Nr\j4faf 27. Jahrg. ilbonnements-keäingunzen: WS.A � a v BhI Die TnScrtionS'Gcbiibr «b-nnements- Preis pränumerando: W> VW■» I IM f M»» TT tl. beirSgi für die sechsgespaliene Kolonel- «icricljährl. ü�o Mk�, Mona»!. l,I0 Mk., IW WW MB l WM#/ WM MW �M MM �Ws->»>M I» zeile oder deren Raum SO Pfg, für wöchentlich 2s Pfg. frei ins Haus. MM 1�860 an WM MV(L BW WM �M MV WD WM J/ Sfi H politische und gewerkschaftliche Vereins- Einzelne zwmmcr S Psg. Sonntags- �OSSk\T«aS MD W) MM MM �M>»M �M �M r-— // und Versammlungs-Anzeigcn 80 Psg. SZSZWKS Hfl II I II! II|®| mL nirilf-fHS1 Eingetragen die Post-Zeitungs- fl| �W Bfl ��WxJBk�B MM WM MD DI �Eff�SS Wort lO Pfg. Stellengesuche und Schlaf. Preisliste. Unter Kreuzband BB BBB■ BB. JmLvBMX, MMV B �iB�BB stellcn-Anzcigcn da» erste«ort lOPfg., Deutschland und Oesterreich- Ungarn MM �M � WU i Z/ MM jedes weitere Wort 5 Ptg. Worte über 2 Mark, für das übrige Ausland MM�. I�MX �W/ 1/ ZS // �M 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. s Mark pro Monat. 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Februar in Berlin für das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht auf der Straße demonstriert haben, verstoße gegen das Gesetz, weil die Temonstration ohne Genehmigung der Polizei erfolgte. Gegen die Genehmigungs- versagung des Polizeipräsidenten ist denn auch bereits das Verwaltungsstrcitverfahren eingeleitet, und wir zweifeln nicht, daß das Oberverwaltungsgcricht die Versagung als ungesetzlich aufheben wird; hat doch, wie der Polizeipräsident als Leser des„Vorwärts" wissen sollte, das hlammergericht schon vor einem Jahre entschieden, daß eine Demonstration. die sich innerhalb der öffentlichen Ordnung hält, keineswegs gesetzwidrig ist. Das vom Genossen Liebknecht neulich im Landtag zitierte Kammergerichtsurteil gelangte deshalb, ebenso wie das Schöffengericht, zur Freisprechung des ange- klagten Wahlrechtsdemonstranten. In diesem Urteil wird ausgeführt: „Wie einerseits die Betätigung des Entschlusses, eine An- sicht in öffentlich bemerkbarer und dadurch besonders eindring- sicher Weise auch Andersdenkenden tundzutun, nicht allein an sich als Gefährdung der öffentlichen Ordnung erscheine, so könne auch andererseits das politische Problem der Reform des preußisch en Landtagswahl- rechts die demonstrative parteipolitische Be- Handlung auf offener Straße nicht rechtswidrig machen. Vielmehr komme es lediglich darauf an, ob der An- geklagte durch sei» Benehmen an und für sich die öffentliche Ordnung gefährdet habe. Da dies aber nach den getroffenen Feststellungen nicht geschehen sei, müsie der Angeklagte freigesprochen werden." Denselben Standpunkt wird sicherlich auch das Oberver- waltungsgericht dem Gesetz entsprechend einnehmen. Trotzdem die Versagung der erbetenen Genehmigung zur Veranstaltung einer Versammlung im Treptower Park durch den Polizeipräsidenten also eine ungesetzliche ist, haben sich die Einberufcr der geplanten Versammlungen gefügt und von allen Versammlungen und Auszügen Abstand genontmen. Etwas völlig anderes ist jedoch ein Spaziergang im Treptower Park. Diesen zu untersagen, hat nach dem Gesetz niemand ein auch nur scheinbares Reckst. Cs ist das Spazieren- gehen im Park vielmehr ein durch 8 4 der Städteordnung ausdrücklich gewährleistetes Recht eines jeden Einwohners; denn in diesem 8 4 heißt es:„Alle Einwohner des Stadtbezirks sind zur Mitbenutzung der öffentlichen Gemeindean st alten der Stadt berechtig t." Herr Oberbürgermeister Kürschner hat sich bekanntlich denn auch bereit erklärt, das Gebiet des Treptower Parks für Versammlungen herzugeben. Die Hetze der reaktionären Presse, die Berliner Arbeiter daran zu hindern, am Sonntag im Treptower Park spazieren zu gehen, ist dem- nach nichts als eine öffentliche Aufforderung zum Ungehorsam' gegen die Gesetze. Trotzdem hat diese Aufforderung zu zwei polizeilichen Maßnahmen ge- führt, die sich im Lande der..gottgegebenen Abhängigkeiten" natürlich nicht gegen die Aufforderer richten, fondern gegen diejenigen, die streng das Gesetz innehalten. Erstens hat der Polizeipräsident an den Genossen Ernst folgendes Schreiben gerichtet: Der Polizei-Präsidcnt. Berlin, den 4. März 1910. Tageb. Nr. 617. VII. A. 10. Im Anschluß an mein Schreiben vom 1. d. Mls. setze ich Sie . ergebe nst davon in Kenntnis, daß ich den in den letzten Nummern Sonnabend, den 3. März IttIXK des„Vorwärts" angekündigten„Wahlrechtsspaziergang" nach dem Treptower Park als eine nach§ 7 des Reichs-Bereinsgesetzeö gc» nehmigungspflichtige Veranstaltung ansehe und ihr entgegentreten werde. I a g o w. An Herrn Eugen Ernst, hier. Zu Welchen merkwürdigen logischen Sprüngen doch die Hetze reaktionärer Prcßorgane einen Polizeipräsideiüen der- leiten kann! Paragraph 7 des Reichsvercinsgesetzes macht von der Genehmigung der Polizeibehörde lediglich„öffentliche Versammlungen unter freiem Himmel" und„Aufzüge aus öffentlichen Straßen oder Plätzen" abhängig. E i n Spaziergang ist aber weder eine Versa mm- lung, noch ein Aufzug. Genosse Ernst hat demnach auch nicht das Recht noch die Lust, irgend jemand an einem Spaziergang zu hindern. Und falls der Polizeipräsident. wie sich fast aus seinem Schreiben entnehmen läßt, die Lust dazu hat, so fehlt ihm jedes Recht dazu. Doch außerdem hat der Polizeipräsident auch noch die Gerichtsbehörden in Bewegung gesetzt. Unser verantwort- licher Redakteur, Genosse Barth, hat gestern eine Einladung zu einer Verantwortlichen Vernehmung vor Gericht erhalten. Er soll sich laut der vom Polizeipräsidiuin vcranlaßten An- zeige der Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Anord- nung des Polizeipräsidenten vom 1. März schuldig gemacht haben, und zwar soll unser Verantwortlicher dies Vcr- brechen dadurch begangen haben, daß die Leitartikel und die Kopfleisten im„Vorwärts" zu einer sogenannten Ansamm- lung im Treptower Park und somit zu einer U m gc h u n g des polizeilichen„Verbots" aufgefordert haben. Die Polizei- liche Anzeige schießt völlig ins Blaue. Der Polizeipräsident hat gar keine Anordnung getroffen, sondern lediglich die nach- gesuchte Genehinigung zu erteilen abgelehnt. Bon einer Aufforderung zum Ungehorsam gegen eine behördliche recht- mäßige Anordnung kann deshalb, ganz abgesehen davon, daß der„Vorwärts" keine Aufforderung enthielt, schon aus diesem Grunde keine Rede sein. Nach der Anzeige soll ein Späßiergang im Treptower Park eine Umgehung der ver- meintlichen Anordnung oder des vernieintlichen Verbots sein. Seitwann ist denn dicUm gehung einer st ras- baren Handlung v e r b o te n? Das Strafgesetzbuch verbietet Diebstahl. Will der Polizeipräsident auch diejenigen zur Strafanzeige bringen, die das Verbot des Diebstahls dadurch umgehen, daß sie keinen begehen? Ein Spaziergang im Treptower Park ist also eine durch- aus erlaubte Handlung, die nach dem Gesetz der Polizeipräsi- dcnt weder verbieten noch verhindern darf. Strafbar hat sich nicht der„Vorwärts" gemacht, sondern die Presse, die den Polizeipräsidenten aufgefordert hat, einen solchen Spa- zicrgang zu verhindern. Wir sehen der gerichtlichen Ent- schcidung mit» aller Seelenruhe entgegen. Wenn durch.sie die polizeiliche Autorität noch mehr geschädigt wird, als dies schon durch die Gerichtsverhandlungen über die Ferrcr-Ver- sammlung und durch das rote Warnungsplakat geschehen ist, dann hat sich solche Erfolge das Polizeipräsidium selbst zu- zuschreiben) Nervosität ist ein schlechter Beratern Der Aahlrechtsksmpf. Der Kaiser und die Wahlrechtsdemonstrationen. Die S t r a ß e n d e m o n st r a t i o n der Wahlrechts- kämpfer, die ani letzten Sonntag vor den Fenstern des königlichen Schlosses stattgefunden, hat infolge des Fernbleibens der überraschten Polizei und der ausgezeichneten Disziplin der Berliner Volksmassen einen würdigen und ein- drucksvollen Verlauf genommen. Einige bürgerliche Blätter hatten die Gelegenheit benützt, um dem Kaiser das Ver- dienst an dem Verhalten der Schutzmann schaft zuzuschreiben. Der Kaiser hätte die Demonstration mitangeschen und den Polizisten die Weisung erteilt, den Demonstranten nichts in den Weg zu legen. Den Erfindern dieser Legende schwebte wohl das Verhalten des ö st e r r e i ch i s ch e n Monarchen vor, der allerdings seine Abneigung gegen polizeiliche Blut- taten friedlichen politischen Demonstranten gegenüber wieder- holt deutlich zu erkennen gegeben hat. Wurde doch z. B. die Entlassung des Grafen B a d c n i in dem Moment beschlossen und den demonstrierenden Volks Massen durch Polizeibeamte und dcp Bürgermeister L u e g e r s e l b st m r t'g e t e i l t, als der östericichische Mi- nister das Militär zur„Säuberung der Straßen" ausgeboten hatte. Gegen die loyalen Erfinder dieser Legende richtet sich nun folgende Verlautbarung der„Nordd. Allgem. Ztg.": lieber die Wahlrechtskundgobung am vorigen Sonntag finden sich Angaben im„Standard", wonach der Kaiser den Massenaufzug von einem Fenster des Schlosses aus beobachtet hätte. Das ist f a l s ckv Der Kaiser hat von der Demonstration nichts bemerkt. Mirichtig ist cs auch, daß in den Schloß- Höfen sür den Notfall Truppen neben der Polizei bereitgestanden hätten. Verwendung von Militär war nicht vorgesehen. Ebenso falsch sind aber auch die Meldungen, nach denen der Kaiser mit Rücksicht auf die Zusammen st öhe«n dem Cxpedillon: 881. 68, Llndcnetraeec 69» Fernsprecher: Amt IV. Rr. 1981» vorhergegangenen Sonntag der Polizei strengste Zurückhaltung bei Straß enkund» gedungen besohlen hatte. Der Kaiser hat vielmehr in keiner Weise in die Anordnungen des Polizeipräsidenten eingegriffen. Die Schärfe, womit hier die Nachricht von einem Ein- greifen des Kaisers zurückgewiescit wird, erklärt sich wohl durch die Sorge der Junkerregierung, der Kaiser könnte, falls die Nachricht unwidersprochen bliebe, bei den Junkern i n U n g n a d e f a l l c it. Um dies zu vermeiden, dementiert inan so kategorisch eine Nachricht, die nur dazu erfunden war, um den Kaiser bei den breiten Massen populär zu machen! Die Rcgierungsossiziöscn werden also dazu ausgeboten, alle Versuche, f ü r den Kaiser Stiinmuitg zu niachen, zu ver- citcln! Diese Stellungnahme ist allerdings aus dem Selbstintcresse der preußischen �Polizei und der preußischen Regierung erklärlich genug. Sie weiß, daß sie heute wie kaum eine andere Regierung der Welt, im Gegensatze zum Volke steht. So muß sie natürlich Gewicht darauf legen, zu betonen, daß dieser Gegensatz zum Volke nicht auch einen Gegensatz zur K r 0 n e bedeutet/ Was sür sonderbaren Diensten doch Offiziöse sich manchmal unterziehen müssen. Wie das Zentrum schwindest. Trotz des Ernstes der heutigen politischen Lage wirkt cs be- lustigend, wie die Zentrumsblätter ihre frommen Leser an der Nase herumführen und den schmählichen Bruch aller Wahlrechtsver» sprcchungcn in einen unentwegten Kamps der Zentrumsfraktion des preußischen Abgeordnetenhauses für die höchsten Volksgüter umlügen. So schreibt z. B. die ultramontane„Germania" in einem Leitartikel über die zweite Lesung der Wahlrechtsvorlage, nachdem sie die angeblichen Verdienste des Zentrums um die ge- Heime Wahl gerühmt hat: „Allerdings hat das Zentrum, um die geheime Wachl zu sichern, das Zugeständnis der indirekten Wahl machen müssen, da die konservative Partei, deren Mitwirkung zur Er- reichung der geheimen Wahl unentbehrlich ist. ihre Hilfe von der Erhaltung der Zwischeninstanz der Wahlmänner abhängig macht, indem sie dabei von der realpolitischcn Erwägung ausgeht, daß in den rein ländlichen Wahlkreisen ihres Besitzstandes und bei den ' patriarchalischen Verhältnissen, die auf dem platten Lande viel- fach noch bestehen und möglichst erhalten bleiben sollen, es am natürlichsten und passendsten sei, daß die politisch noch weniger geschulten Leute einen oder zwei von ihnen persönlich bekannte- Vertrauensmänner aussuchen, denen sie die Auswahl der best» geeigneten Abgeordneten übertragen. Das Zntrum steht zwar iin Prinzip auf einem anderen Standpunkte, indem es der direkten Wahl den Vorzug gibt; aber wie der Wortführer des Zentrums heute in der Kommisston erklärte, i st nun einmal d a S geheime und das direkte Wahlrecht nicht zu» gleich zu erlangen. Weil aber das geheime Wahlrecht ungleich wertvoller ist als die direkte Wahl, so mußte das Zen- trum den größeren Fortschritt gegenüber dem bisherigen Zu- stände akzeptieren." Es ist nichts als eine verlogene Ausrede, wenn die„Ger- m a n i a" behauptet, ohne das Zugeständnis der direkten Wahl wäre die geheime Abstimmung nicht zu erlangen; denn wenn das Zentrum Stich hält, ist sowohl in der Wahlrechtskom- Mission wie im Plenum für das geheime Wahl- recht eine Mehrheit vorhanden. Hat sich doch bei Be- ginn der Beratungen in der Kommission bereits eine Mehrheit von 15 gegen 13 Stimmen für die geheime Abstimmung herausgestellt; und gestern wieder ist der konservative Antrag, cs bei dem öffentlichen Wahlverfahren zu belassen, abgelehnt worden. Und ebenso ist, wenn das Zentrum für die direkte Wahl eintritt, auch für diese eine Majorität vorhanden. Ja noch mehr, diese Mehrheit hätte obendrein von vornherein die Regierung auf ihrer Seite, denn diese erklärte erst noch gestern wieder, daß sie an ihrem Vorschlag der direkten Wahl festhalte. Doch es ist unnötig, den Schwindel der„Germania" zu wider- legen. Das hat vor wenigen Tagen schon die„Deutsche Tages- zeitung". das Jntelligenzblatt der Bündler, besorgt, als sie schrieb: „Soweit wir unterrichtet sind, halten die konservativen Mit- glieder der Wahlrechtskommission eine Abänderung des Wahl- rechtes überhaupt nicht für zweckmäßig und nicht für nötig. Trotzdem arbeiten sie an dem Entwürfe mit, um ihn möglichst ungefährlich zu gestalten. Es war ihnen nicht möglich, die öffent- liche Wahl aufrechtzuerhalten. Was hätten sie nun erreicht, wenn sie, lediglich, um den Widerstand gegen die geheime Wahl noch- mals zu markieren,— um etwas anderes hätte es sich tatsächlich nicht gehandelt,— gegen den kombinierten Antrag gestimmt hätten? Sie hätten dann weder die öffentliche Wahl gerettet, noch die indirekte. Der Entwurf wäre also erheblich verschlechtert worden. Deshalb war cs nach unserer persönlichen Anschauung von den konservativen Kommissionsmitgliedcrn durchaus vcr- ständlich und auch verständig, daß.sie in dem jetzigen Stadium der Verhandlungen den kombinierten Antrag unterstützten und .ihm zum Siege verhalfen." Klar und deutlich gesteht hier der konservative Bundesgenosse des Zentrums selbst zu,.daß, wenn das Zentrum weiter für die geheime Wahl eingetreten wäre, die Konservativen ausierstande gewesen wären, die öffentliche Wahl aufrecht zu erhalten, so daß schließlich weder die geheime, noch die indirekte Wahl Gesetzeskraft erlangt hätte. Die Liberalen«nd unsere Demonstrationen. Der Vorstand des sozialdemokratischen Vereins in Kiel hat dem Vorstand des liberalen Vereins in Kiel den Vor- schlag gemacht, eine gemeinsame Wahlrechtskund- gebung des linksstehenden Bürgertums und der Arbeiter- schast zu veranstalten und zwar in Gestalt einer V ersam m- lung unter freiem Himmel mit anschließendem Demonstrationszuge. Die Liberalen lehnten unter allerhand nicht stichhaltigen Ausreden die Beteiligung an einer gemeinsamen Demonstration a b. In Kassel hat dagegen die Organisation der Links' liberalen beschlossen, eine Einladung der Sozialdemokraten zur Teil n ahme« n einer Wahlrechtskund- gebung auf dem städtischen Forst, die am Sonntag statt- findet, zu befolgen. Ein Wahlrechtslied. Albert Träger hat unter Zugrundelegung der Melodie des bekannten Preußenliedes„Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben?" ein Wahl- rechtslied gedichtet, das er den sangeskundigen Kämpfern für das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht widmet und im„Verl. Tagebl." veröffentlicht: Ich bin ein Preuhe— kennt ihr meine Wahlen, Die immer mehr nach rückwärts mich gebracht, Hier haben Geltung nur die Sleuer�ahlen, Der gröhte Geldsack hat die größte Macht, Die gaiMe andre Masse Marsch, in die dritte Klasse! Da schlage endlich Nim das Wetter drein, Nicht länger will ich Preußenwähler sein! Dom Vaterland zahl' ich die höchst« Steuer, Ich lasse Blut und Leben für sein Heil, Ein ganzer Mann bin ich im Schlachtenfeuer Und bei der Wahl ein jämmerlicher Teil, So wird zum nichtigen Schalle Das gleiche Recht sür alle— Da schlage endlich nun daS Wetter drein, Nicht länger will ich Preußenwähler sein! Auch muß ich unter strenger Aufsicht wählen, An meiner Stimme hängt mein täglich Brot, Wen bange Sorgen um die Seinen quälen, Wen der Gebieter rücksichtslos bedroht, Mag. will er nicht sich bücken. Sich stumm vom Wahltisch drücken— Da schlage endlich nun das Wetter drein, Nicht länger will ich Preutzenwähker sein! Die Wahlreform— ein trügerisch Geflunker. Nur faule Fische geh'n in dieses Netz, Das Machtgebot der Herren und der Junker Ist noch in Preußen oberstes Gesetz. In heil'gem ZorneSbebcn Muß sich daS Volk erheben— Da schlage endlich nun das Wetter drein, Nicht länger will ich Preußenwähler sein! Ein Wähler bin ich auch im Deutschen Reiche, DaS sicher auf Gerechtigkeit gestützt, Hill alle ist das Wahlrecht dort das gleiche nd das geheime, das den Schwachen schützt. Und meine deutschen Ehren Will Preußen mir verwehren— Da schlage endlich nun das Wetter drein, Ich will in Preuße» deutscher Wähler sein! Matzregelung von beamteten Wahlunrechtsgegnern. Die Vereinigung von Beamten im öffentlichen und privaten Dienst zu Magdeburg, kurz Beamtenwahlverein genannt, sprach sich kürzlich energisch gegen die preußische Wahlrechts- Vorlage aus. Verschiedene Redner protestierten dagegen, daß die Beamtenschaft aus der Bürgerschaft herausgehoben und mit einem Sonderwahlrecht bedacht werde. Unter den Rednern befanden sich Staatsbeamte, deren Namen durch die Referate der Zeitungen über die Versammlung bekannt wurden. Diese find nun von ihren vorgesetzten Behörden darüber vernommen worden, wer die be- treffenden Aeußerungen getan habe. Genehmigte Versammlungen. Versammlungen unter freiem Himmel sind von der Polizei zum nächsten Sanntag genehmigt worden in Preetz, Elmshorn und N e u m ü n st e r. ein an» schließender Demonstrationszug aber nur in Elms- Horn. Auch der Polizeipräsident von Köln hat ein Wahlrechts- Meeting genehmigt, das auf dem Kölner Sportplatz, der 20000 Personen faßt, stattfinden wird. Polizeiunvernunft. Für eine Versammlung unter freiem Himmel war von der Erfurter Parteileitung der große, mitten m der Stadt gelegene Friedrich-Wilhelms-Platz sür Sonntag 11 Uhr verlangt worden. Die Versammlung wurde verboten. Auch die Geuehmigung zu einem kurzen Umzüge wurde vom Polizeiinspettor versagt, mit der Begründung, daß dadurch die öffentliche Sicherheit gefährdet werde. Heute, Freitag früh, wurde der Saal des Gewerkschaftshauses aus- gemessen von einer Polizeikommission. ES scheint, als sei der Saal als baufällig bezeichnet, um auch die Bersamnilung in»Tivoli" unmöglich zu machen. Auch in D a n z i g verbot der Polizeipräsident die Versammlung. obwohl der M a g i st r a t bereitwillig einen öffentlichen Platz zur Verfügung gestellt hatte. Die Borgänge in Neumiinfter. Der Regierungspräsident in Schleswig hat jetzt auf die Beschwerde der sozialdemolratischen Stadtverordneten in Reumünster über das brutale Borgehen der Polizei am Sonntag, den 13. Februar, bei der Wahlrechtsdemonstration geantwortet: Der Regierungspräsident findet da« vorgehen der Polizei vollständig in O r d n u n g. Zu irgend welchen Maßnahmen gegen die Polizei liege keine Veranlassung vor. die Schuld an den bedauerlichen Vorgängen treffe die Veranstalter der Demon- stration. Das Ergebnis der Ermittelungen des Regierungspräsidenten steht im Gegensatz zu den wirklichen Tatsachen, die von einem vorurteilsfreien Zeugen der Vorgänge am Wahlrechtssonntag selbst von der bürgerlichen Presse in Neumünster geschildert worden sind. ES deckt sich aber vollständig mit den Berichten, die die Polizei selbst von vornherein über die Vorgänge gegeben hat. Wie eS mit dem Beweismaterial der Polizei aussteht, geht daraus hervor. daß Schutzleute in den letzten Tagen in der Stadt herumgegangen find, um Zeugen zu suchen. Rache ist siitz. Die Breslauer Polizei sucht auch in bezug auf die Vre- solgung der unbequemen WahlrechtSsreunde ihren traurigen Welt, rühm zu bewahren. Sie beglückt diejenigen, die hei den letzten Demonstrationen„Hoch" gerufen haben— nichts weiter— mit Strafbesehlen von acht Tagen bis zu einem Monat! Ja. einer d e r S i st i« r t e n. der einen sich besonder» wütend ge- bärdenden Kriminalpolizisten zur Ruhe wies, hält sie seit dem 20. Februar noch heute in HaftI Dieselbe Polizei ließ eS am DienStag, abends 10 Uhr. ruhig geschehen, daß eine Studentenverbindung johlend und brüllend, einen Mann mit einer Pechfackel an der Spitze, durch die Stadt an den Schutzleuten vorbeizog und allerlei Allotria trieb. Natürlich ist gegen die Polizeiukase die Entscheidung der Gerichte angerufen worden. Man kann neugierig sein, ob die Gerichte sich ivinlich in heu Dienst der Rachegelüste der Polizei werden stellen lassen. Der Protest Breslaus. Dem Breslau er Stadtverordnetenkollegium lagen von sozialdemokratischer und freisinniger Seite Anträge auf Absendung einer Resolution gegen die preußische Wahlreform vor. Die A..träge wurden, nachdem die Kon« servattven und Klerikalen den Saal verlassen hatten, mit allen gegen eine Stimme angenommen. Oberbürger- meister Bender erklärte auf Anzapfung des einzigen noch an- wesenden konservativen Redners, er sei nicht berufen, in einer internen Angelegenheit der Stadtverordiietenversainmlung einen Rat zu geben._ poUtifebe(leberllcdt. Berlin, den 3. März 1910. Arbeiterschutz und Zareuschutz. Aus dem Reichstag, 4. März. Im weiteren Ver- lauf der Debatte über das R e i ch s g e s u n d b e i t s a m t kam Genosse Brühne auf die Verunreinigung des Mains durch Abwässer der Fabriken zu sprechen, wodurch große Gefahren für die Gesundheit der Bevölkerung herbei- geführt werden. Die Fische des Mains würden geradezu im- genießbar, das Mainwasser schade schon den Badenden. Gleich- zeitig wies Brühne auch aus den Berichten der Fabrikinspek- toren nach, wie mangelhaft der Kinderschutz gehandhabt wird. Der Präsident des Reichsversicherungsamts, Herr B u m m, erwiderte, daß das Amt sich bemühe, durch Verein- barung zwischen den Mainuferstaaten die Verunreinigung des Mainwassers tunlichst abzustellen. Beim Reichsversicherungsamt führte dann Genosse Hoch Beschwerde über die mangelhafte Ausführung der Versicherungsgesetze. Es geschehe nicht genug, um die Arbeiter durch Vorbeugungsmaßregeln vor den Schäden in den Betrieben zu schützen. Er erläuterte das an der Art und Weise, wie die Behörde sich zu der Frage der Kokskörbe ausBauten gestellt habe. Die Arbeiter hatten das Ver- bot der Kokskörbe wegen deren Gesundheitsschädlichkeit ver- langt. Die Behörde habe anfangs auf ihrer Seite gestanden, sei aber durch die Unternehmer umgestimmt worden. Das sei nur möglich gewesen, weil sie bei der Einholung von In- formationen die Arbeiter völlig umgangen habe. Direktor Caspar erwiderte zwar des längeren auf diese Ausführungen Hochs, über die Zuziehung von Arbeitern schwieg er sich aber völlig aus. In später Stunde kam beim K a n a l a m t noch Genosse Molkenbuhr zum Wort, der die S p e r r u n g des Nord-Ostsee-Kanals wegen der Zarendurchfahrt ge- bührend kennzeichnete und verlangte, die durch diese tagelange Sperrung Geschädigten müßten auch von der Regierung ent- schädigt werden. Seine Rüge, daß aus Liebedienerei gegen die Zarenregierung russische Spitzel hierhergezogen seien, brachte den Staatssekretär Delbrück in Harnisch. Er ver- teidigte sich in der sattsam bekannten borussischen Bureau- kratenmanier. Um Uhr vertagte sich das Haus. Bergetat. Vor fast leeren Bänken setzte das Abgeordnetenhaus am Freitag die Beratung des Bergetats fort, Die Debatte drehte sich zunächst um das dem Reichstage vorliegende Kaligesetz, verlor sich aber bald in Einzelheiten. Bon Interesse ist es. daß die Freikonservativen durch ihren Redner Abg. v. Wohna wieder einmal einen scharfen Vorstoß gegen ein etwaiges Reichsberggesetz unternahmen und gegen das Reichskaligesetz eine Reihe von Bedenken vorbrachten, während die Konservativen in den wesentlichsten Bestimmungen mit diesem Gesetz einverstanden sind. Daß auch sie von einem Reichs- berggesetz nichts wiflen wollen, ist selbstverständlich. Der Interessen der Bergarbeiter nahmen sich diesmal, allerdings in gewohnter Bescheidenheit, die Redner des Zentrums an.» DaS Zentrum hat es nötig, nachdem eS durch die Reichsfinanzreform die Lebensverhältnisse wesentlich verteuert hat und erst jetzt wieder durch seine skandalöse Haltung in der Wahlrechtsfrage die Arbeiter um ihre staatsbürgerlichen Rechte zu betrügen im Begriff ist. nach außen hin den Arbeitersreund zu markieren, und so schickte es denn seine Renommierarbeiter vor und ließ sie, während der übrige Teil der Frattion sein Mittagsschläfchen hielt oder gemütlich frühstückte, Monologe herleiern. Ernst ist es dieser Gesellschaft mit ihrer Arbeiterfteundlichkeit bekanntlich nicht. aber man muß doch so tun, als ob etwa« geschieht. Daß die einzige Partei, die sich in Wahrheit der Interessen der Bergarbeiter annimmt, die sozialdemokratische Partei ist, davon dürsten seit dem Eindringen unserer Genossen in den Landtag nun auch die Bergarbeiter über- zeugt sein; sie brauchen ja nur die vorzüglichen Reden de« Sozial« demokraten Leinert mit dem lauwarmen Eintreten des Zentrums zu vergleichen. Zum Ueberfluß sei auch noch daran erinnert, daß das Zentrum— ausschließlich seiner Mitglieder, die selbst aus der Arbeiterklasse hervorgegangen sind— erst am letzten Mittwoch den sozialdeinokratischen Antrag auf Veranstaltung einer Enquete über die Verhältnisse der Bergarbeiter rundweg abgelehnt hat. 800 000 Mark Lohnabzug. Den konservativ-ultramontanen Schwindeleien von einer„Hebung de» ArbelterwohlstandeS" durch die Zoll- und Steuerpolitik des Schnapsblocks, bei gleichzeitigem Rückgang der Arbeiterleistung kann man nicht bester entgegentreten als mit Gegenbeweisen anS den Geschäftsberichten der Zechenbesitzer selbst. Soeben hat die 1ii00teilige Kohlengewerkschast„Friedrich der Große' bei H e r n'e in Westfalen ihren Jahresbericht veröffentlicht. Er enthält eine selbst in der Zeit einer starken Wirtschaftskrise seltene Lohndrückerei. Das Jahr 1009 stand aber nicht unter einem starken Krifendruck. Wir tun am besten, die markanten Zahlen aus den beiden letzten Iahren des WerksbeftiebeS nebeneinander zu stellen. Hier sind die Angaben, entnommen den Berichten des Gruben- Vorstandes von„Friedrich der Große": 1908 1909 Sörderung in Tonnen........ 911 958 886 290 rbeiter............. 4 816 3974 Leistung pro Mann und Schicht a) Gesamtbelegschaft.. 0,78 Sonnen 0,79 Tonnen dj der Kohlenhauer.. 1,77» s.SJS„ Schichten pro Arbeiter,., 300 293 Feierschichten wegen Förder- beschränkung 28 Durchschnitts« Schichtverdienst sGesamtbelegschaft) 6.» M. 4.70 91 Durchschnitts- Jahresverdienst sGesamtbelegschast) 1596. 1395. Ueberichuß de« Betriebes.. 1486088. 1894255„ Abschreibungen...... 446009„ 920300, Verteilte Ausbeute..... 696500„ 447760» Danach ist der Durchschnittsjahresverdienst pro Arbeiter uen die für ein Arbeitereinkommen horrende Summe von 201 Mark herabgedrückt worden bei gleichzeitiger erheblicher Zunahme der Leistung! 341 Arbeiter wurden 1909 weniger beschäftigt, die Ver- bleibenden mußten 23 Schichten wegen Förderbeschränkung feiern. Trotzdem liest man in den Zechenzeitungen von einem angeblichen „Arbeitermangel im Ruhrkohlenbergbau" und unausgesetzt schleppen Werber tausende ostelbischer und ausländischer Arbeiter den Ruhr« zechen zu I Die löbliche Regierung sieht diesem Treiben zu, ja ver- teidigt noch die Zechenherren als Wohltäter der Menschheit. Durch verstärktes Antreiben der Arbeiter, wobei Gedinge- kürzung, Verdienstverschlechterung als stachliche Peitsche in Anwendung kam, hat man die Leistung pro Arbeiter um 9,45 Proz. gesteigert, dabei noch den Lohn um 12—13 Proz. herabgedrückt I 200 Mark geringeren Verdienst in einem Jahre, noch dazu in einem Teuerung»- jähre, das bedeutet für die Arbeiterfamilien größere Entbehrung und vielfach Verarmung. Durch die vorgenommenen Lohnvcrschlechterungen haben die Zechenherren rund 800 000 Mark eingesteckt k Genau 796 195 Mark I Es erhöhte sich trotz geringerer Total- förderung und geringerer Kohlen- und Kokspreise der Betriebsüber- schuß von 1,48 aus 1,89 Millionen Mark! Es hätte 1909 dieselbe Ausbeute wie 1908 s70v Mark pro Kux) verteilt werden können und doch noch die Rückstellungen reichlich in vorjähriger Höhe gemacht werden dürien. Um jedoch nach außen auch als„notleidend" auf- treten zu können, verteilte man 250 000 Mark weniger Ausbeute, legte dafür aber 470 000 Mark mehr wie im Jahre 1908 in die Reserve. Der Ueberichuß ist also tatsächlich vorhanden, er bleibt den Unternehmern ans alle Fälle, wenn er auch jetzt nicht zur Ber- teilung kommt. Die Arbeiter aber erhielten pro Kopf glattweg 200 Mark ab- gezwackt! Die Abschreibungen der Arbeiter auf ihren Anlagewert. ihre Arbeitskraft, bestehen notgedrungen im Schuldenmachen, Und das im Jahre der erhöhten Volksbelastung durch den Schnaps- block, der seinen Beutezug zu maskieren versucht mit dem unwahren Gerede von dem„steigenden Arbeiterwohlstand". Vor der Wucht dieser Zahlen bricht die Schönrederei der um den Minister gegen Sozialpolitik geschalten Zöllner und Bolls- entrechter glatt zusammen._ Wie das Zentrum arbeitet. Der Kreis Wipperfürth im Wahlkreise Mülheim- GummerSbach-Wipperfürth kann sich mit den schwärzesten Gegenden der Eifel mesien, nicht nur bezüglich der Zentrums- treue seiner Bewohner, sondern auch was die Rückständigkeit und niedrige Gesinnung der frommen Bevölkerung anbetrifft, die dem politischen Gegner gegenüber vor keinem Akt der Tücke und Ge- walt zurückschrickt. Hier offenbart sich am herrlichsten, was christliche Erziehung und Weltanschauung im Zemtrumssinne be- deutet, hier kann man schaudernd ergründen, wohin es mit Bildung, Gesinnung und Gesittung unseres Volkes käme, wenn der Klerikalismus ungescheut seine Herrschaft entfalten könnte. Im Kreise Wipperfürth entfielen bei der jüngsten Nachwahl im ersten Wahlgange auf das Zentrum 5229, die Liberalen 529 und die Sozialdemokraten 206 Stimmen. DaS Zentrum hat buch- stäblich den letzten Mann, in zahlreichen Orten nachgewiesener- maßen 100 Proz. der Wähler für seinen Kandidaten auf die Beine gebracht. Und wie es bei der Stichwahl gearbeitet, zeigt ein Bericht des Wipperfürther Zentrumsblattes aus dem Orte C ü r t e n. Darin wird zunächst geschildert, daß am Vormittag nur wenige Mann zur Wahlurne gegangen seien. Dann heißt eS: „Gegen 3 Uhr wird es langsam reger. Der erste Wagen bringt einige Kranken und Invaliden. Neue Wähler kommen und bald füllt sich das Wahllokal. Die Vertrauens- männer rejp. die jungen begeisterten Zentrumsjünger haben inzwischen eine genaue Liste der per Wagen herbeizuschaffenden Wähler aufgestellt und den Schleppern die nötigen Direktiven gegeben. Die bereitwilligst zur Verfügung gestellten Wagen fahren ab und um SV6 Uhr können alle ihre Stimme abgegeben haben. 