Pr. 102. Abonnemenfs-Bedingungen: Abonnements- Preis pränumerando Z Biertcliährl. ZL0 Mb, monatb l.lv Mb, wöchentlich 2S Pfg. frei inS Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. PostabonnementS nehmen an: Belgisn. Dänemarb Holland. Italien, Luxemburg. Portugal, Rumänien. Schweden und die Schweiz, k/lchmt tssli» auBir Glontaas. 27. Jahrg. Verlinev Volksblnlt. Sie Tntertions- Gebühr- Beträgt für die fechsgespaltene Kolonel« zeile oder deren Raum 60 Pfg., für politische und gcwerlschaftliche Vereins- und Versamnilungs-Anzeigen L0 Psg. „Kleine Sn-«ig-n". das erste(sctt- gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weilcra Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- stcllen-Anzeigen das ersle Wort 10 Psg, jedes weitere Wort 6 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis F Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm- Adresse: „SKUIltentolint R?rlina, Zentralorgan der foztaldeniokrati leben Partei Deutfchtandd. Redaktion: 8M. 68, Ltndenstrasae 69. Fernsprecher; Amt IV, Nr. 1983. Dienstag, den 3. Mai I.3I0. Expedition» SM. 68, �.indenstrasse 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1981. Wahlrechtsmai! Der 1. Mai hat nicht nur in Berlin, sondern in ganz Deutschland einen glänzenden Verlauf genommen. Zahlreicher denn je strömten die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter zu den Vormittagsversammlungen, massenhafter denn je waren die Nachmittags- und Abendversammlungen besucht. Der 1. Mai hat in Deutschland als proletarische Demonstration so feste Wurzeln geschlagen, daß er nicht mehr auszurotten ist l Wenn die bürgerliche Presse meint, die Maifeier habe diesmal nur deshalb so großen Zulauf gehabt, weil sie zur Wahlrechtsdemonstration gestempelt worden sei, so vergessen die klugen Leutchen, daß der Charakter des 1. Mai ja keineswegs so starre Züge trägt, wie sie sich in Verkennung der sozialistischen Arbeiterbewegung und der Taktik der Arbeiterklasse einbilden. Der 1. Mai ist geschaffen worden als Demonstration für den Achtstundentag und die Völkerverbrüderung. Der I.Mai sollte eine internationale Kundgebung der Kultur- und Friedens- bestrebungen der Arbeiterklasse sein. Wie aber die Kultur selbst unendliche Verästelungen besitzt, so saugt auch das Streben des Proletariats, die Welt der Kultur auch für sich zu er- obern, aus tausend Wurzeln seine Nahrung. Zur Verwirklichung einer energischen Sozialreform, deren vornehmste Forderung wiederum in einer Verkürzung der Arbeitszeit, der Einführung des Achtstundentages für alle Be- rufe, in dem Schutz der Frauen und dem Verbot der Kinder- arbeit besteht, gehört unzweifelhaft auch die politische F r e i h e i t. das p 0 l i t i fdj e Selbstbestimmungs- recht. Die Klassenkampsanschauung des Proletariats lehrt ja, daß die Arbeiterklasse sich nur aus eigener Kraft aus den sFesseln des Kapitalismus zu befreien vermag. Nur dadurch, daß die Arbeiterklasse wie auf wirtschaftlichem so auch auf apolitischem Gebiete die Macht erringt, vermag sie ihre �sozialpolitischen Ideale zu verwirklichen. So liegt die Erringung des gleichen Wahlrechts in Preußen durchaus im Ziele des Maigedankens I Und es versteht sich ganz von selbst und fügt sich ganz ungezwungen im Laufe der Zeiten und der wechselnden sozialen und politischen Kämpfe, daß jede Maifeier ihr besonderes Gepräge erhält. Die eine Maifeier steht im Zeichen einer Wahl. Zur Zeit einer anderen Maifeier beherrschen gewaltige wirtschaftliche Kämpfe alle Gemüter. Und wieder bei einer anderen Maifeier ist es das Ringen des Volkes nach politischer Gleichberechtigung, ist es der preußische WahlrechtSkampf, der den Volkszorn auf- schäumen und die Massen bei der Maidemonstration das glühende Gelöbnis ablegen läßt, nicht zu ruhen und zu rasten, bis auch die Entrechtung von dem arbeitenden Volke genommen. bis das niederträchtige Dreiklassenwahlsystem zertrümmert und das freie und gleiche Wahlrecht auch für den Proletarier erkämpft istl Wer deshalb altkluge Betrachtungen darüber anstellt, daß die Sozialdemokratie eigentlich wieder einmal ihr Schweine- glück bewiesen hat, und daß die Reaktion selbst Schuld daran trägt, daß die Maifeier zu neuem Leben erwacht, mit neuem Inhalt erfüllt worden sei, der vergißt nur das eine, daß auch dieser Widerstand der Reaktion gegen die Forderungen des Volkes etwas ebenso Natürliches und Unausbleibliches ist wie der Klassenkampf der Arbeiterschaft, ihr Ringen nach Frei- heit und Gleichheit selbst. Der Aufstieg des Volkes zu Licht und Freiheit vollzieht sich nun einmal durch den Klassen- kämpf. Noch nie hat e sitzende Klasse daran gedacht, frei- willig auf ihre P.�uegien zu verzichten, gutwillig auf Drängen des Gegners abzudanken. So denkt auch die Reaktion in Preußen nicht daran, ihre Vorrechte gutwillig zu opfern. Der Wahlrechtskainpf ist die Folge der Wirtschaft- lichen Gegensätze, die der Kapitalismus nun einmal bedingt, er muß darum ausgekämpft werden. Daß aber die Arbeiterklasse entschlossen ist, diesen Kampf in Heller Begeisterung, mit zähestem Opfermut, unter Einsetzen des letzten Atemzuges auch künftig bis zum endlichen Siege durchzu.- fechten, das hat gleich den letzten machtvollen Kund- gedungen des preußischen Proletariats auch die prächtige Maifeierdemonstration nicht nur in Preußen, sondern in ganz Deutschland bewiesen! � � Das Verbot der JVIatiftnzUge. Wir haben bereits darauf hingewiesen, daß das Verbot der Maiumzüge, das ja sogar zum Widerruf der Umzugserlaubnis in einer Llnzchl von Städten führte, nicht der zufällig gleichen Geistes- Verfassung der örtlichen Polzeibehörden zuzuschreiben war, sondern einer Anweisung von oben. Der Minister des Innern hatte dabei seine Hand im Spiele. Er, der berufen ist, über die korrekte Aus- führung des Gesetzes zu lvachen, hat diesmal, offenbar dem Drängen reaktionärer Kreise nachgebend, die Anweisung zur gesetzwidrigen Auslegung der Bestimmungen des Reichs- Vereinsgesetzes gegeben! Der an die Regierungspräsidenten Preußens gerichtete und von diesen weitergegebene Erlaß des Ministers hatte folgenden Wortlaut: Ter Minister des Innern. Berlin, den 16. Arpil 1910. 11. c. 1115. Bei der diesjährigen Maifeier wird die Sozialdemokratie vermutlich in erhöhtem Maße Versammlungen unter freiem Him- mel und Umzügen auf öffentlichen Straßen zu veranstalten suchen. Diesen Veranstaltungen gegenüber, welche den gleichen demonstrativen Charakter haben wie die aus Anlaß der Wahl- gesetzvorlage in letzterer Zeit hervorgetretenen sozialdemo- kratischcn Straßenkundgebungen, werden die Grundsätze zur An» Wendung zu bringen sein, welche für Veranstaltungen der letzten Art gelten. Indem ich auf die entsprechenden Anweisungen Be- zug nehme, fasse ich dieselben wie folgt zusammen. 1. Betreffs der Versammlungen unter freiem Himmel haben die Polizeibehörden nach Lage der örtlichen und zeit- lichen Verhältnisse selbständig darüber zu beschließen, ob die durch Z 7 des Reichsvereinsgesetzes vorgeschriebene Polizei- liche Genehmigung zu erteilen oder zu versagen ist. 2. Zu Aufzügen auf öffentlichen Straßen oder Plätzen ist der Regel nach die Genehmigung zu versagen. Abgesehen davon, daß Kundgebungen dieser Art die allgemeinen Verkehrsverhältnisse in empfindlicher Weise be- einflussen und besonders geeignet sind, auf weite Kreise der Bevölkerung beunruhigend und erregend zu wirken, etscheint ihnen gegenüber nach den bisherigen tatsächlichen Ergebnissen die Annahme gerechtfertigt, daß das un botmäßige Verhalten und das aufreizende Auftreten der Teilnehmer die öffentliche Sicherheit im Sinne des§ 7 des Reichsvereins- gesetzes gefährden. Kommen Umzüge trotz versagter Genehmigung zustande, so haben die Polizeibehörden nach bestem Ermessen die Maßnahmen zu bestimmen, mit denen die Aufzüge verhindert, und wenn dies undurchführbar ist, auf bestimmte Straßen abgelenkt oder be- schränkt werden sollen. Euere Hochwohlgeboren(Durchlaucht, Hochgeboren)' wollen die nachgeordneten Behörden hiernach gefälligst mit Anweisung versehen. gez. v. Moltke. An die Herren Regierungspräsidenten. Der§ 7 des Reichsvereinsgesetzes bestimmt bekanntlich. daß bei Versammlungen unter freiem Himmel und Aufzügen die polizeiliche Erlaubnis nur dann verweigert werden darf, wenn tatsächlich eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit zu erwarten ist. Gerade der preußische Minister des Innern mußte nach den letzten Erlebnissen in Treptow und anderen Städten felsenfest davon überzeugt ,sein, daß eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit nicht vorlag.. Da zudem das Ober- Verwaltungsgericht unlängst entschieden hat, daß ein Verbot von Versammlungen unter freiem Himmel so- wohl als auch von Umzügen. die im§ 7 als etwas durchaus Gleichwertiges betrachtet werden, niemals nach einer sch a bl 0 ne n h a ften An weisu n g von oben erfolgen könne, sondern stets nach gewissen- hafter Prüfung der örtlichen und zeitlichen Verhält- nisse darüber entschieden werden müsse, setzt sich auch aus diesem Grunde der ministerielle Erlaß in schroffsten Gegensatz zu dem offenkundigen Sinn des Reichsvereinsgesetzes! Der Demonstration des 1. Mai selbst hat diese Schikane ja nichts anzuhaben vermocht; trotzdem aber hat die Arbeiter- klaffe ein unbedingtes Recht darauf, genau mit demselben Maße gemessen zu werden, wie Angehörige der Bourgeoisie. Es wird denn auch dem Minister des Innern klar gemacht werden, daß seine Anweisung das ohnehin durch die schänd- liche Wahlrechtsvorlage aufs schwerste verletzte Rechtsempfinden des Volkes nur noch mehr aufzupeitschen geeignet istl Sie MaMemonstkation der Berliner Gewerkschaften. Die Vormittagsveranstaltungen der Gewerkschaften gingen in ihrem Charakter teilweise weit hinaus über den Rahmen gewöhn- licher Versammlungen und gestalteten sich durch die Massenhaftig- leit des Anmarsches zu Kundgebungen, deren Gewaltigkeit auch den der Arbeiterbetvegung Fernstehenden hinreißen mußte. Das war namentlich der Fall bei den Versammlungen der Metall- arbeiter und Holzarbeiter. Herrlich lag am Vormittag der schon demonstrationsgewohnte FriedrichLhain in seiner jungen Frühlingspracht im Maien- sonnenschein. Blätter, Blüten und Knospen erzittertes unter der sanften Berührung eines leichten Lufthauches. Der wärmende Kuß der Sonne erweckte manche Knospe zu einem neuen Leben. Und die Ahnung eines neuen stark zur Entfaltung drängenden Lebens auch in Staat und Gesellschaft bewegten die Brust derer, die hier Zeuge sein konnten, wie ein Teil des willenskräftigen Proletariats zusammenströmte, um sein„Ich will!" und x,, Es werde!" aller Welt kundzutun. Saal und Garten der Brauerei FriedrichLhain drüben am Rande des schönen Parks hatten die Berliner Metallarbeiter ausersehen zur Demonstration gegen wirtschaftliche Gebundenheit und politische Entrechtung. Schon frühzeitig sah man einzelne und kleine Gruppen sich dem Ziele nähern. Von irgendwoher ver- kündet laut eine Uhr, daß es eine halbe Stunde vor Zwölf ist, der für die Versammlung festgesetzten Zeit. Gleich danach ver- ändert sich das Bild wie auf einen Zauberschlag. Es sind die Massen angelangt, die sich branchenweis in vielen, zum Teil recht ferngelegenen Lokalen zusammengefunden hatten. Sie kommen in der Ruhe und Ordnung, die sie eine praktische Straßenstrategie gelehrt hat und in der selbst der polizeilichste. Polizeier keine Störung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit erblicken kann. Da kommen die Klempner, die Schlosser, die Dreher, die Schmiede und wie sie alle sonst noch heißen. Die breite Allee längs der Friedenstraße kommt es herauf vom Landsberger Tor, eine unübersehbare schwarze Linie. Die halbe Seite der Promenade bleibt frei für den„Verkehr", den in letzter Zeit so oft mißhandelten Begriff. Und aus einer Seitenstraße quillt es hervor, und die Neue Königstraße ist schwarz von herqnwallenden Demonstranten. Und auf der oberen Friedenstraße, da, wo von der einen Seite die alten Bäume des Georgenfriedhofes herüberwinken, erstaunt ob soviel Leben, regen sich die Froner der Metallindustrie aus dem Norden und Nordwesten, den Sitzen der Riesenbetriebe, die dort ganze Straßengevierte einnehmen. Nichts natürlicher, als daß hier das Hauptheer hergnrückt. Auf dem Straßendamm neben den Gleisen der Straßenbahn, denn das Trottoir ist stellenweiS nicht breit. Der Platz am Königstor liegt in einer Senkung des etwas hügeligen Terrains. So hat man auf erhöhter Stelle am Hain einen Ueberblick. Außerordentlich stark ist der Eindruck, den das Herankommen der endlosen Reihen macht. Manchmal eine kleine Unterbrechung. Dann wieder neue Scharen: Alle biegen ein in die Straße„Am Friedrichshain", wo das Ziel winkt. Der große Saal ist schnell gefüllt und im Nu überflutet die Masse den weiten Garten, von wo man in den Park hinüberblickcn kann und zu dem zwei breite Freitreppen emporführen. Langsam nur geht es hinauf. Die Masse bewahrt ihr Ruhe und Würde. Es bedarf gar nicht der vielen Schutzleute und Polizeioffiziere, die mit einem Male zur Stelle sind, herbeigeeilt aus ihrem nahen „Konzentrationslager". In richtiger Würdigung der Situation be- schränkt sich auch die Polizei darauf, den nicht versiegenden Menschenstrom bis zum KönigStor hinab in Abständen von viel- leicht zehn Schritt zu flankieren und den Damm für den Wagen- und Straßenbahnverkehr freizuhalten. Und das geht fast stumm vonstattcn, fast ohne jedes Wort. Endlich scheint der Ansturm vorüber. ES scheint aber nur so. Immer wieder kommen Gruppen— aus dem fernen Moabit und aus dem nicht minder entfernten Südosten und Süden— gleichsam als Nachzügler heran. ES ist kein Platz mehr im Riesengartcn, wohin Cohen, der Leiter der Berliner Metallarbeiter, laut Vereinsgesetz, Paragraph soundso, die Versammlung„verlegt" hat. Tausende müssen um- kehren. Und wieder Tausende. Sie fluten zurück, wohl an 10 000; andere kommen noch. So herrscht Leben auf der Straße, viel Leben, als im Garten längst die Versammlung begonnen hat., Im Garten sind sicher mehr als 20000 Personen versammelt. Kopf an Kopf steht man bis in die äußersten Hallen. Die breite Treppe bor dem Saalbau und dessen erhköhter Vorplatz verschwinden unter den auch hier dicht gedrängt stehenden Menschen. Und selbst auf dem großen Balkon im ersten Stock und an den geöffneten Fenstern der Saalgalerie ist kein Plätzchen mehr frei. Das Wort nimmt Reichstagsabgeordncter Fritz Zubeil, nachdem die Maien- grüße eines Sängerchors verklungen sind. Er würdigt die Be- deutung des Tages in längerer Rede. Ihm fdlgt Cohen mit einer knappen, aber flammenden Ansprache. Dann ertönt wieder Gesang. Ein Wald von Händen starrt gegen den lichtblauen Himmel, als über die Resolution abgestimmt wird. Ein zehn- tausendfältiger Treueschwur! Dann brausen donnernde Hoch- rufe auf das Recht, das erkämpft werden soll, durch die Luft, weithin vernehmbar auf der Straße und im Park, wo sie ein Echo auslösen. Wer jetzt im Hain steht und seinen Blick zurück- schweifen läßt, der wird wieder und wieder gepackt von der Wucht dieser Wahlrechts-Maidemonstration. In breiten Strömen ergießt sich über die beiden Treppen die Menge auf die Straße. Das geht so mehr als eine Viertelstunde lang, obwohl schon vorher Tausende und aber Tausende sich entfernt haben. Nach drei'Seiten fließen die Menschenströme ab. Nach Nord und Süd die Straße und schräg durch den Hain gen Osten. Ruhig geht man dann aus, einander. Mit Trara und Bumbum kam gegen%2 Uhr die Jugendq wehr die Straße»Am Friedrichshain" heraufgezogen. Gerade, als die letzten Tausende der Maidemonstranten sich entfernten. Unsere Kxute lächelten nur ob dieser Kriegsspieler. Die Vertreter gffietet Selten zogen einander Vorüber, vbne batz' auch nur ber Versuch einer Reibung erfolgte. Ter beste Beweis g e g-en die polizeiliche Weisheit, mit der man namentlich in der Provinz hausieren geht, indem man Verbote von öffentlichen Aufzügen mit den Gegensätzen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsschichten ».rechtfertigt". � Anders wie sonst an Sonn- und Feiertagen sah es am Vor- mittag des Weltfeiertages im Osten und Südosten Berlins aus. Nicht nach Erholung nur oder nach FeiertagSuntcrhaltung strebten die festlich gekleideten Männer und Frauen, welche die Straßen bevölkerten. Von einem höheren Gedanken beseelt, eilten sie, teil- zunehmen an den Kundgebungen, welche die Gewerkschaften ver- anstalten. In Gruppen, bald größer bald kleiner an Zahl, strömten die Maidemonstranten den Versammlungslokalen zu. Besonders stark war der Zug der Massen nach dem Süden. In allen Straßen, die sich am Kottbuser Tor schneiden, kamen sie her- beigeströmt, die Maifeiernden. Als Fcstzeichen die rote Nelke im Knopfloch, schritten sie ernst und gemessen dahin. Ein Zug folgte dem anderen. Viele hatten am Kottbuser Tor ihr Ziel erreicht. Sie strömten in das„Konzerthaus Sanssouci", wo die Buchbinder und Galanteriearbeiter ihre Versammlung abhielten. Doch der größte Teil ging weiter. Aus allen Seitenstraßen erhielt die Menschenmenge neuen Zuwachs. Aus allen Richtungen nahten sich größere und kleinere Gruppen. In dichten Scharen zogen die nach vielen taufenden zählenden Massen den Kottbuser Damm entlang, alle von einem Gedanken erfüllt, nach einem Ziele strebend. Der ».Neuen Welt", dem Versammlungslokal der Holzarbeiter strömten die Massen in unabsehbarem Zuge zu.— Auch auf der anderen Seite des Kottbuser Dammes bewegten sich starke Züge von Maifeierndcn in entgegengesetzter Richtung. Es waren Ar- beiter und Arbeiterinnen, die aus den südlichen Stadtteilen und aus Aixdorf kommend, nach den in der Stadt liegen Versammlungs- lokalen ihrer Gewerkschaften zogen. Eine Massendemonstration, durch keinerlei äußere Abzeichen als solche kenntlich gemacht, aber doch für jeden der sehen kann, deutlich erkennbar, vollzog sich hier in ungestörter Ruhe und Ordnung. Polizei war, außer den ver- einzelten Schutzmannsposten, die zu jeder Zeit an den Punkten des lebhaften Verkehrs stehen und einigen Beamten am Eingange des Versammlungslokals, nicht zu sehen. Wer hätte also die Ruhe und Ordnung stören können. In der„Neuen Welt" drängten sich die Massen Kopf an Kopf. Sie füllten den großen Saal, sodaß buchstäblich kein Apfel zur Erde fallen konnte, und sie überfluteten, nach Zehntausenden zählend, die riesige Fläche des Gartens. Am Saale sprach Karl Liebknecht, im Garten Heinrich Schulz. Die Verherrlichung des Maifestgedankens durch die Redner, die Propagierung der großen Ziele des Sozialismus und die Aufmunterung zur ener- gischen Fortsetzung des Wahlrechtskampfes fanden begeisterte Zu- stimmuna bei den Massen der Demonstranten. * Besonderes Interesse erregten diesmal auch die Versammlungen der Bauarbeiter. Die Maurer sind ja gelvohnt, den l. Mai, auf welchen Tag er auch falle, all- gemein zu feiern, unbekümmert um die regelmäßig wiederkehrenden Aussperrungsbeschlüsse des Unternehmertums. Auch diesmal, wo dergleichen Schikanen nicht zu erwarten sind, haben sie wiederum einmütig in einer erhebenden Massenkundgebung ihrer Begeisterung für dieJdeale des ProletariatSAusdruck gegeben undProtest erhoben gegen die wirtschaftiche und politische Knechtschaft, die auf dem Bolkc lastet. Sie versammelten sich im großen Saale und Garten der Bockbrauerei am Tempelhofer Berg. Um halb lS Uhr war der Saal noch leer, während der Nebensaal, wo die Arbeiter und Ar- bciterinnen der graphischen Gewerbe ihre Maivcrsammlung hatten, schon überfüllt war. Die Maurer kamen noch. Sie hatten sich erst in ihren Bezirkslokalen, ihre Kollegen Fliesenleger in Habels BrauereiauSschank versammelt, um dann zu rechter Zeit gemeinsam nach der Bockbrauerei zu marschieren. Nun kamen sie herbei in großen Zügen auS allen Stadteilen, viele in Begleitung ihrer Frauen. Man versammelte sich erst im Garten. Bald war aber auch der große Saal gefüllt. Feierlich klangen die Mailieder des Gesangverein der Maurer. Dann lauschte man der Rede des Genossen Paul Hirsch, der dem Empfinden und Wollen, daö die Bauarbeiterschaft und das gesamte Proletariat beseelt, treffen- den Ausdruck gab. Die AuSspcrrungssucht des Unternehmertums, die Schmach und Schande der sogenannten Wahlrechtsreform, all die gerade jetzt so stark hervortretenden Knechtungsgelüste der Herr- fchenden Klassen ließen den Aufruf deS Redners zum Kampf für die Ideale des l. Mai um so kräftiger widerhallen in den Herzen der Versammelten.„Wir schüren das heilige Feuer", erschallte eS aus der Sängerschar, und das Feuer der Begeisterung für die Be- freiung des Volkes lohte in den Proletarierherzen. Ter Vorsitzende Hanke erinnerte an das Wort HeuerS vom „auf Granit beißen".—„Wir geloben", sagte der Redner,„daß die Unternehmer bei uns auf Granit beißen, sich an uns die Zähne ausüeißen sollen"!— Durch brausende Hochrufe auf die Bau- arbeiterbewegung, auf die deutsche und die internationale Arbeiter- dewegung, wie auf den Wahlrechtskampf stimmten die Versam- melten ein in das Gelöbnis. Die Zimmerer hatten schon lange vor der festgesetzten Zeit den großen Saal der Brauerei König st adt, Schönhauser Allee, besetzt und immer neue Scharen strömten herbei, so daß Kopf an Kopf sich reihte, als Genosse David seinen Vortrag begann. Mit schlagender Logik zeichnete Genosse David ein treffendes Bild von den Widersprüchen unserer heutigen Gesellschaftsordnung, wo der eine darbt und der andere im UeberfTuß schlemmt, wo der eine entbehren muß, während die Produkte sich massenhaft aufhäufen, wo Tausende hungern und doch die Grenzen für Lebensmittel gesperrt und Zölle aufgerichtet werden, um nicht Bedarfsartikel ins Land zu lassen. Aus dem Herzen der Zuhörer war cS gesprochen, als der Redner die frivole und brutale Aussperrung im Baugewerbe be- rührte, die den Arbeiter um seine Menschenrechte bringen will, die dem Arbeiter in der Zeit der enorm gestiegenen Lebensmittelpreise, wo man den Beamten Teuerungszulagen gewährt, jede Lohnauf- besserung abzuschneiden sucht. Zündende Worte trafen die Frauen, denen der Redner die hohen Aufgaben der Frau als Kämpferin und Mutter vor Augen führte. Auf das Verhältnis von Kopfarbeit und Handarbeit eingehend, meinte der Redner, wenn diese beiden Pole im Leben sich verbinden, werden sie sämtliche Kulturhindernisse spielend überwinden. Bitter sarkastisch schilderte Redner die preu- ßischen Verhältnisse und stürmische Heiterkeit löste die Wendung aus, auf der Brüsseler Weltausstellung das preußische Herrenhaus mit seinen Insassen auszustellen, die goldene Medaille wäre uns sicher. Mit der eindringlichen Aufforderung an die Anwesenden, mit allen Fasern des Herzens für den internationalen Sozialis- mus und seine Ziele zu wirken und mit einem frohen Ausblick auf die Zukunft schließt der Redner.(Stürmischer Beifall.) Die Resolution wurde einstimmig angenommen. Mit einem begeisternden Hoch endete die imposante Versammlung. Die Bauhilfsarbeiter hatten ihr Versammlungslokal, Frankes Festsäle in der Badstratze, vor 12 Uhr mittags schon so gefüllt, daß viele wieder umkehrten, nachdem sie sich ihre Anwesenheit durch den üblichen Vermerk im Bcrbandsbuch hatten bestätigen lassen. Robert S ch m i d t s Maircde fand aufmerksame Zuhörer und reichen Beifall. Er hob hervor, daß die Arbeiterschaft, die ihren Teil an dem reichen Kulturleben unserer Zeit immer stürmischer verlangt, die beste Gewähr bietet für die Erhaltung und Ver- mehrung der Kulturgüter, für den Völkcrfrieden, für Geistes- freiheit und Gerechtigkeit und allgemeinen Fortschritt der Mensch- heit. Der Redner begrüßte den demokratischen Zug, der gegen- wärtig durch alle Lande geht und der auch in Preußen den Kampf gegen das Junkertum immer heftiger auflodern läßt, der ein freies Wahlrecht fordert und die Arbeiterschaft mit Mut und Kraft erfüllt. Eine scharfe Kritik übte der Redner an den preußischen Zuständen und er forderte unter der Zustimmung der Ver- sammelten dazu auf. energisch für des Volkes Rechte einzutreten. — Die Resolution, die der Vorsitzende zur Verlesung brachte, wurde einstimmig angenommen. Die Polizei überwachte die Versamm- lung von den umliegenden Straßenecken aus, wo überall ein Schutz- mann stand und den Eingang zum Lokal scharf ins Auge faßte, ganz überslüssigerweise, denn die zahlreichen Teilnehmer zerstreuten sich nach Schluß der Versammlung so ruhig wie sie gekommen waren. Die Puiier tagten bei Freizer, Koppenstraße. Saal und Gale- rien waren von 2000 Personen besetzt. Der Gesangverein der Putzer leitete die Feier durch Gesang ein. Dann nahm die Ver- sammlung das Referat des Genossen Ad. Ritter entgegen. In seinem Schlußwort rechnete Redner mit dem Arbeitgeberbund für das Baugewerbe ab und appellierte an die Versammlung, die Be- schlüsse der Organisation zu halten. Mit einem Hoch auf die internationale Sozialdemokratie und einem Schlußgesang des Ge° sangvereins wurde die Feier würdig geschlossen. Tie Sektion der GipS-»nd Zeinentbranchc des Maurervcr- bcmdes hielt ihre Maiversammlung im großen Saale der Brauerei H a p p o l d t ab. Der Saal war vollständig gefüllt. Dr. Silber- stein hckb besonders die Angriffe der Reaktion und des Unier- nehmertums gegen die Arbeiterklasse hervor, die sich besonders in der preußischen Wahlreform, der sogenannten Krankenversichc- rungsreform und der Aussperrung der Bauarbeiter dokumentieren. Die Böcker- und Konditorenversammlung war gut besucht. Saal und Galerien waren dicht besetzt. Als Versammlungslokal dienten die„Sophien-Säle". Genosse D i t t m e r referierte. Der Betrag der Tellersammlung wurde den ausgesperrten Bauhandwerkern überwiesen. Der Gesangverein„Morgengrauen" sang zu Anfang und Schluß der Versammlung mit Begeisterung aufge- nommene Arbeiterlieder. Die Bildhauer hielten dieses Jahr ihre Maiversammlung im Treptower„Lustschloß" im Freien ab. Das Referat deS Genossen Link fand in der gut besuchten Versanunlung lebhaften Beifall. Bootsbauer. Die Versammlung der Bootöbauer war von eilva 100 Personen, darunter eine Anzahl Frauen, besucht. Das Mai- referat bielt Genosse Hinrichsen, dessen Ausführungen ungeteilten Beifall fanden. Im überfüllten Saal des„Esiisium", Landsberger Mee 40/41, sprach Genosse F aa s vor den Brauerriarbeitern. Ebenso ein» stimmige Annahme wie die Mairesolution fand folgender Antrag: Die heute, am 1. Mai 1910, zahlreich versammelten Brauerei. arbeiter Berlins und Umgegend sprechen den ausgesperrten Bauarbeitern ihre wärmste Sympathie auö. Die Versammelten ver. pflichten sich, sich an der vom?. Gewerkschaftskongreß beschlossenen allgemeinen Sammlung für die ausgesperrten Bauarbeiter nach besten Kräften zu beteiligen. Die Versammlung beschließt weiter, am Schlüsse der heutigen Versammlung eine Tellerfammlung zu» gunsten der kämpfenden Bauarbeiter vorzunehmen» Di« Maiversammlung der Dachdecker im.Englischen Garten" war von über 350 Personen, darunter vielen Frauen, besucht. In dem vorzüglichen Referat de» Genossen 83 o l d t wurde hauplsächlich auf die gegenwärtige politische Situation und auf die Kämpfe im Baugewerbe Bezug genommen. Zu einer imposanten Kundgebung gestalteten sich auch die zwei Versammlungen der Buchbinder im Lokal„Sanssouci", Kott» buser Straße 6. in welchen K l o t h und Brückner referierten. Di« Resolution wurde von über 4000 Personen einstimmig an» genommen. Die Maivcrsammlung der Burcauarbeiter war überfüllt. Das Referat hielt Giebel. Anwesend waren 600 Personen. Der Ertrag der Tellerfammlung wuroe den ausgesperrten Bau. arbeitern überwiesen. In der Versammlung der Fabrikarbeiter bei Breuer. Große Frankfurter Straße 117. waren laut Kontrolle 750 Teilnehmer. Die vom Gemeindrarbeiterverband in den..Musikersälen" ein» berufene Versammlung war von zirka 1000 Personen besucht. Das vom Stadtverordneten Paul D u p o n t übernommene Referat wurde mit spontanem Beifall aufgenommen. An der Feier wirkte durch Gesangsvorträge der Männerchor„Norden" mit. Die Versammlung der Glaser, Glasarbeiter und Arbriterinnen bei L i t f i n in der Momeler Straße war von �irka 500—600 Personen besucht. Der Gesangverein der Glasarbeiter leitete die Ver- sammlung durch den.Festgesang" von Uthmann ein. Stößel hielt daS Referat. Die Versammlung der im Handels-, Transport-«nd Verkehrs- gewerbe Angestellten, welche im„Deutschen Hof", Luckauer Straße Nr. 15. stattfand, war von weit über 2000 Personen besucht. Sämtliche Tische waren entfernt worden, doch konnte der Saal die Besucher nicht alle fassen. Hunderte mußten wieder umkehren, da das Lokal Vi Stunde vor Eröffnung schon überfüllt war. Der Vortrag von Adolf Hoff mann wurde mit Begeisterung auf- genommen. Der Treffpunkt des Zentralverbandes der Hutmacher war Große Hamburger Straße 18—19. Von dort ging es im Zuge nach der Schwedter Straße zu ObigloS Festsälen. Der Hutmacher- Gesangverein„Einigkeit" eröffnete mit dem Liebe„Frühlings- stürme" die Versammlung und dann hielt Stadtverordneter Koblenzer die Festrede. Mit einem Hoch auf die Völker- befreiende Sozialdemokratie wurde die von 500 Personen besuchte Versammlung geschlossen. In Boekers Festsälen in der Weberstraße fand eine von zirka 200 Personen besuckite Versammlung de» Verbandes der Isolierer und Steinholzleger statt. In zündenden Worten erledigte sich der Referent Genosse W ü ck e seiner Aufgabe. Verschönert wurde die Feier durch die Mitwirkung des Gesangvereins der Mamer, Schön- hauser Borstadt. Die Versammlung der Kupferschmiede war von zirka 400 Per- sonen.darunter viele Frauen, besucht. Referent war der 2. Ver- l>andsvorsitzende M. Hecht. Einige durch den Gesangverein der Kupferschmiede gut vorgetragene Freiheitslieder verschönten die Feier. Die Lederarbeiter hielten ihre Maiversammlung bei Schmidt, Prinzen-Allee, ab. Gegen 60(1 Personen waren anwesend, der Saal war dichtgefüllt. DaS Referat des Genossen B a r t h e l wurde mit brausenden! Beifall aufgenommen. Wuchtiger Männergesang leitete den Vortrag ein. Mit zwei weiteren Liedern des Männer- gesangvereinS„Harmonie" und einem begeisternden Hoch auf die internationale Arbeiterbewegung wurde die Versammlung ge- � Die Maiversammlung der Maler, Lackierer us«. tagte in den Festsälen von Dräsel in der Neuen Friedrichstraße. Die Räume reichten bei weitem nicht aus, die Demonstranten zu fassen und wurde polizeilicherseiis abgesperrt. Die trefflichen und packenden Ausführungen dcö Genossen Bauer fanden begeisterten Wider- hall. Die Maidemonstration erhielt noch eine besondere würdige Note dadurch, daß der Gesangverein der Lackierer zu Anfang und am Schluß Kainpieslieder sang. Mit einem enthusiasmierten Hoch auf die völkerbefreiende internationale Sozialdemokratie gingen die Versammelten auSeinandere. Bei den Porzellanarbeitern im GewerkfchaftShauS(Saal I) waren 350 Personen anlvesend'. Die VcrsammluNH foutfe durch Gesang eingeleitet. In außerordentlich überfüllter Versammlung demonstrierten die Sattler und Portefeuiller für den Maigedankcn. Der große Saal der„Arminhallen" vermochte selbst unter Zuhilfenahme der Galerie und der Bühne die Zahl der Besucher nicht zu fassen, so daß viele Berufsangehörigcn keinen Zutritt finden konnten. Die be- geisternden Ausführungen des Genossen M.' G r u n w a l d fanden in den Reihen der Zuhörer lebhaften Widerhall.. Die Maifestversammlung der Schmiede tagte bei Wilke in der Brunnenstraße und war von ungefähr 600 Personen besucht. Die Feier wurde durch stimmungsvolle Gesangsvorträge des Gesang- Vereins„Flamme" eingeleitet. B a s n e r referierte. Die Arbeiter der Berliner Schuhindustrie waren vollzählig im Schweizergarten versammelt. Genosse Bernstein, beim Er- scheinen stürmisch begrüßt, hielt das Referat. Die Steinarbeiter hatten sich in einer Zahl von zirka 500 in den A r m i n h a l l e n versammelt. Nachdem der Gesangverein ..Schönhauser Vorstadt" einige Lieder gesungen, sprach Genosse P o e tz s ch über die Bedeutung des Tages, wobei er es nicht unter« ließ, das volksfeindliche Verhalten der Junker aufs schärfste zu geißeln. Die Maiversammlung der Steinsetzer, Steinhauer und Rammer war von 700 Personen besucht. Das mit großem Beifall auf- genommene Referat hielt Genosse Dr. Wehl. Die Versammlung wurde eröffnet und geschlossen durch Gesangsvorträge des Stein- sctzer-Gesangvereins. Im großen Saale des Gewerkschaftshauses waren die Mit- glieder des Zentralverbandes der Töpfer Deutschlands in über- a roßer Zah' mit ihren Frauen versammelt. Referent war der ienofse 23 u tz I i. Die von der Gewerkschaftskommission und Partei vorgeschlagene Resolution fand einstimmige Annahme. Vor 750—800 Tapezierern referierte Z i tz e w i tz über die Bedeutung des 1. Mai. Ein Antrag auf Tellersammlung für die aus- gesperrten Bauarbeiter wurde einstimmig angenommen. Durch Freiheitslieder des Gesangvereins der Tapezierer wurde die Ver- sammlung eingeleitet und geschlössen. Die Versanunlung der Textilarbeiter in den„Patria-Festsälen", Große Frankfurter Str. 28, war von 600 Personen, darunter vielen weiblichen, besucht. Referent war Wilhelm Rössel. Der Saal war festlich geschmückt. Die Feier wurde vom Textilarbeiter- Gesangverein„Deutsche Buche" mit dem Liebe.Die Erde ist zum Licht erstanden" eröffnet. DaS vorzügliche Referat erweckte be- geisterten Beifall. Mit dem Gesang der Internationale wurde die Feier geschlossen. Sie OeranttaltiingeD der Partei. Den Tempelhofer Berg hinan zogen dichte Scharen von Pro- letariern mit Frauen und Kinder». Maifeiernde waren es. die nach der Bockbrauerei strömten. In kurzer Zeit war der Garten dicht besetzt, auch der große Saal füllte sich und immer drängten noch neue Massen durch die Eingaimc des Gartens. Vergebens suchten die Spätergelommcnen nach Sitzplätzen. Erst als die ein- setzende Abendkühle viele Familien mit kleinen Kindern zum Auf- bruch veranlaßte, reichte der Raum des arohen Gartens einiger- maßen für die Zurückbleibenden aus.— Doch die mancherlei lln- bequemlichkciten, welche der Rtassenandrang in den Nachmittags- stunden mit sich brachte, beeinträchtigte die Feststimmung in keiner Weise. Alt und Jung erfreute sich an den Musilvorträgen des Berliner Sinfonieorchester und den von Mitgliedern des Ar- beitersängerbundcS vorgetragenen Kampfliedern. Auch die exakten Aufführungen einer Frauenabteilung des ArbeiterturnerbundcS fanden lebhaften lLeifall.— Die Festrede hielt Genosse Richard Fischer. Er sprach im Garten zu einer nach Tausenden zählenden Menge, die sich unter dem weiten Zeltdach vor der Bühne zusammendrängte. Wie der Gedanke der Maifeier entstand, wie er im Laufe der Jahre immer mehr Boden faßte in den Massen deS Proletariats, wie gleichzeitig auch die Ideen des Sozialismu immer weitere Verbreitung fanden und die klassenbewußte Ai beiterschaft zu einer gclvaltigen Macht anwuchs, das zeigte de Redner in einem großzügigen Bilde, welches vervollständigt wurd« durch die Aufmunterung zur allseitigen«ncraischen Betätigung ff dem großen Kampfe zur Verwirklichung unserer Ideale. « KliemS Festsäle in der Hasenheide vermochten den Andrang der Besucher kaum zu fassen. In allen Räumen herrscht« drückende Fülle, besonders dann, als am Abend, wo der Aufenthalt im Garten nicht gerade angenehm war. die Fortsetzung des Fest» Programms im großen Saale vor sich ging, während ein Neoen- saal den Tanzlustigen zur Verfügung stand.