Kr. 21. flbonnemcntS'Bcdingungen: WonncmcnIZ. Preis pränumerando: VierleljShrl. 3L0 Mi. monatl 1,10 Mk,. wöcheMIich 28 Pfg. frei ms HauS, iiinzelne Nummer S Pig, Sonntags- Nummer mit illusrri erler Sonntag?- Beilage„Die Neue Welt' 10 Psg, Post- Llbonnemcnt: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post.ZeiNmgS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutichland und Oesterreich. Ungarn 2 Mar!, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal. Rumänien, Schweden und die Schweiz. 27. Jahrg. erscheint lsgllch anOtr Montag,. Vevlinev Volksblakk. Die TnTertlonS'GebflBr velrägt für die fechsgespaltcne Kolonel- zcile oder deren Raum SO Pfg„ für politische und gewerkschaftliche BereinS- lind Bersammlungs-Slnzeigen SO Pfg. „Aleine Plnreigen". das erste(fett- gedruckte) Wort 20 Pfg,, jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf- stcllen-Anzcigen das erste Wort 10 Pfg,, jedes weitere Wort s Pfg, Worte über IS Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expeditwn ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm-Adresse:' ,.Z«Ä,ItItms»kZt Ntklin". �entralorgan der rozialdcmokratilcbcn Partei Deutfebtandd. Redahtton: SM. 68, Lindenstrasae 69. Fernsprecher: Amt IV, Rr. 1S8Z. Mittwoch, den AG. Januar Expedition: SM. 68, Lindenstraase 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981. Die englilchen Nahlen. Man schreibt uns aus London: Die Wahlen in den ländlichen Distrikten Englands haben den Kampf entschieden. Die Liberalen werden ohne die llnterstützung der irischen Nationalisten nicht regieren können. Die Iren nehmen in der Politik Großbritanniens etwa die Stellung ein, die in Deutschland das Zentrum innehat. Sic vertreten eine geistig und wirtschaftlich rückständige Be- völkerung, in der die Klassengegensätze noch nicht scharf zum Ausdruck gekommen sind und die durch das � Band der gleichen Religion und Nationalität zusammengehalten wird. In Kulturfragen sind sie ein reaktionäres Element, in wirtschaftlichen Angelegenheiten sind sie die unsichersten Kan- tomsten, die sich hier nur durch ihre Bestrebungen nach natio- naler Selbständigkeit leiten lassen, in der konstitutionellen Frage bilden sie jedoch einen fortschrittlichen Faktor. Sind es doch die Lords, die das große Hindernis im Wege von Home Rule für Irland bilden und deren Macht beseitigt werden muß, bevor die Jrländcr an die Verwirklichung ihres nationalen Ideals denken können. Herr Redmond hat die Politik der irischen Partei letzten Freitag in einer Rede aus- cinandergesetzt. Aus seinen Ausführungen geht her- vor, daß die Nationalisten die liberale Partei nur dann unterstützen werden, wenn diese eine Politik zur Abschaffung oder Einschränkung des VetoS der Lords betreiben will. Das bedeutet nun, daß die Regierung für die nächste Zukunft in fast allen anderen Fragen zur Unfruchtbarkeit ver- d a m ni t sein wird. Die liberalen Nonkonformisten und Temperenzler werden sich ducken müssen und der angefangene sozialpolitische Bau der Liberalen wird wohl unfertig stehen bleiben. Die Iren haben die Regierung in der Gewalt und alles, was die Venvirklichuiig der Selbstregierung für Irland �verzögern oder aufschieben könnte, hat im nächsten Parlament nicht die geringste Aussicht auf Erfolg. Herr Asquith scheint sich mit der Sachlage abgefunden zu haben. Er hat in seinem Wahlkreise erklärt, das nächste Par- lanrent werde sich ausschließlich mit der konstitutionellen Frage zu beschäftigen haben Jedermann ist nun gespannt, zu er- fahren, in welcher Weise der Preulieriuinister gegen die Lords vorgehen wird. Wird er, wie von vielen versichert wird, den Lords eine Vorlage zur Beschränkung ihres Vetorechts vor- legen? Das wäre eine echt liberale Halbheit, die die Fuß- tritte, mit denen die Lords eine solche Maßregel jedenfalls empfange» würden, voll und ganz verdiente. Wird er einen kolossalen PairSschub unternehmen, die soziale Stellung des Adels untergraben und die reichen Elemente in der liberalen Partei, die in der Hoffnung, einen Titel zu bekommen, die Kricgskasse der Partei füllen, vor den Kopf stoßen? Oder tvird er gar dem Ratschlage einiger Lords folgen und nur eine beschränkte Anzahl der Lords zum neuen Parlament laden? Diese Reinigung des Oberhauses müßte eine sehr gründliche sein, um den Erfolg zu verbürgen. Herr Asquith schweigt. Er ist sich der Gefahren, die diese ganz eigenartige Situation birgt, wohl bewußt. DaS politische Leben Englands befindet sich in einem Zu- stände der Gärung. Die alten Parteien sind der Fäulnis au- heimgefallen und die neuen aus diesem Prozeß resultierenden Stoffe haben sich noch nicht geklärt. Der Wirtschaft- lichen EntWickelung entsprechend, sammeln sich, immer deutlicher werdend, zwei große Massen: das Heer des industriellen und landwirtschaftlichen Großkapitals niit seinen Vasallen und die Armee des industriellen Proletariats. Mag der Bildungsprozeß auch noch so sehr durch die alten politischen Fornien verdeckt werden, die Richtung der EntWickelung ist unverkennbar. Auf der einen Scire sammeln sich alle, die durch den Raubzug auf die Taschen des Volkes, durch die Abivälzuug der Steuerlast auf die Schultern der Massen etivas zu gewinnen haben! auf der anderen Seite steht das Arbeiterheer, das sich allmählich der Bedeutung der lvirtschaftlichen Gegensätze im politischen Kampfe bewußt wird. Die konservative Partei D i s r a e l i s existiert nicht mehr; eine neue Partei ist erstanden, die ihren Schiverpunkt in den Großindustriellen Birming- Harns hat und die seit dem Abfall der liberalen Unionisten immer mehr liberale Elemente in ihr Lager zieht. Aber auch die liberale Partei Gladstones ist tot. Der Freihandel allein niit den darauf gebauten Idealen der Völkei Harmonie und der politischen Freiheit be- friedigt die Massen nicht mehr. Tie liberalen Fabrikanten wenden sich dem Schutzzoll zu. Nur einige Industrielle, wie die Häupter der Baumwollindustrie Lancashires. der bei ihrer Abhängigkeit von Amerika und dem ausländischen Markt die Tarifrefoim mit ihren Zollkriegen und Zollschranken höchst gefährlich sein würde, blieben den Ideen Cobdens treu. Aber auch bei den Elementen des Bürgertums, die durch religiöse und ähnliche Interessen an die liberale Partei gekettet waren, macht sich schon ganz deutlich die Einwirkung der wirtschaftlichen Faktoren bemerkbar. Es ist durchaus kein Zufall, daß sich der angesehenste Führer der Nonkonfor- niisten von der liberalen Partei losgesagt hat. Das Bollwerk des englischen Liberalismus sind heute die Arbeitennassen. Sie können aber nur in Reih und Glied gehalten werden durch eine großzügige Sozialpolitik, und diese stößt wiederum die reicheren Elemente ab, die der Partei die Mittel zur Existenz liefern. Eine Scheidung der heterogenen Elemente, aus denen sich der englische Liberalismus zusammensetzt, ist daher auf die Dauer unvermeidlich. Der Appetit nach einer durchgreifenden Sozialreforni ist bei den Arbeitermassen ge- weckt worden und wird sich nicht wieder aus der Welt schaffen lassen. Die liberale Partei wird an ihren sozialpolitischen Experimenten zugrunde gehen. Wer wird nun der Erbe des englischen Liberalismus sein? Diejenigen, die bisher noch geglaubt haben, daß die S. D. P. imstande sein würde, die englischen Arbeiter zum Banner der Sozialismus zu führen, dürften nach diesen Wahlen diese Hoffnung wohl endgültig aufgeben. D i e künftige sozialdemokratische Partei muß sich aus der Arbeiterpartei bilden. Aus dein Kompromiß muß eine zielbewußte Partei mit festem Programm werden. Die bestehende Organisation der Arbeiterpartei ist unhaltbar. Bei einem Körper, der 1 600 000 zahlende Mitglieder umfaßt, besitzt sie eine Seele, die für diesen Koloß viel zu klein ist. Nur 28 000 Sozialisten bilden das treibende Elenient in der Partei; nur sie sind in Wirklichkeit aktiv politisch organisiert. Die übrigen sind meist nur zahlende Mitglieder, von denen zwei Drittel, wie wir es bei diesen Wahlen sehen, ihre Stimmen für die Kandidaten anderer Parteien abgeben! Der Prozeß Osborne hat diese Organi- sation zertrünimert. Die Partei wird sich reorganisieren müssen. Noch steht diesem Werke die trügerische Hoffnung im Wege, das Parlainent werde die politische Aktion der Gewerk- schaften wieder gesetzlich machen. Bald aber wird man die Notivendigkeit einsehen, sich wie jede andere Arbeiterpartei zu organisieren. Aus der Körperschaft, die nur bei Wahlen zum Leben erwacht, muß eine propagandistische Partei werden. Sie wird die Arbeiter in Vereine politisch organisieren und wird sich eine Presse anschaffen müssen. Das ist der Weg, den ihr der Selbsterhaltungstrieb vorschreibt. Bei dieser Eni- wickeluna kann ihr die von den Liberalen geplante Wahlreform nur zu Hilfe kommen. Atemlos und gespannt schauen die bürgerlichen Politiker Englands dem Gange der Dinge zu. Die Liberalen erklären den Aufmarsch der Arbeiterbataillone gegen die Lebensmittel- Wucherer als die Revolte des industriellen Nordens gegen den feudalen Süden. Die liberalen Hauptlcute ängstigt die Zu- sammenseyung ihres Heeres. Aber auch die Konservativen schauen bedenklich drein. Wie im„Observer", dem führenden konservativen Blatt, zu lesen ist, wollen sie die Arbeiterschaft durch sozialpolitische Maßregeln besänftigen. Das sind Zeichen der Zeit. Der englische Volksriese hat sich gereckt und tvird sich demnächst die Sandkörner aus den Augen reibet». Der Sozialismus und der Wahlkampf. London, 23. Januar. sEig. Ber.) Der Wahlkampf der Kandidaten der Unabhängigen Arbeiterpartei wurde für den Sozialismus ge- führt. Es wurde nichts verschleiert. DaS Zusaminengehen der Sozialisten mit der Arbeiterpartei hat die elfteren nicht im geringsten gehindert, ihren Ueberzcugungen offenen Ausdruck zu geben. In seinem Manifeste sagt Äeir Hardie:„Die Arbeiterpartei kann mit Taristeform nichts zu tun haben.... Ich nehme BatfourS Herausforderung an und stelle den Sozialismus gegen Tarifreform. Er will die Staatsmoschinerie in den Dienst der Reichen stellen; ich will sie in den Dienst der ganzen Gesellschaft stellen. Der Sozia- liSmuS ist der einzige Ausweg aus dem traurigen Labyrint der Armut, der Bettelei und des Lasters, in dem die Menschen herum- irren." I 0 w e t t. der Urbeiterabgeordnete für West-Vradford, erklärte in seinem Wahlaufrufe:„Ich bin ein Sozialist, aber ich bin der Ansicht, daß eS auch im Interesse aller liegt, die StoatSmaschinerie so zu gestalten, daß sie durch Regierung und Verwaltung de» Au- sichten der Bolksmasien nachgibt." S n 0 w d e n, der Arbeiterabgeordnete für Blackburn, sagte seinen Wählern:„Ich vertrete die sozialistische» Ansichten, denen ich inimer Ausdruck gab. Ich bin der Ansicht, das Problem der Armut kann nur gelöst werden durch den Gemeinbesitz und die Gemein- Verwaltung der Produktionsmittel." Parker, der Abgeordnete für Halifax, erklärte:„Als Sozialist bin ich überzeugt, daß wir durch die Gesetzgebung uns aus dem Elend und der Armut zu einer besseren und höheren Gesellichasts- ordnung heianfarbeiten lönnen. in der Armut. Arbeitslosigkeit und deren Folgen nicht existieren werden. Ich glaube, dieses Ergebnis kann erreicht werden durch das Wirken der politischen und Wirtschaft- lichen Revolution." LanSbury, der unterlegene Kandidat für Bow(Ost-London), sagte in seinem Wahlaufruf:»Ich bin Sozialist und ich habe nicht den Wunsch, diese Tatsache auf irgend eine Weise zu verdunkeln.... Wir Sozialisten wünschen, daß die Gesellschaft die Produllion or- ganisieren soll zum Wohle aller und nicht im Interesse von Privat- personen. Als unmittelbare Maßregeln verlangen wir die Ver- staatlichung des Grund und Bodens, der Eisenbahnen, Bergwerke und anderer Monopole." Hughes, Kandidat für Bordesley lBirnnngham). sagte seinen Wählern:„Als ein Arbeiter verlange ich, daß die Staats- und Ge- meindewerkftätten Musteranstalten sind. Als ein Patriot wünsche ich. daß die ganze Nation den Grund und Boden und die Industrie besitzt und verwaltet." C l y n e S. der Abgeordnete für Manchester:. Wir kämpfen für soziale Gerechtigkeit und wir sind der Ansicht, daß das Eigentum. daS für unsere gemeinschaftlichen Bedürfnisse nötig ist, dem ganzen Volke gehören und zum öffentlichen Wohle und nicht zu Privat- zwecken verwaltet werden soll." Macdonald, der Abgeordnete für Leicester, erklärte im Wahlaufrufe:„... Während des Wahlkampfes wird viel vom Sozialismus gesprochen werden von Leuten, die nichts über ihn gelernt haben oder die ihn in skrupelloser Weise verdrehen. Meine Haltung ist jedem bekannt und ich möchte nur wünschen, daß die Wähler alle jene Einwürfe gegen den Sozialismus als Zerstörer des Familienlebens und der Religion mit Verachtung behandeln sollen." Mac L a y l a n, der Kandidat für Südwest-Manchestcr, crklärie: „Als Ladengehilfe bin ich Gcwerlschaftler und Sozialist und halte unverbrüchlich zu den sozialistischen Prinzipien der Unab- hängigen Arbeiterpartei". Achnlichc sozialistische Bekenntnisse liegen von anderen Arbeiter- kandidaten vor. Die heutigen Resultate. London, 25. Januar. Stach den bis jetzt vorliegenden Nachrichten sind gewählt: 236 Konservative, 205 Liberale, 35 Mitglieder der Arbeiterpartei, 70 Iren. Es bleiben noch 124 Mandate zu besetzen. Der Haupteinpeitscher der Unionisten Sir Acland Ho od wurde in. Wellington(Somcrsetshire) mit 5216 Stimmen w i e de r g'ewä h l t; sein liberaler Gegenkandidat King erhielt 4150 Stimmen. In Worcestcrshire East wurde Austen C h a m b c r l a i n(Unionist) mit 12 644 Stimmen wicdergewähl t, sein liberaler Gegenkandidat Aoung erhielt 6955 Stimmen. Die Konservativen haben bis jetzt 1lO Mandate neu erobert und 13 an die Liberalen, einen an die Arbeiterpartei abgeben müssen. In einer Rede, die B a l f 0 u r gestern in Haddington hielt, erklärte er, daß diese Wahl nur der erste Kampf in einer Reihe v 0 n K ä mp f e n sei zur Entscheidung der schwebenden großen Streitfragen. Die T a r i f r e f 0 r m sei u n v e r me: d l i ch. und was die Marine anlange, so müsse sie so stark gemacht werden, daß ein für alle Mal alle Befürchtungen vor Kriegen, Invasionen oder Unter- bindung des britischen Handels hinfällig würden. Geschähe dies nicht, so müßte England gewärtigen, Uber kurz oder lang eine diplomatische Demütigung ruhig hinnehmen oder sich feindseliges Vorgehen gefallen lassen zu müssen, dem fich zu widersetzen es nicht genügend stark sei. Eine Niederlage der Iren. London, 25. Januar. Die Unionisten gewannen den bisher von den Iren behaupteten Wahltreis Mid Throne infolge einer Spaltung der irländischen Partei, die auf die Verschiedenheit in der Anschauungsweise der Redmondisten und der O'Brienisten zurückzuführen ist und sich auch in mehreren anderen Wahlkreiftn bemerkbar gemacht hat._ Kolonialhapitalismus. Aus d e m R e i ch s t a g. 25. Januar. Die Dienstags- sitzung wurde mit der Auseinandersetzung über die Der»- burgscho Diamantpolitik und die daraus hervor- gehenden Bahn Projekte ausgefüllt. Kompliziert wurde die Erörterung dieses Stückes Kolonialpolitik noch durch den Versuch ciucr Anzahl slldwestafrikanischer Diamanteninter- essenten durch ein Telegramm an den Reichstag: die Dern- burgsche Dianiantpolitik zu durchkreuzen. Es war darin gegen Dernburg der Vorwurf erhoben worden, daß er wider besseres Wissen der Deutschen Kolonialgcsellschaft die diamant- haltigen Gebiete ausgeliefert habe. Die Budgetkommission hatte cinstiinmig diese Verdächtigung zurückgewiesen. Ten Vertretern der bürgerlichen Parteien gab der Glücksfall der Entdeckung von Diamanten Anlaß, dem Staatssekretär Dernburg ihr Vertrauen auszudrücken nicht nur wegen der ge- schickten Art, wie er einen erheblichen Gewinnanteil an den Diamantfunden für das Reich herauszuschlagen gewußt habe, sondern auch wegen seiner Kolonialpolitik überhaupt. Herr Erzberger ließ es sich besonders angelegen fein, dem Staatssekretär des uneingeschränkten Vertrauens der Zen» trumspartei zu versichern, womit denn alle Gegnerschaft end- gültig ausgelöscht und das blau-schwarze Band, das Res gierung und Schnapsblock verbindet, von zarten Zentrums- fingern auch um den Leib des Herrn Dernburg geschlungen ist- Den Standpunkt der Sozialdemokratie brachte L e d e» bour zur Geltung. Er legte Verwahrung dagegen ein. daß in der bürgerlichen Presse die Abstimmungen in der Kommission als eine allgemeine Vertrauenskundgebung für Herrn Dernburg ausgelegt würden. Die Sozialdemo- kratie bliebe nach wie vor eine grundsätzliche Gegnerin der kapitalistischen Kolonialpolitik, deren gewandter Vertreter Herr Dernburg sei. Das habe aber unsere Partei nie ad- geholten, in Einzelfragen der Mehrheit des Hauses oder auch der Regierung zuzustimmen. Bei Prüfung der Liideritzbuchter Eingabe hätten obendrein die Mitglieder der Budget- kommisiion gleichsam in richterlicher Funktion ein Urteil darüber abzugeben gehabt, ob bestimmte Beschuldigungen, die gegen den Staatssekretär erhoben wurden, begründet sind oder nicht. Für die Richtigkeit dieser Behauptniigen sei aber auch nicht der Schatten eines Beweises erbracht. In der Frage der Anerkennung der Rechte der Deutschen Kolonial- gesellschaft lasse sich sogar nachweisen, daß der Staatssekretär rn völlig gutem Glauben gehandelt habe, da er in der süd- westafrikanischen Landkommissivn entgegen der sozialdemo- kmtischen Aiifsassung die volle Rechtmäßigkeit der Besitzrechte der Landgesellschciften verfochten und daraufhin durch einen Vertrag mit der Kolonialgesellschaft die Herausgabe gewisser Ländercien unter Zusicherung der Anerkennung der Besitz- rechte auf den übrigen Teil abgeschlossen habe. Dieser Ver- trag sei noch dazu vor den Diamantfunden abgeschlossen worden. Daraus ergebe sich die Notwendigkeit der Zurück- Weisung der Lüdcritzbuchter Eingabe. Ledebvur sprach dann noch die Erwartung aus, daß der Bürgermeister Krcplin in keiner Weise gemäß- regelt lverde und erläuterte an einein englischen Beispiel, wie Männer von wahrhaft vornehmer Denkweise in solchen Fällen verfahren. Eingehend zeigte er dann wie die„un- heilige Raffgier" der Diamantgrabscher nur ein vergröbertes Spiegelbild des Treibens in der kapitalistischen' Gesellschaft überhaupt sei. Wie ja die Kolonialwirtschaft die schlimmste Erscheinung am Körper des Kapitalismus sei. Im Zu- sammSnhang damit wies er zuletzt juif die„Aufsichtsratspolitik" bin. Nach Auffassung der Sozialdemokratie dürfte es nicht statthast sein, daß Mitglieder des Aufsichtsrats einer kolonialen Erwerbsgesellschast in die Budgetkonimission bei Beratung des Kolvmaletats delegiert würden oder gar als Kolonialrefcrenten fungiereir. Dann wurde die Debatte ans morgen vertagt. soooso(Paar Strümpfe! Die Budgetkommission des Reichstags erledigte am Dienstag den Etat filr Südlvestafrika mit Ausnahme der Position für Dienst- reisen und Umzugskoste», Kapitel I der Militärverwaltung und der einmaligen Ausgaben. Beim Kapitel Eisenbahnen und Häfen fragte Genosse Ledebour an. ob und eventuell welche Abmachungen mit den Gesellschaften ge» troffen seien, deren Grundstücke durch den Bau der Bahn erheblich an Wert gewännen, um sie zu den Kosten heranzuziehen. Staats- sckretär D e r n b u r g stellt eine entsprechende Gesetzesvorlage auch für diese Session in Aussicht. Berichterstatter S e m l e r teilt mit, daß die Bürger von Lüderitzbucht dem Gouverneur v. Schuck mann und dem Bürgermeister Ä r e p l i n als Demonstration gegen die Beschlüsse der Budgctkonmtission des Reichstags einen Fackelzug gebracht haben I Es gehe nicht an, datz der Gouverneur unserer Kolonie eine Stellung einnehnie, die es ermögliche, daß er gegen den Staatssekretär ausgespielt werden könne. Ueberhanpt sei er mit der Berwaltung dort nicht zufrieden. Er habe als Bericht- erstatter Einsicht in einige Alten genommen und daraus zu seiner größten Verwunderung ersehen, wie nonchalant der Gouverneur mit dem Gclde umgehe, wie niit schioerein Gelde eingeführte Ein- richtungen Ivieder fallen gelassen wären usw. Die Kolonie könne man nicht, wie Gouverneur Schuckmann das tue, wie»in hinter- pommcrschcs Rittergut beHandel». Staatssekretär Dernburg erklärte, über den Fackelzug und den damit verfolgten Zweck auch nichts weiter zu wissen, als was in den Zeitungen stünde: er halte es aber für ausgeschlossen, jedenfalls aber für sehr unwahrscheinlich, daß der Gouverneur den Absichten der Regierung, des Bundesrates und des Reichstages entgegen- handeln würde I(Wenn sich aber herausstellen sollte, daß v. Schuck- mann an der Demonstration doch nicht so ganz unschuldig ist, dann .wäre er nach der Erklärung DerNburgS geliefert!) Der scharfe Angriff Semlers aus den Gouverneur v. Schuck- map" machte den Eindruck, daß hier ein Grund an den Haaren herbeigezogen werden soll, um vielleicht für jemand Platz zu machen... Genosse Ledebour unterließ eS denn auch nicht, Herrn Semler als den Schutzengel einer angeblich bedrohten Autorität zu bezeichnen und das Recht auf Straßendemonstrationen ausdrücklich auch für unsere Kolonien gegen Regierung und Reichstag zu fordern; der Angriff SemlerS auf den Gouverneur v. Schuckmann sei um so ungeschickter als man ja gar nicht einmal wisse, ob dieser nicht etwa daS Objekt der Demonstration gewesen sei I Eine längere Debatte entspann sich noch bei der weiteren Beratung über die Militärverwaltung. Die Sckutztruppe ist in„Südwest" 1600 Mann stark. Dazu kommen SS Offiziere, 21 Sanitäts-, 10 Veterinäroffiziere, 31 Ober-, 17 Unterbeamte und 411 Unteroffiziere. Die Mitglieder der Kominission halten die Zahl der Offiziere und Beamten zur Zahl der Mannschaften für zu groß. Namentlich wurde bemängelt, daß auf 45 Mann»in Zahlmeister entfalle. Herr Dernburg wehrte sich gegen die beabsichtigte Herabsetzung einiger Posten, weil man sachverständiges Personal dort sehr notwendig brauche.„Oder", so rief er im Eiter miS,„soll es wieder so gehen wie früher, wo nur darauf loS bestellt wurde?! Ich habe jetzt noch 500000 wollene Strümpfe und Unterhosen zu»erkaufe», die seinerzeit zuviel angeschafft worden sind!"— Diese Enthüllung über die früher geübte Verschwendung veranlaßt» die Kommission, das ganze Kapitel auszusetzen und zur Borberatung au ein» Sub- komwlssion zu verweisen. poUtifebe CkberHcbt. Berlin, den 25. Januar 1910. Konservativ-nationalliberales Geplänkel. Ein Glück, dag die Tagesordnungen des Abgeordnetenhauses gedruckt werden I Sonst hätte niemand, der die Sitzung vom Diens- tag besucht hat, wissen können, daß der Etat der landwirtschaft- lichen Verwaltung in zweiter Lesung zur Beratung stand. Denn über landwirtschaftliche Fragen wurde, wenn man von den Aus- führungen des sozialdemokratischen Redners. Genossen L e i n e r t, absieht, so gut wie gar nicht gesprochen. Fast die ganze Sitzung wurde durch Zänkereien zwischen dem konservativen Führer des Bunde? der Landwirte. Herrn Diederich Hahn, und seinen ehe- maligen FraktionSkollegen, den Nationalliberalen, ausgefüllt. Diederich Hahn tritt von Jahr zu Jahr selbstbewußter und an- maßender aus. Jetzt ist er bereits so geschmacklos, von„seiner" Provinz Hannover zu reden und das HauS mit Klagen darüber zu langweilen, daß die Gendarmen auf seinen Wink nicht sofort bereit sind, die Gesetze zu übertreten und daS Recht zu beugen. Zu Beginn seiner parlamentarischen Laufbahn gehörte Dr. Hahn, damals Archivar der Deutschen Bank, der nationalliberalen Fraktion an. Nachdem diese ihm den Stuhl vor die Tür gesetzt hatte, versuchte er sein Glück bei den Agrariern, und er hatte Er. folg. Er hat eS bis zum Direktor dei Bundes der Landwirte ge« bracht, ist in die konservative Fraktion aufgenommen und darf von der Tribüne des Landtags herab alle, die nicht auf das konservative Parteiprogramm schwören, mögen«S nun Minister oder mögen es Abgeordnete sein, unter dem Jubelgehcul seiner Freunde wie Schulbuben abkanzeln. Augenblicklich führt er den Feldzug in erster Linie gegen die Nationalliberalen, denen er es nicht ver- zeihen kann, daß sie in„seine" Provinz Hannover eingedrungen sind, und denen er wegen ihrer Ablehnung der Reichsfinanzreform die patriotische und nationale Gesinnung abspricht. Dreimal krähte der Hahn am TienStag, und jedesmal blies er sich mehr auf. Die angegriffenen Nationalliberalen blieben Herrn Hahn die Antioort nicht schuldig. Ihr Führer, Abgeordneter Dr. Fried- b e r g, holte zu so wuchtigen Schlägen aus, daß man wirklich glauben könnte, zwischen ihm und den Anhängern des Bundes- sührers sei das Tischtuch endgültig zerrissen. Schade nur, daß man bei den Nationalliberalen niemals weiß, woran man ist, denn trotz des hörbaren Ruckes nach links, der bei Herrn Dr. Friedberg bemerkbar war, ist man doch nicht sicher, ob er nicht morgen seine Mannen ausruft, Herrn Hahn zu unterstützen, um das Vaterland vor dem Ansturm der Sozialdemokratie zu retten. Handelt es sich bei der Auseinandersetzung zwischen den beiden Parteiführern auch nur um ein Geplänkel, das man nicht allzu tragisch nehmen darf, so ist es doch für die augenblicklich herrschende Stimmung charakteristisch, daß der Streit so offen ausgefochten wird. Daß die konservativ-klerikale Mehrheit, nachdem Dr. Hahn dreimal gesprochen und noch in seiner letzten Rede den Abgc- ordneten Friedberg heftig angegriffen hatte, diesem durch einen Schlußantrag die Erwiderung unmöglich machte, sei nur nebenbei bemerkt. Das entspricht ganz der Gepflogenheit des Hauses. Vielleicht ziehen die Nationalliberalen daraus die Nutzanwendung und stimmen in Zukunft gegen Schlußanträge, durch die unsere Genossen mundtot gemacht werden. Anders als die Vertreter der bürgerlichen Parteien faßte Genosse L e i n e r t seine Aufgabe auf. In fesselnder Rede, während welcher freilich die Konservativen aus angeborener Ab- Neigung gegen die Wahrheit demonstrativ den Saal verlassen hatten, verstand er es, ein Bild des Elends der Landarbeiter zu entrollen, das Geschrei über die Not der Landwirte als völlig un- berechtigt nachzuweisen und das demagogische Treiben der Agrarier zu brandmarken. Mit Nachdruck forderte er die Aufhebung der Ausnahmegesetze gegen die ländlichen Arbeiter und das Gesinde, die Gewährung des uneingeschränkten Koalitionsrechtcs an die Landarbeiter, die Ausdehnung der sozialpolitischen Gesetze, vor allem des Kinderschutzgesetzes, auf das Land, den obligatorischen Fortbildungsschulunterricht, kurz und gut. Leinert entwickelte ein wahres Kulturprogramm, das er dem Antikulturprogramm des Bundes der Landwirte gegenüberstellte. Nach Bewilligung des Gehalts des Ministers wurde die weitere Beratung des Etats auf Freitag vertagt. Am Mitt- woch fällt die Sitzung mit Rücksicht auf die Arbeiten der Budget- lommission aus. Die Geschäftslage des Reichstags. Der Seniorenkonvent besprach am Dienstag abermals die Kontingentierung der Debatten, speziell beim Etat des Innern. Eine Einteilung der Generaldebatte in Materien würde die Debatte nur verlängern. Darin war man einig.'Die Zeit zur Fertigstellung des Etats ist kurz, daher ist der Weg der Kontingentierung beschritten worden. Diese Kontingentierung bezieht sich aber nur darauf, daß die allgemeine Debatte fünf Tage und die Spezialdebatte vier Tage dauern wird. Bei der allgemeinen Debatte werden Resolutionen wie bisher ge- stellt werden können, nur soll deren Zahl möglichst beschränkt werden. Bei der Spezialberatung bleibt dagegen alleL wie bisher. Die Frage, ob Initiativanträge in Resolutionen unigeformt werden können, bleibt offen. Die einzelnen Par- teien verzichten nicht darauf, speziell die in den Initiativ- antrügen niedergelegten Materien gründlich zu behandeln. Auf die Schwerinstage soll darum mehr Gewicht gelegt werden, obgleich Schwerinstage wegen der Kürze der Zeit bis zur Fertigstellung deS Etats nur alle 14 Tage statt- finden. Die Frage, ivarum der Militäretat bereits auf die Tages- ordnung gestellt sei und nicht der Etat des Reichsanits des nnern, wurde dahin beantivortet, daß vorläufig anderer toff nicht vorlag, die Budgetkommission sehr langsam arbeite und darum jene Reihenfolge gewählt wurde. Sobald als möglich soll jedoch der E t a t d e S I n n e r n auf die Tages- ordnung gesetzt werden._ Nur geduldet. Der Fastenhirtenvnef des Kölner ErzbischofS scheint die„Köln. Dolksztg." sehr verschnupft zu haben; denn sie geht nicht nur flüchtig über dessen Inhalt hinweg, sondern druckt ihn auch unter dem Strich ab mit der kurzen Ueberschrift.Kirchliches", als wenn sie an- deuten wolle, Herrn Fischers Hirtenbrief hätte lediglich eine kirchliche und feuilletonistische Bedeutung. Um so erfreuter sind die Leiter der christlichen Geiverkschasten über di» erzbischöfliche Epistel, wird ihnen doch darin bescheinigt, daß der Heilige Vater so- wobl die katholischen Fachvereine wie die konfessionell gemischten christlichen Gewerkschaften für berechtigt hält und ihm beide„zum Tröste" gereichen. Zum Schluß des Fastenhirtenbriefes heißt es nämlich: Ich möchte aber einen Punkt aus dem sozialen Gebiet be- sonders herausheben. das ist die umstrittene Frage der so- ?enannten Gewerkschaften für die Arbeiterwelt. Ich abe vorhin, als ich von der Fürsorge auf sozialem Gebiet handelte. mit Bewußtsein nicht davon geredet. um nach keiner Seite zu verletzen, und ich werde auch hier nicht, aus gleichem Grunde. auf die eigentliche Sache ein- gehen. Ihr werdet eS größtenteils wisien, geliebte Erz- diözesaneu, es stehe» sich in unserem Vaterlande auf diesem Gebiete zwei Richtungen gegenüber. Beide haben die be st en Ab- sichten, beide bringen für ihre Anschauungen und ihr Vorgehen ihre Gründe vor; beide werden vom Heiligen Vater zugelassen. Ich lege Wert darauf, daS letztere ausdrücklich hervorzuheben. Der Heilige Vater hat u. a. namentlich wiederholt eurem Erzbischos »egenüber mündlich und schriftlich— schriftlich in eigenhändigem lm'chreiben unterm 24. Okiober 1908 und sodann wiederum unterm 7. Dezember desselben Jahres— erklärt, daß es„Sache der Bischöfe sei, je nach der Lage der örtlichen Ver- Hältnisse zu beurteilen, ob gemischte oder konfessionelle Vereinigungen am Platze seien" —„wenn er die Vertreter der einen Richtung gelobt habe, so ge- reichten ihm die Vertreter der anderen Richtung nicht minder zum Tröste." Wie die Dinge dermalen stehen, ist wider vor der Hand an eine Verschmelzung beider Richtungen nicht zu denken. Allein ich frage: was hindert, daß beide Richtungen neben ein- ander tätig sind zum Wohle des arbeitenden Volke«? was hindert namentlich, daß sie alle Vefeindung, alle Verdächtigungen, alle scharfe, harte, verletzende Worte grundsätzlich ausschließen und verbieten? Ja was hindert, daß sie sich freundlich gegenüber stehen und gegebenen Falles zusammenwirken im Interesse der gemeinsamen guten Sache? Da daS Zentrum die katholischen Arbeiter bei den Wahlen braucht, so duldet der hohe KleruS vorläufig die interkonfessionellen