Ur. 66. BbonnementS'Redingumten: AionnenicntS- Preis präliumcrando i Viortcljätirl. a£0 Mt, monall. 1,10 Mk� wöchenllich 28 Pfg, fvoi ins Haus. Einzelne ülunmier K Psg, Sonntags- Hümmer mit iHuilticrtcc Sonntags» Beilage.Die Neue Bell" 10 Psg. Post- illnmnemenl: 1,10 Marl pro Monat. Eingelragen in die Post.Zcilungs» Preislüle. Unter Kreuzband sür Teutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 0 Marl pro Monat. PostabonnenicnIZ nehmen an: Belgien. Dänemarl, Holland. Italien. Luxemburg. Portugal. Rumänien, Schweden und die Schweiz. 37. JahrK cilchcinl täglich außer montags. Vevltnev VolksblÄtt. Sie Tnfertions' GebUhr beträgt für die sechsgespaltenc Kolonel- zeile oder deren Raum so Pfg., für politische und gcwerlschastliche Vereins- und Lersanimlungs-Anzcigen 30 Psg. „steine Anreizen", das erste(seit- gedruckte) Wort 20 Psg., jedes weiter« Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlas- ftellen-Anzeigen das erste Wort 10 Psg.. jedes weitere Wort 5 Psg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate sür die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegranim- Adresse: „Sozlaldcmomat Bcrlio". Zentralorgan der rozialdemohratifchen Partei Deutfchlands. Redaktion: 8M. 68, Linden Strasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1S83. Sonnabend, den 19. März 1910. Expedition: 8W. 68, Lindenstrasse 69, Fernsprecher: Amt IV. Nr. IS8I. Lehrerliberalizmus unck Lo?ialilemokratle. In der„Pädagogischen Zeitung", dein Hauptorgan de? Deutschen LehrervereinS, veröffentlicht ein Berliner Lehrer einen Artikel über Liberalismus und Volksbildung. Wenn man von einigen törichten Bemerkungen über die Sozialdemokratie absieht, die nur beweisen, daß dem Manne das Verständnis für diese politische Bewegung voll- ständig abgeht, enthält der Artikel eine zutreffende Kritik der libe- ralen Unterlassungssünden auf dem Gebiete der Schule und der Volksbildung. Er weist nach, wie der Liberalismus von seinem ehemaligen scheinbaren Eifer für die Weiterbildung allmählich herab- gesunken und iin Sumpfe der Gleichgültigkeit und der versteckte» Feindschaft gegen Lehrer und Schule angelangt ist.„Und wie lang- sam hat sich das Volksschulwesen auch in den Städten ent- wickelt, die vom Liberalismus beherrscht werden!" Man solle aber nicht vom„KommunaUiberalismuS" reden und durch dies Wort„dem Liberalismus die Verantwortung abnehmen für das Tun von Männern, die er in seinen Reihen, oft in führender Stellung, duldet". Und so kommt der Verfasser zu dem für die Schulpolitik des Liberalismus geradezu vernichtenden Schluß:„Wenn man heute das Verhältnis zwischen Liberalismus und Lehrerschaft vorurteilslos betrachtet, so muß man bald zu der Ueberzeugung kommen, daß der Liberalismus unS und unser Ringen und Kämpfen nicht mehr versteht." Auch die Ursache dieser VolkSschul- und VolksbildungS- feindscligkeit des Liberalismus erkennt der Verfasser, er sieht sie ganz treffend in der„Furcht deS Liberalismus vorder erwachenden deutschen Arbeiterschaft." Und auch über die Wirkung ist er sich nicht im Unklaren:„nian kann aber auch ganz deutlich beobachten, daß in demselben Maße wie der Liberalismus zurückweicht, die Sozialdemokratie seine alten Forderungen au[nimmt, zu den ihrige» macht und für sie eintritt." Der Artikel will den Liberalismus durch diese Betrachtungen zu einer frischeren Schulpolitik ermuntern, ein Beginnen, das bei der ganzen Struktur des Liberalismus erfolglos bleiben muß. Aber um so wertvoller ist der Artikel zur Beleuchtung eines jüngsten aufsehenerregenden Zeitereignisses, das die Lehrerschaft und die Arbeiter in gleichem Maße angeht: wir meinen das un- erhörte Vorgehen der liberalen bremischen Schulbehörde und der liberalen bremischen Lehrerschaft gegen die sozialdemokratischen Lehrer Bremens, die ein Telegramm an Bebel geschickt haben. Wenn die ehrlicheren Elemente der deutschen Lehrerschaft selbst anerkennen müssen, daß der Liberalismus in allen Fragen der Schulpolitik völlig versagt, daß er nicht einen Finger rührt zur Durchsetzung auch nur einer der alten Lehrerforderungen: wenn sie ferner zugeben, daß die Sozialdemokratie diese alten Forderungen„zu den ihrigen macht und für sie eintritt", um wie- viel niederträchtiger stellt sich dann das heimtückische Verhalten der bder hiesigen gemischtsprachigen Kunst» gewerbeschule waren sämtliche deutsche Schüler dieser Anstalt in den Ausstand getreten. Heute wurden von dem tschechischen Professorenkollegium drei deutsche Schüler als Leiter des Streiks ausgeschlossen und die übrigen erhielten eine Rüge. Freie Kritik. Während im Deutschen Reichstag die Präsidenten immer mehr jedes freie Wort zu verhindern trachten und die bürgerlichen Par- teien gegen die immer schlimmer werdende Einschränkung der Redefreiheit nicht aufzumucken wagen, läßt sich das österreichische Abgeordnetenhaus die Freiheit der Kritik nicht nehmen. In der Dienstagsitzung besprach Genosse Dr. Renner die Mißstände, welche die immer schärfer hervortretende Nebcnrcgievung des Thronfolger« Franz Ferdinand mit sich bringt und sagte dabei folgendes: Die Flucht der geistigen Kräfte aus der Bureaukratie ist eine so offensichtliche Tatsache und kann uns im allgemeinen so ge- fährlich werden, daß wir auch in die Ursachen eingehen müssen. Ein Minister, das war ja seinerzeit etwas, wenigstens unter Taaffe. Allerdings unter den Habsburger» war ein Mini- ster nie sehr viel; man nahm sie und schickte sie weg, selbst die bedeutendsten Männer, wie man einen Kammerdiener weg- schickt. Man vergaß ganz, daß diese Leute die höchsten Funktionäre im Staate sind, daß sie dem Staate dienen und nicht einer Person oder einem Hause. Aber schließlich und endlich konnte man mit der einen Tatsache rechnen, daß die Monarchie als In. stltution, daß das monarchische Prinzip ja darauf beruht, daß bedeutende Männer im Dienste der Krone auch Glanz und Macht der Krone mehren, daß sie moralisch und politisch von ihnen lebt. Bei uns aber ist dieses monarchische Prinzip in der Per« Waltung gerade in den letzten Jahren vollständig gestört. Wir haben ja keine Monarchie mehr, keine Einherrschaft, sondern wir haben eine Dyarckie. die Konkurrenz von Schönbrunn(dem Wohnsitz des Kaisers) und vom B e l» v c d c r e(dem Wohnsitz des Thronfolgers), und wir wissen, daß alle diejenigen, die Schönbrunn dienen, in demselben Moment in die höchste Ungnade desBelvederes fallen, und daß sehr tüchtige Verwaltungsfunktionäre, welche die Anerkennung des ganzen Hauses und die Anerkennung der Geschichte gefunden haben, vom Belvedere mit einem kleinlichen, mit einem satanischen Hasse verfolgt werden. Wie er solcher „hohen" Kreise aar nicht würdig ist, mit einem kleinlichen Hasse, der beinahe schon einen intellektuell und mora» lisch krankhaften Zug hat. Dieser satanische Haß de« Belvcderes verfolgt jeden einzelnen Bureautraten, der einmal dem Staate gedient hat. Man hat im Belvedere, im Palais des Prinzen Eugen, das schon mehrere hundert Jahre steht, wo sich also schon gewisse Gespenster seßhaft gemacht haben können, die abenteuerlich st en Vorstellungen von den Aufgaben der Regierung und dem Laufe der Welt überhaupt, und so ver- folgt man eine ganze Reihe von Funktionären gerade deshalb, weil sie die einzige Maßregel ergriffen haben, welche Oesterreich in Ordnung zu bringen angetan war, weil sie sich zum allge. meinen Wahlrecht bekehrt haben. So verfolgt man— natürlich im Verein mit den Reaktionären deS Herrenhauses— den ©autsch und den Beck, und man verfolgt zeitweise auch den K ö r b e r, wiewohl nichts berechenbar und nichts sicher ist in diesen Stimmungen als der fortwährende, beinahe weibische Wechsel der Laune. Es ist nun klar, daß Männer von Charakter unter diesen Umständen in der Bureau» kratie zu dienen keinen Ehrgeiz haben, daß sich aber auf der anderen Seite ein Streber, und Klebervolk breit macht und herandrängt, zu ollem sähig. weil zugleich zu nichts fähig, eine Gesellschaft von tatenlosen Schmeichlern und interessierten Främmlern, welche die Bureaukratie allmählich auf den Hund zu bringen imstande ist. Und zu diesen Einflüssen von oben, zu diesen vollständig unberechenbaren Einflüssen von oben, kommt der andere, nämlich der parteiliche Einfluß. Der Präsident Dr. Paitai erteilte für diese Aeußerungen dem Redner allerdings einen Ordnungsruf— einen„anbefohlenen", meint dazu die„Wiener Arbeiter-Zeitung". Aber dieser OrdnungS. ruf kam erst am Tage nach der Sitzung. Solche Störungen und Unterbrechungen, wie sie die Präsidenten deS Reichstages oder gar der preußischen Trödclbude lieben, würde sich im österreichischen Abgeordnetenhause keine Partei bieten lassen. ffaukreich. Lehrer und Bischof. Nancy, 18. März. DaS Zivilgericht hat den Bischof Turinaz freigesprochen, der von einer Anzahl Volksschullehrervereinigungen verklagt worden war, weil er das Kollektivschreiben der französischen Bischöfe unterzeichnet hatte, in dem der Gebrauch bestimmter Schul» b ü ch e r untersagt wurde. Die Urteilsbegründung erklärt, daß die Klage der Vereinigungen unzulässig sei. Die Volks- schullchrer hätten jeder persönlich gegen den Bischof vor» gehen müssen._ Die Affäre Duez. Paris. 13. März. Der Kammerausschuß für die Gerichts» r e f o r m nahm den Antrag des Deputierten Raynaud einstimmig an, wodurch die weitere Abwickelung der Geschäfte den Liquida» t o r e n der Kongregationen entzogen und dem Generaldirektor der staatlichen Domänenverwaltung überwiesen wird. Danach werden die Liquidatoren nach der Publikation des Gesetzes ihre Tätigkeit e i n st e l l e n, der Domänenverwaltung unverzüglich ihre Kasse übergeben und binnen drei Monaten den zuständigen Behörden Rechnung legen müssen. Die Regierung hat dem Antrage zugestimmt. Nach Nachrichten, die der Polizei zugegangen sind, dürfte Duez die veruntreuten Gelder im Auslände untergebracht haben, und zwar vor nicht allzu langer Zeit. Deshalb sind in Brüssel, London und New Jork Nachforschungen angestellt worden. Die Marineuuterschleife. Paris, 18. März. Aus Cherbourg wird gemeldet, daß auf dem dortigen Bahnhof ein Waggon beschlagnahmt wurde, der Gegen- stände enthielt, die aus dem Marinemagazin ge stöhlen waren, darunter 6b0 Kilogramm eingeschmolzene Kupferbronzestücke, 300 Kilogramm Lebel-Gewehrkugeln aus Nickel neuesten Systems. Als Absender wurde ein Trödler ermittelt; dieser weigerte sich an» zugeben, von wem er die gestohlenen Gegenstände erworben habe. Englanc!. Die Unabhängige Arbeiterpartei und die Krise. In der Jndependent Labour Party und in der Arbeiterfrak- tion scheinen tiefe Unstimmigkeiten zu bestehen, die mit der allgemeinen politischen Krise verbunden sind. In einem sehr beachtenswerten Artikel im„Labour Leader"' schlägt K e i r H a r>d i e recht pessimistische Töne an. Hardie ist mit der Politik der Regierung unzufrieden? er steht ihr recht mißtrauisch gegenüber. Er ist gegen Neuwahlen, da er der Ansicht ist, das Land gab der Regierung eine Mehrheit von 124, um an eine gründliche Reform der Lords heranzugehen. Ein nochmaliger Appell an die Wählerschaft könnte sowohl zum Verlust deS Etats wie jedes ehrlichen ObcrhauSreformplaneS führen. Dann sei eS überhaupt fraglich, ob ein ehrlicher Kampf gegen die Lords von feiten der Liberalen den Arbeitern einen so großen Nutzen bringen könnte, um sie zu veranlassen, ihre politische Unabhängigkeit abzuschwächen. Ein Kampf gegen die LordS werde Jahre oauern und eine politische Revolution be- deuten; inzwischen aber werde die ganze Sozialpolitik zum Still- stand gebracht und die Aufmerksamkeit der Arbeiter von ihren Klasseninteressen abgelenkt Werden. Dann sagt Hardie: „Die Partei st cht am Scheidewege: Soll sie vor- wärtsmarschieren als eine selbständige Macht, die Arbeiierbewe. gung weiter ausbauen und sie zu einem immer wichtigeren poli- tischen Faktor machen, oder aber sollen wir umkehren und alle unsere Versuche vernichten und die unwürdigen Verdächtigungen rechtfertigen, mit denen wir von so vielen Leuten überschüttet wurden?" Die Frage ist ernst, da sie von Hardie kommt. Die ganze Etats- und LordSfrage hat innerhalb des britischen Sozialismus zu tiefen Meinungsverschiedenheiten den Anlaß gegeben und die Krisis innerhalb der sozialistischen Bewegung verschärft. In manchen sozialistischen Kreisen erschallt jetzt der Ruf lauter denn je zuvor:„Heraus aus der Arbeiterpartei, gründen wir eine sozialistische Partei I" Der in wenigen Wochen zusammentretende JahreSkongreß der I. L. P. wird vielleicht die Verschärfung der KrisiS zum Ausdruck bringen._ Die OberhauSreform. London. 17. März. Das Oberhaus stimmte einmütig dem Vorschlage zu. in die Einzelberatung der Roleberyschen Vorschläge einzutreten. Gegen Schluß der Generaldebatte betonte Lord LanSdowne die Nolwendigkeit einer starken und wirstamcn Zweiten Kammer und sprach die Hoffnung auS, daß das Reform- Projekt nicht derart sein werde, daß eS eine völlige Umwälzung hervorrufe. Hierauf erklärte Lord Crewe, die Regierung gäbe einem Zweikammersystem den Borzug, weil sie überzeugt sei, daß dies den Ansichten der Mehrheit deS Voltes entspreche. Er glaube, daß daS Oberhaus schon stark genug sei. und daß die unbeichränkte Ausübung der erblichen Macht den Wunsch nach einer Reform des HauseS wachgerufen habe. Die Re» gicrung erkenne die Notwendigkeit einer eingehenden Beratung der Neformvorichläge an, aber sie sehe die Beziehungen beider Häuser zu einander als die wichtigste Frage an, deren Lösung dein U r- teil des Landes überlassen bleiben müsse. Eine Organisation der Agrarier. Eine Organisation zur Vertretung der politischen Jnter» essen deS AgrariertumS— etwa nach dem Muster de!„Bundes der Landwirte" in Deutschland— ist in England unter dem Namen „Land-Union" gegründet worden. DaS unmittelbare Ziel der „Union" ist der Kampf gegen die im Lloyd Georgeschen Budget enthaltenen Bestimmungen, die sich auf daS Grundeigen- tum beziehen, und zwar namentlich gegen die Klauseln, die eine staatliche Werteinschätzung des Bodens vorsehen. In der Er- Wartung baldiger Neuwahlen hat die„Union" bereits angefangen. Geld zur Wahlagitation zu sammeln. Aber abgesehen von diesem aktuellen Zweck soll die„Land-Union" eine ständige Wirkung aus- üben, und zwar nicht nur im Interesse der ländlichen Grund- besitzer, sondern auch der städtischen HauSagrarier und aller Be- rufsklassen, die unmittelbar an der Höhe der Grundrente inter- essiert sind. Um auch die kleinen Grundbesitzer einzufangen, ist „die Verallgemeinerung deS Grundbesitzes" durch Parzellierung in daS Programm der Union aufgenommen worden. Die konservative Presse zeigt sich über die Gründung dieser Organisation hocherferut. Sie ist in der Tat ein Zeichen dafür, daß sich die politischen Klassengegensätze auch in England immer mehr zuspitzen und daß die besitzenden Klassen sich in wachsendem Maße zu der von den Konservativen vertretenen politischen und sozialen Reaktion bekennen.— pcrfien. Gegen die Russe». Teheran, 17. März.(Meldung der Petersburger Telegraphen» agentur.) Hier wurde ein Aufruf veröffentlicht, durch weichen die Bevölkerung aufgefordert wird, den bevorstehenden NeujahrStaa nicht zu feiern, wegen der N a t i o n a l t r a u e r, welche durch die Gegcnivart einer fremden Kriegsmacht im Lande bedingt sei, die die Selbständigkeit PersteuS gefährde. Das Geld, da« sur die Festlichleiten sonst verwendet werde, solle zum Besten der Re« gierung verwendet werde». Gewevkrchaftlicbe#� Dao Sterbegeld des jVIaurerverbandes. Vor einigen Tagen wandten wir uns gegen die„Freisinnige Zeitung", die aus Anlatz eines Vorfalles aus Königsberg i. P. am II. März 1910 so glücklich war, der arbeiterfeindlichen Press« Material gegen die gewerkschaftliche Betätigung des Proletariats darbieten zu dürfen. Der Zentralverbaud der Maurer habe es abgelehnt, Sterbegeld für die Frau eines in Königsberg wohnen- den Mitgliedes zu zahlen, weil die Frau vor dem Tode 2'ch Jahre lang von ihrem Mann getrennt gelebt hatte. Wir wiesen nach, daß der Maurerverband in dieser Angelegenheit keinen anderen Standpunkt wahrgenommen hat, als den von der preußischen Regierung in verschiedenen Gesetzesvorlagen vertretenen, und daß es im Sinne der heutigen Ordnung schon aus diesem Grunde unvor- sichtig ist, in solcher Sache von der„sozialdemokratischen Moral" zu reden. Nachträglich haben wir über den Vorfall selbst einige Mittei- lungen erhalten, aus denen sich ergibt, daß die„Freisinnige Zei- tung" auch die Tatsachen wahrheitswidrig dargestellt hat. Falsch ist danach die Mitteilung des freisinnigen Blattes, daß der Maurer L., um den eS sich hier handelte, seine Frau verlassen hätte. Die Familie lebte vor ihrer Auflösung in durchaus geordneten Verhält- nissen. Nun war die Tochter, weil sie ein uneheliches Kind zur Welt gebracht hatte, nach Berlin übergesiedelt; sie arbeitete hier als Näherin. Die Mutter mag wohl sehr an der Tochter gehangen haben, genug, sie verließ plötzlich ihren Mann und zog nach Berlin, um mit der Tochter zusammen zu leben. Aergerlich darüber, daß seine Frau ihn verlassen hatte, kümmerte der Maurer L. sich nicht »veiter um sie, auch nicht, als Krankheit bei ihr eintrat. Nachdem L. jedoch die Nachricht von dem Tode der Frau empfangen hatte, sandte er der Tochter nicht 20 Mk., wie die„Freisinnige Zeitung" meldet, sondern 50 Mk. zur Bestreitung der Begräbniskosten. In dieser Hinsicht nxir auch der Vorstand des Zentralverbandes in Hamburg falsch unterrichtet, als er in einem von der„Frei- sinnigen Zeitung" veröffentlichten Schreiben erklärte, daß L. nichts zu den Begräbniskosten beigetragen habe. Aus dem hier genannten Grunde und auch weil die eheliche Gemeinschaft nicht mehr be- stand, glaubte der Vorstand dem Statut entgegenzuhandeln, wenn er dem Maurer L. Geld bewilligte. Erst nachträglich erfuhr der Vorstand, was L. anfangs nicht mitgeteilt Hatte, daß nämlich von ihm Aufwendungen für die Beerdigung seiner Frau gemacht wor- den waren Nach Lage der Dinge mußte der Fall nunmehr dem Ausschuß des Verbandes unterbreitet werden. Dort harrt die Sache zurzeit noch der Erledigung;, doch ist nach der Feststellung des neuen, wie erwähnt, dem Vorstande nicht bekannt gewesenen Tatbestandes,»vohl kaum daran zu zweifeln, daß der Ausschuß nach- träglich das Sterbegeld belvilligen wird. Auch dieser Fall läßt die große Verlegenheit der berufsmäßigen Sozialistentöter erkennen Sie können an der Arbeiterbewegung im Großen nichts verrichten und meinen nun wunder was getan zu haben, wenn sie irgend eine Nebensächlichkeit in gefälschter Dar- stellung gegen die Partei- oder die Gelverkschaftsbewegung aus- nutzen»_ Berlin und Omgegend. Der Tarif der Steinsetzer. Die Filiale Berlin des Verbandes der Steinsetzer usw. hatte zum Donnerstag eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen, die sehr stark besucht»var. Gauleiter Schenke referierte über den Angriff der Arbeitgeber des Berufes auf den Tarif. Dieser jetzige Angriff ist nicht der erste seiner Art, sondern auch früher waren solche Verstöße seitens der Unternehmer zu der- zeichnen. Jedoch ist es schon gelungen, ihnen seit 1904 beizubringen, daß die Organisation der Steinsetzer nicht gewillt ist, sich die Willkürakte des Unternehmertums ruhig gefallen zu lassen. Nach dem Tarif sollte zum 1. April d. I. eine halbstündige Arbeitszeit- Verkürzung eintreten und der Stundenlohn um 5 Pf. erhöht werden. Das Einigungsamt hat nun in dieser Sache gesprochen und ist zu folgendem Beschluß gelangt: Die Arbeitszeit bleibt auf 9 Stunden bestehen. 4 Pfennig pw Stunde Erhöhung tritt ein. Der letzte strittige Pfennig wird vom 1. April 1911 gezahlt. Der Akkordlohn für die Steinhauer Wird um 4 Prozent erhöht/ Sollte die Konjunktur sich heben, so wird die paritätische Schlichtungskommission Stellung nehmen zu der Ar- beitszeitverkürzung. Der alte Tarif ging vom 1. April 1907 bis 1. April 1911, der neue vom I. April 1910 bis 1. April 1913. Redner beklagte besonders das unhöfliche und brüske Verhalten der Unter- nehmer bei den Verhandlungen, die dadurch sich für die Vertreter der Arbeitnehmer höchst unerfreulich gestaltet haben. Folgende Re- solution fand einstimmige Annahm«: Die heute in den„Germania- Prachtsälen" tagende Versammlung der Sektionen 1. 