Kr-«o. »bonnements-keSingungen: WlMnemcnlZ- Preis pränumerando i SierteljShrl. 330 SRI, monati. 1,10 Mr., wöchentlich 28 Pfg. frei ins HauS. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags- nuinmcr mit illustrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Polt- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post- ZeitunaS- Preisliste. Unter Kreuzband stir Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, für daS übrige Ausland 8 Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dnnemarl, Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien. Schweden und die Schweiz. 27. Zahlt«. Crfrijclnt»glich außer Msnligi. Berliner Volksblntl. Die TnlerflonS'Gebflfir Erfragt für die fechsgespaltene Kolonrf« zeile oder deren Raum SO Pfg, für polltische und gewerlschastliche Pcrelns- und Persammlungs-Anzeigen 80 Pfg. „Kleine Hnseigen", das erste{(eil- gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. 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Seine Ausschaltung aus der Regierungsmehrdeit habe in ihm eine innere Ver- schiebung der Machtverhaltnisse, Stimmungen und Bestre- Hungen ausgelöst. Die feudal-reaktionären Elemente des Zentrums hätten während des liberal-konservativen Kon- kubinats ihren Einfluß wesentlich erweitert, und vor allem hätte der hohe Klerus eine Machtstellung im Zentrum erlangt, wie er sie seit den Kulturkampftagen nicht mehr besessen habe. Daraus wurde zum Schluß die Folgerung gezogen: „Das Zentrum wird, daran ist nicht zu zweifeln, wieder Re- gierungspartei werden; aber es tritt in die neue Aera als eine wesentlich veränderte Partei ein. Fester als jemals hält der hohe Klerus die Leitungsfäden in der Hand, mehr als jemals wird das Zentrum daher sich in den Dienst der Vatikanspläne stellen; und mehr als früher werden seine konservativen Elemente den A u s s ch l a g g e b e n. Es ist deshalb auch nicht zu erwarten. daß das Zentrum sich zu irgendwelchem politisch ernstlich in Betracht kommenden Widerstand gegen die imperialistische Weltpolitik aufrafft, noch daß es für eine Aende- rung des preußischen Dreiklassenwahlrechts eintritt, die in seinen eigenen Reihen den proletarischen Elementen eine größere Geltung verschafft." Die leitenden Blätter des Zentrums, voran die„Ger- mania" und die„Köln. Volksztg.", brachten damals Gegen- artikel, in denen mit gut gespielter Entrüstung behauptet wurde, der Verfasser der„Vorwärts"artikel verkenne völlig das Wesen des Zentrums. Das Zentrum sei und werde bleiben, was es seit seiner Entstehung gewesen sei; und was die Einführung des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahl- rechts in Preußen anbeträfe, so würde vielleicht bald schon die Prophetie des„Vorwärts" gründlich Lügen gestraft werden. Seitdem sind sieben Monate vergangen— und die Voraussage hat sich bereits in allenTeilen bestätigt. Die Einbringung der preußischen Wahlrechtsvorlage bot dem Zentrum die günstigste Gelegenheit, endlich die in den letzten Jahren von seiner Presse abgegebenen Versprechungen einzu- lösen und energisch für die Uebertragnng des Reichstags- Wahlrechts auf Preußen einzutreten; aber die Leitung der Zentrumspartei rührte und regte sich nicht. Alle früheren Berufungen der Zentrumsblätter darauf, daß doch schon Windthorst am 26. November 1873 im preußischen Abgeord- netenhause die Forderung der Einführung des allgemeinen gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts gestellt habe, diese Forderung also zu den alten heiligen Ueberlieferungen der Zentrumspolitik gehöre, waren nun, als sich die Aussicht bot. durch eine energische Agitation in Versammlungen und in der Presse die Gefolgschaft des Zentrums gegen die von Beth- mann Hollweg eingebrachte niederträchtige Vorlage aufzu- bieten und diese zu Fall zu bringen, plötzlich vergessen. Wohl � konnten die Zentrumsblätter nicht umhin, das traurige Mach- werk Bethmannscher Staatskunst zu kritisieren; aber zu einer entschiedenen Verurteilung seiner reaktionären Bestim- mungen, zur energischen Forderung des gleichen und ge- Heimen Wahlrechts schwang sich keines der klerikalen Preß- organe auf. Aengstlich vermieden sie, die Zcntrumsfraktion irgendwie festzulegen und zu binden. Die Einbringung der neuen Vorlage wurde vielmehr als eine politische Bagatelle behandelt, weniger wichtig, als die Lehrermaßrcgelung in Kattowitz. Mit einiger Entschiedenheit wurde nur die Forde- rung der geheimen Abstimmung gestellt; im übrigen be- gnügt sich die leitende Zentrumspresse mit der Benörgelung einzelner mehr oder minder nebensächlicher Bestimmungen und der stetig wiederkehrenden billigen Versicherung, daß die Vorlage in der gegenwärtigen Fassung mangelhaft sei, daß sie deshalb gründlich umgestaltet werden müsse, und daß das � Zentrum sich deshalb der schweren Aufgabe unterziehen wolle, i den Entwurf möglichst zu verbessern; eine Arbeit, die jedoch nur dann geleistet werden könne, wenn die Vorlage in einer Kommission sorgfältig durchberaten werde. Offensichtlich wollten die leitenden Zentrumstaktiker freie Hand behalten, um mit den Konservativen, mit denen sie die letzte Rcichsfiitanzreform zusammengeflickt hatten, nach altem Rezept zu kompromisseln. DaS ist, wenn man den Charakter dcS neuen Zentrums vnd seine heute mehr als jemals vom Episko- pat diktierte Politik in Betracht zieht, durchaus be- greiflich. Das Zentrum will um jeden Preis aus der ihm während der liberal-konservativen Blockära aufgezwungenen Lage heraus: es will wieder Regierungspartei werden, seine einstige einflußreiche Machtstellung zurückgewinnen— um sie nach der Forderung des Klerus in den Dienst der römischen Kircheninteressen zu stellen. Und zu diesem Zwecke sucht das Zentrum nicht nur der Regierung und der herrschenden kon- servativen Partei zu beweisen, daß recht wohl mit ihm auS- zukommen ist, sondern daß auch die Regierung das Z e n- trum unbedingt benötigt, will sie nicht in eine ganz andere politische Bahn gedrängt werden. Deshalb haben die klerikalen Zentrumstaktiker, obgleich sie sich keineswegs dariiber täuschten, daß sie dadurch in ihren eigenen Reihen scharfen Widerspruch herausforderten, zusammen mit den Konservativen die Reichsfinanzreform gemacht, und wenn sie sich auch in dem Erfolg ihres Schrittes getäuscht sehen, wenn sie auch bisher in der Regierung noch nicht jene Anerkennung fanden, die sie erwartet haben, so wollen sie doch keineswegs das Opfer der Zustimmung zur Reichsfinanzreforin umsonst gebracht haben. Die errungene neue Position würde aber ernstlich gefährdet, wenn sie zu der Regierung und den Konservativen in eine energische, rücksichtslose Opposition treten würdem Man weiß in den maßgebenden Kreisen des Zentrums ganz genau, daß die Zentrumspartci nur dann ihre frühere Stellung wiedererlangen kann, wenn sie gute Beziehungen zu den preußischen Konservativen und zu der aus deren Kreisen hervorgegangenen höheren Verwaltungs- bureaukratie unterhält. Das Ziel bedingt aber zugleich die Taktik. Ist die Zurückgewinnung seiner früheren Position als Rcgierungs- Partei das offenkundige höchste Ziel des Zentrums, so er- fordert die Klugheit, daß sich die Zentrumspolitiker auf ge- legcntliche unverbindliche Erklärungen für das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht beschränken, in Wirk- lichkeit aber sich auf den Boden der Bethmänn Hollwegschcn Vorlage stellen, mit den Konservativen zu einer Verständigung zu gelangen suchen und sich der Regierung als eine unentbehrliche Hilfstruppe erweisen, deren diese notwendig bedarf, um vorläufig den Ansturm der ein freies Wahlrecht Fordernden abzuwehren. Und diese Taktik hat denn auch die Zentrumsfraktion des Abgeordnetenhauses befolgt. Ihre Vertreter haben in der Wahlrechtskommission zwar, als es nicht darauf ankam und sie von vornherein wußten, daß er abgelehnt würde, pro korma für den Antrag auf Ucbertragung des Reichstags- Wahlrechts auf Preußen gestimmt, sich dann aber ohne wei- teres auf die sogenannte„gegebene Basis" gestellt, das heißt die Klasseneinteilung der Regierungsvorlage als ge- geben anerkannt und dementsprechend bei der Abstimmung über die freisinnigen und nationalliberalcn Anträge, nach welchen mindestens 56 oder 36 Proz. der Wähler den beiden ersten Klassen angehören müßten, sich der Stimme enthalten, so daß die Bestimmungen der Regierungsvorlage bestehen blieben. Die Zcntrumsvertreter haben ferner den An- trag, daß alle Steuern über 2666 M. hinaus nicht bei der Klassendrittelung in Anrechnung gebracht werden dürfen, durch ihre völlig passive Haltung zu Fall ge- bracht und dadurch die in der Regierungsvorlage festgesetzte Maximierungsgrenze von 5666 M. aufrechterhalten. Sie haben schließlich, nachdem sie schon vorher für die geheime Wahl gestimmt hatten, am Dienstag, den 22. Februar, ihre frühere Abstimmung selbst dementiert, und um sich den Kon- servativen gefällig zu erweisen, die geheime Stimmabgabe mit der indirekten Wahl, das heißt mit einer Wiederher st ellung der selb st von der Regie- rungindemneuenWahlrechtsentwurffallen gelassenen Wahl männerwahl verbunden. Das ist eine um so niederträchtigere Schwenkung, als seit 37 Jahren die Forderung der völlig geheimen Abstim- mung zu den immer wieder von den Zentrumsführern in groß- sprecherischen Worten gepriesenen Postulaten des politischen Glaubensbekenntnisses der Zentrumspartei gehört. Nichts zeigt besser die innere Verlogenheit und Gewissenlosigkeit der nach ihrer kuriosen Behauptung für Wahrheit, Freiheit und Recht kämpfenden Partei, als daß sie nun, nur um mit dem ostpreußischen Junkertum einen ihr nicht in ihre Pläne passenden Konflikt zu vermeiden, diese seit nahezu vier Jahr- zehnten mit den Brusttönen der heiligsten Ueberzeugung ver- tretene Forderung durch Vermengung mit der indirekten Wahl dermaßen verstümmelt, daß ihr Zweck fast völlig ver- fehlt wird. Es war ini November 1873, als W i n d t h 0 r st öffent- lich im preußischen Abgeordnetenhaus erklärte: „Ich bekenne, daß ich in dieser Hinsicht meine Ansicht habe ändern müssen. Ich habe in früherer Zeit geglaubt, die öffent- liche Stimmabgabe sei die richtige, sie sei am besten geeignet, das Boll politisch zu erziehen und feste öffentliche Charaktere zu schaffen. Aber, nachdem ich in den preußischen Staatsverband getreten bin und nunmehr die befolgten Wahlmcthoden gesehen habe, da sage ich, es geht nicht mit der öffentlichen Abstimmung. Wenn ich beobachte, unbefangen und ruhig, in welcher Art die königliche Staatsrrgicrung in diesem Jahr auf die Wahlen Ein- fluh geübt hat(Hört! hörlt), wenn ich sehe, in welcher Weise die? gleichmäßig von einem Teile der großen Grundbesitzer, ins- besondere schlesischen Magnaten, geschehen ist, und in diesem Wettstreite von Verwaltungen selbst staatlicher Art, und in wür» diger Nachahmung von vielen Fabrikanten in den Städten, dann muß ich sagen, es heißt der menschlichen Natur zu viel zugemutet, gegen einen solchen Terrorismus standzuhalten." Seitdem gehört die Forderung der geheimen Ab- stimmung zu den traditionellen Postulaten des Zentrums; denn, wenn auch nach der Beendigung des Kulturkampfes das Zentrum zeitweilig die Rolle einer Regierungspartei spielte, so wurde doch immer wieder die Abstimmung der Zentrumswähler, der Arbeiter wie der kleingewerblichen Ele» mente und der unteren katholischen Beamten, daraufhin kon- trolliert, wie sie sich zu der Politik der staatlichen und lokalen Gewalthaber stellten, besonders in Gegenden mit sogenannter konfessionell gemischter Bevölkerung, wo das staatliche Beamtentum meist konservativ, die Stadtverwaltungen und die Großindustriellen größtenteils nationalliberal sind. Doch das brennende Verlangen, an der Seite der Kon» servativen die frühere Machtstellung wiederzuerlangen, hat alle Bedenken niedergeschlagen. Gewissenlos wird, um die blauschwärze Koalition zu festigen, eine der alten Forde- rungcn nach der anderen preisgegeben. Und die Führer des Zentrums wissen, daß sie Volksverrat begehen und daß sie in den Reihen ihrer Gefolgschaft, die aus Arbeitern und Klein- Handwerkern bestehen, neue Unzufriedenheit mit ihrem Ver- halten wecken. Aber mit Hilfe des Klerus, der in diesem Fall ganz auf der Seite der Zentrumsfllhrerschaft steht, hoffen sie» alle Empörung gegen ihre verräterische Politik niederhalten zu können. Wie die katholische Geistlichkeit die gegen das Verhalten des Zentrums bei der Reichsfinanzreform rebellie- renden unbemittelten Schichten größtenteils bei der Zen« trumsfahne gehalten hat, indem sie die katholischen Arbeiter und Kleinhandwerker bei ihren religiösen Instinkten packte, ihnen von einem drohenden Kulturkampf vorfaselte und die Stärkung der Zentrumsreihen als ein Gebot der Erhaltung der heiligen Kirchs hinstellte, so hofft man auch diesmal die Rebellion der Arbeiter durch vermehrtes Aufgebot der Geist» lichkeit niederhalten zu können. In den industriellen Re- vieren des Rheinlandes hat man bereits mit der Organisation der Abwehr der erwarteten Entrüstung begonnen, indem man letztere auf das Gebiet der religiösen Enipfindlichkeit abzu- lenken sucht. In großen sonntäglichen Arbeitermassenver- sammlungen, an denen sogar teilweise die hohen Kirchen- Prälaten teilnehmen, wird dort jetzt den Arbeitern verkündet. daß die heilige Kirche in Gefahr sei und deshalb alle ihre sonstigen Zwistigkciten fahren lassen müßten, um sich um die Fahne der heiligen alleinseliginachenden Kirche zu scharen und sie zu verteidigen. Aber es ist gefährlich für das Zentrum, derartige Experi- mente, wie es sie bei der letzten Reichsfinanzreform gemacht hat, mehrmals zu wiederholen. Trotz aller Arbeit der Geist» lichkeit hat die Steuermanscherei des Zentrums bei der letzten Reichsfinanzreform eine gewisse Gärung in den katho» lischen Arbeiterschichten hinterlassen, und der jetzige Verrat der Volksinteressen bei den Wahlrechtsberatungen wird diese Gärung mehren. Es ist daher die dringendste Aufgabe unserer Genossen in den industriellen Gegenden des Rheinlandes, diese Gelegenheit auszunützen und ihren katho- lischen Mitarbeitern klarzumachen, wie frivol das Zentrum. um sich die Gunst der Regierung und des Junkertums zu sichern, mit den politischen Interessen der Arbeiter spielt, wie es wortbrecherisch seine ältesten Forderungen verleugnet. Glaubt das Zentrum nur auf die Interessen des hohen Klerus und seiner konservativen Elemente Rücksicht nehmen zu sollen, so mag es auch die Folgen spüren. Die Polizei auf der Miagebanit. DaS Abgeordnetenhaus bildete am Montag ein Tribunal, vor dem das Treiben der Polizei auf den verschiedensten Gebieten ver- dientertreise gcbrandmarkt wurde. Zunächst besprach Genosse Liebknecht beim Kapitel „Polizeiverwaltung in den Provinzen" den Fall des polnischen Spitzels R a k 0 w s k i, der der Polizei �für das schöne Geld der Steuerzahler gefälschte Berichte lieferte Und eine ganze Reihe Sünden der verschiedensten Art aus dem Gewissen hat. Vor einigen Tqgen hatte schon ein polnischer Redner diesen Fall an, geschnitten. Liebknecht>var nun in der Lage, schlüssig nachzuweisen, daß der Regierungsvertreter, der die Behauptungen des polnischen Redners in Abrede gestellt hatte, über den Fall nicht infor» m i ert war!--- Der zweite Teil der Liebknechtschen Rede war de« WrÄttkfurker S t r'a � e n v e'öl o n ft L a t i o n e n gcBib'mch Mit gutem Geschick widerlegte unser Genosse die von Polizei- offiziöser Seite in der Presse aufgestellten Behauptungen. Er ver- wahrte die Sozialdemokratie gegen den Vorwurf, als sei sie ver- nntwortlich für Ausschreitungen gewisser Elemente, und stellte an Hand der Prozctzverhandlungen gegen die Ferrer-Bersammlungs- demonstranten unzweideutig fest, auf wessen Schuldkonto die Aus- schreitungen zurückzuführen sind. Mit Recht forderte Liebknecht am Schluß seiner Rede die' Abschaffung der Geheim- Polizei und der Provokateure sowie ein vorsichtiges Verhalten der Polizei. Die Regierung scheint wenig Neigung zur Befolgung dieses wohlgemeinten Rates zu haben. Wußte doch der Unterstaats- sckretär H oltz nichts anderes zu„erwidern", als daß er auf solche „Agitationsreden" nicht antworte I Ebenso leicht machte es sich der Minister selbst, der gegenüber unserem das schädliche Treiben der Spitzel schildernden Genossen Kirsch nicht weiter vermochte, als daß er sich auf seine Er- klärung vom— vorigen Jahre bezog! In jener Erklärung hatte Herr v. Moltke sich zum Schirmherr» der Spitzel aufgeworfen, und auch jetzt wieder trifft ihn, da er diese elenden Subjekte nicht von seinen Roßschößen abschüttelte, die volle Verantwortung für die Folgen des Treibens jener Elemente. Die Fälle, die Genosse Hirsch anführte und deren Nichtigkeit er a k te n in ä ß i g belegte, sind so drastisch, daß man sich wirklich fragen muß, ob die Re- gierung und das Parlament nicht im Interesse des Ansehens Preußens endlich auf die Spitzel verzichten wollen. Aber dazu haben die gesetzgebenden Körperschaften keine Neigung. Gegen die Stimmen der Polen, des Freisinns und der Sozialdemokratie be- willigte das Haus die geforderten 300 000 M. geheime Ausgaben im Interesse der Polizei, die unsere Genossen zu streichen beantragten, und gegen dieselbe Minderheit lehnte es auch unseren Antrag auf Beseitigung der politischen Geheimpolizei ab. Endlich unterzog noch Genosse S t rö b e l in einer großzügigen Rede das preußische Fürsorgewesen einer vernichtenden Kritik, wobei er sich aber nicht aus die negative Seite beschränkte, sondern eine Reihe wertvoller Anregungen gab, die leider, weil sie so ver- nünftig sind, in Preußen kaum Aussicht auf Verwirklichung haben. Ströbel war es, der im Gegensatz zu den bürgerlichen Rednern die Ursachen der Verwahrlosung der Jugend schilderte und der mit Wörme für eine Hebung der sozialen Lage des Proletariats, für die geistige Hebung der Massen, für bessere Bildung eintrat, vor allem sich gegen die Versuche wandte, den Bestrebungen der Arbeiter zur Förderung der Jugenderziehung Hemmnisse in den Weg zu legen. Eine Reihe von Einzelfällen, die der sozialdemokratische Redner als Betveis für das Fiasko der Fürsorgeerziehung angeführt hatte, konnte der Regierungsvertreter nicht ableugnen, er warnte nur vor Verallgemeinerungen. Es wird also auch auf diesem Gebiete vorläufig alles beim alten bleiben. Eine Erwiderung des Abg. Fahbender(Z.) gab Ströbel nochmals Gelegenheit, das System der Fürsorgeerziehung, vor allem das System der P r ü g e l st r a f e, zu geißeln. Am Dienstag soll die zweite Lesung des Etats der Bergver- waltung beginnen._ Slahlmtztsdemonftrationen. Keine Ruhe in Preußen, bevor das allgemeine, gleiche. geheime und direkte Wahlrecht erobert ist. Jeder Tag betveist aufs neue, daß dieser Gedanke mit unwiderstehlicher Macht die Massen erfaßt hat. Zwei Wochen sind es her. daß die berüchtigte Proklamation des Polizeipräsidenten v. Jagow erschien, der dem„Recht auf die Straße" die Gewalt des Säbels und der Brownings entgegensetzte. Aber Jahre scheinen ver- gangen zu sein, so unmöglich erscheint uns heute jener Aus- fluß des Polizistenhochmuts. Das Recht auf die Straße hat glänzend gesiegt über die Rückständigkeit und Gewalttätig- feit der Machthaber. Kein Sonntag mehr ohne Demonstra- tionen und keine Demonstration, die nicht einen neuen Beweis für die benierkenswerte Disziplin der Massen lieferte, gerade dadurch aber zugleich eine schwere, sich stets erneuernde inoralische Niederlage der Polizei bedeutete. Immer und überall wiederholt sich die Erfahrung: Die Massen wissen Ordnung zu halten; Unruhe und Unordnung stiftet nur die Polizei. Nie aber ist der Beweis schlagender erbracht worden, als gestern in Berlin. Die Versamnilung, die Liberale und Intellektuelle im Zirkus Busch veranstaltet hatten, war Massen- Haft besucht. Wie dies in politisch erregten Zeiten nicht anders fein kann, kam es nach Schluß der Versammlung zu spontanen Straßendemonstrationen. Die Polizei war überrascht. Sie verließ sich auf die Wirkung der liberalen Zeitungsartikel, deren Verfasser konsequent zu sein glauben, wenn sie ihre Leser vor Demonstrationen warnen, während sie nur unverbesserlich töricht sind. Sie ahnte nicht, daß die Straßendemonstrationen der Arbeiter alle Elemente, die noch nicht vollkommen politisch verknöchert und verphilistert sind, auch im Bürgertum be- kehrt haben. So wurde die Polizei durch die Demonstrationen, die diesmal von den Arbeitern begonnen und den Bürgern mitgemacht wurden, überrascht. Ihre Entschlußkraft war zu- dem durch das Bedenken gclähmt.I eL nicht nur mit Arbeitern zu tun zu haben. So blieb sie untätig, und ihre Untätigkeit gewährleistete den ruhigen Verlauf der Kund' gcbung. Vor dem Schloß Wilhelms II. erschollen die Hoch- rufe auf das gleiche Wahlrecht. Von der Rampe des Kronprinzenpalais aus, vom Sockel des Denk- malL Wilhelms I. erklang der Kampfesruf der Massen. Während die Volksverräter vom Zentrum im Bimde mit den Konservativen das Schandgesetz des Bethmann in aller Eile durchpeitschen wollen, wächst und wächst die Bewegung draußen. In Frankfurt hat eine Riesenkundgebung— auch hier von der Polizei ungestört— stattgefunden, wie sie die Stadt seit dem Jahre 18-t8 nicht gesehen hat. Und noch stehen wir erst in den Anfängen der Bewegung. Die Herren vom schwarz-blauen Kartell mögen ihr Schandwerk nur voll- führen. Die Bewegung für das gleiche Recht ist zu mächtig geworden, als daß die Wechselfälle der parlamen- taiifchen Reden und Beschlüsse sie von ihrer Bahn abdrängen könnten. Die Herren mögen sich noch so taub stellen, den Schrei nach dem gleichen Wahlrecht werden sie doch noch er- hören müssen. Bis dahin aber nochmals und immer wieder: Keine Ruhe in Preußen, bis das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht er» «berttst. Eine Kundgebung in Berlin. In Berlin fand am Sonntag eine große Volfsversamm- litng im Zirkus Bnsch statt, die von Vertretern der liberalen Parteien, von Angehöngen der Kunst, Wissenschaft. Handel. Industrie und Gelverbe einberufe» war. DaS große Lokal war schon lange vor 12 Uhr. der für den Beginn angesetzten Stunde, bis auf den letzten Platz gefüllt, und der»vettere Zuzug wurde durch Mspemmg zurückgehalten. Das Gros der Teilnehmer gehörte dem liberalen Bürgertum an, doch war daneben auch die sozialdemokratische Ar- b e i t e r s ch a s t in nicht geringer Stärke vertreten. Die Zahl der Teilnehnier dürfte 8000 betragen haben. Die Versammlung eröffnete Professor v. Liszt-Char- lottenburg: Die heutige Versammlung sei charakterisiert durch die Zu- sammensetzung des einberufenden Komitees. Während die anderen Versammlungen von einzelnen politischen Parteien einberufen wurden, sind die Einberufer heute zum großen Teile Männer, die dem poli-- tischen Leben bis heute ferngestanden haben. Es sind die Einberufer Vertreter der Städte, Magistrate, von Handel, Industrie, Gewerbe, Kunst und Wissenschaft. Wir müssen es in diesem Augenblick be- sonders stark betonen, daß zum ersten Male diese Männer ins politische Leben und in den Kampf für eine Wahlrechts- r e f o r in eintreten. Wir haben diese Versammlung einberufen, um vor dem ganzen Volke zu betonen, daß die Vertreter von Kunst, Wissen- schaft, Handwerk, Gewerbe sich eins fühlen mit den weitesten Schichten der Bevölkerung und daß sie nicht gewillt sind, sich einfangen zu lassen durch die Aussicht eines erhö h ten Stimm- rechts.(Stürmischer Beifall.) Wir wollen in Reih und Glied mit allen Schichten der Bevölkerung stehen.(Stürmischer Beifall.) Wir beanspruchen keine Führerrolle. Wir wollen solange zusammenstehen, bis es uns gelungen ist, die Reaktion nieder- z ur i ng e n.(Stürmischer Beifall.) Wir tagen in einem ernsten Moment. Denn wir stehen nach der ersten Lesung der Vorlage. Was kein Mensch erwartet hat, hat die erste Lesung der Kommission hervorgebracht: Sie hat die Vorlage noch verschlechtert.(Rufe: Pfui! Pfui! Cassel!) Die Vorlage beseitigt den Wahlinäiinerunsug. Jetzt ist die indirekte Wahl wieder eingeführt. Wer trägt die Schuld daran? (Lärm, Nuse: Cassell Unruhe.) Das Zentrum hat die Schuld mit feinem Liebeöwerben um die Gunst der Konservativen.(Pfui-Rufe.) Und die Konservativen haben die zärtliche Uinarmuna des Zentrums erwidert.(Beifall. Rufe: Kuhhandel!) Genau so wie bei der F i n a n z r e f o r m geht cS hier.(Sehr richtig!) Wir können eö verstehen, wenn die Konservativen bemüht sind, ihre Herrschaft auf- recht zu erhalten. Unverständlich ist es aber, daß das Zentrum Verrat an den Volksrechten übt.(Stürmischer Beifall.) Laut und deutlich muß daher das Volk seine Stimme erheben und da? um so mehr, als wir eine Regierung in Preußen eigentlich nicht haben.(Stürm, ininntenlanger Beifall.) Wir haben ja an der Spitze einen Minister, der ein Schwärmer ist.(Rufe: PhilosophI Major! Heiterk.) Ein Mann, der nicht weiß, wie es in der realen Welt aussieht, der keine Ahnung hat von der Entwickclnng Preußens und keine Ahnung v o n dem, was das Volk f ü Pl t und denkt.(Stürinischer Beifall.) Wir haben eine Regierung, die sich als über den Parteien stehend bezeichnet und in Wahrheit nichts ist als der geschäftSführeude Ausschuß der konscrvativ-ngrarischen Parteien.(Stürmischer Minuten- langer Beifall.) Als erster Redner sprach der nationalliberale Landtags- abgeordnete Dr. Maurer. Er wandte sich gegen die veraltete Wahlkrciöeinteilung und fuhr dann fort: Die Vorlage ist ein elendiger Flicken auf ein abgeschabtes Kleid. eine Karikatur auf eine Reform.(Stürmischer Beifall.) Das bedeutet eine Zumutung an das Volk, die mit Entrüstung zurückgewiesen zu werden verdient.(Stürmischer Beifall.) Wir werden nicht demonstrieren und revolutionieren.(Stürmischer Beifall und lärmender Widerspruch.) Wir werden pro- testieren.(Lärmende Zurufe: Faust in der Tasche machen! Echt nationalliberal I Große Unruhe.) Als monarchisch gesinnter Mann sage ich. daß wir appellieren sollen an den Fürsten und ihn sragenl: Hat das preußische Volk das verdient?(Stürmischer Beifall und lärmende Zuruse.) Wir als staatserhaltende Männer wollen protestieren, daß man dem Volk unter dem Deckmantel des„historisch Gewordenen" die Rechte vor- enthält. Unabhängig kann ein Volk nur wählen(Zurufe: Durch Unterosfiziere I Gelächter.)— wenn eS das geheime Stimmrecht hat.(Stürmische Zurufe: Gleiche! Gleiche! Gegenrilfe: Nein, geheime! Große, anhaltende Demonstrationen.) Meine Herren I Es ist mir der Auftrag geworden, nur mit wenigen Worten die Wahlreformvorlage zu besprechen und nur auf daö geheime Wahlrecht einzugehen.(Slürmische Unterbrechungen: Nein, wir wollen das gleiche Wahlrecht! Großer Beifall.) Warten Sie doch ab, was nachher gesagt wird von den anderen Rednern! Glaubt man die Unzustiedcn- heit zu beseitigen, wenn man die Wähler zlvingt, gegen ihre politische Uebcrzeugiing zu wählen? ES zeigt nicht von poli- tischer Reife, wenn der Bürger hinabgleitet auf die schiefe Bahn des Radikalismus.(Rufe: Echt nationallibcral! Große Unruhe.) Auch bei dem geheimen Wahlrecht bleibt das Verantwortungsgefühl vor dem politischen Gewissen.(Sehr richtig!) Nur wo Freiheit ist. wird auch die wahre Verantwortung vorhanden sein. Eine Wahlreform, die von einer koniervativ-agrarischen Mehrheit Arm in Arm mit dem Zentrum gemacht wird, bürgt wenig Hoffnung auf eine Stärkung der ReichSfrcudigkeit. Mit nackrerBrutalität wird die Beeinflussung der Wähler noch mehr zur Wahrheit werden als gegenwärtig. Mit dem Dichter möchte ich rufen: Ich fürchte den schwarz-blauen Block, und selbst, wenn er Geschenke bringt.(Stürinischer, anhaltender Beifall.) Als Vertreter von Handel und Industrie sprach der Stadt- verordnete Fabrikbesitzer Dr. Frentzel, nach ihm Prof. Dr. Spiegel (Charlottenburg), der mit der Erklärung großen Beifall weckte, bisher habe er sich immer mit dem Wort Bismarcks getröstet, daß etwas Widersinnigeres und Elenderes nicht mehr erdacht werden kann. Aber er müsse bekennen: Ich habe die gegenwärtige preußische lltegierung unterschätzt. Dann folgte der Jungliberale Rechtsanwalt Dr. Marwitz und die freisinnigen Abgeordneten Dr. W i e m e r und Na n m a n n. Dieser erinnerte an das Jahr 1848. Aber der damals erhobenen Forderung der Rechtsgleichheit schlägt daS Klassenwahlrecht ins Gesicht: es schlägt dem staatsbürgerlichen Gedanken in Preußen große Wunden. Wenn eS im Kriege nicht heißt: An die dritte Klasse meines Volks I, dann darf eS auch im Frieden zu der Mehrzahl der Preußen nicht heißen: Ihr Bürger dritter Klasse.(Slnrmischer Beifall.) Alle Länder ringS um uns herum außer Rußland haben das gleiche Wahlrecht. Preußen, daö früher so stolz auf Oesterreich herabblickte. muß sich jetzt herüber- rufen lassen: Immer langstmi voran, daß die preußische Landwehr nachkommen kann!(Lebhafter Beifall.) DaS alte Preußen ist regiert worden von den Rittergütern aus, und nun kämpft daS Rittergut um leine Herrschaft. Ganze Provinzen stehen unter dem Banne des Rittergutes, als ob sie ein eriveiterter Gutöhof seien. Die ge- schaffcnen„sittlichen Werte" bestehe» in der Polonisierung des deutschen BodenS und der Abwanderung der deutschen Bevölkerung, die in den letzten Jahrzehnten über 100 000 zählt. Der Klassen- gedanke unterdrückt den VolkSgcdanken. Rufet es laut in die Ministerien, daß sie nicht mehr schlafen können, rufet eS in die ver- staubte Stube des Herrenhauses, rufet es in die Sitzungszimmer de« Bundesrates: Endlich ist es an der Zeit, daß eS heißt, alle Preußen find vor dem Wahlrecht gleich.(Minuten- langer Beifall.) Der Vorsitzende Professor von LiSzt verliest hierauf folgende Resolution: „Die im ZirkuS Busch tagende, von Vertretern der Selbst- Verwaltung, der Wissenschaft und Kunst, der Industrie und des Handel» einberufene, von vielen Tausenden besuchte Versammlung stimmt den Ausführungen der Redner zu, erklärt sich auf daS entschiedenste gegen die in der Regierungsvorlage vorgeschlagene Zurücksetzung der werktätigen Volksschichten wie gegen die Aufrechterhaltung der öffemlichen Stimmabgabe und lehnt diese Gesetzgebung rundweg ab. Sie fordert eine gründliche Reform, vor allem die volle Durchführung der geheimen und direkten Wahl und die zeitgemäße Rcuemleilung der Wahlkreise." Als der Vorsitzende an die Stelle.volle Durchführung der ge- Heimen und direkten Wahl" kam, unterbrachen ihn zahlreiche Rufe: „Gleiche Wahl! Gleiche Wahl!" Er las den Satz ein zweites Mal in derselben Fassung, aber noch energischer als zuvor schnitt der tausendstimmige Ruf:„Das gleiche Wahlrecht! DaS Reichstags- Wahlrecht!" ihm das Wort ab. Langsam legte sich die Erregung und der Lärm, während am Vorstandstisch konferiert Ivurde. AlL dil Ruhe wiederhergestellt war, sagte der Vorsitzende:„Ich werde den Satz n o ch m a l vorlesen", und mm lautete die Stelle:„volle Durch- führung der geheimen und direkten und gleichen Wahl". Slürmischer Beifall quittierte über die erzwungene Aenderung, und in dieser Fassung wurde die Resolution widerspruchslos angenommen. Hiermit endete die Versammlung. Die Teil- nehnier brachen auf unter Hochrufen auf das stete Wahlrecht, in die auch Hochrufe auf die Sozialdemokratie sich mischten. Daran schloß sich der Gesang der A r b e i t e r m a r s e i l l a i s e, zu einiger Per- wunderung der bürgerlichen BersammlungSbcsucher. Die Ttrastcndemonstration. Auf der Straße hatte eine tauiendköpfige Menge, die nicht mehr zugelassen joorden war. dem Schluß der Versammlung entgegen- geharrt. Sie hatte Zuzug erhalten von Personen, die von der Koppenstraße herkamen, wo Herr S ch ne i d t eine Protestversamm- lnng abhielt. Der Versuch, für die Wartenden im benachbarten Feenpalast eine improvisierte Versammlung abzuhalten, scheiterte an dem Wider st an de der Polizei, die ihre Genehm i- ung versagte. Für die aus dem ZirkuS herausströmenden eisaminlungSteilnehmer stand draußen das übliche Polizei- a u f g e b o t bereit. In der Erwartung, daß ein Demonstrationszug sich bilden und dem Schlosse zustreben würde, hatte die Polizei in nächster Nähe des ZirkuS quer über die Burgstraße hinweg eine Schutzmannskette postiert. Aber eS ivar offenbar von„oben" Befehl gegeben worden, nicht zu flink die Faust oder gar den Säbel zu gebrauchen, alldieweil das das Bürgertum ver- schnupft hätte. Die Menge staute sich einen kurzen Augen- blick, schob sich dann aber durch die SchntzmannSkette hindurch, ohne viele Umstände zu machen und ohne Widerstand zu finden. Doch die Friedrichsbrücke, an die sie nun gelangte, war gleichfalls durch eine Reihe Schutzleute gesperrt, und diese schloß dicht. Der Zug, der von selber sich gebildet hatte und in dem neben dem Arbeiter so mancher Bürgerliche ging, marschierte weiter die Burgstraße hinauf, vorbei auch an der von Polizei ver- sperrten Kaiser-Wilhelm-Brücke, vorbei an dem Königsschloß, zu dessen allerSgrauen Mauern über das Wasser hinweg die Arbeiter- Marseillaise hinüberktang. An der Friedrichsbrücke, wo man meinte, daß die„Noten" ja vorüber seien, öffnete sich jetzt die Sperre einem zumeist aus Bürge'rlichen bestehenden Schub heimgehender Versammlungsbeiucher, und diese eilten nun UN- gehindert nach dem Lustgarten. Plötzlich bildeten unter de» Fenstern deö Schlosses sich dichte Gruppen, aus denen Hochrufe auf das freie Wahlrecht laut wurden und die A r b e i t e r m a r s e i l l a i s e erklang. Im nächsten Augenblick schwärmten aus dem Schloß und dem Dom ganze Rudel von Polizisten aus und versuchten die Menge in die Anlagen zurückzudrängen. Eine Gruppe war bis in die Näbe der Adlersäule an der Ecke des Lustgartens und der Schloßsteiheit gelangt und wiederholte hier ihre Kundgebungen. Auch den Abgeordneten Naumann sah man in der Menge, au? der dann ein Zug sich bildete und, ziim Teil ge- schoben von der Polizei, den„Linden" zustrebte. Zil derselben Zeit war es auf der anderen Seite des Schlosses dem ersten Zug möglich geworden, über die Kursürstcnbrücke hinweg auf den Schloßplatz zu gelangen. Zu den Fenstern des Schlosses brauste es hinauf:„Wir sind die Arbeits männer, daS Prole- tariat!" Während dieser Zug am Hauptportal des Schlosses vorbei nach dem Lustgarten marschierte, stieg ein Mann auf den Sockel drS Denkmals Wilhelms l. und brachte ein Hoch aus das gleiche Wahlrecht aus. Am Lustgarten stellte sich eine Reihe Polizisten entgegen. Einen Augenblick schien es, wie wenn es hier zu einem Zusammenstoß kommen sollte. Schon be- gannen einige iibernervöse Schutzleute mit den Armen zu arbeiten. Dann aber öffnete auch diese ÄbsperrungSlinie sich und der Zug marschierte die, Linden" hinab. Au der Wilhelmstr'uße wehrte Polizei ihm den Eintritt, damit der Reichskanzler nicht aus seinem Nachmittagsschlaf aufgeschreckt werde. Durch das Brandenburger Tor hinaus und die Königgrätzer Straße cutlaiig>zing es zur Prinz-Albrccht-Straße, wo es angesichts der das Dreiklassen- parlawriitShau» bclvachendcn Polizei zu erneuten Kiindgebungeu kam. Dem Versuch, von hier aus nach dein Wilhelmsplatz zu marschieren, um womöglich doch auch dem Reichskanzler eine Ovation zu bereiten, widersetzte sich Polizei, die die Wilhelm- straße sperrte. Der Zug kehrte um, wobei die ihm nachrückeiide Polizei, um das Marschtempo zu beschleunigen, in bekoinitcr Art die letzten bedrängte. Nur der Besonnenheit der Menge ist es zu danken. daß es nicht schließlich hier noch zu einem Zusammenstoß kam. Aus dem Weitermarsch durch die Zimmerstraße erscholl der Ruf:„Zun! Vorwärts l" Auf den Hof d e S„Vorwärts"- HauseS ergoß sich eine noch vielhundertköpfige Menge, und hier endete die Kund- gebung mit einer Ansprache, die ein Mitglied der demokratischen Vereinigung hielt._ Oer Vahirechtsllampf. Eine gewaltige Wahlrechtsdemonstratio». Frankfurt a. M., 26. Februar.(Eig. Ber.)> Frankfurt a. M.