Ar. 86. Nbsnnemenk-IZeäingungen: «bomiemcntS- Preis pränumeraiida! Bierteljöhrl. i!,S0 Mb, nionalb 1,10 Mb, wöchentlich 28 Psg. frei>»S Haus. Einzelne Ruimncr 6 Psg. Sonntags. Nummer mit illustrierter Sonntags. Beilage„Die Neue Welt" lo Psg. Post. ktbonuemcni: 1,10 Mar! pro Mona t. Eingetragen in die Post-ZciMngs- Breislisle. Unter Kreuzband sür Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, sür das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark. Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. 27, JechrK CrfditlDt iZgiich außtr(ßoüUi«. * Berliner Volksblntl. Sie 7nsertion5-i-ebühi' Erträgt für die fechsgefpalteue Kolonel- geile oder deren Raum So Psg., sür politische und gewerkschaftliche Vereins. lind Versammlungs-Anzeigen 30 Psg. „Kleine Hmcigen", das erste(feit. gedruckte) Wort 20 Psg., jedes weitete Wort 10 Psg. Stellengeiuche und Schlaf- slellen-Anzeigen das erste Wort 10 Psg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Plummer müssen bis Z Uhr nachmittags in d er Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist biS 7 Uhr abends geössiict. Telegramm> Adresse: „SozizsiUiMliräl Rcrlin". Zcntralorgan der rozialdemokratifcben Partei Deutfcblands. Redaktion: 8 LI. 68» Linden Strasse 69. Fentsprecher: Zlmt IV, Nr. 1983. cuegets Nachfolge. Aus Wien wird uns geschrieben: Das Reich des toten Häuptlings wird nun bald verteilt sein, aber die Risse und Sprünge im Gefüge der christlichsozialen Partei werden immer sichtbarer. Nun der populäre Mann, dessen Ansehen und Talent über alle Gegensätze innerhalb der Partei wirkend war und zusammenband, lvas nie zusammen gehörte, nicht mehr vorhanden ist, und die Herrschaft der Epigonen anhebt, wird der Widerspruchsvolle und fast nur auf die persönlichen Momente gestellte Charakter der Partei erst ganz deutlich. Wohl hält sie der Parteimechanismus zusammen, der in seiner virtuosen Ausbildung noch längere Zeit vorhalten und dem inneren Zerfalle entgegenarbeiten wird: aber dauernd loird sich das groteske Konglomerat dieser„Neichspartei", die auf der einen Seite die Bevölkerung der größten Stadt des Reiches, auf der anderen Seite die bigotten Bauern der Alpendörfer vereinigt, nicht behaupten können. Ohne Luegcr kann die Luegerpar'tci nicht bestehen. Für eine Partei wie die christlichsozialc, die sich ein Mann nach seinem Ebenbild und zu seinen Bedürfnissen schuf, ist der Führer natürlich die Hauptsache. So sehr, daß in dieser Partei ein Führer geradezu ausgerufen loird, nicht etlva bloß als Vorsitzender der Fraktion oder der Parteileitung, sondern direkt und schlechthin als„Führer". Nun herrscht aber in der christlichsozialen Partei, obgleich sie behauptet, in ihrer Mitte alles versammelt zu haben, was au geistiger Potenz im Wiener Bürgertum lebt, an halbwegs bedeutenden oder auch nur bemerkenswerten Persönlichkeiten der größte Mangel und nicht ohne Grund hat Lucger von seinen Mannen immer als von„Barricrestöcken" gesprochen. Das erklärt es, warum um den einen Dr. Weißkirchner ein solches„Geriß" entstanden ist. Der gegenwärtige Handelsminister und gewesene Direktor des Magistrats(der Gemeindebehörde, die zugleich, im sogenannten übertragenen Wirkungskreise, die staatliche Bc- Hörde erster Instanz) ist in jeder Hinsicht ein Geschöpf Lucgcrs, der ihn aus dem Dunkel emporgehoben und ihm in der kürzesten Zeit die denkbar größte Karriere bereitet hat. Es erregte in den Neuwahlen des Jahres 1897 das größte Er- staunen, als im 9. Gemeindebezirk plötzlich als christlich- sozialer Kandidat gegen den Nationalökonomen Philippovich ein völlig unbekannter Magistratskommissär namens Weiß- kirchner auftrat, ein Kandidat, der den Wählern erklärte, sein Programm bestehe aus drei Worten:„Doktor Karl Luegcr!" Die Protektion Luegers hat dem kleinen Magistratskommissär, der den Porzug hatte, ein Sohn des ehemaligenLehrers Luegers zu sein, den Weg geebnet. Er wurde Reichsratsabgcordnetcr, dann auch Mitglied"des nicderrösterreichischen Landtags. Ivurdc in kürzester Zeit MagistratSdirektor, und allmählich einer der einflußreichsten Männer der Partei. Bon dem neugewählten Parlament des allgemeinen Wahlrechts wurde er zum Prä- sidenten gewählt— wieder auf Betreiben Luegers, der seinem Schützling jeden Wunsch erfüllte. Weißkirchncrs Ehr- geiz Ivollte sich jedoch lveder an der Präsidentschaft, noch an der Tätigkeit im Rathause genügen lassen. Er ließ beide im Stich, um in Bienerths Kabinett als Handelsininister einzutreten. Aber Luegcr wollte für seinen Günstling noch nach dem Tode sorgen, und so hat er ihn in seinem„politischen Testament" als den„einzigen Mann" bezeichnet, der fähig sei, sein Nachfolger als Bürgermeister zu locrdcn. Nun kam die große lieber- raschung: Herr Weißkirchner lehnte das Amt, um das Lueger homerische Kämpfe geführt hatte und in dem er die Erfüllung seines Lebens sah, glatt ab. Er hat nämlich andere Rosinen im Kopf. Als persona Aratissima am Hofe des Thronfolgers Franz Ferdinand scheint ihm nämlich einmal die Minister- Präsidentschaft sicher. Und so mag er nicht ins Rathaus zurück- kehren, das ihn für immer mit Beschlag belegen würde. Zu- dem möchte er sich, der auch einen recht entwickelten Sinn für Einkiinfte hat, nach Abschluß der politischen Laufbahn sehr gerne auf eine der fetten Gouverneurstellen bei einer Groß- bank zurückziehen, die von der Regierung verliehen werden. Doch das„christliche Volk" begehrt stürmisch die getreue Erfüllung des Testaments, das ihn Lucger hinterlassen, und Herr Weißkirchner wird bestürmt, sich zur Uebcrnahme der Bürgermeisterei bereit zu erklären. Nun fing der komische Handel an. Erst verlangte Weißkirchncr eine Wartefrist von zwei Jahren, in welcher Zeit er seine Ministergeschäfte abwickeln werde, danach versprach er, sich schon früher, vielleicht im Herbst freizumachen.„Dermalen", Wie es hieß, als der Kaiser Luegers Wahl nicht bestätigte und als dessen Platzhalter Strobach gewählt worden war. wird zum Bürgermeister von Wien der bisherige erste Vizebürgcrmcister Dr. Neumayer, ein Greis, der sich nicht zu helfen lveiß, ge- Wählt werden, und das Zwischenspiel soll so lange währen. bis Herr Weißkirchner die Gnade haben wird, sich auf Luegers Stuhl niederlassen zu wollen. Aber es ist nicht unmöglich, daß dieser Moment gar nie kommt. Denn nach allem, was man sieht, will Weißkirchner nicht, aus Gründen seiner Karriere nicht, und auch deshalb nicht, weil er vor der verdorbenen Luft der Wiener Gcmeindewirtschast ein inneres Grauen hegt. Jedenfalls ist der taube, unbcdÄitende und einflußlose Neu- mayer als Nachfolger des„großen Bürgermeisters" eine wahre Ironie der Geschichte. Während Weißkirchner spröde tut, hätte Herr Dr. Geß- niann schon sehr gerne mögen, aber diese Erbschleicherei ist glücklich im Keime erstickt worden. Der ehemalige Minister für öffentliche Arbeiten ist heute in der christlichsozialc» Partei wahrscheinlich der mächtigste, sicherlich aber der verhaßteste Mann. Denn in ihm sind die be- sonderen Laster dieser Partei, die UnWahrhaftigkeit, die Falschheit, die Gesinnungslosigkeit geradezu zur rcst- losen Erscheinung gelangt. Mau rühmt Herrn Geßmann, Iveil sonst an ihm nichts rühmensivert ist, die taktische Geschicklichkeit nach, die ihm den Ruf verschafft hat, in der Luegerschaar den Generalstäbler zu repräsentieren. Aber seine taktische Ge- schicklichkeit ist im Wesen nichts anderes als eine absolute Skrupellosigkeit in der Wahl der Mittel, die durch sittliche Hemmungen nie und in keiner Hinsicht gezügelt erschien. Diese taktische Geschicklichkeit wollte Herr Geßmann auch bei der Wiener Bürgermcisterwahl spielen lassen, und hatte mit Bienerth das Komplott schon geschmiedet, das ihn,„Luegers ältesten Kampfgenossen", lvie er sich gerne nennt, an die Spitze der Wiener Stadtverwaltung hätte bringen sollen, von wo aus er allmählich die gesamte Macht Luegers in seiner Person hätte vereinigen können. Der sorgfältig eingefädelte Plan scheiterte tatsächlich nur an der allgemeinen Abneigung der Wähler gegen diesen Führer, und Herr Geßmann mußte sich begnügen, die Obmannschaft des Reichsratsklubs zu erlangen, von der aus ihm freilich die politische Führung sicher ist. Denn der zum Führer bestellte Prinz Liechtenstein ist totkrank und wäre auch, bei feudalen Neigungen, den dunklen Geschäften, wie sie die christlichsoziale Führerrolle einschließt, nicht gewachsen. Herr Geßmann ist sicher derjenige christlichsoziale Führer, dessen sich die Gegner am lebhaftesten freuen können. Denn seine Ivider- wärtige Persönlichkeit, die jedes Reizes entbehrt, seine Herrschsucht und Rachsucht sind durchaus geeignet, den Enthusiasmus, der für Luegcr glühte und der im Grunde das stärkste und eigentliche Bindemittel der Partei war, bis zur Neige zu verscheuchen. Denn der Zersctzungsprozeß hat die christlichsoziale Partei schon ergriffen, und hinter dem gleißenden Bilde der„Einig- keit" birgt sich böser Haß und Hader. Die Empörnng regt sich vornehmlich gegen die Führer, die die politische Bewegung zu persönlichen Vorteilen ummünzen, und die Gelegenheit, bei der Schüssel zu sitzen, tüchtig auszunutzen, wobei sie sich allem Anschein nach mit den gehäuften mannigfachen Bezügen, Pensionen, Diäten nicht begnügen, sondern auch auf uner- laubten Pfaden Reichtümer sammeln. Tatsächlich zeigt man schon mit Fingern ans die Leute, die vor zehn Jahren als wahre Habenichtse in die Politik eingetreten sind, seither nicht die geringste bürgerliche Beschäftigung ausgeübt haben und trotzdem, obwohl ihre bekannten Einkünfte es ganz unerklärlich erscheinen lassen, reiche Leute geworden sind, die als echte„Lebemänner" auf dem größten Fuße leben. Dieser allgemeinen Empfindung hat nun ein christlich-sozialer Gemeinderat, der Budget- referent H r a b a. der es also wissen kann, Ausdruck gegeben, und mit einem plastischen Worte hat er die Christlichsozialen gebrandmarlt, die zu dem„Gottc Nimm" beten. Obwohl er sich bereit erklärt hat, sein Material einem Unter- suchungsausschuß der Partei vorzulegen, und auch schon zwei„Bemakelte" mit Namen nannte, ist er auf Betreiben der Geßmanu-Clique, in der sich die Wurcki- stichigen sammeln. aus der Partei ausgeschlossen ivorden. Aber da sich die öffentliche Meinung dabei nicht beruhigen mag, verspricht man die gerichtliche Ehren- beleidigungsklage, wobei die Drahtzieher allerdings meinen, daß sie ihnen, kvcil Hraba als Landtagsabgeordneter immun ist und weil ihnen die aktive Klagelegitimation fehlt, erspart bleiben werde. Aber auch hier gilt das alte Wahrwort, daß es genügt, zu sagen: was ist. Und wenn einmal die christlich- sozialen Wähler nachzudenken begonnen haben werden, werden sie bald christlichsozial zu wählen aufgehört haben. ver Schatte» de; flntragsreeijls. In der Mittwochssitznng der verstärkten Geschäfts- ordnungSkom Mission des Reichstages ist es der konservativ- klerikalen Mehrheit gelungen, einen Beschluß durch- zudrücken, der anstatt eines klar formulierten Rechts dem Reichstage nur den wesenlosen Schatten eines Rechts zuspricht. Dazu kam es auf folgendem Wege: Eine der wesentlichsten Forderungen, die bei Revision der Geschäfts- ordnung verwirklicht werden müssen, ist daS Recht auf Stellung von Anträgen bei Interpellationen. Gegen- wärtig ist bei einer solchen Gelegenheit die Stellung von Anträgen nämlich unzulässig, und das ist stets als ein arger Ucbelstand empfunden worden, wenigstens bei den meisten Parteien. In den Äommissionsberatungen der vorigen Session hatte sich denn auch eine Mehrheit für das Prinzip dieser Forderung heraus- gebildet. Nur die drei konservativen Gruppen waren un- bedingt gegen eine solche Neuerung. Die beiden liberalen Parteien waren für das Recht auf Stellung von Anträgen bei Interpellationen, wollten die Einbringung eines Antrages jedoch von der Genehmigung der Mehrheit abhängig machen. Die Sozial- d e m 0 l r a t e n. das Z e n t r u ni und die Polen waren gegen ein solches Bevormundungsrecht der Mehrheit und wollten als Vor- bedingung für die Einbringung von Anträgen bei Interpellationen expedition: 8Äl. 68, Luidenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981» nur diejenigen Bestimmungen gelten lassen, die überhaupt für An- träge vorgeschrieben sind, nänilich sachliche Begrenzung durch den Gegenstand der Interpellation und Normierung der Zahl der Antragsteller auf mindestens lli) resp. 59. Die Debatte drehte sich denn auch hauptsächlich um die Frage, ob die Einbringung eine? Antrages von der Zustimmung der Mehrheit abhängig gemacht werden sollte oder nicht. Die liberalen Parteien ließen sich davon nicht abbringen. So kam denn gar nichts zustande. In diesem Jahre h�tte sich die Parteikonstellation infolge des Zusammenbruchs des Bülow-Blocks und seine Ersetzung durch den Bethmann-BIock geändert. Das übte auch auf die Frage der Jnter- pellationSanträge seine Wirkung aus. Die Nationalliberaleu beharrteu zwar bei ihrer Forderung, daß die Zulässigkeit eines Antrags von der Zustimmung der Mehrheit abhängig gemacht werden sollte, die Freisinnigen waren jedoch davon zurückgekommen und hatten sich auf den im Lorjahre von den Sozialdeinokrate», dem Zentrum und den Polen eingenonnnenen Standpunkt gestellt. Sie hatten auch einen unserer Auffassung Rechnung tragenden§ 33a beantragt: „Bei der Besprechung von Interpellationen dürfen nur solche Anträge eingebracht werden, die sich auf den Gegenstand der Interpellation beschränken und keine Gesetzentwürfe enthalten. Die Eiiibriiiguug von solchen Anträgen ist zulässig vom Moment der Einbringung der Interpellation selbst bis zum Schlnssc der Bc- sprechniig des Gegenstandes der Interpellation. Anträge bei Interpellationen müssen von mindestens 59 Mitgliedern unter- zeichnet sein. Die Abstimmung über die vorliegenden Anträge, einschließlich der Anträge auf Verweisung an eine Kommission muß vertagt werden, falls bis zum Schlüsse der Diskussion ein Antrag hierauf gestellt und von mindestens 39 Mitgliedern unterstützt wird. Die Abstimmung erfolgt alsdann an einem der nächsten drei Sitzungs- tage ohne weitere Diskussion." Es hätte nun nichts im Wege gestanden, dafür eine Mehrheit ans der vorjährigen Minderheit und den Freisinnigen zu bilden. Auch die Nationalliberalen wären wahrscheinlich in der Endabstimmung für diesen iveitergchenden Antrag zu haben gewesen. Da entwickelte aber das Zentrum eine höchst eigenartige Aktion. Zunächst brachte der Abg. Roeren einen Antrag ein, dem Z 33a folgendermaßen zu fassen: „Bei der Besprechung von Interpellationen dürfen nur An- träge gestellt werden, die dahin gehe», daß der Reichstag sich über die Billigung des Verhaltens des Neichslauzlers aussprechen möge. Diese Anträge müssen von mindestens 39 Mit- gliedern unterzeichnet fein." Der Antragsteller selbst begründete diese Formulierung damit, daß Mißtrauens- oder Vertrauensvoten doch hauptsächlich mit An- trägen bei Interpellationen bezweckt würden. Deshalb sei es rat- sam, das ausdrücklich zu sagen. Der freisinnige Antrag lasse außer- dem zu großen Spielraum. Herr Roeren hielt es aber noch sür gut, gegen seinen eigenen Antrag das Bedenken vorzutragen, daß es doch fraglich sei, ob er nicht staatsrechtlich gewissermaßen verfrüht sei, da eS noch an einem wirklichen Reichskanzler- Verantwortlichkeitsgesetz fehle. Darüber entwickelte sich nun eine lebhafte Debatte, in deren Verlauf der Vorsitzende der ZcntrumSpartei, Herr v. H e r t l i>1 g, von diesem staatsmäiinischsn Bedenken seines Kollegen Roeren freudig überrascht, erklärte, daß er es überhaupt für ganz unzulässig halte, vor Durchführung eineS Verantwortlichkeitsgesetzes die Einbringung solcher Vertrauens- oder Mißtrauensvoten bei Interpellationen zuzulassen. Diese Auffassung wurde durch den nationalliberalen Abg. Jungk und den frei- sinnigen Abg. Müller- Meiningcn bekämpft. Beide erklärten sich eventuell für den Antrag Roeren. Für die Sozialdemokraten er- klärte Ledebour, daß sie den freisinnigen Antrag unter Fort- lassung des zweiten Absatzes für völlig hinreichend zur Abgrenzung des Antrags selber hielten. Der zweite Absatz könne zu Bei- schleppungen mißbraucht werden. Die Sozialdemokraten würden in getrennter Abstimmung ihn ablehnen, doch würde dessen Beibehaltung sie nicht hindern, für den ganzen Antrag zu stimmen. Der Antrag Roeren schränke sachlich das Antragsrecht unnötig auf Miß- trauens- und Vertrauensvoten ein, doch mache er wenigstens die Zulassung von Anträgen nicht von der Zustimmung der Mehrheit abhängig und sei deshalb dein nationalliberalen Antrag vorzuziehen. Eventuell würden also auch die Sozialdemokraten für den Antrag Roeren stimmen. Somit wäre, selbst wenn ein oder zwei Zentrumsleute gegen den Antrag Roeren gestimmt hätten, dafür eine Mehrheit zu haben gewesen. Da brachte plötzlich der Abg. F erverS vom Zentrum als„Amendement" zu dem Antrag Roeren ein, daß die Anfangsworte des Z 33a lauten sollen: „Nach Erlaß eineS Reichskanzlerverantwort« lichkeitsgesetzeS dürfen Anträge..." Dieser Antrag fand die Zustimmung nicht nur der Avgg. v. H e r t l i n g und Bitter, sondern auch deS Abg. Ro eren. Vergeblich wurde von den Liberalen und Sozialdemokraten darauf hingewiesen, daß diese Bestimmung die GeschäftSordmmgsünderung von der Zustimmung der Regierung abhängig mache und obendrein auf eine Verschleppung auf u n b e g r c n z t e Z e i t hinaus- komme. Die Konservativen und RcichSparteiler, die bis dahin mit längeren Reden über staatsrechtliche Bedenken und Rcvolutions« befürchiungen die Zeit verbracht hatten, stellten mit vergnügtem Lächeln diese Taktik ein, um die ZentrumSbrücke zu betreten. ES kam also zur Abstimmung. Zunächst wurde eine Anzahl k 0 n s e r- vativer Anträge, die samt und sonders auf WcrtloSmachung des AntragcSrechts oder auf Verschleppung abzielten, abgelehnt. Hatte doch u. a. Herr Wagner(Sachsen) die Einholung eines Rechtsgutachtens des ReichSjustizamtS und deS Reichsgerichts beantragt I Dann wurde das Amendement FerverS zum Antrage Roeren gegen die Stimmen der Sozialdemokraten, Freisinnigen und NaliouaNiberalen angenommen, worauf dann die nämliche Mehrheit(Zentrum und die drei konservativen Gruppen) den somit zu einem Schatte niv es eu herabgeminderten An- tragNoeren an nah in. Sollte der Reichstag in seiner Mehr- hcit dies Schaugericht in die GeschäftSordming aufnehmen, so würde er sich wohlverdientem Spott und Hohn aussetzen, denn ein schlimmeres Armutszeugnis kann sich eine parlamentariscke Körperschaft doch kaum ausstellen, als dcisi sie eine GeschäftSordnungS- rinderung, die sie im Prinzip für richtig hält, von dem vorherigen Erlaß eines Gesetzes abhängig macht, dem andere Faktoren ihre Zustimmung zu geben haben. ver Lewallstreich des blauichwarzen Blochs findet in der Presse ein lebhaftes Echo. Abgesehen von der Presie des SchnapsblockS begegnet man e i n in ü t i g st e rjB e r u r t e i l u n g des schmachvollen Vergewaltigungsakts gegenüber der Sozial- demokratie. Selbst das mitunter Halboffiziöse Scherl-Blatt sieht sich zu folgenden Geständnifien genötigt: „Mit einem Schein von Recht konnten wohl die Konservativen sich für ihr rücksichtsloses Borgehen auf den Buchstaben der Geschäftsordnung berufen... Aber sehr loyal wird man dieses Bcrfahren doch beim beste» Willen nicht finden können, und auch aus Rücksichten der Zweckmäßigkeit unterliegt es zweifellos den stärksten Bedenken. ES scheint doch wohl gerade vom Standpunkt der Mehrheitsparteien nicht ratsam, der Sozialdemokratie i m m e r n e n e n A g i t a t i o» S st o f f z u liefern. Und das ist fraglos geschehen, wie anS der Geschäftsordnungsdebatte deutlich hervorging. Die äußerste Linke sah in dem Verhalten der Mehr- heit des Hauses eine Vergewaltigung, und in dieser herben Kritik wurde sie auch von Rednern der b ü r g e r- l i ch e n L i n k e» lebhaft u n t e r st ü tz t.... So hinterläßt der Schlußakt dieser Wahlreform im Abgeordnetenhause den Ein- druck, daß zwar Konservative und Zentrum ihren Willen durch- gesetzt haben, daß aber... die Opposition der Linken uu- geschwächt, ja nach der Art, wie sie gestern gewaltsam nieder- gehalten wurde, mit gesteigerter moralischer Kraft den Kampsplatz verlaßt." Der„Berliner Börseii-Conrier" schreibt: „Daß die Art und Weise, mit der die reaktionäre Mehr- hcit vorging, an die schlimm st en Tage der Zoll- tarifdebatten und der Kämpfe um die Reichs- finanzreform erinnern werde— das ist doch wohl allent- halben noch unerwartet gekommen.... Gewiß kann man darüber streiten, ob bei der gestern von den Konservativen beliebten Praxis ein direkter Verstoß gegen die Geschäftsordnung vorliegt oder ob sie sich zur Not mit jesuitischen A u S l e g e k ü n st e n als formell der Ge- schäslS ordnimg entsprechend rechtfertigen läßt. Uiiaiistäudig war diese Praxis jedenfalls. Sie lief in der Sache auf eine brutale Knebelung der Minderheit hinaus.... Und zwar war es ein durckianS wohlbedacht angelegter konservativer Plan zu dieser Knebelung gewesen.... Die Folge dieses brutalen Auftretens kann nur wachsende Erbitterung sein. Täglich wachsende Erbitterung gegen diesen parlamentarischen TerronSmus. lind wenn aus dieser Erbitterung dann nur Früchte HerauSsprießen, die der Sozialdemo k r ä t i e zugute kommen..." Auch die„Tägliche Rundschau", deren Spezialität es sonst ist, mehr oder minder groteske Klowuspäße über die sozialdeinokratischen Abgeordneten zu reißen, wehllagt: „DaS Unzulängliche, hier wird'S Ereignis." Herr Cassel be- schließt so seine Wahlresormrede� Und unzulänglich ist diese ganze wüste Sitzung, in der ei» Genosse nach dem anderen auf das Podium springt, in der eS wilder und wilder wird und nicht ohne Schuld der konservativen Mehrheit.... Diese Art, wie eS hier beliebt wurde, die Opposition mundtot zu machen, war materiell ungerecht und— in h ö ch st e m M a ß e unklug.... Und bis weit in die Kreise der Freikonservativen hinein loird das beklemmende Gefühl Platz gegriffen haben, daß hier wieder einmal die konservative Partei und das mit ihr verbündete Zentrum höchst überflüssigenveise Gvzialistenziichterei getrieben, daß sie in weiterer Perspektive eine erneute Schlacht verloren habe, daß der Riß zwischen den bürgerlichen Parteien klaffender wurde, das Mißbehagen über diese gesamte Unerquicklichkeit der inneren Lage sich steigerte.... Konnte man wuchtigere Wellen der roten Gewerlschaft auf ihre Mühlräder werfen?«Ich habe dem Schriftsührer den„Auf- trag" gegeben---" erklärt unter stürmischer Heiterkeii der Linken Herr v. Pappenheim. Seit wann entgleisen solche Redner so rücksichtslos und fortgesetzt?" Und in der nächsten Nummer: „Die konservativen Redner spielen weiß Gott keine glorreiche Rolle. Als Herr Schulze-Pelkuni erklärt, er habe Herrn v. PappenheimS„Auftrag" nicht als Schriftführer, sondern als— Privatmann eiirgegengenoimiien, da lacht da« Haus mit Fug und Recht. Herr v. Kröcher schleudert seine OrdiiungSblitze wie Jupiter in der Hochsaison. Fast lohnt es eigentlich gar nicht mehr, meint cr resigniert. Die Genossen nehmen kein Blatt vor den Mund und tun natürlich daS ihre zu der allgemeinen Verhetzung. Herr v. R i cht h ofen unternimmt den verzweifelten Versuch, aus Weiß Schwarz zu niachcii und Herrn v. Pappenheims „Auftrag" in eine bescheidentliche Bitte zu wandeln. Wer soll da nicht denKopf schütteln?" Die nationalliberale„Magdeb. Ztg." urteilt: „Wie die Konservativen dem sozialdemokratischen Rode- eifcc entgegentraten, daS war doch wieder ein Fehlgriff. Noch ist in frischer Erinnerung ihr demonstrativer Antrag bei einer früheren Lesung, bei dem sie sich überstimmen lassen wollten. Nun kam hier ein neuer, zweifellos überlegter Kniff. Zu jedem Paragraphen, zu dem ein sozialdemokratischer Abgeordneter sich gemeldet hatte, hatte sich auch ein Konservativer gemeldet; entsprechend der Große seiner Partei war er der Reihenfolge nach vor den sozialdemo- kratischen Redner gestellt. Er wurde aufgerufen; dann verzichtete er aufs Wort. Nur Herr v. Pappenheim war schlauer; er ver- zichtete nicht, sondern hielt folgende Ansprache:„Ich empfehle die Annahme deö Paragraphen." Dann lag ein Schlnßantrag fertig vor. der angeiioininen wurde. Damit war den ebenfalls vorgemerkten sozialdemokra- tischen Abgeordneten das Wort abgeschnitten. So wurden Ströbel. Hirsch und Liebknecht»im ihre Wortmeldung ge- bracht. Sie rächten sich durch kürzere oder längere Reden zur Geschäftsordnung, so daß schließlich anderZeit nicht viel oder gar nichts gespart wurde." DaS„Berliner Tageblatt" nennt das Verhalten des blau- schwarzen Blocks„allem parlamentarischen Brauch hohnsprechend": „So jämmerlich sich mehr und mehr die Debatte in eine Katz- Balgerei zwischen Nationalliberalen und Zentrum über die Frage, welche Partei sich im Bemühe» imi die Gunst der Konservativen am meisten kompromittiert habe, zuspitzte, so wurde doch der Gipfel der Wiirdelosigkcit erst erreicht, als die Generaldebatte ge- schlössen worden war und die Einzelbcratung begann. Und hier waren es die Konservativen selbst, die sich als die Herren der Situation mit soiweräuer Verachtung über die Geschäftsordnung himvegfrtzten. Sie machten cs in der Weife, daß sich zwar konservative Abgeordnete zu den einzelnen Paragraphen zum Worte meldeten, aber dann auf daS Wort verzichteten, und daß nun die noch gar nicht begonnene Debatte durch einen Schlußantrag geschlossen wurde. Man wird natürlich irgendein Präjudiz heraussuchen und hat schon gestern einige Argumente vorgebracht, um diese Handhabung der Ge- slhästsordnung zu rechtfertigen. Aber dem gesunden Menschenverstände wird es nie und n i ni in e t einleuchten. daß eine Debatte stattgefniidcii haben solle, wenn der erste zum Wort kommende Redner verzichtet und den übrigen auf der Rednerliste stehenden Abgeordneten das Wort durch einen Schlußantrag abgeschnitten wird." Die„Berk. Aolks-Ztg." sindet noch schärfere Worte: „Die koiiservativ-lleri'ale Mehrheit des Abgeordnetenhauses hat, wie ans dem ausführlichen ParlamentSbe'richt in unserem gestrigen Abendblatt ersichtlich gewesen, durch ihr Benehmen bei der gestrigen En d a b st i in M ung über die sogenannte Wahlreform ihrem volksfeindlichen, staatsverderbenden Werke die Krone aufgesetzt. Mit größerer Brutalität ist noch nie in einem Parlament eine Aiindciheit mundtot gemocht worden, als es gestern bei der„Bcralimg" der einzelnen Paragraphen der Vorlage geschah.... Natürlich ließen sich die Sozialdemo- kraten eine solche Vergewaltigung nicht gefallen; sie wehrten sich nach Kräften, und es gab L ä r m s z e n e n, die der Würde des Hauses durchaus nicht entsprachen, und für die allerdings die Konservativen allein die Verantwortung tragen. Erfrenlicherweise war die ganze Linke, von den Sozial- dcmolrateii bis zu den Nationalliberalen sich in der Bcrurteilung dieses unerhörten GewaltstreicheS einig, und die Redner der National- liberalen und der Fortschrittliche» Voikspartei sagten den reaktionär- nltramontaiici! Terroristen ungeschminkt ihre Meinung. Wseworte waren es nicht, die in reicher Fülle zur Rechten hinüberflogen. Aber die Mehrheit lachte Hohn im Bewußtsein ihrer brutalen Macht und„arbeitete" weiter, und in kurzer Zeit war das Werk der Schmach getan, und das Machwerk der Kompromißler unter Dach und Fach gebracht. Und so etwas nennt man parlamentarische Verhandlung! Wir sind fürwahr weit gekommen!" Nur e i n freisinniges Blatt kann es sich nicht versagen, sich auch bei dieser Gelegenheit an der verhaßten Sozialdemokratie zu reiben. ES ist allerdings ein Blatt, das längst in dem Rufe des dümmsten und schäbigsten Blattes steht, die„Freisinnige Zeitung". Es gehört allerdings nicht nur ein unglaublicher Grad von Dreistigkeit, sondern auch eine geradezu polizeiwidrige Albernheit dazu, wenn dies Blatt es so darstellt, als sei der Protest gegen den frechen Gewaltakt des SchnapsblockS gewissermaßen vorn Freisinn ausgegangen, wogegen„nunmehr" die Sozialdemokraten die Sache durch«schier endlose Ausführungen" verdorben hätten! In Wirklichkeit verhielt sich die bürgerliche Linke zunächst passiv. Selbst als drei sozialdemokratische Redner bereits die niederlrächtige Taktik des blau-schwarzen Blocks und die brutale Vergewaltigung gebrandinarlt hatten, rührte sich die bürgerliche Linke noch nicht. Erst als später durch einen zweiten energischen Vorstoß der Sozialdemokraten eine neue Geschäfts- ordnnngsdebatte provoziert worden war. griffen auch die Redner der Freisinnigen und Nationalliberalen ein. Und diesem Tat- bestand gegenüber diese Darstellung des Wiemer-Blattes! politilcbe(leberllckt. Berlin, den 13. April 1910. Agrarische Belästigungen. Aus dem Reichstag, 13. April. In der heutigen Sitzung hatte sich der Reichstag mit allerhand Belästigungen zu befassen, die dein Reich und Volk aus der Vor- Herrschaft des Agrariertums in unserer Wirtschaftspolitik zu danken sind. Den Anlast dazu gaben P e t i t i o n s- berichte, die nach der Kommissionsbcratung dem Plenuni zur Beschlußfassung unterbreitet waren. Zunächst entwickelte sich eine Debatte über eine Petition, die auf gänzliche Aufhebung oder doch Herabsetzung der Viehzölle auf eine angemessene Zeit hin ab- zielte. Die Kommission hatte Ucbcrgang zur Tages- ordnung beantragt, während ein sozialdemokratischer Antrag Berücksichtigung forderte. Genosse S ch e i d e m a n n machte in der Begründung dieses Antrages geltend, dast die Hand- habung der Viehzölle und der Einfuhrbestimmungcn für Schlachtvieh es glücklich so weit gebracht hätten, dast Deutschland jetzt die höchsten Fleischpreise in der Welt habe. Im Interesse der Volksgesundheit und Volksernährung müsse entschieden dagegen etwas getan werden. Das war natürlich gegenüber der kompakten agrarischen Mehrheit in den Wind gesprochen. Gegen Sozialdemokraten und Frei- sinnige wurde Nebergang zur Tagesordnung über die Petition beschlossen. Dagegen bcschlost die nämliche Mehrheit dann für eine Petition, die eine schärfere Heranziehung der Kons u m- vereine zur Besteuerung forderte, die Ueberwcisung als Material, gegen den Widerspruch der Sozialdemokraten und Freisinnigen, denen sich diesmal auch die Nationalliberalen anschlössen. In der lebhaften Debatte vertraten der antisemitische Bäcker- nieister Rieseberg und vom Zentrum der Bäckermeister S ch o f b c ck mit der plattesten Zunftkrauterei den konsum- vereinsfeindlichen Standpunkt. Genosse Schöpflin wies ver- geblich an Zahlen nach, dast jetzt schon die Konsumvereine ganzunvcrhältnismästig höher besteuert werdcnalsPrivatgeschästo und Genosse Hildenbrand ergänzte diese Argumente noch durch Anführung der Tatsache, dast gerade Bäcker selbst sich genossenschaftliche Vorteile zu schaffen suchten. ätte doch die Bäckergenossenschaft in Stuttgart eine eigene !