2, 3 des Ver- bandes der Steinsetzer spricht ihren Vertretern, die bei den Ver- Handlungen mitgewirkt haben, ihren Dank und ihr Vertrauen aus für ihr taktisches Verhalten in der Tariffrage. Gleichzeitig spricht sie ihr tiefstes Bedauern über das unsoziale Verhalten der Arbeitgeber aus. Aus der Wahl der Ersatzmänner für die paritätische Schlich- tungskommission gingen hervor: KiauleHm, Lenz. Griesner. Pflug. Glucks. Zepernick, P r i e b st, T e g e, G e n t s ch, V. Ar lt. Zu Ehren der im Jahre 1848 gefallenen Freiheitskämpfer er- heben sich die Anwesenden von den Plätzen und verpflichten sich. im. Sinne derselben Iveiterzulvirken, ferner dem Wahlverein bei- zutreten und die Parteipresse zu abonnieren. Ein Antrag, die Or- ganisation möge einen Kranz auf dem Märzfriedhof niederlegen, wird abgelehnt, da dies seitens der Gewerkschaftskommisswn schon geschieht, der der Steinsetzer-Verband angeschlossen ist. Im Aiischluß hieran wies Schenke noch auf die Bedeutung des ersten Mai hin und ersuchte um vollzähligen Versammlungs- besuch an dem Tage._ Ergebnislose Tarifverhandlungen in der Bürsten- industrie. Eine zahlreich besuchte Versammlung der Bürsten- und Pinsel- macher tagte am Mittwochabend im Gewerkschaftshause. Die Arbeiter hatten dem Vorstand der Bürstenmachcrinnung eine neue Tarifvorlage unterbreitet und den Gesellenausschuß beauftragt. den Vorstand der Innung zu veranlassen mit der Tarifkomm, sston, die aus Vertretern der beiden in Frage kommenden Organisationen, dem Holzarbeiterverband und dem Verbände der Bürstenmacher, zusammengesetzt ist, in Verhandlungen zwecks Erneuerung des Tarifs einzutreten. Der Gesellenausschuß hat diesen Auftrag aus- zuführen gesucht und ist auch zum 11. März vom Jnnungsvorstande zu geineinsamen Verhandlungen eingeladen»vorden. R u f ft e erstattete den Bericht von den Verhandlungen. Dem Verlangen, die Tarifkommisston als die Vertretung der Arbeiter- organisationen an den Verhandlungen teilnehmen zu lassen, hat der Jnnungsvorstand nicht startgegeben. Er»vill die Organisationsvertretung gar nicht sehen und beruft sich auf die Bestimmungen des JnnungsstatutS, nach denen nur der Gesellenausschuß dem Vorstande gegenüber die Forderungen der Arbeiter zu vertreten habe. Auch auf die Tarifvorlage selbst ist der Jnnungsvorstand gar nicht erst eingegangen; er fand sich lediglich bereit den bis- berigen Tarif, der bisher kein Vertrag' ist, sondern lediglich als Richtschnur bei der Entlohnung diente und einen Minimallohn von nur 22 M. vorsieht— gefordert»Verden jetzt 27 M.— als Grilndlage zum Abschluß eines festen Vertragsverhältnisses zu nehmen. Dies»oürde insofern gegenüber dem jetzigen Zustande vorzuziehen sein, als da»nit die Innung ausdrücklich die Ver- Veranrw Redäkt.: Richard Barth. Berlin. Inseratenteil verantw.: pflichtung ihrerseits anerkennt, für die Durchführung des Tarifs zu sorgen,»vas sie durch Sperrung ihres Arbeitsnachweises und Anwendung ähnlicher Maßregeln gegenüber den Firmen, die den Tarif»ncht innehalten, tun»vill. Der Gesellenausschutz vermochte jedoch in dem Anerbieten der Innung kein Entgegenkommen an die Arbeiter zu erblicken und sagte auch dem Vorstand, daß damit die Wünsche der Arbeiter keineswegs befriedigt sind, worauf er von den Herren auf die den Arbeitern zu Gebote stehenden Mittel des Streiks und der Sperre veriviesen wurde; die Arbeiter mögen versuchen durch Anivendung dieser Mittel ihre Forderungen durch- zudrücken. Nach reiflicher Aussprache gelangte ein Antrag zur Annohme, durch den sich die Versammlung dahin aussprach, daß sie sich von weiteren Verhandlungen mit dem Jnnungsvorstand ein annehm- bares Resultat nicht verspricht und dieselben als gescheitert ansieht. Es soll jedoch, bevor die von der Innung anempfohlenen Mittel angewandt werden, ein Auszug aus dem Tarifentwurf, enthaltend die hauptsächlichsten Forderungen, den einzelnen Arbeitgebern zur Anerkennung vorgelegt werden. Die Organisationsleitungen sollen die erforderlichen Schritte unternehme»». Lohnbewegung in der Landschaftsgärtnerei. Eine am 16. d. Mts. abgehaltene Versammlung der in der Sandichaftsgärliierei beschäsligten Gärtner nnd Garteiiarbeiter Be» chloß, die jetzige Saison zur Erhöhung der Siundenlöhne aus- zmiutzen. Nack einem Referat des Leiters der Berliner Orts- Verwaltung, Walter Kwasnik, wurde festgelegt, daß kein or- ganisierter Kollege unter 55 Pf. die Stunde arbeiten darr, da für diesen Lohn jetzt genügend freie Stellen vorhanden sind. Wo irgend möglich, soll aber versucht werden, noch einen höheren Stundenlohn zu erzielen, da die Mehrzahl aller jetzt Beschäftigten nach Pfingsten wieder arbeitslos wird. veuvtebes Reich. Die Lohnbewegung der Staats- und Gemeindearbeiter von Lübeck ist in ein neues Stadium getreten. Am 1. April v. I. reich- ten die Lübecker Staatsarbeiter folgende Forderungen an den Senat ein: 1. Einen Mindestlohnsatz von 3,80 M., denen, die diesen Satz bereits bezogen, entsprechenden prozentualen Zuschlag, mög- lichste Vermeidung der Akkordarbeit. 2. Bezahlung der auf Werk- tage fallenden Feiertage. 3. Bezahlung der lleberzeitarbeit für alle Arbeiter, und zwar für Ueberstunden von 6 bis 9 Uhr abends 25 Proz., und für Nacht- und Sonntagsarbeit 50 Proz. Zuschlag. 4. Wöchentliche Lohnzahlung. 5. Errichtung von Arbeiterausschüffen. Diese Forderungen waren unter Bezugnahme auf die für dauernd gestiegenen Lebensmittelpreise, auf die Gleichstellung der Arbeiter, auf das wochenlange Warten, ehe Lohn ausgezahlt wird, und auf die bestehenden Arbeiterausschüsse in Berlin, Charlottenburg, Straßburg uslv. eingehend begründet. Nur wenige Tage, bevor ein volles Jahr vergangen ist, traf die Antwort des Senates ein. Der Senat, der in jüngster Zeit der Bürger»'chaft eine neue Beamtenbesoldungs- vorläge zugehen ließ, in der die Gehälter unter Bezugnahme aus die Lebensmittelpreis- und Mietesteigerung entsprechend erhöht wurden, kann kein dringendes Bedürfnis für die Erhöhung der Arbeiterlöhne einsehen, zumal die Schaffung einer Ruhelohnkasse für Arbeiter der staatlichen und städtischen Behörden neue An- spräche an die Staatskasse stellen würde. Von Einführung der »vöchentlichen Lohnzahlung müsse ebenfalls abgesehen»verden, dafür seien die Beamten angewiesen»vorden, entsprechende Vorschüsse auf verdienten Lohn zu gewähren. Die Bezahlung der auf Werktage fallenden Feiertage wurde stillschweigend übergange». Die Er- richtung von zwei Arbeiterausschüssen— einer für die Wasserbau- abteilung(Baggerbetrieb, Staatswerft, Kommunalverwaltung usw.] und einer für die Stadtgärtnerei-, Siel- und Wcgebauarbeiter usw. — soll am 1. April d. I. in die Wege geleitet»verden. Gegen diesen Entscheid des Senates hielten die in Frage kommenden Arbeiter eine große Protestversammlung ab, in der die Antwort des Senates als eine Verhöhnung der Arbeiter be- zeichnet wurde. Die Wünsche der Arbeiter von täglich 20 Pf. Zulage wären doch mehr als bescheiden;»venn man da- gegen betrachtet, wie schnell die Wünsche der Beamten Entgegen- kommen finden, so zeige sich in der Antwort des Senates wieder einmal der kapitalistische Klassenstandpunkt. Zwar stellt es der Senat so hin, als ob Löhne zwischen 1100 und 1800 M. keine Seltenheit»vären, doch ist das erheblich geflunkert, denn die For- derung wünscht einen Mindestlohn von 1100 M. Ein Arbeiter hatte wohl 1480 M. verdient, dafür aber soviel Ueberstunden gemacht, daß er im letzten Jahre 38914 Tag gearbeitet hat. Ein anderer, der 1720 M. verdiente, hat gar durch 4300 geleistete Ueber- stunden 430 Tage gearbeitet. Auf diese Weise könne man dann leicht mit großen Löhnen paradieren. Den gelernten Arbeitern sind auch Lohnerhöhungen von 1 bis 3 Pfennig pro Stunde be- willigt»vordeii. Die Platzarbeiter mit den niedrigsten Löhnen sind indes übergangen worden. Was nun die geplante Ruhelohnkasse anbetrifft, so sollen die Arbeiter pro Woche 30 Pf. Beitrag zahlen bei einem Lohn von 34 bis 36 Pf., 30 Pf. will der Staat zu- schießen. Dafür sollen die Arbeiter bei eintretender Invalidität nach 10 Arbeitsjahren 250 M. und nach 50 Arbeitsjahren 450 M. erhalten. Eine Rückerstattung der Beiträge soll nicht stattfinden, obwohl ein Drittel der lübi scheu Staatsarbeiter nicht länger als 2 Jahre ununterbrochen in Staatsbetrieben tätig sind, namentlich bei den im Siel-, Wege- und Wasserbau Beschäftigten ist die Fluttuation besonders groß. Treten sie später»vieder dort in Arbeit, soll die Weiterversicherung nur stattfinden, wenn sie vorher 100 Beitrags- Wochen gezahlt hatten, und Arbeiter, die das 50. Lebensjahr über- schritten haben, sollen überhaupt von der Versicherung ausgeschlossen sein. Die Ungerechtigkeit liegt also offen zutage: erstens eine über- lange Arbeitszeit, zweitens die Verurteilung einer großen Zahl von Arbeitern zum Zahlen, die niemals zur Nutznießung gelängen. Weltfremder kann»vohl selbst in den reaktionärsten Staaten keine Behörde auftreten, als hier in dem„freien", republikanischen Staatswesen. Die Hinterbliebenenversicheruiig hat der Senat eben- falls abgelehnt. Er verwies dafür auf das Äequivalent des agrarischen Zolltarifes, auf die nicht vorhandene Witlven- und Waisen- versicheruiig. Die Protestversammlung nahm eine Resolution an. in der die lübischen Staats- und Gemeindearbeiter ihre Entrüstung und Empörung über die Senatsantwort ausdrücken, die in emem Drekret angekündigte Ruhelohnklassc als eine weitere Belastung und Erschwerung ihrer Existenzbedingungen verwerfen, gleichzeitig aber an den gestellten Forderungen, die von neuem eingereicht»ver- den. unbedingt festhalten. Jedenfalls werden auch unsere Genossen in der Bürgerschaft in dieser Angelegenheit noch einige ernste Worte mit den Senatsvertretern reden. Die Dresdener Holzarbeiter nahmen in einer von zirka 1200 Mitgliedern besuchten Versammlung einen neuen zwischen Arbeit- gebern und Arbeitnehmern abgeschlossenen Arbeitsvertrag, der eine Lohnerhöhung um 4 Pfennig und eine 52stündige Arbeitszeit bringt, nach lebhaften Auseinandersetzungen gegen 60 bis 70 Stimmen a n. Der neue Vertrag läuft bis zum 15. Fe- brliar 1913. Dainit ist für Dresden der Friede gesichert. Die Arbeitgeber werden aller Voraussicht„ach ebenfalls zustimmen. Der Streik der Weber und Weberinnen der mechanischen Baum- »oollspinnerei und Weberei in Bayreuth ist zugunsten der Arbeiter beendet. Die Arbeiter haben am Mitttvock früh die Arbeit»vieder aufgenommen. Weit über 300 Textilarbeiter auS allen Betrieben Bayreuths haben sich dem Textilarbeiterverband angeschlossen. Friede im Münchener Schuhgewerbe. Unter Leitung des Ge- werbegerichtsdirektors Dr. Prenner ist eine Einigung zustande gekommen. Die seitens der Meisterkommission gemachten Zugeständ- iiisse wurden in sehr stark besuchten Versammlungen der Arbeiter sowie der Meister nach vorausgegangener außerordentlich lebhafter Diskussion mit erdrückender Mehrheit angenommen. Die ivesent- lichste»» Zugeständnisse sind: Eine StundeiiloHnerHöHnng von 6 bis 10 Proz., ein Minimallohn für Zuschneider von 28 Mark, für Vorrichter von 24 Mark und Stepperinnen von 16 M. Arbeiter, die den Lohn schon erhalten, bekommen eine Zulage von 1 M. pro Woche. Die Arbeitszeit wurde von 10 Stunden auf O'/z Stunden reduziert. Auch Ferien wurden bewilligt. Für Schuhgeschäfte und Scknellichlihbesohlereien wurde bei neun« stündiger Arbeitszeit ein Mindeftwochenlohn von 26 M. festgelegt; soiveil dieser Lohn erzielt wird, erfolgt eine Zulage von 10 Proz. Außerdem»vurde noch zugestanden vollständige Furnilurenfreiheit und soweit dies nicht geschieht, eine Enlschädiguug von 50 Pf. pro Woche._ Versammlungen. Der Verband der baugewerblichen Hilfsarbeiter sZweigverein Berlin und Umgegend) hielt am Donnerstag in den Musikersälen eine außerordentliche Generalversammlung ab, a»»f deren Tages- ordnung als Hauptpunkt stand:„Die g e g e n>v ä r t i g e Lage im Baugetverbe." Vorher wurde die Diskussion über den Bericht der Delegierten vom Verbandstage fortgesetzt. Die Tis- kussionsredner waren im allgemeinen mit den Beschlüssen des Ver- bandstages einverstanden, nur gegen die Höhe der Beiträge wurden mehrfach Bedenken geäußert. Gräber erwiderte darauf, daß man ja die Erregung wegen der doppelten Beiträge begreifen könnte, daß aber für diese Bei- tragssätze sehr triftige Gründe maßgebend gewesen seien. Man möge sich nicht täuschen über den Willen der Unternehmerschaft. Sie wollen im Baugewerbe diktieren und werden wohl die Sache nicht auf die lange Bank schieben. Die Bauarbeiter müßten ge- rüstet sein. Also müsse»nan auch für Geldmittel sorgen. Ucbcr die gegenwärtige Lage im Baugewerbe referierte im Anschlug hieran der Genosse G u st a v L i n k. Er wies zunächst nach, daß die wirtschaftliche Situation im Baugewerbe durchaus nicht so günstig sei, wie es die Unternehmer und ihre Presse dar- gestellt hätten. Der Arbeitsmarkt als solcher»verde jetzt genau beachtet werden müssen. Je nach Lage der Dinge würden die Per- Handlungen in der Tariffrage durch die allgemeine Konjunktur be- einflutzt werden. Eine andere,»nit Rücksicht auf die gegenwärtige Situation im Baugewerbe sehr»vichtige Frage sei die: Wie ver- hält es sich mit den Kräften der Parteien? Es sei kein Zweifel, daß die Arbeitgeber die Situation rüstiger ausgenutzt hätten als die Arbeitnehmer. Es lasse sich noch nicht absehen, ob es zuin Kampf kommen»nüsse oder ab sich noch die Möglichkeit biete, auf friedlichem Wege Vorteile für die Arbeiter herauszuholen. Auf jeden Fall aber müßten die Arbeiter die Zeit tüchtig ausnützen. alle Berufsgenossen mit unseren Ideen durchdringen und den letzten Mann zur Organisation heranholen. Alles Trennende sei zu ver- meiden, alles Vereinigende in den Vordergrund zu stellen. Wenn man finanziell und numerisch gerüstet sei. dann mögen die Dinge herankommen wie sie wollen. Denn dann sei man in der Lage, das Ergebnis günstig zu beeinflussen.(Lebhafter Beifall.) Die Diskussionsredner äußerten sich in demselben Sinne.— Damit war die Tagesordnung erledigt. Eine öffentliche HandluilgSgehilfenversammluiig, die den Saal der„Arminhallen" füllte, tagte am Freitag� Genosse Martin Meyer reserierte unter lebhaftem Beifall über:„H a n d l u n g s. geh»Ifen dritter Klasse". Er nahm auf die jetzigen Kampfe der entrechteten Massei, Bezug und zog eine Parallele zwlfchen der politischen Entrechtung der Wähler dritter Klasse und der wirtschaftlichen und sozialpolitischen Zurücksetzmig der Handlungsgehilfen. Zu erwarten wäre, daß in dieser Zeit der Garung»ich auch die Handlungsgehilfen darauf besänneii, für ihre viNtcrcffen einzutreten und sich dort anzugliedern, Ivo sie wirklich vertreten werden. Er ivandte sich dann kritisch gegen zene Organisationen der Handlungsgehilfen, die im Gegensatz zu der �modernen Organisation, dem Zentralverband, den Dünkel groß ziehe und durch ihr Wirken eine»virkliche'Sozialrefonn zugunsten der Handlungsgehilfen verzögern und gefährden. In der lebhaften Diskussion berührten verschiedene Redner auch den Wahlrechtskampf, indem sie dessen große Bedeutung hervorhoben und unter starkem,»viederholtem Beifall scharfe Kritik übten an der Rückwärtserei und ihre Schützerin, der friedlickcZ Publikum niederreitenden Polizei. Herr Schweitzer vom Bund der technischen Beamten sprach ,m Sinne des Referenten unter lebhaftem Beifall. Tie Ver- fammlung nahm folgende Resolution an: „Die Versammlung nimmt Kenntnis von der Acußcrung des Vorstehers des deutsch-nationalen Handlungsgehilfen-Ver, bandes. der erklärt: „Daß auf die niederen Privatangestellten, die so»venia Gehalt haben, die sich die Preise für ihre Arbeit diktiere» lassen müssen, die im Lohn etwa den oberen Schichten der Zlrbeitcr gleichstehen, daß wir auf diese allerdings nicht Rücksicht nehinei« können. Di« Versammlung weist diesen Verrat des Deutsch- nationalen Handlungsgehilsen-Verbandes mit Entrüstung zurück und spricht ihm jede Berechtigung ab, sich noch ferner als Vcv- tretung der Handlungsgehilfen anzusehen." Ferner wurde eine Resolution angenommen durch die die Versammlung mit Entschiedenheit dagegen protestiert, daß im Entw/itrf des Arbeitskammergesetzes ausgesprochen, »oird, daß für die kaufmännischen und technischen Angestellten derartige Kammern nicht geschaffen»verden sollen. Die Ver- fammlung fordert die Aufnahme folgender Bestimmung in den Gesetzentwurf:„Für Handlungsgehilfen und-Lehrlinge einerseits sowie sur technische Angestellte(Titel VIl Abschnitt 3b der Ge. Werbeordnung) andererseits sind besondere Arbeitstammern oder Abteilungen zu errickten." Im Schlußwort führte der Referent u. a. aus, daß die Wahl- Rechtsfrage auch für die Handlungsgehilfen im Vordergrund stehe. Eine Statistik des D. H. V. beweise, daß die übergroße Mehrheit der Handtung-sgehilfcn in die dritte Wählerklasse hinab gestoßen se». Sic müßten Schulter an Sckulter mit der modernen Arbeiter- schaft kämpfen und auch so dafür sorgen, daß die Sandlungs- «ehilfen dritter Klasse verschioänden.(Stürmischer Beifall.)— Der Vorsitzende schließt die Versammlung mit einem Hoch auf den Zentralverband-deutscher Handlungsgehilfen. Bevor die Ver- sammelten den Saal verlassen, ertönt aus ihrer Mitte ein Hoch auf das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrech«, in das sie begeistert einstimmen.— Letzte Nachrichten und Depeschen. Der Strasienbahnerstreik in Rom. Rom, 18. März.(Privatdepesche des„Vorwärts".) Mit Hilfe des Aufsichtspersonals wurde heute auf drei Teilstrecken ein Halbtagsdienst eingeführt, ohne daß Zwischenfälle seitens der Streikenden geschahen. Die Solidarität des übrigen Personals ist großartig. Tie Streikbrecher sind ausschließlich 5lontrolleure. Der Sicherheitsdienst des Militärs und'der Polizei ist lächerlich scharf. Die Streiklage ist unverändert. 1ä Jahre Zuchthaus. Dresden, 18. März.(B. H.) Von dem hiesigen Schwurgericht wurde heute»»achmittag der Raubmörder Max Heinze, der am 9. Oktober vorigen Jahres den 15jährigen Fleischerlehrling Höch im Schoner Grunde bei Dresden er,»wrdete und seiner Barschaft jn Höhe von 60 M. beraubte, wegen Totschlags, Raubes und Prand- stiftung zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Folgenschwere Explosion. Paris, 18. März.(B. H.) Jn Moneeau les Mines er- folgte heute in einer Grube eine Explosion schlagender Wetter, wo. durch drei Arbeiter getötet worden sind. Die Leichen sind ge. borgen. Auch mehrere Pferde sind umgekommen. Der angerichtete Schaden ist bedeutend. Utz. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Berlags anstaU Paul Singer&. Co., Berlin SW. Hierzu 3 Beilagen u.UnterhaltungsbC Nr. 66. 27. Iahrgaug. 