— das kann ohne Ucbertreibung gesagt werden— steht mit an der Spitze von den Städten, in denen am energischsten für ein freies Wahlrecht gekämpft wird. Ver- sammlungen auf Versammlungen folgten in den letzten Tagen. Vor genau zwei Wochen, am preußischen Wahlrechtssonntag, begann der Sturm gegen die Wahlrechtsvorlage: 10 000 Bürger Frankfurts erhoben da laut ihre Stimme des Protestes. Immer gewaltiger wurden d-e Proteste, und dieS trotz Schutzmannsfäuste, trotz Polizeisädel, die erbarmungslos auf die Demonstranten niedersausten. Die Frankfurter Arbeiterschaft ließ sich nicht einschüchtern. Im Gegenteil: die Polizeitaten erhöhten ihre Widerstands- kraft und ihren Opfermut. Der Sturm wurde zum brausenden Orkanl Am letzten Donnerstag verließen un. gefäbr 15 000 Arbeiter ihre Arbeitsstätte, um mitten während der Arbeitszeit gegen die polizeilichen Greueltaten und für ein freies Wahlrecht zu demonstrieren. Die Arbeiter zeigten damit, daß sie gewillt sind, mit allen Mitteln gegen die schmachvolle Wahlrecht»- vorläge zu kämpfen. Und diese Probe aufs Exempcl war glänzend. Die heutige Massenkundgebung der Frankfurter Bürgerschaft übertraf alle bisherigen Kundgebungen bei weitem. Frankfurt a. M. sah eine Wahlrcchtsdcinonstration, die in ihrer Art einzig dasteht. Alle linksstehenden Parteien: der Sozialdemokra. tische Verein, Demokratische Verein, Verein der Fortschrittspartei, Nationalsoziale Wohlverein, die Neudemokratische Vereinigung und der Verein für Frauenstimmrecht hatten sich zu einer gemeinsamen Kundgebung geeinigt, die sich in erster Linie gegen die drei Grund. übel des elendesten aller Wahlsysteme: Dreiklasscnwahl, Leffent- liche Stimmabgabe und Entrechtung der Städte und Industrie- bezirke, und gegen das Verhalten der Reaktion, der Konser- vativen, des Zentrums und der Nationalliberalen richten sollte. Auf mittags IL Uhr war die Versammlung unter freiem Himmel, auf der H u n d S w i e s e, vor den Toren der Stadt, an- gesetzt. Aber schon um 10 Uhr strömten dichte Scharen dem riesigen Versammlungsplatze zu. Hier waren im Abstand von zirka 100 Metern 8 Tribünen errichtet, von denen Vertreter der verschiedenen Parteien sprechen sollten. Sämtliche Vertrauensleute der Partei waren als Ordner bestimmt und hatten Mitgliederaufnahmen zu machen. Und hierfür war ein günstiger Boden vorhanden, so daß die Ernte sehr reichlich war. Die Polizei-- die ja die BerjamNlung exlgjjht und nur«inen Umzug untersagt KattL hatte, tele bei allen Veranstaltungen in den letzten Sagen, umfassende Vorkehrungen getroffen. ES waren an ver- schiedenen Orten größere Trupps Polizeimannschaftcn unter- gebracht. Auf der Straße und auf dem Vcrsammlungsplatz ließen sich uniformierte Beamten nicht scheu, dagegen wimmelte es von Polizeispitzeln. Immer größer« Massen strömten zu dem Versammlungk-platze. Tie Trambahn hatte Extrawagen bis zur Hundswiese eingestellt, die im Abstände von einer Minute abgingen und sämtlich überfüllt waren. Ter Versammlungsplatz war bald dicht bevölkert, und als genau uui 12 Uhr das Signal zum Beginn der Versammlung ge- geben wurde, da scharten sich unzählige Massen um die Siedner- tribüncn. Von der sozialdeni akratischen Partei sprachen die Genossen Eduard Graf, Karl Möller, Quarck und Her- mann Wendel. Für die Demokraten sprach der Landtags- abgeordnete Dr. F l e s ch, für die Fortschrittspartei Stadt- verordneter Emil Göll, für die N a t i o n a l s o z i a l e n Graveur Paul Haag und für die Neudemokratische Verein i. gung Dr. Westphal. Den Vorsitz führten ebenfalls vier bürgerliche und vier sozialdemokratische Vertreter. Es war ein gewaltiges Bild, das sich einem vom erhöhten Mittelpunkt des Platzes aus bot. Auf 8 Tribünen die verschiedenen Redner, deren scharfe Kritik an der Wahlrechlsvorlage und an dem erbärm- lichen Verhalten der Mehrheitsparteien im Landtag durch Zustimmungsstürme der Versammelten unterstrichen wurde. So vermischten stch die Beifalls- und Begeistcrungskundgebungen von der einen Tribüne mit denen der anderen... Und über die Wiesen wehte ein warmer F r ü h I i n g S h a u ch. Es geht dem Lenz entgegen: auchinPreußenmußundwirdesFrühling werden. Die Redner sprachen genau 2ö Minuten. Kurz zuvor wurde ein Flaggensignal gegeben. Die Vorsitzenden brachten dann folgende Resolution, die in vielen taufenden Exemplaren verteilt worden war, zur Abstimmung: „Viele Tausende von Männern und Frauen in Frankfurt am Main, versammelt zu gemeinsamer Kundgebung unter freiem Himmel, protestieren auf das entschiedenste gegen die reaktiv- näre preußische Wahlrechtsvorlage und ihre schmähliche Ausgestaltung durch die WahlrechtSkommisstiu des Abgeordnetenhauses. Di« Beibehaltung des ungerechten Dreiklassen. Wahlsystems, der veralteten Wahltreiseintci- l u n g und der Bevormundung der Wähler durch die indirekte Wahl verfälscht den Willen des Volkes und gibt dem platten Lande zugleich «ine Diktatur über die Städte. Die Versammelten erblicken darin die e r n st e st e Wirt- schaftliche und politische Gefahr für die große Mehrzahl des preußischen Volkes. Sie erklären daher, mit allen Kräften für das all- gemeine, gleiche, geheime und direkte Wahl- recht kämpfen zu lv ollen." Fast überall gleichzeitig erhoben sich unzählbare tausende Kände für die Resolution. Nach Annahme der Resolution brachten die Vorsitzenden Hoch- rufe auf ein freies Wahlrecht aus, in das die Versammelten brausend einstimmten. Dann ertönten aus taufenden Kehlen die Klänge der Marseillaise:„DaS freie Wahlrecht ist das Zeichen, in dem wir siegen, nun wohlan!..." Ein Demonstrationszug war nicht geplant, er bildete sich aber>— mußte sich bilden— von selber, denn fast alle Teil- nehmer hatten denselben Weg zur Stadt. Die Trambahnwagen nahmen ja Hunderte auf. Aber diese paar Hunderte oder viel- leicht auch Tausend waren ein so winziges Teilchen des Menschen- meereS, das die Eschenheimer Landstraße zur Stadt hinwogtc, daß ihr Abgang gar nicht in Betracht kam. Wie groß die Zahl der Demonstranten war? Genaue Angaben lassen sich da nicht machen. Während der Reden und sogar noch am Schluß kamen immer und immer noch weitere Scharen herbeigeeilt. Nach unserer Schätzung mögen es ungefähr 40 000 Bürger und Bürgerinnen— die natürlich zum weit überwiegenden Teil aus Arbeiterkreiscn waren— gewesen sein, die sich an der Demonstration beteiligten. Diese Zahl ist sicher nicht zu hoch gegriffen. Von anderer Seite wird die Teil- nehmcrzahl sogar auf 50 000 bis 00 000 geschätzt. Jedenfalls war die Demonstration so imponierend, so riesig, daß sie auch außer- halb der Mauern Frankfurts gewaltigen Eindruck machen wird. Ein über eine halbe Stund« langer loser Zug, der die ganze breite Eschenheimer Landstraße einnahm, marschierte unter Hochrufen und Singen der Mar- scillaise der Stadt zu. Als die ersten des Zuges schon an der Hauptwache, dem Mittelpunkte der Stadt, waren, waren die letzten noch auf dem Versammlungsplatz. Und dies, trotzdem daß tausende gleich oben rechts und links abschwenkten. Von der Hauptwache aus zog ein großer Teil der Massen(die nach Osten und nach Sachsenhausen mußten) über die Zeil und am Polizeipräsidium vorbei. Die Polizei verhielt sich auch hier zurückhaltend— folglich ging alles in bester Ordnung. Unser« Ordner hatten lediglich dafür zu sorgen, daß es keine Stauungen gab und die Trambahnen durchgelassen wurden. Am Polizeipräsidium blieben ja viele Neu- gierige stehen, den Aufforderungen unserer Ordner zum Weiter- gehen wurde aber auch hier von der Menge Folge geleistet. So verlief die große imposante Demonstration mustergültig, und der Eindruck, den sie hervorrufen wird, wird deswegen um so gewal- tiger sein. Weitere Wahlrechtsdemonstratione«. In Stettin kam cS gestern mittag zu einer Demonstration auf dem Houptplatz der Stadt, dem sogenannten Paradeplatz, von dem die Polizei bisher ängstlich jede Demonstration ferngehalten hatte. Mehr als 10 000 Menschen hatten sich angesammelt, die Hochrufe auf das Wahlrecht erschallen ließen und die Mar» s e i l l a i s e anstimmten. Alö die Demonstranten durch daS sogenannte vornehme Stadtviertel ziehen wollten und vor der Wohnung des konservativen Abgeordneten M a l k e w i tz dcmon- strierten, wurden sie von der Polizei in das Innere der Stadt zurückgedrängt. Ohne weitere Zusammenstöße ging die Demon- stration auseinander. lkhemnitz. Großen Anteil an dem WahlrechiSkampf der preu- ßifchen Genossen nehmen die Chemnitzer Parteigenossen. Zu macht- vollen Kundgebungen gestalteten sich zwei Versammlungen in Chemnitz, die Sonnabend und Sonntag in den größten Sälen, Zweiniger und VolkShauS, abgehalten wurden. Genosse Ledebour sprach über daS Thema: Der Kampf des Volkes um Freiheit und Recht. Tausende waren in den Ver- sammlungen. Tausende standen vor den Sälen, die keinen Platz finden konnten. Der Referent gab einen Rückblick, beginnend von dem Ausgange der letzten Reichstagswahl, über die politischen Ereignisse bis in die jüngste Zeit. Er schilderte den Zusammenstoß im Reichstage mit dem Vizepräsidenten Hohenlohe anläßlich der Oldenburger Frechheit, die WahlrechtSkämpfe und die Polizistenübergriffe, und hielt in der ihm eigenen Weise scharfe Abrechnung mit den Finsterlingen und den WahlrcchtLfeinden aller Couleur, die die Sozialdemokratie schon niedergeritten zu haben glaubten, und versicherte, daß der Kampf um das ReicbStagswahl- recht für Preußen mit allen Mitteln weitergeführt werde bis zum endlichen Siege der Sozialdemokratie. Jubelnder Beifall wurde dem Genossen. In einer einmütig angenommenen Resolution versicherten die Chemnitzer Genossen den preußischen WahlrechtSkämP- fern ifjie Stziupathic.' In AugSburg demonskrierssn die Bayern zugunsten der preußi- scheu Wahlrechtsreform. Genosse M ü l le r- München referierte über junkerliche Staatsstreichversuche und preußische Wahlrechts- rcform. Die Versammlung war eine mächtige Kundgebung gegen die preußische Reaktion. Tie demokratischen Vereine Bayerns waren in Würzvurg ver- sammelt, um über die Fusion der linkSliberalcn Parteien zu be- raten und benützten die Gelegenheit, gleichfalls für eine ver- nünstige preußische Wahlreform zu demonstrieren. Vw der Lilticheidung. London, 26. Februar.(Eig. Ber.) Das innerpositische Fieber, das vor zehn Monaten mit dem Etat zum Ausbruch kam und durch die letzten Wahlen nicht beseitigt wurde, ist nur eine Phase, allerdings eine sehr akute Phase der allgemeinen und chronischen Krise, in der sich die britische Nation seit dem Jahre 1885 befindet. In jenem Jahre, als auch die Landarbeiter das Wahlrecht ausüben durften, wurden die besitzenden Klassen Großbritanniens zu ihrem Schrecken gewahr, daß sie in der Demokratie stecken. Die dainals begonnene Nebellion dieser Klassen gegen die freiheitliche Entwickelung der Konstitution bildet die Krise. Der Verlauf der Krise war vorerst ein lang- famewund gab deshalb keinen Anlaß zur Veunruhignng. Vom Jahre 1886 bis 1966 waren die Konservativen entweder am Ruder oder wenigstens die Herren der Situation. Tie liberale Mehrheit in den Jahren 1892 bis 1895 war schwach und unentschlossen, und die Arbeiter bildeten einen festen Bestandteil der alten Parteien. Die bc- sitzenden Klassen hatten sich beruhigt und trieben eine ihren Interessen entsprechende Politik, ohne von den Volksmassen gestört worden zu sein. Im Jahre 1966 kamen aber die merk- würdigen Wahlen, die die Radikalen ans Ruder brachten und die Existenz einer selbständigen proletarischen Partei enthüllten. Die Uebcrraschung war groß und schmerzhaft. Darauf waren die Besitzenden nicht vorbereitet: Die Demokratie war trotz alledem im Anmarsch! So„schlimm" war es allerdings nicht. Jetzt läßt sich ja der Charakter jener Wahlen besser begreifen. Sie waren ein Protest der Volksmassen gegen den Burenkricg. Die britischen Wähler stimmten nicht so sehr für die Radikalen als gegen die Imperialisten. Dennoch ivar der Schrecken groß und die Besitzenden begannen ihren Blick auf die Lords zu richten. Das Oberhaus als Schutzmauer gegen die Demokratie! Deshalb die zahlreichen Ablehnungen von Untcrhausvorlagcn im Oberhause. Gleichzeitig aber bedeuteten diese Ablehnungen die Ver- nichtung der liberalen Partei, deren radikale Elemente in den Auffassungen der bürgerlichen Demokratie erzogen wurden und ihre ganze politische Existenz bedroht sahen: einerseits von den Konservativen, andererseits von der Arbeiterpartei, mit deren Sozialismus sie sich nicht befreunden konnten. Die Antwort der Radikalen war der Etat mit seinen Boden- steuern, seiner Erhöhung der Einkommen- und Erbschaftssteuern, seinen Alterspensionen für Arbeiter und seinen Aussichten ans Arbeitslosensürsorge. Der Etat war eine Herausforderung der Radikalen an die Konservativen, die wirklich geglaubt hatten, die Ergebnisse der Wahlen vom Jahre 1966 wären ein Mandat an die neue Regierung, im radikalen Sinne die Geschäfte des Landes zu leiten. Die besitzenden Klassen, treu ihrem antidemokratischen Programm, ließen den Etat verwerfen, ivorauf die Radikalen das Parlament auflösten und zu Neuwahlen schritten, die ihre Mehrheit auf zwei Stimmen reduzierten und sie in Abhängig- keit von den Nationalisten und den Arbeitern brachten, denen eS um den Kampf gegen die LordS wirklich ernst ist und ernst fein mutz. Seine Rettung vor vollständiger Vernichtung verdankt der Liberalismus folgenden Faktoren: dem Etat, dem Kampfe gegen die Lords und dem Freihandel. Allein die Wähler, die auL diesem Grunde für die Liberalen stimmten, gehören keiner homogenen' Klasse an. Die Arbeiter gaben ihre Stimmen dem Etat und dem Kampfe gegen die Lords; die Iren, die Schotten, die Waliser stimmten hauptsächlich gegen die Lords,— die Iren sind gegen den Etat; die Großindustriellen und die Reeder stimmten für Freihandel,— ohne die Frage des Frei- Handels würden sie zum Teile für die Konservativen gestimmt haben. Die Gruppen und Parteien, auf die die Liberalen rechnen dürfen, sind also nichts weniger als einheitlich; allein das Band, daö die große Mehrheit dieser Klassen- und Volksschichten zusammenhält, ist die Feindschaft gegen die Lords. Da aber Asquith an dieser gemeinsamen Forderung Verrat geübt hat, so ist die Lage seines Kabinetts unsicher. In der Adreßdcbatte der letzten Woche fanden zwei nanientliche Abstinimungen(tlivisions) statt. In beiden ent- hielten sich die Iren der Abstimmung, und die Regierung verdankt einzig und allein der Unterstützung der Arbeiter- abgeordneten, daß sie noch am Ruder ist. Aber wie lange sie iwch am Ruder bleibt, läßt sich nicht sagen. Geben die Iren die Neutralität auf und nehmen eine oppositionelle Hat- tung ein. so ist es um die Regierung geschehen. Schon die nächste Woche dürfte zeigen, welche Haltung die Iren einzu- nehmen gedenken, denn das Unterhaus wird am Montag in die Beratung dcS Etats eintreten. Die einzige Hoffnung der Regierung beruht vorläufig auf der W a h l m ü d i g k e i t d e S Landes. Mit Aus- nohme der Iren, die zum größten Teile keine Gegenkandidaten haben und deshalb einen eigentlichen Wahlkampf nicht durch- machen müssen, wünscht keine Partei, sofort in eine Wahl- kampagne einzutreten. »* Die Debatte im Unterhaus. London, 23. Februar. Die Unsicherheit der poltti» schen Lage und die Möglichkeit einer KrisiS hatten heute schon bei der Eröffnung der Sitzung ein dicht gefülltes Haus geschaffen, obwohl vorerst lediglich formale Fragen zur Entscheidung standen. Premierminister Asquith brachte den Antrag ein. alle Sitzungen bis zum 24. März ausschließlich den Regierungsgeschäften vorzubehalten und zwar sollen sie vollständig dem Budget und anderen finanziellen Angelegenheiten gewidmet sein, da das Finanzjahr am 21. März zu Ende geht. Vier Tage würden dem Marinebudget gewidmet werden. DaS Haus werde sich sodann vom 24. bis 20. März vertagen. Bei seinem Wieder» zusammentritt werde die Regierung Vorschläge über die Beziehun- gen zwischen beiden Kammern machen. Diese Borschläge würden zunächst in Form von Nesolutione» eingebracht werden, in denen ganz allgemein die Notwendigkeit ausgesprochen sein werde, die Lord» von den Finauzangclegenycitcn auszuschließen, und in denen ferner das Unterhaus zu der Erklärung aufgefordert werden solle, daß das Veto des Oberhauses mit Bezug auf die Ge- jetzgebung so eingeschränkt werden müsse, daß die Borherr- schaff des Willen« drS Unterhauses innerhalb der Lebensdauer eincS und drSselbr» Parlament? als gesichert erscheine, Asquith schloß: Es Eert'e klargelegt werklest, daß diest Verfassungsänderungen kein P r j u d i z für dieendgültig« Lösung der Frage bildeten. Er fasse für eines de« nächsten Jahre die Schaffung eines Oberhauses auf demokra- tischer Grundlage ins Auge. Wenn die Resolutionen zur Annahme gelangt seien, werde ein Gesetzentwurf vorgelegt werden, de« die betreffenden Teile der Resolutionen in Kraft setze. Um Zeit und Arbeit zu sparen und diese Hauptfrage sobald alö möglich zur Ent» schcidung zu bringen, würden die vom Unterhause angenommenen Resolutionen dem Oberhause vorgelegt werden.(Beifall bei den Ministeriellen.) Ob das Oberhaus den Resolutionen dann zustimme oder nicht, die Regierung sehe die Einführung von Be- siimmnngen, die das Unterhaus von dem Veto dcS Oberhauses befreien, nicht nur als erste wesentlichste Voraussetzung für die gesetzgeberische Würde und eine nutzbringende Wirksam- keit dcS Unterhauses an, sondern auch als ihre eigene höchste Pflicht.(Beifall bei den Ministeriellen.) Im Verfolg dieser ?lufgabe werde die Regierung alle Maßregeln ergreifen, die nach der Verfassung zulässig seien, und für ihre erfolgreiche Durchführung setze sie ihre Existenz ein.(Bei- fall. Ruf auf den Bänken der Unionisten: Wo bleibt das Budget?) Balfour erNärte. das abgeänderte Programm der Regierung beweise einen absoluten Mangel an folgerichtiger S t a a t s k u n st. In jedem Satz desselben trete eine domi- nierende Erwägung hervor, nämlich wie das Kabinett zu» sam mengehalten werden lönne, wie die von allen Seiten drohenden Stürme abgewendet werden könnten. Er glaube nicht, daß dies Staatskunst sei, aber er leugne nicht, daß es eine geschickte parlamentarische Leitung sei und wahrscheinlich geeignet, alle Gruppen der Koalition zufriedenzustellen. Aber wie sehr auch die Erklärung von Asquith geeignet erscheine, eine Aera des Friedens für die Regierung zu sichern, sie sei wenig geeignet, im Lande den Eindruck von der Staatskunst der Sie- gierung zu verstärken.(Beifall der Opposition.) R e d m o n d sagte, seine Absicht sei es nicht, einen Streit mit den Liberalen vom Zaune zu brechen, sondern ASquith zu verhindern, daß er von der kühnen, staatsmännischen Politik, welche er in secner Rede in der Albert Hall dargelegt habe, zurückweiche. R e d m o n d fuhr fort, er beklage, daß Asquith nicht ange- deutet habe, was die Regierung tun werde, wenn die Lords die Resolutionen ablehnen sollten, und er erklärte, daß er und seine Partei gegen die Resolution bezüglich der Ber» teiluug der Sivnngen stimmen würden, wenn er nicht die Zusicherung erhalte, daß ASquith, wenn die Lords die Resolutionen ablehnen sollten, zum König gehen und um Garantien bitten, und falls die Garantien ver- weigert werden sollten, zurücktreten würde. Sir Henry Dalzicl sagte, die Anhänger der Regierung bätten das Recht, sich zu beschweren, daß man sie durch die Politik einer Reform des Oberhauses überrascht habe. Abc« wenn die Regierung mit der Vetopolitik fortfahren und den König um Garantien bitten würde, falls die LordS bii Veto-Resolution zurückweisen sollten, würde er die Regierung unter st ützen. Austen Chamberlain beklagte, daß die Regierung die Budgetberatung zurückstelle und dadurch die finanziellen und die wirklichen Interessen des Landes schädige. Die Opposition sei nicht gesinnt, der Regierung des Königs nur deswegen zu oppo- nieren, weil sie dadurch ein wenig früher aus dem Amte gehen müsse, als eS auch ohnedies der Fall wäre. Die Opposition werde sich der Abstimmung enthalten. Politische Oeberfiebt. Berlin, den 28. Februar 1910, Der Autiwahlkaulpf des Zentrums. Tic zwanzig religiösen Arbeitermassenversammlungen, von deren Einberufung wir in letzter Nummer berichtete», haben gestern in Köln und Umgegend stattgefunden. In den Aufrufen hieß eS, diese„Protestversammlungen" gelten den Kirchenfeinden", den Freidenkern, der„Verbrüderung aller antikirchlichen und anti» christlichen Parteien(!) auf wirtschaftlichem(!) und politischem(!) Gebiete". Und weiter heißt es, der„Geist der Linken" sei auf dem Vormarsche. Die«Protest"bewegung, die sich auf das ganze westdeutsche Gebiet erstreckt und von M.-Gladbach aus inszeniert worden ist, richtet sich angeblich gegen die„Kirchenfeinde". Der Aufruf aber verrät durch die ange» führten Wendungen mit ausreichender Tölpelhaftigkeit, was des Pudels Kern ist: Die Unzufriedenheit der katholi- schen Arbeiter über die Steuerbewilligungen und den perfiden Wahlrechtsverrat des Zen- trumö soll abgelenkt werden auf den„gemein» samen Feind", auf die„Freidenker. Kirchen» feinde und Kulturkämpfer". Dieser Mißbrauch der Religion zu parteipolitischen Zwecken ist ein alter Trick des Zentrums, der schon mehrmals dann angewendet worden ist, wenn diese Partei daS arbeitende Volk an die agrarischen Brotwucherer verkauft hatte. Wenn die Kirche wirklich gefährdet wäre, so hätte ja das Zentrum dafür sorgen können, daß bei der Ab- stimmung über den Toleranzantrag nicht sechzehn Zentrums- abgeordnete fehlten. Bei der Beschlußfassung über den schänd- lichen Zolltarif hatte das Zentrum bekanntlich seine sämtlichen Mannen zur Stelle, und auch kürzlich, als es galt, im Interesse der Junker und Großagrarier die Erbschaftssteuer nieder» zustimmen, fehlten nur zwei ZentrumSleutel Daß in den Versammlungen, wie an den Anschlagsäulen reklamehaft ausgeschrien wurde, auch Kardinal Dr. Fischer und der Kölner Weihbischof würden teil» nehmen, macht den Rummel nicht besser. UebrigenS sollte ur- sprünglich der„Protest" mit einer Straßen demonstratio» verbunden werden. Im letzten Augenblick wurden aber„die in Frage kommenden Vereine" von der Bezirksleitung der katholischen Slrbeiter- und Gesellenvereine„aus bestimmten Gründen ersucht, nicht, wie ursprünglich beabsichtigt war, in ge- schlossenem Zuge zur Versammlung zu ziehen, sondern sich sofort inS Versammlungslokal zu begeben. Man wollte also auch„aus die Straße gehen". Die Reichstagsstichwahl in Miilheim-Wipperfürth« Gummersbach. Bei der ReichötagSstichwahl am Sonnabend erhielt Dr. Marx (Zentrum) 21400. Dr. Erdmann(Soz.) 13382 Stimmen. DaS Zentrum hat mithin daS Mandat behauptet. Bei der Hauptwahl am 15. dieses Monats erhielten: daS Zen- trum 20 370, die Sozialdemokratie 10 924, die Nationalliberalen 8405, die Christlichsozialen 1140 Stimmen. Zu dem Wahlergebnis wird uns aus dem Kreiö geschrieben: „Der Zentrumskandidat ist, wie vorauszusehen war, mit großer Mehrheit gewählt worden. Die Liberalen haben sich nicht zu einer einheitlichen eindeutigen Parole aufschwingen können. trotzdem sie vor der Hauptwahl unzählige Male erklärt hatten, ihr Kampf gelte der Niederwerfung der Zentrumsreaktion. Bis zur Stichwahl hat eS sich aber gezeigt, daß der Nationalliberalismus, selbst wenn er vom Jungliberalismus stark beeinflußt wird, leine Entschlossenheit mehr aufzubringen vermag. Für den Kreis Mül- heim gaben die liberalen Vertrauensleute die Parole auS: Keine .Stimme dem Zentrum! Lm Kreise Gummersbach ging man sogar noch einen Schritt weiter und forderte die Liberalen auf. für den sozialdemokratischen Kandidaten einzutreten. Aber zwei Tage vor der Stichwahl wurden diese beiden Beschlüsse durch eine neue Kundgebung der liberalen Ver- trauensleute des ganzen Wahlkreises aufge- hoben. Die Sozialdemokratie hat sich denn auch nicht auf die Hilfe der Liberalen verlassen, sondern die Zeit bis zur Stichwahl noch zu reger Agitation ausgenutzt." DaS„Berliner Tageblatt" bemerkt zu dem Wahlresultat: „Man muß es bedauern, daß von den Liberalen nur 2i00 zu der Einsicht gelangten, daß bei der Lage der Dinge für einen Liberalen hier der Sozialdemokrat entschieden das kleinere Uebel war, und daß es Pflicht war, die Wahlstimme gegen den Jen- trumsmann, den Vertreter der schwärzesten Reaktion, in die Wag- schale zu werfen. Solange die Liberalen nicht einsehen, daß die Gegner, klerikale ebenso wie agrarisch-konservative, nicht durch un- tötiges Beiseitestehen, sondern nur durch aktives Mitwirken nieder- gerungen werden können, wird allerdings die Reaktion keinen Fuß- breit Boden verlieren." Posadotvsky gegen Bethmann. Man kann es dem Grafen Posadowsky, der ein kenntnis- reicher und ehrlicher Mann gewesen ist, nachfühlen, daß ihm die gespreizte Stümperei des Herrn v. Bethinann Hollweg unerträglich geworden ist und daß ihm ein Protest gegen fo viel anmaßliche Unfähigkeit eines vom Karriereglück be- günstigten Bureaulraten zu einem Bedürfnis geworden. Der „März" veröffentlicht einen Artikel des früheren Staats- sekretärs, der zwar-mit äußerster Zurückhaltung in der Form, aber doch mit ziemlicher Schärfe in der Sache eine Vernich- tende Kritik des Herrn v. Bethmann Hollwcg enthält. Graf Posadowsky sieht Strömungen, die dem föderativen Reichsgedanken nicht förderlich sind. Besonders die Verhandlungen über die Schiffahrtsabgaben und über die Aenderungen des preußischen Wahlrechts haben solche Stimmungen hervorrufen müssen, Graf Posa- dowsky sagt: „Noch bedenklicher ist im föderativen Interesse die Stimmung, die sich bei den Verhandlungen über die Aenderung des preußischen Wahlrechts nur zu deutlich geltend gemacht hat, eine Stimmung, die den Institutionen des Reiches wenig freundlich zu sein scheint. Auch die Gegner des Reichstagswahl- rechts, welches mit dem Reiche geboren ist, müssen aner- kennen, daß unter der Herrschaft dieses Wahlrechts in Deutschland auf gesetzlichem und Wirtschaft- lichem Gebiete eine ungeheure Kulturarbeit geleistet ist, und daß die auf Grund dieses Wahlrechts gewählte Körperschaft noch stets die Mittel gewährt hat, welche zur Verteidigung unseres Vaterlandes zu Land und zu Wasser notwendig waren. Der Streit- Punkt, der im Winter 190g zur Auflösung des Reichstages führte, kann nicht als ein solcher betrachtet werden, bei dem es sich ernsthaft um Versagung der Mittel zur natio- len Verteidigung gehandelt hatte.(Womit die Wahllüge des Hottentottenblocks auch von Posadowsky gebrand- markt ist. D. R.) Solange aber der Reichstag in dem Umfange, in dem er es bisher getan hat, seinen nationalen Pflichten genügt, scheint es recht fehlsam. das Reichstagswahlrecht als eine für das Reich politisch verfehlte und schädliche Einrichtung hinzustellen, um so mehr, als alle Parteien des Reichstages und ebenso die Ver- treter des Bundesrates bei vielfachen Gelegenheiten auf das be- stimmteste erklärt haben, daß es ihnen völlig fernliege, das Reichs- Wahlrecht anzutasten. Eine Prognose, daß es sich einmal um die Wahl zwischen Reich und Reichswahlrecht handeln könne, kann nur dazu dienen, in weiten Kreisen Mißtrauen gegen die Absichten der Regierung und auch der Parteien zu schüren, deren Vertreter solche Befürchtungen äußern. Auch die entschiedensten, offenen und geheime» Gegner des Reichswahlrechts würden kaum in der Lage sein, ihre Gegnerschaft in gesetzgeberische Beschlüsse zu übertragen. Zu allen diesen symptomatischen Aeußerungen und verschleier- ten Stimmungen kommt noch die bekannte Erklärung im Reichstage, daß der König von Preußen und der deutsche Kaiser jeden Moment imstande sein müsse, zu einem Leutnant zu sagen:„Nehmen Sie zehn Mann und schließen Sie den Reichs- tagl" Wer den gesamten Inhalt der Verhandlung und ins- besondere jener Rede vorurteilsfrei und von der Hitze politischen Kampfes unbeeinflußt liest, muß zugestehen, daß die Aeußerung nur ein Beispiel für den unbedingten Gehorsam des Soldaten gegenüber der allerhöchsten Kommandogewalt geben sollte, und daß es eine arge Uebertreibung(?) ist, in jener Aeußerung eine Auf. forderung zum Verfassungsbruch zu erblicken. Trotzdem ist ein solch drastisches Beispiel schon deshalb höchst gefährlich, weil es, wenn auch nur theoretisch, die Möglichkeit zuläßt, daß der höchste Träger und Vertreter von Recht und Gesetz einen Befehl erteilen könnte, der gegen die Grundvcrfassung des Deutschen Reiches verstieße. Derartige Aeußerungen pflegen jahrelang zum Gegenstand des Angriffs, der Verdächtigung� und Aufreizung ge- macht zu werden, und zwar mit desto mehr Erfolge, je urteilsloser die Menge ist, an die man sich wendet. Das Deutsche Reich ist ein sehr künstlicher, ganz eigenartiger politischer Aufbau, geschaffen in einer Zeit, die selten reich an be- deutenden Männern und opferfreudigem Wagemut war. Man sollte sich aber hüten, einer einzelnen gesetzlichen Maßregel halber. auch wenn sie sich finanziell und wirtschaftlich rechtfertigen läßt, oder aus Mißstimmung darüber, daß das Reichstagswahlrecht auch der schärfsten Opposition in erheblicher Anzahl die Tore der gesetz- gebenden Körperschaft des Reiches geöffnet hat, eine gewisse Parti- kulare Mißstimmung gegen die Verhältnisse im Reiche überhaupt offen heraus zu bekennen oder wenigstens verständlich genug durch- blicken zu lassen. Gegensätze und widerstreitende Interessen inner- halb des Reiches sind bereits reichlich vorhanden. Ein zu starkes partikulares S e l b st b e wu ß t s e i n ist nur geeignet, die schon vorhandenen N ei b u n g S f l ä ch e n, die in einem Bundes- staate aus politischen und wirtschaftlichen Gründen unvermeidlich sind, noch zu verschärfen. Draußen im Reiche finden derartige Stimmungen lebhasten Widerhall und erschweren die politische Arbeit der Stellen und Personen, die für den Reichsgedanken und seine Stärkung mit Herz und Verstand eintreten. Im A u s l a n d e hält man solche Stimmungen für einen Mehltau, der auf die Reichshauptstadt gefallen ist, und man fragt sich mit Erstaunen, in welchem Dunstkreise eine derartig pessi- mijtische Stimmung gegenüber einem Staatsgebilde entstehen konnte, das auf eine so gewaltige und allgemein beneidete Eni- Wicklung zurückzublicken vermag." Für die Kennzeichnung der gedankenarmen Reaktion, die heute das preußische Ministerium und ihre ministeriellen Handlanger im Reiche verkörpern, kann es wohl keine schär- fere Verurteilung geben, als diesen Protest eines durch und durch konservativen Mannes, der alle Illusionen über den sozialen Beruf der Hohenzollern stets geteilt hat, der der Vater des agrarischen Zolltarifes ist, der aber auch geglaubt hat. nicht bloß ein Bedienter der Scharfmacher und Junker sein zu brauchen. Graf Posadowsky ist ein Politiker, der dem Zentrum und den Konservativen in vielen Auffassungen sehr nahesteht: für den Geschäftsträger des schwarzblauen Blocks von heute hat er aber nur— Verachtung. Auch ihm ist Herr v. Bethmann Hollweg der Reichsfeind, der im Innern den Reichsgedanken hinter den preußischen Partiku- larismus zurücksetzt und im Auslande das Deutsche Reich durch seine miserable innere Politik diskreditiert._ Berantw. Redakt.: Richard Barth» Berlin. Inseratenteil verantw, Die Perle von Januscha». Ein recht interessantes Beispiel dafür, wie uneigennützig sich die vermögenden Landjunker des Bundes ner Landwirte der Interessen des kleineren Bauernstandes annehmen, erzählt die„Freis. Ztg.": „Im westpreußischen Kreise Roscnberg, nahe der Grenze zwischen den Provinzen West- und Ostpreußen, unfern des großen Geserichsees und in der Nähe der Städte Dt. Eylau, Nosenbcrg und Saalfeld, Ostpreußen, liegt eine kleine Ortschaft namens Zollnich. Vor noch etwa 10 bis 20 Jahren hatte dieses Dorf eine Anzahl kleiner Bauernhofsbesitzer, ferner befanden sich dort eine Schule, ein Gasthaus und eine Glashütte. Heute findet man an dieser Stelle nur ein einzelnes bewohntes Ge- höft, dessen Bewohner ein Privatförster und Fischereiauf- sehet ist, und ein altes verfallenes und unbewohntes Häuschen. Die Wege zu diesem Orte, die zum Teil durch Wald führen, sind vollständig von Gras verwachsen; man sieht es ihnen an, daß jetzt auf ihnen nur selten ein Gefährt verkehrt und daß sie nur im Winter vielleicht zur Holzabfuhr benutzt werden. Kein Weg- weiser oder Wegestein zeigt dem Wanderer die Richtung an. Der mächtige Nachbar des Dorfes, der adlige Rittergutsbesitzer, der sein Gebiet vergrößern wollte, hat nach und nach die Besitzungen der einzelnen kleinen Bauern aufgekauft, und heute ist er der Herr der gesamten Ländereien, aber ein früher blühendes Dorf ist vom Erdboden verschwunden." Und wie heißt dieser edle Bauernfreund? Er heißt von Oldenburg und herrscht auf Januschaul Wahlrechtsantrag der sozialdemokratischen Fraktion im preußischen Landtag. In der Wahlrechtskommission des preußischen Abgeord- netenhauses wird von sozialdemokratischer Seite folgende Resolution eingebracht: „Das Haus der Abgeordneten wolle die Regierung ersuchen, noch in dieser Session einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch den s) allen in Preußen wohnenden über 20 Jahre alten Deutschen ohne Unterschied des Geschlechts das gleiche und direkte Wahlrecht mit geheimer Stimmabgabe unter Zugrunde- legung des Proportionalwahlsystems gewährt; b) auf Grund der Ergebnisse der jedesmaligen Volkszählung und entsprechend dem Grundsatz des Gesetzes vom 27. Juni 1800 vor jeder Wahl eine anderweite, Feststellung der Wahlbezirke für die Wahl zum Abgeordnetenhause herbei- geführt und die Gesamtzahl der Abgeordneten neu be- stimmt wird._ Ministcrwechscl in Hessen. Der Großherzog hat das Entlassungsgesuch des Finanz- Ministers Dr. Gnauth angenommen. Das Finanzministerium übernimmt der bisherige Minister des Innern Dr. Braun. Die Leitung des Ministeriums des Innern wird dem Provinzial- direktor der Provinz Rheinhessen, Freiherrn von Hombergk zu Bach übertragen, der zunächst zum Präsidenten des Ministeriums des Innern ernannt wird. Der ZcngniSzwanq vor dem bayerische« Landtag. München, 24. Februar. Zwei Interpellationen standen heute zur Tagesordnung, die die Anwendung des Zeugniszwangs ioersahrens zum Gegenstand hatten. Der Sachverhalt ist kurz folgender: In dem demokratischen „Nürnberger Anzeiger" erschien ein Artikel unter der Ueberschrift „Inquisition", in dem die Drangsalierung eines Postbeamten be- sprachen wurde. Es wurde darauf gegen einen Postsekretär das Disziplinarverfahren eröffnet und der Redakteur des„Nürnberger Anzeigers" vor den Untersuchungsrichter, einen höheren Postbeam- ten, geladen, lieber den Verfasser des Artikels befragt, verweigerte er die Auskunft. Dasselbe taten zwei als Zeugen geladene Post- sekretäre. Nun wurde das Zeugniszwangsverfahren eingeleitet und gegen den Redakteur und den einen Postsekrctär eine Geld- strafe von 50 M., gegen den anderen Sekretär eine solche von 100 M. ausgesprochen. Dem einen Sekretär wurde zugleich die Verhaftung angekündigt. Der mit 50 M. Bestrafte wurde einen Tag nach der Zcugnisverweigerung auf einen geringeren Posten versetzt. Genosse Süßheim begründete die sozialdemokratische Jnter- pellation, Dr. Q u i d d e die liberal«. Beide Redner fanden scharfe Worte der Verurteilung der skandalösen Vorgänge, die um so be- dauerlicher seien, als das erste Mal in Bayern der Zeugniszwang in einem Disziplinarverfahren Anwendung fände. Sie bedauerten, daß ein höherer Beamter als Untersuchungsrichter nicht mehr Gefühl und Verständnis für Moral und Ehre habe und seine Untergebenen zu einem Vertrauensbruch, also einer ehrlosen Handlung, durch Strafen zwingen wollte. Dr. Süß- heim machte darauf aufmerksam, daß das geradezu preußische Zustände seien, die für Bayern eine Schande bedeuten. Wn sozialdemokratischer und liberaler Seite wurde darauf aufmerksam gemacht, daß nicht nur der Berufsredakteur, sondern auch der Mitarbeiter oder Vertrauensmann des Redakteurs vor dem Zeugniszwang geschützt werden müsse. Anderenfalls könne die Presse ihre wichtige Aufgabe nicht erfüllen. Das wurde besonders auch vom Genossen Müller betont, der dem Minister scharf ins Gewissen redete. Der Vertreter der Zentrumspartei, Schöndorf, verurteilte das Zeugniszwangsverfahren und wünschte es in bczug auf den Redakteur vollständig beseitigt. Den Mitarbeitern und Ver- trauenspersoncn dagegen kann er denselben Schutz wie den Redak- teuren nicht zuerkennen. Der Verkehrsminister half sich mit dem Einwände, daß er nicht das Recht habe, in ein schwebendes Verfahren einzugreifen, und daß der Untersuchungsrichter nur die Machtnnttel zur Anwendung gebracht habe, die ihm das� Beamtengesetz zuerkenne. Im übrigen aber wolle er„erwägen", ob er nicht nach Abschluß des Verfahrens an seine Beamten einen Erlaß hinausgeben wolle, durch den der Wiederholung der An- Wendung des Zeugniszwanges vorgebeugt werde. Warten wir ab, was aus der„Erwägung" herauskommt. Die Einnahmen des Reiche?. an Zöllen, Steuern und Gebühren in der Zeit vom 1. Aprik 1909 bis Ende Januar 1910 sind fast durchweg gestiegen. Es wurden vereinnahmt: Zölle 010 908 651 M.(gegen daS Vorjahr+ 113928 314 M.). Tabaksteuer 9 837 318 M.(+ 829 465 M.), Zigarette»- steuer 18 136 746 M.(+ 4 013 690 M.), Zuckersteuer 134 134 616 M. (+ 4 549 451 M.). Salzsteuer 49 698494 M.(+ 871 010 M), Branntweinsteuer t a) VerbrauchSabgabe 40 575 285 M., b) Betriebsauflage 9 096 429 M., c) Maischbottichsteuer— 10 705 906 M. (— 17 967 424 M); d) VerbrauchSabgabe und Zuschlag auS der Zeit vor dem 1. Oktober 1909: 112 288 482 M. t-st 961 888 M); e) Breim- steuer 1719 364 M.<— 1 420 127 M), Essigsäurevcrbrauchsabgabe 237 513 M.(+ 287 513 M). Schaumweiiisteuer 10 845 992 M. (+ 5 930 963 M.), Leuchtmittelsteuer 830401 M.. Züiidwarensteuer 6 391 007 M.. Brausteuer und Uebergangsabgabe von Bier 61483 879 M.(-}- 19 715 833 M.), Spielkarrenstempel 1 586 525 M. (4-49 653 M.). Wechselstempelsteuer 16 675 588 M(-f- 1 881 455 M.), Reichsstempelabgaben von Wertpapieren 31 208 733 M.(-st 9 330 426 Mark), von Gewinuanteilschein- und ZinSbogen 2 417 587 M., von Kauf- und sonstigen AnschaffungSgeschäften 18 300 870 M. <8 736 403 M), von Lotterielose» a) für StaatSlotterien 23 939168 M.(-st 1439 522 M.), b) für Privatlotterien 11 893 882 M.(4-1516 858 M.), ferner von Frachturkunden 12 826 693 M.(4- 795 160 M.), von Personenfahrkarten 16 369 032 M. : LH. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. verlagsanstalt (-st 1069 120 M), Von ErlaubniSkurten für Kraftfr-hrzeuge S 094 494 Mark<357 145 M.), von Vergütungen an Mitglieder von Aufsichrs- räten 3 541 967 M.(-st 1352 310 M). von Schecks 2 418 077 M., von GrnndstückSübertragungen 17 475 928 M, Erbschaftssteuer 30 730 206 M.