— Nach dem stimmungsvollen Vortrage eines Festgesanges durch Mitglieder de« Arbeitersängerbundes wurde Genosse Eduard Bernstein in seiner Festrede der Bedeutung deS Tages gerecht. Nach einem Hinweis auf die hohen Ideale unserer Partei gedachte er auch der gegen- wältigen Kämpfe um das Wahlrecht in Preußen und forderie zur energischen Fortsetzung unseres ZSahlrechtSkampfe» auf. Der Fest- rede folgte ein GesangSvortrag und dann nahmen die musikalischen Darbietungen des Programms ihren Fortgang- Besondere Aufmerksamkeit erregten die Aufführungen der Turner, die beredte? Zeugnis ablegten von der Leistungsfähigkeit deS Arbeiterturner- bundeS. In froher Stimmung blieben die Festteilnehmer bis zum späten Abend beieinander. » Kaum hatten die Holzarbeiter die Räume der„Neuen Welt" verlassen, da strömten auch schon die Massen herbei, welche an der Veranstaltung der Partei teilnehmen wollten. In kurzer Zeit war das riesige Festlokal in allen seinen Teilen wieder von einer nach zehntausenden zählenden Menge gefüllt, die sich an den dargebo- tenen Musik- und Gesangaufführungen erfreuten.— Obgleich die Frühlingssonne über dem Garten lachte, bot er doch keinen sehr freundlichen Eindruck. Ja, an verschiedenen Stellen sah er etwas wüst aus. Einige Bauarbeiten für die Lustbarkeiten der Sommer. saison sind noch unvollendet. Besonders störend wirkte es, daß vor der Hauptbühne im Garten ein großes Leitergerüst emporragte, welches die ganze Bühnenöffnung wie mit einem dichten Gitter- werk, überzieht. Und hinter diesem Gitter produzierten sich Akkro- baten und Gymnastiker. Auch unsere Arbeiterturner traten hinter dem Gitter auf. Ihre mit bewundernswerter Präzision aus- geführten Leistungen kamen infolge dieses Hindernisses nicht voll zur Geltung, fanden aber doch den wohlverdienten Beifall. DaS hindernde Leitergerüst konnte nicht vor dem Fest entfernt werden, weil die Gerüstbaufirma Slltmann, deren Arbeiter zurzeit streiken, es nur durch Streikbrecher hätte entfernen lassen können. Das wollten die organisierten Arbeiter natürlich nicht zugeben und des- halb nahmen denn auch die Teilnehmer der Maifeier diese Beein- trächtigung ihres Genusses als ein unvermeidliches U-bel in Kauf. Auf einer anderen, durch kein Gerüst verdeckten kleinen(Bühne trugen Arbeitersänger ihre kainpffrohen Weisen vor. welche die Hörer zu begeisterten Beifallskundgebungen mitfortrissen. Im großen Saale hielt Genosse Wolfgang Heine eine kurze. die Bedeutung des Tages würdigende Festrede, die lebhaften Beifall fand. Obgleich beim Eintritt der Dunkelheit der Garten sich zum Teil entvölkerte, blieben immer noch gewaltige Menschenmassen so- wohl im Freien wie in den Sälen bis zum späte» Abend in uo- getrübter Feststimmung vereint. � Die Feier im Gewerkschaftshause war verhältnismäßig ebenso stark besucht, tpje die Veranstaltungen in den anderen Festlokalen. Die Säle waren nefüllt. Im großen Saal« konzertierte eine Musik- kapclle, den Mchinerchor„Fichte-Georginia" entfesselte durch stim- inungSvolle, gutz vorgetragene Lieder den Beifall der Zuhörer und die Vorführungen von Mitgliedern de» Arbeiterathletenbundes erregte» allseittges Interesse.— Die Feier fand ihren Abschluß in einer wirtungsvollen. mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Fest- rede de» Genosse» Wolfgang Heine. m CHn Seil der Genossen Vvm A. WahltrriS"hielt daZ Maisest weit draußen in Lichtenberg ab. Sie hatten das allergrößte und schönste Gartenlokal der Gegend gewählt, die„S e e t e r r a s s e", und sie taten gut daran. Ein kleineres hätte nicht ausgereickzt. Schon früh am Nachmittag waren sie gekommen, die Scharen der Festteilnehmer und immer strömten neue Massen herbei. Man hatte über 10 000 Programme zur Verfügung, aber die waren bald alle ausgegeben. Es waren gewiß an 30 000 Menschen, Männer. Frauen, Kinder, die am Feste teilnahmen. Für Unter- Haltung und erhebende Genüsse war reichlich gesorgt. Der Arbeiter- sängerbund ließ seine von Beoeisterung getragenen Lieder erschallen, Athleten zeigten ihre außerordentlichen Kräfte, auch andere Ar- tisten sorgten für Unterhaltung. Die ernsten Gedanken der Feier, der Äampsesmut des Proletariats lebten und wirkten auf die Massen in der zündenden Mairede des Genossen B ü h l e r. Nicht minder zahlreich besucht war die Maifeier im„V i k> toriagarten" zu Treptow. Hier war zeitweilig kaum durchzukommen. So groß waren die Massen der Festteilnehmer. Genosse Hetzscholdt sprach im Garten klar und kräftig mit weithinschallender Stimme über die Bedeutung des TageS. über die Kämpfe der Gegenwart, über den Kampf und den Sieg, den die Zukunft bringen wird. Stürmischer Beifall lohnte den Redner. Auch hier war alles getan, um daS Fest schön und unterhaltend zu gestalten. Die Lokale in der Stadt füllten sich, wie das bei dem sonnig schönen Wetter nicht anders zu erwarten war, hauptsächlich erst gegen Abend, wenn sich auch sowohl in.Sanssouci" wie bei Freyer schon am Nachmittage Hunderte von Festgästen eingefunden hatten. Am Abend waren sie gedrängt voll. Im großen Konzerthaus„Sanssouci" in der Kottbuser Straße fanden Tausende von Proletariern und Proletarierinncn Festes- freut« und sie wurden angeregt, weiter zu kämpfen für die Ideale des 1. Mai Die Festrede der Genossin Ottilie Ba a d e r, durch drangen von Entrüstung über die schmachvollen Zustände der Gegen- wart, getragen von Begeisterung für den Befreiungskampf des Proletariats, war von anfeuernder Wirkung. Die zeitgemäße Satire in den Vorträgen der Gesellschaft Lewandowski fand ast gemeines Verständnis. Nicht minder erhebend war die Maifeier in Frehers Fest« s S l e n, für die nicht minder zahlreiche Teilnehmerschar. Hier hielt Genosse Bauer die Festrede, schilderte in klaren, trefflichen Worten, was heute die preußische, die deutsche Arbeitersckaft be- wegt, was mit ihr das internationale Proletariat fühlt und denkt, um was es ringt und kämpft, und wie ein jeder, ob Mann ob Frau, mitringen und mitkämpfen muß, bis daS Ziel erreicht ist. Seine Worte fielen sicherlich auf guten Boden. KampfeLfreude klang aus den Liedern der Arbeitersänger. Turnerkünste, Musik, Liedervorträge und schließlich der Tanz fehlten auch hier nicht. Nach dem„BerlinerPrater" ergoß sich vom frühen Nach» mittag an ein Menschenstrom, der gegen Abend immer mehr an- schwoll. Um 6 Uhr war es erdrückend voll in dem großen Garten wie im Saal. Viele suchten Unterkunft in dem gegenüber liegen- den großen Lokal„FröbelS Alllerlei-Theate t", aber hier bot sich dasselbe Bild. Unsere Genossen selbst sperrten die Lokale. Die Festkomitees hatten die größte Mühe, allen Anforde- rungen gerecht zu werden. Ein vielseitiges Programm wurde den Besuchern geboten. Sänger, Turner und Künstler ernteten reichen Beifall. Im„Prater" hielt Hans Weber die Festrede im Garten, in FröbelS Lokal sprach Dr. Conrady. Mit Begeisterung wurden die Hochrufe auf unsere Partei von den Massen aufgenommen. Die Freiheitslicder der Arbeitersänger fanden in den Herzen der Hörer lebhaften Widerhall und eine Feststimmung beherrschte die Massen, die den großen Gedanken, der dieser Maifeier für unS ein beson- dercs Gepräge aufdrückt, in all dem Jubel und Trubel nicht unteo gehe» ließ. Auch der griedrichshain schien das Ziel einer kleinen Völkerwanderung zu sein. Die Massen strömten ununterbrochen herbei und gar bald waren unsere beiden Festlokale, Lipps Brauerei und der„Schweizergarten", überfüllt. Im Saale von Lipps Brauerei war die Fülle geradezu beängstiaeicd und doch war der große Garten ebenfalls dicht besetzt. Die kühle Witterung schien niemand zu spüre», jeder war froh, daß er einen Platz behaupten konnte. Bei Lipps würdigte Giebel als Fest- rcdner die Bedeutung dieses Maitages, und im„Schweizeraarten" sprach Robert Schmidt zu der versammelten Menge im Freien. Was das Programm bot, wurde dankbar aufgenommen. Reich belohnt durch Beifall wurden die Sänger, wenn sie in ihren Liedern wiedergaben, was die Menge unserer Parteigenossen un? Genos- 1 innen an diesem Tage bewegte, Ivenn sie den Hoffnungen des Zolles Ausdruck gaben und von Frühlingsstürmen sangen: Brause, Wind, bis die Mauer fällt, Die die Herzen gefangen hält, Brich die Ketten mit Riesenkraft, Reiß' mich aus Not und Gefangenschaft, Brause, Wind, Frühlingswind, brause. Stürme und brause mir durch die Brust, Fülle sie jauchzend mit Jugendlust, Schleud're mich in die Welt hinein, Wo Frühling lacht und der Sonnenschein Und die Freiheit, die goldene Freiheit. Auf dem Gesundbrunnen,„oben" in der Badstraße, hatten unsere Genossen vier Lokale zur Feier auserkoren. Sie liegen nicht weit voneinander. So machte sich hier schon in den frühen Nachmittagestunden ein gewaltiges Leben bemerkbar. Alle Lokale füllten sich bis zum letzten Platz. Als dann die Abend- kühle sich bemerkbar machte, wanderte allerdings manche Familie heimwärts wegen der Kleinen, die auch ihre Maifeier haben wollten, nun aber doch geschützt werden muhten. Lustig flackerte daS Licht- lein in ihren Stocklaternen. So hatte die klein« Welt— die „Kommenden" im Proletariat— gleichsam auch ihre Straßen- bemonftration.— Neuer Zuzug ließ aber in den Festlokalen keine Lücke aufkommen. Ganz besonders lebhaft ging cs bei Ball- ich m i e d e r zu. wohl dem größten der vier Lokale. An 10 000 Personen mögen im Laufe des Nachmittags die Kontrolle passiert haben. Konzert und den Maigedanken feiernde Lieder der geschulten Arbeitersänger erfreuten die gestteilnehmer. Dazu kam die poli- tisch« Satire des Berliner Ulrtrio und lebende Bilder der Turner, von denen einige verteufelte Aehnlichkeit mit Gruppen der Sieges- alle« hatten. Im großen Saal sprach abends Genosse Mermuth vor einer dicht gedrängten Zuhöhrerschar unter großem Beifall. Im Marienbad war das Programm ein ähnliches. Auch hier gab das Ulktrio eine Gastrolle. Es fehlte nichts, was zu einer rechten Maifeier gehörte. Den Festvortrag hielt Genosse S i l l i e r, wofür ihm die Versammelten lebhafte Anerkennung zollten. — In»Voigts Theater" gab es außer den übrigen Dar- bietungen einige heitere Theaterstucke. Den Höhepunkt erreichte die Feier, als Genosse Heinrich Ströbel, einer aus der kleinen kampfesfrohen Schar im Landtag, seinen Vortrag im Saal hielt, wo buchstäblich kein Apfel mehr hatte zur Erde fallen können. Die mit Verve vorgetragene Rede machte starken Eindruck und löste große Begeisterung aus.— In„Fr ankeS Festfälen" wurden im Laufe des Nachmittags mit Ab- und Zugang an 0000 Teil- nehmer gezählt. Theateraufführungen wechseltein ab mit den Freiheitsgesängen der Mitglieder des Arbeitersänaerbundes und mit musikalischen Darbietungen. Auch trugen Angehörige des Arbeiterathletenbundes, wie übrigens auch in den anderen Lokalen, zur Unterhaltung bei. Im Saal würdigte bor 1SV0 Hörern Genosse Woldt in kurzer, aber eindringucher Rede unter großem Beifall die Bedeutung des Tage». In der Patzenhofer Brauerei, Turmstraße LS-26, hatten sich die Moabiter Maifestgäste versammelt. Gut 0000 Mcn- schen, in jeder Alterftufe, füllten Garten und Säle. Wie in einem Ameisenhaufen wimmelte und kribbelte es im Garten durchein- ander, über den die heitere Maisonne strahlte. Bis in die Abendstunden hinein strömten die Gäste herbei. Für Unter- Haltung, ernste und heitere, war in ausreichender Weise gesorgt. Unter anderem wirkten mit: daS Gesangtrio.Die Triole", ein Teil des Turnvereins„Fichte" sind der Arbeitergesangvemn „Sorgenfrei". Den Höhepunkt erreichte die Veranstaltung mit der Festrede des Genossen Dr. Wehl. Vor einem dichtgedrängten Publikum behandelte er die alle Gemüter bewegenden Tagesfragen Nicht minder gut besucht war die Feier in der Bockbrau� e r e i(Abteilung II), Chausseestraße, wo das glücklich zusammen gestellte Programm durch die Beteiligung von Mitgliedern der „Freien Turnerschaft" und des„Kraftturnvereins Süd-Ost 1894". sowie der Arbeitergesangvereine„Weddinger Harmonie" und „Humanität" und auch des Mundharmonikavereins„Vorwärts wirksam ergänzt wurde. Die Kaffeetüche war belagert wie eine richtige Grenzfestung, und wer sich eine Kanne voll duftenden Trankes erobert hatte, kämpfte sich vergnügt nach seinem Platze durch, allwo schon die Tischrunde sehnlichst mit den Tassen klap- perte und die Kleinsten verstohlen die Kuchenstücke befühlten. Die jungen Kurschen aber, in ihrer Jugend Maienzeit, wiegten sich schon im Vorgefühl der lockenden Klänge, die von vier Uhr ab im Saale erklingen würden. Die Festrede hielt Genosse W u tz k i vor einer vieltausendköpfigen Zuhörerschaft, die seinen kernigen Aus- führungen begeistert zustimmte. Beängstigend festgekeilt laßen und standen die Gäste bei Wille, Brunnenstraße 183, deren Zahl auf 3000 geschätzt wurde. Hier traten im Fcstteil der Gesangverein„Morgengrauen"(Mit- glied des Arbeitersängerbundes), der„Kraftturnverein Nord-Ost" (Mitglied des Arbeiterathletenbundes), die Humoristische Ee sellschast„Apollo-Trio" und Mitglieder des Verbandes der Zivil berufsmusiker auf und alle losten beim Publikum freudigen Applaus aus. Die schwungvolle Rede des Genossen S t ü h m e r krönte die Feier und eine Fackelpolonäse bot ein farbenreiches Bild und gab den Kindern die erwünschte Gelegenheit, ihre Stocklaternen leuchten zu lassen. Eine Stadt für sich stellten die Pharussäle dar, indem das Lokal tatsächlich eine Menschenmenge aufzuweisen hatte, wie sie größer manche mittelcre Probinzstadt nicht umfaßt. Von den Kontrolleuren wurde die Zahl auf LS— 30 000 geschätzt und wer einen Blick in diese in wirklich„drangvoller Enge" befindliche Gäste- schar warf, die sich auf drei Säle und den Garten verteilte, mußte zugeben, daß die Schätzung nicht übertrieben war. Auch hier wirkten Mitglieder des Arbeitersängerbundes, des Arbeiterturnet bundes und des ArtleiterathletenbundeS mit. Leicht hatte es Ge- nosse M. Grunwald nicht, als er vor dieser Riesenmenge seine Festrede hielt. Von der breiten Freitreppe herab entledigte er sich seiner Aufgabe, so daß man vom Saale und vom Garten aus seinen Worten folgen konnte. Im Moabiter Gesellschaftsbaus in der Wicless. strahe und im Etablissement der Kronenbrauerei in Alt-Moabit hatten die Parteigenossen ihre Maifeier veranstaltet. In beiden Lokalen hatte cS die Theatergesellschaft„Hans llicitz' übernommen, für Unterhaltung zu sorgen, während der„Männerl chor Moabit" durch seine Darbietungen auf die ernste Bedeutung der Feier hinwies. Aufführungen der Arbeiterturnerschaft er- gänzten das Festprogramm. In der Kronenbrauerei sprach Genosse Poetzsch. Schwer wurde cs ihm, den weiten geräumigen Saal, in dem die Menschen Kopf an Kopf gedrängt standen, mit seiner Stimme zu durchdringen. Fast lautlose Stille kam ihm zu Hilfe. Aufmerksam lauschte man den Worten des Redners, der die Bedeutung des Tages schilderte. Dröhnender Beifall der Massen begleitete den Schluß der Rede. Ein dreifaches Hoch auf die internationale, völkerbcfreiende, siegreiche Sozialdemokratie folgte. Im Gesellschafts h aus wies Genosse Heinrich Schulz auf die Bedeutung der Feier hin. In den Vororten nahmen sowohl die VorniittagSversammlungen wie auch die Nach mittagsveransialtungen einen imposanten Verlauf. DaS trifft nicht nur auf die großen Orte der beiden Nachbarkreise, sondern auch auf die kleineren, entfernteren zu. In Orten, in denen noch vor wenigen Jahren die Sozialdemokratie nicht Fuß fassen konnte, hat sie dies mal— nicht zum mindesten infolge des schamlosen Hohnes der Reaktion auf die Forderungen der Gleichberechtigung— glänzende Maidemonstrationen zustande gebracht. Ueberall waren eS von un- erschütterlichem Willen beseelte Massen, die sich zusammengefunden hatten am Festtage der Arbeit. Und überall wurde der Schwur, nicht eher zu ruhen, als bis die Klaffenforderungen des Proletariats erfüllt sind, mit der gleichen Begeisterung geleistet. Spandau. Die hiesige Maifeier hatte sich einer sehr zahlreichen Beteiligung seitens der Genossen und Gewerkschaften zu erfreuen. Vormittags 8 Uhr wurde im Böhleschen Lokal eine vom GewerlschaftS> kartell einberufene Versammlung abgehallen, ivelche von zirka 2000 Personen besucht war. Genosse Dr. Karl Liebknecht referierte. Mittags 1 Uhr fand die Abstempelung der Mitgliedsbücher im Lokal von Gottwald, Schönwalder Straße statt. Die Polizei, die wohl einen Umzug erwartete, hatte bereits um 1 Uhr an der Mittel- und Kirchhofstraße Aufstellung genommen, aber die Genoffen schlugen ihr doch ei» Schnippchen, indem sie in zwanglosen Gruppen von 20—30 Personen von Goltwnld aus nach dem Pichclswerder pilgerten. Die "eier selbst fand im Freundschen Lokal in PichelSwerder statt. DaS okal konnte die Teilnehmer kaum fassen. Teltow-Beeskow. Die von der Charlottenburger GewerkschaftSkommIsfion der anstalteten drei Versammlungen wiesen eine Besucherzahl von etwa 3000 Personen auf. Die Referenten Martha Tietz, Wilhelm Sie ring und Dr. Rosenfeld fanden stürmischen Beifall. Die vom Wahlverein veranstaltete NachmiltagSfeier im Volks hau» hatte einen außerordentlich starken Zuspruch. Schon in den frühen NachmittagSstundeir war der festlich dekorierte Garten sowie der große geräumige Saal, in dem den Festteilnehmern ein Volks- tümlicheS Konzert geboten wurde, voll von Menschen, während im unteren Saale schon fröhlich getanzt wurde. Immer stärker wuchs die Teilnebmerzahl, so daß in den späten NachmtttagSstunden in sämtlichen Räumen kaum durchzukomme» war. SchSueberg. Die in den Neuen Rathaussälen tagende Gewerk- schaftSversammlung war überfüllt, zirka 1200 Personen mochten im Lokal Platz gefunden haben. Der Gesangverein„Schöneberger Männerchor" brachte'das. Lied„Empor zum Licht" recht stimmungS- voll zum Vortrag. Das Referat des TageS hielt Genosse Dr. Zadel, dessen Ausführungen brausenden Beifall fanden. Die NachinittagSveranstaltung fand in der Schloßbrauerei statt. Be- fremden erregte eS, daß in dem Verwaltungsgebäude der Schloß- brauerei eine fliegende Polizeiwache errichtet worden war. Daß � gerade die Direktion der Schloßbrauerei es ist, die Unterkunstsräuine dazu hergibt, um der Polizei Gelegenheit zu geben, die Veranstaltungen der Arbeiterschaft, die in den der Direktion unterstellten Lokalitäten staltfinden, von weitem überwachen zu lassen, erregte den größten Unwillen der Arbeiterschaft. Sie wird hierzu unzweideutig Stellung nehmen. Die vier Versammlungen in Nixdorf gestalteten sich zu einer machtvollen, imposanten Kundgebung für die Forderungen des Proletariats. Die Versammlungen waren durchweg überfüllt. Der Hoppesche Saal, in dem Genosse Ströbel referierte, war schon lange vor Beginn der Versammlung abgesperrt. Im.Karlsgarten" prach Genosse Hilpert, bei Felsch Genosse Launischke und bei Wolf entledigte sich die Genossin Baader, wie alle übrigen Redner, in wirkungsvoller Weise ihrer Aufgabe. Die Zahl der Ver- sammlungSteilnehmer wird auf 4000 bis S000 geschätzt. Die Nachmittags- und Abendveranstaltungen wurden in den Lokalen„KarlSgarten", Vereinsbrauerei. Hoppe und Feldschlößchen abgehalten. Ueberall nahmen bei außerordentlich starker Beteiligung die Arrangements einen würdigen Verlauf. In Wilmersdorf hatten sich 900 Personen versammelt, die ein der Bedeutung deS TageS entsprechendes Referat der Genossin Frau Dr. W e y l entgegennahmen, und deren Ausführungen am Schluß mit großem Beifall belohnten. Köpenick. Hier füllten etwa 1600 Personen den großen Saal des GtadttheaterS. Das Referat hielt unter stürmischem Beifall Genosse Hammacher. Loirkwit!. Die Versammlung unter freiem Himmel war von 7—800 Personen besucht, die sich nach Schluß im Zuge.ohne Musik" durch die Zietcn-, Kaiser-Wilhelm- und Viktoriastraße nach dem Fest- lokal von Prochatzka begaben. DaS Referat hielt Genossin Z t e tz. Auch die übrige Feier verlief gut. Brih-Buckow. Die Versammlung unter fteiem Himmel war von 600 Personen besucht. NowaweS. In gutbesuchten Versammlungen bei Schmidt und Singer referierten die Genossen K ü t e r- Schöneberg und U ck o« Berlin. Treptow- Vaumschulenweg. Vor 000 Teilnehmern sprach un Ortsteil Baumschulenweg unter großem Beifall Genosse Z u b e i l. Abends fand ein großer Kinderfackelzug durch die Straßen des OrtSteils statt. Die sogenannte„Edelwiese", wo am Donnerstag die Grundstein- legung zur Kirche stattsindct, durfte der Zug t r o tz G e n e h m i g u n g nicht passieren. Aber noch eine andere Glanzleistung mußte die Polizei vollbringen: Unter de» Hunderten von Kindern trug ein Kind eine Stocklaterne mit der Aufschrift„Freiheit, Gleichheit, Brüder- lichkeit". Der Polizist pustete mit der Bemerkung, daß Laternen mit demonstrativen Inschriften nicht getragen werden dürfen, die Laterne aus.— Hurra, das Vaterland ist wieder gerettet. Trebbin. Die Maifeier verlies hier unter großer Beteiligung an beiden Tagen in der schönsten Harmonie und dem Tage entsprechend. Großen Eindruck machte der am Morgen des 1. Mai veranstaltete Ausmarsch, on welchem sich über 2S0 Personen beteiligten: der Em- marsch verfehlte auch seine Wirkung nicht, denn der Zug hatte sich um rund 100 Personen vergrößert. Tie von� auswärts hier ein- getroffene Gendarmerie kam sich ziemlich verlassen vor. KönigS-Wusterhaiisen. Die Mittagsversammlung erfreute sich eines Besuches von 500 Personen. DaS Referat des Genossen Albin M o h s- Schöneberg wurde mit großem Beifall aufgenommen. Grünau. Nach Schluß der von 250 Personen besuchten Ver- sammlung, in der Genosse Brühl referierte, unternahmen die Be- sucher einen Spaziergang nach Bohnsdorf. Eichwalde. Vor 300 Versammlungsteilnehmern referierte Genosse T i e l i k e über die Bedeutung des TageS. Alt-Glienickc. Der zuerst vom Amtsvorsteher genehmigte Um- zug wurde noch am Sonnabendabend untersagt. Die Versammlung war von 500 Personen besucht. DaS Referat hielt Genosse E w a l d jr.... DaS NachmittagSvergnügen fand unter großer Beteiligung im Lokal von Troppens statt._. Einen unerwarteten Verlauf nahm die Demonstration in Teltow. Etwa 400 Personen zogen mit Musik durch die Stadt nach dem Festplatz, dort harrten bereits Hunderte, so daß, als Genosse Fuchs- Zehlendorf sein Referat hielt, an 1000 Personen versammelt waren. Eine solche Kundgebung hat Teltow noch nicht gesehen. Mariendorf. Vor überfüllter Versammlung sprach hier Genosse Barth uiiter begeisterter Zustimmung. Nach der Versammlung formierte sich ein stattlicher Zug mit über 500 Teilnehmern nach dem Festlokale.Schweizerhaus". wo bei Spiel und turnerischen Auf- führungen eine rechte Maienstimmung herrschte. ES war das erste Mal, daß der Maiumzug behördlich genehmigt wurde. Niederbarnim. Lichtenberg. Die vormittags von der Gewerkschaftskommission nach dem„Schwarzen Adler" einberufene Versammlung war von 1800 Personen besucht, sie mußte, weil der Saal nicht ausreichte die Teilnehmer zu fassen, im Garten stattfinden. DaS Referat unter großem Beifall hielt Genosse Sillier. Zu der Abeudversammlung hatten sich etwa 3000 Personen ein- gefunden. Boxhagen-RummclSburg. Die unter freiem Himmel tagende Versammlung, an der sich auch Stralau beteiligte, war von zirka 5000 Personen besucht, Referenten waren die Genossen Müller, Hübsch und Schmidt. Ober-Schönewcide. An lSOO Personen versammelten sich im Lokal Hasselwerder. DaS Referat hielt Genosse Die sing. Nach der imposanten Versammlung wurde eme Tellcriammlung für die auS- gesperrte» Maurer vorgenommen, die 65 M. ergab. Die Nachmittagsveranstaltung der Genossen von Ober-Schöne- weide in Mocrners Blumengarten wies eine Teilnehmerzahl von zirka 2500 Personen auf. Genosse Georg Schmidt- Bertin hielt die Festrede. Der Gesangverein»Ober-Schöneweider Liedertafel" und der Turnverein„Oberspree" trugen zum Gelingen des Festes ihr Bestes bei. Weißens«. Zwei glänzend besuchte Versammlungen tagten im Schloß Weißens«. DaS Referat hielten unter begeisterter Zustimmung die Genossen Schlemm inger und Kohl. Pankow. Die nach dem Lokal von Rozycki von der GewcrkschaftS- kominisston einberufene Versammlung war von 500 Personen besucht, DaS Referat hielt Genosse Welker. Auch dieNachmittagsveranstaltung nahm einen großartigen Verlauf. Nieder-Schönhausen. Die hiesige Versammlung tagte unter freiem Himmel im Lokal Neu-KarlShof; sie war von zirka 300 Personen besucht. DaS Referat hielt unter lebhaftem Beifall Genosse D e n tz e r. Reiuickendorf(Ost nnd West). 600 Personen hatten sich zu der von der Gewerkschaftskommission einberufenen MittagSversammlung eingefunden; daS Referat hielt unter begeisterter Zustimmung Genosse D o m n i ck. Bernau. Die vom hiesigen Gewerkschaftskartell einberufene Ver« sammlung war von 600 Personen besucht. In Oranienburg fand zunächst ein Umzug durch die Stadt statt, an welchem sich etwa 300 Personen beteiligten. Hierauf sprach in überfülltem Lokal Genosie S tö r m e r. DieNachmittagsveranstaltung verlief gleichfalls imposant. Wilhelmsruh. In den Lokalen von Kollmann und Milbrodt, welche beide stark besucht waren, wurde von den Genossen Faaß und Liesegang die Festreden gehalten. Zur weiteren Unter- Haltung derTeilnehmer trugen der Arbeiter-Gesangverein„Solidarität" sowie der Arbeiter-Radfahrerverein„FrohcS Ziel" Wilhelmsruh bei. Schöneiche und Umgegend. Auch hier erfreute sich die von den Genossen arrangierte Maifeier eineS guten Besuches. DaS Referat hielt Genosse Rössel. Strausberg. Die MittagSversammlung war von 400, die Abendversammlung von 700 Personen besucht. Referent war Genosse Artur Schmidt. Patienten der Heimstätte Buch sowie der Heilstätte Grabowsee haben durch Sympalhie-Telegramme an die Leitung deS Verbandes der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlin? und Umgegend ihre Jnteresseilsolidarität bekundet. Potsdam. An den VormittagSversammlungcn nahmen bei Glaser 300 Personen und im„Viktoriagarten" 600 Personen teil. Die Polizei hatte wieder große Vorbereitungen getroffen. Da man einen Maispaziergang im Park von Sanssouci vermutete, wurden die Haupleingäiiae sorgfältig überwacht.— Die Beteiligung an der Nachmittags- imv Abendfeier hatte in Potsdam eine solche Größe noch nie erreicht, Französisch-Buchholz. In der gutbesuckiten VormittagSversamm- lung sprach Genosse Martin Meyer. Der Gesangverein„Wach auf" trug zu Beginn und am Schluß der Versammlung einige Lieder vor. Die Nachmittagsfeier war so überfüllt, daß viele im Saal keinen Platz mehr fanden. Schönwalde. Die Maifeier verlief hier gut. Die Festrede hielt Reichstagsabgeordneter Genosse S t a d t h a g e n. Fricdrichsfelde. Hier referierte Genosse I e s e r i ch vor zirka 250 Personen. Provinz Brandenburg. Begünstigt vom herrlichsten FrühIingSwctter verlief die Mai- '«Cr in würdigster Weise. In vielen Orten hatten die Genossen am Vormittag einen AuSflug unternommen; nachmittags und abends fanden Festvcrsammlungen statt, die sich- eine» guten Be- Ruches erfreuten. In allen Versammlungen wurde besonders deS W a h l r e ch t S. kampfeS in Preußen gedacht; die Teilnehmer gelobten nicht zu ruhen und zu rasten, ehe ein gleiches Wahlrecht erobert ist. Auch die tut Dienste dcZ Kapitals krankgcwordenen Arbeits- brüder gedachten des Wcltfeiertages. So erfreuten uns die Genossen aus Beelitz i. Mark mit einem Telegramm, in dem sie zum Weltfeieriage ihre volle Sympathie ausdrückten. Die Patienten von H o h c n e l s e bei R h e i n s b e r g i. Mark übersandten uns ein Telegramm, in dem sie ihren Arbeitsbrüdcrn zum 1. Mai von ihrem Spaziergang brüderlichen Gruß entbieten und dem preu- ßischen Proletariat vollen Sieg im Wahlrechtskampf wünschen. Velten. An dem polizeilich genehmigten Festzug beteiligten sich über 1000 Personen. Im Anschluß daran fand eine Versamm- lung statt, in der Genosse 5iarl Liebknecht vor 1200 Zuhörern sprach. Auch abends fanden in drei Lokalen festliche Veranstal- tungen statt. Auch in Ketzin hatte die Polizei die Genehmigung für einen Umzug erteilt. Unter Vorantritt eines Musikchors bewegte sich der Zug durch die Stadt und mehrere umliegende Dörfer. Ueberall wurden die Teilnehmer von den Einwohnern lebhaft begrüßt. Nachmittags sprach Genosse Uth es-Berlin in einer stark bc- suchten Versammlung. Brandenburg. Vormittags machten die Gewerkschaften einen Ausflug nach dem Neuen Krug. Es nahmen 12 OlK) Personen teil. Nachmittags hatte die Partei in drei Lokalen, im Volkshaus, im Volksgartcn und im Cafe Helgoland von der Partei Massen- Veranstaltungen arrangiert, die einen glänzenden Besuch aufwiesen. In den Parteivcrsammlungen der einzelnen Lokale feierten die Genossen Redakteur K l ü tz- Rixdorf, Redakteur Karl Leid- Berlin und Parteisekretär Hermann M ü l l er- Berlin die Ae- dcutung des Tages. Rathenow. Die hiesigen Genossen begingen den Maitag durch einen F e st z u g. Im Anschluß daran fand eine Versammlung unter freiem Himmel statt. Beteiligung etwa 40011 Personen. In Schwedt beteiligten sich an einem Morgenspaziergang zirka 250 Personen. Bei der Rückkehr zur Stadt stellte sich dem Zuge die gesamte örtliche P v l i z e i gv wa lt in Stärke von vier Mann entgegen. Die beabsichtigte Sprengung mißlang und unter allgemeiner Heiterkeit bewegte sich der Zug nach dem Ver- sammlungslokal, wo eine von zirka 400 Personen besuchte Ver- sammlung stattfand. Genosse Buhl-Berlin hielt das beifällig auf- genommene Referat. Schwicbus. 400 Personen beteiligten sich an der Veranstaltung. Genosse Grauer- Berlin fand mit seinen Ausführungen lebhaften Beifall, die Berliner Resolution wurde einstimig angenommen. In Marwitz bei Velten sprach vor einer überfüllten Versamm- lung Genossin Agnes Fahren Wald. Die ersten 20 weib- l i ch e n Mitglieder wurden für die Partei gewonnen. Die Genossen in Heegermllhle veranstalteten am Morgen einen Spaziergang; nachmittags fand ein Umzug mit Musik durch das Dorf statt; im Anschluß daran sprach in einer gut besuchten Ver- sammlung Genosse S ch u l z- Berlin. Nheinsbcrg. Vormittags Ausflug, am Nachmittag öffentliche Versammlung, in der Genosse N ü r n be r g- Berlin referierte. Die Genossen in Beelitz i. M. begingen das Maifest durch eine Mittagsversammlung, in der Genosse G a i d a- Rixdorf unter leb- haftem Beifall sprach. In Rädnitz i. M. war von den Parteigenossen ein Festzug ge- plant. Der zuständige Amtsvorsteher hatte es aber nicht für not- wendig gehaltein, auf das Gesuch eineAntwortzu geben. Zirka 300 Erwachsene und zahlreiche Kinder fanden sich am Nachmittag zu einem Waldfeste ein, das in einer Festrede des Genossen K u n z e- Rixdorf seinen Höhepunkt fand. Im Kreise Königsberg i. N.-M. war die Beteiligung stärker als je zuvor. In Neu da mm sprach Genosse Hackelbusch- Berlin in überfülltem Saale.— In Kiistrin fand ein Ausmarsch nach dem Stadtwald statt. Der Zug bewegte sich unter Führung der Arbeiterradfahrer und Vorantritt eines Musikkorps durch die Vorstadt nach dem Festplatz. Es waren wohl 1000 Personen im Zuge. Die Festrede hielt der Kandidat des Kreises, Genosse B o r g m a n n. Kirchhai» N.-L. Genosse Büchner referierte bor über 400 Besuchern, die seine Ausführungen mit lebhaftem Beifall auf- nahmen. Vormittags unternahmen etwa 200 Genoffen einen Aus- flug.— Gassen, N.-Lausitz. Frühmorgens unternahmen die Genossen bei starker Beteiligung einen Spaziergang, nachmittags fand eine festliche Veranstaltung statt, bei der Genosse Pause- Berlin die Festrede hielt. Preuhen. Halle a. S. An einem Frühausflug beteiligten sich 2000 Per- sonen. Gegen Mittag fanden sieben Versammlungen statt, die 7— 8000 Teilnehmer zählten. Nach Schluß derselben kam es an einer Stelle zu einem Zusammenstoß mit der Polizei, die mehrere Verhaftungen vornahm. Auch zwei Kompagnien Infanterie waren bereitgehalten. Im Regierungsbezirk Merseburg fanden ins- gesamt 73 gutbesuchte Versammlungen statt. Fn sechs Städten wurden polizeilich genehmigte Umzüge veranstaltet, einige waren nachträglich verboten worden. Magdeburg. Statt des wieder verbotenen MaiumzugeS unter- nahmen die Genossen in Magdeburg einen Massenspaziergang in den städtischen Parkanlagen. Beim Rückweg durch die Stadt nach den Versammlungslokalen Luisenpark, in dessen Garten vier Redner sprechen sollten, nahm die Polizei verschiedene Absperrungen vor. Das gleiche geschah, als die Massen, etwa 12—15 000 Personennach Schluß der Versammlung den Heimweg antraten. War vis dahin die Polizei verhältnismäßig ruhig gewesen, so wurde sie jetzt nervös. Am Ulrichstor wurde niemand hindurchgelassen und die Menge in die Glacisanlage abgedrängt. In der Wilhelm- straße zogen niehrere Schutzleute, berittene und nnberittene, blank, trieben eine Menge von etwa 300 Personen vor sich her und hieben mit der Waffe in die Fliehenden ein. Auch an anderen Stellen zog die Polizei mehrfach blank, jedoch ist über ernstliche Verletzungen bisher nichts bekannt geworden. In der inneren Stadt wurden noch längere Zeit hindurch die Absperrungen aufrecht erhalten. Es scheint der Polizei darum zu tun zu sein, unter allen Umständen eine Ansammlung der Maifeiernden in der Hauptstraße der Stadt, dem Breiten Wege, zu verhindern. Erfurt. Unter außerordentlich zahlreicher Beteiligung beging die Erfurter Arbeiterschaft die Maifeier. Früh 7 Uhr wurde in niehreren Abteilungen ein Spaziergang durch die Stadt unternommen, bei dem die in außerordentlicher Zahl aufgebotene P o l i z e i mehr- fach störend eingriff, ohne daß es indessen danl der Dis- ziplin der Parteigenossen zu Zwischenfällen kam. Der Heimweg von dem außerhalb der Stadt gelegenen Ausflugslokal wurde gemeinsam angetreten. Ucbcr 3000 Personen waren daran beteiligt. Vor der Stadt zerstreute sich aus Anordnung der Festleitung der Zug in voll- kommcncr Ordnung. Abends fand in den überfüllten Räumen de? „Tivoli" eine Versammlung statt, in der Redakteur Genosse D äsumig sprach. Irgendwelche besonderen Zwischenfälle kamen nicht vor. Görlitz. Trotz polizeilichen Verbots fand ein Umzug statt, an dem sich mehrere tausend Personen beteiligten. Die Polizei be- gleitete den Zug, verhielt sich aber ruhig. Im Anschluß an den Umzug fand eine Versammlung unter freiem Himmel statt. In zahlreichen Orten Niederschlesiens fanden gleichfalls Umzüge statt. Wcisswasscr. Für Weißwasser und Umgebung fand eine Mai« feierversammlmig unter freiem Hinimel in Keulahütte bei Muskau statt. Besucherzahl zirka 2000. Kleine Reibereien mit der Gendarmerie, sonst alles ruhig verlaufen. Breslau. Die Vormittagsversammlung fand im Gewerkschafts- haus statt. Um einen Umzug in der Stadt zu verhindern, sperrte die Polizei nach Schluß der Versammlung die benachbarten Straßen nach dem Innern der Stadt ab, nachmittag zogen die Maifeiernden in Trupps nach Morgenau, wo sich ca. 15 000 Personen zusammen- fanden. Die Polizei ließ diesen Aufmarsch gewähren. Im Land- bezirk Breslau fanden 5 stark besuchte Feste statt. In Frankfurt a. M. fand nachmittags 3 Uhr eine Versammlung unter freiem Himmel im Stadtwald statt. Von drei Tribünen sprachen vor ungefähr 20 000 Menschsn die Genossen Göller, Möller und Rudolph. Während und nach den Referaten zogen verantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw-ü immer weitere Menschenmassen im Wald zum Mai fest, an dem ungezählte Tausende— 50 000 ist nicht zu hoch geschätzt— ins- gesamt teilgenommen haben. Die Polizei hatte unifassende Vor- kehrungen getroffen. Seit 11 Uhr morgen» waren die Schutzleute truppenweise in der Stadt verteilt. Im Walde selbst waren uniformierte Schutzleute nicht zu sehen, dafür aber ein ganzes Heer Kriminaler, die bis in die spätesten Abendstunden ausharrten. In der Nähe de» Waldes, im Hippodrom, war eine starke Abteilung Schutzleute untergebracht, die eine event. Zugbildung verhindern sollten. Die Polizei bekam aber keine Arbeit. Wiesbaden. Die Maiversammlung fand unter freiem Himmel statt. Etwa 3—4000 Teilnehmer marschierten in geschlossenem Zuge nach dem Festplatz auf der Wiesbadener Warte. Hanau. Versammlung unter freiem Himmel, Besuch 12 000 Per- sonen. Nachmittags beteiligten sich am Festzuge 5—6000 Personen. Im Wahlkreise Hanau fanden 22 große Versammlungen statt. In Gelnhausen fand ebenfalls ein Festzug statt, auch in Fechenheim. Königsberg. Die Maifeier litt unter der Ungunst der Witte- rung, es war kalt, dazu herrschte ein rauher Wind, am frühen Abend fiel auch ein leichter Regen. Trotzdem nahmen an der Mai- feier zirka 8000—10 000 Personen teil. Zwei Versammlungen tagten im Parteietablissement Ludwigslust unter freiem Himmel, Redner waren die Genossen Hugo Haase und Koenen. Die Versammlungen mußten am Nachmittag abgehalten werden, da der Polizei- Präsident deren Abhaltung am Vormittag aus„religiösen" Gründen verboten halte. Ebenso fand der geplante Um- z u g durch die Stadt nicht die Genehmigung der zu- ständigen Behörden, die öffentliche Ruhe und Sicherheit sollte gefährdet sein. In der Nacht zum 1. Mai tobte aber im Zentrum der Stadt die akademische Jugend. So wurde in feucht- fröhlicher Alkoholstimmung von„diesen" Tägern der Zukunft, der Wonnemonat begrüßt. Musikkapellen ließen auf offener Straße ihre Weisen erklinge», dazu gröhlte man die sogenannten Burschenlieder, indem die einzelnen Verbindungen, deren Mitglieder teilweise in Wichs waren, mit leuibtenden Lampions durch die Anlagen des Schloßteiches und über die öffentlichen Plätze zogen. Natürlich gab es unzählige Gaffer, die den Skandal mitmachten, aber hier war weder die öffentliche Ruhe, noch die bürger- liche Sicherheit in Gefahr, dort, wo der m eiste Lärm war. war auch nicht ein Schutzmann zu sehen. Dagegen war am Weltfeiertag, den sich die„Kanaille" gegeben, Königsberg unter Waffen. Dänzig. Die Danziger Polizei hatte zur Maidemonstration ihre besonderen Vorbereitungen getroffen. Den beantragten Umzug hatte sie ebenso wie die Versammlung unter freie in Himmel verboten. Der Verlag der freisinnigen„Danziger Zeitung" hatte es als Pächter der städtischen Plakatsäulen abgelehnt, ein hübsches Maiplakat anzukleben, weil— der Kopf rot gedruckt war. Trotz des wenig günstigen Wetters waren denn auch wieder unheimliche Polizeimassen mobil gemacht worden. Vom Langen- markt durften die Demonstranten durch die Langgasse noch unbe- hclligt abziehen. Am Langgasser Tor sperrten jedoch Polizeiietten den gesamten Verkehr über den Kohlenmarkt. Ebenso ging es den Genossen, die von der Altstadt kamen. Eine Anzahl Arbeiterturner wurden unter reichlichen polizeilichen Liebenswürdigkeiten sistiert, weil sie in ihrer kleidsamen Turntracht, weißer Anzug mit fast ganz verdeckter roter Schärpe, spazieren gingen. In der völlig überfüllten Versammlung im.Bürgergarten" in Schidlitz referierte Genosse B a r t e l. Stettin. Aus 13 Versammlungen strömten nach Schluß zirka 13 000—15 000 Menschen nach einer Waldlichtung im Stetliner Haff und demonstrierten dortsclbst mehrere Stunden. Die Polizei ließ An« und Abmarsch ruhig gewähren. Sie hatte früh morgens um 6 Uhr schon eine Demonstration im Innern der Stadt, aber ver- geblich erwartet. Kiel. Demonstration auf der Waldwiese. Besucherzahl zirka 15 000. Harburg(Elbe). Die Morgenversammlung unter freiem Himmel war trotz schlechten Wetters von über 2000 Personen besucht. Elmshorn. Morgenkonzert: Beteiligung 500 Personen. Nach- mittags Ausmarsch: Beteiligung zirka 3000 Personen, Die Festrede hielt Genosse Krause. An der Nachmittags- und Abcnddemonstration beteiligten sich 3000 Personen. Hannover. Die Arbeiterschaft Hannovers traf sich vormittags bei der Herrenhäuser Allee, um sich von dort aus im Zuge, der auf zirka 25000 Personen angewachsen Ivar, nach den fünf Versammlungslokalen zu begeben, die natürlicherweise alle überfüllt waren. Die Nachmittagsdemonstration litt sehr unter starkem Regen, der einen Aufenthalt im Freien unmöglich machte. Die Abendkommerse fanden in sieben Lokalen statt. Bernburg. 