1. IrilMt Its JariBiittD" Kkllim öallislilttt. SannnM, 19. Wz 1910. Deutf(l)land und die Ifiarinerüftunsen. Bei der Beratung des Marineetats fand Herr t>. Bethmann H o l l w e g Worte der ihm so uneigcnen Leidenschaftlichkeit, um den..durchaus friedlichen Charakter" der deutschen Marinerüstun- gen festzustellen und den Vorwurf zurückzuweisen, daß junkerlich- kapitalistische Profitgier und Hinterhältigkeit diese Rüstungen verursacht haben. Auch die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" wandte sich in ihren letzten Rückblicken gegen die „verwerfliche" Art der Sozialdemokraten, die jene Vorwürfe gegen die deutsche Diplomatie erhoben hatten. Die trefflichste Gelegen- heit, die pathetische Erklärung des Reichskanzlers und das offiziöse Gejammer der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" auf ihren wahren Wert zurückzuführen, bietet das Weißbuch über die Lon- doner Seekriegsrechtskonferenz, das der Reichskanzler am 30. No- vember 1909 dem Reichstag unterbreitet hat. Die Londoner Scekriegsrechtskonferenz, die vom 4. Dezember 1908 bis zum 20. Februar 1909 tagte, sollte das Werk der zweiten Haager Friedenskonferenz fortsetzen und namentlich durch die Fixierung des Rechts der Kriegskonterbande den Schutz des Privat- eigentums und somit des neutralen Handels im Seekrieg sichern. Schlagend zeigt sich der Wandel der Zeiten darin, daß England, dessen fortgeschrittene Bourgeoisie, gestützt auf eine übermächtige Flotte, durch Jahrhunderte bisher politisch und theoretisch die Schrankenlosigkeit des SecbeutcrechtS verfochten hatte, nunmehr die Konferenz anregte und sogar die völlige Beseitiginrg des Beute- rechts anstrebte! Der Grund für diesen Wandel in der Ent- Wickelung kontinentaler und überseeischer Handelsmächte gesucht werden. Man fürchtet in England, daß im Kriegsfalle nicht nur, wie bisher, der Konkurrcnzhandel der Kontinentalstaaten von eng- lischen Schiffen lahmgelegt, sondern daß fürderhin auch der eng lisch- Handel durch die Beutezüge der neuen Handelsmächte mit schweren Schäden bedroht würde. Hierzu tritt die Furcht, daß den britischen Inseln die Lebensmittelzufuhr gesperrt werden könnte. Die deutsche Regierung hat ihrerseits mit Berufung auf die Sicherheitsinteressen des deutschen Handels die von England an- geregte Einschränkung der Seerüstungen abgelehnt. Wunderbarer- weise hat sie jedoch berejßs auf der zweiten Haager Friedenskonfe- renz, vornehmlich von Oesterreich unterstützt, auch den englischen Antrag(das Recht, Waren als Kriegskonterbande wegzunehmen, zu beseitigen) abgelehnt. Man hat dann in England ver- sucht, die Dinge auf die Spitze zu treiben, und siehe da: der deutsche Regierungsvcrtreter stimmte in London Beschlüssen zu, die das bisherige Raubrecht zur See ins Ungemessene steigern und eine Unsicherheit des Seehandels zur Folge haben müssen, der auch durch die maßlosesten Rüstungen nicht zu begegnen wäre! In der letzten Dezembernummer der„Deutschen Revue" hat der sicher reichstreue Universitätsprofessor v. Bar festgestellt, daß die Londoner Konferenzbeschlüffe eine direkte Folge der deutschen Reichspolitik seien! Er kennzeichnete die Bedeutung dieser Be- schlüsse wie folgt: „In schwer begreiflicher Weise sind diese(die Londoner) Bestimmungen rückläufig ausgefallen, so rückläufig, daß man um ein Jahrhundert zurückgehen mutz, um einer ähnlichen, aber damals bestrittenen Praxis zu begegnen... Es hat aber nicht gekehlt an zuweilen wirksamen Protesten wie an Ver- trägen, die die Zahl der konsiskablen Artikel beschränkten, und als unbestritten durch Gewohnheit und Zustimmung der Völker rechtskundigen feststehend kann das Konfiskationsrecht nur be hauptet werden für solche Sachen, die direkt für einen der kriege führenden Teile bestimmt sind und nur der Kriegführung dienen, sogenannte absolute Konterbande. Sehr bestritten blieb dagegen das Recht, Sachen zu nehmen, die sowohl für friedliche wie für Kriegszwecke gebraucht werden können, z. B. Lebensmittel, Kohlen. Die Scekriegsrechtskonferenz hat nun die Wegnahme von Waren als Konterbande in einem Umfang als berechtigt anerkannt, wie er kaum jemals von einer kriegführenden Macht in Anspruch genommen wurde. Einerseits sollten ohne weiteres auch als Kriegskonterbande gelten eine große Anzahl von Ar> tikeln der zweiten Art, wenn sie für die feindlichen Streit. kräfte oder für die feindliche Verwaltung bestimmt sind— dahin würden zum Beispiel gehören Lebensmittel und Klei- dungsstücke, selbst wenn sie nur zur Linderung eines Notstandes der friedlichen Bevölkerung dienen sollen, und es soll vermutet kleines femUewn. Die öffentlichen Bibliotheken der Stadt New Kork, lieber die EntWickelung und den gegenwärtigen Zustand des öffentlichen Bibliothekwesens in der Stadt New Jork hat der Rechnungsprüfer der Stadt H. A. Metz in einem vom„Library Journal" vcröffent- lichten Bericht unlängst einige Angaben veröffentlicht, die recht deutlich erkennen lassen, welch große Sorgfalt die Amerikaner heute diesem wichtigen Zweige der städtischen Volksbildungstätigkeit zuwenden. Der erste Anstoß zur Schaffung eines einheitlichen Bibliothek- Wesens in dieser Stadt wurde gegeben, als im Jahre 1895 die Astor- und Lenox-Bibliothek sich mit dem Tilden-Trust zu einer einzigen großen Bibliothek, der„New Iorker Oeffent- lichen Bibliothek", vereinigte. Diese Bibliotheken und demgemäß ursprünglich auch die„New Aorker Oeffentliche Bibliothek" waren nicht Leih-, sondern Lese- oder Handbibliotheken. Außerdem bestanden in der City wie in den übrigen Stadtteilen eine größere Anzahl öffentlicher Leihbibliotheken, die teils vom Staate, teils von der Stadt, zum Teil auch au? privaten Mitteln unterhalten wurden, zumeist aber in Einrichtung und Betrieb in keiner Weise den An- forderungen an eine moderne Bibliothek und dem Bedürfnis des Publikums entsprachen. Die New Iorker Oeffentliche Bibliothek unternahm es daher, zunächst all die Vereine und Körper- schafren. die öffentliche Bibliotheken unterhielten, in gewisser Weise ihrem eigenen Tätigkeitsbereich anzuschließen, bis die Möglichkeit gegeben war, daß alle diese verschiedenen Bibliotheken unter der Leitung jener Anstalt nach einheitlichem System verwaltet werden konnten. Die nächste Sorge, wie all diese Bibliotheken in würdiger Weise untergebracht werden konnten, wurde der Stadt zum größten Teil durch Carnegie abgenommen, der für den Bau von Gebäuden für diese Bibliotheken 5 200 000 Dollar der Stadt zur Verfüginig stellte. Nach dem Plan dieser Schenkung waren 42 Bibliotheken für die Bezirke Manhattan, The Broex und Richmond, zwanzig für den Bezirk Brooklyn und drei für den Bezirk GuneeS vorgesehen. Inzwischen ivar in ähnlicher Weise wie früher in der Altstadt auch in den übrigen Stadtteilen eine Vereinigung der früher selbständig neben einander arbeitenden Leihbibliotheken erfolgt, so daß jetzt drei große Biblis- thekslorporationen die Leitung des gesamten Bibliothekwesens der Stadt führen. Gegenwärtig sind in Groß-New Jork 78 öffentliche Leihbibliotheken in Tätigkeit, während 35 weitere im Bau begriffen find: die Kosten fiir den Betrieb und die Ilnterbaltung dieser Bibliotheken beliefen sich im Jahre 1907 auf 840 320 Dollar, während die Zahl der Beimtzungen von der amtlichen Statistik mit 8094 092 angegeben ist. werden, daß diese Bestimmung vorhanden ist, wenn die Waren an einen Geschäftsmann adressiert sind, der notorisch der feind- lichen Regierung solche Artikel liefert. Es genügt also, daß diese Regierung hin und wieder von einem Lieferanten ihres Landes gekauft hat, um zum Beispiel jede an diesen Liefe- rantcn adressierte Sendung als Konterbande wegzunehmen. Andererseits soll kriegführenden Mächten sogar gestattet sein, den unter letzterer Voraussetzung als konfiskable Waren in der Konvention aufgesührten äußerst wichtigen Handelsartikeln noch beliebige andere Artikel hinzuzufügen, die sowohl friedlichen wie Kriegszwecken dienen, vorausgesetzt nur, daß die krieg- führende Macht dies den anderen Mächten gehörig vorher noti- fiziere. Dazu kommen noch andere Grundsätze, die, verglichen mit den jetzt überwiegend anerkannten Normen, eine weitere Verschärfung des Wcgnahmerechts enthalten. Das Verzeichnis endlich der Sachen, die künftig als Kriegskonterbande nicht sollen behandelt werden, macht einen eigentümlichen Eindruck: es sind zum Teil Artikel, die als Konterbande zu behandeln, vielleicht »och niemand eingefallen ist, z. B. rohe Baumwolle, Porzellan-, GlaS- und Galantericwaren, Turm- und Wanduhren. Aber Chronometer sind ebenso wie Feldstecher und Operngläser, unter der Voraussetzung, daß sie an einen Geschäftsmann in des Gegners Land adressiert sind, der auch der Regierung verkauft, konfiskabel! Hiernach kann als konfiskabel behandelt werden eine Unzahl der für den täglichen Gebrauch wichtigsten Waren, und es ist klar, daß, wenn die projektierte SeckriegSkonvention allgemein geltendes Recht wird, Handel und Industrie der neu- tralen Staaten durch eine» zur See sehr mächtigen Staat größtenteils zum Stillstand gebracht werden können. Import und Export sogar der nichtkonfiskablen Artikel könnten nur mit Gefahr bösartiger und schadcnbringender Bexationen statt- finden; denn der Verdacht, daß zum Beispiel Hufeisen und zum Befestigen von Hufeisen dienende Nägel, zum Verkaufe bestimmte Chronometer oder Ferngläser irgendwo im Schiffe sich befin den läßt sich leicht geltend machen, und die jagdmachenden Kriegs schiffe können Handelsschiffe selbst in weiter Entfernung vom Kriegsschauplatze anhalten und einstweilen fortschleppen. Ein solches Scekricgsrccht ist geeignet, die bisherigen Ma- rincrüstunge» in einem bisher nicht erreichten Tempo zu stci- gern und die Jagd nicht nur anf feindliches, sondern auch auf neutrales Gebiet ergiebiger, die Abwehr dieser Jagd seitens neutraler Staaten aber kostspieliger zu machen." Professor Bar schließt seine Ausführungen mit dem Rufe, daß Kriegsrecht, Frieden, Finanzen, Steuern und Kultur mit- einander im Zusammenhang stehen: „Wer also an Humanisierung des Krieges arbeitet, wirkt für den Frieden. Dies Verdienst kann im großen und ganzen den beiden Haager Konferenzen nicht abgesprochen werden. Da- gegen werden hoffentlich die Parlamente im Berein mit der öffentlichen Meinung bewirken, daß die äußerst gefährliche, den finanziellen Ruin der Staate»— selbst im Friede»— befördernde Verschärfung des Rechts der Kriegskvnterbande, die die SeekriegSrechtskonferenz beschlossen hat, nicht ratifiziert, nicht zum allgemeinen Eeerccht erhoben werde. Es sollte vielmehr die auf der Haagcr Konferenz von so vielen Staaten vertretene Abschaffung des Rechts der Kriegskonterbande ernstlich ins Auge gefaßt werden." „Es sollte!" Doch die deutsche Bourgeoisie und ihr Prophet Bethmann Hollweg, sie haben dazu keine Lust. Diese Bourgeoisie hat es noch vor einem halben Jahrhundert verstanden, mit heiligen Schlagwörtern für den Schutz des Privateigentums im Kriege ein zutreten, denn sie wollte, vereint mit ihren Klassengenossen aller Länder, ein Weltgesetz schaffen, das den kapitalistischen Krieg aus schließlich durch das indirekte Steuersystem mit Arbeitergroschen nährt und die Gefahr der Plünderung, der Kontributionen und Requisitionen von dem bürgerlichen Eigentum abwendet. Aber die deutsche Bourgeoisie will diesen Schutz des bürgerlichen Privat. eigentums, der für den Landkrieg inzwischen internationales Gesetz geworden ist, nicht auch auf den Seekrieg erstrecken. Sie will im Seekrieg, wie einst die holländische und die englische Bourgeoisie, die geschäftliche Konkurrenz, auf eine mächtige Kriegs. flotte gestützt, mit Kanonenkugeln aus dem Felde schlagen. WaS schert es sie, daß durch diese Absicht die Flottenrüstungen von Feind und Freund ins Uferlose getrieben werden? Sie ist bereit, wie einst Mynheer Holländer, auch den letzten Hering des deutschen Arbeiters mit indirekten Steuern zu belasten und aus diesen Steuern großherzig Millionen„zum Schutze des deutschen Haw dels" für Flottcnrüstungen zu bewilligen! Nun, Herr Bethmann Hollweg und seine offene und geheime Gefolgschaft werden einsehen müssen, daß sie einige Jahrhunderte zu spät aufgestanden sind und daß ihr Anteil an den Flotten- rüstungcn, ihre Motive und Mittel den deutschen Arbeitern völlig vertraut sind. )Ziis der Partei. Ein unbekanntes Stück Balzacs. Aus Pari« wird uns gc- schrieben: DaS Odeon führt jetzt eine bürgerliche Tragödie„L'eoolo des mdnages"(Die Schule der Hauöbalter) von Balzac auf. Dieser Dickster hat auf dem Theater bekanntlich wenig Glück gehabt und von seinen dramatischen Werken hat sich nur„Mercadet" durch- zusetzen vermocht; das merkwürdigste Schicksal aber hat das jetzt aufgeführte Stück gehabt. Es war verschollen und ist erst vor kurzem wiedergefunden worden. Balzac schrieb es von 1837 bis 1838. Die erste Fassung hatte den Titel:„Da Premiere demoiselle" oder„Demoisello de magasin"(etwa„Di- Direktrice" oder„Das Ladenfräulein"). Balzac wollte das Werk erst in der Comädie Frangaise aufführen lassen, aber dort herrschte S c r i b e unumschränkt. Das Renaissance-Theater, bei dem er es einreichte, wies es zurück. Balzac, den auch einige ungünstige Kritiken entmutigten, entschloß sich nun, eS verschwinden zu lassen. Er hatte für die Schauspieler eine Auflage von im ganzen 30 Exemplaren drucken lassen, die er zunächst zurückbehielt und 20 Jahre später— als im Odeon ein Stück mit dem gleichen Titel aufgeführt wurde— zerriß. Glücklicherweise aber entging ein Exemplar diesem Schicksal. Ein belgischer Sammler fand es auf und verleibte eS seinem Balzac- Museum ein. Erst vor zwei Jahren wurde es im Druck herausgegeben.— Bei der Aufführung hat das Stück trotz mancher Unklarheit in der drama» tischen Entwickelung und trotz der auf den Einfluß der romantischen Schule zurückzuführenden gesuchten Grellheit einiger Situationen starken Eindruck gemacht. Allgemein wird eS als ein bedeutendes Zeugnis dafür geltend gemacht, daß in Balzac auch das Zeug zu einem großen Bühnendichter gesteckt hat. Theater. NeueS Schauspielhaus: Sornra-Ga st spiel. Dem jedes Frühjahr wiederkehrenden Kainz-Gastipiele geht diesmal ein Gastspiel seiner großen Partnerin aus der Glanzzeit des Brahmschen Deutschen Theaters vorher. Die Sorma ist erquickend frisch und ung geblieben, frischer wie Kainz. Keinerlei Tendenzen manirierten Mrtuosentums— wie bei diesem, der mit den Rollen kühlen Herzens oftmals nur zu spielen scheint— haben die eingeborene Wärme und Natürlichkeit ihrer Art geschmälert. Sie taucht in den Figuren unter, verschmilzt mit ihnen in selbstloser Hingabe. Der HosfmannSthalsche Einakter„Die Frau am Fenster", eines der frühesten Werke des feinsinnigen Poeten, das vor Jahren auf der Freien Bühne zur Aufführung kam, malt leuchtend in glutvollen plastischen Versen die Liebe und das mächtige GtückSvcrlangen einer italienischen Patrizierin der Renaissaneezeit, die, an einen rauhen gewalttätigen Gatten gekettet, auf dein Balkon ihres Zimmers dem Geliebten entgegenharrt. Ihre Phantasie kreist Der Jutcnlatiouale Kongreß 191V. Das Internationale Sozialistische Bureau gibt in einem längeren Zirkular bekannt, daß der Internationale Kongreß vom 28. August bis 3. September in Kopenhagen tagen wird und zwar im Konzert-Palast, Bredgade 28. Die Adresse des Orts» a u s s ch u s s e S lautet: Stauning, Kopenhagen, RomerSgade 22. Die Tagesordnung ist in der letzten Sitzung des Bureaus am 7. November 1909 wie folgt festgesetzt worden: 1. Die Beziehungen zwischen den Genossenschaften und den p o l i t i s ch e n P a r t e i e n. 2. Die Arbeitslose»frage. 3. DaS Schiedsgericht und die A b r ü st u n g. 4. Die internationalenErgebnisse der Arbeiter» gesetzgebung. 4. Die Organisation einer internationalen Kundgebung gegen die Todes st rafe. 0. Das für die rasche Ausführung der Beschlüsse der internationalen Koitgresse einzuschlagende Ver- fahren. 7. Die Organisation der internationalen Solidarität._ Gemeinderatsuiahlsicg. In Britz bei Ebcrswalde wurde in der dritten Abteilung ein Genosse in den Gemeinderat gewählt. In dem etwa 1500 Einwohner zählenden preußischen Dorfe A l b r e ch t S bei Suhl sind in der zweiten und dritten Klasse unsere Genossen gewählt toordcn, so daß die aus neun Mitgliedern bestehende Gemeindevertretung aus fünf Sozialdemokraten und vier Bürgerlichen besteht. In U f h o v e n bei Langensalza wurde zum ersten Male ein Sozialdemokrat in den Gemeinderat gewählt. Der Fall Fern. Rom, 15. März. Die römische Parteisektion hat ihre Ver- sammlung, die über den Fall Ferri beraten wollte, abgehalten, ohne daß Ferri der an ihn ergangenen Einladung Folge geleistet hätte. Ferri hat einen Brief gesandt, in den» er sein Ausbleiben entschuldigt und sagt, daß er seinen Ausführungen vor seiner Wähler- schast nichts hinzuzufügen hätte. Weiter nimmt er für sich das Recht in Anspruch, eigene Ansichten zu haben und für sie Propaganda zu machen. Er sei bereit, sich der Parteidisziplin zu beugen. Den Gedanken, gegen den Willen der Partei in ein abinett einzutreten, hätte er nie gehabt. Die Sektion verschob die Beratung über diesen Brief, da wichtige lokale Angelegenheiten vorlagen._ Jugendbewegung. Der Jugendausschuß als politischer Verein. In einer Strafsache gegen de» Genossen W. Koch-Magde« bürg in der das Magdeburger Schöffengericht auf 20 M a r k Geld» strafe erkannte, wurde in der Begründung erklärt, daß eS sich nach den Betätigungen des Ausschusses zweifellos(??> um einen politischen Verein handele. Ein Verein sei zweifellos vorhanden, nämlich die dauernde Vereinigung mehrerer zu einem bestimmten Zwecke. Es läge aber nach Ueberzeugung des Gerichts auch ein politischer Verein vor, in dem politische »gelegen heiten erörtert werden sollten. Dies gehe aus den P r o t o k o l l e n deS N ü r n b e r g e r Parteitags hervor, denn die Ausschüsse seien danach gegründet, um die Arbeiterjugend nicht nur zur proletarischen Weltanschauung, sondern auch zum lozial» demokratischen und zum K l a s s e n k a in p f zu erziehen. Das Urteil ist ganz unhaltbar. Ter Ausschuß ist nimmer ein Verein. Gegen das Urteil werden alle Rechtsmittel ergriffen werden. Soziales. Eingriff eines Regierungspräsidenten in die Befugnisse einer Kasse vom Oberverwaltungsgericht aufgehoben. 8 41 Abs. II des Krankcnvcrsichcrungö-Gcsetzes bestimmt:„Die höhere Verwaltungsbehörde ist befugt, über Art und Form der Rechnungsführung Vorschriften zu erlassen." Im Hinblick hieraus unablässig in die Momente, in denen des Geliebten Herrlichkeit sich trahlend offenbarte. Die lustige Strickleiter, an der cr oft zu ihr in stiller Nacht hinanfklomm. wirft sie wie eine Fischerin ihr Netz aus. Die Tür zum Balkons wird von hinten aufgerissen, und der Gemahl, wilde Rachsucht in den starren Zügen, steht vor ihr. Ein Zug von Visionen, jagt ihr Leben in dieser Qual der letzten Augenblicke nochmals an ihrem Geist, der nichts bereuen kann, vorbei. Dann schlingt der grausame Zerstörer die Schnüre der Strickleiter den« Opfer um den Hals, es zu erdrosseln. Dramatische Spannung vermochte freilich das ganz aus lyrische und in seinem Schlüsse auf gespenstische Balladenwirlung eingestellte Stück, trotz Agnes Sornras Kunst, nicht auszulösen. GoldoniS aus dem achtzehnten Jahrhundert stammende „Locondiera", die sonst nur bei Gastspielen derDuse aus deutschen Theatern zu erscheinen pflegt, ist in der Fuldaschcn Bearbeitung durch Streichung ganzer Szene» des Originals um ein beträchtliches gekürzt, indessen für die Winzigkeit der Handlung immer noch zu lang. Welchen Fortschritt über die mir ein paar ständigen Charakter» typen arbeitende altere italienische Steggreifkomödie Goldoni immer darstellt, er selber bleibt in vielem primitiv. Die in MirandolinaS Gasthaus einquartierten Adligen, der ahnenstolze lungernd« alte Bramarbas, der junge reiche Protz und der polternde Weiberfeind ermangeln der feineren psychologischen Nuancierung. Sie reden und betragen sick« so schnurgerade und programmgemäß, daß man da zuweilen an die Figuren vom Kasperletheater erinnert wird. Um so reifere Laune und Lebendigkeit strömt in Mirandolina, die mit den hochnäsigen Herrschaften ihr vergnügliches Spiel treibt. Sie amüsiert sich über die verliebten Huldigungen, und verwändclt den, der sie verweigert, den groben Weiberfeind, im Handumdrehen in einem schmachtend girrenden Verehrer, um ihn dann spöttisch, wie die anderen wegzuschieben. Vortrefflich war es, wie die Darstellerin zwischen der lachenden durchtriebenen Koketterie immer wieder den Hintergrund von resolut vernünftiger Tüchtigkeit durchschimmern ließ und so die Schliißwendung vorzubereiten wußte, wo Mirandolina, allen vornehmen Herren entschlüpfend, ihrem wackeren Kellner Franz die Hand zum Lcdensbunde reicht. ckd. Notizen. — Ein Zeuge aus grauer Vorzeit wurde bei den Schleusenbauten in Frauendors(Kreis Oppeln) zu Tage gefördert. E« ist dies ein zwölf Meter langer Einbaum(aus einem starken Eichensianim gehöhlter Kahn), der einen Durchmesser von 1,50 Meter aufweist und dessen sauber gearbeiteten Wandungen 12—15 Zenti- Nieter stark sind. Altertumskenner sind der Ansicht, daß dieser Riese bereits aus der Steinzeit stamme. Der Einbaum wurde dem Museum für Altertümer in Breslau zugeführt. glaubte der Ncgierungspräsideut zu Düsseldorf den Kranlenkassen seines Bezirks auch vorschreiben zu dürfen, wie sie sich den Empfang der Unterstützungsgelder quittieren lassen sollen. Er schrieb ihnen vor, daß die Empfänger von Unterstützungen in der Reihenfolge, wie sie im Kassenlokal erscheinen, in die vorgeschriebene Liste ein- getragen werden, und dass sie in den Listen quittieren solle». Die Ortskrankenkasse für die Tfabrikbetriebe in Crefeid hielt das aber für unzweckmäßig und beschloß einen Statutennachtrag, der folgende Bestimmungen vorsah:„Ucber den Empfang der Wöchnerinnen- Unterstützung ist auf den bei der Anmeldung des Geburtsfalles an das Kassenmitglied zu verabfolgenden und vom Kasscnvorstand bestimmten Formularen zu quittieren.