bernstein. Sie erkennt das einzige, das schwarzes und nicht besonders gutes Futter hatte, am ganzen Zuschnitt, an den Nähten, am Umstoßen des Kragens und anderen Merkmalen wieder. Damit ist nun zwar die Käuferin immer noch nicht ermittelt, aber wenigstens sind die Bekundungen des Schneidermeisters und seiner Ehefrau bestätigt. Sie wurden noch einmal vernommen und ergänzten nach dieser und jener Richtung ihre Aussagen. Sie halten es für wahrscheinlich, daß die beiden Frauen, die das Jackett kauften, in der Nähe des T.schen Ladens, Britzer Sttatze 21, wohnten. So weit sie sich erinnern, gingen sie nach der Admiralstraße zu weg. Beide toaren ohne Kopsbedeckung. Daraus kann man zwar keinen sicheren Schluß ziehen, aber immerhin macht es auch dieser Umstand wahrschein- lich, daß die beiden Frauen nicht allzuweit entfernt wohnten. Auf die Kleidung der beiden Kundinnen haben die Geschäftsleute und Besuch nicht besonders achten können. Es war gerade um die Zeit, daß man begann, das Gaslicht anzuzünden. Es brannte aber während der"Verhandlungen erst eine Lampe, es war also nicht besonders hell. Die Leute glauben aber, daß beide dunkel gekleidet waren. Bei der älteren ist das aber weniger sicher. Die Jüngere hatte nach der Erinnerung der Leute schlicht gescheiteltes Haar. Sie wurde von der älteren, die ziemlich redselig war,„be- mutiert" und war im Gegensatz zu ihr ivortkarg. Sie sprach nur wenig oder gar nicht. Ihrer Aussprache nach stammte sie wohl aus der Provinz, aus welcher Gegend aber können die Leute nicht sagen. Etwas besonders Auffallendes haben sie an der Sprache nicht wahrgenommen. Daß sie vielleicht schwanger gewesen sei, haben die Leute nicht gemerkt, es scheint ihnen nicht so. Aufgefallen ist aber allen das gedrückte Wesen. Die Kausverhandlungen führte die ältere Person. Sie bezahlte auch mit einem Zehnmaristück und bekam darauf 1 MI. heraus. Die Nachforschungen nach Iveitercn Leichenteilen und Klei- dungsstückcn sind bisher erfolglos geblieben. Kriminalbcaintr baben mit den Spürhunden, die sie von den Polizeidamlffern aus überall, wo es möglich war, am Lande ansetzten, die Sprecuser aus- und abwärts bis Köpenick und zurück, dann auch das ganze Tcmpelhofer Feld, die Rixdorfcr Gegend und das Gelände bis Charlottenburg gründlich abgesucht, aber nicht eine Spur gefunden. Auch in der Heide bei Wittenau an der Chaussee nach Reinickcn- dorf sind gestern die Nachforschungen erfolglos geblieben. Das Absuchen mit den 14 Spürhunden der Kriminal- und uniformierten Polizei ist jetzt cingestellt worden. Es ist anzunehmen, daß der Täter die Leichenteile und Kleidungsstücke noch bei sich berborgcn hält. Die Müllplätze werden von Zeit zu Zeit mit Spürhunden noch abgesucht werden. Gestern vormittag verbreitete sich das Gerücht von einem neuen ivichtigen Funde im Tiergarten. Dort sollte ein Arbeiter Herz, Lunge und Leber der unbekannten Frau gefunden haben. Die Tiergartenwache stellte aber bald fest, daß es eine Hasenschlingc tvar und ließ es vergraben._ Das Fainilicndrama in der Wcinstraße hat auch den Tod der kleinen Lucie Poboß zur Folge gehabt. Lude ist gestern vormittag ihren Eltern und ihrer Schwester in den Tod gefolgt. Das älteste Kind, der vierjährige Berly, hat sich in den letzten Tagen so erholt, daß er außer Lebensgefahr zu sein scheint. Arbeiterbilduugsschnle� Berlin. Der Unterricht in G e- schichtze nuch heute wegen Erkraukung des Lehrers aus- fallen. Die nächste Stunde wird hier bekannt gegeben werden. Der Berliner Jugcndausschuß teilt mit: Umständehalber muß die Versammlung, die am nächsten Sonntag im Saale der Brauerei Friedrichshain mit einem Vortrage des Genossen Dr. Frank statt- finden sollte, leider ausfallen. Die nächste V e r a n- staltuug des Jilgendausschusses ist die am Sonntag, den 19. d. M., abends 6 Uhr, in den Ärmin-Hallen, Kommandanten- straße 58/59, stattfindende Weihnachtsfeier. Grosjfcuer in Stralau. In der zweiten Morge»stimde kam gestern Alt-Stralau 64/35 ein großer Brand aus, der den östlichen Himniel tief rötete. Neben der Ortswehr eilten mehreae Nachbar- wehren zum Braudplntze und auch von Berlin erschienen die Lösch- zllge 5, 6, 7. Das Feuer wütete auf dem zehn Morgen großen Holzplatze der Gebrüder Ebeliug und hatte bei Ankunft der Wehren schon große Ausdehnung erlangt. Glücklicherweise stand der Wind günstig, so daß von vorn herein mit einer Lokalisierung des Brandes gerechnet werden konnte. Immerhin ging die Slralauer Wehr mit fünf, die Berliner mit zwei Rohren vor. Ilm zu verhüten, daß noch stark gefährdete große Holzstapel von den Flammen ergriffen würden, wurde einer von ihnen teiliveise ab- getragen und so eine Lücke geschaffen. Nach dreistündigem Wasser- geben ivar die größte Gefahr beseitigt, so daß die Berliner Lösch- zöge wieder abrücken konnten. Anscheinend ist das Feuer an der Nachbargrenze entstanden, wo sich eine Schmiede befindet. Da zwei Stapel Nutzhölzer vernichtet wurden, so ist der Schaden beträchtlich. lieber die Entstehung de» Brandes ist nichts ermittelt. Die Berliner Wehr hatte früh 5 Uhr in der Gericht- straße 23 zu tun, wo eine Automobilgarage und eine Benzin- droschke in Flammen stand. Durch den Luftdruck des explodierten Benzins wurde eine Nabitzwand eingedrückt. Mit zwei Rohren konnten die Flammen erstickt werden. Zu gleicher Zeit war Unter den Linden 51 ein Kellerbrand abzulöschen, der Kisten und Ge- rüntpel einäscherte._ Vorort- JVacbricbtern Rixdorf. Stadtverordnetenversammlung. In der Sitzung am Donnerstag- abend standen an erster Stelle der Tagesordnung die Neuregelungen der Beamtengehälter und der Arbcitsverhälliiisie in den städtischen Betrieben.— Stadtv. Pagets(Saz.) beantragte, die Vorlage über die Arbcilerlöhne vor derjenigen über die Beamtengehälter zu beraten, »in zu sehen, wie weit man den Arbeiterwünscheii entgegeiizukoinme» bereit ist. Die Mehrheit lehnte aber den Antrag ab. Hieraus empfahl Stadtv. Rosen o w die von der Kommission unterbreiteten Vor- schlage für die Gehaltserhöhungen der Beamten und beantragte die Enbloc Annahme derselben. Die ungleichinäßige Be- Handlung der Schitldiener in den höbercn Lehransialten und in den Volksschulen, welch' letztere im Gehalt um 100 M. schlechter gestellt werden als die ersteren, bemängelt Stadtv. W u tz k y(Soz.) und er- klärt diese Maßnahme für völlig unbegründet. Nachdem Stadtv. G r ö p l e r einen durch den Widerspruch seiner eigenen Parteifreunde mißglückte» Versuch unternommen hatte, die Deckungssrage für die Kosten der Gehaltserhöhungen zu behandeln, fanden die Kommissions- vorscblnge einstimmige Annahme. Danach erhalten: Oberstadt- und Bausekretäre 485 Mk.. Stadt- sektretäre 425 Mk., Magistratssekretäre, Banassislenten 840 Mk., Biireauasfistenten 335 Mk., Kanzlisten 275 Mk., Vollziehungsbeamten, Boten 245 Mk. Zulage. Die Dienstkleidung der Bollziehungsbeamten wird abgeschafft. £te Vorlage Deg MagsstrasS bczklgNch der ZIrvettS- t>« r l, ä l t n i s s e entspricht insofern iviederholten Anträgen der soüialdeinokraiischen Fraktion and den Wünschen der Arbeiter, als anstelle der zehnstündigen die neunstündige Arbeitszeit in allen kiiert'ür geeigneten Betrieben eingeführt und mit rürklvirkender Kraft vom 1. Oktober ob eine Lodnerhöhung gewährt werden wll' Letzter« tollte 1 Pi(1 1) pro Stunde betragen; die Kommission hat jedoch?5> Pf. pro Tag rcsp. Schicht für alle Arbeiter beschlossen.