2 000 Personen beteiligten sich am Ausflug nach Nienburg. Morgens 11 Uhr Versammlung unter freiem Himmel, besucht von 30 0 0 Personen. Landtagsabgeordneter Voigt-Bernburg referierte. Die Versammlung gestaltete sich zu einer wuchtigen Wahlrechtsdemonstration. Abends Kommerse, in Bernburg und Nienburg überfüllt. In SanderSlcben nahmen 300 Personen an der Maifeier teil. Landtagsabgeordneter Voigt-Bernburg sprach über unsere Mai- und Wahlrechtsforderungen. Oestliches Westfalen. In Herford waren 800 Personen ver- sammelt, in Enger 500, in Bünde 450, in Minden 350, in Rehme 250, in Salzuflen 300, in Lemgo 250. In weiteren 10 Orten fanden gutbesuchte Versammlungen und der Würde des TageS entsprechende Feiern statt. Wilhelmshaven. In Rüstringen bei Wilhelmshaven versammelten sich früh zirka 3000 Personen zu einer Versammlung. Sie gingen dann gemeinsam durch Wilhelmsbaven nach Bant und hielten auf dem Marktplatz eine öffentliche DcmonstrationSversammlung ab. Die Oldenburger Polizei verhielt sich passiv, dagegen verwehrte die preußische Polizei in Wilhelmshaven den Teilnehmem den Durch- gang durch die Hauptstraßen. Köln a. Rh. Nachmittags fanden unter freiem Himmel Ver- sammlungen statt, an denen 15 000 Personen teilnahmen. Ein un- geheueres Schutzmannsaufgebot verhinderte den Spaziergang. Abends fanden zehn massenhaft besuchte Feiern statt. Düsseldorf. Hierselbst fand eine Versammlung unter freiem Himmel statt, an der 15 000 Personen teilnahmen, trotz strömenden Regen«. Dortmund. Trotz des Verbots des Festzuges fand eine De- monstration statt, wie sie Dortmund noch nicht gesehen. Um l/i3 Uhr sammelten sich in den Hauptstraßen der Stadt 40—50 000 Menschen. Die Polizei hatte sich ebenfalls in Mengen eingefunden, namentlich an den Zugangsstraßen zur Stadt, verhielt sich aber in der Haupt- fache zurückhaltend. Der Vorbeimarsch dauerte etwa, t Stunde. An der Hobertsburg an der Festwiese fand eine große Versammlung unter freiem Himmel statt, es wurde von mehreren Tribünen ge- sprachen. Duisburg. In der Mittagsstunde fanden 7 Versammlungen statt, die überall stark besucht waren. Etwa 5000 Personen versammelten sich am Nachmittag zu einem Ausflug in die Umgebung. Etwa 5000 Personen waren anwesend. Solingen. Trotz schlechter Witterung waren 10000 bis 12000 De monstranten unter freiem Himmel versammelt. Von zwei Tribünen wurde gesprochen. Vor und nach der Ver- sammlung fanden Straßendemonstrationen statt; die Polizei be- nahm sich sehr zurückhaltend. Im oberen Kreise Solingen waren auf Bäumen und Schornsteinen 40 bis 50 rote Fahnen angebracht. Die Abendfeste in zehn Orten waren total überfüllt. Essen. Die Maifeier wurde begangen durch einen Ausflug des ganzen Kreises nach dem drei Stunden entfernten Werden. 80000 Personen beteiligten sich an dem Zuge. Die Essener Polizei war wieder massenhaft aufgeboten, sperrte abends ganz unnötigerweise die Straßen in der Stadt ab und nahm eine Menge Verhaftungen vor. von denen wie gewöhnlich Bürgerliche betroffen wurden, die mit der Maidemonstration nichts zu tun hatten. Der Berichterstatter des„Berliner Tageblatt" wurde auch verhaftet und, wie er seinem Blatte schreibt, nur deshalb, weil er eine kritische Bemerkung dar- über machte, daß ein Zivilist, wie sich später herausstellte, ein lt. Glocke, Berlin, Druck u, Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanftall ff Kriniinalbeamter, einen flüchtenden, gutgekleideten Bürger am Kragen nahm und durch berittene Schutzleute wegbringen ließ. Bochum. Die Maifeier für den Bezirk Witten wurde um 8 Uhr morgens mit einem Frühkonzert eingeleitet, nach dem Konzert fand ein Ausflug nach den städtischen Anlagen statt. Um 3'/z Uhr Festrede; daran schloß sich Konzert und Ball. Etwa 3000 Personen nahmen an der Versammlung teil, die Polizei verhielt fick, reserviert. In Bochum fand eine Versammlung aus dem Schützenfcff statt, Beteiligung 3000 Personen. In Hagen, wo der freisinnige Oberbürgermeister Cuno jede Straßendemoustration am 1. Mai verboten hatte, nahm der Protest der Arbeiter'chaft besondere Formen an. 12 rote Fahnen mit In- sckiriften wehten am frühen Morgen von den Höhen herab. Von 9 Uhr morgens ab war derBelagerungszustand ver- hängt. Die Polizei hatte von auswärts Beamten zur Verstärkung zugezogen. Jeder uniformierte Schutzmann hatteeinenBeamteninZivil als Begleiter. Die Maiseier gestaltete sich zu einem Protest gegen den Freisinn und gegen das Verbot des Spazierganges. Den Teil- nehmern, die wegen Ueberfüllung die Versammlungen nicht be- suchen konnten, wurde der Rückzug durch die Polizei abgesperrt. Es kam zu einer großen Straßendemonstration. Die Polizei sperrte die Straßen und den Marktplatz ab. Viele Verhaftungen erfolgten, unter anderem wurde der Redakteur Genosse Liebig von der Elber- selber„Freien Presse" verhaftet. Bis 5 Uhr abends ist kein Blut- vergießen gemeldet. Gclscnkirchen. In Gelsenkirchen und den umliegenden Orten fanden Morgenausflüge statt, die sich reger Teilnahme erfreuten. Die Mittagsversammlungen und die Nachmittagsfeste waren überfüllt. Recklinghauscn. Am Morgen ein Ausflug unter Beteiligung aus dem ganzen Kreise, zirka 3000 Personen. Die Polizei verhielt sich ruhig, obwohl sie massenhaft zur Stelle war und die innere Stadt Essen absperrte. Hattingen. Maifeier unter freiem Himmel, Beteiligung zirka 4000 Personen. Bielefeld. Der genehmigte Morgenfesizug fand unter Musik- begleitung und Beteiligung von zirka 9— 10 000 Personen nach Brack- wede statt. Nachmittags fanden in neun Lokalen der Stadt und Um- gegend entsprechende Feiern statt. In Herford fanden vornnttagS vier überfüllte Versammlungen statt und nachmittags eine Festveranstaltung. Gleiche Feiern fanden unter starker Beteiligung in 18 Orten und Städten des östlichen West- falens und der beiden Lippe statt. Die Hansastädte. Die Feier in Hamburg gestaltete sich, wie das nicht anders zu erwarten war, zu einer machtvollen Kundgebung des Proletariats. Obwohl der launische Wettergott abwechselnd Hagel, Regen und— in den ersten Nachmittagsstunden allerdings nur knapp bemessen— Sonnenschein zur Erde niederschickle, hatten sich um 1 Uhr mittags riesige Menschenmassen in den zur Aufstellung des Festzuges frei« gegebenen Straßen eingefunden. Um l1/« Uhr setzte sich, an der Spitze unsere ehrwürdige rote Parteifahne, der aus 53 Abteilungen be- stehende Zug, in dem wir 13 Musikkorps und über 200 Fahnen und Banner bemerkten, unter den Klängen:„Auf, Sozialisten, schließt die Reihen!" in Bewegung und marschierte hinaus nach den großen Garten- lokalen Mühlenkamp und Schützenhof. Der Vorbeimarsch dauerte über 3 l/g S t u» d e n. Die Massen dieser ans mindestens drei kriegsstarken Korps bestehenden roten Armee zu zählen, war un- möglich. Rechts und links von den Straßen, die der Zug passierte, standen wohl über 100 000 Menschen; tausende eilten dem Zuge voraus, um sich ein Plätzchen zu sichern; der größte Teil der Hamburger Bevölker ring war auf den Bein.en. In den Lokalen hielten die Genossen Reichstagsabgeordneter W. Metzger, Förster und Saalfeld kernige Ansprachen, die in brausenden Hochs aus die internationale Sozialdemokratie ausklangen. Da die Lokale auch nicht annähernd die Massen zu fassen vermochten, schwenkten Zehntausende nach dem zur preußischen Gemeinde Steilshoop ge- hörenden„Forsthof", den in geschlossenem Zuge zu betrtten der um Preußens Sicherheit bedachte vorsichtige Amtsvorstehcr in Poppen» büttel bekanntlich verboten hatte. Es dürften wohl nur wenige Arbeiter Hamburgs gefehlt haben. In Bremen nahm die Feier einen würdigen und imposanten Verlans. Aus der großen Wiese beim Schützenhose, wo seit Jahren das Gewerkschaftsfest begangen wird, fand morgens eine Versamm- lung unter freiem Himmel statt; von vier Tribünen herab erfolgten anfeuernde halbstündige Ansprachen an die dichtgedrängte Menge. Zu gleicher Zeil schlössen die Redner mit einem begeistert auf» genommenen Hoch auf das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht. Dann formierte sich der von der Polizei genehmigte Demonstrationszug, an dem w o h l an die 15 000 Personen beiderlei Geschlechts teilnahmen. Es ging durch ver- schiedene Straßen der Stadt zu dem im jungfräulichen Grün prangenden Bürgerpark, wo sich der Zug, dessen Vorbeimarsch fast eine Stunde währte, allmählich auflöste. Im Zuge erblickte man die alte Parteisahne und die Embleme und Fahnen der GeWerk« schoflen, die sich alle an der Demonstration beteiligten. Lübeck. An der Morgenveranstaltung beteiligten sich 8000, am Nachmittagsfestzug 11000 Personen. Im benachbarten Stöckels» d o r f und in Eutin fanden Versammlungen statt, die den Ver« Hältnissen nach gut besucht waren. Nirgends waren Störungen, Thüringen. Weimar. Am Vormittag fand ein Ausflug nach dem benach- Karten Ehringsdorf statt. Am Nachmittag bewegte sich ein Fest- z u g, an dem sich rund 1000 Personen beteiligten, durch die Haupt- straßen der Residenz, ohne daß die öffentliche Ordnung eine Störung erfahren. Die Festrede im Garten des Volkshauses hielt Genosse B aud ert. Da dieser Teil des Festes als öffentliche Versammlung galt, mußte auf Anweisung deS Ueberwachenden Genosse Baudert seine Rede unterbrechen, um aus die gesetzlichen Bestimmungen betreffs der Jugendlichen hinzuweisen, so daß selbst die Kinder den Garten verlassen mußten. Am Abend Unterhaltung und Ball. Eisenach. Die Maifeier ist unter starker Beteiligung gut ver- laufen. Das Programm war folgende?: Vormittags von ll— 12Uhr Volksversammlung im„Engel". Nachmittags Umzug. Beteiligung über 2000 Personen. Darauf in sämtlichen Lokalen deS„Tivoli" Konzert. Der Reichstagsabgeordnete Leber hielt in der Vormittags- Versammlung die Festtede. Die Versammelten gaben ihr Einverständnis mit dem Referenten durch stürmischen Beifall kund. Saalfcld. Der Nachmittagsfestzug durch die Stadt zählte 900 Teilnehmer. Auf dem Festplatze sammelten sich 2800 Per- sonen an. Gcra-Reuß. Vormittags fanden drei Versammlungen statt, an denen zirka 3500 Personen teilnahmen. In sechs Nachmittags- Versammlungen wurden 14 000 Teilnehmer geschätzt. Greiz. Der Umzug zählte 1200 Personen, die Versammlung 1600 Teilnehmer. Mühlhausen(Thüringen), vormittags fand ein Ausflug mit 1500 Teilnehmen, statt. Nachmittagsversammlungen waren über- füllt. Die Polizei verhielt sich zurückhaltend, obgleich die Versamm- lungcn nicht genehmigt waren. Langensalza. Hier hatte der Magistrat den städtischen Schützen« platz für eine Versammlung unter freiem Himmel hergegeben. Die Versammlung war von ca. 800 Personen besucht. Gotha. Der Maifestzug, der nachmittags durch die Hauptstraßen der Stadt zog. umfaßte zirka 2000 Personen. Anschließend war eine Versammlung im.Volkshausgarten". Der Umzug machte großen Eindruck, da seit Jahren Umzüge nicht stattfanden. Zwei Fabriken mit zusammen 700 Arbeitern haben ihrem Personal den Bcsucb der Maivcranstaltungen verboten. Die Arbeiter befolgten leider größten- teils dieses schimpfliche Verbot. Sachsen-Altenburg. Die Maifeier bestand hier in einem nicht genehmigten Umzug, an dem 401)0 Personen teilnahmen. In zahl- reichen Orten des Herzogtums Sachsen-Altenburg fanden Vera»» staltungen statt, die zumeist sehr gut besucht waren. (Schluß in der 1. Beilage.) auISinger LeCo., Berlin L�V, Hierzu 4 Beilagen u.UntvhaltungSbl, Ar. 102. 27. Jahrgang. t Stildjc kü.Awiick" fnlintt MüMilt Dienstag. 3. Mai IM. Sie Gemeinheit. Der Beschluß, den Herr v. Bethmann Holl weg den urteilslosen Herrenhäuslern abgerungen hat, ist eine Niedertracht und eine Provokation, die an die Ehre jedes einzelnen Arbeiters greift. Feierlich ist in der Thronrede eine organische Fortentwickelung des Wahlrechts versprochen worden. Die Vorlage des Herrn von Bethmann war in ihrer ursprünglichen Gestalt schon ein Hohn auf das„Königswort". Was dann der schwarz-blaue Schnaps- block aus der Vorlage gemacht hat, war nichts weniger als eine organische Fortentwickelung, ließ das ganze nieder- trächtige Privilegisnunrecht unberührt, und hatte nur den einzigen politischen Nutzen, das Zentrum zu entlarven. Was aber das Herrenhaus auf Geheiß des Herrn v. Bethmann an der Vorlage geändert, ist nicht nur keine organische Fortentwickelung, nicht nur, wie die Beschlüsse des Abgeord- netenhauses, eine Befestigung des bestehenden Unrechts, es ist eine willkürliche Rnckcntwickelung hinter den Stand vom Jahre 1893, eine Verschärfung des plutokratischen Charakters des gegenwärtigen Gesetzes. Die Entrechtung der Arbeiter- klasse wird vermehrt und zum bestehenden Rechtsraub kommt der neue Mandatsraub. Herr v. Bethmann ist der Mann nach dem Herzen des Herrn v. K r ö ch e r: Die Sozialdemokratie wird nicht als Subjekt, sondern als Objekt der Gesetzgebung behandelt, die Vertreter der Arbeiterklasse sollen aus dem Abgeord- netenhause wieder entfernt werden. Die Herren Junker wollen unter sich bleiben, sie können die Kritik unserer Vertreter nicht vertragen. So klein die sozialdemo- kratische Fraktion ist. so sehr ihre Kritik durch die Majorität eingeschränkt wird, so hat doch ihr Auftreten die Aufmerk- famkeit des Volkes auf das Treiben der Privilegienritter gelenkt. Das soll anders werden, die rücksichtslosen Wahr- heitssager hinausgeworfen werden: das ist des Herrn von Bethmann, des gelehrigen Zöglings der Kröcher und Zedlitz, höchster Weisheitsschluß I Diese Verschlechterung des bestehenden Zustandes eine Wahlreform zu nennen, ist, es muß immer wieder gesagt werden,»eine Gemeinheit. Die edlen Herren haben er- klärt, sie müßten ein Gesetz zustande bringen, um ein Königs wort zu erfüllen. Was sie unter Anstiftung des Herrn v. Bethmann in Wirklichkeit getan haben, ist etwas ganz anderes: Schindluder haben sie getrieben mit dem Königswort I Statt es zu erfüllen, haben sie es ins Gegenteil verkehrt, statt der organischen Fort' entwickelung eine infame Rückcntwickelupg beschlossen. Wir sind die letzten, die den Herren Vorwürfe machen wollen darüber, wie sie mit dem feierlichen Versprechen ihres Königs umspringen. Aber sie sollen gefälligst aufhören, uns von Königstreue zu sprechen. Ihre Königstreue ist ein Ge lächter und eine Heuchelei und die Dummen, die daran noch glauben, werden sehr bald alle geworden sein. Aber fast scheint es. daß Herr v. Bethmann mitsamt seinen Herrenhäuslern sich arg verrechnet hat. wenn er meinte, daß diese Genieinheit Gesetz werden könnte. Denn die Zeit, die noch zur Verfügung steht, wird von der Sozialdemokratie gründlich ausgenützt werden, um die ganze Nieder tracht der neuen Verschlechterungen darzulegen. Und die Wirkung kann nicht ausbleiben. Die Nationalliberalen freilich lassen deutlich ihre Bereitwilligkeit erkennen, den Konservativen und der Re� gierung die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Aber es wird dafür gesorgt werden, daß das Feuer noch etwas mehr angefacht wird und daß es selbst den Nationalliberalen bei ihrem Versuch ein wenig zu heiß werden wird. Wir denken, die Nationalliberalen werden es bei den nächsten Wahlen zum Reichstag ohnehin nicht leicht haben, die Sünden ihrer preußischen Fraktion zu entschuldigen, die durch ihren bornierten Widerstand gegen das gleiche Wahlrecht erst dem Zentrum den Verrat an dem Volksrecht möglich gemacht hat. Was für eine Nolle sollen aber die Natioualliberalen erst spielen, wenn sie jetzt daL Verbrechen begehen, der Arbeiterklasse selbst das Wenige zu rauben, das ihr das infame Klassenwahlrecht heute an Vertretungsmöglichkeit gibt. Sie müßten als Todfeinde der Arbeiter- klaffe behandelt und mit aller Rücksichtslosigkeit, der die Arbeiterklasse fähig ist, bekämpft werden. Tragen die Herren wirklich Verlangen danach, die Stellung einzunehmen, die das Zentrum zu beziehen eben im Begriffe war? Was das für die Nationalliberalen als Partei zu bedeuten hätte, das legt ihr badisches Parteiorgan, die„ B a d i s ch e Landesztg." folgendermaßen dar: „Die Nationalliberalen haben sich zu entscheiden, ob sie einen scheinbaren Triumph über das Zentrum davontragen, den fchwarz-blaucn Block scheinbar sprengen und mit den Kon- servativen das Gesetz machen wolle», das auch in der heutigen Fassung vom liberalen Standpunkt aus gänzlich ungenügend ist, oder ob sie fest bleiben und lieber die ganze . Wahlrechtsaktion ins Wasser fallen lassen wollen. Die Konservativen wissen genau, warum sie jetzt �sich für eine Zeit vom Zentrum trennen wollen. Lasten nämlich die Nationalliberalen sich betören, dann ist der Bruch zwischen ihnen und der Fortschrittspartei vollständig, dann werden sie zum Blitzableiter auf dem Dach des konservativen Hauses, über dem sich in der Reichstagswahl 1911 das Ge- witter des Volkswillens entladen wird, dann sind sie für immer die Gefangenen der Konservativen, die rs beno gesta sich dann doch wieder mit dem Zentrum verbinden, verbinden müssen, wenn sie eventuell die Reichs- regierung noch eine Mehrheit wollen bieten können. Es wäre ein geradezu glänzender Schachzug des Herrn v. Heydebrand. der dabei der geheimen inneren Zustimmung des Zentrums, trotz äußerlichem Gepolter, sicher wäre. Denn mit der Zustimmung zu diesem Wahlgesetz würde die nationalliberale Parlei zivar nicht verschlvinden, aber als eine selbständige Partei aufhören zu existieren. Sie wäre nickiS anderes mehr als ein geduldetes. bürgerlich- gewerbliches Aichängsel des konservativen Groß- agraricrtnmS." In der Tat: die Zustimmung zu dem Schandgesetz be- deutet für die Nationalliberalen im Reiche das Ende als selb- ständige Partei. Die Zustimmung wäre das Dümmste und Schlechte st e, was selbst diese Partei je getan hätte. Das aber selbst die preußischen Nationalliberalen um den Lohn des Verrats geprellt würden, ein Geschick, vor dem jetzt das Zentrum zittern muß. beweist klar die Haltung der„Deutschen Tageszeitung". Das Organ des Bundes der Landwirte, der in entscheidenden Fragen zuletzt doch die Polstik der Konservativen bestimmt, will man von der I Ausschaltung des Zentrums absolut nichts wissen. Es meint, es sei sehr zweifelhaft gelvorden, was nun- mehr das größere Uebel sei: das Scheitern des Gesetzes oder seine Annahme in der Fassung des Herrenhauses. Das Blatt fürchtet die Drohung des Zentrums. für das die„Köln. Volksztg." erklärt, die Zentrumspartei werde durch die Ablehnung des abgeänderten Entwurfes auch für die ForderungenEllbogenfreiheit erlangen, die sie im Abgeordnetenhause bisher schweren Herzens habe zurück st eilen müssen. Das weise auf eine Gefahr hin, die nicht außer Betracht bleiben darf. Die Konservativen schätzen eben den reaktionären Bund mit dem Zentrum zu hoch ein, um ihn so leicht aufs Spiel zu setzen, wie sich die einfältigen Nationalliberalen es vorstellen mögen. Das weiß das Zentrum und deshalb bleibt es bei seinem„Un- annehmbar", froh über das Glück, von dem schmutzigen Wahlrechtshandel leichter, als es hoffen durfte, loszukommen. Die„Germania" sagt: „Die Fraktion des Zentrums im Abgeordnetenhause hat als solche freilich zu den Beschlüsten des Herrenhauses noch keine Stellung genommen, aber wir sind nicht einen Augen- blick zweifelhaft darüber. welcher Beschluß in der Zentrums- fraktion des Abgeordnetenhauses gefaßt werden wird. Wir haben bis jetzt auch noch kein Mitglied der Zentrumsfraktion angetroffen. das nicht der allgemeinen Auffassung„Unannehmbar" Ausdruck gegeben hätte. DieS festzustellen und das„ U n a n- nehm bar" nochmals mit allem Nachdruck zu betonen, halten wir für unsere Pflicht, damit weder bei der Regierung, noch bei den anderen Parteien, am wenigsten aber in den' Kreisen der Zentrumswähler, eine falsche Auffassung über die Stellung- nähme des Zentrums platzgreifen oder weitere Verbreitung finden kann." Die„Kreuz-Zeitimg", die im Gegensatz zur„Deutschen Tagesztg." von den Herrenhausbcschlüssen sehr eingenommen ist, wird also ihre Hoffnungen auf die Zustimmung des Zentrums revidieren müssen. Bleibt aber das Zentrum fest, dann lastet die große Verantwortung für ein Zustandekommen des Schandgesetzes auf den Nationalliberalen. Das Gesetz ist ans den Beratungen des Herrenhauses noch schlechter heraus- gekommen, als es das Abgeordnetenhaus verließ. Damals stimmten die Nationalliberalen dagegen. Werden sie es jetzt wagen, dafür zu stimmen und damit im Bunde mit den verhaßten Junkern eine Gemeinheit an der A r b eit e rs ch a ft zu begehen, wie sie schlimmer seit der Annahme des Sozialistengesetzes nicht inehr verübt worden ist? Die Herren schwanken. Aufgabe unserer Agitation muß es sein, den Herren den Umfall doch noch als größeres Uebel erscheinen zu lassen. Nshirechtsman (Schluß aus dem Hauptblatt.) Sachsen. Dresden. Hier wurde das Maifest durch eine einzige imposante Kundgebung begangen. Ein Festzug, wozu die Masten nach- mittags 1 Uhr sich auf verschiedenen Plätzen einstellten, führte die Mai- demonstranlen nach dem Festplatze auf den Elbwiefen. Etwa 20 000 Personen inarschicrtcii im Zuge zwischen einer spalier- bildende» Menge dahin. Beinahe zwei Stunden währte der Vorbei- inarsch. Auf dem Festplatze mochten 30 000 bis 40 000 Demonstranten versammelt sein. Durch Gesangsvorträge des Arbeitcr-Sängerbundes wurde die Feier würdig eingeleitet. Von vier Rednertribünen sprachen die Genossen Gradnauer, Fräßdorf, Fleißner und Schmidt zu den Massen. Einstimmig wurde die Re- solution angenommen. In ein brausend aufgenommenes Hoch klang die aufs beste verlaufene Feier aus, die von der Polizei völlig un- behelligt blieb und vom Wetter begünstigt wurde. In Leipzig nahm die Feier einen glänzenden Verlauf. Aus den zu Mittag einberufenen zwölf Vorverfammlungen strömten gegen 1 Uhr die Massen aus dem Sammelpunkt, dem im Westen der Stadt gelegenen König-Albert-Park zusammen. Hier formierte sich der ge- wallige Demonstrationszug, der sich die Tauchnitzstraße entlang, am neuen Rathaus vorbei, an der Promenade herum durch die Königs-, die Tal- und die Hospitalstraße nach Thonberg und seinem Ziel, dem Brauereigarten in Stötteritz, bewegte. Der Vorbeimarsch vor dem Rathaus dauerte 1'/� Stunden, die Spitze des Zuges war bereits in Stötteritz, als daS Ende die Promenade, also das Zentrum von Leipzig, verließ. Es ist sicher anzunehmen, daß SO— 60 000 Personen an der Demonstration teilnahmen. Zahlreiche, mit weißen Armbinden versehene Ordner sorgten dafür, daß der Verkehr selbst an den belebtesten Punkten glatt abgewickelt werden konnte. Die Polizei war nicht stärker vertreten als sonst; sie überließ es unseren Eenosten, die nötigen Anordnungen zu treffen; und so verlief denn auch die Demonstration würdig und ohne Störung. Auf dem Festplatze in Stötteritz wurden fünf Massenversamm- l u n g e n abgehalten, vier unter freiem Himmel, eine in der großen �esthalle. Es sprachen die Genossen Dißmann-Hanau, Dittmann -olingen, Koch. Lange und Lüttich auS Leipzig. Die Leipziger Ar beiterschaft kann mit Stolz aus den Verlauf ihrer Maifeier zurück blicken: hat sie doch mit ihrer gewaltigen Demonstration den herrschenden Gewalten aufs neue bewiesen, daß die Massen mehr und mehr der Fahne des Sozialismus folgen. Chemnitz. Einheitlich und großartig wie nie zuvor, wuchtig und eindrucksvoll wie noch keine andere Massenveranstaltung, war in der alten sächsischen Arbeiterstadt Chemnitz die diesjährige Maifeier. Zum ersten Male war von der Polizeibehörde ein geschlossener Zug mit Musik durch die Stadt genehmigt worden, an dem sich die Partei und die Gewerkschaften korporativ und zahlreich beteiligten. Ueber 30 000 Teilnehmer befanden sich im Zuge, dessen An- marsch auf dem Festplatz über zwei Stunden in Anspruch nahm. Etwa 40 000 Teilnehmer befanden sich auf dem Platz, auf dem von vier Tribünen die Redner sprachen. Bemerkenswert war die zahlreiche Beteiligung der organisierten Frauen und Mädchen. Nach kurzen Ansprachen wurde eine gleichlautende Resolution zur Abstimmung gebracht. Den Ordnungsdienst versahen Ordner, die die Parlei und die Gewerkschaften gestellt hatten. Polizei war weder bei der Aufstellung des Zuges, noch auf dem Platze an- wefend; sie verhielt sich völlig passiv. In musterhafter Ordnung hielten die Massen während beS Marsches und auf dem Platze aus, ohne Störung erfolgte die Auflösung. Eine herrliche Demo»- stration l Chemnitz steht noch! Zwickau. Am Vormittag wurde ein Festzug veranstaltet, der 500 Personen stark durch die Straßen der Stadt nach den Ver- sammlungslokalen sich bewegte. Nachmittags nahmen am Ausflug 500— WO Personeu teil. Abends fanden in 7 Lokalen Kommerse tatt, die insgesamt von 5000 Personen besucht Waren. Crimmitschau. Der Festzug wies 2500 Teilnehmer auf. Eine Versammlung fand unter freiem Himmel statt. Die Abendkoinmerse waren von zirka 3000 Personen besucht. Werdau i. Sachsen. Festzug und Abendkommerse erfreuten sich tarker Teilnahme. Plauen i. B. Festzug umfaßte 5000 Personen, Mendkommerse und Versammlungen waren überfüllt.' Oelsnitz i. B. Morgenspaziergang 500 Teilnehmer, Versammlung 1000 Besucher. In den airderen vogtländischen Städten fanden überall unter starker Beteiligung gleichfalls Maifeiern statt. Bayern. München. Von 10 Uhr ab zogen Münchens Sozialdemokraten zu den 12 Versammlungslokalen. Pünktlich zur verabredeten Zeit setzten sich die Züge, unter Vorantritt von Musikkorps, in Beive- gung. Rote Fahnen, darunter historische, die vor dem Sozialisten- gesetz schon Wahrzeichen einer engeren Parteigruppierung waren, und viele Embleme, deren Inhalt sich auf den Achtstundentag und auf das freie Wahlrecht bezogen oder die Sympathie für die aus- gesperrten Bauarbeiter aussprachen, wurden in der schier endlosen Kolonne mitgetragen. Die beim Marsche durch die Stadt von Tausenden begrüßten Züge liefen auf der Theresienwiese zusammen, wo am Standbild der Bavaria 8 Rednertribünen mit roten Tüchern und Tannengrün geschmückt, aufgeschlagen waren. Der Arbeiter- sängerbund hatte in der Mitte des kolossalen Platzes Aufstellung genommen und um 1 Uhr ertönte aus mehr als 500 Kehlen der prächtige Chor:„Empor zum Licht!" Eine rote Flagge gab den Rednern das Signal, der Zuhörerschaft, die mehr als 100 000 Köpfe zählte, die Bedeutung des 1. Mai zu erörtern. Wie grollender Donner ging es durch die Reihen, wenn die Redner auf die schmachvollen Vorgänge in Preußen und die brutale Aus- sperrung der Bauarbeiter hinwiesen, und begeistert wurde die Mairesolution angenommen. Mit dem Massengesang der Mar- seillaise endete die Versammlung.— In musterhafter Ordnung traten dann die Reihen wieder an und zogen mit Musik entiveder zu Ausflugsorten oder zu den Versammlungslokalen. Noch nie hat München eine so gewaltige Demonstration gesehen wie die Maifeier 1910. Die Maifeier in Nürnberg zeigte ein koloffales Massenaufgebot demonstrierender Proletarier. Schon vor 8 Uhr strömten ungezählte Scharen der städtischen Festhalle im Luitpoldhain zu, wohin das Massenmeeting cinvcrufen war. Bald war der gewaltige Bau, der 20 000 Menschen faßt, von Menschen angefüllt. Ein Massenchor der Arbeitersänger, dirigiert von Wendelin Weißheimer, leitete die Feier ein. An zwei verschiedenen Stellen der Riesenhalle sprachen zwei Redner, die Genossen Dr. Südekum und Simon, zu gleicher Zeit über die Maiforderungen. Nach Annahme der Resolution schloß ein Gesangchor die Versammlung. Die vielen Tausende strömten hinaus in die Anlagen des Parks und machten durch ihre musterhafte Ordnung die Gründe zuschanden, die der Magistrat vorgebracht hatte, als er die Erlaubnis zur Veranstaltung einer Versammulng unter freiem Himmel in demselben Park verweigerte. Er meinte: bei dem Massenandrang würden die Anlagen beschä- digt. Aber nicht ein Grashalm litt Schaden, als die gewaltige Menschenmenge sich draußen sammelte und ohne Kommando zu einem Zuge ordnete, der sich ernst und feierlich zur Stadt zurück und dort um den Ring bewegte. Polizei war nirgends zu sehen, sie hatte das Feld unseren Ordnern überlassen, so daß keinerlei Mitzklang in die Feier hineingetragen wurde. Nachmittags fanden in zwei Parklokalen Festlichkeiten statt, zu denen die Besucher zum Teil in verschiedenen Zügen marschierten. Die Bäckergesellen, die gerade in einer Bewegung stehen, benützten den Tag zu einer Nebendemonstration für ihre Forde- rungen auf Beseitigung des Kost- und LogiLzwanges. indem sie sich auf dem Spitalplatz sammelten und auf einem großen Umzüge vor den hartnäckigen Bäckermeistern defilierten, um dann nach dem Tullnauer Park abzumarschieren. In den übrigen Orten des Industriegebiets nahm die Feier ebenfalls einen erhebenden Verlauf. Festzüge fanden statt in Fürth, HerSbruck, Lauf, Schwabach und vielen kleineren Orten. Ueberall wickelte sich die Demonstration in der größten Ruhe ab. Hof. Ein Festzug in Hof unter Beteiligung von 4000—5000 Personen. Lubwigshafen. Eine Maifeierdemonstration wie noch nie bis- her. Am Festzug beteiligten sich 10 000 Personen, auf dem Festplatz waren 15 000 Personen versammelt. Auch in Kaiserslautern und anderen Pfälzer Städten große Beteiligung an der Maifeier. Neustadt a. H. Zur Maifeier auf der historischen Stätte des Hambacher Schlosses waren 6000 Personen versammelt. Die Feier verlief großartig. Bayreuth. Erste Versammlung unter freiem Himmel, 6000 Personen, anschließend ein Umzug. Schwcinfurt. Die Maifeier gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung. An dem Festzuge beteiligten sich über 3000 Personen. Bei der Massenversammlung auf dein Bleichrasen standen 4000 Personen Kopf an Kopf. Württemberg. Stuttgart. In Stuttgart fand Sonntag mittag um 2 Uhr eine von gegen 15 000 Personen besuchte Versammlung unter freiem Himmel auf dem Cannstatter Wasen statt, in der von drei Tribünen herab gesprochen wurde. Die Parteigenossen aus den einzelnen Stadtteilen marschierten im geschlossenen Zuge und mit Fahnen durch die Stadt zur Versammlung sowie wieder zurück, was einen sehr imposanten Eindruck machte. Abends fanden stark besuchte Feiern in fünf Lokalen statt. Heilbronn. 8000 Menschen an der Demonstration auf dem Festplatz beteiligt. 