christlichen Gewerkschaften; denn man weiß recht wohl. daß ein Vorgehen der katholischen Geistlichkeit gegen diese Verbände die Arbeitergefolgichaft des Zentrums beträchtlich schwächen würde. Doch nur dort, wo sie nun einmal be- stehen und«ine gewisse Bedeutung erlangt haben, duldet man die christlichen Gewerkschaften. Das gesteht der Kölner Erzbischos selbst mit den einem päpstlichen Schreiben entlehnten Worten zu. daß die Bischöfe„je nach derLage der örtlichenBerhältnisse" befinden sollen, ob die Gewerkschaften am Platze und deshalb zu- zulassen. Also nicht allgemein werden die christ« lichen Gewerkschaften als berechtigt anerkannt, sondern nur dort dürfen sie existieren, wo der Bischof ihr Verbot aus irgendwelchen Gründen für linangebracht hält. Der Bürgerschaftswahlkampf in Hamburg. Seit Wochen tobt in Hamburg der Wahlkampf. Jeden Tag finden im Stadt- und Landgebiet Versammlungen statt, in denen meist eine rege Aussprache stattfindet, und die letzte Woche bis zu der am 1. Februar stattfindenden„allgemeinen Wahl" bietet den Parteien noch Gelegenheit, ihre geistigen Kräfte in Rede und Schrift zu messen. Abweichend von der sonstigen Gepflogenheit, sind auch die alten„Parteien" zum Volke herabgestiegen und buhlen öffentlich mit dessen Stimmen. Dabei hat man die Kühnheit, dem„kleinen Mann" zu erzählen, der Wahlrechtsraub sei im Jiltereffe der Ge- samlheit geschehen. Daß diesen„Volkssreundcn" gehörig auf die Finger geklopft wird, braucht nur angedeutet zu werden. Bei den öffentlichen Diskussionen über die„Geschicke Hamburgs" haben unsere Genossen durchweg gut abgeschnitten. In der vorigen Woche trat in einer Riesenversannnlnng Genosse Stollen dem erz- reaktionären Patriziersprößling Dr. Mönckeberg, einem Bruder des verstorbenen Hamburger Bürgermeisters, mit großem Geschick entgegen. Auch die. Vereinigten Liberalen", eine bessere Spiel- art des Linksliberalisinns, deren Fraktion in der Bürgerschaft 23 Köpfe zählt, zeigt sich sehr rührig. Außer den Sozialdemokraten und den Vereinigten Liberalen kommen weitere politische Parteien nicht in Betrackit. Der Block der Wahlrechtsräuber, bestehend auS den drei alten Bürgerschaftsfraktionen, bildet ein ChaoS von Reaktionäre», „Liberalen", Lex Heinzemännern, ZüufUern, Eigenbrödlern, Be- amten usw. Aus diesen Kreisen heraus—„!m engen Kreis verengert sich der Sinn"— werden die verschiedensten Speziolwünsche laut. Für die Wahl von„Handwerkern" tritt der aus 16 Ober- und 10 an- deren Meistern bestehende Wahlausschuß der Innungen ein. Ans dieser Kandidatenliste stehen sechs Oberzünftler, Scharsmacher von reinstem Wasser. Die Handiverker werden aufgefordert. ihre Slinimen auf diese Kandidaten zu häufen. Die„Gut Holz"-Vereine erblicken die Förderung der Keglerintcressen nur in der Wahl deS OberkeglerineisterZ und WahlrechlsvericklechtercrL Schlüter. In einem Punkt-ist jedoch diese kunterbunte Gesellschaft sich einig: in ihrem Haß gegen die Arbeiterschaft, deren Vertreter im Landesparlament die träge und denkfaule Gesellschaft aufgepeitscht haben. Aus unserer 2l Köpse starken Fraktion scheiden zehn Genosien auS. Da bei jeder halbichichtigen Neuwahl nur 12 Abgeordnete in der zweiten Klasse zu wählen sind, kann kaum auf eiuen Zuwachs an Mandaten gehofft werden, denn mit der Klasseneinteilung ist bekanntlich auch der Proporz eingeführt,„damit jede Partei zu ihrem Rechte komme". In der ersten Klasse, die alle Wähler mit über 2500 M. Einkommen innsaßt, kann unsere Partei vielleicht ein Mandat herausschlagen, ebenso eins bei den später stattfindenden Grund- eigentümerwahlen. Ein Maßstab für den Ausgang der Wahlen ist nicht vorhanden, weil diese„Staalshälfte" zum ersten Male nach dem neuen Wahlverfahren wählt. Zu tvählen sind 12 Abgeordnete der zweiten, 24 der ersten(diese kleine Gruppe wählt doppelt so viel Vertreter als die große Zahl der Steuerzahler von 1200—2500 M. Einkommen I) und je 20 der Grundeigentümer und Notäbeln. Neue Reichsanleihe. DaS Deutsche Reich nimmt eine neue Anleihe von 340 Million« Mark zu 4 Prozent auf. Die Reichsschulden steigen damit auf 4 893 500 000 M. Außerdem find noch zu begeben 378 Millionen Mark, für die ein späterer Termin abgewartet wird. Damit lviirde dann die gesamte Reichsschuld den Betrag von 5 271 500 000 Mark erreicht haben. Die Wahlrechtsdemonstrationcn am Niederrhein. lieber die Kundgebungen, die am Sonntag im Duisburger Wahlkreis stattfanden, wird uns noch berichtet, daß die Säle samt- lich sehr stark besucht, einige überiüllt waren. In Duisburg selbst waren über 2000 Personen anwesend, in Oberhausen 000, im„Königreich Thyssen", dem intern citionalen Bruckhausen, 1500, in Mülheim 600 und i» Marxloh 800 Personen. An einigen Stellen hatte die Polizei die Flugblätter beschlag- nahmt, dir nichts weiter enthielten, als die Bekanntgabe der Per- sanimliiiigcn. In dem Orte Heißen hatte man sogar schon auf Flugblätter gefahndet, die noch gar nicht erschienen waren und schon im voraus ihre Beschlagnahme in Aussicht gestellt! Trotz- dem leben wir natürlich in einem sogenannten„RechtSstaate". Trotz sehr lebhafter öffentlicher Agitation für die Versammlungen versagte das liberale Bürgertum und auch die Arbeitermassen in den gegnerischen Lagern so gut loie vollständig. Schätzungsweise vier Fünftel aller Teilnehmer an den Versammlungen waren Angehörige unserer Partei und der freien Gewerkschaften, ein Beweis mehr, daß in ernsten politischen Kämpfen nur aus die klassenbewußte, organi- sterte Arbeiterschaft zu rechnen ist, und sie allein der Wahlrechtsfrage ebhaftes Interesse entgegenbringt. Deutsch-amerikanische Zollvcrhandlungen. Die Aussichten für eine Zollverständigung zwischen Deutschland und den Vereingten Staaten von Amerika haden sich in den letzten acht Tagen wesentlich gebessert, da sich jenseits des großen Teiches eine starke Verstimmung gegen den Fleischtrust geltend macht und von verschiedenen komnier- ziellen Verbänden und Blättern die amerikanische Regierung aufgefordert wird, bei den Verhandlungen über das deutsch- amerikanische Zollabkommen die Frage der Fleischeinfuhr nach Deutschland auszuschalten, da der Fleischtrust keine Berück- sichtigung seiner speziellen Interessen verdiene. So befür- wortet, wie telegraphisch aus Philadelphia gemeldet wird, in einem Schreiben an den Präsidenten Taft der Deutsch- amerikanische Nationalbund die Ausschaltung der Fleisch- frage, damit der Zollkrieg vermieden werde. Und in einen» Artikel der„New Aork Times", der die Handelsbeziehungen zum Deutschen Reich erörtert, heißt es:„Die Lage in bezug auf den Zolltarif ist jetzt so, daß ver Präsident mit gut:"» Gewissen erklären kann, daß keine unbillige Differenzierung besteht: nur wenige Interessenten, abgesehen von dem Fleisch- trust, werden hierin anderer Meinung sein." Zum Schluß wird die Frage aufgeworfen, ob es sich verlohne, das Land in einen Zollkrieg zu stürzen, nur den Herren vom Fleisch- trust zu Gefallen, die die Regierung am liebsten ins Gefängnis schicken möchte._ Die Kiautschou» Denkschrift. Dem Reichstage ist, wie alljährlich, eine Denkschrift über die Eniwickelung der deutschen„Pachtung" Kiautschou im letzten Ver- waliungsjahre(vom Oktober lS08 bis Ottober 1909) zugegangen. Im Vergleich zu den früheren Jahresberichten muß der jetzige alS ziemlich günstig bezeichnet werden. Der Gesamtwert des Handel« ist von 4S 704 S8S Dollar im Jahre 1007/08 auf 65 019 877 Dollar im Berichtszeitraum, also um l5 3l4 8S2 Dollar oder 30,8 Proz. gestiegen. Hieran sind alle Gebiete deS Handelsverkehrs, besonders die Ausfuhr beteiligt. Die Gesamtausfuhr stellte sich auf 26 440 426 Dollar gegen 18 416 548 Dollar im Vorjahre. Eingeführt wurden Ware» nichtchsiiesischen Ursprungs im Werte von 25 463 680 Dollar(21449510 Dollar) und Waren chinesischen Ursprungs im Werte von 13 106 771 Lollar (9 888 927 Dollnr). Während tm BerichtSzeitranm 1907.1)8 die Ein- nahinen des ckinefischen SeezollamteS tiegctiftbcr denen de-? Zeit- abichnitlS 1906/07 um 9,8 Proz. ziirnckgetiangen waren, hat da? ver- flosiene Fahr iviederum eine Zunahme im Gefolge gehabt. Die deutiche Schaulung-Eiienbahn selbst weisi eine erhebliche Steigerung deö GülerverkehrS auf, der von 413 269 Tonnen im Vorjahre auf 649 685 Tonnen im Berichtsjahre gestiegen ist und damir eine Zunahme ihres llcberschusses von 1 532 903 Dollar auf 1800 287 Dollar, so dast trotz des starken Sinkens des Silberkurses für das Kalenderjahr 1908 wiederum die Verteilung einer Dividende von 4'/j Proz. auf das Anlagekapital von 54 Millionen Mark möglich war._ Vom Wahlrechtskampf. In Königsberg ist der Wahlrechtskampf nun auch von bnrger- licher Seite eröffnet worden und zwar von der Deniokratiichen Ver- einiginig. Am Montagabend fand vor den Toren der Stadt im grohen Saale eines Thearerelabliffeinents eine öffentliche Volk?» versamnilung statt, zu der die Orl-?grnppe der genannten politischen Vereinigung Herrn v. Gerlach-Berlin als Redner nach Königsberg berufen hatte. Der Vorsumd der Sozialdemokratischen Partei sowie der Vorstand der Freisinnigen Volkspartei waren zu dieser Beraiislaltnng besonders eingeladen. Die bravon Freisinns- mannen hatten es freilich vorgezogen, zu Hause zu bleiben! In der Versammlung, die von mehr als 1000 Personen besucht war, sah man nur vereinzelt die Vertreter der bürgerlichen Gesellschaft, so daß man kaum 100 solcher Leute zusainmeiizählen konnte: die übrigen VersammlungSbesucher gehörten unserer Partei an, Herr v. Gerlach übte eine scharfe Kritik an das NegierungSiystem des preustiichen Staates, das sich die unzweideutige Verachtung aller übrigen Knltnrslaaten Europas zugezogen habe, und behandelte dann das bestehende Landtagswahlrecht, das er als verwerflich und unmoralisch kennzeichnete. Die anwesenden Parteigenossen, u. a. die Genossen H a a s e und M a r ck w a l d. erklärten, dem Appell der Demokralischen Vereinigung folgend, den WahlrechtSkampf auch mit den Freisinnigen Schulter an Schulter führen zu wollen, wenn diese endlich ihre bisherige Taktik aufgeben und als ehrliche Streiter für die fundamentalsten Volkörcchte, zu denen in erster Linie das freie, gleiche und geheime Wahlrecht ge- hört, auf den Plan treten würden, um die Macht der Junker im Staate zu brechen. An, Schlüsse der Versammlung wurde ein- stimmig eine Resolution angenommen, die für Männer und Frauen das ReichStagSwahlrecht für Preußen verlangt. Es bleibt nun ab- zuwarten, ob der KönigSberger Freisinn fortan gleichfalls die große Volksbewegung entfesseln helfe» wird, die nach dem Ausspruche eines feiner Führer nouvendig ist, um in Preußen die Reaktion zu Fall zu bringen._ Ttaatsgcfährlicher Turnunterricht. Dem Turnwart des ArbeitcrturnvereinS in Weißstein(Kreis Waldenbnrpl ist durch ein Schreiben des dortigen Amtsvorstehers unter Androhung einer Geldstrafe von 100 Mark oder zwei Wochen Haft für de» Fall der Zuwiderhandlung verboten worden. Turn- Unterricht an jugendliche Personen zu erteilen, ohne die Erlaubnis der Ortsschulbehörde verlangt zu haben. Selbstredend erhalten Arbeilerturnvereine diese Erlaubnis der Schulbebörde überhaupt nicht, am wenigsten dort, wo die Kohlen- tönige regieren._ Ter Nachfolger des Herrn v. Loebcll. Für den wegen Krankheit zurückgetretenen Oberpräsidenten v. L o e b e l l soll der Regierungspräsident von Potsdam, v. d. Schul rnburg, alS"Rachfolgcr auserfehen fein.• Die Besetzimg der Stelle dürfte in de» nächsten Togen'rrfölgen, da"eine GÄ längere Vakanz nicht atgezggt-rschUt,�** s? ö d ta& Tas sächsische Wahlrechtselend soll unberührt bleiben. Dresden, 24, Januar.. Bei den Landtagswahlen in Sachsen gab der Z lOf des neuen Plural Wahlgesetzes, der den Ausschluß der S t e u e r r e st a n t e n vom Stimmrecht regeln soll, zu heftigen Streitigkeiten Veranlassung, Der Paffiis ist so u n k l a r gefaßt, daß er auf die verschiedenste Weise ausgelegt wurde. In einem Re- gierungsbezirk wurden Stenerrestanten, die die Stenern des zweit- letzte»' Jahre? vor der Wahl schuldeten, vom Stimmrecht a»S- geschloffen, während die Stenerreste aus dem Jahre vor der Wahl nicht in Betracht tanien. In anderen Wahlkeiien wurde dagegen nur den Stenerresteir au» dem Jahre vor der Wahl eine wablentrechtendc Wirkung verliehen. Gelegentlich eines nationalliberalen An- trageS, der einheitliche Verjährungsfristen für Stenerreste forderte, wurde diese Seite des sächsischen Wahlrcchtselends bereits i» der Zweiten Kammer geschildert— und Abhilfe gefordert: der national- liberale Antrag sollte auch dazu dienen, koniite aber das Ziel nicht erreichen. Als dieser Antrag vor einigen Tagen in der Gesetzgebung«- deputation der Zweiten Kammer des sächsischen' Landtags zur Be- ratung stand, wurde von sozialdemokratischer Seite eine klarere Fassung des§ 101 des Wahlgesetzes gefordert. Die Depulalioi, be- schloß auch demgemäß. Vor dem endgültigen Beschluß sollte jedoch noch die Regierung gehört werden. Diese ließ in konimiffarischer Beratung durch den Ministerialdirektor Dr. Rumpelt erklären, sie könne keiner Acnderung des Wahlgesetzes ihre Zustimmung geben. Danach soll auch dieser ärgste Teil des sächsischen WahlrechtsjammerS, der Sawsen geradezu zum Geipöti gemacht hat, weil niemand weiß, wie der Pasius zu versteben und anzuwenden ist, unberührt bestehen bleiben, Die säwsiichen Genosse» werden voraussichtlich bei der nächsten Nach- wähl versuchen, eine Entscheidung de? Oberverivaltnngsgerichls herbeizuführen, um zu verhüte», daß viele Taufende Steuer- rcstanten dem Willen der Gesetzgeber zuwider vom Stimmrecht aiis» geschlossen werden, wie das bei der letzten Wahl geschehen ist. Es bandelt sich dabei um das Stimmrecht von etwa 60 000 sächsische» LandtagSwählern._ Auch eine„Gleichheit vor dem Gesetz". Im badischen Landtag kritisierten bei der Beratung des Etats für Strasanftalten die sozialdemokratischen Ab- geordneten die Behandlung der Gefangenen, insbesondere der wegen Streik- und politischer Vergehe» internierten. Der Justiz- minister gab die Eiklärung ab, daß die wegen Preß- vergebens Bestraften eine andere Behandlung nicht er- fahren könnten: eigene Kleidung zu tragen sei nicht erlaubt, d a- mit die anderen Gefangenen nicht verletzt werden. Damit also die Gefühle der wegen ehrenrühriger Vergehen Bestraften nicht verletzt werden, müssen Ehrenmänner, die wegen politisier Vergehen ins Gefängnis kommen, die Sträflingskleidung tragen!_ Der braunschwesgische Landtag wieder sozialistenrein. Am 12, Januar vorigen Jahres wurde unser Genosse Doktor Jasper in der Stichwahl im drillen Wahlkreise der Stadt B r a u n s ch w e i g als erster sozialdemokratischer Abgeordneter in den braunichiveigischen Landtag gewählt. Er erhielt 39, zwei Gegner 84 dczw. 24 Summen. An, 13 Dezember 1903 hatte die Hauptwahl für den Wahlkreis stattgesnnden. Dabei erhielt ein bürgerlicher Branereibcsitzer 34, Genosse Jasper'und ei» Ziinmermeister Rieß je 31 Stimmen. Dabei waren für de» Ziminermeistcr zwei Stimmzettel, die, ineinander- gciulzt, von einem Wähler abgegeben worden waren, als eine Stimme gezählt worden. Dienstag morgen trat der Landtag zusammen und erklärte— in geheimer Abstimmung— wegen der Mitberechnung der einen Stimme für den Iimmcrmeister Meß die Wahl Jaspers nahezu ein- stimmig für u n g ii t t i g. Damit ist der brannschweigische Landtag wieder sozialistenrein. Militärischer Strasvollzng! Das Kriegsgericht in Dresden verurteilte den Major und Vorstand vom Dresdener Festungsgefängnis L ü d e ck e und den Hauptmann v Löben ivegen nngenügender Erfüllung der ihnen obliegenden Pflichten zu je einem Tage Festungs- hast. Der Hauptmann hatte eine Verfügung des Gerichtsherrn nicht genügend beachtet und schließlich dem Major eine falsche Ans- knnst über die Beendigung der Strafhaft erteilt! Dadurch ver- schuldeten sie, daß der Soldat Hofiuaim, der zwecks Verbüßnng einer sechswöchigen Arreststrafe in das FestungSgefängnis untergeblachl war. 10 Tage mehr verbüße» mltßte, als er zu verbüßen halle. Bemerkenswert ist dabei, daß keiner der beiden Angeklagten an der Sache schuld sein wollte. Der Hauptmann verbarg sich dahinter, daß da? Schrittstnck des Gerichlsherren an irgend einer Stelle liegen ge- blieben sei» muß und der Major e> klärte, daß er nicht verpflichlel sei. die Angaben der Hauptleule über die Beendigung der Strafen der Arrestanten nachzuprüfen!_ Oeftcmicb-Qngarn. Eine Studentendeuioustration gegen die preußische Polenpolitik. Lemberg, 25, Januar. Vor der Filiale einer Berliner Schubfabrik veranstalteten gestern eine Anzahl Studenten fl ü r ni i f ch e Demonstrationen. Sie schlugen unter den Rufen:„Weg mit den preußischen Lakaien!" die großen Spiegelscheiben des SchuhwarengeschäftS ein und erzwangen schließlich die Sperrung des Geschäftes. Die Demonstranten, die Schmährufe gegen das preußische E n tei g n un g s g e s e tz ausbrachten, wurden schließlich von der Polizei zerstreut. Mehrere Verhaftungen wurden vorgenommen. Die Regierung Khuen. Budapest, 25. Januar, Abgeordnetenhaus. In der heutigen Sitzung erklärte Ministerpräsident Graf Khiien Hedervary, es sei richtig, daß er in: Abgeordnetenhanse keine Partei habe, doch hoffe er, daß feine Politik in der Nation Anhänger und sein Appell an die Wähler Widerhall sinden werde. Der Ministerpräsident verwahrte sich entschieden gegen die Verdächtigung, daß er bei den Wahlen verfaslnngswidrige oder unmoralische Mittel anwenden wolle. Er sei, falls die Majorität der Nation sich für einen Würdigeren erkläre, jeden Augenblick bereit, seinen Platz zu räumen. Er habe seine Stellung nicht gesucht und noch am Tage seiner Berufung einen Politiker vor- geschlagen, der mit der Kabincitöbildung betraut werden sollte. Gras A n d r a s s y erklärte, seine Partei würde für ein Miß- trauensvotnm nur stimmen, falls sie die Verantwortung für die Folgen tragen und die Bildung der Regierung übernehmen könnte. Er werde das B n d g e t p r o v i s o r i n m b e- willigen. Die Verweigerung des Budgets sei eine zweischneidige Waffe, denn entweder werde daS staatliche Leben dadurch arg gestört, oder es iverde bewiest», daß man auch ohne gesetzliches Budget regieren könne. Hierauf ergriff der Ministerpräsideitt ausS neue das Wort nnd erklärte, er erblicke, trotz der weiigehenden Tifferenzen bezüglich der Wahlreform in der Rede des'Grafen Audrassy eine sympathische Auffassung der Lage, so daß eine Ausgleichung der Differenzen zwischen ihnen möglich sein werde. ffaukmct?. i Schluß der Schuldebattc. Paris» 24. Januar. Da die Keller des Gebäudes der Kammer überschwemmt sind, brannte während der heutigen Sitzung das elektrische Licht nicht. Die Journalisten- und die öffentlichen Tribünen wurden mit Lampen, der Sitzungssaal mit Gasflammen beleuchtet. Die Kammer bewilligte einen Kredit von zwei Millionen -Frank- zrlt fe-r st ein Hn I fr bei den Up b£»$ ch4v e FinijuznAtpn und. fLÜe.tzgmz hix Debatte über die Interpellation wegen . pfrfchtil e ffsrt. Nachdem verschtcdeffe Reilnep-'d'afür' llltd' dagegen gesprochen hatten, wurde unter Zustimmung deS Minister- Präsidenten eine Tagesordnung D e s s o Y e mit 385 gegen 137 Stimmen angenommen, in der die Kammer ihr Vertrauen zur Regierung ausspricht, daß diese die Laienschule gegen alle Gegner verteidigen werde, und ihren Entschluß kundgibt, vor dem Auseinandergehen entsprechende Vorlagen zur Verteidigung der Laienschule zu beraten. Alsdann trat Vertagung ein. Kdgieii. Eine Ausstellung für Heimarbeit in Brüssel. Man schreibt uns aus Brüssel: Die diesjährige Brüsseler Weltausstellung wird auch eine Ausstellung der hausindustriellen Gewerbe Belgiens beherbergen. Die Idee dieses Projekts ist dem Sekretär des Internationalen Sozialistischen BureauS, Genossen C. HuysmanS, zu danken, der auch dem Exekutivkomitee als Sekretär angehört. Auch im Zentralkomitee finden sich neben den Namen bürgerlicher Gelehrter und Fachmänner bekannte Vertreter der Arbeiterpartei, so die Gcwerkschaftssekretäre Bergmanö und S o l a u, die Deputierten Gheude, Troclet usw. Auch unter den technischen Sekretären befinden sich eine Reihe bekannter sozialistischer Publizisten. Nach den Mitteilungen, die Genosse HuhSmanS kürzlich in einer vom AuSstellungsbureau einberufenen Versammlung machte, darf man schließen, daß die Ausstellung nicht schlechthin eine Augenweide für müßige Besucher sein wird, die erlesene Spitzen- erzeugnisse und andere Artikel der Heimarbeit- beschauen wollen, sondern daß sie, ähnlich der Berliner, ein lebendiges Bild der Heimarbeit in dem Sinne bieten wird, daß auf den ausgestellten Gegenständen auch die Löhne und die zu ihrer Herstellung not- wendige Arbeitszeit ersichtlich sein wird; daß die Arbeitsstätten reproduziert, die aus den vom Arbeitsamt veranstalteten Enqueten gewonnenen Resultate über die Wohnungs- und Lebensverhältnisse der in der Hausindustrie Beschäftigten anschaulich gemacht werden: kurz, daß der ganze soziale Umkreis der Heimarbeit in Wort und Bild festgehalten sein wird. Der wissenschaftlichen Vorbereitung dieser Ausstellung dienen technische aus Arbeitern und Unter- nehmern gebildete Komitees, für die diversen Industrien mit je einem wissenschaftlichen Sekretär. Auch der Abteilung für Hygiene, der das Studium der GcsundheitSverhältnisse und Berufskrank- heiten obliegt, steht ein Komitee vor, dem unter anderen der Direk- tor des Arbeitsamtes Julin und HuySmans angehören.— Von welcher Bedeutung das Problem der Heimarbeit für Belgien ist, erhellt schon daraus, daß sie eine Gruppe von 113 000 Arbeitenden, danach ein Sechstel der arbeitenden Gesamtbevölkerung umfaßt. Neben den typischen Grundübeln dek Heimarbeit kommen für Bel- gien noch gesonderte in Betracht, von denen zur Zeit noch ge- sprachen werden soll. Erwähnt sei auch, daß gegenwärtig die Spitzenindustrie in Belgien eine Krise durchmacht und die Zahl der Arbeiterinnen immer mehr sinkt. Gegenwärtig beträgt ihre Zahl 48 000, vor einem halben Jahrhundert zählte man in Belgien 150 000 Spitzenarbeiterinnen. Unter den Ursachen der Krise ist unter anderem der Zwischenhandel durch die Klöster und das von verschiedenen Arten von Unterhändlern geübte Trucksystem zu nennen, die die Spitzenarbeiterinnen— meist alte Frauen, die sich blind arbeiten— in schamloser Weise ausbeuten. Die nor- male Arbeitszeit beträgt 12 bis 14 Stunden bei einem Verdienst von 60—00 Centimes. Die„gut bezahlten" verdienen 1,25— 1,75 Frank pro Tag. Kein Wunder, daß die junge weibliche Arbeiter- generation dem Metier alsbald Valet sagt. Heute existiert die Spitzcnindustrie nur mehr in den ländlichen Zentren, aus de» Städten ist sie durch die Großindustrie verdrängt worden. Anschließend an die Ausstellung wird im Herbst dieses JahreS ein internationaler Kongreß für Heimarbeit in Brüssel tagen. Spanien. Tie Lage im Rif. Lassa Marnia, 25. Januar. Wie es heißt, beabsichtigen die Spanier in den Landgcbieten bei Melilla organisatorisch vorzugehen. So soll General Marina den Hafendienst organi- sieren, Leuchttürme bauen und einen Automobildienst von Melilla nach Seluau einrichten wollen. Auch würden Studien für eine Eisenbahnverbindung zwischen den neuen Gebietsteilen gemacht. Nach glaubwürdigen Gerüchten aus Eingcborenenkreisen sollen die Häuptlinge der Zelahas, die sich erst kürzlich unterworfen haben, auf Veranlassung Mulay Kcbirs geflüchtet sein. Der Marabut Siameziane ziehe umher und mache Propaganda für die Bildung einer Harka und Wiederaufnahme der Feind-- seligteiten gegen die Spanier. k5,ui!lancl. Die Unruhen in Buchara. Petersburg, 25. Januar. Aus Neubuchara wird vom gestrigen Tage gemeldet: Nach dem. Eintreffen der Truppen aus Samarkand ist Buchara ruhiger geworden. Außerhalb� der Stadt kam es nachmittags zu einem Zusammenstoß zwischen Sunniten und Schiiten. Zehn Kosaken unter einem Offizier zer- streuten die etwa fünfhundert Köpfe zählende Menge, ohne von den Waffen Gebrauch zu machen. Auf dem Platze fand man drei Leichen. Weitere Zusanimeiistöße fanden nicht statt. Die russischen Banken und andere Anstalten lverden militärisch bewacht. Inclien. Ei» ncncö politisches Attentat. Calcntta, 24. Januar. Ein junger Bengale feuerte während der Prozeßverhaudlmig gegen die Verschwörer von A l i p o r e einen Pistolenschuß auf einen P o l i z e i b e a ni t e n ab, der tödlich ge- troffen wurde. Der Beamte war an der Untersuchung der Ver- schwörung hervorragend beteiligt. Der Mörder entzog sich seiner Fest- stellung durch die Flucht. Auf der Straße warf er gegen einen ihn verfolgenden berittenen Polizeibeaniten eine Bombe, die jedoch nicht explodierte. Er wurde darauf verhastet. Em der Partei. Andrea CostaS Leichenbegängnis. Rem, 22. Januar. Eine Leichenfeier, wie sie wenigen ge- worden ist, hat daS italienische Proletariat Andrea Costa bereitet. Die Leiche, die im RathauS aufgebahrt war, wurde gegen 0 Uhr morgens in die alte rote Fahne der Internationale gehüllt, die deren italienischer Sekretär Giovamhattista Lolli seit vielen Jahren aufbewahrt hatte, und die daS von Costa selbst diktierte Motto trägt:„Arbeitend leben und kämpfend sterben." Dann bettet man sie in den Zinksarg. den ein großer eichener Sarg einhüllt, und die Freunde und Genossen tragen ihn zu dem vierspännigen Leichen- wagen. Eine tatsächlich unübersehbare Volksmenge erwartet den Sarg in dem grauen, kalten Wintermorgen unter eisigem Wind und leichtem Regen. Um 10 Uhr 10 Minuten gibt die Glocke des Rat- Hauses das Zeichen zum Bewegen dcS Trauerwagens, und unter ihren dumpfen Schlägen entwickelt sich der endlose Zug, der sich über zwei Kilometer weit ausdehnt. Alle Läden sind geschlossen, alle Laternen angezündet und mit Trauerflor umkleidet. Vertreten sind nicht weniger alö 275 Gemeindeverwaltungen, die ihre tom- munalen Fahnen geschickt haben. Zuerst folgt die städtische Feuer- wehr, dann die Schulen mit ihren Fahnen, unzählige Arbeiter- organisatianPi,, 46 alte Garibaldiner mit ihren roten Blusen, der Pürteivossstäsid,- die Parteifraktion, die Vertreter der sozialistis�e» Vravinzialpirbäiide, der Laiidarbeitcrorganisationcn, der Sozialitzcn Siziliens, der Konföderation der Arbeit und andere mehr."üuch. offizielle Delegierte fehlen nicht. Da ist der Kammerpräsident Marcora für die Kammer, der Senator Dall'Olio für den Senat, der Großmeister des Freimaurerordens, der Präfelt von Bologna für den Ministerpräsidenten, sowie ein Delegierter der Regierung der Republik von San Marino. Neben bescheidenen roten Fahnen sieht man die prachtvollen„Gonfaloni" der Stadtverwaltungen. ES ist ein Bild von unbeschreiblicher Großartigkeit. Und diese(mehr als 10 000 köpfige) Menge trauert tief und aufrichtig um ihren Toten, der ihr so oft das Banner des Kampfes vorangetragen hat. Viele der Teilnehmer weinen, alle sind er- griffen. Frauen, Männer und Kinder, Arbeiter wie Angehörige des Bürgertums folgen dem Toten, den so viele Menschen geliebt haben. Vor dem Bahnhof ist auf dem Platze eine Rednertribüne er- richtet. Von hier aus spricht zuerst der Kammerpräsident Marcora, der dem verstorbenen Freunde und Kollegen warme Worte deö Nachrufs widmet. Nach ihm nimmt der Bürgermeister von Jmola, Genosse Xella, das Wort. Er spricht von dem opferreichen Leben Costas und von dem, was gerade seine Vaterstadt in ihm verliert. Dann spricht Genosse Bissolati im Namen der Partei. Er ist so bewegt, daß ihm die Stimme bricht:„Ihm danken wir einen großen Teil ocsseii, was wir sind. Er hat unsere Bewegung zum Bewußt- sein ihrer selbst und ihrer geschichtlichen Aufgaben gebracht. Alles was ich hier sagen könnte, das sagen besser und eindringlicher diese unermeßlichen Scharen der Leidtragenden, die unserem Toten die letzte Ehre erweisen." Bissolati gedenkt dann dankbar des un- erschütterlichen Glaubens, oer Costa beseelte, seines ewig jungen Idealismus. Als letzter spricht der Republikaner Mazza im Auf- trage des italienischen Freimaurerordens. Um 12 Uhr wurde die Leiche, begleitet von den Delegierten, in einen Extrazug gehoben, um nach Bologna übergeführt zu werden, wo die Einäscherung stattfindet. Im Bewußtsein eines großen und schweren Verlustes, über den der stolze Gedanke, daß er„unser war", nicht trösten kann, geht die Menge still und schweigend auseinander. An? den Organisationen. Der� sozialdemokratische Verein Leipzig-Land (13. sächs. Wahlkreis), der am Sonntag seine Geiieralvermmmlung abhielt, zählt jetzt 24 154 Mitglieder, gegen 23 728 des vorige!'