Pr. 504. üdonnementZ'keäingungen: WomiementZ- Preis dränumerando i Biertcljährl. S,Z0 MI, monatl. 1,10 Mk„ wöchenllicki 28 Pfg, frei ins Haus, Einzelne Nummer 5 Pig, Eonntags- »umincr mit Uluftricrier Sonntags- Beilage„Die Neue Welt" 10 Psa. Post- «lbomicment: 1.10 Mark pro Monat. (jingeiragen in die Post-Zeitungs- Preislisie. Unter Kreuzband für DcMschlaNd und Oesterreich. Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat, Postabonncmenls nehmen an: Belgien. Dänemarl, Holland. Italien, Luxemburg. Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz, ftlchtlnl ligll» inBcr fflontaw. 36. Jahrg. Berliner Volksblnik. Tentralorgan äer fosialäemokratiscken Partei Deutrchlands. DU TnkrtionS'Gcbüfir- velrllgt für die fechsgespaltenc Kolonel« zeilc oder deren Raum BO Pfg,, für politische und gcwerlschafiliche Vereins- und Versanimlungs-Slnzeigen 20 Psg. „Meine Snreigen", das erste(feit- gedruckte) Wort 20 Pfg,, jedes weitere Wort 10 Pfg, Stellengesuche und Schlaf- slellen-Anzcigctr das erste Wort 10 Pfg,. jedes weitere Wort K Psg, Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis'I Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adresse: „Sozialdtmotirat Rtrlin". Redaktion; SRI. 68, Lindcnetrasac 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983. Donnerstag, den 30. Dezember 1909. Expedition: SRI. 68, Lindenetrasse 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1981. Zum prcußif(l)en Parteitag. Das Enlpfangsburcau für die Delegierten befindet sich im Gewerkschaftshause, Engelufer IS. Saal 9. Hof geradezu rechts. Legitimations- und Wohnungskarten können daselbst vom Tonntag. den 2. Januar 1910, in den Stunden von 9 Uhr morgens bis 11 Uhr abends in Empfang genommen werden. Zu den am Montag, d e n 3. I a n u a r. morgens 9 Uhr, im Gewerkschaftshause beginnenden Verhandlungen haben die organisierten Mitglieder der Partei und Gewerk schaftcn gegen Vorzeigung der Mitgliedsbücher freien Zutritt Ga st karten zum Preise von 59 Pf. für die Halb tagskarte sind vor Beginn und während der Vorhand lungcn gleichfalls im Gewerkschaftshause erhältlich. Gesuche um Zutrittskarten für Pressever t r e t e r sind an Eugen E r n st, Berlin SW. 66 L i n d e n st r. 69(Vorwärts-Buchdruckerei), zu richten. Der geschäftsführende Ausschuß. Sie Statistik gegen die Aahi- resorm. Die Statistik über die preußischen LandtagSwahlen von 1998 ist nun endlich erschienen, nachdem der Auszug der „Berk. Korresp." bereits seit mehreren Tagen vorlag. Da in oiesem Auszug seltsaiuermeise oie Z a h l der U r w ä h l e r die für die verschiedenen Parteien gestimmt hatten, nur in abgerundeter Prozentzahl mitgeteilt war, waren »vir genötigt, die betreffenden Ziffern selbst zu errechnen Bei der Ungenauigkeit der von der„Berk. Korrcsp." mit geteilten Prozentzahlen konnten die von uns errechneten Ziffern natürlich nicht genau stimmen, doch unterscheiden sich die von uns gestern veröffentlichten Zahlen nur unwesentlich von denen der Statistik, die wir hiermit wiedergeben. Urwählerzahl Konservative... Freikonservative« Nationalliberale.. Freis. Vereinigung. Freis. Volkspartei. Zentrum.... Polen, Dänen usw, Bund der Landwirte Antisemiten usw.. Sozialdemokraten. Unbek. Parteistell.. 1903 324 197 47 973 236 220 16 733 73 245 231 938 181 336 12 548 2 880 ZU 149 190 390 1908 354 786 63 612 318 589 21 993 98 600 499 343 226 248 15 013 8 959 598 522 Prozent 14,15 2,54 12,71 0,88 3,93 19,91 9,02 0,60 0,36 23,87 12,04 Abgeordnetenzahl 162 60 65 8 28 104 19 301 894 Diese Zahlen beweisen also durchaus den verbrecherischen Aberwitz des DreiklassenivahlrechtS l Die Sozialdemokratie, die mit rund 699 999 Ur- »vählern die w c i t a u s stärkste aller Parteien ist und fast ein Viertel aller Urwähler hinter sich hat. mußte sich mit 7(jetzt gar nur 6) Abgeordneten begnügen, während die Konservativen und Frcikonservativcn init zusammen kaum mehr als zwei Dritteln der sozialdemo kratischen Urwählerzahl 212 Abgeordnete in die Junkerkammer entsenden konnten! Ein solches Wahlrecht ist unter aller Kritik I Aber nicht nur bei einem Vergleich der Gesamtstimmen zahl mit dem Ergebnis der Abgeordnetenzahl tritt die skandalöse Ungerechtigkeit des Wahlsystems zutage, sondern selbst bei einer Betrachtung des Berliner Wahlergebnisses, dem doch die Sozialdemokratie mit einer einzigen Ausnahme ihre sämtlichen Mandate zu danken hat. Die Wahlen in Berlin ergaben folgendes Bild: Konservative..... Nationalliberale... Freifinnige Bereinigung. Freisinnige Bolkspartei. Zentrum...... Polen usw...... Stimmen sonstig, u. unbek. Parteirichtung... Sozialdemokraten... Insgesamt.. Trotzdem also die Sozialdemokratie 74 Prozent aller Ur- Wähler auf sich vereinigte, gewann sie nur 7 von 12 Mandaten. Ja, eins dieser 7 Mandate ist ihr sogar durch die Nachwahl in Moabit wieder entrissen worden, trotzdem die Sozial- demokratte bei dieser Nach»vahl ihre Stimmenzahl noch vermehrte! Die Sozialdemokratie gelvann also mit 74 Prozent aller Urwähler nur die Hälfte der Berliner Mandate, während der Freisinn, selbst wenn wir ihn» alle 63 488 übrigen Urwähler zurechnen, mit 26 Prozent der llrwähler die andere Hälfte gewann I Interessant ist ein Vergleich des Berlmer Wahlergebnisses von 1998 mit dem von 1993. Damals kamen auf die Sozial- deniokratie von insgesamt 178 379 Urwählern nur 122 159 Ur- »vähleri das heißt nur 68,5 Proz., während sie diesmal 74 Proz. sämtlicher Urivähler auf sich vereinigte! Oder mit anderen Worten: die Zahl der sozialdemokratischen Urwähler hat sich um 56 441 oder 46 Proz. vermehrt I Die„Deutsche T a g e s- Z t g." hat sich— freilich nur nach dem Vorbilde der amtlichen Statistik— den frechen Hohn geleistet, von einer „Demokratisierung" des Dreiklassenwahlrecht» zu sprechen, weil diesmal im Durchschnitt von je 199 Wählern 3,82 der ersten Abteilung, 13,87 der zweiten Abteilung und 82,32 der dritten Abteilung an- gehörten, während 1993 das Verhältnis der drei Abteilungen 3,36: 12,97: 84,75 war. Demgegenüber sei denn doch fest gestellt, daß im Jahre 1855 das Verhältnis 5,92:13,89:81,99 war. Damals gehörten also den beiden ersten Abteilungen 18,91 Urivähler an, während 1998 nur 17,68 Urwähler auf die beiden ersten Abteilungen kanien! Eine nette Sorte Demokratisierung! Zudem ist die geringfügige Verschiebung in der Klassen einteilung gegen 1993 nur auf die schärfere Steuer- Heranziehung der arbeitenden Klasse zurückzuführen! Da das Junkerparlament das famose Gesetz gemacht hat, wo nach die Arbeitgeber der Steuerbehörde das Eirn komnien der bei ihnen beschäftigten Arbeiter denunzieren müssen, ist der Steueranteil des Proletariats natürlich ge- tvachsen,>vas bei der Steuerdrittclung seinen Ausdruck findet, Und da unsere B e si tz e n d e n sich nach dem Zeugnis des Professor Delbrück einerseits und der agrarischen„Volkstvirtschaft lichen Korrespondenz" andrerseits im Hinterziehen der Steuern überbieten, sind nun glücklich gegenüber 1993 von je 199 Urwählern ganze 21U aus der dritten Ab' teilung der Entrechteten in die Abteilungen der Privilegierten aufgerückt l Wobei aber trotzalledem das Verhältnis der dritten Abteilung zu den beiden anderen Abteilungen 1993 noch ungünstiger ist. als im Jahre 1855! Besonders schlecht kommen bei dem elendesten aller Wahl systeme das industrielle Proletariat und der städtische kleine Mittelstand weg. Denn gerade in den Städten gehören von je 199 Wählern fast 84, nämlich 83,83, der dritten Abteilung an, deren Wahlrecht völlig in die Winde geblasen ist, wenn sich nur 15 Wähler der ersten und zweiten Klasse gegen sie zusammenschließen! In zahl- reichen einzelnen Städten ist die dritte Klasse prozentual noch zahlreicher, d. h. rechtloser! In Charlottenburg ge- hören z. B. 86,94 Proz. der Wähler zur dritten Klasse, in Köln 86,57 Proz,, in Frankfurt a. 0. 87,57 Proz., in Posen 89,02 Proz., in Danzig 89,43 Proz., in Aachen 99,31 Proz., in Königsberg in Preußen gar 91,34 Proz. usw. usw. Sieben Wähler der ersten und zlvciten Klasse brauchen dort nur gemeinsame Sache zu machen, um die 91 Wähler der dritten Klasse zu überstimmen I Arger Schwindel wird ferner mit der Behauptung ge- trieben, das Dreiklassenwahlrecht lasse wenigstens den Mittelstand zu seinem Rechte kommen, weil er das llebcrgewicht in der ziveiten Klasse habe. Das sucht die Statistik damit zu beweisen, daß sie ausführt, daß von den insgesamt 29 928 llrwahlbezirken dritter Klasse für 15289 schon ein Einkonimen von 2499 M. die Höchstgrenze bilde. Demgegenüber ist festzustellen, daß in 13739 llrwahl- bezirken dritter Klasse die Steuergrenze höher liegt(in 2361 Urwahlbezirken dritter Klasse sogar über 6999 M,). daß also in fast der Hälfte aller Urwahlbezirke auch noch die Wähler mit mehr als 2499 Einkommen zur dritten Klasse gehören! Aber es kommt ja auch nicht nur in Betracht, welches Einkommen die unterste Grenze zum utritt zur ziveiten Klasse bildet, sondern welches urchschnittseinkommen zur Zugehörigkeit zur zlvciten Klasse erforderlich ist. Die Durchschnittssteuersumme betrug aber für die zweite Klasse 189 M., so daß Wähler mit Einkommen von 2499—3999 M, in der ziveiten Klasse nur eine hoffnungslose Minderheit bilden. Wozu noch kommt, daß nur in 3734 städtischen UrWahlbezirken die dritte Klasse mit 2499 M. Einkommen abschließt, in 8255 städttschen Urwahl- bezirken dagegen auch Wähler mit beträchtlich höheren Einkommen zur dritten Klasse gehören, in 4328 B. mit 3969—6999 M. Einkommen, in 1139 mit 6999 bis 'SOO M. Einkommen usw. Eigentlich braucht das gar nicht erst durch derartige Zahlen bewiesen zu werden, denn wenn in den Städten von je 199 Wählern 84 zur dritten Klasse ge- hören, steckt unter diesen 84 Proz. selbstverständlich auch der größte Teil des Mittelstandes! Abgeordneten wählen kann, während die industrielle Hälfte sich mit nicht viel mehr als einem Viertel begnügen muß. Welch skandalöse Zustände diese agrarische Ver- schandelung des ohnehin so schandbaren Drciklassenwahlrechts schafft, beweisen folgende Feststellungen der vorliegenden Statistik: Die agrarische WahlkreiSgeometrie vermag auch von dieser Tendenzstatistik nicht verschleiert zu werden. Ist es doch geradezu ungeheuerlich, in wie skandalöser Weise allmählich die Rechte der industriellen und großstädtischen Wahlkreise dadurch beeinträchtigt ivorden sind, daß man seit dem Jahre 1858(!) keine dem veränderten Bcvölkcrungsstand entsprechende Wahlkreiseinteilung mehr veranlaßt hat. Denn die Vermehrung der Wahlkreise um 19 neue Wahlkreise. von 433 auf 443, die man vor cllichen Jahren vorgenomnien hat. bedeutet nichts gegenüber dem ungeheuerlichen Zustande, daß die agrarische H'ä lste Preußens fast dreiviertel aller einem Ab- Diesen 29 größten Wahlbezirken� mit ze geordneten standen folgende~" von denen jeder Wahlkreis einen Abgeordneten' wählen durfte: Zahl der Urwähler 1. Hohenzollernsche Lande. 6 721 2. Frankenstein-Münsterberg. 7 40$ 3. Nordditinarschen.... 4. Greifenbcrg-Kammin.,. 5. Heiligenstadt, Worbis.. 6. Hork-Kehdingen. 7. Seegeberg 8. Oldenburg....... 9. Eckernförde...... 10. Weststernberg- Osisternberg 11. Hünfeld-Gersfeld... 12. Warburg-Höxter.... 13. Wittlich-Bernkastel... 14. Pr.-Holland-Mohrungen. 15. Unterlahnlreis.... 16. Biedenkopf...... 9 724 17. Zellerfeld-Jlfeld.... 10 014 18. Neuhaus a. Oste-Hadeln. 10 334 19. Schrimm- Schroda-Wreschen 7 883 20. Heiligenbeil-Pr.-Ehlau. 8 432 Wahlbezirken 20 kleinste Wahlbezirke gegenüber, 8 339 7 922 8 507 9 041 8 820 8 560 8165 8 881 8 947 8 507 10 226 8144 9 423 Also: im ersten Falle entfielen 173 998 auf 1 V65 000 Urwähler 29 Abgeordnete, im zweiten Falle auf 174660 Urwähler die gleiche Zahl der Abgeordneten! Bei der ersten Gruppe entfielen 53 265 Urwähler auf jeden Abgeordneten, bei der zweiten Gruppe nur 8766 Ur- Wähler l Die Wähler der zivanzig kleinsten, wirtschaftlich rückständigsten Wahlkreise hatten mehr als sechsmal so viel Wahlrecht, wie die Wähler der wirtschaftlich ent- w i ck e l t st e n Wahlkreise I Dem schnöden Wahlsystem mit seinem Privilegium des Geldsacks und obendrein der wirtschaftlichen und politischen Rückständigkcit, mit seiner schmachvollen Entrechtung der un- geheueren Mehrheit des Volkes, der Arbeiterschaft in Stadt und Land, und des kleinen Mittelstandes entspricht denn selbst- verständlich auch die Zusammensetzung des„hohen Hanfes" der preußischen Abgeordneten. Wie es mit der Vertretung der einzelnen Parteien aus- sieht, haben wir ja bereits erfahren. Interessant ist aber auch, zu sehen, aus welchen B e r u f s g r u p p e n sich daS Drei- klaffenparlament zusammensetzt. Die Statistik des preußischen Landesamtes gibt darüber folgende Auskunft: Mtive Vcrwaltungsbeamte...... 47 Aktive Justizbeamte........ 52 Aktive Offiziere.......... 5 Offiziere und Staatsbeamte a. D.... 13 Gemeinde» und Korporationsbeamte... 18 Universitätsprofessoren und Lehrer... 19 Evangelische Geistliche........ 5 Katholische Priester........ 15 Rechtsanwälte.......... 26 Kauflente............ 9 Privatbeamte........... 12 Landwirte............ 157 Gewerbetreibende, Industrielle..... 25 Aerzte............. 4 Schriftsteller, Journalisten...... 7 Rentner............. 27 Arbeiter............. 2 Leider ist die Statistik in diesem Punkte so wenig aus- giebig, daß wir die Angaben des„Handbuchs für das preußische Abgeordnetenhaus" zur Ergänzung heranziehen müssen, um gerade die interessantesten Details zu erfahren. Da zeigt sich nämlich, daß sich unter den aktiven Staats- beamten nicht weniger als 26 L a n d r ä t e im Dienst und 18 andere höhere Verwaltungsbeamte befinden! Unter den Justizbeamten befinden sich 48 höhere und nur zwei mittlere; ebenso bestehen die K o m in n n a l b e a Ni t e n ans Oberbürgermeisternn und Stadträten. An Offizieren a. D. und z. D. gibt cS nicht weniger als 58. Und vor allen Dingen: unter den 157„Landwirten", von denen die Statistik so schlicht spricht, befinden sich nicht iveniger als 113 Groß- grundbesitzer! Von den„Mittel"- und„Kleinbesitzern" waren aber drei frühere Berufsoffiziere— ein Beweis, was man hier unter„Mittelbetrieb" zu verstehen hat I Und die Wahlreform?? Die Thronrede hat sie freilich versprochen. Die Verfasser der Statistik haben sich indessen bemüht, durch tendenziöse Aufmachung und verwegenste Zahlenkunststückchen die Notwendigkeit der Reform zu leugnen! Die Statistik ist ganz im Geiste der Konservativen und Frei- konservativen zusammengestellt! Sie fließt über von Ehrfurcht vor den Privilegien der Junker und Industrie- feudalen, und schwitzt aus allen Poren Verachtung für die Rechte der durch die Dreiklasienschmach Entrechteten! Aus der Tendenz dieser Statistik scheint denn auch eine Korrespondenz ihre Information bezogen zu haben, wenn sie ankündigt: „Nach einer Auskunft der zuständigen Instanz in Preußen an eine hervorragende parlamentarische Persönlichkeit wird die Wahlrechtsvorlage Viitte Januar dem Landtage zugehen und auch in der T h r on r e d e Er iv ä h u u n g finden. Die neue Borlage soll das Dreiklassenwahlrecht beibehalten, tei l w e isesl) eine andere Einteilung der Wahlkreise vorsehen, eine geheime und direkte Wahl aber nicht vorschlagen. Die hauptsächlichen Reformen liegen in der Abänderung der Bestimmnngkn über das Klassenwahlsystem. Sollte die Vorlage auf größeren Widerstand stoßen und ihre Annahme u n- möglich erscheinen, so wird sie wahrscheinlich von der R e- gier n it g zurückgezogen werden, ohne Aussicht, in Bälde eine neue Vorlage dem Landtage vor« zulegen. Man nimmt nicht an, daß die Borlage bereits in der nächsten Session zur Verabschiedung gelangt, sondern rechnet eventuell mit einer Vertagung der Beratungen auf den Herbst 1910." So unglaublich diese Meldung klingt: in Preußen wird immer das Unerhörte Ereignis! Wahrscheinlich ist jedcmalls, daß man es jetzt, nachdem man so lange eine Verschleppungstaktik vorgespiegelt hat, mit der Neberrumpelnngs- und Durchpeitschnngstaktik versuchen will, um die unausweichliche Wahlreform zu verhunzen und die Massen zu Prellen! Wir trauen dem deutschen Proletariats freilich politische Reife und politische genug Energie zu. diese arglistige Taktik erfolgreich zu durchkreuzen l Das preußische IFolizcircgimcnl. Die Polizeistunde ist immer ein sehr beliebtes Mittel der preußischen Polizei gewesen, die Wirte in Abhängigkeit von der Be- Hörde zu halten. Und das ist ihrer Ansicht nach sehr nötig, vor allen Dingen deshalb, weil mit vielen Wirtschaften Säle verbunden sind, in denen Versammlungen stattfinden können und zwar nicht nur Versammlungen, die der Polizei und der Regierung angenehm sind, als da sind z. B. Kriegervereins- Versammlungen, sondern auch solche, die am besten überhaupt vor- boten würden, wie Gewerlschafts- und sozialdemokratische Beriamm- lungen. Das Verbieten geht leider nicht an. da es das vertrackte Vereinsgesetz gibt, aber wo die Sozialdemokratie noch nicht so stark ist, daß die Wirte sie mehr fürchten als die Polizei, da gibt eS noch allerlei kleine Mittel, um den Staat gegen den Umsturz zu schützen. Welche Rolle die Polizeistunde dabei spielt, das ist bekannt. Eine Forderung der Sozialdemokratie ist eS deshalb schon seit langein, daß der polizeilichen Willkür in der Festsetzung der Polizeistunde ein Ende gemacht werde. Natürlich denkt die preußische Regierung nicht daran, das Institut der Polizeistunde aufzuheben. Nicht bloß um des Versammlungswesens willen, sondern auch, weil sie über die Sittlich- keit der Bürger zu wachen hat. Die Behörden haben dafür zu sorgen, daß die Wirtschaften nicht die ganze Nacht offen stehen, denn das Volk, das die Polizei nicht um bestimmte Zeit zu Hause und ins Bett schickt, würde natürlich, da es ganz unfähig ist, sich selbst zu beherrschen, dem Suff und der Liederlichkeit und der Unsittlichkeit unrettbar verfallen, die Nächte durchlumpen, das Geld durchbringen und schließlich in stetem Katzenjammer und Geldsorgen noch unzufriedener werden als es ohnehin schon ist. Deshalb hat denn auch jetzt der Oberpräsident von West- falen eine Verfügung erlassen, die bestimmt ist, die Polizei- stunde noch mehr als bisher zur sittlichen Hebung der Bevölkerung der roten Erde nutzbar zu machen. Der Herr Oberpräsident findet offenbar, daß das Volk von Westfalen viel zu lange abends in den Kneipen sitzt. Und deshalb ordnet er an, daß die P o l i z e i- stunde allgemein für die Städte auf 11 Uhr, für die Landgemeinden aber auf, 10 Uhr an- zusetzen ist! Das wird ein Heulen und Zähncklappern unter den Wirt- ssausbesuchern Westfalens geben. Denn bisher waren sie in sehr vielen Orten wenigstens erheblich längere Frist gewöhnt. Aber sie brauchen nicht alle zu verzweifeln. Die Verfügung des Herrn Obcrpräsidenten hat noch einen Schwanz. Und der lautet also: „Ten Ortspolizeibehörden bleibt es überlassen, die Polizei- stunde für einzelne Fälle oder auch unter Vorbehalt des Wider- rufs für bestimmte Wirte ein und für alle Male auf eine spätere oder, sofern es mit Rücksicht auf besondere Verhältnisse zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe, Sicherheit und Orb- nung vorübergehend erforderlich ist, auf eine frühere Zeit fest- zusetzen." Die besseren Wirthausbesucher und die besseren Wirte dürfen also aufatmen. Denn da bei den„besseren" Herrschaften natürlich keine bösen Folgen des längeren KneipenS zu befürchten sind— sie Habens ja dazu, und ihre höhere Bildung und Gesittung schützt sie natürlich vor Völlerei und anderen Unsittlichkeiten— so darf den Wirtschaften mit„besserem", begütertem Publikum natürlich «icht zugemutet, werden, die Gäste schon um 11 oder gar um 10 Uhr nach Hause zu schicken! Und so, durch die Ausnahmen,„wird die Verfügung auch brauch- har für jene Polizeiverwaltungen, die unbekümmert um Bethmann Hollweg, des einstigen Staatssekretärs des Innern, bei der Be- ratung des Vcreinsgcsetzes sich doch noch dem Staat verdient zu machen glauben, wenn sie dafür sorgen, daß die Wirte wissen, wie unangenehm sozialdemokratische Versammlungen in den Amts- stuben empfunden werden."