Nr. 59. HbonnementS'Redingungen: MonnemenIZ- Preis pränumerando i Kiertcljäftrl. 3£0 SKf., monatl. 1,10®t. wöchenllich 2» Pfg, frei ins Haus. Sinzeine Nummer 5 Psg. Sonntags. nunimer mit illustrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Welt" 10 Psg. Post» Abonnemenl: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Pieisliste. Unter Kreuzband slir Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland g Mark pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. 37. Jahrg. Crfdülnt täglich außer montags. ch,■* Berliner Volksblntl. VIe snsertlonz-Lebllh? velrägt für die sechsgespaltene Kolonel» zeile oder deren Raum Kg Psg,, für polltische und gewerkschaftliche Vereins» und Bersainmlungs-Anzeige» 30 Psg. „Kleine Hnrefgcn", das erste(fett. gedruckte) Wort 20 Pfg„ jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf- slellen-Anzeigen das erste Wort 10 Psg,, jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für dienlichste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die ExpediiivU ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm- Adresse: „SeaiaiiUinelirat Kenia-. Zcntralorgan der fozialdcmokratt fchcn Partei Deutfcblands. Redaktion: SM. 68» Lindcnstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. X983. Expedition» SM. 68» Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. EpUode. Heute beginnt in dem dem Haß und der Verachtung des Volkes anheimgefallenen Privilegienparlament Preußens die zweite Lesung des Gesetzes, das die Usurpation der Junker be- festigen soll. Die Herren, die die freie Selbstbestimmung des Volles fürchten als ihren politischen Tod, werden sich er- frechen, darüber zu beschließen, wie der Raub am Volksrecht, auf dem ihr Dasein beruht, ungeschmälert erhalten bleiben kann. Aber so selbstbewußt und herausfordernd auch die regierenden Junker, so hinterhältig und trügerisch ihre klcri- kalen Helfershelfer reden werden, eins werden sie doch nicht verhehlen können— ihr schlechtes Gewissen und das Gefühl der beginnenden Unsicherheit. Das nuserable Machwerk, das der schwarz-blaue Schnaps- block in der Kommission zusammengebraut hat, soll nach den Absichten der Herren möglichst schnell Gesetz werden, um der anschwellenden Massenbewegung das Objekt ihrer Erbitterung zu nehmen. Doch wenn eins sicher ist. so ist es dies: dieses einzige Ziel, das die verbündete junkerliche und klerikale Reaktion im Auge hat, wird mißlingen. Die schlimmen Absichten der Volksfeinde werden scheitern an der mächtigen Bewegung, die die Massen erfaßt hat. an der Erkenntnis, die die zahllosen Versammlungen und Manifestationen der letzten Wochen in das Bewußtsein der breitesten Volksschichten ge- hämmert hat: das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht in Preußen ist die Bedingung jedes politischen und sozialen Fortschrittes im Deutschen Reiche. Aus dein Jcunnier unserer politischen Zustände, aus der Rückständigkeit einer überlebten Kastenherrschaft tonnen wir an das Licht politischer Freiheit und politischer Selbstbestimmung nur ge- langen, wenn wir das Junkerjoch abwerfen. Die Junker aber müssen in Preußen niedergerungen werden, zum preußischen Landtag müssen sie hinausgejagt werden und dazu brauchen wir das gleiche Wahlrecht. Wenn aber die Massen erst einmal erkannt haben, daß die Durchsetzung einer politischen Forderung an ihre Lebens- interessen greift, dann wird ihre Bewegung auf die Dauer unwiderstehlich. Die Herren Privilegienhüter mögen noch so oft sich auf das Stück Papier berufen, auf dein ihr ver- haßtes Vorrecht geschrieben steht, jene Verordnung, die einem allzu geduldigen Volke in den Zeiten der schlimmsten Reaktion aufoktroyiert wurde und in seinem Bewußtsein nie und nimmer Rechtskraft erlangt hat, die lebendige Bewegung der Massen wird über das vermoderte Unrecht trotz alledem den Sieg davontragen. Und das fühlen auch die Herren trotz aller Arroganz, mit der sie über die Forderung des preußischen Volkes zu reden und zu beschließen wagen. Daher ihre maßlose Erbitterung über die Volksbewegung, die sich aus sich selbst heraus neue Mittel der Manifestation geschaffen hat. Daher ihr beständiger Schrei nach mehr Polizei— nach klügerer auch, fügen sie neuerdings leise hinzu—, daher der Wunsch nach einem Blutbad und nach neuen Ausnahmegesetzen, Aber was früher einmal für die schwache Bewegung eine Gefahr, ist heute der ungeheuer erstarkten gegenüber nur törichte Drohung. Die skrupellose Hetze verrät nicht nur die edlen Absichten der Privilegienhelden, die die Forderung des Volkes nach seinem Recht in Blut ersticken möchten, sie verrät vor allem auch die U n s i ch e r h e i t der Herren. Sie wissen. trotz des erhabenen Ernstes, mit dem sie an ihr Schandwerk gehen, trotz der Wichtigtuerei, mit der sie den„Abschluß der Verfassungsresorm" verkünden werden, die Wahlrechts- bewegung bleibt, was immer sie beschließen werden, ob ihr Machwerk in der einen oder anderen Form zustande kommt oder auch ganz scheitert. So bilden die parlamen- tarischen Verhandlungen nur eine Episode in dxr Wahl- rechtsbewegung und mehr als eine Episode bedeuten sie nicht. Dies beweist ja auch die ganze bisherige EntWickelung der Wahlrechtsbcwegung. Das Gesetz des Herrn v. B e t h- mann mag wie immer beurteilt werden, darin stimmt Freund und Feind iiberein: dieser Lappalien wegen brauchte wirklich nicht erst der Apparat einer Verfassungsänderung in Szene gesetzt zu werden. Wenn das Dreiklassenrecht keiner anderen Reform bedürfte, dann wäre die Reform wirklich herzlich überflüssig. Und was von der Regierungsvorlage, gilt in mindestens gleichem Maße sicherlich von der Kom- inissionsvorlage. Nein, was den parlamentarischen Vorgängen überhaupt erst Bedeutung gibt, was sie so gründlich unter- scheidet etwa von den ähnlich„bedeutsamen" Reformen srüherer Zeiten, der Einführung der Drittelung nach den UrWahlbezirken und der Vermehrung der Mandate, das ist einzig und allein der Umstand, daß die jetzigen Reform- versuche, so elend sie sind, Erzwungen wurden von der Volksbewegung draußen und daß sie selbst so mächtig beigetragen, diese Bewegung zu verbreitern und zu vertiefen. Eben deshalb aber sind nicht die parlamenta- rischen Ereignisse, sondern einzig und allein die Wirkung auf die Massen das Bedeutsame. Und kein Zweifel, die Beratungen und Beschlüsse des Geldsackparlaments werden diese Bewegung aufs neue fördern. Der Verrat, den das Z e n t r u m in der Kommission begangen hat, muß jetzt ini Plenum vertreten werden. Nur dem Zentrum ist es zu danken, wenn die Konservativen parlamen- tarisch die Herren der Situation geworden sind. 2)as Zentrum hat die einzige Reform, die einen, wenn auch geringen Wert gehabt hätte, vereitelt und die geheime Wahl, für die die Majorität gesichert war, dadurch illusorisch gemacht, daß es den Konservativen half, sie mit der indirekten Wahl zu verkuppeln. Denn die Freiheit der Wähler, die die geheime Wahl verbürgte, wird aufgehoben durch den Terrorismus, der die Aufstellung oppositioneller Wahlmänner verhindert. Für den Wähler ist es völlig gleichgültig, ob er nicht wählen kann, weil er die Vergewaltigung fürchten muß, oder nicht stimmen kann, weil es keinen Wahlmann seiner Partei gibt. Seine Stimme bleibt ihm geraubt. Daß aber das Zentrum diese Vergewaltigung der Wahlmänner mit Ab- ficht und Bewußtsein erstrebt, beweist, daß es mit den Konservativen den Antrag niederstimmte, der es ermög- lichen sollte, die Wahlmänner aus dem ganzen Wahlbezirk zu nehmen: ebenso verweigerte das Zentrum allen Anträgen, die den Schutz des Wahlgeheimnisses der Urwähler bezweckten, die Aufnahme in das Gesetz. Freilich beteuert das Zentrum, daß sonst die Konsev vativen nicht zugestimmt und ohne diese Zustimmung das Gesetz gescheitert wäre. Aber für diesen Schwindel wird es jetzt wenig Gläubige geben. Ist es doch zu offensichtlich, daß die Bewegung der Massen allein die Reform in Fluß gebracht hat und stark genug ist, sie in Fluß zu erhalten. Selbst die preußische Regierung in all ihrer Junkerknecht� schaft hätte es nicht wagen können angesichts der Erregung im Lande eine Resorm, die das geheinic Wahlrecht gebracht hätte, scheitern zu lassen, weil die konservative Minorität widersprach. Und wenn, dann um so besser für eine wirkliche Reform. Nicht weil das Bessere des Guten Feind, sondern weil das Zentrum das Schlechte gewollt, deshalb hat es mit den Konservativen jenes elende Machwerk fabriziert. Freilich vor den Folgen seiner Taten ist dem Schnaps- block bange.� Denn dieselben Parteien, die das Verbrechen an dem Volke im Dreiklassenhause begehen, wissen, daß sie dafür auch vor den Reich stagswälern werden Reche w schaft geben müssen. Und der Gedanke macht ihnen Pein. Deshalb suchen sie so krampfhast die National- liberalen wenigstens auf ihre Seite zu ziehen, um nicht allein den Hauptsturin der betrogenen und vergewaltigten Wähler aushalten zu müssen. Vorläufig scheint es ja noch, daß die Nationalliberalen diesmal nicht bumm genug sein werden, dem Schnapsblock den Gefallen zu tun. Aber die Konstellation der wahlrcchtsfeindlichcn Frak> tionen im Abgeordnetenhause ist nicht wichtiger als die eine oder die andere Aenderung, die das Schandgesetz noch er- fahren mag, nicht wichtiger auch als die Stellung der Regierung. Wir zweifeln nicht, daß Herr v. Bethmann seine Unterschrift unter die Wahlreform des schwarz-blauen Blocks ebenso gehorsam setzen wird, wie unter die Finanz- reform derselben Parteien. Wir verstehen wirklich nicht, wie es noch Leute geben kann, die Herrn v. Bethmann zur„Wah- rung der Regierungsautorität" das Gegenteil raten. Die Regierung und Autorität? � So ist es denn am wahrscheinlichsten, daß die parlamen- tarische Episode, die heute beginnt, ziemlich rasch vorüber- gehen wird. Nicht vorübergehen, sondern bleiben und immer mächtiger und unwiderstehlicher werden wird die Wahlrechtsbewegung. Solange die Entrechtung fort- dauert, solange dauert der Kampf des Volkes um sein Recht. Und so mögen denn die Herren machen und beschließen, was sie wollen. Unsere Antwort lautet: Keine Ruhe in Preußen, bevor daS allgemeine. gleiche, geheime und direkte Wahl- recht errungen ist. ver Aahlrechttlismpf. Der„wohlunterrichtete" Herr v. Jagow. Der Herr Polizeipräsident von Berlin hat offenbar den Ehrgeiz, der fleißigste Mitarbeiter der Berliner Presse zu werden. Am Donnerstag hat er abermals einen Beitrag versendet. Wir haben gegen diese Betätigung des Herrn v. Jagow er- heblich weniger einzuwenden, als gegen seine Maßnahmen wider friedliche Demonstranten und seine Strangulation des Vereinsrechts. Zumal Herr v. Jagow bei seinem papiernen Feldzug gegen den„Vorwärts"— denn gegen den verspritzt er die amtliche Tinte— nicht glücklicher ist als in seiner Strategie wibcr den Wahlrechtsspaziergang. Daß Herr v. Jagow das Bedürfnis empfindet, sich selbst in die journalistische Arena zu stürzen, das begreifen wir zudem sehr wohl. Die„Ordnungs"presse hat sich ihrer Auf- gäbe, die Polizei herauszuhauen, sehr wenig gewachsen gezeigt. Sie hat sich von ihrer Wut über den Erfolg der Roten, von ihrem Entsetzen über den gelungenen Streich der Ge- haßten derart hinreißen lassen, daß sie darüber vergaß, wie sehr ihre Darstellung die Polizei in den Augen der Oeffent- lichkrit blamieren mußte. Deshalb nimmt nun der Präsident der Blamierten ihre Rechtfertigung selbst in die Hand. Frei- ltch hat er sich zuviel zugetraut— die Strategie der Argu- mente will ebenso beherrscht sein wie die Strategie der Ab- sperrungen und Straßenattacken. Herr v. Jagow versichert also heute der Welt, daß er verleumdet werde, wenn nian ihm nachsage, daß er durch die Demonstration im Tiergarten überrascht wurde. Und das denkt er auf folgende Art zu beweisen: Das kgl. Polizeipräsidium teilt mit: Die sozialdemokratische Prosse behauptet, die Sonntag?» demonstranten hätten mit ihrem Abzüge nach dem Tiergarten die Polizei überrascht. Daß die Demonstranten, von Treptow abgewiesen, nach dem Innern der Stadt ziehen würden, war von vornherein klar, daß sie, von Schlotzinsel, Linden und Wilhelmstratze abgewiesen, den Tier« garten aufsuchen würden, von vornherein wahr» scheinlich. Entsprechend ist polizeilich Vorlveg disponiert worden: lediglich 500 Mann, also weit unter 19 Proz. der Manu- schaft, nach Treptow, das Groß nach dem Zentrum. Wenn die Polizei im Tiergarten nur gegen den allergröbsten Un- fug einschritt, war der Grund für diese Zurückhaltung nicht Ueberraschnng, sondern Rücksichtnahme auf die ungezählten Harm« losen Spaziergänger, die zu warnen unmöglich ge» Wesen 10 a r. Der Herr Polizeipräsident hat sicherlich den besten Willen, sich durch seine journalistischen Uebungen heraus zu helfen, er hat nur das Pech, sich immer niehr hereinzureiten. So verrät er durch dieses Schriftstück der erstaunten Oeffentlichkeit, daß er und seine Untergebenen noch heute nicht wissen, daß die Iveit überwiegende Mehrheit der Demon- stranten gar nicht die Absicht gehabt hat, nach Treptow zu ziehen, sondern direkt nach dem Tiergarten zog, daß nur ein ganz kleiner Teil der organisierten Berliner Arbeiterschaft in Treptow demonstriert hat—„demonstriert" in einem be- sonderen Sinne und zu einem Ztvecke, der einem Strategen von anderen Qualitäten als Herrn v. Jagow längst klar geworden wäre. Außerdem begeht der Herr Polizeipräsident den groben Kunstfehler, der Leichtgläubigkeit des Publikums allzuviel zu- zumuten. Er, der den Iveitab vom großstädtischen Verkehr liegenden Treptower Park den Demonstranten hermetisch sperrte, er will glauben machen, daß er den Tiergarten den- selben Demonstranten zur gefälligen Benutzung ruhig über- ließ, den Tiergarten, der an die Linden stößt I Er will glauben machen, daß er seine Dispositionen mit Rücksicht auf eine Demonstration im Tiergarten getroffen hat und er gibt selbst zu, daß es unmöglich gewesen war, die Spaziergänger zu warnen. Das ist ja das Eingeständnis, daß die Polizei am Morgen des Sonntag noch nichts von der Absicht der Arbeiterschaft ahnte, in den Tiergarten zu ziehen. Herr v. Jagow vergißt auch, daß jedes Berliner Kind weiß, wie leicht sich der Tiergarten gegen Norden durch Ab- sperrung der Spreebrückcn sperren läßt, er vergißt, daß er seine Schutzleute in Automobilen zur Stelle schaffen lassen mußte, und er vergißt schließlich völlig, daß nicht allein die sozialdemokratische Presse, sondern auch die bürgerliche Presse, und darunter Blätter ivie die„Kreuzzcitung" und ähnliche bezeugt haben, daß die Polizei überrumpelt wurde. Angesichts aller dieser Zeugnisse hätte Herr v. Jagow wirklich klüger getan, wenn er geschwiegen hätte. Es hilft nun einmal nichts, der 6. März war ein Sieg sozialdemo- kratischcr Organisation, Disziplin und Entschlossenheit über polizeiliche Gewalt und über ein System stupider und schnmtziger Spitzelet! Die Räubergeschichte deS großen Unbekannten. die der Herr Polizeipräsident am Mittwoch gläubig an die Berliner Presse weitererzählt hat, führte am Donnerstag einen an der Affäre Beteiligten auf unsere Redaktion, der dem Phantasicstücklein des nicht genannt sein wollenden Herrn folgende Darstellung der grausamen Wirklichkeit gegenüber- stellt: Der Vorfall spielte sich folgendermaßen ab: Ich und noch zwei Bekannte gingen im Tiergarten am Kleinen Stern spazieren, als ein berittener Schutzmann auf uns und unsere aus 2S Per- fönen bestehende Gruppe zugeritten kam und ungefähr 6— S Meter vor uns einen älteren Mann umrih. Dieser blieb wie bewußtlos liegen. Wir sprangen sofort hinzu und versuchten zu- nächst, den Ueberrittenen aus die Beine zu stellen. Er knickte jedoch sofort zusammen und klagte: Meine Beine müssen ab sein! Wir trugen ihn nun zu einem Polizei- leutnant, zu dem wir in unserer Enipörung sagten: Da haben Sie Ihr Opfer! Da haben Sie Ihren Sieg! Der winkte mit den Händen ab und verwies uns an die Unfallstation der Tiergartenwache. Mehrere andere Passanten trugen nunmehr den Verletzten zu einem an- gehaltenen Automobil, legten ihn in dasselbe und setzten sich selbst hinzu. Als sich das Automobil in Gang fetzte, erhob sich einer der Insassen und brachte ein Hoch auf das Wahlrecht auS. ES war jedoch nicht der verletzte ältere Mann, den wir auf- gehoben hatten, sondern ein anderer jüngerer Mann, der sich zu dem Verletzten in daS Automobil gesetzt hatte. Der Hut deS Ueberrittenen war durch einen Huftritt vollständig demoliert worden und hatte ein großes Loch davongetragen. Unser Gewährsmann hat sich nicht, wie der des Herrn Polizeipräsidenten geweigert, seinen Namen anzugeben. Er hat uns vielmehr bereitwilligst seinen Namen und Adresse und die seiner beiden Begleiter mitgeteilt und ist allezeit bereit, vor Gericht der Wahrheit gegen die blühende Phantasie des großen Unbekannten zum Siege zu verhelfen! Einer, der«m Eigentum und Besitz bangte. Wir haben gestern, von einem Aufsitzer des Herrn Polizei- Präsidenten geschrieben und von einem zweiten Spaßvogel, der ihn mystifiziert habe. Wir schrieben das guten Gewissens, denn«vir hielten es für unmöglich, daß eS unter dem männlichen Geschlecht Berlins wirklich ein altes Weib gebe, das am ö. März um seinen gut gefüllten Geldbeutel gebangt hätte. Heute nehmen wir unsere frivolen Bemerkungen zu dem rührenden Briefe reumütig zurück. Unsere Vermutungen waren falsch— der Absender des Briefes und grob- mutige Spender der 300 M. ist lein Spagtiogel, der um eines guten Scherzes willen 300 Di. hinauswirft. Der Herr versteht viel- - mehr sehr gut zu rechnen und gibt sein Geld nur für sehr reale Zwecke aus. Der Brief trägt nämlich die Unterschrift: Paul Kreßmann und dieser Herr ist der Inhaber der Firma I. P. Trarbach Nächst., Weingrobhandlung, Französischestr. 23. Der Herr Paul Krehmann, I. P. Trarbach Nächst., ist also der Tapfere, der am Sonntag, den 6. März, um sein liebes Eigen- tum so furchtbar gezittert hat, dab er hinterher in der Freuds, der Gefahr heil entronnen zu sein, in der Freude über die gute Be- wachung seiner Geldschränle durch die Polzei ihr dreihundert Mark geschenkt hat l Oder tun wir dem Herrn Kreßmann Unrecht, ist er gar nicht der ängstliche Herr, der zu sein er in seinem Schreiben vorgibt? Wir haben Grund, es zu seiner Ehre anzunehmen. Aber Herr P. Kreßmann mub doch einen zureichenden Grund haben, sich als angsterfüllter Bürger dem Herrn Polizeipräsidenten zu nahen, die Arbeiterschaft zu bekämpfen und schlieblich gar noch auS feuerfestem Geldschrank 300 blanke Mark zu spenden. In der Tat, wenn Herr P. Kretzmann 300 M. ausgibt, so weitz er sehr genau, was er wt. So verfolgt er einen reellen Zweck. Denn wenn ein Hoflieferantentitel auch sehr vielen Menschen als eine Sache erscheinen mag, die nur Liebhaberwert hat, ein guter Geschäftsmann weitz, was sie auf dem Markte gilt und datz sie mit 300 M. durchaus nicht zu teuer bezahlt ist. Und so entpuppt sich der rllhrsame Brief, den der Herr Polizei- Präsident voll Stolz der Oeffentlichkeit übergeben hat, als eine sehr nüchterne Spekulation. Und eS bleibt uns nur noch die Frage: HatderPolizei- Präsident, als er den Brief an die Presse und das Geld an die Beamteit gab, um diese Spekulation gemutzt, oder ist er auch dem Herrn P. Kretzmann aufgesessen? lieber die Unzulässigkeit des Verfahrens, das der Herr Polizeipräsident beliebte, als er die Spende eines Privatmannes an Beamte verteilte, wäre noch mancherlei zu sagen. Trinkgelder anzunehmen, ist preutzischen Polizeibeamten im allgemeinen nicht er- laubt I Vielleicht äutzert sich auch über diesen Punkt unser schreibe fleißiger Polizeipräsident I JagowS Wirtschaft vor den Stadtverordneten. Die sozialdemokratische Fraktion der Verlitter Stadtverordnetenversammlung hat zu dem Polizeietat folgenden Antrag gestellt: Die Berliner Stiidwerordnetenversammlung protestiert gegen die von dem Polizeipräsidentcu veranlagte, am Ö. März vorgenommene Absperrung des Treptolver Parks und die B e- Hinderung der Bürgerschaft in der venutzuilg von Berliner Straß en, Parks und Plätzen. Ein Zeichen proletarischer Solidarität. Aus Frankreich geht uns folgender Brudergruß zu: Pari», 10. März Die Seine-Federatiou der Sozialistischen Partei drückt dem preutzischen Proletariat in seinen, Kampfe gegen den Absolutismus der Junkerschaft ihre brüderliche Sympathie aus, überzeugt, datz die Eroberung des gleichen Stimmrechts dazu beitragen wird, die Bande, welche die Proletarier Frankreichs und Deutschlands ver- binden, noch fester zu knüpfen. Sie wünscht den Kämpfern aus Vollem Herzen den Sieg. I. A.: B. Lavand. Frankfurter Wahlrechtsdemonstrauten vor Gericht. Bei dem Zufammenstotz zwischen Polizei und WahlrechtSdeinow stranten am 13. Februar wurden zahlreiche Verhaftungen vor- genommen und ein Teil der Verhafteten wurde hinterher mit Strafmandaten in Höhe von 30 M. bedacht. Die Be« troffenen beantragten natürlich richterliche Entscheidung, und Donners tag unterlagen sieben solcher Strafbefehle der Nachprüfung durch das Scköffengericht Frankfnrt a. M. Im ersten Fall wurde der Strafbefehl bestätigt niit folgender Begründung: »Die Stratze sei sür de» Berkehr da. und wem, sie diesem entzogen werde, so sei dazu eine Genehmigung erforderlich. ES würde in letzter Zeit von einer bestimmten Seite das Recht auf die Stratze proklamiert, und wer sich hierbei beteilige, von dem müsse an- genommen werden, datz ihm das geltende Recht nicht besonders am Herzen liege. Wer diese Willensäutzerung unverkennbar an den Tag lege, der dürfe sich auch nicht wundern, wenn ihn das Gesetz mit seiner ganzen Schwere strafe." Der zweite zur Verhandlung stehende Fall betraf einen Tage löhner, der 30 M. Strafe zahlen sollte, weil er auf der Stratze ein Hoch auf das Wahlrecht ausgebracht hatte. Der AmtSantvalt wies auf die bekannte Kammergerichtöentscheidung in einen, früheren gleichen Fall hin. In jenem Falle sei nur deS halb ein Freispruch gefällt worden, weil nicht fest gestellt worden sei, datz der Angeklagte die öffent> liche Ordnung gefährdet habe. Der heutige Angeklagte habe sie aber gefährdet, weil dur seine Rufe die Menge wieder erregt Wörde u sei. Das Gericht sprach indes den Angeklagten frei, weU ein grober Unfug nicht vorliege. Nach den Erfiihrnugeu, die man bisher bei solchen Gelegenheiten gemacht habe, sei in derartigen Hochrufen eine Belästigmig deS Publikums nicht zu sehen. Die übrigen Fälle stehen noch zur Verhandlung. Sie Iflannesnräaner. Das Zentrum schweigt. Der Streit um die kapitalistischen Interessen der Gebrüder Mannesman» füllte auch die die ganze Mittwochssitzung der Budgetkommission des Reichstags, ohne daß die Diskussion zu Ende geführt wurde. Herr Eickhofs erklärte sür seine Person— nicht für die Fraktion, wie er ausdrücklich hinzufügte—> datz das Auswärtige Amt in der Mannesmannaffäre die deutschen Interessen nicht genügend gewahrt habe. Das ergebe sich schon auS den Verhandlungen der französischen Deputiertenkammer. Der deutsche Gesandte in Tanger, Dr. Rosen, habe seinerzeit Herrn Mannesmann zu dem vorzüglichen Abschlutz mit der marokkanischen Regierung b e g l ü ck w ü n s ch tl Er habe also die Verleihung der Bcrgwcrksrcchte durch Sultan Abdul Afis als nicht in Widerspruch mit dem Artikel 112 der Algecirasakte be- trachtet I Das Unglück sei nur gewesen, datz Dr. Rosen in Urlaub ging und sein Nachfolger, v. Wangenheim, gar nicht informiert war und offenbar nicht einmal wuhte, datz eine Ab- schrift des Abkommens im deutschen Konsulat niedergelegt war! — Eickhoff beantragte schliehlich eine Resolution, in der die Schwierigkeiten, welche der Regierung wegen der deutschen Marokkointcrcsscn erwachsen sind, anerkannt werden, aber wegen der hohen Bedeutung der in Frage stehenden wirtschaftlichen Interessen von ihr die Unterstützung der RanneSmannschen An- spräche verlangt wird. Der Nationalliberale Di. A r n i n g: Er habe gestern bei den Darlegungen des Unterstaatssekretärs des Gefühl gehabt, datz daS Auswärtige Amt sich selber der UnHaltbarkeit seiner Stellung be- wüßt zu werden beginnt! Es sei gar nicht wahr, daß die Algeciras- Akte den Sultan verhindert hätte. Bergwerksrechte zu vergeben, denn der Sultan sei der Staat! Die Ausbeutung der Minenfelder in Marokko liege nicht nur im Interesse der Gebrüder Mannesmann, sondern mehr noch im Interesse der deutschen In- dustrie und der deutschen Arbeiterschaft: weil wir Erz brauchen, wenn wir Maschinen bauen wollen.— Abg. M u g d a n erklärt, er gebe auf die Gutachten nicht allzu viel. Jedenfalls stehe fest, datz die Ansprüche der Gebr. Mannes- mann nicht einwandfrei seien; daher könne man es dem Aus- wärtigen Amte nicht verdenken, wenn es sich nicht allzusehr dafür ins Zeug gelegt habe! Wenn die Gebr. Mannesmann sich ihrer Sache sicher fühlten, so könnten sie ja auf den Vorschlag des Aus- wärtigen Amts(ein Schiedsgericht einzusetzen) eingehen. Zweifel- los sei bei der ganzen Angelegenheit auch viele Mache; denn daS Eintreten mancher Blätter für Mannesmann bringe einem aus den Gedanken, datz hier, wenn auch nicht der Rubel, so doch das Markstück und die Doppelkrone rollen!! Scheidemann schließt sich den Vermutungen Mugdans wegen der rollenden Doppelkronen an und glaubt schon aus dem Stil schließen zu können, datz die Publikationen auf einen bestimmten Personenkreis zurückzuführen sind. Er sei soeben vom Fürsten v. Hatzfeld daraus aufmerksam ge- macht worden, datz der„Hannoversche Courier" folgenden Artikel in seiner neuesten Nummer gebracht habe: „Herr von Schorn hat ein Novum im Verkehr amtlicher Stellen mit der Sozialdemokratie geschaffen, indem er zwei sozial» deinokratische Abgeordnet«, die Genossen Scheide mann und Dr. S ü d e k u m. nach dem Auswärtigen Amte hat bitten lassen. Dort hat er sie selbst empfangen und für seine Auffassung der Mannesmannsache zu gewinnen gesucht. ES ist ihm jedoch nicht gelungen. Ter Fehler lag offenbar daran, datz er sich in den Mitteln vergriffen hat. Er hat ihnen nämlich seitenlang aus dem Weißbuch vorgelesen, und mit den Deduktionen des Weiß. bucheS Slnhängcr werben zu wollen, ist ein Versuch, der— wie jeder Versuch mit untauglichen Mitteln— keinen Erfolg haben tonnte." Demgegenüber erklärte Genosse Scheidemann: „Ich habe niemals außerhalb deS Reichstags ein Wort mit dem Herrn Staatssekretär Echoen gewechselt. Er hat mir auch niemals stundenlang aus dem Weißbuch vorgelesen!" Uebrigens— so führte Scheidemann weiter auS— hätte der Staatssekretär auch gar nicht nötig gehabt, wie das Blatt unter stelle, zu versuchen, ihn von seiner Meinung abzubringen. denn die decke sich in dieser Frage im wesentlichen mit der des Staatssekretärs! Die Annahme» datz der Sultan von Marokko das Recht habe. DergwerkSrechte in einer Größe von 60 000 Quadratkilo- meiern zu verkaufen, sei jedenfalls sehr gewagt. Man könne bestimmt annehmen, datz die Herren Eickhoff, Arning und alle, die so warm für die Gebr. Mannesmann eingetreten seien, den entgegengesetzten Standpunkt einnehmen würden. wenn es sich statt um eine deutsche, um eine französische Ge sellschaft handelte!— Ter Standpunkt, den der Abgeordnete Arming eingenommen habe, der einfach meinte, wir brauchten Erz, somit müßten wir es eben beschaffen, ob wir nun hierzu ein formelles Recht hätten oder nicht, dieser Standpunkt müsse entschieden zurückgewiesen werden. Zunächst sei es nicht wahr, datz unser Erzreichtum bald erschöpft sei. zudem würde eine privatkapitalistische Gesellschaft, wenn wir ihr ein solches Monopol in die Hand gäben, natürlich ihre Ware auch an das Ausland liefern, so datz wir in diesem Falle wahrscheinlich (wie daS auch bei der Firma Krupp der Fall gewesen sei) mehr bezahlen mühten als das Ausland! Die kapitalistischen Unternehmer wollen eben verdienen; das sei ihr einziges Be streben. Die Behauptung, daß die Anerkennung der ManneSmann> scheu Bergwcrkskonzefsion für die deutsche Industrie und für die deutsche Arbeiterschaft ein Vorteil sei, werde nur gemacht, damit man die eigenen kapitalistischen Interessen desto rücksichtsloser vertreten könne! Abg. Fürst v. Hatzfeld und Mg. Dietrich sprechen sich gegen die Annahme einer Resolution auS. weil daS als eine Niederlage der Regierung gedeutet werden könnte. Die Abg. Heckscher, Stresemann und S e m l e r wünschen die Annahme einer Resolution, damit die Debatte nicht ausgehe wie daS Hornberger Schietzen. Staatssekretär v. Schorn trägt dagegen Bedenken, weil die Resolution'doch eine gewisse Richtlinie innezuhalten empfehle, was die Stellung der deutschen Regierung unnützerweis« erschwere. Abg. Eickhoff zog hierauf seine Resolution zurück. Da aber Abg. Liebermann eine andere Resolution eingebracht hatte, so wurde die Verhandlung auf heute(Freitag) vertagt. Die Liebermannsche Resolution lautet: „Nachdem die Brüder ManneSmann sich bereit erklärt haben, die bindende Verpflichtung zu übernehmen, daß daS Marokko- Minea-Syndikat unter deutscher Führung bleibt und seine Liefe. rungen sowie seine Aufträge der deutschen Industrie zukommen läßt, spricht die Budgetkommission die Erwartung aus, datz die Regierung auf das kräftigste die Bestrebungen unterstützen wird, die BergtoerkSkonzesstonen der Brüder Mannesmann zu sichern." cueger. Wie», 10. März. Bürgermeister Dr. L u e g e r ist heute früh 8 Uhr S Min. gestorben. DaS Leichenbegängnis Dr. LuegerS wird auf Kosten der Gr- «eindt Wien veranstaltet werben und Montag ll'/z Uhr vormittags Mtfinden. Dr. Lueger hat ein politisches Testament hinter- lassen, in welchem er die Wahl deS Prinzen Liechtcn- stein für die Leitung der Partei und Dr. WeiSlirchnerS zum Bürgermeister der Stadt Wien empfiehlt. Mit Lueger scheidet ein Mann auS dem Leben, der Jahrzehnte lang im Vordergrunde der österreichischen Politik, insbesondere der politischen Kämpfe in Wien stand. Er war nicht nur der Führer der christlichsozialen Partei, sondern auch ihr Gründer. Schwer trifft Lucgers Tod sein Gefolge, das nur durch des Verstorbenen Persönlichkeit als Partei begründet und als Partei über die ökonomischen Bedingungen ihres Entstehens erhalten werden konnte. Datz Lueger in der Enge und Beschränktheit der österreichischen Politik als Persönlichkeit auffiel und sich durchsetzte, das ist wahrlich nicht erstaunlich. Er war der Wiener in der Politik, und die Wesensart dieser Stadt hat er restlos verkörpert. Er plagte eine Wiener nicht mit Programmen und Theorien, für die sie nie Vorliebe hatten; ihrem Abscheu vor allem Sachlichen trug er immer Rechnung, und er gab ihnen oas. was sie immer gebraucht: eine Person, mit der sie sich„bcschästizen" können, die populäre Person in der Politik. Ein„fescher Mann"--- ohne Selbstironie konnte er sich in jüngeren Jahren selbst den„schönen Karl" nennen— mit einer klangreichen Stimme, die das ganze Register der Rede, vom platten Spatz bis zum wuchtigen Pathos, mühelos durchlief, wurde er bald der Wgott der kleinen Leute. die das liberale Protzentum nicht sehen wollte und gröblich vernachlässigt hatte und die er zu Herren zuerst der Stadt, dann des Landes machte. Für diese rein persönliche Politik(Motto:„Unser Karl wird's schon machen!") war Wien der rechte Boden und Lueger der rechte Mann. Nur in Wien, das sich trotz allem Wachstum in seinem geistigen und politischen Leben die kleinbürgerlichen Auf- fassungen bewahrt hat, konnte sich jener ständige Luegcr-Taumcl behaupten, und nur dieser typische Vertreter des Wienertums, seiner Laster und Schwächen, aber auch seiner Gaben und Vorzüge lonnte so lange und wechselvolle Jahre hindurch das Interesse eines großen Gemeinwesens auf seine Person konzentrieren. Aber auch die Zeit war dieser Karriere günstig. Heute, wo die Arbeiter- klasse einen bestimmenden Einfluß auch in Wien gewonnen hat» und gar in der Zeit deS gleichen Wahli�chts könnte auch ein Lueger seine Politik— eine Politik der p«sönlichcn Eroberungen — nicht mehr anfangen. Lueger hatte schon frühzeitig begriffen, datz sich in unserer Epoche politische Wirkungen nur durch politische Kräfte crzielcu lassen, datz das Geheimnis der modernen Politik Organisation heißt. Er war vor allem ein großer Agitator: groß in der Verachtung aller moralischen Skrupeln, aber auch groß durch die Energie seines Wesens und durch die Sieghaftigkeit seiner Erfolge. Er war der erste, der dem Bürgertum das Schauspiel einer organisierten und geschlossenen Partei bot, die er nach seinem Bilde formte und zum Instrumente seiner persönlichen Macht- Politik erzog. Er war der vorbildliche Demagoge: er hat die Partei der schillernden Programme erfunden, die für alles und für das Gegenteil von allem fein kann, die Partei der aufschneiderischen Versprechungen, des rohesten Tones, der blindwütigen Ver- lcumdung des Gegners, des brutalsten Mißbrauchs behördlicher Gewalt; er hat gezeigt, was aus der bescheidenen Anordnung des Gesetzes, daß die Gemeindebehörde daS Wahlgeschäst leitet, durch Wahlkünste herausdestilliert werden kann, und er hat vor allem gezeigt, wie politischem Machtbesitz Wirksamkeit verliehen wird. Lueger hat aus der Wiener Bürgermeisterschaft eine Macht- Potenz gemacht, deren schwere Last viele Regierungen verspürt haben, und sein Rathaus war ebenso eine Burg wie der Wohnsitz deS Monarchen. Er hätte auch als Liberaler Bürgermeister werden können, er hätte in jeder Partei seinen Weg gemacht. Datz er, um mächtig zu werden, eine große Bewegung entfesselte, alte Parteiformen zersprengte, sich seine eigene Partei schuf und durch sie Stadt und Land geradezu umwälzte, das zeigt, daß sein Ehrgeiz ins Volle griff und auf ernste Macht gerichtet war. Die Luegerei ist deshalb eine beachtenswerte Erscheinung, weil in ihr der Versuch geglückt ist. das Kleinbürgertum politisch zu or- ganisieren. Bevor Lueger seinen Eroberungsfeldzug begann, herrsch- ten in Wien Liberale von einer gar sonderbaren Qualität. Wer sich dagegen wandte, datz die Beleuchtung der Stadt einer wucherischen ausländischen Gesellschaft ausgeliefert werde, der war ein„Feind der Freiheit"; wer es bekämpfte, daß ein privater Ausbeuter das Tramwaymonopol besitzen sollte, der beging einen«Frevel an dem hdhren Gedanken des Liberalismus". Ein Klüngel terrorisierte Wien, usurpierte Politik und Verwaltung, beherrschte Kunst und Wissenschaft, und wer nur ein Wort deS Widerspruchs wagte, sich gegen das Joch einer dünkelhaften, unduldsamen Presse auf- bäumte, der ward geächtet und mit dem Worte„Antisemit" ab- getan. Die dumpfe Abneigung nun, die durch das Truhen jener liberalen Clique allenthalben erregt wurde, löste Lueger aus; er raffte alles zusammen, wag sich unterhalb der Großbourgeoisie und oberhalb des Proletariats an Unzufriedenheit und Unzufriedenen gesammelt hatte: den von der Großindustrie bedrängten Hand- werker. den von dem behenderen jüdischen Konkurrenten gc- schlagcnen Klcinkaufmann, die Massen der kleinen Beamten und Diener. Er taufte diese desperaten Haufen zuerst„vereinigte Christen", dann„Christlichsoziale" und drang mit ihnen imm.r tiefer in die Burgen deS Zensus ein, die sich die feigen Liberalen aufgerichtet hatten, bis er sie eine nach der anderen eroberte. Begünstigt wurde er dabei durch daS allgemeine Mwirtschaften deS deutsch-österreichischen Liberalismus im Staate(LuegerS Agitation setzte unter Taaffe ein), durch die Herabsetzung des Zensus auf fünf Gulden, der den Massen des Kleinbürgertums das Wahlrecht gab, und vor allem durch die politische Rechtlosigkeit der Arbeiterklasse, die damals erst die schmerzhaften Folgen des Ausnahmezustandes zu überwinden begonnen hatte. Als ihm dann, auf das Drängen der kurzsichtigen Liberalen hin, Badem die Bestätigung als Bürgermeister verweigerte, umglänzte ihn die Aureole des Märtyrers, und die Ungnade, die ihn zerschmettern sollte, mehrte nur die Schar seiner Anhänger. Der starke Einschlag des Klerikalismus, den er seiner Partei gab, trug ihm. für den anfänglich nur die Kapläne eintraten, dann auch die Gunst der Bischöfe ein; die klerikalen Erzherzöge und Erzherzoginnen(und an denen ist am österreichischen Hofe kein Mangel) wurden Luegers wärniste Anhänger, und von 1807 an. wo er im ersten Treffen der fünften Kurie die Sozialdemokratie besiegt hatte, galt er oben und unten, beim Hofe und bei den Unternehmern, als das sicherste«Bollwerk" gegen die umstürzlerische Sozialdemokratie, galt er als wahres Muster eines Patrioten, der die„Judäo- magyaren" bekämpft und Thron und Altar gegen alle Feinde beschirmt. So kam er hoch empor, aber nie vergaß er, wo die Wurzeln seiner Kraft lagen: in Wahlerfolgen. Lueger war in Oesterreich der große Gegner der Sozial- dcmokratie, oder richtiger: nachdem er daS Bürgertum erobert hatte, schmeichelte es seiner Eitelkeit, dafür zu gelten. War er cS wirklich? Nicht als ob an seinem Hasse gegen die Partei, an deren Klassenbewußtsein sich sein Erobererzug brach und die dem HeroS der bürgerlichen Klassen die Reverenz versagte, nicht als ob an diesem Hasse zu zweifeln wäre, und auch nscht, alz ob er jemals gezögert hätte, diesen Haß in brutale Tat umzusetzen: er hat die Arbeiter um ihr Recht in der Gemeinde in einer in ihrem ZyniS- muS wahrhaft beispiellosen Komödie betrogen, er hat sie verfolgt, so weit nur seine Macht reichte, und er hat sie mit den giftigsten Worten geschmäht, bis sie ihm an einem seiner JubiläumStage die kräftigste Antwort gaben, lleberhaupt konnte sein leichtfertiger Sinn den schweren Ernst unserer Partei gar nicht verstehen, mußte ihm unsere Art, mit den Dingen zu ringen, ewig fremd bleiben. Aber war er in dem Sinne unser Gegner, daß er uns die Ent- Wickelung sperrte? Vielleicht war eS für die Wiener Sozialdemo- traten von Nutzen, datz sie sofort mit dem stärksten Gegner zu ringen hatten, datz sie die Unzerstörbarkeit ihrer Kraft in dem schwersten Kampfe erproben konnten. Alles, was unzufrieden ist und nicht durchdringen kann zum Verständnis seines Leidens, hat Lueger zu seiner Partei formiert. Kommt aber die Erkenntnis und werden Luegers Nachläufer lernen, den Kapitalismus nicht bloß zu hassen, sondern auch zu begreifen, so wird die Sozial- demokraiie auch dort den Boden bereitet finden, wo heute Luegers festeste Scharen stehen. Lueger hat uns nicht geschadet, und viele Kräfte, die er lebendig machte, werden einstmals für die Sozial- dcmokratie wirken. poUtifcbc deberHcbt. Berlin, den 10. März 1910. Postetat. Aus dem Reichstag. 