ühlö in Betrieb. Bemerkenswert war, dast der Herr G i e s b e r t S, der Renommierarbeiter des Zentrums, sich gegen die Bekämpfung der Konsumvereine wandte. Bei der Abstimmung kletterte er aber doch in den allgemeinen Zentrumspott hinab, indem er mit der agrarischen Mehr- heit den sozialdemokratischen Antrag auf Ucbergang zur Tages- ordnung ablehnte. Schließlich gab es dann noch eine Auseinandersetzung über die E o s i n g e r st e und das E o s i n s ch w e i n. Eine Petition auf Aenderung der Gerstenzollordnung und eine freisinnige Resolution, die die Beseitigung der Eosinfärbung forderte, gab dazu den Anstoß. Alle die Nachteile der ekel- haften Eosinfärbung wurden durch den freisinnigen C a r- st e n s, den Nationalliberalen Weber und unfern Genossen Stolle gründlich erörtert,, Stolle wies insbesondere darauf hin, wie gerade die kleinen Viehzüchter schwer dadurch geschädigt würden. Auch die Benachteiligung der liahnschiffer durch die Abfärbung der Kähne beim Transport von Eosingerste wurde geltend gemacht. Half alles nichts! Der Staatssekretär Mermuth kam den Agrariern zu Hilfe mit der Behauptung, daß die Beschwerden höchst unwesentlich seien. Auch die Abstimmung gab die agrarisch« Mehrheit zu erkennen, daß sie mit der Eosinschweinerei völlig eiuver- standen ist. Am Donnerstag sieht die Interpellation Bas s ermann wegen des Eisenbahnunglücks bei Mülheim auf der Tagesordnung. Eisknbahnschinerzctt. DaS Abgeordnetenhaus fetzte am Mittwoch nach Er- ledigung einiger kleinerer Vorlagen die zweite Beratung des Etats der Eisenbahnverwaltung fort. Im ersten Teil der Debatte, t die sich mit der wirtschaftlichen Seite des Etats befaßte, forderte Abg. Dr. P achnicke tFortschr. Vp.), daß mehr Eisenbahnanlagen auf Anleihen übernommen werden. Obwohl er im großen und ganzen ein Loblied auf die Verwaltung anstimmte, mußte er doch die schlechten Verhältnisse im Berliner Borortverkehr tadeln. Der Appell, mit dem er seine AiiSführrnigen schloß, der Minister möge seinen Einfluß im Bundesrat dahin geltend machen, daß eine bessere Wirtschaftspolitik, nicht aber eine den Verkehr schädigende Politik getrieben werden möge, wird wohl unbeachtet bleiben. Agrarisch ist nun einmal bis auf weiteres Trumpf. In kurzer, aber wirksamer Rede brachte Genosse Borgmann eine ttieihe von Beschwerden vor. So wies er auf die menschen« unwürdige Beförderung auf den Berliner Stadtbahnen hin, tadelte die Bewehaltung der zweiten Wagenklasse auf der Hoch- und Unter- grnndbahn, die auf höhere Einflüsse zurückzuführen ist und von der die Direktion der Hochbahngesellschaft selbst nichts wissen will, und kritisierte vor allem das Streben, die Arbeiterfahrkarten zu beseitigen. Allerdings mußte er zugeben, daß dies auf Wunsch des Hauses geschieht, aber mit Recht legte er dar, daß das Dreiilassenparlament wie überall so auch hierbei nicht die Interessen des Volkes, sondern einseitige Interessen bestimmter Gruppen wahrnimmt. Nach weiterer unerheblicher Debatte, die sich in lokale Einzel- heiten verlor, begann die Erörterung der allgemeinen Fragen. Auf Beschluß des schwarz-blauen Blocks, der auch hier wieder eine Probe seiner VolkSfeindlichkeit ablegte. wurden hiervon alle Beamtenpetitionen getrennt, sie sollen später einmal gelegentlich be- handelt werden, wenn die feudalen Herren im Bade sind und ihre kostbare Zeit nicht mit der Erledigung von Beamtcnwünscheii zu vertrödeln brauchen. DaS hindert die Blockbrüder natürlich nicht, bei den nächsten Wahlen um die Stmimen derselben Beamten zu buhlen, deren Interessen sie jetzt mit Füßen treten. Als„Sachwalter" der Interessen der Eifenbahnarbeiter spielte sich der Zentrnmsabgeordnete Gronowski auf. Wie er die Interessen der Arbeiter wahrgenommen hat, kann man sich vor- stellen, wenn man bedenkt, daß der Minister ihn für seine AnS- führmigen belobte. Trotzdem lehnte der Minister die»vesentlichsten Forderungen der Arbeiter ab und Herr GronolvSki schien damit so- gar noch einverstanden zu sein. Donnerstag: Fortsetzung._ Die konservative Parteileitung im Kampfe gegen die Berliner Polizei. Die Leitung der konservativen Partei kann nicht ver- schmerzen, daß das Berliner Polizeipräsidium seine Genehmi- gung zur Abhaltung der drei großen Massenversammlungen am letzten Sonntag gegeben hat, und diese Versammlungen der Sozialdemokratie einen entschiedenen agitatorischen Erfolg eingebracht haben. Die Heydebrandsche Klique erläßt des- halb in der parteioffiziellen„Konserv. Korresp." einen Gegen- ukas gegen die Jagotvsche Rechtfertigung, in dem sie die Rc- gierung einer Begünstigung der Aufreizung zum Klassenhaß beschuldigt und zum Schluß�einc Aenderung des ReichSvereinS- gcsctzcs im reaktionären Sinne fordert. Das interessante Schriftstück, das in deutlichster Weise zeigt, wie die konservative Parteileitung die Regierung lediglich als einen Interessen- ansschuß der konservativen Großgrundbesitzer betrachtet, hat folgenden Wortlaut: Mit ernster Sorge sehe» preußische Patrioten der weiteren Eni- Wickelung der Dinge entgegen, die sich in letzter Zeit aus Anlaß der sogenannten Wahlrechtsdemonstrationen anbahnt. Die Staatsbehörden scheine» darüber schwankend geworden zu sein, was sie unter einer„Gefährdung der öffentlichen Sicherheit" in bezng auf Versammlungen unter freiem Himmel und Straßen- aufzügen von 50 000 bis 100 000 Personen zu verstehen haben, und sie schemen zu fürchten, daß sie durch Versagen der Genehmigung hierzu gegen die betreffenden Bestimmungen des ReichSvereins- gesetzeL verstoßen. Die Behörden werden vielleicht sehr befriedigt darüber sein, daß es vorgestern in Berlin infolge der sozialdemokratischen Disziplin zu keinerlei Unordnung gekommen ist. Aber wir niüsscn uns doch fragen, o b und wie lange diese— nach dem„Vorwärts" vorläufige— Bescheiduug dauern wird? Wenn einmal— und das wird zweifellos geschehen---» die Massen, aufgereizt durch ihre AgitatiouSredner, praktisch dazu übergehen, vom Platze locg gegen die öffentliche Sicherheit mid die Staatsorgane Sturm zu laufen, dann wird es nachträglich zu spät sein, um zu erkennen, daß solche Ausaniinlungen zu offenbaren politischen Zwecken der Aufreizung eine latente Gefahr für die öffentliche Sicherheit in sich tragen, der gegenüber im entscheidenden Augenblick die Organe der Polizei zu- nächst machtlos sein werden und die nachträglich nur durch Blut kuriert werden kann. Hatte nicht früher die Behörde die Frage bereits im Sinne der Verneinung behandelt und die Genehmigung versagt? Was hatte sich seitdem wesentlich geändert? Konnte und mußte nicht abgewartet werden, bis es richterlicherseitS ausgesprochen worden war, daß die Bestiinniungeii des neuen Vereinsgesetzes nicht aus- reichten? Mußte nicht die nenerdingL gezeigte Nachgiebigkeit und Unentschlossenheit der Staatsorgane als ein Triumph der Sozial- demokratie aufgefaßt werden? Deswegen befremdet die gegen« wärtige regierungsseitig--- bei de» im wesentlichen völlig uu- veränderten Verhältnissen— gegenüber früher eingenommene Haltung im höchsten Grade. Sie trägt zugleich eine enorme Ver» antwortlichkeit in sich. Soll mau sich auch iu Preußen wie in anderen Ländern daran gewöhnen lernen, die Rechts des Volkes nicht von der geordneten parlamentarischen Vertretung, sondern von der ungeordneten Masse der Straße vertreten zu sehen, dam» wird e» schlimm um die Ruhe deö Landes bestellt sein. Wenn die Bestimmungen dcS neuen Vereinsgesetzes gegenüber solchen Vorkommnissen für nicht ausreichend erklärt werden sollten, dam» würden wir eS allerdings bedanern müssen, daß die rechtsstehende» Parteien deö Reichstag« sich vor zwei Jahren unter den damaligen politischen Verhältnissen dem Wunsche der Regierung auf Modernisierung unseres alten preußischen Vereins- und Versammlungsrechts gefügt haben. Die Geschäftslage im Reichstage. Der Seniorenkonvent verständigte sich am Mittwoch dahin, daß der Reichstag v o r H i m m e l f a h r t bis zum Herbst vertagt werde. Den, Wunsche der ReichSregicrung, noch vor der Vertagung den Gesetzentwurf betreffend die Ent» lastung deS Reichsgerichts und den Gesetzentwurf über die Schiffahrtsabgaben, der erst nächste Woche dem Hause zugehen soll, zu erledigen, wurde widersprochen. Dagegen kam man übcrein, noch in» Laufe dieser Woche die gestern abgebrochene Debatte über die Reichsgerichts« e i» t I a st u n g zn beenden, dam» den schwedischen Handels- vertrag und die ersten gesungen deS ReichSbe steuern ngS- gesetzeS der Zuwachs st euer, der Fernsprech« gebührenordnung und einige AechnungSsache» zu erledigen. Montag soll die erste Lesung der ReichSversiche« rungS-Ordnung beginnen, ihr folgen sollen die Wahl» Prüfungen und ein I n i t i a t i v a n t r a g verschiedener Parieren betreffend die E r h ö h u n g der B e i h i l f e n der Invaliden. Um vor dein AuZemandergehen des Reichstages noch ein möglichst großes Pensum zu erledigen, sollen von fetzt ab die Sitzungen des Plenums um zwölf Uhr, die der K o m>n i s s i o n e n um neun Uhr beginnen, auch sollen die ferienfreien Tage ausfallen. Die K o in in i f f i o n e n für die Persicherungsordnung und die Strafprozetzordnung sollen den Sommer über tagen und für sie eine besondere Diätenzablung ein- treten. Auch wurde der Wunsch ausgesprochen, den Reichstag im Herbst früher als das letzte Mal zu berufen und ihm womöglich schon jetzt mitzuteilen, wann die Einberufung stattfinden werde.__ Der deutsche Haudelstag und die Sozialpolitik. Der Deutsche Handelstag ist heute in Berlin zu einer Vollversammlung zusammengetreten, um sich mir der geplanten Rcichsversicherungsordnung zu beschäftigen. Nach der Be- grützung der Versammlung durch den an Stelle des Reichs- kanzlers erschienenen Staatssekretär Dr. Delbrück und einem Referat des Handelskammcrstindikus MeeSmann-Mainz wurde ohne Debatte eine lange Resolution über den dem Reichstag vorgelegten Entwurf einer Reichsversicherungsordmmg be- schlössen. In dieser Resolution heißt es: .Die Zusammenfassung der Bestimmungen über die verschiedenen LersicherungSzweige in e i n e i n h e i t l i ch e S G e s e tz ist abzulehnen, da sie die Verständlichkeit und Handhabung der Bestimmungen erschwert. Auch läßt der Entwurf einen Aufbau der Bestimmungen in Übersicht» licher und natürlicher Anordnung vermissen. Nur diejenigen Fragen, die in erschöpfender Weise einheitlich für alle VersicherungS- zweige geregelt werden können, sollten in einem gemeinsamen Mantelgesetz behandelt werden. Daneben aber sollte man für jeden Lersicherungszweig ein besonderes Gesetz erlassen.... Für einen gemeinsamen ort- lichen Unterbau der verschiedenen Bcrsicherungszweige besteht kein Bedürfnis. Neue Behörden neben den VersicherungS- trägern bringen keine Bereinfachung, sondern erschweren die Ueber- sichtlichkeit, schaffen Unklarheit über die Instanzen, machen das Verfahren umständlicher und verursachen große Kosten, ohne einen erkennbaren Nutzen zu stiften.... Einen er- heblichen Fortschritt strebt der Entwurf mit der Verein- heitlichung der Zuständigkeit und des JnstanzenzugeS an: doch ist hierzu die Schaffung der VerstcherungSämter nicht erforderlich. ES genügt, die bisherigen Schieds- gerichte für Arbeiterversicherung unabhängig zu machen, auszubauen und mit der Entscheidung über Streitig« leiten in der Ärankenversicherung in der zweiten Instanz, in der Unfall-, Invaliden- und Hinterbliebenenversicherung in der ersten Instanz, ferner mit der Entscheidung über Streitigleiten zwischen den Versicherungsträgern zu betrauen. Darauf beschäftigte sich der Handclstag mit der Regelung der Krankenversicherung, bezüglich der er nach einem Vortrag des HandclSkamniersyndikus Dr. Dietrich- Plauen fot gende Forderungen aufstellte: „Mit der beabsichtigten Ausdehnung des Kreises der der- sicherte» Personen erklärt sich der Deutsche HandelStag einvcr- standen. Dies gilt insbesondere auch hinsichtlich des HauS� gcwerbeS, jedoch mit der Eiuschränkniig. daß als Hausgewerbe' treibende nicht Inhaber von Fabriken gelten sollen, und daß der Bundesrat befugt sein soll, aus besonderen Gründen HanSgcwerbetreibonde und ihre h a u s g e w e r b- l i ch Beschäftigten von der Kranke nversiche- r u ii gS Pflicht zu befreien. Der Beseitigung der Ge meindekranlenversicherung und der Schaffung von Landkranken- lassen ist zuzustimmen. Dagegen ist die Erschwerung der Errichtung neuer und des Fortbestandes vorhandener Betriebs- krankeiikaffeii nachdrücklich zu bekämpfen und es mutz in Anerkemiuiig der Leistungen dieser Kassen und ihrer sozial- politischen Bedeutung befürwortet werden, daß in den genannten Beziehungen am gegenwärtigen Rechtözustaiide nichts g e- ü n d e r I werde. Der Erhöhung der Arbeitgebcrbeiträge von Vz auf'/» stehen nicht unerhebliche Bedenken entgegen; doch soll ihnen keine ausschlaggebende Bedeutung beigemessen werden, da mit der Gleichstellung der Pflichten die Gleichstellung der Rechte der Arbeitgeber mit denen der Versicherten verbunden ist und es im allgemeinen staatsbürgerlichen Interesse liegt, den Einfluß der Arbeitgeber bei der ehren amtlichen Ler waltuug namentlich der OrtSkrankcnlasscn zu stärken. In ähnlicher Erwägung ist die Absicht zu begrüßen, bei den Wahlen zu den Organen der OrtSkraiikenkaffen die Ver- hältniswahl und für die Arbeitgeber ein gestaffeltes Wahlrecht einzuführc»._ Die preußische Wahlreform vor dem Herrenhaus. Auf der Tagesordnung für die nächste Plenarsitzung des Herrenhauses, die am Freitag, den lö. April, mittags 12 Uhr, anberaumt ist, steht als einziger Punkt:„Beratung und Beschluß- fassung über die geschäftliche Behaudlung des von dem Hause der Abgeordneten unter Abänderung der Regierungsvorlage an- genommenen Entwurfes eines Gesetzes zur Abänderung der Vor- fchriften über die Wahlen zum Hause der Abgeordneten". Die konservative und die neue Fraltion de« Herrenhauses wollen am Donnerstag Sitzungen abhalten, um Stellung zur Wahlrechtsvorlage zu nehmen. Man nimmt an, daß in der Plenarsitzung am Freitag Anträge noch nicht gestellt werden, sondern nur eine General- dislussion eröffnet werden wird, die vielleicht nur einen Tag in An- spruch nehmen wird. Die SpezialPrüfung der Vorlage bleibt der Kommission überlasten, in der die Mehrheit natürlich der konservativen Fraltion augehört. Zur ReichStagsersatzwahl in Jauer-Landeshut. Die rcchtSstchcndeii Parteien hotten zuerst die Absicht, den Bündler Aus dem Winckel-Logau als gemeinsamen Kandidaten auf- zustellen. Bei der Empörung, die gegenüber dem Bunde der Land- wirte jedoch in weiten Kreisen besteht, erscheint daö zu bedenklich, und deshalb soll nun der freikonservatwe Landtagsabgeordnete AintSvorsteher Baensch-Schmidtlein aufgestellt»verde». Daö An- sinnen, im Falle seiner Wahl der konservativen Partei beizutreten, soll dieser Erkorene abgelehnt haben. Hätte«r sich dazu bereit er» klärt, dann wäre er im Landtage freiionscrvativ, im Reichstage deutschkonservativ gewesen. Schließlich wäre daö allerdings egal ge- Wesen, denn welche Paiteibezeichnung sich ein Reaktionär beilegt, darauf komnit es schließlich nicht an. Die Justiz gegen den Wahlrechtskampf. In Frankfurt a.M. wurde der Genosse Reinhold OpificiuS zu St) 0 M. G e ld stra se verurteilt, weil er sich bei der Wahl- rechtsdemonstration vom IS. Februar gegen die preußische Ordnung vergangen haben soll. Der Staatsanwalt hatte vier Monate Gefängnis beantragt. In Königsberg verurteilte das Schöffengericht 21 Per- s o n e u wegen Hochrufes auf daS Wahlrecht zu Strafen .._ von bis drei W ochen Haft. Wie unpaneiisch"der Vorsitzende war, zeigte sich darin, daß er noch vor der Beweisaufnahme die Wahl- ließ die Mannschaften während der Jnjtrultionsstunde in der Knie- rcchtskundgebtmgen als»brüllend* bezeichnete. j beuge stehen. Lattfschritt auf der Stelle,»Hinlegen" und anderes Vor dem Schöffengericht zu M ü h l h a u s e u i. Thür, stand am Mittwoch wieder ein Wahlrechtsdemonstrant. Vorige Woche be- stätigte das Gericht eine Polizeistrafo über 10 M.. die ein Arbeiter wegen Hochrufeiis auf das freie Wahlrecht erhalten hatte. Jetzt entschied es gegenteilig. Ein Genosse hatte bei der Straßen- demonstration am 13. Februar ein Hoch auf das freie Wahlrecht ausgebracht und erhielt desivegen ein polizeiliches Strafmandat über 30 Mark. DaS Schöffengericht sprach ihn frei, weil grober Unfug in dem Hochruf nicht erblickt werden könne. Als Grund für diese der früheren entgegengesetzte Eni- scheidung gab das Schöffengericht an. daß der Beschuldigte den sozialdemokratischen Zug nicht von Anfang an mitgemacht habe. — Sechs weitere Deinoiistranten sollten den Verkehr gestört haben, weil sie der Aufforderung der Schutzleute, die Straße zu verlasien, nicht schleunigst Folge geleistet hatten. Sie wurden bestraft.. Das Gericht setzte nur die Polizeistrasen etwas herab. Selbst zwei Leute mit verkrüppelten Füßen, die nicht schnell laufen konnten, wurden verurteilt. Ein anderer wurde wegen SchntzmannS- beleidigung mir 20 M. bestraft, weil er gerufen hatte:»Die Polizei will sich wohl blamieren 1"_ Reichstagsinterpellation über das Mülheimer Eisenbahnunglück. Die Abgeordneten Ba s s e r in a n u und Genossen(natl.) haben im Reichstag folgende Interpellation eingebracht: Was gedenkt der Herr Reichskanzler zu tun, um die Wiederkehr von Eisenba hnunsällen, wie des- jenigen bei Mülheim am Rhein zu verhüten und die Opfer des- selben oder ihre Familien zu entschädigen? Ei» beweiskräftiges Fragezeichen. Die fromme„Germania" hat gesündigt und der liebe Gott hat sie gestraft. DaS„Berliner Tagcbl." brachte kürzlich ein Privat- telegramn, aus Rom, das ein merkwürdig gülistigeS Urteil deö Fürsten B ü l o w über den Papst wiedergab. Die„Germania" druckte dieses Telegramm ohne Quellenangabe nach. Aber was liberalen Blättern so oft ohne schlimme Folgen gelingt, das sollte dem frommen Blatte zum Verderben werden. Denn wen Gott liebt, den züchtigt er. Die Entdeckung aber erfolgte folgendermaßen. DaS„Berliner Tagebl." erzählt: „Wir hatten nach dem Satze, Bülow habe bei Pius Güte und Einfachheit gefunden,„gepaart mit so erhabener Intelligenz, daß mich Staunen erfaßte" ein Frage- zeichen in Klammern hinzugefügt. Seltsamerweise hat sich die „Germania" bewogen gefühlt, an der gleichen Stelle auch ei» Fragezeichen zu setzen. Auch in Klammern. WaS will sie oamit sagen? Einem liberalen Blatte wird es ja erlaubt sein, die er- habene Intelligenz des Papstes nicht bedingungslos zu bewundern. Aber auch einem klerikalen? Will die„Germania" unter die Modernisten gehen?" Man sieht, ivemi in ein Zentrumsblatt Wahrheit kommt, so nur durch— Diebstahl._ Der bayerische Postetat. München, 11. April. Der Postetat Bayerns schließt mit 72 Millionen Einnahmen und mit 50 Millionen Ausgaben ab. Der an die Staatskasse abzuliefernde Ileberschuß stellt sich auf Zt/z Millionen. In der Generaldebatte, an der von unserer Seite Genosse Eduard Schmitt sich beteiligte, wird besonders gesprochen über die Postsparkassen»md den Po st s checkverkehr. Der Postscheckverkehr habe sich in den letzten Jahren in Bayern sehr gut entwickelt, sei aber noch weiterer Ausdehnung fähig. Bedauert wird allseitig, daß die Postsparkassen bei uns in Deutschland noch keinen Eingang gefunden haben, während sie z. B. in Oesterreich eine große Entwickelung genommen hätten- Dort wäre die öiegierung in der Lage gewesen, eine große Staatsanleihe vollständig und mit Leichtigkeit bei den Postsparkassen unterzubringen. Man wünscht allerseits, daß Bayern beim Reiche auf Eiitsührung der Postsparkassen dringt und wenn nicht anders möglich, allein auf diesem Gebiete vorgeht. Weiter wird von den Rednern darüber Klage geführt, daß auch Bayern die Erhöhung des O r t s p o r t o s mitgemacht habe und sich beharrlich weigere, zu den früheren Sätzen zurückzukehren. Wem, die Regierung behaupte, daß das Publikum sich jetzt an die erhöhte» Sätze gewöhnt habe, so sei daS ein schwerer Irrtum. „Das Verlangen nach Verbilligung der Vcrlehrseinrichtungen bestehe weiter. Auch der Wegfall des An kunfts stein pels auf den Briefen wird absällig beurteilt mtd der Wunsch ausgesprochen, daß im Interesse der Sicherheit des Verkehrs wenigstens bei eingeschriebenen Briefen der Aiikunftsstempel wieder eingeführt wird. Aus einer militärischen Ferienkolonie. Vor dem Kriegsgericht der 8. Division in Halle spielte sich, wie schon kurz gemeldet, ein Prozeß ab, der ein grelles Licht auf den Charakter der heutigen Militärjustiz wirft. Die Verhandlung ging hinter verschlossenen Türen vor sich, weil angeblich militär-dienstliche Interessen gefährdet waren. DaS Gericht hielt eS für notwendig, noch vor der Verlesung der Anklage und Feststellung der Per« sonalien der Angeklagten die Oeffentlichkeit vollständig auSzu- schließen. Während der Verhandlung wurden die Zeugen scharf bewacht und in verschlossenen Zimmern gehalten. Man versuchte auch, die Berichterstatter der Presse aus dem KriegLgerichtSgebäude auszuweisen beziehungsweise über den VerhandlungSbeginn irre- zuführen. Wie nötig das im Sinne der militärischeil Abgeschlossen- heit war, zeigt die Tatsache, daß den acht Angeklagten nicht weniger als rund 700 Mißhandlungsfälle oder solche„vorschriftswidriger Behandlung" borgeworfen wurden! Angeklagt waren der Rittmeister Saubert wegen Unter- drückung von Beschworden Mißhandelter, Leutnant von Wuthenau, die Sergeanten Latze, Fehling, Neumann, die Uilterosfizierv Jager. Schulz, der Gefreite Klinke und der Kürassier Au de. Sämtliche Angeklagten gehören der vierten Schwadron des Halbcrstädter KürassierregimentS an. Mehrere Desertionen gaben den Anlaß zur Untersuchung der Angelegenheit, die dann ganz schauderhafte Zustände aufdeckte. Den Hauptbelasteten, Unterofsizieren Jager und Schulz, wurden mehr als 100 Miß- handlungsfälle vorgeworfen, der Sergeant Latze hatte es bis 150 Fälle gebracht. Die Untersuchmig war eine recht langwierige und schwierige gewesen, da die Angeschuldigten unter Mißbrauch der Dienstgewalt die Mißhandelten zu bestlinnien suchten, nicht gegen sie oder falsch auszusagen. Welcher Art die Mißhandlungen bezw. die vorschriftswidrige Behandlung gewesen, ergibt sich aus folgenden Proben, die teils bei früheren Prozessen, teils bei der Urtcilsbegrültduiig mitgeteilt wurden. Die Relruten sind mit allen möglichen Gegenständen geschlagen worden; eS wurden genannt Hose, Trense, Wagenschlizze, Degen- scheide, Stöcke usw. Ein Rekrut konnte, nachdem er boi» der Degen- scheide»berührt" worden war, andern Tages seine Stiefel nicht anziehen. Die Rekruten, die blutig geschlagen waren, wurden bestimmt anzugeben, daß die Wunden durch aus- schlagende Pferde verursacht worden seien! Die unzähligen Ohr- seigen, Püffe in Rücken und Brust, das Zerren an Ohren und Nasen wurden vom Gericht als„unerheblich" und„minderschwer" angesehen. Die Leute mußten, nachts aus tiefstem Schlaf aufgeweckt. aufstehen und putzen und flicken. Mittags mußten sie ebensalls putzen, so daß sie kein Mittagessen bekamen. Der angeklagte Leutnant ließ die Mannschaften während der Jnstruktionsstunde in der Knie- lvurden„geübt". Die beiden Unteroffiziere legten einmal im Etat! dem am ineisten gepeinigten Rekruten Taubert, der nicht weniger als fünfmal ans der Schwadron entflohen ist, einen Strick ans Bein und hießen ihn laufen, so daß er zu Boden stürzen mußte. Einmal, als die Leute angeblich schlecht geritteu hatten, nahm einer der ange- klagten Sergeanten ein schaumbedecktes, schmutziges Pferdegebiß und steckte es ei nem Relruten in den Mund. Daran zeigte er dann die richtige Behandlung des Pferdes so, daß dem Relruten die Zähne gebrochen wurden und eine Zahn krank heit cnt- stand. Das Kriegsgericht glaubte diesem Stellvertreter Gottes» daß er nur„aus Liebe zu den Pferden" so gehandelt habe!— Der Rittmeister erhielt 7 Tage Stubenarrest, weil er eine Meldung über Mißhandlungen unterdrückt hat. Der Leutnant kam mit 3 Tagen Stubenarrest davon. Sergeant Latze erhielt wegen nachgewiesener 53 Fälle von Mißhandlungen und 28 Fälle vorschriftswidriger Behandlung— sechs Wochen Mittelarrest. Sergeant Fehling wegen S Fällen Mißhandlung— darunter der zuletzt geschilderte schwere!— und 27 Fälle vorschriftswidriger Behandlung ebenfalls sechs Wochen Mittelarrest. Die gleiche Strafe erhielt Unteroffizier I a g e r, dem 73 Mißhandlungsfälle und 36 Fälle vorschriftswidriger Behandlung nach- gewiesen wurden. Der Unteroffizier Schulz für 24 Mißhandln ngsfälle und 37 Fälle vorschriftswidriger Behandlung fünf Wochen. Sie alle hatten außerdem die B e- einslussung Untergebener unter Mißbrauch der Dienstgewalt auf dem Kerbholz. Der angeklagte Gefreite erhielt fünf Tage Mittelarrest, die beiden letzten Angeklagten wurden völlig freigesprochen. In der Urteilsbegründung hieß es noch, daß die Vorgesetzten sich zum Teil nur vom dienstlichen Eifer soweit hätten fortreißen lassen, sämtliche Fälle von Miß- Handlung seien minder schwer! Die so überaus glimpflich Davoiigekommenen nahmen sämtlich die Strafen an. Die Herren Unteroffiziere ergingen sich fast in Freudensprüngen. Nach Abbüßung ihrer geringfügigen Strafe werden sie wieder auf die unglückseligen Mannschaften losgelassen und wehe dem„Gemeinen", der sich, zur Verzweiflung getrieben, einmal an einem dieser Menschenquäler vergreist!