. Halbjahres: 3632 weibliche Mitglieder, gegen 3495 des vorige» Halbjahres sind in dieser Zahl einhalten. Ein Flugblatt über die Tätigkeit der Fraktion ini Reichstag wurde in 120 000 Exemplaren verbreitet, außerdem 10 000 Agitatioiiskalender und eine Anzahl polnischer Kalender. Die OrtSkassen vereinnahinten iiiSgei'ainr 53 048.45 M.. lieferten an die Hauptkasse 29 375,48 M. ab. an den Wahlfonds 4070.80 M., und hatten nach Abzug der örtlichen Aus» gaben am 31. Dezember 1909 noch einen Bestand von 5053,96 M. Die Hauptkasse halte eine Einnahme von 45 800,75 M., eine Ausgabe von 32 551.05 M., und am 31. Dezember 1900 einen Bestand von 13 348,70 M. An den Parteivorsiand wurden 0000 M., an das Agitotionskomitee 10102.50 M. gezablt, daS Sekretariat kostete 2032,21 M.. die Agitation 6856.70, für Wahlen wurden 4080 M. ausgegeben. Die Ortsvereine gaben für die Bibliotheken(Neuanschaffunaen und Reparaturen) 4020,92 M. aus. peUzeiUebes, Oerlcbtiichea uCw. Strafkonto der Presse. Wegen Beleidigung wurde Ge- nossc Brenner vom ,.V o l k s f r e u n d" in B r a u» s ch w c i g zu 6 0 M. G e l d st r a f e verurteilt. Das Gericht erblickte die Be- leidigung in einer humoristisch gehaltenen SonntagSplauderei. Die Presse vor der Oievisionüiuftaoz. Das Reichsgericht ver- warf am Montag die Revijion des Genossen O. N i e b u h r vom „BolkSblatt für Halle" gegen ein Urteil deö Landgerichts Salle a. S- vom 21. Oktober, das auf zweihundert Mark e l d st r a s e wegen Beleidigung eines Geinewdevertreterö lautete. Gewerkfcbaftlicbe� friß, Vogel, oder stirb! D�r Vorstand des Deutschen Arbeitgeber- bundcs für das Baugewerbe hielt am Montag, den 24. d. M., im preußischen Abgeordneten Hause eine Sitzung ab. Ein Bericht darüber ist an alle Berliner Blätter und auch solche im Reich gesandt worden. Der„Vorwärts" war dabei ausgelassen und mußte sich gai� auf den bekannten „günstigen Wind" verlassen: Der versandte Bericht lautet: „Die gesamten Forderungen des neuen Tarismusters wurden nochmals eingehend besprochen und die Berichte der anwesenden Vorstandsmitglieder aus den von ihnen vertretenen Verbänden entgegengenommen. Die Berichte ergaben eine vollständige Einstimmigkeit über die Notwendigkeit, das bereits festgestellte Vcr- t r a g s m u st c r zur Ä c l t u n g zu bringen, und der Generalversammlung in Straßburg zur Annahme zu empfehlen. Wenn die Generalversammlung am Ü4. Februar den Vor- schlagen ihres Vorstandes beigestimmt haben wird, sollen er-- ucut Verhandlungen mit den Arbeitgeber- o r g a n i s a t i o n e n stattfinden. ES wurde die Hoffnung ausgesprochen, daß diese Organi- sationcn die Notwendigkeit der neuen Fassung des Vertrags- Musters einsehen und anerkennen werden, da die Arbeitgeber nicht in der Lage sind, unter anderen Bedingungen wciterzu- arbeiten, sondern gezwungen sein würden, im Falle des Nicht- Zustandekommens des Vertrages ihre Geschäfte zu schließe it." Der langen Rede kurzer Sinn ist also: Die Bauarbeiter l)aben das von den Unternehmern vorgelegte„Vertrags- Muster" anzunehmen. Wollen sie nicht, dann erfolgt er- barmungslos die Aussperrung! Nun, die Bauarbeiter aller Branchen sind auf den Kampf gefaßt und für denselben gc- rüstet. Ob es den Unternehmern gelingen wird, im Zeichen der aussteigenden Konjunktur mit den Arbeitern so umzu- springen, wie vor einigen Jahren in der sinkenden, muß abgeivartet werden. Dauernde Erfolge dürften die Herren kaum erzielen. Mit dem Nachlassen der Krise wird auch der Scharfmachermut verfliegen! Berlin und Ontgcgend. Akkord und Stundenlöhne im Berliner Bangewerbe. Außerordentlich interessaiit und lehrreich ist eine Gegenüber- stcllung der tariflich festgelegten Siundenlöhne im Berliner Bau- gewerbe und der dort gezahlten Akkordsätze. Die Tatsache, daß während infolge der gewerkichaftlichen Bemühungen die Stunden- löhne gehoben wurden, die Akkordsätze dagegen in fast allen bau- gewerblichen Berufen niedriger gedrückt wurden, zeugt von der un- geheuren Steigerung der Jiitensivität der Arbeitskraft im Bau- gewerbe Berlins. Als Beweis dieser Behaupiungen greifen wir ein paar Resultate unserer Studien heraus: Während sich der Stundenlohn der Maurer im letzten Jahrzehnt von Jahr zu Jahr um etwas gehoben hat— ausgenommen in der Zeit während und nach den, letzten Streik, wo es aber doch möglich blieb, nach Beendigung desselben den Stundenlohn auf seiner alten Höhe von 75 Pf, zu erhalten— ging der für die Mkordmaurer bis dahin gezahlte Satz Von lZ und 6,50 M, auf 4 und 4,50 M. zurück. Die Gründe lagen darin, daß ein großer Teil der bis dahin im Stundenlohn arbeitenden Maurer auf dem Wege des Akkords sein Glück versuchte und hier eine selbstmörderische Konkurrenz entstand, die der Unternehmer und der Zwischenmeistcr— Schieber— geschickt 'auszubeuien verstanden. Jetzt wird von den Akkordmaurern selbst mir schärfften gegen diese Zustände Sturm gelaufen, nachdem stc lange Mt auf ihrem unverständigen Standpunkte beharrtcn. Die Intensität der Akkordarbeit ist an dem Punkte angelangt, wo sie sich nicht niehr weiter steigern läßt. Nicht viel anders liegt das Verhältnis bei den Putzern, Normalerweise müßte hier der Akkordsatz für den Quadrat- ineler Putz im Verhältnis zum tariflich geregelten Slundentohn der Maurer steigen. Doch dem ist durchaus nicht so. Da durchweg im Akkord geputzt wird, war es hier den Subunternehmern möglich, den Lohn in den tetzlen zehn Jahren gar nicht zu steigern; beim Innen- putzen beträgt der Akkordsatz heute lvie vor zirka zehn Jahren pro Ouadralmeter 21 Pf, im Durchschnitt, je nach dem Stande der Konjunktur schwankt er etwas hin und her; also eine ernstliche Per- ichiebung nach aufwärts hat nicht stattgefunden. Noch viel krasser i>t das Ergebnis bei den Nabitzipannern und Putzern. Bei den Rabitzputzern wurden 1864, otio vor sechzehn Jahren pro Quadrat- meter Putz 1,20 M, gezahlt. Heute wird dieselbe Arbeit für den halben Preis, nämlich 60 Pf. hergestellt. Dabei ist in diesem Zeitraum der Stundenlohn von 60 aus 65 Pf, gestiegen. Demnach sind also die Her- stellungskosten deSRabitzputzes in bezug auf Arbeitslöhne fast um hundert Prozent zurückgegangen. Aebnlich bei den Spannern. Hier wurden vor sechs Jahren für den Quadratmeter Geflecht 40 Pf. gezahlt; heute erhalten die Spanner nur noch 20 Pf. dafür. Der Stunden- lohn ist aber in dem gleichen Zeitraum von 45 auf 75 Pf. gestiegen. Alio auch hier in dem kurzen Zeilranin, an der Steigening des Stundenlohnes gemessen, fast hundert Prozent Berbilltgung in der Herstellung. Ueber fünfzig Prozent dieser beiden Kategorien— zu- sammen 1500— arbeiten aber im Akkordvcrhältnis und es ist nur unter besonderen Umständen möglich, Stimdenlohnarbeit zu erhalten. Ebenso lraß ist das Verhältnis bei den Betouarbeitern. Hier wurden anfangs der neunziger Jabre für den Otiadrarmeler Geflecht bei den Patentdecken 30 Pf, gezahlt; heute beträgt der Höchstpreis 10 Pf. Die Arbeiter sind eben„firm" darin geworden. In Betracht Zoinmen für Berlin 3500 Arbeiter. Nehmen wir zum Schluß noch die Bauhilfsarbeiter. Die Muldeuträger werden vom Bau mehr und mehr verdrängt. Sieine und Möttel werden jetzt mit Hilfe des Fahtstnbltmtcrnebmeis herbeigeschafft. Die eritere Gruppe über- nabin ihr Aitordverhältnis noch vom Maurermeister, während jetzt der Fahrsluhlltefernnt sich als Zwtscheinneister hineingeschoben hat. Der Alkordpreis für das Herbeiichaffen von 1000 Mauerfleiiien nebst dem dazu gebörigen Mörtel mußte deshalb um 75 Pf. gedrückt werden, der normale Preis für das Kellergeichoß sank von zirka 2,50 M. ans rund 1.75 M, Es müssen eben jetzt der nur mit seinem Kapital arbeitende Fahrstuhluttternehnter und sein Maschinist mit hermisgearbeilet werden. Diese Reiuliate, so auffallend kraß und abnorm sie auch sind, kommen dem Eingeweihten durchaus nicht überraschend. Wer die Gesetze deS kapitalistischen Produktionsprozesses kennt, weiß, daß etmiial die Steigerung der Jiitensivität bis auf den höchsten Puntr geirieveu wird und daß zum anderen kleinere Schmarotzerkapitalisten sich überall da zu betätigen suchen, wo im ökonomischen Gelriebe sich ihnen ein Platz bietet, meist geschieht das aus Kosten der Arbeiter. Beides ist aber nur dort möglich, wo die in Frage kommende Arbeiterschaft den Feind nicht rechtzeitig erkennt oder zu ichwach zu seiner Abwehr ist. In den hier aufgeführten Spezialberusen hat durchweg sowohl die Akkordarbeit als auch das Siibuitternehntertimt in den letzten Jahren riesig zugenommen. Und zum weitaus größte» Teil war das mit eine Folge der EinsichlS- lostgkeit der Arbeiter. Es wird schwerer Kämpse innerhalb der Organisation bedürfen, um hier wieder gesündere Verhältnisse herbei- zuführen._ Ter Streik der Mufikschallplattenprcsser bei der Firma Dr. G r ü n b a u m, Rirdors, Schinkestraße, dauert unverändert fort. Nachdem man in Berlin eingearbeitete Leute nicht erhalten bat, bemühte man sich um solche in Hannover und Leipzig. Bis jetzt ohne Erfolg. Einigen der Streikenden sind große Ver- s prcchungcn gemacht worden, wenn sie sich zur Wiederaufnahme Verantw. Redakt.: Richard Barth» Berlin. Inseratenteil verantw. der Arbeit verstehen würden. Selbstverständlich sind solche An- geböte zurückgewiesen worden. Alle diese Versuche der Firma bc- weisen, wie ungeheuer schwer es ist. wirklichen Ersatz für die Ausständigen zu erhalten. Der Betrieb ist nach wie vor von allen Pressern und Schleifern zu meiden. Verband der Fabrikarbeiter. Die Fräsekutscher und Hilfsarbeiter nahmen in einer stark besuchten Versammlung den Bericht der Lohnkommission über die Verhandlung mit den Arbeitgebern entgegen. Es wurde berichtet, daß die Verhandlung vom 13. Januar ein endgültiges Resultat noch nicht gezeitigt habe. Die Unternehmer hätten die Er- klärung abgegeben, daß ihre Organisation gewillt wäre, für die Fräsekutscher wiederum in ein Verirag-verhältms mit dem Trans- aroeiterverband auf die Dauer von drei Jahren einzugehen, wenn sich die branchenkundigen Kutscher mit einer Lohnzulage von 50 Pf. pro Woche zufriedengeben würden. Der Minimallohn würde dann in Zukunft 29 M, anstatt 28,50 M. pro Woche be- tragen. Die Kutscher und Hilfsarbeiter fordern ihrerseits eine Lohnerhöhung von 2,50 M. pro Woche. Alle übrigen Wünsche in bezug auf Verbesserung der Löhne für branchenkundige Kutscher und ältere Arbeiter sollen keine Berücksichtigung erfahren. Die Lohnkommission habe sich bei der Verhandlung auf den Stand- Punkt gestellt, daß ihr ein Vertragsverhältnis ebenfalls erwünscht sei, jedoch müßten den Kutschern annehmbarere Zugeständnisse ge- macht werden. In der Diskussion kam der Unmut der Ver- sammelten über das geringsügige Zugeständnis der Unternehmer zum Ausdruck. Es wurde betont, daß angesichts der teuren Lebensverhältnisse bei den weiteren Verhandlungen unbedingt an der Forderung festgehalten werden müsse. Da die Vertreter der Unternehmer sich für die weiteren Verhandlungen seitens ihres Vereins neue Direktiven einholen wollten, wurde beschlossen, dies abzuwarten und die Lohnkommission zu beauftragen, die Vcrhand- hingen weiterzuführen. Achtung, Färber und Färbcreiarbeiter! Bei der Firma Dr. Meyer u. N e u m a n n, Wollfärberei, Schlesische Straße 29/30, befinden sich sämtliche Arbeiter wegen Lohndifferenzen im Aus- stand. Die Ortsverwaltung Berlin des Verbandes deutscher Textilarbeiter. Achtung, Maler! Durch daö ain 17. Januar erfolgte Inkrafttreten des Reichstarifs weigern sich einige Arbeitgeber, die 5 Pf. Lohnerhöhung, welche unter allen Umständen auf alle bisher gezahlten Löhne erfolgen muß. zu bezahlen. Wir machen hierdurch sämtlichen Kollegen zur Pflicht, alle Fälle, wo dieses nicht gezahlt wird, sofort in unserem Verbands- bureau, Melchiorstr. 28, zu melden, damit die notwendigen Maß- nahmen von feiten unserer Organisation ergriffen werden können. Die Ortsverwaltung. Achtung,� Militärsattlcr! Bei der Firma F. Eoban. Dresdener Straße 83, sind bei Festsetzung der Akkordlöhne Differenzen entstmiden. Die Kollegen werden ersucht, bevor sie Angebote auf Arbeitsgelegenheit bei obiger Firma annehmen, erst Erkundigungen auf unserem Bureau, Engel-Ufcr 15, Zimmer 37. einzuziehen. Die Ortsverwaltung. Achtung, Schuhmacher! Bei der Firma Breitsprecher be- finden stw die Arbeiter und Arbeiterinnen wegen Differenzen im Streik. Wir ersucben, dieses zu beachten. Arbeiterfreundliche Blätter ersuchen wir um Nachdruck, da die Firma verilichen wird, außerhalb Berlins Arbeit fertigstellen zu lassen, besonders in Süddeutschland. Bei den» letzten Streik war dies der Fall. Zcntralverband der Schuhmacher, Ortsverwaltung Berlin. Achtung, Friseurgehilfe»! Wegen Differenzen sind für Verbands- Mitglieder gesperrt: Kusch ke, Reichenberger Str. 171, Scholz, Mirbachstr. 24, Frank. Kopenhagener Str. 22, Schlecker, Johannisthal, Ka>ser-Wilhelm-Str. 18, Ziädlein, Ober-Schöne- weide. Marieustr. 6. Verband der Friscurgehilfe», Zweigberein Berlin und Bororte. Oeutfches Reich. Die Lederzuschitcidcr in den Schuhfabriken Wermelskirchen lKreis Remscheid) sind in eine Lohnbewegung eingetreten. In den Nachbarorten Burscheid und Hilgen ist sie bereits zum Abschluß ge- bracht und zwar zugunsten der Arbeiter, wo in einzelnen Fabriken Lohnzulagen von 2 bis 4 M. pro 14 Tage erreicht worden sind. In Wermelskirchen sind die Verhandlungen noch im Gange; man darf aber wohl erwarten, daß auch die dortigen Unternehmer den be- reckligten Wünschen der Arbeiter Rechnung tragen, ist es doch un- lengbar wahr, daß die Zusckmeidcr mit zu den schlechtest entlohnten Arbetterschtchten am Orte gehören. Die Malermeister und der Reichstarif. In Mannheim tagte die Generalversammlung des Badischen Moler- und Tünchermeister-Verbandes. DaS Vorstandsmitglied des ReichsverbandeS, der Malermeister Emil Kruse- Berlin, referierte über den Abschluß deS Lohntarifs. Dieser Herr trat zwar für strikte Einhaltung der den Meistern auferlegten Bedtngungett ein; der Ton aber, auf den seine Rede gestimmt war, bewies, daß die Gehilfen noch manchen Strauß mit den Meistern wegen der Auslegung des Vertrages werden auüfecbten müssen. Leidem'cbaftlich rief der Redner den Versammelten zu:.Nützen Sie dett Reichstarif im Interesse der Kollegen bis zur äußer st en Potenz aus I" Ausland. Zu den Lohnbewegungen in Dänemari wird uns gemeldet, daß zwischen den Zentralvereiiien der Maurer- und Zimmermcister und dem Maurer- sowie dem Zimmeret verband ein Tarifvertrog zustande- gekommen ist, durch den die Stundenlöhne, wo sie bisher 46 Oere betrugen, ans 42 Oere. und wo sie bisher 42 Oere betrugen, auf 43 Oere erhöht werden. Für die Bauhilfsarbeiter ist eine Einigung noch nicht erzielt, man ist aber auf dem Wege dazu. Somit scheint es, daß dieie Lohnbewegung, die das ganze Land mit Ausnahme der Hauptstadt umfaßt, ohne Kamps verläuft. Die Dänische Arbeit- gebeivereniigung, die in allen Berufen jedwede Lohiierböhmig hrnieriretbeu wollte, hat also offenbar in diesem Fall ihr Ziel nicht erreicht. Die Buchdrucker in Haag, der holländischen Residenzstadt, find in eine Lohiibeivcgung eingetreten. Sie haben schon seil dem Jahre 1607 eiiicn Tarifvertrag angestrebt, aber die Prinzipale waren bis- lang nicht dafür zu haben. Nun haben die Prinzipale unter sich und ohne die Gohilseiischaft zu fragen, eine allgeineine Lohnregelung beschlossen und wollten sie am 10. Januar selbstherrlich durchführen. Diese Regelung bedeutet eine Verschlechterung der Lohnverbältnisse und sämtliche Gehilfenorganisationen lehnen sie einmüng ab. Die Gehilfenschaft fordert Auerkemtung des LohntarifvertrageS für das Bl'chdruckgewerbe. Es ist leicht ntögitch, daß es zu einem allgemeinen Kampfe lvinmt. Die Pariser Hufschmiede stehen feit einigen Tagen hn einem erbitterten Lohnkampsc. Am 13. Januar legren fast 900 Arbeiter dieses Berufes die Arbeit nieder. Die Unlentehtner, auf diese unerwartete Einmütigkeit nicht vorbereitet, mußten teilweise sofort die gestellten Fordertiitgen bewilligen. Die Arbeiter erreichten: Ab- schafftmg der Ueberstimden- und der Nachtarbeit, des Kost- und Logissystems, einen wöchentlichen Ruhetag, Freigabe des 1. Mai, Versicherung aus Kosten der Unternehmer und Minimallöhne von 65 Cts. bcziv. 1,05 Fr. pro Stunde. Diejenigen Arbeiter, die weiter arbeiten, da ihre Forderungen ersüllt sind, müssen einen täglichen Beilrag von 1 Frank für die Streikkasse abliefern. Die Unter- nehnter haben sich schon allgemein zu kleinen Zugeständnissen herbei- aelassen. doch verlrnigeit die Hufschmiede mit guter Aussicht auf Er- folg volle Durchführung ihrer Forderungen._ Ach. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. BerlagSanftaU Iiigenäbexvegung. Die schwarze Jugendorganisation. Die„Kölnische Volkszcitung" macht in Nr. 57 einige Angaben aus der katholischen Jugendbewegung, von deren Existenz und Umfang bisher noch wenig der Oeffentlichkeit be- kannt geworden tst. Recht interessant ist dabei die Mitteilung, daß die junge Garde der Schwarzen dadurch, daß man sie zur Agitation heranzieht und an der Aufrechterhaltung der Disziplin mitarbeiten läßt, geschult werden soll, um späterhin für das „konfessionslose" Z e n t r u m wertvolle Dien st e zu l e i st e n. Es ist dies natürlich dasselbe, was der Freien Jugend- Organisation zur Last gelegt wird: eine politische Bor- schule zu sein. Ob auch hier Polizei und Gerichte einschreiten werden? Versammlungen. Deutscher Metallarbeitcrverband. Am Sonntag fand in den „Musikersälen" eine Branchenversammlung der Werkzeugmacher tSchnittbauer, Lehrenbaucr, Schneidzeugmacher, Einrichter, Werk- zeugschleifer) sowie sämtlicher in Buchdruckereimaschinenfabriken beschäftigten Kollegen statt. Den Jahresbericht erstattete E r l e r, in dem er auf die Tatsache hinwies, daß die Organisation trotz der wirtschaftlichen Depression manche Vorteile errungen habe. Redner ging die Konfliktsfälle durch, zu deren Beilegung die Verwaltung eingreifen mußte. Betreffs des Arbeitsnachweises wie» er darauf hin, daß noch viele Kollegen unter Umgehung dieser Ein- richtung in Arbeit treten und hob die Uebelstände hervor, die durch derartige Gepflogenheiten für die Organisation entstehe». AIS Branchenleiter wurde Erler wiedergewählt, desgleichen die bisherige Agitationskommission. Die Etuiarbeiter und-Arbeiterinnen hielten am Freitag im Gewerkschaftshaus ihre Branchenversammlung ab. um den Jahres- bericht der Branchenhitung cntgcgenzunehinen Wie der Branchen- lciter Mendt ausführte, fing das Jahr mit außerordentlich schlechtem Geschäftsgang an. Entlassungen wurden in großer Zahl vorgenommen und in mehreren Betrieben wurde wegen Arbeits- Mangel die Arbeitszeit verkürzt. Im 1. Quartal 1909 machte die Arbeitszeitverkürzung 4206 Stunden aus, die Zahl der Ueber- stunden betrug 36: im 2. Quartal hob sich die Konjunktur und die Verkürzung der Arbeitszeit betrug 394 Stunden, die Ucberzeit- arbeit 1171h Stunden; im 3. Quartal trat wieder starker Arbeits- Mangel ein; es wurden 3028 Stunden weniger als üblich gearbeitet und nur 12 Ueberstunden geleistet; im 4. Quartal ging die Arbeits- zeiwerkürzung auf 382 Stunden zurück und die Zahl der Ueber- stunden stieg auf 7417. Die Zahl der beschäftigten Personen in der Branche blieb sich fast gleich; sie schwankte in den 4 Quartalen für die männlichen Arbeiter zwischen 146 und 151, für die Ar- bciterinnen zwischen 17 und 21. Die Tätigkeit für die Förderung der Organisation und ihrer Ziele war sehr rege. Es wurden 33 Werkstubensitzungen, 4 Branchenversammlungen, 7 Tarif- kommissionssitzungen abgehalten, und Verhandlungen mit Arbeit- gebern fanden 5 statt. Hierbei handelte es sich in einem Fall, bei der Firma Priester u. Sohn, um schlechte Behandlung durch den Werkführer, Unpünktlichkeit der Lohnzählung usw. Bei 3 Firmen mußte verhandelt werden, um die Anerkennung des Tarifs zu er- zielen. Bei der Firma W. Hoffmann führten die Verhand- lungen zum Ziele, nachdem Arbeitsniederlegung beschlossen worden lvar. Die Firma Berger erkannte den Tarif ohne weiteres an. während die Firma Hintze u. Hoffmann fortgesetzt als tarrfuntreu gelten muß. Bei den übrigen Verhand- lungen mit Unternehmern handelte es sich um weniger wichtige Angelegenheiten. Der Bericht vom Arbeitsnachweis zeigte, daß ein starke» Ueberangebot von Arbeitskräften vorhanden war und daß der Arbeitsnachweis� von den Arbeitgebern lange nicht in dem Maße in Anspruch genommen wird, wie es dringend zu wünschen wäre.— Eine kurze Diskussion, die dem Bericht folgte, ergab, daß die Versammelten mit der Tätigkeit der Branchenleitung zufrieden waren. Als Branchenletter wurden Mendt und Aß mann'. als Vertreter der Branche in der Ortsverwaltung wurde l�owy gewählt. Letzte Naebnebten und vepeleben. Zur Kretafrage. Konstantinopel, 25. Januar. lW. T. B.) In der bereits seit einiger Zeit vorbereiteten Antwort aus die letzte Note der Kreta- mächte, die den beteiligten Mächten im Laufe dieser Woche über- sandt werden wird, erklärt die Pforte, sie könne die Bri- beHaltung deS jetzigen Status quo auf Kreta nicht annehmen, weil dies die Aufrechterhaltung ungerechter Zustände wäre. Die Pforte verlangt baldige Lösung der Kretafrage auf der Grundlage weit- gehender Autonomie unter Wahrung der türkischen SouveränitatS- rechte. Die Unruhen in Buchara. Nenbuchara, 25. Januar.(W. T. B.) Heute früh haben die Kaufleute ihre Tätigkeit wieder aufgenommen. Gegen Mittag griff jedoch die Menge die Perser aufS ueue an. Ein persischer Arzt und seine Familie wurden getötet. Dk*1Äe- samtzahl der Opfer ist bedeutend. Die Menge der Sunniten erklärt, sie werde nicht ruhen, solange auch nur ein Be- amter oder Würdenträger von persischer Her- kunft im Amte bleibe. Die hiesigen Baumwollreinigungs- anstalten stellten die Arbeit ein. da die muhamedanischen Arbeiter ausblieben._ Die Hochwasserkatastrophe in Frankreich. Der Telegraph bringt fortwährend neue Meldungen über Zu- nähme der Hochwasscrkataftrophe in Frankreich. In Tour an der Marne sind acht Häuser eingestürzt, andere drohe» ein- zustürzen; ebenfalls befürchtet man in Chalons für Marne den Einsturz von 8, in Juveguy den von 15 Häusern. In der letzt« genannten Ortschaft werden überhaupt nur ganz wenige Häuser stehen bleiben. In Jatiisy sind ebenfalls viele Häuser eingestürzt. Der Berkehr und die Verproviaiitierung der Einwohner erfolgt in unzähligen Ortschaften mittels Booten. In Hazebrouk herrschen ernste Befürchtungen. Die Straßen st ehe» unter Wasser. Die Ortschaft Pacy ist vom Verkehr völlig abgeschnitten. Die LYS ist tun 80 Zentimeter gestiegen. Chalons für SaSne, 25. Januar.(W. T. B.) Der Doubs ist über seine Ufer getreten und hat mehrere Ortschaften überschwemmt. Mllcon ist unter Wasser._ Eingestellter Dampfcrverkehr. Calais, 25. Januar.(B. H.) Infolge heftigen Sturmes auf dem Aermelkanal ist der Dampferdienst zwischen Calais und Doper unterbrochen. Unwetter in Sizilien. Palermo, 25. Januar. iW. T. B.) Seit zwei Tagen wütet ein heftiger Sturm, der allenthalben viel Schaden anrichtet und im telephonischen und telegraphischen Verkehr große Störungen vcr- ursacht. Mehrere Barken» die durch den Sturm in Not geraten waren, wurden von der Besatzung des deuts6)cn Schulschiffes .„Hansa" gerettet.____ staul Singer ät Co., Berlin L1V. Hierzu 3 Beilagen u.Untcrhaltungsbl.' Nr. 21. 27. Zahrgavg. 1. jrilifr des Joraätls" Kerlim UslksdlM. %. z«m«r 19)0. Reicbsta«. 23. Sitzung. Dienstag, den 25. Januar, mittags 1 Uhr. Am Bundesratstische: Der n bürg, Wermut h. Der erste Punkt der Tagesordnung ist der zweite Nachtragsctat für das füdwcstafrikanische Schutzgebiet. Die Äonnnission hat die Einnahmen aus den Zöllen um fast 1'/, Millionen erhöht, so dah sie auf 4'/z Millionen festgesetzt sind; ebenso hat sie die Einnahmen aus der Bergverwaltung von 1'/, Millionen auf 1 860 000 M. erhöhl. Die Ausgaben sind von der Kommiision ebenfalls beträchtlich erhöht worden. Zur Verhinderung des Diebstahls und Schmuggels von Diamanten waren 800 000 M. gefordert; die Kommission hat hinzugefügt:„sowie zu sonstigen Matz nahmen aus Anlaß der Auffindung der Diamanten 240 000 M.", und: „Zur Gewinnung von Diamanten auf den Diamantfeldern des Fiskus ZW) 000 M."— Zum Umbau der Bahnstrecke Karibib— Windhuk sowie zum Bau der Nord-Tiidbahn sl. Rate) werden Z�/.. Millionen Mark gefordert; diesen Posten hat die Kommission auf i Millionen 000 000 M heraufgesetzt. Der Berichterstatter Abg. Dr. Scmler snatl.) erklärt, daß die Budgelkomniifsion die Dianrantpolitik des Staatssekretärs gebilligt und über die gegeir sie erhobenen Klagen und Petitionen der Diamanteniutereffenten ans Liideritzbucht als jeder Unterlage ent- behrcud c i n st i m m i g zur Tagesordnung übergegangen fei.' Abg. Erzbcrgcr..e sieigen, wenn sie Verwendung finden sollen, und daher war die Monopolisierung der Diamanten« förderung nötig. Zweitens betrachte ich solche Dinge auch ftir ein geeignetes Steüerobjelt, dann mutz aber dafür gesorgt werden, datz sie verkäuflich sind. Herr Erzberger wünschte eine frühere Veröffentlichung der Matz- »ahmen des Kolonialamts. Jede Verfügung wird auch sofort im „Reichskolonialblatt? abgedruckt. Die Interessenten aus Lüderitz- bucht haben seinerzeit dem Kolonialamt alle ihre Wünsche vor- gebracht, und sie sind in weitgehendem Matze berücksichtigt. Aber der Appetit kommt beim Essen, es sind inzwischen noch mehr Leute dorthin gekommen, die sich auch ein Stück aus dem Kuchen heraus- schneiden inöchten, was ich ihnen gern gönne, wenn nur genug Kuchen vorhanden wäre.(Heiterkeit.) kleines feuilleron. Der«cue Komet, der vorläufig die Bezeichnung 1910A trägt, bis er etwa mit einem bereits benannten Kometen identifiziert wird, war am Montag in Berlin durch Schnecwolken verdeckt, am Dienstag konnte er dagegen wieder beobachtet werden. Kurz nach 5 Uhr trat der Stern rechts von der BenuS in Erscheinung. Am besten sichtbar war er vom Belle-Alliance-Platz und vom Tempel- hoser Felde ans, wo viele Hunderte von Zuschauern sich eingefunden hatten. Mitunter aber hatte der„hohe Herr" seine Launen, denn er verslvwand ost für 5— 10 Minuten im Gewölk. Gesehen worden ist der unerwartete Gast bekanntlich zuerst in Johannesburg in Transvaal, wo ihn am 15. Januar zwei Berg- arbeiter in der Nähe der Sonne erblickten. Die Sternwarte von Johannesburg stellte dann am 17. seine Position fest und depeschierte sie an die Sternwarte in Kiel, die als Zentralstelle für den astro- nomischen Nachrickitendienst dient. Die Kieler gaben die Nawricht sofort an alle Sternwarten ivciler, die für die Beobachtmig in Frage tominen. Am t8. Januar konnte der Komet ichon in Wien, Rom und Cambridge mit dem Fernrohr bei Tage beobachtet werden. Nach den bisher vorliegenden Bahnberechnungcn hatte der Komet am 17. feine grötzte Sonnennähe(Perihel) erreicht und bewegt sich seitdem mit abnehmender Geschwindigkeit in nordöstlicher Richtung von der Soiinc fort. ES wird geschätzt, datz der Komet sich biS aus drei bis vier Millionen Kilometer der Sonne näherte. In Cambridge werden spektroskopische Untermchmige» deS Kernes vorgenommen, die ein kontinuierliches Spektrum mit der dentis ausgeprägten gelben Natrimnlmie ergaben. Das beweist. datz der Kern des Kometen im spektroskopischen Sinne ein fester Körper ist. oder mit anderen Worten, datz seine kleinen Teilchen infolge der Sonnennähe glühend geworden sind. Einige englische Beobachter wollen eine grotze Aehnlichkeit init Don'atiS, andere mit CoggiaS Kometen von 1874 festgestellt haben. Daß er zu der Kometenfainilie gehört, deren Aiigehörige 1343, 1380 und 1882 beobachtet wurden und Trümmer eines früher cinheit- lichen Kometen sind, wird bestritten, da sein Perihel zu grotz dafür sei. Weitere Beobachtungen und Bahuberechnungen werden fest- stellen, ob der unangemeldete HimmelSbeiucher irgendwie ein- zuordnen ist oder zu den Irregulären gehört, die niemals wieder- kommen. Robin über die Schönheit der Bewegung. Rodins Bedeutung in der Entwickelung der Bildhauerkunst beruht wohl vor allem darauf, daß er den seelischen Ausdruck seiner Gestalten in den flüchtigen Bewegungen und im instinktiven Spielen der Muskeln und Nerven darzustellen weiß. Tie charakteristische Schönheit der einzelnen Gebärde wird daher von dem großen französischen Meister in den Mittelpunkt seiner Acsthelik gestellt, die feine Be- obacktung aller Details der Bewegung. Interessante Aeutzerungen darüber finden sich in einem Interview mit Rodin. das ein eng- lischer Besucher veröffentlicht.„Es ist nicht nur die Gesamtheit' Die Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika ist keine Konzessionsgesellschaft, sondern sie hat ihr Privaleigentum von den Häuptlingen gekauft; die Erwerbungen des Herrn Lüderitz sind seiner- zeit unter den Schutz des Deutschen Reiches gestellt, und auf Grund der Anerkennungsurkunde hat die Deutsche Kolonialgesell'chast später eine kaiserliche Verordnung erwirkt, wonach ihre Rechte zum Zweck der Eintragung in die Grundbücher aufgeboten werden sollten. Das ist erfolgt, und damals hat sich niemand gemeldet, der Einspruch erhoben hat. Im Jahre 1888 ist eine kaiserliche Bergordnung gemacht, in welcher der Deutschen Kolonialgesellschafr das Bergregal für das gesamte Schutzgebiet zugesprochen wurde, und die späteren Bergordmmgen haben daran nichts geändert. DeS« halb konnte die Sperre nicht zugunsten des Fiskus, sondern nur zu- gunsten der Gesellschaft verhängt werden. Die Sperre selbst war eine sehr vernünftige Maßregel. ES handelte sich darum, das deutsche Kapital in diesem Gebiete zu halten, den Abbau industriell zu betreiben und die Agiotage fernzuhalten. Darin unterscheidet sich eben die Geschästsgebarung eines soliden Kaufmanns von der eines phantastischen Spekulanten. Herr Erzberger hat den kaufmännischen Geist der Kolonialverwaltung gelobt. Kaufmännischer Geist kann sich nur in der Freiheil entfalten.(Sehr richtig I links.) Wenn Sie ihn links und rechts durch Etatsvcrmerke einschnüren, wenn bei Kon- Zessionen erst der Bundesrat und Reichstag gefragt werden müssen, so werden Sie allen kaufmännischen Geist ersticken; wenn Sie den Chef eines Amtes in spanische Stiefel einschnüren, so kann er lauf- mnnnischen Geist nicht entwickeln.(Zustimmung links.) Nun sind die Diamauten ja eine sehr interessante Sache, aber schließlich beruht auf diesen Steinchen nicht die Kolonialpolilik. Die Sache hat Sensation gemacht, aber mit der Sensation mutz ge- krochen werden, sonst betrachten sich die Herren in Südwestafrika als der rnndilicus mundi(Nabel der Welt). Allerdings will ich Ihnen verraten, datz daran die Damen nicht ganz unschuldig find. Ich konnte mich in der letzten Zeit mit Damen über nichts anderes als über Diamanten unterhalten!(Heiterkeit.) Herr Erzberger fragte ferner, warum die Verpachtung der staat- lichen Felder nicht in Südwestafrika erfolgt ist. Es sind mir dort 50 Proz. geboten worden. Es hätten mir aber auch leicht 80 und 85 Proz. geboten werden können und schließlich auch 105 Proz. (Heiterkeit.) Wenn jemand mir eine Rechnung aufmacht, wonach er die Hälfte des Gewinnes in die Tasche steckt, von dem Nest noch dreiviertel und von dem übrigen dem Fiskus 99 Proz. geben will, so kann man eben solchen Leuten Millioiienobjekte nicht in die Hand geben. Mit unerfahrenen, unbekannten und mit dem Bergbau nicht ver- trauten Leuten kann der Fiskus solche Geschäfte eben nicht machen, und eine gute Firma habe ich in Südwestafrika nicht finden können. Ein verständiger Mann nimmt sachverständigen Rat gern an, ja er erbittet ihn. Wenn die Lüderitzbuchler mit sachverständigem Rat aufzuwarten hatten, so waren sie willkommen. Statt dessen kamen sie mit I n v e l t i v e n(Beleidigungen). Wir dürfen das Gedeihen SüdwestafrikaZ nicht ans die Diamanten basieren, wir müssen vielmehr die Erträgnisse der Dianiauteiifelder für die allgemeine Knlturentivickelnng Südwest- afrikas verwenden; loir müssen bor allein durch Eisenbahnbauten Ackerbau und Viehzucht fördern, denn Südivestafrika wird immer in erster Linie ein agrarisches Land bleiben. Was in der Vergangenheit gesündigt worden ist, läßt sich nicht völlig wieder gut machen. Man mutz sich damit begnügen, die üble Folgen zu mildern und aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Wir haben in Südwestafrika erfolgreicher gegen Monopole gekämpft als z. B. mehrere aufeinanderfolgende amerikanische Präsi- deuten gegen die Monopolwirtschaft i» ihrem Lande. Da die Mono- pole bestanden, konnten wir nur darauf sinnen, sie so vorteilhast wie möglich für den Fislus abzulösen. Und das ist uns gelungen. Es jst wahr, datz Südwestafrika zumal unter Eimechnung der Verzinsung der Kriegsschnld, uns heule noch teuer zu stehen kommt. Südwestafrika ist zurzeit»och ein Kostgänger des Reiches. Die Handelsbilanz der Kolonie ist natiirgemätz eine ungünstige. Bessere Verkehrsverhältnisse allein können eine Wendung zum Besseren herbeiführen und durch Hebung des Landes dem Äoftgängertum ein Ende bereiten. Mein Amt und meine Aufgabe stehen zu hoch, als datz Angriffe, und wenn sie auch von lokalen Würdenträgern der Kolonie ausgehen, an mich heranreichen.