Mr. 14. flbonnementS'Bedlnsungen: Wonnements- Preis pränumerando i Piertcljährl. 330®M., monati. 1,10 Ml,. wöchenllich 20 P?g. frei ins Haus. Einzelne Nummer S Pig. SonnlagS- »umnier mit illusiricricr Sonntags» Beilage„Die Neue Welt' 10 Psg. Post» Zitonnenient: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Posi-Zeitunps» Preisliste. Unter Kreuzband siir Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Mark, sür das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. Postabonnements uehnien an: Belgien, Dänemark, Rolland. Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. S7. Ial,eg. CrfitdDt tSgi!» auBtr Rlontaat Vevlinev Volksblnkt. VIe Inkektions-Lebilh?- kelrägt sür die scchsgespalicne Kolonel« geile oder deren Saum 60 Psg., siir politische und gewcrlschastlichc Vereins- und Bcrsamnilungs.Anzcigcn AI Psg. „kleine Hnreigen", das erste lscit- gedrulktc) Wort 20 Psg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Slellengcsuche und Schlaf- stellen-Anicigeii das erste Wort 10 Psg., jedes weitere Wort 6 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate sür die nächste Nummer müssen bis g Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist tis 7 Uhr abends gcössnet. Telegramm-Adresse: „5«giülil«msliksl Ncrlili". Zcntralorgan der fozialdemohrati fehen parte» Deutfehtands. Redaktion: SRI. 68, Linden Strasse 69» Fernsprecher i Amt IV. Nr. 1983. Der Hufiakt. Der Wahlrechtskampf des Jahres 1910 hat eingesetzt, Am Sonntag haben in ganz Preußen, in allen Provinzen des Landes imposante Wahlrechtsversammlungcn getagt, Hunderttausende haben protestiert gegen die Verschleppung der Wahlrechtsvorlage, gegen das System der Dunkelkammer, das die Regierung in einer Frage beliebt, an der die weitesten Kreise lebendigen Anteil und brennendes Interesse nehmen Hunderttausende haben im vornhinein protestiert gegen die Wahlrechtsändcrungsvorlage, die von der Regierung der Junker dem preußischen Volke als eine Wahlreform zugemutet werden soll, Hunderttausende haben ihren Willen kundgegeben, das niodernisierte Wahlunrecht ebenso rücksichtslos zu bekämpfen, >vie das aus der Reaktion der 30er Jahre geborene. Hundert- tausende haben die ehrliche Einlösung des Versprechens der Thronrede von 1908 gefordert, haben protestiert gegen den Versuch, das preußische Volk in einigen Wochen mit einer unsagbar elenden Flickreform zu überrumpeln! Und Hundert- tausende haben endlich den Wahlrechtssturm gefordert, der die Reaktion niederzwingt, und haben sich mit dieser Forderung verpflichtet, in diesem Sturin ihren Mann zu stehen und für ihn zu werben Kämpfer um Kämpfer! Das ist der Sinn der großen Kundgebung des 16. Januar. Sie war die Einleitung des Kampfes, der anheben muß, wenn die Forderung der Arbeiterschaft nach gleichem Recht Gehör , finden soll bei den Herrschenden. Wie sehr zu rechter Zeit die Demonstrationen gekommen sind, das zeigen die neuesten Meldungen über den Inhalt der Regierungsvorlage. die jetzt vollendet sein soll, die aber noch immer vorsichtig vor den Blicken des Volkes verborgen gehalten wird, weil sie öffent liche Kritik nicht verträgt. Daß das Monstrum fertig sei, wurde am Montag in den Kreisen der preußischen Landboten er- zählt. Wie es aussieht, darüber erfährt man nicht mehr, als schon vor einiger Zeit von mehreren gutinformiertcn Blättern verraten wurde. Alles, was sie Empörendes gemeldet haben, wird an Gewicht verstärkt durch die Mitteilung, daß der Ge Heime Oberregierungsrat v. Falkenhayn als der Vater der Vorlage genannt wird, ein Mann von erprobt reaktionärer Gc jinnung, der einst würdig war. dem deutschen Kronprinzen als politischer Mentor zu dienen. Und dieser Herr soll im Gespräch mit Parlamentariern zugegeben haben, daß der Freisinn an dem Vorschlage der Regierung wenig Freude haben werde. Dagegen will das Kabinett Bethmann Hollweg auf die Nationalliberalen spekuliern. Anscheinend hofft die Regierung, eine Mehrheit aus Konservativen und National- tiberalen bilden zu können, die dem modernisierten Unrecht durchhelfen soll. Den Nationalliberalen ist natürlich alles zuzutrauen, und die Regierung glaubt ihnen das„organisch sortentwickelte Dreiklajsenwahlrecht" besonders schmackhaft machen zu können, indem sie es den Herren als ein„nach Bildung und Besitz abgestuftes Pluralwahlrecht" empfiehlt. Sie glaubt Aussichten auf Erfolg mit diesem Verfahren zu haben, da das Klassenwahlrecht, nachdem das indirekte Wahl- verfahren abgeschafft ist und ihm Mehrstimmen sür die staatlich attestierte„Bildung" angeflickt sind, sich doch eigentlich von dem Ideal der Nationalliberalen nicht niehr wesentlich unterscheide. Wir wissen nicht, ob diese Spekulation auf das mangelhafte Unterscheidungsvermögen der Nationalliberalen Erfolg haben ivird. Aber das wissen wir. daß bei den bestehenden Plural- ivahlrechten das Stimmrecht des Besitzes nicht mehr als das Vierfache des Stimmrechts der Proletarier beträgt, daß aber unter dem preußischen Dreiklassenwahlrecht, und offenbar auch unter dem„organisch fortentwickelten" der Regierungsvorlage der Besitzende ein vierzigfachcs Mehrstimmenrecht ausübt. Einen neuen Abschnitt des Kampfes gegen diese Un- geheuerlichkeit, gegen die empörende Entrechtung der Arbeiter- klassc hat der 16. Januar eingeleitet. Eine vorbereitende Heerschau waren diese Massenversammlungen, die sich über den ganzen preußischen Staat verteilen, die in Großstädten und Dörfern die Entrechteten zusammengeführt haben. Eine Einleitung! Mögen es die Herrschenden nicht vergessen, die diesmal den gefürchteten Straßendemonstrationen entgangen sind, für die sie ihre Schutzmannsketten und Soldatcnscharen bereit gehalten haben. Das Proletariat hat nicht auf die Kundgebung auf der Straße verzichtet, wenn es sich am Beginn des Feldzugcs mit Versammlungsdemonstrationen be- guügte. Die Arbeiterschaft ist entschlossen, wenn es nötig ist, den Kampf um daS Wahlrecht in der schärfsten Form zu führen und dann auf keins der Mittel zu verzichten, die ihm erreichbar sind. Das hat der preußische Parteitag einhellig erklärt, und darin ist die Leitung der Partei einig mit den Massen. Das zeigt die Erklärung des Genossen Müller in einer der Berliner Versammlungen des Nordens, in der kurzen Diskussion, die seinem Referat folgte. Und diese Diskussion, in der das Be- dauern zum Ausdruck kam, daß nicht schon bei dieser Ge- IlegcnHeit die Straßendcmonstration erfolge, zeigt auch, daß in den Massen der Proletarier die Empörung über das Unrecht lebendig ist, daß das Signal zum Wahlrechtssturm in ihnen donnernden Widerhall finden ivird. Dafür zeugt auch die Tatsache, daß es in Forst und Bielefeld und in verschiedenen Städten des Magdeburger Reviers trotz der Parole der Parteilung zu Straßendcmonstrationcn gekonimcn ist. Das Proletariat hat seine Kampsbereitschaft bekundet. Und seinen festen Entschluß: Nicht eher wird Ruhe in Preußen, als bis das Unrecht gefallen ist! Ein kräftiger Auftakt war der 16. Januar I Die Arbeiter- schaft verfügt noch über mancherlei Register und wird, wenn es nötig ist, ihren Feinden noch lauter aufzuspielen wissen t flniieöeliingslchmemn. Als die preußische Regierung im Verfolg ihrer Polen- Politik das Enteignungsgesetz einbrachte, erhoben sich ernste Bedenken im Herrenhause. Die hohen Herren empfanden nämlich sofort, daß hier, eine Bahn beschritten iverdc, die ihnen s e l b st höchst gefährlich werden könne. Man konnte wohl in der Begründung des Gesetzes sagen, daß eS sich gegen den polnischen Besitz und die polnische Bevölkerung richte, aber im Gesetz selbst konnte man doch nicht gut ausdrücklich und mit krassen Worten zweierlei Recht schaffen. Und hätte man es getan, so wäre doch die EntWickelung der Dinge weiter gegangen als die Absicht des Gesetzgebers. Mit anderen Worten: die Gefahr der Enteignung schwebt über dem deutschen Grundbesitzer nicht minder/ als über dem polnischen. Das empfanden die erlauchten und edlen Herren sehr tvohl, und deshalb sperrten sie sich gegen das Gesetz. Aber schließlich haben sie es doch gutgeheißen und nun nimmt die Eni- Wickelung den Gang, den jeder Verständige vorausgesehen hat. Zur Beschwörung der polnischen„Gefahr" hat das Gesetz gar nichts geholfen. Im Gegenteil. Der deutsche Grotzgrund besitzcr schiert sich den Teufel darum, ob seine Arbeiter deutsch oder polnisch sind. Er will nur billige Arbeitskräfte haben, und da der Pole billiger ist, sich auch mehr gefallen läßt als der Deutsche, nimmt er den Polen. So ist denn die Bevölkerung auf diesen in deutschem Besitz befindlichen Gütern tatsächlich polnisch. Außerdem aber benutzen die deutschen Großbcsitzer bekanntlich die günstige Gelegenheit, um ihre Güter zu sehr hohen Preisen der Ansiedelungskommission an zubieten mit der Drohung, sonst an Polen zu verkaufen Vielfach haben sie das auch getan, und so ist seit Bestehen der Ansiedelungskommission noch manches Land aus deutschem in polnischen Besitz übergegangen. Es ist also das, was unsere Regierung die polnische„Gefahr" zu nennen beliebt, sogar noch vergrößert worden. Wie dem begegnen? Der nächstliegende Gedanke wäre: die polnischen Landarbeiter durch deutsche zu ersetzen. Wer gewohnt ist, weiter zu denken, wird ja freilich die Aussichts losigkeit auch dieses Gedankens sofort durchschauen. Er wird sich fragen: wo sollen denn aber die polnischen Landarbeiter bleiben? Sie werden auf andere Güter gehen oder in die Industrie, nach dem Westen, und dort die sogen...Polengefahr" verstärken. Es wäre das also nur eine Verschiebung, keine Lösung der Frage. Indessen bleibt es unseren„nationalen" Politikern erspart, sich hierüber den Kopf zu zerbrechen, weil der deutsche Landarbeiter sich zur Verdrängung der Polen nicht gebrauchen läßt. Er geht nicht dahin, wo es die „nationale" Politik wünscht, und die Gutsherren, wie schon envähnt, nehmen ihn auch nicht, weil er immerhin nicht ganz so anspruchslos, nicht ganz so billig ist, wie der Pole. Da bleibt denn nichts anderes übrig als ein Gedanke, der schon wiederholt aufgetaucht ist und im neuesten Heft der „Preußischen Jahrbücher" ausführlich begründet und verteidigt wird. Der Gedanke nämlich: nicht deutsche Landarbeiter. sondern selbständige kleine Besitzer, deutsche Bauern im Osten anzusiedeln. Der Verfasser des Artikels, ein Herr v. Kienitz, schreibt: „So mancher BaucrSsohn des mittleren und westlichen Deutsch land, der als ziveiter oder dritter dereinst das väterliche Gut nicht erben kann, wird dem Suchen nach einer anderweiten unsicheren Existenz gern die freie Scholle vorziehen, auch wenn sie ihm in der fremden Ostmark geboten wird, aber nur. wenn er dort selbständiger Bauer sein kann. Als ländlicher Arbeiter könnte er anch daheim beim älteren Bruder bleiben." Es ist in der Tat nicht abzusehen, was die Regierung anderes tun sollte, sofern sie ihre Polenpolitik beibehalten will. Dann aber entsteht sofort die Frage: wie soll für diese freien deutschen Bauern Platz geschaffen werden? Und darauf antwortet Herr v. Kienitz: durch Aufteilung des Groß- grundbesitzes, und zwar des deutschen ebenso- wohl wie des polnischen! Dieser angeblich„deutsche" Besitz ist nämlich in Wirklichkeit polnisch: „Nur der eine Grundbesitzer und allenfalls noch ein paar Inspektoren sind nicht Polen: sonst ist eS ein Gebiet der polnischen BolkSart... Dann ist aber in der Tat nicht abzusehen, weshalb wir vor dieser Art„deutschem" Grundbesitz Halt machen sollten. Der für die Enteignung deSeigentlich polnischen Grundbesitzes seinerzeit geltend gemachte und damals ausschlaggebende Grund trifft nämlich auch hier genau zu. Es war doch der, daß die Polen nicht freiwillig an die SnfiedelungSkommissioii verkaufen wollten. Nun, das ist Expedition: SRl. 68, Ltndenstrassc 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. bei den deutschen Beherrschern polnischen Landes ebenso. Zwar wahren sie noch den Schein durch Verkaufsangebote an die An- siedelungSkomunssion, aber mit unmöglichen Preisen und regel- mäßig in der artigen Form, daß, wenn die AnsiedelungSkonunission nicht binnen lven'igen Tagen zuschlage, man sich leider genötigt sehen werde, an den Polen zu verlausen." Weiter macht Herr von Kienitz für seinen Vorschlag geltend: „Noch ist mehr als die Hälfte de? ostmärkischeu Landes in deutschem Eigentum. Läge nur dieses Land in den Händen deutscher Bauern, so hätten wir schon in der nächsten Generation ein so starkes Gewicht seßhafter deutscher Kultur, daß die Ge- fahr einer eigentlichen Polonisittung der Ostmark als ausgeschlossen gelten könnte." Hier wird also der deutsche Großgrundbesitz geradezu als Schädling des Deutschtums im Osten bezeichnet. Diese Ausführungen sind schlüssig und zwingend. Will die Regierung ihre bisherige Polenpolitik fortsetzen, so wird sie an die Enteignung und Aufteilung des deutschen Grundbesitzes zwecks Ansiedelung deutscher Bauern herangehen müssen, und dann lvürden>vir es erleben, daß das Eutcignungsgesetz seine eigenen Väter und Urheber schlägt; daß diejenigen, denen wir die ganze Polenhetze verdanken, sich selbst eine Grube gegraben haben, worin sie sich die Hälse brechen. Tut die Regierung das aber nicht, so ist der Verdacht nicht zu vermeiden, daß die Polenpolitik nicht die yngebliche„Kräftigung deS DeuischtumS", sondern den Vorteil und die Bereicherung der deutschen Großgrundbesitzer zum Ziel hat. WaS z. B. für die gcmaßrcgelten Lehrer und Beamten in Kattowitz sehr interessant sein würde. Im übrigen versteht, es sich von selbst, daß auch diese Maßregel— so sehr sie die Konsequenz der bisherigen Polen- Politik ist— eine Lösung der„Polenfrage" nicht bringen könnte. Einmal wären die neuen deutschen Ansiedler auch wieder nur auf verhältnismäßig kurze Zeit versorgt. Denn das Land„in wirklich bäuerlicher Weise zu parzellieren", bedeutet, es so aufzuteilen,„daß jede Stelle gerade die deutsche Familie trägt, die sich auf ihr ernähren kann". Dann tritt aber in kurzer Zeit Ivieder die Sorge ein, ivo die nachgeborencn "Söhne der Bauern untergebracht werden sollen. Selbst wenn vorläufig Land genug vorhanden ist, um sie auch wieder selbständig anzusiedeln, Iväre diese Sorge nur um eine Spanne Zeit hinausgeschoben. Um aber das Deutschtum so viel wie möglich zu kräftigen, müßte man doch so viel Bauern wie möglich ansiedeln, also möglichst gar kein Land übrig lassen. Außerdem aber bleibt ja immer die Sorge, wo denn die vcr- drängten polnischen Landarbeiter bleiben sollen. Das sieht auch Herr v. Kienitz ein. Da man doch die vier Millionen Polen weder totschlagen noch in Deutsche verwandeln kann, so muß man schon für ihr anderweitiges Unterkommen sorgen: „Soweit wir durch Parzellierung des deutschen Großgrund- befitzeS die dort ansässigen polnischen Landarbeiter zum Weggange nötigen, müssen wir ihnen durch Parzellierung der volksarnien polnischen Latifundien andere Seßhaftigkeit bieten." Aber dann stärkt man doch das polnische Volkstum nicht minder als das deutsche! In der Tat. es ist so. Und deshalb gibt es wirklich keine andere Lösung der Frage, als daß endlich die Be- drückung der Polen aufhört, daß man sie als gleichberechtigte Staatsbürger behandelt und— soweit der polnische Land- arbeiter in Betracht kommt— sie zur höheren Kultur er- zieht. Allerdings liegt es nicht im Interesse der Großgrund- besitzer, daß die polnischen Landarbeiter in der Kultur gc- hoben und damit anspruchsvoller werden. Deshalb wird die Regierung fortwursteln wie-bish»!. Die Sozialdemokratie über den preußifchen etat. Am zweiten Tag der preußischen Etatsdebatte kamen nur drei Redner zum Wort. Herr Wiemer für die Freisinnige Vokkspartei, der Freiherr v. Zedlitz für die Freikonservativen, und Genosse Hirsch als Etatsredner der Sozialdemokratie. Herr Wiemer suchte der oppositionellen Haltung des Freisiims dadurch ein Relief zu geben, daß er gegen das Zentrum ins Geschirr ging. So richtig es aber auch an sich war. daß der freisinnige Redner sich gegen die Schulverpfaffungsbcstrebungen des Zentrums iu§ Zeug legte, so verspätet war doch dieser freisinnige Protest. Denn wenn der freisinnige Redner die erstrebte Konfessionalisierung der Mittelschulen und der Universitäten als ein Attentat gegen Kultur und Bildung zurückzuweisen siir notwendig hielt, so wäre es doch schon im vorigen Jahre die Pflicht deS Freisinns gewesen, gc- meinsam mit der Sozialdemokratie den Kampf um Ent» pfaffung der Schule und des S t a a t e s ii b e r h a n p t zu führen l Damals aber— es bestand damals allerdings noch die Ehe auf Kündigung, der konscrvativ-liberale Block— war der Frei- sinn nicht für die Forderung der Trennung von Staat und Kirche zu haben, damals bewilligte er im Gegenteil noch die 13Vz Millionen Mark jährlicher staatlicher Unterstützung siir die Er- höhung der Gehälter der Geistlichkeit! Ebenso verspätet kam Horm WiemerS Forderung einer Erhöhung der Bezüge der Staatsarbeiter. Denn wenn im vorigen Jahre der Freisinn sogar gegen die sozialdemokratischen Forde- rungen auf Erhöhung der Unterbeamtengehälter stimmte, so ist es nur zu klar, daß fein heuriges Liebeswerben um die Gunst der Staatsarbeiter nur durchsichtigstem Agitationsbedürfnis zuzuschreiben ist I Wenn endlich der freisinnige Redner in Sachen der Wahl» eefonn bem Freiherrn von Zedlitz und der Rechten inZ- gesamt Vorwürfe machte, so hätte man zu mindestens von ihm erwarten sollen, daß er ein freisinniges Mindest- Programm aufgestellt hätte. Aber davor scheute sich Herr Wiemer auch diesmal! Auf die Einzelheiten der Wahlrcchtssrage ging der freisinnige Redner gar nicht erst ein, um sich nicht die Finger zu verbrennen und seine zu allen Kompromissen geneigte Partei nicht allzu sehr fe st zulegen! Von der Ankündigung eines freisinnigen Appells an die Massen war in WiemerS Rede vollends nicht die Rede. Aus der Rede des Herrn v. Zedlitz, die sich in finanz- politische Einzelheiten verlor, traten nur die Schlußsätze hervor, in denen er davon sprach, daß sich seine Partei in Wahlrechts- fragen auch durch den sozialdemokratischen Appell an die politisch urteilsunfähigen Schichten der breiten Volksmasse nicht be- einträchtigen lassen werde. Der freikonservative Führer gab sich dcbei wohl einer Täuschung über die Wirkung der reaktiv- n>»-en BolksverdummungSbestrebungen hin. Denn so rührig die reaktionären Elemente auch an der Arbeit sind» die Massen in politischer Unmündigkeit zu erhalten. so wenig verschlägt doch auf die Dauer diese reaktionäre Erziehungsmethode. Zu einer Kritik des ganzen preußischen AntikultursystemS holte der sozialdemokratische Fraktionsredner. der Genosse Hirsch, aus. Während die Redner der bürgerlichen Parteien, die ja sämtlich Fleisch vom Fleische des volksfeindlichen, kulturwidrigen preußischen Systems der Stabilisierung der junkerlichen und kapitalistischen Vergewaltigung des Volkes sind, am Sonnabend und auch am Montag dies System entweder summarisch verteidigten oder aber nur kleine Einzelausstellungen vorzubringen hatten, unternahm es der sozialdemokratische Redner in anderthalbstündiger Rede, in großen Umrissen ein Bild der Aufgaben eines wahrhaft modernen und sozialen Staatsgebildes zu zeichnen und diesem Bilde das Zerr- bild gegenüberzustellen, das uns aus allen Zügen des offiziellen Preußen entgegengrinst. Wenn der preußische Ministerpräsident, der Major v. Bethmann Hollweg. sich bei Eröffnung des Landtages statt mit einer politischen Einführungsrede mit einigen familiär sein sollenden, dabei kümmcr- lich ausgeklügelten und stilistisch geradezu Mitleid erregenden Be- grüßungsworten an die Rechte des Hauses begnügt hatte, und der eigentliche preußische Redeminister, Herr v. Rheinbaben, ein übriges getan zu haben glaubte, wenn er das HauS nochmals weitläufig mit den Zahlen regalierte, die längst durch die offiziöse Presse mitgeteilt worden waren, so war es unserem Fraktionsredner vorbehalten, diese trockenen Zahlenreihen erst in d a S rechte Licht zu setzen. Genosse Hirsch wies eingehend nach, daß das preußische Finanzelend im Grunde nichts ist, als die Folge der reaktionären Schutzzoll- und Lebensmittelverteuerungspolitik im Reiche. Die S00 Millionen Mark Mehrausgabe, die Preußen für die Aufbesserung der Beamtengehälter zahlen muß, wurden notwendig infolge der agrarischen VolkSaus Wucherung! Und diese 200 Millionen kommen nicht etwa den Beamten selbst in Gestalt einer verbesserten Lebenshaltung zugute, sondern fließen wiederum in die Taschen der Brot- und Fleischwucherer und ihrer ebenso staats- erhaltenden Kumpaue l Scharf und klar präzisierte Genosse Hirsch die Stellung der Sozialdemokratie zur Frage der Aufbringung der Mittel für die StaatSaufgaben. Energisch wies er das Ansinnen zurück, auS den S taatSbetrieben, in erster Linie also den StaatSeisenbahnen und fiskalischen Bergwerken, den Mehrbedarf herauszuwirtschaften. Sei doch die Lage der Masse der U n t e r b e a m t e n trotz der viel- gepriesenen Besoldungsrcform noch eine durchaus unbefrie- d i g e n d e. Erst recht aber bedürsten die Löhne der Staats- arbeiter im Eisenbahn- und Bergbetrieb einer durch- greifenden Aufbesserung! Denn wenn schon die Löhn/ der Kommunalarbeiter hinter den Löhnen der Privatindustrie zurück- ständen, so gelte das erst recht von den Löhnen der Arbeiter in den Staatsbetrieben! Wenn man sparen wolle, möge inan d a sparen, wo eS möglich und sogar seh r a n g ebra ch t sei: bei den höheren Beamten! Dort könne mancher hochdotierte Posten überhaupt gestrichen werden, ohne daß das Volk davon auch nur den geringsten Nachteil hätte. Gestrichen werden könnten die vielen Hunderttausende für die Gesandtschaften an deutschen Höfen, die Abfindungssummen an ehemalige Fürsten und Notabilitäten und vieles andere mehr. Was aber die Sparsamkeit nicht einbringe, könne eingebracht werden durch stärkere Heranziehung der Besitzenden in Stadt und Land zu den direkten Steuern, zur Vermögens- und Einkommensteuer! Man möge doch eine Kommission zur Untersuchung der von Delbrück und anderen gebrandmarkten Fälle einsetze», überhaupt ausreichende Vor- kehrungen für die Steuerveranlagung treffen, damit künftig nicht mehr 60 Proz. der direkten Steuern von den Besitzenden hinter- zogen werden könnten! Alsdann entrollte Genosse Hirsch das Sündenregister der ein- zelnen Etats. Wohin auch das Licht der sozialdemokratischen Kritik siel, überall beleuchtete es die beschämendste soziale Rück- ständi gleit. In langer Reihe folgten sich die einzelnen Anklage- punkte: das Daniederliegen de« VolkSschuluntcrrichtS. die schwach. vollen Unterlassungssünden auf dem Gebiete deS Gesundheitswesens, die namentlich im ostelbischen Junkerparadies die ungeheure Kinder- sterblichkeit enthüllt, die Schändlichkeit der in das Ministerium des Innern, des Polizeimini st eriumS reffortierenden Zu- stände usw. usw. Den Schluß der Rede des Genossen Hirsch bildete eine ein- drucksvolle Abrechnung mit der Regierung und den Parteien in Sachen deS WahlredjtS. Als skandalöse VolkSverhöh- nung brandmarkte unser Genosse daS Schweigen der Regierung über ihre Absichten in Sachen der Wahlreform, eine Kennzeichnung, die ihm die Rüge de» präsidierenden Vizepräsidenten von Porsch eintrug. Und dann ließ Genosse Hirsch unter allgemeinster Auf- merksamkeit des Hauses und den wechselnden Kundgebungen der Schadenfreude der einzelnen Parteien(diese Leutchen freuen sich allemal, wenn die an ihnen vorgenommene Exekution vorüber ist und nun der andere übers Knie gezogen wird) die Haltung sämtlicher bürgerlichen Fraktionen Revue passieren. wobei keine einzige sich darüber beklagen konnte, zu kurz gekommen zu sein. Dem Zentrum wurde seine schnöde Verleugnung des gleichen Wahlrechts bei der Abstimmung über die Neueinteilung der Wahlkreise vorgehalten, die Nationalliberalen wurden als unsichere Kantonisten sagar in der Frage der öffentlichen Absttmniuug charakterisiert und die Wahlrechtsfreundlichkeit deS Freisinns wurde durch sein Eintreten für die konservativen Wahlrechts- feinde bei den letzten Landtags- und ReichStagSwahlen WS hellste Licht gesetzt. Mit der Aufforderung an alle ehrlichen Wahlrechtsfreunde, den WahlrcchtSkampf mit aller Entschiedenheit aufzunehmen, und der Versicherung, daß die Sozialdemokratie nitt ihrer„Verhetzung" der Mafien solange mit aller Rücksichtslosigkeit fort- fahren werde, bis das in jeder Beziehung allgemeine und gleiche Wahlrecht errungen sei. schloß Genosse Hirsch seine wuchtige Anklagerede. Das HauS wnrde dann auf Dienstag 1 Uhr vertagt. Trotzdem noch eilte kangeReihe weiterer Redner eingezeichnet ist, darunter auch der zweite sozialdemokratische Etatsredner, erklärte bereits ein Konservativer eS für notwendig, schon morgen, Dienstag, die Etatsdebatte zu beenden. DaS bedeutet offenbar schon die Vor- bercitung zur Strangulation des zweiten sozial- demokratischen Etatsredners! Die Vertreter der bürgerlichen Parteien wird man noch einmal, teilweise sogar zum dritten Male, zum Wort kommen lasseil, aber der Entgegnung der Sozialdemokratie, der stärksten preußischen Partei nach ihrer Wählerzahl, will man durch daS Fallbetl des Debatteschlusses vorbeugen! Man darf in der jetzigen Situation aber doch wohl darauf rechnen, daß mindestens die gesamte Linke, von den National- liberalen bis zu den Polen, diesen feige il Akt der reaktiv- nären Mehrheit mit aller Entschiedenheit zurück- weisenwird!