(-st 7 625 512" M,), Statistische Gebühr 1 349 262 M. (-st III 611 M.). Mugdan als Reichsverbändler. Während der Reichstagswahlbewegung im Kreise Bingen-Akzeh hatte der nationalliberale Kandidat, der bekannte Dr. Becker-Sprend- lingen in einer Versammlung gesagt, auch der freisinnige Abgeord« nere Dr. Mugdan sei Mitglied des Reichsverbandes zur Bekämpfung der Sozialdemokratie gewesen. Die„Hessische liberale Wochenschrift" warf infolgedessen dem Dr. Becker vor, er habe seine Behauptung wider besseres Wissen gemacht. Becker klagte. Am Freitag kam die Angelegenheit vor dem Schöffengericht in Darmstadt zur VerHand- lung. Dort stellte Dr. Becker fest, daß Dr. Mugdan zwar kein zablendcs Mitglied des Reichsverbandes gewesen, wohl aber für den Reichsverband tätig gewesen sei. Der beklagte Redakteur nahm in« folgedessen seine Behauptung mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück und verstand sich zur Tragung sämtlicher Kosten, auch der Anivaltskosten des Klägers. Für den freisinnigen Herrn Dr. Mugdan, der seinerzeit feierlich erklärte, daß er mit dem Reichsverband nichts zu tun habe, ist der Darmstädter Prozeß mehr wie unangenehm. Empfehlungsbriefe. Daß preußische Minister Schriften empfehlen, die sie nicht ge- lesen haben, ist schon öfter dagewesen. Wie Moltke mit„Ger- manicus", so ist vor zwei Jahren Bülow mit einem katholischen Pfarrer Reiter in Holzhausen(Bayerisch-Schwaben) hereingefallen. Und das ist gerade der Humor der Affäre„Germanicus", daß jetzt daS Zentrum sich gekränkt sah, während es damals eine Anerken- nrmg des Katholizismus und indirekte Beschimpfung des Pro» testantismus durch den deutschen Reichskanzler schmunzelnd ein- steckte. Bülow schrieb nämlich an jenen Pfarrer: „Ich schätze die treue Mitarbeit der katholischen Kreise Deutschlands an dem großen Werke der sozialen Versöhnung be- sonders hoch und wünsche, daß auch Ihrem Belehrungs- und Gebetbuch ein voller Erfolg be schieden sein möge zum Besten unseres deutschen Arbeiter» stände s." Das Büchlein nannte sich„Pflichten und Rechte des christlichen Arbeiters" und enthielt, wie damals die„Frankfurter Zeitung" mitteilte, unter anderem folgende schöne Stelle: „... Luther, Calvin und so viele andere, die durch ihren Abfall von der Kirche unsägliches Unheil stiftetet«. wären nie Ketzer geworden, wenn sie sich nicht von Ehrsucht und Stolz hätten beherrschen lassen: Eitelkeit und Dünkel war es, daß sie mit neuen Lehren auftraten... daß sie an ihrem Irrtum festhielten, obwohl sie in ruhigen Augenblicken denselben erkannten." frankreicd. Eine Bestechungsagentur. Paris, 28. Februar. AuS T o u l o n wird berichtet, daß der mit der Untersuchung der im Arsenal verübten Unregel» Mäßigkeiten beauftragte Polizeibcamte Sebille einer regel» rechten Bestechungsagentur auf die Spur gekommen sei. Leiter der Agentur sei ein Touloner Kommissionär, der den Ver- mittler zwischen Lieferanten und den unredlichen Marinebeamten spielte. Bei dem Kommissionär sei eine sehr große Anzahl Briefe beschlagnahmt worden, die erdrückendes Anklagematerial enthalten sollen. foißlaml. Die Budgetdebatte. Petersburg, 26. Februar. Reichsduma. In der Budgetdebatte sprachen die N a t i o n a l i st e n ihre Genugtuung über den gstn- stigcn Abschluß des Budgets aus, bemängelten aber eine Bevor- zugung der Grenzgebiete auf Kosten des zentralen Rußlands. Die Redner der Opposition führten die Bilanzierung des Budgets auf eine Besserung der Finanzlage des Landes zurück, von Volks- Wohlstand könne aber noch keine Rede sein. Die reforma- torischcn Anregungen der Duma zur Hebung der Wehrmacht, na- mcntlich der Flotte, seien noch immer nicht erfüllt. Die Redner der Linken wollten in dem Abschluß des Staatshaushalts eher einen Beweis der äußer st en Inanspruchnahme als der Zahlungsfähigkeit des Volkes sehen. Während für den Militarismus enorme Summen aufgewendet würden, geschähe nichts zur Hebung der produktiven Kräfte des wirtschaftlich zurückgebliebenen Landes. Die Arbeiter» g r u p p e und die Sozialdemokratie würden daher gegen daS Budget stimmen. Serbien. Eine sozialdemokratische Interpellation. Belgrad, 28. Februar. Skuptschtina. In Beantwortung einer Interpellation der Sozialdemokraten wegen Ausweisung montenegrinischer Auswanderer er- klärte Ministerpräsident P a s ch i t s ch, die Regierung von Monte- negro habe wiederholt darauf hingewiesen, daß die freundschaft- lichen Beziehungen, deren Pflege er im Interesse des serbischen Volkes für notwendig halte, durch den Aufenthalt montenegrinischer Auswanderer in Serbien beeinträchtigt würden. Da die serbische Regierung jedoch hierfür keine genügenden Beweise in Händen habe, um gegen die Auswanderer vorgehen zu können, habe sie ihnen geraten, Serbien zu verlassen, was sie denn auch freiwillig getan hätten. Der von den Sozialdemokraten gestellte Miß- trauensantrag wurde abgelehnt. Letzte j�aebnebten und vepelcben. Ein„Sieg" der Reaktion. Halle a. S.» 28. Februar.(B. H.) Die heutige Stadt» verordnetenversammlung lehnte mit 26 gegen 20 Stimmen einen von den Freisinnigen und Sozialdemo- kraten eingebrachten Antrag, bei der Staatsregierung gegen den Wahlrcchtscntwiirf als Benachteiligung der Städte zu' protestieren, ab. Die Angelegenheit gehöre nicht zur Kompetenz der Stadtverwaltung. Der Magistrat hatte erklärt, einen Protest nicht mitmachen zu können._ Ausdehnung des BcrgarbeiterstreikS? London, 28. Februar(W. T. B.) In Pentre wurde Vt» kannt gemacht, daß auch die nicht dem Verbände der Kohlen» grubenbe sitzer angchörigcn Gruben am 31. März die Arbeit einstellen werden, da es unmöglich erscheint, daß zwischen den Grubenbesitzern und dem Bergarbeiterverbande eine Einigung zustande kommt. Danach erscheint eS als fraglos, daß alle Gruben in Südwales an diesem Tage den Betrieb schließen._ Die Iren schweigen. London, 28. Februar.(W. T. B.) Die irische Partei hat heute abend folgende Resolution angenommen:„In Anbetracht der Erklärungen des Schatzkanzlcrs Lloyd George wird die Partei davon abstehen, für oder grgcn die Regierung Stellung zq nehmen."_______ Paul Singer Co., Berlin SVik. Hierzu 4 Beilage» u.Untrrhaltungsbl« Nr. 50. 27. Jahrgang. cüU Ks Lmäck" Zerlimr WIKsblM .l. Mgeorclmte�Kaiis. 30. Sitzung. Montag, den 28. Februar 1910, vormittags 11 Uhr. Zlm Ministertisch: v. Moltke. Auf der Tagesordnung steht zunächst die erste Beratung des Gesetzentwurfs betr. die Auflösung des Landkreises Mülheim a. d. Ruhr, die Erweiterung des Land- kreises Essen sowie der Stadtkreise Mülheim a. d. Ruhr, Oberhauscn und Essen. Abg. v. Goßler(k.): Wir beantragen die Ucberweisung der Vorlage an die Gemeindekommission. Ich möchte aber betonen, daß wir die größten Bedenken haben gegenüber dem Tempo, in dem seit einiger Zeit Eingemeindungen erfolgen. Es ist dies die 19. Vorlage in dieser«ession. Wohin soll es führen, wenn die Aufsaugung des platten Landes um die Großstädte herum in dieser Weise fortschreitet?! Wir Konservativen legen den Sckwervunkt der nationalen Frage und der Volksgesundheit nicht in die Groß- städte,« sondern auf das platte Land.(Bravo I rechts.) Ein Regierun gskommissar erwidert, daß es sich hier nicht nur um eine Eingemeindung in eine Großstadt handle, son- dern auch um die Erweiterung eines Landkreises. Abg. Bell(Z.) bittet, die allgemeine prinzipielle Frage bei dieser Gelegenheit nicht zu erörtern. Abg. Müllcr-Sagan(frs. Vp.). betont, daß gerade in diesem Falle die Gegensätze zwischen Stadt und Land gar nicht in Be- tracht kämen. Die Vorlage wird hierauf an die Gemeindekom- Mission verwiesen. Es folgt die Fortsetzung der zweiten Lesung des Etats des Ministeriums des Innern beim Kapitel: poliLeivemattimg in den Provinzen. Abg. Liebknecht(Soz.): Am vergangenen Tonnerstag hat der Unterstaatssekretär zum Fall RakowSki erklärt, daß dieser Wohl von der Polizei in Posen einige Zeit in politischer Beziehung verwendet wurde, daß man aber später davon Abstand nahm, weil er als unzuverlässig erkannt worden ist. Ich habe hier eine wörtliche Uebersetzung der Bekenntnisse, die der Rakowski in einer Zeitung niedergelegt hat. Ich bemerke, daß Rakowski mir persönlich für alles Wesentliche, was er in diesen Bekenntnissen niedergelegt, eidesstattliche Versicherung gegeben und mir auch Beweismittel genannt hat: nicht nur sein eigenes Zeug- nis, sondern auch das einer Anzahl anderer Personen. Was zu- nächst die Organisation der politischen Polizei in Posen betrifft, so behauptet er auf Grund eines Dekrets des Ministers für innere Angelegenheiten vom 19. Mai 1991, daß das Polizei bureau von Zacher in Posen kein einfaches Polizeibureau unter der Aufficht der Regierung, sondern ein Polizeibureau für polnische Angelegenheiten ist. Alle Polizeiämter in Preußen müssen alles, was polnische Angelegenheiten betrifft, direkt Herrn Zacher mitteilen! Da gibt es ein Bureau in Posen für polnische Angelegenheiten und Spionagesachen. Diesem Bureau steht der 5hriminalkommissar Paul Frost vor, der inoffiziell „Kopieka", d. h. Kopeke genannt wird, wahrscheinlich, weil man annimmt, daß der Herr nicht ganz widerstandsfähig gegen Versuche ist, auf ihn einzuwirken!(Oho! rechts.) Ich werde Beweise darüber bei- bringen.(Zuruf.) Offiziell heißt er„Rentier". Er hat Kaiserin-Viktoria-Straße 33 gewohnt und hatte die Telephon nummer 994. Früher ist er Grcnzgendarm gewesen. Er wird den unteren Polizeibeamten gegenüber nach Möglichkeit unbekannt gel halten, damit er seine geheime Tätigkeit möglichst wirksam aus- üben kann. Eine ganze Anzahl von herumreisenden Spitzeln steht thm zur Verfügung. Außerdem gibt es in Oberschlesien, in B e u t h e n, ein Bureau speziell für oberschlesischc Angelegenheiten und provokatorische Agitation unter der Leitung des Polizeirats Mädler. In Berlin gibt es auch eine große Anzahl von Spitzeln, die von dem Polizei- bureau unterhalten und geleitet werden. Diese Organisation gibt u. a. auch ein Amtswochenblatt unter dem Titel:„Gesamtüher- blick der polnischen Tagesliteratur" heraus. Der Inhalt dieser Zeitung wird auch als Waschzettel an allerhand polenfeindliche Blätter abgegeben und dort ziemlich viel benutzt. kleines Feuilleton. Der Streik der„Zieger" in Paris. Daß ein Streik von „Negern" die französische Literatur erheblich in Mitleidenschaft ziehen kann, mag auf den ersten Augenblick unglaublich erscheinen. Das Rätsel löst sich indessen, wenn man erfährt, daß„Neger"(wir sagen in ähnlichem Sinne„Kuli") im Literatenfranzösisch die zu- meist unbekannt bleibenden Mit- und Hilfsarbeiter der Schrift- steller bedeutet, denen die Verfasser von Romanen und Geschichts- werken die Sammlung von Material oder die Ausarbeitung be- stimmter Teile ihrer Werke nach ihren Angaben und Entwürfen übertragen. Diese„Neger", von deren Diensten nebenbei gesagt. schon manche Größe der französischen Literatur recht ausgiebigen Gebrau chgemacht haben soll, fanden nun, wie wir der„Opinione" entnehmen, daß es mit den Bedingungen, unter denen sie bisher für ihre Herren arbeiteten, so nicht"weiter gehen könne, und stellten deshalb eine Reihe von Forderungen auf, bis zu deren Annahme vom �.Syndikat der Literaturneger und verwandten Bcrufszweige" der Streik verhängt wurde. Man kann sich denken, daß sich die französischen Blätter diese Sensation nicht entgehen ließen; man sprach vom„literarischen Panama". Das Publikum drängte sich zu ihren Versammlungen, um die ivahren Größen der französischen Literatur endlich einmal von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen und sie deklamieren zu hören:„Blicken Sie sich um, Bürger! Der Mann hier hat die sozialen Romane geschrieben, die ganz Europa bewundert: jener dort— o blutiger Hohn!— hat die berühmten Flugschriften zum Schutze des literarischen Eigen- tums geschrieben, von denen ein anderer den Gewinn gezogen hat!" Den Arbeitgebern der Literatur aber war unbehaglich zu Mute. Ein Teil von ihnen bat seine Verleger, bis zur Beendigung des Streiks von den vereinbarten Verträgen zurückzutreten, andere der- schickten Mitteilungen, daß sie niemals„Neger", sondern immer nur Kopisten in ihren Diensten gehabt hätten, und schrieben nun tum Troh drauf loL; wieder andere nahmen Streikbrecher in ihren dienst, aber diese„gelben" Neger erwiesen sich den organisierten nicht gleichwertig. Kurz, es war auf die Dauer ein unerträglicher Zustand, und die Unternehmer hielten es daher für geraten, die Forderungen der„Neger" einer wohlwollenden Prüfung zu unter- ziehen. Sie bestanden in der Hauptfache darin: erstens, daß kein französischer Romandichter in Zukunft mehr als einen Roman pro Vierteljahr und„Neger" liefern solle, zweitens, daß d i e Neger, die für Geschichtsschreiber arbeiteten, in Zukunft ebenso wie ihre Kollegen vom Romanfach entlohnt werden sollten, wenn sie mehr als 59 Bogen im Tag lieferten. Diesen Forderungen konnten sich die Arbeitgeber der französischen Literatur nicht versagen, sie gaben vielmehr den Forderungen ihrer„Neger" in allen Punkten nach: die Neger haben gesiegt. Was die Naturvölker zur See gcleistct haben. Der„Köln. Ztg." wird geschrieben: Die aus der chinesischen Hafenstadt Rakowski beschuldigt sich selbst, daß er der Polizei wichtiges und reichliches Material in Sachen der Nationalliga geliefert habe, daß er dem in Lemberg wohnenden Redakteur der„Altpolnischen Rundschau" Material fortgenommen und für diesen Diebstahl 890 M. erhalten hat. Er behauptet auch, in einer Buchhandlung eine große Anzahl von Broschüren und allerhand geheime Schriften gestohlen und für 399 M. an das Bureau abgegeben zu haben. Er macht Mitteilungen darüber, wie in Posen falsche Berichte über allerhand politische Angelegen- heiten gemacht worden sind. Bei diesen Fälschungen sei er selbst mit tätig gewesen.— Dieser Rakowski ist an mich mit dem Ersuchen herangetreten, ich sollte gegen ihn, als er noch in Berlin war, Anzeige erstatten! Er wollte eine Selb st anzeige gegen sich machen. Ich habe ihm davon abgeraten, weil ich mich zunächst erst vergewissern wollte, mit wem ich es zu tun hätte. Diese falschen Berichte sind nach der Tarstellung RakowSkis in einem Restaurationslokal ge- schrieben worden. Er sagt: Dort schrieb ich, zusanrmen mit einer anderen Person, die ich nicht nennen will, fast alle Berichte, die die polnische Bewegung betrafen. Wiederholt sind Berichte aus Lemberg, aus Krakau von allerhand Kongressen angeblich von Vertretern gegeben worden, die Frost dorthin gesandt haben wollte, während diese Berichte nach der Behauptung Rakowskis tatsächlich in Posen fabriziert lvorden sind!(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Die Reise- spesen habe» die Herren Frost und seine Kumpane in die Tasche gesteckt! Den Bericht über den altpolnischen Kongreß in Lemberg hat ein Agent des Frost in Posen geschrieben! Die Originale dieser Berichte wurden nach Berlin an das literarische Bureau des Ministeriums des Innern gesandt und sind-dann von der Re- gierung im Kampfe gegen die Polen verwendet worden.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Auch in Berlin ist nach Be- hauptung des Rakowski unter Führung der Polizei ein ruthenischeS Komitee zur Ueberwachung gegründet worden. Was die nationale Liga anbetrifft, behauptet Rakowski. man müßte Bücher schreiben, wollte man alle falschen Berichte nennen, die über den Nationalfonds und die nationale Liga geschrieben sind. Er hebt hervor: Frost lernte durch seine Vermittelung irgendeine bestimmte Person kennen, die sich verpflichtete, falsche Aufrufe der Liga zu schreiben! Diese Proklamationen wurden von der betreffenden Person— eL war eine Frau, der Name steht dem Sern Mini st er zur Verfügung— auf Pergament geschrieben und mit einem gefälschten Stempel der- sehen. Insbesondere handelte es sich dabei um zwei Aufrufe, einen von dem Sokol und einen anderen von dem Posener Delegierten der Liga! Dies? lithographierten Aufrufe verbreitete Frost in der polnischen Presse„Dziennik PoznanSki", druckte den Aufruf sofort ab und kritisierte ihn streng. In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 19. Mai 1894 wurde vom Minister Hammerstein ein Aufruf vorgelesen, der so blutrünstig war wie nur irgend möglich und sofort von den hier anwesenden Polen als gefälscht bezeichnet wurde. Unter leb- hasten Zwischenrufen nur konnte der Minister seine Ausführungen beenden. Rakowski hat jetzt bekannt, daß mit seiner Kenntnis dieser Aufruf von einer von ihm namhaft gemachten weiblichen Person fabriziert worden ist!(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Rakowski behauptet, Frost hätte bald nachher in seiner Gegenwart das Orignial des gefälschten Aufrufes mit dem Bemerken zerrissen, es fei besser, daß solche Dokumente nicht existieren. Für die Redaktion dieser gefälschten Berichte sind 69 M. gezahlt worden. Bald danach ist Frost mit einem ziemlich hohen preußischen Orden versehe» worden. Zacher wurde zum Polizeidirektor ernannt, be- kam auch den russischen St. Annenorden, ebenso wie der Polizeipräsident von Posen, der frühere Herr v. Hellmann. Diese Dekorationen erinnern lebhaft an den bekannten Roten Adlerorden, den der berüchtigte russische Oberspitzel Harting sich ja auch in Preußen verdient haben soll. Rakowski beschuldigt sich weiter, über die revolutionäre De- wegung in Galizien selbst Berichte geschrieben zu haben, die dann in die Zeitungen hineinlanciert worden sind und die zum Teil von Frost einfach nach den Zeitungs Meldungen inspiriert waren! Es wird von Rakowski weiter behauptet, daß in seiner Gegenwart eine Anzahl gefälschter Aufrufe, die Schanghai kommende Nachricht, daß zur Mündung des Jangtsekiang auf gebrechlichem Fischerkanu drei Eingeborene der wegen ihrer rätselhaften Ruinen bekannten deutschen Karolineninsel Ponape verichlagen worden seien, weckt darum Erstaunen, weil die Eni- fernung ungefähr die gleiche ist, wie zwischen den nächstgelegenen Punkten Europas und Amerikas. Aber wer die fast märchenhaften älteren Schiffahrtsleistungen der makaiisch-polhnesischen Rasse- verwandten der drei Kanaken kennt, kann sich über deren See- tüchtigkeit kaum wundern. Schon um die Zeit, als das römische Weltreich dem Ansturm der Germanen erlag, dürften, wie man annimmt, behufs Besiedelung des weitgestreckten Jnselgebietes der Südfce jene Seelvanderungen der Polynesier begonnen haben, deren zielbewußter Kühnheit gegenüber alles was ein Jahrtausend spater Kolumbus vollbracht hat, fast als klein erscheint. Nimmt man Madagaskar an der Ostküste Afrikas und die Osterinsel an der Westküste Südamerikas als äußerste Grenzen der malaiisch-poly- nesischen Wanderungen und Eroberungszü�e an, so findet man, daß drei Fünftel des Erdumfanges von Völkern besiedelt worden sind, die nicht wie Kolumbus über immerhin stattliche Karavelen, sondern nur über äußerst sinnreich und zweckentsprechend gebaute ungedeckte Kanus verfügten. Mit vielleicht einige hundert, jedenfalls Dutzende dieser Fahrzeuge zählenden Flotten ohne Kompaß den Großen Ozean von Nord nach Süd und von Ost nach West zu durch- queren, ist eine Leistung, der gegenüber die im wesentlichen auf das Mittelmeer beschränkten Seefahrten unserer antiken Kulturvölker lächerlich winzig und unbedeutend sind. Wenn Horaz meint, daß dreifaches Erz die Brust dessen umschlossen haben müsse, der zuerst den Kiel auf das tobende Meer, also in seinem Falle das Mittel- meer, hinauslenkte, was erst müßte dann ein Dichter der Kanaken von jenen braunen Seehelden zu melden Wissen� deren Namen die Weltgeschichte nicht kennt und niemals kennen wird? Es ist unver- gleichlichcr Dünkel, wenn gegenüber den Kulturtaten der weißen Rasse die von ihr in den Hintergrund gedrängten farbigen Volker so sehr wenig Beachtung finden. Unsere schwarzen Kolonial- deutschen von Kamerun besitzen seit Jahrhunderten ein Ver° ständigungsmittel für die Ferne, das allem, was unsere europäische Kulturwelt bis zur Einführung des elektrischen Telegraphen an derartigen! erdacht hatte, wie z. B. dem optischen Telegraphen, viel- fach überlegen ist. Achnlicher Beispiele ließen sich hunderte an- führen. Ein seltsamer Beruf. In Paris besteht ein eigenartiges Amt, dessen Ausübung mit einem Monatsgehalt von 159 Fr. dotiert ist und von dessen Existenz nur wenige Bürger wissen: das Amt des „HundeentdeckerS" oder„HundebellcrS", das direkt dem Finanzministerium untersteht. Wer diesen Beruf ergreifen will, braucht keine Schulzeugnisse vorzulegen und kein Universitätsstudium zu absolvieren; nur eins muß er können: bellen wie ei» Hund. Das ist bei Menschen gewöhnlich keine natürliche Gabe, aber mit Geduld, Ucbung. Fleiß und einigem Talent läßt eS sich wohl erlernen, die Stimme des Hundes täuschend nachzuahmen. Nach einem kurzen praktischen Examen wird der Hnndecntdecker Enteignungsfrage betreffend, verfaßt und im„Straz" gedruckt worden sind, daß weiter einige Artikel einer Zeitung, als sie Frost nicht scharf genug waren, bei der Uebersetzung künstlich umgestaltet und verfälscht M worden sind. Rokowski behauptet, drei von den gefälschten Exemplaren damals gestohlen zu haben. Besonders interessant ist die Behauptung des Frost, daß er es für nötig hielte, der Regierung darzulegen, das? ja auch die russische Regierung über die internen prensiische» Berhältnissc viel besser organisiert sei als die deutsche.(Hört! hört! bei den Sozial- dcmokraten.) ES wurde behauptet, es sei eine Broschüre er- schienen, aus der die genaue Kenntnis der russischen Regierung über die inneren preußischen Verhäftnisse zu ersehen sei. MS das Ministerium die Vorlegung der Broschüre verlangte, her Frost nach Behauptung des RakowSki die Broschüre erst auf Grund der gefälschten SNittcilungcn, die vorher dem Ministerium gemacht worden waren, in verschiedenen Druckereien in Posen her- stellen lassen. Bei der Herstellung wurden in den verschiedenen Druckereien verschiedene Lettern benutzt. Das habe Frost so er- regt, daß er die Frauensperson, die spoziell damit-beschäftigt gc- Wesen war, ge ohrfeigt habe! Er habe sich aber beruhigen lassen, als ihm gesagt worden sei, man könne ja behaupten, die Broschüre sei von polnischen Revolutionären unter allerhand er- schwerendcn Umständen gedruckt worden!!(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Weiter wird zugegeben, daß ein Plan über das Manöver des „Sokol" in Galizien von Rakowski mit einem anderen Herrn, dessen Name dem Mini st er zur Verfügung st cht, gefälscht sei. Es habe sich dort um harmlose Turnspiele gehandelt, die zu einer Art kriegerischen Manövers umgefölscht worden seien. Sie, wissen, welch große Rolle diese angeblichen Manöver der Polen in der antipolnischen Agitation spielen. Rakowski behauptet weiter, daß gefälschte Berichte über die revolutionäre Bewegung im Königreich Polen jeden Tag in Frosts Bureau, Moltkcstraßc 11, für das Ministerium in Berlin geschrieben worden seien. Die Berichte wurden so verfaßt, daß Polizeidircktor Zacher die Zeitungen lieferte, in denen er mit Rotstift das anstrich, ivorauf er Wert legte, daß Frost dann allerhand Geschichten hin- zuerzählte und Rakowski mit seinen Spießgesellen daraus einen„Bericht" fabrizierte. Frost soll einmal gesagt haben: „Wenn man schon die kleinen Räder so drehen und schmieren muß, wie müssen dann erst die großen Mühlen mahlen!"(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Auf Grund der gefälschten Berichte wurde tatsächlich damals eine Verstärkung des Kordons an der preußischen Grenze vorgenommen! Weiter berichtet Rakowski, wie die Kontrollstationen � ausgenutzt wurden, um Personen, die wegen eines politischen Vergehens verfolgt wurden, an der Flucht nach Amerika zu hindern und der russischen Polizei auszuliefern! Das kann sehr wohl der Fall sein, ohne daß die Oeffentlichkeit viel davon erfährt, denn bekanntlich ist die Möglichkeit, an der Grenze jemand zurückzu- weisen, nachdem er die Grenze bereits passiert hat, einer Kontrolle überhaupt uicht unterworfen, und von all dem Unrecht, das da an den östlichen Grenzen geschieht, dringt wenig in die Oeffentlichkeit. Von Interesse sind noch die Bemühungen der politischen Polizei, die Auswanderung der Polen nach Amerika zu begünstigen, erstens, um sie loszuwerden, zweitens, um den Agenten des Lloyds und der Hapag, mit denen die politischen Polizeibeamten zusammen- arbeiten sollen, einen Vorteil zuzuschanzen. Unter Vorbehalt gebe ich'wieder, daß Rakowski behauptet, bei einem Prozeß, als der- gessen war, das Rechtsmittel rechtzeitig einzulegen, mit Hilfe eines Nachschlüssels in dir Kanzlei der Staatsanwaltschaft eingedrungen zu sein, die Akten des Sokol fortgcnommen und dem Polizei- rat Zacher ausgehändigt z» haben. Auf dieselbe Weise seien sie dann wieder zurückbefördert worden. Auf Veranlassung des Zacher soll auf Grund eines Berichts an das Ministerium im Mai 1999 der russischen Regierung vor- geschlagen worden sein, in Berlin für polnische Angelegenheiten ein spezielles Bureau unter preußischer and russischer Aufsicht einzu- richten. Rußland soll damit einverstanden gewesen sein. Wenn das richtig ist, ist es allerdings nicht wunderbar, daß der Minister meine neuliche Behauphrng, es bestehe ein Kompagniegeschäft zwischen der deutschen und russischen Polizei- nicht zu bestreiten versucht hat. woraus das„Tageblatt" ein Zu» geständnis zu meiner Behauptung folgert. Weiter wird behauptet, daß auch der Bericht über einen all- dann amtlich angestellt. Seine Aufgabe ist nicht allzu schwierig: des Nachts, wenn die Dunkelheit sich über die einsamen Straßen der Vororte senkt, schleicht der Hundeentdecker seines Weges und läßt von Zeit zu Zeit ein wütendes Gebell erschallen. In jedem Hause, in den» sich ein Hund befindet, wird alsbald die Antwort ertönen. Der Hundeentdeckcr aber schreibt sich Straße und Hausnummer in daß Notizbuch und liefert am Morgen nach seinem Rundgang dem Finanzministerium das Verzeichnis ab. Bald wird in dem be- treffenden Hause ein Steuerinspektor erscheinen, um sich zu Über» zeugen, ob die Hundesteuer auch richtig bezahlt ist. Humor und Satire. Ein Telephongespräch..Hier Wachtmeister Immer- druff."—„Hier Polizeipräsident von Jagow. Was ist loS?"— .Vor dem Dom haben sich 5999 Menschen versammelt „Jagen Sie sie mit Säbeln auseinander!"„Zu Befehl. Aber es scheinen keine Sozi zu sein, sondern..."—„Dann jagen Sie sie nicht auseinander!"—„Sie singen allerdings sehr laut..— „Aha I Die Arbeitermarseillaise I Lassen Sie eventuell schießen I' —„Nein, sie singen:„Eine feste Burg ist unser Gott" l"—„Also nicht schießen lasienl Berstanden?"—„Es hält auch einer eine Ansprache..."—„Wahrscheinlich über daS Wahlrecht? Sofort den Kerl verhaften!"—„Nein, er spricht über die Existenz Jesu!"—„Also keinesfalls verhaften! Nicht unterbrechen den Mann! Sie wissen doch: die Straße dient einzig dein Verkehr. Natürlich auch dem Verkehr mit dem Jenseits! Sonst noch was!" —„Soll ich die Leute nicht zum Auseinandergehen auffordern?"—» „Sie sind wohl verrückt? Machen Sie Augen und Ohre» zu I Zum Donnerwetter, Sie scheinen sich nicht darüber klar zu sein, day in Preußen alle Menschen vor dein Gesetz gleich sind?! Melden Sie sich heute abend I Schluß!" An mein Volk! Wie steh' ich da? Fabelhaft. Erfolg über Erfolg. Gelt, da schaut Ihr, Ihr ollen Bundesbrüder? Sage nur: wenn ich nicht Oldenburg wäre, möchte ich Mecklenburg sein. Wahnsinnig gefeiert worden im Zirkus Busch. Gönne das dem Eosinschwein Ledebour. Hätte es ihm neulich noch ganz anders gesteckt, mußte aber leider abfahren. Hat mich denn auch glänzend abfahren lassen! S. M. sogar im Telegramm an Berliner Landwchroffiziere meinen Ausdruck„Triarier" adoptiert. Ich ihm das Wort jeradezu in den Mund jelegt! Donnerwetter, schon halb scchse! Muß abreisen. Meinen triarischen Segen allerseits l Wollte, gäbe endlich Luftschiff- verbindimg Berlin-Jannschau, daß nicht immer mit Röllchemnenschen selben Zug fahren muß! Gut Mist! v. Oldenburg. („Jugend"). Notizen. — DeutscheNaturwissenschaftlicheGesellschaft. Dienstag, de» 1. Marz. �9 Uhr. findet im großen Saale der „Musikersäle"(Kaiser-Wilhelm-Str. 18M) der erste öffentliche Licht- bildcrvortrag statt. H. N. Baege spricht über daS Thema:„AuS dem Liebcsleben der Tiere". Eiittritt für Gäste 39 Pf. slawischen Kongreß Sei Gclcgenßei! der Weltausstellung Von St. Louis, der den Eindruck erregen sollte, als ob er von einem Ohrenzeugen verfaßt sei, von Rakowsli in Posen fabriziert worden sei!(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Wenn erwidert werden sollte, Rakowski sei Don der Polizei entlassen worden gerade wegen seiner llnzuverlässigkeit, so stelle ich demgegenüber fest, daß Nakowski behauptet, es sei wegen finan- zi eller Differenzen, weil ihm ein Bericht zu gering bezahlt wurde, zum Bruch gekommen. Weiter wird nun behauptet, daß auf Grund eines Berichtes der Breslauer Polizei ein Rundschreiben an alle Polizeidirektionen dort erlassen ist: auf «lie„antfnnUtarirtifcbe Propaganda" ein scharfes Augenmerk zu richten. Rakowski behauptet, von Frost 140 M. bekommen zu haben, um damit zwei Unteroffiziere des antimilitaristische Provokation JnfautericrcgimcutS dazu zu gewinnen, eine zu erzeugen! Die Namen der Unteroffiziere stehen v e m H e r r n M i n i st e r z u r V e r f ü g u n g, w i e mein g e- samteSMaterial. Auf Grund dieser provokatorische» Tätig- kcit solle» tatsächlich Opfer gefallen sein! Weiter führt er an: gefälschte Berichte»ber über Sitzungen des inter- nationalen sozialistischen Bureaus in Brüssel, die den Eindruck machen sollen, als stammten sie von einem Ohren- zeugen, während er sie tatsächlich in Posen anfertigte. Er behauptet weiter, dast zu meiner Ncbcrwnchuug mir gc- lcgentlich ein Spitzel in mein Bureau als Angestellter geschickt worden ist! Ferner soll ein Polizeibramter mit der Revision der mit der Post eingehenden Pakete auS Galizien beauftragt fein. Der Betreffende hatte ihm erklärt, die Zoll- b samten seien für die Auslieferung der Säckel an die Polizei leichter zu gewinnen, die Postbeamten schwerer I Nach dem, was beim Königsberger Prozeß 1904 über die Bespitzelung von Post- bcamten und Versuche, sie als Spitzel zu verwenden, festgestellt morden ist, wird man sich nicht aufs hohe Pferd setzen und behaupten können, daß solche Anschuldigungen an der absolut unbefleckten Ehre der deutschen Postbeamten zu schänden würden. Wir richten unsere Angriffe nicht gegen die Postbeamten, sondern gegen die Versuche der politischen Geheimpolizei, diese Beamten zu b e> stechen und zu Pflichtwidrigkeiten zu verleiten.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Nicht wunderbar ist die weitere Behauptung NakowSkis, daß die Beamten der Geheimpolizei gegen einander intrigieren. Gewiß kann man auch aus diesem Grunde nicht alles, was Rakowski sagt, als bare Münze ansehen. Ivenn aber neulich von Regierungsseite bestritten wurde, daß Rakowski zu Fälschungen und Provokationen gemißbrancht sei. so frage ich: auf Grund welcher Ermittelungen dies geschieht. Hat ein förmliches Verfahren stattgefunden? Wir müssen fordern, daß die Regierung gegenüber diesen Behaup- iungen ein E r m i t t e l u ng S v e r fa h r e n unter allen er- d e n k l i ch e n Garantien einleitet. Die Regierung hat die Pflicht, sich von dem Verdacht zu reinigen, als ob sie solche Maß- nahmen billigt.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) ES gibt gewiß in dem Sumpf der politischen Polizei manche Sumpfpflanze, von der die Regierung nichts weiß und die sie sogar mißbilligt. Darum muß in diesen Sumpf hineingeleuchtet werden, da. mit auch den unteren Polizeiorganen die Möglichkeit genommen werde zu Maßnahmen, unter denen das Ansehen des preußischen Staates leidet.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Ich komme nun ans die Frankfurter Straßcndemonstrationen. Herr Ecker- Winsen hat mir neulich vorgeworfen, ich hätte die Kammergerichtsentscheidung über die Straßendemonstratiinen mißverstanden. DaS glaube ich nicht, denn es heißt in dem Schluß der Entscheidung, den Herr Ecker-Winsen nicht zitiert hat, aus- drücklich: „Wie einerseits die Betätigung des Entschlusses, ein« Ansicht in öffentlich bemerkbarer und dadurch besonders eindringlicher Weise auch Andersdenkenden kundzutun, nicht allein an sich ctls Ge- fährdung der öffentlichen Ordnung erschein«, so könne auch anderer- seitS das politische Problem der Reform des preußischen Landtags- Wahlrechts die demonstrative parteipolitische Behandlung auf offe- ner Straße nicht rechtStvidrig machen. Vielmehr komme es lediglich darauf an, ob der Angeklagte durch sein Venehmen an und für sich die öffentliche Ordnung gefährdet habe. Da dies nach den ge- troffenen Feststellungen nicht eruiert sei, müsse der Angeklagte frei- gesprochen werden." Herr Abg. Cassel hat den formalen RcchtSstandpunkt gegen» über den Straßondemonstrationen besonders scharf hervorgehoben. Um das Lob, das er daraufhin von Herrn Strosser und Freiherrn v. Zedlitz davongetragen, beneide ich ihn nicht.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Das von Herrn Strosser angeführte Gesetz in England, wonach Zusammenrottungen zum Zweck der Bedrohung des Parlaments unter Strafe gestellt sind, ist veraltet, und tatsäch- lich sind politische Manifestationen in England an der TageSord» »uiiß. All die Versuch« der Oerren von der Rechten, mit dem schwersten Geschütz gegen die Straßcndemonstrationen vorzugehen, beweisen nur, wie wenig ernst es um die von ihnen äußerlich zur Schau getragene Ruhe geZenüüer der Machtentfaltung des Prole- tariats bestellt ist. Die Straßendemonstrationen scheinen auf Sie den Eindruck gemacht zu haben, den wir gewünscht haben. All die großen Männer der Vergangenheit wälzen sich gewiß im Grabe lerum, wenn sie hier als Sckvonrzeugen für reaktionäre Machen- schaftcn aufgerufen werden. Wenn der Abg. Frhr. v. Zedlitz ge» meint hat als ein neuer Attinghausen das preußische Volk zur Einigkeit aufrufen zu sollen, dann darf doch wohl darauf hin- gewiesen werden, daß kein anderer als der Abg. Frhr. v. Zedlitz beharrlich und mit einer solchen Rücksichtslosigkeit seit jeher gerade die herrschenden Klassen zum Kampf gegen das Proletariat auf- gerufen h�t, daß er es ist, der die feindselige Stimmung innerhalb der Bürgerschaft auf das äußerste auszunutzen und gegen das Pro- lctariat die gemeinschaftlichc Aktion des ganzen Bürgertums zu schüre» seit jeher aus seinem Programm gehabt hat, dessen Ziel ist: die Masse des Volkes dauernd von einer kleinen Minderheit der henschenden Klassen geivalttätig unterdrücken zu lassen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Gerade so beschaffen ist eS mit den Berufungen auf Plato. Wie kann Graf Moltkc, der Vertreter einer Partei, die man wohl als Polizeipartri vom reinsten Wasser bezeichnen kann, es fertig bringen, sich auf den idealsten aller unserer Philosophen zu berufen und noch dazu auf ein Werk PlatoS. das den Untertitel trägt:„U e b e r die G e r c cb t i g k e i t"!(Sehr gut! bei den S»z.) Hat der Abg. Graf Moltke die Behauptung auf- gestellt, der preußische Staat iei schon lange kein Polizeistaat mehr, sondern ei» Rechtsstaat, so hat Herr v. Zedlitz kurze Zeit vor- her von dieser Stelle aus erklärt, es müsse ein geordnetes Rechts» mittelverfahren im Vcrtoaltungsivesen eingeführt werden, sonst kommen wir nicht auö dem Polizeistaat heraus"! Wenn Graf Moltke auch, wie er meint, mit nnS die Eigenschaft teilt, von Politik und Geschichte nicht? zu verstehen, so cst er uns doch sicker über in seiner Fähigkeit der Spaß macherei, um die wir ihn nicht be- neiden.(Sehr richtig! bei oen Sozialdemokraten,) Der Darstellung des Ministers über die Frankfurter Demonstrationen muß in der schärfsten Weise widersprochen werden. Diese Exzesse sind ausschließlich durch das B-rgehcn der Polizei veranlaßt worden. Bei der großen Demonstration am 13. Februar sind ausschließlich Verletzungen im Volke selbst vorgekonimcn, da sind die Polizei- attackcn geritten worden, da ist Lie Bevölkerung in schroffster Weise von der Polizei mißhandelt worden. Run ist einige Tage darauf als Protest gegen dieses Eingreifen der Polizei von netLW eine Dc- monsication erfolgt, und von dieser hat der Minister des Jnnetn neulich gesprochen. Wenn nun bei dieser zweiten Demonstration — ich setze den Fall— irgendein sich nicht beherrschender Mensch gedacht hat:„Wer weiß, vielleicht wirst Du jetzt wieder angegriffen, nimm Dir«ine Waffe mit", kann man da sagen, daß dieses Ber- halten aus der Spontanität der Bevölkerung hervorgegangen, oder nicht vielmehr daß cS: durch das Verhalten der Polizei provoziert ist? Die Berichte über den angeblichen Anfang der Gewalttätigkeiten widersprechen sich in schärfster Weise. Der von dem Minister des Innern verlesene Bericht wurde von d-iesem selbst als amtlicher Berickt bezeichnet. Was auf diese„amtlichen Be» richte" zu geben ist, dafür haben wir ja Beweise genug in Händen. Ich erinnere Sie an die amtlichen Berichte über die Vorgänge aus Anlaß der Ferrervcrsammlungen. Nach einer unwidersprochenen feitungsmeldung sollen diese Bericht« angeblich auf den preußischen önig einen so unangenehmen Eindruck gemacht haben, daß er aus- drücklich darauf einzuwirken gesucht hat, daß die Polizei ihr Ber- halten gegenüber dem Publikum ändern möge.(Hört! hört! b. d. Soz.) Nachdem dann das Polizeipräsidium versucht hat, seine Haltung zu rechtfertigen, hat vor wenigen Tagen eine erneute Ver- Handlung stattgefunden, die dieselben Vorgänge betraf, und bei dieser Gelegenheit sind vom Gericht ausschließlich die von der Po- lizei selbst namhaft gemachten Zeugen vernommen worden. Bereits diese Vernehmung hat hingereicht, um das Gericht zu einem Frei- s p r u ch zu veranlassen, weck auch in diesem Falle wiederum die Schuld der Polizei und ein ganz unerträgliches provokatori- sches und unangemessenes Verhalten der Polizei als erwiesen an- gesehen worden ist!(Hört! hört! b. b. Soz.) Deshalb ist allen amtlichen Berichten gegenüber große Vorsicht am Platze. Als der Minister neulich aus dem„Berliner Tageblatt" den Bericht über die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung vorlas, hatte er unterlassen, noch mitzuteilen, daß alle bürgerlichen Pac- teicn mit überwältigender Mehrheit eine Resolution angenommen haben, die die schärfste Mißbilligung über das Verhalten der Polizei bei den Demonstrationen ausspricht. Ist denn dieser Be- chluß der Frankfurter bürgerlichen Parteien für Sie gleichgültig? Uber die Vorgänge in Frankfurt hat bereits das Gericht ent- chieden. Der eine der Demonstranten sollte sich des„Aufruhrs" chuldig gemacht haben. Wieder nach einem Bericht des„Berliner Tageblatts" vom Lö. d. M. ist aber nichts anderes herausgekommen, als daß er zu einer Gesamtgeldstrafe von 150 M. verurteilt wurde. DaS war das ganze Ergebnis! Es wird nun behauptet, daß die eventuell vorgekommenen Ausschreitungen vom Gesindel aus- gegangen sind, das sich den Demonstranten angeschlossen hat. Ja, alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß die Gewalttätigkeiten weder von den Demonstranten, noch von Radaumachern ausgegangen sind, sondern daß es sich um politische Provokation handelt. Es ist nicht bloß die Auffassung der Sozialdemokratie, daß die Straßcndemonstrationen absolut ruhig verlaufen wären. wenn nicht die Polizei dazwischen gekommen wäre. Die bürger- lichen Parteien in Frankfurt sind so wenig überzeugt davon, daß cs die Sozialdemokratie auf«in sinnloses Blutvergießen abgesehen hat, daß die bürgerlichen Par- teien sich mit der Sozialdemokratie zu einer neuen ge- waltigen Demonstration gegen dieses Wahlunrecht und gegen das Vorgehen der Polizei vereinigt haben! Diese Demonstration hat am gestrigen Sonntag stattgefunden, und alle Zeitungen sind er- füllt von Bewunderung über dieses Zusammengehen(Lachen rechts) und darüber, daß die Ordnung vollkommen gewahrt wurde durch die BersammlungSleiter selbst. Ein Demonstrationszug war gestern in Frankfurt dabei nicht beabsichtigt, aber auch die bürger- lichen Parteien konnten einfach nicht umhin, doch eine Demon- stration zu unternehmen, indem die Verhältnisse eS mit sich brachten, daß ein gewaltiger Zug sich bis an das Frankfurter Polizeipräsidium schob und dort demonstrierte. Die Polizei hat ihre Mannschaften zurückgehalten, und nichts ist vorge- kommen! Darin liegt ein schlagender Beweis, daß die Demon- strationen in keiner Weise störend in daS öffentliche Leben ein- greifen. Gestern ist ja auch in Berlin von neuem demonstriert worden, was sehr lehrreich ist. Den Abg. Cassel wird eine Gänsehaut überlaufen haben oder ist Herr Cassel am Ende gar an der Spitze des Demonstrationszuges nach dem Schloß gezogen? Er hätte erzählen können, daß ganz friedliche Staatsbürger, unter ihnen auch Nationalliberale, sogar bis an dos Schloß herangekommen sind! Da mag das loyale Herz des Abg. Cassel gezittert und gebebt haben, der doch eben auS dem Munde des Freiherrn v. Zedlitz so mit Balsam wegen seiner Anschauungen überschüttet worden ist. Sie haben also jetzt am eigenen Leibe gesehen, wie Straßen- bemvnsirationcn entstehen, daß sie ganz friedlich verlaufen, wenn die Polizei sich zurückhält. Wenn Sie die politische Geheimpolizei und die Provokateure abschaffen und die Polizei sich vorsichtig zurückhält, so können Sie fest davon überzeugt sein, daß alle Demonstrationen des Proletariats so friedlich verlaufen werden, wie überhaupt die Sozialdemokratie den dringenden Wunsch hat, ihre Ziele auf friedlichem Wege zu erreichen.