(Lebhafter Beifall.) Abg. Dr. Arning(natl.): Die Lüderitzbuchler Depesche ist nn bedingt zu verwerfen, aber man darf doch die Leute nicht so ohne weiteres verurteilen und mutz sie zu verstehen suchen. Die Lüderitzbuchtcr habe» soviel erlebt an Laudkonzessionen großer Ge- sellschaften usw., daß man ihr Mißtrauen verstehen kann. In der Sache ist es nicht zu bezweifeln, datz der Staatssekretär des Körpers, die schön iit", erklärte der Künstler,„sondern jeder Teil hat seine besondere Schönheit und Bedeutung. Der Laie ver- steht davon nichts, denn er ist gewöhnt, den Menschen bekleidet zu sehen. Wäre das nicht der Fall, wie es bei den Griechen war, dann würde man allgemein wissen, daß jedes Gefühl sich nicht nur in den Augen, Lippen und in den Zügen des Gesichts ausdrückt, nicht nur in den Gesten der Hände, sondern in dem Gleichgewicht unseres ganzen Körpers und in dem mehr oder weniger deutlichen Spiel jedes Muskels." Rodin wies dabei auf seine Statue des „Denkers" hin. die in einer Marniorwiederholuug in der Mitte seines Ateliers steht.„Das, was ihn in seiner Tenktätigteit über- zeugend macht, ist, daß er nicht nur mit seinem Gehirn denkt, mit seinen zusammengezogenen Brauen, mit seine» geblähten Nüstern und gepreßten Lippen, sondern mit jedem Muskel seiner Arme, seines Rückens, seiner Beine, mit seinen geballten Fäusten und seinen gekrümmten Zehen.... Wir leben in einem verkünstelten Zeitalter; wir formen sogar die Statur um; wir ändern die Form des Körpers durch unnatürliche Kleider, 5lorsettS, Kragen und Schuhe. Wie kann eine Frau erwarten, einen Fuß zu haben, der schön ist wie ein Gedicht, wie bei den griechischen Statuen, wenn sie ihn mit engen, spitzen Schuhen malträtiert?" Rodin glaubt noch'an die Schönheit, wie sie sich in der Natur und im Leben äußert. Tic Natur ist schöner als das schönste Ideal, das der Künstler in sich tragen mag.„Wir treffen heute noch wirkliche Schönheit in den Straßen, aber wir haben keine Augen für sie. Wir blicken nur auf ein leuchtendes Auge, auf schöne volle Lippen, aus anmutige Haltung, und messen eine absurde Wichtigkeit der Eleganz und der Kleidung zu. Auf die schönen Verhältnisse und die Harmonie des Körpers blicken wir selten oder niemals. Und doch ist Venus von Milo ein dutzendmal in diesem meinem Atelier gewesen, Apollo und AdoniS ebenso oft! Ter Mann, der einen Baum vollkommen kennt, die Form jedes Zweiges, die Einzelheiten eineS Blattes, sein Aussehen bei jedem Wechsel von Licht und Schatten, der Mann, der die Schönheit einer Frau in all ihren Gebärden und Bewegungen kennt, weiß mehr von Natur und wirtlicher Schönheit, glauben Sie mir, als der, der dreimal um die Welt gefahren oder die Gemäldegalerien von ganz Europa studiert hat." Das tiefste Bohrloch der Welt. Teutschkand hatte schon seit langer Zeit die Ehre, in seinem Bereich das tiefste Bohrloch der Welt zu besitzen. ES war das von Paruschowitz bei Rybnik in Ober- schlesien mit einer Tiefe von etwas mehr als 2003 Metern, das die ganze Mächtigkeit der oberschlesischen Steinkohlenformation durch- teuft hat und dabei über 80 Kohlenflöze durchsetzte. In Amerika. wo doch sonst so gern Rekords geschaffen werden, ist man nicht tiefer als etwa 1200 Meter gelangt. Jetzt hat Deutschland in dem gleichen Gebiet seinen eigenen Rekord geschlagen mit dem Tiefbohr- loch von Czuchow, das ursprünglich 2200 Meter in die Erde hin- untergehe» sollte, dann aber leider im März 1909 bei rund 2240 Meter beendet wurde. Diese technischen Leistungen, die in erster Linie selbstverständlich zugunsten der bergbaulichen Erforschung im Recht ist. Die Leute im Südwesten sind nicht kapitalkräftig genug. um den Diamautenbetrieb zu übernehmen, und es wäre zu befürchten gewesen, daß englischer Einfluh, namentlich die De BeerS-Eoinpany. sich zum Schaden des Reiches dort festgesetzt hätte. Dagegen kann üh persönlich mich nicht davon überzeugen, datz eS nicht besser gewesen wäre, mit der Sperre noch elwaS zu warten und sie zugunsten de? Fiskus statt zugunsten der Kolonialgesellschaft vorzunehmen. ES ist der entschiedene Wunsch meiner Freunde, datz die Erträgnisse der Diamanten ausschließlich zum Nutzen der südwestafrikanishen Kolonie benutzt werden. Staatssekretär Dernburg bleibt völlig unverständlich. Er schein: auf die Einwendungen des Borredners gegen seine Diamantenpolitik zu aniworten. Abg. Frhr. v. Richthofcn(k.): Der bekannte Beschlutz der Budget- kommission in Sachen der Lüderitzbuchter Depesche ist vielfach miß- verstanden worden. Nichts hat allen Mitgliedern der Kommission serner gelegen, als irgendwie das Petitionsrecht beschränken zu wolle». Wenn neue Tatsachen vorgebracht werden, sind wir zu ihrer Prüfung gern bereit. Abg. Dr. Arendt(zur Geschäftsordnung)_ beantragt Zurückverweisung des§ 1 des Vertrages mit der deutschen Kolonialgesell- schaft an die Budgetkommission. Vizepräsident Dr. Spahn: Darüber wird am Schluß der Be- ratung abgestimmt werden. Äbg. Erzberger(Z.) verlangt. daß gleich über den Zurück- verweisungsautrag abgestimmt werde. Vizepräsident Dr. Spahn bleibt bei seiner Meinung. Abg. Lcdcbvnr(Soz.): Ueber die Bedeutung der Bestimmungen � in der Budget» kommission sind in diesem Hanse und besonders in der Presse An- sichte» verbreitet, die»ich: unwiden'prochen bleiben dürfen. So las ich in einem hiesigen Blatte, datz schon am letzten Freitag der Referent feststellen konnte, datz in der Budgettonnniision die Kolonial- Politik des Staatssekretärs allgemeine Anerkennmig gefnnden hat. Ich habe von solche: Fesistellungsdes Referenten nichts gehört. Sollte es aber geschehen sein, so mutzten meine Parteigenossen dagegen cnt- schieden Front machen.(Sehr richtig! b. d. Soz.) Die spezielle?lb- stimmung, bei der meine Parteigenossen sich in llebereinstimmung mit den übrigen Mitgliedern der Bndgelkonnnission befanden, be- schränkte sich auf eine ganz spezielle Frage und kann keineswegs so gedeutet werden, als ob die gesamte Kommission einschließlich meiner Parteigenossen dem Staatsiekretär ein Vcrlrmieiisvotum für seine Politik aussprechen wollte.(Lebhaftes Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Was nun die Sache selbst anbetrifft, so kommen wir Sozial- demokraten, trotzdem wir grundsätzliche Gegner der kapitalistischen Kolonialpolitik sind, häufig in die Lage, in Einzel fragen sowohl mit der Regierung als mit der Mehrheit des Hauses zu- sammenzustiinmcn. In diese»: Falle aber kam zu der rein sachlichen Entscheidung noch eine besondere Nebenfrage hinzu, die nämlich: wie wir uns gegenüber einer Eingabe zu stellen hätten, die von Interessenten in der Diamantenpolitik gemacht>var. Da befand sich also die Budgetkommission in der Lage der Pctitionskommission, die über eine Petition zu entscheiden hat, oder in der Lage eines Richters, der zu entscheiden hat, ob eine erhobene Anklage oder Beschwerde gerccdtfcrtigt ist. Und in bezug auf diese Frage befanden wir unS iin Einklang mit der gesamten Kommission. EL handelte sich um die Eingabe der Lüderitzbuchter Bürger, vertreten durch ihren Bürgermeister, die eine Reihe schwerwiegender Anklagen gegen die Diamantenpolitik des Staatssekretärs vorbrachte. Die Beschwerdepunkte enthielten de» direkten Vorwurf der Tän- s ch u n g, der dem Staatssekretär gemacht wurde. Das ist zwctfel» lcS ein außerordentlich schwerer Vorivurf, und ein Staatssekretär, den: so etivaS nachgewiesen würde, wäre unmöglich. Und da hatten wir also zu prüfen, ob für eine solche Behauptung in der Eingabe irgend wie Beweismittel geliefert ist oder ob loir aus unseren eigenen Kenntnissen, nach unseren eigenen Erfahrungen imstande seien, die Richtigkeit oder Unrichtigkeit der Behauptung festzustellen. Wir Sozialdemokraten hatten unS dabei umso peinlicher auf die Fest« stellung des Rcchtsstandpunkteö zu stellen, als wir ganz allgemein der Kolonialpolitik grundsätzlich feindlich gegenüberstehen. Zunächst konnten«vir aus eigener Kenntnis oder Erfahrung diesen Borwurf als durchaus unrichtig widerlegen. Die Politik deS Staatssekretärs in bezug auf die Diamantenfrag« läßt sich in zwei Richtungen sondern. Einmal handelt es sich um die Frage, welchen Rechtsverhältnissen gegenüber er sich befand, geschehen, haben noch eine besondere wissenschaftliche Bedeutung, weil durch thermmnetrische Messungen in den Tiesbohrlöchern Be» stimmungcn über die Zunahme der Temperatur von der Ertwber- sieche wach dem Erdinnen: erzielt werden können. Solche Beob- achtungcn bieten die einzige Grundlage für die Beurteilung der Wärmeverhältnisse im Erbinnen:. Auch das neue Bohrloch von Ezuchow ist zu diesem Zweck benutzt worden. Die Ergebnisse be- svricht der Landesgeologe Michael in den Monatsberichte:: der Deutschen geologischen Gesellschaft. Die tieffte„Station", bis zn der man mit dem Thermometer vordringen konnten, lag bei 2221 Meter Tiefe, da sich das Bohrloch in den noch fehlenden 20 Metern uit einer Schlammschicht gefüllt hatte. Die Temperatur in der genannten Tiefe betrug 8.8,4 Grad. In 200 Metern belief sie sich auf etwa 26, in 1000 Metern auf 40 und in 1500 Metern auf 68 Grad. Der Durchschnitt der Wärmezunahme ist danach zu. einem Grad auf je 31,8 Bieter berechnet worden. Dieses Mittel, das in der Geologie als„geologische Ticfenstufe" eine überaus wichtige Rolle spielt, stimmt mit früheren Messungen in anderen Bohrlöchern gut überein, obgleich in den verschiedenen Erdgegenden große Schwankungen vorkommen. Notizen. — Die französische Ausstellung in der Akademie der Künste wurde an: Dienstag vom Kaiser eröffnet. Wie die vorjährige englische Ausstellung dient sie der kaiserlichen Kimstpolitik; sie soll das Programm einer vom Hofe dirigierten, repräsentativen und dekorativen Kunst illustrieren. Aus dem In- und Auslände(die französische Republik hat sich stark beteiligt), aus königlichen Schlössern, ans staatlichen Galerien, aus Privatbesitz sind 373 Kunstwerke aller Art»vereinigt, Bilder, Statuen. Möbel. Gobelins, um noch einmal die„alte Herrlichkeit" des Rokokos, der die französische Revolution ein so jähes und gründliches Ende bereitete, lvieder erstehe» zu lassen. DaS beste, was die Ausstellung bietet, Watteaus und ChardinS unvergleichliche Gemälde, ist freilich im Empfinden durch und durch bürgerliche Kunst. Was aber die Ausstellung nicht zeigt, die laSzivei: Dar- stellungen der Boucher und Fragonard, das ist die typische Kunst einer degenerierenden, in: Gcnutzlcben versinkenden Klasse, das ist cchletcS nneieu rex-ima. — Die Erforschung de? Sudan. Die englische Ber- waltung in Aegypten hat de» Beschluß gefaßt, eine planmäßige Erforichung des Sudan einzuleiten und zwar zunächst in Völker« ündlicher Hinsicht. Aehnliche Forschungen sind schon früher in Aegypten elbst ausgeführt worden. Der Plan ist aus der von einer fort- geschrittenen Jiiteressenpolitik diktierten Erkenntnis heraus geboren, datz ein Volk nicht erfolgreich regiert werden kann, dessen Wesensart nicht durch gründliche Untersuchungen klargestellt worden ist. Die Be- ünntschnft mit der Sprache genügt nicht, sondern es mutz eine Er- orichiiiig von Sitten. Zeremonien, religiösen und anderen Vor- telluugen hinzukommen, insbesondere auch eine Kenntnis der un- geschriebenen Gesetze und Gebräuche, durch die das Volk da? öffentliche und private Leben zu regeln versucht hat. und zweitens INN die NeKtSfracie, ob er auf dein ocaedenen Rcchteboden die für daS Reich zweckuiübigen Maßregeln erariffen hat. Bei der Prüfling der Rechle der Land- gesellschaften standen wir Sozialdemokraten auf dem Standpunkte, dafz der sogenannte Landbesitz dieser Gesellschnsten erworben ist mit unlauteren Mitteln, daS beiszt, das; die(ÄeseNichasten die Unkenntnis der Neger über europäische Rechtsbestimmungen ausgenützt haben, um den Häuptlingen Land abzukaufen, zu besten Verkauf die Häupt- linge nicht berechtigt waren, weil es Stammesland war. Das zu beweisen, genügt schon die Mitteilung der Tatsache, das; das ganze ungeheure Gebiet, über welches die LandgeseUschaft herrscht, und das ganze Btiiuenlaitd von dem ursprünglichen Erwerber für fünf- hundert Gewehre und lOlXX) M. bar gekauft ist Wenn man in die Prüfung der Gerechtsame der Landgesellschaflen eintritt, mutz man zunächst diese ursprünglichen Erwerbsverhältnisse prüfen, und deshalb verlangten wir, daß zunächst ein Sachverständiger sie prüfen solle. Diesen meincii Antrag nahm die Kommisston auch Ursprung- lich an. Dann aber trat Herr Dernburg aus und sagte:.Nein, das gebt nicht, das würde viel zu weit führen", und da fielen die bürger- lichen Herren unr, einer von ihnen sagte sogar: In einer schivachen Stunde haben wir uns verleiten lassen, diesen Antrag anziniehmen! (Heiterkeit und Hört I hört! bei den Sozialdemokraten.) lind da hat die gesamte Kommiision sich gegen uns auf den Standpunkt des Staatssekretärs gestellt. Der Staatssekretär stellt sich auf den Standpunkt, daß wenn man den Geiellschaften airf Grund solcher Erwägunge» das Land nehmen wollte, dies zu sehr vielen Prozessen führen würde und daß das Kapital dadurch abgeschreckt werden würde, sich in der Kolonie zu betätigen. Das ist eine kapitalistische Auf- fasiung, welche die Kolonien zum Objekt der kapitalistischen Aus- beutung machen will. Ich verstehe diese Auffassung beim Herrn Staatssekretär und den bürgerliche» Parteien vollkommen; die ganze ursprüngliche Akkumulation des Kapitals hat sich ja in solchen Formen vollzogen. Dieser Standpunkt hat dann dazu geführt, daß der Staatssekretär unter Geltendmachung aller möglichen anderen Er- wägungen mit den Landgesellschaften in Verhandlung trat, und nun mußte ich gegenüber dieser Eingabe der Lüderitzbuchter Interessenten feststellen, daß der Staatssekretär, ehe Diamanten gefnnden wurden, mit dreier Kolonialgesellschaft ein Abkommen getroffen hatte, worin stand, daß das Land von ihr rechtmäßig erworben fei. Obwohl wir mit dieser prinzipiellen Auffassung nicht einverstanden sind, er« kennen wir doch an, daß der Staatssekretär, nachdeni er diesen Stand- Punkt einmal eingenommen halte, korrekt verfahren ist und gegen- über den Lüderitzbuchtern recht hat, die übrigens prinzipiell auch auf dem Standpunkt des Staatssekretärs stehen. Nachdem er sich einmal auf den Standpunkt der Rechtmäßigkeit des Landerwerbs gestellt, nachdem er die Rechtmäßigkeit des Besitzes der Gesellschaft anerkannt hatte, konnte er, als Diamanten gefunden waren, nicht einen andere» Standpunkt einnehmen. Das wäre eine ganz un- gehcuerliche Sache gewesen, wogegen er sich mit Recht wehren muhte. Die zweite Frage war, ob auf diesem Rechtsboden der Kolonial- sekretär zweckmäßig gehandelt habe. Und da kann ich nur lagen. daß die Ausführungen der Denkschrift über Diamanten sowie die Darlegungen des Staatssekretärs in der Kommission und heute, soweit man von unserem Standpunkte aus die Einzelheiten beurteilen kann— ich gestehe gern zu, daß manche Einzelheiten mir nicht klar geworden sind—, zeigen, daß der Staats- sekretär auch nach unserer Ansicht auf diesem Rechtsboden die zweckmäßigsten Maßregeln ergriffen hat, um für den NeichSfiskus inoglichst viel aus den Diamanten herauszuschlagen. Wir köulien nicht behaupten, daß der Staatssekretär mehr würde herausschlagen können, und ich kann das um so weniger behaupten. als ich nicht imstande bin. etwa Maßregeln anzugeben, wie das hätte geschehe» können. Wenn man aber bei einer Frage, bei der es sich um Zweckmäßigkeiten handelt, nicht imstande ist, zweckmäßigere Maß- regeln anzugeben, so muß man zugeben, daß gegen das Verhalten des Sinatsselretärs sich nichts einwenden läßt. Und deshalb mußten wir die Eingabe der Lüderitzbuchter zurückweisen. Wir haben damit anerkannt, daß die Eingabe nichts enthält,, woraus zu. schließe» wäre, Laß der Staatssekretär unrecht hätte oder nicht in gutem Glauben gehandelt hat. In diesen, Zusammenhange mutz ich auf das Verhalten de» Staatssekretärs gegen da« Lüdentzer Spekulantentum und gegen dessen Wortführer: den Bürgermeister Kreplin eingehen. Zunächst erkläre ich auch für meine Partei: Wenn die Intereflenten in Lüderitzbucht w der Lage sind, irgendwelche totsäch- lichen Angaben zu machen, die eine Nachprüfung ermöglichen, so wird die Kommission auf die Sachen eingehen. Darüber find wir uns alle einig. Nun hat der Staatssekretär bei der Rechtfertigung seines Vor- gchens über diese Persönlichkeit in Südwesiafrika eine Reihe kritischer Bemerkungen gemacht. Er hat mit ziemlicher Entrüstung nach einem lateinischen Zitat von dem Hunger nach Gold gesprochen und den Profit an den Diamanten— gleichfalls in Anlehnung an ein lateinisches Zitat— mit einer gewissen Betrübnis einen u n- heiligen Gewinn genannt. M,ch hat lange nicht« so gerührt wie diese Bemerkung rniS dem Munde eine« Mannes mit den Er- fahrungen deS Herrn Dernburg.(Heiterkeit bei de» Sozialdemo- kralen.) WaS uns da aus Südwesiafrika entgegen grinst, ist weiter nichts als ein vergröbertes Spiegelbild des Treibens der lopitalistischen Gesellschaft überhaupt,(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Gewiß, der Gewinn an den Diamanten ist unheilig. Aber unheilig ist auch der gesamte Gewinn der Spekulanten an der Börse!(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Gerade deshalb hat mich erstaunt, daß Herr Dernburg diese Bemerkung machte. Ter Staatssekretär hat die Bergröberung des Spiegelbildes noch dadurch erläutern gesucht, daß er sagte, diese Südwestafrikaner legten Steuern auf alle möglichen Leute, nur nicht aus sich selbst. Daö ist doch aber ganz genau so wie»ei uns! (Heilerkeit und Sehr gut I bei den Sozialdemokraten,) Es geschieht l ei uns nur nicht so grob, etwas rücksichisvoller, weil den hiesigen Gegensüßlern der Lüderitzer Patrioten einige Hindernisse im Wege stehen.(Unruhe rechts, Heiterkeit und Zustimmung bei den Sozial- demokraten.) So vollständig ausbeuten wie ein Neger läßt sich selbst der deutsche Michel nicht. Es freut mich, daß der Staats- sekretär einen so richtigen Blick für diese Verhältnisse in der Kolonie hat. Für Deutschland hat er den Blick offenbar nicht, denn sonst könnte er unmöglich Staatssekretär im Ministerium Bethmann Hollweg sein.(Sehr richtig I bei de» Sozialdemokraten.) Daß aber Herr Dernburg die Auffassung der Lüderitzer Patrioten bei den Negern bis zu einem gewissen Grade teilt, trat in der Kommission in einem gewissen Grade zu tage. Einer meiner Parteigenossen wieS darauf hin, daß der Ursprung- liche Entdecker der Diamanten ein Neger, ein einfacher Bot, sei, der infolge seiner guten Kenntnisse die Diamanten gefunden habe. Für diesen Mann legte nun mein Parteigenosse ein gutes Wort ei» und sagte, ihm müsse ein sorgenfreies Leben gesichert werden. Da stand Herr Dernburg auf und sagte: Was wird der Mann gekriegt haben? Wichse???(Heiterkeit.) Cr wüßte das zwar nicht sich-r, aber er glaube es. Schon die Tatsache, daß der Staatssekretär auf Grund seiner Kenntnisse der dortigen Verhältnisse von vorn- herein aiinehmen zu müssen geglaubt hat, daß der Neger, durch den zahlreiche Leute reich geworden sind, Wichse gekriegt hat. enthält eine so scharfe Kritik der dort herrschenden himmelichreienden Zu- stände, daß ich nicht zuviel sage, wenn ich mich gegen das Treiben dieser habgierigen Bande wende, die neben dem Neger nun auch noch das Deutsche Reich und die deutschen Steuerzahler ausbeuten will. tLebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Zm übrigen ist es eine recht eigentümlich« Berteilimg, die wir dort sehen. Die Leute, die an der Quelle sitzen, die sich über die Diamanten hergestürzt haben, sind reich geworden dadurch, daß Neger im heißen Wüstensand mit ihren Händen die Diamanten ausgegraben haben, während sie selber garmchts taten. Sie sind Millionäre geworden, ohne einen Finger zu rühren. Der Staats- sekretär hier aber kann seine Diamantenpolitif unter dem Beifall der bürgerlichen Parteien verteidigen und kriegt dafür den Roten Adlerorden mit Diamanten.(Große Heiterkeit.) Und der Neger, der die ganze Sache erit entdeckt hat, der kriegt nichts, der kriegt W i ch s e I Insofern sind Meie ganzen Vorgänge werlvoll für unsere Propaganda und Agitation. Wir haben gewiß nichts übrig für die Lüderitzcr Patrioten, und wir haben ebensowenig übrig für jene Leute, die durch ihre leichtgläubige Phantasie dafür qualifiziert werden, sich auf ein Kompagiüegefchäii einzulassen und zur Entdeckung von Diamanten»ach dem Südpol zu ziehen.(Heiterkeit.) Trotz aller geringen Werlschätzung, die wir diesen Männern angedeihen lassen, möchte ich doch entschiedenste Verwahrung dagegen einlegen, daß die Adlehnung ihrer Eingabe irgendwie dazu ausgenutzt werden löunte, Maßregelungen vorzimedmen.(Sehr richtig! bei de» Sozialdemokraten.) Ich glaube ja nicht, daß der Staatssekretär ans meinen Rat etwas geben wird, aber ich möchte den dringenden Wunsch aussprechen, daß der Bürger- meister Kreplin, mag er sein wie er will, in leiner Weise behelligt wird.(Sehr richtig! bei den Sozialdeniokratcn. Unruhe rechts.) Es ist traurig, daß gerade aus den Reihen der nationalliverale» Partei heraus die Scharsmacher gekommen sind, die zur Maßregelung ge- raten haben, Herr Seniler, der sich bei jeder Gelegenheit als Schutz- heiliger für die Auioriiät des Staatssekretärs aufipielt, bar nicht nur ein Vorgehen gegen Herr» Kreplin. sondern auch gegen Herrn Schuckmann verlangt.(Hört! hört! bei den Soz, Zurufe bei den Nationalliberalen: Herr Singer hat dasselbe verlangt!) Mein Freund Singer hat nur eine ironische Bemerkung gemacht. Er bat geiagl, eigentlich müßte Herr Kreplin„gckattowitzt" werde»! Für solch seine Ironie haben Sie allerdings nur ein mangelhaftes Verständnis,(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Also wir sind gegen Maßregelungen, und ich möchte hkerbei ein Beispiel vor- tragen, das beweisen soll, wie wirklich vornehm denkende Männer Angriffen gegenüber ihre Autorität wahren. Vor 30 Fahre» passierte es in England, daß bei einem Diner ein konservativer Jilstizbeamter, der wahrscheinlich dort etwas Flüssigkeilen zu sich genommen hatte, sagte:„Ich hätte de» Wunsch, daß dieser Braten in vergiftetem Zustand dem Premierminister vorgesetzt würde, damit er daran zugrunde ginge." Daraufhin erhielt der Premierminister von verschiedenen Liberalen aus dein Lande Zuschriften, in denen gesagt wurde: So etwas gehe doch nicht, ein solcher Mann könne unmöglich Justizbeamter bleiben. Darauf antwortete der damaiige Lordkanzler:„Ich gebe zu, daß dieser Ausspruch des Mannes von einer solchen Roheit ist, daß sie schwer zu übertreffen ist. Aber wenn ich gegen den Mann ein- schreiten würde, dann würde ich damit das Recht der freien Meinungsäußerung gefährden, und das ist ein so hohes Recht, daß es unier keinen Umständen angetastet werden darf l" (Lachen rechts und bei den Nationalliberalen,) Dafür haben Sie natürlich kein Verständnis. Der Premierminister lehnte es ausdrücklich ab. einen Mann zu maßregeln wegen einer Aeußernng, die er gegen einen politischen Gegner gemacht hatte. Es ist nichts charakteristischer als die höhnischen Gesichter aus de» Reihen der Nationalliberalen hierbei. Sie verstehen diese wahrhaft vornehme Denkweise eben nicht, und ebensowenig wie Sie das zu würdigen wissen) habe ich die Hoffnung, daß jemals ein Mitglied des Ministeriums Bethmann Hollweg sich zu einer so vornehmen Auffassung durchringen könnte, Herr Erzberger hat darauf hingewiesen, daß seine Partei eine Resolution einbringen werde, die sich gegen die Wiederkehr leicht- fertiger Landvergebungen wendet. Im Prinzip sind wir durchaus damit einverstanden, aber eine solche Resolution hat nur Wert, ivenn in ihr die bindende Verpflichtung ausgenommen, ist, daß der Reichstag unter allen Umständen um seine Zustimmung gebeten werden muß. Der Herr Staatssekretär sagte, man solle den richtigen Mann an die Spitze stellen und sich auf den kaufmännischen Geist verlassen. Der taiifiuäniiische Geist hat sich gewiß bei allen möglichen Gelegenheiten im Kolonralamt be- tätigt, z. B. dadurch, daß dem Vertrage niit Tippelskirch u. Co, die Gistzähn? ausgezogen sind.— und das erkennen wir. üereitchilligst.an�-. aber hier kommt er nicht in Frage. UebrigenS kann sich ja der Reichstag auch gar nicht den richtigen Mann aussuchen. Ja, wenn wir Vor- fäffnngsveiihältnisse hatten, wie wir sie in der vorigen Sesfiöst bean- tragt haben, wenn wir ein wirklich parlamentarisches Regime hätten, dann wäre das Argument des Herrn Dernburg gerechtfertigt, dann könnie sich das HauS den betreffenden Herrn als Kolonialsekretär aussuchen. Meine Bemerkung richtet sich nicht gegen Herrn Dern- bürg, denn heute würde er zweifellos vom Reichstage gewählt werden. Aber welche Garantie haben Sie unter den heuligen Ver- hältnisien, daß Herr Dernburg morgen noch Minister ist, und daß nicht plötzlich irgend jemand, vielleicht der beste Skatspieler bei Hofe, wie Herr v, Podbielski, aus der Versenkung auftanchl und Kolonial- sekretär wird?I Nicht die geringste Garantie haben Sie dagegen. (Sehr wahr l bei den Sozialdemokraten.) Es kann ebenso- gut morgen bei der maßgebenden Instanz der Gedanke auf- tauchen: Nein, der Kerl paßt uns nicht(Heiterkeit), und es kann irgend ein anderer, vielleicht ganz unfähiger oder gefährlicher Mann an seine Stelle gesetzt werden, wie wir es ja wiederholt bei Besetzung anderer Ministerposten erlebt haben. Wenn der Herr Staatssekretär dabei mitivirken will, daß seine Mahnung:„Suchen Sie siw doch jemand aus" durchführbar wird, wird er auf unsere Untersliitzniig rechnen können. Ich fürchte nur, das war bei ihm, uni in seinem geliebte» Latein zu reden, ein lapsus linguaa (falscher Zungenschlag). Wir müssen die Gelegenheit benutzen, um durch eine EratSresolution mit bindender Verpflichlung die gesähr- lictisten Uebergrlffe eines Staatssekretärs zu verhindern. Ich hoffe, daß sich eine Majorität im Reichslage für diese Resolution finden ivird. Der Verwendung, die der Herr Staatssekretär fiir den Gewinn aus dem Diamantcugeschäft in Aussicht genommen hat, können wir nicht zustimmen. Nach unserer Ansicht müßten dies« Gelder zur Tilgung der Schulden verwandt werden. Es handelt sich um Gelder, die mit einem Glückssall«iiikommen, d, h. um eine außerordenlliche Einuahme, und alle solcbe Einnahmen müssen verwandt werden, u»i die ungeheuer- lichen Lasten, die den deutschen Steuerzahlern durch die südwest- afrikanische Politik auferlegt worden sind, zu mildern. Der ge- gegebene Weg dazu ist die Tilgung der Schulden. Wir lehnen also die Verbindungsbahn Keetniaiuishoop— Windhuk ab, die früher auch immer von der Kolonialverivaltung bekämpft wurde. Die jetzige Begründung des Staatssekretärs, sie diene der wiri- fchaftlichen Eutwickeliuia des Landes, ist verkehrt. Man soll viel- mehr Bohiibauten erst bewilligen, wenn sie durch die wirtschaftlichen Verbältnisse gerechtfertigt sind. Ebenso lehnen wir den Ankauf der Otavidahn ab. Der Herr Staatssekretär meinte bei seinem Recht- feriiguiigsvcriuch, die Sache hätte sich in Südwestafrika sehr günstig gestaltet.' Diese günstige Gestallung aber hat dahin geführt, daß heute in Friedenszeiten die deutschen Steuerzahler SO Millionen Mark zur Erhaltung dieses Gebietes auswenden müssen! DaS ganze koloniale Wesen, wie es sich da offenbart, ist auch wieder ein Zeichen der kapitalistischen Eutwickelung in ihren aller- unliebsamsten Folgen, Als frappantes Beispiel der Wirlung dieser Kolonialpolitik weise ich auf die unheilvollen Wirkungen der Aufstchtsratspolitik hin, wie sie ein früheres Mitglied der nationalliberalen Partei ein- mal genannt hat. Ich will ohne Rücksicht auf die Person ganz prinzipiell erklären: Wir verargen es selbstverständlich keinem Mitglied der kapitalistischen Gesellschaft, auch keinem Ab- geordneten, wenn er Anfsichtsrat irgend einer Erwerbs- gesellschaft wird. Unserer Ansicht nach ist es aber nicht verträglich mit einem gesunden parlamentarischen Leben, wenn ein Milglied einer kolonialen Erwerbsgesellschaft von einer Partei dieses Hauses in eine Kommission delegiert wird, wenn eS sich um die Bestimmung dxr Kolonialpoliiik des Deutschen Reiches handelt.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Und noch viel weniger, wenn ein solches Mitglied als Referent über koloniale Dinge bestimmt wird I Ich hoffe, daß die bürgerlichen Parteien, wenn sie diese Frage näher prüfen, zu derselben Schlußfolgerung kommen werden wie wir. ES ist gesagt worden, ein Abgeordneter sei deshalb in den Aufsichtsrat einer kolonialen Erwerbsgesellschaft hineingewählt worden, weil ihm die anderen Interessenten gesagt haben, daß die Gefahr bestände, daß sonst ausländische Nräits in der Ge- iellschaft die Oberhand gewinnen können, daß also das Interesse des deutschen Vaterlandes, der Patriotismus eS erfordere, daß er einen solchen Posten übernehme! Wenn mir ein Abgeordneter erzählt, daß er das für bare Münze genommen habe, so glaube ich ihm das ohne weiteres. Ich Iveiß ja, daß es Männer gibt, die sehr zugänglich sind gegenüber Lobeserhebungen und die auch solche Schmeicheleien für bare Münze nehmen. Aber Sie können nicht verlangen. daß wir das für bare Münze seitens der anderen Interessenten nehinen, als ob nun gerade ein einziger Mann in der Lage wäre, hier die Jntereiien des Baterlandes zu vertreten. Sollte wieder einmal an einen von Ihnen eine solche Versuchung herantreten, so hoffe ich, daß Sie dann nicht den Lorbeerkranz, der Ihnen auf silberner Schüssel entgegengelragen wird, um Ihren Zylinderhut winden und damit in den Reichstag kommen.(Heiter- keir und Beifall bei den Sozialdemokraten.) Staatssekretär Dernburg: Herrn Ledebour muß ich erwidern, daß ich in der Frage, was vornehm ist oder nicht— Herr Ledebour möge eS mir nicht übelnehmen— ihn als Autorität weder für mich noch für einen meiner Kollegen anerkennen kann.(Bravo! reckts. Lachen bei den Sozialdemokraten.) Im übrigen habe ich nicbl gesagt, daS hohe Haus möge sich einen Kolonialsekretär sucven, sondern ich habe ge- sagt: Dann wird man den richtigen Mann suchen miiffen, und dann wird daS auch geschehen. Ich habe also für die staatsrechtlichen Deduktioiien des Herrn Ledebour, so gelegen ihm die Sache ge- kommen ist, nicht die mindeste Veranlassung gegeben. Hierauf vertagt das Haus die Weiterberatung auf Mittlvoch 1 Uhr; nachher ein weiterer Nachtragsetat und der Militäretat. Schluß S'/« Uhr._ /Zbgeorclnetendaus. 9. Sitzung, Dienstag, den 25. Januar, vormittags 11 Uhr. Am Ministertisch: v. Arnim-Crieweit. Die zweite Lesung deS Landwirtschaftsetat» wird sortgesetzt. Abg. Westermann(natl.): Mit dem Seuchenschuh gegen das Ausland, den wir nach wie vor für unbedingt geboten halten. muß Hand in Hand gehen eine Seuchenbekämpfung im I n- l a n d. In jeder Provinz müßte eine Seuchenbeobachtungs- und Bekämpfungsstelle eingerichtet werden. Abg. Dr. Hahn(!.); Das Ideal des Bundes der Landwirte ist, daß die deutsche Landwirtschaft das deutsche Volk mit Getreide und Fleisch versorgen kann. Wenn wir vom Ausland unabhängig sein wollen, müssen wir aber auch den deutschen Futtermittelbau schützen. Wenn es nach Herrn Wamhoff, dem Führer des Bauern- bundes, gegangen wäre, der für den russischen Handelsvertrag, für die Pökelfleischeinfuhr usw. gestimmt hat(Hört! hört! rechtsi, wer weiß, ob der hannoversche Bauernstand, den ich schon in den neunziger Jahren stets verteidigt habe, heute noch so blühend da- stände.