_ iPrivatbcamke und Cabaßarbcitcr. AuS dem Reichstag. 17. Januar. Die Interessen zweier proletarischen Wirtschaftsgruppen, der Privatbeamten und der Tabak- arbeiter, kamen heute im Reichstag auf Grund von Interpellationen zur Verhandlung. Zunächst interpellierten Zentrum und National- liberale: wie es denn eigentlich mit dem längst versprochenen Gesetz- entwurf betreffend diePensionSversicherung der Privat- beaniten und ihrer Hinterbliebenen stehe. Der Staats- selretär Delbrück gab, wie üblich, ohne eine Miene zu verziehen, die Erklärung ab, daß die Vorarbeiten noch immer in der Schwebe seien. Wann sie zum Abschluß kommen würden, lasse sich nicht sagen. Damit war mau denn glücklich genau so klug wie vor der Jnter- pcllation. In der Besprechung wurde von allen Parteien die Not- weudigkeit einer Beschleunigung der Maßregel betont. Aus- einander gingen die Meinungen aber bezüglich der Frage, ob die Privatangestellten als besondere Wirtschaftsklasse zu behandeln seien, wie das die Vertreter bürgerlicher Parteien fordern, oder ob ihre Versicherung dem allgemeinen VerficherungSwesen aller Arbeiter einzugliedern ist, wie daS namens der Sozialdemokratie Genosse Heine forderte. Er wieS darauf hin, daß die Scheu vieler Privatangestellter, sich als das zu bekemie», waS sie wirklich find — als Proletarier— und mit den Arbeitern gemeinsame Sache zu machen, wesentlich dazu beigetragen hat, die Verschleppung der Privatbcamtenversicherung zu erleichtern. Da auch diesmal von der Regierung nicht irgend ein Zugeständnis von praktischem Werte er- zielt ist, werden die Privatangestellten in ihrer Mehrheit hoffentlich nunmehr einsehen, daß, wenn sie überhaupt etwas erreichen wollen, sie sich organisieren und als Glied des proletarischen Klassen- kämpferheeres den Kampf um ihre Rechte aufnehmen muffen. Die sozialdemokratische Interpellation wegen der durch die Steuergesctze im vorigen Jahre den Tabakarbeitern zugesagten Unterstützung wurde vom Genossen Geyer begründet. Er zeigte an zahlreichen Einzelfällen, wie trotz der Bemühungen des Staatssekretärs Mermuth die brotlos gewordenen Tabakarbeiter auch jetzt noch in ganz ungenügender Weise mit Unterstützungen bedacht werden, daß der Kreis der Unterstützungsberechtigten durch bureau- kratische Borschriften bielfach in ganz ungebürlicher Weise ein- geschränkt worden ist. Hat man doch z. B. arbeitslos gewordenen Arbeiterinnen die Unterstützung verweigert, weil sie im Laufe des abgelaufenen Jahres als Wöchnerinnen eine zeitlaug so wie so arbeitsunfähig geworden seien. Der Staatssekretär Mermuth gab zu, daß anfangs Härten vorgekommen feien, meinte aber, seit seinem Eingreifen habe sich das geändert; jetzt geschehe, was nur getan werden könne. Er bestritt auch, daß eine dauernde Schädigung der Tabakindustrie durch die Steuergesetze zu erwarten sei. Für diese Behauptung erhielt er natürlich lebhafte Zustimmung bei den Vertretern der steuerschuldigen Parteien. Genosse Molken- buhr indes wies auf Grund der Erfahrung, die 1S70 mit den Steuerverschärfungen gemacht wurden, darauf hin, daß man auch jetzt wieder mit einer zehnjährigen Nachwirkung der Konsumein- schränkung auf die Industrie und damit auf die dauernde Ein- schränkung der Arbeitsgelegenheit zu rechnen haben werde. Eine Erhöhung des ViernüllionenfoiidS für UnterstützungSzwecke sei deS- halb dringend geboten. Damit ging die Debatte aus. Morgen kommt die Interpellation wegen ManSfeld an die Reihe. v!e Wahlen in England. London, 17. Januar.(Telegraphischcr Bericht.) Bis heute morgen waren VI Wahlresultate bekannt. Es waren gewählt: 43 Unionisten, 37 Liberale, v Vertreter der Arbeiterpartei und 5 Nationalisten. Gewonnen haben die Unionisten 18, die Liberalen nach den letzten Feststellungen drei Sitze. Die Unionisten haben also einen Zuwachs von 18 Sitzen erhalten. Noch mehr fällt ins Gewicht, daß die Majorität der Liberalen bedeutend zurückgegangen ist. Bei den Wahlen 1906 erhielten die Konservativen zirka 277000 Stimmen, die Liberalen 317 000- diesmal die Konservativen etwa 338000, die Liberalen 323000 Stimmen; die Konservativen haben somit fast 53000 Stimmen, die Liberalen nur 6000 Stimmen gewonnen. Freilich, daß die Konservativen bei dieser Wahl schon die Majorität im Parlament erobern werden, ist ausgeschlossen. Dazu mühten sie etwa 168 Mandate gewinnen. Nichtsdestoweniger müssen die bisherigen Resultate für die Liberalen als wenig günstig bezeichnet werden. Es ist nicht zu verkennen, dah über den Mandatszuwachs hinaus die starke Stimmenzunahme der Konservativen das moralische Gewicht der künftigen liberalen Regierung be° trächtlich vermindern und der verstärkten Opposition neue An- griffslust verleihen wird. Freilich die Hoffnungen der Optimisten unter den Kon- servativcn sind nicht erfüllt worden. Das uniontstische Blatt„Standard" hatte für die Unionisten einen Gewinn von zehn Sitzen auf Kosten der Liberalen in London erhofft. Der„Dailh Telegraph" war weniger optimistisch gewesen und hatte nur auf einen Gewinn von sechs Sitzen gerechnet, es sind jedoch nur deren drei gewonnen worden. Ein Mihcrfolg ist für die Unionisten in G r i m s b y zu verzeichnen, Ivo der unionistische 5kandidat einer der Haupt- Befürworter der Zolltarifreform gewesen ist. Dagegen haben die Unionisten bedeutende Gewinne an Stimmen in den M i d l a n d s und den westlichen Bezirken zu der- zeichnen, obgleich es ihnen nicht gelungen ist. in der Grafschaft Lancashire Fortschritte zu machen. In Burnley ist Genosse H y n d m a n, der gegen den Unio- nisten und den liberalen Arbciterkandidaten M a d d i s o n gleichzeitig zu känipfen hatte, leider unterlegen. Der Konser- vative ging mit 93 Stimmen Majorität auö der Wahl als Sieger hervor. DaS Mandat hatte stüher Maddison inne. Die Wahlbeteiligung war außerordentlich stark. Man schätzt, daß sie SO Proz. erreicht habe gegen 80 Proz. im Jahre 1906. Wie intensiv die Agitation getrieben wurde. zeigt der Umstand, daß den Konservativen für die Wahl 18000 Automobile, den Liberalen 12 000 zur Verfügung ge- standen haben sollen. Diese mußten übrigens den Kandidaten unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden, weil das englische Wahlgesetz verbietet, für solche Zwecke Geld auszugeben. Die Presse beider Parteien nimmt natürlich die Ehren des Wahltages für sich in Anspruch. Dies geschieht schon deshalb, um die Anhänger nicht für die künftige Wahlschlacisi zu entmutigen. So schreibt der konservative„Standard": „Die Unionisten haben Grund, sich über den ausgezeich- ncten Anfang, des Wahlkampfes, den sie am Sonn- abend gemacht haben, zu freuen. Für die Regierung heißt es, bei einer langen Serie von Siegen der Opposition ihre sofortige Demission zu geben. Wir hoffen, daß dieses Beispiel, welches das Land am Sonnabend gegeben hat, die ganze Wahlkampagne hin- durch beibehalten werde. England scheint endlich eingesehen zu haben, was für das Land nützlich ist." . Dagegen sagt das liberale„Daily Chronicle":„Kein zweifelnder Wähler soll sich durch den Sieg, welchen die Unionisten am Sonnabend scheinbar errungen haben, betören lassen. Der Sieg der Unionisten ist nicht so groß, als es scheint. Wenn die Unionisten nur eine kleine Chance für den endlichen Ausgang haben wollten. so hätten sie am Sonnabend mindestens 30 Sitze erringen müssen. Es ist nicht vorauszusehen, daß der Sieg der Unionisten in den nächsten Tagen derselbe oder ein größerer sein wird, ate am Sonnabend. Das wirkliche Resultat ist schließlich ein ganz anderes und wenn die Unionisten behaupten, Hoffnung vor Beginn der Wahlen gehabt zu haben, so wird ihnen diese Hoffnung durch den Sonnabend wohl bereits zum größten Teile vergangen sein. Und die„Daily News" meinen: Es ist ganz klar, daß die Unionisten trotz des scheinbaren Er- folgcs vom Sonnabend keine Majorität bekommen können. DaS wird ihnen wohl der Sonnabend bewiesen haben. Aber wir müssen mehr tun als eine Majorität zu gewinnen; wir müssen eine große Majorität erreichen und wir werden sie erreichen; wir haben alle Hoffnung, in den noch ausstehenden industriellen und landwirtschaftlichen Wahlbezirken, namentlich in S ch o t t» l a n d, den Sieg zu erringen. Die Vorzeichen am Sonnabend deuten auf eine enorme Majorität der Liberalen." Von entscheidender Wichtigkeit wird der heutige Wahltag sein, an dem in 93 Wahlbezirken 194 Abgeordnete zu wählen sind. Nach dem bisherigen Parteiverhältnis teilen sich diese 104 Abgeordnete in 68 Liberale und 36 Unionisten. Zwei Minister stehen heute vor der Wiederwahl: in Bristol Minister Btrell und in Battersea. einem Londoner Wahlbezitk. Minister B u r n s. Bis 4 Uhr nachmittags waren heute sechs irische und ein unionisttscher Abgeordneter als gewählt erklärt worden, da keine Gegenkandidaten aus- gestellt waren. Konservative gegen Lloyd George. London, 16. Januar. Nach einer Wahlrede in GrimSby wurde Schatzkanzler L l o y d G e o r g e. als er den Saal verließ, von dcr draußen versammelten Menge feindlich empfangen, so das; er durch eine Hintertür über die Eisenbahngleise hinweg in das Gr- bäude einer Feuerwache flüchten mußte. Lloyd George ist übrigens unverzagt. In einer Kundgebung versichert er: Wir siegen. England ist gegen die Herrschaft der Peers und des Bieres. Nordengland und Schottland sind auf unserer Seite. Jedenfalls find die Aussichten auf eine mäßige Mehrheit von 160, wie ich glaube, günstig. politilcbc CUbcrHcbt Berlin, den 17. Januar 1910. Tie Nationalliberalen und die preußische Wahlreform. Die nationalliberale Partei, die sich in komischer Selbst- täuschung noch vor wenigen Monaten als energische Oppositionspartei geberdetc, konzentriert sich behende rück- wärts. In Schleswig-Holstein haben die Nationallibcralen entdeckt, daß sie eigentlich den Landbündlern näherstehen als den Freisinnigen und deshalb im Interesse eines langsame» ruhigen Fortschrittes mit dem Bund der Landwirte paktiere» müssen; in Gotha hat der Zentralvorstand beschlossen, daß künftighin in keinen: Fall ein Wahlbündnis mit dcr Sozial- dcniokratie abgeschlossen werden dürfe; in Bayern haben die Nationalliberalen ihr Blockabkommen mit den Linksliberale» gekündigt usw. usw. Ueberall zielbewußte Rückwärts- konzcntration... Am besten aber kennzeichnet vielleicht den Herzensdrang der Nationalliberalen nach rechts ihr Verhalten zu der prcn- ßischen Wahlreform. Noch vor wenigen Wockjen schien es, als würde wenigstens die nationalliberale Fraktion des Preu- ßischen Abgeordnetenhauses für die geheime Wahl stimmen: aber selbst dieses bescheidene Vertrauen auf die national- liberale Prinzipienfestigkeit erweist sich als unberechtigt. Immer mehr Stimmen tauchen in der nationalliberalcn Presse auf. die sich für die Beibehaltung der öffentlichen Stimmabgabe aussprechen, und zwar sind das meist Stimmen aus dem Kreise der Großindustriellen und des Großhandels, also aus den zahlungsfähigen Kreisen, deren Wahlfonde- beiträge die nationalliberale Partei nicht entbehren kann. Selbst die„Nationalzeitung", die bisher für die geheime Wahl eintrat, öffnet jetzt einer Zuschrift von„besonderer" Seite ihre Spalten, in dcr es heißt: „Bringen wir die Möglichkeit freier politischer Betätigung durch daS geheime Stimmrecht? Wo wird am meisten der Heuchelei Tür und Tor geöffnet? Im Wirtehaus, bei Einkäufen, auf der Straße wird bald die berüchtigte GesinnungSriechem die bürgerlich Gesinnten festgestellt haben, wie das bei den ReichStagSwahlen jetzt schon vorkommt. Und können wir den loben, der sich laut als Sozialdemokrat preist und nachher heim- lich einen bürgerlichen Stimmzettel abgibt? Die Proskriptions- listen bei den sozialdemokratischen Arbeitern werden ja dock? nicht aufhören; im Gegenteil, sie werden noch ruchloser sein, da sie manchen Unschuldigen treffen. Die offene Stimmabgabe muß aber denen, die an der Erhaltung des Staates und seiner Ord- dung interessiert sind, eine Kontrolle sichern, und die offene Vernichtung bürgerlicher wirtschaftlicher Elemente und der gegen sie ausgeübte Terrorismus wird hoffentlich rascher die Gefaln.- kennzeichnen, als wenn sie unter dem Schutze der Heimlichkeit alles unterwühlt." Noch stärker ist natürlich die rechtsuationalliberale Presse für die öffentliche Stimmabgabo begeistert— allen voran die„Hamburger Nachrichten", das Organ der hanseatischen Scharfmacher. Das Blatt schreibt in dem ihm eigenen albernen Größenwahn: „Die geheime Abstimmung ist das Wahlverfahren der Ab- hängigen und Unfreien, der Unselbständigen und Unverantwortlichen, denen am besten das. WahlreKt verjagt bliebe. Wenn sie gleichwohl heute FroisinnigS und leider auch Nationalliberalc zu einem gerade dem Liberalismus ureigenen Postulat erheben, so lassen sich dem berufene Urteile der nam- haftesten liberalen Politiker aus älterer und neuerer Zeit ent- gegenhaltcn, die sich mit einer nicht zu überbietenden Schärfe gegen die geheime Wahl ausgesprochen haben. Wir nennen v. Rotteck, Bluntschli, Dahlmann, Gncist, v. Sybel, Georg Meyer, Pfizer, nach dem die geheime Wahl der„Deckmantel der Verlogenheit und Tücke" ist. und aus der Gegen-- wart den preußischen LandtagSabgcordnetcn Schmieding." In einem zweiten Artikel verlangt dieses Blatt sogar direkt, daß die Nationalliberalen sich in dieser Frage den Konservativen zur Verfügung stellen und mit diesen eine Mehrheit zur Abwehr der Forderung des geheimen Wahl- Verfahrens bilden: „Wenn das Zentrum sich wirklich entschließt, in der Frage, ob öffentliche Wahl wie bisher oder geheime, gegen die konser- vative Partei entschieden Front zu machen, so haben es die Nationalliberalen in der Hand, das Zentrum kalt zu stellen, trenn sie zu einer Verständigung mit der Rechten bereit sind. Von der nationalliberalen Fraktion im Preußischen Abgcordnetenhause wird es daher abhängen, ob ihre Gesamtpartei die Position einer Mittclpartei, die bei Auf- gaben von staatserhaltendem-, nationalem Interesse stets den Anschluß nach rechts zu suchen hat, behauptet und die Linksschwenkung wirklich noch verhütet." Also bei Aufgaben von nationalem Interesse haben die Nationalliberalen„st ets den Anschluß nach rechts zu suchen". Solche Auffassungen bezeichnet man sin Deutschland als n a t i o n a l l i b e r a l. Dekoriert. Das angeblich„volkstümlichste" der Hoffeste, das bor hundert Jahren eingesetzte Krönungs- und OrdenSfest ist gestern, am Sonntag, mit dem üblichen Prunk im königlichen Schloß gefeiert worden. Und wie immer an diesem Tage, ist auch gestern wieder ein reicher Ordenssegen auf die Häupter bezw. Busen„verdienstvoller" Männer herabgeflogen. Insgesamt gelangten 4116 Orden zur Verteilung. Hiervon entfielen auf: Großkreuz dcS Roten Adlerordens 7, Roten Adlerordens 1. Klasse 6, 2. Klaffe 113, 3. Klasse 207, 4. Klasse 1109; Kronenorden 1. Klasse 11. 2. Klasse 177, 3. Klasse 832, 4. Klasse 843; Hausorden von Hohcn- zollem IS und Allgemeines Ehrenzeichen 1706. Unter den Dekorierten befinden sich auch viele Parlamentarier, meist natürlich Konservative und Nationalliberale, doch haben auch einige ZentruinSleute— Herr Erzbcrger ist nicht darunter— und Freisinnige Kronenordcn dritter und Rote Adlcrordcn vierter Güte erhalten. So hat z. B. der Hospitant der Frei- sinnigen Vereinigung, Dr. Heckscher, den Roten Adlerorden vierter Klasse empfangen, während die Reichstagsabgeordneten Dr. Pachnicke (frs. Vg.) und Justizrat Gyßling(frs. Vp.) für ihre brave Vater- ländische Gesinnung mit dem Kronenorden dritter Klag- dekoriert wurden._ Das antipatiiotische polnische Wnrstefsen. Der Kampf zwischen Hakatistcn und Polen in der Ost- niark treibt höchst komische Blüten. Die Hakatistische„Ostdeutsche Rundschau" in Bromberg veröffentlicht z. B. folgende bewegliche Klage aus der Weltstadt Znin, einem posenschen Oertchcn von zirka 4000 Einwohnern: Gedenke, daß du ein Deutscher bist! Znin, den 9. Januar 1010. Vor einige» Jahren sind in diesem Blatte verschiedene Artikel über die nationale Lauheit der Deutschen in Znin ge- schriebe» worden.-Eine lange Zeit ist seitdem verflossen, doch ist hier auf diesem Gebiete nichts besser geworden. Es erscheint daher an der Zeit, hierzu wieder einmal etwas zu sagen. Nachstehendes möge zur Beleuchtung der jetzigen Zustände hier dienen. Vor mehreren Wochen veranstaltete der polnische Rcstauratcur Bnkowski ein Wurstesscn mit Konzert. Hierzu waren etwa 100 Personen erschienen, und zwar annähernd 90 Deutsche und ungefähr 10 Polen. Von deutscher Seite war alle? vertreten, sogar höhere Beamte, Stadtverordnete und mittlere Beamte, die im Genüsse der Ostmarkenzulage sind. Wenn hier ein deutscher Wirt ein Wurstcssen veranstaltet, so erscheinen dazu kaum 30 Herren, natürlich nur Deutsche, denn hier in Znin verkehren Polen nur in polnischen Lokalen. Wenn sich, was selten genug vorkommt, ein Pole in ein deutsches Lokal verläuft, dann verfolgt er damit ganz bestimmte Zwecke. Am 6. dieses Munats veranstaltete BukowLki wiederum ein Konzert, welche« ebenfalls mehr von Deutschen wie von Polen besucht war. Unter den Deutschen war auch dieses Mal alles vertreten, sogar den Kassierer des hiesigen Ostmarkenvcreins konnte man unter ihnen sehen." Einfach schauderhaft I Anstatt sich den schönen Aus- sprnch:„Deutsche wahret Eure heiligsten Güter!" vor Augen zu halten und sich in vaterländischer Genügsamkeit an die Blutwürste und das Wellfleisch deutscher Eosinschwcine zu halten, gehen diese deutschen Beamten mit Ostmarkenzulagen in ihrem perversen Wurstdrange in eine Polnische Gastwirt- schast und pertilgen dort Würste von polnischen Schweinen. Wo bleibt da das deutsche Nationalbewubtsein und die deutsche Kultur! Ein Weistbuch über die Manncsmann-Konzessionen. Die Regierung hat dem Reichstag ein Weißbuch über die Bergwerksinteresien in Marokko zugehen lassen, um der Hetze der Mannesmonn-Presse entgegenzutreten. Die Regierung führt zunächst den Artikel 412 der AlgeciraSakte an, der besagt: „Ein scherifischer Ferma» soll die Bedingungen der Kon- zession und Au-Zbeutung von Minen, Gruben und Steinbrüchen festsetzen. Bei Ausarbeitung dcS Fernianö wird sich die Schcrifische Regierung»ach den den Gegenstand regelnden fremden Gesetz- gcblnigen richten." Die MailneSmannS berufen sich nun auf ein angeblich von Mnlay Hafid erlassenes Berggesetz, das aber nie veröffentlicht wurde. Dies ist aber deshalb wichtig, weil in einer Sitzung des diplomatischen Korpö vom 20. August 1808 einstimmig ein Beschluß gefaßt wurde, der«ine gewisse Mitwirkung und Kontrolle des diplo- malischen KorpS beim Zustandekommen des Gesetzes einführte. Die Denkschrift untersucht nun das angebliche„Berggesetz" Mnlay HafidS und weist schlüfftg dessen RcchtSungültigkeit nach, womit auch die Hinfälligkeit der famosen Mannesmannkonzessionen eigentlich be- wiesen ist. Trotzdem hat die Negierung, da eS sich ja um kapita- listische Profitinteressen handelt, die Herren ManneSmann sehr rege unterstützt und schließlich die Amiahme«ineS Schiedsgerichts erreicht. Darüber sagt die Denkschrift: „Die Annahme dcS Schiedsgerichts über die Rechtsfrage bc- beutet ein Kompromiß zwischen der Auffassung der Herren ManneSmann, die unänfcchtbäre Rechte zu haben vermeinen. und der Auffassung der Regierungen und der übrigen Interessenten, die die Rechtibeständtakeit der ManneLmannschcii Ansprüche nicht anerkennen. ES ist n i ch t e i n z u s e h e n. lvaS unter solchen Umständen gegen ein Schiedsgericht eingewendet werden kann. Die Austvahl der Schiedsrichter, fünf rechts- und bergbankundiger Leute, soll durch das schweizer Bundcsgericht oder dessen Präsidenren erfolgen." Diese ganzen Darlegungen verstärken nur den Eindruck, daß eS sich bei der Mannesmannkampagne wirklich um ein recht starkes Stück kapitalistischer Unverschämtheit in der Unterschiebung der eigenen Profitinteressen als nationaler Interessen gehandelt hat. Liberale Einigung. Der Z e n t r a l a u s s ch u ß der Freisinnigen Volkspartei hat am Sonnabend und Sonntag im Reichstag über die Frage der Einigung verhandelt und sich für den Zusammenschluß der drei linksliberalen Parteien auf der Grundlage der vom Viererousschuß der linksliberalen Fraktionsgemeinschaft vorgeschlagenen Entwürfe des Programms, des Organisationsstatuts und der UebergangS- bestimmungen ausgesprochen. Teilnehmer an dieser Sitzung waren 44 Reichstags- und Landtagsabgeordnete sowie 68 Delegierte von 31 Provinzial- und Bezirksverbänden. Zum Schluß wurde eine von den beiden Referenten Dr. Wiemer und Dr. Müllsr-Meiningen vorgeschlagene Resolution angenommen, in der es heißt: „Der ZentralanSschuß der Freisinnigen Volkspärtei sieht die Vorschläge deS ViereraussckiuffeS der Freisinnigen Fraktions- gemeinschaft als geeignete Grundlage für den Zusanimenschluß der drei linksliberalen Parteien am Er erklärt— vorbehaltlich einzelner Abänderungsvorschläge— seine Zustimmung zu dem vom Viereransschuß vereinbarten Einigungsprogramm, dem Organi- sationsstatnt und den Uebergangsbestimmungcn und spricht sein Einverständnis damit aus. daß auf dieser Grundlage mit Zu- stimmung der parlamentarischen Vertretungen und der Partei- organisationen im Lande der Zusammenschluß der Linlsliberalen zu einer einheitlichen Fortschrittspartei auf einem in kurzem ein- zubecufenden Parteitag beschlossen wird." Der Parteitag der Freisinnigen Volkspartci soll am 6. März und der konstituierende Parteitag der neuen Partei am 6. März in Verlin stattfinden._ Das Zcntrmn im Kampf für den Episkopat. Die Zentrumsfraktion des elsaß-lothringischcn Ausschusses war, dem„Elsässer" zufolge, gestern vollzählig versammelt, um Stellung zu dem Kompetenzkonflikt