— Stadtv. WntzkyWau»»'» Tbeaier.) Das Käthchcn von Heilbrotm. 2ch>>" Charlottendurg. Miff Hobbi. Nach, ii. 3 Uhr: FieSko. Kriedetch- lfcMHirtmstfldt. Schon. fpielhaus. Der Bibliothekar. Nachm. 3'/. Uhr: Di- Nibelungen. Westen. Di- geschiedene grau. Nachm. S Ubr: Struwwelpeter. Thalia. DI- süffe Cora. Nachm. 4 Uhr: Schneewittchen. Luiir». Gib mich frei. Pollsoper. La Traviata.(Anfang 8'/, Uhr.) Nachm. 3'/. Uhr: Marie, dl- Tochter des Regimeiiis. Roir. Die Ncchilosen. Nachm. 4 Uhr: Goldhärchens Himmelfahrt. Sustspiclhaus. Der dunkle Punkt. Nachm. S'/t Uhr. Der Zaubertessel. Metroi oi. Hallohll— Die groffe Revue. FolieS Gaprice. Sicher ist sicher. Bunter Teil. Der Mann meiner Frau.(Ans. 8>/, Uhr.) Apollo. Spezialitäten. Wintergarten. Spezialitäten. Gnsiilo. Der Obergauner. Gebr. Herrnfeld. So mutz man's mach««. Ein Rellungsnilittl. Karl Haberland. Spezialitäten. Wailinlla. Lvtzialltältn Gastspiel. Der Hüttenbesttztr. Pastiige. Gusst Holl. Ota Tygi. Svezwlitäten Noarks. Die grifft« Sünde.(An- fang S'l, Uhr.) Pal, it. Die neu« Herrin. Taft 1 Spezialitäten. Rritstonalieu. Steltwcr Sänger. Buggcnhagen. Spezialitäten. Urili.la. T ailoeiiiirust« iNlsO. Naihm. 4 Uhr: Trauerspiel« im Tierleben. Abends 8 Uhr: In den Dolamlten. Hörsaal: 8 Uhr: Dr. G. Gehlhoft: Die Röntgenstrahlen in wissen- schastlicher und praktischer Hinsicht. 2ter»».ari». JuoatldellN,'1—62. Urania. WiasenschaftlioheB Theater. Nachmittags 4 Ühr: Trauerspiele im Ii erleben. Abends 8 ühr: In den Dolomiten. Hörsaal 8 Uhr: Dr. G. Gehlhofi; Die Röntgenstrahlen in wissenschaftlicher und praktischer Hinsicht. Theater des Westens. 6 Uhr: Die geschiedene Frau. Miltw., Sonnab.tU.: rteimwelpetee. Sonntag S'l, Uhr:£in Waliertraum. Rene« Operetten-Theater. Schistbauerdamm 25, a. d. Lulsenstr. Nachm. 3 Uhr ermähigt« Preise: Die goldene Märchenwelt. AbendS 8 Uhr: >I1B Dndolsaek. Friedrich-Wilheimstädtisclifls Schauspielhaus. Sonnabend, 11. Dez. nachm. 8'/, Uhr: VI« Nibelungen I. und II. Teil. Abend« 8 Uhr: Der Bibliothekar. Sonntag nachm. 3 Uhr: Othello. Abends 8 Uhr> Der Ehrenrat. Tolks-Oper. SW., Belle-Alliance-Straffe Nr. 7/8. Vorstellung für Schüler aller Berliner Lehranstalten. Nachm.'1,4 Uhr: Marie, die Mter des Regiments. « b-ndS'f,9 Uhr: Traviata. Lcsoil ng-Theater. 8 Uhr: Tantris der Rarr. Sonntag, 3 Uhr: Dl« Weber. 8 Ubr: Vor Soiliienaufgang. Montag, 7'/, Uhr: D,e Arao vom�lkeere�_ Berliner Theater. S, M° politllt. Morgen: Hohe Politik._ Residenz-Theater Direttion: Richard Alexander. Abends 0 Uhr: Im Taubenschlag. Schwank ü, 3 Sitten von Hcnnequin- und Veber. Morgen und solgcnde Tage: Dieselbe Vorstellung._ Luisen-Theater. 4 Uhr: Grostr Kindcr-Porstellung. GoldhKrchenS Himmelfahrt. Original- Weihnachtsmärchen. AbendS 8 Uhr: Z? N M Schauspiel in 5 ilkten nach einer Er- zählung von H. Eourtbs-Mahler von Ernjt Ritte, scldt. Sonntag nachm. 3 Uhr: Heimat. 8 Uhr: Gib mich frei.__ Gastspiel-Theater. Heute und folgende Tage 8 Uhr: Der Hüttenbesitzer. Sonntag nachmittag S'l, Uhr: Kleine Preise. Neues Theater. Zum ersten Male: (Em königlicher Spaß. Ansang 8 Uhr. Morgen und folgende Tage: Ein königlicher Spaß. L-asispisIKsus. Nachm. S'l, Uhr; Der Zauberkessel. Abends 8 Uhr: Der dunkle Punkt. llH-INHmE Große Fraiiksurtcr Str. l32. Bei ausgehoben. Abonncm Die Rechtlosen. Volksstück In 4 Akten von Popper und Klabunde. Alls. 8 Ubr. Ende'./lt Uhr. Nachm. 4 Uhr: Kindervorstellung: GoldhärchenS Himmelfahrt. Sonntag 3 Uhr: Ataria Stuart. 3 Ubr: Kabale und Liebe. Volks-Theater Rlxdorf, Hermanustraste 30. Sonntag, den 12. Dezember: OV Ansgewlesen. IVB Soziales Drama in vier Akten von Karl Böttcher. Ansang 7 Uhr. Montag, den 13. Dezember: BAU Am Altar."TßQ Schausviel in fünf Akten vou Äexel. Ansang 8 Uhr. �vi»Uivr- Sohlller-Theater 0.(Wallner-Tbeater.) Sonnabend, abend« 8 Uhr: DalsKilthchen v. Hellbronn Großes historisches Rilterschauipicl m b Alten von Heinrich v. Kleist. ■MF- Ende 11 Uhr.-M» Sonntag, nachm. SUhr: VI« Veit, in 6er man sich lanzvellt. Sonntag, abends 8 Uhr: Her Sehwar der Treue. Montag, ab-ndS 8 Uhr: Her Helneldhaaer. Tliealer. Schiller-Theater Charloltenburg. Sonnabend, nachm. 3 Uhr: Die Verschwörung 6. Fieska zu Genua. Ein republikanisches Trauerspiel in S Akten von Friedrich Schiller. HM- Ende K Ubr. Sonnabend. abcndsöUhr: HIß Hobbs. Lustspiel in 4 Auszügen von Jerome K. Jerome. Deutsch von K. Wolters. Sonntag, n'aib m. 3 Uhr: Haeheth. Sonntag, a b e n 0 S 8 Uhr: Wallcnntcln« Tod. Her Schwär der Trene. CASTAN's PAh'OPTlCUM Frieririchstr. 165(Pschorrpalast), • SM* Indische Wltwenverbrcnnnng!"ABB THß Täglich?>/, Uhr abends X Sonntags 3 Vorstellungen. □ □ Heitere Künstler- Abende. □ □ Caruso usw. Grammophon-Vorträge. j|y Wargarete Cara, Signor Arturo, Moderne Magie. 8 Uhr Das Progr. 6. Novitäten! 8 Uhr Mit Prinz Pinne. Haupt- Burleske in 3 Bildern roat: Kennj Sender. 9.30 Der Sehinpse Konsul James Great als Tourist. Rodelfahrsr, Rollschuhläufer. 10 Uhr: Das Wunderkind Petit Roberto, d. kleinste u. beste Tlsiophom Virtuose der Welt.__ Bfeae« Programm! Otto Reutter. - La Pia--------- in ihrer Szene„Der Wellen Geist*. Herinna Hunde- Theater: „Entführung d. Salome-Tänzerin*, gespielt von 42 Hunden und die auserlesenen Sterne am OezemberaHimmel des Wintergartens. Kommandanlenstr. 57. I.A. 4, 5083. Der größte herrnfeld-Crfolg! „So muB man's machen" Burleske mit Kefang in zwei Akten, Mustt vo» L. Jtal, mit den Autoren Anio» und Donat Herrnfeld in den Hauptrollen.— Hierzu: Ein Rettungsmlttel Komödie in 1 Akt von Ludwig Huna. Ansang 8 Uhr. Vorverkaus 11—2 Uhr Theaterkasse. Helropolldelltei' Hallo!!! Die grolSe Revue! In 8 Bildern von JuL Freund. Musik v. Paul Lincke. In Szene gesetzt vom Dir. Bich. Schultz. Anfang• Uhr. Raushen gestallet. SonntSUhr: Oer Kreuzelschreiber. 1- Alt-Hoabit 47/48. Sonntag, 12. Dezember 1909: Maria Stuart. Trauerspiel in fünf Aufzüg Friedrich v. Schiller. von StraBo 6. Direktion Wilhelm Reimer. Sonntag, Montag und Donnerstag: Mmw IM. Sänger und Tauzkräuzchen. Bcg. Sonnt. 5. wochem. 8 U. Morgen Sonntag: Große Elite-Soiree Neues hoehakt. Programm. Z. Schluß: Tanzkr&nzchen. Jeden Mittwoch t Dhcaterabeud. Trianon»Theater. Abend» 8 Uhr: Duridans Esel. (Alexanderplatz). Da Hunderte vor unserer ausverkauften Theaterkasse umkehren maßten Wiederholung der Wcihnachfs- Kinder-Vorstellung Sonnabend, den 11. Dezember, nachmittags 3—5 Uhr. Aus dem ausgewählten Pracht-Programm besonders hervorzuheben: Aschenbrödel Schneewittchen Dornröschen Hansel und Grete! Knecht Rupprecht und anderes mehr. Bintrittspreise von 30 Pf. aufwärts; Kinder auf allen Plätxen halbe Preise. Außerdem von 5— 11 ühr: Große Gala-Vorstellung mit nenom glttnzcndciu Schlager-Programm. Sonnabend, den 11. Dezember, abends 71/, NHr: tiala- V orstcllnny. Henry Valdorf der moderne Slmson. Der Amerikaner Hatr. ATlblo mit(einen kolwrrjikrtuh. Papagnev Tlie Durwal Brothers. tM¥~ Ringkampf-WgS (Parodie) der(Tiown Jitm-Jam und Cottrcll. Um 9 Uhr Ende 11 Uhr Die groffe Feerie Die drei Rivalen oder TaSmyftcrivse Ichlos; in der Rormandie phantastische Feerie in 5 Akten.. Im 3. Akt: Dio Wildschweinjagd. ' Passage-Thealer.' Abende 8 Uhr. at'- Erstes Auftraten der bezauborndoa IGussi Holl i Ota Gygl jSpezialltäten.