_ Aus der Armee. Der Kaiser hat, den„Kieler Neuesten Nachrichten" zufolge, das Abschiedsgesuch des kommandierenden Generals des 0. Armee- korps, General der Kavallerie Freiherr v. Vietinghoff. genehmigt. Zu seinem Nachfolger ist der Generalleutnant Freiherr v. Wetten- berg unter Beförderung zum General ernannt worden, frankreick. Ei» rumänischcr Azew? Paris, 11. April. tEig. Ber.) Ein in der internationalen anarchistischen Boheme ziemlich bekannter Herr, der angebliche Doktor der Philosophie Reich mann, ist jetzt in eine unan- genehme Sache verwickelt. Reichmann war hier im Januar auf, getaucht— als„politischer Flüchtling". Am 8. Dezember 1900 war in Bukarest das Attentat gegen den Ministerpräsidenten I. B ra. l i a n o ausgeführt worden. Zwei Tage darauf wußte die offiziöse „Judependance roumaine" zu melden, daß die Polizei in der Nacht Reichmann habe holen lassen. Während der Verfolgungen, die sich an das Attentat anschlössen, gelang es indes Reichmann, ins Aus- land zu kommen, durch ivelche glückliche Fügung er der Gefahr ent- ging, in den Prozeß des Attentäters Salea verwickelt zu werden. In Paris suchte Reichmann Anschluß an rumänische und andere Anarchisten. So hat er sich z. B. auch im hiesigen deutschen anarchistischen Zirkel Eingang verschafft. Einer voa seinen rumä- nischen Freunden, ein gewisser Barbu Ephtimiu, behauptet nun, Reichmann habe ihm enthüllt, daß er das Attentat gegen Braliano im Einvernehmen mit der Polizei an» gestiftet habe. Er teilte dies dem„A d e v e r u l" mit, der den Brief am 10. März veröffentlichte. An demselben Tag erhielt Reichmann ein Telegramm ans Bukarest, das ihn aufforderte, Paris sofort zu verlassen und nach London zu gehen. Am 14. März schrieb er von dort an seinen Ankläger einen Brief, worin er neben der Beschuldigung des Vertrauensbruches und drohenden Wendun- gen die sehr seltsame Behauptung aufstellte, er habe nur die Auf» richtigkeit des Adressaten auf die Probe stellen wollen. Die Verdächtigkeit des Reichmann war aber auch von anderer Seite hervorgehoben worden, nämlich von dem ehemaligen rumänischen Gerichtsbeamten Dragu, der diesen Gegenstand im „Courrier Europäcn" vom 10. und 25. März behandelte. In den letzten Tagen ist nun Reichmann nach Paris zurückgekehrt, um sich einem revolutionären Gericht zu stellen. < Geisteskrank. Saint Etienne, 13. April. Hier ist ein Dreher namens Duplanil verhaftet worden, der sich in das Hotel, in dem B r i a n d auf seiner Wahlreise abgestiegen war, begeben und dort dringend den Ministerpräsidenten zu sehen verlangt hatte. Bei »hm wurden ein Dolchmesser und zwei geladene Revolver gefunden. Er erklärte, er habe Briand töten wollen, weil dieser ihm seine Ehre geraubt habe. Später beklagte er. ein Opfer der S p i r i» tisten zu sein. Duplanil steht im Alter von 37 Jahren und leidet an V e r f o l g u n g s w a h n s i n n. Er hat auch be- reits wegen Bedrohung verschiedener Persönlichleiten unter An- klage gestanden. Da er unzusammenhängendc Angaben macht« wird ex allgemein für geisteskrank gehalten. Eue der Partei. Die Wahlorgauisation der schwedische», Sozialdemokratie. Der Hauptvorstand der schwedischen Sozialdemokratie hat dieser Tage über eine Umgestaltung der Parteiorganisation beschlosten und die hierzu von einem besonderek Komitee aus- gearbeiteten Vorschläge gutgeheißen. Die Parteiorganisation wird damit der neuen WahlkreiSeinteilung angepaßt, und neben den Distriktsorganisationen, die im allgemeinen mit\der Einteilung des Landes in Regierungsbezirken übereinstimmen, werden besondere WahlkrciSorganisationen geschaffen. DaS Komitee sowohl wie der Parteivorstand rechneten auä, damit, daß die Wahlbewegungen unter den neuen Wahlrechtsverhältnissen größere finanzielle Opfer erfordern werden, und daß sich deswegen eine Erhöhung der Parteibeiträge notweiidig machen wird, die zu beschließen jedoch Aufgabe des nächsten Parteitages sein muß. ES soll aber auch schon jetzt für die Schaffung eines Wahlfondö der Partei und besonderer Wahlfonds der DistriktSorganIsatioilen gesorgt werden, und zwar teils durch freiwillige Beiträge, teils durch Zu- Wendungen von den Organisattone». die in den Arbciterkommunen zusammengeschlossen sind. Ferner sind besondere Bestimmungen für die Vorarbeiten zu den Reichstags- sowohl wie den LandtagSwahlen, für die Aufstellung der Kandidaten usw. geschaffen worden. Die Beschlüsse gelten bis zum nächsten Parteitag. polireilickes, Sericbtticbea uftv, Berechtigte Interessen. Vom Schöffengericht Hohenstein» E r n st t a l wurde der Stadtverordnete Genosse Griesebach freigesprockieii auf Grund des 8 183 des Strafgesetzbuches. Er sollte in seiner Eigenschaft als Stadtverordneter eincn Schuldirektor beleidigt haben, als er bei Beratung des Haushaltsplanes der Stadt Mißstände in der Schule kritisierte. GewerkfchaftUcbee. 8cbarfniad«rtcrror im Baugewerbe. Einen tiefe» Einblick in die terroristische Aussperrungspolitik des Deutschen Arbeitgeberbundes für das Baugewerbe gibt ein Ar- tikel des„Leipziger Tageblattes"(Wendausgabe vom 12. April), in dem festgestellt wird, daß die Leipziger Bauunternehmer sich nur dem Zwange der Zentralstelle in Berlin fügen, selbst aber gar keine Neigung zur Aussperrung hätten. Das„Leipziger Tageblatt" hat an die in Betracht kommen- den Firmen eine Umfrage gerichtet; es faßt deren Ergebnis wie folgt zusammen: Bon dem Beschluß der Versammlung der Leip- ziger Baunternehmer im Siebenmännerhaus am 11. April sei nach den Beschlüssen der letzten Berliner Versammlung niemand mehr überrascht gewesen: „Im Leipziger Baugewerbe selbst besteht im all- gemeinen wenig Sympathie für den Kampf, der in der Hauptsache von den süddeutschen Arbeitgebern herauf- beschworen ist, da man hier eigentlich gar keinen Grund zu einem solchen Kampfe hat. Die Verhältnisse auf dem Leipziger Bau- markt liegen derart, daß von einer ernsten Differenz zwischen Arbeitgebern und-nehmern keine Rede sei» konnte, jedenfalls nicht in dem Maße, daß nicht eine Einigung hätte erzielt werden können. Der Kampf ist von der Zentralstelle aufgezwungen und wird deshalb durchgeführt." Diese Aeutzerung des„Tageblattes" spricht Bände für die Frivolität des Bauunternehmertums. Der Deutsche Jndustriellenverband soll nach zuverlässigen Mit- Teilungen den Arbeitgebern im Baugewerbe als erste Rate den Be- trag von 3 Millionen Mark zur Verfügung gestellt haben. Auch der Reichsvcrband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie soll dem Deutschen Arbeitgeberbund eine finanzielle Unterstützung in Aus- ficht gestellt haben. Der Antrag, die 3 Millionen als erste Rate zu bewilligen, soll von den Kohlcnmagnaten deö Ruhrgebiets gestellt worden sein. « �«> Der Arbeitgeberbund im Kreise Alten! krchen trill ein absonderliches Mittel zur Niederzwingung der Arbeiter anwenden. Er verlangt die Unterschrift folgenden Reverses durch die Arbeiter: „Hierdurch erkläre ich. daß ich weder Mitglied des Zentral- Verbandes christlicher Bauhandwerker und Bauhilfsarbeiter, noch irgendeiner anderen Organisation bin und nicht seit dem 1. April dieses Jahres gewesen bin. Falls sich herausstellen sollte, daß diese meine Angabe auf Unwahrheit beruht, verpflichte ich mich, vom 12. April dieses Jahres ab mit sechstägiger Kündigung zu einem Stundenlohn von 30 Pf. zu arbeiten. Diese Verpflichtung hat rückwirkende Kraft mit der Matzgabe, daß ich etwa zuviel bezahlten Lohn zurückzahle oder mir einhalten lasse, falls sich meine Angabe später als unwahr herausstellen sollte." Nebenbei bemerkt, beträgt der Stundenlohn in Alten- k i r ch e n 10— 48 Pf. Dieser Revers verrät viel scharfmacherischen Sinn, jedoch wenig Gesetzeskenntnis. Der Gewerberichter wird wohl diesen Scharfmachern noch plausibel machen müssen, daß auch für Arbeitsverträge Treu und Glauben gelten muß. Nach den vor einiger Zeit gefaßten Beschlüssen vom Arbeit- geberverband für das Baugewerbe für Köln und Umgegend sollen am Freitag, den 13. April, sämtliche Maurer und Bauhilfs- arbeitcr, soweit sie in den den Arbeitgeberorganisationen ange- schlossenen Betrieben beschäftigt sind, ausgesperrt werden. Die Arbeiter haben in zahlreichen Versammlungen beschlossen, die Be- dingungen des Unternehmerverbandes nicht zu akzeptieren. Der Kampf in den mittel- und niederrheinischen Städten ist unver- meidbar und werden seitens der Arbeiter alle Vorbereitungen getroffen. Aussperrungen sind von den Arbestgeberverbänden angesagt für Provinz Posen, Schlesien, Frankfurt a. M.. Dresden, Graudenz und für Baden, In Magdeburg finden Verhandlungen statt. Berichtigung. Zu der Mitteilung über den außerordent- lichen Gewerkschaftskongreß sei berichtigend mitgeteilt, daß der Sachverständigenkommission Frau Louise Zieh(Mit- glied des Parteivorstandcs), nicht Genosse Z i e tz s ch, angehört. Kerlin und Umgegend. Die Tarifbewegung der Steinmetzen ivirst offenbar auf friedlichem Wege zum Abschluß eines neuen Tarifvertrags führen. In einer zahlreich besuchten Generalver- lammlung der Steinarbeiter, die am Dienstag den großen Saal der Arminhallen füllte, berichtete Winckler über den Verlauf und das Ergebnis der Verhandlungen, die diesmal nicht mit der Innung, sondern mit dem Verband der Steinmetzgeschäft« Berlins geführt wurden. Allerdings ist bei den Verhandlungen nicht viel herausgekommen. Die Forderung, die auf den Werkplätzen gel- tcnde achtstündige Arbeitszeit aus die Bauten auszudehnen, haben die Unternehmer rundweg abgelehnt und auch für eine» Vermitte- lungsvorschlag, diese Arbeitszeitverkürzung wenigstens für die von den Maurern unabhängig arbeitenden isteinmetzen auf den Bauten zu bewilligen, waren sie durchaus nicht zu haben, wie sie sich über- Haupt von vornherein gegen jede Verkürzung der bestehenden Ar- beitszeit aussprachen. Nur die, lediglich die Einteilung der Ar- beitszeit berührende Forderung, daß unter Wegfall der Vesper- pause um 2 Uhr Feierabend sein soll, fand ihre Zustimmung. Die Forderung auf Erhöhung des Stundenlohnes um 2 Pf. schien den Unternehmern ebenfalls gänzlich unannehubar. Wenn überhaupt irgendwelche Lohnerhöhung bewilligt werden sollte, so müsse der Tarif auf mindestens drei Jahre abgeschlossen werden. Schließ- lich erklärten sie sich bereit, bei einem dreijährigen Vertrag den Stundenlohn vom 1. April 1911 ab um 2 Pf., also auf 90 Pf. zu erhöhen. Für Ueberzeitarbeit bewilligten sie die geforderte Er- höhung des Zuschlags von 20 auf 22 Pf., für Nachtarbeit von 40 auf 43 Pf., jedoch auch erst vom 1. April 1911 ab. Sonntagsarbett soll bis zu diesem Datum mit 1,30 M. die Stunde, dann mit 1,20 Mark bezahlt werden. Die Abschaffung der Akkordarbeit lehnten die Unternehmer rundweg ab. sie fanden sich jedoch bereit, bei Akkordarbeiten, die sich nach dem Akkordtarif nicht berechnen lassen, den Stundenlohn zu garantieren. Ferner sind neue Ver- einbarungen über Fahrgeld- und Fahrzeitvergütung getroffen worden, die jedoch auch nicht ganz den aufgestellten Forderungen entsprechen. Als Ortszulage bei Arbeiten außerhalb Berlins und der Vororte wurden 2 M. pro Arbeitstag zugestanden statt der geforderten 3 M. pro Tag. Die vierteljährige Kündigungsfrist, die bei dem letzten Tarifvertrag auf Wunsch der Arbeitgeber ausge- schaltet wurde, ist in den neuen wieder aufgenommen. Außerdem soll der Passus aufgenommen werden, daß wenn ein Reichsakkord- tarif zustande kommt, dieser an die Stelle der Vereinbarungen tritt.— Der Referent empfahl der Versammlung im Namen der Tarifkommission, die Vorschläge gutzuheißen. Nach einer rege» Debatte, in der die Mißstimmung über das nicht befriedigende Ergebnis der Verhandlungen Ausdruck fand, erklärten sich die Bau« und Grabsteinmetzen mit 163 gegen 77 Stimmen mit den Verein« barungen einverstanden. Im übrigen wurde in der Versammlung die Abrechnung vom 1. Quartal dieses JahrcS vorgelegt. Die Einnahmen waren, den alten Bestand von 8222,84 M. mi ige rechnet, 14 098,66 M., die Ausgaben 4708,84 M., so daß ein Bestand von 9389,82 M. übrigblieb. Für Kraukenunkcrstützunz wurden auf Rechnung der Hauptkasse ausgegeben 1239 M., für ReiseunterstützuNg 201 M., für Streik- Unterstützung 62 M. Abgeliefert an die Hauptkasse wurden in bar 1200 M. Die Versammlung erteilte dem Kassierer Winckler einstimmig Decharge.— Als Delegierte zuin bevorstehenden Ver- bandstag wurden Handschke und Ohngcmach gewählt. Zum Streik der Lritcrgerüstbaucr bei der Aktiengesellschaft Berliner Leitergerüstbau- und Leihanstalt(L. Alt mann), Ehar- lottenburg, ist zu berichten, daß die Situation für die Streikenden äußerst günstig ist. Am gestrigen Tage arbeiteten 11 Poliere mit einigen Rüstarbcitern und 2 Kutschern. Es gelang den Streiken. den, nicht nur die Nüstarbeiter, die bisher gearbeitet haben, zur Niederlegung der Arbeit zu bewegen, sondern auch jeden ferneren Zuzug fernzuhalten. Es arbeiten nunmehr noch die 11 Poliere mit 2 bis 3 Rüstarbeitern sowie 1 Kutscher und dürfte es gelingen, auch diese zu bewegen, sich dem Streik anzuschließen. Die Strei- kenden sind guten Muts und hoffen, durch Einigkeit und Ausharren ihre gerechten Forderungen durchzudrücken. Arbeitswillige haben sich sonst nicht weiter gefunden. Nochmals richten wir an die Arbeiterschaft das dringende Ersuchen, strengste Solidarität zu üben und unZ in unserem Kampfe zu unterstützen. Arbeitcr- freundliche Blätter lverden um Abdruck gebeten. Deutscher Transportarbeiterverband. Bezirk Groß-Berlin. Fensterpuverstrcik. Bei dem Großen Internationalen Fenster- reinigungsinstitut S t ö h r u. Co., Petristratze 17/18, sind die Fen st erputzer Wegen Lohndifferenzen und brutaler Maß- regelung in den Ausstand getreten. Wir richten an die Arbeitcr- schaft die dringende Bitte, strengste Solidarität zu üben. Zuzug ist streng fernzuhalten. Alle arbeiterfreundlichen Blätter werden um Abdruck gebeten. Hoch die Solidarität! Deutscher Transportarbeiterverband. Bezirk Groß-Berlin. Brauerciarbeiterverband. Bei der am 10. April d. I. statt- gefundenen Wahl der Delegierten zum diesjährigen Verbandstag in Berlin wurden von den Mitgliedern der Ortsverwaltung Berlfn 1776 Stimmen abgegeben, von welchen 36 ungültig waren. Als Delegierte wurden gewählt und erhielten Stimmen: Jurisch 1411, Wilh. Richter 1398. Hey der 1393, Hodapp 1360, S ch u l d t 1342. Als Ersatzmänner wurden gewählt und erhielten Stimmen: Person 1237, Willi Schmidt 1198, Schwedler 1172, Pankalla 1087, Großfuß 929. Außerdem erhielten ncch Stimmen: Richard Knappe 861, Hermann Kraft 824, T u n a ck 790, Boy 748, Wilh. Schulze 741. Zerspittert 13 Stimmen. Zentralverband der Schuhmacher Deutschlands. Bei den am Sonnabend, den 9. April, vorgenommen Wahlen der Delegierten zum Kölner Verbandstag wurden 620 Stimmen abgegeben, wovon 12 ungültig waren. Es erhielten Stimmen: Bend ix 262, B u r g e r 410, Herrmann 401, Weißenborn 401, Hilde- b r a n d 326, Valerius 282, H a n n i g 247, O l l r i ch 178, M e t k o w 123, W u s s o w 133, Börner 1. Die ersten fünf Kollegen sind somit gewählt. veuvkcbes Reich, Die Schneider in Mülhausen i. Elf. haben Montag wegen Ver- schleppens der Tarifverhandlungen die Arbeit eingestellt. Einzelne Geschäfte haben den von den Arbeitern vorgelegten Tarif unter- zeichnet; mit den größten Geschäften wird verhandelt. Zuzug ist streng fernzuhalten. IZusland. Die österreichische Lithographenorganisation, der Senefelder- bund, feierte dieser Tage ihren 30jährigen Bestand und hielt ihre Generalversammlung ab, an der auch Genossin Paula T h i e d e- Berlin und Genosse Hermann M ü l l e r-Berlin in Vertretung der deutschen Druckereihilfsarbeiter beziehungsweise Deutschen Senefelderbundes teilnahmen. Der Vorsitzende, Genosse Karl Mühlberger, konnte von erfolgreichen Bewegungen berichten, die den Steindruckern den 8-, den Chemigraphen den 8(4stündigen Arbeitstag gebracht haben. Die Verhandlungen mit der t s ch e ch i- s ch e n Gehilfenorganisation sind trotz weitgehenden Entgegen- kommens des Senefelderbundes gescheitert. Die Einnahmen be- trugen 1909 128 406 Kronen, die Ausgaben 147 992 Kronen, der Vermögensbestand 148 953 Kronen, die Mitgliederzahl samt Hilfs- arbeitern und-Arbeiterinnen 3801. Von den gefaßten Beschlüssen ist einer hervorzuheben, der durch die Tätigkeit mancher Verbands- Mitglieder in Nordböhmen als Agitatoren der deutschnationalen Unternehmerpartei angeregt worden war. Hierzu wurde beschlossen, daß„Mitglieder, die Vereinen mit gegnerischer Tendenz, nationalen und gelben Vereinen angehören oder Vertrauensstellungen in bürgerlichen Parteien innehaben, nicht geeignet sind, einen Vertrauensposten in unserer Organisa- tionzubekleiden."— Es wurde auch den Mitgliedern durch Beschluß zur Pflicht gemacht, nur mit organisierten Hilfsarbeitern und-Arbeiterinnen ge m Mahon wurde desavouiert. Die Pertrauenslcute der Motor- sührec und Kondukteure verwarfen einstimmig das Abkommen, das im günstigsten Falle doch nur einen faulen Frieden darstellte. Wäre er doch lediglich unter der Einwirkung der um ihren poli- tischen Einfluß besorgten republikanischen Führer zustande ge- kommen, und demnach nicht der Ausdruck des Resultats der nahe- zu fünfwöchentlichen Kraftprobe zlvischen Rapid Transit Co. und Fahrpersonal gewesen. Sodann wollte die Straßenbahngescllschast nur eine mündliche Vereinbarung eingehen, aber sich nicht zur Unterzeichnung eines Vertrags verstehen. Die Absicht, bei der ersten günstigen Gelegenheit einen Streit vom Zaune zu brechen, lag offen zutage, um so mehr, als die Rapid Transit Co. sich weigerte, lediglich durch die Vermittelung der alten Gewerkschaft mit ihrem Fahrpersonal zu verhandeln. Sie bestand darauf, die „Kevstone Union", eine auf ihre Veranlassung gegründete gelbe Gewerkschaft, als der Amalgamated Association(alte Gewerkschaft) gleichberechtigt zu behandeln. Die unabhängige Organisation sollte durch die Gelben verdrängt werden. Daher die Ablehnung des Friedensvertragsentwurfs durch die Vertrauensmänner der Ausständigen. Inzwischen hatte der Massen-Sympathiestreik schon über 14 Tage gedauert. In Phil- adelphia'sind die Gewerkschaften verhältnismäßig schwach. Minde- stens die Hälfte der 130 000 oder mehr Ausständigen waren zu Beginn des Streiks nicht organisiert. Um die Auszahlung von Unterstützung war es unter solchen Umständen nicht glänzend be- stellt. Die Maurer und die Textilarbeiter, die beiden der Zahl nach stärksten Gewerbe, beschlossen, als die Verhandlungen zwischen der Rapid Transit Co. und deren Fahrpersonal fehlgeschlagen waren, die Arbeit wieder aufzunehmen. Zu derselben Zeit trat die Exekutive(Ausschuß) der State Federation of Labor(Arbeiterbund des Staates Pennsylvanien) in WilkeSbarre zu einer dreitägigen Beratung zusammen, um Stellung zu nehmen zu der Frage, ob der vorher beschlossene, auf die Kunde von einer Einigung zwischen Mahon und der Rapid Transit Co. aber abgesagte Generalstreik für das ganze Gebiet des Staates Pennsylvanien erneut angeordnet werden soll._ Diese Frage wurde verneint, dagegen die Gründung einer selbständigen Arbeiterpartei beschlossen. Irgendwelche ernsthafte Bedeutung kommt dieser Partcigründung nicht zu; sie wird ein Scheindasein führen und vermutlich in den Dienst derjenigen der alten Parteien gestellt werden, welche den„Arbeiterführern" die höchsten Preise zahlt. lind dennoch übt der Massenstreik von Philadelphia voraus- sichtlich einen nicht geringen�Einfluß auf die politische Arbeiter- bewegung der Vereinigten Staaten aus. Zum ersten Male be- kündete das Proletariat in dem größten Industriezentrum der westlichen Hemisphäre seine Solidarität gegenüber dem Unter- nehmertum, und die in die Kampfrcihen der Arbeiter eintraten, taten es aus Klasseninstinkt. Das bedeutet in den amerikanischen Gewerkschaftskämpfen einen großen Fortschritt. Unsere Genossen sind tätig wie die Biber, um die Stimmung der werktätigen Be- völkerung Philadelphias auszunutzen, das Klassengefühl zum Klassenbewußtsein zu entwickeln und dem Sozialismus neue Jünger zu gewinnen. Zwar hat der Masscnausstand nicht das vorgesteckte Ziel er- reicht: die Rapid Transit Co. aus die 5lnie zu zwingen.� Aber die Straßenbahn ist finanziell so geschädigt, daß sie sich in ernsten Zahlungsschwierigkeiten befindet und mit der gericht- lichen Bestellung eines Receivers(Masscverwaltcrs) rechnen mutz. Dem Unternehmertum schlug der Svmpathiestrcik schwere Wunden, zeigte ihm ein enthusiastisches Solidaritätsgcfühl und eine ener- gische Stoßkraft der Lohnarbeiter. Die Lust zu Maßregelungen ist den Scharfmachern vergällt. Selbst in Fabriken, in denen vor» her kein organisierter Arbeiter geduldet wurde, wie in den Baldwin» schen Lokomotivwerken, bestehen jetzt starke Gewerkschaften. Viel« fach wurden im Zusammenhang mit dem Sympathiestreik Lohnerhöhungen durchgesetzt. Dagegen wagten die Unternehmer nicht, die vor Beginn des Massenstreiks drohend angekündigte Maßrcge- lung der Ausständigen in die Tat umzusetzen. Letzte Naebnebten und Dcpclcbcn. Kein Geld für eine Arbcitslosenzählung. Bremen, 13. April.(Privatdepesche des„VorivärtS".) In der heutigen Bürger schaftssitzung beantragten unsere Ge« Nossen, die sozialdemokratischen Antröge auf Abänderung deS Be- amtengescyes und den WahlrechtSantrag, wie bisher Initiativ- anträge, an den Anfang der Tagesordnung zu stellen, um so heute die Beratung zu ermöglichen. Die beantragte Aenderung des Beamtengesetzes soll die Meinungsfreiheit sichern und Disziplinar- verfahren, wie die gegen Lehrer, unmöglich machen. Ein Beamter, Lehrer F e u ß, bittet, die Reihenfolge bestehen zu lassen. Die bür- gerliche Mehrheit beschließt so. Die Berichterstattung auf den sozialdemokratischen Antrag vom Dezember(Arbeitslosenzählung) ist bis jetzt verzögert worden, trotzdem eine ungewöhnliche Arbeits- losigkeit herrscht. Von der Deputation wurde vereint beantragt, die Zählung bei Stattfinden der Volkszählung vorzunehmen, um Zeit und Geld zu-- sparen. Unsere Genossen wiesen auf die Wichtigkeit der Sache hin und daß während der Krise feste Geld da sei. Der Eewerbeinspektor berichtet ebenfalls über große Arbeitslosigkeit. Genosse Henke wirft dem Senat Pslichtvernachlässigung vor und daß nicht eher etwas gegen dke jedem bekannte Rot der Arbeitslosen getan sei. Der Antrag auf Vornahme der Arbcitsloscnzählung bei Stattfinden der Bolkszäh- lung wurde angenommen. Ein Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten. Hamburg. 13. April.(W. T. B.) Die Bürgerschaft hat den Antrag des Senats auf Bewilligung von 1339 399 Mark für Erbauung eines Instituts für Schiffs- und Tropenkrankheiten einstimmig angenommen._ Ein Soldatenschinder. Thorn, 13. April.(Privatdepesche des„Vorwärts".) Das Kriegsgericht in Marieirlmrg in Westpreußen verurteilte den Leutnant O ste r r o t h vom hiesigen Deutschordensinfanteric- regiment loegen Misthandlung eines Untergebenen— er hatte einen Soldaten mit dem Gewehrkolben geschlagen— zu sieben Tagen Stubenarrest._ Deutschland und England auf der Schantnng-Halbinscl. London, 13. April. der Abg. Dr. Doormann fFortschr. Vp.) durch Akklamation gewählt. Der nächste Punkt der Tagesordnung ist Berichte über Petitionen. Entsprechend den Anträgen der Pctitionskommission wirb eine Petition der Rheinischen S t e i n w e r k z e u g e G m. b. H. um Wiederher st ellung des früheren Zollsatzes für Ton röhren von 1 M. pro Doppelzentner debaiteloS dem Reichs- kanzler zur Berücksichtigung überwiesen. Eine Petition, welche die Einführung eineS Befähi- gungsnackweises fürMasseure verlangt, und eine Petition auf Ausdehnung der Strastenbahnhastpflichl auf Sachschäden werden dem Reichskanzler als Material über- wiesen. Ein Bericht des Bundes techuisch-industrieller Beamten, Ortsgruppe Magdeburg, ivcgcn wenig freiheitlicher An wen- dung des Reichsvereinsgesetzes wird zur Kenntnis genommen. Ueber eine Petition der Berliner Fleischerinnung auf gänzliche Aushebung oder Herabsetzung der bestehenden Viehzölle für eine angemessene Zeit beantragte die Kommission zur Tagesordnung überzugehen. Die Abgg. A l b r e ch t und Genossen(Soz.) beantragen, sie dem Reichskanzler zur Berücksichtigung zu überweisen. Abg. Scheidemann sSoz.): Die Forderungen der Petenten sind sehr bescheidener Natur und trotzdem will die Kommission über die Petition zur Tagesordnung übergehen. Dieser Beschlust kann nicht sonderlich überraschen angesichts der Zusammensetzung der Kommission, die ja der Zusammensetzung dieses Hauses und seiner agrarischen Mehrheit entspricht. Die Fleischer. die die jetzige Petition eingebracht haben, haben seinerzeit sich damit einverstanden erklärt, dah frisches geschlachtetes Fleisch nicht eingeführt wird. Tatsächlich ist auch die Zufuhr von frischem Fleisch auf Grund deS§ 12 des Fleischschaugeictzcs ganz erheblich zurückgegangen und hat fast ganz aufgehört. Als Grund für daS Verbot wird stets angegeben, dast das Fleisch im Auslände nicht genügend untersucht sei und unser Volk vor Gesundheits- schädigungen geschützt werden must. Das dient auch zur Begründung des Verbotes der Einfuhr von Fleischkonserven. Aber im Ernst glaubt niemand daran i nach England und Frankreich werden solche Konserven in großem Maße eingcsührt und noch nie hat man von einer gesundheitsschädigenden Wirkung derselben gehört. Auch unsere Marineverwaltnng benutzt, wenn ich recht informiert bin. derartige Konserven zur Ernährung unserer Marine- soldaten. sSehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Wenn man sagt, das Manko an Fleisch, welches durch die Einfuhrverbote hervorgebracht werde, werde wieder wett gemacht durch die deutsche Produktion, so must ich daraus verweisen, dast diese Steigerung der deutschen Viehproduklion doch nur sehr minimaler Natur ist. Tatsächlich ist der Fleischbcstand auf den Kopf der Bevölkerung heute um 9 Proz. geringer als vor sieben oder acht Jahren. sHört l hört! bei den Sozialdemokraten. Widerspruch rechts.) Sie bestreiten diese Tatsachen, aber nicht bestreiten können Sie, dast innerhalb dieser Zeit eine ungeheure Steigerung der Fleischpreise eingetreten ist und der Lebensmittelpreise überhaupt. lZustimmung bei den Sozial- demokraten.) Kein Mensch verlangt eine Beseitigung der Bestimmungen. die zum wirklichen Schutz gegen Viehseuchen erlassen find, wohl aber verlangen wir eine Beseitigung der Schikanen. In einer Zeit der Teuerung wie der jetzigen hätte die Petitionskommistion unter keinen Umständen beschliehen dürfen, über die Petition zur Tagesordnung überzugehen. Ich empfehle sie dem Reichskanzler zur Berücksichtigung zu überweisen. Abg. Dr. Stengel(Fortschr. Vp.): In der Kommisfion haben meine Freunde den Standpunkt des Vorredners vertreten, einen ent- sprechenden Antrag haben wir hier nicht gestellt, weil die agrarische Mehrheit des Reichstages ihn doch ablehnen wird. Aber wir werden dem Antrage des Vorredners zustimmen. Kleines feuilleron. Worüber man sich früher den Kopf zerbrach. Dem Kultur- Historiker ist es eine Quelle unerschöpflichen Vergnügens,„gelehrte" Werke früherer Zeiten durchzusehen. Was da in mehr oder weniger dickleibigen Wälzern geleistet wurde, übersteigt alle Be» griffe. Die unglaublichsten Themen wurden mit unerschütterlichem Ernst und mit einem Selbstgefühl des Verfassers über die eigene Gelehrsamkeit behandelt, dah wir uns in den Geisteszustand jener Zeit nicht mehr versetzen können. Man weist nicht, wem man den Preis zuerkennen soll, den Juristen, den Theologen oder den Natur- Wissenschaftlern. Henricus schrieb 1691„Von den Saufbrüder- schaften", Stegmanu 1676 in Wittenberg eine„Naturwissenschaft- liche Abhandlung über die Tränen der Hexen", ebendaselbst dispu- tierte man 1676 über„die Möglichkeit, dast ein Kamel wirklich durch ein Nadelöhr gehen könne". Der berühmte Jurist I. S. Stryck gab 1706 zu Halle ein Buch über„das Recht der Gespenster" heraus. Fideler war ein Werk, das 1759 in Frankfurt von dem gelehrten Pandektisten C. A. Grupen herauskam„Von Liebeskarcssen und Charmieren". Vcchner handelte gelehrt ab„Ueber Abrahams Schost in Lukas XIII"(Jena 1639). Zeibig wollte(Leipzig 1765) die Frage lösen, ob die Kleider der Israeliten in der Wüste durch ein Wunder ausgedaucrt haben und mit den Kindern� gewachsen sind. Der Chemnitzer Superintendent Guhlig liest 1725 zwei AbHand- lungen erscheinen„Ob Götter einen Bart haben?" und„Ueber die Ursachen desselbigen Bartes". Da war es beinahe noch gescheiter, wenn in Jena und Halle Dissertationen geschrieben wurden„über die Ehe eines Armen mit einer reichen Frau, oder Geld schadet der Liebe nicht", oder wenn Bierlingius 1736 in Halle Auwei- sungen gab, wie man cavalierement studieren soll". Theater. Deutsches Theater:„Die Braut von Messina" von Friedrich Schiller. Mit nachfühlender Liebe und Bc- geisterung hat Reinhardts Phantasie sich injms Werk ver'enkt, durch edle Architektonik der Bilder, malerische Schönheit der Gruppen- bewcgung und eigenartige, auf symphonische Wirkungen ausgehende Behandlung der Chöre der feierlich erhabenen Dichtung eine ent- sprechende äustere Erscheinungsform zu schaffen gesucht. Entsprach die Wirkung dem Ernst der Bemühungen? Wurde die Dichtung ein Lebendiges, das zwang und fortrist? Nach meiner Empfindung— nicht. Dast Reinhardt in weitem Umfange den Chor direkt als Chorus sprechen und den Worten hier und da eine geisterhafte Resonanz durch Stinimen einer unsichtbaren Menge solgen liest, stimmte mit den Intentionen Schillers wohl überein.