(Lackmen rechts.) Nur auf diesem Wege wird eS auch dahin kommen können, daß daS Volk mehr Vertrauen zur Regierung hat. als es bisher in Preußen hat haben können.(Lebhafter Beifall bei den Sozial» demokraten.) Iln.terstaatssekretär Holh: Die Behauptung des Abgeordneten Dr. Liebknecht, daß die Posener politische Polizei mit gefälschten Berichten arbeitet und das Briefgeheimnis verletzt, weife ich energisch zurück. Das sayt sich doch der gesunde Menschen. verstand, daß die politische Polizei sich kein« Agenten halten wird. die mit falschen Berichten arbeiten. Der Abg. Dr. Liebknecht sagt selbst, seine Mitteilungen stützen sich auf Angaben des Herrn Rakowski; er selbst zieht dies« Angaben stark in Zweifel. DaS ist eine Art und Weise, Vorwürfe hier zu begründen, wenn man einen Kronzeugen dieser Art hat, die ich für unerhört erklären muß. (Lebhaftes Sehr richtig! rechts; große Unruh« und Lärm bei den Sozialdemokraten.) Es kommt Ihnen. Herr Abg. Dr. Liebknecht, nur darauf an. hier Agitationsstoff nach außen zu schaffen.(Zu- stimmung recht?.) Sie werden damit aber nicht auf uns und auch nicht aus die großen Parteien des Hauses einen Eindruck machen. lieber die Frage der Straßendemonstrationen wollen wir nnS nicht weiter unterhalten, ich wenigstens nicht mit Ihnen.(Heiter- keit.) Die weiteren Frankfurter Gerichtsverhandlungen werden ja die Wahrheit an den Tag bringen, und sie werden sicherlich auch zeigen, daß die Agitatoren und eigentlichen Angreifer sich auch hier lvieder hinter der Front befunden haben.(Lebhafter Beifall rechts; heftiger Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Abg. Gruncnberg(Z.): Tie Sozialdemokratie stört durch ihre verhetzende Agitation nur die Verhandlungen über die Wahlrechts- reform. Oer poU-eiKnnd als Bluthund. Abg. Dr. Miiller-Sagan(frs. Vp.) bringt eine Entscheidung deS Reichsgerichts zur Sprache, die den Polizeibeamten erlaubt. einen fliehenden Radfahrer durch den Polizeihund verfolgen zu lassen! Tagegen hat schon der Polizcihundvercin Stellung ge- nomine» unter Berufung auf daS maßgebende Polizeihund- Dresfierbuch, das insbesondere die Verfolgung fliehender Radfahrer durch die Hunde für unzulässig erklärt. Die Polizeihunde dürfen nicht zu Bluthunden dressiertwerden, ihre Verwendung ist nur da zulässig, wo der Führer sie m der Hand behält.(Beisall links.) Minister v. Moltke erwidert, daß von einem Anspringen und Znbodenreißen des Radfahrers durch den Polizeihund keine Rede sei. Die Hunde sollten den Fliehenden nur stellen. anspringen dürfen nicht zu Bluthunden dressiert werde», ihre VcöveuditNg sind, würden von der Polizei überhaupt nicht verwandt. *- Zum Titel 1 „Sehdme Husgaben im Inter eise der Polizei, 300 ooo JVkiarh" liegt der Antrag der Abgg. Borgmann und Genossen(Soz.)) vor: diesen Titel zu streichen und zweitens die politische Geheimpolizei abzuschaffen. Abg. Hirsch(Soz.): Die Regierung fordert— wie im vorigen Jahre— auch diesmal 300 000 M. für geheime Ausgaben im Interesse der Polizei. Meine Freunde hatten bereits im vorigen Jahre beantragt, diese Position zu streichen. Leider vergeblich! Es handelt sich für uns um eine prinzipielle Frage, und deshalb haben wir von neuem die Streichung beantragt. Wir meinen, daß man, selbst wenn man zu der Regierung Vertrauen hat, ihr diese Gelder nicht für ge- Heime Ausgaben zur Verfügung stellen darf. Um so weniger kann man das tun, wenn man zu der Regierung dieses Vertrauen nicht hat. Wir haben uns nicht begnügt, lediglich die Streichung dieser Position zu beantragen, sondern wir verlangen die Ab» schaffung der politischen Geheimpolizei über- Haupt. Tie politische Polizei ist ein wunder Punkt unserer Verwaltung. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten!) Seit den Tagen deS KreuzzeitungsritterS Hinkeldey bis heute zeigt sich, daß die Bcamten der politischen Polizei sicki dauernd an Leute heranmachen,.die in wirtschaftlich schlechte Verhältnisse gekommen sind, und daß sie ver- suchen, diese Leute zu bewegen, ihre eigenen Kreise zu verraten. Ein solches System können wir nun und nimmermehr billigen. und wir verlangen deshalb seine Abschaffung. Besonders unter dem Sozialistengesetz hat sich die Spitzelwirtschaft gezeigt. aber auch heute noch kommt die Polizei ohne Spitzel nicht aus. Der Minister hat im vorigen Jahre zugegeben, daß tatsächlich von der Polizei Spitzel gebraucht werden, und daß sich in den Demon- strationSzügen Spitzel befunden haben. Das ist ja auch gerichtlich klargestellt. wie ich im vorigen Jahre nachgewiesen habe. Hätte Herr Cassel. der sich neulich so warm der Polizei annahm, sich an diese gericht- liche Feststellung erinnert, so hätte er sich wahrscheinlich nicht so scharf gegen die Straßendemonstrationen ausgesprochen. Nun, er ist ja bestraft genug durch das Lob des Herrn v. Zedlitz.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Herr v. Zedlitz ist bei dieser Gelegenheit auch auf die Not- wendigkeit der Einigung sämtlicher bürgerlicher Parteien gegen die Sozialdemokratie eingegangen. Ich kann ibm natürlich im Rahmen des zur Verhandlung stehenden Themas daraus nichts erwidern. Wenn er sich mit Aitinghausen verglichen hat, so hat er seinem Helden eine schlechte Ehre erwiesen.(Sehr wahr! bei den Sozial- demokraten.) Er vergißt, daß Attinghausen das Pol! aufgefordert bat. sich gegen die Tyrannei aufzulehnen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Ich erinnere ihn an das Wort AttinghauscnS in seiner Sterbestunde: „Getröstet können wir zu Grabe steigen, Es lebt nach uns,— durch andre Kräfte will Das Herrliche der Menschheit sich erhalten." Die anderen Kräfte sind wir, und die, die zu Grabe steigen, sind die Freunde des Herrn v. Zedlitz!(Sehr wahr! bei den Sozial, demokraten.)> Herr Strosser hat in seiner Rede auch bezug genommen auf eine Äcußerung. die ich im vorigen Jahre über die Spitzel ge- tan habe, und bat gemeint: wenn diese Charakterisierung richtig sei, hätte mein Parteifreund Liebknecht auch nicht das Recht gehabt. diejenigen zu verteidigen, die verkleidet in die Koutrollstationen gehen, um Mißstände festzustellen. Der Vergleich hinkt doch gay zu sehr. Wenn man Leute, die in irgend welche Anstalten gehen, um sich zu informieren, den Polizeispitzeln gleichstellen wollte, dann könnte man auch sagen: wer von Ihnen in sozialdemokratische Ver» sammlungcn geht, um sich zu belehren über das Wesen des Sozia» lismuS, werde damit auch zum Spitzel. Wir würden uns im Gegen» teil freuen, wenn S:e recht oft in unsere Versammlsingei» kommen, damit endlich Ihre verkehrten Anschauungen über big Sozialdemokratie vernünftigeren Ansichten Platz machen. Der Herr Unterstaatssekretär hat meinen Freund Liebfnecht garnicht verstanden. Liebknecht hat nicht davon gesprochen, daß dio russische Polizei bei der preußischen in �Dienst stände, sondern er hat von einem Kompagniegeschäft gesprochen. Da» ist etwas wesentlich anderes, und das hat der Herr UnterstaatSsekretäv nicht bestritten!(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Ich hatte nun die Absicht, eine ganze Reihe neuer Spitzelfälle vorzutragen. Mit Rücksicht auf die vorgerückte Zeit will ich mich auf einige wenige Fälle beschränken, bemerke aber im voraus, daß) uns ein sehr reichhaltiges Material weiterer Fälle zur Per, fügung steht. Der Kriminalbeamte Hans Schrott. Fchrbellinerstraßo 7« trat am 27. Juli 1904 als „Versicherungsagent Hans Kraus" dem fünften Berliner Wahlverein bei und außerdem dem Zentralverband der Handlungsgehilfen. Man schöpfte bald Verdacht gegen ihn, der Boden wurde ihm zu heiß, und er verlegte seinen Wohnsitz im Sommer IVOS«gch Pa n k o w. wo er sich als „Techniker Jakob Gruber" niederließ. Er ist als Spitzel von uns im Bilde festgehalten. Ich bin in der Lage. Ihnen die Photographie vorzuführen, aber Sie werden wohl von den Bildern genug haben, die ich Ihnen im vori- gen Jahre vorlegte. Interessant bei diesem Fall ist, daß ein wirk- licher Techniker Jakob Gruber nichtdeutscher ReichSangeyöriger ist! Die Vermutung liegt nahe, daß er unter Androhung der AuS» Weisung veranlaßt worden ist, jenem seine Papiere zu geben! Besonders schlau glaubte der Kriminalbeamte August Malik vorzugehen, der sich den Spitzelnamen „Talent" beilegte, aber von Talent beim besten Willen nicht» merken ließ. Er hat einen Genossen, der im sozialdemokratischen Wahlverein eine Rolle spielte, zum Verrat zu bewegen versucht und hat es erreicht, daß er sich zur Ueberwachuug der Versammlungen hergabt DaS ist namentlich für die Herren Freisinnigen interessant, die so sehr entzückt sind von dem neuen ReichsvereinSgesetz. Für uns ist der Unterschied gegen früher nur der: daß früher Beamte in Uniform, also als solche kenntlich, zur Uebcrwachung der Versammlungen kamen, während heute Spitzel gefälschte oder ungenaue Berichte liefern.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) In einem Falle bekam er den Austrag, zu berichten über Beginn einer Versammlung, Zahl der Besucher,. kurze Wiedergab« der DiS- kussionsreden, Schluß der Verjummlung, ob Ruhestörungen statt» gefunden hätten, was für Broschüren usw. verkauft worden seien. Der Bericht sollte durch Rohrpost eingesandt werden. Da er an der Versammlung nicht teilnehmen konnte, entschuldigte er sich, und der Kriminalbeamte schrieb ihm, daS hätte auch nicht» geschadet» es wäre „nur eine Versammlung von Beamten gewesen!" (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Ich frage den Herrn Minister, ob er von dem Treiben dieser Elemente weiß und ob das gegen seinen Willen gescküeht. Sollte das letzten? der Fall fein, so hat der Herr Minister die Pflickst, daS hier offen vor dem Hause zu erklären.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten-). Der Fall selbst ist nicht anzuzweifeln, er steht aktenmaßig fest.— Dann haben wir es der?lbwcchselung halber mal mit einem polnischen Spitzel zu tun, der besonders dumm und wohl des- wegen dazu ansersehen war, die P o l e n zu bespitzeln. ES handelt sich um Johann Mobre?» der eineS TageZ mit der Bitte um Beschäftigung in der Expedition des„Dziennik Berlins!i" erschien. Es stellte sich heraus, daß er im Dienste der Polizei stand. Er suchte es allerdings zu be- streiten, indem er erklärte, er habe freilich früher für SV M. der Polizei Dienste geleistet, habe aber seinen Dienst quittiert, da er mit dem Gehalt nicht auskommen konnte. Weiter ernnere ich Sie an Uebcrwachung unserer Jugendlichen. Wir tvisien genau, daß die Versammlungen unsarer Jugend- organisationen bespitzelt werden, aber das fürchten wir nicht. Gegenüber den Fällen, die Herr Abg. Sivitala neulich er- zählte, hat der Herr Untersiaatssekretär ja selbst zugeben müssen, daß die Polizei sich solcher Agenten bedient. Um so mehr haben wir die Pflicht, zu verlangen, daß endlich einmal diese Eiterbeule aufgestochen wird, damit wir mcht fort und fort derartige Fälle von der Tribüne des Parlaments herab bortragen müssen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Schließlich habe ich noch einigo Fälle von Polizeispitzeln vor- zutragen, die mit der Ueberwachung der anarchistischen Bewegung betraut waren. Sie wissen, daß meine politischen Freunde mit den Anarchisten nichts zu tun haben. Unsere Weltanschauung unterscheidet sich hinimelweit von der der Anarchisten, aber wir haben auch diese Anschauung, soweit sie ehrlich ist. genau wie jede ehrliche Ueberzeugung zu respektieren und werden deshalb auch solche Fälle vortragen.(Zuruf rechts: Edle Seelen finden sich!) Dieser Zuruf hat gar keinen Sinn, die Anarchisten stehen Ihnen ja viel näher als uns!(Lärm rechts.) Es handelt sich um Max Schiefer, Berlin d�., Linienstr. 117, einen Lockspitzel gefährlichster Sorte, der fortwährend zu Tät- lichkeiten aufgereizt hat. Er hat die Polizei nicht nur über alles unterrichtet, was in dem Verein der föderierten Anarchisten Berlins und Umgegend, dem er seit 1907 angehört, vorging, sondern ihr auch die Schlüssel zur Redaktion des„Revolutionärs" ausgeliefert! Eine Reihe von Anarchisten haben ihm seine AuS- Weitung zu verdanken. Er hat dann später ein umfassendes Ge- jtändnis ablegen müssen, worin er aussagte: „Ich stehe seit dem S. oder 10. Januar 1909 im Dienste der 7. Abteilung der Berliner politischen Polizei. Ich sollte für meine Spitzeltätigkeit monatlich 40 M. bekommen, habe aber im ganzen nur an 100 M. erhalten." DaS ist übrigens nicht der erste Fall, wo Spitzel von der Polizei nicht das erhalten haben, was ihnen versprochen war. Also be- sonders nobel scheint die Regierung auch da nicht zu sein. Weiter hat er ausgesagt: „Ich war in dieser Zeit vom Januar bis August 1909 dem Kriminalbeamten Radtke. Lichtenberg bei Berlin, Volker- straße 2, I rechts bei Fräulein Herrmann, unterstellt. Der Kriminalbeamte Radtke ist Ende August aus dem Polizeidienst entlassen und zur Disposition gestellt worden. Jeden- falls ist Radtke deshalb hinausgeschmissen worden, weil der Kriminalkommissar Kuntze von einer anonymen Briefschreiberei an Anarchisten Wind bekommen hat. Ich habe von dem Kriminal- beamten Radtke erfahren,-daß ich nicht der alleinige Spitzel unter den Anarchisten bin... Sollte die Regierung den Fall bestreiten, so habe ich hier d i e Originalhandschrift Kuntzes: einen Brief, den er an den Spitzel geschrieben hat, und eine Karte, wonach er 10 Nummern des„Revolutionär" nach Zimmer 212 im Berliner Polizeipräsidium schicken solle. Ich nehme an, daß der Herr Minister in diesem Zimmer Bescheid weiß.(Heiterkeit.) Also dieser Fall ist nicht zu bestreiten. Interessant ist nun, daß der Spitzel Schiefer alles daran gesetzt hat, um einen anderen Spitzel zu entlarven. ES läßt das darauf schließen, daß es tatsächlich zutrifft, was Radtke dem Schiefer gesagt hat: daß es in der anarchistischen Bewegung eine ganze Reihe Polizeispitzel gibt. Vielleicht haben wir sogar mehr Polizeispitzel in dieser Bewegung als Anarchisten selbst! Einer dieser anderen Spitzel hieß Georg Niluschewsky. Er zeichnete sich dadurch aus, daß er in beständiger Furcht lebte, entlarvt zu werden. Er trug ständig eine» Revolver bei stch, ging in Begleitung eines großen Hundes und hatte sich ein Fahrrad angeschafft, um schneller entfliehen zu können. Er verkehrte viel mit dem Kriminalwachtmeister F. Bussi, LandSbergerstr. S. Besonders interessant ist, daß„Herr" Schiefer, als noch nicht bekannt war. daß er Spitzel war, folgenden, von Be- leidigungen wimmelnden Brief an den Kriminalkommissar Kuntze richtete: „Es ist mir bekannt geworden, daß der auf dem städti- scheu Viehhof zu Berlin angestellte Georg Nilu- s ch e w S k y a l s Spitzel in Ihren Diensten stehen soll. Ich kann unmöglich annehmen, daß eine Behörde vesp. ein hervor- ragender Beamter wie Sie, Herr Kommissar Kuntze, sich ein Gewerb« daraus machen, ehrliche Politiker zu lumpenhafwn Handlungen zu verleiten und erkläre ich hiermit, daß eine solch« Tat nur von einem Lumpen vorgenommen werden kann, welche Bezeichnung Sie auf sich bezichen können, wenn zwischen Ihnen und Niluschewsky ein solches Verhältnis besteht oder bestanden hat. Sollte der Kriminal- beamt« Bussi mit Niluschewsky in Verbindung gestanden haben, so erkläre ich diesen ebenfalls für einen Lumpen und Schurken." Der Kriminalkommissar Kuntze hat Schiefer nicht verklagt! (Hört! hört! b. d. Soz.) Und er konnte nicht klagen, weil vor Gericht der Beweis der Wa h r h e i t erbracht worden wäre! Er bat den anderen Weg gewählt: den Briefschrciber zu seinem Freunde zu machen, und hat ihn für die Dienste der Polizei geworben. Leider ist ihm dctS auch gelungen. Zum Schluß noch ein Wort: Sie reden bei jeder Gelegenehit von Preußens Ehre. Sehen Sie nicht selbst ein, daß Sie durch die Bewilligung solcher Summen Preußens Ehr« schänden? (Sehr wahr! b. d. Soz. Unruhe rechts.) Vizepräsident Dr. P-rsch: Ich rufe Sie zur Ordnung. Abg. Hirsch(fortfahrend): Von den Konservativen upd Natio- naUiberalen erwarte ich ja nicht, daß sie unserem Antrag zustim- »icn. Die Herren vom Zentrum aber haben sich früher immer, als da» Zentrum noch andere Grundsätze hatte, gegen diesen Fonds ausgesprochen. Die Freisinnigen haben ja im vorigen Jahre für unseren Antrag gestimmt; daß die Polen dafür stimmen, ist selbstverständlich. Aber auch die Herren vom Zentrum sollten, ent- sprechend ihren früheren Traditionen, diese 300 000 M. ablehnen und mit uns für die Beseitigung des Systems der Geheimpolizei eintreten. Bedenken Sie. daß die Spitzel nur die Borstufe zum Lockspitzel sind. Lehnen Sie unseren Antrag ab, so übernehmen Sic damit die Verantwortung für alle Taten der Spitzel und machen sich mitschuldig an den Verbrechen, die sie begehen und zu denen sie anstiften.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Minister v. M-ltke: Es ist über diesen Gegenstand heute und in den letzten Tagen soviel geredet worden, daß ich eS mir versage. darauf einzugehen und mich auf meine vorjährige Erklärung be- ziehe, dre ich nachzulesen bitte. Abg. Switala(Pole) führt Beschwerde über Bedrückung der polnische.' Jugendoraanifationen. �. Der Titel wird gegen die Strmmen der Sozialdemokraten, Freisinnigen und Polen bewilligt und der Antrag auf Abschaffung der politischen Geheimpolizei gegen die Stimmen der Sozialdemo. traten abgelehnt. Für die fMrforgeersiekung JVIindl erjähriger werde»! als Zuschüsse an die Kommunalverbände S Millionen Mark gefordert. Abg. Dr. Faßbender(Z.) verlangt eine bessere Ausbildung der Leiter der Jürsorgeanstalten. Abg. Ströbel(Soz.): c Die Kritik, die ich im vorigen Jahre schon an unserem Für- sorgeerziehungssystem üben muhte, hat sich nach den Erfahrungen des letzten Jahres noch als v i e l zu milde erwiesen. Es sind inzwischen die Vorkommnisse in Mielczyn aufgedeckt worden und auch die nochmalige Gerichtsverhandlung über die Verhältnisse in der sogen.„Blohmeschen Wildnis" haben bewiesen, daß sich das Fürsorgeerzichungssystcm bei uns noch in einem trostlosen Zustand befindet. Zahllose Sachverständige, auch aus dem bürgerlichen Lager, teilen durchaus diese sehr pessimistische Auffassung. Die Denkschrift für 1908 beweist, daß von den im Vorjahre und früher gerügt cn Mängeln noch nicht einer behoben worden ist! Daß sich durch die Fürsorgerziehung an sich etwas er- reichen läßt, soll nicht bestritten werden, aber mit dem heutigen System ist eine Besserung nicht zu erzielen. Daß seine Er- gebnisse außerordentlich kläglich sind, beweist auch die neueste Sta- tistik. Nach dieser hat in der Hälfte der Fälle eine sieben- bis achtjährige Erziehungsarbeit noch nicht genügt, um die Zöglinge als reif zur Entlassung aus der Fürsorgeerziehung anzusehen. In Wirklichkeit ist das Resultat noch bedenklicher, denn über 2700 von 4200 Entlassenen sind lediglich deshalb entlassen worden, weil sie das Mündigkeitsalter oder das m i l i t ä rd i c n st- Pflichtige Alter erreicht hatten. Nur etwa 1S00 konnten entlassen werden, weil man glaubte, daß eine gewisse sittliche Reife erzielt worden sei. Bei genauer Betrachtung der Statistik zeigt sich, daß mehr als zwei Drittel gerade der ältesten Jahr- gänge aus den genannten äußeren Gründen entlassen werden mußten. Das sind geradezu klägliche Fehlschläge unserer Fürsorgeanstalten.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Das wird auch von fast allen Sachverständigen zugestanden, so 1900 auf der Konferenz der Zentrale für Jugendfürsorge von Geheim- rat Krahne und im April vorigen Jahres vom Oberjustizrat B l a s ch k e. vortragender Rat im Justizministerium auf der Ge- neralversammlung des Vereins zur Besserung entlassener Sträf- linge. Er sagte:„Die Hoffnungen auf das Fürsorgeerziehungs- gesetz sind arg enttäuscht. In einem Jahre wurden in Schlesien 5 Zöglinge wegen Mordes verurteilt. Sie begingen die größten Vorbrechen, um nur aus den Anstalten herauszukommen. Was das Gesetz als Wohltat wollte, sehen die Zöglinge als Uebel an, dem sie sich selbst durch schwere Vor- brechen entziehen wollen. Selbst die Erzieher meinen, daß die Zöglinge es in der Anstalt schlimmer haben, als in den Gefängnissen. Da» sagt ein vortragender Rat im Justizministerium! Der Haupt- fehler der jetzigen Organisation ist die Nichtberücksichtigung der psychischen Anlagen. Allsmtig wird zugestanden, daß der Pro- zentsatz der geistig Anormalen außerordentlich yrotz ist. Warum ist nicht deshalb eine allgemeine Unter- Buchung der Fürsorgeerziehungszöglinge über ihren geistigen Zu- stand angestellt worden? Es steht fest, daß von der Erkenntnis der Krankheit überhaupt die Möglichkeit eines erzieherischen Wirkens abhängt. Der Strafanstaltsarzt Dr. Rixen-Breslau sagt, daß die Fürsorgeerziehung eigentlich eine Domäne der Psychiatrie sein müsse. Dieser Standpunkt wird von zahlreichen hervorragen- den Irrenärzten geteilt. Die Aerzte fordern auch, daß die der Zwangserziehung verfallenen Individuen nicht nur ärztlich u n- t e r s u ch t werden, sondern daß die Anstalten nach ärztlichen Grundsätzen verwaltet werden sollen. Aehnlich äußert sich auch Landgerichtsdirektor Dr. Beckcr-DreSden. Wir sehen also, daß das ganze System unserer bisherigen Fürsorgeerziehung falsch ist. Daher auch der Mißerfolg! Daher stammen die Wider- setzlichkeiten und die verbrecherischen Exzesse. Im Programm der Regierung finden sich ja die wunderschönsten Grundsätze, aber es handelt sich hauptsächlich um die Praxis. Wir leiden unter einer großen Buntscheckigkeit dieser Anstalten. EL wäre das Vernünftigste, wenn nur staat» liche Anstalten existierten, wenn auch die Kommunalverbände ihre Zöglinge in diese Anstalten lieferten. Ein schlimmer Uebelstand ist auch der, daß von der K o n f e s s i o n a l i t ä t allzuviel Wesens gemacht wird. Bei dieser Erziehung kommt eS hauptsächlich auf eine vernünftige pädagogische Behandlung der Zöglinge an. Die Konfefsionalität schlägt nur zu leicht in Frömmelei um. Der SanitätSrat Dr. Küster sagt hierzu ganz beherzigenswert:„Daß ein Geistlicher an der Spitze steht, beweist, daß man glaubt, durch Kirchliches und durch Beten bessern zu können. Wenn der Geistliche sich vollständig auf den Boden christlicher Liebe stellen würde, so würde eine Möglichkeit, zu bessern, vorhanden sein. Aber sie prügeln auch, wie berichtet wird." Es hat mich gefreut, daß auch das Zentrum Wert auf eine sozialpädagogischc Ausbildung legt. DaS gesamte Personal muß aus pädagogisch geschulten Kräften bestehen. Dann wird eS auch nicht mehr in so fürchterlicher Weise die Zöglinge mit Lederpeitscheu und dicken Stöcken prügeln, wie eS vorgekommen ist. In Mielczyn sind Zöglingen an einem Tage 100 Peitschenhiebe verabfolgt worden, die die Zöglinge laut mitzählen mußten.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Nach Wochen, ja nach Monaten, waren die Narben noch zu sehen. Es wurden dort Schläge auf die Fußsohlen verabfolgt, und ein einziges Kind hat in einem Monat 600 Peit- schen- und Stockhiebe erhalten!(Hört! hört! bei den Sozialdemo- kraten.) Zuerst wurde die Richtigkeit dieser Angaben des„Vor- wärts" bestritten, aber der„Vorwärts" konnte den Beweis dafür antreten. Diese Dinge zeigen doch, daß die Tatsache, daß ein Geistlicher an der Spitze einer solchen Anstalt steht, keine Gewähr dafür ist, daß folche Ausschreitungen nicht vorkommen. Und vergessen wir doch das eine nicht, daß es sich hier um geistig und sittlich minderwertige Menschen handelt, die nicht durch Prügel, sondern nur durch eine richtige Behand- l u n g und durch ein Eingehen auf ihren Körper- und Geisteszustand auf den Weg der Besserung gebracht werden könnem(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Wenn der „Vorwärts" sich nicht so riesig vorgesehen und nicht ein fast berge- hohes Material angehäuft hätte, es wäre nicht gelungen, die Wahr» heit an den Tag zu bringen. ES handelt sich auch keineswegs um ein vereinzeltes Borkommnis. Fast wöchentlich, ja fast täglich gehen bei uns Klagen ein über Vorkommnisse in solchen Anstalten, die gleichfalls sehr wohl be- gründet sind. Im vorigen Jahre hat der Abgeordnete v. Liszt die Anstalt Siedersdorf gelobt. Aber auch von dort find uns Klagen zu Ohren gekommen und der„Vorwärts" hat sie veröffent- licht. Der Pastor Rohr wollte zuerst klagen, aber er besann sich dann doch eines Besseren. Nicht nur Geistliche prügeln, sondern auch die Pfleger. WaS sind denn das für Leute, diese Pfleger? ES sind keine pädagogisch durchgebildeten Leute, sondern Leute, die, wie in Mielczvn. aus Anstalten gekommen waren, wo man vom Alkohol entwöhnt loird.(Hört! hört! bei den Sozial- demokratcn.) Solche Leute sind natürlich nicht geeignet für der- art schwierige Aufgaben. Die Enthüllungen über die Blohmcsche Wildnis grenzen geradezu an das Perverse- Auf der Konferenz der Deutschen Zentrale für Jugendfürsorge wurde hervorgehobeti, daß die Vorgänge in Mieiezyn und der Blohmeschen Wildnis keineswegs vereinzelte Vorkommnisse seien, sondern daß ähnliche Fälle jedem Kenner der Verhältnisse bekannt wären.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Das alles be- weist das Vorhandensein eines weitverbreiteten priigellystetiis und es beweist ds« voUrtändige CInzutängHchhett der Kontrolle. Es gibt zwar genug Instanzen für die Aufsicht, aber die Instanzen allein machen es nicht. In der Blohmeschen Wildnis z. B. wurde die Kontrolle ausgeübt von einem Pastor und einem KreisphysikuS, die beide nie etwas bemerkt hatten. Dr. Koehne hat in einer Sitzung der Deutschen Zentrale für Jugendfürsorge denn auch eine ganze Reihe von Abänderungsvorschlägen gemacht, um die Kontrolle zu verschärfen. Vor allem sollen die Zöglinge selbst ihre Beschwerden vorbringen dürfen.(Sehr richtig! bei den Sozial. demokraten.) Heute müssen sich die Eltern an die Presse wenden, denn eine Behörde, bei der sie sich beschweren würden, würde sich natürlich an die Anstaltsleitung wenden, und man würde so den Teufel bei Beelzebub verklagen. Es müssen auch Garantien vor- handen sein, daß die Beschwerden der Zöglinge Beachtung finden. ES gibt heute schon Anstalten, die in einwandsfreier Weise geleitet werden. Ich erinnere an die Erziehungsanstalt in Zehlendorf. an deren Spitze Direktor Plaß steht, auch ein Pastor, aber kein Prügelpasior. Bei einer Verstaatlichung der Anstalten wird eS zweckmäßig sein, sich nach dem System dieser Zehlendorfer Anstalt zu richten. Auch ich bin dafür, daß die Zöglinge, die erst zu verwahrlosen drohen, getrennt werden von denen, die bereits verwahrlost sind. Notwendig ist auch eine vielseitige Ausbildung der Zöglinge. Der Psychiater muß ein gewichtiges Wort in den Anstalten mitzuredci» haben. Die Regierung darf sich nicht von dem Grundsatz leiten lassen, in den Anstalten billige Aubeitskräfte für die Herren Agrarier heranzuziehen.(Lachen rechts.) Ihr Lachen ist ganz ungerecht- fertigt, denn der Pastor Martens aus Bielefeld hat z. B. hervorgehoben, daß für gewisse Gutsbesitzer die Fürsorge- zöglinge billige Arbeitskräfte seien.(Hört! hörtl bei den Sozial- demokraten.) Bei der Berufswahl der Zöglinge sollte man nach Möglichkeit Fähigkeit und Neigung berücksichtigen, und die Anstalten sollte man nicht in einem rein kasernenhausmäßigcn Stil ein- richten.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Die rheinisch. westfälischen Anstalten beweisen, daß man auch ohne Prügel sehr gute moralische Erfolge erzielen kann. Nur wenn man Rücksicht: nimmt auf die Neigungen und Wünsche der Zöglinge— natürlich so weit das möglich ist— wird man ihnen die Freude am Menschen- tum wiedergeben und sie geistig und sittlich heben. Wir sehen aber, daß das heutige System der Fürsorgeerziehung von Grund auf verkehrt ist. Leider ist wenig Aussicht auf eine baldige durchgreifende Werbessvrung vor ha n. den. Das beste Mittel wäre die Hebung der Masse«, (Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Dann brauchte man die Opfer der traurigen sozialen Zustände nicht in Fürsorgeerziehung zu geben. WaS sollen die Klagen über die zunehmende Verrohung und Verwilderung, über Prostitution, Zuhältertum und Unsitt- lichkeit, wenn die Ursachen dieser betrübenden sozialen Erschei- nungen nicht beseitigt werden. Die soziale Not ist nur eine Folge der heutigen sozialen Zustände. Denken Sie an das traurige Los unserer Dienstboten, die so leicht, auf Abwege geraten, der Unsitt» lichkeit versallen. Diese unglücklichen Elemente verfallen dann der Fürsorgeerziehung. Man darf diese Dinge nicht losgelöst als Erscheinung für sich betrachten, sondern man muß den Zusammenhang dieser Dinge mit dem heutigen kapita- listischen Elend überhaupt berücksichtigen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Auch die Trunksucht ist eine soziale Erschei- nung. Wenn ein Mann zu Haus sitzt in einer ärmlichen Wohnung, in der ihn die Wände geradezu anöden, dann kann man es sehr wohl verstehen, daß er ins Wirtshaus geht. ES ist statistisch fest» gestellt, daß nur 0.1 Proz. der Zöglinge von Eltern stammen, die ein Einkommen von über 3000 M. haben.(Hörtl hört! bei den Sozialdemokraten.) DaS beweist den engen Zusammenhang der Fürsorgeerziehung mit den wirtschaftlichen Verhältnissen. Trotz- dem hat man es gewagt, für die Zunahme der Fürsorgezöglinge die materialistischen Strömungen in unserem Volk und die sozialistische Propaganda verantwortlich zu machen.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) Diese Behauptung zeugt entweder von bodenloser Unwissenheit oder bodenloser Unverschämtheit! (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) WaS soll man sich denn unter den materialistischen Strömungen vorstellen? Der Mann, der diese Behauptung aufgestellt hat. ist vielleicht ein Geistlicher und hat doch auch erst im vorigen Jahre eine Aufbesserung seines GohaltS bekommen.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Oder soll man unter den materialistischen Strömungen die Stcuerschcu der Schnapsblockjunker verstehen?(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Mit solchen törichten Phrasen sollte man uns toirklich nicht kommen. Man sollte viel eher für eine bessere Schulbildung sorgen und man sollte der Arbeiterklasse in ihren Bestrebungen für eine vernünftige Jugenderziehung keine f» großen Schwierigkeiten bereiten.(Sehr richtigl bei den Sozialdemokraten.) Selbst ein Mann wie Schmoll er hat erklärt, daß er, so sehr er auch die Sozialdemo. kratie bekämpfe, sie doch begrüße als einen Fortschritt im Interesse orr Bildung, der Gesundheitspflege und der Kultur der breite« Massen. Cr stehe nicht an, auszusprechen, daß er vor den sozial. demokratischen Führern persönlich eine große Hochachtung habe. �Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Ich schließe, indem ich sage: nicht nur unsere Fürsorgeerziehung, sondern unsere gesamten politischen und staatlichen Ver» Hältnisse bedürfen einer Umgestaltung vvn Grund anS!(Leb» hafte» Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Ein Regierungskommissar: Niemand beklage solche Vorkomm. nisse, wie sie der Vorredner vorgetragen hat, mehr als wir. Aber man darf auS solchen einzelnen Vorkommnissen keine Schlüsse auf den allgemeinen Wert der Fürsorgeerziehung ziehen. Es muß an» erkannt werden, daß im allgemeinen in der Fürsorgerziehung pflichttreu gearbeitet wird. Man muß diesem entsagungsvolle« Beruf auch das Zeugnis ausstellen, daß er Erfolge erzielt bat. Wenn die Erfolge noch nicht so greifbar sind, so darf man nicht übersehen, mit welchem Material man eS zu tun hat. ES handelt sich um vorgerückt Verwahrloste, vielfach vorbestrafte oder geistig minderwertige Elemente. Untersuchungen werden in allen Pro- vinzen vorgenommen. Ter Minister läßt es sich dringend angelegen sein, solche beklagenswerten Vorkommnisse für die Zukunft zu ver- meiden sowohl durch Organisierung einer zweckmäßigen Aufiicht, als auch durch Heranbildung eines tüchtigen Pflegepersonals. Abg. Faßbcnder(Z.): Wenn wir bei jedem Titel unsere Welk» anschauung darlegen wollten, wohin sollten wir dann kommen! (Sehr wahr! im Zentrum.) Ich habe mich nicht dagegen gewandt, daß Geistliche in den Anstalten wirken, sondern betont, daß nicht nur theologische, sondern auch spezialistische Vorbildung notwendig ist. Eine religiöse Einwirkung auf die Zöglinge ohne konfessio» nelle Basis halte ich für unmöglich. Mit allgemeinen philosophische« Betrachtungen kann man doch bei solchen Menschen nichts anfangen. (Sehr wahr! im Zentrum.) Die konfessionelle Einwirkung braucht durchaus nicht in Form der Frömmelei vor sich zu gehe« Abg. Ströbel(Soz.): Gegenüber dem Herrn Regierungsvcrtreter betone ich, daß es mir natürlich ferngelegen hat, die persönliche Ehrenhaftigkeit eines großen Teils der Anstalisleitcr oder Pfleger irgendwie in Zweifel ziehen zu wollen. Ich habe im Gegenteil ausgeführt, daß bei dem heutigen System bessere Ergebnisse sich erzielen lassen. Wenn ein Anstaltsleiter mit den Zöglingen nichts anzufangen weih, weil er keine pädugogisch» und keine psychiatrische Bor, b i l d u n g hat, so wird er eben im besten Glauben drauf losprügcln. Wenn Herr Faßbendcr recht hätte, daß die ethische Eintvirkung auf die Kinder sich nur auf t o n fe s s i o n e l l e m Untergrunde erzielen ließe, so müßten alle diejenigen, die nicht zu einer Kou» fession gehör«'«, außerstande sein, ihre Kinder ethisch zu«rziehefl, und das wird Herr Foßbender selbst nicht zu be- haupten wagen. Gegen einen fakultativen Religionsunter- richt haben wir ja auch nichts einzuwenden. Im übrigen aber läßt sich durch vernünftigen Btoralnnterricht und dadurch, daß die ganze Erziehungsarbeit im Geiste der Menschenliebe geleitet wird, sehr viel erreichen.(Lachen rechts.) Sie meinen wohl, das; ein allge- meiner Moralunterricht langweilig sein würde, aber die Grund- sähe der werktätigen Nächstenliebe, der Wahrhaftigkeitsliebe usw. lassen sich doch mit dem ganzen Unterricht lebendig verweben. Wenn man z. B. den Kindern beim G e s ch i ch t s- und Natur- Wissenschaftsunterricht zeigt, daß Mißhandlung von Tieren barbarisch ist, wird solche erziehliche Tätigkeit so wirk- sam sein, das; philosophische Aufklärung von der lang- w e i l i g e n Art, wie sie Herr v. Bcthman» Hollweg liebt, wahr- haftig nicht nötig ist. Sie werden doch auch nicht behaupten wollen, daß es zur Zeit der alten Griechen und Römer keine Ethik gegeben hat. Wenn man den Kindern beibringen will, daß sie ihren Nächsten lieben sollen wie sich selbst, so ist das ein Grundsatz, den wir durchaus akzeptieren und von dem wir nur wünschen) daß die herrschenden Klassen, die Pächter des offiziellen C h r i st e n t u m s, ihn in die Wirklichkeit über- setzen. Wenn man dem Kinde zeigt, daß die Mißhandlung von Tieren oder Nebenmenschen barbarisch ist, so läßt sich eine solche erziehliche Tätigkeit bei allen möglichen Gelegenheiten anbringen und wird mehr wirken als langweilige philosophische Auseinander- setzungen, wie sie Herr v. Bethmann Hollweg liebt.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Vizepräsident Dr. Porsch ruft den Redner wegen dieses Aus» druckcs zur Ordnung! Abg. Faßbender(Z.): Es handelt sich nicht um den ReligionS- Unterricht, sondern um die Gewöhnung an religiöses Leben. Und dabei kommt das große Problem in Frage, welches entscheidet, ob wir eine theozentrische oder anthroprozentische Weltanschauung haben. Daß ein Moralunterricht auch nutzen kann, wird auch in theologischen Kreisen anerkannt. Das beweift die massenhafte Verbreitung der Schriften von Friedrich Wilhelm Förster in Zürich auch in den Kreisen der christlichen Theologen. Damit schließt die Debatte. Das Kapitel wird bewilligt. Bei einem weiteren Kapitel empfiehlt Abg. Trimbor»(Z.) eine Förderung der Wanderarbeitsstätten. Speziell an der belgischen Grenze bei Herbesthal könnte vielen Arbeitslosen, die von Belgien abgeschoben worden sind, dadurch ge- Holsen werden. Minister v. Moltke sagt Prüfung dieser Verhältnisse zu. Der Rest des Etats wird bewilligt. Hierauf vertagt sich das Haus. Nächste Sitzung Dienstag 11 Uhr.(Bergetat.) Schluß SU Uhr._ Zum Kampf der zwei Methoden am belgischen Parteitag. Brüssel, im Februar.