3000 an der Versammlung. In vielen württcm- belgischen Orten Demonstrationen. Auch in Eßlingen» Göppingen. Herchenheim war die Maifeier glänzend besucht. Baden. Mannheim. Die Mannheimer Arbeiterschaft beranstalteie am Vormittag einen Umzug durch die Stadt, an dem sich über 15000 Arbeiter beteiligten. Im Anschluß hieran fand eine Versammlung unter freiem Himmel statt, bei welcher von drei Standorten aus gleichzeitig die Genossen Dr. Frank. Remmele und Merkel sprachen. Die Straßen. durch die der Umzug ging, waren dicht mit Zuschauern besetzt. Die Polizei war gänzlich zurückgezogen, so daß die Veranstaltung ohne zeden Zwischenfall verlief. Im 11. badischen Wahlkreis tagten außerdem nach- mittags in 18 Orten guibesuchte Versammlungen. In Heidelberg war ein Umzug und eine Versammlung unter freiem Himmel arrangiert. Die Zahl der Teilnehmer wird hier auf 7000 bis 8000 geschätzt. Die Feier war in hiesiger Gegend durch ein prächtige? Wetter gefördert. Karlsruhe. Demonstration unter freiem Himmel; 8000 Personen waren anwesend; von zwei Tribünen wurde gesprochen. Anschließend ein Umzug unter Mitführung der Fahnen der Ar- beiterorganiscrtionen. Die Nachmittagsfeielrn waren in ganz Baden, auch in den ländlichen Ortschaften, sehr gut besucht. Mülhausen(Elf.). In der Vormittagsversanimlung waren 5000 bis 6000 Personen. Nachmittags fanden Straßenumzüge statt mit anschließendem Waldfeft. Tie Beteiligung betrug hier zirka 10 WO. Straßburg i. Elf. Die Maifeier hat in ganz Elsaß-Lothringen unter großer Teilnahme der Arbeiterschaft einen ausgezeichneten Verlauf genommen. Die Versammlungen unter freiem Himmel und die Umzüge waren durchweg gestattet worden. In Straß- bürg beteiligten sich an der Versammlung im alten Bahnhof und am Umzug 3000 Personen. In Metz war die Versammlung auf dem Marzellcnplatz von 25W Personen besucht. Auch in den kleineren Städten war die Beteiligung viel größer als in den früheren Jahren. Ein Hindernis hat die Feier.nur in Diedenhofen gefunden, wo durch den Einfluß der Eisenindustriellen unseren Genossen das Lokal noch in letzter Stunde abgetrieben wurde. Melters JVIcldmigen aus dem Reiche. Braunschweig. Vormittags fand ein Ausflug nach dem Walde bei einer Teilnehmerzahl von LS MO— 30 000 statt. Daselbst gruppierte sich die Teilnehmerzahl zu zwei Versammlungen. Die Nachmittagfeier wurde in sieben Lokalen begangen. Im Herzog- tum fanden weiter 27 Maifeierversammlungen statt. Heldra(Mansfelder Seekreis). Welche Fortschritte mit unserer ganzen Bewegung auch der Maifciergedanke gemacht hat, trat besonders in dem Mansfelder Bergrevier zutage. Sowohl die politische wie die gewerkschaftliche Bewegung haben dort nach dem großen Mansfelder Bergarbeiterstreik bekanntlich einen ge- waltigen Aufschwung genommen. In verschiedenen Ortschaften wurden denn auch diesmal Maiseiern veranstaltet. In dem großen Bergarbeiterdorfe Heldra, wo bisher überhaupt noch keine Mai- feier zustande gekommen war, hatte Genosse Ledcbour am 1. Mai die Beackerung dieses sozialistischen Neulands übernommen. Von weit her waren aus dem ganzen Gebiet die Genossen zu- sammengeströmt, so daß, als um 4 Uhr nachmittags die Ver- ammlung eröffnet wurde, Billetts für die Feier an SSM Per- onen, darunter sehr viele Frauen, abgesetzt waren. Die Redner- tribüne mußte im Freien, unmittelbar vor den geöffneten Saal- fenstern errichtet werden, um den in Saal und Garten dicht zu- samniengedrängten Leuten das Zuhören zu ermöglichen. Mit freudi- ger Zustimmung begleiteten sie die Worte des Redners, als er die Bedeutung dieses Gedenktages des internationalen, Völkerbefreien- den Sozialismus erläuterte, so daß die Maifeier auch jetzt in Heldra fest eingewurzelt ist. Saarbrücken. Die Polizei hatte den Maiumzug mit Musik durch die Stadt nach dem Rastpfuhl und Raschütte genehmigt und die Genehmigung nicht zurückgezogen, sodaß der Maiumzug vom Gewerkschaftshaus in besagter Richtung ohne Störung stattgefun- den hat. Die Polizei ließ sich auf der ganzen Strecke, weder in der Stadt noch außerhalb sehen. Die Zahl der Teilnehmer betrug 6M bis 300, für Saarabien eine glänzende Beteiligung. Bonn. Die Vormittagsversammlung in Pützchen war sehr gut besucht. Der Kandidat des Kreises, Genosse Dr. Erdmann-Köln, erntete stürmischen Beifall. Die Abendveranstaltung im Volks- hause war überfüllt. Die Darbietungen wurden durchweg sehr gut aufgenommen. Die Maifeier in Elbing litt außerordentlich unter schlechtem Wetter. Immerhin nahmen 800 Genossen als Zuhörer das Referat de? Genossen Crispien-Danzig entgegen. In Rakel a. d. Rehe wurde zur Maiversammlung ein städti- scher Platz zur Verfügung gestellt. Trotz des schlechten Wetters waren rund 700 Personen erschienen. Dagegen verbot der Distrikts- kommissar für Steinburg, einem Vorort von Rakel, das Maifcst. In Rakel selbst steht der Arbeiterschaft kein größeres Lokal zur Verfügung, deshalb mußte das Fest nach dem Vorort verlegt werden. Die Begründung hat folgenden Wortlaut:„Ihrem heuti- gen, im Auftrage des Gewerkschaftskartells gestellten Antrage um polizeiliche Erlaubnis zu einem Vergnügen im Lokale des Gast- Wirts Zittlow zu Steinburg für den 1. Mai d. I. muß ich die Genehmigung versagen, weil die durch die Bewegung im Bau- gewerbe in Steinburg und Brückenkopf hervorgerufene Erregung Ruhestörungen infolge eines derartigen Vergnügens befürchten läßt und weil ferner das Lokal des Gastwirts Zittlow für Ver- anstaltung eines größeren Vergnügens unzulänglich ist." Welche polizeiliche Fürsorgel Dafür leben wir auch in der polizeilich regierten Provinz Posen! Sie Ifialfeler im flosland. Oesterreich. Wien» 2. Mai(Privatdepesche des„Vorwärts)'. Der Welt- feiertag wurde in Oesterreich überall durch Straßenumzüge und Versammlungen gefeiert. In Wien war die Be. teiligung an dem Marsch ik den Prater eine außerordentlich starke. Die Züge marschierten geschlossen unter Mitnahme ihrer Fahnen und Banner. Zwischenfälle ereigneten sich nicht. Schweiz. Bern, 1. Mai. Der h eu t i g e Ta g ist in der ganzen Schweiz vollkommen ruhig verlaufen. Nur in Gens kam es zwischen der Polizei und einer Volksmenge, die von auswärts nach der Stadt zurückkehrte und von Anarchisten geführt wurde, zu einem Zusammen st oß. Die Menge umringte einen Gendarmerie- Posten und schlug mehrere Fensterscheiben ein. Nach einer Stunde hatte die Polizei, die drei Ruhestörer verhaftete, die Ordnung wiederhergestellt. Frankreich. Paris, 1. Mai.(Eig. Ber.) Der Gewerkschaftsverband des Seine-Departements hat die Demonstration im Bois de Boulogne, die er zuerst dem Verbot der Negierung zum Trotz in den Pariser Straßen fortsetzen wollte, in letzter Stunde ganz abgesagt. Die ungeheuren militärischen Vor- bereitungen und die drohende Sprache der Regierung— Herr B r i a n d selbst hat es unter seiner Würde gefunden, die Vertreter der Gewerkschaften persönlich zu empfangen— ließen keine Hoffnung mehr, daß die Absicht der Gewerk- schaften, der Kundgebung einen friedlichen Charakter zu be- wahren, durchgeführt werden könnte. Wohl hatte— von der Zusage der Gewerkschaftsführer abgesehen auch der Ort und die Zeit der Kundgebung eine Bürgschaft dafür gegeben, daß die Demonstration nicht durch das Eindringen von„Avachen" ihrer Würde verlustig werde, aber Briand, der noch vor einigen Monaten den Protestzug gegen die Hin- richtung Ferrers gestattet hat, fühlt sich jetzt nur noch als „starker Mann", der vor der bewundernden Bourgeoisie das Proletariat niederzuzwingen hat. Als gewissenhafte Männer konnten die Vertrauensleute der Gewerkschaften nicht anders handeln, als dem sicheren Blutbad vorzubeugen, und die heutigen Vormittagsversammlungen auf der Arbeitsbörse haben denn auch, nach einem leichtbcgreiflichen Schwanken, ihren Standpunkt verstanden. Ein Flugblatt und eine Extra- ausgäbe der„Humanits" verständigten die Arbeiterschaft von der Entscheidung. Die Arbeiter wurden darauf dringend er- mahnt, das Bois zu meiden und statt dessen auf den Boule- vards spazieren zu gehen. Die Anweisung wurde in ihrem ersten Teil ziemlich befolgt. Man sah im Park Polizei und Militär verschiedener Waffengattungen in riesiger Menge, recht viele Neugierige und nur wenig Arbeiter. Dagegen war auf den Boulevards, die ihr gewöhnliches Sonntagsgedränge zeigten, von Demonstranten nichts zu bemerken. Die Mangelhaftigkeit derOrganisation war nicht zu verkennen. Die EmpörungderArbeiterschaft über diesen neuen Streich Briands ist ungeheuer. Die leichtherzige, mit herausfordernden Redensarten bewirkte Herbeiführung einer Situation, die ein schreckliches Massaker fast unausweichlich erscheinen ließ, wirft die dritte Republik tatsächlich in eine Epoche zurück, wo die Arbeiterklasse durch brutale Gewalt jeder Regung beraubt war. Wer wird sie aus diesem Zustand hinausführen? Sicher nicht der„B ü r g e r B r o w n i n g". an den H e r v 6 in seiner ebenso gewissenlosen wie unbedachten Renommisterei appelliert hat. Briand hat in dieser Phrase eine elende Ausrede für sein heutiges Vorgehen gefunden und sich natürlich darum nicht gekümmert,. daß Hecvö schließlich erklärte, daß er für diesmal den„Bürger Browning" nicht mitspazieren führen wolle. Hervös Albernheiten entschuldigen Briand nicht rm geringsten, aber vielleicht werden sich noch mehr revolutionäre Gewerkschafter als bisher ihre Gedanken über den vorwitzigen Ratgeber machen. Auch wäre das hart- näckige Unglück, das die Maiunternehmungen der C. G. T. verfolgt, wohl geeignet, die Kritik einer Taktik und Organi- sationsmethode nahezulegen, die die Bourgeoisie anmaßender und übermütiger, die indifferenten Arbeiter noch skeptischer zu machen geeignet ist. Paris, 2. Mai. Der 1. Mai ist im allgemeinen ruhig ver- laufen. Im Bois de Boulogne zerstreute die Polizei kleinere Gruppen von Mitgliedern der Syndikate, die den Verkehr hemmten. Hierbei wurde ein Polizeibeamter verletzt; ein Demonstrant wurde verhaftet. Auch an anderen Stellen kam es zu Verhaftungen, von denen im ganzen sieben aufrecht er- halten wurden. Die Verhafteten werden sich wegen Beamtenbelei- digung zu verantworten haben. Belgien. Brüssel, 2. Mai(Privatdepesche des„Vorwärts)'. Die Mai- feier verlief hier unter sehr starker Beteiligung in gewohnter Weise. An dem Straßenumzug, in dem die roten Banner mit- geführt wurden und an dessen Spitze Musikkorps schritten, beteiligten sich viele Tausende; sehr stark war auch die Teilnahme der Frauen. Vor dem Volkshause hielten verschiedene Redner An- sprachen, in denen namentlich auf die große Bedeutung der bevor- stehenden Wahlen hingewiesen wurde. Ebenso fanden in allen anderen Städten Umzüge und Versammlungen statt. Besonders groß war die Manifestation der Streikenden in den Kohlen- bezirken. Ueberall nahm die Feier einen würdigen und un- gestörten Verlauf. England. London, 2. Mai.(Privatdepesche des„Vorwärts".) Die Sozialdemokratische Partei, die Sozialistische Liga der anglo- konischen Kirche, die Unabhängige Arbeiterpartei, die Gewerk- schaften und die ausländischen Sozialisten Londons zogen heute mit Musik und etwa lOOFahnen von Charing Croß durch Trafalgar Square, Pall Mall, Piccadilly nach Hyde- Park, wo 10 Wagen als Tribünen aufgestellt waren. An dem Umzug nahmen zirka 25 000 Personen teil. Unter den Fahnen fielen die drei der christlichen Sozialisten mit dem weißen Kreuz auf rotem Grunde auf. Besondere Auf- merksamkeit lenkten die zahlreichen Kinder der soziali- stischen Sonntagsschulen auf sich, zu denen mehrere Redner von der ersten Tribüne sprachen. Auf Tribüne 10 sprachen deutsche, französische, ungarische, russische, polnische und lettische Redner. Um 5 Uhr wurde auf allen Tribünen folgende Resolution verlesen und einstimmig angenommen: „Wir senden brüderliche Grüße an unsere sozialistischen und gewerkschaftlichen Genossen aller Länder zum Zeichen der inter- nationalen Solidarität und wir wiederholen unseren Entschluß, für die Befreiung von der Lohnsklaverei zu kämpfen und ein kor- poratives Gemeinwesen auf Grund des Gemeinbesitzes der Pro- duktionsmittcl zu kämpfen. Als Mittel zu diesem Ziele verlangen wir: Erhaltung der Schulkinder auf Staatskosten, Organisierung der Beschäftigungs- losen, Achtstundentag, Verbesserung des Alterspensionsgesetzes, All- gemeines Wahlrecht. Abgeordnetendiäten und Wahlkosten aus staat- lichen Mitteln, Verhältniswahlen. Wir verurteilen aufs entschiedenste die lBemühungen der Jingopresse, Feindschaft zwischen dem deutschen und britischen Volke zu säen— eine Feindschaft, die aus der Rivalität der kapitalistischen Klasse beider Länder entsteht und die die Arbeiter nicht berührt, da das Proletariat sowohl hier wie im Auslande um das Produkt seiner Arbeit beraubt wird. Wir versprechen, mit unseren deutschen Arbeitergenossen zusammen- zuwirken, um harmonische Beziehungen zwischen den beiden Ländern herzustellen, und wir protestieren energisch gegen die wachsenden Rüstungen in den kapitalistischen Ländern." Um 6 Uhr war das Massenmeeting zu Ende. Zwischen- fälle waren nicht zu verzeichnen. Die Polizei überließ die Aufrechterhaltung der Ordnung unseren Ordnern. Holland. Amsterdam, 1. Mai(Privatdepesche des„Vorwärts")'. Der Verlauf der Feier des ersten Maitages vollzog sich in hergebrachter Weise. Die Straßendemonstrationen und Feswersammlungen wiesen im ganzen Lande starke Teilnahme auf; unter der polt- tischen Stille des Augenblicks aber und der stets weiter um sich greifenden Neigung zum Reformismus hat sich die früher bei der Maifeier mehr hervortretende Wörme des erwachenden sozia» listischen FühlenS und Denkens der Massen etwas abgekühlt. In Amsterdam fand am Vorabend deS MaitageS der gebräuchliche Straßenumzug stall, unter klingendem Spiele mehrerer Musikkorps, erleuchtet von zahlreichen Fackeln, buntbelebt von Ban- nern und Inschriften, zog er durch den fünften Wahlkreis der Stadt, während Tausende sich wieder längs des Weges geschart hatten. Der eine halbe Stunde lange von 10 000 Teilnehmern ge- bildete Zug hinterließ einen starken Eindruck und nahm einen ungestörten Verlauf. Die Festversammlungen waren bis auf den letzten Platz gefüllt, sowohl die beiden der sozialdemokratischen, als auch die der freisozialistifch-anarchistifchen Arbeitern ein verlegenheitsprodM. Treffend hat so der Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Rosenfeld am Montag vor der Berufungskammer des Landgerichts Berlin I die Anklage im Wahlrechts fpaziergangprozeß deS„Vor- w ä r t S" bezeichnet. Herr Erster Staatsanwalt Steinbrecht, der wieder die Anklage vertrat, hat dem eifrig widersprochen. Er glaubte den Verteidiger mattzusetzen durch den Hinweis, daß die Untersuchung gegen den verantwortlichen Redalteur des„Bor- wärts", den Genossen Barth, schon am S. März eingeleitet worden fei— nicht erst nach dem 6. März, der der Sozialdemokratie den großen Erfolg brachte. Der Polizeipräsident sei aber nicht durch diesen Erfolg der Arbeiterschaft erst zur Gerichtsaktion bestimmt worden. Das stimmt, aber was der Herr Erste Staatsanwalt damit beweisen wollte, das hat er nicht bewiesen. Die Verlegenheit des Polizeipräsidiums begann nicht erst am 6. März, wenngleich sie natürlich nach dem glänzenden Gelingen der großen Demonstration angesichts des lachenden Europas am größten war. Sie begann schon, als es sich zeigte, daß sich die Arbeiterschaft Berlins durch da« unbegründete verbot und durch die Ankündigung des Polizeipräsidenten, daß er den politischen Wahlrechtöspazicrgang ge- waltsam verhindern werde, nicht einschüchtern, nicht beirren. nicht von dem Entschluß abbringen ließ, ihren Protest gegen das Wahlrechtsscheusal öffentlich kundzugeben. Damals suchte die Polizei nach einem Mittel, die weitere Ankündigung des Wahlrechtsspazierganges im„Vorwärts" zu verhindern. Sie fand kein anderes als eine Anklagedrohung gegen den verantwortlichen Redakteur, die ihn zwingen sollte, in den nächsten Nummern jede Erwähnung der kommenden Kundgebung zu unterdrücken. Das Mittel schlug fehl, mußte fehlschlagen, weil Genosse Barth damals ebensowenig wie heute anzuerkennen vermochte, daß die Mit- teilung, die Arbeiterschaft rüste zu einem Wahlrechtsspaziergang. eine Beranstaltung nicht genehmigter Umzüge und Versammlungen unter stetem Himmel und die Aufforderung an andere zum gleichen Verstoß gegen das Reichsvereinsgesetz sei. Und nach dem S. März wurde dann das unbrauchbare Mittel zur Unterdrückung der Kundgebung zu einem ebenso unbrauchbaren Mittel, der Polizei aus der Verlegenheit zu helfen, in die sie der Verlauf des 6. März gebracht hatte, den Eindruck zu verwischen, den ihre Ueberlistung durch das Berliner Proletariat in der Oeffentlichlett hervorrief. Es war ein unbrauchbares Mittel. Denn obgleich die Staats« anwaltschaft nun in beiden Instanzen die Verurteilung des An- geklagten durchgesetzt hat, so ist doch der Erfolg des Polizei- Präsidenten ein sehr fragwürdiger. Das, worauf es ihm weit mehr ankommen mußte, als auf die Verurteilung deS„Vorwärts"« Redakteurs, nämlich den Eindruck seiner Blamage zu verwischen und den Erfolg der Sozialdemokratie in der Oeffentlichkeit abzuschwächen, das ist ihm nicht gelungen. Im Gegenteil, die Sozialdemokratie kann mit großer Genugtuung auf den Prozeß blicken. Am 1. April schrieben wir in der Besprechung deS Schöffen- gerichtsprozesses: „Für den Herrn Polizeipräsidenten fiel die Schale ab, für die Sozialdemokratie der Kern, für das System Jagow-Moltke-Bethmann die Verurteilung, für die Trägerm des Wahlrechtskampfes die Begründung. Und die Ver- Handlung! Die Verhandlung— die Beweisaufnahme. Oder kann es eine glänzendere Anerkennung der Disziplin und der poli- tischen Schulung geben, die die Sozialdemokratie der Arbeiterschaft vermittelt hat, als diese Verhandlung I Ein packenderer Beweis für die politische Reife der deutschen Arbeiterschaft. ihrer Reife für gleiches Wahlreckt und für das Recht auf die Straße, als diese Verhandlung vor dem Schöffengericht zu Moabit l Man schaue sich diese Bekundungen von Männern an, die nicht im Lager der Sozialdemokratie stehen, die aus jenen politischen Kreisen stammen, in denen bis vor kurzem die allgemeine Meinung noch entschieden gegen Straßendemonstralionen war, die endlich durch ihren Beruf zur scharfen Beobachtung besonders ge- schult sind. Ihre präzisen Angaben über das Verhalten der Wahl- recktöspaziergänger im Tiergarten zeigen, wo die Kultur und Ge- sittung zu finden ist, die die Polizei des Herrn v. Jagow angeblich gegen die demonstrierenden Massen schützen mußte. Der Herr Polizeipräsident und die Staatsanwaltschaft haben uns zu der eidliche» Feststellung durch klassische Zeugen verholfen, daß die Wahlrechtsspaziergänger unter sich die strengste Ordnung hielten, daß sie sich sorgfältig hüteten, den Verkehr zu stören, daß Sonntagsspaziergänger, Automobile und andere Fuhrwerke stets durchgelassen wurden, daß Teilnehmer, die die Selbstbeherrschung nicht völlig bewahrten, schnell und gründlich zur Raison gebracht wurden.. Wir können dieses Urteil heute uneingeschränkt wiederhslen. Die Berufungsverhandlung bot in allem Wesentlichen dasselbe Schauspiel wie die der ersten Instanz. Freilich waren sowohl von der Anklagebehörde wie von der Verteidigung neue Zeugen geladen worden. aber sie brachten nichts Neues mehr, sie unterstrichen nur einige Stücke der Beweisausnähme von dem Schöffengericht. Die Bekundungen der„Tage- blatt"-Redakteure wurden bestätigt durch die Aeußerungen der Zeugen Dr. Oehlke, Dr. Heuß, Loewh und Fräulein Ruth Brö und des Reichstagsabgeordneten Gothein, und eine Reihe von Schutzleuten vermehrte die Zahl der polizeilichen Schilde- rungen des Tages. Die Polizeizeugen sahen die Ereigniffe mit anderen Augen als die Zivilisten, wie ja natürlich— indes wird der Erste Staatsanwalt nicht viel Gläubige in Prrußen finden, wenn er meint, daß auf der Seite der Polizeibeamten die größte Objektivität ist. Sie find in diesem Falle Partei— viel mehr Partei als die vom Angeklagten geladenen Zeugen, die sämtlich im bürgerlichen Lager» nicht in den Reihen der Sozialdemokratie stehen. Für die Ob- jektivität der Polizeizeugen spricht gerade. daß keiner von ihnen einen Kameraden mit dem Säbel hat einHauen sehen, obgleich das, wie schon die Aussage des Genoffen Stodthagen zeigt, vorgekommen ist. Unter sich sind sie uneinig darüber, ob die Schimpfworte Wider sie. wie Bluthunde, vor oder erst nach den Attacken gefallen sind, sobald aber den Aussagen, die das erstere behaupteten, etwas näher auf den Grund gegangen wurde, so zeigte sich jedesmal, daß die Leute, die derartige Rufe aus- stießen, vorher schon Objekt oder Zuschauer polizeilicher Attacken gewesen waren. Zwei der intereflantesten Zeugen der Schöffen» gerichtsverhandlung hatte die Staatsanwaltschaft diesmal nicht geladen— die beiden Gendarmen, von denen der eine damals gläubig die Räubergeschichte von dem schriftlichen Parteibefehl an die Demonstranten erzählte, die Schutzleute niederzuschlagen. .Herr Steinbrecht hatte wohl eingesehen, daß die allzu naiven Aussagen dieser Zeugen die Position des Polizeipräsidenten nicht verbesserten. Wertvoll für die Feststellung der historischen Wahrheit über den 0. März war die Aussage eines berittenen Schutzmannes, daß der Polizeimajor Lange, der die Attacke am Großen Stern machen ließ, von weiteren ähnlichen Aktionen absah, weil er sich mit seiner Handvoll Leute ohnmächtig gegen die Zehntausende fühlte. Damit sind die krampfhaften Versuche der Polizei, die Oeffcnt- lichkeit darüber zu täuschen, daß sie durch die Verlegung der Demonstration in den Tiergarten völlig überrumpelt würde, wohl endgültig erledigt. Mit dem politischen Ertrag des Prc�esses kann also die Sozialdemokratie sehr zufrieden sein. Genosse Barth hat diesem stolzen Gefühl in seiner Schlußrede den treffendsten Ausdruck verliehen. Ein Monat Haft ist gewiß kein Pappenstiel— aber die Sozialdemokratie ist daran gewöhnt, ihre Erfolge mit Opfern zu bezahlen. Schließlich steht das Urteil, wie die vortreffliche. pointierte wie politisch gleich stichfeste Verteidigungsrede des Ge- nossen Rosenfeld nachweist, auf sehr schwacher juristischer Basis. Die Richter entschieden, wie sie es für recht hielten. Sie werden sich bemüht haben, gerechte, unparteiische Richter zu sein, aber sie haben nicht verhindern können, daß ihnen unbewußt die Staats- mison das Urteil lenkte. Denn sie sind Glieder der herrrschenden Klasse und vor ihnen stand der Sozialdemokrat, der seine Tat nicht bereute, sondern sie als ein Recht verfocht und den Wahl- rechtSkampf im Gerichtssaal proklamierte. DaS Urteil ist hier wie in so vielen politischen Prozessen nicht das wichtigste. Alles andere aber außer dem Urteil hat die So- zialdemokratie in die Bücher ihrer Erfolge eingetragen und wahr wird das Wort, das der Angeklagte im Schlußwort sprach, daß dieser Prozeß fördern werde den WahlrechtSkampfl.1 poUtilcbe ücbcrficbt. Berlin, den 2. Mai 1910. Stellenvermittelung. Aus dem Reichstag. 2. Mai. Die UebelstSnde der gewerbsmäßigen Stellenvermittelung werden vor allen Dingen von den Arbeitern aller Berufszweige empfunden. Deshalb tehen die Arbefter, steht auch die sozialdemokratische Partei )er Regelung des Stellenvermittelungswescns durchaus sympathisch gegenüber. Nur schade, daß der Regierungs- cntwurf, auch in der Fassung, wie er jetzt nach der Kommissions- bearbeitung an das Haus zur zweiten Lesung gelangt ist, den berechtigten Ansprüchen der Arbeiter keineswegs genügt, obschon einige Verbesserungen durch ihn erreicht werden. Der Entwurf will die private Stellenvermittelung be- stehen lassen; nur dort sollen Private Stellenvermittler nicht wieder konzessioniert werden, wo„ein Bedürfnis nicht vor- liegt", insbesondere nicht dort, wo gemeinnützige Arbeits- nachweise in ausreichender Weise dem Bedürfnis genügen. Sonst werden die privaten Stellenvermittler unter schärfere Kontrolle gestellt als bisher, auch der indirekten Ausbeute der Stellensucher durch die Vermittler werden Schranken ge- zogen. Um nun dem Uebel radikal an die Wurzel zu gehen, haben die Sozialdemokraten wie in der Kommission auch zur zweiten Lesung Anträge gestellt, die die Errichtung von Arbeitsnachweisen in allen Gemeinden vorsehen und nur bis zum 1. Januar 1914 die gegenwärtig bestehenden privaten Stellenvermittelungsgeschäfte fortbestehen lassen wollen, sofern sie nicht auf Grund der schärferen Kontrollbestimmungen des Gesetzes früher schon kassiert werden müssen. In der Debatte vertraten die Genossen Hildenbrand und Schmidt- Berlin energisch den sozialdemokratischen Standpunkt unter besonderer Betonung der Tatsache, daß unsere Partei von jeher für paritätische Gemeinde-Arbeitsnachweise sich ins Zeug gelegt und vor allem den Versuch scharfmacherischer Unternehmer, einseitige Unternehmernachweise durchzuführen, entschieden bekämpft hat. Es gelang indes nicht, für unsere Anträge eine Mehrheit zu gewinnen. Außer den Sozial- demokraten stimmten nur die Polen dafür. Wesentlich kamen dann die Kommissionsanträge, die meisten auch unter Zu- stimmung der Sozialdemokratie zur Annahme. Ueber das ganze Gesetz wird erst in dritter Lesung abgestimmt. Das Parlament der Arbeiterfeinde. Wie gleichgültig dem preußischen Junkerparlament die höchsten Interessen des Volkes sind, dafür legte eS am Montag wieder einmal einen vollgültigen Beweis an den Tag. Auf der Tages- ordnung stand die dritte Lesung des Etats. Angesichts der hochgespannten politischen Situation hätte man bei dieser Gelegenheit hochpolitische Debatten erwarten können. In jedem anderen Par- lament hätten solche Erörterungen auch sicher stattgefunden. Anders im Dreiklassenhause. Die bürgerlichen Parteien waren übereingekommen, in der Generaldebatte überhaupt nicht zu reden. So kam denn als einziger Redner Genosse Stroebel zu Worte, dem noch dazu durch einen Beschluß, daß über die Wahlrechtsfrage nicht gesprochen werden darf, erhebliche Beschränkungen auferlegt waren. Stroebel konnte nicht auf das Verhältnis der Parteien zueinander eingehen, er mußte sich damit begnügen, die durch die Wendung der Dinge am innerpolitischen Horizont neugeschaffene Konstellation nur kurz zu streifen. Um so eingehender beschäftigte er sich mit einer Reihe anderer wichtiger Fragen, vor allem mit den Arbeitsverhältnissen der StaatSarbeiter. Die bürgerliche Mehrheit wollte offenbar auch äußerlich zeigen, wie gleichgültig eS ihnen ist, welche Löhne die Staatsarbeiter bekommen und wie die Regierung ihr Koalitionsrecht mit Füßen tritt. Die Herren pflogen laute Privatunterhaltungen, so daß unser Redner gezwungen war, ihnen das Unpassende ihres Benehmens zu Gemüte zu führen. Viel genutzt hat es freilich nicht. Gerade die Angehörigen der Parteien, die immer über das Sinken des parlamentarischen AnstandeS jam- mern, hätten alle Ursache, erst einmal vor ihrer eigenen Tür zu kehren. Im weiteren Verlauf seiner Rede hielt Stroebel der Re- gierung ihre Sünden auf den verschiedensten Gebieten, vor allem auf dem Gebiete der Schule, vor Augen, um dann schließlich scharfe Kritik an den gesetzwidrigen Verboten der Maiumzüge zu üben. Wie die bürgerlichen Parteien, so hüllten sich auch die Ver- treter der Regierung in Schweigen. Vielleicht tvar das das beste, was sie tun konnten. Wußten sie doch nur zu gut, wie berechtigt die Anklagen unseres Redners waren. Auch als später beim Etat des Ministeriums des Innern der Abg. Fisch deck(Fortschr. Vp.) die Verbote der Maiumzüge zur Sprache brachte, erwiderte der Minister nichts. Eine gründliche Abfuhr holte sich im Laufe der Sitzung der konservative Abg. v. Arnim, der beim Etat der Handels- und Gewerbcverwaltung mit unserem Genossen Leinert anbandelte, aber von diesem so gut zugedeckt wurde, daß er schließlich nicht? anderes zu tun wußte, als mit der Pistole zu drohen, wenn Leinert satiSfaktionSfähig wäre. Ein Glück, daß Leinert nicht Reserve- offizier ist, sonst müßte er sich mit Herrn v. Arnim schießen. Nebrigens hatte Herr v. Arnim früher schon einmal unfern Ge- nassen Adolf Hoffmann vor die Pistole fordern wollen, aber auS denselben Gründen davon Abstand genommen. ES ist doch gut, daß unsere Genossen nicht satiSfaktionSfähig find, sonst würde eS mit der kleinen Fraktion bald zu Ende sein. Jedenfalls ist das die bequemste Methode, wie man unangenehme Gegner los wird. Wird diese Art deS Kampfes mit„geistigen Waffen" allgemein üblich, dann wird sogar der Hausknechtsparagraph entbehrlich. Die Christlichsozialen und das Schandgesetz. Die Beschlüsse deS Herrenhauses sind selbst den Christlich- sozialen zu r e a k t i o�n ä r. Die.Staatsbürger-Ztg.' schreibt: „Dann kam die Wahlre-btsvorlage in das Herrenhaus und hier wurden solche Verbesserungen der Vorlage noch an« gehängt, daß sie bald ganz und gar ungenießbar wurde. Die sachliche Verschlechterung besteht darin, daß man die Dritte- lung in den UrWahlbezirken grundsätzlich aufgab und damit den M i t t e l st a n d und die Arbeiterschichten, soweit sie ein Recht auf zweck- und ordnungsmäßige Vertretung in der Zweiten Kammer beanspruchen dürfen, ausschaltete; und zwar, weil es den N a t i o n a l l i b e r a l e n daran gelegen war, durch die Drittelung in den Gemeinden dem Industrie- und Handelskapital einen größeren Einfluß zu sichern. Das Abweichen von der Drittelung in den UrWahlbezirken be- deutet aber eine neue Fe st legung und Erhöhung deS plutokratischen Charakters der Wahlrechtsvorlage." Zur parlamentarischen Geschäftslage. Eine Korrespondenz meldet: Im Abgcordneteuhause werden die Pfingstferien am 4. Mai be- ginnen und am 24. Mai ihr Ende erreichen. Die Anträge auf Ab- anderung der Geschäftsordnung werden erst nach Pfingsten beraten werden, ferner wird sofort nach den Pfingstferien die erste Lesung des EsienbahnanleihegesetzeS zur Diskussion gestellt werden. Im Anschluß hieran kommen zur Beratung: Wahlrechtsvorlage, Gerichtskostengesetz(2. und 8. Lesung). Reisekostengesetz(2. und 8. Lesung) und kleinere Gesetze. Diese Entwürfe sollen spätestens am 15. Juni dem Herrenhause vorliegen, daS zu dieser Zeit wieder eine Reihe von Sitzungen abhalten will.— Das Hcrrciihaus wird am Sonn- abend, den 2 1. M a i, die S ch l u ß a b st i m m u n g ü b e r die Wahlrechtsvorlage vornehmen und an diesem Tage noch einige kleinere Vorlagen erledigen. Die Etatsberatungen im Plenum des Herrenhauses werden erst am 27. Mai ihren Anfang nehmen, um der Finanzkommisfion Zeit zur Vorberatung des Etats zu gewähren.— Im Reichstage rechnet man damit, daß die Vertagung am 11. Mai, dem Mittwoch vor Pfingsten, eintrit. Ob daS Kaligesetz zur Verabschiedung gelangt, ist noch immer zweifelhaft._ Auf der Suche«ach Oriolas Nachfolger. Die Nationalliberalen finden keinen passenden Kandidaten für den hessischen Wahlkreis Friedberg-Büdingen, den der verstorbene Graf Oriola vertrat. Der reichsverbändlerische Dr. Becker- Sprendlingen, der schon einmal als nationalliberaler Abgeordneter den Reichstag zierte, hat die Kandidatur abgelehnt. Am Sonntag wählte nun eine nationalliberale Vertreterversamm- lung des Kreises eine Kommission, die einen Kandidaten vor- schlagen soll, welcher nach seiner Wahl sich der nationalliberalen Reichstagsfraktion anzuschließen hat. Um die Zustimmung aller bürgerlichen Parteien zur nationalliberalen Kandidatur herbeizu- führen, soll die Kommission Verhandlungen mit den übrigen poli- tischen Organisationen Pflegen. Zweierlei Matz. Ein Montagsblatt schreibt: Daß der Berliner Polizeipräsident offenbar bei der Ge- nehmigung resp. Versagung von öffentlichen Umzügen mit ungleichem Maße mißt, konnte man gestern an zwei krassen Bei- spielen beobachten. Während die Arbeiterschaft fich den öffentlichen Aufzug ihrer friedlich demonstrierenden Massen versagen mußte, zog die B e r» liner Jugendwehr mit einem M u s i k k o r p S an der Spitze mittags gegen 1 Uhr von den Linden aus über den Lust- garten die Kaiser-Wilhelm-Straße hinauf. Und abends gegen S Uhr konnte man am Halleschen Tore einen geschlossenen Zug von zirka 400 Personen, Soldaten, Zivi- listen und Frauen durcheinander, erblicken, der i n Begleitung einiger Offiziere, mit einem Musikkorps vorauf, in die Bellealliancestraße marschierten. Daß diese öffentlichen Aufzüge gerade gestern vor sich gingen, mußte natürlich angefichts der Maiseierverbote direkt provozierend wirken. Eine verpuffte Staatsaktion. Bei der Wahlrechtsdemonstration am 13. Februar zogen nach der Versammlung in Neutz(Rheinland) die Genossen durch die Stadt zur Wohnung des Landrats und brachten dort Hochs auf ein freies Preußenwahlrccht aus. Die Polizei erhob darauf gegen die Genossen Baues und N e v e Anklage wegen Vergehen gegen § 19 des Vereinsgesetzes, weil sie eine nicht angemeldete ,.Ver sammlung unter freiem Himmel" veranstaltet haben sollten. Jetzt sit den beiden Genossen vom Amtsgericht die Mitteilung zuge- gangen, daß das Verfahren gegen sie eingestellt ist und die Kosten des Verfahrens der Staatskasse auferlegt worden sind. DaS freifinnig-nationalliberale Wahlbündnis, von dem wir bereits dieser Tage berichtet haben, scheint allmählich greifbare Gestalt annehmen zu sollen. Wenigstens erklärte sich der freisinnige Parteitag für Thüringen grundsätzlich damit einver- standen, daß ein Wahlkartell mit den Nationalliberalen abgeschlossen wird. Nationalliberale Wahlrechtsfeindschaft. Dem deutschen Bauernbund ist von einem Agenten deS Bundes der Landwirte nachgesagt worden, daß er die Ein- führung des Reichstagswahlrechtes für Preußen anstrebe. Der Vorsitzende dieses Deutschen Bauernbundes, der nationalliberale Reichstagsabgeordnete Wachhorst de Wente hält diesen Vor- wurf für so ungeheuerlich, daß er schleunigst erklären läßt, daß eine solche Behauptung rein auS der Luft gegriffen ist. Der Deutsche Bauernbund will eS an reaktionärer Gesinnung offenbar mit dem Bund der Landwirte aufnehmen, und nach seinen bis- herigen Leistungen scheint ihm das auch zu gelingen. Die fteisinuige Einigung. In Nürnberg tagten am Sonntag, zuerst gesondert und dann in gemeinsamer Sitzung, die Vertreter der freisinnigen Volks- Partei, der nationalsozialen Partei, eines Teiles der Deutschen Volkspartei und der jungliberalen Partei Bayerns. Das Ergebnis der Verhandlungen war die Fusion zur Fortschrittlichen Volkspartei in Bayern. Erster Vorsitzender der neuen Partei wurde der Reichstagsabgeordnete Müller-Meiningen. In einer Resolution wird die Einführung des Proporzsystems zu den bayrischen Landtagswahlen verlangt. Die bayerischen Salinen. München, 30. April. In der bayrischen Kammer spielt sich zurzeit ein heftiger Kampf wegen der bayrischen Salinen ab. Di« Staatsregierung will eine Konzentration der Salinen. Vorläufer von zweien derselben, herbeifiihren. Die Saline T r a un st e i n soll aufgelassen und mit der Saline des weltbekann- ten Bades R e i ch e n h a l l vereinigt werden aus Gründen der Wirtschaftlichkeit und Rentabilität. Dagegen wehrt sich nun die Stadt Traunstein und findet dabei die Unterstützung eines großen Teiles der Zentrumspartei. Der Ausgangspunkt der ganzen Aktion liegt für die Re- gierung einmal in der ungünstigen Situation der bayrischen Salinen überhaupt und zum andern in der zum Teil rückständigen Ein- richtung derselben. Um konkurrenzfähig zu bleiben und insbeson- der« innerhalb der deutschen Salzkonvention seine Stellung zu be- baupten, muß Bayern darauf hinarbeiten, di« Produktionskosten herabzudrücken. DaS soll geschehen durch die geplante Konzen- tration und durch eine Modernisierung des Betriebes. Würde die Reform nicht eintreten, so würde nach Anficht der Regierung die Mittel- und norddeutsche Konkurrenz die Existenz- Möglichkeit der bayrischen Salinen überhaupt in Frage stellen. Für die Allgemeinheit von besonderem Interesse ist die ja nicht unbekannte Tatsache, daß durch die deutsche Salzkonvention, der staatliche und private Werke angehören, die Produktion lünstliq eingeschränkt wird, um den Preis deS Salzes hoch zu halten. Im Interesse des konsumierenden Publikums läge es jedenfalls, wenn der bestehende Salzring gesprengt würde und so die freie Konkurrenz auf dem Gebiete der Salzproduktion zu ihrem Rechte käme._ Spanien. Die Wahlen. Madrid, 2. Mai. Das Wahlgesetz bestimmt, daß ein Kandidat für die Abgeordnetenkammer, der keinen Gegen- kandidaten hat, als gewählt bezeichnet wird. Demgemäß sind 114Deputierte, also mehr als ein Viertel der Kammer, als gewählt proklamiert worden. Sie verteilen sich folgendermaßen auf die einzelnen Parteien: 69 Liberale, 34 Konservative, 3 Republikaner, 3 Carlisten, 2 Unabhängig«. 1 nationalistischer Republikaner, 1 nationalistischer Liberaler. 