NrSVI. HfionncmcntS'Bedinguno«!»: WomicmcnIS■ PreiZ pränumerando 1 Bicrtcljährl. 3�0 Md, tnonail. 1,10 SKt, wöchrnttich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg, SonnlagS- nummer mit illustrierter Sonntags. Beilage.Die Neue Bclt" 10 Pfg, Pofl- Abonnemcnt: 1.10 Marl pro Monat. Einaclragen in die Pofl-ZeitungS» Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich< Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat, Bostabonnements »chmeti an: Belgien, Dänemark. Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien. Schweden und die Schweiz. 26. Jahrg. vlchlinl täglich außer montags. Vevlrnev Volksblatk. vle Insertion;-eeblll»' veirägt für die sechsgespallene Kolanet« zclle oder deren Raum 50 Pfg., sü« politische und gewerkschaftliche Vereins- und Bcrsammlungs-Anzeigen 80 Psg. „Kleine Hnrdgen", das erste fseti- gedruckte) Wort 20 Pfg,, jedes weitere Wort 10 Psg, Stellengesuche und Schlaf- slellcn-Anzeigcn das ersle Wort 10 Pfg,, jedes weitere Wort 5 Pfg, Wort- Über IS Buchstaben zählen für zwei Warle. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 6 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition Ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adresse: „SozUlittinokrat ßtrlin". Zentralorgan der fozialdemokratifcben parte! Deutfcblands. Redahtion: SM. 68, Lindenstraeae 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Dienstag, den 14. Dezember 1909, Expedition: SM. 68, Lindcnötrasöc 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Quittung. Im Monat November gingen bei dem Unterzeichneten folgciidc Beiträge ein: Altona, 8. u, 19. schleslv,-holst. Wahlkreis, 9. Onart. 09 2128,53. Aalen, 13. württemb. Wahlkreis, 3. Oittirt. 09 10,92. '' i Grost-Berlin a konto seiner acht Wohlkreise 10 000,— sharnnter von , den Arbeitern der Firma I. CT. Pkast 15,—, von den Demonstranten am 17, Ott bei Keller, gesammelt im Lokal Welzer durch R. Dahinter 7.20, MonaiSbeilrag Ralchke 10.—, BleistegS Pierkasse 1,—, Freier 3.—, Adolf Richert 3,—, auü der Sechserkasse d, Fa. Schulze, Hasenheide 10,—, Kranzilberick, der Arbeiter PatzeiihoferBraucrci.Abt.U.Slromstr. 11,13, Tischlerei RöSler u. Schmidt zur Landtagstvahl. 2, Rate 30,02, von den NonfektionSschneidern der Fa. Peel u, Cloppenburg. Landtags-, wähl 20,—, Testersammlung bei Kliem. Hasenheide, 17. 10. 80,50, K.-V. Adlershos 11,85). Berlin, diverse Beiträge: Ucbersch. von Kranzspende Ritter 1,60. MachetcS 5.—. Dr. L. A. 100,—. O. D. 6.30. L. K. 10,—. KönigSb. Spreeathener 2,—. Gutenberg 41,20, Die Kontobucharbsiter v. Wedding 6,—. Ueber- fchiist der Kranzspende für Sponheim 3,—. Sammlung K, B, E. 11,50. P, S. 50.-. A, V, 50,-. M. 28. 2.-. Knabe 3,—. Bromberger Agitationsbezirk 2. und 3. Quartal 09. Wahlkreise: Lissa-Fraustadt 5,70; Gnesen 3,25; Samter-Obornik 13,03; Krotoschin 4,10; Wirsitz-Schubin 0,30; Adelnau-Schildberg(nur 2. Quart.) 3.95; Rowitsch-Kröben 7,10; Posen-Stadt 83,80; Kolmar-Filchne 22,30; Bromberg 23,46; Meseritz-Bomst(mir 3. Quart.) 1,75; Sa. 124,74. Bremen, sozialdemokr. Bercin a konto der Beiträge für 1909/10 2400,—. Braunschweig, 1. braunschiv.WahlkreiS(Braunschw-Blankcnb.), 3. Quart. 09 503,22. DeSgl. 2. Wahlkr.(Helmstedi-Wolsenbüttel) 102,90. DeSgl. 8. Wahlkr.(Holzminden- Gandersheim) 80,70, Baden-Baden. 8. badischer Wahlkreis, 3. Quartal 09 59,50. Backnang, 11. württemb. Wahlkr,, 3. Quart. 09 35,34. Benthe» (Oberschl,). AgitationSbez, Oberschlesien, 3, Quart. 09, Wahlkreise: ,)kattowitz-Zabrze 63,35; Beuthen-Tarnowitz 50,—; Ratibor 15,—; Gleiwitz 10,35; Plcb-Nybmk 5,10; Sa, 143,80. Bremerhaven, 19, Hann. Wahlkr. u, Bremerhaven, 3. Quart. 09 568,12, Bochum- Gclscnlirchen. sozialdemokr. Berein, 3. Quart. 09 966,30. Bern 50,—. Butzbach i. H.. X. g). Z. 5,—, D. E. F, 2,—, Sa. 7.—. Bank, 8. oldenb, LLahlkr., 2. Quart. 09: Lemwerder 15,50; Ganderkesee ;-Z,50: Sa. 35,—. Böblingen, 4. württ, Wahlkr. 8. Quart. 09 89,24. Duisburg, sozialdemokr. Verein f, d. Wahlkr,, 3. Quart. Y9 593,05. Durlach.P'orzheim, 9. bad. Wahlkr., 2, Quart. 09 220,67. Dort- mund-Hörde, sozialdemokr. Verein, 8. Quart. 09 984,—. Gsscn, sozialdemokr, Verein d, Wahlkr., 3. Quart. 09 561,28. Erstem- Molsheim. Wahlkreisbeitrag für 3. Quart. 09 24,32. Elberfeld- Bannen, sozialdemokr. Bercin. 3. Quart. 09 950,—. Falkenberg (Oberschl.) 3.—. Freibnrg i. B., 5, bad. Wahlkr., 3. Quart. 09 59,30. Göppingen, 10. württemb. Wahlkr., 3. Quart. 09 177,20. .Hannover, 8. hannov. Wahlkr., a konto der Beiträge für �uli bis Oktober 09 2000.—. Hamm- Soest, sozialdcmo- fraliicher Verein. 3. Quart. 09 274,38. Hanau-Gelnhanscn-Orb, 3. Quart. 09 790.—. Itzehoe. 5. schlcsw.-holstein. Wahlkreis, 3. Quart. 09 339,20. Köln a. Rh., Reg. W. 20,—. Karlsruhe. 10. bad. Wahlkreis, 1. Quart. 09 186,42. DeSgl., 2. Quart. 09 130,70. Limbach, sozialdemokr. Verein des 15. sächs. Wahlkreises, 3. Quart. 09 425,—. Luckenwalde, sozialdemokr. Zentralwahlvcrein deS Wahlkreises, 3. Quart. 09 193,80. Leisnig, ein paar gute Freunde 45,—. Ravensburg, sozialdemokratischer Kreisverein deS 15. Württemberg. Wahlkreises, 2. und 3. Quart. 09 22,46. Rons- dorf, Wablkreis Lennep- Remscheid- Mettmann. 8. Quart. 09 500,—. Rostock, 5. Mecklenburg, KreiS, 3. Quart. 09 206.20. Stuttgart, l. württembergischer KreiS, 3. Quart. 09 713,76. Schwedt, Wahlkr. Prenzlau-Angermiinde. 3. Quartal 09 53,—. SchwiebuS-Züllichau-Crosseu. WahllreiSbeitrag für 3. Quart. 09 39.65. Siegen-Wittgenftein, sozialdemokr. Berein, 3. Quart. 09 19,98. Stockelsdorf. Fürstentum Lübeck, 3. Quart. 09 91,84. Schleswig, 3. schlesw.-holsi. Wahlkr., 3. Quart. 09 151,02. Stettin. Beitrag der Provinz Pommern für 3. Quart. 09, Wahlkreise: Stettin 280.50; Randow-Greifenhagen 418,32; lleckermünde-Usedom-Wollin 46.52; Greii'öwald-Grimmen 76,40; Stralinnd-Rüge» 99,18; Anklam-Demmin 13.96; Kolberg-Kösli»(2. Quartal 00) 60,02; Stolp-Lauenburg 7,40; Naugard- Negcnwalde 6.—; Phritz- Saatzig 7,86; Grcifenberg- Kammin 10.98; Neustetlin 8,80; Dramburg- Schivelbein 3,76; Bütow- Nummelsburg 6.40; Summa 1047.—. Trier, Wahlkreis- beitrag für 3. Quartal 09 15,—. Wirges, 3. nass. Kreil, JahreS- pcitrag für 1908/09 74,94. Berlin, den 8. Dezember 1909. Für den Parteivorstand: A. G e r i s ch, Lindenstr. 69. ger Vorentivurf zum neuen Strafgesetzbuch. VII.*) Ter letzte Abschnitt des ersten Buches schlieblich, der von den„Verbrechen und Vergehen gegen die öffentliche Ordnung" handelt, ist schlimmste Ztusnahmegesetzgebung in Reinkultur. Frei- !ich zwei von den bisher schon unter diesem Titel zusammen- gestellten Ausnahmebestimmungen sind gefallen, nämlich die beiden, die sich gegen die katholische Kirche richten. DaS Zentrum ist eben nicht umsonst Regierungspartei I Es ist nämlich der im Kulturkampf geschaffene sogenannte Kanzel- Paragraph gestrichen, der den Mistbrauch der Kanzel zur politischen Agitation gegen den Staat unter Strafe stellte; ferner der Gehcinibundparagrawh, soweit er gegen die geist- lichen Orden gerichtet ist, indem er die Teilnahme an Ver- dindungen bestraft, in welchen gegen unbekannte Obere Ge- horsam oder gegen bekannte Obere unbedingter Gehorsam *) Vergk. Nr. 265, 270, 273, 280, 282, 287 deS„Vorwärts'. versprochen wird. Der Rest des Geheimbundparagraphen ist bekanntlich in das Reichsvereinsgesetz übernommen. Dafür finden sich aber die gegen den Kampf der Arbeiterklasse gerichteten Bestimmungen voll- zählig wieder, und zwar zum Teil in einer Form, die ihre Brauchbarkeit zu dem gewünschten Zwecke wesentlich erhöht. Da ist wieder ohne Veränderung des Tatbestandes die Aus- reizung von Bevölkern ttgsklassen gegen- e i it a n d e r zu Gewalttätigkeiten und die verleumderische Verächtlichmachung von Staatseinrich- tunken unter Strafe gestellt, mit der Mastgabe, dast die für die mildesten Fälle angedrohte Geldstrafe um mehr als das Dreifache erhöht ist. Auch fernerhin wird die Teilnahme an einem bewaffneten Haufen als Vergehen bestraft. Der Tatbestand des Landfriedensbruches ist dahin er- weitert worden, daß es für die Strafbarkeit ausreichend ist, wenn von der Menge bloste Sachbeschädigungen verübt werden. Während ferner im jetzigen Z 129 nur„die Teil- nähme an einer Verbindung, zu deren Zwecken oder Beschäftigungen es gehört, Mastregeln der Verwaltung oder die Vollziehung von Gesetzen durch ungesetzliche Mittel zu verhindern oder zu entkräften" unter Strafe gestellt ist, soll es künftig ausreichend sein, wenn die Zwecke des Ver- eins„den Strafgesetzen zuwiderlaufen".(§ 136 des Entwurfs.) Daß dies eine erhebliche Erweiterung des Tat- bestandes ist, wird in der Begründung selbst zugestanden. Dast bei scharfem Winde von oben her die s 0 z i a l d e m 0- kratischen Vereine in Gefahr sind, als solche ange- sehen zu werden, deren„Zwecke" den Strafgesetzen zuwider- laufen, dürfte bei der hochentwickelten Jntcrpretationskunst vieler Richter keine müßige Befürchtung sein. Tie schlimmsten Ausnahmebestimmungen, ja geradezu das Nonplusultra der Ausnahmegesetzgebung, sind jedoch die 131 und 134 des Entwurfs, welche die „Aufwiegelung" und den„H a n d z w a n g" betreffen. Dies sind Bestimmungen, deren Gefährlichkeit nicht über- trieben werden kann. Der vorgeschlagene 8 131 lautet: „Wer die gesetzliche Ordnung dadurch gefährdet, dast er öffentlich oder durch Verbreitung von Schriften, Ab- bildungen oder Darstellungen zur Begehung von Ver- brechen oder Vergehen oder zur Auflehnung gegen Gesetze oder rechtsgültige Verordnungen oder gegen die von der Obrigkeit innerhalb ihrer Zuständigkeit getroffenen An- ordnungen auffordert oder aufreizt oder be- gange ne Verbrechen verherrlicht, wird mit Gefängnis oder Haft bis zu 2 Jahren oder mit Geldstrafe bis zu 2000 Mark bestraft." Tie Verschärfungen gegenüber dem geltenden Recht sind, abgesehen von der Erhöhung der angedrohten Geldstrafe von 660 auf 2006 Mark, dreifacher Art. Erstens wird das Er- fordernis beseitigt, dast die öffentliche Aufforderung„vor einer Menschenmenge" zu erfolgen hat, um strafbar zu sein. Die Bedeutung dieser Aenderung ist bereits gelegentlich des Hochvcrratsparagraphen 102, in dem die gleiche Auslassung erfolgt ist, erörtert. Ferner wird auch hier, wie beim Hoch- verrat, die„Aufreizung" der„Aufforderung" gleichgestellt, und schließlich wird noch die„Verherrlichung begangener Verbrechen" unter schwere Strafe gestellt. Als Zweck des so umgestalteten§ 131 wird in der„Begründung"(S. 478) an- gegeben, daß es nicht genügt,„nur dem Staate wirklich ge> leisteten Widerstand zu strafen, fondern es gilt auch Vor- kchrung zu treffen gegen diejenigen, welche durch Ver- hctzung und Zlufreizung Widerstand oder doch wenigstens eine dazu geneigte Stimmung(!) hervor- rufen und wegen der in ihrer Tragweite oft unberechenbaren Wirkung ihrer Handlung der öffentlichen Ordnung nicht selten gefährlicher werden, als die Widerstandleistungen selbst". In sehr charakteristischer Weise heißt es dann weiter: „Während das bisherige Gesetz nur die Aufforderung zu be- stimmten Handlungen für strafbar erklärt, erweitert der Paragraph jetzt den Tatbestand dadurch, daß er dem„Auf fordern" das„Aufreizen" gleichstellt. Die Gründe hierfür sind dieselben, wie sie bereits zu 8 102 auseinandergesetzt sind. Diese Erweiterung ist durchaus notwendig, weil die Wahrnehmung, dast gerade die geschicktesten und gefährlichsten VolkSaufwicgler die Form der Auffordrung zu vermeiden und dafür die der bisher straflosen Anreizung zu wählen der- stcbcn, hier crfahrungSmästig ganz besonders zutrifft und weit daher die Beschränkung des Tatbestandes auf das„Auffordern" die beiden für den Staat so wichtigen Paragraphen bisher in ihrem Werte zur Abwehr von Angriffen gegen die innere Sicherheit erheblich beeinträchtigt hat." Alles das. was gelegentlich der Besprechung deS Hoch- Verratsparagraphen über den Kantschukbegriff der„Auf- reizung" gesagt ist, trifft hier in noch verstärktem Maße zu, da hier der Tatbestano ein viel weiterer ist. Wie leicht läßt es sich deduzieren, dast durch eine wahrheitsgeinäste Dar- stellung der Gebrechen des Klassenstaates andere in eine Ge- sinung und Stimmung versetzt, mithin aufgereizt werden. alle möglichen politischen Vergehen zu begehen. Dast 8 131 eine„Gefährdung der gesetzlichen Ordnltng" verlangt, will dagegen wenig besagen. Die„Begründung"(S. 479) motiviert diesen Zusatz unter anderem damit, dast Hand- lungen„ohne böse Absicht" straffrei bleiben sollen. Und dast ein Sozialdemokrat stets mit böser Absicht handelt, also die gesetzliche Ordnung stets gefährdet, gehört zu den gerichts- notorischen Tatsachen. An der erwähnten Stelle der„Be- ründung" Wird ferner ausdrücklich hervorgehoben, dast durch ie Mehrzahl„Verbrechen und Vergchen" angedeutet sein soll,„daß auch solche Fälle getroffen werden sollen, wo die Delikte im einzelnen noch nicht bestimmt sind". Wahrlich, die Elastizität des Kautschuks ist verschwindend klein gegen- über derjenigen des vorgeschlagenen 8 131! Eine Reminiszenz an die Umsturzvorlage ist die in 8 131 noch enthaltene Strasdrohung gegen die„Ver- herrlichung vergalt gener Verbreche n". Da» mit wird jeder ernsthaften historischen Betrachtung der Lebensnerv abgeschnitten. ES läßt sich schließlich nicht ver- meiden, bei der Darstellung z. B. der französischen, englischen, deutschen oder russischen Revolution Handlungen rühmend hervorzuheben, die sich als Verbrechen im Sinne des Straf- gesetzbuches darstellen. Begründend wird von den Verfassern des Entwurfs ausgeführt(S. 481), dast eine derartige Straf- bcstimmung„g e r a d e den geschulten Agitatoren gegenüber" notwendig sei,„da diese sich aus Klugheit an der Tatsache der Verherrlichung, von der sie die Wirkung von selbst erhoffen, genügen lassen, ohne sonstige Beweise für ihren Aufreizungsvorsatz zu liefern.... Das zu diesem Gesetzesvorfchlag Anlast gebende Treiben in einem Teil der Tagespresse und in öffentlichen Versammlungen ist seit längerer Zeit allbekannt. Es ist zuzeiten auf einen hohen Grad gestiegen und hat namentlich in bezug auf eine An» zahl im Auslande verübter Morde an Fürsten und Staats- inännern in weiten Kreisen der Bevölkerung Anstoß und Eni- rüstung erregt, und zwar um so mehr, je seltener es möglich war. ihm auf Gruitd der gegenwärtigen Gesetze entgegen- zutreten. Dast der ß 131 diese Lücke schließt, entspricht so- wohl der juristischen Logik wie einem dringenden Bedürfnis. Denn nirgends tritt die Verachtung der gesetzlichen Ordnung und die grundsätzliche Auflehnung gegen sie schärfer zutage, als in der die gesetzliche Ordnung bewußt gefährdenden Verherrlichung von begangenen Verbrechen, nirgends ist es daher folgerichtiger, wenn der Staat dieser Negation der Grundlagen seiner Ordnung mittels des Strafgesetzes ent- gegenwirkt. Nichts aber ist andererseits so verderblich für die Gesinnung mancher Kreise der Bevölkerung gegenüber der gesetzlichen Ordnung, als wenn man sie gewähnt, diejenigen als Helden zu preisen, die diese Ordnung mit Füßen getreten haben, und diejenigen als Märtyrer anzuseheit, die dafür Strafe erleiden". Es wird also künftighin nicht inög- lich sein, über die Racheakte an Sergius und Plehwe anders als. in den Tönen höchster Entrüstung zu sprechen.� Es ist aber anzuerkennen, daß auf S. 482 der„Begründttng" Schillers„Wilhelm Tell" auch für die Zukunft ausdrücklich freigegeben wird, allerdings nur aus dem Grunde, weil er „unhistorisch" ist. Wäre er historisch, so unterläge auch er dem 8 131 des Entwurfs! Soweit es überhaupt möglich ist, wird 8 131 noch über- trumpft durch den vorgeschlagenen 8 134. Dieser lautet: „Wer durch gemeingefährlich eDrohung. insbesondere mit Raub, Mord oder Brand den Lffent» lichen Frieden stört, wird mit Gefängnis bis zu 2 Jahren bestraft." Ueber seine Bedeutung ist bereits im zweiten Aufsätze gesprochen worden. Dort ist auch dargestellt, wie durch eine scheinbar unbedeutende Aenderung des Wortlautes die Mich der frommen Denkungsart des bisherigen 8 126 in gärendes Drachengift verwandelt ist. Diese Abänderung wird damit begründet(S. 490), dast sich auch Drohungen denken lassen, „die nicht den Tatbestand eines bestimmten Verbrechens, selbst nicht denjenigen eines bestimmten Vergehens, in Ans- ficht stellen und doch für die Allgemeinheit höchst be- unruhigend sein können. Da so ziemlich jede sozialdento» kratische„Drohung" geeignet ist, den fetten Bourgeois m seinem Frieden zu stören, würde das Anwendungsgebiet des § 134 ein sehr weites sein. Nach diesen Proben aus dem reaktionären Inhalt deS Entwurfes läßt sich das Urteil über ihn schon sprechen. Jedoch auch die anderen Bücher bieten, wie im folgende» Aufsatz gezeigt werden soll, reiche reaktionäre Ausbeute. * Berichtigung. Zum Artikel in Nr. 280 ist berichtigend zu bemerken, dast bei Beleidigungen im Rückfall auch nach dem Entwurf Geldstrafe zulässig bleiben soll. Abrechnung mit dem Zentrum. Aus dem Reichstag, 13. Dezember 1909. Am vierte» Tage kam die Etatsdebatte zum Schluß. Sie klang aus in cinq scharf« Auseinandersetzung der Parteien untereinander, wobei die Regierung so ziemlich ganz aus dem Spiel gelassen wurde. Was blieb den Vertretern der Parteien auch anderes übrig, nachdem die Unzulänglichkeit der reichskanzlerischcn Bemühungen hinreichend attestiert worden war? Der Reichskanzler selbst nahm zwar noch einmal das Wort. Aber nicht, um sich über irgendeine der großen strittigen Fragen zu verbreiten, er benutzte vielmehr die völlig belanglose Streiterei zwischen deutschen und französischen Chauvinisten über die Weistenburger Feier zu Ehren der französischen Gefallenen, um sich in einigen wohlpräparierten Sätzen als vorurteilslosen Patrioten vorzustellen. Der ganze übrige Verlauf der Debatte war ein Speerkamps zwischen Rechts und Links. Den Anfang machte der konservative Abgeordnete G a n S Edler Herr zu Putlitz mit einem von junkerlichen Groll strotzenden Angriff auf unseren Genossen Scheidemann wegen der historischen Wahrheiten, die Scheide mann über einige frühere preußische Könige vorgebracht Hai. Putlitz erklärte diese..strafbaren Äußerungen" unter dem tosenden Beifall der Rechten für„schmachvoll"; er ver- mied es aber sogleich, sachliche Gegenbeweise zur Entkräftung der Mitteilungen Scheidcmanns zu erbringen. Große Heiterkeit er- regte es, als dieser Herr Gans usw., nachdem er soeben in einen Tobsuchtsanfall über die Vorbringung historischer Tatsachen ver- fallen war, seinerseits den Sozialdemokraten vorwarf:»Sie miß- achten die Geschichte!" Die ungemein dürftige Leistung dieses konservativen „TriaricrS" wurde vom Genossen Frank- Mannheim gebührend gewürdigt mit dem HiiNveiS darauf, daß es den Nachfahren der Llöckecitze. Jtzenplitze und anderer-itze höchst unbequem sei, an ihre Beziehungen zu gewissen geschichtlichen Vorkommnissen er- innert zu werden, da ja doch jene edlen Raubritter ihren Landes- vater Joachim aufhängen wollten! Schcidemann hab-e übrigens seinen geschichtlichen Exkurs deshalb vorgebracht. Weil die konser- vative Presse den König von Preußen zum Wortbruch treiben wolle, indem sie ihn ausfordert, das in der preußischen Thronrede ge- grbcne Versprechen der Wahlreform nicht einzulösen. Eingehender befaßte sich Frank mit dem Zentrum, insbesondere mit Herrn Gröbers Verdächtigungen der Sozialdemokratie: das Zentrum zeige sich darin auch als eine durchaus internationale Partei, daß es jetzt das spanische Ferrer-Gericht ebenso verteidige, wie früher das französische DrehsuS-Gericht, weil in beiden der Klerikalismus zu Gericht gesessen hat! Er be- tonte scharf, daß wir uns in keiner Weise mit Fvrrer identifiziert, sondern nur den an ihm begangenen I u st i z ni o r d gcbrandmartt hätten. Unser Genosse erörterte dann ausführlich, weshalb in Baden die Sozialdemokratie sich mit den Liberalen gegen das Zentrum verbündet hat. worüber Herr Gröber doch sicher keine Ursache hätte, sich sittlich zu entrüsten, da er früher, wenn cS ihm paßte. Bei Stichwahlen selber dem Eintreten des Zentrums für die Sozialdemokratie das Wort geredet hätte. Frank schloß seine wirkungsvollen Ausführungen mit der Versicherung, daß wir zwar keine antireligiöse Politik treiben, aber stets dem Zentrum cnt- gcgentretcn würden, wenn cS reaktionär auftritt. In großer Aufregung versuchte der badische Zentrumsabge- ordnete Fehren dach Frank entgegenzutreten, verlor sich aber in badische Spezialangelegcnheitcn. Tie Debatte flaute dann völlig ab in ein Duell zwischen Müller- Meiningcn und Erzberger und ging erst nach 7 Uhr zu Ende. Morgen kommt die Arbeits- n a ch w e i s- I n t e r P e l l a t i o n an die Reihe. Sie Ashlentmhlimg in Hellen. Nim hat die Reaktion in einem süddeutschen Staate einen Triumph er— handelt. Die hessische Verfassungs- und Wahl re form ist als Verfassungs- und Wahlrechts v c r- s ch l e ch t e r n n g ausgegangen. An die Stelle des gleichen Wahlrechts, das in Hessen außerhalb jeder Debatte und An- fechtung zu stehen schien, ist im Handumdrehen ein Plural- Wahlrecht geworden. Für die Ersetzung des indirekten Wahlsystems durch das direkte haben sich die Reaktionäre Wucherpreis zahlen lassen und angebliche Freunde des gleichen Wahlrechts. Nationalliberale und Zentrum, haben diesen un- erhörten Preis gezahlt. Schon der Preis, den die Regierungsvorlage forderte. hätte'von wirklicheil Volksvertretern niemals bewilligt werden dürfen. Denil mit einer ganzen Anzahl voil „Kautelen", d. h. von Erschiverungeil der Wahlberechtigung umgab sie das direkte Wahlrecht. Selbst nachdem die Vor- läge etwas verbessert worden ist, gibt sie das Wahlrecht erst bei 25 Jahren, dreijährigem Wohnsitz in Hessen, einjähriger Staatsangehörigkeit und pünktlicher Staats- und Gemeinde- steuerzahlung. Der Wähler darf nicht länger als 2 Monate mit der Zahlung im Rückstände sein. Die Karenzzeiten für die neu Zugezogenen benachteiligen natürlich vor allem die fluktuierende Arbeiterbevölkerung. Dazu kommt die Ausdehnung der Rechte der Ersten Kammer auf Kosten der Volksvertretung! Alles das aber wird noch überboten durch die Einfügung der P l u r a l st i m m e für die Wähler jenseits des sünszigstcn Lebensjahres. Als der Antrag, der diese Forderung cnt- hielt, vorn Bauer iibund eingebracht wurde, ahnte kein Mensch in Hessen, daß er Gesetz werden könnte. Die Bauern- bundspresse selbst glaubte nicht daran und aus den Reihen des Bundes kamen deutliche uild drastische Proteste gegen diese Privilegierung des Alters, die zugleich wegeil des ge- ringercil Durchschnittsalters der Arbeiter in Vergleich zu dem der Besitzenden eine Privilegierung des Besitzes, eine Entreckstung der Arbeiterklasse ist. Ganz plötzlich, ohne daß sie vorher der Oesfcntlichkeit Rechenschaft gegeben hätten, haben sich die natioualliberale lind ZentruniLpartei auf diesen Antrag verpflichtet. Jin Dunkel einer privaten Zusammeilkunft mit den Bauern- bündlern wurde der Streich verabredet, die Ueberrumpelung des hessischeil Volkes beschlossen. Und dann wurde mit der Hast des bösen Gewissens das reaktionäre Werk in der Kanimer durchgepeitscht. Kaum daß die Schuldigen noch das Wort nahmeil, um ihre Haltung zu rechtfertigen. Der Handel war fertig, es drängte sie nur noch, ihn durch die Abstiinmung zu besiegeln. Erst die heftigen Angriffs und Aufforderungen der sozialdemokratischen Streiter Ulrich und Dr. Fulda brachten die Herren dazu, einige schönsärberischc Ausreden für ihren schmählichen Verrat ail den hessischen Volksrechteil vor- zubringeil. Sdatürlich haben sie nur unter dem bilteren Zwang der Umstäilde sich zum Verrat cirtschlosieil, nur des- halb, weil sonst die Reform nicht zustailde gekommen wäre, weil die Bauernibündler sonst nicht mitgetan hätten. Um also angeblich die Reform zu retten, willigten sie ein, daß die Karikatur einer Reform daraus gemacht wurde! Der ilatsional liberale Führer Dr. O f a n n brachte es fertig, zu erkläreil, mit der scharfen Verurteilung des Plural- Wahlrechts habe ihm der Freisinnige Dr. Gutfleisch„aus der Seele gesprochen". Um aber die Vorlage durchzubringen. habe er die„bittere Pille(das Pluralwahlrecht) des Bauernbundes geschluckt".„Stach schlaflosen Nächten" habe er sich zu dem„Opfer" entschlossen. Aehnlich benahm sich der Zentrums- mann v. Brentano, der in der Kammer seinen Genossen vom Bauernbund versprochen hatte, für das Pluralwahlrccht zu stimmen und„draußen" seine Schäfchen damit bcschwich- tigte. er werde später für die Beseitigung dieses„Schönhcits- fehlers" sorgen. So ward denn das schmähliche Werk vollbracht, dem die Erste Kammer natürlich mit Freuden ihre Zustimmung geben wird. � Ein Bollwerk gegen die rote Flur wollen die Re- aktionäre damit schaffen— die Angst vor der Sozialdemo- kratie stand Gevatter bei der Wahlcntrechtung. Aber die Empörung über die Entrechtung wird gerade das bewirken, was die Schuldigen an der Pluralentrechtung verhindern wollen, den weiteren Aufstieg der Sozialdemokratie, vor dem einst alles Wahlunrecht zerbrochen wird, Sie baveriiche Steaemform. Tie heftigen Kämpfe im bayerischen Stbgeordnetcnhause um die Steuerreform sind vorläufig vorüber. Vorläufig, denn jetzt hat die Kammer der ReichSräie das Wort. Wie schon der Bericht ihres Referenten über das Einkommensteuergesetz erkennen läßt, wird sie dieses Wort nicht zu einer glatten Zustimmung be, nützen. Die große Bedeutung des Gcsetzeswertes, das einen be- sonderen Ausschuß während der parlamentslosen Zeit ein halbes Jahr und das Plenum der Kammer mehr als zwei Monate be- schäftigte, rechtfertigt einen Rückblick auf die Reform selbst und die Haltung der politischen Parteien. Tie bayrische Steuerreform ist Stückwerk. Sie bringt z Weifet- los gegenüber dem bisherigen veralteten Ertragssteuersystem einen bedeutsamen Fortschritt: die Einführung der allge- meinen progressiven Einkommensteuer. Sie bleibt aber auf halbem Wege stehen, weil der zweite, unbedingt notwendige und organisch dazu gehörende Teil fehlt: die allgemeine progressive Vermögenssteuer. Statt dieser müssen die zum Teil vorsintflutlichen Ertragsstcucrn beibehalten werden. Man hat ja an ihnen herumkuricrt und da und dort auch repariert. Das Urteil aber bleibt unverändert, daß sie auch in dieser Form in unser modernes Wirtschaftsleben absolut nicht hineinpassen. Die Durchführung der Reform in zwei'Etappen bedingt auch, daß die so dringend notwendige Regelung des gemeindlichen Steuerwesens nur in provisorischer und durchaus unzulänglicher Weise erfolgen lonntc. So lange eben die Vermögenssteuer nicht eingeführt ist. kann der Staat die Ertragssteuern den Gemeinden nicht überweisen. Es bleibt diesen nichts übrig, als ihren Hauptbcdarf an Geldmitteln wie bisher durch Umlagen, d. h. durch prozentuale Zuschläge zu den Staatssteuern zu decken. Dieses Deckungsverfahren bedingt nun aber infolge der Einführung der Jnteressentheorie in das gemeindliche Stcuerwesen einen sehr komplizierten Rechnungsapparat. Das Verhältnis, in dem ein» mal die verschiedenen Arten des Einkommens und zum anderen die verschiedenen Ertragssteuern zur Umlageleistuug herangezogen »verden sollen, bildete den Gegenstand der Kämpfe und Kompro- misse bei der Beratung des Umlagengesetzes. ».» Die Stellung der einzelnen Parteien zu dem Steuerreformtverk entspricht im ganzen ihren wirtschaftlichen und sozialen Grundanschauungen. Dieselben kamen weniger in der großen prinzipiellen Frage der Beseitigung eines veralteten und Einführung eines modernen Steuersystems, als vielmehr in der innere»» Ausgestaltung dcS ganzen Komplexes der Steuervorlagen zum Ausdruck. Zentruin und Bauernbund, zwei Parteien mit aus- gesprochen agrarischem Charakter, waren namentlich beim Um- lagengesetz mit Erfolg beintiht, die Lastenverteilung zuungunsten der unfundierten, also der Lohn- und BerufScinkommen zu ver- schieben. Ihre Stellung zur Einführung der noch vor wenigen Jahren bekämpften allgemeinen progressiven Einkommensteuer wurde ihnen sehr erleichtert durch die Tatsache, daß die Steuer- reform im ganzen nicht nur keine Mehrbelastung, sondern sogar eine Entlastung für die Landwirtschaft bringt. Und das, trotzdem die Reform dem bayerischen Volke ein Mehr an Steuern von rnnd zehn Millionen auferlegt, die in der Hauptsache von dem Gewerbe, den Berufseinkommen und dem Kapital aufgebracht werden müssen. Der Liberalismus in seinen vier Spielarten crlvies sich auch bei dieser Steuerreform als die Schutztruppe des Kapitals. Das zeigte sich an verschiedenen Stellen, besonders in der Ab- lehnung des sozialdeinokrattschen Antrages auf Erhöhung des Steuertarifsatzcs für die größten Einkommen auf 6 Proz. Die Sozialdemokratie richtete als Arbeiterpartei und als Vertreterin der besitzlosen oder wenig besitzenden Klassen ihr Augenmerk besonders auf die Verhinderung einer zu starken Be- lastung der wirtschaftlich Schivachen. Dabei war cS völlig gleich, ob es sich uin Arbeiter und Privatangestellte oder um die Kleinen unter den Beainten, Bauern und Gewerbetreibenden handelte. Sie »var bestrebt, dem ganzen Werke sozialen Geist einzuhauchen und den»»otwendigen Mehrbedarf de,, besitzenden Klassen, also Geivcrbctreibcnden und Kapitalisten und den gut bezahlten Be- amten aufzuerlegen. Es ist in dem wirtschaftspolitischen Charakter des Liberalismus und des Zentrums begründet, daß daL Reformwerk gerade in den »oichtigsten Punkten eine durchaus unsoziale Fassung erhielt: So die Festsetzung des Existenzminimums auf nur öOV M., in der ungerechten Gestaltung des Einkommensteucrtarifö und in der zu starken Belastung der kleinen und mittleren BerufSeinkominen im Umlagengesetz. Die sozial ungerechte Wirkung dieser Bcstim- mungcn wird durch den berühmt gewordenen Kinderparagraphen nur gemildert, keineswegs aber aufgehoben. Nun ist es inter- essant. daß der Reichsratsreferent dieses„soziale Paradepferd" des Zentrums und der Liberalen durch einen Antrag vollständig totschlagen will. Das wäre ein schlimmer Streich für die bürger- lichen Parteien, die alles mit den Ermäßigungen und Befreiungen des Kinderparagraphen entschuldigen wollen. .' Die Tätigkeit und Stellung der bürgerlichen Par- tcien in den Verhandlungen waren reich an interessanten Moinenten. Eine liberale Zeitung hat die Haltung der Liberalen und des Jen- trumS außerordentlich zutreffend ungefähr»nit den Worten charakterisiert: Rücksichtslosigkeit, dein Name heißt Zentruin; Schwachherzigkeit und Grundsatzlosig- kcit, dein Name ist Liberali smu.s. Der Liberalismus unter Führung des Oberbürgermeisters Dr. Casselmann war in den Steuerberatungen von allen guten Geistern verlassen. 25 Mann stark ist- der bayerische Kammer- Liberalismus, dieses Konglomerat von Altliberolen und Jung» liberale». Freisinnigen und Demokraten. Und diese formlose poli- tische Trümmermasse bildet zusammen eine Fraktion! Es ist geradezu unglaublich, wie diese sogenannte Fraktion bei jeder einzelnen Stcuervorlage in Ja« und Neinsager auseinandergesallen ist. Das ist keine Gemeinschaft wirtschaftS- und sozialpolitisch gleichgcsinnter, aufrechtstehender Männer, sondern eine Verein!» gung„schwankender Gestalten".