| 14 crntldassige Passage-Panopilkuni, Hcn te Senegal in Berlin! gg) wilde Weiber Männer, Kinder. Drei Negerdörfer Die Traummalerin. Geheimnisse der Wessertiefe. Plastische Riecendioramen. Tnmburltzs- Itrlgnntos. I'anophon- Vortrüge. Alles ohne Extra-Entree! Zirkus Busch. Sonnabend, den 11. Dezember, abends 7'/, Uhr präzise: Große Galavorstellone. Auftreten sämtlicher neuengagiert. Künstler und Künstlerinnen. Die grollte Sensation! Der Amerikaner Kerslakc in. s. weither. dressiert.Schwelnen. Zum erstenmal auf d. Kontinent I Äeitorfamilie Proaerpi.. Heil Ernst Schumann, Meister- dressuren ufiiv. s'i, uhr: Farnierleben. Sonntag, 12.Dezombr., 3'), ü.: Pap" Vni'nicrleben"HHI i Palast-Theater. Direktion: Robert Dill 4 Karl Pirnau. Burgstrahe 24, am Bahnhos Börse. Idas Ulesen- Hezembor- Programm. Bollini-Trunpe.— Eugen Milardo.— lahnke u, Mary.— Taft? TaH?— Pawel-Comp.— Fata Morgana.— Aufaug 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. BorzugSkarten überall zu habe». Den p. t. größeren Vereinen zur Keuiil,nis,dabdurchZllsaU der T. Weih- nachtsjeierlag zur Abhaltung einer Mätinee srcigeworden Ist. Reflektanten wollen sich umgehend melden.— Des» gleichen«inpschlen wir unser Theater (biS 5000 Pers. sass.) zur Abhaltung groß. Vcrjammlungen un« Matineen. ICänlNntfidt-ItiiniiKo. votzmarttstraffe 72. Gänzlich neues Programm mit Franz hiobannki. Reu! Um 9 Uhr: Reut Am Nordseestrand. Nordisches Nolksslück in einem Akt. Nach der Vorstellung Mittwoch, Soniiab., Sonnt.: Tanzkränzehen. Am�b�c�Be��Voihnaohi�voret m alba IIa Vartefe-Thesler I Weinbergsweg 10-20, Roeenth.Tor. 1 Ans. 8 Ubr. Die groftarttgen| Dezember- Tprzialirätrn. In, Tunnel: RegiineutSkaPelle. I Theaterbesuchern freier Etniriit. W. Jtioacks Theater örurtnenftt 16, am Rosenthaler Tor, Nachm. 3 Uhr Kindervorstellung: Tueewittchc» und die 7 Zwerge. En he« 10, 20. 80, 50 Ps. ■■p* Gratisverlasn.ig. AbendS'1,9 Uhr: Erstaufführung i IMe größte Sünde. Wolsgnng Behring: Franz Merker. Vssinu-Theater Lothringer Straffe 87. Heute 8 Uhr; Der Oberganner. Komödie in 8 Akten von Mirslt. Vorher: Büntes Programm. Sonntag 4 Uhr: Familie Ktinkert. Polles tapriee. Anfang S'l, Uhr. Sicher ist sicher. Neuer bunte» Teil. Oer lann meiner Trau. 1 Karl haverland Ansang Theater präz. 8 U 77/79 Kommandantenstraffe 77/79. 4 neue erstklassige-g«i "** Spcnlalltlttvn. Schlager auf Schlager! Keiedsdnlien-Tdealei'. kjttcttlncr billnKcr Zum Schluß, neu: Der Nachnvitchter von Zerpenschleuse. Ltudsnienbild v. F. Meysel. Anfang: Wochent. 8 Uhr. Sonntag» 7 Ubr. iPüllt�il ein Morifiplsli Anf.8 Uhr Nie Kiriilsüischr Liirjtk»- Familie Siloiiesllll Jaglo in ihren geheimnisvollen Künsten. Sonntag nachm. 31/, Uhr; Große illuiig tu kleinen Preisen. Verstell m£ Un Kind frei. jphnachts- Messe HB OresdenerStr. 34;35l|l(älteste u. II Luisenhof III grSBte) Täguch- KONZERT. Eröffnung: Wochentag« 5 Uhr. Sonntags 3 Uhr. Entree Sonntag? Ä, wochentags lOPff Weibnachts-prämien für Misere Leser. Zhakespeare; Amtliche«IramaMche Tiibvhß?" drei eleganten Leinenbänden gebunden(zirka IM vi llv* 2800 Seiten umfafiend). Uebersetzt von 91. W. v. Schlegel und L. Tirck. Mit einer biographischen Einleitung von Rudolph Genöe. Preis mir 8,50 M. Von den vorjährigen Weihnachts-Prämien sind noch vorhanden: Schillers Werke s Bände illustriert.... 3,30 M. Keines Werke 3,30 M. Kaikländers Werke 2 Bände illustriert. 3,30 M. Freiligraths siimtl. Werke LS�ged 3,00 M. Gerstälkers Werke 2 Bände illustriert.. 3,30 M. Grillparzers siimtl. Werke LÄ. 3.00 M. �5aethes Werke 2 Bände illustriert... 3,30 M. Knkwig, Iwischen Himmtl und Erde. Ltö.3>00 M. Renters sämtliche Merke fÄ 3,00 M. Klaffiftcr. Die nachstehenden Preise gellen sür Leineneinbände.— Dieselben Klassiker i» besserer Ausstattung und Halbsrangeinband kosten zirka SO Prozent mehr. Börne...... 3 Bände 6,— M. Brinkmann.... 1 Band 2,—„ Börger...... 1„ 2,—.. Byron 3 Bände 6,—„ Chamisso..... 1 Band 1,75 Eichendorff.... 2 Bände 3,50„ Goethe... Auswahl 6, 6,—„ Goethe...„ 4„ 6,—„ Goethe...... 8„ 14,—„ Grillparzer.... 4„ 6,—„ Hauff...... 2„ 3,50 ,. Hebbel...... 5„ 7,50„ Heine...... 4„ 6,—„ Herwegh..... I Band 2,—„ Hoffmann..... 4„ 8,—.. �bsen»»..«» 4 tp 6,—„ H. v. Kleist.... 2„ 3,50 ,. Körner 1 Band 1,75„ Lenaa...... 1„ 2,— Lesfing...... 3 Bände 5,—.. Ludwig...... 2„ 3,50 Mörike...... 2 4.—„ Reuter...... 4„ 6,—„ Rnckert...... 3., 6,—„ Schiller...... 4„ 6,—„ Shakespeare.... 4„ 6,—., Stifter...... 2„ 4,-„ Uhland...... 2„ 3,50„ Qelegraheitshänfe. Carus Sterne, Mkrdeu und Nergkheu. geschichte des Naiurganzen in gemeinverständlicher Darstellung. Heraus- gegeben von Wilhelm Bölsche. Zwei starke Bände illustriert. Statt-20 2W. nur 10 Dt. Wilhelm Kölsche, Enwickklnngsgkslhichle der Nuw. 2 Lände ill., statt t8 M. nur ly M. Wilhelm Kölsche, Was ist dik Natur. 1 Band, statt 3 M. nur I.SV M. K. Komineli, Die Vstunienlvklt. 1 Band ill.. statt 5 M. nur Z.S0 M. vr. F. W. Paul Lehmann, Flinder-«. Völkrritunde. 2 Bände ill., statt 18 M. nnr 10 M. Dr. Franx Linke» Moderne Fustschiffohrl. 1 Band ill., statt 6 M. nur 3,30 M. C. A. Koßmäßler, Der Mensch im Ipiegel der Natur. 1 Band, statt k M. nur 2,30 Dt. Keimunk Schäfer, Hochtouren in den Alpen, Spanien, Nordafrika, Kalifornien und Meliko. 1 Band ill.. statt 12 M. nur 4 M. Dr. F. W. A. Zimmermann, Das Weltall. 1 Band ill., statt 9 M. nur 4 M. Die phystkalifchen Kräfte im Dienste der Gewerbe, der Knust und der Wissenschaft. 1 Band ill., statt 12 M. nur»,3V M. Prof. Dr. L. KLichner, Dos Such vom langen Leben. 1 Band, statt 6 M. nur 2,40 M. William Morris, Zeichen der Zeit. 1 Band, statt 4,50 M. nur 1,30 M. William Morris, Neues aus Airgendiaud. 1 Band, statt 6.50 M. nur 2 M. Gustav Schalk, Deutsche Heldensagen. 1 Band ill., statt 5 M. nur 4 Bt. Dostojewski, Der Idiot. Brosch. statt 8 M. nur 2 M» in Bänden geb. 4 M. Du Ritter der Ardeil. � Äl'S.?" s""" Äartonnieit, statt 2 M. nur 1 M. Z« Grschenkk» besonders empfohlen: A. Kekel, Die Lrau und der Sozialismus. Jubiläums-Ausgabe<50. Auf!.) Eleg. geb. 3 M. Georg Graduaner, Derfassungsweseu und Per- fassnugskämpfe in Deutschland. i Band O W. Heinrich Cunow» Die revolntionäre Ieitnngs- literatnr Frankreichs während der Jahre 1759/94. l Band ill., 7,50 M. Friedrich Engels, Der deutsche Dauernkrieg. Herausgegeben von Franz Mehring. Geb. 2 M. Wilhelm Klos, Die deutsche Nrvolntion von 1848 und 1849. 1 Band ill., 4 M. Wilhelm Klos, Jie franziisssche Revolution von 1789. 1 Band ill., 4 M. Karl Kantsky, Der Ursprung des Christentums. 1 Band, 3.75 M. Franz Mehring, Ans dem literarischen Nachlast von Karl Man, Friedrich Engels».Ferdinand Fassalle. 4 Bände, geb. 20 M. Franz Mehring, Geschichte der dentschen Sozial- demokrafte. �»ände. geb. 20 a». Wilhelm Weitling, Garantien der Harmonie " und Freiheit. Herausgegeben von Franz Mehring. 1 Band, 3 M. Wilhelm Wolff, Gesammelte Schriften. Herausgegeben von F r a n z M e h r i n g. 1 Band, 2 M. Jürgen Krand, Ulenbrook. i Band. i.so M. Kurt Grottewitz, Unser Wald. Herausgegeben von Wilhelm Bölsche. 1 Band ill., 3 M. Kurt Grottewitz, Sonntage eines grostssädtischen Arbeiters in der Uatur. Mit einem Vorwort von Wilhelm Bölsche. 