6 Uhr hat die Turmuhr geschlagen und an die 250 von 290 abzugebenden Stimmen sind abgegeben. Ununterbrochen noch kommen neue Wähler und 0,40 Uhr haben 273 Wähler von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht. Ein gutes Resultat, wenn man bedenkt, daß bei der Hauptwahl nur 270 Stimmen abgegeben wurden. Bedenken muß man ferner noch, daß 10 Wähler, die bei der ersten Wahl ihre Stimme für Falk ab- gaben, diesmal überhaupt nicht wählten. Also aus seinen eigenen Reihen muhte das Zentrum seine Stimmenzahl erhöht haben und dies hat es auch. Die Säumigen waren nach der Hauptwahl aufgerüttelt worden und die Kranken und Altersschwachen konnten bei dem nachmittags vorherrschen- den guten Wetter fast alle herbeigeholt werden. Also alle, die nur konnten, hatten gewählt. Doch nein, zwei Wähler machten eine Ausnahme. Der eine wohnte zwar weit, konnte aber sehr gut kommen, und der andere sollte um 4,30 Uhr mit dem Auto kommen, kam aber, wie bei der Hauptwahl, erst um 10 Uhr, nach Toresschluß!! Schade um die guten Stimmen!! Immer- hin war das Ergebnis ein sehr günstiges, denn alle hatten für Marx ihre Stimme abgegeben, 14 mehr wie bei der Hauptwahl. Dank und Anerkennung gebührt darum den wackeren Zentrums- Wählern von Cürten, Dank vor allem aber auch den Kranken und Altersschwachen— ließ sich doch ein 85jähriger Greis, der sei 2zh Jahren das Bett nicht mehr verlassen hatte, durch Schneegestöber und Regenwetter zur Wahlurne tragen. Ein begeistertes von den im Wahllokale Anwesenden auf den im Sorgenstuhl sitzenden tapferen Wähler ausgebrachtes Hoch und das Gefühl, für eine gute Sache eingetreten zu sein, waren der Dank für die edle Tat." DaS sind die Gegenden, wo unsere Flugblattverbreiter mit Knüppel und Mistgabel empfangen und mit Hunden von der Türe getrieben werden; wo unsere Stimmzettelverteiler angespien und ihnen die Fahrradschläuche durchschnitten werden; wo die frommen Zentrumswähler unseren Stimmzettel zerreißen mit den Worten:„Einem Manne, der seine Seele dem Teufel verschrieben hat, wählen wir nicht"; wo die Leute sich entsetzt die Schauermär des Zentrumsblättchens zutragen, daß unser Kandidat sich verschworen habe, den Kaiser abzusetzen und auf das Schafott zu schicken. Das Zentrum rühmt den Opferqiut der Bresthasten und Altersschwachen, die der Be- schwer des Wahlganges trotzen und durch Abgabe des Stimmzettels ihr politisches Glaubenbekenntnis ablegen. DaS Zentrum hätte vielmehr Grund, den geistig Kranken und Schwachen zu danken, die sich durch seine geistlichen und weltlichen Helfer in einen der- artigen Fanatismus hineinjagen lasten, daß sie aller Rücksicht auf Menschlichkeit und Anstand dem politischen Gegner gegenüber ver- lustig gehen und im Nebeldunst der Verleumdung und Verhetzung jeden Sinn verlieren für ihr wirkliches politisches und Wirtschaft? liches Interesse.— Dem Verdienste seine Krone. Die Berliner Akademie der Wissenschaften hat dem früheren Reichskanzler Fürsten Bülow eine besondere Ehrung zuteil werden lassen, indem sie ihn zum Ehrenmitglied erwählte. Die Wahl ist durch kaiserlichen Erlaß bestätigt worden. DaS grohe Verdienst Bülolv-Z um die preußische Wissenschaft (welche?) ist schon mehrfach belohnt worden. Bekanntlich ist der Tänzer auf der mittleren Linie zugleich Ehrenmitglied der Posener Akademie und Ehrendoktor der Universitäten Königsberg i. Pr. und Münster._ Um das Erbe des Grafen Stolberg. Im ReichStagswahlkreis Zyck-JohanniSburg dürfte es allem An- schein nach bei der Ersatzwahl zu einem schweren Kampfe unter den bürgerlichen Parteien kommen. Die Nationalliberalen. die bisber noch gar nichr im Kreise hervorgetreten sind, haben in der Person des Gutsbesitzers Kochan, der im Kreise ansässig ist. einen eigenen Kandidaten ausgestellt. Bei der vorigen Wahl entfielen auf den Grafen Stolverg 20 343 Stimme» gegen 63.0 sozialdemokratische und 833 freisinnige. Nachdem die Freisinnigen im Jahre 1808 schon einmal 3463 Stimmen erhalten hatten, dürften wahrscheinlich auch sie mit einem eigenen Kandidaten auf dem Plan erscheinen. Damals sind auch für den sozialdemokratischen Kandidaten bereits 1260 Stimmen abgegeben worden. Sicher ist jedenfalls, daß eine nicht unbeträchtliche Stimmen- Verschiebung bei der diesmaligen Wahl eintreten wird. Die Verfolgung von Bebel-Gratnlanten. Das Telegramm der sozialdemokratischen Lehrer in Bremen, in dem sie den Genossen Bebel anläßlich seines 70. Geburtstages beglückwünschten, hat die Bremer Behörde in eine fieberhafte Tätigkeit gebracht. Die Schulbehörde erläßt jetzt eine Verfügung an die Schulkollegien, in der es heißt: «Die Lehrer, welche es mit den von ihnen übernommenen Beamtenpflichten für vereinbar gehalten haben, das Telegramm abzusenden, oder sich an der Absendung zu beteiligen, haben nicht den Mut gehabt, für ihre Handlungsweise mit ihrem Namen einzutreten, so daß sie bislang nicht bekannt sind. Um keinen Zweifel über die Stellungnahme der UnterrichtSverwaltung zu dieser Angelegenheit aufkommen zu lassen, wird ausdrücklich erklärt, daß in der Absendung des Telegramms ein Dienst- vergehe» erblickt wird, das die Beteiligten für ungeeignet für den Dienst als Staatsbeamte erscheinen läßt, und daß. wenn sie bekannt wären, unnachsichtlich gegen sie das Verfahren auf Dienstentlassung eingeleitet werden würde." Die Behörde befindet sich mit der in ihrer Verfügung nieder- gelegten Auffassung in schönster Uebereinstimmung mit dem un- entwegt liberalen Bremischen Preßklüngel, der zwar ein über das andere Mal beteuert, auch den Beamten die bürgerlichen Rechte zuerkennen zu wollen, zugleich aber mit aller Deutlichkeit durch- blicken läßt, daß nach seiner Meinung sozialdemokratisch geneigte Lehrer nicht als Beamte geduldet werden können.— Schinocks Rache. Reichskanzler v. Bethmann Hollweg hat im Gegensatz zu seinem Borgänger dem Fürsten Bülow eine ziemlich schlechte Presse. Rur eine Anzahl konservativer Organe sind es, die sich rückhaltlos auf seine Seite stellen. Eine konservative Zeitschrift„Mecklenburger Warte", die über manche Vorgänge ziemlich gut orientiert ist, gibt eine Erklärung der Ursache dieser.schlechten Presse". Dort wird vom neuen Reichskanzler gesagt: .Er hat seine Säuberungsarbeit mit den Vorhöfen des Kanzlerpalais begonnen, wo die Krämer und Wechsler aus den Redaktionsstuben ihre Tische und Stühle teilweise recht ausdring- lich ausgeschlagen hatten, und er hat diese Tempclreinigung radikal vorgenommen. Selbst bisher.allmächtige" Blärter aus dem Westen des Reiches wurden in ihre Grenzen verwiesen, die.gute Presse" des ehemaligen Kanzlers stob mit dem ganzen Gärtnerloden ihrer feilen Lorbeerträuze in alle Winde, kein Wunder, daß sich die duftigen Rosen, die sie einst so frei- gebig zur Wilhelmstratze warf, in harte Steine gewandelt haben." Es ist erst jüngst in einem Blatte geschildert worden, wie Fürst Bülow sich die Presse dadurch dienstbar gemacht hat, daß er den Schmocks gelegentlich einmal irgendeinen Hoppen in Form einer Nachricht zuwarf. Herr v. Bethmann Hollwcg hat die bürgerlichen .Sauhirten" hinausgejagt und deshalb wissen sie nichts zu seinem Lobe zu sagen._ In des„Königs Rock". Wegen Mißbandlung und Beleidigung eines Untergebenen stand der Unteroffizier Gräbel vom 101. Grenadier-Regiment vor dem Dresdener Kriegsgericht. Der Angeklagte hat einem Grenadier während des Gewehrexerzierens das Gewehr aus der Hand genommen und diesen, weil er angeblich keine gute Stellung hatte, mit dem Gewehrkolben einen kräftigen Stoß in bis rechte, Seite versetzt, so daß sich der Gemißhandelte vor Schmerz zusammenkrümmte. Dann äußerte der Soldatenschinder noch mit Bezug auf den Geschlagenen: .Ich kann den Hund nicht sehen!" Der Soldat bekam Erbrechen und Nasenbluten und mußte infolge der zunehmenden Schmerzen ins Lazarett gebracht werden, wo er 3 Wochen verbleiben mutzte. Es wurde eine Bauchquetschung fest- gestellt. Noch heute hat er beim Laufen unter einem stechenden Schmerz in der Seite zu leiden. Bor Gericht bestritt der Angeklagte die Mißhandlung; er habe lediglich korri- gieren wollen! Das Gericht nahm nur„vorschriftswidrige Behand- lung" an und verurteilt« den als„brauchbaren Unteroffizier" ge- schilderien Angeklagten zu der gelinden Strafe von--— drei Tagen gelindem Arrest!! Von der Anklage der Beleidigung erfolgte — FreisprechungU Dasselbe Gericht verhandelte gleich darauf gegen den Re- krutengefreiten Herold vom Leibgrcnadier-Regiment wegen Mißhandlung, vorschriftswidriger Behandlung und Beleidigung in zirka dreißig Fällen. Der Angeklagte war mit der Aus- bildung der Rekruten beauftragt, hatte aber seine eigene Spezial- crziehungsmethode. Em Grenadier wurde am Halse gepackt, ge- lvürgt und abgeschüttelt, daß er Schmerzen hatte. Bei demselben Soldaten nahm die Bestie eine„Helmkorrektur" vor, daß das Sturmband zerriß und der Mann eine Verletzung am Kinn davontrug. In einer ganzen Reih« von Fällen hat der Angeklagte die Soldaten in unglaublicher Weis« schikaniert. So mußten sie z. B. auf Befehl des Gefreiten den Tisch mit Zahn- bürsten scheuern I Kaffeeiöpfe unter zum Trocknen aufgehangene aber noch tropfende Leibwäsche halten l und auf die Schränke klettern und oben sitzend«sien! Die Rekruten wurden fast täglich Lumpen und Lausejungs genannt. Zu seiner Entschuldigung gab der Schinder an, einige Soldaten seien iräge gewesen und er habe sie erziehen wollen I Auch hier ließ das Gericht äußerste Milde walten, denn es erkannte auf nur—— vier Wochen mittleren Arrest!!_ Polizeiliche Schikane. In Spandau untersagte die Polizei die Verbreitung von Handzetteln, die zu einer sozialdemokratischen Versammlung ein- ladeten. Das Verbot wurde damit begründet, daß durch das Ver- teilen die Straßen beschmutzt würden. Zu den vielen Rätseln. die dem simplen preußischen Untertanenverstande von der Polizei aufgegeben werden, ist somit ein neues gekommen.— Oeftemteb. Die Schiffahrtsabgaben. Wien, 4. März. Abgeordnetenhaus. Zur Begrün. dung des Dringlichkeitsantrags betreffend die vom Deutschen Reiche beabsichtigte Einführung von Schiffahrtsabgaben auf der Elbe führte der Abg. S m r r e k aus, daß Oesterreichs alter Fxind sich bereit mache, ihm den Zutrjtt zum Wcere und dadurch auch zum englischen Markte zu verwehren. Durch den unkünd- baren Bertrag von 1870 fei der österreichlsch-ungarischen Monarchie der Zutritt zum Meere gesichert worden. Preußen habe Oesterreich als Sekundanten immer brauchen können, Wirt- schaftlich sei aber Preußen bezw. Deutschland mit Oesterreich immer in gespannten und sogar in Kriegsverhältnissen gewesen. Deutsch- lqnd habe die österrecchrschen Erzeugnisse fast ganz aus dem eigenen Lande verdrängt und durch geschickte Schachzüge Oesterreich mit Rußland und den Balkanvölkern verfeindet. Aus der Türkei, aus Kleinasien, Aeghptcn, aus der Levante sei es verdrängt, und ebenso gehe es im fernen Osten. Run hole Deutschland zu einem der schwersten Schläge gegen das wirtschaftliche Leben Oesterreichs aus, indem es den bisher ganz freien Weg zur Nord- und Ostsee sperren oder doch erschweren und verteuern wolle. Redner will dem Handelsminister glauben, daß er einer Preis- gäbe der freien Schiffahrt auf der Elbe seine Zu- stimmung nie erteilen werde, und hofft, daß Oesterreich die für seine ökonomischen Interessen so hochwichtige Frage so de» antworten werde, wie es seine Völker verlangten, daß eS feine völkerrechtliche Würde zu wahren wisse und daß Oesterreichs Volks- Wirtschaft nicht Preußen auf Gnade oder Ungnade ausgeliefert werde. Er beantragte schließlich folgende Reso- lution: Die Regierung wird aufgefordert, mit allem Nachdruck dahin zu wirken, daß unter keiner Bedingung die Auflassung der freien, durch internationale Verträge garantierten Elbschiff- fahrt zugelassen und unter keinem Bor wände der Er- Hebung von Abgaben auf der Elbe, deren Einführung Deutschland zum Schaden des Handels, der Industrie und der Land- Wirtschaft Oesterreichs plant, zugestimmt werde(Lebhafter Beifall). Darauf ergriff Handelsminister Weiskirchner das Wort und führte aus. er könne versichern, daß die österreichische Re- g i e r u n g zu Zugeständnissen, welche nicht die volle Freiheit der Elb- schiffahrt garantieren, unter keinen Umständen zuhaben sei. Der Minister bittet, die Versicherung entgegenzunehmen, daß er im vollsten Bewußtsein seiner Verantwortlichkeit de» gekenn- zeichneten Standpunkt in vollster Festigkeit einhalten werde. Der Minister des Aeußern habe während seiner letzten An- Wesenheit in Berlin Gelegenheit gehabt, dem deutschen Reichskanzler gegenüber den Standpunkt der österreichischen' Regierung in dieser Frage zu präzisieren(Lebhafter Beifall und Händeklatschen). Der Dringlichkeitsantrag Smrczek gegen die Schiffahrtsabgaben wurde sowohl in der Frage der Dringlichkeit wie in meritum von dem Ab- geordnetenhaus einstimmig angenommen. Cngwncl. Finanzfragen. London, 4. März. Das Unterhau» hat heute die Vor- schlage des Schatzamts über die Aufnahmen der erforderlichen Mittel und über die Rückzahlung der Kriegsanleihe in dritter Lesung angenommen. Die Redner der Opposition machten der Regierung den Vorwurf, daß sie die gegenwärtige f i n a n- zielle Verwirrung noch vermehre. Asquith sagte in einer energischen Verteidigungsrede. eS fei unmöglich, die Lage zu mildern, welche durch die Haltung der Lords geschaffen worden sei, die auch allein die Verantwortung trügen. Die Sitzungen des Hauses müßten bis zum Ende des Finanzjahres zur Fertigstellung der verschiedenen Etats verwendet werden, welche für die Weiterführung der Verwaltung notwendig feien. In Er- widerung des Vorschlages der Opposition, daß die Regierung die Einziehung der Einkommensteuer für das Jahr 1900/1910 ab- gesondert für sich legalisieren solle, erklärte Asquith, die Regierung weigere sich, das gebräuchliche Verfahren abzu- ändern; das Budget müsse als ein Ganzes zur Vorlage ge- langen. 6ned>enlaiid. Die Nationalversammlung. Athen, 3. März. Der Regierungsentwurf betreffeud die R e» Vision der Verfassung wurde von der Kammer mit 160 gegen 11 Stimmen angenommen. Das Ergebnis der Ab- stimmung wurde von den Abgeordneten mit stürmischem Beifall be- grüßt. Die Nationalversammlung wird am 14. Sep- temoer zusammentreten. Huö der Partei. Kein« Ruhe tn Preußen! Eine von rund 1000 Mitgliedern des Sozialdemokratischen Vereins in Breslau besuchte Generalversammlung debattierte Donnerstag eingehend die Taktik im Wahlrechtskampfe und beschloß, unaufhörlich alle Mittel anzuwenden, um den Willen der empörten Massen nach außen zum Ausdruck zu bringen. Dem Borstande wurden die denkbar weitgehendsten Vollmachten erteilt, damit er in jedem Augenblick in der Lage ist, die nötigen Maßnahmen im Kampfe um das Wahlrecht zu treffen. Die Versammelten verpflichteten sich feierlichst, allen Anordnungen des Borslandes in bezug auf Straßen- demonstrationen, Meetings. Boykotts usw. usw. rückhaltlos Folge zu leisten und sich für jede Stunde kampfbereit zu halten. Beschlossen wurde ferner, dafür zu sorgen, daß trotz der Bekleidung der Polizisten mit nummerlosen Mänteln die Per- sönlichkeit der einzelnen Polizisten festgestellt und bekannt gemacht werden._ Protest der sozialdemokratischen Dumafraktion gegen den Besuch der französischen Parlamentarier. Wir werden um Veröffentlichung des nachstehenden Protestes unserer russischen Genossen ersucht, der in der russischen Presse in- folg« der Zensurverbältnisse nicht veröffentlicht werden konnte. Die Erklärung der Dumafraktion lautet: „Wir, die Mitglieder der sozialdemokratischen Fraktion, er- hielten die Einladung zu dem Bankett zu Ehren der französischen parlamentarischen Deputation. Diese Einladung sind wir ge- nötigt, aus folgenden Motiven abzulehnen: 1. Bei den heutigen sozialen Beziehungen sind alle ähnlichen Akte der sogenannten internationalen Höflichkeit und Solidarität in Wirklichkeit bloß der AüSdruck der Solidarität der herrschenden Klassen verschiedener Nationen und verfolgen entweder das Ziel, eine Verschwörung gegen andere Völker anzuzetteln oder eine Koalition der herrschenden Interessen gegen die Arbeiterklasse herzustellen. Eben au» diesem Grunde lehnen es die wahren Ver- treter der Interessen der arbeitenden Bevölkerung— die sozia- listischen Parteien und die sozialistischen Parlamentssraktionen der ganzen Welt— ab. an diesen Demonstrationen der angeblichen internationalen Solidarität teilzunehmen und stellen diesen heuchlerischen Erklärungen und Manifestationen die Prinzipien und die Praxis der internationalen Solidarität des Proletariats entgegen. AuS demselben Grunds haben die europäischen Sozialisten keinen Anteil genommen an dem Empfang der russische» Dumadelegatian, die die Schmach ihres Lakaientums vor der Reaktion von ganz Europa demonstrierte. Au» demselben Grunde gehört kein einziger Vertreter der französischen Arbeiter- klasse. kein einziger Sozialist der französischen Delegation an. 2. Der jetzige Besuch der französischen Parlamentarier in Ruß- land, der als Antwort auf den vorjährigen Besuch der angeblichen Vertreter des russischen Volkes dient, bedroht die wichtigsten Interessen der russischen Volksmassen: Die russische Reaktion, die bisher das Bündnis mit der fron- zöfischen Bourgeoisie geschickt ausgenutzt hat, um das russische Volk unbarmherzig zu bedrücken, ist nun bestrebt, die Bande zur Hebung ihres Prestiges, da» dank den systematischen inneren und äußeren Mißerfolgen gesunken ist, zur weiteren Füllung ihrer leeren Kassen mit französischen Kapitalien, zur Fortsetzung de» ununterbrochenen inneren Krieges, gegen das eigene Volk und der Niederwerfung des Kampfes der russischen Aroeiterklasse und ihre Befreiung zu befestigen. Die französische Bourgeoisie, die an der Erhaltung ihrer alten Kapitalien und der Erweiterung de» Tätigkeitsfeldes der neuen Kapitalien interessiert ist. entsendet ihre Delegationen zu uvS, indem sie der russischen Reaktion ihre moralische und materielle Unterstützung anbietet. Wir können als Sozialdemokraten, als Vertreter der Besitz« losen in Stadt und Land, an Eurem Fest nicht teilnehmen, das den arbeitenden Klassen Rußlands neue Ketten und neue Eni« behrungen verspricht. Die Mitglieder der Duma und des Reichsrats, die an der vor« jährigen Exkursion nach Europa teilgenommen haben, versuchten.. der öffentlichen Meinung Europas die Ueberzeugung beizubringen, bei uns herrsche das konstitutionelle Regiment und sie seien die Vertreter des russischen Volkes. Die Gegenvisite der französischen parlamentarischen Delegation sanktioniert dieses enorme Miß- Verständnis und kann ihm einen gewissen Kredit in den Augen der zivilisierten Völker verschaffen. Auf den bevorstehenden Fest- lichkeiten werden von dieser und jener Seite abermals heuchlerische 'Reden über die russische Konstitulion und das russische Parlament ertönen.(Die Wirklichkeit hat diese Prophezeiung unserer Ge- »offen noch übertroffeu. D. Red.) Und das zur Zeit, wo dem Volke alle se.ine Errungenschaften geraubt werden, wo die Rechte der Volksvertretung unter Mithilfe der Teilnehmer an dem feierlichen Empfang der französischen Delegation beschnitten werden, wo täglich im Lande Hinrichtungen stattfinden, die Gefängnisse mit Freiheitskämpfern überfüllt sind und die wahren Verteidiger der Interessen des Volles in den Katorgagefängnissen und im Exil schmachten. Wir, die Vertreter der russischen Arbeiterklasse, reichen unsere Hand nicht zu dieser Mystifikation. Wir nehmen keinen Anteil an dem Fest der Sieger von heute und fügen unsere Stimmen nicht zu dem Chor der heuchlerischen Festredner. Wir protestieren gegen jede Abmachung auf Kosten des russischen Volkes und strecken über die Köpfe der Erploitatoren hinweg die Bruderhand der Solidarität dem französischen, dem internationalen Proletariat entgegen, das allein dem russischen Volke aufrichtig Erfolg wünscht im Kampfe um seine Befreiung." Auch die„Arbeitergruppe", die Vertreterin der demo- kratische» Elemente des Bauerntum», lehnte es demonstrativ ab, an den Festlichkeiten zu Ehren der französischen Gäste teilzunehmen. Sozialem Gegen den Heimarbeiterschutz hat sich die Mittelfränkische Handelskammer in Nürnberg durch zwei an die Regierung gerichtete Resolutionen gewendet. Sie muß selbst zugebe», daß der vorgelegte Gesetzentavurf den Ausbeutern oer Heimarbeit nicht allzu wehe tut, indem sie der Reichsregierung das Zeugnis ausstellt,„daß sie dabei den guten Willen zeigt, einen rigorosen Eingriff in die bestehenden Verhältnisse zu vermeiden", doch geht ihr dieser wafchlappige Entwurf noch immer viel zu weit. Es wird verlangt, daß den Ortspolizeibehörden keine so„großen Machtbefugnisse" eingeräumt werden, sondern lieber die Regelung der betreffenden Verhältnisse den Landeszentralbehörden vorbe- halten bleiben. Der§ 19 sei abzuändern, insoweit er die Be- stimmung enthält, daß Gewerbetreibende bestraft werden können. wenn sie wissen, fondern auch wenn sie den Umständen nach an- nehmen müssen, daß ihre Heimarbeiter den auf Grund der 9,5 und 6 erlassenen Bestimmungen des Bundesrats nicht nachkommen. Ferner wird die Streichung der Bestimmung verlangt, wonach es den Gewerbetreibenden der Nahrungs- und Genußmittelindustrie zur Pflicht gemacht werden soll, die Werkstätten ihrer Heimarbeiter periodisch zu revidieren oder revidieren zu lassen. Endlich wird dringend empfohlen, den Bestimmungen auf Erweiterung und Ver- schärfung der Vorschriften über die Regelung der Heimarbeit nicht nachzugeben, im Gegenteil bei der Anwendung des Gesetzes unter Berücksichtigung der joweiligen Verhältnisse die größte Toleranz zu üben.— Mit anderen Worten: man will sich ein Heimarbeits» gesetz allenfalls noch gefallen lassen, wenn seine Bestimmungen auf dem Papier stehen bleiben. Die sozialpolitische Gefinnung dieser offiziellen Körperschaft wird auch dadurch illustriert, daß sie in geheimer Sitzung abgelehnt hat, an einer vom Sozialwissen- schaftlichen Verein geplanten Heimarbeitausstellung mitzuwirken Betriebsunfall oder Krankheit? Arbeiter sollten auch die geringsten Verletzungen beachten, wie Mes nachstehender Fall wieder lehrt. Beim Schmieden sogenannter Federtaschen flog dem jungen Schmied W. zu Frankfurt a. M. eine sogenannte„Hitze" an den linken Arm. Schmiede sind abgehärtet, arbeiten immer mit ent- bkdßten Armen, so daß dieser Fall nicht weiter beachtet wurde. Die kleine Brandwunde schmerzte aber am anderen Tage mehr, da der Verletzte mit einer Stahlbürste verrostete Wagenteile zu reinigen hatte und dadurch eine Infektion entstanden war. Als die Schmerzen im Arm stärker wurden, ging der Verletzte auf Anraten seines Nebenkollegen endlich zum Arzt, nachdem auch der Meister den Arm besehen und einen sogenannten Karbunkel„festgestellt" hatte. Der Arzt erkannte jedoch die Gefahr und wies den Ver» letzten sofort in eine Klinik ein. Aber auch im Krankenhause ver» suchte man vergeblich, die eingetretene Blutvergiftung zu be» fettigen; nach mehr als sechs Wochen mußte das ganze Armgelenl, welches vereitert war, entfernt werden. Jetzt erkannte auch der Meister die Größe der Verletzung und meldete die Verletzung der Berufsgenossenschaft an. Doch die Schmiede-Bernfsgenossenschaft verneinte das Vorliegen eines Be- tnebsunfalls. weil der Verletzte dem Arbeitgeber nichts von einer Verletzung gemeldet habe.„Außerdem scheinen Sie zuerst gleich- falls nicht an einen Unfall gedacht zu haben, da Sie die Anmeldung des Unfalls durch Ihre» Arbeitgeber erst nach Rücksprache mit dem Arbeitersekretär Graf veranlatztcn." Das Schiedsgericht für Arbeitcrversichcrung mußte sich nun mit dieser Unfallsache befassen und hörte quf Antrag des Ver- letzten den Nebcukollegen M., welcher Augenzeuge war. Die Berufsgenossenschaft wurde zur Entschädigung des Unfalls ver- urteilt, da durch die Aussage des Zeugen bewiesen sei, daß dem Verletzten bei der Arbeit tzlühendeS Eisen gegen den Arm geflogen sei. Die Verbrennung sei wohl anfänglich nicht beachtet worden. später aber ärztliche Hilfe in Anspruch genommen worden, nach, dem der verletzte Arm gerötet und stark angeschwollen war.„Aller- dings." heißt es in der Urteilsbegründung,„hat W. seinem Arbeit» geber gegenüber zunächst über die Entstehung des Leidens keine Mitteilung gemacht. Dies hat seinen Grund offenbar darin, daß W., wie dies leider noch immer häusig geschieht, der laiche keine Bedeutung beigemessen und glaubte, schon nach einiger Zeit seiner Beschäftigung wieder voll nachgehen zu können." Die Ansicht des Arbeitgebers, daß es sich um ein Karbunkelgeschwür gehandelt habe, sei„für die Beurteilung der Sache belanglos", vielmehr Gewicht auf ein Gutachten der Universität Straßburg zu legen, welche» erklärte, daß lediglich„die unbeachtet gelassene, unbedeutende Brandwunde als die Infektionsquelle für die später entstandenen schweren Entzündungserscheinungen zu betrachten sei". Die verurteilte Berufsgenossenschaft suchte noch in letzter �ln- stanz zu siegen und wiederhalte in einem umfangreichen Schrift. satze dem ReichSverstchrrungsamte alle ihre„Gründe". Es wurde aii ähnliche Entscheidungen des Reichsversicherungsamtes erinnert, welche ja solche Erkrankungen, die durch unmerkliche Einwirkungen des alltäglichen Lebens zu entstehen pflegen, nicht als Betriebs- Unfälle angesehen habe. Zu diesen„Erkrankungen gehöre zweifele los auch der vorliegande Fall— Blutvergiftung". Erfreulicherweise ging daS Reichsversicherungsamt nicht auf diesen Leim, sonder» erklärte den Rekurs für unbegründet. Im Urteil wird angeführt, daß durch die Aussago des Unfallzeugen und Arztgutachten überzeugend nachgewiesen sei. daß es sich um einen Betriebsunsall handele, da der„Kläger durch eine Vor- brennung des linken Armes, die später zur Entstehung der schweren Entzündung führte, emen Betriebsunfall zrlitten hat, für dessen Folgen die Beklagte aufzukommen habe", Gcwerk rcbaftlicbc� Neutralität oder nicht? Das Schmerzenskind der„liberalen" Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereinler, Anton Erkelenz, macht wieder von sich reden. Der Mann begeisterte sich seit Jahren dafür, mit seinem Häuflein Steifleinener sich bei irgendeiner lcheralen Gruvpe anzubiedern. Auch die Nationalliberalen hat Erkelenz noch liebevoll in sein Herz geschlossen. Mit seinen„staatsmännisch" verdrehten Artikeln macht die Hirschengröße die paar unbedeutenden Gewerkvereinsblätter im Lande unsicher und setzt sein eigenes Grüppchen dabei mehr wie einmal in die Patsche. Vor einigen Wochen schrieb der große Mann wieder mal einen Artikel:„Lernt starke Kämpfer zu sein", in dem folgende Sätze vorkamen: ..... Neutralität ist Unsinn.... Deshalb ergibt sich von selbst aus der Praxis, daß dem Gewcrkvereinler, der weiß, was er will, politisch nur drei Parteien zur Verfügung stehen: Demokratische Vereinigung, Freisinnige oder Nationallibcrale Partei, letztere soweit sie wirtlich liberal ist." Erkelenz findet also selbst noch Liberalität an der Partei der Großindustriellen! Die Blätter der Zentrums- christen griffen aber diese neue neutrale Ketzerei auf und hielten sie den Hirschen unter die Nase. Die Folge war, daß abermals ein Ketzergericht über Erkelenz abgehalten wurde. Nach den Hirsch-Dunckerschen Blättern ist die Ange- legenheit ain 23. Februar in einer Zentralratssitzung zur Sprache gekommen und wurde in einer angenommenen Reso- lution„die Art des Vorgehens von Erkelenz scharf ver- urteilt". Wenn dann ferner der„Regulator", das Blatt des Ge- werkvercins der Maschinenbau- und Metallarbeiter, den Artikel des Erkelenz als dessen Privatansicht hinstellt und sich„ganz entschieden" dagegen verwahrt, daß„die Arbeit eines einzelnen als die Meinung der deutschen Gewerkvereine" ausgegeben wird, so wirkt dies recht putzig, wenn man dem entgegenhält, daß der„Regulator" zur Zeit der letzten Reichs- tagswahl ganz ähnlich schrieb. Es hieß damals auch, daß für den Gewcrkvereinler Konservative, Zentrum und Sozialdemokraten bei der Wahl nicht in Frage kämen. Beim Erkelenz soll das nun ein Verbrechen sein? Unwahr ist auch, daß die Gewerkvereinler die Hilfe jeder Partei annehmen,„die im gegebenen Fall für Arbeiterinter- essen eintritt". Der Sozialdemokratie können ja auch die Hirsche diese Eigenschaft nicht aberkennen, aber sie soll nach deren Meinung deshalb nicht unterstützt werden, weil sie nicht vor der organisatorischen„Leistung" der Gewerkvereine Hirsch-Duncker bewundernd in die Knie sinkt!