zwischen der Negierung und den Bischöfen zu nehmen. Man erzielte volle Uebereinstiinmung und beschloß, die Angelegenheit in der bevorstehende» Elatsdebatte des Landes- auSschuffeS zur Sprache zu bringen. Bundesrat und Reichstag. Dem Reichstage ist eine llebcrsicht der Entschließungen des Bundesrats auf Beschlüsse des Reichstags zugegangen. Aus dem umfangreichen Aktenstück geht hervor, daß es dem Bundesrat zumeist nicht beliebt hat, den Beschlüssen des Reichstags beizutreten. So ist dem Beschluß, Bauko u trollen re aus der Arbeiterklasse zuzulassen, keine Folge gegeben worden. Der Beschluß über die Sonntagsruhe in der Binnenschiffahrt ist dem Beirat für Arbeiterstatistik überwiesen worden; die_ Erwägungen über Errichtung eineS ReichSarbeits- amtS sind' noch nicht abgeschlossen; ein Entwurf über Unfallfürsorge für solche Personen, die bei der Rettung von Menschen verunglückten, ist ausgearbeitet, soll aber bis zur Erledigung der Versichcrungsgesetze zurückgestellt werden; Erhebungen über die Frage der Gewährung von Darlehen für geinein- n ü tz i g e n Wohnungsbau sind gemacht, Ivcrden aber keine gesetzlichen Maßnahmen zur Folge haben, da sie zu große Mittel erfordern; die Anstellung von Militärzahnärzten ist nicht beabsichtigt; die Frage, den Abgeordneten das Recht des Berufsgeheimnisses für Mitteilungen, die ihre parlamen« tarische Tätigkeit betreffen, zuzusprechen, ist noch in der Schwebe; den Wünschen auf Einrichtung von B e a m t e n a u S s ch ü s s c n in ReichSbetriebcn wird nicht Rechnung getragen, ein Bedürfnis soll nicht vorliegen; die Novelle zum Gesetz über Erwerb und B e r- lust der Staatsangehörigkeit befindet sich noch im Stadium der Erwägungen; ebenso ein Entwurf über V e r s i ch e- rung der Privatbeainten; der Erlaß eineS R c i ch s b e r g- gcsetzeS sowie die reichsgesetzliche Regelung des Knapp- s ch a s t S lv e s e n s wird nicht beabsichtigt; über die Beschlüsse wegen Besser st cllung der Gehilfen von Rechtsanwälten sowie der Angestellten vun Krankenkassen und Versiche- rungsanstalten finden Erörterungen statt; die Regelung deS Strafvollzuges soll nicht vor der Reform deS Strafrechts erfolgen; die Postagenten erhalten die gewünschte P e n s i o n s« lasse nicht; dem Verlangen, jährlich nur einmal K o n t r o l l> Versammlungen abzuhalten, wurde nicht entsprochen, und eine Reform des militärischen Beschwerderechts ist nicht in Aussicht genommen; eine Umarbeitung des Militär- straf rechts soll erst angängig sein, wenn das Strafgesetzbuch erneuert ist; Militärurlauber erhalten keine freie Fahrt, und die Erhöhung der Soldatenlöhnung ist aus finanziellen Gründen abgelehnt worden. Zwei Nachwahlen zum Württcmbergischen Landtag stehen bevor: in Ludwigsburg° Stadt und in Freudenstadt. Ludwigsburg war bisher im Besitz der Volkspartei. Bei der Hauptwahl 1906 erhielt der jetzt verstorbene Vertreter Schmidt 800 Stimmen, der Nationalliberale 810 und der Sozialdemokrat 609 Stimmen. In der Stichioahl wurde der Volksparteiler durch unsere Hilfe mit 1041 gegen 041 nationalliberale Stimmen gewählt. Mittlerweile hat unsere Organisation in der zweiten Residenz Württembergs gute Fortschritte gemacht. Freuden st adt wurde gleichfalls durch einen Volksparteiler vertreten. Bei der Häuptwahl standen sich zlvei volksparteiliche Kandidaten gegenüber, die es zusammen auf 3176 Stimmen brachten. Die Nationalliberalen er- hielten 1239 Stinimen, für die Sozialdemokratie stimmten 1012 Wähler. In der Stichwahl siegte der nun verstorbene volksparter- licho Abgeordnete Schmidt mit 2987 Stimmen über den national- liberalen Gegenkandidaten, der 1639 Stimmen erhielt. Ein interessanter Kommunalwahlkampf ivurde am Freitag und Sonnabend in den Gemeinden Bant und Neuende dcö Amtes Nüstringen im Großherzogtum Oldenburg auSgefochten. In den genannten Orten und der angrenzenden Stadt Heppens sind seit längerer Zeit Bestrebungen der Arbeiter und der fortschrittlich gesinnten Bürgerschaft im Gange, die drei Gemeinden zu einer Stadt zu vereinigen. Nachdem die Kommunal- Vertretungen von Heppens und Bant in diesem Sinne beschlossen hatte», kam die Negierung diesem Verlangen nach und machte dem Landtage zu Beginn der gegenwärtigen Session eine dahin. gehende Vorlage. Weil die Gemeindevertretung NeuendeS die Stadtbildung abgelehnt hatte, wurde die Borlage an den Ausschuß zurückverwiesen, um erst das Resultat der sofort angeordneten Neuwahlen zu den kommunalen Körperschaften abzuwarten. In der Stadt Heppens wurden nahezu einstimmig die Kandidaten der Arbeitcrkommunalvereine, in denen, wie in Bant und Ncuende, unsere Parteigenossen und die Anhänger einer arbeiterfreundlichen Kommunalpolitik vertreten sind, gewählt. Bei der Wahl in Neucndc und Bant machten die Reaktionäre. Haus- und Landagrarier unter Führung eines ReichSverbändlerS die größten Anstrengungen, ihre Kandidatenliste durchzubringen. Im ersteren Orte holten sie sich am Freitag eine gewaltige Niederlage, indem sie nur 180 Stimmen aufbrachten, während die Arbciter-Kominunalvereine 630 Stimmen erhielten. Noch glänzender fiel der Sieg für die Arberterliste in Bant am Sonnabend aus. Dort besteht ein Wahlgesetz, nach welchem die Hausbesitzer für jedes Haus und die Grundbesitzer für je 2 Hektar unbebauten Landes eine weitere Stimme als ihre persönliche haben. Bei der letzten Wahl hatten die Gegner die gleiche Stimmenzahl wie die Arbeiter-Kommunalvereine erreicht und einige Mandate erhalten; diesmal hofften sie sicher, ihre samt- lichen Kandidaten gewählt zu sehen, war es ihnen doch noch in letzter Stunde gelungen, wieder die 246 Hausbesitzerstimmen der Kaiserlichen Werft zu Wilhelmshaven zu erhalten. Unter äußerst starker Wahlbeteiligung— es wählten über 90 Proz. sämtlicher Wähler— ging die Wahl vor sich. Das Resultat war, daß auf unsere Liste 2440— 2478 Stimmen und auf die der Gegner 1332 bis 1370 Stimmen entfielen, sämtliche 11 Mandate also in unseren Besitz gelangten. Von den neuen 33 Kommunalvertretcrn der drei Gemeinden besteht die übergroße Mehrzahl aus Partei- genossen. Das von den Häusagrariern und bürgerlichen Reaktiv- nären an den Landtag gerichtete Verlangen, das Pluralwahlrccht der Gemeinde Bant auf die neue Stadt auszudehnen, peitschte die Arbeiter auf und machte den Wahlkampf zu einem Klassenkampf, in welchem die Arbeiter glänzend gesiegt haben. Dieses Wahlergebnis dürfte nun auch den Landtag davon überzeugen, daß die übergroße Mehrheit der Einwohnerschaft Nüstringens die Vereinigung zu einer Stadt verlangt. Die drei Wilhelmshaven umschließenden Orte gehören wirtschaftlich zu ein- ander und haben bereits gemeinsame Einrichtungen, wie Schlacht- Hof, Kanalisation, Sparkasse usw. Ein betrügerischer Stadtverordneter. Der Stadtverordnete Alexandrowitz in Grätz iProvinz Posen) wurde wegen Ver« untreuungen bei der Polnischen Vereinsbank in Höhe von 10 000 M. verhastet. Ocftcmicb-Cliigarn. Das Ministerium Khuen-Hedervary. Wie», 17. Januar. Die„Neue Freie Presse" meldet: Der Kaiser hat die ihm heute vom Grafen Khuen- Hedervary unterbreitete Ministerlistc genehmigt. Das nene Kabinett wird sich noch in dieser Woche im Abgeordnetenhause vorstellen. Graf Khuen wird versuchen, vor demselben sein Programm zu entwickeln. Der Ministerpräsident ist auf Stur m- s z c n e n gefaßt, hofft aber, sich trotzdem Gehör verschaffen zu können. Sollten wider Erwarten die Sturmszenen so heftig werden, daß er sich im Abgeordnetenhaus nicht Gehör zu ver- schaffen vermag, dann wird er sein Programm im Magnaten- hause darlegen. Den Kernpunkt des Kabinetts Khuen bildet die Wahlrefor m. Graf Khuen steht auf dem Standpunkt des allgemeinen Wahlrechts ohne Ein- schrünkung durch einen Zensus oder durch ein Pluralwahlrecht. Neben der Wahlreform wird das Regierungsprogramm auch Reformen betreffend die Verwaltung und der Justiz enthalte». Der Wahlrechtskampf. Budapest, 17. Januar. Gestern nachmittag fanden hier und in allen anderen Provinzstädten Massenkund- ae bungen der Arbeiter für das allgemeine W a h r e ch t statt. An der hiesigen Kundgebung beteiligten sich etwa 20000 Arbeiter in geschlossenem Zuge. Auswandcrcrausbeutung. Hamburg, 17. Januar. Die kroatische LandeSrcgie- rung hat eine Verordnung erlassen� nach der jeder AuSwan» derer bei der kroatischen Bank für Handel, Gewerbe und In» dustrie in Agvam mit vier Kronen gegen Tod, Unfall und Ge» päckvcrlust zu versichern ist. Da die Dampfschiffgesellschafteu es nicht zu übernehmen vermochten, den Auswanderern für eine Versicherung vier Kronen abzunehmen, die jede gute Versicherungs- anstalt für 70 Heller besorgt und die bisherigen Vorstellungen nichts nützten, so wiesen der Norddeutsche Lloyd, die Hamburg- Llmerika-Linie, die Red Star Linie, die Holla»d-Amcrika-Lime, die Compagnie Generale Transatlantique und die Austro-Amerilana ihre Agramer Repräsentanten an. bis zur Klärung der Angelegen- heit durch weitere Verhandlungen keine Passagiere auf- zunehmen. Der B a n u s droht jetzt mit K o n z e s s i o n L- c n t z i e h u n g. frankretcb. Ein reaktionärer Beschluß. Paris, 13. Januar. Der Ausschuß der radikalen und der radikal-sozialistischen Partei hat sich g e g e n die P r o p o r» t i o n a l wähl ausgesprochen. Gegen Hervs! Paris, 16. Januar. Die Staatsanwaltschaft leitete gegen Gustave Hcrvü wegen eines Artikels, der den Mord an dem Polizisten Deray verherrlichte, die gerichtliche Unter« s u ch u n g ein. ©cbwedcn. Parlamentseröffnung. Stockholm, 17, Januar. Der Reichstag ist heute von dem König mit einer Thronrede eröffnet worden, welche den vorjährigen ernsten Arbeiterausstand erwähnt, der Anlaß gegeben zur Ausarbeitung von Gesetzentwürfen, um Arbeits- einstellungen zu verhüten. Ein Gesetzentwurf betreffend Revision des Zolltarifs werde demnächst vorgelegt werden. Ungeachtet der großen Ersparnisse für 191 l, in welchem Jahre die Gesamtsumme der Erfordernisse geringer ist als diejenige für 1910. würden neue Steuern notwendig sein, unter anderem eine Erhöhung des Eingangszolles auf Kaffee und der E r b f ch a f t S- st e u e r, ebenso eine Einkommen-und Vermögens st euer. Für die Fonds der Arbeiterversichcrungcn habe man 1 400 000 Kronen zurückgestellt. Spanien. Für die Amnestie. Barcelona, 16. Januar. Heute vormittag bewegte sich ein D e m o n st r a t i o n s z u g von etwa 50 000 Personen durch die Stadt nach dem Palast des Gouverneurs. Hier wurde eine Adresse überreicht, in der um Amnestie für die wegen der Vorgänge im Juli vorigen Jahres in Haft ge- nommenen Personen gebeten wird. Die Ordnung wurde nirgends gestört._ Nene Kämpfe in Marokko. Madrid, 10. Januar. Wie die„Corros�oadeuota clo Espafia11 über Eadix aus Tanger erfährt, sollen sich die N ifst ä in me darauf vorbereiten, den Kampf gegen die Spanier von neuem auf- zunehmen. Emissäre der Stämme sollen in Tanger ganz öffentlich MunitionSankäufe vornehmen. parlamentarifcbes. Ans dem Krieg-Zpfad wider Dernlmrg. Die Diomanten-Jntercssenten in L ü d c r i tz D il ch t haben sich von neuem auf telegraphischem Wege beschwerdeführend an de» Reichstag gewendet. Die Angaben Dernbnrgs über die einzelnen Dianiantgcsellschaften werden von jenen als„völlig unzutreffend" bezeichnet. Der Staatssekretär hat bereits in der Budgetkommission angekündigt, daß er sich die eigentliche Abrechnung mit den Lüderitzbuchtcrn für das Plenum des Reichstags vorbehalte. Gewcrkrcbaftlicbee. Hufruf an die Zündbolzarbeiter und Hrbeiterinnen Deutfcblands. • Infolge des Zündwarensteuergesetzes vom 15. Juli 1309 ist-über die deutsche Zündholzindustrie eine Krise herein- gebrochen, die für die betreffenden Arbeiter und Arbeite- rinnen Arbeitslosigkeit und Arbeitszeitverkürzung zur Folge hat. Die Zündholzarbeiter und-Arbeiterinnen von Pfung- stadt und Niederramstadt(Großherzogtum Hessen) beschlossen daher, an den Deutschen Reichstag zu petitionieren zwecks Entschädigung derjenigen Arbeiter und Angestellten, die in folge des Inkrafttretens dieses Steuergesetzes arbeitslos oder durch Betriebseinschränkung in ihrem Einkommen geschädigt werden. Die Arbeiterschaft der Zündholzindustrie von Pfungstadt und Niederramstadt fordert alle Kollegen und Kolleginnen auf, sich der Petition an den Deutschen Reichstag anzu- schließen. Die Petition sowie Listen zur Unterschrift derselben sind durch Rud. Keller, Frankfurt a. M., Battonstr. 79, I, zu beziehen. Es wird gebeten, die ausgefertigten Listen unver- züglich an die gleiche Adresse portofrei einzusenden. Mit kollegialem Gruße! I. A.: Rudolf Keller. Die arbcitcrfrcundliche Presse wird um Abdruck dieses gebeten. Berlin und Umgegend. Lohnbewegung der Formstecher. Eine sehr zahlreich besuchte Versammlung der Formstecher Berlins und Umgebung fand am Sonnabend statt. Der Vorsitzende berichtete über die Antworten der Arbeitgeber über die von den Gehilfen eingereichten Forderungen, wie neunstündige Arbeitszeit; Mindestlohn für Ausgelernte im ersten Jahr iQVj M.; 10 Proz. Lohnerhöhung für alle übrigen; für Ueberstundeu 25 Proz. Zu- schlag und auf je 2 Gehilfen ein Lehrling. Die Antwort der Arbeitgeber war teilweise zustimmend, ver- einzelt aber ganz ablehnend. Besonders scharf verurteilt wurde das Verhalten der Firma L i p p m a n n, Tapetenfabrik, Strelitzer- straße. Der Inhaber dieser Firma erklärte, daß die Forderungen für ihn abgetan seien und er keinen Grund zum Verhandeln habe; »folgedessen haben bereits bis�auf zwei Formstecher alle übrigen «kündigt, weil sie anderweitig Stellung haben. Die Organisations- leitung wurde beauftragt, sich mit der Firma in Verbindung zu setzen, lehnt auch hier diese Firma jedes Verhandeln ab, so sollen weitere Maßnahmen gegen diese Firma ergriffen werden. Da die Formstecher sich auch zugleich durch die bestehende Zentralkommission der Formstecher an die Arbeitgeber wandte», so berichtete deren Vorsitzender, daß die Arbeitgeber brieflich dahin Antwort gegeben hätten, daß sie sich bereit erklärten, mit einer Kommission über diese Forderungen zu verhandeln. Die Ver- sammlung wünschte jedoch ein sofortiges Vorgehen mit allgemeiner Kündigung. Der anwesende Zentralvorsitzende S i l l i e r riet jedoch an, zunächst den Weg der beschleunigten Verhandlungen zu betreten. Schließlich wurde nachstehende Resolution einstimmig angenommen: „Die heute, am IS. Januar, vollzählig besuchte Versamm- der Formstecher Berlins beschließt, in die Verhandlungen mit der Arbeitgeberorganisation resp. mit einer beiderseitigen Kom- Mission einzutreten. Die Versammlung erwartet jedoch, daß die Verhandlungen in aller Kürze stattfinden und behält sich weitere Schritte zur vollständigen Erringung ihrer Forderungen vor." Oeutfches Reich. Der Reichstarif im Malergewerbe angenommen! Die am 8. Januar 1910 zu Berlin von dem Kollegium der Unparteiischen, Herren Magistratsrat v. Schulz, Gerichtsrat Dr. Prenner und Beigeordneter Rath, gefällten Schiedssprüche über Arbeitszeit, Lohnfrage und Lohnausgleich wurden den Mit- gliedern des Hauptverbandes deutscher Arbeitgeberverbände im Malergewerbe sowie den Mitgliedern der drei in Frage stehenden Arbeiterorganisationen zur Abstimmung unterbreitet und ist die all- seitige Zustimmung nunmehr am 16. dieses Monats bei dem Kollegium der Unparteiischen niedergelegt worden. Damit dürfte der Friede i», Malergewerbe für die kommenden drei Jahre gesichert sein. Die Abstimmung im Verbände der Maler ergab folgendes Resultat: Von den 16 720 Mitgliedern, welche an den Versamm- lungen teilgenommen hatten, haben 8832 für und 6192 gegen die Schiedssprüche gestimmt. Eine Reihe größerer Städte wie Berlin, Hamburg, Bremen. Kiel, Köln. Danzig. Breslau, Elberfeld-Barmen haben infolge der durch die zentrale Regelung herbeigeführten ge- ringen Lohnaufbesserungen und zum Teil Verschlechterung des Ver- tragsmusterS geschlossen gegen den Reichstarifvertrag und die Schiedssprüche gestimmt, während in über 200 größeren und kleineren Orten, im besonderen in Süddeutschland die Aufbesserung des Lohnes als eine wesentliche betrachtet wird und daher mit großen Mehr- heiten dem Abschluß des Tarifvertrages zugestimmt wurde. Lohnbewegungen in der Holzindustrie. In Schwelm versuchte die Leitung der dortigen Pinsel- fabrik, sich für die an den Sonnabenden eintretende kürzere Ar- beitszeit für Arbeiterinnen dadurch schadlos zu halten, daß sie für alle Beschäftigten eine Verlängerung der Arbeitszeit um täglich eine Viertelstunde durchführen wollte. Die Pinselarbeiter waren damit nicht einverstairden, sondern verlangten die gleich- mäßige Arbeitszeit für alle im Betriebe beschäftigten, was der Deutsche Holzarbeiterverband unterstützte. Stach längeren Aus- einandeisetzungen mit der Firma wurde dem Verlangen der Ar- beiter nachgegeben. Der Arbeiterkommission gelang es auch, eine Erhöhung oer Akkordsätze bis zu 30 Proz. zu erreichen. In H e m e l i n g e n- B r e m e n sind bei der Firma C. C. W e h m a n n, Weitzmöbelfabrik, sämtliche Tischler und Maschinen- arbeiter wegen Vertragsdifferenzen entlassen worden. Vor Zu- zug wird gewarnt. Der Kampf in Höchst geht weiter. Die Unternehmer ver- suchen, die Oestentlichkeit zu täuschen. So sind in den letzten Tagen Lohnlisten in den bürgerlichen Zeitungen veröffentlicht worden, in denen die Arbeiter mit niedrigen Löhnen„vergessen" wurden. Daß der Durchschnittslohn hierdurch ein„hoher" wird, ist verständlich.* In Brand, in der Erzgebirgischen Holzindustrie, wurde eine Bewegung ohne Streit durchgeführt, die den Arbeitern einen schönen Erfolg brachte. Die bestehenden Aktordpreise wurden um 10 Proz. und die Löhne der Maschinenarbeiter um 4 Pf. pro Stunde erhöht. Außer diesen, wurde eine neue Kalkulations- tabelle für Siublbauer vereinbart. An dem Erfolg sind rund 100 Arbeiter beteiligt. Einen erbitterten Kampf führen seit 14 Wochen die Harmonika- arbeiter in Langenberg bei Gera. Wiederholte Verhand- lungen mit dem Fabrikanten konnten eine Einigung nicht herbei- führen, auch das Eingreifen des Bürgermeisters brachte keinen Erfolg. Die Korbmacher bei der Firma Saalbach in Korbetha und Halle führen seit 10 Wochen einen Kampf gegen eine erheb- liche Herabsetzung der jetzt schon niedrig gehaltenen Akkordpreise. Ein Ende des Streiks ist noch nicht abzusehen. * In Sommerfeld befinden sich die Tischler seit 18 Wochen im Streik. Bei der Firma L a u f f e r. Möbelfabrik in Schwenningen, dauert der Streik schon 24 Wochen. Verhandlungen, die in den letzten Tagen stattsanden, verliefen ergebnislos. In Luckenwalde zeitigt der ILwöchige Kampf der Tischler eigenartige Blüten. Dort sollen einige Arbeitswillige mißhandelt Ivorden sein, weshalb ein Gendarmerieaufgebot von 8 Mann nach dort kommandiert wurde. Den Streikenden wurde „jede Annäherung" an die Arbeitswilligen untersagt, und aus detu Bahnhofsperron wird bei jedem eintreffenden Zuge von dem anwesenven Polizisten aufgefordert, daß, falls sich unter den eintreffenden Reiiende» arbeitswillige Holzarbeiter befinden, die des polizeilichen Schutzes bedürftig sind, diese sich in den Bereich seines Eeitengewebres begeben sollen. Verhandlungen, die der Bürgermeister einleitete, hatten keinen Erfolg. Der Zuzug nach allen obengenannten Orten ist weiter streng fernzuhalten.___ Die Lohnbewegung der Bromberger Böttcher ist nach kurzer Dauer mit einem vollen Erfolg für die Ausständigen beendet wor- den. Die Arbeitszeit wurde um 3!4 Stunden wöchentlich verkürzt, der Lohn durchschnittlich um 1,S0— 3 M. erhöht und die Organisa- tion anerkanntz Die Abmachungen wurden tariflich festgelegt. Ter Erfolg ist um so bemerkenswerter, als die Organisation erst auf ein halbjährliches Bestehen zurückblicken kann. In der Steindruckerei der Firma C. F. Leonhardt in Crossen an der Mulde sind Differenzen ausgebrochen. Zunächst wurde der Vertrauensmann gemaßregelt, und die Firma lehnte jede Verhandlung mit der Organisation ab. Desgleichen lehnte die Firma auch einen von den Arbeitern eingereichten Tarif ab. Die Firma, die viel für Konsumvereine fabriziert, sucht mit Vorliebe Nichtverbändler. Der Betrieb ist für Steindrucker bis auf weiteres gesperrt._ Der Vorstand des Allgemeinen Knappfchaftsvereins gegen die„Bcrgarbeiter-Zeitung". Der Vorstand des Allgemeinen Knappschaftsvereins in B o chu m beschloß in seiner jüngsten Sitzung auf Antrag des Verwaltungs- direktors Kühne, gegen die„Bergarbeiterzeitung" Strafantrag zu stellen, weil sie jüngst in einem Artikel gesagt, daß die Statuten von der Verwaltung in einem die Arbeiter schädigenden Sinne ausgelegt werden. Da die bürgerliche Lokalpresse in ihrem am Sonnabend verbreiteten Bericht über die Sitzung sagt, daß der Beschluß einstimmig gefaßt und im Vorstand des KAappschastsver- eins auch 5 Verbandsmitglieder sitzen, bedarf die Sache der Auf- klärung. Die 5 Verbandsmitglieder haben ursprünglich gegen den Antrag protestiert, weil das von der„Bergarbeiterzeitung" Be- hauptete unbestreitbar wahr sei. Als die Verwaltung aber das be- stritt, zogen sie ihren Protest zurück, damit die arbeiterschädigende und sinnwidrige Auslegung der Statuten endlich einmal gerichtlich festgestellt werden könne. Die Aeltesten befinden sich mit dieser ihrer Stellungnahme im vollen Einverständnis mit der„Berg- arbeiterzeitung", die schon in der nächsten Nummer weiteres Tat- sachenmaterial für ihre Behauptungen bringen wird. Tarifbewegung des Buchdruckerei-Hilfspcrsonals in Dresden. Schon 4 Wochen stehen 80 Anlegerinnen im Kampf um Ein- führung des Tarifs. Als die Prinzipale Verhandlungen ablehnten, reichten 100 Anlcgeriiinen die Kündigung ein, die von verschiedenen Prinzipalen mit sofortiger Entlassung der Vertrauenspersonen unter Auszahlung des Lohnes beantwortet wurde. In vier Druckereien wurden Sonderverträge abgeschlossen. Das Personal einer Druckerei trat am 11. Dezember, alle anderen am 18. De- zember außer Arbeit. Die Bemühungen der Prinzipalsorgani- sation und der Gchilfenorganisation, Verhandlungen anzubahnen, waren bisher erfolglos,-was in der Hauptsache darauf zurückzu- führen ist, weil instanzenmäßig noch nickt enisifsieden ist, ob die Gehilfen auf Grund ihres Tarifes verpflichtet sind, mit geübten Streikbrechern als Hilfsarbeitern zu arbeiten. Ungeübte brauchen die Gehilfen nicht anzulernen, auch nicht die Arbeiten des Hilfs- Personals verrichten; aber die Gehilfen müssen mit den von Ober- meistern und Lehrlingen Angelernten arbeiten, deshalb konnte der Betrieb in einigen Druckereien notdürftig aufrecht erhalten loerden. Verlangte Ueberstunden sind auf Anordnung des Buchdruckcrver- bandes nicht weiter gemacht worden, und in der nächsten Woche werden die letzten der maßgebenden Instanzen darüber entscheiden, ob die Gehilfen mit geübten Streikbrechern arbeiten müssen. In der Mittweidacr Tonwarenfabrik, Gewerkschaft Sanssouci in Riesa haben die Arbeiter wegen Lohnreduzie- rung die Arbeit eingestellt. In Betracht kommen zirka 6S Arbeiter, die dem Fabrikarbeiterverband angehören. Verhandlungen des Arbeiterausschusses und des Gauleiters waren erfolglos. Seit dem 1. Januar dieses Jahres hat das Werk einen neuen Direktor. Dieser verfügte, daß vom 15. an die reduzierten Löhne gelten. Zuzug ist fernzuhalten._ Eine Mafsenklage vor einem Gewerbegericht. Infolge fortgesetzter Maßregelung sind, wie schon berichtet, vor vier Wochen die Arbeiter einer Abteilung der Glühfaden- fabrik in Lechhausen in den Streik getreten. Nachdem es der Betriebsleitung trotz eifriger Bemühungen nicht gelungen ist, Ersatz für die Streikenden zu