_ Der„kluge haus". München, 22. Dezember. Es ist uns allen noch in guter Erinnerung der alte, „Auge Hans", jenes preußische Tierwunder, der Gaul mit dem Menschenverstand. Der neue„kluge Hans" ist ein bayerisches Wundertier, sin Mensch mit— Gaulverstand. Den Junker Freiherrn Hans von Thüngen, Reichs rat der Krone Bayerns, ließen die Steuer- lorbeercn seines Kollegen, des Herrn Reichsrats von Auer nicht ruhen. Seine Weisheit liegt jetzt gedruckt vor und der „kluge HanS" hat die auf ihn gefetzten Envartungen weit über- troffen. Ist das Referat des Herrn Reichsrats v. Auer über die Steuerreform ein klassisches Denkmal industriell-kapitalistischer Profitwut, so ist das Korreferat des Freiherrn Hans v. Thüngen ein grandioses Denkmal agrar-kapitalistischer Habgier. Die Werke der zwei hohen Reichsräte ergänzen sich also auf das glücklichste. Sie geben vereint ein klares Bild des schranken- losen Egoismus unserer besitzenden Klassen, der widerlichen Entartung der menschlichen Gefühle und sozialen Instinkte unserer kapitalistisch verseuchten Welt. Die Schamröte steigt ins Gesicht bei dem Gedanken, daß im 20. Jahrhunderte im Deutschen Reiche und bayerischen Lande die klugen Hanse ein kulturell hochstehendes Volk regieren können; ja mehr: verhöhnen und beleidigen dürfen. Aus der schier unerschöpflichen Fundgrube zunkerlicher Anmaßung und Beschränktheit sollen nur einige„Perlen und Edelsteine" herausgeholt werden. Während sein Kollege von Auer die vorgeschlagene Be- lastnng der Erträgnisse des Aktienkapitals als Vermögens- konfiskation betrachtet, sieht der sehr moralische Junker HanS jede Vermögenssteuer als solche air: „ES ist mit der Vermögenssteuer überhaupt ein eigen Ding. ES fehlt ihr gewissermaßen die innere moralische Be- rechtigung, sie erinnert zu stark an Konfiskation." Er will sie höchstens noch gelten lassen für die Kapitalisten und Großindustriellen. Für die Landwirtschaft ist sie voll- ständig ungeeignet. Der kluge Hans kann sich sogar Fälle denken, wo eine große Erbschaft geradezu zum Ruin des un- glücklichen Erben führen muß, wenn er so dumm ist, sie an- zunehmen: „Ein kleiner Mann, der zufällig eine wert- volle Bildergalerie erbt, die er momentan nicht ver« kaufen kaiin, wird vielleicht dem Gerichtsvollzieher verfallen, wenn er nicht vorsichtig genug war. die Erbschaft auszuschlagen." Freiherr Hans v. Thüngen, genannt der kluge Hans, kommt dann in einem interessanten Exkurse auf die Sicherheit und Leistungsfähigkeit der verschiedenen Einkommen zu sprechen. Daß die Besitzer der sogenannten fundierten Einkommen leistungsfähiger sein sollen als die der unfundierten Berufs- einkommen ist nach ihm eine„veraltete Theorie", besonders soweit das Einkommen aus Grundvermögen in Frage kommt: „Man wird nicht behaupten können, daß der Besitz von Grund und Boden auf einem b e- sonders sicheren Fundament ruht."—„Erhalten hat ihn bisher lediglich die noch nicht ganz ausgerottete Liebe zur Scholle und die größere Genügsamkeit der Be- sitze r." Diese junkerlich-agrarische„Genügsamkeit" ist ja aller- wärts sehr gut bekannt, sie ist in unserer Zeit geradezu sprich- wörtlich geworden.— Biel besser fundiert als der mittlere Grundbesitz ist nach ihm das Einkommen der Beamten und der Arbeiter und am besten das der— Armenhäusler: „Für deu Arbeiter ist in erfreulicher Weise dank unserer sozialen Gesetzgebung gesorgt. wie nie zuvor.'— „Ja sogar die ganz auf Wohltätigkeit Angewiesenen haben es manchmal besser." Der kluge Hans ist auch ein abgesagter Feind des „leidigen" und„unseligen" Progressionsgedankens. Er will die Einkommensteuer ohne Progression so gestaltet wissen, „daß eine Vermögenssteuer, für die unser engeres Baterland kaum reich genug sein dürfte, entbehrlich würde". Wie sein Kollege v. Auer, so erreicht auch Freiherr- Hans v. Thüngen seinen geistigen Höhepunkt in seinen sozial- wirtschaftlichen Betrachtungen über die Leistung und Lage der Arbeiterklasse. Er philosophiert über das Sinken des Geld- wertes und betont, daß die vermehrte Produktion an Gold und Silber allein die Wertstcigerung der Lebensbedürfnisse nicht erklären könne: „Dieselbe hat vielmehr wohl ihren Grund in der fortwährend zunehmenden Verkürzung der Arbeitszeit für alle mechanischen Arbeiter. Nimmt man, mangels einer Statistik, aber S00 000 mechanische Arbeiter an, so ergibt dies bei heutige» Arbeitslöhnen(20 Pf. pro Stunde und 2 Stunden Arbeitszeitverkürzung) einen täglichen Ausfall von 200000 M. Lohnwert oder zirka 60 Millionen Mark im Jahre, um welchen Betrag die Lebensbedürfnisse teurer gc- worden sind, während die direkten Staatssteuern nur 4g, S Mill. beziffern." „Es muß auf Grund der Erfahrungen in der Praxis be- stritten werden, daß die Kürzung der Arbeitszeit durch intensivere Arbeit ausgeglichen worden sei, wie eS von Amerika, diesem Lande größter sozialer Rücksichtslosigkeit behauptet wird. Den» in Deutschland ist der Arbeitgeber infolge übertriebener Humanität zurzeit absolut außer stände, auf die Qualität der Arbeit seiner Arbeitnehmer eine» Einfluß auszuüben." „Es ist zu augenscheinlich, wie z. B. bei den Streckenarbeitern der Bahn, den Forstarbeitern, den Bouhandweilern, kurz, überall eine Verwöhnung der Arbeiter Platz gegriffen hat, die auf die Kommunal- und Privatbetriebe nicht ohne Rück- ficht geblieben ist." „Bei den enormen Anforderungen, die heute an alle geistig arbeitenden Menschen gestellt werden, wäre es an der Zeit, auch dem mechanischen Arbeiter wieder zum Bewußtsein zu bringen, daß er nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten hat."— „Der akademisch gebildete Mann wird leicht geneigt sei», Symptome, die er bei seine» Schreibern nie wahrnimmt, wie das Vergießen von Schweiß oder das Aushalten in Wind und Wetter fiir eine Urberaiistrenguiig oder GcsundheitSgefährduug zu halten, während sie einfach zum Beruf gehören." Wieviel reichsrätlicher Schweiß mag wohl von der Stirn des klugen Hans geflossen sein, bis all dieser blühende Unsinn geboren war. Doch das wird niemand für eine GesundheitS- gefährdung halten, das gehört einfach zum Beruf. Er kennt auch die Jnteressentheorie hinsichtlich der Ge- meindebesteuening und schreibt hierüber: „Das meiste Interesse an den gemeindlichen Einrichtungen hat »nstreit� der Armenhäusler: denn seine Existenz beruht ans der staatlich organisierten gemeindlichen Armenfiirsoege". Was sich der Teil des bayrischen Volkes gefallen lassen muß, der mit seiner Hände Fleiß und unter Not und Ent- behrung die Mittel schafft, damit das kapitalistisch-agrarische Drohnen- und Schmarotzertum ein Freuden- und Faulenzer- leben führen kann, geht aus folgender Stelle hervor: „Es leitet ihn dabei der Gedanke, daß wenn man uyi der Steuerfreiheit willen männliche Personen von 900 M. Einkommen an der Wahlurne missen müßte, dies geschehen könne, ohne daß dadurch die Qualität der bayerischen Gesetzgebung merkbar leiden würde." Wie seinem Kollegen von der Hochfinanz, kann auch dem klugen Hans der 5kinderparagraph gar nicht gefallen. Er ver- anlaßt ihn zu tiessinnigen Betrachtungen über die unselige i Progression, die er fast bis in den Mutterleib mit seinem Hasse verfolgt: „Ein Steuergesetz scheint mir doch nicht der geeignete Platz für die Betäligung solcher Bestrebungen zu sein, noch dazu, wenn man auch hier die unselige Progression bis in die Kinderstube wirken lägt." „Und warum hört die Erleichterung in unserem Zeitalter allgemeiner Nivellierung mit 4000 M. auf? Gebiert denn nicht jede Frau mit denselben Schmerzen, ob sie arm ist oder reich?" Doch genug jetzt des grausamen Spiels, genug der Zitate aus dieser politischen Hansivurstiade. Der kluge Hans" ist von Zeit zu Zeit zu sehen in der hohen Kammer der Reichsräte zu München. Eintritt freit politische(lebertledt. Berlin, den 29. Dezember 1909. Rechtsschwenkung des Nationalliberalismus. Die nationalliberale Neichstagsfraktion hat bei den letzten Reichsfinanzrcformbcratungen eine Oppositionsstclluna eingenommen: aber längst fühlen sich ihre parlamentarischen Größen nicht mehr wohl bei der„grundsätzlichen Opposition", das heißt an der Seite der Freisinnigen. Abhängig von den klingenden Unterstützungen der Großindustriellen, glauben sie die Interessen des Industrie- und großen Handelskapitals weit wirksamer vertreten zu können, wenn sie an der Re- gicrung teilnehmen und zu diesem Zweck wieder mit den Konservativen anbändeln. So findet sich denn eines der großen liberalen Blätter nach dem anderen, das sich gegen den„L i n k s a b m a r s ch" ausspricht und für das bedächtige Getänzel auf der mittleren Linie, dem sogenannten„maß- vollen Fortschritt" plädiert. Neulich war es die einst jung- liberale Neigungen hegende"Magdeburgische Zeitung": jetzt ist es die alte staatsmännische Tante vom Rhein, die„Köln. Zeitung", die in hohen Soprantönen das schöne Lied singt: „Laß Dich von der Linken nicht umgarnen!" Die„Köln. Ztg." läßt sich von parla in entarisch er Seite einen langen Leitartikel darüber schreiben, daß, wenn auch bei den Verhandlungen über die Reichsfinanz- reform die nationalliberale Reichstagsfraktion mit dem „übertriebenen Radikalismus" zusammengegangen sei, doch daraus nicht geschlossen werden dürfe, daß die nationalliberale Partei nach links abzuschwenken gedenke. Wörtlich heißt es: „So haben wir, als uns die jüngste politische Situation mit dem Freisinn zusammenführte und uns mit ihm gemeinsam in eine scharfe Kampfesstellung gegen die neue Mehrheit brachte, in allen Blättern der Rechten und des Zentrums tönende Worte vom Linksabmarsch der Nationalliberalen lesen können. Ganz zu unrecht. Dieser törichte Vorwurf übersah völlig, daß wir unsere endgültige Haltung zur Reichsfinanzreform eingenommen hatten getreu unserem Programm, getreu den Grund- anschauungen, die wir auf Parteitagen und durch den Mund unserer Redner im Reichstage von Anfang an zur Frage der Gesundung unserer Finanzen vertreten hatten. Man übersah auch völlig, daß wir am letzten Ende diesen Grundfragen der Reform gegenüber Regierungs- Politik trieben, nicht in dem üblen Sinne einer Regie- rungspartei, die ohne Charakter, ohne eigene feste Grundsatz: durch Dick und Dünn mit der Regierung ging, sondern in der Er- kenntnis, daß d i e m i t d e n u n s r i ge n ü b e r e i n st i m m e u- den Grundanschauungen des Regierungs- Programms im besten Sinne nationale, staatserhaltende und auch liberale waren." Wenn aber schließlich, so führt der Verfasser weiter aus. die Natioualliberalen in den Fragen der Finanzreform eine einheitliche Schlachtlinie mit dem Freisinn gebildet hätten, so folgere daraus noch nicht, daß sie nun auch in der Oppo- sition beharren müßten: «...ESwidersprächedenPrinzipieuundder ganze n Vergangenheit unserer Partei, zu einer grundsätzlichen, nicht durch die jeweiligen Umstände bestimmten Opposition überzugehen. Wir werden, wenn die Haltung der Regierung und unsere eigenen Grundsätze unS zur Opposition nötigen, diese auch weiter nicht scheuen. Wir treten im übrigen aber dem neuen Kanzler und seinen Vorlagen unbefangen gegen- über. Man sollte, zumal in den eigenen Reihen der Partei, wie ein jedes Schlagwort, so auch das des Linksabmarsches oder der Rechtsschwenkung, unbeachtet lassen, bielmehr darauf vertrauen, daß die Haltung der Fraktion und ihre Führung Gewähr bietet für eine durch Parteileidenschaft ungetrübte, rein sachliche Be- urteilung der gegenwärtigen Lage und der Zukunftsmöglich- leiten." Und schließlich wird ganz klar und offen gesagt, daß der eigentliche Platz der natloualliberalcn Partei an der Seite der Konservativen sei, mit deren politischen Auffassungen der Nationalliberalismus manches gemein habe: „Daß nach allem, was vorgefallen, ein Zusammengehen jetzt und wohl auch auf absehbare Zeit durch die konservative Führung unmöglich gemacht ist, liegt auf der Hand. Das darf uns aber bei einer allgemeinen Betrachtung über unsere Parteiverhältnisse und unsere bisherigen Parteizusammenhänge nicht vergessen lassen, daß wir lange und fruchtbare Perioden unsererparlamentarischenGeschichtehatten.in denen das Zusauimen wirken von konservativem und liberalem Geiste dem deutschen StaatSge- danken großy Erfolge beschert hat. Beide, die Nationalliberalen wie die Konservativen haben mit ihrem aus- gesprochenen Sinne für Staatsnotwendigkeiten nicht selten Gelegenheit und Grund gefunden, in gemeinsamer Arbeit dem Vaterlande zu dienen. Heber die gemeinsame Betätigung in nationalen Fragen der Wehrkraft hinaus einte beide der gemeinsame Kampf gegen die Sozialdemokratie. Und wenn heute die konservative Führung im Kampfe gegen das Zentrum versagt hat, dann ist doch die Tatsache unbestreitbar, daß auch diese gemeinsame Abwehrstellung dem Zentrum gegenüber den Anschauungen der konservativen Partei in ihren Wählermassen gleichermaßen entspricht wie denen der Nationalliberalen. Gerade diese in früheren Zeitläuften so oft in Erscheinung getretene und nicht zum Schaden des Landes betätigte Uebere-n- st i m m u n g oder zum mindesten das einstige Zusammenwirk::'. dieser beiden großen Parteien läßt uns die durch Schuld der konservativen Parteiführung herbeigeführte Entfremdung, ja man kann sagen, diese heutige Kampsesstellung. für die eine Aenderung kaum zu erhoffen ist. im Interesse einer segensreichen nationalen Arbeit so bedauerlich erscheinen." Für uns ist dieses Zurücksehnen der parlamentarischen Größen des Nationalliberalismus nach dem„einstigen Zu- sammeuwirken" mit den Konservativen durchaus keine Ueberraschung. Niemand kann gegen seine innerste Natur, auch eine Partei nicht. Steigendes Defizit. Vor kurzem wurde in liberalen Blättern der Fehlbetrag im preußischen StaatshaushaltSctat für 1910 auf ungefähr 80 Millionen Mark geschätzt. Sicherlich ein ganz ansehnliches Defizit; doch wird voraussichtlich die Schätzung noch um un- gefähr 20 Millionen hinter dem wirklichen Fehlbetrag zurück- bleiben. Die„Verl. Pol. Nachr." wissen darüber zu melden: „Bei Ausstellung des StaatShaushaltSetatS für 1910 ist nach den Regeln strengster Sparsamkeit verfahren worden. Schon bei den Anmeldungen haben sich die verschiedenen Verwaltungen große Zurückhaltung auferlegt und bei der Nachprüfung der Anmeldungen im Finanzministerium sind weiter zahlreiche und umfassende Ab- striche gemacht worden. Gleichwohl ist es nicht möglich gewesen, einen balanzierenden Etat herzustellen, vielniehr weist er einen beträchtlichen Fehlbetrag auf. Das Etatsdefizit wird den Betrag von IVO Millionen Mark zwar nicht erreichen, aber nicht allzu viel dahinter zurückbleiben. ES liegt auf der Hand, daß in dieser ungünstigen Gestaltung der Finanzlage, die namentlich durch die starke Ausgabenvcrmehmng infolge der neuen Besoldungsgesetze verursacht ist. die dringendste Mahnung enthalten ist, in der Folge sich noch größerer Sparsamkeit zu befleißigen und alle Aus- gaben zu benneiden, die nicht zur Erfiillung der Kulturaufgabe deS preußischen Staates unbedingt erforderlich sind. Außer den Mehrausgaben für die Besoldung der Beamten, Geistlichen und Lehrer spielt auch die starke Vermehrung der Ausgaben für die Staatsschuld eine beträchtliche Rolle unter den Ursachen der gegenwärtigen ungünstigen Finanzlage Preußens. Der Schulden- dienst erfordert für das Jahr 1910 allein eine MehrauS- gäbe von 24 Millionen gegenüber dem laufenden Rechnungsjahre. Darunter befinden sich nicht iveniger als 11 Millionen Mark für Anleihen im Interesse der Eisenbahnen. Diese Mehrausgabe ist etatsmäßig auS dem Betriebsüberschuffe der Staatsbahuen zu bestreiten und vermindert mithin seinen für die einmaligen Ausgaben der Eisenbahnverwoltung und den all- gemeinen StaatSaufwand verfügbaren Teil entsprechend. An dieser Lage der Dinge wird man eine dringende Mahnung erkennen, sich auch in bezug auf die Inanspruchnahme des StaatSkredits für Zwecke der Eisenbahnverwaltnng die größte Beschränkung aufzu- erlegen; eZ laufen die Eisenbahnschulden, tvenn sie in der Weise sich vermehren wie in den letzten Jahren, sonst ernstlich Gefahr. den Betriebsüberschutz mit Ausgaben für diesen Zweck zu über- lasten und ihn so nicht mehr für die anderen, auf ihn angewiesenen Zwecke ausreichend leistungsfähig zu machen." Zur mecklenburgische» Verfassungsfrage schreibt die„Kreuz-Zeitung", daß nach ihren Erkundigungen die Mehrheit deS Reichstags zu einer Aenderung der RcichSverfassung auS Anlaß der mecklenburgischen Kämpfe nicht gewillt ist und daß auch der Bundesrat nach wie vor auf dem Standpunkt steht, den am IS.. Juni d. F. der damalige Staatssekretär des Innern dahin präzisierte:«Ich darf es mir versagen, auf die Einzelheiten dieser Seite der Angelegenheit einzugehen, einmal weil die Reichs» regierung wiederholt ihre Stellung zu diesen Fragen hier ausgesprochen hat, vor allem aber um deswillen, weil im Vordergrunde die politische Frage steht: ob da? Reich sich entschließen würde, seine Machtsphäre gegenüber dem inneren Verfassiingsrecht der Einzelstaaten anders abzugrenzen, als es in der Verfassung geschehen ist, wobei ganz dahingestellt bleiben kann, welcher