„Der Chor, so sagt der Dichter, vcrlästt den engen Kreis der Handlung, um die grasten Resultate des Lebens zu ziehen und die Lehren der Weisheit auszusprechen. Aber er tut dieses mit der vollen Macht der Phantasie, mit einer kühnen lyrischen Freiheit, die auf den hohen Gipfeln der menschlichen Dinge, wie mit Schritten Abg. Speck(Z.) behauptet, dast die Viehproduktion in Deutsch- land derartig zugenommen hat, dast die deutsche Bevölkerung voll- ständig mit Fleisch versorgt werden könne. Damit schliestt die Debatte. Unter Ablehnung des sozial- demokratischen Antrages wird der Antrag auf Ueber- gang zur Tagesordnung angenommen. Eine Petitton des Zentralverbau des deutscher Bäcker- i n n u n g e n �Germania" in Berlin verlangt ein Verbot für die Staats- und Reichsbcamten, in Konsumvereinen tätig zu sein, ferner eine Umsatzsteuer für die Konsum- vereine, eine Beschränkung ihrer D i v i d e n d e auf 2il2 Proz. und eine Beschränkung des Verkaufs von Waren,"die sie selbst h e r st e l l e n. nur an Mitglieder. Die Kommission beamragt. die Petition dem Reichskanzler als Material zu überweisen. Abg. Schesteck d. Man kann ein Stück, blast weil eS„kölnische" Szenen hat, nicht Komödie nennen. Mehr wie eine Posse ordinären Genres ist das„Nesthäkchen" nämlich nicht. Wirksame französische Mache mit vagen Anzüglichkeiten und unfeinen Spästen allerdings — aber dann stockt's schon. Das Ganze will eine Satire auf mütler- liche Affenliebe sein. DaS„Nesthäkchen" ist diesmal kein Mädel, sondern ein ausgewachsener Junge, der zwar schon Advokat, nichts- destoweniger aber von der Mutter wie ein kleiner Hosenmatz betreut wird. Zu dieser Unwahrscheiulichkeit braucht nur noch eine recht banale, obzwar mit technischem Geschick ins Lächerliche gekehrte Handlung zu treten— und schon ist man über den zweifelhaften Wert dieser«Komödie" im klaren. Einen Stich ins gröblich Groteske bekommt sie in dem Augenblick, wo der Onkel, ein alter ulkiger Junggeselle; den Hermann Nissen übrigens mit gesunder Derbheit auszustatten versteht, in den Gang der Handlung eingreift. Bezeichnenderweise für den feine Umgangsformen liebenden Frait- zosen must dieser Onkel sich seine etwas robusten Sitten von Wild- West her bewahrt haben. Immerhin— aber diesmal verhilft seine Abg. Hildenbraiid(Soz.): ES ist wirklich ein starkes Stück, dast ausgerechnet die Bäcker« innungen gegen die Konsumvereine petitionieren, die Bäcker« i u n u n g e u, die B e z u g und Herstellung desMehleS usio. in eigene Regie nehinen, die, wie die Stuttgarter Bäcker- innung, eigene Mühlen errichten und somit alles tun, um den Zivischenbandel auszuschalten und den kaufmäniiischen und ge- werblichen Mittelstand zu schädigen.(Hört! hört! bei den Soz.) Gerade die Parleicn also, die sich hier immer mit ihrer Mittelstands- frcuiidlichkcil brüsten, hätten alle Veranlassung, über diese Petitionen zur Tagesordnung überzugehen. Sie hätten um so mehr Grund dazu, als eben diese Parteien in allen Landtagen für die Förderung der Handwerker- und mehr noch der laudivirtschaftlichen Genossen- schaften aus Staatsmitteln eintreten. Die einfachste Anstandspflicht sollte dock verbieten, die Genosscuschaftcn der Beamten und Arbeiter mit Strafsteuern heiinzusncheu, während man die Genossenschaften der Handioerker und Landwirte unterstützt.(Sehr wahr! b. d. Soz.) Die Konsumvereine verschaffen iiidit nur den Beamten und Arbeitern Vorteile, indem sie ihnen den Bezug guter und billiger Waren er» möglichen, sondern dienen als wichtiger prcisrcguliercnder Faktor auch den Interessen der Gesaintheit, In keiner Weise hat mein Parteigenosse Schöpflin Bevorzugung der Konsumvereine gefordert. Es ist noch keinem deutschen Konsumverein eingefallen. Stel»erfrcihcit zu verlangen. Solche Privilegien für sich zu fordern, überlasscit die Konsunivereiiie ihre» Gegnern. Wils sie verlangen, find nicht Vorrechte, sondern Gleichberechtigung.(Lebhafte Zustimniung bei den Sozialdemokraten.) Abg. Schöpflin(Soz.): Wie schon mein Parteifreund Hildenbrand ausgeführt hat, ist es mir in keiner Weise eingefallen, Steuerfreiheit oder auch nur ge« ringere Besteuerung der Konsumvereine zu verlangen. Wenn Herrn Weber die einschlägigen Zahlen ein wenig bekannt sind, so must er wissen, dast in Sachsen die Konsunivereine unvergleichlich höhere Steuern zahlen, als die Geschäftsleute mit entsprechendem Umsatz. Es wäre jetzt wahrhastig an der Zeit, endlich mit� der Sonder- besteuerung der Konsumvereine aufzuhören, und ich bitte Sie daher nochmals, über die Petition zur Tagesordnung überzugehen.(Beifall bei den Sozialdeniokraten.) GieSbertS(Z.): Jede AuZnahinebestimimmg gegen Konsuln- genossenschaslen»st zu verwerfen; was dem Landwirt recht ist, must dem Arbeiter billig sein.— Nicht billigen könnten»vir,»venu mau den Konsuniverein als gemeinnützige Äustalt steuerfrei lieste; aber ebenso ungerecht wäre» besondere ErdrosselungSsteuem für den Konsinnverein.(Bravo I im Zentrum.) Abg. Rieseberg(wirtsch. Vg.): Die Konsumvereine sind nicht gemeinnützige Vereine, sondern Kanipforganisationen der Sozial- demokraten. Vor allem dürfen deshalb Beainte nicht hinein. Auch die Warenhäuser müstten durch Steuern erdrosselt werden, denn sie sind ein Krebsschaden, der den Mittelstand ruiniert, dieses feste Boll- werk gegen den Umsturz.(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Damit schliestt die Debatte. Der Antrag auf Uebergang zur Tagesordnung wird abgelehnt, der Antrag auf Ueberweisung der Petition als Material wird angenommen. Es folgt die Beratung der Resolution Ablast und Genossen (Fortschr. Vp.). welche die Aufhebung der Eosinfärbung der zum niedrigeren Zollsatz eingeführten G e r st e verlangt. Mit zur Beratung wird eine Petition mehrerer Ge- treidehändler, Müllervereine und der Mageburger Handelskammer gestellt, die dasselbe verlangt. Abg. Carstens(Fortschr. Vp.): Die Eosinfärbung der Gerste hat nur wenig Freunde, aber sehr viel Gegner gefunden. Sie hat viel Ungemach über Händler, Müller und andere Kreise der Bevölkerung gebracht. Die Regierung will nicht zugeben, dast die Fütterung mit Eosingerste schädlich ist; aber die Sachverständigen, die Tierärzte weisen das in ihren Gutachten ganz unzweifelhaft nach. Auch bc- aintete Tierärzte haben die Meinung ausgesprochen, dast die Ver- fütterung der gefärbten Gerste gesundheitsschädlich ist. Die Regierung soll angeben, welche Erfahrungen bei der Fütterung von Pferden, Ochsen und Geflügel mit dieser Gerste gemacht sind. Auch für die Menschen, die mit der Behandlung, der Färbung und dein Transport dieser Gerste beschäftigt sind, ist sie ge- fährlich; Augenkrankheiten sind durch sie hervorgerufen, die Schiffer»vollen deshalb diese Gerste nicht verladen, die Mäster wollen sie nicht verfüttern, weil sie für ihre Schweine besorgt sind, und die Schweine wollen sie nicht fressen, weil sie fürchten, Darm« entzündung zu bekommen.(Heiterkeit.) DaS Gesetz war ein Fehl- schlag und deshalb sollte eS aufgehoben werden. Gegen die»nist- bräuchliche Verwendung von Futtergerste schütze» die Straf- Ungeschlachtheit dem advokatlichen Neffen zur Freiheit. Dieser wird durch einen kräftigen Schnitt von der Nabelschnur des mütterlichen Cerberus losgemacht und fährt mit dem Onkel nach Paris— um allda„leben" ku lernen. Schliestlich— so albern das Motiv der Handlung in dieser„Komödie" ist:'s gibt was zu lachen. Somit erfüllt sie ihren Zweck.«. t Humor und Satire. Geschäftsordnung sdebatte. Der erste Sozialdemokrat:„Die Rechte vergewaltigt uns!" Der Präsident:„Sie sind keine Jungfer.' Ich rufe Sie zur Ordnung. Stammtischwitze sind mir allein vorbehalten." Der zivcite Sozialdemokrat:„Der Ernst der Situation...* Der Präsident:„Ich entziehe Ihnen das Wort. Der Ein- berufer Ihrer untoürdigen Wahlrcchtsversaiumlungen steht nicht auf der Tagesordnung dieses hohen Hauses." Der dritte Sozialdemokrat:„Ich hatte mich zu allererst zum Wort gemeldet." Der Präsident:„Melden und drankommen ist zweierlei. Also benehmen Sie sich nicht aufsässig, sonst werden Sic entfernt." Der vierte Sozialdemokrat:„Das Volk steht geschloffen hinter uns." Der Präsident:„Zur Sache gefälligst. Was wollen Sie eigent- lich? Das Volk ist genügend berücksichtlgt; bereits dreimal ist es dem hohen Hause Wurscht gewesen. Heute zum vierten Male ist es uns sogar Pomade." Der fünfte Sozialdemokrat:„Oester als ei» Hemde wechselt das Zentrum seine..." Der Präsident:„Riskieren Sie auch noch'ne Lippe? Ich rufe Sie gleich doppelt zur Ordnung. Sie bezichtigen das Zeutrmn einer schiver unzüchtigen Handlung. Ruhe im Glieds da ganz links l Das Wort hat als Gesamtvertteter des hohen Hauses Herr v. Zedlitz. Bitte, Herr v. Zedlitz, schiesten Sie los I" Herr v. Zedlitz:„Ich schicste los, und nötigenfalls mit dem Schwert des preustischen Staates. Wenn der sogenannte Abgeordnete Leinert gesagt hat. wir könnte» doch höchstens 1606 Sozialdemokraten totschiesten, so hat er eben von der Leistungsfähigkeit unserer Maschinen- gewehre keinen blauen Dunst. Diesen Kerben»vir ihin, wie gesagt, vor- inachen und dem Wasserkopf Berlin einen standesgeinästen Budenzailber arrangieren, dast kein Demonstrant mehr niet- und nagelfest bleibt. (Präsident:„Bitte,»Verden Sie n»lr deutlicher.') Also, wir werden dem Volke soviel Hektoliter Blut abzapfen, wie»vir infolge des hoch- verräterischen Schnapsboykotts an Alkohol weniger verkauft haben. (Präsident!„Hört! hörtj") Und von Rechts wegen. Wir sind hier »ntser 139 Grostgrundbesitzer und 91 Staatsbeainte, abgesehen von de» geschätzten heiligen Männern das Kirche. Das genügt!" Die Rechte und das Zentrum stimmen daraus ein indianer- artiges Freudengehe»»! an. Man marschiert in oorporo zum Herrenhaus hinüber und deponiert dort den totgeborenen Wechsel« balg des Wahlgesetzes, der in einer Wahlurne voll konservativen Lohkottfusels schwimmt. kesiünmungen; Sie sollten olso richig die künstliche Unierscheidmig fallen lassen. sBravo I bei der VolkHpartei.) ReichSschatzsckretär Wcrmiith: Da Malzgerste mit 4 M., Futter- gcste mit 1,30 M. verzoll! lvird, muBteu wir auf eine Unterscheidung bedacht sein. Nachdem andere Mittel sich als unwirksam erwiesen haben, tauchte der Wunsch nach einer Färbung auf und zwar in den Kreisen der Müller und des Handels.(Hört I hört! rechts.) Ich bestreite, das; von den Nach- richten über die gesundheitsschädigende Wirkung des EosinS die Händler sich beunruhigt fühlten. Die Nachricht von der gesundheitsschädlichen Wirkung der Eosinfärbuug tauchte dann plötzlich auf und verbreitete sich schnell; der ganze Neichsboden war geradem übersät mit stabenden und verendenden Schweinen.(Heiterkeit.) Dadurch wnroe der Handel stark beunruhigt und die eingeführte gefärbte Gerste erheblich cntivertet. Wir haben sämtliche Fälle untersucht, wir haben das kaiserliche Gesundheitsamt mit Fütternngs- und Ber- giftimgöversnchen beauftragt, wir haben eine Reihe von Autoritäten gehört, und irach allem muh ich sagen, d a S E o s i n i st nicht g e- sundheitSschädlich. Im kaiserlichen GesnndhcilSamte find Tiere mit dem 0000- und 12 VOOfachen dessen an Eosin gesullert, waS sie bei normaler Fütterung zu sich nehmen, und trotzdem haben die Tiere es nicht fertig gebracht, GesundhcitSschädigungen oder auch nur Ekel vor der Eosingerste zu zeigen.(Heiter- keit rechts.) Soeben geht mir noch eine Nachricht vom kaiserl. Gesundheitsamt zu, daß die ganz mit gefärbter Gerste ge- fütterten Schweine sogar mehr an Körpergewicht zugenommen haben als die anderen.(Grohe Heiterkeit.) Einige verdächtige Tiere waren krank, aber nicht cosinkrank. In der Aufregung hält man viele Krankheiten für Eofinkrankheiten. So erhielten wir die Nachricht, „ein Tier cosinkrank verendet". Telcgraphisch ordnete ich die Unter- suchung an und bekam die Antwort:„Es war kein Schwein, sondern eine Taube, und die ist schon vergraben."(Schallende Heiterkeit.) Versnche init anderen Tauben liehen diese gesund, die vergrabene muh wohl an Idiosynkrasie verendet sein.(Heiterkeit rechts.) Wir haben bereits eine Beruhigung erreicht, und hoffentlich wird durch diese Debatte nicht wieder neue Beunruhigung hervorgerufen. (Bravo I rechts und im Zentrum.) Abg. Mayer-Pfarrkirchen(Z.): Wir werden gegen die Neso- lution stimmen. Die Eosinfärbuug hat gewih verschiedene Mängel, aber gesundheitsschädlich ist sie nicht. Es»ruhte verhindert werden, da» Braugerste zum Zollsatz der Fntlergerste eingeführt wird, den» durch diese unlauteren Manipulationen wurden der Reicbskasse Millionen entzogen und der deutsche Gcrstenbau geschädigt.(Bravo! im Zentrum und rccbts.) Abg. Dr. Sliificke((.) begrüht die Erklärungen deS Schatzsekretärs. Bei der Beratung deS Zolltarifs ivandte sich die Linke gegen die Differenzierung der Brau- und Futtergerste nnt der Begründung, dah eine Uuterschciduna nicht möglich sei. Jetzt aber wendet sie sich gegen das vorläufig einzig wirksame Unterscheidungs- mittel. Solauge man an dem billigeren Zollsatz für Fultergerste festhält, muh man auch au der Kenutlichiuachuug festhalten.— So politisch geichult sind Schiveine und Hühner noch nicht, dah sie vor der roten Farbe zurückschrecken.(An!- ölufe links.) Wie gewöhnlich mit Neuerungen, so ivarcn auch mit der ersten Entführung der Eosinfärbung einige llnbequemlichkeiten und Unannehnilichkeiten ver- blinden; so etwas verliert sich aber bei besserer Uebung.(Beifall rechts.) Abg. Dr. Weber(natl.): Wenn wir Brau- und Futtergerste mit verschiedenen Zöllen belegen, müssen wir sie auch muerscheiden, und da mit Eosin gefärbte Werste nicht gesundheitsschädlich ist, werden wir wohl bei ihr bleiben iiüiffrn. Anfangs wurde der Fehler ge- macht, die Gerste mit ciuein zu hohen Prozentsatz zu färben und da« Publikum kaufte die zu stark gefärbte Gerste nicht gerne. Das hoben die Grohniühlen ausgenutzt zum Schaden der kleinen Muller und Händler. Die Klcinnililler müssen in den Stand gesetzt werden. cbe»sogut ungefärbte Gerste zu vennahlen wie die Grotzmüller, oder, wenn das nicht geht, inuh dafür gesorgt werden, dah alle Gerste gefärbt wird.(Sehr richtig! bei den Nationalliberalen.) Die tleinen und mittleren Mühlen- und Handelsbetriebe bedürfen des besonderen Schutzes; die Ablassuug von ungefärbter Gerste auf Er- laubinsschciue, die nur den Grohniühlen zugute kommi, sollte be- schränkt iverdcn. Neichsschatzsekretär Wermuth: Wir erkennen an, dah die Ab- lassung von ungefärbter Gerste auf Erlaubnisscheine wesentlich den Grohniühlen zugute kommt. Wir sind in Erwägungen begriffen, wie diese Borteile auch den Kleinmühlen zugewendet werden können. (Bravo I bei den Nationalliberale» und rechts.) Abg. Stolle(Soz.): Wenn Filttergerste in erheblichem Mahe zu Brauzwecken früher verwendet morde» wäre, so hätte die Reichskasse einen erheblichen Ausfall erleiden müssen; da» mar aber nicht der Fall, der Schatz- fekretär Sydow erklärte, die Klagen ln dieser Richtung seien über- trieben. Das Gesetz, das die Färbung vorschreibt, ist daher nichts al« eine Verbeug nng vor den Agrariern.(Sehr richtig I bei den Soz.) Der Staatssekretär sagte, wegen des verschiedenen Zolles auf Brau- und Futtergersle sei die Unterscheidung notwendig und die Handelskannner in Berlin habe die Färbung verlangt. Aber die HandelSkamniern von Magdeburg, von Köln, von Hani- bürg sind dein eiitgegciigctreten und haben betont, dah der Handel und Verkehr durch die Färbung erhebliche Nachteile erleide. Wie kommt der Staatssekretär dazu, das Urteil einer einzelnen Handel«» kannner anzuführen! Weiter behauptet der Staatssekretär, dah die Eosinfärbung nicht gciundheitsgefährlich sei und beruft sich auf das kaiserliche Gesundheitsamt und dessen Versuche. Ich will gern zu- geben, dah in diesen Versuchsanstalten die Versuche zu diesen Resultaten geführt haben; aber in ihnen wird auch mit veinlichster Sorgfalt darauf geachtet, dah die Tiere nur das richtige Quantum bekommen, keineswegs etwas zu viel, und da erklären sich denn die guten Resultate. In der Praxi« des Landmann« aber sieht eS ganz anders au«, da kann nicht so verfahren werden Ivie im Laboratorium. Nach einer Bemerkung de« SiaalSsekretär« sollen die mit cosingefärbter Gerste gefütterten Schweine sogar nock, um so und so viel Pfund mehr zugenommen haben al« die anderen. Dann wäre ja die Färbung eine wahre Wohltat für unsereLandwirt'chaft und man könnte den Landwirten nur empfehlen, mögltchst- alle Futtermittel mit Eosin zu versetzen. (Heiterkeit) Ich habe aber doch Bedenken dagegen, diese Versuche dem praktische» Landmann zu empfchleit. Die Einfnhrzahle» für Gerste stiegen in Deutschland andauernd. Da« ist der Beweis, wie»ollvcndig die Landwirtschaft diese Futter- mittel braucht. Wein» die Herren von der Rechten Schützer deS kleinen Bancrn wären, wie sie vorgeben, so mühten sie darauf hin- wirken, dah diese notivendigen Futtermiitel nicht verteuert werden. Durch die Eosinsärbniig aber wird mit Notwendigkeit eine Ber- t e u e r n n g herbeigeführt. Sie sagen, die deutsche Landwirtschaft soll selbst alle Futtermittel herstellen. Sie können doch aber nicht behaupten, dah die deutsche Landwirtschaft sich jemals vom Auslande unabhängig machen und auf ihrem eigenen Areal alle Futtermittel erzeugen kann, die sie braucht.(Sehr wahr! bei den Sozialdemo- kraten.) Herr Weber empfahl dem Staatssekretär den Schutz der Kleinmüllereien, und der Staatssekretär sagte, er erwäge ihn. Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Wenn die Herren Agrarier es gestalten, lvird die Regierung Borschläge zum Schutze der Kleinen machen, sonst nicht, denn agrarisch ist Trumpf.(Sehr ivnhrl bei den Sozialdemo- kraten.) Im letzten Jahre haben wir 2120 000 Tonnen Futtermittel eingesührt. iveroe»«vir da« auch in Zukunft immer können? Sin groher Teil dieser Einfuhr rührt au« Sinhland her, und in Ruhland, wo man sehr gut weih, wie notwendig unsere Landwirtschast diese Futtermittel braucht, macht sich eine Bewegung geltend, einen An«- fuhrzoP auf Kleie einzuführen. Wird der zur Wirklichkeit, so wird ganz besonder« unsere kleine Landwirtschaft darunter leiden. So ruiniert Ihre(nach rechts) Politik, die angeblickt zum Schutze der Landwirtichast geführt wird, gerade den kleinen Landwirt.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Burckhardt(Wirtsch.«g.): Die grohen U-bclstände. die zuerst bei der Eosinfärbung der Gerste zu Tage traten, waren aus die zu starke Lösung zurückzuführen. An sich ist Eosin nicht giftig, das weih ich. denn ich habe Chemie studiert. Die Eosinfärbung soll doch nur die Betrügereien mit der Gerste verhindern. Ein anderes Mittel zu diesem Zweck ist auch von der Linken nicht angegeben; daher stimmen wir gegen den Antrag Ablah. Abg. Fcgter(Bp.): Ob Eosin nun giftig ist oder nicht, jeden- falls schädigt eS den Handel und die kleinen Müller.(Sehr richtig! links.) Man sollte sich hüten, solch schikanöse, den Handel be- unnihigende Gesetze zu machen.(Bravo! links.) Ein Schluhantrag wird angenommen. Abg. Metzger(Soz.): Ich stelle fest, dah ich durch den Schluh der Debatte verhindert ivorden bin, Beschwerden, die mir ans Hamburg über die Eosin- iärbung zugegangen sind(Hört! hört I bei den Sozialdemokraten), hier zum Ausdruck zu bringen. Der Antrag Ablah wird gegen die Stimmen der Freisinnigen, Polen und Sozialdemokraten abgelehnt; der Antrag, die Petition dem Reichskanzler als Material zu überweisen, gegen die Stimmen der ganzen Linken. Hierauf vertagt sich daS Haus. Nächste Sitzimg Donnerstag 12 Uhr(Interpellation B a s s e r- mann matl.) über das Mülheimer Eisenbahnunglück. Gesetz betr. die Zuständigkeit des Reichsgerichts, Schwedischer Handelsvertrag.) Schluh 0>/« Uhr._ Hbgeordnetenbauö. 47. Sitzung vom Mittwoch, den 13. April, vormittags 11 Uhr. Am Ministertische: v. Brciteuliach. Der Gesetzentwurf betr. die Vermeidung von Doppel- besteuerungen bei Heranziehung zu direkten Kommunalsteuern in verschiedenen Bundesstaaten wird in zweiter und dritter Lesung debatteloS angenommen; ebenso die Novelle zum Gesetz betr. daS Ruhegehalt der Organisten. Kantoren und Küster und die Fürsorge für ihre Hiitterbliebenen in der evangelischen Landeskirche. Hierauf wird die zweite Lesung deS Eisculmhnetats bei der allgemeinen Besprechung über die wirtschaftliche Seite des Etats fortgesetzt. Abg. Dr. Pachnicke(Bp.): Im allgemeinen find die Einrichtungen auf unseren Eisenbahnen gut, denn wer vom Ausland kommt, freut sich immer beim Uebergange zu den deutschen Bahnen. Bei der Be- schaffnng des KohlcnbedarfS sollte die Eisenbahnverwaltung gewih die Nationalproduktion in erster Linie berücksichtigen, aber sie darf sich nicht der Diktatur eiiieS Kartells unterwerfen. (Sehr richtig!) Den Wünschen der Industrie auf Er- mähigimg der Tarife sollte der Herr Minister mehr Entgegenkommen beweisen. Die Beförderung der Frachtgüter könnte sehr wohl beschleunigt werden. Bei Entfernungen von zwei Stunden muh man manchmal 7 Tage auf die Ankunft von Frachtgütern warten. Im Personenverkehr sind eine Reihe von Berbesscrunge» zu begrüben. Aber besonders auf den weniger benutzten Strecken laufen noch fürchterlich alte Kasten mit, die schleunigst der Reparatur bedürfen. Auch mühten die Personcntarife noch ver- billigt und die Fahrkartenstcuer abgeschafft werden. Die vierte Klasse auch mit einem Zuschlag zu belegen, würde in unsere sozial gestimmte Zeit nicht hineinpasien. Die Fahrgeschwindigkeit der Schnellzüge nacki dem Osten sollte derjenigen der Züge nach Hamburg, Köln, München endlich angepaht werden. Man Hot von einer Bevorzugung Berlins durch den Vorortverkehr gesprochen. Die Berliner empfinden von dieser Bevorzugung nichts angesichts der Ueberfüllung dieser Züge. Als aufsichtführende Behörde über die Privatbahnen würde die Eisenbahnverwnltung eine solche Heber« füllung nicht dulden. Dringend im Interesse der Eisenbahn- Verwaltung läge auch die Festlegung des Osterfestes.(Bravo l links.) Abg. Korfanty(Pole) wünscht tarifarische Mahnahmen zur Hebung des Absatzes der oberichlesischcn Industrie, der durch die Polenpolitik der preuhischen Regierung sehr erschwert werde, und wendet sich dagegen, dah in den Ostmarken bei Bewerbungen um untere Beamtenstellen in dem Heimalsort deS Betreffenden bei der Polizei Erkundigungen über die politische und nationale Gesinnung deS Bewerbers eingezogen würden. Eisenbahnminister v. Breitenbach erwidert dem Abg. Pachnicke, dah die Eisenbahnverwaltung mit ihren langfristigen Verträgen über Kohlenlieferungen keine schlechten Erfahrungen gemacht habe. Seine übrigen Ausführungen bleiben auf der Tribüne unverständlich. Abg. Borgmann(Soz.): Der Minister hat eben mitgeteilt, dah die Erträgnisse der Vorortbahnen sehr verlu st reich seien. Wir Berliner stehen dieser Behauptung etwas skeptisch gegenüber, namentlich wenn wir uns vergegenwärtigen, wie ü b e r f ü l l t die Stadtbahn- und Vorortzüge zu gewissen Zeiten sind. Wenn man daran denkt, bei Elektrisierung der Stadtbahn die Tarif« zu erhöhen, so mache ich darauf aufmerksam, dah eine Erhöhung der Tarife noch keineswegs höhere Einnahmen bedeutet, weil dadurch leicht eine Ver« Minderung des Verkehrs herbeigeführt werden kann.(Sehr richtig I) Das beweist da« Beispiel der Berliner Omnibus» gesellschaft, die ihre erhöhten Tarife wieder herabsetzen muhte, ivenn sie die Millionen von Pasiagieren, die ihr verloren gegangen waren, wieder heranholen wollte. Die Hauptsache der Rentabilität des elektrischen Betriebes ist die Herbeiführung einer einheit- l i ch e n Klasse,(Sehr richtig l bei den Sozialdemokraten) denn die verschiedenen Klassen verteuern und erschweren nur den Verkehr. Meine Frage, warum der Herr Minister darauf gedrungen hat, dah bei der Hoch- und Untergrundbahn daS Zweiklassensystem eingeführt worden ist, ist nicht beantwortet ivorden. Die Gesellschaft wäre, wie gesagt, gern bereit, da« Einklasiensystem einzuführen. ES müssen doch triftige Gründe vorhanden sein, welche die Verwaltung veranlassen, der Gesellschaft wider ihren Willen dieses unbequeme ZweiNassensystem aufzuoktroyieren.— Die Abhängung deS Wagens dritter Klaffe vom Schnellzuge in Hamm hat der Herr Minister damit gerechtfertigt, dah der Wagen für den Lokalvcrkehr gebraucht wurde. Dann sollte man aber auch nur Personen hineinlassen, die nach den betreffenden Orten wollen, und nicht auch solche, die weiter reisen wollen. DaS begegnet natürlich erheblichen Schwierigkeiten bei dem Mangel an Beamten infolge des Sparsystems der Eisenbahn- Verwaltung. Wie gefährlich diese Sparsamkeit werden kann, be- weist die Tatsache, dah der Zugführer dieses westlichen Schnellzuges, der doch die Sirecke kontrollieren soll, dazu während der ganzen Fa�rt keine Zeit hat, weil er dir Kontrolle im Zuge mit ausüben mutz.(Hört! hört!) Bei Gelegenheit der Besprechung deS Miil- hcimer Unglücks werden wir auf diese Verhältnisse noch näher ein» zugehen haben.— Gegenüber meiner Beschwerde über die Entziehung von Arbeiterrückfahrkarte« hat der Herr Minister geantwortet. eS wäre vom Hause ge« fordert worden, datz über£>0 Kilometer keine Arbeiterrückfahrkarten mehr gewährt würden. DaS glaube ich ihm aufö Wort. Wie komint aber der Herr Minister dazu, auf Wünsche der I n t e r e s s e n t e n g r n p p e n. die die Mehrheit in diesem Hanse haben, einfach Hunderten und Tausenden von Arbeitern Rechte zu nehmen, die sie 10 und 17 Jabre lang gehabt haben? I Wenn die Eisenbahnvcrwaltuna ihre Aufgabe richtig erfahte, Satte sie eS für ihre Pflicht halten niüffen. die Interessen dieser rbeitcr zu schützen gegenüber solche» Ansprüchen der Mehrheit dieses Hauses. Vom Standpunkt der ein fach st en Gerechtigkeit an? mühte man erwarten, datz solche wohlerworbenen Rechte der Arbeiter respektiert worden wären. Zum mindesten hätte der Minister bestimmen sollen, datz in Zukunft keine neuen Arbeiterrückfahrkarten über 50 Kilometer ai.lSgegebcn werden, hätte aber die alten besiehenden Verhältnisse berücksichtigen müssen. Ein solche» Verfahren deS Ministers ist eben nur möglich, weil in diesem Hause die Interessen der Arbeiter keine genügende Ver« t r e t u n g f i n d e it.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) In dieser nackten und dürren Form hat die Regierung noch nie er« klärt: die Gruppen, die hier die Majorität haben, verlangen das, und nach den Interessen der Arbeiter hat die Regierung nicht zu fragen!(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Kliisnnanii(natl.) wünscht Ermäßigung der Seefischtarifs im Interesse der Hochseefischerei. Abg. Dr. Hahn(t.) schließt sich diesem Wunsche an.� Minister v. Breitenbach: Wichtiger als eine Ermäßigung der Tarife für Fische ist eine Beschleunigung de» Transportes. In dieser Richtung wird geschehen was geschehen kann.— Was das Zweillasscniystem auf der Berliner Hoch- und Untergrundbahn an- belangt, so ist eS der Gesellschaft nicht aufoktroyiert, sondern von ihr ausdrücklich gewünscht ivorden.— Was die Bemerkung deS tierrn Borgmann über die Arbeiterrückfahrkarten über 50 Kilometer ctrifft, so erwidere ich ihm, datz es selbstverständlich einem Minister nur erwünscht sein kann, wemr er sich in seinen Entschließungen auf die Majorität deS Hauses stützen k a n n.(Bravo! rechts.) Dnmit schließt die Debatte über die wirtschaftliche Seite des Etats. Es folgt die Erörterung über die Beamten« und Arbeiterfrage. Auf Antrag des Abg. v. Erffa(k.) wird gegen den Widerspruch der Linken beschlossen, die Erörterung der Petitionen Von Beamten bis nach Erledigung de« Etats zurückzustellen. Abg. Gronowski(Z.): Das Rechtsverhältnis der Eisenbahn- arbeitcr und-Handwerker schwebt völlig in der Luft, sie unter- stehen weder der Reichsgewerbcordnung noch dem Bürgerlichen Gesetz» buch, da sie weder zu den gewerblichen Arbeitern noch zu den Bediensteten gehören. Sie dürfen daher nicht teilnehme» an den Gewerbegerichtswahlen, stellen keine Beisitzer zu dem Gewcrbegericht und sollen auch keine Vertretimg bei den ArbcitSkammern haben. Das ist eine ganz ungerechte Zurücksetzung der Eiicnbahnarbeiter. (Sehr richtig!) Was das Koalitionsrecht dieser Arbeiter anlangt, so hat der Minister erklärt, er stehe den Organisationen der Eisenbahnarbeiter, soweit sie nicht sozialdemokratisch seien, wohlwollend gegenüber. Dieser Wille des Ministers wird aber von einigen Eisenbahndirektionen oder-Inspektionen völlig ignoriert. Die ArbeitenuiSschüsse find vielfach nur ein Dekorationsstück— da» soll kein Vorwurf gegen die Verwaltung sein. Die Ausschntzsitzungen werden häufig so spät angesetzt, datz die Arbeiter schon mit ihren Zügen vorher haben abfahren müssen.