— In ihrer völligen, rettungslosen Zerfahrenheit laborieren sich die Reste der Hirsch-Dunckerschen Herrlichkeit durch die mächtig ausstrebende Arbeiterbewegung wie ein Häufchen Unglück. ..Auf dem Dache sitzt ein Greis, Der sich nicht zu helfen weiß." BerUn und Umgegend. Zur Bewegung der Steinarbeiter. Die Marmorarbeiter, die die Sektion II des Steinarbeiter- Verbandes bilden, hielten am Donnerstag im Verbandslokal in der Sehdelstraße eine außerordentlich zahlreich besuchte Verfammlung ab, um für ihre Branche zur Tarisfrage Stellung zu nehmen. Der Vor- schlag der Sektionsleitung ging dahin, niit Rücksicht auf den in Aus- arbeilung befindlichen Reichstarif vorläufig von der Einreichung von Tarissorderungen abzusehen, lieber diese Frage entwickelte sich eine lebhafte Debatte, die damit endete, daß der Vorschlag der Sektious. leitung gulgeheitzen wurde, obwohl allgemein betont wurde, daß die Lohn- und Aibeitoverhaltnisse der Marmorarbeiter derartig sind, daß sie dringend der Verbesserung bedürfen. Es ist merkwürdig, daß in einzelne» Werkstätten die bei der schweren und gesundheitsschäd- licken Arbeit schon zu lange Arbeitszeit von 9 Stunden nicht auszureichen scheint und noch viel Ueberzeitarbeit geleistet wird, während andererseits überschüssige Arbeitskräfte genug vorhanden sind. um die Arbeiten in der regulären Arbeitszeit fertig zu stellen. Es muß als selbstverständliche Pflicht der Marmorarbeiter gelten, dafür zu iorgen. daß nicht ein Teil von ihnen durch Ueberarbeit seine Ge- sundheit allzu früh zugrunde richtet, während ein anderer Teil dem Elend der Arbeitslosigkeit preisgegeben ist. Das wurde in der Ver- sammlung stark hervorgehoben._ Achtung, Kleber! Sämtliche Bauten- und Privatarbeiten der Firma Bade u. Dangers sind gesperrt. Verband der Tapezierer. Sektion Kleber. Tie Organisation der Hausdiener in den Warenhäusern. Der Deutsche Transportarbeiterverband, Sektion Berlin I, hatte die Hausdiener, Packer usw. aus den Warenhäusern Berlins zu einer öffentlichen Veriainmlung eingeladen, die am Donnerstagabend in den „Arminhallen" stallfand Auf der Tagesordnung stand der Bericht über die erfolgreichen Verhandlungen bei der Firma Jandorf und die Organisation in den Warenhäusern. R e t t i g zeigte als Referent, wie es der' Organisationsvertretung nach mehreren Ver- Handlungen mit der Firma und nachdem man die Oeffcntlichkeit in Anspruch genommen hatte, gelungen war, ein befriedigendes Resultat zu erzielen. Die drei Mitglieder, deren Entlassung als eine Maß- regelung anzusehen war. lvurden wieder eingestellt. Rettig be- merkte, daß er aus den Verhandlungen den Eindruck gewonnen hätte, als würde den einzelnen Inspektoren eine viel zu größere Macht- bcfngnis eingeräumt. Man könne dies im Kaufhaus des Westens besonders beobachten. Von dort kamen auch aus diesem Grunde viele Klagen der Chauffeure, die erst durch Verhandlungen beigelegt werden konnten. Die Inspektoren lverden leicht anmaßend und spielen gern den großen Herren, obgleich sie oft genug aus den Kreisen der Hausdiener hervorgegangen sind. Leider find die Haus- diener selbst viel zu ängstlich und zaghaft gegenüber den Inspektoren und lassen sich zu viel gefallen. Sie fühlen sich machtlos, iveil sie gewöhnlich nicht organisiert sind. In den großen Warenhäusern sieht es mit der Organisation der Angestellten sehr wenig befriedigend aus. Unter den Hansdienern herrscht eine beklagenswerte Gleichgültigkeit. Wenn der Verband Tarife abschließen soll, so ist dazu in erster Linie notwendig, daß diejenigen, die den Tarif wünschen, sich dem Verbände als Mitglieder aiffchließen und ihre Pflichten übernehmen. Man darf sich nicht allein auf die Hilfe des Publikums verlassen, sondern muß selbst die Hand ans Wert legen. In den Warenhäusern bestehen auch die gelben Vereine, die gerade zur Be- kämpfung der Zentralverbände eingerichtet werden. In dem gelben Verein bei Jandorf lautet eine Bestimmung in denr zweiten Paragraphen: „Gewerbliche Angestellte, welche einem Zentralverbande an- gehören, dürfen in den Verein nicht aufgenommen werden und sind dieselben bei Verschweigen ihrer Mitgliedschaft zum Verbände unter Verlust aller Rechte an den Verein sofort ausgeschlossen und vom Vorstand hierüber schriftlich in Kenntnis zu setzen," Beim Antritt der Stellung wird gleich die Frage vorgelegt: „Welchem Verbände gehören Sie- an?" Man sieht die Mitgliedschaft in den Zentralverbänden nicht gern, weil diese Verbände die Jnter- essen ihrer Mitglieder mit Kraft und Nachdruck vertreten. Das tollten die Hausdiener einsehen und als Männer sich nicht bevormunden lassen, sondern es als ihr gutes Recht und als ihre Pflicht betrachten, Mitglied im Deutschen TranSportarbeiteroerbande zu iein,— Der Redner erntete lebhaften Beifall und in der Dis- luffion wurden seine Ausführuilgen unterstützt._ Lohnabzüge tu der Stralauer Glashütte. Die organisierten Flaschenmacher der Stralauer Glashütte be- schäftigten sich in einer am Sonntag abgehaltenen Mitglieder- Versammlung mit den von der Firma angekündigten Lohn- Verschlechterungen. Um diese durchführen zu können, ist man nicht davor zurückgeschreckt, die vereinbarten Abmachnngeit zu umgehen, indem man bei einzelnen Sorten Flaschen die Gewichtsskala außer acht ließ und dieselben nach eigenem Ermessen berechnete, natürlich nicht zum Vorteil der Glasmacher, welche zum Teil de» Winter hindurch arbeitslos waren oder ein halbes Jahr in 3 Schichten gearbeitet haben, Zu diesent eigenartigen Sparsysteni kommt noch ein zweites hinzu. Die Flaschenmacher erhalten einen Mietszuschuß. Erkrankt nun jemand längere Wochen, so wird ihm gekündigt, uni dadurch die Mietsentschädigung zu sparen. Es steht ihm jedoch frei, nach seiner Krankheit bei der Firma wieder in Arbeit zu treten. Gegen diese Maßnahmen erhoben die Mitglieder in der Versammlung energischen Protest, und es sollen schärfere Mittel angewandt werden, falls die Direktion sich nicht eines Besieren besinnt. Folgende Resolution gelangte einstimmig zur Annahme: Die am 87. Februar 1910 stattgefundene Mitgliederversammlung der Flaschenmacher verurteilt eS aufs schärfste, daß die ver- einbarten Tarifsätze bei einzelnen Sorten Flaschen nicht inne- gehalten werden, sowie die vorgenommenen Kündigungen der Kranken. Die Versammelten verlangen von der Direktion, daß die vereinbarten Abmachungen streng eingehalten werden. Der Kampf der Hartsteinarbeiter in Niederlehme nimmt durch die Schuld der Firma größere Dimensionen an. Am Donners- tag und Freitag versuchte nian von feiten der Direktion auf die Arbeiter des Mörtelwerkes und eines Kiesberges, beides der Firma gehörend, einen Druck dahingehend auszuüben, daß man diese Ar- beiter m die Hartsteinfabrik hineindirigierte. Die Arbeiter lehnten aber dieses Anerbieten ab, und sind dadurch ebenfalls zu den Streikenden übergegangen. Jetzt versucht man auf die Arbeiter in anderen Kiesbergen einzmvirken, damit diese die Minderproduktion an Kies, Sand usw., die durch die Stillegung des einen Berges und des Mörtel- Werkes entstanden ist, durch Ueberarbeit weit machen sollen. Aber auch dieses Ansinnen dürfte von feiten der Arbeiter abge- lehnt werden, und liegt es ja an den Besitzern der einzelnen Berge, sich derartige Zumutungen von feiten der Firma Gutmann zu ver- bitten, anderenfalls müffen sie mit den eventuell dadurch herauf- beschworenen Koiisequenzen rechnen. Am Montag, den 7. März, findet bei Thormann in Neue Mühle eine öffentliche Volksversanim- lung statt, die sich mit der Ausstandsbewegung beschäftigen wird, sind doch alle in Niederlehme, Neue Mühle und Umgegend Woh- nenden ganz besonders stark an dem Ausgang dieser Bewegung in- terefliert. VevtlcKes Reich. Der Streik der Steindrucker in Crossen a. Mulde dauert fort. Die Firma C. F. L e o n h a r d t bemüht sich krampfhaft, die Stellen der Streikenden mit Arbeitswilllgen zu besetzen und leitet ihre Ab- nehmer durch einseitige Darstellungen irre. In Eroffen werden ausschließlich Packungen für Margarine, Teigwaren, Seife usw.. also für den Maffenkonsum gemacht. Zahlreiche Konsumvereine führen diese Waren._ Eine Militärbehörde als Helfer der Jnnungsmeister. In Graudenz gefällt es den Bäckermeistern nicht, daß sich die Gehilfen ihrer Organisation anschließen, und weil sie die Ge- Hilfen durch ihre Ueberredungskünste nicht davon abbringen tonnten, versuchten sie durch die Militärbehörde einen Druck auf den Wirt des Versammlungslokales auszuüben. Bei dem Komman- deur der Festung denunzierten die Zünftler den Lokalinhaber und erreichten auch, daß von dieser Stelle nachstehendes Schreiben an den Wirt gerichtet wurde: „Es ist hier zur Anzeige gelangt, daß in Ihrem Lokal der Verein sozialdemokratischer Bäckergesellen seine Versammlungen abhält. Da in Ihrem Lokal auch Soldaten der Garnison verkehren, so ersucht Sie die Kommandantur, bevor weiteres veranlaßt wird, zur Aeutzerung, ob Sie gewillt sind, dem vorgenannten Verein auch weiterhin den Besuch Ihres Lokals zu gestatten.— Sollte bis zum 25. d. M. eine befriedigende Antwort nicht ein- gegangen sein, so nimmt die Kommandantur an, daß Sie Ihr Lokal auch fernerhin den Sozialdemokraten zur Verfügung stellen und wird daraufhin ihre Maßnahmen treffen. Mathey. Generalleutnant und Kommandant." freies Geleit für Strcikverbrecher. Ende vorigen Jahres berichteten wir über die Ausweisung von drei in der Malzfabrik Warendorf in Striegau beschäftigten tschechischen Arbeitern, weil sie Mitglieder des Brauerciarbeiterverbandes geworden waren und sich an einer Lohnbewegung beteiligt hatten. Während der Frühstückspause wurden sie von drei Polizisten, begleitet von Polizeihunden, ab- geholt und nach einem Verhör auf der Polizeiwache a u s g e- wiesen. Notdürftig gekleidet und hungrig wurden sie über die Grenze geschafft, wo sie in Ziegenhals auf Stroh übernachten und cm anderen Morgen im tiefsten Schnee eine Stunde Wegs mar- schieren mußten, zur Uebergabe an die österreichische Behörde. Jetzt hat sich der so schon schlver Gestraften auch noch die Staats- anwaltschaft angenommen. Zwei der Ausgewiesenen haben Klage- Zustellung erhalten, sie sollen sich am 9. März vor dem Schössen- gericht in Striegau wegen Bergehen gegen Z lb3 der Ge- Werbeordnung verantworten, da sie hinreichend verdächtig er- scheinen,„zu Striegau im Monat November 1909 durch fortgesetzte Handlungen andere durch Drohungen und Ehrverletzungen zum Beitritt zu einer Organisation behufs Erlangung günstiger Lohn- Verhältnisse zu bestimmen versucht haben". Als Zeugen fungieren unter anderem der Malzmeister und der Fabrikbesitzer. Gleichzeitig wird den Angeklagten mitgeteilt, daß ihnen zum Zwecke des Erscheinens zu dem Termin sicheres Geleit gewährt Wird, unter der Bedingung, daß sie eine bestimmte Route einhalten, nicht vor dem Tage des Termins das preußische Staatsgebiet betreten und dasselbe vor Ablauf des Termintages verlassen. Das freie Geleit erlischt, wenn auf Freiheitsstrafe er- kannt wird oder die Angeklagten Anstalten zur Flucht treffen oder obige Bedingungen nicht einhalten. Der Arm preußischer Gerechtigkeit reicht weit, er langt nach dem Streikverbrecher bis in das Ausland. Aber die Justiz ist doch auch vornehm und rücksichtsvoll: sie sichert dem Missetäter freies Geleit zur Richtstätte und freien Abzug nach seiner Heimat im Auslande zu. Und wenn sie kommen und von Schuld und Ver- gehen freigesprochen werden, dann werden sie unter Eskorte von Polizeibeamten und Polizeihunden psalmensingend nach ihrer Heimat wallfahren und preußische Gerichtsbarkeit laut preisen. Wenn sie aber verurteilt werden... Na, sie werden schon nicht verurteilt werden. Zum Bnchbinderstreik in Plauen i. V. Von Hamburg und Berlin waren den Buchbindermeistern durch Agenten je eine Kolonne Streikbrecher zugeführt worden, die aus Elementen bestanden, die wirklich eine Gefahr für die Bewohner der Stadt bildeten. Verschiedentlich ist es auch schon zu Exzessen zwischen Streikbrechern und Einwohnern der Stadt gekommen. Als ein dritter Transport Streikbrecher aus Hamburg ankam, legte sich die Polizei ins Mittel. Sie richtete an die Prinzipale-das Ersuchen, diese Elemente nicht erst in Arbeit zu nehmen. Die Firma Dhoß u. Gushurst, die bereits 1? Hamburger beschäftigte, kam dem Verlangen der Polizei nach, machte aber die Rechnung ohne die Streikbrecher. Diese, 17 Mann stark, verklagten die Firma beim Gewerbegericht, wo es am Donnerstag zu einem Vergleich kam. Herr TPoß als Beklagter erklärte sich bereit, pro Mann 24 M. und 6 M. Fahrgeld nach Berlin zu zahlen. Er fühle sich eigentlich überhaupt nicht als Beklagter, er habe diese 17 Mann gar nicht in Arbeit genommen, weil sie keine geübten Arbeiter seien, rechtlich sei die Firma Walter M ü l l e r- Wandsbeck zu verklage». Er mache den Vergleichsvorschlag nur deshalb, weil den Fabri- kanten von der Stadt Plauen nahegelegt worden sei, keine wei- teren fremden Arbeiter einzustellen, um den allabendlich stattfin- denden Auflauf zu vermeiden. Die Arbeitswilligen nahmen den Vergleichsvorschlag an, und 510 M. waren für die lieben Arbeits- willigen zum Fenster hinausgeworfen. Nach diesen bösen Ersahrungen suchen die Fabrikanten durch Annoncen in allen Gegenden nur noch geübte Arbeiter, Buchbinder und Kartonnagenarbeiter. Buchbinder, Kartonnagen- und andere Arbeiter, meidet Plauen i. V._ 200 Lederarbeiter der Badischen Lederwerke in Karlsruhe und Zeuthen haben den bisherigen Tarif gekündigt. Sie ver- langen Verkürzung der Arbeitszeit, und entsprechende Lohnerhöhung, sowie Gewährung von Urlaub. Alusland. Drohender Bergarbeiterstreik. London, 28. Februar 1910. Die Situation in der Bergwerks- Industrie in Südwales ist sehr kritisch; ein Streik der 200 000 Berg- arbeiter scheint unvermeidlich. Der Bergarbeiterverband Süd- Wales kündigte am 1. Januar den Lohnkontrakt, da der Kontrakt zu einer richterlichen Entscheidung Anlaß gegel-en, gemäß der die Arbeiter gezwungen werden konnten, die in dem Achtstundengesetz vorgesehenen 60 Uebcrjtundeii im Jahre einzuhalten/ Am Ende des Monats März läuft der Lohnkontrakt ab und mit ihm kommt auch der Arbeitskontrakt zu Ende. Die Verhandlungen, die über einen neuen Kontrakt zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern gepslogen worden sind, haben bis jetzt noch kein Resultat gezeitigt. Auf der am letzten Sonnabend zwischen den Parteien stattgefun- denen Konferenz konnte man sich nicht einmal über die Grundlagen der Verhandlungen einigen; die Parteien weigerten sich einfach, gewisse von der Gegenpartei zur Diskussion gestellte Fragen anzu- schneiden. Man ging auseinander, ohne etwas verrichtet zu haben. Zwar sind die Brücken noch nicht abgebrochen, aber eine friedliche Beilegung des Streiks ist jetzt ohne das Eingreifen eines außen- stehenden Faktors kaum denkbar. Die Hauptpunkte, um die es sich augenblicklich handelt, sind die Festsetzung des Minimallohnes und des dem Minimallohn ent- sprechenden Verkaufsvreises der Kohle und die Festsetzung der Löhne solcher Bergarbeiter, die an schlechten Plätzen arbeiten. Die Frage der 60 Stunden Uebcrzeit im Jahre ist noch gar nicht aufs Tapet gekommen. Zwischen dem Minimallohn, den die Bergarbeiter ver- langen, und dem, den die Werksbesitzer geben wollen, besteht ein großer Unterschied. Die ersteren verlangen 40 Proz. über der Lohnbasis des Jahres 1879, die letzteren wollen 20 Proz. geben. Dieser Minimallohn ist nicht der mit den Kohlenpreisen fluktu» ieiende kontraktlich abgemachte Lohn, den die Engländer auch Mini- mallohn nennen, sondern der unverkürzbare Lohn, den jeder Hauer verdienen muß. Worauf es den südwalisischen Werksbesitzern aber tatsächlich ankommt, ist nicht die absolute Höhe des Minimallohns, sondern die Höhe des Verkaufspreises der Kohle, wie er im Tarif- kontratt als dem Minimallohn entsprechend angegeben ist. Je höher dieser Verkaufspreis angesetzt ist, um so vorteilhafter ist eS für den Unternehmer, denn um so weniger setzt er sich der Gefahr aus, wegen steigender Kohlcnpreise Lohnerhöhungen gewähren zu müssen. Die Festsetzung eines hohen Verkaufspreises als Aequi- valcnt für einen scheinbar hohen Minimallohn kommt der Fest- sehung eines in Wirklichkeit niedrigen Minimallohnes gleich. Es wäre daher zwecklos für die Arbeiter, einen hohen Verkaufspreis als Aeguivalent für den von ihnen geforderten neuen Minimak.vhn anzunehmen. Augenblicklich steht der Minimallohn in Wales auf 30 Proz. über der Lohnbasis des Jahres 1879. Das ist aber nur das Existenzminimum; der eigentliche Lohnsatz ist höher. Ein MinimalloHn von 40 Proz. bei Hohem Berkaufspreisäqutvalent würde an den bestehenden Lohnverhältniffcn wenig ändern, würde aber die Lohnrate vielleicht auf Jahre hinaus immer auf dem Existenzminimum halten. Die Festsetzung des dem Minimallohn entsprechenden Verkaufspreises der Kohle ist mithin ein� ungemein wichtiger Punkt. Nächste Woche wird wieder eine Spezialkonferenz der Berg» arbeitersöderation Großbritanniens stattfinden. Die Südlvaliscr haben die Einberufung derselben verlangt und wünschen, daß sie der Gcsamtverband dieses Mal wieder in derselben Weise unter- stütze wie im vergangenen Jahre, als die Föderation mit dem all- gemeinen Streit der britischen Bergarbeiter drohte. Die Arbeit- geber sollen fest entschlossen sein, diesmal nicht nachzugeben. Auf dem Kohlenmarkt zu Cardiff herrscht eine sehr pessimistische Stimmung. Ein„Aufruhr"-Prozeß in Pennsylvanie». Nach einer Mel- dung aus Philadelphia hat die Große Anklagejury den Präsidenten der Zentralvereinigung der Arbeiterorganisationen Murphy und den Arbeiterführer Pratt wegen Anstiftung zum Aufruhr in den Anklagezustand versetzt. Letzte Nacbncbtcn und Vepefcken. Die Färberaussperrung im Wuppertal. Köln, 4. März.(Privatdepcsche des„Vor- wärts".) Die Färberanssperrnng in den Wuppertaler Textilbetrieben droht einen verhönguisvollen Umfang an» zuiichiilen. Der Fabrikantenverband für Bandstuhl» a r t i ke l hat beschlossen, zur Unterstützung der Färberei- und Bleichereibesitzer die Bandfabriken zu schließen. Infolgedessen haben zahlreiche größere Betriebe in Bändern, Kordeln und Litzen einem Drittel der sämtlichen Arbeiter mitgeteilt, daß die Kündigung, soweit sie bisher bestand, von jetzt ab auf- gehoben sei. Der Arbeitsmangel in den Riemendrehereien dürfte die Fabrikanten schon zur Stillegung der Betriebe zwingen._ Bergmannslos. Beuthen, 4. März.(B. H.) Auf der Neuhofgrube geriet der Bergmann Trimbakowski zwischen den Förderkorb und die Schachtwand und wurde buchstäblich totgequetscht. Opfer seines Berufs. Czcrnowib, 4. März.(W. T. B.) Der Kammersänger der Wiener Hofoper Leopold Demuth ist heute Abend während eines hier gegebenen Konzerts infolge eines Schlaganfalls Plötzlich gestorben. Beigelegter Konflikt. Paris. 4. März.(W. T. B.) Die Wünsche der Loko- motivführer und Heizer der Staatsbahnen sind er- füllt worden. Der Konflikt ist damit beigelegt. 118 Tote. Everctt(Wajhington), 4. März.(28. T. 23.) Die Zahl dsr durch den Lawinensturz in dem Eisenbahnzuge getöteten Personen wird jetzt auf 118 angegeben; darunter befinden sich 84 Passagiere. PaulSinger LeCo., Berlin SW. Hierzu 4 Beilage« u.Unt'rhaltungsbl. verantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.: rh.Gl-cke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr.u.VcilagSanstalt ir.54. 27. Jahrgang. 1- KtilU des.lonuirtö" Sttlinct WÄR Sounülielld, 5. März 1910. Reichstag* 48. Sitzung Freitag, den 4. März, nachmittags 1 Uhr. Am Bundesratstisch: Dr. Delbrück. Auf der Tagesordnung steht zunächst ein schleuniger An- trag Geck(Soz.): daß in der gegen ihn bei der Strafkammer in Offenburg(Baden) anhängigen Privatklage Seubert gegen Geck und Haberer verhandelt werden kann. Der Antrag wird ohne Debatte der Geschästsordnungskom- Mission überwiesen. Dann wird die Beratung des Etats für das Reichs- amt des Innern beim Kapitel „CJefimclKeitaanit" fortgesetzt. Abg. Neuner(natl.) regt die reichsgesetzliche Regelung des Apo- thekenwesens an. Auch das Abdeckereiwesen bedürfe dringend einer endgültigen Regelung. Staatssekretär Dr. Delbrück: Der Entwurf deS Apotheken- gesetzes ist seinerzeit veröffentlicht worden; das aus der Diskussion hervorgegangene Material wird gegenwärtig noch bearbeitet. Das Abdeckereigesetz kann nicht verabschiedet werden, ohne daß die mit der Abdeckerei verbundenen Privilegien ahgelöst werden— eine Frage, die noch ernstlicher Prüfung bedarf. Abg. Brühne(Soz.): Die Unfallberufsgenossenschaften zahlen heute keine Prämie aus, wenn der Arbeiter sich einen Leistenbruch im Betriebe zuzieht. Es sollte doch vom Reichsamt des Innern bewirkt werden, daß die Unfallberufsgenossenschaften auch in solchen Fällen eine Rente zahlen; sie sind wirklich nicht so schlecht in finanzieller Beziehung gestellt und könnten diese Renten unter allen Umständen zahlen. (Sehr richtig! b. d. Sozialdemokraten.) Sehr wird gegen die Gesundheit der jugendlichen Arbeiter gesündigt. Das beweisen die Berichte der Fabrikinspektoren. Wenn wir diese Berichte lesen, müssen wir uns die Frage vorlegen: Wie ist es denn denkbar, daß wir heute in Dentschland noch solche Zu- stände haben, die geeignet sind, die Gesundheit des Kindes völlig zu ruinieren? Im Bezirk Arnsberg erhielt ein Knabe, der noch nicht 10 Jahre alt war, nach Beendigung einer dreiwöchentlichen Arbeits- zeit in der Zigarrenindustrie— er mußte täglich 10 Stunden ar- beiten— insgesamt 3,60 M. ausgezahlt!(Hört! hört! b. d. Soz.) Das ist 2 Pf. pro Stunde.(Erneutes Hört! hört! b. d. Soz.) Für einen derartigen Preis wird die Gesundheit des Kindes unter- graben. Um wenig auszugeben, schindet man das Kind. Die Zustände in den Fabriken und besonders in der Heimarbeit der Tabakindustrie sind geradezu entsetzliche.(Sehr richtig! b. d. Soz.) Die neuen Steuern werden auch nicht dazu beitragen, die Verhältnisse zu bessern. Eher wird das Gegenteil der Fall sein. Gewissenlose Fabrikanten werden alles versuchen, die Steuer, die sie zahlen müssen, zum Teil aus den Kindern herauszuschlagen. (Sehr richtig! b. d. Soz.) Ein Fall aus Erfurt, der beweist, in welcher Weise gegen die Gesundheit und das Leben der Arbeiter vergangen wird: Zwei Fabrikarbeiterinnen waren in einem Sor- ticrraum beschäftigt. Der Eingang zu diesem Raum war vollstän- dig mit Holz verschalt. Ein Fabrikinspektor mußte selbst zuge- stehen, daß im Falle des Ausbruchs eines Brandes die beiden Ar- beiterinnen rettungslos verloren gewesen wären!(Hört! hört! b. d. Sozialdemokraten.) Sehr traurig ist es auch im Beziek Minden mit der Heim- arbeit in der Tabalindustrie bestellt. Ein Gewerbeinspektor stellte fest, daß von 277 Kindern, die in dieser Industrie dort beschäftigt werden, nicht weniger als 153 unter 10 Jahre alt sind! Ein Knabe zählt nicht einmal« Jahre und muß 8 Stunden täglich arbeite«! Ein zehnjähriger Knabe verdient pro Stunde 1,4 Pfennig. (Hört! hört! b. d. Soz.) Zwei Fabrikanten wurden auch wegen dieser Ausbeutung der Kinder angeklagt. Der eine erhielt eine „Strafe" von 3 M., der andere eine solche von 6 M.(Lebhaftes Hört! hört! b. d. Soz.) Derartig geringfügige Strafen für Leute, die die Kinder schinden!(Sehr wahr! b. d. Soz.) Da wären be- deutend schärferen Strafen am Platze. Die Gesundheit der Kinder wird durch diese Ausbeutung geradezu ruiniert. Ein anderer Fall: Zwei noch nicht 10 Jahre alte Kinder ar- beiten täglich 7 Stunden und verdienen 60 Pf. In einer anderen Kleines Feuilleton. „Nochmals der Flora-Streit". In dieser Angelegenheit schreibt unS unser Korrespondent M. Beer aus London: Am 25. Februar besuchte ich Mr. Cooksey in Soutbampton und las ihm Herrn Dr. Passes Zuschrift an die„Bossische Zeitung" vor. Cooksey gab mir auf Dr. Passes Erklärungen folgendes zur Aiitwlort:„1. Beim Besuch Passes und Gretors in Southampton habe ich mich Ihnen nicht als Lucas vorgestellt; ich sagte Ihnen vielmehr:„I am here on Mr. Lucas1 autiiority"(Ich bin von Mr. LucaS ermächtigt). Posse hatte vorher seine Karte abgeben lassen; ich war gerade bei Lucas, ivorauf mich dieser ersuchte. den Besuchern zu erklären, daß er sie nicht empfangen könnte. Gretor wollte seinen Namen nicht angeben und ich erfuhr ihn erst, als ich einem meiner Londoner Freunde die Besucher beschrieb. Ich habe selbstredend den Besuchern meinen Namen vorerst verweigert, da dies zur Sache gar nicht gehörte. 2. Ich habe keine besonderen Beglaubigungsschreiben des deutschen Kaisers und des deutschen Botschafters gefordert. Erst als Gretor ausgerufen hatte: Ich bin der deutsche Kaiser, der deutsche Botschafter, der Dr. Bode!, da sagte ich ironisch: Da hätten Sie sich ja leicht hohe orccksntials(Beglaubigungsschreiben) verschaffen können. 3. Das schmählichste, das mir Dr. Posse in die Schuhe schiebt, ist seine Anschuldigung, daß ich„ein Feind der Deutschen" sei und daß ich„die erwartete Belohnung für die von mir veranstaltete Führung deutscher Seeleute durch Southampton" nicht erhalten habe. Diese ganze Anschuldigung konnte kein gebildeter Mensch schreiben und ich zweifle sehr, ob sie wirklich von Dr. Posse kommt. Ich bin vielmehr ein Bewunderer Deutschlands und ich habe über meine Reisen in Deutschland äußerst günstig in der Presse berichtet. Beim Besuche der Mannschaften der kaiserlichen Dacht„Hohenzollern", des Kreuzers „Königsberg" und des Torpedobootes„Sleipner" im Dezember 1907 in Southampton haben die Bürger der Stadt sie eingeladen und bewirtet, wobei ich als Vorsitzender des Komitees das mcinige getan habe, den Gästen den Aufenthalt in der Stadt so angenehm als möglich zu machen, aber keiner von uns hat auf irgend welche Belohnung gerechnet. Wir haben Gastfreundschaft geübt, ebenso wie Hamburg, Bremen oder eine andere deutsche Hafenstadt sie englischen Seeleuten gegenüber übe» würde. Ich habe sogar beim Komitee durchgesetzt, daß die Stadt dem Kaiser ein Einladungsschreiben zugehen ließ". Zigeuner auf der Wanderung. Die Wandernatur der Zigeuner hat seit ihrem Auftreten im Beginn des 15. Jahrhunderts in Europa nicht nachgelassen; das weite Gebiet vom nordwestlichen Indien bis nach Norwegen, welches sie längst durchstreifen, hat ihnen nicht mehr genügt, und nun ist die westliche Erdhälftr auch schon zum Schauplatz ihrer Wanderzügc geworden, wodurch aber- mals bestätigt wird, wie ihre Raflenanlage die Seßhaftigkeit trotz aller wohlwollenden Versuche ausschließt, sie dabei aber, gleichviel ig selbem Lande sie guck, leben. jZre Kejmisge SprgZe bxibchgften. Werkstatt wurde ein Kjährigcs Kind angestellt, das bei 4stündiger Vormittagsarbeit täglich 5 Pf. verdiente.(Hört! hört! b. d. Soz.' Betriebe, die nur aufrecht erhalten werden können durch eine der artige Ausbeutung von Kindern, sollten lieber vom Erdboden Verl schwinden(Sehr wahr! b. d. Soz.); sie bieten ja auch den anderen Fabrikanten die schärffte Konkurvenz und auch für die übrigen Arbeiter bewirken sie starken Lohndruck.(Sehr richtig! b. d Sozialdemokraten.) Auch über die Bäckereivcrordnung ist mehrfach gesprochen worden, und manche Bäckermeister wünschen ihre Abschaffung. Die Mehrheit des Reichstages wird darauf aber wohl nicht eingehen. Wie man mit Lehrlingen in Bäckereien uml geht, zeigt u. a. der Bericht des Fabrikinspektors aus Potsdam Er fand einen Lehrling von 14 Jahren, der von 10 Uhr abends bis 6 Uhr nachmittags, also 18 Stunden in einer Tour beschäftigt war!(Hört! hört! b. d. Soz.) Ein löjähriger Lehrling war drei Tage in der Woche UVi Stunden beschäftigt! Wo bleibt da die Bäckereiverordnung? Gewiß kann die Polizei nicht überall sein, aber die Handwerker selbst sollten doch dafür sorgen, daß die Bc stimmungen besser durchgeführt werden.(Sehr wahr! b. d. Soz. Der letzterwähnte Bäckermeister wurde ja schließlich mit einer Geld strafe von 60 M. belegt, aber wer in so mörderischer Weise mit der Gesundheit der Lehrlinge umgeht, den müßte eine weit st r e n- gere Strafe treffen, und dann müßte solchem Meister das Recht der Lehrlingsausbildung entzogen werden.(Sehr wahr! b. d. So- zialdenwkraten.) In den Zicgeleibetricben sind 1647 Kinder beschäftigt, davon 761 mit einer nngesetzllchen Arbeitszeit.(Hört! hört! b. d. Soz.) In zwei Ziegeleien wuroen wieder von dem Fabrikinspektor Schlafräume für Arbeiterinnen angetroffen, in welche man nur durch die Schlafräume der Männer gelangen konnte. Es waren erst polizeiliche Strafverfügungen nötig, um das abzuändern. Der Jabrikinspektor von Potsdam stellte in einer Ziegelei fest, daß ein Kind für das Aufstellen von 1000 Backsteinen mit 5 Pf. entlohnt wurde!(Hört! hört! b. d. Soz.) Noch einige Worte über unsere Fürsorgeerzi ehungsanstalten. Sie alle wissen ja von den haarsträubenden Vorgängen, die in den letzten Jahren aus solchen Anstalten bekannt wurden. Die grauenvollen Enthüllungen aus der Blohmeschen Wildnis sind noch in aller Gedächtnis. Als im„Vorwärts" der erste Artikel über die Vorgänge in Mielczyn erschien, hielt man es für ganz unmöglich, und doch bestätigte sich alles. Man sollte doch meinen, daß nach diesen Enthüllungen die Leiter solcher Anstalten daran- dringen würden, daß derartige Dinge nicht mehr vorkommen. Statt dessen scheint es, daß diese norddeutschen Verhältnisse sogar nach dem Süden übergreifen.(Rufe rechts: Gesundheitsamt?! Wohin soll denn die Fürsorgeerziehung gehören, wenn nicht zum Gesundheitsamt?(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) In Darmswdt fand kürzlich ein Prozeß gegen einen Mann statt, der seinen Sohn entführt haben sollte, und der Leiter der Anstalt mußte vor Gericht zugeben, daß ein 14jähriger Junge, weil er eine Zahnbürste in die Jauchegrube versenkt hatte, mit einem Strick um den Leib in diese Jauchegrube gestoßen wurde, um die Zahnbürste herauszuholen!(Hört! hört! bei den Sozialdemo- kraten.) Das ist eine unerhörte Unmenschlichkeit! Vor 14 Tagen hat die Elberselder«Freie Presse" über eine neue Fürsorgeerziehung in der Handwerkcrbildungsanstalt zu Gmünd berichtet, wo die Knaben in himmelschreiender Weise geprügelt werden. Die Knaben werden dort am Tisch mit Stricken fest- gebunden, so daß sie sich nicht bewegen können, und bekommen dann bis zu 150 Schlägen! (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.!) Die christliche Haus mutter scheint in dieser Bestialität eine gottgewollte Wohltat zu sehen, wenigstens sagte sie zu einem Dienstmädchen, das den An- blick nicht ertragen konnte und weinte:„Sie weinen noch darüber? Ich könnte selbst zuschlagen, bis das Blut spritzt." Ich habe für solche Bestialität keinen parlamentarischen Ausdruck.