„Israel, daß du verdirbst, ist deine eigene Schuld!" Wie leicht war es dem Liberalisinus gemacht, gegen die unfertige, ungerechte und unsoziale Steuerreform zu stiinmen! Die führende liberale Presse, die liberalen Organi- sationen und die Wähler selbst verlangten sehr energisch ein ver- »einendes Votum. Umsonst! Mit der Sicherheit eines Schlaf» Wandlers und der Unfehlbarkeit eines Papstes schreitet Dr. Cassel- mann dem Abgrunde entgegen. Ihrem Führer folgt die Schar. Wie so ganz anders ist der Parteicharakter de« Zentrums! In dieser 98 Männer-Partei paart sich Rücksichtslosigkeit und Brutalität mit List und Feigheit. Wie frin verstand es der Zentrumsführer Dr. Heim durch seine nicht gewöhnliche Sach- kenntnis im Vereine mit großer parlamentarischer Routine die Liberalen und Bündlcr cinzufangen! Ein paar anerkennende Worte, hie und da ein klein wenig Nachgiebigkeit und sie bissen an, Dr. Heim blies wie der Rattenfänger von Hameln sein« schönsten und zartesten Melodien und— die liberalen Mäuse folgten. Und selbst als der ZentrumSsührer Held in der Frage des Umlagengesetzcs recht tolpatschig vorging, als das Zentrum in bei- spicUoser Rücksichtslosigkeit die Minoritätsparteicn zu vergeivaltige», suchte, selbst da gab es kein Erwachen für den LiberalisinuS. Brutal und feige zugleich hat sich das Zentruin gezeigt; brutal gegen die Minderheitsparteien und feige gegen die Wähler. Diese Partei besitzt fast zwei Drittel aller Sitze im Parlamente und hat nicht den Mui, die Steuerreform aus eigenes Risiko zu machen. Sie will die Verantwortung nicht allein tragen und such!, man kann fast sagen, erpreßt sich Mitschuldige. Drängt sich da nicht der Gedanke aus, daß das Zentrum von der Mangelhaftigkeit und Unzulänglichkeit seines Werkes selbst überzeugt ist? Die Steuerreform sowohl als die Art ihrer parlamentarischen Behandlung erinnert sehr lebhaft an die Reichssinanzreform. Hoffentlich bekommt die bayerische Steuerreform dem Zentrun'. den Liberalen und Bündlcrn gerade so schlecht als jene. Zuletzt hat ja im»»er das Volk das Bort. politische(leberlicht. Berlin, den 13. Dezenibcr 1903. Klerikaler Spott über die Regierungsbureaukratie. Währeiid die Konservatwcu im ganzen mit dem Auftreten Bethmaim HollivegS i»» Reichstage zufrieden sind, be- imtzt die Presse ihres schwarzen Blockgenossen die Gelegen- heit, um dem Reichskanzler und der gegenwärtigen Regierung allerlei Bosheiten zu sagen. So»ncint die klerikale„Köln. Volksztg." in einem„D i e A c r a B e t h in a n n H o l I w e g" iiberschriebenen Artikel, daß die Bemerkung des Reichskanzlers, wir hätten in Deutschland keine Parteiregierinig, zwar richtig sei; dieser Vorzug aber auch den Nachteil habe, daß niemand genau wisse,»velcher Kurs eingehalten werde. Jederzeit könne aus„enüvöllter Höhe" plötzlich der Strahl des Donner- gottcs dreimchlagen und eine ganz neue Situation schaffen. Noch schlechter als der Reichskanzler selbst, kommt aber in dcni Artikel die holie Bureaukratie weg. Spöttisch schreibt das Köliier Blatt: ..Nur ein teures Gut wirb uns immer bleiben, ob Block oder„Antiblock" regieren, ob die Regierung sich dieser oder jener Richtung zuneigt— die Bureaukratie. Darin versinnbildlicht sich das Fehlen einer„Parteiregierung"— der..Tschin"»var, ist und wird fein; er geht nicht unter und trotzt auch allen denkbaren Veränderungen in den oberen Sphären. Wir sind doch noch immer den Russen verwandter, als wir Wort haben wollen und uns träumen lassen.. Nicht bloß für die Russen, sondern auch für die Borussen paßt es, wenn einer der Helden Leonis Andrejeffs in einem Gespräch über Zukunftsmusik sagt: „Nach tausend Jahren wird der Gorodowoi von heute nicht mehr existieren, er wird längst eine andere Uniform haben." Ja freilich, die Uniform ändert sich, aber der, der darin steckt, der Gorodotvotz der Polizist bleibt in Rußland und Borußland Semper ickem, immer derselbe." Man sieht, das führende Blatt des Zentrums nimint weuig Rücksicht auf die Gefühle ihrer konservatiben Ver- bündeten, aus deren Verwandte»», und Gesinnungsgenosse!» sich doch die verspottete Bureaukratie rekrutiert. Zur Reichstagsersatzwahl in Mülheim-Wipperfütth- Gummersbach nahmen am Sonntag unsere Parteigenossen in einer zahlreich de- suchten Wahlkreiskonferenz Stellung. Als sozialdemokratischer ReichLtagSkandidat wurde Genosse Dr. August E r d m a n n- Köln aufgestellt. Wie cS heißt, wollen die Liberalen den zum Jung- liberaltSmuS hinneigenden Kölner Rechtsanwalt Dr. Fall aufstelle!!. Der WahlkreisverttauenSmännerversammlung der ZentrumSparici sollen als Nachfolger des verstorbenen Amtsgerichtsrats de Witt der OberlandesgerichtSrat Marx und der RecktSanlvalt Dr. Bell aus Essen vorgeschlagen werden. Der Rheinische Haiidiverkerbnud hat vvin Zentruni verlangt, daß eS den» BäckerinliuiigS-Obermeister Chrysandt ans Bonn die Kandidatur übertrage. Die katholischen Agrarier, die in dem teiliveise stark ländlichen Wahlkreise nicht ohne Einfluß sind, scheinen diesmal keine Spezial- forderungen stellen zu wollen. Die„Rheinische Bolksstimme", das Organ des Bauernvereins, meint nämlich in seiner Nummer vom 12. Dezember, daß„alle Soiidcrlvttnsche zurückgestellt werden müssen angesichts der großen Gefahr, daß ein»virtschafilich linksstehender Vertreter des Wahlkreises ins Parlament einzieht." Das Blatt schreibt weiter, daß.nach Lage der Dinge" es wohl als sicher angelioinmen werden könne, daß die Landwirte des Wahlkreises ihre Sonder- wünsche fahren ließen. DaS klerikal-agrarische Blatt weiß genau. daß daö Zentrum ohnedies keinen Kalididaten aufstellt, der nicht eingcschworener Verfechter der LebeiiSmittelwucherpolitil ist. Die Bemerkungen des Blattes verraten demlich die Angst, daß der Wahlkreis von der Sozialdemokratie erobert werde könne. Bei der vorigen Wahl hat dps Zentrm nur mit wenigen Stimmen Mehr- heit gesiegt. Es erhielt 19 958 Stimmen, die Liberalen 11 2l8, die Sozialdemokratie 8538 Stimmen. ES kann kaum einem Ziveifel unterliegen, daß diesmal der sozialdemokratische Kandidat mit dem des Zentrums in die Stichwahl kommt. Den» Zentrum, das schon stüher in seinen ländlichen Gebieten bis zu 95 Prozent der Wahl- berechtigten an die Ume gebracht hat, wird eS schwerlich gelinge», zumal bei der gegenwärtigen polittschen Stiminung, seine alte DtimmenzaSl zu erreichen. Das letztere trifft auch auf die Liberalen zu, während die großen organisatorischen Fortschritte unserer Parie» in den von Industrie stark durchsetzten Kreisen Mülheim»d Gumineröbach. ganz abgesehen von der Empörung über die St«, r- taten deS Schnapsblocks, einen gewaltigen Zuwach» der sozialden.o- krattschen Stimmen erwarten lassen. In der Stichwahl haben dann die Liberalen Gelegenheit, zu zeigen, wie weit eS ihnen mit ihrem Liberalismus ernst ist. Im vorigen Jahre bei den Stadtverordneten- ftichivahlen in Mülheim a. R. ist die zugunsten der Sozialdemolraiie ausgegebene jungliberale Parole ziemlich einmütig und mit dem Erfolg der Niederlage des Zentrums befolgt worden. Holle. Ter ehemalige Kultusminister Dr. Holle ist am Sonn- tag in Godesberg am Rhein im Alter von erst 54 Jahren gestorben. Holle trug nur kurze Zeit die Würde seines Amtes. Er erkrankte, wie es heißt, an Ueberanstrengung, die ihm das Hineinarbeiten in sein neues Amt bereitet hatte. Den»'. Holle war früher im laiidwirtschaftlichen Ministerium Dezernent für Wasserbauten gewesen, so daß er von den Aufgaben eines Kultusministers beim Antritt seines neuen Amtes keinerlei Ahnung hatte! Dabei soll der neukommandierte Kultusminister den Ehrgeiz be- sessen haben, sich wirklich einige Sachkenntnisse anzueignen. DaS war aber zuviel für den so plötzlich auf fremden Bode»» verpflanzten zaghaften Bureaukrnten. Holle mußte, nach- dein er im Abgeordnetenhause im Sommer des vorigen Jahres bereits eine hilflose Rolle gespielt hatte, in Urlaub gehen. Aus diesem Urlaub kehrte er bekanntlich nicht wieder. vielmehr mußte ihm endlich im Juli d. I. der Abschied ge- geben werden. WaZ Holle au'cli an Befähigung für fein Amt ab- tzegangen fein mag: an u r r e a k t i o n ä r e r G e s i n n u n g entsprach er den w e i t e st g e h e n d e n A n s p r ü�ch e n. Jetzt ist an feine Stelle bekanntlich Herr Trott zn Solz getreten, ein Mann, der sowohl an mangelnder Qualifikation für sein Amt, wie an reaktionären Anschauungen seinem Vorgänger sicherlich ebenbürtig ist. Die Kattowitzer Bcamtenmastregelnngen. Der Justizminister A e s e l e r hat an mehrere Getlßjtsbeamte in Kattowitz, die gleickz den gemaßregelten Lehrern bei den Stadt- verordnetenwahlen für den polnischen Kandidaten gestimmt hatten, ein Schreiben gerichtet, das folgendermaßen lautet: „Berlin, den 4. Dezember t90S. Es ist wiederholt darauf hingewiesen worden(vergleiche Staatsministerialbeschluß vom 13. April 1898 II. 98 des Reichs- und StaatsanzeigcrS von 1898), daß die in den Ostmarken au- gestellten Beamten und Lehrer auch durch ihr gesamtes außer- d i e n st l i ch e s Verhalten dazu beigetragen haben, das deutsche National- und preußische Staats- bewußtscin in der Bevölkerung dieser Provinzen zu stärken und lebendig zu erhalten. Demgemäß muß auch von allen Bc- omten und Lehrern eine entschiedene Abwehr deutschfeindlicher Bestrebungen verlangt werden. Diesen ernsten Verpflichtungen widerspricht da» öffentliche Eintreten von Beamten und Lehrern für Anhänger der großpolnischeu Parteien, deren Absichten und Be- sirebungen im scharfen Gegensatz zu den Aufgaben und Zielen der Reichs- und Staatsregierung stehen. Ich muß von den meinem Ressort angehörigen Beamten erlvartcn, daß sie sich diese Pflichten in vollem Um- fange gegenwärtig halten und sich tvcder zu bewußter noch fahrlässiger Begünstigung von Personen großpolnischer Richtung rm öffentlichen Leben verleiten lassen. Ihr Verhalterl bei den st ä d t i s ch e n W a h l e n in K a t t o- witz hat dem nicht entsprochen und veranlaßt mich dazu, die bestimmte Erwartung auszusprechen, daß Sre Ihre staatliche und amtliche Stellung künftig gcwiflenhaftcr wahren werden. Der Justizminister 3. B. 1986.09. gez. Beseler.- Ernc ähnliche Verfügung des Ministers der öffentlichen Arbeiten ist von der Eisenbahndirektion Kattowitz verschiedenen in Betracht kommenden Beamten zur Kenntnis gebracht worden. Auch zwei Beamten der Reichsbank hat man schon vor einiger Zeit in der gleichen Weise das..nationale" Gewissen zu schärfen versucht. Ein Oberpostsekretär, der auch polnisch gewählt hatte, war so vorsichtig gewesen, selbst um eine Versetzung einzukommen. Die bereits genehmigte Versetzung ist aber nunmehr rückgängig gemacht und in eine Strafversetzung an einen unerbetenen Platz verwandelt worden.— Ob noch weitere Beamtenmaßregelungen erfolgen werden, steht dahin. Die Maßregelung der 5 Lehrer soll die Billigung des Kultusministeriums nicht gefunden haben. Ob diese Lesart nicht nur verbreitet wird, um den Unwillen des Zentrums nicht allzu- sehr zu erregen?_ Die evangelischen Arbeiterverein«! nnter der Fuchtel der Nationalliberalen. Die evangelischen Arbeitervereine waren seit der Zeit ihrer Entstehung— Anfang der achtziger Jahre— immer ergebene Schutztruppen für Thron. Altar und Unternehmertum. Geistliche, Lehrer oder Fabrikanten stehen an ihrer Spitze; ihre Mitglieder bestehen zur Hälfte aus kleinen Beamten, Handwerksmeistern und anderen Angehörigen des Mittelstandes; ihre Vereinstäiigkeit richtet sich vorwiegend auf das Feiern von StistungS-, Kirchen» und Patriotenfesten: ihr höchstes Gut ist die gestickte, auS Beiträgen zahlungsfähiger Gönner zusammengebettelte Vercinsfahne. wozu bei einigen besonders begnadeten Vereinen noch ein Posaunenchor kommt. Ihre politische Betätigung bestand bisher darin, daß sie im Sinne ihrer Gönner, die ihnen die Vereinshäuser, das Harmonium oder die Fahne gestiftet litten, nationalliberal oder konservativ wählten und je nach der Streitbarkeit ihres geistlichen Leiters mehr oder weniger Antiromagitation und Kulturkämpferei trieben. Sozialpolitisch machten sie sich höchstens darin bemerkbar, daß der eine oder der andere ihrer Führer auf einer Tagung bürgerlicher Eozialreformcr eine Ansprache im Namen der evangelischen Ar- bcitervereine hielt. Seit einiger Zeit nun haben die Christlichsozialcn vom Stöckerstamme einige Unruhe in dieses friedfertige Leben hinein- gebracht. Die Stöckerleute. die nicht leben und nicht sterben können, gedachten unter den Armen an Geist, die in den evangelischen Ar- beitervercinen versammelt sind, ergiebige Ernte zu halten. Sie brachten das Verbandsorgan unter ihre Botmäßigkeit, hielten namentlich im rheinisch-wcstfälischen Industriegebiet soziale Kon- ferenzen ab und agitierten unter den evangelischen Arbeiter» vcreinlern eifrig für die christlichen Gelverkschaftcn. Bedeutend war nun der Erfolg der Christlichsozialen nicht, aber er hat ge- nügt, um die nationallibcralen und scharfmacherischen Gönner mobil zu machen. Der Vorstand des evangelischen Arbeiter- und BürgervereinS, Graf Schwerin bei Castrop(Westfalen), hat in einem Schreiben an den Vorsitzenden des rheinisch-westfälischen Verbandes Klage geführt über die Haltung des Verbandsorgans „Arbeiterbote", der nicht mehr wie früher„mit Entschiedenheit ultramontanc Uebergriffe zurückweist". Er hat darauf hinge- wiesen, daß cS die Aufgabe der evangelischen Arbeitervereine sei, „eine Kampfesstellung gegen die Feinde des evangelischen Glaubens und des Vaterlandes, gegen Rot und Schwarz einzunehmen", aber „jede parteipolitische Tätigkeit- ob direkt odep indirekt", liege nicht im Jnteresie der evangelischen Arbeitervereine. Ein anderes Schreiben ist an die Vorsitzenden zahlreicher evan. geklfcher Arbeitervereine gerichtet, worin unter Hinweis auf die Gefahr, die den Vereinen durch eine Verbrüderung mit der ultra- montanen Arbeiterbewegung erwachse, gebeten wird, in jedem Verein eine Abwehrrcsolution dieser Art durchzusetzen, um mit ver- einten Kräften der Gefahr zu begegnen. Interessant ist nun, daß sich besonders die nationallibcrale Partei dieser Agitation gegen die neue Richtung innerhalb der evangelischen Arbeitervereine an» nimmt. Es ist der nationalliberale Abgeordnete Westcrmann, der mit einem Begleitschreiben die Kundgebungen des Arbeitervereins Graf Schwerin an die übrigen Bereine verschickt— und zwar geschieht dies im?lamen des nationalliberalen Wahlkomitees für Dort- mund. Es ist klar, was die Herren wollen. Die evangelischen Ar- beitervereine sind ihnen weiter nichts als politische Schutztruppen gegen Schwarz und Rot, gegen Zentrum und Sozialdemokratie. Kulturkämpferei und Sozialistenhetze sollen und dürfen sie treiben, weiter aber nichts; selbst die schwachmütige Vertretung der Ar- beitersache. wie sie von den Stöckerleuten betrieben wird, ist den evangelischen Arbeitervereinen untersagt. Der Geist StummS, der Mitte'.er neunziger Jahre eine Hetze gegen die harmlosen evan. gelischen Arbeitervereine und die„sozialen Pastoren" eröffnete, geht wieder um!_ Kommunaltvahlen. Di« Gemeinderatswahl tn Stuttgart. Die Wahl wurde am Freitag vollzogen. Erst am Sonntag ober wurde das vorläufige Ergebnis der Stimmenzählung bekannt. Geivähli wurde nach dem Proporzsystem. Acht Mandate waren zu besetzen, zwei hatte die Sozialdemokrasis zu verteidigen. Sre eroberte zu den zweien noch ein drittesl Seit der letzten Gemeindcratswahl 1997 hat die Zahl der sozialdemokratischen Wähler um rund ISOV zugenommen, die aller bürgerlichen Parteien zusammengenommen nur «in rund 800. Da» Gemeinderatskollegunn besteht aus 28 Mit- gliedern, vier besoldeten Gemeiiideräten und dem Oberbürgermeister, zusammen 33 Mitglieder. Die sozialdemokratische GemeinderatS- fraktion zählt jetzt 10 Mann. In der WallfahrtSgemeinde U n t e r h a r m e r S b a ch(badischer Schwarzwald) sind nun die Sozialdemokraten in den Besitz sämtlicher Mandate der dritten Klasse des Bürgerausschusses gelangt. Wiederholt haben Kapuziner in der Gnadenkirche es mit Predigten versucht, unsere Partei unmöglich zu machen. Umsonst, das Wunder ist jetzt auf unserer Seite. » Bei der AuZschußwahl in Radolfzell(Bodensee) stand der Großblock in der dritten Klasse gegen das Zentrum; es handelte sich bei der Entscheidung in der dritten Klasse um eine einzige Stimme, so daß zwei Soziatdemokratcn unterlagen, während gcivählt wurden fünf Liberale, drei Zentrumskandidaten und zwei Sozialdemokraten. Ein Urteil über die deutsche Tozialdemokratie. Das letzte Heft der führenden liberalen Wochenschrift„Ration" enthält u. a. eine« Artikel über die Korruption mancher Teile des britischen Voltes durch die Reichen. Letztere geben jetzt Un- Massen von Geld aus, um durch geheime Agenten und als Arbeiter verkleidete Agitatoren die Massen für Tarifrcform zu gewinnen. Der Schreiber des Artikels ist Wr. Graham Wallas. Pro- fessor der politischen Wissenschaften an der Londoner Universität, früheres Mitglied der Fabian Society und jetzt linksliberal. Indem er die Gefahr schildert, mit der die reichen Korruptionisten die Nation bedrohen, kommt er auch auf deutsche Verhältnisse zu sprechen, wobei er sagt: „In Deutschland haben die Sozialdemokraten diesen korrum- pierenden Einfluß der Neichen dadurch bekämpft, daß sie eine Arbeiternation innerhalb der Nation aufgebaut haben; sie gaben ihr eine eigens Literatur, eine Philosophie, eine sie unterscheidende Sprache und eine Disziplin, die die Arbeiter von den Einflüssen der äußeren Welt abschließt— mögen diese Einflüsse aufrichtig oder heuchlerisch sein. Auf diese Weise gelang es ihnen, der organisierten Hysterie der Wahlen von 1907 zu widerstehen und sie werden ihre Stellung bei den Wahlen des Jahres 1911 enorm verbessern. ES gibt Kräfte in England, die dasselbe Resultat her- vorbringen werden, wenn ein anderer Ausweg nicht vorhanden (der Korruptionsgefahr zu begegnen) sein sollte, obwohl ich der Ansicht bin, daß ein derartiges Resultat eine Gefahr einschließt sowohl für die allgemeine geistige Entwickelung des Landes wie für die Möglichkeit einer friedlichen sozialen Umwälzung— eine Gefahr, die zu ernst ist, um auf die leichte Schulter genommen zu werden." Diese Bemerkung eines selbständig und freiheitlich denkenden englischen Politikers ist immerhin beachtenswert. Noch eine Lehrermastregelnug. Altona, 13. Dezember. Der schleswig-holsteinsibe Volksschullehrer Claussen, gegen den vor einiger Zeit wegen seines fteiinüiigen Per- Haltens ein Verfahren eingeleitet wurde, ist seines Amtes entsetzt worden._ Ein..netter" Stellvertreter. Da» Oberkriegsgericht in Dresden verurteilte den im 10. Dienstjahr stehenden Feldwebel Berger vom Pionier- Bataillon Nr. 12 wegen umfangreicher Unterschlagungen und Betrügereien zu einem Jahr sechs Monaten Ge- fSnani«. Degradation und Versetzung in die zweite Klasse des SoldatenstandeS. Er hatte Gelder, die er von Maimschaften einkassierte,(zirka 800 M.) unteischlage» und eine Anzahl Einjährige dadurch betrogen, daß er diesen für Kleidung»- und AusrüstungS- stücke mehr abnahm, als sie zu zahlen hatten. Der Angeklagte hat nicht auS Not gehandelt, sonoern nur um ein angenehmes Leben zu führen!_ 8cbwdz. BolkSabstimmungeu. Zürich, 13. Dezember. In der kantonalen Volksabstimmung wurde das Gesetz zum Schutze deS weiblichen Laden- Personals mit 83 800 gegen 43 500 Stimmen und das über die bedingte Verurteilung mit 35 500 gegen 40 000 Stimmen ver- warfen.— Als Statthalter des Bezirks Zürich wurde der Demokrat Tue Ski mit 16 800 gegen den Sozialdemokraten Nieder, der 9100 Stimmen erhielt, gewählt. Spanien. Eine vernichtende Niederlage der Konservativen. Madrid, 13. Dsizeinber. Obwohl noch nicht alle Ergeh- nisse der M u n i z i p a l w a h l e n bekannt sind, ist es doch sicher, daß die Liberalen eilten großen Sieg davon- getragen haben, während die Konservativen eine großeNiederlage erlitten. Nach den Liberalen sind es die Republikaner, die zahlreiche Sitze erobert haben. In Madrid erhielten die Liberalen 28 Sitze, die S o z i a l i st e n und Republikaner 13. In B a r c e l o n a besteht die Mehrheit der Gewählten aus Radikalen und der Gruppe L e r r o u x sowie Kandidaten der katalonischcn Linkem Den letzten Meldungen zufolge haben die R e° publikaner große Mehrheiten in La Corunna und Valencia erhalten. In Bilbao wurden bei den im Gefolge der Munizipal- Wahlen ausgcbrochenen Unruhen 25 Personen verwundet und 6l> verhaftet. Auch cm einigen anderen Orten kam es zu übrigens nur unbedeutenden Zusamiiicilstößen. Italien. Das neue Ministcrium. Rom, 11. Dezember.(Eig. Ber.) Das neue Kabinett erhält durch die Persönlichkeiten, die es einschließt, einen so ausgesprochen konservativen, um nicht zu sagen reaktionären Charakter, daß man annehmen muß. es werde besser sein als seine Etikette. Mit drei Mitgliedern der Rechten, drei Sonniniancrn und drei Ueberläufern der früheren Mehrheit Giolittis ist wahrhaftig in demokratischer Beziehnng nicht viel Staat zu machen. Der„Avanti" meint, daß das Pro- gramm Sonninos nicht konservativ genug sein wird, um die Klerikalen mit sich zu ziehen, und nicht fortschrittlich genug, um ihm wohlwollendes Abwarten der äußersten Linken zu sichern.„Deshalb wird Sonnino nach einem kurzen Versuch wieder der Eingänger werden, der er bisher war. Seine Regierung wird ein Zwischenspiel sein, während dem die beiden wirklichen Mächte, in die das Land zerfällt, die Klerikal-Konservativen auf der einen, die demokratischen Parteien auf der anderen Seite, sich zum Angriff vorbereiten, disziplinierest, stärkest tverd'cn. Hier liegt bielleicht de« größte Nutzen, den das Land von einem so hoffnungslos grauen Kabinett, wie diesem, erwarten kann." Schon die ersten Tage nach der Kammereröffnung können entscheidend sein. Der äußersten Linken kann ein so beschaffenes Kabinett kein Vertrauen einflößen. Um aber gegen sie zu regieren, nachdem es mit ihren Kräften zur Herrschast gelangt ist, muß es die Unterstützung der alten Mehrheit erlangen, und diese Unterstützung bedeutet den uiischlbaren Rückfall in die Regierungsmethoden Giolittis. sie bedeutet die Anpassung Soiininos an das parlamentarische Milieu, das die traurige Erbschaft des zeitweilig i« den Hintergrund getretenen Diktators darstellt, Ciirftci, Keine Miuisterkrise. Koustautinopel, 13. Dezember. Die Deputierten'ammer setzte die Verhandlung über die Interpellation betreffend die Schiffahrt in Mesopotamien fort. Die opposilionelleu Redner bekämpften den LwnzessionSvertrag, durch den Mesopotamien dem englische» Einfluß ausgeliefert werde. Nach langer Debatte nahm die Kammer unter dem heftigen Widerspruch der Opposition einen Antrag auf Schluß der Debatte an und genehmigte mit 168 gegen 8 Stimmen eine von dem G r o ß w e s i r gebilligte Tages- ordiumg des Führers der Jungtürkin, � in welcher die Kammer den Standpunkt der Regierung in der Schtffahrtsangelegenheit billigt und der Regierung ihr Vertrauen ausspricht. Politische Tendenznrteile. Serajewo, 13. Dezember. Das Militärgericht in M o st a r ver- urteilte 31 Serben, die zur Zeit der AnnektionSkrise nach Montenegro geflüchtet sind, um gegen Oesterreich zu kämpfen, wegen Hochverrats zu Kerkerstrasen von ö'/z bis zu 7 Jahren. Rußland. Russische Greuel. Als der Amerikaner George K r n n a n in den neunziger Jahren des vorige» Jahrhunderts die Greuel in den russischen Gefängnissen und Verbaimungs orten aufdeckte, ging ein Sturm der Entrüstung durch die gesamte zivilisierte Welt, der die russische Regierung zwang, die ärgsten Mißstände abzustelle». Seitdem ist die öffentliche Meinung der bürgerlichen Klassen Europas, namentlich nach den Revolutionsjahren in Rußland, merkwürdig zahm geworden. Sie findet zwar Worte der Empörung für die Füfilierung Ferrers. für die Greuel auf der Festung M o n t j u i ch. aber für die blutige Henkerwirtschaft in Rußlatid. für die sorttvähreuden Greuel in den Marterhöhlen des Zaren findet sie, einzelne Fälle ausgenommen, kein Wort der Empörung und deckt so durch ihr verbrecherisches Sckiweigen die blutigen Taten des Henkerzaren, der als Geschäfts- führer der europäischen Börse die kapitalistische„Ordnung" gegen den„Umsturz" verteidigt. Wir haben schon mehrfach die Zustände in den Gefängnissen und BerbanirnngSorte» an der Hand amtlichen Materials eingehend be« leuchtet. Wir haben namentlich auf die Greuel in den Katorga- gefänguiffen hingewiesen, deren Jnsasienzahl sich in den letzten zwei Jahren allein verdoppelt hat(laut amtlichem Be- richt befanden sich zum 1. Januar 1903 12 000 Gefangene in den Katorgagefängnissen, zu denen im Laufe des Jahres 5174 hinzukamen; die Zahl der in diesem Jahre zu«Katorga" ver- urteilten dürfte diese Zahl noch übersteigen.) Aber die Nachrichte», die jetzt in die Oeffentlichkeit dringen, übersteigen an Graue nhaftigkeit alles, was bisher bekannt war. Folgender Brief eine» Genossen auS der S ch l ü s s e l b u r g e r Festung zeigt dies zu Genüge: .... Das Regime in der Festung war in der Tat entsetzlich. Der Direktor S i m b e r g begrüßte jede neu eintreffende Abteilung mit Drohungen und versprach sie kirre zu machen. Nur die Wellen der Newa— so lauteten buchstäblich seine Worte— werden erfahren, was ich mit Euch tun werde I' Er begnügte sich nicht, daß er die Aufseher gegen die Gefangenen hetzte, sondern trug auch in die Reihen der letzteren Zwistigkeiten und Feindschaft hinein. Mit Hilfe einiger Subjekte organisierte er eine Art Geheimpolizei und förderte die Denunziationen, indem er dies durch verschiedene Konzessionen belohnte. Unter der Flagge„wirtschaftlicher Arbeiten" zwang er die Gefangenen, Kohlen aus den Barken zu schleppen, die Müllgruben und die Klosetts der Ausseher zu reinigen, alles natürlich ohne Bezahlung.... Aber alle diese Maßregeln SimbergS zähmten niemanden, sondern erregte» nur Haß. Fast die Hälfte aller Gefangenen saßen auf seine» Befehl im Karzer, einige fünf oder sechs Mal, einzelne 60 bis 70 Tage ununterbrochen. Z» den harttiäckigsten der Pro- testierenden gehörten N. S t m o n e n k o und A. K o n u p p, die wegen des Sebastopoler Aufstandes verurteilt waren I Während eines Zu- sammenstoßes mit den Aufsehern stopften ihnen die letzteren den Mund mit M e n s ch e n k o t voll und ließen sie so, a n H ä n d e n und Füßen gefesselt, einige Stunden liegen. Das ist eine unzweifelhafte Tatsache. „Es ist bei diesen Bedingungen nicht erstaunlich, daß ein hoher Prozentsatz der Gefangenen an Skorbut, Lungenschwind. sucht und Neuro st henie erkrankte. In einem Jahre st a r b e n im Spital 7 und wurden irrsinnig 4 Gefangene! Simberg behielt recht: von allen seinen Taten wußte» nur die Wellen der Newa.. . Der Briefschreiber schildert weiter, welche Greuel sich im Frühling b. I. auf Befehl de« Stellvertreters SimbergS, des Fürsten Iwan Guramoff. in Schlüsselburg abspielten. Fast alle Gefangenen wurden in die Karzer geschleppt, wo sie länger als einen Monat saßen. Die Oese» wurden dabei so stark geheizt, daß die Gefangenen nackt, nur mit den Fesseln an den Füßen, in den Zellen liegen mußten. Die allgemeine Spannung im Gefängnis hätte zu einer furchtbaren Katastrophe geführt, wenn die Gefangenen nicht infolge des Umbaues des Gefängnisses nach Wvlogda und den sibirischen Katorgagefängnissen transgor.iert worden wären.„Die Schlüffelburger Festung-- so schließt der Brief— wird gegenwärtig umgebaut und für 1000 Ge- fangene instand gesetzt. Für Simberg und Genossen steht eine reiche Beute bevor!" Die Redaktion de» sozialdemokratischen Arbeiterblattes „Prawda". dem wir den obenstehenden Brief entnehmen, schreibt hierzu folgendes: «Schlüsselburg steht nicht allein. Viele solcher Gefängnisse sind in der großen Niederung zerstreut, die sich Rußland nennt. In unseren Händen befinden sich nickt minder erschütternde Korrespon- denzen aus Wologda, Alexandrowsk, Odessa, Saratow und Shitomir. Fast jeder Tag bringt neue Tatsachen... DieS sind bloß einzelne Kapitel aus dem Bericht: wie die Sieger Rache nehmen an de» Besiegten von 1905. „ES ist unmöglich zu schweigen und die Hände in den Schoß zu legen I Alles was möglich ist, muß getan werden, um das Schicksal der Gefangenen moralisch und materiell zu erleichtern. Und vor allem ist es notwendig, daß die Volksmassen die Gemein- heiten und Scheußlichleiten kennen sollen, die die im Rausch der Reaktton wahnsinnig geworden«» Henkerknechte des Zaren unter der Leitung Stolypins verüben.' GewerkfcbaftUche� Weihnachten der jMansfelder Ausgesperrten. Der Parteivorstand schreibt uns: Der Vorstand des sozialdemokratischen Vereins für den Wahlkreis M a n s s e l d wendet sich in einem Ausruf an die Genossen und bittet um Geldbeträge für eine Weihnachts- Unterstützung der Mansfelder Ausgesperrten. Dieser Aufruf ist dem Parteivorstand leider erst nach seiner Veröffentlichung in der Presse zur Kenntnis gekommen. Der Parteivorstand kmlt angesichts der Krise Sammlungen für die Mansfelder Genossen nicht für angebracht und hat bereits beschlossen, aus allgemein enParter- Mitteln für die Mansfelder Genossen eine Summe zur Verfügung zu stellen, so dast der Aufruf dadurch gegenstandslos wird. Die JVlaßregelungsnachwetre der Unternehmer- Verbände. In den Kreisen der Unternehmer ist gegenwärtig alles mobil, um der neuesten propagierten Lieblingsidee, der Ein- fiihrung der Zwangsarbeitsnachweise, die kruminen Wege zu ebnen. Die neueste Nummer der deutschen„Arbeitgeber- Leitung" enthält gleich vier Publikationen dieser Art: emen Auszug aus dem Referate des Kommerzienrats Stark- Chemnitz, eine redaktionelle Introduktion zu dem dann folgenden Hauptstück des Hamburger Arbeitsnachweis- leiters, Ingenieurs T h i e l k o w, und endlich das im Oktober gehaltene Referat des Syndikus R o i tz s ch- Chemnitz. Alle diese Aeußerungen enthalten für die Oeffentlichkeit Be- kanntes, allzu Bekanntes, natürlich, denn aus der Geheim- Praxis dieser Maßregclungsinstitute wird der Oeffentlichkeit nichts bekanntgegeben. Das immer wiederholte Abschwören der eigentlichen Absicht, die mit der Errichtung dieser Nach- weise verfolgt wird, Arbeiter zu verfemen,, wirkt angesichts der Enthüllungen über den Mannheimer Nachweis nach- gerade mehr als absurd. Tie stärkste Betonung für die absolute Notwendigkeit der Unternehmernachweise wird darauf gelegt, daß sie fach- und sachgemäßer arbeiten, nicht rein schablonenhaft Arbeits- kräfte vermitteln, wie dies die schlecht geleiteten anderen Nachweise alle tun sollen. Herr Noitzsch verstieg sich nun im Eifer der Belobigung zu der Trivialität: „Alle die uns entgegenstehende!! Nachweisformen arbeiten schematich, und wenn irgendwo, so ist im Arbeitsnachweis jedcö Schematisieren ein Unding, gleichviel ob die benutzten Schemata im Kopfe eines oerrannten Agitators oder eines weltfremden, in Sozialpolitik machenden Regierungsrats oder Professors entstanden sind." Wir wußten zwar nicht, wo ein deutscher Professor seinen Lehrstuhl mit dem Schemel in einein Arbeitsnachweisbureau vertauscht hat, oder gar ein Regierungsrat sich in so unbequemer Stellung hervorgetan hätte, müssen aber sagen, daß nach unserer Erfahrung alle anderen Arbeitsnachweise den gleichen Vorzug haben, die den neuen Arbeitsnachweisen der Unternehmer eigen sein soll. Auch sie werden von Leuten, die ehedem im Berufe tätig waren, geleitet. Diese verfügen über mindestens dieselben Fachkenntnisse wie die von den Scharfmachern auserwählten Leiter. Tie schlauen Füchse können die Oeffentlichkeit mit allem anscheinend-ehrbaren Geschwafle nicht mehr täuschen— sie sind längst erkannt! Siehe den Mannheimer Nachweis und feine Geheimakten! Berlin und Nmgezend. Mitgliederfang. Vor einiger Zeit hatte eine Versammlung der Rohrleger und Hrlfer, welch- von der Vereinsleitung des Allgemeinen Deutschen Mctallarbeiterverbandes(Wiescnthaler Richtung) einberufen war, eine Resolution angenommen, in der von den Arbeitgebern eine Teuerungszulage gefordert wurde. Eine Kommission des ge° nannten Verbandes sollte sofort mit den Vertretern der Arbeit- gcberorganisation verhandeln. Es verging eine geraume Zeit, bis über diese Angelegenheit Bericht erstattet wurde. Als dieses endlich geschah, gebürdete sich Herr Wiesenthal in der betreffenden Versammlung furchtbar radikal. Wohl mußte er eingestehen, daß die Arbeitgeber die verlangte Teuerungszulage abgelehnt hätten. jedoch meinte Herr Wiese nthal, nachdem beschlossen war, noch einmal mit den Arbeitgebern zu verhandeln, würde ein Kampf nicht ausbleiben, wenn die Arbeitgeber am l. April nächsten Jahres keine Lohnerhöhung bewilligten. Am 5. Dezember fand nun wieder eine Versammlung der Rohrleger und Helfer von dem Allgemeinen Deutschen Metall- arbeiterverband statt, wo über den Abschluß eines Tarifvertrages mit einer Lohnerhöhung mit den Arbeitgebern berichtet wurde. Ebenso sollte ein paritätischer Arbeitsnachweis vom 1. April 1910 an eingerichtet werden. Bei diesem Arbeitsnachweis sollten die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Metallarbeiterverbandcs be- vorzugt werden. Der Berichterstatter Wiescnthal stellte die Sache so hin, daß die Arbeitgeber in der Schlichtungslommission mit dem Tarifvertrag(derselbe hat 83 Paragraphen) einverstanden wären und dieser Vertrag das Resultat der Beratung mit den Arbeitgebern wäre. Darüber war nun großer Jubel bei den Wicsenthalern. Die bürgerliche Presse meldet« schon von einem Sieg des Herrn Wiesenthal und seiner Anhänger. Jedoch es sollte anders kommen. Die Arbeitgcberzcitung wie auch einige andere Zeitungen berichten, jedenfalls auf Veranlassung pes Arbeitgeberverbandes im Rohrlcgcrgewerbe, daß von einem Abschluß des Tarifvertrages nicht die Rede sein könne. Die betreffenden Zeitungen schreiben: „In der Presse sind über Abschluß eines Lohntarifs im Rohrlegergewerbe ganz falsche Nachrichten verbreitet. Nach diesen soll den Monteuren ein Minimallohn von 72% Pf. und den Helfern oü Pf. pro Stunde bewilligt und die Einrichtung eines paritätischen Arbeitsnachweises zugestanden sein. Dem- gegenüber stellen wir fest, daß dies Wohl die Forderungen der �Arbeitnehmer sind, über welche jedoch bisher nur einmal in der Schlichtungskommission verhandelt worden ist. Die allein in Lohnbewegungen für das Rohrlegergewerbe matzgebende Stelle, der Arbeitgeberverband im Rohrlegergewerbe, hat sich bisher mit der Tarifvorlage noch gar nickt besdhäftigt." Wer nun den Bericht des Herrn Wiesenthal gehört hat vnd diese Notiz liest, der wird sich