— Ueber den Empfang des Krankengeldes ist von den Kassenmitgliedern oder deren Beauf- tragten auf den mit der ärztlichen Bescheinigung über die Dauer der Erwerbsunfähigkeit versehenen Formularen zu quittieren. Seitens der Kasse darf eine andere Ouittungserteilung von den Kassenmitgliedern nicht gefordert werden. Auch sind diese zur Er- teilung einer weiteren Quittung nicht verpflichtet."— Der Bezirksausschuß versagte diesen Bestimmungen die Genehmigung, iveil sie den auf Grund des Z 41 Abs. II des Gesetzes ergangenen Anweisungen des Regierungspräsidenten widersprächen und darum gesetzwidrig seien.— In der von der Kasse beantragten niündlichcn Berhandlung verblieb der Bezirksausschuß bei seinem Standpunkt. Die Kasse legte Revision ein, Ivelche Rechtsanwalt Dr. Cohn in eingehenden Rcchtsausführungen rechtfertigte. Der 3. Senat des Oberverwaltungsgerichts gab am Montag seinem Antrage statt, hob die Vorentscheidung auf und sprach die Genehmigung für die zitierten Statutenbcstimmungrn aus. Gründe: Z 41 Abs. II habe unter„Rechnungsführung" nicht etwa gemeint, daß über die ge- samte Art der Kassenverwaltung Instruktionen erteilt werden tonnten, wie sie etwa Staatsbehörden ihren Kassen erteilen. Sondern es sei da nur die Führung der Bücher gemeint, die zu dem Zwecke geführt werden sollen, daß sie die richtige Uebersicht über die ganze Kassengebarung geben. Daß nachher zur Prüfung dieser Kassenführung Belege vorhanden sein müssen, sei natürlich selbstverständlich, daß aber§ 41 meine, daß auch die Art und Form der Belege(der Quittungen) vorgeschrieben werden könnte, davon habe sich der Senat nicht überzeugen können. Im Gegenteil! Es könne auf Grund des§ 41 Abs. II des Gesetzes nicht verlangt werden. Jene Nachtragsbestimmungxn zum Statut mühten darum genehmigt werden, was hiermit unter Aufhebung der Vorentschei- düng geschehe._ Die Unfallgefahren in der Lederindustrie sind, obgleich von den nach der letzten Berufszählung festgestellten 4306 Hauptbetrieben 3537 bis zu 10 Arbeiter beschäftigen, der Kleinbetrieb also vorherrscht, außerordentlich hohe. Auf 1000 ver sicherte Vollarbeiter der Lederindustrie entfallen im Jahre 1903 7,02 Verletzte, die Gefahrenziffer ist hier somit nur wenig niedriger als die der 66 gewerblichen Berufsgenossenschaften, für die sie im Durchschnitt 0,48 pro 1000 Vollarbeiter beträgt. Nach den Rech- nungsergebnissen der Lederindustrie-Berufsgenossenschaft entfallen auf jede Woche des Jahres 1903 zirka 40 angemeldete Unfälle, von welchen 10 pro Woche eine Entschädigung zugesprochen wurde. Die Unfälle sind meist durchaus ernster Natur, sie hatten in 31 Fällen den Tod, in 8 Fällen völlige und in 801 Fällen teilweise Erwerbslosigkeit zur Folge; nur in 171 Fällen war die Erwerbs- losigkeit eine vorübergehende. Wenn in einer Industrie, wie hier bei der Lederindustrie, der Uebergang zum maschinellen Betrieb erst in der Entwicklung bc° griffen ist, dann müssen in den mit Maschinen bereits aus- gestatteten Unternehmungen die Unfälle besonders häufig vor» kommen. Zehn unterstützungsberechtigte Unfälle pro Woche, das ist jedenfalls für die Lederindustrie tntt ihren rund 72 700 der Versicherungspflicht unterstellten Personen eine bedenklich hohe Ziffer. Der Umstand, daß zur Bedienung der Maschinen häufig un» geschulte und schlecht bezahlte Arbeiter verwendet werden, an deren Arbeitsleistung aber trotzdem hohe Anforderungen gestellt werden, mag nicht wenige dieser Unfälle verursachen. Ein besonders krasser Fall ereignete sich vorige Woche in der Lederfabrik Schlayer in Reutlingen. Dort lehnten es zwei gut- eingearbeitete Arbeiter ab, die Schermaschinen wegen eines Lohn- abzugcs weiter zu bedienen. Die Vermittelung des Organisation?. Vertreters hatte keinen Erfolg. Der Unternehmer beharrte auf den Abzug und stellte, obwohl auf das für den neuen Arbeiter verknüpfte Risiko aufmerksam gemacht, gegen geringeren Lohn einen Hilfsarbeiter an diese äußerst gefährliche Maschine. Unver» sehcns kam dieser Arbeiter mit der rechten Hand in das Getriebe; die Maschine zog den ganzen Arm nach, brach diesen mehrmals und zermalmte ihn schließlich dermaßen, daß die Amputation er» folgen mußte. Als Krüppel und Opfer des ProfitinteresseS hat sich NUN dieser bedauernswerte Mensch durchs Leben zu schlagen. OrtSkrankenkassenwahl in Breslau. Am Mittwoch wurden in Breslau die Vertreter zur Ge- neralbersammlung der Ortskrankenkasse der Kauf- leute, die 18 000 Mitglieder zählt, gewählt. Seit 6 Jahren be- findet sich diese Kasse in den Händen der freiorganisierten Gewerk- schaftler und seit ebensoviel Jahren wird sie von den Gegnern gehässig bekämpft. Diesmal hatte man sich den Reichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie als Wahlhilfe verschrieben. Der tat nun sein möglichstes, um die Kasse in die Gewalt der Gelben und Schwarzen zu bekommen. Es war ihm tatsächlich ge- lungen, 15 bürgerliche Vereine auf die Beine zu bringen und die Chefs mobil zu mache», um die„Kasse der roten Haushälter" zu erobern. Die Prinzipale kommandierten ihr gesamtes Personal zur Wahl und drückten jedem einzelnen eine gelbe oder schwarze �'C®0 kam es denn, daß, während früher nur 200—900 Stimmen abgegeben wurden, diesmal 2223 Wähler an den Urnen erschienen. Aber trotzdem hatten sich die Gegner der Kasse bose verrechnet. Von den 2328 stimmten nur 775 für die gegnerrschen Listen, dagegen stimmten trotz aller Verleumdungen und aller Anstrengungen des Reichsverbandes 1549 Wähler für die Liste der Freiorganisterten. Auch die einmütige Parole der frei- sinnigen, klerikalen und konservativen Blätter hatte nichts genützt. Bemerkt zu werden verdient, daß selbst die gehässigsten Gegner in ihren Flugblättern zugeben mußten, daß sich gegen die Kassen- Verwaltung nicht daS geringste einwenden lasse. Das Frankfurter Kaufmannsgericht für schärfere Ueberwachung der Schuvbestimmungen im.Handelsgewerbe. Das Kaufmannsgericht in Frankfurt a. M. beschäftigte sich in seiner letzten Plenarversammlung am Mittwoch mit einem An- trage der Vertreter des Zentralverbandes der Handlungsgehilfen, das Polizeipräsidium zu ersuchen, eine schärfere Kontrolle der Schuh- bestimmungen für das Handelsgewerbe vornehmen zu lassen. Veran- lassung zu dem Antrag gaben die Untersuchungsergebnisse einer von den Verbänden der Handlungsgehilfen und Transportarbeiter einge- setzten Schutzkommission für Handelsangestellte. Diese Kommission übte ihre Tätigkeit in acht Kontrollgängen aus. von denen vier Sonn- abends nach 12 Uhr abends ausgeführt wurden. Bei diesen 5kon° trollgängen wurden insgesamt III Uebertretungen festgestellt, von denen auf Uebertretungen der Sonntagsruhe 110 und auf die Uebertretung der Mindestruhezeit eine entfallen. Bei 30 Firmen, bei denen 110 Personen arbeiteten, wurden die Uebertretungen Sonnabends nach 12 Uhr festgestellt, bei 22 Firmen nach Beendi- gung der an den für den erweiterten Geschäftsverkehr freigegebenen Sonntagen erlaubten Arbeitszeit. 56 Uebertretungen betrafen Engrosgeschäfte und Kontore, für die die Sonntagsarbeit ganz ver- boten ist. Die Zahl der tätigen Angestellten betrug— soweit sie festgestellt werden konnte— insgesamt 472, von denen 281 Gehilfen, 144 Gehilfinnen und 47 Hausdiener waren. Diese Feststellungen der Schutzkommission wurden bei der Be- gründung des Antrages hervorgehoben. Den Prinzipalsbeisitzern deS Kaufmannsgerichts war der Antrag sechx unangenehm, sie de-. zweifelten deshalb die Zuständigkeit des Kaufmannsgerichts zur Beratung dieser Frage. Das Gericht erklärte sich aber mit allen Stimmen der Gehilfenvertreter gegen die Stimmen der Prinzipale für zustündig. Bei der Beratung des Antrages bekämpften die Prinzipale diesen aufs heftigste. Sie bestritten das Vorhanden- sein irgendwelcher Mißstände und behaupteten, die polizeiliche Kon- trolle sei geeignet, das„gute Verhältnis" zwischen Prinzipal und Angestellten zu zerstören. Unter den Vertretern der Gehilfen herrschte jedoch völlige Uebereinstimmung über das Vorhandensein zahlreicher Uebertretungen und der Notwendigkeit des Antrages. Die Abstimmung ergab die einstimmige Annahme des Antrages, bei Stimmenthaltung der Prinzipalsbeisitzer. Em Induflnc und Kandel. Großhandelspreise in den letzten 20 Jahren. Das soeben erschienene Vierteljahrsheft zur Statistik deS Deuticken Reiches gibt, nachdem nunmehr abschließende Ziffern für das Jahr 1909 vorliegen, eine interessante Uebersicht über die Ver- änderung der Großhandelspreise während der letzten 20 Jahre. In nachstehendem ieien von einer Anzahl der wichtigsten NahrungS- mittel und Rohprodukte die Preise für Berlin— da, wo aus irgend einem Grunde eine Vergleichbarkeit für diesen Ort aufgehoben ist, für einen anderen wichtigen Marktort— wiedergegeben. Es kosteten demnach in Mark: Zu- o. Abnahme in Prozent -- 3,8 -- 19,7 -- 12,4 0,3 -- 37,1 1889 1909 + 10,4 + 15.2 + 39,9 + 22,3 - 4,7 + 16 6 + 9,6 — 32,9 + 12,9 — 54,6 - 1,6 - 8,1 + 72,8 21,0 4,9 60,0 12,6 13,7 38,8 — 16,9 - 4,0 Nahrungsmittel eine starke Auf- Roggen 1000 Kilogr.(Berlin). 170,0 176,5 Weizen 1000 Kilogr.(Berlin). 195.4 233,9 Haier 1000 Kilogr.(Breslau). 148,9 167,3 Braugerste 1000 Kg.(Leipzig). 191,0 191,7 Kartoffeln 1000 Kg.(Berlin). 36,4 49,9 Rindvieh Schlachtgew. 1 Doppel- zentner(Berlin)..... 119,2 131,6 Schweine Lebendgew. 1 Doppel- zentner(Berlin)..... 115,7 133,3 Kälber Schlachtgelvicht 1 Doppel- zentner(Berlin)..... 112,0 156,7 Hammel Schlachtgew. 1 Doppelzentner(Berlin)..... 115,7 141,5 Roggenmehi 1 Dz.(Berlin).. 23.4 22,3 Weizenmehl 1 Dz.(Berlin).. 27.0 31,2 Butter 1 Dz.(Berlin).... 220.3(1891)241,6 Rohzucker 1 Dz.(Braunschweig) 31.9 21,4 Heringe 1 Tonne(Danzig).. 34,8 39.3 Kaffee" 1 Dz.(Bremen)... 178,0 30,9 Tee 1 Kilogr.(Hamburg).. 1,29 1,31 Reis 1 Dz. iHamburg)... 28,6 21,7 Schmalz 1 Dz.(Bremen).. 69,1 119,4 Wolle 1 Dz.(Berlin).... 287,8 348,3 Baumwolle 1 Dz.(Bremen). 114,2 119.8 Rvhjute 1 Dz.(Hamburg).. 33,05 52,7 Puddeleisen 1000 Kg.(Breslau) 66,6 58,2 Äießereieife» 1000Kg.(Breslau) 74,4 64,2 Steinkohlen 1000 Kg.(Breslau) 13,4 18,6 Englische Steinkohlen 1000 Kg. (Hamburg)....... 18,3 15,2 Petroleum 1 Dz.(Berlin).. 22,8 21,9 Wie aus dieser Tabelle ersichtlich, haben die mit wenigen Ausnahmen in den letzten 20 Jahren wärtsbewegung durchgemacht. Billiger geworden sind eigentlich nur die überseeischen Produkte Tee, Kaffee, Reis und außerdem Zucker. Dagegen ist Weizen 20, Kartoffeln 37, Fleisch zwischen 10 und 39, Buiter 10, Schmalz 78 Proz. in die Höhe gegangen. Bei den Jndustrieprodukten ist die PreiSentwicketniig eine verschiedenartige. Deutsche Steinkohle» find dank der Syndikatspolitik bedeutend im Preise gestiegen, englische dagegen herabgegangen. Wolle, Baum- wolle, Jute find teurer. Eisen billiger geworden. Im allgemeinen zeigt sich auch bei den Jndustrieprodukten je länger je mehr unter dem Einfluß nationaler und internationaler PrciSlonventionen die Tendenz zu einer dauernden Aufwärtsbewegung. Der Konsument aber in seiner Lammsgeduld zahlt alles. Die Fangarme de» GroßkapitaliSmnS. Die Jndustriekönige deS Ruhrreviers begnügen sich nicht damit, kleine oder weniger große Privatbetriebe aufzusaugen, sie bringen auch Gemeinden unter ihre Abhängigkeit. In geheimer Sitzung hat die Barmer Stadtverordneteu-Berlammlung beschloffen, am 1. April 1911 die städtischen Gasanstalten außer Betrieb zu setzen. Die Gas- Versorgung der Stadt Barmen übernimmt Thyssen u. Co. in Mül« heim a. d. Ruhr unter Bürgschaft der Gewerkschaft„Deutscher Kaiser" in Hamborn. Der Vertrag ist auf 25 Jahre abgesckilossen worden. Während dieser Zeit darf Barmen weder selbst Gas zu Leuckit-, Heiz- oder Kraftzwecken erzeugen, noch von anderer Seite beziehen. Die Gasverforgung der hinter Bannen liegenden Orte bis zu einer bestimmten Ausdehnung bleibt der Stadt Barmkn überlassen. Der Plan ist völlig gebeim gehalten worden und es war somit der Banner Einwohnerschaft keinerlei Gelegenheit gegeben, dazu Stellung zu nehmen. In unbegreiflicher Kurzsichtigkcit haben die Stadtverordneten dem Projekt zugestimmt; nur die sozialdemo» kratischen Stadlverordneten stimmten dagegen. 25 Prozent Dividende. Die bekannte Dresdener Zigarettenfabrik Georg A. JaSmatzi ist in der Lage, ihren Aktionären eine Dividende von 25 Prozent für daS Jahr 1909 anzubieten, während sie für lS08 nur 22 Prozent verteilte. Der Reingewinn beziffert sich auf 1,99 Millionen Mark gegen 1,71 Millionen Marl im Vorjahre. 430000 Tonnen Brennmaterialen auf Lager. Bielfach versucht man den Anschein zu erwecken, al» befänden wir unS schon wieder auf dem besten Wege zu einer Hochkonjunktur. Der Geschäftsbericht der Hibernia erzählt etwas anderes. Die Aktien des Unternehmens befinden fich vorwiegend in fiskalischem Besitz und gehört eS zu den reinen Zechen, die unter der Politil des Syndikats insofern leiden, als den Hüttenzcchen eine Vorzugs- stellung eingeräumt ist. Am 1. Januar 1910 übernahm das Hiberniabergwerk als Lagerbe st and, zum Teile noch aus 1908, 10 1391 Tonnen Kohle und 354018 Tonnen Koks, also rund 455 000 Tonnen Brennmaterialien als Lager» bestand._ Neue Lokomotivaufträge. Das Eisenbahnzentralamt in Berlin hat den Auftrag erhalten, wegen Uebernahme von 484 Lokomotiven für die preußischen und von 17 Lokomotiven für die Reichseisenbahnen Unterhandlungen mit den Lokomotivfabriken aufzunehmen. Ueber die Ausfuhr der bedeutendsten am Welthandel beteiligten Länder gibt nachstehende Aufstellung Nuskunft, welche vom Wert der Ausfuhr von Waren in den Jahren 1903 und 1909 handelt; dieser stellte sich wie folgt: . 1908 1909 M. M. Großbritannien... 7 540 000 000 7 760 000 000 Vereinigte Staaten.. 7 010 000 000 6 910 000 000 Deutschland.. 6 400 000 000 6 680 000 000 Frankreich..... 4 040 000000 4 410 000 000 Belgien...... 1 720 000 000 1 850 000 000 Oesterreich-Ungarn.. 1710 000 000 1 760 000 000 Italien...... 1880 000 000 1 470 000 000 Nur die Ausfuhr der Vereinigten Staaten hat also im ver» gangeuen Jahre einen Rückgang erfahren, während die der anderen ier in Betracht kommenden Staaten etwa? sich gehoben hat. Da- ei steht Frankreich an der Spitze, dessen Ausfuhr im Jahre 1909 um 9,1 Proz. wuchs; der Reihe nach folgen Belgien(Zunahme um 7,1 Proz.), Italien(Zunahme um 6 Proz.), Deutschland(Zunahme um 4,4 Proz.), Oesterreich-Ungarn(Zunahme um 2,7 Proz?), Groß- britaimien(Zunahme um 0,3 Proz.). Die Abnahme der Ausfuhr der Bereinigten Staaten beträgt 1,4 Proz. Dagegen stieg die Ein- fuhr nach den Vereinigten Staaten im Jahre 1909 um 32,1 Proz., von 4 460 000 000 M. auf 5 900000 000 M. Somit übertraf die Ausfuhr im Jahre 1909 nur nock um 1000 000 000 M. die Einfuhr, und das trotz der gewaltigen Steigerung des Preises für Baumwolle, welche bekanntlich den für die Ausfuhr der Vereinigten Staaten wichtigsten Artikel bildet._ Auf dem Wasser. Gegenwärtig dürften auf dem Meere, nach einer Berechnung in der Monatsschrift„Die Well des Kaufmanns", insgesamt annähernd 90 000 Schisse verkehren. Die Zahl der Handelsschiffe, ungerechnet die Dampfer mit weniger als 100 Registertonnen und die Segelschiffe mit weniger als 50 Registertonuen, beläuft sich nach der Zusammen« stellung des neuen Nauticus-JahrbucheS genau auf 81072. Die Handelsflotte der Erde 1908: Segler Dampfer Zufammm Großbritannien... 9 510 11361 20 871 Norwegen..... 5 718 1573 7 201 Deutschland.... 2649 1 922 4 571 Frankreich..... 15 639 1 554 17 193 Vereinigle Staaten. 992 442 1 434 Italien...... 4 874 589 5 463 Rußland..... 5 196 1299 6 405 Schweden..... 1 852 1 090 2 942 Spanien..... 304 504 808 Dänemark..... 3 266 641 8 907 Niederlande.... 435 292 727 Oesterreich.... 1 447 275 1 722 Japan...... 4 728 1139 6 867 Belgien..... 3 74 77 Portugal..... 599 105 704 » 67 212 23 860 81072 In dieker Zusammenstellung steht England an der Spitze. ES hat nicht nur die meisten, sondern auch die größten Schiffe mit zu- sammen 11,5 Millionen Registertonnen. Nach der Zahl der Schiffe würde Frankreich folgen. Indessen überwiegen in Frankreich die kleinen Segler, die zusammen noch nicht 700 000 Registertonnen auf- zuweisen haben. In Wirklichkeit nimmt Deutschland die zweite Stelle�tin, da seine Schiffe insgesamt 2,8 Millionen Registertonnen darstellen, die französischen dagegen nur 1,4 Millionen. Umfang- reicher im FaffungSraum nach den Registertonnen al? die fron- zöfische Handelsflotte ist auch die norwegische mit 1.6 und die japanische mit 1,5 Millionen Registertonnen. Alle übrigen Staaten bleiben weit dahinter zurück. Em der frauenbeivegung. Kindrrschutzkommisfion. Diejenigen Kontrolleurinnen, welche seit dem 11. November 1909 ihre Adresse verändert haben oder dies zum 1. April zu wn beabsichtigen, ebenso wie die in dieser Zeit neu ge- wählten Rontrolleuriiiiicn werden gebeten, ihre Adresse einzusenden an Frau Wurm, Gleditschstr. 30. Gericdrs-Geltung. (Siehe auch 2. Beilage.) Die Liebes- und Leidensgeschichte eines Feldwebels. Tolle Liebesepisoden wurden gestern in einer Verhandlung des Kriegsgerichts der 2. Garde-Division entrollt. Unter Anklage stand der Feldwebel Finger vom Funkentelcgraphen-Bataillon; er hatte sich wetzen öffentlicher Beleidigung und Körperverletzungen, zum Teil mittels gefährlichen Werkzeugs, zu verantworten. Vor etwa drei Jahren machte der Angeklagte die Bekanntschaft eines Fräu- leinS Ech. Er ließ sich mit ihr in ein Verhältnis ein, aus dem zwei Kinder hervorgingen. F., der eine Monatslöhnung von 47 M. erhält, sollte nun 40 M. Alimente für die beiden Kinder zahlen. Er will dann auch noch erfahren haben, daß seine Geliebte in selner Abwesenheit ihm untreu geworden sei, und cS kam zum Bruch zwischen dem Paare. Fräulein Sch. ließ aber nicht locker von dem Angeklagten. Wo sie nur konnte, lauerte sie ihm auf. und fast täglich stand sie vor der Kaserne und fing ihn ab. Es kam dann öfter zu Szenen, die Menschenansammlungen verursachten. Die Verlassene war der lebende quälende Schatten des Feldwebels. So trat sie dem Angeklagten eines Tages mit den Worten entgegen: .Ich werde mich furchtbar rächen. Einer von uns beiden kann nur fallen!" Ein andermal soll sie einen Revolver und Salzsäure bei sich gehabt haben. Sie bestreitet dies aber und will einen Gummi- knüppel unter dem Mantel versteckt gehabt haben. Sie sandte an den Vater ihrer Kinder Briefe, die als Beleidigungen empfunden wurden. Sie drohte ihm auch darin, die Sache werde noch ein schauriges Ende nehmen. An einem Nachmittag faßte die Sch. den Angeklagten wieder vor der Kaserne ab. Sie forderte Geld von ihm. damit fie Milch für die beiden Kinder kaufe» könne. Der An- geklagte wies sie in barschem Ton zurück und wollte ausrücken. Die Geliebte verfolgte ihn aber, und nun gab es eine Jagd, die mehrere Stunden dauerte. In seiner Verzweiflung lief der Angeklagte nach Rixdorf; er versuchte auf einem Straßenbahnwagen zu ent- kommen, aber vergeblich. Wie eine Klette saß ihm die Verfolgerin, eine kleine, hagere Person an den Fersen. F. suchte sein Heil schließlich in der Kaserne des 3. Garde-Regiments. Durch einen zweiten Ausgang verließ«r wieder den Kascrncnhos, doch o Schreck, auch dort lauerte ihm die hartnäckige Verfolgerin auf. Nun ging die Flucht wieder weiter. F. rannte die Waldemarstraße entlang. An der Admiralbrücke angelangt, ließ er sich in der Verzweiflung zu der Aeußerung hinreißen: Geh fort, oder ich mache Dich kalt!" Fräulein Sch., die befürchtete, er werde fie in den Kanal werfen, wurde etwas unheimlich zumute und sie hielt sich jetzt in einiger Entfernung von F. An der Fidicinstratze gerieten die beiden wieder aneinander. Dort versetzte der Feldwebel dem jungen Mädchen eeinen heftigen Stoß gegen de» Arm und schlug sie mit dem Säbel. Er rief dann einen Schutzmann herbei, der ihn von der Sch. be« fielen sollte. Als der Beamte hörte, wie die Sache lag. kehrte er dem Paar den Rücken. Nun gings weiter nach dem Tempelhofer Feld. Am Steuerhäuschcn bestieg der Angeklagte einen Straßen- bahnwagen, doch die Begleiterin faßte ihn am Uniformmantel und rief:„Gib mir Geld, daß ick, für die Kinder Milch kaufen kann!" Der Feldwebel, der wohl befürchtete, daß er vom Straßenbahn- lvagcn heruntergerissen werden könne, versetzte der Sch. einen Fuß- tritt ins Gesicht, so daß es blutete. Erst jetzt hatte F. Ruhe. Mit Rücksicht auf die verzweifelte Lage, in die der Angeklagte versetzt worden war. ließ das Kriegsgericht