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Unsere Behörden sollten doch alles daransetzen, daß derartige Zustände beseitigt werden. Im Lantchag hat der preußische Minister des Innern ja auch Whilfe versprochen, und ich habe nur den Wunsch, daß dieses Versprechen auch gehalten wird.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Ein belangreiches Beispiel einer Zigeunerwanderung in Amerika bringt der„Globus" nach dem Journal der englischen Zigeunergesellschaft. Dort wird berichtet, daß im August 1903 plötzlich in Boston eine 300 Köpfe starke Zigeunerbande auftauchte, die neben ihrer eigenen Romsprache etwas Portugiesisch und wenig Englisch sprach. Längst wissen wir. daß die Wanderzüge der Zi- gcuner nach den Fremdwörtern und Sprachbrockcn konstruiert wer- den können, die sie auf ihren Kreuz- und Querfahrten angenommen haben. Woher nun das Portugiesisch bei jenen Bostoner Zigeunern? In Portugal, das konnte festgestellt werden, waren sie nicht gewesen. Da ergab sich denn als Quelle Brasilien. Ursprünglich aus Rußland und Serbien stammend, wie der slawische Teil ihrer Sprache bewies, war die Bande nach Brasilien geraten, wo sie einige Jahre blieb, dann nach Mexiko fuhr und, dieses auf dem Landwege durchziehend, nach den Vereinigten Staaten kam und auf dem weiten Wege über Chicago nach Boston. So vieler Herren Länder sie auch durchzogen hatten, sie waren echte Zigeuner geblieben, und die Schilderungen, welche der ameri- kanische Beobachter W. MacLeod von ihnen entwirst, erinnern vollständig an das. was wir von unseren umherziehenden Zigeuner- banden wissen. Er schildert ihr Zeltlager vor der Stadt, die mit kleinen Pferden bespannten Wagen, die zudringlichen, schmutzigen Weiber, deren Wahrsagekünste, aufgeputzte Kleidung mit Ge- hängen aus brasilianischen Münzen, ihre Gesänge und Musik- instrumente und schließlich das Eingreifen der Polizei gegen die lästig werdenden Fremdlinge. Musik. In der Oper zu Monte Carlo bollzog sich dieser Tage wie alljährlich um diese Jahreszeit wieder einmal ein künst- lerisches Ereignis ersten Ranges: die Uraufführung des neuesten Opernwerkes Massenets, der wie so viele seiner komponieren- den Landsleutc keine Altersverstimmung zu kennen scheint. Zeigt doch die Partitur zu seinem„Don Quichote", einer fünf- aktigen Oper, deren Libretto Henri Cain nach einem heroischen Schauspiel von Le Lorrain frei gestaltet hat. eine geradezu er- staunliche melodische Frische und ein schwungvolles Temperament von glühender Jntensivität, wenn auch freilich ein direkter innerer Entwickelungsfortschritt nach den früheren Werken, besonders nach seinen reifsten Opern„Manon" und„Wcrther" nicht zu spüren ist. Die eigentliche tragikomische Note der„Don Quichote"- Tragödie bemüht sich Massenet kaum in seiner Musik deutlich an- zuschlagen; er begnügt sich vielmehr damit, das spanische Milieu durch reichliche Einstreuung von Volkstänzen in großen Strichen zu kennzeichnen und er hebt an der Don Quichote-Figur lediglich äußerlich das Heldische und zugleich das Sentimental-Erotische her- vor, aber doch in ziemlich äußerlicher Weise. Einzig den Charakter der koketten Dulcinea malt die Musik mit etwas innerkichercm Anteil. Von einer fortlaufenden Handlung ist in der Oper im Munde tjjdft iüs AM. Wir jchen tW Ämer von boo toWrigen Präsident des Reichsgesundheitsamtes Dr. Bumm: Die Fürsorgeerziehungsanstalten unterliegen der Beaufsichti- gung der L a n d e s b e h ö r d e n. Auch auf die Mißstände in den Gewerbebetrieben gehe ich aus dem gleichen Grunde nicht ein. Herr Lehmann hat gestern die Bleivergiftungen zur Sprache gebracht. Aher aus seinen eigenen Ausführungen geht hervor, daß die Bundesratsverordnung ganz gut ist; wenn vereinzelte Verstöße gegen die Verordnung vorkommen, so ist das �wiß be- dauerlich. Gewundert habe ich mich, daß Herr Lehmann fragte, wo das Merkblatt des Reichsgesundheitsamtes über Bleikrankheite» sei; wir geben das Merkblatt aus Wunsch stets unentgeltlich ab. Weiter behauptete Herr Lehmann, daß das Bleiweitz ent- behrlich sei. Ich mache ihn auf den Bericht der holländischen Untersuchungskommission hierüber aufmerksam, wonach Zinkweiß kein voller Ersatz für Bleiweiß ist. Es ist kein Grund abzusehen, warum man jetzt schon zu einem absoluten Verbot des Bleilveißes übergehen soll. Ein solches Verbot würde die deutsche Industrie und Tausende von Arbeitern schwer schädigen. Durch energische Durchführung der Bundesratsverordnungen wird es möglich sein, den Prozentsatz der Erkrankungen stark herabzudrücken. Be- schwerden über die Handhabung der Verordnung bringt Abg. Lehmann am besten bei ben zuständigen Lokalbehörden bor. Abg. Dr. Lconhart(frs. Vp.) begründet und empfiehlt die freisinnige Resolution, welche die Bereitstellung von NeichSmittcln zur Erforschung und Bekämpfung deS Alkoholismus fordert. Redner weist auf den Vorgang bei der Reichsfinanzrcform bin, wo ein Antrag der Linken auf Verwendung eines Prozents der Erträgnisse der Branntweinsteuec zur Bekämpfung des Alkoholismus von der Steuermehrheit abgelehnt wurde, obwohl auch die MehrheitS- redner im Prinzip die Notwendigkeit der Bekämpfung des Alkoholis- mus anerkannten. Der Einwand, der damals vom Bundesrats- tische erhoben wurde, daß die Bekämpfung des Alkoholismus keine Neichssache sei, müsse als hinfällig zlirllckgemiesen werden. Redner erkennt an, daß der Branntweinboykott der Sozialdemokratie be- deutende und segensreiche Folgen gezeitigt habe und lobt die Tätigkeit des Vereins gegen Mißbrauch geistiger Getränke und des Blauen Kreuzes sowie den Antialkoholeriaß des preußischen Eisen- bahnministers. Aber gegen ein Reichstrunksuchtsgesetz inüsse pro- testiert werden. Ein solches würde nur zu neuen polizeilichen Schikanen führen.(Lebhafter Beifall links.) Staatssekretär Delbrück: Darüber, daß die Bekämpfung des Alkoholismus notwendig und wünschenswert ist, wird im ganzen Hause keine Meinungsverschieden« heit herrschen.(Allgemeine Zustiminung.) Es fragt sich aber, ob der vom Borredner vorgeschlagene Weg der richtige ist. Ich möchte das stark bezweifeln.(Zustimmung rechts.) Am besten wird der Alkoholismus durch das gute Beispiel der älteren Arbeiter, Meister usw. bekämpft. Von einer— zudem sehr schwierigen— Reichsstatistik über den Alkoholisnms versprecke ich mir sehr wenig. (Lebhaste Zustimmung rechts.) Was das Reichsamt durch Auf- klärung, Unterstützung temperenzlerischer Bestrebungen usw. zur Be- kämpfung des Alkobolismns tun kann, wird geschehen. Abg. Brejski(Pole) lenkt die Aufmerksamkeit auf die Wurmkrankhcit im Ruhrrevier, die, nachdem ein paar Jahre von ihr in der Oeffemlichkeit und im Parlament wenig die Rede gewesen ist, sich neuerdings wieder in erschreckender Weise ausgebreitet habe. Es ist sehr zu bezweifeln, ob die Bekämpfung dieser unheimliche» Geißel des Bergmanns in dem notwendigen Umfang und mit der gebotenen Umsicht erfolgt sei. Nirgendwo wird ein solcher Raubbau an der Arbeitskraft ge- trieben wie in den Zinkhütten.(Sehr wnhrl bei den Sozioldemo- kraten.) Um so dringender ist zu verlangen, daß die bestehenden Bestimmungen gerade in den Zinkhütten mit aller Strenge angewandt und, wenn sie sich als ungenügend erweisen, durch neue ergänzt werden. Leider haben die Acrztc in den oberschlesischen BergwerkSgegenden das Vertrauen der Arbeiter vielfach verwirkt, weil sie nur zu oft in parteiischer Weise das Interesse der Wcrksverwaltungen wahr- nehmen. Die freie Arztwahl tvird dort mit der Motivierung be- kämpft, daß nach ihrer Einführung die polnischen Aerzte zu großen Zulauf haben würden I(Hört! hört! bei den Polen.) Die Beschäftigung von Frauen und Mädchen in den Bergwerke» zeitigt häufig sehr unerfreuliche Erscheinungen aus sittlichem Gebiete. Dem Verlangen der Bergbarone nach Durchbrechung der Schutzvorschriften durch Ausnahmebestimmungen muß entschieden entgegengetreten werden.(Bravo! bei den Polen.) Abg. v. Trcuenfcls(k.) befürwortet eine Resolution, die einen Gesetzentwurf gegen den Mißbrauch narkotischer Arzneimittel ver- Gestalt um der verzweifelten, unerwidert bleibenden Liebe zu Dul- eine« willen etliche groteske Abenteuer bestehen, darunter ein von Le Lorrain frei erfundenes Renkontre mit Banditen, denen der Ritter solche Ehrfurcht einflößt, daß sie ihm freiwillig ein von ihnen geraubtes Halsband der Dulcinea wiedergeben. Wir sehen Don Quichote zuletzt in einer wilden Felsschlucht einen verzückten Märthrertod sterben. Die Tiefe, die Textbuch und Musik vermissen lassen, wußte die ganz einzig dastehende Darstcllungskunst des russischen Baßriesen oder auch riesigen Bassisten Chaliapine— er ist ein Hüne von Gestalt— in das Werk hineinzutragen und diesem Künstler verdanken wir den eigentlichen Genutz an Massenets neuester Oper, die nicht geeignet ist, den Ruhmestitel des Kom- ponisten zu vermehren, wenn auch die Musik, wie nochmals hervor- gehoben werden mutz, absolut noch kein greisenhaftes Nachlassen der Kraft verrät. Ganz meisterlich war die Aufführung und Jnsze, nierung unter Leitung des Direktors Raoul G u tt s b o n r g. SS. Humor und Satire. Straße nräuber. Was gleich, geheim, direkt und allgemein! WaS sällt dein Preußenvolk für Zeug denn ein? Und obendrein das Recht auf unsere Straße! Das ist direkt gemein im höchsten Maße. Denn unser sind die Straßen alle seit der gute» alten Ritterahnenzeit, schon damals darften öffentlich wir plündern das Recht der Straße sollt ihr uns nicht mindern! Das Wahlrecht, das wir einstens ausgeheckt. nicht gleich, nicht allgemein und nicht direkt, dieS Wahlrecht ändern wir dem Volk mit Nichten—- nur aus die Heimlichkeit kann man verzichten. Auch das nur halb, und nur soweit als ihr die öffentliche Wahl genau wie wir benutzt, die Wählerschaft zu kontrollieren (denn schamlos pflegt ihr zu terrorisieren). Und wollt ihr, daß direkt, gleich, allgemein in Preußen dennoch etwas solle sein: auf unsrer Straße lassen wir mit Säbeln gleich allgemein und direkt euch vermöbeln. _ Franz. Notizen. — Zur Beobachtung des Halleyschen Kometen lvwd»ch der bekannte Astronom am Pariser Observatorium, Maskart, demnächst nach den» Pic de Teneriffa begeben. Er wird dort während zweier Monate in dem 2400 Meter hock gelegenen meteoro- logischen Institut des Pic de Teneriffa den Halleyschen Kometen beobachten. langt, Me auf dem Wege des sogenannten Großhandels bielfach in die Hände unbefugter Personen gelangen und dem Morphinismus, Kokainismus nsiv. zu einer höchst verderblichen Verbreitnng verholfen haben, Präsident des Ncichsgesundheilsamtes Dr, Buwm: Es bestehen bereits Bestimmungen gegen die Abgabe von Narcoticis; auch die Großhändler dürfen sie nur an zuverlässige Personen abgeben. Uebrigens ist eine Revision der kaiserlichen Verordnung vom Oktober 1901 im Gange, und dabei wird geprüft werden, ob die bestehenden Vorschriften vielleicht noch verschärft werden sollen. Dem Abg. Brejski bemerke ich, daß uns von einer stärkeren Ausbreitung der Wurmkrankheit, deren Bekämpfung übrigens Sache der Landesregierungen ist, nichts bekannt ist. Abg. Dr, Burckhnrdt swirtsch, Vg,): Herr Brühne hat über die Kinderausbenlung geklagt. Aber wir tönnen doch nichts für Ueber« tretungen der Gesetze, und wenn solche llebertrehmgen nur mit 3 M. Geldstrafe belegt werden, so ist es sehr bedauerlich, daß ein Amts- richter so geringe-' soziales Empfinde» haben tan». Unser Bleigesetz ist scharf genug. Wenn die«ozialdeinokraten konsequent wären, würden sie den„Vorwärts" schließe» sHeitcrkeit), denn die Setzer arbeiten auch mit Blei und ziehen sich auch Bleikrankheiten zu. Das Bleiweiß kann keineswegs entbehrt werden, das kann Herrn Lehmann jeder Malermeister sagen. Hierauf wird ein Antrag auf Schluß der Debatte gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und Freisinnigen a n g e n n m m e n. Abg. Dr, Müllcr-Meiningen Das Syndikat zahlt die höchsten Löhne. Im allgemeinen sind die Bergleute mit den Löhnen vollauf zufrieden.(Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Abg. Jmbusch(Z.): Da» geheime und freie Wahlrecht zu den Knappschaftsältcstenwahlen ist noch lange nicht gesichert. Häufig erfolgen noch Maßregelungen nach den Knappschaftswahlen. Das Strafwesen wird vielfach sehr rigoros gehanvhabt. Die Gutachten der Oberärzte werden häufig von ihnen nur unterschrieben und von Assistenzärzten ausgestellt. Es finden sich in solchen Gutachten oft Behauptungen, die mit der Wahrheit völlig im Widerspruch stehen. Die Schiedsgerichte kümmern sich auch oft zu wenig um die praktischen Verhältnisse., Ein RegierungSkommissar betont dem Vorredner gegenüber. daß das KnappschaftSwescn in den letzten Jahren einen erfreu- lichen Aufschwung genommen habe. Die geheime Wahl ist in der großen Mehrzahl der Knappschaftsvereine schon eingeführt. Abg. Leinert(Soz.): Im Vorjahre haben wir uns hier über eine Petition der Schaumburg-Lippeschen Bergarbeiter unterhalten. Die Bergleute sind nun sehr enttäuscht, daß ihre Forderung auf 30 Pf. Lohnerhöhung nicht befriedigt worden ist; sie haben mir mitgeteilt, daß die Verhältnisse dort noch schlechter geworden sind, als sie vor einem Jahre waren! Das ergibt auch der Bericht der Re- gierung. Die Löhne sind bort von 900 auf 895 M. zurückgegangen. Man hat versucht, die Akkordlöhne herabzusetzen, und verlangt von den Hauern, daß sie auch bei schlechten Gebirgsverhältnissen unter allen Umständen ihr Pensum leisten. Die Verwaltung hat es ab« gelehnt, mit dem ArbeiterauSschuß über die Forderung einer Lohn- erhöhung zu unterhandeln, weil dieser nach ihrer Meinung dazu kein Recht habe. Ich erwarte, daß der Minister diesen rückständigen Standpunkt nicht teilen wird. Nach unserer Meinung müssen ja solche Verhandlungen mit den beteiligten Arbeiterorganisationen geführt werden. Ueberhaupt ist das Bild des Etat? des Schaum» burg-LiPpeschen Gesamtsteinkohlenbergwerke ein sehr eigentüm» liches. Me Ausgaben für Beamtengehälter sind infolge der Besoldungsgesetze um 23 Proz. gestiegen, für Löhne ist nur 1 Proz. mehr vorgefehenl Die Arbeiler werden also außerordent« lich stiefmütterlich behandelt. Auch sind ihre Beiträge zu Verfiche« rungszwecken von 104 M. im Jahre 1907 auf 134 M. im Jahre 1908 gestiegen, während die Lei st un gen zurückgegangen sind. Seine Verordnung über die Lieferung von Stimmzetteln bei den Wahlen von Sicherheitsmännern seitens der Verwaltung sollte der Minister zum mindesten dahin abändern, daß nur Kuverts geliefert werden. Im November sind auf dem Georg- schacht 40 Mann an TyvhuS erkrankt, einer davon ist gestorben. Bei der Untersuchung sollen in einem Liter Wasser 100 Typhus- bazillen gefunden sein. Jetzt wird gekochtes Wasser verabreicht. Die Arbeiter beschweren sich darüber, daß die Untersuchung ge- heim gehalten wird. Ich ersuche daher die Regierung. Auskunft zu geben, welche Ursachen zu dieser Typhuserkrankung in diesem Werke geführt haben.(Bravo l bei den Sozialdemokraten.). Abg. Maceo(natl.) ersucht den Minister, sich über die unHalt- baren Raumverhältnisse der geologischen Landesanstalt Berlin zu insormiexelk Minister Siidow sagt dieS zu. Ter Etat wird bewilligt. Nächste Sitzung: Sonnabend, 11 Uhr: Allgemeine Dehatte über die Eingemeindungsfrage. Etat der Handels- und Gewerbeverwaltung. .Schluß: 0% Uhr.. parlamcntanrches. Die Liidrritzbuchter— Der Pensionsetat— Ein Zwischenspiel— Der Postetat. Bevor die Budgetkommission des Reichstag? am Freitag in die Tagesordnung eintrat, teilte Herr Erzberger mit, daß er auS ..Südwest" abermals eine Anzahl Depeschen wegen des beabsichtigten Vertragsabschlusses mit der Kolonialgesellschaft erhalten habe. Staatssekretär Dernburg hätte seinerzeit erklärt, dah der Vertrag vor dem Abschluß der Budgetkommission zur Meinungsäußerung vorgelegt werden solle. Er(Erzberger) mache nun den Vorschlag, beim Staatssekretär des Kolonialamts anzufragen, wieweit die Angelegenheit gediehen sei.— Die Kommission schloß sich diesem Borschlag an und beauftragte ihren Vorsitzenden, die erforderlichen Schritte zu unternehmen. *• Die Erledigung des Allgemeinen Pensionsfonds nahm nur kurze Zeit in Anspruch. Bloß bei den Jnvalideninstituten entspann sich eine Debatte, weil Zweifel über ihre Zweckmäßigkeit geäußert wurden. Man einigte sich dahin: alles beim alten zu belassen. Ueber die eingegangenen zahlreichen Petitionen berichtete Erz- b e r g e r und beantragte, sie sämtlich der Regierung zur Er- w ä g u n g zu überweifen. Wenn man berücksichtige, daß die Le- bensmittel teurer geworden seien, so könne'man das Verlangen der Altpensionäre nach höheren Einkommen sehr wohl verstehen. Aber der Reichstag könne von seinem beim Besoldungsgesetz ein- genommenen Standpunkte(dem Gesetze keine rückwirkende Kraft zu geben), nicht abgehen. Nunmehr nahm der Staatssekretär des Reichspostamts, K r a e t k e, auf der Anklagebank Platz. Erzberger beklagt sich Über den Luxus, den wir mit unseren Posteinrichtungen in China treiben. In Shangbei habe England bei seiner Postanstalt nur die Hälfte des Personals wie wir, dabei nehme England dort doppelt soviel ein wie wir in ganz Ostasien! Wir haben einen Postpalast, der uns 700 000 M. kostete, während die Engländer für denselben Zweck nur 200 000 M. aufgewandt hätten. Staatssekretär Kraetke bestreitet die Richtigkeit der Erz- bergerschcn Angaben: Man müsse beachten, daß unsere Zentral- st e l l e für Ostasien in Shanghai sei, während die Engländer die ihre in Honkong hätten, so daß ein Vergleich, wie ihn Abg. Erzberger gemacht habe, nicht zulässig sei. Die Verhandlung über den Postetat wurde nunmehr ausgesetzt, weil Herr Dernburg erschien, den man von dem Wunsche der Budgetkommission, ihn in ihrer Mitte zu sehen, telephonisch in Kenntnis gesetzt hatte. Er erklärte, daß er die in der Budget- kommission vereinbarten Richtlinien innezuhalten versuchen werde. Aber eine Verpflichtung hierzu erkenne er aus staatsrecht- lichen Gründen nicht an. Uebrigen» sei es noch zweifelhaft, ob der Reichstag gerade zusammen sein werde, wenn die Vertragsverhand- lungen zum Abschluß gediehen seien. Bezüglich der staatsrechtlichen Seite der Frage führte Erz- berger aus: Er erkenne den vom Staatssekretär aufgestellten Grundsatz, daß bei so wichtigen Vertragsabschlüssen das Parlament nicht gefragt zu werden brauche, nicht an; denn so gut wie da? Parlament verpflichtet sei, auf Sparsamkeit bei den Ausgaben zu sehen, so gut müsse e» auch da» Recht haben, zu prüfen, ob daS Reichsinteresse bei V e r t r ä g e n, wo es sich wie hier— um Millionen handle, genügend gewahrt und das Vermögen des Reiches nicht verschleudert werde. Denselben Standpunkt vertraten die Abgeordneten Paasch« und Dr. Dietrich. Abg. Spahn machte den Vorschlag: Der Staatssekretär möge über diese Frage beim Reichsjustizanit ein staatsrechtliches Gutachten einholen I Staatssekretär Dernburg versprach nichts, schon weil er für sich allein nichts erklären könne und seine per- sönliche Meinung dahin ginge, daß es zu solchen Verträgen der Zustimmung des Reichstags nicht bedürfe.... Der Konservative v. Richthofen betonte noch besonders, daß die Stellungnahme seines Parteifreundes Dietrich für seine Fraktion kein Präjudiz darstelle! Zum P o st e t a t zurückkehrend, behandelte die Kommission die Frage, ob es sich nicht empfehle, nach dem Beispiele Englands die Postanstalten in den Kolonien dem Kolonialamt zu unter- stellen. Die Staatssekretäre Kraetke und Dernburg er- klärten sich gegebenenfalls mit einer solchen Aenderung einver- standen. Eine Resolution Erzberger, die den Reichstag ersucht, diese Frage einer Prüfung zu unterziehen, wurde gegen die Stim- men der Nationalliberalen angenommen. Zu einer scharfen Auseinandersetzung kam es noch zuletzt zwischen dem Abg. Erzberger und dem Staatssekretär Kraetke: Erzberger hatte behauptet, daß nach einer ihm gewordenen Mit- teilung bei einigen Postanstalte» mehr Beamte vorhanden wären, als zur Erledigung des Dienstes erforderlich. Als hierauf der Staatssekretär die Namen der Gewährsmänner verlangte, er- klärte Erzberger:„Gewiß, damit dieselben gleich ge maßregelt werden! Seit dem Fall in Wie». baden(gemeint ist der Fall des Postarztes Schellenberg) nenne ich(zu Kraetke gewandt» Ihnen keine Namen mehr!" Herr Kraetke war über diese Abfuhr sehr konsternieet und schimpfte in erregtem Tone über das Denunziantentum, das durch diesen Schutz förmlich großgezogen werde!— Die Beratung wurde hier abgebrochen: sie soll am nächsten Montag fortgesetzt werden._ Das Arbeitskammergesetz in der Kommission. Die Arbeitskammerkommission des Reichstags hielt am Frei- tage ihre zweite Sitzung ab. Schon in der vorigen Sitzung hatten die sozialdemokratischen Vertreter versucht, der Vorlage eine Fastung zu geben, die in besonderen Fällen die Möglichkeit gewähren sollte, die Errichtung einer Kammer auch für verschiedene Gewerbe- zweige vorzunehmen. Die betreffenden Anregungen fanden bei der Kommissionsmehrheit jedoch keine Berücksichtigung. Auch die ande- ren sozialdemokratischen Abänderungsantrage, von denen der wich- tigste die Streichung des§ 5 der Vorlage verlangte(der Bestim- mung nämlich, daß die Arbeitskammern nicht berechtigt sein sollen. die Verhältnisse einzelner Betriebe in den Kreis ihrer Beratungen zu ziehen), wurden abgelehnt. So fanden denn ohne Aende« eung die§§ 1—6 des Regierungsentwurfs Annahme. Der§ 7 bietet größere Schwierigkeiten. Er umschreibt den Personenkreis der Kammern, und während durch den früheren Eni» wurf auch dre Techniker, Werkmeister und Betriebsbeamten ein- bezogen werden sollten, schließt die neue Fassung alle Ange- st e l l t e n ausdrücklich aus. Gegen diese Behandlung der Ange- stellten wenden sich die Abänderungsantrage der Sozialdemokraren, die den Personenkreis noch über das Gebiet der Gewerbeordnung hinaus erweitern wollen, der Freisinnigen, des Zentrums und der Nationalliberalen. Während der Ausschluß der Betriebsbeamten und Techniker aus dem früheren Entwurf gerade auf Betreiben der Nationalliberalen erfolgte, sieht sich jetzt auch diese Partei veranlaht, dem Verlangen der technischen Angestellten auf Einbeziehung rn das Gesetz stattzugeben. Der Rest der Freitag-Sitzung wurde denn auch vollständig ausgefüllt mit einer Erörterung über die Form der Einbeziehuna. Ein Antrag des Zentrums verlangt besondere Angestclltenabteilungen. ein Antrag Potthoff fordert zwar auch be- sondere Abteilungen, nebenher jedoch die Möalichkeit, kombiniert« Sitzungen mit Arbeitern und Angestellten abzuhalten. Unsere Genossen Bömelburg und Severins erklärten in der Diskussion, daß die Schwierigkeiten, die sich der Regelung dieser Frage entgegenstellen, im wesentlichen in der Gliederung zu jucheo friea, die wehr ousemgnderrelße als zusammenfüge. Die Sozialdemokratie dringe auf eine möglichste Vereinheitlichung de» Arveiterrechts und werde, falls ihre weitergehenden Anträge keine Zustimmung finden, zeder Anregung Folge geben, die den Personen- kreis der Kammern erweitert. Dem Berufsdünkel mancher Kreise Konzessionen zu machen, habe der Reichstag keine Vcran- lassung; die gewerbliche und wirtschaftliche EntWickelung habe vor dem Stande der kaufmännischen Angestellten nicht Halt gemacht; die in gewerblichen Betrieben beschäftigten kaufmännische» Ange- stellten haben in vielen Fragen mehr mit technischen Beamten des Betriebes Berührungspunkte als mit Handlungsgehilfen in Han- delSgeschäften. Ueber die grundsätzliche Frage, ob die Angestellten in das Ge- setz aufgenommen werden sollen, schien nach dem bisherigen Verlauf der Debatte Uebereinstimmung in bejahendem Sinne zu bestehen. Es wurde allgemein gewünscht, daß eine Subkommission über die Form der Aufnahme beraten und Vorschläge unter- breiten möge._ Aus der Wnhlpriifungökommission des Reichstags. In ihrer Sitzung vom Freitag erklärte die Wahlprüfungskom- Mission die Wahl des Abg. Dr. S t r u v e(Freist) einstimmig für gültig. Bei der Prüfung der Wahl des Abg. S p i n d l e r(Z.) gab es lebhafte Auseinandersetzungen, die sich um den Jsolierraum drehten. der in dem Orte Rülzheim benutzt worden ist. Dieser Jsolierraum bestand aus einem künstlich hergestellten Gang von 1 Meter Länge und war nach dem Wahlbureau zu offen! Das Zentrum vertrat dw Ansicht, daß dieser Jsolierraum den Vorschriften völlig Genüge leiste. Von sozialdemokratischer, freisinniger und kouser- vativer Seite wurde betont, daß diese Art„Jsolierraum" geradezu ein HoHwaui hie Vorschriften des Wahlgesetzes sei. Wäre der Wahlakt in diesem Orte kassiert worden, so wäre damit die Mebr- heit des Abg. Spindler beseitigt gewesen, und die Wahl hätte für ungültig erklärt werden müssen. Mit 7 gegen 6 Stimmen wurde die Gültigkeit der Wahl beschlossen. Es ist selbstverständlich, daß dieser Beschluß im Plenum zu leohaften Auieinandersekungen führen wird, so daß es vielleicht doch noch zu einer Ungültigleits- erllärung dieser Wahl lammen kann..™„ Dem Präsidenten des Reichstages soll das Ersuchen der Wahl- Prüfungskommission unterbreitet werden, die abgeschlossenen Wahl- Prüfungen noch vor den Osterferien auf die Tagesordnung deS Reichstag» zu setzen.___ Huö Induftrie und Handel Bankatzschlüsse. Die Reichsbank erzielte im letzten Geschäftsjahre, bei einem Umsätze von LSI 000 Millionen Mark,— im Vorjahre 805 24t Millionen Mark— einen Reingewinn von 23 Millionen Mark— 37 Millionen im Vorjahre. Die Dividende für die Anteilseigner stellt sich auf 5,83 Proz.— für 1003: 7,77 Proz.— Der Anteil des Reiches, der im Vorjahre 23,05 Millionen Mark betrug, ermäßigte sich aus 12.5 Mllionen Mark. An den preußischen Staat werden 1,86 Millionen Mark abgessihrt. Die Verwaltungskosten stiegen von 20.2 aus 20,4 Millionen Mark. Die Deutsche Bank hat ein so vorzügliche» Geschäft ge- macht, daß sie für da» letzte Jahr die höchste bisher erreichte Divi- dende, nämlich l?'/, Proz. zur Verteilung bringen kann. Der Ueber- schuh hat sich von 63'/, Millionen Mark auf rund 85 Millionen Mark erhöht. Die Dividende beansprucht 25 Millionen Mark. Die Dresdener Bank erhöht ihre Dividende von 7'/z Proz. für 1903 auf S>/, Proz. für 1909. Der Reingewinn hat sich von 19'lt Millionen Mark auf rund Z2 Millionen Mark gehoben. Die Dividende an den Vorstand und Aufsichtsrat absorbiert annähernd 3 Millionen Mark._ Der Hopfen steht fünf- bt» sechsmal so hoch im Preis» wie zu Beginn de» JahreS 1909 und ebenfalls bedeutend höher al» zu An- fang 1908. In Nürnberg kostete nämlich 1 Doppelzentner Markt- Hopfen im Januar d. I. 400 M., während er vor einem Jahre 70 M. und Anfang 1908 95 M. kostete. Obwohl auch frühere Jahre schon sehr hohe Hopfennotierungen gebracht hatten, war doch der Preis um die nämliche Zeit noch nie derartig hoch. Di« Schweinefleischpreise stehen im Kleinverkehr fast allgemein noch höher als im Vorjahre. In Liegnitz z. B. stellt sich der Durchschnittspreis für Schweinefleisch in der ersten Hälfte de« Februar d. I. auf 1,7g M. pro Kilogramm gegen 1,48 im Borjahre: er geht also über den damaligen um 31 Pf. hinaus. Koblenz, das die nächstgroße Steigerung auf- zuweisen hat. hat einen Preis von 4,89 M. gegen 1,60 M. im Vor» jähre; da» PluS beträgt 29 Pf. Recht stark ist auch die Differenz. die der Schweinefleischpreis in Paderborn zeigt: 1 Kilogramm kostete im Februar d. I. 1,66 M., das sind 23 Pf. mehr als 1909, wo es nur 1,48 M. kostete. Flensburg verzeichnet diese» Jahr-inen Preis von 1,60 M., während es vergangene» Jahr einen solchen von 1,39 M. hatte. Die Steige- rung b-läuft sich also auf 21 Pf. In Posen beläuft sich der Preis für Schweinefleisch pro Kilogramm auf 1.58 M.; er betrug im Vorjahre 1.38, ist also um 2vPf. höber als damals. Mit stärkeren Preisdiffe- renzen seien noch folgende Städte genannt: in Breslau stellte sich der Preis auf 1,72 M. oder um 19 Pf. höher als 1909. in Graudenz auf 1,40 M. oder um 18 Pf. höher. in KottbuS auf 1,62 M. oder um 17 Ps. höher und in Tilsit endlich auf 1,54 oder ebenfalls um 17 Pf. höher. Den niedrigsten Schweinefleischpreis weist Memel mit 1,86 M. auf, den höchsten Frankfurt a. M. mit 2 M. Syodikatsterror. Daß im Lande der Anerkennung deS amtlichen Terrors als gottgewollte Abhängigkeit auch der außeramtliche Terror zu hoher Kultur sich entwickelt, darüber ist große Verwunderung nicht gerecht- fertigt. Und doch muß man sagen: da» Mitteldeutsche Braunkohlen- syndikat nötigt Erstaunen ab durch die auf diesem Gebiete bekundete Ungeniertheit. In seinen Berkaufsbedingungen macht eS folgende Vorschriften: Käufer verpflichtet sich, weder Briketts noch Naßpreßsteine noch Braunkohlen außenstehender Werke zu taufen, zu vertreiben, über- Haupt weder unmittelbar noch mittelbar deren Absatz zu fördern, insbesondere nicht durch Geld« oder tätige Unterstützung einer Person oder Firma, die diesen Absatz betreibt oder vermittelt, ferner nicht durch Duldung einer diesen Absatz fördernden Tätigkeit seitens eines abhängigen Verwandten oder eines An- gestellten. Die Kontrolle über die Einhaltung der Vertragsbestimmungen bleibt dem Syndikat vorbehalten. Die allgemeinen Lieferungsbedingungen gelten für alle Händler. also auch für solche, die erst aus zweiter oder dritter Hand Syndikatserzeugnisse beziehen. Jeder Händler hat daher auch seine Händlerkundschaft auf diese Bedingungen zu verpflichten. DaS sind Bedingungen, für deren Einhaltung kein Abnehmer einstehen kann. Das tollste dabei ist, daß die Gesellschaft für sich selbst da« Recht reserviert, die Vertragsverpflichtungen nicht erfüllen zu müssen, ohne irgendwie ersatzpflichtig zu sein. 37'/» Millionen Mark Rohgewinn gegen 86'/3 Millionen Mark im Jahre 1908 erzielte die Gelsenkirchner Bergwerks-Attiengesellschaft im letzten Jahre. Die Dividende, die wiederum auf 9 Prozent festgesetzt worden ist, beansprucht 11.7 Millionen Mark. Trübe Aussichten bei 18 Proz. Dividende. Daß e» trotz allen Geschreies über die große Not den deutschen Zementwerken noch immer recht gut geht, beweist der jetzt erschienen« Geschäftsbericht der Borwohler Portlandzementfabrft, die für 1909 eine von 18 Proz. ausschüttet gegen 22 Proz. für da» Jahr 1008. Nicht»- destoweniger hält sich die Verwaltung für verpflichtet, in die all- gemeinen Klagen mit einzustimmen. Die Aussichten seien recht trübe. Zurzeit tobe ein Konkurrenzkampf, wie er erbitterter wohl noch nie geführt worden sei. Um d>e Kundschaft zu halten, müssen die Preise fast bis auf die Selbstkosten herabgesetzt werden. Die trotz Krisis verteilte hohe Dividende ist gerade kein Schreckgespenst für unternehmungslustige Kapitalisten. Vorbereitung. Die Großindustrie bereitet sich auf eine neue Hochkonjunktur vor. Davon geben die vielfachen Betrieböerwetterungen Zeugnis. Wie die Union, Krupp, Thyssen, Gelsenkirchen, Hoesch usw., machen nun auch die Rheinischen Stahlwerke Anstalten, durch bessere technische Ausgestaltung ihrer Anlagen an dem zu erwartenden Segen ge- bührend Anteil zu nehmen. Die Gesellschaft beabsichtigt, den „Niederrheinisch. Nachr.