erhalten, stockt der gesamte Betrieb, und die Direktion veranlaßte, die Arbeitszeit für die übrigen Ar- beiter auf 3 Tage pro Woche, also auf die Hälfte, zu reduzieren. Diese Verkürzung der Arbeitszeit, die natürlich einen ganz be- deutenden Lohnausfall mit sich bringt, erfolgte willkürlich ohne Einvernehmen mit der Arbeiterschaft. Nachdem sich die Fabrik- leitung weigert, für den Verdienstausfall eine Entschädigung zu zahlen, haben nun 2S0 Arbeiter und Arbeiterinnen die Firma beim Gewerbegericht eingeklagt. Weitere 40 Klagen sind von den Streikenden am gleichen Gericht anhängig gemacht, weil die Firma ihnen beim Austritt den Lohn für 3 Tage einbehalten hat und die Herauszahlung verweigert. Busland. Lohnbewegungen in Dänemark. In verschiedenen Berufen und Orten stehen die dänischen Ar- beiter gegenwärtig in einer Lohnbewegung. Bei der dänischen Arbeitgebervereinigung waren bis Mitte dieses Monats 24 Tarif- kündigungen angemeldet. Beteiligt sind daran zumeist ungc- lernte Arbeiter, ferner Maler, Sattler und Böttcher. Es handelt sick hierbei um kjeine Gruppen von Arbeitern in mehreren Orten oder Betrieben, und im ganzen um ungefähr 2000 Mann. Außer- dem haben jedoch die Zevtralvereine der Mauerermeister und der Zimmermeister in ganz Dänemark, mit Ausnahme der Hauptstadt, dem Maurer-, dem Zwimerer- und dem Arbeitsmannsverband die Tarifverträge gekündigt und hiervon werden über 6000 Mann be- troffen. Die Meister selbst, die in den vielen Kleinstädten gern mit ihren Gesellen in Frieden arbeiten wollten, sind von den leitenden Herren des gesamten dänischen Unternehmertums zur Tarifkündigung veranlaßt worden. Die Arbeitgebervereinigung stellt nun die allgemeine Lage so dar, als ob wieder einmal die Arbeiter den allgemeinen„Arbeitsfrieden" stören wollten, obwohl für mindestens drei Viertel der beteiligten Arbeiter die Unter- nchmer und ihre Zentrale die Friedesstörer sind. Am Freitag hat der Ausschuß der Arbeitgebervereinigung über die vor- liegenden Tarifkündignngen beraten, und man erwartete schon. orgänisationen mit Rücksicht äüf die schlechte Konjunktur b'on Forderungen auf Lohnerhöhung Abstand nehmen. Achtung, Klavierarbeiter! Die Klavierarbeiter werden gebeten, Zuzug nach Trieft, Firma Enrico Brenitz, fernzuhalten, da die dortigen Arbeiter sich im Streik befinden. Drohende Zlussperrung in den spanischen Marine-Werkstätten. Zwischen den Arbeitern und der Direktion des Marincarsenals in El Ferrol ist wegen der Anordnung von Ueberstunden eine Diffe- renz entstanden. Die Direktion hat den Arbeitern eine Frist von drei Tagen gewährt, innerhalb deren sie die Arbeit unter der Bedingung, auch Ueberstunden zu leisten, annehmen können. Anderenfalls werden die Werkstätten geschlossen werden, was eine Aussperrung von 2400 Arbeitern zur Folge haben würde. Einigung der Eisenbahnangestellten? New Jork, 17. Januar. Die Führer des Syndikats der Eisen- bahnangestellten und Arbeiter haben am nächsten Donnerstag eine 5lonferenz mit den Vertretern der Direktoren der verschiedenen Eisenbahndirektionen. Der Zweck dieser Versammlung ist, die Unterlagen zu einer Einigung zu suchen. Soziales. Arbeiterflucht. Alle Mittel der Regierung und Junker nützen nichts mehr! Tie Flucht der Landarbeiter hält weiter an und verstärkt sich von Jahr zu Jahr. Sehr interessante Zahlen gewinnen wir wiederum aus dem Bericht der Landcs-Versicherungsanstalt Posen. Be- kanntlich haben sich die Versicherungsanstalten gegenseitig Ersatz zu leisten für Beitragserstattungen im Falle der Heirat, des Todes und eines Unfalles der Versicherten. Nach erfolgter Bei- tragserstattung werden dann die Quittungskartcn mit Aufstellung der Heimatsanstalt zugestellt. Man ersieht hieraus, welche Ar- beitcrmassen aus dem Bereiche der Versicherungsanstalt später in andere Bezirke ausgewandert sind. Nach dem Bericht der Versicherungsanstalt Posen hatte diese Anstalt nur 33 644 Karten an andere Versicherungsanstalten im Jahre 1908 abzusenden, erhielt dagegen 110 160 Karten zurück. Im Jahre 1004 wurden vo» dieser Versicherungsanstalt 20 Ä3 Karten abgeschickt und 88 783 kamen zurück. Die Hauptzahl der Auswanderer aus der Provinz Posen ergießt sich in folgende Landcsteile, wie wir auch aus den Ziffer» des Berichtes ersehen können. Es sind Karten Es sind Karten übersandt an die eingegangen von der Versicherungsanstalt: 1908 1406 1326 4531 1092 709 1163 3270 1004 1161 St. 1287.. 4404„ 800„ 689„ 887„ 2897„ „Ostpreußen" „Berlin" „Brandenburg" „Westfalen" „Rheinprovinz" „Hannover" „Sachsen-Anhalt" 1903 033 17>56 24ZS0 10 304 II 484 5 724 7 047 1904 950 St. 11 363„ 16 565„ 8126„ 8242„ 3 314„ 8 785„ Bei den übrigen Versicherungsanstalten ist die Zahl geringe» oder gleicht sich ziemlich aus. Sehr stark ist also die Zuwanderung der Arbeiterschaft des Provinz Posen in die Bezirke Berlin, Brandenburg, Westfalen, Rheinprovinz, Hannover usw., während von dort nur verhäjtnis, mäßig wenige Arbeiter die gesegneten Gefilden Posens aufsuchen. Aber auch die Versicherungsanstalt sucht den Arbeitern den Aufenthalt in ihrer Heimat recht„angenehm" zu machen. Die Gesunden ivandern aus und die Invaliden und Alten werden von der Versicherungsanstalt scharf kontrolliert. Die Kontrollunter- suchung der Rentenempfänger ist nach dem Bericht„im verstärkten Maße" durchgeführt worden. Nur die Invaliden,„soweit sie das 70. Lebensjahr" überschritten hatten, wurden verschont. Freudig kann daher die Versicherungsanstalt mitteilen, daß die Zahl der Rentenempfänger sich verringert hat. -Altersrenten wurden gezahlt im Jahre 1907 noch 4078, int Jahre 1908 nur noch 3806. Invalidenrenten 29 223, im Jahre 1008 nur 28 383. Tie Arbeiter aus Posen wandern aus und Ausländer müssen ihre Stellen besetzen. Leider ist die Zahl der in der Provinz Posen beschäftigten Ausländer nicht genau zu ersehen, jedoch ständig im Steigen begriffen. Auch dies kann man aus den Zahlen des Be- richte» ersehen. Bekanntlich bestimmt das Jnvalidengesetz im§ 4 Absatz II, daß Ausländer, welchen der Aufenthalt im Jnlande nur für eine bestimmte Dauer behördlich gestattet ist und die nach Ablauf dieser Zeit in das Ausland zurückkehren müssen, der Versicherungspflicht nicht unterliegen. Der Arbeitgeber hat aber der Versicherungs- anstalt die Hälfte der Beiträge für diese Personen zu zahlen. Es kommen also nur Beiträge für eine kurze Zeit des Jahres, der Ernte usw., in Frage und auch nur die Hälfte derselben, so daß also die Zahl der in Betracht kommenden Personen sehr groß sein muß, wenn größere Einnahmen erzielt worden sind. Der Bericht erwähnt nun, daß im Jahre 1002 für diese Ausländer der Betrag von 8540 M., im Jahre 1908 dagegen 32 493 M. vereinnahmt worden sind. Die Ziffern stiegen von Jahr zu Jahr erheblich an. Die Anwendung der Sprachenparagraphen wird also immer schwieriger und die Lage der Landarbeiter der Provinz Posen jedenfalls nicht bsser._ Letzte Nachricbten und Dcpcfchen. Die Wahlen in England. London, 17. Januar.(W. T. B.) Bis zehn Uhr abends lagen folgende Wahlergebnisse vor: 50 Unionisten, 38 Libe. rale, 9 Arbeiterpartei, 13 Nationalisten. Die Unionisten ge- wannen also bisher 18. die Liberalen 3 Sitze, die Arbeiter- parte! gewann einen Sitz._ Drohender Ausstand. Trieft, 17. Januar.(B. H.) Die Maschinisten des österreichi» scheu Lloyd forderten, daß ihre Bezüge erhöht werden und drohten sonst mit einem Generalstreik. Entsetzliches Ende einer Arbeiterin. Königshütte, 17. Januar.(B. H.) Die Arbeiterin F r a s s e k sammelte auf der Ko h l e n h a l d e der Königsgrube Kohlen- r e st e. Grubenarbeiter, die von der Frau keine Ahnung hatten, schütteten von oben Wagen mit brennender Kohlen- schlacke aus. Die Schlacken begruben die Frau, welche elend verbrannte. Die verbrannten Leichenteile fand man unter den Schlacken._ Ein Aristv»rat als Falschmünzer. Madrid, 17. Januar.(W. T. B.) Wie die Blätter melden. daß wieder einmal" nach altgewohnter Weise'"eine"'.Massen- � A t-st o f t a t, der früher der Teput.ertenkammerange. aussperrung angekündigt werden sollte. Die Herren begnügten � horte, verhaftet w-rden, weil auf seinem Besitztum Gua.x e...e sick aber rorläufig mit einer Aufforderung an den Verband der Falschmünzerwrrkstatte entdeckt wurde. Es soll sich um ein Mit» Gewerkschaften, dahin zu wirken, daß die betreffenden Arbeiter- glied der herzoglichen Familie Benavente handeln. Verantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.i Itz, Glocke, Berlin. Druck u.BerIag:VorwSrtsBuchdr.u.Berlag»anstallPaulSingerScCo.,BerIinLVk, Hierzu 4 Beilagen u.yntrrhaltungSbl, Kr. II. 27.Iahrgaas. 1. KeilM des Jotinirto" Bttliiift lolUIntt Dienstits. 18. Idttttdr 1910. Reichstag. 18. Sitzung. Montag, den 17. Januar, nachmittags 1 Uhr. Am BundeSratstisch: Dr. D e l b r ü ck. Auf der Tagesordnung stehen die Interpellationen des Zentrums und der Nationalliberalen: ob der Reichslanzler bereit ist, über den Stand der Vorarbeiten zur Penstonsverficherung der Privatbeamte» Auskunft zu geben, respektive wann ein Gesetzentwurf hierüber zu erwarten ist. Auf die Anfrage des Vizepräsidenten Dr. Spahn erklärt sich Staatssekretär Dr. Delbrück bereit, die Interpellationen heute zu beantworten. Die Interpellation des Zentrums begründet Abg. Sittart sZ.): GrafPosadowsky erklärte die PensionSverficherung der Privatbeamten für wirtschaftlich notwendig und für sittlich berechtigt. Sein Nachfolger, Herr v. Bethmann-Hollweg, stellte sich auf denselben Standpunkt und sprach die feste Hoffnung aus, daß die Schwierigkeiten dieser Versicherung überwunden werden würden. Wie der gegenwärtige Staatssekretär im Reichsamt des Innern, Dr. Delbrück, sich zu der Frage stellt, ist nicht bekannt, und hierüber Klarheit zu schaffen ist der Zweck unserer Interpellation. isehr beunruhigt sind die Privatbeamten darüber, daß die Regierung bei der Reichsversicherungsordnung nichts über ihre Versicherung gesagt hat. Vermehrt wird die Beunruhigung durch die Mitteilung, daß Herr Bassermann in Köln gesagt habe, unter dem gegenwärtigen Staatssekretär werde die Versicherung der Privatbeamten nicht lammen.(Hört! hört l im Zentrum.) Wir wollen nicht drängen, aber wir wollen klar sehen und bitten den Herrn Staatssekretär um eine deutliche Antwort.(Bravo! im Zentrum.) Zur Begründung der Interpellation der NationaMberalen erhält das Wort Abg. Dr. Stresemann(natl.): Der jetzige Reichskanzler stellte am b. Februar 1909 ein Gesetz über die Pensionsversicherung der Privatbeamten in Aussicht, sobald die Verhandlungen mit den Be- teiligtcn beendet seien. Dies ist inzwischen geschehen. Trotzdem ist eine Vorlage nicht gekommen, sondern es ist eine offiziöse Mit' teilung durch die Presse gegangen, die eine» veränderten Stand' punkt der Regierung anzudeuten scheint. Diese Mitteilung beruft sich darauf, daß die Privatbeantten selbst die Versicherung nicht -vollen. Das ist ganz falsch; wohl noch nie sind Arbeitgeber und Arbeitnehmer so einig gewesen über die Notwendigkeit einer sozialen Maßregel wie bei der Pensionsversicherung der Privatbeamtcn. Zu einer deränderten Stellungnahme der Regierung können weder verstcherungslechnische noch finanzielle Bedenken geführt haben. Auch die private Fürsorge hat sich seit Erscheinen der beiden Denkschriften der Regierung nicht so gewaltig entwickelt, daß ein veränderter Standpunkt der Re- gierung erklärbar wäre. Gewiß hat die private Fürsorge Großes geleistet, aber gerade die kleinen und mittleren Betriebe können da incht mitkommen und eS liegt nicht im Jntereffe unserer Eni- Wickelung, aus diesen kleinen und mittleren Betrieben die tüchttgsten Kräfte dein Großkapital zuzuführen. Wir wünschen, daß uns noch in dieser Session eine Vorlage zugeht auf der Grundlage, die durch die letzte Denkschrift der Regierung gegeben ist. Dann werden die Privatbeamten sich nicht von den Sirenentönen der Sozialdemokratie verlocken lassen.(Bravo l bei den Nationalliberalen.) Staatsminister Dr. Delbrück: Die technischen Schwierigkeiten der Aufarbeitung des Materials sind so groß, daß ich noch nicht in der Lage war, eine Borlage nach den Grundzügen der mehrfach erörterten Denkschrift vorzulegen. Ich erwog daher, die Frage im Rahmen der Reichsversicherungsordnung in minder vollendeter Form zu lösen; doch würde das niemand be- friedigen und daher unzweckmäßig sein. Aus diesen äußeren Gründen mußte ich die Gesetzesvorlage noch zurückstellen, was ich um so mehr bedauere, als alle Parteien die Versicherung der Privat- beamten, deren sittliche und wirtschaftliche Notwendigkeit auch ich anerkenne, dringend wünschen. Auf Antrag der Abgg. H e r t l i n g(Z.) und B a s s e r- mann(natl.) wird in die kleines Feuilleton. Leihgebühren und Präsenzbibliothek. Die geplanten Leih- gebühren der Bibliotheken stellen sich nicht nur als eine echt preußisch -ulturwidrige Mehrbelastung der Bildungsbcdürftigen dar. sondern scheinen durchaus dazu angetan, die Benutzung der königlichen Bibliothek im besonderen für einen großen Teil des Publikums unmöglich zu machen. Daß die tatsächlich einmal erzielten Ge- bühren hinter dem Ansatz(40 909 M. im Jahr) zurückbleiben werden, hält der Etat selbst für möglich; das Minus muß dann eben von dem Gesamtposten für Vermehrung und Unterhaltung der Bücher rund einer Viertel Million— erbarmungslos ge- strichen werden. Das scheint unerheblich, ist es aber in der Tat nicht. Von dieser Viertelmillion wird die Hälfte für das Einbinden der Bücher verwandt, und daß die andere Hälfte für die nötigsten Neuanschaffungen nicht ausreicht, weiß jeder Benutzer. Frciexem- plare sämtlicher Neuerscheinungen haben nur die in Preußen firmierenden Verleger zu liefern. So kommt es, daß wichtige Werke mit dem Erscheinungsort München oder Leipzig nicht an- zutreffen sind. Von ausländischen Werken ganz zu schweigen. Nun scheint ja allerdings die Gebühr für die Nichtstudierendcn(Stu- denken sind auf alle Fälle verpflichtet, die Gebühren zu zahlen!) nicht verbindlich zu sein. Doch auch das ist nur Schein; denn die Möglichkeit, sich durch ausschließliches Arbeiten auf dem Lesesaal von der Gebührenzahlung frei zu halten, ist in Wahrheit sehr beschränkt. An und für sich ist ja der Zustand der Präsenzbiblio- t h e k. d. h. einer Bibliothek, die die Bücher nur zur Benutzung an Ort und Stelle ausgibt, kein so ungeheuerlicher. Man kann sich dafür auf die Londoner Bibliothek des Britischen Museums und auf die Pariser Nationalbibliothek berufen. Die Uebelstände, die das Ausleihen in die Wohnung mit sich bringt, sind nicht zu leugnen. Die ins Haus gegebenen Bücher werden, wie Harnack richtig be- merkt, erfahrungsgemäß Wind und Wetter und allen häuslichen Kalamitäten ausgesetzt, ja gehen trotz sorgfältigster Kontrolle ge- lcgentlich unwiederbringlich verloren. Die Zeiten sind ja wohl vorüber, da die Herren Professoren jahrelang Bibliotheksbücher im Hause behielten oder gar Bibliotheksbeamte auf besonders umfang- reichen Bänden bis zu ihrer Pensionierung im wahrsten Sinne des Wortes saßen. Aber die Machtstellung der Univcrsitätsprofessoren trat dennoch wieder unverhüllt zutage, als davon die Rede war, die königliche Bibliothek im neuen Hause in eine Präsenzbibliothek --mzuwandeln. und als dieser Plan unter dem stürmischen Protest der Professoren fiel. Statt njrer, die das intensivste Jntereffe an der Ausleihebibliothek bekundeten, werden nun die Studenten ge- zwungen, ein Leihgeld zu entrichten. Und für die anderen Be- nutzer, die die Leihgebühren nicht zahlen wollen oder können, ist der künftige>.Zustand alles andere als der einer Präsenzbibliothek. In Paris und London erhält man das auf dem Lesesaal bestellte Buch nach durchschnittlich 10 Minuten, in Berlin frühestens, laut offi- ziellem Anschlag, nach 4 Stunden, d. h. nur,-venu man vor 9 bczw. l l Uhr vormittags bestellt hat; nach 3 Uhr überhaupt nicht mehr; doch erlebt man es auch, daß man erst am zweiten Tage nach der Bestellung das Werk vorfindet. Die Beamten trifft kein Vorwurf; ihre Zahl ist. trotz elektrischer Aufzüge Ußd pneumatischer Besprechung der Interpellationen eingetreten. Abg. Dr. Dröschcr(I.): Wir bitten trotz der Erklärung des Staatssekretärs um eine möglichst beschleunigte Einbringung eines Gesetzentwurfes zur Versicherung der Privatbeamten. Wen» sich Bestrebungen zur Hinausschiebung der Sache geltend machen, so haben wir nichts mit ihnen gemein und lehnen es ab, fie irgendwie zu unterstützen.(Bravo! rechts.) Abg. Hormamt(frs. Vp.): Die technischen Schwierigkeiten find gewiß nicht leicht, aber wir beschäftigen uns doch schon 7 Jahre mit der Angelegenheit, und da sollte man meinen, daß man emen Ent- wurf aus Grund der letzten Denkschrift bald vorlegen könnte. Vor allem vermissen wir eine Antwort der Regierung, in welcher Richtung sie die Frage lösen werde. Für sehr notwendig halten wir die Herabsetzung der Altersgrenze von 70 auf 65 Jahre. Ueberstürzen wollen wir die Sache gewiß nicht, denn wir wollen statt eines Flickwerks eine gute brauchbare Vorlage, aber wir wünschen und hoffen doch, daß eine solche noch im Laufe dieser Session uns vor- gelegt wird. Abg. Heine(Soz.): Ich habe auS der Rede des Herrn Staatssekretärs eigentlich gar nichts gehört. Es schweben Verhandlungen. Aber man loeiß nicht, wo sie schweben, man weiß nicht, in welcher Richtung sie schweben und es scheint, die ganze Sache verschwebt in nichts.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Das ist traurig; denn es sind schon dicke Bände darüber gedruckt. Was über die Sache vom Standpunkt meiner Fraktion zu sagen war, habe ich bereits bei Gelegenheit der Interpellation Hehl am 14. März 1907 hier ausgeführt. Die Denkschrift hat nach meiner Meinung die Grundlage, auf der die Versicherung aufgebaut werden müßte, nicht verändert. Wir stehen nach wie vor aus dein Standpunkte, daß es gar nicht anders möglich ist. als die Privatbeamtenvcrsicherung anzugliedern an die Alters- und Invaliden- Versicherung.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Das von der Denkschrift hervorgehobene Bedenken einer übermäßigen Be- lastung durch freiwillige Versicherung in höheren Beitrittsklassen spielt faktisch gar keine Rolle. Der Widerspruch in den Kreisen der Privat- beamten gegen die Angliederung an die Alters- und Invaliden' Versicherung beruht auch nicht etwa auf finanziellen Erwägungen, daß etwa die Reichskasse zu sehr belastet würde, sondern darauf, daß leider Gottes unsere Privatangestelltei» glauben, sie vergäben sich etwas, wenn sie in ein Lokal gehen, wo Arbeiter verkehren.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Ebenso fürchten sie auch, es falle ihnen eine Perle auS der Krone, wenn sie mit den Arbeitern in eine staatliche Versicherung hineingehen. Das ist Torheit, auf die man keine Rücksicht nehmen sollte.(Sehr richtig! bei den Sozial- demokraten.) Hätte man sich schon vor sieben Jahren energisch daraus gerichtet, die Alters- und Jnvaliditätsversicherung in der Richtung der Privatangestelltenversicherung auszubauen, so hätten wir schon ein Resultat. So aber haben wir-nehrere Denkschriften erhallen, und heute haben Sie aus der Rede des Herrn Staatssekretärs gehört, wie weit wir sind, nämlich «ich nicht eine« Schritt weiter! (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) ES wird geltend gemacht, daß erst dte Reichsverficherungsordnung fertiggestellt werden soll. Das sehe ich nicht ein. Dann soll die Regierung lieber die Reichs- Versicherungsordnung, von der wir so wie so n-cht viel halten, in ihrem Portefeuille behalten und mit der positiven Leistung der Versicherungspflicht und des VersicherungsrccktS der Privat- angestellten herausrücken. Wie nachher die drei Versicherungsarten: Kranken-, Alters- und Unfallversicherung zueinander gestaltet werden, das ist eine ganz andere Frage, die mit den positiven Leistungen gar nichts zu tun hat. Das wichtigste ist. daß etwas Positives geschieht, und ich sehe nicht, daß auf dem Wege. den die zweite Denkschrift in Aussicht nimmt, etioas herauskommt. Ich würde mich freuen, wenn ich mich täusche. Die Frage der Abgrenzung zwischen Arbeiter und Beamten hat die Denkschrift viel zu leicht genommen; nian kann ja gar nicht genau definieren, wer Arbeiter und wer Beamter ist. Ferner sind in der Denkschrift Beiträge von einer Höhe in Aussicht genommen, die die Angestellten gar nicht Nachrichtenrohr« in dem neuen Gebäude, für den Dienst nicht auS- reichend. Bei der Direktion Klagen anzubri-rgen ist natürlich eben- sowenig verlockend wie aussichtsvoll. Der Lesesaal im Britischen Museum hat 304 Sitzplätze, der der Pariser Nationalbibliothek mit seinen 334 erhält einen notwendigen Erweiterungsbau. Die jetzige Berliner königliche Bibliothek, die die nächsten drei Jahre noch mit den Räumen der neuen Universitätsbibliothek vorlieb nehmen muß, hat höchstens die Hälfte der Plätze, die schon jetzt oft bis auf den letzten besetzt sind. Wenn also erst infolge der Leihsteuer der Massenbesuch einsetzt, wird sich allerdings-vohl bei dem bereits herrschenden Schneckengeschäftögang die Generalverwallung trotz ihrer Finanzreform nach berühmten Mustern für bankerott erklären müssen. Theaterkritiker-Streik. Am Freitag wurde im Dagmartheater zu Kopenhagen ein neues Stück aufgefiihrt, aber die Plätze der Presse waren leer, und sämtliche Zeitungen der dänischen Hauptstadt verschmähten es. ihren Lesern einen Bericht über die Vorstellung zu geben. Die Theaterkritiker waren im Einverständnis mit den Redaktionen in den Streik getreten, und nicht nur beim Dagmar- -beater. sondern auch bei den übrigen drei privaten Theatern: Folketenttct, Kasino und Det nye Teater. Die Ursache ist die, daß die Direktoren der Theater dem Redakteur einer bescheidenen Theaterzeitschrift einiger krittscher Bemerkungen wegen verboten hatten, ihre Borstellungen zu Photo- graphiercn, wie er eLfür seine illustrierte Zeitschrift zu tun gewohnt war. Die Theaterdirektoren und auch die Dramenverfasser, die mit dahinterstecken, sind aber offenbar rnehr� auf die TageSptesse als auf jene kleine Zeitschrift erbost. Sie meinen, daß der schwache Be- such, unter dem die Theater jetzt bei den schwierigen Erwerbs- Verhältnissen zu leiden haben, auf die ablehnende Haltung der Kritik gegenüber ihren neuen Stücken und Vorstellungen zurückzuführen sei. Die Kritiker und Redakttonen der Tagesblätter er- klärten sich aber mit dem Redakteur jener Zeitschrist solidarisch und erblick-cn in dem Vorgehen gegen ihn einen Angriff auf die Freiheit der Kritik. Der Direktor des Dagmartheaters, der auch als Schriftsteller bekannte Walter Christmas. hat nun selbst eine Theater- zeitschrift herausgegeben, die allerdings des Lobes voll ist über sein Theater. (Die deutsche bürgerliche Presse, insbesondere auch die Berliner. köniite sich ein Beispiel an der dänischen nehmen. Was vor allem die Verwaltung der königl. Bühnen der Presse zumutet, würde sich nirgendwo anders die Presse gefallen lassen— als in Berlin, wo der Wettlauf bei der Neuigkeitenschnorrerei und die Untertänigkeits- bed-irf-iisse der Presse keinen Respekt vor ihr aufkommen lassen.) Humor und Satire. Cook und sein Nordpol. Nachdem der Senat der Universität Kopenhagen den genialen Nordpolentdecker Cook zum Ehrenmitglied ernannt hatte, beschloß er, die Prüfung der Beweise und des Reiseberichts vorzunehmen. Wir sind ern, ächtigt-vorden, den Originalbericht des großen Forschers hier zum ersten Male wortgetreu zu veröffentlichen: Eines Tages sagte ich zu meiner Frau:«Warte nicht mit dem Essen aus mich, denn ich gehe ein bißchen an den Nordpol."