10. März. Eine unendliche �ülle von Einzelbeschwcrden ist es, die naturgemäß von den verschiedenen Parteien beim Postetat zur Sprache gebracht werden. Denn die Mängel der Verwaltung treten hauptsäch- lich in lokalen Schmerzen zutage, die nach Abhilfe schreien. Tie gemeinsame Grundursache all der Klagen war wieder die unter Herrn Kraetke bis zur Bizarrheit ausgewachsene Postbureaukratie, mit der anderwärts die mangelhafte Be- Zahlung der unteren Beamten und der Arbeiter Hand in Hand geht. Solche Beschwerden klangen schon aus den Reden der Vertreter bürgerlicher Parteien heraus. Genosse Z u b e i l ergänzte sie noch durch die Verteidi- gung der auch in dieser Verwaltung arg benachteiligten poli- tischen Rechte der Beamten und Arbeiter. Nachdrücklich und eindringlich brachte er die Maßregelung des Herrn Z o l I i t s ch zur Sprache und zeigte als ein Gegenstück dieser politischen Unduldsamkeit die Propaganda, die einige höhere Äe- amte unter ihren Untergebenen für den Reichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie treiben! Wie wenig rücksichtsvoll ein Unterbeamter unter gewissen Umständen behandelt wird, zeigte Zubeil an dem Fall eines Briefträgers K o n r a d i in Würzburg, der aus die Beschul- digung durch einen Schauspieler, er habe Geld aus einem verschlossenen Briefe gcnoinmen, ohne gerichtliche Untersuchung, trotzdem Konradi selber sie beantragte. aus dem Dienst entlassen wurde! Auch bedauerliche Fälle von Kinderbeschäftigung wußte unser Genosse mitzu- teilen. Aus dem weiteren Verlaufe der Debatte ist besonders zu beachten, daß der Konservative Dr. D r ö s ch e r erklärte, durch Zubeils Eintreteil für bessere Entlohnung der Beamten und Arbeiter werde die Begehrlichkeit der Beamten ge- steigert. Die Konservativen treten in Wahlreden bekanntlich immer als besondere Beamtenfreunde auf. Um 71/2 Uhr wurde Schluß der Debatte gemacht. Zu einer Resolution der Nationalliberalen, die einen P o st b e i- rat aus Vertretern von Handel. Landwirtschaft und Industrie fordert, lag ein Zusatzantrag der Sozialdemokraten vor. der auch die Arbeiter in einem Postbeirat vertreten sehen will. Dieser Zusatzantrag wurde durch die Sozialdemokraten, Freisinnigen. Polen. Antisemiten und das Zentrum ange- n o m m e n. Dann aber wurde der a m e n d i e r t e An- trag abgelehnt, da nunmehr auch das Zentrum dagegen stimmte! Morgen steht zunächst die sozialdeuiokratische Jnterpella- iion wegen des Versammlungsverbots in Treptow auf der Tagesordnung._ Die Wirkung der Wahlrechtsdemonstration. Nicht nur die Regierung, auch die Konservativen möchten gern, daß. das neue Wahlrechtsgesetz im preußischen Abgeordneten- hauie von einer recht großen Mehrheit angenommen wird— chon deshalb, damit sie bei späteren Anfeindungen gegen die reaktionären Bestimmungen dieses Gesetzes erklären können, es sei der Ausdruck deS politischen Willens der großen Mehrheit des preußischen Volkes. Die Regierung ist denn auch in den letzten Tagen eifrig bemüht gewesen, die nationalliberale Landtagsfraktion für ein Wahlrechts- kompromiß mit den Konservativen und dem Zentrum zu gewinnen; aber bis jetzt will die nationalliberale Partei nöch nicht mittun, da die von ihr gestellte Forderung der direkten Wahl mit geheimer Abstimmung von den Konservativen strikte abgelehnt wird. Die konservative Presse ist daher bemüht, den Nationalliberalen gut zuzureden, doch den Anschluß nicht zu versäumen, da sie sonst auch später von der blauschwarzen Koalition ausgeschaltet würden und ferner die Sozialdemokratie durch die Zurückhaltung der National- liberalen ermutigt würde, ihre Agitation gegen die Wahl- rechtSvorlage außerhalb des Parlaments fortzusetzen. So schreibt beispielsweise die„Kreuz-Ztg.", gegen den„Hannov. Courier" gewendet: „ES kann keinem ernsthaften Politiker zweifelhast sein, daß die obenerwähnten Forderungen deö vollen geheimen und direkten Wahlrechts unerfüllbar sind. Wenn es auch der Linken gelingen sollte, die Zentrumspartei auf ihre Seite zu bringen und für ihre Forderungen eine knappe Mehrheit im Abgeordnetenhause zu erzielen, so würde einem solchen Beschlüsse die Re- gierung keinesfalls zustimmen. Auf links- und jungliberaler Seite rechnet man wohl dann darauf, daß die Regierimg die Vorlage zurückziehen werde. Aber würden sich wirklich die Nationalliberalen entschließen können, für einen solchen Ausgang und seine Folgen die Verantwortung zu übernehmen? Sie würden damit nur den Fehler, den sie mit ihrer AuSschaltungSiaknk im Reichstage gemacht haben, wiederholen und der Sozialdemokratie noch weitern Agi- t a t i o n S st o f f l i e f e r n. Ist wirklich der jungliberale Einfluß in der nationalliberalen Gefamlpartei auch heute noch so stark, daß eS sich in dieser verhängnisvollen— für die gesamte politische Lage und für die Nationalliberalen selbst ver- hängnisvollen— Weise durchsetzen könnte?* Man fürchtet also bei den Konservativen, daß der Sozial- demokratie„weiterer Agitationsstoff" geliefert werde. Bisher haben die konservativen Blätter stets geleugnet. daß die Wahlrechtsdemonstrationen der Sozialdemokratie irgend einen Einfluß aus die Einschlüsse der Regierung und der konservativen Fraktion auszuüben vermöchte. Hier wird offen zugestanden, daßman die sozialdemokratische Agitation fürchtet und das Wahlgesetz deshalb so schnell wie möglich mit starker Mehrheit unter Dach und Fach bringen möchte. Tatsächlich ist es denn auch in erster Linie die Furcht vor dem weiteren Anwachsen der sozialdemokratischen Wahlrechtsdemonstrattonen. die den blau- schioarzen Block dazu bestimmt, die Beratung der Regierungs- Vorlage im Galopptempo durchzuführen, und die ferner die Regierung dazu bewegt, ihren zuerst beabsichtigten Widerstand gegen die von diesem Block gefaßten Komnnssionsbeschlüsse aufzugeben. Man möchte gar zu gerne die ganze Sache hinter sich haben, weil man sich einbildet, dann Ruhe vor der sozialdemokratischen Wahlrechtsagitation zu finden._ Reichstagsersatzwahl. Tie Reichstagsersatzwahl im Wahlkreise Lyck-Johannes- bürg für den verstorbenen Grafen Stolberg ist bereits auf den 11. April festgesetzt worden.— In Halle ließ man sich bekanntlich 3 Monate Zeit, bis man die Nachwahl ansetzte. Unterstützung der Tabakarbeiter. Die vier Millionen Mark, die auf Antrag des Zentrums für die infolge der erhöhten Tabaksteuer arbeitslos gc- wordenen Tabakarbeiter bewilligt wurden, haben— wie die Sozialdemokraten voraussagten— nicht gereicht. Die sozialdeuiokratische Reichstagsfraktion hat deshalb zum Etat des Reichsschatzanites folgende Resolution eingebracht: „Der Reichstag wolle beschließen, die verbündeten Regie- rungen zu ersuchen: 1. Daß der Artikel IIa. des Gesetzes wegen Aenderung des Tabak sie uergesctzcs vom 15. Juli 1909 dahin ab- geändert wird, daß den Einzelstaaten weitere Mittel zur Ver- fügung gestellt werden, um die Hausgewerbetreibenden und Arbeiter des Tabakgewerbes, die infolge des Gesetzes arbeitslos geworden sind, ausreichend zu unter- stützen; 2. daß in einem Nachtrag des Reichshaushaltsetats die er- forderliche Summe eingestellt wird." Das Zentrum wird natürlich für diese Resolution stimmen und diese Zustimmung als weiteren Beweis für seine angeb- liche„Arbeiterfreundlichkeit" ausschlachten. In Wirklichkeit wäre diese Resolution überflüssig, wenn das Zentrum bereits bei der Beratung des Tabaksteuergesetzes für eine ausreichende Unterstützung der Tabakarbeiter zu haben gewesen wäre. Damals hatte es der Reichstag in der Hand, die Höhe der erforderlichen Summe zu bestimmen, jetzt muß erst abgewartet werden, erstens ob die Regierung die Resolution überhaupt annimmt und zweitens welchen Betrag sie für den an- gegebenen Zweck auswerfen wird. Reicht die Summe aber- in a l s nicht aus, so können sich die notleidenden Tabak- arbeiter einzig und allein beim Zentrum bedanken, dessen hinterhältige Taktik den Notstand verschuldet hat. Aus dem reichsländischen Parlament. 2!m elsaß-lothringischen Landesausschuß kam es Donnerstag zu einer ausgedehnten prinzipiellen Debatte über Schulpolitik. Die Regierung hatte zum ersten Male in das Budget einen Posten von 59009 M. zur Unterstützung des protestantischen und des katho- lischen Gymnasiums eingesetzt, zweier privater konfessioneller An- stalten, die unter staatlicher Aufsicht stehen. In der Debatte wandten sich die Lothringer gegen die Bewilligung, und außerdem der Mg. Blumenthal und der Abg. Georg Wolf im Namen eines Teiles der Liberalen. Die Forderung wurde schließlich mit 30 gegen 22 Stimmen angenommen. Dieser Erfolg gebührt den Libc- ralen, die sich in der üblichen Weise spalteten, so daß 5 Mitglieder der Fraktion für und ebenso viel gegen die Forderung stimmten. Aus der Geschäftsordnungskommission des Reichstages. In der letzten Sitzung der Geschäftsordnungskommission zeigte es sich, daß an eine Erledigung des vom Plenum einmütig erteilten Auftrages vor den Osterferien nicht zu denken ist. Es wird der Reichstag im Mai sich vertagen, ohne auch diesmal die Rechtssphäre seiner Geschäftsordnung demokratisch erweitert zu haben! Das Zentrum läßt sich bereits— durch seinen auf allen Gebieten junkerfreundlichen Dr. Bitter beeinflußt— auf die abwiegelnde Taktik der Konservativen ein. Diese aber benützen jede Gelegenheit, um verzögernde Reden zu halten. Dazu mußte auch die Tatsache beitragen, daß das neueste Fraktionsgebilde, die Fortschrittliche Volkspartei, in der Kommission durch ein Mitglied vertreten war, das nach seinen Reden stets in eine andere Kom- Mission abwandeln mußte.... Die Junker machen immer wieder den Versuch, widerdieVereinbarungin eine generelle Revision der Geschäftsordnung einzutreten; insbesondere soll der § 35 in diesem Stadium der Beratung eine vollständige Aus- arbeitung erhalten. Um die stilistische Merkwürdigkeit des Antrages v. Westarp zu§ 35 stritt man sich lange; diese lautet: „Anträge von Erlaß auf Beschlüssen nicht bindenden In- Halts(Resolutionen), die zu der Beratung eines anderen Gegen. standes der Tagesordnung, namentlich eines Gesetzentwurfes oder einer Etatsposition, gestellt werden, kommen mit diesem, und zwar, sofern eine solche stattfindet, bei der zweiten oder dritten Beratung zur Verhandlung." Nachdem Dr. Bitter und Graf v. Oppersdorfs, zwei Zentrumsleute, dem Grafen v. Westarp mit Verschönerungs- pflästerchen zu Hilfe gekommen waren, letzterer wieder die Zentrumsfassung amendiert hatte, wurden diese vereinigten Werke der Rechten mit 16 gegen die Stimmen der 3 Sozialdemokraten, 3 Liberalen und Freisinnigen angenommen. Die Milde des Reichsmarineamts. Während der ReichstagSdebatten über den Marineetat ver» sprach der Staatssekretär v. Tirpitz, daß bei Arbeiterentlaffungen mit größter Milde verfahren werden solle. Schon in der Bugdet- kommission hatte Genosse S e v e r i n g darauf hingewiesen, daß eine möglichst gleichmäßige Verteilung der Arbeiten auf die einzelnen Werftorte Massenentlassungen an einem Orte verhindern könne, und im Plenum hatte er vorgeschlagen, man möge bei ein- tretendem Arbeitsmangel, um eine plötzliche Maffenentlasiung un- nötig zu machen, eine generelle Verkürzung der Arbeitszeit durch- führen. Auf diese Anregungen, denen sich die Abgg. Semler und M o m m s e n anschlössen, antwortete der Staatssekretär mit dem Versprechen, bei notwendigen Entlassungen mit Milde zu ver- fahren. Kaum ist jetzt der Marineetat in zweiter Lesung erledigt, da demonstriert der Herr v. Tirpitz der Oeffentlichkeit, was er unter dieser„Milde" verstanden wissen will. Aus Kiel meldeten wir schon, daß nach Ablauf von 6 Wochen 506—600 Arbeiter ent- lassen werden sollen. Begründet wird diese Maßnahme mit der Bemerkung, daß der Reichstag an den Forderungen der Marine- Verwaltung für Jndiensthaltung und Instandsetzung Abstriche gemacht habe und daß einige größere Reparaturen in Wik- helmShaven vorgenommen werden sollen. Wenn der Reichstag an den Forderungen für die Bedürfnisse der Werften Abstriche vorgenommen hat. so ist das in der Absicht geschehen, die Verwaltung zu einer sparsameren Verwendung der Materialien anzuhalten und zu verhindern, daß weiter auS dem Vollen gewirtschaftet werde. Die Abstriche waren so bescheiden, daß sie in der Tat bei sparsamer Wirtschaft wieder ausgeglichen werden konnten. Das ReichSmarineamt ist jedoch anderer Mei- nung, die Werftverwaltungen sollen nicht an Materialien, sondern an Arbeitskräften sparen! So beantwortet das Reichsmarineamt die Beschlüsse des Reichstages. Freilich, so lange sich der Reichstag gegenüber den Unregelmäßigkeiten in der Werftverwaltung auf Worte be- schränkt und ängstlich davor zurückschreckt, selbst einmal in das Getriebe hineinzuleuchten, wird sich das Reichsmarineamt solche Antworten auch in Zukunft ohne weiteres gestatten können. Ob aber die Volksvertretung auch zu dieser Brüskierung schweigen wird? Wir sind selbstverständlich nicht der Meinung, daß die Werft- Verwaltung über ihren Bedarf hinaus Arbeiter um jeden Preis beschäftigen soll. Wogegen wir aber entschieden Protest erheben. das ist die Art, mit der die Oberwerftdirektion in Kiel die Ent- lassungen zu„begründen" versucht. Und wo bleibt die „Milde".? Ist der Versuch gemacht worden« durch eive generelle Verkürzung der Arbeitszeit die Schäden der plötzlichen Massen- cntlassungen zu mildern? Neue Gewaltstreiche der bremischen Schulbehörde. Das Bebeltelegramm der bremischen Volksschullehrcr hat der Behörde anscheinend alle Besinnung geraubt. Wie bereits mitgeteilt, hatte sie eifrige Nachforschungen angestellt nach den am Bebeltelegramm beteiligten Lehrern. Sie glaubte 35 Personen ausfindig gemacht zu haben. Gegen diese wurde die Vorunter- suchung mit dem Ziel der Dienstentlassung mit aller Jntensivität eingeleitet. Jetzt ist die Behörde in ihrer sinnlosen Raserei bereits zur Entlassung eines auf vierteljährige Kündigung angestellten Hilfslehrers geschritten. Gegen zwei weitere, längere Zeit ange- üellte Lehrer wurde das Disziplinarverfahren zum Zwecke der Dienstentlassung angestrengt. Beide sind bis zum Abschluß deS Verfahrens unter Vorzahlung des halben Gehalts zu suspendieren. Der eine der Suspendierten ist der Verfasser des jüngst im Vor- wärts-Berlag erschienenen Buches„Eine Reise nach Island" und der ebenfalls vom Vorwärts-Verlag herausgegebenen Jugendschrift „Ulenbrook", Emil Sonnemann. Gegen zwei weitere Lehrer schwebt noch die Voruntersuchung. Die Behörde bemüht sich mit allen Kräften, noch mehr Lehrern den Strick um den Hals zu legen. Das„Bremer Amtsblatt" sagt zu dieser Angelegenheit:, „Es ist anzunehmen, daß gegen die Lehrer, die als bewußte Teilnehmer an der Absendung des Bebeltelegramms im ganzen Umfang anzusehen sind, mit aller Entschiedenheit vorgegangen, im übrigen aber geprüft werden wird, inwieweit jeder einzelne mehr oder weniger aktiv bei der Sache beteiligt gewesen ist."- Der literarische Schutz. In der Donnerstag-Sitzung des Bundesrats wurde dem Ent- Wurf eines Gesetzes zur Ausführung der revidierten Berncr Uebereinkunft zum Schutze von Werken der Literatur und Kunst die Zustimmung erteilt._ franhrnch. Die Defraudation des Liquidators. Paris, 9. März.(Eig. Ver.) Die ungeheure Unterschlagung des Liquidators Duez— man spricht jetzt schon von 10 Mil- lionen— ist natürlich für die klerikale Presse, zumal dicht vor den Neuwahlen, ein gefundenes Fressen. Aber mag es auch unmöglich scheinen oder doch gewissenhaften Leuten widerstreben, aus diesem .Kriminalfall just der jetzigen Regierung und der radikalen Politik einen Strick zu drehen— hat doch gerade B r i a n d als Justiz- minister der Staatsanwaltschaft die scheinbaren Uebergriffe des Duez zur Kenntnis gebracht, und der Urheber des KongregationS- gesetzes Combes die Ueberprüfung der Rechnungen der Liquida- toren in der Senatskommisston mit großem Eifer betrieben— so bleiben die Zusammenhänge dieses Verbrechens mit der Korruption der regierenden Klasse unverkennbar. Neben der im kapitalistischen Wirtschaftssystem organisierten Destillierung von Mehrwert geht eine in großem Stil geübte Plünderung öffent- licher Gelder einher, die man mit Augurenlächcln einander nach- sieht. Sicherlich, das eigentliche Stehlen gilt als gemein, und darum wird auch die Tat des Herrn Duez die ungeheuchelte Ent- rüstung aller hervorrufen, die für die feineren Arten spitzbübischer Bereicherung sind; aber für diese hat der Spezialkodex der Herr- schenden eine solidarische Pflicht der Milde geschaffen. Als Duez noch nicht als ordinärer Defraudant galt, sondern nur im Ver. dacht stand, vermittelst phantastischer Kostenaufstellungen stiebitzt zu haben, hat ihm dqs Gericht statt der beantragten schimpflichen Absetzung eine Demission„aus Gesundheitsrücksichten" zugebilligt, die ihn gesellschaftlich decken sollte. Im übrigen mag der Fall Duez gröbliche Mängel der französischen Verwaltung aufdecken, seine gesellschaftsmoralische Bedeutung hat er in dem Augenblick ver- loren, da er in die bürgerlich-kriminelle Sphäre geriet. Nicht der Defraudant ist politisch interessant, sondern die Sippschaft der Liquidatoren, denen die Beute des Kampfes gegen die Orden zur legalen Ausweide zugeschanzt wurde, die biedere Gesellschaft kon- servativer Oppositioneller und„sozialistischer" Minister, die Hunderttausende und Millionen eingeheimst haben. Wohl ist auch damit die antiklerikale Politik, die zu dem Raubzug die Gelegenheit gegeben hat. nicht verurteilt, ebensowenig wie es die französische Revolution um der ungeheuerlichen Kor- ruption willen ist, die sich mit dem Verkauf der Nationalgüter verknüpft hat. Mit>der demagogischen Ausbeutung dieser Uebel durch die Reaktionäre hat die sozialistische Kritik nichts zu schaffen. Sie verliert sich nicht in moralischen Räsonnements über die an der Staatsmaschine betriebene Profitmacherei der regierenden Cliquen, die nur die grelle Krönung eines Ausbeutungssystems ist, aus dessen Greueln in Werkstätten und Bergwerken wie auf dem Gutshof auch die entrüsteten Regierenden von ehedem emsig Münz? schlagen. Spanien. Gegen den Klerikalismus. Madrid, 10. März. Bei einem Bankett, das zu Ehren SagastaS veranstaltet wurde, hielt Ministerpräsident C a n a I e j a s eine Rede, in welcher er au die Union aller linken Parteien den Appell richtete, dem massiven Block der Rechten die Stirn zu bieten, damit die Regierung die wachsende Invasion deS KlcrikalismuL bekämpfen könne. Cngiancl. Die Steigerung der FlottenauSgaben. London. 19. März. Die heutigen Morgenblätter widmen dem Flottenbudgct ihre Leitartikel.„Daily N e w S" schreibt. das Budget hätte unter anderen Umständen im ganzen Lande einen Sturm von Uebcrraschung und Entrüstung hervor- gerufen, bei der augenblicklichen Spannung der Geister aber müsse man fürchten, daß eS fast unbemerkt bleiben werde.—„Mor- ning Lcader" findet, eS sei wenig Grund vorhanden, mit dem Budget zufrieden zu sein. Erfreulich sei, daß die Kosten aus dcu ordentlichen Einnahmen und nicht durch eine Anleihe gc- deckt werden sollten.—„Daily C h r o n i c l e" rühmt dem Budget nach, daß es weder übertriebene Forderungen stelle noch alarmierend wirken könne. Die Interessen der Sparsamkeit seien nicht vergessen, die Sicherheit des Landes sei mit einer entsprechen- den Vermehrung, deren Tempo nicht forciere, gewährleistet. Durch daS Budget sei England bis zum März 1912 gesichert. Das Blatt fährt fort: Wir erwidern herzlichst die in letzter Zeit von deutschen Ministern und Botschaftern gehaltenen freundschaftlichen Reden und haben das Vertrauen, daß in den Beratungen über das Marinebudget jede Animosität und jedes Vorurteil gegen andere Völker vermieden wird.—„Daily Graphic" schreibt, das Land werde mit einem Gefühl der Erleichterung hören, daß die Ausgaben schließlich nach einer Skala aufgestellt seien, die den Be- dürfnissen der Nation entspreche.—„M o r n i n g P o st" hält die Ausgaben für ungenügend, besonders was die Vermehrung der Manuschasten und die Marinebautcn betrifft.—„S t a n, dard" äußert sich in ähnlichem Sinne und wünscht sechs Linien» schiffe anstatt fünf und mehr Kreuzer sowie eine Erhöhung deS MannschaftSbestandeS um 5000 anstatt 3000, GewerfefcbaftUchefl. Zielbewußte Kampfeaweife. Unker dieser Stichmarke stellt der Hirsch-Dunckersche„Teiverk verein" in seiner letzten Mttwochnummer einen„Streikbruch" von Zentralisten fest. Es handelt sich dabei wieder einmal um den Schutz, den dieses Organ zur angeblichen Vertretung von Ar beiterinteressen wiederholt den„Hirsch-Dunckerschen" Berliner Töpfern, einer notorischen Streik- und Sperrebruchgarde, ange- deihen läht. Diesmal erzählt der„Gewerkverein", daß seine Schutzbefohlenen bei einer Firma R o s i n s k i auf einem Bau in Tempelhof gearbeitet hätten, welche Firma öfters am Zahltage mit Lohnrückständen aufwartet. Hiergegen nahmen die Leute Stellung mit dem Erfolge, daß ihnen der rückständige Lohn wenigstens„zum Teil" ausgezahlt wurde. 100 3)1 aber sei der Unternehmer schuldig geblieben, weshalb die Leute die Arbeit niederlegten. Und nun geschah das„Ungeheuerliche": Die Zentralisten kamen und besetzten den Bau! Der„Gewerkverein" ist ob dieser unerhörten Tat so sittlich entrüstet, daß er einfach keine Worte findet und sich jeden weiteren„Kommentar" dazu ersparen will. Den Kommentar wollen aber w i r nunmehr geben. Daß es bei der Firma R o s i n s k i des öfteren mit der Lohnauszahlung haperte, stimmt. Wir fügen noch hinzu, daß diese Firma bisher unter Tarif bezahlt hat und deshalb schon seit geraumer Zeit von den zentralistischen Töpfern g e s p e rr t wurde. Ergo be� tätigten sich die von den Zentralisten angeblich so verräterisch be- handelten Hirsche als Sperre- und Tarifbrecherl Und weiterhin haben diese Leute auch auf dem Tempelhofer Bau ihren Loh n erhalten, allerdings erst nach Drängen ihrerseits. Am Montag darauf geriet nun R o s i n s k i mit ihnen in Streit, ent- ließ zwei Mann, und nun erklärten sich die übrigen auf dem Bau arbeitenden Sperre- und Tarifbrecher mit ihnen solidarisch und legten die Arbeit nieder. Die gute Folge war, daß sich R o s i n s k i dem Verbände gegenüber verpflichtete, wieder in allen Punkten den Lohntarif einhalten zu wollen und die Erklärung abzugeben, Hirsche oder Wilde überhaupt nicht mehr zu beschäftigen. Es lag also für den Verband gar kein Grund vor, diesen Hirsch-Dunckerschen Sperre- und Tarifbrechern gegenüber irgendwelche Solidarität zu bezeugen, und so nahmen die Zentra- listen bei R o s i n s k i die Arbeit auf. Gewiß, dieser Unternehme: ist auch nicht gerade stubenrein. Jedoch, da er sich nunmehr vcr- pflichtet hat, allen an ihn gestellten Anforderungen zu genügen. liegt kein augenblicklicher Grund zur Sperre mehr vor, zumal auch die Hirsche selbst erklärten, Forderungen auf dem Tempel- hofer Bau an R o s i n s k i nicht mehr zu haben. Allerdings sagten einige von ihnen, daß sie noch von einem Bau in Weißenses einige Mark zu erhalten hätten, was diese Helden aber nicht davon ab- gehalten hat, bei der gesperrten Firma weiterzuarbeiten. So also fleht es mit dem„Streikbruch" der Zentralisten aus. Es ist wirklich rührend, wie der„Gewerkverein" sich abmüht, zentralistischen„Streikbruch" zurechtzudestillieren. Und doch hätte es das Blatt so leicht, Hirsch-Dunckerschen Streik-, Sperre- und Tarifbruch festzustellen. Es hätte hier in diesem Falle nur erwähnen brauchen, daß ihre Schutzbefohlenen vor ihrer Arbeits- niederlegung auf einem Bau arbeiteten, dessen Unternehmer wegen Tarifbruch gesperrt war! Das aber fällt dem Blatte nicht ein. Dafür zetert es über„Streikbruch" der Zentra listen, sobald die letzteren etwas unternehmen, was einer solchen notorischen Streik- und Sperrebruchgarde nicht in den Kram patzt. Dann verlangt man zarte Rücksichtnahme. Eine traurige Heuchelei I Verlin unck Umgegend. Die Hilfsarbeiter im Buchhandel, das sind Hausdiener, Packer, Boten usw. in Buchhandlungen, Vcrlagsanstalten und Kolportage geschäften, müssen unter Bedingungen arbeiten, die keineswegs glinstig genannt werden können. Diese Arbeiter erhalten Wochen löhne von 22 bis 24 M., die nur in Ausnahmefällen auf 26 bis 23 M. steigen. Jugendliche Boten werden mit 12 bis 13 M. ent- lohnt. Die Boten der Scherlschen Bibliothek erhalten sogar nur 10 bis 12 M. ivöchentlich und einen Pfennig Provision für jede? abgesetzte Buch. Sie müssen 20 M. Kaution stellen, die ihnen in zehn Raten a 2 M. vom Lohn abgezogen wird. Die Arbeitszeit der zuersterwähnten Hausdiener, Packer usw. beträgt nach Abzug der Pausen täglich 10 Stunden. Aber bei leb- haftem Geschäftsgang, der dreimal im Jahre eintritt, nämlich zu Weihnachten und in den Schulbücherzeiten, müssen Ueb er stunden geleistet und auch Sonntags gearbeitet werden. Der AnstellungS- vertrag einer großen Berliner Verlagsfirma verpflichtet alle An- gestellten und Arbeiter zur Ableistung der Ueberarbeit. Für die regelmäßige Ueberarbeit in den flotten Geschäftszeiten sind Pauschalvergütungen festgesetzt, die am Schluß der betreffenden Geschäftsperiode ausgezahlt werden. Der Vertrag bestimmt aber ausdrücklich, daß nur diejenigen Anspruch auf die Pauschalvergütung haben, die zu der Zeit, wo sie fällig ist, noch im Geschäft tätig sind. Wenn also ein Arbeiter, der wochenlang Ueberstunden und Sonn- tagsarbeit geleistet hat, kurz vor Schluß der Saison aufhört, oder. was ja auch vorkommen kann, entlassen wird, dann hat er die Ueberarbeit ganz umsonst geleistet. Er bekommt keinen Pfennig dafür. Doch dies System der Pauschalvergütung, durch das der Arbeiter stets um den Lohn für die Ueberzeitarbeit geprellt werden kann, ist nicht die einzige bedenkliche Bestimmung des Arbeitsver- trageS. Er enthält auch— nicht nur für Buchhandlungsgehilfen, sondern auch für Arbeiter— die Konkurrenzklausel. Nach dem Vertrage darf kein Angestellter des Geschäfts während zweier Jahre nach Beendigung seines Arbeitsverhältnisses innerhalb Groß-Berlins eine Stellung in einem Buchhandlungsgeschäft annehmen oder sich an einem solchen direkt oder indirekt beteiligen.— Ein anderer Passus des Vertrages lautet:„Die Anstellung ver- pflichtet auch zur Dienstleistung in jeder der anderen hiesigen Firmen, an denen Inhaber der unterzeichneten Firma beteiligt sind oder sich beteiligen werden." Das ist eine Bestimmung, durch die die Persönlichkeit deS Arbeiters zu einer Sache herabgewürdigt wird, über die der Unter- nehmer nicht nur für sich, sondern auch für andere ganz nach Be- lieben verfügen kann. Daß derartige Vertragsbestimmungen von den Arbeitern als unwürdig empfunden werden, ist sclbstver- ständlich. Deutfches Reich. Von Ludwig Rexhäuser erhält die„Bergarbeiter-Zeitung" folgende Erwiderung: „Leipzig, den 3. März 1910. Werter Herr Kollege! Auf Grund des seit Jahren andauernden guten Verhältnisses, das nicht nur zwischen Bergarbeitern und Buchdruckern besteht, sondern auch zwischen den Redaktionsleitungen der beiden Organe, erlaube ich mir, Sie um Aufnahme der nachstehenden Zeilen zu bitten: In Nr. 10 der„Bergarbeiter-Zeitung" bringen Sie einen Artikel mit der Ueberschrift:„Auf falschem Wege". Darin ist die Rede von einem persönlichen Haß, der mich gegen den s.-d. Reichs- tagsabgeordneten Richard Fischer beherrschen und die Triebfeder dafür sein soll. Mißstände im ,.VorwärtS"-Betrieb„seit Jahren" im„Korrespondent" zu geißeln. Diese Kritik soll nach Ihrer Auf- fassung„weniger schlimmen Zuständen im„Vorwärts"-Betrieb" als vielmehr der Befriedigung persönlichen Hasses Richard Fischer gegenüber zu schulden sein. Dazu hätte ich obzektiv zu bemerken, daß ich niemals Ver- anlafsung genommen hätte, den.,Vorwärts"-Betricb im„Korre- spondent" zu erwähnen, wenn nicht bei der letzten Tarifbewegung (1906) der„Vorwärts" mich dazu p rovo ziert hatte. Meine Samalige Kritik bestand aus wenigen Zeilen katsächlicher Feststellungen und zum Zwecke der?lbwehr durchaus unmotivierten Angriffen auf unser Tarifabkommen gegenüber(Nr. 121 des „Korr."). Die Haltung des„Vorwärts" war eine derartige vcr- bands- und gewerkschaftsschädigende, daß sich sogar das „Correspondenzblatt" der Generalkommission dagegen wandte. Da glaubte nun R. Fischer dem„Vorwärts" zu Hilfe eilen und der deutschen Arbeiterwelt verkünden zu müssen, daß ein gleich schäm- und charakterloseres Jndiviuum wie der„literarische Bravo" Rex- Häuser auf der Welt nicht mehr herumläuft. Meine Widerlegung der Fischerschen Argumentation, soweit sie tatsächlicher Natur war. erfolgte in Nr. 128 des„Korr." auf Grund des Materials aus dem „Vorwärts"-Personal selbst. Mit dem Leugnen notorischer Tat- fachen und einer beispiellosen persönlichen Beschimpfung meiner Person glaubte Fischer mich„widerlegt" zu haben. Darin sah er sich allerdings mehr oder minder angenehm enttäuscht, denn sein inhaltlich jeder Berechtigung entbehrender Angriff brachte mir den Beweis, daß es Fischer gegenüber für alle Zeit keine Rück- sichten mehr geben dürfe. „Haß" ist nicht die richtige Bezeichnung für das Gefühl, das mich Fischer gegenüber beherrscht. Mir kann Herr Fischer nichts warm und nichts kalt machen, wie man in unserer gemeinsamen engeren Heimat zu sagen pflegt, warum sollte ich ihn also hassen? Für mich ist Fischer Luft, so lange er grundlos oder in herabsetzen der Weise nicht die Buchdrucker oder mich persönlich angreift. Der Mann, der das klassische Wort geprägt:„Ach was, persön- liche Ehre des Arbeiters!" ist wirklich nicht zu hassen. denn mit diesem Ausspruch hat er sich als Arbeiterführer selbst außerhalb der denkenden Arbeiterschaft gestellt. Ein anderer Arbeiterführer würde in seinem Amte einen solchen Ausspruch nicht lange überleben. Dann nehmen Sie Bezug auf die von mir angekündigte Bro schüre über Richard Fischer, den„Vorwärts"-Betrieb und die Sozialdemokratie. Sie ist lediglich als Verteidigungsschrift ge dacht. Wenn Sie dabei im vorherein schon von einer Broschüre „ä la Korbmacher Fischer" reden, so ist das zwar für mich ver- letzend, aber völlig daneben treffend. Sie dürften denn doch meiner sehr langen Tätigkeit als gewerkschaftlich organisierter Arbeiter etwas mehr vertrauen, als ohne weiteres mich mit irgendeinem hergelaufenen Subjekt in einem Atemzug zu nennen, das zum Zwecke der bewußten Schädigung der Arbeiterinteressen sich dem Meistbietenden prostituiert.„Aber eine Grenze kennt Tyrannen macht", und eine Grenze gibt es auch für mich in einer seit vielen Jahren andauernden unerträglich gemeinen persönlichen Beschimpfung, der ich bis heute noch aus sozialdemokratischen Kreisen ausgesetzt bin. Deshalb muß ich an der Hand von Belegen, von Tatsachen und Zeugen aus der Sozialdemokratie selbst heraus mir diejenige Genugtuung verschaffen, die ich mir schuldig bin, da alle anderen Wege, zu meinem moralischen Recht als Arbeiter zu gelangen, mir gewalttätig verschüttet sind. Ich spreche damit keine Drohung aus, gehe einer solchen aber auch nicht aus dem Wege. Die Folgen mögen über mein Haupt kommen; ich habe schon Schwereres ertragen und werde das auch noch zu ertragen wissen im Bewußtsein meines guten Rechts. Im Gegensatz zur sozialdemokratischen Presse, den sozialdemokratischen Führern, sowie dem gesamten Parteiapparat stehe ich allein und schutzlos, so daß der Selbsterhaltungstrieb als ehrlicher Arbeiter mir einen anderen Ausweg nicht mehr übrig läßt. Wissen Sie einen besseren, ich wäre Ihnen dankbar. Wenn Sie zum Schluß auf das Bedürfnis der Einigkeit in ser Arbeiterbewegung hinweisen, so bin ich selbstverständlich darin mit Ihnen einverstanden. Das möchten aber jene Leute in der Sozialdemokratie, die jetzt Ihre diesbezüglichen Ausführungen nachdrucken oder empfehlen, beherzigen, die in jenen Zcitläufen, da unser Verband in schwerer Zeit die Einigkeit so nötig hatte, wie das tägliche Brot(1878, 1888, 1896, 1301, 1306), namenS der Sozialdemokratie Unfrieden, Uneinigkeit, Zersplitterung und per- sönlichen Haß in unseren Verband hineingetragen haben und jetzt für all das und noch mehr„den Rexhäuser" verantwortlich machen möchten. Jene Leute eignen sich jetzt recht schlecht als Prediger von Einigkeit in der Arbeiterbewegung mir gegenüber. Mit kollegialem Gruß! Ludwig Rcxhäuser." Die„Bergarbeiter-Zeitung" will sich jedoch von Herrn Rex- Häuser, auch wenn er im Schafskleid aufritt, durchaus nicht zu seinen Anschauungen bekehren lassen, und antwortet ihm: „Wir bedauern, dem Kollegen Rexhäuser gegenüber noch mals betonen zu müssen, daß die Veröffentlichung der von ihm angedrohten Broschüre eine Handlung wäre, gegen die wir als Gewerkschaftler mit aller Entschiedenheit Stellung nehmen wer- den. Bei einigem guten Willen dürfte Rexhäuser selbst den Weg finden, der dazu führt, den unleidlichen Streit zwischen ihm und Fischer aus der Welt zu schaffen. Wozu gibt es eine Generalkommission der deutschen Gewerkschaften und eine Lei- tung der sozialdemokratischen Partei?" Zu dem. was Herr R e x h ä u s e r in seiner Zuschrift an die „Bergarbeiter-Zeitung" über die Stellungnahme des„Vorwaris' zu der Tarifbewegung sagt, möchten wir nur bemerken, daß diese in einer sachlichen Kritik über die Geringfügigkeit der Zuge- ständnisse im Prinzipalslager und einer Warnung vor dem Be- treten von Bahnen bestand, die für die Arbeiterbewegung Gefahren bringen könnten. Der„Vorwärts" war sich darin eins mit Zehntausenden von Mitgliedern deS Buchdruckerverbandes. Und das Bedauerlichste ist, daß die Folgezeit den Buchdruckern die Be- rcchtigung seiner Einwände leider allzuklar erwiesen hat. Unternehmerrache. Arbeiterentlassungen größeren UmfangeS sind von der großen Holzimportfirma Havemann u. Sohn in Lübeck vorgenommen worden, weil in einer Notiz im Lübecker Parteiblatt die unerquicklichen Akkordverhältnisse bei der Firma in Erörterung gezogen waren. Daraufhin wurden 22 Ar- beiter wegen„Beschäftigungsmangel" auf die Straße geworfen. Merkwürdigerweise solche, die zehn und elf Jahre bei den Herren gerackert hatten. Drei waren sogar schon 23 Jahre von der feinen Familie ausgebeutet worden. Sämtliche Gemaßregelten waren organisiert. Echt kapitalistisch! Erfolgreiche Kämpfe der Konfektionsarbeiter. Die ausständigen Konfektionsarbeiter in Stuttgart haben am Mittwoch die Arbeit wieder aufgenommen, nachdem sie einen recht netten Erfolg errungen haben. Beim Heimarbeitertarif wurde ein Aufschlag von 20 Pf. für alle Großstücke und 10 Pf. für alle Kleinstück« bewilligt. Für Extraarbeiten werden höhere Löhne gezahlt. Ein wesentlich verbesserter Tarif wurde für die Zu- schneide: akzeptiert; der neue Werkstättentamf sieht eine mindestens Sprozentige Lohnerhöhung vor. Der Streik der Damenschneider in Nürnberg, an dem 195 weibliche und 63 männliche Arbeiter beteiligt waren, ist eben- allS beendet. Im neuen Tarif wurde eine wöchentliche Arbeits- zeit von 5514 Stunden festgelegt. Die Löhne erfuhren zum Teil Aufbesserungen von 30 und mehr Prozent. Der Bremerhavener Ortsverein der Schneider hat mit dem Arbeitgeberverband der Branche einen für die llnterweserorte gültigen Tarif abgeschlossen, der den Arbeitern wesentliche Vorteile bringt._ Lohnbewegungen der Gürtler. Der Allgemeine Deutsche Gärtnerverein befindet sich zurzeit in verschiedenen Städten in Lohnbewegungen. Die Bewegung in Hamburg betrifft nur die Landschastsbranche. Schon im Juli vorigen Jahres haben die dortigen Unternehmer dem Verbände an- geboten, mit ihm einen Tarifvertrag abzuschließen. Die Verhand- lungen zogen sich indes in die Länge und sind noch nicht abge- -chlossen. In Bremen kündigten die Arbeiter den seit 3 Jahren laufenden Tarifvertrag. Ueber die neuen Forderungen sollte am 1. Februar mit den Unternehmern verhandelt werden. Die Ver- treter der Unternehmer lehnten eS jedoch ab, mit den Vertretern der Gewerkschaft zu verhandeln. Später teilten sie mit, daß sie Berantw. Redalt.: Richard Barth. Berlin. Inseratenteil verantw.: Uh. Glocke. Berlin. Druck«.Verlag: Borwärt» Buchdr.u.verlag»anttal» Wohl das berechtigte Streben der Arbeiter, ihre wirtschaftliche Lag« zu verbessern, voll würdigen und anerkennen, aber wegen der„da- niederliegendcn Geschäftsverhältnisse" nicht in der Lage seien. Auf- besserungen zuzugestehen. Demnach erscheint es als aussichtslos, auf friedlichem Wege eine Verständigung zu erzielen. In Lübeck sind den Unternehmern die Forderungen durch Zirkularschrejben einzeln unterbreitet worden. Hier trat sogleich eine kleine Wirkung ein, indem die größte Firma ihren Arbeitern eine kleine Zulage gewährte, offenbar, um der Bewegung die Stoßkraft zu nehmen. Es wird auch hier eine Tarifvereinbarung erstrebt. In D ü s s e l- d o r f hat der Verein der Gärtnereiunternehmer es abgelehnt, sich auf Verhandlungen einzulassen, weil er sich„nicht kompetent" erachtet, für die Gesamtheit einen Vertrag abzuschließen. Jenem Verein gehören 75 Proz. aller in Frage kommenden Unternehmer an. In der Landschaftsgärtnereifirma Berz u. Schwede in Stuttgart haben die Gärtnereiarbeiter durch Verhandlung mit der Firma eine Lohnerhöhung von vorläufig 2 Pf. die Stunde er- reicht. Während der Verhandlungen erklärte der Firmeninhaber, Herr Berz, der Verhandlungskommission, daß er das Bestreben um höhere Löhne durchaus billige. Wenn diese heute noch so niedrig seien, so sei das aber ausschließlich Schuld der Arbeiter selbst. Diese sollten sich so organisieren, daß sie geschlossen vorgehen und ihre Forderungen bei allen Unternehmern der Branche geltend machen könnten. Dann würde sich ganz leicht ein Tarifvertrag zustande bringen lassen, dessen Lohnsätze den Zeitverhälinissen an- gepaßt sind. Sollte es aber zu einem Streik kommen, so werde er eine Teilnahme daran seinen Leuten nicht verargen und nach Beilegung der Differenzen könnten sie alle wieder bei ihm be« schäftigt werden. Nicht die höheren Löhne seien es, die den reellen Unternehmer schädigen, sondern vielmehr die Schmutzkonkur- renz, die Unternehmer mit schlechten Lohnverhältnissen ausüben, — Einen derart einsichtsvollen Standpunkt nehmen leider nur sehrwenige Unternehmer ein. Weitere Lohnbewegungen sind noch in Barmen und Nürnberg zu verzeichnen._ Lohnbewegungen in der Lederwarenindustrie. Der Zentralverband der Lederarbeiter und-arbeiterinnen hak wieder einige Bewegungen erfolgreich beendet. Jn� Burg bei Magdeburg wurde eine Lohnbewegung der Handschnhnäherinnen in voriger Woche beendet. Die Mehrzahl der Firmen hatte die Forde- rung der Näherinnen bereits bewilligt. Zwei Handschuhfabriken und 2 Nahtfaktoren weigerten sich, den höheren Nahtlohn zu zahlen. Durch Eingreisen der Schlichtungskommission wurden auch diese 4 Firmen zur Bewilligung der Forderung veranlaßt. Die Er- HöHnng beträgt 12 Pf. pro Dutzend Handschuhe.