* zufolge, demnächst ein neues Martinwerk mit acht Oefen zu erbauen, dessen Kosten sich auf 7 Millionen Mark belaufen sollen. iaS Unternehmertum rüstet aber nicht nur produktionstechnisch, sondern auch wirtschaftspolitisch. Es braucht da nur an die Juliusturmgründung erinnert zu werden. DaS Kapital verfolgt damit den Zweck, die Arbeiterschaft zu knebeln, damit sie von dem Vorteil einer besseren Konjunktur ausgeschlossen bleibe. Durch energische Agitation, Ausbau der Organisationen, durch Stärkung ihrer politischen Macht, muß die Arbeiterschaft den zu feindlichen Plänen des Unternehmertums entgegenwirken. Nützet die Zeit!_ Seefischerei. Im abgelaufenen Jahr« hat sich das Fangergebnis der deutschen Nordseefischerei erheblich gehoben, während die Ostsee- fischerei weiter zurückgegangen ist. Dem Werte nach stellt sich der Ertrag der Seefischerei: 1907 1903 1909 Nordseegebiet..... 22224865 22791 596 26784994 M. Ostseegebiet...... 6 720 292 6 434108 6 381 132, zusammen gesangen wurden 28 944 657 29 225 704 83 166 126 M. 1907 1908 1909 Tonn. 1000 St. Tonn. 1000 St. Tonn. 1000 St. an Fischen... 88627 97735 94255 81421 89724 68881 an Schaltieren.. 2544 1368 2561 1783 2704 1430 Hinzu kommen an KantjeS KantjeS KantjeS Erzeugnissen.. 4684 385 3103 381 4636 474 Im abgelaufenen Jahre ist auch zum ersten Male das Ergebnis der Bodenseefischerei ermittelt loorden. es hat sich auf 153 201 Kilo« gramm Fische und 154 858 Stück Fische gestellt; letztere« fast aus- schließlich Blaufelchen. Der Wert der Bodenseefischerei stellt sich auf 289 636 M. Hinzu kommen 70 Kilogramm und?>/, Millionen Fisch- eier, wosür der Wert nicht ermitielr ist. Die hier gekennzeichnete Entwickelung der Seefischerei prägt sich auch in der Hebung der Fischmärkte aus. Dem Hamburger Fisch- markte wurden zugeführt 1907 Fische im Werte von 3,5, 1908 5.2, 1909 6,1 Millionen Mark. Der Wert der auf den Cuxhaven« Fischauktionen umgesetzten Fische betrug 1908 688 000, 1909 1 136 000 M. Die Fischpreise sind im letzten Jabre ziemlich erheblich gestiegen, und zwar für die nach Gewicht festgestellten Fänge von 29 auf 34 Pf. Besonder» find die Schellfische teuer geworden. Nichts- destoiveniger ist die Lage der Seefischerei ein» ungünstige. Gelbst die Großbetriebe der Hochseefischerei, die infolg« ihrer Kavitalkrast und ihrer guten Geschäftsverbindungen ihre Fangergebnisse relativ günstig absetzen, zeigen kein befriedigendes Bild der RentabilttSt. Di« Weizenernte der Welt. DaS Internationale landwirtschaftliche Institut in Rom macht über die Weizenernte der Welt folgende Angaben: Deutschland. Oesterreich... Belgien.... Dänemark... Spanien.... Frankreich... Großbritannien und Irland.. Ungarn..... Luxemburg... Norwegen.... Rumänien... Rußland.... Schweden.... Schweiz.... Kanada.... Bereinigte Staaten Argentinien... Chile..... Peru..... Uruguay.... Britisch-Jndien.. Aegypten.... Australien.... Besonder» beachtlich erscheint die Ziffer von Argentinien, die stark zurückgegangen ist. Deutschland hat fast die gleich gute Ernte wie im Vorjahre. Ob die Konsumenten davon viel merken werden?______ Hud der Frauenbewegung. Auf dem Wege zur Abschaffung der Gesindeordnung in Dänemark. Infolge der eifrigen Agitation der dänischen Sozialdemokratie gegen die au» dem Jahre 1854 stammende barbarische Gesindeord- nung, die den in Preußen gegen die Dienstboten geltenden Au»- nahmegesetzen ungefähr gleichkommt, wurde im Jahre 1905 ein« par- lamentarische Kommission zur Untersuchung der Verhältnisse und Ausarbeitung von Vorschlägen eingesetzt. Diese Kommission hat nun ihr Gutachten abgegeben. Die Kommissionsmitglieder sprechen sich fast einstimmig für die Abschaffung des veralteten Dienstboten» acsetzes aus und damit auch gegen die jetzt noch geltenden Be« sttmmungen über die Zeugnisbücher und über das ZüchtigungS- recht, das der Dienstherrschaft männlichen Dienstleuten gegenüber bis zum 18.. weiblichen gegenüber bis zum 16. Lebensjahre zusteht. An Stelle des alten Ausnahmegesetzes avgen die Dienst- boten bringen 6 von den 18 Kommissionsmitgliedern, unter ihnen unsere beiden Parteigenossen Folkethingsabgeordneter Sabroe und der Vorsitzende Jörgen Nielsen des Häuslerverbandes, ein Schutzgesetz für die Dienstboten in Vorschlag. Der Entwurf«nt- hält Bestimmungen über die Kost und namentlich auch über die Wohnungsverhältnisse, über Lohnzahlung, Arbeitszeit, Gewährung von Freizeit, Ferien usw. Zur Entscheidung von Streitigkeiten zwischen den Dienenden und der Dienstherrschast sollen an Stell« der Polizcigerichte besondere Dienstbotengerichte eingesetzt werden. deren Mitglieder von der Gemeindevertretung zu wählen sind. Cha- rakteristisch ist, daß die Borsitzende von Kopenhagens Dienjtmädchen- verein. Marie Christensen, diesen Gesetzentwurf nicht befürwortet. sondern wünscht, daß der gesetzliche Schutz nur für noch nicht mün- dtge Dienstboten gelten soll, und sich auf die Seite einer aus Bauern und Konservativen bestehenden Kommissionsminderheit stellt, die nicht will, daß durch ein neues Gesetz der Dienstherrschaft„neue Losten zum Borteil der Dienstleute" ausgelegt werden. Eine nette Vertreterin von Arbeiterinneninteressen! Man darf jedoch erwarten, daß die radikale dänische Regierung sich dem vornehmlich von unseren Parteigenossen ausgearbeiteten Schutzgesetzentwurf anschließt. Auf jeden Fall wird gbxx dj» Irlj6 Gesytdeordnung demnächst beseitigt«verden. 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Mit diesem Thema beschäftigten sich am Montagabend vier öffentliche Versammlungen der Arbeiter und Arbeiterinnen der Konfektionsschneiderei aller Branchen, einberufen vom Verband der Schneider, Schneiderinnen und Wäschearbeiter. Die Versamm- lungen, die für den Wedding im«Kösliner Hof", für den Norden in ObigloS großem Saale, für den Osten bei Paul Litfin und für den Südosten im„Reichenberger Hof" stattfanden, waren durch» gehends, gemessen an dem Umstände, daß die Konfektionsarbeiter- schaft zu einem großen Teile noch immer eine unbegrenzte Arbeits- zeit hat, gut besucht. Referenten waren die Reichstagsabgeordneten A l b r e ch t und Robert Schmidt, der Stadtverordnete Ritter und der Verbandsvorsteher K ä m i n g. Die AuS- führungen der Referenten deckten sich im wesentlichen mit dem Inhalt der folgenden Resolution, die in allen vier Versamm- lungen angenommen wurde: Die heute, den 23. Februar 1310 tagende Versammlung der Arbeiter und Arbeiterinnen der im Gewerbe der Näherei und Schneiderei tätigen Heimarbeiter, insbesondere die Arbeiter und Arbeiterinnen der Herren-, Damen- und Kinderkonfektion halten ein gesetzliches Eingreifen zum Schutz der Heimarbeit gegen die übermäßige Ausbeutung ihrer Arbeitskraft, sowie den Erlaß sanitärer Schutzmaßregeln für dringend erforderlich. Der Gesetzentwurf, den die Regierung dem Reichstage gegen- wärtig zur Beschlutzfassung vorgelegt hat. erfüllt nicht die An- forderungen, die die Arbeiter und Arbeiterinnen unseres Be- rufes zu stellen haben. Die Regelung der wichtigsten Frage des Heimarbeiterschutzes darf nicht in das freie Ermessen des Bundes- rates, der Landeszentralbehörde und Polizeibehörden gestellt sein, vielmehr muß eine allgemeine gesetzliche Anforderung ge- stellt werden. Besonders wichtig erscheint ein Eingriff in die Lohnverhält- nisse. Die im Gesetz vorgesehene Aushängung von Lohntafeln sollte allgemein für die gesamte Heimarbeit gefordert werden, nicht aber den Behörden überlassen werden, ob sie durch Verordnung die Aushängung von Lohntafeln verfügt. Die Heimarbeiter müssen in der Lage sein, zu prüfen, welche Preise für die ein- zelnen Artikel im Geschäft bezahlt werden. Die Einführung des Lohnbuches durch die Konfektionsver- ordnung hat sich bewährt und findet nur noch in den Kreisen der Konfektionäre Widerspruch, ohne daß allerdings eine stich- haltige Begründung für diesen Widerspruch gegeben werden könnte. Wenn wir auch annehmen, daß eine Verordnung für das Konfektionsgewerbe nach den neuen Bestimmungen des Gesetzes die Lohnbücher nicht ausschaltet, so sehen wir doch andererseits keinen Grund ein, weshalb eine so wichtige Bestimmung deS Gesetzes nicht für die gesamte Heimarbeit möglich wäre. Die wirtschaftliche Besserstellung der Heimarbeiter, die wichtigste Frage des Heimarbeiterschutzes, kann eine wirksame Förderung durch die Festsetzung von Zwangstarifen oder Mini- mallöhnen durch paritätische Lohnkommissionen erlangen. In dieser wichtigen Frage versagt die Vorlage, und die Regierung nimmt zu den Lohnkommissionen einen so entschieden ablehnen- den Standpunkt ein, daß für die Heimarbeiter in wirtschaftlicher Beziehung von jener Seite keine Hilfe zu erwarten ist. Wir fordern deshalb die Ausgestaltung der Gesetzgebung zu einem wirklichen Heimarbeiterschutz; die Regierungsvorlage läßt keine durchgreifende Reform erwarten, weil hier die Interessen der Unternehmer eine größere Beachtung gefunden haben als die der Arbeiter. In der Generalversammlung des 5. Wahlkreises(„Vorwärts"» bericht in Nr. S2) sind vom Genossen Zucht über die„Branden- burger Zeitung" Angaben gemacht, die nicht ganz zutreffen. Red. und Verlag der„Brandenburger Zeitung" ersuchen uns daher zu berichtigen, daß die Auflage dieses Blattes nicht 12 000, sondern annähernd 14 000 beträgt. Kretreligiöse Gemeinde. Sonntag, den S. März, vormittags 9 Uhr, Pappel-Allee 15—17: Freireligiöte Vorlesung. Vormittags tlUbr: Kleine Franksurtcr Straße K: Vortrag von Herrn Prosessor Dr. A.(Kehrle:„Regenten, welche Freidenker waren". Damen und Herren als Gäste sehr willkommen. Vermischtes. Von einem Automobil überfahren und lebensgefährlich verletzt wurde in der verflossenen Nacht der in der Ruppiner Straße 32 wohnhafte 23jährige Schlosser Ernst Triebes. T. passierte gegen Vil Uhr, von der Nachtarbeit kommend, die Brunnenstratze und wollte den Fahrdamm an der Ecke der Stralsunder Straße über- schreiten. Als der Schlosser einer ihm entggenkommenden Droschke ausweichen mutzte, geriet er gegen ein heransausendes Automobil, wurde von diesem umgerissen und überfahren. Blutüberströmt und besinnungslos wurde der Verunglückte nach der Unfallstation in der Badstraße gebracht, wo Bruch beider Arme, eine klaffende Kopf- wunde, eine Gehirnerschütterung und schwere innere Verletzungen festgestellt wurden. Nach Anlegung von Notverbänden wurde T. in bewußtlosem Zustande nach dem Nudolf-Birchow-Krankenhause übergeführt, wo er hoffnungslos daniederliegt. Folgenschwerer Gerüsteinsturz in Altona. Aus Altona wird vom gestrigen Tage gemeldet: Heute nachmittag stürzte in dem hiesigen Hauptbahnhof ein bei einer Dachreparatur in der Empfangs- Halle verwendetes Gerüst ein. Vier Personen wurden dabei schwer ve-letzt und mußten ins Krankenhaus gebracht werden. Das amerikanische Lawinenunglück. Ein Telegramm aus Seattle meldet: Hier ist die Nachricht ein- getroffen, daß es gelungen ist, einen weiteren Wagen des im Kasladengebirge von einer Schneelawine verschütteten Eisenbahn« zuges freizuschaufeln. Darin wurden zehn Passagiere, die sechzig Stunden im Schnee begraben lagen, noch lebend vor» gefunden. Einer der Geretteten ist geistig vollständig verwirrt. Eine Ballonhülle weggeflogen. Aus Köln wird vom gestrigen Tage gemeldet: Als heute vormiltag von dem Clouthschen Lenkballon Gas in den Kugelballon.Clouth 5" abgefüllt wurde, wurde durch den herrschenden starken Wind das Netz des Kugelballons mit den Sandsäcken ans einer Seite in die Höhe gehoben,' und die zu drei Vierteln mit Gas gefüllte Hülle aus dem Netz herausgedrückt. Die Hülle flog in westlicher Richtung davon. Große FeuerSdrunst. Wie aus Paris gemeldet wird, zerstörte in Larocher eine Feuerbrunst in einigen Stunden die große Mälzerei. Der Schaden wird aus l'/z Millionen Frank veranschlagt. Mehrere hundert Arbeiter sind hierdurch auf längere Zeit beschäftigungslos geworden._ Der vermißte Dampfer„Waratah" untergegangen? Ein Telegramm aus Kapstadt meldet, datz das Meer an der Küste in der Nähe von Massel Bay grotze Mengen von Schiffs« trümmern an Land geworfen hat, unter denen sich Rettungsringe mit den Initialen„W" befinden, die wahrscheinlich von dem Dampfer „Waratah" stammen. Man befürchtet, datz diese? Schiff, von dem man seit 27. Juli v. I. ohne jegliche Nachricht ist, vollständig der- loren gegangen ifl._ Zusammenstoß zweier Straßenbahnwagen. AuS St. Etienne wird gemeldet: Vorgestern abend 10'/» Uhr stießen auf dem Volksplatz zwei Stratzeubahnwagen zusammen, wobei einer der Wagen umstürzte. Fünf Passagiere wurden schwer verletzt. Zentraliferein aller in öer Biit- n. Filzwareoimiiistrie besehäft. . Ärbeiterinnen. Todes-Anaelge. Den Mitgliedern zur Kenntnis, daß unser Mitglied Georg; Jäntsch am Freitag, den 25. v. MtS. ver- sterben ist. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 5. März, nach- mittags i'l, Uhr, von der Leichen- Halle des Heilig-Kreuz-Kirchhofes in Mariendors, Eisenacher Str. 63, aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht Di« Ortsverwaltung. jUanUMaKnng. Für die beim Tode meines innig. geliebten Gatten und meines guten VatcrS uns erwiesene Teilnahme lagen wir hiermit allen Freunden und Bekannten unseren besten Dank. Anna Galla nebst Sohn. Danksagung. Für die über«us zahlreiche Be- teilignng bei der Beerdigung unseres geliebten BaterS, deS Figamnsubvi« kante» 45532 Albert Tletts sowie für die herrlichen Kranzspenden sagen wir allen Beteiligten, inS- besondere dem Wablverein des sechsten Berliner Wahlkreises unseren ties- gejühllesten Dank. _ Die Hinterbliebenen. Gemene Orts- Krankenkasse für Am Montag. den 14. Mär», abends 8 Uhr, findet im Pfuhl'ichen Hotel am Bahnhos die ordentliche tersI-VersMiinliiiig der Kaste statt. Tagesordnung: Beschlußfassung über die Abnahme der Rechnung des Vorjahres. Die gewählte» Vertreter der Arbeit- geber und Arbeitnehmer werden hier- zu ergebenst eingeladen. Königs-Wustei hauten, 3. März 1910. 271117 Der Norftand. G. Schmidt, Vorsitzender._ Gesucht alS Zeugen werden der Unterschweizer Thlnins(Tinius) und der Arbeiter die im Jahre l907 aus dem Gute Ringenwalde bei Templin beschäftigt waren.— Wer mir zuerst die Adresse eines dieser beiden Personen mitteilt, daß sie als Zeugen vernommen werden können, erhält eine Belohnung von 20 Mark. Kiock, Rechtsanwalt, Culmse« Wpr. wBchentllctae Teil- zablnnfl liefere elegante lertlge Herren-» Knaben- Garderobe Eraatz IBr MaO. MaS- Anfertigung Felmale VerarbeHg. S. BoKuch Framktnrter Allee 7S» I» Eiagaog Tilaitcrstraue. ftatban ftland 129 Skalitzer Str. 129. Die schönsten Herren-Frahjahrs-PalBtots «nil AnzQgg lionals-Garderolie oonKavalieren gelrageneSachen. säst neu, für jede Figur passend. speziell Banchanzüge find in großer Auswahl stet« zu staunend billigen Preisen zu haben. 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Der Angeklagte Wilhelm hatte unter seinen Bekannten folgendes ver- brertet: Er habe am Sonntag, 24. Oktober, den Vormittags-Gottes- dienst in der Stephanuskirche besuchen wollen und sei um 9% Uhr in der Kirche erschienen und habe sich über den geringen Besuch ge- wundert, 3 Männer, 7 Frauen und 2 Kinder. Als der Gottesdienst eröffnet werden sollte, sei der Küster aus der Kanzel erschienen und habe verkündet: der Gottesdienst falle wegen mangelhafter Beteili- gung aus, der Nachnrittags-Gottesdienit finde um 6 Uhr statt." Diese tatsächliche Behauptung gab„Das Reich" in einem Artikel vom 26. Oktober wieder und machte den Zusatz:»Zur weiteren Kenntnis sei angefügt, daß der Gemeindekirchenrat und auch sämtliche drei Pastoren der Stephanus-Gemeinde der liberalen Richtung ange- hören. Liberal« Kirchenpleite! Ihr positiven Wähler heraus!" Als der Gemeindekirchenrat eine Berichtigung einschickte und darin die Behauptungen von Ansang bis zu Ende für unwahr erklärte, da der Gottesdienst abgehalten worden und mindestens 156 Per- sonen anwesend gewesen seien, fügte das„Reich" m_ der Nummer vom 36. Oktober folgende Bemerkung hinzu:„Wir lassen es zunächst dahingestellt, ob die Berichtigung der Verwaltung der Stephanns- gemeinde, an der Spitze Herr Pfarrer Flöh, die Wahrheit ge- sprachen hat, oder Herr Hugo Wilhelm, Pankow, Wollanksir. 67." Angeklagter Wilhelm bleibt dabei, dah das, was er erzählt, wahr sei. Er sei um-�Iv Uhr in der Kirche erschienen, der Küster habe tat- sächlich den Aussall des Gottesdienstes von der Kanzel verkündet und er selbst habe festgestellt, dah nur 12 Personen anwesend waren. Angekl. Oestreicher bestreitet jede Absicht der Beleidigung. Wik- Helm habe den Artikel im„Reich" nicht versaht, sondern er selbst aus Grund der Mitteilung eines zuverlässigen Herrn hin. Wenn in einer liberalen Kirchengemeinde ein so geringer Kirchenbcsuch sich zeige, so habe er, der in dem polemischen Kamps der kirchlichen Richtungen die positive Richtung vertrete, das Recht, aus einen sol- chen Erfolg der liberalen Predigt hinzuweisen. Mit Wilhelm habe er sich erst nach Eingang der Berichtigung in Verbindung gesetzt, und nachdem er sorgfältige Erkundigungen über dessen Person ein- gezogen. Wenn er bei den sich schnurstracks gegenüberstehenden Be- hauptungen es dahingestellt lasse, wer die Wahrheit sage, so liege darin doch keine Beleidigung. Pfarrer Flöß bekundete als Zeuge: Am Sonntag, 24. Oktober, habe er den Vormittags-Gottesdienst abgehalten in Anwesenheit von mindestens 156 bis 20U Kirchenbesuchern. Er sei schon um ?410 Uhr in der Kirche erschienen und habe nichts wahrgenommen, was den normalen Verhältnissen widersprach. Er habe sich in die Sakristei> begeben und gleich nach 16 Uhr, als die Orgel gespielt hatte, habe er den Gottesdienst abgehalten. Die gegenteiligen Behauptungen des Angeklagten Wilhelm könne er sich nur psycho- logisch erklären. Er denke sich die Sack« so: Wilhelm, der � zur Stephanus-Gemeinde nicht gphöre, sei emsiges Mitglied des Jiing- lingsvereins der Versöhnungsgemeinde und stehe in Verbindung mit dem Pfarrer Schwartzkopss, dem Führer der positiven Rich- tung. Wilhelm habe sich vielleicht gesagt, daß es Pfarrer Sckstvartz- kopss nicht ungern hören würde, wenn er ihm mitteilte, daß die Un- kirchlichkeit in einer liberalen Gemeinde so groß sei, daß ein Gottesdienst aussallen mußte. Er werde aus der Tatsache, daß in einer neuen Gemeinde an der Peripherie und inmitten einer vor- wiegend aus Arbeitern bestehenden Bevölkerung der Kirchenbesuch mitunter nicht sehr zahlreich zu sein pflege, sich die phantastische Erzählung zurechtgelegt haben, um Herrn Pfarrer Schlvartzkopss etwas Interessantes zu erzählen. Nachher sei es dem Angeklagten Wilhelm wohl schwer geworden, von seiner Erzählung wieder abzu- gehen. Das seien aber nur Vermutungen seinerseits. In der Stephanuskirche sei noch niemals ein Gottesdienst wegen geringer Beteiligung ausgefallen, noch nie sei der Besuch aus 12 Personen beschränkt gewesen. Die geringste Beteiligung sei bei einem Nach- mittags-Gottesdienst, als große Hitze herrschte, 40 Personen ge- wesen.— Küster Krumrey, Kirchcnältestcr Riedel und Organist Ast bekunden übereinstimmend, daß am 24. Oktober der Gottesdienst so abgehalten wurde, wie immer, daß etwa 150 Personen anlvesend gewesen seien, daß der Küster niemals, und auch am 24. Oktober nicht, von der Kanzel etwas verkündet habe und daß der Gottesdienst pünktlich begonnen habe.' Aus Befragen des Vorsitzenden bestätigt Pfarrer Flöß, daß er auch bei Anwesenheit von nur 12 Kirchen- besuchern gepredigt haben würde, demr sonst hätte er seine Amts- Pflicht verletzt. Zwei Zeugen bekunden, daß Wilhelm ihnen gleich am 2ö. Oktober die Sache erzählt habe. Rechtsanwalt Dr. Wert- Hauer gibt dem Angeklagten Wilhelm, der bei ihm Kanzlist ist, das Zeugnis eines ungewöhnlich treuen, korrekten und wahrheits- liebenden Mannes.— Ter Gerichtshof erachtet für erwiesen, daß die ganze Geschichte von Ansang bis zu Ende von Wilhelm erlogen sei. Was er mit der beleidigenden Erzählung bezweckt habe, sei nicht recht erfindlich, man könne nur annehmen, daß er sich lieb Kind machen wollte, da er wußte, daß zwischen den Geistlichen seiner Kirche und denjenigen der Stephanus-Gemeinde ein gewisser Ge- gensatz herrscht. Der Gerichtshof verurteilt den Angeklagten Wil- Helm aus K 187(Verleumdung) zu 100 M. Geldstrafe, Dr. Oestreicher wegen des ersten Artikels aus Z 186(üble Nachrede) zu 300 M. Geldstrafe.___ Eine„haarige" Geschichte lag einer Anklage wegen Körperverletzung und Diebstahls zugrunde, welche gestern die Strafkammer unter Vorsitz des Landgerichts- rats Methncr beschäftigte. Angeklagt war die Friseurfrau Martha T.— Eines Tages erschien bei der Angeklagten, deren Ehemann in der Frankfurter Straße ein Friseurgeschäft betreibt, die Tochter des Schneidermeisters Wenzel aus der Landsberger Straße, um sich srisieven zu lassen. Da die junge Dame über ein sehr volles und langes Haar verfügte, bar sie die Angeklagte, ihr von den Spitzen des Haares etwas abzuschneiden. Am nächsten Tage ent- deckte sie zu ihrem Entsetzen, daß ihr die Angeklagte nicht, wie ver- langt, die Spitzen, sondern mehrere lange Strähnen ihres schönen blonden Haares abgeschnitten hatte. Der Verlust war sür sie um so schmerzlicher, weil sie sich nunmehr nicht ordentlich frisieren konnte und sich große Lücken in ihrem Kopsschmuck zeigten. Sic ging zu der Angeklagten zurück und verlangte die Herausgabe de» ihr widerrechtlich abgeschnittenen Haares, welches sie sodann auch erhielt. Da dem Väter des jungen Mädchens zu Ohren gekommen war, daß häusig Friseure derartige Manipulationen vornehmen, um mit dem entwendeten Haar dann die modernen Lockenfrisuren anzufertigen, erstattete er Strafanzeige. Das Schöffengericht ver- urteilte die Angeklagte wegen Diebstahls und Körperverletzung zu 5 Tagen Gefängnis. Gegen dieses Urteil legte die Angeklagte unter Beistand des Rechtsanwalts Beyer Berufung ein. Bei der gestrigen Verhandlung wurde der Gerichtssaal zu einer Art Frisiersalon, da sich Fräulein W. zu VerglcichSzwccken das Haar auslösen und dann in einer allerdings nicht modernen„Loreley-Frisur" ihrer Zeugenpflicht genügen mußte. Das Gericht schaltete die Anklage der Körperverletzung von vornherein ans. da nach einer Reichsgerichtseutscheidung zu dem Tatbestand der Körperverletzung gehöre, daß der Verletzte ein körper- lichech Mißbehagen verspüre. Das Gericht hielt ferner nicht sür festgestellt, daß die Angeklagte sich in diebischer Absicht das abge- schnitten« Haar angeeignet hatte, wiewohl die Haare aufbelvahrt waren und erkannte auf Freisprechung Diese Freisprechung hängt an einem sehr losen Haar. Denn dies rechtswidrige Abschneiden der Haare war eine Beleidigung und Sachbeschädigung. Freilich liegen sich die Berufsjuristen seit JaHrzelyiten darüber in den Haaren, wie eine derartige Haarfort- nähme juristisch zu tatalogisieren sei. Daß sie strafbar ist, darüber sind sich ziemlich alle Juristen einig. Das Kammergericht wird sich mit dem keineswegs nur spaßhaften Fall noch zu beschäftigen haben. WitteriingsuverOcv» von, 4. März 1010. morgens« Utzr. Stationen IjiS n S e? gtuincmbt i 774 SO Hainburg[772D Berlin I772D Franfi.a SS. 767 AD Münch« j768D Wien 77t NNW Wetter 3 heiter .'! bedeckt 4 bedeckt 4wolkig 5> bedeckt 1 wolkenl W9> -ill 5? W ,3 1 3 3 5 — 1 — 1 Stationen S S e, 6 j2 te— 1 z« W-C H avaran da 765 Still Petersburg 768 W Scillv; 756 SO üEberdeen 766 SSO Paris 763 SO I I Wetter C"« f* Mi Nebel'—5 2 Schnee 4 wolkig 3 wolkig Lwolkeul «Sertervrognote für Sonnabend, de» S. März lOlv. Ziemlich kühl, vorherrschend wolkig bei frischen östlichen Winden: keine erheblichen Niederschläge. Berliner Wetterbureau. ttvasserstandS-Rachrlckiten der Landesanfwlt sür Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wcltcrdureau. Wasserstand M e m e l. Tllfil Pregel, Jristerbnrg Weichsel. Tboru Oder, Ratibor , Krossen . Franktnrt Wa r t h e, Schrimm » Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leiftnentz , Dresden , Barbv . Magdeburg 0+ bedeutet Wuchs.- stall,—'s Unierpegel.—•) EiSgana Der Eisgang der Memel ist beendet. cS treiben nur noch einzelne schollen. Das Wasser ist bei Schmalleningken weiter gefallen stit gestern um reichlich Meter. Die Flulwelle hat inzwischen die Mündungsarme des Stromes erreicht, ohne bemerkenswert hohe Wasser- stände hervorzurufen. �" Herrea-Sehnürsliefel Pein Boxleder oder Chromleder mit LaoHcappen— moderne breite und/ schlanke Fa<;ons........ M. Braun Chevreau, neueste Farben und Formen... to.90 10.50 9.60 w Scstiwarz Chevrean mit und ohne JQ50 la Boxkalf— Derbyschnitt— Lack- JQ"*® „Original-Qoodyear-Welt" Ausführung, bronn und schwarz, hochaparte FrUhjahrs• X call elten..... 1650 14.50 Lackkappen, moderne Ausstattung „Original-Goodyear-Welt4* 12 Ausführung bpunn und schwarz, JACn hochelegante Promenadonstiefel 1"J0" 16.50 14.50 Condor-PateutScIiniirstiefel ohne d.e. p. 174209 � zuschnOren Wunderbare Bequemlichkeit lO50 13s# 1B50 Knaben-, Mädchen- und Kinder-Stiefel braun und schwarz— in modernen, naturgemäßen Paßformen.------ C, Spittelmarkt 15(im Tellhaua) C, Rosenthaler Straße 14 W., Potsdamer Straße 50 W., Schillstr. 16 NW., Turmstr. 41, Ecke Oldenburger Straße. 