ib. 4, Moimementz.Neälngungen? fflBonnementä. Preis pränumerando i Vierteljöhrl. 3�0 Mä, monatB l.lv Mi., »'öchenilich LS Pfg. frei ms Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- »uiumcr mit illufirierter Sonntags- Beilage»Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- l'ibomieinent: l,1l) Mark pro Monat. Eingelragen in die Post-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Ocsierrcich, Ungarn L Marl, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg, Pormgal, hiuniönicn. Schweden und die Schweiz. 27. Jahr«. Crfltcint Uzlich auOcr montss». Vevlinev Nolksblakl. Zcntralorgan der rozialdemokrattfcbcn Partei Deutfchlands. Dte TnfertionS'GebOtr vkkägt für die sechsgefpaltenc Kolonelzeile oder deren Raum 60 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins- und Versamnrlungs-Anzcigen 30 Psg. „Uleine �ureigen", das erste(feil- gedrucktes Wort 20 Pfg., jede? weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlas- slellen-Rnzeigen das erste Wort 10 Psg., jcdcS weitere Wort S Psg. Worte über 1b Buchstaben zählen sür zwei Worte. Inserate sür die nächste Nunimer müssen t»S ü Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm-Adresse: „SozUIddnoknt Rcrlin". Kcoaktion: 8M. 68, Lttidenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. Ii)8Z. Donuerstag, den C. Januar Expedition: 8M. 68, Ltndcnetraaae 69« Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Der aal)!rccl)tS' Parteitag. Das freie Wahlrecht ist das Zeichen...! Mit dem Sang der Wahlrechtssirophe des Aildorfschen Kampfliedes endete am Mittwochabend der dritte Parteitag der preußischen Sozialdemokratie, der Parteitag der Wahlrechtsforderung. Kriegsrat für die Wahlrcchtsschlacht ist bisher jedes der Parlamente der klassenbewußten Arbeiterschaft Preußens gc- wesen, und jedes zukünftige wird es sein müssen, bis der Tag der Erfüllung anbricht, bis das gleiche Wahlrecht erobert ist. So lange die staatsbürgerliche Gleichberechtigung dem preußischen Proletariat nicht voll geworden ist, so lange gibt es für sie keine wichtigere, keine drängendere Aufgabe, als sie zu erkämpfen. So lange führt jede Beschäftigung mit preußischer Politik immer wieder auf dies Zentralproblem zurück. Wohl ist das Wahlsystem nicht die stärkste Position der Junker- Herrschaft. Das ist vielnlehr, wie das Referat Liebknechts richtig hervorhob, die preußische Verwaltung. Aber dieses Zwing-Uri kann erst dann ernstlich berannt werden, wenn die Wälle des Wahlunrechis erstürmt sind. So ist denn auch unter den Materien, die den Parteitag beschäftigten, nur eine, die nicht in engerer Verbindung mit der Wahlrechtsfrage stand, das Komniunalprogramm. Aber auch hier gab es Berührungspunkte— der ganze erste Teil des Programms weist auf die Schranken hin, die die Gesetz- gebung der Dreiklassenkammer der freien Betätigung der kommunalen Kräfte gesetzt hat, und in der Debatte über die strittigen Punkte des gemeindlichen Finanzwesens fehlte nicht der Hinweis auf die Hindernisse, die die preußische Reaktion einer rationellen und gerechten Regelung des Steuer- ivesens der Gemeinden in den Wege legt. In engster Berührung mit dem Zentralproblem aber standen alle anderen Gegenstände der Tagesordnung. Der Bericht der preußischen Parteileitung war die Rechenschasts- lcguug über die Führung des Wahlrechtskampfes der beiden verflossenen Jahre, die Tätigkeit der Landtagsfraktion muß diesem Kampfe vor allem dienen und das große Referat Lieb- knechts über die preußische Verwaltung mit seiner unendlichen Liste aufreizender Tatsachen war eine einzige flammende Anklage gegen die Zustände, die sich hinter den schützenden Wällen des Dreiklassenunrechts herausbilden und erhalten konnten. Die Anklagerede Liebknechts füllte die ganze Vormittags- sitzung des Mittwochs und noch einen Teil der Nachmittags- sitzung. Und als der Redner die trotz ihrer Länge fesselnden Ausführungen schloß, die bis zuletzt die ungeteilte Aufmerk- samkeit der Delegierten gesunden hatten, da zeigte die Dis- tussion, daß er das gewaltige Material, das von den Sünden der preußischen Verwaltung handelt, noch nicht entfernt er- schöpft hatte. Die Vertreter Mittelschlesiens und des Ruhr- reviers hatten noch eine ganze Anzahl besonders krasser Fälle von Polizeiübergrisfen hinzuzufügen. Und sie konnten nur eine knappe Auslese aus überreichen Erfahrungen geben, und aus allen anderen Bezirken des preußischen Polizeistaats hätte ebensoviel davon beigebracht werden können. Wie ein in brennenden Farben gemaltes Wandel- Panorama rollte die vom heißen Feuer der Empörung durch- glühte Rede Liebknechts eine schier unabsehbare Fülle von behördlichen Ungesetzlichkeiten und Beamtenwillkür vor den Zuhörern auf. In alle Winkel der preußischen Verwaltung leuchtete er hinein, und so bat er eine Beschreibung dieses Juwels der preußischen Reaktion geschaffen, in der kein Zug fehlt, hat er den preußischen Proletariern eine wuchtige Waffe für den Kampf um die Zivilisierung und Moderni- sicrung des bureaukratischen Knebelungsapparates gegeben. Die positiven Vorschläge für die Forderungen, die die Sozial- demokratie zur Gestaltung der Staatsverwaltung stellen muß, bat der Referent in umfangreichen Thesen zusammengestellt, die der Landtagsfraktion für ihre Tätigkeit ein wertvolles Hilfsmittel sein werden. Eine bewegte Debatte entspann sich dann noch um den Antrag, der eine wesentliche Abänderung der preußischen Landesorganisation, die Einsetzung eines besonderen Vor- siandes für die preußische Parteiorganisation, forderte. Die Befürworter, die sich lebhaft für ihren Vorschlag einsetzten, versprachen sich von dem neuen Organ stärkere Initiative und ausgiebigere Ausnutzung des Agitationsstoffs, die Gegner aber halten dafür, daß der deutsche Parteivorstand unter Mit- Wirkung der Landcskommission die oberste Leitung der preu- ßifchen Angelegenheiten in der Hand behalten muß, um störende Reibungen und Konflikte zu verhüten. Die Gegner waren in der stärkeren Position, da keine wesentlichen Aus- stellungen an der Tätigkeit des Parteivorstandcs und des ge- schäftsführenden Ausschusses der Landeskoiiimissiou vor- gebracht waren. Und es zeigte sich, daß die bei weitem über- wiegende Mehrheit des Parteitages auf ihrer Seite stand. Ihrer Meinung hat Genosse L e i n e r t treffenden Ausdruck verliehen, als er ausführte, daß man das Heil im Wahlrechts- kämpf nicht von der Tätigkeit irgendeiner Zentralinstanz, nicht von oben erlvarten diirse, daß vielmehr die Initiative von unten, der Wille der Massen die Aktion gebären müsse. Mehrere Gegner des Antrags, so auch der Sprecher des llarteivorstandes, Genosse E b e r t, wollten ihm indes eine Ueberwcisung sn den Parteivorstand und die Landeskommission gönnen, die Mehrheit folgte indes einem scharfen Appell des Genossen Ledebour, eine klare, un- zweideutige Entscheidung zu treffen, und entschied sich für runde Ablehnung. Dagegen wurde ein anderer wichtiger Antrag zum Organisationsstatut, der die Vertretung auf dem Parteitag nach den für den deutschen Parteitag festgesetzten Regeln, nach einem sehr gemäßigten Proportionalsystem ge- staltet, mit großer Mehrheit angenommen. Schlichte Dankesworte, die der Vertreter des Mansfelder Kreises als Dolmetsch der im großen Koalitionsrechtskampf ehrenvoll unterlegenen mansfeldischen Bergleute für die Unterstützung übermittelte, die ihnen von ihren preußischen Brüdern geworden, erinnerten aufs neue an eine der schmäh- lichsten Taten der preußischen Junkerbureaukratie. Und dann warf der Vorsitzende in einer kernigen Rede einen kurzen Ueberblick über die Ergebnisse der Tagung. Genosse Singer gab der Stimmung der Delegierten und der Zuhörer kräftig Ausdruck. In einem packenden Appell an den Kampfesmut der Genossen rückte er noch einmal den Kernpunkt der Be- ratungen, die Wahlrechtsforderung in den Vordergrund. Der Donner der Hochrufe auf die Partei antwortete ihm. Machtvoll fluteten die Töne der Wahlrechtsmarseillaise durch den Saal. Das Kampsgelübde wurde erneut und besiegelt. Der Parteitag der preußischen Sozialdemokratie hat seine Arbeit getan. Er hat erklärt, daß der Wahlrechtskampf eine Aufgabe ist, über die das Proletariat nicht mehr zu diskutieren braucht, deren Erfüllung ihm die Zeit gebieterisch dekretiert. Der Verzicht auf die Wahlrechtsdebatte zeigt an, daß das Wahlrechtsprobleni sich dein entscheidenden Stadium nähert, daß die Partei, einig und fcstgeschlossen in der Auffassung dessen, was not tut, die Zeit kraftvollen Handelns nahe er- kennt. Lauter denn alle Reden spricht der demonstrative Be- schluß. Die klassenbewußten Arbeiter Preußens werden diese Sprache verstehen. Der Parteitag gab das Zeichen, die Massen der Proletarier müssen handeln! Sek krelkinvig-nstionallibttsle IMickstenitreit in Liienach-Sembach. Die Freisinnigen und Nationalliberalen geraten über die Frage, wer als gemeinsamer Kandidat beider Parteien in dem Reichstagswahlkreise Eisenach-Dermbach aufgestellt werden soll, immer mehr in Hitze und richten in ihrer Presse gegeneinander die schärfsten Angriffe. Beschuldigen die Freisinnigen die National- liberalen der reaktionären Gesinnung und der Mogelei mit dem Bunde der Landwirte, so umgekehrt die Nationalliberalen die Frei- sinnigen der Unbeständigkeit, des Hin- und Herschwankens, des Doppelspiels. Soweit sich ersehen läßt, haben beide Parteien mit ihren Anschuldigungen recht; besonders scheint der freisinnige Neichstagsabgeordnete Müller-Meiningen bei den Verhandlungen eine sonderbare Rolle gespielt zu haben. In einer Zuschrift des WahlkrssS-Obmanns der nationallibe- ralcn Partei in Eisenach, eines Herrn Dr. Appelrus, an die „Nationalztg." wird nach einer kurzen Darlegung des gegenseitigen Feilschens um die zukünftige Besetzung der Wahlkreise Sachsen- Weimars daL Ergebnis der Verhandlungen folgendermaßen ge- schildert: „Danach forderte die freisinnige Parteileitung die Zusage der Meininger Nationalliberalen, 1912 wieder für einen frei- sinnigen Reichstagskandidaten einzutreten, und wir konnten zu unserer Freude diese Zusage von unseren Meininger Partei- freunden erhalten. Gleichzeitig empfahlen uns diese Herrn Schultheiß Krug aus Obermaßfeld, einen national- liberalen Abgeordneten i>es Meininger Landtags, als vorzüglichen gemeinsamen Kandidaten, der, was uns bei unseren Einigungs- bestrebungen besonders wertvoll erscheinen mußte, von dem freisinnigen Reichstagsabgeordnetcn Müller- Äteiningen warm empfohlen war. Ein Bedenken bestand gegen Herrn Krug. Er ist Mit- glied des Biundes der Landwirte. Wir teilten diese Tatsache selbstverständlich dem freisinnigen Parteivorstand mit. In einer gemeinsamen Sitzung der beiden Parteivorstnnde stellte sich Herr Krug vor. Die freisinnige Parteileitung forderte von ihm Austritt aus dem Bunde i>er Landwirte. Herr Krug erklärte, daß er das nicht tun werde und gab seine Gründe dafür an. Er bekannte sich unbedingt zum nationalliberalcn Parteiprogramm, er erklärte sich als Landwirt für einen Freund der Landwirt- schast, billigte deren Stärkung durch die jetzige Zollgesetzgebung, erklärte sich aber gegen eine weitere Zollerhebung auf Lebens- mittel und bekannte sich rückhaltlos für eine die schwachen Schultern entlastende Erbschaftssteuer. Seine Ausführungen überzeugten auch die freisinnige Parteileitung von seiner Brauchbarkeit als gemein- samer Kandidat. Die Kandidatur wurde von den beiden an der Sitzung teilnehmenden Parteivorständen einstimmig an» genommen. Die Freisinnigen behielten sich zwar die Zustimmung ihrer Vertrauensmänner vor, hielten diese aber für sicher und vereinbarten Mit uns, in den Zeitungen bekanntzugeben,„dem Vernehmen nach sei die Einigung der Liberalen auf den Land- Wirt Krug aus Obermaßfeld zustande gekommen." Man schied in völliger Harmonie und war sich eines guten Werks bewußt. Während in unseren Kreisen, namentlich den ländlichen und da auch in freisinnigen, die Kandidatur Krug un- geteisieste» Beifall fand, berief der Vorstand der freisinnigen Partei statt einer Vertrauensmännerversammlung eine Vereins- Versammlung- und diese verwarf nach uns geworde- n e r lv! i t t e i l u n g c i n st i m ui i g die Kandidatur Krugs wegen feiner Zugehörigkeit zum Bund der Landwirte. Also auch der Vereinsvorstand tat das, also dirsoltzo BorstgQdt<$£ fcUle ÄsMdaM weMe Tage vorher gebilligt hatte, und der tat das in öffentlicher Versammlung, ohne uns vorher auch nur die geringste Mitteilung seiner Sinnes- änderung zu geben, und das, nachdem Krugs Kandidatur bei den meisten Liberalen außerhalb Eisenachs Toren den ungeteiltesten, teilweise enthusiastischen Beifall gefunden.... Ich rechte nicht mit den Freisinnigen wegen ihrer Sinnes- änderung, aber ich erkläre es für eine unerfüllbare Zumutung. daß wir Nationalliberalcn jetzt noch auf die Kandidatur ver- zichten und nochmals mit dem Freisinn verhandeln sollen. Es hat alles seine Grenzen, auch die Nachgiebigkeit im Interesse der Einigung der Liberalen." Wir finden begreiflich, daß die einberufene Vereinsversamm- lung der Freisinnigen von der Kandidatur des Herrn Krug, der ein recht eigenartiger Ragout-Politiker, eine kuriose Vereinigung des Unvereinbaren zu sein scheint, nichts wissen wollte. Die frei- sinnige Wählerschaft des Wahlkreises Eisenach-Dermbach hat da» durch bewiesen, daß sie mehr politische Einsicht besitzt als ihre Wortführer. Aber durch diese nachträgliche Rektisizierung des Ver- Haltens des Herrn Müller-Meiningen wird desjen seltsames Spiel bei den Vorverhandlungen nicht im geringsten aus der Welt gc- schafft. Nachdem dieser Hüter freisinniger Prinzipien den ihm be- kannten Schultheiß Krug selbst warm empfohlen und der frei- sinnige Parteivorstand auf diese Empfehlung hin sich mit der Kan- didatur Krugs einverstanden erklärt hatte, dursten sicherlich die Nationalliberalen annehmen, auch die einberufene freisinnige Ver- sammlung werde zustimmen. Noch schöner aber erscheint das Verhalten des Herrn Müller- Meinigen, wenn man das Motiv in Betracht zieht, das ihn zu seinem Eintreten für Herrn Krug bestimmte. Herr Krug hat nämlich, wie die„Nationall. Korresp." meldet, bei den Hauptwahlcn von 1907 die Reichstagskandi. datur des Abgeordneten Dr. Müller-Meiningen sehr„tatkräftig und mit Erfolg unterstützt". Diese Unterstützung gilt allem Anschein nach Herrn Müller als ein so enormes Verdienst des Herrn Krug, daß selbst die Zugehörigkeit des Herrn Krug zum Bund der Landwirte dagegen nicht in Betracht kommt. Es gibt doch noch freisinnige Prinzipienmenschen I Mnialpolitilche IRoral. Unter den Verteidigern der Koloniakpolitik ist Paul R o h r b a ch einer der sympathischsten. Ein Mann, der sich durch fleißige Arbeit weitgehende Kenntnis der Kolonien ver- schafft und darüber schon mehrere recht lesenswerte Schriften verfaßt hat. Nicht so ein Bramarbas, der mit. Redensarten wie„deutsch-national" und dergleichen um sich wirft, sondern ein Mann, der mit Ernst und Gfcr in die Sache einzudringen und etwas Sachliches darüber vorzutragen sucht. Deshalb ist es von Interesse, gerade an ihm als Beispiel den wahren Charakter der kapitalistischen Kolonialpolitik aufzuzeigen. Vor ein paar Jahren hat Herr Rohrbach ein Buch ver- öffentlicht, worin er die Frage zu beantworten suchte, wie das Deutsche Reich seine Kolonien rentabel machen könne. Diesen Stein der Weisen zu finden, gelang ihm natürlich nicht, und so half er sich aus der Verlegenheit, indem er das Wort „rentabel" in einer höchst kuriosen Weise umdeutete. Während sonst alle Welt ein Unternehmen dann rentabel nennt, wenn es Profit abwirft, erklärte Herr Rahrbach, an einen Uebcr- schuß für die Reichskosse sei selbstverständlich nicht zu denken, sondern die Rentabilität einer Kolonie bestehe darin, daß sie sich„im allgemeinen wirtschaftlich entwickelt" und daß„wir als Gesamtnation von dieser Entivickelung einen entsprechenden materiellen und moralischen Gewinn haben". Trotzdem ist das Buch sehr wertvoll, denn Rohrbach untersucht die Be- dingungen solcher Entwickelung mit vollem Ernste und kommt dadurch zu einer ganz ungeschminkten Schilderung der tat- sächlichen Zustände in den deutschen Kolonien, die er zum großen Teil aus langem Aufenthalt persönlich kennt. In den seither verflossenen Jahren hat Rohrbach wieder ein Stück Welt bereist und andere Teile der deutschen Kolo- nien kennen gelernt, und so zeigt sich in seinen neueren Schriften, daß er inzwischen zugelernt hat. damals— tvie unser Zitat zeigt— sprach er von dem Gewinn, den„wir als Gesamtnation" aus den Kolonien ziehen sollen. Er glaubte also, daß alle Deutschen unterschiedslos von der Kolonialpolitik Vorteil haben können. Inzwischen mag er wohl gesehen haben, daß„wir als Gesamtnation" verflucht wenig Gewinn daraus gezogen haben. Die wahre Ursache davon muß ihm unklar bleiben, weil er die Wirkung der Klassengegensätze innerhalb der Nation nicht kennt oder nicht anerkennt. Er weiß nicht und gibt nicht zu, daß— vermöge der kapitalistischen Zusammenhänge unserer Wirtschaft— die etwaigen Vorteile der Kolonien immer nur den Besitzenden in Deutschland zufließen können, aber nicht den Arbeitern. Aber d i e Tatsache, daß die deutsche Arbeiterschaft von den kolossalen Aufwendungen, die das Reich für die Kolonial- Politik macht, noch nichts gehabt hat, hat er offenbar ein- gesehen und erklärt sie sich nun auf seine Weise. In seinem neuesten Buch„Kulturpolitische Grundsätze für die Rassen- und Missionsfragen", das eine Einleitung zu einem Werk über„Deutsche Kolonialwirtfchaft" sein soll, findet sich nämlich der Satz: „Die Idee, daß die Bantus, die Sudanneger und die Hotten« totten in Afrila ei» Recht darauf hätten, nach ihrer eigenen Fasson zu leben und zu sterben, selbst tvenn darüber unzählige Existenzen bei den Kulturvölkern Europas in einem proletarische» Kümmerdaseiil stocke» bleibe», ansiait dah sie durch eine Voll- ansiiutzuns, der Produktionsfähigkeit unseres Kolonialbesitzes so- wohl selbst zu einem reicheren Dasei» emporsteigen als auch den Gesaintbau der humanen und nationalen Wohlfahrt freier in die Höhe richten helfen(sei es in Afrika, sei es in Europa)— diese Idee ist absurd," Herr Rohrbach bildet sich also ein: wenn trotz aller Kolouialpolitit immer noch in Deutschland„unzählige Existenzen in einem proletarischen Kümmerdasein steckenbleiben", so liege das daran, daß die Eingeborenen in den Kolonien— zu rücksichtsvoll behandelt worden seien! Gegen diesen Satz zu polemisieren, ist vor unseren Lesern überflüssig. Wir führen ihn nur an. weil er mit krasser Deutlichkeit zeigt, welche moralischen Verwüstungen das kapitalistische Denken sogar bei einem Mann van den hervor- ragenden geistigen und sittlichen Qualitäten Rohrbachs an- richtet. Sieht man genauer zu, so muß man nämlich erkennen, daß diese kolonialpolitische Moral in ihrer praktischen Betätigung zu de» Greueln führe» inuß, die der jüngst verstorbene belgische Leopold im K o n g o st a a t verschuldet hat. In der Tat, was ist es denn, das die gesamte Kultur- Welt dem Leopold-Shstenl zum Vorwurf macht? Die Tat- fache, daß eS jede Spur von Menschlichkeit gegenüber den Eingeborenen beiseite gesetzt hat, zu dem Zweck, Vorteil aus ihnen zu ziehen, oder— wie mau mit Rohrbachs Worten sagen könnte—„eine Vollausnutzung der Produktions- fähigkeit seines Kolonialbesitzes" herbeizuführen. Das ist der Grund, weshalb Leopold die Eingeborenen am Kongo nicht „nach ihrer eigenen Fasson" hat leben und sterben lassen, sondern ihnen, besonders fürs Sterben, eine andere Fasson vorgeschrieben hat. Als guter Christ konnte Leopold sich das leisten, denn auf dem Sterbebett hat er ja um Verzeihung für die Fehler gebeten, die er während seines LebeuZ begangen hat. Ihm kann also nichts passieren. In den letzten Wochen, kurz vor Leopolds Tode, sind wieder ein paar Bücher über die Kongogreuel erschienen, die zwar etwas wesentlich Neues nicht bringen, aber den hier erwähnten Zusammenhang klar beleuchten. Der Engländer Conan Dogle, bisher durch seine Sherlock Holmes-Geschichten bekannt, hat eine Schrift über das Aoiigo-Verbrechen veröffentlicht*), auZ der wir z. B. folgendes erfahren(Seite 15 und folgende): „Im Jahre 1886 schloß eine lange(offizielle) Erklärung (der Kongorcgierung) mit den Worten:„Verboten sind alle Hand- lungen oderllebereinkommen.welche geeignet sind.dieEingeborenen aus den von ihnen bewohnten Gebieten zu vertreiben oder sie direkt oder indirekt ihrer Freiheit oder Existenzmittel zu be- rauben." Vor dem Ende des Jahres 1887 war aber ein Gesetz veröffentlicht worden, welches genau die gegenteilige Wirkung erzielte. Durch dieses Gesetz wurden alle Ländereien, welche nicht tatsächlich von den Eingeborenen okkupiert waren, als Eigentum des Staates beansprucht. Man bedenke doch nur, was das heißt. In einem solchen Lande sind die Gebiete niemals tatsächlich von den Eingeborenen okkupiert. mit Ausnahme des unmittelbaren Bodens, auf dem ihre Dörfer stehen, und der dürftigen uni- liegenden Getreide- oder Manioc-Felder. Rings um diese winzigen Flecken dehnen sich die Ebenen und Wälder, welche die Wanderplätze ihrer Vorfahren gewesen waren und die alleinigen Gegenstände ihres Handels hervorbringen: Gummi, Farbholz, Copal. Elfenbein und Tierhäute. Mit einem einzigen Federzuge wurde in Brüssel alles von ihnen ge- nomine«, nicht allein das Land, sondern auch seine Produtte... „Nachdem man sichjjas Land und seine Produkte gesichert hatte,, war der nächste Schritt, Arbeitskräfte zu beschaffen, mit deren Hilfe diese Produkte sicher eingeheimst werden konnten, In dieser Richtung wurde der erste definitive Schritt im Jahre 1888 getan... Der wirkliche Schutz des Schioarzen in Sandelsangelegenheiten würde sclbstverständlicherweise in der ewährung einer Löhnung bestanden haben, die ihn zur Verrichtung der Tagesarbeit hätte bewegen können, und in der Gewährung des Rechts, seine eigene Beschäftigung zu wählen.... Aber das erwähnte Gesetz gestattete die Aus- liefcrung der Schwarzen für Zeitperiodeu von sieben Jahren an ihre Herren zum Zwecke einer Dienstleistung, die tatsächlich von Sklaverei nicht zu unterscheiden war. Da die Verhand- lungen gewöhnlich mit dem„Capita", dem Aufseher, geführt wurden, so wurde der unglückliche, dienende Eingeborene von einer Hand in die andere überwiesen, ohne für sich Vorteile zu gewinnen und ohne eigentlich die Bedingungen seiner Knechtschaft zu kennen.... „Major Parminter, der selbst im Kongogebiet Handel trieb, faßte die Verhältnisse im Jahre 1902 folgendermaßen zusammen:„Die Anwendung der neuen Bestimmungen der Negierung bedeutet folgendes: Der Staat betrachtet das ganze Kongogebiet mitalleinigerAusnahme derDörferderEingeborenen und der dazu gehörigen Gärten als sein Privateigentum; alle Produkte dieses immensen Gebiets sind gleichsfalls sein Privat- cigentum und er monopolisiert den Handel. Was die ursprüng- lichen Besitzer, d. h. die eingeborenen Stämme betrifft, so werden sie enteignet auf Grund eines einfachen Zirkulars. In gnädiger Weise wird ihnen das Sammeln der Produkte gestattet, jedoch nur unter der Bedingung, daß sie dieselben dem Staate für einen Preis überliefern, den wiederum der Staat nach eigenem Gutdünken bestimmt... Im Januar 1892 schrieb'Distriktkommissar Baert:„Die Eingeborenen des Distriktes Ubangi-Welle sind nicht berechtigt, Gummi zu sammeln. Sie sind benachrichtigt worden, daß ihnen die Erlaubnis hierzu nur unter der Bedingung gewährt werden kann, daß sie die Produkte ausschließlich dem Staate auS- liefern." Kapitän Le Marmel äußert sich ei« wenig später noch deutlicher folgendermaßen:„Ich habe beschlossen, die Rechte des Staates über feine Domäne rücksichtslos zur Aus- führung zu bringen und ich kann deshalb nicht erlauben, daß die Eingeborenen irgend einen Teil deS Gummis oder Elfenbeins, der in der Domäne hervorgebracht wird, zu eigenem Nutzen ausbeuten oder an andere verkaufen. Händler, welche solche Früchte von den Eingeborenen kaufen oder zu kaufen versuchen, machen sich meiner Ansicht nach des Empfanges ge- stohlener Güter schuldig, und ich werde sie zum Zwecke der Strafverfolgung den gerichtlichen Behörden zur Anzeige bringen." Noch die folgende Stelle(S. 30—31) mag wörtlich angeführt werden: „Nachdem der Staat, d. h. der König das ganze Land mit seinen gesamten Produkten für sich in Anspruch genommen hatte, war sein nächster Schritt die Einführung eines Systems, vernnttelst dessen die Produkte möglichst schnell und billig ge- sammelt werden konnten. Dasselbe lief darauf hinaus, daß die enteigneten und ironischerweife„Bürger" genannten Ein- ") A. Conan Dohle, Das Kongo-Verbrechen, Deutsch von Abel- MuSgravo, Berlin 1909 bei Dietrich Reimer, 165 S. 1 M. geborenen gezwungen wurden, zum Nutzen des Staates die ihnen geraubten Produkts zu sammeln. Diesem Ziveck dienten zwei Mittel: Erstens Besteuerung, durch welche eine willkürliche Auflage(die dauernd wuchs, bis sie fast das ganze Leben der Eingeborenen in den Frondienst stellte) ohne irgendwelche Entschädigung verlangt wurde. Das andere Mittel war sogenannter„Tauschhandel", der darin bestand, daß man den Eingeborenen für ihre Waren nach eigenem Gutdünken willkürliche Preise bezahlte und zwar in der vom Staate selbst gewählten Tauschform, da eine Kon- rurrenz durch andere Händler nicht gestattet wurde... Konsul Thesiger sagte in einer Beschreibung dieses so- genannten Tauschhandels im Jahre 1908:„Man verteilt die Waren, indem man dem einen Mann einen Hut, dem anderen eine eiserne Hacke gibt usw. Jeder Empfänger ist dann nach einem Monate für die Ablieferung einer gelvissen Quantität Gummi verantwortlich. Keine Wahl der Tausch- gegenstände ist gestattet, ebensowenig wie Zurück- Weisung derselben. Wagt jeniand einen Einwand, so wird der Gegenstand vor seiner Tür niedergeworfen, und ob er ihn aufnimmt oder nicht, der Mann muß am Ende des Monats die Ouantität Gummi abliefern. Die Gesamtmenge desselben wird immer so hoch angesetzt, wie sie von den Ein- geboreneu nur irgend beigeschafft werden kann." Uns dünkt, der Zusammenhang ist von einer grausamen Klarheit. König Leopold wollte„die Produktionsfähigkeit seines Kolonialbesitzes voll ausnutzen", d. h. so viel Gummi herausholen wie nur irgend möglich. Deshalb wies er es— ganz nach Rohrbachschem Rezept— weit von sich, die Schwarzen„nach ihrer eigenen Fasson leben und sterben zu lassen", und erreichte damit dann freilich, was Herrn Rohr- bach noch nicht gelungen ist: er hat seine Kolonie wirklich rentabel gemacht.