(Hört! hört!) Besondere Aufmerksamkeit bitte ich den Minister der Lohnsrage zu widmen. Die Löhne sind viel- fach»och niedriger als in der Landwirtschast.(Hört! hört!) Eine ständige Quelle der Erbitterung ist für die Arbeiter der Akkordlohn. Fast alle Eiscnbahnhandwcrker und-arbeiter sind für die Abschaffung derAkkord» löhne, weil sie dabei vielfach in Konflikl kommen mit ihrem Ge» wissen. Unter Umständen kann sogar die Betriebssicherheit der Eisenbahn unter dem Akkordsystem leiden. Vor allem sollte ein Ausgleich der Grundlöhne staltfinden, es sollte ein Stückpreis» Verzeichnis zur Einsicht für die Arbeiter auSliegen. und die Kolonnen sollten nicht mehr als fünf, höchstens sechs Personen groß sein. Bei der Revision der Akkordpreise sollten die AuS« schüsse hinzugezogen werden.(Sehr richtig I) Ein großer Mitzstand ist auch, datz die Revisionen immer vorher angemeldet werden. Da wird geputzt und gefegt, und wenn ganz hohe Herren kommen, wird sogar lackiert.(Heiterkeit.) Nicht die Herren werden lackiert, sondern die Maschinen.(Große Heilerkeit.) Die Arbeiter wären der Verwaltung sehr dankbar, wenn auch von Zeit zu Zeit ganz plötzlich unangemeldete Revisionen stattfinden wurden. Weiter wünschen die Arbeiter früheren Schluß der Arbeitszeit an Tagen vor Feiertagen sowie Urlaubsgewährung. Ich habe mich auf diese wenigen Forderungen beschränkt, die nach meiner Ueberzeugung über kurz oder lang durchgeführt werden können. Ich lehne e» ab, mich hier als der„wahre Jakob' der Eisenbahnarbeiter aufzuspielen.(Heiterkeit. Abg. Le inert sSoz.j: So sehen Sie aus!) Herr Leinert, eS wäre besser, wenn auch Sie, statt radikale Agitationsreden zu halten, sich aus die Vertretung der erfüllbaren Wünsche der Arbeiter beschränken würden. Natürlich werden Sie darauf nicht ein« gehen, darunter würde ja der Nimbus der Sozialdemokratie leiden. Kling, Klang gloria, die Sozialdemokratie ist ja überhaupt nur der „wahre Jakob" der Arbeiter.(Lachen bei den Sozialdemokraten. Bravo I im Zentrum.) Abg. Dr. v. Erffa(l) wünscht, datz da» Abrufen der Züge auch auf kleinen Stationen stattfinden solle. Minister v. Breitenbach: Das ist in den Bestimmungen vor« geschrieben.— WaS die Ausführungen des Herrn Gronowski an« langt, so betone ich, datz im allgemeinen die rechtliche Grundlage für die Eisenbahnarbeiter das Bürgerliche Gesetzbuch bildet. Die Arbeiter« auSschüsse halte ich ftir eine besonder» nützliche Einrichtung und wünsche, datz alles von ihnen ferngehalten wird, waS ihre Tätigkeit irgendwie beschränken könnte. Ich habe in diesem Sinne wieder» holt Erlasse herausgegeben. Eine zu späte Einberusung der Sitzungen würde ich selbstverständlich nicht billigen können. Der materielle Erfolg der ArbeitcranSschüsse ist heute schon ein recht erheblicher, wie ihre Beschlüsse beweisen.— Den Löhnen wende ich meine dauernde Aufmerksamkeit zu. Ich bin mir bewußt, datz die Lohnfrage einer dauernden scharfen Kontrolle unterworfen werden mutz, und daS geschieht auch. In den letzten Monaten sind wieder eine Reihe von Lohnerhöhungen erfolgt. Im Gegensatz zu Herrn Gronowski bin ich der Meinung. datz der überwiegende Teil der Arbeiter nicht gegen die Akkordarbeit ist. Die Auslegung der Stückpreisverzeichnisse halte ich für selbst« verständlich. Revisionen müssen natürlich unerwartet erfolgen, sonst sind sie wertlos.(Bravo!) Abg. Schröder- Kassel(natst) bringt«ine Reihe von Beamten» wünschen vor. Der Erholungsurlaub sollte wenigsten» den älteren Arbeitern ohne Ausnahme gewährt werden. Bei den Bahnunterhaltungs» arbeitern wird immer wieder darauf hingewiesen, daß sie ohnehin schon viel in freier Lust zu tun hätten.(Hört! hört I b. d. Soz.) Die Arbeitszeit sollte auch in den BetriebSwerkstätten überall aus neun Stunden herabgesetzt werden. Natürlich werden die Stundenlöhne bei einer Herabsetzung der Arbeitszeit entsprechend heraufgesetzt werden müssen, denn der Grund der Verkürzung der Arbeitszeit ist ja gerade, daß die Arbeiter in neun Stunden genau so viel leisten wie in zehn Stunden. Gegen die Abschaffung deS Akkordlohnes würden sich viele Arbeiter wehren. Dem Wunsche, daß bei der Festsetzung der Akkordlöhne die ArbeiterauSschüsse gehört werden, kann ich mich anschließen. Minister v. Breitenbach betont, daß für die Löhne der Eisenbahn« Verwaltung nicht der ortsübliche Tagelohn, sondern die Löhne der Industrie und Landwirtschaft matzgebend seien. Hierauf vertagt das HauS die Weiterberatung auf Donnerstag 2 Uhr. Schluß 4»/« Uhr._ parlamentarisches. Kaligesetz-Kommisfio». In der Mittwochsitznng beantragte Genosse H u e, endlich die noch ausstehenden Tabelle» über die In- und Auslandspreise sowie die Syndikats« und Autzersyndikatsverträge der Kommission nicht vertraulich vorzulegen. Ferner beantragt er Drucklegung und Ver- teilung deS stenographisch aufgenoinmenen Vortrags des ProfesiorS Beyschlag über daS Kaltvorkommen. Die Erfüllung des letzten An» trageS wurde ohne weiteres zugesagt. Dagegen wurde von den Regierungsvertretern die Vorlegung der PreiSlabellen und der Ver» träge, ganz besonders die n i ch t vertrauliche, scharf bekämpft. Ein an haktinischer Regierungsvertreter. der gleich- z e i t i g V o r st a n d S m i t g I i e d des K a l i s y n d i k a t ö ist, ver» teidigte gegen die früheren Ausführungen des Abg. Heim das Geschäfts- gebaren de» Kalisyndikats. Genosse E m m e l bezeichnet eS als des Reichstages und seiner Kommission un» Würdig, datz man daS verlangte Material immer noch nicht vor» gelegt habe. Die Vorstandsmitglieder deS Kali- syndikats marschieren hier als Negierungsvertreter auf, verwenden ihre Kennwisse als Borstandsmitaliedcr gegen die Kommission, aber das Material, auf das sie sich stützen, wird der Kommission vorenthalten. Die Abgg. Erzberger, Graf Oppersdorf. Herold, Heim.Gothein usw. fchllesien sich diesen Ausführungen an. nur soll vorläufig die Vertraulichkeit bestehen bleiben, bis man sich ein Urteil über daS Material gebildet hat. Endlich kapituliert die Regierung und erklärt, sie werde nach Möglichkeit das Material beschaffen und vorlegen, wenn es vertraulich behandelt werde. DaS Zentrum erklärte nun gegen den sozialdemokratischen An» trag zu stimmen, erstens weil dasselbe schon einmal beschlossen, und zweitens weil die Regierung die Erfüllung jetzt zugesagt habe. Der Antrag wurde hierauf abgelehnt. Müllcr-Fulda findet, dag die Kaligewinnung heute noch nicht unrentabel und hilfsbedürftig sei. Die Zahlung von Ausbeuten sei mit Absicht unterblieben. Die Gewerkschaft Hugo zum Beispiel hat pro Kuxe 75 M. eingezahlt' heute gilt die Kuxe 4SOO,— M.—(an dieser Gewerkschaft ist Reichstags- abgeordneter v. Dannenbrog beteiligt)—, daher ist eine Schutz- bedürftigkeit nicht vorhanden. Ei» gesetzliches Einschreiten ist nur geboten, um eine Begünstigung des Auslandes zu verhüten. Am besten wäre ein Ausfuhrzoll. Die Regierung wünscht kein Produktions-, sondern eher ein Handelsmonopol. Ein Zwangs» syndikat hat grosze Nachteile für die Jnlandkonsumenten, daher wäre vielleicht auch ein Auslandssyndikat genügend. Anderenfalls eine gesetz- liche Koiitingenticrung der Produktion. Bei allgemeiner Konkurrenz ist auf die Dauer ein Zusammenbruch unvermeidlich. Die ungeheuren Profite, die das Syudikal nahm, sind schuld an den Schwierigkeilen. Es ist richtig, daß die Bodenschätze eigentlich dem ganzen Volle ge> hören und dah im Interesse des Volkes einer Verschleuderung vor- gebeugt werden muh. Eine Zwangsregelung des Jnlandabsatzes ist im Interesse der Konsumenten zu vermeiden. Zu weit gehende Reglementierung der Industrie ebenfalls. Daher wäre eine Kontingentierung der Produktion mit Maximal- preisen für das Inland die beste Lösung. Zur Schadloshaltung des Reiches für die auszuübende Kontrolle könnte eine niätzige Förderabgabe erhoben werden. Hierauf tritt Vertagung auf Donnerstag vormittag 10 Uhr ein. Aus der Strafjustizkommission. Die Strafjustizkommission beriet gestern über§ 26 der Straf- prozehordnung. Nach diesem Paragraphen sind, dem geltenden Recht entsprechend, Entscheidungen, die im Laufe einer mündlichen Ver- Handlung erforderlich werden, nach Anhörung der Beteiligten (also Slaatsanwaltichaft, Angeklagter, unter Umständen auch Zeugen) zu erlassen. Die Kommission stimmte diesem Vorschlage zu. Eine längere Debatte rief die ebenfalls dem geltende» Recht entsprechende Vorschrift wach:„Vor anderen Entscheidungen ist die Staarsanwalt- schaft zur Erklärung aufzufordern, wenn durch die Verzögerung kein Nachteil entsteht-. Abg. Gröber beantragte, auch Anhörung der übrigen Beteiligten, insbesondere also des Angeklagten, vor- zuschreiben und ferner den Untersuchungsrichter und den Amtsrichter von der Anhörungspflicht zu befreien. Abg. Ghstling wünschte ebenfalls wenigstens Gleichstellung des Angeklagten mit dem Verteidiger. Abg. Stadthagen erklärte, das richtigste sei. die völlig überflüssige, lediglich der Verschleppung dienende Vorschrift, die eine Herabsetzung deS Richters gegenüber der Staatsanwaltschaft involviert, zu streichen. In der Praxis werde sie ja auch meist nicht beachtet. Darauf stellte der Abg. Spahn den Antrag auf Streichung dieses Satzes. Die Vorschrift sei entbehrlich. Für die Akte, wo eine Anhörung der Anklagebehörde erforderlich sei, könne man dies ja ausdrücklich hervorheben. Eine Reihe Regierungskommissare, der Staatssekretär sowie der Abg. Heinze traten dement- gegen und mit Wärme für die Vorlage ein. Der Satz 2 wurde schließlich dem Antrag Spahn entsprechend mit 15 gegen 16 Summen g e st r i ch e n. Damit ist ein kleiner Anfang zu BeseUigung der die richterliche Tätigkeit intellektuell und moralisch deprimierenden Stellung der Staatsanwaltschaft gemacht. Aus der Wahlprüfungskommission. Die Kommission lehnte am Mittwoch mit fünf gegen fünf Stimmen den Antrag des Referenten ab, die Wahl deS Abg. Boltz- Saarbrücken für ungültig zu erklären. Nach dem Antrag des nationalliberalen Korreferenten sollen weitere Beweis- erhebungen stattfinden. Wenn eS nun nicht gelingt, diese Beweisausnahme zu beschleunigen und allem Anscheine nach wird das schwer halten, dann wird die Entscheidung über die Wahl deS Herrn Boltz im nächsten Winter fallen, vielleicht auch kurz, ehe der Reichstag selber geschlossen wird. Der Abgeordnete hat dann die ganze Legislaturperiode im Reichstag gesessen und hat bei allen Gesetzen mitgestimmt, obwohl er nicht zu Recht gewählt war. Stellenvermittelungsgesetzkommission. Die ReichStagskommissiou. der der Gesetzentwurf über die Stellenvermittelung überwiesen ist, setzte am Mittwoch ihre Beratung fort. Unsere Parteigenossen beantragten folgende»§ 4a: „Die Stellenvermittelungen dürfen Dienstbücher(Gesinde- bücherl, Arbeitsbücher. Zeugnisse, Arbeitspapiere und sonstige Gegenstände, die aus Anlaß der Stellenvermittelung in ihren Be- sitz gelangt sind, gegen den Willen des Eigentümers nicht zurück- bekalten, insbesondere an solchen Gegenständen ein Zurück- bebaltungS- oder Pfandrecht nicht ausüben.- Unter sehr nichtigen Einwänden erklärten sich sämtliche bürgerlichen Parteien gegen diesen Antrag. Man er- Härte in Anlehnung an eine Erklärung der Regierung, daß dieser Schutz in den Verordumige» der Landesregierungen enthalten sein müsse. Der so wichtige Schutz der Stellungsuchenden wurde hierauf gegen die Stimmen unserer Genossen abgelehnt. § 6 setzt fest, unter welchen Umständen die Konzession dem Stellenvcrmittler entzogen werden kann. Sie soll ent« zogen werden, wenn sich die Unzuverlässigkeit deS Vermittlers in bezug auf feinen Gewerbebetrieb ergibt, oder auch die persönlichen Verhältnisse dieselbe Folgerung zulassen. Die letztere Bemerkung ist auf Antrag Bnrckyardt(wirtschaftliche Bg.) hinzugesügt. Ferner wurde solgeuder Antrag Burckhardt angenommen:„Die Unzuverlässigkeit ist stets anzunehmen. wenn der Stellenvermittler wiederholt bestraft ist. weil er die fest- gesetzte Gebührentaxe überschritten, oder sich außer den taxmätzigen Gebühren Vergiiluugen anderer Art von Arbeitnehmern oder Arbeit- gebern hat gewähren oder versprechen lassen, oder weil er dem Verbote der ß§ 6 und 9 Abi. 1 Ziffer 4 zuwider gehandelt hat. Der Träger des öffentlichen Arbeitsnachweises ist berechtigt, selb- ständig Antrag auf Entziebung der Erlaubnis zu stellen.- Die folgenden Paragraphen gelangten ohne wesentliche Aende- rung zur Annahme. Eine längere Debatte entstand nur bei ß 12, der bestimmt, daß die Landeszentralbehörde das Recht hat, auch auf andere Stellenvermittelungen, die nicht ge- werbSmäßig betrieben werden, durch Verordnung die An- Wendung des Gesetzes zu verfüge i». Unsere Genossen beantragen, daß diese Bestimmung nicht gegen die geloerk- schaftlichen Arbeitsnachweise gerichtet werden darf. Der Arbeitsnachweis der Gewerkschaften muß gegen die behördliche Bevormundung sichergestellt werden. Der Antrag wird von allen bürgerlichen Parteien be- kämpft, weil man sonst auch den Unternehmern die gleiche Stellung für ihre Arbeitsnachweise garantieren muß. Genosse Schmidt hielt dem Zentrum vor, daß eS durch seine Stellungnahme auch die Einrichtungen der christlichen Gewerkschaften in Gefahr bringe. Hierauf erklärten die Herren vom Zenttum, daß das nicht ihre Absicht wäre, daß sie aber nicht für den sozialdemokratischen Antrag stimmen würden. Sie stimmten auch für die Ablehnung. Die erste Lesung der Vorlage ist hiermit beendet. Das freie Wahlrecht ist das Zeichen... Nach dem Umschwung, den der Polizeipräsident unseren Wahlrechtskundgebungen gegenüber vollzogen hat, mutet es sonder- bar an, wenn man sieht, daß die Gerichte sich noch Tag für Tag mit der Aburteilung von Teilnehmern an früheren, von der Polizei für unstatthaft gehaltenen Demonstrationen zu beschäftigen haben. Die Empfindung eines so widerspruchsvollen Zustandes ist um so lebhafter, wenn es sich bei der gerichtlichen Verfolgung von Temonstranlen um so unbedeutende Dinge handelt, daß sie nur der kleinlichste Polizeigeist überhaupt als Straftaten auf- fassen kann. Einen Fall dieser Art hatte gestern wieder das Schöffengericht Verlin Mitle zu verhandeln. Der Arbeiter Engler war angeklagt wegen groben Unfugs und Ucbertretung der Strahcnpolizciveroidiiuug durch Nichibefolgung der Aufforderung eines Beamten, ruhig zu sein und weiter zu gehen. Nach Schluß einer Wahlrechtsbcrsanimlung, die am 13. Februar in den Sophiensälen stattfand, sollen die„Straftaten" begangen sein. Nach den Zeugenaussagen des PolizeileutnantS Arndt und deS Kriminalschutzmanns Brohin hat sich die in Rede stehende An- gelegenheit so abgespielt: Nachdem die Versammlungsbesucher das Lokal verlassen hatten, stimmte ein Teil von ihnen den Vers: „Das freie Wahlrecht ist das Zeichen, in dem wir siegen...- an. Polizeileutnant Arndt forderte die Menge wiederholt auf, ruhig zu sein und nicht stehen zu bleiben. Trotz seiner Aufforderung, sagte der Polizeileutnant, sei— fürchterlich!— Wetter gesungen worden; auch sei ihm aus der Menge zugerufen worden:„Maul halten!",„Schnauze halten!" Dann habe er zu dem Kriminal- schutzmann Brahm gesagt:„Jetzt wollen wir die Hauptschreier herausgreifen und sistieren.- Dann habe Brahm den Angeklagten und noch einen anderen festgenommen und diese als Hauptschreier bezeichnet.— Als Zeuge konnte der Kriminalsihutzmann Brahm zwar nicht behaupten, daß der Angeklagte geschrien habe, sondern er beschuldigte ihn nur, lauter gesungen zu haben als die anderen. „Man habe das Singen des Angeklagten straßenweit hören können,- meinte der Kriminalschutzmann. Demgegenüber behauptete der Angeklagte, er sei von dem Polizeileutnant so weit entfernt gewesen, daß er dessen Aufforde- rung nicht hören konnte. Auch habe er nicht lauter gesungen als die anderen. Aber der Zeuge Brahm, der sich bei der Sistierung des Angeklagten erst als Kriminalschutzmann zu erkennen gab, habe vorher kräftig mitgesungen, ja er habe sogar angefangen zu singen.— Kriminalschuyman» Brahm bezeichnete es als völlig ausgeschlossen, daß er sich an dem Gesang beteiligt oder gar den- selben angefangen haben solle.— Weiteres konnte auch in diesem Punkte nicht festgestellt werden. Im übrigen wurden die An- gaben des Augeklagte» durch einen dritten Zeugen, der in seiner Nähe war, bestätigt. Der Staatsanwalt beantragte, den Angeklagten zu der schon im Strafbefehl festgesetzten Haftstrafe von 19 Tagen zu verurteilen. Die Nichtbefolgung der polizeilichen Anordnung— sagte der Staatsanwalt—. ebenso das überlaute Brüllen hätte anreizend auf die Menge wirken können und müsse deshalb nicht zu leicht bestraft werden. Rechtsanwalt Dr. Kurt Rosenfeld, der den Angeklagten ver- teidigte, machte geltend: Es sei nicht erwiesen, daß der Angeklagte nach der Aufforderung nicht weiter gegangen sei. Grober Unfug könne selbst dann nicht angenommen werden, wenn der Angeklagte lauter als alle anderen gesungen habe, denn dadurch sei doch nicht das Publikum in seiner Allgemeinheit belästigt worden. Die Aufforderung, ruhig zu sein, könne der Angeklagte nicht gehört haben. Hiernach sei die Freisprechung zu fordern. Keinesfalls aber könne ein so hohes Strafmaß, wie das beantragte, gerecht- fertigt erscheinen. Weiter wies der Verteidiger darauf hin, daß auch die Veranstaltungen am 13. Februar vollkommen ruhig ver- lausen sein würden, wenn sich die Polizei schon damals so zurück- gehalten hätte wie bei den großen Demonstrationen am letzten Sonntag. Das Urteil des Gerichts lautete auf 29 M. Geldstrafe wegen groben Unfugs und Uebertretung der Straßenpolizcivcrordnung. Mit den Demonstrationen am letzten Sonntag— sagte der Vor- sitzende— könne der vorliegende Fall nicht verglichen werden. Am Sonntag habe die sozialdemokratische Partei streng darauf ge- halten, daß alles ruhig vonstatten gehe. Infolge der strengen Zucht, welche die Sozialdemokratie übe, sei dann auch die Demo». stration ruhig verlaufen. Im vorliegenden Falle habe aber die Sozialdemokratie keine Ordner gestellt, sondern die Menge sich selbst überlassen. Es sei gesungen worden, wobei sich der An- geklagte in überlauter Weise hervorgetan habe. Gegen diese Ansicht des Vorsitzenden spricht die Tatsache, daß stets nur das Eingreifen der Polizei die Menge gereizt und zu Gegenkundgebungen veranlaßt hat. 8o2ia!es. Die Apotheker zur NcichsversichrrungSordnung. Zur Beratung des Entwurfes einer ReichsversicherungS- ordnung trat gestern der Deutsche Apothckervcrein zu einer außer- ordentlichen Hauptversammlung in Berlin zusammen, die von fast allen Apothekervereinen Deutschlands mit Vertretern beschickt war. Nach einer längeren mit Ausfällen gegen die Krankenkassen und mit Klagctönen über die armen notleidenden Apotheker reich- lich gespickten Debatte gelangte folgende Resolution zur An- nähme: „Der Deutsche Apothekerverein erklärt sich mit der im Ent- würfe einer Reichsversicherungsordnung vorgesehenen Ein- beziehung der Angestellten im Apothekerberufe in die Kranken- Versicherung und in die Invalidenversicherung sowie auch mit der Ausdehnung der Versicherungspflicht auf den Apothekcrbetriev einverstanden. Er begrüßt die in dem ß 494 des Entwurfes ent- haltene Anerkennung der Notwendigkeit eines erhöhten Schutzes der Apotheken gegen Vergewaltigungen durch die Krankenkassen mit Genugtuung, erhebt aber entschiedenen Widerspruch gegen den§ 405 des Entwurfes, der bei seiner Durchfiihrung nicht nur eine ständige Quelle der schwierigsten Streitigkeiten zwischen Kassen und Apothekern bilden, sondern auch die Lebensfähigkeit der meisten Apothekenbetriebe im höchsten Grade beeinträchtigen oder gar ausheben würde. Der Deutsche Apothekervcrein und die in der heutigen Versammlung beteiligten Körperschaften und Bereine, welche zusammen die Vertretung deS gesamten deutschen Apothekerstandes bilden, richten deshalb an den Reichstag die dringende Bitte, dem§ 405 des Entwurfes einer Reichsversiche- rungsordnung seine Zustimmung nicht erteilen zu wollen. Dw das Verhältnis zwischen den Krankenkassen und den Apotheken betreffenden Bestimmungen, speziell den 8 405, bittet die Ver- sammlung in nachstehender Fassung annehmen zu wollen:„Die Apotheken haben den Krankenkassen nach näherer Bestimmung der obersten Verwaltungsbehörde einen Abschlag von den Preisen der deutschen Arzneitaxe zu gewähren, falls die Krankenkassen alle Arzneimittel aus den Apotheken beziehen." 8 405, der den besonderen Unwillen der Apotheker erregt hat, schlägt vor:«Die Apotheken dürfen den Krankenkassen Arznei- mittel, die auch ohne ärztliches Rezept abgehoben werden können, ohne Rücksicht auf die Form der Verschreibung nicht höher als zu den im Handverkauf üblichen Preisen anrechnen. Für die anderen Arzneimittel haben die Apotheken den Krankenkassen nach näherer Bestimmung der obersten Verwaltungsbehörde einen Abschlag von den Preisen der Arzneitaxe zu gewähren." Die Apotheker sind also mit dem viel zu weiten Entgegenkommen der Vorlage auf die durchaus unberechtigten Wünsche, den Arbeitern und Kassen nur hohe Apothekerpreise anzurechnen, noch nicht zu- frieden. Hoffentlich geht der Reichstag nun dazu über, den Kranken- lassen die Errichtung eigener Apotheken sowie den Ein« und Ver- kauf von Arzneimitteln jeder Art zu gestatten, damit sie und dke Arbeiter von der Schröpferei durch Apotheken befreit bleiben. Wieder ein betrügerischer Mittelständler. Erst in der vorigen Woche wurde einem mittelständlerischen Hauptagitator in Nürnberg die Brotlieferung für die städtische Armenpflege entzogen und der Mann dem Staatsanwalt über- antwortet, weil er für die Armen ungenießbares Brot lieferte. Nunmehr ist ein noch größerer Mittelstandsmann unter den Wagen gekommen. In den Submissionsbedingungen b£t Stadt ist auch die Bestimmung enthalten, daß städtische Arbeiten und Liefe- rungen an Mitglieder der gemeindlichen Kollegien nicht oergeben werden dürfen. Nun war vor einigen Monaten eine große Schreinerarbeiten-Lieferung für die Schulen zu vergeben. Ein beträchtlicher Teil dieser Arbeiten wurde der Schreinerinnung zur Verteilung an ihre Mitglieder übergeben, wodurch die Arbeiten um 5000 M. höher zu stehen kamen, als wenn andere vorliegende Angebote berücksichtigt worden wären. Es geschah eben deshalb, um den Mittelständlern den Mund zu stopfen, da sie ständig über Vernachlässigung des Handwerkerstandes schreien. Vorstand der Innung ist der mittelständlerische Gemeindebevollmächtigte Schreinermeister Spönnemann, der die Arbeiten in einzelnen Ab- teilungen unter die Mitglieder verloste, wobei auch ein Los auf ihn selbst fiel. Davon bekam der Magistrat Wind. Er untersagte Herrn Spönnemann die Ausführung. Die Arbeit fiel dann einem anderen Mitgliede zu. Dieses konnte sie aber nicht ausführen und übertrug sie wiederum auf einen anderen Schreinermeister. Dieser ist der Schwiegersohn des Herrn Gemcindcbcvollmächtigtcn Spönncmann. Er diente aber als Strohmann; die Arbeiten wurden in der Werkstätte des Gemeindebevollmächtigten Sp.. mit dessen Holz und Werkzeugen und von seinen Arbeitern, also zu seinem eigenen Vorteil, ausgeführt. Nur durch einen Zufall kam der Magistrat hinter diese Schliche. Er beschloß nun, der Innung solange keine Arbeiten zu übertragen, als sie dem Magistrat gegen- über keinen anderen Vertreter aufstellt, der die Gewähr bietet, daß die Verträge mit der Stadt auch eingehalten werden. Gendns-Deining. Nette Schutzleute. Merkwürdiges Pech mit ihren Schutzleuten hat die Göttinger Polizeidirektion, wie einige Gerichtsverhandlungen aus der letzten Zeit dartun. In einer Schöffengerichtsverhandlung gegen einen gewissen Sachse, der wegen geringen Unfugs auf dem Wcihnachts- markt von dem Schutzmann Seck verhaftet und nach der Wache ge. bracht worden war und dort sich widersätzlich benommen haben sollte, stellte sich heraus, daß der Angeklagte auf der Wache von dem genannten Schutzmann arg verprügelt worden ist. Derselbe Schutzmann Seck, der jetzt seit einigen Tagen nicht mehr im Dienst ist, soll nach Meldung hiesiger Blätter ferner einen Arrestanten schwer mißhandelt haben; eine weitere Sache schwebt noch. Noch befremdender aber ist die Meldung eines GLttinger Blattes, wo- nach vor acht Tagen eine Partei vor dem Schöffengericht erzählt hat, daß ein auf der Polizeiwache mißhandelter Handwerksbursche mit 25 M. Schweigegeld abgefunden worden sei! In eine andere, noch bedenklichere Sache ist der inzwischen aus dem Dienst entlassene Schutzmann Wegener verwickelt, Auf dem Maschkruge, einer in städtischem Besitz befindlichen, außerhalb der Stadt belegenen Wirtschaft, herrschte seit längerer Zeit ein schäm- lofeS Treiben. Zuhälter und Dirnen hatten dort ihr Absteige- quartier. Am tollsten ging es beim Schützenfest zu, wenn die so- genannten„Münchener" Kellnerinnen dort logierten. Die Polizei erfuhr wenig oder nichts davon, da der Schutzmann Wegener, in dessen Revier der Maschkrug lag, Freund deS Hauses war und mit einem der dort hausenden Mädchen verkehrte. Der Wirt und die Wirtin des Lokals sind nun jetzt von der Strafkammer in zweiter Instanz wegen Kuppelei zu je 2 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Die inzwischen angestellten polizeilichen Ermittelungen haben ergeben, daß das Treiben auf dem Maschkrug geradezu ge- meingcfährlich gewesen ist. An den Tänzen, die Sonntag? statt- fanden, nahmen großenteils Prostituierte teil. Festgestellt ist auch, daß gewisse Krankheiten von dort verschleppt worden sind. Die Kellnerinnen liefen oft in äußerst mangelhafter Bekleidung im Lokal herum. Regisseur und Schauspieler standen sich gestern vor der 2. Strafkammer des Landgerichts Berlin III gegenüber, erfterer als Angeklagter, letzterer als Pri- vatkläger. Der Schauspieler Hubert Dietzsch hatte den Regisseur Lichow wegen Beleidigung verklagt auf Grund eines Vorfalles, der l'/h Jahre zurückliegt. Beide waren seinerzeit Mitglieder deS Hebbeltheaters, bei welchem Herr Lichow die Stellung eines Regisseurs und stellvertretenden Direktors innehatte. Am 8. Okto- ber 1908 fand eine Generalprobe zu dem Stück„Ninon de Lenclos" statt, in welchem Herr Dietzsch Partner des Fräulein Fehdmer war. Der Regisseur Lichow. ein temperamentvoller Herr, glaubte schon bei früheren Proben bemerkt zu haben, daß der Privatkläger eine lässige Art und passive Rösistenz bekundete. Als am 8. Okto- ber Herr Dietzsch auf der Generalprobe einen LapfuS beging, indem er, ohne sich umzusehen, die Worte sprach:„Da kommt der Schwatzbischof 1", während der Schauspieler Hermann Nissen, auf den die Worte gemünzt sein sollten, noch gar nicht die Bühne be- treten hatte, da geriet Regisseur Lichow in große Erregung und rief dem Privatkläger laut zu: Er kenne ja noch nicht einmal die elementarsten Grundsätze der Schauspielkunst! Der also Apostro- phierte verbat sich dies, der Regisseur aber erklärte:„Hier wird anständig geprobt!", worauf der Privatkläger erwiderte:„Ich bitte mir einen anständigen Ton aus!" Darauf schrie der An- geklagte in lautem und erregtem Ton:„Halten Sie den Mund! RauS! NauS! Scheren Sie sich von der Bühne!" Der Vorfall hatte seinerzeit den Mitgliedern deS Hebbeltheaters Veranlassung zu einer Beschwerde an den Direktor Robert über den nach ihrer Ansicht unangemessenen Ton gegeben. Hubert Dietzsch erhob die Privatklage, die mit der Froisprrchnug des Angeklagten endete. da daS Schöffengericht ihm den Schutz des§ 103 zubilligte. Auf die vom Privatkläger eingelegte Berufung wurde gestern vor der Strafkammer über die Rechte und die zulässige Behandlungsweife eines Regisseurs gegenüber den Schauspielern in so lebhafter Weise gefochten, als stände eine cause celedre in Frage. Als Zeuge wurde der frühere Direktor Robert vernommen. Er gab dem Angeklagten darin recht, daß dieser vom Standpunkt des Regisseurs alle Ursache gehabt habe, über die lässige Spielart des Privatklägers in Erregung zu geraten. Hermann Riffen bestritt dagegen, daß der Lapsus des Privatklägers auf einer Probe dem Regisseur irgendwie hätte Veranlassung geben können, den Schau» fpieler in solcher Weise abzukanzeln. Das Gericht kam zu einer Verurteilung des Angeklagten zu 59 M. Geldstrafe. DaS Gericht hielt die von dem Regisseur ausgesprochene Rüge für sserecht- fertigt und an sich nicht für beleidigend. Dagegen sei nicht zu bestreiten, daß in den Worten:„Raus, raus, herunter von der Bühne!" ein Ausdruck der Mißachtung zu erkennen sei. Prinzliche Wechsel. Der Prinz Franz Jvseph van Braganza, Königliche Hoheit. der auf Schloß Seebenstein in Oesterreich wohnhaft ist, steht seit acht Jahren in Oesterreich unter Verschwendungskuratel und ist infolgedessen in Oesterreich und in Deutschland wechselunfähig. Clarkc soll bekanntlich eS verstanden haben, in Berlin im Hotel Efplanade den Prinzen zu bewegen, 27 Wechsel für eine Gesamt- summe von 7 475 099 Mk. zu akzeptieren; die sämtlichen Wechsel sind von dem mysteriösen„Fred Vanderbilt" ausgestellt, der an» gcblich ein Sohn des Herrn William Henry Vanderbilt aus New Uork sein will. Dieser Vanderbilt hatte den Prinzen von Bra- ganza zu einem„großen Geschäft" überredet, das darin bestand, daß der Prinz SO 000 SfjorcS einer in London angeblich begrün- dcten Gesellschaft zur Ausbeutung von Smaragdfeldern zeichnete und eine Anzabl Smaragden erhielt, die einen Wert von je 150 bis 200 Lstr. repräsentieren sollten, aber wertlose Kompositionen darstellen. Mit der in Frage kommenden Smaragdmine hat es seine eigene Bewandtnis. Nach den Feststellungen der Wiener Polizei soll diese„Smaragdmine" im Habbachtal bei Neukirchen liegen, im Herzogtum Salzburg, in der Nähe des Grost-Vene- digerS. Das Areal koll vor etwa 50 Jahren von einem Juwelier Goldschmidt erworben worden und später an einen Kaufmann Brandeis, Schwiegersohn des Goldschmidt, übergegangen sein. Dieser trat vor 20 Jahren mit einer englischen Firma Leverson, Forster u. So. in Verbindung, die dann im Jahre 1806 die Aktien- gesellschaft„The Emerald Mines Limited" begründete. Brandeis verkaufte dieser Gesellschaft die Minen um 11 720 Aktien. Der im Jahre 1806 eröffnete Betrieb der Smaragdmine» wurde 1003 eingestellt, da er sich nicht als lukrativ erwies. Im Jahre 1006 wurden sämtliche Aktien der Emerald Mines Ltd. für etwa 10 Proz. des Nominalbetrages von der„Northern Mercantil Cor- poration Limited" in Manchester erworben. Diese trat schon nach zwei Jahren in Liquidation, während die Emerald Mines Ltd. weiter bestand. In das Direktorium trat u. a. Leslie Clarke ein, der zuletzt Präsident der Gesellschaft wurde. Die Arbeiten in den Minen wurden im Jahre 1006 wieder aufgenommen, die zutage geförderten Smaragden erwiesen sich aber als unrein. Die Emerald-Kompagnie war nun durch„Vanderbilt" in den Besitz der Wcchselakzepte des Prinzen von Braganza gekommen, man versuchte, sie in London und Paris unterzubringen, die Versuche scheiterten jedoch, und sie wurden dann in Berlin wieder aufge- nommen und von den Mitangeklagten des Clarke eifrig betrieben. Der Prinz von Braganza hatte den fälschlich Vanderbilt sich nennenden Lackerstcen in Paris kennen gelernt und großes Ver- trauen zu ihm gcevonnen, da er sich auf gute Referenzen, den russischen Fürsten Georges Lubomirski, bezog und angab, ein Ver- mögen von 1 Million Pfund zu besitzen, welches er durch Beteili- gung an industriellen Unternehmungen vermehren wolle. Der falsche Vanderbilt behauptete auch, die Prinzessin de Sagan sei seine Nichte, ebenso Fräulein Majorie Gould, die amerikanische Milliardärin, und regte ein Heiralsprojekt zwischen der letzteren und dem Prinzen an. Es sind auf Grund dieses Sachverhalts nun der„Direktor" Leslie Clarke. der Kaufmann Karl Lcsenbcrg. der Agent Ober- leutnant a. D. Karl Tcltz und der Agent Jacob Roctzel wegen Be- trugs und Betrugsversuch angeklagt. Eine blutige Liebcstragödie, die sich in einem Hotel in der Jnvalidenstraße am ersten Weih- nachisfeiertage abgespielt hatte, beschäftigte gestern unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Lieber die 3. Strafkammer des Land- gerichts I. Aus der Untersuchungshaft wurde der Kutscher Hugo Holling vorgeführt, um sich wegen Verbrechens gegen den§ 216 St.