außerordentliche Milde walten. ES erkannte nur auf eine Geldstrafe von 59 M. Ein„Diebstahl" auf der Polizeiwache. Unter schwerem Verdacht mußte sich gestern der Schutzmann Karl Münch vor der 1. Strafkamer des Landgerichts III verant- Worten. Der Angeklagte, welcher seit mehreren Jahren der Schutz- Mannschaft angehört, gehört dem 112. Polizeirevier in der Luxem- burger Straße an. Am 1. Juli v. I. fand hier die Auszahlung der Vierteljahrsgehälter an die Schutzleute durch den Polizeiwachtmeister Herte statt, nachdem sich dieser übrzeugt hatte, daß das ihm von der Polizeihauptkasse ausgezahlte Geld genau stimmte. Gegen 3 Uhr nachmittags waren der Schutzmann Marquardt und der Angeklagte Münch an der Reihe, ihr Gehalt zu erheben. Beide Gehälter wurden von Herte dicht nebeneinander auf den Zahltisch gelegt. Während Marquardt quittierte, steckte Münch sein Gehalt ein. Als Marquardt dann sein Gehalt in Höhe von 615,50 M. an sich nehmen wollte, bemerkte er, daß einhundert Mark fehlten. Der Wachtmeister glaubte sich genau besinnen zu können, daß er sechs Hundertmarkscheine aus den Züsch gelegt hatte. Er ging de» Angeklagten, der Patrouille hatte, sofort nach und stellte ihn auf der Straße zur Rede. Ter Angeklagte stellte in Abrede, sich einen Hundertmarkschein angeeignet oder zu viel erhalten zu haben, und stellte dem Wachtmeister anheim, seine Taschen und auch seinen Schrank auf der Polizeiwache zu durchsuchen. Bei der Durchsuchung stellte sich heraus, daß M. tatsächlich 30 M. zu viel erhalten hatte. Dies war allem Anscheine nach die Ursache, daß sich der Verdacht gegen ihn richtete, sich den Hundertmarkschein angeeignet zu haben. Die Staatsanwaltschaft erhob deshalb die jetzige Anklage wegen Diebstahls. Vor Gericht trat die Verteidigung einen umfangreichen Entlastungsbeweis an, in welchem u. a. geltend gemacht wurde, daß nicht nur der Angeklagte, sondern auch andere Schutzleute zu viel Geld erhalten und ruhig eingesteckt hatten, da sie sich auf die Richtigkeit der Gehaltsberechnung durch den Wachtmeister der- lassen mußten, da an jenem Tage der erhöhte Wohnungsgeldzuschuß ausgezahlt worden war. Ter Angeklagte habe auch gar keine Ge- legenheit gehabt, den etwa zu viel erhaltenen Hundertmarkschein zu wechseln. Der Staatsanwalt hielt den Angeklagten nicht des Diebstahls, wohl aber der Unterschlagung für überführt und be- antragte eine Geldstrafe von 50 M. Das Gericht erkannte auf Freisprechung des Angeklagten._ Ermordung der Frau WieSner. Gestern bejahten die Geschworenen die Frage, ob Wollitz der Körperverletzung mit tödlichem Ausgange schuldig sei. Ter Staatsanwalt beantragte mit Rücksicht auf die von dem Airgeklagten zutage gelegte viehische Roheit eine Zucht- hausstrafe von 13 Jahren. Das Urteil lautete auf 1l) Jahre Zuchthaus und Ist Jahre Ehrverlust unter Abrechnung von einem Jahr der er- littenen Untersuchungshaft. Uns dünkt, das Urteil ist gegen einen Geisteskranken gefällt, dessen Krankheit voraussichtlich sich wieder in kurzer Zeit offenbaren wird. Der Verurteilte wird aus dem Zucht- haus wohl sehr bald einer Irrenanstalt überwiesen werden müssen._ Eine leichtfertige Anzeige. Vor der ö. Strafkammer des königl. Landgerichts III zu Verlin hakte sich dieser Tage der frühere Bureauassistent Wilhelm Falk in Kaulsdorf wegen Urkundenfälschung zu verantworten. Er wurde beschuldigt, einen dem Bauherrn Leder in Mahlsdorf-Süd gehörigen, vom 7. Dezember 1908 datierenden Bauschein fälschlich angefertigt zu haben. Die Anzeige war vom Herrn Amts vor st eher in Kaulsdorf auf Veranlassung des Amtsselretärs Harnisch ersolgt. Dem Angeklagten gelang es, aus den ihm vom Präsidenten übergebenen Mtenmateriäk die bisher vermißte Originalverfügung des q u. Bausch e i n e s herauszufinden und unter der Schwere dieses er- drückenden Beweisstückes mußte der Hauptzeuge, Amtsvor- st eher Voigt, selbst zugeben, sowohl den Originalbau- schein, als auch die Reinschrift desselben unterzeichnet zu haben. Das Gericht erkannte, dem Antrage des Staatsanwalts ent° sprechend, selbstverständlich auf Freisprechung. Wenn in so leichtfertiger Weise ein Amtsvorsteher und sein Sekretär eine Anzeige erstatten, und ein'Staatsanwalt im Ver- trauen auf die Nichtigkeit dieser Hilfsbeamten der Staatsanwalt- fchaft Anklage erhebt, so wirft das ein bezeichnendes Licht auf den Mangel an Umsicht, mit der diese Beamten gegen die Ehre und Freiheit ihres Mitbürgers prozessieren. Bmfkartcn der Redaktion. Sie lutiftiMte SDtertfmnse findet Linden ft ratze 3, zweiter v»> dritter Eingang, vier Trrpdrn, AST- Fadrftuhl"TSBfJ wowentSglich «den»? von rzz bt» USt ftat«. Geöffnet 7 u»r. Sonnabend» beginn« die Sprechsiunde um S Uhr. Jeder Anfrage ist ein Buchstabe und eine Zahl Ol» Merkzeichen beizufügen. Beiefliche Antwort wird nicht erteilt. BIS»ue Beantwortung im Briefkasten können U Tage vergehen. Eilige Fragen trag« man in der Svrechftuude vor. Köpenick. Teilen Sie den Sachverhalt der Staatsanwaltschaft mit.— F. F. gl. Wenn die AiifsichtSPflicht verletzt ist. ja. Ob eine Verletzung der AllfsichtSpflicht vorliegt oder nicht, tonnten wir nur aus Grund einer genauen Sachdarstellung beurteilen.— A. L. Ihre Frau soll in Gemein- schast mit Ihrer Schwiegermutter bei dem Bormundsch. stsgericht unter Dar- stellnng des Sachverhalts einen Antrag aus Entmündigung stellen.— K. P. 31. Die nochmalige Pfändung ist gesetzlich zulässig. Der Eigen- tümer soll, unter Glanbbaftmachung seines Eigentumsrechts, zur Frei- gäbe auffordern, Ersolgt Freigabe innerhalb einer zu setzenden Frist nicht. so muff geklagt und Einstellung der Zwangs. Vollstreckung beaniragt werden.— I. P. 10. Ein eigenhändig ge- und unterschriebenes und datiertes Testament ist gültig.— F. B. 34. Von dem Beitritt zu der genannten Kasse raten wir ab.— Rixdorf 50. 1. Die von der Frau eingebrachten Sache» bleiben deren Eigentum; zum besseren Nachweis cmpsiehlt sich ein Eheoertrag, der zu notariellem oder gerichtlichem Protokoll erklärt werden musi. 3. und 3. Die Kosten richten sich nach dem Objekt, sind aber nicht erbeblich. 4. Bei Vertragsschluff nicht. 5. Nein. 6. Ihre Sachen können, soweit sie entbehrlich im Sinne bei Gesetzes sind, gepsändet werden.— Stargnrd Pom. 1. Wenn das Urteil sür oorlänfig vollstreckbar erklärt ist, kann sofort vollstreckt werden, sonst nach Nechtskrast. 2. Ja. den Betrag, der 23,85 M. wöchentlich übcrsleigt.— P. M. 50. 1. und 2. Die Kosten gehen zu Lasten der Nachlatzmasse, nicht zu Lasten eines Miterben.— W. M. 800. Sie haben unrecht. — M. P. 888. Ei» solcher Verirag, der nicht notariell oder gerichtlich zu sein braucht, ist an sich zulässig, aber in Ihrem Falle ansechtbar. — C. L. 05. t u. 2. Der jetzige Inhaber kann den Gesamtbetrag ver- langen, wenn die Forderung aus ihn übergegangen ist und wenn nicht Ber< jährung vorliegt. Das letztere würde der Fall sein, wenn Sie nicht nach dem 1. Januar 1908 ein Anerkenntnis abgegeben oder Abzahlungen ge- leistet haben, femer wenn Ihnen nicht in der Zeit zwischen dem I. Januar 1903 und 1. Januar 1910 ein Zahlungsbcsehl oder eine Klage zugestellt ist. 3. Nein. 4, Nein. 5. Ja, soweit sie zu den im Sinne deS Gesetzes entbehrlichen Sachen gehören.— Z. 100. Leider nein. — A. I. Wenn Ihre Eltern nickt mehr leben, so erben die Geschwister der Berstorbenen die Hülste.— Malinö 1. 1. Vom 1. April bis dahin nächsten Jahres. 2. Es ersolgt Kürzung.— Heinrich, Spandau. Der Karsreitag ist in P r e tt h« n ein staatlich anerkannter Feiertag, sür den die gesetzlichen Borschrtslen über Sonntags- und Feiertagsruhe Geltung haben.— H. St. 28. Ja.— F. H.. Zeughofstrasfr. 1. Nach Vollendung des achtzehnten Lebensjahres kann Valljährigleitsertlärung ersolgen. 2. Der Antrag ist an das Vormundschastsgericht zu richten.— F. S. 137. 1. Ja. 2. ES ersolgt Bestrafung der Eltern wegen der Versäumnis. 3. Ebensalls sofern die Feier in die Schulstunde sällt.— A. L. 410. Ist die Aushebung des Ver- lobnisses durch beiderseitiges Verschulden ersolgt. so kann jeder Teil von dem anderen die Herausgabe der Gescheute oder Ersatz des Wertes verlangen, auch gegen den Anspruch des anderen ausrechnen. Klage ist bei dem zu- ständigen Amtsgericht anzubringen.— O. K. 50. Ein Schlafmittel, das aus ärztliche Anordnung hin in den Apotheken erhältlich ist.— Zwei Streitende. Vollbahnen t,4Z5 Meier, desgleichen der englischen und der Stratzenbabn. Kleinbahn O.LV Meter und russische 1,524 Meter.— Leidnizstr. 70. Sie müssen schleunigst gegen K. Klage aus Einwilligung in die Herausgabe bei dem zuständig«!, Amtsgericht erheben.— Abonnent 25. Wir tonnen doch unmöglich beurteilen, ob Sie ein»grober Magnctiseur" sind und«eiche Fähigkeiten dazu gehören. Sic haben u. E. bei Ausführung Ihres Vorhabens slrasrechtliche Vcrsolgung zu erwarten.— A. D. 33» Wenn Sie im Besitze eines Schuldtitels sind, so beantragen Sie bei dem Amtsgericht, in dessen Bezirk der Schuldner seinen Wohnsitz hat, unter Ucberreichung des Schuldtitcls den Erlaß eines Pfändungs- und Ucber- weisungsbelchlnsseS, der dem Schuldner und dem im Besitz der Nachlaß- massc Besindlichen zugestellt werden muß. Die Inanspruchnahme eine» RechtLamvaUs ilt nicht notwendig, aber zulässig.— O. R. Nein.— ®l. E. Beusselstr. 02. Eine eigentliche abgestufte Einkommensteuer gibt es dort nicht. Dagegen sind eine Anzahl die Besitzenden iressenden Steuern (Grundsteucr, Erbschaftssteuer, Gewerbesteuer, Vermögenssteuer) vorhanden. Die Lebenshaltung des deutschen Arbeiters ist im Durchschnitt eine ungünstigere.— St.(£. Ohio 23. Stellen Sie einen Antrag, unter Angabe der Personalien, an den Magistrat, Abteilung für Standesamtsangelegenheit, Rathaus, Zimmer 21 park.— B. K. 33. Wir halten das Fahrgeld siir abzugsfähig, der Standpunkt der Behörden ist aber in diesem Punkie schwankend. Für ein Kind kann nichts abgerechnet werden. Reklamieren Sie, sosern die Höhe des Fahrgeldes 36 M. über- -eigt.— O. K. Wie vorher. Die durch Abnutzung und Ergänzung des Werkzeugs entstehenden Unkosten sind abzugSsühig.— M. S. 34. Ihre Ausragcn sind bereits im Briefkasten deS„Vorwärts" vom 23. Februar be- antwortet. Aus Ihrer neuerlichen Anfrage geht hervor, daß die Mieterin minderjährig war. was Sie früher nicht angegeben hatten. Ob Sie zu den Maßnahmen, die wir früher angegeben haben, hängt davon ab, ob der Mietsveriraq gültig war, was wir nur nach genauer Sachdarstellung be- urteilen km..en Kommen Sie in die Sprechstunde.— K. Sch. 3. Das würde keine außergewöhnliche Störung fein. Immerhin empfiehlt es sich, in solchen Fällen möglichst entgegenzukommen. Rechtlich kann der Betreffende nur von dem Hauswirt Beseitigung fordern, wenn außerordentliche Ruhe« störungen vorliegen.— H. 5. 1. Zurzeit 1,10 M., vom 1. IV. d. I. ab 1,40 M. 2. Ja. ISI SS « sO u o <33 SS <3 Q Bernwarö Spezwlhaus ersten Ranges für Herren- und Knaben-Kleidung 4-5 KÖiinischer Fischmarkt 4-5, gegenüber der Breite Strasse. HS Fertig am Lager, für jede Körperform paffend: Zrühjahrs-Alsler u. Valeloks s Z> t» rm LH] m] mj eh M. M. Jüc Knaben und Jünglinge: □□ 03 UEJ DD DD LEJ DD DD DD Große Auswahl. Billige Preise. Guker Sitz. Rur eigene» Fabrikat, daher höchste Leistungsfähigkeit. —W—W9—00—0* I 8 5 Froz. Rabatt bei Vorzeig, dieses Inserats Für Damen Aus meinem Engeos- Lager. Einzel- Verkauf nur v. 2—8 Uhr /El. FrOhJ.-Kostflme iPa. Verarbeitg., auf Seide, Ladenwert bis 85.00 M. bei mir 25.00, 35.00 u. 65.00. Backfisch-Paletots 8 00, 12.00 u. 15.00. Schw. ansohl. 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Jahrgang. 2, KeilM des JarmMii" Kerlim KMIM. w,,« Aus dem Berliner Polizeilumpf, Die Katze läßt das Mausen nicht— und die Berliner Polizei nicht das Anwerben von Sozialdemokraten zu dem elenden Ge- werbe eines Polizeispitzels. Oft schon ist ihr der Versuch miß- lungen, aber kein Mißerfolg hält die„Ehrenmänner" vom Alexanderplatz ab, immer aufs neue ihrem traurigen Gewerbe nachzugehen und ehrliche Menschen zu ehrlosen Halunken zu machen. Das versuchte auch der Kriminalbeamte Mahlow, dabei allerdings schlechte Erfahrungen machend. Eines Tages schlich sich an den Genossen P. ein ihm un- bekannter Mann heran und frug nach allen möglichen Parteiange« legenheiten. Genosse P. mißtraute aber dem harmlos dreinschauen- den Judas sofort und richtete deshalb seine Antworten danach eln. Auf die Frage, ob er Mitglied des Wahlvereins sei, erwiderte er ausweichend, daß er nur gezwungen Mitglied sei, im seine Kollegen es verlangten. Mahlow hatte sich im Lause-des Gesprächs als ein früherer Kompagniekollege des Genossen P. zu erkennen gegeben, der als Unteroffizier vom Militär abging. Da Mahlow wohl merkte, daß er kein rechtes Entgegenkommeil fand, verschwand er auf längere Zeit, allerdings den P. insgeheim beobachtend. Am 3. März d. I. fand er sich auf dessen Arbeitsstelle ein und knüpfte aufs neue ein Gespräch an, dabei in der alten Polizeiart den Verrat als harmlose Tat hinstellend. Mahlow sagte, er habe ja jemand, der ihm ständig den Schurkendienst leiste, der sei aber augenblicklich verreist, wodurch er ohne Nachricht sei. P. möge ihm doch Nachricht bringen, was auf dem Extrazahlabend beschlossen werde, und namentlich, ob der geplante Spaziergang nicht nach einem anderen Platz verlegt werde. Weiter, wie der Aufmarsch geschehe, ob die Zahlabende geschlossen hinmarschicrcn und dergleichen für die Polizei besonders Wissenswertes. P. ging zum Schein auf das Angebot ein, und der Kriminalbeamte Mahlow versicherte ihm glänzenden Lohn aus dem Reptilienfonds des Alexanderplatzes. Mahlow sollte am Sonnabend, den 5. März, Nachricht erhalten. Verschiedene Parteigenossen sahen ihn denn auch pünktlich zur verabredeten Stelle eilen. Auf seine eilige Frage erhielt er aber keine ihn: genügende Antwort, da Genosse P. an- geblich erst selbst am Abend nähere Auskunft erhalte. Mahlow wurde nun nach einem Lokal bestellt, wo er alles erfahren sollte. Zur bestimmten Stunde erschien Mahlow, setzte sich in eine Ecke, beteiligte sich aber nicht an der Diskussion, sondern— horchte. In wenigen Minuten Waren die anwesenden Gäste unauffällig über den„wahren Charakter" des neuen Gastes aufgeklärt. Als Genosse P. erschien, zeigte sich Mahlow ihm gegenüber bald so dummpfiffig wie sein Chef Jagow später in den bürgerlichen Zeitungen. Er wisse schon alles, der Zug gehe wo anders hin, so erzählte er scheinbar freudestrahlend dem Genossen P., der ihn ungläubig anschaute. Ja, die Polizei weiß alles, nur— wo es hingehe wüßte er noch nicht. P. konnte ihm aber auch noch keine bestimmte Anttoort geben. Unter der Ausrede, daß P. befürchte, seine Genossen könnten ihn schließlich beobachten, drängte er Mahlow zum Flurausgang, wo das Photographieren für die Berliner Spitzelmappe erfolgen sollte. Leider mißlang die Aufnahme. Mahlow stand ratlos da, und als er das Gastzimmer wieder betrat, wurde er den an- wesenden Gästen mit den Worten vorgestellt:„Hier, Genossen, stelle ich Euch den neuesten Gentleman des Alexanderplatzes vor, der ehrliche Genossen zum Verrat verleiten will. Seht Euch den Herrn genauer an, damit Ihr wißt, mit wem Ihr zu tun habt, wenn Ihr noch einmal mit ihm zusammentrifft." Zitternd stand er-da, ein Bild des Jammers und des Abscheues. Dann aber erhielt Mahlow einen so„handgreiflichen" Beweis von der Wertschätzung seiner Person und seines Berufs, daß ihm die Lust zum Verräterwerben wohl etwas vergangen ist. Himmel- hoch bat er um Schonung, er wäre doch zu solchen Taten ver- pflichtet, von ihm wird es eben verlangt!„Er habe ja noch nichts verraten!" jammerte er angstbebend. Damit endete dieses Debüt des Kriminalbeamten Mahlow., Pfui Teufel! über ein System, das solcher Mittel bedarf! Und wie ist die Wirkung dieser beschämenden Zustände? Da wird ein Heer von verlumpten Subjekten aufgeboten, um die Sozialdemo- kratie zu beobachten, schamlos der ehrloseste Verrat großgezogen, Hunderttausende von Mark verpulvert— und der Erfolg ist, daß die Sozialdemokratie Berlins imstande ist, hunderttausend Menschen auf einer Stelle zu vereinigen, ohne daß die Polizei vorher etwas davon weiß. Die Behauptung der Polizei, daß sie vorher Bescheid wußte, ist zu kindisch, als daß sie der Widerlegung bedarf. Ein System, das ehrlose Schurkerei von seinen Angeworbenen verlangt, muß aber auch innerlich verfaulen und verderben, seine Vertreter können nicht frei bleiben von all dem heimtückischen Ver- rat, der Lüge, deK schuftigsten Betruges! Bangt da den Herrschen- den nicht selbst vor den Früchten ihres Systems? Und bangt ihnen nicht vor der Stunde-der Vergeltung des auf so hundsföttische Weise bekämpften Proletariats? Wenn man auch über die tölpelhafte Art der Berliner Geheimpolizei lacht, dem ganzen System gegen- über bleibt doch ein tiefer Haß, der sich eines Tages entladen mutz? Gerichts- Zeitung (Siehe auch 1. Beilage.) Bon der Anklage des Diebstahls freigesprochen— trotz Selbstbrzichtigung! Vor dem Landgericht Berlin H(Strafkammer 2) standen am Freitag ein Töpfer Willi Lehmann, der sich selber bezichtigt hatte, vor einigen Jahren in seiner Lehrzeit Dieb- stahl verübt zu haben, sowie sein damaliger Lehrherr Töpfer- meister Wilhelm Grap samt seinem Sohn Töpfer- meister Willi Grap und seinem Polier Friedrich Krakis, gegen die Lehmann die Beschuldigung erhoben hatte, ihn zum Diebstahl angestiftet beziehungS- weise Hehlerei begangen zu haben. Lehmann behauptete, er habe auf Anstiften von Grap junior und Krakis in Schöneberg von dem Zufahrtsweg des Militärbahnhofes eine dort liegende Rolle Stahlband mit nach dem Geschäft seines Meisters genommen, auch habe er entwendetes Fensterglas mit Wissen von Grap senior zur Verglasung von Kellerfenstern benutzt. Das Amtsgericht Berlin-Schöneberg hatte, wie unseren Lesern erinnerlich, alle vier Angeklagten freigesprochen, weil Lehmann sich der Straf- barkeit leiner Handlung nicht bewußt gewesen sei und auch seine Beschuldigungen gegen die Mitangeklagten nicht erwiesen seien. Gegen dieses Urteil hatte der Amtsanwalt Berufung ein« gelegt. Vor dem Landgericht, wo Lehurann aufs bestimmteste seine Selbstbezichtigung sowie die Beschuldigungen gegen Grap usw. wieder- holte, wurde festgestellt, daß er s e l b e r vor wenigen Tagen auf Ver- anlassung deö Vaters eines früheren Lehrlings noch einen Schriftsatz eingereicht und darin um Ladung noch weiterer Belastungszeugen gebeten hat. Die Mitangeklagten blieben dabei, daß weder von Anstiftung noch überhaupt von Diebstahl die Rede sein könne. Grap senior, der jetzt Rentier ist, berief sich darauf, daß er so etwas nicht nötig gehabt habe, weil ihm aus seinem Betrieb mit über 100 Arbeitern ein Jahreseinkommen von 40—50000 M. zugeflossen sei. Grap junior erklärte, es habe sich um Eisen- band von geringem Wert gehandelt, das herrenlos auf dem Wege gelegen habe und dann von ihm zur Ausbesserung eines Eimers benutzt worden sei. Auch Krakis beteuerte, er habe das Eisenband für herrenlos gehalten. Lehmann meinte, es sei ein Quantum von SO bis 75 Pfund gewesen, KrakiS schätzte eS auf 10 Pfund. Die Beweiserhebung erstreckte sich auf die Vernehmung zweier früherer Lehrlinge. Der eine bekundete, von Grap jun. sei ihm einmal gesagt worden, er solle eine Schachtel Nägelsich aneignen und auch Krakis habe ihn verleiten wollen, Arbeits« material von einem Bau zu entnehmen, statt es von Hause mit« zubringen. Gegen diesen Zeugen wurde von Grap eingewendet, daß er ihm aus der Lehre gelaufen sei, von der Polizei habe zurückgeholt werden müssen und dann durch Urteil des Jnnungsschiedsgerichts zur Erfüllung des Lehrvertrages angehalten worden sei. Ein anderer Lehrling sagte aus, er habe Auftrag er» halten, Fensterglas von eine in Bau zu entwenden. Von wem der Auftrag gegeben worden sei. wisse er nicht mehr; doch habe Grap senior aufgefordert, daß daS Glas, dessen Herkunft ihm bekannt gewesen sei, in seinem Hause zur Verglasung verwendet wurde. Der Staatsanwalt beantragte hiernach Gefängnis» st r a f e von einer Woche gegen Lehmann, von je drei Tagen gegen Krakis und Grap junior, von 1 Tag gegen Grap senior. Der Ver- t e i d i g e r Rechtsanwalt Crohn beantragte Freisprechung, weil auf Lehmanns Sebstbezichtigung und Beschuldigungen nichts zu geben fei und es sich offenbar um Ranlüne der in Unfrieden von ihm gegangenen Lehrlinge handle. Das Gericht urteilte, daß alle vier Angeklagten freizusprechen seien. Lehmann habe aus Haß sich selber bezichtigt, weil er„die anderen habe hineinlegen wollen". Freireligiöse Gemeinde. Sonntag, den 20. März, vormittags 10'/, Uhr. bei Freyer, Koppenstr. 