die Frage vorlegen, wer nun recht hat. Jedoch sei bloß daran erinnert, daß bei der Tarif- belvegung im Jahre 1908 Herr Wioesntahl auch berichtet hatte, daß es durch die Verhandlungen gelungen wäre, eine Zulage von 2% Pf. pro Stunde, vom t. April 1999 ab, zu erreichen. Nochher stellte es sich heraus, daß ein derartiges Zugeständnis von den Arbeitgebern nicht gemacht war. Daraus ist zu ersehen, daß Herrn Wiese nthal ein nicht unbedeutender Irrtum öfter einmal unterläuft. Man kann ohne weiteres annehmen, daß auch die oben ge- stbilderte Aktion nichts weiter bezweckt, als damit Mitglieder zu bekomme!!, um bei den Arbeitgebern als die„Interessenvertretung der Rohrleger" zu gelten. Jedoch die Rohrleger und Helfer sind viel zu klug, sich auf diese Weise sangen zu lassen, sie trauen der Sache nicht. Diese Meinung haben anscheinend auch die eigenen Anhänger des Herrn W i e s e n t h a l selbst zum Teil, denn die letzte Versammlung des Allgemeinen Verbandes mutzte vertagt werden, weil zu— wenig Personen anwesend waren._ Berantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.: Die Rohrleger und Helfer wissen, daß ihre Interessen bei dem Deutschen Metallarbeiterverband am besten gewahrt sind und werden nach wie vor für die Ausbreitung desselben agitieren Die Agitationskommission der Siohrlegcr und Helfer des Deutschen Metallarbeitcrverbandes. Beginn der örtliche» Tarifbewegungen im Baugewerbe. Wie bereits berichtet, fanden am 11. und 12. November in Berlin Tarifvcrhandlungen für das Baugewerbe zwischen den zentralen Instanzen der Arbeiter- und der Arbeitgeberorgani- sationcn statt, die aber infolge der außerordentlich weitgehenden Forderungen des„deutschen Arbeitgcberbundes für das Baugewerbe" zu keiner Verständigung über irgendeine der wichtigsten Bcstim- mungen führten. Schließlich wurde die Verhandlung auf mibe- stimmte Zeit vertagt. Inzwischen sollten aber die örtlichen Organi- sationen die Verhandlung beginnen. Während die zentralen In- stanzen über das sogenannte Vertragsmuster Beratungen pflegen — das sind die Bestimmungen, die für alle Vertragsgebiete Geltung haben sollen— fällt den örtlichen. Instanzen die Aufgabe zu, für das besondere Gebiet Vereinbarungen vorzubereiten über: Geltungsbereich des Vertrages; Dauer der Arbeitszeit und Arbeits- Zeiteinteilung; Beginn und Ende der Ueberstunden, der Nacht- und Sonntagsarbeit und die hierfür geltenden Lohnzuschläge; ferner über Arbeitslöhne; Löhnungstag und Lohnzahlungsperiode; Auf- lösung des Arbeitsverhältnisses; Bestimmungen über die Zu- sammensetzung zweier Instanzen zur Schlichtung von Streitig- leiten, und anderes mehr. Für das Berliner Bcrtragsgebiet haben bereits am 9. und 19. Dezember die Verhandlungen begonnen. Die Maurer und Bauhilfsarbeiter verhandelten am ersten Tage und die Zimmerer an dem darauf folgenden. Ein einigermaßen befriedigendes Resultat konnte auch hier nicht erzielt werden. Die örtlichen Ver- Handlungen werden nun in allen Teilen des Reiches einsetzen und bis zur nächsten zentralen Verhandlung fortgesetzt werden. Lohnbewegung in de» Brauereien. Der Deutsche Transportarbeiterverband hatte am Sonntag- nachmittag eine Versammlung seiner Mitglieder aus den Braue- reien und Bierniederlagen Groß-Berlins einberufen, die in den „Musikcrsälen" siattsand. Es handelte sich hauptsächlich um die Biersahrer und das übrige Fahrpcrsonal in den Brauereien. Der Transportarbeiterverband hatte im Oktober eine Versammlung der Bierfahrer veranstaltet, die eine Kommission wählte, um die Forde- rungen des Fahrpersonals in der bestehenden Lohnbewegung fest- zulegen. Diese Kommission stellte einen Entwurf für einen neuen Tarifvertrag her. Zugleich hatte auch der Braucreiarbeiterverband eine Lohnkommission für das Fahrpersonal gewählt und Forde- rungen ausgestellt. Die beiden Kommissionen hielten zwei Kon- ferenzen ab und man einigte sich, gemäß den Verbandsbeschlüssen, auf ein gemeinsames Vorgehen, um einen einheitlichen Tarif aufzustellen. ES ergaben sich vorläufig noch verschiedene Disse- renzcn, und der Transportarbeiterverband machte den Vorschlag. in einer gemeinsamen Versammlung der Mitglieder der Ver- bände Bericht über das bisherige Resultat zu erstatten. Dem Vrauereiarbeiterverband erschien eine Berichterstattung noch ver- früht, der Transportarbeiterverband aber glaubte, dem Fahr- personal einen Bericht schuldig zu sein und lud seine Mitglieder zu dieser Versammlung ein. A. Werner referierte über den allgemeinen Stand er Lohnbewegung in den Lagerbicrbrauereien und legte den Entwurf für den neuen Tarifvertrag für das Fahr- personal vor. Derselbe ist noch Gegenstand einer endgültigen Ve- ratung der beiden Kommissionen, die im allgemeinen sich in Ueber- einstimmung befanden. Besonders diskutiert muß noch werden über die Forderung eines garantierten Jahreseinkommens für die Fahrer, über den Arbeitstag der Tourenjahrer und andere Dinge von geringerer Bedeutung. Die Faßfahrcr sollen nach dem Entwurf einen Lohn von 39 M. und außerdem für 199 Liter ver- kauften Bieres 89 Pf. Provision erhaltene Fahrer, die bis acht Hektoliter allein fahren, erhalten eine Vergütung von 3 M. pro Tag. Jeder Faßfahrer, der täglich mindestens 8 Hektoliter ver- kauft, hat einen von der Brauerei zu stellenden Mitfahrer zu beanspruchen. Die Flaschenbierfahrer erhalten zu ihren bisherigen Bezügen eine Lohnerhöhung von 19 M. pro Woche, mit der Matzgabe, daß der feste Lohn in jeder Brauerei mindestens 25 M. pro Woche beträgt. Den Flaschenbierfahrern wird bei einem täglichen Berkaus von 25 Kasten ein Mitfahrer von feiten der Brauerei gewährt. Die Privatfahrcr erhalten einen Lohn von 36 M. pro Woche nebst Provisionen. Der Lohn der a ß- und Flaschenbier Mitfahrer beträgt 32 M. pro oche nebst Provisionen. Für die R e s e r v c f a h r e r werden 36 M. verlangt nebst Provisionen, für die S t a l l c n t e 35 M. Die Arbeitszeit für Reservefahrer und Stalleute beträgt nach dem Entwurf 9 Stunden innerhalb 11 Stunden pro Tag. Dieselbe Arbeitszeit ist für die Chauffeure angesetzt sowie 42 M. Wochenlohn. Die Hofarbeiter erhalten 32 M. Lohn bei einer Arbeitszeit von 8% Stunden innerhalb 19 Stunden. Die Bahn- und Kahn Verlader erhalten einen Zuschlag von 3 M. pro Woche, die Nachtarbeit beträgt 8 Stunden netto. Die Flaschen- kcllerarbciter erhalten 39 M. bei einer Arbeitszeit oon 8 Stunden innerhalb 19 Stunden.— Weiter werden in dem Ent- wurf die Sonntagsarbcit und die Ueberstunden geregelt. Be- stimmte Forderungen werden erhoben in bezug auf den Urlaub, hygienische Einrichtungen usw. In der Diskusston wurden bei den einzelnen Positionen noch einige Verbesserungen gewünscht. Im allgemeinen aber ge- wannen die Arbeiten der Kommission Anerkennung, die Mitglieder waren mit dem Verlauf der Beratungen zufrieden. A l i s ch pole- misierte gegen den Brauereiarbeiterverband, der mit den ring- freien Brauereien Vereinbarungen traf, um sich Vorteile in bezug auf den Arbeitsnachweis zu sichern. Der Redner besprach dann den Ablauf der Tarifverträge in den Weißbier- und Malzbier- brauereien. Der Transportarbeitervebrand entfalte eine reiche Tätigkeit, um die Wünsche der Arbeiter in bezug auf Einheitlich- kcit in den Löhnen und Preisen zu erfüllen; er verlange aber auch die Unterstützung durch die Arbeiter, die unbedingt erforderlich sei, wenn die Organisation energisch etwas durchsetzen wolle. Die Aussperrung in Stettin und ihr Einfluß auf die Berliner Herrenkonfektion. Eine zahlreich besuchte Versammlung der Hcrreukonfektions- schneider Berlins beschäftigte sich am Sonntag im großen Saale der Brauerei Friedrichshain wiederum mit der Aussperrung in Stettin. Es war ein Vertreter des Schneiderverbandes, S ch ä r t l, aus Stettin erschienen, der aus Grund eigener Erfahrung die Ent- Wickelung und die Lage des Kampfes schilderte, der auch für die Konfektionsschneider Berlins wie ganz Deutschlands von immer größerer Bedeutung wird. Ein Teil der Unternehmer, 3 Firmen, fügte sich nicht dem Beschluß des Arbeitgcberverbandes, erklärte im Gegenteil, nicht an der Aussperrung teilnehmen und die Löhn? mit dem Schneiderverband tariflich festlegen zu wollen. Da ging der Arbeitgeberverband mit derselben Brutalität, die den Arbeitern gegenüber angewandt wird, gegen jene Firmen vor und suchte ihnen durch Boykott mit Hilfe der Stoff- und Futterlieferanten die Existenzmöglichkcit zu rauben. Zu einer großen Firma, Arcus- berg u. Kaufmann, kamen, gerade als die Vertreter deS Schneiderverbandes dort zur Verhandlung anwesend waren, vier Herren, die im Auftrage des Arbeitgeberverbandcs der Firma den Boykott ankündigen wollten. Der Firmeninhaber wies ihnen je- doch die Tür und zog es vor, sich mit den Arbeitern zu einigen. Diese Firma steht eben so kapitalkräftig und unabhängig da, daß ihr der Arbeitgeberverband samt seinen Lieferanten nichts mehr anhaben kann. Eine andere Firma. Karl Kaufmann, die erst ein Jahr besteht, fühlte sich jedoch veranlaßt, um dem ihr vom Ttz.Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. BerlagSanstall Arbeitgeberverband angedrohten Ruin zu entgehen, ihre Nnker» schrift zu der Erklärung, daß sie nicht aussperren und sich mit den Arbeitern einigen wolle, zurückzuziehen. Sie bat die Vertreter des Schneiderverbandes, sie möchten sie ihres Wortbruchs wegen bei den Arbeitnehmern entschuldigen; sie habe, wenn sie exi st enzfähig bleiben woll te. nicht anders handeln können. Die Aussperrung umfaßt nun seit letztem Sonnabend ungc- fähr 1799 Personen. Der Arbeitgebervcrband soll, wie verlautet. beschlossen haben, wenn bis Weihnachten keine Einigung erzielt ist, die ganze Konfektionsarbeiterschaft auszusperren. Auch ein Be- richt im„Confectionair", wonach die„RiesenauSsperrung in der Stettiner Konfektion 3999 Arbeiter und Arbeiterinnen umfaßt", deutet darauf hin, daß man eine weitere Ausdehnung des Kampfes plant. Es heißt darin, daß die Berliner Arbeiter und Arbeite- rinnen, soweit sie organisiert seien, alle Arbeit aus Stettin zurück- weisen wollten, und daß der Kamps dadurch auch auf Berlin übergreifen werde. Es ist selbstverständlich, daß die hiesige Kon- fektionsarbeiterschnft keine Strcikarbcit auS Stettin anfertigen will, denn sie hat gemeinsame Interessen mit den Ausgesperrten. Der Arbeitgebervcrband sucht in Berichten an die bürgerliche Presse die Meinung zu verbreiten, die Konfektionsschneider Stettins hätten 25 bis 39 Proz. Lohnerhöhung verlangt und des- wegen hätten die Arbeitgeber ausgesperrt. Wie aus den AuS- führungcn des Referenten deutlich genug hervorging, ist das nicht der Fall, sind eS vielmehr Lohnkürzungen bis zu 89 Proz., die die Arbeitgeber der Arbeiterschaft durch die Aussperrung aufzwingen wollen, waS zum Kampf geführt hat.— Die Versammlung nahm einstimmig ein? Resolution an. in der gelobt wird, keine Streik- arbeit zu verrichten und mit allen Mitteln für die Stärkung der Organisation einzutreten. Ocuelckeo Kelch. Arbeitslosenzählung. In der am Sonntag in Ludwigshafen durch das freie Gewerkschaftskartell vorgenommenen Arbcitslosenzählung wurden 593 Arbeitslose und 369 Personen mit beschränkter Arbeitszeit ge- zählt. Die Stadtverwaltung hat zu den Kosten der Arbeitslosen- zählung einen Beitrag von 159 M. geleistet. Ludwigshafcn ist eine reine Arbciterjtadt und zählt über 69 999 Einwohner. Achtung, Schuhmacher! Die Zuschneider und Stanzer der Schuhfabrik W. Spieß in Stuttgart stehen in einer Lohn- bcwegung. Nachdem alle Versuche, auf die von den Arbeitern ge- stellten Forderungen irgendwelche Zugeitändnisse zu erreichen, ge- scheitert waren und da die Firma versuchte, die Sache hinauszu- zögern, reichten am 11. Dezember sämtliche Zuschneider und Stanzer ihre Kündigung ein. Zuzug von Schuhmachern nach Stutt- gart ist streng fernzuhalten. In der Bandwcberei von Junker Nachf. in Rheydt» G e n i k e n(Rhld.) haben wegen Lohndifferenzen 76 Weber die Kündigung eingereicht. Ebenfalls wegen Lohndifferenzen haben die Weber der Firma Wander u. Hoffmann in M.-GIad-> dach gekündigt. Tlusland. Ausstand französischer Heizer. Loricnt, 13. Dezember. Die Heizer von 22 Dampfern im hiesigen Hasen sind in den Ausstand getreten und verlangen Lohn- aufbesserung sowie Kürzung der Arbeitszeit. Ruhestörungen sind bisher nicht borgekommen._ Aussperrnng der römischen Tabakarbeiter. Rom, 9. Dezember 1999. Also: wir wollen den Fortschritt, aber anknüpfend an daS, was geschichtlich geworden ist. Wir wollen mit jedem zusammenarbeilen, der arbeiten will. Wir erkennen an, daß im Lause des letzten Jahrhunderls der Liberalismus große Aufgaben erfüllt hat. Wir sind weit ent- feint, ihn ausschalten zu wollen, aber wir wollen gleich- berechtigt sein.(Stürmische Heiterkeit links.) Der Liberalismus ist der Faktor, mit dem wir arbeilen und das Erreichbare erreichen wollen. In den letzten Jahrzehnten haben Konservative und Libe- rale häufig zum Segen des Vaterlandes zusammengearbeitet. Mit Recht sagte der Reichskanzler. daß wir keine Parteiregierung hätten.(Widerspruch links.) Wenn Sic alles, was in den letzten Jahrzehnten in Deutschland a» Fortschritten erreicht ist, einer konservativen Parteiregierung zuschreiben, so akzeptiere ich daS.(Sehr gut! rechts.) Die Geschichte hat während der letzten Jahrzehnte Deutschland begnadet wie selten ein Volk.(Sehr ricdtig! rechts.) Es wäre undankbar, das nicht auzuerkennen. Wir sind in den Sattel gesetzt. Wir haben ein gutes Pferd, aber leider verstehen wir teilweise noch recht schlecht zu reiten. (Beifall rechts, Lachen links.) Abg. Dr. Frank(Soz.): Das deutsche Volk ist über die Reitkunst der herrschenden Klaffen anderer Meinung als der Herr Vorredner; es sagt sich: Die herrschenden Klassen verstehen zu reiten— auf dem deutschen Volk! (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Herr GanS Edler zu Putlitz hat eS für notwendig gehalten, neben der Disziplinarbefugnis des Präsidenten noch eine besondere Sttzungspolizei für die konservativ« Partei in Anspruch zu nehmen. Er hat die paar kleinen bescheidenen Bemerkungen meines Freundes Scheide- mann(Heiterleit; Zuruf rechts: Bescheiden?) hier augegriffen milder ganzen Wucht einer hurrapairiottschen Entrüstung. Ich begreife es sehr wohl, daß es dem Herrn Abgeordneten GanS Edler zu Putlitz un- angenehn! ist, wen» die brandeuburgisch-preußische Geschichte hier im Hause behandelt wird, denn die Beziehungen des edlen Geschlechtes der Ganse v. Putlitz(Heiterkeit) zum Hause Hohenzolleru waren nicht immer so freundlich wie heute.(Sehr gut! bei den Sozial demokraten.) In der Zeit der Quitzow, als die Hohenzollern nach Brandenburg gekommen waren, da bestand die Neigung, den jimgen Herrn Joachim von Hohenzollern aufzuhängen. Sie erinnern sich an den Spruch:»Jochiinke, Jochimke, hüte Di, fangen wi Di, so hangen wi Di I" Malen Sie sich'mal aus, wenn die Geschichtsauffassung, die Sie vertreten haben, die richttge wäre, dann hätten wir, wenn die Abficht Ihrer Vorfahren zur Tat geworden wäre, wenn Herr Joachim wirllich aufgehängt wäre, dann hätten wir nicht bloß nicht die ganze brandenbnrgiscki-preußische Geschichte und das Deutsche Reich, wir hätten— schrecklich zu denken— die ganze Siegesallee nicht bekommen!(Große Heiterkeit.) Ich glaube, daß die Herren Konservativen, die drüben im.Rheingold' getagt haben, für ihre Schutzaltion für die preußische Monarchie sich einen geschickleren ,. T r l a r i e r'(römische Soldaten der Kerntruppe) hätten aussuchen können, als den Herrn GanS Edlen zu Putlitz.(Heiterkeit.) Daß eS überhaupt notwendig ist, immer wieder im Deutschen Reichstag Erläuterungen zum Gang der preußischen Geschichte zu gebe», daran sind nicht meine Parteifreunde schuld, sonder» ledig- lich die offizielle Geschichtsfälschung in den Schulen. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) ES wäre besser gewesen. wenn Herr Gans Edler zu Putlitz, statt zu schimpfen, sich daran gemacht hätte, einzelne konkrete Behauptungen meines Freundes Scheidemann zu widerlegen.(Sehr gut! bei den Soztaldemo- traten.) Eins muß gesagt werden: Als der Herr Abg. v. Putlitz init so starkem Auswand von Temperament und Stimme diese Saite berührt hat. ist eS mir kalt über den Rücken gelaufen, ich habe mich gefragt: Was wollen die Junker zur Zeit? Denn die Erfahrung hat gezeigt: So oft sie die ganze Blechmusik ihres HurrapattiotiSlnu« spielen lassen, so oft haben sie ein Attentat vor auf die Taschen deS deutschen Volles!(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Daun hat sich der Herr Abgeordnete v. Putlitz in seinem Eifer auch dadurch zu helfen gesucht, daß er dem Hause und dem Volke graulich zu machen suchte vor dem Zukuuftsstaat der Sozialdemokratie. Dieses Kunststückchen wird bekanntlich immer dann angewendet. wenn die Herren Junker Grund haben, die Blicke abzulenken von dem Gegenwartsstaatl(Sehr wahr! bei den Sozial- demokraten.) Soviel Freiheit wie in Ihren« Preußen wird es im Ziiftinftsstaat immer noch geben.(Heiterkeit nnd Sehr gut! bei den Sozialdemokraten. Lachen bei den Konservativen.) Herr Pauli, soviel Redefreiheit wie Herr Profeffor Wagner bei Ihnen gehabt hat, wird es bei uns immer geben.(Sehr gut! bei den Sozialdcinokraten.) Nun hat sich Herr v. Putlitz daran nicht genügen lasten, seine Triariergelüste zum Ausdruck zu bringen, sonder» er hat den weiter- gehenden Ehrgeiz gehabt und hat einen Ausblick geworfen mit rück- wirkender Kraft(Heiterkeit) aus die ganze preußische Geschichte nnd bat gemeint, die Junker wären immer für den Fortschritt gewesen, und e r sei gern_ bereit, das Verdienst für seine Partei- genossen in Anspruch zu nehmen, daß, was Großes im letzten Jahrhundert geschaffen worden sei, von Jena an(Heiterkeit), auf ihr Konto zu setzen sei.— Gegen- über den Geschichiskonstruftionen des Herrn Edler zu Pullitz will ich daraus verweisen, daß ein anderer Junker, allerdings kein Norddeutscher, der frühere Reichskanzler Fürst Hohenlohe, auf Grund einer Erfahrungen zu der Ansicht gekommen ist, daß die preußischen Junker die ganze Herrlichkeit des R e i ch e S am liebste» hergeben würden I(«ehr richtig I bei den Soz.) Das ist nachzulesen in seinen „Erinnemngcn'. Ich bin überzeugt und mit mir der weitaus grüßte Teil des deutschen Volles, daß in Deutschland niemals ein Fort- ichritt erreicht worden ist als im schärfsten Kampfe gegen die Junker.(Sehr richlig! links.) Wir sind überzeugt, daß der Fortschritt in Dentichland nur über die Niederzwiugung der Junker i>ehen kann, und wir wollen sie niederzwingen!(Lebhafte Znstiininung bei den Sozialdemokraten.) Waö gestern drüben vorgegangen ist im »Rheingold", die großen Worte, die schrecken uns nicht. Dies»Rhein-* gold"- Drama da drüben war hoffentlich nur der Anfang eines ganzen DramaS. das endigen wird mit einer Götter« dämmerung.(Lebhaftes Bravo! links. Lachen rechts. lZuruf bei den Sozialdemokraten: Das verstehen die nicht, daS ist ihnen zu hoch!) Der Herr Reichskanzler lvürde es mir gewiß übelnehmen, wenn ich nicht auch ihm ein paar freundliche Worte widmen würde. (Heiterkeit.) ES ist eine merkwürdige Wandlung vorgegangen mit unserer Politik. Noch vor ganz kurzer Zeit mußten wir unS dagegen wenden, daß die leitenden Männer der Regierung, die hohen und die allerhöchsten, zuviel geredet haben, heute beschweren wir uns umgekehrt darüber, daß wir eine»nichts sagende" Regierung haben(Sehr gut! und Heiterkeit bei den Sozialdcin.), die nur durch reaktionäre Taten zu uns spricht. Diese Wendung hat etwas Komisches, aber zugleich einen sehr ernsten Hintergrund. In unserer Reichsverfastung ist zwar die Verantwortlichkeit des Kanzlers fest- gelegt, aber sie ist Halbfabrikat: eS ist nicht gesagt, wie die Verantwortung geltend gemacht werden soll. In der Praxis besteht die Verantwortung des einzigen Reichsministers, den wir habe», darin, daß er hier Rede und Antwort steht, über seine Taten und seine Absicbten Auskunft gibt. Nun hat aber der Kanzler sich darauf beschränkt, auf unbequeme, aber wichtige Fragen einfach zu schweigen. Auf dem Gebiete der auswärtige» Politik billigen wir ihm ja mildernde Umstände zu. Wenn er sich dort noch als Lehrling fiihlt, so wollen wir ihn in dieser Selbst- einschätzung nicht hindem. Aber er hätte dann vielleicht besser getan, die Behandlung der ganzen auswärtigen Politik Herrn v. Schocn zu überlassen und hätte uns nicht Selbslverständlicvkeiten zu erzählen brauchen, die für alle Zeiten und Völker passen.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Die Grundsätze, die er vorgetragen hat über friedliche Gesinnung und Stetigkeit sind natürlich gut und schön und werden von jeden, geteilt; aber darum dreht eS sich nicht. Börne hat einmal gesagt:»Sowie die geizigen Leute Schätze anhäufen, aber das Geld nicht ausgeben, so hänfen die reaktionären Regie- ruugeu gute Grundsätze an, ohne sie anzuwenden." Wenn wir von dem Reichskanzler AuSlunst über die auswärtige Politik verlangt habe», so war damit nicht gemeint, daß wir Sensationen erwarteten, sondern tvir wünschten besiinunte Erklärungen über wichtige Fragen der auswärtigen Politik des Reiches. Wir hätten gewünscht, daß uns gesagt wird, wann endlich die deutsche Regierung in Verbindung tritt mit dem erhabenen Kaiser des chinesischen Reiches, damit uns Kiantschau abgenommen wird I Wann endlich China veranlaßt wird, auf Grund des Vertrages uns die Kapitalien herauszuzahlen, die wir dort über- flüssigerwerse angelegt haben. Es sind nun schon mehr als ltv Millionen, die wir jetzt sehr gut gebrauchen könnten, um für ein paar Jahre voraus Witwen- und Waisenversicherung zu machen. Der Herr Reichskanzler hätte uns auch loaS erzählen können über die Garantien, die seinerzeit Fürst Bülow angeblich von einem Besuch bei seinem Herrn dem deutschen Volke zurückgebracht hat. Wir wissen nicht, ob diese Garantien fortwirken in der Zeit seines Nachfolgers. Allerdings wäre der Herr Reichskanzler bei der Beantwortung dieser Anfrage genötigt gewesen, den Namen seines Vorgängers, des Fürsten Bülow einmal in den Mund zu nehmen. DaS wird sich ja auf die Dauer nicht vermeiden lassen.(Heiterkeit.) Wir muten ihm nicht zu. daß er, wie eS bei den französischen Akademikern Sitte ist, seinem Vorredner eine große Lobrede hält, aber eine klare Antwort in dieser Beziehung erwartet daS deutsche Volk doch. Ferner hätte auch Auskunft gegeben werden können über die Staatsrcise», die gemacht wurden. Wir hätten gern erfahren, ob auch im AuS» lano— wie innerhalb des Deutsche» Reiches— bei Reisen deS deutschen Kaisers Schnellzüge ausfallen, und ob auch im Ausland das tteue Volk eingesperrt wird in die Wartesäle, wie es sonst nur bei Fahrten deS Zaren von Rußland geschieht.— Auch über wichtige Fragen der inneren Politik haben wir Auskunft vermißt. Ich hatte die Absicht, anzufragen über den Stand der Unterstützungsauszahlung für die Tabak- arbeitet. In der Budgetkommission wurde heute die Erklärung abgegeben. daß die schweren Mißstände, die dort bestanden haben, behoben werden sollen. EL wurde mitgeteilt, daß bis Ende November 228 034 M. Untcrstlltzungsgeldcr an Tabalarbeiter gezahlt worden sind, und daß bis Ende Oktober schon 34 000 Gesuche von arbeitslose» Tabak» arbeiten« eingetroffen find.(Hört I hört I bei den Sozialdemokraten.) Nach dieser Erklärung will ich auf die Frage nicht weiter eingehen, sondern nur betonen. daß die schweren Mißstände, die wochenlang auf Tausenden von Arbeitern gelastet haben, früher beseitigt worden wären, wenn recht- zeitig die Gewerkschaftsvertreter gehört worden wären.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Weiter wünschen wir klare Auskunft, warum die Beschlüsse des Reichstags über die Veteranenbeihilfen nichts beachtet werden. Ich kaim mir nicht denken, daß die offiziöse Erklärung e r n st gemeint sei: Der Reichstag habe vergessen, das Dawnl in das Gesetz über das Inkrafttreten desselben hincinzusetzen. Ich würde das als eine Verhöhnung der Veteranen auffaffen.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Die Regierung hätte das Recht gehabt, das Gesetz zu publizieren, dann wäre es innerhalb der gesetzlichen Frist von zwei Wochen in Kraft getreten. Nun sagt die Regierung, weil am Schluß deS Textes nur steht: »DaS Gesetz tritt am... in Kraft"— wegen dieses Schönheitsfehlers könnte sie oas Gesetz nicht ausführen. Also: eS ist bester, wenn die Veteranen die Armenunterstützungen in Anspruch nehmen müssen, als wenn die Regierung in Verdacht käme, die drei Punkte übersehen zu haben! I(Sehr gut l bei den Sozialdemokraten.) Der Reichskanzler hat auch geschwiegen, als von mehreren Neduem gegeißelt worden ist, daß die Staatsbürgerrcchte der Beamte» nicht beachtet werden. In dem Disziplinarurteil gegen den früheren Blirgenneister Schücking ist der Satz enthalten:»Die Beamten haben die Pflicht, alles zu vermeiden, lvas zu einer Schmnlerung der Staatöautorität beitragen kann." Wenn dieser Satz angewendet Iverden sollte auf Reichskanzler und Gehilfen, dann würde nicht einer von ihnen ans seinem Platze bleiben.(Lacken rechts.) Denn durch nichts ist die StaatSoniorität so schwer geschädigt worden als durch die Versuche, die deutschen Beamten aus ihrer ftoatsbürger- lichen Stellung herunterzudrücken zu einer rechtlosen Prüloriancr- garde deS AbiolutismuS. Vizepräsident Dr. Spahn klingelt und murmelt etwas; wie eS scheint, erteilt er einen Ordnungsruf. Abg. Dr. Frank(forlfahrend): Der Reichskanzler hat eS ab- gelehnt, einzugehen auf die Uniformbeschwerden deS Herrn Abg. Wiemer. Es«st gewiß bequem, eine solche Sache mit einer Hand- bcwegung abzutun. Der Herr Reickskanzler hätte sich die Beantwortung übrigens leicht machen löirnen: er hätte sich in dieser Uniformfrage berufen können aus da" erhabene Vorbild eines so großen ManneS wie dcL Herrn Professors v. Wencksten«(Heiterkeit), der auch bei Denkmalöenthüllungen Festrede» gehalten hat mit Schärpe. Koppel- kette und Degen. Aber die Sache liegt doch nicht so einfach; die Beschwerde hat doch einen guten Sinn. Millionen Bürger fassen sie recht ernst auf. Daß der deutsche Kanzler bei einem so wichtigen Staatsakt wie die Eröffnung des Reichstages in Umform erschnnt. tou'b fco» vielen als ein Symbol dafür aufgefafzt, wel-be Macht bei uns der Militarismus hat. Ein Kollege des Herrn SteichskanzlerS, der Ministerpräsideirt Zahle in Dänemark, bat die Uebernahme feines Amtes davon abhängig gemacht, daß er feinen schwarten Nock, und zwar ohne Orden und ohne Exzellenztitel, behalten dürfe. In Deutschland freilich machen bürgerliche Bank- direkloren die Uebernahme von hohen Aemtern davon abhängig, daszsie den Exzellenztitel bekommen.(Große Heiterkeit, in die auch Staats- sekretär Dernbnrg einstimmt.) Wie es mit dem militärischen Rang- Verhältnis steht, will ich nicht untersuchen. Herrn Wiemcr möchte ich nur sagen: seine Beschwerde wäre vielleicht ernster behandelt worden. tvenn der Herr Reichskanzler nicht daran gedach! hätte, daß in der Maienzcit des Blocks sich auch freisinnige Knopflöcher sehnsuchtsvoll geöffnet haben.(Stürmische Heiterkeit.)' Ich freue mich aber, daß Herr Wicmer den Vorsatz zur Beffennig gezeigt hat, und hoffe, daß er bei der nächsten Gelegenheit beweisen wird, daß die Herren Frei- sinnigen mit uns zusamnien durch die Tat protestieren werden gegen de» höfischen Prunk: Bleiben Sie mit uns weg bei der nächsten Eröffnung des Reichstags l(Sehr gut I bei den Sozial- deniokratcn. Heiterkeit rechts.) Der Reichskanzler hat geschwiegen ans alle diese Fragen. Nur einmal hat er gesprochen, und zwar zmn Lobe des Hohenzollern- Hauses. Nicht verteidigt aber bat er den lebenden König von Preußen gegen die beschimpfenden Zumutungen: daß er das in der Thronrede feierlich gegebene Versprechen nicht halten folll(Sehr gut! linls.) Der Reichslanzler hat sich da hinter der„Kompetenz frage" verschanzt. Es macht einen armseligen Eindruck, wenn man das in einer so großen Sache tut.(Sehr richtig! bei den Sozial denrokraten.) Darüber besteht heute kein Zweifel mehr, daß die innere Einheit des Deutschen Reiches in Frage gestellt ist, wenn aus die Dauer im Norden die Massen des Volles entrechtet bleiben, während sie in, Süden mitarbeiten am Staate. Aus dem Schweigen des Reichskanzlers wird das preußische Boll seine Schlöffe ziehen. Es wird sich sagen: Es ist gekonunen, wie wir es gedacht haben. Wieder einmal war der Wille der Junker stärker als der Wille des Königs.(Sehr ivahr l bei den Sozial demokraten.) DaS Schema scheint ja auch schon bereitgestellt zu sein, nach dein die verantwortlichen Männer die Sache dem König mundgerechr machen werden. Denken Sie an da? Geschichtchen von Louis XIV. und Boileau: Ludwig XIV. halte ein Gedicht gemacht, wie bei Königen meist: ein s ch l e ch t e S G e- dicht(Heilerkeit), und hatte eS Boileau zur Beurteilung gebracht. Und Boileau sagte:„Ew. Majestät ist doch nichts unmöglich! Majestät wollten ein schlechtes Gedicht machen, und Majestät ist das glänzend gelungen!"(Große Heiterkeit.) So wird der Reichskanzler in, Austrage der Herren vom.Rheingold"(.Heiterkeit) zum König vom Preußen kommen, wird über seine Meinung zur Thronrede gefragt werden und wird sagen:„Ew. Majestät ist doch nichls unmöglich. Majestät wollten durch die Thronrede be- weisen, daß in Preußen der Wille der Junker stärker ist, als der Wille des Königs, und Majestät ist dies glänzend gelungen". (Bravo I links, Heiterkeit.). Der Reichskanzler hat statt einer klaren offenen Antwort über seine ZukunftSpläne uns, wie früher schon einmal, nebelhaste Worte gesprochen, er hat von einem„Zwang zum Schaffen" gesprochen. Da müssen wir fragen: Wer zwingt, und für wen wird geschaffen? Die Antwort lautet: Unter dem Zwang der Junker schaffen die Bur eaukraten für die Junker!(Sehr gut! bei den Soz.) Da der Reichskanzler seine Absichten in Nebel verbirgt, sind wir gezwungen, so gut eS geht, seine Absichten zu erraten. Da er früher einmal das Drängen des preußischen Volkes um ein anständiges Wahlrecht beaulwortet hat durch den Hinweis auf Kant, so dürfen wir vielleicht annehmen, daß er heute noch seine politischen Enischlüsie auf Grund seines Kant-Studiums faßt. Ich habe ihn im Verdacht, daß er bis jetzt_ seine Entschließungen ausgebaut hat auf folgenden Satz seines Meisters Kant:„Die so- genannten gemäßigten Verfaffnngen bezwecken nur, die Willkür unter dem Schein einer dem Volle verstatteten Opposition zu bemänteln". (Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Dem Reichskanzler ist, wie so oft schon, der Abg. Freiherr v. Gamp zu Hilfe geeilt. Er hat uns vorgeworfen, wir feien begehrlich, und er hat uns hingewiesen auf das englische Beispiel, auf die englischen Arbeiter, die viel genügsamer seien und es noch nicht so weit gebracht hätten, wie die deutschen. Ich darf vielleicht daran erinnern, daß der zehnstündige Arbeitstag für die Frauen— der bei uns am 1. Januar eingeführt wird— in England bereits im Jahre 1859, also vor 60 Jahren, Gesetz geworden ist! Die deutschen Arbeiter wären auch bereit, sofort zu tauschen mit dem Alters- und PensionSgesetz der englischen Arbeiter.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) In den 90 er Jahren hat der deutsche Kaiser eine sehr dankenS- werte Rede gehalten gegen die vielen landwirtschaftlichen Unfälle, denen Arbeiterinnen zum Opfer fallen. DaS NeichsversicherungSamr hatte daraufhin Unfallverhütungsvorschriften ausgearbeitet, um diesem kaiserlichen Wunsch nachzukommen. Darauf hielt Herr v. Gamp— damals noch nicht Freiherr— eine große Rede izegen diese Unfall- derhütiingSvorschriflen, obwohl die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Industrie nicht davon abhängt, daß jedes Jahr ein paar Tausend Arbeiterinnen der Unvorsichtigkeit und dem Mangel an UnfallverbütungSvorschristen zum Opfer fallen. Der Abg. Scheidemann hat auch nicht getadelt, daß die Jntercssenverbände in die Politik eingreifen. Wir nivchten nur, daß das mit offenem Visier geschähe. Wenn sie Gelder aufbringen, dann sollen sie sich auch konstituieren als Partei des Stahlwerksverbandes oder als Partei der Flotten Interessenten oder als Partei der Elberfelder Farbwerke; dagegen hat kein Mensch etwas. Das gäbe vielmehr eine wünschenswerte Klärung. Es ist merkwürdig, wie einheitlich und gleichzeitig im Norden und Süden bei den Konservativen und im Zentrum der Ruf nach Regierungshilfe erschallt, man glaubt fast nicht mehr an einen Zufall. Wenn sie schon eine gemeinsame Organisation hätten, so würde ich sagen, die Sache ist von dieser gemeinsamen Zentrale ausgegangen. Bis heute aber haben sie, glaube ich. als einzige gemeinsame politische Organisation die— Spiritus zentralel(Sehr gut I und große Heiterkeit. Entrüstete Zurufe rechts.) Wenn ich Ihnen Unrecht getan habe und sie keine Politik treibt, so ist mir das recht; denn es wäre auch schlimm, wenn Herr Kreth der sxirstus rsetor der deutschen Politik wäre.