„Würde man." schreibt Conan Doyle S. 35,„den Handel auf seine natürliche Basis stellen, dann mühten die gegenwärtigen Besitzer des Kongolandes viele Jahre hindurch, anstatt sich ihre Dividenden zu teilen, jährlich mindestens eine Million Pfund (zwanzig Millionen Mark) auf die Vcrlval- tung des Landes verwenden." Wie das Leopold-System gewirkt hat, ist bekannt, und es wäre ermüdend, all die Greuel und Scheusäligkeiten hier auf- zuzählen, die dort des Gummis wegen verübt worden sind und noch täglich verübt werden: die Verstümmelung von Männern, Frauen und Kindern durch Abhauen der Hände oder Beine, das Niedermetzeln ganzer Stämme, das Ver- brennen ganzer Dörfer usw. usw. Jedermann kann das im Conan Doyleschen Buche selbst nachlesen. Selbstverständlich wissen wir genau, daß Herr Rohrbach dergleichen nicht will. Aber es ist tatsächlich nur die Folge eines Systems, das sich auf seine Lehre stützt, die die Eingeborenen zugunsten des„Kulturfort- schritts" aufopfern will. Wie denn auch ähnliche Greueltaten in anderen Kolonien-- nur weniger bekannt ge- ivorden sind! Und so ist denn der neueste Ausspruch Rohrbachs ein Beweis des traurigen Verfalls der kolonialpolitischcn Moral. politifchc OebcrHcbt. Berlin, den 5. Januar 1910. Die schöne Pose. An die„glorreiche" Zeit des Kulturkampfes der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts erinnert ein Streit, der zwischen der Regierung des Reichslandes und den Bischöfen von Metz und Straßburg, den Herren Benzler und Fritzen, ausgebrochen ist— allerdings verhält sich der jetzige Streit zu dem früheren ungefähr wie die Farce zur Tragödie, ganz in Uebereinstimmung mit der oft beobachteten geschichtlichen Tatsache, daß, wenn historische Vorgänge und Personen sich zweimal ereignen, das zweite mal nur eine Karikatur oder Persiflage auf das erstemal herauskommt. Der Anlaß zu dem Streit ist. daß der elsaß-lothringische Lehrerverband den Entschluß faßte, dem interkonfessionellen Allgemeinen Deutschen Lehrerverein beizutreten. Das paßte den Bischöfen von Metz und Straßburg nicht. Sie hielten das Seelenheil der reichsländischen katholischen Lehrer für ge- fährdet und richteten an diese einen Hirtenbrief, in dem sie den katholischen Lehrern untersagten, sich dem Allgemeinen Deutschen Lehrerverein anzuschließen. Nun erschien die Re- gierung der Reichslande auf dem Plan. Bekanntlich ist die preußische Regierung stets, wie das erst jüngst wieder ihr Eintreten für die Wahlfreiheit der Lehrer und Beamten in Kattowitz bewiesen hat, außerordentlich darum besorgt, daß den im Staats- oder Kommunaldienst Angestellten ihre staatsbürgerlichen Rechte in keiner Weise verkümmert werden. So erging denn von Berlin aus ein Wink an den Staats- sekretär des Reichslandes, die Anmaßung der Bischöfe zurück- zuweisen. Und Freiherr Zorn von Bulach leistete Folge. Er richtete an die beiden Bischöfe ein längeres Schreiben, in dem es heißt: „Aus den öffentlichen Blättern entnehme ich, daß Eure Gnaden an die Ihrer Diözese angehörigen katholischen Lehrer eine Mitteilung und Aufforderung bezüglich ihrer Stellung zum Allgemeinen Deutschen Lehrerverein gerichtet haben. Da die Nachricht bisher von keiner Seite widerrufen ist, muß ich an- nehmen, daß sie den Tatsachen entspricht. Die Mitteilung Eurer Gnaden an die Lehrer kommt der Erteilung von Ver- haltungsmatzregeln gleich. Den darin liegenden Ein- griff in den Bereich der staatlichen Befugnisse muß ich zurück- weisen. Ich bedauere denselben um so mehr, als Eurer Gnaden aus früherer Mitteilung meines Herrn Amtsvorgängers(Schrei- ben vom 14. Oktober 1907 O. S. 7265) die Stellung der Schul- Verwaltung zur Sache bekannt ist:„Es ist für diese selbstver- ständliche Pflicht, daß sie das Recht des einzelnen LehrerS achtet, sich außerhalb des Amtes frei, jedoch innerhalb der Schranken der Gesetze, insbesondere des Beamtengcsetzes zu bewegen." Die gleiche Richtlinie muß von jeder anderen Behörde innegehalten werden, Mit- teilungen aber in bezug auf das Verhalten der Lehrerschaft in ihrer Gesamtheit oder ihren Hauptgruppen sind nur auf dem Dienstwege zulässig. So fern es mir liegen würde, den Seel- sorger zu verhindern, mit den Angehörigen der Gemeinde über religiöse und kirchliche Angelegenheiten zu verhandeln, so wenig ich daran gedacht hätte, den Oberhirten einer Diözese das Recht zu beschränken, durch einen kirchlichen Akt sich an die Gesamtheit seiner Diözesancn zu wenden, ebensosehr mutz ich daran fest» halten, daß die mir nachgeordneten Beamten und Lehrer hin- sichtlich ihres Verhaltens lediglich von ihren Vor- gesetzten Weisung erhalten." Doch die Bischöfe sind nicht gewillt, Zurechtweisungen Uorc der Negierung entgegenzunehmen. Der durch des Kaisers Huld und Fürsprache vorn Ab! zu Maria Laach zum Bischof von Metz beförderte, manchmal etwas bockige Herr Bcnzler, der sich als Bischof„Willibrod" nennt, hat daraus bereits mit folgendem Gegenschreiben geantwortet: „Ew. Exzellenz erwidere ich aus das gütige Schreiben vom 1. d. M. ganz ergebenst, daß ich die vorletzte Nummer des„Schul- freundes" a» die Pfarrer meiner Diözese gesandt und sie er- sucht habe, von derselben Kenntnis zu nehmen und dieselbe als- dann den Lehrern ihrer Gemeinden zuzustellen. Ich erachte es als ein Recht beziehungsweise eine Pflicht meines oberkirchlichen Amtes, die katholischen Lehrer meiner Diözese auf die religiöse Seite des Eintritts in den Allgemeinen Deutschen Lehrervercin aufmerksam zu machen. Eine Erteilung von Verhaltungsmag- regeln an die Lehrer lag mir dabei selbstverständlich fern und noch mehr ein Eingriff in die staatlichen Besilgnifse. Wenn Eure Exzellenz cS für angezeigt halten, das Schreiben zu vcc- öffentlichen, so bin ich benötigt, auch diese Antwort der Oeffcnc- lichkeit zu übergeben." Die liberalen Blätter sind entzückt über das„energische Vorgehen" der Regierung und sehen bereits eine arge„Ver- st i m m u n g" zwischen Regierung und Klerus am politischen Himmel herausziehen. Kindische Hofsnungen! Beide brauchen einander, der Klerus die Regierung, und die Re- gierung den Klerus._ Die Einfuhrscheine. Der neue Staatssekretär des Reichsschatzamtes Mermuth läuft Gefahr, sich bei den Agrariern verhaßt zu machen. Er will die Geltung der Einfuhrscheine einschränken. Die offiziösen „Berliner Politischen Nachrichten" schreiben nämlich: „Nach§ 11 des Zolltarifgesetzcs vom Jahre 1902, das le- kanntlich am 1. März 1906 in� Kraft trat, werden bei der AuS- fuhr von Roggen, Weizen, Spelz, Gerste, Hafer, Buchweizen, Hülsenfrüchten, Raps und Rüben aus dem freien Verkehr des Zollgebietes, wenn die ausgeführte Ware wenigstens 5 Doppcl- zentner beträgt, auf Antrag des Warenführers E i n f u h r- scheine erteilt, die den Inhaber berechtigen, innerhalb einer gewissen Frist eine dem Zollwerte der Einfuhr- scheine entsprechende Menge einer der vorgenannten Waren ohne Zollcntrichtung einzuführen. Die Ermächtigung ist weiter auf Kaffee und Petroleum ausgedehnt. Durch die Bestimmung werden die Zolleinnahmen von Jahr zu Jahr mehr beeinflußt. In der Zeit vom Januar bis No- vember 1907 wurden 41,8 Millionen Mark Zölle mit Einfuhr- scheinen beglichen, im gleichen Zeitraum 1908 78,9 Millionen Mark und 1909 80,9 Millionen Mark. Der Staatssekretär des Reichsschatzamtes hat in seiner, die letzte Etatsdebatte des Reichstages einleitenden Rede davon gesprochen, daß hinter die Schätzung der Zolleinnahmen im Jahre 1909 das Fragezeichen der Einfuhrscheine träte, und damit betont, daß die Entwich- lung der Einrichtung der Einfuhrscheine die Zolleinnahmen des laufenden Jahres und namentlich diejenigen, die für den Hinterbliebenenversicherungsfonds in Betracht kommen, ungünstig beeinflussen könnte. Die neuer- liche EntWickelung der Ein- und Ausfuhr, namentlich in Hafer, scheint dem Reichsschatzsekretär recht geben zu wollen. Beim Hafer war bis Ende Oktober die Ausfuhr kleiner gewesen als die Einfuhr. Im Monat November hat sich das Bild aber wieder ganz verschoben. Einer Einfuhr von 412 751 Doppelzentner steht eine Ausfuhr von 546 526 Doppelzentner gegenüber. Stei- gert sich die Ausfuhr nun so weiter, so ist damit zu rechnen, das; in den letzten Monaten des laufenden Finanzjahres wieder eine beträchtliche Summe von Zöllen durch Ein- fuhrscheine für Hafer beglichen werden, und daß dar.nt die Zolleinnahme eine Minderung erfahren wird. Eine der- artige EntWickelung bedeutet vom finanzpolitischen Stanill�.it eine große Schwierigkeit für die Feststellung und Festhaltung der Einnahmen des Reiches.... Der Reichstag hat seinerzeit das Ersuchen ausgesprochen, daß die ganze» Verhältnisse durch eine Denkschrift geklärt wer- den möchten. Diese Denkschrift ist im R e i ch s s ch a tz a m t bereits aufgestellt und unterliegt zurzeit der Prüfung der mitbeteiligten Verwaltungen de� Reiches und Preußens. Sobald die Denkschrift dem Reichstage zugegangen sein wird. wird sich Anlaß bieten, die oben berührte wichtigte Frage einer eingehenden Erörterung zu unterziehen." Das Motiv der Geltungsbeschränkung der Einfuhrscheine ist also nicht die Einsicht in die Ungerechtigkeit de? heutigen Systems, sondern der Wunsch, die Zollcinkünfte des Reiches zu steigern. Aber welchen Motiven auch der Versuch entspringt, den Agrar- konservativen ist jede Einschränkung des Geltungsbereichs der Ein- fuhrscheine zuwider. Ihnen bringt daS heutige System reichen Segen— folglich ist es nach ihrer Logik nicht nur berechtig i, sondern auch für das deutsche Vaterland höchst nützlich. Wir wer- den deshalb in den mäckisten Tagen wieder die bekannten lache r- lichen Tiraden über die Gefährdung der Landwirtschaft, die Notlage des Getreidebaus usw. in der konservativen Presse lesen. Zur preußischen Wahlreform liegen zwei beachtenswerte Meldungen vor. Die„Kölmscfe Zeitung", das führende Organ der rheinischen Nationalliberalen, bezeichnet die geheime Stimmenabgabe und die direkie Wahl als das mindeste, was eine Wahlrechtsreform bringen muß. Diese Auffassung des nationalliberalen Blattes findet jedoch ohne Zweifel in den Reihen der nationalliberalen Land- tagSfraktion keineswegs ungeteilte Zustimmung. Hat doch ei st dieser Tage der in der Nachbarschaft der„Kölnischen Zeitung", in Dortmund, hausende nationalliberale Wg. Schmieding in der „National-Zeitung" dargelegt, daß die geheime Wahl zur p o l i t i- scheu Charakterlosigkeit erziehe. Die andere Meldung stammt aus der sreikonservativen„Post", die es als zutreffend bezeich net, daß an der öffentlichen Stimmen- abgäbe festgehalten werden soll, und dazu bemerkt:„Darüber wird man aber nicht zweifelhaft sein können, daß eine Wahlvorlage, in welcher die öffentliche Stimmabgabe allgemein beibehalte» wird, die Sanunlung der durch die Reichsfinanzreform aus- eimmdergesprengten Parteien nicht fördern, sondern im Gegen- teil den Riß nur erweitern wird, es sei denn, daß in derselben den liberalen Parteien durch weitgehendes Eut- gegenkommen in bezug auf die Abstufung des Wahlrechts e i n Ausgleich geboten wird. Auch wird man sich nicht mit der Hoff- nung schmeicheln dürfen, daß ein Wahlgesetz, welches die gehet»:: Stimmabgabe grundsätzlich ausschließt, den Abschluß der Reform des preußischen Wahlrechts bedeuten würde. So weit sich die Dinge jetzt beurteilen lassen, würde man es alsdann vielmehr nur mit einer Phase in dem voraussichtlich demnächst noch heftiger entbrennenden Kampfe um das preußische Wahlrecht zu tu» haben."_ Das Arbeitsprogramm des Reichstags. lieber die Arbeitsdispositionen des Reichstags für das nächste Vierteljahr weiß eine hiesige halboffiziöse Korrespondenz zu berichten: Nach Absolvierung der erste» Lesungen der Strafprozeß- ordnung, der Novelle zum Strafgesetzbuch und dem Reichsbeamten- Haftpflichtgesetz und nach den Besprechungen der vorliegenden noch unerledigten Interpellationen wird beabsichtigt, um die Milte des Monats in die zweite Etatslesung einzutreten. Der Budget- kommission sind bekanntlich nur die wichtigen Teile des Etats und zwar in geringerem Umfange als früher überwiesen worden, so daß das Plenum, unabhängig von dem Fortschreiten der Kommissions- beratungen, an die zweite Etatslesung herantreten kann. ES ist die feste Absicht der Parteien, trotz des frühen Osterfestes, die Etatsberatungen bis Mitte März zu beenden. Inj Januar sollen ferner noch nach Erledigung der Lkommissionsvorberatnng der deutsch-portugiesische Handelsvertrag und der Kolonialnachtrags- etat mit den Forderungen für den Ausbau deS Kolonialeisenbahn- »etzes im Plenum zur Verabschiedung gelangen. Als Wünschens- wert betrachtet man außerden» die Einichaltung eines Schwerins- tages, um sich über die Frage der Veteranenbeihilfen, die bekannt- lich wegen des Fehlens von Deckungsmitteln immer noch nicht gelöst ist, schlüssig zu machen. Es sind die parlamentarischen Wünsche der Mehrheitsparteien, die hier dargelegt werden. Ob tatsächlich die Verhandlungen einen solchen Verlauf nehinen und das Arbeitspensum so schnell herunter- gehaspelt wird, ist ziemlich fraglich. Amüsante Widersprüche. Possierlich ist es, wie sich die Presse der Ritter und Heiligen mit dein Parteitag der preußischen Sozialdemokratie abfindet. Junker und Zentrum sind sich zwar einig in der Absicht, dem Volke seine Rechte so lange als möglich vor- zuenthalten; aber über die Bedeutung des „ P r e u ß e n t a g e s" gehen ihre Ansichten in der schnurrigsten Weise auseinander. So schreibt die„Mark. Volksztg.", der Ableger der„Germania": „Der„Preußentag" der Sozialdemokraten nahm einen gemütlichen Verlauf: die Debatten sahen aus, als ob lauter alte Spießbürger zu einen, Frühschoppen zusammengekommen seien, wobei es immer auch einige gibt, die mit der Faust auf den Tisch schlagen. Daß eine Resolution in der Frage der Wahlrechtsreform Annahme fand, ist felbstverständ- lich, und daß in dieser das Zentrum verdächtigt wird, überrascht auch niemand. Erhöhte Beachtung verdient, daß die Genossen sich nun aus die Kreis- und Bezirksausschüsse werfen wollen, um dort ihren Einzug zu halten. Der ganze„Preutzentag"— wie ihn die Genossen nennen— war nicht die Reisekosten wert, die er verursacht hat." Während sich hier das böse Gewissen hinter gekünstelter Geringschätzung verbirgt, schreit die Angst der agrarischen Schnapphähne bereits nach der Polizei. Zetert doch die „Deutsche Tageszt g.": „Man hat sich gehütet, in der Resolution die Teufel der Straßcndemonstratioiien und des Massenstreiks an die Wand zu malen. Wohl aber hat man in Aussicht gestellt, daß man, um das ollgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht in Preußen zu erlämpfen, von allen, selbst den schärf st en Mitteln Gebrauch machen werde. Der sozialdemokratische Redner hob unter dem Beifall der Versammlung mit großer Entschieden« heit hervor, daß die Sozialdemokratie ernsthaft ent- schlössen sei, alle denkbaren und möglichen Mittel anzuwenden und daß sie sich vorbehalte, den Zeitpunkt zu bestimmen, zu dem die Anwendung dieser Mittel erfolgen solle. Damit werden die bürgerlichen Parteien und die maßgebenden Kreise unbedingt zu rechnen haben. ES wäre kurzsichtig und töricht, wenn man nicht auf. alleS gefaßt sein wollte. Zunächst werden wohl die Herren einen allgemeinen Massenstreik nicht wagen, und sie werden auch mit den Demonstrationen etwas vorsichtig sein. Jedenfalls werden sie aber ihre Leute im Feuer exerzieren. Deshalb ist es die unabweisbare Pflicht der verantwortlichen Behörden, dafür zu sorgen, daß diese Exerzierübungen in ihren Anfängen überwacht und möglichst gehindert werden. Nnr wenn revolutionäre Kundgebungen und Maßnahmen im Keime erstickt werden, bleiben sie ungefährlich. Schwächliche Duldsamkeit fördert lediglich die Gefahr." Was soll nun die brave Polizei glauben? Große Reinigung. Bei der Besprechung der Werftinterpellation im Reichstage hat der Staatssekretär des Reichsmarineamtes, v. Tirpitz, mehr «ls einmal versichert, daß er mit eisernem Besen Auskehr vor- nehmen werde. Den Anfang damit scheint er nun gemacht zu haben. Wenigstens wird amtlich verkündet:„Durch Kabinetts- order vom 4. Januar ist Vizeadmiral Breusing, Direktor des Werftdepartements des Reichsmarineamtes, in Genehmigung seines Abschiedsgesuches mit der gesetzlichen Pension zur Disposition ge- stellt unter gleichzeitiger Verleihung des Charakters als Admiral." Weitere Personalveränderungen sollen bevorstehen. Als ob «S damit getan wäre. Wenn die Werften rationell arbeiten sollen, ldann muß mit dem seitherigen System gebrochen werden. So aber kommen neue Männer und das System bleibt das alte. Dem Herrn v. Tirpitz wird der Wunsch des Reichstages noch etwas deutlicher auseinandergesetzt werden müssen. Kommunale Wahlrechtsverschlechterung. Gegen die am 17. Dezember von beiden städtischen Kollegien in Oelsnitz i. V. beschlossene Wahlrechtsänderung hatten die drei sozialdemokratischen Stadtverordneten rechtzeitig Rekurs bei der Kreishauptmannschaft eingelegt. Begründet wurde der Rekurs damit.daß die gemeinschaftliche Sitzung beider Kollegien entgegen den Bestimmungen der Geschäftsordnung einberufen worden ist. und daß die Vorlage vor die gemeinschaftliche Sitzung gebracht worden ist, ohne daß der nach dem Ortsgesetz eingesetzte Ver- fassungsausschuß gehört worden wäre. Die Kreisbanptmannschaft Zwickau hat die Beschwerde VW- warfen mit der Begründung, daß nach den Auslassungen des Stadt- rats(!) die Einberufung der Sitzung ordnungsgemäß auf An- regung aus der Mitte der Stadtverordneten erfolgt sei, und daß es ganz im Willen des Stadtrats liege, ob er eine Gesetzesvorlage vorher dem Verfassungsausschuß überweisen wolle oder nicht. In welcher Weise der Stadtrat der Kreishauptmannschaft berichtet hat, ergibt sich daraus, daß gar keine Stadtverordnetensitzung statt- gefunden hat, in welcher angeregt worden ist, eine gemeinschaftliche Sitzung beider Kollegien einzuberufen. Die Beschwerdeführer werden den Entscheid des Oberverwal- kungsgerichteS anrufen. Der Wahlkamf� in Mülheim-Gummersbach-Wipperfürth hat gleich nach Neujahr mit einer allgemeinen Flugblattverbreitung und mehreren Versammlungen eingesetzt. Mehrfach sind, wie sich das in stockultramontanen Gefilden von selbst versteht, die Flugblatt- Verbreiter beschimpft und bedroht worden. Dafür hatten wir die Genugtuung, in einer recht schwarzen Gegend, in der eS nur ver- streute Häusergruppen und Gehöfte gibt, eine überaus gut besuchte und günstig verlaufene Versannnlung abzuhalten, in der unser Kandidat, Genosse Erdmann-Köln redete. 6—600 Mann waren, zum Teil aus weiter Entfernung, herbeigeeilt, um daS ungewohnte Schauspiel einer politischen Versammlung zu erleben, denn das Zentrum kümmert sich um seine Wähler nicht, wo eS ihrer sicher zu sein glaubt. Welcher Art in dem schwärzesten Teil unseres Wahlkreises, im Kreise Wipperfürth, das Zentrum ist. zeigt ein Artikel der.Wipper« fürther Zeitung", der fich in rechter Scharfmacher« und Reichsberbandsmanier mit dem NeujahrSartikel des„Vorwärts" be- schäftigt. Darin heißt es zum Schluß: „Wir meinen, diesem Standpunkt, der unter allen Umständen nur Krieg und Niederwerfung des Gegners will, das ganze Leben vergiftet und schließlich ein Chaos, den Ruin, bringen würde— dem müßten der Staat und die bürgerliche Gesellschaft gebührend Rechnung rragen, so lange sie es genügend können. Und da muß ihre Ausgabe, wohl oder übel, trotz aller schönen sozialpolitischen Experimente und Arbeiterfreundlichkeit, in der Hauptsache in energischer Abwehr be- stehe n." Diese Worte können, wenn sie einen Sinn haben sollen, doch wohl nur als Aufforderung zu Ausnahmegesetzen und Gelvalt- maßregeln gegen die Sozialdemokratie angesehen werden. Diese Auffassung ist umso gerechtfertigter, als die„Wipperfürther Zeitung" dasselbe Blatt ist, das, wie der„Vorwärts" berichtete, den Knüppel als geistige Waffe gegen sozialdemokratische Flugblattverbreiter empfahl. Eine derartige Roheit verträgt sich sehr gut mit dem salbungsvollen Ton des Blattes, das den Kandidaten des Zentrums mit dem frommen Seufzer: DaS walte Gott! empfiehlt. Polizei gegen Kinderchor. Aus Köln wird gemeldet: Der Arbeitergesangverein„Lyra" hatte einen Kinderchor gebildet, dem zurzeit etwa SO Kinder im Alter von 8—16 Jahren angehören. Nachdem polizeilicherseits festgestellt, daß Mitglieder der s o z i a l i st i s ch e n P a r t e i an- gehören, hat der Dezernent des Schulwesens die Rektoren im Auf- trage der königlichen Regierung ersucht, den Schulkindern fernerhin die Teilnahme an G e s a n g S ü b u n g e n des Kinderchors des betreffenden Gesangvereins strengstens zu verbieten! 6nglanck. Gewerkschaften und Politik. London, 3. Januar.(Eig. 95er.) Infolge des Entscheides der Lordrichter traten die Vertreter des Parlamentarischen Komitees des Trade-UnionskongresseS, des Allgemeinen Ver- bandes der Gewerkschaften und der Arbeiterpartei zu einer gemeinsamen Sitzung zusammen, um über die neugeschaffene Lage zu beraten. Das Ergebnis der Beratungen war die Abfassung des folgenden Rundschreibens an die organisierten Arbeiter: „Wir sind beauftragt. Ihnen zu empfehlen, im gegen- wältigen Wahlkampfe folgende Frage an die Kandidaten zu stellen: Sind Sie bereit, ein Amendement zu den Trade-Unions« gesehen(157l— 76) zu nnterstützen,»m die Gewerkschaften zu be- fähigen, ihre politische Tätigkeit fortzusetzen, in die sie seit dem Jahre 1868 eingetreten sind? Es ist wahrscheinlich, daß auf Gnmd des Entscheides der Lordrichter den Gewerkschaften verboten werden könnte, die Gewerkschaftskartelle zu unterstützen; und es ist zweifelhaft, ob die Ausgaben für politische Deputationen und ftir den Trade-Unionskongreß(insofern dieser sich mit Politik be- schäftigt) gesetzlich gestattet sind. Der Entscheid der Lord- richter trifft also nicht nur die parlamentarische Arbeiter- Vertretung, sondern das GewerkschaftSwesen überhaupt. Wir hoffen, Sie werden nun die Tragweite des Entscheides der Lords würdigen können...." Das Rundschreiben gibt sodann einen kurzen historischen Rückblick auf die enge Verbindung zwischen Trade-Unionismus und Politik seit 1868 und weist unwiderleglich nach, daß bei Erlaß der Trade- Unionsgesetze(1871—76) die Gewerkschaften sich der parlamentarischen Aktion bedienten und bis vor ivenigen Wochen als eine der legalisierten Methoden des Trade-Unionismus betrachtet wurde. Die Arbeiterfraktion wird im nächsten Parlament eine Novelle zum Tradc-Unionsgesetze einbringen zum Zwecke der ausdrücklichen Legalisierung der gewerkschaftlichen Ausgaben für parlamentarische Zwecke. Der Generalsekretär der Eisenbahner, Mr. Richard Bell, ist von seinem Posten zurückgetreten, den er zwölf Jahre innehatte. Der Ursprung der Differenzen zwischen ihm und dem Vorstande der Eisenbahner ist politischer Natur. Bell ist bekanntlich gegen die Arbeiterpartei. Infolge der Parlamentswahlen ist der Jahres- k o n g r e ß der Arbeiterpartei, der am 10. d. M. stattfinden sollte, auf den 9. Februar verschoben worden. Im Anschluß an den Kongreß wird eine Parteikonferenz über die durch den Lordsentscheid geschaffene Lage abgehalten werden. Der Kongreß ist nach Newport einberufen. BalfourS Wahldemagogie. London, 6. Januar. B a I f o u r äußerte sich gestern in Hanleh in einer Rede über Englands Seemachtstellung und er- klärte: Ich bin ein großer Bewunderer Deutschlands, dem die Welt großen Dank schuldet für seine Arbeiten auf Wissenschaft« lichen Gebieten. Wir haben in manchen Beziehungen viel von Deutschland zu lernen, besonders die Art, wie es de» Tatsachen die Ssirn bietet. Wenn man die Staatsmänner und Diplomaten kleinerer Mächte befragt, so wird man durchweg die Meinung hören, daß ein Zusammen stoß zwischen uns und Deutsch- land früher oder später unvermeidlich sei. Ich stimme ihrer Ansicht nicht zu, aber eS ist ihre Meinung, und sie sind zu dem Schluß gekominen, daß nichts uns aufrülreln könne, unsere Lage zu erkennen, und daß eS deshalb unser Schicksal sei, in einem großen Kampfe zu unterliegen. Was die Veranlassung zu diesem Kampfe gebe» werde, könne niemand voraussehen bei einem Lande, welches den Tatsachen ins Auge blickt, wenig spricht und viel handelt. So weit ist die geringschätzige Anschaumig von der Kraft und Mannhafligkeit Englands gegangen, daß ich Deutsche— nicht Männer der Regierung, aber Leute an der Spitze bedeutender Unternehmungen— kennen gelernt habe, die tatsächlich sagten: Glaubt Ihr, daß wir je zulassen werden, daß England eine Tarisreform annimmt V Ich glaube, daß alle diese Propheten erkennen werden, daß sie sich im Irrtum befinden. Aber während ich Ihnen ein Warnungszeichen in Form auswärtiger Kritiken gebe, lassen Sie mich darauf hin- weisen, daß innerhalb von vier Jahren, wenn wir uns nicht eifrig rühren, England in eine so g e f a h r v o l le L a g e geraten wird, wie sie seit Generationen nicht dagewesen ist. Ich glaube nicht, daß eS zum Kriege zwischen England und irgend einer großen fremden Macht kommen wird, aber ich bitte Sie, sich daran zu erinnern, daß der absolut einzige Weg, aus dem man den Frieden zu sichern Ver- mag, der ist, daß wir gesichert sind, wenn Krieg ausbricht. Der Flottenverein als Wahlmacher. London, 6. Januar. Aus Anlaß der Wahlen veröffentlicht der Britische Flottenverein eine Kundgebung, in der erklärt wird, die britische Vorherrschaft zur See werde von der größten Militärmacht des Kontinents bedroht, die im Begriff sei, eine ungeheure Kriegsflotte zu bauen. England müsse für jedes deutsche Kriegsschiff seinerseits zwei Kriegsschiffe auf Stapel legen. Es' sei dkm britischen Volke dringend ans Herz zu legen, bei den kommenden Wahlen einzig für die Aufrechterhaltung einer unangreifbaren Vormacht der englischen Flotte seine Stimme abzugeben. � Die Grubenarbeiter gegeu das OberhanS. London. 5. Januar. Der englische Gruben- arbeiterverband, welcher 600 000 Mitglieder umfaßt, hat einen Wahlaufruf erlassen, worin er gegen das Oberhaus Stellung nimmt. foißtatici. Waffeneinfuhr in Finnland? Die offiziöse Petersburger Tele�rciphcnagentur verbreitet die Tatareiuiachricht, daß man in Finnland eine ganze Reihe von Waffe n lagern entdeckt habe und einem groß angelegten Waffen« schmuggel in Geldschränken, die aus Hamburg eingeführt wurden, aus die Spur gekommen sei. Es unterliegt keinem Zweifel, daß man es hier mit einer ebensolchen Provokation der russischen Regie- rung zu tun hat, wie sie seinerzeit A z e w in Finnland plante, der den Finnländern den Vorschlag gemacht hatte, Bombenlaboratorien in Finnland einzurichten. Die Kommentare, die die offiziöse Presse an diese Nachricht knüpft, weisen darauf hin, daß die russische Regie- rung wieder etwas Neues gegen Finnland im Schilde führt. Ciirkc!. Beseitigung der Militärdiktatur? Konstantiuopcl. 4. Januar. Die jungtiirkische Partei ist, wie hier verlautet, bemüht, den Generalissimus, dessen Stelle H a k k i- B e i in seinen Bedingungen für die Uebernahme des Groß- wesiratS für überflüssig erklärte, zur Annahme des Porti« feuilleS des K r i e g s m i n i st e r S zu bewegen. H a k k i- B e i ist heute abend nach Konstantinopel abgereist. Soziales. (Siehe auch 3. Beilage.) Der Bochholter Aerztckrieg ist nun mit voller Schärfe entbrannt. Nach dem endgültigen Ab- bruch der Verhandlungen seitens dcS Krankenkassenverbandes(22 Krankenkassen mit 7SS2 Mitgliedern) haben die acht beteiligten bis- herigen Kassenärzte zunächst durch ausgiebige Benutzung der Lokal- presse versucht, die öffentliche Meinung zu ihren Gunsten zu be- einflussen. Unter anderem wurde auch ein Telegramm des Leipziger Aerztcverbandes veröffentlicht, worin dieser die Bocholter Kollegen in dem ihnen„aufgedrungenen" Kampfe energisch zu unterstützen verspricht. DieS hat jedoch weder den Krankenkassen, noch der Bürgerschaft imponiert, und zwar offenbar deshalb nicht, weil die Bürgerschaft mit verschwindenden Aus- nahmen von dem guten Recht der Krankenkassen überzeugt ist. Letztere bemühten sich alsdann eifrig um die Gewinnung neuer Aerzte, was ihnen aber von dem Aerzteverein, der sich in diesem Streit denkbar größter Bewegungsfreiheit erfreut, insofern erheblich erschwert wurde, als mehrere fremde Aerzte, die hier Kaffenpraxis übernehmen wollten, von dem Aerzteverein veranlaßt wurden, hier- von abzusehen. Die früheren Kassenärzte rechneten offenbar bannt, daß die Regierung sie wieder zu Kassenärzten ernennen würde, wenn es dem, Krankenkaffenverbande nicht gelänge, zum 1. Januar 1910 fünf neue Kassenärzte zur Stelle zu haben. Man spricht von hohen AbfindiingSsummen, die an die betreffenden auswärtigen, zum Rüchritt be- wogenen Aerzte gezahlt worden seien. Trotzdem gelang es den Krankenkassen noch in letzter Stunde(31. Dezember 1999) Namen und Wohnungen von fünf neuen Aerzten veröffentlichen zu können, wodurch der Forderung der Regierung Genüge geleistet war. Nun setzte aber erst recht ein scharfer persönlicher Kampf der alten Aerzte gegen ihre neu zu- gezogenen Kollegen ein. Schon am 1. Januar wurde einer der neuen Aerzte(Dr. Pilgram) von den alten Aerzten veranlaßt, wieder abzureisen und ein anderer neuer Arzt(Dr. Butzon) will angeblich nicht für die Kasten wirken. An seiner Tür befand sich am I.Januar ein Zettel mit der Aufschrift:„Kein Streikarzt". Nun hatten die Kassen also nur drei Aerzte und die Aufsichtsbehörde mußte der Regierung den Stand der Dinge melden. Seitens der Regierung erwartet man nun den Abschluß eines Zwangsvertrages. Verhandlungen hierüber sollten gestern zwar in Anwesenheit des Regierungspräsidenten beginnen. Andererseits aber wird versichert, daß die Krankenkassen wieder Aerzteersatz herbeigeschafft hätten. In der Bürgerschaft wird daS Verbalten der bisherigen Kassenärzte, zu denen auch der Vorsitzende der Bochumer Zentrumsorganisation gehört, scharf kritisiert; ihre Forderungen werden allgemein als übertrieben bezeichnet. Namentlich wird der Kampf gegen die neuen Aerzte entschieden verurteilt. Man stellt insbesondere Vergleiche darüber an, was wohl seitens der Staats- und Militärbehörde ge- schehen wäre, wenn Arbeiter so vorgegangen wären, wie von den früheren Kassenärzten gegen ihre„arbeitswilligen" Kollegen. In dem Falle würde Bocholt jedenfalls jetzt einer— Garnisonstadt gleichen. Andererseits aber wirft der Bocholter Aerztestreik interessante Schlaglichter auf die Macht der Organisation im allgemeinen und jene der Aerzte im besonderen. Wie der Aerztestreik ausläuft, ist, wie man uns unter dem 3. Januar schreibt, noch nicht abzusehen I Sollte er aber wider Erwarten mit einem Siege der früheren Kafieiiärzte endigen, so handelt eS sich offenbar nur um einen vor« läufigen, aber nicht um einen dauernden Frieden. Auflösung einer Arbeiter-Witwenkassr. Die Witwenkasse des Dreherpersonals der Porzellanfabrik der Firma Kristern in Waldenburg beschloß in einer General- Versammlung mit 44 von 47 Stimmen, sich aufzulösen. Auf Grund des Gesetzes über die Privatversicherungsunternehmungen versagte der Regierungspräsident die zur Durchführung des Be- schlusses erforderliche Genehmigung. Er stützte sich dabei auf ern versicherungstechnisches Gutachten, worauf die Kasse, die zurzeit über ein Vermögen von 66 000 M. verfügte, lebensfähig sei. Be- denken äußerte er auch gegenüber dem Passus des Beschlusses, wonach sich das Vermögen unter den zurzeit Pension beziehenden Witwen und den hinzukommenden Witwen der zur Zeit der Auf- lösung vorhandenen Mitglieder aufzehren sollte. Die Kasse klagte und machte geltend, die Beiträge(60 Pf. pro Woche) ständen in keinem Verhältnis zu den Leistungen, da das höchste Witwen» geld jährlich 60 M. betrage. Auch werde die Zahl der Arbeiter, welche beitreten, immer geringer. Erstens würden in den Betrieb nicht mehr soviel Porzellandreher eingestellt, da die Verwendung der Maschine zunehme. Zweitens mache die Firma es den Ar- beitern nicht mehr zur Bedingung, Mitglied der Kasse zu werden. — Das Obervcrwaltungsgcricht entschied am Montag, daß der Beschlusi des Regierungspräsidenten, durch den die Genehmigung für den Auflösungsbeschluß versagt wurde, aufzuheben sei. Wenn der Regierungspräsident geltend mache, die Kasse sei lebensfähig, so sei das kein Versagungsgrund, wo es sich um die Auflösung einer Gesellschaft handelte, die sich durch freien Vertrag gebildet habe. Die Art der beabsichtigten Liquidation könne der Re- gierungSpräsident nicht gegen den Auflösungsbeschluß verwerten. Dessen Gültigkeit werde durch sie nicht berührt. Die Liquidation habe nach den Bestimmungen des Gesetzes in entsprechender An- Wendung der Vorschriften deS Handelsgesetzbuches zu erfolgen. Sollte bei der Liquidation danach nicht verfahren werden, dann könnte die Aufsichtsbehörde dagegen einschreiten. Der Regierungs- Präsident werde den Auflösungsbeschluß an sich genehmigen müssen, wenn er keine anderen triftigen Gründe dagegen habe. ©ewerhrcbaftUcbe*}. SrfcbUcbene Streikarbeit kann verweigert wercien. Ein bemerkenswertes Urteil fällte dieser Tage das Ge> werbegericht in L e ch h a u s e n. In der dortigen Glühfaden- fabrik traten die Arbeiter der Pumpstation wegen fortgesetzter Maßregelung organisierter Arbeiter in den Streik. Da von dem Fortbetrieb dieser Abteilung der ganze Produktions- Prozeß des Unternehmens abhängt, suchte die Fabrikleitung durch Abkommandierung von Arbeiterinnen— die männlichen Arbeiter hatten sieb geweigert— aus anderen Abteilungen nach der Pumpsration diese flott zu erhalten. Eine Arbeiterin, die nach der bestreikten Abteilung versetzt wurde, weigerte sich nun, Streikarbeit zu verrichten und verlangte Zurückversetzung an ihren alten Arbeitsplatz, da sie den Strei- kenden nicht in den Rücken fallen wollte und ihr auch ver- schwiegen worden sei, daß sie Streikarbeit verrichten sollte. Die Fabrikleitung hatte hierauf die Arbeiterin kurzerhand entlassen, und zwar wegen beharrlicher Weigerung der ihr übertragenen Arbeit.