Weg zu diesem Zwecke zu beschreiten sein würde. Eine derartige grundlegende Aendenmg unseres Verfassungsrechts vorzunehmen. liegt nicht m der Absicht der verbüudeten Regierungen." Unter der Mehrheit des Reichstags kann das Junlerblatt in diesem Falle nur den SchnapSblock verstehen. Wahrscheinlich will die„Kreuz-Zeitung" einen Wink geben, wie er sich in dieser Frage zu verhalten hat, wenn er eö mit den Junkern nicht verderben will. Beschlagnahme russischer Staatsdepots iu Berlin. Wie die russische»Börfenzeitung" meldet und von einigen hiesigen Börsenblättern bestätigt wird, sind bei dem Bankhause Mendelssohn in Berlin russische Staatsdepots in Höhe von 4 Mill. Rubel von einem deutschen Gericht beschlagnahmt worden Die Beschlagnahme soll eine neue Phase bilden in dem bekannten Prozeß wegen deö Dampfers„Anhalt", der während des russisch-japanischen Krieges von der russischen Regierung auf den Namen des Reichs deutschen Hellfeld angekauft wurde. Der Dampfer sollte mit Munition nach Wladiwostok gehen. Hellfeld erhielt ftir den Fall de? Gelingens der gefährlichen Fahrt eine bedeutende Entschädigung zu- gesichert. Als der Friede von PortSmouth geschlossen wurde, war die „Anhalt" erst bis Kiautschou gekommen. Die russische Regierung hat danach die ausbedungene Zahlung verweigert. Inzwischen war eS aber gelungen, den Dampfer„Anhalt" mit seiner Fracht nach Wladi- Wostok zu schaffen. Infolgedessen hat Hellfeld die russische Regierung auf vier Millionen Rubel Schadenersatz verklagt. In dem sei: Jahren spielenden Prozeß hat nunmehr, so wird gemeldet, das deutsche Gericht Hellfcld die Zahlung zugesprochen und gleichzeitig die russischen StaatödepotS bei der Firma Mendelssohn mit Beschlag belegt, Diese Wendung der Sache hat die russische Regierung ver- anlaßt, den Oberprokurcur des Kassationsdcpartements des Senats, Dynowsli, nach Berlin zu senden, um die Sache beizulegen. Der„liberale" Kandidat von Eisenach-Dermbach. Als nationalliberaler Kandidat im Wahlkreise Eisenach-Dermbach ist ein Herr Krug aufgestellt worden. Gegen diese Kandidatur hat sich eine Versammlung de-Z freisinnigen Wählervereins ausgesprochen, weil Krug dem Bunde der Landwirte angehört, die Freisinnigen aber grundsätzlich nur zur Unterstützung eines dem linken Flügel der nationalliberalen Partei angehöiigen Kandidaten bereit sind. Die freisinnige Volks Partei in E i s e n a ch empfiehlt die Wiedercuifstellung des bei der letzten Wahl kandidierenden nationalliberalen ArchivdireltorS Winter aus Magdeburg._ Zur Finanzlvirtschaft des Reichsvcrbandes. In Nr. 391 des„Vorwärts"(vom 24. Dezember) veröffent- lichten wir ein Schreiben der Berliner Hauptstelle des Reichs- Verbandes gegen die Sozialdemokratie, in welchem mitgeteilt wurde, daß durch den Rücktritt des Dresdener Reichsverbands-General- sekrctärs, des Herrn Erwin B e lg er, der bisher das Inkasso der Mitgliederbeiträge in Dresden besorgt habe, von seinem Posten finanzielle Wirrungen entstanden seien. Zu dieser Veröffentlichung schickt uns Herr Belger eine längere Erklärung und bittet„in per- söulichstcm Interesse" um deren Abdruck. Obgleich wir uns zum Abdruck weder preßgefetzlich, noch moralisch verpflichtet fühlen und der Ansicht sind, daß Herr Belger, wenn er sich durch da? Schreiben der Berliner Hauptstelle des ReichsverbandeS in seiner Ehre gekränkt fühlt, sich wegen Genugtuung an diese Hauptstelle wenden und sie verklagen soll, wollen wir doch seine Erklärung auf- nehmen, um darzutun, daß uns eine Diskreditierung seiner Person ganz fern liegt. Herr Belg er schreibt: Die in dem Rundschreiben der Hanptstclle Berlin deS Reichs- Verbandes an die Dresdener Mitglieder berührten Unklarheiten im Inkassogeschäft der Dresdener Ortsgruppe stehen in keinerlei ursächlichem Zusammenhang meiner freiwilligen Amtsniederlegung. Letztere erfolgte für die Hauptleitung ganz un- erwartet und gründet sich auf persönliche, von den Anschauungen der Berliner Hauptstelle abweichende Auffassungen allgemeiner Art, die mir ein längeres Verbleiben als Generalsekretär des ReichsverbandeS als nicht vereinbar mit meinen Prinzipien ericheinen lasten. Mit den Kassengeschäften in Dresden hatte ich nur die letzten fünf oder sechs Wochen zu tun, nachdem der Ortsgruppenkässierer, ein von mir hochgeschätzter Herr— wiederum aus fernliegenden anderen Gründen— sein Amt niedergelegt hatte. Tatsache ist, daß die Kassenführung vollständig ordnungsgemäß lvar. Mein plötzliches Ausscheiden hat lediglich den internen Zusammenhang momentan gelöst und eine Konsternation der in den lokalen, seit Anbeginn ohne Anstoß geübten Einrichtungen des Inkassogeschäfts nicht unterrichteten Haupt- stelle deS Verbandes hcrbeigefiihrt, die allerdings niemals ein solch un- glücklich abgefaßtes Rundschreiben hätte bedingen dürfen. Auf die bei einer so beträchtlichen Mitglicderzahl selbstverständlichen Schwierigkeiten war der die Bücher von mir übernehmende Berliner' Beamte sehr Ivohl aufmerksam gemacht worden. Ich überlasse es den Verfassern de« Rundschreibens, weitere Schritte zu tun, um auch den leisesten Verdacht von meiner Person abzu- wenden. Plauen,_ Mit voller Hochachtung Johannstr. 4 II. Erwin Bclgcr. Die fittlicheu Gefahren der Frauenarbeit. Der verflossene Reichstagsabgeordnete und Vorsteher des deutsch- nationalen Handlungsgehilfenverbandes Wilhelm Schack pflegte oft und gern von den sittlichen Gefahren der Frauen- arbeit im Handelsge werbe zu reden, bis die bekannte Triolen-Affäre feiner Wirksamkeit ein jäheS Ziel fetzte. Die sittliche» Gefahren sind aber nach wie vor ein Hauptargument der Deutsch> närianalen zur Bekämpfung der Frauenarbeit im Handel ge- blieben. Leider zeigt sich bei den deutschnationalen Herreu eine bedauerliche Einseitigkeit, indem sie nur die Frauen arbeit im Handelsgewerbe, nicht aber auch in anderen Berufen beftkzipfen. Zum Beispiel erscheint in der„Branden- burgischen Wach»", einem Organ deS Deutschnationalen HandlungS� gehilfenverbandes, ein Inserat, worin ein sehr bekanntes und berühmtes L»kal mit weiblicher Bedienung empfohlen wird. Zum Schluß heißt es sehr bezeichnend in der An zeige: Verbandsbrüder sind stets anzutreffenl Der Deutschnationale Verband scheint also der Anficht zu sein, daß die Frauenarbeit in Damenkneipen keine sittlichen Gefahren mit sich bringt. Oder gehen die deutschnationale» Berbandsbrnder nur studienhalber dahin, um nachher auf Grund der genossenen Erfahri»ige,i um so heftiger gegen die sitt- lichen Gefahren der Fcaneiiarbeit weitem zu können? Kraetke reformiert. Am 7. Januar tritt der neue Beirat für die Reich.Zpostverwaltung zusammen und Staatssekretär Kraetke. der anscheinend auch fernerhin auf seinem Posten zu bleiben gedenkt, hat bereits zwei Reformen vorbereitet. So soll bereits an» t. Januar 1910 der Ankunft»- stempel Ivenigsten» für Eil- und Einschreibebriefe wieder eingeführt werden. Ferner sollen Postlagerkarten zum Preise von 25 Pf. pro Monat neu eingeführt werden. Diese Karten lauten auf den Namen deS Antragstellers und gegen Vorzeigung der Karte werden poft- lagernde Sendungen ausgehändigt. Vermutlich soll damit dem Miß- stand vorgebeugt werden, daß postlagernde Sendungen von unbefugten Personen abgeholt werden. Kelgten. Das Spanien des NordeuS. „Belgien... ein Spanien des Nordens" lautet der Titel eines Artikels, den der belgische Journalist Gsrard Harry in der Dezeinbernummer der„Grande Revue" veröffentlicht. Er führt darin aus: Schon jetzt hört man in so manchen wallonischen oder flämischen Zentren die Klagen der freien Arbeiter oder der kleinen Handeltreivcnden, die durch de» Wettbewerb der Klöster rui- niert sind oder mit dein Ruin bedroht werden, da diese keine Er w er bS st euer zahlen und w ahre Hung erlöhne geben, die sie leicht auferlegen, und somit Spitzen, Wäsche, Schuhe zu Preisen herstellen können, bis zu denen die freie Industrie nicht hinabsteigen kann, trotz aller Bemühungen, die sie aus Kosten der Löhne ihrer eigenen Arbeiter macht. Und das Geld, das die Kongregationen so drainieren, wird nicht an Ort und Stelle ausgegeben; es geht größtenteils nach Rom, wo es den Peterspfeniiig um die Frucht eincS wahren Sweating Systems vermehrt, dank der Mönche und Nonnen für die Herstellung eines Dutzends Männerhemden 2,50 Fr. nnd für die eines Dutzends Schürzen 1,80 Fr. bezahlen. Aber abgesehen von diesen materiellen Erwägungen muß man sich fragen, was man von dem Wohlwollen denken soll, mit dem in Belgien die Trümmer des klösterlichen Organismus Frankreichs aufgenommen wurden, wahr- scheinlich; weil sie als wertvolle Hilfstruppen, als eine opportune Verstärkung für das Werk der intensiven Klerikalisierung augesehen werden, das seit 25 Jahren verfolgt wird und das in wenigen Jahren, falls die Regierung in den gleichen Händen bleibt, Belgien die Bezeichnung.nördliches Spanien" eintragen wird. Spanien. Die Opfer des Bergwerkskrieg». Madrid, 29. Dezember. Studenten haben an den König eine Petition gerichtet mit der Bitte, für die aus Melilla zurück- kehrenden Soldaten ein Sanatorium errichten zu lassen, da von den 20 000 zurückkehrenden Mannfchafteti mindestens 4000 schwindsüchtig geworden seien. l�ußlancl. Die Karpow-Jnterpellation. Petersburg, 29. Dezember. Nach Debatten, welche zwei Sitzungen in Anspruch nahmen, lehnte die R e i ch S d n m a mit 151 gegen 88 Stimmen die Besprechung der Interpellation über die Ermordung des EhefS der politischen Polizei Korpow ab. finnlanck. Die Nussifizieruug. Der russische Ministerrat hat verfügt, daß alle Erlasse deS Generalgouverneurs von Finnland nur noch in russischer, nicht mehr in s noch in schwedischer Sprache veröffentlicht werden sollen._ Landesverweser für Finnland. AuS Petersburg wird mitgeteilt, der Großfürst Nikolai Nikolajewitsch sei für den Posten'eines Landes- Verwesers für Finnland auSersehen worden. Das bedeutet natürlich, daß Finnland einen eigenen„Selbstherrscher" erhalten soll, dessen spezielle Aufgabe es sein würde, das Land nach dem cchr- russischen Programm Rußland„einzuverleiben". Türkei. Die Kabinettskrise. Ein Artikel unseres Konstant in opeler Korrefpon- d e n t e n, der noch vor dem Eintritt der Krise geschrieben wurde, stellt die Situation also dar: „Kaum haben sich die Leidenschaften gelegt, die während der Lynchinterpellation im osmaniswen Parlamente lobten und die beinah zum Sturz des Kabinetts führten, und schon taucht eine neue Gefahr aus. die daS Ministerium Hilmi Paschas bedroht. Diesmal treten die Anhänger deö jungtürkische» Komitees für„Einheit und Fortschritt" als Gegner des Kabinetts hervor, d. h. die Leute, die neulich das Ministerium retteten. In der Tat aber ist das Benehmen der Jungtürken gar nicht merlwürdig. Es ist bekannt, daß die Jungtürken mit dem gegenwärtigen Kabinett, besonders mit dem Großwesir Hilmi Pascha nie zufrieden waren; trotzdem wollten sie während der Lynchinterpcllation das Ministerium nicht stürzen, weil sie Angst hatten, daß der Sturz des Kabinetts auch den Unter- gang des Schiffahi tprojekteS herbeiführen könnte. Weiter waren die junglürkischen Führer überzeugt, daß ins neue Kabinett diejenigen Minister, die das Projekt inspirierten, nicht eintreten könnten. Und zieht man in Betracht, daß unter diesen letzteren sich die eifrigen Anhänger deS JungtürkentumS, wie der Minister des Innern Tbaleat Bey, der Minister der öffentlichen Arbeiten Haladschian und der Fiiianzminister Dschawid Bey befinden, so sieht man, daß die Taktik der jungtürlischen Abgeordneten während der Interpellation ganz richtig war. Fetzt aber wollen sie eine andere Gelegenheit bc- nutzen, daS Ministerium zu stürzen, und mit der Bildung des neuen Kabinetts, in dem die drei obengenannten Minister auf jeden Fall bleiben sollen, einen ihrer unbedingten Anhänger beauftragen." * Die Lynch-Affäre, d. h. der Entschluß der Regierung, der englischen Firma Lynch eine nionopolnrtige Konzesston für dieSchiffahrt aus dein Euphrat und Tigris zu gewähren, hat lebhafte Erregung in Mesopotaniien hervorgerufen, die schließlich zu blutigen Unruhen ge- führt hat. In Bagdad, sowie in Bassora sind große Versamnilungen der Notabeln abgehalten worden, in denen einstimmig beschloffen wurde, sich der Konzession an die Lynch-Gesellschaft zu widersetzen. Dieser Enlschluß wurde der Pforte»nitgeteilt. Zu gleicher Zeit wurden die arabischen Deputierten, die für das Gesetz in der Kammer aestinunt hatten, aufgefordert, ihre Mandate nieder- zulegen, da sie sich in einen schroffen Gegensatz zu ihrer Wähler- lchaft gebracht hätten, die die Konzession als eine Versündigung an den nationalen Interessen als Vorbereitung englischer Herrschast ansieht. Nach den neuesten Koitstantinopeler Meldungen ist eS in Bagdad zur offenen Empörung gekommen. Inzwischen hat das ganze Ministerium sein« Demission eingereicht. Als Nachfolger im Großwestrat wird Hukki Bey» Ge- sandter in Rom, genaimt. Indien» Das Erwachen der Arbeiterschaft. Genosse Macdonald, der von seiner Studienreise in Indien nach Englaitd zurückgekehrt' ist, berichtete in einer Versammlung in L ei c est er über seine Erfahrungen. DaS Jndustrieshstem setze sich in Indien in derselben Weise durch wie vor 100 Jahren in Eng- land. Man habe die Laudbevölkerung vom Boden getrennt und in die Städte gezogen, wo nun neben Männern und Frauen Kinder bis zu sechs Jahren herab in den Fabriken arbeiten. Er erzählte, daß die indische Arbeiterschaft mit größter Teil- nahnie die Tätigkeit der englischen Arbeiterpartei verfolge. Er wurde veranlaßt, in Bombay vor 1000 Arbeitern zu sprechen. Es wurde ihm versichert, daß mau hoffe, in nicht ferner Zeit Hand in Hand mit der Arbeiterschaft aller Länder zu arbeiten. Auch dem politischen Kampfe, der sich in England abspielt, werde das größte Interesse entgegen- gebracht. Alle Klassen wünschten den Sieg der fortschrittlichen Regierung._ Hus der partei* Erfolgreiche sozialdemokratische Kritik. Der Karlsruher„Volksfreund" teilt mit: Die vielen in der letzten Zeit durch unser Blatt gegangenen B e s ch w erden wegen der Nichtberücksichtigung der Arbeiter bei der Berufung von Schöffen haben das Justiz in inisterium veranlaßt, Erhebungen darüber zu machen. Die Gerichte sind angewiesen, die Zahl der zum Schöffenamt nach den Urlisten berufenen Personen anzugeben und die Zahl der darunter befindlichen Arbeiter zu bezeichnen. Ferner ist die Zahl der im vorigen nnd in diesem Jahre aus der Wahl hervorgegangenen Arbeiter festzustellen. ES kommt auf jede Stimme an k Die ,, Weimarer Volks zeitung" schreibt: Wie oft ist schon bei Wahlen diese Mahnung an Säumige erfolgt und doch lviederholt sich bei jeder Wahl die gleiche Geschichte: Es gibt eine ganze Anzahl Nachlässige und Gleichgültige, die entweder nicht zur Wahl gegangen sind oder die nicht die Wählerlisten ein- gesehen hatten und nachher ihr Wahlrecht nicht ausüben könnt«». Wie sehr eS aber auf jede einzelne Stimme ankommt, das beweisen die S tich w a h lr e s u Ii a t e in Sachsen- Weimar. In zusammen drei Wahlbezirken fehlen nur 31 Stimmen und es säßen drei Sozialdemo- kraten mehr im zukünftigen weimarischen Landtage! Im 16. Wahlbezirke fehlten unserem Kandidaten 4, im 20. Bezirk 22 und im 23. Bezirk 57 Stimmen!— Hätten diese nicht einmal 100 Stimmen in drei Wahlbezirken nicht noch aufgebracht werden können? Wir glauben, es wäre möglich gewesen, und«vir hätten drei Sitze mehr gehabt...._ Der König der Belgier und die Sozialisten. Der Brüsseler Korrespondent der„Franks. Ztg." erzählt: Während deS Einzuges des Königs flatterte von einem Haufe die rote S o z i a l i st e n f a h n e und an ihrer Spitze war ein Trauerflor angeheftet. Der König stutzte. Aber sofort sägke man ihm, daß dieser Trauerflor wegen des Todes des sozialistischen Abgeordneten F o i s s o n angebracht worden sei. Ohne Pose und mit emfacher Würde grüßte nun Albert die sozialistische Fahne mit dem Trauerflor. Wir fragen uns. was unter ähnlichen Umständen in Deutschland geschehe» wäre. SozuIcq* (Siehe auch 1. Beilage.) Kampf«in die Invalidenrente. Die Arbeiterin Auguste St. aus M. litt feit ihrer frühesten Jugend an Lähmungen. Diese hinderten sie jedoch nicht, als Näherin einer Beschäftigung nachgehen zu können. Nachdem sie bereits die durch das Alters- und JnvaliditätsversicherungSgesetz festgesetzte Wartezeit zurückgelegt hatte, verschlimmerte sich ihr Zu- stand derartig, daß sie jegliche Beschäftigung aufgeben mußte. Frau St. erhob nunmehr bei der Landesversicherungsanstalt Brandenburg Ansprüche auf Gewährung der Invalidenrente. Mit diesem Anspruch wurde sie jedoch abgewiesen, weil wohl 110 Bei- tragswochcn nachgewiesen seien, diese aber auf die Wartezeit nicht angerechnet werden könnten, da nach den angestellten Ermitte- lungen Frau St. niemals erwerbsfähig im Sinne des Gesetzes und deshalb nicht versicherungspflichtig gewesen sei. Sanitätsrat Dr. M.. der die Antragstellcrin seit langer Zeit kannte, bescheinigte jedoch, daß sie trotz ihrer LähmungScrscheinun- gen sehr wohl in der Lage war, Arbeiten nachgehen zu können, durch die sie mehr als das gesetzliche Lohndrittel berdicncn konnte. Hinzu kam, daß Frau St. ja tatsächlich Arbeiten zu nahezu vollem üblichen Lohn verrichtet hat. Auf eingelegte Berufung holte das Schicds- gericht für Arbeiterversicherung ein Gutachten vom Professor Dr. Th. ein. Dieser erklärte, es sei wohl denkbar, wie ja auch im vorliegen- den Falle bestätigt werde, daß eine seit längerer Zeit kranke Person noch regelrechter Beschäftigung nachgehen könne; das um so mehr, wenn passende Arbeitsgelegenheit vorhanden sei. Auf Grund dieses Gutachtens verurteilte das Schiedsgericht die Landcsversichcrungsanstalt zur Zahlung der Invalidenrente. Die Verurteilte legte Revision ein. Das Reichsversicherungsamt erklärte die Entscheidung des Schiedsgerichts für zutreffend und ohne Ueberschreitunß des freien Ermessens gefaßt. So kam Klägerin dann endgültig nach nahezu zwei Jahren in den Genuß der Invalidenrente. �.... Gewerftfcbaftlichce. Relferebelfcr des Rerrn Lebius. Zu unserer gestrigen Notiz„Ist Lebius ein Ehrenmann' wird UNS von einem bekannten und angesehenen Journalisten geschrieben: „Die Nummer des unter Ausschluß der Oeffentlichkeit er- scheinenden„Bund", in der der Schriftsteller Karl May von Lebius als Räuberhauptmann und selbstverständlich gleichzeitig als Sozial- demokrat geschildert wird, hat Lebius, blau angestrichen, an alle Korrespondenzen geschickt. Die Korrespondenz S. n. H. sSchweder und Kertzsch) hatte dann auch nichts Eiligeres zu tun, als dem Lebiusschen