—„So? Dann mußt Du nicht vergessen, Deinen Winterüberzicher mitzunehmen," antwortete sie. Ich zog also meinen Uebcrzieher an, setzte meinen ' zahlen können. Die meisten bekommen ja nicht mehr Gehalt als gutgelohnte Arbeiter. Auf Einzelheiten will ich nicht eingehen. Ich fteue mich, daß der gute Wille vorhanden ist, den Privatangestellten zu helfen. Ich habe selbst hervorgehoben,-velche Wichtigkeit diese soziale Schicht hat In ihr soll die arbeitende Klasse selbst gesichert werden. Mögen die Angestellten sich auch„Herren" nennen und Titel geben, mögen auch einige den D o k t o r t i t e l haben, sie sind doch nur e i n Teil der arbeitenden Klasse! Immer mehr werden die Angestellten bezüglich ihrer Kinder anzuerkennen gezwungen, daß sie ausgesprochene Proletarier sind. Als Arbeiter nnd Angestellte sind sie darauf angelviesen, sich einen möglichst guten Platz zu erkämpfen, und weil das so ist, begreife ich auch, daß gewisse Kreise ein Jntereffe daran haben, daß diese Gesetzesvorlage nicht vorwärts kommt. Ich will Herrn Stresemann nur an den Namen B u e ck erinnern.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Wemr Sie die Sache fördern wollen, nehmen wir das gern an. Freilich, wenn die Regierung uns nicht mehr zu sagen weiß, so sind meine Haffnungen, daß etwas bei der Sache herauskommt, gleich Null. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten!) Abg. Linz(Np.): Es ist bedauerlich, daß diese Versicherung erst nach Erledigung der Reichsversicherungsordnung kommen soll; um so mehr aber muß der Reichstag auf baldige Vorlegung dieser Reichsversick-erungsordnung dringen. Hoffentlich beloirkt die Ein- mütigkeit aller Parteien in dieser Frage, daß die Verbündeten Rc- gierungen etwas Dampf hinter diese wichtige Angelegenheit setzen. (Beifall.) Abg. Brejski(Pole) wendet sich gegen die Forderung des sozialdemokratischen Redners, die Privatbeamtenversicherung im Rahmen der Reichsversicherung zu regeln. Abg. Dr. Burckhardt(Wirtsch. Vg.) spricht sich ebenfalls gegen die Einbeziehung in die Rcichsversicherungsordnung aus. Abg. Nacken(Z.): DaS Zögern der Negierung gegenüber dem einmütigen Verlangen des Reichstages ist geradezu unverständlich. (Sehr richtig!) Wir behalten uns vor, in Anträgen auf diese Angelegenheit zurückzukommen. Gegenüber Herrn Heine bemerke ich, daß die Privakbeamken nicht aus Hoch- oder Uebermut, sondert! in wohlerwogenem Eigen- interesse eine besondere Versicherung verlangen. Damit schließt die Besprechung. Es folgt die Interpellation Albrecht u. Ge».(Hört, hört! links.)— Herr Herpld hat offen erklärt, daß die Schule der Kirche gehört. Ich hoffe, daß diese Anschauung von der Mehrheit des Hauses nicht geteilt wird. In Sachsen-Meiningen ist erst vor kurzem die Schule der Aufsicht der Kirche völlig entzogen worden.(Hört, hört! links.) Wie wir die Trennung des Staate« von der Kirche verlangen, so verlangen wir auch die Trennung der Schule von der Kirche. Wir«enden uns auf das allerentschiedenste dagegen, daß das Zentrum als Belohnung für das Zustandekommen der Reichsfinanzreform die Berdummnng der Volksschule erhalt.(Un- ruhe im Zentrum. Sehr gut! links.) Erst soll das Volk verdummt lverden, denn wenn es verdummt ist, merkt es ja nicht, wie es von Ihnen geschröpft wird!(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Die Vorgänge in Spanien, wo ein Mann wie Ferrer dem klerikalen Terrorismus geopfert wurde, zeigen, wohin ein- solche Vxrdummungspolitik führt.(Unruhe im Zentrum.) Ferrer hat für die Menschheit und das Volk mehr getan, als alle Anhänger des Zentrums zusammen.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten, Lachen im Zentrum.) Und wenn Sie Ferrer von der Tribüne des Landtages herab noch so sehr beschimpfen, Sie werden die Erinne- rung an diesen großen Führer des Volkes nicht im geringsten herab- mindern.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Gerade die Rede des Herrn Herold hat bewiesen, daß dag Zentrum eine konfessionelle Partei ist. ES beginnt ja auch zu dämmern, und das Volk läßt sich von Ihnen nicht länger mehr narren. Immer mehr Arberter kehren Ihnen den Rücken und kommen zu uns, weil wir die einzige Partei sind, die wirklich die Interessen der Gesamtheit vertritt. Sehr schlecht im Etat kommt auch das Medizinalweseu weg. Gewiß, manches ist besser geworden. Aber es ist noch lange nicht genug geschehen. Das Hebammenwesen liegt noch da- nieder. Die Sterbefälle an Tuberkulose sind gewiß zurück- gegangen, aber es müßte noch mehr zur Bekämpfung der Lungen- schwindsucht geschehen. Besser weggekommen ist der Etat des Ministeriums des Innern, namentlich, soweit die polizeilichen Zwecke in Beträcht kommen! Von den Polizeihunden versprechen wir uns nicht sehr viel. Wir halten es für sehr wohl möglich, daß sie einmal so güt dressiert werden, sich auch auf friedliche Staatsbürger hetzen zu lassen.(Heiterkeit rechts.) Sie scheinen ja auf dem Standpunkte zu stehen, daß unsere heutigen Polizeibeamten das schon ebenso gut fertig kriegen. Ich bin da ganz Ihrer Meinung, und die be- kannte» Berliner Gerichtsverhandlungen waren geradezu eine vernichtende Verurteilung des Verhaltens der Berliner Polizei. (Sehr richtig? bei den Sozialdemokraten.) Besonders vernichtend war die Aussage des Grafen HoenSbroech, der doch kein Sozial- demokrat ist. Hätte der Polizeipräsident wirklich— wie es in der Presse hieß— Entlastungszeugen, sie wären sicher vor Gericht er- schienen.(Sehr richtig! links.) Ich muß mich wundern, daß das Volk sich solchen Herausforderungen der Polizei gegenüber ruhig verhält. Wenn das der Fall ist, wenn die Massen auch gegenüber den Herausforderungen bei den Wahlrechtsdemonstrationen eine kühle Ruhe an den Tag gelegt haben, dann ist das unser Ver- dienst.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Wir haben nicht zu wenig, sondern zu viel Schutzleute. Es werben sogar einige abkommandiert, um unseren Wahlverxinen als Mitglieder beizutreten! Wenn Sie die 300 000 M. für den Geheimfonds wiederum bewilligen, dann machen Sie sich mitschuldig an dem unheilvollen kulturwidrigcn Spitzelheibcn.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Für die Fürsorgeerziehung werden nunmehr 6 Millionen gefordert. Aber Ihre ganze Für- sorgeerziehung muß Fiasko machen, weil Sie nur die äußeren Er- scheinungen bekämpfen, nicht aber ihre Ursachen aus der Welt schaffen. Wenn Sie das W o h n u n g s e le n d beseitigen und den Alroholismus bekämpfen würden, dann würde die Zahl der Fürsorgezöglinge sich verringern. Dr. Fricdbcrg hat sich über das konservative Partcircgimcnt in Preußen betlagt, Freiherr von Zedlitz hat darauf geantwortet, daß der Rachwuchs für di- Verwallungsbeamten durchweg konservativ sei und daß deshalb die Regierungsbeamteit konservativ wären. Freiherr von Zedlitz verwechselt hier Ursache und Wirkung. Nicht weil der Nachwuchs konservativ ist, werden nur konservative Beamte ernannt, sondern die jungen Leute schaffen sich, um Karriere zu machen, schnell eine konservative Gesinnung an!(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Dr. Friedberg beklagte sich darüber, daß nicht auch einmal Nation alliberale genommen werden. Das ist uns ziemlich gleichgültig.(Heiterkeit bei den Sozialdemo- traten.) Ob Konservative, Nationalliberale, Freikonservative oder die Herren vom Zentrum regieren, taugen tun sie alle nichts! (Große Heiterkeit.) Wenn wirklich einmal ein Nationalliberaler in das Ministerium berufen wurde, dann hat er sich noch immer bemüht, die konservativen Kollegen an konservativer Gesinnung zu übertreffen. Denken Sie nur an Miguel. Mit meinen Ausführungen glaube ich bewiesen zu haben, daß Preußen noch weit davon entfernt ist, auf den Namen eines Kultur- staates Anspruch zu erheben. Solche Zustände sind nur möglich in einem Lande, dessen Parlament auf Grund des Drei klaffen- Wahlrechts gewählt ist. Damit komme ich zur Wahlrechtsfrage. Was in der Thronrede über die Wahlreform gesagt worden ist, ist so dürftig, wie nur irgend möglich. Ich muß es geradezu als eine Verhöhnung des Volkes betrachten, daß die Thronrede sich über diese Frage ousschweigt. Vizepräsident Dr. Porsch: Ich bitte, sich mit etwas mehr Zu- rückhaltnng über die Thronrede zu äußern. Llbg. Hirsch(fortfahrend): Ich muß es als eine Verhöhnung des Volkes betrachten, daß der Ministerpräsident nicht Gelegenheit nimmt, bei so wichtigen Debatten hier im Hause zu erscheinen. Würde der Antrag Aussicht auf Annahme haben, so würde ich ihn stellen: näm- lich auf Grund des Artikels 60 der Verfassung die Anwesenheit des Ministerpräsidenten im Hause zu verlangen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Man will dem Volke Steine statt Brot geben. Mit dem öffentlichen Wahlrecht soll der schlimme Terra- rismus aufrecht erhalten werden, ans dem Ihre Macht beruht. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Wir verlangen das ge- Heime Wahlrecht. Die Thronrede kündigt an, daß an den Grundlagen des Dreiklassenwahlshstems nichts geändert werden soll! Der Widersinn des Dreiklassenwahlstzstems soll verewigt werden, und man will zeigen, daß Gewalt vor Recht geht. Wir werden den Wahlrechtskampf mit allen Mitteln weiterführen. Sie mögen spotten und höhnen über die Wahlrechtsdemonstrationen, so viel Sie lvollen. Wir haben schon Erfolge auszuweisen. Wir haben dem früheren Ministerpräsidenten endlich den Mund geöffnet. Er hat bor dem Ansturm des Volkes nicht länger schweigen können. Die Ankündigung der Thronrede wäre nicht erfolgt ohne unsere Agitation.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten. Lachen rechts.) Gerade weil durch uns die Wahlreform in Fluß gebracht worden ist. erklären sich ja die Konservativen gegen jede Acnderung! Wir sagen zur Regierung: Heraus mit der Sprache! Das Volk will wissen, welche Absichten die Regierung hat.(Leb- haste Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Beruhigung wird erst eintreten, wenn das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht eingeführt ist.(Zuruf rechts: Dann auch nicht!) So? Dann wollen wohl Sie Stratzendemonstrationen machen?(Große Heiterkeit.) Für die Konservativen handelt es sich hier einzig und allein um eine Frage der Macht. Die Freikonservativen wollen ja einer Reform zu- stimmen. Man weiß nur nicht welcher.(Heiterkeit.) Jeden- falls verspreche ich mir von den Freikonservativen nichts. Auch auf die Nationalliberalen ist herzlich wenig Verlatz. Wie unsinnig der Gedanke an einen preußischen Großblock ist. muß Ihnen schon klar werden, wenn Sie unsere Stellung zur Wahlreform mit der Stellung der Nationalliberalen dazu vergleichen.(Sehr richtig! links.) Bis vor kurzem haben die Nationalliberalen das Plural- Wahlrecht verlangt! Nachdeui aber das Pluralwahlrecht bei den sächsischen Landtagöwahlcn sie in die Pfanne gehauen hat, haben sie sich besonnen. Wir haben unter diesem Wahlrecht in Sachsen ein Drittel der Sitze bekommen. Würden Sie es aus- halten, wenn wir auch hier ein Drittel der Sitze hätten?(Zuruf bei den Nationalliberalen: Nein l) Sie wären ja gar nicht mehr hier, denn wir würden uns ja die Sitze teilen l(Heiterkeit.) Jedenfalls müssen Sie Auskunft geben, wie Sie sich zur öffentlichen Wahl verhalten. Ihr Parteitag hat sich für die geheime Wahl erklärt. Trotzdem hat Ihr Fraktionsmitglied Schmieding sich kürz- lich für die öffentliche Wahl ausgesprochen!(Hört! hörtl bei den Sozialdemokraten.) Also so ganz kann man sich auf Sie doch nicht Verlasien.(Heiterkeit.) Noch in den letzten Tagen hat sich eine Anschrift in der„Nationalzeitung" gegen die geheime Wahl ausgesprochen, eine Zuschrift, die von leitender Seite auszugehen scheint. Es bleibt also abzuwarten, wie sich die Nationalliberalen verhalten werden. Das Pluralwahlrecht können wir nicht einmal als eine Abschlagszahlung betrachten, sondern wir werden, wenn diese Forderung Gesetz wird, nach wie vor den Kampf für das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht weiter führen. Das Zentrum ist freilich nach seinem Programm gleichfalls für dieses Wahlrecht: aber das steht nur aus dem Papier. Das Zentrum ist nicht einmal für eine gerechte Einteilung der Wahl- kreise! Die Herren vom Zentrum, die sehr schlaue und gerissene Geschäftsleute sind(Große Heiterkeit), berechnen sehr kühl, was für sie dabei herauskommt. Früher ist einmal ausgerechnet worden, daß das Zentrum beim Reichstags Wahlrecht dieselbe Zahl Mandate bekommen würde als unter dem Dreiklasienwahlrecht. Es könnte sich also den Luxus gestatten, gegen seine konservativen Bundesbrüder den Kampf für das gleiche Wahlrecht zu führen. Hoffentlich beweist das Zentrum durch die Tat, daß die Hoffnungen der Konservativen zuschanden werden. Bleiben die Freisinnigen und die Polen. Die Polen haben im vorigen Jahre leider bei der entscheidenden Abstimmung gefehlt, sonst wäre damals ein Beschluß sur die Einführung des geheimen Wahlrechts für Preußen zustande gekommen. Hoffentlich stehen die Polen in dem bevorstehenden Wahlrechtskamps ihren Mann.— Die Freisinnigen haben in ihrem Programm gleichfalls die Einführung des Reichstagswahlrcchts für Preußen stehen. Aber das bisherige Verhalten des Freisinns wirkt nicht gerade sehr er- mutigend. Ich erinnere an die Zeiten, wo der Freisinn sich im Wahlrechtskampf so matt benahm, daß seine eigenen Anhänger sich zu einer scharfen Kritik veranlaßt sahen. Ich erinnere auch an das Verhalten des Freisinns zum Wahlrechtskampf außerhalb des Parlaments. Er hat bei den Wahlen fast niemals diejenige Partei unterstützt, die eine ausgesprochene Gegnerin des Drei- klassenwahlrechts ist. Da muß man doch an dem Ernst der frei- sinnigen Wahlrechtskämpfer zweifeln.(Sehr richtig! bei den Sozial- demokraten.) Es sei auch darauf verwiesen, welchen Kamps die Freisinnigen im vorigen Jahre hier im Abgeordnetenhaus gegen uns geführt haben, wie sie darauf bedacht waren, die verhaßten Sozialdemokraten möglichst bald aus dem Landtag wieder heraus- zubringen. Gelungen ist ihnen das ja nicht, ja sie haben sich bei den Neuwahlen eine so empfindliche Niederlage geholt, daß ihnen die Lust an solchen Experimenten wohl auf immer vergangen ist. Ilm den Sieg in Berlin 12 beneiden wir sie nicht. Die Zahl unserer Wahlmänner ist auch dort g e st i e g e n, und der frei- sinnige Sieg war nur möglich, weil die ganze reaktionäre Meute auf unseren Kandidaten Hoffmann losgelassen wurde. Ein mil- dernder Umstand für den Freisinn war der Blockgedanke, die Wahnidee, daß auch für den Freisinn die Zeit gekommen sei. in hohe Regierungsstellen berufen zu sein. iHeiterkeit.) Nun ist der Blockgedanke in die Brüche gegangen. Ich fürchte nur, daß es noch eine Reihe Freisinniger gibt, die sich nach den Fleischtöpfen des Blocks zurücksehnen, und die, wenn cs darauf ankommt, wieder gegen uns und mit den Konservativen kämpfen werde». Selbst seine festeste 5terntruppe in Berlin, die Lehrerschaft, hat den Frei- s i n n bei den letzten Landtagswahlen im Stich gelassen. Nun darf man aber mit Stimmungen keine Politik machen, sondern bei chr müssen ruhige Ueberlegung und Vernunft maßgebend sein. Deswegen erkläre ich namens meiner politischen Freunde, daß wir trotz allem, was der Freisinn auf dem Gewissen hat, wenn er es ehrlich meint, mit ihm den Kampf für das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht führen wollen. Wenn aber der Freisinn es nicht ehrlich meint, dann werden wir auch gegen den Freisinn den Kampf zu führen wissen. Die Wahlreform ist die wichtigste Frage. Nicht nur für Preußen, sondern für ganz Deutsch- land. Erst wenn das Reichstagswahlrecht errungen ist, wird es möglich sein, die Vormacht der Junker in Preußen zu brechen und damit der Reaktion ein Ende zu machen.(Beifall bei den Sozial- demokraten. Unruhe rechts.) Der Mgeordnete v. Pappenheim hat gesagt, daS Gedeihen Preußens und die Erhaltung seiner Machtstellung im Reiche sei die sicherste Gewähr für die Erhaltung eines starken einigen Deutschlands. Wenn er damit das moderne Preußen, das Junker- Preußen gemeint hat, dann muß ich dieser Aeußerung mit aller Schärfe widersprechen. Das moderne Preußen bietet nicht die Gewähr für das Gedeihen des Staates und für die Erhaltung seiner Machtstellung, sondern das Junkerpreußen trägt nur dazu bei, daß sich die Reaktion von Preußen aus auch über die anderen deutschen Bundesstaaten verbreitet, und daß Preußen dem Spott aller Kultur- Nationen preisgegeben ist.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemo- kraten, Unruhe und Lachen rechts.) Hierauf vertagt das HauS die Weiterberatung auf Dienstag. 1 Ubr. Schluß 4 Uhr._ Hiid der Partei. Barteiliteratur. Georg Gr.bnauer: Verfassungswesen und Verfassungskämpfe in Deutschland. Berlin 10V9. Verlag Buchhandlung Vorwärts. 158 Seiten. Die Exzellenz v. Jagemann, die jetzt aus reicher bundeS- rätlicher Erfahrung den Heidelberger Studenten reaktionäres Staatsrecht vorträgt, erzählt eine kleine, lehrreiche Geschichte. Auf einer Schweizerwur mußte der Gehcimrat wegen schlechten Wetters ein paar Stunden in einem kleinen Bergwirtshaus warten. Um sich die Zeit zu vertreiben, bat er um eine Zeitung oder ein Buch, und der Hausherr brachte ihm als Lektüre stolz eine Ausgabe der republikanischen eidgenössischen Verfassung. Mit einem neidischen Seufzer beklagt der Diplomatenprofessor, daß in Deutschland nur wenige Familien ähnliche Werke besitzen oder gar lesen. Die Ur- fache dieser verschiedenen Gewohnheiten ist leicht zu entdecken. Im demokratischen Staat hat jeder Bürger Interesse für das öffentliche Recht, aus dem sich der Umfang und Inhalt der Volksmacht ergibt. Im bureaukratischen Gemeinwesen dagegen kümmern sich nur Fachgelehrte um die juristischen Tüfteleien und komplizierten Ge- setze, die den Absolutismus maskieren sollen. In der Arbeiter- bewegung wurde der ge s ch i ch tsph i l o so ph i sch e n Seite dcx Verfassungsfragen immer besondere Sorgfalt gewidmet. Daß ge- sellschaftliche Klassenkämpfe hinter dem Paragraphenstrcit stehen» ist seit Lassall e gei st iges Gemeingut geworden. Es ist aber ein erfreuliches Symptom für den erstarkenden Machtwillen des Proletariats, daß aus den Kämpfen um und gegen die Staatsgewalt die Notwendigkeit erwachsen ist, die konkreten deutschen Verfassungen und die Formen der Verwaltung kennen zu lernen. Gradnauers Buch ist der erste und wohlgelungenc Ver- such, diesem neuen Bedürfnis der Arbeiterklasse durch eine shstc- matische Darstellung des deutschen Staatsrechts zu genügen. Die einleitende geschichtliche Skizze, in der die Entstehung der Reichs- einheit auf dem Wege hon Jena bis Sedan geschildert wird, soll und kann natürlich nicht das Studium größerer historischer Werke über das 10. Jahrhundert ersetzen. Ter Hauptwert der Arbeit liegt in der kritischen Erläuterung des geltenden Rechts. Die Sprache ist klar, ohne flach zu werden. Durch eine sorgfältige Erllärung der Fremdwörter ist der Gebrauch für den Selbstunterricht erleichtert. Für eine zweite Auflage des Werkes, das sicherlich oft als Nach- schlagebuch verwendet wird, wäre die Erweiterung durch ein Sachregister erwünscht. Als Anhang sollte der Text der Reichsverfassung abgedruckt werden. Das letzte Kapitel, das die neuen Verfassungskämpfe behandelt, leidet etwas unter unver- meidlichen Wiederholungen der Kritik, die in früheren Abschnitten an Bestimmungen der Gesetze geübt wird. Es wäre vielleicht rich- tiger gewesen, unsere Forderungen in Verbindung mit der Darstellung„dessen, lvas ist", zu behandeln. Nach diesen kleinen formellen � Beanstandungen muß aber anerkannt werden, daß der Verfasser, der Neuland mit Fleiß und Sorgfalt beackerte, sich um die Partei ein Verdienst erworben hat. Viele Leiter von Unter- richtskursen werden für die sachkundige Führung dankbar sein. Sein Leitfaden ist auS der Praxis unserer Bildungsbestrebungcn erwachsen und wird für diese Praxis bald unentbehrlich sein. _ Ludwig Frank. eingegangene Druck IcKrifren. Bon der„Gleichheit", Zeitschrist sür die Interesse» der Ardeiterknncn (Stuttgart, Verlag von Paul Singer), ist uns soeben Ar. 8 des'23. Jahrganges zugegangen. Sie hat solgcnden Inhalt: Notwendige Erörterung. — Der preußische Parteitag.— Vom Haushalt der Arbcitersamilien. l. Von gh.— Die persönlichen Wirkungen der Ehe. II. Von Ernst Obcrholzer. — Deutschland im Jahre 1909. I. Von H. B.— Die zunehmende Zahl der weiblichen Kraiikcnkassenmitglieder. Von Fr. Klecis.— Amerikanische Blusenmacherinnen im Kampse mit ihren Ansoeutern. Von sä.— Aus der Bewegung: Von der Agitation.— Weibliche Delegierte zum preußischen Parteitag.— Politische Rundschau. Von 11. B.— Gewerkschastliche Rundschau.— Differenzen in der Holzindustrie. Von tk.— Aus der Textil- arbeiterbeweguna. Bon Ks.— Genossenschaftliche Rundschau. Bon B. F. — Notizenieil; Dienstbotensrage.— Sozialistische Frauenbewegung im Aus- lande.— Frauenbewegung.— Verschiedenes. Für unsere Mütter und Hausfrauen: Morgen. Von Percy B. Shelley.— Ueber unsere Kraft, l.— Milch. Vom Dr. A. LipsiuS. — Kamps gegen die Unterernährung im Haushalt. Von dl. Lt.(Schluß.) — Brillante». Von Licsbeth ElSner.— Feuilleton. AuS: Ueber unsere Krast. Von Björnstjcrue Björnson.(Forsetzung.) Für unse re Kinder: Hohes Ziel. AuS dem Italienischen. Von Johann Goltsricd Herder.(Gedicht.)— Aus dem Reiche der Technik: VI. Im Hasen von Hamburg. Von Richard Woldt.— Theodor. Von Ferdinand Avenartus.(Gedicht.)— Die schwarze Rosie. Eine wahre Geschichte von Hebe.— Der saule Heinz. Bon Gebrüder Grimm— Der Ausblick. Von Emtna Döltz.(Gedicht.) Die„Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pj., durch die Post bezogen beträgt der AbonnemenlSpreis vierteljährlich ohne Bestellgeld S5 Ps.. unter Kreuzband 85 Ps. Jahresabonnement 2.L0 M. Vom„Wahren Jacob« ist soeben die 2. Nummer des 27. Jahrgangs im Umsange von 12 Seiten erschienen. AuS ihrem Inhalt er- wähnen wir: Bilder: Der Couleurstudent.— Denkmal« entwuri sür König Leopold. — Die Bedenken des Junkers.— Dokument zur preußischen Geschichte.— Zum Ordcnssest.— Bayerische Heeresresorm.— Politisch-tcchnische Er» rungcnschast.— Abschied aus den Kolonien. Text: Könige. Von Paul Enderling,—„Das Leben sür den Zaren». — Der starke Mann am Zi�k. Von st.— Die unsittliche Turnerhose. Von Uno.— Lieber Jacob! Von Jotthilj Rauke.— Wie es König Leopold vordem Richte: stuhl Gottes erging.— Erfroren. Von Alsrrd Schölt.— Warum die militärische Begeisterung des kleinen Willi nicht stand hielt.— Neu- erscheinungen aus dem deutschen Büchermarkt.— Elsaß. Bon P. E.— Gedanken eines Junkers.— Ein kalter Wasserstrahl. Usw. Der Preis der Nummer ist 10 Ps. Probeuummern find jederzeit durch den Verlag Paul Singer in Slultgart sowie von allen Buchhandlungen und Kolporleuren zu beziehen. Verantwortlicher Redakteur Richard Barth. Berlin. Für denJnseratenteilveraptw.: Th. Glocke, Berlin, Druck u. Verlag: VorwärttBuchdruckerci u, Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW. mit!?!»