(§ 123 Abs. 3 G.-O.) Die entlassene Arbeiterin klagte nun beim Gewerbegericht auf Zahlung von 52 M. Entschädigung wegen kündigungsloser Entlassung. Durch Urteil lvurde die beklagte Firma verpflichtet, an die Klägerin den eingeklagten Betrag zu zahlen. Maßgebend für die Verurteilung war neben 8 157 B. G.-B. auch§ 119, wonach Verträge rückgängig gemacht werden können, wenn sie gegen Treu und Glauben verstoßen. Die Klägerin sei unter Verschweigung der näheren Umstände zur Eingehung eines Vertrages veranlaßt worden, den sie bei eingehender Würdigung des Falles nicht eingegangen wäre. Das Urteil hat nun eine Anzahl weiterer Klagen zur Folge. Secltn und Hmgcgcnd. Achtung» chirurgische Jnstrumentenmachcr! Die chirurgischen Jnstrumentenmacher in Wien befinden sich im Streik. Deshalb machen wir ausdrücklich darauf aufmerksam, daß Wien für chirurgische Instrumenten macher gesperrt ist. Etwaige Arbeitsangebote nach Wien sind zurückzuweisen und ist der unterzeichneten Verbandsleitung davon sofort Mitteilung zu machen. Außerdem machen wir die in Arbeit stehenden Kollegen darauf aufmerksam, daß die bestreikten Wiener Arbeitgeber versuchen werden, bei verschiedenen hiesigen Firmen Streikarbeit anfertigen zu lassen. Deshalb ersuchen wir, daß die Kollegen in dieser Be- ziehung ganz besonders auf dem Posten sind. Sollte den Kollegen Sireikarbeit aus Wien angeboten werden, dann ist sofort unserem Bureau davon Mitteilung zu machen, damit die geeigneten Maß- nahmen getroffen werden. Wir erwarten, daß unsere Kollegen diese Miteilung genügend beachten und verbreiten werden. Deutscher Metallarbeiterverband, Ortsverwaltung Berlin. NW., Charitestr. 3. Die Tarifverhandlungen der Maler wurden am Mittwoch fortgesetzt, sie sind aber noch nicht zum W- schluß gekommen. Die Diskussion drehte sich ausschließlich um die Frage der Lohnerhöhung. Nach dem Schiedsspruch, der seinerzeit zu dem Reichstarif abgegeben wurde, muß ein gewisses Maß von Lohnerhöhung eintreten, um einen Ausgleich dafür zu schaffen, daß der Reichstarif die Zuschläge für Ueberstunden, Nachtarbeit Fassadenanstrich. Fahrgeld usw. etwas ungünstiger stellt, als es nach dem alten Tarif der Fall war. Wie weit der Lohn nun er- höht werden muß, um einen gerechten Ausgleich herbeizuführen, darüber sind die Meinungen auf beiden Seiten verschieden und konnte auch darüber keine Verständigung erzielt werden, lieber diese Erhöhung hinaus fordern die Arbeitnehmer noch weitere Lohnerhöhungen mit Rücksicht auf die durch die neuen Steuer- belastungen bedingte wesentliche Verteuerung des Lebensunter- Halts. Die Arbeitnehmer haben nach dieser Richtung für die Lö0 in Frage kommenden Orte ganz bestimmte Forderungen ein- gereicht, welche S— 10 Pf. pro Stunde betragen. Sie begründeten ihre Forderungen während der Verhandlung durch eingehende sta- tistische Nachweise. Doch vom Tische der Arbeitgeber aus wurde ihnen unverblümt gesagt, daß die Zahlen und Tabellen auf die Arbeitgeber gar keinen Eindruck machen und daß sie keine Lohn- erhöhung bewilligen würden. Infolge dieses Standpunktes hatten die Arbeitgeber keine Angebote in bezug auf Lohnerhöhung ge- macht. Die Arbeiter ersuchten mehrmals die Unternehmer, doch ihrerseits Angebote zu machen, damit man sich über das Maß der zu bewilligenden Lohnaufbesserung verständigen könne. Die Ant- wort der Arbeitgeber lautete:„Wir haben verhindert, daß die von unseren Mitgliedern beschlossenen Lohnherabsetzungen gefordert werden. Das ist unser Angebot." Als hierauf von den Arbeit- nehmern auf einige Städte verwiesen wurde, wo die Arbeitgeber- vereine sich zu Lohnerhöhungen bereit erklärt hatten, hüllten sich die Arbeitgebervertreter in diplomatisches Schweigen. Sie bestritten die angeführte Tatsache nicht, gaben sie aber auch nicht zu. An eine Verkürzung der Arbeitszeit, sagten die Arbeitgeber, sei gar nicht zu denken. Die Vertreter der Arbeiter erklärten ganz bestimmt, daß man ihnen einen Tarifabschluß auf drei Jahre ohne Lohnaufbesserung nicht zumuten dürfe. Auch der Vertreter des christlichen Verbandes schloß sich dieser Erklärung an und betonte besonders, daß in Rheinland-Westfalen der Reichstarif auf Annahme nicht rechnen könne, wenn den Arbeitern keine Lohnerhöhung zugebilligt werde. Man würde dann ohne Tarif arbeiten.—„Wir auch" sagten darauf die Arbeitgeber. Die Unparteiischen gaben am Schluß der Sitzung bekannt, daß sie sich im Laufe des Nachmittags durch statistische Nachweise über die tatsächlichen Verhältnisse informieren und die vorgetragenen Tatsachen prüfen würden, um für die Verhandlungen, welche am Donnerstag fortgesetzt werden, gewisse Richtlinien aufzustellen, über die dann weiter diskutiert werden soll, so daß voraussichtlich am Freitag ein Schiedsspruch abgegeben werden kann. Achtung, Putzer! Auf dem Bau Sybelstr. 36 zu Charlotten- bürg sind zwischen den Fassadenputzern und dem Bauunternehmer Schlamp Differenzen ausgebrochen. Der Bau ist durch die Leitung der Sektion der Putzer gesperrt. In Betracht kommen die Hoffassade und Lichthof. Die übrigen Putzarbeiten sind fertig- gestellt. Es ist für geübte Putzer höchstens nur noch für eine Woche Arbeit vorhanden, trotzdem haben sich aus den Reihen der Maurer(welche auf Gnadenbrot rechnen) Leute gefunden, die aus dem genannten Bau Arbeitswilligendienste verrichten. Es wird ersucht, den genannten Bau strengstens zu meiden. Der Borstand. OeutkcKes Reich. Die Aussperrung in der Stettiuer Herrenkonfektion dauert nunmehr bereits die fünfte Woche an, ohne daß es auch nur zu Verhandlungen gekommen wäre. Das Gewerbegericht hatte sich als Einigungsamt angeboten; die Lohnkommission war zu Verhandlungen auch bereit, während die Arbeitgeber unter Verantw. Redakt.; Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.: dem 30. V. M. jede Verhandlung solange abgelehnt haben,„bis die Forderung der Lohnkommission auf tarifliche Festlegung der Löhne für Bügler und Näherinnen, welche überhaupt in keinem direkten Arbeitsverhältnis zu uns stehen, fallen gelassen ist". Nach dieser Begründung muß angenommen werden, daß die Unter- nehmer sich überhaupt noch nicht die Mühe gemacht haben, die Forderungen der Arbeiter verstehen zu lernen. Eine Forderung, wie sie obige Begründung meint, ist von den Arbeitern niemals gestellt worden. Die Lohnkommission hat von Anfang an auf dem Standpunkt gestanden— und hält noch daran fest—, daß lediglich die Löhne der Zwischenmeister, Näherinnen, Bügler usw.. welche direkt bei den organisierten Unternehmern beschäftigt sind, tariflich geregelt werden sollen. Das ist auch dem Arbeitgeberverband bekannt, und deshalb geht mau wohl in der Auffassung nicht fehl, daß er durch seine Winkelzüge die öffentliche Meinung irreführen will. Die Löhne für diejenigen Näherinnen und Bügler, welche nicht bei den Konfektionären, sondern bei den Zwischenmeistern beschäftigt sind, setzen die Organisationen im Einverständnis mit den Avischenineistern selbst fest. Dadurch wird der zügellosen Ausbeutung, insbesondere der Heimarbeiterinnen, ein wirkungsvoller Einhalt geboten. Nach dieser Richtung haben die Verbände bereits erfreuliche Erfolge zu verzeichnen. Die Lohnkommission hat unter Berichtigung der irrigen Auffassung des Arbeitgeberverbandes sich abernials zu Verhandlungen bereit erklärt, und wenn die Konfektionäre ihre Tariffeindlichkeit nicht offen zugeben wollen, werden sie nunmehr wohl oder übel verhandeln müssen. Ihre im Dezember noch günstige Stellung verschlechtert sich jetzt auch mit jedem Tage, da d:e Saison für die Frühjahrs- und Sommerwaren bald beginnt. Die Stimmung der Ausgesperrten ist eine durchaus hoffnungs- frohe, weil sie wissen, daß die Unternehmer doch bald nachgeben müssen. Letztere haben übrigens zugeben müssen, daß mehrere organisierte Firmen vorgezogen haben, die festgesetzte Konvention«!- strafe zu zahlen, um die Aussperrung nicht mitzumachen. Die Arbeiterorganisationen dagegen haben durch die Aussperrung er- freulichen Zuwachs zu verzeichnen. Ein ungewollter Erfolg der Unternehmerprotzen l_ Die Magdeburger Elektromonteure sind in eine Lohnbewegung eingetreten. Sie haben eine Kommission mit der Ausarbeitung einer Lohnsklala beauftragt, die einer späteren Versammlung der Elektromonteure zur Beschlutzfassung unterbreitet werden soll. Lohnbewegungen im Töpfergewerbe. In Hirschberg i. Schl. ist am 3. Januar ein allgemeiner Töpferstreik ausgebrochen. Die Gehilfen hatten den alten Lohn- tarif gekündigt, und den Unternehmern eine erhöhte Tarifvorlage unterbreitet, deren Anerkennung jedoch von den Unternehmern ab- gelehnt wurde. Diese machten vielmehr eine Gegenvorlage und erklärten, daß die darin enthaltenen Zugeständnisse das äußerste seien und eine etwaige nochmalige Verhandlung von vornherein abgelehnt werde. Bei näherem Zusehen entpuppte sich das„Zu- geständnis" der Herren als eine Verschlechterung des früheren Tarifverhältnisses, weshab die Gehilfen am 3. Januar einmütig die Arbeit niederlegten. Die Situation liegt günstig, Arbeits- willige sind nicht vorhanden. Zuzug von Töpfern ist von Hirsch- berg fernzuhalten. Die Lohnbewegung der Dresdener Töpfer und Hilfs- arbeiter ist immer noch nicht erledigt. Die Unternehmer machen vor allem in der Lohn- und Tariffrage für die Hilfsarbeiter Schwierigkeiten. Die Verhandlungen werden noch weiter geführt. Eine Lohnbewegung der Töpfer in B ü tz o w in Mecklenburg wurde auf friedliche Weise erledigt. Die im Töpfertarif vor- gesehenen Akkordlöhne erfuhren in den einzelnen Positionen Auf- besserungen von 5— 8 Proz. Die Aussperrung der Holzarbeiter in Itzehoe haben die Unter- nehmer zurückgezogen. Dort hatte der Arbeitgeberverband in Ge- meinschaft mit der Tischlerinnung die Kündigung sämtlicher Tisch- ler und Maschinenarbeiter zum 1. Januar ausgesprochen, weil die Arbeiter einen ihnen vorgelegten Vertrag nicht anerkennen wollten. Die von den Arbeitern geforderten Abänderungen des Vertrages und ihre Wünsche in bezug auf Löhnerhöhung und Erhöhung der Montagegelder wurden rund abgelehnt. Die Aussperrung und ein langer, schwerer Kampf schien unvermeidlich, als am 28. Dezember erneute Verhandlungen in die Wege geleitet wurden, die der Arbeitgeberverband zu hintertreiben suchte. Die Verhandlungen endeten mit dem Abschluß eines Vertrages, der den Arbeitern 4 Pf. Lohnerhöhung(Mindestlohn 47 Pf. pro Stunde), Erhöhung der Montagegelder, Regelung des Aufschlages für Ueberstunden usw. bringt. Den kleinen Scharfmachern in Itzehoe paßte es gar nicht, daß durch das Eingreifen des Vorstandes des Holzarbeiterver- bandeS der Friede im letzten Augenblick noch erhalten werden könnte. Vergebliche Hoffnung Unorganisierter. Seit drei Jahren schon besteht ein Tarifvertrag für die Ar- beiter des inneren Betriebes der Brennerei und Pretzhefefabril F. R a u t e r in E s s e n, die sämtlich dem Brauereiarbeiter- verbände angehören. Das Fahrpersonal war trotz aller Be- mühungen nicht zum Eintritt in die Organisation zu bewegen; es glaubte noch an die Jnteressenharmonie zwischen Kapital und Arbeit und hoffte auf gleiche Lohnverbesserungen auch ohne die Organisation. Diese blieben aber aus. Sie blieben auch aus bei der kürzlich erfolgten Erneuerung des Tarifvertrages für die übrigen Arbeiter. DaS brachte die Fahrer zur Erkenntnis, daß auch sie sich der Organisation anschließen müßten, und nachdem sie dieses getan, wurden in einem Nachtrag zum Tarifvertrage ihre Löhne um 2,ö0 bis 4,50 M. pro Woche erhöht; auch erhalten sie bei Touren, wo sich ein Uebernachten notwendig macht, 3 M. vergütet, ferner haben sie abwechselnd einen freien Sonntag. Die übrigen Bestimmungen deS Vertrages finden auch auf die Fahrer Anwendung.— So sind gewerkschaftliche Erfolge die beste Lehr- Meisterin der Indifferenten, und es bestätigt sich auch hier wieder der Erfahrungssatz, daß ohne Organisation nichts zu erreichen ist. Auf dem Sägewerk der Lippischen Holzverwertungsgesellschaft in Lemgo haben sämtliche 12 Arbeiter, die alle im Zimmererver- bände organisiert sind, wegen Lohnkürzung die Arbeit niedergelegt und ersuchen um Fernhaltung des Zuzuges. Der Stickerstreik in Plauen und die Hirsch-Dunckerschen. In F a l k e n st e i n hat der Stickerstreik eine weitere Aus- dehnung erfahren, so daß gegenwärtig 700 Sticker und Arbeite- rinnen im Kampf stehen. Zu neuen Bedingungen arbeiten im ganzen Bezirk 1800 Maschinen. Bei einer Verhandlung mit einem Unternehmer behauptete dieser, daß er sofort genügend Arbeitswillige erhalten könnte, wenn er sich an den Generalsekretär des Hirsch-Dunckerschen Gewerkver- eins Herrn Müller aus Spremberg gewandt hätte. Herr Müller habe ihm die Vermittelung von Arbeitskräften in einem solchen Falle ausdrücklich versprochen. Diese Behauptung muhte natürlich sehr stark angezweifelt werden. Nun hat aber diese Firma eine Anzahl Sticker gemaßregelt, weshalb dieser Betrieb vom Deutschen Textilarbeiterverband gesperrt worden ist. Die Hirsche haben darauf den Betrieb durch ihre Mitglieder besetzt! Durch diese Tatsache sind selbstver- ständlich die in die Behauptung des Plauenschen Unternehmers gehegten Zweifel beseitigt. Der Hirsch-Dunckersche Gewerkverein hat sich aber mit dieser Tat ein neues Blatt in seinen Ruhmes- kränz geflochten. Der Streik der Druckerinnen bei der Firma Bäreuther u. Co., Hof i. B., hat zur Aussperrung von 57 Arbeitern geführt. Von den Ausgesperrten gehören nur 6 dem Deutschen Textil- arbeiterverbande an. Sie sind als unorganisierte Arbeiter nun ohne jede Unterstützung und verspüren jetzt recht merklich, welchen lt. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. BerlagSanstaU| Wert die Gewerkschaftsorganisation hat. Hoffentlich fft ihnen das eine Lehre für künftige Fälle. Etwa 300 Granitarbeitcr des Odenwaldes stehen in Tarifver- Handlungen. Der Bezirkstarif für die Orte Heppeirhcim, Sonderbach, Kirschhausen und Hemsbach ist am 1. Januar abgelaufen. Um die Arbeiter beim Verhandeln gefügiger zu machen, erhielten 150 ihre Kündigung. Darauf kündigten die christlichen 150 Steinarbeiter ebenfalls, denn die Unternehmer wollten mit dieser Kündigung die Einigkeit der organisierten Steinarbeiter stören. Die Granitwerksbesitzer haben dieselbe Taktik schon im Jahre 1908 unternommen. Damals glückte sie ihnen, weil ungünstige Betriebsverhältnisse die Arbeiter zum Nach- geben zwangen; die Kälte war damals groß, was natürlich für die Steinarbeiter sehr ungünstig ist. Die Unternehmer schützen jetzt Arbeitsmangel vor, sagen jedoch, wenn sich die Arbeiter ihren Intentionen fügen, dann würden die Kündigungen wieder zurück- genommen. Damit sind aber die Arbeiter nicht einverstanden. Die Granitarbeitcr allerorts werden daher gebeten� Arbeits- angebote aus dem Odenwalde abzulehnen. lZusUnd. Gewerkschaftliche Grenzstreitigkeiten in Dänemark nnd ihre Regelung. Die Repräsentantschaftsversammlung deS Verbandes der dänischen Gewerkschaften, die zwei Tage dauerte, hat sich, abge- sehen von den Vorschlägen über Vermittelung und Schiedsgerichts- verfahren bei Tarifstreitigkeiten und Lohnbewegungen, noch mit einigen anderen Fragen besaßt. Es wurde Bericht gegeben über die gegenwärtige Lage und die Lohnbewegungen in den verschiede- nen Berufen, und dann beschäftigte man sich mit einem Antrag auf Einsetzung eines permanenten Ausschusses zur Entscheidung von Grenz st reitigkeiten zwischen den einzelnen Organisationen. Wie hierzu der Vorsitzende deS Verbandes der Gewerkschaften Karl M a d s e n ausführte, ist in Dänemark die Ursache solcher Streitig- leiten der Gewerkschaften in der Regel der Umstand, daß die Ar- beitgeber immer wieder versuchen, ungelernte Arbeiter und Ar- beitsburschen zu geringeren Löhnen als den mit den Berufs- organisationen tariflich festgelegten zu beschäftigen. In Zeiten flotten Geschäftsganges werden dagegen im allgemeinen von den gelernten Arbeitern keine Einwendungen erhoben, in Krisenzeiten scheint es ihnen aber ein Unding, daß sie von den einer anderen Organisation mit geringeren Tariflöhnen angehörenden unge- lernten Arbeitern aus ihrer Berufsarbeit verdrängt werden. Daß das Bestreben der Arbeitgeber, sich auf diese Weise billige Arbeits. kräfte zu verschaffen, Erfolg hat, hängt mit der immer mehr fort- schreitenden Arbeitsteilung und Maschinentechnik in Handwerk und Industrie zusammen, und demgegenüber nützt es natürlich nichts, wenn die gelernten Arbeiter dem Arbcitsmannsvcrband Vorwürfe darüber machen. Es kann der Arbeiterschaft nur zum Schaden gereichen, wenn die Organisationen sich gegenseitig über diese Verhältnisse herumstreiten.— Nach gründlicher Besprechung der Angelegenheit wählte die Repräsentantschaftsversammlung einen Ausschuß, der Regeln für die Entscheidung von Grenzstreitig- leiten und damit zusammenhängenden Dingen ausarbeiten und der nächsten ordentlichen Generalversammlung, dem dänischen Gewerkschaftskongreß, zur Annahme vorlegen soll. Bis dahin hat der Ausschuß auch die Aufgabe, zu versuchen, vorliegende Grenz- streitigkeitcn zu regeln. Auf dem nächsten Gewerkschaftskongreß soll, wenn nötig, zu diesem Zweck ein permanenter Ausschuß ge» wählt werden. Man befaßte sich sodann mit einer besonderen Grenzstreitig- keit. Der„Weibliche Arbeiterverband" hatte einen kleinen Teil von Mitgliedern der Zeitungsbotenorganisation aufgenommen, wo» mit diese Organisation selbstverständlich nicht einverstanden war. Die Repräsentantschaft mißbilligt dieses Verhalten des Arbeite- rinnenverbandes, sprach sich jedoch dafür aus, daß die ganze Or- ganisation der Zeitungsboten, die meist aus weiblichen Mitgliedern besteht, sich dem„Weiblichen Arbeiterverband" anschließen soll,- um so als Abteilung dieses Verbandes eine einheitliche Organisation der Berufsgruppe zu bilden. Zur Regelung dieser Angelegenheit wurde ebenfalls ein Ausschutz gewählt.— Wie man sieht, gibt es auch in Dänemark unter den Gewerk- schaften Grenzstreitigkeiten. Man erfährt davon im allgemeinen in der Oeffentlichkeit sehr wenig. Die dänische Arbeiterschaft liebt es nicht, dergleichen Dinge vor dem großen Publikum breitzutreten, was ja auch zu tun sehr töricht wäre. Sie schafft sich eben in ihrer Gewerkschaftszentrale eine Körperschaft, die über dergleichen Dinge sachverständig zu entscheiden hat. In der Pariser Nationaldruckerei ist ein Ausstand auSge, brachen wegen einer Beförderung, die von den Arbeitern als Be- vorzugung des Betreffenden betrachtet wurde. Der Streik der Hafenarbeiter in Stavanger, der kurz vor Weih- nachten ausbrach, ist am 2. Januar durch Abschluß emes neuen Uebereinkommens beendet worden, das den Arbeitern annehm- bare Lohnerhöhungen bietet. Die Streikenden konnten am Montag alle wieder in Arbeit treten. Keine ReujahrSaussperrungen in Schwede». Das schwedische Unternehmertum wollte zu Neujahr in den Kohlengruben der Landschaft Schonen sowie in der Kleinglasindustrie des ganzen Landes allgemeine Aussperrungen veranstalten, nachdem die Tarif. Verträge abgelaufen waren und die Verhandlungen über neue Ver- träge zu keiner Einigung geführt hatten. Kurz vor Neujahr ist es jedoch mit Hilfe der staatlichen Schlichtungsmänncr zu neuen Verhandlungen und zum Abschluß neuer Tarifverträge gekommen. Sowohl die Grubenarbeiter wie die Glasindustriearbeiter sahen sich infolge der traurigen Wirtschaftslage genötigt, auf Erhöhung ihrer sehr unzureichenden Löhne zu verzichten. Die neuen Ver- träge sind mit den Organisationen auf 4 Jahre abgeschlossen, die Arbeitgeber hatten sogar fünfjährige Dauer verlangt. In dem alten Tarifvertrag der Kleinglasindustrie war ein Passus enthalten, wonach bei Entlassungen wegen Arbeitsmangel Rücksicht auf die Beschäftigungsdauer der Arbeiter im Betriebe, auf ihre Ansässig- keitsdauer in der Gemeinde und auf ihre Familienverhältnisse genommen werden sollte. Die Schwedische Arbeitgebervereinigung. der auch die Glasindustriellen angehören, hatte nun den Befehl erteilt, daß dieser Passus aus dem Vertrag verschwinden sollte. Man will eben, daß bei Entlassungen stets die für ihre Organi» sation besonders eifrig tätigen Arbeiter zuerst auf die Straße fliegen. Die Glasindustriellen sind dem Befehl ihrer Zentrale aber nur formell nachgekommen. Sie haben es zwar durchgesetzt. daß jener Passus nicht in den neuen Vertrag aufgenommen wurde, sich aber protokollarisch verpflichtet, der alten Bestimmung gemäß zu handeln._ Letzte JVachricbten und Oepeleden. Betricbseinschränkungen. Charlotte(Nordkarolina), 5. Januar.(W. T. B.) Auf einer Konferenz von 200 Baumwollspinnern, die 1%. Millionen Spindeln vertreten, tvurde beschlossen, den Betrieb bis zur Wieder- kehr günstigerer Zeiten einzuschränken, wenn nicht eine Herab» setzung der Preise für Rohmaterial zu er» reichen sei._ Sturmschäden in Riga. Riga, S. Januar.(W. T. B.) Wegen des feit gestern ununter» brachen herrschenden SturmeS ist der Straßenbahn- und Dampferverkehr eingestellt worden. Die Düna ist auf 5 Fuß über normal gestiegen; die Eisenbahnen kommen mit großer Verspätung an. In der Stadt sind mehrere Dächer fortgerissen worden, wobei zwei Personen ge» tötet wurde». Große Holzvorräte sind fortgeschwemmt. aul Singer& Co« Berlin SW, Hierzu 3 Beilagen u, Uoterhaltungsbl. Kr. 4. 27. Jahrgang. l. KtilGe i>cs„Awärls" Knlim DslksblÄ DoNerstG, 6. IllNfltt 1910. Parteitag der SozialdeinoKratie Preußens. (Dritter Verhandlungstag.) Berlin, den 5. Januar 1S10. Ginger eröffnet nach S'/« Uhr die Verhandlungen. Auf der Tagesordnung steht Punkt V: Die Verwaltung Preuhens. Mit zur Diskussion steht die don den, Referenten eingebrachte, uon uns schon gestern— in der zweiten Beilage— veröffentlichte Resolution. Das Wort erhält der Referent Liebknecht: Wir verstehen unter„Staat" gewöhnlich eine Organisation auf territorialer Grundlage, die die Gesamtheit der in diesem Gebiete lebenden Personen zusammenfaßt. Seit jeher waren die herrschenden Klassen in bezug auf Klassenbewußt- sein den unterdrückten Klassen überlegen. Meist, wenn auch nicht immer, sind sie auch die ökonomisch überlegeneu Klassen: ihnen steht zur Seite die Staatsmacht, brutale Machtmittel und Täuschungs- mittel der verschiedensten Art. Brutale Machtmittel sind Justiz, Polizei und Militär; Täuschungs- und Verdummungsmittel sind Kirche und Schule. Der Militarismus ist gleichzeitig eine Art Schule und Kirche, also Macht- und Verdummungsmittel, somit das vielseitigste Machtmittel der herrschenden Klassen. In letzter Linie beruht die Macht der herrschenden Klassen auf der Macht breiter Massen, die sie in ihren Dienst pressen. Daher wird den "Rassen eine den herrschenden Klassen günstige Ideologie auf- gezwungen. Durch die Verwaltung wird eine neue Klasse, die Bureaukratie, geschaffen; sie ist aber nicht einheitlich, sondern setzt sich ihrerseits wieder aus verschiedenen Klassen zusammen. Die oberste Klasse der Bureaukratie führt die Verwaltung im eigenen Klasseninteresse. Die weit überwiegende Unterklasse der Bureaukratie besteht auS armen Sckiluckern mit einer aufgezwungenen Ideologie, durch die sie künstlich staatstreu erhalten werden. Im Schlußresultat ruht auf dieser dritten Klasse die ganze Macht des Staates. Die Machtfunktionen sind formell entziehbar, aber sie haben die Tendenz, sich zu verselbständigen, zu einem Eigenbesitz zu werden. Für gewöhnlich unterscheidet man die gesetzgebende, die richter- liche Gewalt und die Verwaltung im eigentlichen Sinne des Wortes. Die Unterschiede zwischen richterlicher und Verwaltungsgewalt und die Grenzscheide zwischen gesetzgebender und Verwalmngsgewalt werden aber nicht strenge innegehalten. Auch w i r haben keine Ver- anlassung, an dem alten liberalen, ideologischen Satze der Trennung der Gewalten festzuhalten, denn es ist nicht unser Interesse, die richterliche und die gesetzgebende Gewalt gegenüber der Verwaltung machtlos zu machen. In den klassischen Ländern des Parlamen- larismus— England und Amerika— haben die Parlamente richter- liche und Berwaltiingsfunklion. Wir in Deutschland aber haben ein Mittelding zwischen Absolutismus und Parlamentarismus. Monarchie und Bureaukratie sind bei uns nicht abhängig von der Volksver- tretung, sondern nur in gewisser Beziehung in ihren Machtbefugnisseil eingeschränkt. Die staatliche Organisation in Preußen. In Preußen sind die Kreise, Provinzen und Kommunen gleich- zeitig Verwaltungskörper und Organe der zentralisierten Staatskörper. Natürlich sind diese Körperschaften in keiner Weise wirkliche Selbst- Verwaltungskörperschaften, und zwar in den Kreisen und Provinzen noch viel weniger als in den Gemeinden, die doch swon ein ivahrer Hohn auf die Selbstverwaltung sind. Die Verwaltung funktioniert in vielen Fällen gleichzeitig als Justiz, und wir können andererseits von einer gesetzgebenden Funktion der Justiz sprechen. Dadurch daß der Verwaltung vielfach die nähere Ausführung der Gesetze übertragen wird, übt sie in großem Umfange gesetzgebende Funktionen ans. Wir haben dann auch zahlreiche Einzelbestimmungen. die den Charakter von Gesetzen tragen. Das Begnadigungsrecht des Monarchen bedeutet ja auch eine Justizfuuktion der Verwaltung. Richterliche und gesetzgebende Gewalt sind festgelegt und eingeengt, alles andere fällt ohne weiteres der P o l i z e i g e w a l t des Staates anheim. Die Beschränkung der preußischen Verwaltung durch das Reich ist mehr formell als wirklich. Untersteht doch� das Militär im vollen Umfang nach wie vor dem König von Preußen! Es ist auch bezeichnend, daß noch Stellung und Gehalt die Spitzen der Verwaltung loeit über den Spitzen der Gerichte stehen.— Es wurde einmal das Scherzwort geprägt: ein Oberlandesgerichtspräsident sei größen- Kleines Feuilleton. Die Tragödie der dänischen Polarexpedition wird in der Er- fmtmtng von neuem wachgerufen durch die Gemälde des dänischen tr mlers Aare Bertelsen, die in den nächsten Tagen in London in der Royal Geographica! Society ausgestellt werden. Die Bilder sind von besonderem Interesse, weil sie zum ersten Male die menschen- fremde Schönheit der arktischen Einöde mit ihren gewaltigen Licht- Phänomenen in künstlerischer Fassung wiedergeben. Bertelsen hat an der unglücklichen Expedition der„Dänemark" teilgenommen, die auSgeiandt war, um festzustellen, ob Grönland eine Insel ist und die zugleich die Dokumente einholen sollte, die Peary bei seiner grön- ländischen Expedition in der nördlichen EiSregion deponiert halte. Beide Ziele wurden erreicht, aber sie forderten zahlreiche Menschenleben und die Ueberwindung furchtbarer Leiden. Vom Winterlager wurden zwei Schlittenexpeditionen ausgerüstet; die erste hatte das Unglück, auf einem großen Eisfelde vom Festland ab und ins Meer hinaus- getrieben zu werden; die zweite, an der Bertelsen teilnahm, war glücklicher: nach qualvollen Entbehrungen gelang es ihnen schlieglich doch, zum Winterlager zurückzufinden. Erst hier er- fuhren sie. daß von der anderen Abteilung jede Nachricht fehlte. Eine Reihe von RettungSexpeditiouen wurden ausgesandt, aber erst mehrere Monate später fand man zwischen Eisblöcken den Leichnam eines Eskimos, der in der erstarrten Rechten noch ein Tagebuch hielt. Es war in Eskimosprache geschrieben und gab in seiner Knappheit ein erschütterndes Bild von dem Leiden und Sterben seiner Gefährten. Die letzten Zeilen hatte der Eskimo mit seinem Blute geichrieben. Bcrtelsens Bilder sind in einer Breite von 83 Grad entstanden; die Kälte zwang den Maler, den Farben Benzin beizu- nicngen, um ihr Gefrieren zu verhindern. Die Beerdigung eines Königs ohne geistlichen Beistand. Anlaß- lich der mancberlei Beoenken, die die Haltung des belgischen Klerus beim Tode Leopolds II. verursacht hat, erzählt die liberale„In- tevendance Belge" die Geschichte vom Tode des letzten legitimen Königs, der auf einem französischen Throne gestorben ist. Als Ludwig XVIU. auf dem Sterbebette lag sl824>, bemühte sich seiueNichte, die Herzogin von Angoulsme, vergeblich, ihn zum Beichten und zur An- »ahme der letzten Oclung zu bestimmen. Er weigerte sich standhaft. Man ging soweit, seine Maitresse. Frau v. Cayla zu ihm zu schicken, aber auch fie erreichte nichts. Am nahen Tode versuchte es die Herzogin noch einmal. Der König aber antwortete, als sie die Pflichten eines„allerchristlichsten Königs" betonte:„Gerade weil ich mein Lcben lang als König diese Komödie habe spielen müssen, will ich jetzt, wo der Vorhang fällt, als Menfch nach meiner eigenen Neigung handeln." Einen oder zwei Tage danach, als der Erzbischof von Paris Einlaß begehrte, rief der König, der darin eine Veranstaltung seiner frommen Nichte witterte, erregt:»Diese schwarze Kanaille darf nicht herein- ! ivahnsinnig geworden— er bilde sich ein, Regierungsrefereudar zu sein.