Elaborat sofort weitere Verbreitung zu geben. Alle anderen Korrespondenzen erachtete» es selbstverständlich unter ihrer Würde, Herrn Lebius als Sprachrohr zu dienen. Es liegt jedenfalls im Interesse aller ZeitungSlorrespondenzen, dies ausdrücklich fest- zustellen, und zwar schon deshalb, damit Herr LebiuS nicht etwa auf den Gedanken kommt, anständige bürgerliche Journalisten ließen sich herbei, ihm als Sprachrohr zu dienen.' Berlin und Umgegend. Die im Geinelndcarbeiter-Berband organisierten Angestellten in de» Privat-Badeanstaltcn beschlossen in ihrer Generalversammlung, von einer Kündigung des Tarifvertrages, der noch bis zun« 31. März 1910 Geltung hat, abziisehen. Wird er von Unternehmerseite nicht gekündigt, so läuft er ein Jahr weiter. Veutfcbes Reich. Vereinigung des Schmiedeverbnndes mit dem Metall- arbeiterverbande. Wie wir der„Metallarbeiter-Zeitnng" entnehmen, fand Ende September in Hamburg eine Konferenz der Borstände oben- genannter Verbände statt, die sich mit dem Ucbertritt des Schmiede- Verbandes zum Metallarbeiterverband beschäftigte. Die Verhandlungen führten zu keinem positiven Ergebnis. Die Vorstände beider Ver- bände kamen dahin übcrein, daß der Vorstand des Schmiede- Verbandes die vom Vorstand des Metallarbeiterverbandes gemachten Vorschläge seinen Mitgliedern zur Diskussion und Stellungnahme n>it den übrigen Anträgen zum Berbandstag unterbreiten wolle. Dies geschieht nun auch in Nr. 1 des Jahrgangs 1910 der„Schmiede- Zeitung". Nach diesen Vorschlägen würden die zum Metallarbeitervervand übertretenden Mitglieder des Schmiedeverbandes in die� gleichen Rechte eintreten, die auf Grund der Dauer der Mitgliedschaft der Metallarbeiterverband seinen Mitgliedern gewährt. Die bisherigen Mitglieder des Schnnedcverbandes wären vom Eintrittsgeld befreit, die bisher im Schmiedeverbande gezahlten Beiträge ivürden ihnen aufgerechnet und sie wären den geleisteten Beiträgen entsprechend unter- stütznngSberechtigt. Dabei soll den Schmieden völlige Bewegungsfreiheit als Seknon innerhalb de-? Metallarbeiterverbandes gewährleistet werden. Ferner übernimmt der Metallarbeitervcrband die jetzt im Schmiede- verband besoldeten Angestellten, wobei besonders berücksichtigt werden soll, daß die bisher im.Schmiedeberuf agitatorisch täUgen Gau- bevollmächtigten auch fernerhin diese Funktionen ausüben. Nach er- folgtem Uebertritt würde der Metallarbeiterverband statistische Er- Hebungen über die Erwerbsverhältnisse im Schmiedegewerbe vor- nehmen, das gewonnene Material in einer Broschüre veröffentlichen, und nachdem eine Konferenz für die Schmiede einberufen, in der diese Erhebungen besprochen werden sollen. Der Beschluß über den Ileberwitt bleibt dem am 22. Mai in München tagenden Verbandstag de? Schmiedeverbandes vor- behalten. Wird der Uebertritt von den Delegierten des Schmiede- Verbandes beschlossen, so wäre damit manche üble Grenzstreitigkeit beseitigt._ Organisationserweiternng. Jni Verbandsorgan des Steinarbeiterverbandes hat seit Wochen eine lebhafte Debatte wegen der Organisierung der Hilfsarbeiter eingesetzt. Die letzte Berufs- und Gciverbezählung ergab, daß in der deutschen Steinindustcie 160 939 Personen beschäftigt sind. Der Steinarbeiterverband zählt aber erst 17 344 Mitglieder; in anderen Verbänden dürften insgesamt noch 3999 Arbeiter organisiert sein. Der qualifizierte Steinmetz wird durch die Einführung des Kunststeines immer mehr verdrängt, die Zahl der Hilfsarbeiter ist dagegen gestiegen. Diese Arbeiterkategorie mutz zu sehr niedrige» Löhnen arbeiten, und daher ist es notwendig, daß im Steinarbeiterverband außer den Beitrags- klaffen von 45,'b9 und 55 Pf. noch solche von 35 und 49 Pf. ein- geführt werden. Wenn diese Neuerung eingeführt ist, dann ist zu hoffen, daß genannter Verband ans einen größeren Mitgliederzuwachs rechne» kann. Die Stundenlöhne in der Steininduslrie schwanken zwischen 18 und 85 Pf. Es ist deshalb sehr begreiflich, wenn für die Hilfsarbeiter niedrigere Beiträge eingeführt werden. Die Breslauer Klempner beschlossen einstimmig, den mit der Zwangsinnung vereinbarten Tarif, der noch bis zum 1. April 1919 Gültigkeit hat, zu kündigen. Da die neuen Forderungen durchaus mäßig sind, so ist zu hoffen, daß ein neuer Tarif abgeschlossen wird.' Die Breslauer Tapezierer beschlossen ebenfalls einmütig, den am 23. Februar nächsten JahreS ablaufenden Tarif nicht mehr zu erneuern.._ Lohnbewegungen der Brauereiarbeiter. Eine äußerst zahlreich besuchte Versammlung der Brauerei- arbeiter in Karlsruhe beschloß, den im Jahre 1996 zwischen dem Brauereiarbetterverbande und dem Vereine der Brauereien von Karlsruhe und Umgegend abgeschlossenen Tarifvertrag, der für alle Brauereiarbeiter Gellung hat und am 1. April 1919 abläuft, zu kündigen, und den Uniernehmern neue Vertragsbedingungen zu unterbreiten. Gleichzeitig kündigten auch die Brauereiarbeiter in Pforzheim, deren Tarifvertrag zum gleichen Zeitpunkt abläuft und die sich in der Zwischenzeit der Zahlstelle Karlsruhe an- geschloffen haben. Die Tarifbewegung erstreckt sich demnach auf die Orte Karlsruhe, Pforzheim, Durlach, Ettlingen und Mühlacker. Die Branereiarbeiter in Frankfurt a. M., die ebenfalls in der Tarifkündignng stehen, haben in einer außerordentlich stark be- suchten Versammlung dem ihnen vorgelegten Entwürfe zugestimmt. ES wird darin gefordert: Verkürzung der Arbeitszeit von zehn auf neun Stunden für sämtliche Kategorien mit Ausnahme der Bier- fahrer; ferner Erhöhung der Löhne von 27 auf 31 M. bezw. von 39 auf 34 M. mit Ausnahme der Hof- und Hilfsarbeiter. Mitfahrer und Flaschenkellerarbeiter; für diese wird gefordert: 28 bis 31 M. gegen bisher 22 bis 25 M. Außer sonstigen Verbesserungen wird auch ein Urlaub ohne Lohnabzug bis zu 6 Tagen gefordert, der bis- her in Frankfurt noch nicht besteht. Die Tarifbewegung im Holzgewerbe. Die Leipziger Fabrikanten der Musikbranchc waren bisher„prinzipielle" Gegner von Tarifverträgen und lehnten darum auch im Jahre 1997 einen Tarifabichlnß für ihre Betriebe ab. Jetzt erschienen Vertreter derselben in der Verhandlungskommisfion der Vertragsparteien. Sie motivierten ihr Erscheinen damit, daß sie ihre Kollegen von der Bau- und Möbelbranche unterstützen wollten. Die Arbeiter wiesen diese Einmischung ab. und jetzt haben sich die Herren zu der Erklärung bequemt, den eventuell abzuschließenden Vertrag auch für ihre Betriebe anzuerkennen. Eine stark besuchte Versamm- lung der Musikinstrumentenarbeiter Leipzigs hat sich nun ebenfalls für den Abschluß eines Vertrages ausgesprochen und eine Kommifsion mit den nötigen Vorarbeiten betraut. In Düsseldorf fand eine Verhandlung zwischen den OrtS- Parteien statt, in welcher seitens der drei in Frage kommenden Arbeiter- organisationen(Deutscher, Christlicher Holzarbeiterverband und Ge- Verantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.: werkberein) Herrn S i e b e l und seinen Kollegen mit aller Deut- lichkeit gesagt wurde, daß die Entlassung einer größeren Anzahl Arbeiter während der Vertragsdauer— wie dieses in deni auch von uns veröffentlichten Schreiben angedroht war— als Vertragsbruch anzusehen sei und entsprechende Gegenniaßnahmen folgen würden. Die von den Arbeiterorganisationen ausgearbeiteten Forderungen sollen den Arbeitgebern sobald als möglich überreicht werden. In H i l d e s h e i m haben sich die Arbeitgeber bereit erklärt. den gegenwärtig geltenden Vertrag mit allen seinen für die Arbeiter ungünstigen Bestimmungen und niedrigen Löhnen auf weitere drei Jahre zu verlängern. Die Arbeiter haben dieses„freundliche" An- sinnen dankend abgelehnt, werden aber den Arbeitgebern ihre Wünsche rechtzeitig unterbreiten. Aehnliche Ansinnen wie in HildeSheim haben die Unternehmer in einer Reihe weiterer Orte gestellt, ohne die nötige Gegenliebe bei den Arbeiten« zu finden. Die Arbeiter sind der Meinung: ent- weder Verträge mit den nötigen Verbesserungen oder— keine Ver- träge, selbst wenn dies den Herren vom Schutzverbande nicht paßt. Bemerkenswert ist noch, daß in einer Anzahl Orte die Verträge von den Ortsvorständen gegen den Willen der Mitglieder des Schutz- Verbandes gekündigt sind und diese sich in heller Auftegung darüber befinden. Die Arbeiter des Holzgewerbes betrachten diese Tinge mit Gemütsruhe, rüsten aber um so eifriger, weil sie nicht wiffen können, wie sich die Dinge weiter entwickeln. Achtung, Glasschleifer! Die Firnia H e l le n t h a l u. C o. in Leipzig hat sämtliche organisierte Glasschleifer, Polierer und Be- leger entlassen. Die Firma hat den mit den Arbeitern abgeschlossenen Tarifvertrag gebrochen und versucht, unorganisierte Leute unter Um- gehung des Arbeitsnachweises einzustellen. Da die Firma, die an verschiedenen Orten Filialen besitzt, überall gegen die Organisation vorgeht, wird hiermit besonders auf sie aufmerksam gemacht. Vor allein ist Zuzug nach Leipzig streng fernzuhalten. Tarifbewegung in der Holzindustrie Bayerns. Nachdem der Arbeitgeberschutzverband für das Holzgewerbe alle zum Ablauf kommenden Tarifverträge gekündigt hat und bereits Verhandlungen mit den in Betracht kommenden Organisationen der Arbeiter angebahnt sind, ist das Bestreben des Arbeitgeberschutz- Verbandes nun darauf gerichtet, das Kampsfeld nach Möglichkeit zu erweitern. Zu diesem Zwecke werden nun auch in solchen Orten, wo bisher keine Tarifverträge bestehen, durch die Bezirksverbände des Arbeitgeberschutzverbandes den Arbeiterorganisationen Ver- tragsentwürfe vorgelegt und auf Abschluß eines Tarifes gedrungen. Auch verfolgte der bayerische Unternehmerverband, der bisher ge- sonderte Verträge hatte, das Bestreben, in die allgemeine Tarif» bewegung hineinzukommen. So wurde auch in Augsburg dem Vorsitzenden der Zahl- stelle des Holzarbeiterverbandes ein Vertragsentwurf zugesandt und derselbe zu Verhandlungen aufgefordert. Dieser von den Meistern „freiwillig" angebotene Entwurf soll auf drei Jahre abgeschlossen werden. Anstatt daß er aber die angesichts der viel teurer ge- wordenen Lebenshaltung dringend notwendigen Verbefferungen bringt, sollen durch den Entwurf eine Reihe von Ver- schlechter» n gen durchgeführt werden. Auch ist nicht die geringste Erhöhung der im Gegensatz zu viel kleineren Städten für Augsburg viel zu niedrigen Löhne vorgesehen. Trotz- dem erklärten sich die Arbeiterorganisationen bereit, in Verhand- lungen einzutreten, als von feiten der Unternehnierorganisationen der eingereichte Tarif wieder zurückgezogen wurde mit der Erklärung, daß in den nächsten Tagen ein anderer Tarif vorgelegt werden wird. Es ist nicht anzunehmen, daß der in Aussicht gestellte abgeänderte Tarif für die Gehilfen Zugeständnisse bringen wird. Die Holzarbeiter Augsburgs aber werden unter keinen Umständen einem Tarif zustimmen, der nicht angemessene Beußesseruiigen der Lohn- und Arbeitsverhältnisse mit sich bringt. ZZusUmd. Der Lohnkampf der Straßenbahner von Kopenhagen. Der VermittelungSversuch des früheren Bürgermeisters Jacob! zwischen den Straßenbahngesellschaften von Kopenhagen und ihren Angestellten ist gescheitert. Kurz vor den Feiertagen waren der Organisationsvorsitzende der Straßenbahner Niels Hansen und der Straßenbahndirektor Nörregaard zu Jacobi geladen, um sich über die Grundlagen der Vermittelnng auszusprechen. Da erklärte der Straßenbahndircktor, wenn die Stadt die Uebernahme der Straßenbahnen ablehne, würden die Gesellschaften erst im nächsten Winter zu Verhandlungen über die Lohnforderungen bereit sein und nicht, wie der VermittelungSborschlag besagt, schon im Sommer. Denn— so erklärte der Direktor geradezu— der Sommer sei eine allzu günstige Zeit für die Angestellten zu einem eventuellen Streik.— Die Straßenbahner haben selbstverständlich keinen Grund, ihren offenbar unvermeidlichen Lohnkamps auf Wunsch des Unternehmertums nn, ein ganze? Jahr hinauszuschieben und sich bis dahin mit den bestehenden elenden Lohn- verhältnisten zufrieden zu geben. Ihre Forderungen gehen darauf hinaus, mit den städtischen Angestellten, deren Löhne auf 1399 bis 1899 Kronen im Jahre festgesetzt sind, gleichgestellt zu werden. Jetzt erhalten sie nur 1199 bis höchstens 1599 Kronen. Der höchste Lohn ist also nicht einmal 29 Kronen die Woche, der niedrigste gar nur 21,41 Kronen, und das gilt für das fahrende Personal. Es wird nun dieser Tage nochmals zu Verhandlungen kommen, nämlich zwischen den Hauptorganisationen beider Parteien, dem Gesamtverband der Gewerkschaften und der dänischen Arbeitgeber« vercinigung. Eine Einigung wird jedoch auch dabei kaum möglich sein. Das Unternehmertum und die Kapitalisten wollen den Kampf, und die Gesellschaften haben sich jedenfalls schon im voraus mit der Arbeitgcbervereinigung darüber verständigt, daß sie nicht nach- geben wollen.______ Huö Induftrie und Handel Zuckertantiemen. Die Zuckerindustrie gehört zum größeren Teil zu den agrarischen Interessengebieten. Und die Zucker- Aktiengesellschaften präsentieren sich durchweg in einer glänzenden finanziellen Verfassung. Auch die Tantiemenpolitit weiß man hier zu handhaben. Dafür nachfolgende Ausstellung als Beweis. Die aufgeführten Summen enthalten zum Teil auch die Vorstandstantiemeu und Gratifikationen. _ 3 849 394 M. 86,6 Mill. Uh. Glocke, Berlin. Druck U.Verlag: Vorwärts Buchdr.u.BerlagSanstall Also in siebzehn Gesellschaften 3 849 394 M. an fichtbaren Tantiemen in einem Jahre! DaS Kapital der zusammengestellten Gesellschaften beträgt 36,6 Millionen Mark. Welchen Wert diese agrarischen Herren AufsichtSräte haben, zeigt ein Einblick in eine Gesellschaft: die Zuckerfabrik Kruschwitz. Bei der jüngstvergangenen Generalversammlung beantragte die Verwaltung des Betriebes, statt einer Dividende von 29 Proz., wie es der Reingewinn zuließ, nur eine solche von 22 Proz. zu zableu, die dadurch erübrigten 173 383 M. sollten als Extrageschcnk an die Rüben- lieferanten für die außerordentlich gute Ernte gezahlt werden. Dagegen wurde durch einen Aktionär Protest eingelegt. Er führte aus, daß die Rübenlieferanten wegen der außerordentlich zucker« haltigen Rübenernte des vergaiigenen JahreS schon ihre kontraktlich festgelegten Preise und außerdem besondere Nach- Zahlungen erhalten hätten, es drücke sich in dieser Erhöhung pro Zentner Rüben ein Mehrgewinn von 5,69 M. gegen das Borjahr aus. Der eigenartige Wunsch der Verwaltung und des Aufsichtsrates ist befremdlich— erklärlich: die Mitglieder des Aufsichtsrates sind zum Teil die Nübenlieferanten selbst. Ihnen sollten die 173 999 M. Extrageschenk zugesichert werden! Für den Antrag hatte auch ein Vertreter eines Aufsichtsratsmitgliedes gestimmt, der jährlich für 199 999 M. Kalk an die Fabrik liefert. Und es wurde den Wünschen deS Aufsichtsrats gemäß beschlossen. Die Herren erhielten also als Aktienbesitzer 22 Proz. Dividende, als Rübenlieferanten einen pro Zentner um 5,69 M. höheren Preis, dann 173 990 M. Extrageschenk und 117 999 M. als Tantiemen! Ein feines Geschäft! Ja, die Agrarier wiffen Bescheid mit der AufsichtsratSpolitik. Schrecklich. Der Zentralverband der Kohlenhändler hat sich schön öfter als politischer Wau-Wau bemerkbar gemacht. Wenn cs nach ihm ginge, mühten Schwefel und Pech niederfallen, um das Gift des Komntunismus unschädlich zu machen. Den Hansabund hat er mit einem Schreibebrief beglückt, in dem cs unter anderem heißt: „... Der Hansabund erfüllt seine Mission ganz, wenn er in diesen Kreisen der Groß- und Kleinproduzenten, des Groß- und Kleinhandels die Solidarität weckt. Dazu gehört aber ein Verzicht auf die bisherigen„kleinen" Mittel und an deren Stelle ein kraftvolles Wirken gegen alle Verhältnisse, die für die Viel- heit der Selbständigen Ausschaltung der Existenz bedeuten. Wir machten uns zum Interpreten aller Detaillisteninteressen. Es ist nötig, daß sich Produzenten und Händler besser verstehen lernen und allmählich die Ueberzeugung in diesen Kreisen reift, daß zu einem politischen Schutz auch ein wirtschaftliches Entgegenkommen gehört. Die Handels- und Gewerbetreibenden werden am Ende doch eine Riesenorganisation schaffen müssen, die im nahe rückenden Entscheidungskampf mit den Arniecn der Angestellten usw. die Führung zu übernehmen hat. Diese Organisation ist der Hansabund. Es bleibt zuletzt ein frommer Wunsch, die Beamten in den Hansabund einzuverleiben. Alle Festbesoldeten usw. werden immer und ewig nehmen und niemals geben. Wer bürgt uns dafür, daß diese Volksteile den Kommunismus in praxi nicht schon jetzt einführen werden. Die Konsumvereine, Ge- nosscnschaften verlassen schon das Gebiet des gemeinsamen Ein- kaufs und gehen zur Eigenproduktion über, stellen aber nebenher neue Forderungen auf, die das noch bestehende freie Unternehmer- tum treffen." Die Auslassung ist nicht nur als Bekenntnis einer schönen Seele interessant, sondern auch als eine Kennzeichnung des Hansa- bundes. Was man von diese»! erwartet, was man ihm als seine Aufgabe deklariert— ohne Widerspruch zu finden—, kann in puncto Rückständigkeit kaum noch übertroffen werden. „Nur" 25 Prozent Dividende erhalten die Aktionäre der Metall, gesellschaft Frankfurt a. M. aus dem letztjährigen Reingewinn in Höhe von 5 023 358 M. Erhöhte Dividende. Die Paggon- und Maschinenfabrik A.-G. v. Busch in Hamburg-Bautzen, die im vergangenen Jahre 12 Proz. Dividende(auf Stammaktien 7 Proz.) verteilte, schüttet diesmal 14 Proz. aus(auf Stammaktien 9 Proz.) Bei Lieferungen an den Fiskus scheinen überall gute Geschäfte gemacht zu werden, Letzte JVacbncbtcn und Depelcben. Die clsaß-lothringischcn Lehrer protestieren. Straßburg i. E., 29. Dezember.(B. H.) Die heute hier tagende Bertretcrversammlung der elsaß-lothringischcn Lehrer, vereine beschloß den Anschluß aller elsatz-lothringischen Lehrer- vereine an den deutschen Lehrervercin. Ferner nahm diq Generalversammlung eine Resolution an, in der gegen da» Bor« gehen der beiden Bischöfe und gegen den Eingriff in die staatS« bürgerlichen Rechte der Lehrer energischer Protest erhoben wurde. AuS der französischen Dcputiertenkammcr. Pari», 29. Dezember.