1 Jntegrist.' SngUtid. Eine Ersatzwahl. London, 2. Mai. Bei der Ersatzwahl für das ausgeschiedene liberale Mitglied des Unterhauses Tomlinson in Crev« wurden für den Liberalen McLaren 7639 und für den Unio- nisten W e l s f o r d 6041 Stimmen abgegeben. Die liberale Majorität bei der letzten Wahl betrug 2342, hat sich also um 1744 Stimmen vermindert. Kußlaud. Die Arbeit des Galgens. Die Zahl der Todesurteile in Rußland ist tn der letzten Zeit wieder stark gestiegen. Nach den unvoll- ständigen Angaben der Tagespresse wurden im Mcirz von den Kriegsgerichten 99 Todesurteile gefällt gegen 87 im vorhergehenden Monat. Hingerichtet wurden im März 16 Personen. Insgesamt wurden vom 1. Januar bis 1. April 160 Todesurteile gefällt, von denen 73 vollstreckt wurden. Die Duma reagierte auf diese Massenschlächterei wie bisher— durch Lobreden auf die Henker und die Gewährung aller von der Regierung verlangten Kredite für die Henker- justiz. Die sozialdemokratische Gesetzesvorlage über Ab- schaffung der Todesstrafe wurde noch in diesen Tagen in der Kommission mit 18 gegen.7 Stinimen als„nicht Wünschens- wert" verworfen. Cürhct. Rückzug der Arnauten. Saloniki, 2. Mai. Die bei Preschewo und Kumanova kämpfen- den Arnauten sind von Ulemas, Notabeln und Beamten auf- gefordert worden, die Waffen niederzulegen. Sie be- folgten den Rat und kehrten unter Hochrufen auf den Sultan in ihre Dörfer zurück. Militär stellt die beschädigten telegraphischen Leitungen wieder her. Die Verfolgung der fliehenden Alba- nesen wird fortgesetzt. Maschinengewehr, und GebirgSgeschütz- abteilungen zwingen die Arnauten überall, ihre Stellungen mit schweren Verl» st en zu räumen. Der Aufstand in Albanien. Saloniki, 2. Mai. Schefket Torgut-Pascha hat seinen Vormarsch zu beiden Seiten deS Passes von Katschanik fort- gesetzt, wobei es zu mehreren Kämpfen mit den Rebellen gekommen ist. Diese weichen immer weiter in die Wälder und Ge- birge zurück. Der Engpaß von Crnoljeva auf der Straße nach Prizrend wird noch von 3000 Arnauten besetzt gehalten, gegen welche die Truppen nun vorrücken. DaS Wetter ist in Albanien kalt und regnerisch. Serbien. Ein Bombenattentat. Wien, 2. Mai. Die Wiener Sonn- und Montagszeitung meldet aus Belgrad: AuS Anlaß der Gemeinderatswahlen in R o s ch tz i wurde in die Wohnung eines der nationalistischen Partei angehörigen Kandidaten durch ein Fenster eine Dynamit» bombe geworfen. Bon acht in der Wohnung weilenden Personen wurden zwei getötet, drei tödlich und drei schwer verletzt. Venezuela. Das Frauenwahlrecht. Kristiania, 1. Mai. Der Verfassungsausschuß des Storthing beschloß anstatt des bisher beschränkten Frauen st immrecht» das allgemeine und gleiche wie für d?e Männer. Ferner wurde beschlossen, daß auch für alle außerhalb des Wirkungskreises des Storthings liegenden königlichen Erlasse, mit Einschluß der militärischen, die mini st erteile Gegenzeichnung n o t w e n d i g ist. Für beide Verfassungsänderungen ist eine Mehr- heit im Storthing sicher._ Soziales« Bon der Zuständigkeit deö Gewerbegericht». Eine Putzerkolonne, aus fünf Mann bestehend, war beim Maurermeister Koppen im Akkordlohn beschäftigt. Die Arbeiter hatten, da die Putzarbeiten vom Arbeitgeber nicht auSgemessen wurden, bei Beendigung der Arbeit bereits 230 M. mehr erhalten als ihnen dafür zustand. Diese Forderung an die Arbeiter zessierte der Arbeitgeber an den Kaufmann Peter. Dieser verklagte nun den Putzer W., der der Führer der Kolonne gewesen ist und mit dem auch Köppen den Akkordvertrag vereinbart hatte, auf Zahlung der zuviel erhaltenen Summe. Das Amtsgericht wies jedoch irr- tümlich die Klage ab, weil die Streitigkeit aus dem Arbeitsver- bältnis hervorgegangen sei und das Gewerbegericht al» zuständiges Gericht in Frage käme. Der Kläger wandte sich nun, bevor noch dieses Urteil Rechtskraft erlangt hatten, an das Gewerdcgericht. Gestern gelangte die Sache vor der Kammer 3 zur Verhandlung. DaS Gewerbegericht hielt sich mit Recht an da? noch nich? rechtskräftige Urteil des Amtsgerichts nicht für gebunden und erklärte sich seinerseits für unzuständig. In den Gründen hieß eS, daß nach dem Wortlaut des Gewerbegerichtsgesetzes Zessionare ihre Forderungen beim Gewerbegericht nicht geltend machen können. Aber selbst wenn das Gewerbcgericht durch das Urteil d«S Amts- gerichts gebunden gewesen wäre, hätte die Klage auch abgewiesen werden müssen. Denn der Beklagte hat den auf ihn entfallenden Teil des zuviel erhaltenen Geldes von 43 M. zurückgezahlt. Für seine Kollegen habe er nur eine Art Bürgschaft übernommen, die mit dem Arbeitsverhältnis wiederum nur in einem sehr losen Zusammenhange steht._ Zur Not der Landwirtschaft. Die Landarbeiter leiden unter dem Gefühl fast völliger Recht- losigkeit und verdienen bei harter Arbeit kaum das zur dürftigsten Lebenshaltung Erforderliche. Die Zölle haben ihnen keinerlei Vorteil, vielmehr denselben immensen Nachteil gebracht wie dem Mittelstand und der gesamten Arbeiterklasse, kurz, allen arbeitenden Schichten der Bevölkerung. Durch die Zölle und indirekten Steuern ist die Lebenshaltung dieser wirtlichen Kulturträger um 10 bis >2 Proz. verteuert— und dabei hat fast die Hälfte der Einwohner Preußens ein Jahreseinkommen unter 500 M. Der letzte Raubzug des schwarz-blauen Blocks hat die der Arbeiterklasse und dem Mittelstand aufgepackte Last in einer schier unerträglichen und für die Ernährung der Massen geradezu verhängnisvollen Weise ver- mehrt. Dieselbe Gesetzgebung aber, di« in so unverantwortlicher, vaterlandsfeindlichcr Weise die Lebenshaltung der arbeitenden Be- völkcrung erschwert, wirft Milliarden in den Schoß der Großgrund- besitz«!. Noch weit höher als der Preis der Waren ist der Wert de» Großgrundbesitzes gestiegen. Einen Beweis hierfür bieten die kolossalen Preissteigerungen bei Verläufen von Großgrundbesitz. Wir entnehmen unserem Rostocker Bruderorgan ein Beispiel nach dieser Richtung. Das dem Oberleutnant Bartels gehörige Gut Fünfeichen ist durch Kauf zum Preise von 435 006 M. in den Besitz eines Herrn PSschcl ans Oranienburg, zurzeit Volontär auf dem Weudlandschen Gute Broda, übergegauge». Im Jahre 1899 kaufte Oekonomierat Kruse dvs Gut günfeichen für 229 909 M. und verkaufte es 1996 für 326 990 M. an Oberleutnant Bartels. In zwanzig Jahren also eine Preissteigerung von fast 199 Proz.! Nach wieviel Jahren wird von den Besitzern so hoch bezahlter Güter wie von ihren Vorbesitzern erklärt werden: unser Gut rentiert sich nicht, das in dasselbe gesteckte Kaufgeld wirft zu wenig Zinsen ab, also her mit neuen Zöllen, die die notwendigen Nah- rungSmittel noch mehr verteuern, die Preise für unsere Güter aber in die Höhe schnellen. Die Zölle und indirekten Steuern sind eine Schraube ohne Ende. Der unablässige Kampf gcgei» diese künstlichen Mittel zur wirtschaftlichen Hebung der Neichen und wirtschaftlichen Ausbeutung der Massen ist im Interesse de» Volks- Wohles bringend erforderlich. GewcrkrcbaftUchce. Hn die Hrbeitcrfchaft von 6i*oß-ßerUnl Der 7.(außerordentliche) Gewerkschaftskongreß zu Berlin hat unter einmütiger Zustimmung aller Vorstände der Freien Gewerkschaften Deutschlands beschlossen, die ausgesperrten Bauarbeiter in ihrem Kampfe zu unterstützen. Nach Angabe der Bauunternehmer sind in Deutschland 170- bis 180 000 Bauarbeiter ausgesperrt, deren Unter- stützung auf die Dauer ihren eigenen Organisationen nicht zugemutet werden kann. Es nmß Ehrenpflicht aller aufgeklärten Arbeiter sein. diese Klassengenossen, die nicht den Kampf für sich allein führen, sondern für die Arbeiterschaft im allgemeinen, nach Kräften zu unterstützen. Unterliegen die Bauarbeiter in diesem Niesenkampfe, so trifft das alle um bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen kämpfenden Arbeiter. Daß dieses nicht eintrete, liegt mit an der nötigen Unter- stützung. Kurz kann der Kampf bei den Hunderttausenden nur sein, daruni ist schnelle Hilfe doppelte Hilfe. Nach dem Beschluß des Kölner Gewerkschaftskongresses und der Aufforderung der Generalkominission haben die ört- lichen Gewerkschaftskommissionen resp. Kartells die Samm- lungen vorzunehmen. Für Groß-Berli» sind alle Gelder, die durch die Post eingesandt werde», an Alwin Körsten, Berlin L.O. 16, Engel- ufcr 15, abzuliefern. Listen für Gewerkschaften, Vertrauenspersonen der Partei und der Gewerkschaften sind in unserem Bureau, Zinimer 23, von 9 bis 12� Uhr vormittags und von 4 bis 7*4 nachmittags, täglich mit Ausnahme des Sonntags zu haben. Die Quittungen iiber die eingegangenen Beiträge werden im„Vorwärts" veröffentlicht. Ter Ansschuß der Gcwcrkschaftskommission Berlins und Umgegend. I. A.: A. Körsten. LerUn unck Umgegend, Der Streik der Leitergerüstbauer, Kutscher und Platzarbeiter der Firma L. A l t m a n n, A.-G., dauert unverändert fort. Der „Lokalanzeiger" erlaubte sich heute in seinem„Montag" zu be- richten, das; 150 von den Streikenden zu arbeiten angefangen hätten. Wahr ist vielmehr, daß n i ch? ein Gerüstbauer zu arbeiten an- gefangen hat. Auch sind die Streikenden nicht gewillt, eher anzn fangen, als bis die eventuellen Verhandlungen zur Zufriedenheit derselben erledigt sind. Die„Morgenpost" glaubt sich sogar berechtigt, in ihrem Artikel „Rentier Mudickes Stammtischredcn" von grünen Jungen und Lümmeln zu sprechen. Traurig ist es, daß noch eine große Anzahl der Berliner Arbeiter ein derartiges Blatt in ihrer Behausung dulden. Man kann doch nicht von streikenden Arbeitern als von grünen Jungen und Lümmeln sprechen, von Messerhelden, Nevolverschießern, welche sich zu Wegelagerern herangebildet haben und die Arbeitswilligen und Sicherheitsbeamten einfach über den Haufen schießen, schlagen oder stechen. Darum heraus mit diesem Blatt aus jeder Arbeiterwohnung. Nur der„Vortvärts" vertritt die Interessen der Arbeiter und hat die Tatsachen richtig geschildert. Alle Berichte der bürgerlichen Zei- tungen über unsere Bewegung wimmeln von Lügen. Montagabend, so wird uns kurz vor Redaktionsschluß gemeldet, nachdem die Bauarbeiter den Bau in der„Neuen Welt" verlassen hatten, kamen 14 Streikbrecher unter Führung des Herrn L. A l t m a n n und nahmen unter dem Schutz von 40 Schuhleuten das Gerüst fort. Der Jnhabcn wurde auf die Folgen aufmerksam gemacht. Die Streikleitung. Deutscher TranLportarbeiterverband. Bezirk Groß-Berlin. Achtung, Töpfer! Die Firma Franz Biedemann, Bau Pankow, Görschstr. 41, ist gesperrt, weil daselbst Wilde arbeiten! Die Verbandsleitung. Deutkches Reich, Zun, Kampf im Baugewerbe. Der Arbeitgeberbund für das Baugewerbe gibt die Zahl der Ausgesperrten nunmehr bezirksweise an. Es haben demnach aus» gesperrt der Bezirksverband Der Vorstand des Arbeitgeberbundes erläßt folgenden Aufruf: „Wir stehen nun mitten im Kampf, den wir nach den ein- mütigen Beschlüssen unserer Dresdener Hauptversammlung nicht vermeiden konnten. Unser Ziel ist, zu neuen brauchbaren Tarif- Verträgen zu kommen. Wir können das nur erreichen, wenn die Beschlüsse des Arbeitgeberbundes ebenso einmütig befolgt werden, wie sie gefaßt worden sind. Wenn nach dem bedauerlichen Abfall von 2 oder 3 Großstädten wenigstens die gesamte übrige deutsche Bauarbeitgeberschaft an den einmal gefaßten Beschlüssen un- weigerlich festhält, so brauchen wir den Ausgang des Kampfes, auch wenn er sich in die Länge ziehen sollte, nicht zu fürchten. Wir stehen auch nicht allein, von unzähligen Seiten gehen uns täglich Zustimmungskundgebungen und Unterstützungsangebote zu. Also haltet fest und treu zusammen und werdet nicht wankel Handlung ab. mit dem Hinweis, daß dazu lediglich der Zenkralvok» stand zuständig sei. Gegenüber den Bemühungen einiger Stadtverwaltungen, eine Vermittlung und Einigung zwischen den Parteien herbeizuführen, sticht das Verhalten anderer Stadtoberhäupter, die sich geradezu zur Unterstützung der Scharfmacher verpflichtet fühlen, recht un- vorteilhaft ab. So in nachstehendem Falle. Vier Hafenarbeiter in Sonderburg(Schleswig-Holstein), die durch die Bauarbeiteraus- sperrung arbeitslos geworden waren, richteten an den Bürgermeister den Antrag, bei den Notstandsarbeiten beschäftigt zu werden. Darauf ging ihnen folgender Bescheid zu: „Auf den hier zu Protokoll gegebenen Antrag vom 26. April teilen wir Ihnen, mit dem Anheimgeben weiterer Benachrichti- gung an die übrigen Antragsteller, ergebenst mit, daß die Ver- anstaltung von Notstandsarbeiten nicht erfolgen kann, weil da- durch in die zurzeit bestehenden Arbeitsverhältnisse des Bau- gcwerbes eingegriffen werden würde." Der Herr Bürgermeister scheint danach der Meinung zu sein, daß, wenn er den Bauunternehmern hilft, die frivol aufs Pflaster Gesetzten auszuhungern, er in die Arbeitsverhältnisse des Bau- gewerbes nicht eingreift! Viele werden anderer Ansicht sein und sich die Passivität eines Vertreters einer Stadt anders vorstellen. Die Bauunternehmer haben sich anscheinend der weitgehendsten Unterstützung anderer Arbeitgeberverbände, sogar der des Aus» landes versichert, damit die ausgesperrten Bauarbeiter auch gar nirgends anderwärts in Arbeit genommen werden. Sie bestreiten die Möglichkeit der Abwanderung ausgesperrter Arbeiter, da im Auslande niemand von ihnen in Arbeit genommen würde. In einem Artikel der„Deutschen Arbeitgeber-Zeitung" heißt es: „Der Wfall des Berliner Verbandes von der gemeinsamen Sache wird den Kamps der bundestreuen Verbände etwas in die Länge ziehen, aber nicht weiter ungünstig beeinflussen. Aus- gesperrte Arbeiter werden weder von den Baugeschäftcn in Ham- bürg und Berlin, noch in den Nachbarstaaten Oesterreich, Schweiz, Belgien, Dänemark, Schweden und Norwegen eingestellt. Die großen Verbände der Industrie und der Verband der deutschen Ticfbauunternehmer werden ebenfalls jeden Bauarbeiter zurück- weisen, solange die Tarifbewegung ihren Fortgang nimmt." Zieht sich die Aussperrung durch die Schuld der Unternehmer unnütz in die Länge, so dürften diese das am schwerzhaftesten empfinden! Differenzen der Buchdruckereihilfsarbeiter in Magdeburg. In der Faberschen Buchdruckerei, dem Verlage der national- liberalen„Magdeburgischen Zeitung", legten Freitag nacht und Sonnabend morgen die Mehrzahl der Hilfsarbeiter und Anlege- rinnen die Arbeit nieder, weil der Verlag seit einiger Zeit ver- sucht, Mitglieder des Verbandes der Buchdruckereihilfsarbeiter unter dem Vorwande, daß Arbeitsmangel bestehe, zu entlassen, während eher ein Mangel an Arbeitskräften vorhanden ist. Das ist auch daraus zu schließen, daß unorganisierte Leute eingestellt wurden. Aeltere Leute, die schon viele Jahre im Betriebe tätig sind, wurden entlassen, während laut Vertrag bei Arbeitsmangel nach der Beschäftigungsdauer entlassen werden soll. Die Arbeiter sehen hierin den Versuch der Firma, allmählich alle organisierten Arbeiter aus dem Betriebe zu entfernen und legten die Arbeit nieder, als die von ihnen verlangte Rücknahme der Kündigung der Organisierten nicht erfolgte. Der Verlag der„Magdeburg. Zei- tung" stellte in einer Erklärung die Sache so dar, als ob eS sich um einen Tarifbruch seitens der Ardeiter handle. Christliche Verleumdung. Gegen das auch von uns gemeldete Schöffengerichtsurietl gegen den Bergmann Foschcpot hatte dieser beim Landgericht Dortmund Berufung eingelegt. Die Berufung wurde zurückgewiesen. Da der Kläger keine Berufung eingelegt hatte, blieb es bei dem Urteil des Schöffengerichts, das wegen verleumderischer Beleidigung auf 30 M. Geldstrafe erkannt hatte.— Foschepot hatte wiederholt öffentlich behauptet, der Arbeitersekretär Mücke habe beim Streik 1005 4000 M. unterschlagen, habe seine Frau verlassen und seine Familie sei der Armenverwaltung zur Last gefallen. Fosche- pot, Mitglied des christlichen Gewerkvereins und Agitator der Zen- trumspartei, versuchte es nicht einmal, den Beweis anzutreten. Er mußte vor Gericht zugeben, daß er diese Behauptung 1905 in der Zeitung schon einmal mit Bedauern zurückgenommen habe.— Der Vorsitzende wies zum Schluß darauf hin, Foschepot könne sich freuen, daß der Kläger keine Berufung eingelegt habe, da das Gericht dann zu einer Gefängnisstrafe gekommen wäre. Nach Mitteilung der Festen u. Guillaume-Lahmeyerwerke an das Wolffsche Telegraphenbureau, erzielte sie mit der Arbeiter- kommission eine Verständigung bis auf die Frage der Minimal- löhne und die Verbürgung der Arbeitszeit. Das Resultat soll der Versammlung der Ausständigen am Mittwoch zur Beschlußfassung vorgelegt werden._ Differenzen im Hamburger Holzgetverbe. Im Hamburger Holzgewerbe scheinen sich ernste Differenzen vorzubereiten und zwar wegen der Arbeitsnachweissrage. Bei den Tarifverhandlungen im Jahre 1908 wünschten die Arbeiter des Hamburger Holzgewerbes die Einrichtung eines paritätischen Ar- beitsnachweises. Die Arbeitgeber lehnten dieses strikte ab, er- klärten sich jedoch bereit, den Jnnungsnachweis derartig zu reor- ganisieren, daß den Wünschen der Arbeiter Rechnung getragen sei. Die Arbeiter reichten hierauf ein Regulativ ein, über welches auch in mehreren Sitzungen mit der Leitung der Arbeitgeber beraten wurde. Zu einer Verständigung kam es jedoch nicht, weil die Ar- beitgeber die Verbesserungsvorschläge der Arbeiter rund ablehnten und vor allen Dingen daraus bestanden, daß Entlassungsscheine allgemein zur Durchführung gebracht werden sollten. Die Leitung des Holzarbeiterverbandes wies insbesondere diese Zumutung energisch zurück und erklärte, auf ihren Vorschlägen beharren zu müssen. Zu einer Einigung über das Regulativ kam es damals nicht und führte jede Partei ihren eigenen Arbeitsnachweis weiter. Vor einiger Zeit wurden nun die Arbeitskräfte in Hamburg sparsam und verlangte der Vorstand der Hamburger Tischlerinnung, daß der Holzarbeiterverband die nötigen Arbeitskräfte heranziehen soll, um den Bedarf auf dem Jnnungsnachweis zu decken. Man ging sogar soweit, zu verlangen, daß alle Arbeitskräfte, die sich aus dem Arbeitsnachweis des Holzarbcitcrverbandes meldeten, dem Jnnungsnachweis überlviescn werden sollten! Das wurde von der Leitung des Holzarbeitervcrbandes abgelehnt und den Jnnungs- meistern erklärt, daß sie jeden Bedarf an Arbeitskrästen auf dem mütig! Jeder Abfall von den Bundesbeschlüssen füllt die Kassen' Bureau des Holzarbeiterverbandes zu decken in der Lage seien. Die der Gegner. Wollt Ihr, daß Eure bisherige Tätigkeit für den! Innung lehnte es nun wiederum ab. dort Arbeitskräfte zu bestellen. Bund vergeblich gewesen sei, wollt Ihr Euch dem zunehmenden worauf der Holzarbeiterverband beschloß, den Jnnungsarbeitsnach- Uebermut der Arbeiterorganisationen für alle Zukunft unter- � weis zu sperren. Die Hamburger Zahlstelle des Holzarbeiterver- Wersen? Nein, und nochmals nein! Jetzt heißt es auszuharren,| bandes hat nun die Mitglieder verpflichtet, nur den Nachweis des damit die Ruhe und Stetigkeit Eurer Arbeit auf Jahre gesichert� Holzarbeiterverbandes zu besuchen, hat auch das Umschauen bleibt; aller Kollegen Hoffnung ruht auf uns, abspringen heißt|' n Hamburg untersagt. Davon sind nun allerdings die uns in den Rücken fallen. Sonderverträgc dürfen nicht geschlossen> Arbeitgeber in Hamburg nicht besonders erbaut und ist es nicht werden, nur der Bundesvorstand selbst ist zu einem Vertrags-' ausgeschlossen, daß die Differenzen mit dem Arbeitsnachweis sehr abschluß befugt.",| bald weitere Maßnahmen nach sich ziehen werden, worauf die Holz- Der letzteren Aufforderung getreu handeln denn auch viele der arbeiter Deutschlands hierdurch verw9>k-n sind. örtlichen Unternehmervereine. In Nordhausen wurde der Magi- strat aufgefordert, im Interesse der ausgesperrten Arbeiter und im � ISU,C 9C,,,C"«yrenrett-ig. Interesse der Gewerbetreibenden Verhandlungen zwischen den 0.~'.e"Gchwälnfche Volkszeitung" in Augsburg hatte vor einiger Parteien einzuleiten. Gewerbcrichter Stadtrat Schaller richtete§etr(„el"tn aUl? beior Zeitschrift„Das freie denn auch Einladungsschreiben an die Vorstände beider ortlichen Z".übernommen� Zn dem Arstkel. uberschrwben: Die gelbe Verbände. Während die Arbeiter ihre Bereitwilligkeit zu Ver- Vereine' in ganz entschiedener Weise. Der Vorswnd des Zewen Handlungen erklarten, lehnten die Unternehmer zede örtliche Ver-. WerkvereinS der Maschinenfabrik Augsburg. Schloff« S.) Im hiesigen Zwei Matrosen ertrunken. Pola(Adriat. Meer), 2. Mai.(W. T. KriegShafen kenterte heute ein Boot mit fünf Matrosen. Zwei ____________________ sind ertrunken. Die Leichen wurden durch Taucher aeboraen. Verantwortlicher Redakteur Richard Barth. Berlin. Für den Inseratenteil verant«.: Th. Glocke. Berlin. Druck u.Verlag: Vorwärt» Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW.- Clemens C h a t e l e t, fühlte sich tmrch den Artikel beleidigt un? stellte gegen die„Schwäbische Volkszeitung" Klage. In der Ver- Handlung, die am Freitag vor dem Schöffengericht Augsburg statt» fand, wurde nun Genosse Thiel als Verantwortlicher wegen fvr» maler Beleidigung zu 3 M. Geldstrafe verurteilt. Die VerHand» lung selbst förderte sehr interessante Dinge über das Treiben in dem gellien Werkverein zutage. So wurde erwiesen, daß die Vor- siandsmitglieder für ihre Tätigkeit pro Jahr rund 2400 M. als Entschädigung erhalten, und zwar auf Betreiben der Direktion. Das Gericht nahm auch ohne weiteres als erwiesen an. daß mit der Zugehörigkeit zu einem gelben Verein von einer Freiheit des Mitgliedes in wirtschaftlicher Beziehung keine Rede mehr sein könne._ Die„Gelben" streiken schon wieder einmal! Im Neubau der Mechanischen Baumwollspinnerei und -Weberei in Augsburg legten wegen fortgesetzter Lohnreduktion und Zuweisung schlechten Materials sämtliche Weber die Arbeit nieder, unter den Streikenden befanden sich etwa 40 Proz. Mit- glieder des dortigen gelben Vereins. Nachdem die Direktion den Streikenden eine lOprozentige Lohnerhöhung zugesichert hatte, nahmen die Arbeiter nach einstündigem Streik die Arbeit wieder auf. Grnchtö- Zeitung* Eine jener Liebestragödicn. die schon ebenso wie Automobilunfälle eine ständige Rubrik in den Tageszeitungen bilden, beschäftigte als erste Verhandlung in der gestern begonnenen Schwurgerichtsperiode des Landgerichts II den Strasrichter.— Aus der Untersuchungshaft wurde der 28jährige Gärtner Konrad Mollick vorgeführt, um sich wegen ver- suchten Mordes und Beihilfe zum Verbrechen wider das keimende Leben zu verantworten.— Der Angeklagte unterhielt seit August 1903 mit der unverehelichten Frida N. ein Liebesverhältnis, welches nicht ohne Folgen geblieben war. Im Januar v. I. verstarb die N. in dem Krankenhause unter verdächtigen Um- ständen. Da sie schon vorher über die Ursache ihrer Erkrankung verschiedene Aeuherungen nach gewisser Richtung hin gemacht hatte und auch der Angeklagte selbst zu mehreren Personen ähn- liche Bemerkungen getan hatte, tauchte der Verdacht auf. daß die N. einem Verbrechen gegen den§ 218 des Strafgesetzbuches zum Opfer gefallen war, bei welchem ihr der Angeklagte Hilfe geleistet haben soll. Bei seinen wiederholten Besuchen des Grabes seiner verstorbenen Geliebten machte der Angeklagte die Bekanntschaft der Schauspielerin Emma Kasten, die dort das Grab ihres verstorbenen Bräutigams aufsuchte. Die gleichen Schicksale brachten die beiden einander näher. Beide trösteten sich über den erlittenen Verlust schließlich soweit, daß sie zueinander in nähere Beziehungen traten, die auch zu einer Verlobung führten. Das Verhältnis war jedoch nicht von langer Dauer. Als ihm die K. eines schönen Tages die Freundschaft kündigte, drohte der An- geklagte erst sie und dann sich selbst zu erschießen. Die K. redete ihm diese Gedanken aus und schenkte ihm zu Weihnachten auch noch ihre Photographie zum Beweise ihrer unvergänglichen Treue. Trotzdem trat sie zu einem Maler in Beziehungen, die dem An- geklagten nicht verborgen blieben. Am 19. Januar d. I. trafen beide zu einer letzten Aussprache in einem Cafe in der Hermann- stratze in Rixdorf zusammen. Als ihm die K. dann aus der Straße erklärte, daß es zwischen ihnen„aus" sei. zog der An- geklagte einen Revolver hervor, den er sich einige Tage vorher ge- kauft hatte, und gab auf die K. einen Schuß ab, der diese in die linke Schläfe traf. Die Verletzung, die erst sehr gefährlich aus- sah. stellte sich später als nur leicht heraus und hat keinerlei Folgen gehabt, trotzdem die Kugel, die unterhalb des AugeS sitzt. nicht entfernt werden konnte.— Vor Gericht bestritt der An- geklagte, auf die K. gefchosien zu haben und behauptete, nur einen Schuß in die Luft abgegeben zu haben, um zu zeigen, daß es nun wirklich mit dem Schießen losgehen sollte. Dieser Schuß hätte durch einen Zufall die K. getroffen. Nach längerer Beratung bejahten die Geschworenen nur die Schuldfrage nach versuchtem Totschlage und billigten dem Angeklagten auch noch mildernde Umstände zu.-» Das Urteil lautete auf drei Jahre Gefängnis. In ein recht eigenartiges Milieu führte eine Verhandlung hinein, die gestern unter Borfitz des Landgerichtsdirektors Lieber die Z.Strafkammer des Landgerichts l beschäftigte. Aus der Untersuchungshaft wurde der 41jährige Kam» missionär Theodor Freedmann vorgeführt, um sich wegen ver- suchten Betruges gegenüber einem Leutnant zu verantworten.— Der Angeklagte, welcher in Kapstadt gebürtig und englischer Staatsuntertan ist. beschäftigt sich nach seiner Angabe mit dem Verkauf von englischen Rennpferden nach Deutschland. Um mit den interessierten Kreisen Fühlung zu bekommen, wurde Freed- mann Mitglied von verschiedenen vornehmen Spielklubs in Berlin und Heringsdorf. Im Juli v. I. lernte der in einem schiefischen Artillerieregiment stehende Leutnant v. W. bei einem Rennen in Heringsdorf den jetzigen Angeklagten kennen. Als junger schneidiger Offizier und SportSmann befand sich v. W. wie viele seines Standes ständig in„momentaner" Verlegenheit. Al» er zu Freedmann eine hierauf bezügliche Aeußerung machte, bot ihm dieser bereitwilligst den Betrag von 20 000 M. auf Wechsel an. Der Offizier stellte dann später auch einen Wechsel über diesen Betrag aus und erhielt dafür von dem Angeklagten einen Scheck über 1000 Pfnnd Sterling auf die Kannty-Bank in London. Als v. W. den Scheck der Darmstädter Bank zur Einlösung über- gab. erhielt er nach einigen Tagen den Bescheid, daß die Londoner Bank die Einlösung verweigere, da Freedmann bei dieser kein Gut- haben habe. Der Offizier glaubte einem Scktzvindler von der Klasse der sogenannten Wechselschieber in die Hände gefallen zu sein und erstattete sofort Anzeige, worauf Freedmann im Februar auf Veranlassung des Kriminalkommissars Friedendorff in Berlin verhaftet wurde.— In der gestrigen Behandlung behauptete der Angeklagte, daß ihm jede betrügerische Absicht ferngelegen habe. Er habe sich naturgemäß erst über die Vermögenslage des Offiziers erkundigen müssen, um dann das Geld der Londoner Bank zu übeuveisen. Da er die schlechteste Auskunft, die es überhaupt gebe. über v. W. erhalten habe, habe er den Wechsel sofort zurückschicken wollen. Tatsächlich wurde der Wechsel bei der Verhaftung des Angeklagten auch in einem an den Offizier adressierten Kuvert gefunden, welches einen Begleitbrief enthielt, in welchem F. er- klärte, daß er mit Rücksicht auf die schlechte Auskunft von dem Geschäft Abstand nehme.— Die gestrige Verhandlung verlief so zugunsten des Angeklagten, daß der Staatsanwalt selbst die Freisprechung beantragte, auf welche das Gericht auch erkannte. Warum war im vorliegenden Falle Anklage gegen den An- geklagten und nicht gegen den schlecht beauskunfteten Darlehns- nacbs»ck'-r e�Vn? Letzte Nachrichten und OepeJchen. Dampfer„Roland" gescheitert. London, 2. Mai.(W. T. B.) Nach einer Llohdmeldung aus Baltimore ist der deutsche Dampfer„Roland" auf der Fahrt von Galveston nach Bremen bei Currituck, 30 Meilen südlich von Kap Henry, gescheitert. Die See ist ruhig. Es liegt bereits ein Assistenzdampfer längsseits. Man hofft, daß der Damvfer bei Hochwasser wieder freikommen wird. Ar. 102. 27. Ichrgavg. tilqt Ks Lsmiills" Derlimr WWW, t W im Reichstag. 77. Sitzung vom Montag, den 2. Mai. nachmittags 2 Uhr. Am BundesratLtisch: Kraetke, Delbrück. Auf der Tagesordnung steht zunächst die erste Beratung des Gesetzentwurfes betreffend Aenderung des Posttaxgesetzes. Danach soll in Zukunft dem Absender bei Einlieferung von ein- fachen Paketen auf seinen Wunich ein Po st schein aus g e st e l l t werden, ivofür eine Gebühr(10 Pf.) zu zahlen ist. Staatssekretär Kraetke kritisiert den Entwurf, der den Wünschen der Erwerbskreise entgegenkommt. � Abg. Kaempf(Fortschr. Vn.) erklärt sich mit dem Entwurf ein- verstanden und bittet, dag Geldempfangsbestätigungen, die nur füir Worte entbalten, in Zukunft als Drucksachen betördert werden. Abg. Zietsch(S.): Bei der Versendung von zwei und drei Paketen mittels einer gemeinschaftlichen Postpakeradresse soll nach der Be- gründung die Gebühr nur zum einfachen Satze berechnet werden. es wäre wünschenswert, dag das auch geschieht, wenn überhaupt mehr Pakere auf eine Postpaketadresse eingeliefert werden. Ferner will der Entwurf die Gebühr durch die Taxordnung festsetzen, und es sind zehn Pfennig in Aussicht genommen. Es ist aber gar keine Sicherheit vorhanden, daß nicht zu irgendeiner Zeit die Post Verwaltung die Gebühr erhöht: deshalb sollte die Gebühr auch g e setzlich festgelegt werden.(Sehr richtig! bei den Sozialdemo kraten.) Abg. Dave(Fortschr. Vp.): Eine Erhöhung der Gebühr würde auch bei meinen Freunden entschiedenen Bedenken begegnen. Damit schlieft die Diskussion; der Entwurf wird in erster und debottclos in zweiter Beratung angenommen. Es folgt die zweite Beratung des Entwurfs eines Stellenvcrmrttlergesetzes. Zum§ 1 beantragen die Abgg. Albrecht und Genossen (Soz.) die Einführung beruflich gegliederter Arbeitsnachweise in allen Gemeinden, die von aus Arbeitgebern und Arbeit nehnrern bestehenden Koniinissionen verwalte werden; die Konzession der g e w e r b s m ä h i g e n Stellen- Vermittler soll mit dem I. I a n u a r 1914 e r l ö s ch e n. Weiter wird beantragt, die gewerbsmähige und nicht gewerbSmähige Stellen vermittelung der Vereine, Verbände, Gesellschaften zu untersagen Wenn an einem Ort oder für einen Bezirk für einen erheblichen Teil des Gewerbes auf Grund einer Vereinbarung oder eines Tarifs eine Stellenvermittelung errichtet ist, für deren Verwaltung eine Vertretung vorgesehen ist, die zu gleichen Teilen aus Vertretern der Arbeitgeber und Arbeitnehmer unter Leitung eines unabhängigen Vorsitzenden zusammengesetzt ist, so soll das Erfordernis des ersten Absatzes als ersüllt gelten. Abg. Dr. Pieper(Z.): Der öffentlich rechtliche Arbeitsnachweis, der über das ganze Land zentralisiert ist, hat eine Reihe von Vor zügen vor der privaten Stellenvermittelung und vor den einseitigen Arbeitsnachweisen der Unternehmer. Aber dem Verlangen der Sozialdemokraten, daß nur öffentliche Arbeitsnachweise bestehen und alle anderen beseitigt werden sollen, können meine politischen Freunde nicht folgen; gerade die primitivsten Formen der Arbeitsuche, die durch Inserat und Umschau, wurden dann überhandnehmen, und eine Reihe von Mißständen würden sich dann entwickeln. Es kommt hinzu, daß unsere öffentlich rechtlichen Arbeitsnachweise bisher noch gar nicht in der Lage sind, für eine ganze Reihe quoll fizierter Berufe, zum Beispiel für Kellner, Varietobühnen, Lehrer, Erzieherinnen und viele andere, dem Bedürfnis entsprechend die Stellenvermittelung zu leisten. Auch sonst leidet der sozialdcmo kratifche Antrag an erheblichen Mängeln. Der letzte Absatz<§ le) will einfach ein Monopol der Arbeitsvermsitelung für die freien Gewerkschaften. Wenn wir also den sozialdemokratischen Antrag ab lehnen, so verwahre ich meine Freunde im voraus gegen den Vor- Wurf des Verrats von Arbeiterinteressen, der jedenfalls in der nächsten Zeit in der ganzen sozialdemokratischen Presse erhoben werden wird; denn den tatsächlich vorhandenen Aus- wüchsen und Mißständen bei der privaten Stellenvermittelung tritt das Gesetz wirksam entgegen.(Bravo I im Zentrum.) Abg. Hildenirand(Soz.): Es besteht überall Einnriitigkeit darüber, daß die seitherige Art der Stellenvermittelung schädliche Wirkungen für die All- gemeinheit herbeigeführt hat, denen Gemeinde und Staat unmöglich kleines feuilleton. Theater. Kammerspiele. Sommergastspiel der Wiener«Hölle Die Wiener Kabarettgesellschaft, die zum Saisonschluß in das HauS der Kammerspiele einzog, begann ihren ersten Abend mit einer Schreckenstat, der Aufführung des„Nachtgedichts"„Albino", für das der Exzentrik-Schriftsteller Gustav M e y r i n k auf dem Zettel als Verantwortlicher zeichnet. Dunkel bleibt die Bühne, noch dunkler, was der Poet sich eigentlich gedacht. Man hörte von scheußlichen Grausamkeiten, die ein betrogener Gatte am unehelichen Kinde seiner Frau planmäßig systematisch verübt haben soll. Das gequälte Ge fchöpf, aus dem ein Bildhauer geworden ist, quittiert die väterlichen Ruchlosigkeiten stilgerecht, indem es einen jungen Menschen, der sich eine GipSmaske abnehmen lassen will, bei der Gelegenheit kalten Blutes erstickt I Das widerwärtig Abstoßende der Geschichte wird durch die künstlerische Impotenz und Konfusion in der dramatischen Gestaltung noch verstärkt. Hoffentlich verschwindet das Ungeheuer bald, zumal die anderen Nummern des Programms den Abend bereits reichlich füllen. Es folgte ein anspruchsloses, durch anmutigen Vortrag ansprechendes Singspiel Leo Falls „Brüderleinsein", das den Komponisten Joseph Drechsler ans der Wiener Großväterzeit in Szenen häuslichen Glückes als jungen und alten Ehemann vorführt. Eine Mischung von Sentimentalität und kokett lustiger Verliebtheit. Besonderen Beifall fand, von Herrn Ziegler und Emniy Petko ausgeführt, der bedächtig graziöse Alt-Wiener Walzer des eben kopulierten Pärchens. Friedens und Polgars Groteske„Goethe" verulkte karikierend die kleinkrämerische Gelehrtenpcdanterie der Goethe- Philologen. Der Altmeister selbst, von Herrn Fried eil, dem Leiter der Gesellschaft, in glücklicher Maske und drolliger Betonung des Frankfurter Dialekts repräsentiert, erscheint vor einem germanistischen Prüfungsausschuß und wird, da ihm der Wust der biographischen Daten nicht geläufig ist, als jämmerlicher Goethe-Jgnorant gebrandmarkl; fein Prüfungsgenosse aber, der fleißige, die auswendig gelernten Antworten auf jede Frage glatt herunterschnatternde Herr Cohn heimst Lobsprüche auf Lobsprüche von dem Kollegium ein. Herr Z i e g l e r sang Lieder im Pierrot- kostüm, Fräulein Mischa Digmann Chansons. Die Parodie einer Pariser Exentrique und eines englischen Duos gelang nicht übel, wogegen ihr Vortrag von Apachenversen, von Szenen auS dem Dirnen» und Verbrecherleben, im Stil der großen Duette Gilbert, ganz im leer Deklamatorischen stecken blieb. Am Ende gab Herr Frieden noch einige Schnurren, darunter ein paar sehr amüsante Peter-Altenberg-Anekdotcn, zum besten. ckt. Mustk. Gerne sucht man auch in Minderlvertigem noch Gutes, fahndet ttl Geschäftsoperetten nach musikalischen Lichtblicken und möchte I weiter ruhig zusehen können. Es ist nicht richtig, was der Vorredner sagte, daß gerade die qualifizierten Arbeiter, besonders unter der privaten Stellenvermittelung zu leiden haben. Diese sind vielmehr schon längst dazu übergegangen, sich Stellen vermittelungen zu schaffen, die sie vor der Llusbeutung der privaten Stellenvermittelung schützen; wo Gewerkschaften bestehen, hat man durch Vereinbarungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern die un- angenehmen Folgeerscheinungen der privaten Stellenvermittelung beseitigt. Wenn aber in einem so beschränkten Kreise wie S t u t t gart in einem einzigen Jahre 43 500 M. an VermittelungS- gebllhren für private Slellenvermittler zu verzeichnen sind, so ist das eine wirtschaftliche Schädigung der Arbeitsuchenden aller- schärffter Art.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) In Württemberg und in Bayern ist auch schon die Beseitigung der privaten Stellenvermittelung durch Schaffung öffentlich rechtlicher Arbeitsnachweise herbeigeführt, und der Vorredner hätte sich den größten Teil der Gründe gegen unseren Antrag schenken können, wenn er daran gedacht hätte, daß der öffentliche Arbeitsnachweis schon seit 1884 in zwei deutsche» Vaterländern zum Segen der Arbeitnehmer und Arbeitgeber funktioniert. Die Notwendigkeit der öffentlichen Stellen vermittelung wird auch in amtlichen Schriften anerkannt, die auf die ichweren Mißstände sittlicher Art hinweisen, die mit der privaten Stellenvermittelung z. B. für Kellnerinnen und D i e n st- mädchen verknüpft sind. Der Vorredner meint, der öffentliche Arbeitsnachweis wäre nicht imstande, aui die verschiedenen Bedürf- nisse der Praxis einzugehen. Das ist aber nicht richtig, längst ist man in den öffentlichen Arbeitsnachweisen zur Spezialisierung übergegangen, sodaß alle Wünsche nach be sonderer Qualifikation berücksichtigt werden können. Niemand kann also behaupten, daß der öffentliche Arbeitsnachweis die private Stellenvermittelung nicht ersetzen kann. Unser Antrag trägt den bestehenden Verhältnissen vollständig Rechnung, denn er wird gestützt durch die Eingaben aus allen Jnter- e s s en te n k r ei se n, und ich war sehr erstaunt, zu hören, mit welchem Aufwände der Vorredner ihn bekämpft hat. Er muß doch überzeugt sein, daß die Anhänger seiner eigenen Partei, soweit sie Arbeiter sind, über unseren Antrag ganz anders denken.