(Große Heiterkeit.) Die Verfassung geht scheu um die Macht der Bureaukratie herum. In ihr werden Gesetze über die Be- schränkung der Bureaukratengewalt versprochen, die doch bis heute nicht erlaffen sind, während alle auf Stärkung der Bureaukratcw macht ausgehenden Gesetze längst und prompt in Kraft getreten sind. Ich sprach von den drei Schichten der Bureaukratie. Naturgemäß entstammen diese drei Arten Beamten ganz ver- schiedenen Schichten der Bevölkerung. Die höchsten und hohen Ver »valtungsbeamten rekrutieren sich aus dem Adel, in geringerem Maße aus Großindustrie und Großhandel. Auch die mittleren Beamten unterliegen noch einer ziemlich eingehenden Ahnenprobe. Die unteren Beamten gehen aus dem Proletariat hervor, allerdings zum großen Teil aus dem Beamtenproletariat selbst, dessen lasten mäßige Fortpflanzung das Eindringen selbständigen Klassenbewußt- seins hindert. Die soziale Lage des BeamtenproletariatS unter- scheidet sich allerdings nicht von der des übrigen Proletariats. Wie die anderen Proletarier, so unterliegen auch die Beamten Proletarier der Ausbeutung. Sie sind im innersten Grunde auch Hilfskräfte für das kapitalistische System. Wir können darum die untere Klaffe der Bureaukratie als Teil des Proletariats betrachten und haben ja auch immer unsere Stellung dementsprechend ein- gerichtet. Die Herrschenden tun nun alles mögliche, um durch Orden, Uniformen und sonstigen Firlefanz die Unterbeamten kirre zu machen. Hält man doch auch den kleinen Kindern glitzernde Dinge vor die Nase, wenn sie vor Hunger schreien. Manche Beamtenkategorien sucht man besonders gut zu lohnen, um eine freundliche Stiminung bei ihnen zu erzeugen, ein Verfahren, das man mit Recht mit der Errichtung von Prätorianergarden im alten Rom ver- glichen hat. Die Prämiierung der Unteroffiziere, die Heraus Hebung der Gendarmen und anderer polizeilicher Beamten bei den Gehaltsaufbesserungen sind Erscheinungen dieser Art. Diese.Elite' ist natürlich am schwersten einer Umwälzung ihrer Gesinnung zw gänglich, da sie einer Schmarotzeridevlogie versallen ist. Freilich wenn die Beamten wagen, wider den Stachel zu löcken, so sind sie für immer geliefert. Das ist der Punkt, an dem sie zu fassen sind. Der Terrorismus des Staates gegenüber den Beamten sucht seines gleichen. Das Wesen der Bureaukratie ist eine Hierarchie von verschiedenen Kontrolleuren. Ein Kontrolleur steht über dem anderen, und so wird jedes Gefühl der Selbstverantwortung erstickt. Es geht zu, wie in der Schule, wo die Kinder nur so lange still sitzen, als der Lehrer da ist. Um so größer ist natürlich die Neigung zu allerhand Aus schreitungen. Der ganze Stolz der preußischen Bureaukratie— das weiß ich auS eigener Erfahrung, denn ich war füns Jahre in ihr tätig— ist die O b e r r e ch n u n g S k a m m e r. Der Gedanke, daß in Preußen auch nicht ein Pfennig unkontrolliert bleibt, erfüllt jeden echten Bureaukraten mit dem Gefühl eines unbändigen StolzeS. Und dabei hat diese Oberrechnungskammer im Grunde genommen nur eine ganz oberflächliche Funktion zu üben. Sie rechnet nach, nichts weiter, sie hat keinen Einfluß auf die Staatsverwaltung, sie kann Verschleuderung der Gelder nicht verhindern. Es ist ein Be- iveis von der spielerischen, kindlichen und kleinlichen Denkungsart der Bureaukratie, wenn sie an der Oberrechnungskammer ein solches Heidenplästr haben kann. Man erblickt in der Oberrechnungskammer geradezu das Symbol der preußischen Ordnung, während sie doch in Wirklichkeit weiter nichts ist als das Symbol preußischer Kne ch t s e ligke it, Unterwürfigkeit und bureau- kratischer Unselbständigkeit. Es braucht nicht besonders betont zu werden, daß die führende Stellung der Beamten in Preußen ganz wesentlich dadurch erleichtert tvird, daß die Bevölkerung an einer wahren Titelsucht. Ordens- seligkeit und Adelsanbetung leidet. Im Gegensatz zu Preußen sehen wir gegenwärtig in Dänemark, wie ein Minister all diesen Firlefanz abgeschafft hat und wie es dort besser geht als in Preußen. Eine bedeutsame Rolle für unsere höhere Bureaukratie und für den Geist unserer Staatsverwaltung spielen die studentische» Korps. Die Zugehörigkeit zu gewissen vornehmen KorpS ist geradezu eine Vorbedingung für eine Anstellung im höheren Verwaltungs- dienst, gibt mindestens eine gewichtige Anwartschaft, und mag noch soviel Stroh im Schädel sein. Besonders ausgezeichnet ist ja das Korps der Borussc» in Bonn, dem auch der Kaiser, seine Söhne und alle möglichen sonstigen Fürstlichkeiten angehören. Die Vorsitzenden dieser Korps halten sich für etwas so Gewichtiges, daß, wie glaubhaft berichtet worden gelassen werden I" Er starb tatsächlich, ohne sich der Geistlich- keit dabei zu bedienen. Daher blieb sie seinem Leichenbegängnis fern. Dem Volke wurde irgend ein äußerlicher Vorwand als Grund dafür angegeben, aber in verschiedenen Darstellungen, neuestenS in den Memoiren des Chevalier de Cursy ist der wahre Grund an- gegeben. Der Verlegereinband. Paul Westheim schreibt in der Dürer-Bundeskorrespondenz: Die eigentliche Liebe zum Buch ist literarischer und nicht kunstgeiverblicher Art. Der rechte Leser kauft sich ein Werk, weil er sich mit dem Inhalt auseinandersetzen möchte, nicht aber wegen der Ausstattung. DaS gute Buch in einer schönen Aufmachung zu besitzen, ist die Absickst, die Freude am Inhalt soll gesteigert werden durch ein dem Auge gespendetes geschmackvolles Behagen. Neben der typographischen Gestaltung ist es der Einband, der dem Bücherfveund solch Ergötzen bereitet. Bis weit in das IS. Jahrhundert hinein kümmerte sich der Ver- leger kaum um den Einband. Er verkaufte das Buch broschiert und überließ es dem Käufer, das Werk dem Buchbinder zu über- antworten. Erst die Jmitationsperiode der Prachtwerkzeit führte zur Großbuchbinderei. Der Verleger wollte für weniges Geld eine Nachahmung des Kunsthandbandes liefern. Eine holzpapierene Lederfälschung wurde gepreßt und geprägt. Und das Publikum hatte für ein paar Groschen etwas, was so ähnlich aussah wie der teuere Ledereinband. Gewiß eine niedrige Absicht, schließ- lich ist sie aber doch der Anlaß zu recht erfreulichen Leistungen gewesen. Denn als die neue Kunstgelverbereformbewegung den Streitruf: Materialechtheit, Qualität und Gediegenheit erschallen ließ, war dieser so ganz und gar nicht prächtige Prachtband das bequemste Gegenbeispiel, das immer wieder angeführt werden konnte. Er verschwand auch ziemlich schnell von der Bildfläche und wurde ersetzt durch einen Masseneinband, der selbst und für sich etwas war, ohne den Kunstbuchbinder überflüssig machen zu wollen. Wer Leder nicht bezahlen kann, soll eben auf das Leder verzichten. Es gibt ja genug andere, billigere Stoffe, die ebenfalls ihre Schönheit haben. Das war die erste der Erwägungen, die der Besserung entgegenführten. In England hatte man gute Wirkungen erzielt mit Leinen und Kaliko; selbst der einfache Papp- band gab eine angenehme Hülle ab, und die Buntpapiere, deren Herstellung man mit Fleiß und Geschick wieder aufgenommen hatte, waren sowohl als Vorsatz wie für die äußere Hülle ein trefflicher Schmuck. Auch kostbare Stoffe: Leder, sogar das Pergament wurden wieder verwendet, aber verständig material- gerecht. Die Großbuchbindereien sahen sich mehr und mehr ge- nötigt, auf die so hochentwickelte Fälscherkunstfertigkeit zu ver- zichten. Die Verleger, gedrängt von dem Verlangen des Publikums, lassen sich von tüchtigen Künstlern beraten, bemühen sich um gediegene, geschmackvolle Entwürfe. Da steht eine frische Zeichnung, ein feines Ornament, ein kräftiges Signet neben dem schön geschriebenen oder gut gesetzten Titel. Trotz mancher Ent- gleisyng im einzelnem, wie sie bei einer solchen Menge von Er- ist, ein nicht fürstlicher Vorsitzender der Borussen, also irgend ein beliebiger Student, als er an einein mittleren deutschen s Fürstenhof zur Hoftafel geladen war, den Anspruch erhob, über dem konnnandierenden General, dem höchsten militärischen Beamten, zu sitzen! Das beweist, was für eine Vetternwirtschaft durch diese Korps herbeigeführt wird. Wenn man fragt, welche Aussichten innerhalb der Bureaukratie dieser oder jener Beamte habe, so hört man von Knndigen häufig: Der kommt gut voran, der ist ein ziemlich tüchtiger Mann, vor allem aber ist er in dem und dem Corps gewesen, ein Duzbruder von dem und dem l Oft kommt man dabei auf die höchsten Herrschaften heraus, und das ist dann eine ausgezeichnete Anwartschaft mit Siebenmeilenstiefelu Fortschritte zu machen innerhalb der Bureaukratie. Daß man unter diesen Umständen natürlich jede liberale Gesinnung— von einer anderen gar nicht zu reden— fernzuhalten sucht, ist selbstverständlich. Man hat im all- gemeinendie Anschauung, die jüngst Pastor Rothe zum Ausdruck gebracht hat, daß Satan der erste Liberale gewesen sei.(Heiterkeit.) Die Disziplin innerhalb der Verwaltung ist eine außerordentlich scharfe. Sie geht aus von dem Veamteneid. Sie wissen, der Fahneneid ist auch eine Art Beamteneid, er wird ausschließlich dem Kaiser, beziehungsweise König geleistet, und der Soldat wird bei nus nicht durch ein einziges Wort aus die Verfassung vcr> pflichtet I Beim B e a m t e n e i d ist das ein klein wenig anders. Der Diensteid der preußischen Beamten lautet: „Ich schwöre zu Gott dem Allmächtigen und Allwiffenden, daß Seiner Majestät dem König von Preußen, unserem Allergnädigsten Herrn, ich untertänigst treu und gehorsam sein und alle mir vermöge meines Amtes obliegenden Pflichten nach bestem Wissen und Gewissen treu erfüllen, auch die Verfassung gewissenhaft be- obachten will, so wahr mir Gott helfe!" Da ist zunächst bemerkenswert, daß ängstlich vermieden worden ist zu sagen:„Ich schwöre, daß ich...", damit nur ja nicht der Anschein crtveckt wird, als ob der Beamte die Kühnheit habe, seinen Namen bor dem Namen der Majestät zu nennen.(Große Heiter- keit.) Untertänig, treu und gehorsam soll der Beamte sein— wie ein Hund. Hinterher wird man schon nüchterner und am nüchternsten bei dem Hinweis auf die V e r f a s s u n g I Man merkt gewissermaßen an dieser Stilisierung, wie wehe es dem Verfasser des Diensteides getan hat, daß er die Verfassung überhaupt erwähnen mußte. Mit diesem Diensteid ist es aber noch nicht abgetan, es ist noch bor- geschrieben eine bestimmte Vorhaltung, die ausdrücklich auf dem Formular, das der Beamte zu unterschreiben hat, mit vorgedruckt ist. Dort heißt eS u. a.: „Es hat niemand das Recht, kleine Abweichungen von der alten Instruktion sich zuschulden kommen zu laffen." Und weiter: „Wer sich solchergestalt als gewissenhafter redlicher Diener deS Königs beträgt und mit uitwandelbarer Treue und unermüdlichem Diensteifer sein Amt versieht, kann sich göttlichen Segens und Belohnung in dieser oder jener Welt(große Heiterkeit) sicher halten, wird auch bei jeder Gefahr... den Trost als Beruhigung genießen, den nur ein unverletztes Gewissen gewähren kann." Das ist billig!(Heiterkeit.) Etwas bessere Gehälter wären den Beamten wahrscheinlich meist lieber. Neben den Verheißungen stehen nun aber auch Drohungen! Da heißt es zum Schluß: „Dagegen haben diejenigen, welche die feierlich beschworene Dienstpflicht vernachlässigen oder sich soweit vergehen, den ihnen erteilten Instruktionen freventlich entgegenzuarbeiten, außer der allgemeinen Verachtung... auch harte Strafe» zu gewärttgen, welche nach dem Verhältnis der beträchtlichen oder geringen Ver- schuldung ohne Nachsicht und Ansehen der Person unausbleiblich vollzogen werden." Also schon von voniherein operiert man mit allen Mitteln, um die Beamten einzuschüchtern I Im Jahre 1882 hat Kaiser Wilhelm eine Kabinettsorder erlassen, in der er begann, jeden Versuch der Beamten, sich irgendwelche Selbständigkeit zuzuschreiben, gründlich zu beseitigen, soweit das in seiner Gewalt lag. Auch diese Kabincttsorder sowie eine weitere des jetzigen Kaisers vom 18. April 1396 tvird den Beamten bei threr Vereidigung rcgel- mäßig vorgehalten. In der ersten heißt eS: „Das Recht des Königs, die Regierung und Politik Preußens nach freiem Eruiessen zu leiten, ist durch die Verfassung ein- geschränkt, aber nicht aufgehoben.(Hört! hört!) Die RegierungS- akte des Königs bleiben weiterhin Regierungsakte des Königs, wenn sie auch der Gegenzeichnung bedürfen. Es ist deshalb nicht zulässig und dient zur Verdunkelung der verfassungmäßigen könig- lichen Rechte, wenn es so dargestellt wird, als ob die RegierungS- akte von dem dafür verantwortlichen Minister und nicht von dem Könige selbst ausgingen." scheinungen immer mit unterlaufen werden, kann man auf diese EntWickelung mit Genugtuung zurückblicken. DaS Buch hat zweifellos einen Mehrwert bekommen, der bedeutungsvoll ist für die vielen, die nicht beliebig viel für Bücher ausgeben können. Der Handband wird daneben immer seine Stellung behalten. Notizen. — M u s i k ch r o n i k. DaS erste diesjährige Sonntags- konzert des Schiller-TheaterS, Charlottenburg, das am 9. Januar statlsindet, bringt Griegs Sonate für Violine und Klavier und Schumanns Klavierquartett in Es-äur, op. 47 zu Gehör. Alex. Heinemann trägt Komposittonen von E. E. Taubert und Lieder von Schubert und Schumann vor. — FreieHoch schule Berlin. An der Freien Hochschule Berlin beginnen in dieser Woche die ersten Vorlesungen und zwar am Donnerstag, den 6. Januar: Musikdirektor B. Knetsch über: Die Sonaten Beethovens; am Freitag, den 7. Januar: Schriftsteller M. H. Baege über: Einführung in die Grund» p r o b l e m e d e r B i o l o g i e; Dr. R. Hennig 1. über: Unsere Zeit in psychologischer Beleuchtung und 2. Die übersinnliche Welt; Dr. Rud. Magnus über: Mensch und Affe. Karten sind zu haben bei Amelang, Nicolai, Wertheim, GselliuS usw.— Programme kostenlos bei Loeser u. Wolff. — Sudermann— Hofpoet. Wilhelm II. hat, wie die bürgerliche Presse verlauten läßt, sich Sudermanns„Strandkinder" bereits zum zweitenmal im kgl. Schauspielhause angesehen. DaS erste Mal war Suderinann nicht zur Stelle, aber das zweite Mal klappte die Sache schon besser. Sudermann war rechtzeitig bcnach- richtigt und wurde dann in die Loge beschicken. Wilhelm nahm Gelegenheit, sich ausführlich mit Sudermann über den Charakter der modernen dramatischen Dichtung und über die Ziele, denen sie zuzustreben habe, auszusprechen. Er begrüßte eS als be- londers anerkennenswert, daß die Dichtung sich der Geschichte unseres Vaterlandes zuwende, in unserem Volke den nationalen Sinn durch die Bilder auS der großen Vergangenheit stärke und zum Stile des großen Dramas zurückkehre.— Heil Sudermann, dem vaterländischen Geschichts« und Stranddichter! — Der Verein für Frauen und Mädchen de* Arbeiterklasse veranstaltet am Sonntag, den 9. Januar, nachmittags 3� Uhr, im Choralionsaal(Bellevuestr. 4) sein zweites Konzert. Das Programm bietet eine reichhaltige und vielseitig- charakteristisch« Auswahl aus der Instrumental- und Vokalmusik von Mozart bis Brahms; Liedern von Schubert, Schumann und BrahmS gesellen sich Kamniermusiken von Mozart und Schumann und einige der besten Klavierkompositionen Chopins zu. — Die Schwarz- Weiß- Ausstellung der Se» zession wird nicht, wie ursprünglich beabsichtigt, am 9., sondern erst am Sonntag, den 16. Januar, geschlossen. mit wollte man den Beamten d!e Möglichkeit nehmen, welche RegieruligZinaiznahmen zu kritisieren, indem sie den st e r kritisierten! Man will damit die Tatsache schaffen, daß jede Kritik einer Regiernngsinabnahine der König getroffen Natürlich ist damit die Kritik für die Beamten unmöglich .cht. Es ist bekannt, daß wir schon häufig solche indirekten estätsbeleidigungsprozesse zu verzeichnen gehabt haben. Am Schluß dieser Kabinettsorder heißt es: „Mir liegt es fern, die Freiheit der Wahl zu beeinträchtigen, aber für diejenigen Beamten, welche mit der Ausführung meiner Regierungöakte betraut sind.... erstreckt sich die durch den Diensteid beschworene Pflicht auf die Vertretung der Politik meiner Negierung auch bei den Wahlen." Sie wissen, daß diese Kabinettsorder bis zum heusigen Tage augewandt worden ist. ES ist deshalb auch jede Agitation gegen die Regierung bei den Wahlen den Beamten selbstversländ- lich untersagt,� und die KabincttSorder des jetzigen Kaisers hat das Maß voll gemacht dadurch, daß sie auch das P e t i t i o n s r e ch t der Beamten in seinein wesentlichsten Teile aufgehoben hat. Wie es unter solchen llmständen mit dem Beamtenrecht in Preußen bestellt ist, das bedarf keiner lveiteren Ausführung. Maßregelungen sind an der Tagesordnung, ich erinnere an K a t t o w i tz I Auch Notare werden trotz ihrer Rechtsauwalts- gualität diszipliniert. Ein polnischer Notar in Posen mußte sein Amt niederlegen, weil er nicht gegen de» polnischen und für den Blockkandidatcu stimmen wollte! Selbst mit der Enthaltung von der Wahl— ich habe die Akten zu Hause— wollte sich die Behörde nicht zusiiedcn geben! I Daß die Reichsregierung den Spuren der preußischen Regierung folgt, zeigt wiederum Kattowitz. Die Disziplinarmaschine funktioniert sehr schwerfällig, wenn eö sich um Ausschreitungen der Beamten handelt, sie arbeitet aber wie geölt, wenn irgend ein Beamter die gemeinsamen Interessen der Bureau- kratie zu gefährden scheint. Bollends gegen höhere Beanite, die in Plumpester Weise die Gesetze verletzt haben, etwas zu erzielen, ist nahezu völlig ausgeschlossen. Außer der Disziplinierung stehen der Bureaukratie noch andere Mittel zur Verfügung: Schikanen aller Art, Versetzung, Kaltstellung, gesellschaftliche Aechtung. In engster Verbindung mit der Bureaukratie stehen andere Schichten der Bevölkerung, die man als Halbbureaukraten bezeichnen kann: Krieger- und Flottenvereine, Luftschiff- und Schützen- gesellschaften, Mitglieder des Kaiserlichen Antomobilklubs, Militär- anwärter, Studentenkorps, ferner Staats- und Gcmeindearbeiter, selbst Arbeiter, die in Betrieben tätig sind, die für den Staat arbeiten, Reserveoffiziere, verabschiedete Ossiziere— ich erinnere an den Fall Gädke— usw. So groß auch die Macht der Bureaukratie ist, sie schwebt nicht in der Luft und ist von dem sozialen Milieu der Schichten ab- hängig, aus denen sie sich ergänzt. Es ist eine geioisse Ueber- treibung, zu sagen, die preußnche Regierung sei ein Ausschuß des Junkertums. Wir kennen alle den gewaltigen Einfluß der Groß- industriellen. Eine Anzahl Junker sind auch Industrielle. Man soll überhaupt Junker und Industrielle nicht zu scharf trennen. Die Junker sind eine besondere Fraktion der kapitalistischen Klasse, freilich eine Fraktion mit besonderer Färbung. Das Junker- tum übt allerdings einen entscheidenden Einfluß aus, es bat aber nicht die Alleinherrschaft. Die schwere Industrie, Großfinanz und Großhandel üben gleichfalls starken Einfluß aus, zumal da die Jnnkerintelligenz nicht für alle Aufgaben des Staates ausreicht. Ich erinnere an Dernburg und Ballin und an das Austausch- Verhältnis zwischen Straßeilbahngesellschaft und Ministerien. Immerhin ist der Einfluß des Junkertums auch gegenüber den anderen Schichten der Bourgeoisie unberhältnis- mäßig groß. Einmal zieht die Bourgeoisie das Geldverdienen vor, zum zweiten sieht sie im Junkertunr eine Schutztruppe, drittens hat sie keine Lust, den Stein ins Rollen zu bringen, weil sie weiß, daß eS dann— wie beim Wahlrecht— kein Halten gibt. Das ist auch der Grund, weshalb sie bisher keinen Vorstoß unternommen hat, um ihre Macht im Parlament und Staat zu etablieren. Auf die Dauer freilich läßt sich Preußen nicht regieren wie ein großer Gutsbezirk und können Industrie und Handel nicht unter den Knüppeln ostpreußischer und pommerscher Junker stehen. Schließlich muß das Tor doch geöffnet werden, durch das auch wir einziehea werden. Innerhalb der Verwaltung selbst kämpfen Gegensätze mit- einander, die in der preußischen Geschichte schon oft eine große Rolle gespielt haben. Ich denke an die Gegensätze zwischen dem Stück der Verwaltung, das wir als Krone zu bezeichnen pflegen, und der übrigen Verwaltung. Die Macht des Königs be- ruht ja auf den verschiedensten Ursachen: auf seinem Reichtum, auf Traditionen, auf einer lebhaften Suggestion, auf ökonomischen und sozialen Faktoren und auf dem Bedürfnis der herrschenden Klassen, eine Spitze für sich zu haben. Bei Konflikten mit der Krone aber haben wir bisher noch immer die Erfahrung gemacht, daß die 5irone den kürzeren gezogen hat.(Sehr richtig!) Daran ändert auch nichts, daß Bülow in seinem Schwanengesang sich als Schulbuben des Kaisers hinstellte. Ist es doch nicht einmal gelungen, die Kanal- rebellen zur Raison zu bringen I Der Kanal ist heute noch nicht gebaut, und die Rebellen sind höher hinauf gemaßregelt worden, als sie je hoffen konnten. Die Junker, diese Abkömmlinge der alten Ministerialen, das heißt ehemaliger Leibeigenen und Sklaven, sind stärker als der König. Der König ist„absolut", so lange er ihren Wille» tut. Bekannt ist der Einfluß der Verwaltung auf die Zusammensetzung der Parlamente. Namentlich bei der öffentlichen Wahl wirken„die von Gott ge- gebenen Realitäten", um das hübsche Wort Bismarcks zu gebrauchen. Durch de» P a i r s ch u b übt die Spitze der Verwaltung, der König, direkten Einfluß auf die Zusammensetzung des Herrenhauses. Die Landräle ihrerseits bestimmen die Zusammensetzung des Ab- geordnetenhauses, so daß Schücking spöttisch meinte, man solle eS den Landräten ruhig überlassen, die Abgeordneten zu ernennen. (Heiterkeit.) Die Landratsbureaukratie ist sehr steifnackig auch dem König gegenüber: aber wenn sie auch im Parlament herrscht, so ist ihr doch mit einer Erweiterung der parlamentarischen Macht nicht gedient. Eine andere Zusanlmensetzung des Parlaments ist ja immerhin nicht ausgeschlossen: ich erinnere an die Konfliktsperiode, die freilich ja die völlige Ohnmacht des preußischen Parlaments offenbarte. Wenn es einmal der Verwaltung darauf ankommen sollte, ein preußisches oder deutsches Parlament auseinanderzu- treiben, so brauchte sie keine scharfen Patronen oder Maschinen- gewehre nach Manskelder Art, sondern nur ein paar Platz« p a t r o n e n I(Heiterkeit.) Die Machtverhältnisse innerhalb des Parlaments richten sich eben nicht nach der Stärke der Fraktionen, sondern nach der außer- parlamentarischen Macht hinter den Fraktionen! Daher auch der Einfluß unserer kleinen Landtagsfraklion. Ganz machtlos freilich ist das Parlament so wenig wie die Presse. Das Parlament kann die OeffeMlichkeit aufrütteln. Daher denn auch die Scheu der Regierung, mag sie auch noch so sehr auf den Parlamentarier an s i ch pfeifen, vor der öffentlichen Aussprache. Scheut doch überhaupt unsere Bureaukratie die Oeffeutlichkeit. Nun zum Einfluß der Berwaltuug auf die Justiz. Sie wissen alle, wie eS mit der angeblichen„Unabhängigkeit" der Justiz steht. Das ErnennungS-, BeförderungL- und DisziplinierungS- recht hängen als Schwert über den angeblich„unabhängigen" Richtern. Dazu ist die Strafjustiz von der Initiative des Staats- ainvalts abhängig, Ivogegen übrigens nichts einzuwenden ist, wenn der Staatsanwalt unabhängig ist, wie ich das in meinen Leit- sätzen fordere. Im übrigen ist es' bekannt, daß wenn Richter ekumal wirklich gewagt haben, Urteile zu fällen, die irgend nennenswert unbequem für unsere Verwaltung waren, sich auch regelmäßig Ge- legenheit fand, sie abzuhalftern, kaltzustellen, ohne«in förm-' liches Disziplinarverfahren. Sie entsinnen sich der Affäre des Landgerichtsdirektors Schmidt, des sehr unbequem gewordenen Kammergerichtsrats Ravenstein, des Schicksals des Amtsrichters Kern, eines sehr tüchtigen Richters, der im Falle Eulenburg es gewagt bat, so zu urteilen, wie es seiner wirklichen Meinung entsprach. Er hat nicht auf seinem Posten aushalten können. Dem Vernehmen nach soll es der nämliche Richter sein, der jetzt die russischen Staatsdepots gepfändet hat. Das wäre wieder ein Eingriff in die Interessen der Staatsverwaltung, der ihm vielleicht auch übel bekommen kann. Weiter ist unsere Justiz nicht imstande, die Strafen selbst zu exekutieren, die Strasvollstreckung liegt wiederum in den Händen der Verwaltung. Man sieht also, daß die ordentliche Justiz eine Art Aschenbrödel innerhalb der preußischen Staatsverwaltung ist. Dazu kommt, daß die Verwaltung selbst als Justiz auftreten kann im polizeilichen Strafversahren und in ihrer Tätigkeit in Unfall- und Jnvalidensachen. Dulch nnansgcsetzte Appellationen und Revisionen hat die Staatsanwaltschaft dem Erpressungsparagraphen eine Aus- dehnung gegeben, die schioer auf der gewerkschaftlichen Arbeiter- bewegung lastet. Swaßenpolizeiverordnungen werden wider Streik- Posten von der Verwaltung bewußt mißbraucht im Kampfe gegen die Arbeiterschaft. Das Gegenstück zur Lahmlegung der un- bequemen Richter ist die Beförderung willkommener Richter. Herr Oppermann ist Reichsgerichtsrat(Hört! hört!) und sein Attachö, Landgerichtsrat Gracber, ist Kammergerichtsrat ge- worden. Wo immer ein Stück wirklicher Selbstverwaltung vorhanden ist. da trachtet der Haß der Bourgeoisie danach, sie zu untergraben. Ich möchte behaupten, das ganze ungeheuere Gesetzgebungswerk der Reichsversicherungsordnuug ist nur zu dem Zweck unternommen worden, um die verhaßte Selbstverwaltung der Krankenkassen zu be- fettigen.(Lebhafte Zustimmung.) Unter Umständen setzt die Verwaltung die bestehenden Gesetze einfach außer Kraft, wird sie absolute Herrscherin der Situation, nämlich bei der Requisition der Militärmacht und bei der Ver- hängung des BelageruiigsznstaudeS. Die Verhängung des Be- lagerungsznstandeS ist das letzte gewaltsame Mittel des Monarchen gegen den Ansturm unliebsamer Elemente. Würde daS Parlament einmal unbotmäßig werden, so würde die Verhän�ung des Be- lagerungSzustandes und die Entfaltung der Militärdiktatur das Schlußresultat sein. Den Schwerpunkt der Bureaukratie bildet der Landrat. Bekanntlich ist der heimliche König von Preußen, Herr v. Hehde- brand, einfacher Landrat.(Heiterkeit.) Die zivil- oder strafrecbtliche Inanspruchnahme eines Beamten ist dadurch so gut wie unmöglich gemacht worden, daß die Negierung den sogenannten Konflikt erheben kann. Damit wird die Sache der ordentlichen Ge- richtsbarkeit, die ja auch schon wenig Garantien bietet, entzogen und vor die Verwaltungsgerichtsbarkeit gebracht, die noch weniger Garantien bietet! Darum verlangen wir mit allem Nach- druck die Aufhebung des sogenannten„Konflikts", der eine Erläuterung des bekannten Kröcherwortes vom„Objekt der Gesetzgebung" ist. Wie Sckrncking mit Recht hervorgehoben hat, sucht die Bureau- kratie nach Möglichkeit die Entwickelung der Industrie zu verhindern, weil sie die Industrie als Nährboden der Sozialdemokratie be- trachtet. Die Kieler und andere Vorgänge haben die Schlamperei und Unbehilflichkeit der Verwaltung gegenüber gewiegten Kaufleuten dargetan. Unsere Bureaukratie arbeitet ungemein teuer wegen ihres komplizierten Beamtenapparats. Dazu kommen die riesig hohen Gehälter der oberen Beamten. Die unteren Stufen der höheren Karriere sind allerdings absichtlich sehr kärglich besoldet, um das Eindringen proletarischer Elemente zu hindern! Nun zu den sozialpolitischen Leistungen der preußischen Bureau- kratie. Auf den Krankenkassen lastet ein wahres Labyrinth von Rechts- und Kontrollbestimmungen. Die Sittenpolizei verhindert mit ihrer Plumpheit, daß sich sogenannte gefallene Mädchen je wieder erheben können. Die Fürsorgeerziehung wird durch die Fälle Kolander und Mielczyn illustriert. Mit welcher Brutalität vor- gegangen wird, dafür haben wir Juristen täglich Beispiele vor den Augen. Ein sittlich völlig intakter Junge, der in Fürsorge kam, nur weil die Eltern ihn nicht genügend erziehen konnten, wurde wie ein schwerer Verbrecher aus dem Elternhause abgeholt (Hört I hört I> und bis zum Tage des Transports in die Anstalt ein- gesperrt.(Hört I hört I und Pfuirufe.) Schon in der Schule werden die Kinder nach der Zugehörigkeit zu den verschiedenen Be- Völkerungsklassen getrennt. Dagegen müssen wir Sozialdemokraten auf das schärfste Front machen. Die„Leipziger VolkSzeitung" meldete vor längerer Zeit, daß sich in Greiz die Schüler der Mittelschulen geweigert hätten, mit den Schülern der Bürgerschulen irgendwelche Veranstaltungen gemeinsam vorzunehmen. Anstatt den jungen Bürschchen ein paar hinter die Ohren zu hauen, ließ man sich diese dem engsten Klassen- und Kastengeist entspringende Opposition ruhig gefallen! Etwa« Aehnliches habe ich während meiner Festungshaft in G l a tz erlebt. Dort findet am Tage des heiligen Franziskus Xaverius eine Prozession statt, an der zwar alle Schüler teilnehmen, bei der aber zwischen den Schülern der Armenschule und den Gymnasiasten ein so weiter Raum gelassen wird, daß niemand auf den Gedanken kommen kann, einer der Herren Gymnasiasten sei ein Mitglied der Armenschule. Mich hat dieser Vorgang damals derartig empört, daß ich nicht mehr imstande Ivar, dem Rest der Prozession zuzusehen. In völlig ungesetzlicher Weise geht die Schulvcrwaltung gegen Arbeiterturnvereine und Fortbildungskurse der Jugendlichen vor: dabei ist gegen die Schulverwaltung nicht einmal da» Verwaltungs- gerichtsverfahren möglich I Wer gerade Kultusminister ist, das ändert an dem System nichts; das System heißt und bleibt Schwartzkopff. Man weiß ja bei uns nicht innner, wer zufällig Muiistcr ist.(Heiterkeit.) Im Grunde genommen ist das auch schnuppe, denn sie könnten ebenso gut mit Nummern bezeichnet werden.(Heiterkeil und Zu- stimmung.) Aber das Bürgertuin Pflegt immer noch, wenn ein neuer Mann kommt, Märchcnhoffnnngen zu hegen, genau wie ein junges ver- liebteS Paar auf den künftigen Honigmond. ES ist die alle Kronprinzen- Hoffnung, die sich auf neue Minister übertragen hat. Herr Trott zu Solz hat aber eine so bekannte Vergangenheit hinter sich, daß nur die, denen absolut nicht zu helfen war, an eine Besserung glauben konnten. Herr Trott zu Solz hat mir noch jüngst in bezug auf den Turnunterricht eine Entscheidung zu- geschickt, die den früheren„von Holle i. V. Schwartzkopff" unterzeichneten Entscheidungen glich wie ein Ei deni andern. Dies- mal ist sie von Herrn Trott zu Solz selbst unterzeichnet, denn er ist gesund; leider, möchte ich beinahe sagen, denn während Herr Schwartzkopff, im Grunde genommen, vielleicht nur ein kleinlicher Vnreaukrat ist, traue ich Herrn Trott zu Solz alles RücksichtS- lose zw Auch der Strafvollzug gehört zur Tätigkeit unserer Bureaukratie. Noch immer ist er nicht einheitlich geregelt. Immerhin ist zuzugestehen, daß die Spitze der Justiz nicht so schlimm ist wie die Spitze des Kultusministeriums. Aber selbstredend ist mehr als genug noch an der Strafvollstreckung zu reformieren. Wir wollen eine rein pädagogische Straf- Vollstreckung mit individueller Behandlung der Gefangenen. Es ist ein Gegenstück zur eisernen Jungfrau in Nürnberg, daß der Entwurf einer Strafvollzugsreforin nicht die Beseitigung der Disziplinarmittel in den Gefängnissen, sondern ihre gesetzliche Festlegung bringt. Eine Umschreibung der Machtbefugnisse der Polizei zu geben, ist un- möglich. Zum Machtbereich der Polizei gehört einfach alles! (Große Heiterkeit und Zustimmung.) Es war ganz im Sinne der herrschenden Klassen gesprochen, als Graf Limbnrg-Stirum 1905 im Abgeordnetenhause den denkwürdige» Ausspruch tat:„Das Geld, das für die Gendarmen ausgegeben wird, wird wahrlich nicht unnütz ausgegeben."