1 Band, 1 M. O. Köhler, Die Wnnder des Kosmos. 1 Band ill., 5 M. K. Langkanel, Der Mensch und seine Rassen. 1 Band ill., 5 M. G. Precrang, Im Strom der Zeit, Gedichte. 1 Band 2 M. Robert Seidel, Fichtglanbe und Zukiinftssonue, Gedichte. 1 Band 2,50 M. Erckmann-Ehatrian, Frau Therese. 1 Band ILO M. Stefan Grokmann, Heriliche Griiste, Geschichte». 1 Band 2L0 M. Dictor Hugo, 1793. Rom«' i«and 3 M. Ioh. n. Wildenradt, Der Zöllner von Klanseu. Geb. 1,50 M., bessere Ausgabe 3 M. 2_ 2,— 2,50 M. Ed. Engel, Geschichte der deutschen Fiteratnr von den Anfängen bis in die Gegenwart. 2 Bände 12 R. Henriette Davidis, IlluSrjertes prakt. Kochbuch. _ Geb. 2 M. E. Sonnemann, Eine Reise nach Iliand und den Westmännerinseln. Reisebriefe und Tagebuchblä«'/.XL7, Kartongröße 79X105. Preis pro Blatt» Vi. Porto 50 Pf. Jugendbildnis Laffalles. In künstlerischem farbigen Lichtdruck. Preis» M., gerahmt 4,3v bis V M. Porto 50 Pf. Künstler-Stemzeichnnngen. Drei verschiedene SujctS in vorzüglicher Ausführung. Schacht: Jugendzeit— Abendwoltcn— Dorsidyll. Preis in geschmackvollem Rahme«».SV M. Diefe Bilder sind durchaus geeignet, das Heim des Proletariers zu schmückco und wohnlicher zu gestatten. Jngendschriften. Die im Verzeichnis des BildungsauSschusseS ailsgestthrien Jugend- schristen find bei uns zu haben. DaS Verzeichnis wird gratis verabfolgt. Bilderbücher sind in reicher Auswahl und in allen Preislagen vorhanden. GxpeMti»« des„Uorwiirts" Keru» sw. es. Lindenstratze 69(Laden). verantwortlicher Redakteur Richard Barth, Berlin. Für denJnseratenteilverantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u.Verlag: VorwärtsBuchdruckcrei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW« st.» 26. Mtdiu. 4. ßrilnjjf!ltö Jormürtö" Dtllllltl Polfelilutt. S-m«k«!..U.?eMkrlM. Hus Industrie und Handel. Die Ernte in Preußen 19V9. Ans einer ausführlichen Zusammenstellung der Statistisöben Korrespondenz, deren Material die Slbätzungen der Landwirtschnfts- lannnern darstellt, bringen wir nachfolgend einige Hauptangaben über die Ernten in Preußen. Im Jahre 1909 wurden an Wintergetreide geerntet: Weizen 1 870 Tausend Tonnen(1908 2064. 1907 1459). Spelz 27 l24. 22). Roggen 8 471(8 110, 7159). zusammen 10 374 Tausend Tonnen gegen deren 10 193 und 8 640 in den beiden Vorjahren. Vom Sommergetreide brachte der Weizen 389(285, 606), der Roggen 71 (66, 71), die Gerste 1 936(1 740. 2 005) und der Hafer 6 050 (5 123, 6190), zusammen 8446(7 214, 8 872) Tausend Tonnen. An Getreide überhaupt sind also im Berichtsjahre 18 820 Tausend Tonnen gewonnen worden, die reichste Ernte, seit überhaupt statistische Erhebungen hierüber vorgenommen werden. Im be- sonderen an den Brotfrüchten Weizen, Spelz und Roggen beträgt die diesjährige Ernteziffer 10 834 gegen 10 549 und 9 317 in den Jahren 1908 und 1907. Die nachstehende Zusammenstellung gibt Auskunst über die Getreideernten seit 1899. Tausend Tonnen Jahr Winter- Sommer- Getreide ■ getreide getreide überhaupt 1899...... 8 637 6 278 14 915 "WO...... 8 579 6 485 15 064 901...... 6 765 7 168 13 933 902...... 9 318 6 800 16 118 i903...... 9 017 7 480 16 497 1904...... 9 813 6 408 16 220 1905...... 9 225 6 430 15 655 1906...... 9 483 7 810 17 292 1907...... 8 640 8 873 17 512 1908...... 10 198 7 214 17 412 Mittel aus 1899 bis 1908..... 8 967 7 095 16 072 1909...... 10 374 8 446 18 820 Die letzte Ernte übertrifft demnach das Mittel aus den 10 Vorjahren um 17,2 Hundcrtteile. Die diesjährige Kartoffelernte wird auf 33 720 Tausend Tonnen geschätzt und übertrifft hiermit daS Mittel aus den 10 Vorjahren (29 876) um 12,9 Proz. Von den einzelnen Jahren brachten nur 1905 und 1901 mit 34 020 und 33 998 9 bezlv. 8 Tausendteile mehr. Die ErkraukungSziffer ist 1909 zwar höher als im Vorjahre. 4,1 gegen 3,5 Proz., bleibt aber hinter dem Mittel der letzten 10 Jahre, das sich auf 4.6 Proz. berechnet, zurück. Die nachstehende Tabelle gibt eine Uebersicht nach Ernteflächen und Erntemengen. ES betrug die Ernteflüche in Hektar, die Ernte- menge in 1000 Kilogramni: 1905 Winter- f Hektar wcizen\ Menge SonmiciW Hettar weizcn\ Menge Winter-/ Hektar Roggen\ Menge Sommer-( Hektar Roggen( Menge Sommer-( Hektar Gerste( Menge S»>°-(& Klee reff).( Hektar Heu I Menge Lu-erne j Uenge Wiesen( Hektar resp. Heu\ Menge 1 053 377 2 129 401 87 136 173 832 4 627 346 7 069 866 60 831 62 988 881545 1 660 822 2 733 411 4 532 252 2 274 042 1906 1 032 157 2 237 736 117 650 253 308 1907 771 666 1 459 259 235 778 606113 4 592 7 65 4 543 574 722 782 61 416 68 264 885 716 1 793 357 2 763 568 5 695 392 2 254 323 34 070 443 30 893 252 1 241 865 6 004 396 90 349 587 372 3 279 691 13 810 156 wie 2!>2 1 329 611 7 503 009 91 478 624 007 3 273 012 7 150 001 62 126 70 640 931 962 2 005 407 2 868 862 6 1 89 565 2 241 340 31 086 476 1 237 369 5 199 915 84158 474 879 3 379 561 1908 1909 971 303 2 064 241 134 550 284 844 4 602 373 8110115 58 552 65 572 873 438 1 740 448 2 803 218 5 123 097 2 233 606 32 187 534 1 327 843 7 366 216 87 124 563 493 3 276 971 13 867 556 904 057 1 876 254 155 602 388 538 4 623 897 8 471 007 58 298 70 597 884 519 1 935 891 2 824 696 6 050 504 2 255 014 33 719 634 I 294 631 5 283 768 89 421 441 814 3 271 807 10 907 239 Soziales. 14 712 308 12 238 302 die Getreide- und die Kartoffelernte ist Nicht so günstig 1909 der Heuertrag ausgefallen. Es wurden 5 281 Tausend Tonnen Klee-, 442 Luzerne- und 10 907 Wiesenb-u, zusammen 16 633 Tausend Tonnen eingebracht gegen 18 207 im Mittel aus den Jahren 1899—1908. In den einzelnen Jahren seit 1399 wurden gc- Wonnen 16 310, 14 993, 14 372, 19 130, 19 924, 14179, 20 402, 22 849, 17 913 und 21 797 Tausend Wonnen. Die Fruchtbarkeitsziffern des Berichtsjahres für Winterspelz, Winter- und Sonmierroggen, Sommergerste wurden in keinem der 10 Jahre erreicht; auch Hafer hatte nur 1907, Kartoffeln nur 1905 eine etwa» höhere Ziffer. Unter dem Mittel aus 1899—1908 blieben nur die Heuerträge, wie nachstehende Zusammenstellung zeigt. Hektarerträge in Kilogramm Also die Agrarier erfreuen sich einer glänzenden Ernte und das Volk muß Hungersnotpreise bezahlen. DuS ist die göttlich-agrarischc Weltordnung. Zwangsgesindi'. Der Ausschuß der landwirtschaftlichen Vereine in der Provinz Brandenburg hat seinem Vorstande den Auftrag er- teilt, bei der E i s e n b a h u v c r w a l t u u g dahin zu wirken, daß in ihren Betrieben nur Arbeiter usw. be- schäftigt werden, welche das 2t). Lebensjahr voll- endet haben. Oekononiierat Besselinaim begründete dies damit, daß dann die Arbeiter unter 20 Jahren bei der Land- Wirtschaft in Arbeit treten würden, wodurch die„drückende Leutcnot" wenigstens etwas abgeschwächt werde. Der Wahr- heit hätte die Begründung mehr entsprochen, die Groß- grundbesitzer wollen billige und willige Arbeitskräste haben. Leiden sie an Lcutenot, so sind sie selbst daran schuld: die Niedrigkeit der Löhne und die Behandlung auf dem Lande ist eine himmelschreiende. Das an die Eisenbahnverwaltung gestellte Ansinnen ist das Verlangen, durch Verwaltungs- maßnahmen die Freizügigkeit der Arbeiter ein- zuschränken und das mittelalterliche Institut des Zwangs- g e s i n d c s wieder einzuführen. Nach jahrhundertlangen Kämpfen gelang es den Junkern, seit