(Heiterkeit.) ES ist recht traurig, daß die liberalen Parteien so bescheiden sind. Wir Sozialdemolraten verlangen von Ihnen gar nichts. Wir machen unsere sozialistische Politik selber, von Ihnen wünschen wir doch nur. daß Sie liberale Politik machen, daß Sie daS ReithstagSwahlrecht auch für Preußen fordern(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten), daß Sie eine Neueinteilung der Wahl« kreise fordern, daß Sie eine Srcherstellung des Koalitionsrechts der Arbeiter und Beamten verlangen, daß Sie der verfassungswidrigen Bevorzugung der Junker ein Ende nmchen.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Wie Lassalle einst den Arbeitern zu- gerufen har, ihr Unglück sei ihre verdammte Bedürfnislosigkeit, so möchte man den Liberalen zurufen: Ihr Unglück ist ihre verdammte politische Bedürfnislosigkeit! Wenn Sie mehr Mut hätten, weit» Sie mehr Willen zur Macht hätten, so wären Sie schon lange über die Sozialdemokraten hinweg- voltigiert auf die Ministersessel," aber Sie sind nicht gelenkig genug dazu. Nur ein Glied ist bei Ihnen zu gelenkig: daS Rückgrat (Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Nack, den letzten RcichStagSwahlen bat hier ein Abgeordneter der Zentrumspartei eine Rede gehalten, in der er den Nationalliberalen verwies, daß nian seiner Partei einen Vorwurf daraus mache, wenn sie sich in der Stichwahl mit der Sozialdemokratie verbinde. Aus der grundsätzlichen Verschiedenheit des Programms— sagte er— folgt nicht die Berpfllchtung. in jedem Falle, wo ein Sozialdemokrat mit einem Mitglied einer anderen Partei in Stichwahl steht, für den letzteren einzutreten. Gegenüber dem Fürsten Bülow hat er sich aus die Meinung des Deutschen Kaisers berufen, welcher sagte: Sie man siegt, ist gleichgültig, wenn nur gesiegt wird!" Außerdem zitierte er auch aus dem„Osservatore rmnano":„Kein .Katholik kann einem Sozialdemokraten die Stimme geben, mit einer einzigen Ausnahme: wenn es sicv darum handelt, den glaubensfeind- lichen, in der Maske berhüllten Liberalismus zu beseitigen. Da ist dem versteckten Feind der offene Feind vorzuziehen.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) ES wird Sie interessieren, zu hören, daß der Zeiurumsredner von 1907 der— Abg. Gröber war!(Große Heiterkeit links.) Herr Gröber scheint ein merkwürdiges Arbeits- zimmer zu haben: einen Schreibtisch mit zwei Schubladen: eine für imd eine gegen die Sozialdemokratie. Wenn ich jetzt gröber wäre als icki bin(Heiterkeit), so würde ich vielleicht auch von einem Stück politischer Heuchelei sprechen können(Sehr gutl bei den Sozialdemokraten), aber ich konstatiere nur, daß der Abgeordnete Gröber der veränderten politischen Situation seine Ueberzengung prompt angepaßt hat.(Sehr gut! links.) Das Zentrum ist jetzt vornehm geworden und will sich an hohen Stellen als Damm und Wall gegen die anschwellende rote Flut an- preisen. Ich glaube nicht, daß Sie gute Geichäste damit machen werden, denn Ihre bisherigen Erfolge seit dem letzten Schluß des Reichstages sind nicht oerlrauenerlveckend, und die Stellen, bei denen Sie sich in Empfehlung bringen wollen, wissen auch, daß das Zentrum bei den Nachwahlen Zehnlausende von Stinmie» verloren hat. Und eS hat die größte Bedeutung, daß die Wahlen in Baden die erste große Niederlage des Zentrums in Denischland find.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Weil Sie wissen, daß die Reihen Ihrer Anhänger ins Wanken kommen, deshalb machen Sie jetzt den Frontangriff gegen die Sozialdemokraten. Weil die arbeitslosen Tabakarbeiter an Sie die Frage richten: Warum haben die Zentrumsabgeordneten für die Tabaksteuer gestimmt und gegen die Erbanfallsteiier? Weil die kleinen Bauen, und Handwerker sich sagen: Wir sind vor den Wagen des Zentrums gespannt worden, deshalb Ihre Erbitterung und Ihr An- griff gegen die Sozialdemokratie.(Sehr wahr! bei den Sozial- demokraten.) Herr Gröber hat eine Wahlrede gehalten.(Lochen im Zentrum.) Sie dürfen nicht denken, daß es draußen Eindruck machen wird, wenn Sie sagen: die Sozialdemokraten können uns in der Steuerfrage nicht kommen, denn sie haben ja nicht gewußt, wie sie in der dritten Lesung stimmen werden. In der zweiten Lesung haben wir einmütig fnr die Erbanfallsteuer gestimmt und offen und loyal erklären lassen, daß wir noch nicht wissen, wie wir in der dritten Lesung stiinmen werden. Wenn Sie aber so neugierig darauf waren, warum haben Sie den» dann nicht der Vorlage zur dritten Lesung verholfen!?(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Geradezu kindisch war der Vorwurf, daß unsere verehrten Führer Singer und Bebel vor der Frakiionssitzung über die Erbanfallsteuer verschiedener Meinung gewesen feien. Kennt Herr Gröber in seiner Fraktion keinen Abgeordneten, der für die Erbanfallsteuer war und gegen sie stimmen mußte? Wenn Sie es überhaupt merkwürdig finden, daß in einer so großen Partei wie der unsrige» Abgeordnete verschiedener Meinung sein können, so wenden Sie sich nur an die Herren Heim und Pichlerl Aus Verzweiflung über die Wahlerfolge der Sozialdemokratie hat Herr Gröber den Versuch gemacht, in merkwürdiger Geistesverwandtschaft mit dem Herrn Gans Edlen zu Putlitz unsere Gegenwartspolitik bestimmen zu lassen durch die Angst vor dem ZukunstSftaot.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Es sind da Geister der Vergangenheit durch den Saal gegangen. Unser verehrter Führer Bebel hat daran denken müssen, wie noch dem Fall de» Sozialistengesetzes der Kampf mit geistigen Waffe» losgehen sollte und wie sich die Z» ku n fs st a a ts d e batte entspann, in der ein Parteigenosse des Herrn Gröber sich den Namen des Blech- s ch m i e d e S erwarb.(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Es hat seltsam angemutet, daß ein so erfahrener Politiker wie Herr Gröber sich verwundert stellte, als er von unserem Endziel hörte. Hat er denn alle die Zeit über geschlafen und weiß er nichts von den Millionen von Flugblättern und Flugschriften, in denen wir unser Endziel propagieren! Wir haben keine Leranlnssimg, eS zu verschleiern, heute weniger als je!(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Bon Tag zu Tag wächst die Zahl der Leute, die froh wären, von der Misere des Junkerstaates erlöst zu werden, in einem Staate, der nicht aufgebaut ist aus Unrecht.(Sehr richtig I bei den Sozial- demokraten.) Herr Gröber sagte, unser Endziel bestehe in der Expropriation. Ich will ihn nicht auf unsere Schriften verweisen, sondern auf den Freiherrn v. Hertling, der doch gewiß kein Revolutionär ist. Herr v. Hertling hat anerkannt, daß besser als ein drückendes Privatmonopol ein Staatömonopol ist. und das sagte er gegenüber dem heutigen Junier- und Klassenstaat. Wie viel mehr noch würde eS gelten bei einem Staats- Monopol in einem demokratischen Staate I(Sehr richtig l bei den Sozialdemokraten.) Wenn vor Zeiten das Reich die Hand auf die Bergwerke gelegt hätte, wäre daS so schlimm gewesen? Wir hätten dann freilich nicht den Kamps um die Reichsfinanzreform ge habt, aber auch nicht das traurige Schauspiel, daß die deutsche Volkswirtschaft unter der Diktatur einer Handvoll Berghornn steht, und auch nicht das traurige Schauspiel, daß das Schicksal von 800 000 Bergleuten in der Hand dieser Herren liegt?(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wenn übrigens die Kartelle und Ringe sich so schnell entwickeln, wer ist daran Schuld als unsere Wirtschnfts« und Steuerpolitik I(Sehr richtig I links.) Herr Gröber selbst hat anerkannt, daß unter Uniständen die Expropriation der Großbetriebe auch ihm nicht unsympathisch seil Sie sehen, welche Verheerung der sozialistische Gedanke selbst in Ihren Reihen anaerichtet hat.(Sehr gut! b. d. Soz.). Er meinte aber, für die Kleinbürger und Bauem sei der Gedanke gefährlich. Aber diese sind durch Ihre Steuerpolitik so gedrückt, daß die volkswirtschaftlich Selbständigen, deren Zahl immer geringer wird, froh wären, wenn sie expropriiert würden I Und was die kleinen Bonern betrifft, so weiß ein so belesener Mann wie Herr Gröber doch sicherlich, daß im Erfurter Programm und seinen Erläuterungen von KautSky ausdrücklich gesagt tst, daß wir nicht daran denken, die kleinen Bauern zu expropriieren. Aber das stört Herrn Gröber nicht. Möge er doch mit uns Anträge unter- stützen, welche die Bindung des Bodens durch Fideikomnuffe auf- heben!(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Wenn wir diesen Boden unter Bauern verteilen, so könnten wir Hiindert- tansende bäuerlicher Betriebe schaffen!(Sehr wahr! bei den Sozial- demokraten.) Dann noch etwas: Bekanntlich ist die Reichsfinanzreform zu- stände gekommen vor allem dadurch, daß auf die Wünsche der Schnapspalrioten alle bedenkliche Rücksicht genommen worden ist. Die ganze Liebesgabengesetzgebung hat nur daS Ziel und die Wirkung, die großen Brennereigüter zu erhalten. Da bietet sich Herrn Gröber ein Feld praktischer, positiver Arbeit für die deutschen Bauern, und ich wünsche Ihnen viel Glück. dazu!(Zustimmung bei den Sozialdemolraten.) Wenn der Abg. Gröber erstaunt gewesen ist. als er von unserem Endziel hat sprechen hören, so möchten wir nur wünschen, daß genou so oft und genau so offen wie wir von unserem Endziel sprechen, die Herren vom Zentrum über i h r End- ziel sich aussprechen;(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Aber gerade S i e haben in Ihrer Agitation vielfach zu verbergen gesucht, was eines Ihrer wichtigsten Endziele ist: die Auslieferung der Schule an die Kirche! Sie sagen sich: wenn das Kind vom sechsten Lebensjahre an acht Jahre hindurch in der Schule immer und immer wieder die konfessionellen Gegensätze eingehämmert be» kommt und wenn eS dann hinaustritt ins Leben und in die Werk- statt und die Fabrik, daß eö dann leichter sein wird, die so vor- bereiteten Menschen für die konfessionellen Gewerkschaften zu gewinnen. DaS ist die Hanptquelle, der die christliche aewcrkschaftSbewegung entstammt. Unsere Haltung will niemanden in seinem Glauben kränken. Wir sind so wenig wie früher Kultur- kämpfer. Aber au? der Rede des Herrn Gröber hat die Sehn- sucht»ach eine« Kulturkauipf sehr deutlich herausgeklungen.(Sehr richtig l lintt.) Für uns bleibt nach wie vor unser Programm bestehen: wir wollen, daß die Religion eine wirkliche Privatsache wird, und wir kämpfen dagegen, daß sie zu einer politischen Geschäfts- fache wird.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Wir sagen allerdings auch in Zukunft den Massen, lvaS das Zentrum ist. Wir halten das Zentrum für eine politisch konservative?lunkerpartei unter klerikaler Mhrung. (Beifall bei den Sozialdemokraten.) Die internationale Solidarität des Klcrikalismus wird von keiner klerikalen Partei der Welt so treu gehalten wie vom deutschen Zentrum. Es hat zur Zeit der DrchfuS- Affäre Partei genommen für den französischen Generalstab und für das Urtel eines französischen Kriegsgerichts. und es hat bei der Affäre Ferrer Partei genommen für daS Urteil eines spanischen Stand- gerichts. Der Abg. Gröber hat bei der Erörterung de'ien. waS er den„Ferrer-Rummcl" nannte, etwas gesagt, was sich hören läßt. Er hat gesagt, es sei nicht richtig, wenn die Liberalen, die Intellektuellen wegen dieses einen Mannes solchen Lärm machen und wenn sie schweigen bei Beamtenmaßregelungen in Deutschland, wie sie jetzt in Kottewitz vorgekommen sind. Ich gebe ihm darin recht. Wir Sozialdemokraten haben das schon wiederholt betont. Wir haben hervorgehoben, daß auch gegenüber den Maßregelungen von Arbeitern, gegenüber manchem unbegreifliche» deutschen Urteil, gegenüber den Greueln des Militarismus, gegenüber den Ein- iperrungcn von Hunderten und Tausenden von Freiheitskämpfern und gegenüber den zahlreichen Hinrichtungen in Rußland die deutsche Intelligenz sich hätte hören lassen müssen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Also, Herr Gröber: Sie haben darin recht. Aber Sie haben nicht das moralische Recht, sich über die Maß- regelungen der Beamten und Lehrer in Kattowitz ,u entrüsten. weil diese Beamtenmaßregclungcn nur die notwendige Konsequenz der Junkerherrschaft in Preußen sind, deren treueste Stütze daS Zentrum ist.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Es ist vom Abg. Gröber dann auch der Versuch gemacht worden, den toten Ferrer als einen Sozialdemokraten hinzustellen. Herr Gröber weiß, daß Ferrer ein Gegner unierer Partei war. Doch wir machen unsere Stellungnabme gegenüber dem, was wir für Unrecht halten, nicht davon abbängig. daß ein Mann unserer Partei an- gehört.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Mein Freund Scheidemann hatte die Verpflichtung, zum Ausdruck zu bringen, daß Millionen von Deutschen im' Fall des Herrn Ferrer an einen schweren und traurigen Justizmord glauben.(Sehr wahr l bei den Sozialdemokraten.) Wir wissen nicht, vb Ferrer ein Freidenker war oder ein Anarchist. Das wird sich hier auch nicht aufklären lassen. Aber wenn er Anarchist gewesen ist, dann müssen wir es doch auch offen aussprechen, daß nach unserer Ueberzengung der spanische Anarchismus direkt verschuldet ist durch den KlerikalismuSl(Lebhafte Zustinimnng bei den Sozialdemokraten.) In dem Lande, in dem es keine Schule gibt, im klassischen Lande der Analphabeten, finden- die Lehren der Ver- zweiflung leicht Eingang. Der Abgeordnete Gröber hat zum Fall Ferrer Einzelheiten vorgetragen, ja er hat mit einer Aktenkenntnis gesprochen, uni die mancher spanische Staatsanwalt ihn beneiden könnte.(Heiterkeit.) Woher er die Akten bat, weiß ich nicht. Ich sage nur, daß ich vor diesen veröffentlichten Akten des Kriegsgerichts denselben Respest habe wie vor dem Kriegsgericht selbst. iHeiterkeit und Zustimmung links.) Herr Gröber hat' weiter ein Plakat vorgelesen, das angeblich in der Schule Ferrers vor- gefunden worden ist. Ich kann und will nicht untersuchen. wer das Plakat in die Schule hineingetragen hat und ob eS überhaupt drin gewesen ist. Einer meiner älieren Parteigenossen hat mir aus der Praxis des Sozialistengesetzes erzählt, man habe, wenn Polizeibesuch kam, weniger darauf geschaut, was die Leute an Beweismitteln mitnahmen, als daraus, was sie mitbrachten!(Heiterkeit und Sehr richtig! bei�den Sozial- demokraten.) Und wer weiß, welcbcr Mann in Spanien di� moralische Verantwortung für dieses Plakat ttägt?! Eins muß ich sagen: Viel Respekt vor seiner Intelligenz' hat es bei mir nicht erweckt. Das Plakat ist so plump gehalten, daß ich nicht glauben kann, Ferrcr selbst habe eS" in die Schule ge- bracht. Ohne irgend welchen ersichtlichen Grund hat Herr Gröber schließlich den Charakter und das Privatleben des erfchoffenen Ferrer hier herabzuziehen versucht. Für unS Sozialdemokraten ist die Entscheidung darüber, ob Herrn Ferrcr unrecht geschehen ist oder nicht, ganz unabhängig davon, wie sein Charakter, sein Privatleben und seine Gesinnung gewesen ist.(Sehr richtig l b. d. Soz,) Wir wagen nicht zu richten. Gegenüber diesen Ausführungen des Herrn Gröber will ich nur da« eine sagen: Wenn hier im Hause über tote Fürsten etwas gesagt wird, dann kommt der Präsident und ruft den Redner zur Ordnung. Wenn ich über den erschossenen Ferrer, über einen Mann, der mit seinem Blute seine Ueberzengung besiegelt hat. mich hier so ausgesprochen hätte wie der Abg. Gröber, dann würde nicht der Präsident, wohl aber mein Gewissen mich zur Ordnung rufen.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Die deutsche Sozial- demokratie wird sich von ihrem politischen und wirtschaftlichen Kampffeld niemals abdrängen lassen zu öder Piaffenfreffcrei. Aber dieBelämpsnng des Klerikalismus und deS volksfeindlichen Zentrums werden wir noch mehr als bisher uns zur Pflicht machen muffen, nachdem immer deutlicher und unverhüllter der Tharaklcr des ZentnimS als einer herrschenden Junkerpartci zum Vorschein kommt. Herrschaft aufrecht zu erhalten. DaS Volk drängt aber darauf"daß endlich den neuen wirtschaftlichen Verhältnissen die dazu aeböria: politische Fonn gegeben wird. DaS deutsche Volt. daS immer mehr ein industrielles Volk wird, läßt sich auf die Dauer nicht von Agrariern und Junkern regieren.. Ich gim,be und' hoffe. daß der Abgeordnele Gröber seme politische Geschichte und Chronik ergänzen muß. Er hat mit so großen und dicken Lettern das Jahr 1879 darin vermerkt. Ich glaube, er sollte beim Jahre 1909 einen neuen Vermerk machen. Er sollte schreiben: Im Jahre 1909 beginnt der Niedergang der klerikal« tonservaliven Herrschaft in Deutschland, unter der das Volk 30 Jahrc gelitten hat. Wenn Herr Gröber sich von Ihnen rerobschiedel hat mit dem jovialen Worte:„Adieu, meine Herren!' dann wird das deutsche Volk den Klerikalen und Konservativen, nicht als Abschieds- wort und nicht jovial gemeint, sondern als KampfeSgruß zurufen: Jetzt, meine Herren, adieu!(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Fehrenbach(Z): De, der Rede de? Vorredner? habe ich wiederholt an frühere Reden deS Abg. Bebel denken müssen. DaS war doch Donner und Blitz. eS hat oft auch eingeschlagen, und manche junge Saat ist zerstört worden. Aber ab und zu ist auch -in- recht wohltätige Lustremigung übrig geblieben.(Bravo! im Zenlrum.) Die Beredt>amkett des Abg. Frank aber wächst in einer dumpfen Augustnacht. wo lchwerwiegende Gerüche niedersteigen. (Heiterkeit.) Die Rede war weiter nichts als eine solche Zusammen- stellung von Bosheiten, die ich der Ehre einer eiiigehenden Erwiderung nicht teilhaftig werden lassen will.(Gelächter bei den Sozial- demokraten.) Herr Frank hat Gröber zitiert. Ich bin immer dagegen aufgetreten, wenn da 3 Zentrum für einen Sozialdemokraten ge- stimmt hat. Wie aber heute die Entwickelung geht, weiß ich wirklich keinen großen Unterschied mehr zwischen einem Sozialdemokraten und gewissen Jungliberalem(Hört I hört I und lebhaste Zustimmung im Zentrum.) Im Schlechtmachen der ReichSsinanzresonn haben übrigens die Nationalliberalen den Sozialdcmolralen de» iÜang noch abgelaufen an Unwahrheiten, Verdrehungen, Lerhetzungen. (Hört! hört!.m Zentrum.) Ich h�e das Gefühl, daß S-rr Bebel auS seiner Erfahrung heraus mehr Ectenten hat gegen die, e Kooperation der Sozialdemokratie mit den Nationalliberale» als der jugendliche Politiker Herr Frank. Aber das ist Ihre Sache, und es ist Ihnen ja gelungen, in geradezu rasendem Tempo den Llbera- n«nnt§ zu Jbren Anschauungen hinüberzuzsehen.(Große Heiierkeit bei den Sozialdemokraten.) Herr Frank hat die Haltung der ZeutrumSrcdiicr gegenüber den Konservativen auffallend gefunden. Der Selbständigkeit der Konservativen und des Zentrums will niemand Abbruch tun. Aber was heute nottut, ist ein Zusammenhalten der rechtsstehenden, konservativen, staatserhaltenden Parteien.(Stimmscher Beifall rechts und im Zentrum.) Das wird keine Beschränkung der Freiheit sein.(Große Heiterkeit links.) Wir sind stets für die Freiheit eingetreten.(Er- ueutes stürmisches Gelächter links.) Die Ferrcr- Affäre hätte Herr Gröber nicht hereingezogen, wenn nicht Herr Scheidemann Ferrer auch heute noch zum Heros der Freiheit und zum Märtyrer seiner wissenschaftlichen Ueberzeugung hätte stempeln wollen. Es ist bedauerlich, daß es nach allem, lvas von Fcrrer festgestellt ist, immer noch Leute gibt, die einen Ver- brecher als einen Heros hinstellen.(Große Unruhe links, stürmischer Beifall im Zentrum und rechts.) Sie kämpfen für diesen Mann aus Ihrer religiösen Abneigung heraus, ich trete ein für gerechte An- erkenmiug eines Gerichtsurteils eines zivilisierten Volkes.(Gelächter links). Die Art. wie der Ferrer-Rummel in Versammlungen und in der Presse ausgenutzt wird, auch heute noch, ist ein Wegweiser für uns, die staatserhaltendcn, konservativen Parteien.(Stürmischer, an- haltender Beifall im Zentrum und rechts.) Württembcrgischer Ministerialrat Schleehauf weist den Vorwurf de? Abg. Gröber vom Sonnabend gegenüber der württembergischen Regierung zurück. " Abg. Dr. Blüller-Meiningen(frs. Vp.): Jntereffant war die Rede des Herrn Fehrcnbach: Hand in Hand mit Herrn v. Heyde- brandt fordert er die Freiheit für das deutsche Volk— eine feine Freiheit I(Sehr gutl links.) Demokratische Freiheit fordert er in demselben Atemzug, wo er sich den Konservativen an den Hals Ivirft I(Sehr wahr I links.) Das Zentrum braucht eben die härm- losen Herren auf der Rechten(Heiierkeit) zur Erfüllung seiner Ab- sichten auf„kulturellem" Gebiete. In der Zentrumspresi'e, vor allem auch in Flugblättern der Herren Erzberger und Müller-Fulda ist in bezug auf die Finanzreforin eine ganz raffinierte Geschichlsklitterung Getrieben worden. Vizepräsident Erbprinz zu Hohenlohe: Von Mitgliedern de? Hanfes bitte ich Sie so etwas nicht zu sagen.(Heilerkeit.) Abg. Bküller-Meiningen(fortfahrend): In einem anderen Teile der Zentrumspreffe lautete cS freilich anders. Wer hat die Finanz- reform als roh und ungeschickt bezeichnet?— Herr Martin Spahn!(Hörtl hört! links.) Wer hat von agrarischem Egoismus, von dem Streben des Zentrums, die Finanz- reform politisch auszunutzen, von arroganter Unwissenheit de? Zentrums in Steuersragen gesprochen? Der Zentrums mann Stadtt'farrer Feuerstem aus Donaueschingenl(Hörtl hört! links. Lachen im Zentrum.) Und ein Zentrumsblatt war es, das über die Motive des Zentrums schrieb: „Die schwarzen Junker wollten um jeden Preis bei Hofe wieder lieb Kind werden!"(Hört! hört! links.) Von der Branntweiiil'ebesgabe ist eS jetzt im Zentrum ganz still geworden, während Herr Erzberger seinerzeit die Reform der Brannlwembesteuernng als Vorbedingung der Zustimmung deS Zentrums zur Finanzreform hingestellt halte! (Hört! hört I links.) Herr Gröber hat uns auch die Bündnisse der Liberalen mit den Sozialdemokraten vorgeworfen. Er mußte dazu bis zum Jahre 1874 zurückgehen und in den OOer Jahren aufhören. Ueber die Bündnisse des Zentrum» in Bayern mit den Sozialdemokraten sagte er nichts: dort haben sie bereits 1899 ein solches Bündnis geschloffen, und zwar nicht zur Erringung des gleichen, ollgemeinen Wahlrechts. denn die Verfassung in Bayern betrachteten sie damals noch als unveränderlich unter der Regentschaft. 1995 haben Sie das Bündnis erneuert und 1997 ebenfalls. Davon sprechen Sie freilich nicht, denn «S empfieht nicht für einen Anschluß nach recht», wenn man ein Jahrzehnt lang mit der Sozialdemokratie durch dick und dünn gegangen ist.(Lachen im Zentrum und bei den Sozialdemokraten.) 1907 find Sie ja mit der Sozialdemokratie geradezu eine Partei gewesen. ISchalleude Heilerkeit im Zentrum und bei den Sozialdemokraten.) lichten Momenten erkennt selbst die konservative Presse an, daß da« Zentrum eine politische Mißbildung ist zum Schaden des Volkes und Reiches. Schließen Sie(nach rechts) sich nur mit dieser Miß» dildung zusammen, da« Volk wird Ihnen seinerzeit dir Quittung dafür geben!(Lebhastes Bravo! bei den Freisinnigen.) Abg. Erzberger(Z.): Herr Müller-Meiningen hat unS Geschicht» Nitterei vorgeworfen. Bewiesen hat er das nicht. Herr Dr. Martin Spahn hat längst richtiggestellt, lvas ihm nachgesagt wird.— Wir verantworten, was wir getan haben, hier und draußen; die Brannt- weinsteuer ist reformiert und für das Gewerbe auf eine bessere Grundlage gestellt worden.(Widerspruch links.) Die kleinen Gewerbe- treibenden in Süddeuischland haben mir das durchweg bestätigt. Den ganzen Sommer hindurch ist das deutsche Volk in unehrlicher Weise gegen die Mehrheit bei der Finanzreforin aufgehetzt worden. Nicht ein Prozent dessen, was von der Finanzreform erzählt wurde, ist wahr.(Sehr richtig! im Zentrum.) Wie kann man im Ernst die Behauptung aufstellen, die 3009 Junker beherrschen das ganze Volk? Wir haben mit den Konservativen kein Bündnis geschloffen; wenn aber der Liberalismus so iveiter nach links rückt,' daß bald kein Unterschied zwiichen ihm und der Sozialdemokratie zu erkennen isy so wird es dahin kommen. Ueber Ferrer will ich nichts sagen; betonen will ich nur. daß Ferrer nicht seine Ueberzeugung mit Blut gesühnt hat, er ist wegen seiner Taten bestrast; das liegt heute klar zutage.(Sehr richtig! im Zentrum, Widerspruch links.) DaS Schulwesen liegt in Spanien keineswegs so im argen, wie Herr Frank behauptet hat; nur d a sind in Spanien die Schulen nicht in genügender Anzahl vorhanden, wo der Radikalismus vorherrscht, ganz so wie bei unS in Berlin.(Widerspruch bei den Liberalen.) Der Liberalismus ist immer nur groß in Worten, nie in Taten! (Sehr richtig! im Zentrum.) An der Kolonialpolitik werden wir gern mitarbeiten, wenn fie in vernünftiger Weise gestaltet wird. Dazu gehört vor allem eine bessere Regelung des JnstuwesenS in den Kolonien. Wirlschafllich müssen die Kolonien dahin"kommen, daß sie nicht nur zu den Kosten ihrer Z«itralverwallu»g beitrage», sondern auch zu den für sie not- wendigen militärischen Ausgaben.(Bravo! im Zentrum.) Damit schließt die Debatte ES folgen persSaliche Bemerkungen. Abg. Scheidemann kEoz.)- ßctr Erzberger hat behauptet, ich hätte feinen Freunden veranlaffimg gegeben zu ihren menschen- freundlichen Aeußerungen über Herrn Ferrer. Ich habe das nicht getan. Das wäre auch eine Dummheit gewesen, weil ich weiß, daß Ferrer ein entschiedener Gegner meiner Partei und der Arbeiterbewegung in Spanien überhaupt gewesen jsy Ich habe die neue Mehrheit des Reichstages geschildert und in Anspielung auf eine frühere Rede deS ReiwskanzlerS eine Aenßrrung der Zentrumspresse über Ferrer zitiert, speziell des..Regcnsburger MoraenblatteS". worin es heißt: .Doppelt und zehnfach hm er den Tod verdient I In Wahrheit ist er"in größerer Verbrecher als ein Mörder, der ein Dutzend Menschenleben auf dem Gewisse» hat denn er hat Ungezählten den Glanben auS dem Herzen gerissen!' Ich habe also nicht Ferrer ver- herrlicht, sonder» da« Verhalte» der ZentrumSprcsse gegeißelt und betont, daß Leute mit einer solchen Weltanickiauuna zur Mehrheit deS Herrn Rcickiskaiizlers gehören. Ferner war Herr Gaus Edler z««„tlitz st, freundlich, über mich zu sprechen, als ich nicht hier war. Es ist mir gleichgültig, was ein Mitglied cmer Parket-(Glocke de« Präsidenten)- ein Wort nur. es ist g a n z p e r s o n l i ch.(Heiterkeit.) Der Herr gehört zu den Konservativen, die verlangen, daß der Kömg von Preußen sein Wort bricht.(Vizepräsident Dr. S p a h n- DaS ist nicht per- sönlich.) ES kommt sofort Er soll gesagt haben, daß meine«uö- führungen s cki a in los o. et ähnlich gewesen seien— tch stelle fest, daß mir gln-hguliig tst, lvaS Herr Gans Edler zu Putlitz sagt. ' Abg. Erzberger Z.): Herr Scheidemann hat also Ferrer nicht verherrlicht, sondern nur in Schutz genommen.(Heiierkeit.) Abg. Scheid« mann(Soz): Sie billigen mir also Mildernde Hm- stände zu.(Heiterkeit.) Der Etat geht in feinen Haupiteik-n an die Budgetkoinmissio». Nächste Sitzung: Dienstag 11 Uhr. Zweite Beratung des Nailitragsetats 1999. Interpellation der Sozialdemokraten und des Zentrums über de» Zcchenarbeitsnachwtis. Schluß um 7 Ve Uhr._ parlamentanfcbcös Aus der Budgetkommission. Die Budgetkommission hielt am Montag ihre erste Sitzung ab; sie erledigte nach längerer Debatte den gesamten Nachtragsetat, aus welchem wir die Hauptziffern bereits mitgeteilt haben, mit der einzigen formellen Aenderung, daß der Posten zur Unterstützung der arbeitslos gewordenen Tabakarbeitcr für 1919 von 2 auf 218 Millionen Mark erhöht wurde. Rur formell ist diese Erhöhung um deswillen, weil die Regierung, wenn diese 2 Millionen nicht ausgereicht hätten, daS Recht gehabt hätte, darüber hinauszugehen, bis der gesamte Fonds aufgezehrt war. Nach Mitteilung des Staatssekretärs Mermuth wurden verausgabt: bis Ende November insgesamt 1228 624 M., darunter auf Preußen 825 999 M.. auf Baden 199999 M., auf Sachsen 99 999 M-, auf Hamburg 44 999 M., auf Hessen 26 999 M. und auf Bayern 21999 M.— Untcrstützungsgcsuche waren cingegangcii: Bis Ende Oktober insgesamt 34 999, davon allein 12 999 aus West- falen! Bekanntlich müssen die Tabakimporteure für ihre Rechnungen über den im Ausland gekauften Tabak von den deutschen Konsulat» behörden beglaubigen lassen, daß der darauf angegebene Preis auch der tatsächlichen Marktlage entspricht. Das geschieht, um Steuerhinterziehungen zu verhüten. Für die im Interesse des ReichSsiskus ausgestellten Bescheinigungen nun hat der Importeur die Gebühren zu zahlen! Auf Antrag Erzberger wurde beschlossen, den Reichskanzler zu ersuchen. Anordnungen zu treffen, daß die Beglaubigungen kostenfrei erfolgen. Die nächste Sitzung der Kommission wird erst nach den Weih- nachlsferien einberufen werden. Ob sich von nun ab die Löhne heben bezw. sich in aufsteigender Linie bewegen werden, bleibt abzulvarten. Die Steigung um 3 Pf. im letzten Quartal besagt nichts. Aus der oben angeführten Tabelle geht hervor, daß auch im vergangenen Jahre im gleichen Zeitraum die Löhne um etwas höher wurden, um dann tüchtig zu fallen. Wie die Dinge heute liegen, kann man es also den Bergleuten nicht verdenken, wenn sie neben der Frage des Arbeitsnachweises sich auch mit der Lohnfrage beschäftigen. Die Grubenherren mögen rechtzeitig einlenken. st ergarbeUerlohne Im Rultrbechen. AuS dem Ruhrbecken wird uns geschrieben: Hat der von den rheinisch-westfälischen Grubenbesitzern ge- plante Arbeitsnachweis eine große Erbitterung unter den Ruhrbergarbeitern hervorgerufen, so auch nicht minder die eleu- den Lohnverhältnisse, wie fie zurzeit im Ruhrbecken herrschen. Seit Ende des Jahres 1997 ist es mit den Löhnen bergab gegangen. Und das in einem Tempo, wie kaum jemals vorher. Wir sagen nicht zuviel, wenn wir behaupten, daß infolge der fort- gesetzten Lohnreduktionen und infolge der in den letzten Jahren eingesetzten Teuerung die Lebensverhältnisse der Ruhr- bergarbeiter auf einen Stand gekommen sind, wo Unter- ernährung und größte Entbehrung in vielen Berg- arbeiterfamilien sich breit machen mutz. Darum auch das vielfache Verlangen der Bergarbeiter, mit der Frage der Beseitigung des einseitigen Arbeits- Nachweises eine Lohnforderung an die Werks. befitzer zu v erknüpfen. Der Drang nach einer Lohn- crhöhung ist um so stärker geworden, als augenblicklich Kohlen- förderung und Kohlenverfand äußerst in die Höhe ge- schnellt sind. Was den Kohlenabsatz anbelangt, ist von einer wirtschaftlichen Krisis in den letzten beiden Monaten nichts mehr zu spüren. Wenn wir auch zugeben müssen, daß starker Winterbedarf und die Streikgefahr zu dieser Erhöhung deS Kohlenabsatzes beigetragen haben, so zeigt die Stetigkeit des hohen Absatzes, ferner die starke Steigerung der Förderung in den übrigen preußischen Steinkohlenrevieren, daß der Kohlenbergbau angefangen hat, die Klippe der wirtschaftlichen Krisis zu überwinden. ES göht wieder auswärts! Auch das trägt dazu bei. die Lohnfrage in den Vorder- grund zu drängen. Im Monat Oktober dieses Jahres nahm die Förderung wie der Absatz einen starken Ausstieg, der sich weiter auch im Monat November steigerte. So betrug der Kohlenversand der Zechen, Kokereien und Brikettwcrke vom 1.— 39. November in 24�2 Arbeitstagen 594 588 Wagen, d. i. durchschnittlich auf den Arbeitstag 24 269 Wagen zu 19 Tonnen gegen 541 986 und auf den Arbeitstag 22 545 Wagen in demselben Zeitraum des Vorjahres. Soweit wir schon eine Uebersicht über den Monat Dezember haben, ist der Stand ein ähnlicher wie im Vormonat. Wie aber steht es mit den Löhnen der Ruhr- bergarbeiter? Der Durchschnittslohn für die eigentlicken wie der der gesamten Bergarbeiter hat sich nach der soeben veröffentlichen amtlichen Statistik im 3. Quartal gegenüber dem 2. Quartal des Jahres um ganze 3 Pfennig pro Schicht gehoben! Im Vergleich zu vorhergegangenen Quartalen zeigen sich folgende Zahlen: Im letzten Quartal 1997, daß wir als das letzte Quartal in der verflossenen Hochkonjunktur im Bergbau bezeichnen können, betrug der Durchschnittslohn der eigentlichen Bergarbeiter— also solche, die bei der Kohlen- gcwinnung beteiligt sind— pro Schicht 6.14 M., der Durchschnitts- lohn für sämtliche Ruhrbergarbeiter 4,99 M. Die jetzt veröffentlichte amtliche Statistik zeigt nun folgende Lohnentwickelung: Gesamt- Lohn» Schicht« Schicht- belegschaft summen zahl lohn 1. Viertel 1998 329 435 122 362 954 M. 78 4,87 M 2.. 1998 329 475 116 529 257. 76 4,82. 3.. 1993 323 393 126 739 990, 81 4,82. 4.„ 1908 835 368 110 766 037, 75 4,76. 1.„ 1909 835 295 100 770 399. 72 4,56, 2.„ 1909 325 210 106 383 242. 74 4,45„ 8.. 1009 827 003 117 843 804. 