(Sig. Ber.) Der Kampf der Meinungen über die künstige Politik, der auf dem letzten Kongreß der belgische» Sozialdemokratie zum Austrag kam, fordert naturgemäß zu einem Vergleich mit dem Kampf heraus, der in Deutschland und Frankreich um die beiden Methoden der Partei geführt worden ist. Indes finden sich, näher betrachtet, weit weniger Vergleichs- punkte als es den Anschein haben mag. Wenn sich auch hier wie dort die Partei in einen„radikalen" und„gemäßigten" Flügel teilt; hier wie dort die„positive Arbeit" gegen die„Theorie", die„praktische Politik" gegen daS„Prinzip" ausgespielt wird, präsentiert sich in Belgien die Frage unter einem wesentlich anderen politischen Aspekt und anderen partei-psy<�logischen Bedingungen. Weder ergibt sich eine Analogie mit der Bndgetbewilligung in Süddeutsch« l a n d, noch läßt sich die Frage der Beteiligung an einem liberalen Kabinett, wie sie die belgische Sozialdemokratie beschäftigt, mit den Vorgängen in Frankreich vergleichen. UebcigenS zeigt das die vom Parteitag votierte Resolution Vander- Velde zur Genüge auf, indem sie die Entscheidung in der Frage der Anteilnahme an der Regierung— falls sie sich für die Partei stellen sollte— dem Votum des nationalen Kongresses unterstellt und das individuelle Handeln eines einzelnen als gleichbedeutend mit Parteiverrat und Ausschluß aus der Parter erklärt. WaS die Frage der Botierung der Budgets anlangt, so kann ein Abweichen von der bisherigen Bahn unter den„außerordentlichen Umständen", die der Pariser Beschluß vorsieht, nur nach vorheriger Beratung mit der Partei erfolgen. Als ein solcher„außerordentlicher" Umstand Ivurde von der Majorität die parlamentarische SiMation bezeichnet, die die Durchführung einer der großen Arbeiterreformen von der Budgetbewilligung abhängig machen würde. UebrigenS sei vermerkt, daß kein Redner der Majorität— wie notwendig oder nützlich er auch den eventuellen Eintritt eines Sozia- listen in ein liberales Ministerium einschätzen möchte, unterlassen hat, einen Vergleich mit den französchen Vorfällen abzulehnen. Ebenso haben sämtliche Resolutionen der Majorität, die dem Generalrat vorlagen— mit Ausnahme der B e r t r a n d S. der seine eigene Meinung über internationale Kongreßbeschlüsse hat— sich auf die Entscheidungen von Paris und Amsterdam berufen, wie denn auch die Vanderveldesche in ihrer Motivierung das Votum dieser Kongresse anruft.— Es mag überhaupt an diesem Parteitag, der einen so harten Kampf der Meinungen über eine heikle und schwierige Frage der Taktik zur Entscheidung führte, als ein be« sonders erfreuliches Symptom gerühmt werden, daß jeder einzelne Redner die D i S z i p l i n als ein unantastbares Prinzip der Partei feierlich betonte. Bezeichnend für diesen Geist, der die belgische Partei über alle Meinungsgegensätze hinweg eint, ist ein Artikel, der einen Tag nach dem Parteitagsvotum im„Peuple" erschien, dessen Chefredakteur Louis de Broucköre der Antragsteller der Gegenresolution und Hauptredner der Oppositton ist. Der Artikel trug die Ueberschrist:„Die Einigkeit in der Aktion", die der Schreiber bei aller Reserve in der Anerkennung der Löiung, wie sie der Parteitag braucht, als höchstes Parteiprinzip aufstellte. *** Ein Urteil über die Lösung der Frage selbst wird notwendig an die vom Parteistandpunkto aus komplizierte Lage anknüpfen müssen, in die die belgische Sozialdemokratie durch den Sturz des llerikalen Ministeriums versetzt tvürde. Seit 25 Jahren lastet auf Belgien das Joch des KlsrikaliSmuS. Von dem allgemeinen Kulturschaden abgesehen, den klerikale Machtentfaltung in jedem Lande übt, ist in Belgien der ÄlerikaliSmuS der spezielle.Feind aller notwendigen sozialen und politischen Refonnen. Er ist der Feind jedes ehrlichen Wahl- rechts, weil das„System der vier Infamien", das Pluralvotum, mit einer der wichtigsten Stützpunkte seiner Herrschast ist. Er ist der Feind der Schulreform— in welchem Maße, das zeigt die gegen- wärtige Kammerdebatte—, weil er von einer solchen für die Existenz der Psaffenschulen fürchtet und überdies vom„Zwangs- Unterricht" eine Bedrohung des Grundpfeilers aller klerikalen Macht:' der Unwissenheit, voraussieht. Der Klerikalismus in Belgien ist aber auch, wenn er sich auch von Zeit zu Zeit mit dem Schein der Arbcitersteundlichkeit zu umhüllen wußte, der nicht minder zähe Feind aller Arbeiterreformen.— Zu diesen Hauptpunkren darf man der klerikalen Partei anrechnen, daß sie stets der willige Diener der Kongopolitik Leopolds war. dessen listiges und freches Spiel mit dein Parlament ihre Minister skrupellos gedeckt haben. Sie hat sich überdies jederzeit als der hilfsbereite Anlvalt des Kapitalismus gezeigt; in schamlosester Weise wohl, als die Regierung die Minen der Campine dem Staat, seinem rechtmäßigen Besitzer, entzog, um sie an ihre kapitalistischen Freunde für ein Nichts zu vergeben.— Man begreift, mir welchen Gefühlen die Arbeiterschast den Sturz dieser Partei herbeisehnt und welche vielleicht übertriebenen politischen Hofsnungen sie daran knüpft Mit dem Sturz des KlerikakrsmuS und der Erhebung der Liberalen zur RegiernngSmacht äst aber die klerikale Gefahr keines- wcgs gebannt. In der neuen parlamentarischen Konstellation be- säße keine der Parteien die Majorität. Die Unterstützung der Liberalen durch die Sozialisten wäre an die Durch- führung der demokratischen Reformen, insbesondere der Wahlreform, gebunden, und es ist zweifellos, daß die Klerikalen durch leicht aus- zurechnende Manöver— indem sie zum Beispiel mit der Abstimmung einer solchen Reform die Abstimmung über das Kriegsbudgel verquicken— das liberale Ministerium zu Falle zu bringen suchen. Diese Frage nun, wie weit die Fraktion in ihrer Unter st ützung gehen, ob sie gegebenenfalls die Budgets für den Klassen st aat bewilligen dürfe, um die Rückkehr des KlerikaliSmus zur Macht zu verhindern und der Arbeiterschaft ihre Reformen zu sichern, war der Angelpunkt der großen Differenzen in der Partei, die dann fortlaufend bis zur Frag« der Teilnahme an der RegiernngSmacht führten. Die letztere Frage hat aber die Gemüter weniger erhitzt, weil sie vorläufig eine ziemlich platonische Bedeutung hat. Der Kongreß hat sich ja auch mit einer mehr theoretischen Erklärung begnügt, indem er aussprach, daß die Sozialisten zur gegebenen Zeit die Verantwortung der Macht übernehmen werden, im übrigen die Entscheidung der Frage für den Zeitpunkt vertagte,„an dem sie sich praktisch stellen würde". Der Gegensatz der Meinungen im Punkt der Blockpolitik kam vor allem darin zum Ausdruck, daß die Minorität— de Broucksre und feine Anhänger— bestritt, zur Durchsetzung der demokratischen Reformen sei ein wie immer geartetes Bündnis mit den Liberalen nölig. In der Tat stehen ja ohnehin auf dem Programm der Liberalen das allgemeine Wahlrecht, die Schul- r e f o r m und die Militärreform— welch letztere die klerikale Regierung ja nur halb gemacht hat. Einmal an der Macht, werden die Liberalen zu zeigen haben, ob sie's ernst meinen. Es ist nun überdies tausend gegen eins zu wetten, daß die einmal ge- stürzten Klerikalen ihr demokratisches Herz entdecken und mit sozialen Reformplänen um so mehr herausrücken werden, als sie sicher sein können, damit der liberalen Regierung Verlegenheiten zu bereiten. Denn gleich den Klerikalen sind auch die Liberalen in einen manchesterlich- konservativen und demokratischen Flügel geteilt, und die sogenannten Doktrinär- Liberalen haben sich mit den Altklerikalen jedesmal geslbwisterlich zusammen gefunden, wenn es galt, selbst gegen den bescheidensten sozialen Fortschritt zu frondieren und zu ssimmen. ES gibt z. B. keinen schlimmeren Hetzer gegen daS ohnedies so armselig zusammcngestutzte, für allen Betrug zurechtgemachte S o nn ta gS ru h eges e tz als das führende Organ der doktrinären Liberalen. In diesem Blatt— eS ist die„Etoile Belge"— das täglich schonungslos gegen den— Klerikalismus zu Felde zieht, wird jeder Ansatz zu einer staatlichen Regelung der Arbeit als ein Ver- brechen an der Freiheit gekennzeichnet, jedes Gesetz, das der Arbeiter- schaft etwas Schutz verspricht, verhöhnt und begeifert. Und das Blatt drückt nur aus, was der kapitalistische Flügel der Liberalen im Parlament verteidigt, in deren Reihe ein Waroeqnö sitzt, der die Inkarnation des typischen Manchester- liberalen und Soziaireaktionären ist und einer der Hauptfrondeure deS Parlaments gegen gesetzlichen Arbeiterschutz. Man wird es deshalb nur gerechifertigt finden können, daß die Minorität für den mit reaktionären Elementen so gesättigten Liberalismus wenig Vertrauen empfindet und von seiner Regierungsherrlichkeit nicht allzuviel erwartet. Von diesem Standpunkt aus wurde denn auch am Partei- tag der Optimismus A n s e e l e s und VanderveldeS, der in der Sitzung des Generalrates meinte, die demokratischen Reformen werden nach dem Sturz der Klerikalen zum mächiiaen Strom werden, von de Brouckäre angegriffen und die darauf aufgebaute, politische Berechnung als verfehlt bekämpft. Gegenüber dem Optimismus VanderveldeS war so die Warnung eines Redners der Minorität nur zu sehr am Platze, daß man die Arbeiter nicht glauben lassen solle, daß der Sturz des Klerikalismus der Arbeiterschaft das Heil bringen werde. Immerhin hat ja selbst Anseele die Möglichkeit einer Enttäuschung zugegeben, denn er meinte, wenn die Liberalen nicht Wort halten, werden die Sozialisten keinen Augenblick zögern, sie zu stürzen.— UebrigenS. das muß betont werden, ist ja eine„systematische" Unterstützung der Liberalen von keinem Majoritätsredner befürwortet worden und der Tenor der Aus- führungen VanderveldeS war jene„Politik der freien Hände", die auch die angenommene Resolution verteidigt. Die Resolution Vandervelde, die ja daS Kunststück der Per- kleisterung der Gegensätze mit großer Geschicklichkeit aufführt, wird nicht verfehlen, als ein Sieg der„Gemäßigten" ausgerufen zu werden. Mag fie nun auch die Auffassungen der„Gemäßigten" widerspiegeln, so kommt in ihr weit weniger eine einheitliche „Richtung" zum Ausdruck, als es den Anschein hat. Ist schon die Resolution selbst, wie de Broucksre sagte, aus verschiedenen und widersprechenden Texten zusammenge lötet, so zeigen ihre Befürworter erst recht die seltsamsten Abschattungen. ES mag nur erwähnt sein, daß in den Generalratsdebatten, die ein weit mannig- saltigeres Bild der Meinungen gaben als der Parteitag, ein Redner. Collaux sich für die Blockpolitik und die Beteiligung aussprach, dabei aber betonte, daß er Gegner deS einen wie des anderen ist und beides nur als ein aus der Situation resultierendes Uebel betrachte! Und wie verschieden klangen erst die Motivierungen der Redner; man vergleiche nur die Rede Bertrands mit der Vander- Veldes im Generalrat I Berirand hat in dieser Debatte die feinerzeitige Kollektiv- erklärung der Fraktion über die RegierungSbeteiligung als eine Kollektivdummheit bezeichnet! Und während Troclet sich zu einem Hymnus auf die möglichen sozialen Großtaten sozialistischer Minister verstieg, erklärten andere, daß fie sich einer„Notwendigkeit beugen"... AuS alledem ergibt sich, daß die Resolution Vandervelde nicht so sehr der Ausdruck einer„Richtung" ist, und weniger eine Linie zukünftiger Taktik vorzeichnet als die Basis für ein Handeln der Partei in einer bestimmten Situation festsetzt. Die Resolution Vandervelde setzt mit einer Warnung vor den Gefahren ein, die„unter dem Vorwand des Blocks oder des Anti- klerikalismuS der Unabhängigkeit der Arbeiterklasse Eintrag tun können". Wir meinen doch, daß diese Gefahren nur dann mit Sicherheit vermieden werden können, wenn die Unabhängigkeit der Partei stets offen und klar zun» Ausdruck gelangt. Damit ist ober jene Bindung, die die Teilnahme eines Sozialisten an der Regierungs- gewalt stets mit sich bringt, völlig unvereinbar. Vander- velde sagte auf dem Parteitage, die Partei bedarf keiner Garantien gegen sich selber. Keiner Garantien vielleicht, aber, wie die Reso- lution zeigt, immerhin eines warnenden Zurufs. 5chutz gegen Schutzleute! Geradezu brennend wird die Notwendigkeit eines Schutzes des Publikums gegen Uebergriffe, nicht minder aber ein Schutz der Presse gegen Verurteilung wegen wahrheitsgemäßer Veröffent- lichung und scharfer Kritik solcher Ueberschreitungen. Diesmal ist der Schauplatz der Polizeitaten Duisburg. In einer zweitägigen Verhandlung vor der dortigen Strafkammer wurden geradezu grauenhafte Bestialitäten eines Schutzmanns Bose und seines Hundes festgestellt. Angeklagt war aber nicht der Schutzmann, sondern einige Personen, die dessen Taten an das Licht der Oeffentlichkeit gezogen hatten, und diesen Hüter der öffentlichen Ordnung dadurch„beleidigt" haben sollten. Es waren das Genosse A u g. S ch o ch als Verantwortlicher der„Nieder- rheinischen Arbeiter-Zeitung", Redakteur Anton Auweiler vom „Bürger- und Gewerbefreund" in Duisburg, dessen Bericht- erstatter, ein Agent Peters sowie ein Arbeiter Sitterts, welche den Redaktionen das Material teilweise geliefert hatten. Peters, der schon in früheren Bose-Prozessen zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt war und diese noch zu verbüßen hat, war flüchtig geKorden, so daß er an den Verhandlungen nicht teil nahm. Doch auch ohne ihn förderte die Verhandlung derart Grauenhaftes zutage, daß selbst das Gericht in seinem Urteil zu dem Ausspruche kam, es habe„über den Zeugen Bose den Stab gebrochen." Die Verhandlung ergab folgendes Bild:„Schutzmann" Bose, der einen äußerst bissigen Köter bei sich führt, hat wieder- holt ohne jeden Grund mit blanker Waffe auf Personen eingehauen» die ihm zufällig in die Quere kamen oder ihm mißliebig waren. Wenn er einen niedergeschlagen hatte, hetzte er seinen Hund auf den Wehrlosen. Das Opfer schleppte er dann zur Polizeiwache und erstattete Anzeige wegen Widerstand, tätlichen Angriffs, Beleidigung usw. In einem Falle wurde festgestellt, daß er rein aus Wollust seinen Hund auf einen nächt- lichen Passanten der Straße hetzte. Von jemanden angeulkt, daß „sein Hund nichts wert" sei, hetzt er, um den„Vorwurf" gegen seinen Hund zu entkräften, das Tier auf den ersten besten« der ihm in den Weg kam und schlug den völlig Wehrlosen nieder. Wenn der Mann wieder hoch war und fortlausen wollte, mußte ihn der Köter aufs n'e'u e fassen. Schrie der Mann« so bekam er Säbelhiebe. In einem anderen Falle wurde festgestellt, daß Bose einen Obdachlosen, den sein Hund in einem Eisenbahnwagen nächtigend aufgestöbert hatte, derart trak- tiert hatte, daß ihm das Fleisch, wie sich ein Zeuge ausdrückte, wie Fetzen von den Beinen herabhing. Der also Mißhandelte lag zirka 4 Wochen im Krankcnhausc! Der behandelnde Arzt stellte 20 Bißwunden fest, von denen einige bis zu 4 Zentimeter tief und 8 Zentimeter lang waren. Außerdem war der Mann„grün und blau" gehauen, wie das ärztliche Attest bezeugt. Das sind nur einige krasse Fälle von den vielen. Die meisten seiner Heldentaten hatte der„Schutz- mann" des Nachts ausgeführt. Wie sieben Zeugen bekundeten, war der„Ordnungshüter" in die Wohnung einer Familie eingedrungen, hatte dort selbst auf Frauen eingeschlagen, unter anderem auch eine övjährige Greisin über den Hänfen ge- rannt! Von dem Inhaber einer„Damenkneipe", die des„Schutz- manns" Stammlokal gewesen sein mag. mußte unter dem Drucke anderer Zeugen zugegeben werden, daß Bose dort gegessen und getrunken, aber nicht bezahlt hatte, obwohl Bose daS ausdrücklich und wiederholt unter Hinweis auf seinen Eid bestritten hatte. Ein Bruder des Wirts bekundete, daß Bose in dem Lokale sexuelle Ausschweifungen getrieben hat, die auch nicht andeutungsweise wiederzugeben find. Bose leugnete unter Eid alles ab! Etwa 50 Zeugen sagten gegen ihn auS. Der Polizist beschuldigte die Zeugen entweder der„Lüge" oder suchte ihr Zeugnis auf„Rache" zurückzuführen oder konnte, wenn die Beweise gar zu erdrückend wurden,„sich nicht ent, sinnen". Und dennoch wollte der Vertreter der öffentlichen Anklage, StaatSanwaltSschaftSrat Dr. Schmidt, den Poli- giften reinwaschen. Trotz der Dutzende von Zeugen, die das Gegenteil behaupteten, war der Polizist Bose dem Staatsanwalt „glaubwürdig" und die bösen Redakteure sollten verknurrt werden. Nicht weniger wie 3 Monate Gefängnis gegen Auweiler, 500 M. Geldstrafe gegen Schock; und 50 M. gegen SittertS wurden beantragt. DaS Urteil lautdte aus formalen Gründen und weil ü, e'i n e m Falle der Beweis der Wahrheit nicht bis zum Tipfel- chen über dem i erbracht war, gegen Auweiler auf 5 0 M., gegen Sch och auf 2'0 M. Gelbstrafe. Sitterts wurde ganz freigesprochen. DaS Gericht sprach es in dem Urteile offen auS, daß Bofe nicht glaubwürdig sei und daß es den Stab über ihn gebrochen habe. Wird nunmehr der Schutzmann angeklagt werden oder sollen die Gesetze, und insbesondere der in Aussicht stehende neue Preß- knebel, nur dazu dienen, die anzuklagen, die Mißstände enthüllen? Verantwortlicher Redakteur Richard Barth, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Td. Glocke, Berlin. Druck u.Verlag:Vorwärtt eingegangene vruckfckritten. „Kommunale Praxis", Wochenschrist für Kommimalpolittl und Ve- meindesozialismus. Die Hefte 7 und 8 bieten ein« reiche Auslese kommunal» politischer Abhandlimaen und Nachrichten aus allen Zeilen Deutschlands. Wöchentlich erscheint 1 Hest Abonnementspreis vierteljährlich 3 M. Zu beziehen durch alle Postanstaltcn, Buchhandlungen und Partetspediteure. Probenummern gratis vom Verlag der Buchhandlung Vorwärt». Berlin SW. 68. Bon der..Gleichheit", Zeitschrist für die Interessen der Arbelterinnen (Stuttgart, Verlag von Paul Singer), ist uns soeben Nr. 1t des 20. Jahr» gangeS zugegangen. Sic hat folgenden Inhalt: Vorwärts l— Die Lüge von der preußischen Wahlresorn». Bon H. B.— Zur Frauenkonserenz. L Von Berta Selinger. II. Von Marie Page-Seiffert. III. Von Ida Rauhe. IV. Bon Anna Dietz.— Das Weib vor dem strasrichter. Bon Dr. Siegfried Weinberg.— Her mit umsassender Mutterschastssürsorge l Bon w. d.— Aus der Bewegung: Friedrich Lehner f— Zur Frauenkonserenz.— Llgitation in Mecklenburg.— Von der Berliner Jugend- bewegung.— Der Seelsorger in Aengsten.— Politische Rundschau. Von"H. B.— Gewerkschaftliche Rundschau.— Gcnosseiischastliche Rundschau. Von II.?.— Notizenteil: Dtenstbotensrage.— Arbeiisbedingungen der Arbeiterinnen.— Frauenstimmrecht.— Sozialistische Frauenbewegung im Ausland.— Soziale Elendsbilder. Für unsere Mütter und HauSsrauen: Sonne der Schlummerlosen.... Von Lord Byron.— Ueber unsere Kraft. Al.(Schluß.) — Eine Fahrt nach La Töne. I. Vo,l Hannah Leww-Dorsch.— Aus tebbels Tagebüchern.— Für die Haussrau.— Feuilleton: LiebeSgeschichte. on Else Belli. Für unser« Kinder: Spruch. Von Friedrich Hebbel.— Di« Eisbrecher. Von Ernst Prcczang.— Wie's tat». Von Emma DM. (Gedicht.)— Das Löten der Metalle. Von A. Schultze.— Jack, der Spatz. — Die hundertjährige Aloe. Aus dem Russischen deS A. Kuprw von ed. — Kindcrreim. Von Gustav Falke.(Gedicht.) Die„Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Ps., durch die Post bezogen beträgt der AbonncmentöpreiS vierteljährlich ohne Bestellgeld SS Ps.; unter Kreuzband 85 Pj. JahreSabnnemeot 2,60 Mark. Vom„Wahren Jacob" ist soeben die S. Nummer deS 27. Jahr» ganges im Umsang von 16 Seiten erschienen. Sie hat folgenden Inhalt: Bilder: Friedrich L e ß n e r(Nach einer Photographicausnahme). — Die junge Garde und die Berliner Polizei.— Bat xars in München. — Handelsmann Dernburg.— Szene im Himmel.— Kasperle vor die Front l— Die Jagd nach dem Diamanten. Zwei Nationalheiligtümer. — JntimeS aus der konservativen ReichstagSfraktion.— Das rätselvolle Vereinsgesetz.— Noch ein Vorschlag.— Königlich preußische Lazarettordnung.— Berussstolz.— Hohe Fleischpreise.— Volks Verhöhnung i» Preuße». Text: Friedrich Lehne r.— Vor die Front l Von?. B.— Zur preußischen WahlrechtSvorlage.— Zweierlei. Von P. B.— Der nervöse Staat.— Amtliche Bekanntmachung.— Im Zirkusch Busch. Von P. B.— Belhmam» HollwcgS Wahlrcsorm.— Lieber Jacob! Von Jollhilj Rauke.— Die Polizei kommt l Frei nach Liliencron. Kon Max Hofjinan». — Gedanken eines Bourgeois.— Erkenntnis.— Nachklänge.— Brie! des Hauptmanns von Köpenick an den ReichStagSabgcordneten von Oldenburg- Januschau.— Ministerkuren.— Die Junkerburg. Von H. Fl.— Vom Kometen.— Ein Vorschlag zur Güte. Von Balduin.— Justiz. Bon Balduin.-- Die staatsrechtliche Stellung des Polizeihundes. Von Tobias.-» Eine Reichstagsnachwahl. In drei natioiialüberglcn Lcil- artikeln.— Usw. Der Preis der Nummer ist 10 Pf. Probcmuumern sind jederzeit durch den Verlag Paul Süiger in Slultgari sowie vo» allen Buchhandlungen und Kolporteuren zu beziehen._____ Buchdruckerei u, Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW. i,.»-i 2. Kcilalle üb Jutmärts" Kerlim GcwerhrcbaftlicbeB. Die englischen Gcwcrkfcbaftcn und die wirt- fcbaftUcbc Krifc. Soeben hat der Registrar der Gewerkschaften die Ziffern der- öffentlicht, die die Einwickelnng der englischen Gewerkschaften im Jahre>308 dartun. In jenem Jahre wurde Großbritannien am schwersten von der Krise heimgesucht, und es ist daher nicht über- raschend. wenn die schlechten Zeiten, die die englische Arbeiterklasse in dem Jahre durchmachen ninßte, auch im Entwickelungsgange der Gewerkschasten zum Ausdruck kommen. Ain Ende des Jahres 1303 befanden sich 602 Gewerkschaften auf sem staatlichen Register und von diesen erstatteten 634 Berichte. Aus diese» Berichten geht hervor, daß die Mitgliedschaft der 634 Ge- werkschaften in Großbritannien und Irland im Jahre>308 1 371238 betrug. Das Einkommen dieser Gewerkschaften belief sich auf 6ö 318 820 M. und die Ausgaben betrugen 74 489 720 M.; die letzteren überstiegen die EmiiaHmen mithin um 8 570 900 M.. was deutlich erkennen läßt, mit welch erschreckender Wucht die wirtschaftliche Krise damals die Industrien Englands ersaßt hatte. Obgleich die Gewerkschaften eine Verringerung der Miigliederzahl um 2322 zu verzeichnen hatten, stiegen dennoch ihre Einnahmen im Vergleich mit dem vorhergehenden Jahre um 7 l83 720 M., was hauptsächlich auf das Konto der gewaltig steigenden Unterstützungsansprüche zu setzen ist, die Beitragserhöhungen nötig machten. Die Ausgaben stiegen denn auch in dem genannten Jahre um nicht weniger als 26 880 980 M. Interessant sind auch die Zahlen, die über den Vermögensstand und den Durchschnitt der Bei- träge geliefert werden. Das Vermögen der 634 berichtcndenGewcrkschafien belief sich am Ende deö Jahres 1308 auf l>9920v40M.; auf jedes Mitglied kamen daher 60.83 M. Der jährliche Durchschnittsbeilrag betrug 33.40 M. auf das Mitglied. Während des Jahres 1308 ließen sich 40 neue Gewerkschaften registrieren, 49 wurden dagegen entweder aufgelöst oder ließen sich in der Liste streichen. Die angeführten Zahlen beweisen deutlich, daß die Gewerk- schaften Großbritanniens längst an den Kinderkrankheiten vorüber sind und daß sie auch solche Krisen, wie die, von der sich unser Wirt- schaftliches Leben eben langsam erholt und die England außer den Bereinigten Staaten wohl am schwersten in Mitleidenschaft gezogen hat, nicht mehr zurückwerfen können; denn was bedeutet ein Mit- gliederverlust von nur 2322 bei nahezu zwei Millionen Mitgliedern in schweren Zeiten?— Augenblicklich macht sich wieder eine Belebung des Handels und der Industrie bemerkbar; besonders im Monat Januar war ein erfreulicher Aufschwung au verzeichnen. Wenn diese Anzeichen kommender besserer Zeiten nicht trügen, so werden die englischen Gewerkschaften die erlittene finanzielle Einbuße bald wieder gut machen können.— Was die moralische Kraft der Gewerkschaften Großbritanniens, ihr Ansehen in der öffentlichen Meinung anlangt, so kann niemand leugnen, daß auf diesem Gebiete' in de» letzten Jahren große Fortschritte gemacht worden sind. Allerdings ist es schwer, handgreifliche Tatsachen dafür anzuführen. Die EntWickelung der öffentlichen Meinung kommt aber dennoch in gewissen in die Augen springenden Punkten zum Ausdruck. Es kann zum Beispiel nicht als Zufall an- gesehen werden, daß sich ein Imperialist wie Lord Milner für den Minimallohn in allen Industrien ausgesprochen bat. Ein Zeichen der Zeit ist eS auch, daß der englische Postminister die Gewerkschaften der Postangestcllten anerkennt und mit ihnen verhandelt. Daß bei diesen moralischen Erfolgen die 120 Millionen Mark Vermögen eine große Rolle spielen, ist selbstverständlich. Bei all seinen Fehlern besitzt der englische Gewerkschaftler doch eine große Tugend und die kommt so trefflich in dem Worte des gewaltigen Cromwell zum AuS- druck: Vertrau auf Gott und halt dein Pulver trocken.— Besonders aber das Pulver trocken halten I Kerlin und Umgegend. Zur Tarifbewegung der Rohrleger. Tie im Metallarbciterverband organisierten Rohrleger und Helfer Berlins und Umgebung hatten zum Sonntag im GeWerk- schaftshause eine allgemeine Versammlung einberufen, die überaus stark besucht war. Nach einem mit großem Beifall aufgenommenen Referat des Genoffen Redakteur Mermuth über„Der Sozialis- mus von der Utopie zur Wissenschaft", berichtete Dietrich über die Bautenkontrolle. 226 Bauten wurden kontrolliert. 56 Differenzen sind vorgekommen. Auf den Bauten waren 848 Rohrleger und Helfer beschäftigt, davon sind 485 im Deutschen Metallarbeiterver- band, 243 im Allgemeinen deutschen Metallarbeiterverband und 125 überhaupt nicht organisiert. Ferner waren beschäftigt: 267 An- schlüger, 164 Schlosser, 86 Elektromonteure. Redner betonte noch, daß er nur für den Tarif des Deutschen Metallarbeiterverbandes eingetreten sei. Dann sprach Handle über die augenblickliche Situation und kennzeichnete unter großem Beifall der Versammlung die Machina. tioncn des Allgemeinen Verbandes. Der Tarif dieses Verbandes sei keiner, den dieser errungen habe, sondern der von den Unter- nehmern geschenkt worden sei.(Lebhafte Zustimmung.) Es sthinerze ja jetzt freilich dem Wiesenthalschen Verband, daß die Unternehmer erklären, den bevorstehenden Tarif nur mit derjenigen Organisation abschließen zu wollen, die die größte Mitgliederzahl umfaßt. Die Arbeitgeber hätten wohl die Lehre von 1308 nicht vergessen und es liegt ihnen daran, für das gesamte Rohrlegergewerbe einen ge- m e i n s a m e n Tarif zu erreichen. Ohne die Zustimmung de? Deutschen Metallarbeiterverbandes könne aber weder das Unter- irehmcrtum. noch der Allgemeine Metallarbeiterverband etwas unternehmen. Dem letzteren aus seiner jetzigen Bedrängnis heraus- zuhelfen habe der Deutsche Metallarbciterverband keine Veran» lassung. Und wenn in den nächsten Tagen das Schiedsgericht zu einem Urteil kommen sollte, so erkläre er, Redner, daß dieses ohne Hinzuziehung des Deutschen Metallarbeiterverbandes für denselben feine Geltung besitze. Die Ausführungen Handkes wurden mit stürmischem Beifall aufgenommen. „Sittliche Pflicht". Unter dieser Spitzmarke leistet sich in seiner letzten Ausgabe der „Gewerkverein"«inen Spcch als Antwort auf unsere kürzlich erfolgte Kennzeickmung der Berliner.Hirsch-Dunckcrschen" Töpfer. Das Blatt klammert sich krampfhaft an die Wendung in unserer Notiz, wonach sich diese notorischen Arbeiterverräter durch Streik- und Sperrebruch in der Zentralorganisation unmöglich gemacht haben. Diese Wendung— schreibt das Blatt— lasse erkennen, daß die Betreffenden den Zentralverband freiwillig den Rücken gekehrt hätten, denn sonst wäre sicherlich vermerkt worden, daß sie ausgeschlossen wurden, und diese Tatsache des Austritts fei die Ursache des Hasses, mit dem die armen Leute nunmehr ver- folgt wurden. Zum Schlüsse hebt das Hirfch-Dimckersche Zentral- organ in Sperrdruck hervor, daß.es sittliche Pflicht aller ehrlichen Arbeiter sei, auch ihren andersdenkenden Kollegen die Möglichkeit nicht zu nehmen, unter anständigen Arbeits- b e d i n g u n g e n für sich und ihre Familie das Brot zu verdienen". Die Illusion, daß die jetzigen Berliner Hirsch-Dunckerschen Töpfer sich im Zentralverband.nur" unmöglich gemacht haben, müssen wir wieder zerstören. Die Betreffenden wurden selbstverständlich ausgeschlossen. Weil sie Streik- und Sperrebrecher waren, hatten sie sich unmöglich gemacht und mußten ausgeschlossen werden. Daß mancher der Betreffenden, vielleicht angesichts seiner gewerkschaftlichen Schandtat den stcheren Ausschluß erwartend, seinen.Austritt" erklärte, ändert an diesen Tatsachen nichts. Im Schlußsatz sagt das Hirsch-Dunckersche Zentral- organ:„Man nehme andersdenkende Kollegen, die Möglichkeit, unter anständigen Bedingungen für sich und ihre Familien ihr Brot zu verdienen." So steht ja wohl die Sache nicht, sondern einfach so, daß Gewerkschaflsgenossen sich ihre mühsam errungenen Arbeits- Verhältnisse nicht durch notorische Streik-, Sperr- und Tarisbrecher wollen gefährden lassen._ Der Tarifvertrag der Sanbsteinmetzen Berlins läuft am 1. April dieses Jahres ohne Kündigung ab. Früher pflegte man den Ablaufstermin im Steinmctzgewerbe auf den 1. März festzu- setzen. Die Verschiebung um einen Monat erfolgte dann beim letzten Tarifabschlutz auf Wunsch der Arbeitgeber, die mit dem Un- ternehmertum bc§ gesamten Baugewerbes in dieser Hinsicht gemein- same Sache machen wollten. Um zur Tarisfrage Stellung zu nehmen, fand am Sonntag eine zahlreich besuchte kombinierte Ver- sammlung des Steinarbeiterverbandes statt, die den großen Saal der Arminhallen füllte. Der Vorsitzende W i n ck l e r gab eine Uebersicht über die Lage der Dinge. Die Ortsverwaltung hatte vor- geschlagen, vorläufig keine Tarifforderungen einzureichen, sondern eine abwartende Stellung einzunehmen und die weiteren Schritte den jeweiligen Verhältnissen anzupassen. Sie ging dabei von der Ueberzeugung aus, daß, obwohl eine Verbesserung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse dringend notwendig ist, es doch zweckmäßiger sei, erst einmal den Ablauf des Tarifs ruhig abzuwarten und sich nicht vor der Zeit den Unternehmern gegenüber auf destimmte Forderungen festzulegen. Die Platzvertretersitzung war jedoch zu der Ueberzeugung gekommen, daß es angebracht sei, den Unter- nehmern die Forderungen vor Ablauf des Tarifs zu unterbreiten. Die Versammlung hatte nun zunächst über diese Frage zu cnt- scheiden. Sie beschloß nach gründlicher Debatte, daß die Forderun- gen eingereicht werden sollten. Sodann hatte die Versammlung über die Forderungen selbst zu beraten, die bereits im Entwurf vorlagen. Dies wurde jedoch einer Sektionsversammlung der Sand- steinarbeiter überwiesen, die noch im Lause dieser Woche statt- finden soll. Auch die M a r m o r a r b e i t e r, für die gegenwärtig ein regelrecht abgeschlossener Tarifvertrag nicht besteht, werden im Laufe dieser Woche eine Sektionsversammlung zur Erörterung der Tariffrage abhalten. Bei den G r a b st e i n a r b e i t e r n ist der Wunsch nach Verbesserung ihrer Lohn- und Arbeitsverhältnisse eben- falls sehr rege; sie haben jedoch, da der für diese Branche bestehende Tarifvertrag noch nicht genügend durchgeführt ist, darauf verzichtet, neue Forderungen zu erheben. Auf Vorschlag der Platzvertretersitzung beschloß die Versvmm- lung, daß für die Dauer der Lohnbewegung 50 Pf. Extrabeitrag erhoben werden sollen.— Als Delegierte zur Gaukonferenz, die am 13. März in giostock stattfindet, wurden Hanschkc, Winck ler und Oh n gemach gewählt._ Die Lohnbewegung in der Herrenkonfektion. Die Sonnabend abend versammelten Art iter und Arbeiterinnen der Herrenkonfektionsfirma Elsbach, Königstrabe 1— 6, haben einstimmig beschlossen, am Montag, den 28. Februar, die Arbeit ruhen zu lassen. Mit der Begründung, daß die Firma nur die Sache in die Länge zu ziehen versucht, indem die Kommission mit den Inhabern der Firma zirka zwei Stunden verhandelt hat, ohne zu einem Resultat zu kommen. In den Hartsteinwerken Rod. Guthmann-Niederlehme bei Königs- Wusterhausen sind Differenzen ausgebrochen. Zuzug von Arbeitern streng fernzuhalten. Ärbeiterfreundliche Blätter bitten wir um Abdruck dieser Notiz, insbesondere die Polnischen. Die Organisationsleitungen. Ocutfcbes Reich. Die Singer-Nähmaschine, hergestellt und seit Jahren in Deutschland vertrieben durch die ame- rikanische The Singer Manufacturing Co., erfreut sich auch in Arbeiterfamilien großer Beliebtheit und dürfte eS daher zeitgemäß sein, etwas Näheres über die Nrbeitsverhällnisse zu erfahren. Durch die Zollgesetzgebung veranlaßt, errichtete die The Singer Manu- facturing Co. vor einigen Jahren in Wittenberge. Bezirk Potsdam, einen modernen Großbetrieb für Deutschland, der auch in bezug auf die kapitalistische Ausbeutung im wahren Sinne des Wortes modern ist, verspürt man doch in bezug auf die Behandlung und Bezahlung der Arbeiter fast nichts von einem modernen Zug der Zeit. Die Arbeitszeit beträgt täglich 10 Stunden, Sonnabends wird »acki englischem Muster bis 2 Uhr durchgearbeitet. Die Arbeiter müssen fünf Minuten vor Beginn der Arbeitszeit das Fabriktor passiert haben, andernfalls sie auf einen halben Tag ausgesperrt werden. Das gleiche gilt nach Ablauf der auf eine Stunde fest- gesetzten Mittagspause, sodaß von dieser Pause den Arbeitern tat« sächlich nur 55 Minuten zur Verfügung stehen. Frühstücks- und Vesperpausen gibt es nicht. Die zur Einnahme der Mahlzeit ein- gerichteten Speisesäle durften bis vor kurzem von den An- gehörigen der Arbeiter nicht betreten werden, weil, wie die Direktion behauptet, zuviel gestohlen worden sei. Arbeiter, denen ihr Mittagessen von ihren Angehörigen gebracht wurde, mußten entweder auf gemeinschaftliche Mahlzeiten mit diesen verzichten, oder das Essen im Chaussecgraben einnehmen. Neuerdings hat man zwei Speisesäle freigegeben. Durch Zahlung von Geldprämien hat die Fabrikleitung es verstanden, die Arbeiter zur höchsten Leistungs- fähigkeit anzuspornen und dann nach den Höchstleistungen die Akkord- preise festgesetzt. Wie raffiniert dabei vorgegangen wird, möge nach- stehendes Beispiel dartun: In einer Abteilung müssen bei einem Stundenlohn von 40 Pf. 34 Maschinen pro Woche justiert werden. Für jede Maschine, die der einzelne Arbeiter über das Pensuin justiert, erhält er 6 Pf. Prämie. Es kostet die Maschine, wenn nur das Pensum gemacht wird, bei 40 Pf. Stundenlohn 27� Pf. pro Stück. Jede weitere Maschine, die über das Pensum gemacht wird, dagegen nur 5 Pf. pro Stück. Ganz sicher ein feines Geschäft für die Firma. Aehnlich wird eS in den anderen Abteilungen gehandhabt. Die neu Eingestellten er- halten 35—50 Proz. geringere Aklordpreise als die Arbeiter, die die Firma von Hamburg mitgebracht hat. Stundenlöhne von 30 Pf. für gelernte Arbeiter sind gar nicht selten. Für Arbeiter, die im Akkord arbeiten oder mal Gelegenheit haben, im Akkord beschäftigt zu werden, ist der Stundenlohn, mit Ausnahme zweier Abteilungen, grundsätzlich auf 32 Pf. festgesetzt. Wer also nur einige Stunden in der Woche Akkord arbeitet, kann für die übrige Zeit, die er im Stundenlohn arbeitet, nur 32 Pf. pro Stunde beanspruchen.