— Die Polizei ist«in wahrer Krebsschaden, ihre Allmacht eine ständige Gefahr für die Entwickelung der Arbeiterbewegung. �Die Grobheit ist die Normalmethode der Polizei gegenüber gewöhnlichen Sterblichen, und bei der Grobheit bleibt es nicht. Der Gendarm hat doch nicht umsonst seinen Revolver, und eS gibt einen Neckeschen Schießerlaß l Vor mehreren Jahren hat ein Gendarm namens Jude in Nieder- barnim unseren Parteigenossen Herrmann ohne Veranlassung niedergeschoffen. Die Zivilgerichte haben das anerkannt und auch die Kosten der Verteidigung der Staatskasie auferlegt. Aber bei einem Militärgericht ist der Gendarm dann schlechthin frei- gesprochen worden!(Hört! hört!) Der Neckesche Schicßerlaß untersagt ausdrücklich die sogenannten Schreckschüsse und verlangt, daß nicht mit flacher, sondern mit scharfer Klinge eingehauen wird I(Hört! hört!) Und dieser Reckesche Schießerlaß gilt noch heute, soweit wir in die Geheimkammern der Polizeiverwaltungen Einblick haben. Die Polizei hat dann noch einen ganz besonderen Teil, den selbst sie schamhaft zu verbergen sucht. DaS ist die politische Geheimpolizei mit den Lockspitzeln. Eine derartige Geheimpolizei bildet sich überall auS, wo eS Polizei mit ähnlichen Machtbefugnissen gibt wie in Preußen. Auch das Militärioesen wird in unzulässiger Weise vom Staate zur Unterdrückung der Arbeiterbewegung inißbraucht. Wir haben im letzten Jahre die Neigung des Militärs verspürt, sich in die Arbeitskämpse einzumischen, und der Parteitag muß unbedingt seine Empörung über die unerhörten Vorgänge im Mansfclder Revier zum Ausdruck bringen.(Stürmischer Beifall.) Vereins- und Versammlungsrecht sind zwar reichsgesetzlich ge» regelt, aber die Verwaltungsbehörden der Einzelstaaten haben eine weitgehende Dispositionsfreiheit. Die außecpreußischen Staaten haben von dieser Befugnis vielfach im liberalen Sinne Gebrauch ge- macht, selbstverständlich wird das in Preußen nicht der Fall sein. Wir werden im Landtage Forderungen dieser Richtung an die preußische Regierung stellen, aber Erfolg können wir uns davon nicht verspreche». In Preußen ist nach dem Bereinsgesetz alles beim allen geblieben; die einzige Veränderung, d. h. Verschlechterung, ist durch den Sprachenparagraphen und daS Jugendlichenverbot herbeigeführt worden. Das Versammlungsverbot im Wahlkreise des Herrn v. Heydebrand wegen angeblicher Scharlachepidemie zeigt, wie sehr die preußische Polizei sich an das deutsche Vereinsgesetz kehrt. In der Nähe von Berlin sollte eine Versammlung unter freiem Himmel stattfinden. Als Ort der Versammlung war ein Platz in Aussicht genommen, der mindestens 5000 Personen fassen konnte, obwohl in der ganzen Gegend wohl kaum mehr als 500 Per- sonen für die Versammlung in Frage kamen. Die Polizei behauptete aber, daß der Platz nicht ausreiche» werde; die Versammelten würden auf die Nachbarfelder übertreten, die gerade bestellt seien. Die Bauern würden sich das nicht gefallen lassen, es würde zu Prügeleien und Störungen der öffentlichen Ordnung kommen und— die Versammlung wurde verboten.(Lebhaste Heiterkeit.) Ein anderer Fall: Der Platz, auf dem die Versammlung stattfinden sollte, lag am Strande der Spree. Man wußte nun kein Mittel, um die Versammlung zu verhindern— auf den Gedanken, die Leute könnten ins Wasser fallen, kam man nicht. Aber etwas anderes fiel der Polizei ein: Die Schiffer auf der Spree, die als gewalttätig bekannt seien, würden, sobald sie die Versammlung sähen, in großen Massen auf dem Platze landen und aussteigen; eS würde zu ungeheueren Prügeleien und Störungen kommen, und um das zu verhüten, wurde die Versammlung verboten.(Stürm. Heiterkeit.) Eine Versammlung wurde verboten, weil die Teilnehmer in eine Sandkute fallen und dabei Hals und Beine brechen könnten! (Stürmische Heiterkeit.) Die Saalabtreibungen florieren munter loeiter. Ueber den ungeheuren Einfluß der Landräte auf die Kreis- blätter hat Herr Schücking wertvolle Feststellungen gemacht. Ueber daS Plakatwesen bestehen Bestimmungen, dw der Polizei das formelle Recht geben, jedes Plakat, das nicht etwa von verlorenen und gefundenen Sachen handelt, zu verbieten. Tagtäglich gegen dieses preußische Verbot verstoßen, und die Polizei schreitet nicht ein und kann auch nicht einschreiten, ohne sich lächerlich zu machen. Zuweilen hat die Polizei aber eS doch gegen die Sozialdemokratie angewandt. Selbstredend müssen wir auf die Beseitigung dieses lleinlich-schilanösen Gesetzes dringen. DaS preußische Fremdenrecht kann als Blüte und Krone der preußischen Verwaltungsweisheit be- zeichnet werden und soll deshalb an den Schluß meiner� spezielleren Ausführungen gestellt sein. Ein Fremdenrecht ist gar nicht' vorhanden, wir haben nirgend eine Bestimmung über den Schutz von Fremden, außer gewissen Staats- und Niederlassungsverträgen. Aber auch diese werden nicht so ausgelegt, wie sie sollten, und ver- hindern keineswegs die skandalöse Ausweisungspraxis gegen die Ausländer. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben sich jedenfalls in Ihr Bewußtsein eingebrannt, so daß ich Ihre Empörung durch meine Worte sicherlich nicht verschärfen kann. Neben dem Aus- Weisungsrecht nimmt die Polizei das Recht der Beschlag- nähme, das der Durchsuchung der Wohnungen, daS der Verhaftung von Ausländen! in Anspruch. Die Polizei nimmt sich daS Recht heraus, mit jedem Ausländer nach Belieben geradezu Schind- luder zu spielen. Die Kennwis, die sie durch ihre Tätigkeit erlangt, teilt sie den russischen Behörden mit, und ihr Verfahren gipfelt in einer Ausweisung nach der russischen Grenze, die direkt einer AuS- licferung gleich kommt, ohne die Garantien der Auslieferung! DaS ist eine Schande und eine Schmach für Deutschland, und immer wieder müssen wir das Gefühl für das Schmähliche dieser Vorgänge wachrufen. Man gewöhnt sich allmählich daran— Sie kennen ja das Sprichwort, baß der Aal sich daran gewöhne, lebendig zerschnitten zu werden. Man gewöhnt sich eben toirklich an vielerlei, und gerade der Deutsche hat die Neigung, leicht zu vergessen. Deshalb ist es nötig, das Gedächtnis an diese Dinge immer wieder zu er- neuern und die Frische der Empfindung nicht verblassen zu lassen. Rur dann können wir das Volk zu der Diasleneinpörung treiben, die wir brauchen, um diese Feste der preußischen Reaktion zu Fall zu bringen.• Aber nicht alle Ausländer werden ausgewiesen. Den Agrariern ist daS Recht der Durchtränkung Deutschland? mit fremden Völkern in Erbpacht übergeben worden. Für sie Arbeiter zu beschaffen, ist der Zweck dcS polizeilichen LegitiinationSzwangeS für Ausländer. Noch eine andere Sorte von Ausländern duldet man mit großer Liebe: die Spitzel, die russischen Spitzel, von denen wir auch jetzt noch eine ganze Menge in Deutschland haben. Die be- rüchtigte Sinaida Jutschenko hält sich noch heute in Deutschland aus und zwar in nächster Nähe von Berlin.(HörtI hört!) Vielleicht kommt noch nach Berlin eine russische Spitzelfiliale wie nach Brüsiel. Wie c? mit der Freiheit der Volksschullehrer in Preußen steht, wissen wir. Tausende gemaßregelter VolkSschullchrcr laufen in Preußen herum. DaS böse Beispiel Preußens hat auch schon an- steckend auf Nachbarstaaten gewirkt, auch auf solche, in denen bisher etwaS freierer Geist herrschte, wie in Bremen, Baden, Württemberg. Den bremischen Volksschullehrern, die im tapferen Kampfe gegen die Vcrpreußung des bremischen Volksschulwesens stehen, sprechen wir unsere wärmste Sympathie ans. Selbstredend unterliegen auch die Universitäten der Unterdrückung seitens der Staatsgewalt. Gegen Tendenzprofefforen versucht die Hochschullehrerschaft nocki Opposition, ober dagegen, daß der Marxismus au deutschen Universitäten nicht gelehrt werden darf, erhebt sich keine Stimme. Die Universitäten haben sich auch nicht gescheut, die Papiere der russischen Studenten durch die deutsche Polizei den russischen Polizeibehörden aushändigen zu lassen. Immerhin sei anerkannt, daß einige Männer, wie die Gebrüder Weber, sich im Kampfe für die Freiheit der Wissenschaft als Männer gezeigt haben. Wir verlangen in unseren Leitsätzen unentgcschränttt Selbstverwaltung der demokratisch zu organistereuden Lehrkörper der Universitäten und Ausschluß aller Gesinnungsschnüffelei und jedes GcsinnungSterrorismns. Die Forderung gilt auch für Studenten. Ich erinnere an die Drangsalierung der Finkenschaft der Freien Wissenschaftlichen Bereinigung. Die Bureaukratie hat sich die Frechdachsigkeit herausgenommen zu erklären, ein Sozialdemolrat habe nicht die erforderliche sittliche Reife für die Erteilung selbst von Turnunterricht an die Jugend I(Hört! hört I und Pfuirufe.) Nun, was die Bureau- traten für„sittlich" halten, halten lv i r noch nicht für sittlich. Herr Schwartzkopff mit seiner„Sittlichkeit" wurde in einem sozia- listischeir Staate sicher nicht in ein Amt gewählt werden.(Sehr � Die preußische Verwaltung ist unfruchtbar, unzweckmäßig, rück- ständig auf allen Gebieren und fügt die Brutalität des Polizeiknüppels dieser Rückständigkeit hinzu. Alles, was ich gegeben habe, ist nur ein kleiner Auszug. Sie sehen, welch ein ungeheures Material der agitatorisch wirksamsten Art wir hier be- sitzen. Geradezu aufpeitschend können wir damit wirken. Aber dazu gehört eine größere Kenntnis der VerwaltungSzustände, als sie bei dem jetzigen elenden Zustande der Schule selbst bei unseren Partei- genoffen verbreitet ist. Darum verlangen die Leitsätze Bürger- i u n d e, natürlich nicht im Sinne nationalistisch-inonarchischer Gesinnungszüchtcrei. Die Bureaukratie ist die Dienerin der Junker- klaffe. Nach oben nickt sie. und nach unten pickt sie. Das ist ihre normale Betätigung.(Lebhafter Beifall.) Auf Vorschlag Singers unterbricht der Redner daS Referat um 1 Uhr. ES tritt die Mittagspause ein. Nachmittagssitzung. Singer eröffnet die Sitzung mit der Mitteilung, daß inzwischen folgender Antrag Bartels-Köln eingegangen ist: „Der Parteitag wolle beschließen: Die preußische Parteileitung wird ersucht, sich mit dem Ge- nosien Liebknecht zwecks Heransgabe seines Referates und dessen eventueller Vervollständigung als Handbuch und Führer über die Verwaltung in Preußen in Verbindung zu fttzen/ Hierauf erhält das Wort zur Fortsetzung seines Referates Liebknecht:' Die Jugendbewegung des Proletariats sieht sich namentlich in den letzten Monaten ungesetzlichen Ver- .folgungen von feiten der Verwaltungsbehörden ausgesetzt. Iln- politische Jugendorganisationen werden in zweifellos ungesetzlicher Weise für politische erklärt. Die Kompliziertheit der Be- stimmungen über die Rechtsmittel gegen die Verwaltung und das völlige Versagen unseres Schulunterrichts auf dem Gebiete der Bürgerkunde erschweren den Kampf gegen diese Maßregel außerordentlich. Schon die Sprache, die unsere Bureair kratie spricht, ist dem einfachen Manne fast unverständlich. Da diese Schwerfälligkeit nun freilich auch bisweilen der Bureaukratie selbst und den herrschenden Klaffen beschwerlich wird, so sind allerdings in der Bureaukratie selber Bestrebungen aus Beseitigung dieses Papier- deutsch aufgetreten. Die Kompliziertheit des Verwaltungssystems macht es der Verwaltung leicht, ihr Kompetenzgebiet unversehens weiter auszudehnen. Es kommt hinzu, daß im Landtage ge- rissene Bureaukraten eigentlich nur bei den Konservativen sitzen i bei den übrigen bürgerlichen Parteien finden sich wenige wirklichen Kenner der Verwaltungspraxis. So hat man in, Land- tage wenig Lust, in das Wespennest hineinzugreifen und die Kontrolle der Verwaltung, durch das Parlament ist kaum einen Pfifferling wert. Der Beschwerdeweg bedeutet, daß man den Teufel bei seiner Großmutter verklagt. Nur die V e r w a lt u n g s j u sti z bietet noch einen gewissen Rückhalt, Aber für manche Zweige, wie für die wichtige Schulverwaltung, fehlt sie ganz, lind auch fönst ist sie äußerst mangelhaft. Der Kreisausschuß ist im Grunde nichts anderes als der Landrat und der Bezirksausschuß nichts anderes als der RegierungSausschuß. In den KreiS- ausschüssen haben wir meines Wissens nur einen einzigen Sozialdemokraten, den Genossen Herbst zu Köpenick. Das Ober- verwaltungsgericht hat allerdings äußerlich richterliche Unabhängig- keit verliehen bekommen. Dafür besteht es aber aus so gesiebten Mitgliedern, daß es bei wirklichen ernsten Fragen kein Bollwerk gegenüber der Staatsgewalt werden kann. Immerhin ist das Oberverwaltungsgericht noch die beste der in Frage kommenden Jnstaiizeu. Dringend notwendig ist es, im Strafgesetzbuch scharfe Be- stimmungen gegen Amtsmißbrauch zu treffen. Wir müssen verlangen, daß Unkenntnis der Gesetze einen Beamten niemals entschuldigen kann, weder kriminell, noch zivilrechtlich. Hat doch selbst G n e i st aus- gesprochen, es sei allezeit die Eigentümlichkeit der preußischen Ver- waltung gewesen, die Gesetzgebung in ihr Gegenteil zu verkehren. (Sehr richtig!) Gerade die anständigen Elemente der Verwaltung kommen gelegentlich vor den Richterstnhl. Bei den Wahlen des Jahres 1903 wurden an einem Orte unsere Kontrolleure aus dem Wahllokale herausgeworfen und brutal geprügelt. Der Wahlvorsteher. ein simpler Bauer, wurde wegen Nötigung usw. angeklagt; eS stellte sich aber in der Verhandlung heraus, daß er das Heraus werfen unserer Kontrolleure auf tclegraphische Weisung deS Landrats vorgenommen hattel Er wurde deshalb von der Anklage der Nötigung freigesprochen. Ich erstattete nun Anzeige gegen den Land- rat, bekam aber durch alle Instanzen bis zum Kammergericht die Antwort: es sei ausgeschlossen, daß der Landrat sich der Rechtswidrigkeit feines Borgehens bewußt war! Und deshalb wurde die Erhebung der Anklage abgelehnt.(Heiterkeit.) Der Ge meindevorsteher war wegen desselben Delikts angeklagt; er also war sich der Rechtswidrigkeit des Vorgehens bewußt, der Land rat dagegen nicht. In erster Linie müssen wir verlangen, daß die oberen Beamten zur Verantwortung gezogen werden. Jetzt ist cZ so, daß die hochsitzenden Hauptschuldigen ftei ausgehen. Ich bin aber fest davon überzeugt, man gibt uns eher ein demokratisches Wahlrecht als eine demokratische Verwaltung, weil man weiß, daß schließlich doch bei der Verwaltung die Macht liegt I(Lebhafte Zustimmung.) Auf meine Thesen brauche ich im einzelnen nicht einzugehen. Selbstverständlich läßt sich nicht auf ihre Verwirklichung von heute aus morgen hoffen. Jedenfalls liegt hier ein wichtiges Gebiet für unsere künftige Tätigkeit. Hat doch die preußische Regierung gleich- zeitig mir der Ankündigung der Reform des Wahlrechts auch eine Reform der Verwaltung angekündigt. Im vorigen Jahre hat Herr v. Moltke seinen Plan in kurzen Zügen entwickelt. Er hat sich bisher wohl als großer Schweiger, aber dabei nicht als großer Schlachtenlcnker enthüllt.(Sehr gut l und Heiterkeit.) Weit ent- fernt, eine Reform in unserem Sinne zu bieten, sollen diese Vor- schlüge nur einer Vervollkommnung der bureaukratischen RegiernngS- form dienen. Die Dezentralisation soll nur bis zum Land- rat hinab gehen und die Macht der Landräte soll sogar erweitert werden, wogegen sich selbst— waS viel sagen will— von konservativer Seite Bedenken erhoben haben l Beseitigt werden sollen gerade NechtSmiltelinstanzcn für daS Publiknin. Wahrlich, eine prächtige Reform! Sehr hübsch ist auch, daß künftig Städte über 25 000 Einwohner nicht mehr kreisfrei werden, also der landrätlichen Despotie unterstehen sollen. Ob wir bei unserem Kampfe um wirkliche Selbstverwaltung die Hilfe der Liberalen haben werden, ist mir sehr zweifelhaft. Die Herren sind mit großen Worten schnell und gern, mit Taten selten und langsam bei der Hand. Es wird von den Liberalen heißen, wie es in bezug auf ihre Selbstverwaltung heißt: „Viel getrunken, viel gezwungen� Viel geredet, viel gelungen, Nicht? erstrebt und nichts errungen, Und so werden sie eS treiben, Werden singe», reden, schreiben, Und es wird beim Alten bleiben! (Lebhafte Zustimmung.) Wir muffen den Kampf gegen die Bureaukratie als einen Macht- kämpf ansehen, der nicht rein auf parlamentarischem Boden geführt lvird. Der Kampf um die Staatsgewalt muß geführt werden iverden innerhalb des Kampfes um das Wahlrecht, mit aller Rück sichtslosigkeit und Schärfe. Natürlich kämpfen wir nicht gegen die unteren Beamten, sondern gegen die wirklichZSchuldigen. Wen» wir des Schutzmanns Majestät bekämpfen, so bekämpfen wir im Schutz- mann den Handlanger der herrschenden Klassen.(Sehr gut I) Wir müssen mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln die Beamten- Proletarier für unsere Weltanschauung zu gewinnen trachten. Der Kampf um die Demokratisierung der Verwaltung ist ein integrierender Bestandteil unseres Wahlrcchiskampfes. Das demokratische Landtagswahlrecht ist unvollständig, wenn es nicht durch ein gleich demokratisches Wahlrecht für die Selbst- verwaltnugskörper ergänzt lvird. Und die Demokrati- sierung darf nicht Halr machen beim Wahlrecht, sondern muß ver- allgemeinert werden. Unser Material ist. wie ich schon sagte, unerschöpflich. Eher könnten wir ein Meer ausschöpfen, als die Sünden der preußischen Verwaltung lückenlos aufstellen. Die Verwaltungsreform ist das Herz- und Hauplstück des Wahlrechts- kampfes. Diesen Gedanken müssen Sie hinaustragen in die Massen. Bei dem gewalttätigen Charakter des preußischen Staates wird der Kampf um die Reform der Verwaltung rasch zu einem Kampf um die Staats gewa lt werden. Mag es eine Illusion sein, zu glauben, daß die preußische Verivaltung in absehbarer Zeit in unserem Sinne reformiert werden könnte: eS erhöht den Wert unserer Kritik, wenn wir den heutigen Zuständen die Zustände gegenüberstellen, wie loir sie uns denken. Das preußische Proletariat sieht im preußischen Staat und in der preußischen Verwaltung seinen Erzfeind, der mit allen Machtmitteln rücksichtslos und ohne allzugroße Aengstlichkeit zu bekämpfen ist.(Lebhaste Zustimmung.) Von der anderen Seite gehl mau ja auch nicht mit GlaeShaudschuhen vor. Eine solche Geiellschaft ringt man nicht mit Rosenwasser und sanftmütigen Predigten nieder. Wir predigen nicht den Auf- rühr, wir haben andere Mittel, unseren Willen durch- zusetzen: die P r o p a g a n d a, das Aufrütteln der Mafien, die Schürung der leidenschaftlichen Empörung gegen den preußischen Staat und seine Verivaltung. Hat diese Stimmung den nötigen Siedegrad erreicht, dann werden die herrschenden Gewalten es sich doch überlegen, ob sie nicht lieber friedlich auf die Wünsche der Massen eingehen sollen. Die mit brutaler Macht erkämpften Siege der Junker sind nur Pyrrhussiege. Nur der außer- parlamentarische Kamps kann ein wirklich kraftvolles Parlament schaffen. Die Einführung der Demokratie in Preußen ist die Voraussetzung für alle Reformen in Deutschland. Das Proletariat und alle fortgeschrittenen Elemente der Welt erwarten, daß das preußische Proletariat in seinem Kampfe gegen die preußische Junkerschmach seine Schuldigkeit tut. Alles ist im Fluß, hat selbst der verknöcherte Minister v. Moltke gesagt. Wir wissen, wohin der Fluß zu fließen hat, wir werden ihn in das richtige Bett zu lenken wissen. Den Felsen der Junkerherrschaft wird das Proletariat unter- wühlen und wird ihn zu Fall zu bringen wisse». Ich rufe Sie auf zu einer frischen und verwegenen Jagd gegen die Junkerreaklion in Preußen.(Stürmischer anhaltender Beifall.) Borsitzender Singer: Zur Diskussion steht die Resolution des Referenten sowie der Antrag Bartels-Köln auf Drucklegung des Referats, damit es als Handbuch und Führer in Sachen der preußischen Verwaltung diene. Ich schlage vor, die Leitsätze des Referenten der preußischen Landtagsfraktion und die Vor- schlüge zur A k t i o n der preußischen Parteileitung zu über- weise». Das entspricht auch den Absichten des Genossen Liebknecht. Bei der Geschäftslage des Parteilages werden wir kaum zu bestimmten Beschlüssen kommen.(Zustimmung.) In der Diskusfio» erhält zunächst das Wort Scholich- Breslau: Wie die Dinge heute stehen, können wir in Sachen der preußischen Verwaltungsreform wenig wn, aber wenigstens doch etwas. Wir können die Mißstände und Gesetzes Verletzungen vor der ganzen Oeffentlichkeit niedriger hängen, auch von der Tribüne des Landtages herab. Welche ungeheuren gesetzlichen Verletzungen in Schlesien vorgekommen sind, ist fast unglaublich. Ich habe in einem 14 Seiten langen Schrifv slücke alle Ungesetzlichkeiten aufgezählt, die sich ein ge wiffer Amtsborsteher G u r a d z e während dreier Jahre hat zuschulden kommen lassen. Da sagte der Staatsanwalt:„Ja, das ist ganz richtig I Der Mann kann aber nicht bestraft werden, denn da» Bewußtsei» der Strafbor keit hat ihm gefehlt!' Aus eine Beschwerde hin beftäiigte der Oberstaatsanwalt dem Amts Vorsteher Guradze das„fehlende Bewußtsein".(Heiterkeit.) Möge der Parteitag den Berliner Antrag annehmen, eine Zentrale einzu- richten, in welcher die Gesetzesverletzungen gesammelt werden. Dw mit wird noch am ersten geholfen werden, den» die Herren scheuen nichts mehr alö die Oeffentlichkeit. König-Dortnmnd: Wir lasse» alljährlich eine kleine Broschüre erscheine», in der die Verstöße der preußischen Verwaltung gegen das Vereins- und Versammlungsrecht zusammengestellt werden. Als wir uns in Recklinghaujen ein von vielen Familien bewohntes Haus als Vereinshaus mieten wollten, da entdeckle plötzlich die Polizei, daß die eisernen Träger- viel zu dünn waren!(Hört! hört! und Heiter- keit.)— In Rheililand-Weftfalen wird die Ausweisung der Ausländer besonders brutal gehandhabt. Dabei importieren unsere Zechenbesitzer fortgesetzt neue Ausländer, und Deutichland ist das fremdenreichste Land geworden. Da macht man es wenigstens den fremden Ar- b e i I e r n unmöglich, sich naluralisieren zu lassen. Es muß gesetzlich festgelegt werden, daß die Ausländer eine» Anspruch auf Naluralisation haben.(Beifall.) Damit schließt die Diskussion. Der Referent verzichtet auf das Schlußwort. Es wird hieraus über die Resolution, die zu Verwaltung Preußens" eingebracht ist, Resolution lautet: „Der Kampf um die Demokratisierung Gemeindeverwaltung ist als ein integrierender Bestandteil des preußischen WahlrechtskampfeL zu führen. Die Aufkläiung über die gegenwärtige preußische Verwaltung und ihre Mißstände ist durch systematisierte Agitation zur Erweckung des lebendigen Gefühls leidenschaftlicher Empörung in die weitesten Kreise zu tragen." Diese Resolution wird mit großer Mehrheit ange° nommen. Ebenso der Antrag Bartels: „Der Parteitag wolle beschließen: Die preußische Parteileitung wird ersucht, sich mit dem Genossen Liebknecht zwecks Herausgabe seines Referats und dessen eventuelle Vervollstäudiguiig als Hand- buch und Führer über die Verivaltung in Preußen in Verbindung zu setzen." Dem Borschlag Singers entsprechend werden die unter I und II zilsammeiiaefaßteii Leitsätze der L a n d t a g s f r a k t i o n zu I und der preußijcheu Parteileitung zu II als Material über- wiesen. ES folgt der letzte Punkt der Tagesordnung: Sonstige Anträge. Vorsitzender Singer teilt mit, daß der Antrag 14 zugunsten des Antrags 15 zurückgezogen sei. Nachdem die Uuterstützungs- frage für die noch vorliegenden Anträge gestellt ist, bleiben nur noch die Antrüge 13. 15 und 27 zur Beratung, deren gemeinsame Diskussion auf Vorschlag deö Vorsitzende» beschloffen wwd. Antrag 13 lautet: „Dem§ 5 des Statuts der Landesorganisation für Preußen unter a) folgende Fassung zu geben: „Die Delegierten der Wahlkreisvereine mit der Einschränkung, daß kein Wahlverein durch mehr als drei Personen vertreten sein darf. Wo mehrere Delegierten gewählt werden, soll unter den Delegierten möglichst eine Genossin sein." Der Absatz K) ist zu streichen. Antrag 15 hat folgenden Wortlaut: »Dem 8 5 folgende Fassung zu geben: dem Punkt»Die abgestimmt. Die der Staats- und a) Die Delegierten der Wahlkreise. Die Wahl der Delegierten erfolgt nach Maßgabe der Miigliederzahl. Es können gewählt werden: in Wahlkreisen bis 1500 Mitglieder ein Delegierter. bis 3000 zwei, bis 6000 drei, bis 12 000 vier, bis 13 000 fünf und über 18 000 sechs Delegierte. Die Vertretung richtet sich nach der vom Parteivorstand auf Grund der abgeführten Beiträge festgestellten Mitgliederzahl. Wo mehrere Delegierte zu wähle» sind, soll unter den Delegierten möglichst eine Genossin sein. b) Die sozialdemokratischen Reichstags- und Landtags- abgeordneten Preußens. o) Die Landcskommission und der GeschäftSfiihrende Ausschuß. ck) Der Parteivorstand." Antrag 27 besagt: „Der dritte preußische Parteitag beschließt, zur Leitung der preußischen Landesorganisation einen ständigen Laiidesvorstand an die Stelle des geschäftSführenden Ausichnffes zu wählen. Der aus sieben Personen bestehende Landesvorstand, der seinen Sitz in Berlin bat, setzt sich zusammen aus: 1. Zwei Mitgliedern des deutschen ParteivorstandeS, 2. einem Mitglicde der Landtagsfraktion, 8. zwei besoldeten Sekretären, 4. zwei unbesoldeten Beisitzern. Die Vorstandsmitglieder zu 1. und 2. werden von den be- treffenden Korporationen, die zu 3. und 4. von dem preußischen Parteitage gewählt. Scholich-Breslau begründet den Antrag 27: Er wurde schon bor zwei Jahren von ArouS und Maurenbrecher vertreten. Unser Antrag ist keineswegs von den„Sozialistischen Monatsheften" inspiriert worden. Wir müssen eine Stelle schaffen, die mehr Zeit hat, die ganzen Materien zu erledige». Der geschäftsführende Aus- schuß hat sich selbst als ü b e r l a st e t bezeichnet. Daß der ge- schäftsführende Ausschuß keine Statistik der LandtagSwahlen ver- anstaltet bat, ist vom Genossen Borchardt mit Recht beanstandet worden. Vielleicht kommen wir statt mit zwei mit einem besoldeten Sekretär aus. Eine vollständige Selbstständigkeit des Preußen- Vorstandes wollen wir nicht, darum schlagen wir auch vor, daß der allgemeine Parteivorstand in dem neuen Partei- Vorstand vertreten lvird. Extrabeiträge in dem verarmten Preußen empfehlen sich nicht. Aber da die preußische Frage eine deutsche Frage ist, so werden— denke ich— die nichtpreußischen Landesorganisationen nichts dagegen haben, wenn die heute für den gefchästssiibrenden Ausschuß ausgegebenen Mittel in Zukunft für den neuen Vorstand verwendet werden. Auf alle Fälle bitte ich um wohlwollende Prüfung unseres Antrages. Die Landeskommission soll natürlich daneben bestehen bleiben. Wird unser Antrag an- genommen, so werden wir hoffentlich in zwei Jahren sagen können, daß mehr geleistet worden ist als in der hinter uns liegenden Zeit. (Bravo!) Wcstkamp-Düsfeldorf begründet den Antrag 13. Der Antrag entspricht der durch das Rcichsvereiusgcsetz geänderten Rechtslage der Frauen und den Beschlüsseii des Leipziger Parteitages. Lcid-Berlin begründet im Namen der Wahlvereine für Berlin I und VI, Teltow-Beeskow, Hannover und Aachen den Antrag 27: Der Antrag stellt kein eigentliches Proportionalverfahren dar, stuft aber die Vertretung auf den Parteitagen ab und ermöglicht auch den schwächeren Organisationen eine Vertretung. Wels-Berlin: Im Grunde hat Scholich seinen eigenen Antrag preisgegeben, so daß nichts bleibt als eine faßbore preußische Spitze. Unsere Stärke in Preußen liegt bei den BezirkSorgani- sationen, und diese sind für uns das, was in den anderen deutschen Bundesstaaten die Landesorganisation ist. Was der BreS- lauer Antrag fordert, ist ein Apparat, wie er in der Partei bisher nicht da war und wie er auch unzweckmäßiger nicht gedacht werden kann. Hinter dem Antrag Scholich schlummert die Gefahr der Depoffe- dierung des deutschen Parteitages und der Schaffung von Reibungen in der Partei. Ich gebe zu, daß bei Scholich die Absicht nicht be« steht, aber solche Differenzen und Reibungen kommen sicher, wenn sein Antrag angenommen und ausgeführt wird. Alle unsere Kräfte waren 1909 durch die Reichsfinanzreform in Anspruch genommen. Diese Finanzkämpfe waren preußische Kämpfe im weitesten Sinne des Wortes, denn der Kampf der Junker gegen den Fürsten Bülow entsprang nicht der Abneigung gegen die Erbschaftssteuer, sondern dem Haß gegen den Minister, der eine preußische Wahlreform versprochen hatte.(Sehr richtig!) Wir weinen dem Fürsten Bülow keine Träne nach, aber der Kampf um die Reichsfinanzrcforin war ein Ringen der preußischen Junker mit der Sozialdemokratie, ein Kampf Brust an Brust um ein besseres preußisches Wahlrecht. DaS hat die Rede deSZ Herrn v. Heydebrand bewiesen. Ich hätte nichts dagegen, wenn bei einem zu großen Amvachsen der Arbeit ein Sekretär im Partei- vorstand mehr angestellt wird. Ich habe zum Parteivorstand und zum geschäftsführenden Ausschuß auch das Vertrauen, daß sie zur richtigen Zeit einen solchen Antrag stellen werden. An unserer OrganisationSform brauchen wir deshalb nichts zu ändern. Ich bin von der Voreingenommenheit gegen die hinter dem Antrag Scholich schlummernden Motive nicht zu kurieren und kann Sie deshalb nur bitten, den Antrag Scholich abzulehnen.(Zustimmung und Widerspruch.) Quarck-Frankfurt a. M.: Was die letzten Ausführungen mit der vorliegenden Organisationsfrage zu wn baben, ist mir miklar ge- blieben. Es wäre ein Armutszeugnis, loollten wir Reibungen zwischen dem deutschen und dem preußischen Parteivorstand fürchten. ES bleibt nur die sachliche Frage, ob es nützlich sei, eine solche Arbeitsteilung vorzunehmen. Diese Frage ist von der großen Masse im Lande längst bejaht worden. Auf die Form des Breslaner An- träges kommt eS nicht an. Ich schlage vor, die Anträge dem arteivorstand zu überweisen mit der Erklärung. daß der Kern als berechtigt anzusehen sei, daß es aber den Spitzen der Partei überlassen bleiben möge, die richtige Form zu finden, und daß sie dem nächsten Preußentags eine entsprechende Vorlage machen. Ebert-Berlin, Mitglied des Parteivorstandes, bedauert die Wicderaufrollung der OrganisalionSfrage. Ernsthafte Kritiken am geschästsführendcn Ausschuß sind nicht laut geworden. ES geschah durchaus in Uebcreinstimmniig mit der Landeskommission, daß im vorigen Jahre der Kampf gegen die Finanzreform in den Border- grund geschoben wurde. Man wünscht eine raschere Bearbeitung der preußischen Statistik, aber diese ist ja erst in den letzten Tagen erschienen! Eine Parteileitung ist keine Stndienkommission, aber sie wird alles tun, um das Material stets bei der Hand zu haben. lieberweisen Sie den Antrag Scholich der Parteileilung als Material, und sie wird zu prüfen haben, auf welchem Wege eventuell Mangeln abzuhelfen ist. Auch den Antrag, der eine Aenderung deö Organisationsstatuts wünscht, bitte ich Sie als Material zu überweisen. Es ist kein Unglück, wenn der nächste Parteitag noch unter demselben Organisationsstatut zusammentritt. Macht sich bei der Prüfung eine Aenderung notwendig, dann wird immer noch Zeit sein, sie vorzunehmen.