— In H e i d i n g s- feld wurde die Tariferneuerung der Weißgerber mit Erfolg be- endet. Die Arbeitszeit wurde von 914 Stunden auf 9 Stunden pro Tag verkürzt. Der Stundenlohn wurde um 5 Pf., für Ma- schinenarbeiter um 6 Pf. pro Stunde erhöht. Die Stücklöhne wurden um 7 bis 10 Proz. erhöht. Es wurde ein dreijährigex Tarifvertrag abgeschlossen. In St. Ilgen bei Heidelberg wurde ebenfalls für die Weiß- gerber ein dreijähriger Tarifvertrag abgeschlossen. Der Stunden, lohn wurde um 3 Pf. pro Stunde erhöht. Die Stücklöhne erfuhren eine entsprechende Ätcigerung. Tie Bewegung der Weiß- und» Sämischgerber in K a r l s r u h e- M ü h l b u r g und Z e u t e r n bei Bruchsal zur Verbesserung der bestehenden Tarifverträge ist noch nicht beendet. Die Arbeiter wünschen für den Abschluß eines neuen Vertrages die Verkürzung der Arbeitszeit auf 9 Stunden pro Tag. Für Arbeiter, die über 3 Jahre im Betriebe tätig sind, Gewährung eines jährlichen Urlaubs von 6 Tagen, unter � zahlung des Lohnes. Die Stunden- und Akkordlöhne sollen fi einzelnen Arbeiterkategorien entsprechend erhöht werden. Der Vertrag soll wieder 2 Jahre Geltung haben. In Görlitz haben die Sämischgerber den Tarifvertra.. kündigt. Sie fordern Erhöhung des Stundenlohnes um 3 Pf. Stunde._ Versammlungen. Der Verband der baugewerblichem Hilfsarbeiter Deutschlär Zweigverein Berlin und Umgegend, hielt am Sonntag in � Arminhallen seine außerordentliche Generalversammlung ab, den Bericht der Delegierten von dem in Leipzig stattgehabten � bandstag entgegen zu nehmen. Kupsch, Röser und Gräbt teilten sich in die Berichterstattung. In der Diskussion rügte O k o n s k i die Nichtbeteiligung des Zweigvorstandes an der vom Verbandsvorstand aufgenommenen Statistik. ,Die redaktionelle Leitung des Verbandsorgans befriedige ihn. Er bespricht dann den Fall Roche, der wegen seiner Broschüre„Aus dem roten Sumpf" aus dem Verbände ausgeschlossen sei. Der Ausschluß sei gutzuheißen, denn Roche zeige sich, indem er mit dem Vorfitzenden des hiesigen Kartells der Syndikalisten gegenwärtig eine Agitation?- tour nach dem Rheinland unternimmt, als bezahlter Agitator der Lokalisten. In dem Streit zwischen dem bisherigen Gauleiter Peters und dem Kollegen Zeisig habe der Verbandsvorstand mit der Unterstützung des crsteren in seiner Privatklage einen Fehler gemacht. Die sich gegen die Durchbrechung der Kartellver« träge richtenden Beschlüsse seien zu begrüßen. Auch der doppelte Beitrag ist notwendig, zu bedauern sei nur, daß ein solcher Be- schluß nicht vom gemeinsamem Verbandstage gefaßt ist. Die Maurer haben nun ihrerseits einen solchen Beschluß nicht gefaßt. Für die Kollegen sei es schmerzlich, jede Woche IPV M. zu zahlen, während die Maurer einen bedeutend geringeren Beitrag zahlen. Obwohl er Gegner jeder Unterstützungseinrichtung sei, begrüßt er es, daß die Winterkrankenunterstützung beibehalten worden ist. Ge- wünscht hätte er aber, daß die Arbeitslosenmarke, die er als un- gerecht bezeicbnet, beseitigt worden wäre. Im übrigen erkenne auch er an, daß die Delegierten den Willen hatten, etwas Gutes zu schaffen. Heidemann bedauerte den Ausschluß PeterS, der zweifel- los stets bestrebt war, sein Bestes für die Organisation zu tun; er habe noch alle Achtung vor ihm. Die Hauptsache jedoch sei. daß die Verschmelzung zustande gekommen ist. Mit den Arbeiten des VerbandstageS könne man zufrieden sein. Munkowski nimmt den Ausschuß gegen die an ihm auf dem Verbandstag geübte Kritik in Schutz. Schilling spricht im Sinne der bisherigen Redner. Er bedauert es, daß die Berliner Bauarbeiter ohne entsprechende Entschädigung für die Organisation nichts mehr tun wollen; dem vi auch wohl die Nichtbeteiligung des Berliner ZweigvereinS an )er Statistik zuzuschreiben. Redner hofft, daß nunmehr der noch ehr verbreitete Dünkel unter den Maurern, sie seien etwa? Besseres als die Hilfsarbeiter, bald verschwinden werde. Hierauf wurde beschlossen, die Diskussion über die Berichte in der nächsten Versammlung fortzusetzen. Letzte jVadmcbtcn und Dcpcfcbcn. Vorpostengefecht in Marokko. Madrid» 10. März.(B. H.) Wie aus Casablanca berichtet, wurde ein Vorposten der fliegenden Kolonne des Generals MoinierS Dienstag nacht von etwa 800 Mitgliedern deS Stamme? der Soers überfallen. Die Angreifer wurden mit Verlusten zurückgeschlagen» auf französischer Seite waren keine Verluste zu verzeichnen. Der Streik in Philadelphia. Philadelphia, 10. März.(B. H.) Die Nachtschicht der Baldwin- Lokomotivwerte ist teilweise im Streik, so daß zweifellos von 10 000 Arbeitern die Hälfte ausständig ist. Diese Tatsache macht gewaltigen Eindruck vornehmlich in Arbeiterkreisen, da die Arbeiter der Baldwinwerke gar nicht organisiert find. An fünf Stellen kam eS zu Ruhestörungen._ Paul Singer& Co.. Berlin LW. Hierzu 3 Beilageu«. Uaterbaltuu«»»». it. 59. Z7.?ahtMs. 1. Kilm des Jumits" Kerlim ftfilotj, II. Uiq 1910. Reichstag. 68. Sitzung vom Donnerstag, den 10. Närz, nachmittags 1 Uhr. Am BundeSratStisch: Kraetke. Die Beratung deS Etats der RcichSpost- und Telegraphenverwaltung Wird beim Titel.Staatssekretär" fortgesetzt. Hierzu hat die B u d g e t k o m m i s s i o n beantragt, den Reichs- kanzler zu ersuchen, in eine Prüfung darüber einzutreten, ob die Post- Verwaltung in den Schutzgebieten an die Lerioaltung der Schutz- gebiete anzugliedern sein möchte. Die Abgg. Basser mann und Gen.(natl.) beantragen eine Resolution, in der ein ständiger Beirat für Post- und Tele- graphenangelegenheiten aus Vertretern deS Handels, der Industrie, der Landwirtschaft und des Handwerks gefordert wird. Die Äbgg. Albrecht und Genossen sSoz.) beantragen, in dieser Resolution hinter.deS Handwerks" noch einzufügen:„und der Ar- beiter". Abg. Zudeil(Soz.): Von verschiedenen Seiten des Hauses ist bereits darauf hin- gewiesen, daß die Einrichtungen unserer Post nicht mehr auf der Höhe stehen. So ist durch den Wegfall des Ankunfts- sicwpels es jedem unmöglich gemacht, festzustellen, an wem die Schuld verspäteter Briefbestellung liegt. Doch will ich darauf nicht eingehen. aber ganz energisch müssen wir uns wenden gegen die Einschränkung des Personals der Unter- beamten. Der Verkehr ist von Tag zu Tag gestiegen. Wachsender Berkehr und Verminderung des unteren Personals bringt eine ungeheure Mehrbelastung der unteren Beamten nebst Verlängerung ihrer Dienstzeit ohne Rücksicht auf die Be'chliisse des Reichstags. Alle Parteien haben darauf hingewiesen, dah eine Dienstzeit von 60 Stunden wöchentlich vollauf genug ist. Aber im gegenwärtigen Etat und wohl auch in dem nächstjährigen und für eine weitere Reihe von Jahren ist eine Vermehrung der Unterbeamtenstellen nicht vorgesehen, so datz bei dem wachsenden Verkehr selbstverständlich eine Ueber- lastung der Beamten erfolgen muh. Verschiedene Oberpostdirektionen haben auch einfach verfügt, die Zahl der Dienststunden aus 69 und 70 zu verlängern.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) In dem industriereichen Bezirk Düsseldorf sind 311 AuShelfer entlasten, die die Hoffnung hatten, in ganz kurzer Zeit fest angestellt zu werden. Indem man 30 Aushelfer rücksichtslos auf die Slrasie wirst, spart man freilich 30 mal 2,50 M. pro Tag, das ist 27 375 Mark pro Jahr. Rücksichtsloser kann auch kein Privatunternehmer vorgehen. Täglich fallen nun auch 30 mal lll'/« Dienststunden weg. das sind 315 Stunden pro Tag, die nun durch die übrigen Unterbeamten mitverrichtet werden müsten. Um so auf- fallender ist, das; in demselben Bezirk, in derselben Zeit eine Reihe neuer Stellen für obere Beamte geschaffen ist: ein Inspektor mit 4000 M. Gehalt und 920 M. Wohuungsgeld, ein Obersekreiär mit 3700 M. und 760 M. Wohnungsgeld, ein Sekretär mit 2700 M. und 630 M. WohnungSgeld und eine Reihe weiterer Beamtenstellen, die im ganzen eine Ausgabe von fast 50 000 M. pro Jahr der- Ursachen! DaS ist eine Illustration des Kraetkeschen Spörens. Wenn unsere Postverwaltnng nicht auf der Höhe des Verkehrs steht, so ist sie doch vorbildlich für alle übrigen Reichsämter, wenn es sich uni die Maßregelimg von Beamten und Arbeitern handelt, die sich erlaubt haben, das System Äraetke nach irgend einer Richtung zu kritisieren. Als im vorigen Sommer und Früh� jähr wegen der Besoldungsvorlagen die Wogen der Erregung sehr hoch gingen, fingen auch die Beamten aller Restorts sowohl im Reiche wie in den Einzelstaaten an, ungeduldig zu werden, als ihnen durch die Vorlage klar geworden war. dah ihren berech- tigten Wünschen und Forderungen nur zum Teil Rechnung gelragen wurde. Zum 18. April V. I. riefen die Beamten eine grohe Versammlung nach der Hasenheide ein, und dort fiel manch hartes, herbes, aber zutreffendes Wort gegen die Regierung, die Parteien und vor allen Dingen auch gegen das preuhische Herrenhaus. Die Herren an der Spitze der Reichsämter hat das sehr stark verschnupft, und wenige Tage nach der Kundgebung konnte man in der konservativen Presse lesen, man müsse gegen die Beamten, die gewagt haben, gegen den Stachel zu lecken, einschreiten! Unter diesen Beamten befand sich auch der kleines fcuillcton. „München 1910." Oberammergau, Ma� Reinhardt, Orientalische Teppichausstellung, Musiksest, Wagner-Fesi'piele, Säkularfeier des Okiobersestes, Mozartfestspiele. Parseval-Passagierfahrten a 300 Mark, Uraufführung von Gustav Mahlers VIII. Sinfonie mit 1500 Mit- wirkenden— Bumbum!— Oskar StrauS und LSHar Franzi höchst- eigenhändige Walzertakistockschwinger— Bumbnmbum 1— wird das eine goldene Ernte diesen Sommer und Herbst werden für die Groh� und Ehrenritter der Münchener Fremdenindustrie! Die internatia nalen zahlkräfligen Besucher Obera in mergauS sollen natürlich »das Hauptkontingent der auf und über dem AuSstellungSpark zu rupfenden Fremden stellen. Und der übergeschäftige Reklame- Ausschuh der AusstelluugSleilung bringt das Wort Ober- ammergau gar nicht mehr aus dem Mund. Auch JulinS Diez, der konkurrenzlose Münchener Plakatzeichner, hat auf seinem recht geschmacklosen AnsstellungSplakat das orientalische Teppich-Gschuas init dem nazarenischen Passionsspiel gewaltsam zusammengekuppelt. .München 1910" rechnet aber stark auf die Passionsgäste und ihre unbegrenzte Anpassungsfähigkeit: Heute das Erlöserdrama, morgen Oskar Straus! Da die„erstklassigen M u s i k f e st e der Ausstellung München 1910" unseren durch die skandalösen Ereignisse des Münchener Mnsikerkriegs von 1908 verloren gegangenen Ruf als .führende Musikstadt Süddeutschlands" wieder herstellen sollen, hat man für einen würdigen Raum Sorge getragen I Die Prinz- Lugwighalle aus der Ausstellung ist durch Theodor Fischer und den RegierungSbaunieister Geiger in eine kolossale Musikhalle umgewandelt worden, die berufen sein soll, die vielerörterte Frage der modernen K o n z e rtsa a l r e fo rni oder des Refornikonzert- saales der Lösung näher zu bringen. Die Münchener Mnsikfesthalle repräsentiert sich als ein rechtwinkliger Raum mit drei amphi- theatralisch aufgebauten Rängen, die über 3000 Sitzplätze enthalten. Das riesige Doppelpodium niit Orgel saht bequem einen Orchester- und Chorkörper von 800 Personen. Dah das Prinzip des Amphi- theaters auch für den Konzertsaal der Zukunft die einzig zweck- mähige, weil optisch und akustisch zweckentsprechende Form sein wird, ist dem erfahrenen Architekten Fischer nicht entgangen. Frühere Er- fahrungen haben ihm dabei zur Seite gestanden. Wie steht es nun mit der Akustik der Musikhalle? Die erste Probe, zu der als Saal- fiillung ein Regiment Infanterie kommandiert war, ergab kein sehr günstiges Resultat. Hoffentlich wird die schleunigst einzuhauende Schallniuschel diese Mängel beseitigen. Dann steht dem Massen» betrieb moderner Musik als Bildungsmittel für die soziale Ober- schicht— das Volk ist selbstverständlich wieder von den Kunstgenüssen der Ansstellung 1910 so gut wie auSgeschlosten und auf den Auf- enthalt im Vergnügungspark oder Wurftlprater angewiesen— nichts «ehr im Wege. m. Rothschild und das Papsttum. Das Mnseo del Risorgimento in Rom hat unlängst ein Autograph Pius' IX. erworben, daS im Jahre 1870 an eüien italienischen Prälaten in Paris gerichtet wurde und dem Empfänger den Auftrag gab, von dem Haufe Rothschild dem Oberpostassistent Zollitsch, der Vorsitzende deS Verbandes der mittleren Reichspost- und Telegrapheubeamten. Das Organ dieses Verbandes, die„Deutsche Postzeitung", hatte auch einige Artikel gebracht, die das Mißfallen des Staatssekretärs erregt hatten. Die Hetzereien der konservativen Presse hatten Erfolg, und als erster auf der Strecke blieb der Ober- postassistent Zollitsch! Es wurde gegen ihn ein Disziplinarverfahren auf Amtsentsehung eingeleitet, weil er die Zensur über die.Deutsche Postzeitung' nicht scharf genug gehandhabt habe. Er war eben der Post Verwaltung unbequem geworden, weil er eS verstanden hatte, die Jntereffen seiner Standesgenossen zu wahren! In ihm sollte daher nicht bloß die Person Zollitsch getroffen werden, sondern der Verband, der Herrn Kraetke schon lange ein Dorn im Auge war. wie überhaupt alle Organisationen von Angestellten. Zollitsch hatte 21 Jahre tadellosen Dienstes hinter sich! Der Staatssekretär aber wollte mit der gepanzerten Faust jedes Vorwärtsstreben der Beamtenwelt, jede freie Meinung?- äußerung der Beamten unterdrücken. Dieses brutale Vorgehen wird hoffentlich dazu beitragen, den Beamten und Unterbeamten zu zeigen, daß sie die energische Pflicht haben, zusammen zuhalten, daß ihnen zum Bewußtsein kommen muß. daß sie nicht nur Beamte, sondern auch Menschen sind.(Zustimmung bei den Sozialdem.) Die Rache des Staatssekretärs gegen Zollitsch ist nicht ganz geglückt. Die Disziplinarkammer sprach nicht die Dienst- entsetzung aus, wohl aber die Strafversetzung unter Verminderung deS Dien st einkom mens um ein Sechstel und unter Auferlegung der Kosten des erfahre ns! Ging der Staatssekretär schon gegen die Beamten so rückstchtS- loS vor, so noch viel rücksichtsloser gegen die Arbeiter und Arbeiterorganisationen. Hier hat er ja nicht erst ein langwieriges Disziplinarverfahren nötig, sondern kann mit seiner gepanzerten Faust unmittelbar eingreisen, wie es gegen den Telegraphenarbeiter Vallentiu geschehen ist, den Vorsitzenden deS Telegraphenhandwerker- und ArbeiterbundeS, der im September V. Js. plötzlich entlassen wurde. Auch hier handelte es sich in erster Linie um zwei Zeitung? artikel; der eine beschäftigte sich mit dem Aufsehen erregenden Fall Zollitsch und sprach Zollitsch die Synipathie der Arbeiter aus, der zweite trug die Ueberschrift.An die Gewehre!" und richtete sich mit keinem Worte gegen die Verwaltung sondern forderte die Mitglieder des Bundes auf, sich zum Kampfe zur Durchführung ihrer Lohnforderungen zu rüsten. Nachdem beide Artikel im Organ des Bundes erschienen waren, gab Vallentin dem Druck der Behörde nach, welche von ihm verlangte, er solle erklären, er habe die beiden Artikel vor ihrem Erscheinen nicht gelesen. Es war ihm mitgeteilt morden, die Angelegenheit sollte damit für ihn erledigt fein! Run hatte der Arbeilerausschuß be schlössen, wenn die Postbehörde wiederum eine Lohnerhöhung ab lehnte, solle eine öffentliche Versammlung einberufen werden, um die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf die un- genügenden Verhälmisse der Telegraphenarbeiter zu lenken. Mit der Ausführung des Beschlusses wurde selbstverständlich der Vorsitzende des Bundes. Vallentin, beauftragt. Die Behörde antwortete den Arbeitern, daft kein Grund zu einer Aufbesserung der Löhne vorliege! Als nun die Versammlung zum 19. September einberufen wurde, wurde Ballentin am 18. auf die Oberpostdirektion bestellt und ihm eröffnet, die Versammlung dürfe nicht stattfinden, er müsse sie auf seine Kosten rückgängig machen!(Hört! hört! b. d. Sozialdemokraten.) Als er sich weigerte, erklärte die Oberpostdirektion, sie würde die Kosten übernehmen. Aber auch jetzt lehnte Vallentin ab, da er nur der Beauftragte deö ArbeiterausschusseS der Telegraphenarbeiter sei. Die Versammlung fand statt und Vallentin referierte und kritisierte dabei die Postverwaltung, wie die Presse aller Parteien anerkannte: in sehr bescheidenen Grenzen. Darauf wurde er, nach- dem a>n 20. September eine Konferenz aus der Oberpostdirektion stattgefunden halte, am 21. aufs Telegraphenbauamt gerufen, und dort wurde ihm erklärt, er solle seine Ausführungen wider- rufen und in den Tageszeitungen bekannt machen, seine Aus- führungen in der Versammlung seien unzutreffend gewesen, die Löhne der Telegraphenarbeiter, Vorarbeiter und Handwerker seien vielmehr ausreichend, und die Arbeiter hätten keinen Grund, über päpstlichen Stuhle ein neues Darlehn auszuwirken. In dem Briefe wird dem Prälaten aufgetragen, Rothschild zu sagen, daß der Papst Geld brauche.„Er soll nickt den Geizigen spielen," bemerkt Pius,„denn diesmal wie die anderen Male wird er nichts verlieren. Rothschild soll daran denken, daß er recht gute Geschäfte mit dem heiligen Stuhl gemacht hat." Weiter bemerkt der Papst, daß das Schiff des hl PetruS trotz de» heftigen Sturmes nie untergehen könne. Das Papsttum hatte schon ftüher Geschäftsverbindung mit Rothschild gehabt. Zuerst hatte Gregor XVI ein Darlehen aufgenommen, zu dem niedlichen Zinsfuß von 75 Proz. Die Sache wurde damals von den Liberalen festgenagelt. Zur Rechtfertigung Rothschilds wurde gesagt, daß dieser als Jude nicht an die ewige Existenz der Kirche zu glauben brauche und daher sein Darlehen für unsicher halten müsse. Pius selbst hatte Darlehen von Rothschild in den Jahren 1850, 1856 und 1863 erhalten, immer zu sehr ungünstigen Be- dingnngen. Das letzte Darlehen, von dem in unserem Dokument die Rede ist, wurde abgeschlagen, und das war ein Glück für die italienische Regierung, da sie ja nach dem Fall der Papstherrschaft für alle Schulden des Kirchenstaates aufkommen mußte. Masik. Bolkö-Oper.„Kalif Storch' nennt sich, nach Wilhelm Hauffs gleichnamigem Märchen, diese Novität, für deren Verfasser- lchaft als Libretiist und Kompositeur Herr Max Es mann, ein Jenaer Oberlehrer, verantwortlich zeichnet. Das Dichten scheint ESmannS Hauptstärke nicht zu sein. Von Dramawrgie und Bühnentechnik hat er keine Ahnung. Die Personen gehen und kommen, grab„wie'S trefft". Wenn sie Witze machen. so sind sie weder von Kala« noch von anderswoher. Nachdem Kalif und Vezir als Störche herumwandern, offenbaren sie dem Publikum die Neuigkeit, daß ihres Gewandes Zeichnung den Farben der deutschen Reichsfahne entspreche uslv. Im übrigen hat der Text- dichter dem Musiker redlich vorgearbeitet Er bringt eine ver- wunschene Prinzessin, einen Mohr, Zauberer. Zigeuner, Hofleute, ja den Satan selbst auf die Bretter. Und nun wird lustig drauf loS komponiert. Wir kriegen Arien, traurige und fröhliche, Duette und Chöre zu hören. Einige Ansätze zur Charakterisierung sowie ein Walzer lassen sich ganz hübsch an. Sonst aber kommt der Komponist vor lauter endloser Melodie zu keiner liedmäßigen Form. Immerhin hat er sich bei klassischen, romantischen und modernen Opernkomponisten tüchtig umgesehen; nur hat daS den Nachteil, daß sich schwer sagen läßt. wieviel von dem allem auf seine eigene Schöpferfähigkeit entfällt. Verschiedene frische Motivchen und Figurationen entschädigen wirklich nicht für die eiuschläsernde Blässe des Ganzen. Dementsprechend konnte auch nur die Aufführung sein. Schablone, nichts als Schablone! Der Dichterkomponist niachte den Eindruck einer jovial-gemütlichen Erscheinung: er wird also den Mißerfolg nicht allzu tragisch nehmen. 0. k. Humor und Satire. Jogows wildeJagd. Was glänzt dort bei Treptow im Sonnenschein? Man hört eS trampeln und scharren. mangelndes Entgegenkommen der Postverwaltung zu klagen l l(Hört I hört! bei den Sozialdemokraten.) Es ist erklärlich, daß jemand, der etwas auf seine Ehre hält, eine derartige Zumutung z u r ü ck w e i st. Man verlangte von Vallentin, er solle sich selbst kastrieren und ein Schurke gegen seine eigenen Arbeitskollegen werden.(Lebhaftes Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Weil er das ganz energisch ablehnte, wurde ihm sofort gekündigt! So rücksichtslos geht die Postbehörde unter dem System Kraetke gegen alle vor, die auch nur das geringste Streben zu er- kennen geben, ihre wirtschaftliche Lage irgendwie aufzubessern. Aber die Postbehörde geht noch weiter. Oft genug ist von dieser Stelle ausgeführt worden, daß niemand verächtlicher ist als derjenige, der sich zum Spitzel hergibt.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Aber die Post- behörde siebt ihre vornehme Aufgabe darin, Spitzel zu züchten und in Versammlungen von Arbeitern zu dirigieren! Als in Stettin im Oktober v. I. eine TelegrapHenarbeiterversaininlung stattfand und der Referent sagte, daß die Oberpostdirektion Stettin besser getan hätte, sich in der Versammlung vertreten zu lassen, um die Wünsche der Arbeiter aus eigener Anschauung kennen zu lernen, meldete sich ein Kollege und gab der Versammlung unter großer Entrüstung be- kannt, er sei auf die Oberpostdirektion bestellt und aufgefordert worden, der Versammlung beizuwohnen und am Montag Bericht zu erstatten lLebbastes Pfui! bei den Sozialdemokraten) darüber, was dort gr- sprachen sei und wer gesprochen habe! Dem zum Spitzel gestempelten Arbeiter war die Schamröte inö Gesicht gestiegen, und er gab daher der Versammlung bekannt, zu welchen unsauberen Zwecken er aufgefordert war, auf die Oberpostdirektion zu kommen., Präsident Gras Schwerin: Sie dürfen nicht sagen, daß die Ober- Postdirektion unsaubere Zwecke verfolgt. Abg. Zubeil(fortfahrend): Wir waren bisher der Meinung, daß, wenn jemand beauftragt wird, feine Kollegen zu bespitzeln, dies eine sehr unsaubere Sache ist.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Präsident Gras Schwerin: Ich bitte einen solchen Ausdruck nicht zu gebrauchen.(Bravo I rechts.) Abg. Zubeil(fortfahrend): Nun, die Postverwaltung wird schon wissen, wie wir und alle anständigen Leute darüber denken.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) In einem Falle ist die Postbehörde gegen einen Unterveamten vorgegangen, ohne daß der geringste Beweis dafür erbracht war, daß dieser Beamte ein Spitzbube war: In Wiesbaden hatte auf dem dortigen Postamt 5 der Postbote Konradi neun Jahre lang zur vollsten Zufriedenheit gearbeitet, wie auch aus seinem Abgangs- zeugnis hervorgehl Er glaubte, nun endlich von der Post- Verwaltung übernommen zn werden. Doch er sollte zu seiner Anstellung nicht kommen, sondern sogar der vollkommenen Vernichtung seiner wirtschaftlichen Existenz anheimfallen. Am 9. August v. I. hatte Konradi am Nachmittag auf dem provisorischen Postamte der Ausstellung in Wiesbaden Dienst. Nachdem er die Postkästen geleert hatte, begab er sich sofort in daS Dienstzimmer, um die Briefsäcke in der vorschriftsmäßigen Weise mit Postsiegeln zu schließen. Er machte den diensttuenden Beamten sogleich darauf austnerksam, daß das im Augenblick nicht möglich war, und begab sich nach dem zuständigen Hauptpostamt mit den Briefsäcken. Ich muß erwähnen, daß er an Leibbeschwerden litt und deshalb ein stilles Oertchen aufsuchen mußte.(Heiterkeit.) Es ist notwendig, daß ich das anführe. Als er das Klosett verließ, trat ihm ein fremder Mann entgegen und sagte:„Sie haben in dem Raum jetzt vier oder fünf Briese geöffnet und haben aus einem Brief einen Fünfmarkschein entwendet I' Konradi glaubte eS mit einem Geistes- gestörten zu tun zu haben und ging ruhig nach dem Dienstzimmer. Bald trat ihm aber wieder der Fremde in Begleitung des Ober- postasststenten Korb entgegen. In her weiteren EntWickelung der Sache stellte sich dann heraus, daß dieser fremde Mann ein Schauspieler war. Konradi bat, daß er sofort vifittert werde; das wurde abgelehnt! Es fanden weitere Vernehmungen des Kouradi statt; der Postdirektor sagte nun zwar, daß ihm die Sache leid täte, aber schließlich wurde Kouradi doch entlassen! Zu derselben Zeit etwa war ein anderer Brief auf demselben Postamte verschwunden gewesen, und sofort stieg der Verdacht auf, daß auch dieser Brief durch Konradi beiseite gebracht worden sei. Zum Glück fand sich dieser Brief später bei der Abfertigungsstelle in Würzburg wieder vor. Konradi konnte wenigstens von diesem schmählichen Verdacht gereinigt werden. Trotzdem wurde er ES zieht sich zusammen in blauen Reih'n, Kommandorufe erschallen darein Und erfüllen die Lüfte mit Schnarren. Und wenn ihr die blauen Bestalten ftagt-»» DaS ist JagowS wilde, verwegene Jagd. Was krabbelt dort rum in dem Treptow« Said, Was ist'S, daS den Rasen zerstockert? Es legt sich ringsum in den Hinterhalt, Der Sabul wird noch ein Loch fester geschnallt Und die Browning-Pixtaule gelockert. Und wenn ihr die mut'gen Gesellen fragt— DaS ist Jagows wilde, verwegene Jagd. WaS braust vor der Kneipe die wilde Schlacht? Eine Frau ist zusammengebrochen. Sie ward von sechs Reitenden niedergemacht, Weil sie an Kaffee bei Zenner gedacht; Das wurde blutig gerochen. Und wenn ihr die tapferen Reiter fragt— DaS ist JagowS wilde, verwegene Jagd. Wer zieht dort mit langer Nase nach Hau?, Vom Kampfesmute entsättigt? Sie sehen betrübt wie'ne Leberwurscht au», Doch machen sie sich fast gar nichts daraus, Der Treptower Park ist gerettigt. Und wenn ihr die stoobigen Brüder fragt— Das ist Jagows wilde, verwegene Jagd. Wer lacht da? Der Hauptmann von Köpenick. Jetzt steht er nicht mehr alleine. Er schiebt die Mütze vergnügt inS Genick Und sagt: Der Sozi versteht et wie ick, Sein Spaß is so jut wie der meine. Und wenn ihr fragt, worüber er lacht--- Ueber JagowS wilde, verwegene Jagd. _(Der Oberbonze.) Notizen. — Im Berliner Buchgewerbesaal sind zurzeit auS- gestellt: neuere Erzeugnisse des Dreisarbenbuchdrucks sowie eine größere Anzahl Farbendrucke, die unter Benutzung Gebr. Lumivrescher Autochromplatten in den hervorragendsten Kunstanstalten Deutsch- lands hergestellt wurden. Der Saal ist täglich von 11—3 Uhr geöffnet. — PearhS Beweise, daß er den Nordpol erreicht hat. lvurden bisher der Oeffentlichkeit vorenthalten. Der anierikanische Kongreß ließ darum ersuchen, ehe er die für Pearh bestimmten Ehrungen annehmen lvollte. Peary fühlte sich dadurch gekränkt und lehnte auch mit Rücksicht auf seinen Verlagskontrakt ab. Darauf hat der Ausschuß deS Kongresses, der durch die Cook-Affäre vorsichtig geworden ist, Pearh die zugedachten Ehrungen versagt.— Peary ist also nicht Bize-Admiral geworden und wir wissen immer noch nicht, ob er am Pol war. nach neunjähriger tadelloser Dienstzeit entlassen; Der Hauptzeuge, jener Schauspieler, konnte vom Staatsanwalt nicht ermittelt werden! Zu seiner Wirtin soll er geändert haben:„Ich glaube, ich habe einen Postboten unglücklich gemacht/' Später fand er sich auch bei Konradi ei» und sagte:„Die Sache tut mir sehr leid, aber Sie sind ja katholisch, und deshalb können Sie Messe lesen lassen, und dann wird alles wieder gut." Konradi hat sich an die Oberpost- direktion Frankfurt und auch an das Reichspostamt gewandt, aber alle Stellen hoben sich zumeist in tiefstes Schweigen gehüllt. Wenn die Postbehörde davon überzeugt war, dag dieser Mann 5 M. entwendet hat, so hätte sie ihn doch dem Staatsanwalt über- geben niüssen, damit er sofort seiner wohlverdienten Strafe entgegen- geführt würde, denn auch wir Sozialdemokraten meinen, daß der streng bestraft werden muß, der sich so vergeht. Ich habe mich an Konradi noch persönlich gewandt, und er hat mir mitgeteilt, daß die Gerichte jede Auklage gegen ihn abgelehnt hätte», weil sie nicht die mindeste Ursache dazu hätten I Wie kann die Postverwoltung diesen Beamten zu einem Verbrecher stempeln?(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Warum hat sie nicht alles yetan, uni ein neues Verfahren einzuleiten, damit Konrad wieder in seine bürgerlichen Ehrenrechte eingesetzt wird, die sie ihm so grausam genonnnen hat? Ich hoffe, daß das aber wenigstens jetzt unverzüglich geschieht, und werde im nächsten Jahre fragen, welche Schritte getan worden sind. Denn Konradi hat leider kein Mittel, seine Ehre wieder herzustellen. Wir sind oft ersucht worden, bei Beschwerden, die wir hier vor- zubringen haben, sie dem Staatssekretär vorher mitzuteilen. Wir werden das aber in Zukunft erst recht vermeiden nach einem Vor- fall, der sich in Kassel ereignet hat. Unser Kollege Scheidemann hat sich vor längerer Zeit an den Staatssekretär Kraetke gewandt und unr eine Antwort über einen bestimmten Fall gebeten, sie aber heute noch nicht erhalten. Es ist erklärlich, daß wir unS nun in Zukunft erst recht hüten werden, noch einmal von einer vorherigen Mitteilung Gebrauch zu machen. Wir brauchen uns nicht von dem Staatssekretär wie ein Schuhputzer behandeln zu lassen.(Sehr richtig I bei den Soz.s Denn jeder anständige Mensch erhält eine Antwort, wenn er in höflicher Form um eine solche bittet. In Kassel besteht eine Ortsgruppe des Reichsverbandes zur Be- käntpfimg der Sozialdemokraten. Im Vorstand dieser Ortsgruppe befinden sich ein Oberpostrat, ein Postdireltor, 5 Oberpostsekretäre. 4 Oberpostassistenten und ein Oberpostschaffner. Es ist erklärlich, daß alle diese nachgeordneten Beamten eine fieberhafte Tätigkeit entfalten, um die dortigen Unterbeamten zum Beitritt in den ReichSverband zu bewegen. Da die bürgerliche Presse in Kassel fast ausschließlich auf dem Boden des Reichsver- bandes steht, so haben die Unierbeamten, um ihre Rechte wahren zu können, sich an den sozialdemokratischen Abgeordnelen und Redakteur Scheidemann gewandt, um diese Angelegenheit hier vorzubringen, weil sie mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln bearbeitet werden, diesem Verbände beizutreten I(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Von den 3330 Mitgliedern der Kasseler Ortsgruppe entfallen auf Postunterbeamte 818, auf Eisenbahn- beamle 823. Es ist doch nicht denkbar, daß in Kassel 313 Postunter- beamte freiwillig diesem Verbände beitreten werden. Wie diese Beamten gezwungen werden, hat sich auch bei den Stadtverordneten- wählen in Kassel gezeigt. Wie kommt denn aber der Geheime Postrat Hofsmann dazu, seine bevorzugte Stellung so zu mißbrauchen?(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) In Kassel besteht auch eine Geschäftsstelle VeS Deutschen Metall- arbeiterverbandeS. Dieser hatte sich an das Postamt gewandt mit der Bitte, daß die Postboten sich keine Mühe geben möchten zu ermitteln, in welchem Betriebe ein Adressat angestellt ist, wenn dieser einmal verzogen sein sollte. Unter keinen Umständen sollte ein nicht bestellbarer Brief an den Arbeitgeber ausgeliefert werden. Roch am Ib. Mai v. I. hat das Postamt in Kassel erklärt, dieser Bitte nachzukommen. ES kann ja leicht vorkommen, daß die Post- boten die zahlreichen Vorschriften nicht mehr auseinander halten können. Dafür sollte aber daS Postamt mnsomehr diese in Erinnerung bringen. Ein Brief, der von der Geschäftsstelle deS Verbandes an einen Arbeiter adressiert war. kam an die Adresse der Firma Henschel u. Sohn, bei der der UkaS besteht, daß kein Arbeiter dem Metallarbeiterverbande angehören darf! Die Einladung zur Versammlung vom Verband wurde im Bureau der Firma an den Prokuristen Koch abgegeben. Dieser öffnete den Brief, nahm den Handzettel, der die Einladung enthielt, heraus, ließ dann sofort den betreffenden Arbeiter rufen und erklärte ihm:„Sie beteiligen sich an Versammlungen! Sie haben eine Ein- ladung vom Deutschen Metallarbeiterverband erhalten! ES ist ver- boten, sich an Versammlungen zu beteiligen und dem Verbände an- zugehören. Sie sind hiermit gekündigt!" Es war das nicht der einzige Arbeiter, der durch die Fahrlässigkeit der Post-- behörde gekündigt wurde, und zwar zu einer Zeit, in der die Metallindustrie schwer daniederlag. Der Arbeiter verlor seine Arbeit durch eine Tatsache, an der er vollkommen unschuldig ist. Denn er gehört gar nicht dem Metallarbeiterverbande an, dieser aber hat daS lebhafteste Interesse daran, sich auch an Nichtnritglieder zu wenden und sie zu Versammlungen einzuladen. Ich bin über- zeugt, daß der Staatssekretär, nachdem er gesehen, was durch solch fahrlässiges Verhallen der Briefträger angerichtet wird, ihnen ein- schärfen lassen wird, in Zukunft so nicht zu verfahren. Eine Ber- folgung wegen Verletzung des Briefgeheimnisses hat die Staats- anwaltschaft abgelehnt(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.), weil angeblich der Brief nicht geschlossen war, sondern in einem offenen Umschlage gesteckt habe.... Bei dem Bestreben, immer mehr Postboten und BuShelfer zu entlassen, muß man sich doch ftagen: Wie ist es möglich, daß an einzelnen Stellen, wie PoCen, von unserer post noch Rindet' beschäftigt werden!(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Die Posencr Ortsverwaltung des Deutschen TranSportarbeiterverbandeS hat sich am 16. November v. I. deshalb an die Oberpostdirektion in Posen gewendet und am 17. Januar 1S10 die Antwort erhalten: „Der eine bei der Paketabnahme deS Postamts hier beschäftigt gewesene Knabe, der noch zum Besuch der Volksschule verpflichtet war, ist inzwischen entlassen worden. Die jetzt noch beschäftigten vier Knaben sind nicht mehr schulpflichtig, zwei dieser Knaben be- suchen noch die Mittelschule. Die Beschäsligung sämtlicher vier Ktraben erfolgt im Rahmen der durch daS Kinderschutzgefetz ge- zogenen Grenzen, hinsichtlich der die Mittelschule besuchenden beiden Knaben mit Genehmigung deS Schulvorstaudes." Der schulpflichtige Knabe ist also auf die Beschwerden hin ent- lassen, die anderen vier sollen ja das 14. Lebensjahr überschritten haben, und da sagt die Oberpostdirektion einfach: Dem Kinderschutzgefetz ist genügt! Es ist schlimm, wenn eine Post- Verwaltung dazu übergeht, überhaupt Kinder zu beschäftigen. Wir waren der Meinung, daß der Postbetrieb in allen Zweigen ein viel zu wichtiger ist, als daß überhaupt ein Teil in Kinderhände gelegt werden darf, selbst wenn sie das schulpflichtige Alter überfchritten haben: denn der Staatssekretär wird nicht bestreiten können, daß die vier aus der Post beschäftigten Knaben noch unter fünfzehn Jahre alt sind: diese beschäftigt man, während erwachsene Arbeiter, Familienväter, zurückgestoßen werden, weil angeblich keine Arbeit bei der Post vorhanden ist. Wir haben allen Anlaß, hier im Reichstage zu verlangen, daß derartige Zustände unmöglich sein sollen. Der Reichstag müßte in seiner Gesamtheit dem Staatssekretär klar machen, daß das Rcichspostamt keine Kinder beschäftigen darf.