« A Keilligc des, Amiirls" Kerlimr NoIksIiIM Ums Wahlrecht! Tausende und Abertausende haben an, gestrigen Wahlrechts- sonntag ihre Meinung über die Wahlrechtsreform in folgender Re- solution bekundet: Die am 16. Januar 1910 versammelten Männer und Frauen erklären: Die von der preußischen Negierung in den letzten Tagen des Vorjahres endlich veröffentlichte amtliche Statistik über das Ergebnis der Landtagswahlen des Jahres 1908 beweist von neuem, daß das Treiklasseuwahlrccht ein raffiniertes Mittel brutaler Älasicnherrschaft ist. Die Aufrechterhaltung der Dreiklasscnschmach ist eine schwere Beleidigung der Preußischen Staatsbürger, zumal die Bevölkerung der deutschen Bundesstaaten südlich des Mains für die Wahl zu den Landtagen im Besitz des Reichstagswahlrechts ist. Die Junker und die Bourgeoisie, die unter dem geltenden Wahlgesetz in Preußen die erste und zweite Klasse be herrschen, entscheiden über die Wahl der Abgeordneten. Die 83 Proz. der Wähler, die in der dritten Wählerklasse zu- sammengepfercht sind, werden«m ihr Wahlrecht schmählich betrogen. Das wahnwitzige indirekte Wahlsystem und der unter der öffentlichen Abstimmung besonders auf dem platten Lande geübte Terrorismus der herrschenden Klaffen verekeln Millionen die Teilnahme an der Wahl und wirken wie ein Wahlrechtsraub. Die schleunigste Beseitigung dieses schamlose» Wahl- »»rechts ist die dringendste Forderung der Gegenwart. Die Thronrede kündigt an, daß in einigen Wochen dem Landtage eine Wahlrechtsrcformvorlage zugehen wird. Die Ne- gierung hat es nicht gewagt, über die Grundzüge der kommenden Vorlage etwas zu sagen. Das heißt: die Ne gierung beabsichügt keine gründliche Aendcrung des geltenden Wahlsystems. Die Regierung will das preußische Volk in einigen Wochen mit einer Flickreform überrumpeln. Die Versammelten werden jede auf die Interessen der herrschenden Klassen und der ihr versippten regierenden Bureaukratie zugeschnittene Schcinrcform mit allen Mitteln bekämpfen. Die Versammelten fordern erneut die volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung, insbesondere die Ein- sührung des allgemeine», gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts für alle über. 20 Jahre alten Männer und Frauen ans Grund der Verhältniswahl und geloben, alles daranzusetzen, um dieser Forderung zum- Siege zu ver- helfen. Die Versammelten erwarten, daß die Parteileitung der Sozialdemokratie den reaktionären Plänen der Regierung mit allen Mitteln begegnet und für die Forderung des freien Wahlrechts einen Wahlrcchtsstunn entfesselt, der die vcrjunkcrte Reaktion niederzwingt. Die Schätzung über die Zahl der Berliner VersammlungS- teilnehmet geht weit auseinander und bewegt sich zwischen LSOOl) und 50 000. Jedenfalls war c3 auch bei Annahme der geringsten Zahl eine imponierende Menge. Getreu ihrer alten Gewohnheit hatte die Polizei auch am Sonntag namentlich die Umgebung des Feenpalastes und deS Schlosses in ein Heerlager verwandelt. Auf der Straße war zwar nicht allzu viel von dem starken Polizeiaufgebot zu sehen. Aber in allen öffentlichen Gebäuden der Umgegend waren Polizei- wachen aufgeschlagen und mit Schutzleuten zu Fuß und zu Pferde in großer Zahl besetzt. Posten an den Straßenecken schauten aus- merksam aus, ob von irgendwoher eine Gefahr nahe, die den preußischen Staat in seinen Grundfesten erschüttern könnte. Mit besonderer Sorgfalt werden regelmäßig die Brückenübergänge über die Spree von der Polizei behütet, damit das Zentrum der Stadt gegen die im Norden gelegene Hodbburg der„Noten' gedeckt sei. Wieder war auch das Grundstück der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft am Schiffbauerdamm nahe der Marschall- brücke in ein Heerlager verwandelt worden, in dem es von kampfbereiten Polizisten wimmelte. Und wieder hatte man auch in da? der Weidendammer Brücke benachbarte Grundstück Friedrich st raße 106» ein starkes Schutzmannsaufgebot hineingelegt, das deS Winkes gewärtig war. Von �/«10 Uhr begannen die fliegenden Wachen sich langsam zu füllen mit Schutzleuten, die einzeln oder in kleinen Gruppen möglichst unauffällig herbeikamen. Schade um den K a m p f e s m u t. der da in mancher Brust rege gclvordcn sein mag: er fand keine Gelegenheit, sich zu betätigen. Bis in den späten Nachmittag hinein saßen die Schutzleute bei einander unter Aufficht ihrer Kommandierenden und vertrieben sich die Langeweile mit Unterhaltung. Spiel und Alkohol. Brückenposten, die zur Ab- lösung geschickt wurden oder abgelöst worden waren, gingen hin und her. Geheime mit allerneuesten Nachrichten von vermutlich sehr zweifelhaftem Wert trafen ein— und nur der„Feind' wollte nicht kommen, so sehr auch der vor der Tür umherstehende Posten nach ihm ausschaute. Im stillen wird mancher der Genannten gar gotteslästerlich geflucht haben über die Dummheit der Spitzel, die wieder mal den Plan einer„Straßendemonstration' ausgeheckt hatten und respektvoll sich gewundert haben über die Leichtgläubig- keit des Chefs, der daraufhin ein Heer von Schutzleuten zusammen- getronimelt hatte. Erster Wahlkreis. Der Riesensaal des F c e n u a l a st füllte sich. Begeisterung und entschlossene KampfeSstimmung löste die Rede des Genossen Z u b e i l tu den Herzen der rechtlosen Wählermassen aus.— Gegen Schluß der Versammlung wurde auch draußen die Polizei bewegter. Ihre Offiziere liefen eistig hin und her, inspizierten die Posten und er- teilten Befehle. Lächelnd über den unnötigen Eifer der Ordnungs- Hüter gingen die aus dem Lokale kommenden Versammlungsbesucher ihres Weges. Für Polizeiarbeit bot sich keine Gelegenheit. Doch die Schutzmannschaft schien immer noch etwas zu erwarten. Erst nach langer Zeit wurden die Wachen und Posten nach und nach ein- gezogen. Zweiter Wahlkreis. In Z ü h l k e S F e st s ä l c n in der Dennewitzstraße hatten sich gOO— 900 Personen eingefunden. Die Versammlung war nicht polizeilich überwacht, wenigstens waren keine uniformierten Schutzleute da. Dagegen schienen einige der bekannten hellhörigen Kreaturen vom Lllcxanderplatz in die Versammlung delegiert zu sein. zu sein. In der Diskussion vertrat der frühere„konservative Arbeiter" und jetzige Berichterstatter Reinhardt unter dem Wider- spruch der Versammlung eine Politik der Bescheidenheit. Bei der Abstimmung über die Resolution wurde auch eine Gegenprobe vor- genommen, die ergab» daß niemand gegen die Resolution sei. Genosse Köckeritz als Vorsitzender konstatierte deswegen aus- drücklich, daß auch Herr Reinhardt nicht gegen die Annahme unserer Resolution gestimmt habe und sprach unter allgemeiner Heiterkeit die Hoffnung aus, daß derselbe daraus die Konsequenz ziehen und bei der Wahlrechtsbewegung in unserem Sinne wirken werde. Die Versammlung in der Bockbrauerei war stark besucht. Viele Bezirke waren geschlossen zum Lokal marschiert. Das Lokal war nicht polizeilich abgesperrt. Genosse Koblenzer wußte die Versammelten in packenden Worten die Ungerechtigkeiten des geltenden Wahlrechts vor Augen zu führen und sie zum Kampf für das gleiche Wahlrecht zu begeistern. Machtvoll brauste am Schluß der Ver- sammlung die Wahlrcchtsstrophe des Arbeiterkampfliedes durch den Saal. In dichten Trupps gingen die Vcrsammlungsbcsuchcr ruhig der inneren Stadt zu, von der Polizei unbelästigt. Der große Saal von Kliem in der Hascnheide war ebenfalls das Ziel großer Massen von Demonstranten. Vor der imposanten Versammlung rechnete Genosse Haß mit der preußischen Reaktion ab. Ter dritte Kreis hatte Versammlungen im Gewerkschaftshause und in den A r m i n h a l l e n veranstaltet. Nach dem Gewerkschafts- Hause strömten schon frühzeitig zahlreiche Arbeiter und auch Arbeiterfrauen und Mädchen, die sich von dem Regenwetter nicht zurückschrecken ließen, sondern gemeinsam mit den Männern die Stimme für ein freies Wahlrecht erheben wollten. Lange vor Beginn der Versammlung war der große Saal gefüllt. Der Redner war der Arbeitcrsckrctär Hermann Müller. Auch in den Arminhallen, wo K r a e tz i g sprach, war die Versammlung überfüllt. Aus den Straßen, vor den Eingängen zu den Vetsammlungslokalen war eö still. Sogar Schutzleute sah man nicht viel; nur wenige setzten sich dem vollen Regen aus, aber aus schützenden Hauseingängen blinkte hier und da ein Schutzmannshelm. Die Polizei hatte ihre Vorbereitungen getroffen und die Posten verteilt- Polizeioffiziere fehlten nirgends, wo ein Versammlungslokal in der Nähe war. Vierter Wahlkreis. Im Osten Berlins konnte man schon lange vor der fest- gesetzteil Versammlungsstunde gewahr werden, daß die Bevölkerung wieder einmal einer großen Sache wegen zusanunenströmte. Sie kamen in großen Wiassen, die Männer und Frauen, um ihr wichtigstes StaatSbürgerrccht zu fordern, und die Säle waren bald gefüllt oder auch überfüllt, so weit dies die zarte Rücksichtnahme der überall am Saaleingang vertretenen Polizei auf die Gesundheit und Sicherheit der Versammelten nicht verhiirderte. Auch am KönigStor waren starke Posten ausgestellt und in der Nähe fliegende Wachen aufgeschlagen. Diese Zurüstungen galten der Versainmlung, die den Saal der Brauerei Friedrichshain füllte und mit Begeisterung den Vortrag des Genossen Borg- inann entgegen nahm. Die Polizeimannschaften zogen bald nach Schluß der Versammlung ab. Auch hier gab es für sie nichts zu tun. Bei Fr eher in der Koppenstraße wurden schon um 12 Uhr Bedenken wegen Ueberfiillung des Lokals geäußert. Die Polizei wollte schon absperren, aber unsere Genossen hatte» auf den Massenandrang gerechnet und sich auch die übrigen Räumlich leiten gesichert. So wurden denn die herbeiströmenden Massen, soweit es möglich war, im oberen Saale untergebracht. Die Tische waren dort, wie im großen Saal, schon lange hinausgebracht, um Raum zu schaffen. Im oberen Saale sprach der Genosse B e t h g e, unten der Genosse und Reichstagsabgeordnete Eichhorn, und die Redner entflammten die Mafien zu unermüdlichem Aus- harren im Wahlrechtskampf, bis das Ziel erreicht ist.— Die vielen, die bei Freyer keinen Platz mehr gefunden hatten, wanderten teils nach den.Andreas-Festsälen', teils zu Boeker in der Weberstraße, oder sie suchten auch, wenn das vergeblich war, die entfernter liegenden Lokale auf. Der große Saal in der A n d r e a S- st r a ß e. wo Genosse D ü w e ll in zündenden Worten der dringendsten politischen Forderung deS preußischen Volkes Ausdruck gab, war ebenfalls bis auf den letzten Steh- platz gefüllt, und bei Boeker standen die Massen bis in den Restaurationsraum hinein. Hier sprach die Ge- nossin L u n g Iv i tz und sie versäumte selbstverständlich auch nicht. neben dem schmachvollen Dreiklassenwahlunrecht der Männer die gänzliche politische Rechtlosigkeit der Frauen zu beleuchten, die Frauen wie die Männer zum Kampf gegen dieses für ein Kulturvolk un- erträgliche System aufzurufen. t Bei Litfin in der Memeler Straße waren vielmehr Menschen gekommen, als Einlaß finden konnten. Um 12'/« Uhr wurde der Saal wegen Ueberfüllung abgesperrt. Hier war es der Genosse Bruno B o r ch a r d t, der als Referent mit überzeugender Logik und Kraft nachwies, daß das Dreiklassenunrecht, wenn auch die Reaktion sich noch so übermütig gebärdet, doch endlich der un- erkchütterlichen Forderung deS Volkes nach politischer Gleichberechtigung weichen muß. Im„E l y s i u m im äußersten Osten, an der Landsberger Allee. waren Saal und Nebenräume gedrängt voll, und durch Entfernung der Tische hatte man auch hier nicht Raum genug schaffen können sür alle, die gekommen waren, um für ihr Wahlrecht zu demon- strieren. Unsere Genossen hatten dafür gesorgt, daß nebenbei auch der Garteu den Versammlungsbesuchern offen stand, aber bei dem fortwährenden Regen war es natürlich nicht gut möglich, lauge im Freien zu stehen. Im.Elysium' hielt der Genosse U ck o das Referat, und daß seine treffenden Worte ihre Wirkung nicht verfehlten, dafür zeugte der stünnische Beifall der Versammlung. In der Diskussion sprach auch ein demokratischer Redner. Mit einstimmiger Annahme der Resolution und kräftigen Hochrufen auf das allgemeine, gleiche Wahlrecht schloß die Versammlung. Die„ D r a ch e n b u r g wo Robert Schmidt sprach, mußte abgesperrt werden, aber Ansammlungen auf der Straße fanden hier ebensowenig statt wie vor den anderen Lokalen. Die Abgewiesenen kehrten um. sie setzten sich nicht lange der Nässe und Kälte aus. „Sanssouci" war ebenfalls überfüllt. Dort sprach Eduard Bernstein. Die Redner fanden überall begeisterte Zustimmung, wenn sie das Recht des Volkes auf ein freies Wahlrecht betonten, wenn sie eS als Pflicht und Schuldigkeit der Regierung bezeichneten, das Versprechen des Königs einzulösen. Nach Schluß der Versammlungen zerstreuten sich die Mafien unter Hochrufen auf das freie Wahlrecht, unter dem Gesang von Arbeiterliedern, aber zu Demonstrationen auf den Straßen kam cS nicht, und wenn sich hier und da vorübergehend kleine Gruppen bildeten, so erblickte die Polizei darin diesmal im allgemeinen keine Gefahr für die berühmte öffentliche Ordnung und Sicherheit. Fiinfter Wahlkreis. Auch in diesem Kreise, der neben dem ersten dem Schlosse am nächsten liegt, hatte die Polizei ihre völlig überflüssigen Vorsichts- maßregeln getroffen. So in der Kaiser-Wilhelin-Straße, wo in den Musikersälen und in der Linienstraße, wo im Alten Schützenhause gut besuchte Versammlungen stattfanden, in denen die Genossen H e r z f e l d und P f a n n k u ch sprachen. Doch war an diesen Stellen das Polizeiaufgebot nicht entfernt so stark, wie am Feenpalast. , Am Alexanderplatz sah man ebenfalls mehr Polizei als sonst. Sechster Wahlkreis. Im Norden Berlins wurde das Straßenbild des nassen Soim- togvormittagS nur durch die zahlreichen, den Wahlrechtsverfamm- lungen zuströmenden Arbeiter belebt. Kurz nach 10 Uhr begann sich der B a llf ch m i e d e r s ch e Saal in der Badstraße zu füllen. Frauen nahmen diesmal etwas weniger an den Versammlungen teil, dagegen zeugt der trotz deS äußerst ungünstigen Wetters starke Andrang seitens der Genossen, wie bitter ernst es diesen um die Erringung ihrer politischen Gleich- bercchtigung zu tun ist. Bereits eine Stunde vor Eröffnung der Versammlung wurden bei Ballschmieder die Tische und zum größten Teile auch die Stühle entfenit, aber trotzdem war der geräumige Saal sowie die anschließenden Nebenräume bald gc- drängt voll, so daß die polizeiliche Absperrung erfolgte. Hunderten von Genossen entgingen so die trefflichen Ausführungen des Reichstagsabgeordneten Wolsgang Heine, doch ließen sie es sich nicht nehmen, vor dem Lokal den Versammlungöschluß ab- zuwarten. Auch die B o r u s s i a s ä l e waren frühzeitig und stark besetzt. Die Vcrsamnilung dort gestaltete sich gleichzeitig zu einer Gedenk- feier sür den verstorbenen Genossen Raschle, dem Genosse Baumaiin einen würdigen Nachruf widmete. Beiderseits der Bühne, von der aus Genosse Müntner sprach, waren die für Raschkes Begräbnis bestimmten rotbeschleiften Kränze einstiocilen niedergelegt worden. Eine stillernste Mahnung, im Leben seine Pflicht zu ersüllen, damit uns nach dem Tode die Anerkennung unserer Mitkämpfer zu teil werde. Der ohne jede Störung verlaufenen Versammlung war insofern eine Ucberraschung zugedacht worden, als cS ihren Besuchern mindestens überflüssigerweise verwehrt wurde, sich den Heimweg beliebig selbst zu wählen; der Zugang nach dem Stadtinnern war an der Elsasserstraße durch eine Schutzmannökctte gesperrt. So mußte mancher Versamnilungsbesucher auf Umwegen sein Heim aufsuchen, woran wahrscheinlich nur jener Parteigenosse Freude hatte, dem der niederprasselnde Regen so reichlich Gelegenheit gab, seinen knall- roten Regenschirm, der überall, wo a. auftauchte, Heiterkeit hervorrief. spazieren zu tragen. Im Berliner Prater, Kastanien-Allee, war ebenfalls der Saalzugang polizeilich abgesperrt worden. Genosse Adolf Hoff- mann, der durch Freisinns Tücke Exabgeordncte. hielt dort sein oft von Heiterkeit und Beifall unterbrochenes Referat. Auch hier wanderte vor dem VersamnilungSlokal eine große Anzahl auf- gespannter Regenschirme bis zum Schlüsse der Versammlung auf den Bürgcrsteigen hüben und drüben der Straße auf und ab. Am Schönhauser Tor war alles vorbereitet, im Bedarfsfalle den Zugang nach der Stadt abzusperren. An allen Ecken, überall standen die Schutzleute in Doppelposten und fortwährend wurde ausgespäht, ob denn nicht bald ein Zug Demonstranten nahe, dsn man mittels rasch hergeholter Verstärkungsmannschaften aufhalten und zer« streuen könne. Allein er kam nicht, sondern auch befolgten die über 2000 in der Brauerei Königstadt versammelten Wahl- rechtSkämpfer strikte die Mahnung ihres Versammlungsleiters und begaben sich ruhig nach Anhören des vom Genossen Fülle vorgetragenen Referates nach Hause. Nach Fülle sprach von der Demokratischen Vereinigung Herr Krucz im Sinne des Referenten. Auch in anderen Versammlungen traten Angehörige dieser Partcirichtung auf, um eine Lanze für das allgemeine, direkte und geheime Landtagsioahlrecht zu brechen. Alles in allem, der Wahlrechtskampf hat würdig eingesetzt. Man las es den nach den Ver- sammlungen geeilten Arbeitern am Gesicht ab: sie wollen kämpfend siegen. In der Berliiner Bockbrauerei, Abt. 2, Chaussee- straße 64, hatten sich zirka 1200 Männer und Frauen eingefunden, die mit großer Spannung den zündenden, kampfdurchglühten Worten der Genossin Luise Zieh folgten und die am Schlüsse der Ver» sammlung zur Abstimmung gelangte Resolution einstimmig an- nahmen. Unter dem Trutzlied:«Das freie Wahlrecht ist das Zeichen'— leerte sich der Saal. In dem gegenüberliegenden KricgervereinShauS, früher Eiskeller, waren zirka 60 Schutzleute untergebracht, die sich aber nicht sehen ließen und die öffentliche Sicherheit in keiner Weise bedrohten. Ebenso unbehelligt von der Polizei blieb die stark besuchte Ver- sammlung in.Cranz' Festsälen', KöSliner Str. 8. wo Ge- nosie I. Hildebrandt, unter lebhaften Bcifallsäußerungen der Anwesenden das Thema des TagcS behandelte. Eine Riesenmeuge von Menschen tvälzte sich schon frühzeitig nach den„ P h a r u s- S ä l e n" in der Müllerstraße. Weit über 3000 Personen füllten zwei Säle, um der Rede des Genossen Lieb- k n e ch t zu lauschen. Der Redner sprach zuerst in dem großen, zum Ersticken angefüllten Saal, indem er in seiner von wuchtiger Kraft und Leidenschaft getragenen Rede ein klar umrissenes Bild von den preußischen Zuständen gab. Inzwischen harrte die zweite Versamm- lung im unteren Saal und wich und wankte nicht, bis der Referent erschien und seinen Vortrag zum zweitenmal hielt. In den Parterre- räumen deS Lokals langweilten sich unterdessen eine Anzahl Polizei- beamten, desgleichen gegenüber in dem Betrieb der Seutkerschen Maschinenfabrik, wo ein größeres Aufgebot von Schutzengeln ein- quartiert war. Doch befleißigten sie sich einer erstaunlichen Zurück- Haltung, so daß infolgedessen alles ruhig verlief. Fast 1M0 Personen waren in der Brauerei Patzewhofer der Turmstrahe versammelt. Genosse Dr. Alfred Bernstein hatte das Referat. Seinen mit grohem Beifall aufgenommenen treff- lichen Ausführungen hatte niemand mehr etwas hinzuzusetzen. Debattelos wurde die vorgeschlagene Resolution einstimmig an- genommen. Mit einem Hoch auf das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht gingen die Versammelten auseinander. Der riesige Saal in den„N o r d w e st- P r a ch t s ü l e n" in der Wiclefstrahe erwies sich als viel zu llciu um die Erschienen alle zu fasse». Unaufhörlich strömten die Entrechteten in kleinen Trupps der Versainmlnng zu. Doch bereitwilligst wurde auch den Nachzüglern Einlaß gewährt, indem sich die Genossen, die jederzeit geru ihre Pflicht erfüllen, mit dem bei der rauhen Witterung nicht gerade angenehmen Aufenthalt außerhalb des Versammlungssaales begnügten. Mit sichtlicher Befriedigung überließen sie ihre Plätze den nach- kommenden, noch einzureihenden Wahlrechtskämpfern. In der Dis- kussion, die dem mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Bortrage des Genossen Herm. Müller folgte, wurde die Initiative, die die preußische Landeskonimission mit diesen Demonstrationsversammlungen im Wahlrechtskampfe ergriffen hat. als ein zu schwacher Angriff auf das bestehende Wahlunrecht bezeichnet. Unter dem Beifall der Vor- sammelten wurde auf die Straßendemonstrationen als wirksameres Protestmittel hingewiesen. In seinem Schlußwort bemerkte der Referent dazu, daß es weder dem preußischen Parteitag noch den führenden Genossen eingefallen sei, auf die Straßendemonstration als Mittel zur Bekämpfung des jetzigen Wahlrechts in Preußen zu verzichten. Die Sttaßendemonstrationen dürfen aber nicht zur all- wöchentlichen Erscheinung werden. Sie wirken erst am besten, wenn die Wahlrechtsbewegung von der Begeisterung deS Volkes durchglüht ihrem Höhepunkte nahe sei. Der proletarische Wahlrechtskampf in Preußen ist aber zurzeit im ersten Stadium. Aufgabe der Ver- sammelten ist es, alle diejenigen, die sich heute noch außerhalb der Versanrmlungen befinden. als Wahlrechtstämpfer zu ge- Winnen. Darauf nahm die Versammlung die Resolution einstimmig an. Unter Hochrufen auf daS freie Wahlrecht schloß die wohl mehr als 3000 Personen zählende imposante Versammlung. Die Polizei hielt sich in Moabit trotz deS starken Zustroms zu den Versammlungen im Hintergrunde und überließ die Absperrungen den Genossen selbst. Nur hin und wieder kam ein Schutzmann oder auch mal ein Polizeioffizier, die aber, nachdem sie sich davon über- zeugt haben, daß für sie nichts ist, wieder ihre Wege gingen. So verliefen denn auch diese imposanten Kundgebungen durchaus würdig und— ohne störende Zwischenfälle. In den Berliner Vororten gestalteten sich die Demonstrationen teilweise zu Kundgebungen von selten eindrucksvoller Wucht. Der Wille zur Erringung des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrecht? brachte hier wie in Berlin gewaltige Menschenmassen auf die Beine. Viele Versamm- lungen erwiesen sich als erfolgreiche Gelegenheit zur Werbung neuer Parteimitglieder und„Vorwärts'-Wonnenten. Um ein Bild von dem Gesamteindruck zu geben, lassen wir einzelne Berichte folgen: Rixdorf. Für unsere Nachbarstadt Rixdorf, dem proletarischen Südosten Groß-Berlins, waren nicht weniger als vier Versammlungen an- beraumt worden. Alle waren sie überfüllt. Zur festgesetzten Zeit wurde da? Straßenbild vollständig beherrscht durch die Scharen von Wahlrechtsdemonstranten, die den geräumigen-Sälen zustrebten. Bei Frisch in der Knesebeckstraße konnte buchstäblich kein Apfel zur Erde fallen, so dicht gedrängt war die Maffe, selbst nachdem Tische hinausgeschafft worden waren. Hier referierte Genosse Wetner Bei Gröpler in der Bergstraße, wo Rechtsanwalt Oskar Cohn das Referat hatte, standen die Versammelten bis weit in den Vorraum hinaus. Auch bei Hoppe, dem größten Rixdorfer Saal, war jeder Winkel besetzt. Die Polizei hatte abgesperrt. Landtagsabgeordneter Heimann sprach über da? Thema des TageS. Abgesperrt war auch der KarlSgarten, wo Redakteur Leid referierte. In allen Versammlungen trat die gleiche kampfesfrohe Stimmung zutage. Begeistert stimmte man dem zu, daß gegenüber allen Reförmchen und gesetzgeberischen Schöupflästerchen auf das nachdrücklichste die Forderung deS allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahl- rechts vertreten werden müffe. Die Zahl der Personen, die Einlaß zu den Lokalen fand, stellt sich auf zirka 6000. Eharlottcnburg. Der der Großstadt im Westen vorgelagerte Vorort, woselbst der Geldsack die Vorherrschaft hat, hat sich an der Demonstration durch eine Massenversammlung in dem in der Rosinenstraße belegenen Volkshause beteiligt. Der große Saal erwies sich als zu klein, und so wurde gleichzeitig im unteren Saale eine Versammlung abgehalten. Doch auch dieser war unzureichend. Hunderte von Besuchern mußten wieder umkehren oder draußen harren, weil ihnen die Polizei den Zutritt zu den bereits überfüllten BersammlungSsälen verwehrte. Die Genossen K l o t h und G e r l a ch hielten die Referate, die wiederholt den Beifall der Versammelten auslösten. Auch hier verlief die Demonstration durchaus würdevoll. Wilmersdorf. In der von 700 Personen besuchten Versammlung referierte Genosie G i r b t g. In der Diskussion verlaß der Vorsitzende deS ort- lichen ZweigvcreinS der Demokratischen Vereinigung, Herr Fabian, eine Erklärung deS Inhalts, daß die Demokratische Vereinigung an der Seite der Sozialdemokratie für das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht für Männer und Frauen kämpfen werde. Die gleichen Ausführungen machte Frau Deutsch. * Stark besuchte Versammlungen werden noch gemeldet aus Lichtenberg. Svandau<000 Personen). Schöneberg(500 Personen), Ober-Schöneweide<900 Personen), Rummels- bürg, AdlerShof, Steglitz-Friedenau(700 Personen). FriedrichShagen(450 Personen), Baumschulenweg(400 Pu�rttn), Hoben-Schön Hausen. Treptow(500 Personen)� Pankow(600 Personen), Werneuchen. Oranienburgs Franz.