(Bravo! rechts.)(Als der Redner im Laufe seiner weiteren Ausführungen dem Abg. Schwabach eine Aeußerung gegen die Bc- Hörde vorwirft, wird ihm von der Linken zugerufen: Gendarmen!) Mein Streit mit dem Gendarmen ist aus folgendem hervor- gegangen: Ich habe in einer Versammlung den Sozialdemokraten aus Liberalität so lange reden lassen wie er wollte. Als er dann fertig war, erklärte der Gendarm, die Polizeistunde sei heran- gekommen, er müsse die Versammlung schließen. Dagegen wehrte ich mich natürlich: von einer Polizeistunde sei mir nichts bekannt; üglMpig«» vierlaugt« e» das� nationale Interesse, daß ich gegenüber den Sozialdemokraten die Interessen der Ordnung und der Mgnarchie herteihigte. Ich habe also de» Wachtmeister in aller- distjjL lebhastdi! Weise ifn seine höheren politischen Pflichten er- innert.(Hört! hört! und stürmisches Gelächter links.) Der Wachtmeister hätte mich zum mindesten darauf aufmerksam machen müssen, daß die Polizeistunde bevorstand.(Sehr richtig! r,Hts.> Abg. Wamhoff(natl.): Der Bauernbund scheint doch kein totgeborenes Kind zu sein, sonst wäre Dr. Diederich Hahn hier nicht so scharf gegen ihn vorgegangen.(Lachen rechts) Präsident v. Kröcher: Es ist im allgemeinen nicht üblich, die Vornamen der Abgeordneten zu nennen.(Große Heiterkeit.) Abg. Wamhoff(fortfahrend): Wenn der Bauernbuird dafür eintritt, daß die Landwirtschaft billig Futtermittel erhält, so tun wir damit ein gutes Werk; denn er ermöglicht damit den kleinen Landwirten ebenfalls, Viehzucht zu treiben.(Bravo! bei den Nationalliberalen.) Früher war Herr Hahn selbst nationalliberal. und nur unsere Stimmen haben ihm auch jetzt überhaupt die Möglichkeit gegeben, hier zu sprechen.(Zuruf links: Leider!) Heute ist Herr Hahn ganz reaktionär, aber von den reaktionären Parteien haben die Bauern nie etwas gehabt; eS war die liberale Stein-Hardenbergsche Gesetzgebung der Preußen, die den Bauern- stand freigemacht hat.(Lebhaftes Bravo l bei den National- liberalen.) Abg. Dr. Hahn(k.): Dieselben Männer, die mich 1893 als nationalliberalen Kandidaten aufgestellt haben, bilden auch heute das Wahltomitee, das mich als Kandidaten nominiert hat. Nicht ich habe mich verändert, sondern die Nationalliberalen, Damals hat mir Dr. Sattler gesagt: Wir Nationalliberalen sind westlich der Elbe� dasselbe, was die Konservativen östlich der Elbe sind. (Hört! hört! links.) Die Verfassungstreue wird heute mehr von der Rechten als von der Linken gewahrt.(Gelackter links.) Ich erinnere daran, daß die liberale Presse die Maßregelungen der so- genannten Kanalrebellen gebilligt hat.(Lebhafter Widerspruch links.) Sie wasche» es auch nicht ab, daß sie in Baden verschiedene Sozialdemokraten in den Landtag gebracht haben. Diese Eni- Wickelung noch links machen die niedcrsächsischen Bauern nicht mit.(Lebhaftes Bravo! rechts.) Von Herrn Wamhoff würden die deutschen Bauern nur in den Wurstkessel gebracht werden. (Große Heiterkeit und Bravo! rechts.) Abg. Leinert(Soz.): Im Etat sind 231 000 M, Staatszuschuß für Pferderennen vorgesehen. Angesichts der Tatsache, daß das Totalisatorgesey in diesem Jahre 2 776 000 M, gebracht hat, sollte man auf diesen Staatszuschuß verzichten. Weiter sind zum Zwecke der Entschuldung des ländlichen Grundbesitzes 50 000 M. eingesetzt. Es handeil sich hier lediglich um ein verschleiertes Geschenk für die Grohgrund- besiher, denn es ist nichts davon gesagt, welche Grundbesitzer nun eigentlich entschuldet werden, und da die Kreditinstitutionen zum großen Teil von Großgrundbesitzern verwaltet werden, wird dieser neue Fonds eine neue Quelle zur Bereicherung de? Grotzgrund- besitzes sein. Wir sind gegen die Bewilligung dieser 50 000 M, Viel mehr praktischen Wert haben Meliorationen für die Landwirt- schaft. Das ländliche Fortbildungsweien müßte im ganzen Staate zwangsweise eingeführr werden. Wir wollen es aber auf eine andere Grundlage stellen. In dem neuen Gesetzentwurf, der dein Herrenhaus« über diese Materie vorliegt, steht, daß aber der cigent- liche Zweck der sein soll, den Schülern Anleitung und Winke und Verständnis über die wichtigsten Vorgänge im Tier- und Pflanzen- leben zu geben. Die Fortbildungsschulen sollen die Schüler auch über die Verfassung, über Rechte und Pflichten der Bürster in Staat und Gemeinde, über die Leistungen des Staates für einzelne und für die Gesamtheit belehren. Das sind sehr schöne Grund- sähe; wenn man sie aber durchführen will, müssen die ländlichen Fortbildungsschulen aus dem Etat der Landwirtschaft heraus- kommen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Wir ver- langen auch die Einführung des Tagesunterrichts in den länd- lichen Fortbildungsschulen. Im Herrcnhause aber hat der konser- vative Redner in bezug auf den Fortbildungsschulunterricht erklärt: «Ich denke qn einen Unterricht, durch den der junge Mann zur vaterlündtschen Gesinnung erzogen wird; da» ist diel wichtiger, als ob er gedüngtes Land vom nicht gedüngten Lande unterscheiden kann." sHörti hört! bei den Sozialdemokraten.) Es ist hierbei behauptet worden, datz die Arbeitsverhältnisse auf dem Laude besser wären als in den Städten. Die hierfür angeführte Statistik beweist aber lediglich, wie groß die Notlage der Arbeiter in den Städten ist trotz aller Arbeiterschutzbestimmungen und trotz aller Bestrebungen der Gewerkschaften, und sie beweist weiter, daß die Regierung diese Verhältnisse in den großen Städten ruhig weiterbestehen läßt, wie auch der preußische Land- tag seit seinem Bestehen alles Mögliche getan Hätz um diese Zu- stände in den Städten aufrecht zu erhalten. Die Genossenschafts- bildung auf dem Lande hat nicht zu einer Besserstellung der Ar- beiter geführt, sondern sie hat sehr bedenkliche Resultate gc- zeitigt. Durch die Genossenschaften zur Verwertung der landwirt- schaftlichen Produkte ist herbeigeführt worden, daß die Landleute nur daran denken, alle diese Produkte zu verkaufen, und darunter leidet die Ernährung der ländlichen Bevölkerung selbst.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Die Arbeiter, die auf den Gütern Milch erhielten, bekommen jetzt eine Ablösung dafür in bar, aber sie bekommen weniger als die früher gelieferte Milch wert war!(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Auch beim Verkauf anderer Produkte an die Landarbeiter durch die Groß grundbesitzer findet eine ungeheuerliche Uebervorteilung der Ar beiter statt. Bekannt sind die Mißstände im ArbeitervemittelungSwesen. Man sagt den Landwirten: benutzt die Nachweise der Land Wirtschaftskammern, nur dann könnt Ihr Euch schützen vor Ueber Vorteilung durch die Landarbeiter, vor höheren Lohnen.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Wenn nämlich die Vermittelung so monopolisiert wird, sind die Landwirtschaftskammern in der Lage, den Preis für die Arbeitskraft selber festzusetzen! Vielfach werden den Arbeitern nicht einmal die Entlastungs- und Ausweis- papiere ausgehändigt. Durch die Feldarbeiterzentrale ist übrigens das Agentenwesen durchaus nicht beseitigt worden. Die Abschlüsse bei Arbeitervermittelungen werden genau so getroffen wie bei Lieferung einer Ware. Der Agent verpflichtet sich z- B. bei Kontraktbruch innerhalb 6 Wochen provisionsfreicn Ersatz zu schaffen usw. Der Rechten liegt nichts daran, die Arbeiter etwa auf eine höhere Kulturstufe zu bringen, sondern lediglich neue Schutzbestimmungen im Interesse der Großgrundbesitzer zu treffen. Man sagt, die Löhne seien ungeheuer gestiegen. Wir ver- langen eine Enquete über die Löhne der Landarbeiter und über die Arbeitszeit. Durch eine solche statistische Feststellung würde auch die Behauptung, daß die Löhne in der Landwirtschaft ge- stiegen sind, sicherlich widerlegt.werden können. Die Arbeiterschutzbestimmungen im Interesse der ländlichen Arbeiter werden bielfach nicht beachtet. Die Landwirtschastskammer für die Rheinprovinz z. B. mußte die Arbeitgeber besonders darauf hinweisen, daß eS notwendig sei, die Unfallverhütungsvorschriften zu befolgen, weil sonst die Berufsgenossenschaft verpflichtet sei, von den Inhabern der Betriebe die Kosten für die Renten wieder einzuziehen. In Posen ist von der Landwirtschaftskammer die Dauer der Erntezeit, während der die Löhne erhöht werden, von früher 6 auf 5, zum Teil auch 4 Wochen vermindert worden! (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten�) Und da spricht man von einer Erhöhung der Löhne! Vom Tagelohn von 1—1,10 M. werden 3 M. pro Woche Kaution während der ersten 1l> Wochen ein-- behalten. Diese Beträge werden erst bei Schluß der Vertrags- mäßigen Arbeitszeit und nur bei ordnungsmäßigem Abgang der Arbeiter ausbezahlt!(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) rner steht dem Arbeitgeber wegen aller Forderungen aus dem rbeitsvertrag das Recht zur Einbehaltung der Sachen des Ar- beiterS zu! Das ist ein direkter Verstoß gegen die gesetzlichen Be- stimmungen den sich die Posener Landwirtschaftskammer heraus. nimmt. Bei entstehenden Streitigkeiten soll der ordentliche Rechts. weg ausgeschlossen fein, und es sollen sich beide Parteien dem Schiedsspruch der LandwirtschaftSkcimmet- füt Psstn unterwerfen. Duruf bei den Sozialdemokraten: Skandalös!) Also dem Schieds- spruch der Rittergutsbesitzer, die den Vorstand dieser Kammer bilden, muß der Arbeiter sich auf Gnade und Ungnade ausliefern! Da? sind geradezu infame Zustände.(Sehr wahr! bei den Sozial. deuwkraten.) In einem Vertrag ist festgelegt, daß die Frau des Arbeiters ebenfalls bei dem Arbeitgeber arbelten kann. Arbeitet sie aber wo anders, so fallen verschiedene Vergünstigungen— wie eine Mietsentschädigung und eine Weihnachtsgratifikation— fort. (HörtI hört! bei den Sozialdemokraten.) Diese Bestimmungen liefern den Arbeiter vollends dem Arbeitgeber auS. Will er den Arbeiter los werden, so braucht er nur die Frau nicht zu beschäfti- gen, den Arbeiter dem Verhungern nahezubringen, und er ist dann noch berechtigt, ihm die Vergünstigungen wegzunehmen! Außerdem ist Bedingung für die Gratifikation, daß der Arbeiter sich„zur Zufriedenheit der Herrschaft" geführt hat und daß der Vertrag auf ein Jahr verlängert wird! Verläßt der Arbeiter eigenmächtig den Dienst, oder wird seine Entlassung infolge„Widersetzlichkeit" gegen die Herrschaft,„wegen schlecht ausgeführter Arbeft" oder aus sonst irgendeinem„triftigen" Grunde notwendig(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten), dann soll der Arbeiter nach vorher- gegangener achttägiger Kündigung die ihm übergeben« Wohnung sofort räumen!(HörtI hört! bei den Sozialdemokraten.) In einem anderen Vertrag heißt es, daß der Arbeiter,„der seinen Verpflichtungen nicht nachkommt", das Anrecht auf die von ihm gebauten Feldfrüchte verliert, die dann dem Arbeitgeber zu- fallen I(HörtI hörtl bei den Sozialdemokraten.) Auch wenn der Arbeiter ohne seine Schuld die Stelle aufgibt, hat er kein Anrecht auf Bezahlung der Rückreise. Solche Verträge müssen den Kontraktbruch geradezu züchten, sie geben ihm eine sittliche Berechtigung. lSehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wir verlangen deshalb die Koalitionsfreiheit auch für die ländliche» Arbeiterl Die Quelle der skandalösen Behandlung der Landarbeiter ist das Gesetz vom 24. April 1854. Auf Grund dieses Gesetzes schrecken die Großgrundbesitzer vor nichts zurück. Auf Grund der einseitigen Aussagen der Gutsbesitzer wird der Arbeiter wegen jeder Wider« setzlichteit gegen die Anordnungen desselben Gutsbesitzers bestraft. (Hörtl hört! bei den Sozialdemokraten.) Die Regierung sollte Mittel zur Verfügung stellen, damit der Landarbeiterverband Be« mute zur Rechtsbelehrung der Landarbeiter anstellen kann.(Sehr gutl bei den Sozialdemokraten.) Das verlangen wir nicht etwa im Interesse unserer politischen Bestrebungen, denn unsere Agi- tation wird ja nur gefördert, wenn die jetzige Gewaltherrschaft der Gutsbesitzer bestehen bleibt. Damit, daß die Landesversicherungsanstalten Kredite für die innere Kolonisation geben, sind wir einverstanden. Man darf aber nicht im einseitigen Interesse der Großgrundbesitzer solche Arbeiterkolonien ausgemeinden, damit die Armenlasten nicht dem Gutsbezirk zur Last fallen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemo- kraten.) Auf der Konferenz über die innere Kolonisation wurde folgende charakteristische Aeußerung eines Agrariers angeführt: „Tie Hallnnkcn, die weggegangen sind, solange es in der Industrie Arbeitsgelegenheit gah, nehmen wir nicht wieder an, dann be- helfen wir uns lieb->r mit Polen."(Hörtl hörtl bei den Sozial- demokraten) Das beweist, wie die innere Kolonisation nicht dem Zwecke dient, deutsche Arbeiter anzusiedeln, sondern billige Arbeits- kräftc für die Landwirtschaft zu beschaffen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Dringend veSbesserungSbedürftia sind die ländlichen Wohnungs- Verhältnisse, wie eine Statistik der Kreisärzte bewiesen hat. Ferner muß die Sozialpoliftk auf das Land ausgedehnt werden, vor allem das Kindcrschutzgescy. Daß Schulkinder von den Gutsbesitzern in unverantwortlicher Weise ausgenutzt werden, stellt zum Beispiel der Gewerbe- inspektor in Oppeln fest.(Hörtl hörtl bei den Sozialdemokraten.) Nun, wir werden durch den neuen Landarbeiterverband, der un- geahnte Fortschritte macht, mit der Zeit erreichen, daß auch die Landarbeiter auf ein höheres sittliches und politisches Niveau kommen.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Nun sagt man, der Landwirtschast geht es schlecht. Tatsache ist aber, daß die Grund- stückspreise ständig in die Höhe gehen. Das wäre nich: möglich, wenn die Landwirtschaft keinen Gewinn abwerfen würde.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Auch die erheblich gesteigerte Domänenpacht beweist die Ertragsfähigieit der Landwirtschast. Auch nach den statistischen Nachweisungen des Landwirtschaftsministeriums ist die Steigerung des Ert-ages pro Hektar in den letzten zwanzig Jahren eine ganz exorb«ante. Diese gesteigerte Ertragsfähigkeit ist begleitet von einem enormen Anziehen der Preise. Das bedeutet also eine doppelte Bereicherung der Groß- grundbesitzer. Dabei versteuert man dem Kleinbesitzer die Fulter- mittel. Herr Dr. Hahn kam auf seinen Streit mit dem Gendarm zurück. Wenn die Polizei dem Sozialdemokraten das Wort abgeschnitten hätte, hätte Herr Dr. Hahn nichts dagegen gehabt, aber im„nationalen" Interesse können nack seiner Ansicht die Gesetze ruhig verletzt werden.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Der lachende Dritte in dem Streit zwischen den Nationalliberalen und dem Bund der Landwirte in Hannover wird die Sozialdemokratie sein, und Herrn Dr. Hahn wird bald das Schicksal des Herrn Böttcher ereilen, daß er nicht wiedergewählt wird. Es war ein köstliches Schauspiel, wie sich in Hannover die Nationalliberalen und der Bund der Landwirte gegenseitig vor geworfen haben, daß der eine wie der andere den Einfluß der Landräte benutze. DaS beweist nur, wie wenig beide Parteien aus sich selbst heraus, aus der Kraft ihrer Ideen Anhänger finden können. Entschieden bestreiten muß ich, daf; der Bund der Landwirte, wie Herr Dr. Hahn behauptete, für die kleinen Bauern eintritt. Einer seiner Vertreter in Nienburg a. d. Weser hat in einer Ver- sammlung im Dezember 1Sl)g erklärt, er halte daS Emporarbeiten des kleinen Mannes nicht für wünschenswert, dadurch würde nur der Arbeitermangel in der Landwirtschaft gesteigert werden! (Hörtl hörtl bei den Sozialdemokraten.) Dieses Wort ist geeignet, den Bauern die Augen zu öffnen über die letzten Ziele des Bundes der Landwirte. Wer mit offenen Augen durchs Leben geht und die agrarische Politik feit den letzten Jahrzehnten an seinem Leibe spüren muß, der weiß, daß sie eine Raubpolitik des Gro'. grundbesitzes gegen die Minderbemittelten, die Arbeiterbevölkerung ist.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozial demokraten.) Abg. Dr. Erüger(frs. Vp.): Die Stellung der Großgrunb besitzet gegenüber der inneren Kolonisation habe ich in einer Reihe von Zitaten gestern durchaus richtig geschildert, die Herr Dr. Hahn nicht beanstanden konnte. Sein Vorwurf, ich hätte Herrn v. Wangenheim falsch zitiert, trifft nicht zu. Bon Parität kann bei der Politik des Bundes der Landwirte keine Rede sein. Sie läuft nur darauf hinaus, dem Großgrundbesitz Sondervorteile zu sichern. Abg. Meyer-RottmannZdorf(k.) polemisiert gegen den Ab. geordneten Dr. Erüger. Abg. Dr. Friedberg(natk.): Wir können froh sein, daß wir den„Liberalismus" des Herrn Dr. Hab» aus unseren Reihen los- geworden sind.(Sehr gut! links.) Wie kann Herr Dr. Hahn, der in Hannover mit den Welsen paktiert, uns ein gelegentliches Zu fammengehen mit der Sozialdemokratie vorwerfen! Das Prestige der Konservativen kann durch die Tonart des Herrn Dr. Hahn nur schwer geschädigt werden, auch wir aber legen Wert auf eine vor nehme konservative Partei.(Bravo! bei den Nationalliberalen.) Abg. Dr. Hahn(k.): Von einem Bündnis zwischen mir und den Welsen kann keine Rede sein. Man hat uns das Zusammen- gehen mit dem Zentrum vorgeworfen. Aber die Zeiten sind vorbei, wo die Nationalliberalen sich als Generalpächter der nationalen Gesinnung rühmten.(Bravo! rechts.) Mit Recht hat Freiherr o. Zedlitz die Nationalliberalen„Fraktion Drehscheibe" ge- nannt. Wie kann man mir einen Vorwurf daraus machen, dqß ich die vielen Drehungen der Scheibe nicht mitgemacht habe? (Große Heiterkeit sind Beifall rechts.) Damit schließt die Debatte. Hierauf vertagt'LaS Haus die Weiterderatung des Landwirtschaftsetats auf Freitag, 11 Uhr Schluß 4% Uhr._ Soziales« Rechtsprechung des JnnungSfchiedSgerichtS. Die Rechtsprechung des JnnungSschiedsgerichts gibt fast ständig Anlaß zu lebhaften Beschwerden der Arbeiter, die infolge der Zu- gehörigkett ihrer Arbeitgeber zu einer der dem JnnungSauSschuß an- gegliederten Innung genötigt sind, dasselbe in Anspruch zu nehmen. Wir greisen einige Beispiele auS den Sitzungen dieser Woche heraus. 1. Der Hausdiener T. verklagte den Hotelbesitzer Jakob Stützer. Am Dienstagvormittag stand Termin an. Der Vorsitzende Hage mann bringt die Klageschrift zur Verlesung. Der Kläger sagt in derselben, daß er durch die Rücksichtslosigkeit des Beklagten um 00—70 M. geschädigt worden sei, weil ihm mehrmals hintereinander nach 42 Dien st stunden nur 7 Stunden Ruhezeit ge währt wurden; aber auch diese Ruhezeit brachte ihm keine Erholung. da ihm als Schlafraum ein Kellerraum ohne Fenster- scheiden angewiesen worden ist. Seine wiederholten Bitten, ihm irgend ein Zimmer zur Verfügung zu stellen, wurden abgelehnt. Nach kurzer Zeit fühlte er sich dermaßen erschlafft, daß er einen Arzt aufsuchen mußte, der die schleunige Aufnahme in ein Krankenhaus veranlatzte, weil er von einem starken Erkaltungsfieber befallen worden ist. Kläger hatte nun vier Wochen im Krankenhaus verbracht und fühlt sich jetzt noch erwerbsbeschränkt. Nachdem der Vorsitzende festgestellt hatte, daß zwischen Parteien KündigimgSansschluß vereinbart war, ließ er weder eine Erwiderung des Beklagten zu. noch wurde dem Kläger zur näheren Begründung seines Anspruches das Wort gegeben. Nach der Beratung wurde das Urteil dahin verlündet: der Kläger wird mit der erhobenen Klage kostenpflichtig abgewiesen, da ja nicht feststeht, daß er sich die Erkältung beim Beklagten zugezogen hat; im übrigen stand ihm ja das Recht zu, den Dienst beim Beklagten eher aufzugeben, wenn er ihm zu schwer war. Dies Urteil schlägt dem Rechtsempfinden und dem Gesetz geradezu inS Gesicht. Nach der Gewerbeordnung und dem Bürgerlichen Gesetz- buch war der Arbeitgeber verpflichtet, für angemessene Schlaf- und Erholungsräume sowie für hinreichende Ruhepausen Sorge zu tragen. Die Verletzung dieser Vertragspflicht machte ihn schadenersatzpflichtig. Der Kläger war berechtigt, aber nicht verpflichtet, den Dienst zu quittieren. Er konnte in erster Reihe Einhaltmig der Vertrags- Verpflichtung verlangen. Das Urteil kommt in seiner irrigen Be- grüudung der Prämiierung eineS Vertragsbruchs gleich. 2. Am Montag klagte vor dem JnnungSschiedsgericht der HauS- diener R. gegen seinen bisherigen Arbeitgeber, den Fleischer- meister Gustav Schmidt auf Zahlung einer Entschädigung von 17,50 M..oeil er sieben Tage vor Ablauf der Kündigungssrist entlassen worden ist. Der Beklagte ersieht darin, daß der Kläger eines TageS zwecks Erledigung eines Geschäftsganges von 1/.ß Uhr mittags bis VzS Uhr abends vom Geschäft weggeblieben ist, ein „unbefugtes Verlassen" der Arbeit, daS ihn zur sofortigen Entlassung des Klägers berechtige. Der Kläger widersprach den Angaben des Beklagten, er habe sich mit dessen Wissen zur Stammrolle angemeldet und sei erst um'/ß Uhr auf dem zuständigen Polizeirevier gewesen. Im ndrigen gibt er in aller Offenheit zu, etwas länger als nötig weggeblieben zu sein, weil er einen Freund, der gerade Geburtstag hatte, getroffen hat. Entgegen dem§ 123 der Gewerbeordnung wies das Schiedsgericht den Kläger mit seinem Anspruch kostenpflichtig ab. 3. Der Hausdiener R. war beim Fleischermeister Edwin Dittmann gegen 13 M. Lohn bei freier Kost und Logis be- schöftigt und ist am 0. Januar fristlos entlasseil worden. Bei der Entlassung machte er den Beklagten darauf aufmerksam, daß er wohl zur kiindigungslosen Entlassung nicht berechtigt wäre. Er werde sich aber noch genauer erkundigen und seine etwaigen Ansprüche noch geltend machen. Dies tat er denn auch durch eine Klage beim Schiedsgericht. DaS Schiedsgericht wies die Klage av mit der Begründung: Die Parteien seien sich darüber nicht einig gewesen, ob die sofortige Löiung des Arbeitsverhältnisses zulässig war oder nicht. Der Kläger hat nähere Erkundigungen einholen wollen, aber dem Beklagte» von dem Ergebnis derselben keine Mit- teilung gemacht. Nach dem Gesetze steht dem Arbeiter 14tägige Kündigungsfrist zu, falls keine andere Vereinbarung getroffen ist. Daß solche ge- troffen sei, hat der Arbeitgeber zu beweisen. Wiewohl der Arbeitgeber im vorliegenden Falle den Beweis nicht einmal antrat, wies das Jmiungsichiedsgericht also entgegen dem klaren Wortlaute des Gesetzes die berechtigte Forderung des Klägers ab. Schlitzvorschriften für Pantoffelmachcreien. Gewerbehygienische Vorschriften hat für ihren Bezirk die Kreis- hauptmamischaft Chemnitz erlassen. Die Verordining macht den Siadiräten und AmtSbauptmannschaften zur Pfl'cht, dn'ür zu iorgen, daß in Pantoffelmachcreien, in denen alte Kleidung»- stücke zur Fabrikation von Tuchpantoffeln verwendet werden, näher bestimmte Maßnahmen beachtet werden. So sollen die gebranchten Kleid, nigsslücke nicht im ArbeilSraum aufbewahrt und vor der Bearbeitung sollen sie im Freien gereinigt werden. Die Arbeitsräume müssen geräumig, hell und luftig sei», die Arbeits- geräte. Tische und Stühle müsse» täglich abgewaschen werden. Waichgelegeuheit für das Arbeiispersonal muß in den Arbeitsräumen vorhanden sein und die Arbeiter und Arbeitenmien solle» sich Hände und Arme vor der Einnahme von Speisen und Getränken waschen. Schließlich wird noch bestimmt, daß Kinder und schwächliche Personen mit dem Zertrennen der getragenen Kleider nicht beschäftigt werden dürfen._ Bochuiner Ortskrankenkassenwahl. Bei der in Bochum vollzogenen Wahl zur Krankenkasse siegten die 12 von den freien Gewerkschaften aufgestellten Kandidaten._ Lese- und Diskntierklub„Südost". Heute abend 8'/3 Uhr bei Neidhardt, Görlitzer Slrasie S8: Sitzung Wichtige Vereinsangelegeilheiten. Toziatdemokratifcher Lese- und Diskntiertlnv" �Heinrich Heine". Heute abend 8'/, Uhr: Sitzung bei Bolze, Rodcnbergstraße 8. Amtlicher Marktvericht der ftädMchen Marttballeii-DIreltlon über den Grogbandel in den Zeulral-Marktballen. Äiarktlaqe: Fleisch: Zulubr genügend, Kelchäst rege, Preise unverändert. Wild: Zufuhr genügend, Mcichäit nicht lebhaft genug, Preise gut. Geflügel: Zufuhr genügend, Gclchäsl still, Preise wenig verändert. Fische: Zufuhr mästig, Geschäft lebhaft, Preise wenig verändert. Butter und Käse: Ge- lchäft ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obs» und Südfrüchte: Zusuhr reichlich, Geschäft sehr still, Rhabarber fast unverkäuflich, Preise ge- drückt. Orts- Krankenkasse für das Gtwrrbe der Tischler und Nianosorte- Arbeiter zu Berlin. .Anitai'oi-etaiitllcl»« General-Versammlung der Vertreter der Kassenmitglieder und der Arbeitgeber am Donnerstag, den 3. Februar, abends« Uhr. un„Gewerkschafts- HauS", Eugelufer 15, Saal 1. Tagesordnung: Etatulenänderungen(siehe Anlage der Einladungen). 894b Der Borstaud. Verleih-InsiTFnFT� FrledrichsUt5|l,aJDiafig. �Tar. Sleg. Frack, Gehrock IMHose IM Weste S0Ps. Lege-Hühner, garantiert junge, beste Leger, 2'/, M., Enten, Tauben, Vksxnsr, Berlin! wtcn empfiehlt reellst 0.,Mariannenstr.34 blavon Sis Stokk? Ichjertiec davon Anzug od. Paletot nach Mast, schick, dauerh. Zutaten. von 20 Mark an. Moritz Labantl, bleue Promenaden, II.(Stdtb.Börse), V J�eu erschienen: Die Finanzgeschichte des Deutschen Reiches. Von Emanuel Wurm. Preis 1.- M. DerdeilWArtieittt und der Alitielilitisiilils. Unkersuchiingen über Größe imd Macht dw: deulschin Nation w Oejlezrei« und das nationale Programm der Sozialdemokralte: Vom ReichSralS-Abg. 0r. liael Ksnnee. Preis(!0 Ps. Degen das Zentrum und seine Verbündeten. Rede dcS Slba. Dr. Ludwig Frank- Mannheim, gehalten in der Reichs- tagSsitzung vorn 13. Dezember 1909 Preis 15 Pf' Manäbudi Bearbeitet von Wilhelm Schröder. Bollständig in ca. 18 Lieferungen 248100 o 30 Pf. Expedition des Vorniiirts. verlitt SW., Lindeustr. 09(Laden). 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Die Arzte haben seit langenf auf die nervenzerstörende Wirkung des Kaifeetrinkens hingewiesen, aber es hat sich bis jetzt noch kein Genußmittel geboten, das imstande gewesen wäre, den Kaffee zu ersetzen. Das hat sich vollkommen geändert. Der Tee war bis jetzt in Deutschland wenig verbreitet, weil man der Meinung war, für billiges Geld bekäme man nur schlechten und wenig Tee. Seit die Allgemeine Teeimport Gesellschaft den Saman Tee in Deutschland eingeführt hat, erhält man heute zu den billigsten Preisen den vorzüglichsten Tee von einer Ergiebigkeit, wie sie bisher ein derartiges Genußmittel noch nicht erreicht hatte. Kaffee schmeckt bekanntlich gut nur in ganz starken Aufgüssen, Saman Tee ist aber von dem herrlichsten Aroma und Geschmack, selbst noch in der stärksten Verdünnung. Die heutige Finanzlage zwingt zudem noch die meisten Familien, ihren Kaffee mit Zuhilfenahme von Kaffeezusatz und künstlichen Kaffeesorten zu bereiten, ganz abgesehen von dem riesigen Quantum der verfälschten Kaffees, die dem harmlosen Käufer ohne sein Wissen für schweres Geld verkauft werden. Wer heute reinen Kaffee trinken will, muß einen großen Luxusaufschlag bezahlen. Die Allgemeine Teeimport Gesellschaft hat es sich zur Aufgabe gestellt, dem deutschen Publikum vor Augen zu führen, welche Kosten es spart und welche Vorteile es gewinnt, wenn es statt der Planscherei mit schlechtem Kaffee Sarnau Tee trinkt. Jede Hausfrau und jeder Familienvater muß sich ausrechnen, wie ungeheuer die Ersparnisse sind, wenn Saman Tee getrunken wird. / Pfund Kaffee— 50 bis 60 Tassen kostet M. 1.10, a/so 1 Tasse Kaffee............. ca. 2 Pfg. 1 Pfund Saman Tee— 1500 Tassen kostet M. 3.—, also 1 Tasse Saman Tee.......... 0.2 Pfg. Eine Familie von 5 Personen braucht wöchentlich 75 Tassen---- /Va Pfund----- M. 1.65 für Kaffee Eine Familie von 5 Personen braucht wöchentlich 75 Tassen----- 1/2o Pfund----- M. 0.15 für Saman Tee ist also nachweisbar ganz außerordentlich viel billiger und sparsamer als selbst der schlechteste Kaffee. Die berühmte deutsche Fabrik für Waffen und Werkzeugmaschinen Ludwig Loewe& Co. hat seit dem Jahre 1899 anstatt einer Kapeeküche eine leekiiehe eingerichtet. Der Bericht der Firma über die Resultate dieses modernen Unternehmens lautet wörtlich: „Kaffee betäubt das Hunger- und Müdigkeitsgefühl und spiegelt dem Arbeiter Sättigung vor, denselben so dazu verleitend, mehr Kräfte auszugeben, als den aufgenommenen Nährwerten entspricht. Tee ist zunächst ein sehr billiges Getränk, jedenfalls viel billiger als Kaffee von gleicher Qualität, und lässt sich leichter in grossen Mengen gleiohmässig gut herstellen. Um sich aber vor minderwertigen Sorten zu schützen, empfiehlt es sich, nur garantiert echte Tees in Originalpackungen wohlbekannter Firmen zu kaufen. Gerade die billigen Sorten unbekannter Herkunft, welche den Namen Tee kaum verdienen, tragen die Schuld daran, dass man bei uns. zumal in minderbemittelten Volksschichten, dem Tee ein grosses Vorurteil und Misstrauen entgegenbringt. In Wirklichkeit ist Tee aber ein ausserordentlich durststillendes Getränk, welches infolge seines Alkaloidgehaltes blutreinigend und verdauungsf ordernd wirkt, indem es die Tätigkeit der Nieren in günstigster Weise beeinflusst. Das im Tee enthaltene ätherische Oel regt die Gehirntätigkeit und Arbeitslust an, ohne die schädlichen Nebenwirkungen des Kaffees zu besitzen." Diese Firma verkaufte im Jahre 1908 in der Werkzeugmaschinen- Abteilung 597187 Flaschen Tee an ihre Arbeiter. ist eine indische Teemischung, die nach vielen Versuchen für den deutschen Geschmack besonders zusammengesetzt wurde. ist schon in den kleinsten Packungen für 10 Pfg. erhältlich. Wenn man früher ein 10- Pfg.-Päckchen Tee kaufte, erhielt man zwar viel Teeblätter, aber nur 6 bis 8 Tassen schlechten Tees. Von einer 10- Pfg.-Packung Saman Tee erhalten Sie bis zu 30 Tassen des köstlichen Getränks. ist in seiner Zubereitung einfach, man braucht nur eine Kanne und kochendes Wasser. ist kein Tee wie jeder andere, lassen Sie sich vom Händler keinen anderen Tee verkaufen! Verlangen Sie Saman Tee, denn er ist der einzige, der alle Vorzüge der BilligKeit u. Güte besitzt Nur echt mit untenstehender Schutzmarke in Packungen von 10 und 20 Pfennig, und 1j� Pfund und in modern dekorierten Metallhüchsen von 1|2 Pfund in zwei Qualitäten. Allgemeine Teeimport Gesellschaft Fernsprecher jÄ.» T. Cj". Somon Tee Amt IV, 602 o. 10�23 G. m. b. H. BerUn SO 36 Harzer Straße 33 Trinkt Somon Tee! In Berlin in 1500 durch Piakate kenntlichen Geschärten erhältlich. Wo nicht zu haben, liefern wir direkt, eventuell erfolgt Mustersendung gegen Voreinsendung des Portos. Nr. 21. 27. IahrMg. 2. Kilxgt des.Amiilis" Mittuiolh. 