78 4.48. Hiernach ist die Gesamtbelegschaft gegen das Vorquartal um rund 1899 Köpfe gestiegen, der gesamte zur Auszahlung gelangte Lohn ging um 11 469 566 M. in die Höhe, da auf jeden Bergmann vier Schichten mehr kamen als im Vorquartal. Für die einzelnen Arbeiterklassen gestalteten sich die Lohnverhältntsse wie folgt: Eigentliche Sonstige Arbeiter Jugend- Bergarb. unterirdische über liehe Hauer Arbeiter Tage Arbeiter 1. Viertel 1908.. 5.94 M. 4.09 M. 3.89 M. 1.49 M. 2..... 5,85„ 4,09„ 3,93. 1,38. 3.„„.. 5,89. 4,08. 3,90. 1,36. 4... 5.77.. 4.95„ 3.92. 1,36„ 1.„ 1909.. 5,42„ 3,94„ 8,83. 1,33, 2...,.. 5,28. 3.83„ 3.81„ 1.28. (49.2 Proz.) l28Proz.)(19Proz.)(3.8 Pro,.) 3..„.. 5.31 M. 3,93 M. 3,83 M. 1.29 M. Der Durchschnittslohn sank also seit dem 4. Quartal 1997 bis zum 2. Quartal 1999 für die eigentlichen Bergarbeiter um 8 6 Pfennig, für die gesamten Ruhrbergarbeiter um 5 4 Pfennig pro Schicht, um dann im 3. Quartal 1909 um ganze 3 Pfennig pro Schicht zu steigen! Auf die einzelnen Bergreviere deS OberbergamtSbezirks Dortmund verteilt, betrug der Durchschnittslohn aller Bergarbeiter in den llievieren Dortmund I 4.31 M.. Dortmund II 4.41 M., Dortmund III 4.46 M.. Qst-Essen 4.48 M., West-Essen 4.46 M.. Süd-Essen 4,47 M., Nord-Bochum 4,52 M., Süd-Bochum 4,21 Mark. Gclsenlirchen 4.47 M,. Witten 4,29 M.. Wattenscheid 4,48 M., Ost-Recklinghausen 4,63 M., West-Recklinghausen 4,7 3 M., Werden 4,27 M.. Herne 4,43 M.. Hattingen 4,26 M.. Hamm 4,41 M.. Duisburg 4,68 M., Oberhaufcn 4,58 M. Demnach stand der Durchschnittslohn am höchsten in West-Recklinghauscn mit 4,73 M. und am niedrigsten in Bochum-Süd mit 4.21 St., d. i. 62 Pf. weniger. Die Lebensoerhältttisse in den beiden Bezirken dürften aber nicht sehr voneinander abweichen. Kus der partcü Auch ein Sozialist. In dem konservativen und jingoistischen Blatt„Daily Mail" veröffentlicht Herr Blatchford, der Herausgeber des„Clarion", eine Art Reisebericht a»S Deutschland, in dem sich allerhand pbantastische Erzäblungcn über deutsche Welteroberungsabsichten finden. Die Artikel müssen den Eindruck erwecken, als� hätte sich der Verfasser durch die Lektüre und die Erzählung alldeutscher Faseleien eine akute Geistesstörung zugezogen. Die„Daily Mail" öffnen dem Unsinn wohl nur die Spalten, weil das Eintreten BlatchfordS für Verstärkung der Land- und Seeriistmigen natürlich der konservativen Wabldcmogogie zugute kommt. Da aber auch deutsche bürgerliche Blätter das Geschreibsel gegen die Jnterttatioiialität der Arbeiter« Partei anSzuniitzen sich beifallen lassen könnten, möchten wir fest- stellen, daß Herr Blatchford von jeher ewen höchst konfusen Sozialismus auf eigene Faust betrieben und weder mit der Arbeiterpartei noch mit der Sozialdemokratie England etwas zu tun hat. Der Ausschluß Enrico FerriS aus der Partei? Rom, 13. Dezember.(Eig. Ber.) Da Ferri unlängst in einem auch von uns erwähnten Interview des„Secolo" dem neuen Kabinett sein Wohlwollen zum Ausdruck gebracht hat. und sogar von der Unterstützung eines Ministeriums Sonnino-Bettolo durch die Parteifraktion gesprochen hat, drückt das Mailänder„Tempo" die Ueberzeugung auS, daß Ferri sich nachgerade ganz von der sozialistischen Partei und ihrer Parlamentsfraktion losgelöst hätte. Ueber diese Frage hat die reformistische Zeitung den Sekretär der Fraktion, Genossen Morgari, gehört, der meinte, daß Ferris Ver- halten bei der nächsten Fraktionssitzung zur Sprache kommen würde. Die Fraktion könne nicht dulden, daß gleichsam in ihrem Namen individuelle Ansichten ausgesprochen würden. Es könnte sein, daß Ferri überhaupt davon absähe, an der Fraktionssitzutig teilzunehmen, womit er seine Loslösung von der Partei auch formell zum Ausdruck bringen würde.— Uns scheint, daß viele Mitglieder der italienischen Parlamcntsfraktion seit Jahren in ihren Interviews Dinge gesagt haben, die sie besser für sich bc- halten hätten. Man hat sich in der Beurteilung dieser Fälle stets der allergrößten Toleranz befleißigt. Warum sollte man auf ein- mal so puritanisch werden, weil es diesmal Ferri ist, dem die Zunge ausrutscht?_ Zum preußischen Parteitag. In Düsseldorf wurde Genosse W e st k a m p delegiert. Pom Fortschritt der Parteiprrssc. Vom 1. April 1919 ab soll die„Görliyer VolkSzeitung". die fetzt in der Partei» druckerei zu Zittau gedruckt wird und ihren polltischen Teil mit der „Dresdener VolkSzritung" gemein hat, in eigener Druckerei zu Görlitz gedruckt werden. Am 1. Februar soll die Redakiion, die jetzt der Genosse T a u b a d e l allein führt, durch den Genossen Paul Höhne- Lauban verstärkt werden. Genosse Höhne, von Beruf Drechsler, war bisher schon Mitarbeiter der.Volkszeitung". Unsere Toten. Brüssel, 12. Dezember.(Eig. Ber.) Gestern ist in Seraing der Lütticher Deputierte P a u l S in e e t S an den Folgen einer Hals- Operation gestorben. Er war ehemals Metallarbeiter und spielte im Lüiticher Industriegebiet als Führer der Arbeiterschaft eine ent- scheidende Rolle. Im Parlament, dem er seit 1894 angehörte, war er eine der markanteste» Erscheinungen unter den Arbeilervertretern, sowohl seinem charakteristischen Aeußern nach als auch in bezug auf sein prinzipielle« Temperament. Selbstverständlich waren auch ihm politische Verfolgungen nicht erspart geblieben. SmeetS wurde 52 Fahre alt. Die Partei verliert in ihm einen treuen Känwfer und originellen Kopf, die Arbeiter LütlichS einen energievollen und er« gebenen Anwalt. poUsetUckes.©mcMiicdea ufve. Ein Preßprozeß. Am letzten Sonnabend wurde vor dem Schöffengericht Stuttgart eine Beleidigungsklage des Obermeisters der Stutt- garter Bäckerzwangsinnung W. Kälberer und der Mitglieder d:S JnnungSvorstandes gegen den Genossen West meyer von der „Schwab. Tagwacht" verhandelt. Kälberer kandidierte im Jahre 1997 zum Gemeinderat, er wurde auch gewählt.� Die „Schwab. Tagwacht" hatte die Wahlmanöver, denen Herr Kälberer seine Wahl zu verdanken hatte, scharf kritisiert. So waren den Mitgliedern anderer Innungen und Vereine Wahlaufforderungcn zugesandt worden, deren Inhalt und Form so gehalten waren, daß die Adressaten der Meinung sein mußten, Wahlaufforderung und Stimmzettel für den Herrn Kälberer seien vom Vorstand ihres Vereins bezw. ihrer Innung ihnen zugesandt. In Wirklichkeit waren die Aufforderungen auf dem Sekretariat der Bäcker zwangSinnung fabriziert und von dort versandt worden. Die Düpierten erhoben später in den Blättern öffentlich Protest gegen diese unlauteren Wahlmanöver. Herr Kälberer erließ auf die Kritik der„Tagwacht" eine Gegenerklärung, er habe von der Agitation für seine Person nichts gewußt. Die„Tagwacht" ant- wartete mit dem Abdruck deS Protokolls deS JnnungSvorstandes. wonach Herr Kälberer sich bereit erklärt hatte, im Falle seiner Wahl die gesamten Wahlkosten, anderenfalls die Hälfte der Kosten zu tragen. Das Protokoll war von Herrn Kälberer mit unter- schrieben. Zur Kennzeichnung der Wahrheitsliebe des Herrn publi- zierte die„Tagwacht" weiter einen ÄuSzug aus einem schössen- gerichtlichen Urteil, in dem festgestellt wird, daß der Herr Ober- meister seine Stellung benutzt hat, um auf wenig einwandfreie Weise eine Provision von 599 M. zu erlangen. Im Organ deS Herrn Kälberer war hingegen behauptet, daß die Verhandlung die Unschuld des Herrn Obermeisters in allen Punkten dargetan habe. Der Jnnungsvorstand glaubte nun seinen Herrn Obermeister so- wohl in dieser Provisions- wie in der Wahlmache-Affäre decken zu müssen. Trotz Protokoll und Urteil wurden in einer öffentlichen Erklärung alle Angaben der„Tagwacht" für„gegenstandslos" er- klärt und dem Herrn Kälberer ein einstimmiges Vertrauensvotum ausgestellt. In der Verhandlung am letzten Sonnabend mußte der Herr Kälbercr zugeben, daß seine öffentliche Erklärung, er habe von der Wahlagitation nichts gewußt, eine Unwahrheit war. Weiter mußte er bekennen, daß er die gefälschten Wahlaufforde- rungen vor ihrer Versendung gekannt hat. Er will sie aber nicht veranlaßt haben, sonoern der Meinung gewesen sein, sie seien im Einverständnis mit den betreffenden Vereinen und Innungen a"- macht worden. Der Angeklagte Westmeyer bot Beweis dafür an daß auch diese Angaben des Herrn Obermeisters unwahr seien' Der Beweisantrag wurde abgelehnt. Westmever wegen Beleidigung deS Herrn Obermeisters und der anderen Star, standSmitgliedcr zu 600 M. Geldstrafe verurteilt Auk die Widerklage Westmeyers erhielt Herr«älberer wegen B-lridi°una Westmeycrs 7 5 M. Geldstrafe. Beiden Älaaeteiwn wurde Publikation, besugniS zugesprochen. Gegen das Urteil wird selbst- verztandlich Berufung eingelegt werden. «ereinögesetzliches. .. Dieser Tage �«md vor dem Schöffengericht zu Biedenkopf die Aktion des Bürgermeisters von Biedenkopf ihren Abschluß, die von dem Herrn gegen die dortige Ortsgruppe des sozialdemokratischen Kreiswahlvereins inszemert war. Genosse Gogowsky hatte gegen zwei Strafmandate richterliche Entscheidung beantragt. Einmal sollte die Mitgliederversammlung vom 6. November eine öffentliche Versammlung gewesen sein, die nicht angemeldet war, dann sollte eine Bestrafung mit 1ö M. eintreten, weil der Leiter der Mitgliederversammlung von seinem Hausrecht Gebrauch ge- macht hatte und den zur Ueberwachung der Versammlung ent- sandten Wachtmeister Köppe zweimal energisch aufgefordert hatte. oas Versammlungslokal zu verlassen. In beiden Fällen kam das Gericht zu einem F r e i s p r u ch, da eS zu der Ueberzeugung kam, dah es sich nur um eine Mitgliederversammlung handele. Die Kosten mutz die Staatskasse tragen. Den weiteren Antrag des Genossen G., ihm auch die Unkosten für den Termin zu ersetzen, lehnte das Gericht ab. Soziales* Zur KonzessionSPflicht der Privat-Krankenanstalten. Der Naturheilkundige Kiesewetter hatte vergeblich die Ge- nehmigung zum Betriebe einer Privat-Ärankenanstalt nachgesucht. Der Bezirksausschuß in Liegnitz wies seine Klage ebenfalls ab. Das Lbcrverwaltungsgericht gab aber seiner Revision statt und verwies die Sack>e an den Bczirtsausschuß zurück. Begründend wurde ausgeführt: Es sei ein Rechtsirrtum, wenn der Bezirks- ausschutz davon ausgehe, datz mit Bezug auf Verwaltung und Leitung einer Privat-Krankenanstalt jemand dann schon unzuver- lässig sei, wenn er die für eine ärztliche Behandlung nötigen Kenntnisse nicht besitze. Die Gewerbeordnung gehe davon aus, datz als Unternehmer einer Privat-Krankenanstalt jeder, auch wenn er nicht Arzt sei, konzessioniert werden könne, vorausgesetzt natürlich, datz er bezüglich der Leitung oder Verwaltung nicht unzuverlässig sei. Allerdings würde eine Unzuverlässigkcit dann anzunehmen sein, wenn der Unternehmer einer Privat-Krankenanstalt nicht dafür sorgen würde, datz ärztliche Hilfe da sei, wenn sie gebraucht werde. Andererseits würde nur aus dem Umstände, datz der Unternehmer nicht dauernd ärztliche Hilfe in der Anstalt habe, nicht auf Unzuverlässigkeit im Sinne der Gewerbeordnung ge- folgert werden können. Haus von Ribbeck. Artikel 35 des Einführungsgesetzes zum Bürgerlichen Gesetz- buch hebt ausdrücklich jedes Züchtigungsrccht, das einzelne Landes- gesetze den Dienstboten gegenüber direkt oder indirekt einräumten, auf. Zu diesen Gesindeordnungen gehört auch die ostpreutzische vom November 1810. Trotzdem das Bürgerliche Gesetzbuch und damit die Beseitigung dieser Prügclparagraphen seit dem 1. Januar 1900 in Kraft ist, gibt es noch preutzische Gerichte, die das mittelalterliche Prügelrecht lustig weiterleben lassen. Zu diesen gehört, wie nachstehender Bericht über eine Verhandlung beweist, daS Amtsgericht Nauen. Der Rittergutsbesitzer HanS v. Ribbeck auf Ribbeck(West- Havelland) hatte seine Köchin, die vierzigjährige Witwe Alma Ludwig beleidigt, bedroht und mißhandelt. Nach den Bekundungen des Angeklagten soll sich die L. sehr renitent benommen haben. Das Schöffengericht in Nauen sprach den Angeklagten frei, da er durch das Gebaren der L. schwer gereizt worden sei und das ihm nach der Gesindeordnung zustehende Matz der Zurechtweisung nirgends überschritten habe. Es dürfte am Platze sein, datz das Reichsjustizamt endlich energisch die Nichter auf die Notwendigkeit, die Reichsgesetze zu beachten, hinweist. Hoffentlich legt die arg mißhandelte Köchin Be- rusung gegen das falsche Urteil ein. In Goethes„Faust" wird in der Auerbach-Keller-Szene von Frosch auf die Grobheit des Herrn Hans von Rippach hingewiesen.(Ihr seid wohl spät von Rippach aufgebrochen? Habt Ihr mit Herrn Hans noch erst zur Nacht gespeist?) Rippach ist ein Dorf in der Provinz Sachsen, Ribbeck liegt im Brandenburgischen. Dem Sinn der Goetheschen Stelle würde «S wenig Abbruch tun, an Stelle Rippach Ribbeck zu fetzen. Sericbts- Leitung. Zum Attentat im RcichSgrrichtsgcbäude. Kopfschüttelnd werden unsere Leser daS in der Nacht zum Sonntag gefällte Urteil in dein Prozetz gegen Grosser gelesen habe». Ein Mann, dessen Bewutztseinsstörung schon aus der Art der Ausführung seiner Tat zur Evidenz hervorging, ein halb derhnngcrier, geist verkümmerter Mensch, dessen Zurechnungs- unfähigleil im Moment der Tat von zwei bedeutenden Psychiatern nach genauer Untersuchung begutachtet ist, für schuldig befunden I Ein Kranker auf zehn Jahre ins Gefängnis gesendet I Eilt Fehlspruch, der noch ungeheuerlicher erscheint, wenn malt als einzige Erklärung für ihn den Umstand betrachtet. daß Professor Weber die Frage, ob derZAngeklagte.gemein- gefährlich" sei, noch nicht mit einem unbedingten Ja beantworten zu können glaubte. Es scheint, datz die Geschworenen sich durch die Erwägungen leiten lietzen: ist der Mann nicht gemeingesährlich krank, so besteht die Möglichkeit, datz er nicht in einem Irrenhaus, nicht in einer Krankenanstalt untergebracht wird und dann von neuem entsetzliche Taten begeht. Solche Erwägungen sind menschlich begreiflich, aber irrig. Was eine Tat ohne Bewntzt- sein, als Kranker oder im Znstande momentaner oder geistiger ZurechnungSunsähigkeit begebt, ist nicht strafbar, wird in keinem Kulturlande als strafbar erachtet, darf daher nicht für schuldig erklärt werden. Die Frage, bb der Kranke genieingefährlich ist und welche Matznahmen gegen qie Gemeingefährlichkeit zu ergreifen sind, zu beantworten, ist nicht Aufgabe deS Schwurgerichts. Die vom Vorsitzenden über die Gemeingefährlichkeit gestellte Frage gehörte nicht zur Sache, hatte mit der Frage, ob schuldig nichts zu tun. Das Urteil des Gerichts, das trotz der Bejahung der mildem- den Umsländc zu 10 Jahren Gefängnis verurteilte, ist auch deshalb verfehlt, weil die einheitlich vorgenommene unsinnige Tal des Kranken in mehrere Handlunge»— in eine vollendete und mehrere ver- suchte Totschlagshandlungen— ausgelöst ist. Die gesamte Tat, gleichviel wieviele bedauernswerte Opfer durch sie getroffen waren, war einem einheitlichen Willen entsprungen. Es durste daher nur eine Handlung angeuoimnen werden: als höchste Strafe hierfür kennt 8 213 des Stratgesetzblichs fünf Jahre Gefängnis. Trotz- dem erkannten die gelehrten Richter aus das Doppelle. In der Verhandlung wurde auf einige Zeit die Ocffent- lichkeit ausgeschlossen, weil die mit Beleidigungen gegen Institutionen und einzelne verbrämten Klagen des Angeklagten über das ihm vermeintlich zugefügte Unrecht die öffentliche Ordnung gefährden sollten! Das ist eine in den Annale» der deutschen Rechtsprechung noch nicht dagewesene schwere Verletzung des Begriffes der öffentlichen Ordnung. Gegen sie mutz aufs entschiedenste protestiert werden, weil die Befolgung dieses neuen Prinzips die im Interesse der Gerechtigkeit so dringend erforder- liche Ocffentlichkeit des Verfahrens aufs schwerste gefährdet. Eine solche Zlusschlietzungömoglichkcit gefährdet weit mehr die öffentliche Ordnung als die larmoyantestcn Klagen eines Kranken. Wie kann denn, selbst wenn die Beschwerden und Vorwürfe des Ange- klagten vollständig zutreffend wären, durch sie öffentliche Ordnung gefährdet werden? Der Gerichtsbeschlutz, der sich auf diesen Standpunkt stellt, ist unbewutzt von einer Furcht vor abfälliger Kritik bceinflutzt. Die öffentliche Ordnung erheischt das helle Licht der Oeffentlichkeit bis in die dunkelsten Tiefen hinein. Der Gerichtsbeschlutz erschüttert die öffentliche Ordnung, nicht das Ge- baren des Angeklagten. Möglich, datz dieser Gerichtsbeschlutz zur Aufhebung des Urteils führt. Eigenartig ist der von der Verteidigung mit anerkennenswertem Mut abgewendcte Versuch der Staatsanwaltschaft, aus der Zeugen- aussage des völlig objektiven Fabrikanten Rockstroh das Gegenteil dessen herauszulesen, ivas dieser Zeuge meinte. Noch auffallender und für den Wert von Zeugenaussagen und für die Auffassungsgabe gedienter Unteroffiziere charakteristisch ist der Widerspruch der Aussage der Gerichtsboten mit der Darstellung des Vorfalls durch den Fabrikanten Rockstroh und durch den 79jährigen Reichsgerichtsrat Männer, eines der bedauernswerten Opfer der Tat eines Geistesgestörten. Um so ausfallender und psychologisch interessanter dieser Widerspruch, als es sich um ein so ungeheuerliches Ereignis handelte, datz man annehmen sollte, jeder Zeuge hätte aufs genaueste den Hergang sich eingeprägt, und als der nach bestem Gewissen, aber falsch bekundete Gerichtsbote keinerlei Motive für seine falsche Darstellung hatte. Dieser Widerspruch der Aussagen lehrt aufs neue: der Mensch, insbesondere der an Gehorsam gewöhnte Mensch kann nicht einen Vorfall so schildern, wie er sich zugetragen hat, sondern nur so, wie die Photographie des Vorfalls in seinem Gehirn allmähliz geändert ist. Eine dringende Mahnung zur Vorsicht gegenüber Zeugenaussage:', von Beamten und eine ein- dringliche Mahnung zur größten Vorsicht bei Bejahung einer Schuldfrage wegen Falscheides an alle Richter und Geschworenen. Flugblattverbreitung eine Arbeit? Eine öffentlich bemerkbare Arbeit sollte� der Arbeiter Becker durch Verteilen von Flugblättern am Sonn- tag verrichtet haben. Er wurde deshalb von der Strafkammer in N o r d h a u s e n aus Grund der Oberpräsidialverordnung vom 27. Oktober 190ö zu einer Geldstrafe verurteilt. Das K a m m e r g e r i ch t als R e v i s i o n s i n st a u z hob das Urteil auf und verwies die Sache an das Landgericht zurück. Die Strafkammer scheine anzunehmen, datz das Austragen von I Flugblättern unter allen Umständen eine Arbeit im Sinne der .ierordnung sei. Das sei rechtsirrig. Tie Tätigkeit müsse mit einer gewissen Anstrengung verbunden sein und ö f f e n t I i ch in die Erscheinung treten. Wegen�jeneS Mangels müsse sich die Vorinstanz noch einmal mit der Sache befassen. Unendlich häusig hat das Kammergericht solch berkehrte Urteile aufgehoben und sofort freigesprochen. Es hätte das auch in diesem Falle tun sollen, weil Flugblattverbreitung sowie eine Bibel tragen eine öffentlich bemerkbare Arbeit im Sinne der Polizeiverordnung sein kann und überdies das Verbreiten von Flugblättern durch die Reichs- Postgesetznovelle zu der Zeit, zu der Briefe von der Post aus- getragen werden, ausdrücklich reichsgesetzlich gestattet ist. Ein„königlicher" Logisschwindler. Vor dem Schöffengericht in Köln stand der Sohn des früheren Königs von Kamerun. Manga Bell, ein schneidig gekleideter. hochgewachsener Negerjüngling. Er gibt an: Ich heitze Hans Bell, bin Artist und mit dem Gouverneur von Putkammer als dessen Diener nach Deutschland gekommen. Meine beiden Brüder sind in Berlin und studieren Medizin und Jura, der letztere, um in Kamerun Richter zu werden.— Der Angeklagte hatte in Köln sich als beim Reichsballentheater angestellt ausgegeben, und stets nach mehreren Tagen ohne Bezahlung der Logisschulden die Wohnung gewechselt; verschiedentlich nahm er Kleidungsstücke und Wertgegenstände mit. Der„Prinz" wurde unter Zubilligung mildernder Umstände zu drei Wockcn Gefängnis ver- urteilt. Bezüglich mehrerer anderer Diebstähle wurde die Ver« Handlung vertagt. Prinz Bell erkannte die Strafe an. Vermischtes. Ein Raubanfall im Eilzuge. Am Sonnabend 9 Ubr wurde, wie eine amtliche Meldung ans B e u t b c n besagt, im Eilzug Nr. 9 kurz vor Balinhof Beuthen O./S. bei Stellwerk 1 im Eisenbahnabteil 2. Klasse eine alleinreisende Dame von einem Mann schwächlicher Figur, der eine Eisenbahn- mutze und MaSke trug, überfallen, mit einem Revolver bedroht und beraubt. Anscheinend ist der Mann, der sich im Zuge befand, aus der Toilette in das Abteil 2. Klasse eingedrungen. Durch Ziehen der Notleine hat er den Eilzug zum Stehen gebracht und ist dann im Dunkel der Nacht verschwunden. Die Spur wurde sofort mit Polizeihunden ausgenommen. Entwendet wurde eine schwarze Damentascbe mit 300 M. in amerikanischem Gelde sowie eine sehr wertvolle Damenbrosche mit fünf großen Steinen und ein Gepäckschein Hamburg— Kattowitz. Es wird vermutet, datz der Täter dieselbe Person ist, die am 4. d. Di. im gleichen Eilztige bei kurzem Aufenthalt in Königöhütte ebenfalls eine Damenhandtasche entwendet hat. Der Revolver, der gesunden wurde, enthielt noch eine Patrone, während drei abgeschossen waren. DaS neunzehnte Opfer der Hamburger Katastrophe. In der Nacht zum Sonntag ist, wie aus Hamburg gemeldet wird, der Kupserichmied Jankowski im Hafenkrankenhause geftorbeir. Die Zahl der Opfer der Brandkatastrophe steigt damit auf neun- zehn. Gestern sind hier wieder drei Opfer des BrandeS beerdigt worden. Blckriot mit seinem Apparat verunglückt. AuS Konstantinopcl wird unterm 12. Dezember gemeldet: Als Blöriot heute nach- mittag eben vor einer grotzen Zuschauermenge aufgestiegen war. wurde der Aeroplan vom Wind erfaßt und gegen ein HauS ge- schlendert. Der Apparat ist zerstört, Blöriot blieb unverletzt. Der fünffache Mord bei Jully. Die beiden Kuhhirten, die den fünffachen Mord bei Ju? verübt hatten, sind, wie eine Meldung aus Paris besagt, in einetn in der Nähe gelegenen Gehölz, daS feit Sonnabend umstellt war, Sonntag früh ergriffen worden. Tauchcrunglück in Neapel. Bei Graneli, wo gegenwärtig fünf- hundert Meter vom Strande entfernt auf dem Meeresboden Arbeiten ausgeführt werden, und zwar in Preßluft- Caissons, ritz die Kette eines Caissons, was einen schweren Unglücksfall verursachte. Die Leichen zweier Arbeiter wurden bereits geborgen. Vier Leute konnten gerettet werden, sie sind schwer verletzt. Später haben Taucher festgestellt, datz die sieben Arbeiter, die nach dem Unglück bei GraNeli vermitzt wurden, von dem Caisson er- schlagen worden sind. + Hygienische Beainsarciffei. rseue et. Katalog fiä- Empf ohl. viel Acrzie u Prof.�rat. uJf Barlio «ni.viei Aerne u rrot erat. Cngar.Gimmlwstealabrii ÜW.. Friedrictiairaaae'Jl/i Bruch- Pollmann empfiehlt sein Lager in Seucli- Jr bandagen, Leibbinden, Ge- i. Spritzen, Suspensorien sowie sämtliche Artikel zur Krankenpflege. Eigene Werkstatt. Lieferant für OrtS- und Oiiss-Kraiikcnkaisen. jebt I-othringcr ttstrnße GO. Alle Bruchbänder mit elastischen Pe- zoten, angencbmu. weich am Körper. Heiserkeit, Katarrh, Krampshtistc» bcseliigen die ärzilich erprobten � Brust- v Karamelle» "K. begl. Zeugn. bcw. den OtWO(izj, Erfolg. Paket 30 Pf. Dafür angebotenes weife energisch zurück Zu erhalten in Apotheke» und Drogerien. 1U/6* Vertreter mid Lager Rieh. Thiele Berlin S. 53, Bärwaldstr. 8. 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Ii ,l,..x Wesen ihro höchste Schöpfungskraft finden Was Kopemikus, Kepler nnd Newton ergründet, was Kant und Laplace erdacht, was alle die vielen Forscher nach ihnen, von Alexander v. Humboldt bis zu Häckel, als richtig erkannt und zu einem mächtigen Geistesbau zusammengefügt haben, das wird in diesem Buche in großen Zügen entwickelt Das Werk wird zu dem �\M| an die Leser aiiOerscwOhnlich."j iVl?iriv des„Vorwärts" billigen Preis von abgegeben. Ansiclils-Exentplare liegen in der Qeschädsstelle dieser Zeitung aus Der Bestellschein ist einzusenden an Willibald Wendes Verlag, BERLIN W., Lützowstr. 31. ( Oeotsclie, sowie amerikanische Zigareitenrancber sind einig in der Bsürtefiang dieser hervorragenden Zigarette! In Zigarren-Geschäften zu haben! Brillanten als Spezialität außergewöhnlich billig. Max Brinner, Jerusaiemersir.42. 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Das Kommunalprogramm für Preußen. erstatter: Paul Hirsch. 6. Sonstige Anträge. Bericht- Gcschäftsordnnngsentwurf für die Verhandlungen des Parteitages. i. Die Meldungen zum Wort sind schriftlich einzureichen und erhalten die Redner nach der Reihenfolge der Anmeldung das ' Wort. 2. Alle Anträge, außer denen zur Geschäftsordnung, sind schrift- lich einzureichen und müssen dieselben, falls sie zur Verhandlung gelangen sollen, von mindestens 15 Delegierten unterstützt sein. Die Unterstützung kann durch Unterschrift oder Zuruf erfolgen. 3. Gobald ein Antrag die nötige Unterstützung gefunden, erhält bei der Verhandlung darüber zunächst der Antragsteller das Wort. 4. Bei Geschäftsordnungs-Anträgen genügt eine Unterstützung von Ig Delegierten. Bei Anträgen auf Schluß der Debatte oder auf Vertagung erhält nur ein Redner für und einer gegen das Wort. Das Wort zur Geschäftsordnung wird außer der Reihen- folge der vorgemerkten Redner erteilt. Persönliche Bemerkungen sind erst am Schluß der Debatte zu machen. 5. Die Redezeit der Referenten wird auf eine Stunde festgesetzt. Die Einbringcr selbständiger Anträge haben zur Begründung der- selben eine Redezeit von Lg Minuten. In der Tiskussion erhält jeder Redner 15 Minuten das Wort. Kein Redner— mit Ausnahme der Referenten und Einbringer selbständiger Anträge— darf mehr als zweimal in einer Sache das Wort nehmen. <3. Die Beschlüsse werden mit absoluter Mehrheit der Abstimmen- den gefaßt. Stimmengleichheit gilt als Ablehnung des Antrags. V 7, Auf Antrag von mindestens 15 Mitgliedern des Parteitages muß die namentliche Abstimmung über einen Antrag stattfinden. 8. Vor Schluß des Parteitages abreisende Delegierte haben dies dem Bureau anzuzeigen. Tie Namen der Betreffenden sind im Protokoll zu vermerken. Anträge. Zur Festsetzung der Tagesordnung. Antrag Hattingen a. Ruhr(Kreis(Bochum-Gelsenkirchen). Aus die Tagesordnung zu setzen:„Der Zentralarbeitsnachweis des Zechenverbandes im Ruhrrevier." Kleines feuilleton. Der Streit um die Schutzfrist. Noch immer wog� in literarischen, kniiftleriicheii und biichhändleriichen Kreisen der Streit um die Frage hin und her, ob die bestehende dreißigjährige Schutz- frist für Werke der Ilileratur und Kunst auf 50 Jahre verlängert werden solle oder nicht. Im neuesten„Literarischen Ecko" werden eine Reihe gutachtlicher Aeußerungen zu diesem Gegenstände rnitgetcilt, aus denen hervorgeht, daß die überwältigende Mehrheit der schaffenden Künstler selbst für die dreißigjährige und gegen die fünfzigjährige Schutzfrist stimmt. Aus der Fülle der Antworten sei nur der wärnende Satz Wilhelm RaabeS wieder- gegeben:„Wer in der Gesellschaft, in der Presse, in öffentlicher Ver- Handlung oder gar im Reichstage dafür stimmt, daß die Schutzfrist für Werke der Literatur, der bildenden Künste oder der Musik nach dem Tode der Urbeber von dreißig Jahren auf fünfzig verlängert werde, macht sich einer schweren Versündigung an seinem Volke schuldig I" Auch aus den Kreisen des Buchhandels ist kürzlich ein Protest gegen die Verlängerung der Schutzfrist in Gestalt einer Eingabe an den Reichstag ergangen. Eine Gewerkschaft dramatischer Künstler hat sich in Paris konstituiert. Sie ist an den Verband der Theaterarbeiter an- geschlossen und vereinigt Darsteller und Schriftsteller. Sie stellt sich die Aufgabe, die Macht der verschiedenen auf dem Gebiete des Theaters herrschenden Trusts zu bekämpfen. So vor allem— im Interesse der Autoren— die der Autorcngesellschaft. die in ihrer heutige» Konstitution die Theater zum Profit einer Clique in Ab- hängigkeit hält. Auch will sie das System der festen, nach Prozenten bemessenen Tantiemen reformieren und an seine Stelle eine» zwischen Direktor und Autor unter Vermittelung der Gewerkschaft frei verein- bauen proportionalen Tarif setzen. Ferner wird sie die Armensteuer bekämpfen, die die Theaterbudgets belastet, infolge der«normen Verwaltungskosten aber für den angegebenen Zweck nicht viel übrig läßt. Sehr löblich ist der angekündigte Kanipf gegen die Theateragenturen, für den wöchentlichen Ruhelag. Rechtsschutz im Konkursfäll, Minimalgage(für beide Gejchlechicr gleich), Hebung der hygienischen und moralischen Silnation der Schauspieler. Dagegen scheint das die Organisation der Theatcruiitcruehmungen betreffende Resormprogramm ziemlich anfechtbar. Die Geweriichnft, die nicht ohne Berechtigung das heutige Konzessionssystem abschaffen will. beabsichtigt nämlich, eS durch die profitlose Ueberlassimg der Theater- gebäude an Gesellschaften für kurze Zeit— eine bis sechs Wochen— zu ersetzen. Die Züchmng von Gostspieltruppen mit wenigen Re- pertoirestücken würde weder daS Niveau der Schauspielkunst, noch das der dramatischen Lileratur, noch auch das des öffentlichen Ge- schmocks heben. Hier zeigt sich die Einseitigkeit der syndikalistischen Genossenschaftlerei. Die größte Bewässerungsanlage der Welt, die nach ihrer Voll« endung durch seine Größenverhältnisse auch die bekannte Niltalsperre bei Assuan noch weit übertreffen wird, ist, nach dem.Prometheus",. Wahlverein des 4. Berliner Kreises:„Auf die Tagesordnung des preußischen Parteitages zu setzen:„Die polnische Parteiorgani- sation und die Sozialdemokratie", und soll dazu ein polnischer Ge- nosse als Referent bestimmt werden." Zu Punkt 1 der Tagesordnung. (Bericht des geschäftsführenden Ausschusses.)' Wahlverein Frankfurt a. M. und Magdeburg: Die Berichte zum Preußeniag sollen künftig früher wie seither erscheinen, damit bei Stellungnahme zum Preußentag diese Berichte als Grundlage dienen können. Zu Punkt 3 der Tagesordnung. (Tie Wahlrechtsfrage in Preußen). Wahlverein Breslau:„Die Versammlung erwartet vom Parteitage, daß er die Fortführung des Kampfes um ein freies Wahlrecht in Preußen mit verschärften Mitteln beschließt. Ins- besondere soll das Volk aufgerufen werden, sich für die Erringung des Wahlrechts durch eventuelle Arbeitseinstellung zu rüsten." Wahlverein des 6. Berliner Kreises:„Die Versammelten er- warten vom preußischen Parteitag, daß er mit aller Entschiedenheit für eine intensivere Agitation zur Erringung des freien Wahlrechts eintritt und als letztes Mittel hierzu auch den politischen Massen- streik im Auge behält." Wahlverein Spandan-Osthavellanb:'„In Erwägung, daß die preußische Reaktion die klassenbewußte Arbeiterschaft und ihre Be- wegung immer rücksichtsloser und infamer bekämpft und der unheil- volle Einfluß der preußischen Reaktion auf Verwaltung und Gefetz- gebung des Deutschen Reichs immer mehr zunimmt, in Erwägung, daß das elendeste Dreiklassenwahlrecht eine wichtige Stütze der Machthaber der preußischen Reaktion bildet, fordert die Kreis- konferenz, der preußische Parteitag wolle beschließen: Der Wahl- rechtskampf in Preußen zur Eroberung der politischen Bkacht durch das Proletariat und zur Vernichtung der politischen und Wirtschaft- lichen Macht der preußischen Reaktion ist mit verstärkter Energie und mit den schärfsten Mitteln aufzunehmen." Wahlverein Frankfurt a. M.:„Der Preußentag wolle be- schließen, daß der Wahlrechtskampf durch zentrale Demonstrationen, die bei gegebenen Momenten durch den Harteivorstand zu organisieren sind, energischer aufgenommen wird." Sozialdemokratischer Verein für Magdeburg:„Der Preußen- tag möge der Wahlrechtsbewegung den größtmöglichen Nachdruck verleihen." Zu Punkt 5 der Tagesordnung. (Das Kommunalprogramm für Preußen.) Entwurf eines Kommnnalprogramms für die Sozial- demokratie Preußens. (KommiisionS-Entnmrf.) In Uebereinstimmung mit der von dem Parteitag der deut- schen Sozialdemokratie in Bremen beschlossenen Resolutionen stehen die sozialdemokratischen Gemeindcvertreter Preußens auf dem Standpunkt, daß nur durch die Aufhebung der Klassenherrschaft die demokratische Organisation der Gemeinde vollendet und die Bahn für eine Verwaltungstätigkeit frei gemacht werden kann, welche die Wohlfahrt aller gleichmäßig fördert. Zur Erreichung dieses Zieles sind auf dem Gebiete der Gesetz- gebung durchgreifende Aenderungen erforderlich, die den Gemein- den eine ersprießliche Tätigkeit zum Wohle der Gesamtheit ermög- lichen. Aber auch unter den heutigen Gesetzen ist der Wirkungs- kreis der Gemeindepolitik mehr und mehr im Sinne kommunaler Sozialpolitik in der Richtung des Sozialismus auszugestalten. Die sozialdemokratische» Gemeindevertreter Preußens fordern daher: A. Von der Gesetzgebung. I.