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Die Ver- waltung verkriecht sich hinter da? Kinderschutzgefetz, daS sowieso ffchon lax genug gehandhavt wird. Wie gespart wird, kann man auch hier in Berlin beobachten, wo die AnShclfer, bevor sie das dritte Jahr erreicht haben, mit großer Rück- sichtslofigkeit abgeschoben werden. Denn wenn sie daS dritte Jahr erreichen, müsse» sie vereidigt werden und erhalten eine Anioart- schast auf Anstellung. Das umgeht man! Man täuscht die Leute beim Eintritt und ehe drei Jahre herum sind, entläßt inan sie! Dabei ist der Lohn, den sie erhalten. 2,76 M. und schließlich 3 M. pro Tag. ein so elender, wie er elender garnicht gedacht werden kann. (Sehr wahr I bei den Soz.) So wird nach unten gespart, während nach oben nichts vom Sparen zu erkennen ist. Mein Freund Singer hat im vorigen Jahre darauf hingewiesen, daß in Franksurt a. M. die bei der Post angestellten Damen, wenn sie einen bestimmten Ort aussuchen müssen, sich vorher erst bei der Aufsicht zu melden haben.(Heiterkeit.) Ja, wir brauchen nicht erst nach Frankfurt a. M. zu gehen, um das zu sehen. Singer hat das wahrscheinlich im vorigen Jahre nicht gewußt, daß hier auf dem Postamt in der Französischen Straße die Kontrolle noch schärfer ist? Da müssen die Damen, wenn sie diesen stillen Ort aufsuchen wollen, sich zuvor bei dem Aussichtsbeamten melden und in ein Buch eintragen, damit kontrolliert werden kann, wie oft und wie lange sie diesen stillen Ort benutzen.(Große Heiterkeit.) Bei den B a h n p o st ä m t e r n herrscht eine rücksichtslose Ausnutzung der menschlichen Arbeitskraft, und zwar in ganz Deutschland. Auf einem Kieler Postamte wurden Beamte, die sich über die Zustände auf dem Postamt beschwerten, in eine andere Stelle versetzt. Den Beschwerden wurde dann zwar stattgegeben, aber es sollte nicht heißen, daß diese Abhilfe von den nachgeordneten Beamten ausgegangen sei. Auch aus Dresden kommen Klagen, wie mit den gesetzlichen Bestimmungen umgegangen werde. Die Dienstpläne sind entfernt, angeblich weil neue an- gefertigt werden sollen, die aber nie fertig werden. Die wöchentliche Dienststündenzahl soll 66 nicht überschreiten, aber von Berlin auS kam der Ruf, daß sie biS 70 erhöht werden können!(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Jedoch soll der Ocffcntlichkeit dies nicht bekannt gegeben werden! Der Oeffentlichleir gegenüber soll es heißen, daß es bei 66 Dienststunden bleibt I(Hört! hört l bei den Sozialdemokralen.) Mir Aussichts- beamten wird eine kolossale Verschwendung getrieben. Auf 5—6 Unterbeamte kommt immer eine Aufsicht. Die Postbehörde scheint zu denken, daß unter fünf Postbeamten immer zwei Spitz- bube» sind. Die unteren und mittleren Beamten in vielen Semtern führen Beschwerde über den Kasernenhofton der oberen Beamten.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Auf dem Postamt 68 wurden sechs Postbeamten Umzugsarbeiten zugemutet. Sie weigerten sich und erklärten, daß eS für solche Zivecke genug Privat- an st alten in Berlin gäbe.-(Sehr richlig I bei den Sozialdemo- traten.) Die Folge davon war, daß die sechs Verbrecher vor den Oberpostdircktor Vorweg zitiert und sämtlich strafversetzt wurden!(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) In Verlin existieren 46 Bahnpostbegleiter, die die Geld- und Wertpost von den Postämtern zu den Bahnhöfen zu bringen haben, dabei die Postwagen nicht benutzen und meist auf Straßenbahnen usw. angewiesen sind. Jeder dieser Bahnpostbegleiter bekam früher 16 M. monatlich Entschädigung: sogenannte Aufwandsgelder. Im September 1363 nun wurden diesen Beamten auf einmal diese Aufwandsgelder entzogen! Damit nicht genug. Die seit April 1963 gezahlten Aufwandsgelder wurden zurückgefordert.(Lautes Hört I hört l bei den Sozialdemokraten.) Die Poslbehörde erklärte den von dieser Maßregel betroffenen Leuten, eS handle sich um unbewilligte Stellenzulagen. Wenn das wahr ist, so hat jahrelang die Postbehörde die Hand zur Beschwindelung der Steuerbehörde geboten. Sie hat nämlich jahrelang den Bahnpostbegleitern bescheinigt, daß die AufwandSgelder keine Stellenzulagen, sondern eben AufwandSgelder seien und daher nicht versteilert zu werden brauchten.(Hört! hört I bei den Sozialdemokraten.) In der Tat find es auch keine Stellenzulagen, und die Entziehung— noch dazu mit rückwirkender Kraft— ist unverantwortlich im höchsten Grade.(Lebhafte Zustimmung bei den Soz.) Ich bin sehr gespannt darauf, was der Staatssekretär dazu sagen wird. Die Leute mußten sogar von den AufwandSgeldern, die man ihnen nunmehr entzogen und von ihnen zurückgefordert hat, ihre Mäntel be- zahlen!(Hört I hört!) Die Sache steht so, daß die Post« Verwaltung bei der Beamtenvorlage im vorigen Jahre bis Bahnpost- begleiter einfach vergessen hatte!(Hört! hört!) ES liegt aber doch gar keine Veranlassung vor, daß diese Leute die Vergeßlichkeit ihrer vorgesetzten Behörde ausbaden.(Sehr wahr! bei den Sozialdemo- kraten.) Ich hoffe, daß auch die Majorität des Reichstages dieser An- ficht sein wird. Ich will jetzt schließen, obwohl ich»och Material für zwei Stunden habe.(Laute Ohorufe rechts und im Zentrum.) Auf Sie, (nach rechts) die Sie die Zeit deS Reichstags sehr ungeniert mit Ihren Agrardcbatten in Anspruch nehmen, brauche ich keine Rücksicht zu nehmen.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Ich schließe. weil es ja noch eine dritte Lesung gibt,(Unruhe rechts) bei der sich Versäumtes nachholen läßt. Für heute, wie gesagt, Schluß!(Leb- Haftes Bravo! bei den Sozialdemokraren.) Abg. Dr. Dröscher(k.): Ich werde nicht dem Vorgang meines Vorredners folgen und stundenlang die Tribüne sdeS Reichstages mißbrauchen, um breiigen Klatsch vorzutragen und Beamte auf- zuHetzen.(Dröhnendes Bravo! rechts, Zuruf bei den Sozialdemo- traten: Vornehme Ausdrucksweise!) Der Etat weift keine neue Beamtenstelle gegenüber dem Vorjahre auf und genügt somit den allseitig erhobene» Rufen nach Sparsamkeit. Der Postclat ist so vorsichtig aufgestellt, daß wir kaum etwas streichen können. DaS ist ein sehr gutes Zeugnis für die Postverwaltung. Die Beamten der Post müssen auf eine Verbesserung ihrer Lage einige Jahre warten; trotzdem hoffen wir, daß sie diensteifrig und freudig ihre Pflicht tun.(Bravo! rechts.) Abg. Racken(Z.): Der Postetat trägt deutlich den Stempel der Sparsamkeil. Die noch immer unsichere Finanzlage zwang dazu. Besonders betroffen ist dadurch das Beomtenpersonal, indem keine neue Stelle eingesetzt werde» konnte und einige Härten, die bei der Regelung der Beamtenbesoldung übrig blieben, nicht beseitigt werden konnten. Im vorigen Jahre bat der Staatssekretär die Errichtung einer Kraukenkasse für die PostunterbelMiten in Aussicht gestellt; wir fragen den Staatssekretär, wie weit diese Frage gediehen ist. Wir wünschen eine würdige, großzügige, weitauSschauendc, glänzende. dem Verkehr nicht nachhinkende, sondern voraneilende Ent- Wickelung der Post.(Lebhafter Beifall im Zentrum,) Staatssekretär Kraetke: Ich ftene mich, daß die letzten beiden Herrn Vorredner anerkannt haben, daß die großen Verkehrsaufgaben der Post nicht unter der strengen Spa>sainkeit gelitten haben. Die von Herrn Zubeil angeführten Fälle sind durchweg un- geeignet für die Behandlung im Plenum. Generell will ich be» merken, daß die Postverwaltung allerdings gegen Erregung von Un- zufriedenh-it unnachsichtlich eingeschritten ist und das auch ferner tun wird.(Bravo! rechts.) Es ist richtig, daß eine Eingabe des Abg. Schcidemann bis jetzt unbeantwortet geblieben ist. Die Eingabe stammt aber erst aus den letzten Tagen des Februar, und Herr Scheidemann würde sicher Antwort erhalten haben. Jetzt, nachdem Herr Zubeil die Sache hier vorgebracht hat, erübrigt sich das, wohl.(Zuruf bei den Sozialdemokraten.) Die Eingabe ist bereits geprüft worden und die Erkundigungen haben ergeben, daß die Beschuldigungen deS Abg. Scheidemauu geqrn den Oberpostdirektor in Kassel völlig grundlos find.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) In keiner Weffe hat der Oberpostdircktor einen Druck auf die ihm nachgeordneten Beamten ausgeübt, um sie zum C?i't in den Reichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie auszusordern. Herr Scheidemann hat grundlose Anklagen gegen einen hohen Beamten erhoben(Lachen bei den Sozialdemokraten), bloß weil die Kommunalwahlen nicht nach Wunsch der Sozial- demokratie ausgefallen sind. Die übrigen Beschwerden des Abg. Zubeil werden sachlich geprüft werden. Abg. Beck-Heidelberg(natl.) tritt lebhaft für Verbilligung deS Weltporlos ein und weist auf die Erschwerung des badisch- schweizerischen Verkehrs durch das teure Porto hin. Abg. Linz(Rp.) erbittet vom Staatssekretär die Errichtung eines Postamis in Barmen-RitterShauien, wodurch sich der Staatstekretär den ewigen heißen Dank der Bewohner dieses Stadtteils erwerben werde. Die Geschäftswelt leidet schwer unter dem Wegfall des AnkunftSstempels; mindestens muß derselbe für Auslands« b r i e f e beibehalten werden. Abg. Dr Seyda(Pole): In den polnisch sprechenden Landssteilen kümmert sich die Postverwallung viel zu sehr um die persönlichen Angelegeuhetten der Beamten; sie kümmert sich darum, ob und wie die Beamten wählen! Anläßlich einer Beschwerde aus Kiel, die im vorigen Jahre Kollege Singer hier vorbrachte, sagte der Staats- tckrelär, der Oberpostdircktor in Kiel habe sich nur darum gc- kümmert, ob die Beamten gewählt haben, nicht wie sie gewählt haben, aber das hätte er auch nicht gedurft!(Hört! hört! links.) In K a t t o w i tz aber hat die Regierung sich darum gekümmert, wie die Beamten gewählt haben! Wie will der Staatssekretär das mit dem im vorigen Jahre von ihm proklamierten Grundsatz ver» einigen? Es scheint, daß er überhaupt keine festen Grundsätze hat. (Zustimmung bei den Polen und Sozialdemokraten.) Durch die Kattowitzer Versetzungen, die angeblich„im Jnteresie des Dienstes" erfolgten, ist der ganze Dienst in Kattowitz in Ver- wirrung geraten, Briefe und Zeitungen wurden zu spät bestellt. (Hört! hört!) Ferner frage ich den Staatssekretär, ob eS mit seinem Willen geschiehi, daß die Postbebörde sich in den polnisch sprechenden Landesrcilen. wenn junge Leute sich zum Eintritt bei der Post melden, bei der Polizeibehörde erkundigt(Hört I hört! bei den Sozialdemokralen.), wer die Eltern der betreffenden find, welche poli- tische Gesinnung sie haben, welche Zeitungen sie lesen! DaS ist ein ganz ungesetzliches Porgehen der Postverwaltung.(Lebhafte Zu» stimmung bei den Polen und Sozialdemokraten.) Es ist so viel von„Sparsamkeit" die Rede. Aber die Ost« marke n zulagen, die im vorigen Jahre 356 366 M. betrugen, sind in diesem Jahre auf 356 666 M. erhöht„mit Rückficht auf den gesteigerten Bedarf"!(Lachen bei den Polen und Sozialdemokraten.) Wir werden natürlich nicht sür diesen KorruptionssondS stimmen.(Bravo I bei den Polen und Sozialdemokraten.) Staatssekretär Kraetke: Ich halte an meiner vorjährigen Er» klärung fest, daß wir nicht nachforschen, wie die Beamten wählen. In dem Kattowitzer Falle haben die Umstände bei den Wahlen zu einer Beunruhigung der Bevölkerung geführt, und wir haben des« halb sür nötig befunden, die Beamten, die für den Ort nicht mehr geeignet waren, an einen anderen Ort zu versetzen. Nachgeforscht. wie die Beamten gewählt haben, ist von uns auch in diesem Falle nicht(Lachen und Zurufe bei den Polen), sondern es ist d e r R e» gierung ganz offen zugetragen! Abg. Werner(Antis.) lobt das Vorgehen der Postverwaltung gegen die Polen und bringt Wünsche von Beamten vor. Hierauf wird ein Antrag auf Schluß der Debatte angenommen. Abg. Schcidemann(Soz., zur persönlichen Bemerkung): Der Abg. Zubeil hat auf eine Eingabe von mir an den Staatssekretär Bezug genommen, und der Herr Staatssekretär hat daS dann ebenfalls getan, ohne die Eingabe mitzuteilen, vielmehr hat er eS so dargestellt, als ob ich nicht loyal verfahren bin. Ich bitte daher um die Erlaubnis, fie verlesen zu dürfen, sie lautet: „Von Beamten und Unterbeamten der hiesigen kaiserlichen Oberpostdirektton find mir mehrfache Beschwerden zugegangen über einen schier unerträglich werdenden Druck, der auf sie ausgeübt wird. Ich will vorausschicken, daß die Beamten sich an mich als den Redakteur des.Volksblattes' gewendet haben, obwohl fie mit metner Partei, wie fie ausdrücklich betonen� nichts zu tun haben. Sie wenden sich an mich, weil alle anderen hiesigen Zeitungen im Dienste des Reichsverbandes zur Bekämpfung der Sozialdemokratte stehen. Da sich ihre Beschwerden in letzter Linie gegen den genannten Verband richten, wußten sie keinen anderen Ausweg, als fich an mich zu wenden. Es handelt sich um Folgendes: Seit einigen Jahren hat der„Reichsverband z. B. d. S." am hiesigen Platze eine Ortsgruppe, die unter Leitung von Männern steht, welche großen Einfluß auszuüben vermögen aus abhängige Geschäftsleute. Beamte und Unterbeamte. Zu den eifrigsten För- derern jenes Verbandes gehört der Geh. Oberpostrat Hoffmann. Von diesem Herrn wird behauptet, daß er bald direkt, bald indirekt in unzulässiger Weise auf die Angestellten der Post eingewirkt hat, um sie zunächst als Mitglieder für den genannten Verband zu gewinnen, dann auch in durchaus ungehöriger Weise auf sie eingewirkt haben soll, um fie zu bestimmen, bei einer öffentlich zu vollziehenden Stadtverordnetenwahl so zu wählen, wie es der . ReichSverband zur Bekämpfung der Sozraldenwkratie' von allen abhängigen Wählern verlangte. Daß es in der Tat gelungen ist, die Angestellten der Post für den„Reichsverband" zu gewinnen, geht aus den angestrichenen Stellen der Anlage A. deutlich hervor. Wie bei den am 14. und 15. Februar d. I. vorgenommenen Stadtverordnetenwahlen auf die Postbeamten und Unterbeamten eingewirkt worden ist und wie fie kontrolliert worden sind, wird eine Nachforschung, wenn sie in einwandfreier Weise geschieht, ergeben. Ich nehme an. daß Euer Exzellenz ein unzulässiger Druck auf die Beamten un- erwünscht ist. Deshalb bitte ich ergebenst, verfügen zu wollen, daß die für politische Vereinigungen, gleichviel welcher Richtung, tätigen Vorgesetzten ihre Agitation bei den ihnen Unterstellten zu unterlassen haben. Eine solche Verfügung würde die Beamten und Unterbeamten aller Grade von einem Druck befreien, der fie in ihrer Dienstfreudigkeit nicht fördern kann. Weiter würde eine solche Verfügung jede weitere Erörterung der Angelegenheit in der Budgetkommisston und im Plenum deS Reichstags überflüssig machen. Ich wäre Euer Exzellenz dankbar für entsptechende Mitteilung, die ich an den Reichstag zu adressieren bitte. Selbstverständlich würde ich gern jederzeit zur Verfügung stehen zwecks persönlicher Rücksprache." Loyaler als in dieser Eingabe kann man nicht handeln. Die Antwort, die ich dem Staatssekretär geben wollte, kann ich ihm im Rahmen einer persönlichen Bemerkung nicht geben. Wenn er aber erklärte, der Oberpostrat Hoffinann habe ihm auf seine Anfrage mitgeteilt, er sei unschuldig, so ist das keine einwandfreie Untersuchung. Präsident Graf Schwerin: Das ist nicht mehr persönlich. Abg. Schcidemann(Soz.): Gewiß! Damit ich aber nicht ge- zwungen bin, in der dritten Lesung eine große Rede zu halte», ae- statten Sie mir noch einen Satz.(Heiterkeit.) Ich habe den Wunsch, der Staatssekretär möge eine Verfügung erlassen, daß die höheren Beamten jede politische Agitation bei den Untergebenen, gleichviel welcher Art, auch die sür den Reichsverband, unterlassen.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Der Titel Staatssekretär wird bewilligt. Das Amendement Albrecht und Genossen zur Resolution Vassermann(natl.)(Einfügung von„Arbeitern" in den ständigen Postbeiratj wird angenommen und darauf die Resolution Vassermann gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und der Abgg. Nacken(Z.). GieLbertS(Z.). Pfeiffer(Z.) ab« gelehnt. Hierauf vertagt das Haus die W e i t e r b e r a t u n g auf Freitag 1 Uhr. Vorher Interpellation Albrrcht und Genossen(S.) wegen der Wahlrcchtedemonstrationcn. Schluß 8 Uhr. parlamentarirchcs. AuS der Strafjustizkommission. In den letzten drei Sitzungen beschäftigte sich die Strasjustiz- komniission mit den die örtliche Zuständigkeit des Gerichts betreffenden Vorschlägen. Nach dem geltenden Recht kommen als Gerichtsstände nur der Ort der Tat und der W o h ns itz des Angeschuldigten in Betracht. Wo der Angeschuldigte sich gewöhnlich aufhält, da ist gegenwärtig ein Gerichtsstand allein dann begründet, wenn der Angeschuldigte im Reiche keinen Wohnsitz hat. Auch der Gerichts- stand der Ergreifung ist nach geltendem Rechte nur zulässig, wenn andere Gerichtsstände fehlen. Hiervon abweichend sollen nach dem Entwurf neben den Gerichtsständen der Tat und des Wohnsitzes gleichberechtigt zulässig sein: der Gerichtsstand des gewöhnlichen Ausent Halts des Beschuldigten, ferner der Gerichtsstand, in dessen Bezirk der Verdächtige e r g r i f fe n ist, sowie der Bezirk, in dem ein vorläufig Festgenommener vorgeführt wird, und endlich— aber nur, wenn der An- geschuldigte nicht widerspricht— daS Gericht, in dessen Bezirk der Angeschuldigte zur Zeit der Klage sich nur vorübergehend aufhält. Unsere Genossen und das Zentrum beantragten, den Gerichtsstand der Vorführung eines vorläufig Festgenommenen zu streichen. Der Antrag wurde angenommen. Ebenso ein Antrag, der von nationalliberaler und sozialdemokratischer Seite gestellt war: den Gerichtsstand des vorübergehenden Ausent- Halts nur zuzulassen, wenn der Angeschuldigte sich mit ihm einverstanden erklärt.— Von den übrigen Beschlüssen wäre hervorzuheben, dah die im Entwurf geforderte Zustimmung der Staatsanwallschaft zur Vereinbarung mehrerer Gerichte über die Verbindung bei ihnen anhängiger Sachen aus Antrag unserer Genossen g e st r i ch e» wurde. Ein Antrag unserer Genossen, zuzu- lassen, daß das höhere Gericht aus Antrag des Angeklagten die Sache einem anderen Gericht gleicher Ordnung übertragen darf, wurde abgelehnt, aber ein Antrag Gröber angenommen, der wenigstens zuläfit, dah z. B. einem von Berlin nach Köln ver- zöge neu Angeklagten die Möglichkeit gegeben wird, statt in Berlin m Köln angeklagt zu werden. Ein Antrag unserer Genossen, der darauf abzielt, für die Presse allein da» Gericht für zulässig zu erklären, in dessen Bezirk die Druckschrift erschienen ist, ivurde abgelehnt. Ein neuer Antrag nach derselben Richtung wurde für die zweite Lesung angekündigt. Nach dem Entwurf würden als Gerichte für die Presse zulässig sein: 1. das Gericht, in dessen Bezirk die Druckschrift erschienen ist, 2. das Gericht des Wohnsitzes deS Redakteurs, 3. das seines gewöhnlichen Aufenthalts und 4. das, in dessen Bezirk er verhastet ist.— Dieser Zustand ergäbe eine große Aehnlichkeit mit dem verflossenen »fliegenden Gerichtsstand". Die nächste Sitzung findet am Dienstag statt, HattsarbeitSgesetz. Die ReichStagSkommisston, die daS HausarbeitSgesetz zu beraten hat, verhandelte am Donnerstag über 8 5 der Regierungsvorlage. Der Paragraph will, daß auf Antrag der Gewerbcaufsichtsbeamten der Polizeibehörde die Befugnis gegeben wird, für gewisse Gewerbe, in denen eine Gefahr für Leben und Gesundheit vorhanden ist, sanitäre Maßnahmen anzuordnen. Unsere Parteigenossen wollen, daß diese sanitären Vorschriften von der Polizeibehörde angeordnet werden, nicht aber nur für einzelne Gewerbezweige, wo Gefahren für Leben und Gesundheit bestehen. Ein zweiter Antrag bezweckt, daß auch bei gesundheitS schädlichen Betrieben die Anordnung eines MaximalarbeitS- t a g e Z zugelassen wird. Hiergegen wenden sich die RegierungS> Vertreter: Man habe nur die Absicht, für Jugendliche und Kinder eine Begrenzung der Arbeitszeit zuzulassen. Ein Antrag deS Zentrums will die Möglichkeit aeben, eine Sonntags- und FcsttagSruhe einzuführen. Hiergegen wendet sich sehr energisch der Abg. EnderS lFreis.s. Er führte aus: Der Heim- arbeiler müsse der.selbständige Gewerbetreibende" bleiben, dem die Behörde nichts über die Arbeitszeit vorzuschreiben hat l— Den gleichen Standpunkt vertreten die Rationalliberalen. Bei der Abstimmung werden sämtliche Anträge abgelehnt und die Re> gicrungsvorlage wird angenommen. Zu K 6 beantragen unsere Genossen: .Räume, in denen NahrungS- und Genußmittel hergestellt, bearbeitet oder verpackt werden, dürfen zu anderen Zwecken nicht benutzt werden." Genosse Molkenbuhr begründet den Antrag damit, daß es erforderlich ist, für die Nahrungsmittelfabrikation den Konsumenten einen besonderen Schutz zu bieten. Eine Heimarbeiterin ist nicht immer in der Lage, in der Häuslichkeit diejenige Sauberkeit aufrecht- zuerhalten, die ftir die Herstellung solcher Gegenstände erforderlich wäre. Der RegierungSvertreter lehnt den Antrag ab! soweit dürfe die Heim'acbeit nicht beeinträchtigt werden I Gegen den Antrag erklären sich die Vertreter aller bürgerlichen Parteien.... Genosse Molkenbuhr schildert, daß es in der Zigarrew fabrikation vorkommt, daß Kinder, die sich in dem Raum befinden, in dem gearbeitet wird, den Tabak verunreinigen! Oder es liegen in solchem Raum Kranke, die mit ansteckenden Krankheiten be haftet sind. Sollten hier nicht die Konsumenten einen gesundheit lichen Schutz beanspruchen dürfen?— Der Antrag unserer Genossen wird hierauf gegen die Stimmen unserer Genossen abgelehnt. Die Frage der Einführung von Lohnbüchern und Lohnzetteln wurde nach längerer Debatte nochmals vertagt, da eine Einigung über eine zweckmäßige Fassung der Bestimmung nicht möglich war. Preußischer KultuSetat. (Kreisschulinspektoren.— Lehrerbesoldungsgesetz.— Religionsunterricht für Dissidentenkinder.— Volksbibliotheken.— Universität Frankfurt.— Russische Studenten in Berlin.) Die Budgetkommission des Preußischen Abgeordnetenhauses setzte am Mittwochabend die Beratung des KultusetatS fort beim Elementarunterrichtswesen. Es werden 13 neue hauptamtliche KreiSschulinspektoren gefordert, so daß die Kreisschulinspektoren auf die Zahl von 373 aufsteigen. Gegen die neu zu errichtende Stelle in Fulda wandte sich baS Zentrum, sie wird aber mit 14 gegen 6 Stimmen bewilligt. Von konservativer Seite wurde die Regierung dringend er- sucht, bei Besetzung der Stelle in Hemelingen bei Bremen mit großer Vorsicht zu verfahren I DaS sei nötig wegen der Ge- sinnung der Bremischen Lehrer, die sogar an den.Abg. Bebel zu dessen 70. Geburtstage ein Glückwunschtelegramm gerichtet hätten! Die gesetzlichen Staatsbeiträgc für das Elementarschulwesen erfordern L7b9(>lKX1 M.— gegen das Vorjahr 7 880 000 M. mehr. Die Mehrausgabe ist durch das neue Lehrerbesoldungsgesetz entstanden. In der Debatte über die Ausführung des neuen Lehrer- besoldungSgesetzcs wurden mehrere Klagen vorgebracht, wonach Großstädte und Landgemeinden sich die Bestimmungen des Lehrer- besoldungsgeseheS zum Schaden der Lehrer zunütze machen, indem sie die Ortszulagen, Alters- und Mietsentschädigungen nicht mit rückwirkender Kraft oder unzureichend gewähren. Von freisinnigen Abgeordnete» wurden Beschwerden geführi wegen Benachteiligung jüdischer Kinder durch Nichtgewährung von Beihilfen für den Religionsunterricht. Weiter wurde von ihnen verlangt, man solle die Kinder von Dissidenten von dem Zwange des Religionsunterrichts durch gesetzliche Maßnahmen befreien. In Frankfurt z. B. sei die Zulassung zum freireligiösen Unter- richt gestattet, in der U m g c�g e n d aber zwinge man die Kinder zum Besuche des Religionsunterrichts! Die dissidentischen Eltern senden ihre Kinder dann in der Regel nicht in den evangeli- fchen oder in de» katholischen Religionsunterricht, sondern in den — jüdischen! DaS geschehe naiürlich nicht etwa aus Vorliebe für das Audentum..fondern zu Protest zwecken. Der Gewissenszwang müsse beseitigt wer�ev» Hierauf erwiderte die Regierung, daß fie nicht die Absicht habe, diese Frage, die eine der schwersten und zartesten sei, zu vertiefen. Der Minister stehe noch heute auf dem Standpunkte des Kammergerichtsurtoils, wonach der Volksschulzwang den Zwang zu religiöser Erziehung— entsprechend einem Ministerialerlaß— einschließe! Eine gesetzliche Aenderung steht sonach nicht in Aussicht! Im Extraordinarium wurden unter anderem zur Förde- rung von Bolksbibliotheken 100 000 M.— wie bisher— gefordert. Das Zentrum stellte dabei die Forderung auf, daß simultane Bücher nicht angeschafft werden dürften! Man müsse die Konfession der Mehrzahl der Leser in Betracht ziehen! Der Minister deutete diese Anregungen so, daß nicht Bücher angeschafft werden dürften, die die eine oder die andere Konfession verletzen.... Dagegen verlangte das frei- finnige Mitglied auch Beschaffung wissenschaftlicher Bücher. Hierauf wurden die Ausgaben für Universitäten in Beratung genommen. Der Berichterstatter— ein Zentrums- Mitglied— bekämpft die Errichtung einer Universität in Frank- furt a. M. mit dem Hinweis auf die Gefährdung bestehender Universitäten und die Gefahren, denen die Studenten in der Großstadt ausgesetzt seien. Es würden auch zuviel Ausländer herangezogen! Der Minister äußerte eben- falls Bedenken: Er könne seine Hand nicht dazu bieten, Universi- täten auf anderer als staatlicher Grundlage zu errichten! Ein konservativer Redner beschwerte sich darüber, daß in Berlin zirka 1800 russische Studenten an der Universität seien — 41 Pro,, aller Ausländer. Die Russen stellten in kultureller und politischer Beziehung kein erfreuliches'Element dar. Fürst Bülow habe sie einmal recht treffend be- zeichnet! Diese Studenten seien oft st a a t S g e f ä h r l i ch. Er verlangte Erschwerungen für die Zulassung gerade der Russen! Ter Minister erwiderte: Daß die Universitäten für Ausländer offen stehen, sei ein erfreuliches Moment. Es werde dadurch die deutsche Wissenschaft ins Ausland getragen. Auffällig sei allerdings die große Zahl der russischen Studenten! Die Berliner Universität sei aber sehr streng bei der Zulassung. Immerhin wäre zu prüfen, wie ungeeignete Elemente fernzuhalten seien. Der freisinnige Redner wies darauf hin, daß doch die politische Polizei in Berlin mehr als genügend für die Sicherheit des Staates sorge. Wenn die deutschen Universitäten den Ausländern offen stehen, hebe dies das Ansehen Deutschlands im Auslande. kommunales. Der StadthauShaltetat für 1910 wurde von der Stadtverordnetenversammlung gestern in zweiter B e r a't u n g herangenommen, aber verabschiedet wurden zunächst nur das Kapitel„Grundeigentum und Berechtigungen" und Teile der beiden Kapitel „Unterrichtswesen" und„Gesundheitswesen". Der Ausschuß berichtete über seine Verhandlungen und über die Aenderun- gen, die er für wünschenswert gehalten hatte, und die Ver- sammlung stimmte seinen Beschlüssen fast ausnahmslos zu. Vom Uyterrichtswesen wurde nur der kleinere Teil erledigt, die Etats der höheren Schulen, der Gym- nasien, Realgymnasien. Oberrealschulen, auch der Realschulen und der Mädchenschulen. Es kam zu einer Erörterung mehrerer hierher gehörender Fragen, vor allem der alten For- derung unserer Fraktion, endlich die Vorschulen zu be- s e i t i g e n. Das sei nicht so leicht, behauptete gestern Herr Cassel, und er ritt dabei zum soundsovielten Male sein Steckenpferd, die Aenderung der Organisation unserer Ge- meindeschule, d. h. die Beseitigung ihres Achtklassensystems. Genosse Borgmann antwortete ihm, die Aufhebung der Vorschulen sei unter allen Umständen, und schon deshalb zu fcrdern, weil nur hiervon erwartet werden könne, daß die Stadt dann die Volksschule bessern werde. In der Tat ist nicht zu bezweifeln, daß des Stadtfreisinns„warmes Herz" für die Volksschule sofort sehr viel lebhafter schlagen würde, wenn auch die Kinder der Wohlhabenden zum mindesten ihre ersten Schuljahre in den Gemeindeschulen zubringen müßten. Zu der Frage, ob in den höheren Schulen die Oster- und Michaelisklassen zu- sammenzulegen seien, wies Borgmann darauf hin, daß die höheren Schulen infolge sehr schwacher Be setzung der obersten Klassen den Stadtsäckel ganz außer ordentlich belasten. Er eriwerte daran, daß die freisinnige Mehrheit der Stadwerordneten gegenüber der Gemeinde sch u l e geradezu darauf brennt, mit ihren angeblich zu schwach besetzten oberen Klassen kurzen Prozeß zu machen und das Achtklassensystem auf ein Siebenklassen system zurückzuschrauben. Der Stadtschulrat Michaelis wollte, weil es sich diesmal um höhere Schulen handelte, von einer Zusammenlegung der Klassen nichts hören. Aus dem Kapitel„Gesundheitswesen" wurden die Etats der hauptsächlich vorbeugenden Einrichtungen zur öffentlichen Gesundheitspflege genehmigt. Beim Etat der Heimstätiten beantragte die sozialdemokratische Fraktion, den Kurkostensatz wieder auf die frühere Höhe herabzusetzen. Genosse Wey! begründete diese Forderung damit, daß die im vorigen Jahr leider beschlossene Erhöhung des Kurkostensatzes sofort zu einer noch weiteren Verringerung der Heimstättcnfrequenz geführt habe, die aus gesundheitlichen und schließlich auch aus finanziellen Gründen sehr zu bedauern sei. Wehl brachte zugleich jenen Vorkommnis in der H e i m st ä t t e B u ch zur Sprache, über das im„Vorwärts" berichtet worden ist. Dabei geißelte er die Umgangsformen des AnstaltSarztes Dr. Reuter, der seine Pfleglinge ungefähr so betrachte, wie ein Unter- offizier seine Rekruten. Die freisinnige Mehrheit hatte die Ausführungen unseres Redners mit lärmenden Unter- brechungen begleitet, dagegen spendete sie lebhaften Beifall dem Stadtrat S t r a ß m a n n, der alle Schuld den Pfleg- lingen zuzuschreben sich bemühte. Genosse Leid antwortete dem Magistratsvertreter mit einer eingehenden Darstellung des Sachöerhalts, wobei sehr elflenartige Einzelheiten zur Sprache kamen. Einen nochmaligen Rechtfertigungsversuch des Stadtrats S t r a ß m a n n, dem der Stadtvorduete Dr. Herzberg sekundierte, wiesen unsere Genossen Leid und ' e y l nachdrücklich zurück. Schließlich erhob sich Ober- bürgermeister K i r s ch n e r und vergröberte noch den Straß- mannschcn Versuch, Herrn Dr. Reuter weißzuwaschen. Von den Pfleglingen fordert Herr Kirschner, daß sie nicht mucken, wenn Dr. Reuter kommandiert. Warum mag wohl der Herr Oberbürgermeister in diese Debatte eingegriffen haben? Vielleicht deshalb, weil gerade er den Dr. Reuter genau zu kennen glaubt. Der Herr ist nämlich Hausarzt des Ober- bürgermeisterS, wenn dieser im Sommer auf Schloß Buch als Vertreter der Gutsherrin Stgdt Berlik» residiert. Es. läßt sich denken, daß der Herr Doktor mit dem Herrn Ober- bürgermeister nicht in jenem Ton verkehren Word, den unser, Genosse W e y l als„Unteroffizierswn" bezeichlren zu müsfon glaubte. In dem ganzen Wortgefecht wurde übrigens von freisinniger Seite mit keiner Silbe auf den Antrag über die Kurkostensatzermäßigung eingegangen. Der Antrag wurde abgelehnt; für ihn stimmte außer leiseren Genossen niemand. So sieht des S t a d t f r e i s i n n ö Für» sorge für die Volksgesundheit au6 1 Bus der frauenbewcgiurn� Die Frauen und die Laudsthingswahle« in Schweden. Nicht minder stark wie an den StadtverordneUenv�ahlen sind die schwedischen Frauen, wie die gesamte ArbeiterschcÄt deS Landes, an den Landsthingswahlen interessiert, die in den Laiidkommunen noch in diesem Monat, in den Stadtkommunen, soweit fie daran beteiligt sind, im Mai stattfinden. Die LandSsshings sind in Schweden diejenigen Körperschaften, in denen die Landgemeinden sowie alle Städte mit Ausnahme der fünf größterH, die eigene Stadtverordnetenversammlung haben, vertrete» sint». Sie haben hauptsächlich kommunale Angelegenheiten zu regeln, je/doch außerdem ebenso wie die Stadtverordnctenkollegien, die erste, Kammer des Reichstags zu wählen. Insofern können also aukch die Frauen Schwedens, die ja das staatsbürgerliche Wahlrecht, noch nicht be- sitzen, durch ihr kommunales Wahlrecht einen Elnstluh auf die Zusammensetzung des Reichstags ausüben, wenngleikh nur auf die des Oberhauses. Wie stark gerade die besondere» Interessen der Frauen davon berührt werden, zeigte sich erst Wied«: einmal deutlich im vorigen Jahre. Da lag dem schwedischen Reichstag ein Antrag vor, wonach den Frauen das allgemeine staatsliürgerliche Wahl- recht sowie die Wählbarkeit unter ganz denselben Bedingungen zuteil werden sollte, wie sie für die Männer gelten. Die auf dem direkten und gleichen Männerwahlrecht beruhende zweite Kammer nahm den Antrag an. ohne daß sich auch nur eine Stimme dagegen erhoben hatte. Aber die e r st e Kammer lehnte denAntragab. ohne daßauch nureiner dieser Gesetzgeber erster Gutedasüreingetreten war. Leider haben die Frauen, wie die Dmge tritt einmal liegen. zu den'Landsthingen nur das Rechjk zu wählen, und nicht gewählt zu werden, wie es bei den Siadtverordnetenwahlen und einer Reihe anderer kommu- naler Wahlen besteht. Auch ist das LcrndSthingZ Wahlrecht von der Steuerletstung abhängig und nach der Steuerkraft sorgfältig ab- gemessen, so daß einzelne besonders wohlhabende Leute bis zu 40 Stimmen abgeben können. Aber in Gegenden mit starker Arbeiterbevölkerung kann die Arbeiterschaft doch emen starken Einfluß auf die Zusammensetzung des LandsthinAS auÄäben. Die Berech- nung der Stimmenzahl geschicht für die steuerbaren Einkommen bis zu 1000 Kronen— in den Städten b»S zu 2000 Kronen— in der Weise, daß jedes angefangene Hundert Kivnen eine Wähler. stimme gibt, während bei den höheren Einkommen für je SOO Kr. eine weitere Wählerstimme hinzukommt. Arbeiter und Arbeite- rinnen, die einigermaßen guten Verdienst haben, können also auch in jedem Falle mehr als eine Wählerstimme abgeben. So empörend ungerecht auch dieses Vierziggrad ige Komurwlwahlrecht ist. ist es doch in der Praxis nicht ganz so erbärmlich aaic das preußische Drei- klassenwahlrecht in Staat und Gemeinden, abgesehen davon, daß jenes schwedische Wahlrecht für die erste Kammer ausschlaggebend ist. für das Herrenhaus, auf das ja in Preußen dem Volke, ge- schweige denn den Frauen, aar kein Einfluß zusteht. Mit dein Wahlrecht der verheirateten Frauen ist es so wie bei den Stadt- verordnetenwahlen, daß ein ganz geringes selbständiges Einkommen der Frau ausreicht, um ihr eine Wählerstimme zu geben, wenn nur daS gemeinsame Einkommen von Mann und Frau um mindestens SO Kronen daS steuerfreie Minimum übersteigt, daS je nach den örtlichen TeuerungSverhälwiffen für die niedrigsten Einkommen 4S0 bis 680 Kronen beträgt. Die Wahlen erfolgen nach dem Pro- portionalwahlsystem, ebenso wie die LandSthingS- und Stadtver- ordneten die Mitglieder der ersten Kammer proportional der Stärke der Parteien zu wählen haben. Unsere schwedischen Genossinnen sind überall eifrig bestrebt. auch den geringen Einfluß, den fie als LandSthingSwahlerinnen haben, nach besten Kräften auszunützen. Vernrifcbtce. Elit Mord im Kuhstall. Aus Rathenow wird gemeldet: Der 24 Jahre alte Dienstkneckit Albert Schotherp aus Weseram hat gestern abend im Dorfe Stölln bei Rhinow, Kreis Westhavelland, die 22 Jahre alte Dienstmagd Markewitz, aus Schneidemühl ge» bürtig, beim Melken im Biehstall überfallen und durch Beilhiebe getötet. Der Täter, welcher einen Selbst- Mordversuch unternahm, wurde ergriffen. Vorzeitige Explosion. Durch vorzeitige Explosion eine« Spreng- schusses wurden Bochumer Meldung zufolge auf der Zeche PlutuS drei Arbeiter tödlich verletzt. Galeriretnstnrz in einem Sinematographentheater. Ein schwerer Unfall hat sich gestern, wie aus Rom gemeldet wird, in einem Kine» matographentheater in San Benedetto bei Maniua ereignet. Eine Galerie, auf der 80 Personen Platz genommen hatten, brach zusammen; hierbei wurden zwei Personen tödlich und mehrere andere schwer verletzt. Eine FeuerSbrnnst. Einer Meldung aus Paris zufolge brach gestern nachmittag in der Schwellenimprägnierungsanstalt der Paris- Lyon-Mittelmeerbahn in Mirama» eine Feuersbrunst auS, die sich auf eine Strecke von 600 Meter ausdehnte und den Bahndamm er- reichte, so daß der Zugverkehr sehr erschwert wurde. Sieben Personen verbrannt. Au» Lemberg wird gemeldet: Im Dorfe Swiecicze brach ein Brand au», der da« ganze Dorf einäscherte. Der Bauer BaronSIi rettete sich mit Frau und fünf Kindern durch einen Sprung aus dem Fenster. Alle sieben eilten jedoch kurze Zeit darauf wieder in daS Haus zurück, um daS Geld zu retten und wurden später als ver» kohlte Leichen aufgefunden. Verein ehemaliger Hohenelfer. Sonntag, t». März, abend» 8 Uhr, Monatsversammlung bei Karl Berndt, Köpenlckerstr. 