(Wider- l'pruch im Zentrum.) Lesen Sie nur die Petitionen, die von feiten der Interessenten, sowohl der Arbeitgeber als der Arbeit- nehmer, an uns gelangt sind, und Sie werden sich überzeugen, daß wir allein ihren Wünschen gerecht werden. So steht die Petition der Gesellschaft für soziale Reform auf dem Standpunkt, daß ein allgemeines Verbot der privaten Stellenvermittelung das beste und erstrebenswerteste sei(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.), nur weil die Gesellschaft fürchtet, dieses Verbot noch nicht zu erreichen, will sie die privaten Stellenvermittler dadurch auf den Aussterbe- etat setzen, daß keine neue Erlaubnis zur privaten Stellen- vermittelung erteilt wird. Das Nationale Kartell der deutschen Ga st Wirtsgehilfen, ebenso der Deutsche Ga st toirtögehilfen verband verlangen die Beseitigung der privaten Stellenvermittelung. Die Petition des Deutschen nationalen Handlungsgehilfen-Ver- bandes, dem mehr als 25 000 Mitglieder angehören, sagt, die Ausschaltung der gewerbsmäßigen Stellenvermittelung wird bei den Handlungsgehilfen keine Lücke hinterlasse». Der Jnter- nationale Hotelbesitzerverein in Köln hat sich ans denselben Standpunkt gestellt. Uebcreinstimmend sind also die Interessenten beider Richtungen, Arbeitnehmer und Arbeitgeber der Meinung, daß am wirksamsten die Uebelstände beseitigt werden können, wenn man die Stelleu- vermittelung zu einer Angelegenheit öffentlicher Institutionen machen würde. Wenn also schon die Behörden einzelner Staaten dazu übergegangen sind, derartige Einrichtungen einzuführen; wenn wir aus den Kreisen der direkt Interessierten den Wunsch hören, die private Stellenvermittelung zu beseitigen, so können Sie sich doch nicht wundern, daß wir einen Antrag einbringen, der diesen Wünschen Rechnung trägt. Der Gesetzentwurf, wie er auS der Kommission hervorgegangen ist, bringt ja wesentliche Ver- besserungen gegenüber den heutigen Verhältnissen. Aber er bringt doch nicht das, was man heute schon durchführen könnte, und wir hallen es für eine selbstverständliche Pflicht, wenn das Reich eine Materie gesetzlich regelt, daß man dann nicht hinter dem zurückbleibt, was tatsächlich schon in einzelnen Teilen geleistet wird. Wenn Sie das Prinzip unseres Antrages zur Geltung bringen wollen, so wäre die Möglichkeit dazu durchaus gegeben.(Sehe richtig I bei den Sozialdemokraten.) Herr Pieper hat vorhin sehr lange ge- sprachen; ich habe aber nur das Nein herausgehört. Aber alle von ihm erhobenen Bedenken fallen als unberechtigt zusammen, wenn man das Prinzip unseres§ 1 anerkennt, aber Sie(zum nur ja nicht als Nörgler gelten. Wird man aber auf einen gar zu tiefen Stand hinabgezogen, dann reißt auch Kritikergeduld. Die angebliche Operette„Die T a n z h u j a r e n", die am Sonn- abend in dem einst würdigeren Theater des Westens vor- geführt wurde, ist von solcher Art. Die Namen der(bisher unbekannten) Autoren nennen wir in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft lieber nicht. Ueber den Inhalt genügt die Andeutung, daß er das bekannte Thema von der Kleinstadt be- handelt, in die eine Husarengarnison gewünscht wird und schließ- lich auch einzieht, insbesondere weil die Tochter des Bürger- meisters einem Prinzen gar so schön bitten kann, lieber die Durch- führung des Inhalts nur so viel, daß sie uns nicht einmal einen „höheren Blödsinn" genießen läßt, und daß das gegen Schluß hin erreichte Maß von Nnterhalllichkeit nicht im Verhältnis zu dem steht, was uns an fortwährenden brettlhaften„Tanzarrangements" dargeboten wird. Musik Null. Die Kalauer auf der Bühne von den„Notenanleihen" eines Komponisten, der„verstohlen" schaut, stimmen. Das beste Ensemble kann mit derartigem zugrunde gerichtet werden. Hier gab'S trotzdem getreuliche Hingabe. Wir müßten zu viele Namen nennen, zu viele AncrkennungSworte aufzeichnen, zu viele Unterscheidungen zwischen Gcsangskunst und Soubretten- kunst machen, wenn wir damit auch nur anfangen wollten, se. alles in den drei Konzertsälen der Philharmonie musiziert wird, reicht so weit über den Nahmen unseres Referates hinaus, daß wir auf eine Auslese auch nur des wichtigsten ver- zichten müssen. Zudem ist an anderen Konzertstätten tiefer und unmittelbarer in das tonkünstlerische Leben einzudringen, wo die gesellschaftliche Wirkung des Dargebotenen keinen bestimmenden Einfluß ausübt. Doöh ein oder das andere Beispiel interessiert. Am Freitag and ein„Konzert mit dem Philharmonischen O r ch e st e r" statt, daS der Dresdener Generalmusikdirektor Ernst von Schuch leitete. Ein Dirigent, der machtvoll und doch ruhig— sogar zu ruhig— die Hauptzllge herausarbeitet und die freiere Bewegung vorwiegend durch langsamere Zeitmaße an den dafür geeigneten Stellen erzeugt. Eine der vielen Sinfonien Anton Bruckners, die VI. in A-dur, war Hauptnummer. Hochgeehrt als kindliche Natur im besten Sinne des Wortes, anerkannt als der wohl beste Satzkünstler und Orgelspieler seit Bach, galt Bruckner doch manchen als ein mit Richard Wagner verrückt gewordener Dorfschulmeister. DaS ist nicht weniger ungerecht als seine Verhimmelung durch andere. Eine Breite, die zwar nicht„formlos", aber„formenarm" genannt werden kann, eine nicht eben volkstümliche llebervirtuosität der Satzkunst und ein geringer Sinn für Klangschönheit(demgegenüber die Aufgabe der Philharmoniker undankbar und ihre Leistung um ö dankenswerter war) sind bei dem Meister wohl nicht ob- znstreiten. Was ihn aber noch außerdem nahe an die Größten Zentrum) bekämpfen eben das Prinzip.(Lebhafter Widerspruch im Zentrum) und deshalb ist eS ganz nebensächlich, ob Sie gegen den§ 1a und 1b dieses oder jenes kleine Bedenken er» heben. Sie sagen, wir wollen ein Monopol schaffen für die Arbeitsnachweise der Gewerkichaslen. Aber was wir verlangen, ist in aller Schärfe in Frankreich bereits Gesetz, ich verweise Sie auf die Begründung der Vorlage und den französischen Gesetz- entwurf. Ich gehe deswegen nicht ans alle einzelnen Bedenken ein, diejenigen Kollegen, die überzeugt sind, daß die Regelung der Stellen- vermittelung, wie sie der Entwurf vorschlägt, nicht imstande ist, die Mißstände auf die Dauer zu beseitigen, müssen für den von uns beantragten K 1 stimmen.(Lebhafte Zustimmung b. b. Sozialdemokraten.) Die Erfahrungen sehr trauriger Art, die Arbeitgeber wie Arbeitnehmer im GastwirlSgewerbe mit der privaten Stellen- vermittelung gemacht haben, reden eine deutliche Sprache für die Notwendigkeit obligatorischer, öffentlich rechtlicher Stellenvermittelung. Und eine beinahe noch deutlichere Sprache rede» die immer und innner wiederkehrenden Klagen der Schauspieler und Schau« s p i e l e r i n n e n.(ischr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wer je Versammlungen der Bühnenkünstler beigewohnt har, der weiß, daß das Joch der Agenten noch sclüimnier ist als das der Direktoren. daß die Agenten sich nicht mit einmaligen Ab- gaben begnügen. sondern die Künstler und Künstlerinnen zu einem dauernden Helotentum herabdrücken. Es ist ein Verdienst dieser Versammlungen, weite Kreise des Publikums mit der traurigen Lage des Bühnenpersonals bekannt gemacht zu haben. (Zustimmung.) Eine Vernichtung von Existenzen ist vom gesetzlichen Verbot der privaten Stellenvermittelung nicht zu fürchten, da ja unser Antrag eine angemessene Frist vorsieht. Auch werden sicherlich die meisten Stellenvermittler, soweit es ihnen um reelle Betätigung zu tun ist, in der öffentlichen Vermittelung llnterknnft finden. Wie ich schon sagte: der Entwurf in der Kommissionsfassung bringt un- leugbare Fortschritte. Wem es aber um wirklich durchgreifende Besserung zu tun ist, der muß für unseren Antrag stimmen.(Leb- hafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. v. Michaelis(k.): Im Prinzip würden auch wir die Be» seitigung der privaten Stellenvermittelung wünschen. Aber dann wäre eine Entschädigung notwendig und diese würde zirka 20 Millionen betragen. So müssen wir uns denn mit der Be« seitigung der schlimmsten Schäden in der privaten Stellen- vermittelung begnügen. Der vorliegende Entwurf bietet dazu ge- eignete Handhaben und so werden wir für ihn stimmen.(Beifall rechts.) Abg. Manz(Fortschr. Vp.): Es ist weder angängig noch zweckmäßig, die private Stellenvermittelung völlig zu beieitigen. Es wäre das ein schwerer Eingriff in die Gewerbefreiheit.(Sehr wahr I bei den Liberalen.) Weder das Handwerk, noch die Industrie, noch auch die Landwirt- schast könne zurzeit und auf lange hinaus der privaten Vermittler» tätigkeit entbehren. Immerhin werden wir für das Gesetz stimmen. Redner polemisiert heftig gegen den sozialdemokratischen Antrag, nennt ihn eine Knr a la Doktor Eisenbart, eine Beleidigung ehren« werter Stellenvermittler, eine rücksichtslose Existcnzvcrnichtung uiw. und bedauert, daß Abg. Pieper eine halbe Stunde aus die Kritik des Antrages verwandt habe.(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten; Beifall bei den Liberalen.) Abg. Wölzl(natl.) erklärt, daß seine Fraktion für daS Gesetz stimmen werde. Die Tendenz des sozialdemokratischen Antrages auf Ausdehnung der öffentlich- rechtlichen paritätischen Arbeits- nachweise sei zu billigen, aber die Einzelheiten des Antrages seien unannehmbar.— Gegenüber dem Kollegen Manz ist zu bemerken. daß das Prinzip der Gewerbefreihcit schon mehrfach durch« brochen worden ist und durchbrochen werden mußte, wenn Mißstände zutage traten, die sich nur durch Eingriffe in die Gewerbe» freiheit beseitigen ließen. Abg. Dr. Burckhnrdt(Wirtsch Vg.) spricht seine Befriedigung darüber auS, daß alle Parteien trotz verschiedener Bedenken und Bemängelungen für das Gesetz stimmen wollen. WaS der sozial- demokratische Redner über Mißstände in der Stellenvermittelung im GastwirtSgewerbe gesagt habe, sei durchaus zutreffend; aber der Antrag Albrecht sei undurchführbar.(Beifall rechts.) Abg. Schirmer(Z.): Gegenüber dem Abg. Hildenbrand möchte ich feststelle», daß mein FraktionSfreund Pieper in keiner Weife sich gegen die öffentlich-rechtlichen Arbeitsnachweise gewandt hat. Er hat nur die Undurchführbarkeit des Antrags Albrecht dargelegt, und zwar mit Recht.(Widerspruch bei den Sozialdemokraten. Zustimmung im Zentrum.) Abg. Schittidt-Bersin(Soz.): Die Bemühungen der Herren vom Zentruin, unseren Antrag stellt, ist einmal sein Reichtum und sodann die Fähigkeit, ohne Sentimentalität innerlichst gemütvoll zu werden. Volkstümlicher und klangvoller komponiert Gustav Mahler. Kammersänger Karl Burrian sang von ihm UWd von andere« einiges mit Tenormeisterschaft. g>, Humor und Satire. Herrenmoral. Und was sie tun und was sie reden, sie haben einen frommen Spruch, ein sittliches Gerülps für jeden kaltblüt'gen Menschenrechtebruch. Wir dienen ganz allein dem Staate! So reißen sie die Mäuler breit. Dann folgen etliche Zitate Von Religion und Sittlichkeit. So wiest ja leine Kreissynode, lein adlig Fräuleinhospital, wie diese Herrenhauspagode, von Christentum und von Moral. Hätt' einer wenigstens die Schnauze und sagt' eZ frei: Macht geht vor Recht! Doch dies Gegirre und Gegauze... Pfui, Kerls I wird euch denn gar nicht schlecht? Wie mir die edlen Mägen trotzen so ekelhaftem Redebrei I Normale Menschen müßten kotzen, so würde ihnen schlimm dabei. _ Frans- Notizen. — Kunstchronik. Im Berliner Kupfer st ichkabinett wurde eine AuSslelliing von Klinget« graphischen Jugendarbeiten eröffnet.— Dem Berliner alten Museum wurde ein kolossal-'' HerkuleSkopf aus parischem Marmor einverleibt, der bei der Aus- grabung der Stadtmauer von Pergamon(Kleinasien) gefunden wurde. Er stammt aus der hellenischen Ze>t, reicht aber an die Per- gamener Altersskulpturcn nicht heran — Die Ausstellung der Sezession ist um ein inter- essanteS Werk des Schweizers Ferdinand Hobler bereichert worden. Dieses Monumentalbild führt den Titel«Der Tag" i'nu ist eine neue Bearbeitung seines bekannten Motivs. Ferner sind noch Werke von dem Franzosen M a t i s s e eingetroffen. Der Halleysche Komet ist Sonntagnacht zwischen 3'/« und 4 Uhr nun auch in Berlin gesichtet worden, sowohl auf der königlichen wie auf der Treptower Sternwarte, freilich dauerte die Sichtbarkeit auf der ersteren mir eine Viertelstunde. Der Kern hatte die Größe eines Sterns ersten bis zweiten Grades, auch ließen sich bereits Schwcifansätze erkennen. als undurchführbar zu bezeichnen, zeigen mir,!aß er ihnen recht unangenehm sein muß. Würden Sie ihn annehmen, so würde vor allen Dingen da, wo auch die christlichen Gewerkschaften ein Interesse an dem öffentlichen Arbeitsnachweis haben, mit Nachdruck für seine Einführung gewirkt werden. Das ist vor allem im Ruhr- gebiet. Hier haben Sie die Gelegenheit versäumt, den Arbeits- Nachweis der Scharfmacher zu beseitigen. Dadurch, daß überall in die Verwaltung des Arbeitsnachweises Arbeitgeber und Arbeitnehmer hinein müssen, wäre dies möglich, und gerade im Ruhrgebiet ist es notwendig, wo die Arbeitgeber überall schwarze Listen eingeführt haben, um die Arbeiter zu maßregeln. Die Herren vom Zentrum hätten alle Veranlassung, diesen Zustand zu beseitigen, gerade im Interesse der christlichen Arbeiter.(Zu- stimmung bei den Sozialdemokraten.) Aber weil Sie das mcht wollen, suchen Sie unseren Antrag als unmöglich nachzuweisen, mit Gründen, die S i e selbst nicht glauben können. (Unruhe im Zentrum.) Sie behaupten, wir widersprachen uns selbst damit. Dabei haben wir schon 1881 die Einführung der all- gemeinen paritätischen Arbeitsnachweise gefordert und die Gemeinden als diejenigen bezeichnet, welche die beiden Interessenten zusammen führen müssen. Hier aber handelt eS sich um seine Grundtendenz. Stimmt der Reichstag ihm zu, so mußte der Entwurf wieder an die Kommission gehen, weil die ganze Tendenz der Vorlage geändert wäre. Man sagt, das Verbot der privaten Stellenvermittelung sei unmöglich, gerade besonders qualifizierte Arbeiter könne nur der private Stellenvermitller ver- Mitteln. Als ob diesem etwas an der Qu a lifi kati o n des Be- Iverhers liegt und nicht lediglich an seinen Gebühren! (Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Wir erkennen an, daß der Entwurf die schlimmsten Schäden beseitigt. Wir wollen aber weiter gehen und alle Schäden beseitigen.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) In unseren Tarifverträgen sind die Grundlagen für die Einrichtungen gegeben, die für die zukünftige Organisation des ArbeitsnachweiieS vorbildlich sind. Uns genügt nicht die bloß prinzipielle Zustimmung der Herren vom Zentrum, uns genügt nicht, daß Herr Pieper sagt, der Antrag ist verfrüht. Wir lvollen viebnehr, daß Sie ein Stück Sozialpolitik leiste», daS wirklich einen Fortschritt darstellt, daß Sie nicht immer an Kleinigkeiten herumarbeiten, sondern wirklich einmal eine» großen Zug machen, wie er trotz aller Bemängelung in der französischen und englischen Gesetzaebnng zum Ausdruck kommt.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Die Herren haben sich darüber entrüstet, daß wir für die Stellenvermittler nicht eine Entschädigung vorschlagen, sondern 7000 bis 8000 Stellen- Vermittler mit einem Schlage brotlos machen wollen. Im Bayerischen Landtag aber haben die Herren vom Zentrum einer Resolution zugestimmt, die sogar innerhalb eines Jahres die privaten Stellen- Vermittler ohne jede Entschädigung beseitigen will.(Hort! hört I bei de» Sozialdemokraten.) Diesen Widerspruch hat uns Herr Schirmer nicht erklärt. Man muß sich doch eben ansehen, wen man entschädigen soll. Bei den Stenervorlagen haben Sie die Zünd- Holzarbeiter und die Brauereiarbeiter ganz un- berücksichtigt gelassen.(Hört I hört! bei den Sozialdemokraten.) Ich fühle keine Verpflichtung zu einer Entschädigung gegenüber Stellenvermittlern, besonders nicht, wenn sie einen so langen Zeitraum haben, um in einen anderen Beruf überzugehen. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Noch ein paar Worte über den ländlichen ArbeitSnach» weis. Gerade da wäre dringend eine paritätische Einrichtung unter der Aufsicht der Gemeinde notwendig.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Gewissenlose Agenten gehen nach dem Auslande und bringen durch lügenhafte Versprechungen Arbeiter aus dem Auslände heran zu Vertragsbedingungen, die allem Austand und aller Sitte Hohn sprechen. Das müßte beseitigt werden. Aber durch die Vorlage wird daS nicht beseitigt.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Da frage ich nicht nach der Gcwerbesreiheit, die Herr Manz hier wieder mit alten inanchesterlichen Gründen ver- teidigt hat. Wo solche Uebelstände bestehen, mache» wir vor der Gewerbefreiheit nicht Halt, da müssen sie vielmehr beseitigt werden.(Sehr richtig! bei den Sozial- demokralen.) Es liegt auch im Interesse der soliden Unter- nehmer, daß der Arbeitsnachweis nicht in dm Händen von Spekulante» bleibt, die den Arbeitsuchenden ausnützen. Leider ist unser Antrag, daß von der» Arbeitsuchenden eine Gebühr überhaupt nicht zu zahlen ist, in der Kommission nicht angenommen; der Mann, der wochenlang arbeitslos ist, niuß oft sein Letztes zum Pfandlciher tragen, nur um die Gebühr für den Stillenvermittler auszubringen. Diesen Zustand zu beseitigen, hätten wohl alle Parteien ein Interesse. Leider haben sie es nicht getan. Es ist auch unrichtig, wenn Herr Manz behauptet, der Unter- nehmer bezahle die Stellenvermittelung. Im GastwirtSberuf zahlt der Kellner außer der Vermittelungsgebühr noch eine ganze Reihe von Spesen für Ausgaben des Stellenver Mittlers. die in seinem Interesse, nicht in dem des Arbeitsuchenden gemacht Hub.(Sehr wahr 1 b. d. Soziald.) Bei den T h e a t e r a g e n t e n gaben wir denselben Uebelstand. Ich habe der Genossenschast der Deutschen Bühnenangehörigen vorgeschlagen. einen paritätischen Arbeitsnachweis zu schaffen oder die Stellenvermittelung ganz in eigene Hand zu nehmen. Das Gesetz sollte ihnen die Gelegenheit dazu ver« schaffen. Mindestens sollten die Taxen herabgesetzt iverden, damit die Ueberhebung der Gebühren, wie sie heute üblich ist, aufhört, und wenigstens ein geringer Schutz für die Künstler und Küiistlerinnen eintritt. Wenn wir dine gründliche Reform, eine wirklich erfreuliche Reform bei der Stellenvermittelung haben wollen, müssen wir mit der privaten Stellenvermittelung Schluß machen und den öffent- lichen Arbeitsnachweis, der allen Ansprüchen gerecht wird, einführen. und das und nichts weiter will unser Antrag.(Lebhaftes Bravo l bei den Sozialdemokraten.) Damit schließt die Diskussion; der ß 1 wird unter Ab« lehnung der sozialdemokratischen Anträge in der von der Kommission beanlragten Fassung angenommen. Es folgt Z 2, der das Gewerbe eines Stellenvermittlers kon- zessionSpflichtig macht und die Konzession versagen will: 1. wenn Tatsachen vorliegen, welche die Unzuverlässigkeit des Nachsuchenden auf den bc-absichtigten Gelverbebetrieb oder auf seine persönlichen Verhältnisse dartun. Die Worte„oder auf seine persönlichen Verhältnisse", die von der Kommission eingefügt sind, beantragen, die Mgg. Alb recht und Genossen(Soz.) wieder zu strerchen. Weiter soll nach§ 2 die Konzession versagt werden: 2. wenn ein Bedürfnis nach Stellenvermittlern nicht vor- liegt. Ein Bedürfnis ist insbesondere nicht anzuerkennen, so- weit für den Ort oder den wirtschaftlichen Bezirk ein öffentlicher gemeinnütziger Arbeitsnachweis in ausreichendem Umfange be- steht. Statt dessen beantragen die Mgg. Albrecht und Ge- Nossen(Soz.) zu sagen: 2.„Wenn ein Bedürfnis nach Stellenvermittlcrn nicht bor» liegt. Ein Bedürfnis für einen bestimmten Beruf oder Ge- werbe ist insbesondere nicht anzuerkennen, soweit für den Ort oder den wirtschaftlichen Bezirk durch Vereinbarungen zwischen einem erheblichen Teil der Arbeitgeber und Arbeitnehmer oder größerer Korporationen beider für den Beruf oder das Gewerbe, für das die gewerbliche Stellenvermittlung nachgesucht wird, ein A�bettSnachwew errichtet ist, an dessen Verwaltung die Arbeit- geber und Arbeitnehmer in gleicher Vertretung teilnehmen, oder wenn für die gesamte Stellenvermittlung oder mehrere Be- rufe em Urbeltsnachweis durch Zuwendung aus Gemeinde- oder lstaatönntteln unterhalten wird, an dessen Verwaltung Arbeit- geber und Arbeitnehmer gleichmäßig teilnehmen und diese Ver- tretnng miweder vom Ausschuß d-s Gewerbegerichts in getrenntem Wahlgang von den Arbeitgebern und Arbeitnehmern er- nannt ist, oder in allgemeiner, geheimer und direkter Wahl die Vertreter von den beteiligten Arbeitgebern und Arbeitnehmern in gesondertem Wahlgangs gewählt sind." Mg. Schmidt- Berlin(Soz.): Unseren ersten Antrag haben wir gestellt, weil wir der Mei- nung sind, daß bei dem Stehenbleiben der Worte, die wir streichen wollen, politischer Mißbrauch eintreten kann.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Unser zweiter Antrag will vor allein die paritätischen und kommunalen Arbeitsnachweise gegen die Konkurrenz der privaten Stellenvermittlung schützen. Uebsr- all, wo durch tarifliche Vereinbarungen zwischen einem erheblichen Teil der Arbeitgeber und Arbeitnehmer oder größerer Korpora- ticnen ein Arbeitsnachweis mit Verwaltung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern in gleicher Vertretung eingerichtet ist, soll eine private Stellenvermittlung neben ihm nicht mehr geduldet werden, damit diese Organisation gefördert und die weitere Ausgestaltung eines Arbeitsnachweises begünstigt wird, der heute in einigen Orten sich neben der privaten Stellenvermitt- lung mühsam durchhalten mutz. Das würde die Grundlage für eine gedeihliche Weiterentwickelung werden, deshalb bitte ich Sie, unserem Antrage zuzustimmen.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Schirmer(Z.): Wir halten es für selbstverständlich, daß politische Momente bei der Erteilung der Genehmigung nicht ausschlaggebend sein dürfen. Nach den Erklärungen der Regierung in der Kommission sind auch solche Befürchtungen grundlos. Damit schließt die Debatte. Untev Ablehnung der sozialdemokratischen Anträge wird s 2 in der Kommissionsfassung angenommen. Ebenso§ 3 debattelos. In§ 4 hat die Kommission beschlossen, daß von der Landes- Zentralbehörde für die Gebühren der Stellenvermittler Taxen fest- gesetzt werden sollen. Abg. Manz(Fortschr. Vp.) beantragt, die Fassung der Regie- runasvorlage wiederherzustellen, wonach solche Taxen festgesetzt werden müssen. Dieser Antrag wird abgelehnt, die Kommissionsfassung angenommen. Die Mgg. Dr. Wagner(k.) und Dr. Pfeiffer(Z.) beantragen die Einfügung eines neueii Paragraphen hinter§ 4, wo- nach die Vorschriften der§§ 3a und 4 auch auf früher geschlossene Verträge anzuwenden sind. Staatssekretär Delbrück äußert Bedenken gegen den Antrag; man dürfe nicht zu sehr in wohlerworbene Rechte eingreifen. Wenn es sich um Verträge handle, die den guten Sitten zuwider- laufen, seien sie ohnehin anfechtbar. Abg. Dr. Wagner(k.) betont, daß Verträge in Frage kämen, bei denen die Judikatur verschieden sei in bezug darauf, ob sie den guten Sitten widersprechen oder nicht. Der Antrag wird angenommen. Der Rest des Gesetzes wird nach den KommissionSbe- schlüssen angenommen. Hierauf vertagt sich das HauZ. Nächste Sitzung: Dienstag, 2 Uhr.(Beratung des Gesetzes betr. die Zuständigkeit des R dichsg e r i chts. Dritte Lesung der Ausgaben für den Aufstand in Südwestafrika.). Schluß 6 Uhr. Mgeorclnetenbaus. 63. Sitzung, Montag, den 2. Mai, 1310, vormittags 11 Uhr. Am Ministertisch: v. Rheinbaben, v. Moltle, b. Trott zu Solz. Auf der Tagesordnung steht die dritte Lesung des Etats. Abg. Ströbel(Soz.): Ich wunder« mich ja einigermaßen, daß ich in der allgemeinen Besprechung als erster Redner zu Wort« komme, von der ich erwartet hätte, daß sie zu einer intercssanten Aussprache der Parteien geführt häite. Allerdings nachdem die Wahlrechtsvorlage aus der Diskussion ausgeschlossen ist, ist eS ja gar nicht möglich, auf die Konstellation der einzelnen Parteien zu einander näher einzugehen, denn gerade vie Stellung, die die einzelnen Parteien zu der WahlrechlSvorlage einnehmen oder vermutlich in Zulunft einnehmen, ist ja für die Konstellation ver Parteien ausschlaggebend. Wir wissen nicht, ob wir künftig noch mit einem schwarz-blauen Block zu rechnen haben werden, ob daS außerordentlich intime Verhältnis zwischen Konservativen und Zentrum weiter fortbesteht oder infolge der Wahl- rcchtSvorlage eine Trübung erfahren wird, oder ob dieN a ti o na l- liberalen sich dem schwarz-blauen Block anschließen und wir einen schwarz-Vlau-gelSeu Block haben werden.(Heiterkeit.) Oder ob wir schließlich«ine Kombination von Konservativen und Nationalliberalen unter Ausschaltung dcS Zentrums erleben werden. ES ist sehr bedauerlich, daß die Wahl- rechtSfrage hier nicht behandelt wird und das Zentrum so nichl Ge- legenheit hat, schon jetzt zu erklären, wie eS sich in Zukunft zu dieser wichtigsten Frage der preußischen und der ganze» Reichspolilik stellen wird. Allerdings mögen das ja die Herren selbst noch nicht wissen, wie die widerspruchsvolle Haltung der Zentrumspresse zu beweisen scheint. Nun, Ueberraschinigen werden wir ja vom Zentrum nicht erleben, welche Stellung es auch einnimmt.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Da über die wichtigste Frage nicht gesprochen werden kann, werde ich mich auf die Erörterung einiger weniger Punkte beschränken. Ich will zunächst dem Wunsche Ausdruck geben. daß nun endlich das geheime Wahlrecht für die Kommunen eingeführt werden wird.(Sehr wahr l bei den Sozialdemokraten.) Bei unserem Eintreten für die Lage der StaatSarbeiter im Laufe der Etatsberatung haben wir leider bei den bürgerlichen Parteien und der Regierung kein geneigtes Gehör gefunden. Gegen- über dem Hinweise meines Freundes Lemert, daß die Kommunen ihre Arbeiter viel besser bezahlen, als z. B. die Eisenbahnverwalwng, wollte das der Herr Minister mit einigen Zahlen wiederlegen, aus denen hervorging, daß in der letzten Zeit_ die Steigerung der Löhne der Eisenbahnarbeiter ganz minimal höher gewesen sei, als die Steigerung der Löhne der Kommunalarbeiter. Diese Art der Wider« legung ist ein Musterbeispiel dafür, wie vom Ministertisch gegen uns polemisiert wird.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Diese minimale Steigerung beweist doch nickt da» geringste dagegen, daß die Löhne der Kommunalarbeiter absolut höher sind als die der Eisenbahnarbeiter.(Sehr richtig l bei den Soz. Während dieser Aus- führungen des Redners herrscht im Hause andauernde große Unruhe.) Ich stelle fest, daß ich hier über die Lage der Arbeiter spreche. und daß Sie offenbar für diese Frage nicht daS geringste Interesse empfinden.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Das beweist die Richtigkeit unserer Behauptung, daß für die Wünsche der Arbeiterklasse, also des größten Teiles der gesamten Be- vöUerung in Preußen, im preußischen Landtag verteufelt wenig Interesse vorhanden ist.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Weiter habe ich gegenüber wiederholten Be- hauptungen des Herrn Finanzministers im Laufe der Etatsberalung dargelegt, daß man aus den Einlagen bei den Spar« lassen nicht schließen dürfe, daß die Lage der Arbeiter sich bedeutend gehoben habe. Da aber diese Behauptung immer wieder vom RegierungStisch unS gegenüber erhoben wird, so be- tone ich nochmals, daß der größte Teil der Sparkasseneinlagen nach der Statistik nicht von den Proletariern stammt, sondrru Kapital der besitzenden Klassen oder de» Mittelstandes ist. Es iE ja bedauerlich, daß man immer wieder auf dieselben Dinge zurücklomnte» muß, aber wenn die Herren von der Regierung auf von uns längst widerlegte Behauptungen immer wieder zurückgreifen, so bleibt auch uns nichts übrig, alS sie von neuem richtigzustellen. ->» WaS daS Koalitionsrecht der Eisenbahnarbeiter und-beamtet» anbelangt, so duldet die Verwaltung zwar die Organisationen der Chri st lichen und Hirsch-Dunckerschen, verbietet aber in gesetzwidriger Weise den Eisenbahnarbeitern und-beamten, sich sogenannten ordnungsseindlichen Organisationen anzuschließen. Die Eisenbahnverwaltuug beruft sich dabei auf den§ 182 der preußischen Gewerbeordnung vom 17. Ja- nuar 134S und behauptet, daß dieses Gesetz noch heute be« stehe, wodurch den Eisenbahnarbeitern und-beamten die Koalition bei Strafe verboten wird. Man sagt, durch den s 1S2 der Reicks- gewerbeordnung von 1803 wären zwar alle Strafbestimmnngen für gewerbliche Arbeiter auf diesem Gebiete aufgehobeii, aber es werde in einem anderen Paragraphen ausdrücklich bestimmt, daß das Gesetz keine Anwendung finde aus den Betrieb der Eiienbahnen. Dabei vergißt man, daß inzioischen da« R e i ch S v e r e i n S g e s e tz geschaffen ist, das mit dem Wust alter Vestinmlungen auch der preußischen Gewerbeordnung von 1815 ein für allemal ausgeräumt hat.§ 1 dieses Gesetzes lautet:„Alle Reichsangehörigen haben daS Recht, Vereine zu bilden. Dieses Recht unterliegt polizeilich nur dem in diesem Gesetz und anderen Reichsgesetzen enthaltenen Be« stinimungen." Von einem AuSnahmerecht für irgendwelche Staats- arbeiter' kann also keine Rede sein. Im§ L4 deS Reicksvereins- gesetzeS sind ganz genau die landesrechtlichen Bestimmungen genannt, d:e nicht abgeschafft werden, zum Beispiel die über ländliche Arbeiter und Dienstboten. Von den Eisenbahnen ist darin mit keiner Silbe die Rede.(Hört! hört I bei den Sozialdemokraten.) Wenn also trotzdem ein Minister Staaisarbeitern verbietet, von ihrein freien Koalitionsrecht Gebrauch zu macken, so handelt er ungesetzlich und tritt das RcichsvereinSgesetz mit Füßen.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Wenn man sagt, nur solche Organisationen seien berechtigt, die nicht das Streikrecht beanspruchen, so steht zunächst im Organisationsslatut des Eisenbahiierverbaiides kein Wort vom Streik. Aber selbst wenn das der Fall wäre, hätten die Eisen- bahner das Recht, sich zu organisieren. Im übrigen brauchen Sie wirklich keine solche Angst zu hoben, daß die Eisenbahner in Streik treten; das würden sie sicher nur in dem alleräußersten Not- fall, bei ganz außergewöhnlichen Umständen tun, deiin sie wissen ganz genau, welche Vorkehrungen von den besitzenden Klasien und der Regierung getroffen worden find, um einen solchen Streik un- wirksam zu machen; wir wissen manches, was vielleicht nicht alle von Ihnen wissen, so z. B. daß in verschiedenen Truppenteilen eine ganz bestimmte Anzahl von Leuten aus verschiedene» Berufen angewicse» sind, in einem solchen Fall sofort einzuspriiigeu. DaS ist mit wunderbarer Genauigkeit ausgearbeitet. Aber anderer- seitS würde es zu einem solchen Streik unter Umständen auch kommen, wenn eine solche Organisation nicht besteht. Wenn eine maßlose Erbitterung in den breiten Volksschichten infolge der Ver« gewaltigung durch die b e s i tz e n d e n K l a ss e n einmal einen solchen Grad erreicht haben wird, daß ein allgemeiner Generalsttelk ausbricht, dann Würden auch die Eisenbahner in diesen Streik hinein- gerissen werden, ganz einerlei, ob sie organisiert wären oder nicht, Das haben z. B. die V o r g ä n g e in Rußland bewiesen. Wenn Sie einen solchen Streik verhindern wollen, dann müssen Sie das Volk nicht noch iveiter erbittcr», dann dürfen Sie nicht solche Gesetze machen wie die Wahlrcchtsvorlage, die nur als eine Verhöhnung der besitzlosen Klassen bezeichnet werden kann.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Zur Hebung der Arbeiterklaffe soll ja auch die Schule dienen und deshalb legen wir besonderes Gewicht auf die Ausgestaltung der Bolksschule. Wenn man unseren Forderungen gegenüber auf den Mangel an Mitteln hinweist, so hat man andererseits gar nicht danach ge- fragt, ob Mittel vorhanden seien, als es galt, die Gehälter der Geistlichen aufzubessern.(Sehr wahr! bei den Sozialdem.) Wir verlangen, daß die Volksschule so ausgebaut werde, daß sie zu einer wirklichen Kult» ran st alt wird, und daß allen Volksangehörigen die Möglichkeit einer höheren geistigen Ansbildung verschafft wird. Wenn dem Herrn Kultusminister diese Forderung als die eines weltfremden Theoretikers erscheint, so hat er durch diese Aeußerung nur bewiesen, daß es für ihn ein un er füll- barer Gedanke ist. daß unser Volk wirklich einmal zu einem Kulturvolk gemacht werden könnte.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Im vorigen Jahre habe ich eine ganze Reihe der angesehensten Pädagogen, wie Pestalozzi, an» geführt, die ebenfalls da« Ideal der Volksbildung dorm erblicken, daß sie der ganzen Arbeiterklasse die Möglichkeit des Ausstiegs zur höchsten Kultur gewährleistet. Es ist bedauerlich, daß nur wir Sozialdemokraten heule daS Ideal dieser großen Pädagogen aufrecht- erhalten, während die bürgerlichen Parteien und die Regierung sich mit den traurigen Zuständen unseres Klasseiistaates abgefunden haben. Derr Herr Minister meinte dann, ich wäre weltfremd, weil ich nicht wüßte, daß Gymnasien und Universitäten den bestiinmten Zweck verfolgten, das Verwaltungspersonal, Lehrer usw. hcrauzu» ziehen. Wenn er aber meine Rede vom vorigen Jahre gekannt hätle, lo hätte er mir daS nicht eiitgegeilhalten können, denn ich habe da- m als viel prägnanter und erschöpfender gerade dasselbe aus- geführt, daß nämlich unsere höheren Bilduiigsanstallen von den besitzenden Klassen nur als Mittel zum Zweck betrachtet werden, höhere Beamte, Gelehrte usw. heranzubilden. Nun soll ich ein weltfremder Utopist sein, weil ich von alledem nichts wisse, waS ich selbst in der gründlichsten Weise nachgewiesen habe. Nein, gerade diesen Zustand, daß die höheren BitduiigSanstalten nicht zur Ver« breitung allgemeiner Kultur, sondern zur Hcranzüchtung eines Be- amtenstandes und einer kleinen Zahl von Gelehrten dienen, halten wir für verderblich und antikulturell. Die höheren Schulen sollte» die Aufgabe haben, die höchstmöglichste Bildung in den weitesten Volksschichten zu verbreiten.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Wir wollen, daß alle Angehörigen des Volkes, auch diejenigen, die sich einbilden, aus der Menschheit Höhen zu wandeln, auch zu k ö r p e r» lichen Arbeitslei st un gen herangezogeil werden. Nicht etwa in der spielerischen Weise, wie ja auch die Hohenzollernprinzen irgendein Handwerk lernen, sondern wir verlangen im Interesse der Kultur, daß alle Arbeitsfähigen auch zu einer gewissen physischen Arbeitsleistung herangezogen werden, damit die Arbeitszeit so reduziert werde» kau», daß auch für alle die Möglichkeit zu höchster geistiger AuSdildung übrig bleibv. WaS auf der einen Seite dadurch verloren geht, daß vielleicht irgendein Wissen» schaftler nicht soviel leistet, lvie er sonst leisten könnte, wird ans der anderen Seite dadurch gewonnen, daß die Zahl der Forscher. Gelehrten und Dichter außerordentlich vergrößert wird. Wer freilich, wie Herr Cassel, behauptet, daß schon beute jeder Be- fähigte aus dem Volke die Möglichkeit hat. die höhere Schule zu besuchen, ist in Wahrheit weltfremd und hat von den wirklichen Dingen keine blasse Ahnung.(Sehr wahr l bei den Sozialdemo- kraten.) Ich will aus die Arbeiterverhättnisse deS weiteren nicht mehr eingehen, sondern nur noch betonen, daß auch die Lage der Bergarbeiter bei weitem noch nicht in der Weise gesichert ist, wie es die Bergarbeiter verlangen. Ich will zum Schlüsse nur noch darauf hinweisen, wie gestern wieder, entgegen dem Gesetze, die friedlichen Umzüge verboten worden find, wie sie die Arveiter am ersten Mai ver» anstalten. Nach dem Gesetz ist ein solches Verbot nur möglich, wenn eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit vorhanden ist. Aber die letzten großen Veranstattuiigen unter freiem Himmel in Berlin haben ja bewiesen, daß die Arbeiterklasse so glänzend bis» zipliniert ist, daß auch die geringste Gefahr für die öffentliche Sicherheit bei solchen Umzügen ganz auZgeschlossen ist.(Sehr wahrl bei de» Sozialdemokraten.) In, Entwurf zum VereinSgesetz war zuerst von der Gefahr für die öffentliche-Ordiiuilg die Rede. Diesen Legriff hat>na» als kautschukartig g e st r i ch e n und hat dadurch klar bewiesen, daß man keine willkürlichen Maßnahmen der Polizei- behörde wünscht. In G e n t h i n aber hat man z. B. den Umzug verboten, weil bei der letzten Demonstration das Bürgertmu mit Töpfen usw. aus den Fenstern geworfen habe.