„DaS ist Prinzip", sagen die Herren Direktoren. Nach Auslassung eines der Herren Direktoren, eines Engländers, soll das für die deutschen Arbeiter genug sein. Wer dafür nicht arbeiten kann, soll sich bessere Arbeit suchen, die Leistungen der deutschen Arbeiter seien noch lange nicht ausreichend, die müssen erst arbeiten lernen. Irgend welche Organisation'odcr Vertretung der Arbeiter können oder wollen die Direktoren nicht anerkennen. Jeder niöge sich allein vertreten. Auch in Patriotismus machen die Herren sehr gern. Sie ordnen an, Kaisers Geburtstag wird nicht gearbeitet; aber an Be- zahlung des willkürlich angeordneten Feiertag« denken Sie nicht. Die Gewerbeordnung existiert für sie nicht. Die Lohnbewegung der Buchbinder und Kartonnagearbeiter in Plauen i. V. Der Kampf wird den Streikenden dadurch sehr erschwert, daß auf Grund der Plauener Straßen- und Städteordnung das Streik- postenstehen verboten wird. Die Fabrikanten versuchen durch notorische Streikbrecherlolonnen die Einmütigkeit der Streikenden zu olltölllllt!. Sitwt-g, t. 815(1 1910. brechen. Die Streikbrecher, die in zwei Transporten von Hamburg und Berlin in Begleitung von Agenten nach Plauen wie das liebe Vieh transportiert wurden, sind Elemente, vor denen selbst die Plauener Bürgerschaft Granen empfindet. Die Einwohnerschaft be- gleitet die Arbeitswilligenkolonnen von der Arbeitsstätte bis zum Quartier. Und die Voigiländer sparen mit Kosenamen für die auS« erlesene Gesellschaft nicht. In der Maschinenfabrik und Eisengießerei von Theodor Marder in F o r st i. L. sind wegen Maßregelung von drei Ar- bessern und Nichteinhaltung des Tarifs sämtliche Schlosser und Former in den Ausstand getreten. Es lvird um Fernhaliuiig des Zuzuges gebeten. Ausland. Der Maurerstreik in Winterthur. Undank ist der Welt Lohn I Die Wahrheit, die in diesem Sprich- wort liegt, bekommen die hiesigen Baumeister gegenwärtig besonders stark zu fühlen. Die paar Streikbrecher, die sie mit großem Auf« wand an Geld und Zeit da und dort unter Vorspiegelung falscher Tat- fachen auftreiben konnten und überwinterten, um mit dieser Präto- rianergarde im Frühling die Streikenden zu besiegen, nehmen nun trotz den Einlullungsversuchen der„Brüder in Christo" ohne viel Federlesens zu machen, von den Baumeistern Abschied. Zuerst machen die Streikbrecher gewöhnlich ein paar Tage blau, verursachen Skandale auf den paar Bauten, bei denen gelegentlich die Maurer- hänimer und Kellen nur so in der Luft herumfliegen. Oder sie ver» prügeln, wie dies in letzter Zeit öfters vorgekommen ist, Wirte die ihnen keinen Kredit mehr gewähren. Die profilwütigen Bau« meisier geben den Streikbrechern trotz der Judasrolle, die ihnen zu- gedacht ist. nicht einmal so viel Lohn, daß diese auch nur ein halb- wegs menschenwürdiges Dasein fristen können. Muß man sich da wunder», wenn diesen bedauernswerten Opfern kapitalistischer AnS- bentungssiicht alle Laster der Unterdrückten und Unfreien anhasien, diese dem Alkoholteufel in die Arme fallen, wüste Zech- und Trinkgelage veranstalten und so unsere Bevölkerung in ständige Aufregung zu ver- setzen? Die Streikbrecher laufen in ihrer Mehrzahl in zerlumpten und zerrissenen Kleidern oder in betrunkenem Zustande auf den Straßen Winterthur? herum. Die trostlose Wirtschaftslage in der sich die bedauernswerten Opfer der Bauunrernehmer bcsinden. wird glänzend illustriert durch die Tatsache, daß in den letzten Tagen eine Anzahl Betten von Streikbrechern der Firma Locher u. Cie. verbrannt werden mutzten, weil sie voller Läuse und Ungeziefer waren. Als die Flamnien emporloderten, glaubten die Bewohner der betreffenden Gegend, es werde das Fest der Sonnenwende gefeiert; nachträglich stellte es sich heraus, daß der Hygiene ein Opfer dargebracht wurde. Man ersieht hieraus, wie sehr die profitwütigen Unternehmer um da? leibliche und geistige Wohl der Arbeiterschaft besorgt sind in der sogenannten freien Alpenrepnblik. Einem Teile der Streikbrecher gehen aber gerade dadurch die Augen ans; sie wollen sich nicht mehr länger von den Baumeistern nnd ihren Trabanten niißvrauchen lassen und verlassen deshalb diese. Die Hoffnung, die Streikenden diesen Winter aushungern zu können, ist an der internationalen Arbessersolidarität ebenfalls gescheitert. Der Schaden, den die Baumeister erleiden, ist groß. Eine Bau- firma hat bereits ihre Zahlungen eingestellt, der Pleitegeier holt also diese trotz der„Solidarität" des Schweizerischen Baumeister« bezw. Scharsmacherverbandes. Die Streikkommission bittet, jeden Zuzug von Bauarbeitern von Winterthur weiterhin fernzuhalten. Ein Teil der städtischen Arbeiter sowie die Schornsteinfeger- gchilfe» von Graz sind wegen Lohndifferenzen in den Streik getreten._ Allgemeine Aussperrung in der dänischen Zement« industrie. Am Sonnabend fanden in Kopenhagen den ganzen Tag laug Verhandlungen zur Beilegung der Lohnstreitigkeiten in diTu Ze. mcntindustrie Dänemarks statt. Eine Einigung wurde nicht er- zielt, weil die Vertreter der Dänischen Arbeitgcbervereinigung ver- langten, daß, wenn die Zementfabriken 15 000 Kronen zur Auf- besserung der niedrigsten Arbeitslöhne hergäben, dafür die Maurer- arbeitsleute in der Provinz den von ihren Arbeitgebern vorge» schlagenen Tarifvertrag anerkennen sollten. Die Vertreter der Ar» beitnehmer und des Gcsamtverbandes der dänischen Gewerkschaften konnten sich natürlich nicht damit einverstanden erklären, daß die Tariffrage der Bauarbeiter in dieser Weise mit der der Zement- industriearbeiter verquickt wurde. Nachdem die Einigungsverhand» lungen gescheitert sind, ist am Montag die von der Arbeitgebcrver» einigung im voraus beschlossene allgemeine Aussperrung in der Ze» mentindustrie in Kraft getreten. Drohender Minenarbeiterftreik in SüdwaleS. London, 28. Februar. Nachdem die Verhandlimgen zwischen Vertretern der Grubenarbeiter und der Minenbesitzer im Kohlen- distrikt Cardiff über die Frage des MinimallohneS resnltatlos ver- laufen sind, befürchtet man den Beginn einer Krise, durch welche 200 000 Arbeiter beschäftigungslos werden würden. Die Unter- nehmer haben auf das Verlangen der Arbeiter geantwortet, daß sie dasselbe nicht bewilligen würden, sondern die Wiederaufnahme der Arbeit zu den früheren Bedingungen fordern müssen. Das Arbeiter- koniitce hat seine Antwort auf heute verlagt. Immerhin hofft man, daß zwischen beiden Parteien eine Verständigung zustande kommen tvird. Generalstreik in Philadelphia. Die 140 Vereine mit 125 000 Mitgliedern vertretende Zentral- gewerkschaft beschloß für den 5. März den Sympathiestreik für die ausständigen Straßenbahnangestelltcn. /Zus Inäultrie und Handel. Die Stadt Paris als deutsche Zecheubesitzeri«. Die„Kiixenzcitung" bringt die Nachricht, daß die Stadt Paris die westfälische Zeche Moni Cenis kaufen werde, um sich unabhängig in der Versorgung mit Kohlen zu machen. Die Zeche Moni EeniS gehört zu den größten, in Gcwcrksckiaftsforin betriebenen Unter- nehmnngen dcS rhcinisch-westfälischen Bergbaues. Sie besitzt beim Syndikat eine Beteiligung von fast 1 Million Tonnen Kohlen und 100 000 Tonnen Koks. Daneben verfügt sie über bedeutende Anlagen zu Gewinnung von Nebenprodukten und ist bei der Mondgasgesellschaft hervorragend beteiligt, die ebenfalls die Verwertung der Nebenprodukte zum GescllschaftSzweck hat. Eni« sprechend diesen großen Werten ist auch der Kaufpreis hoch. Wie verlautet, sollen 28 000 M. pro Kux gezahlt werden, lvaS einem Gesamtkaufpreis von 23 Millionen Marl gleichkommen würde. Freilich sind noch einige Schwierigkeiten zu überwinden. Das Gesetz ge» stattet einer ausländischen Gewerkschaft nach einer jüngsten Novelle den Bergwerksbetrieb in Preußen nicht mehr so ohne weitere«. Nun scheint es allerdings noch fraglich, ob Moni EeniS in französischem Besitz als preußische Gewerkschaft nicht mehr anzusehen wäre. Doch will man allen Weiterungen dadurch ans dem Wege gehen, daß die Gewerkschaft in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wird, deren Majorität sich dann in den Händen der Kommune Paris befinden würde. Der Vorgang, daß eine Stadtverivalinng ein eigenes Kahlcnbergiverk znr Versorgung der städtischen Werke erwirbt,' ist nicht allzu neu. Erst im ver- gangenen Jahre hat die Stadt Wien zu dem gleichen Zwecke ein Bergwerk erworben, freilich kein ausländisches. Paris hatte hierin keine große Auswahl, da sich die französischen Nordzechen in Händen der dortigen Eisenindustrie befinden. Auch dafür gibt eZ bereits ei» Beispiel, daß ein deutsches Bergwerk in den Besitz eines ausländischen Konsumenten übergeht. Es find dies die Schlesischen Kohlen- und Kokswerke in Gottesberg, deren Majorität in Händen der Prager Eisenindustriegesellichast ist._ Einwanderung in de« Bereinigten Staate». Laut der vorliegenden Jahresstatistik des JmmigrationS-VureauS in Washington war die Einwanderung über alle Häfen der Bereinigten Staaten in den verschiedenen Monaten letzten Jahre?, sowie dessen nächsten Borgängern, die folgende: 1900 1908 1907 1908 957108 410 319 1834169 1215 430 Somit hat sich die Bevölkerung der Vereinigten Staaten im letzten Jahre durch Zuzug vom Auslande um nahezu eine Million Personen vermehrt. Wie das Bureau des weiteren meldet, sind in der ersten Hälfte de» Fiskaljahres 1910 422 982 Ausländern der Zutritt zu den Vereinigten Staaten gestattet worden, wogegen 11 519 Personen solche Erlaubnis verweigert worden ist. In dein Halbjahre hat zu dem Einwandererstrom Italien, mit 70 807 Per- sonen. das grögte Kontingent geliefert i die Zahl der Russisch-Polen betrug 48 573, die der Israeliten 45 565, der Deutschen 33 375 und der Engländer 25 253. Während der letzten sieben Fiskaljahre hat sich die Bevölkerung der Vereinigten Staaten durch Einwanderung um 9 617 155 Per- fönen vermehrt. Mebr als 70 Proz. der Eingewanderten entstammte dem südlichen und östlichen Europa, sowie dem westlichen Asien, und zwar waren es zumeist Italiener, Griechen, Ungarn. Russisch-Polen, Rumänen, Vulgaren, Türken, Armenier und Syrier. Soziales. Ein Nachspiel zur Hetze gegen die Chemnitzer OrtSlrankenkass«. DerReichSverbandShäuptlingDr. Boesser wurde wieder wegen Beleidigung zu 100 M. Geld st rase verurteilt. ES handelte sich um de»„geistigen" Urheber der Schuberi-Broschüre gegen die Chemnitzer Ortskrankenkasie, Dr. Boesser, den früheren Vorsitzenden der Ortsgruppe Chemnitz des Reichsverbandes, der fein Domizil nach Weimar verlegt hat. nachdem ihm durch stadträtlichen Schiedsspruch die Kassenpraxis an der Gemein- famen Ortskrankenkasse auf Jahre genommen worden war. Dr. K r ö b e r. der„Vertrauensarzt der genannten Kasse. der auch gegen den Vorstand der Kaste intrigiert hat. halte seinen„lieben" Kollegen wegen Beleidigung belangen lasten, weil dieser ihm in zwei Briefen vorgeworfen hatte, dast er— Dr. Kr.— wissentlich die Unwahrheit gesagt habe. Es handelte sich hier nm eine Sache, die vor dem ärztlichen Ehrcnrat gespielt hat und derent- wegen Dr. Boesser mit 50 M. bestraft worden war. Das Ergebnis der Beweisaufnahme hatte die Verurteilung Dr. BoesterS zu 100 M. zur Folge. Der von Dr. Boesser versuchte Wahrheitsbeweis miß- glückte._ Die Rcntcnquctscherei in der landwirtschaftlichen Unfallversicherung. Vor zlvei Jahren teilte daS ReichSversicherungSaint mit. daß die „lebhaften Klagen der land- und forstwirtschaftlichen Unternehmer über das Anwachsen der Unfallasten ähnliche Maßnahmen veranlaßt' habe,„wie sie seit mehreren Jahren auf dem Gebiete der Invaliden Versicherung mit gutem Erfolge durchgeführt worden sind". Um „die Berechtigung der Klagen nachzuprüfen, die Ursachen der Steige rung der Rentenlast und einiger dabei beobachteter auffälliger Er- fcheinungen zu ersorlchen und Mittel zur Abhilfe zu suchen", habe eine Kommission ous Mitgliedern des NeichSvcrsichcrungsamts, deS Reich» amts desJuucru usw. eine große Anzahl laufender Entschädigungssachen sowohl auf Grund der Akten, als auch vor allem unter persönlicher Besichtigung der vorgeladenen oder in ihrer Wohnung aufgesuchten Rentenempfänger nachgeprüft. Bei diesen Erhebungen seien nicht nur die nach den geltenden Reichsgesetzen sich bietenden Mittel zur Abhilfe, sondern auf Wunsch des Staatssekretärs de« Innern auch gesetzgeberische Maßnahmen inS Auge gefaßt worden, welche zur Be> seitigung„vorgefundener Mißstände vorgeschlagen wären". Diese Untersuchungen sind auch die letzten beiden Jahre fort- gesetzt worden, lieber die Wirkung gibt uns am besten die Statistik der Uufallversicheruiig Aufschluß. Sie zeigt, daß nicht allein die Zahl der Entschädigten, sondern auch die Höhe der Eni- fchädigungen erheblich zurückgegangen ist. Im Jahre 1902 kamen auf 1000 versicherte Personen in der Landwirtschaft 5,18, die eine Entschädigung erhielten, im Jahre 1908 waren das aber nur 3,59. In der Industrie ist inzwischen diese Ziffer von 8,06 auf 3,86 ge> fallen. Die Bermindernng der entschädigungspflichtigen Unfälle ist selbstverständlich einfach dadurch erzielt worden, daß für eine. Reihe von Unfällen, namentlich die„kleineren", eine Rente nicht mehr ge- währt wird. Wie nun aber für jene Verletzten, die doch nicht ganz abgewiesen werden konnten, die Entschädigungsbeträge immer ge- ringer wurden, zeigt folgende Aufstellung. Es entfielen im ReckmungZjahr« entschädigungspflichtig gewordenen Entschädigungsbeträgcn: Im Jahre 1890.. 102.92 M. Im Jahre 1902. „ 1893.. 02,68„.„ 1905, „ 1896.. 84,15. 1908. „ 1899.. 78,35„ Und das trotz den Lohnsteigerungen bei den Arbeiter», die doch die Grundlage für die Rentenhöhe abgeben tollen. Infolge der Maß- nahmen deS Reichsversicherungsamtes ist die auffällige Tatsache zu verzeichnen, daß fett dem Jahre 1901 sogar auch die GesamtauS- gaben der landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften zurückgegangen find. ES entfielen Gesamtausgaben auf Im Jahre einen Versicherten einen Betrieb 1906 3,29 M. 8,07 M. 1907 3.48„ 3,38. 1908 2,33„ 7,34, Der Ruckgang von 1907 auf 1903 ist ein ganz erheblicher. Das ist alles natürlich nur möglich gewesen dadurch, daß auch die Recht- s p r e ch u n g sich den eingangs erwähnten Maßnahmen angeschlosten hat. Ist diese schon im allgemeinen ungünstiger geworden, so ganz besonders für die landwirtschaftlichen Arbeiter. Von den SchiedS« gerichten für Arbeiterverficherung wurden Bernsnngen gegen die Bescheide der landwirtschaftlichen BerufSgenosienschaften erledigt: zugunsten der Berufs- auf einen Unfall an . 79.23 M. . 78,73 . 76.71 genosienfchast «7.0 «7.3 71.5 72,2 74.4 Im Jahre 1901... 22,9 1903... 21,8 1905... 13.» 1907... 19.1 1903... 17,2 Der Erfolg für die Verletzten ist immer geringer, der für die Berufsgenossenschaften aber immer bester geworden. Eine ähnliche Tendenz zeigt auch die Rechtsprechung deS ReichSverflcherungSamlS. Was die Junker wünschen, daS geschieht selbst in den VersicherungS- instituiionen der Arbeiter._ Gtneralvttsammliliig der Deutschen Gesellschaft zur LekSmpsung der Geschlechtskrankheiten. Unter dem Vorsitz deS Geheimen Medizinalrats Profestor Dr. L« f f« r fand am Sonntag im Kaiserin« Friedrichhause die Veneraiversammlung der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der GeschlechiSkrankheiien statt. Dein do» dem Generalsekretär Professor Dr. B l a s ch k o gehaltenen Vortrage war zu entnehmen: Die in dem Vorentwurf zum Strafgefetzbuch abgeänderte Fastung der ZZ 180 und 361 des Strafgesetzbuches sei vom Standpunkte der Deutschen Gesellschaft als Forlschrilt zu bezeichnen._ Allerdings habe die Gesellschaft lediglich die hygienische Seite ins Auge zir fasten. Der Wunsch der Aerzte nach Errichtung von öffentlichen Häusern gehe immer mehr zurück. Er(Redner) sei entschieden gegen derartige Häuser, die Zustände zeitigen dürften, wie sie zur Zeit in Berlin bestanden, als die bekannte KönigSmauer noch im Flor war. Es komme hinzu, daß die Errichtung von öffentlichen Häusern angesichts der teuren Grund- und Bodenpreise in den Großstädten mit argen Schwierigkeiten verbunden wäre. Er sei der Meinung, daß, so lange die Prostituierten die öffentliche Sittlichkeit und Gesundheit nicht gefährden, man sie unbehelligt lasten solle. In Norwegen, wo es auch keine öffentlichen Häuser gebe, habe» sich vie Gesnndyeitsverhälmiste nicht nur nicht verschlimmert, sondern gr bessert. Er beantrage, eine Kommission von Sachverständigen zu wählen, die die U eberwach nn gSvorschläg« derProstitution einer eingehenden Brratung vnt erziehe und die Ergebnisse den zuständigen Behörden und gesetz- gebenden Körperschaften mitteile.— Nach einer längeren Besprechung wurde dein Antrage Bla.schkoS zugestimmt. Die Kruppschen Wohlfahrtskassev. DaS bekannte Urteil des Landgerichts Essen, daS im Gegensatz zu dem GewerbegerichtSnrteil die Klage von 20 frtL'fjercii Arbeitern abwies, die auf Rückzahlung der cinbehaltenen Lohnbeträge gegen die PcnsionSkaste und die Firma klagten, ist den Parteien am 18. Februar zugestellt. Gegen das Urteil soll ein weite?reS Rechts- mittel eingelegt und die endgültige Entscheidung deS Reichsgerichts angerufen werden._ Sächsische Ausstellung für Arbeiterwohlfahrt? Eineständige Ausstellung für Arbeiterwohl- fahrt für Sachsen iil Chen, nitz wurde in einenr von ihm im verein zur Bekämpfung der Schwindsucht gehaltenen Vortrage über Geiverbe und Tuberkulose Vom Geweroerat Dettelbach empfohlen. Diese Anregnug fand in der Versammlung freund- liche Aufnahme. Durch Beschluß lvurde dem Vorstande aus« gegeben, diese Anregung den zuständigen Behörden, der Handels- kammer und den industriellen Vereinigungen mit der Bitte zu über- Mitteln, die Einrichtung einer solche» Ausstellung in die Wege zu leiten. ES ist eine Ausstellung nach Charlottenburger Muster gedacht, die als Auschanungsobjekt für die wciicsten Kreise Sachsens die Volks- Wohlfahrt, auch die Bekämpfung der Tuberkulös« zu fördern geeignet sei.— Der Vortragende hatte auch die Forderung vertreten, daß in der Fortbildungsschule Gewerbehygiene in viel umfänglicherem Maße als bisher erteilt werden müsse, damit die junge Arbeiter- schast beizeiten lerne, wie den gesundheillichen Gefahren der ver- schiedenen Berufe am besten begegnet werden kann. Die Verwirklichung des Dettelbachschen Planes wäre mit Freuden zu begrüßen. Hus der frauenbc�egung. Bund für Mutterschutz. Der Konflikt im Bunde für Mutterschutz hat bereits eine Lösung gefunden. Er stand im Mittelpunkt deS JnteresteS in der am 2«. und 27. Februar in Halle abgehaltenen Generalversammlung deS Bundes. Der Vorsitzenden. Fräulein Helene Stöcker. war der Vor- Wurf nachlässiger und selbstherrlicher Geschäftsführung gemacht ivorden. Die von uns anSgesprochene Ansicht, die Affäre werde wohl kaum persönlich metallische» Beigeschmack haben, hat sich als richtig erwiesen. Die Bestätigung finden wir in einer ongenommenen Reso- lntion, in der gesagt wird: „Die Generalversammlung deS Bundes für Mutterschutz stellt nach KemitniSiiahme des Berichts der Revisoren und des Schatz- meisterS sowie nach Prüfung aller in bezug auf die Verwaltung der Gelder erhobenen Beschwerden fest: 1. daß sich die Kaste in Ordnung befindet und die Finanzlage des Bundes eine durchaus gesunde ist: 2. daß die Bücher seit Ueber- nähme der Geschäftsführung durch Fräulein Dr. Stöcker im Oktober vorigen Jahre» in streng raufinännischcn korrekten Formen geführt worden sind; 3. daß auch nicht der geringste Anlaß z» der Annahme vorliegt, daß vor dieser Zeit ciiic den Satzungen des Bundes wider- sprechende Verwendung von Geldern vorgekommen ist. Die Ver- sammlung beschließt, daß die BmidcSkaste und die Ortsgruppenkaste des Vororts, aus deren Vereinigung die früheren Unklarheiten der Buchführung hervorgegangen sind, in Zukunft in getreimter Ver- waltung geführt werden." Allerdings lagen auch noch andere Beschwerden vor, die dazu führten, daß Frl. Dr. Slöckcr den Vorsitz im Bunde abgeben mußle; der Sitz wurde nach Breslau verlegt. Die Ursachen des Vorgehens gegen Dr. Stöcker liegen auf dem Gebiete, wo die Frauen toleranter gegen Männer als gegen die eigenen Geschlechtsgenosstnnen sind. Ernente Zunahme der Frauenarbeit. Die Beschäftigung weiblicher Arbeitskräfte in Gewerbe und Handel hat im Anfang diese« JahreS wieder auffällig zu- genommen. Nach den Berichten der Lkrankcnkasien, soweit sie an daS„ReichSarbeitsbiatt" angeschlosten sind, erfuhr nämlich die Zahl der weiblichen Mitglieder vom 1. Januar auf 1. Februar d. I. eine Steigerung um 0,61 Proz., während bei den mänulichen Mitgliedern in derselben Zeit ein Rückgang erfolgte. Infolge der zahlreichen BetricbSeinsckiränkungeii, die im Anschluß an die Steuererhöhung erfolgten, hat siw der Arbeitsmangel unter den Tabak- arbeiten, in geradezu erschreckender Weise vermehrt. Da die Tabak« industrie fast ebenso viel weibliche wie männliche Arbeitskräfte be- schäftigt. so werden die ersteren in ebenso harter Weise betroffen wie die Tabakarbeiter. Während l909 ans je 100 offene Stelle» für Tabakarbeiterinnen nur 137,27 Bewerberinnen kamen, stellt sich der Andrang in dielen, Jahre gar auf 490,241 Auch in der Hut- und Mützen in du st rie und bei Friseurinnen hat sich die Arbeitsgelegenheit gegenüber dem Vorjahre außerordentlich verschlechtert. Erstere weist im lausenden Jahre einen Andrang von 214,30 auf, gegen«4,23 im Borjahr«, und bei Friseurinnen kamen aus je 100 offene Stellen durch- schnittlich 150 Arbeitsuchende gegen 100 im Vorjahre. Mit einem starken Ueberangebot ist sodann noch das Brauereigewerbe i« nennen, wo der Andrang sich auf 264,30 stellt gegen 339,47 ün Januar 1909. Trotz der Abnahme ist der lleberschuß an Arbeits« räften noch sehr groß._ Nachtarbeit der Frauen in der franzSsische» Modeiudustrie. DaS„Journal Offiziell" vom 19. Februar veröffentlicht ein Dekret de» ArbeitSministerS. das, wenn eS tatsächlich durchgeführt werden würde, eine der empörendsten Formen der Ausbeutung der Frauenarbeit beseitigte. Es verfügt die Abschaffung der„veillöss", der Verlängerung der Arbeitszeit der Mode-Arbeiterinnen während der Hochsaison über daS gesetzliche Maximum. Dieses beträgt nach dem Gesetz von 1892 für Frauen und Kinder 10 Stunden, die zwischen 6 Uhr früh und 9 Uhr abends liegen muffen. Dieses„Prin- zip" aber wurde schon 1893 durch ein Dekret durchlöchert. Für 5 In- dustrien(Stickerei und Paffementrie für Konfektion, Hulfabrikation und Hutkonfeklion; Schneiderei und Wäschefabritation für Frauen und Kinder; Pelzkonfcktion und Bandindustrie) wurde nämlich während gewisser Perioden des Jahres für Frauen und Mädchen über 18 Jahren eine Ausdehnung des ArbeilStages auf 12 Stunden»md die Verlängerung des Arbeitstages bis 11 Uhr Nacht zugelasien, nur sollte diese„Ausnahme" auf 60 Tage im Jahre beschränkt bleiben. Da» Resultat war unausgesetzte Uebcrarbeit in der Saison. mit der Aussicht auf die„Erholung" in der arbeitslosen toten � Saison. DaS neue Dekret schafft nun die Ueberstunden ab. mit einer einzigen Ausnahme, für die Konfektion von Trauerkleidern und-Hüten für Frauen und Kinder.— beider ist zu befürchten, daß die neue Verfügung ebenso u»enig wirksam sein wird, wie die bisherigen Schilybestimmungen. Dhe Verbindung vieler Werkstätten mit der Privalwohnung des Unternehmers, vor der das Kontrollrecht des GewerbeinspektorS auf- hört und das in der Saison übliche Mitgeben von Arbeit zur Fertigstellung während der Nacht, werden vielleicht jetzt noch mehr ihre unheilvollen, durch keine kräftige gewerkschaftlüche Organisation bekämpften Wirkungen entfalten. Lerbot der Nachtarbeit der Frauen in Oesterreich. Im österreichischen Mgeordnetenhause wurde bei seinem Wiederzusammentritt am 24. Februar ein den in Born getroffenen internationalen Vereinbarungen entsprechendes Gesetz betr. daS Verbot der Nachtarbeit von Frauen in industriellen Unternehmun- gen eingebracht. Nach dem Gesetz dürfen in Betrieben mit mehr als 10 beschäftigten Personen Frauen und Mädchen zwischen 8 Uhr abends und 5 Uhr früh nicht beschäftigt werden. Ist die Acht- stundenschicht eingeführt, so kann der Beginn der ununterbrochenen lOstündigen Nachtruhe für die über 1« Jahre alten Arbeiterinnen bis auf 10 Uhr abends verschoben werden. Gast- und Schank- gewerbe sind von den Bestimmungen dieses Gesetzes als nicht industrielle Unternehmungen ausgenommen. Ein geradezu ver- brecherisches Entgegeiikommcu an die Z u ck e r b a r o n e ist die Vestimmmng der Vorlage, daß für die Nohzuckerfabriken der jetzige Zustand bis Ende 1918 in Geltung bleiben soll. Man lese, was der Arbeiter Hole! in seinem„Lebensgang eines deutsch- tschechischen Handarbeiters" über die Arbeit in der Zuckerfabrik sagt, um die Sozialpolitik des christlichsozialen Handels- Ministers Dr. Weiskirchner zu verstehen. Außerdem soll nach der Vorlage der Handelsminister ermächtigt sein, Ausnahmen von dem Verbot der Frauennachtarbeit für solche Betriebe zu erlassen, in welchen Rohstoffe(l!) oder rasch verderbende Stoffe ver- arbeitet werden. Am Ende soll unter den rohstoffverarbeitenden Industrien die ganze Textilindustrie verstanden werden! Ferner soll die Tauer der Nachtruhe bei Sa i so n i n d u st r i e„ und bei „außergewöhnlichen Acrhälinisten" an höchstens 6» Tagen in, Jahre(„höchstens"!) auf 10 Stunden herabgesetzt werden dürfen, — Dieses Gesetz soll am 1. Januar 1911 in Kraft treten Vermischtes. Ueber Hochwasser wird aus einigen Städten Westdeutschlands berichtet. Besonders find der Rhein ,md die Mosel au« ihren Usern getreten. Wie eine Mel- dung aus Trier lautet, ist die Mosel seit vorgestern um einen Meter gestiegen und hat damit den Höchststand von 5.40 Meter erreicht. Gesten, mittag trat ein Stillstand im Steigen ein. Im Stadtteil St. Barbara stehen 30 Häuser unter Wasser. In den Straßen wird der Verkehr durch Kahne aufrecht erhalten. Eine Meldung aus Köln vom gestrigen Tage lautet: Der Rhein ist seit gestern um 1,02 Meter gestiegen. Sein Wasserstand beträgt 6,50 Meter._ Sturm in Franireich. Ein heftiger Sturm, begleitet von Donnerschlägen und stntflut- artigem Regen, wütete, wie ein Telegramm au« Paris meldet, in der Umgebung von Lyon.md hat großen Schaden angerichtet. Bäume wurden entwurzelt und Dächer abgedeckt. In Recy sind mehrer« leicht gebaute Häuser, die bereits durch die Ueberschwem- nmug stark gelitten hatten, von, Swrm umgerisien worden. In der Umgebung von St. Menehoulde und bei BounierS steigt die AiSne schnell. Auch in der Umgebung von Remiremont hat der Orkan großen Schaden angerichtet. Die tclephonischen Verbindungen, sind gestört. ES regnete in Strömen. Die Mosel steigt rapid. Die Wasserbehörden teilen mit, daß die Maas bei EharleSville stark steigen ivird. Au« Toulon wird ebenfalls über furchtbaren Sturm berichtet. Mehrere Schiffe sind von der Signalstation als in lrittscher Lage be- findend gemeldet worden._ Aus Rache erschossen. Wie aus Düsseldorf gemeldet wird, erschoß vorgestern nacht der Wirt Vogel, der kürzlich von der Straftammer wegen Widerstandes und groben Unfugs zu 2 Monaten Gefängnis verurteilt worden war. den al« Zeugen gegen ihn aufgetretenen Schutzmann Wurster in dessen Wohnung und verwundete mehrere andere Personen. Der Mörder ergriff die Flucht. Gestern fand man seine Leiche ans dem Friedhofe. Jäher Tod. In Beuchelwitz bei Halle fand ans einer Kindtauf- feier der Bäckermeister Schunle einen jähen Tod dadurch, daß ihm ein Fleischergeselle eine neue Viehtötungsmaske aus Scherz vor das Gesicht band und die darin befindliche Patrone aus Unvorsichtig» keit explodieren ließ. Dem Schunle wurde der Kopf vollständig zer» schmettert._ 75 Personen von einer Lawine verschüttet. Telegramme aus Wallace in Idaho(Vereinigte Staaten von Nordamerika) melden, daß gestern abend durch eine Lawine fünf- undsiebzig Personen verschüttet worden sind. Nach einer neueren Meldung sind von den verunglückten Personen zwölf als Leichen und 25 lebend geborgen worden. Man fürchtet, daß noch etwa 100 Tote unter den Schnee- und Schuttmasien be- graben sind._ Eine FeuerSvrnnst hat, wie aus Bombay gemeldet wird, dort gestern früh zahlreiche Korn« und Oelspeicher vernichtet. Der Schaden wird auf 2—2'/, Millionen Mark geschätzt. Di» Eni« stehungsmsache des Brandes ist unbekannt. 300 Personen gestorben. Nach einer Meldung aus Konstantinopel ist bei Jaleva am Marmarameer eine unbekannte Krankheit ausgebrochen, die bis jetzt 300 Todesfälle verursacht haben soll. Eine ganze Ortschaft zerstört. Nach einem weiteren Telegramm ist durch das Lawiiienuugliick die Ortschaft Place bei Wallace zerstört worden, in der eiwa 300 Bergleute wohnte». Die NetlungLarbeiten werden durch einen heftigen Schneesturm erschwert. VSosterftandS.Rackirtckiren der LandeSanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner _ Welteibureau._ vasterftand M e M« l, TUM V r e g el, Jiiitcrdnrg Weichsel. Tboru Oder, Nattbor , Kroffe» , Frand'urt Wa r t h«, schrimm , Landsberg Netze, Bordamm Elbe, Leinncritz , Dresden . Narb» „ Magdeburg am 27. 2. am 528») 174 200 292 167 180 118 136 60 114 -1 275 220 «et» 26. 2. am l> +57 +17 +14 —16 0 0 —4 0 —18 +2 +3 +26 +23 vasterftand Saale, Grochlitz Havel, Evandaü') , Natdenowl Spree, Sorembergft „ Leesiow Weier, Wänden , Minden Sl h« 1 N, MariaiilianSau , Kaub Köln Neckar, Heilbronn Main. Werlheim Mosel. Trier am 27. 2. am 302 123 154 88 152 242 315 540 437 592 198 321 540 'eil 26. 2. am') +24 —4 0 0 -2 +22 +23 + 10 +47 +45 +2» +1» +98 »)+- bedeutet Such»,— Falk.—•) Unlerpegel.—•) Eisgang. Thealer und Vergnügungen Dienstag, de» I.Marz. Ansang 7'/, Uhr. Ztöuigl. Qvernhans. Tannhiuser. Königl. Schauspielhaus. Der Familientag. Neues königl. Opern-Theater. Geschlossen. Deutsches. Judith. Li a m m e rs p i e l e. Der gute König Dagobert.(Ans. L Uhr.) Ansang 8 Uhr. Nerliner. Taifun. Lessiug. Das Konzert. Neues Schauspicv'aus. De» tyrr Verteidiger. Neues. Der PhiloseHh von SuuS- souci. Westen. Die gestdedene Fnr.. Komische Oper. Zigeunerlieb«. Neues Overctten. Der Gras von Luxemburg. Trianou. Theodore n. Cie. Kleines. Der große Name. Residenz. Im Taubenschlag. Thalia. Die Dollarprinzessin. Schiller O.seiiS.(lvdsn Ulfstjerna.) Donnerstag, abends 8 Uhr: Xene Jagend.(Johan UHstjerna.) Urania. Wissonschaftliches Theater. Abends 8 Uhr: Im Firnenglanz des Ober- Engadin. Hörsaal 8 Uhr: Dr. Hahn: Die Anfänge der Wirttfctactft der Menschen. Friedrich> WilhelmftSdt. Der selige Toupine. Bolksoper. Der Troubadour.(Ans. 8>,. Uhr.) Luisen. Was Gott Rote. Wankender Äoden. Lustspielhaus. Der dunkle Punkt. Mrtrovol. Halloh II— Die große Revue. FolieS Eaprtce. Herr Dasserkrops. Der Lustturner.(Ans. 8'/. Uhr.) Casilw. Berlin bei Nacht. Gebr. Herrnfeld. So muß man'S machen. Eine l Hebbel. Kavaliere.(Ans.§'/, Uhr.) Noacks. Die Anna-Lise. Stadttheatcr Moabit. Geschlossen. Parodie. Lohengrün.(Ans. 8'/, Uhr.) Ap»Ul>. Der LiebeSwalzer. Spezialität«». Wintergarten. Spezialitäten. ReichsbnNen. Etettiner Sänger. Palast. Spezialitäten. Vaiiagr. Spezialitäten. Karl Haverland. Spezialitäten. Walhalla. Svezialitälen Buggenhageu. Spezialitäten.(An- 7-/. Uhr). Uranra. Daubenttrasie««»4«. Abends 8 Uhr: Im Firnenglanz des Ober-Enaadin. gm Hörsaal 8 Uhr: Dr. E. Hahn: Die Ansänge der Wirtschaft der Menschen. Sternwarte. Jnvalidenstr. 57— 62. Eiestd n g-TIi ea ter. 8 Uhr: Das Konzert. Mittwoch, 8 Uhr: Das Konzert. Donnerstag, 8 Uhr: Dantris der Narr. kerliner Tkeater. Heute: Talflin. 8 Uhr. Morgen: Hohe Politik._ Neues Thealer. AbendS 8 Uhr: Der Philosoph von Sanssouci. Morgen und folgende Tage: Oer Philosoph von Sanssouci. Theater des Westens. Abends 8 Uhr: Die geschiedene Fra«. Sonnt. 3'/. Uhr: Der fidele Bauer. X'eueiPOpepetten-Thonter. Heute und solgende Tage 8 Uhr: Der Graf vou Luxemburg. Sonntag nachmittag 3 Uhr zu er- mäßigten Preisen: 0er ZigeunerDaren. Volksoper. 8W, Velle-Alliance-Straße Nr. 7/8. Abend«'/,? Uhr: Oer Troubadour. ResifSenz-Tlieater Direktion: Richard Alexander. Wcnds 8 Uhr: Im Taubenschlag. Schwank in 3 Akten von Hennequm und Beb«. Morgen und solgende Tage: Dieselbe Borstellung. Sonntag, 6. März, nachm. 0 Uhr: Schlafwagenkonirolleur�_ Luisen-Theater. Abends 8 Uhr; Was Gott WinmIU Schauspiel in fünf Akten von Ernst Ritterseldt nach sreler Benutzung einer Erzählung von Eourths-Mahler. Morgen und solgende Tage: Was Gott zusammenfllgt. Frieencn-Melmstadtisches Schauspielhaus. DlenStag, den 1. März, Ans. 8 Uhr Zum 1. Male: Der selige Touplnel. Mittwoch: Der selige Toupinel. Donnerstag: Die Jungsrau von Orleans. 8 Uhr. 1> c b U t 8 Uhr. der neuen Spezialitäten. S'/t Vorletzte Aufführung: SV. „Der Liebeswalzer" mit Konrad Dreher s. G. und der Premieren- Besetzung. Donnerstag. 3. März: Premiere: „Per Zechpreller."_ Hcnte: IPremierc! Marie Laiargus. Bosario Guerrsro. Odette Valer} und die anderen Star-AUraktioneDl MM« Kommandantenstr. 57. T. A. 4, 5083. Zum 2t. Male: Zum tSV. Maie: mit Anton und vonsl Herrnfeld. Ansang 8 Uhr. Borverkaus 11 bis 2 Uhr. Sonntag nachmittag 4 Uhr: Meine-Deine Tochter. t-1 Alt-floablt 47/48. Donnerstag, den 3. März t Zum ersten Male: Dasveriorene Paradies. Schauspiel in 3. Auszügen von Ludwig Fulda. TSsejitvi'. Schiller-Theater(Charlottenburg). Dienstag, abends 8 Uhr: stll« ilinbb». Schauspiel In 5 Akten v. Tor Hedberg. Deutsch von Hermann Blocher. Ende 10'/, Uhr. Mittwoch. obenSS llUhr: Egmont. Donnerstag, abends 8 Uhr: Pcp_Melnel.lbancp. Passage-Panoptikum Senegal in Berlin! gQ wilde Weiber Männer, Kinder. Drei Negerdörfer Ohne Extra-Entree t Passage-Tlieater. Kenfe kremiere. Sisters Ridley Georg Kaiser Cornelia Fabian Das große Programm! T rianon-Theater. Heute und solgende Tage, 8 Uhr: Vheotlore& Cie. Sonntag nachm.: Pariser Witwen. Lustspielliaus. Abends 8 Uhr: Der dunkle Punkt. Motropol-Tbeater Hallo!!! Die große Revue! In 8 Bildern von JnL Freund. Musik v. Faul Linoke. In Szene gesetzt vom Dir. Rieh. Schultz. Anfang 8 Uhr. Rauchen gestattet Folies Caprice Der Luftturner. Kener banter Teil. Herr Wasserkropf. Ansang 8V, Uhr. Vorn ort. 11—2 Uhr Hönigstadt-Kasiuo. Holzmarktstraße 72. Täglich: Franz Sobaunki. Neu: Else Marion; neu: Adda und Oltsiied Rcley. Neu: Ellen Elilta. Neu: LcS Alcxandrow. Prolongiert: Viktor Niiter. Das sensationellste Schaustück. Rad- rennen aus der Bühne. Im dunklen Korridor. Schw. i. t Akt. Casino-Theatei* Lothringer Straße 87. Ansang 8 Uhr. Berlin bei Nacht. ein 3 Akt.». G. Schätzler-PärasstnI. onntag l Uhr:»ulter KeShort. kelelishslleu-siiealöf'. 8lelllliei'8änger Der Nachtwächter von Zerpenschleuse. v. 5. li>e>ael Ansang: Wochen» 8 Uhr. Sonntag» 7 Uhr. Bnausi'vi Fpiedrichshain am Königstor. tGrbflte SehenawUrdlgkelt Rcrlln». Heute Mittwoch: Elite-Tag! 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März 1910, abends 8 Uhr, im PalastsTheater« Burgstraße(Ecke Wolfgangstraße). Konzert K Spezialitäten O Theater üfassengesange, ausgeführt von Gesangvereinen des ,�Arbeiter-Sängsr- Bundes". Pestrede X Tanz. Herren, die am Tanz teilnehmen, zahlen SO PI. nach. Einlaßkarte 25 Pf. Programme gratis 225/11* Das Komitee. »SSSSSSSSSSSSSSKSSSSSSS« ch K ch H (it X ch » «SSSSSSSSSSSLHSESSeSSes« «SSSSSSSSSSSSSSSSSSSK! iv tv -.1 U Deutscher Holzarbeiter-Yerband. Zahlstelle Berlin. Sonnabend, den 5. März, abends 8 Uhr, in der„Neuen Welt", Hasenheide 108—114: Kostümfest. „Ein Oebirgsfest in den Tyroler Alpen". Eröffnung 8 Uhr. Eintritt SO Pf. DM" Die Festteilnohmei weiden ersucht, in Älpenkostüm oder Sommertoilette zu erscheinen. Daa Komitee, NB. Billetts sind zu haben im Bureau Engelufer 14 park, Zimmer 2; im Restaurant Zehrend», Hasenheide 9, schrägüber der„Neuen Welt"; bei M. London, Rizdorf,„Ideal-Kasino* und im Zigarrengesch&ft des Kollegen Schwemke, Schönleinstraße 34, Ecke Kottbuser Damm. Palast-Theater. Burgstraße 24. am Bahnhos Börse. Inteiumtkorietle« Ringkampf-Cbampional um die Wollmelaterseliatt. Protektor: Herr Pros. H. Hundrieser. Preise: 10 000 M. in bar. Dienstag, den l. März ringen: Weltmeister Jeft Pedersen gegen Kaub«- Böhmen, Lonezig. Ober «onva» Boynie»,«onezig> i�oer. schleflen gegen E.Bervet- Paris, Paul Bahn-Bremen gegen Earcanague- Masietti-Jtatien gegen Reich-Leivzig. Beginn der Ringkämpse g'/, Uhr. Vorher: lZiegillnroadv» LpeiialitSten. Ans. 8 Ubr. Preise SO Ps. bis 3 M. Heute 9>/, Uhr ringen: Entscheidungs-Kampf: Altman» gegen Sauerer. Entscheidungs-Kampf: Hein gegen Sturm. Velde Kämpfe werden bIS zur endgültigen Entscheidung durch- geführt. Im«nteren Saale: GrofteS Sochbier- Kellerfest mit Doppcl-Konzert. Beginn 6 Uhr. alhalla lefe-Theater Weinbergsweg 19-20. Rosenth.Tor. Ansang 8 Uhr. Die neuen SpezialitSten. HV»tt— d»« lebende Elektrizitätswerk und da» Übrige nmasante Varietö Programm. Im Klliijrrt.Zimnel: Die ollergrötzte Kanon«. NicodemnS Notentopf. Der(vxzriitrie> Kapellmeister v.t. Bomben- und tttranalen- Orchester. Theaterbesuchern sreier Eintrtttt Dienstag, den 1. März 1910. abend» 7'/, Uhr: Gala»Abcnd. Zum 1. Male: Zum 1. Male: II Personen ? 1.68 Ri-Tchaves? Zum 1. Mate: Die Amerikaner ülXerisI Lbs�vs!!! Möns. Romanoff der phänomenale Kopf, Ragongbl, der kleinste komische Reiter d. Welt. Herr Kommissionsrat GaBtaT Stenitbeck als Gast aus.Eisenherz» Um S'/, Uhr: End- 11 Uhr: Die drei Rivalen. Groß« Feerle In füns Akten auS der Hugenottenzett. mm lenhilll-Iheeles ! Programm Berlin», lausend vom 22.-28. jjib, uar, u. a.: Am Note einer ilgxgi. i Re»»a!Ine. Kunstfiim 1. Rang.! 3. Platz gl» Ps. Kind. 10 Ps. ahn. Nachzahlung. Dauervor stell, v. 4—11 Uhr. i Dienstag, den t. März 1810, abends 8 Uhr: | Sensationelle Vorstellung mit einem rein zirzensischen Programm. Ab 9'/, Uhr: Fortsetzung der Ringkampf-Konkurrenz unter dem Protektorat des Herrn Prof. Reinhold Sega». Bs ringen: Zorn gegen Andrea »ach tewi» gegen Oammhofer | Frachef gegen Nitschko Mlchallofl gegen Macdonald. I Entscheidnngskaiupf: Strenge gegen Va»els*cu. W.Koaeks Theater öemmenm. 16, am Roicnthaler Tor Zum letzten Male: Die Anna-Lise. Historische» Lustspiel in sllns tzlttcn. Mittwoch: Die Tochter deS Brandstifters. Donnerstag: Ueber'S Grab hin» aus. Kurl Hsverlund Ansang Theater, präz. 8 U 77/79 Kommandanten siraßc 77/79. Heute neucS Programm. LOiputaner-Trnppe prolongiert Zirkus Busch.| Heute Sien, tag, den 1. März, abends T1/, Uhr präz.: Gr. Gala-Voratellung. DcbtU! DcbUt! DebUttf Die bertthmte Lockford-Truppe! Ther. Fillls, James Leen Flllls Jun.,! Heinrich Fillis in Ihren Produk-I »Ionen der hohen Schute. Hr.E. Schumann, Neudressuren Reiterfamilie Proserpi. Zwergolown Franpois, Kunstr. Die ruse. Sensationspantomime SQT* Marjat"MU Vorher das groSe Galaprogramm. V olgt-Theater Onatnplel In Pnhlnmnna Theater, Sch3nh»u«er Allee 148. Dienstag, den 1. März 1910: Lucinde vom Theater. Vaudeville In 8 Bildern von PohL Kasteneröffniing 7, Ansang 8 Uhr. WWW '(Vr so? an der Jamowttxbrtleks. Oeutscltlaniis siösste rnd (Ofnelimsit Llfübina eao sitzpinta« Fe«»H,tte*ir«li(tuni Beginn: Wochentag« 4 Uhr. Sonntag«> w Sanssouci, Direktion Wilhelm Reimer. Sonntag, Montag und Donnerstag: Hoflinaiins SonliL Singer und Tauzkränzchr». Beg. Sonn». 8. wocheni. 811, Stets»eueS. Hochakt» Goiree-tprogramm I Morgen Mittw'ch: Theaterabend. Benefiz f. Georg«. Wilhelmine Flrmana. Zum erstenmal: Die Siebzehn» jährige». Schausp. v. Max Dreher. Vereiirc Brauerei Jtlxdoi-f, HcrmannstraBo 214-211 Heute sowie jeoen DienStag; ?gul 8d 8piliigers Eabaret- und Pussenxesellsetlakt, Ans. 8'/, Uhr, nachdem Tan«. Bit» den Inhalt der Jnlerate llbcrnimm» die Rrdattion dem Publik» in gegenüber keinerlei Berantwortung. Verband sozialdemokratischer Vfabloereine Berlins. Dienstag, den 1. März, abends 8� Uhr: Oeuerawcrslnnmwngrn der KreisWahwereiue I. Nnois. vn'ZsvÜs k'vsisSIv, I�eue prisärickstraks zz. 1. Vorstandsbericht. 2. Diskussion. 4. Partei» und BereinSangelegenheiten. 3. Stellungnahme zur Verbands- Generalversammlung. II. Kreis. Hofjagep- Palast, Hasenheide 52/Zz. 1. Anträge zur Generalversammlung Groß- Berlins. 2. Wahl der Delegierten zu derselben. 8. Vortrag des Genossen Wisseil:„Aus der Praxis eines ArbeitersekretärS". 4. Vereins- angelegenheiten und Verschiedene». III. Kreis. KswspItSvlHattskaus, Engelufer 15. 1. Anträge zur VerbandS-Generalversammlung. 2. Wahl der Delegierten zu derselben. 3. Die Lokalfrage zum 1. Mai. 4. Partei» und Vereinsangelegenheiten. IV. Kreis. XsIIqps Festsäle, Koppenstraße 29. 1. Bericht des Vorstandes. 2. Anträge zur VerbandS-Generalversammlung und Bestätigung der Delegierten. 3. Verschiedenes. V. Kreis. Unienstraße Altes Schlitzenhaus, 1. Vorstands- und Kassenbericht. 2. Die VerbandS-Generalversammlung. gierten. 4. Partei» und Beremsangelegenheiten. 5» S. Wahl der Dele- VI. Kreis. Pnachtsäle Nopd-West, Wiclefstraße 24. 1. Bestätigung der Delegierten zur VerbandS-Generalversammlung. 2. Bericht des Vorstände? und Kasienbericht. 3. Beschlußfassung llber Einführung des Delegiertensystems zu den General- Versammlungen des Kreises. 4. Erledigung sonstiger Anträge. D« den Uersammlnugen legitimiert das Mitgliedsbuch des betreffende» Mahlvereins. Zahlreiches Erscheinen erwarten_ Die Borstände. Deutsche Naturwissenschaftliche Gesellschaft Geschäftsstelle i Leipzig, Talstr. 13(Verlag Theodor Thomas). Km 1. März abend» S'l, Nhr findet im«rofeen Saale der Blonlher. Pe«t«ttlc(Kaiser-WilbelM'Str. 18 m) unser gp erster oifenflietier Liebtbilder-Vortrag 3SS statt über das Thema! �.us dem Liebesleben der Tiere. B.rtragender: Dozent JH. H. Baege. EtntrtttSdretS 39 Ps. Kafienöffnuna'1,8 Uhr. __ rnnhittfl karten sind ttnt am Taaletngang zu haben. Stelnapheltenl Gekti-n I. Sektion KL (Van-«. Gradfteinbranche) Kreitag. den 4. März. ebenbs?>/, Uhr, in den Armlii- 1 Allen, Kommandantenstr. 58: Zweigverein Berlin. Donnerstag, den 3. März. abends 8 Uhr, im Verbandslokal» »cydelstr. 30- Mitglieder- Uersammiung. TageS-Ordnung: Stellungnahme zur Tariffrage. Kollege»! Agitiert für gntrn Besuch i Kein organisierter Kollege darf fehle« t In diesen Versammlungen find auch die Adressenänderungen anzu- geben, damit die Zustellung des„Stewarbciter" keine Unterbrechung eisährt. 171/3'_ Ple Ortw Verwaltung. ir zu Berlin. Die Untcrzcichnclen teilen den Arbeitgebern und Mitgliedern der Kasse mit. dah in den jjK 31. 42, 66 des Statuts Aenderungen durch die General- Versammlung vom S. November 1903(genehmigt vom Bezirksausschuß am 1. Februar 1310) vorgenommen worden find und am 7. März 1310 in Kraft treten. Die Kassenbetträge haben nunmehr solgende Höbe t in der ersten Klasse: 30 Ps. pro Woche . m zweiten, 69... ,. dritten, S4.,, .. vierten. 