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W Mit beispielloser Opferwilligkeit war das deutsche Volk bereit gewesen, die für die Bedürfnisse des Reiches erforderlichen grossen Lasten bu tragen: die Zerklüftung der politischen Parteien und der Eigennutz einzelner Stünde haben jedoch den Finanzgesetzen eine Form gegeben, die von der Mehrzahl der deutschen Bevölkerung als ein Unrecht empfunden wird. Insbesondere ist das schon vorher doppelt besteuerte Einkommen aus Aktiengesellschaften erhöhter Belastung unterworfen worden; bei den für die preussiache Volkswirtschaft wichtigsten, nämlich bei allen grösseren Gesellschaften betrügt die Erhöhung der Einkommensteuer volle 60%; eine in Preussen neu ins Leben tretende Aktiengesellsehaft hat, bei Aus gäbe ihrer Aktien zu pari und je nach den Umständen für Landes- und Reichsstempel 5% und mehr zu bezahlen; bei Kapitalvermehrungon prosperierender Gesellschaften, deren Aktien ein erhebliches Agio bedingen, wachsen die Gebühren auf Prozentsätze, wie sie noch in keinem Lande vorgekommen sind. Die Belastungen treffen aber nur in seltenen Fällen die grossen Kapitalisten, die der Gesellschaftsform entraten können, »ondern in der Regel die mittleren und kleinen Vermögen, die sich In der modernen Aktiengesellschaft zu machtvollen Einheiten zusammen- schliessen. Diese Steuergesetzgebung beginnt die wirtschaftliche Unternehmung zu zwingen, sich ins Ausland zu flüchten, oder andere, wenn auch weniger geeignete Formen aufzusuchen. Die Wareneinfuhr von rund 8200 Millionen Mark �eigt In ihrer Zunahme, die nach den vorläufigen Ausweisen mehr als eifte halbe Milliarde Mark beträgt, die gesunde Kaufkraft einer wadhsendSv Bevölkerung. Andererseits ist auch die Ausfuhr in erfreulicher Weiäe um rund 800 Millionen auf 6680 Millionen Mark gestiegen. Dass auch die Zahlungsbilanz ■ich noch zu Deutschlands Gunsten gestaltet bat, beweist das wenn auch bescheidene Ueberwiegen der Goldeinfuhr. Die Ernte war eine ausser- gewöhnlich gute. Wie gewöhnlich, spürte das feinanzeigende Barometer der Börse zuerst den Umschwung. Mächtig gefördert wurde die Besserung durch den unverkennbaren Aufschwung des Wirtschaftslebens in den Vereinigten Staaten. Der deutsche Effektenmarkt nahm willig über drei Milliarden Mark neuer Werte auf; davon entfiel, in ganz runden Summen gerechnet, •in Drittel auf die Anleihen des Reiches und der deutschen Bundesstaaten, •in weiteres Drittel auf die Anleihen deutscher Städte und deutsche Pfandbriefe, der Rest auf sonstige in- und ausländische Effekten aller Art. Die Gewitterwolken am politischen Horizont, von denen wir vor Jahresfrist an dieser Stelle sprachen, haben sich glücklicherweise Im Lauf des Berichtsjahres vollends zerstreut, obgleich das Wetterleuchten auf der Balkan-Halbinsel nie ganz aufzuhören scheint. Zum Jahresschluss war In Vorbereitung des englischen Wahlkampfes einiges, nicht ganz ernst zu nehmende Gepolter jenseits des Kanals zu vernehmen. Gegenüber den systematisch ausgestreuten Verdächtigungen der deutschen Politik ist daran zu erinnern, dass Deutschland nach erkämpfter Einheit seit vierzig Jahren, in denen andere Staaten manchen Krieg geführt und manche Eroberung gemacht haben, sich der friedlichen Ausbildung seiner Kräfte Gewidmet hat. Die Geschichte früherer Jahrhunderte lehrt, dass Deutsch- md, durch seine geographische Lage gezwungen, einer starken Rüstung bu Laude und zu Wasser bedarf; sie kostet zwar Jährlich(1909) 1210 Millionen Mark; aber der erstarkte Wirtschaftskörper trägt diese leider unentbehrliche Rüstung ohne üborgrosso Anstrengung. Auf den Kopf der Bevölkerung beträgt die Last jährlich annähernd 10 Mark, während Frankreich über 23 und England über 28 Mark auf den Kopf bezahlen die absolute Ausgabe Grossbritanniens für die genannten Zwecke über steigt sogar, trotz der geringeren englischen Volkszahl, die absolute Auf wendung des Deutschen Reiches, und zwar zuletzt um 60 bis 70 Millionen Mark Jährlich. Während der vierzig Friedensjahre hat sich Deutschlands Volkszahl um mehr als die Hälfte erhöht und wächst noch jährlich um Uber 800 000 Köpfe. Dass gleichzeitig die einst so erhebliche deutsche Aus Wanderung seit Jahren auf den zehnten Teil früherer Zahlen(von 220 000 Köpfen in 1881' auf rund 20 000) gesunken und somit beinahe verschwunden ist, beweist wiederum, dass Deutschland nicht auf Eroberungen an gewiesen ist, um seine Bevölkerung zu ernähren. Auf einige weitere bemerkenswerte Erscheinungen des Berichtsjahres kommen wir in der nachfolgenden Besprechung unserer eimelnen Ge •chäftszwelge zurück. ▼erBinslicher fremder Gelder und der wiedererwaebien Lust des Publikumt jSpittelmarki—AlfejanderpIafz—Schönhanser Afle® Mb Btnn Voräitom Vk zu Effektenkäufen, aber auch der vorerwähnten Wirkungen der Scheck-! Ende 1S12 fertigzu�teilen, für den Pcii Alexanderplatz— Schönhauser Allen ,teuer*-drei Jahre früher, äjIs mit der Stadt vereinbart. Die Betnebselnnahmea Der Reicbsbankdlskont betrug im Durchschnitt 3,82%, al»oJ'1er Gesellschaft waren bis in den Herbst des Berichtsjahres stabil, seit, abermals, und zwar 0,84%, weniger als im Vorjahre; der Berliner Privat- jaem ein lebhafter Aufschwung wahrzunehmen. diskont ermässigte sich von durchschnittlich S,53% in 1908 auf 2.37% Im Berichtsjahre. Dem empfindlichen Zinsentgang auf Wechselkonto erwuchs Unser Jahresgewinn ist Dank der günstigen Konjunktur um i Mil- tlonen Mark gestiegen; die gewaltige Zunahme der Gehälter, Gratifikationen und öffentlichen Lasten absorbiert indessen über 70% dieser Zunahme, so dass für unsere Aktionäre nur ein halbes Prozent Mehrdividende übrig bleibt. Unser Gesamtumsatz überstieg zum ersten Mal die Zahl von J00 Milliarden; er betrug, wie aus der beigegebenen Tabelle des Näheren bu ersehen ist, 101,78 Milliarden Mark gegen 94,47 Milliarden im Vorjahre; die Zunahme war hei der Zentrale prozentual etwas grösser, als hei den Filialen. Die dem überseeischen Handel in hervorragendem Masse dienenden Filialen in London, Hamburg und Bremen haben befriedigend gearbeitet. Die Zunahme unserer Akzepte entfällt fast ganz auf diese Stellen, und zwar zum sehr erheblichen Teile auf das Akzept gegen Baurawollverschiffungen. Bekanntlich gelangte die Baumwollernte etwas später als gewöhnlich und zu gesteigerten Preisen zum Versand. Infolge der schwankenden innerpolitiscnea Lage in England und der Kämpfe um das Budget, die dann zur Auflösung des Parlaments führten, wurde die Besserujig der allgemeinen Konjunktur In London in geringerem Masse empfunden, als an den übrigen Hauptzentren des Welthandels. Die Hamburger Filiale benutzte eine sich bietende Gelegenheit zum Ankauf zweier benachbarter Grundstücke, von denen das eine unverzüglich für unsere Zwecke adaptiert und das andere, grössere, für künftige Erweiterungen in Reserve gehalten werden soll. Die Filiale in Frankfurt hat von dam lebhafteren Gang der Börsengeschäfte profitiert. Auch die Filialen in Dresden, Mtin- • b e n und Nürnberg, sowie die Depositenkasse in Wiesbaden Bogen Vorteil aus der wiedererwaebten Unternehmungslust ihrer Kund- jehaft. In Leipzig wurde unser Akzept, als Folge des lebbafUran Warenhandels, gleichfalls etwas stärker in Anspruch genommen. Die Filiale Konstantlnop«! hat ihre Geschäfte Im Laufe des Berichtsjahres in Stambul aufgenommen; das Bankgebäude In Qalata wird demnächst bezogen. Unsere Erwartungen hinsichtlich der Erträge des Bankgeschäfts in der Türkei bleiben die bescheidensten. Im vergangenen Dezember beschloss unser Aufsichtsrat die Errichtung einer Filiale in B r ü s s• i, die unter dem Namen Deutsche Bank ßuccursale de Bruxelles im Januar des neuen Jahres ihren Geschäftsbetrieb unter Üebernahme des Personals und der Kundschaft der altangesehenen Brüsseler Bankfirma Baiser& Co. begonnen hat. Der Generalversammlung unserer Aktionäre soll die Wahl des Seniorchel» der genannten Firma In unseren Aufsichtsrat vorgeschlagen werden. Die Deutsche Ueberseeische Bank macht wiederum •inen guten Absohluss und verteilt, wlo in den Vorjahren, 0% Dividende. Für Einselheiten verweisen wir auf den Geschäftsbericht dieses, in erfreulicher Entwicklung befindlichen Instituts. Die Kapitalserhöhung von 20 auf 30 Millionen Mark, die wir in unserem letzten Bericht erwähnten, Ist durchgeführt worden. Die Zahl unserer Kontokorrentverbindungen hei der Zentrale einschliesslich der bei unseren Depositenkassen in Berlin und seinen Vororten geführten Rechnungen, betrug am Schlüsse des Berichts- Jahres 167 661 gegen 171 805 im Vorjahre. Zum ersten Male In der Oo- •chicht« unserer Bank ist hier ein Bückgang der Kontenaahl au verselch- nen, eine Folge des dem Scheck auferlegten Stempels. Viele Privatleute verzichten lieber auf dio Vorteile des Scheckverkehrs, als dass sie Mark für 25 Scheckformulare bezahlen, obgleich ihnen und der Volkswirtschaft dadurch ein weit grösserer Zinsverlust erwachsen mag. Das» der Scheck In Deutschland schliesslich, wie in den meisten Kultur- Staaten, einen kleinen Stempel tragen konnte, wird kein Einsichtiger bestreiten; es wäre aber klüger gewesen, den Scheckverkehr»ich erst weiter entwickeln zu lassen, ehe man ihn besteuerte, und diese Besteuerung wenigstens solange zu verschieben, bis durch Einführung einer Qulttungs- sieuer auch die Empfangsbescheinigung auf dem Scheck naturgemäss dem Stempel unterIngen wäre. Ein solcher Qulttungsstempel. wie er gleichfalls In fast allen Kulturländern besteht, hätte natürlich viel grösseren Ertrag versprochen, als der allein die Abhebungen von Bankguthaben treffende Scheckstempel. Aber nach der Eigentümlichkeit unserer neuesten Steuergesetze wurde auch in diesem Falle der Besitz nur an diezer bestimmten Stelle gefunden- Die Zahl der bei unserer Bank Überhaupt geführten Konten belief •Ich heim Jahresschluss auf 227 985 gegen 280 203 Ende 1908. Der Beschluss der grossen Berliner Bankinstitute, zweimonatlich ihren Status zu veröffentlichen, bat auch in anderen deutschen Städten In zunehmendem Umfange und in wohlverstandenem eigenen Interesse der Banken Nachahmung gefunden. Zum besseren Verständnis unserer Bilanzzahlen und um, bei den Zwlecbenbilanzeij hervorgetretene, Irrtümer in der Vergleichung zu beseitigen, führen wir In unserer Bilanz neben der Gesamtsumme der uns gegen Waren und Warenverschiffungen von unserer Kundschaft geschuldeten Beträge den Teilbetrag auf, für welchen wir em Bilanztage die Deckung durch die Waren, Konoseemente usw. noch tatsächlich in Händen hatten. Aus dieser abweichenden Praxis erklärt sich die abweichende Zusammensetzung unserer Debitoren, an die wir ins- gesamt rund 28 Millionen Mark mehr zu fordern hatten, als im Vorjahr. Von Kreditoren waren uns 26 Millionen Mark mehr als im Vorjahre anvertraut; auch an dieser Stelle zeigt unsere Bilanz einen etwas spezlali- blortcren Ausweis, indem die noch nicht vorgekommenen Schecks erstmals beaooders aufgeführt»Ind. Dagegen Ist der Betrag der Depositengelder wa»«e» AMitao». UMJv ein Gegengewicht in dem besonders in der zweiten Jahreshälfte höheren Satz für Vorschüsse und Reports, für welche unsere Kunden uns in erhöhtem Umfange in Anspruch nahmen. So ist es uns gelungen, noch einen etwas erhöhten Ertrag auf Zinsenkonto auszuweisen. Während des Berichtsjahre» gingen bei der Zentrale an Wechseln ein und aus M. 8 963 315 Stück im Gesamtbetrage von M. 15 790 761 712.39; ein Abschnitt betrug somit im Durchschnitt M. 8 985.74 gegen M. 4 873.20 im Vorjahre. Die Zahl unserer Beamten hat sich wiederum gesteigert von 4860 auf 5384. Wir sind den grossen Ansprüchen, die sich aus dem lebhaften Geschäftsgang an die Leistungskraft und Arbeitsfreudigkeit unserer Beamtenschaft ergaben, durch reichliche Zuwendungen gerecht geworden, was zu der bedeutenden Vermehrung unserer Handlungsunkosten beigetragen hat Die im Vorjahr in Aussicht gestellte Errichtung einer Pensions- k a• s• für unsere Angestellten haben wir, nach Erlangung der Bestätigung ihrer Satzungen durch das Aufsiohtsamt für Privatversicherung, unter dem Namen Beamtenfürsorge-Vereln der Deutschen Bank ins Leben gerufen, zunächst unter Beschränkung auf die Beamten der inländischen Niederlassungen. Damit ist ein seit Jahr zehnten bestehender Wunsch unserer Beamtenschaft erfüllt. Die Beamten der Deutschen Bank genlessen fortan die gleichen Pensionsansprüche und Vorteile für sich selbst, ihre Witwen und Waisen, wie die Beamten des preussischen Staates. Die Verwaltungsorgane der Kasse werden von der Beamtenschaft und dem Vorstande der Deutschen Bank gemeinsam gewählt. Die Kasse hat ihre Tätigkeit mit dem 1. Februar 1910 begonnen: unsere Beamten tragen 4% ihres festen Gehalts zu der Kasse bei, während die Deutsche Bank 9,4%, also mehr als 70% der Gesamtaufwendung übernommen hat. Die Leistungen der Kasse beginnen nach einer zehnjährigen Karenzzeit; während dieser, sowie in allen weiteren durch die Satzungen des Fürsorge-Vereins nicht gedeckten Fällen, wird der Dr. Georg von Siemens'sche Pension- und Ü n t e r s t U t z u n g- b o n d s Im Ermessen seines Kuratorium», wie seither, für die Beamten sorgen. Dieser Fonds soll durch die diesjährig© Zuwendung, wenn die Generalversammlung unsere Anträge genehmigt, auf rund 7H Millionen Mark anwachsen und dürfte, wie wir hoffen, mit seinen Zinsen und etwaigen sonstigen Zuflüssen für den genannten Zweck ausreichen. Der wesentliche Unterschied In der Natur dieses Fonds und dem neu ins Leben getretenen Fürsorge-Verein besteht darin, dass dio Leistungen aus dem Siemens- Fonds seitens der Bank freiwillige bleiben, während den Beamten, die dem Fürsorge-Verein beitreten, ein rechtlicher Anspruch erwächst, wie ihn deutsche Staatsbeamte genlessen. Dia Abschreibungen auf Immobilien und Mobilien haben einen etwas geringeren, wenn auoh immer noch sehr erheblichen Betrag (M. 1 782 267,48, bezw. M. 674 884.—) erfordert Der über unsere Erwartungen hinaus zunehmende Umfang unserer Betriebe hat uns dio Pflicht auferlegt, durch Erwerb der ausgedehnten Grundstücke Mauerstrasse 34 und 35/86, unseren alten Gebäuden gegenüber, für absehbare Zelt eine genügende Reserve«u schaffen. Nur ungefähr die Hälfte der Kosten dieser Neuerwerbung erscheint in unserer Bilanz, während der Rest erst im laufenden Jahre das Immobilien-Konto belasten wird. Für Steuern und Abgaben hatten wir M. 8 178 318.77 zu bezahlen; für Stempel sind ausserhalb des Unkosten-Kontos zu Lasten der betreffenden Rechnungen ausserdem erlegt worden M 5 281 615.15. Endlich haben wir aus dem Reingewinn des Berlcbtsjabres M 400 000 für Zahlung der Talonsteuer reservieren müssen. Diese neu eingeführte, sogenannte Besitr.steuer ist nichts weiter als eine besondere Be lastung der Gesellschaftsform, auf der das ganze moderne v\ irtschafts- lebon in zunehmendem Umfange gegründet ist; In sehr vielen Fällen, wenn trifft die*- Die Fortsetzung der Deutach-OstafrlkaniseheB B 1 s a a- i) a h n ist von Morogoro über Kilossa hinaus gefördert worden nad schreitet rüstig vorwärts. Die Bteaua Bomana A.-G. für Petrolenm-Indastri® verteilte 8% Dividende und erfreut sich einer bedeutend gestiegenen Pre- duktion. Die Deutsehe Petroleum- Aktiengesellschaft verteilte 5% und die Europäisehe Petroleum-Union in welcher die hauptzäehliehsten russischen und rumänischen Petroleum- Produzenten zu einer gemeinschaftlichen Verkaufsorganisation zusammen-, geschlossen sind, gab gleichfalls 5% Dividende. Die überlegenen Vorzüge des Dieselmotors und die zunehmende Verwendung von Petroleumprodukten zu Heizzwecken eröffnen dieser Industrie neue Perspektiven. Von neuen Koneorttalgescbäften, an welchen wir uns im Berichtsjahr© als Hauptbet eil igte oder Emittenten interessiert haben, und die zum gröasten Teil im Berichtsjahre abgewickelt worden sind, erwähnen wir dio folgenden: üebernahme von 4% und 8%% Anleihen des Deutschen Reiches und Freusseat, 4% Anleihe der deutschen Schutzgebiete, 4% Bayerischer Anleihe, auch nicht in dem unsrigen, trifft die Steuer indessen nicht den Aktionär, d. h. den Besitzenden oder Gläubiger der- Aktiongesellschaft, sondern vielmehr den Schuldner, also die Städte oder, wie bei den Hypothekenbanken oder städtischen bezw. ländlichen Darlehens-lnztitutcn, den Kapital- suchenden. Der Ertrag unserer Dauernden BeteillgnngOB die Dividende für 1908 aus unserem Besitz an Aktien der Deutschen Ueberseeischen Bank(9%), der Berglscb Märkischen Bank(SVa /o), des Schlesischen Bankvereins(7%%)» der Hannoverschen Bank(7� /c). der Essener Oredit- Anstalt(8Mä>«), des Essener Bank-Vereins(7%). der Rheinischen Creditbank(7%), der Deutsch-Ostafrlkanischen Bank(8%%)» der Privatbank zu Gotha(7%). der Württembergischen Vereinsbank(7%), der Niederlausitzer Kredit- und Sparbank A.-G. U%)• der Oldenburgischen Spar- und Leihbank(9%), der Süddeutschen Bank(6%), �«v der Mecklenburgischen Hypotheken- und Wechselbank(14%) und der Deutschen Treuhand-Gesellschaft(15%), Diese sämtlichen Institute beffnden sieh in guter Verfassung und haben aus den gebesserten Wirtschaftsvorhältnlssen Vorteil gezogen, Unsere Anlagen in Dauernden Beteiligungen verminderten sich durch das Aufgehen der Duisburg-Ruhrorter Bank In die Essener Credlt-Anstalt und die Bergisch Märkische Bank. Ferner haben wir einen Posten voll bezahlter Aktien der Deutschen Ueberseeischen Bank verkauft und dagegen junge Aktien mit 25% Einzahlung im unseren Bestand genommen. Wir beteiligten uns ferner an den Kapitalerhöhungen de» ScbleBisehcn Bankvereins, des Essener Bank-Vereins, der Rheinischen Creditbank, der Württembergischen Voreinsbank und der Deutschen Treuhand-Geseilschait; dAgegtu«Ind einige ältere Bestände vermindert worden, ee dass unsere Dauernden BetelligungoB Bloh tollauzm&saig um rund M. fi 000 000 verringert bähen. Die Anatelliohe EHanbahn-Gesellsohaft hatte die dritte Mlssornte dar von Ihr erschloesenen Gegonden«u beklagen und durfte nur 5% Dividende verteilen. Die Ulssernton sind ausschlleselloh die Folge der in fast all den Lfimlern alter Kultur um das Mittelmeer zu beobaobtendan und in der Türkei beute leider noch fortschreitenden Aua- rottung der Wälder. Nur durch kanstliohe Bewässerung kann diesem schweren Dabei abgeholfen werden. Ein solches Kulturwerk hat die Ana- tolisohe Eisenbahn-Gesellschaft an der ersten Teilstrecke der Bagdadbahn mit bedeutenden Kosten und Opfern übernommen. Die Anlagen werde» von einer in Frankfurt a. M. domizilierten Baugesellschaft rüstig gefördert. Die in weiteren swei Jahren zu erwartende Vollendung diesez Werkes wird die ehemals reiche Ebene von Konia von den Zufilllcn der Witterung unabhängig machen und den Charakter der Landschaft mit der Zeit völlig und zum Besseren verändern. Die Ernteaussichten an der Anatoiischen Bahn für das laufende Jahr sind bis Jetzt günstige. Die Maoedonlsobe Elsen bahn- Gesellschaft hatte abermals ein giitoe Jahr. Die Subvention der türkischen Begierung wird bei diesem Unternehmen nur noch In unbedeutender Weise, In guten Jahren überhaupt nicht mehr, in Anspruch genommen, Wichtige Aenderungdn sind In der Lage der Betrlabsgesell- sobaft der arientalisoben Eisenbahnen zu varteiebnen. Für die von der bulgarischen Regierung Im September 190S besetzten Strecken hat die Gesellschaft nach langwierigen Verhandlungen eine, wenn auch hinter den Berechnungen zurückbleibende, so doch auskümmllcbe Entschädigung in bar empfangen. Ebenso fand der seit Jahrzehnten an- hängige Streit mit der tlirklscben Regierung durch eine Abänderung des Betriebsvertrages seinen Austrag, wobei sich die Geseiiscbaft, dem Wunsohe der türkischen Regierung nachgebend, dazu verstand, ihr Domi zll nach Koastantlnopel zu verlegen und sich ebenso wie die AnatoUscbe Eisenbahn-Gesellschaft dem türkischen Recht zu unterziellea. Bedeutungsvoll war das Berichtsjahr auch für die Bagdad- Eisenbabn-Gesellsobaft. Trotz aller politischer Anfeindungen dieses für die Erstarkung und Lebensfähigkeit dar Türkei ausscblagreken- flen ünlernohmens konnte Im vorigen Dezember die Baugosellsc baft gegründet werden, welcher der Weiterbau der nächsten WO km über Jen Tauru» und Amanus bis Helif in Ober-Mesopotamien übertragen ist. Die zur Bestreitung der Baukosten dienenden türkischen Staatsanleihen sind von einem unter unserer Führung stehenden Internationalen Syndikat übernommen worden. Die Baugesellsohafl ist eine schwelzerischo, steht aber unter deutscher bewährter Leitung: die Schienen sind beim Stahl- werksvernand für die ganzen 810 km bestellt und die Verfrachtung des gesamten Materials ist mit einer deutschen Schlffahrts-Oeseiiscbaft vereinbart worden. Die vor einigen Jahren von der Anatoiischen Eiscnbahn- Ocseilaobaft erworbene Linie Mersina— T»rzu«— Adan» sichert den Zugang vom Moore für die Bauarbeiten. Während die sämtlichen. In der Türkei arbeitenden Gesellschaften durch den unter dem neuen Regime ausgebrocheuen Streik dauernd und schwer belastet werden, ist es um to erfreulicher, verzeichnen zu können, dass die bessere Verwaltung eine(ehr arhebllohe Zunahme der Staate einnahmen gezeitigt hak Der türktaobea Regierung leisteten wir einen garantierten Vorscbuss zum Bau einer neuen ScniffbrUeke Uber das Goldene Horn deren Herstellung nach vorhergegangenen langjährig, handlungen der Augsburg-NUrnberger Masehincu-Fabrik Übertrag den ist. Die Oezellsehaft für«lektriaoba Ho ob- und ntergrnndbabnen In Berlin hat Ihre Vorbereitungen für den ................... m* umtiMUt.. gen Verbertragen wo» Badlschar Anleihe, 4% Württembergischer Anleihe, 4% Lübecker StoaUanleih«, 1% Anleihe der Provinz Hannover, % Anleihe der Provinz Posen, 4% Anleihen der Städte Barmen. Brefeld, Dresden(durch die Dresdner Filiale), Duisburg. Düsseldorf, üibing, Essen, Minden, München (durch die Mönehener Filiale), Pirmasens(durch die Frankfurter Filiale) und Worms. 1% Anleihen der Republik Argentinien und der Stadt Buenos Aires, 6% Chinesischer Elsen bahn- Anleihe Ttentsln-Pukow, 4% Türkischer Staatsanleihe, 4% Obligationen der Halberstadt-Blankanburger EisanbaJm-GeseUscbaft, 4% First Mortgage Bonds der Western Maryland E. K. Co., Mortgage Bonds der Denver znd Rio Grande R, E. Co., 5% Mortgage Bonds der 8t Louis A San Franeizco R. R. Ca., 4% Anleihe der Oelsenkirchener Bergwerks-A.-O., 4%% Anleihen der Bergmann Elektrizitäts-Werke, der A G. für Anilln- fzbrikzilon, der Elbcrfelder Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer A Co., der Rheinischen A.-Q. für Braunkohlen bargbau, der Düsseldorfer Köhreninduatrie, der Baumwollspinnerei Germania, 8% Obligationen der Deutach üeberaeelsehen Elektriziläta Oesellichaft, fi% Debentures der Victoria Falls and Transvaal Power Co., 4H und b% Anleihen der Geworkachaften Heisaelsgrube, Steinkohlenbergwerk Eintracht Tiefbau, Friedrich der Oroaae, Orange und Wilhelm», Aktien der Gesellschaft für Bergbau-, Blei- und Zlokfabrikatloo zu Stolberg, dar Oberschlesisehen Eisenbahn Bedarf a- A G., der Con- tinentalen Wasserwerks- A.-G., der Anhaltischen Kohlenwerke, der Oeiseaklrobener Dergwerks-A.-G., der Berlin Anhaltisohen Maschinen- bau- A.-G., der Deutechen Babcock und Wllcoz Dampfkeaseiwerke, der Maecblnenfabrik Bruchsal A G. vorm. Schnabel& Henning, der Hohenlobo-Werke A. Ii., der Harpener Bergbau A.-G., der Donnersmarekbütte, der Kfinigsberger Zells toll Fabrik A.-G., der Stettiner Chamottefabrik vorm Didier, der„Adler", Deutsche Portland- Cementfabrik A G,, der Hasper Elsen- und Stahlwerke, der Varziner Papierfabrik, der Eombaeher Hüttenwerke, des Deutsch-Luxemburgischen Bergwerks- und Bütten-Verelni. des Wasserwerks für das nördliche westfälische Kohlenrevier. elektrieobe Dnternehmi OrOaduag der Union Ottomane, Oezellsehaft für Orient. Blnfflhrung von 4% Pfandbriefen der Landschaft der Provinz I 4% Anleihe der Provinz Pommern, 4% Anleihe der Stadt Stuttgart, 4% Pfandbriefen der Mecklenburgischen Hypotheken- nnd Wechselbank, der Hypothekenbank in Hamburg, des Kreditvereins JütiändUeher Landeigentümer und der Hannoverschen Bodenkredit-Bank, 4H% Obligationen und Aktien der Klektrloltäts-Lieferungs-Oesellschai� Aktien der Magdeburger Privat-Bank und der Privatbank zu Gotha, Aktien der Gebhard 4 Co. A. G., der Vereinigten N1»—-r-Tf. A.-0., der Deutschen TIefbobr-A. G., -Anteilen der Otavl Minen- und Eisenbebn-OeeelUebaft, Aktien der South Wert Africa Co. EapItalerhShung der Deutechen Eolonlal-Oesellscbaft für Südwest- Afrika, der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft, des Chemnitzer Bank-Vereins, der Essener Credlt-Anstalt. der Leipziger Hypotheken-Bank(durch D reedner FUlats), der Mitteldeutschen Privat Bank, der Mecklenburgischen Sparbank, der Norddeutschen Credlt-Anstalt, der Siegener Bank dir Handel und Gewerbe, der Sibirischen Handelshank, der Deutsch-Ueberseolschen Elektrloitäts-Oesellsohaft, der Gesellschaft für elektrische Beleuchtung Petersburg, der A.-G. Orensteln 4 Koppel— Arthur Koppel, der Allianz Versicherunga-GeaellKhaft, der Münchener Büokversicherangs-Qesellsohaft und verschiedener anderer. Von älteren Koneortlalgeachäften sind im Berlebtsjafan«bgerechneä worden: 4% Brandenburgische Provinzial-Anleihe, 4% Anleihe der Städte Posen und Stendal» 4% Oesterreichlsobs Kronenrente, 4% Oeeterreichisohe Schatzecheiae, 4%% Obligationen der Ungarischen Lokaielrenbatm-Oeo� Aktien der Sohantung Eisen!, ahn Gesellschaft. Aktien der Anhait-Dessaulachen Landesbank, der Buderns-Eisenwwke, der Rütgerswerka A.-G-, der Farbwerke Meister, Lucius 4 Brüning, der Dr. Paul Meyer A.-G., der Kheinlscb- Westfälischen Kalk werke der Schlesischen Gz» und Klektricltäta-Gesellsohaft, der LOdsn- •cheldor Uetailwerke nsw. Unser Konsortial- Konto(Zentrale und Filialen) seblusse aus: 38 Beteiligungen an Staats- und Kommunal-Anlottiftn und Elsenbahn-Geschäften mit.. 1X1 m■ an Aktien und Obligationen yer- echtedener inländischer Gesell- Schäften mit...... 81 M an dergleichen, ausländischer Gesellschaften mit........, 580 K2.!* U„ an GrandstückigeschäfteB mit...„ 2 380 294.— bestand am Jahne- Ii. 14 093 837.58 . SdMMOJSB zu- zusammen mit M. 28««s«34.44 Das Konto zigener Elfokfen(Zentrale nnd Filialen) setzt sich sammen ans: Staats- und Kommunal-Papieren sowie Deutscbeo Pfandbriefen in ISO Gattungen........ M. 31 832 039.15 Eisen ha im- u. industriellen Obligationen in 58 Gattungen ,, 1 639 898.91 Eisenbahn-, Bank- u Industrie-Aktien in 133 Gattungen„ 1522 044.85 Diversen............„ 55«02.13 zneammen M. 36 800 139.84 Da» Effekten Konto enthält dentaebs Slaatspapierc im Buchwert von M. 27 556 585. Wir haben ea für nützlich erachtet, einen Teil unserer Anlagen in deutschen Staalspapieren In deutsche Schatz- a n w e i s u naon umzuwandeln, die uns nach wie vor als eine, nur geringen Kursschwankungen ausgesetzte, zweckentsprechende Anlage eine» Teils der uns anvertrauten Depositengelder erscheinen. Die kurzfristigen dieser Schatzseheine sind in dem Wechsei-Konto, dio langfristigen In der besonderen Rubrik unserer Bilanz entbalten. TJnzer ganzer Effektenbesitz besteht aus börsengängigen Werten, Indem einige wenige nicht börseugängige Bestände durch ens- spreebende ReservesteUangen koupenstert sind. Zur Unterstützung und Beratung unserer neuen Filiale!n Kons ■ tantlnopel ist ein Orts-Aussebuss eingesetzt worden, bestehend aus den Herren Minister Carl Test», Ed. Huguonln und F e r d. Kautz. In Bremen hatten wir den Tod des stell vertretenden Dircktionsmlt- glledes, Herrn U. Uoraaen, eines treuen Mitarbeiten, au beklagen. tttdaftÜRi. MMOzM ' In» Üer ClveVtion it,t Plüate lornJoiS«eSUÜ ro ntnerem UWaftel Bedauern Herr A. Se b u I- e aus, um sich nach langjähriger Tätigkeit in, Dienste unserer Bank in den Ruhesland zurückzuziehen. Die Direktion der Londoner Filiale wurde durch die Ernennung des Herrn W. F a n n e n- h o r g zum stel i ve nr etendon Direktor ergänzt. Für die Filiale Konstantinopcl wurde Herr Otto Kaufmann zum Direktor und Herr Arthur von Haas zum stellvertretenden Direktor bestellt. Die seitherigen stellvertretenden Direktoren, die Herren C. B e h- r c n d s und W. O s s w a 1 d in Dresden. E. Naumann und Dr. C. Schönfeld in Leipzig, L. R e h o 1 und O. Ecke in München wurden zu ordentlichen Direktiousmitgliedern der betreffenden Filialen ernannt. Zu stellvertretenden Direktoren wurden ferner ernannt die seitbert- gren Prokuristen, die Herren P r. Noeff bei der Zentrale, F. BuM- mann und M. Köpke zu Bremen; endlich wurde Herr Hermann von Hauff noch im alten Jahr zum Direktor der Brüsseler Filiale b®. stellt. Nach vierzigjähriger Tätigkeit im Dienste unserer Bank trat zum Jabresschluss zu unserem schmerzlichen Bedauern unser Kollege Herr Gcnoralkonsul Rudolph von Koch. In den Buheatand. Er hatte unserer Bank seit deren Gründung als Mitarbeiter, seit 1872 als stellvertretender Direktor, seit 1878 als Mitglied des Zentralvorstandes angehört und unserem Institute nach den verschiedensten Richtungen hin Dienste geleistet, deren Wert wir dadurch auch für die Zukunft Anerkennung und Ausdruck verleihen mochten, dass wir seine Wahl in den Aufsichtsrat beantragen; auf diese Weise wird sein Bat und seine Mitarbeit der Lank erhalten bleiben. kiasciaiwÄsiich des Vortrages aus 1908 von M. 1 150 541. p sowie nach Absetzung der den Vorstandsmitgliedern, Direktoren und Beamten der Zentrale und Filialen vertragsmasaig zustehenden Gewinnanteile, welcne wie gewöhnlich über Handlungs-ünkosten verbucht sind, nach Vornahmeder Abschreibungen auf ßsnkgebäude und Mobiii en in Höhe von M. 2 407 151.43 und Rückstellung von M. 400 000.— für Talonsteuer beläuft sich das Erträgnis des Jahres 1S09 auf M. 82 271 617.48 Hiervon erhalten zunächst die Aktionäre 6% Dividende auf M. 200 000 000.— (nach§ 36 b der Satzungen) „ 12 000 000.— Von den verblei bendeii«...«-»»»v»»» öl. 29271 617.48 beantragen wir der ordentlichen Reserve dem Aufs'chtsrat für-------- rationen an die Angestellten zu überweisen und für den Dr. Georg von 8 i e in e n s s c h e n Pens'on- u TJnteratüttung- Fonds, sowie für Wohlfahrtseinrich- tungen für die Beamten die Summe von B 10% mit M. 2 027 161.75 Rc rn une- „ 2 200 000.— 000 000.- w«127161.75 TOf Verfügung zu stellen. Von dem übrig bieihenden Betrage von...... M. 16 144 456.78 abzüglich M 1165 90». 11 Vortrag auf neue Rechnung erhalten(nach§«6d der Satzungen) der Aufsichtarat und die Lokalausschüsse 7% Gewinnanteil mit... 078404.62 Wir schlagen vor, von den restlichen....«.. M. 14 105 961.11 6�% Superdivldende auf M. 200 000 000.— mit„ 13 000 000.— zu verteilen und den üeberschusa von■« o a•• H. 1 165 961,11 auf neue Rechnung vorzutragen. Es würde demnach erhalten* Jede Aktie von Nom. M. 600.—: M. 75.—) .. 1200.—: 150.—)--% Dlv Winde« .......... WO.-;.. 200.-) Wenn die Generalversammlung unsere Anträge genehmigt, so würden eich unsere bilanzmässigen Reserven erhöhen auf: 1. Ordentliche Reserve A...... 66 388 031.30 2.„. B........................ S. Kontokorrent-Reserwe ,» 7 Ol« 652.28 zusammen M. 105 726 164.67 -- 52,86% des Aktienkapitals von U. 200 000 000.—. Berlin, im Februar 1910. Der Torsland der Deulschen Bank. A« von GwMinsr. E. Heinemann. Or. K. Helfferich. 0. Klonne. P. Manklcwitz. 0. Mlohalowsky. G. Schröter. Warnung I Trotz wiederholten Hinweises sind in letzter Zeit Nsohahmungen meines) KapitÄn- Kautabakes in Umlauf. Oer Kapitän-Kautabak n 1 echt mit Zetteleinlage und Etikette mit der Aufschrift: (ges. gesch. Meine werte Kundschaft bitte ich, Kapitän- Kautabake ohne obige Bezeichnungen als unecht zurückzuweisen und mir Fälle von Nschahraungen mitzuteilen, damit ich dagegen einschreiten kann. Karl Röeker, Tabakfabrik, Berlin 0.27,. Treptow: Ludwig Hofmanns Restaurant am Treptower Park 51 Angenehmer Familien-Aufenthalt. ———<»at copflegto Blere. Die in Umlauf gesetzten Gerüchte vom vertauf meines Lokals find unwatzr._ 4654 L ttr itali Arbeitsnachweis: Hvj l. Ami S, 1233, BerwaltungSftelle Berlin. Hauptbureau: Lb-lritestrsSe 3. Hof III, Amt 3, 1387, Montag, den 7. März: Bezirks- Versammlungen für die geismte Verwaltungsitelle Derlln in folgenden Lokalen: Horden Phaius-saie, Müllerstr. 143, abends 8»/2 Uhr. 1�0�011*®(üwebtet Stratze 38, abends Norden: Franke« Feistsäle, Badstr. 19, abends 8'/, Uhr. lilOablt*]Prac,,t8äle Kord-West, Wielefstratze 34, abends Westen und Schoneberg: ÄÄVWs»"*' 81/» Uhr. Neuwahl der Bezirksleitung. abends Osten und Lichtenberg: Äflf RmeIet Stralau und Rummelsburg: ßfcSoSÄu5T abends 8 V, Uhr. Bericht und Neuwahl der Bezirksieitung, SOIen und Südost: StTÄÄT- e""m" 15 Tßfiol* lloFs'gwulder Festsäle, Borsigwalde, icyci. Spnndauer Stratze, abends« Uhr. Rlxdorf: Veroi nskruuerei, Hermannstr. 344, abends 8'/, Uhr. Ctaaliti»- Seliellliases Festsäle, Ahornstratze 1ö a, alCUlll�. abends S'l, Uhr. Charlottenburg: Volkshans, Rostnenstr. 3, abends S1/, Uhr. WeiBeiSee* Restaurant, König-Chaussee 38, Köpenick u. Priidriehshagen: Sratk«�ki,tshaHS Friedrichsbagen, Friedrichstr. 69, abends 8'lt Uhr. Ctiotirlon* Restaurant Vorwärts, Schönwalder Strafte, dpaUUdU, abends 8'/, Uhr. Ober-ScMneweide: ÄÄÄfÄ,. Tages-Ordnung: Stellungnahme zur Geueraluersammlnug. Otf Mitgliedsbuch legitimiert. Zahlreicher Besuch wird erwartet. 112/16 Achtung i Rohrleger u. Helfer. Tie allgemeine Versammlung findet in der nächsten Woche statt. Die Kollegen ersuchen wir, die Vorwärts- Annonce am Sonntag zu beachten. Die Ortsverwaltung. Bar oder Teilzahlung Sisla Misch Dresdenerstrasse 16 Töllijt kostenlos! Verlangen Sie Zu&endang Ton trespekt B. „Segler-Schloß"- Hankels iblage. Bahnstation Zeuthen. Besitzer: W. Relnrlcl». Zur bcvorsiehenden Sommersaison halte ich mich werten Vereinen, Fabrifen. Schulen usw. bei Zusicherung ausmerksamster Bedienung bestens empfohlen.— 3 neue Säle und Hallen.— Schöne Spielplätze.— Badeanstalt.— Boote und Belustigungen aller Art. 45142' W. Heinrich. Tom. 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Dem Vorhandensein derselben verdankt das Geschäft seine ansehnliche Bedeutung. Auch in dem neuen Zweiggeschäft werden die geschätzten Käufer und Käuferinnen von Schuhwaren die Begünstigungen genießen, welche anerkanntermaßen sämtlichen Stillerschen Geschäften eigen sind. Eröffnung: Heute Sonnabend Ar. 54. 27. Ichrgang. 