(Lebhafter Beifall.) Darf-BreSlau: Ich möchte de» Breslaner Antrag Ihrem Wohl- wollen empfehlen. Dieser Antrag ist wahrhaftig nicht aus Miß- trauen gegen den Parteivorstand entstanden und ich muß Ver- Wahrung einlegen gegen die Art, wie Genosse Wels sich gegen den Antrag wendete, indem er sagte, daß H in t e r g e d a n ke n bei der Stellung des Antrages mitspielten. Wir meinen, es soll eine Arbeits« teilung stattfinden, denn der Apparat, dm wir in Preußen geschaffen haben, ist etivas schwerfällig. So fleißig mich der Gesamtparteivorstand ist, er ist über» lastet. Dan» stellen die kommenden ReichstagSwahlen an ihn hohe Ansprüche. Man sagt, lvegen der Reichsfinanzreform mußten die preußischen Fragen zurücktreten. Aber ich erinnere daran, daß man in Sachsen und Baden in derselben Zeit LandtagSwahlen hatte. (Ebcrt: Unter dem Zeichen der Finanzreform! Weitere Zurufe: Eben wegen der Finanzreform waren sie so leicht!) Kritiken sind doch nicht darum schlecht, weil sie in den„Sozialistischen Monatsheften" stehen! ES sollte mich freuen, wen» sie auch in der„Nene» Zeit" zu finden wären. Mmdeslens bitte ich, den Antrag nicht als Material, sondern zur Berücksichtigung zu überweisen. Vorsitzender Singer: Soeben ist mir ein genügend unterstützter Antrag von Genossen Onarck überreicht. Es heitzt darin, der dritte Preutzentag... ich nehme an, daß es heißen soll, der preußische Parteitag. sHeiterkeit und Zustimmung.) Wir wollen uns doch daran gewöhnen, das Wort„Preußentag� nur in privater Unter- Haltung zu gebrauchen; dagegen daß der„Preußentag" etwa in der historischen Bedeutung des preußischen Staates aufgefaßt wird. wollen wir uns doch verwahren.(Zurufe:„Der„Vorwärts" hat so geschrieben!(Große Heiterkeit.) Also der Autrag lautet: „Der dritte Parteitag der preußischen Sozialdemokratie wolle die Anträge 13, IS und 27 dem deutschen Parteivorstand und der preußischen Landeskomniission zur gemeinsamen Beratung und zur Beri-hterstattmig sür den vierten Parteitag der preußischen Sozial- demokralie überweisen. Bcims-Magdeburg: In, aufgeklärten Berlin scheint die Gespenster- furcht so groß zu sein, daß niau hinter harmlosen, rein sallilichen Anträgen wie dem Antrag Scholich Aktionen gegen den Partei- vorstand wittert. Mindestens sollte doch der Antrag Onarck an- genommen werden. Wenn gesagt worden ist, der gcschästsführende Ausschuß sei fast kritiklos weggekommen, so sprachen doch für die schnelle Erledigung des Geschäftsberichts allerlei Grunde. Die Mitglieder der Preußenkommission werden schon in der Kommission ihre Bedenken zum Ausdruck bringen. Wenn Ebert meinte, die Preußenkonmussion hätte ja selbst gar nicht gewünscht, öfter zusammenbernfen zu werden, so hätte ich allerdings gewünscht, die Preußenkommissio» wäre nicht erst am 2. Januar zur Vor- bereilung des Parteitages Ausammenbcrufen worden, sondern etwa am 2. Dezeniber, damit wir in der Lage waren, auf die Gestaltung der Dinge auf dem Parteitage einzuwirken.(Zuruf: Ihr habt ja das Material schriftlich bekommeu, und Du warst einverstanden l) Ich wüßte nicht, daß mein Einverständnis eingeholt worden wäre. Dißmann- Hanau: Nach meiner Kenntnis haben verschiedene Genossen den Antrag 27 mitbegründet, die selbst im Landeskomitee sitzen. Ich muß es als verwunderlich bezeichnen, daß diese Ge- Nossen im Laufe der letzten zwei Jahre nicht darauf hingedrängt haben, daß die von ihnen beobachteten Mängel abgestellt wurden. (Sehr richtig!) Was den Wahlrechtskampf anbelangt, so können wir da nicht alles Heil von oben erwarten. Der Kampf wird mit Erfolg geführt werden, wenn die Massen von unten drängen.(Zuruf: DaS will ja der Antrag!) Es ist gesagt worden, das letzte Jahr war kein Preußeujahr. Ich frage Sie, wie haben wir denn den Kampf um die Finanzreform geführt? Wir haben doch immer wieder darauf hingewiesen, daß. wenn wir den Kampf zu führen haben, wir ihn nicht zuletzt der Machtstellung der Junker verdanken. Würde der Antrag 27, wie er vorliegt, zur Abstimmung kommen, so könnte es für uns nichts anderes geben als die glatte Ablehnung.(Zuruf: Abwarten!) Soweit es sich darum bandelt, etwa die eine oder die andere Person freizustellen zu bestimmten speziellen Aufgaben, Matcrialsammlung usw., so kann das von den einzelnen Instanzen geschehen, wie wir in der Organisation festgelegt haben. Dazu brauchen wir aber keinen neuen preußischen Parteivorstand zu schaffen. (Sehr richtig l) Lcinert-Hannover bittet ebenfalls um Ablehnung des Antrags SSolich. Unsere gegebene Organisation ist die nach Bezirken. Daher ist es besser, den Schwerpunkt nicht in einen Parteivorstand, sondern in eine Landeskommission zu legen, die in steter Fühlung niit den Bezirken bleibt. ES geht nicht an, jetzt in letzter Stunde so schwerwiegende Acnderungen an dem Statut vorzunehmen. (Zustimmung.) Wels-Berlin: Ich habe in keiner Weise den Antragstellern vor- geworfen, daß sie Differenzen hervorrufen wollen, sondern nur darauf hingewiesen, daß der Antrag von uns vor zwei Jahren eben abgelehnt wurde, um Reibungen zu vermeiden. Nach der Erklärung Eberls erkläre ich mich mit der Ueberweisuug des Antrages an die Landeskommission einverftanden. Material liegt schon heute in Hülle und Fülle vor. Die preußische Parteipresse verläßt sich leider viel zu sehr auf einige wenige Korrespondenzen und auf eine bestimmte Korresvondenz, deren nützliche und geschickte Berichterstattung ich durchaus nicht kritisieren will. Sie behandelt aber viel zu wenig das Material, welches die Landtagsfraklion selbst für die Agitation ausgegeben hat. Im „unpreußischen" Jahre 1309 hat eine Zusammenkunft aller Partei- sekretäre stattgefunden, und in allen Bundesstaaten wurden von unS Anträge gestellt, gegen die preußische Reaktion Stellung zu nehmen. So ganz untätig waren wir also nicht. Und wenn Sie vier Sekretäre anstellen, mehr Material werden Sie auch nicht heraus- holen! Ledevour-Berlin: Der zweite Antrag Ouarck ist geeignet, klaren Entscheidungen aus dem Wege zu gehen und Verwirrungen zu schaffen. Er verkoppelt Anträge, die nichts miteinander zu tun haben. Die Annahme des Antrages Ouarck wird denen, die für den Breslauer Antrag eingetreten sind. Gelegen- heit geben, zu sagen, der Antrag habe, wenn auch noch nicht Zu- slimmung, so doch Sympathie gefunden. Dadurch würde Miß- trauen in die Masten getragen werden.(Widerspruch.) Ich kann mich nur den Ausführungen Leinerts anschließen. Ich bitte um Ablehnung des Antrages Ouarck sowie der Anträge 13 und 27. und bitte nur den Antrag 15 anzunehmen, der die Abstufung der Delegation nach Miigliederzahl auch für den Preußentag einführt. Vorsitzender Singer stellt fest, daß Ouarck erst nach privater Besprechung mit dem Bureau die Anträge 13 und 14 in seinen Antrag aufgenommen habe, der sich ursprünglich nur auf den An- trag 27 bezog. Er»st: Ich hätte mich nicht an der Debatte beteiligt, da ich dem geschäftssührendeu Ausschuß angehöre und dem Parteitage das Reckt der freiesten Kritik gegenüber dem geschäftssührenden Ausschuß zugestehe. Aber gegenüber den Bemerkungen, daß unser Bericht nicht lang genug ist, habe ich»»ich doch gefreut, daß man ganz ollgemein dem„Vorwärts" zustimmte, welcher sagte, man solle nicht soviel reden, sondern handeln! Ich dachte nicht, daß eS auf die Länge deL Berichts ankommt. Weiter sagte man, der geschästSführende Ausschuß habe nicht genug Stoßkraft bewiese». Ich konstatiere, daß nie etwas in Berlin unternommen ist. wenn der gefchäftsführende Ausschuß nicht die An- regung dazu gegeben hat. Und dieser hat nie etwas unternommen. wenn es der LandeSkomnnfsion nicht vorgelegen hat. In meinem Bericht hatte ich folgendes nicht angeführt, was ich jetzt aber doch sagen will: Im Jahre 1908 ist seitens der Landeskommissioi» der Wunsch geäußert worden, nicht so oft nach Berlin berufen zu werden, weil die Mit- glieder in ihren Bezirken zur Agitation gebraucht werden. ES tvurdc der Wunsch geäußert, der Landesvorstand solle, wenn er etwas hat. es den Mitgliedern der Landeskommission schriftlich mitteilen, wie auch diese ihre Wünsche schriftlich nach Berlin übermitteln können. Abgesehen von der Unabköinmlichkeit der Mitglieder verursachen die Reisen nack Berlin auch erhebliche Kosten. So sagte mau im Jahre 1908, und als 1909 eine Sitzung der Landeskommission einberufen wurde, ist derselbe Wunsch noch e i» m a l geäußert worden. Wie leickt aber eine Kritik geübt wird, beweist am besten der Fall Beimö. Der Landesvorstand halte mitgeteilt, daß der Parteitag aus den 3., 4. und ö. Januar ein- berufen werden solle, hatte auch die Tagesordnung bekanntgegeben und hinzugefügt: falls noch besondere Wünsche beständen, so erbitte er umgehend Nachricht. Diese Mitteilung ist auch an Bei ms gegangen. lEbert: Wann?) Am 9. Oktober 1309!(Lebhaftes Hört! hört!) Das genügt, glaube ich. zur Kennzeichnung der Kritik. Westkamp-Düsseldorf spricht sich gegen den Antrag Scholich aus und zieht den Antrag 13 zugunsten des Antrages 15 zurück. Die Abstufung der Delegation nach der Mitgliederzahl ist um so dringender notwendig, als außer den Berliner Wahlkreisen diesmal kein Wahl- kreis mehr als drei Delegierte gesandt hat. Vorsitzender Singer teilt mit, daß ein Antrag auf Schluß der Debatte eingegangen ist, der genügend unterstützt erscheint. Verantwortlicher Redakteur Richard Barth» Berlin. Für de« Der Antrag wird nach seiner Begründung durch Rnnge-Bochum mit großer Mehrheit angenommen. BeimS-Magdeburg(zu einer persönlichen Bemerkung): Genosse Ernst hat gesagt, ich hätte mit einer gewissen Leichtigkeit Kritik geübt, und hat erklärt, ich hätte das Schreiben des Parteivorstandes mit der Anfrage über event. Wünsche betreffend den Parteitag am 9. O k t o b e r v. I. bekommen. Das habe ich auch nicht bestritten. Ich wollte nur sagen... Vorsitzender Singer: Bei einer persönlichen Bemerkung dürfen Sie nicht sagen, was sie sagen wollten, sondern was Sie gesagt haben.(Heiterkeit.) Belms: Ich habe das überhaupt nicht gesagt.(Heiterkeit.) In der Kommission ist der Wunsch geäußert worden, man möge uns frühzeitig genug einberufen. Bei der Abstimmung wird der Antrag 15 angenommen, nachdem die Ueberweisung des Antrages an den deutschen Parteivorstand und die preußische Landeskominiision zur gemeinsamen Beratung und Berickterstaitung vorher abgelehnt war. Der Antrag 27 wird abgelehnt, ebenso seine Ueberweisung an die ebenerwähnten Instanzen. Hierauf erhält das Wort: Christhammer-Mansfeld: Ich spreche im Auftrage des Kreises, der in der letzten Zeit mehr als irgendein anderer das Interesse der ganzen Bevölkerung und besonders der Arbeiter aus sich gezogen hat. Sie wissen, daß die Mansfelder Bevölkerung in der letzten Zeit einen heroischen Kampf um ihre Menschenrechte geführt hat. Wenn dieser Kampf nicht so ausgefallen ist. wie wir es gewünscht hatten, so lag das daran, daß das Kapital den Militarismus als Instrument seiner Macht gebraucht hat. Sie wissen, daß Infanterie, Kavallerie und Maschinengewehre zu Hilfe gezogen wurden. Vielleicht wären in nächster Zeit noch KriegSsckisfe dazu gekommen.(Heiterkeit.) Die Parteigenosse» haben die Maus- selber Arbeiterschaft in ihrem Kampfe moralisch und auch finanziell, besonders zu Weihnachten, auf das Beste unterstützt. Ich habe im Namen der Mansfelder Bergarbeiterschaft Ihnen für diele moralische und finanzielle Unterstützung den herzlichsten Dank auszusprechen. Daß diese Unterstiitzuug an keine Unwürdigen gekommen ist, wird Sie die Zukunft lehren.(Lebhafter Beifall.) Singer: Die Arbeiten des Parteitages sind damit zu Ende. Ich spreche den Berliner Parteigenossen herzlichen Dank aus siir die mühevolle Arbeit, die sie mit der Vorbereitung und während des Parteitages geleistet haben? ebenso für die Veranstaltung zu unserer Erholung nach den Arbeitsstunden und für die Dedikation des dritten Bandes der Geschichte der Berliner Arbeiterbewegung. Ich danke auch der Mandatsprüfungskommission im Namen des Partei- tages für die von ihr geleistete Arbeit. Wir haben auf diesem dritten Parteitag der Sozialdemokratie Preußens anregende und reiche Arbeit zu bewältigen gehabt. Wir haben aus dem Bericht der Landtagsfraklion erfahren, wie tapfer sich diese kleine Schar Vorkämpfer im Junkerparlament gehalten hat. Es ist auf dem Parteitage schon mit Recht der Dank für diese Tätigkeit ausgesprochen worden. Ich glaube aber, nicht fehl zu greifen, wenn auch ich noch am Schlüsse der Verhandlungen diesen Dank ivieder- hole und meine Ueberzeugung ausspreche, daß diese Tätigkeit, die die wenigen Abgeordneten unserer Partei im preußische» Land- tage geleistet haben, mustergültig bleiben wird auch für die hoffentlich nicht ferne Zeit, in der sie erheblich verstärkt dort zu arbeiten haben werden.(Bravo!) Es war sicher eine dankenswerte aber auch nicht leichte Arbeit, als erste sozialdemokratische Fraktion im preußischen Abgeordnetenhause die Bresche dort zu schlagen sür das freie sozialdemokratische Wort. Ausführungen, wie sie von unseren Vertretern im preußischen Landtag auf allen Gebieten der preußischen Verwaltung gemacht worden sind, wurden in dieser Sckärfe im Junkerparlament zum erstenmal gehört. Sorgen wir dafür, daß diese Art von Reden in der preußischen Volksvertretung immer häufiger wird, daß das preußische Junkerparlament sich daran gewöhnt, eine Kritik zu hören, wie sie das Proletariat von seiner Volksvertretung erwartet. Ueber das ausführliche Referat in bezug auf die Lerwaltung in Preußen brauche ich keine längeren Ausführungen zu macken. Es ist vielleicht das erste Mal, daß einem Parteitag der Sozial- demokratie ein so umfassendes Bild der volksfeindlichen, kulturverwüstenden Tätigkeit der preußischen Verwaltung vor Augen geführt worden ist. Der Beschluß, den wir hier gefaßt haben, daß dieses Material, für die Agitation zusammen- gefaßt und vervollständigt, in die Kreise der Partei hinein- getragen werde, wird— wie ich glaube— agitatorisch aufrüttelnd ivstken und auch dazu beitragen, die Erkenntnis von der Not- wendigkeit eines frischen Luftzuges im Junkerparlament, von der Notwendigkeit sozialdemokratischer Kritik und des HineintragenS sozialdemokratischer Forderungen in das preußische Abgeordneten- haus zu verbreiten. So wird auch dieser Teil unserer TageS« Ordnung seine Früchte tragen. Was das Kommunalprogramm anlangt, so sind wir nicht durchdrungen von der absoluten Richtigkeit und Notwendigkeil jedes einzelnen Punktes dieses Programms. Wir sind auch nicht der Meinung, daß das hier aus diesem Parteitag beschlossene Kommunalprogramm der Weisheit letzter Schluß ist. Ueberhaupt sind wir nicht der Meinung. daß wir Programme für die Ewigkeit machen.(Sehr richtig I) Wir hüten uns, auch in bezug aus die Programme vor der Versteinerung(Lebhaste Zustimmung) und verschließen unS nicht der Notwendigkeit, ein Programm den veränderten Verhältnissen entsprechend umzuge st alten. WaS wir mit unserem Programm im allgemeinen und mit dem Kommunalprogramm im besonderen wollen, ist: daß unsere Ver« treter in den Körpersckasten eine Slicktichnur für ihre Tätigkeit be- kommen, die ihnen zusammenfassend sagt, was sie zu fordern haben. wofür sie agitieren, was sie propagieren sollen. Der Wert unserer Programme liegt darin, daß sie Richtlinien darstellen, und der Nutzen der Programme ist um so größer, je mehr die, denen sie zur Richtschnur dienen sollen, den Klassenstandpunkt der deutschest Sozialdemokratie vertreten. Unsere Vertreter dürfen niemals vergessen, daß sie Sozialdemokraten sind, und sie dürfen um eines Augenblickserfolges willen ihre Grundsätze nicht miß- achten.(Lebhafte Zustimmung.) Der Mittelpunkt unserer Verhandlungen, die Voraussetzung für die Erfüllung unserer Forderungen, war die Wahlrechtsfragr. Sie ist der Mittelpunkt der sozialdemokratischen Agitation in Preußen. Wir können innerhalb der heutigen Staats- und Ge- sellschaftsordnung in Preußen nicht vorwärtskommen, wenn wir nicht die Möglichkeit haben, auf Grund eines vernünftigen Wahl- gesetzes ein Parlament zu schaffen, in dem die sozialdemokratischen Forderungen keine tauben Ohren finden.(Sehr richtig!) Das A und O unserer Bewegung in Preußen ist also die Schaffung eines Wahlsystems, das die Möglichkeit bietet, die Kräfte des Proletariats in der Gesetzgebung zu entfalten, das Parlament mit sozialdemokratischer Gesinnung zu durchsetzen, breiten Raum für sozialdemokratische Forderungen an den Staat zu haben. (Lebhaftes Sehr richtig!) Deshalb muffen wir den Wahlrechts- kämpf mit besonderer Energie und Kraft führen. Mit Dankbar- keit gedenken wir der zugesagten Unterstützung unserer Genoffen in den übrigen Bundesstaaten. Diese Unterstützung beweist, daß es unseren Genossen klar ist, daß die preußische Wahlrechtsfrage weit hinausgeht über die schwarz-weißen Grenzpfähle? sie be- weist, daß die preußische Wahlrechtsfrage für die Vermehrung der Rechte der gesamten deutschen Arbeiterklasse von äußerster Wichtig- keit ist.(Lebhafte Zustimmung.) Weil die preußische Wahlrechts- frage eine Frage des gesamten deutschen Proletariats ist, des- wegen müsse» wir sie uni so energischer anfassen. Mit um so größerem Recht können wir dann auf einen Erfolg rechnen. Wir find uns darüber klar, daß der Wahlrechtslampf neue und schwere Opfer erfordert. Wir wissen, daß eine Macht wie das preußische Junkertum, wie die preußische Reaktion picht auf einen Hieb zu fällen ist. Wenn mit der preußischen Wahlrechtsfrage verbunden gnseratenteil veraotw.: Th.Glvckr, Berlin, Druck u, Verlag iBorwärh ist die Machtstellullg des Bürgertums, der Geistlichkeit, der jetzt im Schnapsblock zusammengefaßten Ritter und Heiligen, dann dürfen wir nicht erstaunt darüber sein, daß der Kampf, den es zu führen gilt, um diese Vorherrschaft zu brechen, schwere Opfer erfordert. Ueberschwengliche Hoffnungen auf die schnelle� Er- reichung des Zieles sind nicht am Platze. Der schadet seiner Sache am meisten, der die Bedeutung seines Feindes unterschätzt.(Leb- Haftes Sehr richtig!) Wir wissen, mit welchen Feinden wir zu kämpfen haben. Wir wissen, daß es sich für die Gegner nicht nur um ihre politischen Vorrechte handelt, sondern auch um die Stabilisierung ihrer wirtschaftlichen Macht.(Lebhafter Beifall.) Wenn sie den größten Bundesstaat in seiner reaktionären Verfassung erhalten, wenn sie verm.cdern, daß in Preußen das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht als Freiheitsspendcr einzieht, dann erhalten sie diese Macht. Wir unterschätzen die Mächte, die uns entgegen- stehen, nicht. Aber so wenig wir uns überschwenglichen Illusionen hingeben, so wenig gehen wir mit Kleinmut und Verzagtheit in diesen Kampf.(Stürmischer Beifall.) Je besser wir den Gegner kennen, je mehr Niedertracht und Macht wir ihm zutrauen, �desto kräftiger wird unser Wille sein, diese Macht zu brechen.(Stür- mischer Beifall.) Es hieße, an der Zukunft des Proletariats ver- zweifeln, es hieße verzweifeln an dem endlichen Siege der Kultur, der Freiheit und Gerechtigkeit, wenn wir uns sagen müßten, daß das preußische, das deutsche Proletariat durch seine Zähigkeit, seine Energie und seine unerschütterliche Entschlossenheit nicht doch end- lich zum Siege gelangen wird.(Stürmischer Beifall.) Diese Hoff- nung, ja, diese Zuversicht, werden wir uns niemals rauben lassen.(Erneuter Beifall.) Wenn wir zielklar und entschlossen in dieser Weise tätig sind, dann muß uns der Sieg zufallen.(Leb- Haftes Bravo!) Die Sozialdemokratie Preußens und Deutschlands repräscn- iiert die politische Organisation der Arbeiterklasse. Dieser Macht» faktor ist heute nicht mehr so zu behandeln, wie noch vor 30 oder 40 Jahren. Dieser Machtfaktor, der durch die weitere industrielle Entwicklung Preußens immer mehr gestärkt wird, er wird in dem Augenblick, wo er sich auf seine Macht besinnt, wo es ihm gelingt, alle seine Angehörigen zu sammeln und zu organisieren, eine Gc- walt sein, der selbst die preußische Reaktion nicht widerstehen kann. Dieser Machtfaktor wird sich aber das Kampffcld nicht von den Gegnern aufdrängen lassen, sondern es nach eigener Entscheidung wählen.(Lebhafte Zustimmung.) Er wird, durchdrungen von der Ueberzeugung, daß es sich um die heiligsten Güter des Proletariats handelt, in diesem Kampfe alle Mittel anwenden, die Erfolg ver- sprechen. In dieser Ueberzeugung werden wir auch in der Folge- zeit alles aufbieten, um die Massen zu organisieren. Parteigenossen! Was wir künstig in diesem Kampfe für Mittel und Wege finden werden, bleibt späteren Entschlüssen vorbehalten. Für diesen Moment ist es notwendig, den herrschenden Klassen, der Regierung und den bürgerlichen Parteien zum Bewußtsein zu bringen, daß die Sozialdemokratie gewillt ist, für das, was sie als ihr Ziel erkannt hat, beharrlich zu kämpfen, daß sie entschlossen ist, in diesem Kampfe den Sieg mit allen Mitteln zu erringen, daß sie bereit ist, die Opfer auf sich zu nehmen, die der Kampf bringen wird, und daß es nichts gibt, was uns abhalten wird, dem großen Ziele der Befreiung des Proletariats weiter nachzustreben.(Leb- hafter Beifall.) In jeder Phase des Kampfes werden wir jedes Moment be- nutzen müssen, um die Massen reifer zu machen für den Kamps. Das Zauberwort, das uns zum Siege führt, lautet: Organisation und Agitation! (Lebhafter Beifall.) Je mehr wir organisieren, je tiefer wir ein- dringen in die Massen des Volkes, je mehr wir die Zögernden und Zweifelnden durchglühen mit der Idee des Sozialismus, desto er- folgreicher werden wir den Kamps führen. Je mehr wir durch unsere Presse, durch Versammlungen, durch Organisation, durch unsere Literatur die Herzen und Köpfe des Volkes revolutionieren, je tiefer wir in die Massen eindringen, je mehr Kämpfer wir uns anreihen, desto sicherer ist unser Erfolg.(Lebhafte Znstimni>/�g.) Sie dürfen zu den Genossen, die Sie an die Spitze der preußi- scheu Organisation gestellt haben, das Vertrauen haben, daß sie in den Momenten, wo Aktionen notwendig sind, die Parteigenossen dazu aufrufen werden. Ueber die einzelnen Mittel will ich mich jetzt nicht verbreiten. Es würde der gegenwärtigen Situation nicht angemessen sein, wenn wir uns beim Auseinandergehen in Erörterung der einzelnen Maßregeln verzetteln wollten. Aber das Eine will ich sagen: Die Mittel, die wir amvenden werden, werde» ausgesucht werden nach dem Interesse, das die Sozialdemokratie an ihnen hat. Die Parteileitung wird sie andeuten, nachdem sie sich über ihren Umfang und ihre Bedeutung mit den einzelnen Organisationen verständigt hat. Aktionen im großen Stil können nur erfolgreich sein, wenn sie vorbereitet sind und getragen werden von dem Willen und der Zustimmung der breiten Masse der Parteigenossen.(Lebhafte Zustimmung.) Die Führer können nur dann etwas leisten, wenn sie sich bewußt sind, daß die Massen mit ihnen einverstanden sind und daß ihre Maßnahmen dem Kampfbedurfnis und dem Willen der Gesamtheit entsprechen.(Leb- hafte Zustimmung.) In diesem Sinne muß und soll der Kamps geführt werden. Zu diesem Kampfe sollte dieser Parteitag das Signal geben. An diesem Kampfe müssen teilnehmen alle die. welche ihrer Klassenlage und ihrer Ueberzeugung nach zum Prole- tariat gehören. Männer und Frauen sind berufen, diesen Kampf zu führen. Jede einzelne Organisation muß sich in den Dienst dieser großen Bewegung stellen. Das Banner, das emporgehalten wird mit dem Motto: Her mit dem allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrecht! muß das Panier sein, mit dem wir zum Siege marschieren.(Lebhaftes Bravo!) Lassen Sie mich einen Vers aus einem unserer Lieder zitieren, der alle die aufruft, denen die Befreiung des Proletariats aus dem Doppeljoch der ökono- mischen Ausbeutung und der politischen Knechtschaft zur Lebens- aufgäbe geworden ist. „Ihr ungezählten Millionen, In Schacht und Feld, in Stadt und Land, Die ihr um kargen Lohn müßt ftonen Und schaffen treu mit fleiß'ger Hand. Roch seufzt ihr in des Elends Bann, Vernehmt den Weckruf, schließt euch an. Aus Qual und Leid uns zu erheben, Das ist das Ziel, das wir erstreben, Das ist der Arbeit hcil'ger Krieg. Mit unS das Volk, mit uns der Sieg!"(Stürm. Beifall.) Unter diesem Motto lassen Sie unS in den Wahlrechtskampf ziehen, unter diesem Motto lassen Sie uns alle Mittel zur An- Wendung bringen, um das preußische Volk zu befreien von der Schmach des Dreiklassenparlaments. Unter diesem Motto, unter diesem Panier wollen wir den Schwur erneuern, der uns alle zu- sammengeführt hat in den Dienst zur Befreiung des arbeitenden Volkes. Wir tun das nicht besser, als indem wir unsere Wünsche zusammenfassrn in unseren alten Kampfruf: Die preußische, die deutsche Sozialdemokratie, sie lebe hoch! Die Versammelten erheben sich, stimmen begeistert in das drei- malige Hoch ein und singen die Wahlrechtsstrophe der Arbeiter- Marseillaise.(„Das gleiche Wahlrecht ist das Ze i chcn!"1 Vors. Singer: Der Parteitag ist geschlossen. Schluß ö Uhr. �_ Amtlickcr Wtarktderickt der städtischen Marktballen-Dlrektlon(wer den Erohhaiidel in den Zentral-Markthallen. Marktlage: Fleisch: Zufuhr schwach, Geschäst still. Preise unverändert. Wild: Zufuhr ge- uiigend, Geschält einlas reger, Preise fest. Geflügel: Zujubr genügeiid, Geichäst still, Preise behauptet. Fische: Zusuhr mätzig, Geschäft ruhig, Preise bejriedigeud. Äult er und Käse: Gcscbäst ruhig. Preise un- verändert. Gemüie, Obst und Südfrüchte: Zujuhr genügend, Gelchäst leblos, Preise gedrückt.__ Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer ö- So.. Berlin SW. Ar. 1 27. ZahkMg. 2. Kkilxgk ke.Inmärts" Knlim llnllisSlfllt. Donnerstag. 6. Januar 1910. Partei- Hngclegcnheitcn. Wilmersdorf. Heute Donnerstagabend 8 Uhr fratct von den Bezirlslokalen ans eine H a n d z e r t e l v e r b r e itUNfi statt. Alle Parteigenossen müssen sich daran beteiligen. Freitagabend 8>/z Uhr findet im G e s e l l s ch a st s-'» haus Wilhelmsaue 112 eine öffentliche V e r s a m m» lung statt, in der Reichstagsabgeordneter Stückten über: Die vositive Arbeit der Sozialdemokratie sprechen wird. Ferner stehen die bevorstehenden Stadtverordnetcnwahlen auf der Tagesordnung. Stralau. Die Generalversammlung des WahlvereinS findet am Sonntag, den S. d. M., vormittags 9>/z Uhr. im Lokal von Steinigte, Alt-Stralan 5, statt. Tagesordnung: 1. Bericht der Bezirksleitung und der Funktionäre: 2. Neuwahl der Bezirksleitung und der Funktionäre: 3. Vereiusangelegenheiten. Die Bezirksleitung. Zernsdorf. Am Sonntag, den 9. Januar, nachmittags 3 Uhr, findet im Lokal von Julius Knorr eine öffentliche Versammlung des sozialdemokratischen Wahlvereins Zernsdorf und Umgegend statt. Die Genossen treffen sich zur Parteiarbeit am Sonnabend, den 8. Januar, abends 8 Uhr, im genannten Lokal. Der Vorstand. wendet Magistti Stad. geipmcherl Berliner Nachrichten. Heer von Hilfesuchenden an die S t i f t u n g s d e p u t a t i o n des "verwaltet die Mehrzahl der Stiftungen, die der zur Verfügung stehen. Das Vermögen, das da auf- /ist. beläuft sich auf viele Millionen. Doch der Ertrag dieser bedeutenden Kapitalien reicht bei weitem nicht aus, um auch nur' alle wohlbegründeten Ansprüche zu befriedigen. Die Gesamt� zahl der Gesuche, die überhaupt an die Stiftungsdepntation gerichtet Iverden, ist geradezu erschreckend grofi. Man redet immer so viel hWMfls bah neben dem wirklich Hilfsbedürftigen auch mancher sich melde, der es eigentlich nicht nötig hat. DaS wird zutreffen, gewiß. klber warum gibt die Stiftungsdeputation nicht bekannt, wie roch ungefähr sie auf Grund ihrer Ermittelungen die Zahl dieser Unwürdigen bemißt? In ihren alljährlichen Verwaltungsberichten suchen wir immer wieder vergeblich nach einer Andeutung hierüber. Wir glauben, daß die übliche Klage über gewerbsmäßige Schnorrerei denn doch sehr übertrieben ist. Die Regel ist, daß die Flut der Bittgesuche steigt und fällt n, it dem Auf und Ab des allgemeinen Notstandes. Das läßt darauf schließe», daß wirkliche Not den Ausschlag gibt. Die letzten Jahre haben der Stistungsdeputation wieder eine sehr fühlbare Mehrung der Bittgesuche gebracht. Aus ihrem neuesten Verwaltungsbericht ersehen wir, daß auch im Etatsjahr 1998/99 die Zahl der Gesuche noch um ein Beträchtliches gestiegen ist. In 1L0V/9L und 1993/97 waren 21 986 und 22 543 Gesuche eingegangen, in 1997/93 gingen 39 193 ein, und in 1998/99 wurden gar 34 563 Gesuche gezählt. Die meisten kamen, wie immer, in den Monaten um Winteranfang, z. B. im Oktober 4832, im November 6171, im Dezember 3798, dagegen steuerten z. B. der Mai nur 1545 und der Juni nur 1314 Gesuche bei. Im November fallen besonders die zahlreichen Gesuche um Bewilligung von Feuerung ins Gewicht; daraus erklärt es sich, daß Jahr für Jahr dieser Monat die höchsten Zahlen aufweist. Eine Neuerung, die sehr dankenswert ist, findet sich in dem Vcrwaltungsbericht für 1998/99. Zum ersten Male erfährt man da die Gesamtzahl derjenigen Gesuche, denen eine Bewilligung aus den im Stiftungsbureau der- rvalteten Fonds zuteil wurde, wobei den Angaben über 1998/99 auch I)ie über die letztvorhergehenden Jahre hinzugefügt sind. Werde» 4>it. AlWillsgungen von Feuerung mitgezählt, so stellte sich in den .Jahre«'UwVtV».:«O0/97. 