(Hört I hört l b. d. Soz.) In den UMersiiätsstädten passiert eZ alle Tage, dah die Studenten mit Musik durch die Strafen ziehen. Ich gönne den Studenten dieses Vergnügen durchaus. Aber wenn diese Siörnngen der Ruhe erlaubt sind, muß man cS auch den Arbeitern gestatten, ein- oder zweimal im Jahre Umzüge zu veranstalten� Jeder Turnverein, Schütze»verein und Veteranen- verein nimmt für sich das Recht in Anspruch, mit Fahnen und Musik durch die Straßen zu ziehen. Soll den Arbeitern, der großen Masse des Volkes, nicht dasselbe Recht zustehen? DaS Zentrum veranstaltet regelmäßig auf seinen Katholikentage» Straßemimzüge, an denen sich schon bis zu SO OOO Menschen beteiligt haben. Was den Katholiken recht ist, ist den Arbeitern billig. Wir erheben den schärfsten Protest dagegen, daß in dieser Weise einseitig gegen die Arbeiter vorgegangen wird. Wir sehen darin einen neuen krassen Beweis dafür, daß bei uns in Preußen die Arbeiter Staats bürger zweiter Klasse sind.(Lebhafter Beifall bei de» Sozialdenio kraten.) Damit schließ die Generaldebatte. Zum Etat des Abgeordnetenhauses liegt ein Antrag Graf S p e e(Z.) vor auf Errichtung weiterer Arbeitszimmer für die Abgeordneten.-- Minister des Innern v. Moltke: Ich kann dem Hanse mitteilen daß über die Frage der Gewährung von F r ei fa h r k a rt e n die Verhandlungen innerhalb der königlichen StaatSregrerung ihren Abschluß gefunden' haben. Die königliche Staatsiegierüng hat dem vom Hanse geäußerten Wunsche entsprochen und den Herren Ab geordneten Freifahrtkartcu zwischen Berlin und der Eisenbahnstation »hrcs regelmässigen Wohnsitzes bewilligt. Die Ausfertigung dieser Karten werde ich beschleunigen.(Allseitiger freudiger Beifall.) Der Antrag Spee wird angenommen. Die Etats der Domäuenverwaltung und Forst Verwaltung werden ohne wesentliche Debatte angenommen. Beim Etat der„L a n d w i r t s ch a f t l i ch e n V e r w a l t u n g"' beantragt Abg. Wallenborn(Z.) die Erhöhung des Westfonds um 30 000 M. Finanzminister v. RhcinLaVe» wiederholt seine Zusage, daß der Fonds im nächsten Jahre erhöht werden solle, und bittet den Antrag jetzt abzulehnen. Nach kurzer Debatte wird der Antrag Wallenborn a B< gelehnt. Es folgt der Etat der Handels» und Gewerbe- v e r Iv a l t u n g. Abg. v. Arnim(k.): Bei der zweiten Lesung hat Herr L e i n e r t die staatlichen Lus'unslsstellen einer abfälligen Kritik unterzogen und hat gefordert, die Regierung solle lieber die sozialdemokratischen RechlsauskunstSstellcn umerstiitzen. Nun. ich glaube, daß leichter eine revolutionäre Strnßcudcmonstration am 18. März zustande kommt, alS daß staatliche Mittel der Sozialdemokratie zu Zwecken der Rechts auekunft zugeführt werden. Wenn die RechtsouskunftSstelle deS Reichs Verbandes zur Bekämpfung der Sozialdemokratie in Linden bei Hannover, wie Herr Leinert behauptete, nicht immer geöffnet ist, so liegt das daran, daß der betreffende Herr noch eine andere Stelle besorgt. Die Benuyung der Stelle ist eine sehr reichliche und steigende gewesen. Die Sozialdemokratie unterhält übrigens eine RechtsanöknnftSstelle in Linden nicht. Die Fenster der AuskunftSstelle des ReichSverbandeS sind wieder holt i» ekelhafter Weise beschmutzt und daS Schild mit roter Oelsarbe überschmiert worden. Ich behaupte natürlich nicht, daß das von den politischen Freunden des Herrn Leinert ge schehen sei, denn das kann ich nicht beweisen. Ich behaupte aber, daß die Leute, die das getan haben, meine» Ansichten ferner stehen. als denen des Herrn Leinert.(Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Bon der Sozialdemokratie werden doch RechtSauSkunstsstellen über Haupt nur gegründet, um die Rechtsuchenden mit allen Mitteln an die Sozialdemokratie zu fesseln. (Lebhafter Widerspruch bei den Sozialdemokraten. Zuruf: Mit welchen Mitteln?) Abg. Leinert(Soz.): Daß der Herr Abg. v. Arnim als Vorstandsmitglied des Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie (Hört I hört!) in der dritten Lesung Veranlassung nimmt, auf meine Ausführungen über die Winkeladvokaturen de« ReichSverbandeS zurückzukommen, ist ja nicht wunderbar. Aber was er hier aus- führte, waren keine Beweise, sondern nur«ine Häufung von Bc hauptungen. Wenn er von Demonstrationen am 13. März sprach, so beweist das nur, daß er offenbar noch nicht den furchtbaren R e i» s a l l überwunden hat, den er mit einem von mir bei einem Reichsverbandsmitgliede verlorenen Brief vor zwei Jahren hier erlebt bat. ES wäre für die große strategisch« Organi satwn deS ReichSverbandeS gegen die Sozialdemokratie besser gewesen, wenn er diese Blamage nicht wieder aufgefrischt hätte. Die RechtsailSkunstöstelle in L a u t e r b e r g. die sich nach Herrn v. Arnim so gut entwickelt haben soll, kenne ich zufällig genau. Sie wird unterhalten von den dortigen Schuh- warensabrikanten, die de» Mann, der dort die Arbeiter zu bespitzeln hat. besolden, nicht der ReichSvrrband.(Hört l hört! bei den Sozialdemokraten.) Der Mann hat nichts zu tun, als fast täglich in die Dörfer zu laufen, um Flugblätter zu verteilen. Rat und Auskunst in irgend welchen Arbeitersrogen erteilt er nicht. Die dortigen Arbeiter balten ihn überhaupt nicht für fähig dazu.(Hört I hört I bei den Sozialdemokraten.) Wie mangelhaft»nlerrtchtet Herr v. Arnim ist, bemies er mit seiner Be- hauptung, die Sozialdemokratie unterhalle keine RechtsauSlunstsstelle in Linden. Er weiß nicht, daß zwar nicht die Partei, aber die Gewerkschaften ein Sekretariat für Hannover und Linden unterhalten, das großartig funktio- niert, wo drei Sekretäre ständig Auskunft erteilen und die Am stellung eines vierten aeplanl wird. Was dann die von Herrn v. Ariuni erwähnte Beschmutzung in Linden anlanat, so war er zu feige, sofort auSzuiprcchen, daß sie nach seiner Meinung von SozialdernoUaten stammte. Vizepräsident Dr. Porsch: Sie dürfen einem Mitglied« des Haufe» nicht Feigheit unter- stellen! Abg. Leinert: Einen anderen Sinn konnten feine Ausführungen gar nicht haben, daß die betreffenden Leute uns wahrscheinlich näher ständen als ihm; daher habe ick diesen Ausdruck gebraucht. Im übrigen ist es wahrscheinlich von nationalen Arbeitern geschehen, die in daS Sekretariat hineingegangen und dort falsche Auskunft erhalten haben.(Sehr wahr! b. d. Soz.) DaS ist eine viel plausiblere Erklärung. Für seine Behauptung, wir suchten in den Arbeiter- sekretarialen die um Rat Suchenden an die Sozialdemokratie zu fesseln, kann Herr v. Arnim au» nicht den geringsten Beweis an- führe». Daß davon keine Rede ist, könnte er selbst feststellen, wenn er sich rininal in ein solches Sekretariat begeben wollte, um Auskunft darüber zu erbitten, wie er dir Landarbeiter zu behandeln hat.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Unsere Sekretariate sind soziale Institute, die eine Ausgabe übernommen baben, die eigentlich der Staat erfüllen müßte.(Sehr ivahr! bei den Sozialdemo« kraien.) lieber die AuSkmiflSstellen des Rcichsverbande»_ hat Herr v. Arnim selbst das Urteil gesprochen, indem er sagte, sie hätten die Aufgabe, die Sozialdemokratie zu bekämpfen. DaS ist un- vereinbar mit einer objektiven Rechtsausklmst.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Er hat nachher selbst zugegeben, daß diese AuS» kunflsstellen nicht unparteiisch Rat erteilen, sondern darauf auSgeheu, Proselyten für die nationalen Parteien zu machen. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Damit schließt die Disknision. Abg. v. Arnim(l.. persönlich� Bemerkung): Ich habe nicht die Straßeiidemonstralion am 18. März vor zwei Jahren, sondern in dieseni Jahre gemeint.— Was den Vorwurf der Feigheit anbelangt. so würde ich jedem anderen Mitglieds des Hauses gegenüber andere Waffen anwenden.(Lachen bei den Sozialdemokraten.)■ ! Wg. Leinert(Soz.): In d i s s e m Jahre haben-am 18. Marz gar keine Straßendemonstrationen stattgefunden. Solche Bemerkungen, wie die letzte deS Herrn v. Arnim, rühren uns absolut nicht; sie kennzeichnen nur die Art der Polemik des Herrn v. Arnim gegen mich. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Der Etat wird bewilligt. Beim Etat des Ministeriums des Innern führt Abg. Lippmann(Bp.) Beschwerde darüber, daß in gewissen Fällen bei mißglückten Gründungsversuchen von Ucberlandzentralen dem Kreise dieKosten aufgehalst würden. So habe das der Landrat in Birnbaum versucht, der selbst mit 25 000 M. an der Gründung beteiligt war.(Hört! hört! links.) Abg. Fischbeck(Fortschr. Bp.): Herr Ströbel ist bei der General- debatte auf die Handhabung des BcreinsgesetzeS gekommen. Auch wir legen größtes Gewicht darauf, daß das ReichSvereinsgesctz dem Sinne nach gehandhabt wird, wie es der Wille der Gesetzgebung im Reichstag war. Bon besonderer Konsequenz der Regierung in dieser Beziehung kann man wirklich nicht sprechen. Erst wurden die Versammlungen verboten, nachher wurden sie ge- stattet und es kam zu den bekannten großen Demonstrationen in Berlin und anderen Orten. Ich sollte eigentlich meinen, daß die- jenigcn, die die Versammlungen mit angesehen haben, auch zu der Ueberzeuguug gekommen sein müssen, wie töricht eS war, vorher ein Verbot auszusprechen. Gegenstand der Agitation waren diese Dinge nur solange als sie verboten wurden. Nachher sah man, daß es sich um ganz ruhige Veranstaltungen handelte.(Lachen rechts.) Zum 1. M a i ist dann die Praxis wieder ge- ändert worden, und das merkwürdigste ist, daß die"schon erteilte Genehmigung in einer Reihe von Orten wieder zurückgenommen wurde. Dies Versahren steht im Gegensatz zu einem Erkenntnis des Oberverwaltnngsgerichls, wonach Gründe lokaler Natur vor- liegen müssen, die eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit vor- aussehen lassen. Der Bürgermeister von Bnnzlau hat offen er- klärt, die Zurücknahme der sckon erteilten Genehmigung sei auf Anweisung des NcgieniugSpräsidenteu erfolgt. Eucrgiickcn Protest einlegen müssen wir nochmals gegen das verfassungswidrige Vorgehen im Britzer Kranken hause, wo ein jüdischer Praktikant nicht zugelassen wurde, weil die Aerzte erklärten, mit Juden nicht verkehren zu wollen. Der Landrat hat die Beschwerde dagegen zurückgewiesen. Daher möchte ich den Herrn Minister des Innern bitten, dafür zu sorgen, daß die durch die Ver- fassung gewährten Rechte aufrechterhalten bleiben.(Bravo! links.) Die Weiterberatung wird auf Dienstag 11 Uhr vertagt. Schlich 4'/« Uhr._ Hub Induftne und Rande!* 59 Millionen Mark Tantiemen in einem Jahre! Die Einnahmen der Herren Aufsichtsräte in den Aktien- gesellschaften, Kommanditgesellschaften aus Aktien und Gesellschaften mit beschränkter Haftung entziehen sich meist der öffentlichen Kon- wolle. Gerade die großen und größten Banken und Industrie- gesellschaften haben eS sich angewöhnt, über Tantiemen keine Mit» teilungen zu machen. Bei ihnen verschwinden die Summen meistenteils unter Geschäftsunkosten oder anderen AbrechnungSkonten. Einen Anhalt für die in Deutschland alljährlich gezahlten AufsichtSrats- tantiemen gibt das Resultat der AufstchtSratStantiemensteuer, die ain 7. Januar 1900 Gesetz geworden ist. Versteuert werden aber nur Tantiemen von Gesellschaften, bei denen die Gesamtsumme mehr als 5000 M. ausmacht. Außerdem bestehen noch Kautelen, welche die Steuerpflicht einschränken. Die Steuer selbst beträgt acht Prozent des Tantiemrnbetrags. Die Einnahmen aus der Tantiemensteuer betrugen in den Tleuerjahren 1907/08.... 4,21 Millionen Mark 1908/09.... 8,28,, 1909/10.... 4.74 Diese Erträge entsprechen einem Tantiemenbetroge von rund 52'/, Millionen Mark im Jahre 1907/08, 41 Millionen Mark im nächsten und 59'/, Millionen Mark im letzten Steuerjahre l Also fast 60 Millionen Mark wurden in einem Jahre versteuert. Der wirkliche Tantiemenbetrag ist natürlich b e» deutend höher. Neben den Tantiemen kommen dazu an die Direktoren, Prokuristen usw. noch enorme Summen al« Gratifikationen usw. zur Verteilung. Besonders interessant ist, daß die Tantiemensumme für 1909/10, die des Vorjahres schon be» deutend überragt. Die Arbeiter haben von der Besierung der Konjunktur an ihren Löhnen noch nicht» gemerkt; die Herren AufsichtSräte in den Aktiengesellschaften leben aber schon wieder in den Freuden einer indnsttiellen Hochkonjunktur. Harmonie der Interessen l_ Reichtum kein Verdienst. Aus welcher„verdienstvollen" Arbeit der Reichtum mancher Familien erstanden ist, darüber lesen wir in der.Bauwelt":.Um 1825 herum war daS Grundstück am PotS- damer Platz, auf dem heute Josty steht, eine Wiese, die beim Ver- kauf 25 Taler, eine Ziege und«in Schnapskrühstück brachte, womit der Schöneberger Verkäufer und Schönrbergrr Käufer in gleicher Weise einverstanden waren. Nun, die Millionen kamen und mit ihnen Adel und adlige Verschwägerungen. Zwei Fräulein Berge- mann heirateten Herren V. Bennigsen und v. Bramischweig. Zwei Damen Richnow tourden Frauen v. Reichel und Baronin v. Wrangcl und ein Fräulein Hewald eine Freiin V.&. Horst. Ein Vetter von ihr wurde von Eoburg-Gotha barouisiert, tat sich als Aeronaut hervor und ist vor kurzem gestorben. Die HewaldS versippten sich weiter mit denen v. Gandecker und v. Blankensee. Die Abkömm- linge der Schöneberger sitzen jetzt auf Maldenten, Gentzrode, Ziplow und anderen Gütern." Strasienbahnen-Goldgrube« für da» Kapital. Der westdeutsche Grubenmagnat StinncS hat eS nicht nur ver- standen, seinen BergwerkSbesty ungeheuer zu vermehren, mit Erfolg betrieb er auch die Erweiterung des Rhetnisch-Westfälischcli Elektrizitätswerke». Bor einigen Jahren kaufte er die Bochum- Gelienkirchener Straßenbahn. Sein Plan ging dahin, da» gesamte Elekirizitätswesen des Jndustriebezirke» zu monopolisieren. Da» scheiterte an der Aufmerksamkeit emlaer Gemeinden, die zwei kommunale Eleltrizilätswerke erstehen ließen. Die von StiimeS angekaufte Straßenbahn rentiert sich nun ausgezeichnet. Trotz der eingetretenen AerkehrSabnahme ist der Ueberschuß im letzten Jahre bei verminderten Emnahmen um 14 598 M. gestiegen. Die BetriebSeinnabme betrug für 1909 2 083 439 M..' die Ausgabe 1 490 300 M. Der Ueberschuß beläuft sich auf 1 238 757 M.. der Reingewinn auf 075111 M. ES kommt dabei in Betracht, daß es dem Besitzer durch den Erwerb der Bahn möglich geworden ist, die Kabellegung des Rheinisch-Westfälifchen Elektrizitätswerkes ungehindert ausführen zu können. StinnsS hat den beteiligten Gemeinden ein Schnippchen geschlagen und ein gutes Geschäft vor der Nase fortgcschnappt Hinter de» Kulissen der Standard Oil Company. Rockekeller, der leitende Mann des Petroleumtrusts, bat vor einiger Zeit angeblich sein ganzes Vermögen oder wenigsten» eine runde Milliarde für voltspädagogische und wohltätige Zwecke fest« gelegt. Do» hindert ihn aber nicht, auch weiterhin mit allen kapita- listiichen Mitteln vorzugehen, wenn er seinen Profit geschmälert sieht. Vor allem ist ihm die Gründung neuer Petroleumgesellschaften ein Dorn im Auge. Die Standard Oil Company hat nun, wie das „Daily Chronicle" mitteilt, eine BcstechungSkampagns eingeleitet, um die englische Presse zu gewinnen und durch ihre Benutzung unbequeme Konkurrenz totzumachen. Ueber die Beziehungen zwischen der käuflichen Presse und der Standard Oil Company geben die nachstehenden Brief« Aufschluß: Herrn H. H. Edmonbll Sehr geehrter Herr l Baltimore, Md. In Beantwortung Ihres w. Schreibens habe ich das Ver« gnügen, Ihnen hiermit den Jnhaberschein über ein Depot von 3000 Dollar zu übersenden, die aus Ihren Namen eingezahlt sind als Betrag für ein Jahresabonnement auf»The ManufacturerS Record". Hochachtungsvoll Ins D. Archbold. DaS Blatt kostet 4 Dollar jährlich, also bezahlt Mr. Archbold gleich das Abonnement auf 750 Jahre im voraus. Ein zweiter Brief lautet: Herrn Thomas P. Grasty New York. Sehr geehrter Herr Grasty l Wir sind bereit, unser Abonnement in Höhe von 5000 Dollar jährlich auf„The Southern Farm Magazine" um ein weiteres Jahr zu verlängern; die Zahlung würde in derselben Weise erfolgen wie im verflossenen Jahr. Wir zweifeln nicht daran, daß der Einfluß Ihres Blattes im Süden uns wertvolle Dienste leisten wird. Hochachtungsvoll Jno D.«rchbold. Da jedermann für 50 Cent jährlich auf das Blatt abonnieren kann, sbezahlt Mr. Archbold in diesem Falle den AbonnementsprciS gleich für 10 000 Jahre. Dazu ist zu Hemerken, daß Mr. Archbold der Generaldirektor der Standard Oil Company und RockefellerS Vertrauensmann ist. In diesem Zusammenhange mag noch der Gehelmdienst ge« schildert Verden, den der Trust als Hilfe im Konkurrenzkampf unter« hält. In dem von der amerilonischen Regierung eingereichten Schrift- satz zu dem vor dem Höchsten Gericht der Vereinigten Staaten schwebenden Verfahren gegen den Trust wird darüber gesagt: „Die Standard>Otl Company unterhält in New York eins Geheimabteilung, die als Statistische Abteilung bekannt ist. Durch diese Abteilung hat sie ein vollständiges System zur Ausspionierung ihrer Konlurrenz im ganzen Gebiet der Vereinigten Staaten ein« gerichtet.' Nur unter großen Schwierigkeiten gelang der amerikanischen Re« gierung die Ausdeckung dieses Systems. Viele der leitenden Person» lichkeiten der Standard Oil Company wurden darüber gerichtlich vernommen und leugneten so lange, daß sie davon etwas wüßten, bis ihnen gewisse Berichte und Mitteilungen vorgelegt wurden. die in den Besitz der Regierung gelangt waren. Ans diesem Material geht hervor, daß die Standard Oil Company ein System der Berichterstattung eingerichtet hat, wonach sich jeder ihrer Verkäufer und Agenten über jeden Petroleum- tranSport unterrichtet, der in seinem Bezirk für Rech- nung einer unabhängigen Gesellschaft geschieht. ZiveckS Erlangung derartiger Mitteilungen werden Eisenba hnbeamte be- stachen, damit sie die gesuchten Auskünfte geben, Angestellte der Company halten sich an den Bahnhöfen auf, um aus den Aufschriften auf den Fässern und Wagen Absender und Empfänger zu ermitteln; Spione gehen den Vertretern und den Tankivagen der Konkurrenzgesell- schasten nach, um deren Abnehmer zu ermitteln; Detektiv« machen sich an die Angestellten dieser Gesellschaften heran, um sie auszuforschen, und noch eine ganze Reihe gleich unsauberer Mittel werden anae» wandt. Diese Berichte gehen unmittelbar an den Vorstand der Verkaufs- abteilung de« Trusts, und der Vorstand unterrichtet daraus wieder die Vorstände der BezirkS-Verkaufsorganisationen über die Vorgänge in ihrem Gebiet. Dann geht das Material inS Archiv. Das ganze wird mit größter Heimlichkeit betrieben. So unterzeichnen zum Bei« spiel die bestochenen Eisenbahnbeamten die von ihnen eingesandten Berichte nicht mit ihrem Namen und benutzen völlig neutrale Brief« bogen, aus denen über die Person des Absenders nicht daS geringste zu ersehen ist.__ «itterungsUberOcktt vom g. Mai 1910, m»raen» 8 Uvr, Cwanifn Setter Zwtnemde:7623!D (amburg! 75t ONO verlw i 762 31 Frantl.a vi 7SS NO «ilnchea j 759 NW Wien 758 NNW 2 bedeckt 2 bedeckt S bedeckt 3 Regen 3 Regen 2 dedeckt Ak »n t* «tatwnen -? Setter varanda 793 S SeterSburg 765883k® Ectlly «derdevi Bant 7S3WNW 795 NW 792 ONO > LwoMg 1 wolkig 5bi>>eltt 9 heiter 2 Regen & 0 0 0 8 L0 evenerprognol« für Dienstag, den S. Mai IvIN. Kühl, vorwiegend trübe mit Regenlüllen und ziemlich Irischen nörh, lichen Winden, dazwischen zeitweis« ausü-nend. Oerllner Wetlerdureau. WasserstandS.Nachrtchl,!» der LandeSanstalt für Eewässerklmde, mitgeteilt vom Berliner Weiierburcau. WasserNand Vi e m e l. TUM P r e g e l. Jiiitrrdura Weichsel, Tdorn Oder. Ratibor , Kroisen , grantlurt Warthe, Sckrimm , LandSderg Netz«, voromnm Elb«. Lettmeri, , Dresden , Bardo , Magdeburg 0 4- bedtutel Wuchs,— Kall.—•) UiUerveaet. Fiir Mandtm emplehlen wir: Silva-WaniMarfen Oberipree Potsdam Mdeinsberg Scharmiitzelsee Strausberg Tegel Teupii» Märlische Schweiz Skarblg Mit Ort». register und Wege- beschrelbung preis b. Karte 75 Ps. Sllva-Blanderliarte der Uutgksstnd voll Krrlill mit OrtSlegifter Skardig 50 Ps.. Siardlg 1 M. Silva-Märkischer Wanderallas mit OrtSregifter u. Wegebeschreibung Siardlg in. u Karlen, gcb. 1.00 M. 6„„ 22„. 1.50. Expedition des Vorwärts Berlin SW.. Lwdenstr. 69, Laden. Sofastoffe Rlosonauswahl aller Oualitatsn 1 1 Wolle- Onofol Moqnette Plüsch- Saitsltaschen Zimmer- und Treppen- Läuferstoffe Koka«, Haargarn, Velour elo. Köster k'jK? franko. Teppich-Spezlailiaas Emil Lefevre Berlin, 0ranienstr.f58 Kinderwagen, Sportwagen billig Kießling. Gneisenaustraße 15. 13906 SozIaldefflokratiselierWaMiereinl für lien 4. Beriiaep Heielisiags-WaWkTeis. Sonböbargee Viertel. (Beziri 374, Teil II.) Den Mitgliedern zur Nachricht,\ bafj unser Genosse, der Metall- arbeiter Pau! Krumbliolz Pro-Zkauer Str. 5 gestorbe» ist. Ehre seinem Zlndenken! D'«' Beerdigung findet am I Mittwocy,.'in 4. Mai, nach» I mittags 5 Uhr, von der Halle I des Zentral-FriedboseS in Fried- s richsselde aus statt. Um. rege Beteiligung ersucht ! 217/15 Der Vorstauo Verliafitl der LiffiopjlieD, SteiüilryEker u. verw. Berufe. (Deutscher Senefelder-Bund.) Am 29. April verstarb unser Mitglied, der Stcindrncker Paul kleine im Alter von 57 Jahren an Magenkrebs. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet heute DienStag, 3. Mai, nachmittags 2 Uhr, von der Leichenhalle des Katholischen Friedhoscs in Wil- belmSbcrg aus statt. 283/15 Die Verwaltung der Filiale I. Oeutscher HoIzarbeKer- Verband Den Mitgliedern zur Nachricht. dag unser Kollege, der Möbel- Polierer Lmil Spreeker am 29. April gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Dienstag, den 3. Mai, nach- mittags 4 Uhr, von der Halle des Auserstehungs- KirchhoseS am Weißenscer Weg nuS statt. Die Ortsverwaltung. Danksagung. Allen Verwandten, Freunden und Bekannten sowie dem Gesangverein Licdertasel, dem Sparvercin Vor- wärts, den Arbeilerinnen der Firma Grätz und den Kollegen der Firma E. Reuter, sage ich meinen ausrich- tigsten Dank für die rege Teilnahme bei der Beerdigung meiner lieben Frau. Obcr-Schöneweide. den 2. Mai 1910. K»i>! Kropp. Danksagung. Allen, welche an der Beerdigung meiner inniggclicbten Frau teil- genommen sage meinen herzlichen Dank, besonders dem Verbände der Buch-undSteindruckerei-Hilssarbciter, Zahlstelle Berlin. 29925 Panl Renner. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes Otto ZSetae sage ich allen Freunden und Bekannten, insbesondere dem Wahlvercin sowie dein Gesangverein Licdertasel meinen ausrichtigsten Dank. l£li«nbetl, Xe.ine nebst Kindern. Danksagung. Allen, welche anläßlich deS TodeS meiner lieben Frau Klara Krause geb. Derth mir ihr Beileid aus- gedrückt haben, sage ich hicruitt meinen tiesgefühltesten Dank. 535SL A�rtnr Krause. TYPOSRAPHIA. Heute: 60/18 Uebii�gssiunde Äciitong, Grünau! Empschle allen Freunden und Be- kannten zu den bevorstehenden EommerauSflügen mein(renoviertes) Lokal und Garten. Nur reelle Speisen und Getränke zu billigsten Preisen. K«tsv Skäsiiagn, Telephon 17. Frtedrichstr. Ä. Slnmeu- und Kranjiiiudere! von kaber! Meyer,* nur Marianilku-Straße 2. Syphilis- Nachweis in allen frisch, u. veraltet, zweifelhaft. Fall, durch wissenschastl. Untersuchung. sosort; deSgl. Harn-(spez. aus Go- :iorrhoe-Fäden) u. Sputum-Analysen. Dr. Homeycr& Co., Spczial-Laborat., Friedrichstr. 189, zw. Kronen- und Mohrenstrafie), 1. 8724. Pers. Rückspr. diSkr. u. kostenl. 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Den Herren Arbeitgebern und den Kassenmitgliedern teilen wir hierdurch ergebenst mit, daß die von der Generalversammlung am 22. November 1909 und 3. Februar 1910 beschlossene neunte Abänderung deS KassenstaiiitS die Genehmigung de? Bezirksausschusses zu Berlin erhalten hat und mit dem 9. Mai 1910 in Kraft tritt. Durch diese Abänderung werden die Mit- gliede r nach ihrem Arbeitsverdienst in 5 Klassen geteilt: 1. Kasscnmstglieder, deren Arbeitsverdienst für den Arbeitstag 4,50 Mark und mehr beträgt........... 2. Kasicn Mitglieder, deren Arbeitsverdienst für den Arbeitstag 3,50 Mari bis 4,49 Mark beträgt......•• 3. Kassenmitglieder, deren Arbeitsverdienst für den Arbeitstag 2,50 Mark bis 3,49 Mark beträgt......... 4. Kassenmttglieeer, deren Arbeitsverdienst für den Arbeitstag 1,70 Mark bis 2,49 Mark beträgt......... 5. Kassenmitglieder, deren Arbeitsverdienst sär den Arbeitstag weniger als 1,70 Mark beträgt.......... Der durchschnittliche Tagelohn ist bis a"i weiteres festgesetzt: Klasse 1...... 5,00 Mark. Klasse 4...... 2,10 Mark- „ 2,•,-. 4,00„ i 5...... 1,50. .3...... 3,00„ Die wöchentliche» Kasfcnbciiräge betragen: Für Klaffet... 1,02 Mark. I Für Klaffe 4.... .. 2..». 0,81.1.« 5.... „ ,, 3,.•. 0,60„| An Eintrittsgeld ist zu zahlen: Für Klasse 1.... 1,50 Mark, f Für Klaffe 4.... «„ 2.... 1,20„ I»» 5..,. ff ff 3.... 0,75. Außerdem ist infolge der Kaffeneinteilung§ 7, 10, 14, 21 und 49 geändert. Der Torstand. H. Schmidt, Vorsitzender. M. Brahe, Schristsührer. Klaffe 1. Klasse 2. Klasse 3 Klaffe 4. Klaffe 5. 0,42 Mark. 0,30, 0,63 Mark. 0,45, 48 5b H.& P. Uder, lÄVI; Talmk-Großhandlnng und Tabaklabrlk. Spezialität: Nordhäuser Kautabak von Q. A. Kanevuacksv, Qrimm* Trispel === Stets frisch zu den äußersten Engrospreisen. 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Nahlrecht§ipa?iergzng unü poliZeZautoritst. Für den Berliner Wahlrechisspaziercfang vom 6. März, durch den die Autorität des Polizeipräsidenten von Berlin so bedenklich ins Wonken geraten war, hatte bekanntlich am 1. April das Amts- gericht Berlin-Mitte(Abteilung 129) dem verantwortlichen Re- daktcur des„Borwärts". unserem Genossen Richard Barth» als Sühne eine Haftstrafe von 4 Wochen zudiktiert. Durch mehrere im„Vorwärts" veröffentlichte Artikel und Mit- teilungen über die Nichtgcnehmigung der im Treptower Park ge- planten Versammlung und über die daraus entstandene Absicht eines Spazierganges nach dem Treptower Park sollte Genosse Barth das Zustandekommen jener Wahlrechtskundgebung, die im Tiergarten vor sich ging, verschuldet haben. Durch seinen Spazier- gangsartikel habe er— öffentliche Aufzüge und Versammlungen unter freiem Himmel ohne die vorgeschriebene Genehmigung ver- vnstaltet und demnach das Vereinsgesetz übertreten. Ferner habe — der Tausendkünstler!— Barth durch jene Artikel zugleich andere zur Veranstaltuiig nichtgcnehmigter Aufzüge und Versammlungen, hiermit aber zum Ungehorsam gegen das Vereinsgesetz aufgefordert. Gegen das Urteil hatte Barth Berufung eingelegt. So wurde gestern Entstehung und Verlauf des Wahlrechtsspazierganges noch einmal erörtert. In der Verhandlung führte den Vorsitz der Landgerichtsdirektor Quast, die Staatsanwalt- s ch a f t wurde durch den Ersten Staatsanwalt Stein- brecht vertreten, Verteidiger war Rechtsanwalt Dr. Ä u r t R o s e n fe l d. Es waren Zeugen geladen. Das Amtsgericht war zu eineni verurteilenden Erkenntnis ge- langt, indem es annahm, daß der„Vorwärts" in Auflehnung gegen das Verbot des Polizeipräsidenten die Absicht verfolgt habe,„trotz alledem" Aufzüge und Versammlungen zustande zu bringen. Der Angeklagte sei darauf ausgegangen, den Spaziergang zu einer Massenkundgebung zu gestalten. Er habe die„Aufzüge" und„Ver- sammlungen" auf Treptower Gebiet und im Tiergarten„veran- staltet". Vernehmung des Angeklagten. Hiergegen wendet sich der Angeklagte, bevor die Artikel verlesen werden, in folgenden Ausführungen: Schon aus der Er- Hebung der Anklage geht ihre UnHaltbarkeit hervor. Zum 9. März hatte ich eine Vorladung zu einer verantwortlichen Vernehmung er- halten. Danach sollte ich zum Ungehorsam gegen Anordnungen des Polizeipräsidenten und zur Umgehung eines Verbotes aufge- fordert haben. Auf diese Anklage schrieb der„Vorwärts" mit Recht, dass sie völlig ins Blaue schieße und unhaltbar sei, weil der Polizei- Präsident keine Anordnungen im Sinne des Gesetzes erlassen, sondern nur die Genehmigung zu einer Versammlung nicht erteilt habe. Es handelte sich um keine Aufforderung zum Unge- horsam im Sinne der§§ 119 und III des Strafgesetzbuches, abge- sehen davon, daß der„Vorwärts" gar keine Aufforderung erlassen habe. Die erste Anklage fiel dann. Es wurde eine neue Anklage gebaut, aber die Anklageschrift selber ging mir nicht zu. Jetzt sollte rch Versammlungen unter fruicm Himmel und Aufzüge ohne Ge- nehmigung veranstaltet und durch den„Vorwärts" zur Begehung strafbarer Handlungen, zum Ungehorsam gegen das Vereinsgesetz aufgefordert haben. Auch diese Anklage ist völlig unhaltbar. Zu Versammlungen hatte ich nicht aufgefordert, Versammlungen hätte ich nicht veranstaltet, Versammlungen haben auch gar nicht statt. gefunden. Auch Aufzüge sind nicht veranstaltet worden. Wenn A n- sammlungen zustande gekommen sind, so ist das lediglich auf das Konto der Polizei, nicht aber auf mein Konto zu setzen. Der Polizeipräsident hat auch keine Anordnungen getroffen, er hat nur die Genehmigung zu einer Versammlung versagt und zwar zu Un» recht. Ueber den Treptower Park hat er überhaupt kein Ve» fügungsrecht, er ist dort nicht zuständig. Ich soll zur Umgehung des polizeilichen Verbotes aufgefordert haben. Eine Aufforderung zur Umgehung einer strafbaren Handlung kann nicht strafbar sein, sie ist das direkte Gegenteil einer strafbaren Handlung, wie auch die Um- gchuiig ciueS Diebstahls kein Diebstahl ist. Der„Vorwärts" ljat lediglich mitgeteilt, daß ein Wahlrechtsspaziergang stattfinden werde. Das ist ebensowenig eine Aufforderung, wie z. B. die Mitteilung, daß Tausende sich den Halleyschen Kometen ansehen werden. Selbst wen» der„Vorwärts" zu dem Spaziergang a u st- gefordert hätte, so wäre das auch kein Verstoß gegen die Ge- setze, weil ein Spaziergang keinen Aufzug und keine Versammlung darstellt. Der„Vorwärts" hat erklärt, daß das Verhalten des Polizeipräsidenten den Gesetzen zuwider ist, weil die Berliner Ar» beiterschaft wie jeder andere ein Recht auf die Straße hat. Das zu sagen, war nicht nur unser gutes Recht, sondern geradezu unsere Pflicht. Auf die provozierende Nichtgenehmigung der Versammlung antwortete der„Vorwärts" mit einem„Trotz alledem", das so zu verstehen war: Trotz alledem lassen wir uns nicht zu Ungesetzlich. keitcn hinreißen, sondern bekunden unseren Willen in anderer und durchaus gesetzlicher Weise. Erster Staatsanwalt Steinbrecht verwahrt sich gegen den Ausdruck, die Anklage sei„gebaut" worden. Erhoben sei über- Haupt nur eine Anklage, die keineswegs in Widerspruch zu der anfänglichen Auffassung der Staatsanwaltschaft stehe. Verteidiger Dr. Rosenfeld erwiderte, man spreche vom„Bau einer An- klage" und so auch von ihrem„Zusammenbruch", und hoffentlich werde der Anklage gegen Barth diesmal der Zusammenbruch be- schieden sein. Darüber, ob die Anklagebehörde ihren Standpunkt geändert hat, entspinnt sich eine längere Kontroverse. Der Ver teidiger stellt aus der Vorladung zur verantwortlichen Vernch n.ung des Angeklagten urkundlich fest, daß darin direkt von einer Aufforderung zum Ungehorsam gegen Anordnungen des Polizei Präsidenten die Rede war. Nack, dieser Konstatierung, daß der Angeklagte völlig zu treffend den Werdegang der für den Polizeipräsidenten eingeleite ten Rettungsaktion geschildert hat, werden die inkriminierten Artikel verlesen. Ein Zwischenfall. Während der Verlesung wird dem Verteidiger bekannt, däß im Zuhörer räum ein paa r Kriminalbeamte sitzen. Er macht den Vorsitzenden darauf aufinerksam und erhebt Einwendungen mindestens dagegen, daß der eine dieser unge- betenen Gäste, der Kriminalbeamte Palm, die Ver- Handlungen mit anhört. Palm habe als Kriminalbeamter sich in einen sozialdemokratischen Wahlverein aufnehmen lassen. Jg. der Vcrhandung werde vielleicht auch zur Sprache kommen müssen, daß Aehnliches von Kriminalbeamten öfter getrieben worden ist und daß Kriminalbeamte direkt an Kundgebungen der Sozial- dcmokratie teilgenommen haben. Palm werde dafür als Zeuge benannt, mithin möge man ihn ersuchen, den Zuhörcrraum zu verlassen. Der Vorsitzende fragt darauf, ob„ein Herr Palm" da sei. Herr Palm meldet sich und wird dann hinaus- geschickt. Nach oder im Teptower Park? Zu den Artikeln äußert sich der Angeklagte im einzelnen noch eingehender. Der Staatsanwalt glaubt hervorheben tu sollen, daß im„Vorwärts" immer von einem Spaziergang i m 'reptower Park geredet worden sei, während es sich doch um einen Spaziergang nach diesem Ziel gehandelt habe, den der Polizei- Präsident nicht habe dulden dürfen. Barth antwortet, dieses „nach" sei durch den Polizeipräsidenten hineingetragen worden. Bezüglich der Versagung der von den Genossen Ernst und Borg- mann nachgesuchten Genehmigung zu einer Versammlung unter freiem Himmel stellt Barth fest, daß hierin keine„Anordnung" de? Polizeipräsidenten zu erblicken war. Er lehnt die Zumutung ab, daß die sozialdemokratische Arbeiterschaft Berlins mit ihrer Wahlrcchtskundgebung hätte warten sollen, bis im Vcrwaltungs- streitverfahren der Polizeipräsident eines anderen belehrt worden wäre und führt Fälle an, in denen ein solches Verfahren länger als ein Jahr gedauert hat. Der Staatsanwalt weist hin auf die inzwischen ergangene Entscheidung des Bezirksausschusses, der dem Polizeipräsidenten beigestimmt habe. Der Verteidiger erwidert, von vornherein sei nicht auf den Bezirksausschuß, sondern auf das Oberverwaltungsgericht gerechnet worden. Es wird dann in die Beweisaufnahme eingetreten. Wieder tritt in ihr der scharfe Gegensatz zutage, der zwischen der Auffassung der Polizeibeamtcn über die Vorgänge vom 9. März und den Wahrnehmungen nichtbeamteter und unbetetlig- ter Zeugen besteht. P o l i z e i w a ch t m e i st e r Dehme! hat in der Umgebung des Gcwerkschaftshauses drei Züge nacheinander beobachtet. Den ersten veranlasste er selber, vom Fahrdamm sich auf den Bürger- steig zu begeben, weil er wünschte, daß es„nicht einen so demon- strativen Eindruck machte". Dieser Zug habe sich ruhig bewegt, dagegen habe der zweite„kolossalen Radau" gemacht. Auch seien Rufe wie„Bluthunde!" usw. gefallen. Auch der dritte sei„ein Radauzug" gewesen. Daß Ordner tätig waren, nimmt Zeuge an, weil einmal, als der Wagenverkehr zu stocken drohte, den ein- greifenden Beamten von einigen Teilnehmern des Zuges gesagt ivurde:„Lassen Sie man. das machen wir alleikU" Eingeschritten worden sei nur gegen den dritten Zug. der an der Neuen Noßstraße die Schutzmannskette zu durchbrechen versucht habe. Polizeihauptmann Bernhard- Rixdorf. der den Auftrag erhalten hatte, den Treptower Park abzusperren, berichtete eingehend über seine Beobachtunge am 6. März. Er bekundet u. a., daß der Dammweg schwarz voll Menschen war; es mochten wohl 4—5999 Menschen gewesen sein, die heranrückten und von den Po- lizeimannschaften nicht durchgelassen wurden. Ordner oder Leiter hat der Zeuge nicht bemerkt. Am Treptower Bahnhof brachte jeder Zug Hunderte von Menschen, die die unten schon angesammelten Menschen von oben herab begrüßten und die immer mehr an- schwellende Menge mußte mehrfach auseinander getrieben werden. Da aus einigen dortigen Restaurationsgärten nicht nur gejohlt und geschrien, sondern auch mit Steinen und Seideln geworfen wurde, so mußten diese Gärten geräumt werden. Die 4— 5999 Menschen, die sich am Dammweg stauten, haben auf den Zeugen nicht den Eindruck gemacht, daß es sich um zufällig zusammen- treffende harmlose Spaziergänger handelte, sondern um einen planmäßigen Zug, zumal aus der Menge Rufe wie„Bluthunde!" und„Pfui!" ertönten. Wäre Gewalt von der Menge angewendet, worden, so würden die Polizeimannschaften mit Gewalt geant- wartet haben, aber es sei hierzu nicht gekommen. Chefredakteur Dr. Alfr. Qehlke- Breslau ist am 6. März einige Zeit durch den Tiergarten gefahren. Er hat den Eindruck gehabt, daß die Arbeiter sich ruhig und besonnen gezeigt haben, die Polizei aber sehr nervös war. Zu Anfang boten die Leute das Bild geschlossener Züge, viele von ihnen hatten Bücher in der Hand und sangen die Arbeitermarseillaise. Restaurateur Gustav Perchner, Besä der eine? Restaurants unmittelbar am Treptower Bahnhof, bekundet, daß sein erwartetes gutes Sonntagsgeschäft dadurch gestört worden sei, daß mehrmals sein Lokal von der Polizei geräumt wurde, zuerst oer Garten, dann später der Saal und die Galerien, wohin sich die Gäste, die aus gutem Publikum bestanden, zurückgezogen hatten. Der Zeuge hat nichts davon gesehen, daß mit Steinen oder Seideln geworfen worden sei. Als er Einspruch gegen die Maßregel erhob, habe der eine junge Leutnant, an den er sich wandte, geantwortet: „Das ist mir ganz egal, stören Sie mich jetzt nicht! Sie können sich beschweren, ich mache was ich will!" Der Zeuge betont, daß in seinem Lokal das ganze Jahr nichts vorkomme und daß, wenn irgend jemand sich nicht ordnungsmäßig betrage, er selbst und auch die Gäste selbst für Ordnung sorgen. Mehrere Polizeibeamte bekunden Einzelheiten über die Maßnahmen, die die Polizei gegenüber den Demonstranten im Tier- garten für geboten erachtet hat. Sie haben den Eindruck gehabt, daß es sich um„Züge" handelte, die von unsichtbaren Führern ge- leitet wurden. Rechtsanwalt R o s e n f e l d bemängelt diese Aus- sagen und zeigt, daß die Zeugen weniger mit eigenen Beobachtungen als mit allerlei Schlüssen operieren. Der Schutzmann Müller sagt unter anderem:„Die Züge schienen organisierte Arbeiter zu sein." Verteidiger: Schienen I Warum denn? Zeuge:„Na, wissen Sie, ich habe ja nicht soviel Verstand— ich verbitte mir das!" Der Vorsitzende verweist den Zeugen zur Ruhe, indem er sich diese Art, dem Verteidiger zu antworten, verbittet. Polizeiwachtmeister Marquardt wiederholte u. a. seine frühere Aussage, wonach in der Umgegend des großen Sternes in der Menge verschiedene rote Tücher, die wie Fahnen geschwenkt wurden, geführt und Rufe wie„Bluthunde",„Mörder",„Hoch die völkerbefreiende Sozialdemokratie usw. gerufen wurden. Schutzmann Mainz läßt den vielerwähnten„Herrn im Auto" aufmarschieren, der ein rotes Buch geschwenkt habe, sowie die „Dame im Auto", die mit einem roten Bouquett gewinkt habe. Schutzmann Noll kann, wie in der Verhandlung erster Instanz, so auch jetzt wieder sich nicht entsinnen, daß nach der Attacke am Großen Stern einer der Attackierten den kommandierenden Offizier nach einem Schutzmann habe suchen lassen, von dem auf einen Wehrlosen eingehauen worden war. ChefredalteurTheodorWolff vom„Berliner Tage- blatt", der den Aufmarsch der Demonstranten im Tiergarten mit angesehen hatte, gibt wieder, wie in erster Instanz, eine zusammen- hängende Darstellung seiner Wahrnehmungen. Der Aufmarsch habe sich in voller Ruhe und Ordnung vollzogen, bis zu dem Zlugcu- blick, wo die Polizei eingriff. Die Attacke der Polizei sei nach seiner Meinung sinnlos und unvernünftig gewesen und habe erst Anlaß zu großer Erregung, nicht nur unter den Manifestanten, sondern auch unter dem Publikum, welches aus guten Elementen bestand, gegeben. Die anziehenden einzelnen Gruppen haben den Verkehr nicht behindert und dem Publikum keinerlei Angst oder Furcht ein- geflößt. Einzelne Personen schienen die Ordner zu sein. Die Rufe„Bluthunde" usw. seien erst nach der Attacke der Polizei er- folgt. Richtig sei es, daß von den Manifestanten die Marseillaise gesungen und Hochrufe auf das freie Wahlrecht ausgebracht wurden. Ter Zeuge hat die feste Ueberzeugung, daß die Menge ganz ruhig auseinander gegangen sein würde, wenn die Polizei nicht ringe- griffen hätte. Von einer„Versammlung" kann man nach Ansicht des Zeugen nicht sprechen, weil die Leute fortwährend in Bewegung waren. Auch Redakteur Fritz Engel wiederholt seine Bekun- düngen in erster Instanz, wonach kleinere Gruppen in Ruhe und Ordnung nach dem Großen Stern zu strebten, ohne Verkehrs- störungen zu verursachen. Es wurde die Arbcitermarseillaise ge- sungcn, aber nicht plötzlich gemeinsam als Massendemonstration, sondern es wurden halblaut gruppenweise Lieder angestimmt. Die total verunglückte Attacke der Polizei habe erst eine große Erregung hervorgerufen; erst beim Anrücken der Polizei hatten sich die Leute umgedreht und seien stehen geblieben. Erst danach ertönten Rufe, wie„Bluthunde", doch dagegen griffen die Ordner ein. Dasselbe geschah, als dem Zeugen selbst bei Gelegenheit aus der Menge zu- gerufen wurde:„Hut ab beim Hochruf für das Wahlrecht!" Der Zeuge hat diese Aufforderung nur als erncn übermütigen Ruf be- trachtet. Von dem vorgeladenen Zeugen Prof. H a r n a ck- Stuttgart ist ein Schreiben eingegangen, wonach er zum Termin nicht er scheinen könne, da er dazu des Urlaubs seiner vorgesetzten Bo Horde bedürfe und diese in der kurzen Zeit zwischen seiner Vor ladung und dem Termin nicht zu beschaffen war. Der Zeuge gilt ajS entschuldigt. Als Zeuge wurde der Reichstagsabg. Gothein ver» nommen: Er habe von seiner Wohnung in der Hindersinstr. 