-G.-B.(Tötung auf ausdrückliches und ernstliches Verlangen der getöteten Person) zu verantworten. Die Anklage vertrat Staatsanwalt Hcinzmann, die Verteidigung des Angeklagten führte Justizrat Wrontcr.— Am Weihnachtsheiligabend erschien in dem Hotel„Ruppiner Hof" in der Jnvalidenstraße ein Mann und eine Frau, die sich als Ehepaar ausgaben und für einen Tag ein Zimmer bestellten. Das Paar ließ sich erst am nächsten Tage gegen 12 Uhr den Kaffee bringen und verblieb dann auf seinem Zimmer. Gegen 5 Uhr nachmittags vernahm der Hotelbesitzer Kreinp ein ganz leises Anschlagen der aus jenem Zimmer kom- wenden elektrischen Klingel Als er sich dorthin begab, vernahm er schon auf dem Flur ein Ilöcheln. Als er ahnungsvoll das Zimmer betrat, bot sich ihm ein furchtbarer Anblick. In dem Bett lag, inmitten einer großen Blutlache, das angebliche Ehepaar mit durchschnittenen Hälsen. Kremp holte sofort mittels einer Droschke von der Unfallstation in der Eichendorffstraßc den prak- tischen Arzt Dr. Breß herbei, der die sofortige Ueberführung der beiden Schwerverletzten in das Krankenhaus veranlaßt?. Hier stellte sich heraus, daß der Mann der jetzige Angeklagte Holling, die Frau eine Frau Gcith war, die von ihrem Manne getrennt lebte. Die Frau war. trotzdem sie einen tiefen Schnitt am Halse hatte, der die Luftröhre durchschnitten hatte, bei vollem Bewußt- sein und konnte durch Zeichen Antwort auf verschiedene Fragen geben, während Holling schon bewußtlos war. Während sich Holling bald wieder erholte, trat bei der Frau G. eine Verschlimmerung ihres Zustandes ein, so daß am 11. Januar der Tod erfolgte.— Gegen Holling wurde erst ein Ermittelungsverfahren wegen Mor- des eingeleitet. Die Ermittelungen ergaben jedoch, daß der Ange- klagte offenbar auf die Aufforderung der G. hin, ihr den tödlichen Schnitt beigebracht hatte.— In der gestrigen Verhandlung erzählte der große und starke Mann weinend den Hergang der ganzen Sache. Er habe die Frau G.. die von ihrem Manne getrennt lebte, da dieser nicht für sie sorgte, schon vor längerer Zeit kennen gelernt. Zwischen ihnen sei ein Liebesverhältnis entstanden, welches zu einer Heirat führen sollte, wenn die Ehe der Frau geschieden sei. Schon vorher habe die Frau den Plan gehabt, mit ihrem Kinde aus dem Leben zu scheiden, er habe ihr jedoch diesen furchtbaren Plan ausgeredet und mit ihr, um sie abzulenken, wiederholt Theater und andere Vergnügungen besucht. Am Weih- nachtsheiligabend habe sie ihn gebeten, mit ihr zusammen Weih- nachten zu verleben. In dem Hotel habe ihm dann die Frau er- zählt, daß ihr Mann ihr am Tage vorher ihr Kind weggenommen habe und ihn gebeten� mit ihr zusammen aus dem Leben zu scheiden. Durch das inständige Bitten der Frau sei er schließlich ganz kopflos geworden. Im Bette liegend, habe sie ihn umfaßt, geküßt und gesagt:„Nun stich zu. aber treffe mich gut." Er habe ihr aus Liebe den Wunsch erfüllt und sich dann selber in die Kehle gestochen und den Hals durchschnitten.— Vor Gericht bekundeten der Bater der Getöteten und eine Bekannte, daß diese wiederholt Selbstmordgedanken geäußert habe. Bei der Verneh- mung her Gerichtsärzte. Medizinalräte Dr. Störmer und Hoff- mann, erklärte ersterer, daß es ihm nicht möglich sei. ohne die Krankengeschichte und ohne die näheren Angaben der Kranken» Hausärzte, welche die Getötete seinerzeit behandelt hatten, eine genaue Angabe über die eigentliche Todesursache zu machen. Die Verhandlung fiel deshalb noch im letzten Augenblick einer Ber- tagung anHeim. M Unsen» Genossen I Heinrich Förster nebst Fran W die herzlichsten Glückwünsche zu ihrer am 14. d. MIS. statt- U findenden Silberhochzeit. «z Die Genossen deS 71Sb-BczirkS. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß am 11. d. Mts., abends 8 Uhr, unser lieber Sohn, Bruder und Bräutigam Hösmsnn Riemer uns durch den Tod entrissen wurde. Die zeigen tiefbctrübt an Die trauernden Eltern, Geschwister u. Braut. Die Beerdigung findet Freitag, den 15. d. Mts., nachmittags 5 Ubr, von der Leichenhalle des Jakooi- Fricdhoss, Rixdorf, Hermann- strafe, aus stall Sozialdemokrat. ISahlverein Blxdorf. Am 12. d. M. verstarb unser Mit- glied. der Tischler Heimnn Riemer (18. Bezirk). Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Freitagnachmittag 5 Uhr von der Halle des neuen JakobilirchhosS (Hermannstrafe) aus statt. 234/17 Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. veulseder ReizerdeUer-Vertam! Den Mitgliedern zur Nachricht, daf unser Kollege, der Tischler Hermann Ziemer am 11. April gestorben ist. Ehre feinem Andenke«! Die Beerdigung findet am Freitag, den 15. April, nach- mittags 5 Uhr, von der Halle des neuen Jakobi-KirchhoieS in Rix- dors, Hermannstrafe, aus statt. Den Mitgliedern zur Nachricht, daf unser Kollege, der Korb- macher Frliz Caym am 11. April gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, nachnüttagS 5 Uhr, von der Halle des AuserstehungS- Kirchhoses, Weifenseer Weg, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 81/tg Di» Ortsverwaltung. Deutscher Tabakarbeiter-Verband. (Verwaltungsstelle Berlin.) Nachruf! Den Mitgliedenr zur Nachricht, daf unsere Kollegin, die Zigaretten- arbeiterin Ida Jost am 6. M. plötzlich verstorben ist. Ehre ihrem Andenken! 187/10 Die Ortsverwaltung. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unseres guten BaterS lagen wir allen lieben Kollegen und Kolleginnen sowie den Meistern der A. E.-G. unseren herzlichsten Dank. Klisra Etnhand j653b und Kinder. SozialdemokratiseberWahlverein für Schöneberg. Bezirk 6b. Den Mitgliedern zur Nachricht, daf nach langem schweren Leiden unser langjähriges Mitglied, der Bauarbeiter Richen! Ackermann im Alter von 47 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute, Donnerstag, den 14. April, nach. mittags 4 Uhr von der Leichen- Halle deS neuen Schöneberger Friedhofes(Blanke Hölle) aus statt. Um rege Beteiligung der Mit- glicder ersucht 15/12 Der Vorstand. Deutscher Transpcriarbelier- Verband. Bezirksverwaltung GroS-Berltn. Den Mitgliedern zur Nachricht, daf unser Kollege, der Kutscher Richan! Ackermann am 11. April im Alter von 47 Jahren verstorben ist. 68/11 Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 14. April, nach- miitagS 4 Uhr, von der Leichen- halle des neuen Schöneberger Kirchhofes(Blanke Hölle) auS statt Den Mitgliedern serner zur Nachricht, daf unser Kollege, der Hausdiener Richard Petratz am 12. d. MtS. Im Alter von 21 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 16. d. MtS., nach. mittags 4 Uhr, von der Wohnung Bernauer Str. 47o aus aus dem Friedenskirchihos in Nordend statt. Um rege Beteiligung wird ge- beten. Die Bezirksverwaltung. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daf unser lieber Sohn und Bruder Richard Peiraiz im 22. Lebensjahre verstorben ist. Dies zeigen betrübt an Hermann Petratz nebst Fran und Kindern. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 16. Slpril, nach- mittags 4 Uhr, vom Trauerhause, Bernauerstr. 47 o. nach dem Fried- hos der Friedensgemeinde, Nord- end, aus statt._ 51362 Todes-Anzeige. Hierdurch die traurige Nachricht, dag unser lieber Vater, Schwieger- und Großvater, der Hobler Paul vack�lt? am 12. d. M.. abends 11>/, Uhr, nach langem, schwerem Leiden entschlasen ist. Dies zeigen tiefbetrübi an Ole trauernden Hinterbliebenen. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 16. April nach- mittags 4 Uhr, vom Trauerhause, Ackcrstr. 112 aus, nach dem Fried- hos der Elisabeth-Gemeinde statt. Danksagung. Für die liebevolle Teilnahme und Kranzspenden bei der Beerdigung des Drehers l»aal Prinx sagen wir allen Bekannten und Kollegen sowie dem Wahlverein unseren besten Dank. 165öb Tochter I-ott« Prinz. Frau Emma Pilz nebst Kindern, Koloniestr. 31. Montagabend 7'/, Uhr entschlics sanst nach langen schweren, mit Geduld ertragenen Leiden unsere innigst geliebte Tochter und Schwester 1652b fticla im Alter von 13'/, Jahren. Die trauernden Hinterbliebenen lstla» lladrowNhl und Frau nebst Geschwistern (jetzt Kochstrafe 141. Die Beerdigung findet am Freitag, den 15. April, um 4'/, Uh> von der Leichenhalle des Sankt HedwigSkirchhoses, West-Rcinicken- darf, Berliner Str. 26, aus statt. Arbeiler-Wanilerliiinii n„Die Naturfreunde". Wanderfahrten am Tonntag, den 17. Aprifi 1. Werder— Phöben— Götzerberg— Götz. Absahrt: Potsdamer Bahnhos 6°' vorm. 2. SttauSberg-Spitzmllhle-StrauS- berg. Absahrt: Schlesischer Bahnhos 7" vorm. 3. Tegel— Hcrmsdors. Treffpunkt: 1»° Tegel, Endstation der Strafen- bahn. 4. Kindertour: Spandau— Schön- walde— Hennigsdorf. Treffpunkt: 1. AmSchlesischcnBahn- hos(Ecke Frucht- und Madaistrafe). 2. Am Bahnhos Wedding(Eingang Ncttelbeckplatz) 8 Uhr vorm. 1/7 ------- Gäste willkommen!------- Itzvn vrwoMencn: si* Hamburg und sein Urdktnrilrt im adchehnte» Iahrhuiidert. Eine wirtschaftshistorische Borstudie zur Geschichte der modernenArbeiter- bewegimgim niederelbischen Städte- gebiet. Bon Dr. II. Lanfenberg. Preis 80 Pf Führer durch die Strafprozeßordnunf}. Rechte des Angeklagten vor Strafgericht und Polizei. 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Amt 3. 1987 Sonntag, den l?« April, vormittags 10 Uhr bis nachm. 1 Uhr, findet die Wahl der drei Revisoren unserer Ortsverwaltung als wie auch die Wahlen von G Delegierten M außemdenttichkn Gtlvkrkslhnstshdttgreß in folgenden Lokalen statt: Vernickes Reslaaranl, Ackemtr. i«8. Brunnen-Weater,»ndstr. ss. Hönischs Restaurant, wichertntr. a. Ohigios Festsäle, schwedter str.»». Schulz' Restaurant, Max.tr. wh. Kronen-Brauerei, Ait-Moab« 47/4». Restaurant Südost, wniden.ar.tr. 75. Gewerkschaftshaus, Encemfer 15. Heitmanns Festsäle, s«h«niein.tr.«. Wiemers Restaurant,»tuew.tr. s». Litflns Festsäle, Hemeler Str. 07. Bökers Festsäle, weber.tr. 17. Rummelsburg, Binmes Restaurant, au»oxhasen. Rixdorf, Hoppes Festsäle, Hermann.tr. 4». do. Zibells Restaurant, Eibe.tr.«. do. ROckheims Restaurant, Eahn.tr. 1. Tempelhof, Müllers Restaurant, ßeriincrstr.4o/4i Charloltenburg, Volkshaus,»«.inen-tr.». Köpenick, Restaurant Jägerbeim, wiihelm�.«o. Steglitz, Clements Restaurant,»«??°i.tr. 7. Ober-Schöneweide, Weißensee, Reukerls Restaurant, ch™*i%'as. Pankow, Rozyekis Restaurant,«ren-.tr.«/4. Spandan, Ruths Restaurant, Emdennrer 17. Tegel, Halfers Restaurant,»mnow.tr.«». 114y9 Ohne Mitgliedsbuch bnittt ttiriitanb wähle»! Die Stimmzettel werden am Eingang zu den Wahllokalen»erteilt. Wahlleiter ist der Kollege Ott« Hnndhe, Charttöstr. 3. Deutscher Tabakarbeiter-Verband Zahl.telle Berlin. Sonnabend, de» 16. April 1010, abends 9 Uhr. bei Gebrüder Grunde(früher Neiud). Weinstraste Nr. 11 t Alißttiirdcii!IiihtMitglici>ervcrsi»iliiilil«g. Tages-Ordnung: 1. Wahl eines OrtSbcamten. 2. Wahl der Bevollmächtigten und Revi» soren sowie der AgtlationSkommission. 3. Wahl eines Delegierten zu dem von der Gcneralkommissio» der Gcwerkschaste» Deutschlands zum 26. und 27. April einberusenen auferordentlichen Gewerlschastskongref. ===== Mitgliedsbuch legitimiert.=» 187/9 Die Bevollmhchtlgten. I. A.; S. Rosenthal, Swlnemünder Strafe 62, IL Berantwortlicher Redakteur Richard Barth. Berlin. Für de» Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Berlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW, Nr. 86. 27. Jahrgang. 2. KeilM des Jotimltlü" KMcl Öolliölilült. Danllerstag. 14. April 1910. partei- Hncfelegenheiteii* An die Parteigenossen Berlins und der Provinz Brandenburg! Zum Himmelfahrtsiage erscheint wiederum eine neue Lokal- liste. Wir eriuchen daher, alle Aenderungen bezw. Neuaufnahmen bis spätestens Sonntag, den 17. April, an die nachverzeichneten Kom- missionsmitglieder gelangen zu lassen: Für den I. Wahlkreis an den Genossen Paul Bartsch, NW. 29, Lessingstraße 82. Für den II. Wahlkreis an den Genossen Heinrich Schröder. L. 53, Bergmannstraße 95, II. Für den Jll. Wahlkreis an den Genossen Karl König, S. 59, Urbanstraße 93. Für den IV. Wahlkreis an den Genossen Karl Rott, 0. 34, Straßinannstraße 29. Für den V. Wahlkreis an den Genossen Albert Hahnisch, C. 54, Auguststraße 51, Quergeb. IV. Für den VI. Wahlkreis an den Genossen Richard Henschel, N. 58, Ueckermünder Straße 17, II. Für Nieder-Barnim an den Genossen Hermann Elias, 0. 112, Blumenthalstraße 24. Für Teltow-Beeskolo an den Genossen Karl Rohr, Nixdorf, Selchower Straße 15—13, IV. Für Potsoam- Osthavelland an den Genossen Emil Schubert, Spandau, Kurslraße 21. Für alle übrigen Orte der Provinz sind Mitteilungen zur Lokal- liste durch die Vorsitzenden der Kreise an den unterzeichneten Ob- mann der Kommission zu richten. Um das rechtzeitige Erscheinen der Lokalliste zu ermöglichen, ersuchen wir die Parteigenosien dringend, alle Mit- teilungen in Lokalangelegenheitcn für G r o ß- B e r l i n dem zu- ständigen Kommissionsmitgliede, für die ü b r i g e n Orte der Provinz dem Vorsitzenden des betreffenden Kreises zu übermitteln.— Ferner weisen wir wiederholt auf den in den Lokalkonfcrenzen der Lokalkreise so oft gefaßten Beschluß hin, wonach die örtlichen Kommissionsmitglieder unbedingt verpflichtet sind, vor dem Erscheinen jeder neuen Liste rechtzeitig an den Obmann ihres Kreises einen Bericht einzusenden, gleichgültig, ob Veränderungen vor- gekommen sind oder nicht. Orte, aus denen kein Bericht kommt, werden in der Liste nicht weiter aufgeführt und haben sich die betreffenden Genossen die etwa hieraus entstehenden unangenehmen Folgen selbst zuzu» schreiben. Alle nach dem 17. April einlaufenden Meldungen können nicht mehr berücksichtigt werden und ersuchen wir, dies zu beachten. Des weiteren ersuchen wir wiederholt, alle Mitteilungen in Lokalangelegenheiten nur durch die oben genannten Kommissions- Mitglieder an den Obmann der Kommission zu richten und nicht direkt an den„Vorwärts". Es entstehen hierdurch nur unnötige Verzögerungen, und da die meisten Einsendungen immer erst in letzter Stunde einlaufen, ist, wenn es sich um eine Sperrnotiz handelt sVergnügen in einem gesperrten Lokal), eine Publikation nicht mehr möglich. Der Obmann der Lokalkommission: Richard Henschel, Berlin N. 58, Ueckermünder Straße 17, II. Neuenhagen und Umgegend. Die regelmäßige Mitglieder- Versammlung des Wahlvereins findet am Sonntag, den 17. April, nachmittags 4 Uhr, iin„Alten Dessauer", Petershagen, statt. Auf der Tagesordimiig steht: Bericht von der Kreisgeneralversammlung z Maifeier; Verschiedenes. Der Vorstand. Trebbin. Am Sonnabend, den 13. April, abends L'/z Uhr, findet bei Wolf die Wahlvereinsversammlung statt. Tagesordnung: 1. Kasse und Aufnahme neuer Mitglieder. 2. Abrechnung vom ersten Quartal 1910. 3. Parteiangelegenheiten. Berliner JVacbricbten. Eine Besserungsanstalt für Verwahrloste. Eine„Besserungsanstalt"! Wie war es möglich, daß das Wort zum Inbegriff aller Schrecken wurde? Daß mit diesem Wort solche Vorstellungen unwillkürlich sich verbinden, ist das der- nichtendste Urteil, das über die bisher übliche Methode der Ver- wahrlostenerziehung gefällt werden kann. Und jene Verwahr- lostenerzieher, die hier einwenden, daß Verwahrlosten die an ihnen vorgenommenen Besserungsversuche natürlich nicht als eine ihnen erwiesene Wohltat gelten werden, bekräftigen nur noch jenes Ur- teil. Denn eben das ist das Geheimnis des Erfolges der rechten Verwahrlostenerziehung, daß man den Zögling dazu bringt, selber die Erziehung als eine Wohltat zu empfinden und freudig mitzuarbeiten an ihrem Gelingen. Wie man es nicht machen soll, das haben wir an„Blohmes Wildnis" und an dem„Fürforgestift Mielczyn" mit Schaudern gesehen. Wie man's machen kann, das zeig! uns die Er» z i e h u n g s a n st a l t„Am Urban", die in nächster Nähe Berlins, in Z e h l e n d o r f, sich befindet. Pastor P l a ß, der seit nun neun Jahren diese Anstalt leitet, hat soeben eine ausführliche Darstellung der Erziehungsmethode veröffentlicht, die dort angc- wendet wird.(Louis Plaß, Praktische Erziehungsarbeit im Für- sorgeheim„Am Urban". Berlin, Carl Hcymanns Verlag, 1919.) Als Plaß die Leitung dieser seit langem bestehenden Anstalt über- nahm, fand er im wesentlichen die althergebrachte Erziehung»- weise vor. Er ging daran, eine Erziehungsreform durchzuführen, indem er versuchte, für die Erziehung der Verwahrlosten die sozial- pädagogischen Ideen unserer Zeit nutzbar zu machen. Was er in den neun Jahren geschaffen hat, das unterbreitet er dein Urteil der Oeffentlichkeit jetzt in feinem Buch. Es� kommt gerade zu rechter Zeit: nach der Aufdeckung jener Greuel von..Blohme» Wildnis" und vom„Fürforgestift Mielczyn", die das Elend der V-rwahrlostenerziehung so grell beleuchteten, und vor dem Be- ginn der Erziehungsreform, durch die die Stadt Berlin nunmehr helfen will, den Fluch der Fürsorgeerziehung in Segen zu ver- wandeln. Den Willen der Zöglinge zu brechen, war der Grund. satz des Pastors Breithaupt, und in Mielczyn suchte er mit Peitschenhieben ihn durchzuführen. Das ist der Grundsatz auch zahlreicher anderer Vorsteher von Besserungsanstalten, und mit ähnlich brutalen Gewaltmitteln glauben sie's erreichen zu können. Den Willen der Zöglinge nicht niederzuschlagen und zu brechen, sondern ihn aufzurichten und zu fe st igen und in die richtige Bahn zu leiten, ist das Erziehungsideal von Plaß. In jenen„Besserungsanstalten", die dem Wort seine Schrecken gaben, wird.auch die Arbeit als Strafmittel benutzt, die stumpfmachende Arbeit, die dem Zögling zur Last werden und ihn niederdrücken muß. In dem Erziehungsheim„Am Urban" wird der Verwahrloste emporgezogen zu einer Arbeit, die ihm z u r L u st w c r d e n s o l l u n d L o h n für ihn ist. Hier gilt der Satz: die Grundlage aller Erziehung zur Arbeits t üch t i g- ke i t ist die Arbeits f r e ud ig l e i t. Die Zöglinge, Knaben im allgemeinen bis zum 14. Jahre und Mädchen zumeist bis zunj 18. Jahre, werden unter Berüch'ichtigung ihrer Fähigkeiten und Neigungen planmäßig dahin gebracht, daß sie nicht nur Interesse und Freude an geregelter Arbeit gelvinnen, fondern auch eine theoretische und praktische Berufsausbildung in eigenen Werk- stätten der Anstalt erwerben. Und neben der Erziehung zur Ar- beit steht die Erziehung zur Lebensfreude! Jaioohl, auch sie, die in so vielen Erziehungsanstalten verpönt ist und den„Un- verbesserlichen" mit Hieben ausgetrieben wird, gehört in der An- stalt„Am Urban" zu den Erziehungsmitteln. Der Erholung und dem Spiel wird ein so breiter Raum gswährt, daß manche Ver- Ivahrlostenerzieher ganz fassungslos über eine solche Erziehungs- Methode find. Gepflegt wird auch der Kunstsinn, damit auch er den Kindern eine Quelle des Genusses werde und sie mit neuen Lebenswerten bereichere. Plaß steht auf dem Standpunkt, daß gerade Verwahrloste, die oft infolge der Not ihrer Eltern und der trüben Familienverhältnisse eine an Entsagungen reiche, an Freu- den arme Kindheit durchzumachen hatten, in der Besse- r u n g s a n st a l t es besser haben sollen, als sie es im Elternhause haben konnten. Er geht noch weiter: auch den Drang nach Selbständigkeit, nach Betätigung der Persönlich- keit sucht er nicht zu unterdrücken, sondern zu fördern. Er fürchtet nicht den Korpsgeist unter seinen Zöglingen, sondern pflegt ihn. Er läßt sie sich zusammenschließen zu Turnvereinen, Gesangvereinen, Tanzkränzchen usw.. er gewährt ihnen ein Recht der Selbstverwaltung, er gewöhnt sie an Betätigung im D i e n st einer gemeinsamen Sache, er arbeitel der Erziehung zum Staatsbürger vor. Aber gerade darum merkt man in der Plaßschen Anstalt am wenigsten von jener Untergrabung der „Autorität", vor der so viele Anstaltsleiter sich fürchten, von jenen Exzessen der„Unbotmäßigkeit", die den Gewaltspädagogen immer wieder zu schaffen machen. DaS Plaßsche Erziehungsshstem hat, wie zu erwarten war. bei den Anhängern der Gewaltspädagogik den heftigsten Wider- spruch gefunden. Einer der Rufer im Streit wider Plaß ist zum Beispiel auch der Leiter einer gleichfalls nahe bei Berlin gelegenen Anstalt, der Pastor Seiffert, Direktor der Brandenburgischen Pro- vinzial-Erziehungsanstalt zu Strausberg. Wir haben Grund, gerade der Anstalt dieses Pastors Seiffert etwas mehr von dem Geist zu wünschen, der in der Plaßschen Anstalt herrscht. Die Einwendungen solcher Gegner werden entkräftigt durch die Tat» fache, daß diese planmäßige Erziehung zur sozialen Brauchbarkeit bei den meisten Zöglingen durch den Erfolg einer dauernden Bewährung gekrönt worden ist. Wo sind die Anstalten, die das gleiche von ihrer eigenen Erziehungsarbeit sagen dürften? Mag sein, daß auch bei Plaß„nicht alles Gold ist, waS glänzt". Aber auch so stände er noch turmhoch über manchem derer, die ihn zu verkleinern suchen. Männern wie Plaß wird es zu danken sein, wenn das Wort„Besserungsanstalt" wieder zu Ehren kommt._ Volksversammlungen unter freiem Himmel in Berlin im Jahre 1848. Seit dem Jahre 1848 hat Berlin zum erstenmal wieder Volks- Versammlungen unter freiem Himmel gesehen. Vor 32 Jahren waren solche Versammlungen fast alltäglich; man hielt sie ab, wo und wann man wollte und ohne die Polizei zu fragen. Aber trotz der Erregung der Gemüter, welche der 18. März hinterlassen hatte, ging alles glatt ab. Unordnung gab es nur bei einigen Ver» sammlungen vor dem 18. März, wo Gendarmen und Militär die Teilnehmer auf dem Rückwege zur Stadt auseinandertrieben. Nach dem 18. März häuften sich die öffentlichen Zusammenkünfte, ohne daß irgendwie die Ordnung gestört worden wäre. Am 19. März erfolgte die Verteilung der Waffen an die Bürgerwehr aus dem Zeughause durch die Minister Graf Arnim und Graf Schwerin, und nachmittags 5 Uhr zog die erste Bürgeüvehr im Schloß auf. Es ging, kann man sagen, recht gemütlich zu. Neugierige um- standen die Bürgerposten und knüpften mit ihnen Gespräche an. Der 29. März brachte die Freilassung der Polen aus dem Moabiter Gefängnis, deren Einzug in Berlin sich zu einem Triumphzug gestaltete. Mieroslawski hielt vor der Universität eine Ansprache, und der König begrüßte die Polen vom Balkon des Schlosses aus. Abends hatte man sogar zum Teil illuminiert. Am 21. März unternahm der König seinen Umritt durch die Straßen, umringt von einer jubelnden Menge und kam nachher noch einmal aus dem Schlosse zu den Bürgern hinaus. Es war eine festliche Erregung ohne die geringste Unordnung. Dann kam das großartige Begräbnis der Gefallenen am 22. März. Der Zug währte fast vier Stunden, alle Straßen waren von Menschen be- setzt, aber es herrschte eine feierliche Ruhe. Am 39. März rückten bereits wieder Truppen in Berlin ein. Da geschah allerdings etwas Seltsames: die Maschinenbauer der Oranienburger Vorstadt holten sie mit ihren Bannern und Fahnen festlich ein. Weiter- blickende Leute hatten vergeblich gewarftt. Die Reaktion war inzwischen schon wieder im stillen bei der Arbeit. Am 1. April tagte der politische Klub im Mehlhause, als ein lärmender Haufe anrückte, um die Versammlung zu sprengen; es stellte sich nachher heraus, daß es gedungene Leute waren. Ein Beamter der Generalstaatskasse, L., hatte sie für acht Groschen(auch heute gibt es noch Achtgroschenjungen) geworben und vom Armenkirchhof im Zuge nach dem Mehlhause geführt. Am 4. April, als der Klub in der Sophienstädtischen Reitbahn tagte, drang sogar eine mit Knütteln bewaffnete Rotte in die Versammlung ein. Es war dicht an einer Prügelei, als Held mit einer kräftigen Zurecht- Weisung der Eindringlinge die Gefahr beseitigte. Leider hatte man sich auch bald über die Bürgerwehr zu beklagen, welche sich bereits als Polizei fühlte und sich vielfach Uebergriffe erlaubte. Am 19. und 17. April fanden D e m o n st r a t i o n s- Versammlungen für das direkte Wahlrecht statt, und man wollte in einem Aufzuge die Beschlüsse dem Minister- Präsidenten überbringen. Aber die Regierung zog die Zügel be- reits straffer an. General Aschoff erhielt den Befehl, die Bürger- wehr zu' mobilisieren, und der König befahl, sie mit scharfer Minition zu versehen. Der 11. Mai brachte die Rückberufung des Prinzen von Preußen. Proteste folgten, eine Masscnver» sammlung vor den Zelten fand statt, und im Zuge über- brachte man den beschlossenen Protest dem Ministerpräsidenten Camphausen. Die Menge, welche auf die Rückkehr der Deputation wartete, murrte zwar etwas über den erhaltenen Bescheid, er er- tönte auch der Ruf:„Abdanken!", aber dabei blieb es. Man zog auch bor das Palais des Prinzen von Preußen, man demonstrierte bis in die Nacht, aber weiter passierte nichts. Am 13., 14. und 15. Mai fanden wieder Versammlungen statt, man zog am 14. Mai vor das Palais des Grafen Schwerin und schickte eine Deputation binauf, aber Ausschreitungen kamen nicht vor. Ein Zug nach dem Friedrichshain von über 59 999 Mann am 4. Juni verlief ruhig und würdevoll. Diese Beispiele zeigen, daß es ohne Polizei besser geht.