dem 17. Jahrhundert die„Untertanen" zu Zwangsdicnsten zu pressen. Dieser frechen, schmachvollen, rcchtwidrigen Sklaverei mußten sich alle Einwohner auf 2— 4 Jahre unterwerfen, ehe sie ein anderes Gewerbe oder industriellen Dienst annehmen durften. Richter und Universitäten, welche diesen Zwangsdienst für einen Bruch der R e i ch S g e s c tz e erklärten, wurden durch die an der Kette der Junker liegenden Kurfürsten ge- niaßregelt. Das Institut des Zwangsdienstes fiel in Preußen endgültig durch das Oktoberedikt, das die volle Freiheit für jeden Untertan zum Martini 181» verhieß, um die Landbevölkerung, die Napoleon als Befreier aus junker lichen Sklavenketten entgegenjauchztcn, mit den preußischen Verhältnijsen zu versöhnen. Hundert Jahre spater stellen die Junker, wie man sieht, ein Ansinnen an eine Staats- behörde, das als eine maßlose Beleidigung von dieser empfunden werden müßte. Aber freilich, der Reichskanzler hat ja„Stetigkeit" als Grundsatz bei der Politik proklamiert. Und als einziger, stetiger Grundsatz der preußischen Ver- waltung ist das zu erkennen: alles zu tun, was die Groß- grundbesitzer verlangen. Die Großgrundbesitzer und deren Vertretungen haben freilich zu der Annahme Anlaß, daß die preußische Verwaltung auch ihrem Verlangen entsprechen wird, ihnen durch Verlvaltungsmaßnahmen billige jugend- liche Kräfte zuzuschanzen. Waren es doch preußische Ver- waltungen, welche im Interesse der Junker anordneten, ausländische Arbeiter vor den inländischen bei Mnalarbeiten und anderen auf Kosten der preußischen Steuer- zahlcr auszuführenden öffentlichen Arbeiten zu bevorzugen. N STRASSE ALEXÄNDERPLATZ Lebensmittel Presse nur für heute gültig FRANKFURTER ALLEE soweit Vorrat Pa. Hirsehwild Ragout Pfund Keule Pfund 75 Rücken Pfund 80 OK BlattJE tä-HfiPf. Pfund Starke Waldhasen......................................... 3" Rehwild 4-„«-»».»..5". 8" ca. ca. 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TageS-Ordnung: i. Vortrag des Schriftstellers Genossen Zl. 8«I»9tt« über„r'rtvilv»ut Erden and den Henfichen ein Wollige lullen". 2. Diskussion. Nachdem in beiden Lokalen: Gemütliches Beisammeuseitt und Tanz. Während der Versammlungen finden in den Nebensälen beider Lokale Vorlesungen und Unter« LoÄslckemokrsttsslier Wahlverein des 4. Berliner Jleichsiags-Wahlkreises. Am Sonntag, den 12. Dezember 1999, finden per Urabstimmung die Delegierten-Wahlen zum Preutzentag in solgenden Lokalen statt: P. Hoffmann, Gppklver Ztr. 47 P. Laaser, Faufiher Ztr. 35 baltungen für die Kinder statt. 221/9* Der Elnbernter: Max Menzel. Laufitzer Str. Sl. Ii n Slrbeitsnacliweid: Hoj L Amt 3. 1239, verwaltnngsftellc Verlin. Hauvrburea»- cdaritsstrsSo 3. Hos lll. Amt 3. 1987. Montag, den 13. Dezember: Bezirks- Versammlungen für die geismte Verwaltungsstelle Berlin in folgenden Lokalen: Hnnilnn(Trsel, Wedding u. Ornnicnbnrger Tomtndt): BUI UBil Bockbrnneret, Chaufieeftr. 64, abends 8>/, Übt. Vortrag des Genossen O. Siilier über:»Diesseits und Jenseits des Ozeans*. HOrdOfl' ,fbllf,OS Schwcdter Strafte 23. abends Vortrag bei Kollegen D. Handle über:»ReichsfinauzdalleS. Wirtschaftskrise und GrivrrkschaftSkümpfe*. worden I Ernnke» Eeutuitle, Badstr. 19, abends 8'/z Uhr. lVerd-West, Wiclcfstrafte 24. abends Vortrag des�RcichStaglabg. Dr. Eduard David über:»Die Be» ziehungcn der Gewerkschaften zu den Genoffenschasten*. besten und 8c!iönederg: �«�dS-uo/' abends 8'la Uhr. Bortrag des Kollegen K. W ü ck e über:»Die kommunale Arbeits- loscnversichcrung*. bStöN Keller» FestslUe, Koppenstrafte 29, abend» 8'/, Uhr. Vortrag des Kollegen R. Bahn über:»Deutsche Pinkertons*» lsteiltöNilörg El telt» I.okal, Pfarrstr. 74. abend» 81/, Uhr. Vortrag des Kollegen Hilpert über:»JnternatioualttSt und Rationalität*. Slrslau und Kummeisburg: abends 8'/, Uhr. Vortrag des Kollegen Pries ert:»Wesen deS Kapitalismus*. Aileii ullll Zilllest: 7:!- Rixdorf: Keppe, Hermannftr. 49, abends 8'/» Uhr. Vortrag des Genossen B ö s k e. Sebollbn»«, Ahornftrafte IS». avendS 8'/, Uhr. Sortrag des Genossen Schütte über:»Welterstehung«ud Welt- Untergang*. Ciisriolteilblirg: Volkshan», Rostnenstr. 3, abend» S'f, Uhr. Jahresbericht und Neuwahl der Bezirksleitung. Uldlftanedn' Roßkopf» Festattie, König- Chaussee 38. H CilirilacC. abends 8'/, Uhr. Vortrag des Genossen Krätzig über:»Die Bedeutuug des Arbeits- Nachweises für die Arbeiter". Ppeniek u. Frledrichshagen: strafte 44. abends 8'/, Uhr. Jahresbericht und Neuwahl der BezirlSIeitung. �NSNkis«' Restaurant Vorwärts, Schönwalder Strafte 89, SpttllUttU. abends 8'/, Uhr. Jahresbericht und Ncuwatil der Bezirlsleltung. nlittfvpiliinottrttidtt' im Lokal vonWnrnleke, Wilhelminen- usrrätuuueweiue. hofstrafte 48. abends 8>/, Uhr. TageS-Ordnung: Berichterstattung von der lrftteu Generalversammlung. BW Mitgliedsbuch legitimiert.*MU Zahlreicher Besuch wird envartet. 131/3 Mkllillnrbkitkr-Ntifichlileiider ss- isw a vo Pf. sind erschienen und im Bureau und bei den Kassierern zu Hube«._ Die Ortsverwaltung. l» Im Ortsvcrwaltang Berlin. Sonntag, den 1Ä. Dezember, vormittags 10 Uhr: 3ezirksversatttmUtngeii der Sinsetzer in folgenden Lokalen: 93/11 I. Herkon-Nkl, Anbreasstr. 26. JI. ächttdc, Kopcnhagener Str.7t. III. I.aniprccht, Pullitzftr. 10. IV. I'rcll, Rosenstr. 24, Rixdors. V. Wlemer, Bülowstr. 68. VI. Mix, Stchitzer Sir. 59. VII. Volkshaus, Rosinenstr 3, Charlottenburg. Vni. Mclrer, Wiesenftr. 29. P. Litsin, Memeltt Ztr. 67 K. Arndt, Nalisadenstr. 52 K. Rott, Ztrahmannstraße 29. Wahlberechtigt ist«nr das Mitglied, welches bis zum September dieses Jahres seine Beiträge entrichtet hat. Tie Wahlzeit beginnt 40 Uhr vormittags und endet 4 Uhr nachmittags. 221/6*_ Der Vorstand. Deutscher Transportarbeiter-Verband •. Bezirk Gross=Berlin. i- Bureau: Engeluser 14/15 II, Zimmer 33. Telephon: Amt 4, 2332. Achtung? Mitglieder Achtung! des Deutschen Transportarbeiter-Verbandes aus sämtlichen Brauereien und Niederlagen Groß-Berlins! Konntag, den 13. Dezember 1909, mittags 1ÄVs Uhr Große Versammlung in den„Musikersälen", Kaiser Wilhelmstraße 18 m. lageS'Orduung: l. Die ringfreien Brauereien und die von ihnen bennstten Arbeitsnachweise. 2. Der Ablaus von Tarisoerträgen in verschiedenen Brauereien. 3. Bericht über den allgemeinen Stand der Lohnbewegung in den Lagerbicrbrauereicn. 71/16 Vollzähliges Erscheinen aller ist unbedingt notwendig. Mitgliedsbuch legitimiert. Die Branchenleitung. ftveigvoreia Berlin und Umgegend.(Sektion der Tdpferträger.) Achtung i Töpferträger! gchtn"3' Montag, den 13. Dezember, adendS 8 Uhr, im GewerlschaftShaufe' Engelufer IS. Saal 7: Mitglieder-Versammlung. TageS-Ordnung: 31/8 1. Bericht von der Verttetersttzung. 2. VeibandSangetegenheiten. In dieser Vcrsammlmig weiden die neuen Lohniarise nur gegen Bor« zeigung des Mitgliedsbuches oder der Kontrollkarte an unsere Mitglieder verabfolgt._ Per Zw clgverein»vor»tand. Verband der Steinsetzer, Pflasterer». berufsgenossen Deulsctilands. Filiale Orott-Hcrlin..,■ Dienstag, de» 14. Dczemver 4999. abends 7 Uhr, bei F. Wille, Brunnenstr. 188: Versammlung der Sektion I(Steinsetzer), und am Mittwoch, de» IS. Dezember 1999.«beudS 7 Uhr i Versammlung der Sektion 11(Kammer). TageS-Ordnung: 1. Beratung der Anträge zum Bsrbandstag. 