29:.Jugendweihe'. Festrede von Dr. B. Wille. 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S ZeDtral-Verbanil der Maurer Deutsehlaniis. Zweigverein Iterlln. Sektion der Qips- u. Zementbranche. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Einschaler Karl Nicolai am 13. März infolge eines er» Itttenen Unfalles verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Sonnabend, den IS. März, nach« mittags 2'/, Uhr, von der Leichenhalle des Apostel-Fricd- Hofes, Müllerstratze 44— 45, aus statt. 134/4 Um zahlreiche Beteiligung ersucht Der Tektionsvorftand. W» SoziaMemokratischerWalilvereiD des 6. ßerl. Reichstags-Wahlkreises. Todes- Anzeige. Am 15. März verstarb unser Mitglied, der Gastwirt» Friedrich Zunk Nordhasen 2. Ehre seinem Andenken Z Die Beerdigung findet am Sonnabend, den IS. März, nach» mittags 3 Uhr, von der Leichen- balle deS Dankes- Kirchhofes in Reinickendorj Blanlestt'atze, aus statt. 22«4e. Um reg» Beteiligung ersucht Oer Vorstand. Deutscher Holzarbeiter-Verband Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler Karl Kruger am 16. März gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Sonnabend, den 19. März, nach- mittags 4 Uhr, von der Halle des Marlus-Kirchhoses in Wilhelm«. berg aus statt. Um rege Betelligung ersucht 80/13 vis OrUverwaltung. Deutscher Transportarbeiter- Verband. Bezirksverwaltung GroB-Berlln. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Arbeiter Wilhelm Sounenberg am 13. März im Alter von 44 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den IS. d. Mts, nachmittags 2 Uhr. von der Leichen- Halle des neuen Rixdorser Kirch- Hofes am Mariendorser Weg aus il-«» 67/10 Die Bezirksverwaltung. Allen Freunden und Bekannten hiermit dw traurige Nachricht, daß am 17. März meine liebe Frau und gute Mutter Martha Meta Schreck geb. Selchow infolge Herzschlag verstorben ist. Um stille Ttilnahme bitten Oer trauernde Latte u. Tochter. Di»"teertigung findet am Snn"tag, den 20. März, nachm. 3',z Uhr, von der Halle des Nix- dorferGcmcinvelirchhoses(Marien> darser Weg) aus statt. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes, des Destillateur» Johann Mathia sage ich allen Beteiligten, Freunden und Kollegen sowie dem Verein gegen Verarmung. Bezirke 313, 315, 316 «einen herzlichsten Dank. Im Namen der Hinterbliebenen HVwe.£111111 a ülntbl». Allen Freunden, Verwandten und Parteigenossen die traurige Nachricht, daß meine inniggeliebte Frau t�arie Förster am 16. März nach schweren Leiden verstorben ist. Um stille Teilnahme bitten Der trauernde Gatte nebst Schwester, Schwager u. Schwägerin Die Beerdigung findet am Sonnlag, den 20. März, nachm. 31/, Uhr, von der Leichenhalle des neuen Jakobi-Kirch Hofes in der Hermannslraße aus statt. Gestern starb im 21. Lebens- jähre unsere Tochter ünna Oirich. Die Beerdigung findet am Mon- tagnachmistag 4'/, Uhr von der Halle deS EmmauS-KirchhofeS aus statt. 47708 Ang. IJlrlch nebst Familie. s Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme sowie dt« zahlreichen Ktanz- spenden bei der Beerdigung meine« leider zu früh dahingeschiedenen ManneS. des SÄristsehers Paul kubisch sagen wir allen denen, welche dem Dahingeschiedenen die letzte Ehre er- wiesen haben, besonders den Mit- gliedern der.Typographia' unseren herzlichsten Dank. 1238b Im Namen der trauernden Hinter- bliebenen Die tiefbetrübte Witwe Hedwig Lubisch geb. Herzberg. vi». Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41,«ÄO. 10— 2, 5—7. Sonntags 10— 12. 2—4. p- Ziehung 11. u. 12. Mai� ""Lotlerie Arbeitsstätten- Gesaratbitrag der Gew. Uarkw. 80000 cpea 3327 Gew. von 5 bis 6000 Markw 30000 u. ein Haaptgewinn Markw. 20000 Origlnaliose a 2— Mark, Porto u. Liste 30 Pf. extra, empfiehlt und versendet das General-Debit G. Dischlatis& Co., Bnnkgcachiift, Berlin C. 2. KSnigstr. 34-36. 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Auf mehrere Anfragen teilen wir mit, daß sich bei den unter der Bezeichnung„Lokale am Müggelsee" aufgeführten Lokalen der Vermerk„gesperrt" auf das„Müggelsee- Strandrestaurant" bezieht. Das Restaurant„Müggelschloß", Inhaber Anton Gieshsoit, steht der Arbeiterschaft nach wie vor zur Verfügung. Die Lokalkommission. Zweiter Wahlkreis. Sonntag, den 20. März, mittags 2 Uhr pünktlich, findet eine Urania-Borstellung statt. Zur Aufführung gelangt:„Im Firnenglanz des Ober-Engadin." Die Physiksäle toerden eine Stunde früher geöffnet. Eintritt inklusive Garderobe M Pf. Billetts find noch beim Kassierer G. Schmidt, Kirchbach- straße 14. zu haben. Der Vorstand. Steglitz. Am Sonntag früh T'/s Uhr findet von allen Bezirks lokalen aus eine wichtige Handzettelverteilung statt. Lichtenberg. Heute Sonnabend findet im Schwarzen Adler. Inhaber Gebrüder Arnhold, Frankfurter Chaussee 5/6, das Stiftungs- fest des Wahlvereins statt. Einen zahlreichen Besuch der Genossinnen und Genossen erwartet Die Bezirksleitung. FricdrichSfeldc. Wir erwarten am Sonntag früh 8 Uhr das vollzählige Erscheinen der Genossen in den Bezirkslokalen zu einigen dringenden Wahlarbeiten. Die Bezirksleitung. Biesdorf. Sonntag früh 8 Uhr müssen alle Genossen bei Gustav Berlin, Marzahnerstr. 24, zu einer äußerst wichtigen Parteiarbeit erscheinen. Nicder-Schönhause». Am Sonntag, den 20. März, früh 8 Uhr, findet eine Handzeltelverbreitung von den bekannten Stellen aus statt. In Anbetracht der Stichwahl sind die Genossen verpflichtet, zahlreich zu erscheinen. Die Bezirksleitung. Lerlimr JVacbncbten. Aus der MagistratSsitzung. Nach e. neuen Mitteilung der Oberpostdirektion wird die geplante Ersetzung der Zahlenbezeichnung der Fernsprechämter durch Namen wie Zentrum, West, Hansa usw. von Betriebsverbesscrungen bedingt. Die erwünschte allgemeine Einführung des„Dienst- Icitungsbetriebes", bei dem das Amt des Teilnehmers mit Amt und Fernsprechstelle des Anzurufenden verbindet, ist sonst infolge von Bertoechslungsmöglichkeiten nicht tunlich. Nach dieser Auf- klärung beschloß der Magistrat, sich zur Umbenennung günstig zu stellen und bei der neuen Bezeichnung der Aemter durch Vorschläge mitzuwirken. Ferner beschloß der Magistrat, der Flug- und Sportplatzgesell- schaft Berlin-Johannisthal zur internationalen Fliegcrwoche im Mai dieses Jahres einen Preis von 5000 M. zu bewilligen. Die städtischen Gaswerke geben durch Münzgasmesser(Auto- maten) im Jahr für rund 2 600 000 M. Gas ab. Immerhin läßt sich noch ein Teil des Publikums von der Inanspruchnahme dieser Einrichtung dadurch abhalten, daß ein Mindcstverbrauch von 25 Kubikmetern im Monat oder 300 Kubikmetern im Jahr ge- fordert wird. Wenngleich dieser Verbrauch fast stets erreicht wird, lassen sich doch manche durch diese Bedingung hindern, Gasanschluß zu beantragen. Der Magistrat beschloß daher, diese Bedingung fallen zu lassen. Ferner sollen in Zukunft die Gaswerke ermächtigt sein, bei einer Differenz zwischen Automatzähler und Gasuhr von der Einziehung von Nachzahlungen abzusehen. Entmündigte unter Polizeiaufsicht. In weitesten Kreisen ist es als ein schwerer Mißstand empfun- den und als solcher auch schon an dieser Stelle festgenagelt worden, daß ehemalige Patienten von Irrenanstalten in der Frei- heit ungebührlich seitens der Polizei auf ihre Führung hin kontrolliert werden, wodurch schwere wirtschaftliche und mora- lische Schädigungen entstehen. Jetzt wird uns mitgeteilt, daß auch solche Personen, die wegen angeblicher Geistes- krankheit entmündigt sind, aber niemals in einer Irren- oder Nervenheilanstalt waren und auch in keiner Weise ge- meingcfährlich sind, sich der unerbctenen polizeilichen Aufmerksam- keil zu erfreuen haben. In einem speziellen Falle ist der Be- treffende entmündigt worden, weil er sich in einem Zivilprozeß von richterlicher Seite übervorteilt glaubte und in seinen Beschwer- den, die übrigens genau den Instanzenweg innehielten, sehr scharfe und beleidigende Ausdrücke gebrauchte. Man nahm ohne Einleitung eines Strafverfahrens Geisteskrankheit an und zwar den berüch- tigten„Ouerulantenwahn". Auf die Sache selbst einzugehen, haben wir zunächst keinen Grund. Es sei hiermit nur festgestellt, daß bei der Wirtin dieses Mannes in kürzeren Zwischenräumen ein Kriminialbeamter auftaucht und sich nach dem Wohlbefinden seines Schutzbefohlenen erkundigt. Das ist ja gewiß sehr nett von der Polizei, aber vielleicht stellt sie ihre unerwünschten und gänzlich überflüssigen Besuche und Nachfragen ein, wenn wir ihr sagen, daß der Betreffende infolge dieser liebevollen Teilnahme, die sich auch bis auf die Arbeitsstätte erstreckte, schon eine sehr gute Stellung eingebüßt hat und ein halbes Jahr existenzlos war. Um über einen Entmündigten zu wachen, dazu ist der Vormund da. Auch wenn der, wie es sehr häufig vorkommt, sein« verantwortliche Aufgabe nicht erfüllt, ist die Polizei immer iwch zu entbehren. Ueberhaupt haben derartige amtliche Schnüffeleien, die der Mißgunst und wissentlich falschen Angaben dritter Personen Tor und Tür öffnen, praktisch so gut wie keinen Wert. Durch sie kann sogar ein viel- leicht gewollter guter Zweck gerade in das Gegenteil verkehrt werden. Die fliegenden Schutzmannswachcn, die bei sozialdemokratischen Massenaktionen in größeren Privaträumen, vor allem in öffentlichen Lokalen errichtet toerden, sind mit der zunehmenden Erbitterung der Berliner Bevölkerung gegen die Polizei immer schwieriger unterzu- bringen. Kürzlich wurde aus Anlaß einer Wahlrechtsversammlung im Feenpalast wieder einmal festgestellt, daß ein Massenaufgebot von Schutzleuten im Börsengebäude Quartier aufgeschlagen hatte und es wurde öffentlich lebhafte Klage darüber geführt. Daraufhin hat der Vorsitzende der Aeltesten der Kaufmannschaft, Vizepräsident des Reichstages, Herr Kaemjjf erklärt, daß die Unterbringung der Polizei in der Börse ohne sein Wissen geschehen sei und daß in Zukunft der Polizei das Börsengebäude nicht mehr zu genannten Zwecken zur Verfügung stehen soll. Nichts- destoweniger gibt eS noch zahlreiche Privatpersonen, die der Polizei Freistatt gewähren. Anläßlich der letzten Wahlrechts- Versammlungen und auch gestern am 18. März wurde eine fliegende Wache in einem leeren Laden im Hause Landsberger Allee 1 be- merkt. Obwohl das Schaufenster mit Papier beklebt war. sahen Vorbeigehende doch die Schutzmannsversammlung im Laden. Der Eigenlümer des HauscS ist der Butterhändler Mörsel, Landsberger Straße 3. Auch in dem letzt genannten Hause waren in der ersten Etage, die leer steht, gegen 200 Schutzleute einquartiert. Ein regel- rechter Restaurationsbctrieb sorgte für das leibliche Wohl der ver- sammelten Schntzmannschaft. Ein Parteifreund, der an dem Hause Landsberger Straße 3 vorüberfuhr, schreibt unL:.An den Fcnsterkreuzen hingen die Leder- zeuge nebst Revolvertaschen und über die Scheiben waren rote Zettel I geklebt mit der Aufschrift:„Zu vermieten". Ich ging ins Haus, »m einmal selbst die Kriegsvorbereitungen zu beobachten. Auf dem Korridor begegnete ich einem— Kellner und der Frau des Hauses, die auf mein Verlangen, die Wohnung„mal anzusehen", in liebens- würdiger Weise die Führung übernahm. Zehn durchweg große Zimmer waren mit Schutzleuten vollgepfropft. Jeder hatte vor sich seine übliche „Weiße". Da wurde Skat gekloppt, geraucht und sonstige Unterhaltung gepflegt. In einem Zimmer waren einige Frauen geschäftig tätig. uin für die Kriegsmanncn Kaffee zu kochen und Schrippen zu schmieren. Ungehindert konnten wir die Zimmer, in denen sich 180 bis 200 Kriegsleute aufhielten, passieren, sogar in daS Zimmer des Generalstabs, der von einigen Leutnants gebildet wurde, nahmen wir Einblick. Alle erwiderten den Gruß freundlich und niemand witterte den Spion des FeindeS. Erst als ich wieder gehen wollte, kamen einige Polizeioffiziere, denen inzwischen wohl Verdacht auf- gestiegen war, daß die Besichtigung der Räume vielleicht doch nicht nur für Mietzwecke erfolgt sein könnte, sagten„Nu machen Sie aber, daß Sie wegkommen" und redete» etwas von„Treppe runter- schmeißen." Ich wollte ohnehin gehen, denn der Zweck war erreicht. In der Breitestraße 22 in einem Vereinszimmer des Restaurants Kulmbacher Bierhans von Ernst Leitner war gestern mittag gleich- falls eine fliegende Wache eingerichtet. Einige Gäste, die dort ihr Mittagbrot einnahmen und das Polizeiaufgebot bemerkten, ließen dem Wirt mitteilen, daß sie keine Lust hätten, ihr Essen unter Polizei- icher Aufsicht einzunehmen und das Lokal nicht mehr betreten würden. Die Spree-Havel-Dampfschiffahrts-Gesellschaft„Stern" wird am kommenden Sonntag bei günstiger Witterung ihren Be- trieb aufnehmen und die Dampfer an allen Sonn- und Festtagen bis auf weiteres wie folgt verkehren lassen: Ab Grünau(Ge- sellschaftshaus) von 10.20 bis 5.20 Uhr in stündlichen Zwischen- räumen über Marienlust, Carolinenhof, Krampenburg bis Schmück- wiß(Palme). Ab Schmöckwitz(Palme) von 11.12 bis 6.12 Uhr stündlich zurück nach Grünau. Ab Erkner(Bahnhofshotel) von 10 bis 5 Uhr stündlich über Fangschlcusc, Grünheide nach Alt-Buch- Horst: letzte Verbindung ab Alt-Buchhorst zurück um 6 Uhr abends. Ab W a n s e e(Bahnhof) 10.40 bis 5.40 stündlich über Cladow, Pfaueninscl, eventuell auch bis Sacrow und zurück. Ab Tegel von 0.15 bis 9.15 abends stündlich bis Spandau, ferner von 0.45 bis 7.45 abends stündlich bis Sandhausen und zurück. Zwischen Tegel und Tegelort halbstündlicher Verkehr. Auf dem Müggelsee von 10.30 ab halbstündliche Ueberfahrten ab Friedrichshagen(Bad Bellevue). Die halbstündlichen Dampfer laufen auch das Müggel- see-Strandrestaurant in Rahnsdorf-Mühle an. Auf dem Schar- mützelsec im Anschluß an die dort eintreffenden Züge 9.42, 12.30 und 3.25 Uhr Verbindung nach Schwarzhorn, Diensdorf mit Pieskotv, Pechhütte und zurück. Neu aufgenommen wird in diesem Jahre der regelmäßige Motorbootsverkehr zwischen Erkner und dem Heideschloß Hohen- binde._ Aus dem Fenster des vierten Stocks auf den Hof gestürzt ist am Donnerstag das vierjährige Söhnchen des Schriftsetzers Effing aus der Schlvedenstraße 17. Die Mutter des Knaben mußte diesen infolge einer Unterredung mit einer Hausbewohnerin, die sich auf das ältere Kind bezog, einen Augenblick allein in der Stube lassen. In dieser Zeit begab sich der Kleine an das offene Fenster, um hinauszusehen, verlor das Gleichgewicht und stürzte hinaus. Zum Glück fiel das Kind auf den Rasen des Hofes; es wurde nach dem Krankenhaus geschafft, wo es gestern, wie uns der Vater mitteilt, ziemlich mobil war. Auf schwindelhafter Grundlage war ein gartcnbautechnischcs Institut aufgebaut, dessen Hauptinhaber, ein Kaufmann Karl Werner, gestern von der Kriminalpolizei festgenommen wurde. W«rncr stand früher mit dem Landwirt Arnold Jörg in Ver- bindung, der besonders Abzahlungsgeschäfte prellte und kürzlich als gewerbsmäßiger Schwindler verhaftet wurde. DaS Institut bestand zunächst aus Stube und Küche, die Werners Mutter in der Holzmarktstraße gemietet hatte, dann wurde es nach dem Koppcnplatz und endlich nach der Sommcrstraße in Hohenschön- Hausen verlegt. Das schöne Firmenschild, besonders die Handels- gerichtliche Eintragung diente lediglich dazu, Geschäftsleute anzu- locken und sicher zu machen. Er nahm Bureausachen, Schreib» Maschinen, sogar Automobile, mit'denen die vielen und weit aus- einander liegenden Arbeitsstellen des„Instituts" besucht werden sollten, auf Probe oder bezahlte sie mit eigenen Wechseln und ver- kaufte sie wieder, bevor die Verkäufer auch nur«inen Pfennig dafür erhalten hatten. Wenn die Boten nach Geld kamen, war das Institut schon wieder verlegt und nicht mehr zu finden. Andern- falls aber war Werner stets„geschäftlich verreist". Gestern wurde der Schwindler festgenommen und wegen Betruges von der Kri- minalpolizei dein Untersuchungsrichter vorgeführt. Wie viele Geschäftsleute er geschädigt hat, steht noch nicht fest, weil die Wechsel zum größten Teil noch nicht fällig sind. Fabrikbranb. Die 1. Kompagnie der Feuerwehr wurde gestern abend kurz vor 6 Uhr nach der Winsstr. 62/63 gerufen, wo im Keller des Fabrikgebäudes Feuer ausgebrochen war. Es brannte in der Stofshut- und Mützenfabrik von Williy Stein und ein Teil des Papierlagers der Firma Roscnheim u. Kaufmann. Angesichts der gefährlichen Situation wurde unverzüglich mit bier Schlauchleitungen gegen das Feuer vorgegangen. Nach einstündiger Löschtätigkeit galt die Gefahr als beseitigt. Der Keller ist zu einem großen Teil ausgebrannt. Die Firma Rosenheim u. Kauf- mann erleidet zirka 10—15 000 M. Schaden, da das Papierlager durch Feuer und Wasser sehr gelitten hat. Die Ursache des Bran- des konnte noch nicht ermittelt werden. Arbeiter-BildungSschule. Sonntag, den 20. März 1010, abends 7 Uhr, im Schullokal Grenadierstraße 37. Vortrag des Genossen Julian Borchardt über„Historischen Materialis- mus". Nur für Mitglieder! Der Kursus in Naturerkenntnis findet wie folgt statt: Montag, den 21., Mittwoch, den 23. und Mittwoch, ''en 30. März. Die letzte Stunde wird noch bekanntgegeben. Der Vorstand. In die Kreissäge geraten. Das Opfer eines schrecklichen Un- falles wurde der 16 jährige Arbeiter Karnowski, GreifSwalderstraße wohnhaft. K. war in einer Holzbearbeitungsfabrik im Norden der Stadt als Zuträger beschäftigt. Gestern kam er beim Verschieben von Holzstücken so dicht an die große Kreissäge heran, daß seine rechte Hand erfaßt und in das Gelriebe hineingezerrt wurde. Sie wurde teilweise zermalmt und ein Finger vollständig ab- geschnitten. An, Dienstagabend ist vor dem Hause Demminerstraße 2 ein Lodenhut gefunden worden. Der Eigentümer kann denselben in der Parteffpedition, Bernauerstr. 9, in Empfang nehmen. Wegen eines äusierst gefährlichen KellerbranbeS wurde gestern früh gegen 5lb Uhr die Feuerwehr nach der Chaussccstraßc 86 an der Boyenstraßc gerufen. Dort hatte sich auf dem Hofe in einem Keller der Norddeutsthen Putzwoll- und Kunstwollwerke, G. m. b. H., alte Putzwolle entzündet. Vermutlich war das Feuer schon am Donnerstag dort ausgekommen, denn als die Feuerwehr an der Brandstelle ankam, standen bereits große Vorräte vollständig in Flammen, Die Hitze war so gewaltig, daß das Gewölbe über dem Keller große Risse zeigte und sich teilweise senkte. Die Feuer- wehr gab kräftig Wasser und sperrt« die Fabrikräume über den Kellerräumen, die ausgebrannt sind, vollständig ab. Die Bau- inspektion wurde benachrichtigt, die nun feststellen wird, ob eine Gefahr für das Gebäude besteht. Vor dem Hause Chausseestraße 96 brannte ein Automobil voll- ständig nieder, bevor die Feuerwehr erschien.