(W. T. B.) Die Dcputiertcnkammcr- nahm bei der heute nachmittag fortgesetzten Beratung der Vorlage betreffend die Reform des Zolltarifs einen Zusatznntrag an, nach welchem jeder Industrielle oder Handeltreibende. der mehr als fünf Arbeiter beschäftigt, die ihrer» Wohnsitz nicht in Frankreich haben, einer be« sonderen Steuer unterworfen wird, deren Betrag durch das Finanzgesetz festzusetzen ist. Schließlich wurde auch der letzte Artikel der Vorlage angenommen, nach welchem das Gesetz am 31. März 1919 in Kraft treten soll. Im weiteren Verlaufe der Beratung sprach der Handelsminister über das Gesetz betreffend die Revision des Zolltarifs. Die Borlage wurde mit 465 gegen 42 Stimmen angenommen. Auf einen Antrag Compere-Mvrels. der die Kammer zu einer Resolntion zugunsten der Wiederanstellung eines wegen seiner Propaganda für die Beamtensyndikate entlassenen Postunter- bcamten veranlassen will, erklärte Ministerpräsident Brian d. die Freiheit der Bcamten muß beschränkt werden aus Gründen der Autorität(!), die ihnen selbst gegeben ist. Wie ich be- reits bor einem Monat gesagt habe, ist cs nicht Sache der Kammer, Beamte wieder einzusetzen und ein Votum dieser Art würde ein Mißtrauensvotum bedeuten. Keine Regierung würde die vorgeschlagene Resolution annehmen können, ohne darüber zu Fall zu kommen. Die Kammer lehnte die Resolution Compere-Morrl mit 343 gegen 114 Stimmen ab. Selbstmord eine» rnsfische» Revolutionär». Paris, 29. Dez.(W. T. B.) Im hiesigen Gefängnis erhängte sich der wegen Erzeugung von Sprengstoffen verhaftete russische Revolutionär Berlinow, der demnächst mit seinem Mit- schuldigen Martinow vor dem Pariser Zuchtpolizeigericht erscheinen sollte. Er soll die Auslieferung an Rußland gefürchtet haben. Unwetter in Süddeutschland. Karlsruhe. 29. Dezember.(B. H.) Beängstigende Nachrichten gehen aus allen Teilen des Reiches über ein bedenkliches Steigen der Flüsse ein. Besonders bedrohlich ist die Situation seit gestern im Schwarzwald. Der Neckar ist über die Ufer getreten und hat weithin große©tbrete unter Wasser gesetzt.__ Boul Singer& To,, Berlin S W. Hierzu 3 Beilagen u. IluterhaltungSbl, it.304. 1. Atüllßt iica„Porillürtö" Jctünct Pollioliliit}. s-..»k'->°j>M.?Mwlgo9. Nelgilcher Gewtrhkftaftskongreß. Brüssel, den 27. Dezember.(Eig. Ber.) In den Weihnachtstagen hat wie alljährlich der Kongreß der Gewerkschastskommisfion der Arbeiterpartei und der unabhängigen Gewerkschaften Belgiens stattgefunden. Vertreten waren 1S7 Gruppen durch 210 Delegierte. Der Bericht für das abgelaufene Jahr der- zeichnet einen weiteren Fortschritt der Zentralisation. 1909 haben die bezeichneten Organisationen für 71 098 Mitglieder Beiträge ge- zahlt, gegen 67 418' im Jahre 1908. Von besonderer Bedeutung ist, daß die Tendenz für den Anschluß in der bisher separatistischen Bergarbeiterschaft immer mehr durchdringt. So hat schon die Bergarbeiterföderation von Charleroi mit 8090 Mi.gliedern ihren Anschluß erklärt. Die Föderation des Lütticher Beckens wird noch im Laufe des Januar nachfolgen. Nur die Bergarbeiter des B o r i n a g e und der unteren Sambre bleiben noch abseits stehen.— Ebenso ist in Antwerpen soeben ein wichtiger Schritt in der Richtung der gewerkschaftlichen Einigkeit gemacht worden. Am 23. Dezember traten die Vertreter der unabhängigen Gewerkschaften und die der sozialistischen Gewerkschaften dieser Stadt mit den von ihnen eniannten Schiedsrichtern zusammen. Nach langer Debatte wurde einstimmig der Entwurf einer Ver einbarung angenommen, der in den Versammlungen der beiden Gruppen von den Schiedsrichtern: Van Z utp h en, Präsidenten der Diamantarbeitergewerkschaft von Amsterdam, und Camille Huys- M a n S. Mitglied der Gewerkschaftskommission, vertreten worden sind. Hoffentlich wird diese Vereinbarung einen dauernden Frieden in der von erbitterten inneren Kämpfen so lange zerrütteten Antwcrpencr Arbeiterorganisation begründen. Die G e w e r k s ch a s t s p r e s s e hat im berfloffenen Jahr gleichfalls einen Aufschwung genommen. Im ganzen wurden von den verschiedenen Fachblättern 1 224 730 Nummern gedruckt. Am ersten Verhandlungstag nahm zunächst eine DiSlusfion über die gewerkschaftliche Neutralität viel Zeit in Anspruch. Dioncre von den Brüsseler Buchdruckern forderte die strenge Durchführung der Neutralität. Die Berufs- verbände müßten auch die nichtsozialistischen Gruppen zulassen, denn nur so sei eine starke zentralistische Gewerkschaftsorganisation zu erreichen. Er beantragte eine Resolution, die aussprach, daß die nationalen Verbände alle Fachvereine aufnehmen sollten, die die in den Statuten der Gewerkschastskommisfion formulierten Grundsätze anerkennen. Die Frage des Anschlusses an die politische Partei sollte den Ortsgruppen überlassen werden. De Brouwer sBauarbeiter) trat für diese Resolution ein Die Gegenredner machten besonders geltend, daß die Frage nicht auf der Tagesordnung stehe und der Kongreß die Autonomie der Gewerkschaften nicht einschränken könne. HuysmanS erklärte, das Problem sei aktuell. ES gelte. eine Mißstimniung zu beseitigen, die die ganze Arbeiterbewegung Belgiens bedrücke. Die Einigung in Antwerpen sei perfekt, die der IS 000 Arbeiter Verviers stehe bevor. In der Abstimmung wurde über die Resolution Dioncre mit 48 gegen 33 Stimmen und einigen Enthaltungen der Uebergang zur Tagesordnung beschlossen. Hierauf folgte die Diskussion über die nationale Zentralkaffe für Streiks und Aussperrungen. Die Bergarbeiter sorderku, daß die von der Gewerlschaftökommiision beantragte Frist für den Anschluß lind zivar der 1. Januar 1910 für den fakultativen, der 1. Januar 1911 für den obligatorischen Beitritt erstreckt werde. Der Sekretär der Textilarbeitergewerkschaft beantragt himviederum den obligatorischen Anschluß der zentrali- sierten Gewerkschaften schon vom 1. Januar 1910. Schließlich wurde mit allen gegen 7 Stimmen ein Antrag S o l a u angenommen, der besagt, daß die Kasse unter dem Titel„Streik-RückversicherungSkasse" a», 1. Januar 1910 ins Leben treten und vom 1. Januar 1911 für alle an die Gewerkschaftskommission angeschlossenen Verbände und Zentralorganisationen obligatorisch sein soll. Beschlossen wurde weiter, daßdiese Kasse ausschließlich als W i d e r st an d s f o n d s sunktionieren soll, außerdem, daß die Gewerkschaftskommission den angeschlossenen Organisationen jede Unterstützung verweigern soll, wenn sie nicht lelbst einen Widerstandsfonds errichtet haben, der für vier oder sechs Wochen— je nachdem es sich um einen Angriffs» oder Ver- teidigungsstreik handelt— hinreicht. kleines feuilleron. Die Cholera im Jahre 1909. Das Jahr 1909 hat die uner- sreuliche Tatsache beschert, daß auf deutschem Bode» eine ganze Reihe von Cholerafällen vorgekommen sind. Selbst im Jahre 1903, als die Cholera in Petersburg besonders stark wütete, konnte ihr Vordringen über die Grenze völlig verhindert werden. Wenn dies im letzten Jahre nicht gelungen ist, so zeigt das nur, daß die Epidemien sich verhältnismäßig langsam ausbreiten, dann aber auch mit einer großen Stetigkeit. Nun ist ja glücklicherweise von einer Epidemie in Deutschland nicht die Rede gewesen und es besteht nach wie vor die starke Hoffnung, daß eS zu einer solchen auch nicht mehr komnien wird. Immerhin ist es nützlich und notwendig, den Gang der Cholera im Ausland und namentlich im benachbarten Rußland ausinerksam zu verfolgen. Die russische Statistik, wie sie ein Bericht des„Lcrncct" wiedergibt, ist jetzt etwa bis Ende November abgeschlossen, und ihre Zahlen sind ganz dazu angetan, die bisher beobachtete Borsicht zu verlängern und zu bestärken. Daß im Winter die Cholerafälle ab- nehm«,,, ist ein allgemein gültiges Gesetz. Infolgedessen kann man aus dem Umstand,' daß Ende November in ganz Rußland nur 82 Erkrankungen und 39 Todesfälle an Cholera vorgekommen sind und daß auch die vorausgegangenen Wochen schon eine erhebliche Besserung zeigten, nicht den Schluß ziehen, daß die Epidemie in Ruß- land etwa überlounden und daß ihre Erneuerung im nächsten Frühjahr nicht zu befürchten sei. Die Ziffer» der Sommermonate sind viel höher, als man bisher erfahre» hatte. Im ganzen September be- ivegte sich die Zahl der Erkrankungen zwischen 1100 und 1400. die der Todesfälle um 850 in jeder Woche, und sowohl im August wie im Oktober waren die Zahlen nur um weniges niedriger. Wenn man nun bedenkt, daß die Verhältnisse im Russischen Reiche keine Gewähr dafür bieten, daß alle Cholerafälle zur Anmeldung und Buchung gelangen, so kann man wohl von einer sehr ernsten Epidemie sprechen. Die Gesamtziffern des Jahres 1909 bis zum 7. November werden für ganz Rußland auf 19 054 Er- krankungen nnd 8485 Todesfälle angegeben, wovon auf Petersburg 6184 bezw. 2308 entfallen. Auch die geographische Verbreitung ist außerordentlich ungünstig, denn man mutz eigentlich das ganze europäische Rußland als verseucht betrachten, und seit Ende August ist die Cholera auch in Sibirien aufgetreten. Petersburg ist noch immer am stärksten heimgesucht gewesen, demnächst das Gouvernement Witebsk. Es wäre ein großer Vorteil, wenn die Pilgerfahrt nach Mekka von Rußland aus gar nicht sehr besucht tvürde, da von dort sich immer die Epideniien durch Austausch unter den Pilgern weiter zu verbreiten pflegen. Auch sonst hat die Cholera im Jahre 1909 eine ziemlich weite Verbreitung gezeigt. Mir stellen die Daten kurz zusammen. In den letzten Augusttagcn lanien in Rotterdam 25 Fälle vor. denen in der nächste» Woche 20 weitere folgten. Auch in anderen Teilen Hollands ereigneten Bezüglich des „Korrespondcnzblatt" der Getverkschaftskommission wurden vielfache Wünsche geltend ge- macht, die auf den Ausbau zu einem Wochenblatt und Anstellung eines eigenen Redakteurs abzielten. Angenommen wurde ein von H u h s in ans vorgelegter Antrag des Bureaus, der bestimmt, daß die Gewerkschaften für alle Vorstandsmitglieder ein Abonnement zu nehmen haben. Die Gewerkschaftskommission wird beauftragt, die Frage des Ausbaues des Blattes zu studieren. Der Beschluß erhielt die Interpretation, daß die Organisationen ein Minimum von sieben Abonnements zu entrichten haben, was eine Auflage von 2800 Exeiw plaren sichern würde. Auf Antrag der Wagenmacher sBrüssel) wird eine Resolution angenommen, die den Uebertritt organisierter Gewerkschaftler zu einer andere» Gewerkschaft betrifft. Sie besagt, daß der organisierte Arbeiter, der seinen Bern gewechselt hat, in die Organisation seines neuen Berufes eintreten kann, wenn er mit seinen Beiträgen in Ordnung und mindestens drei Monate in seinem neuen Beruf tätig ist. Die unter diesen Be dingungen in die neue Gewerkschaft eintretenden Mitglieder haben Anspruch auf alle Rechte ihrer neuen Gewerkschaft nach Ab lauf einer dreimonatigen Frist, wenn sie drei Monate bezw. 13 Wochen Beiträge entrichtet und während dieser Zeit mindestens einen Monat in ihrem neuen Beruf gearbeitet haben. Bis dahin behält das Mitglied seine Ansprüche an die alte Gewerkschaft. Ueber die Nachtarbeit in den Böckereiea berichtet O c t o r S(Maison du Peuple), der in seinem Referat auf die in Frankreich wie in Belgien von den Klerikalen für die Ab schaffung der Nachtarbeit und der Sonntagsarbeit unternommene Kampagne verweist, die sich wohlweislich auf diese beiden Forderungen beschränkt, aber an die schlimmsten Mißstände im privaten Bäckergewerbe: die überlange Arbeitszeit, die gesund� heitsschädliwen Kellerwerkstätte» und die unhygienische' Ma»i pulation, nicht rührt. OctorS erklärt sich im Namen der Brüsseler Genossenschaft im Prinzip für die Abschaffung der Nacht arbeit und der SonntagSarbeit, aber unter der Bedingung, daß eine gesetzliche Reform nicht vor den Mißständen der kleinen Bäckereien Halt macht und mit den Arbeitszeiten von 11, 12 und 13 Stunden und den elenden Arbeitsstätten aufräumt. Die Taktik der Klerikalen richte sich gegen die sozialistischen Genossenschaften, deren Betriebs- und Materialkosten man erhöhen will, um ihre Konkurrenzfähigkeit zugunsten der kleinen Bäckereien zu lähmen. Die Reiorm darf sich nur aus der Basis der Gleichheit für alle Bäckereibetriebe durchsetzen.— Der Vertreter der Väckereigewerkschast Decock betont den Unterschied zwischen den Arbeitsbedingungen in den Arbeiter- bäckereien und in den Privatbetrieben. Wären die Arbeitsbedingungen überall so wie in den Bäckereien der Arbciter-Cooperativen. so könnten die Bäcker sich noch gedulden. Der nationale Verband der Bäcker will nicht, daß das Brüsseler.Maison du Peuple" und der Vooruit" in Gent mit der Aufhebung der Nachtarbeit beginnen. DieS soll auf dem Wege des Gesetzes geschehen. Der Kampf der Bäcker richte sich nicht gegen die Genossenschaften, sondern gegen einen Uebelstand. Heck stellt gegenüber den Ausführungen OctorS fest, daß der Verband der Nahrungsmittelarbeiter beschlossen habe, eher die Be- wegung einzustellen, als die Arbeitergenossenschaften zu opfern. Der Kongreß nahm zu diesem Punkte die Resolution OctorS an, die folgende Forderungen festhält: 1. Ab- chaffung der Nachtarbeit in allen Betrieben, auch Hort, wo der Unternehmer selbst arbeitet. L.Einschränkung der Sonntagsarbeit auf einen Halbtag mit voller Sonntags- ruhe für die Arbeiter an jedem zweiten Sonntag. 3. Acht- stunden tag. 4. Verbot, den Backofen in einem ~ e l l e r oder in einem anderen schlecht belichteten und ventilierten Lokal zu lassen. 5. Abschaffung des Handln et ens in einer Uebergangszeit von 5 Jahren. Im weiteren Verlauf der Verhandlungen nimmt der Kongreß noch Resolutionen betreffend die gesetzliche Beschränkung der Arbeit der Minderjährigen und Kinder, die >esetzliche Regelung der Heimarbeit sowie eine über >ie Errichtung von Arbeiterwohnungen an. Der Kongreß sprach erner den Wunsch aus, daß die sozialistische ParlamentSftaklion in der gegenwärtigen Session einen Entwurf einbringe, der die Er- höhung der Arbeiterpension von 68 Centimes auf mindestens einen Frank pro Tag erhöht.' ich vereinzelte Fälle; der letzte wurde am 25. Oktober ge- meldet. Ebenso zeigte sich die Cholera in Belgien, und Ende Oktober wurden aus der Umgebung von Antwerpen neun Er- krankungen mit sechs Todesfällen gemeldet. Ferner ist einiger Fälle in Galizien und Mähren zu gedenken. Der nähere Orient jat zwar nicht unter dem Zeichen einer starken Epidemie gestanden, ist aber durchaus nicht cholerafrei gewesen. Als End- ergcbnis dieser Uebersicht kann hervorgehoben werden, daß die Länder Europas mit Ausnahme Rußlands sich bisher immer noch ähig erwiesen haben, die Entstehung einer Choleraepidemie inner- halb ihrer Grenze zu verhüten, und schließlich muß auch die Besse- rung der Verhältnisse in Rußland hervorgehoben werden. Wieviel Mohammedaner gibt es? Die Zahl der Mohammedaner wftd auf 260 Millionen geschätzt. Zu etwa demselben Resultat, nämlich 270 Millionen, kommen jetzt, wie der„Globus" berichtet, türkische Zeitungen. Allerdings bleibt hier jede Berechnung unsicher, weil für sehr weite Gebiete eine einigermaßen verläßliche Statistik ehlt. Nach jener Schätzung kommen 27 Millionen Bekenner des Islam aus das Türkische Reich, nämlich 3 Millionen auf die europäischen und 24 Millionen auf die asiatischen und afrikanischen Provinzen. 600 000 Mohammedaner lebe» in Bosnien und in der Herzegowina, 100 000 in den Balkanstaaten. Viele Moham- medaner gibt es im Russischen Reich, nämlich 24 Millionen bei einer Gesamtbelvohnerschaft von 135 Millionen; 14 Millionen davon verteilen sich ans das europäische, 10 auf das asiatische Ruß- land. DaS englische Indien zählt unter 250 Millionen Bewohnern 60 Millionen Mohammedaner, China deren vielleicht 40 Millionen. Auf Persien, Afghanistan und das unabhängige Arabien mögen 20 Millionen entfallen. Java und einige, Nachbarinseln sind fast ganz von Jüngern des Islam besetzt, nämlich von 25 Millionen. 500 000 kommen auf die Philippinen. In Afrika ist der Islam die herrschende Religio» geworden und er macht hier noch beständig Fortschritte. Der Zahl seiner Anhänger nach ist er hier aber am 'chwersten zu schätzen; sie mag zwischen 65 und 70 Millionen chwanken. Außer in Nordafrika, der Sahara und dem Sudan leben Mohammedaner in Ostafrika und auf de» ostafrikanischcn Inseln, darunter auf Madagaskar. Einige Tausend Mohammedaner ent- 'allen ans Nord- und auch Mittel- und Südamerika. Schirfipulver als Genusimittel. Der Erfinder des Cordite, des in der englischen Marine eingeführten rauchschwachen fadenförmigen Schießpulvcrs. hat bei der Schaffung des furchtbaren Explosivstoffes, das bestimmt ist, im Kriege Menschen zu zerfleischen, wohl kaum daran gedacht, daß er zugleich eine Delikatesse ersonnen habe, die in Friedenszeiten als besonderer Leckerbissen von den Jüngern des MarS gewürdigt werden würde. Aber diese merkwürdige Tatsache, o erzählt der„Gaulois", ist unzweifelhaft bewiesen durch die Untersuchung, die die britischen Militärbehörden jetzt ver- anstaltet haben. Dabei ergab sich, daß die englischen Krieger sich allmählich daran gewöhnt hatten, die Corditefäden issomentdilaer aus äcr Kerliner Arbeiterbewegung int Jabre 1909. Der schnöde Raub, den die bürgerliche Mehrheit der Stadt- verordneten in Rixdorf am Gemcindewahlrccht der Arbeiterklasse verübte, rief in den letzten Tagen des Jahres 1903 die berechtigte Entrüstung der gesamten Arbeiterschaft wach. Ein erfreuliches Ereignis, welches ebenfalls das kommunale Gebiet berührt, stand gleich am Anfang des Monats Januar des neuen Jahres. Am 2. konnte Genosse Singer auf eine 25jährigc Tätigkeit in der Berliner Stadtverordnetenversammlung zurückblicken. Eine Deputation, an der Spitze der Stadtverordnetenvorstcher, über- reichte dem Jubilar eine Adresse. Am 5. fanden sieben öffentliche Gewerkschaftsversammlungen statt mit den: Thema:„Der gelbe Sumpf." Das arbeiterfeindliche Treiben des Renegaten Lebius innerhalb der gelben Vereine wurde aufgedeckt an der Hand von Briefen, welche beweisen, daß die Gelben nichts sind als eine Schutztruppe des Unternehmertums. Am 5. stand auch der„Vorwärts" vor Gericht in der Person des Genossen Weber, der wegen angeblicher Beleidigung eines ober- schlesifchen Schulinfpektors zu 50 M. Geldstrafe verurteilt wurde, obgleich das Gericht anerkannte, daß der betreffende Schulinspcktor ein schroffer Vorgesetzter sei, der in einzelne» Fällen- sogar taktlos gehandelt habe. Am 12. nahm eine Versammlung der Berliner GcwerkschaftS- komniission, der Parteileitung von Groß-Berlin und der sozial- demokratischen Stadtverordneten Stellung zur Arbeitsloscnfrage und bcschlosi, durch die Arbeiterschaft Berlins eine Zählung der Arbeitslosen mittels Hauslisten vornehmen zu lassen. Am 14. erhob eine Versammlung der Tabakinteressenten Pro- test gegen die von der Regierung beabsichtigte Erhöhung der Tabak- steuer. Am 15. wurden bei den Gemeinbewahlen in Pankow zwei Ge- »offen in die Gemeindevertretung entsandt, zwei andere Genossen kamen in Stichwahl. Am 17. beschloß eine Konferenz von Vertreterinnen des Ver- eins der Hausangestellten, der sozialdemokratischen Frauen und der Generalkommission der Gewerkschaften die Gründung eines Zentralverbandes der Hausangestellten Deutschlands. Vom 18. bis 20. tagte in Berlin ein Kongreß der Tabakarbcitcr Deutschlands, welcher Stellung nahm gegen die die Interessen der Arbeiter und der Industrie bedrohende Tabaksteuervorlage. Am 24. veranstalteten die Parteigenossen eine Wahlrechtskund- gebung. Eine Anzahl stark besuchter Bcrsammlnngen wurden ab- gehalten. Nach Schluß derselben fanden Stratzendcmonstratione» statt. Am 25. stand die WahlrechtSfrage auf der Tagesordnung de? preußischen Abgeordnetenhauses. Straßendemonstrationen vor dem Abgeordnetenhause unterstützten die von unseren Genossen im Drei- klassenparlament vertretene Forderung eines freiheitlichen Wahl- rechts.