147. Ehemalige Hohcnelser willkommen. WitternngsaverNcht vom 10. Mflrz 1910. morgen» 8 Nvr. «tatlonen swmevrde. erlin ssranks.aM. München Wie» 'K 765 SO 76 l SSO 765 SO 763 Still 67 GW 76g Still Setter 3 Dunst 3 wolkig 3 heiter Nebel 2 bester Dunst a« B* Q II t? M* 4 1 1 — J Stationen tavarandn 1 700 SW etersburg 769 SSW Scillh Aderdeen Pari» 748 SW 740 SSW 759 SSO Weste» Ii 2 Schnee—2 1 bedeckt'—1 6 6 9 4 wolkig "wolkig Regen Wetterprognose für Freitag, den 11. Marz 1910. Nachts wärmer, am Tage etwas kühler, veränderlich, vorherrschend wollig mit leichten Negensälsen und ziemlich lcbhajten südwestlichen Winden. verltster W«tterdur«au. 6. Berliner Sandtagswahlbezirk. Freitag, den!!♦ März, abends 8V2 Uhr, Bei Freyer, Koppenstraße 29: Oeffentl. W ahier Uersammlnng. Maklvecktskampk und llandtagswaht* Referenten: Abgeordneter Dr. Karl Liebknecht und Stadtverordneter Adolf Hoffmann. 205/7* Um zahlreiches Erscheinen ersucht Das Wahlkomitee. I. A.: Ernst Bader. Große Frantsurter Straße 34. O. Wahlkreis. Sonntag, dm 13. Miir;, abrnds 6 llhr, im Kolberger Salon Gaabe), Kolbergerstr. 33: Oeffentliche Versammlung für Männer«nd Franen. TageS-Orduung! Vortrag deZ Genossen Walter Zimmermann über:„Die geistigen Strömungen im vormärzlichen Deutschland«. Zu zahlreichem Besuch ladet ein Der Einbernfer: e. Lenzt, Wöhlertstr. 9. «ach der Versammlung: GkMntllihkS SelsaMMkNseM mit TaM. S2Z/1S* Sonntag, den 13. März, nachmittags von 1—7 Uhr, in den FraektsSlei» �orä-'VVest, Wiclefstraße 24: Ledenemittel-Knütellunz. Abends 6 Uhr in demselben Lokale: Oeffentl. Versammlung. Vortrag des Genoffen ötönner. Nach dem: Gemütliches Beisammensein und Tanz* Herren, die am Tanz teilnehmen, zahlen SS Psetmig. Eintritt frei. 104/1 SS ladet die geehrte Einwohnerschast noablts hierzu sreundlichst ein Oer Oinberuker. Orts- Krankenkasse der Sonnabend, den IS. März ISIS, abds. 8'/, Uhr, bei Tabert, Markus- strafte 14, Eingang Grüner Weg: -----.Ajillvrvrdsntllcdv----- General-Versammlung. Tagesordnung: 1. Erhöhung der durchschnittlichen Tagelohnsähe(§ 12). 2. Abänderung der Kranlengelosätze{% 13). 3. Ab. änderuna der Sterbegeldsätze(ß 19»). 4. Erhöhung der Beiträge 5.©et. fchiebene-. 271/19 I. 81.: Ad. PilgHm, vorsttzender. SlrbeitsnacbweiS: Hoj I. Amt 3. 1239. Verwaltungsstelle Berlin. Hauptburean: CharftAstraBe 8. Hos EQ. Amt 3. 1987 Sonntag, den 13. März, vormittags S'/- Nhr präzise: Branchen- Versammlung der Eisen-, Metall- nnd Revolverdreher somit Unndsch leiser in den Mufiker-Festsälen(groß. Saal), Kaiser-Wilhelmstr. 18m. TageS. Ordnung: 1. Vortrag des Genossen Max Schütte über.Arbeiter»nd««nft> Veredlung«. 2. Dislussion. 3. Branchenbericht. In biefer Versammlung müssen die zum Kunstabend enwommenen BillrttS abgerechnet werden. Nach dem 13. März werden keine Billetts mehr zurückgenommen.__ Achtung -Kananschläger� Sonntag, den 13. März» vormittags 10 Uhr: jiRonats-Vertammlung im Gewerkschaftshause, Engelufer 15, Saal 1. TageS- Ordnung: 1. Vortrag des Genossen A. Störmer über„Arbeiterschaft nnd Christentum«. 2. Dtskusfion. 3. Branchenangelegenheiten. 4. Verschiedenes. UM- Kollegen! Agitiert für guten Besuch dieser Versammlang. CM Sonntag, den 13. März» vormittags 9Va Nhr: Svaneben»Versammlung der Schmiede»lld Kesselschmiede im Gewerkschaftshause, Engelufer 15. Saal 5. TageS-Ordnung: 1. Jahresbericht der Llgitationskommtsston. 2. Diskussion. 3. Neuwahl der Kommission 4. VerschledeneS. SPCT" Kollegenl In Anbetracht der wichtigen Tagesordnung ist"WS VM" zahlreiches und pünktliches Erscheinen dringend notwendig."TUS 113/1_ Die Ortsverwaltung. Fruchtweine 0 kräftig and abgelagert •»loci billiger, wohlschmeckender and nahrhafter als | Branntwein! Vi Flasche 60 Pf. n 35„ )v, Flast Flasche 70 Pf. 40„ .fohanntsbeerwein, herb und süß Heldclbeerweln, herb und süß Stachelbeerwein, süß... Himbcerweln. süß..... Ktrschwein, süß...... JBronibcerwein. süß.... Erdbeerwein, süß..... Zu haben in allen Geschäften, welche unsere Waren führen! 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Eröffnung nachmittags um 4 Uhr, Vorstellung um s Uhr.j Im Firneuglanz des Ober-Engadi«. Einsetzer! Sonntag, den 13. März, vormittags 10 Uhr, finden in den bekannten Lokalen die Bezirksversammlungen statt. Die Charlottenburger Kollegen werden ersucht, recht zahlreich zu erscheinen. Die BillettS vom Wintervergnüge« müssen unbedingt abgerechnet werden. Die Branchenkommisfion. Die Zahlstelle 63, Lausiherplatz 8, ist nach Lausitzerplatz IS verlegt worden. 80/8_ Die OrtsTcrwaUnng. Zentralverliand. der Lederarbeiter. Filiale 1 Berlin. Sonntag, den 13. März, vormittags 10 Uhr: AMgUeüer- Versammlung im Lokale des Herrn Schmidt, Prinzenallee 33. Tages-Ordnung: 1. Bericht über die Lohnbewegung der Kollegen der Handschuhfabrik von Samter. 2. Wahl eines MtgliedeS zum Gauvorstand. 3. Verbandsangelegenheiten und Verschiedenes. Um pünktliches sowie zahlreiches Erscheinen ersucht 144/3__ Lnsergtentkilp-rantV� SS.® locke, Perlm. Krück v. 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Einstimmig— das pflegt wie bekannt in unserer Partei nicht gerade die Regel zu sein. Noch mehr: es sind energische Maßnahmen ergriffen worden, um die voll- kommene Auflösung der separaten Organisationen mit ihren Vorständen, Kassen und FraMonsorganen in der Partei durch- zuführen. Die einstimmig angenommene Resolution fordert unter allen Umständen die einheitliche Aktion bei allen vorhandenen Meinungsgegensätzen. Und eine einheitliche Aktion setzt eine einheitliche Organisation voraus. Diese Prinzipien gehören freilich zum Abc jeder Partei und können für manches westeuropäische Ohr wie ein Gemeinplatz klingen. In einer Partei jedoch, für die der Bürgerkrieg der straff zentralisierten Fraktionen zum normalen Zustand geworden war. bedeutet dies Abc einen gewaltigen politischen Gewinn. Denn damit die Führer der kämpfenden Gruppen es für notwendig und möglich halten konnten, eine allgemeine Formel zu finden, um die Idee der einheitlichen Parteiaktion feierlich zu proklamieren, mußte vorher ein großer psychologischer Umschwung in den führenden Parteikreisen stattfinden. Mit dem Sektierertum ist es vorbei. Atavistische Rückfälle sind selbstverständlich nicht ausgeschlossen, aber die Philosophie und die Strategie der ewigen Spaltungen hat ihre Rolle ausgespielt. Nicht nur weil die Führer sich eines Besseren„besonnen" haben, sondern weil sie eigentlich anders nicht können. Und darin liegt eben der Schwerpunkt. Als Partei sind wir von der Konterrevolution wieder auf unsere„unterirdischen" Positionen zurückgedrängt worden. Aber wir haben unsere Vertretung in der Duma. Wir haben legale Gewerkschaften und Bildungsvereine. Es gibt keinen bedeutenden Kongreß der bürgerlichen Fachleute für Frauenrecht, Volksmedizin oder Abstinenz, auf dem die gewählten Vertreter der sozialistischen Arbeiterschaft nicht mit ihren Programmforderungen und ihrer politischen Kritik auftreten. Es werden von den Arbeitern selbständige Vereine gegründet, um in der Kommunalpolitik und in den Semstwos ihre Stimme zur Geltung zu bringen. Diese mannig- faltige Tätigkeit wird ausschließlich von Sozialdemo- kraten geleitet. Aber dieser fehlt das einigende Band. Sie arbeiten als einzelne oder gruppenweise. Die Partei ist in Fraftionen geteilt, das heißt in Gemein schaften, die sich vor der Revolution auf Grund bestimmter Auffassungen über diese zusammengeschlossen hatten und die die elementaren Bewegungen der unorganisierten Massen von oben herab leiteten. Jetzt aber, wo die Formen der Bewegung immer mannigfaltiger werden und spezielle Kenntnisse und Routine fordern, jetzt, wo die Masse sich selbst kristallisiert und nur noch in demokratischer Selbstverwaltung sich selbst leiten kann, entarteten die Fraktionen zu hilflosen Ueber blcibseln der vorrevolutionären Zeit, die abseits der großen Straße des proletarischen Klassenkampfes stehen und nur ihren eigenen zunehmenden Verfall registrieren können. Die besten Kräfte wurden den alten Fraktionen abspenstig und entfalteten ihre Tätigkeit in den Gewerkschaften, Bildungs- vereinen usw. Die bolschewistischen Extremisten sagten:„Die offenen Arbeiterorganisationen mit ihren„legalen" Illusionen — das ist der Feind, der uns vernichtet. Die Gesetzlichkeit tötet uns. Zurück in den Versteck!" Die menschewistischen Konsequcnzenmacher antworteten darauf:„Umgekehrt,— es ist die Partei, die die Arbeiterbewegung bremst. Nieder mit der Partei I" Diese sich gegenseitig ergänzenden Absurditäten be- zeichneten die Sackgasse, in die die Fraktionen geraten waren. Eine große Wendung in ihrer Taktik mußte jetzt ein- treten. Je mehr die illegale Parteiorganisation der Zersetzung verfiel, desto schärfer fühlten die sozialistischen Arbeiter an der Spitze der legalen Organisationen die Notwendigkeit einer politischen Gemeinschaft, die die sämtlichen Erscheinungen des proletarischen Kampfes einheitlich leitet und sie mit sozialisti- schcm Geiste durchtränkt— der sozialdemokratischen Partei. Andererseits lernten auch die Mitglieder der geheimen Orga- nisationen verstehen, daß die Partei in kurzem an!Entblutung stürbe, wenn sie sich von den legalen Arbeiterorganisationen fernhielte oder sich sogar mit diesen verfeindete. Alle sozia- listische Kräfte in den legalen Vereinigungen zu Partei- gruppen zusammenschließen, diese miteinander verbinden und den lokalen Parteiorganisationen unterordnen, die Duma- tribüne durch die geheime Druckerei ergänzen, kurz die Partei zu einem leitenden Apparat der sämtlichen Formen der Arbeiterbewegung herausbilden— das ist zur herrschenden Parole geworden. Und wie könnte dies durchgesetzt werden ohne Annäherung der Fraktionen innerhalb der alten Partei? Unwiderstehlich vollzieht sich die Verschmelzung der Fraktionen— von unten nach oben. Es bildete sich ein neuer Parteitypus heraus, der eines sozial- demokratischen Arbeiters mit ziemlich hoher theoretischer Schulung, mit politischer Erfahrung, die in den Kämpfen der Revolution und Konterrevolution erworben war. diszipliniert, ohne übermäßige Pietät für das Heiligtum der Fraktions- traditionen— ein Fels, auf dem die einige Partei der nächsten Zukunft gebaut werden wird. Aus dem Antagonismus zwischen den mannigfaltigen Bedürfnissen der Arbeiterbewegung und dem Konservatismus der gespalteten Parteiorganisationen war die Gefahr ent- standen, daß die neue sich formierende proletarische Partei sich im direkten Gegensatze zur alten entwickeln würde— zum unersetzlichen Schaden für beide. Unter diesen Umständen hat das Zentralkomitee den heroischen Versuch gemacht, sich von den inneren Reibungen zu befreien und die lebensfähigen sozialdemokratischen Elemente um sich zu scharen, um planmäßig den Formierungsprozeß der neuen Parteiorganisation durch die Kräfte und Mittel der alten zu fördern. Wird dieser Ver- such nicht mißglücken? An Skeptikern, die mit Augurenlächeln von der„Ver- söhnung" sprechen, fehlt es freilich nicht. Manchem ist es auch wirklich unbehaglich, aus seiner Fraktionsbude in ein Parteigebäude übersiedeln zu müssen. Es fragt sich nur, ob solche Elemente einen Rückhalt haben? Wir glauben es nicht. Der Zug von den Fraktionen zur Partei, aus den Erfahrungen der letzten Jahre ent- standen, ist bei der vorgeschrittenen Schichte des russischen Proletariats jetzt eine unwiderstehliche Kraft. Nicht aus eigenen subjektiven Bedürfnissen, sondern unter dem Drucke von unten sahen sich die Fraktionsführer genötigt, die einstimmig angenommene taktische Resolution auszuarbeiten. Nun wird jetzt diese Resolution zur Schlinge für jeden Scharf macher innerhalb der Partei. Eine einheitliche Taktik ist möglich— das haben die Vertreter dersämt lichen Fraktionen und Gruppen anerkannt— und deshalb un umgänglich notwendig. Die Strategie der Spaltungen muß, falls sie wiederkehrt, von nun an auf jede prinzipielle Begründung verzichten. Umgekehrt: diejenigen Elemente in dem alten Parteiüberbau— und sie wachsen immer an Zahl und Einfluß— die ihre Sache auf die Einigung der Partei gestellt haben, bekommen jetzt in der taktischen Resolution des Zentralkomitees ein Agitationsmittel, das man nicht hoch genug schätzen kann. Nicht der gute Wille der Parteiführer, sondern die wachsame Kontrolle der klassenbewußten Arbeiterschaft ist die letzte und die einzig sichere Bürgschaft für die Einheit der Partei. Darum darf man über eventuelle episodische Rückfälle nicht verzweifeln, sondern muß die öffentliche Meinung des sozialistischen Proletariats vertiefen und damit denjenigen Prozeß beschleunigen, der sich jetzt in allen Ecken Rußlands unaufhaltsam vollzieht: die Uebernahme der Geschicke der Partei in die Hände der Arbeiter selbst. Der Fraktionspartikularismus hat in Rußland vollkommen abgewirtschaftet. Wer diese zerfetzte Fahne noch zu hissen ver sucht, wird elenden Bankrott machen. Sozialistische Arbeit kann man jetzt unter den russischen Arbeitern verrichten nur mit der Fahne der Partcieiuheit in der Hand. Hus der Partei* Gemeinderatswahlsieg. Polsnik(Kreis Waldenburg), Id. März. Bei der heutigen Gcmeinderatslvahl wurden zum erstenmal zwei S»zialdemolraten gewählt. Presse-Berfolgung und-Fortschritt. DaZ„Volksblatt für Halle' erfreut sich in letzter Zeit steigender Aufmerksamkeit bei der Justiz. In kurzer Zeit sind wieder 1000 M. Geldstrafe über drei in der Redaktion tätige Genossen verhängt worden. Genosse Leopoldt soll einen AmtSdiener beleidigt haben. Dessen Ehre zu reparieren erfordert 300 M. Genosse Kaszare k hatte einen Polizeiwachtmeister in Mllhlberg Wahlschlepper genannt, Urteil 300 M. Genosse R i e b u h r hatte einem Pastor in Hohen- leipisch wegen verschiedener Vorgänge Mangel an christlicher Nächsten- liebe vorgeworfen, als Sühne werden 400 M. verlangt. Man sieht, horrende Geldstrafen sind bei der Halleschen Justiz, in der hervorragend der aus Erfurt und Königsberg bekannte Landgerichtsdirektor Schubert wirkt, ganz besonders beliebt. Entsprechend der Schärfe, mit der gegen das Blatt vorgegangen wird, gestaltet sich dessen EntWickelung. Seit dem Blutsonntag im Februar hat sich der Abounentenstand in der Stadt Halle allein um 1000 gehoben. Die Auflage beträgt jetzt über 42 000 und wird sicher weiter steigen, da die Genossen jetzt daran gehen, mittels Haus- agitation die erzielten Erfolge zu vergrößern. poliieilicbes, Oertcbtiicbcs uftv. Die falsche Parteigenossin. Eine Gaunerin, die eS darauf ab- gesehen hatte, die Parteibureaus um Unterstützungen zu beschwindeln, und die jedenfalls auch in anderen Städten ihr Unwesen getrieben hat, wurde in Nürnberg erwischt. Im Dezember fand sich auf dem Nürnberger Parteiselretariat eine Dame ein, die sich als Therese Weinbergcr vorstellte und angab, die Frau eines polnischen Parteigenossen zu sein, der durch die russischen Behörden um feine Existenz gebracht worden sei und sich nun in der Schweiz aufhalte. Sie wolle ihm mit den Kindern nachreisen, aber es seien ihr die Mittel ausgegangen. Dabei zeigte sie ein Schriftstück vor, das von einer Parteiorganisation gestempelt und auf dem bestättgt war, daß ihre Angaben wahr und sie der Unterstützung zu empfehlen sei. Der Parteisekretär gab ihr 12 M. und empfahl sie an das Münchener Parteisekretariat. Einige Wochen später sah er jedoch die angebliche Therese Weinberger in einem Nürnberger Cafe sich wohlgemut mit einigen Herren unterhalten. Da kurz vorher im„Vorwärts' vor einem Schwindler namens Weinberger, der die Frankfurter Parteiorganisation geprellt hatte, gewarnt worden war, wurde die Verhaftung der Dame veranlaßt. Es stellte sich heraus, daß ihre sämtlichen Angaben Schwindel und das Schriftstück gefälscht war; sie heißt mit ihrem wahren Namen Therese Koch und ist niemals Frau eines Parteigenossen gewesen. Sie wurde zu einer Woche Gefängnis verurteilt. Eine mißlungene Jnstizaktion. Von der Strafkammer in Stade wurde der Arbeitersekretär Genosse A. Müller in Harburg von der Anklage, zum Meineid verleitet zu haben, unter Uebernahme aller Kosten aus die Staats- koste glänze n'd freigesprochen. Das„Verbrechen" sollte bei einer AnSkunftserteilung erfolgt sein. Hus Industrie und Handel. Internationaler Eisenmarkt. Man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, daß sich der Erholungsprozeß im Eisengewerbe doch recht langsam vor sich geht. Immer wieder unterbrechen Rückschläge die Auf- wärtsbewegung. und die Preiskurve hat die vorjährige Höhe kaum erst überschritten. Am gleichmäßigsten ist schließlich noch die Ent» Wickelung in Deutschland, obgleich es immer mehr den An- schein gewinnt, als ob eine Uebersättigung des Inlandsmarktes durch die starke Eigenproduktion nur dadurch vermieden wird, daß dem Auslandsgeschäft ein ganz hervorragendes Interesse geschenkt wird. Die Roheifenausfuhr wächst im laufenden Jahre in geradezu ungewöhnlicher Weise. Da aber die Roheisengewinnung andauernd stark ausgedehnt wird, so ist eben eine durchgreifende Erleichterung auf dem einheimischen Markte noch nicht zu ver- spüren, um so weniger, als auch die Roheiseneinfuhr zu- nimmt. Da die Aufnahmefähigkeit des Konsums nur langsam wächst und die Nachfrage daher noch ziemlich ruhig bleibt, so ist es um Preiserhöhungen schlecht bestellt. Im allgemeinen haben die E i s e n p r e i s e im Laufe dieses Jahres nur geringe Er- höhungen erfahren, doch haben sie nun alljährlich das Vorjahrs- Niveau wieder erreicht, resp. überschritten. An der Düsseldorfer Börse wurden Anfang des MonatL folgende Preise pro Tonne in Mark notiert: März Januar März 1910 1909 Spiegeleisen..... 63—65 62— 64 63—66 Stahleisen...... 59—63 58—60 53—60 Deutsches Bestemer... 63— 65 59— 62 59— 61 ThomaSeisen ab Luxemburg 55—56 52—55 49— 50 Luxemburger Gießerei Iii 56 53—64— Thomaseisen wurde im Vorjahre noch franko Verrbauchsstelle notiert. In Großbritannien scheint die Konjunkturkurve im Eisengewerbe seit einiger Zeit auf einen toten Punkt ange- langt zu sein. Obwohl der Beschäftigungsgrad in der britischen Eisenindustrie zweifellos lebhafter ist als vor Jahresfrist, so ist der Marktverkehr doch noch fehr ruhig, besonders wieder in den letzten Wachen. Wie in Deutschland würde die Marktlage vielleicht noch weniger befriedigend sein, wenn nicht der Auslandsabsatz sehr gepflegt würde. Die Verschiffungen von Middles- brough erreichten in den ersten beiden Monaten einen Umfang von 170 811 Tons gegen 142 921 Tons im Vorjahre. Die Preise haben innerhalb der ersten beiden Monate schon ziemlich starke Schwankungen durchgemacht und sind nur in den letzten Wochen stabil geblieben. Das Fazit der Schwankungen war, daß die Preise jetzt auf demselben Stande stehen wie zu Jahresbeginn. Für die wichtigeren Sorten wurden Anfang des Monats folgende Preise gezahlt: März 1910 Januar 1910 März 1909 Cleveland cash Warrants 51 s 8 6 51 e 2 Hz ck 47 s 1 ck Gießereieisen Nr. 3.. 51„ 7h/z, 51, 3, 47, 3, Nr. 4 sorge, Hämatit, 54„ 62. 6„ 64„ Mit den vorjährigen Notierungen verglichen, ergibt sich aller- dings ein sehr kräftiger Vorsprung, relativ kräftiger als es bei einzelnen deutschen Sorten der Fall ist. Geradezu unbefriedigend hat sich in den letzten Wochen die Situation am a m e r i k a- nischen Roheisenmarkt gestaltet, wo die Nachfrage so matt war, daß es zu direkten Preisrückgängen kam. Der Preis für Nord- liches Gießereieisen Nr. 2 ging von 18,50 bis 13,76 Dollar Ende Februar auf 18 bis 13,50 Dollar in der ersten Märzwoche zurück. Mit Jahresanfang stehen die Preise tiefer, aber gegen die vor- jährigen ergibt sich noch ein ansehnlicher Vorsprung. Südliches Gießereieisen zum Beispiel kostete Anfang März dieses JahreS 17 bis 17,50 Dollar gegen 14,25 bis 14,75 Dollar zur gleichen Zeit des Vorjahres. Steigerung der Hanshaltskosten. Berechnen wir auf Grund der Berpflegungsration eines deutschen Marinesoldaten den wöchentlichen Nahrungsmiltelauswand einer vier- köpsigen Familie, so erhalten wir im Durchschnitt von 55 deutschen Städten für den Monat Januar 1910 eine Standardziffer von 23,75 M. Dieselbe Berechnung für die gleichen Städte hatte für Januar 1909 nur eine Standardziffer von 22,46 M. ergeben. Im Durchschnitt muß also ein Haushalt in diesem Jahre für die gleiche Menge Nahrungsmittel pro Woche 1,29 M. mehr ausgeben als vor einem Jahre. Das macht im Monat eine Mehrausgabe von rund 5,16 Mark a»S. Bei kleinen Einkommen ist dies eine empfindliche Mehrbelastung, da auch die Ausgaben für andere Gebrauchsgegenstände sich zum Teil im Preise erhöht haben. Die Steigerung der'Nahrungsmittelpreise hat übrigens im laufenden Jahre von neuem eingesetzt und dadurch dem in den letzten Monaten des Jahres 1909 zu beobachtenden Rückgang ein Ziel gesetzt: im Dezember vorigen Jahres betrug die Standardziffer erst 23,67 M.; sie ist also im Januar um 0,15 M. gestiegen. Ver- gleichen wir nun die Preise der in die Berechnung einbezogenen Nahrungsmittel mit den vorjährigen, so zeigt sich, daß s o ziem- lich alle wichtigeren Lebens nrittel eine Preissteigerung gegenüber dem Vorjahre aufweisen. Ganz besonders Weizenmehl, Brot, Butter, Kalbfleisch und Schweinefleisch haben sich sehr ver- teuert. Bei diesen Lebensmitteln betrugen nämlich die Kleinhandels- preise im Monat Januar dieses und des vorigen JahreS im Durch- schnitt der 55 Plätze pro Kilogramm in Mark: 1909 1910 Weizenmehl.... 0,35 v.ZS Brot...... 0,80 0,33 Butter...... 2,52 2,74 Kalbfleisch.... 1,72 1.78 Schweinefleisch... 1,55 1,68 Der Preis für Kartoffeln ist gleichgeblieben; bei Erbsen ist eine Preissteigerung von 36 auf 38, bei Bohnen Von 38 aus 39 Pf. pro Kilogramni erfolgt. Auch Rind- und Hammelfleisch sind im Preise gestiegen._ Inkrafttreten des französischen Zolltarifs. Der De ut sch- f rangö s i sch e W i r t s ch a f t s v e re'i n macht darauf aufmerksam, daß dem augenblicklichen Stande der Dinge nach jedenfalls damit gerechnet werden muß, daß der neue Tarif zum 3t. März in Kraft tritt. Aller Voraussicht nach wird daher zu Ende des Monats an der Grenze ein derartiger Waren- andrang auf den Eisenbahnen sein, daß nicht unerheb- liche Verzögerung en des Transports sowie der Zyllabfertigung zu erwarten sind. Auf Abfertigung nach den Zollsätzen des alten, jetzt geltenden Tarifes haben nur die- jenigen Waren Anspruch, für welche bis zu dem Augenblick, wo der neue Tarif in Kraft tritt— also bis zum Schluß der Zollbureaus am letzten Tage des alten Regimes— bereits die Deklaration der Zollbehörde eingereicht und in deren Bücher eingetragen worden ist. Allen deutschen Exporteuren sei daher, um unliebsamen Ueberraschungen vorzubeugen, empfohlen, für möglich st frühzeitige Absendung derjenigen Kolli Sorge zu tragen, welche noch zu den alten Zollsätzen verzollt Norden sollen._ Der britische Außenhandel. London, 8. März. Zum Aerger der Tarifreformer zeigt der britische Außenhandel eine fortgesetzte Besserung. Sowohl die Ausfuhr wie die Einfuhr nahmen im Vergleich mit Februar 1909 erheblich zu. Die Ausfuhr im Februar 1910 betrug 31 692 000 Pfund Sterling(oder um rund 3,7 Millionen mehr), die Einfuhr betrug 51 158 000 Millionen Pfund Sterling(oder um 0,7 Mit- lionen mehr). In den beiden Monaten(Januar und Februar) nahm die Ausfuhr um 9,7 Millionen, die Einfuhr um 3,1 Millionen Pfund Sterling zu._ Ein Automobiltrust. Der„Herald" meldet aus New Aork: Kürzlich hatten die Zci- tungen eine Neugründuug der Firma Pierpont Morgan u. C o. angekündigt. EL handelte sich dabei, wie man jetzt hört. um die Gründung eines Automobiltruftes. In Verbindung mit anderen Großfinanziers hat die Firma Morgan u. So. ein Aktienkapital von 30 Millionen Dollar zusammengebracht. Vor- läufig hat das Konsortium die große Automobilfabrik von Ev.-- r e t t Metzger u. Fanders in Detroit im Staate Michigan für 6 Millionen Dollar angekauft. Der Ankauf dieses Weckes ist der erste Schritt zur Erwerbung aller Automobilfabrikcn in Detroit, der wahrscheinlich der Ankauf sämtlicher Automobilfabriken orS Staates New Aork folgen wirb. Staätverorän eteu- Versammlung. S. Sitzung vom Donnerstag, den 10. März. nachmittag 5 llhr. Vorsteher Michelct eröffnet die Sitzung nach Uhr mit einem Nachruf an den verstorbenen früheren Stadtbaurat Blanken» st e i n und den früheren liberalen Stadtv. Baumgarten. Vor der Sitzung hat eine Reihe von Ausschußwahlen stattge- funden. In den Ausschuß für die Borlage betr. de» Bertrag über die Schnee- und Kehrichtabsuhr sind von der sozialdeniokvatischen Fraktion die Stadtv. Fischer, Pfannkuch, Dr. Rosen- selb, Schneider deputiert. Die Versammlung beginnt die Spezialberatung deS Stadthaushaltsctats für 1910 auf Grund der Vorschläge des Etatsausschusses. Uebcr Kapitel 1 des Etatsentwurss in der neuen Einteilung Grundeigentum und Berechtigungen(Abteilung 1: Grundstücke in der Stadt; Abteilung 2: Grundstücke ausserhalb der Stadt und Kalksteinbruch Rüdersdorf; Abteilung 3: a) Dotationen, Renten und Abgaben, b) Wegegercchtiakeit, c) herrenlose Erbschaften. d) Fundsachen, e) Gebühren für Aufnahme der Feuerversicherung»- taxcn usw.) referiert Stadtv. Dyhrenfurth(Fr. Fr.). Der Ausschuss hat mit 8 gegen 7 Stimmen trotz des Wider- spruchs der Magistratsvcrtreter beschlossen, der Versammlung vor- zuschlagen, den Verkauf deS Schcunenviertcls ausschliesslich in die Hand einer Kommission von b Mitgliedern(2 vom Magistrat, 3 von der Versammlung) zu legen. Er verspricht sich davon eine Beschleunigung der Berkaufsaktion. Stadtv. Barth(A. L.) stellt anheim, den Antrag anzunehmen, der namentlich dem Magistrat das dringende Bedürfnis vor Augen führen solle, dem für die Bewohner des Scheunenviertels bestehenden Notstand schneller ein Ende zu machen. Stadtrat Böhm: Der Magistrat hat seinerzeit abgelehnt. einer Kommission so weitgehende Befugnisse zu erteilen; er will selbst mitsprechen. Es liegen jetzt 2 Angebote vor, die allerdings den festgesetzten Mindestpreis von 3 Millionen nicht ganz erreichen. Die besiegende Scheunenvicrtel-Kommission wird in der nächsten Woche darüber Beschlutz fassen. Die vom Etatsausschuss vorgeschlagene Resolution wird hier- auf abgelehnt; die angeführten Einzeletats werden nach dem Ent- wurf genehmigt, jedoch erfolgt gemäss einem Antrag Liebenow (A. L.) eine Erhöhung der Abgabe der B. E. W. um 100 000 M. auf 3 500000 M. Zum Kapitel 4 Unterricht(Abteilung 1: Gymnasien, Real- ghmnasien und Oberrealschulen; Abteilung 2: Realschulen; Ab- tcilung 3: höhere Mädchenschulen; Abteilung 4: Turnhallen der höheren Lehranstalten; Abteilung 5: Verschiedene Einrichtungen für die städtischen höheren Lehranstalten) hat der Etatsausschuss den Stadtv. Dr. Arons(Soz.) zum Referenten bestellt. Von diesem wird erwähnt, dass der Magistrat das Luisenstädtische Gymnasium allmählich abzubauen beabsichtigt. Dem Gedanken, mit der Beseitigung der Vorschulen endlich einmal praktisch einen Anfang zu machen, hat die Ausschussmehrheit ablehnend gegenüber- gestanden. Stadtv. Cassel(A. L.): Nach meiner persönlichen lieber- zcugung wird und muh der Augenblick kommen, wo die Vorschulen beseitigt werden. Der Ausschuß hat den Betrag von 4500 M. für die wissenschaftlichen Abhandlungen, die den Schulprogrammen bei- gegeben werden, gestrichen; die grosse Mehrheit meiner Fraktion wünscht die Bewilligung dieser wohl verwandten geringen Summe. Dem bedauerlichen Bestreben eines Teils der höheren Lehrerschaft, besonder» in den Provinzen, die Teilnahme' der Schuldeputationen am öffentlichen Schulwesen einzuschränken, müssen wir schon jetzt entschiedensten Widerstand ansagen. In Personalien werde die notwendige Diskretion auch in den Schuldeputationen durchaus gewahrt und gewahrt werden. Stadtschulrat Michaeli«: Von solchen Bestrebungen in Berlin ist mir mchts bekannt, dagegen hat von rheinischen Kommunen derartiges verlautet. Ich werde den Standpunkt der Berechtigung der Mitwirkung der städtischen Selbstverwaltungsorgane auf diesem Gebiete Ausdruck und Nachdruck geben, wo ich amtlich dazu be- rufen bin. Stadtv. Borgmann(Soz.): Der von dem Kollegen Cassel er- wähnte Wunsch, die Städte von der Verwaltung der Höheren Schulen auszuschliessen, auch wenn sie die Kosten tragen, ist wohl nur in einzelnen Kreisen der höheren Lehrerschaft vertreten und würde höchsiens als ein Beweis von Ueberhebung anzusehen sein. Bei den meisten höheren Schulen ist bis zur Untersekunda die Frequenz eine gleichmäßige, von da ab sinkt sie aber rapide. Hier wird trotzdem nicht daran gedacht, zu Matznahmen zu greisen, wie man sie den Gemeindeschulen gegenüber für angemessen hält. Der höhere Schüler kostet uns pro Kopf 190 M. Nach dem Aus- schuhbericht hat sich der Kämmerer persönlich als ein entschiedener Freund der Vorschulen bekannt. Er hatte damit wohl bloss die Ein- nähme aus diesen Vorschulen im Auge. Tatsächlich ist doch das Vorschulwesen längst als ein Hemmschuh für unser höheres Schul- wese» erkannt worden, der endlich beseitigt werden mutz. Dann wird auch das gesamte BolkSfchulwrsen auf eine höhere Stufe ge- hoben werden. Im Etatausschuss wurde auch erörtert, dass wir in Berlin zwei verschiedene Jahrescöten haben, und.daß dadurch wesentlich höhere Kosten verursacht werden. Der Stadtschulrat erklärte das für einen Vorzug, weil der nicht versetzte Schüler nur ein halbes Jahr zurückzubleiben brauche. Andererseits aber wäre es doch vielleicht für den Schüler ein Ansporn, wenn er weiß, dass er ein ganzes Jahr verliert, sobald er nicht versetzt wird. Wenn der Staat das System der Jahresklassen durch das ganze Land durchführt, werden wir in Berlin nicht zurückbleiben können, und die Rücksicht auf die Finanzen tritt noch hinzu. Stadtschulrat Michaelis: Es ist eine allgemeine, nicht etwa eine lokale, und es ist auch eine alte Erscheinung, dass eine Menge Schüler mit der Entlassung der Berechtigung zum Ein« jährigendienst abgehen. Das werden wir nicht beseitigen. Darum das»eunklassige System ausser Kraft setzen, wüvde der Stadt Berlin nicht würdig sein. Die Cöten bei schwächerer Frequenz zusammen- zulegen, darauf müssen wir Bedacht nehmen, aber die Schüler zum Uebergange in eine andere Anstalt zwingen, das geht nicht an; wir wollen uns nicht das ganze System verderben lassen. Ein Teil der Zurückgebliebenen braucht bei den Halbjahrescöten nur ein halbes Jahr zu verlieren. Kosten würden auch nicht erspart werden, denn wir müßten dann zwei Ostern- oder zwei MichaeliScöten haben. Bei Neugründung höherer Schulen werden wir Lorschulen nicht mehr einrichten. Wenn die Direktoren diese Vorschulen los sein wollen, so nur deshalb, weil sie vom Publikum geradezu m-it dem Revolver bedrängt werden, unendlich viel mehr Schüler auf- zunehmen, als sie aufnehmen können. Stadtv. Cassel stellt sich im wesentlichen auf den Standpunkt des Schulrats. Erst wenn der Uebergang von der Volksschule zur höheren Lehranstalt ohne Zeitverlust werde erfolgen können, sei der Zeitpunkt der Beseitigung der Volksschulen gegeben. Zur Abteilung„Verschiedene Einrichtungen" usw. referiert Stadtv. Dr. Arons ausführlich über die schon vorher gestreifte Frage der wissenschaftlichen Programmabhandlungen. Der AuS- schütz habe die Streichung der 4500 M. beschlossen. Für diesmal fei aber-das Geld schon ausgegeben; der Etat bezeichne den Titel auch ausdrücklich als bestimmt für das Schuljahr 1909/1910. Um diese Inkongruenz für die Zukunft zu beseitigen, empfiehlt er eine inzwischen eingegangene Resolution, den Magistrat aufzufordern, die Position auf das Etatsjahr, nicht auf daS laufende Schuljahr einzustellen. Stadtv. Direktor Dr. Hellwig(A. 2.) plädiert für die Reso- lution und für die Bewilligung der 4500 M.—« Stadtv. Borgmann: Wir empfehlen die Resolution zur Kor- rektur des Etats. Die 4500 M. könnten später nach meiner Ansicht ganz wohl er s part werden, ohne dass der wissenschaftliche Geist der höheren Lehrerschaft darunter leidet.(Widerspruch.) Stadtv. Cassel: Es handelt sich darum auch gar nicht, eS soll vielmehr damit eine Anregung gegeben werden. Stadtschulrat Michaelis tritt ausführlich und lebhaft für die Beibehaltung der Programmabhandlungen ein, die einen Zusammenhang zwischen Schule und Haus herstellen sollen und zudem auch ihren wissenschaftlichen Wert besätzen. Der Referent bezweifelt, ob Themata aus der höheren Mathematik im Programm einer Mädchenschule geeignet seien, einen Zusammenhang zwischen Schule und Haus herzustellen und konstatiert, daß, wenn der Etat unverändert angenommen wird, Gelder für die Programme für 1910-1911 dem Magistrat nicht zur Verfügung stehen würden. Die 4500 M. werden mit grosser Mehrheit bewilligt; die Resolution gelangt zur Annahme. Die aufgeführten Einzel- etats werden genehmigt. Referent des Ausschusses für den Teil des Kapitel VI Kranken- und Gesundheitspflege, der die Abteilungen: Badeanstalten, öffentliche Desinfektionsanstalt, Heimstätten, Verschiedene Einrichtungen für die öffentliche Gesundheitspflege, Untersuchung samt und Z e n- trale Buch umfaßt, ist Stadtv. Jden(A. L.) Stadtv. Dr. Wehl(Soz.): In der Heimstätte Buch hat sich wieder einmal ein Skandal ereignet. Ein Pflegling ist entlassen worden, und aus Solidaritätsgefühl sind 22 andere mitgegangen. Jede vorzeitige Entlassung aus der Heimstätte, gleichviel ob un- freiwillig oder freiwillig, bedeutet für einen Lungen- kranken ein Todesurteil.(Lachen und Widerspruch. Fortdauernde Unruhe.) Wenn Sie meinen Ausführungen keine Aufmerksamkeit schenken wollen, täten Sie besser, sich draußen aufzuhalten.(Grosser Lärm; Zurufe:„Unerhört!" Der Borsteher ersucht den Redner, den Mitgliedern nicht solche Zumutung zu stellen.) Wenn ein Kranker eine Anstalt gegen den Willen des Arztes verläßt, wird er auf eine Liste gesetzt, wonach in Zukunft eine Aufnahme nicht mehr stattfindet.(Wiederholte ironische Rufe:„Todes- urteil!") Wir bedauern auf» lebhafteste, dass ein solcher Exzeß stattfinden konnte. Ich bin gegenwärtig Kurator dieser Heim- statte in Vertretung des beurlaubten Geheimrats Fränkel. Ich habe veranlasst, daß seitens des beschuldigten Arzte» schleunigst ein Bericht eingereicht ist. Selbstverständlich darf nicht auf Grund der einseitigen Aussage der Patienten und auch nicht auf Grund des Berichtes allein eine Entscheidung getroffen werden; wir hoffen und erwarten, daß eine strenge Nntrrsuchung eingeleitet werden wird. Dieselben Beschwerden, die heute zu dieser Massen- entlassung geführt haben, �iind schon früher laut geworden. Ter betreffende Arzt behandelt die Heimstättenpfleglinge wie ein Unter- offizier seine Rekruten; er patzt sich schwer Berliner Kranken an, er war 20 Jahre lang Landarzt, ist etwas grob und führt einen Ton, der etwa dem schneidig schnarrenden Schnauzen auf den Polizeiwachei» entspricht. Bekanntlich sind vielfach die groben Aerzte die tüchtigsten.(Stürmische Heiterkeit.) Sein Ton aber schickt sich heute nicht mehr; er sieht die auf der Heimstätte Befindlichen wie Almosenempsanger an, und das wollen wir uns nicht gefallen lassen. Bei strenger, unparteiischer Untersuchung wird auch der Gerechtigkeit zum Siege verholfen werden. In den anderen Heim- stätten sieht es allgemein ganz nett aus; in Buch mutz aber die Behandlung schon deshalb eine bessere werden, weil die Verwaltung sich alle Mühe geben mutz, die Zustände dort behaglich zu gestalten. weil unsere Heimstätten an einer bedenklichen Leere leiden, was auch finanziell sehr bedauerlich ist. Nicht nur im Winter, sondern währnd des ganzen vorigen Jahres war die Frequenz ausserordent- lich vermindert; zuletzt tvar die Aufnahmeziffer 10 Proz. niedriger als vor 2 Jahren. Im vorigen Juni haben wir die Erhöhung der Pflegegeldsätze beschlossen, eine hygienisch und finanziell sehr un- zweckmässige Massregel, denn die Krankenkassen sind nicht imstande, die höheren Sätze zu zahlen, und das Ende ist. dass das städtische Armenbudget Häher belastet wird. Was nützen die schönsten An- stalten, wenn der Besuch ausbleibt? Nicht die Neigung, in die Heimstätten zu gehen, ist geringer geworden, sondern die Bereit- Willigkeit und d,e Möglichkeit, die höheren Kosten aufzubringen. Der ÖewerkSkrankenvcrci» mit seinen 160 000 Mitgliedern, an dessen Spitze Geheimrat Strassmann steht, hat eine Mitteilung an seine Aerzte ergehen lassen, wonach den Kranken ein längerer Ans- enthalt als 3 Wochen in den Heimstätten nicht mehr zugestanden werden kann. Wir hätten den Kurkostensatz gerade ermäßigen müssen, um die Zurückhaltung der Krankenkassen zu überwinden. Die Heimstätten dürfen nicht nach der Schablone der Krankeq- Häuser behandelt werden. Der Beschlutz der Kurkostenerhöhung war nach unserer Meinung verfehlt. Wenn die Betten leerstehen, wird der Kostenbetrag für die Stadt nicht etwa geringer, sondern wir machen noch ein gutes Geschäft, wenn die Betten besetzt werden auch wenn wir pro Bett und Tag noch 1 M. zugeben müssen, da doch die Generalkostcn dieselben bleiben. Handeln Sie verständig, indem Sie uns ermächtigen. Auswärtige aufzunehmen, und indem Sie den Verpflegungssatz wieder auf 2,20 M. herabsetzen. Nicht an Ihr soziales, sondern an Ihr finanzielles Bcrantwortlich- keitSgefllhl appelliere ich. Nehmen Sie die von uns in diesem Sinne eingebrachte Resolution an.(Beifall bei den Sozialdemo- kraten.) Stadtrat Straßmann: Ein Pflegling ist mehrere Tage nach- einander unpünktlich in die Liegehalle gekommen, und als«r an einem Tage von der Schwester um pünktliches Erscheinen ersucht lvurde, hat er sich ungebührlich ausgedrückt und die Liegekur ge- stört. Darauf hat ihn der Arzt entlassen. Am folgenden Tage kamen 22 Pfleglinge zum leitenden Arzt und verlangten die Zurücknahme der Entlassung!. Darauf ist Herr Dr. Rmer nicht eingegangen, und mit vollem Recht.