2. Nominierung der Delegierten zum Verbandstag. Wir ersuchen die Kollege«, der wichtigen Tages-Ordnung halber, pünktlich zu erscheinen. <—' Mitgliedsbuch legitimiert.— 175/16 Der Vorstand. rOarderob®"*! Jerren, Damen Kinder i und in Biesenaas wähl wöchentlich 1 Mark. Pelz-Stolas 3 Mk» Anzahlung an. Möbelt" Ferner: Mktie. üsulllMummii. Gaskwnen, Portieren, Wäsche ■ USW.--------- ! Jeder Käufer erhält ein Weihnachtsgeschenk. 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Wir werden über den Ausgang des Prozesses berichten._ Die Verzweiflungstat einer Mutter lag einer Anklage wegen versuchten Mordes zugrunde, die die der- ehelichte Martha Risiau vor die Geschlvorenen des Landgerichts III führen sollte. Die Angeklagte ist seit etwa sieben Jahren in zweiter Ehe mit dem Stratzenbahnschaffner Ristau verheiratet. Aus ihrer ersten Ehe stammen zwei halberwachsene Kinder, aus der zweiten Ehe das jetzt bald dreijährige Töchterchen Erna. Die Ehe gestaltete sich unglücklich, denn Frau R. regte sich oft über die nich- tigsten gründe gewaltig auf und es kam wiederholt zu Tätlichkeiten zwischen den Eheleuten. Am Abend des 21. August kam es wieder zu einem Zerwürfnis, das damit endete, daß der Ehemann grollend das Haus verlieg. Nunmehr beschlotz Frau R. Selbstmord zu ver- üben und die kleine Erna mit sich in den Tod zu nehmen. Sie schickte ihre beiden älteren Kinder fort, verriegelte ihre Stubentür und zündete im Ofen Feuer an. Dann stellte sie einen Eimer mit glühenden Kohlen vor ihr Bett und legte sich mit der kleinen Erna schlafen, um auf diese Weise den Erstickungstod zu finden. Als die beiden ältesten Kinder gegen 11 Uhr heimkehrten, nahmen sie starken Kohlengeruch wahr und benachrichtigten eine Nachbarin und die Polizei. Als die Tür gewaltsam geöffnet wurde, fand man die Frau in besinnungslosem Zustande vor, während die kleine Tochter noch bei Bewußtsein war. Aerztliche Hilfe beseitigte bei Frau N. bald jede Gefahr, die Bedauernswerte wurde jedoch vor- übergehend in Haft genommen und das Verfahren wegen ver- suchten Mordes gegen sie eingeleitet. Rechtsanwalt Dr. Aschheim, der ihr Verteidiger war, beantragte die Beobachtung der Ange- klagten auf ihren Geisteszustand und behauptete, daß sie sich bei der Tat in einem Zustande der höchsten Verzweiflung und Er- regung befunden, der ihre freie Willensbestimmung ausschloß. Da das ärztliche Gutachten auch in diesem Sinne ausfiel, so ist das Verfahren gegen Frau R. nunmehr durch das Gericht eingestellt worden._ Wegen versuchten Mordes verhandelte gestern das Schwurgericht des Landgerichts I unter Vor- sitz des Landgerichtsrats Thiele gegen den 30jährigen Arbeiter Ernst Mommert. Der Angeklagte wurde beschuldigt, gegen seine Ehefrau ein Rcvolverattentat verübt zu haben, als diese ihn nach vorauf- gegangenen ehelichen Zwistigkeiten Verlasien wollte.— Der An- geklagte hatte in verhältnismäßig sehr jugendlichem Alter ge- heiratet. Die noch viel jüngere Frau verstand nach seiner Be- hauptung nicht zu wirtschaften und kam mit dem reichlich be- messenen Wirtschaftsgeld nicht aus. Wiederholt soll es auch vor- gekommen sein, daß er des Abends, wenn er nach schwerer Arbeit i jjmch Hause kam, kein Mittagesien vorfand, da. wie er behauptet, seine Frau das Wirtschaftsgeld in Putz und Tand anlegte. Die Frau wiederum behauptet, daß ihr Mann häufig nicht gearbeitet und ihr die ganze Sorge für den Haushalt überlasien habe. Vor Gericht gab der Angeklagte ferner an, feine Frau habe, während er eine ihm wegen Verleumdung und Unterschlagung zudiktierte zweimonatige Gefängnisstrafe verbüßt habe, es auch mit der ehe- lichen Treue nicht genau genommen und ihm dies auch einge- standen.— Am 3. Oktober d. I. wurde dem Angeklagten mitgeteilt, daß seine Ehefrau in ihrer Naunynstr. IIa gelegenen Wohnung in Gemeinschaft mit ihrer Mutter alle Sachen zusgmmenpacke und ihn vorlasien wolle. Er eilte sofort nach der Wohnung, um seine Frau an dem Fortziehen zu verhindern. Als diese sich weigerte zu bleiben, gab er aus einem Revolver zwei Schüsse ab, welche die Frau am— Strumpfband streiften, sodaß dieses entzwei ging.— Gestern erklärte der Angeklagte, daß er nicht die Absicht gehabt habe, seine Frau zu töten oder zu verletzen. Er habe vielmehr nur Schreckschüsse abgeben wollen, um seine Frau am„Rücken" zu hindern. Die Beweisaufnahme zog sich bis in die späten Nach- iiiittagsstunden hin.— Staatsanwalt Dr. Klinke trat für Be- johung der Schuldfrage im Sinne der Anklage ein, während Rechts- anmalt Dr. Bötzow die Freisprechung für geboten hielt und allen- falls eine Bedrohung als vorliegend erachtete. Die Geschworenen bejahten die Schuldfrage wegen versuchten Totschlags unter Zu- billigung mildernder Umstände. Der Angeklagte wurde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt._ Schiebung. Welcher Unfug häufig mit eidesstattlichen Versicherungen ge- krieben wird, die zumeist nur als Hilfsmittel bei gewissen„Schiebun- gen" dienen, zeigt wieder einmal eine Verhandlung, mit der sich gestern unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Seligmann die 4. Strafkammer des Landgerichts II zu beschäftigen hatte. Ange- klagt wegen Abgabe einer wissentlich falschen eidesstattlichen Ver- sicherung war die S9jährige Rentiersfrau Anna Teichert aus Potsdam. Der Schwiegersohn der Angeklagten ist der in Ungarn gebürtige Musiker Julius Kurucz. Dieser hatte etwas leichtsinnig mit seinem Hab und Gut gawirtschaftet, sodaß er schließlich in Schulden ge. raten war und er nicht einmal seinen Schneider bezahlen konnte. Die Folge war eine Zwangsvollstreckung in seiner Wohnung, bei der seine sämtlichen Möbel versiegelt wurden. Wie in tausend gleichen Fällen, trat auch hier plötzlich die Ehefrau des Schuldners als„Retterin in der Not" auf und reklamierte die gepfändeten Sachen als ihr Eigentum. Um dies glaubhaft zu machen, bed'ente sie sich eines nicht gerade sehr anständigen Mittels. Sie erschien eines Tages bei ihrer in Potsdam wohnhaften Mutter und legte dieser ein Schriftstück vor mit der Bitte, es zu unterschreiben. Die alte Frau ließ sich auch überreden und unterschrieb das Schrift- stück, in welchem sie die Erklärung abgab, daß die gepfändeten Möbel Eigentum ihrer Tochter wären. Die jetzige Angeklagte be- hauptete, daß ihre Tochter ihr damals verschwiegen habe, daß es sich um eine eidesstattliche Versicherung handelte.— Die Frau Kurucz zog es vor, nachdem sie mit Hilfe der eidesstattlichen Ver- sicherung ihrer Mutter die Freigabe der Möbel erwirkt hatte, mit ihrem Ehemann Deutschland zu verlassen und nach Ungarn zu flüchten.