— Die Polizei vertrieb die Demonstranten aus der Nähe des Abgeordnetenhauses. In der Siegesallrc kam es zu Säbel- attacken. Am 26. wurde vor Gericht die Geschästspraxis des bekannten „Krawattenakademiedircktors" Steinberg beleuchtet und der an- geklagte„Vorwärts"-Redakteur Davidsohn wegen Beleidigung Steinbergs zu 150 M. Strafe und 300 M. Buße verurteilt. Februar. Vom 1. bis 3. tagte in der„Neuen Philharmonie" der Berg- arbcitcrkongreß, welcher Forderungen zum Schutz von Leben und Gesundheit der Bergarbeiter an die Gesetzgebung stellte, wobei unter anderem auf die noch in frischer Erinnerung befindliche Kata- strophe von Radbod verwiesen wurde. Am 2. protestierten die Berliner Arbeiter in elf öffentlichen Versammlungen gegen den Stillstand der Arbeiterschutzgesctzgebung und forderten die gesetzliche Fcstlegniig eines einheitlichen Arbeiter- rechts. Am 9. fanden fünfzehn ArbcitSlosenversammlungen statt. Ihr Zweck war, die Arbeitslosen aufmerksam zu machen auf die an den folgenden Tagen auszuführende Arbeitslosenzählung. Am 12. begann die von den Parteigenossen nnd Gewerkschaften gemeinsam veranstaltete Arbcitsloscnzählung mit Austragung der Zählkarten. als einen köstlichen Ersatz für Kautabak auszunutzen. DaS Explosivmittel hat dank eines starken Zusatzes von Nitroglyzerin einen süßlichen Geschmack, der Tom Atkinö Gaumen sehr zusagte. Und dazu kommt noch ein zweites: in größeren Mengen genossen, ruft das Pulver eine Art Rausch hervor, der etwa dem des Haschisch entspricht. Erst durch diese Rauschzustände unter den Truppen lvurde» die Militärbehörden aufmerksam, eS zeigte sich, daß das merkwürdige Laster sich schon weit verbreitet hatte, und nun hat man energische Maßregeln verfügt, um den englischen Soldaten abzugewöhnen, ihr Schießpulver als Leckerei zu behandeln. sHoffentlich erweist sich diese nützliche Verwendung des Schießpulvers nicht nachträglich als Erfindung.) Notizen. — K u n st ch r o n i k. Eine Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes wird im nächsten Jahre in Darmstadt stattfinden. — Wegen seiner Verdienste um das Kgl. Schau- s p i e l h a u s. die vor allem in der Zuführung des ulkigsten Suder- mann« bestehen, den man je erlebte, hat Paul Lindau, der Seniordramamrg dieser verwahrlosten Bühne, eine Erhöhung seines GcbaltS auf 18 000 M. erlitten. i v u> — Ein neuer Grunewald. Man sollte es nicht für möglich halten, daß in einer Kunststadt in einem öffentlichen Ge- bände, das BildungS- und Forschungszwecken dient, ein unbekanntes und unerkanntes Bild von unserem größten alldeutschen Maler, von Grllnewald, hängt. Und doch scheint es der Fall zu sein. Dr. Heinz Braune hat in einem Zimmer der M ü n ch e n e r Universität eine „Verspottung Christi" als ein Werk von Matthias Grüncwald erkannt. Das Bild ist sogar datiert(von 1503). Da man in, Zeit- alter der sensationellen Kunstentdeckungen oder Zuweisungen nicht vorsichtig genug sein kann, wird man genaueres abzuwarten haben. Jmmerhm wird die Hypothese bereits von einem anerkannten Grünewaldkenner bestätigt. — Fürstliche Lohnbewegung. Nach dem„Berliner Tagebl." gedenkt der Fürst von Monaco in eine Lohnbewegung ein- zutreten. Er verlangt von den Pächtern der Spielbank eine Er- höhung seiner Zivilliste von sieben auf neun Millionen Franken ftirS Jahr. Offenbar verschlingen die Meeresstndien und die Repräsen- tationen an den befreundeten Höfen soviel, daß die wahren Kost« gebcr des Fürsten, die Spieler von Monaco, jetzt noch mehr Spiel- gelegenhert bekommen sollen, um die fürstlichen Passionen zu er- möglichen. — In» Kirchenbann. Manches, was wir nur noch aus der Kulturgeschichte oder mich von der Bühne her kennen, erfreut sich im heiligen Rußland noch des Daseins: Aus S t. P e t e r s b u r a kommt die Nachricht, daß über den Verfasser des Dramas „Anashema" Leoind A n d r e j e w der große Kirchenbann verhängt wurde. Andrejew teilt diese Ehre mit Tolstoi. tZlm 14. wurden die Zählkarlen wieder eingesammelt. «Am 14. und 15. tagte die Konferenz der Gemeindevertreter Berlins und der Provinz Brandenburg, welche sich über die Grund- lagen unserer Kommunalpolitik verständigte. Am 15. trat für die Holzarbeiter laut Vertrag eine Verkürzung der Arbeitszeit von wöchentlich einer Stunde ein. Am 16. verurteilte die Strafkammer den Genossen Davidsohn als verantwortlichen Redakteur des..Vorwärts" wegen Beleidigung sämtlicher Offiziere und Unteroffiziere der Armee zu Svo M.. wegen Beleidigung sämtlicher Postbeamten zu 366 M. und wegen Beleidigung eines Polizeibeamten zu 100 M. Am 16. forderte eine Bäckerversammlung die gesetzliche Ein- führung eines 36sttindigen Ruhetages in jeder Woche für Arbeiter in Bäckereibetrieben. Der..Vorwärts" konnte bereits am 16. mitteilen, daß die vom 12. bis 14. durch die organisierte Arbeiterschaft vorgenommene Arbeitslosenzählung ergeben hatte, daß Groß-Berlin dir er- schreckende Zahl von 161 300 Arbeitslosen aufwies. Am 18. wurde ein alter Parteigenosse, der Weber Schwoite, der schon 1860 für die Eisenachcr Richtung in Berlin tätig war durch den Tod aus dem Kreise seiner Genossen gerissen. Am 22. wurde die Gründung des Verbandes der Land-, Wald und Weinbergarbeiter durch eine Konferenz der beteiligten iDrganr sationen beschlossen. Am 23. hielten die sechs Berliner Wahlkreise Generalversamm lungen ab, welche die Berichte der Vorstände und Funktionäre ent- gegennahmen und die Neuwahlen derselben vollzogen. Am 25. stellte der„Vorwärts" einen entlarvten Spitzel an den Pranger, nämlich den Kriminalschutzmann Erich Scheune mann, der unter dem Namen John Frenk als Mitglied des Wahl Vereins für den vierten Reichstagswahlkreis sein Spitzelhandwerk betrieben hatte. März. Am 1. fand eine Generalversammlung des KreiSwahlvereinö für Nicderbarnim statt. Der Vorstandsbericht gab Anlaß zu eingehenden Erörterungen des Pankower Streitfalles. Dem Verhalten des Kreisvorstandes in dieser Angelegenheit stimmte die Versammlung zu. Durch ein neues Statut wurde dem Kreiswahlverein eine festere Zentralisation gegeben. Am 12. entschied das Einigungsamt des Gewerbegerichts durch Schiedsspruch, daß die den Holzarbeitern zukommende Bcr kllrzung der Arbeitszeit nicht durch Einführung einer Vespeo pause illusorisch gemacht werden dürfe. Am 18. ehrten die Parteigenossen das Andenke» der gefallenen Märzkämpfer durch massenhaften Besuch der Grabstätte und Niederlegung von Kränzen. Am 19. spielte sich vor dem Schwurgericht ein Landfriedens- bruchprozeß ab, der in einem gewissen Zusammenhang stand mit den am 0. Februar abgehaltenen Arbeitslosenversammlungen. Des Landfriedensbruchs angeklagt waren vier junge Leute, die nach Schluß der Versammlungen auf den infolge der Einholung des Königs von England stark belebten Straßen in jugendlichem Ilebermut einigen Unfug verübt hatten, wie ihn angeheiterte Studenten nicht selten zu verüben pflegen. Der Versuch der Staatsanwaltschaft, aus diesen Dummenjungenstreichen eine umstürzlerische Verschwörung der Berliner Parteileitung zu konstruieren, mißlang völlig. Von den vier mit der Partei in keiner Verbindung stehenden Angeklagten wurde einer wegen Landfriedensbruchs zu 0 Monaten Gefängnis, zwei wegen groben iUnfugs zu je 4 Wochen Haft verurteilt und einer freigesprochen. Am 21. nahm eine Generalversammlung des KreiswahlvereinS für Teltow-Berskow den Jahresbericht ihrer Funktionäre ent> gegen und vollzog die Neuwahlen derselben. Am 25. traten die Koftümschneider in den Streik, um einen Tarif zur Anerkennung zu bringen, über dessen Einführung sie mit den Unternehmern ohne Erfolg vorher verhandelt hatten. An demselben Tage stand der„Vorwärts" wieder einmal vor Gericht. Er hatte das unpassende Verhalten eines Lehrer» und Armenvorstehers gegenüber einer Frau, die ihn in seiner amt- lichen Eigenschaft sprechen wollte, gerügt. Dafür wurde Genosse Weber als verantwortlicher Redakteur zu vier Wochen Gefängnis verurteilt. Am 28. tagte die Generalversammlung des Verbandes der sozialdemokratischen Wahlvereine von Groß-Berlin. Sie nahm den Jahresbericht des Vorstandes entgegen, vollzog die Neuwahl des Vorstandes und beschloß ein Statut, welches insbesondere die Mitgliedschaft der Frauen in den politischen Organisationen regelt. Nach der Generalversammlung gelang den Parteigenossen wieder einmal die Entlarvung eines Vertrauensmannes der Polizei. Es war der Kriminalschutzmann Rudolf Rchberg, der unter dem falschen Namen Hausdiener Otto Wunicke Mitglied des Wahlvereins für den zweiten Kreis geworden war, um die Genossen zu bespitzeln. Am 31. erschien eine besonders ausgestattete Jubiläums nummer des„Vorwärts", der an diesem Tage eine 25jährige Tätigkeit im Dienste der Partei hinter sich hatte. Der Streit der Kostümschneider hatte Erfolg und wurde deS halb am 81. als beendet erklärt. Der Monat April brachte den Beginn einiger gewerkschaftlicher Kämpfe. Am 1. wurde ein Teil der Bauklempner ausgesperrt, weil über die neue Gestaltung des von den Unternehmern gekündigten Tarifs keine Einigung erzielt werden konnte. Aus dem gleichen Grunde beschlossen am 1. die Bauanschläger den Streik. Auch ihr Tarif war von den Unternehmern gekündigt worden. Den Arbeitern sollte, nachdem keine Einigung zustande gekommen war. ein Lohnabzug von 10 Proz gemacht werden. Die Handelsgärtner hatten einen neuen Tarif aufgestellt, der von einem großen Teil der Unternehmer anerkannt wurde. Wo dies nicht geschehen ist. wurde am 1. die Arbeit niedergelegt. Am 5. und 6. fand eine Konferenz der Betonarbeiter Deutsch lands statt, welche sich mit Organisationsfragen beschäftigte. Am 6. wurde der Pankower Konflikt beendet, indem die Pankower Genossen den Vorschlägen der Einigungskommission zu stimmten und einen neuen örtlichen Vorstand wählten. Am 10. nahmen die Bauanschläger die Arbeit wieder auf, weil der angedrohte Lohnabzug zurückgenommen worden ,war und neue Verhandlungen eingeleitet wurden. Am 20. hielten die Parteigenossen eine Anzahl großer Ber sammlungen ab. welche gegen die Mehrbelastung des Volkes durch die in der Folgezeit vom Reichstage zu beratende Finanzreform protestierten. Am 23. wurde die Lohnbewegung der Maßschuhmacher durch Unterzeichnung des Tarifs abgeschlossen. "~......' ssen 1100 000 Flugblätter, Am 25. verbreiteten die_ D in denen das Volk aufgeklärt wurde über die drückenden Lasten, welche ihm durch die Reichsfinanzreform auferlegt werden sollten. Bei der am 27. vorgenommenen Gemeindewahl in Tegel er- oberten unsere Parteigenossen ein Mandat. Arn 29. konnte der„Vorwärts" wieder die Entlarvung eineS Polizeispitzels mitteilen. Diesmal handelte es sich um den Kriminalbeamten August Malick, der unter dem falschen Namen Bureaugehilfe Mischte als Mitglied des WahlvereinS für den sechsten KreiS Aufnahme gefunden und sogar das Amt eineS Be- zirksführers erlangt hatte. Gleich seinen Vorgängern in der Partei- bespitzelung wurde auch dem Malick die ihm gebührende Kenn- Zeichnung zuteil.— Der Monat Mai fetzte ein mit der gewohnten Kundgebung der Berliner Arbeiter- schaft am Weltfeiertage des klassenbewußten Proletariats. Am 3. endete die Lohnbewegung der Bauanfchlägrr mit dem Abschluß eines Tarifs auf drei Jahre. Am 4. deckte der„Vorwärts" wieder eine Begebenheit aus dem Polizeifumpf auf. Er teilte mit, daß der Lithograph Haberkorn sse« einige Tage vorher entlarbken Spitzel Malick Berichte über Vorgänge in der Parteiorganisation geliefert hatte. Am 11. wurde den Lesern des„Vorwärts" ein anderes Polizei- snmpferzeugnis vorgeführt. Oeffentlich gekennzeichnet wurde der Kriminalbeamte Hans Schrott, der unter den falschen Namen Hans Kraus und Jakob Gruber in Parteikreisen Spitzelarbeit für den Weranderplatz geleistet hatte.. Am 13. fand eine Protestverfammlung der Arbeiter-Turner statt, welche sich gegen die Maßnahmen wandte, die das Provinzial- Schulkollcgium ausführte, um den Jugendabteilungcn des Turn- Vereins„Fichte" das Turnen unter der Leitung des Vereins un- möglich zu machen. Vom 17. bis 19. tagte in Happoldts Saal der fünfte allgemeine deutsche Krankenkasscnlongreß, welcher Stellung nahm zu der Vor- läge der Reichsversicherungsordnung.— Auch ein Kongreß der Freien Hilfskassen beschäftigte sich gleichzeitig mit derselben An- gelegenheit. Am 19. kassierte das preußische Abgeordnetenhaus unter her- vorragender Mitwirkung der Freisinnigen die Mandate der Ber- liner Abgeordneten Hirsch, Hcimann, Hosfmann und Borgmann.— Am Abend dieses Tages hielten die Genossen in den vier ihrer Vertreter beraubten Landtagswahlbezirken Versammlungen ab und stellten die soeben aus dem Abgeordnetenhause Verwiesenen wieder als Kandidaten auf. Am 20. stellte ein Kongreß ber Beamten von Krankenkassen und BerufSgenoffenschaften die Forderungen dieser Beamten für die Reichsversicherungsordnung auf. Am 30. verlor die Arbeiterschaft durch den Tod deS Genossen Deinhardt, Redakteurs der„Holzarbciter-Zeitung", einen treuen Mitkämpfer für die Arbeiterinteressen. Am 31. wurde in Berlin der internationale Bergarbeiter kongreß eröffnet, der vier Tage währte. In der Hauptsache galten die Verhandlungen der Aufstellung der den Bergarbeitern aller Länder gemeinsamen Forderungen an die Gesetzgebung. Juni. Am 1. verließ Genosse Karl Liebknecht das FestungSgefängnis zu Glatz, wo er als„Hochverräter" eine Haftstrase von IVs Jahren abgemacht hatte. Eine am 2. von den Genossen des 11. Berliner Landtagswahlbezirks veranstaltete Feier galt der Begrüßung deS in die Freiheit zurückgekehrten Abgeordneten des Bezirks. Am 3. wurde durch Verhandlungen ein Konflikt in der Borssg- scheu Fabrik beigelegt, der seit etwa zwei Wochen bestand und runo 500 Arbeiter durch Streik und Aussperrung betroffen hatte. Am 13. forderte eine Bauarbeiterschutzkonfrrenz für das Ge- biet der Nordöstlichen Bauberufsgenossenschaft die gesetzliche Rege- lung des Schutzes der Bauarbeiter. Am 16. hatten die Berliner Parteigenossen wieder den Tod eines alten Kampfgenossen, des Stadtverordneten Richard Augustin» zu beklagen. Am 21. lehnte eine Bersammlung ber Bauklempner den am 16. gefällten Schiedsspruch des EinigungSamtcS ab und beschloß die Fortsetzung deS Streiks, der bereits 12 Wochen währte. Am 26. wurde der Abbruch deS Bauklempnerstreits beschlossen. Juli. Das erste Ereignis des Monats war eine am 1. abgehaltene Anzahl von Massenversammlungen, welche sich mit der durch die Behandlung der Steuervorlagen im Reichstage geschaffenen Situation, besonders mit der damals viel erörterten Frage der Reichstagsauflösung beschäftigten und gegen die Steuerpolitik des SchnapSblocks protestierten. Am 6. beschlossen die Staaker einen partiellen Streik. Am 9. erlitt die Arbeiterbewegung einen beklagenswerten Ver- tust durch den Tod des Genossen Obier, der seit langer Zeit als Vorstandsmitglied im Verbände der Lithographen und Stein- drucker, sowie als Gemeindevertreter in Pankow die Interessen der Arbeiterschaft wahrgenommen hatte. Am 18. entfalteten die Parteigenossen durch Verbreitung von 1 113 000 Flugblättern eine umfangreiche Agitation für den„Vor? wärts" und die Parteiorganisation. Gleichzeitig wurde zur Ein- ficht in die Stadtverordnetenwählerlisten aufgefordert. Am 16. hielten große Volksversammlungen in den acht Wahl- kreisen Groß-Bcrlins Abrechnung mit dem Schnapsblock. Unser Kampf im Reichstage gegen die neue Steuerbelastung wurde den Versammelten vor Augen geführt. Vom 19.— 22. wurde im Gewerkschaftshause der BerbandStag der Tapezierer abgehalten. Am 26. beschlossen die Geldschrankschlosser be« Streik, weil die Tarifverhandlungen keinen Erfolg hatten. Am 27. verloren die Genossen des sechsten Wahlkreises durch den Tod des Genossen Emil Böhl einen Mitkämpfer aus der alten Garde der Partei. Am 28. wurde die Lohnbewegung der Staaker als erfolgreich beendet erklärt und die Sperre gegen einzelne Firmen fortgesetzt. Am 31. sprach Samuel GomperS, der Präsident der amerika- nischen Arbeiterföderation, vor einer überfüllten Bersammlung im Gewerkschaftshause über die Arbeiterbewegung in Nord- amerika.— Seine Angaben, die später in der Parteipresse als in wesentlichen Punkten unzutreffend bezeichnet wurden, hatten eine längere Preßpoleprik zur Folge, die hauptsächlich zwischen dem„Vorwärts" und dem„Correspondenzblatt" der General- kommisswn geführt wurde. August. Am 1. nahm eine Generalversammlung deS KreifcS Nieder- barnim Stellung zum Parteitage und zur Provinzialkonferenz. Am 2. trat ein Teil der Bau- und Kunstschlosser in den Streik, um die Anerkennung ihrer Tarifforderungen durchzusetzen. Am 3. hielten die sechs Berliner Wahlkreise Generalversamm- lungen ab, welche zum Parteitage und zur Provinzialkonferenz Stellung nahmen. Am 6. wurden in einer Bolksvcrsammlung, die im Germania- saal tagte, die durch den„Vorwärts" aufgedeckten grauenhaften Mißhandlungen von Berliner Fürsorgezöglingen in der Anstalt zu Miclczyu und die VertuschungS- und Beschwichtigungsversuche des Berliner Magistrats besprochen und verurteilt. Am 3. nahm eine Generalversammlung deS Wahlkreises Teltow-Berskow Stellung zum Parteitage und zur Provinzial- konferenz. Durch den am 8. erfolgten Tod des Genossen Ostermann, der seit vielen Jahren der Rixdorfer Gemeindevertretung angehörte, wurden die Parteigenossen in Trauer versetzt. Vom 12. bis 14. wurde im Gewerkschaftshause der Berbands- tag der Gärtner abgehalten. Am 18. beschlossen die Bauschlosser die Aufhebung des Streiks, nachdem sie einige Verbesserungen des Tarifs erreicht hatten. Am 19. wurde der Streik der Geldschrankschlosser aufgehoben. Am 22. tagte in Kellers Saal die Generalversammlung des Verbandes der sozialdemokratischen Wahlvereine von Groß-Berlin. Nach der Erledigung geschäftlicher Angelegenheiten hielt Genosse Ströbel einen Vortrag, in dem er auch die in der Partei be- stehenden gegensätzlichen Auffassungen berührte, worauf Eduard Bernstein das um jene Zeit schon in der Parteipresse erörterte Thema seiner angeblichen geistigen Aushungerung durch gewisse Parteikreise anschnitt, was zu einer langen Debatte führte. Am 29. wurde im Gewerkschaftshausc die Parteikonferenz für dir Provinz Brandenburg abgehalten. Außer dem Geschäftsbericht stand die Verwaltung in Preußen und die politische Lage auf der Tagesordnung. September. Am 5. fand in einer Generalversammlung der Parteiorgani- sation von Groß-Berlin die Fortsetzung und Beendigung der am 22. August begonnenen Debatte statt. An demselben Tage starb Paulinc Stägemann, eine der ältesten Borkämpferinnen der proletarischen Frauenbewegung. Am 7. tagte im Gewerkschaftshause eine imposante Versamm- lung. Genosse Branting aus Schweden trug den Berliner Arbeitern die Ursachen S'eS schwebischen Generalstreiks bor. Die Seit- gehendste Unterstützung der deutschen Arbeiterschaft wurde iM zugesagt und in der Folgezeit durch ergiebige Geldsammlungen betätigt. Am 9. und 10. setzte die Agitation für die durch den Mandats- raub notwendig gewordenen Nachwahlen im 5., 6., 7. und 12. Land- tagswahlbezirk ein durch Verbreitung von Flugblättern und Ab- Haltung von Versammlungen in den betreffenden Bezirken.. Am 24. beendeten die Rohrrr ihre Lohnbewegung nach kurzer Dauer mit dem Abschluß eines Tarifvertrages. Am 26. hielt der Kreiswahlverein für Niederbarnim eine Generalversammlung ab, wo die Parteitagsdelegierten Bericht erstatteten. An die entsetzlichen Folgen einer nächtlichen Polizeiattacke erinnerte die am 26. stattgehabte Enthüllung eines Grabmales für den Genossen Herrmann aus Hohen-Neuendorf, der vor Jahr und Tag bei der Heimkehr aus einer Versammlung vom Gendarmen Jude erschossen wurde.