(Sehr richtig! und große Unruhe.) Wie soll die Disziplin und die Liegekur durchgeführt werden, wenn die Pfleglinge so die Ordnung konterkarrieren? (Zustimmung und Unruhe.) Die Pfleglinge haben bisher eine Be- schwerde nicht eingereicht; wir haben nur den Bericht des Arztes. Selbstverständlich wird die Untersuchung, fortgeführt werden, und nicht einseitig. Daß die Heimstätten im Wiinter wegen der Er- höhung der Pflegekosten leer sind, stimmt nicht. Seit Jahren haben wir die Winterkuren ganz besonders empfohlen, aber der Erfolg blieb aus; die Betreffenden sehen die Heimstätten als einen Sommeraufenthalt an. Stadtv. Leid(Soz.): Die Patienten haben sich wiederholt, und gerade auch die fortgegangenen, lebhast beschwert gefühlt über den militärischen Umgangston des betreffenden Arztes. Der Herr hat den Kranken das Sprechen während des Liegens verboten; Leute, die herausgegangen sind, haben mir mitgeteilt, daß er das Kartenspielen in der freien Zeit verboten hat und die Karten z e r- rissen haben soll. Auch soll er Patienten, welche beim Liegen gelesen haben, die Bücher fortgenommen und auf die Erde geworfen haben. Der Vorgang, der zu der Empörung geführt hat, wird von den Patienten anders dargestellt, als der Bericht sagt. Mir ist mit- geteilt worden, daß ein Patient mit einem anderen in Streit geriet darüber, daß dieser 16jährige junge Mensch ihm eine Zeitung wegnahm die ihm gehörte; er nahm sie sich zurück und daraus ent- sprang ein Wortwechsel; daraufhin verordnete der Arzt als Strafe eine längere Liegezeit. Da? hat die anderen empört, sie wurden vorstellig wegen Zurücknahme der Strafe und sprachen den Wunsch aus. daß die jungen Leute, die auf einzelnen Stuben zwischen den älteren verteilt sind— ein Zustand, der zu Unzuträg- lichkeiten führte, weil dieses naseweise junge Leute waren—, zu- sammengelegt werden sollten(Heiterkeit.) Alles das ist abge- lehnt worden. Stadtrat Straßmann: Der betreffende Pflegling ist jetzt 23 Jahre alt; von dem kann man verlangen, daß er sich der Haus- ordnung fügt. Wiederholt haben wir Klage darüber gehört, daß große Aufregung beim Kartenspiel stattfände, daß um Geld gespielt würde, so daß schließlich diesem ewigen Zank und Streit ein Ende gemacht werden mutzte, um jede Aufregung für die Kranken zu verhüten. Stadtv. Geheimer Medizinalrat Herzberg(A. L.): Schon bei der Lektüre eines aufregenden Romans kann man Herzklopfen be- kommen. Das Gleiche kann in schlimmerem Grade bei Brust. kranken eintreten. Es befinden sich doch auch Fiebernde darunter. Stadtv. Leid: Der Entlassene soll 23 Jahre alt sein. DaS ist eine Verwechselung; ich habe von dem Streitsüchtigen angeführt, daß er ein 16jähriger junger Mensch sein soll. Bezüglich des Sprech- Verbotes und des Verbotes deS Kartenspiels möchte ich anführen, daß doch auch Spiele zur Unterhaltung angeschafft sind. Wenn daS Sprechen aufregend sein soll, müßte es ja gänzlich verboten werden, und man müßte die Leute ins Gefängnis sperren. Stadtv. Dr. Weyl: In den Sanatorien ist doch den Kranken Spielen und Sprechen nicht verboten. Wenn die Leute sich leise unterhalten, so dass andere davon nicht gestört werden, und die Leute innerhalb der Liegezeit Karten spielen, dann braucht man mit ihnen doch nicht so strenge ins Gericht zu gehen. Es kommt viek auf den Ton des Arztes an. Ter Ton macht die Musik(Zuruf: „Sehr richtig!" Heiterkeit). In ruhigen, begütigenden Worten muß cr den Leuten auscin- andcrsctzcn, daß sie verkehrt handeln, von der Exmission darf er erst bei wiederholtem Verstoß gegen seine Anordnungen Gebrauch machen. Geheimrat Straßmann weiß wie ich, daß über den Arzt schon seit Jahren erhebliche Beschwerden erhoben worden sind; cr selbst hat sein Verhalten wiederholt entschieden gcmißbilligt. Ich Iveiß, daß im Winter die Heimstätten leer sind, aber auch im letzten Sommer sind sie leer gewesen; ich nenne leer, wenn ein Drittel der Plätze nicht besetzt sind(Andauernde Unruhe). Daß nur wenig Lungenkranke in die Heimstätten vom Gewerkslrankenverein hinein- kommen, ist mir nicht bekannt. Oberbürgermeister Kirschner: Die Versammlung hat eine außergewöhnliche Milde, indem sie sich eine Stunde Debatte gefallen läßt auf so dürftiger Unterlage. Bei wem haben sich denn die Be. treffenden beschwert? Wahrscheinlich bei einem oder dem anderen Stadtverordneten oder in der Presse. Und daraufhin werden wir hier behelligt! In der Presse heißt eS, die Erwachsenen fühlten sich in ihren Gesprächen geniert durch die Gegenwart jüngerer Kranken. (Hört! hört!) So etwas wird also verlangl! Es kommen 22 Patienten und stellen dem Arzt die Alternative: Entweder soll er eine Matzregel zurücknehmen, oder sie gehen. Das ist ein ganz ungeheuerliches Vorkommnis, sie hatten sich an die vorgesetzten Stellen zu wenden, nicht aber dem Arzte zu drohen. Der Arzt hat durchaus korreit gehandelt.(Zustimmung.) Fahrlässig und un- gerechtfertigt haben sie sich in eine Lage versetzt, aus der ihnen ein Schaden erwachsen kann.(Beifall.) Stadtv. Dr. Herzberg: Die armen Leute, die leider nach Buch müssen, müssen sich doch den gegebenen Anordnungen fügen, sonst haben sie den Schaden. Damit schließt die Diskussion. Die Resolution Wehl wird abgelehnt, die Etats nach dem Referat Jden genehmigt. Um ILO Uhr bricht die Versammlung für heute die Etats- beratung ab. Die Vorlage wegen Festsetiung neuer Fluchtlinien für die Dresdener- und Annenstraße und wegen freihändigen Erwerbe» des Grundstücks Dresdener Straße 101, Ecke Prinzenstr. 63, wird nach den Vorschlägen des dafür eingesetzten Ausschusses an- genommen. An die Maurermeister Demme und Hesse aus Rixdorf sollen 6 Baustellen an der Müllcuhoffstraße für 363 000 Mk. (— 108,79 M. pro Quadratmeter) unter Erlaß der Anliegerbeiträge verkauft werden. Stadw. Ewald(Soz.) beantragt Ausschußberatung. Der Preis von 103 M. erscheine zu niedrig, denn schon 1895 seien dort 120 M., 1897 in der benachbarten Grimmstraße 160 M., 1906 145 M. gezahlt worden. Damals, 1895—1897, seien auch die An» liegerbeiträge bezahlt worden; jetzt wolle man zirka 16 000 M. An- liegerbeiiräge erlassen. Damit sinke der Preis auf 104 M. Solle sich der Wert des Bodens dort in 15 Jahren etwa um 16 M. ver- ringert haben? Die Stadt würde bei diesem Verkaufe geschädigt werden. Stadtrat Rast ist gegen Ausschußberatung. Vor 12 Jahren habe die Stadt dort daS letzte Grundstück verkauft, und zwar zu 100 M. Stadtv. Salinger(N. L.): Es gibt allerdings in Berlin Grundstücke, die nicht teurer geworden sind. Ich besitze selbst so eins. Stadtv. Ewald: Mein Grundstück in der Nachbarschaft hat 150 M. pro Ouadratmeter gekostet. Daß sich keine Käufer ge- meldet haben, ist für mich nicht bestimmend. Jetzt wird in der Gegend viel gebaut. Stadtv. Liebenow: Der Kollege Ewald kann sein Grund- stück in der Schönleinstraße, einer lebhaften Verkehrsstraße, nicht mit diesen vergleichen. Die Lücke in der Müllenhoffstrasse liegt zum Skandal da. Der Antrag auf Ausschussberatung wird abgelehnt, die Vorlage angenommen. Die Vorlagen wegen Ankaufs eines Schulgrundstücks, an der Schönflieher Straße und betr. den Neubau der Gemeindrdoppel- schule Pettentoferstr. 26-24 gehen an einen Ausschuss. Schluss der öffentlichen Sitzung 0 Uhr. Soziales. Der Kuß im Dunkeln. Eine Verhandlung mit heiterem Einschlag gab eS in der letzten Sitzung der 1. Kammer des Berliner KausmannSgcrichtA. Als Klägerin erschien dort die knapp 16jährigc Kontoristin Charlotte K. gegen ihren Chef Herrn P., dein Besitzer einer Kunstdruckerei. Als Grund ihres freiwilligen Verlassens der Stellung erzählte sie dein Gericht folgende Geschichte: Ain Abend vor ihrem Abgange, als daS übrige Personal schon fort und sie mit ihrem Prinzipal allein war, sei plötzlich das Gaslicht erloschen und ihr Ehef habe sie um- gefaht, um ihr einen Kuß geben zu wollen. Am nächsten Morgen hätte er sich zwar entschuldigt, aber auf Anraten ihrer Mutter sei sie dann doch nicht mehr ins Geschäft gegangen. Demgegenüber bestreitet der beklagte Chef entschieden, sowohl die Absicht des Küssens gehabt, als auch sich entschuldigt zu haben. Unter Hinweis auf seinen kräftigen Körperbau stellt er an die Kaufmannsrichter die rhetorische Frage:„Traue» Sic mir, meine Herren, zu, daß, wenn ich ein Mädel küssen will, sie erst vorher um Erlaubnis' fragen werde? Die hätte ihren Kuß weg, ehe sie sichs versieht." Den fraglichen Vorfall schildert der Beklagte seinerseits wie folgt: Das Fräulein hätte selbst das Gas verlöscht, dadurch, daß sie an den Hebel des Gasometers stieß. Da es ganz dunkel war, faßte cr die Klägerin am Arm, damit sie sich nicht an der dicht daneben stehenden Presse stoße. Er wollte Unheil von dem jungen, im Geschäft noch nicht gut Bescheid wissenden Mädchen abwenden und ernte nun für seine Fürsorge schnöden Undank.— Angesichts der sich widersprechenden Darstellungen fragte der Vorsitzende die Klägerin, woraus sie denn entnehme, daß sie der Chef küssen wollte. da sie doch im Dunkeln nichts sehen konnte, worauf die Sechzehn« jährige schlagfertig antwortete:„Aber Herr Richterl Da» braucht man doch nicht zu sehe», da» fühlt man doch!" Ein Vergleich in Höhe von 60 M.— gefordert waren 120 M. — brachte die dunkle Kußaffäre zu versöhnlichem Ende. Der Vor-- sitzende gab aber doch dem Beklagten den wohlmeinenden Rat mit auf de» Weg: Ein andermal fassen Sie sie im Dunkeln nicht an. Lassen Sie sie lieber sich stoßen. Eine eigenartige Zumutung a,, die VolkSschullchrer bedeutet ein Antrag, den auf dem brandenburgischen Provinzial- landtage der Abg. Rittergutsbesitzer von Klitzing(Charlottenhofi, unterstützt von dem Landrat von Maitzahn(Prenzlau), gestellt hat, und der vom Staat den gesetzlichen Zwang für die Volks- schullehrer fordert, den Fortbildungsschulunterricht ohne besondere Vergütung zu erteilen, damit„dem Lernzwang nicht bald der Lehrzwang mit großen Kosten folge". Für den Tiefstand dieser Forderung ist bezeichnend, wenn man bedenkt, daß zur Unterhal» tung der ländlichen Fortbildungsschulen in Brandenburg im Jahre 1906 der Staat zwar 9612 M., die Provinz aber nur 405 M., die Kreise 1897 M., die Gemeinden 1377 M. und d-ie landwirtschaft- lichen Bereine ganze 90 M. beitrugen. Vergleicht man diese Sum- men mit denen, die Handel und Gewerbe für die Förderung ihres Fortbildungsschulwesens Jahr um Jahr auSgeben.so kann bei der ländlichen Fortbildungsschule von der„Gefahr grosser Kosten" für die Beteiligten keine Rede sein. Aber diese Forderung steht auch in Rücksicht auf die Lehrer- schaff ohne Beispiel da. Würde der brandcnburgische Provinzial» landtag z. B. seinen eigenen Beamten zumuten, Arbeiten un» entgeltlich ausserhalb der Dienststunden zu erledigen? Und welches Mass von Arbeit haben die Lehrer hier zu leisten? Nach der letzten amtlichen Schnlstatistik waren in 8er Provinz Branbenliurg 8KZ Lehrer überlastet und 388 überfüllte Klaffen vorhanden, waren 360 Lehrerstellen unbesetzt, die von anderen Lehrern mitverwaltet werden muhten, hatten 33 Schulen über 120 Kinder und nur einen Lehrer. Wie viele Lehrer sind außerdem gegen eine äußerst ge- ringe Entschädigung mit Küsterdiensten belastet, wie viele wirken trotzdem noch aus eigenem Antriebe in gemeinnützigen Vereinen� Und zum Tank dafür will man ihnen diese neue Last ohne jede Entschädigung aufbürden! Im Herrenhanse stellte Graf Häseler am 29. April 1909 die gleiche Forderung an die Unterrichtsverwaltung. Ihr Vertreter begnügte sich mit der recht zahmen Erwiderung:„Es wird sich nie ganz vermeiden lassen, daß die Frage der Remuneration auf- taucht, soweit die Beschäftigung des Lehrers das normale Maß überschreitet." Dieses Entgegenkommen der Schulverwaltung. deren Mitglieder keine Arbeit umsonst leisten, scheint die Herren Junker zu weiteren Vorstoßen ermutigt zu haben. Ein eigenartiger Gewerbegerichtsvorsitzender. Das Spandauer Gewerbegericht scheint nach der Hinsicht eine Berühmtheit werden zu wollen, wie ein Gericht nicht urteilen sollte. In der Nr. 22 brachten wir einen Bericht über das Vcr- halten des Gewerbegerichtsvorsitzenden Assessor Dr. Kurts. Der Älempnergeselle Beilmeier klagte gegen den Älempnermcister Gärtner wegen einer elftägigen Lohnentschädigung, � weil er am IS. November v. I. ohne gesetzlichen Grund und ohne' Kündigung entlassen worden sei. Der beklagte Klempnermeister hatte unter anderem eingewendet, daß er zur sofortigen Entlassung berechtig: war, weil Aeckmeier an seine Lehrlinge sozialdemokratische Flug blätter verteilt habe. Es waren dieS Flugblätter der Jugend kommissio» des Tcutschcu Mctallarbeitcrverbandcs, also einer rein gewerkschaftlichen Organisation. Tos Gewerbegericht faßte in seiner Sitzung am 24. Januar er. unter dem Vorsitz des Assessors Tr. Kurts den sonderbaren Beschlutz, bei der Handwerkskammer zu Berlin anzufragen, ob der Deutsche Metallarbeiterverband resp. dessen Jugendkommission sozialdemokratische Tendenzen verfolge. Jetzt fand die Fortsetzung dieser Verhandlung statt. Schon als die Sache aufgerufen wurde, äußerte sich der Vorsitzende, Assessor Dr. KurtS:„Aha, jetzt kommt die sozialdemokratische Geschichte!" Er trug dann den Klageinhalt nach dem vorstehend Geschilderten vor und meinte:„Der„Vorwärts" habe über diese Verhandlung einen Bericht gebracht, in welchem die Vermutung ausgesprochen war, daß die Handwerkskammer keinen anderen Bescheid erteilen würde, als man solle sich an den Deutschen Metallarbeiterverband wenden.' Der Herr Vorsitzende beliebte dann einiges aus dem„Vorwärts" artikcl wiederzugeben und erklärte dann, es sei ihm übrigens egal, was der„Vorwärts" über ihn schreibe, der Bescheid der Hand Werkskammer sei aber anders ausgefallen, als der„Vorwärts' vermutet habe. Hierauf verlas der Vorsitzende den Bescheid der Handwerkskammer wie folgt:„Unter Rückgabe des mit gefl. Schreiben vom 27. v. Mts. eingesandten?lufrufs der Jugend- kommission des Deutschen Metallarbeiterverbandes erwidern wir crgebenst, daß im allgemeinen die einzelnen sozialdemokratischen Organisationen angegliederten Jugendabteilungen zwar nicht" mittelbar ihrerseits politische Tendenzen verfolgen, daß sie als unter dem dauernden Einfluß der Sozialdemokratie stehend nur als zur Sozialdemokratie zu rechnende Vereinsgebilde an- gesehen werden können." sl) Der Kläger wandte ein. daß der Borsitzende den„Vorwärts"artikel falsch wiedergegeben habe, und wurde ihm auf sein Ersuchen gestattet, diesen Artikel zu verlesen. Bei der Stelle:„der Vorsitzende, Magistratsassessor Dr. Kurts, verstieg sich zu der Aeußerung: Solange er Vorsitzender sei, werde die Mehrheit des Gewerbegerichts stets gegen die Sozialdemo- kraten sein!" rief der Vorsitzende ganz laut:„Sehr richtig!" Nach kurzer Beratung wurde der Kläger mit der Klage kosten- pslichtig abgewiesen. Ter Vorsitzende begründet das Urteil dahin: Es sei nach dem Bescheide der Handwerkskammer festgestellt, daß der Metallarbeiterverband sozialdemokratische Tendenzen verfolge. Es war daher unzulässig, daß der Kläger derartige sozialdemo- kratische Flugblätter an die jungen Leute verteilte und dadurch schon diese jungen Menschen, die noch nicht einmal 16 Jahre alt sind, aufgehetzt würden. Der Beklagte war zur sofortigen Eni lassung berechtigt. Dies Tendenzurteil verdient, den weitesten Av beiterkreisen bekanntgegeben zu werden, gleichzeitig aber auch die Namen der beiden Arbeitgeberbeisitzer, mit deren Hilfe dieö Urteil nur zustande kommen konnte. Der eine ist der Schlosser- meister Buge. Mauerstratze, ein Herr, der die LehrlingSaus- bildung engroS betreibt; der andere ist der Restauroteur Scheele, der in der Neuendorfer Straße ein Tanzlokal hat und der gleichzeitig Äantinenpächter im Feuerwerkslaboratorium ist. Opfer der Tunnelbautr» in der Schweiz. Der gebirgige Eharakter der Schweiz bietet dem Eisenbahn- bau große Schwierigkeiten, die in vielen Fällen durch die Erstellung von Tunnels überwunden werden müssen. Der Tunnelbau ist aber voller Gefahren, denen auch schon zahlreiche Arbeiterleben zum Opfer gefallen sind.. Nach einer bezügliclien Zusammenstellung forderten die verschiedenen Tunnels der Gotthardbahn 242, der Simplontunnel 51, der Bötzbergiunnel 7, der Albistunnel 3, der Horgener Bergtunnel!, Albulatunnel 19. Berner Oberland- lahnen 9, Weißensteinbahn 3, Ricken 5, Haucnsteintunncl 63, zu- sammen 403 Menschenleben, wohl ausschließlich Italiener. Zu dieser an Bedeutung unermeßlichen Summe von Menschenopfern kommen aber noch die Hunderte und Tausende von Arbeitern, d'e durch Unfälle bei Tunnelbauten zu Krüppeln gemacht wurden und über die keine Statistik belehrt. Allerdings fehlt auch eine Statistik der Millionengewinne, die die Kapitalisten bei allen diesen Bauten auf Kosten der Arbeiter machten und mit denen sie sich enorm be- reicherten. Sericdrs-Geltung. Der Schutzmann muß recht behalten. Das scheint das Prinzip der Staatsanwaltschaft zu sein, denn sonst würde sie doch nicht Berufung einlegen in einer ebenso unbedeutenden wie aussichtslosen Strafsache, wo sich das Zeugnis eines Schutzmannes als mit den Tatsachen in Widerspruch stehend erwiesen hat. Der Fall, der zu diesen Betrachtungen Anlaß gibt, be- trifft den Führer eines Kraftomnibusses, der nach Anzeige des Schutzmannes Tielscher an der Haltestelle am Potsdamer Platz Rauch ausgestoßen haben soll. Das Schöffengericht hat den Angeklagten freigesprochen, weil sich die Angaben des Schutzmannes als unzutreffend erwiesen. Damit hätte die Sache erledigt sein können, wenn nicht die Staatsanwaltschaft gegen das freisprechende Urteil Berufung eingelegt hätte, vermutlich in der Absicht, der Autorität des Schutzmannes in der Berufungsinstanz den Respekt zu verschaffen, den ihr das Schöffengericht versagt hatte.— Doch eB kam anders. Als die Sache gestern von der 9. Strafkammer oerhandelt wurde, stellte sich heraus, daß die Anzeige des Schutzmannes Tielscher recht konfus ist. Er hat angegeben, der Angeklagte sei von der Potsdamer nach der Leipziger Straße in westlicher Rich- tung gefahren. Vor Gericht wollte Schutzmann Tielscher berichtigen, daß es die östliche Richtung gewesen sei, was ja mit der Linie Potsdamer— Leipziger Straße übereinstimmen würde. Es ergab sich aber, daß der Angeklagte in der Rich- tung Leipziger— Potsdamer estraße, also nach Westen fuhr und an der Haltestelle von Tielscher aufgeschrieben wurde. Auch darüber, ob der Wagen des Angeklagten am nördlichen oder südlichen Torgebäude des Potsdamer Platzes hielt, wir» bellen die Angaben des Schutzmannes Tielscher durcheinander, auch konnte er nicht sagen, ob der Wagen während der Fahr oder nur beim Anfahren geraucht habe- � Nach diesen völlig haltlosen Angaben des Zeugen Tiel scher richtete der Vorsitzende des Gerichts an den Staatsanwalt die Frage, ob er unter diesen Umständen die Berufung nich" zurückziehen wolle. Aber der Staatsanwalt meinte, dazu sei er nicht berechtigt. Nach kurzer Ueberlcgung tat er aber doch das beste, was er in dieser Situation tun konnte, er zog die Berufung zurück.— Die Autorität des Schutzmannes war eben nicht mehr zu retten. Das hätte die Staatsanwaltschas eigentlich schon nach der Verhandlung erster Instanz einsehen sollen. Ter Fall zeigt auch, wie notwendig es ist, das Rech der Berufung gegen ein freisprechendes Urteil der Staatsan waltschaft zu versagen._ Ter räuberische Ueberfall auf die Juweliersfrau Richter aus der Potsdamerstraße�sollte nun gestern nach mehrmaliger Ver- tagung endlich vor dem Schwurgericht des Landgerichts III zur ge- richtlichen Entscheidung kommen. Unter der Anklage des versuchten Raubes bezw. der Beihilfe müssen sich verantworten: Der Kauf- mann Wilhelm Hohe, der Kaufmann Georg Kühne, der frühere Leutnant Hubert Kuehnel und der Schlosser Otto Stäche. Wegen Anstiftung zum versuchten Raube ist ferner der Makler Jaques Syz angeklagt. Wie noch erinnerlich sein dürfte, scheiterten die früheren Ver Handlungen daran, daß Hotze den„wilden Mann" spielte. Er hielt seinerzeit mit theatralischen Gesten phrasengeschwollene Vorträge und erging sich schließlich in den wüstesten Beschimpfungen, als er sah, daß die Sache für ihn schlecht stand. Auch heute legte Hotze das sichtbare Bestreben an den Tag. sich„interessant" zu machen. Als Landgerichtsrat Ellend an ihn die Frage richtete, ob er selbst oder sein Verteidiger das Ablehnungsrecht bei der Geschworenen- auslosung ausüben wolle, erklärte Hotze mit herablassender Hand- bewcgung auf seine Verteidiger deutend:„Meine Verteidiger haben Prokura!" Als bei dem Zcugenaufruf die Namen verschiedener neuhinzugeladener Zeugen verlesen wurden, rief Hotze mit lauter Stimme:„Wo kommen denn die alle her. welcher Schuft hat die denn hergeschafft?"— Nach Vernehmung der Angeklagten über ihre Personalien kommt der Angeklagte Hotze mit einer neuen„lieber- raschung". Er gibt in wohlgesetzter und fließender Rede die Er klärung ab, daß er den Vorsitzenden, Landgerichtsrat Ellend» afr lehne. Diese Ablehnung motiviert er damit, daß er nicht in der Lage sei, die ganze Vorgeschichte des Prozesses von neuem aufzu- rollen. Er bitte deshalb den Landgerichtsdirektor Dr. Seligmann, der den damaligen Prozeß geleitet habe und die Sache in allen Details kenne, wieder den Vorsitz zu führen.— Das Gericht ist ge- nötigt, eine längere Paus« zu machen, da nach den Bestimmungen der Strafprozeßordnung erst ein anderer Richter herbeigeholt werden muß, der über den Ablehnungsantrag zu entscheiden hat. Unter Vorsitz des Landgerichtsdircktors Dr. Forstmann wird die Verhandlung um 11 Uhr wieder aufgenommen. Da Hotze seinen Ablchnungsantrag wiederholt, muß der neugebildete Gerichtshof hierüber beraten. Das Gericht erklärt schließlich den Ablehnungs- antrag für völlig unbegründet. In dem Moment, als gerade der Eröffnungsbeschlutz verlesen werden soll, erklärt Hotze:„Ich habe noch einen Antrag zu stellen. Ich lehne nunmehr die beiden Bei- sitzer, die an der Beratung über mein erstes Ablehnungsgesuch teil- genommen haben und nunmehr auch an der Verhandlung gegen mich teilnehmen sollen, wegen Befangenheit ab." Landgerichtsrat ELend, der wiederum den Vorsitz übernommen hat, versucht dem Ange- klagten mit wohlgemeinten Worten klar zu machen, daß er sich und auch seinen Mitangeklagten durch dieses unverständige Verhalten und die dadurch verursachte Verzögerung doch nur Schaden zufüge. Hotze erklärte, daß er auf seine Mitangeklagten nicht die geringste Rücksicht nehme und bei seinem AblehnungSankrag bleibe. Die Bcr- Handlung wird nochmals auf unbestimmte Zeit ausgesetzt, da nun» mehr zwei Ersatzrichter herbeigeholt werden müssen. Unter Vorsitz des Landgerichtsrats Ellcnd und zwei schleunigst herbcigeholtep Ersatzrichtern beratet der wiederum neu zusammen- gesetzte Gerichtshof über den Ablehnungsantrag, den er nach kurzer Beratung als völlig unbegründet ablehnt. Erst nach dieser eigenartigen Introduktion, die volle 2 Stunden dauerte, kommt das Gericht zur Verlesung des EröffnungS- beschlusscS. Rechtsanwalt Dr. Puppe stellt den Antrag auf Ver- tagung der Verhandlung, da dem Gericht eine Anzahl Beweis» anträge der Mitverteidiger bezüglich der Glaubwürdigkeit des Hotze unterbreitet worden seien, von denen er und Rechtsanwalt Dr. Werthauer bisher keinerlei Kenntnis nehmen konnten, dies aber im Interesse der Verteidigung des Hotze unbedingt notwendig sei. Rechtsanwalt Dr. Schwindt: Seit Beginn der Verhandlung habe ich den Eindruck gewonnen, daß der Angeklagte Hotze bezw. seine Verteidiger unter allen Umständen«ine Vertagung der Sache herbei- führen wollen. Ich muß im Interesse meines Mandanten Kühne, der völlig geständig ist, dringend bitten, für den Fall einer Ver- tagung nur gegen Hotze allein zu vertagen und gegen die übrigen Angeklagten zu verhandeln."— Rechtsanwalt Dr. Werthaurr bean- tragt dann die Verhandlung gegen Hotze und Syz zu vertagen, da zu einer Beurteilung der Glaubwürdigkeit unbedingt eine Gegen- Überstellung dieser beiden Angeklagten notwendig sei. Diesem An- trage widerspricht mit aller Energie der Verteidiger dcS Syz, Rechtsanwalt Dr. Klee.— Auf eine Frage des Vorsitzenden, ob er sich nun zu der Anklage äußern wolle, erklärte Hohr:„Nein, ich werde nichts sagen!" Nach kurzer Zeit erklärt Hotze, daß er sich doch eine Be- denkzeit ausbitten müsse. Auf seinen Wunsch gewährt ihm der Vorsitzende eine Pause von 15 Minuten. Nach einer längeren Pause bequemte sich Hotze endlich dazu, üch auf die Anklage zu äußern, die den Angeklagten folgendes zur Zast legt: Am 28. Januar v. IS., nachmittags gegen Mi 5 Uhr, et- chiencn in dem Poisdamerstraße 3S gelegenen Geschäft der Juwe- iersfrau Richter zwei gutgeklcidete junge Leute und ließen sich ilberne Armbänder zur Auswahl vvrlegcn. Es waren dieS die etzigen Angeklagten Kühne und Kuehnel. Da die beiden Kunden längere Zeit in den vorgelegten Sachen herumkramten und sich an- scheinend nicht schlüssig werden konnten, kam Frau Richter auf den Verdacht, daß die beiden es auf einen Diebstahl abgesehen hatten. Kurz darauf betrat der Angeklagte Hotze den Laden. Frau R., die den Zusammenhang nicht ahnte, ließ Hotze unbeachtet und wandte kein Auge von den beiden„Dieben". Sie mußte sich aber Hotze zu- wenden, als dieser aus einem Ständer eine» Spazierstock heraus- nahm und nach dem Preise fragte. Hierbei ließ Hotze wie aus Ver- ehen den Stock fallen. Frau R. bückte sich jedoch nicht nach dem Stock, da sie Verdacht geschöpft hatte. Als sie sich auf eine Frage des Kuehnel diesem zuwandte, wurde sie plötzlich von Hotze mit beiden Händen am Halse gepackt und zu Boden geworfen. Hotze kniete auf ihr, während die anderen mit den Fäusten auf ihren Kopf einschlugen. Trotzdem die Ueberfallene aus Mund und Nase blutete, konnte sie sich soweit freimachen, um Hilfe zu rufen. Die Täter ließen sofort von ihr ab und flüchteten auf die Straße. Kuehnel und Hotze wurden bald darauf verhaftet, während Kühne die Flucht ergriff, jedoch am nächsten Tage von dem Kriminalkom- missar Nasse l festgenommen werden konnte.— Der Spiritus rector des ganzen RaubplaneS soll nach Behauptung der Anklage und des Angeklagten Hotze der Angeklagte Syz sein. Dieser, ein jetzt 42- jähriger Mann, der früher stets nur in Lackstiefcln und Eylinder ausging und den Eindruck eines tadellosen Kavaliers zu machen suckite, verbüßt augenblicklich eine ihm wegen schwerer Urkunden- fälschung und Betruges zudiktierte Zuchthausstrafe von 3 Jahren. Als dritter im Bunde soll sich der Angeklagte Kuehnel, der bis vor kurzem in einem Infanterieregiment Offizier war. an dem Raub- anfall beteiligt haben. Kuehnel ist wegen Mißhandlung Unter- gebener und fahrlässiger Brandstiftung vorbestraft und war einige Zeitlang Privatsekretär bei einem Prinzen.— In dem Vorder- fahren waren die Angeklagten mit Ausnahme des Angeklagten Syz geständig. In seiner heutigen Vernehmung bekundete Hohr, daß er mit dem Angeklagten Syz schon im Jahre 1908 in der Strafanstalt Plötzensce bekannt geworden sei und sich mit ihm durch Kassiber und Klopfsignale dort verständigt habe. Syz habe sich ihm gegenüber immer als sehr reicher Mann ausgegeben und habe ihn immer mit einem gewissen väterlichen Wohlwollen behandelt. Syz sei ein Jahr früher entlassen worden, habe ihm aber wiederholt nach dem Ge- fängnis geschrieben und ihn später auch abgeholt. Mit der Zeit habe Syz einen großen Einfluß über ihn erlangt.— Der Angeklagte schildert dann mit großer Weitschweifigkeit die einzelnen Phasen vor der Tat und belastet dabei den Angeklagten Syz ungemein schwer. Syz soll u. a. ihn und die übrigen aufgefordert haben, einen Raubübcrfall auf das Schloß seiner(des Syz) Tante in der Nähe von Zürich zu unternehmen. Außerdem sollten Erpressungs» versuche gegen den Kommerzienrat G. in Friedenau und die Sängerin Lola Beeth in Grunewald unternommen lverdcn. Die Verhandlung wird einige Tage in Anspruch nehmen. Die sogenannte»„Spitzbuben im Richtertalar", deren Sireich seinerzeit allgemeine Heiterkeit ausgelöst hat, standen gestern vor dem Schwurgericht des Landgerichts I Berlin. Die Anklage lautet auf Einbruchsdiebstahl, Urkundenfälschung, Betrug. tchlerei und Anmaßung eines Amtes. Angeklagt sind: 1. Kellner othar Lüdtke, 2. Koch Johann Meyer, 8. Radfahrer Wilhelm Warnicke, 4. Arbeiter- Heinrich Homburg, S. Koch Ernst Ncumann, 6. Kauftnonn Erhard Martin. Geschädigt ist der Justizfiskus, außerdem mehrere Richter, Justizbeamte und Privatpersonen. Der Tatbestand dürfte noch im allgemeinen bekannt sein. Am 25. Oktober, nachmittags gegen 4 Uhr, sahen die im Erdgeschoß des LanogerichtSgebäudes in der Grunerstraße beschäftigten Reinemachefrauen zwei Richter in Amtstracht den Korridor entlang gehen und in einer Gerichts- schreiberei verschwinden. Sie ahnten nicht, daß diese vermeintlichen Richter zwei Svitzbuben, nämlich die Angeklagte» Lüdtke und Meyer waren. Sie hatten sich in ein unversthlossenes Beratungszimmer eingeschlichen, die dort hängenden Roben zweier Richter angezogen und waren dann in das Zimmer der Gerichtsschreiberei gedrungen. Dort eigneten sie sich aus einem von ihnen erbrochenen Schrank Gerichtskostenformulare an, Lüdtke schrieb sich aus umher» liegenden Akten die Aktenzeichen ab und unterstempelte die cnt- ivendeten Formulare mit einem Gerichtsstempel. Ferner stellte sich Lüdtke eine Ausweiskarte auf den Namen„Gerichtsvollzieher Heilbronn" aus. Unter Benutzung der gestohlenen Formulars haben die beiden Schwindler von einer größeren Anzahl von Per- sonen, die in Prozesse verwickelt waren, größere Beträge eingezogen. In einem Fall« schreckten sie sogar nicht davor zurück, die betreffende Person durch Drohung mit einer Pfändung zur Zahlung zu nötigen. Nach Verbrauch der gestohlenen Formulare begab sich Lüdtke in Begleitung des Angeklagten Warnicke nochmals in das Gerichts- gcbäude und wiederholte dasselbe Kunststück. Die Sache gefiel ihm so gut, daß er eines Tages nach Leipzig fuhr und dort in Gemein- schaft mit dem Angeklagten Homburg in ganz gleicher Weise ge« richtliche Formulare stahl und dann die gefälschten Kostenrechnungen einzog. Zur Anklage stehen dann noch einige Warenhausdiebstähle, aus denen der wegen Hehlerei angeklagte Martin einige Gegen» stände erworben hat.» Wie die Vernehmung zur Person ergibt, hat Lüdtke eine rechi: bewegte Vergangenheit hinter sich, obwohl er erst 22 Jahre alt ist. Er ist schon mehrfach vorbestraft. Im Jahre 1997 war er als Kanzlist bei dem Amtsgericht Berlin-Mitte beschäftigt und erlangte dort Kenntnis von den räumlichen Verhältnissen und dein Ge» schäftsgange. Er hat in dieser Stellung seinerzeit in sehr ver» schlagener Weise Kostenrechnungen gefälscht und die Beträge in der Maske eines Gerichtsvollziehers eingezogen. Er ist wegen dieser Tat zu 9 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Nach Perbüßung der Strafe kam er noch mehrmals ins Gefängnis. Es gelang ihm »och mehrere Male vorübergehend Stellung zu erlangen, eine Zeit- lang ernährte er sich als Kellner, dann wieder verkaufte er Zei- tungen auf der Straße, gab diese Beschäftigung aber wieder auf. „weil er sich genierte, Zeitungen laut auszurufen", schließlich wai! er ganz mittel- und wohnungslos, trieb sich in Kaschemmen herum, nächtigte in Hausflure» und wußte, wie er sagt, nicht mehr aus noch ein. In dieser Stimmung traf er in der Passage den Ange- klagten Meyer, der auch mittellos war und den er überredete, mit ihm den Coup im Gerichtsgebäude auszuführen. Er ist in vollem Umfange geständig. Nach der Darstellung, die Lüdtke auf Befragen des Präsidenten gibt, hat sich die Sache wie oben mitgeteilt abgespielt. Er habe gewußt, daß gegen 4 Uhr im Gerichtsgebäude außer den Scheuerfrauen niemand mehr anwesend ist, und darauf habe er seinen Plan gebaut. Er wußte, dost die Scheuerfrauen während ihrer Arbeit die Zimmer nicht verschlossen hielten und ging daher mit Meyer unbehindert in ein Gerichtszimmer. Meyer zog sich eine Robe eines GcrichtSschreibers, die dort hing, an, er selbst nahm eine Richterrobe über den Arm und dann schritten beide gravitätisch in das Gerichtsschreiberzimmer Nr. 90, Zwei Scheuerfrauen, die sie sahen, glaubten, daß die„Herren Richter" noch etwas zu tun hätten und schöpften keinerlei Verdacht. Die Gauner hatten in dem Zimmer wirklich sehr dringend„zu �un". Lüdtke schloß dort angeblich mit dem dort hängenden Schlüssel einen Schrank auf und entnahm demselben eine Anzahl Gerichtsformulare. Aus dem Pult des Gerichtsschreibers nahm er einen Stempelkasten heraus und unterstempelte die Formulare. Dann entnahm er dem Schranke schon ausgefüllte Formulare, übertrug den Inhalt derselben in Ab- ichrift ans seine leeren Formular«, setzte die ordnungsmäßigen Aktenzeichen usw. hinzu, wobei ihr» Meyer geholfen haben soll. Nachdem die ausgefüllten echten Formulare wieder an Ort und Stelle gelegt worden waren, waren die..Amtsgeschäfte" erledigt. Die Angeklagten hingen die Roben wieder an, nahmen auS dem Richterzimmer noch 5 Gesetzbücher, mehrere Schlipse und eine Bürste mit und verließen unbehindert das Gerichtsgebäude. Aus den Gesehbüchern radierten sie die Stempel heraus und verkauften die Bücher für 13 Mark an eine Buchhandlung in der Nähe der Weidendammer Brücke. Von dem Gelde erhielt Meyer 5 M. ab. Mit den gefälschten Kostenrechnungen begab sich dann Lüdtke nach und nach zu den betreffenden Personen, stellte sich als Gerichts- Vollzieher vor, legitimierte sich mit der von ihm angefertigten Er- kennungskarte und leistete, während ihm das Geld ausgezahlt wurde, die Quittung. Es liegen der Anklage 20 solcher Fälle zugrunde, wobei zumeist Meyer den Lüdtke begleitete und während dieser die Kosten einzog, vor der Tür der„Zahlungspflichtigen" wartete. Die Erörterung dieser Fälle bietet kein allgemeines Interesse.— Ueber den Ausgang werden wir berichten. Die Krise im Bund für Mutterschutz hat eine Privatklage der Frau Schreiber-Krieger gegen den Rechtsanwalt Springer vcran- laßt, die heute zur Verhandlung bor dem Schöffengericht Berlin. Schönebcrg unter Vorsitz des Assessors v. Langwerth anstand. Es handelt sich um Vorgänge, die sich am 10. Januar in einer Vor- tandssitzung der Ortsgruppe Berlin dcS Bundes für Mutterschutz abgespielt haben und die auch zu einer Klage des Frl. Dr. Stöckcr gegen Frau Schrüber geftihrt haben. Diese Privatklage schwebt noch. In der Vorstandssitzung vom 10. Januar wurden, wie be- kannt, Beschwerden gegen die Geschäftsführung des Frl. Dr. Stöckcr» insbesondere von Dr. Beck vorgebracht, die zu lebhafteren Erörte. rungen Veranlassung gaben. Bei diesen Erörterungen soll der Angeklagte Aeuherungen über die Klägerin gemacht haben. durch die sich die letztere in ihrer weiblichen Ehre verletzt Tihlt. Die Verhandlung verfiel, nachdem Vergleichsversuchc ge- cheitert waren, der Bertagung, da ein neuer Schriftsatz seitens der Angeklagten eingegangen war, auf den sich die Gegenpartei weiter vorbereiten will. Der Angeklagte verpflichtete sich, die in seinem neuen Schriftstück aufgestellten Behauptungen über die Klägerin näher zu substanziieren. ES soll baldtunlichst ein neuer Termin anberaumt werden, Eingegangene Druck lcknfren. Von der»Neuen Zeit"(Stuttgart, Paul Singer) ist soeüen daZ 24.©e;t des 28. Jahrgangs erschienen. Es hat solgendcn Inhalt: Langen und Bangen—.— Das Problem der Erkenntnis. Von Paul Lasargue.— Die erste sozialdemokratische Balkankonjerenz. Von D. Tutzo- witzsch.— Hamburgs Parlament. Von Harro Köhnke.— Technisch-wirtschaftliche Rundschau. Von Rich. Woldt.— Die Ergebuisse der neuen deutschen Sterbetasel. Von Felix Linke.— Literarische Rundschau: Robert Huntcr: Socialists at work. Von R. Rjasanosf.— Zcitschristenschau. Die»Neue Zeit" erscheint wöchentlich einmal und ist durch alle Buch- Handlungen, Postanstallcn und Kolporteure zum Preise von 3.23 M. pro Quartal zu beziehen; jedoch kann dieselbe bei der Post nur pro Quartal abonniert werden. Das einzelne Hrst kostet A3 Pf. Probenummern stehen jederzeit zur Verjügung. Lricfkasten der Redaktion. Die lurlstische Sprechstunde findet Linden st roße 3, zweiier Hot. dritter Einginig, vier Treppen, UM" Fahrstuhl-MG wachentSgltch abends von 7Mi bis'J'6 Uhr statt. Gcöfsnet? Uhr. Sonnabends beginnt die Sprechstunde um S Uhr. Jeder Ansragc ist ein Buchstabe und eine Zahl alz Wertzeichen beiznsstgrn. Briefliche Antwort wird nicht rrteilt. Bis zur Beantwortung im Briefkasten könne» U Tage»ergehen. Eilige Fragen trag« man in der Sprrchstnnde vor. G. W.»3. 1. Es besteht Aussicht aus Zurückstellung Lezw. Bc- freiung. Der Antrag ist au den Magistrat zu richten. 2. Ob das Tele- aramm eingetroffen ist, können wir nicht mit Bestimmtheit sagen. Zunächst haben bürgerliche Zeitungen eine entsprechende Nachricht gebracht, die un- widersprochen geblieben ist.