— Möbel, Betten brannten Krausnickstraße 13 und Kurfürstenstraße 156. Später wurde die Wehr noch einmal nach der Kurfürstenstraßc 156 alar- miert. Stroh um einen Gasmesser brannte Fürbringerstraße 19, und Katharinenstraße 1 in einem Keller Sägespäne u. a» Vorort- JVacbricbten. Die Gemeindetvahlbewegung. Tegel. Die Ungültigkeitserklärug der am 8. März statt« gefundenen Wahl unseres Genossen Arcndsee in der dritten Ab- teilung dnrch den Wahlvorstand mit dem Bürgermeister Weigert an der Spitze, erhält in ihrer Eigenart neuerdings noch eine besondere Beleuchiung. Die vom Wahlvorstand abgesandten Legitimations- karten zu der heute stattfindenden Stichwahl zwischen den beiden bürgerlichen Kandidaten tragen nicht etwa das Datum nach dem 8. März, also dem Tage der stattgefundenen Wahl, sondern den 4. März. Am 4. März also wußten bereits Herr Weigert und seine beiden Beisitzer, Herr Moldt und Herr Hermes, daß sie die Wahl unseres Genossen für ungültig erklären und die Stichwahl zwischen den beiden bürgerlichen Kandidaten auf Sonnabend, den 19. März, ansetzen werden. Aus Vorliegendem erklärt es sich nun auch, weshalb Herr Weigert vor der Wahl die ungesetzliche Tat vollbrachte und eigenmächtig zwei ihm genehme, anstatt die zwei von der Wahlversammlung gewählten Beisitzer, in den Wahlvorstand berief. Aus Furcht, die zwei von der Wahlversammlung gewählten Beisitzer könnten seinem längst vorbereiteten Plan Hindernisse in den Weg legen, mußte Herr Weigert entgegen den klaren Bestimmungen der Landgemeindeordnung handeln. Für diese— wenn auch auf Um- weg— erlangte Aufklärung, für das an sich unverständliche Handeln des Herrn Weigert, müssen nicht nur wir, sondern auch die gegen ihn Klage führenden Genossen unfern Dank aussprechen. Zehlcudorf(Wannseebahn). Feuerwerk für die Ge- mein dewahlen. Am 1. März hat sich eine Gemeindevertreter- sitzung mit der Regelung der Löhne der Park- und anderen Ge- meindearbeiter beschäftigt. Trotz Antrag, die Frage öffentlich zu verhandeln, hatte man sich doch in das Dunkel der Nichtöffentlichkeit zurückgezogen. Wir vermuteten damals gleich, daß die Gering- fügigkeit der Erhöhungen der Grund hierfür war. Wie recht wir damit hatten, geht daraus hervor, daß erst jetzt, zu den Genleiude- wählen, der„Zehlendorfer Anzeiger", augenscheinlich von oben in- spiriert, darüber berichtet. Um Eindruck zu machen, wird die horrende Summe von 5000 M. genannt, die die Mehrbezahlung jährlich er- fordert. Nun, diese horrende Summe macht aus die 136 Gemeinde- arbeiter den königlichen Satz von 70 Pf. pro Woche oder noch nicht von 12 Pf. pro Tag. Für diesen gewaltigen Aufschlag werden die Gemeindearbeiter zu Heloten degradiert und in Haufen an den Wahltisch getrieben, damit sie die Kandidaten der Beamtenvereinigung wählen. Leider lassen sich die Zehlendorfer Gemeindearbeiter noch so mißbrauchen. Petershagc». Am heutigen Sonnabend, abends von 6—7 Uhr, findet im Lokal von Brefeke die Stichwahl der 2. Klasse zur Gemeindevertretung statt. Die Genossen werden ersucht, selbst recht frühzeitig zur Stelle zu sein und alle Lauen mit heranzuziehen. Erfüllt ein jeder seine Pflicht und stimmt für den Kandidaten der Sozialdemokratie Genossen Erwin Hösclbarth, dann ist der Sieg auch hier unser. Alle in Berlin Arbeitenden müssen auf alle Fälle den Zug ab Schlesischen Bahnhof 5.29 benutzen. FricdrichSfeldc. Eigenartig ist daS Verhalten des bürgerlichen Wahlkomitees vor der Wahl in der 3. Klasse. Anfänglich hatte man wenig Neigung. eS auf einen Kampf mit der arbeitenden Bevölkerung ankommen zu lassen. Vor zwei Wochen kam aber ein Anstoß vom Haus- und Grundbesitzerverein, dem ossenbar die Beschränkung der Arbeiterschaft auf zwei Vertreter noch nicht weit genug ging. Bon einem Resultat hat man bisher jedoch nichts vernommen. Daraus lassen ftch verschiedene Schlüsse ziehen. Entweder fand man keine ge- eigneten oder willigen Personen, die einem frisch-ftöhlichen Kampfe gewachsen wären, oder— und das verdient die größte Beachtung— man arbeitet im Stillen und hofft uns am Wahltage zu über- rumpeln. Jeden Versuch dieser Art müssen wir mit aller Energie zu vereiteln trachten. Es müssen nicht nur alle Genossen, wenn möglich, bereits in den Mittagsstunden ihre Wahlpflicht erfüllen, sondern eS muß auch jeder sich unserem Wahlbureau, das im Lokal von Bube sein wird, frühzeitig, spätestens jedoch um 6 Uhr zur Verfügung halten. Es gilt eine imposante Stimmenzahl für unsere Kandidaten,' die Genossen Otto Pinseler und Emil Oehlert aus- zubringen. Eine wirksame Propaganda wird es sein, in Kreisen, die noch nicht zu uns gehören, auf die Volksversammlung hin- zuweisen, die wir im Hinblick auf die Gemeindevertreterwahlen am Montag, den 21. d. Mts., abends 8'/z Uhr. im Lokal von Bube, Prinzen-Allee 30, abhalten werden und in welcher der Genosse S ü d e k u m über„Die Aufgaben der Gemeinde- Verwaltung" sprechen wird. Parteigenossen seid auf dem Posten! Reinickenborf-West. Bei der heutigen Ersatzwahl für den verzogenen Genossen Maleika erhielt der Genosse Franz Lange 610, der bürgerliche Gegenkandidat ganze 7 Stimmen. Ungültig waren 6 Stimmen. Wahlergebnisse. Neuenhagelt a. Ostbahn. Die beiden ersten Sozial- demokraten ins Dorfparlament gewählt. Bei der Ergänzungswahl erhielten Stimmen: Genosse Köseling 61, Röder 36, Mertens 3. Ehling 2. Möser 2 und Göller 2. Bei der Ersatzwabl erhielten Stimnien: Genosse Göller 62. Mertens 35. Möser 6, Siödcr 2 und Köseling 1. Von 392 eingeschriebenen Wählern gaben nur 106 ihre Stimme ab; eine sehr schlechte Beteiligung, jedoch haben wir babei im Vergleich zur Wahl 1908 einen Stimmenzuwachs von 20 zu verzeichnen. Wahrscheinlich werden die Gegner Protest ein- legen, denn sofort nach Beendigung der Wahl machte Herr Zitterbart vom Grundbesitzerverein, welcher im Wahlkampf ein so warmes Herz für uns bekundete, den Gemeindevorsteher auf§ 54 der Land- gemeindeordnung und die eventuelle Ungültigkeit der Wahl aufmerk- sam. Uns solls recht sein; vielleicht bekommen die Herren eine noch bessere Antwort, vorausgesetzt, daß die Neuwahlen an einem Sonn- tag oder Wochentagabcnd von 7—9 Uhr stattfinden. Die Partei- genossen dürfen daher nickt ruhen, sondern müssen die Säumigen aufrütteln und an ihre Pflicht erinnern, damit bei der eventuellen Neuwahl den Gegnern gezeigt werden kann, daß die 8. Klasse der Sozialdemokratie gehört. In der 2. Klasse wurden die Herren Riffel und Rechlin mit 39 und 40 Stimmen, in der 1. Klaffe der Landwirt Müller mit 5 Stimmen gewählt. Waunsce. Bei der letzten Gememdevertreterwahl am Donners- tag, den 17. d. M., erhielten wir einen nennenswerten Stimmen- zuwachS. Während bei der letzten Wahl nur zirka 50 Stimmen für die sozialdemokratischen Kandidaten nSgegcven wurden, brachten sie es diesmal auf SV. Für unseren Ort mit ausgeprägtem Villen- charakter ein schöner Erfolg. Hätten die Gegner nicltt die zahl- reichen Forensenstimmen mobil gemacht, so dag ihre Stimnienzahl auf 133 anschwoll, so wäre der Sieg unser gewesen, Durch rege Agitation müssen jedoch unsere Genossen bei der nächsten Wahl auch hier den Sieg an unsere Fahne heften. Einwohner, die für uns ge- Wonnen werden können, gibt es genug. Germendorf bei Oranienburg. Bei der am Donnerstag statt- gefundenen Gemeindevertreterwahl wurden in der dritten Klasse unsere beiden Genossen Dill, Maurer und Goes, Töpfer mit je 37 Stimmen gewählt. Die Gegner erhielten je vier Stimmen. Es gehören somit jetzt drei Genossen dem Dorsparlament an. Rixdorf. Ter reaktionäre Kommunalsumpf. Wenn irgendwo, so kann der scharfe Beobachter in der Ge- nicindepolitik der Arbeiterstadt Nixdorf erkennen, wie das gesamte Bürgertum feindlich der organisierten Arbeiterschaft gegenüber- steht. Aus Angst vor der Sozialdemokratie verraten selbst die Ver- treter der sogenannten linksliberalen Parteien ihre bei den Wahlen abgelegten fortschrittlichen Versprechungen, ja, die Leutchen schrecken nicht davor zurück, die tollsten reaktionären Schandtaten zu entschuldigen, zu decken und mitzumachen. Der an Nieder- trächtigkeit nicht zu übertreffende Wahlrechtsraub im Dezember 1008 ist ein markantes Dokument dafür. Ein ebenso treffendes Charakteristikum war in dieser Beziehung die Haltung der Stadt- verordnetenmehrheit bei dem sozialdemokratischen Antrage bezüg- lich des preußischen Wahlrechtsunfugs. Greller konnte des Bürger- tums ganzer politischer Jammer nicht beleuchtet werden, als durch den dem Fluche der Lächerlichkeit anheimgefallenen Rektor Win- t e r, welcher die Würde des Stadtverordneten dem Untertanen- geist des preußischen Beamten unterordnet und Ordre pariert. Selbst den bescheidenen Ansprüchen seiner Wähler an den politischen Charakter ist das zu toll gewesen, so daß sie ihm— allerdings erst nach heftigem Widerstreben— kürzlich die Mandatsrnederlegung anrieten. Demselben Geiste der Knechtseligkeit vor dem preußischen Junkerregiment ist es auch zuzuschreiben, wenn ein sich in der Pose des Intellektuellen gefallender Kollege des Genannten— auch Stadtverordneter— mit halsbrecherischer Logik zu beweisen sucht. daß die Schule ihre Pflegebefohlenen, sofern sie diese zu Menschen manchen wolle, auch mit königstreuer Gesinnung erfüllen müsse. Man sollte solche Gedankengänge bei Schulmännern kaum für mög- lich halten. Aber so sehen die Mannen alle aus, die das heutige Bürgertum für die Wahrung bürgerlicher Freiheit berufen hält. Wie sich in diesen Köpfen der vielberufene Bürgerstolz aus- nimmt, dafür hat die letzte Stadtverordnetensitzung ein neues klassisches Beispiel erbracht. Wir deuteten schon kurz das Schicksal einer Interpellation an, welche unsere Genossen im Rathause an den Magistrat richteten und nachstehenden Wortlaut hatte: „Ist dem Magistrat bekannt, daß am Sonntag, den 6. März, Rixdorfer Polizeibeamte auf Treptower Gebiet dazu verwendet worden sind, um den Treptower Park abzusperren? Dadurch sind eine Reihe Rixdorfer Bürger in ihrer Bewegungsfreiheit beschränkt worden; es ist ihnen unmöglich gemacht worden, den Treptower Park zum Sonntagsspaziergang zu benutzen. Des weiteren ist durch die Absperrung der städtische Omnibusbetrieb unmöglich ge- macht worden und der Stadt ein nicht unbedeutender finanzieller Schaden zugefügt worden. Was gedenkt der Magistrat gegen dieses Vorgehen der Polizei, das uns ungesetzlich erscheint und die Interessen und die Sicherheit der Bevölkerung Rixdorfs aufs schwerste schädigt, zu tun, um für die Zukunft derartiges zu vermeiden?" In seiner Begründung erhob unser Genosse Stadtverordneter T h u r o w energischen Protest gegen die ungeheuerliche BeHand- lung wehrloser Bürger durch die von diesen selbst zu unterhaltende Polizei. Das Vorgehen der Jagow-Garde gegen die Deuwnstra- tionen des durch die preußische Wahlrechtsvorlage verhöhnten Volkes sind— so sagte der Redner— ungesetzlich, wie ein Kammer- gerichtsurteil beweist. Es war aber auch überflüssig bei der selbst von bürgerlichen Gegnern anerkannten Disziplin der organisierten Arbeiter. Wenn trotzdem Zusammenstöße vorkamen, so sind sie ohne Ausnahme auf das brutale Vorgehen der Polizei zurückzu- führen, die durch Hetzereien der nach einem Blutbad geradezu lech- zenden konservativen Zeitungen wild gemacht worden war und selbst Frauen und Kinder schändlich behandelte. Die zum Teil photographisch festgehaltenen„Heldentaten" der Polizisten gegen Wehrlose und noch mehr die darob erfolgte Belobigung illustrieren das preußische Kulturniveau. Es ist Pflicht der Stadtverwaltung, die Bürger gegen derartige brutale Gewaltstreiche, die jedem an- ständigen Menschen die Zornesröte ins Gesicht treiben, energisch zu schützen, und die wenigen Freiheiten, die in Preußen noch übrig geblieben sind, mit allem Nachdruck zu wahren.— Genosse Hoppe erklärte, schon iveit in der Welt herumgekommen zu sein; etwas derartiges habe er aber noch nicht erlebt. Die Polizei habe in Treptow wie die Kosaken gehaust. Ueber die Zäune der Gärten wurde mit den Säbeln hinübergcschlagen, Lokale gewaltsam ausgeräumt. Ein alter Mann erhielt— wie Redner selbst ge- sehen— einen Schlag über den Kopf, daß das Blut hoch aufspritzte. — Der Oberbürgermeister Kaiser wußte gegenüber solchen Ungeheuerlichkeiten nichts weiter zu sagen, als sich hinter den der Stadt gegenüber der Polizei mangelnden Rechtshandhaben zu verkriechen. Nicht einmal ein Wort des Bedauerns vermochte dieser Vertreter der Selbstverwaltung aufzubringen.— Es war nur richtig, wenn Genosse Dr. Silberstein das magistratliche Argument als faule Ausrede behandelte und feststellte, daß man doch sonst so famos sin Wohltätigleitskonventikeln Fühlung mit den hiesigen Oberkommandierenden, dem Polizeipräsidenten und dem Hauptmann Bernhardt, hat, welch letzterer mithilft, den Kindern Volksküchen einzurichten, ihre Väter aber niederreiten läßt.— Die Genossen Klo th und B ö s k e ergänzten noch die traurigen Kulturbildcr aus dem dunkelsten Preußen der letzten Zeit. Die Arbeiter werden mit aller Kraft daran arbeiten, die blamablen Zustände zu beseitigen; nichts soll daran hindern. Wir wollen— so schloß der erstere seine Ausführungen— die friedliche Entwicklung; wenn aber das Volk bis aufs Blut gereizt wird, dann istS kein Wunder, wenn es sich im Zorn eemporbäumt. Und was sagten die Bürgerlichen zu all den schändlichen Tingen, die von unseren Genossen beleuchtet wurden? Nicht ein einziges Wort entschlüpfte ihnen über all das Jämmerliche, das dem um sein Recht kämpfenden Volke angetan worden ist. Im Gegenteil: durch wiederholte Schlußrufe identifizierten sich dies« „Vertreter" der Bürgerschaft mit der junkerlichen Gewaltpolitik in Preußen! Die Freie Turnerschaft Rixdorf-Britz veranstaltet am kommenden Sonntag in Hoppes Festsälen ein Schauturnen. Der Eintritt ist frei. Ein reichhaltiges Programm verspricht auch gute Abeudunter- Haltung, die mit Tanz geschlossen wird. Anfang b Uhr. Am Sonntag, den 20, März, vormittags 10 Uhr, findet in Hoppes Festfälen, Hermannftr. 149, eine Sänger- Zusmnmenkunft statt, zu welcher sämtliche Sänger Nixdorfs freundlichst eingeladen werden. Treptow-Baumschuleniveg. Zur Ehrung der Märzgefallenen hatten die Genossen gestetn abend in ihren Wohnungen illuminiert. Die wohlgelunaene Illumination gab dem ganzen Ort ein feierliches Aussehen. Grost-Lichterfelde. Der Gcsamtctat der Gemeinde beträgt in Einnahme und Aus- gäbe inkl. der außerordentlichen: 3 075 400 M. Der Steuersatz ist auch diesmal wieder 110 Proz. inkl. Kreisstcuer. An direkten Steuern sind in Einnahme gebracht 1 58 l 300 M., an indirekten 224 000 M. Die Personal-Einkommen st euer ist mit 870 lOO M., die Grund lvert st euer(3 Promille für bebaute, 4>/z Promille für unbebaute Grundstücke) mit 043 000 M., die Umsatz st euer jl Proz. bei bebauten, l'/z Proz. bei unbebauten Grundstücken) mit 120 000 M., die Wertzuwachs st euer mit 50 000 M. veranschlagt. Unter den Ausgaben fallen naturgemäß in erster Linie die Schulen besonders ins Gewicht. So erfordert von den höheren Schulen das Schiller-Gymnasium einen Zuschuß von 70 400 M.(der einzelne Schüler 157,82 ivä) Das Realgymnasium einen solchen von 32 713 M.(der einzelne Schüler 155.80 M.) Die Oberrealichule 59 150 M.(der einzelne Schüler 159,04 M.) Die von der Gemeinde übernommene Krahmersche höhere Mädchenschule 37 059 M.(die einzelne Schülerin 02,54 M.) Dieses relativ günstige finanzielle Bild der Krahmerschen Schnle dürste sich jedoch bald nach der anderen Richtung hin äiidern. Die fünf Gemeinde schulen erfordern zusammen 324584 M. Auf den einzelnen Schüler kam- men nur 9 7,10 M. Die Zahl der Schulärzte beträgt zurzeit fünf, der Kostenaufwand 1500 M. pro Jahr. Bon einem Bericht über die Tätig- keit der Schulärzte konnten wir leider nichts in Erfahrung bringen; arzch in den öffentlichen Sitzungen der Gemeindevertretung ist niemals ein solcher gegeben worden. Es scheint also diese so wichtige Institution mehr einem dekorativen als wirklich hygienischen Zweck zu dienen. Im Etat für Feuerlöschwesen. Straßen- xeinigung, Straßenbesprengung befinden sich gleich- zeitig im Posten von 50 000 M. für alte und neue Besen, Beiträge zur Berufsgenossenschaft, Unterhaltung der Geräte, Fuhrlohn usw. auch die Löhne der Gemeindearbeiter. Diese wenig übersichtliche Position kommt uns einigermaßen verdächtig vor. Warum wohl hat man nicht mehr spezialisiert und außer der Anzahl der Arbeiter auch deren Löhne angegeben unter eventueller Angabe der Arbeitszeit?— Die Straßenbeleuchtung er- fordert einen Zuschuß von 20 350 M., im Gärtnereietat sind für Unterhaltung der öffentlichen Alleen. Promenaden, Schmuckplätze, Anschaffung von Inventar und A rbei terlöhne 20 000 M. in Ansatz gebracht. Auch hier fehlt die Spezifikation bezüglich der Löhne und Anzahl der Arbeiter. Im Armen-Etal figurieren 58 000 M. für Armenunterstützungen. Ganz bedeutend sind die AuS- gaben im Etat der Amtsverwallung. Unter dem Titel Besoldungen und persönliche Ausgaben figurieren 244 820 M.. die sächlichen Bureaukosten betragen 42 050 M., Kaufmanns- und Gewerbegericht erfordern zusammen 1500 M. Die Erhöhung der Gehälter der Lehrer an den höheren und Gemeinde- schulen sowie der Gemeindebeamten betrugen insgesamt 124 888 Mark, wovon bereits im Etat von 1909 105 000 M. verrechnet sind. Der Löwenanteil dieser Gehaltszulagen fiel auf die Gemeinde- beamten mit 47 439 M. Nur die Nachtwächter scheinen gegen der Zeiten Teuerung immun zu sein: sie bekommen immer noch 725 M. pro Jahr steigend bis 800 M. nach 10 Jahren. Es ist bedauerlich, daß der Arbeiter und Nachtwächter gelegentlich der allgemeinen Er- höhung der Lehrer- und Beamtengehälter nicht gedacht wurde.— Als anständige Gemeinde verfügt Groß-Lichterfelde selbstverständlich auch über anständige Schulden. Sie werden Ende dieses Monats über acht und eine halbe Million betragen; die Verzinsung er- fordert eine Summe von 008 750 M. gegen 1909 mehr 140 000 M. Der Vermögensbestand der Gemeinde ist 11 053 200,50 M. An Pflasterungskosten für die Grundbesitzer, welche„bei späterer Be- bauung" zur Einziehung kommen, hat die Gemeinde„verauslagt" 457 240,09 M. Das ist auch so ein wunder Punkt in der Finanz- Verwaltung, auf den wir schon früher aufmerksam gemacht haben. Einen sehr erheblichen Teil dieses Geldes wird die Gemeinde wahr» scheinlich überhaupt nie mehr zu sehen bekommen. Strausberg. Mißhandlung durch Vahnangestelltc? Eine von der in der Nummer vom 17. März völlig abweichende Darstellung der Eisen- bahnbetriebsinspettion über die bereits mitgeteilten Vorgänge in der Nacht vom 13. zum 14. Januar auf dem hiesigen Bahnhof geben die Fahrgäste August Heinze und Bruno Ladina. Mit Entschieden- heit weisen sie zurück, daß sie betrunken gewesen seien und flüchten wollten. Härten sie flüchten wollen, so brauchten sie nur auf der anderen Seite des Zuges auszusteigen. Die von uns an die Dar» stcllung der Betriebsinspettion geknüpfte Bemerkung, die beiden Fahr» gäste hätten bereits an demselben Abend das Fahrgeld bezahlt, er« klären H. und L. für irrtümlich. Sie seien sofort bereit gewesen, den Nachschlag von 15 Pf. zu entrichten, hätten jedoch kein Geld mehr bei sich gehabt. Als unwahr bezeichnen sie die Behauptung der Bctriebsinspektion, sie seien nicht mißhandelt worden. Beide, so ivird betont, hätten, nachdem sie zum Bahnhofsgebäude hinaus« geworfen und mit Gummischläuchen mißhandelt worden seien, in der Straßenböschung gelegen und sich gegenseitig das Blut abgewaschen. Unwahr sei ferner, daß ihnen am andern Tage die Angestellten vor» gestellt worden seien. Nachdem sie das Fahrgeld bezahlt hatten, habe man ihnen erklärt: Die Sache sei erledigt. Im übrigen teilen H. und L. noch mit, daß sie Strafantrag wegen Mißhandlung gestellt haben und daher die Angelegenheit vor Gericht aufgeklärt werden wird. Trebbin(Kreis Teltow). In der Stadtverordnetensitzung gelangte der neue Entwurf der Biersteucr zur Annahme. Der Antrag der Schulvorsteherin Fräulein Raube auf Ueberlassung von Schulräumen und einer Beihilfe von 3000 M. stand wieder auf der Tagesordnung. Genosse Richter er» suchte, das alte Schulhaus in wohnlichen Zustand zu bringen und als Armenhaus zu benutzen, nicht aber, wie der Magistrat beantragt, drei Zimmer bei freier Heizung und Reinigung dem Fräul. Raabe zur Verfügung zu stellen. Stadtv. Ribbek ersucht aus unserer Volks» schule eine gehobene Klassenschule zu machen, damit alle befähigten Kinder eine Vorschule bis Untertertia durchgehen können. Der Magistralsbeschluß wurde jedoch mit neun gegen neun Stimmen, wobei der Vorsteher entschied, angenommen. Hierauf folgte eine geheime Sitzung. Spandau. Stadtverordnetenversammlung. Der von einigen Stadtver- ordneten eingebrachte Antrag, in der Wilhelmstadt auf dem Wör- ther Platz einen Wochenmarkt abzuhalten, wurde von der Per- sammlung abgelehnt. Unsere Genossen im Stadthause stimmten auch gegen diesen Antrag. Man ist der Ansicht, daß diese Wochen- märkte sich überlebt haben, auch in hygienischer Beziehung viel zu wünschen übrig lassen. Von bürgerlicher Seite wurde das Haupt- gewicht wohl darauf gelegt, daß die hiesigen Geschäftsleute und Hauswirte zu sehr dadurch geschädigt werden. Diese Argumente wären für unsere Genassen allerdings nicht ausschlaggebend ge- Wesen.