26. Jauullr lM. Partei- 5Zngeiegenkeiten. Schöiieberg. Der fünfte Lichtbildervortrag de§ Genoffen Engelbert Graf:.Vom Urtier bis zum Menschen" findet beute Mittwoch, den LS. d. M.. abends 8 Uhr, in den Neuen Nat- haussälen, Meininger Str. 8, statt. Der s e ch st e und letzte Vortrag wird nicht am 3., fondern Mittwoch, den 2. Februar, abgehalten. Der Vorstand. Zossen. Sonntag, den 30. d. M. findet die General- Versammlung des Wahlvereins stalt. Tagesordnung wird noch bekannt gegeben. Der Vorstand. Friedrichshagcn. Heute, abends 8'/- Ufjr Generalversammlung de:- Wahlvereins im Restaurant Witwe Lerche, Friedrichstrafie 112. Tagesordnung: 1. Bericht der Bezirksleitung und der Funktionäre mW Neuwahl derselben. 2, Bericht der Gemeindevertreter und Auf- H.-llmlg der Kandidaten zur Gcmeindewahl. 3. Vereinsangelegenheiten und Verschiedenes.— Mitgliedsbuch legitimiert. Hcrinsdorf. Zivecks einer Besprechung über die bevorstehenden Genieindewahlen findet heute Mittwoch abends 8'/z Uhr im„Forst- hauS— Heidcnreich" ein Extra-Zahlabend statt. _ Der Bezirksführer. Berliner JSadmebten* Tie Eröffnung des Berliner Jugendheim. Die Aufklärungsarbeit unter der proletarischen Jugend macht gute Fortschritte. Die auf Grund des Nürnberger Parteitagsbeschlusses im Reiche gegründeten Ingen dausschüsse sind rastlos an der Arbeit, um die arbeitende Jugend zu sammeln und im Geiste einer freien Weltanschauung zu er ziehen. Diese Tätigkeit ist keine leichte. Einmal gilt es, die Jugend den christlichen Jünglingsvercinen zu entreißen und dann, sich der polizeilichen Schikanen zu erwehren. Wie aber immer und überall, wo einer aufstrebenden Bewegung Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden, diese in letzter Linie zum Vorteil der Verfolgten ausschlagen, so auch hier. Anstatt die proletarische Bewegung zu vernichten, blüht und gedeiht sie gerade infolge der Drangsalierungen üppiger als je. Die von den Jugendansschüssen für die arbeitende Jugend getroffenen Veranstaltungen erfreuen sich in steigendem Maße eines zahlreichen Besuches und lassen ein sicheres Fortschreiten erkennen. An einem aber hat es vor allem in Berlin gemangelt: an einem bestimmten Sammclort, wo sich die arbeitende Jugend regelmäßig und ständig zusammen- finden kann. Bei der Ausdehnung der Millionenstadt Berlin ist es keine leichte Aufgabe, diesem Mangel abzuhelfen. Es ist deshalb der Ausweg gefunden worden, eine Vereinigung „Jugendheim" ins Leben zu rufen, die sich die Gründung von Jugendheimen in Berlin zur Aufgabe gestellt hat. Und dank der Opferfreudigkeit der Berliner Arbeiterschaft und des Verständnisses für die Wichtigkeit der Erziehung der prole tarischen Jugend im freiheitlichen Sinne können wir nunmehr die freudige Mitteilung machen, daß das erste Jugendheim in Berlin gestern eröffnet werden konnte. Berlin geht mit dieser Schöpfung nicht voran; in unseren Vororten Adlershof, Rummelsburg und Rixdorf bestehen bc reits solche Jugendheime für die arbeitende Jugend. Nichts d'estoweniger ist es erfreulich, daß nun auch in Berlin mit seinem Proletariat ein Heim für die Proletarierjugend go schaffen worden ist. Eine Stunde vor Beginn der offiziellen Eröffnung der Zweier fanden sich gestern Vertreter der Berliner Partei und der Gewerkschaften. Vertreter des JugendauLschusscs für Groß Berlin, Parteigenossinnen und Freunde der Jugendbewegung in den Brunnenstr. 115 parterre gelegenen Räumen zu einem Eröffnungsakt und einer Vorbesichtigung zusammen. DaS Heim besteht außer eincm Garderobenraum aus zwei größeren Zimmern und einein kleineren und faßt 80—100 Personen. Die innere Einrichtung ist einfach und solide und mau muß den mit der Beschaffung dieser Einrichtung betrauten Genossinnen und Genoffen das Kompliment machen, daß ihr Bestreben, mit wenig Mitteln eine möglichst gute Wirkung zu erzielen, vollkommen ge- glückt ist. Die grün bezogenen Tische und Stühle, die nach von Künstler- Hand entworfenen Zeichnungen gefertigt sind, ist in Verbindung mit der nur einfache Linien zeigenden schlichten Wandbekleidung und dem von oben herabfallenden elektrischen Licht erzeugen einen so recht für unsere Jugend geschaffenen gemütlichen Ton und geben dem ganzen etwas Trautes, Heimisches. In diesen freundlichen Räumlich» teilen soll nun die arbeitende Jugend Unterhaltung, Belehrung und Erholung finden. Eine Bibliothek enthält gute Romane und sonstige Unter haltungslitcratur. Zeitschriften und Zeitungen dienen dem gleichen Zweck. Der Belehrung werden kleinere Borträge dienen und Musik- vortrage werden sicher auch die Freude am Schönen fördern. Natür- lich ist der Zutritt unentgeltlich, auch die Garderobe loird ohne EM» gelt ausbewahrt. Geöffnet ist das Heim wochentäglich von S— 10 Uhr abends. Sonntags von 4—10 Uhr. AIS Vertreter des JugendauSfchusieS wies Genosse Dr. Rosen feld auf die Bedeutung der Gründung hin. die er als eine Schöpfung der Berliner Arbeiterschaft— Partei und Gewerkschaften— feierte. Im Gegensatz zu den christlichen Heimen, in denen der Geist der Knechtseligkcit und der Demut herrscht, soll in den Räumen des Arbciterheims ein freier Geist walten. Nichts soll an einen Zwang erinnern, nur wohl fühlen soll sich die Arbeiterjugend, die nach schwerer Arbeit das Heim besucht. Der Geist der Solidarität wird geweckt, wenn die Jugendlichen daran denken, daß eS die Berliner Arbeiterschaft ist, die ihnen das Heim geschaffen. Hierauf wandte sich Genosse Heinrich Schulz im Namen des JngendauSschuffcS an die inzwischen zahlreich erschienene Arveiter- jagend. In längeren Ausführungen wies er insbesondere auf die Bedeutung der Jugendheime für die Arberterschast hin. * Hoffen wir, daß mit Eröffnung dieses ersten Jugendheims in Berlin nur der erste Schritt auf diesem Gebiete geschehen ist. Weitere müssen nachfolgen. Und das ist sehr leicht möglich, wenn die Berliner Arbeiterschaft dem Verein „Jugendheim" in Zukunft dieselbe Sympathie bezeugt, die sie ihm bisher entgegengebracht hat. Die Heilsarmee im StadtverordnetenauSschuss. Tie Vorlage betreffend eine Beihilfe von 3000 M. an die Heilsarmee gelangte gestern im Ausschuß der Stadtverordneten zur Beratung. Genosse Hoffmann führte unter lebhafter Heiterkeit aus, cS erübrige sich eigentlich eine weitere Beratung, da nach dem„Berliner Lokal-Anzeiger" der General Booth in England den Untergang der Welt prophezeit habe. Eine Gesellschaft, die sich selber so lächerlich macht, verdiene keine weitere Aufmerksamkeit. Stadtrat F i s ch b e ck war der Ansicht, man solle immerhin die religiösen und sonstigen Zwecke der Heilsarmee aus den Augen lassen und den Versuch machen, durch Bewilligung der 3000 M. soziale Zwecke der Heilsarmee zu fördern. Der Stadt- verordnete Michelet und andere wiesen darauf hin, daß nach den eingereichten Etats der Heilsarmee 24 000, 80 000 M. usw. ins Ausland für die Hcidenmission usw. gingen. Eckert erklärte, ohne Voreingenommenheit gegen den religiösen Unfug habe er sich bei einer Äapitänin nach den sogenannten sozialen Leistungen er- kundigt. Er legt dar, daß selbst diese nur scheinbare sind. Im Wöchnerinnenheini. im Rcttungsheim für gefallene Mädchen, im Mädchcnlogis müßten die Wöchnerinnen usw. für jedes der je 30 Betten, die im ganzen in den einzelnen Instituten zur Ver- fügung stehen, zahlen. Ter sogenannte Samaritervercin bestehe aus ganzen acht Krankenschwestern, die dahin gehen, wo sie bezahlt bekommen. Die soziale Tätigkeit sei also in Wahrheit nichts. Hofsmann legte des Eingehendsten dar, daß die geforderten 3000 M. nur das Aushängeschild für Bettelei sein sollen. Von den Einnahmen, die in einem Jahre 1 007 331,45 M. betrugen, bclicfcn sich nach einer Darlegung von Dr. Schrödcr-LandZinecht die Ausgaben lediglich für VcrwaltungSz wecke auf 712 535,08 M., also nicht weniger als 75 Proz. Tie sogenannten Wohltaten verstehe die Heilsarmee sehr gut von denen, denen angeblich geholfen werden soll, wieder einzubringen. Die Heiden- missionsgeldcr gingen an General Booth, der frei darüber ver- fügen dürfe. Seiner Kritik schließen sich die Stadtverordnete» L i e b e n o w und R o s e n o w im wesentlichen an. Stadt- Hägen hebt noch hervor, daß man ja hier in Berlin sehen könne, daß die Heilsarmee, weit entfernt, Leute aus dem Schmutz zu ziehen und arbeitsfähig zu machen, junge Leute, Männer und Mädchen, geradezu zum Müßiggang, zur Arbeitslosigkeit, zu Ge- plärre und Heuchelei zum Betteln erziehe. Ein solches Treiben müsse die Stadt bekämpfen und dürfe es aber keineswegs unter- stützen. Die Vorlage wird hieraus dem Ausschuß einstimmig abgelehnt. Der Ausschuß beschäftigte sich ferner mit der Einstellung von Zuwendungen an Vereine und Gesellschaften. Die von uns schon früher besprochene Vorlage des Magistrats, die insgesamt über 114 000 M. solchen Vereinen zugewendet wissen will, wird mit folgenden Zlbänderungen angenommen: Dem Verein für Volks- kindergärten sollen 16 000 M. statt der verlangte» 14 000 M.. der Stiftung„H e i m st ä t t e" 7000 M. statt der verlangten 5000 Mark bewilligt werden. Ei» vom Genossen Dr. Wehl lebhaft be- fürwortetcr Antrag, dem Komitee für Zahnpflege in den Schulen 15 000 M. zuzuwenden, wird abgelehnt, 10 000 M. werden aber bewilligt. Genosse Dr. Roscnfeld regte an, dem Acrein Jugendheim, dessen erstes Heim gestern eröffnet ist, eine Zu- Wendung zu machen. Vom Magistrat und aus der Mitte des Aus- schusscs wurde entgegnet, daß mau nach alter Gepflogenheit einer solchen Anregung erst näher treten könne, wenn der Verein seinen ersten Jahresbericht erstattet und eine Zuwendung beantragt habe. Die Zahl der Zwangsversteigerungen in Groß-Berlin betrug im Jahre 1006 insgesamt 1272 gegen 1269 im vorhergehende» Jahre. Davon entfallen auf den Amtsgerichtsbezirk Berlin-Milte 195, Berlin- Wedding 173, Berlin-Schöneberg 66, Berlin-Teinpelhof 21, Charlottenburg 171, Ripdorf 188, Lichtenberg 75, Weißcm'ce 148, Pankow 93, Groß-Lichterfelde 137. Ein Plus an Snbliastationen gegen das Jahr 1908 hatten aufzuweisen: Weißensce 125, Groß- Lichterfelde 105, Pankow 9, Lichtenberg 4, während im Bereiche der übrigen AmtSgerichtSbezirke weniger Zwangsversteigerungeil zu ver- zeichnen waren, und zwar: Berlin-Wdding—82, Rixdorf—58, Berlin-Mitte—49, Berlin-Tcmpelhof—39, Berliu-Schöucberg 10, Charlottenburg—2. Zur Entlastung des Potsdamer Platzes. In der Sitzung der Berkchcsdcputation vom 23. Januar wurde unter Vorfitz des Oberbürgermeisters nochmals eingehend der eine der Vorschläge beraten, den Stadlbaurat Krause zur Entlastung des Potsdamer Platzes und der Leipziger Straße in seiner bekannten Denkschrift gemacht hatte. Baurat Krause hatte darin wie criimcr- lich eine Verlängerung der Voßstraße über die Bcllevuestraße hinaus bis zur Viktoriastraße in Aussicht aenonunen um hier- durch eine Anzahl von Straßenbahnlinicu zu führe». Gegen diesen Plan war eingewendet worden, daß er nur neue schwer zu überwindende KreuzungSpunkle in nächster Nähe des Potsdamer Platzes, namentlich an der Viktoriabriickc schaffe, daß er die Unruhe des StraßenbahnverkshrS in ein von den besten Steuerzahlern bc- wohntcs ruhiges Wohnviertel trage und daß er der Aesthetik dc-Z Städtebaues widerspreche. Die VerkehrSdcputation besprach ein- gehend alle diese Bedenken und kam zu dem Beschluß, daß die in Zukunft immer mehr zunehme» de Belastung der Leipziger Straße außer den vom Magistrat bereits augcnommeiicn CntlastimgSpläneu auch dieses Projekt fordere, das von technischen Anroritäten geprüft und als vorzüglich bezeichnet lvordeu ist. Verkehrstechnisch ivürdcn keine anderen Nachteile cutstehen als sie sonst au belebten Straßenkreuzungen sich ergebe». Von den Straßensrouten dh-Z Tier- garteriviertels würden dadurch mir etwa 3 Prozent neu mit Straßen- bahnen belegr werden. Es handele sich überdies um Straßen, die ohnedies sich bereits auf der unaufhaltsame» Eutwickelung von der Wohn- zur VerkchrSstraße befinde». Aus all diesen Gründen beschloß die Verkehrsdeputation, dem Magistrat auch die Annahme dieses Projektes zu empfehlen._ Bürgerliche Sportvereine und Arbeiterjugend. Eine an sich gute Sache, die sportliche Betätigung der Fugend. kann durch Ausartung zu einer gesellschaftlichen Eiterbeule werden. So steht eö sehr schon in unserem byzantinischen Deutschland mit vielcn Sportzweigen. Ein Blick in die sportlichen Fachblätter be- weist, welch' widerlicher Pcrsoiieiikultns auf dicsenr Gebiete betrieben wird. Irgendein miiSknlöscr Athlet erfreut unser Auge mit seinem in geschmacklosester Pose dargebotenen Kontersei. Ein sportbeflisieiier Skribifax schreibt dazu im schönsten Kauderwelsch die LebcnSgeschichte des„berühmten" Mannes und zählt unS getreulich alle leine Körper- maße, von der großen Zehe bis zum unvermeidlichen Bizeps und dem Stiernacken auf. als gelte cS ein Weltwunder zu bestaunen. Wir blättern weiter. In schreienden Bildern wird>mS jetzt die Fußballjugend vorgeführt und mit breiter Behaglichkeit schildert man u»S jede kritische Situation eines weltbewegenden„Matsch". Im Fuß- balliport haben sich bereits Berussklubs herausgebildet, deren Mit- glieder bald das ganze Jahr auf Reisen gehen, in allen größeren Städten des In- und Auslandes ihre Schlachten liefern und fabelhafte Summe» verdienen. Ein noch blöderer Kult ivird mit de» hervorragenden Schnell- und Dauerlänfern getrieben, verdiente doch der Italiener Dorando a»f einer amerikanischen Tournee 100 000 Dollar. Der Mann hat bereits eine zweite Reise nach Amerika unternommen. Bei den berüchtigten Boxkämpfen zwischen dem Kanadier BurnS und dem Neger Jak-Fohnson erhielt der Kanadier 120 000 M. fiir ein einmaliges Treffen mit dem gefiirchwten Neger. Am 4. Juli dieses Jahres will der frühere Weltmeister im Bdxe», JeffricS, dem Neger in San Francisco gegenübertreten; die Berechtiginig zum Arrangement wurde öffentlich versteigert, und die beiden Boxer erzielten nicht weniger als 400 000 Dollar sür ein einmaliges Kämpfen. Diese sportliche Entartung, die von einer tiefen Fäulnis unserer Zeit zeugt, sucht man bei uns nachzuäffen, und es stimmt »nscre Sportfcxe recht traurig, daß das liebe dciilsche Publikum an dem Blödsiiiii immer noch nicht den rechte» Geschmack findet. Mit um so größerem Eifer wirft mau sich auf pie Jugend, schwätzt der Ocffentlichkeit etwas von Körperkultur vor, während mau in Wirk- lichkeit die Jugend durch Ileberaustrcugmig körperlich und geistig zugrunde richtet. Die Arbeiterjugend muß bor diesem Treiben, das mit der Körperpflege nichts mehr zu tun bat, geschützt werden. Wenn unsere Jugend ihren Geist und Körper pflegen will, dann findet sie in den Jngendvereiiien, de» Arbeiterturn- und Sportvereinen eine gastliche Stätte: in den bürgerlichen Sportvereinen hat die Arbeilerichaft nichts zu suchen._ Zunahme des StadtbahnvcrkehrS 1909. Die Berliner Stadt- und Ringbahn hat im abgelanfciieu Jahre 1909 eine erhebliche Zimahme ihres Verkehrs zu verzeichnen. Die Steigerung ist um so bcmerkenS- werter, als im Jahre 1908 ein gewisser Stillstand eingetreten war. Die Zunahme des Gesaintverkehrs hatte von 1907 auf 1908 nur wenige Hunderttausend betragen. Im letzten Jahre ist die Zahl der bcsörderte» Personen dagegen um fast 7>/z Millionen gestiegen. Die Steigerung ist aber immer noch nicht so graß. wie sie früher gewesen war. So hatte sie im Jahre 1906 14 Millionen, im Jahre 1907 1v>/„ Millionen betragen. Die genaue Zahl betrug im Jahre 1969 156 454 482 gegen 149 194 426 im Jahre vorher. Gerechnet ist hier die Zahl der Fahrten im inneren Berkehr der Stadt- und Ringbahn sowie von und nach Gruneioald und Eichkantp. In den drei Jahren vorher: 1907, 1906 und 1903 hat der Verkehr betragen 148.9, 138,5 und 124,5 Milliauen Fahrten. Die Fahrten auf Monats- und Zeit- karten find im Jahre 1909 mit 54 128 306 berechnet gegen 50 594 950 im Jahre 1908. Von dem Gcsanitverkehr des Jahres 1909 entfallen aus die II. Klasse 25 474 596. auf die III. Klasse 130 979 886 Fahrten. DaS Netz der Stadt- und Ringbahn bis zur Station Gruneioald ist jetzt 626 Kilometer lang. Es entspricht dicS einer Entfernung von etwas mehr als von Berlin bis Köln. Der starke Schneefall, der am Montagabend einsetzte, hat zahl» reiche Unfälle und Verkehrsstörungen verursacht. Nicht iveniger als 21 Personen, die infolge der Glätte verunglückt waren, nahmen die Hilfe der Unfallstationen in Anspruch, von denen die Station in der Warschauer Straße allein 8, die Station in der Schönhauser Allee 5 Fälle zu behandeln hatten. Zumeist handelte es sich um Verstauchmtgen oder andere nicht erhebliche Kontusionen und Hautabschürfmigen. Ernst- liche Verletznngeit waren insgesamt sechs zu verzeichnen, bei denen es sich durchweg um Arm- und Beinbrüche handelte. Die Zahl derjenigen Personen, die auf dem Glatteis zu Fall kamen und die Hilfe privater Aerzte in Anspruch nahmen, dürste sich auf etwa 40 beziffern. Der Schneefall hat auch eine nicht unwesentliche Erschwerung des Fuhr- Verkehrs herbeigeführt. Zahlreiche Gespanne blieben stecken und mußten durch Vorspami angezogen werden. Eine iimfangreicho Störung hat der Schnee im Straßenbahnbctriebe verursacht. Infolge der Schiiecvcrwehmigeii war eine Neberlastung der SpeiieptmUe Bic-marckstraße und Tiergarten eiiigetrcte», die dadurch Montag abend van 6.43 bis 9.10 stromlos waren. Durch Hinzuschaltung benachbarter Speiscpunkle ivurde die Störung beseitigt. Gleichartige VetnebSstörmtgen ereigneten sich später im Bereiche der Speisepnnkte 17, 52, 53, 54 und 60. An dem Speiiepunkt 53 ivurde infolge Ueberlastuitg das RückleitimgSkabel beschädigt. DaS SlörnugSgehiet erstreckte sich auf den Kurfürstendamm, Stuttgarter Platz, Kantslraße, Wilmersdorfer Straße und Großen Stern. DaS Ende des Lumpensammlers. Erfroren ist anscheilteitd der Lumpensammler August Günther. G. war stets wohnungSIoS. Jahraus jahrein pflegte er in Berlin und in den Vororten umher« zuziehen und Lumpen cinzukaufen, die er dann wieder bei einer hie- sigcn Firma mit ganz geringem Ueberschtiß verkaufte. Auf diese Weise fristete der bereits betagte Maitit fein Dasein. Gestern wurde nun am Bahndamm det Ringbahn an der Kiesholzstraßc ein Mann tot anfgefmideii. in dem man G. erkannte. Der Bedauernswerte ist vermutlich ein Opfer deS Frostes geworden. Die Leiche wurde nach dem hiesigen SchauhauS gebracht. Ein Wohltäter. Weit über zwanzig Jahre, zuletzt über 18 Jahre ummterbrochen hatte der Schlosser M. in den Borsigwcrkcn in Tegel gearbeitet und treu und ehrlich seine Pflicht erfüllt. Da ging eö nicht mehr und M. legte sich hin und starb Mitte November, seine nahezu 50jährige Frau, dereit Augenlicht immer schlechter wurde und sie hinderte, sich neniteuSwerten Verdienst zu schaffen, znrücklassend. Freunde deSMmincS machten die Witwe darauf aufmerksam, daß der Kommerzienrat Borsig ein großer Wohltäter sein solle inid die Frau, sicher nicht vergeblich bitten würde, Ivenn sie sich an den Herrn wendete. DaS tat sie denn auch. Nach ungefähr vier' Wachen Wartezeit erhielt Frau M. die trostreiche Nachricht, daß ans das UnterstiitziingS» gesilch hin die horrende Stimme von 8 M., sage und schreibe, acht ganze Mark bewilligt worden sei. So sehr Frau M. eine Unter- stütznng hätte gebranchcn können, so glaubte sie doch um diese Ricseusuntnie Herrn Borsig nicht ärmer machen zu sollen, sie ver- züchtete großmütig. Wir aber glauben Herrn Kommerzienrat Borsig einen Gefallen zu erweisen, wenn wir von seiner großen Wohltätig- kcit auch weitere» Kreisen Kenntnis geben. Arbeitcr-Bilduiigsschiile. Der FortschrittskursuS in National- ökonomie beginnt am Donnerstag, den 27. Januar, abends 8>/z Uhr bei L. Lier, Grenadterstr. 33. Wir ersuchen die Teilnehmer, pünktlich zu erscheinen. Der Vorstand. Ein Hehlcrnest hat die Kriminalpolizei in dem Zigeimerviertel auf dem Gesundbrunnen ausgehoben. Sie vcrhaitele einen Händler Oskar Meyer, der an der Bellernmmtstraße und Johlschcn Weg ein kleines Hau» bewohnte. In diesem Hanse sollen Einbrecher auö- und cingegnugen sein und Meyer soll ein guter Abuehiitcr von ge- slohleiieu Waren gewesen sein, die er immer schnell zu verschärfen wußte. Auch eine Anzahl„Lieferanten" wurden verhastet. Mit Leuchtgas vergiftet hat sich vorgestern abend ein junges Dienst- ntädchcit, Anna M., in der Dorttminder Str. 2, milcheinettd ans LicbeSgram. Als der Fall bemerkt wurde, war das Mädchen schon bewußtlos. Alle WiedcrbelcbmtgSversnche eines Arztes und von Samaritern der Feuerwehr tvaren trotz aller Muhe und Einflößung von Sauerstoff leider vergeblich. In einem zweiten Falle in der Burgstraße waren die Bemühungen der Feuerwehr von Erfolg. Durch Explosion einer Petroleumlampe kam Derfflingerstr. 14 Feuer aus. In der Gleimsir. 40, Tempelherrenstr. 10 und anderen Stellen mußte» WohmiitgSbrände gelöscht werden. Am Tempelhofer Ufer 36 war in einer Baubude Feuer mtSgelonmien. Ferner hatte die Berliner Wehr in der Belforter Str. 27, Große Frankfurter Straße, Wilhelmstr. 61 und Verschiedenen andereu Stellen zu tun. Im StraßenLahuwageu verstorben ist gestern uaiümsttag die 35 Jahre alte Frau Martha Drechsler aus der Brcdoivstr. 34. Sie hatte gegen>/.j3 llhr in der WilhclniShaveiier Straße einen Wagen der Straßenbahnlinie 21 benutzt und im Jmiern desselben Platz genommen. Am Potsdamer Platz wurde Frau D. plötzlich von einer Ohnmacht befallen und stürzte von ihrem Sitz herab. In einer Autoiiiobildroschke wurde die Besinnungslose nach der Chariis geschafft, doch konnte hier mir der inzwischen anscheinend infolge Herz- ichlageZ eingetretene Tod festgestellt werden. Tie Leiche wurde nach denr Schauhause gebracht. Aus Abiicigimg gegen daS SirchenhanS hat der 71 Jahre alte Dienstiitamr Karl Altmann aus der Petristr. 28 seinem Leben ein Ende gemacht. Der Mann wohnte alS Junggeselle 22 Jahre lang bei einer Arbeiterwitwe Wegener, die vor acht Tagen 84 Jahre alt starb. Seinem Berufe konnte er schon wegen seiner Kränklichkeit feit 14 Jakiren nicht mehr nachgehen und muhte Arinenuntersiützrmg l'cziehen. Weil es ihn» jetzt nach dem Tode seiner Wirtin an Pflege 'ehlte, so sollte er am 1� Februar in das Siechenhaus kommen. Davon Ivollte er aber nichts wissen. Nachdem er der Sinnen- direklion in einem Brief seinen Selbstmord angekündigt hatte, er- hängte er sich gestern in seiner Stube an der Türklinke. Eine Schwester seiner verstorbenen Wirtin fand ihn tot auf. Eiuc ausgedehnte Störung im Betriebe der Straßenbahn, durch welche die Verbindung zwischen Tempelhof und Berlin stark be- eintrnchligt worden ist, wurde ani DienSiagvormittag durch Schnee- verwchuugen auf dem Tenipelhofer Felde hervorgeruien. Der heftige Wind halte derartige Massen Schnee auf und in das Berliner Gleis getrieben, dasz dieses während der Zeit von 8.30 bis 0.15 llhr nicht passierbar war. Obwohl seitens der Straszeiibahu sofort Mahnabmen zur Freilegung des Schienenweges getrosten wurden, konnte der Be- trieb bis 10 Uhr vormittags nur unregelmäßig aufgenonimcn lverden. Nach dieser Zeit verkehrten die Züge fahrplanmäßig mit Anhängern. Vermißt wird seit Sonnabend der Töpfer Richard Petersen aus Vauinschulcuweg. Derselbe ist von mittlerer Figur, hat blondes Haar, kleinen Schnurrbat, däinschen Dialekt. Bekleidet war P. beim Fortgang mir kleinkariertem blaugrauen Anzug, brauugeitreistem Ileberzieher, schwarzem steifen Hut und schwarzen Schnürstiefeln. Da vermutet wird, daß P. ein Unglück zugestoßen ist, werden Personen, welche irgendwie Angaben über ihn machen können, gebeten, sich an Frau Pelersen, Baumschulevwcg, Behringstr. s, zu wenden. Vorort- Ftadmdnern Tchöneberg. Die letzte Stadwerordnetenversammlung tagte unter dem Vor- sitz des stellvertretenden Vorstehers, unseres Genossen Molken- b u h r. Die Versammlung nahm zunächst Kenntnis von einer Zu- sammenstellung des Magistrats, in ivelcher nachgewiesen wird, welche Summen andere Städte von der Größe SchönebcrgS für Zwecke der Bekämpfung der Tuberkulose aufwenden. Diese Zu- sammenstellung ist vor einiger Zeit von der Stadtverordiietenversamm- lung auf Antrag des Stndtv. Hcpner gefordert worden. Stadlv. Hepner behauptete damals, daß in Schöneberg für diese Zwecke in, Ver- hältnis zu anderen Städten zu viel ausgegeben wird. Die Zu- fammenstellnng hat aber ergeben, daß Schöneberg keineswegs mit seinen Leistungen für diese Zwecke an der Spitze sieht. Stadtv. Hepner bezweifelt die Richtigkeit der Zusammenstellung und bleibt dabei, daß Schöneberg Auftvendunge» mache, die über seine sinan- ziellen Kräfte hinausgehen. Der Vertreter des Magistrats, Stadt- arzt Dr. R a b n o w. trat den Ausführungen des Stadlv. Hepner ganz energisch entgegen und betonte, daß Schöneberg nicht die ge- ringste Veranlassung habe, die Ausgaben zur Bekämpfung der Tuberkulose herabzumindern. Für die Anschaffung von zwei weiteren Automobil- Straße n wasch wagen wurden 12 800 M. beivilligt. Der Magistrat teilte bei dieser Gelegenheit mit, daß sich die bereits früher angeschafften gleichen Wagen technisch und finanziell durchaus bewährt haben. Der Vorlage des Magistrats, zur Unterbringung der Säug- li n g s-F ü r s o rg est e l'le, der AuSkunftS-und Fürsorgestelle für Tuberkulose und der S ch u l z a h n k l i n i k im Hause Belziger Straße 40/47 vierzehn Räume zum Preise von 4000 Mark jährlich zu mieten, ivurde nach dem Bericht des Ausschusses zugestimmt. Zur vollständigen Wiederherstellung der Feuermelde- anlagen wurden 1300 M. nachbewilligt. Durch den großen Schneesall in der Nacht vom 16. zum 17. November vorigen Jahres sind auch bei den Leitungen der Schöneberger Feuermelde-Anlagen große Schäden verursacht worden, deren Wiederinstandsetzung nmr- mehr erfolgt ist. Für die Beseitigung alter und die Herstellung neuer Rohr- kanale im Friedenauer Ortsteil wurden 250 000 M. bewilligt. Für den Bau eine» Alters- und. S i e ch e n h e i m s hat der Magistrat vor einiger Zeit eine Vorlage gemacht. Der damals eingesetzte Ausschuß hat derselben zugestimmt, nur verlangte er, daß die Gebäude auf einem anderen Platze wie in dem in der Vorlage vorgesehenen errichtet werden. Der Magistrat ist diesem Wunsche bei- getreten und hat daraufhin die entsprechenden Aenderungen an dem Projekt vorgenonimen. Die Vorlage wurde abermals einem Ausschuß überwiesen. Auf Antrag des Stadtv. W o l l e r n, a n n lSoz.s, der bemängelte, daß die Erledigung dieser Angelegenheit außerordentlich in die Länge gezogen worden ist, Ivurde der Ausschuß sofort gewählt. Zum Schluß der Sitzung wurden noch verschiedene Ersatzwahlen für ausgeschiedene Mitglieder aus den einzelnen Deputationen vor- genomnien. In die S ch u l d e p u t a t i o n wurde an Stelle des ausgeschiedenen Professors Heyne der Stadtverordnete Bern- stein tSoz.) gewählt. Ckiarlotrenburg. Ein schwerer Bauunfall hat sich gestern nachmittag 4 Uhr in der Herbarthstraße zugetragen. Dort wird zurzeit dicht am Lietzensee ein altes Gebäude abgebrochen. Als nun gestern drei Arbeiter da- mit beschäftigt waren,«ine fast drei Meter hohe Mauer einzureißen, stürzte diese plötzlich unvermutet um. Während hierbei zwei der Arbeiter sich noch rechtzeitig durch Seitensprünge retten konnten. wurde der dritte unter den Trümmcrmasien begraben. Der Ver- unglückte war der 51jährige Rohrleger Adolf Wendtlandt ans der Chrislstr. 