- Buchholz. Mariendorf. Johannisthal. Gr.- Lichterfelde. Wusterhausen(300 Personen), Waid- mannslust, Alt-Glienicke13. werktäglich von 12—2 Uhr geöffnet sein. Der Preis für die Portion beträgt für schulpflichtige Kinder 10 Ps., für Kinder im vorschül- Pflichtigen Alter nur 5 Pf. Bei vorliegender Bedürftigkeit werden auch ganze und halbe Freikarten— Inhaber der letzteren bezahlen 5 Pf. für jedes Essen— gewährt, es kann die Mitnahme des Essens nach Hause gegen Entrichtung von 10 Pf. für jede Portion gestattet werden. Anträge aus Gewährung von ganzen oder halben Freikarten find zu richten an die Herren Bezirksvorsitzenden, die für Kinder- VolkSküchenzwecke bei jeder Gemeindeschule bestellt sind. Gesuche um Verkauf des Essens außer dem Hause nimmt die Kartenausgabestelle Steinmetzstr. 113, Hof 1 Treppe, entgegen; geöffnet jeden Montag und Mittwoch von 3— 4 Uhr nachmittags. Die Geichäftsstelle befindet sich Neckarstr. 1, 1 Treppe. Zimmer 9. Tempelhof. RamnemS Ob§. 9Jm Freitagnachmittag kam der S4jShrige Rangierer Heinrich Nathan auf dem Tempelhoser Rangierbahnhos beim Rangieren unter die Räder eines daherkommenden Zuges, wurde überfahren und starb nach wenigen Minuten. Die Nntcrkommiffion der Berliner GewerkschastSkommiffion hat sich neu konstituiert. Vorsitzender ist Lentschu-Tempelhof. Kaffierer Rosenberg-Mariendorf, Graul-Tempelhof Schriftführer. Beschlossen wurde u. a. eine erneute Eingabe zwecks Errichtung eines Gewerbe- gerichts Tempelhof-Mariendorf-Marienfelde an die betreffenden Ge- meinden zu richten. Brih-Buckow. Ueber sozialdemokratische Gemeindevolitik referierte in einer vom hiesigen Wahlverein einberufenen Volksversammlung Genoffe E. Wutzky. Nach dem löhstündigen interessanten Vortrag wurde folgende vom Genossen Raths eingebrachte Resolution einstimmig angenommen: „Die am Dienstag, den 11. Januar d. F.. im„Landhaus" tagende Volksversammlung richtet an den Gemeindevorstand das ebenso höfliche wie dringende Ersuchen, bei den bevorstehenden Wahlen zur Gemeindevertretung die Wahlzeit für die dritte Wählerklasse mehr wie bisher den Verhältnissen der arbeitenden Bevölkerung anzupassen und dieselbe bis 8 Uhr abends aus- zudehnen, wie dies bereits in Berlin und den meisten Nachbar- gemeinden seit langem geschieht. Die Versammlung beauftragt das Bureau, diesen Antrag umgehend dem Gemeindevorstand zur gefälligen Berücksichtigung zu überweisen." Nieder-Schöneweide. In der Generalversammlung des WahlvereinS wurde von den Vorstandsmitgliedern Bericht über die Tätigkeit im vergangenen Jahre erstattet. Die Mitgliederzahl ist von 102 auf 120 gestiegen. Vorwärts"leser sind 203 am Orte vorhanden. Die Bibliothek ist erfreulicherweise mehr in Benutzung genommen worden. Die Neu- wähl deS Vorstandes brachte einige Aenderungen: Dehmel, 1. Vor- sitzender; Toellner, 2. Vorsitzender; Voß, Kassierer; Weick, Schrift- führer; Schuffelhauer, Weißschnur und Mittle, Revisoren; Priebke, Spediteur und Stahlberg, Bibliothekar. Für die Lokalkommission wurden Weitzschnur und Cronius gewählt. Als Bezirksführer des 1. Bezirks wurde Günther, des 2. Wreche und des 3. Töpfer gewählt. Zum Schluß kam der Vorstand auf die in Bälde statt- findende Gemeindewahl zu sprechen und ersuchte um rege Agitatton. Johannisthal. Von einem erfreulichen Fortschritt der Organisation tmiiite in der letzten Generalversammlung des Wahlvereiiis berichtet werden. Der Vorsitzende Genosse Schmidt gedachte am Anfang seines Berichts nochmals der verstorbenen Genossen Bulicke und Paschke. ES fanden im verflossenen Jahre 18 Vorstandssitzungen. 13 Mitgliederversamm- lungen, 2 Volksversammlungen und 2 Agitationstouren statt. Die Mitgliederzahl ist von 90 auf 140 gestiegen. Der Kassierer und der Spediteur gaben die Berichte vom 4. Quartal. Der Kassenbericht ergab eine Einnahme von 156,46 M., eine Ausgabe von 154,92 M. Die Epe- ditionskasse ergab einen Ueberschuß von i,54 M. Die Jugeudschriften- ausstellung einen solchen von 19,25 M. Die Nemvahlen hatten folgendes Resultat: 1. Vorsitzender Schmidt; 2. Vorsitzender Grunz; Kassierer Gonschur; Schriftführer Steuer; Beisitzerin Genossin Gobin; Revisoren Frost, Diihring und Winkelthan; Bezirksführer, 1. Bezirk Genosse Ratzei, 2. Bezirk Wittke; Spediteur Picleke; Lokalkommission Gammisch und Engelmann; Bibliothekar Gobin. In die Kinderschutzkomniission wurde die Genossin Sauerland ge- wählt; in die Bibsiotbekkoiiimisfion die Genossen Forst, Gaminffch und Klein. Um mehr Fühlung mit den Mitgliedern zu gewinnen und somit ein erfolgreicheres Arbeiten zu ermöglichen, wurde be- chlossen, daß je ein Vertreter der Revisoren, der Lokalkommission und die Bezirksführer zum engeren Vorstand gehören sollen und an den Beratungen desselben teilzunehmen haben. Ober-Schöneweide. Gcmeindevertrrtersitznug. Der Vertretung lag eine neue B e- s o l d u n g s o r d n u n g für die Lehrpersonen der höheren Schule vor, welche die Zustimmung der Vertretung fand. Eine Vorlage, welche den Gemeindebeamten durchgängig eine Gehaltsaufbesserung von 100 M. zuwendet, wurde nach längerer D:batte auf Antrag des Herrn Mülker, welcher schon öfter Proben solcher Kunst ab» legte, sonderbarerweise in die geheime Sitzung verwiesen. Hier fand die Erhöhung Annahme, jedoch mit Wirkung ab 1. April 1910. Im Hinblick auf die den Lehrpersonen ab 1. Oktober 1909 gewährte Aufbesserung erscheint dies nicht gerade als ein Akt der Gerechtig» keit. Das Ortsstatut für die obligatorische Fortbildungsschule wurde dahin umgeändert, daß die Schüler nicht mehr wie bisher bis zum Schlüsse des Schuljahres, in welchem sie 17 Jahre werden, schulpflichtig sind, sondern hinfort mit Schluß des Schul- Halbjahres ausscheiden. Die E d i s o n st r a ß c, in welche das Straßenbahngleis der Linie nach Karlshorst und Friedrichsfelde gleichzeitig verlegt werden, soll mit Rcihensteinen neugepflastert werden und eine Verbreiterung erfahren. Die Arbeiten hierzu werden vergeben. Ein von Herrn Herwig gestellter Antrag be- schäfttgt sich mit der Einführung des Gaseinheitspreises durch die Gasanstalt Oberspre?. Es wurde von ihm die Ansicht vertreten, daß nach dem mit der Gemeinde abgeschlossenen Ver- trage die Einführung dieses Preises schon jetzt dadurch zu er- zwingen ist. da der Gemeinde Karlshorst diese Verbilligung bereits zugestanden sei. Vom Gemeindevorsteher wurde dieser Ansicht widersprochen und beschlossen, die weiteren Verhandlungen abzu- warten. Ob der Gaseinheitspreis von 12,35 Pf. wirklich eine Ver» billigung bedeutet, erscheint noch recht fraglich und bedarf wohl erst eingehender Feststellungen. Als Schiedsmann wurde Herr Kaufmann Prillwitz neugewahlt. Nieder- Sch önh au sen. Der Antrag des sozialdemokratischen WahlvereinS, die Zahl der Gemeindeverordneten von 15 auf 18 zu erhöhen, wurde in der letzten Gemeindevertretersitzung abgelehnt. Ein derartiges Be- gräbnis ihres Antrages hatte die sozialdemokratische Arbeiterschaft nicht erwartet. Bürgermeister Abraham betonte, daß aus den Reihen der Gemeindevertretcr Klagen über zu große Arbeitslast bis jetzt noch nicht laut geworden seien, sehe er, daß die Geschäfte nicht mehr ordnungsmäßig geführt werden können, so würde er selbst einen derartigen Antrag stellen. Im übrigen habe es sich bei den bisherigen Gemeindewahlen gezeigt, daß es immer schwie» riger sei, geeignete Kräfte zu finden, deshalb bitte er dem Antrag nicht stattzugeben. Nun kamen die Gemeindevertreter an die Reihe. Vertreter A. Kuhlmann verwahrte sich ganz entschieden gegen die Begründung der Antragsteller, als ob die Vertreter sich den an sie gestellten Aufgaben nicht gewachsen gezeigt hätten. Dieser Vorwurf ist in der Begründung nicht enthalten. eS fei denn, daß Herr Kuhlmann denselben zwischen den Zeilen heraus- gelesen hat. Die übrigen Redner zeigten sich alle als Gegner des Antrages, mit Ausnahme des Herrn Thiebach, der für die Er- höhung war. Wäre der Antragsteller der Hausbesitzerverein ge- wesen, so wäre der Antrag glatt durchgegangen, aber die Angst der Herren, daß durch die Vermehrung der Vertreter die Sozialdemo- katie Einzug in das Dorfparlament halten könnte, hat sie zu Gegnern des Antrages gemacht. Die Nieder-Schönhausener Ar- beiterschaft hat daher alle Ursache, sich jetzt schon zu den kommenden Gemeindewahlen zu rüsten, sollen die in der dritten Abteilung zur Wahl stehenden beiden Sitze erobert werden. Es ist dies schon des- halb notwendig, weil die beiden Grundbesitzcrvereine und die Be- amtenvereinigung gemeinsam beschlossen haben, geschlossen gegen die Sozialdemokratie vorzugehen. Ein weiterer wichtiger Punkt war die Beschlußfassung über die Uebernahme der Straßenreini- gung und-Besprengung in eigene Regie. Der Berichterstatter der Kommission gab Aufklärung über die Kosten und Vorteile der Regieübernahme. Die Summe von 10 800 M. werde zunächst für die Anschaffung von 6—8 Pferden gebraucht, ferner müssen zwei neue Wagen beschafft werden; auch mache sich ein Umbau des alten Feuerwehrgebäudes in einen Pferdestall notwendig. Die laufenden Ausgaben würden jährlich 14181 M. betragen; gegenüber dem niedrigsten Angebot der Privatunternehmer sei sogar ein Ueber- schuß zu verzeichnen. Das niedrigste Angebot der Unternehmer beträgt 16 500 M., das höchste 45 000 M. Die Löhne der Arbeiter sollen 28 M. betragen bei einer zwölf st ündi gen Arbeits. zeit. Uebernehme die Gemeinde selbst die Reinigung so habe man die Garantie, daß die Arbeiten gut und sauber ausgeführt werden. Ferner könne bei Schneefällen eher an eine Beseitigung des Schnees gedacht werden, was bisher nicht möglich war, da die Unkosten dafür zu hohe gewesen sind. Die Kommission empfehle daher, den Antrag auf Uebernahme in eigene Regie zum 1. April 1910 anzunehmen. Nach längerer Debatte wurde der Antrag de, Kommission angenommen, zugleich wurde beschlossen, für die vor» läufigen Ausgaben eine Anleihe von II 000 M. aufzunehmen und in den Etat für 1910 einzustellen. Dieser Beschluß zeigt so recht. wie wenig sozialpolitisches Verständnis die bürgerlichen Bertretei besitzen. Ueberall vertreten unsere Genossen in den Gemeinde» den Grundsatz, den Zwölfstundentag in den kommunalen Betrieben u beseitigen, weil bei einer so langen Arbeitszeit den Arbeitern Zeit zur Erholung nicht übrig bleibt. Die Volksbibliothek soll im Rathause untergebracht werden. Die übrigen Punkte wurden von der Tagesordnung abgesetzt. Hierauf folgte eine nichtöffentliche Sitzung. Eine Explosion, wobei zwei Mädchen und ein Arbeiter verletzt wurden, ereignete sich gestern nachmittag Uhr in der Feuerwerks» fabrik von Bock. Ueber die Entstehungsursache der Explosion konnte noch nichts mitgeteilt worden. Die Verletzten wurden von der Feuer- wehr weggebracht. Tegel. In der Generalversammlung des Konsumverein» für Tegel und Umgegend wurde der Bericht über das letzte Bierteljahr ge- geben. Aus demselben ging hervor, daß der Verein erfreuliche Fortschritte macht. Der Umsatz in den drei Monaten stieg auf 76 254,76 M., gegen 56 269,58 M. im Vorjahre. Es ist also ein Mehrumsatz von 19 985,18 M. zu verzeichnen. An diesem Mehr- Umsatz sind sämtliche Verkaufsstellen beteiligt. Die Spareinlagen erhöhten sich auf 34 060,32 M.. auf Hausanteilscheinen sind 20 700 Mark eingezahlt. Der Verein, welcher sich auf die nördlichen Bor» orte Berlins ausdehnt, hat jetzt 6 Verkaufsstellen; in Tegel. Borsig» waldc. Reinickendorf. Wilhelmsruh, Waidmannslust und Herms» darf. Ein Antrag auf Errichtung einer weiteren Verkaufsstelle in Tegel wurde dem Vorstande überwiesen. Lankwitz. Die Generalversammlung des sozialdemokratischen Wahlver- eins befaßte sich zunächst mit der Neuwahl des Gesamtvorstandes. Gewählt wurden als 1. Vorsitzender Genosse Anders, 2. Vorsitzender Kühl, Kassierer Kister, Sck,riftführer Kakosch und als Beisitzer Box- heimer und die Genossin Frau Dehnst; als Bezirksführer für den 1. Bezirk Genosse Paters, für den 2. Bezirk Herold, für den 3. Be- zirk W. Richter, für den 4. Bezirk Reiche, für den 5. Bezirk Wenzel und für den 6. Bezirk Schirm. Als Revisoren die Genossen Rietz, Sebastian und Ziegs, Bibliothekar Genosse Voigt und für die Lokalkommission die Genossen Hinze und Hilbert. Nach dem der Wahl folgenden Vorstandsbericht fanden im vergangenen Jahve 11 Mitgliederversammlungen und 12 Zahlabende statt. Der Kassenbericht zeitigte kein erfreuliches Ergebnis. Im 4. Quartal 1909 belicfen sich die Einnahmen auf 148 M. Ausgetreten be- ziehungsweise verzogen sind im letzten Quartal 41 Genossen. Wegen vorgerückter Zeit wurde der Gemeindevcrtreterbericht bis zur nächsten Mitgliederversammlung vertagt. � Zum Schluß wurden noch acht Mitglieder aufgenommen. Bernau. In der ersten Stadwcrordnetenversammlung ln diesem Jahre wurden die im November gewählten Stadwerordneten in ihr Amt eingeführt. Von den acht Eingeführten sind drei Parteigenossen. Die ganze dritte Abteilung ist jetzt von unseren Genossen besetzt. Die Vorstandswahlen vollzogen sich dem Wunsche der Bürgerlichen entsprechend. Der Vorsteher A. Wernicke wurde einstimmig wieder» gewählt. Genosse Werner wurde zum stellvertretenden Vorsteher von unseren Genossen in Vorschlag gebracht, derselbe erhielt jedoch nur 9� Stimmen wohingegen der sich liberal nennende Stadtverordnete Schmeichel 13 Stimmen erhielt, eine Stimme wurde für einen anderen Bürgerlichen abgegeben. Von unseren Genossen wurde nunmehr zum Schriftführer Genosse Helbig vorgeschlagen, auf �en- selben vereinigten sich nur die 8 Stimmen unserer Genossen; der Bürgerliche Gruban erhielt 15 Stimmen. Genosse Krüger rügte die Intoleranz der Bürgerlichen. Es erfolgten dann die Beraus- gabungen verschiedener Arbeiten für die Nebengebäude des neuen Krankenhauses, welches nun doch bald Aussicht auf wirkliche Fertig- stellung haben dürfte. Als Mindestfordernde erhielten den Zuschlag für Tischlerarbeiten Schramm zum Preise von 2476,74 M., für Schlosser und Anschlägerarbeiten Lindner mit 749,35 M., für Glaserarbeiten Taubert mit 336,45 M. und für Mlaler- und Tape- ziererarbeiten Stoos mit 3588,51 M. Potsdam. Stadwerordueirufitzung. Die zweite Sitzung beschäftigte sich hauptsächlich mit Kommissionswahlen. Dabei ereignete es sich denn, daß ein Stadtverordneter die Wahl nicht annahm, weil er nicht wieder stellvertreiender Vorsitzender werden sollte. Im 5. Ausschuß wurde ein bisheriges Mitglied nicht wiedergewählt. Er glaubte darauf in der Sitzung selbst näher eingehen zu müssen, da ihm von privater Seite mitgeteilt worden sei, er sei nicht immer unparteiisch gewesen. Und das mußte ausgerechnet dem Vorsitzenden des HauS- und Grundbesitzervereins passieren. Die Pflasterungsvorlage für 1916 wurde nochmals an die Kommission verwiesen. Für die Kosten von 155 609 M. fehlte teilweise noch die Deckung, teilweise wurde gegen die vorgeschlagenen Straßen Bedenken erhoben. Der Ausbau der Elektrischen von Charlottenhof wurde von der Tages- ordnung abgesetzt. Vermischtes. Die Schneestürme an der atlantischen Küste. Aus New D o r k wird gemeldet: Der am Freitag begonnene Blizzard entlang der atlantischen Küste hielt fast den ganzen Sonn- abend an. New Dork, Philadelphia, Boston und viele andere Städte sind von jedem Verkehr abgeschnitten. Einen Meter und höher be deckt der Schnee den Boden. Die angesammelten Schnecmassen der hindern den Eisenbahnverkehr. Zahlreiche Unfälle sowie sechs Todes fälle waren am Sonnabend. zu verzeichnen. Die ankommenden und abfahrenden Dampfer sind am Sonnabend mit großer Verspätung ein- und ausgelunfen. Lese- und Diskutierklub„Osten«. DienZtagadend SV, Uhr: Sitzung bei Franke, Hausburgstr. 4. Gäste willkommen. Wttterungsüberstcht vom 17. Januar 1910, morgens 8 Uhr. «tationen Lwmrmde 754 SW Hamburg 756 SW verliv 757 S Kranti.a D! IKOsW München 765 SW Wien 764 SSW Setter 5 Regen 4 bedeckt 3 wollig 5 Regen 4 bedeckt 1 heiter MÄ «tattonen Havaranda 746 D Petersburg 754® Sctllh 753 WSW «berdeen>740 SW Part! ilWSW Wetterprognose für Dienstag, den 18. Jannar 1910. Etwas kühler, teilweise heiler, jedoch sehr unbeständig mit österen Nieder» schlagen und ziemlich starken weslltchen Winden. Berliner Wetterburea» Theater und Vergnügungen zkandak.(Ans. 8',. Uhr.) Juans letztes Aben- Dienstag, d en 18. Januar. Ansang 7 Ahr. Königl. Opernhaus. Tristan und Isolde. Ansang?'/, Uhr. KSnigl. Schauspielhaus. Strand- linder. Neues königl. Opern-Thrater. Geschlossen. Deutsches. Der Widerspenstigen Zähmung. Kammerspiele. Das Heim. (Ansang 8 Uhr.) Anfang 8 Ubr. Neues Schauspielhaus. Ihr letzter Brief. Komische Oper. DaS Tal der Liebe. Hebbel. Der Skandal. Neues. Dou teuer. Westen. Die geschiedene Frau. Neues Overetten. Der Gras von Luxemburg. Trianon. Buridans Esel. Berliner. Hohe Politik. Kleines. Der große Name. Residenz. Im Taubenschlag. Thalia. Die Dollarprinzessin. Lessing. Tantris der Narr. 2 cht U er«».«»alUi«» Theater.) Die erste Geige. Schule, Charlottenburg. Ge» spenster. Friedrich- Wtlhelmstädt. Groß» stadtlust. Bolksoper. Poftillon von Lonjumeau Luisen. Die Reise um dt« Erde tn 80 Tagen. Rote. Der Vize-Papa. Lustspielhaus. Der dunkle Punkt. Meteovol. Halloh II— Die große Revue. Folies Caprtce. Sicher ist sicher. Bunter Teil. Der Mann meiner Frau.(Ans. 8'/, Uhr.) Eastno. Der Obergauner. «edr. Herrnfeld. So muß mawS machen. Ein Retlungsmittel. Gastspiel. Der Polizethund.(Ans. 8>/. Ubr.) Noacts. Geschlossen. Ap.Ulo. Spezialitäten. Wintergarten. Spezialitäten. Baliage. Spezialitäten Buggcnhagen. Spezialitäten. Karl Haverland. Spezialitäten. Walhalla. Soezialilälcn. Palast. Spezialitäten. Rrichshallen. Slettiner Sänger. Urania. Tn»t>e»iir»sie 1*149. Abends 8 Uhr: Dr. O. Driesen Der Kinematograph tm Dienste der Wissenschast und des Unter richts. Hörsal 8 Uhr- Geh. Rat Prosessor Dr. Fritsch: Die Leistungen des menschlichen AugeS bedingt durch seinen Bau. Steriiinnrif. Invaliden ftr 57—62. liessing-Theater. 8 Uhr: Tantris der Narr. Mittwoch, 8 Uhr: Das Konzert. Donnerstag. 8 Uhr, neu einstudiert: Baumeister Solneft. Urania. Wissenschaftliches Theater. Abends 8 Uhr: Dr. O. Driesen: Der Kinematograph im Dienste der Wissenschaft und des Unterrichts. Hörsaal 8 Uhr: Geh. Rat Prof. Dr. Fritsch: Die Leistungen des menschlichen Auges, bedingt durch seinen Bau. Kenes Operettcn-Thcnter, Schistbauerdamm 25, a. d. Luilenltr. Heute und solgende Tage 8 Uhr: Der Graf von Luxemburg. Operette in 3 Akten v. Franz Lehär. SW. Volks-Oper. Belle-Alliance-Straße Nr. 7/8. Abends'/.s Uhr: Der postillioa von Lonjumeau. _(Gastspiel Bockwann.)_ Lustspielhaus. Abends 8 Uhr: Der dunkle Punkt. Luisen-Tlieater. Abends 8 Uhr: Die Reise um die Erde in 89 Tagen. Große? Ausstattungsstück In 14 Bild. von A. Enncry u. JuleS Verne. Mittwoch> Die Nibelungen. Ein deutsches Trauerspiel von F. Hebbel. Donnerstag: Die Reise um die Erde in 80 Tagen. Freitag: Die Nibelungen._ Berliner Theater. Ä flöhe Wik. Morgen 7'/- Macbeth. Uhr zum erstenmal: Heues Theater. Abends 8 Uhr: Don Juans letztes Abenteuer. Morgen und folgende Tage: Dou Juans lehteS Abenteuer. Theater des Vesteos. Abend» 8. Uhr: Die geschiedene Fran. Sonnt. 3'/, Uhr: Der fidela Bauer Friedricti-WilltelmsMIsches Schauspielhaus. DIenStag. 18. Januar, Anfang 8 Uhr: Die Großstadtluft. Mittwoch: Im bunten Rock. Donnerstag: Die Großftadtlust. Freitag: Im bunten Rock. Sonnabend z. erstenmal: Halall. Residenz-Theater Direltion: Richard Alexander. Abend» 8 Uhr: Im Taubenschlag. Morgen und solgende Tage: Dieselbe Borstellung. Sonntag, den 23. Januar, 3 Uhr: Eine Hochzeitsl !USU-7NUAra Große Franlsurlcr Str. 132. 7 vis.» Uhr. Ende 10'/, U. Der Vizepapa. Li Lustspiel in 3 Akten o. A. Richards. Mittwoch und Freitag: Faust. Donnerstag: Der Vizepapa. Sonnabend nachm. 4 Ubr: Dorn- röschen. Abends: Die Grille. Gastspiel-Theater. KOpenlcker Straße 67/08. Täglich 8'/, Uhr abendS: Liady Floronce Der Polizeihund. Kriminalschauspiel._ Metropol-Theater Hallo!!! Die große Revue! In 8 Bildern von Jul. Freund. Musik v. Paul Lincte. In Szene gesetzt vom Dir. Rieh. Schultz. Anfang 8 Uhr. Rauchen gestattet. « Uhr 15: Prlm Pinne, Burleske mit Henry Bender. 9 Uhr«0: Das Tagesgespräch von Berlin I Lotte 8arrow t ihr. Mimodrama ..Die Ehebrecherin". 9 Uhr 45: 9 Uhr 45: Schimpanse Konsul James Great. Trianon-Theater. Abends 8 Uhr: Kuridans Esel. m alhalla Ihfiele-Theafer Weinbergsweg 19-20, Rosenth.Tor. Ans. 8 Uhr. Obs neue Programm. Severus Schaelfer der berühmteste Artist der Welt, und die Übrigen Spezialitäten. Tnnnel s Bockbierfest. 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Sonntag, Montag und Donnerstag: Neues Programm. HMifra.Ä„ von Stets neues, aktuelles Programm. Beg.Sonnt.5. wochtNl.8U. Morgen Mittwoch: Dhraterabend: -'oldbaner. Der Für der Inserate ' Ion dem Publikum gegenüber teinrrlet Verantwortung. den Inhalt übernimmt die Redaktion Martha Köhler Willi Schulze Verlobte. 29CB Unserem Kollegen Theodor (Schmidt nebst seiner lieben Braut lila,r|;aret zu ihrer am 23. d. M. stattsindenden Hochzeitsseier die herz- lichsten Glückwünsche. 299b vis organisisrlon Kollegen der Brauerei Reichel, Kulmbach. SozialdeffiokradscherWahiirereiD für den 4. Landsberger Viertel. Bezirk Nr. 37S. Teil I. Den Mitgliedern zur Nachricht, dab unser Genosse, der Metallarbeiter Eduard Hempler Eamariterstr. 5 gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 19. Januar, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle deS Zentral-Fricdhoses in Friedrichsselde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 215/6 Der Vorstand. OöMöl Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Tod es-Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Bohrer Eduard Nempler gestorben ist. 110/11 Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Mttwoch, den 19. Januar, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des Zentral- Friedhofes in Friedrichsselde aus statt. Rege Beteiligung erwartet Die Ortsverwaltnng. SozialiiepkratisebJabM für Seböneberg. Bezirk 5a. Am Freitag, den 14. Januar. verstarb plötzlich unser Mitglied und Bezirkssuhrer, der Tischler Wilhelm Laars im Alter von 64 Jahren. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Dienstag, den 18. Januar, nach- mittags ö'/, Uhr, von der Leichen- Halle des neuen Schöneberger Friedhofes(BlankeHölle) aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 15/2»er Vorstond. Deutseber Holzarbeiter- Verband Zahlstelle Schöneberg. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß das Mitglied Wilhelm Laars verstorben ist.' Ehre feinem Andenken: Die Beerdigung findet heute, Dienstag, nach mittags 3'/, Uhr, aus dem neuen Schöneberger Friedhose, Blanke Hölle, statt. Um zahlreiche Beteiligung er- sucht 77/15 Die Ortsverwaltnng. Verband deutscher Gastwirtsgehilfen (Ortsverwaltung Berlin I.) Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Kellner Laus Sichert am 15. Januar verstorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 20. Januar, mittags VI, Uhr, von der Leichen- halle der St. Elisabeth-Gemeinde in Pankow, Wollankstr. 66, aus statt. 281/19 Der Borstand. Danksagung. Für die herzliche Teilnahme und Kranzspenden bei der Beerdigung unteres lieben Sohnes Kndoll KUhlke sagen wir allen Verwandten und Bekannten, insbesondere dem Gesang- verein.Bechertlang", M. d. A.-S.-B, und dem Rauchklub„Osten", M. d. A.-R.-B., unseren herzlichsten Dank. Die tieftrauernden Eltern und Geschwister._ Danksagung. Da es uns unmöglich ist, einein jeden einzelnen zu danken, so sprechen wir aus diesem Wege sür die zahl- reiche innige Teilnahme und die überaus reichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben unvergeß- lichen Mannes, unseres guten Bruders, Onkels und Schwagers, des Zcitungs- spediteiws tiermunn k�asdike allen Genossen, Verwandten, Freunden und Bekannten, insbesondere Herrn V/aldecl< Manasse sür die trostreichen Worte, serner dem Verband der sozialdemokratischenWahlvcreineKrotz- Berlins und Umgegend, den Bezirks- sührern der 4. Abteilung, den Ge- nassen der Bezirke 569/70, 574, 576, 583 und 592 des 6. Kreises, der Zeitungsspedition A Hintze& Co., den Botcnsrauen der Partcispcditionen Raschke, Weisse, Ifahnisch und Gesundbrunnen, den Kollegen des Zentralverbandes deutscher Maurer, Zahlstelle Berlin, Bezirk Oranien- burger Vorstadt, dem Gesangverein „Morgengrauen" sowie dem Verband der Bäcker und Konditoren, Zahl- stelle Berlin, unseren tiesgesühltesten Dank aus. Im Namen der kauernden Hinterbliebenen: Wwe. �uxuste kssckke. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben ManneS spreche ich allen Freunden u. Bekannten, besonders dem Deutschen Holzarbeiter- verband, meinest herzlichsten Dank aus. V«e. Barbara KUebler. Danksagung. Für die von allen Seiten geäußerte Teilnahme und rege Beteiligung, sowie die zahlreichen Kranzspenden zur Beerdigung unseres lieben Dahin- geschiedenen, des Lagerhalters /Udert Wasewitz sagen wir aus diesem Wege allen Freunden und Bekannten, insbesondere dem Sekretariat der Provinz Brandenburg, dem Verband sozialdemokratischer Wahlvereine Berlins, des vierten Reichstagswahttretses, Königsberg- Neuniark, Güstebiese, Mt-Blessin und Neudamm, der Konsum-Genossensch. Güstebiese und dem Verband der freien Gastwirte unseren innigsten Dank. Güstebiese a.O. Die Hinterbliebenen. Danksagung. Für die rege Beteiligung bei der Beerdigung meines lieben Lllannes, unseres guten Vaters sagen wir allen Teilnehmern unseren besten Dank. Ww. Aagtutitc ilreitenfeld nebst Rindern._ Danksagung. Für die zahlreiche Teilnahme an- läßlich der Beerdigung meines lieben Mannes, des Bildhauers TksoÄor Grosse sage ich allen Freunden und Be- kannten. insbesondere dem Sparverein„Freundschast", sowie dem Ge- werkvcccin der Bildhauer meinen herzlichsten Dank. Witwe Ann»«rosse. Neu erschienene Kücher! Di- Städteordnnng m die sechs östliche» Provinzen der prenftischcn Monarchie. Erläutert von Hirsch. Preis geb. g,— M. Nerfassungsmefen u. Nerfasiungskampfe in Dentschland. Von Georg Gradnnner, Preis geb. 3j— M. Ans Sturmeszeit. Roman von Anastasia Werbizkaja. Einzig autorisierte Ucbersetzung von ssrida Stooti. Preis vrosch. ß,-, geb. 7,60 M. Eipeion te Jonirts" Berlin SW. liindenstraßo 69(Laden). Dr. Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, Är*. 10— 2, 5— 7. 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Verwaltungsstelle Berlin. Hauptbureau: DhsrltesiraLe Z. Hos III. Amt 3, 1937. Mittwoch, den 10. Januar, abends 8 Uhr: lZezirNs- Versammlung für den«. Bezirk(Rixdorf und Umgegend) in„Hoppes Festsälen", Rixdorf, Herwaunftr. 49, Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Kollegen O. Handke über:„Reichsfinanzdalles, Wirtschaftskrise und Gewerkschaftskämpfe». 2. Bericht der Gesaml- bezirlsleitung sür 1909. 3. DiStussion. 4. Neuwahl der Gesamtbezirks- leitung und Agitationstommission. 5. Verschiedenes. Der reichhaltigen und wichttgen Tagesordnung wegen ist eS dringende Pflicht aller Mtglieder, pünktlich und zahlreich zu erscheinen. Die Versammlung wird piinttt. eröffnet. Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt. 1110/10 IM« Ortsverwaltnng. verband d. Mierer u. Steinholz- leger Deutschlands. Abteilung I: Isolierer Berlins. Mittwoch» den 19. Januar er., abends 8>/z Uhr, bei rrvlkelt, Dragonerstr. 15: HlUglieder-Versammluiig. Tages-Ordnung: 1. Die Arbeitsbedingungen des Zentralverbandes der Isolier- firmen Deutschlands und der Akkord- und Lohntarif des Arbeit- geberverbandes für das Jsoliergewerbe zu Bertin. 2. Disfusfion und VerbandSangelegenheitcn. ES ist Pflicht eines jeden Kollege», in der Versammlung zu erscheinen. 281/20 I. A. des Vorstandes: Horn». I-ange. Deutscher Buchbinder-Verband. Zahlstelle Berlin. Freitag, den 21. Januar 1910, abends 6 Uhr: Branchen- Vcrfammtung der Etuis-Arbeiter und-Arbeiterinnen �•■'. im Gewerkschaftshause, Engclufer IS. Saal 1. Tages-Ordnung: 1. Jahresbericht der Branchenleiiung. 2. Jahresbericht der Zentral- kommisfion. 3. Neuwahl der Branchenleiiung. 4. Branchenangelegenhetten und Verschiedenes. LZ, l DaS Erscheinen aller Kollegen und Kolleginnen erwartet Die Ortsverwaltnng und Braucheuleitnng. äsi Lithographen, Steindrucker und verwandte Berufe! Dienstag, den 18. Januar, abends 8 Uhr, im grofteu Saale des Gewerkschastshauses, Engelufer 15: Große öffenlliche Nersammliiilg. Tages-Ordnung: i. Die Plane der Scharfmacher in unserem Kernst. Referent: Kollege Hav. 2. Diskussion. Die Verwaltungen erwarten daS Erscheinen aller Kollegen, da Wichtiges aus dem Spiele steht. 281/13« Der Einberufer: Alex Czech, Engeluser 15. Deutscher Holzarbeiter-Verband. = Zahlstelle Rixdorf.- Donnerstag, den 20. Januar, abends 8 Uhr: Leneral-Versammlung bei Hoppe, Hermannstr. 40. TageS-Ordnung: 1. Abrechnung vom 4. Quartal 1909. 2. Bericht der Verwaltung und Kommissionen. S. Wahl der Ottsverwaltung und der Beittagssammlei. 4. Verbandsangelegenheiten. 77/14* Hie Ortsvervaltniie. Zkitlrni-Krniikkiilnilse der Tnpksicm. (Filialen Berlin.) Freitag, den«1. Januar 1010, abends 8'/g Uhr: � Quartale-Vcrraimtilungen. Filiale I: be! Metzer. Oranienstr. 103, Filiale II: bei Röwer. Elisabethkirchsir. 14, Filiale III: Gewcrkschaftshans. Engeluser 15, Saal 5. Tagesordnung: Kaffenbettcht vom 4. Quartal 1909. Diskussion und Verschiedenes. 177� Recht zahlreichen Besuch erwarten Die Ortsverwaltungen. Okns Zons Anzahlung L verkaufe ich Pianos erstklassiges Fabrikat (9m al prSmiiert Staats- medaillo) in allen Holz- und Stilarten von wunderbarer Tonfülle. (Flügelton) gegen kleine monatliche Tcilzablnng, ohne Jeden Prelsaufschlag. 95/16* Für jedes Instrument gewähre ich 20jähr. sehriftl. Garantie. Conrad Krause Ncllftji, Ecke KurVür6te'ns"rl>aTeieChtrtir*lftll0. Aach Sonntags gcOtTnct. leisten � MAGGI8 Suppen der sparsamen Hausfrau vorzügliche Dienste. Nach wie vor kosten sie nur 16 Ps.(ein Würfel sür 2— 3 Teller). Sie schmecken, nur mit Wasser wenige Minute» gekocht, ebenso kräftig wie die beste mit Fleischbrühe hergestellte Suppe. Man verlange aus- drücklich MA««!« Suppe»(Schutzmarke Kreuzstern). Mehr als 30 Sorte». LMAGGIs gute, sparsame Küche'. "Leranwoctli.cher MdaktLLr NiMrd V.gfth, Aprlii). Zijr d�t gnseigtxfltejl vNWtw-: TH.V»vcke,Kcrlin, Trilik v. 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Medizinalrat Prof. Dr. Straßmann, Medizinalrat Dr. Hoffmann, Gerichtsarzt Dr. Marx, Dozent Dr. Fraenkcl vom Institut für Staatsarzeneikunde, Plan- kammerinspektor Koethe und Kammergerichtsreferendar Dr. Anuschat. Zur besseren Erläuterung der örtlichen Verhältnisse ist vor der Geschworenenbank eine Tafel mit dem Plan des Grund- stücks Gerichtstratze 60 aufgestellt. Der Zeugentisch ist mit Obser- vaten dicht bedeckt. In erner Holzkiste steht unter dem Tisch, den Augen der Neugierigen noch verborgen, der abgeschnittene Kopf der Getöten, der Prostituierten Berta Schneider.— Der Andrang zum Zuhörerraum ist ein außerordentlich großer, so daß die vor- handcnen Einlaßkarten in wenigen Minuten vergriffen sind. Der Angeklagte Wulff ist ein blasser und nicht sehr kräftiger Mensch mit hoher, fast weinerlicher Stimme, der einen nicht ge- rade intelligenten Eindruck macht. Der Anklage selbst liegt, wie zum Teil schon mitgeteilt, fol- gender Sachverhalt zugrunde: Am frühen Morgen des 2. August gegen 2 Uhr entdeckten der in dem Hause Gerichtstraße 60 wohn- hafte Molkereibesitzer Flörickc und dessen Kutscher den ihnen be- kannten Angeklagten, wie er sich in dem auf dem Hofe gelegenen kleinen Garten in auffälliger Weise zu schaffen machte. Bei näherem Suchen wurde in dem Hofgarten ein Sack aufgefunden, aus welchem ein unbekleidetes menschliches Bein herausragte. Die Polizei wurde sofort reguiriert, ebenso die Mordkommission der Kriminalpolizei. Als diese«intraf, bot sich ein recht eigenartiges Schauspiel. Der Angeklagte Wulff saß, nur mit einem Hemd be- kleidet, auf dem Schornstein des Stallgebäudes und sang mit ver- zückt nach oben gerichtetem Blick u. a. die Worte:„Lieber Mond, guter Mond, nimm mich mit. Schnaps trinke ich nicht mehr, nach der Hasenhcid« gehe ich auch nicht mehr. Lieber Mond August!" Da Wulff sich weigerte, freiwillig vom Dache herunterzukommen, wurde die Feuerwehr alarmiert, die den Angeklagten nach heftigem Widerstand vom Dache herunterholte. Die Leiche wurde sofort nach dem Schauhause geschafft, wo sie als die der ledigen, unter sittenpolizeilicher Kontrolle stehende Berta Schneider rekognosziert wurde. Wulff behauptete nach seiner Verhaftung, daß nicht er, sondern ein Unbekannter die Tat begangen habe. Dieser habe ihn auf der Straße angesprochen und beide hätten eine kleine Bier- reis« unternommen. Unterwegs habe jener Unbekannte die Schneider auf der Straße angesprochen und ihn gebeten, ihm die Wohnung zur Verfügung zu stellen. Er sei darauf eingegangen und habe dem Unbekannten den Schlüssel gegeben. Als er nach einiger Zeit den beiden gefolgt sei, habe er plötzlich in der Woh. nung einen Schlag auf den Kopf bekommen, der ihn fast besin- nungSloS niedergestreckt habe. Er sei dann erst wieder zur Be- sinnung gekommen, als er sich auf der Polizeiwache befunden habe. In seiner gestrigen Vernehmung wiederholte der Angeklagte diese Darstellung.— Rechtsanwalt Dr. Puppe erklärt, daß der Angeklagte ihm und seinem Mitverteidiger eine ganz andere Dar- stellung dcS wirklichen Sachverhalts gegeben habe. Der Ange- klagte selbst weigere sich jedoch, diese Erklärung vor Gericht abzu. geben, weshalb er(der Verteidiger) beantrage, den Rechtsanwalt Dr. Max Hahn über diese Angaben als Zeugen zu vernehmen. Der Angeklagte widersprach jedoch dieser Vernehmung und erklärte sich bereit, den wahren Sachverhalt mitzuteilen. Der angebliche Un- bekannte sei ein guter Freund von ihm, den er aber nicht nennen wolle, da dieser verheiratet und Familienvater sei. Dieser Freund sei mit dem Mädchen wegen der Bezahlung in Streit geraten und habe plötzlich auf die Schneider eingeschlagen, die schon nach dem ersten Schlag furchtbar geschrien habe. Sein Freund sei dadurch noch wütender geworden und habe mit dem Schlagring auf das Mädchen eingeschlagen.— Landgerichtsdirektor Gocbel: Sie wollen uns also nicht sagen, wie der Freund heißt und wollen, wenn Ihnen diese Geschichte deshalb nicht geglaubt wird, auch lieber die Strafe auf sich nehmen?— Angekl.: Jawohl, ich verrate ihn nicht, weil er verheiratet ist.— Bors.: Sie sollen einmal zu dem Kutscher Gurow, der auf demselben Hofe beschäftigt war, folgende Aeußerung getan haben:„Wenn ich mir noch einmal ein Mädchen mitnehme und die würde Krach machen, so gebe ich ihr eins auf den Kopf und ver- buddele sie hinten im Garten, so daß kein Hahn mehr danach kräht!" Haben Sie nicht diese Aeußerung getan?— Angekl.: Nein, ich be- streite ganz entschieden, so etwas gesagt zu haben.— Die Vernch- mung des Angeklagten ist damit beendet. Es wird hierauf in die Beweisaufnahme eingetreten, in welcher zuerst die Zeugen ver- nommen werden, welche in jener Nacht den Angeklagten auf dem Hofe gesehen und die Leiche der Schneider gefunden hatten.— Der Zeuge Kutscher Gurow ist in jener Nacht durch das fortwährende Anschlagen des Hofhundes wach geworden. Er habe, wie er vor Gericht bekundete, sofort angenommen, daß irgend etwas nicht in Ordnung sei. Er habe dann mit der Stallaterne den Hof abge- leuchtet und in einer dunklen Ecke in gebückter Haltung einen Mann stehen gesehen, in dem er den Angeklagten Wulft zu erkennen ge- glaubt habe, nachdem ihn dieser mit seinem Vornamen angerufen habe. Eine zweite Person habe er nicht gesehen. Er habe dann seinem Arbeitgeber, dem Obsthändler Lohse, von dieser Begegnung Mitteilung gemacht und beide hätten dann den Hof nochmals ab- gesucht und dann die Leiche gefunden. Ueber ihre Wahrnehmungen bei der Auffindung der Leiche und die örtlichen Verhältnisse am Tatorte werden sodann mehrere Hausbewohner vernommen. In der weiteren Verhandlung verwickelte sich der Angeklagte wiederholt in Widersprüche. In seinen wirren Erzählungen machte er nochmals so unwahrscheinliche Angaben, daß dadurch ein Heiter- keitssturm im Publikum entsteht. Diese mehrfachen Widersprüche veranlatzten den Vertreter der Anklagebehörde. Staatsanwalt Dr. Carl» die Anklage auch auf Verbrechen gegen§ 212 Str�G.-B. (Totschlag) auszudehnen und den Angeklagten und seine Verteidiger darauf aufmerksam zu machen, daß die Verteidigung auch auf diesen veränderten rechtlichen Gesichtspunkt auszudehnen sei.— Rechtsanwalt Dr. Puppe beantragte für den Fall, daß das Gericht diesem Antrag stattgeben sollt«, die Vertagung des ganzen Pro- zesses, da dann der von dem Angeklagten behaupteten Beteiligung des unbekannten Freunde» erst noch näl>er nachgegangen werden müsse. Nach Vernehmung mehrerer Hausbewohner, die nur ganz un- wesentliche Angaben machten, wurde der Dozent und erste Assistent an dem kgl. Institut für Staatsarzneikunde Dr. Paul Fraenkel als Sachverständiger vernommen, der an der Obduktion der Leiche der Schneider teilgenommen hatte und auch den Kopf der Leiche abge- trennt und kunstgerecht präpariert hat.— Vor Vernehmung des psychiatrischen Sachverständigen GerichtSarzt Dr. Marx wurden auf Antrag der Verteidigung die Eltern und der Bruder des An- geklagten vernommen. Während Vater und Bruder von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machten, erklärte sich die Mutter zur Aussage bereit. Sie bekundete, daß der Angeklagte unter den 15 Kindern, denen sie das Leben gegeben habe, immer am kränklichsten gewesen sei, da er schon bei der Geburt ein« Kopf- Verletzung erlitten habe.— Mehrere andere Zeugen, zumeist ftühere Arbeitgeber des Angeklagten, bekunden, daß von ihnen nichts be- sonders Auffälliges an dem Angeklagten wahrgenommen sei. Der Gerichtsarzt Dr. Marx bekundete als Sachverständiger, daß der Angeklagt« ein zu Gewalttätigkeiten neigender Mensch sei, bei dem ein gewisser, wenn auch schwacher, angeborener geistiger Defekt zu konstatieren sei. Von einer Geisteskrankheit oder einer nur vorübergehenden Störung der Geistestätigkeit könne bei dem Angeklagten keine Rede sein. Die Anwendung des§ 51 Str.-G.-B. erscheine völlig ausgeschlossen. Der zweite Sachverständige, Medizinalrat Dr. H-ffmann, schloß sich diesem Gutachten nach jeder Richtung hin an.— Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Straßmann, der in Gemeinschaft mit dem Dozenten Dr. Fränkel die Obduktion der Leiche vorgenommen hatte, bekundete, daß als Todesursache eine Verblutung in Wer- bindung mit Gehirnerschütterung in Frage komme. Hierauf wurde auf Antrag des Staatsanwalts Dr. Carl den Geschworenen der Llopf der Ermordeten vorgelegt, nachdem der Jnstitutsdiener Sattler bekundet hatte, daß dies der Kopf der Schneider sei. der ihm von dem Geheimrat Dr. Straßmann zur Präparation übergeben toorden sei. Der Kopf, der sich in einem luftdicht verschlossenen Glaskasten befindet, bietet einen entsetzlichen Anblick dar. Die Kopfhaut ist an zahllosen Stellen durchschlagen, die Ohren bestehen nur noch aus einzelnen Hautfetzen. Die Verhandlung wurde dann kurz nach 4 Uhr abgebrochen. Heute soll auf dem Grundstück Gerichtstraße 60 ein Lokaltermin ab- gehalten werden. An- diesem werden sämtliche Geschworene, das Richterkollegium, Staatsanwalt und Verteidiger sowie ein Teil der Zeugen teilnehmen._ ßmfhaften der Redaktion. Sit fartfUMt evrcchstimde findet Lindenstraßt 3, zweit«» Hof. dritter Eingang.«Irr Trrvvril, UM- Faßrstnhl wochcntäglich abcuds von 7� bis»>,-> Uhr statt. Gröffnct 7»Hr. SonnabrndS b-glmit die evrrchstund« um 6 Uhr. Jeder Anfrage ist«tn Buchstabe und eine Saht als Mcrlzetchrn belznikgen. Briefliche Antwort wir» nicht erteilt. Bis zur Beantwortung im Brieftasten könne» 14 Tage vergehen. Eilige Fragen trage man tu der Sprechstunde vor. Vorwärts 100. Der Pater könnte die 21 Mark gegen die verauS- tagten Gcrichtslostcn aufrechnen.— K. N. 141. Leider würde eine eventuelle Klage auf Lohnzahlung wenig Aussicht auf Erfolg haben, da der Gesamtpieis ausdrücklich vereinbart ist. Vielleicht erreichen Sie auf gut- tichem Wege etwa».— I. 40. Teilen Sie dem Verwalier mit. daß Sic von dem VerWage zurücktreten, weil er erklärt hat, daß es unbestimmt ist, ob die Wohnung am 1. April beziehbar ist.— 9t. K. 100. DaS Berliner Ortsslatul, durch weiches die Kraiikenverftcherungspslicht sür Heimarbeiter eingesübrt ist, gilt nach dem Gesetz und dem Statut»ur leider sür die in Berlin wohnenden Arbeilerinncn, nicht sür die tn Berlin a> bellenden, aber in einem Vorort Wohnenden.— H. 2. 39. 1. Der Ausschluß der Kündigung gilt auch sür das jetzige Verhältnis. 2. DaS loäre Akkord. Die Vorschristen des Tariss sind maßgebend. S. Nein. — Elaire. 1. Die Mittheilung an den Cbes genügt. Der Ches würde uillcr den von Ihnen dargelegten Verhältnissen zur Zahlung von Gehalt nicht verpflichtet sein. 2. Ein Privatbeamter(Bureaubcamtcr einer Ritter- schast.) Die Höhe des Gehalts usw. unterliegt Vereinbarungen. S. Wenden Sie sich an eilien Arzt.— H. K. 100. 1. Die Herrschast wäre zum Ersatz verpflichtet. 2. Nein. Es tann aus Herausgabe und eventuellen Schaden« ersatz gegen die Herrschaft beim Amtsgericht geklagt werden.— A. L. S. Jil tn der Tat in dem Vcrlraa über Kündigung nichts vereinbart, so war Ihre Kündigung rechtzeitig und ist verbindlich.— M. 27. 1. Der Hausbesitzer und der Fabrikant. 2. und S. Fa. 4. An den Gewcrbeinsprktor. — Weißensee. Verlangen Sie einen Keller ohne den gerügten Mangel oder Schadenersatz und klagen Sie eventuell beim Amtsgericht.— (9. 2ch. 42. Wir würden den Grund für einen ausreichenden zur sosorligen Aushebung des Vertrages halten. Ob das KaujmannSgericht oder das ordentliche Gericht zu derselben Ansicht gelangt, läßt sich nicht voraussagen.— Meiderich. 1. Nein. 2. Nein.— H. 01. Nein: mög- licherwcis« wird aber Betrug seitens des Schwiegersohnes als vorliegend anlienommen, wenn etwa durch die falsche Angabc tm Mieisverwag, die Möbel seien sein Eigentum, der Wirt zum Eingehen des Mietsvertrages veranlaßt worden ist.— O. E. 4. Die Zurückbehaltung entspricht leider dem Gesetz. Bis zum Erlaß eine» Urteils werden vermutlich zwei oder drei Monate vergehen. I. M. 80. Das Nähere erfahren Sie iin Bureau der Deputation für die städtischen Fachschulen, Berlin C. 2, Klosterstraße 41.— F. G. 14. AIS Mittel hierzu gelreu: Branntwein mit pulverisiertem Schwefel, Hefe mit Zucker, alte Heringe, heißes Seiseuwasser, kochendes Wasser.— Niederkunft. Wir möchten Ihnen empsehlen, sich zunächst mit dem Bureau deS Bundes für Mutterschutz, Wilmcrsdors, Rosberitzer Straße 8, ins Ein- vernebmen zu setzen.— W. P. St. Der Planet BenuS.— W. P. Bor ungefähr vier Jahren von einem Münchener Brauer an der Außenseite. In eine bayerische Flagge. Belohnung ist nie ausgesetzt worden.— B. 03. Versuchen Sie es zunächst w einer antiquarischen Buchbandlung. Adressen ersichtlich im Berliner Adreßbuch.— G.(5-, Wissmaniistraste. Ungefähr 1891.— H. Böhla»». 1. Von ihm ließ ich»mich- aufklären. Wir können kaum glauben, daß In dem erwähnten Buche an dieser Stelle das Wort mir stehen follle. 2. Am verhunzten Dialekt. — it.®. Der Handwerker ist im Recht und würde voraussichllich im Falle einer Klage obsiegen.— Adlershof, SS. Sch. Ja.— E. St. 10. Sie haben fest dem 1. Juli vergangenen JahreS keinen Mtetsstempel mehr zu zahlen, weil Ihre Miete weniger als 3S0 M. beträgt.— A. G. 400. Eine besondere Anmeldung ist unseres Erachten« nicht erforderlich.— F. B. 4. Nein; der Cdej tann nur da» auf die beiden letzten Lohnzahlungö- Perioden Entfallende von ihm verlangen.— R. R. 93. Das Gericht tann Verzeihung als vorliegend ansehen, ist aber hierzu nicht ver- pflichtet. Demnach wäre der Ausgang der Klage ein zweiseihaster. — O. W. 84. Sie müssen sich an den Rektor wenden.— W. B. 42. 1. Zweckmäßig ist es, die Miete zu hinterlegen. 2. Der Verirag gilt weiter. 3. Die von Ihnen angeführten Kiünde berechtigen nach dem Gesetz nicht zur Aushebnng de» MieisverttageS.— H. R 72. Sie können aus Unter- lassung der Störung Ihre» Mietsbefltzes gegen den Wirt beim Amtsgericht klagen.— P. 444. Eine Jungverheiratete kann innerhalb des ersten Jahres nach der Heirat die Rückzahlung der Hälste der für sie gezahlten Beiträge verlangen, wenn vor der Heirat mindesten» 200 Marke» geklebt waren. Zweckmäßiger ist-S, weller zu kleben.— O. L. 03. Sie sind dem Wirt gegenüber für Zahlung verantwortlich.— F. A. 239. Zweckmäßig ist eS tn dem Falle, sich in Güte mit der betrcssenden auSeinanderzufetzen. Sie könnte veranlaßt werden, für zwei Jahre nachzulleben, auch hätte ewe Schadenersatzklage Aussicht aus Erjolg. Imposante Auswahl Möbelstoffe (allerletate Neuheiten) KM Welle, fM abgepafit und meterweise. Muster■ Kollektion bei näherer Angaue kranket Teppich-Spezlalhaas Etnil Lestvre Oranieristr. 158. 'Stolas GroSer Inventur« Verkauf! » n Stolas.j» Iffuffen 5 Colliers m zu wirklich billigen Preisen. DMersiJil! 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DaS Anfangsgehalt soll nach Ueberein- kunst 2000 biS 2100 M. betragen, es steigt dann jährlich um 100 M.. bis zum Höchstbetrag« von 2400 M.— Versicherung nach Uebereinkunst.— Der Sekretär soll besähigt sein, die Obliegenheiten eines Arbeitersekre- tärs und eines Parteisekretärs sür einen überwiegend ländliche» Wahl- kreis zu erfüllen. Kenntnis der ein- schlägigen Gesetzgebung sowie red- nerische Begabung sind erjorderlich. ReflTktanten wollen ihre Be- Werbungen unter genauer Angabe ihrer bisherigen Tätigkeit in der Arbeiterbewegung, mit der Aufschrift „Sekretär", bis zum 15. März an den Genossen 281,18 WiMm Kellermanu, Itzehoe, Holzkamp 33. ewsenden. Die Wahl erfolgt am 20. März, der Antritt am 1. Juli. Wirklich tüchtige n. selbständige Kastenmacher stellen noch ans danerudo und lohnende Arbeit ein 10/14* I-adw. Käthe& Sohn, Luxuswagen- u. Karosseriewerke Halle a. Saale. Achtung! Holzarbeiter Wegen Streik und Differeuzeu find gesperrt: Knopf- und Perlmuttfabrik Hiuze, Schinkcstr. 8,9. 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