(Berfassung.) Unter Aufhebung aller zurzeit in Preußen geltenden Stadt- und Landgemcindeordnungen kür den gesamten Umfang des Staates eine einheitliche Gemeindeoronuiig auf folgen- der Grundlage: a) Bildung der Gemeindevertretung durch allgemeine, gleiche, direkte und geheime, von dem Bezug öffentlicher Unter- stützungen unabhängige Wahlen nach dem System der Ver- hältniswahlcn: Gewährung des aktiven und passiven Wahl- rechts an alle über 2t) Jahre alten Einwohner der Gemeinde ohne Unterschied des Geschlechts; Aufhebung aller Vorrechte des Besitzes; Einkammersystem; Gewährung von Diäten an zurzeit im nordamcrikanischen Staate Neu-Mexiko am Rio Grande in Ausführung begriffen. Neu-Mexiko bildet«ine Hochebene. die von einzelnen Gebirgszügen der Rocky Mountains durchzogen wird und sehr wasserarm ist. Dazu kommt noch, daß. wie eingehende Untersuchungen der klimatischen Verhältnisse gezeigt haben, in ziemlich regelmäßigen Zwischenräumen Jahre vorkonimen, in denen der Wassermangel sich besonders empfindlich fühlbar macht. Unter diese» Trockcnperioden hatte bis- her die Landioirtschaft schwer zu leiden, und so hat man sich denn entschlossen, das ganze Land mit einem System von Bewässerungsanlagen zu überziehen. dqs eine be- sonders hohe Ausnutzung des Bodens ermöglichen soll. Ein Teil dieser Anlagen ist die große Talsperre am Rio Grande. deren Baukosten auf 33 Millionen Mark geschätzt sind. Durch eine 58 Meter über den jetzigen Flnßwasserspiegel hinausragende Sperrmauer. deren Fundamente 20 Meter unter die Sohle des Flußbettes hinabreichen, wird der Rio Grande zu einem gewaltigen See aufgestaut, der bei einer Länge von 45 englischen Meilen, einer Breite von 5 bis 6 englischen Meilen und einer Tiefe bis zu 50 Metem über 2899 Millionen Kubikmeter Wasser fassen soll. Diese gewaltige Wassermenge wird dann in Trockenzeiten zur Be- Wässerung der umliegenden Ländereien benutzt. ft Theater. Neue Freie Volksbühne lim Metropol-Theater):»Die Krcuzelschreiber". Von Ludwig A n z e n g r u b e r. Eine würdigere Gedenkfeier für den einziggroßen österreichischen Dichter ließ sich kaum bewerkstelligen, alS durch Aufführung dieses köstlichsten aller Anzengrnberschen Aolködramen. Und das umiomehr, weil diese Ausführung schlechtweg vollendet genannt werden darf. Es genügt. Joseph G i a m p i e t r o. der das Stück auch meisterhaft in Szene geletzt hatte, den Steinklopferhans spielen zu sehen, um die,e Be- hauptung zu rechtfertigen. Alle Lebensweisheit, aller mildwarmender Humor des Dichters, in diese Prachtgestalt gebannt, tönte und leuchtete aus deren Verkörperung durch Giampietro wundersam ivieder. DaS ist urständiges süddeutsche« Volkstum, mit Augen der Seele geschaut, ein volles Erleben mittels ivahrhaft großkünstlerischer Mittel I Und wenn wir direkt neben Giampietro Fritzi M a s s a r y(Josepha Hnber) und Karl P s a n n(Anton Huber), die beiden herzhast frischen Darsteller des bäuerlichen Ehepaares vom„gelben Hof" namhaft machen, so ergibt das einen Dreiklang in Dur. wie er harmonischer mid vollerschwer- lich oft aus der Volksbühne zu hören sein dürfte. Die blassere Färbung einzelner Nebenfiguren, insoweit solche durch norddeutsche Schauspieler vertreten waren, wurde hingegen wieder völlig in träslig abgerundete Gesamtleistungen aller Milwirkenden aufgesogen. So war's eine stimmungSreiche, eine fein abgetönte Aufführung, die denn auch einmütigen begeisterten Beifall erweckte. s. k. Humor und Satire. Das Märchen von der Flora. Im Lande Preußen lebte ein grundgelehrter Herr Gehelmrat,. der hatte durch die Kraft feiner Wissenschaft ein uraltes italienisches t die Gemeindevertrcter; Straflosigkeit für Aeußerungen in Ausübung ihres Amtes. 1>) Beschränkung des staatlichen Aufsichtsrechts auf das Recht der Beanstandung ungesetzlicher Verwaltungsakte der Gemein- den, Prüfung ihrer Gesetzmäßigkeit durch die ordentlichen Gerichte, Aufhebung der die Selbstverwaltung einschränken» den Befehlsgewalt der Staatsbehörden gegenüber den Ge» meinden sowie des Bestätigungsrechts der Aufsichtsbehörden gegenüber Organen, die von der Gemeinde gewählt oder von ihrer Vertretung bestellt sind. II.(Polizei.) Uebertragung der OrtSpolizei auf die Gemeinden. III.(Finanzwesen.) Deckung der Gemeindebedürfnisse durch progessiv gestaltete Zuschläge zur staatlichen Einkommensteuer; Er- Hebung von kommunalen Zuschlägen zur Ergänzungssteucr; Ver- bot der Erhebung von indirekten Steuern durch die Gemeinden; Aufhebung des Steuerprivilegs der Beamten. Geistlichen, Lehrer und Offiziere. IV.(Bolksschulwrsen.) a) Weltlichkeit der Schulen, fachmännische Schulaufsicht. b) Einführung der obligatorisch zu besuchenden konfessionslosen Einheitsschule mit gemeinsamem Unterbau und einem nach den verschiedenen Bildungszielen gegliederten Oberbau. c) Regelung der Schulpflicht. ä) Uebernahme sämtlicher Schullasten auf den Staat. e) Uebertragung der gesetzlich zu regelnden Verwaltung auf die Gemeinde. V.(Gesundheitspflege.) Erlaß eines Gesetzes über die öffent- liche Gesundheitspflege auf Grundlage der kommunalen Selbstver- waltung. B. Bon den Gemeinden. I.(Wahlrecht.) Vornahme der Wahlen an einem gesetzlichen Ruhetage, Aufhebung des Bürgerrechtsgeldes, Ermäßigung oeS Zensus auf das gesetzliche Mindestmaß. II.(Finanzwesen.) Deckung der Ausgaben der Gemeinde durch Zuschläge zur staatlichen Einkommensteuer, durch Einführung einer Wcrtzuwachssteuer auf Grund und Boden, durch Besteuerung des Grund und Bodens nach dem gemeinen Wert unter stärkerer Be- lastung des baureifen unbebauten Grund und Bodens, durch Um- satzsteuer beim Verkauf von Grundstücken, durch mäßige lieber- schüffe der wirtschaftlichen Betriebe der Gemeinden. III.(Bildungswesen.) a) Solange die Einheitsschule nicht erreicht ist, fortschreitenden Ausbau der Volksschule und besondere Berücksichtigung der weniger Befähigten und Begabten. Ausschaltung aller Schulsysteme, die den Ausbau der Volksschule hemmen. Un- cntgeltlichkeit des Unterrichts und der Lernmittel. Bau und Unterhaltung der Schulhäuser(Turnhallen, Spielplätze, Schulbäder, Schulgärten usw.) sowie Festsetzung der Klassen. frcquenz und der Unterrichtszeit der Schüler und Lehrer ausschließlich nach den Grundsätzen der Schulhygiene und Pädagogik. Pflege des Körpers in der Schule durch allge- meine Einführung von Turn- und Schwimmunterricht. b) Uoberwachung des Gesundheitszustandes der Schüler durch Schulärzte(auch Spezialärzte) und Bereitstellung ärztlicher Hilfe für die krank befundenen Schulkinder auf Kosten der Gemeinde. Einrichtung und Unterstützung von Ferienkolo- nien. Speisung bedürftiger Schulkinder. Einrichtung von Schulwärmestuben und Schulküchen. c) Schaffung von Kindergärten für noch nicht schulpflichtige Kinder und von Kinderhorten für Schulkinder, die der häu?- lichen Beaufsichtigung entbehren; Beratung der Schüler bei der Berufswahl. ck) Oeffnung der höheren Schulen für die befähigten Kinder der unbemittelten Klassen durch die Bereitstellung von Frei» Plätzen, Gewährung freier Lernmittel und Unterhaltsgelder. e) Einrichtung und Betrieb von Volksbibliotheken und Lese- Phallen sow'e von Anstalten für Volksunterhaltung und Be- lchrung. k) Obligatorischen Fortbildungsschulunterricht für Lehrlinge und jugendliche Angestellte sowie ungelernte Arbeiter beiderlei Geschlechts bis zum 18. Lebensjahre. Erteilung des Fortbildungsschulunterrichts an Wochentagen während der Arbeitszeit. Erweiterung des Fachunterrichts. Haus- wirtschaftlichen Unterricht für Mädchen. Bildwerk aufgefunden. Da er es heimgebracht hatte. pilgerten alle Gelehrten zu dem Wunderwerke und beteten den Gehcimrat an. Der aber sprach:„So wahr ich Gebeimrat Bodo heiße, kein anderer als Meister Lionarbo kann diese Herr- liche Flora geschaffen haben!" Und es geschah, daß Herr Bodo in Liebe zu seinem Bildwerke entbrannte. Der mächtige Zauberer, dem damals das Reich Preußen zu eigen lvar, bemerkte, daß Bodos Wangen täglich bleicher wurden, und als er den Grund feines Kummers erfahren hatte, da berührte er das Bildnis der Flora mit seinem Zepter und sprach:„Von Stund an sollst Du lebendig und unserem Geheimrat von Herzen zugetan sein l" Sogleich begann die Flora sich zu regen. Bodo« Herz schlug höher. Er ergriff eine Grammatik der altitalienischen Sprache, um der Heißgeliebten seine Gefühle verständlich zu mache». Doch Flora war der italienischen Sprache nicht mächtig. Aber auch in ihrer Brust glühte das Feuer der Liebe. und sie sprach:„I lovs you"(„Ich liebe dich"). Da entbot der Herr Rat die Gelehrten des Reiches zu sich, auf daß sie erforschen sollten, welcher längst verschollenen Sprache diese Worte wohl an- gehören möchten. Keiner vermochte das Geheimnis zu ergründen. Herolde verkündeten nun die rätselhaften Worte im Lande»nid ver« hießen hohen Lohn dem. der sie deuten könne. Und siehe, ein ein- facher Oberkellner aus dem Volke wußte zu vermelden, daß diese Worte einer Sprache angehören, die heutigentags in Engelland ge- sprachen wird.„Ha! Treuloses Weib!" rief Bodo aus, indem er ergrimmte,„und ich habe meinen gehcimrätlichen Namen verpfändet. daß Dich Meister Lionardo im italienischen Cinquecento gezeugt Habel" Er schlug ihr die Grammatik um das liebliche Haupt und verstieß sie zur selbigen Stunde. Flora fand gastliche Aufnahme bei fahrenden Leuten. Auf Mesien und Märkten wurde sie(als Mädchen ohne Unterleib) dem bewundernden Volke gezeigt, und wenn sie nicht gestorben ist, so lebt sie heute noch. („SimplicissimuS.") Notizen. -—Die Gipsabgüsse von Michelangelos Tages» z e i t e n. Aus Florenz teilt Dr. Walter Bombe mit, daß leider zu früh die Nachricht in die Oeffcntlichkeit gedrungen ist, daß ihm in Perugia Gipsabgüsse Vincenzo Dantis nach den Alle- gorien der Tageszeiten Michelangelos aufgefallen sind, die von den Marmororiginalen teilweise abweichen. Er hatte damals erst begoilnen, die sich daraus ergebenden Fragen zu untersuchen, zweifelt aber nicht an der Originalität der Sarkophagfiguren in Florenz. Die fraglichen Abweichungen lassen sich auch durch ein besonderes Abgußverfahren unter Verwendung von Danti frei modellierter Zusätze erklären.(Wenn doch die Kunsthistoriker ihre Untersuchungen zu Ende führen möchten, ehe sie zu gackern an- fangen. Hätte Herr Bode z. B. die Untersuchungen an der Flora- büste vornehmen lassen, ehe er sie kaufte, so hätten wir 189 900 M. gespart und hätten den ganzen notaedrungcnen Kampf gegen ihn nicht zu führe»» brauchen.) IV.(W-Hnungvsrage.? a) Erwerbung von möglichst umfangreichem Grundbesitz durch die Gemeinden. d) Aufschliehung des Grundeigentums durch Straßen, Plätze und Verkehrsanlagen. t) Beobachtung der volkshygienischen, sozialpolitischen, wirt- schaftlichen und ästhetischen Momente bei Aufstellung des Bebauungsplanes mit dem Ziel, in den Wohnquartieren eine größere Weiträumigkeit der Bebauung zu sichern, die Miets- tasernen zu bekämpfen und den Kleinwohnungsbau zu fördern. A) Abstufung der Bauweise unter Berücksichtigung der Volks- hhgienischen und sozialpolitischen Momente, insbesondere in den Wohnquartieren; daher eine größere Beschränkung der Häuserhöhe, der Zahl der Stockwerke und des Ueberbauungs- aradcs der Grundstücke. Festsetzung einer Minimalgröße für Wohn, und Schlafräume. t) Erhaltung des Gemeindebesitzes. Verwendung von Ge- meindeterrains zur Errichtung von Wohnhäusern mit Woh- nunge», die allen Anforderungen der Volkswohlfahrt ent- sprechen und der Bevölkerung, insbesondere der Arbeiter- klaffe, zu Mietpreisen zur Verfügung zu stellen sind, bei denen nur die Verzinsung und Amortisation des aufge- wendeten Kapitals sowie die aus der Instandhaltung der Gebäude entstehenden Kosten in Ansatz gebracht werden. Eventuell Vergebung des Grund und Bodens der Gemeinde im Erbbaurecht. t) Aufnahme einer Wohnungsstatistik in regelmäßigen Zwischen- räumen. g) Errichtung von konrmunalen Wohnungsämtern. si) Anstellung von kommunalen Wohnungsinspektoren. V.(Gcsnndheitspflcgr.s f a) Zur Erhaltung der Gesundheit: I» Uebernahme dcS Reinigungswesens lKanalisatton, Müll- abfuhr, Straßenreinigung, öffentliche Bedürfnisanstalten) in < die Regie der Gemeinde. L. Hygienisch einwandfreie Trinkwasserversorgung und Ent- Wässerung. 8. Kontrolle und Regelung dcS Nahrungömittelverkehrs durch Schaffung von Einrichtungen zur Untersuchung von Rah- rungsmitteln tMilchlontrolle, Fleischbeschau, Nahrungsmitteluntersuchungsämter), durch Einrichtung und Betrieb von Märkten und Markthallen, von Vieh- und Schlachthöfen, durch Ucbernahnie der Produktion und des Verkehrs von Nahrungs- Mitteln(Milchversorgung, Bäckereien, Schlächtereien, Speise- , Häuser) auf die Gemeinden. 4. Schaffung von Gesundheitsämtern. b. Errichtung öffentlicher Bäder, Spielplätze, Turnhallen, öffent- licher Anlagen, Parks und dergleichen. ' b) Zur Bekämpfung der Krankheiten: it. Bau und Betrieb von Krankenhäusern zur unentgeltlichen Benutzung aller Angehörigen der Gemeinde, insbesondere Bau und Betrieb von Jrrenasylen, Lungenfürsorgestellen, Heimstätten für Lungenkranke, Heimstätten für Genesende, Wald- und See-Erholungsstätten für Kinder und Erwachsene. Uebernahme dcS Krankentransports und des Rettungs- � Wesens. 2. Emrichlungen zum Schutze der Frauen während Schwanger- schaft, Geburt und Wochenbett.(Heimstätten für Schwangere. f Entbindungsanstalten, Wöchnerinnenheime.) A Unentgeltliche Geburtshilfe und Bereitstellung von Haus- « pflege durch die Gemeinden. 4. Errichtung von Säuglingsasylen, Säuglingsfürsorgestellen, ' Gewährung von Unterstützungen an hilfsbedürftige Schwan- gere und Wöchnerinnen, insbesondere auch zur Förderung des Selbststillens. k>. Unentgeitlichkcit der Desinfektion. v. Uebernahme der Apotheken in den Gemeindebetrieb. c) Bestattungswesen. Uebernahme des gesamten BestattungSwesenS in Gemeindebetrieb. Obligatorische Einrichtung und Benutzung von Leichen- Häusern. Unentgeltlichteit des Bcstattungswesens. Errichtung von Krematorien. Vl.< Wirtschaftspflege.)' Alle für die Gemeinde notwendigen Betriebe, insbesondere Bcleuchtungs-, Verkehrs-, Wärme- und Krafterzeugungsanstalten, Hafenanlagcn, Lagerhäuser. Publikationseinrichtungen, sind der Privatausbeutung zu entziehen und auf eigene Rechnung der Ge- «icinden zu errichten und zu betreiben. VII.(Regiebetrieb.) Errichtung von Gemeindebetriebsämtern und Ausführung der Gemeindearbciten möglichst durch diese Aemter in eigener Regie. VIII.(Submissionswesen.) Vergebung der Geuiemdearbeiten und Lieferungen nur unter vertragsmäßiger Verpflichtung der Unternehmer, die Lohn- und Arbeitsbedingungen der von ihnen beschäftigten Arbeiter in Ge� meinschaft mit den Arbeiterorganisationen festzusetzen und das Koalitionsrecht der Arbeiter zu wahren. Strikte Ablehnung der von den Unternehmern verlangten Aufnahme einer Streikklausel in die Werks- oder Lieferungsverträge. Verbot der Uebcrtragung von Arbeiten oder Lieferungen für die Gemeinde an Mitglieder der Gemeindevertretung, sowie Verbot der Beteiligung von Gemeindevertretern an gewerblichen Unter- nehmungen, die in cin?m Vertrags- oder Lieferungsverhältnis zur Gemeinde stehen. IX.(Sozialpolitik.) s) Allgemeine Sozialpolitik. 1. Ausbau des den Gemeinden zur ortsstatutarischen Regelung übertragenen Arbeiterschutzes. 2. Einrichtung von Arbeitsämtern als Zentralstellen kommu- naler Arbeitcrpolitik mit den Aufgaben der Arbeiterstatistik. des Arbeitsnachweises, der Arbeitslosenfürsorge, der Aus- kunftserteilung und der Ueberivachung der sozialpolitischen Gebarung der Gemeindeverwaltung. & Fürsorge für Notstandsarbeiten durch zweckmäßige Verteilung der Gemeindearbeiten auf die Jahreszeiten und durch Bereithaltung geeigneter Gemeindearbeiten für die Zeit der Arbeitslosigkeit. Einrichtung von Arbeitslosenunterstützungs- kassen zur Förderung und Ergänzung der gewerkschaftlichen Arbeitslosen fürsorge. b) Spezielle Sozialpolitik. Bemessung der Löhne für die im Gemeindeauftrag bs- schäftigten Arbeiter und Beamten nach gewerkschaftlichen Sätzen. Bildung von Lohnklaffen und Lohnskalen nach der Dienstdauer, Einführung einer Arbeitszeit von nicht länger als acht Stunden täglich. Einsetzung von Arbeiter- und Be. amtenausschüssen zur Vertretung der Interessen der Ge- meindeacbeiter; Bildung dieser Ausschüsse auf Grund all- gemeiner, direkter und geheimer Wahlen. Aufstellung von Arbeitsordnungen und Arbeitsbedingungen unter Heran- ziehung dieser Arbeiterausschüsse und der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiter. Gewährung eines Ferienurlaubs an die Gemeindearbeiter unter Fortbezua des Lohnes. Zahlung der Differenz zwischen Lohn und Krankengeld in Krankheitsfällen. Weiterzahlung des Lohnes bei militärischen Uebungen. Versicherung sämtlicher von der Gemeinde be- schäftigten Arbeiter gegen Krankheit, Invalidität, Unfall und Alter unter Gelvährung klagbarer Rechte an die dieser Ver- sicherung dienenden Kassen. Errichtung von Pensions-, Witwen- und WaisenuntcrstützungSkassen mit Rechtsanspruch für sämtliche Gemeindearbeiter. Gewährleistung voller Koalitionsfreiheit an die Beamten und Arbeiter der Ge- metnde. Gewährung von Unfallrenten an alle Verletzten oder deren Hinterbliebene, die im Kominunaldieust oder in Anstalten oder bei Veranstaltungen zu religiösen, wohl- tätigen oder gemeinnützigen Zwecken, zu Zwecken der Kunst. der Wissenschaft, der Gesundheitspflege und Leibesübung verunglückt sind. X.«Armen- und Waisenpflege.) Wcltlichkeit der Armen- und Waisenpflege, weitgehende Heran- ziehung ehrenamtlicher Elemente, insbesondere der Frauen; Ge- Währung ausreichender Unterstützungssätze; Individualisierung der offenen Armenpflege, Errichtung von Waisenhäusern, sowie von Versorgungsanstalten für die körperlich hilfsbedürftigen Armen. Errichtung von Obdachlosenasylen und Wärmehallen ohne Polizei- liche Kontrolle. Waisen-, Kostkinder- und Jürsorgezögliagspflege nach hygienischen und pädagogischen Grundsätzen, insbesonvcre ärzt- liche Ueberwachung der Kvstkinder durch besondere Aerzte und be- soldete Pflegevinnen mit entsprechender Vorbildung. Anstellung von Spezialärzten im Armendienst. Einführung der General- Vormundschaft. XI. l Zweckverbande.) Schaffung von Zweckverbänden zur Durchführung gemein- nütziger Unternehmungen, für welche die Mittel der einzelnen Ge- meinden nicht ausreichen. Abänderungsanträge zum Kommissionsentwurf. Sozialdemokratischer Verein für Köln-Stadt und KSln-Land: In der Einleitung des Entwurfs ist in der dritten und in der letzten Zeile statt„die sozialdemokratische Gemeindever- treter Preußens" jedesmal zu setzen:„die sozialdemokratische Partei Preußens". In dein Kapitel„B. Von den Geineinden" ist unter II. (Finanzwesen) statt der'jetzigen Fassung wie folgt zu sagen: II.(Finanzwesen.) Deckung der Ausgaben der Ge- meinden vor allem durch Zuschläge zur staatlichen Einkommensteuer und durch Einführung einer Wertzuwachssteuer auf Grund und Boden in solcher Höhe, daß dadurch der gesamte unverdiente Wert- zuwachs der Gemeinde zugeführt wird. Das weitere soll gestrichen werden. Zu III.(Bildungswese n.) b) Statt„Speisung bedürftiger Schulkinder" ist zu sagen: Ein- führung der Schulspeisung. b) Für die Binnenschiffer ist ein periodisch erscheinendes Agita- tionsblatt zu schaffen. c) Allgemeines: Soz. Berein für Magdeburg: Der Prcußentag möge den Leipziger Beschluß über den Schnapsboykott gerade im Hinblick auf die LollSfeindlichkcit der preußischen Junter in Erinnerung rufen. Svz. Wahlverein für den 1. Berliner Kreis: Der Parteitag wolle beschließen: In Berlin wird eine Zentral- stelle für die Bekämpfung rechtswidriger Maßregeln der Ver» tvaltungsbehörden erricbtet. Sie besteht aus einem Mitglicde des geschäftsführenden Ausschusses der preußischen Landeskommission. das' diese bestimmt, und auS zwei in Groß-Berlin wohnenden Parteigenossen, die der Parteitag der preußischen Sozialdemolratie wählt. Die Zentralstelle berichtet dem Parteitag der preußischen Sozialdemokratie über ihre Tätigkeit. Zrntralwahlverein für Teltow-BeeSkow: Doppelmandate zu den gesetzgebenden Körperschaften sind nach Möglichkeit zu vermeiden. Soz. Wnhluerein für den 1. Berliner Kreis: Der Preuhentag beschließt die Errichtung einer Zentralstelle, Diese hat folgende Aufgaben: 1. Material zu sammeln, welches geeignet erscheint, die Tätig- keit unserer in den Gemeindetörperschaften wirkenden Genossen zu unterstützen.- 2. Den sozialdemokratischen Gemeindevertretern auf Ersuche» über spezielle praktische und prinzipielle Fragen auf dem©c* biete des kommunalen Lebens Auskunft zu erteilen. Soz. Wahlverein für Obernrsel a. T. Der preußische Parteitag möge beschließen: Die sogialdemo- lratischen Gemeindevertreter und Stadtverordneten sind ver« pflichtet, in den Geineindeverivaltungen Anträge einzubringen, in welchen von. den gesehgebenden Körperschaften in Preußen das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht für die Kommunal- wählen gefordert wird. Zcntralwahlvcrein für Teltow-Breskow: Der preußische Parteitag wolle beschließen, daß unsere Ge- nassen verpflichtet sind, möglichst zu gleicher Zeit in den einzelne» Kommunen eine Agitation zugunsten der Einführung des all« gemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts für Air- gehörige beiderlei Geschlechts für die Kommunalwahlen zu ent- falten._, Sozialdemorratischcr Zentralwablverein für de» Reichstags« Wahlkreis ZüNichau-SchwiebuS- Krassen-Sommerfeld(Ortsverein Berlin). Den Mitgliedern zur Nachricht, daß die Versammlung heute a u s j ä I l t und dafür am Dienstag, dm 21. Dezember, abends Lst, Uhr, bei Eichhorn, Koppenstr. 47. stattfindet. Freie Jugendorgantsatio» Berlin Südost.(SchlesischcZ Viertel.) Heute Bersamnilong bet Neidhardt, Görlitzerstr. 58. Vortrag dcS Kollegen Ernst Hennigfen über„Die Enislehung der Familie'. Gäste willkommen. Amtlicher Mark'dertchl der städttlchen MarNhallen-Dtrettlon über den Grogbandel in den Fentral-Marttballen. Marktlage: Fleisch: Ziilubr stark, Gelchäll lebhaft. Prelle für Bullen- und Schweinefleisch au- ziehend, für Hammelfleisch nachgebend. Wild: Zufuhr nicht genügend, Geichäst reg«. Presse fest. Gellügel! Zufubr genügend, Gelchäft nicht lebhast genug. Preise nicht besriedigend. Fische: Zusuhr mätzig, Geschäft schleppend. Prelle wenig verändert. Butter u n d Käse: Geschäft ruhig, Preise unverändert. Gemüle, Ods» und Südfrüchte: Zu- slihr genügend, Geschäst schleppend, Preise gedrückt. WltternnqSüderüiü« vom lg. Dezember liMS. morgen«« Udr. Gtatione» ? 5 Ii| i?= * B rwmrmb« 775 D Hamburg|774 0 sterlir'77ZO Frankl.aM 767 NNO diünchev>767 Still Wien 770 NW Setter ÜNedel 4 bedeckt 2 bedeckt 4 besser N-bel 1 heiter a*. ri« 4 II 5? Mi — 0 1 0 2 —6 — 1 «tatiosv» iS5 »=■1 £§ Ii Havaranda 782 N Petersburg 776 RW Scilla 1 764C?JO üb erde»>774 OSO Parr»[76551 S Setter ** ü-» II 2 walten!—11 1 bedeckt 3 bedeckt 2 bedeckt 2 Nebel i —-Ä 7 6 —3 lkvetterveognole kür Dienstag, den>4. Dezember liMtg. Etwas kälter, zeitweise ausklarend, aber noch vielsach nebelig ober wolkig bei ziemlich srischcn nordöstlichen Winden; leine wesentlichen Nieder- schlüge. Berliner Wetterburea» evaüerlt.rilvs.Ractirichtea der LandeSanitalt für Gewässerlunde. mitgeteilt von» Berliner Betterbureau. vaflerstand Kemel, Tllflt P r e g e l. Jnlterbmg S e i ch> e l. Schon» Oder. R atibor , Krassen » FranNurt Wa r t h e, Schttmm , Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Lcitmeritz , Dresden , Barby , Magdeburg am[ less 12.12. 11.12, om oro') 406') 28«) 246') 307 208 194 160 96 15 19 283 —8 +2 +62 —7 +17 +1 +4 +8 -1 —6 -25 Wasserstand Saale, Grochlttz Hovel, Spandau') , Ratbenow') Spree. Svremberg') , BeeSkaw Weser, Münden , Minden Rhein, MarimilianSan , Kaub . Käl» Neckar, Heübrom» Main, Weribeüu Mosel. Trier am 12 12. om 263«) 86 114 96 126 83 192 263 361 120 239 191 seit 11.12. omft —25 —4 O +S +4 —»6 -20 —13 —31 —10 —13 -34 st+ bebeutet Wuchs.— Fall.•) Unl erpegel.•) clSfret.«j Eisstand. rrm H. JOSEPH& Co. Dienstag, Jen 14. Dezemlier|| Mittwoch, den 15, Dezember|[Donnerstag, den 16, Dezember|| Freitag, den 17. Dezember| RiXDORF Berliner Str. 54-55, Ecke Jägerstraße RIXDORF Berliner Str. 54-55, Ecke Jägerstraße Um es vielen unserer werten Kundschaft zu ermöglichen, die doppelten Vorteile unseres Prämien-Spareystems auch in diesem Jahre zu genießen, haben wir uns kurz vor Ende des Jahres entschlossen, Doppelte Rabattmarken zu gewahren. Ausgenommen sind einige Artikel. I Worin der doppelte Vorteil besieht s Bei Einlösung während der f von 25 vollen Rabattkarten vergüten wir in bar mit 25 Mk. und 80 Mk. Extra-Prämie= 35 Mk. Dauer eines Kalender-Jahres j von 40 vollen Rabattkarten vergüten wir in bar mit 40 Mk. und 20 Mk. Extra-Prämie= 60 Mk. Lebensmittel sind vom Prämien-System ausgeschlossen. I Die Auszahlung der Prämien Hindet bis 31. Dezember statt. •) Auf Lebensmittel üblichen Habatt. den I Für das W eihnachtsf est empfehlen wir als Prämie für die Leser dos„Vorwärts* Shakespeares sämtliche dramatische Werke. In drei eleganten Leinenbänden geb. (ca. 2800 Seiten umfassend) U ebersetzt von A. 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Berlin SW. i,.29i. m. mw 3. Ktllllge ilts LlmMs" Kerlilltl MÜ'iSllllllt. Partei-?Zngelegenkeiten. Liertcr Wahlkreis. Bei der am Sonntag, den 12. Dezember, stattgefiindenen Urwahl der Delegierten zum' Preußrnlage wurden 4120 Stimmen abgegeben, davon waren 173 ungültig und 3 zer- splittert. Gewählt wurden: Genossin Köhler mit 1595 Stimmen, Genosse Bethke mit 1153 Stimmen, Genosse Mcrkowski mit 956 Stinimen. Die übrigen Stimmen verteilten sich auf die anderen 22 Kandidaten. Der Vorstand. Wahlverein Friedenau. Heute abend pünktlich 9 Uhr: Mitglieder- bersainmlung bei Mechelke, Handjerystrage 60/61. Auf der Tages- ordnung steht u. a.: Vortrag des Genossen Horlitz-Adlershof über: „Der proletarische Klassenkampf". Der Vorstand. Lichtenberg. Heute abend findet im Lokale der Gebr. Arnhold- Franksurier Chaussee 5/6, die Mitgliederversammlung deS sozial- demokratischen Wahlvereins statt. Tagesordnung: 1. Vortrag des Reichslagöabgcordiieten Genossen Brey über:„Die politische Lage". 2. Vereinsangelegenheiten.— DaS Mitgliedsbuch legitimiert. Der Vorstand. Treptow- Baumschulcuwcg. Ortsteil Baumschulenweg. Heute DienStag findet bei Speer eine Mitgliederversammlung statt. Tages- ordnung: 1. Vortrag des Genossen Dr. Alfred Bernstein:„Da? Volk der Denker in der Zwangsjacke." 2. Diskussion. 3. Geschäftliches. 4. Verschiedenes. Der Vorstand. Ober-Schöneiveide. Die Jugendschriften-Ausstellung findet anstatt in dem in Aussicht genommenen Lokal in der Spedition. Lausenerstr. 2 bei Henjes statt. Auswahl in Jugcndichriften. Bilderbüchern und Kinde, spielen ist vorhanden. Die Genossen werde» ersucht, ihren Bedarf dort zu decken. Der Vorstand. Marieudorf. Morgen Mittwoch, de» 15. Dezember, abends 8 Uhr, bei Preug, Kurfiirsteustr. 44; Mitgliederversammlung. Tagesordnung: Vortrag des Reichstagsabgcordncten Genossen E. Eichhorn über:„Schiller und seine Zeit". Wilhelmsruh. Heute Dienstag findet die Mitgliederversammlung des Wahlvereins im Lokal von Barth, Viktoriastr. 7, statt. Die Bezirksleitung. Borsigwalde-Wittcnau. Heute Dienstag, abends S1/» Uhr, bei Jaschinski: Mitglieder-Versammlung des Wahlvereinss Tages- ordnung: Der Fall Buch. Bericht von der Kreis-Generalversammlung. Vereinsangelegenhciten. Köpenick. Heute DienStag, abends S1/» Uhr, im Lokal von Sippau, Grünauer Straße: Versammlung.'Referent ist Genosse !ohS. Spandau. Heute, Dienstag, den 14. Dezember, abends 8'/s Uhr, findet im Lokal von Gollwald, Schönwalder Straße 80, die Mitgliederversammlung des Wahlverems statt. Tagesordnung: 1. Bericht von der Kreis-Generalversammlung. 2. Bericht der Geschäfts- kommission und Neuwahl derselben. 3. Verschiedenes. Mitgliedsbuch legitimiert. Der Vorstand. ßerUrnr JVacbrkbten. Freude und Stolz über die Siege der Berliner Genossen ttnd über die Erfolge der Partei im Reiche bringt ein Brief eines tüten Berliner Genoffen zum Ausdruck, den wir aus St. Louis ssAmcrika) erhalten. Der Bricfschreiber gehört zu jenen unserer ölten Garde, die unter dem Schandgesetz furchtlos und unerschrocken allen Verfolgungen zum Trotz mit dem größten Idealismus und Opfermut für unsere Sache kämpften. Der Maschinenbauet Max S e n d i g ist es, der uns seine Grütze übermittelt und der in den achtziger Jahren im 6. Kreise tätig war; längere Zeit gehörte er dem Berliner C. C. an, fiel aber im Jahre 1882 dem Auswcisungs- Paragraphen zum Opfer und mutzte ins Exil gehen. In Deutsch- land von Ort zu Ort gehetzt, schüttelte er schließlich den Heimat- liehen Staub von den Pantoffeln und ging nach Amerika, um dort «ine Existenz zu finden. Und von dort schreibt er uns: „St. Louis(Amerika), 25. Nov. 1909. Berliner„Vorwärts" i Werte Genossen! Soeben lese ich in unserer„Arbeiterzeitung" über die Siege der letzten Wahlen ttnsercr Partei in Baden, Sachsen und Berlin. Viele glauben vielleicht nicht, batz Tausende von Meilen entfernt Genossen leben, die vor langen Jahren Deutschland verlassen mutzten, die die Bewegung verfolgen und deren Aerzen vor Freude vwd Genugtuung höher schlagen, wenn sie erfahren, datz es vor- wärts geht. Haben sie doch das Bewußtsein, datz auch ihre freudig gelieferte Arbeitskraft nicht umsonst gewesen ist. Wenn ich als Berliner Ausgewichener die Feder ergreife, um meiner Genugtuung über die Fortschritt zum Ausdruck zu bringen, so ist es zu gleicher Zeit meine Absicht, ein Lebenszeichen der alten Garde zukommen zu lasten; fand ich doch unter den gewählten Berliner Stadtvätern Genossen, die ich seit 30 Jahren gekannt und mit denen ich für unserer Prinzipien gearbeitet: die Genossen Singer und Ewald. Ja. unermüdlich haben wir gearbeitet, die eigene Person wenig oder gar nicht in Betracht gezogen. Wie viele Beispiele könnte ich den jüngeren Genossen hierfür beibringen! Wenn ich den hiesigen Genoisen davon erzäblc, glauben dieselben, es seien Märchen. Hier kurz einige kleine Episoden. Es war im Jahre 1881, wo wir unseren alten braven Genossen Wilhelm Hasenclcver im 8. Wahlkreise aufgestellt hatten. Das Ausnahmegesetz bestand. Wir hatten leine offene Organisation, keine Presse, kein Geld, nur den guten Willen. Da war es, wo wir uns Nächte hinsetzten und Flug- blättcr schrieben mit den Ansangsworten:„Arbeiter Berlins, wühlt den Volksmann Wilhelm Hasenclcver" usw. Des morgens in aller Frühe von 5 bis 6 Uhr wurden dieselben stillschweigend den zur Arbeit Gehenden zugesteckt. Dann heim, wenn man uns nicht nach der Polizei schleppte, schnell ein bitzchcn Kaffee hinuntergegossen »nd dann zur Arbeit. Als man mich eines Morgens verhaftete und Haussuchung hielt, fand man noch einige Flugblätter, aber man konnte uns nichts anhaben. Der politischen Polizei war cö beinahe un- fatzbar, datz Arbeiter aus Idealismus, nachdem sie am Tage ge- arbeitet, in den Nächten Flugblätter schreiben und verteilen können. Vielen alten Genossen wird noch bekannt sein, wie ich das erste Flugblatt nach dem Erlaß des Sozialistengesetzes unter den schwierigsten Verhältnissen nach Berlin schmuggelte, wie ich, in der Siegelöschcn Knopffabrik in der Stralsunder Straße arbeitend, vintcn an einem Strick heruntergelassen wurde, über die Mauer setzte, mit abgeschnittenem Schnurrbart, als Pfaffe verkleidet, das- selbe auS Crimmitschau, wo cS gedruckt war, als Passagicrgut nach Berlin brachte und hier in drei Stunden 20 000 Exemplare ver- breitete. Ja, die Erfolge dieser Agitationsarbcit sind nicht ausgeblieben und das Vorwärtsschreiten der Bewegung ist genügende Belohnung für unsere Arbeit. Was meine Person betrifft, so bin ich noch immer aktives Mit- gkied der Partei,„Sektion St. Louis", trotzdem icb beinahe 60 Jahre alt bin. Mein Augenlicht ist schwach, doch da ich einer von denen bin, die nicht an Zufriedenheit st erben»vollen, mutz ich noch tüchtig arbeiten nicht bloß für meine Existenz, nein auch bis zu meinem hoffentlich baldigen Ende für die Befreiung der Massen von dem heutigen grundfalschen wirtschaftlichen System." Genosse Scndig schließt seinen Brief mit besten Grützen an die Alten und die Jungen. Wenn wir im vorliegenden Falle einmal ausnahmsweise den Inhalt eines Privatbriefes wiedergegeben haben, so haben wir es getan im Hinblick darauf, den Genossen zu zeigen, welchen Ein- druck unsere Erfolge im Auslande machen und andererseits, um bei dieser Gelegenheit nachzuweisen, unter welch schweren Verhält- nissen früher gearbeitet werden mutzte. Was Max Sendig hier ge- schrieben hat, ist keine Uebertreibung; er selbst gehörte zu jenen Leuten, die mit aller Energie und Aufopferung für unsere Sache kämpften, was auch im zweiten Bande der„Geschichte der Berliner Arbeiterbewegung" nachzulesen ist. Möchten sich viele jüngere Ge- nossen an der Opferwilligkeit und Arbeitsfreudigkeit der Alten, wie Sendig einer war, ein Beispiel nehmen. Der silberne Sonntag, der von mildem, wenn auch bewölktem Wetter einigermaßen begünstigt war, hat diesjährig wiederum ge- zeigt, datz von der Poesie des Berliner Weihnachtstrubels immer mehr