36.., ., sünsten„ 80 ,, ,,„ Dm achten Nachtrag zum Etawt, welcher sämtliche Ambenmgm ent- hält, erhalten die Arbeitgeber und Mitglieder im Monat März zugestellt. Berlin, den 28. Februar t310. Bor Vera tan it. C. Siele, Franz Stemmler, HUhd Sedner II Brnniiemstrnße 7, am BosenthalerTor.p j————. Laden und 1. Etage.. Wohnungs- Einrichtungen in kolossaler Auswahl an! Kredit»»6 gegen 3ar ZiMeMderManDntschlA Sektion der Gips» und Zeroentbrancfte. Mittwoch, dk« 2. Mar! t9W, abends 8 Zlhr, im Gemerkschaftshanse, Engelufer 15(großer Saal): General Uersammlung.! TageS-Ordnung: 136/16» 1. Jahres- und Kassenbericht des SektionsvorstandeS. 2. Neuwahl deS Sektionsvorsitzenden, der Revisoren und des Arbeitsvermittlers sowie. der Mitglieder der Schlichtungskommissionen. 8. Verschiedenes. Mitgliedsbuch oder-Karte legitimiert. Ohne dasselbe kein Zutritt. Zahlreichen Besuch erwartet_ Der Sektionsvorstand. Deutfcher Cransportarbclter-Vcrband r- Sektion Berlin I.- Bnrrau s Sngeluser 14/15 n, Zimmer 33. Fernsprecher s Amt 4, 2382 n. 4747. Arbeitsnachweis s Alte Leipziger Straße 1.— Fernsprecher t Amt I, 2632. Hausdiener, Packer, Radfahrer, Schaffner, Portiers, fahrstnhlfiihrer. Zugendliche. Chauffeure usw. ans den Kauf- und Bfarenhäusern Berlins. Donnerstag, den 3. Marz 1910, abends 81/, Uhr: f| Oeffentliche Uersammtnng Z in den„Arminhallen", Kommandantenstr. 38—30, großer Saal: TageS-Ordnung: 1. Bericht über die erfolgreichen Berhandlnngen bei der Firma Jandorf a. Co. und unsere Organisation in den Warenhäusern. 2. Diskussion. In Anbetracht de» interessanten Vortrages, sowie der überaus wtchttgm TageS-Ordmmg ist eS Pflicht eines jedm BerufSkollegm, in dieser Versammlung zu erscheinen. Kollegen I Agitiert für zahlreiche] 66/15_ Beznehi Erscheint In nassen! _ Der SekttonSleiter. Fritz Wappler ZitraliM(er liier öeotsi Ortsverwaltnng Berlin. Bureau: Berlin N. 54, Brumimstr. 188, Restaurant Wille. Amt Hl, 4836. BMersiposseüseliält MM eingetragene Genossenlchasl mU be» schränkter tzästpslicht. Sonntag, den 13. März 1910, vormittags 91/, Uhr, im Saale de» GenossenschaftSwirtshauseS.Nord» User Nr. 10- Kennte ordentliche Generai-Versammlung. Tagesordnung: 1. Jahresrechnung und Geschäftsbericht für 1308/03. 2. Beschlußsafiung über Gewinn- und Verlustrechnung 1308/03 u. Enllastung. 3. Ergänzung des AusfichtsrateS. 4. Festsetzung des G-ianitbetrage», den die Anleihest der Genossenschaft nicht überschreiten sollen. 5. Ausschließung eines Genossen. Die Gewinn- und Bevlustrechmmg liegt in unserer GeschästSstelle Feh- marnstrahe 10 auS., Bäckereigenossenschaft Bolksbrot ein getrogene Genossenschast mst be- schränkter Hastpflicht. Der Borftand. 3335 Flolitz. Kollahn. Kosmehl. MSIznsr. Husten Krnmpfhustc» robtcn Heiserkeit, Katarr! beseitigen die ärztlich erpr 7 Brust- 0 Karamellen not. begl. Zengn. bew. den OelOO sich. Eisolg. Paket 3« Pf. Dasür auS anderen Rücksichten als angeblich„besser" zc. angebotenes weise energisch zurück Zu erhalten i» Apotheken und Drogerien, m/6- Engros-Lager: Rieh. 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Februar, nachmitwgs 2 Uhr, hielt der Wahlverein Teltow-Beeskow seine Kreis-Generalversamwlung im Vullshause zu Charlottenburg ab. Auf der Tagesordnung stand: 1. Bericht des Vorstandes und der Funktionäre. 2. Der internationale Kongreß in Kopenhagen und Wahl der Delegierten. 3. Anträge. Ten Vorstandsbericht erstattete der Sekretär Gen. Woller- mann, den Kassenbericht der Kassierer Gen. Pagets. Die Berichte lagen den Delegierten gedruckt vor. Wir heben aus denselben das Folgende hervor: Am Schlüsse des Jahres 1308 gehörten dem Zen- tral-Wahlverein 44 örtliche Vereine an. neugegründet hat sich der Wahlverein Lichtenrade. Die Zahl der einzelnen Wahlver- eine ist somit auf 45 gestiegen, die Mitgliederzahl des Zentralwahl- Vereins von 22 192 auf 23 757, hat also um 1565 zugenommen. Eni- sprechend der Steigerung der Mitgliederzahl war auch der Umsatz an verkauften Beitragsmarken. Im Jahre 1968 wurden verkaust: 184 721 Beitragsmarken für Männer, 5732 für Frauen, insgesamt 212 697 Beitragsmarken. Cs sind also 22 244 Beitragsmarken mehr verkauft als im vorhergehenden Jahre. Die Zahl der männlichen Mitglieder beträgt 21 661, der weiblichen Mitglieder 2696. Neu aufgenoimnen wurden 6565 Mitglieder, aus der Mitgliederliste ge- strichen wurden 5999 Mitglieder. Das Verhältnis der Mitglieder- zahl zu den bei der letzten Reichstagswahl abgegebenen sozialdemo kratischen Stimmen weist in den einzelnen Orten ziemlich große Unterschiede auf. Im Durchschnitt sind 29,2 Proz. der Reichstags- Wähler organisiert. In 29 Orten ist dieser Durchschnittssatz des Kreises erreicht. In 21 Orten sind mehr als 25 Proz. der sozial- demokratischen Reichstagswähler organisiert. Die Zahl der Abon- nenten des„Vorwärts" hat sich im Berichtsjahr um 1116 vermehrt, der Gesamtbestand beträgt 28 299. Daneben wird noch die„Bran denburger Zeitung" und„Märkische Volksstimme" in einer Reihe von Orten gelesen. Im Berichtsjahre fanden 3 Agitationstouren statt. Verbreitet wurden Flugschriften, Kalender usw. in einer Auflage von rund 1 139 999 Exemplaren. Besonders war in den einzelnen Orten das Bestreben vorhanden, das Mißverhältnis zwi schen der Zahl der gewerkschaftlich und politisch Organisierten aus- zugleichen, und zwar in der Weise, daß die Gewerkschaftsgenofsen auch für den Wahlverein gewonnen werden. Es wurde von vielen Orten darüber Klage geführt, daß die Gewerkschaften eS in dieser Beziehung an freudiger Mitarbeit fehlen lassen. Insgesamt wurden im Kreise abgehalten 495 Mitglieder und 144 öffentliche Versammlungen, darunter 19 in Orten, wo Wahlvereine nicht bestehen..Eigene Bibliotheken haben jetzt 39 Wahlvereine des Kreises mit 9677 Bänden.— Gemeindewahlen fanden nur im geringen Umfange statt. An 18 Orten beteiligten sich die Genossen daran. Von den 44 Man- baten, die in der dritten Abteilung zu besetzen waren, eroberten wir 3 4, davon sind 1 2 neu gewonnen. Die Zahl der sozialdemokrati schen Vertreter beträgt in 7 Städten 74 Stadtverordnete, und in 39 Landgemeinden 75 Gemeindevertreter; insgesamt also 149 Verl treter. Lebhafte Klage wird über die Wahlzeit gefuhrt, die in vielen Fallen auf Tagesstunden festgesetzt wird, wo den Arbeitern die Ausübung des Wahlrechts nur mit großen Opfern möglich ist. — Die Lokalfrage gestaltet sich m manchen, auch in größeren Orten, oft noch schwierig. In nur 79 Orten des Wahlkreises stehen Versammlungsräume zur Verfügung. Der TerroriSmus der Geg- ner und die Schikanierung der Behörden den Wirten gegenüber versuchen die Lösung der Lokalfrage zu erschweren. Die Behörden glauben überhaupt bielfach im Kampfe gegen die Sozialdemokratie die Führung übernehmen zu müssen. Mit Strafmandaten und sonstigen behördlichen Anordnungen werden die Genossen oftmals in ganz leichtfertiger Weise bedacht. In den meisten Fällen erfolgt auch seitens der Gerichte Freisprechung und werden die Kosten der Staatskasse auferlegt. An 19 Orten bestehen B i I dungsaufchüsse, an welchen 14 Wahlvereine beteiligt sind. In sieben Orten sind besondere Bildungskurse abgehalten worden. Jugendausschüsse bestehen m 13 Orten. Ein eigenes Jugendheim haben Adlershof und Rixdorf. Die„Arbeiter- Jugend" wird in 24 Orten gelesen. Zur Erledigung der Ge- fchäfte des Zentralvorstandes wurden 33 Vorstandssitzungen abge» halten.— Die Einnahmen der Kasse betragen 74 845 M., die Aus- gaben 63 118,53 M., so daß ein Bestand von 11726 M. zu verzeich» nenist; Genosse Pagels hebt angesichts der bevorstehenden Kämpfe die Notwendigkeit hervor, die Kasse zu stärken, um allen Anforde- rungen gewachsen zu sein. Den Bericht der Preßkommission gab Genosse Heinrichs; F i s ch e r- Schöneberg den Bericht der Agitationskommission. Der Obmann der L o k a l k o m- Mission, Genosse Röhr, berichtet über eine Reihe Einzelfälle von Lokalstreitigkeiten mit Wirten und Behörden und empfiehlt strengste Beachtung der Lokalliste. Die Diskussion wurde auf sämtliche Berichte ausgedehnt. Z u b e i l begrüßt die in der Provinz geschaffene Einrichtung der Rechtsauskunftsstellen, die sich dort ausgezeichnet bewährt haben. Es dürfte sich auch bald für unseren Kreis die zwingende Notwen- digkeit geltend machen, ähnliche Einrichtungen zu schaffen, beson- idcrS für den Kreis Beeskow und das übrige Hinterland. Auch die Neuorganisierung der juristischen Sprechstunde des„Vorwärts" sei eine erfreuliche Neuerung. Die Bureauzeit von 4lh bis gegen 8 Uhr dürfte wohl nur als Uebergangsstadmm in Betracht kommen. Sehr bald werde sich auch hier die Notwendigkeit herausstellen, diese Zeit zu verlängern. Zur Lokalfrage übergehend bemerkt der Red- i>er. daß es im Interesse der Agitation des Kreises unbedingt er- forderlich sei, alle gesperrten Lokale streng zu meiden und nur freie Lokale zu benutzen. Trotz der Schwierigkeiten, die die Behörden machen, mutz in den Orten, wo uns Versamm- lungSlokale nicht zur Verfügung stehen, der Versuch unternommen werden, Versammlungen unter freiem Himmel abzuhalten. Wie schikanös die Behörden manchmal vorgehen, zeigt der Redner an einem Beispiel aus Beeskow. Dort ist eine Versammlung nicht erlaubt worden, weil das Grundstück zu nahe an der Bahn lag und dadurch der Eisenbahntransport gefährdet sei. Im Interesse der Entwickelung der Jugendbewegung müssen die Frauen in höherem Maße für die politische Organisation gewonnen werden. Die Eltern müssen auch veranlaßt werden, der Jugend die in Betracht kom- mende Literatur in die Hand zu geben. L i e g n e r- Adlershof weist auf die Notwendigkeit eines zweck- entsprechenden Ausbaues der Landagitation hin. H« n s e l- Baumschulenweg beklagt die späte Zustellung der gedruckten Jahresberichte und erhebt darüber Beschwerde, daß Flug- blätter den Orten oft so spät zugestellt werden, daß der Wert der Verteilung dadurch oft in Frage gestellt wird. Wie der Bericht, bedauert auch er, daß die Geweckscyaften an der Unterstützung der politischen Organisation zur Gewinnuiw neuer Mitglieder fehlen lassen. Er hoffe und wünsche, daß sich hierin bald eine Wandlung vollziehen möge, um das Wort des Genossen Bömelburg zur Tat werden zu lassen: Partei und Gewerkschaften sind eins. BöSke wünscht, daß Genosse Hensel die�heube gemachten Ausführungen in der in Betracht kommenden Sitzung der Gewerk- schaftskom Mission zum Ausdruck gebracht hätte, leider hätte er und auch seine Kollegen dort geschlviegen, als Cohen gegen den Vorschlag kämpfte: in den Gewerkschaften den Zweck und Nutzen der politischen Organisation zu besprechen. Eine geeignete Form hätte sich bei einigem guten Willepr sicher fiMn lassen. Im übrigen sei in Berlin das Verhältnis zwischen Partei und Gewerkschaft ein recht erfreuliches. Zubeil hält es ebenfalls für notwendig, den Gedanken des Sozialismus in höherem Maße bei gewerkschaftlichen Veranstaltun- gen zum Ausdruck zu bringen, genau wie die Partei mit regem Eifer tatkräftig und unablässig für die Gewerkschaft Propaganda macht, so sollte es auch umgekehrt sein. Hier scheine rs jedoch oft genug an dem guten Willen zu fehlen. Unter allgemeiner Zu- ftimmung ersucht Redner die Pretzkommission, ein aufmerksames Auge aus die Redaktion haben zu wollen, damit die Zeitung früher fertiggestellt wird. Die Saumseligkeit der Redaktion hat schon manche unangenehme Folge für die Expedition gezeitigt.(Genosse Zubeil muß falsch berichtet sein. Aon einer Saumseligkeit der Redaktion, durch welche die Expedition zu leiden hätte, kann gar keine Rede sein. Red. d.„V.".) Wollermann bemerkt in seinem Schlußwort Hensel gegen- über, daß auch der Vorstand eine frühere Herausgabe des Jahres- berichts wünschte, dies durchzuführen sei jedoch nur möglich, wenn die Orte ihre Berichte früher an den Vorstand gelangen lassen. Ein Autrag der Genossen aus Mariendorf. für die beiden Landkreise Groß-Berlins gesonderte Plakate bei Demonstrationsversammluw gen anfertigen zu lassen, wird dem Zentralvorstand überwiesen; des> gleichen ein Antrag des Genossen Will- Charlottenburg, an die N i ch t w ä h l e r Flugblätter nach jeder Wahl gelangen zu lassen. Der Antrag, die Abschaffung der Tätigkeitsmarken bezweckend, wird angenommen. Der von Schmidt Johannisthal gestellte Antrag: Inserate der Jugendausschüsse sind gratis im„Vorwärts" auszu nehmen, wurde abgelehnt. Die Neuwahlen des Vorstandes wurden bis zum Ablauf des Geschäftsjahres— Juli— vertagt, bis dahin bleibt der jetzige Vor- stand im Amte. Zum Kongreß in Kopenhagen wurden die Genossen Zubeil und Wollermann delegiert. Einem Antrage des Zentralvorstandes gemäß wurde beschlossen, den§ 9 des Kreisstatuts folgende Fassung zu geben: lieber den Ausschluß eines Mitgliedes gemäß§ 13 des Kreis. statuts entscheiden die örtlichen Wahlvereine. Der Antrag auf Ausschluß eines Mitgliedes bedarf der Zustimmung oeS Zen- tralvorstandeS. Lehnt der Zentralvorstand die Zustimmung ab so steht dem betreffenden Verein die Berufung an die nächste Generalversammlung des Kreises zu, deren Beslchuß dann bin dcnd ist. Entsprechend einem Antrage Rixdorf wurde beschlossen, in§ 4 des KreisstatutS Absatz 2 zu sagen.... örtliche Generalversamm lungen finden an Stelle vierteljährlich— mindestens halbjähil l i ch— statt". In feinem Schlußwort weist der Vorsitzende Genosse Hirsch auf die kommenden Kämpfe der Partei hin und fordert die Genossen zum Werben neuer Kämpfer und reger Mitarbeit auf. Mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie, in das die Delegierten freudig ein- stimmten, wurde die Versammlung geschlossen. Partei- TZngelegenbeiten. Verband sozialdemokratischer Wahlvereine Berlins und Umgegend. Heute. Dienstag, den 1. März, 8'/, Uhr abends, finden in den sechs Berliner Kreisen d i e G e neralversamm lungen der Wahlvereine statt. Die Tagesordnungen sind in der Annonce enthalten.— Neberall lcgittmiert das Mitgliedsbuch des betteffenden Wahl Vereins.__.... Zahlreichen Besuch erwarten Die Vorstände. An die Parteigenosse» Berlins und der Provinz Brandenburg! Im März erscheint wiederum eine neue Lokalliste. Wir ersuchen daber, alle Aenderungen bezw. Neuaufnahmen bis spätestens Sonntag, den 6. März, an die nachverzeichneten Kom misfionsmitglieder gelangen zu lassen: Für den I. Wahlkreis an den Genossen Paul Bartsch, NW. 29, Lessingstraße 32. Für den DL Wahlkreis an den Genossen Heinrich Schröder, L. 53. Bergmannstraße 95, II. Für den DI. Wahlkreis an den Genosse« Karl König, S. 69, Urbanstraße 93. m � Für den IV. Wahlkreis an den Genoffen Karl Rott, 0.«4, Straßmannstraße 29. � Für den V. Wahlkreis an den Genossen«kbert Hahmfch, 0. 64, Auguststraße 61, Ouergeb. IV. Für den VI. Wahlkreis an den Genossen Richard Henschel, N. 68, Ueckermünder Straße 17, n. Für Nieder-Barnim an den Genossen Hermann ENaS, v. 112, Blumenthalstraße 24. Für Teltow-Beeskow an den Genossen Karl Rohr, Mxdorf, Selchower Straße 16—16, IV._„ � Für Potsdam- Osthavelland an den Genossen Emil Schubert, Spandau, Kurstraße 21. Für alle übrigen Orte der Provinz sind Mitteilungen zur Lokal liste durch die Borfitzenden der Kreise an den unterzeichneten Ob mann der Kommission zu richten. Um das rechtzeitige Erscheinen der Lokalliste zu ermöglichen, ersuchen wir die Parteigenossen dringend, alle Mit- teilnngcn in Lokalangelegenheiten für Groß-Berlin dem zu- ständigen Kommissionsmitgliede, für die übrigen Orte der Provinz dem Vorsitzenden des betreffenden Kreises zu übermitteln.— Ferner weisen wir wiederholt auf den in den Lokalkonferenzen der Lokalkreise so oft gefaßten Beschlutz hin, wonach die örtlichen Kommissionsmitglieder unbedingt verpflichtet sind, bor dem Erscheinen jeder neuen Liste rechtzeitig an den Obmann ihres Kreises einen Bericht einzusenden, gleichgültig, ob Veränderungen vor- gekommen sind oder nicht. Orte, aus denen kein Bericht kommt, werden in der Liste nicht weiter aufgeführt und haben sich die betreffenden Genossen die etwa hieraus entstehenden unangenehmen Folgen selbst zuzu- schreiben. Alle nach dem 6. März einlaufenden Meldungen können nicht mehr berücksichtigt werden und ersuchen wir, dies zn beachten. DeS weiteren ersuchen wir wiederholt, alle Mitteilungen in Lokalangelegenheiten nur durch die oben genannten Kommissions- Mitglieder an den Obmann der Kommission zu richten und nicht direkt an den„Vorwärts". Es entstehen hierdurch nur unnötige Verzögerungen, und da die meisten Einsendungen immer erst in letzter Stunde einlaufen, ist, wenn es sich um eine Sperrnotiz handelt(Vergnügen in einem gesperrten Lokal), eine Publikation nicht mehr möglich. Der Obmann der Lolalkommission: Richard Henschel, Berlin N. 58, Ilcckermünder Straße 17, II. Charlotteniurg. E» wird auf die heute abend im„VolkshauS" stattfindende öffentliche Versammlung aufmerksam gemacht und ge« beten, für zahlreichen Besuch Sorge tragen zu wollen. Genosse RechtSanwalr Wolfgang Heine wird über„Soziales Straf- recht" sprechen. Der Vorstand. -Steglitz. An» Mittwoch, den 2. März, abends 8 Uhr. findet bei Schellhase. Ahornsiraße, eine wichtige Sitzung statt, die sich mit der bevorstehenden Gemeindewahl zu beschäftigen hat. Alle Partei- genossen, die am Tage der Wohl täfig eingreifen wollen, find ein- geladen. Arbeitslose Parteigenossen werde» speziell ersucht, sich beim Wahlausschuß zu melden. Lichtenberg. Heute abend 8'/z Uhr außerordentliche General- Versammlung im Lokal der Gebr. Arnhold, Frankfurter Chaussee 6/6. Tagesordnung: Einführung eines Extrabeitrages. Stralau. Am heutigen Dienstag, abends 7 Uhr findet von den Bezirkslokalen aus eine Handzettelverbreitung statt. Britz-Buckow. Heute abend 1li9 Uhr findet bei Zilz die Vereins» Versammlung statt. Tagesordnung: 1. Aufstellung der Kandidaten zur Gemeiudewahl. 2. Bericht von der KreiS-Generalversammlung. 3. Verschiedenes. Der Vorstand. Nieder-Schöneweide. Am heutigen Dienstag, den 1. März, abends 8'/g Uhr, findet im Lokal des Genossen Kicnast, Grünauer. Straße 8 eine Versammlung statt. Der Vorstand. Potsdam. Mittwoch, den 2. März, abends 8% Uhr: W a h l» vereinsbersammlung bei Pruschinsky, Kaise"r-Wilhelmstraße. Tagesordnung: Vereinssachen, März- und Maifeier. Verschiedenes Berliner pfocbricdten. Die neue Wertzuwachssteuer. Der Berliner Stadtverordneten- auSschutz, dem die Borberatung der neuen Wertzuwachssteuer ob- gelegen hatte, erstattet jetzt in umfangreichen Protokollen Bericht über seine Verhandlungen. Der Ausschuß hat die Magistratsvorlage in vielen Punkten ergänzt. So soll die Steuer jetzt betragen: von einem Wertszuwachs bis zu 2999 M. 1 Proz., von 2999 bis zu 4999 Mark 2 Proz., von 4999 bis zn 6999 M. 3 Proz., von 6999 bis zu 19 999 M. 4 Proz., von 19 999 bis zu 39 999 M. 5 Proz., von 39 999 bis zu 69 999 M. 6 Proz., von 69 999 bis zu 499 999 M. 7>/z Proz., über 499999 M. 9 Proz. Zu dem nach diesen Sätzen berechneten Betrage werden so viel Prozente des Betrages als Zuschlag erhoben, wie der Wertzuwachs Prozente des AnschaffungswerteS beträgt. Hierbei wird nur nach ganzen Prozenten gerechnet. Außerdem wurden Zuschläge in Höhe von einem Viertel bei einer Besitzdauer von zehn bis fünf Jahren, von weniger als fünf Jahren in Höhe der Hälfte und von weniger als drei Jahren in voller Höhe der Steuer erhoben. Unternehmer, die Baustellen angekauft und darauf Häuser errichtet haben, zahlen bei einer Besitzdauer unter drei Jahren nur die Hälfte des Zuschlages, wenn der Zuwachs unter 15 999 M. zurückbleibt. Bei Tauschgeschästen wird die Steuer für jedes Grundstück besonder? erhoben. Auch beim Uebergang an Gesellschafter, wenn eine Auflassung nicht erfolgt, wird die Steuer erhoben. Steuerpflichtig ist der Veraußerer, im Falle der Zwangs- Versteigerung der bisherige Eigentümer.— Befteit sind: der König, die Königin und die königlichen Witwen; der Fiskus des Deutschen Reiches und des preußischen Staates und alle öffentlichen Anstalten und Kassen, die für diese verwaltet werden. Die Zuwachssteuer wird nicht erhoben bei Erbschaften und Enteignungen des FiSkuS. Sie soll mit dem Tage in Kraft treten, der aus die Veröffentlichung der Steuer im Geinemdeblatt folgt. Wie man sieht, ist die neue Wertzuwachssteuerordnung so milde und im Vergleich zu der Magistratsvorlage vor drei Jahren so ver« wässert, daß sie niemandem ernstlich wehe tut. Uever zwecklose Buddeleie» werden in den Grundbesitzer- und Bezirksvereinen lebhafte Klagen geführt. Sobald irgend eine Erd- arbeit vollendet und das Pflaster wieder verlegt ist, kommt eine andere Verwaltung und reißt alles wieder von neuem auf. Der Stadtverwaltung ist jetzt in einer Eingabe davon Kenntnis gegeben worden mit der Bitte dafür zu sorgen, daß die betreffenden Ver- waltungen miteinander Hand in Hand arbeiten. Das erfordere der Verkehr und nicht zuletzt auch die Kostenfrage. Wir möchten hierzu bemerken, daß eine Besttmmung besteht, nach der bei Inangriffnahme von Erdarbeiten die verschiedenen Ver- walwngen sich verständigen sollen, daS soll auch mit der Postbehörde und mit den elektrischen Werken, die Kabel legen, geschehen. Nur scheint nicht danach verfahren zu werden. MagistratSoffiziSse Darstellung der Zustände im städtischen Obdach. Der Bericht de» Magistrats über die Verhältnisse im städtischen Ob» dach enthält u. a. folgenden Satz: .Auch die Behauptung deS Artikels(„Zeit am Montag"), daß in den Sälen der Jugendlichen Doppelpritschen vorhanden seien, die zu einer unsittlichen Annäherung herausfordern, ist falsch." Demgegenüber sei doch hier ausdrücklich angenagelt, daß dieser Satz zur Irreführung der öffentlichen Meinung direkt konstruiert ist. Unter Doppelpritschen sind nicht etwa Pritschen zu verstehen, von denen jede einzelne für zwei Personen bestimmt ist, sondern zwei einzelne Pritschen, die dicht aneinandergefchoben sind und erst nach je zwei solcher Pritschen ein schmaler Zwischengang kommt, im Gegensatz zu dem Vereinsasyl in der Wiesenstratze, wo jede einzelne Pritsche von der anderen durch einen Zwischen» räum von einem halben Meter getrennt ist. In den Sälen des Obdachs sind nun teilweise diese Doppel- Pritschen(also zwei Pritschen und dann erst ein Zwischenraum) vor- Händen, nur in den Sälen der Jugendlichen nicht. Hier fällt auch dieser Zwischenraum nach je zwei Pritschen fort und rechts und links im Saal steht Pritsche dicht au Pritsche. Hieraus macht der offiziöse Bericht: „ES ist falsch, daß Doppelpritschen vorhanden wären, die zu einer unsittlichen Annäherung herausfordern". Nein I Nicht die„Doppelpritschen", sondern die 49 und mehr hart aneinander stehenden Pritschen, die so schmal sind, daß die Körper sich bei der geringsten Bewegung berühren, fordern alle- samt zu unsittlicher Annäherung heraus. ES ist also viel schlimmer. Im übrigen sei erwähnt, daß im Mittelgang quer, d. h. der Länge nach, auch diese abgestrittenen»Doppelprttschen" vorhanden sind. Es ist ganz gewiß nicht zu bestreiten, daß an Orten, wo zahl- reiche männliche Personen zusammen untergebracht loerden, sich auch Päderasten befinde» und daß da Unsittlichkeiten sich nie ganz ver- meiden lassen werden. Aber eine ihrer Aufgabe bewußte Verwaltung hat die Pflicht, nach Möglichkeit Maßregeln zu schaffen. Und das ist zurzeit im städtischen Obdach nicht geschehen, im Gegenteil wird durch eine wie oben charakterisierte Berichterstattung die Sachlage vollkommen einstellt und gefälscht. Eine neuere Darstellung locndet sich gegen die Herrn Fischbeck offenbar recht unbequeme Verkleidungsszene, die in der Sitzung deS Obdachkuratorinms mit dem„schwulen Peter" aufgeführt wurde. Darin heißt eS unter anderem:„Wenn behauptet wird, daß der Barsitzende der Deputation absichtlich den„Peter" vorher habe ver- kleiden lassen, um einen entsprechenden Eindruck auf die Deputations» Mitglieder hervorzurufen, so widerspricht diese Behauptung den Tat- fachen. Als„Peter", gegen den bekanntlich ans Grund der Arttkel deS Montagblattes ein Verfahren wegen Päderastie eingeleitet war, ans der Haft in das Obdach zurückkehrte, wurde ihm energisch auf- gegeben, sich um Arbeit zu bemühen. Der Jugendpfleger des Asyls stellte ihm seine Beihilfe hierbei zur Verfügung und der Ober- inspektor des Obdachs schenkte dem„Peter" aus abgelegten KleidungL- stücken, welche von Wohltätern der Verwaltung zur Verfügung gestellt waren, ein Jacket. Der Vorsitzende der Deputation hat den„Peter" niemals in einer anderen Kleidung gesehen, als derjenigen, in welcher er vor der Deputation erschien." Damit wird in keiner Weise unsere Darstellung von der Szene im Obdachkurntorium irgendwie beeinträchtigt. Zeuge gesucht. Der Herr ini Pelerineiimantel, welcher am 3. September 1999, nachinillagS, Lychener Str. 21, das totgefahrene Kind zuerst aufhob, wolle feine Adresse bei den Eltern Heisig, Schivelbeiner Sir. ö, abgeben. Attentate diteS Krankenwärters. Eine Lverraschsnde Aufklärung hat nach der.Morgcnpost" eine Reihe von SiitlichkeitSattentaten ge- funden, die in letzter Zeit in der Nähe des Sanatoriums Birken- Hagen in Lichtenrade verübt worden waren. Dort wurden wiederholt Mädchen und Wärterinnen des Sanatoriums, die in später Abendstunde allein heimkehrten, von einem Manne überfallen. Auch am Freitagabend wurde ein solches Nitentat an einer Pflegerin der Anstalt begangen. Die Angegriffene setzte sich jedoch energisch zur Wehr und erkannte während des heftigen Ringens, das sich gioischen ihnen abspielte, in dem gefährlichen Burschen— den Stations Wärter Folge des Sanatoriums Auf ihre Anzeige wurde F. vorgestern verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis Moabit eingeliefert. Ein schwerer Bammfall hat sich am Gonnabendvormittag au einem Neubau Ecke der Grünthaler und Bornholmer Straße zu- getragen. Der Llljährige Maurer Hermann Siebert aus der Breite- slraße 231 in Bernau arbeitete dort, auf einem Gerüst stehend, in der Höhe der dritten Etage. Als er einem Steinträger, der eine Last nach dem vierten Stockwerk bringen wollte, auswich, verlor er das Gleichgewicht und stürzte kopfüber in die Tiefe, wo er blut- überströmt und besinnungslos liegen blieb. Der Verunglückte wurde von Arbeitskollegen nach der Unfallstation in der Badstraße gebracht, wo Beckenbruch, schwere innere Verletzungen sowie eine klaffende Kopfwunde festgestellt wurden. Nach Anlegung von Notverbände» wurde der Schwerverletzte nach dem Nudolf-Virchow-Krankenhause übergeführt. Der Stellvertreter fürs Gefängnis. Eine böse Geschichte hat sich der 26 jährige Kutscher Max B.. KöSliner Straße 18 eingebrockt. Vor einiger Zeil war B. stellungslos und da alle seine Bemühungen, wieder Arbeil zu bekommen, fruchtlos blieben, mußte er schließlich Not leiden. Da trat die Versuchung in Gestalt des 29 jährigen Bier- fahrerS Karl N. an ihn heran. R. hatte eine Gefängnisstrafe in Tegel zu verbüßen, wozu er aber keine große Lust zu haben schien. Er versprach dem B. 80 M., wenn er für ihn die Strafe absitzen werde. In seiner Notlage ließ sich denn auch B. dazu überreden. Er stellte sich als Runge der Strafbebörde zur Verfügung und saß die Strafe auch ab, ohne daß der Schwindel entdeckt wurde. Die Protokolle und anderen amtlichen Papiere unterschrieb B. mit dem Namen des Runge und machte sich dadurch schwerer llrkuiiden- fälschungen schuldig. Als er dann wieder das Gefängnis verließ und von R. die sauer verdienten 30 M. abholen wollte, war dieser spurlos verschwunden. Er ließ niemals etwas von sich hören. Gestern erzählte nun B. einem Feind des R. die ganze Geschichte, und dieser hatte nichts Eiligeres zu tun. als die Sache der Behörde zu melden. Für die beiden Beteiligten wird die Vertretung im Ge- sängms noch recht böse Folgen haben. Ein Slraßcnliahnuiifall ereignete sich in der verflossenen Nacht kn der Müllerstraße. Vor dem Hause 160 versuchte dort der an- getrunkene Arbeiter Gerhard Gebauer auS der Jnstusstr. 60 in Reinickendorf das GleiS der Straßenbahn zu überschreiten, wurde jedoch von dem Straßenbahnwagen der Linie 68 erfaßt und um- gestoßen. Gebauer erlitt eine Gehirnerschütterung und blutende Wunden an der Stirn und an der Rase. Der Vernnglückte erhielt auf der Unfallstation in der Lindower Slraße Notverbände und wurde dann nach der kgl. Klinik in der Ziegelstraße übergeführt. Der bekannte Kautionsschwindler Albert Rothe aus der Grün- thalerstratze 46 wurde am Sonnabendmorgen tn einer Schankwirt- fchaft verschoftet. An der Tür seines Geschäfte« und aus dem Haus- flur zeigten Schilder die Inschrift: En gros Tütenhandlung. Roche hatte 10 Mädchen als Türenkleberinnen angenommen, sie aber nie bezahlt. Er benutzte die Mädchen, um seinen Kunden, die er durch Inserate anlockte, Sand in die Äugen zu streuen. Vornehmlich suchte er. wie wir schon berichteten, Leute für seine Zweiggeschäfte und nahm ihnen Kautionen von 100 bis 600 M. ab. Natürlich war es ihm nur um das Geld zu tun. Denn Zweiggeschäfte bestanden überhaupt nicht und die Stellungen konnten auch nicht besetzt werden. Auch die Tütenkleberinnen waren ohne Beschäftigung. Der Engros- Handel wurde polizeilich geschlossen. Mit RenntipS und Lotterielosen arbeitete eine Schwindlerin, die vorgestern von der Kriminalpolizei festgenommen wurde. Eine aus Zoppot gebürtige frühere Krankenschwester Marie Bohnke trieb bor längerer Zeit einen plumpen Schwindel. Sie näherte sich Kindermädchen im Tiergarten oder im Friedrichshain und wußte viel von hohen Gewinnen zu erzählen, die sie durch Wetten aus Rennplätzen gemacht habe. Sie besitzt auch jetzt wieder Tips, die todsicher zu Gewinnen führen müßten. Damtt wurden die leichtgläubigen Mädchen betört und sie ließen sich beschwatzen. zum Abschluß von Wetten ihr Geld herzugeben. Die Schwindlerin nahm soviel sie kriegen konnte und ließ sich nicht wieder iehen. In der angegebenen Wohnung wurde sie natürlich vergeblich gesucht. Nachdem Marie Bohnke inzwischen eine längere Freiheitsstrafe ver- büßt Halle, nahm sie den alten Schwindel in neuer Auflage auf. Jetzt teilte sie ihre Erlebnisse aus ihrem Krankenpflegerin- beruf«lit, und zrigle auch eine Photographie, die sie als Schwester vom Roten Kreuz darstelll. Zwischen durch pries sie dann Lotterielose an, die � unbedingt gewinnen müßten und erschwindelle dadurch Beträge von je 6 bis zu 10 M., die sie zum Ankauf von Losen benutzen wollte. Sie wußte aber auch noch in anderer Weise Rat. Als ein Mädchen, das in sich ein großes schauspielerisches Talent zu haben glaubte, klagte, daß ihm die Mittel zur Ausbildung fehlten, nahm Marie Bohnke dem armen Opfer die goldene Uhr ab unter dem Vorgeben, durch Verkauf das Geld für die Ausbildung zu beschaffen. Vorgestern wurde sie endlich unschädlich gemach:. Die betrogenen Mädchen, die noch keine Anzeige erstattet haben, können sich im Zimmer 188 bei der Krimiiialpolizei melden. Einen Selbstmordversuch am Grabe deS Gatten verübte am Somttag die 28jährjge Frau Grunath aus der Kottbuferstratze. Sie Halle die Grabstätte lbres Manne« besucht, der vor wenigen Wochen auf dein Kirchhos am Mariendorferweg bestattet worden war, und schoß sich hier vor den Augen zahlreicher Personen aus einem sechs- läufigen Revolver eine Kugel in die Brust. Die Schwerverletzte wurde nach dem Rixdorfer Krankenhause geschafft, wo sie in sehr bedenklichem Zustande daniederliegt. Frau G. hat die Tat offenbar in einem Anfalle von Schwermut verübt. Mißstände bei Abholung gefallener Pferde. Der Magistrat teilt mit: In der Tagespresse wurde neulich eine Beschwerde der Berliner Fuhrherren-Jnnimg über Mißstände bei der Abholung ge- faHencr Pferde erörtert. Es war dabei auf einen Fall hingewiesen. bei dem angeblich aus Ziiständigkeilsstreitigkeiten ei» in der Kaiserin- Augusta-Allee erkranktes Pferd 6 Stunden lang auf Hilfe warten mußte. Es sei darauf hingewiesen, daß für die Stadt Berlin keine Möglichkeit vorgelegen hat. im vorliegende» Falle Hilfe zu sckiaffe». Der Unglücksfall hatte sich aus Charlottenburger Gebiet ereignet, es war also Sache Charloneribiirgs, für die Fortschaffung zu sorgen. Die Stadtgeineinde Berlin ist»ach dem Ortsstalut von 1903 verpflichtet, die innerhalb des Weichbildes der Stadt verunglückten Tiere entweder nach dem Stall de« Besitzers oder nach der Tierärztliche» Hochschule schaffen zu lassen. Bei richllger Inanspruchnahme der Charlottenburger OrtSbehvrde wäre auch wohl die Verzögerung vermieden worden. Endlich sei noch bemerkt, daß der zuerst zu Hilfe gerufene Roßschlächter aus der Berliner Orts- Polizeiverordnung keinen Grund herleiten konnte, den Transport des erkrankten Pferdes zu verweigern."— Diese Erklärung bestätigt im wesentlichen nur die unhaltbaren Zustände, die auch ans diesem Ge« bicle durch die Zcrllüstung Groß-BerlinS in zahlreiche Kommunen in Erscheinung tritt. Rrvolutwnäre Dichtung. Unter diesem Titel begeht am nächsten Sonntag im großen Saale des Gewerkschaftshauses die Ortsgruppe Berlin de« Arbeiter- AbstineirtenbundeS ihre März fei er. Den einleitenden Vortrag hält Genosse S. K a tz e n st e i n; die künst- lensche Leitung liegt in den Händen des Genosten Kestenberg. Es wirken außerdem noch mit: Ed. v. W i n t e r st e i n und Wally Kussel(Rezitation), Kammersänger Ferd. K a l l w e i t(Tenor), Käthe V ö l k e r l i n g(Sopran). Der Eintrittspreis beträgt nur 26 Pf. BillettS sind, da Abendkasse nicht stattfindet, nur bei den Mitgliedern W. Pielcke, NW., Luisenstr. 18, E. Geisler. N., Kugler- straße 41, R. Adam, 3., Admiralstc. 17 und I. Michaelis, 30., Engelufer 19. zu haben. Deutscher Arbeiter-Sängerbmid(Gau Berlin). Vereinigt haben sich in der Schönhauser Vorstadt die Vereine Freier Mannerchor. Nord, Rote Nelke und Zimmerer. Nebungsstunde Freitag Brauerei Bötzow am Prenzlauer Tor. Im Osten: Olympia und Kürschner unter dem Namen Olympia. Donnerstag bei Zimmermann, Grüner Weg 29. Im Süd-Often: Norddeutsche Schleife und Union unter dem Namen Sängernbteilnng I Süd-Ost(Gau Berlin) Donnerstag Oranienstr. 180 bei Würsten. Die beiden Gewerkschnftsvereine Isolierer und Steinholzleger und die Maurer unter dem Namen Gesangverein der Maurer. Uebungsstunde Donnerstag Alte Schön- hauserstr. 20. Vereinen, sowie Freunden deS freien LiedeS machen wir be- sonders auf die zusammengeschlossenen Chöre aufmerksam. Die öffentliche Versammlung deS Berliner ArbciterfchachklubS am Sonnabend im Gewerkschaftshause, halte sich eines außerordentlich narken Besuches zu erfreuen. Der Vortrag des Schachmeisters S. Alapin über„Arbeiter und Schachspiel" wurde mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Eine Diskuisio» über den Vortrag selbst wurde nicht beliebt. Es meldeten sich aber einige Parteigenosse» (Nichtmitglieder) zum Wort, um auszuführen, daß es wünschenswert wäre, wenn der Berein auch in den Stadtteilen, wo bisher noch keine Abteilungen existieren, solche ins Leben rufen würde. Ilm den interessierten Parleigenossen die Möglichkeit zu geben, sofort beim Zusammenschluß zu einer Spielabieilung die Spielutensilien in Empfaiig nehmen zu können, natürlich unenigelilich, sei mitgeteilt, daß die Adresse des Vorsitzenden Robert Oehlschläger, Berlin N. 65, Hochstädterstraße 10 ist. Verschiedene Redner forderten alle organi- sierien Arbeiter, welche noch in bürgerlichen Klubs herumduseln, auf, diese sogenannten besseren Kreise doch endlich einnial unter sich zu lassen, dort auszuscheiden und sich der Arbeiterschachbewegung anzu- schließen. Vorort- JVadrncbten. Die Gemeindewahlbewegung. Groß-Lichterfelde. Die Arbeiterschaft unseres Ortes sei daraus aufmerksam gemacht, daß die Gemeindewahl im östlichen Bezirk morgen Mittwoch, den 2. März, von 3 bis 8 U b r nachmittags im Heimigschen Lokal, Jungfernstieg 6(Ostbohnhof) stattfindet. Jeder Wähler hat die Pflicht, sein einziges Recht in der Gemeinde, das Stimmrecht auszuüben. Die Vertretung der Arbeiterschaft, der großen Mehrzahl de« Volkes, auf dem Nothause ist gerade in Gcoß-Lichterfelde ein Gebot der Notwendig- k e i t, eine unabweisbare Forderung im Interesse des kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Fort- s ch r i t t e s in der Gemeinde. Die vereinigten bürgerlichen Parteien haben als Kandidaten einen Feind der klassenbewußten Arbeiterschaft, einen Gegner deS allgemeinen, gleicben, geheimen und direkten Wahlrechts, einen Gegner der Verbesserung des Wahlrechts in der Gemeinde, in der Person eines konservativen Schmiedemeisters auf den Schild erhoben. Sie suchen mit allen Kräften und allen Mitteln den Sieg zu erringen. Nmsomehr ist e« Pflicht der Arbeiterschaft, ausnahmslos am Wahltisch zu erscheinen und dem sozialdemokratischen Kandidaten, Zeitungsexpedienten Kaspar Wenzel, Krumme Str. 2. ihre Stimme zu geben. Die Parteigenossen auch de« Westbezirkes fordern wir auf, sich dem Wahlbureau zur Hilfeleistung bei der Wahl zur Verfügung zu stellen. Treptow- vaumschulentveg! Auf zur Gemeindewahl! Heute von 1— 7 Uhr nachmittags finden die Gemeindewahlen für die dritte Abteilung statt. ES ist Ehrenpflicht aller Arbeiter und Genossen, nicht nur selbst am Wahltisch zu erscheinen, sondern auch die Säumigen heranzuholen. Die Gegner haben bisher mit Hoch- druck gearbeitet, um ihren Kandidaten zum Siege zu verhelfen. Tut jeder Streiter für unsere Ideen seine Pflicht, so ist der Sieg unser.— Erwähnt sei noch, daß sich das Schlepperlokal bei Schneider(Speers Stehbierhalle) befindet. - Stralau. Die Gemeindevertreterwahlen finden am Donner«» tag, den 3. März, nachmittags von 4 bis 6'/« Uhr, im Restaurant.Storchnest", Alt- Stralau 16. statt. Die dritte Klasse wählt von 4 bis 7>/z Uhr. Die Genossen werden ersucht, sich pünlt- lich um 4 Uhr dort einzufinden. Kandidat der Sozialdemokratie ist: Schlosser Ernst Weisel. Markgrasendamm 13.— Außerdem findet am Mittwoch, den 2. März, abend« 3>/, Uhr, eine öffentliche Wählcrveriamnilung im Lokal.Alte Taverne", Alt- Stralau 26, statt. Tagesordnung: 1. Vortrag deS Gemeindevertreters Genossen G r u n o w- Oberschöneweide über:«Die Sozialdemokratie in der Kommune". Sodann Ansprache de« Kandidaten Genossen Ernst Wessel. 2. Diskussion.