32» zu Charlottenburg. Aus Anruf rückte die Charlotten- burger Feuerwehr mit zwei Zügen nach der Unfallstelle anS. Bei ihrer Ankunft war jedoch Wendlandt von seinen Kollegen bereits unter den Trümmern hervorgezogen worden und auf dein Bauplatze gebettet. Er hatte neben Arm- und Beinbrüchen, sowie neben stark blutenden Kopfwunden anscheinend auch schwere innere Verletzungen davongetragen. Nachdem ihm Samariter der Feuerwehr Notverbände angelegt hatten, wurde er von tinem inzwischen requirierten Krankenwagen nach den, Krankcnhause Westend geschafft. Sein Zustand ist besorgniserregend. Rixdorf. In der Generalversammlung der hiesigen Zahlstelle de? Holz- arbeiterverbandes wurde zunächst die Abrechnung vom 4. Onartal 09 gegeben. Die gesamte Einnahme und Ausgabe der Zahlstelle betrug 15 249,40 M. An ArbeilSlosenuntersttttznng wurden ausgegeben 1564,85 M., Krankenunterstütznng 2123 M.. Gemaßregeltenunter- stützung 79 M., Umzugsunierstüyung 142,59 M.. Unterstützung in Slerbesällen 145 M. An die Hauptkasse wurden abgeführt 8939.80 M. Aus dem Jahresbericht ging hervor, daß trotz der ungünstigen Ver- hältnisie die Mitgliederzahl um 150 gestiegen ist. Der Kommission ist es gelungen, bei Einführung der 51 stündigen Arbeitszeit den Geschäft«. schluß in allen Betrieben auf 5 llhr festzulegen. Die Neuwahl der Verwaltung hatte folgendes Resultat: Schade, Bevollmächtigter. Frocse. Schriftführer. Heinrich und Guje, Revisoren. Zu den Gewerbegerichlswablcn, die am 20. Februar stattfinden, wurden die ausgeschiedenen Kollegen Lusch und Kote als Kandidaten wieder aufgestellt. In einem kurzen Schlußwort forderte der Bevoll- mächtigte die Mitglieder auf, die Verwaltung in allen Angelegen- heilen zu unterstützen sowie für den Verband kräftig zu agitieren. damit die Zahlstelle am Schluß de? Jahres weitere Erfolge auf- weisen könne. Das Wintervergnügen der Zahlstelle findet am 20. Februar bei Hoppe statt. I» der letzten Sitzung der Gcwcrkschaftskommission erstattete der Obmann den Täligkeirsbericht für das Jahr 1909. Einleitend be- merkte derselbe, daß ein erhebliches, nach außen weniger in die Er- schcinuiig tretendes Arbeitsqnantum erledigt lverden mußte. Statt- gefunden haben 19 Ausschußsitznngen. davon sind mehrere gemeinsam mit Wahlvereinsvorstond und Stadtverordnetenfraktion abgehalten worden. Kommissionssitzungen fanden insgesamt lv statt, an sechs Sitzungen waren neben den Delegierten die Funktionäre der Organi- sattonen beteiligt. Oeffentliche Versammlungen, die durch die hiesige Kommission siczw. durch die Berliner GewerkschafiSkommission ein- berufen waren, haben im Berichtsjahre sieben, einschließlich der drei Versammlungen am 1. Mai, getagt. Weiter nahm die Arbeilcrversicherung und speziell die Krankenversicherung die Tätig- keit der Genossen in ziemlicd erheblichem Ilmfange in Aiisprnch, galt cs doch daö Interesse der Versicherten der hiesigen Ortskrankenkaffe, die sich in bedenklicher Finanzlage befand, in erster Linie zu wahren. Zu diesem Zweck wurden drei Besprechungen der Kassendelcgierten abgehalten, in denen über Mittel und Wege beraten ivurde, die Kasse leistungsfähig zu erhalten. Leider konnte nicht ausbleiben, daß auch die Veisicherten durch die unordnnngsgemäße Verwaltung des ehemaligen Rendanten König, der bekanntlich freiwillig ans dem Leben schied, gezwungen wurden, erneut Opfer zu bringen. Mußten im November 1008 die Beiträge in der ersten Klasse allein um 24 Pi. erhöht werden, so machte sich bereits im Juli 1909 eine Herabsetzung des Krankengeldes notwendig, die im September in Kraft trat. Nachdem die Stelle des GcscdäflSsiihrerS anderweitig besetzt ist, dürfte die Kasse sich wieder auf dem Wege finanzieller Gesundung befinden. Die im verflossenen Jahre vorgenommenen Wahlen zur.Unteren Verwaltungsbehörde" sowie die sich hier anschließenden weiteren Wahlen der Vertreter in der Arbeiterversicherung zeitigten, soweit Ripdorf in Frage kommt, ein vollbefriedigendes Resultat. Die Jahresabrechnung iveist eine Einnahme von 496,72 M. und eine Ausgabe von 458.69 M. auf. Gegenstand weiterer Beratung waren dann die bevorstehenden GewerbegerichiSwahlen, die für die Arbeit- nehmerbeisiyer am 20. Februar slallstnden. Es wurde darauf hin- gewiesen, daß in diesem Jahre die Aibciterschaft Ripdorfs zum zehinenmal zur Wahl ihrer Beisitzer am Geiverbegericht berufen wird und betont, daß dieser Wahltag durch intensive Agitation für rege Wahlbeteiligung zu einem Ehrentag werden müsse. Die Sitzung, an welcher auch die Beisitzer teilnahmen, verständigte sich, eine andenveitige Verteilung der Mandate nicht vorzunehmen. Mit dem Hinweis, bei den Wahlen genügend Hilfskräste zu stellen, waren die Beratungen beender. Friedenau. Sie wollen unter sich bleiben! In der letzten Sitzung der Gemeindevertretung stand der schon zweimal vertagte Antrag dcS Vereins für Handel und Gewerbe, welcher die Vermehrung der Zahl der Gcineiüdcvertreter von 13 auf die gesetzlich höchst zulässige Zahl von 24 verlangt, zur Beratung. Der Gemeindevorsteher Herr Walger beantragte namens des Gemeinde- Vorstandes, den Antrag abzulehnen, da sich die Notwendigkeit zu einer Vermehrung der Gemeindevertreter bis jetzt noch nicht heransgeslellt hätte. Nachdem noch ein gewisser Herr Ott, seines Zeichens RechniingSrat, sich gegen die Vermehrung ausgesprochen und auch die Begehrlichkeit der Nichteingeiessene», welche mit 5 Vertretern unter 13 nicht zu- frieden Ivaren, in grellen Farben geschildert hatte, kamen die Befür- worter deS Antrages auf Vermehrung, die Herren Schulz und Weber, zum Wort. Nicht Gründe prinzipieller Natur waren es, welche diese Herren anführten, sie lamentierten nur darüber, daß der eine oder der andere mit KommiisionSarbeiten zu sehr überlastet sei. ES sprachen noch verschiedene Redner gegen und Herr Gemeinde- Vertreter Kunow für Erhöhung. Ans Antrag des Schöffen Lichtheim wurde dann die Abstimmung geheim vorgenommen. Der Antrag des Geineindevorslandes gelangte mit 13 gegen 8 Stimmen zur An- nähme. Mit diesem Beschluß haben die Herren dokumentiert, daß ihnen viel daran gelegen ist, unter sich zu bleiben, was nach außen hin— allerdings einen sehr komischen Eindruck macht. Zu Punkt 2 stand die Bewilligung von Mitteln zur Geburtstags- feiet Wilhelms II. auf der Tagesordnung. Es findet am 27. Jminar aus diekem Grunde in der Aula dcS Gymnasiums ein Festesten für zirka 100 Personen statt. Da den Herren die Unkosten hierzu zu hoch sind, der Patriotismus, wenn es an den Geldbeutel geht, ja auch bald eine Grenze bat, beantragte der Gemeindevorstand als Zuschuß zur Deckung der Unkosten die Summe von 400 M. zu bewilligen. Auch verschiedene Klimbiinvereine, so unter anderen der Kriegcrverein, der Reichs- verband und die Ortsgruppe der Freisinnigen BolkSpartei hierielbst veranstalten zu demselben Zweck einen Kommers. Unter Berück- sichtignng dessen, daß man das monarchische Gefühl der Teilnehmer durch große Ansprüche an deren Portemonnaie nicht ins Wanken bringen dürfe, beantragten auch diese Vereine die Bewilligung eines Zuschusses. Der Gemeindevorstand hatte denn auch das.richtige" Verständnis für diese„edle" Sache und schlug vor, die Summe von 200 M. zur Hebung des monarchlschen Gefühls zu bewilligen. Gemeindevertreter Schulz sprach sich gegen die Bewilligung von Mitteln ans-der Gemeindekasse ans. Das Resultat der Verhandlung war die fast einstimmige Annahme deS Antrages deS GcineiiidcvorstandeS, der für den Schmaus der AuSerwähtten 400 und für den größeren Teil des Ordnungsbreies 200 M. zur Ivürdigen Abhaltung eines patriotischen Kommerses verlangt. Die Arbeiterschaft, der man durch ein schändliches Wahl- recht de» Eintritt in die Gemeindevertretung verwehrt, protestiert auf das Enlscbiedcnste, daß die Groschen der Steuerzahler sür der- artige Zwecke verschleudert werden. Lichtenberg. Um das am Freitag, den 4. Februar, zur Ersatzwahl stehende Stadtverordnetenmandat dcS 14. Bezirkes der 3. Abteilung dürfte ein außerordentlich heftiger Kampf entbrennen. War doch dieser Bezirk bereits bei der Wahl vor zwei Jahren ein sogenannter Be- amtcnbezirk; um die Lehrer und Beamten zu lodern, stellte man damals schon einen Beamten als Kandidaten der vereinigten Bürgerlichen aus. Der Erfolg war denn auch, daß dieser Herr 143 Stimmen auf sich vereinigte, während der Genosse Gliese 187 Stimmen erhielt. Nachdem sich der Zuzug von Beamten nach diesem Bezirk noch bedeutend vergrößert hat, glauben die Bürgerlichen diesmal das Mandat bereits in der Tasche zu haben. Wie uns berichtet wird, sind schon in der letzten Versammlung de»„Bürger- vereinS" von Lichtenberg die Herren Beamten, Lehrer, Rektoren und Großindustriellen gemeinsam gegen die Sozialdemokratie vom Leder gezogen. Interessant ist hier für den Eingeweihten, daß diese edle Gemeinschaft noch vor ganz kurzer Zeit im schärfsten Gegensatz zu einander stand. So kann man beispielsweise von den Lehrern und Beamten bei Besoldungsfragen stets in ziemlich scharfer Weise das Verhalten der Bürgerlichen kritisieren hören, daß sie auch genau wiffen, daß lediglich nur die Sozialdemo- kratie cS ist, die ihre Interessen vertritt. Noch ist den Lehrern und Beamten das beamtenfeindliche Verhalten der Bürgerlichen bei der Besoldungsvorlage in Erinnerung, die erst vor kurzem zur Beratung stand. Waren es doch Beamten- Vertreter, welche mit dafür stimmten, die Dienst- und BesoldungS- ordnung in geheimer Sitzung zu verhandeln. Die Flucht der Herren in die geheime Sitzung halte den Zweck, sich der Kritik ihrer Wähler zu entziehen, um dann späterhin öffentlich sich wieder als Beamten- und Lchrerfreunde hinzustellen. Das wurde auch bereits damals von unseren Genossen in der betreffenden Sitzung festgenagelt. Jedoch auch hier müssen die angenommenen Beschlüffe und die 'pater noch von der bürgerlichen Mehrheit auf Beranlaffung des Magistrats angenommenen Verschlechterungen, unter denen sich teil- weise direkt schinipfliche Zumutungen an die Beamten finden, den- selben die Augen öffnen. Da die Vertreter der Sozialdemokratie prinzipiell für die Verbesserung der Lohn- und Arbeits- bedingungen der Arbeiterschaft als auch der Ausbesserung der Gehälter und Anstellungsbedingungen der Lehrer, mittleren und Unterbeamten eintreten, können es nur die bürgerlichen Freunde der Herren ge» wescn sein, welche gegen die Verbesserungen gestimmt haben. Tempelhof. In der Eeucralvcrsammlung des Wahlvereins erstattete der stell- vertretende Vorsitzende, Genosse Rabe, den Jahresbericht. Das nach außen hin ziemlich ruhig verlaufene Berichtsjahr hat hauptsächlich dem inneren Ausbau der Organisation gedient. Trotz zahlreicher Streichungen und AnSirittc von Mitgliedern ist die Zahl der Mit- glieder von 280 auf 300 gestiegen. Auch die Zahl der weiblichen Mitglieder ist von 26 auf 47 gestiegen.— Der Kassenbericht des Genossen Kiehn sür das vierte Quartal weist eine Einnahme von 210,63 M. und eine Ausgabe von 207,16 M. ans. An die Kreiskasse wurden 140,45 Dk. gesandt.— Ein ebenfalls erfreuliches Bild zeigte der SpcditionSbericht des Genossen Tbiel, nach dem der monatliche Durchschnitt der„Vorwärts"- Abonnenten von 347 im dritten Ouarkal auf 3S6 im vierten Quartal stieg.— Die anschließenden Ergänzungswahlen zum örtlichen Vor- stand hatten folgendes Ergebnis: erster Vorsitzender: Genosse Rabe; zweiter Vorsitzender: Frau Thiel; Beisitzer: Jrrgang; Lokal- koinmiifionSiniiglicd: Genosse Albert Thiel.— Hierauf hielt Genosse Martin Müller einen beisällig aufgenommenen instruktiven Vortrag über:„Die Bestimmungen der Landgemeindeordnung", der im Hin- blick auf die bevorstehende Gemeindeverrreterivahl von größtem Interesse war.— Ein Antrag, der den Geineindevorstand ersucht, bei der kommenden Gemeindewahl die Wahlzeit für die dritte Ad- teilung bis 8 llhr abends auszudehnen und gleichzeiiig sür die Wahlberechtigten eine schriftliche Aufforderung zup Wahl wünscht, ivurde einstimmig angenommen. Strausberg. Prügelszencn sollen sich, wie bereits vor längerer Zeit in einigen Blättern zu lesen war, des Nachts auf dem hiesigen Bahnhof abspielen. ES wurde damals mitgeteilt, daß. wenn Fahrgäste abends im letzten Zuge einschlafen, ihre Station, an welcher sie auszusteigen hätten, vergessen und dann an der Endstation Strausberg ankämen, nicht selten von Bahnangestellten am Bahnhof verprügelt würden. Wir nahmen damals von diesen Nachrichten keine Notiz, weil wir nicht glauben konnten, daß so etwas möglich sei. Jetzt wird uns ein solcher Fall mitgeteilt, den wir nicht unerörtert lassen möchten. In der Nacht vom 13. zum 14. d. M., so schreiben uns zwei in Fredersdorf wohnende Arbeiter, überfuhren wir, da wir eingeichlafcn waren, mit dem Zuge 1,30 Uhr die Station Fredersdorf; wir trafen zu unserem Erstaunen in Strausberg ein. Im dortigen StationS- bureau wurden zunächst unser» Personalien festgestellt. Als wir unS hinreichend legitimiert hatten, faßte uns an der unteren Treppe ein Bahnangestellter am Genick und stieß nnS auf das harte Pflaster. Der Anlaß hierzu war, daß wir im Dienftraum den Hut nicht abgenommen battcn; wir taten dieS deshalb nicht, weil auch der betreffende Angestellte sowie der Vorsteher die Mützen aufbehielten. Doch als wir unS wieder aus- gerichtet halten, sausten plötzlich Gummischläuche auf uns nieder. BewnßloS blieben wir über eine Stunde im Straßengraben liegen. Wie uns die Mißhandelten weiter mitteilten, gingen sie am nächsten Tage in das Stalionsbnreau, um zwecks Stellung von Strafanträgen sich die Adresse des tag» zuvar niitanwesendcn Beamten zu erbitten. Die beiden Fahrgäste glaubten in einer der auf sie einschlagenden Personen diesen Beamten wiedererkannt zu haben. Der Vorsteher soll sich jedoch geweigert haben, den Namen dcS Beamten bekannt zu gebe». Soweit die Darstellung. Wie in einem früheren Fall wird es sich die Eisenbahndirektion sicher zur Aufgabe machen, eine Untersuchung deS hier geschilderten Vorganges anzustellen. Insbesondere ist es notwendig, daß der Bahnbeamte oder-Arbeiter ermittelt und den Arbeitern zur Kenntnis gebracht wird, den letztere als Mittäter bezeichnen. Den Namen dieses Mannes den Arbeitern bekannt zu geben, war der Stationsvorsteher schon verpflichtet, wenn er nicht den Verdacht der Mitwisserschaft solcher Prügelszenen aus sich laden will. Wenn auch die beiden Arbeiter die einfachsten AnstandSformeln verletzt haben, bleibt eS ein unerhörter Vorgang, daß sie— nach Meinung der letzteren— vori Bahnangestellten mit Gnmmischlänchen mißhandelt werden. Solche Vorgänge darf die Eisenbahndirektion nicht dulden. Britz-Buckow. Seinen Tätigkeitsbericht erstattete der Vorstand des Wahf/ereinZ in der Generalversammlung. Danach fanden im abgelaufenen Ge- schäftsjahr 9 Vereinsversammlungen, 7 öffentliche Versammlungen (davon 2 in Buckow). 3 Frauenversammlungen, 9 Flugblatt- und Handzettelverbrcitnnaen, 3 Landagitationstouren und 3 Vortrags- abende statt. Außerdem wurde eine ArbeitSlosenstatislik vorgenommen. Die Agitation für den Achtnhr-Ladenichliiß hatte die Einführung desselben am 1. Mai zur Folge. Die Mitgliederzahl sank leider von 316 am 1. Januar aus 290 am 31. Dezember. Borwärlsleler find gegenwärtig 354 vorhanden. Der Bibliothek wurden 10l Bücher entliehen. Im Bericht der Gemeindevertreter ist die Erwerbung der Gasanstalt dinch die Gemeinde und die Erhöhung von 12 ans 18 Gemeindevertreter zu erwähnen. Die Einnahmen deS letzten Bierteljahrs betrugen 323/76 M.. davon wurden 219 18 Dl. an den Kreis abgeliefert, während 75,65 M. am Orte verausgabt wurden. Der bisherige WahlvereinSvorstand hat sich bereit erklärt, feine Aemter bis zum Juli weiter zu führen; cs wurden nur die Genossen G. Schultz als Revisor. E. Günther in die Bibliothek- kommission und P. Ernst in die LolaUomnufsion gewählt. Senzig.(Kreis Teltow.) Mit der Aufstellung der Kandidaten zur diesjährigen Gemeinde» wähl beschäitigte sich die letzte WahlvereinSversanimlung. Für die dritte Ahleilung ivurde Genosse I u l. G a l l a s ch und für die zweite Abteilung Genosse Paul Kreitlow aufgestellt. Der, Vor- sitzende ersuchte die Versammelten, mit größerem Eifer wie bisher die Arbeiten für die Partei, insbesondere für die bevorstehenden Ge- meindewahlen aufzunehmen. Weihensee. DaS hiesige GewerkschaftSiartell nahm in seiner letzten Sitzung den Jahresbericht entgegen. Wie mitgeteilt wurde, ist im verflossenen Jahre eine durchgreifende Agitation für die hiesigen Geineindearbeitcr und Schlächter in die Wege geleitet worden. Unter den Gemeindearbeitern hat die Organisation eine gute Verbreitung gefunden. Die Krankenkassemvahlen nahmen unter starker Beteiligung einen günstigen Verlauf. Die Liste oer Arbeitgeber, Ivelche ebenfalls vom Kartell ausgestellt war, siegte einstimmig. Zum ersten Male im vergangenen Jahre beteiligten sich die organisierten Arbeiter an der Deleqierteiiwahl zur Orts» kranknkgsse für Französisch-Buchholz. Bisher waren der größte Teil der Delegierten sich ihrer Aufgabe nicht bewußt, deshalb zeigten sie auch kein Interesse an dieser für sie wichtigen In- stitution. Tie organisierten Arbeiter stellten eine Liste auf, welche dann auch gewählt wurde. Um eine durchgreifende Agitation für Gewerkschaft, Konsumgenoffenschaft,„Vorwärts" und Partei in die Wege zu leiten, wurden Fragebogen herausgegeben; das Re- sultat soll bann zusammengestellt werden. Man hofft auf diesem Wege die noch Fernstehenden zu gewinnen. Tie Neuwahlen hatten folgendes Ergebnis: Als Vorsitzender wurde Genosse Richard Daeschner, Tischler, Langhansstr. 148, wiedergewählt, als dessen Stellvertreter Genosse Siewert, Maurer, und zum Schriftführer Genosse Neumann, Vertreter der Handlungsgehilfen. Neinickendorf. Die in der letzten Versammlung der hiesigen GewerkschattS- kommission erfolgte Neuwahl des Vorstandes ergab folgendes Resultat: Vorsitzender: Paul Robinson. Reinickendorf-West, Blankestr. 2; Kassierer: Franz Otto; Schriftführer: Wilhelm Popp. Alle Zu- schriflen sind an den Vorfitzenden zu senden. Nowawes. Ter TerronSmuS der Sozialdemokratie spielte auch in der letzten Sitzung des Potsdamer BezirkSauöschiffseS eine Rolle. Der jetzt in Trenenbrietzen wohnhafte Restauratenr August Sliinmek, ivelcher vorher das Restaurant„Zum Einsiedler" in Nen-Babelsberg belaß. klagte aus Erlangung der Schankkonzession sür ein in Trcuenbrietzen gelegenes Lola!. In der Vorüandluiig«Härte mm der Vertreter des Klägers, dan letzterer sein Lokal in Neu-Babelsberg tzabe auf» geben müssen, weil er infolge seiner Weigerung, sozialdemokratische Zeitungen zu halten, boykottiert worden sei. Diese offenbar daraus berechnete Aussage, den Kläger als ein Opfer deö Tcrrorismus der Sozialdemokratie hinzustellen und dadurch den BezirksanSschnff siic seine Sache günstig zu stimmen, entspricht in keiner Weise der Wahrbeit. Die zuständige Organisation für die Verhängung eines Boykotts über das genannte Lokal wäre der Wahlvercin Nowawcs gewesen, und in diesem ist niemals darüber verhandelt worden, was auch zwecklos gewesen wäre, da das Lokal so ungünstig liegt, dag eS für die Zwecke der Arbcilerschast gar nicht in Betracht kommt. Einen Nutzen hat diese Denunziation für den Kläger übrigens nicht gehabt, da der Bezirksausschuß die Klage abwies, weil dem verschiedentlich vorbestraften Kläger nicht dicienige Zuverlässigkeit zuzumessen sei, die man von ihm fordern müsse. Potsdam. Stadtvcrordnctcnfifeung. Dem Wohltätigkcitsverein wurde die Unterstügung von 600 i)f. ans 900 M. erhöht. Hierbei fragte Stadt- verordneter Kic'che an, ob dem tviagistrat eine llebersichr über die von den Vereinen gepflegte Wohlrängkeil zustehe. Nach seinen Er- fahrnngen würden z. B. zu Weihnachten diejenigen, die es ver- ständen, mehrere Male beichenki, während iolche, die es wirklich davon ansgeichloffen blieben. Ihm wurde in Potsdam eine Zeiurnliiation mit Rück- vielen verschämten(!) Armen nicht durch- Die Gebiibren für Schlachtungen von Schweinen auf dem städtischen Schlachthof werden je nach Gewicht um 1,50, l,00, 0,50 M. pro Stück erhöht. Die Erhöhung tritt in Kraft, wenn die Schlachlsleuer aufgehoben wird.— Die Bewohner der in nächster Nähe der Stadt liegenben Cecilienhöhe und Dabeim schicken ihre Kinder in die Potsdamer Genieindeschule gegen Zahlung eines Schulgeldes von 6 M. jährlich. In den Bauverein Cecilien- höbe werden nur Arbeiter anfgenoinmen, die sich verpflichten, religiös und kaisertreu zu sei». Daheim ist für die Arbeiter der Eisenbahn- wcrkstäiten reserviert. Da nun die Stadt die beiden Kolonien io- wie das Zivischeniand eingemeinden möchte, der Kreis Zauch-Belzig aber große Abfindungssummen beansprucht, hat man vor kurzem be- schloffen, die Jnanipruchuahme der Genicindeschulen nur gegen Er- staltnng der eigenen Kosten, pro Kind 60 M.. zu gestalten. Das hat Massenlünjpguugen in den Kolonien veranlaßt. Ein Magistratsantrag verlangte nun die Aufschiebung der Wirkungen des erst vor zirka sechs Wochen gefaßten Beschlusses. Nach längerer Debatte, in der sich ein Stadtverordneter überhaupt gegen Eingemeindung dieser „Arbeiterkolonien" aussprach, wurde der Magistratsantrag fast e i n st i m m i g abgelehnt.— Da die Verhandlungen mit dem Hofmarschallamt wegen Führung der Elektrischen nach Wildpark gescheitert sind, wurde folgende Linienführung be� schlössen: Auguste- Viktoria- Straße, Vikloriastraße, Kastanienallee, Neue und Alle Luisenstraße zurück»ach Bahnhof Charlollenhof. bedürftig ieicu, entgegnet, daß ficht auf die fiibrbar sei. Sericbts- Leitung. DaS Tageknich einer Verlorenen. Ein Beleidignngsprozcß, den die Verfasserin dcS„Tagebuch einer Verlorenen", die Schriftstellerin Margarete Böhme gegen den Schrislsteller von M e t s ch- S ch i l b a ch angestrengt hatte, gelangte gestern vor der 9. Strafkammer dcS Landgerichts l nnter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Nenenfold zur Verhandlung in der Bel rufungsinftanz. Der Beklagte von Meisch-Schilbach war, wie seinerzeit mitgeteilt, vom Schöffengericht Berlin-Milte wegen Be leidignng der Klägerin zu 200 Marl Geldstrafe verurteilt worden. Die Beleidigung wurde darin gefunden, daß der Beklagte in seiner Tätigkeit' als N-zensent für eine Zeitung in Halle die Be bauptung ausgestellt hatte, daß der in dem„Tagebuch einer Ver lorenen" dargestellte Lebenslauf der„Thymian" die LebenSgeschichle •der Klägerin wäre und daß diele mit der Rommtfigur Thymian identisch wäre.— Gegen diese« Urteil legte die Klägerin Berufung ein. Mit Rücksicht auf die Schwere der Beleidigung hielt die Straf- kammer die vom Schöffengericht verhängte Strafe für zu milde und erkannte auf 600 M. Geldstrafe. Ein nächtlicher Naulivwrdversuch beschäftigte gestern da« Schwurgericht de« Landgerichts HI. Ans der Untersuchungshaft vorgeführt, hat sich der Schncidergeielle Wilhelm W i e t st o ck auS Fangschleuie wegen schweren Diebstahls, versuchten Mordes und verstlchte» schweren NanbcS zu verantworte». Der in Fnngschleufe wohnhafte Angeklagte ist mit dem ebenfalls dort ansässigen Kaufmann Groffe näher bekannt. Am 21. November 1908 forderte G. den Angeklagten ans, mit ihm zur Kirche zu gehen. Wietstock lehnte dies ab und benutzte die Zeit, in welcher sich G. in der Kirche befand, zu einem Einbruch in dessen Wohnuag. Der Angeklagte drückte eine Fensterscheibe ein und stieg durch die Oeffnung in die Wohnung besG., auS welcher er den Betrag von 21 M. entwendete. Im Oliobcr vorigen Jahres war Wietstock arbeitslos. In dieser Zeit ,oll er einmal geäußert hoben, betteln gehe er nicht, lieber gebe er einem ein Ding auf den Kops und nehme was er finde. In dem Angeklagten reiste schließlich ein ganz ungeheuerlicher Plan, den er auch in der Nacht zum 19. Oktober zur Ausführung brachte. Gegen 1 Uhr nachts klopfte der Angeklagte an die Fensterscheiben der zu ebener Erde gelegenen Grosseschen Wohnung. Als G. wach wurde, hörte er eine Stimme rufen:„Albert komm doch nial runter, Mutler ist ja so krank." Auf seine Frage, wer da sei. antwortete der Angeklagte mit verstellter Slimnie:„Ich bin es Ferdinand. Mutter bat einen Herzschlag bekommen." In der Meinung, seinen Schwager vor sich haben, öffnete G. die Haustür. In nemselbcn Augenblick'ührte der Angeklagte mit einem«Pfund schweren Schmiedehammer einen wuchtigen Schlag nach dem Kopfe des völlig Ucbcrraschten. Grosse hatte jedoch die Geistes- gegenwarl. zurückzuspringen, so daß der Schlag die Tür traf, die völlig zersplitterte.— Der Angeklagte, wurde am nächsten Morgen verhaftet und legte auch sofort ein Geständnis ab. Er gab zu, die Absicht gehabt zu haben, de» Zeugen Groffe zu berauben, er bestritt jedoch energisch, den Plan gehabt zu habe», den G. zu töten. Er habe nur beabsichtigt, de» G. durch den Schlag mit dem Hammer zu betäuben. Bei dieser Behauptung blieb W. auch vor den Geschworene», obwohl ihm der Vorsitzende Landgerichts- direktor S e h m e r mehrfach vorhielt. daß er sich habe sagen müssen, daß ein acht Pfund schwer Vorschlaghannner selbst bei einen, nicht allzu träfligcn Schlage auf den Kopf emes Menschen unbedingt den Tod herbeiführe. Nach einer Beweisaufnahme, die nichts Wesentliches erbrachte. bejahten die Geschworenen die Schnldfragen nach schwerem Diebstahl im Rückfalle, versuchtem Totschlag und versuchten schweren Raubes unter Vcriagung mildernder Umstände. Slaatsanwaitschafisrat Brünning beantragte eine Aitchthausstrafc von ö'/e 3ii»ig, vier Treppen, UM- Fahrstuhl-igaW ivochentiiglich abends von IM bis Sth ubr statt. Gevsinet 7 Uhr. SonnadendS besinnt die Spreehiiunde NN, s»Hr. Jeder Am'rase ist ei» Buchstabe und eine Zahl als Biertzeiche» deizufiiae». Briefliche Aiitwort Wied nicht erteilt. Bis»ur Beantwortung Im Briefkasten könne» 1t Tage vergehe». Eilige Frage» trage man i» der Sprechitunde vor. Schloststr. 38. ES ist weder polizeiliche noch gerichtliche Bescheinigung erforderlich.— W. R. 21. Nach der herrschenden Ansicht»ein.— W. T. 86. Ihrer Schwester wäre da« noch möglich, Iimcii nicht, weil als Hebainine nicht angcslellt wird, wer älter als 30 Jahre ist. Die Meldung bat bei dem Polizeipräsidium zu erfolgen, dann erfolgt eine Prüfling beim StadtphysituS(Sehen, Hören, Rechnen usw.). Hierauf wird die Betreffende in die Anwärlerliste eingeschrieben. Wenn die Reihe an sie ist— das kann zwei Jahre dauern— wird sie zum Hebanimeiitlirsuz eiuberusen. dieser findet in der Charit« statt und kostet'100 M. Er dauert sechs Monalc. Dann ersolgt die Hcbainmcnprüsuiig und, wenn die Bctrcsfendc noch nicht 30 Jahre alt ist, die Bestallung als Hebamme.— Schiineberg, Straffe 18. 1. und 2. Nein. Wenn die Wirtin unter der von ihr ge- stellten Bedingung Sie aus der Bcrtragsverpslichtung enllassen will, wäre eS ratsam, daraus einzligehen. weil Sie sonst bis zum 1. Oltobcr zahlen müßten. — M. G. W Wird ein Haus freihändig verkauft, so gelten die Miel»- vertrüge für Mieter und Vermieter weiter.— H. H. 7. Sie waren zur Zadliuig verpflichtet.—(S.@. 87. Lassen Sie unterfucheli, ob die Wohnung, wie es scheint, gciundheitsgcsährlich ist, und verlange» Sie dann vom Wirt Aushebung des Vertrages und Schadenersatz.— L. 9. Der Wirt würde boranssichilich annchnien, daß die Bestimniungen über Miels- dauer und Kündigungssristcn, die für die alte Wohnung vereinbart waren, auch für die neue Wohnung gelten.— H. G. W. 100. 1, Zur Zahlung der Kcnlen sind Sie nicht verpflichtet. Lehnen Sie eine Aufforderung ab und iassen Sie es am eine Klage ankommen. 2. Der Lohn ist wegen solcher Forderung nicht pfändbar. 3. Wenn Sie die Wirtschaft ans Ihr- Frau üoerirngcn wollen, so müssen Sie einen gerichtlichen oder notariellen Vertrag abschließen. Der Vertrag ist aber für bereits bestehende Ver- biiidlichleite» nicht gültig.— Charloitenburg. 1. und 3. Ja. 2. Nein. — R. K. W. 1. Auch Chambrcgarnisten haben MietSsteinpel zu zahlen. wenn die Jahresmietc 36g M. und darüber beträgt. Frühstück, Bedienung und dergleichen zäblt nicht zur Miete. Ob der Vertrag mündlich oder schriftlich geschlossen ist, ist unerheblich. 2. ES kommt nicht daraus an, wieviel Zimmer vermietet siud, sondern wieviel Verträge geschlossen sind. — E. K. 30. 1. Die Forderung ist nicht verjährt. AuSgellagu Forderungen verjähren in 30 Jahren. 2. Gegen das Bersäumnismteil müßten Sie innerhalb zwei Wochen Einspruch einlegen.— Karl 20. Dagegen wäre leider nur eine Beschwerde bei der Schulaujstchisbchörde möglich. — G. St. IS. Sic, Ihr Mann und der Vormund müßten zu Protokoll dcS Standesbeamten, der die Geburt ausgenominen hat, oder zu Protokoll eines Notars ein Protokoll linterzeichnen. In dieseii, Protokoll häite Ihr Mann zu erklären, daß er Ihrem Kinde seinen Namen gibt. Sie und der Vormund hätten Ihre Einwilligung zu erklären. Die Kogen betragen etwa 10—20 M. Die vom Notar aufgenommene Urkunde müßten Sie dem Standesbeamten, der die Geburt eingetragen hat, mit dem Antrage über- senden, den Namen des KindeS umzuändern— Z, Leider nicht möglich. — W. B. 100. Ohne Kenntnis des Wortlauts des Testaments ist Ihre Frage nicht zu deantworte».— G.738 SSO Wie» 742 NNO Stationen SO »— ä B c H is Haparanda 739 N Petersburg 750 ONO Scilla---------- Aberbee» Barts Wetter o— 5» gtrf *£ 747 MSB 4 bedeckt 740 NNW, 2 heiter 2 halb bd.— 23 1 Schnee—14 ''■ 6 -6 Wetterprognose kür Mittwoch, den 26. Januar 1010. Eiwas kälter, teilweise heiler, aber veränderlich mit leichten Schneefällen und frischen nördlichen Winden. Berliner W et t er b u r e a u. Wafferstauvs-Ätachrichton der LandeZanstalt tür Gemäss erkunde, mitgeteilt vom Berliner Wcttcrbnreau. Wasserstand - m e l. Tilflt Brezel. Jnsterbilrg Weichsel. Tborn Oder. Raiibvr . Kroisen , Franliurt Wa r t h e, Schrimm , Landsberg Netze, Vorbamm Elbe, Leiimeritz , Dresden , Bardo , Magdeburg ')+ bedeutet Wnchs.— Fall.») Unterpegel,-st EiSflaud.«) starkes GrundeiSIreiben.°) schwaches GrundeiStreiben.') GrundeiSgang. SoziaiaeinokraiiseöJatilvereiii! des 3. Xnchruf! Am 21. Januar ocrstarb unser\ Mitglied, der Buchbindermeister lisuAS k'i'Zisvk und wurde am Montag, den I .. 2t. Januar, beerdigt. y chre seinem Zlnden5en! 1 Der Vorstund.| Oeutsctier Metallarbeiter-Verband! Brnvaltnugsstellr Berlin. Todes- Anweise. Den Kollege» zur Nachricht, das! � unier Mitglied, der Schlosser kiekai'll Dibowsky am 24. d Mts. an Nervenleiden gestorben ist. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung siudct am Donnerstag, den 27. Januar, nachmittags 3'/� Uhr, von der Leichenhalle des städtischen Fried- hoies. Müllerstraste, au? statt. Rege Beteiligung erwartet Die Ortsverwaltung. lleulsebei' »vIisrbeitei'-Vei'dANl! Den Mitgliedern zur Nachricht, east unser Kollege, der Tischler WHKelm Fertig am 23. Januar gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet heute, Mittwoch, den 2g. Januar, nach- mittags 3 Uhr, von der Halle deSZentralsriedhoses in Friedrichs- selbe aus statt Um rege Beteiligung ersucht 3/g Bis Ortsverwaltung. Allen Freunden, Bekannten und ! Verwandten zur Nachricht, dast mein lieber, guter Mann, unser | sorgsamcrVatcr, derZimmcrman» Emil Fischer am 24. d. M. nach langem Leiden insolge eines BetriebSunsalles in der LandeSirrcnanstalt zu Teuditz verstorben ist. 13/4 Die trauernden Hinterbliebenen freu Ziselier u. Familie. Die Beeidigung findet daselbst am 27. d. M. um 3 Uhr statt. Zentral-Verband der Zimmerer Deutschlands. Zahlstelle Berlin und Umgegend. Bezirk St». Den Bcrussgenosscn zur Nach- richt, dast unser Mitglied Emii Fischer am 24. Januar in der Landes- Irrenanstalt verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 27. Januar, nachmittags 3 Uhr, dortsclbst statt. Abfahrt: Görlitz« Bahnhos 12'/, Uhr. Ter Borftand. Zentralverbaml d. Stukkateure Filiale Itorlln. Snchrnk. Am 23. Januar starb hlötzlich und unerwartet unser Mitglied i�einhoid Röhr im Atter von 51 Jahren an Gc- hinihautentzündung. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am 27. Januar, nachmittags 2 Uhr, von der Leichenhalle des Zentral- Friedhofes in Friedrichsseide aus statt. 173/1 Rege Beteiligung erwartet �����Di�Ortöverwaltur� Danksagung. Für die zahlreiche Beteiligung und schönen Kranzspenden bei der Beeidigung meiner lieben Frau sagen trir allen Verwandten, Freunden und Bekannten, hauptsächlich den Kollegen iind Kolleginnen der Zigaretten. Fabrik Garbäih und der Firma GlogowSki u. Co., unleren herzlichsten Dank. 40S3L Franz Dinker und Dahn. Danksagung. Allen lieben, werten Freunden und Bekannten, die bei der Beerdigung zncines lieben ManneS, des Gastwirts Gustav Barnsee >0 ausopscrnde Teilnahme erwiesen Habel», meinen innigsten Dank Die tieftraucrnde Witwe. Danksagung. Für die Bciveise herzlicher Teil- nähme bei der Beerdigung meines lieben Mannes, imscres guten VatcrS Hugs» FHtsch jagen wir allen Freunden, Kollegen und Bekannte» innigsten Dank Witwe Fritsch und Kinder. �tackrirf. Am Freitag, den 21, Januar 1910 verstarb nach langem, schwerem Leiden im Alter von 30 Jahren unsere treue Kollegin, die Zigarettenarbeiterin Frau Martha Vinter. Ihre Rastlosigkeit und steter Opfermut für ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen werden ihr bei uns ein dauerndes Andenken bewahren. Die Kollegen und Kolleginnen der Zigarettenfabrik J. Garbaty, Pankow=Berlln. Berlin, den 25. Januar 1910. 400B Danksagung. Allen Arbeitskollegen u. Kolleginnen meines verstorbenen Mannes sowie dem Verband der Texiiiarbeiicr und der Posamentterc jür die Teilnahme und Kranzspenden spreche ich ans diesem Wege meinen innigsten Dank auS. HVwo. Anna(.ösebner nebst Kindern. Dr. Simtnel Spezial-Arzt* für Haut- und Harnleiden. Prlnzenstr. 41, ÄU*. 10— 2. 5— 7. Sonntags 10— 12. 2—4. meine Praxis wieder aus- genommen. Gr. Artur Schlesinger, Spezlalarzt für Chirurgie. Westüianus Fxlra- Abteilung I. Geschäft: Berlin W, Mohren- StraBe 37a(2. Haus von der Jerusalemer Straße). II. Geschäft: Berlin NO., Große Frankfurter Str. 115(2. Haus von der Andreasstraße). 1 Sehr pr. Auswahl fert. Kleider, Hüte, Handschuhe, Schleier etc. vom einfachsten bis zum hoch- ! elegantoston Genre zu äußerst niedrigen Preisen. Sonder-Abteilung: SlaOanfcrtieiing; in 10 bis 12 Stunden. Alexandrinenstraste"ZT, an der Rittcrstraste, 2 Stuben, Küche 1. 4. 1910 zu verinieien. 181/11» Deutseber Holzarbeiter-Verband. Selten günstige Kauf-Gelegenheit! 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Quartal 1909. 2. Jahresbericht. 3. Neuwahl der Ortsverwaltung. 