__ „Für Eifer"— i m russischen Schergendicnste. Der Ordensbericht meldet: Den Kriminalschutzleutcn Schramm und Sobiecki ist die Anlegung der russischen kleinen golde- neu Medaille mit der Aufschrift„für Eifer" am Bande des St. Annenordens, und den Kriminalschutzmännern Klonicki und Schwarz die Anlegung derselben Medaille in Silber am Bande des St. Stanislausordens gestattet worden.— Derartige Freuiidschaftsdienste kommen neuerdings immer öfter vor. Der beste Beweis, wie innig sich die russische Regierung der licbvetter- liehen in Preußen seelenverwandt fühlt. Wofür Rußland mit Orden für unsere Polizei so spendabel umspringt, ist allgemein bekannt. Willigere Helfershelfer findet die russische Reaktion in der ganzen Welt nicht._ Das obdachlose Diciistinädchcn. Zu diesem Thema berichteten wir in Nr. 74 des„Vorwärts" über die plötzliche Entlassung des zwanzigjährigen Fräulein Marie B., das bei dem Oberlehrer Bahr in Schöneberg, Belziger- straße 7, als Dienstmädchen seit drei Monaten angestellt war. Das Mädchen wurde, als es um 8 Uhr abends von einem Gang aus Anlaß einer demnächst anzutretenden Stellung zurückkehrte. nicht mehr in die Wohnung eingelassen und stand obdachlos und mittellos auf der Straße. Es erhielt weder den schuldigen Lohn, noch das Kostgeld bis zum Ablauf des Kündigungstermins. Mit- leidige Leute im Hause nahmen sich des armen Mädchens an, da» in Berlin fremd war und den Eindruck eines sehr verschüch- terten und hilflosen Wesens machte. Fremde Leute sorgten auch dafür, daß gegen den Oberlehrer Bahr eine Klage auf Zahlung des rückständigen Lohnes nebjt Kostgeld anhängig gemacht wurde. Diese Tatsachen stehen fest, so unangenehm dem Oberlehrer die öffentliche Feststellung auch sein mag. Und sie müssen öffent- lich festgestellt werden, weil der vorliegende Fall typisch ist für die Verhältnisse im Dienstbotenberuf. Wir haben den Fall ayf eine Beschwerde des Herrn Bahr nochmals geprüft und können von unserer ersten Darstellung nichts zurücknehmen. Wenn der Herr Bahr behauptet, daß er mancherlei Grund zu Klagen über das Mädchen gehabt habe, daß es kein Recht hatte, an dem fraglichen Tage auszugehen und darum nicht wieder eingelassen wurde, so mag das alles richtig sein, wenn auch andererseits das Mädchen behauptet, daß es gern längst diesen Dienst verlassen haben würde, wenn man eS nicht so dringend zum Bleiben genötigt hätte. Jedenfalls ist es eine arge Rücksichtslosigkeit, das Mädchen plötzlich obdachlos zu machen, weil man annahm, daß es zu einem Aus- gange nicht berechtigt gewesen sei. Und wegen des schuldigen Lohnes, der 17,59 M. pro Monat betrug, mußte erst Klage erhoben werden! Am Montag kam die Klage des Mädchens vor dem Amtsgericht Schöneberg zur Verhandlung. Eine Frau, die sich des Mädchens von vornherein warm angenommen hatte, fungierte als Verteidi- gerin, was der Richter zuließ in Anbetracht der Unbeholfenheit und Unfähigkeit des Frl. B., ihre Sache selbst zu führen. Als der Richter dann einen Vergleich vorschlug, bot der Oberlehrer Bahr 19 M., und das Mädchen gab sich damit zufrieden. Es erhielt somit keinerlei Entschädigung, sondern nur knapp den Lohn bis zum Tage der Entlassung, und es hatte noch 1,35 M. an Kosten zu bezahle», da man ihm das Armenrecht zur Klage verweigert hatte. Wir können nur wiederholen, was wir schon am Schlüsse der vorigen Notiz sagten, nämlich, daß die Mädchen zu ihrem Schutze sich organisieren müssen. Der Zentralverband der Hausangestellten (Bureau: Michaelkirchplatz 1) ist die Organisation, der sich alle Dienstmädchen, wie auch Aufwartefrauen usw. anschließen sollten. Dort wird ihnen als Mitgliedern Rat, Schutz und Hilfe gewährt, dort werden sie über ihre Rechte aufgeklärt und finden einen starken Rückhalt gegen anmaßende und ungerechte Herrschaften Die große Buddelei in der Schönhauser Slllce zur Weiter. führung der Untergrundbahn vom Schönhauser Tor ab bis zur FraNseckistraße hat begonnen. Parkarbeiter sind dabei, die gefährdeten Bäume und Sträuchcr der Schmuckanlagen auf dem Senefelderplatz und auf dem schönen Promenadenwege der Schön- hauser Allee in Sicherheit zu bringen. Hinter der Franscckistraße wird bekanntlich die viel gelästerte Hochbahnstrecke gebaut. Hier dürsten aber die Anwohner in diesem Jahre vor der Buddelei noch 3tuhe haben. Sechsuhrschluß in der Damenkonfektion. Auf dem Wege zur englischen Tischzeit ist ein neuer Schritt erfolgt. In einer Ver- sammlung der Vereinigung Berliner Damen- und Mädchenmäntcl- fabrikanten wurde gestern auf Anregung des Vorsitzenden, Kom- merzienrats Bamberg, beschlossen, den Berliner Damen- und Mädchenmäntelfabrikanten vorzuschlagen, ihre Geschäfte mit Aus- nähme der Hochsaison in ihrem eigenen und im Interesse der Angestellten spätestens um 3 Uhr nachmittags zu schließen. Zu» nächst soll dieser Vorschlag versuchsweise in der Zeit vom 15. Mai bis zum 25. August durchgeführt werden. Die zahlreich erschiene- nen Mitglieder der Vereinigung erklärten sich für ihre Firmen mit Einstimmigkeit bereit, diesen Borschlag zu akzeptieren. Es kann deshalb angenommen werden, daß die gesamte Damenkonfek- tion diesen Beschluß durchführen und damit vorbildlich für die gesamten Berliner Engrosgeschäfte wirken wird. Eine neue Fusion im Verkehrsbetriebe. Eine neue Vorort- straßenbahn wird sich die Große Berliner Straßenbahn anglic- dern. Der Aufsichtsrat hat in seiner gestrigen Sitzung beschlossen, die Aktien der„Neuen Berliner Straßenbahnen Nordost, Aktien. gesellschaft, Berlin-Hohenschönhausen", die sich bisher im Besitze der Continentalen Gesellschaft für elektrische Unternehmungen in Nürnberg und der Elektro in Dresden befanden, zu erwerben. Das Unternehmen soll selbständig weiterbestehen und zu der Großen Berliner Straßenbahn in ein ähnliches Betriebsverhältnis treten wie die Berlin-Charlottenburger Straßenbahn solvie die Westliche und Südliche Berliner Vorortbahn. Es ist beabsichtigt, den Namen in„Nordöstliche Berliner Vorortbahn" umzuändern. Die Neuen Berliner Straßenbahnen Nordost wur» den im Jahre 1899 mit einem Aktienkapital von 1 299 999 M. gegründet. Sie betreiben eine Linie von rund 7,2 Kilometer Länge (darunter 1,6 Kilometer mitbenutzte Strecke der Großen Berliner Straßenbahn). Sie fährt vom Alexanderplatz durch die Elisabeth« und Waßmannstraße und über die Landsberger Allee bis zum Schulhause von Hohenschönhausen und durchfährt dabei den Ort Hohenschönhausen solvie die angrenzende Villenkolonie. Der Unter- nehmung gehört ein in Hohenschönhausen gelegenes Kraftwerk, das den Strom für den Betrieb liefert und auch an private Ab- nehmer elektrische Energie abgibt. Straßenbahnunfälle. Beim Besteigen in der Fahrt befindlicher Straßenbahnwagen sind gestern nicht weniger als drei Personen schwer verunglückt. In der Schönhauser Zlllee versuchte der Fischer Tzwrabbe aus der Dragonerstraße 32, einen Straßenbahn- wagen der Linie 47E während der Fahrt zu besteigen und schlug dabei mit solcher Gewalt mit dem linken Schienbein gegen das Trittbrett, daß er einen Bruch des Unterschenkels erlitt. Der Verunglückte wurde nach dem Krankenhaus Moabit gebracht.— Der zweite Unglücksfall ereignete sich in der Grcifswalder Straße. Dort sprang der 49jährige, in der Waiscnstraße 34 wohnhafte Tischler W'nzer auf einen fahrenden Straßenbahnwagen der Linie 17, glitt dabei ab und geriet unter den Schutzrahmen des Anhängerwagens. W. erlitt außer erheblichen Verletzungen am Kopf und an den Händen einen komplizierten Bruch des rechten Armes und wurde nach dem Krankenhaus am Friedrichshain übergeführt.— Am Alexanderplatz kam durch die gleiche Unvor- sichtigkeit der Musiker Rudolf Scheibner aus der Prenzlauer- straße 28a zu Schaden. Als er den Motorwagen 1284 der Linie 35 während der Fahrt besteigen wollte, stürzte er ab und erlitt eine schwere Kopfverletzung sowie erhebliche Hautabschürfungen im Ge- ficht und an den Händen. Nachdem ihm in der nächsten Unfall. station Notverbände angelegt worden waren, wurde er nach seiner Wohnung übergeführt.— Ueberfahren und schwer verletzt wurde am Mittwoch früh gegen 8 Uhr die 22jährigl. Verkäuferin Anna Frank, Greisswalder Straße 47 wohnhaft. Als sie an der Ecke' der Kloster», und Königstraß« einen haltenden Straßenbahnwagen der Linie 17 verlassen ljalfe, lvurd'e sie. als sie sich nach dem Bürger steige begab, von einem Geschäftswagen der Firma Rudolph Hcrtzog umgestogen und überfahren. Die F. erlitt einen Bruch des rechten und eine schwere Quetschung des linken Unterschenkels. Die Verunglückte erhielt auf der Unfallstation am Spittelmarkt Notverbände und wurde auf ihren Wunsch mittels Krankenwagens nach ihrer Wohnung übergeführt. Zwei Mädchenhändler sind von der Berliner Kriminalpolizei festgenommen worden, die junge Mädchen nach dem Auslande ver- kuppeln wollten. Die Polizei bediente sich zur Ueberlistung zweier Agentinnen. ES handelt sich um zwei Russen namens Wallcrstein und Silberstein. /�:e ausgerückte„Luzie". Die Polizeihündin Luzie ist seit «inigen Tagen ausgerückt. Sie hat sich anscheinend auf eigene Faust auf die Verbrcchersuche begeben. Aus der Pauke gelandet wurde gestern mittag ein etwa fünf- bis sechsjähriger Knabe. Anscheinend hatte der Kleine am Wasser gespielt und war in die Panke geglitten. Ein junger Mann holte den Knaben an der Soldiner Strotze aus dem Wasser, er war ober schon tot. Bekleidet war er mit blauer Schürze und gelben Schuhen. Bei der Demonstration am 10. April ist ein Spazierstock mit Silberkrücke vor der Tribüne 5 verloren gegangen. Der Finder wird gebeten, denselben in der Spedition Bernauer Straße g abzugeben. � Vorort-sSadmebten. Charlottenburg. Die hiesige Gewerkschaftskommission nahm in ihrer letzten Sitzung zunächst ein Referat des Herrn Diplom-JngenieurS Holm über: Zweck und Nutzen der freien Fortbildungskurse für Arbeiter entgegen. In der anschlietzenden Diskussion wurde allseitig die Notwendigkeit einer umfassenden Agitation für diese dankens- werten Bestrebungen der Wildenschaft der Technischen Hochschule betont. Die Sommerkurse(19. Lehrgang) beginnen am Montag, den 2. Mai. abends 8 Uhr, in der Gemeindeschule 3 zu Charlotten» bürg, Schlotzstratze 2. Anmeldung und Auskunft dort am 28., 29. und 39. April, abends von 8—9 Uhr. Ferner nahm die Kommission den Kassenbericht für das 1. Quartal 1910 entgegen. Alsdann wies der Obmann, Genosse Richter, auf den demnächst stattfindenden Gewerkschaftskongretz hin und ersuchte, eine lebhafte Propaganda gegen die neue Reichs- Versicherungsordnung zu entfalten. Der Genosse Ahrens entwarf hierauf in kurzen Umrissen ein Bild des neuen Gesetzentwurfs. An der Hand von Auszügen beleuchtete der Redner dessen arbeiter- feindliche Tendenz. Nach kurzer Diskussion fand folgende Reso- lution einstimmige Annahme: »Die am 9. April im Volkshause tagende Charlottenburger Gewerkschaftskommission erblickt in dem Entwurf der Reichs- Versicherungsordnung eine schwere Schädigung der Interessen der gesamten Arbeiterschaft. Sie fordert aus diesem Grunde den außerordentlichen Gewerkschaftskongretz auf, alle Matz- nahmen zu ergreifen, um zu verhindern, datz dieser Entwurf Gesetz wird." Die Maifeierversammlungen werden im Volkshause abge- halten. Die nachgesuchte Genehmigung zur Abhaltung einer Ver- fammlung unter freiem Himmel»n Garten des Volkshauses ist vom Polizeipräsidenten erteilt worden. Von einer Versammlung im Lokal von Schulz. Kaiser-Friedrich-Stratze 24, wurde Abstand genommen, da der Lokalinhaber sich geweigert hat. sein Lokal zu der Maifeierveranstaltung des Wahlvereins herzu- geben. Bei Punkt:„Jugend- und Bildungsausschutz" wurde lebhaft dessen bisherige geringe Tätigkeit bedauert. Genosse Richter ver- sprach, für Abhilfe der Mängel zu sorgen. Unter„Gewerkschaft- liches" wies der Obmann auf den Kampf im Baugewerbe und dessen Bedeutung für das gesamte Wirtschaftsleben hin. Er be- tonte unter allseitiger Zustimmung, das; den kämpfenden Bau- arbeitern die weitgehendste moralische und, wen» nötig, auch finanzielle Unterstützung der übrigen Gewerkschaften sicher sei. Der Konsumverein Charlottendurg hat nach dem Bericht, den der Geschäftsführer Winter in der halbjährlichen Generalversammlung gab. seinen Umsatz vom Juli bis Dezember 1909 um 10 382 M. auf 166101 M. gesteigert. Die Produktion stieg ebenfalls in der Berichtszeit gegenüver derselben Zeit des Vorjahre» um 6546,30 M. auf 86 19370 M. Die Teuerungsverhältliisse IN den Rohmaterialien zur Bäckerei haben ungünstig ans die Produltion eingewirkt. Auch auf den Konsum sind die hoben Preise für Lebensmittel und Bedarfs- arttkel von ungünstigem Einflutz gelvesen. Der Umsatz in Maraartne ist erheblich gestieaen. Der AusstchtSralSvorsitzeude Storch berichtete sodann über den Stand der BerschmelzunaSfrage mit der Berliner Ge- nossenschaft. Redner teilte mit, daß die Verschmelzung»ock> nicht, wie anfänglich geplant war. zum 1. Juni 1910 stattfinden lönne. Die Versammlung beschloß jedoch, die Verhandlungen welter zu führen. Di« Wahlen zur Verwaltung ergaben die Wiederwahl des Genossen Winter als Geschäftsführer, desgleichen die Wiederwahl der Auf- sichtsratSmitglieder Kladrich, Griese und Gicza. Neu hinzugewählt wurden Genosse Brandt und Genossin Naser. Auf Antrag der Ver- waltung wurden dann 195 Mitglieder auSgeschlosse», die schon vor einigen Jahren eingetreten waren, aber noch keinen Geschäftsanteil erworben und sich auch nicht am Sinkauf beteiligt hatten. (Sroh-Lichterfelde. Aus drr Gemeindevertretung. Bei der Einführung der neuen Gcmeindevertreter in ihr Amt kam Gemeindevorsteher Schulz auch auf die Tatsache zu sprechen, datz die Eiinoohnerschaft de» jetzige,, GemeindehauShaltetat einer sehr abfällige» Kritik unterzöge» und inShesonders auf den Mangel jegUcher Mittel im Etat zu? Er- füllung großer Kulturanfgaben hingewiesen hätte. Herr Schulz glaubte dieser Auffassung zum grotzen Teil? bis innere Berechtt- gu»g absprechen zu müssen. Er wies auf die neuen Schulbauten —„höhere" Schulen natürlich I—, auf die sonstig» Bautätigkeit und die ErsÄließung»rotzer Flächen Saulandes hi». Das seien dcch zweifellos auch Kulturaufgabcn. Sodam, werde in den nächsten Tagen eine Sitzung der Wege- und Verkehrskommission einberufen werden, die sich mit wichtige» und drängenden Ver- kchrsfraaen zu befassen habe, deren Resultat alsdann dem Plenum zur weiteren Beschlutzsassung unterbreitet würde.— Wir hören zwar die Botschaft des Herrn Gemeindevorstehers, aber die bi»- herige Entwlckeluiig der hiesigen Gemeindeverhältniss« gibt denen recht, die von der Erfüllung großer Kulturaufgaben auch unserer Gemeindcverivaltung sehr skeptisch denken. Es fehlt der örtliche» Leitung in dieser Beziehung nicht nur die nötige Initiative, sondern auch die fachmännische und organisatorische Befähigung. Wir möchten nur darauf aufmerksam machen, datz das benachbarte Lankwitz sich bereits den Bebauungsplan Grotz-Berlins(Genzners Entwurf) zunutze gemacht hat. während unsere mit römischem Recht grotz gesäugten Gemcindevorstaiidsmitglieder dies« Arbeit der Architekten und Städtebaukünstler lediglich als Papierkorb- sutter bezeichnen.— Die Wahl zu den verschiedenen Kommissionen war mit verschiedenen Schwierigkeiten verknüpft. Besonders die A r m e n k o m m s s s j o n begegnet fast allseitig in der Gemeinde» Vertretung einer unüberwindlichen Abneigung. Direktor GerS- dach, ein neugewähltcS Mitglied, wehrte sich mit Händen und Fützen dagegen, in die Armenkommission delegiert zu werden. Erstens habe er alle Tage bis abends s Uhr in Berlin zu tun und zweitens sei es nicht schicklich, abends S Uhr die Armen aufzusuchen. AIS ihm erwidert wurde, datz die Zeit um 8 Uhr durchaus sich eigne. kam er den wahren Motiven seiner Abneigung etwas naher und meinte, datz er doch schlietzlich das Recht habe, etwas zu genietzen und dann sich auszuruhen I Herr Direktor Gersbach ist unseres Wissens Vertreter der zweiten Wählergarnitur. Er ist offenbar nur versehentlich als Gemeindevertreter gewählt worden.« Da- gegen halte wiederum der Töpserilleister EngelmaUn den „dringenden" Wunsch, in die Baukommission delegiert zu werden. Schöffe Lange wehrte sich energisch dagegen, einmal, weil Engel- mann als Unternehmer persönlich und zum anderen als Vorsitzender des Vereins der Handwerker, deren Interessen er doch vertreten solle, interessiert sei; er könne daher unter Umständen in eine schlimme Kollision der verschiedenen Interesse» und in uuer- wünschte Gewissenskonflikte kommen. Dieser Anficht schlössen sich noch einige andere Gemeindevertrcter an, und der Wunsch Engel- uianns blieb unberücksichtigt. Die Sache ist durchaus in der Ord-- iiung. Aber warum bleibt denn der Direktor der englischen Gasgescllschaft, mit der die Geincindc doch in einem dauernden und noch dazu recht drückenden Verhältnis steht, im Gemeinde- vorstand? Etwa, um die Gemeindeinteressen gegenüber der Gas- anstatt zu vertreten?— Auf Antrag des Vereins zur Förderung der Volts- und Jugendspiele wurden 1000 M. Zuschuß für den neuen Spielplatz an der Kadettenanstalt bewilligt. Der bisherige Spielplatz an der Drake- Nied Bellevuestratzen-Ecke ist infolge des Baues des Realgymnasiums nicht mehr benutzbar. Der neue uinsatzt einen Flächenraum von zirka 13 000 Quadratmeter. Nur ein einziger Gemeindevertreter, Hofmalermeister Lehmann, stimmte gegen den Zuschuß, beantragte aber dafür die Erhöhung der Bei- Hilfe für die Barbier-Jnnung von 100 auf 150 M., die abgelehnt wurde. Noch besser wäre es gewesen, die Unterstützung der In- nung grundsätzlich und gänzlich abzulehnen. Mt-Glienicke. Am Sonntag, den 17. April, veranstaltet der„Theaterverein AdlerShof" im Lokale Habrecht, Alt-Glienicke, Fricdrichstratze 2, eine Theateraufführung mit nachfolgendem Tanz. Zur Aufführung ge- langt das politische Schauspiel„Freiheit". Kasseneröffnung 6 Uhr, Anfang 7 Uhr. Programm 40 Pf.. Kinder 10 Pf.— Da genannter Verein bei Parteiveranstaltungen mitwirkt, ersuchen wir die Ge- nossen, dieses Arrangement durch ihr Erscheinden zu unterstützen. Weihensee. Tie Stichwahl im alten Ortsteil zur Gemeindevertretung findet am Montag, den 18. April, von 4 bis 8 Uhr nachmittags, im Heerdtschen Lokale. Berliner Siratze 143, statt. Wollen wir den Sieg an unsere Fahne heften, dann mutz unsere Wählerschaft Mann für Mann am Wahltisch erscheinen. Nütze ein jeder die paar Tage aus zur Agitation. Be! der Hauptwahl blieb unser Kandidat mit nur zwei Stimmen in der Mindeo heit, und nur durch einen Formfehler des Wahlvorstandes ist uns Gelegenheit geworden, nochmals zu wählen. Hätten bereits bei der ersten Wahl alle Arbeiter ihre Schuldigkeit getan, dann wäre die jetzige Arbeit nicht nötig. Auch einigen gewerkschaftlich organi- sierten Kollegen kann der Vorwurf nicht erspart bleiben, bei der Hauptwahl geschwänzt zu haben. Es ist nunmehr eines jeden doppelte Pflicht, das Versäumte nachzuholen. Reinickeudorf. Der„Arbeiter-Turnverein Reinickendors" hat kürzlich seine Turnlokale gewechselt. Es turnt jetzt die erste Abteilung(West) in den„Eichborn-Sälen", Dienstags und Freitags, abends 8 bis 10 Uhr: die Damcnriege Mittwochs, 3 bis 10 Uhr. Die zweite Abteilung lQst) turnt Dienstags und Freitags, abends 8 bis 10 Uhr, im„Borussia-Parl"(E. Schaller). Provinzstratze; die Damen- riege Donnerstag, abends 8 bis 10 Uhr. Ein Schauturnen veraw- staltet die erste Abteilung am 17. April, nachmittags von 4 bis 6 Uhr, in den„Eichborn-Sälen". Petershagen b. Fredersdorf. In der am 12. April stattgefnndenen Gemeindevertretersitzung wurden zunächst die neu gewählten Gemeindevertreter Aich. Bugge und Genosse E. H ö s e l b a r t h eingeführt. Auf Grund eines An. träges der freiwilligen Feuerwehr wurde beschlossen, vorbehaltlich der Zustimmung der Aufsichtsbehörde, eine» Feuerwehrbeitrag von den Hausbesitzern zu erheben und zwar von Objekten bis 10 000 M. Wert 2,00 M, bis 20 000 M. 3.00 M.. bis 30 000 M. 4.00 M.. und darüber 5,00 M. Ferner stand ein Antrag auf der Tagesordnung, für den Küster- sowie für den Pfarrgarten einen neuen Zaun zu bewilligen. Auf Anfrage deS Genossen Höselbarth, wer Eigentümer der Grundstücke sei. wurde erklärt, die Kirchengemeinde. Darauf ersuchte H. unter HtnweiS auf die Verfügung de» SmtSvorsteherS. wonach in Zulunft bei Erteilung von Banerlaubnissen je 100 M. für Schule und Kirche zu entrichten sind, die Uebernahme der Kosten abzulehnen. Es tvurde beschlossen, die Sache dem Kirchenrat zu überweisen. In Sachen der Ungültigkeitserklärung der Wahl des Genossen Stimming wurde vom Kreisausschutz daS einschlägige Material eingefordert. Nieder-Tchönhausen. Aus der Gemeindevertretung. Gegen die Gültigkeit der Wahl unseres Genossen Breitmann lagen zwei Einsprüche vor. Ter erste Einspruch ist vom Vorsitzenden deS Reichsveroandc», Inge. nieur Cramer, erhoben worden, und zwar, weil das im Wahllokal verkündete Resultat nicht das richtige gelvesen sei, der Wahlvor» stand habe erst am nächsten Tage dasselbe richtiggestellt, da» Re» sultat sei also amtlich viel zu spät bekanntgegeben worden, wes- halb die Wahl für ungültig erklärt lverden müsse. Schöffe Sorger. der am Tage der Wahl al» Wahlvorsteher tätig war, berief sich auf die Bestimmungen de»§ 63 der Landgemeindeordnung sowie auf Entscheidungen des Oberverwaltungsgerichts, wonach eine Be- kanntgabe des Wahlresnltats gleich»ach Schluß de» Wahlaktes nicht erforderlich fei; eine rechtliche Wirkung erlange da» Wahl- ergebnis erst durch die ortsübliche amtliche Bekaniitgabe des Ge» memdevorstehers. Die Wahl könne deshalb nicht für ungültig er- klärt werde», da gesetzlich« Unregelinäßigkeiten nicht vorgekommen find. Die Vertretung schloß sich dteien Ausführungen an und stimmt« schweren Herze»« für die Gültigkeit der Wahl. Der zweite Einspruch, wegen unrechtmäßiger Streichung aus der Wählerlistc. wurde abgelehnt, da der Betreffende sein« Steuern nicht bezahlt hatte, trotz der Stundung, die ihm gewährt worden war. Die Neuwahl der bisherigen Armenbezirtsvorsteh-r Frantzen, Rost und Hamann erfolgte einstimmig. Im Wilhelmsruher Orts» teil soll«in Polizeisergeant stationiert werden. Dia Verpachtung des Gemeindegrundstücka an der Vittoriastratze zcitlgt« eine längere Debatte. Der BcaintenwohnunaSverein ist an die Ge- lnettids mit dem Wunsch herangetreten, ihm da« bi« jetzt von dem Siloah-Stist(Erziehungsanstalt für Kinder gefallener Mädchen) benutzte Land zu verpachten, um dasselbe in Anlagen umzuwan- dein. Der Verein würde pro Ouadratrute 60 Pf. zahlen; bis jetzt wurde das Land dem Stift unentgeltlich überlassen. In der hierauf folgende» Debatte bekämpfte G-meindevertreter A. Kühl. mann diesen Antrag: man solle den Kindern diese Erholungsstätte nicht entziehen, da die durch die Verpachtung erzielte Summe von 136 M. der Gemeinde nicht viel nütze. Demgegenüber betonte Gemeindevertreter Rückert, daß man sich für das Siloah-Stift nicht so sehr ins Zeug legen solle. Bei dem Bau der Erziehungs- anstalt habe sich das Kuratorium verpflichtet, zu den Pflasterkosten beizutragen, als dieselben aber eingezogen werden sollten, habe sich daS Kuratorium geweigert, die Kosten zu bezahlen. Habe daS Stift ei» Interesse daran, das Land weiter zu behalten, so möge es eine kleine Pachtsumme bezahlen. Der Antrag von Ä. Kühl- inann, das Land dem Siloah-Stift kostenlos zu überlassen, wurde abgelehnt, dagegen beschlossen, die Verpachtung d«S Landes öffentlich auszuschreiben. Ferner wurde die Beibehaltung des bis» herigen Standgeldertarifs für den Wochenmarkt beschlossen. Hier- auf folgte eine nichtöffentliche Sitzung. Jngendvernnstaltungen. Treptow-Baiimschulenweg. Am Sonntag, den 17. April, nachinittags 3 Uhr, hält die Freie Jugendorganisation bei Erbe, Banmschulensiratze 14. ein« Vtrsanmiluiig ab, in der Kollege Hennann Meitzner über:„Was will die Freie Jugendorganisation V" sprechen wird. Wir richten an die schul- entlassen« Jugend die Bitte, durch den Besuch dtescr Versammlung ihr Interesse an der Sache der Arbeiterjugend zu bezengen. Auch die Eltern Jugendlicher sind dazu eingeladen. i , Boxhageli-Ruutmelsburg-Itraka«. Der Jugendausschnß veranstaltet am Sonnabend, den IS. April, abends 8 Uhr, im Cafö Bellcoue(Tempel), Hauptstraße 2, einen UnterhatlungSabend, verbunden mit Juaendseicr. DaS Programm besteht aus einer Ansprache an die Schulentlassenen, Konzert, ausgeführt von Solisten des Neuen Toulünstler-Orchesters, Theater» aujsührung. Billetts für Erwachsene 20 Pf., für Jugendliche 10 Pf., sind im Jugend« heim. Alt, Boxhagen äll I, bei Tempel, Casg Bellevue. Hauptstraße 2 und den ttagerbaltern der umliegenden Berkaufsstellen der Konfumgenossenschast Berlin und Umgegend zu haben. Die vor dem Karfreitag ausgegebenen Billetts haben Gültigkeit. Die Mitglieder des Niederbarnimer Wahloereins und deren Angehörige werde» um regen Besuch gebeten. Tegel uiiv Borsigwalde. Ein Frühlingsfest veranstaltet die Freie Jugendorganisation am Sonnabend, den 1» April, in TravvS Kesyälen (Inf). M.(30111111), Bahndosstr. 1. Das Programm besteht aus Prolog, Festrede. Rezitationen, Licdervorträgc, Chorgesänge und Konzert mit an- schließendem Tanzkriinzchen. Eintrittslarten sind zum Preise von 25 Ps. in Tegel bei den Kollegen Behr, Schlicperstr. 74 Part., Otto Krüger, Treskow- straße 6 I, Kollegin Halses, Brunvwitr. 23, und in Borsigwalde beim Kollegen Karl Hahn, Einststr. 3 III. bei Härder zu haben. Die Kollegen und Kolleginnen haben freien Eintritt. Wir bitten die Arbeiterfchast, uns bei dieser Veranstaltung nach Kräften zu unterstützen und die BilleUS von den genannte» Stellen zu entnehmen, da ein Verkauj an der Kasse nicht statlsindet._ Cmcbta- Zeitung. Unsittlichkeitcn gegen ein Dienstmädchen. Vom Landgericht Bautzen ist am 11. Januar der Fabrik- direktor Richard Kunz wegen fortgesetzter Beleidigung zu zwei Mo- naten Gefängnis verurteilt worden. Als Ostern 1909 Rosa W. als Dienstmädchen in seinen Dienst trat, faßte er sofort den Ent- schlutz, sie zur Befriedigung seiner Sinnenlust zu benutzen. Er näherte sich ihr mit unsittlichen Betastunge». Sie war noch ganz unerfahren und ließ sich alles ruhig gefallen. Sie schied ani 16. Oktober anscheinend durch Selbstmord aus dem Leben. DaS Landgericht nahm eine schwere Verletzung der weiblichen Ehre an. — Die Revision des Angeklagten nahm darauf Bezug, datz Straf- antrag nur wegen Verführung gestellt sei. und behauptete, datz der Strafantrag zur Verurteilung wegen Beleidigung nicht aus- reiche.— Das Reichsgericht war entgegengesetzter Ansicht und verwarf am Dienstag die Revision. Huö der Frauenbewegung. Aufklärung der Frau. Man schreibt uns: In einem kürzlich im„Vorwärts" erschienenen Artikel„Gleichbereckitigung" benannt, wurde dem Manne als Herrn des versklavten Weibes an das Herz gelegt, der Erlöser seiner Frau zu sein. Als Klarsehender müsse er doch die wertvolle Hilfe der Frau erkennen. Als vernünftiger Mensch mutzte er seine Frau schon darum aufklären, um nicht immer und immer wieder sein grosses Wollen als„Extravaganz" und seine Versammlungsbesuche als„Sauftouren" verkannt zu sehen, um den Vorwürfen der Frau nicht immer ein gequältes„Das verstehst Du nicht!" entgegensetzen zu müssen und m die Lage zu kommen, mit der Frau Aussprache halten zu können über eine Sache, die dann auch die ihrige werden würde. Mancher Pflegt jedoch zu denken:.Je dümmer Du bist, als desto klüger werde ich gelten l' Das ist der Aermste und der Dümmste zugleich, denn feine Frau verachtet ihn offen oder heimlich. Sie läßt ihn gehen, kommen und treiben, was er will und wie er will und bat ihm doch allezeit an der Strippe, die sie nach Belieben länger und kürzer schleifen läßt. Selbst Genossen, die der Frau volle Anerkennung in ihrem Streben zuteil werden lassen, begehen oft Fehler. Bei Versamm- lungen, in denen ein Redner mit glühenden Worten von den Zielen und Bestrebungen sprach, sah ich wiederholt, datz eine der anwesenden Frauen sich nach dem Referat erhob, um die anwesenden Geschlechts» gcnossinne» zum Lesen des„Vorwärts" und der„Gleichheit" auf« zufordern...