— Genosse W. Charlottenburg und K. Z. B. 3. Um Ihre Frage beantworten zu können, müßten wir wissen, wo die Ehe geschlossen ist und ob, wann und welche Erklärung die Witwe etwa dem Nachlaßgericht gegenüber abgegeben hat. Nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch erben die Kinder s/4 des Nachlasses des Vaters, die Wiiwe'U kann aber ihr eigenes Vermögen voll aussondern. — G. S» 232. Wir können Ihnen den Beitritt nicht anraten. — H. W. 100- Frage» Sie Lei der Zirkusdirektion an.— R. Sch. 20. Fordern Sie den Vermieter, unter Setzung einer Frist, auf. dafür soige zu tragen, dag der andere Mieter den Verkauf der gleichen Ware unteUäßt. Von weiteren Schritten raten wir jedoch ab, da in gleich oder ähnlich liegenden Fällen von den Gerichten wiederholt zuungunsten der Mieter entschieden ist.— W. 43. Sie waren, wenn nicht sonstige gesetz- liche Gründe zur Ablehnung der Vormundschaft vorlagen, zur Uebernahme derselben verpflichtet. Die Bestallung ist nach Beendigung der Vormund« schaff dem Vormundschajtsgericht zurückzugeben.— X.?). Z. Das wäre Wucher, wenn das Zinsoersprechen unter Ausbeutung der Notlage, des Leichtsinns oder der Unersahrenheit der Darlehnsnchmer erlangt ist. (§ 302 a Reichsstrafgesetzbuch.)— R. W. 1000. Wenn der Ausenthalt aus Anordnung des Arztes geschah: ja.— B. W. 18. Wenn es sich um eine in das Handelsregister eingetragene Firma handelt, durch Einsicht in das Handelsregister, andernsalls durch Nachfrage bei der Direktion für die Ver- waltung der direkten Steuern, Hinter dem Gieffhause 2.— L. K. 71. Innerhalb eines Jahres nach dem Tage der Verheiratung, sofern mindestens 200 Marken geklebt sind. In der Regel empsiehlt sich jedoch Weiter- Versicherung.— Nt. L. III. Zwei Mari.—.H. B. 50. Gewerblicher Arbeiter vierzehn Tage, sosern die etwa aushängende Arbeitsordnung nichts anderes besagt. 2. Ja.— I.D. 100. Durch Klage bei dein zuständigen Landgericht, in dessen Bezirk das Grundstück liegt. Sie müssen sich aber der Hilfe emes bei dem betreffenden Landgericht zugelassenen Rechtsanwalts bedienen.— 28. F. 84. 1. Sechs Wochen vor Beendigung eines Kalender- Vierteljahrs. 2. Ja.— E. F. 100. Nein, nur für die letzten zwei Monate, falls Lohnzahlung monatlich erfolgt ist.— Hoffnung, ijluskünste der von Ihnen gewünschten Art erteilen wir nicht. Die Geschästsstelle der Freien Volksbühne besinbet sich in Rixdors, Kirchhosstraße 40.— 20. Sch. 17 SangeSstunde. Wenden Sie sich an Schönthal, Weidenweg 4.— G. R. 104. Austritt muß im Lause desKalenderjahrcs, also bis zum 3k. Dezember d. I. ersolgt sein, wonach die L>teuerpflicht mit dem 31. Dezember 19U aushört. Die Anmeldung des Austritts geschieht am zweckmäßigsten bald. Amtlicher Marktbericht der städtische» Markthallen-Dtrektio» über den Großhandel m den Zentral-Markthallen. Marktlage: Fleisch: Zuiubr stark, Geschäft rege, Preise für Schweinefleisch anziehend, sonst unverändert. Wild: Zusudr ohne Bedeutung, Geichäst rege, Preise fest. G e s l ü g e l: Zusuhr knapp, Geschäft lebhaft, Preise gut. Fische: Zusuhr mäßig, Geschäft rnhig, Preise zurückgegangen. Butter und Käse: Geschäft ruhig, Preise für Butter anziehend. Gemüse, Obst und Südfrüchte: Zusuhr reichlich, besonders in Blamenkohl, Geschäft schleppend, Preise fast unverändert. WasserftandS-Nachricbte» der Landesanstalt für Gewässerkunde, mitgetellt vom Berliner Welterbureau. + bedeutet Wuchs,— Fall.—*) llnterpegel. Thealer und Vergnügungen Der Graf von Freitag, den 1k. März. Ansang 7'/, Uhr. Köuigl. OpernhauS. Don Juan. Kiinigl. Schauspielhans. Strand- linder. Neues känigl. Opern-Theater. Geschlossen. Deutsches. Romeo und Julia. Kamm erspiele. Der gute König Dagobert.(Ans. 8. Uhr.) Neues Schauspielhaus. Alt- Heidelberg. Ansang 8 Uhr. Berliner. Taifun. Lefsiug. Das Konzert. Neues. Der Philosoph von SanS- souci. Weste». Die geschiedene Frau. Komische Oper. Tiesland. Neues Operetten. Der< Luxemsilira. Drianon. Theodore u. Ele. Kleines. Der große Name. Residenz. Im Taubenschlag. Thalia. Die Dollarprinzessin. Schiller O.-Wallnei- Toeater.) Neue Jugend. Sch'Nr, Charlottenburg. Egmont. Friedrich-Wilhelmstädeisches. Der Streber. Hebbel. Kavaliere.(Ans. 8'/« Uhr.) Slolksoper. Die Asrikanerin. Luisen. WaS Gott znsammengesllgt. t»oie. Deborah. Lustspielhans. Der dunkle Punkt. Metrovot. Halloh I k— Die große Revue. Folies Caprice. Herr Wasserkrops. Der Lustturner.(Ans. L>/. Uhr.) Casino. Berlin bei Nacht. tSebr. Herr» seid. So muß man's machen. Eine Uebergangs-Ehe. Stadttheater Moabit. Geschlossen. Roack. Ueber's Grab hinaus. Voigt. Aschenbrödel. «pl.ao. Der Zechpreller. Spezia- litäten. Wintergarten. Spezialitäten. Rrichsballen. Stettmer Sänger. Palast. Spezialitäten. tOniinae. Spezialitäten. Karl Haverland. Spezialitäten. Walhalla Spezialitäten Buggenhagen. Spezialitäten.(An- VI, Uhr). Uta««:. Tanbenitrake 48/49. Abends 8 Uhr: Im Firnenglanz des Ober-Engadin. Sternivurle, Jnoalidenstr. b7— 62 Urania. Wissenschaftliches Theater. Abends 3 Uhr: Im Firnenglanz des Ober-Engadin. liesslng-Theator. 8 Uhr: Das Konzert. Sonnabend. 8 Uhr: Das Konzert. Sonntag, 3 Uhr: John Gabriel Borkmann. Sonntag, 8 Uhr: DaS Konzert. Eterliner Theater. H-ut-- Taifun* s uhr. Morgen: Taifun._ Neues Theater. Abends 8 Uhr: ver pbüosopd von Sanssouci. Morgen und solgende Tage: ver Philosoph von Sanssouci. Theater des Westens. Abend? 8 Uhr: Die geschiedene Iran. Sonnt. 3>/, Uhr: Der fidele Bauer. Abends 8 Uhr: Der dunkle Punkt. Merie* Opei-ettcn-Tliea««,-. Heute und folgende Tage 8 Uhr: Ter Graf Von Luxemburg. Sonntag nachmittag 3 Uhr zu er- mäßigten Preisen: Der Zigeunerbaron. friedrlch-Wilhelmstadtiscties Schauspielhaus. Freitag, den 11. März, abends 8 Uhr: Zum ersten Male: Gt rSthvr. Schauspiel in 4 Akten von A. Ohorn. Sonnabend: Die Jungfrau von Orleans.___ ' Verantwortlicher Redakteur Residenz-Theater Direktion: Richard Alexander. Wcnds 8 Uhr zum 100. Male: Im Taubenschlag. Schwank in 3 Akten von Henneqnm und Veber. Diesen Sonntag nachmittag 3 Uhr: Kümmere Dich um Nmelie. Volksoper. SW., Belle-Alliance-Straße Nr. 7/8. Abends'l-ß Uhr: Die ifrikanerin. _(Außer Abonnement.)_ Luisen-Theater. Abends 8 Uhr: Was lall zasamnlgf. Sonnabend: Vater und Sohn. IOSE=Tt1EATE Große Frankjurter Str. 132. Ans.» Uhr. Ende 11 Uhr. Ueborah. Hl Volksschauspicl in 4 Akt. v. Mosenthal. Sonnabend nachm.: Der gestiefelte Kater. AbendS: Die Ehre. Sonntag nachm.: Wankender Boden. Metropol-Theater Abends 8 Uhr: Hallo!!! Die große Revue! In 8 Bildem von JuL Freund. Musik v. Paul Lincke. In Szene gesetzt vom Dir. Rich. Schultz. Anfang 8 Uhr. Rauchen gestattet. Der größte Fatherfolg! 8'/, Uhr: 8'/, Uhr! Konrad Dreher als Der Zechpreller. Vorher ab 3 Uhr: Die neuen Spezialitäten. alhalla- Variefe-Theater Weinbergsweg 19-20, Rosenth.Tor. Ansang 8 Uhr. Das große Progr. «an, da» lebende Elektrlziiats- werk u. die übrigen Spezialitäten. Tunnel: Die allergrößte Kanne. Theaterbesuchern freier Eintritt! Sanssouci, ST Direktion Wilhelm Reimer. Sonntag, Montag und Donnerstag: Hoffmanns und Danzkränzchen Stets neues. Hochakt, Soiree- Programm l _ Die drastischsten Schlager' «1»! 1 k er-T I»«nt« i'. Schiller-Theater 0.(Wallner-Theat,). Freitag, abends 8 Uhr: Meue Jugend.(Johan Ulfstjerna.) Schauspiel in 5 Akten v. Tor Hedberg. Deutsch von Hermann Blocher. Ende 10'U Uhr. Sonnabend, abends 8Uhr: tum erstenmal: Oeldflselie. o n n t a g, n a ch m. 3 U h r: Viel LiUrmen um nichts. Sonntag, abends 8 Uhr: Ooldflsclie. Schiller-Theater(Charlottenburg) Freitag, abends 8 Uhr: Ögmout. Ein Trauerspiel in 5 Auszügen von Johann Wolsgang v. Goethe. End- 11',, Uhr. Sonnabend, abends L Uhr: Gespenster. Sonntag, n a ch in. 3 Uhr: Ver tllcineldbaner. Sonntag, abends 8 Uhr: Hie Jungfrau von Orleans. Brauerei Friedrichshain am Königstor. Heute Freitag: Ijetzter Eiitetag. 9,Aiif der Alm." Größter Bock- Jubel und Trubel Schorsch Ehreagrulier mit seiner Truppe(60 Mitwirkende) aus München. GraMosong von IßQ WertgegenstäDileo. Jeder Besucher erhält ein Los gratis. Anfang 8 Uhr. Entree 2« Ps. Die grünen Pasfierkarten behalten volle Gültigkeit. Morgen, Sonnabend: Kellerfest bei freiem Entrce. Arnold Scholz �SUS WVelt Hasenheide 108/114 Täglich im grollen Saale: ßockbkrfdt in den Anfang: Sonntags 4 Uhr. „ Wochentags 7„ Entree: Sonntags 50 Pf. Wochentags 30 Pf. Das Dreigestirn weiblicher Schönheit, Grazie n. Kunst Rosario Guerrero Marie Lafargue Odette Valery und die anderen — Slar-Ällraktionen.— Kommandantenstr. 57. T. ö. 4, 6083. cMr Nur noch bis inklusive Montag, den 14. Mar,: 8« muß mau's machen und Eine(Jebergangs- Ehe. Ans. 8 Uhr, Vorverknus 11—2 Uhr. DienStag, den 15. Mär,: Beginn des grotzen Hcmistld-Hktiis. Es werden solgende Stücke aus. gesührl:»Endlich allein".»Fall Blumentops-.»Die Welt geht unter-. »Letzte Ehre-..Familientag im Hause Prellstein-.»Haysisch geht zur Jagd-. »Meine-Deine Tochter-.„Gemeinde- Narr-.»Die beiden BindclbandS-. I. Serie: Die Orlginal- Klabrlaspartle und Es lebe da» Wachtieben mit Anton und Donat Herrnfeld ln den Hauptrollen. SÄT" Billett» hierfür ab heute bereits zu haben. Alt-noabit 47/48. Sonntag, de» 13. März: Madame ßonivard oder: llcverraschmtgen der Ehescheidung. Schwank in drei Akten von Bisson und MarS. Deutsch v. E. Neumann. Zs irkns-va arrasani alter Botanischer Garten. Freitag, den 11. März 1910, abends 8 Uhr: Wohltätigkeits- Vorstellung mit besonders ansgesnehtem Galaprogramm. Die Gesarateinnahme ist für die Krankenpflegestationen der Berliner Frauenhfilfe bestimmt. Das Programm dieser Gala-Festforstellung ist mit besonderer Sorgfalt zusammengestellt und bietet jedem Freunde echt zirzensischer Künste das denkbar Beste, was ein modernes Zirknsunternehmen, wie es Zirkus S arrasani ist, zeigen Auftreten aller Attraktionen. | Passage-Theater. Abends 8 Uhr: Das « gesellschaftliche < Ereignis Benin 4 Aultreten der nehönen i Sisters Ridley \ in ihren historischen Tanzen. • Georg Kaiser 4 Schneider- Duncher iHüliil 9ro®0 p_f0A™:. Passage-Panoptikum Senegal in Berlin! RA wilde Weiber Männer, Kinder. Drei Negerdörfer Ohne Extra-Entree t Trianon-Theater. Heute und folgende Tage, 8 Uhr: Theodore dfc Cte. Sonntag nachm.: Pariser Witwe«. Freitag, den II. März. abends 7'/- Uhr: Gala-Sport-Vorstellung. Die Amerikaner �erml Shaws. Hohe Schule, geritten von Frl. Horn Schumann. Barbarentänze der Ri Tchaves, 11 Pers. Mite. Silva Eoyal mit dressierten Tauben. Um 9>l.2 Uhr Ende 11 Uhr Die drei RiTalen oder das mysteriöse Schloß in der Normandie. Sonntag zwei Vorstellungen. Nachm.: Die drei Rivalen. Nach- mittags 1 Kind frei, weitere Kinder zahlen halbe Preise. Vk.AtoseksTkestsr Srmmeuftr. IS, am Rosenthaler Tor. «bendS 8 Uhr: Utber's Grab hmaus. Lebensbild in 6 Bildern. Sonnabend große Ertravorstellung: Satan Gold. Bilder aus dem Farmerleben._ Palast-Theater. Burgstraße 24, am Bahnhos Börse. Internationale» Kingksmps-chkmpionsl um die"Wellmeieiterisehatt. Protektor: Herr Prof, H. Hundrieser. Preise: 10 000 M. in bar» Freitag, den 11. Mär,: Entscheidnnqskampf: � Herrmann gegen Stents. Ferner ringen: Elsment d'AugerS gegen Keuba. Bervet gegen Zipps. John Pohl-Abs II gegen Limonfin. Lenis de Lyon gegen Reich. Vorher: Die glänzenden Spezialitäten. Ans. 8 Uhr. Preise 30 Pj. bis 3 M. bömgotad t- K anino. Hotzmarktstraße 72. Täglich: Franz Hohanzkl. Neu: Else Warum! neu: Adda und Ottsned Reley. Neu: Ellen Elttta. Neu: LeS Alexandrow. Prolongiert: Vittor Ritter. Das sensattonellste Schaustück. Rad- rennen auf der Bühne. Im dunklen Korridor. Schw. i. l Akt. Relehsliallen-Tliealer. SlettinerSänger Oer Nachtwächter von Zerpenschleuse von Meysel. Anfang: Wochent, 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. Besitzer: Otto Ernert SW� Kreuz öergstrafle 48. Jeden Freitag u. Montag: Großer Frei-Tanz. Sonntag: Grüßet Ball. Säle. 80—500 Pers. soff.. Naturgarten s.ibOOPers. unt. kul. Beding. ,. vergeb. Karl Haverland Ansang Theater. Prä,. 8 U. 77/79 Kommandantenstraße 77/79. Neue erstklasfige Spezialität. LilipotaDer-fruppe prolongiert Heute nach d. Vorstellung: Ball �inkus Busch. Heute Freitag, den II. März, abends Tl, Uhr präz.: Großer Gäla- Abend. Die Lockford-Truppe! Therese Fillis, James Leon Fillis iun., Heinrich Fillis, in ihren Produktionen d. hohen Schule. IMe Hakans! Dm 9 Uhr ca.: Die russ. Sensationspantomlme NW" Marja!"NM Vorher das groBe Galaprogramm. Sonntag: Zwei Vorstellungen. Voigt-Tiieater Gesundbrunnen Badstraße 58. Freitag, den 11. Mär,: AschenliMel. Lustpiel in 4 Auszügen v. R. Benedlx. Kaffeneröffnung 7, Anfang 8 Uhr. Polles Caprice Der Cuftturner. Bleuer bunter Teil. Herr Wasserkropf. Anfang 8'/, Uhr. B orverl. 11-i. Uhr. Vssinc-1°hvatsi» Lothringer Straße 37. Ansang 8 Uht. Berlin bei Nacht. Pofsc. 3 Akt. v. G. Schätzler-Perassinl. Sonnt. 4U.: Trudohens Sommerreise. Iranerei I Schloß-8t * Schöneberg, Hauptstr. 122. � Jeden Sonntag: l�aul tz Springers| Kabarett- und Possen-Oesellschatt. Anf. Konz. S Uhr, Vorst. 7 Uhr. Tanz. Letzter Tag der Ringkämpfe: ES ringen heute: Alst. Sturm, Charlottenburg, gegen Max Schneider, Luckenwalde um den 1. resp. 2. Preis. Leon de Wolf, Belgien, gegen Alb. Hein, Berlin, um den 3. und 4. Preis. Hinterher Proklamation der Sieger und öffenttiche Preisverteilung. Im unteren Saale: Graftes Soekbier-ltellerfest mit Doppel-Konzert. Tonbild-Theater t Gala-Vop- | Stellung c Cäsars Liebestraum, Drama, g Entsagung. Drama. Oer Richter b 2 v. Cedar Gulch, Drama u. das? � hervorrag.'Wochenprogramm.' Ü Entr.3nMnd.lDPI. KeweNachz. D an erv erstell, v. 4— 11 Uhr. Für den Inhalt der Inserate übernimmt die Nedaktion dem Pnbtikum gegenüber keinerlei Berantwortung. «chtaget:«onniag naqm.: veraura>orl»ng. Richard Barth, Berlin. Für den gnseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck».Berlag: Vorwärts Luchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Eo» Berlin SW, it. 59. 27. Zahtgimz. 3. KeW des Jotwöttf Kcrlim WlksdIM. 11. Marz 1910. Partei- Hngelegenbeiten* 6. Landtagswahlkreis. Heute Freitag, den 11. März, abends S'/g Uhr, bei Freyer, Koppenstr. 29: öffentliche Wählerversammlung. Re- ferenten: Landtagsabgeordneter Dr. Karl Liebknecht und Adolf Hoff mann._ Wahlverrin Friedenau. Heute Freitag abend: Flugblatt« Verbreitung von den Bezirlslokalen. Keiner darf fehlen. Der Vorstand. Pankow. Die Genossinnen und Genoffen werden um rege Be- teiligung an den heute, Freitag, von 8Vz Uhr abends an, im Lokale von Meißner, Schlotzstr. 2, zu erledigenden Wahlarbeiten ersucht.— Ferner findet am kommenden Sonntag, den 13. März, von frühöUhran, von den Zahlabendlokalen aus eine Kuvertverbreitung für die Wahlen statt, bei der die Mitglieder des Wahlvereins pünktlich und vollzählig zur Stelle sein müssen. Die Bezirksleitung. Nieder-Schönhausen. Am Sonntag, den 13. März, früh 8 Uhr, findet von den bekannten Stellen aus eine Flugblattverbreitung in Kuverts statt. Da die Arbeit gewissenhaft erfolgen muß, ist eine zahlreiche und pünktliche Beteiligung der Parteigenoffen dringend notwendig. Die Bezirksleitung. Tegel. Der am Sonnabend, den 12. März, stattfindende Marcell Salzer-Abend beginnt bereits um 8'/z Uhr. Saalöffimng schon um 7>/z Uhr. Wir bitten um pünktliches Erscheinen, da während des Vortrages die Saaltüren geschloffen bleiben. Die Bezirksleitung. Buch(Bezirk Fronz.«Buchholz). Morgen Sonnabend, 8'/, Uhr, findet bei Starke der Zahlabend statt. Berliner JNtocbricbten* Blausilber und Grüngold. Der Berliner kannte bisher als„Hüter der Straße" im allgemeinen nur den blausilbernen Schutzmann. Am„roten Sonntag" hat er in einer größeren Menge von Pracht- exemplaren auch den grüngoldenen Landgendarm kennen ge- lernt. Das war eine Marke, die man sich für die Zukunft wird merken müssen. Wer mit dem Lande und mit dem länd- lichen Polizeidienst Bescheid weiß, dem ist es bekannt, daß sich dort der Grüngoldene noch viel geringerer Sympathien rühmen darf als auf Großstadtpflaster der Blausilberne. Betrachtet man den Schutzmann, m dessen Berufsklasse sich auch eine Reihe recht vernünftige Leute finden. als ein notwendiges Uebel, so wird der Gen- darm, unter dem Deckmantel äußerer Höflichkeit, von dem überwiegenden Teile der Landbevölkerung gefürchtet und gehaßt. Der einzelne Schutzmann hat in Berlin eine ziemlich geringe Bedeuttmg. Der Landgendarm aber, obwohl seiner Herkunft nach auch bloß ein Rekrutendriller, spielt sich ganz als Staatsautorität, als kleiner König in seinem Reiche auf und duckt sich nur vor des allmächtigen Landrats an- gemaßter Majestät. Was vom Berliner Schutzmann an Rechts- Überschreitungen so leicht nicht verborgen bleibt, dringt in gleicher Beziehung über den Gendarm viel seltener an die Oeffentlichkeit. Wessen diese königlich preußischen Staats- Hüter fähig sind, beweist ja neben anderen der unauslöschliche Name„Jude". Auch am vorigen Sonntag ist es allgemein aufgefallen, daß die ganz unnöttgerweise zur Hilfe heran- gezogenen Gendarmen des Kreises Teltow sich bei Treptow in einer Weise betrugen, die sich von der weltberüchttgten Roheit russischer Kosacken mit der sogenannten„Nagaika", der für Menschenhaut zugeschnittenen Nilpferdpeitsche, nur wenig unterschied. Sie wollten offenbar vor ihren Berliner Kollegen, die sie sonst stark über die Achsel ansehen, mit ganz besonderer Bravour glänzen. Jeder Gendarm, der mit gezücktem Säbel auf wehrlose Greise einhieb, Frauen niederschlug und Kinder überritt, ist bereits für eine Ordensdekoration vornotiert tvorden, für die königlich preußische Tapfcrkeitsmedaille am roten Bande. Im Verkehr des Berliner Publikums mit der Schutz- Mannschaft hatten sich unter der Einwirkung der dem allzu schneidigen und nervösen Herrn von Jagow vorausgegangenen Polizeipräsidenten, namentlich unter dem ruhigen Herrn von Borries, der ja dann auch wegen seiner der Reaktion nicht angenehmen kaltblüttgen Zurückhaltung sich vorzeitig krank melden mußte, gegen frühere Zeiten etwas bessere Ver- Hältnisse herausgebildet. Die Schutzleute, an und für sich gern im Kasernenhofjargon schwelgend, waren einigermaßen zur Höflichkeit erzogen worden, eine Liebesmüh', deren zwangs- weise Wirkung freilich nicht lange vorgehalten hat. Heute ist der Berliner Schutzmann wieder völlig obenauf und ganz Geist vom Geiste des Herrn v. Jagow. Wir fühlen uns frei von jedem„Blaukoller" und sehen absolut keinen Grund, auf die Gesamtheit der Berliner Schutzmannschast einen Stein zu werfen. Wenn diese selbst aus den untersten Volksständen hervorgegangenen Leute sich dazu hergeben, gegen ihresgleichen mit der blanken Waffe zu wüten, Preuße gegen Preuße, so ist das ihre Sache. In das Mitleidstttten auf den„armen Schutzmann", der gezwungen worden ist. auf seinesgleichen loszusäbeln, können wir aber nicht mit einstimmen. Die einwandfreiesten Berichte gleichen sich darin aufs Haar, daß zahlreiche einzelne Schutzmannstrupps von 3 bis 8 Mann, die ohne Führer waren, sich gegen anständiges, wehrloses Publikum wie die Wilden benommen haben. Nicht vereinzelte Fälle waren das, sondern an außerordentlich vielen Stellen wurde die gleiche Wahrnehmung gemacht. Wenn ein blut- junger Polizeiosfizier. der aus dem Leben weiter nichts kennt als Kasernenhof und Polizeiwache, seine Leute zum Drein- schlagen unberechtigt kommandiert, so müssen die Untergebenen folgen. Da wäscht sie, mag auch der oder jener widerwillig folgen, kein Regen ab. Daß aber Hunderte von Schutz. leuten aus sich selbst heraus überflüssiige Gewaltsakte be- ! singen und in fiebernder Erregung in Menschenfleisch herum- löcherten— damit legt die Berliner Schutzmattnschast keine ManneSehre ein. Das gleiche Vorgehen gegen Frauen ist sogar eine erbärmliche Feigheit. Ein solches Verhalten, dem Gut und Leben des Großstädters kein Pappenstiel wert ist, eigt nur zu deutlich, daß die Gliedmaßen deS großen 'olizeirumpfeS nicht minder unfähig sind wie der Kopf. Man hat in den letzten Monaten gerade aus dem Polizei- lager heraus ganz besonders viele bewegliche Klagen gehört. daß das Berliner Publikum den Schutzmann in seiner öffent- lichen Amtstätigkeit nicht genügend unterstütze. Durch die Lorgänge am letzten Sonntag hat sich die Polizei auch um den ) letzten Rest von Anspruch auf Beihilfe aus dem Publikum gebracht. Wenn derselbe Schutzmann, dem man heute aus der Patsche > yilft, vielleicht schon morgen einem ruhigen Spaziergänger den Schädel spaltet, so muß man ihn besser seinem Schicksal über- lassen. Das ist bitter, aber gerecht und fällt auf die unfähige Polizeileitung zurück. Trotz alledem sind wir dem Herrn v. Jagow für seinen am Sonntag bewiesenen Heldenmut von neuem dankbar. Seinen, vorzeitigen„Heimgang" würden wir auftichtig bedauern. Nicht jede Stütze des Staates eignet sich so vorzüglich für die— sozialdemokratische Agitation. Pläne der städtischen Parkverwaltnng. In der gestrigen Sitzung der städtisckien Parkdeputation fand die Einführung des neugewählten städtischen Gartendirektors Brodersen statt, welcher hierbei Gelegenheit hatte, in einer Anzahl von schwebenden Sachen die von ihm bereits gefertigten Pläne vorzulegen. In erster Linie handelte es sich um die Ausgestaltung der Innenanlage des Botanischen Gartens. Bei diesem Projekt war besondere Rücksicht auf die neuerdings beschlossene Persetzung der Königs-Kolonnaden zu nehmen. Es besteht die Ab- sicht, die Kolonnaden mittels einer nach dem Park zu gelegenen niedrigen Balustrade oder eines anderen Abschlusses zu einer ge- schloffenen Wirkung zu bringen. Dahinter ist dann in einer der architektonischen Umgebung des Parks, insbesondere dem Bau des Kammergerichts angepaßten Form eine Aufteilung angenommen, die gute Verbindungen und die Anlegung einer Anzahl kleinerer Spielplätze vorsieht, die durch Baumanpslanzungen den Lärm möglichst abhalten, auch die Spielenden von den sonstigen Park- besuchern isolieren. Daß bei der Projektierung der Anlagen auf den Baumbestand möglichste Rücksicht genommen wird, ist selbst- verständlich. Auf das Projekt wird noch näher zurückgekommen werden, nachdem der Magistrat dasselbe genehmigt hat. Auch für die Aufteilung des sogenannten Auf. marschgeländes, welches die Stadt zu kaufen beabsichtigt (über die Kosten ist bereits mit dem Kriegsministerium ein Ein- Verständnis erzielt), wurde ein Plan des neuen Gartendirektors beraten und angenommen. Es soll durch Benutzung der nördlichen Hälfte des Geländes zu Parkzwecken eine möglichst einheitliche Gestaltung des vergrößerten ViltoriaparkS erzielt und in der südlichen Hälfte ein ziemlich umfangreiches, vornehmes und ruhiges Wohnviertel geschaffen werden. Der im Nordosten von Berlin außerhalb der Ringbahn an der verlängerten Pappelallee gelegene Humann- Platz, dessen Um- gebung zurzeit noch völlig unbebaut ist, soll nach dem vorgelegten Entwurf des Gartendirektors möglichst bald angelegt werden, um die Anstedlung in der Umgegend dort zu befördern. Das durch- gängig etwa 1 Meter über Straßenhöhe gelegene Gelände wird nach diesem Plan in wirkungsvoller Weise zu einer Anlage benutzt, deren Mitte für Spielplatzzwecke reserviert wird, während in einer ziemlich dichten Randbepflanzung für Promenadenwege und schattige Sitzplätze gesorgt ist. Endlich wurde die Umgestaltung des ArnSwalder Platzes, eines bekannten Schmerzenskindes der Parkverwaltung, nach dem Entwurf des neuen Gartendirektors beschlossen. Der Plan kommt darauf hinaus, daß im Interesse der überaus großen Zahl der dort spielenden Kinder eine Freihaltung der im Hintergrund stehenden monumentalen Bank erzielt wird und unter Beseitigung einer Anzahl dürftiger Bäume für die zu den Seiten gelegenen Rasenflächen hinreichend Luft und Licht ge- schaffen wird. Dem Zuge der Zeit und dem Wunsche der Anlieger folgend, soll auch diestr Platz mit Blumenschmuck versehen werden. Drnckfchlcrbcrichtigung. In dem gestrigen Bericht über die Ver- Handlungen im städtischen EtatSausichuß unter der Ueberschrift: „Armcnwesen, Waisenpflege. Fürsorgeerziehung" heißt cS an einer Stelle, daß der Standpunkt deS Vertreters der Arniendircktion all- gemein geteilt wurde, daß die weiblichen Bedürftigen angemessen zu unterstützen seien. ES mutz heißen: die wirklich Be- dürftigen.... Eine wahrsagende Zigeunerin hat durch einen alten Kniff ein Dutzeud armer Dienstmädchen hineingelegt. ES ist eine etwa 30 Jahre alle Frauensperson, die sich Auguste Hose nennt, angeblich Seifen- Händlerin ist und Steinstr. 4 wohnen will. Sie benutzt die Hinter- treppen zu herrschaftlichen Wohnungen und bietet zum Schein Seife zum Kaufe an. Nebenbei teilt sie dann mit, daß sie aus Karte» und aus den Linien der Hand wahrsagen könne. Die leichtgläubigen Dienstmädchen, die gerne eine» Blick in die Zukunft tun ivollen, lassen sich durch diesen Kniff fangen. Die Zigeunerin fordert nun ein Zwanzigmarkstück, das daS Mädchen zunächst in die Hand nehmen muß. Nachdem sie dann drei Kreuze mit der rechten Hand geschlagen hat, erklärt sie, das Zwanzigmark- stück auf eine Viertelstunde behalte» zu müssen, um damit über drei Kreuzwege zu gehen. Davon hänge vaS Glück mit dem eigenen Bräutigam und dem Lotteriegewinn ab. Natürlich kommt die Be- trügerin nicht wieder und ihre Wohnung erweist sich als nicht vor- banden. Ein Dienstmädchen Agnes H. erstattete Anzeige und eS wurden bisher über ein Dutzend Leidensgefährten von der Kriminal- Polizei ermittelt. Nur die Betrügerin konnte noch nicht aufgefunden werden. Eine Liebestragödie hat sich in einem der ersten Hotels ab- gespielt. Ein angeblicher Rudolf Lessiiig mit Frau, die am 8. d. M. um 4 Uhr nachmittags in einen, Ha», burger Zuge eingetroffen waren, hatten sich ein gemeinschaftliches Zimmer gemietet. Gestern abend fiel den Angestellten deS Hotels auf, daß sich das im dritten Stock wohnende Paar noch nicht gemeldet hatte. Da man kein Lebens« zeichen vernehmen konnte, wurde die Tür geöffnet und man fand beide Personen tot in den Betten. Ein Brief, aus dem inon ersah, daß der angebliche Rudolf Lessing sowohl als auch die junge Dame aus Hamburg stammen, ferner ein Brief an Dr. med. B. in Hamburg und ein solcher an einen Assessor in der Kulmbacher Straße in Berlin wurden auf dem Tisch gefunden. Das junge Mädchen hatte einen Schuß in die Brust erhalten, der das Herz tras und den so- sortigen Tod herbeigeführt haben muß, während der Mann eine Schutzwunde in den Kops aufwies. Doppelselbstmird. In der Tegeler Straße 30— im Norden Berlins— wurden gestern nachmittag gegen"4 Uhr die 65jährige Witwe Schaewe mit ihrem Zbjährigen Sohn in der Wohnung vergiftet aufgefunden. BÄ beiden Personen war der Tod durch Gasvergiftung schon eingetreten. Die Leichen wurden von der Polizei beschlagnahmt. Die beiden Lebensmüden hatten auf dem Korridor von dem Hauptgasrohr einen Pfropfen herausgeschlagen, so daß daS Gas ungehindert in die Wohnung ausströmen konnte. Aus welchem Grunde Mutter und Sohn in de» Tod gegangen sind, ist noch nicht aufgeklärt. Kurzschluß am Tchnltvrrtt der elektrischen Zentrale in der Rat- Hausstraße trat in der vergangenen Nacht gegen 12 Uhr ein und verursachte erhebliche Störungen. Alle Leitungen, die von dieser Zentrale gespeist werden, wurden mit einem Schlage stromlos. So- wohl in der Umgebung de? Alcxnnderplatzes wie auch in der Leipziger Straße vom Spittelnmrkt bis zum Potsdamer Platz und in den auliegcuden Straßenziigen blieben sämtliche Straßenbahnwagen liegen. Die Störung war um so empfindlicher, als sie schon wenige Minuten nach Mitternacht eintrat. Auch das Licht funktionierte in dem Bereich der Zentrale sticht. Nach der nach einer Stunde erfolgten Beseitigung der Störung kouute die Zentrale wieder den Strom für Licht und Bahn� abgeben. Die Feuerwehr, die erschienen war. hatte keinen Anlaß, einzugrcise», da es sich nicht um einen Brand handelte. Ein schwerer Unglücksfall im Betriebe der Siraßenbahii ereignete sich gestern vormittag in der Gotzkowskystraße. Dort fuhr der Motor- Waggon Nr. 230 der Linie 0 auf einen vor ihm haltenden Schlepper« zug der Straßenbahn so heftig auf, daß der den Anhäugewageu deS letzteren bedienende Schaffner Knopf gegen die Wagenbank ge» schleudert wurde und eine» Bruch mehrerer Nippen erlitt. Der Wer- unglückte wurde nach dem Krankenhaus Moabit geschafft, Ivo ihm � die erste ärztliche Hilfe zu teil wurde, und von bort auf seinen' Wunsch nach seiner Wohnung übergeführt. Selbstmord auf dem Friedhofe. Auf dem BegräbuiSplatz der jüdischen Gemeinde in Weißensce wurde gestern abend in der zehnten Stunde ein etwa 35jähriger Mann in bewußtlosem Zustande auf- gefunden, der sich aus einem neben ihm liegenden Revolver eine Kugel in die rechte Schläfe gejagt hatte. Der Schwerverletzte wurde nach dem Aiigusle-Viktoria-Krankenhause geschafft, wo er kurz nach seiner Einlieferung verstarb. Bei dem Toten wurden Papiere vor- gefunden, die auf den Namen des Kürschners Hammer aus der Köpenicker Str. 170 in Berlin lauten. Zeugen gesucht. Personen, welche gesehen haben, wie am Sonntagnachmittag 3>/g Uhr in der Treptower Straße, Ecke der Kiefholzstraße, ein dem Arbeiterstande angehörender Mann in schwarzem Ueberzieher und schwarzem, steifen, Hut von einem berittenen Wacht- meister an der Schulter festgehalten, von diesem einem Polizei- leutnant übergeben und dann von zwei Schutzleuten nach der Wache transportiert wurde, werden gebeten, ihre Adreffen einzusenden an Rudolf Jahn, Rixdorf, Wipperstr. 11, II. Wieder eine Kindeslciche. Unter dem Stadtbahnbogen in der Holzmarktstr. 44 wurde gestern in einer Ecke ein unheimlicher Fund gemacht. Ein mit weißem Packpapier umwickeltes Paket enthielt die Leiche eines weiblichen Kindes, die in alte weiße Lappen gewickelt war. Ueber die Mutter ist noch nichts bekannt. Straßensperrung. Der an der Einmündung der Putlitzstraße gelegene Teil der Ouitzowstraße ist behufs Umpflasterung vom 10. d. M. ab bis auf weiteres für Fuhrwerke und Reiter gesperrt. Vorort- JVadmebtem Die Gemeindewahlbewegung. Rechtswidrige Wahlkassierung deS Tegeler Gemeindevorstehers. Wie wir in unserer vorgestrigen Nummer mitteilten, tvurden bei der Gemeindevertreterwahl am Montag unsere Genossen Arend« s e e und R a d u n z mit 1034 rcsp. 990 gegen 383 resp. 383 gcgne- rische Stimmen gewählt. Die Wahl des Genosse» Radunz wird, wie aus einer vom Gemeindevorsteher Weigert veröffentlichten aint- lichen Bekanntmachung hervorgeht, als gültig betrachtet, während die Wahl des Genossen Arendsee von dem Wahlvorstand für un» gültig angesehen wird, weil derselbe nach dem Urteil des Kreis- ausschusseS vom 8. Dezember 1909 kein Angesessener im Sinne der Landgemeindeordnung sei. Herr Weigert hat daher eine engere Wahl zwischen den bürgerlichen Kandidaten Stationsvorsteher Wistuba und königl. Förster Rundström für Sonnabend, den 19. März, an- geordnet. Die von Herrn Weigert erklärte Ungültigkeit widerspricht den klaren Bestimmungen der Landgemeindeordnung. Nicht der Gemeinde- Vorsteher, sondern die Gemeindevertretung hat über die Gültigkeit der Wahl zu entscheiden. Im übrigen stützt sich die in der amtlichen Bekanntmachung deS Gemeindevorstehers aufgestellte Behauptung, Genosse Arendsee sei kein Angesessener im Sinne der Landgemeindeordnung, nur auf das Urteil des KreiSausschuffeS; falsch aber ist die Behaup- tung, daS Urteil des Kreisausschusses bestehe»noch zu Recht". DaS Strcitverfahren schwebt gegenwärtig noch vor der Berufungsinstanz. weshalb von einem»Zu-Recht-bestehcit" deS Urteils keine Rede sein kann. Ueber diese einfache Rechtslage müßte sich eigentlich ein Gemeindevorsteher klar sein. Doch nachdem bereits vor der Wahlhandlung der Gemeindevorsteher gegen die klare Bestimmung des§60 der Landgemeindeordnung verstteß, indem er erst zwei Beisitzer von der Wahlversammlung wählen ließ, als- dann aber eigenmächtig zwei ihm genehme Beisitzer ernannte, nimmt die in der nettesten Anordnung des Gemeindevorstehers zum Aus- druck kommende Rechtswidrigkeit nicht mehr wunder. Unsere Genoffen werden auf dem Wege des VerwaltungsstreitverfahrenS Herrn Weigert zeigen, daß er sich auf dem Holzwege befindet. Friedenau. Die Wahlen zur Gemeindevertretung finden für die dritte Klaffe am Mittwoch, den 16. März, von 10 Uhr vormittags bis 8 Uhr abends im Restaurant Hohenzolleru, Handjerystratze statt. Zu wählen ist ein Hausbesitzer und ei» Nicht- angesessener. Die Kandidaten unserer Partei sind Gastwirt Huhn, Wagnerplatz 1, und Handlungsgehilfe Paul Richter. Es fei hier noch einmal auf die am Sonntagmittag ll/a Uhr im„Rheinschloß", Rheinstr. 60, stattfindende öffentliche Versammlung, in welcher der Genosse Fritz Zubeil über„Die Bedeutung der Gemeindewahlen" spricht, hingewiesen. Britz-Buckow. Heute Freitag, nachmittags von 3—4 Uhr, findet in Buckow im Gemeindeschulhause die Gemeindevertreterwahl der dritten Klasse statt. Alleiniger Kandidat der Sozialdemokratie ist Geuosse Joses Hadameck, Bahnhosstr. 12.— Es ist Pflicht aller Arbeiter, sich um 8/43 Uhr im Wahllokal einzufinden. Arbeits« kollegcn. Freunde und Genossen werden ersucht, in Buckow Wohn- hafte aus ihre Wahlpflicht aufmerksam zu machen. Wenn jeder seine Pflicht tut, ist der Sieg unseres Kandidaten gesichert. Zehlendorf< Wannseebahn). Schneller als man gedacht, haben sich die bürgerlichen kommunale» Vereine nun, da die Wahl vor der Tür steht, geeinigt. Der monntelauge Kampf um die Kandidaten ist begraben und Einigkeit herrscht in dem Bestreben, nur ja keinen Sozialdemokraten durchkommen zu lassen. So steht also die Arbeiterschaft auch diesmal wieder völlig für sich allein. Darum gilt es die schärfste Anspannung jedes eiuzclnen Genossen. Heute Freitag um'/zg Uhr müssen alle Genossen und Genossinnen bei Mickley sein, um bei», Kuvertieren zu helfen. Sonntag früh um '/g3 Uhr finden sich alle zur Flugblattverbreitung in ihren Bezirks- lokalen ein. Nur die Teilnahme aller Genossen und Genossiinien bei diesen notwendigen Vorarbeiten kann uns den Sieg bringen. Mariendorf. Die hiesigen Mitglieder der Demokratischen Vereinigung haben mit dem Bürgerverein gegen die Sozialdemokraten ein Kompromiß geschlossen. Es sind be- reits zwei demokratische Kandidaten anfgestellt worden und diese machen nun mit Forderungen aus dem sozialdemokratischen Kommunal- Programm Propaganda. Wir haben also auch hier das Schauspiel, daß sich die Demokraten mit irgendivelchen Spießern zum Kampf gegen den Umsturz verbinden. Unsere Genossen werden, da am Montag bereits die Wahl stattfindet, die Agitation in verstärktem Maße betreiben. Wilhelmsruh- Rosenthal- Nordend. Die Gemeindewahlen für Rosenthal-Wilhelmsruh-Nordend finden wie folgt statt: im 1. Bezirk Wilhelmsruh wählt die dritte Klaffe am 17. März nachmittags 1 bis 7 Uhr im Lokal von Deutschmann. Im 2. Bezirk Rosenthal- Nordend wählt die dritte Klasse am 19. März nachmittags von 2 bis 7 Uhr im Lokal von Witwe Schmidt. Die zweite Klaffe wählt im 2. Bezirk Rosenthal-Nordend am 21. März nachmittags von 3 bis 6 Uhr im Lokal von Dittmann. Hermsdorf. Die Gemeindevertreterwahlen für die dritte Wähler- klasse finden am Dienstag nachmittag von 3—3 Uhr statt. Parteigenossen! Der hiesige Bürgerverein arbeitet mit Hoch- druck. Tut jeder seine Schuldigkeit ibis zum Tage der Wahl, dann ist der Sieg unser. Unsere Kandidaten für die dritte Klasse sind: Lagerhalter Wilhelm BehrendS und Maschinenarbeiter Rudolf Priejj- meier. Wahlergebnisse. Boxhagen-Rummclsburg. Bei der am Mittwoch, den 0. März, stattgefundenen Gemeindevertreterwahl der zweiten Klasse ist das Resultat in beiden Wahlbezirken Stichwahl zwischen den Bürger- Vereins- und Grundbesitzervereinskandidaten. Im ersten Bezirk tOrtsteil Boxbagen) erhielt der Grundbesitzer- b�ndidat Eigentümer Robiczek 148 Stimmen sbierunter waren allein 30 Forensenstimmen), der Bürgervereinskandidat Oberlehrer Aigte 121 und Genosse Müller 30 Stimmen. Im zweite» Bezirk it?rtsteil Rummelsburg), wo zwei Vertreter zu wählen waren. erhielten von den Grundbesitzerkandidaten Eigentümer Pohland 123 und Eigentümer Carlin 33 Stimmen(hierunter waren ebenfalls zirka 70 Forensen- und Vollmachtstimmen) und der gemein- same Kandidat des Gelverbe- und Bürgervereins, Klempncrineister Winter 103 Stimmen, auf unsere Genossen Tempel und John ent- fielen 22 Stimmen. Bei den früheren Wahlen in der zweiten Klasse waren unsere Genofien in beiden Wahlbezirken zusammen noch nicht über ein Dutzend Stimmen hinausgekommen. Das Resultat zeigte bei den Imperatoren der beiden Grundbesitzervereine recht verblnstte Gesichter— waren diese Herren bisher doch gewöhnt gewesen, die Mandate nach ihrem Belieben unter sich im Grundbesitzervereins- vorstand zu verteilen. Da unsere Genossen in beiden Bezirken bei der Stichwahl den Ausschlag geben, so ist mit einer gewissen Sicher- heit zu erwarten, datz die beiden Kandidaten der Grundbesitzer- vereine nicht gewählt werden und damit ihre bisherige un- beschränke Macht in der Gemeindevertretung einen kleinen Stoß erleiden wird. Schöneiche. Bei der gestrigen Gemeindevertreterwahl erhielt der sozialdemokratische Kandidat, Genosse Johannes Rühl 21 Stimmen. Der Kandidat der Terrain- und Grundstücksspekulanten brachte eS au 58 Stimmen. Letzterer ist somit gewählt. Für den gegnerischen Kandidaten wurden nur 14 Stimmen persönlich abgegeben, die übrigen waren Forensenstimmen. Adlcrshof. Bei der gestrigen Gemeindevertreterwahl erhielt in der dritten Abteilung der sozialdemokratische Kan- didat 841 Stimmen, während 3 Stimmen zersplittert waren. Unser Kandidat, Genosse H o r l i tz, ist somit gewählt. In der zweiten Abteilung erhielt der Kandidat des Grundbesitzcrvereins Lutze 82, der konservative Kandidat 71 Stimmen. Hier ist Lutze gewählt. Für die beiden konservativen Kandidaten der ersten Abteilung Franke und Bach wurden 3 Stimmen abgegeben. Schmargendorf. Das genaue Resultat der am Mittwoch statt- gefundenen Gemeindcwahl ist folgendes: Die Genossen Weiger und Hildebrandt erhielten je 217 Stimmen, die Bürgerlichen Bäckermeister Fritz und Regierungssekrelär H ä g e r t je 147 Stimmen. Bei der Wahl vor zwei Jahren erhielt unser Genosse 138, der Bürgerliche 212 Stimmen. Der Sieg ist u», so glänzender, als jeder Wähler, der unter 1054 M. Steuern zahlt, zur dritten Klasse gehört. Da jedoch einer der Gewählten Hausbesitzer sein m.ufe, aber unsere beiden Genossen Mchtangesessene find, muh eine Neuwahl vorgenommen werden. Das Los entschied, datz für den Genosse» Hildcbrandt ein Angesessener gewählt werden muß. Rixdorf. Stadtverordnetenversammlung. Fortsetzung der Etatsberatung. Das Kapitel„Krankenpflege" wurde debattelos genehmigt, nachdem noch nachträglich für Vermehrung des Pflege- und Warte- Personals im neuen Krankenhause um 5 Schwestern und 2 Wärter 3000 M.. für Durchführung der seinerzeit beschlossenen Lohn- erhöhungen der Handwerker und des Maschinen- und Anstaltsperso- nals 6000 M., für Stellvertretung erkrankten und beurlaubten Per. sonals IblX) M. eingestellt worden waren. Eine Erhöhung erfuhren auch der Wirtschaftsbetrieb um 6075 M. und der Titel Hausbedürf- nisse um 40 000 M. Der Abschluß des Kapitels weist in Einnahme 300 500 M.. in Ausgabe rund 583 000 M. auf, sodotz ein Zuschuß von 282 500 M. notwendig ist. Beim Kapitel„O e f f e n t l ich e Wege, Straßen, Plätze, Brunnen und sonstige Anlagen" plädierten die Stadtvv. Maatz und Wutzky(Soz.) für Perbreitcrung der Berlinerstraße, damit der sich dort immer mehr steigernde Verkehr bewältigt werden kann. Stadtbaurat W e i g a n d sagte dies zu, sobald die in diesem Straßenzug geplante Untergrundbahn in Angriffjjenommen wird. Unter allseitiger Zustimmung ersuchte Stadtv. Serno um Be- scitigung des Schulgartens auf dem Wartheplatz, damit letzterer angelegt und dem Publikum freigegeben lverdcn kann. Der Ober- b ür g e r m e i st e r verspricht, daß der Wartheplatz eine würdige Ausgestaltung erhalten soll. Für die Ausschmückung des Reuter- Platzes sind 5000 M. eingestellt; das dazu entworfene Modell sieht. wie beim Dönhofsplatz, eine Umfriedigung durch das sogenannte Tiergarlengitter nicht vor. Beim Titel Straßenreinigung und Be- sprengung wünschte Stadtv. Wutzky.