— Die wahrheitsgemäße In- schrift des Grabsteins erregte Aergetnis beim Amtsvorsteher, der deshalb die Verhüllung des Denksteins anordnete, wogegen die davon Betroffenen Klage führen. Am 28. hielten die sechs Berliner Wahlvereine General- Versammlungen ab. Es wurden die Berichte über den Parteitag erstattet und die Kandidaten für die Stadtverordnetcnwahleu auf- gestellt.— Der Monat Oktober stand vorwiegend unter dem Zeichen der Wahlbewegung. Die Stadtverordnctenwahlen und die LaudtagSwahlru waren es, welche durch Agitation sowie durch die Kleinarbeit zahlreicher Partei- genossen vorbereitet werden mußten. Am 3. wurde ein Flugblatt verbreitet» welches sich an die Kommunalwähler wandte. Am 5. und 6. fanden eine Anzahl von Kommunalwähler- Versammlungen statt. Am 6. erstatteten die Genossinnen» welche zum Parteitage delegiert waren, ihren Bericht in einer Parteiversammlung. Am 10. wurde wieder ein Flugblatt: zur Stadtvcrordnetenwahl verbreitet. Am 12. hielten die Genossen in den vier zur Wahl stehenden Landtagswahlbezirken Wählervcrsammlungen ab. Am 15. �sprach Genosse Viktor Berger auS Wiökonsin in einer überfüllten Versammlung über die Arbeiterbewegung in Amerika. Am 17. fanden mehrere sehr stark besuchte Protcstversamm- lungen gegen den an Ferrer verübten Justizmord und die sonstigen Greuel der spanischen Justiz statt. In verschiedenen Stadtgegenden verübte die Polizei ohne ersichtliche Ursache Säbel- attacken gegen heimziehende Bersammlungsbesucher. Am 26. fanden in den vier Landtagsbezirken die Urwahlcn statt. Sie brachten uns eine sichere Mehrheit im 5., 6. und 7. Be- zirk, während das Resultat im 12. Bezirk noch ungewiß blieb, da eine Reihe von Stichwahlen vollzogen werden mußten. In 15 am Abend des Wahltages abgehaltenen Versammlungen wurde das Wahlergebnis verkündet und Propaganda für die Stadtverordneten- wählen gemacht. Am 28. hatten sich die Redakteure Wildung von der„Arbeiter- Turnzeitung" und Weber vom„Vorwärts" wegen Aufforderung zum Ungehorsam gegen Gesetze zu verantworten. Die Auf- forderung, welche zur Abwehr der von den Behörden gegen die Jugrndabtcilungen des Arbeiter-Turnvereins„Fichte" erlassen war, ging dahin, die betreffenden behördlichen Anordnungen nicht zu befolgen, weil sie ungesetzlich seien. DaS Gericht sprach beide Angeklagte frei, da es zu der Feststellung kam, daß die uralte Ver- ordnung, auf die das Kultusministerium sich in seinem Kampfe gegen den Arbeiter-Turnverein stützte, keine Gesetzeskraft hat, beziehungsweise den bestehenden Gesetzen zuwiderläuft. Der Abend des 28. vereinte die Genossen des vierten Reichs- tagswahlkreises in Kellers Saal zu einer stimmungsvollen Feier, in deren Mittelpunkt Genosse Singer stand, der das 25jährigc Jubiläum als ReichStoosabaeordneter de»»ierte» Kreises beging. Eine Verfügung des PolizeiprSssdent�i, weiche die Berliner Jugendorganisation als einen politischen Berein erklärt, wurde von der am 31. abgehaltenen Generalversammlung dieser Organi- sation als unberechtigt bezeichnet, weil sich die Jugendorganisation nicht mit Politik beschäftigt hat. November. Am I. traten die Isolierer in den Streik, um von den Unter- nehmern beabsichtigte Verschlechterungen des Tarifs abzuwehren. Am 3. fanden in Berlin in 16 Bezirken der dritten Abteilung Stadtverordnetcnwahlen statt, die mit einem glänzenden Erfolge der Sozialdemokratie endeten. Wir behaupteten 11 Sitze und ge- wannen 3 neue hinzu, die wir den Freisinnigen abnahmen. Der Zentralverband der Töpfer stimmte in seiner am 8. ab» gehaltenen Generalversammlung dem nach langen Verhandlungen zustande gekommenen neuen Tarifvertrage zu. Am 5. begannen die Verhandlungen der Maler mit ihren Unternehmern wegen Abschluß eines Reichstarifs. Die Staaker nahinen am 5. Stellung gegen die unberechtigte Kündigung ihres Tarifs durch die Unternehmerorganisation. Die am 6. vollzogene Stadtverordnetcnwahl in SchöncVerg brachte uns neue Erfolge. Unsere Genossen behaupteten ihre vier Mandate und eroberten drei neue Sitze von den Liberalen. Am 7. nahm eine große Versammlung der Maler Stellung gegen die Tarifverschlechterungsanträge der Arbeitgeberorgani- sation. Am v. beschloß eine Generalversammlung de? Holzarbeiter- Verbandes, den Tarifvertrag nicht zu kündigen. Bald darauf sprachen aber die Unternehmer die Kündigung aus» wodurch eine Tarifbewegung eingeleitet wurde. Am 9. fanden Stadtverordnetenwahlen in Eharlottenburg statt. Wir behaupteten fünf Mandate und verloren drei andere Mandate infolge einer neuen Bezirkseinteilung, obgleich sich die Zahl der sozialdemokratischen Stimmen bedeutend vermehrt hatte. Am 10. wurde Genosse Jahnke aus Köpenick in der Berufung»- instanz verurteilt, weil die Polizei eine von ihm einberufene Jugcndversammlung als eine politische bezeichnete. Am 11. begannen die zentralen Berhandlungen über den Ab- schluß eines neuen Tarifvertrages für das Baugewerbe. Am 15. endeten die Berhandlungen der Maler über die Grundlagen eines Reichstarifs, indem die Unparteiischen einen Schiedsspruch abgaben. Am 17. schilderte der Vorwärts" die Entlarvung deS Polizei- spitzels Adolf Palm, der sich an ein Mitglied der Jugendorgani- sation herangemacht hatte, um Material gegen die Jugenöl- bewegung zu erschnüffeln. Eine am 21. abgehaltene öffentliche Jugendversammlung er» hob Protest gegen die Bespitzelung der Jugendbewegung. Am 21. verbreiteten die Parteigenossen eine Bgitationsnummer deS„Vorwärts" und eine Aufforderung zum Eintritt in die Wahl- vereine. Bei der am 22. erfolgten Stadtvcrordnetenwahl in Lichtenberg behaupteten unsere Genossen im Kampfe gegen zwei bürgerliche Parteien die 5 Mandate der Sozialdemokratie. Am 24. sollte eine Rede, die Genosse Ledebour bei der Wahl- rechtSdemonstration im Januar 1908 an der„einsamen Pappel" gehalten hatte, vor Gericht„gesühnt" werden. Ledebour wurde freigesprochen, weil seine Handlung nach dem RcichSvereinSgesetz gar nicht strafbar ist. Am 30. fanden sieben Franenversammlungen statt, welche für die Frauen und Mädchen das aktive und passive Wahlrecht zu den' Gewerbe- und KaufmannSgerichtcn forderten. Bei den am 30. erfolgten Abgeordnetcnwahlen zum preußischen Landtage wuroen die Genossen Borgmann. Heimann und Hirsch im 5., 6. und 7. Bezirk wiedergewählt, während Genosse Hoffmann im 12. Bezirk dem Ansturm der vereinigten Reaktionäre gegenüber mit wenigen Stimmen in der Minderheit blieb. Dezember. Am 5. lehnte eine große Versammlung der Maler den aus den Verhandlungen hervorgegangenen Reichstarif ab, erteilte aber ihre Zustimmung zu weiteren Verhandlungen. Eine Ausstellung empfehlenswerter Jugendschriften wurde am S. im Gewerkschaftshause eröffnet. Generalversammlungen der Wahlvereine der Kreise Nieder- barnim und Trltow-Bceökow nahmen am S. Stellung zum preußi- schen Parteitag. Am 7. beschäftigten sich die Generalversammlungen der sechs Berliner Wahlkreise mit derselben Angelegenheit. Am ö. und Ist. fanden die Tarifvcrhandlungen der Bauberufe für das Berliner Lohngebict statt, ohne daß ein Resultat zu- stände kam. Am 13. wurde in Rixdorf eine Stadtverordneten-Nachwahl in zwei Bezirken vollzogen. Die Mandate fielen, trotz Verschlechterung des Wahlrechts, unseren Genossen wieder zu. Eine am 13. abgehaltene Generalversammlung des Holz- arbeitcrverbandcs stimmte den von der Ortsverwaltung ausge- arbeiteten Forderungen für die Tarifverhandlung zu. Am 17. standen zwei Teilnehmer eines SonntagsausflugS jugendlicher Arbeiter, der von Gendarmen auseinandergetrieben worden war, unter der Anklage des Auflaufs vor dem Schöffen- gericht Köpenick. Einer der Angeklagten wurde freigesprochen, der andere mit einem Verweise bestraft. Die Buchbinder nahmen am 17. Stellung zu einer von den Unternehmern beabsichtigten ungünstigen Aenderung der Arbeits- zeit infolge der Novelle zur Gewerbeordnung, welche die Arbeits- zeit der weiblichen und jugendlichen Personen regelt. Die Isolierer hoben am 17. ihren Streik auf, weil sie ein be- friedigendes Resultat erreicht hatten. Am 20. sprach das Schöffengericht Köpenick die angeklagten Genossen Schenk und Horlitz frei. Sie waren beschuldigt, einen öffentlichen Aufzug und eine Versammlung unter freiem Himmel veranstaltet zu haben bei Gelegenheit eines Ausfluges der proleta- rischen Jugend nach Adlershof, wo Karl Liebknecht, der damals gerade aus der Festungshaft zurückgekehrt war und von den jugend- lichen Ausflüglern begrüßt wurde, in einer Ansprache seinen Dank für die Begrüßung abstattete. Ein Teilnehmer desselben Ausfluges, der Schlosierlehrling Janus, stand am 29. vor dem Berufungsgericht(Landgericht Iis, welches die vom Schöffengericht Köpenick verhängte Strafe von K M. bestätigte. Janus wird vom Gericht als Leiter eines polizeilich nicht genehmigten Aufzuges angesehen, lediglich deshalb, weil er nach Angabe eines Gendarmen den Gesang eines Trupps von Aus- flllglern leitete. Es ist ein bezeichnender Zufall, daß die letzten Tage des alten Jahres einige Akte polizeilichen Vorgehens gegen die proletarische Jugendbewegung in Erinnerung riefen. Hat doch die Polizei im vergangenen Jahre gerade unsere Jugendbewegung mit einem Eifer verfolgt, von dem uns auch das neue Jahr eine Anzahl von Proben bringen wird. Doch wissen wir. daß allem Polizeieifer und allem reaktionären Treiben zum Trotz mit der gesamten klassenbewußten Arbeiterbewegung auch die Jugendbewegung im neuen Jahre rüstig vorwärts schreiten wird. Soziales. (Siehe auch Hauptblatt.) Widerrechtliche Aufrechnung. Der Buchbinder Sch. klagte am Dienstag beim Jnnungs- schiedsgericht gegen die Großbuchbinderei Georg Wübben u. Co. auf Zahlung von 44 M. rückständigen Lohn. Die Beklagte ließ durch ihren Vertreter einwenden, der eingeklagte Lohnbeirag sei dem Kläger ausbezahlt, aber sofort wieder von der beklagten Firma beschlagnahmt worden, weil der Kläger eine erhebliche Anzahl Kalender verschnitten und dadurch größeren Schaden verursacht habe. Der Kläger habe außerdem schriftlich anerkannt, keinerlei Forderungen mehr zu haben. Die Verzichtserklärung lag dem Schiedsgericht vor. Der Kläger bemerkte zu diesen Einwänden, daß er den Meister auf die schief gefalzten Bogen aufmerksam ge- macht und darauf hingewiesen habe, daß der Druck angeschnitten werde, worauf ihm die Antwort wurde, es käme nicht so genau darauf an. Uebrigens habe er nicht allein an den Kalendern be- schnitten. Die Berzichtserklärung habe er im Betriebe auf Geheiß des Werkmeisters unterschrieben, nachdem ihm dieser gesagt, das Geld werde im Kontor ausbezahlt. Im Kontor wurde ihm aber erklärt, Sonnabends sei Zahltag. Am Sonnabend wurde ihm aber das Geld auch nicht gezahlt, sondern für die nicht durch seine Schuld verschnittenen Kalender einbehalten. Die klägerischen An- gaben wurden vom Vertreter der Beklagten nicht bestritten. Das Schiedsgericht verurteilte die Beklagte dem Klageantrag entsprechend. Die eigenmächtige Wegnahme des Lohnbetrages sei keine Beschlagnahme, sondern eine widerrechtliche Aufrechnung. Das Verschulden des Klägers an dem Schaden ist zudem nicht erwiesen. Die Wahl zur unteren Verwaltungsbehörde der Invaliden- Versicherung endete für den Amtsbezirk Mannheim mit einem Siege der von den organisierten Arbeitern aufgestellten Liste. Zu wählen waren vier Beisitzer. Der Arbeitgeber-Rat— eine Zentralverwaltung für alle Unternehmerverbände und Mittelstandsvereinigungen— hatte auch eine Liste für„Arbeiter"-Beisitzer aufgestellt. Zugunsten dieser Liste wurden die Beisitzer der Betriebskrankenkassenvorstände von den Unternehmern ohne Erfolg bearbeitet. SozinldeiiiokratiseiierWaliivereiii für den 4. Herl Reiehslais-Mkras. Landsberger Viertel. Bezirk Nr. RS. Teil I. Den Mitgliedern zur Nachricht. dag unser Genosse, der Maurer tEmil Polesky Weidenweg 67 gestorben ist. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Donnerstag. 30. Dezember, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- halle des Zentral- FriedhoseS in Ahrensfelde aus statt. Um rege Betelligung ersucht 222/2 Der Vorstand. ÄzIallleillokkatlAllerVMerelii kür cksn Köpenicker Viertel. Bezirk Nr. 2l0. T-U II. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Arbeiter Hugo Höping Oppelner Straße 18 gestorben tst. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, 30. Dezember, nach- mittags 2ll, Uhr, von der Leichen- halle des Zenlral-Friedhoses in FriedrichSselde aus statt, Um rege Betelligung ersucht 222/1 Der Vorstand. Allen Freunden und Bekannten die traimge Nachricht, daß unser lieber Vater, Schwiegervater und Großvater S4d Mdert Ehrhardt Im Alter von 73 Jahren nach kurzem, aber schwerem Leiden verschieden ist. Die Beerdigung findet am 1. Ja- nuar, nachmittags 2'/- Uhr, aus dem alten Thomas-Kirchhose in Rixdorf, Hermannstraße, statt. Die trauernden Hinterbliebenen. llarlng. ZUN Montag entschlief sanft unerwartet mein lieber Mann, unser guter Vater und Großvater, der Putzer �tixtist Meißner Förster Straße 39. DteS zeigen tief betrübt an Witwo Christiane Meifiner, Kinder und Enkel. Die Beerdigung findet Donners- tag, nachmittags Ä Uhr, von der lle des Emmaus- Kirchhofes, nnnstraße, aus statt. Söb ltnodrirft Allen ilrcunden und Bekannten zur Nachricht, dah unser lieber Freund und Kollege, der Schrift- setzer Otto Kuhnke am 26. Dezember nach längerem Leiden verstorben ist. Ehre seinem Nndenken! P. Kern. F. Gnndclach. P. Kern II. SSb Allen Bekannten nnd Freunde» die traurige Nachricht, daß meine liebe Frau SSb Klara Pazdzierzpski geb. Tüdierntke infolge der Entbindung plötzlich an Herzschlag im Alter von ZS Jahren verstorben ist. Die Beerdigung findet Freitag- nachmittag 2 Uhr vom Zentral- Friedhos, FriedrichSselde, aus statt. Der trauernde Galle Panl Pazdzl eraynshl. Für die liebevolle Teilnahme und die reichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes und VaterS sagen wir allen Be- telligten hiermit unseren tiefgefühlten Dank. Witwe A. Feirat nebst Dochter. Dp. Simmel Spezial-Arzt* für Haut- und Harnleiden. 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Zu dieser Versammlung sind alle Lehrlinge, jugendlichen Arbeiter«nd Arbeiterinnen freundlichst eingeladen. 233/3* diesem Schild sind die l.aden erkennbar, in denen SINGER Nähmaschinen verkauft werden. fflnstergtlltlg In Konntruktton und Annkührnng, gleich vorzüglich für Hansgobranch n. Induntrle. Singer Co. Nähmaschinen Act. Oes. BF.UI.IX, Leipziger Straße OS. Läden in den verschiedenen Stadtteilen. B Partei- Sp ed itionen: > a H n i s ch, Auguststr. SO, Eingang Joachimstraße. Gustav Schmidt, Kirchbachstr. 1s, Hi ngi (Laden). Böhm, Zentrum: Albert 2. Wahlkreis, Westen: parterre. , Süden und Südwesten: Hermann Werner Gneisenauftr. 72, Laden. ». Wahlhref«: St. Fritz, Prinzenstr. 3t, Hos recht« Part. 4, Walilkrel«: Oft e n; Robert Wentels, Andreasstraße 17.— Wilhelm Mann, PeterSburgcrPlatz 4''' 4. Wahlkreis, Südosten: Paul (Laben). 5. Wahlkreis: Leo Zucht, Jmmanuellirchstr. 12(Hos). «. Wahlkreis(ffloablt und Uanaavlertel): Karl Ander«, Salzwedelerstr. 8, im Laden. 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Lausenerstr. 2, l.__ Pankow-Tlederschünhauson: Otto Riß mann, Mühlen» ftraße 30. Beinickcndorf- Ost, Wilhelmsruh und Scbünhols: P. G u r s ch, Kamekestr. 12, I. Blxdorf: M. H e i n r i ch. Neckarstraße 2. im Laden. Unnunelsbnrg, Boxhagen:A. Rosen» ranz, Alt-Boxhagen 58. Schmargendorf: Gustav Kaminsly, Cunostraße 2. Scbiinebes-g: Wilhelm Bäumler. Marlin Lutherstr. St, im Laden. Spandan: Koppe», Jagowstr. 9. Tegel, Borsigwalde, Wittenau, Waldmannslnst, Hermsdorf und Kelnlckendorf• West: Paul Kienast, Borsigwalde. Räuschslraße 10. Teltow: Wilhelm B o n o iv, Teltow, Zehlenvorfer Str. 4 Tempelhof: Albert Thiel, Friedrich Wlihelmstr. 20. Treptow: Rob. Gramen z, ziiesholzslraße 412, Laden. W Ilmersdorf- Iissiensee: W i t t n e b e t, Gasteiner Str. 4. Sämtliche Partelliterawr sowie alle wissenschastlichen Werte werden geliefert- Annahme von Inseraten für den„Uarmiirts«. Pa. Schlack- o. Salamiwurst t pw. 1.10. Tügllch frisch! ssmtuohe GänseaArtikel, aw-, 'ohne Keulen. 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Massenmord bei Dpa. Aus Brüssel wird gemeldet: Vier Personen sind aus der Landstraße in der Nähe deS bekannten Badeortes Spa ermordet worden. Dort betreibt der Gastwirt Eduard Evrard eine Wirtschaft. In der gestrigen Nacht wurde der Mann mit seiner Mutter, seiner Frau und seinem zwei Monate alten Kinde von einein bisher un- oekannten Mörder getötet. Als gestern früh ein Bruder des Gast- Wirtes feine Angehörigen besuchen wollte, fand er die vier Personen mit eingeschlagenen Schädeln vor. Der Mörder hatte die Kasse der Gastwirtschaft ausgeraubt und war dann geflohen. Ein fremder Händler ist unter dem Verdacht des Mordes verhaftet worden. touictuii«6unctitctii vom 39. Dezember|9«9, morgen« 8 tthr. Wetterprognose siir Donnerstag, den 39. Dezember 1999. Kühler, ziemlich trübe und nebelig mit geringen Niederschlägen und mäßigen westlichen Winden. Berliner Vetter»«?»