4. KeilU des Jorroirls" letlinet UolllsdlR Zonullbeud, 5. März l9W. Partei- Angelegenheiten. Steglitz. Am Sonntag früh 8 Uhr: Flugblatt- Verbreitung zur Gemeindewahl in allen Be- zirlen.— Am Montag und Dienstag vormittags 10 Uhr ist zahlreiches Erscheinen in den Wahllokalen„Albrechtshof" und »Schloßpark- erwünscht. Der Wahlausschuß. Lankwitz. Sonntag früh 8 Uhr: Flugblattverbreitung von den bekannten Bezirkslokalen aus. Der Borstand. Charlottcnburg. Die 8. Gruppe des Wahlvereins hält am Sonnrag, den 6. März, abends K Uhr, im Volkshause, Rosinenstr. 3, einen Familienabend ab, wozu die Genossen mit ihren Angehörigen eingeladen werden. Britz-Buckow. Sonntag früh 8 Uhr findet von den bekannten Stellen aus eine Flugblattverbreitung statt.— Nachmittags 2 Uhr im Lokal von Radday, Britz, Chausseestr. 39: Oeffcntlichc Gemeinde Versammlung. Tagesordnung: 1. Die Gemeindewahl. Referent: Genosse W. Düwell. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes.— Abends 6 Uhr im Lokal von Klein, Buckow, Chausseestr. 12: Volks Versammlung. Tagesordnung: Gemeindepolitik. Referent: Genosse Franz T h u r o. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Der Vorstand. Rudow. Alle Wahlrechtsfreunde Rudows treffen sich am Sonntag früh 10 Uhr zu einer Besprechung im Lokale Rolle, Köpe- nickcr Straße. Zossen. Sonntag mittags 1 Uhr öffentliche Wählerversamm- lung bei Knrzner. Abends 6 Uhr siebentes Stiftungsfest des Wahlvereins. Die Veranstaltungen setzen einen gcnuß- reichen Abend voraus, weshalb die Parteigenossen ersucht werden, für das Fest zu agitieren. Alt- Glienicke. Sonntag, den ö. März, treffen sich die E nossinuen und Genossen beim Genossen Joch, Köpenicker Str. 53, vonnittags 11'/o Uhr. Der Vorstand. Fricdrichshagen. Morgen Sonntag, den 6. März, vormittags 8 Uhr, findet von den Bezirkslokalen aus eine Flug blattverteilung zur Gemeindcwahl statt. Die Ge Nossen werden ersucht, sich vollzählig daran zu beteiligen, damit jede Wohnung gewissenhast belegt werden kann. Die Bezirksleitung. Heinersdorf. Auf die am Sonntag, den 6. März, 2ll3 Uhr, im Restaurant des Herrn Stuck s früh er Müller), Kaiser- Wilhelm- Straße, stattfindende Gemeindcwählerversammlung werden die Ge- meindewähler aufmerksam gemacht. Eichwalde, Zeuthen, Miersdorf. Sonntag, den 6. März, mittags 1 Uhr: Demonstrationsversammlung in Königs-Wusterhausen bei Wedhorn. Der gemeinsame Spaziergang findet um V3I Uhr vom Bahnhof Wusterhausen statt. Der Vorstand. Pankow. Heute Sonnabend, den 5. März, abends 8Vs Uhr, findet vom sozialdemokratischen Wahlverein ein Vergnügen im Saale von Rozycki, Kreuzstr. 3/4, statt. Außer einer Theateraufführung »Achtung I Bombe I", ein Friedensfest an der Panie, finden Ver- losungen und Volksbelustigungen aller Art statt. Zahlreiches Er- scheinen wird ertoartet. Billetts sind bei den Funktionären sowie bei Rozycki zu haben. Reinickendorf- Oft. Zur bevorstehenden Genreindevertreterwahl findet am Sonntag früh 8 Uhr von den bekannten Stellen aus eine Flugblattverbreitung für die Bezirke I, In, II und IIa (Haupt- und Residenzstraße mit ihren Nebenstraßen und das Schweizer- viertel) statt. Die Bezirksleitung. Falkenhagcn- Seegefeld. Sonntag, den 3. März, nachmittags 3 Uhr, findet auf dem Grundstück der Frau Frahn, Borfigstraße 88 (neben Gastwirt Hermann) eine Volksversammlung statt. Tagesordnung: Der preußische Wahlrechtskampf und der Volksverrat der Junker und Pfaffen. Am Sonntag früh 7 Uhr haben fich alle Genossen zwecks gründ- licher Flugblattverbreitung bei ihren Bezirkssührern einzufinden. Der Vorstand. Rowawes. Morgen Sonntag, mittags 1 Uhr. findet im Garten des Herrn Ernst Schmidt, Wilhelmstr. 41/43, eine Wahlrcchtsvcr« sammlung statt. Die Parteigenossen werden ersucht, für diese Ver- sammlung nach Kräften zu agitieren. Der Vorstand. berliner JVadmcbtcn. Das Schicksal der Inseln Scharfenberg und Baumwcrder. Die Stadt Berlin hatte Ende vorigen Jahres von dem Rentner Adolf Bolle die im Tegeler See belegenen, zum Gutsbezirk Tegel gehörigen Inseln Scharfenberg. Baumwerder und Lindwerder zu Wasserwerkszwecken zum Preise von 800 000 M. gekauft. Hierzu kamen dann noch etwa 60—100000 M. Kosten. Der Preis für die rund 108 Morgen großen Inseln einschließlich einer Fischerei- gercchtigkeit im Tegeler See wurde als billig bezeichnet. Der Ankauf wurde von der Stadt sehr geheim bettieben, weil Frau v. Heinze, die Besitzerin von Schloß Tegel' ein Borkaufsrecht besaß. Die Stadt Berlin war bereit, dieses Recht gegen Zahlung, von 82000 M., des vertraglich festgesetzten Laudemiums, abzulösen. Trotz der G e h e i m h a l t u n g ist der Ankauf in die Oeffentlichkeit gedrungen. Ein Agent hat der Frau v. Heinze bezw. ihrem Söhne, dem Assessor v. Heinze-Hannover einen höheren Preis in Ausficht gestellt. Frau v. Heinze hat daraufhin von ihrem Vorkaufsrecht unter Verzicht auf das Laudemium von 32 000 M. Gebrauch gemacht und ist an Stelle von Berlin in den Vertrag eingetreten. Sie hat Ende Februar bezw. Anfang März die Inseln erworben, um sie nun zu einem höheren Preise an die Union-Baubank zu verkaufen. Diese Bank beabsicbtigt, gutem Vernehmen nach, die Inseln zu parzellieren. Der Tegeler Gemeindevorstand ist von dieser Aussicht so entzückt, daß er beschlossen hat, der Frau v. Heinze eine Dankadresse überreichen zu lassen. Die Bank hat wohl geglaubt, nun Berlin den Daumen aufS Luge drücken zu können, und(Hat der Stadt die Inseln zu einem außerordentlich hohen Preise angeboten. Sie hat aber mit ihrer Spekulation kein Glück gehabt. Berlin wird einen anderen Weg für die Verlegung der Wasserröhren finden und die Bank wird das Nachsehen haben. Wäre unsere Wasserwerksverwaltung zeitig auf dem Posten gewesen und hätte sie sich vorher mit der Besitzerin des Vorkaussrechls ver- ständigt, wäre der jetzige Zustand, der nur eine Verzögerung dar- stellt, nicht eingetreten._ Reform i« der Fürsorgeerziehung Berlins. Der Magistrat beschloß die Anstellung einer pädagogischen Kraft für die Fürsorgeerziehung mit dem Gehalt der Schul- inspektoren und einer Zulage von 1000 M. Der Anzustellende soll akademische Vorbildung haben oder den Nachweis er- bringen, daß er im Erziehungswesen, insbesondere auf dem Gebiete der Fürsorgeerziehung sich in praktischer Betätigung ganz besonders bewährt hat. Das Tuberkulose-Krankenhaus, das für Berlin schon seit drei Jahren geplant ist, sollte nach dem ursprünglichen Plane der für diesen Zweck eingesetzten Deputation mindestens für 200 Männer, 200 Frauen und 1 00 K i n d e r bestimmt sein. Gehcimrat Pro- fessor Fränlel, der als eine Autorität auf diesem Gebiete gilt, ver- trat stets diesen Standpunkt, umsomehr, als einwandfreie stattstische Berechnungen den Nachweis erbrachten. daß das seit einigen Jahren beobachtete Absinken der Tuberkulosesterblichkeit vor den Kindern in den Jahren von 1—10 Halt mache. Die Unzulänglich- keit der Körperentwickelung gerade der Arbeiterkinder, zum Teil eine Folge vererbter Schwäche, die mangelhafte Abwartung und Er- nährung, insbesondere die unhhgienischen Wohnungsverhältnisse be- reiten eben frühzeittg den Boden für die Entstehung der Lungen- leiden. Es kommt hinzu, daß vor zwei Jahren die Berliner Waisenverwaltung ein Projekt aus Errichtung einer nur für lungen- kranke Waisenkinder bestimmten Anstalt den Gemeindebehörden vor- legte, dieses Projekt aber abgelehnt wurde ans Rücksicht auf die neue Anstalt, die auch lungenkranken Kindern Aufnahme gewähren sollte. Nun hat neuerdings Professor Koch dem Magistrat in dieser Frage ein Gutachten erstattet, das wir gestem wiedergaben. Hiernach soll die neue Anstalt nur für Erwachsene eingerichtet werden, weil unter Kindern die Tuberkulose angeblich selten vor- kommt. Hiergegen muß frühzeitig mit aller Entschiedenheit Front gemacht werden. Prof. Koch ist gewiß ein ausgezeichneter Gelehrter, aber in der vorliegenden Frage der praktischen Bekämpfung der Tuberkulose hat der der ärztlichen Tätigkeit seit langer Zeit entrückte Mann unrecht. Allein unter den 228 455 Berliner Schulkindern wurden nach dem letzten Bericht der Schulärzte 1366, d. i. 0,7 Proz. wegen Lungentuberkulose schulärztlich überwacht; von den 35 865 Schulanfängern wurden 332 Kinder mit Lugentuberkulose, d. i. 0,9 Proz. festgestellt. Bei der Etatsberatung wird es die dankbare Aufgabe der sozial- demokratischen Fraktion sein, auf diese Verhältnisse nachdrücklichst hin- zuweisen. Arbeitslosigkeit und Rot haben den 24 Jahre alten Schlosser Paul Brückmann, Memelerstraße 56, in den Tod getrieben. Er nahm Sublimat und rannte dann vor Schmerzen schreiend auf die Straße. Schutzinänner brachten ihn nach dem Krankenhaus am Friedrichs- Hain, wo er jetzt gestorben ist. Prompt bestritten, wie wir gestern vorausgesagt haben, wird die Anwendung des Gummiknüppels im städtischen Obdach. Magistratsoffiziös wird folgende Meldung verschickt: „Der Gummiknüppel im städtischen Obdach spielte gestern morgen eine größere Rolle," so berichtet der„Vorwärts" in seiner Freitagnummer. Es wird behauptet, daß ein Obdachloser ver- sucht habe, aus dem Verwahrungssaal durch ein Oberlichtfenster zu entfliehen, von zwei Aufsehern aber heruntergeholt und in der unmenschlichsten Weise mit Gummiknüppeln verprügelt sei. Dem Obdachlosen seien 30 Hiebe versetzt.— Demgegenüber sei festgestellt, daß sich seit zirka drei Wochen überhaupt keine Gummi- knüppel in den Händen des Aufsichtspersonals des Obdachs be- finden. Wie der Vorsitzende der Deputation für das Obdach in der letzten Sitzung bereits mitteilte, werden die Gummistöcke dem Aufsichtspersonal nur zu gewissen Zeiten zu ihrem Schutze be- händigt, wenn sich nämlich die Anwesenheit besonders gefährlicher und aufsässiger Burschen bemerkbar mache. Den größten Teil des Jahres bliebe diese Waffe in der Verwahrung der Verwaltung. In verschiedenen Blättern seien aber Berichte über angebliche Mißhandlungen mit Gummiknüppeln gerade in jenen Zeiten er- schienen, in denen das Personal überhaupt nicht im Besitze der- selben war. Die neueste Erzählung des„Vorwärts" reiht sich diesen Erfahrungen an. Nach der sofort angestellten Untersuchung handelt es sich dabei um folgenden Vorgang: Am Donnerstag- morgen wurden der Polizei im Obdach 77 Personen vorgeführt, darunter 27 polizeilich gesuchte Männer. Als die Vorzuführenden der Polizei bereits übergeben waren und von dieser in dem Polizeiwagen untergebracht werden sollten, machten zwei Leute einem Fluchtversuch. Der eine von ihnen wurde von den Polizei- beamten selbst sofort wieder ergriffen, während der andere aus dem Versammlungssaal an einer von den Fenstern herunter- hängenden Kette über das Dach zu entfliehen versuchte. Von dort wurde er von zwei Hausdienern heruntergeholt und wieder in das Gewahrsam der Polizei gegeben. An Hausdiener werden übrigens niemals Gummistöcke ausgegeben." Was die auf frühere Zeitungsmeldungen bezüglichen Be- merkungen betrifft, so wissen wir nicht, wohin Herr Fischbeck zielt. Bezüglich des von uns mitgeteilten Vorganges wird bestätigt, daß ein Obdachloser den von uns geschilderten Fluchtversuch gemacht hat, aber bestritten, daß geschlagen wurde. Wir wissen nicht, wie die Untersuchung geführt worden ist. Sind nur die Beschuldigten gehört worden, so wundert uns das Ergebnis nicht; vielleicht nehmen sie au, daß für die Prügelei auf dem Dache keine Zeugen vorhanden sind. Jedenfalls haben die Zuschauer der Prügelei die Werkzeuge, mit denen geprügelt wurde, für Gummiknüppel ge- halten. Von anderer Seite wird uns berichtet, daß es sich in- sofern um einen Irrtum handeln soll, als die Prügel mit Holz- Pantinen verabreicht worden sind und daß es sich um Hausdiener gehandelt habe. Nach dem Magistratsbericht ist dem Obdachlosen gar nichts geschehen. Was die Behauptung anbetrifft, daß Gummistöcke nicht mehr vsrwendet werden, so stimmt das nicht. Herr Fischbeck sollte wissen, daß auch in früheren Jahren die Mißhandlungen Obdachloser durch Aufsichtspersonal bestritten wuvden, bis Genosse Adolf Hoffmann selbst als verkleideter Asylist das Obdach aufsuchte und mit knapper Not einer mörderischen Reinigung entging. Der Heiratsschwindel ist noch ein einträgliches„Geschäft", denn immer wieder lassen heiratslustige Mädchen, alte und junge, fich ihre Ersparnisse abnehmen. Ein bereits mehrfach bestrafter Bäcker Paul Becker! ist jetzt deshalb verhastet worden. Becker!, der in Breslau Frau und Kinder hat, ttat auf Heiratsgesuche in den Zeitungen mit Frauen und Mädchen in Verbindung und knüpfte unter dem Vorgeben, daß er Lokomotivführer sei, Bekanntschaften an. Seine Briefe waren folgendermaßen gehalten: Auf Ihre Offerte bin ich nicht abgeneigt, Sie„können" zu lernen. Dann hieß eS, daß er 46 Jahre alt und Witwer fei und einen Knaben von zehn Jahren besitze. Er sähe nicht auf Geld, sondern darauf, eine liebevolle Mutter für seinen Knaben zu erlangen, da er Beamter sei. Ein Stelldichein wurde verabredet, und erfreut, eine so gute Mutter und liebenswürdige Bekanntschast gefunden zu haben, verlobte er sich gleich. Als Verlobungsgabe zog er der„Braut" einen Ring vom Finger oder nahm ihr die Uhr ab, die er dann schleunigst zu Geld machte. Dann wurde er plötzlich in die Provinz „versetzt", kehrte aber nochmals zu der Braut zurück, um für die Wohnungseinrichtung Geld zu erlangen, und verschwand damit auf Nimmerwiedersehen. Die hineingelegten Frauen erfuhren bei der Eisenbahnbehörde, daß ein Lokomotivführer Bockert dort unbekannt sei und erstatteten Anzeige. AlS der Herr Lokomotivführer nun ein neues Opfer in Berlin gefunden hatte, wurde er festgenommen. Berliner Asylverein für Obdachlose. Im Monat Februar nächtigten im Männerasyl 13941 Personen, wovon 6954 badeten; im Frauenasyl 3941 Personen, wovon 1459 badeten. Arbeits- Nachweis wird erbeten für Männer: Wiesenstraße 55/59, für Frauen: Colbergcr Straße 30. Arbeiter-Samaritrr-Koloune. Sämtliche aktive Mannschaften treffen fich morgen Sonntag, vormittags Punkt ll'/z Uhr, in Ludwigs Restaurant, Treptow. Köpenicker Landstraße. Eine geistesgestörte Frau irrte gestern mit einem vor Kälte zitternden Kinde in den Straßen in der Gegend des Anhalter Bahn- Hofes umher, ohne daß ihr irgendwelcher Schutz zuteil wurde. Mit- leidige Passanren wandten sich an de» diensttuenden Schutzmann mit dem Ersuche«, doch helfend eiuzugreisen. Der Beamte frug auch die Frau nach ihrer Wohnung usw., bekam aber nur unbrauch- bare Antworten. Schließlich entschloß er sich auf wiederholte Aus« forderung des Publikuins, und nachdem auf eine weitere Frage die Frau geantwortet, sie wolle nach dem Anhalter Bahnhof, die Be- dauernswerte nach dem Wartesaal des Anhalter Bahnhofs zu bringen. Der Beamte soll erklärt haben, nichts tun zu können, da sich die Frau nichts habe zu schulden kommen lassen. Im Warte- faal machte sich die Aenuste durch allerlei wirre Redensarten weiter auffällig bemerkbar. Eine Schwester, die um Rat gefragt wurde, antwortete, man solle sich an die Polizei wenden. Unserer Meinung nach hätte der Beamte sehr wohl sich der Frau annehmen können. Es sind ja erst neuerdings mit dem Polizeipräsidenten Abmachungen dahin getroffen worden, irre Per- sonen zunächst den Rettungswachen zuzuführen Der Rollkutscher, der gestern Freitag nachmittag an der Zinzen« dorferstraße, Ecke Levetzowstraße, nach dem 64. Polizeirevier in der Ottostraße sistiert wurde, wird ersucht, sich im Lokale von Brüschke, an der Gotzkowsky-Brücke, zu melden. Bon einem fliehende» Einbrecher angeschossen ist heute vormittag der Schlächtermeister Georg N e u m a n n. der in der Friedenstr. 81 wohnhaft ist. In dem Hause Fruchtstt. 60 wurde der 26 Jahre alte Kaufiuann Otto Meyer bei einem versuchten WoHnuiigSeinbmch überrascht und entfloh. Die hinzukommende Frau verfolgte ihn bis auf die Straße. Hier nahm der Schlächtermeister Neumann die Verfolgung auf. Als er ihm nahe gekommen war, drehte sich Meyer um und gab einen Schuß auf Neumann ab. der ihn an der linke» Schulterseite verletzte. Der wohnungslose und stellungslose Kauf« mann wurde von dem verletzten Neumann festgehalten, bis die Polizei ihn festnahm. Auf der Treptow-Sternwarte spricht Direktor Dr. Archenhold am Sonntag, den 6. März, nachmittags 5 Uhr, über„Das Entstehen und Bergehen der Welten" mit besonderer Berücksichtigung der Ver« gangenheit und Zukunft der Erde: abends 7 Uhr über„Kometen und Weltuntergangsprophezeiungen" und Montag, den 7. März, abends 9 Uhr, über„Die EntWickelung des Fernrohres bis auf die Neuzeit". Bei klarem Wetter wird der Halleysche Komet, Saturn und Orionnebel mit dem großen Fernrohr gezeigt. Die Sonder» ausstellung von alten Kometenflugblättern, Kometenmedaillen usw. kann ohne weiteres Entgelt von den Besuchern der Treptow-Stem- warte besichtigt werden._ Vorort- JVacbrlchtem Die Gemeindewahlbewegung. Steglitz. Der Aufmarsch der Parteien zum Gemeiudewahlkampf ist nun endlich vollzogen. Die ersten auf dem Plan waren unsere Partei« genossen, die schon am Dienstag voriger Woche ihre Kandidaten aufstellten, und zwar für den ersten Bezirk die Genossen Aßmann und Hamburg, für den zweiten Bezirk den Genossen L e i m b a ch. Im ersten Bezirk findet eine Ergänzungs« und eine Er» s a tz w a h I statt, die jedoch nicht in einem Wahlgange vollzogen werden, sondern am Montag und Dienstag nächster Woche stattfinden. Der zweite Bezirk wählt nur am Montag, den 7. März, weil dort nur eine Ergänzungswahl vorzunehmen ist. Die beiden Wahlbezirke unseres Ortes werden durch die Eisenbahn abgegrenzt, und zwar so, daß derjenige OrtSteil, der westlich der Eisenbahn liegt(Schloßstraßenfeite) den ersten Bezirk bildet, der östlich gelegene den zweiten Bezirk. Eine Ausnahme machen nur die Häuser Schloßstr. 69-85, Kuhligkshof. Bahnhof und der Teil der Albrecht« straße vom Bahnhof bis Schloßsttaße, die dem zweiten Bezirk zu« geteilt sind. Wahllokale sind für den ersten Bezirk der„Schloßpark", für den zweiten Bezirk der„Albrechtshof". Beide Lokale stehen uns nicht zu Versammlungen zur Ber» fügung, waS die Arbeiterwähler hoffentlich beachten werden.— Der.Mieterverein", der bisher selbständig in den Wahlkampf zog. hat fich diesmal nach Bundesgenossen umgesehen und den „Kommunalverein", den„Neuen HauSbesitzerverein' und die„Demo- kraten" als Schildknappen engagiert. Wenn ihn dann in per Stich» wähl noch der„Alte Hausbesitzerverein"(der mtt eigenen Kandi» baten zur Hauptwahl erscheint) gegen die Sozialdemokratie unterstützt, ist es schließlich möglich, seine„Mieter"- Kandidaten wieder durchzubringen. Für unsere Parteigenoffen muh dieser Zu- sammenschluß aller Bürgerlichen eine Mahnung sein, bei der Hauptwahl alles daran zu setzen, um den letzten Mann zur Wahl zu bringen. Dann wird auch die Koalition der gesamten Gegner uns den Sieg nicht streittg machen können. Die Wahlen der letzten Jahre haben das klar bewiesen: hätten wir bei den Hauptwahlen die Stimmen aufgebracht, wie bei den Stichwahlen, dann wären wir stets die Sieger gewesen. Deshalb stehe jeder einzelne am Montag und Dienstag nächster Woche seinen Mann, wir sichern uns dann nicht nur den Sieg, sondern ersparen unS auch die Stichwahl. Johannisthal. Auch unser Ort steht im Zeichen der Gemeinde- vertrcterwahl. Unsere Gegner in der 8. Klasse arbeiten bereits mit Hochdruck, um die bisher in unserem Besitz befindlichen Mandate zu erobern. Biel Glück werden sie jedoch nicht haben, da die 3. Klasse. wenn die Arbeiterklaffe ihre Schuldigkeit tut. sicherer Besitzstand der Sozialdemokratie ist. Auch an der Wahl in der 2. Abteilung be- tei Ilgen sich diesmal unsere Parteigenoffen. Die Wahl findet ftir die 3. Klasie Mittwoch, den 9. März, nachmittags von 1—8 und von 5—8 Uhr statt. Die 2. Klaffe wählt am Donnerstag, den 10. März, von 7—8 Uhr abends. Parteigenossen, nutzet die Zeit, um unseren Kandidaten, den Genossen Radumke und Pirsich in der 3. Klasse und Otto Senftleben in der 2. Klasse zum Siege zu ver« helfen. Boxhagen-Rummelsburg. Zu den am Dienstag, den 8. März, stattfindenden Gemeindevertreterwahlen findet Sonn- tag früh 8 Uhr die Austragung der Wahlaufforde« rungen in Kuverts statt. Die Parteigenossen werden gebeten, sich zählreich daran zu beteiligen. Das Wahlkomitee. AdlerShof. In einer am Dienstag stattgefundenen öffentlichen Versammlung referierte der Gcmeiudevertrcter H. Hildebrandt über das Thema:„Warum beteiligen wir uns an der Gemeinde- wähl?" In großen Zügen zeigte Redner, was bisher durch fort- währendes Drängen der vier sozialdemokratischen Bertteter im OrtS- Parlament zum Nutzen Iber Arbeiterschaft errungen worden ist. Er lvies ferner auf das sozialdemokratische Kommunalprogramm hin, die in demselben aufgestellten Forderungen könnten auch nur von einem sozialdemokratischen Vertreter wirklich vertteten werden. Die Gemeindevertreterwahl findet für die 3. Ab- teilung am Mittwoch, den 9. März, im Lokal deS Herrn Eschner, BiSmarckstr. 60, von nachmittags 4 bis 9 Uhr abends statt. Als Kandidat hierzu ist der Tischler Albert Horlitz, Bismarck- straße 11, ausgestellt. Darauf hingewiesen wurde noch, daß die Beteiligung an dieser Wahl eine stärkere als in den Vorjahren sein und daher jeder sein Wahlrecht ausüben müsse. Dabendorf. Am Montag, den 7. März, findet hier die Gemcindevertteterwahl statt. In der Annahme, daß die Wähler der dritten Abteilung über die,»eiste freie Zeit verfügen, ist die Wahl- zeit für die dritte Klasse im Gegensatz zur 1. und 2. Abteilung, die erst von 7— Va8 Uhr abends resp. von 6— 3/t7 Uhr wählen. auf l—yfi Uhr nachmittags festgesetzt. MS Kandidat sür die v. Ab« teilunf} ist Genosse Karl Wendorf aufgestellt. Wir ersuSien die Parteigenossen, für den Kandidaten mit aller Energie zu agitieren. Wahllokal: Deutscher Kaiser. Stralau. Bei der gestern stattgefimdeuen Gemeindevertreterwahl wurden in der dritten Klasse für unseren Kandidaten Genossen Ernst Wessel 225 Stimmen abgegeben. Die Gegner hatten keinen Kandidaten aufgestellt. Glienicke(Nordbahn). Gemcindcivahlergebnlsse. Bei der gestrigen Gemeindevertreter» Wahl der dritten Llbteilung erhielt der Genosse Höppen 27 Stimmen. auf den bürgerlichen Kandidaten entfielen ö Stimmen. 1 Stimme war ungültig. ES beteiligten sich zirka 30 Prozent der Wähler. Somit zieht der zweite sozialdemokratische Vertreter in das Ge- meindeparlainent ein. Drewitz(Potsdam). I» der gestern ftattgefundcnrn Gemeindevertrcterwahl wurde in der dritten Abteilung Genosse Koburg mil 51 Stimmen gegen den bürgerlichen Kandidaten Rühle, auf den 31 Stimmen entfielen, gewählt. In der zweiten Abteilung wurde Genosse Sieke mit 27 Stimmen gegen 11 Stimmen, die der gegnerische Kandidat Haseloff erhielt, gewählt. Rixdorf. Die Stadtverordnetenversammlung nahm am Donnerstag den schriftlich vorliegenden Bericht des Rechnungsausschusses über dessen Etaworberatung entgegen. In 7 Sitzungen hat die tzausagrarier» Majorität des letzteren mit heihem Bemühen es fertig gebracht, den schon knapp genug gehaltenen Voranschlag des Magistrats mit Ab- strichen zu regaliercn, um ja der verhaßten Wertzuwachssteuer zu entrinnen. Vor Eintritt in die Beratung teilte Stadtverordneten� Vorsteher Sander mit, daß vom Grundbcsitzerverein Südost eine Resolution eingegangen sei, die sich gegen die Wertzuwachssteuer erklärt. Wie er weiter sagte, ist vereinbart worden, zunächst «enerell über die Vorschläge des Ausschusses und im Zusammen» ang damit über die neu einzuführenden Steuern eine Entschei- dung herbeizuführen. Die Debatte eröffnete Stadtv. W u tz k h(Soz.). Er wandte sich namens der sozialdemokratischen Fraktion entschieden gegen die Art, wie die Majorität des Ausschusses gearbeitet hat. Die Re- serve- und SammelfondL, gegen welche die Attacke hauptsächlich gc- richtet war, dürften nicht kurzerhand dazu benutzt werden, irgend- welche Schwierigkeiten bei Balancierung des Etats auszugleichen, sondern müßten für Vorkommnisse ganz besonderer Art festgelegt bleiben. D» Versuch, das Krankenautomobil als Inventar des Krankenhauses zu betrachten und die 17 000 M. Anschaffungskostcn dafür aus dem Baufonds des letzteren zu entnehmen, müsse zurück- gewiesen werden. Das Automobil sei nicht nur fürs Krankenhaus bestimmt, sondern solle das KrankcntranSportwesen im allgemeinen verbessern, es sei deshalb aus ordinären Mitteln zu bestreiten. Das sogenannte.,SparsamkeitS''bestreben der AuSschußmehrhcit sei aber überhaupt zu bekämpfen, da auf dem Gebiete der WohlfahrtS- Pflege, der sozialen Fürsorge, deS Schulwesens usw. Rixdorf noch sehr weit zurück sei. Das zeige der vorgelegte Bericht über die Schülerfrequenzen vom 21. Oktober 1S0S. Die DurschnittSschüler- zahl pro Klasse sei von öl, 4 im Jahre 1908 auf öl.S im Berichtsjahr gestiegen; auf eine Lehrkraft entfiel 1908 eine Durchschnittszahl von 69, 1909 eine solche von 59,3; die Höchstziffer zeigte in vielen Klassen sogar 39 Schüler. Da könne von Erfolg der Lehrtätigkeit kaum noch nie Rede sein. Erschreckend seien die Zahlen über die schulärztliche Untersuchung der Lernanfänger: im April 1909 waren von den W7g untersuchten Kindern rund 30 Proz., im Oktober desselben Jahres von 2277 gar 100 Proz. krank. Blutarmut, Rachitis, Skro- fulose, Zahnkrautheiten stellten das Hauptkontingent. In der Armen- und öffentlichen Gesundheitspflege sehe es nicht anders aus; und da solle„gespart" werden, statt daß vorbeugende kommu- nale Einrichtungen getroffen werden. Die Knauserei im neuen Krankcnhause führt zur Ueberbürdung des gesamten Personals und damit zu schädlichen Zuständen überhaupt, welche von den ärzt- lichen Leitern nicht bestritten werden können. Solle der Ruf der neuen Anstalt nicht noch mehr leiden, wie es leider schon der Fall sei, dann müsse die Sparwut dort aufhören. So steht es mit allem, daher seien neue Einnahmequellen zu erschließen. Die Wert- zuwachssteuer müsse deshalb endlich zur Einführung kommen. Die ungebeucien Vorteile, welche die Terrainspekulation aus der ge- mcinjamen Arbeit der Bürgerschaft herausschlägt, ohne irgend- welche persönlichen Leistungen, müßten der Allgemeinheit tribut- pflichtig gemacht werden. ES sei höchste Zeit, daß diese Steuer ein- geführt werde, um zu verhindern, daß das Reich seine Hände dar- auf legt. Werde die Wertzuwachssteuer wirksam gestaltet, so sei die vom Magistrat beabsichtigte CchankkonzessionSsteuer überflüssig. Letztet« müsse aber auch bekämpft werden, weil darin eine Au». nahmebesteuerung einer einzelneu Erwerbsgruppe, der Gastwirte, liegt, die noch dazu schon vorneweg dem kleinen Anfänger abgenommen werde, bevor er überhaupt eine Einnahme oder einen Ge- winn gemacht hat. Eine durchgreifende Gestaltung der Wert- zuwachSsteucc werde ausreichen, um den Etat zu balancieren. ES wäre unverantwortlich und eine nie wieder gut zu machende Sünde gegen die Allgemeinheit, wenn nicht endlich dem Grundstückswuchee ein Teil der mühelos und ungercchtfertigterwcise eingeheimsten Werte entrissen würde.(Beifall bei den«ozialdemolraten.) Stadtv. B e r m a n n hält den Grundbesitz für stark belastet. Da es aber ein Entrinnen nicht mehr gibt, wolle er für die Wert- zuwachssteuer stimmen, erst müßten jedoch noch einige Härten aus der Stcuerordnung beseitigt werden. Die Schankkonzcssionssteucr könne nach seiner Meinung das Gastwirtsgewerbe noch vertragen. Mit schwerstem Geschütz rückte Stadtv. Abraham gegen die Wertzuwachssteuer ins Feld, mit d«r man Unzufriedenheit in die „Massen"(I?) werfe. Redner versicherte, im Interesse der All�e- meinheit Stunden und Tage am Etat gearbeitet zu haben; er ici dabei zu dem Resultat gekommen, daß der Ausschuß den richtigen Weg eingeschlagen habe. Es liege kein Anlaß vor, oie Gegenwart zu belasten, um für die Zukunft Mittel anzuhäufen; so führte er aus und rief schließlich— wohl in wehmütiger Erinnerung an die kürzlich gefällten, den Wahlrechtöraub verdammenden Gerichts- urteile— beschwörend:„Wir haben keinen Anlaß, für die künftige Mehrheit zu acbeitenl" Di« Sozialdemokraten quittierten diesen Angstruf mit frohem Lachen. Redner verteidigte noch die vom Auß- schuß beliebte Streichung der Zuweisungen an die Reservefonds. Di« Betriebe müßten kaufmännisch geleitet, des Gaswerk so weit als möglich ausgenutzt iverden. Der Grundstückshandcl dürfe nicht durch die Wertzuwachssteuer belästigt werden; wenn der nicht ge- Wesen wäre, hätten wir nicht das heutige Rixdorf. Nachdem Redner den Etat noch in vielen Einzelheiten besprochen und endlich sich gegen die Schankkonzessionssteuer erklärt hatte, schloß er unter Beifall der Altbürgerlicheu mit erhobener Stimme:„Behandeln Sie die einzelnen Teile der Bürgetschaft gerecht!"(Gelächter und Zu- rufe bei den Sozialdemokraten:»Das sagen Sie?!"„Wahlrechts- raub!") Oberbürgermeister Kaiser vertrat den Angriffen des Stadtv. Abraham gegenüber den Voranschlag des Magistrats. Die Stadtbv. Rosenotv und Gröplcr nahmen noch in längereu Ausführungen Stellung; der erster« gegen Stadtv. Abraham und für die Wertzuwachs- und die Schankkonzessions- steuer, letzterer gegen beide Steuerarten und für die Vorschläge des Ausschusses. Hierauf wurde ein Antrag auf Schluß der Debatte ange- nommen, den Stadtv. G r o g e r(Soz.)