(Soz.) eine größere Berück- sichtigung der Hauptverkehrsstraßen, deren Anwohner dauernd über mangelnde Reinigung klagen; kürzlich seien ihm wieder derartige Beschwerden aus der Wißmannstraße zugegangen. Der Etat dieses Kapitels balanziert mit 846 500 M. und bedarf eines Zuschusses Von 674 700 M. Die Kapital- und Schuldenverwaltung wurde in Einnahme mit 1350 300 M. und in Ausgabe mit 2 323 000 M. fest- gestellt, benötigt also einen Ausgleich aus dem Stadtsäckel von 1 588 100 M. Beim � H a u p t- Ex tr ao r d i n a r i u m rügte Stadtv. Heller(Soz.) die unhaltbaren Zustände an der schon seit langem der Regulierung harrenden Schiertcstraßc und fordert vom Magi- strat, daß hier Wandel geschaffen wird. Der Oberbürgermeister erklärte, daß die Hindernisse jetzt alle beseitigt sind und nunmehr mit der Anlegung begonnen werden könne. Stadtv. E m m e l u t h will eine baldige Asplmltierung der Kaiser-Friedrichstraßc. Für das Krankenhaus in Buckow sind 547 000 M. eingestellt, darunter 80 000 M. für Ausbau des Hauses für Geschlechtskranke und Bau eines halben Jsolierpavillons. Stadtv. Dr. S i I b e r st e i n(Soz.) bezeichnete diese Erweiterungen als völlig ungenügend; denn das Krankenhaus sei sehr häufig gefüllt, so daß es oft unmöglich sei, Patienten dort unterzubringen. Diesem Notstand müsse so schnell als möglich durch den Bau eines oder zweier Pavillons abgeholfen werden. Bürgermeister Dr. Wein reich bestätigte den gerügten Mangel an Betten, deren Zahl(350) nicht ausreichend sein könne, da bei Städten von 200 000 Einwohnern eine Norm von 700 Betten gilt. Der Magistrat werde bestrebt sein, Abhilfe zu schaffen; im Frühjahr nächsten Jahres werde ein weiterer Pavillon erbaut werden. Der bei der Einweihung des Krankenhauses mit einem Orden dekorierte Stadtv. N a h m i g quittierte über diese„Aus- Zeichnung" dadurch, daß er gegen den Erweiterungsbau zu bremsen versuchte, iv"« ihm ein paar kräftige Zurechtweisungen und die Be- leuchtung seiner„Perdienste" um das Krankenhaus von den Stadtvv. Wutzky(Soz.) und Dr. Silber st ein(Soz.) eintrug, die fest- stellten, daß der„Dekorierte" einer derjenigen war, welche sich am hartnäckigsten gegen unsere Genossen bei ihreni Kampfe um Schaffung des Krankenhauses stemmten. Zur Erbauung der Bad e- und S ch w i m m a n st a l t, die mit Gcmeindeturnhalle und Volksbibliothek verbunden sein soll, sind als 4. und 5. Baurate 150 000 M. eingestellt. Die Stadtv. Glasemann und Z e p m e i s e l(Soz.) drängten auf endliche Inangriffnahme des Baue?. Letzterer rügte unter Betonung der Notwendigkeit einer Bolksbadeanstalt für Rixdorf die vom Magistrat beliebte Ver- fchlcppung der Sache, für welche schon vor Jahren die Baupläne vorgelegt wurden. Oberbürgermeister Kaiser und Stadtbaurat Kiel entschuldigten die Verzögerung mit den hervorgetretenen Schwierigkeiten in der Wasserversorgung für die Schwimmanstalt, die aber nunmehr durch die zugesagte unentgeltliche Lieferung von 200 000 Kubikmeter Wisser jährlich seitens der Charlottenburger Wasserwerke behoben seien. Die neuen Projekte sind fertiggestellt und werden demnächst der Versammlung zur Genehmigung unter- breitet.— Für den Bau einer neuen Feuerwache mit Straßenreinigungsanstalt in der Emserstraße sind als 1. Baurate 200 000 M., zur Beschaffung einer Automobilgasspritze 25 000 M. ausgeworfen. Zur Errichtung weiterer Bedürfnis- an stalten sind 83 500 M. vorgesehen. Die vom Magistrat aus laufenden Mitteln beabsichtigte Beschaffung des bereits im vorigen Jahre abgelehnten Krankenautomobils, das schon so oft Gegenstand lebhafter Kämpfe war, hat der Rechnungsausschuß ab- gelehnt, um die Kosten von 17 000 M. dem Krankenhausbaufonds aufzubürden. Nach nochmaligem Angriff der Befürworter dieser grundverkehrten Finanzpolitik wurde mit 23 gegen 28 Stimmen dem Magistratsvorschlage zugestimmt.— Das Haupt-Extraordinarium balanziert in Einnahme und Ausgabe mit 8 874 814,92 M. Charlottenburg. In der am 9. März stattgefundenen Stadtverordnetenversamm- lung bildete den Hauptgegenstand der Tagesordnung der erste Teil der E t a t s b e r a t u n g. Ehe jedoch in die EtatSberatnng eingetreten wurde, kamen eine Reibe kleinerer Vorlagen zur Erledigung, von denen wir die wichtigeren Beschlüsse wiedergeben. So wurden für den Garantie- fonds der in diesem Jahre in Berlin stattfindenden Städtebau- Ausstellung 3752,25 M. zu zeichnen beschlossen.— Gegen die Gewährung von 300 M. für die Stiftimg eines Ehrenpreises für eine Ausstellung des deutschen Fleischer« gewerbes sprach unser Genosse Gebert.— Einem sehr dringenden Bedürfnis der Anwohner jenseits der Spree trägt eine Vorlage betr. den Bau einer Gemei ndedoppel- schule an der Wiehe st raße Rechnung. In jenem Stadtteil sind die Schulverhältnisse noch recht nngenügende und in wieder- holten Zniamnienkünften der Anwohner von Martinikenfelde wurde, mit Rücksicht auf die außerordentliche Schnelligkeit des Anwachsens der Bevölkerung in jener Gegend, die Errichtimg von Schulen ge- fordert. Nach dem einstweiligen Kostenanschlag soll der Bau dieser Doppelschule rund eine Million Mark betragen. Von unserer Seite gab Genosse Wilk den berechtigten Wünschen der Anwohner von Martinikenfelde aufs nachdrücklichste beredten Ausdruck. Unser Redner wandte sich gegen die Ueberweisung dieser Vorlage an einen Ausschuß, durch dessen Beratungen die Ausführung dieses so überaus notwendigen Bauprojektes nur un- nötig verzögert würde. Auch empfahl Genosse Will die schleunigste Errichtung von Schnlbaracken in jenem Stadlteil. Trotz der Anerkennung der Notlage der Bevölkerung jenseits der Spree in bezug auf die gegenwärtigen Schulverhältnisse beschloß die Versammlung Ausschuß- beratung.— Zu einer Debatte über das moderne Kunstgewerbe führte sodann die 287 100 M. Kosten verursachende Vorlage be- treffend die elektrische Beleuchtung der Bismarck- st ratze, desKaiserdainms und des Reichskanzler- platze«. Es handelte sich bei dieser Auseinandersetzung um die Form der neuen Eiseiilichtträger. Die bisher zur Miete gehabten Holzlichtmasten kosteten die Stadt rund 11000 M., wofür die Stadt nicht einmal die Masten behalten darf. Von unseren Genossen sprachen zu dieser Sache V o g el. Wilk und Zietsch. Die Vorlage wurde angenommen.— Der Anschluß der an der Heer st raße erstehenden Villenkolonie an das Netz der Elektrizitäts-, Gas- und Kanalisationsleitung wurde beschlossen. Bei der Beratung des Etats wurden die Etats der Ka- nalisation, der Ladestraßen und des Stätteplatzes, des Lagerplatzes der Tiefbauverwaltung, der Stiftungen und Vermächtnisse, der Ver- breiterung der Bismarckstratze und des GrundstückserwerbsfondS ohne Diskussionen angenommen. Der Kranken an st altS etat gab unserem Genossen Wilk Gelegenheit, auf die sonderbare Einrichtung im Krankenhaus Westend hinzuweisen, nach welcher die Vertrauenspersonen deS Krankenhaus- Personals nicht von diesem gewählt, sondern von dem Leiter des Krankenhauses, Professor Vesselhagen, kurzerhand ernannt wurden. Der Bürgermeister trat dieser Beschwerde mit dem Hin- weis darauf entgegen, daß er hervorhob, daß diese Angelegenheit noch die vorgesetzten Instanzen beschäftigen werde.— Bon dem Etatsaiisschiiß lag ein Antrag vor. nach welchem der schleunig in Angriff zu nehmende Bau eines Pavillons für Patienten erster und zweiter Klasse gefordert wurde. Genosse Vogel wendete sich gegen diese Forderung, dabei unter anderem daraus hinweisend, daß der Raum für diesen Pavillon, in welchem höchstens 40 Betten unter- gebracht werden sollen, für eine entsprechende Erweiterung der Ab- teilung der dritten Klasse viel notwendiger sei; denn im allgemeinen genügt der jetzt vorhandene Bettenbestand des Krankenhauses Westend den Ansprücben kaum. Trotzdem nahm die Mehrheit der Bersamm- lung den Antrag des Etatsausschnsses an. Zu einer sehr lebhaften mehrstündigen Debatte kam«S sodann beim Etat über das Armenwesen, daS in Ausgabe mit 1 832 120 M. abschließt. Der Magistrat hatte in demselben als neue Ausgabe 3060 M. eingesetzt, für welche zwei besoldete Waisen- Pflegerinnen angestellt werden sollten, deren Obliegenheiten in der Beaufsichtigung allerKostpfleglinge und Haltekinder sowie derMündel der Generalvormundschaft unter zwei Jahren zu bestehen hätten. Mit dieser Anstellung war die Mehrheit der ehrenamtlichen Waisen- Pflegerinnen nicht einverstanden und in ganz unbegründet er- scheinender Empfindlichkeit fühlen sich die unbesoldeten Pflegerinnen durch die eventuell kommenden besoldeten Aufsichtspersonen zurück- gesetzt und in ihrem Wirken behindert. Mit einer durch die Bedeutung dieser Sache in keiner Weise begründeten Begeisterung und Heftigkeit zogen einige liberale Stadtväter gegen den Magistratöantrag zu Felde. ES blieb unserem Genossen Zietsch überlassen, die Wogen der Erregtheit, welche die Diskussion hervorgerufen, durch einige satirische Bemerkungen zu glätten. Ferner forderte unser Genosse im Interesse einer noch wirksameren Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit die schleunige Anstellung von besoldeten Waiseupflegerinnen. Gegenüber dein hohen ernsten Zweck, dem tiefen Ernst und der dringenden Not- weudigkeit, dieses Stück sozialen Elends eiiizudäinmen, hätten alle unangebrachten Einpfindsamkeiten zurückzutreten. Und bei aller Anerkennung der� Tätigkeit der ehreiiamtlicheii Waisenpflege und Kinderfürsorge müsse die Anstellung besoldeter Pflegerinnen dringend gefordert werden.— Schließlich wurde, nachdem die Debatte durch einen Schlnßantrag abgebrochen worden war, die geforderte Mehr- summe von 3060 M. gestrichen und eine Resolution des Etats-AuS- schusses angenommen, nach welcher der Magistrat die Frage nochmals prüfen, die ehrenamtlichen Waisenpflegerinnen darüber hören und später der Stadtverordnetenversamnilung eine besondere Borlage über diesen Gegenstand unterbreiten soll. Der Rest der Tagesordnung�— einige Etatstitel wurden ver- tagt— bestand in Gegenständen für die geheime Beratung, die erst um VzIO Uhr beendet wurde. Tchönederg. Die Ferien für die hiesigen Gemeindcschulen sind nunmehr fest- gesetzt. Die Osterferien beginnen für das Schuljahr 1910/11 am 23. März und endigen am 4. April; die Pfingstfer.ien dauern vom 13. bis 20. Mai, die S o m m e r f e r i e n vom 6. Juli bis 12. August, die Michaelisferien vom 28. September bis 6. Oktober und die Weibnachtsferieu vom 22. Dezember bis 3. Januar 1911. Friedenau. Die letzte Sitzung der Gemeindevertretung beschäftigte sich in der ptsache mit der Beratung deS Voranschlages für daS Jahr 1910. Ein Aiilrag, welcher die Erhöhung der Hundesteuer von 20 auf 30 M. verlangt, wurde mit 13 gegen 12 Siimnien abgelehnt. Außerdem wurde beschlossen, alle Beamten für GehaltSnachzahlungen aus dem Jakire 1908 zur Einkommensteuer heraiiziiziehen. Der Ent- Urnrf zum Bau einer neuen höheren Töchterschule wurde vom Geiiieindebaurat Herrn Altmann vorgelegt und erläutert. Dieselbe soll mit der Hauptfrmit nach der Goßlerstraße liegen und 20 Klassen enthalten. Als Aula großen Stils ist ein gedeckter Lichthos im Ent» Wurf vorgesehen. Veranschlagt ist das ganze Projekt mit 615 000 M.. cS soll bis zum 1. April 1311 fertiggestellt sein. Der Direktor der höheren Mädchenschule erläuterte in Kürze den weiteren Ausbau der Anstalt. Die Versammlung gab demZ Gesamtprojekt ihre Zu- stiminung. Groft-Lichterfelde. Aus der Gcmeiiibevertretung. Auf der Tagesordnung der letzten Sitzung befand sich u. a. auch die Vorlage betr. die Auf- führung der Bauten auf dem neuen Zcntralfricdhof der Gemeinde. Die Kosten für die Errichtung der Kapelle, Leichenhalle, des Ver- Walter-Wohnhauses und der Einfassungsinauer mit insgesamt 170 000 M. wurden bewilligt.— Der Vertrag mit der Schulvor- steherin Frl. Tanke, wonach sie von der Gemeinde jährlich 3000 M. Zuschuß für die höhere Töchterschule erhält, wird dis 1313 ver- längert. Das Schulgeld erfährt eine Erhöhung von 130 auf 139 Mark für die niederen, und von 110 auf 130 M. für die höheren Klassen, ohne Unterschied, ob hiesige oder auswärtige Schüler.— Der letzte Punkt der Tagesordnung betraf die erste Lesung des Gemeindeetats für 1310. Daß eine so wichtige und tief ein- schneidende Vorlage, wie die Festsetzung des Haushaltungsplanes, für eine Gemeinde von über 40 000 Einwohnern mit ihren finan« ziellen Konsequenzen, ihren wirtschaftlichen und kulturellen Gc- sichtspunkten und Forderungen— die sozialen bleiben bei uns bekanntlich ganz außer Betracht— an die letzte Stelle der Tages- ordnung gerückt wurde, damit schien man schon gewissermaßen andeuten zu wollen, wie wenig ratsam es sei, sich längere Zeit in der Oeffeutlichkeit mit ihr zu befassen. Und in der Tat: Wer unsere kommunalen Verhältnisse kennt und daraufhin den Ge» meindeetat nur einer flüchtigen Durchsicht unterzogen hat, der muß zu dem Ergebnis gelangen, daß dieser HauShaltungsvlan tatsächlich nur für die dringendste Notdurst der nächsten Tage zurechtgemacht ist. Und so dürstig dieser Etat seinem materiellen Inhalte nach, so dürftig war daS ihm beigegebene Geleitwort und noch dürftiger und trostloser die sich anknüpfende Diskussion. Ge» meindevorsteher Schulz machte in seinem einleitenden kurzen Referat die„erfreuliche" Mitteilung, daß die Einnahmen und Aus- gaben balanziert werden konnten, ohne Erhöhung der bis- herigen Steuersätze. Das noch aus den früheren Jahren herrrührende Defizit von zirka 110 000 M. werde man bei einiger- maßen günstiger Konjunktur ebenfalls decken können.— Die Generaldiskussion, die sonst bei solchen Vorlagen zu einer Bo- sprechung der kommunalen Verhältnisse auf allen Gebieten zu führen pflegt, bewegte sich in der hierorts üblichen Oberflächlichkeit, verlor sich in Kleinkram, um schließlich in dem Wunsch nach einer- neuen Feuerspritze zu enden. Nirgends ein Zug ins Große, überall die kurzsichtigste und außerdem noch vom krassesten Klassen- egoismus eingeengte Augenblickspolitik, die heute noch nicht im- stände ist, die Notwendigkeiten von übermorgen zu erkennen und zu begreifen. Das schien denn auch einem Mitglieds des Ge- meindevorstandes, dem Schöffen Dr. Lenzner. aufzudämmern, der feststellte, daß leider für Verkehrs- und soziale Zwecke kein Geld vorhanden sei. Das Eingeständnis, daß für kommunalsoziale Aufgaben in Groß-Lichterfelde keine Mittel bereit» gestellt werden, wollen wir lediglich registrieren. Diese Tatsache ist, um einen beliebten bureaukratischen Ausdruck zu gebrauchen, nicht nur„amtsnotorisch", sie ist auch der Arbeiterschaft unseres Ortes schon sehr lange bekannt. In einem Punkt allerdings waren alle Gemeindevertreter einig: daß der Grundbesitz nicht höher besteuert werden darf. Dagegen wurde von einer Seite die Er» höhung der Personal. Einkommensteuer um 5 Proz. vorgeschlagen, von anderer Seite bekämpft mit dem Hinweis auf die„Konkur- renz" unter den Vororten, besonders der westlichen, nur weil eine solche Steuererhöhung abschreckend aus die paar steuer» kräftigen, aber steuerscheuen Bevölkerungsschichten wirke und den Zuzug hemme. Diese„Konkurrenz" unter den Vororten, diese? „Anreißen" wohlhabender Leute durch möglichst niedrig gehaltene Kommunalsteuern erinnern lebhaft an die etwas anrüchigen Ge» schäftSgepflogenheiten am ehemaligen Mühlendamm in Berlin. Solche unhaltbaren Zustände, die nur dort entstehen und gedeihen können, wo ein großes wirtschaftlich einheitliches Gebiet in tzine Reihe politisch selbständiger Gemeinden aufgelöst ist, drängen geradezu nach einer politischen Einheit: einem Groß-Berlin. Und dagegen sträubt man sich nun in Groß-Lichterfelde gerade am allermeisten, und zwar. weil, wie einmal ein Gemeindeschöffe e» klärte: in Berlin die Singer und Genossen immer mehrdenTonangebenundmanmitdiesenLeuten nichts zu schaffen haben wolle. So sieht eS in jenen Kreisen mit den„Gründen" gegen die vernünftige und notwendige Forderung der Schaffung eines Groß-Berlin aus. ES ist dahei: auch weiter kein Wunder, daß eine Gemeinde unter so weitsichtiger Leitung nicht einmal diejenigen Fortschritte aufweist, die den be- scheidensten Ansprüchen genügen könnte. Der sozialdemokratische Gemeindevertreterkandidat, der in einer Wählerversammlung unsere öffentlichen kommunalen Verhältnisse in sachkundiger Weise kritisierte die Stagnation auf allen Gebieten feststellte, ist bei der Wahl den staatserhaltenden Stimmen der Forensen zum Opfer gefallen. Aber die Richtigkeit seiner Ausführungen ist durch den letzigen Etat und das Eingeständnis des Schöffen Dr. Lenzner aufs glänzendste bestätigt worden.— Schließlich wurde der Haus- haltsplan, aus dem wir die wichtigsten Zahlen noch mitteilen werden, einer Kommission überwiesen worden.' Boxhagen- Rummelsburg. Der Etatvoranschlag für 1910 schließt in Einnahme und AuS- gäbe mit 3 300000 Mark ab, gegen daS Vorjahr ein Mehr von 188 233 M. Der Zuschlag zur Staatseinkommensteuer, welcher im lausenden Jahre 125 Prozent betrug, ist für 1310 auf 185 Prozent erhöht. Ebenso ist die Genieindegrundsteuer von bisher S'/« Proz. bei bebauten und 6'/z Prozent vom Tauiend bei unbebauten Grund- tncken auf 3'/, und 7 Prozent erhöbt. Auch erfahren die Kanali- jationsgebühren eine Erböhung. Diese unerfreuliche Tatsache der Erhöhung der Gemeindeabgaben, besonders die Erhöhung deS Ge- meindezuschlagcS zur Einloiiinieiisteuer ist mit auf die vor zwei Jahren auf Verlangen des allniächtigen Boxhagencr Grundbesitzer- Vereins erfolgte Herabsetzung des GcnieindezuschlageS von 125 Proz. auf 100 Proz. zurückzuführen. Unsere Vertreter halten sich damals ganz entschieden gegen die künstliche Herabsetzung deS Gemeinde- zuschlage« gewandt— und auch aufS klarste nachgewiesen. daß durch die Herabsetzung eine um so höhere Herauf- schraubung des Gemeindezuschlages in den Folgejabren ein- treten muß. Um nun in diesem Jahre nicht noch über 133 Proz. heraufgehen zu müssen, sind zur notwendigen Balauzierung deS Etats auS dem StraßciiiiiiterhaltuugssondS 115 000 M. eingestellt. Im Borjahre waren eS 30 000 M. die aitS FoudSmitteln genommen worden waren. Trotz dieser Erhöbiing der Gemeindeabgaben, die eine Mehreinnahme von etwa 125 000 M. ausmachen, wie durch die Zuführung voii 115 000 M. aus den Fonds, finde» wir, daß für die paar winzigen sogenannten WohlfabrtS- einrichtungen Mehreinstellungen leider nicht gemacht worden sind. Die einzelnen Etatspositioneu weisen in ihren Hauptkapitoln in Ein- nahmen und Ausgaben folgende Zahlen auf: Die Ausgaben für die Geineiiideverwaltung sind mit 361 500 M. gegenüber 27 400 M. Einnahmen berechnet. Im Vorjahre waren es 304 3M M. und 33 070 M. DaS höhere Schulwesen weist an Ausgaben 342 450 M. und 132 560 SW. an Einnabmen auf. Im Vorjahre 298 515 M. Ausgaben und 171 160 M. Einnahmen. Der Gemeindezuschuß für die höheren Schulen beträgt mithin im laufenden Jahre 143 890 M. gegenüber 127 355 M. im Vorjahre. Von diesen 140 890 M. Gemeindezuschuß entfallen aus das Real- gyiimasium 69 300 SD?., auf die höhere Mädchenschule 43 140 SV?, und auf die Mittelschule 37 450 M. Die Ausgaben für die Volksschulen sind mit 683 500 M. Ausgaben gegenüber 62 350 M. Einnahmen be- rechnet. Die Gemeinde' hat mithin für die Volksschulen ollein 626150 M. gleich dem Betrag von 190 Prozent des Gemeinde- zuschlngS zur staatlich veranlagten Einkommensteuer aufzubringen. Im Vorjahre Betnifl der Gemeindezuschuß für die Volks- schule 541 570 M. Die hohe Steigerung der Aufweudnngen für die Volksschulen im Betrage von 84 580 M. sind ausschließlich auf die neue Lehrerbesoldung und den Wegfall der bisherigen Staatsbeihilfe zurückzuführen. DaS Kapitel mit dem recht wohltätig klingenden Namen.Armen-, Waifenverwaltnng und Wohl- fahrtsamt" beziffert die Armcnlasten auf 53 000 M,, das ist pro Kopf der Bevölkerung etwa 1.05 M. Die Gesamtaufwendungen für die sogenannten Wohlfahrtseinrichtungen betragen 10 500 M., das ist pro Kopf der Bevölkerung 20 Pf. Ein Mehr gegen das Vorjahr weist nur die Position„Ferienkolonie" mit 500 M. auf. Die direkten Gemeindesteuern sollen nach Abzug von 120076 M. KreiSsteuern den Betrag von 020 036 M. bringen. Es entfallen von den 1050 012 M. betragenden direkten Steuern auf die Gemeinde- einkommensteuer 443 200'M., auf die Gemcindegrundstener 520412 M., auf die Gemeindegewerbesteucr 63 300 M. und auf dieGemeindcbetriebs- steuer 5000 M. Die Einnahmen aus den indirekten Stenern find mit 227110 M. angesetzt und zwar 32 000 M. Bicrsteuer, 18 500 Hunde- steuer, 150 000 Umsatzsteuer, 25 000 Wertzuwachssteuer und 1500 M. Lustbarkeitssteuer, im Borjahre waren es zusammen 232 000 M.. die hierfür angesetzt waren. Im Kapitel„Vermögen und Schulden" ist für Verzinsung der Gcmeindcschuldcn ein Ausgabebetrag von 610 000 M. erforderlich, im Vorjahre waren es 600 410 M. Die Straßennnterhaltung kostet der Gemeinde nach Abzug der ordent- lichen Einnahme» 115 300 B?.. im Vorjahre 111000 M. Der Rein- ertrag auS dem Wasserwerk ist auf 154 610 M. gegen 144 000 im Vorjähre veranschlagt. Das Kapitel„Entwässerung" sKanalisation) schlietzt mit einer Ausgabe von 255 120 M. gegenüber einer Einnahme von nur 195 650 M. ab. Der hierzu erforderliche Gemeindezuschuß von 60 530 M. fällt ausschließlich auf den Ortsteil NummelSburg. Ursache dieses sehr hohen Zuschusses ist die Inbetriebsetzung der neuen durch den Zweckverband Lichten- berg-RummelSburg betriebenen Bericselungskanalisation, die sich außergewöhnlich teuer stellt. Die öffentliche Sitzung der Gemeindever- tretung, in welcher dieser Etatvoranschlag zur Beratung steht, findet am heutigen Freitag um 5 Uhr statt. In dieser Sitzung kommt auch der von unseren Vertretern eingebrachte Wahlrechtsantrag zur Beratung. Trevtow-Baumschulenweg. Mit de» Maßnahmen des Berliner Polizeipräsidenten am Sonn- tag im Treptower Park wird sich die heute nachmittag 6 Uhr im Amtshause, Neue Krugallee 5, 1 Treppe, stattfindende Gemeinde- Vertretersitzung beschäftigen. Unsere Genossen haben einen dringlichen Antrag gestellt, nach welchem der Gemcindevorstand ersucht werden soll, bei dem Polizeipräsidenten von Berlin energisch dahin vorstellig zu werden, daß Polizeimaßnahmen, wie sie am vergangenen Sonn- tag in der Gemeinde Treptow beliebt wurden, sich in Zukunft nicht wiederholen. Desgleichen liegt ein Antrag derselben Vertreter vor. welcher verlangt, daß die Vertretung eine Petition an beide Häuser des Landtage? richtet, in welcher um Ablehnung der Wahlrecktsvorlage, wie sie durck die Kommissionsberatung gestaltet wurde, ersucht wird. Bernau. Die NcchtZauskunftSstelle der freiorganisierten Arbeiter VcrnauS und Umgegend befindet sich beim Genossen Ernst Kuöschke, Bernau, Wallstr. 1a. Dieselbe ist Montags. Mittwochs. Freitags voiw'/zbis 9 Uhr abends, Sonntags von 1—2 Uhr mittags geöffnet. Es ivird vollständig kostenlose Auskunft wie auch Anfertigung von Schrift- sähen im Arbeiterrecht, bürgerlichen Recht, Strafrcchr usw. gewährt. Es sei besonders darauf hingewiesen, daß Steucrreklamationcn bald- möglichst angcbrachr werden möchten, da durch die ergangenen und ergehenden Veranlagungen die Inanspruchnahme eine ziemlich starke sein wird, damit pünktliche Erledigung zugesichert werden kann. Vom 1. Januar dieses Jahres bis Ende Februar find 28 Anskünfte erteilt worden. Pankow. In der Gemeindevcrtretersibung am letzten DienZtaH wurde zunächst die Errichtung einer siebenklassigen katholischei�Ge- m e i n d e s ch u l e zum 1. Oktober 1910 beschlossen. Als Schul- lokal ist das Gcmeindcschulhaus in der Schulstraße bestimmt. Gleichzeitig beschoß die Gemeindevertretung die Anstellung der er- forderlichen Lehrkräfte Hein Rektor, 4 Lehrer und 2 Lehrerinnen) für diese Schule.— In der vor kurzem beschlossenen Besoldung»- ordnung für Gemciudeschullchrer waren die Dienstalters- zulagen für Rektoren je nach der Anzahl der ihnen unter- stellten Schulklasien differenziert worden. Hiergegen hat die Re- gierung verfügt, daß eine solche Differenzierung gesetzlich nicht zu- lässig und diese Zulagen gleichmäßig auf 1200 M. zu bemessen seien. Die Gemeindevertretung erteilte hierzu formell ihre Zu- stimmung.— Eine recht lebhafte Debatte veranlasste ein von der Finanzkommission zur Befürlvortung gestellter Antrag an den Bezirksausschuß auf Abänderung der Marktordnung. Im Jahre 1802 hatte mit Zustimmung der Gemeindevertretung der damalige Gemeindevorsteher von Pankow auf Grund des§ 66 Abs. 2 der Reichsgewerbcorduung beim Bezirksausschuß beantragt und letzterer hatte dem auch zugestimmt, daß in die Reihe der Gegenstände des Wochenmarktverkehrs, dem örtlichen Bedürfnis Pankows entsprechend, auch„Pofamcntier- und Wollwaren" auf- genommen würden. Gegen diese Bestimmung haben dann später die interessierten Geschäftskreise Pankow? Sturm gelaufen. Im Jahre 1002 hat denn auch die Gemeindevertretung erneut beim Bezirksausschuß beantragt, die Posamentier- und Wollwaren aus den Wochenniarktverkehrsgegenständcn wieder zu streichen. Letzteres wurde jedoch vom Bezirksausschuß abgelehnt mit der Begründung, daß, wenn einmal andere als die im Z 66 Abs. 1 Ziff. 1—3 der Reichsgewerbeordnung benannten Gegenstände zum Marktverkehr zugelassen seien, diese dann den Charakter der im Gesetz benannten erhalten und dann auch nicht mehr aus dem Wochcnmarktverkehr wieder ausgeschaltet werden könnten. Trotz dieses ablehnenden Bescheides aber haben die Posamentier- und Wollwaren auf dem Pankower Wochenmqrkt die interessierten Geschäftsleute unseres Ortes nicht schlafen lassen. Tie unbequeme Konkurrenz ist ihnen ein Dorn im Auge und sie mutz unter allen Umständen beseitigt werden. Es scheint ihnen ja nun in letzter Zeit gelungen zu sein, das Ohr des Bürgermeisters zu gewinnen. Letzterer befürwortete den Antrag der Jinanzkommission auf Abänderung der Mar!!- ordnung aufs wärmste. Unter dem Vorgeben, den Mittelstand Pankows heben und schützen zu wollen, entpuppten sich in der Debatte von den Bürgerlichen vor allem die Gemeindeverordneten S ch w i e n— der als Inhaber eines Posamentier- und Woll- Warengeschäfts ganz in der Nähe des Pankcwer WochenmarktcS persönlich sehr lebhaft bei der Sache interessiert ist— und H o I t- k ö t t e r— der übrigens in der Sitzung auch bei den anderen Verhandlungspunkten seine Kandidatenreden für die kommenden Wahlen glaubte anbringen zu müssen— als die grimmigsten Feinde des Kleinhandels und die Vertreter des borniertesten Lokalpatriotismus. Man will die kleinen Händler, wie es in Berlin und einigen Vororten bereits geschehen, auch von dem Wochenmarkt Pankows verdrängen, um, wie ein anderer bürgcr- lichcr Redner sehr offenherzig erklärte, den Hausbesitzern die Läden rentabler zu machen. Daß dabei die unbemittelten Käufer durch höhere Verkaufspreise in den Ladengeschäfte» die Zeche zu zahlen haben, das schert die Herren Schwien und Konsorten wenig. Schließlich gelangte der nun abermals an den Kreisausschuß zu richtende Antrag gegen die Stimmen unserer Genossen zur An- nähme. Ob es diesmal gelingen wird, den kleinen Händlern mit Posanientier- und Wollwaren den Pankow« Wochenmarkt zu verschließen, ist freilich nach dem Bescheid des Bezirksausschusses vom Jahre 1902 noch fraglich.— Nachdem noch von der Gemeindever- tretung die Umtaufung des Ortsnamens„Pankow" in ,.B e r l i n- P a n k o w" vollzogen und einige andere weniger interessierende Angelegenheiten erledigt waren, erfolgte Schluß der öffentlichen und Beginn der geheimen Sitzung. Spandau. Zum ersten Male haben sich unsere Genossen in Gatow a. d. H. an der Gemeiudevertreterwahl beteiligt. Bon den 30 abgegebenen Stiimnen erhielt unser Genosse Hermann Mary 17. der Gegen- kandidat Amtsvorsteher Hein 22 Stiimnen. Gegen die Wahl de» Herrn AmtsvorsteherS werden unsere Genossen Protest erheben, weil die Vekaniltmachmig nicht vorschriftsinäßig erfolgt ist. Jugendveranstaltnngen. Mreie Jugendorganisation Berlin. Abteilung 16. Sonntag, 13. März, nachmittags 3Nhr. Versammlung im„Marknshos', Marknssw. 18. Vortrag des Herrn Morgenstern:„Der Mensch im Kampfe mit gijligen Gasen."(Mit Experimenten.) Gäste willkommen. TrePtow�BaumschuIenweg. Die Freie Jugendorganisation ver- anstaltet am Sonntag, nachmittags 3 Uhr, ihre nächste Bersammlnug bei Scholze, Grätzltr. 40(im Berliner OrtStel). Die Eltern jugendlicher Arbeiter und Arbeitmnncn werden ersucht, ihre Kinder in diese Vcrsamm- lung zu schicken. Jodamiisthal. Morgen Sonnabend, de» 12. d. Mts., abends 81/, Uhr, findet im Lokale von Senstleben eine Jugendversammlnng statt. Der Jugendgcnossc Hermann Meigncr-Berlin spricht über:„DaS Recht der Jugend". Zahlreiches Erscheinen der Lehrlinge, jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen unseres Orts und der Nachbarschaft wird erwartet. Hierdurch die traurige Mit- I tcibrng. daß mein lieber Mann, | der Tischler Ernst Eberl | nach langen Leiden verstorben ist. Um stilles Beileid bittet Frau raallav Udert. Die Beerdigung findet am I Sonnabcndnachmittag 3 Uhr von der Leichenhalle des Zentral- i FriedhoseS in Friedrichesclde aus statt. 46072 ISozlaldemokratlselier WaUvereiii für den 1 4. Berl. Reiehstags-Mbrn Köpenlcker Viertel. Bezirk Nr. 196. Den Mitgliedern zur Nachricht, I daß unser Genosse, der Tischler ISrnst Ebert Eisenbahnstr. 38 | gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am I Sonnabend, den 12. März, nach- I mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle des Zentral-Fnedhoscs in | Friedrichsscloe aus statt. Um rege Beteiligung ersucht j 216/9 Der Aoriiand. Deulsclier I Holzarbeiter- Verbandj Den Mitgliedern zur Nachricht, | daß unser Kollege, der Tischler Errart Ebert j am 8. März gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Di« Beerdigung findet am ! Sonnabend, den 12. März, nach- mittags 3 Uhr, von der Halle des ZenwalsriedboseS in Friedrichs- selbe aus statt. Um zahlreiche BcteUigung»sucht 1 80/9 die Ortsverwaltung. Am 9. März, nachmittags I ! IL'/, Uhr, verstarb nach langen! ! schweren Leiden unsere gntr I I Mutter, Schwester, Schwägerin j und Tante Müller | im Alter von 38 Jahren. Dies zeigt ticsbctrübt im Namen| | der Hinterbliebenen a» .laiin»« MUllcr Wildau 33. Die Beerdigung findet am I äonntag. den 13. d. M., nachm. >2 Uhr. von der Königs- Wüster- I hauscner Leichenhalle aus statt. Li 8oziMi!ioIl!'sliA!liel'MäIi!vemi! des 6. Berl. Reiebstass-Watilkreises. Todes- Anzeige. Am 8. März verstarb unser Mitglied, der Gastwirt fori Steinmann Badstr. 25. Ehre seinem Andenke« k Die Beerdigung findet am Freitag, den 11. März, nach. mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des neuen Pauls-Kirchhoses in Plötzensee aus statt. 226/1 Um rege Beteiligung ersucht vor Vot-Htand. ! SozialMrat ffatilm Rixdorf. Am 8. März verstarb unser Mitglied, der Kellner Emil Gewinner 1(24. Bezirk). Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute, Freitag, nachmittag 2'/, Uhr, von der Halle des neuen Jakobi- Kirchhofs(Hermannstraße) aus statt. 234/13 Der Borstand. Sozialdemokrat. Ifahlverein j Alt-Glienicke. Den Parteigenossen hierdurch zur Nachricht, daß unser Genosse Karl Kroclinitzki am 8. März gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den lt. März, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- halle auS- statt. Um rege Beteiligung ersucht 202/11»vi- Vorstand. Danksagung. Für die Beweise herzlicher Test- »ahme bei der Beerdigung unserer lieben Tochter und Schwester Anna I4raase sagen wir allen unseren besten Danl, besonders den Ar- beiterinncn der Firma Lasamnick und dem Männer-Chor..Norden". 1035b Die trauernden Hinterbliebenen. SozialflEniokrat. Kreiswalilverein Nieder-Barnim. Bezirk Rüdersdorf. Todes-Anzeige. Am Mittwoch, den 9. März, starb unser aller Parteigenosse Itsnl Busse an Lungenentzündung. Wir werden sein Andenken stets in Ehren halten. Di- Beerdigung findet morgen Sonnabend, den 12. März, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle des RüderZdorser Friedhofes aus statt. Danksagung. Für die vielen Beweise hcrzllcher Teiliiahme und die zahlreichen Kranz- spen en bei der Beerdigung meiner lieben Frau Au/rnste Etto sage ich allen Beteiligten, insbesondere den tamanuschen Ackerpächtern«Zum andlrug" meinen innigsten Dank. 1090b Wilhelm Otto. Deutscher Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung GroB-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Kutscher Gustav Eratsck am 8. März im Alter von 54 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den II. d. Mts., nachmittags 5 Uhr, von der Leichen- Halle des städtischen FrtcdhoseS in Friedrichsseide aus statt. Um rege Beteiligung wird gebeten. 67/3 Die Bezirksverwaltung. BoBero- Cigar etten Selowsky's bleiben unübertroffen! mit Mundstück ohne Mundstück Golduiundstück Dnnksagang. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die Kranzspenden bei der Beerdigung unseres licbcnSohncS, Bruders und Schwagers Reinliold ilchm sagen wir allen seinen Freunden sowie allen Teilnehmern unseren herzlichsten Dank. 1091b die trauernden Hinterbliebenen. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme anläßlich dcS Heimganges meines lieben Mannes sage ich namenS aller Hinterbliebenen meinen ümigsten Dank. Ida Pflügner geb. Gütze. Danksagung. Für die zahlreiche Beteiligung bei der Beerdigung meiner geliebten Frau, unserer guten Mutter l084b Friederike Schlrgo sowie für die herrlichen Kranzspenden sagen wir alle» Teilnehmern und den Süngem unseren ticsgefühltesteii Dank. Moritz Schirge und Kind-r. Stück 20 Pfg.| Dr. Schünemann Spezialarzt fUr Haut- und Harnleiden, Frauenkrankheiten,* Friedrichstr. 203, Ecke Schützenstr. Wochentags 10—2. is—-7. Jerlifier Msiler- Radlabrer-Ifereiiiu Mitglied des Arbeiteve Radtahrer-Vundet .Totidarität". Tonren zum Sonntag, de» 13. März: 1. Abt. 2 Uhr: Tempelhos(Wil- helmsgarlen). 10/7 2. Abt. 8 Uhr: Seddin. 2.„ 1 Uhr: Zehlendors(Miel). 3. Abt. 8 Uhr: Nundtour Groß- beeren. 3., 12 Uhr: Familientour Zeh- lendors(Miel) am Urban Punkt 3 Uhr. 4. u. 9. Abt. l'l, Uhr: AdlerShos (Wöllstein). 5. Abt. 1 Uhr: Bernau(Elhsium). 6. Abt. 1'/»Uhr: Groß-Lichterselde (Kaiscrbof). 7. Abt. 2 Uhr: Pichelswcrder (Freund). 3. Abt. l'l, Uhr: Mariendors (Großbccrenstr. 79). Achtung, v. Abteilung! 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