abbröckelt. Die schäbigen Reste des sogenannten Weihnachts- Marktes auf dem Arkonaplatz, in der Warschauer und Petersburger Straße, am Belleallianceplatz und bei der Petrikirche sahen noch dürftiger aus als sonst. Es ist ein Wunder, datz überhaupt noch Geschäftsleute den Mut finden, hier ihre billigen Verkaufsständc aufzuschlagen. Von dem ehemaligen Berliner Weihnachtshumor, der so herzerfrischend wirkte, ist so gut wie nichts mehr zu spüren. Die jugendlichen Weihnachtshändler mit ihren drolligen An- preisungcn fehlten fast gänzlich. Nur hin und wieder sah man so einen kleinen Mann, den selbst die Angst vor dem„Greifer" nicht abhielt. Hampelmänner und Blechspielkram feilzubieten. Desto zahl- reicher waren arbeitslose Männer und Frauen aus dem Volke als Stratzenhändler zu bemerken. Nach den großen Warenhäusern mit ihren Prächtigen Wcihnachtsausstcllungen gab es schon an diesem ersten der beiden metallisch glänzenden Sonntage die übliche Massen- Wanderung mit der Parole:„Alles besehen, wenig kaufen!" Es wurde ja immer noch genug mit Spargroschen eingehandelt, aber die Kauflust stand doch nicht im Verhältnis zu den sich drängenden und schubsenden Massen. In der übrigen großstädtischen Geschäfts- Welt, namentlich in den grötz>.ren Ladengeschäften, soll man dies- mal mit dem Ansatz des Weihnachtsgeschäftes außerordentlich zu- frieden sein. Wer Geld und Zeit dazu hat, dein ist es ja auch ein Leichtes, seine Weihnachtseinkäufe nicht bis auf die letzten Tage vor dem Feste zu verschieben. Und sie haben es ja heute in allen Knopflöchern, die auf den molligen, mühelosen Höhen des Lebens. In Hülle und Fülle fliegt ihnen unter dem dämonischen Zauber unserer jämmerlichen Weltordnung der aus den Arbeiterknochen gemünzte Mammon zu. Die Entrechteten der Arbeiterklasse müssen sich vorläufig noch begnügen mit dem Anstaunen der herrlichen Dinge, die ihnen durch eigene Kraftentfaltung erst mal in einer späteren Zeit erreichbar sein werden. Können sie am„goldenen" Sonntag ein paar Mark erübrigen für den bescheidenen Weih- nachtstisch, so ist das schon viel Glück. Mancher hat für seine lebensdurstige und freudenhungrige Familie selbst noch am Weihnachtsabend nichts weiter als ein paar Tannenzweige mit dünnen Lichtern und ein mageres Brot— trotz allen frommen Wohl- tätigkeitsschwindcls._ Aus einer Klinik für Unfallverletzte. in die Wir schon im vorigen Jahre einmal hineinleuchteten, sind UNS jetzt neue Klagen zugegangen. Es handelt sich um die im Hause Mariann enufer 2 befindliche Heilanstalt vom Roten Kreuz, die unter der Leitung des Arztes Dr. S t a b e 1 steht und den BernfSgenossenschaften dazu dient. Unfallverletzte möglichst rasch »nd möglichst vollständig zu kurieren. Von Arbeitern werden solche Heilanstalten im Hinblick auf Art und Zweck des Heilverfahrens, das in ihnen zumeist üblich ist, als„Rentenquetschen" bezeichnet. Die Zustände in der genannten Anstalt sind uns geschildert worden in einer schriftlichen Darstellung, die von zahlreichen Patienten durch Namensunterschrist bestätigt ivorden war. Wir haben dann selber die Klinik besucht und haben aus der Befragung einer ausreichenden Zahl Patienten den Eindruck gewonnen, daß die meisten ihrer Klagen nicht unbegründet find. Abs-hen walle» wir von der Unzufriedenheit mit der Beköstigung, absehen auch davon, datz die Benutzimg der Patienten zu Dienstleistungen für andere Patienten und sogar zur Reinigung der AiifenthaltSräuine als zu weitgehend empsiinden wird, und schließlich selbst davon, datz für die Uebungen an den Apparaten, durch die die verletzien Glieder wieder gebrauchsfähig gemacht werden sollen, mehr Beaufsichtigung und Anleinmg gewünscht wird. Wir nehmen an, datz über, diese Dinge die Acrzte eine andere Meimnig haben werden als die'Patienten. Wahr ist auch, datz ein Kranler eher als ein Gesunder bereit ist, Mängel zu entdeckcu. Aber auf einen Uebelsland, dem wir in solchen Anstolten immer wieder begegnen, kann nicht oft genug und nicht nachdrücklich genug hin- gewiesen werden. Wir meinen die leidige Neigung, sich den KrankheitSzu stand eines Unfallvorletzten aus unbewußter Einbildung oder gar aus bZe wüßter Verstellung zu erklären, sobald die Knust deS Arztes versagt. Wenn em Arzt sich alle Mühe gibt, Kranke so rasch und so vollständig zu kurieren, wie man es von ihm erwartet, dann ist cö begreiflich, datz zuletzt der Wunsch ihm zum Bater des Gedankens wird und er Kranke für gesund hält, auch wenn sie'S nicht sind. Wehe aber dem gesnndheitsverdächtigen Kranken, gegen den nun der Arzt— im besten Glauben— ein entsprechendes„Heilversahren" anwendet. Auf den Bedauernswerten wird so lange eingeredet, bis er schlietzlich selber glaubt, daß er gesund sei. Auch in der obengenannten Heilanstalt vom Roten Kreuz scheint man viel davon zu halten, gegen„eingebildete" Krankheiten eS mit diesem Verfahren z» probieren. Und dabei kleidet sich diese(wenn man so sagen darf) „Suggestionstherapie" manchmal in Formen, die denn doch sehr eigenartig sind. Ein dort untergebrachter Patient, dem nach einem Unfall ein Finger der rechten Hand abgenommen worden ist, klagte einmal über Stiche in dieser Hand. Der Assistenzarzt Dr. Kolteh soll mit einer bezeichnenden Handbewegung nach dem Kopf ihm ge- antwortet haben:„Sie haben das Stechen hier." Der Patient versichert uns, so habe er verstanden, und von anderer Seite wird uns das bestätigt. Wir vermuten im voraus, datz der Herr Doktor uns belehren wird, er habe gemeint, das Stechen bestehe lediglich im Kopfe des Patienten, d. h. in seiner Vorstellung, in seiner Einbildung. Aber was würde ein Arzt sagen, wenn ein Kranker mi« gleicher Handbewegung ihn» zu verstehen gebe»»»vollte, der Herr Doktor selber leide an der bloßen Einbildung, daß die Krankheit nur eine eingebildete sei! Ein anderer Paiient, der bei einein Unfall ke»ne äutzcre Verletzung erlitten hat. aber mit dem Rücken und dem Kopf aus den Erdboden aufgeschlagen ist, macht den Aerzten zu schaffen durch immer wiederkehrende Anfälle, bei denen er sich in Zuckungen windet. Herr Dr. Siabel hat ihm mehrfach gesagt, er solle nickt daran denken, das bilde er sich ein. er müsse nur wollen Schlietzlich erklärte Stabel:„Die Anfälle müssen aufhören." Das war ja leicht gesagt, aber die Anfälle hörten nicht auf. Da soll Dr. Stabel dem Patientc» eine Wette vorgeschlagen haben: wenn kein Anfall komme, wolle der Herr Dotlor 50 Pf. zahlen, wenn aber doch wieder ein Aniall auftrete. beanspruche er von dem Patienten 50 Pf. AIS am aiideren Tage der Patient meldete, inzwischen seien sogar zwei Anfälle auf- getreten, soll Stabel die Hand hingehalten und gesagt haben:» „Dann bekomme ich also 1 M.". Das sei nur ein Spatz gewesen, wird Herr Dr. St. uns belehren. Gewiß, daran zweifeln wir nicht, und auch davon sind wir überzeugt, datz er und sein Assistent ihre eigenartigen BeHandlungsweisen durchaus in gutem Glauben anwenden. Aber der Patient hat über diese„Wette" doch etwa? gründlicher nachgedacht, als der Herr Doktor darüber nachgedacht zu haben scheint und hat eine derartige Be- Handlung als beleidigend empfunden. Bei einer früheren Gelegenheit soll Stabel demselben Patienten über seine immer wiederkehrenden Anfälle sogar gesagt haben:„Richten Sie sich die Sache doch mal ein. wenn ich hier bin. JchgebeJhncn IM. dafür. wennSie mirdasmal zeigen." Der Patient wird da den Herrn Doktor mißverstanden haben. Aber uns ist es— trotz aller wohlmeinenden Bemühungen — nicht gelungen, dem Patienten auszureden, datz in solchen und ähnlichen Redereien der beleidigende Vorwurf der Simu- 1 a t i o» liege. ES ist eben ein eigen Ding mit der Kunst der Suggestion; sie ist doch wohl nicht so einfach, wie sie aussiebt. Wir sind nicht Meister darin— na, und die Herren, die sie in ihrer Anstalt für Unfallverletzte probieren, scheinen ja leider ebenfalls nicht viel Glück damil zu haben. In den uns bekannt gewordenen Fällen haben sie weiter nichts als eine tiefgehende Verstimmung und Unzu- friedenheit erreicht._ Auf dem Bureau der Berliner Stadtsynode scheint eine schöne Wirtschast zu herrschen. Das haben die täglich gemeldeten Unter- schlagungen bewiesen. Jetzt wird von neuen Unterschlagungen be- richtet. Sie wurden bereits im Jahre 1904 verübt. Damals be« fanden sich die Bureauassistenten Johannes Grunack aus der Wilmersdorfer Straße zu Charlottenburg und Wilhelm Schmidt aus der Bastianstratze, die beide verheiratet und verschwägert sind, in Geldverlegenheit. Da meldete sich ein vermögender Mann, der vom jüdischen zum evangelischen Glauben übergetreten war, aber noch keine Kirchensteuervcranlaguug erhalten hatte, freiwillig als Steuerzahler. Sein Uebertritt lag schon einige Jahre zurück, er wollte auch für diese Zeit die Steuern nachzahlen. Sein Beauftragter geriet nun an Grunack und Schmidt, und diese be- nutzten die Gelegenheit, die Ebbe in ihrer Privatkasse zu be- fettigen. Sie veranlagten den Mann auf eigene Faust und zogen von ihm 11000 M. ein. Das war nun aber dem Steuerzahler doch etwas zu viel und er legte Berufung ein. Diese bearbeiteten aber wiederum die Burcauassistcnten. Um sich nicht zu verraten, ermäßigten sie den Steuersatz etwas und schickten einen cnt- sprechenden Teil der Summe zurück, so unangenehm ihnen daS auch war. Erst jetzt bei der allgemeinen Revision kam diese Unter« schlagung an den Tag, und Grunack und Schmidt folgten Bolt und Bannicke in das Untersuchungsgefängnis. Zum Frauenmord. Die neueren Ermittelungen haben ergeben. datz sich die Anna Arnholz vielfach, auch seit ihrem letzten Besuch bei ihrer Schwägerin, auf Rixdorfer Gebiet aufgehalten hat. Die Kriminalpolizei durchsucht deshalb mit ihren Diensthunden das ganze Lanbengelände von Rixdorf ab, weil es möglich ist, daß sie dort irgendwo ihren Tod gefunden hat, und datz Körperteile und Kleidungsstücke dort verborgen gehalten werden. Ei» Heer von Beamten ist unterwegs und öffnet jede Laube. Gleichzeitig finden auf dem Polizeipräsidium wieder viele Vernehmungen statt. Von Hamburg, wo die Arnholz unter dem Namen Klara Schmidt be- straft worden ist. hat man sich ihre Photographie verschafft, die nun allen Zeugen vorgelegt wird. Weitere Nachforschungen der Kriminalpolizei und Unter- suchungen der Aerzte haben zu neuen Feststellungen geführt. Der Spezialarzt Dr. Fränkel hat die Haare von dem Rumpfteil und den Armen untersucht und festgestellt, datz sie in der Wurzelbildung, in der Stärke und ihrer inneren Gestaltung durchaus übcrein- stimmen. Sie weisen sogar beide übereinstimmend gewisse Krank- heften auf, die bei starkem Schwitzen aufzutreten Pflegen. Dazu ist ermittelt worden, datz die Anna Arnholz fast jeden Abend bei Dobberstein in der Marianncnstratze getanzt hat. Eine andere Fest- stellung ist die, datz die Arnholz nicht in anderen Umständen war. Es können also alle Ermittelungen nach der Richtung eines Ver- brechens gegen das keimende Leben und seine Folgen bei den ferneren Untersuchungen ausgeschaltet werden. Ueber den Verbleib der Arnholz in der letzten Zeit ist jetzt ihr Aufenthalt vom 23. bis zum 29. November klargestellt. Stach dem 29. Stovember, abends 9% Uhr. blieb die Ermordete verschwunden. Es sei darauf hingewiesen, datz der Täter jetzt nach so langer Zeit schwerlich noch Leichenteile in seiner Wohnung haben kann. Nun hat der Gerichtschemiker Professor Dr. Jcserich festgestellt, datz sich an dem Strick, mit dem das in der Spree gefundene Paket, der Rumpfteil, verschnürt war, Aetzkaik befindet. Es besteht also die Vermutung, datz der Mörder d.ie Leichenteile, die bis jetzt noch nicht gefunden ivorden sind, mit Aetzkaik vernichtet hat oder wenig- stens den Versuch gemacht hat, sie zu vernichten. Das kann er in seiner Wohnung unternommen haben. Möglich ist aber auch, datz er die Leichenteile irgendwo in eine Kalkgrube geworfen hat. Alle Kalkgruben, auch antzerhalb der Weichbildgrenze Berlins und der Vororte, sollten auf Leichenteile und Kleidungsstücke genauer unter- sucht werden. Ansstcllnng empfchlevswertcr Jugendschriften und Wand- schmuckausstellilng im Gewerkschastshaus. Wegen des starken Andranges am vergangenen Sonntag— die Ausstellung lvar von über 3000 Personen besucht— lvar es Vielen nicht mög- lich. die Bücher und Bilder zu besichtigen. Deshalb wird die Ausstellung, die am Sonntag geschlossen werden sollte, an, kommenden Sonntag nochmals lviederholt werden. Um den Besuch zu erleichtern, soll die Bilder- ausstellung von der Bücherausstcllung gekennt werden. Die Bilderausstellung verbleibt im Saal III. dagegen soll die Bücherausstcllung in dem doppelt so großen Saale l statt- finden. Der Verkauf findet wie bisher im Saale II statt. Die Ausstellung wird von 2 bis 9 Uhr geöffnet sein. Die Ausstellung und der Verkauf der Sonneberger Spielwaren findet während der ganzen Woche bis cinschließ» lich Sonntag, den 19. Dezember, im G e w e r k s ch a f t L- Hause statt. 21 999 Morgen Wald und keine Weihnachtsbäume. In dieser eigenartigen Lage befindet sich die Stadt Fürstenwalde. Während die Verwaltung des Stadtforstes in früheren Jahren Bestellungen aus Lieferung von Weihnachtsbäumen in ausgedehntem Matze ent» sprechen konnte, wird diesmal keine Fürstcnwaldcr Tanne den Weihnachtstisch schmücken. Das ist darauf zurückzuführen, datz im letzten Frühjahr in den Beständen des jungen TnnnenwnchseS wiederholt infolge Funkenauswurfes von Lokomotiven Feuer wütete und die als Weihnachtsbäume in Betracht kommenden Tannen und Fuhten vernichtet hat. Die Bahnverwaltung hat für den hierdurch der Stadt Fürstenwalde entstandenen Schaden eine bedeutend« Summe zahlen müssen. Beim Rangieren getötet. Zwischen Rampe und Wagen wurde vorgestern mittag um 12 Uhr der 58 Jahre alte Rangierer Friedrich Weitzhaupt aus der Kopcrnikusstr. 9, der seit 33 Jahren auf dem. Güterbahnhof der Ostbadii an der Fruchtstratze beschäftigt war. totgedrückt. Er wollte aus die Milchranipe hinaufsteigen und übersah, datz soeben ein beladener Wagen herangeschoben wurde. So geriet er zwischen diesen und die Nampenmauer.' lieber die Beköstianng in der Heimstätte Sätergotz werden seit Jahr und Tag Klagen erhoben, die nicht verstummen wollen. Wir haben bisher eine ganze Anzahl Beschwerdeführer mit ihren Klagen an das Kuratorium für die städtischen Heimstätten verwiesen, Besse- rung scheint aber nicht erfolgt zu sein, und so muß einmal öffentlich ein Wort darüber gesagt werden. ES ist gewitz richtig, daß die Urteile über das Effen sehr auseinandergehen können, weil die„CSe- schmäckcr sehr verschieden sind'; allein richtig ist auch, dah den in Heimstätten befindlichen Patienten eine stärkende, gute Kost ver- abreicht werden mutz, soll der Aufenthalt in der Heimstätte seinen Zweck erreichen und die Patienten wieder arbeitsfähig machen. In Gütergotz scheint, nach uns gewordenen Mitteilungen, die Ober- schwester eine recht sparsame Wirtschaft zu betreiben. Wenn diese Eigenschaft auch im allgemeinen recht lobenswert sein kann, so ist sie doch verfehlt und direkt schädlich, wenn bei Zusammensetzung des Effens filr Heinistättenpatienten allzu knauserig verfahren wird. Das trifft zu, wenn man hört, datz der Hauptbelag auS Zwiebelwurst. Sülze und Käse, der vielfach recht vertrocknet ist. besteht. Das Fleisch zum Mittagessen Adlershof und Köpenick räumlich sich immer näher rücken und bei den bevorstehenden hohe» Ausgaben für die Uebernahme der Privatschule(jährlicher Zuschuß zirka 50 000 M. vom Jahre 1913 für ungefähr 120 Schüler) und dem Rathausbau(mindestens 350 090 M.) die Eingemeindung in Er- wägung zu ziehen lväre. Was Adlershof fehle und doch dringend gebraucht werde, besitze Köpenick. Dort sind höhere Schulen, ein Rathaus, elektrische Straßenbahnen, von denen Adlershof profi- tieren könne, ohne datz erhebliche höhere Unkosten entstehen. Es sei gar kein Zweifel, daß bei einem Zusammenschlüsse beider Ge* meinden auf kommunalpolitischem Gebiete Großes geleistet werden könne, während die Rivalisierung beider Gemeinden nur zum Schaden derselben ausschlagen müsse. In der Diskussion wurde der Antrag vom Genosten Hildebrandt lebhast unterstützt und die Zusammenfassung der Kräfte in beiden Kommunen gefordert. Als Gegner des Eingemeindungsgedankens sprachen die Herren Schöffen Bach und Kaiser, deren Gründe aber nur lokalpatriotischer Natur waren und jedes größere Interesse für die Aufgaben innerhalb der Kommunen vermissen ließen. In namentlicher Abstimmung wurda der Antrag mit 8 gegen 5 Stimmen angenommen. Für den An- trag stimmten die 4 Vertreter der 2. Abteilung und unsere Gc- nassen. Der Gemeindevorsteher, die Schöffen und die Vertreter der 1. Abteilung stimmten gegen den Antrag. Die Herren Schöffen Kaiser, Lutze, Kruse und Genosse Hildebrandt wurden als Korn- missio» gewählt, welche sofort mit Köpenick in Verbindung treten soll. Durch die Annahme dieses Antrages ist schon jetzt in den beiden vorhandenen Lokalblättern ein wüster Kampf entbrannt. Da die Frage neu ist, werden sich auch unsere Genossen des öfteren damit beschäftigen müssen, und in dem bevorstehenden Kampfe zum Gemeindeparlamente, welcher in den nächsten Wochen beginnt, in Versammlungen usw. ihre Ansicht scharf zum Ausdruck bringen. Infolge der Annahme des Eingemeindungsantrages wurde die Bc- ratung betr. Uebernahme der höheren Privatschule ausgesetzt und betr. des Rathausbaues die feste Erwerbung einzelner Grundstücke auf ein halbes Jahr beschlossen. Eine Erhöhung der Lehrer- und Beamtengehälter sowie der Löhne der Gemeindearbeiter nahm die letzte Gemeindevertreter- sitzung vor. Das neue Lehrerbesoldungsgcsetz hat auch den hiesigen Lehrerkollegren Veranlassung gegeben, eine Ortszulage von 750 Mark zu beantragen. Die Schuldeputation sprach sich für den Antrag aus. dem auch die Gemeindevertretung zustimmte. Nach dem Beschlüsse wird das Grundgehalt der Lehrer hinfort 1800 M. und die AlterSzulage in den ersten 7 Stufen 50 M. betragen. Das Grundgehalt der wissenschaftlichen Lehrerinnen 1475 M. und eine AlterSzulage von je 50 M. in der I. und 2. Stufe. Den technischen Lehrerinnen werden als Grundgehalt 1200 M. und in der I. und 2. Altersstufe je 25 M. Zulage gezahlt werden. Für die Rektoren kommt eine Amtszulage von 1200 M. in An« rechnung. Diese Ortszulagen sollen vom 1. April 1909 ab gezahlt werden. Da für den Beschluß die Genehmigung der Regierung nachgesucht werden muß, wurde beschlossen, vorläufig die Hälfte der Erhöhungen noch vor Weihnachten zur Auszahlung zu bringen. Mit dem Antrage des Lehrpersonals ging pünktlich ein Antrag der Gemeindebeamten auf gleiche Erhöhung ihrer Bezüge ein. Die Vertretung stimmte auch diesem Antrage mit der Bedingung zu, daß auch hier die Hälfte vor Weihnachten zur Auszahlung gelangen soll. Nun hätte man eigentlich erwarten sollen, daß der Gemeinde- vorstand auch für die Gemeindearbeiter eine entsprechende Er- höhung ihrer Bezüge in Vorschlag bringen würde. Denn wenn von allen Seiten die Erhöhung der Lehrer, und Beamtengehälter als notwendig, entstanden durch die ungeheuren Verteuerungen aller Bedarfsartikel, anerkannt wird, dann ist es doch selbstvcrständ- lich, daß der bedeutend geringer entlohnte Arbeiter erst recht einer Aufbesserung seiner Bezüge bedarf. Aber hier bedurfte eS erst eines Antrages unserer Genossen, um für die Gemeindearbeiter eine Mehreinnahme zu erzielen. Gegenüber dem Antrage wurde vom Gemeindevorsteher versucht, die Beschlußfassung hinauszu- schieben, indem er auf die Beratung eines Entwurfes für die Lohn- und Arbeitsverhältnisse der Eemeindcarbeiter verwies, in welchem auch eine Neuregelung ihrer Bezüge ausgesprochen werden soll. Unsere Genossen verlangten aber sofortige Beschlußfassung, da bei dem vorhandenen Bewilligungseifer sämtlicher Gemeinde» Vertreter für die Aufbesserung der Gehälter eine Aufbesserung der Bezüge der Gemeindearbeiter nicht gut abgelehnt werden könnte, während bei späterer Beratung des Entwurfes vielleicht eine Ev» höhung von 1 M. pro Woche der ganze Erfolg gewesen sein würde. Entsprechend dem Vorgehen unserer Genossen wurde denn auch bc- schloffen, den Wochcnlohn der Arbeiter von 24 M. auf 27 M. und den des Vorarbeiters von 80 auf 31,50 M. zu erhöhen; auch hier sollen die Zahlungen vom 1. Dezember ab geleistet werden. Die beschlossenen Erhöhungen der Gehälter und Löhne werden im nächsten Etat eine Mehrausgabe von zirka 25(XX) M. bedingen, das sind 25 Proz. unseres durch den Kommunalsteuerzuschlag vorge- schenen Steuersolls. Gegenüber dieser voraussichtlichen Mehr- forderung an den Etat ist nur zu begrüßen, daß die Mehrheit sich von ihrer Gegnerschaft zur Wertzuwachssteuer befreit hat und bereit war. für diese wie auch andere Steuern, die in erster Linie den unbebauten Grundbesitz treffen, zu stimmen. Die Wertzuwachs- steuerordnung beginnt mit 10 Proz. bei einer Wertsteigerung von 10 Proz. und endigt mit 25 Proz. bei 100 Proz. Wertsteigerung. Als Anfangstermin der Wertsteigerung wurde der 24. September 1870 angenommen, an welchem Tage Adlershof ein selbständiges Gemeinwesen wurde. Von einigen Vertretern wurde versucht, die erste Stufe auf 5 Proz. herabzusetzen, von anderen Vertretern Ivurde eine weitere Steigerung der Sätze verlangt. Auch der öftere Umsatz des Grundstückes sollte zu einer Steigerung führen. Sämtliche Anträge wurden aber abgelehnt und der Entwurf der Kommission gegen die Stimmen der Herren Lindenberg und Lutze angenommen. Die Umsatzsteuerordtmng wurde dahin abgeändert, daß auch diejenigen Grundstücke, welche der Zwangsversteigerung unterliegen, aber bisher von der Umsatzsteuer befreit waren, zum vollen Werte zur Steuer herangezogen werden. Bei der Grund- Wertsteuerordnung wurde beschlossen, für unbebaute Grundstücke einen höheren Prozentsatz als bei bebauten Grundstücken zu er- heben. Es wird dabei in Aussicht genommen, daß bei der Fest- setzung des Boranschlages für 1010-1911 6 Proz. für unbebaute Grundstücke und 4 Proz. für bebaute Grundstücke als Grundwert- steuer festgelegt werden. Tempelhof. Die Einwohnerzahl betrug am I. Oktober 1900: 17614 Per- sonen? e» hat in dem einen Jahre ein Zuzug von 1960 Personen stattgefunden.— Zur Herstellung und zum Betriebe einer Er- weiierung des Bahnhofes Teltowkanai ist beim Regierungspräsidenten die Genehmigung nachgesucht worden. Wethensee. , WeihnachtSauSstellung. Die Arbeiterschaft wird auf die Ausstellung und den Verkauf von guten Jugendschriften, Bilderbüchern, Spielen, Märchenbüchern usw. aufmerksam gemacht, welche wie all- jährlich in den Räumen des Lokales von Gustav Roßkopf. König- Chaussee 38. stattfindet. Dieselbe ist geöffnet an den Wochentagen von nachmittags ö Ubr bis 10 Uhr. Sonnlag, den 10, von morgens 9 Uhr bis abends 10 Uhr und am 24. Dezember(Heiligabend) von 3 bis 0 Ubr abends. Parteigenossen, unterstützt durch Deckung eures Weihnachtsbedarfs bei uns die Ausstellung. Bestellungen nimmt die Parteispedition jederzeit entgegen. Bernau. In der letzten WahlvereinSversammlung gab Genosse Knöschke unter anderem?nen kurzen Bericht von der verflosienen Sladt- verordnetenwahl. rührige Agitation zur Wahl hatte den Erfolg, daß unsere Genossen mit 406 gegen 20 bürgerliche Stimmen gewählt wurden, so daß jetzt sämtliche Mandate der dritten Abteilung in unserem Besitz sind. Vor sechs Jahren unterlagen noch unsere da- maligen Kandidaten den jetzt ansgel'chiedenen bürgerlichen Stadt- verordneten, während die Gegner diesmal nicht einmal die nötigen Duichfallskandidaten auftreiben konnte», um in eine Wahlbewegung eintreten zu können.— Vor ollem ist aber auch durch daS Eintreten der Sozialdemokratie in die Stadtverordnetenversammlung ein größere? Interesse für kommunalpoli tische Angelegenheiten unter der Einwohnerschaft zu verspüren, was die zunehinende Wahlbeteiligung am besten beweist. Den Genossen Kunze, Restaurateur, R. Wünsche. Restaurateur. und Ch. Wagner, Zigarrenhändler, wurde, weil sie ihr Wahlrecht nicht ausgeübt haben, eine Rüge erteilt. Ein Antrag aus Ausschluß wurde obgelehnt.— Unter Vereinsangelegeliheiten wurde zunächst Genosse W. Allmann als zweiter Bezirksleiter gewählt. Das Zahl- abendlokal des 1. und 2. Bezirks ist vom Januar ab das Restaurant Elysium.— Durch die vorausgegangene Agitation für den.Vor- wärlS" und den Wohlverein, wie auch durch die Agitationsverlamm- lung für die Frauen wurden 6 Abonnenten sowie 38 neue Mitglieder, daiunter 18 Frauen, gewonnen. Der Frauenleseabend wird anfangs Januar stattfinden, in welchem die Frauen den Tag endgültig fest- legen sollen. Vor allem soll die Bezirksleitung mehr für geselligen Verkehr unter den Genossen und Genossinnen sorgen. Spandau. DaS„Wirken" der Polizei bei Beerdigungen hat am Sonnabend und Sonntag wieder einmal berechtigte Empörung unter den an den Beerdigungen Beteiligten hervorgerufen. Am Sonnabend wollte der Stadtverordnete Geuoiie Pieper gerade unter zahlreichem Geleite seinen einzigen von fünf Kindern übrig gebliebenen 13 Jahre alten Sohn zur letzten Ruhe bestatten lasten, als kurz vor der Beerdigung ein berittener PoUzeitergeant in voller Uniform auf den Friedhof herauf ritt. Dort mußte der Beamte zunächst auf Jnterveutio» des FriedhosSiuspeltorS von feinem Gaul berunterklettern und daS Pferd vor dem Eingang des Friedhofes hinführen I Er übergab daS Pferd einer Perlon zum Halten und kam dann wieder auf den Friedhof, uin sich während der Tiauerfeier in der Nähe der Trauerversammlung hei um» zudrücken. Als am Sountagnachmittag der Genosse Albert Weile zur letzten Ruhe bestattet wurde, bekamen die Teilnehmer noch mehr von der Polizei zu sehen. Am Eingang zum Friedhof, der ziemlich abgelegen ist, stand schon längere Zeil vor der angesetzten Beerdi« gung der Kriminalpolizeisergeant Stehle. Als die Deputationen des Wahlvereins, der Buchdrucker und des Gewerks chaftskartellS mit den gestifteten Kränzen mit roten Schleifen anlangten, verlangte der Beamte die Beseitigung der roten Schleifen. Die Kranzträger ver- weigerten dies, da nach einem Stadtverordnetenbeschluß Kränze mit roten Schleifen am Grabe niedergelegt und auch der Leiche von der Halle bis zur Gruft nachgetragen werden können. Der Beamte packle nun den einen Kranzträger am Arm und wollte die Schleife ge« waltsam entfernen. Es entstand nun durch dies Verhalten der Polizei ein tumultuarischer Auftritt vor dem stillen Friedhof. Erst den Be- mühungen des anivescilden Stadtverordneten Pieper und des Fried- bofsinspektors Bergemann gelang es. den Polizeideamten von seinem Verlangen abzubringen, der indes behauptete, vom Polizeiinspektor den Auftrag erhalten zu haben, das Mitführen von roten Schleifen zu untersagen. Unsere Genossen im Stodthause werden sicher über dies unerhörte Vorgehen der Polizei, entgegen einem ausdrücklichen Beschlüsse der Stadlverordneten. Beschwerde führen. Die Beerdigung selbst verlief dann, da der Beamte nicht mehr zu sehen war, w ruhiger, würdiger Weise. Potsdam. Zur Stadtverordnetrn-Stichwahl im ersten Wahlbezirk der dritten Abteilung sind alle diejenigen berechtigt, die Ende 1908 und Anfang 1909 in der Teltower Vorstadt. Brandendurger Vorstadt und Süd- Hälfte der inneren Stadt gewohnt haben. Wer keine Legitimation hat. bringe den Steuerzettel mit. Heute Dienstag wählen alle Wähler von A bis L(einschließlich) und Mittwoch die- jenigen von öl bis Z. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Zunächst widmet der Vorsteher dem plötzlich verstorbene» Stadtverordneten Tolknntt einen warmen Nachruf. Für die weiblichen kaufmännischen Angestellten soll am 1. April 1910 eine obligatorische Fortbildungsschule errichtet werden. Die Kosten werden zu einem Drittel von der Stadt ge- deckt, außerdem gibt sie Raum, Heizung und Licht. Ein weiteres Drittel zahlt der Staat und das andere die Handelskammer. Unterricht soll wöchentlich zweimal drei Stunden erteilt werden. In Betracht kommen etwa 150 Mädchen.— Die bis zum 81. März 1010 gültige Grnndwertsteuer» ordnung wurde auf ein Jahr verlängert.— Das Eichamt wird von der Burgstraße nach der Brauerstr. 6 verlegt.— Die Kolonien.Daheim" und„Cecilienhöhe" schicken laut Vertrag ihre Kinder nach der Potsdamer Gemeindeschule. Diese Verträge sollen gekündigt und die Schulgeldiätze unter Berücksichtigung des Schul» unlei haltungSgesetzeS erhöbt werden. Die Ecke Leipziger und Saar- münder Straße soll ein ichönereS Bild erhalten. Zu diesem Zwecke werden die Vorgärten der Eigentümer Fredenbagen und Schinner angekauft. Um Ersparnisse zu erzielen, trat die Gemeinde für die Lehrer und Lehrerinnen der mittleren städlifchen Schulen der Alters- zulagenklaste des Regierungsbezirkes bei. Für den Inda!» ver Juteratr übernimm« die Redaktion dem Vnblitum gegenüber keinerlei Verantwortung. Maria �Keater. Dienstag, 14. Dezember. Anfang T1/, Uhr. Königl. Opernhaus. DaS Rhein- gold. Königl. Schauspielhaus. Stuart.(Anfang 7 Uhr.) DenischeS. Sin EommernachtS- N a um. Kammerfptele. DaS Heim. Auiang 8 Ubr. Nl'nes königl. Opern, Theater. Geschlossen. Nene» Schauspielhau». lös rivals. Sefliiig. Tanlris der Narr. Komische Oper. Der polnische Jude. Sieues. Ein kSnIglicher Spatz. Kleines. Heuchler. Die Medaille. Sic, res Operetten. Mitz Dudeijack. Berliner. Hohe Politik. Trirnioii. Buridans Esel. Residenz. Im Taubenschlag. Hebbel. Der Skandal. Schiller o..«b»u,i-r- Tdeater.) Der Schwur der Treu«. Sch«•(Liiarlottenburg. Wallcn- steinS Lager. Die Plecolomint. Jri-drich- Boilbetmitädi. Schauspielhaus. Der Bibliothekar. Westen. Die geschieden« Frau. Thalia. Die snae Coro. Luisen. Gib mich frei. Volksoprr. Der Troubado«.(An- sang S>/, Uhr.) R»ie. Kabale und Lieb«. LuftspiclhauS. Der dunkle Punkt. Met unol. Hallohil— Die große Revue. FolieS Eaprice. Sicher ist sicher. Bunter Teil. Der Mann meiner Frau.(Ans. ll'i, Uhr.) AP-no. Spezialitäten. Wintergarten. Spezialitäten. Cafino. Der Obergauner. Gedr..Herrnfeld. So muh man'S machen. Sin Rettungsmittel. Karl Hoverlaud. Spezialitäten. Walhalla. Sveninliläten Gastspiel. Der Hüttenbefiher. Parnige. Gusfi Holl. Ota Gygi Spezialitäten Noatts. Die größte Sünde.(An- sang 3',. Uhr.) Palai». Die neue Herrin. Taft? Spezialitäten. Reichs ballen. Stettiner Sänger. Buggenhagen. Spezialitäten. ltroi-ia. p»>,t>eu»i--itr IN'IA. Abends 8 Uhr: In den Dolomiten.' Zteriiuiar»«, Jiioal.deniU.7—82. LiCHalns-Theater. 8 Uhr: TantrtS der Narr. Mittwoch. 8 Uhr: Bor Sonnen- aufgang. Donnerstag. 8 Uhr: Gespenster. Theater des Westens. 8 Uhr: Die geschieden« Frau. Mitlw., Soiiiiab.4 U.: Ltnmwelpotge. S onntag 3'/, Uhr: Cjn Wattertraurn. Lusispielhaus. Abend» 8 Uhr: Der dunkle Punkt. Schauspielhaus. Dienstag, den 14. Dez., Ans. 8 Uhr: Flachsmim Iiis Ermher. Mittwoch 8 Uhr: Der Ehrcnrat. Donnerstag zum erstenmal: Die Haubenlerche. Freitag: Die Haubenlerche._ Residenz-Theater Direktion: Richard Alexander. Abends 8 Uhr: Im Taubenschlag. Schwank w 8 Akten von Hennequin- und Veber. Morgen und folgende Tage: Dleielbe Vorstellung. Volkz Uper. 8W., Belle-AMance.Slratze Nr. 7/8. Gast'piel des Herrn SuguatSookmann. Her Troubadour. Anfan g'/89 Uhr._ Luisen-Theater. _ Abends 8 Uhr: SP Gib üb frei. Schauspiel In 6 Akten nach einer Er- Zählung von H. EourthS-Mahler von Eristt Ritte, scldt. Morgen und folgende Tage: Gib mich frei. !08U-TfIftOT Grotze Franlsurter Etc.>32 Ans. 8 Uhr. Ende II Uhr Knbate und Firhk. Bürgerliches Trauerspiel in 5 Alien Mittwoch von Fr. v. Schiller. : Die E Sehll>ee-7d«at»e 0. iZLallner-Tdealer.) Dienstag, abend« 8 Ubr: Vor 8«>I»«i,r der Treue. Lustlpiel in 3 Alien v. O. Blumenthal. Ende m, Uhr. Mittwoch, abend« 8 Uhr» Die erste Oeice. Donnerstag abenvsSUHr: Ver Slclnrldbaner. Dienstag, den 14. Oezember, aoendS 71/, Uhr s Henry Valdorf mit seinem lebenden Karussell. The Dnrmt Brothers. Der Amerikaner Mr. Niblo mit seinen hontirrfifmib. Ri», (Parodie) der dlomn jim-Jam und Cottrell. Um 9 Uhr Ende 11 Uhr 3 u m 43. Male: Die drei Rifalen oderTaS mysteriöse schloft in der Normandie. Im 3. Akt: Die WlllscKneinsagll. Grille. Berliner Theater. Kok yolitik. Morgen: Hohe Politik._ Neues Thealer. «Gent« 8 Uhr: Ein königlicher Spaß. Morgen und folgende Tage: Ein königlicher_ eaes Operetten-Theater, chisfbanerdamm 25, a. d. Luilenstr. beute und folgende Tag« 8 Uhr: ZliL Oudefeaek. Mittwoch nachm. 3 Uhr ermätziate reist: Die goldene Märchenwelt. Haupt- 8 Uhr Das Progr. d. Novitäten! 8 Uhr mit Prinz Pinne. Burleske In 3 Bildern »ai: Kenrg Sender. 9.30 Der Sehimpanse Tourist, Rodeltahrer, Rollschuhliufcr. 10 Uhr: Das Wunderklud Petit Roberto, d. kleinste u. beste Zlylophon- Virtuose der Welt._ HelropolThealer Hallo!!! Die große Revue! In 8 Bildern von JuL Freund. Musik v. Paul Lincke. In S»ene gesetzt vom Dir. Kich. Schultz. Anfang 8 Uhr. Rauchen gestattet Nene. Programm! Otto Reutter. --------- La Pia-------- in ihrer Szene. Der Wellen Geist". Merlan» Hunde- Theater: „Entführung d. Salome-Tänzerin", gespielt von 42 Hunden und die auserlesenen Sterne am DezembersHimmel des Wintergartens. M! Kommandanlenstr. 