— wohl in der Absicht, eine offenbar von den Gegnern der Wertzuwachßsteucr beabsichtigte Ver« schleppung zu verhindern � damit begründete, daß sich jeder seine Meinung über die schwebenden Fragen gebildet habe, ein weiteres Diskutieren daher, nachdem alle Richtungen zu Worte gekommen, überflüssig sei. Es folgten die namentlich«» Abstimmungen. Die Vorschläge des Etatsausschusses wurden mit 37 gegen 23 Stimmen, die Schankkonzessionssteuer mit großer Mehrheit abgelehnt. Die Wertzuwachssteucr fand mit 37 gegen 32 Stimmen Annahme. Stadtv. Wutzky beantragte nunmehr, zur Vorberatung der Wert- zuwachssteuerordnung eine gemischte Deputation, welche aus t2 Stadtverordneten und 3 Magistratsmitgliedern bestehen soll,«in- zusetzen; denn der RcchnungSausschuß sei mit seiner gegnerischen Mehrheit dafür nicht geeignet. Wiederholte Versuche des Vor- stehers und anderer Gegner der Steuer, den Antrag zu hinter. treiben oder zu vertagen, führten zu einer äußerst stürmischen Ge- schäftsordnungsdcbatte, in deren Verlauf die Sitzung einmal auf- gehoben und ein andermal aus 5 Minuten vertagt wurde. Schließ- lich nach wiederholten Verhandlungen der einzelnen Gruppen unter sich, einigte man sich auf eine besondere Kommission, der die Stadtvv. Abraham, Sander, Zernikow, Rahmig, Beiß, Kolberg, Serno von der alten, Emmelut, Kabermann. Winter von der neuen bürgerlichen Fraktion und die Genossen Heller, Hoppe, Pagels, Schuch und Wutzky angehören. Die Kommission soll sofort an die Arbeit gehen. Am Dienstag nächster Woche und folgende Tage wird um 5 Uhr nachmittags die Etatsberatung fortgesetzt. Ober-Schöneweide. Ein Wahlstreit. DieGenossen LagerhalterLiesegang, Gewerkschafts- beamter Jakobson und Zigarrenhändler Wuth waren>n Ober-Sckiöne- weide zu Gemeindeverordueten gewählt worden. Ihre Wahl wurde von der Gemeindeverwaltung für ungiilttg erklärt, weil Ansässige hätten gewählt werden müssen, sie aber, da sie keinen Grundbesitz in Ober-Schöneweide hätten, nicht ansässig seien. Unsere Genossen klagten und machten geltend, sie hätten als Ansässige gewählt werden können, weil drei im Orte ansässige Witwen sie durch Voll- macht mit ihrer Vertretung im Gememderecht betraut hätten. Sie stützten sich dafür auf§ 50 Absatz 3 der Landgcmriiideordnung. wo es heißt, daß zu Gemeindeverordneten auch wählbar seien:„die nach 8 13 zur Stellvertretung berechtigten Personen".§ 13 besagt nun unter anderem, daß in der Ausübung dos Stimmrechts, zu welchem der Grundbesitz befähigt, Witwen durch Gemeinde- g l i e d e r vertreten werden. Kreisausschuß und BezirlsauSschuß wiesen jedoch die Klage ab und erachteten die Wahl unserer Genosse» für ungültig. Der Bezirks- auSschuß ging davon aus, daß a l S Angesessene passiv wählbar nicht diejenigen seien, welche von nichttvahlfähigen Angesessenen, namentlich Frauen, durch Vollmachten mit der Aus- Übung des Stimmrechts betraut seien. Die Kläger legten gegen das Urteil des Bezirksausschusses durch ihren Vertreter, den Rechtsanwalt Dr. I H e r z f e ld, Revision ein und rügte» falsche Auslegung des klaren Wortlautes des Geietzes. Däs OberverwaltungSgericht kam Freitag nach anderthalb- stündiger Beratung noch zu keiner Eiiticheidung der sehr wichtigen prinzipiellen Streitfrage. Die Entscheidung wurde ausgesetzt. Sie wird den Parteien schriftlich zugestellt werden. Ariedrichsfelde. Die„Freie Turnerschast"(3. Abteilung, FriedrichSfelde) feiert heute im Lokal vom F. Bube das 3. Stiftungsfest. Da der Verein bei Arbeiterfestlichkeite» mitwirkt und ein aus- erwähltes Programm bietet, wird um regen Zuspruch gebeten. Anfang 8 Uhr. Billett 30 Pf. Weihensee. Das Geld ist knapp. Mit diesem Trost haben sich die Arbeiter, die am Bau der hiesigen Gemeindeschule tätig sind, verschiedentlich abfinden müssen. Der Bauunternehmer befindet sich ständig in Geld- kalamttäten. Maurer, Bauarbeiter und Scheuerfrauen müssen ihren sauer verdienten Lohn Wochen- und tagelang dem Unternehmer stunden. Das Gewerbegertcht hatte sich bereits mit Lohn- forderungen der Arbeiter zu beschäftigen, worauf der Ge« meindebaurat für Geld sorgin mußte. Solche skandalösen Zustände dürften für eine» Unternehmer von Gemeinde- bauten einzig dastehen. Pflicht der Gemeindeverwaltung wäre«S allerdings auch, solche Vorkominnisse erst gar nicht aufkommen zu lassen. Am vergangenen Sonnabend sind auf dem Bau von einem GeiichtSvollzietjer Rüststangen und Netzriegel gepfändet worden; die gestrichenen Fenster können, weil das Rüstzeug von den Fenster- nufsätzen nicht entfernt werden darf, nicht eingesetzt werden. Schuld a» diesen Zuständen trägt auch die Praxis, daß die Arbeiten im Submissionswcge an den billigsten Unternehmer vergeben werden. Dabei leidet gewöhnlich der Arbeiter, wie das auch hier der Fall ist, oder aber das verwendete Matertal ist nicht ganz einwandfrei. Klein-Gchönebeck. Bon einer Giebelwand erschlagen wurde vorgestern der 17jährige Maurerlehrling Paul Maasch, der bei dem Abbruch eines Stall- gcbäudes beschäftigt war. Plötzlich stürzte ein Giebel deS Stalles ein und M. wurde unter der Last begrabe». Obwohl anwesende Arbeiter den Verunglückten innerhalb weniger Minuten aus den Trümmern Hervorhollen, war der Tod des Lehrlings bereit» ein- getreten. Der Schädel war ihm zertrümmert, Arme und Hände zermalmt worden. Reinickendorf. Aus der Gemeindevertretung. In der letzten Sitzung wurden zunächst die gegen die Kommunalwählerliste eingelegten Proteste er- ledigt. M>t Ausnahme eines Protestes wurden alle als unberechtigt erklärt. Die von der Aufsichtsbehörde geforderten Abänderungen zum Statut über die dienstlichen Verhältnisse der Beamten wurden genehmigt, trotzdem unsere Genossen auf eine Reihe Berschlech- ternnge» für die � Beamten hinwiesen, so z. B. das Verlangen des Landrats, die Unterbeamten nicht lebenslänglich, sondern auf einen jederzeit kündbaren Dicnstvcrtrag anzustellen. Der Berein für gemeinnützige Rechtsauskimstsstellen beabsichtigt am 1. April eine Auskunftsflelle in Reinickendorf zu errichte», falls die Gemeinde die Bureauräume und die erforderliche Hilfskrast zur Verfügung stellt. Die außerdem an den Verein zu zahlende Eni- ichädigung von 500 M. pro Jahr wird der Gemeinde von, Kreise Niederbarnim ersetzt. Es sollen in jeder Woche an je einem Vor- und Nachmittag eine Sprechstunde abgehalten werde». Die Be- uutzung ist kostenfrei. Der Errichtung wurde zugestünint. Diverse Straßen wurden einer anderen Reinigungsklasse zugeteilt. Der Bürgermeister teilte hierbei mit, daß der Etat eine Erhöhung der von den Anliegern zu zahlenden Straßenreinigungskosten vorsehe. Die Wahlen zur Gemeindevertretung sollen erfolgen: für die dritte Klasse am 17. März, die Ersatzwahl ftlr den verzogenen Genosse» Maleika sowie die Wahle» der zweiten und ersten Klasse am 13. März. Hieraus gelangte ein dringlicher Antrag unserer Genossen auf Absendung einer auf die dem Landtage zur Beratung vorliegende WuhlrechtSvorlage bezügliche Petition zur Verhandlung. Der Antrag war rechtzeitig dem Ge- meindevorstand von unseren Genossen zugesandt worden, von diesem aber nicht auf die Tagesordnung gesetzt worden, weil, wie der Bürgermeister am Tage vorher unseren Genossen schriftlich mit» geteilt hatte, die Gemeindevertretung mit der Verhandlung über diesen Punkt und der Absendung einer Petition ihre Betugnisse überschreiten würde. Mit diesem Argument operierte er auch in der Sitzung, in der er empfahl, die Dringlichkeit de« Antrages abzu- lehnen. Vergebens wiesen unsere Genossen Kühn und Ohl auf das Vorgehe» anderer Gemeinden(Berlin, Cbarlottenburg, Schöneberg, Königsberg, Stettin usw.) hin, um das Irrige der Anffassuug dar- zutun. Im übrigen aber sei es Pflicht der Gemeindevertretung, zu allen die Gemeinde und ihren Angehörigen betreffenden gesetzlichen Fragen Stellung zu nehmen, ganz besonders aber in der Frage des Wahlrechts zum Preußischen Landtag. Die übergroße Mehrzahl der Reinickendorfer Einwohner seien Gegner de» jeyl zur Beratung stehenden Machlverks. Das habe der Gemeindcvorstand dem Landtag zum Bewußtsein zu bringen. Aber auch für die Gemeinde und deren Selbstverwaltung sei eS nicht gleichgültig, wie der Preußische Landtag und durch ihn die Verwaltung Preußens zusammengesetzt seien. Er empfehle daher die Annahme des Antrages. Wer ihn ablehne, be- weise damit, daß er sich völlig ein» fühle mit der jetzigen reaktionären Mehrheit des Landtages und Ueisch von ihrem Fleische sei. ES half nichts. Bei der Abstimmung über die Dringlichkeit des Antrages erhoben sich nur unsere Genossen. Der Antrag war ab- gelehnt. Ein neuer glänzender Beweis für die politische Verlotterung und Unfähigkeit des Spießbürgertums. Spandau. Die Stadtverordnetciibersammluiig gegen die Wahlrechts- Vorlage. Unsere Genossen sowohl wie auch die freisinnigen Miiglieder der Stadtverordnetenversammlung hatten je eine» Antrag gegen die preußische Wahlrechtsvorlage eingebracht. Der Antrag unserer Genossen lautet:„Die Stadiverordnetenversaiumlung wolle be- schließen: Eine Petition an das Haus der Abgeordneten zu senden, worin vom Standpunkte der Spandauer Bürgerschaft aus die söge. nannte Wahlrechtsreform in ihren Wirkungen auf die breiten Massen des Volkes dargelegt und das Haus der Abgeordneten er- sucht wird, die Wahlrechtsvorlage abzulehnen; 2. den Magistrat zn ersuchen, diesem Beschlüsse der Versammlung beizustimmen.— Der zweite Antrag, von freisinnigen Stadtverordnete» eingebracht, hat folgenden Wortlaut:„Die Stadtverordnetenversammlung wolle be- schließen: Die beiden Häuser des Landtages werden ersucht, die von der kgl. Staatsrcgierung eingebrachte Vorlage über die Aendc- rung des Gesetzes bezüglich der Wahlen zum Abgeordnetenhause aus folgenden Gründen abzulehnen: 1. die in der Vorlage ent- haltene Klasseneinteilung gestaltet das Wahlrecht der Spandauer Bürgerschaft zu einem besonders ungleichmäßigen und ungerechten; 2, die öffentliche Stimmenabgabe bedroht die Freiheit der Abstim- mung unserer Bürgerschaft; 3. die vorgeschlagene Ermittelung des Wahlresultats bewirkt, daß die ohnehin schon in ihren Rechten ge- schmälerten Wähler der 3. Abteilung vollständig entrechtet werden. Wir beantragen ferner, den Magistrat zu bitten, diesem Entschluß betzutreten." Den ersten Antrag begründete der Stadtv. Genosse Pieper. Er kritisierte das ganze Landtagswahlrecht und die Wahlkreiseinteilung mit allen seinen Mängeln. Auch der Wahl- kreis Spandau-Osthavelland habe darunter zu leiden. Während Potsdam mit seinen 61 000 Wählern einen Abgeordneten wähle, seien in Spandau-Osthavelland 137 000 Einwohner vorhanden, die auch nur einen Abgeordneten wählen. Alsdann zerpflückte der Ge- nasse die Wahlreformvorlage und erklärte: Wir haben ein Recht zu verlangen, daß das ReichStagswahlrecht auch für den Landtag ein- geführt wird, um so mehr, als dieses Wahlrecht sich gut bewährt habe. Um einen einheitlichen Protest zu ermöglichen, ziehe er jedoch seinen Antrag zugunsten deS von den Freisinnigen eingebrachten Antrages zurück. Den freisinnigen Antrag begründete der Stadtv. Dr. Kantorowicz. Er betonte zunächst, daß es den Antrag- stellern ferngelegen habe, diesen Antrag einzubringen, um poli- tische Angelegenheiten in der Stadtverordnetenversammlung zu verhandeln. Da aber bei der ganzen Staae auch städtische Interessen in Frage kommen, dann habe die Versammlung ein Recht. darüber zu verhandeln. Es liege Überbein schon ein Präzedenzfall vor; bei der Zollvorlage habe man auch diesbezügliche Beschlüsse in der Stadtverordnetenversammlung gefaßt. Es handelte sich bei der Zollvorlage allerdings mehr um materielle Güter, bei der gegen- wältigen Angelegenheit handelt es sich um ideale Güter, die gleich wichtig sind. Wenn man, wie bei der Reformvorlage, aus der 3. Abteilung eine Reih« privilegierter Wähler herausnehme, so ver- schlechtere und schädige man die 3. Abteilung und wir sind durch- aus berechtigt, dagegen unser« Stimme zu erheben. Nach ihm nahm zunächst der Oberbürgermeister Költze das Wort. Welch hohen Begriff dieser Herr von den Staatsbürgerrechtcn hat, bewies er damit, daß er sich erlaubte, fein« Ausführungen mit einem schlechten Witz zu beginnen. Er sprach nämlich seine Freude dar- über aus. daß der Stadtv. Pieper nur das Reichstagswahlrecht für den Landtag verlangte und nicht auch, wie seine übrigen Genossen im Land« dies Recht für jeden LOjährigcn Einwohner. Die Genossen wollen ja dieses Recht auch auf die Kommunalwahlen ausdehnen und manchem Stadtverordneten würde es wohl angenehm fein, mit einer 20jährig«n Dame zusammen zu sitzen. Dieses Stadtoberhaupt erklärte dann weiter, daß nach ß 35 der Städteordnung die Behandlung dieser Anträge in den Stadtverordnetenversammlungen nicht zulässig sei, da sie politische Angelegenheiten betreffen. In dasselbe Horn blies der konservative Stadtv. Schob. Dieser Herr meinte, durch solche politische Sachen werde der Friede nur gestört. Solche Dinge ge- hören in die politischen Vereine. Stadtv. P r a g e r(freis.) hielt die Verhandlung dieser Anträge für durchaus berechtigt. Durch diele Verhandlungen werde man in den beteiligten Kreisen doch wohl einsehen, daß man in der Bürgerschaft nicht gewillt ist, solche Dinge, wie die eingebrachte Wahlresorm, gutzuheißen. Stadt- verordnetenvorsteher L ü dicke trat den Ausführungen des Oberbürgermeisters bei. Selbst wenn der Antrag angenommen und die Petition in den Landtag käme, so würde dieselbe den' Landtags- abgeordneten in keiner Weise imponieren. Glauben Sie, meine Herren, so führte der Stadtvcrordnetcnvorsteher wörtlich aus, daß diese Petition irgendwelchen Eindruck auf die LandtagSabgeord- neten machen werde? Soviel steht fest, da» ReichStagswahlrecht wird nie für den Landtag eingeführt werden. DaS künftige Land- tagSwahlrecht wird auch das Wahlrecht für die Kommunen werden und die Freisinnigen Iverden doch für die Kommunen nicht daS ReichStagswahlrecht haben wollen. Stadtv. Genosse Pieper wies den Oberbürgermeister darauf hin, daß ja 20jährige Leute und darunter auch Offiziere werden können, warum soll nicht ein 20jährigcr Mensch Wähler sein können. Was der Stadtv. Lüdicke sage, daß das ReichStagswahlrecht niemals für den Landtag ein- geführt werde, stehe noch nicht so fest. cS sei schon manches anders gekommen, als man gedacht habe. Der Antrag der Freisinnigen wurde mit 20 gegen 15 Stimmen angenommen.— Von den übrigen Vorlagen ist noch zu erwähnen, daß die Versammlung in eine Ver- mehrung der Polizei um vier Polizeisergeanten und einen Wacht- meister willigte. Die Vermehrung soll erst eintreten, sobald die Eingemeindung perfekt geworden ist. Unsere Genossen stimmten selbstverständlich gegen die Vermehrung. Eine gutbesuchte öffentliche Versammlung im Lokal des Genossen Böhle, Hovelstraße, hörte am DienSiagabend einen Vortrag der Genossin Frl. Hoppe- Berlin über die Rechtlosigkeit der Arbeiter und Arbeiterinnen. Die Anwesenden, darunter viele Frauen, folgten den etwa einstündigen Aussiihrungen der Rednerin mit sichilichem Interesse. Eine Reiolutton, in welcher das aktive und passive Wahl- recht zu de» Gewerbe- und Kaufmamisgerichten auch für die Frauen gefordert wird, fand einstimmige Annahme. Genosse R i tz in a n n alS VersaminlungSleiter machte Mitteilung, daß die hiesige Polizei- Verwaltung daS Berteilen von Handzetteln nicht genehmigt hatte, weil dadurch die Straßen verunreinigt würden. Der Genosse unter- zog diese neueste Polizeischikane einer ganz gehörigen Kritik. Er er- suchte die Anwesenden, als Antwort hierauf kräftig für die politische und gewerkschaftlich» Organisation sowie für die Verbreitung der Arbeiterpresse zu agitieren._ Jugendveranstaltungen. Bernau. Am Sonntag, den S. d. M.. nachmittag» 3 Uhr, veranstaltet der Jugendanßschuß im Lokale des Genossen Salzmann, Schönower Shaussee, eine Zusammenkunst der arbeitenden Jugend. Genosse Horlltz aus SIdlershos wird über da« Thema»Jbr seid die Zukunft" reserleren. Pflicht eines jeden Arbeiter« ist cS, die Jugendlichen zum Besuch dieser Versammlung zu Veramassen. ßriefharten der Redaktion. Die wrlstlsche Sprechstunde tindet Ltadenftraße B,»Welte« fof. dritter Eingang, vier Treppen, M?" Fahrstuhl"Mg wochentäglich ateadS d»n bis 0�> Uhr statt,«räsfnrt 7 Uhr. SgnnavrndS hrginnt dt« SprrchNIind« um s Uhr. grder Antrage ist«tn Buchstabe und«In, Zahl«l» Mcrrzrichen bcijuftigr». Briefliche Zlutwort wird nicht«rtcilt. Bi« ja» Bcantwortnng im BrirNastea tönnrn 1t Tage vergehe». Eiltgc Frage» trag» «au in»er Sprechstunde vor. ThomaSftd. SV. Das Gesinde haftet für sogen, grobe» und mäßigest Versehen; der Schaden kann feite»« der.Herrschast" vom Lohn in Abzug gebracht werden. Ob in Ihrem Falle solch Versehen vorliegt, läßt sich nur nach Kemstnis des Sachverhalts beurteilen. Für eine Klage ist daSAmtS- »ustandig rltcal obei gericht.!n k essen ScjiiS die Herrschaft ihren Dohnfitz hat, — Veit. Ihre Kage, ob eine Löschungsverpflichtung vorliegt oder nicht, lätzt sich nur nach KemitkiS des notariellen Vertrages nnd nach Ein- sichtnahine in den Grundbachauszug beantworten. 2 und■'!. Wir raten, den Termin wahrzunehmen. Den Wert müssen Sie ersetzt bekommen, wenn nicht etwa im Grundbuch ein Recht des Krcisverbandes oder der Gemchibc vermerkt steht.— 1000 A. F. Beantragen Sic beim Amt«. geriG» den Erlaß einer einstweiligen Verjügung, dahingehend, daß dem Gegner ausgegeben wird, bas Gebiß an Sie herauszugeben. Ihre Be- _ müssen Sie aber, am besten durch«IdeSstoltliche Verficherungen Dritter, glaubhast mache«.— Jfc. 8. 21. Lei der Testamentserrichtung durch eigenhändige Niederschrift ist weder die Hinzuziehung von Zeugen noch die Verwendung eines Stempels crsorderlich Doch muß das Testa- ment von dem Testator vollständig eigenhändig geschrieben und mit Orts- bezeichnung, Datum und Unterschrist versehen sein.— L. 3. Wir halten einen Abzug nicht sür begründet, wenn Sie nicht eine Entschädigung vereinbart haben, was nicht der Fall zu sein scheint. — H. 7. Nach Ihrer Darstellung ist das Mietsvcrhältnis gelöst. Sie können daher zu dem verabredete» Termin ziehen.— V. 118. 1. Der Anspruch auf 8ohn sür die zur Kontrollvcrsammlung benötigte Zeit steht Ihnen zu. 2.§ 616 Ls/gerlichen Gesetzbuchs in Verbindung mit g 133o Ziffer i und letzter Absatz der Gewerbeordnung.— A. BS. 40. 1 2. und 3. Klagen Sie beim Slmtsgericht Bcrlin-Mitte aus Rückgabe, sstr den Un« uermögenssall aus Ersatz des Wertes Zug um Zug gegen Rückgabe des sremden LelleS.— E. R. 10. a) Gegen Akzevtanlen in drei Fahren, gegen die übrigen Wechselverpfiichieien in drei Monaten, vom Tage der Fälligkeit oder der Protesterhcbung ab gerechnet. Ks In dreißig Aahtbn. Sonnabend, den 6. März. Ansang T/t Uhr. Rönigl. Opernhaus. Der Prophet. König!. Schanspielhaus. Hamlet. Neues königl. Opern-Theater. Geschlossen. Deutsche». Judith. Kammerspiele. Der gute König Dagobert.(Ansang 8 Uhr.) Aniang 8 Uhr. berliner. Taifun. Lessing. Das Konzert. Neues SchansptelhanS. Der Herr Verteidiger. Nenes. Der Philosoph von Sans» sonci. Westen. Die geschiedene Frau. ttomilche Oper. Zigeunerliebe. NeneS Operetten. Der Graf von Luxembura. Trinnon. Theodore u. Tie. Kleines. Der große Name. Residenz. Im Taubenschlag. Thalia. Die Dollarprinzessm. Schiller O. iföalUier- Tovnler.) Gespenster. Schottel Gharlottenburg. Neue Jugend. ebbet. Kavaliere. rlrdrich-Wilbelmstäbtisches. Im bunten Nock. Nachm. S'l, Uhr: Die Jungfrau von Orleans. Volksoper. La Travlata. Luisen. Was Gott zusammensllgt. Nachm. 4 Uhr: Die ficben Raben. Roie. Wankender Boden. Nachm. 4 Uhr: Frau Holle. Lustspielhaus. Der dunkle Punkt. Nirtevi'vl. Halloh II— Die große Revue. Kaltes Caprice. Herr Wasserkrops. Der Luftturner.(Ans. 8'/4 Uhr.) Casino. Berlin bei Nacht. Gebr. Herrnfeld. So muß man's machen. Eine UcbergangS-Ehe. Noacks. Abend» geschlossen. Nachm. S Uhr: Frau Holle. Stadttheater Moabit. Geschlossen. Parodie. Lohenarün.(Ans. S'f, Uhr.) Apollo. Der Zechpreller. Lpezia- lttäten. Wintergar,»n. Spezlalttäten. NeichSdaile». Steltiner Sänger. Palast. Speztalilätcm Paiiage. Spezialitäten. Karl Havelland. Spezialitäten. Wallialla. Speztalltälen Buggrnhage». Spezialitäten.(An- Itrauia.?n,idrnt«rahe 4Atl«. Nachm. 4 Uhr: In den Dolomiten. Abends 8 Ubr: Im Ftrnenglanz des Lber-Engadtn. Hörsaal 8 Uhr: Dr. H. Gehlhoff: Die Wä) mewirkungen des elektrt- schen Strome«. Steriiniar»,, Invalid-»str. 57—63 f.es«t nc-Theater, 8 Uhr: Da« Konzert. 3 Uhr; Hedda Gabler. 8 Uhr: DaS Konzert. Sonntag, Sonntag, Montag, 8 Uhr: DantriS der Narr. berliner IThieater. Taifun«« uv. Morgen: Taifun._ Neues Theater. Abend« 8 Uhr: Der Philosoph von Sanssouci. Morgen und folgende Tage: Der Philosoph von Sanssouci. Theater des Westens. Abend« 8 Uhr: Die geschiedene Frau. Sonnt. 3»/, Uhr: Der ftdele Bauer. fslgötivMliölmtaMtitiöL Schauspielhaus. Sonnabend. 5. März, Ans. S'l, Uhr: Im bunten Rock. Sonntag nachm. 3 Uhr: Die Jung» stau von Orleans. Abends 8 Uhr: Der selige Tvupinel.. Monlag: Der selige Toupineh L-usiapivIKaus. Abends 8 Uhr: Der dunkle Punkt. Msoper. SW., Belle-Alliance-Straße Nr. 7/8. Abend»'/,g Uhr: in Traviata. Luisen-Theater. Abend« 8 Uhr: Was Göll znsaitimnlflol Schauspiel in fünf Akten von Ernst Ritterseldt nach sreter Benutzung einer Erzählung von llourths-Mahler. Morgen und folgende Tage: Wae 6ott zusammenfügt. �cbiller-Theatei*. Schiller-Theater 0.(Wallner-Theat.). Sonnabend, abends V Uhr: abendS 8 ägniont. psnopticum 4�? Prleärlehsl. 165, Pechcrrpal. S«,?.M»-N! IWf.�'"" UllslllillliZisii Ali Ben Holiained, 0riraukli*ecr!,er Mr. Widowskl, Schwert- und Bajonettkünstler. TBglich 7'/, Uhr abends und Sonntags zwei Vorstollungen; Heitere Vortrage. Brauerei Friedrichshain am Königstor. GröStc Sehenswürdigkeit Berlins. «Auf der Alm." Größter Bock-Jubei und Trubel. Der bersihnieefte Frstwtrt Sedorseil elirengrubep mit seiner Truppe(60 Mitwirkende) auS Kilnchen. GratiSverlofung von LOO Wertgegenständen. Jeder Besucher erhält ein LoS gratis. Ansang 4 Uhr. Enftee SV Ps. GO>O>SGOO»O»»O>E>»OGGOOO»>ch» »rnolä Schslr �VUS Hasenhelde 1M;I14 1 Tttgllcht Bodibicrfctt In den bayerlfcfyen fllpen Voranzeige! Mittwoch, den 9. MSrz 1910: Voranzeige! MV Soinmerteat In den bnz-er Ischen Alpen~M arrangiert von Angestellten des Hauses. Urania. Wissenschaftliches Theater. Nachmittags 4 Uhr: In den Dolomiten. 8 Uhr: Im Pirnenglaiu de« Obcr-Engadln. Hörsaal 8 Uhr: Dr. G. Gehlhoff: Die Wärmewirkungen des elektrischen Stromes llene« Operetten-Theater. Heute und folgende Tage 8 Uhr: Der Graf von Luxemburg. Sonntag nachmittag 3 Uhr zu er- mäßigten Preisen: vor Zigeunerilaron. Residenz-Theater Direktton: Richard Alexander. AbendS 3 Uhr: Im Taubenschlag. Schwank in 3 Akten von Hennequtn und Veber. Morgen und folgende Tag«: Dieselbe Vorstellung. Sonntag, 6 März, nachm. 3 Uhr: Schlafwagenkontrolleur._ OSE=THEATE| Große Frankfurter Str. 132. Nachmittag» 4 Uhr: »'rnu Holle. Abend» 8 Uhr: Wantiendkr Soden. Drama in 4 AN. o. Aspoli u. Duders, ädi. Sonntag nachm.: Maria Stuart. Abends: Wankender Baden. Lachen! Lachen! Lachen! Abends«>/, Uhr: I�onr»a Dreher als Der Zechpreller. Vorder ab 8 Uhr: Dleneaen Spealalltaton. Palast-Theater. Burgstraß« 24, am Bahnhos Börse. Wegen Nrivatfesttichiteit fallen heute die MnBSiiipst»s. Morgen Sonntag» eee€€««€6«S««aS€€«ie€€€/, Uhr: Gala-Abend. karhsrentänie l l Pcrs., I.es DI- Dchnves. »Eisenherz" v. Meistersinger a. d. Gloge. ger. v. Kommisstons- ral«Znstav»tensheek a. G. Die Amerikaner Xerial Lhs�vs. nagongUi, der kleine komische Reiter. Ä I. alt. 18 Kilo schwer. Um 9 Uhr die große Feerie Die drei Rivalen oder das mtzsterlöse Schloß ln der Normandie. Sonntag zwei Vorstellungen. Nachm. und abends ungekürzt: Die drei Rivalen. Nachm. ein Kind frei. FoHes Caprice Der Cuftturoer. ÄTcacr bnntcr Teil. Herr Wasserkropf. Ansang 8V, Uhr. Boruerk 11-2 Uhr passaga-l'aaaBiialfi 8aaagal ia Ssslin! kttwilüs Insider Männer, Kinder. Drei Negerdörfer Ohne Extra-Entroo! Volks-Tlieater. Rixdopf, Hermannstrafte LS. Sonntag, den 6. März, Ansang 8 Uhr: Die Tchule de« Lebens. Schauspiel ln 5 Akten von Ranpach. Montag, den 7. März. Ansang 8 Uhr: Aturia«"d Magdalena Schauspiel in 3 Akten v. Dr.P Lindau. Aitz-Hoablt 47/4(1. Sonntag, den 6. MSrz: Dasverlorene Paradies, Schauspiel in 3. Auszügen von Ludwig Fulda. Sanssouci, ÄT. Direktion Wilhelm Reimer. »Sonntag, Montag und Donnerstag: RoHmanns Nordd. Sänger und DanzkränzchtN. Beg.Sount.b.wochenl. 8U. Morgen Sonntag: Lrcllg M-8otrsg (ioucs hoohatzt. Programm. Z. Schluß: Tanzhräfuohen. Relciishallen-Theater. StetünerSdnger Oer Naohtwächtsr von Zerpensohleusa von Mehsel. Anfang: Wvchem. 8 Uhr. Sonntag» 7 Uhr. sr Zirkus ßuschs Heut» Sonnabend, den 5. März, abends?V, Uhr präz.! Gr. Gala-vorstcllnng. Heinrich Fillis, Sohalreiter. Die Lockford-Truppe! l>£e Hakans! Hr. E. Schumann, NoudresKuren. Reiterfamilio Prooerpi. Zwergclown Franpol». Kunstr. Um 9"/.Uhr: Ende 11 Uhr Die niss. Sensationspantomime mt Marjaf Vorher da» grolle Balaprogramm. Casino-Thea�oi* Lothringer Straß« 37. Ansaug 8 Uhr. Berlin bei Nacht. Possein 3 Akt. v. G. Schätzler.Pörasssnl. 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Bauttschlerei Ronrad tu HennigZ. dors. Glcichzeittg ersuchen wtt die Kollegen aller Branchen der Holz. industrie das VermittelungSburean des gelben„Handwerkerjchutz» Verbandes' streng zu meiden. Die OrtSverwaltnng. jSerantwortlicher Siedakteur Richard Barth, Berlin. Mr de» Inseratenteil verant»� Td. Glocke. Berlin. Druck».Verlag: vorwärts Buchdruckerei u. Berlagsanftält Pau! Singer& iio., Berlin SW, lt. 54. 37. Jahrg. Sfilüjf Ks„üdnirts". JlBrip für iflm, Siikn, WM 5. Man 1910. Vorort- JVacfmchten. Zehlendorf(Wannseebahn). Aus der Gemeindevertretung. Die Vorlage, betreffend Erlaß eines OrtSstaiuts über die Erbebung bon Beiträgen zu den Kosten der Schrnutzwasserkanalisation, mußte wieder vertagt werden. Sonst wollte aber unsere Vertretung diesmal zeigen, daß sie auch frucht- bare Arbeit leisten könne. Sieben Punkte der Tagesordnung wurden debattelos genehmigt. Hervorheben davon möchten ivir, daß die Alsenstro.ßc, um einer zu erwartenden stärkeren Belastung zu be- gegnen, von 18,8 auf 21 Meter verbreitert werden soll. Ebenso die Nikolasstraße von 13 auf 11 Meter und die Spandauer Straße von 19 auf 21 Meter. Neben der höheren Mädchenschule soll ein größerer Schulgarten ungelegt werden, weil, nach den Ausführungen des Referenten, der alte Garten auf dem Schulvlatze in absehbarer Zeit verschwinden muß. Von diesem Umstand ist aber den meisten Herren der Vertretung nichts bekannt. Selbst Herr Lange, der eS als Lehrer an der höheren Mädchenschule doch wissen müßte, sowie Herr Claß als Mitglied des für solche Dinge zuständigen Park- ausschllsses, drückten ihr Erstaunen über diese Vorlage au§. Man einigte sich schließlich ans die Summe von övv M., wofiir die Planieruug und eventuell Umzäunung des betreffenden Platzes einst- weilen vorgenommen werden soll. Die Anlage des Gartens wird für spätere Zeit vorbehalten. Mitgeteilt wurde noch, daß der Kreis- ausschuß die Vermehrung der Gemeindevertretung auf 21 Mit- e lieber, der Schöffen auf sechs und den kollegialen Gemeindevorstand ewilligt hat. Nun kam der Clou des Abends. Herr Lange beantragte die Verlegung einer ganzen Reihe von Titeln aus dem Puntt'lS der Tagesordnung öffentlich zu verhandeln. Wie auS seinen Aus- �führungen hervorging, handelte es sich hierbei um eine Besoldungs- reform für die Gemeindearbeiter und nichtangestellten Beamten. Zur Begründung hob er ausdrücklich hervor, daß entgegen den Vorwürfen, die man in letzter Zeit gegen die Vertretung erhoben, gezeigt werden müsse, daß man auch für diese Kategorien etwas übrig habe. Auch wies er auf die immer häufigeren. Vor- würfe über zu viele nichtöffentliche Sitzungen hin. Aber Herr Lange! Seit eiiieni halben Jahre schon beschäftigt sich der Ausschuß mit der Angelegenheit, und es hätte unseres Drängens gar nicht bedurft? Warum hat Herr Lange nicht bei der Beratung der Besoldungs- reform im Oktober einen Vertagungsantrag gestellt, bis diese schlechtest bezahlten Kategorien aufgebessert sind? Dann wäre es gewiß schneller gegangen, und diese Armen hätten nicht den Schmacht- riemen im Winter so viel enger ziehen brauchen. Man soll doch als bibelfester Christ zunächst an den notleidenden Nächsten denken. So darf die Gemeindevertretung uns nicht verdenken, wenn wir der Meinung sind. daß man nur aus Gründen des Stimmensangs so kurz vor den Wahlen an diese Angelegenheit herantritt. Wie hoch die Aufbesserung sein sollte, war, da'die Sache nicht öffentlich verhandelt wurde, nicht zu erfahren. Fürchtete man unsere Anwesenheit? Oder hatte man, um einen Ausspruch des Herrn Hammer zu gebrauchen, bei dieser Angelegen- hcit nicht nötig,„dem Publikum zu zeigen, lvie wir den verdienten Beamten entgegengekommen sind"? Daraus können aber die Ge- meindearbeiter und nichtangestellten Beamten die Wertschätzung er- kennen, die sie bei der Gemeindevertrerung haben. Bei den Wahlen ziehen sie hoffentlich hieraus die Konsequenzen und bleiben mindestens der Wahl fern, wenn sie glauben, nicht für die Sozialdemokratie stimmen zu können. Die Wahl zur Gemeindevertretung ist voraus- sichtlich am 14. März. Steglitz-Friedenau. Das Gcwcrkschaftskartell Steglitz-Friedenau erörterte in seiner Monatssitzung die Vorschläge der Gcneralkommission in bczug auf die Beschränkung der Kinderausbeutung. Auch hier im schwerreichen Westen Berlins treten die krassen Mißstände der kapitalistischen Ge- sellschaftsordnung mehr und mehr zutage, und immer größer wird die Zahl der Eliern, die, nur um das nackte Leben zu sriste», ge- zwungen sind, ihre Kinder zum Erwerb anzuhalten. Die Ver- ireter' der Gewerkschaften verkannten durchaus nicht die Schwierig- leiten, die eine strikte Durchführung des Kinderschutzes zeitigen muß, doch war man allgemein von der dringenden Notwendigkeit einer Reform der Verhältnisse überzeugt. Es wurde beschlossen, diese Angelegenheit gemeinschafilich mit der örtlichen politischen Organisation zu regeln. Zum Vertreter der Kartelle in der Kinderschutzkommission wurde Genosse Okonsky be- stimmt. Um die Belehrungen der im Vorjahrrc eingeführten sozial- tvissenschaftlichcn Vorträge einem größeren Kreise von Interessenten zugänglich zu machen, wurde beschlossen, Zutrittskarten zum Preise von 19 Pf. auszugeben, deren Ertrag einen Teil der Kosten des Unternehmens decken würde.— Der von der Behörde vorgeschlagenen Verschmelzung der.Krankenkassen beider Orte stellte sich die Sitzung schon der Verminderung der Verwaltungskosten und anderer Vorteile wegen shmpathisch gegenüber. ) OOOOOOOOCaOOOCXXXZXXXOOCAZXDOOCOOOOOCXJOOOOCXXX�OOCXXXDOOCXWOOOOO�� ßekleidungs- Haus grössten für Herren Stils für Knaben SltabenraMdtsti'asse Kaiser-Friedrichstrasse Haisptstrasse Die Entwicklung_ 2um Gross- Betriebe, dessen Bedeutung weit über die Grenzen Schönebergs hinaus reicht, verdankt mein Geschäft seiner Meine Ware selbst herstelle: SbirekuHs der Fabrik bezogen und im eigenen Betriebe verarbeitet. Nur gute Ware liefere! 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