1997/93, 1998/99 die Zahl aller Bewilli- tzuü.M dtifi"4789,1�598, 5194, 5264. Hiermit vergleiche man die oben angegebenen Gesamtzahlen der eingegangenen Gesuche, die Ij«d«r in ganz'an derer Weise als die Bewiligungen sich geniehrt haben. In 1998/99 kamen auf schließlich 34 538 Gesuche nur 5264 Bewilligungen! Noch mehr Bewilligungen wird yih,t für 1999/19 schwerlich herauszudrücken vermocht haben, eS sei denn, daß die Höhe der einzelnen Unterstützungen eingeschränkt worden ist. Wohl ober muß man befürchten, daß die Flut der Gesuche noch weiter zugenommen hat. ele Gesuche werden von der Stiftungsdeputation ohne weiteres h abgewiesen, weil sie meint, daß für die betreffenden Bitt- : im Hinblick auf ihre ganze soziale Lage oder auf ihre bereits ne Verarmung die öffentliche Armenpflege anzurufen sei. listungsmitteln werden hauptsächlich solche Notleidenden unter- ftützt. die man davor bewahren will, die öffentliche Armenpflege in Anspruch nehmen zu müssen. Aber trotz dieser Beschränkung reicht der Ertrag der Stiftungen nicht aus, dem Bedürfnis zu genügen. Es ist in der Tat zu wünschen, daß einmal die Stiftungsdeputation sich darüber äußert, wieviele Gesuche, die von wirklicher Not diktiert find, aus Mangel an Mitteln abgewiesen werden müssen. Für nur zu viele der Bittsteller wird man von vornherein über die Tür des Stiftungsbureaus die Inschrift setzen müssen: Laßt alle Hoffnung fahren, ihr, die ihr hier— Hilfe sucht!_____ Die Hochbaudcpvtation beriet und genehmigte in ihrer gestrigen Sitzung mehrere Kostenanschläge, u. a. den Kostenanschlag zum Neu- bau eines Stalles für Versuchstiere auf dem Grundstück des Kranken- Hauses am Urban in Höhe von 29 599 M., über die Neuanlage von weiteren Fahrwegen beim Krankenhause Friedrichshain in Höhe von 77999 M., über Bohrung und Anlegung von weiteren Tiefbrunnen für da« Was'erwerl der städtischen Zentrale Buch in Höhe von 89999 M. sowie den Vorentwurs zum Neubau einer Gemeinde- doppclschule m der Pettenloferstr. 29/24 mit einem Kosteuüberschlage von 875 999 M. Die Schuldes«ttzA,n-beschloß in ihrer gestrigen Sitzung, einen versuch mit der Einrichtung von Arbeitsstunden und einer Jugend- lesehalle für Gemeindcschüler in der Voraussetzung, daß die Lehrer unentgeltlich die Aufsicht übernehmen. In der Leitung der Deutsche» Flu sind mit dem Beginn des neuen Jahres m getreten. Die Firma lautet fortab:.Fluch«. Johannisthal G. m. b. H." Der Gegenstaw die Herstellung von Flugplatzanlagen und für alle mit der Aviatik und Luftschiffahi Zwecke, sowie ferner der Bedarf luftsportlicher' Art und der Abschluß aller Geschäfte, die zur rung dieser Ziele dienen können; als Geschäfts Direktor der.IIa", Major von Tschudi Kapitalserhöhung um 399 999 M. beschlossen. Bau größerer Hallen für Motorluftschiffe geplant, darauf zu rechnen ist, daß noch im Laufe dieses ft Johannisthal Acndcrungen ein- Sportplatz Berlin- _ Unternehmens ist icher Einrichtungen �WWenhängenden rnehmungen aller ihung und Förde- jiet fungiert der Fernqr,�wurde eine driWWzSicherheit rs sowohl mit Parsevalluftschiffen wie mit Luftschiffen anderWsDWstruktionen Pasjagiersahrten von Johannisthal aus unternommn werden. vl.LGine Licbcstragödie hat sich vorgestern in der Königsheide ab- gespielt. In der Nähe der Nixdorfer Walderholungsstätte fand man vorgestern nachmittag die Leiche eines jungen Mädchen, das als die 19 Jahre alte aus Nuß im Kreise Heydekrug gebürtige Marie Uschpelkat festgestellt wnr>k. Dieses Mädchen hatte ein Liebes- Verhältnis mit einem 28 Jahre alten Mechaniker Walter Zimmer- Mann aus der Kaiser-Friedrich-Straße 83 zu Nixdorf, der verheiratet Und Vater von zwei Kindern ist. Zimmermann soll die Absicht ge- habt haben sich mit Einverständnis seiner Frau von dieser scheiden zu lassen, um seine Geliebte zu heiraten, wurde aber damit vorn Amtsgericht abgewiesen. Deshalb beschloß das Paar, gemeinsam in den Tod zu gehen. Man fand indes nur die Leiche des Mädchens, das durch einen Schuh in die Brust getötet worden war. Während nwn Zimmermann vergeblich suchte, kam er vorgestern spät abends aus freien Stücken»ach dem Polizeipräsidium und stellte sich der Kriminalpolizei. Seine Dar- stellung der Vorgänge deckt sich im wesentlichen mit dem Ergebnis der Ermittelungen der Polizei. Dieser Darstellung nach hatte sich Zimmermann verpflichtet, seine Geliebte zu erschießen, mit dem aus- drücklichen Versprechen, daß er ihr in den Tod folgen werde. Nach- dem Zimmermann das Mädchen durch einen Schuß getötet hatte, fand er aber nicht den Mut, sich selbst ebenfalls zu erschießen. Er irrte eine Zeitlang planlos umher und begab sich dann nach seiner Wohnung. Von dort begab er sich zur Kriminalpolizei, um sich ihr zur Verfügung zu stellen. Er wurde in Haft behalten. Wegen unglücklicher Liebe hat Mittwochnachmittag 5� Uhr der 22 Jahre alte Buchhalter H e r m a n n P o l t e, der seit drei Mo- naten in der Linienstraße 54 wohnhaft ist, seine Braut, die 29 Jahre alte Frieda Thurow erschossen. Er hatte den Besuch des Mädchens in den frühen Morgenstunden empfangen und während die Wirtin glaubte, daß er ins Geschäft gegangen, hielt er sich mit dieser in der Wohnung auf, bis gestern nachmittag um 514 Uhr die Mutter zum Besuch ihres Sohnes aus Pankow gekommen war. Als sie an der Tür zum Zimmer des Sohnes klopfte, hörte sie einen Schuß in dem Zimmer fallen, sie alarmierte durch ihr Geschrei die Wirtin, sowie einen in dem Hause wohnhaften Schlächtermeister, die die Tür gewaltsam erbrachen und das Paar in ihrem Blute schwimmend fanden. Das Mädchen hatte eine Schußverletzung in der linken Schläfe, die sofort tödlich war, während er, eine Schußverletzung in der linken Schläfe, noch schwache Lebenszeichen von sich gab. Als Polizeigefangener nach der Charite transportiert, ist er auf dem Transport gestorben und wurde deshalb nach dem Schauhause gebracht, wohin die Thurow bereits abge- holt war. Der Mord an der Anna Arnholz beschäftigt nach wie vor den Untersuchungsrichter und die Kriminalpolizei. Es bedarf noch dringend der Ermittelung dreier Zeugen, die sich bisher nicht ge- meldet haben und die auch auf anderem Wege nicht zu finden waren. Es sind das ein früherer Drechsler Max Blum, ein früherer Bauanschläger Artur Els und ein Mann, der den Spitznamen „Hamburger Willi" führt. Max Blum, hat sich in Hamburg, Hannover und Berlin aufgehalten. Er hat nachweislich mit der Arnholz noch bis in die letzte Zeit hinein der- kehrt und kann wahrscheinlich sehr wichtige Mitteilungen machen, die zur Ausfüllung der vorhandenen Lücke dienen könnten. Artur Els hat in Lokalen der Frankfurter Straße, der Frankfurter Allee, der Querstraßen zu diesen, auch in Rummelsburg und Lichtenberg und in der Skalitzer Straße verkehrt. Auch ist er bis in die letzte Zeit hinein mit der Arnholz in Lokalen zusammen gesehen worden. Els ist ein Mann von 39 Jahren mit rotem aufgewirbelten Schnurrbart. Der„Hamburger Willi" hat mit der Ermordeten in Lokalen im Süden Berlins und in Rixdorf ver- kehrt. Diese drei gesuchten Zeugen sollten sich umgehend, lediglich nur in dieser Sache, bei der Kriminalpolizei im Zimmer 36 melden. Tot aufgefunden wurde gestern am Südufer ein unbekannter, etwa 45jäbriaer Mann. Der Fremde ist anscheinend das Opfer eines Unglücksfalles geworden. An der Stirn der Leiche war eine Wunde vorhanden, die vermutlich von einem Sturz auf den Fahr- dämm herrührt. Nach Papieren, die bei dem Toten vorgefunden wurden, dürfte es sich um den Arbeiter Lutze aus der Kleinen Hamburger Straße 3 handeln. Die Leiche wurde durch die Polizei nach dem Schauhause gebracht. Für 19 999 Mark Pelzwaren erbeuteten Einbrecher in der gestrigen Nacht in der Handlung von Bruhn in der Leipziger Straße 86. Kurz nach 4 Uhr gestern früh wurde beobachtet, daß an dem Bruhnschen Laden der Nollvorhang der Eingangstür hoch- gezogen und die Tür selbst mit einem Nachschlüssel geöffnet war. Der Wächter des Viertels ließ den Geschäftsinhaber benachrichtigen und bewachte den Ladenausgang, bis von der gtevierwachc Beamte kamen. Man durchsuchte jetzt den Laden, fand aber die Einbrecher, die ihn von oben bis unten durchwühlt hatten, nicht mehr vor. Wohin sie die Beute geschleppt haben, ist noch nicht ermittelt. Der Leichnam eines ManneS wurde gestern an der Charlotten- burger Schleuse aus dem Wasser gezogen. Am Kopfe zeigte sich eine scharfe Wunde, die vom rechten Ohr bis zum Munde reichte. Allem Anschein nach handelt es sich um einen 25 jährigen Mann, dessen Beinkleider und Weste zerrissen waren. Die roten Schuhe trugen das Firmenzeichen: Leiser, Oranienstrahe 34. Ober- und Unterhemd waren nicht gezeichnet, auch das Taschentuch mit roter Kante wies kein Monogramm auf. Gold- oder Wertsachen wurden nicht vorgefunden, ebenso fehlten Ausweispapiere, so daß die Identität der Leiche nicht festgestellt Iverden konnte. Besondere Kennzeichen sind: dunkelblondes Haar, kleiner englischer Schnurrbart, braune Augen und eine sehr hohe Stirn. Wie die scharf ge- ränderte Wunde entstanden sein kann, ließ sich noch nicht feststellen. Weste und Beinkleider waren von dunkelblauer Farbe. Auffällig ist, daß die Kleidung vollständig zerrissen war und jeder Aus- weis fehlte. Die Nordüstliche Baugewerks- Berufsgenossenschaft ersucht uns unter Bezugnahme auf die am 25. Dezember vorigen Jahres ge- brachte Notiz:„Die Nordöstliche Bangelverks-Berufsgenosseuschaft und der Bauarbeiterschutz" um Aufnahme folgender Berichtigung: 1. Es ist unwahr, daß auf dem Neubau in Schöneberg, Ebcrsstr. 13, die obere Balkenlage nicht abgedeckt und nicht ausgcstakt war; 2. es ist unwahr, daß der technische Aufsichtsbeamte der Nordöstlichen BaugewerkS-Berufsgenossenschaft dem dort arbeitenden Dachdecker in Gegenwart des Polier« ein Schreiben zum Lesen geoeben hat; 3. es ist endlich unwahr, daß dieser Beamte an den betreffenden Dachdecke' die im„Vorwärts" angegebenen Worte gerichtet hat. Wir müssen es unserem Gewährsmann überlassen, sich zu obiger Berichtigung zu äußern. Feucrwchrbcricht. In der letzten Nacht um 3 Uhr mußte in der Prinzenstr. 112 ein Kellerbrand gelöscht werden. Packmaterial brannte dort. In einem Keller in der Blumenstr. 59 waren Lumpen in Brand geraten. Ain Weidenweg 21 mußte ein Wohnungsbrand gelöscht werden, der durch die Entzündung eine? Tannenbaumes entstanden war. Wegen eines SchornsteinbrandeS wurde der 17. Zug nach einer Fabrik Lindenstt. 54 gerufen. Der Verein der föderierten Anarchisten sendet unS in Bezug auf den am 39. Dezember v. I. als Polizeispitzel gekeiinzeichuelen Max Schiefer nochmals eine Charakteristik des letztere». Wir ver- sagen es uns, die Zuschrift Tibzudnicken, weil ja, wie Schiefer in einer am 4. Januar im.Vorwärts" veröffentlichten Mitteilung be- tont, gegen Wehrle und Frauböse Strafantrag gestellt habe. Es ist daher Sache des Gerichts, festzustellen, inwieweit der gegen Schiefer erhobene Vorwurf, er stände im Dienste der Polizei, berechtigt ist. Bemerken möchten loir jedoch, daß, emgegen der am 4. Januar ver- öffentlichten Mitteilung Schiefers, in de? Zuschrift des Vereins der föderierten Anarchisten die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen nicht nur aufrechterhalten, sondern durch angebliche Geständnisse deS Sch. gestützt werden. Vorort- Nachrichten. Lichtenberg. Sehnsucht»ach einer vollständigen kommunalen Dunkelkammer verspürte die Stadtvätermehrheit derer um Schachtel-Plonz. Damit nicht mehr durch namentliche Abstimmungen ihr Verhalten in sozialen und anderen Fragen festgelegt werden kann, soll eine extra zu diesem Zwecke für Freitagnachmitlag 5 Uhr einberufene außerordentliche Stadtverordnetenversammlung die Geschäftsordnung— reformieren. Schachtel und Genossen beantragen, daß in Zukunft nameml'che Ab- stimmungen nur noch auf Antrag von mindestens einem Drittel der Stadtverordneten erfolgen sollen. Da unserer Fraktion eine Stimme am Drittel fehlt, würde sie also nie in der Lage sein, namentliche Abstimmungen herbeizuführen. Daß die Herrschaften ihr Tun gerne in ganz diskretes Dunkel hüllen möchten, finden wir sehr verstand- lich, scheut es doch sehr das Licht der Oeffentlickikeit, was schon die öftere Flucht in die geheime Sitzung beweist. Unsere Genossen haben aber nicht das Bedürfnis, den Dunkelmännern den von ihnen ge- wünschten Gefallen zu tun. Daß diese mit einem Messer ohne Klinge, an dem das Heft fehlt, kämpfen, daß auch die neue Waffe ebenso nutz- und zwecklos als z. B. die bisherige Praxis der Schlußanttäge, das wird man bald erfahren. Die Versammlung am Freitag kann ganz interessant werden. Chart ottenvnrg. Zur Weiterbildung der arbeitenden Jugeud veranstaltet die Freie Jugendorganisation einen Vorlragslursus über das Thema:„Aeltere deutsche Geschichte". Referent ist der Genosse Schriftsteller Simon K a tz e n st e i n. Der Kursus beginnt am Freitag, den 7. Januar, abends 3 Uhr, im Vollshause, Rosinenstr. 3, und findet alle 14 Tage Freitags im selben Lokale statt. Die weibliche und männliche arbeitende Jugend ist dazu herzlichst eingeladen.— Am Sounlag, den 9. Januar, nachmittags 3 Uhr, findet im kleinen Saale des VolkshauseL die Generalversammlung der Jugendorganisation statt. Auf der Tagesordnung steht außer dem Bericbt und der Neuwahl des Vorstandes ein Referat des Rechts- anwalts Dr. K a r l L i e b k n e ch t. Zu diesem Vortrage sind eben- falls Gäste willkommen.— lim den Jugendschutz energisch betreiben zu können, wird die erwachsene Arbeiterschaft gebeten, alle Miß- stände, unter denen die Jugendlichen leiden müssen, wie überlange Arbeitszeit, Nichtinnehalten der Pausen und Jugendschutz- bestimmungen, dem Borsitzenden Paul Schiller, Potsdamer Str. 38, mitzuteilen. Selbstmord eines Knaben. In der vergangenen Nacht hat sich der 13 Jahre alte Gemeindeschüler Franz Tack, Sohn des Lokomotiv- führers Tack aus der Sophie-Charlottenstr. 26, auf dem Boden er« hängt. Er war Schüler der Gemeindeschnle Sophie- Charlotten- straße 69—79. Als Beweggrund wird Furcht bor Strafe an» genommen, da er eine schlechte Zensur in der Schule erhalten hatte. Treptow-Baumschnlenweg. Bei einem verhängnisvollen Sturz ist der Kaufmann Noack aus Baumschulenweg schlver verletzt worden. Er war in Berlin gewesen und hatte zur Heimfahrt einen Vorortzug benutzt. Als er auf der Station Baumschnlenlveg die Treppen hmunterstieg, glitt er oben aus und stürzte ab. Mit schweren Verletzungen wurde der Verunglückte davongetragen. Ober-Schöneweide. Ein mysteriöser Fund wurde vorgestern in der Nähe des Restaurants„Stranöschloß" gemacht. Dort entdeckten Arbeiter ein langes blaues, mit Seide gefüttertes Damenjackett, eine weißseidene Bluse, einen schwarzen, weichen Damenhut mit zwei Nadeln, einen schwarzen Samtgürtel, ein Paar schwarze, niedrige Schuhe und eine Hand« tasche, in der sich ein Notizbuch, ein leeres Portemonnaie und eine Visitenkarte mit dem Namen Paula Kuchenbart befanden. Allein Anscheine nach handelt es sich hier um den Selbstmord eines jungen Mädchens dieses Namens, das an: Tage vorher in dem Bahnhofs- Hotel in Nieder-Schönelveide logiert hat. Spandau. Gasvergiftung. In der Nacht vom 4. zum 5. Januar, morgens kurz nach 3 Uhr, hörten einige Bäckerjungen in einer Kellerwohnung des HauseS Adamstr. 5, in welchem von dem Gastwirt Schulz fünf zugereiste russische Arbeiter untergebracht waren, lautes Stöhnen. Sie alarmierten einige Nachtwachbeamte und als diese die Fenster- scheiden einschlugen, bemerkten sie elnen intensiven Gasgeruch. Sie drangen schließlich in das Zimmer ein und fanden die fünf Russen leblos vor. Sofort wurde die Feuerwehr alarmiert, und dieser ge- lang eS, an Ort und Stelle drei der Russen wieder zum Bewußtsein zu bringen. Zwei wurden ins Krankenhaus geschafft und haben das Bewußtsein noch nicht wiedererlangt. Die Russen hatten einen GaShahn offen gelassen; wahrscheinlich haben sie die Flamme aus- geblasen. Gerichts-Leitung. Ein furchtbares Streikurteil wurde am 26. Januar 1999 von der Düsseldorfer Strafkammer gefällt. Organisierte Hafenarbeiter waren mit einem Hobelwerk in Differenzen geraten und in den Ausstand getreten. Es fanden sich„christliche" Streikbrecher, wo- durch der Kampf verschärft wurde, und eines Tages kam es infolge des herausfordernden Benehmens der Streikbrecher zu einem hef- tigen Zusammen st oß mit den erbitterten Ausständigen. Die Herren Arbeitswilligen gaben Revolverschüsse ab, die Streikenden setzten sich mit Pflastersteinen zur Wehr. Die wie immer streng unparteiische Polizei ließ die Revolverhelden ganz ungeschoren, sie verhaftete dagegen eine ganze Anzahl der Stmkendsn, und gegen fünfzehn von ißnen wurde Anklage wegen aller möglichen Verbrechen, einschließlich Landfriedensbruch, erhoben.' Aus dem Landfriedensbruch wurde vor Gericht allerdings nichts, doch wurde dadurch die Rache der Justitia nicht beeinträchtigt. Sieben den Angeklagten, die zum großen Teil monatelang in Untersuchung� hast gesessen hatten, wurden zu empfindlichen Freiheitsstrafen ver- urteilt, davon einer zu sieben Monaten, ein anderer aber zu der unerhörten Strafe von drei Jahren Gefängnis. Der vor- dem ganz unbescholtene Mann. R i ch a r tz mit Namen, sollte nach der Ansicht des Gerichts genügend überführt sein, einen der Ar» beitswilligen durch Messerstiche schwer verletzt zu haben. Ungefähr ein Jahr, mit der Untersuchungshaft� noch erheblich mehr, hat der unglückliche Richartz von seiner �strafe verbüßt, da kommt jetzt aus Düsseldorf die Nachricht, daß er in Frei- heit gesetzt und ein Wiederaufnahmeverfahren gegen ihn eingeleitet werden jes. Der mitfühlende Mensch, den daS vorjährige Urleil mik Entsetzen erfüllt hat, atmet bei dieser Nachricht auf. Anscheinend haben sich neuerdings durch glückliche Zufälle Tatsachen ergeben, die es selbst der preußischen Justiz ge- raten erscheinen ließen, die Verantwortung für das Schreckens- urteil nicht länger zu tragen. Ruhland wider Biermer. Ein alter Professorenstreit wird demnächst noch einmal das Landgericht Berlin I beschäftigen. Es handelt sich um die Privat- klage des Pros. Dr. jur. et phil. Gustav Ruh land Wider den Professor der Staatswissenschaften an der Universität Gießen, Dr. jur. et phil. Magnus Biermer. Der letztere hatte im tahre 1902 eine Streitschrift unter dem Titel„Rnhland, Köhler, angsdorf u. Co." erscheinen lassen, die sich in scharfer Weise gegen Prof. Ruhland richtete. Es wurde in der Schrift u. a. ausgeführt, daß es in Preußen insbesondere in der Nationalökonomie und Theo- logie Strafprofessuren gebe. um auf den Universitäten die freiheit- lichen Richtungen nicht aufkommen zu lassen, trotzdem sei es dem Prof. Ruhländ noch nicht gelungen, in Preußen einen Lehrstuhl zu finden. Es wird dann in der Schrift ausgeführt, daß Prof. Rudland sich vom Freihändler. GoldwährungSmanne und Güterzertrümmerer zum Experten des Bundes der Landwirte entwickelt habe, und er wird als„wissenschaftliches Chamäleon" bezeichnet, der sich nicht gescheut habe, obgleich er Protestant sei, einen Lehrstuhl an der katholischen Dominikaner-Lehranstalt in Freiburg(Schweiz) an« zunehmen usw. usw. Durch diese Streitschrift fühlte sich Professor Dr. Ruhland schwer beleidigt und strengte die Privatklage an. Er fühlt sich außer durch zahlreiche Stellen, welche formale Bei leidigungen entHallen, durch den Borwurf beleidigt, daß er zur Erlangung pekuniärer Vorteile seine früheren national- ökonomischen Ansichten geändert und versucht habe, sich durch Intrigen eine Professur an der Universität Gießen zu ver- schaffen. Die Privatklagesache beschäftigte im September 1998 daS Schöffengericht Berlin-Mitte mehrere Tage hindurch und gab zu lebhaften Debatten nationalökonomischer Natur Beranlassung. Die damals schon fünf Jahre schwebende Angelegenheit wurde da- mals durch das Urteil des Schöffengerichts vorläufig beendet. Das Schöffengericht erklärte Prof. Biermer für straffrei, einer- seits, weil er ihm zugefügte Beleidigungen auf der Stelle er- widert habe, anderseits weil das Schöffengericht der Ansicht war, daß der Wahrheitsbeweis im großen und ganzen als gelungen anzusehen fei. Das Gericht billigte auch dem Prof. Biermer den Schutz des§ 193 zu, obgleich eS feststellte, daß er in seinen Aus drücken etwas weit gegangen fei. Die Mißbilligung über die Form, die der Angeklagte gewählt, um gegen ihn gerichtete Angriffe zurückzuweisen, brachte daS Schöffengericht dadurch zum Ausdruck, daß es die Kosten jeder Partei zur Hälfte auf- erlegte.— Gegen daS Urteil des Schöffengerichts hatte der Privatkläger Berufung eingelegt. Diese wird nun am 10. und 11. Januar die 9. Strafkammer des Landgerichts I beschäftigen. In erster Instanz haben als Sachverständige die Professoren Dr. Conrad- Halle a. S., Dr. L e x i s- Göttingen und Professor Dr. Brentano das Wort erhalten. Für die zweite Instanz hat das Bericht neue Sachverständige geladen, darunter Wirkt. Geh.-Rat Prof. Dr. Wagner. Die Verhandlung dürfte wieder sehr umfangreich werden. Ueber ihren Ausgang werden wir berichten. Heiratsschwindel. In der Maske eines Zollaufsehers hat der Portier Robert Schade verschiedene Heiratsschwindeleien begangen, die ihn gestern aus längere Zeit hinter Gefängnismauern führten. Bor der 7. Straf- kammer des Landgerichts l mußte sich Sch. gestern wegen Diebstahls und Betruges im strafschärfenden Rückfalle verantworten.— Der Angeklagte betreibt seit einer Reihe von Jahren ganz gewerbsmäßig den Heiratsschwindel. Zuletzt wurde er zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, nachdem er verschiedene derartige Schwindeleien in der Weise begangen hatte, indem er sich als höherer Postbeamter ausgab.— In den jetzt zur Anklage stehenden Fällen hat der Angeklagte in doppelter Hinsicht großen Schaden angerichtet, da er seine„Bräute" nicht nur um ihre ge- samten Ersparnisse gebracht, sondern ihnen auch je ein lebendiges „Souvenier" hinterlassen hatte. Er gab sich als Zollaufseher aus und behauptete, in Spandau angestellt zu sein. In raffiniertester Weise verstand er eS dann, den schon elwaS angejahrten Jungfrauen dienenden Standes, deren Bekanntschaft er auf der Straße gemacht hatte, nach und nach die gesamten Ersparnisse abzulocken. Einem Dienstmädchen N.. mit dein er schon längere Zeit verkehrt hatte, schrieb er einen Absagebrief, in welchem er anführte, daß aus ihnen kein Paar werden könne, weil er sich so sehr auf einen Nachkominen freue und sie anscheinend nicht dazu geschaffen sei. Das tiefbetrübte Mädchen bat den Schwindler noch himmelhoch, doch nicht aus diesem Grunde von ihr zu lassen und bestellte ihren mit so viel„Familien- sinn" bedachten Bräutigam zu einen, neuen Rendezvous. Der Wunsch des Angeklagten hat sich inzwischen auch erfüllt.— Staatsanwalt Kiesel beantragte mit Rücksicht auf die enorme Gemeingefährlichkeit des Angeklagten eine Zuchthausstrafe von zwei Jahren. Das Urteil lautete auf zwei Jahre und sechs Monate Gefängnis und drei Jahre Ehrverlust. Ein Journalist verurteilt. Wegen angeblicher Beleidigung des Journalisten Max Halfter von den„Leipziger Neuesten Nachrichten wurde der Herausgeber der Wochenschrift„Der Kampf", Dr. Artur Pleißner, zu 6 Wochen Gefängnis und Tragung sämtlicher Kosten unter Ab- Weisung der von ihm erhobenen Widerklage verurteilt. Wege» Borführung unzüchtiger Biostopbilder ist am 28. August v. I. vom Landgericht ll in Berlin der Schau- stell« H a u s ch m i d t zu einer Geldstrafe von 50 Mark verurteilt worden. Es handelte sich um eine Serie von 11 Bildern, welche Folterszenen in einem spanischen Kloster darstellten. Frauen werden dort gezwungen, sich in Gegenwart von Männern zu entkleiden und dann gefoltert. Darin sieht das Gericht ei» Vergehen gegen § 184, 1.— Die R e v i s i o n des Angeklagten wurde am Dienstag vom Reichsgericht verworfen. Hua cler Frauenbewegung. Zunahme der Frauenarbeit. Mit dem Jahre 1999 schließt ein« Periode, in der die Frauen- arbeit wieder ungwöhnlich stark an Boden gewonnen hat. In den Zeiten des gewerblichen Niederganges sind zwei Ursachen wirksam, die Ausdehnung der Frauenarbeit zu begünstigen. Einmal suchen die Arbeitgeber überall, wo sie es können, mit den b i l l i g st e n Arbeltskräften auszukommen und bevorzugen daher Frauen und Mädchen. Sodann aber sind gerade in diesen Zeiten auch die weiblichen Arbeitskräfte in größerer Auswahl zu haben. Infolge des geringeren Verdienstes der Männer respektive der Väter sehen sich Frauen und Mädchen, die bisher noch nicht erwerbS» pätig waren, nach einer ständigen Arbeitsstelle um. Seit dem Eintritt des gewerblichen Niederganges, also seit 1997. kann man die stärkere Zunahme der Frauenarbeit verfolgen. Selbst in den Monaten, da die Arbeitsgclegenhit absolut abnahm, wurden die weiblichen Beschäftigten viel weniger von dem Rückgange in Mit- leidenschaft gezogen wie die männlichen. Am 1. Dezember 1999 waren 7.9 Proz. mehr männliche, aber 8 Proz. mehr weibliche Arbeitskräfte beschäftigt als am 1. Januar. Welt schärfer tritt freilich der Vorsprung in der Entwickelung der Frauenarbeit her- vor. wenn wir mit früheren Jahren vergleichen. Kie Be- lchäfttgtenziffer betrug am 1. Dezember; Männliche Weibliche 1999... 3 234 191 1338 249 1997... 3 239 164 1 414 995 1998... 3163 382 1461592 1999... 3 290 797 1 547 179 In den letzten drei Fahren hat sich die Zahl der Die Drähte verhinderten ein größeres Unglück and fo kam SantoS Dumont mit einigen starken Kontusionen am Kopf nnd an den l&einen noch verhältnismäßig gut davon. männlichen Beschäftigten um noch nicht 1 ganzes Prozent, die der weiblichen Beschäftigten aber um reichlich 15 Mi Proz. vermehrt. - Heimarbeiterinucnelcnd. In einer Verhandlung vor dem Gewerbegericht in Frank am Main wurde kürzlich die Entlohnung der Heimarbeiterinne»! durch folgende Feststellungen beleuchtet: Für die � eines Dutzend Kissenüberzüge ohne Knopflöcher wird nach den ortsüblichen Löhnen 1 M. bezahlt. Eine tüchtige Weißzeugnäherin soll nach dem Urteil einer Sachverständigen in 19 Stunden einein- halb Dutzend Kissen nähen können; mithin stellt sich der Tagesver- dienst bei zehnstündiger Arbeit auf 1,59 M. oder pro Stunde auf 15 Pf. Das ist kein abnormer Einzelfall; im allgemeinen dürften die Verhältnisse noch ungünstiger liegen. Zu solcher Schlußfolgerung zwingt ein Bericht im„Confectionair"(Nr. 51) über eine Be siqtigung der Damenmäntelfabrik Graumann u. Stern, Mohren straße 36. Es heißt da unter anderem: „Der Mitinhaber, Herr Siegbert Stern, gab nach Begrüßung der Anwesenden in einem Vortrage einen kurz skizzierten Ueber- blick über die Verhältnisse in der Branche und hob einleitend hervor, daß es sich hier um keine Fabrikation im Sinne des Ge setzes handelt, vielmehr die Berliner Damenmäntelindustrie auf ver Heimarbeit beruht. Diese steht nicht unter direkter eigener Kontrolle, sondern unter Zwischenmeistern. Herr Stern beleuchtete sodann die Tätigkeit dieser zwischen Arbeitgebern und Arbeit- nehmern stehenden Zwischenpecsonen, die er als technische Beiräte bezeichnete. Es folgten sodann nähere Erklärungen über die Heimarbeit, die Beschäftigung weiblicher Arbeitskräste, die Arbeitszeit, mit besonderer Berücksichtigung sozialer Gesichts- punkte. Hierauf erörterte Herr Stern die Frage, ob man nicht von dieser traditionell gewordenen Art der Fabrikation abgehen und dafür die Arbeit in besonders angelegten Fabrikgebäuden unter direkter Leitung kasernieren soll. Herr Stern bemerkte hierzu, daß überall Fortschritt und Technik zur Beherrschung der Arbeit Eingang gefunden hätten, nur die Konfektion stecke noch in dem Arbeitssiistem einer früheren Zeit. So hat man beispielsweise in England derartige Fabriken für Blusen, Jupons, Kostümröcke seit Jahren errichtet und auch in den Vereinigten Staaten von Amerika, wo sich dieselbe Industrie durch den hohen Prohihitivzoll zu einer gewaltigen Branche entwickelt hat, geschieht die Herstellung teils in gut eingerichteten Fabriken, teils haben die Fabrikanten einen größeren Anteil am FabrikationSprozeß als wir. Allerdings liegen in England die Verhältnisse insofern anders, als dort Grossisten existieren, die den Fabrikanten frühzeitig Bestellungen machen und es ihnen so ermöglichen, ihre Fabriken ziemlich gleich- mäßig zu beschäftigen, während in Deutschland die Grossisten als Zwischenglieder zwischen Detailleur und Fabrikant ausgeschaltet sind, so daß der Fabrikant durch das Anbauen von Lagern selbst das Risiko der Grossisten übernimmt. Noch aus einem Grunde ist in Deutschland eine maschinelle Fabrikation im Großen nicht so leicht durchführbar. Dieses Moment ist der stark individualistisch- Zug, der in unserm Volke steckt. Daher ist die Heimarbeit bei oci allmählich erwachsenen Verhältnissen in der Branche derjenige Boden, auf dem sie weiter leben und gedeihen kann. Auf besonderes Ersuchen kam Herr Stern sodann auf die Buchführung zu sprechen, die er als die einzige Einrichtung be zeichnete, um einen großen Betrieb mit vielen Millionen Umsatz geistig zu beherrschen. Zur näheren Illustration nannte Herr Stern folgende Zahlen: An Salären werden jährlich über eine Viertel Million Mark gezahlt, an Arbeitslöhnen 149 099 M., an Provisionen zirka 120 090 M., für Verpackung der Waren zirka 59 999 M., an das Ausland für Frachten und Zölle zirka 14 999 Mark, für daS Frankieren von Briefen zirka 7990 M., für Tele- gramme zirka 1999 M., für Ferngespräche 1399 M., für Fahrgelder innerhalb Berlins für das Personal zirka 1199 M." Diese Angaben lassen erkennen, einen wie winzigen Bruch teil die Löhne von den Verkaufspreisen ausmachen. Und doch erhebt sich ein großes Lamento, wenn aus sozialen Erwägungen heraus ein besserer Schutz der Heimarbeiterinnen, eine etwas höhere Entlöhnung für sie verlangt wird. Die Jammerlöhne dürften auch wohl der hauptsächlich in Betracht kommende„indivi. dualistische Zug" sein, der den üppigen Boden für die aus dieser Branche entsprießenden Gewinne abgibt. Die Herrn Stern bilden eine wuchtige Anklage, Demonstration für einen erhöhten Schutz der tzitän von Letten- New Aork. ftdl. Breite habe und mit den alle« wohl. Der Vermischtes. Zum Tode DelagrangeS wird noch aus Paris gemeldet: Der tödliche Unfall des AviatikerS Delagrange erregt allgemeine Teil- nähme, denn der Verunglückte trug eine Zeitlang den populärsten Namen auf dem Gebiete des Flugsports. Delagrange versuchte aus dem eben eröffneten Flugplatze bei Pau einen neuen Blüriot- apparat, von dem er sich viel versprach. Um 1'/, Uhr bestieg er in Gegenwart mehrerer Freunde den Aeroplan, dessen Motor jedoch zu- erst ungenügend arbeitete, so daß sich der Flieger nicht emporhob. Beim zweiten Anlauf gelang der Abflug vollkommen und Dela- grange schwebte über den begeistert jubelnden Zuschauern da- hin und begann immer engere Kreise zu beschreiben, wobei zu be- merken war, daß er heftig mit dem Winde kämpfen mußte. Beim dritten Kreise sah das Publikum plötzlich die beiden Flügel sich emporrichten und zusammenklappen, worauf der Apparat gleich einem verwundeten Vogel hinter BlöriotS Schuppen zur Erde stürzte. Der Chronometer wies gerade auf 2 Uhr 43 Riin. In atemlosem Laufe eilte alles zur Unfallstelle. Man zog Delagrange mit Mühe au» den Trümmern hervor und bettete ihn in dem Schuppen. Der herbeigerufene Arzt Dr. Frist stellte fest, daß nichts mehr zu retten war. Ein dünner Blutstrom rieselte aus dem rechten Ohre des Toten hervor, der jedenfalls augenblicklich an einem Schädelbruch gestorben war. Sein linkes Bein war gleichfalls doppelt gebrochen, ebenso ein Schlüsselbein. Auch sonst wies der Leichnam zahlreiche Verletzungen auf. Ein Absturz SantoS DnmontS. Der bekannte Aviatiker SantoS Dumont unternahm vorgestern auf dem Flugfelde von St. Cyr mehrere Aufstiege, wobei er einen Unfall hatte, der gleich dem DelagrangeS hätte bedenklich ausgehen können. Mit einem ganz neuen Modell, einem sehr kleinen Eindecker, der aber mit einem zu starten 49pferdigen Motor ausgestattet ist, stieg SantoS Dumont um 4 Uhr nachmittags auf. Der erst« Versuch gelang gut. Dumont stieg sofort in eine Höhe von 15 Meter auf, flog leicht und schnell dahin und machte verschiedene Wendungsmanöver. Nach längerer Zeit ging er zur Erde nieder, um einige Unregelmäßigkeiten am Apparat zu beheben. Von neuem aufgestiegen, unikreiste er in einer Höhe von 25 Meter einige Male das Feld und verschwand plötzlich den Augen seiner Freunde im Nebel. Nach einer Viertel- stunde kam SantoS Dumont im Automobil, an der linken Kopffeite blutend, zurück und erzählte, er sei zunächst sehr gut und ohne Störung in 25 Meter Höhe dahingeflogen, als plötzlich ein Draht an der linken Tragefläche brach; der Apparat kippte nach vorn und fiel schnell zur Erde nieder. SantoS Dumont glaubt, wie der„New gjork Herald" berichtet, sich im Fallen mit seinem Apparat dreimal in der Lust überschlagen zu haben. Glücklicherweise befand« sich in seinem Flugapparat mit seinen viele» Drähten wie io einem Käfig. «» Ein Ballonunglück. Posener Meldung zufolge landete bei dem Dorfe Dusin ein Ballon der Dresdener Luftschiffahrtsgesellschaft, wobei die drei Insassen schwer verletzt wurden. 