67. T. A. 4, 5083. Der größte fjcrmfeld-€rfoIg! „So muß man's machen" Burleske mit Gesang In zwei Akten, Musik von L. Ktnl. mit den Autoren Anion und Donat Heernfrld in den Hauptrollen.— Hierzu: Lin Rettungsmittel Komödie in 1 Akt von Ludwig Huna. A»Iang 8 Uhr. Lorv erkauf 11-2 Uhr Theaterlafie. Tlieater. Schiller-Theater Chariottenburg. Dienstag, abend« 8 Uhr! Wallenstoln» I nger. Hieraus: Idle Picoolwiulnl von Ftiedrich Schiller. VN?- Ende 1t Uhr.-MV Mlliwoch. abend« 8 Uhr: Wallenateln« Tod. Donnerstag, abendsbllbr MIß Hobba. Zirkus Busch. Dienstag, den 14. Dezember, abends 71/, Uhr pr&ziso: Großer Gala-Abend. Die grSBte Sensation I Der Amerikaner Keralabe m.t. weither, dressiert Schweinen. Zum erstenmal auf d. Kontinent! FnrnUie Alb. Jungmann, Draht- seilkcnstler. Herr Ernst Schumann, Neudressuren. Reiter- familie Proserpi usw. B/. ohr: fsfinerishen. Sonntag, Id.Hezembr., S'J, U.; Farmerlcben-MM ohne Kürzung!! Passage-Theater. Abends 8 Uhr. Erstes Auftreten der bozauberndea iGussi Holl! ; Ota Gygi; 14 erstblasalge j 'Spezialitäten.; HMMMVMVMMM'MMMM'MMMMMMlM Passage-Panoptikum, Rente Senegal in Berlin! RQ wilde Weiber "" Männer, Kinder. Drei Negerdörfer Die Traummalerin. Heb: Im Reiche des Köiiiss Aqua. Geheimnisse der Wassertiefe. Plastische Riesendioramen. Tambaritza- Briffantos. I'anoithon-Vortrttffn. Alles ohne Extra-Entree! phnachts-tii ■{f OresdenerStr. 34/35|||(i II Luisenhof III Messe (Attests». grüBte) Täg-.ch- KONZERT, Eröffnung: Wochentags 5 Uhr, Sonntags 3 Uhr. Entree Sonntags 20, wochentags IVPf. Kön igatad t- K aaino. Holzmarttflratze 72. GInzlich neues Programm mit Franz Sobttaakl. Neu I Um S Uhr: Neu! Am Nordscestrand. Nordisches BoltSstück in einem Akt. Nach der Vorstellung Mittwoch, So»nab., Sonnt.: Tanzkränzohan. WnUSDiejjScg�Jjfelhnao� Gastspiel-Theater. Heute und solgende Tage 8 Uhr: Ter Hüttenbesitzer. Sonntag nachmittag Sll, Uhr: __ Kleine Preis«._ Polles Caprice. Anfang 81/. Uhr. Sicher ist sicher. Neuer bunter Dell. Ver Zllsnn meiner 5rsn. Palast-Theater. Dlreltion: Robert Dill& Karl Pirnau. Burgslratze 24, am Bahnhof Bötse. vaa Kieaen* Deaeinber-Proicramm. Bollini-Truppe.— Eugen Milarda.— Jahnke u. Mary.— Taft? Taft?— Pawel-Comp.— Fata Morgana.— Ansang 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. BorzugSkartcn überall zu haben. Den p. t. grötzeren Vereinen zur Kenntnis, datz durch Zufall der l. Weih- Nachtsfeiertag zur Abhaltung einer Malince freigewordcn ist. Reflektanten wollen sich umgehend melden.— DeS« gleichen enipschlen(vir unser Theater (bis SVlX) Pees, fafs.) zur Abhaltung grötz. Versammlungen und Matineen. alhalla Ihfide-Theafer Wainbergsweg 19-20. Rosenth.Tor. Ans. 8 Uhr. Die großen Dezeuiber.DPezialitiiten. Im Tunnel: RegimeutStaPelle. Tbeaterbesuchern sreier Eintritt. Alt-Soabit 47/4». Donnerstag, 16. Dezember 1909: Zuin ersten Male: WeihutttljttllikFtjltdeslttnd. Lebensbild in 4 Ausz. v. H. Stobltzer. W.KoacUs Theater SnumeiiNr 16, am Rosenthalcr Tor. Täglich die SensationS-Novität: Die grüßte Sünde. soziale« Tnama von Otto Ernst. Wolfgang Behring: Franz Merken. Sonnabend zum erstenmal: Die Posttarten-Frida Casino-Theatei* Lothringer Strotze 37. Heute 6 Uhr: l>er Obergaimer. Komödie in 3 Akten von MirStl. Vorher: Buntes Programm« Sonntag 4 Uhr: Familie Kltnkert. Reicüshallen-Theater. »tettlner»ilngcr Zum S ch l u tz, neu: Der Stachtwächier vou Zerpeuschleufe. Studentenbild D. F. Meysol. Ansang: Wochent. 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. Urania. Wiaeenschaftliches Theater. Ab endo 8 Uhr: In den Dolomiten. Tausende und abermals Tausende behaupten mit Eeobt, daa iflMri Älexanderplatz, im Grand Hotel,| (isen-imlopplil steht unerreicht u. einzig da! j Heute: Dan neue grandios» Slite-Programm! ein KanoneDschlager!! Ununterbrochen von 5 Uhr ab: Vorstellung. Trianon-Theater. Abends 8 Uhr: Kuridlms Esel. Sanssouci, s?"27. Direktion Wilhelm Reimer. Sonntag, Montag«md Donnerstag! Hokhnsnns und Danzkränzcheu. Stets neues hochaktuelles Progr. � Beg. Somit, b. wochent. 811. Morgen Mittwoch: Letzter Theater- abend vor Weihnachten: Die Waise von Lowood. Mmiw am Morifipltti An f. 8 Uhr." Pik Kiriiiiwischt Fnrstcn-Fiimilit Silonesou Jaglo in ihren geheimnisvollen Künsten sowie das glänzende SpeziniUUten- Proeramm. Karl haverland Anfang Theater präz. 8 U 77/79 Kommandantenstratze 77/79 W•» neue erstklassige-g»> I " Spczlalltiitcn.| Schlager auf Schlager! Vmlti für f rauen w. Mackeken der Arbeiterklasse. „TTenen 55/20 Mittwoch, de» 13. Dezeniber, abends Sll2 Uhr. im Klabhanse", Kommandautenstr. 73: „Erziehung n. Sozialismus." Gäste willkommen. Der Vorstand. Her Arbeitsnacbweis: BernialtniigSstellc Berlin. Hanviburean: Hoj l. Amt 3, 1239. CKsi-ittsti-sSe 3. Hos lll Amt 3. 1987. Mittwoch, den 15. Dezember, abends S'/z Uhr, in den„Musiker- Festiiilen"(unterer Saal), Kaiser-Wiiheim-Str. 18m: MM" Vvi'SSMi'nZkssiN"MW str slle in dsz-, Wasser- u. tapfarmaturen- sowie Jironenbetrielien beseliäftigten Sisen-, Metall- und Kenoluerdrelier. TageS-Ordnnng: 1. Vortrag des Genossen Lö. öornstsin über:„Arbeitslohn und Arbeltszeit". 2. Diskussion. 3. Verbands- und Branchenangelegcnheiten. 4. Wahl eineS Mitgliedes zur Branchenkonimission. Zu dieser Versammlung sind die Kollegen von vutrlis, lazepb, llaeberi, SedSttvr& Oehlmaitn und von allen anderen Betrieben hiermit ein- geladen. ——— Die Versammlung wird pünktlich eröffnet!—— Mittwoch, den 15. Dezember, abends S'/s Uhr. in de»„Borussia- Sälen". Ackerstr.(5/7: MST Versammlung"MS| aller in den Sisengtejiereien beschäftigten Jonner und Bernfsgenossen. Sagcä. Ordnung: 1. Bericht der in der Versammlung am lt. Oktober gewählten Kam- Mission. 2. Jahresbericht der Agilationskommisston. 3. Neuwahl derselben. 4. Verschiedenes. MM- Mitgliedsbuch legitimiert.-MW Zahlreichen Besuch erwartet 131/7 Die Ortsverwaltnng. OrtsverwaUnng Berlin. Geschäftsstelle Berlin 0. 54, Mulackstr. 10, I.— Fernsprecher Amt in, 4518. Trauereiarbeiter' Gruppen'Veriammlunaen Dienstag, den 14. Dezember, abends 8 Uhr, km Gewerkschaftshanse. Engelufer 15(«aal V) für Maschinisten, Heizer, Handwerker«nd deren Hilfsarbeiter. Mittwoch, den 15. Dezember, abends 7 Uhr, im Gewerkschaftshause, Engelufcr 15(Saal I) für Kierfahrer, Mitfahrer, Reservefahrer, Antomobilfnhrer, Stalleute n. Kofarbeiter. Donnerstag, den IS. Dezember. abends8Uhr. im Gewerkschaftshause. Engelufer 15(Saal IV) für Flaschenkellerarbeiter» Diverse nnd Weißbier- Dranereiarbeiter. Sonnabend, den 18. Dezember, abends 8 Uhr, im GewerkschastShause. Engelnfer 15(Saal I) sür Draner und Kranereiarbeiter. Tagesordnung in allen Versammlungen: Tarifvorlage. Bereiusangelegenheiteu. Verschiedenes. DM- Kollegen I Agitiert kräftig sür einen zahlreichen Besuch dieser Gruppcnversammlungen. Kein Kollege, soweit er nicht dringend am Erscheinen verhindert ist, darf in diesen Versammlungen sehlen. Kollegen! Bringt die Unorganisierten mit! 43/15 Die Drtsrervaltnng. Deutscher Holzarheiter- Verband. Zahlstelle Kisdorf. Donnerstag, den IS. Dezember, abends 8 Uhr. bei Hoppe, Hermannstr. 49: General- Versammlung. TageS-Ordnung: i. Die Kündigung des Vertrages in der Berliner Holzindustrie. 2. VerbandSangelegenheitcn. jj�lg Die Ortsverwaltnng. Eine Delikatesse auf dem Weihnachtstisch sind Cyliax Fabrikate in hervorragender Qualität als: Honigkuchen� Makronenkuchen, Pralines, Marzipan, Schokoladen, Baumkonfekte, NervoI=Kakao. . Aeußerst preiswert.= Filialen in allen Stadtteilen. 2, Walilkrels. Heute, Dienstag, den 14. Dezember 1909, abends 8V2 Uhr: Jortsetzung der Seneral-Versatntnltmg in der Berliner Bock-Brauerei, Fidicinstraße. Tages-Ordnung: l. Berichterstattung der Prestkommissions-Mitglieder. 2. Nenwahl von zwei Mitgliedern zur Prestkommissiou. 3. Vereinsangelegenheiten. Es ist unbedingte Pflicht eines jeden Mitgliedes, in dieser Versammlung zu erscheine»! Mitgliedsbuch legitimiert!>»> 211'19* Der Vorstand. Achtiliig! Moabit. Aljslimg! Dienstag, den iL Dezeniber, abends 8 Dr, in den DraihWen„Dord� Wiclefstraste Ä4: Große Volks-Versammlung. Tagesordnung:»Die lehte Landtagswahl und welche Lehren ziehen wir daraus?� Referent: Stadtverordneter Adolf Hoffmann. Um zahlreiches Erscheinen ersucht Das Komitee. I. A.: Max Richter, Wlclesstr. 24. Freitag, 17. Dezember, abends 8 Uhr, in den Arminhallen, Kommandantenstraße 58/59: Frauen sVersammlüng. TAGES-ORDNUNG: i.„Der preußische Parteitag". Referentin: Frl. Ottilie Baader. 2. Wahl von 8 Frauen antn prenßlscbcn Parteitag. ,' 1 Mitgliedsbuch legitimiert. 206/11* Der Einbernfer: Eugen Ernst, WöMeristr. 9. BAER SOHN In dem Sonntags-Inserat der Firma .- soll es heißen; - Knaben-Manchester-Anzüge:-;ti Greßa 1 3.50 M. Jede weitere Größe: 10 Pf. mehr. Md gozesti ei9areffc?-30�Hi MMW im pi wi.......................... SoziaiileniokFatisctieF Waiilyerein\ für den i Berl Reiciistags-iatilkreis.: Landsberger Viertel. Bezirk Nr. 362. Teil 1. Den Mitgliedern zur Nachricht datz unser Genosse, der Arbeiters luisus Fmh Wcidenweg 43 221/11 1 gestorben ist Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am] Dienstag, de» 14. Dezember,° nachmittags 3 Uhr, von der Leichen-> halle des Zentral- Friedhofes in' Friedrichsselde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht r Der Borstand, n Am 11. b. Mls. abcndS 9'(j Uhr:! versaäcd nach langem schweren� Leiden mein lieber Mann, unser � guter Vater, Bruder und Onkel, t der Rcstaurateur und Genosse Nlldigewuld im 54. Lebensjavre. Die Beerdigung findet heute j Dienstag, nachmittags 21;, Uhr. vom Traucrhause Huttenstr. 8 s aus stall. Dies zeigen tiesbetrübt an Ilie lFümilen HinteFblielienEn. SozlalijeiooMctiJälilyereiD des 8. Barl. ReielistapalHes. Todes- Anzeige. Am 11. Dezember verstarb unser Mitglied, der Restaurateur Johann Wohigemath Huttenstr. 8. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Dienstag, den 14. Dezember, nach- mittag« 21l, Uhr, vom Trauerhause aus aus dem Heilauds-Kirchhos, Plötze»!«, statt. Um rege Beteiligung ersucht 233/10 De»' Vorstand. kefbagi! der freien Gast- iiad Sehankwirte Dentselilands. Kahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unser Kollege Johann IMigenmlh (Huitenstratze 6, Bezirk I) verstorben ist. 751 A Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Dienstag, den 14. d. MtS., nachmittags 2'/, Uhr, vom Trauer- Hause Hultcisitratze 8 aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Dir Ortsverwaltung. Allen Freunden und Bekannten? die traurige Nachricht, datz meine! liebe Frau und herzensgute! Mutter LS45L> l�osalie(lentscb Rosiocker Sir. 29 nach langen schweren Leiden ver- siorben ist. Die Beerdigung findet Mittwoch, den 15. d. MtS., nachmittags 3 Uhr, vom Krankcnhause Moabit aus nach dem HeilandS-Kirchhos w Plötzensee stall. Ol« trauernden Hinterbliebenen. I Danksagung. Für die Kranzspenden und vielen Bclveise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unseres guten Vaters Auxust Wagner sagen wir allen Verwandten und Bekannten, sowie Herrn Rott sür seine Iroslreichen Worte, dem sozial- demokralischen Wadlverein des vierten Berliner RcichStagswahIIreises, dem 232. Bezirk, dem Zenlroloerband der Maurer, sowie den Voigtschcn Sänger» unseren besten Dank. Anna Wagner geb. Lämmcheu nebst Söhnen�_ Danksagung. Für die Tciinabnlc bei der Bc- crdigung meines lieben Mannes sage allen Verbands- und Arbeitskollegen, dem Wadlverein, sowie allen Freunden und Bekannten meinen herzlichste» Dank. Iran Emilie Slieber. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme sowie dl- zahlreichen Kranzspenden bei der Beerdigung meiner lieben Frau, unserer gute» Mutter- Anna Wedde sagen wir allen Verwandten und Be- kannten sowie dem Personal der Firma Eniil Billig Nachfolger unseren herzlichsten Donk. 2«60h Gustav Wedde nebst Kinder». Or* Sisnmel Spezial-Arzt* für Haut- und Harnleiden. Prinzenslr. 41,„SÄ 10— 2, 5— 7. Sonntags 10— 12, 2—4. Verantwortlicher Redakteur Richard Barth. Berlin. Für dengnseralenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck».Verlag-Borwärt» Buchdruckerci u. Vertagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW. i,. 291. 26. i.iw i Ktillllje des„Ullllvillts" Kerliuer Alllsdlatt. WM. 1t S.M..>969. ver IHord im Scheunenviettel. Die schon 6 Jahre zurückliegende Gattenmordsaffäre Grabowski gelangte gestern zur Verhandlung vor dem Schwur- gericht des Landgerichts l. nachdem sie schon die verschiedenartigsten Wandlungen durchgemacht hat. Untier der Anklage des Totschlages, begangen an seiner damals 29 Jahre alten Ehefrau Justine GrabowSki geb. Foberski stand der jetzt 37 Jahre alte Schlächter Theodor Grabowski vor den Geschworenen. Den Vorsitz führte Landgerichtsrat Thiele, die Anklage wurde vom Staatsanwalt- schaftsrat Merschberger und Staatsanwalt Müller vertreten; die Vrteidigung führen die Rechtsanwälte Morris und Bahn. Einige üg Zeugen und Sachverständige sind geladen. Da die Verhandlung einen großen Umfang annehmen dürfte, sind drei VerhandlungS- tage i" Aussicht genommen. Vor Auslosung der Geschworenen erhel7en die Verteidiger Ein svruch gegen die Anordnung des Vorsitzenden, wonach hinter dem Angeklagten ein Schutzmann im Anklagcranm Platz zu nehmen hat. Die Verteidiger machen geltend, daß der Angeklagte durch die uw mittelbare Nachbarschaft des Schutzmannes verwirrt und auch von vornherein ein ungünstiger Eindruck gegen den Angeklagten auf die Geschworenen hierdurch hervorgerufen ivcrden könnte. Das Gericht beschließt, es bei der Anordnung des Vorsitzenden zu belassen, nach- dem der Staatsanwalt darauf hingewiesen hatte, daß diese Be wachuirg im Interesse der öffentlichen Ordnung liege und auch f luchtverdacht bei dem Angeklagten nicht auszuschließen sei, da ieser schon einmal aus der Irrenanstalt entsprungen sei. Der Anklage liegt folgender Sachverhalt zugrunde: Am LS. September 1903 gegen 1 Uhr mittags wurde die Ehefrau des Angeklagten in ihrer Wohnung Rückerstr. 6c tot aufgefunden. Der Hals der Leiche war durch Messerschnitte durchtrennt und durch. stachen worden. Diese Verletzungen hatten den Tod durch Ver. blutung zur Folge gehabt. Der Tat dringend verdächtig war von Anfang an der Ehemann der Getöteten, der jetzige Angeklagte, der auch von jenem Tage an spurlos verschwunden war. Grabowski wurde einige Zeit später verhastet. Die gegen ihn wegen Mordes erhobene Anklage führte jedoch damals nicht zu einer Verhandlung vor den Geschworenen, da Grabowski nach Ansicht der medizinischen Sachverständigen geisteskrank im Sinne des§ 51 des Strafgesetzbuches war. Grabowski wurde seinerzeit als geweingefährlich er klärt und der Irrenanstalt Dalldorf überwiesen. Er machte bald durch eine mit großer Kühnheit ausgeführte Flucht viel von sich reden. Am nächsten Tage erschien GrabowSki zum größten Er staunen der Bcaniten wieder in dem Bureau der Irrenanstalt und erklärte, er habe sich nur auf einige Stunden beurlaubt.— Aus der Irrenanstalt heraus wendete sich Grabowsti wiederholt an seinen Verteidiger Morris, dem er erklärte, daß er keinesfalls geisteskrank sei. Er sei vielmehr geistig völlig gesund und habe das dringendste Interesse daran, daß sich in öffentlicher Verhandlung seine absolute Unschuld herausstellt. Nach mehrfacher Untersuchung durch Irrenärzte wurde Grabowski schließlich auf Antrag des Rechtsanwalt Morris aus der Irrenanstalt entlassen und in das Moabiter NntersuchungSgefängnis übelgeführt. Der bisher nur zweimal wegen GewerbeoergehenS vorbestraste Angeklagte erklärt sich auf Befragen des Vorsitzenden für völlig unschuldig. Zu seinen Personalien gibt er an, daß er die Dorf» schule bis zum 13. Lebensjahre besucht und zunächst Landarbeiter gewesen sei. Mit dem 18. Lebensjahr habe er Schlächter gelernt, seit 1898 sei er ständig in Berlin, wo er st' e Frau, die Kellnerin war, in einer Schankwirtschaft kennen gelernt habe. Mit seiner Frau habe er ein Schanklokal mit Kellnerinncnbedienung betrieben, da« er aber wieder aufgab, weil, wie er behauptet, die Frau gern einen über den Durst trank und dann Krach machte.— Der An- geklagte macht diese Angaben vielfach mit so stark erhobener Stimme, daß der Vorsitzende ihn wiederholt beruhigen muß. Der Angeklagte schildert sodann ausführlich die Vorgänge, die sich vor seiner Verhaftung abgespielt hatten und kommt immer und immer wieder zu der Beteuerung, daß er an dem Tode seiner Ehefrau ohne jede Schuld sei. Er tritt hierbei mit der völlig neuen Be- hauptung hervor, daß er an dem Tage vor Auffindung der Leiche seiner Frau des Abends vor der Wohnung habe warten müssen. da er seinen Schlüssel vergessen hatte. � Hierbei habe er gesehen, daß ihn jemand sehr vorsichtig durch die' Gardine hindurch beobachtet habe. Dieser..Jemand" sei nur mit dem Hemd bekleidet gewesen. Der Angeklagte will mit dieser Behauptung daraus hinaus, daß seine Frau in Beziehungen zu einem unbekannten Mann gestanden habe und dieser wahrscheinlich als Täter in Frage komme. Die Anklage behauptet, daß der Angeklagte nach Aufgabe der Gastwirtschaft nicht mehr gearbeitet, sondern es vorgezogen habe, slck> von seiner Frau ernähren zu lassen. Der Angeklagte bestreitet dies und behauptet, daß er in der Markthalle gearbeitet habe. Was das Verhältnis zu seiner Frau betrifft, so bestreitet er, sich gegen seine Frau, die ihm gegenüber ein„Dreikäsehoch" gewesen sei, wiederholt gewaltsam vergangen zu haben. Er habe sie allerdings einmal mit dem Gummischlauch—„aber tüchtig!"— verhauen. da habe aber auch eine starke Veranlassung vorgelegen. Ein ziveites Mal habe er sie züchtigen müssen, da sie gegen ihr voreheliches Kind Franziska sehr häßlich gewesen sei. Mit einem Messer sei er nie- malS auf seine Frau losgegangen; im Gegenteil habe die Frau ihn wiederholt mit einem Messer bedroht. Der Vorsitzende hält dem Angeklagten mehrfach vor, daß seine Frau anderen Personen gegenüber wiederholt die Besorgnis ausgedrückt habe, daß sie von ihrem Ehemann Böses zu erwarten habe, und daß Zeugen vor» banden seien, denen sie von drohenden Redensarten ihres Mannes Mitteilungen gemacht habe. GrabowSki will von solchen Redens- arten nichts wissen. Seine Frau habe manches zusammengeredet. was nicht Hand noch Fuß gehabt habe; von allen möglichen Dingen habe sie immer gleich„eiye ellenlange Predigt" gemacht. Seiner Frau habe er schon am Mittwoch, den 23. September, also am Tage vor dem Tode, mitgeteilt, daß er von dem Schlächter- mcister Zaremb-a zur Aushilfe angenommen sei. An dem Tage der Tat selbst sei er morgens in aller Frühe weggegangen und habe den Schlüssel stecken lassen, da seine Frau am Abend vorher zum Witwenball gegangen sei. Er selbst fei von Donnerstag früh bis Freitagabend bei Zaremba tätig gewesen und will mit keinem Schritt auf der Straße gewesen sein. Als er dann verhaftet worden sei, habe er gar nicht gewußt, um was cS sich überhaupt handle. Er sei jedoch gar nicht zu Worte gekommen, da es:„Heidi, rin in den grünen Wagen und Abfahrt nack Moabit" gegangen sei. Der Angeklagte betont besonders nachdrücklich, daß er sich in der Nacht, in welcher die Tat verübt wurde, in der Wohnung des Schlächter- Meisters Zaremba bekunden und von abends zehn Uhr bis zum nächsten Morgen 6 Uhr geschlafen habe.— Die Anklage behauptet dagegen, daß diese Angabe des G. nicht zutrifft und folgert dies aus folgendem: Bei einer Vernehmung, bei welcher der Kriminal» Wachtmeister Varthel zugegen war. äußerte der Angeklagte, daß er diesen in Begleitung einer kleinen dickdn Frau„neulich abends" in der Linienstraße gesehen habe. Ter Zeuge Barthel hat fest- gestellt, daß dies nur in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag gewesen sein konnte, also zu einer Zeit, in welcher GrabowSki an- f eblich bei Zaremba geschlafen hatte Ter Angeklagte behauptet, daß iese Begegnung schon am Mittwoch stattgefunden habe. Die Anklage behauptet ferner, daß GrabowSki am Donnerstag gegen Abend, also wieder zu einer Zeit, in welcher er angeblich bei Zaremba gearbeitet haben will, in der Palisadenstraße die Kellnerin König getroffen und dabei die Aeußerimg mit Bezug auf seine Frau getan hat:„Wenn sie man erst beiseite wäre, dann könnte ich meine Hände emporheben." Ter Angeklagte behauptet, daß diese Begegnung schon am Vormittage, als er sich auf dem Wege zu Zaremba befand, stattgefunden babe. Als weiteres BelastungS- moment führt die Anklage das Zeugnis einer Frau an, die den Angeklagten am Freitag gegen Abend vor der WohnungStür der Schneiderin Rödler, bei welcher die getötete Frau G. wohnte, ge- sehen haben will. Der Angeklagte stellt diese sehr schwerwiegende Bekundung als unrichtig dar, da er sich um diese Zeit in der ziem- lich weit von der Rückerstraße gelegenen Wohnung des Zaremba be- fundcn und geschlafen habe.— Zur Sprache kommt ferner noch, daß die getötete Frau G. früher immer geklagt habe, daß der An- geklagte ein Spieler sei und zum Spiel von ihr stets Geld, vielfach auch unter Drohungen, verlange. Sie selbst müsse ihr Geld, welches sie sich erspart habe, stets verstecken.— Bei der Verhaftung des An- geklagten wurde ein zu einem Dietrich umgearbeiteter Schuhknöpfer bei ihm gefunden, den er zum Oeffnen der Wohnung gebraucht haben soll. Der Angeklagte behauptet, daß dieser Dietrich dem Zaremba gehöre.— Die Vernehmung des Angeklagten ist damit vorläufig abgeschlossen und es wird in die Beweisaufnahme ein- getreten. In der Beweisaufnahme bekunden der Maschinenmeister Klein und dessen Ehefrau: Am 24. September standen beide gegen 12 Uhr nachts vor dem Hause Rückerstr. 6c. Nach 12 Uhr kam eine Frau und ging in das Haus hinein. Bald darauf nahmen beide laute Schreie wahr, denen ein dumpfes Poltern folgte, das im Hausflur deutlich hörbar war. Klein ging mit seiner damaligen Braut auf die Straße hinaus und sah an dem Fenster der Grabowskischen Wohnung silhouettenhafte Umrisse, die von einem Menschen her- rührten, der sich in der Wohnung bewegte. Bald darauf ertönte ein nochmaliges lautes Schreien aus der Wohnung, welches in ein dumpfes Stöhnen überging und schließlich verstummte. Mehrere Hausbewohner sagen aus: Sehr häufig sei aus der Grabowskischen Wohnung lautes Gezänk und großer Lärm ertönt. Die Zeugin Frau Lindow und ihre Schwester hatten seinerzeit eine Wohnung inne, die von der Grabowskischen Wohnung nur durch eine Rabitzwand getrennt war. In der Nacht vom 24. zum 25. Sep- tember. der Mordnacht, hörten die beiden Zeuginnen, wie es an der Tür der Rödlerschen Wohnung klopfte und eine Person die mit dieser zusammenhängende G.sche Wohnung betrat. Bald darauf ertönten unterdrückte Schreie, als ob jemand durch Zudrücken der Kehle am Schreien verhindert werden sollte. Diesem Schreien folgte ein gurgelndes röchelndes Geräusch und nach einiger Zeit ein dumpfer Fall. Beide Zeuginnen wurden hierdurch in große Furcht versetzt, glaubten aber, daß eS wiederum nur zu dem fast täglichen Streit und einer Prügelei zwischen den Grabowskischen Eheleuten gekommen sei. Ms die Leiche gefunden wurde, traten sie sofort mit ihren nächtlichen Beobachtungen hervor. Die Verhandlung wurde sodann auf Dienstag, 9Vt Uhr. vertagt. Ucber den Ausgang des Prozesses werden wir berichten. Hiid Induftrie und Handel Montantanticmen. Nachfolgend bringen wir eine Zusammenstellung über Tantiemen Zahlungen einer Reihe von Montan-Akticngesellschasten. Hier trifft selbstverständlick ebenfalls wieder zu, was schon früher gesagt ist Die sichlbaren Tantiemen stellen stets nur einen Teil der in Wirk lichkeit zu diesem Zweck verausgabten Summen dar. Als Kapitalien sind stets außer dem Aktienkapital auch noch die Anleihen zu- gerechnet, die Tantiemensiiminen enthalten bei einer Reihe Gesell« schaften auch die an NichtMitglieder des LufsichtSratS gezahlten Gratifikationen. Tantiemen Kapital «ufftchtSräte in Mark in Mill. Mar! Gelsenkirch. BcrgwerkS-A.-G.. 33 842 lvö 2lS.— Phönix A.-G....... 31 1392068 187,7 Harpener Bergbau-A.-G... 11 822 853 97,— Hiberma, Bergbau-«.-«... IS 813 903 04.— Obersckilesische Eisenbahn- bedarfSgesellschaft.... 16 47 361 66,— Rombacher Hüttenwerke... 8 126 226 67,1 43 437 Ver. Königs- u. Laurahütte A.-G. 13 826 096 66,— Hohcnlohe-Werke A.-G.... 10 82>62 48.— Eschwciler Bcrgwerksverein. 13 220 036 46.6 Rheinische Stahlwerke... 8 111420 42,8 Bochum« Verein für Gußstahl« fabrikation....... 9 606 500 36,— Rheinische A.-G. für Braun- kohlenbergban..... 16, 271 015 34,6 Schlesische A.-G. für Bergbau 13 179 602 27,2 Eisen- und Stahlwerk Hoesch. 7 184 063 26,— Deulsch-Luxcmb. Bergbau-A.-G. 24 03 193 24,— BuderuSsche Eisenwerke... 11 88 844 20,1 DonnerSinarckhütte.... 7 77 287 20,1 Otaviminen- und Eisenbabnges. 7 177 777 20,— Bismarckhütte. Obersivlesien. 11 188 001 19,— Mülheim« BergwcrkSverein. 4 40 362 19,— Königsborn. A.-G. f. Bergbau 5 108 864 17,6 Konkordia. Bergbau-A.-G... 6 48 468 13,7 Braunschweig. Kohlenb.» Werke 6 76 798 8,7 60 610 Steinkohlengewerksch. Charlotte 8 121 406 5,5 Duxer Koblenverein.... 5 22788 4,4 A.-G. Charlottenhiitte... 7 47 003 6,5 Eintracht, Braunkohlenbergwerk 7 231 698 6,— Eisenwerk Kraft..... 3 76 948 0,5 FriedrickiSbütte...... 6 41477 4,— Gelienkirchener Gußstahl« und-> Eisenwerke....... 6 13 048 6,1 83 714 Gußstahlfabrik Witten... 8 110465 6,— HaSper Eilen- und Stahlwerk 6 91 167 0,8 Hedwigshütle...... 6 124 935 6,— Harlonsche Bergwerke... 8 63 410 8,4 Ilse, Bergbau-A.-G..... 7 213 482 8,— 136 409 Lauchhammer...... 10 17 427 7,1 Ntederlausiyer Kohlenwerke. 7 106 600 12,— Rhetnisch-Naffauische Bergwerks- und Hütten...... 8 40000 7,6 Sächsische Gnßstahlfabrik.• 6 81 484 6,— Stahlwerke van der Ztzpen. 8 187 632 14.— Westdeutsche Eisenwerk? in Kray 4 117 103 4,— Düsseldorfer Eisenhütten A.-G. 6 49 021 1,6 Königin Marienhütie A.-G.. 6 29 241 9.3 Magdeburger Bergban-A.-G.. 7 66 663 3,— Ribecksche Montanwerke A.-G. 6 62 873 16,— Resttzer Brannkohlenwerke., 6 102 331 4,5 Eisenwerk Rote Erde.... 3_ 37214_ 1,6 Garantieleistungen Schmidtmanns erledigt sind, dürfte man erwarten, daß die Gesetzespläne nä acta gelegt würden. ES war schon recht auffällig, baß ein einzelner Mann durch einen Konflikt mit einer wirt« schaftlichen Organisation die GesctzeSmaschine für den Kapitalisten« schütz in Gang bringen konnte; noch mehr Befremden muß die Nachricht erregen, die Negierung beabsichtige auch jetzt noch cm Kaliausfuhrgesetz durchzudrücken. Jedenfalls hat man da einen Be- weis der rührenden Fürsorge der Regierung. Den Kalikapimlisten hohe Gewinne zu sichern, ist ihr Bedürfnis. Wenn üb« 800 000 Ar« bester in ihrer sozialen Lage, in ihren Staatsbürgcrrechtcn von einer Handvoll Unternehmer bedroht, sich an die Regierung wenden, um helfendes, Unheil vorbeugendes Eingreifen bitten, dann bittet die Regierung bei den angeklagten Unternehmern um Verhaltungs- maßregeln. Diese lauten natürlich abweisend und die Regierung erklärt den Arbeitern: Euer Schutzanspruch ist ungerechtfertigt! Glauben jedoch einige Kapitalisten ihren Profit gefährdet, dann ist die Regierung sofort mit einem Schutzgesetz bei der Hand. Sozial- Politik in Deutschland l_ Die erste GeiicffenschaftSbrancrci der Gastwirte(Friedrichshagen) legt ihren Geschäslsbenchl vor. Das Ergebnis des letzten Jahres ist für die Genossenschafter, welche sich ausnahmslos aus kleineren Gastwirten rekrutieren, als ein sehr zufriedenstellendes zu bezeichnen. Im Vorjahre wurden 7 Praz. Dividende verteilt, jetzt schlägt der Vorstand 8 Proz. vor, bei Abschreibungen in Höhe von 71 099,60 M. und Ueberweismig von 7000 M. zum Reservefonds.— Dieser Erfolg ist, wie der Bericht hervorhebt, durch sparsame WirtschastSweise, geringe VertriebSunkvsten als Folge des genossenschaftlichen Zu« lammeuschlusseS möglich geworden. Sa werden die hohen Kosten für den Reisendenbelrieb gespart. Die Oualiiät des BiereS wird als solche bezeichnet, das die Konkurrenz mit allen sogenannten Marken« bieren aufnehinen kann, und in den Kundenkreisen immer mehr An- hang findet. Die Berliner Ringbrnnemen versuchen mit allen Mitteln, durch Unterangebole. die bis zu 3 M. pro Hektoliter»mter ihren festgesetzten Preis gehen, der Ge« noffeiischaftSbraiierei Mitglieder und Kunden abzujagen. In ein- zelnen Fällen soll das leider mit Erfolg geschehen sein. Das ist zu bedauern. Das genossenschaftliche Prinzip der Mitglieder sollte fest genug sein, daß sie nicht um ganz geringer augenblicklicher Vorteile wegen der(jjenosienschaft den Rücken lehren. Der Bierinnsatz hat sich von 66 696 Hektoliter auf 71 262 Hektoliter erhöht, die Ver- waltung hofft, im laufenden Jahre eine Produktion von zirka 106 000 Hektoliter absetzen zu können. Lerteuernng der Telephongespräche. Gegen den vom Bundesrat dem Reichsag vorgelegten Entwurf einer Fernsprechgebühren-Ordnung richtete am 9. De« zember der D e u t s ch e Handelstag an den Reichstag eine Ein- gäbe, der folgende Ausführungen zu cntnehnien sind: „DoS Ergebnis der vorgeschlagenen Neugestaltung der Fern» sprechgcbühren ist auS folgender Tabelle zu ersehen: Zahl der Anschlüsse Durchschnitt der Gespräche Verteuerung deS Netzes im Jahr Prozent 201—600 3303 30 601—1000 3682 32 1001—6000 4256 47 6 001—20 000 8737 36 20 001-70000 Hamburg 6606 72 Berlin 4702 64 Die kleineren Netze würden infolge der Herabsetzung der Grund« und Gesprächsgebühr noch größere Zuschüsse wie bisher benötigen, diese würden in Zukunft von den größten und besonders mittleren Netzen, welch letziere schon jetzt zu viel bezahlen, getragen werden müssen. ES soll also die stävlische Bevölkerung, d. h. hauptsächlich Handel und Industrie, zugunsten der ländlichen in noch stärkerem Matze wie bisher belastet werden. Freilich gibt ja daS Reichs-Postamt der Hoffnung Ausdruck, daß eine Mehrbelastung der Teilnehmer durch eine Verringerung der Gestiräche um 26 Prozent, die auch auS technische» Gründen wünschenswert sei, vermieden werde. Einmal ist nicht ersichtlich, in wieweit diese Schätzung richtig ist. dann aber müssen wir u»S mit aller Entschiedenheit dagegen wenden, daß eine Behörde, die zur Förderung des Verkehrs da Ist, offensichilich und zweckbewußt auf eine Einschränkung des Verkehrs und zivar um nicht weniger als 26 Prozent hinarbeitet. Hier tritt ein so verkehrsfeindlicher Zug in die Erscheinung, wie er in gleicher Schärfe kaum jematS dagewesen ist..._ Der Versand des StahlwerkSverbande? in Produkten A betrug im November 390 366 Tonnen Rohstahlgeivicht gegen 420 894 Tonnen im Oktober d. I. und 341 573 im November 1908.— Für Dezember ist, weil im JnlandSgeschäft die Nachfrage abflaute, kein besseres Ergebnis zu erwarten. Vom amerikanischen Eisenmarkt berichtet.Jronmonger": DaS Geschäft in Roheisen war in der letzten Woche gering. ES wurden nur kleine Aufträge für baldige Lieferung erteilt. Die Stimmung ist abwartend, und die Preisgrenzeii werden enger, und zwar liegen sie für nördliches Roheisen zwischen l0—i9,/t Dollar. Südliches liegt eher schwächer, doch werden die Preise nicht aus die Probe gestellt, da keine Rachfrage vorhanden ist. Schmiedeeisen liegt matt. Importierte» Gießereieisen ist kaum placierbar. Fertigmoierial ist stiller infolge der Jahreszeit, doch die Produzeuten blclben fest gestimmt._______ Einch -»'»«» von 7Mi 61« 9V4 Uhr flott. G-iifinrt 7 Uhr. SoniiobliidS dealnnt die evreqsiniide um 6 Uhr. Jeder«nfroijt m«in t'uchstode und eine Zahl m» Mertzeinic» brtzntüarn. Ztrlcsliche Sintwort wird nicht erteilt. BIS zur Blomwortung im Brieftosten tönneu 1t Tage vergehen. Lillge Fragen trag« «an t» de« Shrechftunde vor. Tlngter g. Eine Beleidigiingsflage wäre zulässig, ebenso die Bewilligung de« Armenrecht«.— A. S. 1001, S. 90. Rein.— H. 50. Da« Pflicht- teil beträgt in Ihrem Fall>/„ de« Nachlasse«(abzü glich der Schulden). E« ist daher möglich, dass die ausgezadlte Summe dem Pflichlteil entspricht. — Fr. Pr. 51. Nur die Zinsen.— M. T. B. Bernau. S 11 der für die Mark Brandenburg giitligen Lberpräsidialverordmina vom 4. Juli 1833 schreibt tm Rdfatz 3 vor, dag Tanzmusiken, Bälle und ähnliche Lustbarkeiten tu Gastwirtschaften und sonstigen VergnügungslokiUe», mich wenn sie in geschlossenen Gescllschaste» statlsüiden, vor 3 Uhr nachmUtag« nicht an- fange» dursm. Nach S 12 derselben Verordnung sind sär den Vorabend de« Weibuachissestes össenlliche Luftbarkelten und Bälle verboten. Eine Beschwerde wäre daher zwecklos.— X. 9. Nein. Die lniderlos« Witwe erbt die Hälst» de« Nachlasse» und als Borau» die Hochzeit»« geschenkt und alle Gegenstände, dt« zum ebellchen Haushalt gehören. Jedes Wort 10 Pfennig. 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