- Viele Genoffen, die andächtig der Rede de? Referenten folgten. fingen bei den Worten der Genossin an zu lächeln und zu plaudern. Solche Erfahrung schreckt natürlich ab; der Kampf gegen den ge« meinkamen Feind wird erschwert. Die Frau fordert gleiches Recht. Sie soll eS sich zuerst im häuslichen Leben erkämpfen. Der beste Zeitpunkt hierzu fällt in die Brautzeit oder in die junge Ehezeit. Der junge Genosse, Bräutigam oder Ehemann, ergriffen von den Ideen der Sozialdemokratie, er mutz und soll in der Frau bald die Mitkämpferin erkennen, dann wird er sie nicht als seine Dienerin, sondern als Kampfkamerad achten und respektieren. I» der Strohhutindustrie in New syorl sind, ungerechnet die Putzmacherinnen, die daS Garnieren besorgen, rund 6000 Arbeite« rinnen beschäftigt. Die offizielle Arbeitszeit beträgt 10 Stunden. Aber in der Saison wird Arbeit mitgegeben und die Arbeitszeit in der Heimarbeit häufig auf 14—16 Stunden verlängert, womit dann 6—8 Dollar die Woche verdient werden. Zur Entschädigung für diese unter ungesündesten Bedingungen geleistete Ueberarbeit dürfen die Arbeiterinneu sich in der mehrere Monate dauernden stillen Zeit gründlich„erholen" und ihre„Renten" verzehren. Datz die Tnoer» kulose unter diesen Arveiterinnen stark grassiert, nimmt danach kein Wunder. Leseabende. Marieudorf. Donnerstag, den 14. April. 8 Uhr, bei Löwenhagen, Chauffeestr. 37: Vortrag. Genosse Heinig. Vermischtes. Zum Genthiner Raubmord. tlus Stendal wird gcineldet: Em Polo, der sich Koschensky nennt, wurde in Krnsemalk bei Osterburg verhaftet und ins Oster- burger Gefängnis geschafft. Er soll einein der Genthiner Mörder gleichen und ist auch dadurch verdächtig, datz er eine Umnenge Uhr- ketten, Taschentücher und Westen mit sich führt. Er war in der letzten Zeit in Genthin»ind, wi» er selbst zugibt, auch mit Woche bekannt. � Eine Mutter mit dem Säugling verbrannt. Aus Rees am Niederrheln wird vom gestrigen Tage gemeldet i Im Haus» de« Sattlers vun der Moetter brach heute vormittag Feuer aus, da» einen großen Umfang annahm und auch auf da« Nachbarhaus über« griff. Die Frau des Sattlers, die vorgestern niedergekommen war. ist mit dem Säugling verbrannt. Bei den Rettungsarbeiten wurden drei Feuerwehrleute durch einen einstürzende» Kami» schwer verletzt. Bergmannslos. Auf dem Nichterschacht in K a t t o w i tz stürzte der Bergmann MilerSki in den Förderschacht. Er wurde als zer« schmetterte Leiche aufgefunden. Zum Tode verurteilt. Da? Schwurgericht in Görlitz ver« urteilte den 2ljährigen Hilfsgerichtsdiener Scholz, der in der Nacht zum 1. März d. I. unweit der städtischen Badeanstalt seine Geliebte, die 28jährige Maschinennäherin Alma Sprenger, ermordet und die Leiche in die sog. Weinlache geworfen hatte, zum Tode. Explosion in einer chemischen Fabrik. Ans Bochum wird ge« meldet: Heute vormittag ist in den Betriebsräumen der Chemischen ndustrie, Aktiengesellschaft, in der Abteilung für Schwefelsäure- und Xrfabrikation aus bisher unbekannter Ursache ein grotzer Brand ausgebrochen, welcher die gesamten Anlagen gefährdet. Man glaubt, datz daö Feuer durch eine Explosion, hervorgerufen durch Probe- versuche mit Naphtolinfeuernng. entstanden ist, wobei sich die ent» wickelten Gase entzündet haben müssen. Der ganze Dachstuhl der Fabrik ist bereits ausgebrannt. Bei dem Brande haben einige Feuerwehrleute schwere Brandwunden erlitten. Zwischen Prelliock und Puffer getötet. Einer Meldung auS � ü r st e u w aide a. Spree zufolge geriet gestern früh aus dem dortigen Bahnhofe der sechzehnjährige Speditionslehrling Walter Fredow zwischen Prellbock und Puffer eines Güterwagens und wurde sofort getötet._ Lese, und Tiskutierklub»Wilhelm Liebknecht«. Heute Donners- tag, abends 0 Uhr, Sitzung Bei K. Eichhorn, Danziger�Stratze 03. Vortrag.— iLäste willkommen. LriefKalten der Redaktion. Sic{uciflttAc SvrcchNuudc Nnvei SinSenftrafte Nr. 60, dorn biet Ttepve»— Kabtftuhl—. tuodicntäfllirti bau■l'/t bis?>/. Nbr abenbS «all. Jeder Anftaae ist elv Buchstabe»nd eine Zabl ali> Siertzelchen deirufiiaeu. Briefliche ülulwor» wird nicht erteilt. Eilige Fragen trage nia» in der Sprechstunde bor. T. R. 7K. Wenn aus der Höhe des?lrbeUSverdienstes aus Erwerbs- säbigleit von mehr als 1la gefolgert werden kann, so ist die Entziehung der Rente zu besürchten.— H. 77. Fordern Sie den Eigentümer unter Setzung einer angemessenen Frist zur Nenommmg aus. Wird der Aus- sorderung nicht staltgegebm, so lasten Sie die Wohnung selber renovieren und klagen Sie eie Kästen, nach vorheriger Aufforderung zur Zahlung, beim Amtsgericht ein.— M. W 35. Trotz der teilweise entgegenstehenden (stertchlspraris stehen wir aus dem Standpunkt, daß der Abzug un- begründet ist. Wir raten deshalb zur Klage aus Zahlung und sordern Sie tu einem Eventualantrag den Nachweis, dast die Strafgelder der Arbelts» ordnung gemäg verwendet sind.— F. K. 4!! und I. S. 2. Lotterie. ----'--- 2. Di kollekteure erteilen darüber Auslunst.— G. Vl das Reichskranten- versicherungsgesetz erstreckt sich nicht auf landwirtschasiliche Arbeiter. Wenn I nicht durch Landesgesetzgebung oder Ortsstatut die Versicherungspsticht be- 1 stimmt war, so lag eine solche nicht vor. 1. Invalidenrente, losern Er- werbsunsähigkeit im Sinne des InvalidenversicherungsgelstzeS vorlieg!, was durch ärztliches Gutachten sestzustellen ist.— L. 1EV. Nicht Bekannt. Im AushebunzStermin müssen Sie erscheinen. WasserstandS-Raehrtchten Ber LandeSanstalt für Gewästerkunde, mitgeteilt vom Berliner Welterbureau. ffSasterstand M e m e l. TWt V r e g e l. Jnfterburg Weichsel, Tborn Oder. Ratibor , Krassen , Frankiurt Wa r t h e, Sckrimm , Landsberg Neye, Varvamm Elbe, Leinneritz , Dresden , Bardo . Magdeburg am 12. 4. am 192 —24 72 152 107 119 58 45 26 —3 -118 144 134 seit 11. 4. om') —1 —6 0 -6 +4 -2 +2 4-S _ 2 —5 —4 +1 +1 S a a H a v •S p'r We, Rh'e Neck Mai Mos Eaflerftand l e, Grochlitz el, Svanoau»> Ratbenow') e e, Svremberg') Beestow e r, Münden Minden i a, MapimstianSau Kaub Köln a r, Heilbronn n, Werlheim e l. Trier am 12. 4. om 103 82 138 74 99 -54 26 386 195 134 73 142 73 fest 11. 4. cm1) -4 —6 0 0 —1 -1 —3 —6 -[-1 -1-10 — 7 — 1 +2 •1+ Bedeutet Wuchs,— Kall.— Unlervegel. Amtlicher Marktbericht der städtischen Marktballen-Direktion über den Großhandel in den Zeiitral-Marktballen. Marktlage: Fleisch: Zufuhr schwach, Geschäsl still, Preise unverändert. Wild: Zufuhr sehr gering, Gelchäst ruhig, Preise sest. Gejlügel: Zusuhr sehr lnapp. Ge- schäst lebhast, Preise gut. Fische: Zusuhr mäßig, doch sür den Bedarf ausreichend. Geschält ruhig, Preise wenig verändert. Butter und Käse: G-schäst ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obst und Südfrüchte! Zusuhr mäßig, Geschäst sehr still, Preise gedrückt. WitterungSüberstcht vom 13. April 101». morgens 8 Uhr. «tattonen JS I Öl c B sK Swinemde!752 SSO Hamburg 749 SO Berlin! 752 SO Franti.a M 751SW München i755O Wien 757 SO «tatwnen Lst!» ri L l« � sJ ss Z« g« «H" ®fL g Setter «'S B» t- 6 bedeckt Habaranda 742 32B Petersburg 760 SSW 2 bedeckt Scillv 735 S i 3 bedeckt Merdeen 738 NNO 4 Regen Parti i 747 SSW 3 wollig i>! i Wetterprognose für Tounerötag, den 14. April 101». Mild und zeitweise heiter, aber veränderlich mit leichten Negensällett und ziemlich lebhasten südwestlichen Winden. Berliner Wetterbureau. 1 5 9 4 11 Theater und Vergnügungen Donnerstag, den 13. April. Ansang T/, Uhr. Königl. Opernhaus. Madama Bulterfla. Königi. Schauspielhaus. Strand- kinder. Reueö königl. Operu-Tbeater. Die Regimentstochter. Cappella. Deutsches. Die Braut von Mesfina. Kammerspiele. Der gute König Dagobert.(Ans. 8 Uhr.) Ansang 8 Ubr. Hebbel. Das Nesthäkchen. Lrssiiig. Das Konzert. SteueS Schauspielhaus. Die Rampe. Kleines. Luxuszug. Nomische Oper. Die Fledermaus. Berliner. Taifun. Reue». Die goldene RUterzeit. Westen. Die geschiedene Frau. ette». Neue« Operet Luxemburg. ,. Thvl ----- licht Thalia. Die Dorskomtest«. Der Graf von Trianön. Thvodore u. Cle. Residenz. Das Nachtlicht. Schiller U.(Walluer. Thealer.) Egmont. Sch»--r Charlottenburg. Sold- sische. Arird rich- Wilhelmftädtischeö. Alt-Heidelberg. Gastspiet. Miß Dudelsack.(Ansang 8'/. Uhr.) Bolksoper. Martha(Ans. 8'/, Uhr.) Luisen. Was Gott zusammenlügt. Pfarrer von Kirchseld. DaS Leutnants- Roie. Der � Lustspielhans mündel. Metravot. HallohII— Dle große Revue. FolieS Kaprice« Herr Wasterkropf. Der Luftturner.(Ans. 8'/4 Uhr.) Kasino. S crli« bei Nacht. Gebr. Herrnfeld. Meine-Dewe Tochter. Die Original-KlabriaS« Partie. Noack. Robert und Bertram. Ztpulio. In den Lasterhöhlen von San Francisco. Spezialttäteu. B«si»ge. Spezialitäten. Wintergarten. Spezialitäten. ReichSbaUen. Steitiner Sänger. Palast. Spezialitäten. Karl Haverland. Spezialitäten. Walhalla. Spezialltäten. Buggenhageu. Spezialltäten.(An- Ura»/a. � laiidenstrahe 48/40. Nachmittags 4 Uhr: In den Do- lomiten. Abends 3 Uhr: Im Firnenglanz des Oberengadit». Gteruwarrr. tstioaltdenstr. 57— 62. Lessing-Theater. 8 Uhr; Das Konzert. Freitag, 8 Uhr: Das Konzert. SomiaBend, 8 Uhr: Das Konzert. Berliner Theater. Heul» 8 Uhr- TsiLUN« Morgen- Taifun. —-*--- � � leues Theater. Abends 8 Uhr: Die ooldsne Ritterzeit. Morgen und jolgende Tage» Die goldeve Merzrit. Ikester lies Westens. Heute und folgende Tag« 8 Uhr: Di« geschiedene Firau. Somit. 3'/. Uhr: Ein Walzertranw. Lustepielliaus� SlbendS 8 Uhr: Das Leutnantsmündel As»»«» Heule und solgende Tag« 8 Uhr» Der Graf von Luxemburg. Sonntag nachm. 3 Uhr zu ermäßigten Preisen:»er 2lgeiineedaron Wslek-WliigMiitlzeliss Schauspielhaus. Donnerstag, 14. April, abends 8 Uhr: Enst-Goilip. b. Neuen Schauspielhauses Alt-Heidelberg Wik Karl Heinz.. Harry Waiden. Morgen und folgende Tage: ch.lt.»»keleld««». Gaslspis!-Idealer. Abends 8'/« Uhr: Miete 0»a«I»a«lr. Fehle Woche: Kill 0«d«l»ack. Urania. Wissenschaftliches Theater Nachmittags 4 Uhr: In den Dolomiten. Abends 8 Uhr: Im Firnenglanz des Ober* Engadln. Volksoper. SW, Belle-Alliance-Skraße Nr. 7/8. Abends'/t9 Uhr: Martha. _(Gastspiel.)_ Residenz-Theater Direktion: Richard Alexander. Mends 8 Uhr: Das Nachtlicht. (Le Gigolo.) Schwank in 3 Slkten v. M. ZamaeolS. Morgen und folgend« Tage: Dieselbe Vorstellung. Luisen-Theater. AbendS 8 Uhr: Was GOlt MMMU Schauspiel in fünf Akten von Ernst Ritterseldt nach sreier Benutzung einer Erzähluiia von Eourtbs-Mahler. Freitag Benefiz für Frl. Ström» Bora: Das Gesetz des Herzens. Sonnabend: Klapperstorch Ber Königin.__ OSE=THEATE| Große Frankfurter Str. 132. Bei ausgehobenem Abonnem. Benciiz für Georg John: Der Pfarrern. Kirchfeld. Vollsstück mit Gesang In 5 Akten von Llnzengruber. Ans. 8 Uhr. Ende U Uhr. Freitag: DeS Meeres und der Liebe Wellen. HetropolTheater Hallo!!! Die große Revue! In 8 Bildern von Job Freund. Musik v. Paul l�incke. In Szene gesetzt vom Dir. Riob. Schult«. Anfang 8 Uhr. Rauchen gestattet. Siegwart Gentes in«einem Sketch: „Eine Opernppobe". Rostna CasselU mit ihrem MiniatruvWunder- hündeben. Paul Concbae der Armee-Herkules in seine* Szene: ,1m FaUllager" und des buntweobselnde Ipril-Programm! Palast-Theater. Burgstraße 24. viS-a-viS der Börse. Ringkampf- Konkurrenz um den»Goldpokal von Berlin" und Lvov M. in bar. Donnerstag, den 14. Aprll ringen: 5ranll Omier gegen Jet* van Dem. Camlllotl gegen Otte Meyer. Entscbeidangskampl: Bernhard Paxen geg. Fred Markussen. Leginn der Ringkämpfe: S'/, Uhr. Preise: 0.3« M. bis S M. Edraa- u. Vorzog, karten an Wochen- lasen hl» halben Kaffenpreisen gültig. SdchKIkSR'- Lohlller-Diealer 0.(Dallncr-Theat.). Donnerstag, abends 8 Uhr: Egmoot. Ein Trauerspiel in sünj Auszügen von Goethe. Ende 11'/, Uhr. Freitag, abends 8 Uhr: «OlSKnol»«. Sonnabend, abends SUHr: Goldene Herzen. Theater. Schiller-Theater(Charlattenburg). Donnerstag. abendS 8 Uhr: Goldflache. Lustspiel in 4 Slkten von Franz von Schönthan und Gustav Kadelburg. Ende 10'/, Uhr. Freitag, abends 8 Uhr: Hooa Eanse. Sonnabend, nachm. 3 Uhr: Ikaa Käthchen v. Heilbronn Sonnabend, abends 0 U h r: Z. I.Male: Die Hntnlroniben. £"-X* Uhteröem Proiehtorate S.Mcki.oe; Prinzreqcnkcn Luitpold von Bayern. o Mai bis Oktober 000 MÜNCHEN 1910 AUSSTELLUNG VON MEISTERWERKEN MUHAMMEDANISCHER öo-c KUNST v=»c von der Zeit der Kalifen bis zur Gegenwarf. O Oritntoli/che Kun/thandwerKer an der Arbeit.O Unterhaltende Veron/taltungen. täglich KonterM2

Sine UebergangS-Mhe. Gin RettnngSmittel. In Vorbereitung: Die Novitäten, Meim jwei dasselbe tan. Sine Konlurrenz-Komödi« In 2 Akten von Anton uns Dornt Herrnseld. Das starke Stück. Schwank in 1 Akt von I. Horst. esszsge-siieslös.! O üm Holl i die reiaende Parodietin 1 Ayoe#| die dünieohe Vortragsdiva 1 QeorgKaiser i und 14 erstklassige| Tarietd-Attraktionen. 1 Könlgetadt-KaMino. Hchzmarktstraße 73. Bollständig neues Programm. Eleu Franehe— Celllna u. Le Man — Mstr. Fred— Erich Castelll— Mstr. Rejo»sw. Franz Bobanskl. Zar reebten Zeit Aolksstück mit Gesang WIM _ von W. Zeunert,_ Ab. 3 Uhr: Das vollständig nene Programm. 60 erstklassige Artisten! 9 Uhr: Horan nnd Wiser, Sensation. Jongleure mit Hütett. 10 Uhr: HaleyS Iuveniles, 2b englische Kackßsche 29 Jung.lSugland in Berlin. Einzig existier. Ensemble dieser Art. Alt-HoubU 47/48. Donnerstag, 14. April ISIS: Aus allgemeinen Wunsch wiederholt: Heimst. Schauspiel in 4 Alten von Hermann Sudermauu. Cssinc-Theaten Lothringer Straße 37. Täglich 8 Uhi. Berlin bei Nacht. Posse in 3 Akten von G. Schätzler Psrasini. Sonnt. 4 U.: Ein deuieoh. Frauenherr. Imnon--'Ttiestsr. AbendS 8 Uhr: Theodore& Cle. �fte(r-Th«afer »oinbergsweg lä-20, Rosenlh.Tor. 1 — Ansang 8 Uhr.— | Tunnel: DieallergrSftt.Kanone f Theaterl-esucher freit» Eintritt. Sonntax, den 47. April, S I hr: 6rtravorrtcllung der erften Hbteilung im Lessing-Theater:„Hannele". Nächste Vorstellungeu: Neues Schauspielhaus: Ernst sein. Thalia-Theater; Der Dorftyrann. Lessing-Theater: Hanfes HUM. Residenz-Theater: Musotte. Einige Karten zu den Nachmittags- nnd Abend- Abteiiaogen können bei den Obleuten und in den Zahlstellen bestellt werden. Sonnabend, den 16. April, abends S'U Uhr, im Gewexkachacktshausa: W?" Ordner-Sitzung.'MW t 240/15 Der Vorstand. I.V.: G.W in kl er. Zirkus Golombo Magazinstr. 6/7, am Alexanderplatz. Täglich abends 3 Uhr: vroke Vorstellung. Ick Attr-aktio»«- Voiiimern. Fontane n. Gerard, renommierte Reitkünstler. Passage- Panoptikum. I J! 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Die Sitzung beginnt mit der Beratung der Anträge zum Reiseunterstützungsreglement. Es werden folgende Anträge angenommen: 1. Die jetzige Form der Rciseunterstützung bleibt bestehen, so daß nicht Kilometergeld, sondern Tagegelder bezahlt werden. 2.§ 6 soll lauten: Die Reiselegitunationen werden nur vom Zentralvorstand ausgestellt. Mitglieder, welche eine solche wünschen, haben sich rechtzeitig zu melden. 3. Jede Filiale ist verpflichtet, Rciseunterstützung auszu- zahlen. 4. Der Zentralvorstand ist gehalten, die Auszahler der Reiseunterstützung ini Fachorgan bekannt zu geben. Darauf wird in die Erörterung der Verschmelzung mit den Bauarbeitern eingetreten. Der Referent D i e h l zeichnet in einer eingehenden Darstellung ein Bild von der EntWickelung des Verschmelzungs- gedankens. Schon auf dem Verbandstage 1903 sei die Frage zur Sprache gekommen. Damals waren die Verhältnisse aber so, daß die Generalversammlung über den aus einer einzelnen Filiale vor- liegenden Antrag einfach zur Tagesordnung überging. Aber auf dem Verbandstage in Braunschweig(1995) brachten schon eine ganze Anzahl Filialen Verschmelzungsanträge ein. Und heute haben sich zirka 59 Filialen für die Verschmelzung erklärt, und die zahlreichen Anträge, die dem heutigen Verbandstage vorliegen, treten mit Ausnahme von drei oder vier ebenfalls dafür ein. 1993 votierten in einer Urabstimmung 1297 Stimmen für, 1495 gegen die Verschmelzung. Die seitdem vorgegangenen Verände- rungen im Unternehmcrlager machen aber jetzt die Verschmelzung zu einer Notwendigkeit. Es empfehle sich jedoch eine nochmalige Urabstimmung darüber. Die vereinzelt auftretende Stim- mung zu einer Verschmelzung mit dem Zimmererverband wird vom Referenten bekämpft. Nachdem einmal der Weg zum allgemeinen Bauarbeiterverband beschritten ist, würde auch der Zimmercrverband auf die Dauer zur Verschmelzung schreiten müssen. In der Diskussion über die VcrschmelzungSfrage sprachen eine ganze Anzahl Redner ihr Einverständnis mit der Verschmelzung aus. Als Gegner entwickelt nur Görnitz- Berlin seine Gründe. Er bestreitet in längeren Ausführungen, daß die Verschmelzung den Dachdeckern irgendwelche Vorteile bringe. Die Dach-- decker würden nach wie vor ihre Kämpfe am besten selbständig Lühren. Die Verschmelzung biete auch ebensowenig die Möglichkeit, die Unorganisierten eher zu-gewinnen, wie sie auch keine geistige L> e b u n g der Mitglieder herbeiführen könne. Viele eher würde sie eine g e i st i g e O e d e bei ihnen verbreiten. Die Dachdecker würden sagen: Was sollen wir in den Versammlungen der Maurer? Dort werden nur die Maurerinteresscn besprochen, aber für unsere Wünsche hat man kein Ohr.— In besonders klaren und eindringlichen Ausführungen legt darauf Reichstagsabgcordneter B ö m e l b u r g die Gründe dar, die die Verschmelzung empfehlen. Er behauptet, in dem Augenblick, wo die Verhältnisse sich so entwickelt haben, dast die Arbeiter des einen Berufes von Arbeitern aus dem anderen Berufe ersetzt wer- den können, sind deren Berufsorganisationen für die Verschmelzung reif. Die äustereZwangzur Verschmelzung liegt aber in der Entwickelung der Unternehmerorganisationen. Alle Maßnahmen dieses geschlossenen Unternehmertums treffen immer mehr die Bauarbeiter in ihrer Gesamtheit. Wenn die jetzt bevorstehende Aussperrung ein paar Monate gedauert hat, sind die Dachdecker ebenso stark in den Kampf hinein- gerissen, wie die Organisationen, die den Kampf zu führen haben. Ihr könnt Euch drehen und wende�, wie Ihr wollt, Ihr kommt zur Verschmelzung. Je eher es geschieht, desto besser für Euch.— Die Generalversammlung erklärt durch folgende Resolutionen, die gegen drei Stimmen angenommen werden, ihre Zu st im- mung zur Verschmelzung: „In Rücksicht darauf, daß die Unternehmerorganisationen in allen Gewerben zum Zwecke der Bekämpfung der Gewerkschaften und ihrer Bestrebungen immer besser ausgebaut und vervoll- kommnet werden, sie ferner immer mehr aggressiven Charakter annehmen, ist es im höchsten Interesse der Gewerkschaften ge- legen, alle Mittel zur Anwendung zu bringen und alle Vorbe. dingungen zu schaffen, die eine erfolgreiche Förderung der Ar- beiterintcressen in der praktischsten und sichersten Weise gewähr- leisten. Die Organisationen der Arbeiter, die die wirtschaftliche Besserstellung ihrer Mitglieder verfolgen, haben die Pflicht, die Vorgänge im Unternehmerlager genau zu beachten und in mög- lichst früher Zeit ihre Sicherungen zu treffen. Nun ist es zweifellos, daß der Zentralverband der Dachdecker bisher keine Ursache hatte, in dieser Beziehung allzu ängstlich zu sein. In den schwersten Zeiten wirtschaftlichen Niederganges hat er sich zu bc- haupten und zu vergrößern gewußt. Es treibt ihn deshalb keine Schwäche zur Verschmelzung, sondern es sind lediglich Zweck- mäßigkeitsgründe. Die Erhöhung der Schlagfertigkeit und plan- mäßigere Durchführung der Arbcitersorderungen, die gemein- schaftUche Abwehr der Unternehmerorganisationen, die ihre An- griffe längst nicht mehr auf die beruflichen Grenzen beschränken, sondern ganze Jndustriegruppen in den Kampf treiben, alles dies erfordert eine erhöhte Energie der Arbeiterklasse. Andererseits verdichten sich die gewerkschaftlichen Kämpfe immer mehr zu Angriffen der Unternehmer auf die Organisation selbst, bei denen die kleinen Verbände immer mehr und mehr der Gc- fahr ausgesetzt werden, ihre Kräfte lediglich in der Abwehr der Scharfmachergelüste zu verbrauchen. Je größer die Organisation aber ist, um so mächtiger kann sie solchen Versuchen gegenüber- treten und um so größer wird ihr Widerstand sein. Auch im Dachdeckerberuf gehen wir solchen Kämpfen enl- gegen, weil die Deister immer mehr im Fahrwasser des allge- meinen Unternehmerverbandcs segeln, sich von letzterem das Heft aus den Händen nehmen lassen und schon heute nach der Pfeife dieser Scharfmacher tanzen. Dieser veränderten Tak- tik der Arbeitgeber muß sich die Organisation der Arbeitnehmer anpassen, und das kann am zweck- mäßigsten dadurch geschehen, daß wir durch Zusammen- schluß mit anderen Ba u a r b e i te r v e r b ä n d e n unsere Organisation stärken." „1. Der Verbandstag erklärt sich im Prinzip mit der Verschmel- zung zum neuen Bauarbeiterverband einverstanden. 2. Der Zentralvorstand wird beauftragt, alle weiteren Schritte zur Aufklärung der Mitglieder in dieser Sache einzuleiten. Als Referenten sind nur solche Kollegen zu bestimmen, die für die Verschmelzung tatkräftig eintreten. Das Verbandsorgan soll ferner durch aufklärende Ar- tikel im Sinne der Verschmelzung wirken. 3. Die Uebertrittsbedingungen nebst dem neuen Statut des Bauarbeiterverbandcs sind zwecks Orientierung unserer Mit- glieder im Verbandsorgan zu veröffentlichen. 4. lieber die Verschmelzung ist außerdem eine Urabstimmung per Stimmzettel vorzunehmen, und zwar im Monat Juni oder Juli 1911. Wenn zwei Drittel der Abstimmenden sich für die Verschmelzung erklären, so gilt dieselbe als be- schloffen. 5. Der nächste Verbandstag erledigt alle Formalitäten zwecks Uebertritts und beschließt die Auflösung des Dachdeckerver- bandes. 6. Ter Verbandstag findet statt in derselben Zeit und an demselben Ort, wo der Verbandstag des Bauarbeiterver- bandes tagt. 7. Die Uebertrittsbedingungen hat der Zentralvorstand mit dem Hauptvorstand des Bauarbeiterverbandcs zu beraten und den Mitgliedern alsdann zu unterbreiten." Die Verhandlungen werden auf Mittwoch vertagt. Hus Induftne und Rande!. Erhöhung der Bankosten. Dem Märkischen Ziegeleibesitzerbund ist es ge- gelungen, eine Preiskonvention der nach Berlin liefernden Ziegeleien zustande zu bringen. 95 Proz. der Gesamtproduktion der neuen Ver- einigung hat sich der Preiskonvention angeschlossen. Durch die Ziegelei- industrie der Mark werdenproJahr rund2000MillionenStückZiegelher- gestellt, wobei im Durchschnitt 25 999 Arbeiter Beschäftigung finden. Wenn jetzt eine scharfe Erhöhung der Ziegelpreise für Berlin ein- getreten ist, so haben die Arbeiter die beste Gelegenheit, von den erhöhten Einnahmen entsprechenden Anteil zu verlangen. Die Kon- vention gilt für 39 Kilometer um Berlin, vom Dönhoffplatz aus gerechnet. Der Konventionspreis betrögt für Wasserziegel pro Tausend nicht unter 23 M. Durch die Einrichtung einer Beleihungs- stelle, die zu bestimmten Sätzen Vorschüsse gibt, sowie durch Kon- ventionalsirafen soll der Gefahr der Preisdrllckerei für die Zukunft gründlich vorgebeugt werden. Aber nicht nur für Berlin ist eine Preiserhöhung für Ziegel- steine eingetreten. Nach der„Tonindustrie-Zeitung" stiegen die Preise im Bezirk Köln pro Tausend Steine von 16,5 M. auf 18,6 M., im Bezirk Bremen— Material erster Klasse— von 19,25 M. auf 21 M.. im Bezirk der Unterelbe für unsortierte Ziegeln von 13,76 M. auf 17,75 M., im Bezirk Lübeck von 23.5 M. auf 32 M., in Dort« mund sind die Preise um 6 Proz. hinaufgesetzt worden. Mithin ist im ganzen Gebiete Rheinland-Westfalens eine wesentliche Erhöhung der Preise eingetreten, obwohl die Fabrikanten, die im Zentralverband der Ziegeleibesitzer vereinigt sind, die Arbeits- löhne im vorigen Jahr um 5 Proz. innerhalb des ganzen Gebietes gekürzt haben. Auch in den anderen Ziegelzentren Deutschlands sind die Preise durchweg erheblich gesteigert worden. Trotzdem hat der Zentralverband der Ziegeleibesitzer Lohnforderungen der Arbeiter allgemein abgelehnt und beschlossen, für das Jahr 1919 keine Lohn- erhöhungen eintreten zu lassen. Die Herren gedenken die Gewinn- Verminderung in der Zeit der Krise jetzt auf Kosten der Arbeiter doppelt nachzuholen. Das hindert die Herrschaften aber nicht, Preis- steigerungen als notwendige Folge gestiegener Arbeitslöhne zu recht- fertigen._ Allgcm. Berliner OmnibuS-A.-G. Nach dem Geschäftsbericht er« brachte daS Jahr 1999 einen Neingewinn von 395 748 M. gegenüber einem vorjährigen Verlust von 2 413 282 N!.. zu dessen Deckung der Reservefonds herangezogen wurde. Im ganzen betrugen die Einnahmen dem Geschäftsbericht zufolge 9 631 912 M.(i. V. 8 498 684 M.), wozu die Fahrgelder 9 214 953 M.(i. V. 8 154 556 M.) beitrugen. Die Ausgaben ermäßigten sich von 8 369 826 M. auf 8 2l8 789 M., so daß sich vor Abzug der Abschreibungen ein Ueber- schuß von 1412 222 M.(i. V. 38 857 M.) ergibt. An Abschreibungen sind 1 196 474 M. vorgesehen(gegen 1 324 631 M. i. V., zu denen noch 1 127 599 M. außerordentliche Abschreibungen traten). Nach Verrechnung dieses Postens ergibt sich der vorgenannte Neingewinn, aus dem nach Dotierung des Dispositionsfonds mit 6115 M. und nach Zahlung der Tantiemen von 29 659 M. 269 983 M. auf neue Rechnung kommen. Von der Verteilung einer Dividende wird ab- gesehen. Gründungen und KapitalSerhShungen im ersten Quartal 1919. Die Gründungstätigkeit, die im zweiten Drittel des vorigen Jahres unter dem Einfluß der starken Kurssteigerung einen großen Umfang erreicht, in den Herbstmonalen aber nicht unerheblich nachgelassen hatte, ist auch im ersten Quartal des laufenden Jahres ziemlich geringfügig gewesen. Es ist zwar die Errichtung von 42 neuen Aktiengescllichaslen amtlich bekanntgegeben worden, aber diese Ge- sellschasten repräsentieren nach der Gründungsstalistik, welche„Die Bank" in ihrem Aprilheft bringt, nur ein Kapital von 56,6 Millionen Mark, während die in, ersten Quartal 1999 gegründeten 49 Aktien- gesellschaften 82,9 Millionen Mark Kapital verkörperten. Das für Neugründungen beanspruchte Kopital ist damit fast auf den niedrigen Stand des ersten Quartals des JahrcS 1998 (62.9 Millionen Mark) zurückgegangen. Dem Rückgang der Grllndungs- ziffer steht aber eine starke Zunahme der Kapitalserhöhungen von Aktiengesellschaften gegenüber. Es haben nicht weniger als 195 Ge- sellschasten ihr Kapital erhöht, und zwar um die Gesammtsumme von 134 Millionen Mark, während im ersten Quartal 1999 nur 65 Erhöhungen um insgesamt 98,1 Millionen Mark statt- gefunden haben. Die Zahl der neugegründeten Gesellschaften mit beschränkter Haftung ist fortgesetzt im Wachsen. Es sind in den ersten drei Monaten dieses JahreS 935 G. m. b. H. er- richtet worden gegen 884 in der vorjährigen Vergleichsperiode. Trotz dieser Zunahme hat die Summe des beanspruchten Kapitals eine Abnahme(von 193 auf 98 Mill. M.) erfahren, obwohl die Zwerg« gründungen im Baugewerbe sich etwas vermindert haben. Unter den neu errichteten G. m. b. H. befinden sich nur 13 mit 1 Mill. M. Kapital und darüber. Dieselbe Erscheinung der zunehmenden Zahl bei abnehmendem Durchschnitts- und Gesamtbetrage zeigen die KapitalSerhöhungen der G. m. b. H., die sich auf 225 Einzelfälle mit rund 21 Mill. M. gegen 186 Fälle mit 31 Mill. M. im Vorjahr belaufen. Alteisen vom Panamakanal. Seitdem der große Panamakanal den Durchstich des JsthmuS zu Darien unterbrach, ist die ganze Riesenarbeit in dem Stadium, wie sie von den Arbeitern verlassen wurde, einfach liegen geblieben. Seit einiger Zeit ist cS auf der Landenge wieder lebendig geworden. Bekanntlich hat die amerika- nische Regietung den Plan der Durchstechung des JsthmuS von neuem ausgenommen. Die erste Arbeit galt der Beseitigung der alten verrosteten und gänzlich unbrauchbar gewordenen Maschinen, Krane, Kette». Bagger usw. Diese riesigen Hilfsmittel, die dazu ausersehen waren, zwei Weltmeere zu verbinden, die Millionen verschlungen haben, sie werden jetzt durch ein amerikanisches Syndikat als 259 999—399 999 Tonnen altes Eisen aufgekauft. ES ist dasselbe Alteiscnsyndikat, daS schon das Eisen der zerstörten Stadt San Francisco aufkaufte. Die großen Stücke werden in de» Betrieben der Gesellschaft zerschnitten und mit den anderen Trümmern wieder eingeschmolzen. Warum enden die letzten Ueberreste des ersten Versuchs der Verwirklickung eines genialen Planes als alteS Eisen? Weil der Plan, auf großkapitalistischer Grundlage aufgebaut, zum SpekulationS- und Bereicherungsmoment für Einzelne wurde. �. 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