9' Eine weitere Meldung aus Krotoschin hierüber besagt: DaS Monunglück bei Dusin ereignete sich am Sonntagabend. Als in« ' des Sturmes der Luftballon der Dresdener Luftschiffergesell- scharf landete, schlug der Korb heftig auf, und die Jnsaffen. diz Professoren Seiffert und Desch aus Meißen und der Kausman» Fertigstellung Walter aus Danzig, wurden nicht unerheblich verletzt. Die Mörder der Frau Gouin, die Soldaten Michel und Grabh, werden Pariser Meldungen zufolge vor ein Schwurgericht gestellt werden, da sie das Verbrechen während eines 24siündigen Urlaubs begingen. Der von der Familie Gouin auf die Entdeckung der Mörder ausgesetzte Preis von 25 099 M. dürste dem Koch Pourtheult zufallen, der in Melun gleichzeitig mit den Soldaten in den Zug gestiegen war und dem Sohne der ermordeten Frau Gouin seinen Verdacht mitgeteilt hatte. Die geraubten Ringe wurden in der Wohnung d« Geliebten Michels gefunden. Warenhausbrand in Wilna. Nach aus Wilna eingetroffenen Meldungen ist dort das mehrere Stockwerk hohe Warenhaus der Finna Zahlkind vollständig niedergebrannt. Der Schaden soll über vier Millionen Rubel betragen. Bei den Löscharbeiten kam ein Feuerwebrmann ums Leben, mehrere erlitten schwere Brandwunden. Selbstmord eines Liebespaares im Eisenbahnzug. Aus O l m ü tz wird vom gestrigen Tage gemeldet: In dem aus Brünn hier ein- getroffenen Personenzug hat sich in einem Coups 1. Klasse ein un- bekanntes, dem besseren Mittelstand angehöriae« junges Liebespaar erschossen.' Schiffsunfall. AuS Bremen wird berichtet:, Petersen meldete gestern durch drahtlose Telegri daß der Dampfer„Prinzeß Irene" auf 46 Granl und 45 Grad westl. Länge das Ruder verloren Schrauben nach Bremen steuere. An Bord sei. Dampfer ist am 39. Dezember mittags von New Bork abgegangen und am Montag aus der Weser fällig, indeffen dürste fich die"An- kunft des Schiffes infolge des Unfalles etwas verzögern. Gefahr für das Schiff und die Passagiere besteht nicht. Spuren von Andröe glaubt man wieder einmal entdeckt zu haben. Aus Winipeg wird gemeldet, daß Eskimo» 899 Metkvn nördlich von Prinz Albert in der Bathurst-Bucht einen Ballon«uf- gefunden haben. Man glaubt, daß es sich um den Ballon handelt, in dem Andrs im Jahre 1807 seine Entdeckungsreise nach dem Nord- pol antrat, von der et nie zurückkehrte. Die Nachricht ist durch Missionare nach Prinz Albert in SaSkatschewan gelangt, indeffen fehlen alle Einzelheiten. Das Weihnachtsgeschenk. DaS„Gotha« BolkSblatt'«zahlt nachstehendes Ereignis:„Der Handkuß." In ein« böhmische» Provinzstadt hatte ein Dienstmädchen zu Weihnachten von ihr« Dienstgeberin einen Ballen Stoff auf ein Kleid«halten. Wie eS sich gehört, bedankte sie sich für das Geschenk, küßte d«„gnädigen Frau" die Hand und— kündigte am 1. Januar. Der.gnädigen Frau" tat nun da» Weihnachtsgeschenk leid und d«langte vom Dienstmädchen die Rückgabe des Geschenk». Mit ein« verdächtigen Bereitwilligkeit war das Dienstmädchen einverstanden, fie»«langte aber, dafür müsse ihr auch die Frau zurückgeben, was ste von rhr erhalten habe, nämlich— den Handkuß. Das Dienstmädchen hat ihr Geschenk behalten. Der bestrafte Bei«. Der Schlächter Paul Danzig erlitt«r.i der Bahnfahrt von Prag nach Krakau einen Unfall. In der Station Liebau schlug die AbteUtür zu und zerquetschte il,m zwei Fing« der. rechten Hand, mit d« er sich an den Türrahmen gestützt hatte. Danzig klagte nun gegen die Staatsbahn auf 19999 Krone»' Schmerzensgeld, 3999 Kronen Verdienstentgang und 499 Kronen Heilungskosten. Er sei, wie aus Wien berichtet wird, infolge Platz- mangels gezwungen gewesen, in der Nähe der Tür zu stehen und fich bei der Abfahrt des Zuges an den Türrahmen zu stützen. Der Vertreter der verklagten Bahn wendete ein, daß Danzig aufgestanden sei, um sein Morgengebet zu verrichten und infolgedessen seine Auf merksamkeit mehr nach innen als nach außen gerichtet war. Da« Handelsgericht wies die Klage ab, weil der Unfall durch kein Er« eignis im Verkehr erfolgte, vielmehr vom Kläger dadurch selbst ver- schuldet wurde, weil er. in sein Gebet vertieft, de« Borgängen de» Außenwelt nicht die nötige Aufmerksamkeit widmete. Dem Gefängnis entsprungen. Wie aus Brüssel gemeldet wird. erregt die Flucht des unlängst wegen Unterschlagung von über 1 Million Frank zu 16 Jahren Gefängnis verurteiltei» Bankiers Pellart alias Baron Chatterton großes Aufsehen. Er ist aus dem St. Gills-Gefängnis entsprungen unter Umständen, welche noch nicht genau festgestellt sind. - JttbeJ Ausführungen des eine nachdrückliche Heimarbeiterinnen. Karneval und ReichSfinanzresar». Wir lesen in der„Rheinischen Ztg.": Die politische SaHtt ist im Kölner Karneval verpönt. Man übt seinen„Geist" lieb« im Zwei- und Eindeutigkeiten. Eine Ausnahme von der Regel. ein Lied dar. das am Sonntag in der„Großen Allge Karnevalsgesellschaft'(Viktoriasaal) gesungen wurde und Her Ebel« zum Verfasser hat. Die erste und die letzte der fünf Giro lauten: L Dä deutsche Michel weed jitz val Sing veezig Jöhrcher alt, Trotzdäm eß hä beschränk und domm, Sing Zoknns liet in kalt. Un trick mer im mct Huck und Hör Et ganze Fell vum Liev, Hä mucks sich kaum und wäg stch Hä hält schön stell und schlief. He Michel, fuüle Kopp, Wann höt dat Schlafen op? 5. Met ding« Zokunf, leeve Frund, Et miserabel ftünd, Wann Junker und Agrari« Do nit zom beste Fründ; De kummen bei dick an et Bett � Und lullen dich en Schlaf Und singen de« dat Leedche Vö» Vum gode treue Schos. Su weeich do Idiot W. 'neu ächte Patriot. Jeder Strophe folgt ein Reftain, t« auffordert, endlich wach zu werden, den Schnabel ainuieeißen und mal gründlich Krach zu schlagen. Es wird uns berichte� daß die zahlreich an« wesenden Zentrumowähler da» Lied besonder« laut gesungen habe» — um die Aufmertsaznlei). von sich abzulenken. Lese- und Dtskutkerkiub-Johann Jacobh". Heute abend 8'/. Uhr bei Bugge, Ka!taai»?s-»Jfce 05/06: Sitzung, lüäfte willkommen. v- avBnKtl*! sittio« Ks» Sit t"«1»'" v ßvHfftaften der Redaktion. Di» lutieftai �»»anilttde finde« LiadenNra»« 8, zweite» H»i, dritter Eingans. vlrt itf ppm, UM" Sadiftohi"WM wochr-teglich abeiidS Pon 7 Vi bis OVi Nhr statt. Geöfsnet 7 Mr. VonnabradS bcglnnl dt» Spreitiitundt u« S Ubr. Jeder Ansragc ist ei» Buchstabe and eine Sah» al» Merkzeiche»- MtzuWern. Briefliche Zlntniart wird nicht erteilt. BiS zu« Beautwarl-nstl.iw.sttricfiastea lonmn 1t Zage vergehen. Ellige Fragen trag» n in dl» Ebewchtwndc vor. C.®. MUü f**.— R.». 3. 1. Hat sich Ihr Wirt damit einverstanden erklärt, daß Kt» für de» Nest der Mietszeit einen anderen Mieter stelle» können und sich besondere Vorhalte wegen der Person deS Mieter« nicht «icmacht. so ist«r derpflichtct, im zailungSsähigm Meter anzunehmen. »lagen Sie aus Anerkennung seiner Vcrvflichtung beim Amtsgericht. 2. Den Mehrverbrauch des Wasser« muß der Wirt beweisen.— Trebbin UÜ. 1 Nein. 2. Ja.— A. 8. 23. 1. Bis 3. Ja. 4. Sie können vor der Ehe mit Ihrer Braut einen notariellen oder gerichtlichen Vertrag schließen, in welchem Sie aus Grund eines mitgebrachten Verzeichnisses oas Vermögen Ihrer Braut anerkenneu und aus Ihr ehcmännlichcs Nießbrauchs- und Ner- lvaltungsrecht verzichten 5. Die Kosten richten sich nach der jjöhe des Ob- jelis. 6, Das kann der Standesbeamte halten, wie er will. Eine Vorlesung findet in der Regel nicht statt. 7. Ihre Geburtsurkunde, Ihre Militär- Papiere, das mit Rechtskrastattest versehene Ehescheidungsurteil sowie der vom Amtsgericht zu erteilende AuSeinandersetzungSschein rücksichtlich deS minorennen Kinde« find von Ihrer Seite ersorderltch. Ihre Braut muß ihre Geburtsurkunde und, wenn sie minderjährig, die polizeilich beglaubigte Einwilligung ihres Vaters beibringen.— M.772 WSW Berlin>770 NW .ZranN.a« l77SN München! 776 NW Wien> 7gg WNW 3 bedeckt 3Nebel 3 bedeckt 1 Nebel 3 bedeckt b halb bd. nrdnpr.�ifTiinO' Sonnabend, 15. Januar, 6S/. Uhr, Uraaer-OUZUng im Gewerksohaftshause. 240/1 Der Torstand. I V.: G. W i n k 1 e r. Zirkus Busch. Heute Donnerstag, den 6. Januar, prC >11 ua uonnersiag, oen abends?>/, Uhr präz.; Gr. Galavorotellang. Auttreten v. Therese Filii«, James Leon Fillls Jim., Heinrich Fillis, in ihren Produktionen der hohen Schule, assistiert v. Herrn James Fillis sen. Wen! Die Morandlni«. HorrE. Schumann, Meisterdress. Mens. Colon, dressierte Affen I 91/. Uhr: Die neue russische Pantomime Z5 Mar j a. Vorher das große Galaprogramm. Die neuen Spezialltaten. Lotte Sarrow in ihrer amerik. Sketch: „vis Rdebi'ediei'Iir. |ME> Prolongiert!"WE Schimpanse Konanl James Great. Prinz Pinne, Burleske mit Henry Bender._ Hetropoi-Theater Hailoh!! Die groBe Revue! In 8 Bildern von Jul. Freund. Musik v. Paul Lincke. In Szene gesetzt vom Dir. Rieh. Schultz. Sonnabend, den 8. Januar 1910; L grofier Heiropol-Tlieater-BalL Cirens Sarrasaul. Im alten botanlsch.Garten (Eingang Grouewaldstraße). Tel. Amt VI. 5420. 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AbendS 8 Uhr: Maeara-Rossi j Schneider Dunoker| IXClle. Tarfalla und das sensationelle Janaar• Programm. »MMWWWWWWMWMWMWWMH i hattet! Sie iciliii?? 1/19' dflldlfd" y Theafer Weinbergsweg 19-20, Rosenth.Tor. I Anfang 8 Uhr: IfoMmlig neue Spezialitäten. Tunnel; RcgimentSkapelle,[ Schrammein.— Theaterbesucher I freier Eintritt! Palast-Theater. Direktion: Robert Olli& Karl Pirnau, Burgstraße 24, am Bahnhos Börse. Die ersftlasÄgea Januar- Spezialitäten. mit Direktor Robert Dill, Ansang: Sonntag» 7 Uhr: » Wochentags 8» Entree 39 Pf. bis 2 M. Vorzugstarten für Wochentage überall. J Sanssouci, IXXZ Direttion Wilhelm Reimer. Heute Donnerstag: Aftuelles Programm. vssinu-ThssKen Lothringer Straße>37. Täglich 8 Uhr: Tensationeller Lacherfolg Z Der Dberganner. Lustspiel in drei Akte» von M i S f i. Vorher: DaS erftflassige(mute Programm. Sonntag, nachm 4Uhr: Trudchens Sommerreise. »IllsjzMil"! am Morifiplift Anf. 8 Uhr. S Exeelsiors, der Knlmlnattonspunkt der Radrahrknnst Sonntag nachm. 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Mit 7 Illustr. ark Twain: Eine Fabel AUS DEM INHALT: Die Zarin als Kariicatnriatia Die, von denen man redet w/am bltl Tee ist ein sehr billiges GeträniK voik vorzüglichem WoHl�escHmacK Schlechte Sorten Tee unbeKannter HerKunft tragen die Schuld daran, dass man bei una in Deutschland dem Tee ein so grosses Vorurteil und Misstrauen entgegenbringt« wirbt infolge seines AlRaloid- gehaltes blutreinigend und verdauungsfördernd die Nieren in günstigster enthaltene ätherische und beeinfiusst dadurch Weise. Das im Saman Tee Oel regt die GehirntätigReit u. Arbeitslust an, ohne sch&dl. NebenwirRungen des Kaffees zu besitzen. Ein Do*!>•■*• im GoaebmoolC dar billitfatai.Gabraisoh. aebt mit nabam- atabandar Sebist cmarlCa. IO Pfg.-PaRet reicht aus für ca. oO Tassen Jedem PeKct liegt Aufsehen erregendes Preiseusechreiben bei. 1\-% KftVten 111 pr. V» m. s.- u. m. 4.50, in �- PeKet. ▼. 10 PI. an in eilen einschl. Geschäften viel billiger als Kaffee A. T. G., Berlin SO., Harzer Straße 33. 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KeilU des.Awörls" Kcrlim WsdlM Dllllllerstltg, 6. Januar l910. Euq der Partei. Parteiliteratur. Soeben erschien: Handbuch der sozialdemokratischen Parteitage I8SZ— 1309, be- Rrbeitet von Wilhelm Schröder. Lieferung I. Komplett in zirka 18 Lieferungen a 20 Pf. zu je 32 Seiten. Verlag von G. Birk u. Co. m. b. H., München. Der Verlag schreibt dazu: Jeder in der Arbeiterbewegung Tätige wird schon oft ein Nachschlagewerl vermitzt haben, wenn er feststellen will, wie sich die Sozialdemokratie zu einer sozialen oder politischen Frage offiziell verhalten hat. Bisher mußte man, un, darauf die Antwort zu finden, unt�r Zuhilfenahme des Gedächtnisses die immer stärker werdende Zahl der Protokolle zur Hand nehmen, wodurch großer Zeitverlust entstand. Wenn das Werk vollendet vorliegt, ist das nicht mehr nötig. Alle? was in 46 Jahren auf den Parteitagen Verhandelt und beschlossen wurde, findet man alphabetisch geordnet vor. So enthält Lieferung I z. B. den Achtstundentag, Agrarfrage, Grund- und Bodenfrage, Achtuhr-Ladenschluß, Akademiker. Akkord- arbeit, Akkordmaurer, Alkoholfrage und Anarchisten. Für Referenten wird das Werk geradezu unentbehrlich werden, da eS ihnen nicht nur Material liefert, sondern auch den Zeitverlust des Zusammentragens erspart. Die Lieferungen�erscheinen 14tägig. „Bildung Sarbeit." Blätter für das BildungSivesen der deutschen Sozialdemokratie in Oesterreich. Redaktion und Berwalwng Wien VI, Mariahilferstraße 8gL.. Die Nummer 4 ist soeben erschienen und hat folgenden Inhalt: Die Steuervorlagen und das arbeitende Volk. Eine Lortragsdisposition von Karl Renner.— E in e Auf- gäbe der Lokalorganisationen. Unser Parteiprogranun. Disposition und Zyklus von zehn Vorträgen. Siebenter Vortrag: Der Klassenkampf.— Was liest der Wiener Arbeiter? Die Ergebnisse der Statistik dreier großer Wiener Arbeiterbibliotheken.— Alkoholfrag c. Bibliotheken um l, S und 15 Kronen.— Frauenfrage. Bibliotheken um 1, 10 und 20 Kronen.— Eine polnische Arbeiterschule in Wien. — BildungLarbeit im Neichen berger Kreise.— D i e öffentliche Bibliothek und Lesehalle in Berlin.— Bücherschau.— Liste der Wiener Vortragskurse. Inserate. Das Jahresabonnement kostet 2 Kronen. Einer von der alten Garde. In Breslau starb am 2. Januar der Metalldrücker Genosse Emil Schwabbauer im Alter von 54 Jahren. Mit ihm ist einer von den wenigen jetzt noch lebenden Genossen dahingegangen, die vor und während des Schandgesetzes treu und unermüdlich für unsere Sache kämpften,«chwabbauer war in dem großen Breslauer Geheimbundsprozeß von 1887 mit unter den Angeklagten und mußte neben einer längeren � Unter- suchungshaft noch drei Monate Gefängnis verbüßen, ohne mürbe zu werden. Bis zu seinem Tods blieb der Veteran seiner Ueberzcugung treu und arbeitete unermüdlich für die sozialistischen Ideen. poll-eilicdes, GencbtUcbes ulw. Aufreizung zu Gewalttätigkeiten. Beim Stiftungsfeste des Sozialdemokratischen Verein? in Breslau(siehe.Vorwärts" Nr. 2 vom 4. Januar) sollte als ge- meinsames Lied das bekannte und tausendmal gesungene»W e r schafft das Gold zu Tage?" gesungen werden. Die Breslauer Polizei aber dachte anders. Sie sandte zunächst ein paar Poll- z i st e n zur U e b e r w a ch u n g der Feier(das neue Vereinsgesetz gilt eher in Mecklenburg als in Breslau!), postierte außerhalb des Lokales an 36 Schutzleute, konzentrierte im Innern der Stadt an einer bestimniten Stelle weitere Polizeimassen und verbot das Absingen des Liedes unter Hinweis auf§130 des Strafgesetzbuches, der bis zu zlvei Jahren Ge- fängnrs vorsieht siir den, der öffentlich zuGe- waltigkeiten anreizt. Der neue Polizeipräsident war bisher preußischer Landrat. stammt auS einer oftelbischen Junkerfamilie und ist ein guter Freund deS Reichskanzlers. Das besagt genug.... Euq Industrie und Kandel. Der Geldmarkt. Gegen Jahresende sind die Ansprüche an die Reichsbank über Erwarten stark gestiegen. Der Ausweis vom 81. Dezember 1009 konstatiert eine Verschlechterung deS Status um nicht lveniger als 529,19 Mill. gegen 492,25 Mill. im Vorjahre und 356,03 Mill. vor zwei Jahren. Die Steuerpflicht ist von 88,71 Mill. in der Vorwoche aus 617,90 Mill. gestiegen und damit auf eine Höhe gebracht, die in der Geschichte der Bank nur noch einmal übertroffen wird, nämlich am 31. Dezember des KrisenjahreS 1907, wo sie 626 Mill. betrug. Die Wechseleinreichungen sind gegenüber der Vorwoche um 259.02 Mill. gestiegen, was nur unwesentlich mehr ist als im Vorjahre. Da- gegen ist der kurzfristige, aber teure Lombardkredit ganz be- sonderS stark und anscheinend für die Börse in Anspruch genommen; die Mehrung beträgt hier 205,36 Mill. gegen 101,86 Mill. im Vorjahre. Dazu treten dann noch die Bedürfmsse des Reiches mit 123,68 Mill., so daß der Bank auf diesen drei Konten insgesamt 587,96 Millionen entzogen wurden gegen nur 430,12 Millionen im Vorjahr. Ein Teil der der Bank entnommenen Mittel ist allerdings auf Depositenkonto stehen geblieben, das eine Zunahme von 43,95 Millionen aufweist gegen 73,82 Millionen Minderung im Vorjahr. Empfindlich ist die Schwächung des Metall- bestandeS um 63,52 Millionen(im Vorjahr 78,92 Millionen und vor zwei Jahren 10,66 Millionen), die zum weitaus größten Teil, nämlich mit 65,49 Millionen, den Goldvorrat trifft, der danach noch 681 Millionen beträgt bei einem Gesamtmetallbestand von 915,18 Millionen gegen 980,15 Millionen im Vorjahr. Stärker als in den Vorjahren ist auch die Mehrheit des Notenumlaufs um 431,77 Millionen(im Vorjahr 387,38 Millionen und 1907 316,46 Millionen), womit der Betrag der ausgegebenen Noten die Rekordziffer von 2072 Millionen erreicht._ SchnapSbrenner-Konkurrenz. Vor einiger Zeit beschlossen die Vertreter von 448 Brennereien in D o r t m u n d, in Zukunft nur noch reinen Kornbrannt- wein zu brennen und das Verschneiden mit Kartoffelsprit gänzlich einzustellen. Der Beschluß wurde gefaßt, um sich von den Junkern und der Spirituszentrale unabhängig zu machen. Dieser Tage ist nun unter der Finna KornspirituS- Zentrale G. m. b. H. in Dortmund ein Unternehmen gegründet worden, dessen Zweck die Verwertung von Korn- spiritus ist. Der anzuliefernde Spiritus muß den Vorschriften deS § 107 des neuen Branntweinsteuergesetzes entsprechen. Gründer der Gesellschaft sind rheinisch-westfälische und hannoversche Kornbrennerei- besitzer. Die Zentrale soll namentlich den zahlreichen kleinen Kornbrennereien des Westens, die infolge der Steuererhöhung das Trinkbranntweingcschäft nicht oder nur unter großen Schwierigkeiten aufrecht erhalten können, die Verwertung ihres Kornspiritus er- möglichen._ Die Lage am rheinisch-wesffälischen Kohlenmarkt soll sich plötzlich stark verbessert haben. Wie berichtet wird, ist der Abruf so ge- wachsen, daß Neueinftellungen von Arbeitskräften erfolgen müßten und Ueberschichten gemacht würden. Die vorhandenen Vorräte sollen als Reserve für den Fall eines Streiks zur Berfiigung bleiben._____ Soziales* (Siehe auch Hauptblatt.) Ländliches Bcamtcnproletariat. Der Nachweisung über die landwirtschaftliche Arbeits- verinittelung für den Monat November ist zu entnehmen, daß die Nachfrage nach niederem Gesinde, das bekanntlich sehr schlecht bezahlt wird, stärker war als das Angebot, während bei der qualifizierten Arbeiterschaft und den Schweizern sowie bei den Beamten umgekehrt das Angebot stärker war als die Nachfrage. Die Zahl der Stellensuchenden landwirtschaftlichen Beamten betrug 1062, darunter 112 weibliche. Offene Stellen lvaren an- gemeldet 232, darunter 62 für weibliche Beamte. Vermittelt wurden 36 männliche und 12 weibliche Stellen. Am günstigsten lag für die stellensuchenden Beamten der Arbeitsmarkt in der Provinz Sachsen. Von 548 männlichen Angestellten wurden 11 und von 77 weiblichen Angeboten wurden 8 Stellen vermittelt. In der Provinz Posen waren 163 gemeldet, von denen nur 3 männliche Beaznte Stellen erhielten. Nicht besser als den Be- amtcn geht es den qualifizierten Arbeitern. Von 668(darunter 6 weibliche) wurden 36(darunter keine weiblichen) vermittelt. Ebenso überwiegt das Angebot namentlich der verheirateten Schweizer. Von 244 männlichen und 3 weiblichen Arbeitsuchenden wurden nur 46 männliche vermittelt. Hingegen wurde Gesinde, im Haushalt der Herrschaft lebend, verlangt 1124(darunter 353 weibliche), dem nur 409 Meldungen(darunter 80 weibliche) gegenüberstanden. Wenn auch das Verhältnis der Arbeitsgesuche zu den offenen Stellen aus verschiedenen Gründen nicht als genauer Ausdruck der Lage des Arbeitsmarktes, hauptsächlich um deswillen nicht aufgefaßt werden kann, weil weder alle offenen Stellen noch alle Arbeitsuchenden bei den Arbeitsnachweisen re- gistriert werden. Soviel beweist aber ohne Zweifel die vorliegende Statistik, daß Ueberfluß an qualifizierten und Mangel an billigen. jugendlichen und weiblichen Arbeitskräften vorhanden ist. Die Agrarier verlangen nicht landwirtschaftliche Arbeiter schlechthin, sondern sie verlangen billige Arbeiter. Und erhalten sie diese nijtzt in genügender Zahl, so jammern sie über Leutenot und Landflucht. Wie außerordentlich schlecht die Verhältnisse sind, unter denen die ländlichen Arbeiter leben, ist hinlänglich bekannt. Kein Wunder daher, daß, wer immer sich diesen Verhältnissen entziehen kann, dem Leben als Landarbeiter Valet sagt und m der Industrie seinen Lebensunterhalt zu erwerben veesucht. SoziaideinokriitiselierWalilyei'eiii für den 4. Berliner ReiebstaaswatiU Frankfurter Viertel. Sejivt Nr. 310. Nachruf. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Zimmerer Zoiler Koppenstr. 46 gestorben ist. Die Beerdigung sand am 5. Januar in Friedrichsselde statt. Ehre seinem Andenke» 215/2 Der Vorstand. Besenleger und Killsarbeiter! Donnerstag, den 6. Januar, im Lokal Klubhaus, Kommandantenstr. 72: OeffentHche Versammlung. Tagesordnung: Ltsnungnslnnv ZUV Lolmdswsgung. 136/1* = Beginn der Berfainniluug nach Arbeitsschluft, pünktlich 5'/, Uhr. Allgem. Kranken- u. Sterliekasse derDrecbslerii.BeriifsgeQQSsen (E. H. 86 Hamburg.) Verwaltungsstelle Berlin B. Den Mitgliedern zur Siachrtcht, daß da« Mitglied Wilhelm Kammler verstorben ist. Ehre seinem Andenkenl Die Beerdigung findet heute Donnerstag, den 6. Januar, nach- mittags 3 Ubr. von der Leichen- balle'deS Emmaus-KirchhofcS in Rixdorf, Hermannstratze, aus statt. UmzahlreicheBeteiiigung ersuch! 281/4 Die Ortsverwaltnng. Es ist dringend erforderlich, daft sämtliche Fliesenleger und Hilfsarbeiter Pünktlich-Mg und»ahlreich hierzu erscheine« uiid wird ersucht, dementsprechend auf allen Arbeits-"Mg AM" stellen hierfür zu agitieren t"9*3 _ Die XaritkommlsHlon. I. A.: H. W a l d h e i m. MUwM t Mirer MM Zweigverein Berlin. Sektion der Putzer. Sonntag, den 9. Januar, vormittags 10 Uhr: Oener al-V ersam mlimgp in den„Arminhalleu", Kommandantenstr. 5S/59. 133/1 Arbeiter- Radlahrer Mm 1. Januar starb unser Bundesgenosse Karl Uacubek (6. Abteilung). Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 6. Januar, vor- mittag«>/zS Uhr, vom Leichen« schauhause. Hannoversche Stvafje, aus nach dem Kirchboj der Herz Jesu- Gemeinde. Reinickendorf, Berliner Str. 8, statt. Um rege Beteiligung ersucht 10/1 Der Vorstand. TageS-Ordnung: 1. NeujahrSgrutz vom Gesangverein der Putzer. 2. Bericht deS Vorstandes. 3. Verschiedenes. Mitgliedsbuch legitimiert, ohne dasselbe kein Zutritt, sssss Um zahlreiches und pünltlicheS Erscheinen ersucht Der- Vorstand. I. A.: ffi. Schulze. Zur Beachtung! Es werden diejenigen Mitglieder ersucht, welche die Arbeitslosen-Marken vom Jahre 1S0S noch nicht geklebt haben, diese« unverzüglich nachzuholen. Desgleichen werden die Kollege», welche ihren VerbandSbeitrag noch nicht voll gezahlt haben, ersucht, ihrer Pflicht nachzukommen. D. O. Danksagung die vielen Beweis« herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meines unvergeßlichen Manne« frieclridi Wolter sage allen Freunden und Bekannten meinen herzlichsten Dank. 153b Die trauernde Witwe Elisabeth Wolter. Für l-Ilnak Danksagung. Für die zahlreiche Beteiligung und die herzliche Teilnahme bei der Bcerdi- gung meine« lieben Manne«, unseres guten Vaters sagen wir besonders dem Gesangverein. Freie Sänger", Weißen- sie, dem Sozialdemokratischen Wahl- verein, Bezirk Weitzensee, demZeniral- verband der Steinsetzer, Psiastcrer und BerusSgenojsen unseren licsgesühllen Dank. Meißens«, de» S. Januar 1910. v». UadtelbDscba»S, furterllraße 9. Flureingang. Frank- 2491K» PfandleibhanS Brebber, Küftriner- platz 7, fpotlbilliger Beltenveriauf, Gardiiienverkauf, Wälcheverkauf, Uhrenverkauf, Deckenverkauf, Schmuck- fachen. Goldfachen, Silberfachen, oer- fallene Pfänder._ 2492K Borwartslefer erhalten 5 Prozeni Exlraraball selbst bei nachstehend auf- geführten Gelegenheitskäufen. 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Geldschrankschlosser, junge, intelligente Kraft, wird von österreichischer Geldschranksabrik in Wien als technisches Aussichtsorgan ausgenommen; bei guter Verwendung sichere Lebensstellung. Gest, Anträge nebst früherer Verwendung und Ansprüche an die Firma' Becher& Hildesheim,�1*«.f S�lcnVIl, Bnrsgasac 33. Parteisekretär gesucht. In Offenbach a. M. ist die Stelle eines Parteisekretärs zu besetzen; eS wird aus eine agitatorisch und organisatorisch tüchtige Person reflektiert, die auch die Kassengeschäste zu übernehmen hat. Ansangsgehatt 2200 M., Bewerbungen, denen eine Arbeit über»Die Ausgaben eines Parteisekretärs' beizusügen find, sind bis spätestens 31. Januar 1910(mit der Ausschrist „Bewerbung" versehen) an M Labbö, Offenltach a M., zu richten.* Zum I. Februar 1910 eventuell später suchen wir einen Lokal-Nedaktenr. Derselbe muß bereits einige Jahre als solcher tätig gewesen sein. Bewerbungen mit Angabe der bisherigen Tätigkeit und Gehallssorderungen find an den Vorsitzenden der Geselljchajier A. Kuntze, Slettin, Moltkestr. 3 zu richten.' teVolksbote", Appel& Co. Stettin, Schillerstr. 10. ArbtitnsckrM. Zur Stellvertretung des Arbeiter» selrctärs von Karlsruhe während der Dauer der Landlagstagung, wird eine geeignete Krast sür sofort gesucht. 281/3 Bewerber wollen sich unter sAogabe ihrer Gehaltsansprüche spätestens bis zum IS. Januar b. I. an den Vorsitzenden des Gewertschasis« kartclls. Sebastian Hilz. Bachjtr. 60, Karlznisie-MBbltiurg, wenden._ KeißdnicUpressetN auch Mädchen bei hohem Akkordlohn sür unsere Fabrik Brandenburg«./Havel gesucht. Bedorzugt Leute, die uns Postkarten gearbeitet haben. lölb Meldungen bei H-talto!' Kufistanstalten Äktiengesellschaft, Köthenor Straße 28-89. Achtung! Holzarbeiter Wegen Streik und Dtsscreuze« flnd gesperrt: Knopf- und Perlmuttfabri! Hinze, Schinkostr. 8/9. Tischlerei und Bodenlegerci Tchlichting. GotzkowSkystr. 7. Tiichlerei und Bodenlegerei Timme, Wilmersdorf, Gasteiner Straße 6. Parkettbodengeschäfte und deren Bauten: Firma Kampmeyer. Holsteiner User 15/16, und deren sämtliche Bauten. Nordd. Parkettfabrtt Hannover. Zwilchenmeister Elassen tu Hübner» Finna Butterweich, Zwischenmeister Swoboda. Finna glosenfeld«. Eo., Bau Charlottenburg, Bismarckslraß» �ile Schloßstraß» Firma Heine(Breslau), Bau Naffauische Str., Ecke Berliner Str. Finna Vesser. Sämtliche Betriebe in den Orten Luckeiiwalde, Sommerfeld. Höchst. Gleichzeitig ersuchen wir die Kollegen aller Branchen der Hol,. induslrie daS Be�mittelungsbureau des gelben �Handwerkerschutz. Verbandes' streng zu meiden. Die OrtSverwaltung. Achtung! Kauarbeiter! Wegen Streit in Luckenwalde sind folgende Baute» für Ein- feher gesperrt: Firma Kcnmnnn: Charlottenburg. Mindener Str. Undefflann. Firma ittlllg:: » Dernburgstr. 29. . Wisilebrnftr. 1. 3. 33. 38. Berliu. Senefeider Str. Pähl. Firma Genossenschaft. Ueckrrmünder Strafte, Bau Zirll«. Luckenwalde: Firma MOdia». Der Ciauvorntand. Verantwortlicher Redakteur Richard Barth, Berlin. Jür den Inseratenteil veranlw.: Th-Glackr, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanftalt Paul Singer& Co.. Berliu SW.