— Das Gericht verurteilte die Angeklagte nur zu drei Tagen Gefängnis._ Berliner„Pilsener" verboten. Die von der Rechtsliteratur mehrfach vertretene Feststellung, daß Münchener und Pilsener Bier, keine Gattungsbezeichnunge», sondern Herkunftsbezeichnungen sind, ist in den jüngsten Tagen vom Reichsgericht infolge eines Rechtsstreits des Bürgerlichen Brau- Hauses in Pilsen und anderer Pilsener Aktien-Brauereien gegen die Berliner Firma„Pilsener Brauhaus, Gesellschaft m. b. H.", in Berlin, in bdzug auf das Pilsener Bier bestätigt worden. Eine Klägerin hatte gegen die Berliner Firma auf Unter- kaffung des Gebrauchs der Firma Pilsener Brauhaus geklagt. Ge-, stützt ist die Klage auf die§§ 18 und 37 des Handels-Gesetzbuchs, auf§ 16 des Warenzeichengesetzes und§ 1 des Wettbewerb- gcsetzes. Die Bezeichnung„Pilsener Brauhaus" soll geeignet sein, in dem unbefangenen Biertrinker den Glauben zu erwecken, es handle sich um echtes Pilsener Bier. Der Zusatz„Berlin", der erner Verwechselung der Firmen vorbeugen könnte und geeignet wäre, die Firmenführung damit zu einer erlaubten zu machen, ist in der Firma der Beklagten nicht enthalten. Das Landgericht Berlin erkannte nur insofern abweichend, als es die Bezeichnung„Pilsener Bier" als gerichtsnotorisch be- kannte Gattungsbezeichnung ansieht und deshalb die Klägerin ab- wies. Es handle sich hier stets darum, die Methode des Brauens auszudrücken. Das Kammcrgericht dagegen sieht als gerichts- notorisch feststehend an. daß„Pilsencr Bier" Herkunftsbezeichnung ist. Es nimmt Bezug auf Auskünfte, die es vor etwa elf und zehn Jahren aus Anlaß ähnlicher Streitigkeiten beim Patentamt ein- geholt hat und die ebenfalls„Pilscner Bier" als Herkunfts bezeichnung ansehen. Während das Landgericht die Klägerin ab- wies, erkannte das Kammergericht auf Verurteilung der Beklagten zur Unterlassung des Gebrauchs der Firma. Es sieht die Ver. wcchselungsgefahr als gegeben an, da der Firmcnzusatz„in. b. H." nicht besonders auffällt und weil auch nicht jeder Biertrinker sich vorher erkundigt, ob er echtes Pilsener erhält. Gegen das Urteil des Kammergerichts hatte die Beklagte Revision beim Reichsgericht eingelegt. Der zweite Zivilsenat er- kannte jetzt auf Zurückweisung der Revision. Vermischtes. Schneefall und Verkehrsstörungen. Nach einer Meldung aus München sind infolge unaufhörlichen gewaltigen Schneefalles allent- halben große Verkehrsstörungen eingetreten, insbesondere auf de» Bahnstrecken nach dem Osten, dem Süden und dem Westen. Schnell- zug 18 von Salzburg hatte über vier Stunden Verspätung, weil er lange in Traunstein eingeschneit war. Der Orientzug 11 von Paris hatte zwei Stunden Verspätung, die direkten Wagen konnten nicht nach Deutschland eingebracht werden. Der Personenzug 1462 von Kochel war bei Ort stunden- lang eingeschneit. Der Persouenzug 1274 ist bei Sanerlach einge- schneit. Die Lokalbahnlinien Dorfen— Velde» und Endors— Obing sind gesperrt. Der Betrieb auf den großen Bahnhöfen, besonders Müuchen-Hauptbahnhof und München-Laim, gestaltet sich sehr schwierig. Die Schiebebühne im Hauplbahnhof wurde erst nach stundenlanger Arbeit freigebracht. Auch in der Stadt ist der Verkehr sehr gestört, besonders der Straßenbahiwerkehr ist zum Teil unmöglich. Die Opfer der Gasexplosion in Hamburg. Nach neuesten Meldungen sind von den bei der Katastrophe ver- letzten Personen noch zwei Arbeiter, und zwar die Maurer Ferdi- nand Voß und Brüggmann gestorben. Die Zahl der Toten beträgt nunmehr, einschließlich des vermißten Eiverführers, achtzehn. Das Befinden zweier Schwerverletzten ist bedenklich. Morgen findet die gemeinsame Bestattung der Opfer statt. AuS dem Leben der Tugendrosen-Königi«. Aus dem Leben der Königin Jsabella von Spanien erzählt' Sigmund Münz im Dezeinberheft der„Deutschen Revue"(Stuttgart, Deutsche Verlags- anstalt) eine charakteristische Episode, deren Kenntnis er dem im letzten Sommer verstorbenen spanischen Botschafter in Wien, Marquis de Cosa Arellano, verdankt. Eines Tages war die Königin auf einer Reise durch Galicien begriffen, in einer kleinen Stadt Spaniens angelangt. Man stieg im Munizipalpalast ab, wo für Mittag ein großes Mahl von etwa 166 Gedecken anberaumt ntar. Vormittags fand in der Kathedrale ein Tedeum statt, wobei die Orgel gespielt wurde. Einige Tenöre ließen sich vernehmen, und auch eine mächtige Baßstimme wurde von obenher laut. Die Königin wurde von diesem Baß mächtig berührt. Als das Tedeum vorüber war, ließ sie Erkundigungen über die Person des Sängers einziehen, und man bedeutete ihr, es wäre ein Kurat des Ortes. Sie ließ diesen Geistlichen zu sich kommen. Seine äußere Er- scheinl'.g, die nicht gewöhnlich imposant war, verstärkte noch den Eind.uck, den ihr bereits sein Gesang gemacht hatte. Sofort ver- anlatzte sie, daß auch er zum Dejeuner im Munizipalpalast ein- geladen wurde, was nicht unerhebliches Aufsehen machte. Für 4 Uhr war die Abreise von dem Orte in Aussicht genommen. Ein Zug von Wagen und Pferden hätte die Königin und ihr Gefolge nach der nächsten Stadt bringen sollen. Wie aber war der Minister überrascht, als nach beendetem Mahl, nachdem die Königin sich zur Siesta hätte zurückziehen sollen, von dieser die Anordnung getroffen wurde, es möchte ihr ein Klavier ins Zimmer gebracht werden und sich zu ihr auch der junge Geistliche mit der mächtigen Baß- stimme begeben, damit sie seinen Gesang begleitete. Längst war die Stunde gekonimen, für die die Weiterfahrt der Königin mit ihrem Gefolge beschlossen war. Unten warteten Wagen und Pferde. Der Minister war in schwerster Verlegenheit. Die Königin hatte sich in ihrem Zimmer eingeschlossen, und der Sänger war bei ihr. Es wurde b, es wurde 6, es wurde 16 Uhr abends, erst dann öffnete sich die Tür. Die Königin ordnete miF an, daß die Weiter- fahrt erst am nächsten Morgen um 16 Uhr stattfinden sollte. Der Priester blieb die Nacht über im Hause. Am nächsten Morgen geschah es, daß Dokumente aus der Hauptstadt eintrafen, die nach der Unterschrist der. Königin verlangten. Die Königin unterschrieb, und während des Unterzcichnens befragte sie den Minister, ob nicht eine Erzpriesterstelle in Toledo frei wäre. Der Minister erwiderte: „Nicht, daß ich wüßte." Da meinte die Königin:„Dann muß man eine solche kreieren", und auf der Stelle unterschrieb sie die Er- nennung des jungen Priesters zum Erzpriester von Toledo. Damals war die Königin noch eine junge Frau. Aber sie behielt ihre Unruhe und ihre Leidenschaftlichkeit bis zu ihrem Lebensende.— An der Königin Jsabella demonstrierte der Botschafter, wie sehr die Kurie sich darauf verstünde, opportunistisch zu sein.„Wer," er- zählte er einmal,„hätte sich einbilden sollen, daß der Königin, die doch nichts weniger als ein Tugendspiegel war, vom Papst die Goldene Rose verliehen tverdcn könnte? Und doch geschah unter Pius IX. das Unglaubliche. Als sich im Rate der Kurie Stimmen gegen diese Verleihung aussprachen, begegnete ihnen der Papst auf die Inspiration gewisser Elemente im Kardinalskollcgium, die für die Verleihung waren, mit dein Bemerken, es könnte der Kirche in Spanien von Schaden sein, wenn die Kurie zu hartes Gericht über die Königin hielte. Man dürfte patriotische Empfindlichkeiten in Spanien nicht verletzen, wo so große kirchliche Interessen im Spiele stünden. Es sei allerdings nicht zu leugnen, daß Königin Jsabella keinen tugendhaften Lebenswandel führe. Aber die Schuld sei nicht an einem Hang zum Laster gelegen, sondern die Königin sei schwerkrank und infolgedessen zu Exzessen des Fleisches geneigt. Diese krankhafte Veranlagung aber sei, da sie in das Gebiet der Psychose gehöre, mit dem Mantel der christlichen Liebe zu be- decken." Karl Marx arretiert. Eine Geschichte, die eher in Preußen hätte passiert sein können, ineldet man aus Tulcea, einem Städtchen an der unteren Donau im rumänischen Deltagebiet. Dort hatte sich jemand