4. Stellungnahme zur Verschmelzungssrage. MM- Vollzähliges und pünttlicheS Erscheinen aller Mitglieder nnbevingt notwendig. 73/1 Ble OrtBTorwaltnng, Herren-Anzüge Herren-Hosen Phantasie- Westen Herren-Hüte Wäsche— Kragen Loden-Joppen Pelz-Joppen Geh-Pelze Gummi-Paletots Pelerinen-Mäntel Herren-Paletots Herren-Ulster Knab en-Paletots Knaben-Anzüge Knaben-Hosen usw. Baer6ohn Chausseestraße 29-30 Gr. Frankfurterstr. 20 11 Brückenstraße 11 Schöneberg, Hauplstr.lD Der Haupt-Katalog Ho. i8(neueste Moden) kostenlos und portofrei. Tischler- Werkstätten mitDainpfhelmgu Mertmng sofort zu verpachten. Fräserei im Hause. Schwedter Strohe 258 Verband der Waler, Saoklerer, Anstreicher«•. Mclchiorstraße 28,»ort. WislS LSkliN. Fernsprecher Amt IV Nr. 4787. Doiinerstlig, den 37. Innimr fOlO, alituds 8 Uhr: Mitglieder-Versatiunluiig in Kellers Festsälen sJnhciber Freyer), Koppenstr. 29. Tagesordnung: 1. Wahl der Kandidaten zur Generalversammlung. 2. Der Reichstaris und die augenblickliche Lage in unserem Berus. 3. Eventuelle Wahl des Tarisamts. Wegen der Wichtigkeit der Tagesordnung must ein jeder Kollege erscheinen. Btf Ohne Mitgliedsbuch kein Eintritt."VE l2S/9» Bio Orts Verwaltung._ ■wearen der jclrt bcabsichligten Auflösung des ocsamten Wlnterlagors ' fl"Ä,t: Mobrasfraise 37a � 'ÄSo"1 ßr. Fraikförlentr.1« � Piöscb-Roflfektion. Peiz-Uktion, Kostöis, dbeaiioilntel verkauft werden, davon wollen«ich die Damen eütigst —— pcrsCnUeh Überzeugen!■■ Teilweise rn Jedem annehnibarea Preis©, teilweise die Hälfte. für ein Drittel bis ein Fünftel der früheren Kalkulationen: ClänteSf Paletote, JacketlSf Kein Ramsrhfabrikat! Gediegene Schneiderarbeit! Kleider, Röcke, Bausen ErrnftösitfA von M. 88 55 77 125 185 22Ü 270 usw. bis M 1410 teilweise /auf M.18 25 SO 55 72 100 ISOusw. die U.70t* 2'). m Sloff xn einem Rock auf /!>»«» I Wunsch bei Kinkauf von M. 12.— an, ukull! 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Donnerstag, den 27. Januar, abends Uhr, im Getverkschaftshause, Engelufer 15(Saal V): Lrsnvben- Versammlung der Elektromonteure und.Helfer Berlins und Uingegend. TageS-Ordnung: 1. Vortrag deS Kollegen Bahn:„Nationale Ehre— StandeSchre". Diskussion. 3. Branchenangeiegenheiien und Verschiedenes. Donnerstag, den 27. Januar, abends 8 Uhr, im Lokal von Lllbert Stippekohl, Köpenick, Schöncrlindcr Straße 5: Bezivks-Versammlimg fMKT für Köpenick.'ME TageS-Ordnung: 1. Vortrag dcS Genossen Map Schütte:„Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein". 2. Diskussion. 3. Verbaiidsangelegenhciten. Zahlreichen Besuch erwartet»je Orfsvci-n altnng. lUclallarbcitcr-notizkalcndcp Stück 1)0|jf. sind im Snrran. EhnritSSr. 3. slt hnben. Donnerstag, den S7. Januar, abcndS 8'/a Uhr, im Lokal des Herrn Schulz. Müuzstr. 17, Eingang KönigSgrabcn: MMt- ii. Znseliilriieg-ireniliiiiD. TageS-Ordnung: 1. Die Notwendigkeit deö Zusammenschlusses der Berliner Zuschneider und Zuschneiderinnen. Zlcserent: Kollege Kunis. 2. Diskussion. iyg/z Kolleginnen und Kollegen! Erscheint zahlreich zu dieser Versammlung und agitiert ansterdem in Euren Kollcgenkreisen für einen guten Besuch derselben. Die Ortsvcrwaltung der Vereinigung Berliner Zuschneider» I. A.: Karl Riecke. Verantwortlicher Redakteur Richard Barth. Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Tb. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt» Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Sinaer Co.. Berlin SW. Hr. 21. 27. Jahrgang. rilage dcs Liwirls" Wkch. ZK.?°mm IM „Armut ist schlimm für Lungentuberkulosc", so schließt Köhler Sie ftngeiiftiberimM der Proletarier. Im Januarheft der von HanS Telbrück herausgegebenen „Preußischen Jahrbücher" veröffentlicht der Chefarzt der Volks- Heilstätte Holsterhausen bei Werden an der Ruhr, F. Kühler, Ge- danken über die Lungentuberkulose des Arbeiters und ihre Hei- Menschheitsgeitzcl, wie die Lungentuberkulose im Kreise der Be güterten, weil ihre rückwirkende Verknüpfung mit den sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen sich für das Proletariat so ungemein destruierend geltend macht." Darum sorge man, daß auch die Lebensbedingiliigcn der Aermsten in einer Weise gewandelt wer- lang, die so ungemein wichtig sind, daß man ihnen die allergrößte � den. wodurch die Proletarierkrankheit zum Verschwinden gebracht i.vtS ,71 �;,r__ wird.(Mrluife..vSeilftolißn sind out für di.a leidenden Menfckeu. Verbreitung und Beachtung wünschen muß. Seit vielen Jahren hat Köhler die an Tuberkulose erkrankten Arbeiter behandelt"und in ihren Lebensverhältnissen studiert. Er kommt auf Grund seiner langjährigen Beobachtungen zu dem Ergebnis, daß es noch überaus viel zu tun gebe, che man wirklich von einer endgültigen Besse- rung im Leben der an Tuberkulose erkrankten Arbeiter sprechen könne. Es läßt sich leider nicht bestreiten, daß ein großer Teil des Proletariats an Tuberkulose erkrankt ist, wenn auch die An- steckungsgefahr für Gesunde bei weitem nicht so groß ist, wie man in ängstlicher Stimmung gerne glaubt. Der häufig geäußerte Gedanke großer Fabrikherren, Arbeiter, die unter dem Verdacht der Tuberkulose stehen, nicht in ihren Dienst zu nehmen, läßt sich nicht durchführen. Nach Millionen würde sich der Verlust beziffern, den Staat und Familie erleiden müßten, wenn man erkrankte Arbeiter, die ihren Dienst noch versehen können, nicht einstellen oder kurzerhand entlassen wollte. Das einzige Mittel vielniehr, nnt dem man die Krankheit ernstlich bekämpfen kann, ist die Hebung des Proletariats durch Besserung seines wirtschaftlichen und häuslichen Lebens. Auch ohne Entlassung aus der Arbeits- stelle ist der Verlust, den die wirtschaftlich Schwachen durch diese Krankheit erleiden, ein sehr großer, und daher ist mit allen Kräften darauf hinzuarbeiten, daß Unbemittelte nicht von dieser schrecklichen Krankheit begriffen werden. Borbeugen— in diesem Wort liegt nach der Ansicht von Köhler das erste und wirksamste Heilmittel. Die Gedanken, die er im Anschluß daran entwickelt, sind recht beachtenswert. Vor allem bekämpft er den seiner Ansicht nach in Proletarierkrcisen geübten Brauch, die jungen Menschen, die oft noch halbe Knaben sind, wahllos zu einer Arbeit zu schicken, die einige Pfennige einbringt. Man kümmere sich nicht darum, ob der Junge den Anforderungen der Arbeit auch gewachsen ist. In den besseren Gesellschafts- schichten sei das anders. Ein Mensch, der beim Sprechen schnell einlüdet, wird nicht Pfarrer, und wer Blut und Eiter nicht sehen kann, wird sich wohl kaum für den Beruf eines Arztes entscheiden, aber der junge Proletarier loird ungefragt zu den härtesten Ar- beiten geschickt, die ihn vielleicht schon nach kurzer Zeit gesund- heitlich für immer geschädigt haben. Um daher die heranwachsende Proletarierjugend vor den Gefahren eines künftigen Berufes zu schützen, ist eine unausgesetzte Ueberwachung vor allem durch Schulärzte nötig, eine Prophylaxe,„welche von früh auf die Stärkung der Widerstandskraft gegen Erkrankungen und die Er- ziehung des Einzelindividiums zur verständnisvollen, vernünftigen Lebensweise auf Grund der moralischen Charakterbildung, und die Anpassung der körperlichen Individuen an die Berufswahl" zum Ziele bat. Es wäre aber die Annahme völlig irrig, daß Pro- letarier ihre Kinder aus Gedankenlosigkeit zu gesundheitsgefähr- licher Arbeit aussenden. Die bittere Not treibt sie dazu. Und deshalb ist ein gesetzliches Verbot der Kinderabeit und eine Stär kung der Gewerkschaften zur Hebung der Lebenslage der Prole- tarier dringend erforderlich. Wenn sich auch die Tuberkuloseerregcr nicht so leicht ausrotten lassen, so kann der Kampf gegen die Tuberkuloseerkrankungen doch mit größerer Aussicht auf Erfolg geführt werden. Zunächst ist die heranwachsende Jugend vor geschlechtlichen Ausschweifüngen und vor den Gefahren des Alkohols zu warnen, denn die Lebens- brdkngungen der Proletarier sind heute noch nicht so, daß ihre blinder die Folgen eines leichten Lebens unter Umständen ebenso schnell überwinden können, wie die Kinder besserer Stände. Ist aber einmal Tuberkulose festgestellt, so gehört der Erkrankte sofort in«ine Heilstätte, um dort in sachgemäßer Pflege und in auf heiternder Umgebung seiner Wiederherstellung, oder wenigstens seiner Besserung leben zu können. In der Regel bleiben die der Heilstätte zugewiesenen Kranken drei Monate dort, aber wenn die „Zeit auch zu einer Besserung hinreicht, so können sie im allge- meinen doch deshalb nicht vor Rückfällen geschützt werden, weil der Proletarier seine Kur nur in den seltensten Fällen wiederholen kann". Was den Angehörigen der besseren Kreise möglich ist, sollte auch dem Proletarier möglich gemacht werden, denn eine ein- malige Kur allein kann die sämtlichen Schäden nicht heben. In den weltberühmten Heilstätten von St. Moritz und Davos weiß man daher auch den Vorteil einer häufigen Wiederkehr erkrankter Patienten wohl zu schätzen. Als weiteres wichtiges Moment kommt noch die Notwendigkeit hinzu, daß der aus einer Heilanstalt Entlassene sich auch nachf seiner Entlassung noch schonen kann. Daher ist auf eine ständige Ver besserung der äußeren Lebensbedingungen, vor allem der Er- nährung und der Wohnung zu sehen, dann aber auch darauf, daß der entlassene Arbeiter sich nicht überanstrengt. Dieses letztere Moment ist für alle Arbeiter von höchster Bedeutung. Während jeder Beruf seine Ferien hat. weil unausgesetzte Tätigkeit die Kräfte dcs Körpers erschöpft, lebt man in der eigenartigen Vor- ftellung, daß ein Arbeiter, der von morgens bis abends seinem Körper die größten Anstrengungen zumutet, sich mit der sonntäg- lichen Erholung begnügen könne. Hier ist Abhilfe dringend ge- boten. Die Zeit einer völligen Ausspannung ist im Interesse der Gesundheit dcs arbeitenden Volkes nicht zu gering zu bemessen, und wenigstens auf drei Wochen auszudehnen. Die großen Kosten, die solche ausgedehnten Arbeiterferien naturgemäß nach sich ziehen, werden dann durch eine geringere Inanspruchnahme der Krankenkassen und der Lebensversicherungsanstalten zur Genüge jvieder ausgeglichen, ganz abgesehen davon, daß ein ausgeruhter und gekräftigter?Nensch andere Arbeitsleistungen verrichten kann, als ein ermüdeter und abgespannter.„Hier genügen nicht die einfachen Regeln der Therapie, ruft Köhler aus, hier helfen nur großzügige Reformen, Besserung der Verhältnisse nach zahlreichen Michliingen hin, und Organisation einer rechten Sozialhygiene". Auf die Frage der Ernährung in den Heilstätten übergehend, tadelt Köhler die Meinung derer, die dem geringen Manne in der Heil- anstalt keine andere Nahrung reichen wollen, als die er auch bei sich zu Hause hat. Der Arbeiter muß es besser haben als daheim, und eS ist nicht einzusehen, warum sich gerade in den Arbeiter- kreisen bei Erkrankungen der Speisezettel nicht bessern soll, wo doch in jedem Bürgerhause in Krankheitsfällen die Speisen mit der größten Sorgfalt ausgewählt werden.„Darum soll 5er Pro- letarier mit Lungentuberkulose abwechslungsreich, mit Liebe, wie man zu sagen pflegt, ernährt lverden/ Zweifellos ist bei denen, die in einer solchen Weise monatelange verpflegt werden, ein Rückschlag möglich, wenn sie wieder in ihre engen und bescheidenen Verhältnisse kommen. Aber bei einer entsprechenden Erziehung werden sich unter den Proletariern nicht die nervösen und häufig paralytischen Erscheinungen zeigen, die so oft bei den aus ihrem Ghetto entlassenen Juden bemerkt worden sind. Völlig zu verwerfe» ist auch der in einzelnen Heilstätten noch geübte Arbeitszwang, um dadurch gewissermaßen die Kosten de? Aufenthalts herauszuschlagen. Auch der kranke Proletarier ist davon überzeugt, dag die Arbeit eine Tat der Gesunden, die Ruhe und Arbeitslosigkeit aber ein' Recht des Kranken ist. Daher muß jede Arbeit vermieden werden, die sonst bezahlt wird. An ihrer Stelle können leichte turnerische Ucbungen und einfache Feld- und Gartenbeschäftigungen treten, die unterhalten, aber nicht an- strengen, und vor allem in dem Kranken nicht das Empfinden hervorrufen, daß er sich seine Heilung verdienen mutz. wird. Gewiß, Heilstätten sind gut für die leidenden Menschen, noch besser aber ist es, die Armen so zu erziehen, und ihr Leben von Jugend auf so zu gestalten, daß sie der Heilstätten nicht wie bisher bedürfen._ Hus Indurtrk und Üandd. Aufschwung und Spekulation. Als in den Wer Jahren die kapitalistische Sturm- und Drang- Periode einsetzte, da war der Geschäftsgeist noch in den Vorstellungen der lange» Periode der wirtschaftlichen Depression befangen. Der Kapitalist war ängstlich, vorsichtig und rechnete, zwar nicht gerade mir einem Krach, aber mit einer langsamen Entlvickelnng. Seitdem sind bereits anderthalb Jahrzehnte vergangen, und die Gcschäftsidceii der 8()er und der ersten Wer Jahre haben sich vollständig verflüchtigt. Nene GeschäftSmaximen sind entstanden. Man rechnet jetzt nicht mehr mit langsamen Entwickelungen; man rechnet wohl mit dem 5irach, dafür aber auch mit einem stürmischen Aufstieg, darum gilt jetzt wieder vor allein: rasches Zugreisen I Man hat sich an Eriinderperioden gewöhnt, die— kaum daß man Zeit hat, sich nmznsehen— die Grundbedingungen der Produktion andern: die Nvhstoffpreise in die Höhe treiben, eine Eisen-, Kohle-, Geldtenernilg erzeugen. Wer nicht nachfolgt, kann nichls mehr cinbolen. Die Spekulation macht sich selbst zur Voraussetzling jeder Geschäftstätigkeit und rennt alles nieder, was nicht Spelnlation ist. Aber unvergleichlich stärker noch als der Spekukationsgeist wirken in der gleichen Richtung unmittelbar ökonomische Triebfedern Es Hai eine kolossale K a p i t a l S a n s a m m l n n g stattgefunden. Die durch die KrisiS anfgestckuten Kapitalinasscn dringen, nachdem sie sich Bahn gebrochen haben, mit einer ungeheueren Wucht vor Die Größe der ProduktionSenlfaltung hängt zunächst nicht von der Markterweiternng ab, sondern von dem Druck des angehäuften Kapitals, das zugleich selbst eine Markterweiteruiig schafft. Neben der Ansammlung ging eine Konzentration des Kapitals vor, lvosiir besonders in Deutschland die Groß b a n k e n ein beredtes Zeugnis ablegen. Die Depots der Aktien- banken haben fabelhafte Summen erreicht; desto größer ist ihr Veo wertiiiigSbedürfnis, der Antrieb zur industriellen Betätigung. Die sich ansammelnden Kapitalsummen nehmen während dieser Zeit immer mehr die Form von Aktienkapital an. Der Effektenmarkt gewann eine ungeahnte Tragweite— darum ist jetzt der Spiclralim der Spekulation so groß. Was man früher„Uiiternehmerkreise" iiannte, verschwand im großen Börsen- p n b I i k u m, das in großer Zahl Elemente der Bourgeoisie umfaßt die»icmals Unternehmer waren. Die Börse iind ihr Publikum— das ist die kapitalistische Jw dnstrie, ihre Betätigliyg ist die Spekulation. Das Publikum stürzte sich vor allem auf die schwere Industrie, die Kohlen-, Eisen werke usw. Sehr begreiflich, denn die Erfahrung zeigt, daß diese stark konzentrierten, kartellierten Industrien zur Zeit des Aufschwungs die Preise nach Belieben hochschrauben können. In New U o r k zeigte zimächst die Beiveguitg auf dem Baum- wH.ll markt, wie.schon wiederholt früher, daß der Baumwoll Handel der Welt von wenigen Personen beherrscht wird. In weitigen Tggen Wurden die�Bannlwollvorräte um enorme Summen ent wertet; der Preis sank von 16,tU Eis. auf 13,8S Cts., um Cts per Psnnd. Jetzt scheint wieder eine„Erholimg" einzutreten. Air dem Effektenmarkt war der Kurssturz weniger scharf, dafür aber limsassend. Auch hier wird von eingetretener„Erholung" berichtet. Der Kapitalandrang aus der Provinz soll hier eine Besserung herbei- geführt haben. Das beißt: die eine Schicht Börsenpublikum wurde durch die andere ersetzt. Einige kleinen! Börscngrößen machten pleite, und die großen steckte» die Kursdifferenzen ein; die erste Schur des Publikums ist ans der New Dorler Börse vorgenoinmen worden— sie wird selbstverständlich nicht die einzige bleiben Es verlautet ferner, daß auch die deutschen Großbanken — neben den französischen»nd englischen— sich an den Börsen- käufeii in New Dvrk stark beteiligt baben. Das ist wichtige Gegen über dem deutschen Piibliknm stehen die Großbanken fest im Be wußlsein ihrer Solidität. Hier pflegen sie das sichere Geschäft. Aber dieses sichere Geschäft reicht ihnen nicht aus, sie brauchen einen weitere» Betätigungskreis, und sie greifen nach Amerika hinüber: dort ist ihr S p e k ii l a t i o n s g e b i e t. So geht die Spekulation von unten bis an die Spitzen. Neben der größeren Nachfrage nach Arbeitern, die der industrielle Aufschwung mit sich bringt, ist es gerade die Spekulation mit ihrem Stürmen und Drängen, ihrer Preis- und Kurstreiberei, die die K a m p f st e l l u u g der Ar heiter gegenüber dem Unternehmertum, soweit die nächstc Zukunft in Betracht kommt, st ä r k t._ Ein„Erfolg" des Kaligesctzentwurfcs. Ueber die Ursachen des Scheiterns der Verhandlungen der Syndikatsvertreter mit den amerikanischen Interessenten hat Geheimrat Rcmper dem Syndikat einen Bericht erstattet, worin er unter anderem nach der„Vvss. Ztg." folgendes ausführt: Tatsächlich war eine Einigüng mit den Ämcrilanern bereits bis auf nn- wesentliche Punkte erzielt. In diesem Augenblick erfolgte eine Reise Bradlcys(Nordtnistj auf Veranlassung der amerikanischen Regicriiiig nach Washington, wo inzlvischen der vom preußischen Handelsminister beim Bundesrat eingereichte Rcichskaligesetzeinwurs bekannt geworden ivar. Von Washington auS erklärte dann Bradley lelegraphisch seinen Rücktritt von der bereits so gut wie perfekt gclvesenen Vereinbarung mit den Shndikatsdelegierten. Nach seiner Rückkehr von Washington erfuhr man, daß Bradley im Einverständnis mit der amerikanischen Regierung gehandelt hatte. Darauf traten auch die anderen Kontrahenten vo» der Einiguiig zurück. Die amerikanische Regierung stützte sich bei ihrem Wider- stände gegen eine Verstäiidignug der anierikaiiischen Trusts mit dem Syndikat im wesentlichen auch auf Verhandlungen der Berliner amerikanischen Botschaft mit dem deutschen Auswärtigen Amt, wobei das letztere auf die amerikanischen Borstellnngen gegen das Kali- gesetz sich zu dem Zugeständnis veranlaßt sehen mußte, daß das Gesetz in seinen Bestimmungen gegen Schmidtmann und seinen amerikanischen Kontrahenten eine Verletzung wohlerworbener Rechte bedeutet._ Bedrohte kommmiale Interessen. Nach einer Mitteilung der Nheinfsch-Westfälifchen Zeumig" beabsichtigt das Rheinisch-Westfälische Ele.'trizilätsivcrk außer seiner Ausdehnung ans dem Gebiete deS ElektrizitZtsweseus sich auch der Gasversorgung im Großen zu- zuwenden. Das Werk hat vor Jahren schon die Gasanstalt in Bor- deck erworben und später auch die der Stadt Mettmann. Neuerdings plant es unter Einbeziehmig einer Reibe von Gasanstalten und Beiiutzinig überschüssiger Gase von Kokereien ein GasversorginigS- unternehnien in großem Umfange auf der Grundlage einer m. b. H. unter Beteiligung der illtc>essierten Städte und Gemeinden. Wie bei der Lieferung elektrischer Energie soll si» auch das Verbreitungsgebiet für Gas über ein großes Gebier erstrecken, und zwar nicht allein über den ganzen rheinisch- westfälischen Jndustriebczirk, sondern auch noch weiter hinaus über das bergische Land und selbst bis nach Köln hin. Zur Erreichuitg dieses Zieles sind Verhandlungen mit den in Betracht loinmenden Faktoren bereits im Gange und teilweise schon abgeschlossen. In Frage sollen zunächst die Gegend von Barmcn-Elberfeld, der Land- kreis Reckliiighamen und der Landkreis Essen stehen. Eine Reali- fiernng dieser Pläne, die richtiger auf der Grufidlage von Zweck- Verbänden von den Gemeinden durchgeführt würden, bedeutet nichts anderes, als die Preisgabe von Allgenieinintercssen zugunsten einer privaten Erwerbsgesellschaft. Dieser wird eine Monopolmacht ein- geräumt, die zu sehr unliebsamen Konsequenzen führen kann. Fleischtcncrung und Flcischboykott. Eine Lebensmittelteilertiilg in dem Lande, das die halbe Welt mit Lebensmitteln versorgt, das ist vor allem eine Frucht des in den Pereinigten Staaten, zumal dank dem Hochschutzzollshstem. ins ungeheure getriebenen Monopol- Wesens der Trustmagnaten. Nainenilich im Fleischhandel haben die Armour, Parker, Leimer und wie sie alle heißen, es fertig gebracht, fast jeden Wettbewerb zu unterbinden. Und durch die Angliederung der südamerikanischen Großflciscbereien haben sie auch diese Kon- tnrrenz ausgeschaliet. Ihre Macht nützen sie nun rücksichtslos aus. Dazu kommt die Wirkung anderer Spekulationen. Nach einer im„Verl. Tagebl." wiedsrgegebenen Auistellimg sind in den letzten Jahren die höchsten Preise gewesen: in Dollar(zu 4,20 M.) pro Vushel(27 Kilogramm). Weizen Weizen- Mais Schweinefleisch Speck Niehl pr. Faß pr. 100 Pfd. 1896.... 0,96 4,85 0,61 19,0 10,00 1009..... 1,51 6,80 0,86 26,5_ 14,65 Preiserhöhung in Proz... 57,3 40,2 41,0 39,5 46.6 Diese riesige Preisireiberei hat die größte Erbitterung hervor- gerufen. Als Abwehrmittcl ist der Flcischboykott»»ireriioniinen worden, der sich mit überraschender Schnelligkeit über das ganze Land verbreitet hat und von Millionen Menschen durchgeführt wird. Pom Westen misgeheiid, hat er auch an der Ostknste Anklang ge- flinden. Der Schaden des Trusts wird auf Millionen Dollar« pro Tag berechnet, da zubereitetes Fleisch verdirbt, Vieh und Arbeits- mittel ungenutzt Kosten verursachen. Dazu kommt nun das Eingreifen der Staatsgewalt. Die Trustvcrbote, die für gewöhnlich iiur auf dem Papier stehen oder gegen Gewerkschasten mißbraucht werden, finden gegen den Fleisch- trust Autvcndnng. Auch der Sekretär des Ackerbaiimlnisteriums teilt mit, daß großer Ueberfluß au Vorräten sei, auch die Farmer nicht mehr als gewöhnlich für ihr Vieh erhalten, es sich also um eine ganz gemeine, ivucherische Spekulation handele. Ob dieser Feldzug gegen die Milliarden besitzenden Wucherer ruhmreicher ausgehen wird als so mancher andere Versuch? Die Abnahme des amerikanische,, Bergbaues. Die Vereinigten Staaten erzeugen eine ungeheure Menge nutzbarer Mineralien. deren Wert im Jahre 1907 mehr als- 8 Milliarden Mark betrug. Jetzt sind nun die Zahlen für das Jahr 1908 durch die dortige Geologische Landesuntersuchung zusammengestellt und veröffentlicht worden und verkünden das überraschende Ergebnis einer Abnahme dieses Gesamtertrages um fast ein Viertel, also nahezu um 2 Milliarden Marl. Daß es sich hier um keine zufällige oder vereinzelte Er- scheinung handelt, geht aus der Tatsache hervor, daß an diesem Niedergang die Erzeugung sowohl von metallischen wie von nicht- metallischen Mineralien beteiligt ist. Am stärksten ist die Abnahme in der Eisengewinnung. Die Produktion an Eisenerz hat um fast ein Drittel an Menge und um mehr als ein Drittel an Wert, die von Gußeisen um mehr als ein Drittel an Menge und gar um mehr als die Hälfte au Wert abgenommen. Auch der Ertrag an Kohle zeigte einen Rückgang von ungefähr einem Sechstel. Zu» nähme Halten nur die Erzeugung an Gold, an Kupfer und an Petroleum aufzuweisen gehabt. Der Wert des Goldbergbaues in den Vereinigten Staaten bclief sich auf nahezu 400 Millionen Mark. um rund'l? Millionen Mark mehr als im Vorjahr, die Silber- gelvinnung ging um ungefähr 37 Millionen Mark zurück und bclief sich im vorigen Jahr nur noch auf etwa 112 Millionen Mark. Die Zunahme der Kupferproduktion hat sich auch nur auf die Menge des gewonnenen Metalls bezogen, während der Ertrag an Wert wegen dcs gesunkenen Preises einen Rückgang zeigte. Die Petro- leumgewinnung belies sich im vorigen Jahre auf rund 270 Millionen Hektoliter._ Englischer Ansienhandel. Die„Mitteiltingen des Handelsverlragsverciits" schreiben: Die in allen Ländern mit Vorliebe aufgestellte und nur zu oft geglaubte Behauptung, daß Zolltarife in Zeiten wirtschaftlicher De- Pression dem„inneren Markte" eine gewisse Sicherheit und Stetigkeit verbürgte», erfährt eine eigenartige Beleiichtnug durch die Ziffern der englischen Handclsstatiflik für das verflossene Jahr. Danach habe» sich Handel und Jndustric in dem freihändlerischen England auffallend rasch erholt und die Gesamtumsätze für das Jahr 1WS übersteigen sogar— wie die folgende Tabelle zeigt— die de§ Jahres 1906 und werden nur durch das beispiellos günstige Jahr 1907 übertroffcn: Wieder- ausfuhr ne Einfuhr Ausfuhr in Millionen Pfd. Sterl. Wie im ganzen, so zeigt sich diese durchgehende Beffemng auch im einzelnen. So beträgt die Zunahme der Ausfuhr von Eilen- und Slahlwaren im Dezember 1909 gegen Dezember 1908 522 000 Pfd. Sterl., die von Baumwollwaren 1 451 000 Pfd. Sterl. Selbst ein konservatives Blatt sieht sich angesichts dieser Tatsachen genötigt— natürlich mir in seinem Handclsteil— zu erklären, daß diese Zahlen„einen sehr ermutigenden Aufschwung in Ausfuhr sowohl wie in Einfuhr zeigten, ganz besonders aber in der Baum- woll- und Eiseniiidustrie, der beweise, daß da? pcssimistische Wahl« gercde(election talk) von einem Niedergang des Handels durch die Tatsachen der Statistik nicht unterstützt werde". Hus der frauenbewegung, Vorspiegelung falscher Tatsachen. An die Eltern der auS der Schule tretenden Mädchen richtet ich ein Aufruf, den der auf frauenrechtlerische Anregung im Ok- tober 1909 gegründete Verband für handwerksmäßige und fachgewerbliche Ausbildung der Frau erläßt. Im Vordergrunde der frauenrechtlcrischen Bestrebungen steht indes die handwerksmäßige Ausbildung der jungen Mädchen; daS trat nicht nur in den Verhandlungen bei der Gründung des neuen Verbandes zutage, das zeigt auch deutlich der erwähnte Aufruf. unterzeichnet durch das auch hier unvermeidliche Fräulein Maria Lischt, ewska. Von ihrer bedeutenden Einsicht in daS Wesen de» Kapitalismus gibt folgender Passus Kunde:„Bisher war es leider Sitte, Zeit und Geld nur an die Ausbildung der Knaben zu wenden. Die Mädchen lernten nicht, sie gingen leer aus und muß- ten sofort verdienen. Daraus ist das Elend der niedri, gen Frauenlöhne entstanden." So naiv wie diese Erklärung ist auch die Formel zur Beseiti- gung der schlecht bezahlten Frauenarbeit. Da heißt es in den, Aufruf des Verbandes:„Alles das kann von Grund aus ge- ändert werden, wenn das Mädchen wie der Knabe eine ordnungs- mätzige. mehrjährige Lehrzeit in Fabrik oder Werkstatt durch- macht. Dann steigt auch sie auf zum gelernten Arbeiter und verdient nicht mehr 9—12, sondern 2S— 30 M. wöchentlich." ES folgt fchlietzlich der Hinweis auf einen nengegründeten weiblichen Lehrstellennachweis, dem solche jungen Mädchen zuzu- fuhren sind, die gewillt sind, 3— 4 Jahre in der Lehre auszuhalten. Diese frauenrechtlerischen Anpreisungen bedürfen nach mehr- facher Richtung einer Zurückweisung. Ueber die Notwendigkeit einer tüchtigen Vorbildung der Arbeiterinnen besteht unter allen einsichtigen Leuten kein Zweifel. Die freien Gewerkschaften haben die Gefahre» der ungelernten Frauenarbeit frühzeitig erkannt und demgeinätz die fachgewerbliche Ausbildung nicht nur der Arbeiter, .»ndern auch der jungen Arbeiterinnen in Fachschulen mit anschlietzenden Lehr werk st ätten unter paritäti- scher Verwaltung und unter Oberaufsicht der Ar- beitskamniern gefordert, sowie einen obligatorischen Unterricht in der Fortbildungsschule bis zum 18. Jahre. Das ist eine wahrhaft fortschrittliche, den modernen Bedürfnissen der Arbeiterschaft entsprechende Forderung, eine zweckmäßige Lösung der Frage der praktischen Vorbildung. Nun vergleiche inan damit die von den Frauenrechtlerinnen gewünschte Schulung der jungen Mädchen in den Erwerbshöhlen der Jnnungs- krauter und verwandten Berufsgenossen, denen Lehrlingsausbildung bekanntlich nur zu oft eine ganz unverschämte Lchrlingsaus- b e u t u n g ist. Jedenfalls ist hier keinerlei Garantie für eine wirklich gründliche Vorbildung gegeben. Es heißt aber den Leuten Sand in die Augen streuen, wenn der Aufruf behauptet, ausgerech- net auf diesem Wege die elenden Lohnverhältnisse in der Frauen- arbeit„von Grund aus" abschaffen zu können. Wissen die bürgerlichen Damen wirklich nicht, daß auch die gelernte Frauenarbeit heute um 20. 30, ja bis zu 50 Proz. niedriger bezahlt wird als die des Arbeiters in derselben Branche? Das hat seinen Grund in der organisatorischen Schwäche der Arbeiterinnen, die der Kapitalist natürlich zur höheren Ehre des Profits nach Kräften ausnützt. Wenn die mannliche Arbeiter- schaft bessere Löhne hat. so sind sie in langen und mühseligen Kämpfen— Macht gegen Macht— errungen worden. Die starken gewerkschaftlichen Organisationen waren es, neben dem politischen Faktor in der modernen Arbeiterbewegung, die den schrankenlosen Ausbeutungsgelüsten des Unternehmertums einen Damm entgegenzusetzen vermochten. Von den Arbeiterinnen ist aber erst ein kleiner Teil gewerkschaftlich organisiert, und sie werden solange widerstandslos ausgenützt und als Sohndrückerinnen dem männ- lichen Proletariat gegenüber ausgespielt werden, als sie sich nicht ihren zu Schutz und Trutz organisierten Arbeitsbrüdern zu gemein- samer Wahrung ihrer Rechte zugesellen. In einem lesenswerten Artikel in Nr. 17 der„Neuen Zeit': „Wie können wir den Gefahren der ungelernten Frauenarbeit ent» gegenwirken?", weist Genosse Gustav Hoch eingehend nach, daß mit der besseren Ausbildung der Arbeiterinnen allein so gut wie nichts erreicht ist. Die Betriebsleiter werden, soweit es an ihnen liegt, nach wie vor die Arbeiterinnen in erster Linie an die ein- fachstcn Arbeiten stellen, um nicht höhere Löhne bezahlen zu müssen. Nur wenn die Arbeiterinnen im gewerkschaftlichen Kamvf sich höhere Löhne, bessere Arbeitszeit und eine Verbesserung der übrigen Arbeitsbedingungen errungen haben, werden sie von den Unternehmern erlangen können, daß diese sie zu Arbeiten höherer Art heranziehen. So wird die Frauenarbeit teurer werden. Dann erst wird eine bessere Ausbildung der Arbeiterinnen ihren vollen Nutzen haben. Eine wirtschaftliche Hebung der gesamten Arbeiter- klaffe wird dann auch einer größeren Zahl von Arbeiterfamilien die Möglichkeit verschaffen, ihren Töchtern eine gute berufliche Vorbildung zuteil werden zu lassen. Das ist die nüchterne Lehr« der Wirklichkeit. Der srauenrecht- lerische Aufruf a» die proletarischen Eltern aber ist nach alledem nichts als eine Vorspiegelung falscher Tatsachen, wovei wir alS höfliche Leute annehmen wollen, daß nur sozialpolitische Kurz- stchtigkeit zu dieser einseitigen Auffassung führen konnte, daß iu der handlverksmätzigen Ausbildung das Heil der modernen Ar- beiterin liege. Die letzte und endgültige Losung dieser Frage kann aber nur liegen in der Neuorganisation der Gesellschaft und der Arbeit auf der Grundlage der sozialistischen ProduktionSform. Schutz gegen Häufig wird eine Erkältung unbeachtet gelassen und die tnfluenzabaxilleu finden einen vorzüglichen Nährstoff in dem kranken Blut des erkälteten Körpers. 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