«» Eingegangene Druckfchnftcn. Bom»Kampf", dcr Monatsschrift der deutsch-öster- reichischcn Genossen, erschien soeben Sest 4 des 3. Jahrganges. Es hat solgenden Inhalt: Karl Renner: Die Entwaffnung der Obstruktion. — Joseph Hammer: Silvestergedanken.— Joseph Straffer: Die Werbe- hast des Internationalismus.— August Wesely: Zur Frage der nationalen MinoritätSschulen.— Heinrich Weber: Imperialismus und Sozialismus in Eugland.— W. Ellenbogen: Reiormen im Verkehrswesen Oesterreichs.— Otto Bauer: Eine Parteischule sür Deutschösterreich.— Emil Diltmer: Die Organisation der Gemeindcarbeiter.— Wilhelm Hausenstein(Paris): Das Volk ui der niederländischen Bildkunst.— Bücherschau: Nrchtswtffen- schast. Kunst. Berichtigung. Kalender für daS Bangewerbe ISIS. Von Architekt C. Wachholz. 1,50 M.— Allgemeiner Tischler-Kalender 1910. Von demselben. 1,50 M. I. Harrwitz Vachs.. Berlin 8\V. 48. Ohne Rechtsauwalt Forderungen eintreiben. Von Dr. Ed. Karlz- meher. 3 M. E. Abigt, Wiesbaden. und Unter- und Kunst,) Schwarzschild. Ostwald «. Huth, Stade und Hannoder. Zur Religion von I. Baust.(AuS deutscher 1.20 M.— Ueber das System der Fixsterne B. G. Teubner, Leipzig. Die elektrotechnische Umwälzung, Eine nationalökonomische Studie von Dr. M. Nochimson. 2 M. E. Speidel, Zürich. KrUkKaltai der Redaktion. Sie fitttstlsch, Sprechstunde finde« LIndeuftrafse g, zivclter H.f, dritter Stnganz, vier Treppen, ZM- Fatrstuht wochrntastlich atends von TA»iS 9l4 Übt statt. GeSffnet 7 Uhr. Sonnabends beginnt die Sprechstnnde um S Uhr. Jeder Anirage ist ein Buchstabe und eine Zahl als Merkzeichen beizufstgen. Briefliche Antwort wird nicht erteilt. Bis zur vraniwortung im Briefkasten könne» tt Tage Vergehe«, eilige Frage» trag« na» in der Sprechstunde vor. 100. Zwei Streitende. Der Mietsvertrag entscheidet.— F. F. 100. Jawohl. HeUstätten finden Sie im II. Test des Berliner Adrestbuches ver- eichnet.— S. B. 11. Unseres Trachtens P. Hebel.— Norden 31. licht in allen Wagen, aber auch in Männerablcilc». Unten offen. W6 ,Ilf Donnerstag, 30. 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Dez., Ans. 8 Uhr: Im bunten Rock. Freitag: Der Ehrenrat. Sonnabend nachm. 3 Uhr: Othello. Abends 8 Uhr Im bunten Rock. Sonntag nachm. 8 Uhr: Othello. Xenea Operetten-Theater, Eckiffdauerdamm 25, a. d. Luitenstr. Heute und folgende Tage 3 Uhr: Der Graf von Luxemburg. Sonnabend und Sonntag 3 Uhr: 0 er Zig«u nerharon._ Lustspielhaus. Abends 8 Uhr: Der dunkle Punkt. tliiSön-Ihealös. Abends 8 Uhr: Die Reise um die Erbe in 89 Tagen. Gr. Ausstattungsstück in 14 Bildern mit Gesang und Tan, v. A. Eunery und JuleS Berne. Donnerstag: Die Reise UM die Erde in 80 Tagen. Freitag Premiere: Eine vergnügte Kindtausc. Sonnabend nachm. 3 Uhr: Gib mich frei. 8 Uhr: Eine vergnügte Kiiidtause. Urania. Wissenschaftliches Theater. Nachmittags 4 Uhr: Die Erdbebenkatastrophe v. Mettina, Abends 8 Uhr: In den Dolomiten. Residenz-Theater Direktion: Richard Alexander. Abends 8 Uhr: Im Taubeuschlag. Schwank in 3 Akten von Hennequin und Veber. Morgen und folgende Tage: Dleselbe Vorstellung. Sonnlag. 2. Jan., 3 U.: Musotte. VoHis-Oper. 8W., Belle-Alltance-Straste Rr. 7/8. Anfang: V»9 Uhr. Die Jüdin. lOSEsTHEATE Graste Frankfurter Str. 132 Ans. 8 Uhr. Ende I Ende 11»/, U. Faust. Tragödie von Goethe. L Seil. Freitag z. erstenmal: Der Vize. Pap«.__ Mozart-Oper. Gastspiel-Theat., Ktpenicker Str.67/88 ■- ilvefter; Zar und Zimmermann. «Bedeutend ermäßigte Preise. An« sang 7 Uhr.) Sonnabend, I. Jan.: Era Olavelo. sonntag. 2. Jan.: Die lustige» Weiber von Windsar. Vorletzter Tag de» koloffaicn Dezember.Progr. u. a.: Petit Roberto, Schimpanse Konnal James CJreat. Metropol-Theater Hallo!!! Die große Revue! In 8 Bildern von JuL Freund. Mnsik v. Paul Lincke. In Szene gesetzt vom Dir. Eioh. Schultz. Anfang 8 Uhr. Raudien gestaltet. Vorletztes Auftreten Otto Keutter. ------- La Pia-------- i. ihr. Kreation.Der WeUen Geistu. Herlans Hunde- Theator: „Entführung d. Salome-TSnzerin", gespielt von 43 Hunden, und die auserlesenen Sterne' am Dezeniber>Hltnmel des Wintergartens. 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W Ansang 8 Uhr.—— Entree 20 Pf.-MM Morgen; DrtfBte Sllvesterfeler Berlins. Sehenswürdigkeit k-MM»M- Sensation! Der berühmteste Festwtrt Scnorseh Ehrengruber aus München mit seiner Truppe(SO Personen). GISnzendete Dekoration. Neueste»:„Bertin auf der Hfihe 1910'.— Gewitter In den Alpen.— Geschenk hagel— Die Rleeen-Amme, 6 Meter groß. Humorist Schneetreiben.— Bockbier-Jubel u. Trubel. 3 Kapellen-ME GBF' MllvoHter-Ball. .....:. Eiiiree Ansang« Uhr. aus allen Plätzen SV P>. tianentlnnnii i®«*«teplel des Kabaretts densaiionsil J„Slmpllclsslmns" und des Moabiter Gesangvereins„Liederlust II". Nach der Vorstellung: Chroßer Ball. Tombola. Jnx-I.otterle. Motto; Immer an der Wand lang. = Anfang 8 Uhr.— Recht zahlreiches Besuch erwartet stool* Karl Schröder. Heute Donnerstag, 30. Dezember, abends 7'/, Uhr: Extra- Gala-Vorstellung. Debttt t Debttt! des kleinsten komischen Reiter der Welt Oricinal-Bagonghi. Sergeant JKrennan, der beste Diabolospleler. Der Amerikaner Mstr. Niblo mit seinen wunderbaren Papageie», Henry Valdorf, der moderne Simsen. Rlnghampf zwischen den Clowns Jim-Jam und Cottrell. Um 9 Uhr Ende 11 Uhr Die drei RiYalen Große Feerie w 5 Allen. Sonnabend und Sonntag se zwei«roste Borftellungen. Nachmittag« ew Kind frei. Viele» VOnschen unseres Pnblikunis Rechnung tragend; beginnen unsere Vorstellungen von heute ab um = 4 Uhr!== Zirkus Busch. Donnerstag, 80. Dezember, abends 7-/, Uhr präz.: Gr. Galavorsteilnng. Zum ersten Male a. d. Kontinent Der Amerikaner Kerslake mit seinen weltberühmten dressierten Schweinen! Möns. Colon, dressierte Affen! HerrE. Schumann, Meisterdress. Gebr. Korolis, ung. Eeitkünstl. O1/, Uhr zum 7. Male: Die neue russische Pantomime SSr Marja. Sonnabend und Sonntag, nachm. 8'/, Uhr: Farmerleben. Alt-Hoablt 47/48. Freitag(Sildeste»), 81. Dezember: WrlhllachttUmFtitldksklld. Nach der Borstellung: Lilveslerball. Sonnabend, den 1. Januar 1910: Der Walzerkönig. Sonntag, den 2. Januar lglO: IMe Crrllle. 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Wenn aber ein einzelner einein Trupp in fröhlicher Stimmung dahinziehender Sonntogsauöflügler vorsingt, und er hat nicht vorher die polizeiliche Genehmigung zur Veranstaltung eines öffentlichen Aufzuges erhalten, dann wird er als Leiter eines nicht genehmigten Aufzuges bestraft. Und das auf Grund des „liberalen" ReichSvereinSgesetzes. Diese Angabe mag mancher bezweifeln, der an schönen Sommer- sountagen Dutzenden von AuSslüglergruppen begegnet ist. die singend durch Feld und Wald zogen und wo sich naturgemäß irgend ein be- sonders stimmbegabter und gesangeskundiger Teilnehmer als Leiter des Gesanges bemerkbar machte, ohne daß ihn ein Gendarm fest- stellte oder anzeigte. Das trifft gewiß im allgemeinen zu. Im besonderen aber richtet die Polizei bekanntlich ihr Augenmerk auch auf die alltäglichsten und harmloseste» Veranstaltungen, wenn deren Teilnehmer in irgend einer Beziehung zur Sozialdemokratie stehen, und in solchen Fällen riskiert jemand, der ein fröhliches Lied an- stimmt, eine Anzeige und Bestrafung, wie der folgende Fall zeigt. Am 4. Juli veranstaltete die arbeitende Jugend einen Ausflug nach AdlerShof. Eine Aufforderung zur Teilnahme und Angabe der Treffpunkte erschien an« 3. Juli im„Vorwärts". Darin tvar auch angegeben, wann MitlagSrast gemacht,_ wann im Walde geipielt, wann ftaffeepause gehalten werden sollte und, daß Dr. Karl Liebknecht um 5 Uhr eine Ansprache halten werde.— Diele Ausforderung veranlaßte nicht nur eine zahlreiche Beteiligung am Aus- fluge, sondern sie machte onch die Gendarmerie verschiedener Orte des ztreises Teltow mobil. Die Polizei erachtete es als ihre Auf- gäbe, das„Marschieren im geschlossenen Zuge" zu verhindern. Eine etwa(30—80 Personen zählende Gruppe der Ausflügler wurde m der Nähe von Johannisthal durch den Gendarmeriewachtmeiftcr Streng angehalten und nach dem Leiter des Zuges befragt.— Man antwortete: Wir haben keinen Leiter und brauchen keinen, denn loir gehen ja nur spazieren. Da der Gendarm auch niemand sah, der irgendeine leitende Rolle spielte, er aber einen Leiter des Zuges durchaus feststellen wollte, so nahm er den Schlofferlchrling Janus als Leiter in Anspruch, weil dieser ein Liederbuch in der Hand hielt und sang, während die anderen nur den Refrain des Liedes mit- sangen.— JanuS wurde angezeigt und vom Schöffengericht Köpenick als Leiter eines polizeilich nicht genehmigten öffentlichen Aufzuges mit 6 M. bestraft._... �. Am Mittwoch beschäftigte sich die 4. Strafkammer des Land- aericktS II als die vom Verurteilten angerufene Berufungsinstanz mit der Angelegenheit. Der einzige Zeuge. Wachtmeister Streng, gab an. die Ausflügler hätten eine richtige Marschkolonne geblldet, doch habe er ungehindert von hinten durch den Zug hindurchgehen können bis an die Spitze. In der vierten Reihe des Zuges habe der Angeklagte gestanden mit einem Liederbuch m der Hand, aus dem er vorsang. Es sei ein L,ed gewesen nach der Melodie:.Steh' ich in finstrer Mitternacht". Darin se, eine Stelle vorgekommen:„Jetzt kommt der Gendarm mit dem langen Arm." Der von allen mitgesungene Refrain habe gelautet:„Hurra, das kleine Munneltier" oder so ähnlich.— Der Angeklagte behauptete, ein solches Lied sei überhaupt nicht gesungen worden. Als der Gendarm kam, sei das Lied gesungen worden:�„Jung Siegfried war ein stolzer Knab'". Liederbücher hatten auch dre anderen Ausflügler cihabt, sie hätten dieselben aber beim Herannahen des Gendarmen fortgesteck», so daß er, der«ngeUagte, der das Nahen des Gendarmen nicht bemerkte, das Buch m der Hand behalten und weiter gesungen habe. Eine Leitung habe er De? Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Kurt Rosenfeld beantragte die Freisprechung des Angeklagten und Erstattung der VerteidigungS- kosten durch die Staatskasse. Ein Aufzug im Sinne des Vereins- gesetzes liege nicht vor. Es fehlte der Menge der nach der Recht- \ sprechiiug des Kammergerichts erforderliche bestimmte Zweck der Be- ' wegiina. Die Ausflügler hätten keine andere Absicht gehabt, als einen bestimmten Ort zu erreichen. Das aber sei nicht ein bcstininiter Zweck, wie ihn das Gesetz als Kennzeichen des öffentlichen Aufzugs voraussetze. Wenn hier ein öffent- licher Aufzug angenommen werde, dann könne man jeden Ausflug einer großen Familie als öffentlichen Aufzug bettachten. Wenn auch durch den Trupp der Ausflügler die Anfnierksamkeit des Publikums erregt worden sein möge, so habe er doch den Verlehr nicht gestört, denn der Wachtmeister habe ja ungehindert durch die ganze Menge hindurchgehen können. Als Leiter eines Aufzuges könne»ach der Rechtsprechung des Kammergerichts nur der gelten, der eine Haupt- person im Zuge ist und den Zug dirigiert. Dadurch, daß der An- geklagte als einziger im Zuge gesungen habe, habe er doch nicht den Zug dirigiert. Uedrigens habe ja der Zeuge gar nicht gesehen, daß der Angeklagte saug, sondern dies nur angenommen, weil er das Buch in der Hand des Angeklagten sah. Man müsse erstaunt sein, daß dieses Vorkommnis überhaupt zu einer Anklage und sogar zu einer Verurteilung in erster Instanz führen konnte. Der Staatsanwalt beantragte die Verwerfung der Berufung mit der Begründung, es handele sich zweifellos um einen öffentlichen Aufzug, denn die Teilnehmer hätten ja den Zweck verfolgt, eine Rede Liebknechts zu hören. Der Angeklagte habe den Gesang geleitet, er sei also Leiter des Zuges gewesen. Das Gericht verwarf die Berufung. In der Begründung des Urteils wurde unter anderem getagt: Es handele sich im vorliegenden Falle um einen öffentlichen Aufzug im Sinne des VereinsgesetzeS, denn es bade ein bestimmter Zweck vorgelegen und die Erreichung eines bestimmten Zieles, nämlich die Anhörung einer Rede des Dr. Liebknecht. Doch könne dahingestellt bleiben, ob dies der Zweck deS Zuges war. Ein bestimmter Zweck habe aber vorgelegen. Zweifellos fei der Zug geeignet gewesen, die Aufmerksamkeit des Publikums zu erregen und die öffentliche Ordnung zu gefährden. Es sei belanglos, daß die Leute dem Gendarm Platz gemacht haben. Ob sie auch anderen Leuten Platz gemachl haben würden, sei unwahrschein- lich. ES frage sich nun, ob der Angeklagte Leiter deS Zuges ge- wesen sei. Festgestellt sei, daß er mir einem Liederbuche in der Hand in einer der vordersten Reihen ging und vorsang. Es komme nicht darauf an, ob der Zeuge gesehen habe, daß der Angeklagte sang, sondern eS genüge, daß anzunehmen ist. der Angeklagte habe vor- gesungen. Es sei festgestellt, daß der Angeklagte den Gesang ge- leitet habe. Das sei das einzige, was überhaupt zu leiten war. In der Leitung deS Gesanges habe die Leitung deS ganzen Zuges gelegen. Daß ein anderer der Leiter des Aufzuges war, sei unwahrscheinlich. Wenn der Angeklagte nicht Leiter des Aufzuges gewesen wäre, dann hätte er sich auf die 30— 80 Teilnehmer des Zuges als Schutzzeugen berufen können. Da von aber sei keine Rede gewesen. Wer kann nach diesem unbegreiflichen Urteil noch wagen, bei einem Sommertagsausfluge in Gesellschaft ein Lied zu singen, wenn ein Gendarm in der Nähe ist, der doch natürlich nicht danach fragen wird, ob der Sänger einige Stunden später die Rede eines Sozial- demokraten hören will oder ob er zu einer patriotischen Feier zieht, um Hurra zu rufen._ Hiis der Frauenbewegung. Für den Klassenkampf. Eine freie Konferenz der sozialistischen Frauen New Jorks beschäftigte sich am 19. Dezember mit der Stellung unserer Parteigenossinnen zu den bürgerlichen„Suffragetten", die durch eine formelle Einladung zur Mitarbeit die Veranlassung zu der Konferenz gegeben hatten und auch zahlreich in die Debatte ein- griffen. Genossin Meta Stern empfahl als Referentin die Annahme der Einladung und brachte eine auf organisierte Beteiligung an der bürgerlichen Stimmrechtsbewegung abzielende Resolutton em. An- nahine fand eine von Genossin Anita Block vertretene Resolution des sozialistischen Landes-Frauenkomilees, wonach die Partei- genossinnen zwar mit der Wahlrechtsforderung der bürgerlichen Frauen sympathisieren, aber doch den Klassenkampf für wichtiger halten und der Ansicht sind, daß das Wirken der sozialistischen Frauen für das Stimmrecht auf unabhängiger und separater Basis durch die wirtschaftlichen und politischen Organisationen der Arbeiter- klaffe erfolgen muß._ Kommunales Frauenwahlrecht. Mit großem Eifer sind die Frauen von Chicago an der Arbeit, um volles Recht als Gemeindebürgerinnen zu erlangen. In dieser Stadt steht eine Revision der Geincindeordnung bevor. De» gesetz- gebenden Körperschaften— Senat und Abgeordnetenkammer— von Illinois, die in Springfield ihren Sitz haben, liegen Anträge vor, welche fordern, daß in allen Gemeinden den Frauen das Wahlrecht zuerkannt ivird. Als der Senat über den einschlägigen Antrag vcr- handelte, führten Extrazüge Tausende von Frauen von Chicago nach Springfield, die für ihre Bürgerrechte agitieren und demonstrieren wollten. Die Seiiatskomniission, tvelche über die Anträge zum Frauenwahlrccht zu entscheiden hatte, hat sich einstimmig sür die Reform erklärt. Das Plenum des Senats empfahl der Abgeordneten- kammer, den Anträgen ebenfalls zuzustimmen. Im Staate Virginia, in Ginler Park ist ein Damcnwahlrecht eingeführt worden."Die Wahlrechtsbestimmung der neuen Gemeinde- ordnung lautet:„Das Wahlrecht soll allen Männern und Frauen zuerkannt werden, die das 21. Lebensjahr erreicht haben, von weißer Hautfarbe sind und in Gintec Park Grundeigentum besitzen." Also Besitzlose und jene, die das„Unglück" haben, von schwarzer Haut- färbe zu sein, mit einem Worte die Angestellten und Arbeiter beider Geschlechter sind von vornherein vom Wahlrecht ausgeschlossen. Die bürgerlichen Frauenrechtsorgane, das„WomenS Journal" in Boston und die in New Jork erscheinende Monatsschrift„The American Suffragette", bringe» es trotzdem fertig, dieses seltsame Frauen« Wahlrecht als einen Sieg der Frauenbewegung zu begrüßen. Das Beispiel von Giuter Park wird leider wohl bald in anderen süd- licken Gemeinwesen Nachahmung finden. Es ivird die Aufgabe unserer Parteiorganisationen in den Südstaaten sein, dieser reaktiv- närcn Richtung mit aller Macht entgegenzutreten und weit eifriger als je zuvor für die Einführung des allgemeinen Wahlrechts für alle Großjährigen ohne Unterschied des Geschlechts zu wirken. Frctreltgtöse Gemeinde. Sonnabend, den 1. Januar, vormittags 11 Uhr, Kleine Frankfurter Str. K: Feftoortrag von Herrn I. Leute.— Sonntag, den 2. Januar: Vortrag von Herrn M. H. Baege:„Woher stammt die menschliche Seele?" Damen und Herren als Gäste ivill- kommen._ Amtlicher Marktbericht der städtitchen Marktballeii-Dlrektton über den Großhandel in den Zenttal-Markthallen. tvtnrktlage: Fleuch: Zufuhr schwach, Geschält flau, Preise unverändert. Wild: Zufuhr nicht genügend. Geichäst nicht lebhast genug, Preise besriedigend. G e j l ü g c l: Zusudr reichlich, Getchäjt flau, Preise befriedigend, in Gänsen gedrückt. Fische: Zusuhr nicht ausreichend, Geschäst lebhaft, Preise befriedigend, zum Tell hoch. Butterund Käse: Geichäst ruhig, Preise unverändert.' Gemüt-, Obst und Südfrüchte: Zusuhr genügend, Geschäft ruhig, Preise gedrückt._ CJnfi erftandS-Nachricbteo der LandeSanitalt kür Gewässerkunde, milgetetU vom Berliner Wetterbureau. Waflerfland M e m e l. Tilsit Brezel. Stifter bürg Weichsel, Thor» Oder. Ratibor , Krassen » Frankfurt Sa r t h«, schrimm , LandSberg Netze, Borvamm Elbe, Leitmeritz , Dresden , Bardo , Magdeburg Saflerlkand Saale, Grochlitz Havel, Svandautt , Rathenow») Spree, Svremderg») » BeeStow S e f e r, Münden , Minden Rhein, MaximiUanSau . Kaub . Köln Neckar, Heilbronn Main, Wertheim Mosel. Trier am 28.12. an» 234 114 124 84 162 120 236 S23 363 477 ISS 266 273 leit 27.12. ornff —10 +2 +2 0 0 —16 —30 —19 +16 +19 — 19 +6 —52 st+ bedeutet Such».— Fall, st Unierpegel, st SiSstand. st Eis- Bewegung.' LEIPZIGER STRASSE ALEXANDER PLATZ FRANKFURTER ALLEE Donnerstag und Freitag Lebensmittel-Angebot» Sylvester! Soweit Vorrat; Prima Bratgänse S2, 68» laOderb. Fettgänse™ 70, 74». Junge Enten« 225 275 325 Pa.Brathühner«** I00 135 175 Gr. Brathähne* 200250 la Suppenhühnern I50 18�15 la Mastputen.....«»80, 88-. Schneehühner......... 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