— Ein längerer Kamps entspann sich um die Magistratsvor- läge, welche die Mittel von 007 000 M. zum Bau von 5 Münchener Kammcröfen und eines Ofenhauses nebst Zubehör für die städtische Gasanstalt fordert. Der Gasdirektor Kützing hatte eine Rentabili- tätsberechnung aufgestellt, nach welcher die Kosten für den Kam- merofenbetrieb sich für 1000 Kubikmeter GaS auf 70,91 M. stellen; die Kosten für einen Vertikalofen belaufen sich für 1000 Kubikmeter Gas auf 00,25 M. Der Gasdirektor empfiehlt auch in seiner Niederschrift, welche den Stadtverordneten merkwürdigerweise erst im� letzten Augenblick zugestellt wurde, die Beschaffung von Berti- kalöfen. Der Magistrat hingegen wünscht Münchener Kammer- öfen, die nach einem vom Berliner Gasdirektor Schimming ge- gebenen mündlichen Gutachten empfehlenswerter sein sollten. Der Referent Stadtverordneter S i e f e r t suchte die Magistratsvor- läge u. a. dadurch schmackhafter zu machen, daß er anführte, bei Kammeröfen würden weniger Arbeiter gebraucht und die GaS- anstalt sei bei dieser Art Oefen nicht so sehr etwaigen Streik» gelüsten der Arbeiter ausgesetzt. Genosse Pieper wies diese eigentümliche Begründung denn auch mit aller Entschiedenheit zurück. So sehr sich auch die Magistratsvertreter und der Referent Mühe gaben, die Magistratsvorlage durchzudrücken. Die Versamm- lung entschied sich doch mit großer Majorität für Vertikalöfen und bewilligte zu diesem Zweck nur 525 000 M.— Die Versammlung hatte bekanntlich in einer früheren Sitzung beschlossen, eine Pe- tition an den Landtag zwecks Ablehnung der Wahlrechtsvorlage zu senden und den Magistrat um Zustimmung ersucht. Wie vor- auszusehen war, hat der Magistrat nicht zugestimmt und wurde der Versammlung hiervon Kennntis gegeben. Der Referent Dr. Kantorowicz brachte dies zur Kenntnis und meinte, eine Begründung habe der Magistrat für sein ablehnendes Ver- halten nicht gegeben. Da man sich in der Sache bereits ausge- sprachen, so stelle er anheim, die Sache für die Stadtverordneten- Versammlung auf sich beruhen zu lassen. Genosse Pieper er- klärte, daß die Sache noch lange nicht ruhen werde, wenn er auch mit dem Referenten die Ansicht teile, daß für die Stadtverord- netenversammlung die Sache als erledigt angesehen werden kann. Man war ja von vornherein der Ansicht, daß der Magistrat in dieser Angelegenheit nichts tun würde. Stadtverordneter Prag er konstatierte, daß der Magistrat den Beschluß der Ver- sammlung ohne Begründung abgelehnt habe. Jedenfalls habe der Magistrat keine Gründe. Damit wurde der Gegenstand verlassen. Eine ganze Anzahl von Vorlagen wurde vertagt. Die Versamm- lung trat hierauf in die geheime Beratung ein. VernnleKtes. Wegen Unterschlagung sich selbst gestellt! Aus Altona wird uns vom gestrigen Tage gemeldet: Ungeheures Aufsehen erregt hier die Tatsache, daß der Direktor der Genossenschaftsbank in Altona Julius Hohmann sich heute früh freiwillig der Staatsanwaltschaft stellte unter der Anschuldigung, daß er 110000 M'ark veruntreut habe. Davon habe er 20 000 M. in den letzten Jahren für sich selbst ausgegeben und 90 000 M. der Firma Jessen und Lorenzen nach und nach gegeben. Er führte bei dieser Firma die Bücher und konnte durch die Transaktionen derselben mit der Genossenschafts- bank seine Unterschlagungen so lange verdecken. Hohmann wurde sofort in Untersuchungshaft genommen. Die geschädigte Genossen» schaftsbank besteht seit 33 Jahren. Seit sechs Jahren war der Defraudant Hohmann ihr Direktor. Frau v. Schocnebeck aus der Hast eutlassen. Aus Königs» o e r g i. Pr. wird gemeldet: Der Straftenat des Oberlandes» gerichts hat auf den Antrag der Verteidiger Dr. Salzmann-Allen- stein und Bahn-Berlin beschlossen, die verhaftete Frau v. Schoene- deck gegen eine Kaution von 50 000 M. aus der Untersuchungshaft zu entlassen. BergmannSloS. Aus Zabrze wird vom gestrigen Tage gemeldet: Als heute morgen die Belegschaft der Grube aus„Delbrllcksschacht" ausfuhr, lehnte der Bergmann Krautwurst mit dem Kopfe aus dem Förderkorbe. Der Kopf wurde ihm von den Gesteinsmassen, an denen der Förderkorb vorübersauste, buch st üblich abgerissen. Mädchenraub für Kölner Bordelle. Ans Köln kommt folgende aufsehenerregende Meldung: Ein vierzehnjähriges Mädchen aus Neu- Wied war feit September v. I. plötzlich verschwunden. Vor einigen Tagen kehrte das Mädchen zu den Eltern zurück und gab an, es sei im vorigen Jahre von einem Bäcker nach Köln entführt worden und in einem Kölner verrufenen Hause untergebracht worden. Ferner gab das Mädchen an, in dem Hause würden noch drei andere junge Mädchen von vierzehn Jahren verborgen gehalten. Vorgestern morgen begab sich ein Herr aus Neuwied, der mit der Familie des Mädchens bekannt ist und zurzeit in Köln sich in Stellung befindet, in Begleitung eines Kriminalschutzmannes in das Haus. Die beiden Herren untersiiKten das Haus von unten bis oben, wobei sie die Entdeckung machten, daß im oberen Stockwerk in cincm kleinen, durch eine Falltür verschlossenen Raum drei junge vierzehnjährige Mädchen, die seit langem verschwunden sind, sich befanden.' Zwei Personen ertrunken. AuS Kiel wird gemeldet: Ein Ver» messungSgast und der Koch des PeilbvoteS Nr. 4, die sich heute bei stürmischem Wetter in einem kleinen Marineboot auf de» Hafen begeben hatten, sind infolge Kenterns des Bootes er» trunken. Schiffsuntergang im Aegäischen Meer. In der Nähe von Kassandra wurde, einer Meldung aus Saloniki zufolge, ein griechischer Drei- master vom Sturm überrascht und zum Sinken gebracht. Der Kapitän und drei Mann der Besatzung ertranken, die übrige Mann- schaft wurde gerettet._ Schrecklicher Unfall in den Niagarafällea. Ein schrecklicher, etwas nihsteriöser Vorfall ereignete sich, New» Uorker Meldung zufolge, bei den Fällen des Niagara. Arbeiter, die in der Nähe des Stromes arbeiteten, sahen, daß ein Boot mit zwei Insassen, die sich miteinander schlugen, von der Flut gegen die Fälle getrieben wurde. Ms das Boot plötzlich sehr schnell den Katarakten zueilte, schrien die Arbeiter, um die Insassen des Bootes auf die Gefahr, der sie entgegengingen, aufmerksam zu machen. Diese warfen sich nun mit aller Krast in die Ruder, um wieder aus dem gefährlichen Strudel zu kommen. Aber es war bereits zu spät; einige Minuten später wurde das Boot über den Felsen hinweg- gerissen. Die Leichen der beiden Bootsinsassen konnten bisher nicht geborgen werden. KrkefKaCten der KedahHon. Hermann Jakob. Die Beiwäge zur Hilfzkrankenkasse sind abzugs» fähig, ebenso u. E. daS bezeichnete Fahrgeld. Bezüglich des Fahrgeldes st jedoch die Praxi» der Steuerbehörde vielfach anders.— O. R. 51. 1. biis 5.: Hoiioraransprüche der Aerzte verjähren in zwei Jahren. Aus einem Urteil oder VollstreckungSbcsehl könne» die Sachen, soweit sie entbehrlich sind, ebenso der 29 M. wöchentlich übersteigende Lohn gepfändet werden. WaS zu den unentbehrlichen Sachen zu rechnen ist, wird von Fall zu Fall beurteilt.— I, 72. Stellen sie einen Antrag an die Armendiremon. Ob demselben stattgegeben wird. ist zweifelhaft.— O. 98. U. E. nicht. Ihre Tochter muß das Halbjahr noch die Schule besuchen.— A. K. 56. Adresse: Ruderklub Vorwärts, Stralau, Tunnel- straße 17.—<£. B. 35. Sie müßten beim Amtsgericht Klage erheben, sallS Sie beweisen können, daß Zahlung bereits früher erjolgt ist. Die Kosten sind richtig berechnet, sosern der Auftrag durch einen Anwalt erteilt ist.— 91. H. 10. Sie bleiben auch bayerischer Staatsangehöriger. Kosten entstehen durch die Auf nähme nicht.— P.«. 28. Di- Klage muß beim Amtsgericht, in dessen Bezirk die Wohnung d-S Beklagten liegt, an- gestrengt werden. Aus Grund der Bezeichnung„Gegend Ncttclbeckplatz" können wir daS zuständige Amtsgericht nicht angeben, da der Nettclbeckplatz aus der Grenze zweier GcrichtSbezirkc liegt.— K. W. 62. In Berlin.— E. TL. 37. Di- Gesellschaft ist uns nicht bekannt. Immer gibt zu Be» denken Anlaß, daß Ausnahme ohne ärztliche Untersuchung er. folgen soll, falls es sich dabei tatsächlich um eine Lebens Versicherung handelt.— P. 2. Ufer 19. 30. 1. Der Mietsvertrag ist für>/, Jadr wirk- sam. 2. Rückzahlung soll ohne besonderen Antrug ersolgcn. Eine Mahnung ist angebracht.— F. K. T>. 3435. Aus Grund des GeseheS vom 1. Juni 1900 mit Frist VIS zum 1. Januar 1903.— Amt III Stammtisch. Nein. Jngendver-mstaltungen. Kreie Gemeinde Spandau. Sonntag, den 20. März, nachmittags 5 Uhr, bei Gottwald, Schönwalder Str. 80: Jugendjeier. Gäste will» kommen. Stowawes. Am Sonntag, den 20. März, abends 7 Uhr, findet in Singers.Volksgarten" das e r st e S t i j t u n g s j« st der Jugeudorgani- satwn statt. Wir ersuchen die Genossen und Genossinnen, durch regen Besuch diese Veranstaltung unterstützen zu wollen. Der Ausschuß. MMMiüWiMMM 1••••■*>■'••••••t«■«>•««•****(••!••*'*>•*«'«*•• aai|>a*al|!* i- Theater und Vergnügungen Sonnabend, den 13. März. Ansang?>/, Uhr. König?. Opernhaus. Die Huge- nolten. Königl. Schauspielhaus. Die Braut von Mesfina. Neues königl. Operu-Theater. Geschlossen. Deutsches. Judith.. Kammerspiele. Der gute König Dagobert.(Ans. 3. Uhr.) Kleines. Luxuszug. Ansang 3 Uhr. Berliner. Taisun. hiessing. Das Konzert. Nem s. Die goldene Ritlerzelt. Steves Schau, viclbaus. Frau im geilster Mirandolina. Nachm. 3 Uhr: Die Räuber. Wesien. Die geschiedene Frau. «omische Oper. Zigeunerliebe. Neues Oberetten. Der Gras von L«xemburg. Drilinon. Theodore u. Cie. Residenz. Das Nachtlicht.— Der selige Octave. Dhaiia. Die Dorslomtcsse. Schiller O.(SLaüncr• Theater.) Goldfische. Schule- Gharlotteuburg. Egmont. Nachm. 3 Uhr: Die Braut von Messina. Friedrich- Wilhelmstädtisches. Grosjstadllust. Gastspiel. Mig Dudelsack.(Anfang «'/« Uhr.) Hebbel. Kavaliere.(Ans. 8'/, Uhr.) Bolksopcr. Undine. »juisen. Was Gott zusammenfügt. Nachm. 4 Uhr: Schneeweitzchenund Rosenrot. Rose. Die Ehre. Nachm. 4 Uhr: Tausend und eine Nacht. LuftspirlhauS. Der dunlle Punkt. Nachm. 3 Uhr: Der Liebestempel. Metrovol. Halloh II— Die große Revue. Kolics Gaprice. Herr Wasserlrops. Der Lustlurner.(Aris. S'j, Uhr.) Eastna. Berlin bei Nacht. Gebr. Herrnfeld. Es lebe das Nachllebeu.— Die Original- Klabriaspartie. Stadttheater Moabit. Geschlossen. Noack. Der kleine Lord. Ap-'Uo. Der Zechpreller. Spezialitäten. Wintergarten. Spezialitäten. Reichshullen. Steltmer Sänger. Palast. Spezialitäten. Paiiuge. Spezialitäten. Karl Haverlaud. Spezialitäten. Walhalla. Spezmliläten. Buggenhagen. Spezialitäten.(An- 7'/. Uhr). Urania, �»ubeuitraste 48/43. Nachm. 4 Uhr: In den Delomitcn. Abend» 8 Uhr: Im Firnenglanz des Ober-Engadin. Hörsaal 3 Uhr: Dr. Gehlhoff: Die modernen eleltrischen Lampen. Steruwarte. Jnvatideiistr.(>7—62 Hieuains-Theater. 8 Uhr: Da» Konzert. Sonntag, 3 Ubr: Die verfunkene Glocke. 3 Uhr: Das Konzert. Montag, 8 Uhr: Dantri« der Narr. EJeiiiner Theater. Heute 3 Uhr: Tsifrin. Morgen: Taifun._ Heues Theater. Abends 8 Uhr: Die goldene Ritterzeit. Morgen und folgende Tage: Die goldene Ritterzeit. Idester lies Westens. Abends 8 Uhr: Die geschiedene Frau. Sonnt. 3�/. Uhr: Der fidele Bauer. frisljsieii'WiltisIinztSljiislZltöS fttepieilm Sonnabend, 19. März, abdS. S'l, Uhr: Die Großstadtluft. Sonntag nachm. 3 Uhr: Die Jung- stau von Orleans. Abends 8 Uhr: Im bunten Rock. Montag: Ssteber. IJramia. Wissenschaftliches Theater. Nachmittags 4 Uhr: In den Dolomiten. 8 Ubr; Im Firnenglanz des Ober-Fngadln. Hörsaal 8 Uhr: Dr. Gehlhokk: Die modernen elek triscben Lamp en. Kenea Operetten-Theater Heute und folgende Tage 8 Uhr: Der Graf von Luxemburg. Sonntag nachmittag 3 Uhr zu er- mäßigten Preisen: Her ZiBeunerbaron. Residenz-Theater Direktion: Richard Alexander. Abends 3 Uhr: Das Nachtlicht. Schwank in 3 Akten v. M. ZamacoiS. Hieraus: Ter selige Oktave. BurleSke in 1 Alt von Avcs Miraude und Henri Gsroule. Msoper. SW., Belle-Alliance-Sstaße Nr. 7/8. Abends'l-ß Uhr: Undine. Lusispieihaus. llachm. 3 Uhr: Der Liedestempel. Abends 8 Uhr: Der dunkle Punkt. Luisen-Tlieater. Nachmittags 4 Uhr: Letzte Kindervorstellung. Schneeweißcheu und Roseurot. Abends 8 Uhr: M zisamilliil Schauspiel in fünf Akten von Ernst Ritterseldt nach steier Benutzung einer Erzählung von Courths-Mahler. lZssispiel-Iilesiel'. 8'/. Uhr: Iliaa Drideiaaeit. Morgen und folgende Tage: Sllaa Dndelaack. OSE=THEATE| Große Franisurter Str. 132. Nachmittag 4 Uhr: Tausend u. emeRcht Märchenspiel in S Akten von Heising. Die Ehre. Schauspiel in 4 Akten v. Sudermann. Sonntag nachm. 3 Uhr zu halben Preisen: Deborah. Abends 8 Uhr: Die Ehre. Der größte Lacherfolg! 8'/, Uhr: 8'/, Uhr: Der Zechpreller. Posse mit Gesang in 3 Akten mit Xonradl Dreher a. G. Vorher ab 8 Uhr: Die großen Spczialitiitcn. t-Her Ii illt-lloubit 417/48. Gonutag, den 30. März: Dorf und IM. Schauspiel in 5 Aufzügen v. Charlotte Blrch-Pseißer. {»»cliiller-Theater. Schiller-Theater 0.(Wallner-Theat.), Sonnabend, abends 8Uhr: Cloidtlache. Lnstspiel in 4 Alien von Franz von Schönthan und Gustav Kadelburg. Ende 13'/, Uhr. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Viel I-iirmen am nichta. Sonntag, abends 8 Uhr: Die Zwüllngsachweater. Montag, abends 3 Uhr: Ciroldfiache. Schüler-Theater(Charlottenburg). Sonnabend, nachm. 3 Uhr: Die Braut von meaalna. Ei» Trauerspiel von Friedr. Schiller. Ende b-/, Uhr. Sonnabend, abends 3 Uhr: Egmont. Ein Trauerspiel in S Aufzügen von Johann Wolsgang v. Goethe. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Der IHeineidhaner. Sonntag, abends 8 Uhr: Hans Eangc. Montag, abends 8 Uhr: __ Han» Eange._ Brauerei Friedr ichshain am Königstor, Größter Konzertsaal Berlins. Horgen, Sonntag, den 30. Mtlvz 1010: Großes DoppelsXünstlersKonzert'"WU Gastspiel Franz von Blon |,ta" 100 Sängern: iiaritas" und Jonl-Ost-Lyraiiia t8W" Chormeister: Herr Direktor Wornlng mtt Ansang 5 Uhr. mit Benutzung der großen Konzert- Orgel. Entree 50 Pf-— Einheitspreis. Panopticum| »-ÄU-RÄ W ssrioärichst. tbS, pschorrpal. g � don lloppolmsni» j Den Mohamed, orientalischer Gaukler. Täglich 7'/, Uhr abends. Senntags: 2 Vorstellungen. Heitere Vorträge. Vollständig neues Programm. Hetropol-Theater Abends 8 Uhr: Hallo!!! Die große Revue! In 8 Bildern von Jul. Freund. Musik v. Paul Lincke. In Szene gesetzt vom Dir. Rieh. Schultz. Anfang 8 Uhr. Rauchen gestattet. Sonntag 3 Uhr: Drei Paar Schuhe. Das Dreigestirn weiblicher Schönheit, Grazie u. Kunst Rosario Guerrero Marie Lafargue Odette Valery und die anderen — Star-AUraktioüen.— Morgen: Naehmlttagsvorstellung Anfang 3'/, Uhr. Kleine Preise. | Pf Irkiis ISa Yolks-Theater. Bixdorf, Hermannstraste 30. Sonntag, den 20. 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Serie: »Die beide» Bindelbands.- »Klabriaspartie.- fPassage-liieater.■ 4 Abends 8 Uhr: Dos j gesellschaftliche « Ereignis von Berlin d Auftreten der schönen ! Sisters Ridiey in ihren historiechen Tänzen. I Georg Kaiser Schneider- Dnncl--- undJ�pßePr�»!j Passage-Panoptikum Senegal in Barlin! kgwUüs Weiber Männer, Kinder. Drei Negerdörfer Ohne Extra-Entrec! W.Koacks Theater Srun»-»itr. 16. am Rosenthal er Tor. Direktion: Franz Merke r. Zum ersten Male: Der kleine Lord. Schauspiel in 3 Akten. Nach d. Vorst.: Familientanzkränzeh. Sonntag nachm. 3 Uhr: Der Wtdrrspänstige» Zähmung. Abends i/,8 Uhr: Der kleine Lord. Folies Caprice Der Cuftturner. Kencr bunter Toll. Herr Wasserkropf. Ansang 8'/. Uhr. Borverk. 11-2 Uhr. Zirkus Buscfi."! Heute Sonnabend, den 19. März,■ abends 7lU Uhr präz.: M Gr. Gala-vorstellang. Therese Fillis, James Leon Fillis jun., Heinrich Fillis, in ihren Produktionen d. hohen Schule. Hie Hassans! Hr. E. Schumann, Neudressur. Reiterfamilie Proserpi. 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In der LuxuSpapiersabrtt von 5clit»srilt(«g«e, Reiiiickendorserstt. 96 sind Differenzen in der Prejserei ausgebrochen. da den Pressetm zuge- mutet wurde, an den Äronzedruck- Maschinen nachts und zwar ohne Prozente zu arbeiten. 23/15 Zuzug ist fernzuhalten l Die ertsverwaltung. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck». Berlaz: Vorwärts Luchdruckerei u. Verlagsgnftalt Paul Einger& Co.. Berlin SW« Nr. 66. 27. Jahrg. laaflaa KtilU des LmW"- Amchw str M« md Wtßtii. K Wz IM. fit eine Demonstration rechtswidrig? Konservative Preßorgane versuchen fortgesetzt, der absolut unsinnigen Ansicht Nahrung zu geben, Demonstrationen für das allgemeine, gleiche, geheime Wahlrecht seien rechtswidrig. Dabei verschweigen sie ihre» Lesern die entgegengesetzt zutreffende Ansicht d-S höchsten preußischen Gerichts, die wir wiederholt zitiert haben. Wir geben nachstehend den Wortlaut des Kanimergerichtsurtcils. Dem Urteil selbst schicken wir die unseren Lesern wohl noch eriimerliche Prozeßgeschichte vorauf. Der Genoffe Tapezierer Max Dittm ann war am 24. Januar ISOS mit anderen Demonstranten nach der Burggrafenstraße gegangen und hatte dort vor dem Hause des Reichstagsabgeordneten Fisch- beck ein Hoch auf das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht ausgebracht. Die Umstehenden hatten in den Hochruf dreimal eingestimmt. Die Polizei sistierte hierauf Dittmann zur Wache. Alsdann erwirkte der Amtsanwalt gegen Dittmann einen Strafbefehl des Amtsgerichts Schöneberg, in dem eine Haftstrafe von nicht weniger als vier Wochen festgesetzt war. Dittmann erhob Einspruch und wurde vom Schöffengericht am 3V. April freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft legte Berufung ein. Die zweite Strafkammer des Landgerichts II verurteilte am ö. Juli den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 10 M. DaS Kammergericht sprach darauf am 5. Oktober den Genossen Dittmann mit folgender Begründung frei: „Das Urteil des Berufungsgerichts findet den groben Unfug einmal in der absichtlich sich dem Publikum, d. h. auch den anders denkenden Bürgern aufdrängenden D e in o n st r a t i o n als solchen, sodann in der parteipolitischen Behandlung der strittigen Wahlrechtsfrage auf offener Straße. Wäre diese Auffassung richtig, so würde auch bereits die Teilnahme an dem Demonstrationszuge unter§ 360 11 des Strafgesetzbuchs fallen; denn dieser Z u g war eine sich absichtlich den anders denkenden Bürgern aufdrängende Demonstration und eine demonstrative parteipolitische Behandlung der strittigen Wahl- rechtsfrage auf offener Straße. Die Anschauung des Land- gerichts kann aber als zutreffend nicht anerkannt werden. Es ist nicht einzusehen, wieso die Betätigung des Ent- schlusseS, eine Ansicht in öffentlich bemerkbarer und dadurch besonders eindringlicher Weise auch Andersdenkenden gegen- über kund zu tun, an sich, also auch dann die öffent- liche Ordnung gefährden soll, wenn sie sich in Formen bewegt, die sich im Rahmen der öffentlichen Ordnung halten. Dasselbe gilt von dem Grunde, der aus der Wahlrechtsfrage als dem Gegen- stände der Demonstrationen entnommen ist. Das politische Problem der Reform des preußischen LandtagswahlrcchtS macht für sich allein eine demonstrative parteipolitische Be- Handlung auf offener Straße nicht rechtswidrig. Es kommt also lediglich darauf an, ob das Benehmen des Angeklagten an und für sich die öffentliche Ordnung gefährdete. War dies nicht der Fall, so würde ein an sich nicht rechtswidriges Wer halten nicht dadurch strafbar, daß es den Zweck verfolgte, zugunsten der Uebertragung des Reichstags- Wahlrechts auf Preußen zu demonstrieren. Nach den tatsächlichen Feststellungen des Urteils war aber jene Frage zu verneinen, und da diese Feststellungen offenbar eine erschöpfende Darstellung des ganzen Vorganges geben, bot eine Zurückweisung der Sache zu er- neuter Verhandlung keine Aussicht auf weitere Aufklärung. Es mußte deshalb sofort die Freisprechung erfolgen. Die Kosten» entscheidung folgt bei dieser Sachlage aus§ 499 der Strafprozeßordnung." ES gehört angesichts dieses Urteils eine kecke Stirn dazu, ohne den Versuch einer Widerlegung des zutreffenden Urteils zu machen, das alberne Märchen in die Welt zu setzen, eine Wahlrechts- demonstration sei etwas Rechtswidriges oder gar etwas Strafbares. WitteruttaSuberürltt vom 18. März 1910. morgens 8 llbr. CtitUmen SS 11 p-S c S i? SBettn l 4 heiter 2 halb bd 4 heiter 2 Regen 4 bedeckt 3 Regen WK ri'-i »II Ht» c-iü- Etattonen SS ■S s n ÖS Ss -s ssf Hnvaranda 742 RO Petersburg 742® Scillh! 760 NNW 8 Wetter BS e°> »Ii % Wi €■ wtncinde 1 7 32 WSW Hamburg I734SW Scriin 734 W Arantl.a M.>735SW München! 738 SN Wien 175922 Wetterprognose für Sonnabend, den IS. März ISIS. Etwas kühler, vielfach heiter, jedoch unbeständig mit einzelnen Regen- schauern und frischen westlichen Winden. Merdeen Pari» 758 WWW 756 22 2Schuce—1 LRcbel 1 2 4 wolkig] 8 4 Schnee—1 2 Stegen j 6 Die ersten Frühlings- Boten meine im eigenen Betriebe fabrizierten Frühjahrs-Paletots und Anzüge können Sie jetzt in meinen Schaufenstern und auf den Strassen von Berlin W sehen. Frühjahrs-Paletots und Ulster Gestreifte Cbesiot 15 .. ii. 18 Gran Fiscilgpaistrilfen........ m. 23 Grao Diagonal ü 28 Hodefarbig Cowrcoat......... m. 32 Sebwarz-gran gwtr. 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