— Die Genossen werden eriucht, für diese Versammlung sowie für unseren Kandidaten rege zu agitieren. Pankow. Je näher die Gemeindewahlen heran- rücken, um so eindringlicher beginnen unsere Bürgerlichen sich gegenseitig zum Zusammenhalten gegen den gemeinsamen Feind, die Sozialdemokratie, zu ermahnen. Allerdings haben fie das zur« zeit auch nötig. Bekanntlich sind eö nicht weniger als ein volles Dutzend bürgerlicher Vereine und Vereinchen, welche wie in früheren Jahren so auch jetzt wieder unter Führung de« RcichSverbandeS für die kommenden Gcmeindewahlen so eine Art.nationaler Schutz- garde" gegen den Umsturz in Pankow gebildet haben. Da ist es nun ergötzlich, mit anzusehen, ivie in all diesen Bereinen und Konventikelchen eine solenne Balgerei um die Kan- didaten entbrannt ist. vor allem für die erste und zweite Wählerabteilung, die ja infolge der elenden Dreiklassenwahl auch in den Gemeinden für unsere Partei nicht in Frage kommt. Ein jeder der beteiligten Vereine glaubt Anspruch auf einen oder mehrere Kandidaten zu haben und so ergeben sich denn recht amüsante Zwischenfälle, die hier und da schon zu „Kabinettskrisen" in den einzelnen Vereinen wie auch zu Zerwürfnissen zwischen den.Verbündeten" geführt haben. Diese Rauferei um die Kandidaten veranlaßte dieser Tage das hiesige.Pankower Tage- blatt" die Bürgerlichen anzuflennen, doch ja recht bald wieder einig zu sein, um nicht.die Stoßkraft gegen die Sozialdemokratie zu schwächen". Offenbar befürchtet dieses Blättchen, daß diese Zwistig- leiten auch von schädlichem Einfluß auf die im Augenblick noch vorhandene Einigkeit der Bürgerlichen in der Durchführung der Wahlen in der dritten Abteilung sein oder werden könnten. Ist doch der sattsam bekannte Reichsverband auf die zu spendenden Wahlmittel der erwähnten Vereine bei der Durchführung.nationaler Wahlen" in der dritten Abteilung angewiesen. Für unsere Partei könnte diese an sich begreifliche Balgerei der Bürgerlichen um die Kandidaten gleichgültig sein, wenn fie nicht bei einem Teil unserer Genossen den Glauben zu erwecken geeignet wäre, als ob wir da- durch bei den Wahlen einen leichteren Stand hätten. Dem ist nicht so. Unsere Position ist— namentlich im ersten Wahlbezirk— durchaus keine leichte, wie die vorjährigen Wahlen gezeigt haben. Bt» zu dm Wahlen wird auch der bürgerliche Friede in Pankow wiederhergestellt fein, und es wird der ganzen Kraft und des intensivsten Fleißes unserer Genossen bedürfen, wenn fie bei den Wahlen am 16. und 17. März d. I. Sieger sein wollen. Rixdorf. Warnung vor Schwindlem. Ein Dutzend solcher Frauen, die leichtgläubig Bestellscheine unlerschreiben, hat ein Geschäftsreisender aus Frankfurt a. M., der für die Firma Max Halbreich angestellt sein will, zu Kaufabschlüssen bewogen. Alle zwölf Frauen sind Hebammen aus Nixdorf, bei denen der Reisende Hemden und Bein« kleider für 3 M. das Stück zum Kauf anbot. Da die Sachen nach der vorgelegte» Probe billig erschienen, füllten die Hebammen den Bestellschein ohne Bedenken aus. Nun enthält aber der Bestellschein die Bezeichnung M. 9,—, die der.gewandte" Reisende als Fasson- marke erklärte, oder bei der Unterschrift der Frauen mit dem Finger zudeckte. Später ging den Frauen die Rechnung über je 9 M. zu. Die Frauen haben bisher keine Zahlung geleistet. Wenn sie»ach- zuweisen imstande sind, daß sie durch die Angabe eines billigeren Preises zum Kaufe bewogen wurden, ist es möglich, daß sie zur Zahlung nicht herangezogen werden. Dieser Nacbweis ist aber immer sehr schwer zu erbringen, und es dürfte die Warnung am Platze sein, nichts zu unterschreiben, ohne alles genau vorher durchgelesen zu haben. Ein Bild grenzenlosen EleudS bot gestern der 27 jährige HauS- diener Joseph Boxler. Auf dem Hauptpostamt brach B. ohnmächtig zusammen und als er wieder zu sich kam, konnte er nur das Wort .Hunger" lallen. Ein Schutzmann brachte den Besinnungslosen nach dem dritten Polizeirevier, wo er nach und nach wieder zu sich kam. Man gab ihm zu essen und zu trinken und B. konnte nun angeben, daß er seit einigen Tagen hungernd umhergeirrt sei. Er war längere Zeit stellungslos und hatte einige Zeit in der Herberge Zu» flucht gesucht. Steglitz. In der lebten Gemeindevertretersttzung wurden endlich die zum dritten Male vollzogenen Wahlen von zwei Ersatzmännern zur 2. Klasse für gültig erklärt, nachdem ein abermaliger Protest des Gemeindevertreters Radtke als unzutreffend abgewiesen worden war. Bon den übrigen Verhandlungen ist nur noch erwähnenS» wert die Antwort des Ministers de« Innern auf eine wiederholte Eingabe unserer Gemeindevertretung wegen Ver- leihung des StadtrechteS an Steglitz. Der Minister kann die Berechtigung des Wunsches unserer Gemeinde auf Stadt- werdung nicht bestreiten, ist aber der Meinung, daß damit� das Ausscheiden aus dem Kreise Teltow zur Notwendigkeit würde. Hierdurch würde aber eine Enklavierung unserer Nachbargemeinde Friedenau, die dann als verhältnismäßig kleine Landgemeinde rings von Stadtgemeinden eingeschlossen sei, herbeigeführt. Tics sei"ein unmöglicher Zustand. Die Gemeinde Steglitz müsse des- halb zunächst versuchen, die Nachbargemeinde zur Auflösung und nachherigem Anschluß an eine Nachbarstadt zu bewegen. Unter diesen Umständen dürfte es mit der Stadtwerdung noch gute Welle haben, da sich Friedenau bisher einem derartigen Ansinnen gegen, über ablehnend verhalten hat. Treptow-Baumschuleuweg. Durch Messerstiche tödlich verletzt wurde Sonntag früh 8 Uhr in der Elsenstraße der Tischler Otto Müller, Beermannstr. 4 wohn- hast. Müller halte mit noch mehreren Bekannten in der Nacht zum Sonntag in einem Familienrestaurant in der Beermannstraße an einem Bockbierfeste teilgenommen. Nachts um 2 Uhr betraten sieben junge Leute das Lokal und fingen laut an zu fingen, so daß stch die Gäste belästig, fühlten. Der Wirt verwre« deshalb den jungen Leuten das Lokal, wobei Müller ewe Bemerkung machte. Hieraus wurde er von einem der jungen Leute aufgefordert, hinaus- zukommen. Er leistete der Aufforderung auch Folge, wurde aber noch von einigen Bekannten begleitet, welche mit ihm bi« zum Eisenbahnübergang in der Elsenstraße gingen. Der Aufforderung seiner Bekannten, jetzt zurückzukommen, kam Müller nicht nach. Kurz vor der Kiefholzstraße wurde M. von einem der jungen Burschen durch Stiche mit einem Messer an der linken Seite des Kopse«. am rechten Oberarm und durch einen Stich in der linken Brust- seite tödlich verletzt. Aus daS Hilfegeschrei eilten seine Freunde zurück, beförderten ihn nach seiner Wohnung und sorgten für ärztliche Hilfe. Auf Anordnung des Arztes wurde Müller mittags nach dem Britzer KreiSkrankenhau« gebracht, wo er. ohne die Besinnung wiedererlangt zu haben, starb. Müller hinterläßt eine Frau und zwei Kinder im Alter von neun Monaten und drei Jahren. Fünf der jungen Burschen wurden im Laufe de» TageS verhaftet. Mahlsdorf a. d. Ostbahn. AuS der Gemeindevertretung. Die letzte Sitzung Halle stch mit zwei für die Gemeinde außerordentlich wichtigen Angelegen- heiten: dem HaushaltS-Boranschlage für 1910 und der Errichtung eineS Gemeindeverwaltungsgebäudes zu beschäftigen. Der vom Gemeindevorsteher unterbreitete Etatsvoranschlag schließt mit einem Mehr von 19 486 M. gegen den deS JahreS 1909 ab. Bei Begründung des Voranschlages wendete sich der Gemeindevorsteher zunächst gegen die Ausführungen, welche in der Versammlung eines hiesigen Jnteressentenvereins von einem Herrn T a m m e r gemacht worden sind dahingehend, daß die derzeitige Gemeinde- Verwaltung ihren Aufgaben in keiner Weise gewachsen, ja unfähig sei, die Geschicke der Gemeinde zu lenken usw. Der Gemeinde» Vorsteher bezeichnete schließlich die»von Sachkenntnis nicht ge« trübte" Art des Vorgehens des Herrn Tammer als Stimmungs« mache für die bevorstehenden Wahlen zur Gemeindevertretung.— Tammer ist. nebenbei bemerkt, Kandidat zur Gemeindevertretung. In der Generaldebatte zum Etalsentwurf wendete sich der Redner unserer Partei zunächst gegen die Einberufung der Sitzungen um 5 Uhr, die eS den Mitgliedern unserer Gruppe vielfach unmöglich mache, rechtzeitig zur Sitzung zu erscheinen. Bei Behandlung der einzelnen Etatspositionen trat unser Vertreter für eine Erhöhung der Gehälter der niedrigst besoldeten Angestellten— Bureauassistent, Nachtwächter usw.— ein. Redner bemängelte sodann daS Fehlen einer Spezialisierung des SchuletatS. befürwortet die An- stellung einer Gemeindckrankenpflegerin mit der Bedingung, daß keine irgendeinem religiösen Orden oder christlichen Krankenpflege- verein angehörende Person, sondern eine von derartigen Einrich- tungen unabhängige Pflegerin angestellt wird. Redner plädiert werter für Einsetzung einer sogenannten GesundheitSkommission auS Gemeindevertretern unter Hinzuziehung des ArzteS sowie einiger Vertreter der weiblichen Gemeindeinsassen. Mit der Uebcr- nähme der Straßenreinigung und Müllabfuhr auf die Gemeinde unter entsprechender Beitragsleistung der HauS- und Grundbesitzer erklärten sich unsere Vertreter ebenfalls einverstanden. Nach einigen aufklärenden Ausführungen des Gemeindevorstehers wurde der Etat hierauf einer fünfgliedrigen Kommission überwiesen. Zur Frage der Entrichtung eines Gemeindeverwaltungsgebäudes, die seit mehr denn zwei Jahren den„Zankapfel" zwischen den hier am Orte bestehenden Jnteressentengruppen bildet, gab der Gemeinde- Vorsteher bekannt, daß der Gemeinde von einem Vermittler in letzter Stunde der Lcmkesche Gutshof zum Preise von 46 000 M., d. i. zirka 69 M. pro Quadratrute, angeboten worden sei. Zu be- merken ist hierbei, daß bereits in einer Sitzung im Jahre 1908 beschlossen worden war, auf einem der Gemeinde unentgeltlich zur Verfügung stehenden Platze daß neue Gemeindehaus zu errichten; die hierzu erforderlichen Mittel waren jedoch don der Gemeinde- Vertretung nachträglich abgelehnt worden. Nunmehr glaubten jene Kreise, denen das„Wohl" der Gemeinde über ihr eigenes geht, den geeigneten Zeitpunkt gekommen, der Gemeinde ein Pro- jekt aufzubürden, das ihr einschließlich Erwerb- und Umbaukosten rund 60 000 M. und in einigen Jahren weitere 100 000 M. Kosten verursachen würde. Unsere Vertreter wandten sich mit aller Schärfe gegen dieses, nur einer kleinen Gruppe von Interessenten vorteilhafte Projekt und wiesen speziell darauf hin. daß feie Ge- Melnde für die zum Erwerb und Umbau des Lemkefchen Gebäudes benötigte Summe bereits auf ihrem eigenen Grund und Boden ein den Anforderungen der Gemeinde auf Jahrzehnte genügendes Verwaltungsgebäude errichten könnte. Trotz warmer Befürwortung des der Gemeinde gemachten Angebots— über das' bereits lange vor Einreichung an die Gemeinde die Spatzen von den Dächern Pfiffen — durch einige bürgerliche Vertreter, wurde dasselbe schließlich riit ö gegen 6 Stimmen abgelehnt. Damit war den bekannten ..Drahtziehern" wieder einmal das Konzept verdorben und die Gemeinde vor einer Gefahr bewahrt worden. Weißensee. Der Wahlrechtsantrag unserer Genossen wurde bekanntlich in der vorletzten Gemeindevertretersitzung mit allen gegen die Stimmen unserer Genossen abgelehnt. Nachdem nun verschiedene Gemeinden im enlgegengesetzlen Sinne gehandelt haben, scheinen einige bürger- liche Gemeindcvertreter wohl erkannt zu haben, daß es falsch war, gegen einen solchen Antrag zu stimmen, denn es haben sich jetzt fünf Herren gefunden, die einen erneuten Wahlrechtsanlrag an den Gemeindevorstand eingereicht haben, der in der nächsten Sitzung besprochen werden soll. Der Gemeindevorsteher ist inzwischen vom Urlaub zurückgekehrt; es ist abzuwarten, ob er im Gegensatz zu seinem Stellvertreter. der bekanntlich eine- Besprechung nicht zulassen wollte, dem Willen des größten Teils der Bevölkerung Rechnung trägt. Mit dem Neubau der Pumpstation, der seiner Vollendung entgegengeht, beschäftigte sich die Gemeindevertretung in zwei Sitzungen. In der ersten Sitzung wurde stundenlang debattiert über die Architektonik des Baues. Baurat Bühring hatte einen Vorbau vorgesehen, der über den Bürgersteig hinweggehen, durch drei Pfeiler oerragen und io ein Stück Kolonnade bilden sollte. In Spießbürgerlreisen wurde es nun stark besprochen, daß die Gemeinde- Vertretung eine solche polizeuoidrige Bauart zugelassen habe; man verlangte sogar, daß der Borbau auf Kosten des Baurat? wieder abgerissen werden sollte. Da nun die Baufluchtlinie unter Zu- stimmung der Gemeindevertretung geändert werden sollte, hatte der anwesende Baurat den Nachweis zu führen, daß die von der Kom- Mission sowohl als auch von der Gemeindevertretung genehmigten Zeichnungen den Vorbau über die Straße enthalte. Einige Ge- ineindcvertreter wollen in der Zeichnung einen Vorbau gar nicht bcmerlt haben, andere wieder haben den Vorbau wohl vorgefunden, hatten aber nicht daran gedacht, daß derselbe über den Bürgersteig hinwegging. Ein Gemeindevertreter stellte sogar die Behauptung auf, daß das Bauamt die Flächen nicht richtig berechnet habe. Zum Schluß wurde beschlossen, daß zur nächsten Sitzung die Zeich- liungen nochmals vorgelegt werden. Und so geschah es; die Zeichnungen wurden vorgelegt und der Vorbau war auch auf derlelben enthalten. Die bürgerlichen Hauptwortführer gaben schließlich zu, daß in der Eile diesen Zeichnungen nicht die nötige Beachtung geschenkt worden sei. Aber Strafe nmß sein. Das Bauamt stellte erneut den Antrag, die Baufluchtlinie zu ändern, da das der einfachere Weg sei. Die Mehrheit der Vertretung lehnte den Antrag ab, es soll nun das Bauamt einen Dispens von der Regierung in Potsdam einholen, weil jeder andere Bauherr, wenn er von der Bauflucht abweicht, dasselbe tun muß. So endete ein Streit, der den rück- ständigen Spießern schlaflose Nächte bereitete und der ferner zeigte. daß überall da, wo der eingesessene Hausbesitzer die Macht hat, vom Fortschritt keine Spur vorhanden ist. An ihren eintönigen Klamotten- bauten finden sie Zuftiedenheit, der künstlerische Gedanke eines Architekten wird von diesen mit Vorrechten ausgestatteten Haus- paschaS niedergestimmt. Boxhagen» Rummelsdurg. Die Beerdig«,, de« Genossen Franz Galla findet heute Dienstag, nachmittags 2 Uhr, vom Trauerhause. Wllhlischstraße 33 aus aus dem Gemeindefriedhofe Boxhagen-Ruminelsburg statt. Die Genossinnen und Genossen wollen sich recht zahlreich einfinden, um dem verstorbenen Genossen die letzte Ehre zu erweisen. Stteder-Schönhausew. Die letzte Gemeinbevertretersttzvng fand bereits im Sitzungssaal d«S neuen Rathauses statt. Beschlossen wurde, die Umsatzsteuer für unbebaute Grundstücke wie in den übrigen Vor- ortgemeinden von iy> auf 2 Proz. zu erhöhen. Eine lange Debatte zeitigte ein Antrag des Unternehmers Joseph auf Anlegung mehre- rer Straßen und Einzeichnung einer neuen Straße in den Bebauungsplan. Das Gelände befindet sich an der Schloßallee, Straße lg und Blankenburger Straße. Die Baukommission hatte sich in mehreren Sitzungen mit diesem Projekt beschäftigt und schlug deshalb vor. dem Antrage stattzugeben, da das Terrain ein äußerst schwieriges sei; außerdem werde durch die Auflassung des Geländes der Engpaß in der Straße 19 beseitigt. Der Antrag wurde einstimmig angenommen. Das zur Vergrößerung des Wasserwerkes angekaufte Grundstück soll vorläufig auf b Jahre verpachtet werden; die Verpachtung soll öffentlich geschehen. Hierauf folgte eine nichtöffentliche Sitzung. Nowatves. Ein Bild der augenblicklichen KampfeSstimmung in der Wahlrechtsfrage bot eine öffentliche Versammlung, welche am Mittwoch im Siugerschcn Lokal abgehalten wurde und in welcher der Land- tagsabgeordnete Genosse Dr. Karl Liebknecht über das Thema: »Preußen-DeutschlandS polttische Lage" referierte. Schon lange vor Beginn der Versammlung war der geräumige Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. Um den immer aufs neue heranrückenden Schien Einlaß zu verschaffen, mußten Tische und Stühle entfernt werden. Zirka 2099 Personen. Männer und Frauen, nahmen stehend die Ausführungen des Referenten entgegen, der in großen Zügen die jeweilige Situation in Deutschland und�Preußen dar« legte. Scharf kennzeichnete Liebknecht die gegenwärtige Polizei- Herrschaft, durch die das nach gleichem Recht verlangende werk- tätige Volk eingeschüchtert werden soll. Doch eine Regierung, die sich nur noch durch Waffengewalt gegen die Volksempörung zu wehren weiß, treibe ein gefährliches und für sie selbst Verhängnis- volles Spiel. Durch eine solch« Gewalttaktik werde die Regierung auf das preußische Proletariat keinen Eindruck machen. Das Proletariat habe keine Zeit zu verlieren, der Kampf müsse auf der ganzen Linie aufgenommen werden, bis die preußische Junkerfeste und das elendeste aller Wahlrechte beseitigt und das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht erobert ist. Eine Diskussion wurde nicht beliebt. Der Vorsitzende, Genosse Krähnberg, forderte noch zum Beitritt in den Wahlverein auf und bezeichnete es als unerläßliche Pflicht eines jeden gewerk- schastlich organisierten Arbeiters, sich auch der politischen Organi- sation anzuschließen. Mit begeistcrungsvollem Hoch auf das freie Wahlrecht wurde die Versammlung geschlossen. I» der letzten unter Hinzuziehung der Gewerkschaftsvorstände stattgefundenen Sitzung des Gewerkschaftskortells betonten die Ver- treter der Töpfer, daß der Vorwurf, sie hätten bei der letzten Dautenkontrolle auf einem Bau bei offenem Fenster gearbeitet, unzutreffend sei. Dem Verlangen, diesen Vorwurf zurückzunehmen, wurde entsprochen. Aus dem vom Genossen B ö h l i n g- Berlin erstatteten Tätigkeitsbericht über das AuSkunftSbureau ist zu ent- nehmen, daß im Berichtsjahre in 228 Fällen des Versicherungs- Wesens und des bürgerlichen Rechts Auskunft erteilt worden ist. Hierauf referierte Genosse Gruhl über das Thema:.Gewerbegericht und Gewerbegerichtswahlen". Do boraussichtlich am 1. April dieses Jahres für Nowawes ein Gewerbegericht eingerichtet wird, wurde ersucht, in den Gewerkschaften für die Wahl rege zu agi- tieren._ Jugendveranstaltungcn. Lichtenberg- Friedrichsfelde. Jugendauischuß. Mittwochabend: aelliaer Abend im Lokal von Ertel, Pjgrrftr. 74. Die Jugend wird er- t. m zahlreich daran zu beteiligen. Gerichte-Zeitung. Ein Polizeistückchea. Die Verhaftung eines vermeintlichen Straßen- r ä u b e r S, der in Wirklichkeit nur ein harmloser Verliebter war, wurde gestern vor dem AmtSgericht Berlin-Wedding er- örtert. Die Affäre könnte Heiterkeit erwecken, wenn sie nicht für den davon Betroffenen, einem 20jährigen Arbeiter Kraft, sehr un« angenehme Folgen gehabt hätte. Seine Festnahme wurde von Beamten des Polizei- burausLuxeni burger Straße ausgeführt auf Grund der Anzeige einer Frau Arndt, in deren Tochter er verliebt war. Frau Arndt hatte am 10. Januar abends gegen 6 Uhr aus dem Bureau in großer Erregung gemeldet, daß Kräst soeben in der M ü l l e r st r a ß e ihrer Tochter eine Einholetasche entrissen habe. Daraufhin zog die Polizei gegen den.Straßen- räubcr" zu Felde und ging gegen ihn mit einem Eifer vor, der an Nachdrücklichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Zwar stellte sich schon nach dem ersten Verhör heraus, daß von Straßenraub keine Rede sein konnte und Kr. wurde am anderen Tage wieder entlassen. Er hatte aber in der Zeit, die zwischen seiner Festnahme aus der Straße und seiner Einlieferung nach dem Polizei- Präsidium lag, so erhebliche Verletzungen erlitten, daß der ihn vernehmende Kriminalkommissar seine Verwunderung äußerte. Und schließlich kam Kr. noch auf die A n k l a g e b a n k, weil er bei seiner Verhaftung den Beamten in rechtmäßiger Ausübung ihres Amtes Wider st and geleistet und einen davon tätlich angegriffen haben sollte. Der Angeklagte erzählte, wie er zum«Straßenräuber" ge- machr worden war. Am 10. Januar hatte er das 17 jährige Mädchen, dessen Mutter den Verkehr mit ihm nicht dulden wollte, zu seiner Freude in der Müllerstraße getroffen. Als sie ihm sagte. sie müsse einholen, fürchtete er, daß sie ihm davonlaufen wolle. Da ließ sie ihm die Tasche als Unterpfand dafür, daß sie wiederkommen werde. Unerwartet kam aber die Mutter dazwischen, ehe das Mädchen Gelegenheit fand, sich die Tasche zurückgeben zu lasse«. Es scheint nun, daß sie aus Furcht vor der Mutter die Angabe machte. Kr. habe ihr die Tasche weggenommen. Vom Polizeibnreau wurde dann der Kriminal- schutzmann Ködel nach ihm anSgesandt. Da es sich um einen „Straßenräuber" handelte, so nahm er zur Sicherheit den unifor- mierten Schutzmann Mahler mit. Sie fanden Kraft, wie er arglos mit der Einholetasche noch immer wartend vor dem Hause Müllerstr. 33 stand. Dort zeigte ihn Fr. Arndt den beiden Be- amten. Der Angeklagte schilderte auch, wie er jetzt verhaftet worden sei. Ködel habe ihn i m G e n i ck gepackt mit den Worten: „Hier bist Du ja, D u L u m p, D u S t r o l ch!" Kräit habe ge- sagt:„Was wollen Sie denn von mir? Ich bin doch kein Lump und kein Strolch!" Er habe weder Widerstand geleistet noch einen Angriff verflicht, nian habe ihn ja auch sofort geknebelt und ihn so» n t e r P ü f f e n und Stößen zur Wache gebracht. Auch auf der Wache sei er noch mehrfach geschlagen und be- schimpft worden. Die drei Schutzleute, die als Zeugen gegen ihn auf- treten, gaben eine andere Darstellung. Alle drei wurden erst nach ihrer Vernehmung zum Eid zugelassen. Kriminalschutzmann Ködel sagte aus, er sei eigentlich nur abgeschickt worden, um die Tasche wieder zu holen und zwar nötigenfalls auS Kräfte Wohnung. Zu diesem Zweck habe er auch eine eiligst ausgeschriebene Ladung mitgenommen. Er habe Kr. unter Vorzeigung seiner Erkennungsmarke aufgefordert, ibm zu folgen, aber Kr, habe die Tasche weggeworfen, habe„Lump" und„Strolch" geschimpft und sich geweigert, mit« zugehen. Mit Schutzmann MahlerS Hilfe habe Ködel ihn abgeführt, aber Kr. habe geschrien, so daß Publikum fich sammelte und die Beamten sich in Gefahr glaubten. Ködel habe daher seinen Revolver gezogen und mit ihm das Publikum zurückgehalten. Nur mit Gewalt habe man Kräst die Treppe zur Wache hinaufbringen können. Zeuge verneinte die Frage, ob er selber auf der Wache Kräst geschlagen habe. Auch be« stritt er, ihn bei der Festnahme„Lump" und„Strolch" geschimpft zu haben. Der Verteidiger. Rechtsanwalt Dr. Kurt R o s e n f e l d nötigte den Zeugen zu der Aussage, daß er, statt auf- tragsgemäß zunächst die Tasche abzufordern, sofort Kräst selber mitgenommen hatte. Ködel behauptete, die Abforderung der Tasche sei eine Aintshandlung, die er doch nicht auf der Straße ausführen könne. Aus des Verteidigers Frage, ob er gesehen habe, daß andere Be- amte Kräst schlugen, antwortete Ködel mit Nein. Schutzmann Mahler glaubte wahrgenommen zu haben, daß Kr. bei seiner Festnahme„etwas wegwarf",„Lump" und„Strolch" schimpfte und beim Transport zur Wache sich wehrte. Auch dieser Zeuge be- antwortete die Frage, ob er selber auf der Woche geschlagen habe, mit Nein. Auch habe er nicht gesehen, daß andere schlugen, er habe sich hingesetzt an den Tisch und sich nach gar nichts umgesehen." Bezüglich der Tasche, die nach Ködels Aussage„weggeworfen" worden sein sollte, wurde festgestellt, daß K. da« gar nicht gesehen, sondern„erst aus der Wache erfahren' hatte. Auch Mahler hatte ihm nicht gesagt, daß Kr.„etwas weggeworfen" habe. In Wirklich- keit hatte Kr. überhaupt nichts„weggeworfen", sondern die Tasche fallen lassen, als man ihn packle. Schutzmann Neumann griff auf der Straße erst später mit ein. Auch er versicherte, er habe auf der Wache nicht geschlagen und keinen schlagen ge- sehen. Er blieb auch dabei, als der Verteidiger hervorhob, daß gerade Neumann geschlagen haben solle. Mahler, dem der An geklagte dasselbe vorwarf, wurde gefragt, ob denn Kr. geblutet habe. Er antwortete„Ja", fügte aber hinzu, unterwegs habe da« Publikum mit«leinen geworfen. llebcr die Verletzungen Kräfts äußert sich ein S t t e st, das verlesen wurde. Es bescheinigt: aus dem Kopfe eine S Zentimeter lange bis zum Knochen reichende klaffende Wunde. eine Fünfmarkstiick-große, sehr schmerzhafte Schwellung mit Bluterguß in die Haut, eine etwa Dreimarkstllck-große geschwollene Stelle; an der Stirn eine Deimarlstück-große schmerzhafte Schwellung mit leichter tautabschllrfung; ferner eine sehr empfindliche Schwellung einer chuller und eine 8 Zentimeter lange Hautabschürfung an einem Schienbein. Den Aussagen der Schutzleute stellte der Verteidiger die AuS- sagen einiger Zivilpersonen, die die Verhaftung mit angesehen halten, gegenüber. Da bekundete eine Frau Olschefsli. ein Beamter habe Kräst am Kragen gepackt mit den Worten:„Da bist Du. Du Strolch. Du Lumpl' Kr. habe geantwortet: „Ich bin kein Strolch und kein Lump. Was wollen Sie von mir? Ich habe nichts getan." Eine Frau Krause sagte aus, Kr. sei ganz ruhig mitgegangen und habe unterwegs keinen Wider st and geleistet. Auch ein Fräulein Futterlieb ver- sicherte, ein Beamter in Zivil habe Kr. am Kragen gepackt und „Lump" und„Strolch" geschinipft. Ködel aber blieb dabei: „Ich habe nicht geschimpft." Der Staatsanwalt beantragte gegen Kräst 39 Mark Geld st rase, da alles erwiesen sei. Der Verteidiger forderte Freisprechung. In der Situation eines wartenden Verliebten werde Kr. schwerlich Lust gehabt haben, mit der Polizei anzublnden. Den Aussagen der Zivilpersonen sei mehr zu glauben als denen der Beamten, die aufgeregt waren und derb Zugriffen. weil sie sich auf Festnahme eiileS'„SlraßenräuberS" vorbereitet hatten. Beachtmig verdiene auch das Attest über die Verwundungen, die Kr. vor der Festnahme nicht gehabt habe. Zur Festnahme seien die Beamten weder beauftragt noch berechtigt gewesen, mithin liege nicht eine rechtmäßige AmtSausübung vor, und der Angeklagte sei schon aus diesen» Grunde freizusprechen. Das Gericht trat dieser Ansicht bei und erkannte schon deS- halb auf Freisprechung. Es durfte sich hiernach die Prüfimg der Frage ersparen, was von dem Gegensatz der Aussagen der Beamten zu denen der Zivilpersonen zu halten sei. In der Verhandlung hatte der Vorsitzende dem Angeklagten ge- raten, wegen der behaupteten Mißhandlungen doch Straf- antrag zu stellen. DaS ist schon geschehen, und die Staat»anwakt« schaft hat schon— abgelehnt. Die bekannte Rede des Genossen Liebknecht im Abgeordneten« hause, in der er Mängel der modernen Rechtsprechung geißelte und fehlerhafte Bestimmungen veralteter Gesetze kritisierte, hat äugen- scheinlich das Kammergericht arg verschnupft. Der Präsident de- ersten Strafsenats benutzte die Gelegenheit einer Urteilsbegründung, um dem Anwalt des Rechts eips auszu« wischen, der übrigens mit dem zur Verhandlung stehenden Prozesse nicht das Mindeste zu tun hatte und nicht anwesend war. Es hau- delte sich um die Frage der Gültigkeit einer Bestimmung einer Milchpolizeiverordnung der Stadt Königsberg i. Pr. Diese Bestimmung schreibt vor, daß die Zapfhähne von Milchkannen in be- stimmter Größe, in denen Milch auf Wagen ausgefahren wird, zu sichern sind durch einen Mctallverschluß, der nur zum Ablassen von Milch entfernt werden darf. Die Vorschrift sollte der Guts- und Molkereibesitzer Ufshausen übertreten haben, weil seine nach Königs- berg hineinfahrenden Kutscher Milchkannen ohne einen vorgeschrie- denen Verschluß auf ihren Wagen hatten. Das Landgericht in Königsberg hatte den Angeklagten verurteilt. Es hielt die Bestimmung für gültig, da sie dem Schutze der Gesundheit deS Publikums diente. Sie sei auch durchführbar. Der Angeklagte legte Revision ein und bestritt unter anderem die Gültigkeit der Vorschrift. Besonders macht er geltend, daß sie ganz unzweck- mäßig sei, was er näher ausführte. Das Kammergericht verwarf am Freitag die Revision. Senatspräsident Lindenberg führte aus: Die Verurteilung sei un- bedenklich. Die Bestimmung sei rechtsgültig. Der Angeklagte wende sich nur gegen die Zweckmäßigkeit. Diese habe aber der Richter nicht nachzuprüfen. Nun habe ein Abgeordneter im Landtage in Z�stündiaer Rede die Gerichte an« gegriffen, weil sie über die Zweckmäßigkeit nicht entschieden. Darauf könne nur erwidert werden, daß der Abgeordnete das Gesetz nicht kannte. Der 8 17 des Polizeiverwaltungsgesetzes bestimme: „Die Polizeirichter haben über alle Zuwiderhandlungen gegen poli- zciliche Vorschriften(§ B und 11) zu erkennen, und dabei nicht die Notwendigkeit oder Zweckmäßigkeit, sondern nur die gesetzliche Gül- tigkeit jener Vorschriften nach den Bestimmungen der§8 B, 11 und 1B dieses Gesetzes in Erwägung zu ziehen." ES sei unerfindlich, wie die Anwendung dieser Geictzesbcstimmung dem Richter An» griffe eintragen könne.— Natürlich geht diese scharf betonte Be» lehrung des Genossen Liebknecht fehl. Selbstverständlich kennt Lieb- knecht die Bestimmung. Nur Herr Lindenberg irrt sich. Die in Bezug genommenen Ausführungen Liebknechts richteten sich nicht gegen dis Richter, sondern gegen das Gesetz. Im übrigen aber verwechselt der Senatspräsident die mit Recht gegen das Kammergericht geübte Kritik auf einem anderen Gebiete mit diesem Punkt. Mit Recht ist im Landtag und häufig von unS rltend gemacht, daß die Praxis des KammergerichtS über N i ch t- eobachtung der Gesetze bei Urteilen über Verstöße gegen Anordnungen eines Schutzmannes den Schutzmann über das Gesetz stellt. Diese Majestät des Schutzmanns hat mit dem Milch. Verordnungsfall nicht das mindeste zu tun, sondern bezieht sich im wesentlichen auf Streikpostcnstehen. DaS Kammergericht hatte früher tn solchen Prozessen, in denen unter dem Vorwande, der öffentlichen Ruhe usw. zu dienen, die Ausübung deS KoalitionS- rechts gehindert wurde, freigesprochen. Seit wenigen Jahren hat unter dem Präsidium deS Senatspräsidenten Lindcnberg die«nt, gegengesetzte Praxi? Platz gegriffen. Nicht G�setzcsunkenntnis eines Anwalts, sondern irrig« Gesetzesauslegung des Kammergerichts, der eine Zeitlang der Kammergerichtsrat Havenstein mit Erfolg entgegentrat, sind hieran schuld. KammergerichtSrat Havenstein wurde hierauf gegen seinen Willen aus dem Strafsenat entfernt. Im GZrlltzer Stadthallenprozeß erklärte gegen Schluß der gestrigen Verhandlung, in der mehrere Sachverständige vernommen wurden, der Staatsanwalt, daß er die Anklage gegen den Bauführer Naumann nicht mehr austecht» erhalten könne. Die Verhandlung wird voraussichtlich noch einige Tage andauern._ Chef und Bureaufräulein. DaS Schwurgericht Hagen hat am 12. Oktober v. I. den Fabrikanten Paul Karthaus von der Anklage deS Versuches der gewaltsamen Vornahme unzüchtiger Handlungen freigesprochen, aber wegen tätlicher Beleidigung zu drei Monaten Gefängnis ver- urteilt. Die Kontoristin Auguste Sch., welche Strafantrag gestellt Angeklagten ist jetzt vom Reichsgericht als unbegründet verworfen» Briefkasten der Redaktion. Sl» w'IIttlch- OmMmM fiirttt«Inhtnft tage 8,»RtfUrt»»f. dritter Eingang, vier rre»i>e«,§feP~ Sahrftuhl U3 wochcutiigllch abendS von 7% 618 9V4 U»r statt,«eiilfnet 7 US». SonnadendS beginnt die Sprealtiunde um g Uhr. Jeder Anfrage ist«in Vnchflade und ein« Zahl als Merkzeiihrn»,I,usvgrn. vrtrfllche Antwort wird nicht ertcUt. Bis«nr Beantwortung t« vrteflaste» lSnnr» 1t Tage vergehen. Eilige Frage« trag» «a» ta der Ehrrchstunde»v«. A. B. ltz. Läuft Ihr Mictsvrrtrag bl» zum t. April, so können Sie auch bis dahin die Schlüssel behalten. Für den Fall sind Ele aber für etwaige, z. B. durch Schavhaltwerden der Rohre und Ventile verursachte Schäden verantwortlich.— W. B. 7. 1. und 2. In diesem Falle haften die Ellen, nicht. 8. Die Anzahlung kann vom Bruder, vertreten durch letnen Baler, zurückgefordert werden.— Käthe-Pirna. Ihre Braut kann Aussteuer fordern, sofern der Vater ohne Gefährdung feine» standcS« gemäßen Unterhalt» dazu Imstande ist und Ihre Braut nicht ein zur Be- schassung der Aussteuer ausreichende» Vermögen besitzt. Für den Fall einer Klage muß bei dem Amtsgericht, In dessen Bezirk Ihre Braut ihren Wohn- fitz hat, die Beftelluna eines Pflegers beantragt werden. Der Anspruch aus Gewährung der Aussteuer entsteht erst mit der Swgebung der Ehe. ES kann schon vorher geklagt werden, wenn der Vater seine Verpflichtung ausdrücklich bestreitet. Die Klage ist bei dem für den Wohnsitz des BaterS zuständigen Landgericht durch einen Anwalt zu erheben. Hat der Vater das abgehobene Geld verbraucht, so kann bei dem VormundlchastS« gericht Sicherstellung beantragt werden, lieber die Art der Sicherstclluitg entscheidet das VormundschastSgericht; möglicherweise würde da» Vormund» schastSgerlcht Herausgabe der Gegenstände und Hinterlegung deS Gelde» anordnen.— Eintracht, t. An da» Amtsgericht, in dessen Bezirk der Verein seinen Sitz hat. 2. Die Bedingungen sind in den Kss 58 bis 69 deS Bürgerlichen Gesetzbuch» vorgeschrieben, wo Sie sie nachlesen können. Zum Abdruck der Bestimmungen reicht der Raum nicht auS.— M. M. New. — N. P. B. 89. In der Gemeinde wohnhaste WaHwrerechttgte müssen persönlich erscheinen. Nur Grundbesitz von einem gewsssen Umfange be- rechtlgt auch außerhalb de« GemewdebeztrkS wohnhaste sowie Frauen und Minderjährige, Bevollmächtigte zu stellen. Somit erübrigt sich wohl die Beantwortung der übrigen Fragen. Mintlickier Marktbertcbt der städtischen MarNballen-Dtrektion über den Großhandel in den Zentral-Marktballen. Marktlage i Fleisch: Zusnhr stark. Geschäst rege, Preise für Hammel, und Schmewefleisch an« ztch-nd, sonst unverändert. W, t d: gufubr undedvutend. Geschäft still, Prelle gut. Geflügel: Zusubr reichlich, Geschäft schleppend, Preise nachgebend. Fische: Zusuhr gering, Geschäft ruhig, Preise nachgebend. Bulter und Käse: Geschäst ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obst und Südfrüchte: Zusuhr genügend, Geschäft sehr still, Preis» gedrückt.________ WitreruiigSiiderstcki» vom 28. Februar lillo, morgen» 8 Udr. Etatioaen LS 1f 2= SwMembe *= ■Sl eS 768 SW 758ffi@2 769 W erlw Franks.« M. 782 SW München ittMW Witv|763® Wetterprognose für Etwa« wärmer, veränderlich, sehr lebhaft« MweMen Wind Setter »bedeckt »Regen 3 bester 1 Nebel 3 bedeckt 2 bedeckt «tattoaen es Setter C"» »il k Havarmida J6»SM todcitt -PetreSbur». SMegen Seillv f?5l,SSW! 6 bedeckt tlderdreu j 76t ESO-t bedeckt Pari» 782 S 2 mollig ,-17 1 7 4 1 Dienstag, den 1. März 1910. ' vorwiegend trübe mst Zlegcnjällen und tn BctUtttt Bttlttftacta« SoziaidemoMseiierWalilverelD des g. Herl. Heiclislags- Wahlkreises. Todes- Anseige. Am 20. Februar verstarb unser langjähriges treues Mitglied, der Zigarrenhändler Kar! Walter Hussitenstr. 35. Ehre feinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Dienstag, den l. März, nach- mittags-t Uhr, von der Leichen- Halle des Virchow-Krankenhauses aus nach dem städtischen Fried- Hose in der Müllerstrage statt. Um rege Beteiligung ersucht 225/13 Der Torstand. Allen Freunden und Genossen die traurige Nachricht, daß inein lieber Mann, unser guter Vater' und Schvoiegervater, der Zigarren-' Händler Karl Walten nach schwerem Leiden am 25. Fe- bruar verstorben ist. g3Kb Vis trauernllen Hinterbliebenen, Die Beerdigung findet heute Dienstag, den 1. März, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des Birchow- Krankenhauses aus nach dem städtischen Friedhof, Mrillerstrafie, Ecke Seestraße, statt. SozialdeinokratisebefWalilvereiii Boxtiagen-Runiroeisburg. 18. Bezirk Den Genossen zur Nachricht, daß am 25. Februar unser lang- jähriges Mitglied, der Lagerist ITraiis! Cralla nach kurzem, aber schwerem Leiden im Alter von 54 Jahren sanst entschlafen ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Dienstag, 1. Marz, nachm. 2 Uhr, vom Trauerhause Wühlischstr. 33 aus nach dem Gemeindesriedhos Boxhagen-Rummelsburg statt. Rege Beteiligung erwartet 8/2 Der Vorstand. ich kurzem, sch» . Lebensjahre fei ierdurch die traurige Nachricht, daß am 25. Februar mein innig- geliebter Gatte, mein guter Vater ]?rai»ze Galla weren Leiden im änst entschlasenist. Dies zeigen mit der Bitte um stille Teilnahme schmerzerfiillt an Ana»«»all»», geb. Weber, S29b nebst Sohn. Boxhagen-Ru., Wühlischstr. 33. Die Beerdigung findet am Dienstag. 1. März, nachm. 2 Uhr, vom Trauerhause aus nach dem Gemeindesriedhos Boxhagen-Nu., Nummelsburgerstr. 40, statt. Mü-fti'Iiagij der Magrer Deotsehlands. Zweigverein Berlin. Am 26. Februar verstarb unser langjähriges Mtglted ihransa Voß. (Bezirk Eharlottenburg.) Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Dienstag, den 1. März, nach- mitlag 3 Uhr von der Leichenhalle des Dorotheenstädtischeu Kirchhofes in der Scharnweberstraße aus statt. Um rege Betelligung ersucht 136/17 Die Verbandsleitung. Deutscher iMetallarheiter-Verhand Verwaltungsstelle Berlin. Todes- Ansclgc. Den Kollegen zur Nachricht, daß | unser Mitglied, der Dreher liustav Vulpius gestorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 2. März, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des St. Foliannes-Kirchhoses, Plötzensce, aus statt. Rege Beteiligung erwartet 112/10 Die Ortsverwaltung. Allen Verwandten, Kollegen und Bekannten die traurige Nachricht, daß mein lieber Mann, der Steinmetz tleinrick Beinlich am Sonntag im Alter von 51 Jahren verstorben ist. Die Beerdigung findet am Alittwochnachmittag 3 Uhr aus dem WilmerSdorser Gemeinde- sriedhose, Berliner Straße, statt. Die trauernde Witwe. Danksagung. Für die herzliche Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben un- vergeßlichen Mannes sage allen Freunden und Kollegen meinen herz. lichen Dank. g24b Die trauernde Witwe Auguste Stolzenberg und Sohn. Für dle vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meines geliebten Mannes Bmü Hintze sage ich allen meinen herzlichsten Dank. 4476L Die trauernde Witwe _ nebst Kind._ Die Beleidigung gegen den Bäcker- meister Karl Giesmann, Wtttstocker Str. 7, nehme ich hiermit zurück. S40b Aug. Koscld, Rostocker Str. 33. Klnmen- und Krambiuderei m Robert Heyer,' nur Mamnneu-Straße 2. lli», Timmel Zpeml-�rat* für Haut- und Harnleiden. Priozenstr. 41, ÄÄ. 10—2, 5—7. Sonntags 10— 12, 2— 4, ö Bruch-Pollmann empfiehlt setnLager in Brueh- _ bandagen, Leibbinden, Ge- radehaltern. Spritzen, Suspensorien sowie«Smtliche Artikel zur Krankenpflege. Eigene Werkstatt. Lieferant jür Ort?- und Hllss-Krankenkassen. Berlin St.,' jetzt Iiotdrlnger StraBe 0O. Alle Bruchbänder mit elastischen Pe- loten, angenehm u, weich am Körper. Tzfpkills- Nachweis in allen frisch, u. veraltet, zweifelhaft. Fäll, durch wisjenschastt. Untersuchung. sosort; desgl. Harn-(jpez. auj Go- norrhoe-Fäden) u. Sputtlm-Analhscn. 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