eine Barke gekauft«nd sie auf Anraten eines guten Freundes„Karl Marx" getauft. Monatelang trug das Schifflein feinen Besitzer, de- damit auch an Wasserfesten auf der Donau teilnahm, sogar an solchen, die unter dem Patronat des Bezirks- präfekten des Distrikts Tulcea stattfanden, das Fahrzeug wurde bei solchen Gelegenheiten sogar von Staatsbeamten(!) benutzt, — ohne das irgend jemand ein Unbehagen wegen des revolutionären Namens verspürt hätte. Der glückliche Besitzer des„Karl Marx" mutzte vor einiger Zeit verreisen und war nach seiner Rückkehr nicht wenig erstaunt, sein Schifflein nicht mehr an dem Platze wiederzufinden, wo es sich vor seiner Abreise befunden hatte. Nach langem Suchen findet er den„Karl Marx" endlich vor dem Gc- bäude des Hafenkapitanats vor Anker liege». Als er die Barke zurückverlangt, wird ihm bedeutet, daß„Karl Marx" seines revo- lutioiiären Namens wegen arretiert sei. Und der Hafenkapitäii gab das Schifflein nicht eher frei, als bis ihm vom Besitzer Jhocli und teuer versprochen worden war, den Namen„Karl Marx" in einen anderen, weniger gefährlichen umzuändern. Heute heißt der frühere„Karl Marx"„Abb ul Hamid", nach Ansicht des Hafen- kapitäns in Tulcea jedenfalls ein würdigerer Name als der frühere. Und das merkwürdigste an der ganzen Geschichte ist, daß der forsche Hafenkapitän bis zur Stunde noch keinen Orden für seine staats- rettende Tat erhalten hat.— Aus Grund geraten: Aus Flensburg wird gemeldet: Das Schul- schiff„Wihttemberg" ist gestern nachmittag gegen 4 Uhr bei der Rück- kehr vou einer Schießübung auf der Außcnfvbrde' iiifolge dichlcn Nebels östlich von Holnis in der Nähe von Glücksburg auf sandigen Grund geraten. Die Abbringimgsarbeiten haben begonnen. Den Schädel zertrümmert. Aus Düsseldorf wird gemeldet: Der Hafenarbeiter Jakob Schäfer zertriinimerte seinem Kollegen Otto Lippitfch mittels Schlagricmeu nach vorhergegangene», kurzen Wortwechsel den Schädel. Lippitfch ist gestorben, der Täter ge- flüchtet. Ein entsetzlicher Unfall wird aus Frankfurt a. M. gemeldet. In einer elektrolechnischen Fabrik in der Adalbertsiraße geriet eine 16jährige Arbeiterin mit den Haaren in die Aiitriebsvorrichtuug einer Bohrmaschine. Die Haare wurden ihr vollständig ausgerissen und der Kopf teilweise skalpiert. Das Mädchen wurde schwerverletzt nach dem Kraukenhause gebracht. Ei» Rechtsanwalt als Defraudant. Der Rechtsanwalt Wegencr in Stettin hat sich der dortigen Behörde gestellt und gestanden, daß er seit längerer Zeit Mündelgelder unterschlagen hat. Der ungetreue Rechtsanwalt wurde in Untersuchungshaft geuomnien. Fünf Arbeiter und sieben Aufpasser. Einen Beitrag zur Beamten- und Bulcaukratenwirtschaft im Deutschen Reich liefert nachstehende Meldung aus Siegen: Wie teuer der Post die Banaussicht zu siehen kommt, wurde hier in einer Versanimlnng der Post- und Tclegrnphenarbeiter erörtert, indem folgendes festgestellt wurde. Zur Verlegung eines Fernsprechkabels in einer Straße, mit der fünf Arbeiter etwa 14 Tage beschäftigt waren, wurden zur Banaufsicht folgende Beaiiite verwandt, die auch stets anwesend waren: ein Direktor, ein Obersekrctär, ein Sekretär (Kabelineßbeamter), ein Bauführer,-zwei Leitungsaiifseher und ein Vorarbeiter. Das ergibt auf fünf Arbeiter sieben Beamte resp. Auf- paffer. Der Fall erinnert au das hübsche Poen» vom PosthilfSboten Säbelbein, das vor einigen Jahren durch die Blätter ging. Der Posthilssbote Säbelbcin lädt auf einer Bahnstation für Berlin Pakete ein lind wird bei dieser Arbeit von, Hilfspackmeister Livius kontrolliert, während dieser wiederum vom Praktikanten Stiefelbrandt, der Praktikant Stiefelbraudt vom Oteriekretär Schelle und der Ober- sekretär Schelle vom Herrn Postdireltor überwacht wird. Der„Er- folg" dieser strengen und gewissenhasten Ueberwachung bleibt denn auch nicht aus: Die Pfeife tönt, fort fährt der Zug. Ach, leider war nicht Zeit genug, Daß auch der Hilfsbot Säbelbein Lädt sämtliche Pakete ein. Es bleibt, o biltres Mißgeschick. Der Ladung Hälste noch zurück. Drauf schwindet in des Tunnels Tor Dahin des Amtes Direktor. Herr Schelle, Obersekretär, Klabastert spornstreichs hinterher; Worauf der junge Stiefelbrandt Im Wartesaale'„I" verschwand Und LiviuS trinkt aus Verdruß Bei„Gustav" einen Schnaps zum Schluß. Auf dem Perron steht ganz allein Der wackre Hilfsbot' Säbelbein Und spricht:„So geht es allemal, Wenn Mangel ist an Personall" ist Allgemeine Kranken- nnd Sterbekasse der Metallarbeiter (E. H. 23, Hamburg). Filiale Berlin 5. Sonnabend, den lt. Dezember, abends 8'/, Uhr, bei Freiheit, Dragonerstt. 15: Mitglieder- Versammlung. Berein ehemaliger Hohenelser. Sonntag, den 12. Dezember. abends TI, Uhr: MonatSversammlung bei C. Berndt, Köpenicker Straße 147. Um 7 Uhr: Vorstands- und Kommissionsfitzung. Ehemalige Hohenelser willkommen._ WitterungSiideriich» vom 10. Dezember l 000, morgen»« llhr. Stationen Zlolnemde"73 DäD damburg>773 S Berlin>773 NNW Franti.a M 774 NW München!772W Wien 769 WNW Wette, 1 Dunst 1 Nebel 2 bedeckt 3 wolkig 3 Schnee 3 bedeckt d* »« £? Mü 2 0 1 1 _ 2 2 Stationen »=■ II S« Wette, «? Ii Havaranda 759 SW Petersburg 778 S Scilly s76SSW Werdeen Pari» 751 SSW 774 SSO> 8 bedeckt j 0 2 bedeckt| 0 5 bedeckt; 8 4 wolkig> 11 2 bedeckt—1 '' Wetterprogiiole für Souuabend, den IN. Dezember 1000. Kühl, vorwiegend trübe und nebelig bei meist schwachen nördlichen Winde»! keine erheblichen Niederschläge. Berliner Wette rbureau. l WasserstandS-Nachrtchten ')+ bedentel Wuchs.— Fall.•) Unlerpegel.•) EiSstand. ♦) eisfrei. Nach telegraphischer Meldung war die Oder bei Natibor bis beute früh aus 330 cm gefallen, ist aber jetzt wieder im Steigen be- griffen. Kronleuchter für hängendes u.kie- c'_ä hcndes�ciSglühlicht, §£ Talonkronen u. i}l. --L 18.—, Speise- zinimerkriinen von M. Sö.-, Zug. In IUP eil n.y.'M 1.50, Ampeln p.tu.io.—. Aerknnf niiher- ordentlich billigen Preisen. Die Preise verstehen sich sertig angebracht, sind auch aus jed, Gegenstand verzcichn. P. 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Der Klaffen- staat, sagt er, hat Klassenschiileii geschaffen, wer Geld hat, kann sich Bildung lausen.— Die zweite Broschüre ist eine Erlänierung unserer Programm- sordernngen, die wir In bezng auf die Schul« erheben und im Jnlereffe deS KuiturforischrittS erheben müssen. Erpedition des„Vorwärts" HWMMWMMtMM Sie brauchen Ihr Geld Dicht auf einmal auszugeben, wenn Li« Ihren Bedarf in* "Herr PI»- und Damen-Konfeknon, sowie Möbel Jeder Art im Möbel-Kredit-Haus Alsxanderplatz-Pas8age,�Sndep*tr- 5940 WoobB Kleinste Anzahlung> von 1 M. an A) Sehwcinefleiscb. Schinken u. Schlüter, Im Ganzen 78 Pf. Kasteler u. frischer flamm..88. Kasselerloleleit...... 90. Liesen«. Rückensett.... 80, stichweine-flldnfliisch..,. 35. Frische» Rippespeer.... 90. B) Kalbfleisch. Kalbskeule u. Rücken 85 Ps., SO Ps. Kalbskamm....... 80. Kaldssricandea» n. Schnitzel l,60 M. o Rindfleisch. Schmorfleisch ohne Beilage.. 80 Ps. Rouladen........ 90. Filet, ausgeschalt.... l.sO M. 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Verantwortlicher Redakteur Richard Barth, Berlin. Für dengnseratenteil verantw.: Ttz. Glocke, Berlin. Druck rüBcrlcig??.wrwürtz �Büchdruderei u. Verlagsanftall� Paul'Singer& Co.. Berlin SW,