3» 2. Etage, zwischen 2 und 3 Uhr einige der Vorgänge bei dem Ab- gang der Massen aus dem Tiergarten beobachten können. Er habe gesehen, daß die Leute, die vom Tiergarten zurückkamen, von be- rittenen Schutzleuten in der Weise zurückgedrängt wurden, daß die Schutzleute das Trottoir entlang ritten und die Leute mit ihren Pferden vorwärts drängten. Dabei wurden einigen durch die Pferde- köpfe die Hüte vom Kopf gerissen, anderen traten die Pferde mit ihren Hufen auf die Hacken. Das machte keinen erhebenden Ein- druck. Auf Befragen erklärt der Zeuge, daß nach seiner Meinung erst durch das Auftreten und das Nachdrängen der Schutzleute die ganze Sache in Unordnung geraten und dadurch berechtigte Miß- stimmung unter- die Zurückgedrängten hineingetragen sei, denn unter der Menge, die vor den Pferdehufen flüchtete, befanden sich auch Frauen und Kinder, Mädchen nrit Körben usw. Wo eine Störung des BcrkehrS eintrat, habe dies nach seiner Ansicht die Polizei bewirkt. Denn ehe sie gekommen, habe sich der Verkehr in vollster Ordnung vollzogen und es wurde zede Droschke und jedes Auto durchgelassen. Reichstagsabgeordneter Stadthagen ist am 6. März von 11(4 Uhr an längere Zeit in der Hofjägerallee und den angrenzenden Wegen des Tiergartens, nahe dem Großen Stern auf und ab gegangen. Er sah größere Massen von Spaziergängern, hat aber von irgendwelcher Verkehrsstörung nichts bemerkt. Es wurden Wahlrechtshochs ausgebracht, und gleich dar- auf machten Berittene erst auf der Ostseite, dann auf der Westseite der Allee eine Attacke auf die Menge. Diese stob auseinander, und nun fielen ganz spontan Ausdrücke, wie„Bluthunde!" Ich selber blieb auf der Westseite stehen. Als ein Berittener auf mich zu- sprengte, sagte ich ihm, er solle auf dem Reitweg bleiben. Er hielt mit seinem Säbel auf mich zu und traf mich an den Paletot. Ich parierte mit meinem Stock, traf aber nur das Pferd. Durch das Pferd des nachfolgenden Berittenen wurde ich auf den Rasen ge» worfen. Bor der Attacke der Polizei war von Unruhe nichts zu bemerken gewesen. Mir ist mitgeteilt worden, daß ein Fabrikant sich als Zeuge dafür angeboten hat. daß am Großen Stern beim Hirsch» denkmal mit dem Säbel ans einen am Boden Liegenden ein� geschlagen ist. Auch soll«in Polizeihauptmann gesagt haben:„Diese verfluchte Bande. Jeden Sonntag muß man sich ärgern, die Muß man gleich zusammenhauen". Was den mehrfach erwähnten Mann betrifft, der in einer Droschke herumgefahren und ein rotes Buch geschwenkt haben soll, so fei dies, wie ihm mitgeteilt worden, nicht ein Parteigenosse gewesen, sondern ein Mann, der früher der Partei angehört und mit den sozialistischen Monatsheften herum. geschwenkt habe. Auf Befragen erklärt der Zeuge noch, daß am Großen Stern der Verkehr nicht gestört gewesen sei. Er selbst habe sich durch das Vorgehen der berittenen Schutzleute persönlich be- einträchtigt gefühlt und Strafanzeige erstattet. Gegen den ab» lehnenden Bescheid, der ihm geworden, habe er Beschwerde ein- gelegt. Auf dem Stern hätten gedrängt kaum 2999 Personen Platz. Ein Handlungsgehilfe Levy bestreitet gleichfalls, daß am Großen Stern ein Verkehrshindernis entstanden war; alles sei ruhig und friedlich gewesen, bis die Attacke der Berittenen, für die kein Grund zu erkennen war. eingerissen habe. Der Zeuge be» kündet noch eine Episode, wo zwei Berittene einen einzelnen Mann über den Rasen gejagt hätten. Redakteur Dr. Heuß hat die Vorgänge vor dem Bismarck- denkmal. auf der Rampe des Reichstagsgebäudes und an der Siegessäule mit angesehen. Die ganze EntWickelung der Men» schenmenge habe auf ihn einen ästhetisch angenehmen Eindruck gemacht, er könne nicht sagen, daß sie eine Versammlung oder einen Zug darstellte. Er habe den besten Eindruck von der ganzen Veranstaltung gehabt, denn die Leute machten im allgemeinen einen festlichen und gehobenen Eindruck. Die Zeitungsnachricht. daß auf der Rampe des Reichstagsgebäudes eine rote Jahne ge. hißt worden, sei nicht richtig. Ein Mann wurde von einem an- deren auf die Schulter gehoben und schwenkte ein rotes Tuch hin und her. Er habe von der ganzen Manifestation nur den Eindruck gehabt, daß es ein großartiges und friedfertiges Bild gewesen. Der Verkehr in der Nähe der Siegessäule war nicht gehemmt. Zeugin Ruth Brö aus Herischdorf im Riefen- gebirge ist Herausgeberin einer Zeitschrift„Mutterschutz und Kinderrecht". Sie war am 6. März in Berlin und hat den An- fang der Vorgänge am Großen Stern mit angesehen. Es seien kleinere Trupps gekommen, die sich zu immer größeren Zügen vereinigten. Die Ordnung und Disziplin, die dabei herrschten» haben auf sie einen großartigen Eindruck gemacht. ES vollzog sich alles ganz ruhig, so daß man nicht wußte, wer zu den Demonstran- ten und wer zu den Spaziergängern gehörte. Wenn Polizeipräsi- dent v. Jagow diese Ruhe und Ordnung, die vor dem Erscheinen der Schutzleute herrschte, gesehen hätte, dann hätte er sicher alle seine Befehle zurückgenommen.(Heiterkeit.) Es wurde noch eine Anzahl von Schutzleuten vernommen» die allerlei Einzelheiten bekundeten, aus denen hervorgehen sollte, daß es sich um„Aufzüge" handelte und die von der Polizei ge- troffenen Matznahmen der Situation entsprachen. Polizeileutnant R a u s ch k e sagte unter anderem aus. daß, als er auf dem Vorderperron eines Straßenbahnwagens über den Großen Stern gefahren sei, aus der Menge ihm drohende Worte, wie„Blut- Hunde",„Mörder" und dergleichen zugerufen worden seien. Nach seiner Wahrnehmung seien Ordner vorhanden gewesen, die durch Erheben der Hand das Zeichen gaben, wenn Hochrufe ertönen sollten. In einem Auto seien 6 Mann mit einer roten Fahne umhergefahren. Ein anderer soll ein Plakat mit den Bildern von Max und Moritz und der Unterschrist:«Etsch, wir machen eine Landpartie!" herumgetragen haben. Ein paar r o t e„F a h n e n" wurden übrigens durch den Zeugen Schutzmann Lawrenz vor Gericht entfaltet; sie waren aus den Bäumen des Tiergartens heruntergeholt worden und gingen nun in die„Akten". PlaiboherS. Nach Schluß der Beweisaufnahme begründet der Acrtei- diger Rechtsanwalt Rofenfcld die Berufung: Das ganze Verfahren gegen den Angellagten ist nichts weiter als ein Produkt der Verlegenheit, in der nach dem 6. März Polizeibehörden und Sraatsanwaltschaft sich befanden. Alle Welt war darüber einig, daß die Arbeiterschaft Berlins Bewunderung verdiente für die Art, in der sie ihren Willen kundzugeben verstanden hatte. Die Polizei hätte wohl nichts weiter dagegen getan, wenn nicht das Gelächter der ganzen Welt sich gegen sie gerichtet hätte. Die Polizei war versetzt worden: sie selber befand sich in Treptow, und im Tier- garten wurde demonstriert! Sie suchte nun nach den Veranstaltern und fand niemand, da versuchte man, aus den Artikeln des„Vor- wärts" die Möglichkeit einer strafrechtlichen Verfolgung zu ent- nehmen. Der Staatsanlvaltschaft wurde es nicht leicht, eine Anklage zustande zu bringen. Aber auch das, was sie zustande gebracht hat, ist durch die Beweisaufnahme widerlegt worden. Die Anklage und das Urteil erster Instanz ruhen durchweg auf Annahmen und Mut- maßungen, die als„zweifellos" hingestellt wurden und schon dadurch sich als sehr zweifelhaft charakterisieren. Straßendemon- strationen sind an sich zulässig, s« hat das Kammergrricht ent- schieden. Wie soll es da etwas Rechtswidriges sein, falls wirklich zu eurer Straßendemonstration„aufgefordert" worden wäre! Der Vorderrichter bezeichnet es als„zweifellos", daß der Angeklagte die Demonstration„veranstaltet" habe und daß es sich bei ihr um Aufzüge und Versammlungen gehandelt habe. Kein Wort in den Artikeln des„Vorwärts", die lediglich sich allgemein über die Zu- lässigkeit eines Wahlrechtsspazicrgangcs äußern, deutet auf eine „Veranstaltung" hin. Barth habe, so sagte in der Verhandlung erster Instanz der Staatsanwalt, noch am Abend vor dem 9. März selber nicht gewußt, wo er am anderen Tag« seine.Veranstaltung" ausführen werde. Das ist die aus den Artikeln des ,, Vorwärts" gewonnene richtige Auffassung, das? er es nicht gewuht haben könne, weil er eben gar nichts„veranstaltet" hat. Zu unterscheiden ist zwischen„auffordern" und„anreizen". Wer durch eine Kundgebung in erkennbarer Weise zu einem Tun oder Lassen bestimmen will, fordert auf, wer nur geneigt machen will zu einem bestimmten Tun und Lassen, reizt an. Daß dieser Unterschied besteht und empfunden wird, von der Justiz sogar als unbequem empfunden wird, zeigt der Versuch, in dem Entwurf zum künftigen Strafgesetzbuch das Auf- forijern dem Anreizen g l e i ch z u st e l l e n. Der Angeklagte hat nicht aufgefordert, sondern höchstens geneigt machen wollen, einer etwaigen Aufforderung von anderer Seite Folge zu leisten. Die ganze PreKtreiheit ist in Frage gestellt, wenn Mitteilungen, wie er sie ver- öfsentlicht hat, strafbar sein sollen.€s handelte sich auch nicht um Aufzüge und Versammlungen, zu denen er„aufgefordert" haben soll. Was hierüber die Polizeibeamten bekundet haben, ist mit großer Vor- ficht aufzunehmen. Die Aussagen der nichtbeamteten Zeugen lauten völlig entgegengesetzt. Von der Verkehrsstörung, die den Polizisten aufgefallen ist, haben andere Zeugen nichts bemerkt. Erst die Polizei hat den Verkehr gestört, erst sie hat die öffentliche Ordnung gefährdet, indem sie auf die Menge just in dem Augenblick ein- drang, wo alle Teilnehmer der Kundgebung von Begeisterung er- füllt waren. Wenn Strahendemonstrationen zulässig sind, wie anders sollten sie sich denn abspielen? Man kann doch nicht sagen: Demonstrationen sind zulässig, aber wer sie macht, wird wegen Verkehrsstörung bestraft! Daß die Demonstration vom 6. März durch den Angeklagten herbeigeführt worden ist, hat sich nicht nachweisen lassen. Die von ihm veröffentlichten Artikel und Mit- teilungen lassen übrigens deutlich erkennen, daß er nicht der Meinung war, er werde damit in anderen den Willen zum Un- gehorsam gegen Gcfetze hervorrufen. Es ist nicht wahr, daß er, wie der Vorderrichter annimmt, bewußt daS Gesetz verhöhnt hätte. Gerade der Artikel„Trotz alledem!" zeigt, daß ein Weg gesucht wurde, der nicht gegen die Gefetze verstößt. Der Hinweis des Urteils auf den„Mob", der sich leicht hätte einfinden können und auf den die Sozialdemokratie keinen Einfluß habe, ist nach dem so ruhigen Verlauf der späteren Wahlrechtskundgebung von Ist. April wirklich nicht mehr am Platze. Eine Verurteilung des Angeklagten müßte den Eindruck erwecken, daß auch in Preußen die Sozial- demokraten mindere» Rechts seien. Erster Staatsanwalt Steinbrecht führte auS: Die Anklage ist kein Verlegenheitsprodukt, ist nicht veranlaßt durch den Erfolg des S. März. Sie wurde ja schon vor dem 6. März eingeleitet. Um straffrei zu bleiben, hatte der„Vorwärts" seine Artikel so vorsichtig abgefaßt. Veranstalter ist aber, wer ein- beruft, veranlaßt, anregt. Die Hauptrolle fällt dem eigentlichen Einbernfer zu, und daS war im vorliegenden Fall der„Vorwärts". Er wollte das Gesetz umgehen, deshalb fügte er sich äußerlich und veranstaltete er einen sogenannten Spaziergang. In Wirklichkeit aber handelte es sich um öffentliche Aufzüge und Versammlungen unter freiem Himmel. Den Aussagen der Polizeibeamten in dieser Beziehung ist voller Glauben zu schenken. Nicht auf das Wort kommt es an, sondern auf die Tat. Sie fällt um so schwerer ins Gewicht, da es sich nicht um ein beliebiges kleines Blatt, sondern um das Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei handelt, dessen Aufforderung von jedem Genossen respektiert wird. Die Veranstaltung dieser Aufzüge und Versammlungen ist eine Verhöhnung der Polizei. Der Angeklagte ist zu bestrafen, und zwar wegen der Verhöhnung mit einer Freiheitsstrafe» weil— eine Geldstrafe von der Parteikasse gedeckt würde. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Kurt Rosen« feld, wies diese letztere Behauptung als durchaus unbewiesen zurück. Auf den Wortlaut der inkriminierten Artikel komme es an, die aber enthalten keine Aufforderung. Der ursächliche Zu- sammenhang zwischen den Artikeln und Mitteilungen des„Vor- wärts" und dem Zustandekommen des Wahlrechtsspazierganges sei nicht nachgewiesen. Der Angeklagte Genosse Barth hatte das Schluß- wort. Er hob noch einmal hervor, daß bei diesem Wahlrechts- spaziergang etwaige Verkehrsstörungen lediglich durch die Polizei selber hervorgerufen worden sind. Von der Polizei seien die Vorgänge durch eine gefärbte Brille betrachtet worden, die Aussagen der Beamten müsse man mit Vorsicht aufnehmen. In all den Artikeln des„Vorwärts" sei keine Aufforderung enthalten. Hätte ich— sagte Barth— zum Spaziergang aufgefordert, so würde ich offen hintreten und erklären: das war mein gutes Recht. Aber ich habe eben nicht aufgefordert. Die Arbeiterschaft hat ein- gesehen, daß sie ein Recht auf die Straße hat, und das wird sie sich nicht nehmen lassen. Ich freue mich, daß der Wahlrechts- kämpf durch diesen Prozeß einen neuen kräftigen Anstoß erhalten hat. Ich stehe hiel: nicht als zerknirschter Sünder, und plädiere nicht für eine milde Strafe, sondern verlange— wenn ich verurteilt werden sollte— ein gerechtes Urteil. Nach IV-stündifler Beratung verkündete daS Gericht um 9 Uhr abends folgendes Urteil: Die Berufung wird auf Kosten des Angeklagten zurückgewiesen. Der Gerichtshof hat sich, wie es in der kurzen Begründung hieß, vollständig auf dem Boden des ersten Urteils gestellt. Er hat für festgestellt erachtet, daß der Angeklagte durch den„Vorwärts" öffentliche Versammlungen unter freiem Himmel ohne Genehmi- gung der Behörden veranstaltet und zur Begehung einer strafbaren Handlung aufgefordert hat. Dadurch hat er sich strafbar gemacht. Bei der A b m e s s un g der Strafe ist der Gerichtshof in der Begründung etwas vom ersten Richter abgewichen. Der Gerichts- Hof hat nicht erwogen, ob eine etwaige Geldstrafe vom„Vorwärts" bezahlt werden würde. Er hat aber berücksichtigt, daß der Ange- klagte sich in einer Weise gegen das Gesetz aufgelehnt hat, die leicht bie schlversten bedenllichsten Folgen nach sich ziehen kann?«. Deshalb hat der Gerichtshof einen Monat Hast für an- gemessen erachtet. )Ziis der Frauenbewegung. lieber den Mädchenhandel nach dm Vereinigten Staaten sprach sich jüngst ein Mitglied der von der amerikanischen Regierung eingesetzten Einwanderungskommission, Professor I. W. Jenls dahin aus, daß es ungeheuer schwer sei, diesem Handel mir Menschenfleisch erfolgreich zu begegnen. Jede Hilfe, besonders aus Frauenkreisen, sei willkommen. Man habe weibliche Gebeimagenten angestellt, um die mit allen Ränken und Schlichen arbeitenden Mädchenhändler zu überlisten. Die weiblichen Agenten seien ihrer Aufgabe viel bester gerecht geworden als die männlichen. Die Frauen würden mit Revolvern ausgerüstet, da sie leicht in große Gefahr kommen könnten, die Mädchenhändler schreckten vor keiner Gewalttat und vor keinem Verbrechen zurück. Die Händler verfügten über reiche Geldmittel und über gute Verbindungen. Der Mädchenhandel erbringe sehr große Gewinne, noch lukrativer sei der Bordellbetrieb. Ein Mann, der Chicago verlassen mußte, weil ihm dort der Boden zu heiß geworden war und er Anklagen zu fürchten hatte, habe durch das Autgeben seiner Bordellgeschäste To 000 Dollar verloren. Er sei nach Paris gegangen, wo er als Mädchenhändler tätig sei. Ueber die Mittel, welche in Anwendung gebracht iverden, um Frauen und Mädchen in den Häusern sestzu- halten, äußerte sich Jenks dahin, daß die Widerspenstigen eingesperrt und durch allerlei Drohungen veranlaßt würden, auf eine Flucht zu verzichten. Im allgememen würden die Mädchen, die sich fügten, gut behandelt. Die Chinesen, die nicht wenige Bordelle in den ameri- kaniicken Städten besäßen, ständen in dem Ruf. daß sie aus Geschäfts» Prinzip für das materielle Wohl der Mädchen bester sorgen als die Weißen. Jenks meint, daß Ausländerinnen nicht in so großer Zahl, als man bisher annahm, sondern viel mehr Amerikanerinnen als man glaube, als„weiße Sklavinnen" auf den Markt gebracht würden. Not- wendig sei, die Einschiffung von Mädchen durch Geheimagenten in den Städten überwachen z» lasten, die hauptsächlich die lebende Ware nach den Vereinigten Staaten liefern.— Sehr viel wird man mit solchen Miltelchen nicht erreichen; sie heben ja nicht die sozialen Voraussetzungen auf, die eine Hauptförderin des Mädchenhandels sind. Versammlungen— Veranstaltungen. Charlottenvurg. Am Himmelfahrtstage Ausflug zum„alten Freund" nach PichelSwerder. Treffpunkt 1 Uhr bet Müller, Windscheid- straße. Ecke Kantstraße. Thealer und Vergnügungen nun Dienstag, den S. Mai. Ansang Tl, Uhr. Köntgl. Opernhaus. Geschlossen. Könlgl. TchausplelhauS. Götz von Berllchingcn. tAns. 7 Uhr.) NeueS tönigl. Operu-Theat«. Die RcgimentStochter.— Die Puppcnsce. Deutsches. Di« Braut von Mesfina. Kammersptel«. Wiener Hölle: Albino. Bniderleln sein. Goethe. (Ansang 8 Uhr.) Anlanq 8 llbr. Lesstng. TantrtS der Narr. Strnr» SchantPiklbauS. Geschlossen. Kleines. Luxuszug. Berliner. Taisun. Steucs. Die goldene Rttterzett. Neues Operetten« Der Graf von Luxembura. Trianu». Thöodore u. Sie. Residenz. Da» Nachtlicht. Der selige Octav«. »hatia. Die liehen Otto». Hebbel« Konkurrenten. (Ansang 8'/« Uhr.) Westen. Der Tanzhusar. > Komische Oper. HossmannS Er- TchtUcr O.«Wallner» Thealer.) Han» Lange. Sch*" Ehartottenburg. Goldfische. Friedrich> WilhelmstädltscheS. Kavaliere. Volksoper. Der Fretlchütz. (Ansang 8'/, Uhr. Luisen. Dl« Welt ohne Männer. Roie. Die Schule de» Leben». Luftspteldau«. Das Leutnants« mündet. Met-ovoe. Halloh ll--- Dl« große Revue. FolieS Eaprtce. Sin verschwiegene« Atcller. Sine gründliche Kur. (Ans. 8'/» Uhr.) 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Sonnt, nachm. 3'/« Uhr: _ Die geschiedene Frau._ Neaes Operctten-Theator. Heute und folgende Tage 8 Uhr: Der Gras vo» Luxemburg. Sonntag nachm. 3 Uhr zu ermäßigten Preisen: Her �igeunetdaeon. Frlsdrich-Wilhelmstädtlscties Schauspielhaus. Dienstag, den 8. Mai, abend» 8 Uhr: Karaliere. Mittwoch u. solg. Tage: Kavalier«. Donnerstag nachm. 3 Uhr: Die Jungfrau von Orleans._ Volksoper. BW, Belli-Alltance.Straße Nr. 7/8, Abend»-,.9 Uhr: vor Prelschfitz. Luisen-Theater. Ansang 8 Uhr. Die Welt ohne Itfänner. VollSstück in 3 Akten von Alex. Engel und Juliu» Horst. Morgen und folgende Tage: Die Welt ohne Männer._ 0SE=Ti1EATE Große Frankfurter Str. 13'2. Ans. 8 Uhr. Endel! Uhr. vis Schule des Lebens. Schauspiel in 5 Alten von Mittwoch: Der Pfarrer von Kirchfeld. Melropol-Theater Hallo!!! Die grolie Revue! In 8 Bildern von Jul. Freund. Musih v. Faul Linoke. In Szene gesetzt vom Dir. Eich. Schultz. Anfang 8 Uhr. 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Donnerstag, nachm. 3 Uhr: Dee Helneidbaaer. Donnerstag, abends 8 Uhr: Hie Katakomben. Residenz-Theater Direktion: Richard Alexander. Abends 8 Uhr: Das Nachtlicht. Schwan! in 3 Akten v. M. ZamacoiS. Der selige Oktave. roteSke in 1 Akt von Ave» Miraude und Henry Gäroule. Morgen und folgende Tage: Dieselbe Vorsiestuiig. DonuerSlag(Himmelsahrt) 3 Uhr: Kretelien. DarBTenos Programm (Prinz Cßarles der Affe mit Mensohenkultur. Les Roeders, Luftreokakt. Dorath/ Kenton, Baniovirtuosin. Tartakoff- Truppe, weibl Kosaken. Rasina Ca- selli mit ihren Wundei�Miniatur- hündeb. Schenk Bros, Sensations- equilibrigten. MIß Amata, amerik. Spiegelreflex-Tänzerin. Mac Bans, Kenlenjongleur. Frank Kanary, Ex- zentrik a. d. Rade, lost Garcia, Schattensilhouettist. Chantecler- Truppe, engl. Qosangs- und Tanz- Ensemble. Biograph. ül I aihaila- Varlefe-Theater Woinbergsweg 19-20. Rosenth.Tor 1 1 Das neue Varietb- Programm 1 1 Die Alten-Familie Mayeer und die übrigen Spezialitäten. 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Vertrauensleute zu senden. Dieselben besuchen die Vertrauensniännerversammlung ihrer Branche oder die ihrer Werkstatt am nächsten liegende Bezirksvertrauensmännerversammlung. Für die Arbeitslosen geben die Arbeitsvermittler Vertrauensmännerkarten am Mittwoch aus. CifcWer. Versammlungslokale find folgende: «Nitvost«» in BonackerS Fr stsälen, Blücherstr. S1. «Udo» bei Gttestng. ffiasfeilorftr. SS. Südosten 1 n. 11 in den Naunhu-Festsiilen. Naunynstr. 0. ««ton 1 bei Borgmann, Andreasstr. 21. Hierzu find sämtliche im Hause fniedteti-sSe 72 beschästigten sowie die Kollegen der Wertstatt Frank«, KrautttraB« 4/6, eingeladen. Osten 11 bei Ptrnau, Franksurter Allee>0«. Osten III bei Bergmann, Soxhagener Straß« 2S. Oestllche Vororte bei Wildner in Frledrichtberg, Frtedrich-Karl- Straße 11. Skordosten bei Müller, Große Frankfurter Straße 1S7. Jede Sargtischlerei muß einen Vertrauensmann nach dieser versamm» lung senden. Itosentbaler und Schönhauser Vorstadt bei Obiglo, Schwedier Straße 2Z. Weddln» nnd»oahtt bei«aczorawski, Ravenästr. S. ßautiicbler. Bezirk X: Südwesten, Süden, Südosten bei GraftHoff. Admiralstraße ISo. Bezirk 2: Osten bei Zieh, Warschauer Straße Sl. Bezirk 8: Norden nnd nördliche Vororte bei Glische, Kopenhagener Straße 74. Bezirk 4: Gesandbronnen, Wedding nnd Boablt bei Sachse. Lindower Straße 2ö. JMöbcl- u. ötuhlpolierer sowie JMagazinarbeitcr. Osten Bei Boeter. Weberstr. 17. Südosten im»Märkischen Hof», Admiralstr. 18o. Norden bei Günther, Brunn enstr. LS. S3/1 Vreckkler. UreppengelZnäer- unä I�uxusmLbel- Lrancke. Norden bei Döhling, Brunnenstr 79. Osten bei Schneider. Friedenstr. S7. Südosten nnd Südwesten bei Stramm, Ritterstr. 123. 1>lukikinltrumentenarbeiter���s°7�lÜs?r�Saa?8 JMardrincnarbeiter|,aa®cw",fd'öf,ef"lufe' Engeluf« 14/15, JModell- und fabrihti fehler 6el ai05tc"' einfetzer im GewerrschaftShanse, Engeluser 14/15. Saal 11. ßodenleger im GewerrschaftShanse. Engeluser 15. Atrilm�rKri* bei Hahn,»Rosenthaler Vereinshaus». 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Mai: Mitglieder-Versammlungen. Donnerstag, den RS. Mai: Lonspsl- Versammlung. Anträge zur Gcncralvcrsammliing müssen BIS 0onn«r,I»g, Sin 6. Na!, ans Bureau eingesandt werden. Die OrtSverwaltung. ?sejIl»lllUllg liefert auf bequem bei kleinster Anzahlung In bekannter Gute* (mit grSBter Rücksicht bei Krankheit und Arbeitslosigkeit) E.Cohn, Gr. Frankiurterstr. SU. Gartenstadt Hoppegarten. | 700 Morgen— 26 Minuten von Berlin— Qn.-R. von 10 M.— 100 M. Anzahlung. Warum sind unsere Umsätze so groß? 7. Weil wir bereit» eis Vororte in der Umgegend verlin« geschafsm und zu hoher Blüte gebracht haben. S. Weil in unseren Kolonien kein Bauzwang herrscht 9. West die beginnende Acra der Stadischi, ellbahnen daZ Wohnen in Hoppegarten unier Verkürzung der Arbeitszeit bei englischer Tischzeti mit Leichtigkeit ermöglicht. 10. WeU sich der Käufer eines Grundstück« in der Gartenstadt Hoppegarten Infolge der dauernden Weitsieigermig die denkbar beste KapitaiSanlage 11. 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Alle andere Legitimation ist ungültig und ist sosort anzuhalten. Tisehler-Verein E.H. 80. Donnerötag. den 5. Mai 1010 (HlmmelsahriStagl: Herrenpartie nach Lehnitz, Grabowsee usw. Ab- sahrl srüh 7,40 von Steliiner Vor« orl-Bahnhos. lS8/i2_ Der Vorstand. Eine GenossenschaftSiischicrei sucht zur Erweiterung ihre« Betriebes noch 3 Tischler und 5 Maschinenarbeiter, welche sich mit 2000 M. pro Person als GeschästSantest beteiligen können. Dauernde Arbeit ist gesichert. Ein. kommen bis 4000 M. jährlich. Aus» kunjt ertellt da« HolzgejchSjt Ober. bauoistr. 5, von 2— 3 od. abdS. 8—9. früher Fritz Puder, habe it� übentommen und wird nebst großem BereinSzimmer allen Genossen, Or> ganisationen und Bereinen wieder empsohle«. 53586 Mode - Sebreibmaschinen, .■luuc 3, verkaufe ich zu billigem Preise mit voller Garantie, da Modell 4 herausgekommen. Vorführung kostonlos.• _ Franz Kaiser. MohrenstraSe 22/23. 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Nr. 102. 27. Jahrgang. 4. Knltzt des Lmiick" Knlim ZcksM Dienstag, 3. Mai 19l0. partei- Hngelegenbeiten« Zur Lokalliste. Auf wiederholte Anfragen sowie für die Besucher der Friedhöfe in Ahrensfelde teilen wir mit, dah uns dortfelbst nur die Lokale Heinrich Löser, am Bahnhof. und Julius Schneider, am Ostfriedhof, zur Verfügung stehen. Alle anderen Lokale sind streng zu meiden. Die Lokalkommisston. Zweiter Wahlkreis. Heute Dienstag findet die Fortsetzung der Vortrüge de« Genossen Grunewald statt, und zwar bei Habel, Bergmannstr. 7/9. Ansang pünktlich 8'/, Uhr. Die Teilnehmer werden gebeten, pünktlich zu erscheinen. Legitimation mitbringen l Der Borstand. Mariendorf. Am Mittwoch, den 4. Mai, abends gl/, Uhr, findet bei Preust, Kurfürstenstratze, eine öffeniliche Versammlung statt. Tagesordnung: Die Bedeutung der Konsumaenossenschastsbewegung für die arbeiiende Bevölkerung. Referent: M. Barth-Berlin. Freie Aussprache. Die Parleigenossen werden ersucht, für diese Bersamm» luitg rege Propaganda zu machen. Grünau. Eine Herrenpartie in unseren AgilationSbezirk unter- nimim am HimmelfahrtStage der Arbeiter-Gesangverein. Da die �ortie zugleich der Agitation dienen soll, werden die Genossen ersucht, sich auzuschliefzen. Abfahrt 8.� Uhr Bahnhof Grünau. Potsdam. Die dieSinonailiche Wahlvereinsversammlung fällt a u S.— Der gnhlabend findet am Mittwoch, den!8. Mai. in den Bezirkslokalen statt._ Der Vorstand. Berliner JVacbricbteiio Die Baumblüte in Werder hat in den lefeten Tagen Zehntausends von Berliner AuS- flüglern nach dem schönen Havclstädtchen gelockt. Hatte die Ende vorvoriger Woche herrschende kühle Witterung die Blüte auch etwas beeinträchtigt, so war doch ein Werderbesuch für den, der sich ihn leisten kann, noch lohnend genug. Natürlich darf man sich nicht darauf beschränken, etwa sofort einzu- kehren und von den verschiedensten Sorten Fruchtweinen zu kosten; wer das tut. hat wohl bald einen gehörigen Zacken sitzen, aber von der Baumblüte hat er verteufelt wenig ge- sehen. Man muß schon die Wege kennen, die durch die Blütenwälder führen, um auch einen wirklichen Genufc von einem Werderbesuch zu haben. Die mit Obst angebaute Fläche beträgt etwa 23000 Morgen und wer den hinter der Bismarckshöhe belegenen Galgenberg entlang geht, bekommt erst einen Begriff von dem Umfang der Obstanlagen Werders und seiner Umgebung. Auch die Höhen gewähren einen gewaltigen Fernblick. Jeder, der sich an dem Blütenzauber WcrderS er- freut, wird erstaunt sein darüber, daß der Brandenburger Sand noch eine solche Vegetation hervorbringt. In den letzten Jahren hat die Fahrt zur Baumblüte nach Werder immer mehr zugenommen. Die Eisenbahnver tvaltung muß Extrazüge einlegen, um alle Menschen zu befördern. Für die Geschäftswelt in Werder bedeutet dieser Massenbesuch einen wahren Goldregen. Natürlich fahren manche Gesellschaften nicht so sehr der Blüte halber als deS Vergnügens wegen nach Werder. Und wer einmal beobachtet hat, in welcher Verfassung die meisten Werderbesucher wieder heimkehren, kann recht tntereffante Studien machen. Wir blaues Blut entsteht. Charakteristische Bilder aus dem Pnrasitenwm der Terraim spekulation zeigt ein Artikel in der Wochenschrift„Die Bau weit", aus dem man wieder einmal ersehen kann, wie kleine Schollenbesitzer, wenn sie Glück haben und gerissen sind, Millionen einsacken können, um dann wurmstichige Adels geschlechtcr aufzufrischen oder gar neue zu gründen. Damit erleidet auch die fromme alte Mär, daß man durch„Fleiß und Sparsamkeit" wohlhabend wird, einen argen Stoß, gleichzeitig lernt man auch den Prozeß kennen, wie durch Geld gemeines roieS Blut in edles blaueS verwandelt wird. Der Schreiber des Artikels bekennt sich zu dem charakteristischen Ausspruch: „So wie sie(die Genannten) eS hier(in Berlin) zu Geld ge bracht haben und den Adel erlangten oder doch anstrebten, laufen sie auf dem Lande Rittergüter, stiften Fideikommisse und werden„Schloßgesessene". Dafür, heißt es weiter, sei gerade die freiherrliche Familie von Griebenow typisch, der ein simpler Büchsenmacher war und mit einer Bauern- tochter 800 Morgen wüsten Landes auf dem Weddtng und ein Gehöft vor dem Schönhauser Tor erbte. Er wurde der erste wirkliche und großzügige Terratnspekulant in Berlin. brachte eS zu einem Rtesenvermögen, kam in den AdelS- und seine Nachkommen sogar in den Freiherrnstand. Aehnlich ging es mit den Millionenbauern von Schöneberg I Mette, Hewald, Richnow und Beegemann. An Stelle des heutigen Jostyschen EafSs am Potsdamer Platz breitete sich 1825 noch eine grüne Wiese aus, deren Verkauf eine f i e g e(!). ein S ch n a p S f r ü h st ü ck und 25 T a l e r ein- rächte. Später brachte der Platz Millionen und Adelstitel den glücklichen Verkäufern. Der Verfasser zählt nun eine ganze Reihe erlauchter Gel schlechter auf. die durch solche Art- entweder gepftopst oder neu entstanden sind, so daß man sich fragen muß. wo denn über- Haupt noch der„Uradel" sitzt. Und diese„Edlen", die sich auf Kosten der Allgemeinheit bereichern und namenloses Elend verschuldeten, sind heute unenttvegte Stützen von Thron und Altar._ Die Rieselfeldarbeiter der Stadt Berlin beschäftigten sich in den letzten Tageo in mehreren Versammlungen mit dem Resultat ihrer Lohnbewegung. DaS Ergebnis ist, wie bei allen übrigen städtischen Arbeitern, die glatte Ablehnung aller Forderungen. In der Versammlungen wurden vefonderS die Rechenkunststücke des SiadtkämmererS Steininger einer Kritik unterzogen. Hatte doch der Herr Kämmerer in der Stadtverordnetenjitzung am 23. März frank und frei behauptet, der Jahresverdienst der Hofleut« fei im letzten Jahrzehnt von 1109 auf 1900 M. gestiegen. Diese Behaupt- lung trägt den Stempel der Unwahrheit an der Stirn. Kaum 600 M. beträgt das Durchschnittseinkommen dieser Arbeiter. Neben einem Deputat, das mit 300 M. genügend bewertet ist, erhalten die Arbeiter im Winter einen Tagelohn von 1,29 M., im Sommer 4.50 M. Die Sommerlöhne sind seit 20 Jahren nicht mehr erhöht worden. Es liegen Jahresrechnungen bor mit einer Einkommensumme von 750 M. Ein Arbeiter, der einen großen Teil der Sonntage mitgearbeitet hat, kommt ausnahsweise auf 953 M. Dabei find die Klagen über mangelhaftes Deputat all- gemein. So sind die Kartoffeln vielfach derart, daß sie nur als Biehfutter verwandt werden können. Als Brennholz giebt es eine Fuhre Reisig, bestehend aus dem Wasserhalz der Obstbäume. Die Ausführungen des Kämmerers wurden in den Versammlungen durch diese Tatsachen sä absurdum geführt. Aehnlich schlecht liegen die Verhältnifie bei den Nieselwärtern. Diese Arbc-.ter erhalten für die ILstündige Schicht L,75 nach 10 Jahren 3.25 M. Ver- gegenwärtigt man sich, dah die Vororte in ihren verhältnisien. WohnungSmiete, Lebensmittelpreise, sich mehr und mehr Berlin nähern, so muß eine derartige Entlohnung als völlig unzureichend bezeichnet werden. Dabei sind die Rieselfeldarbeiter von-den so- genannten WohlfahrtSeinrichtungen ausgeschloffen. Sie erhalten z. B. keinen Sommerurlaub. ES wird da gesagt, sie wären immer in„frischer Luft". Diese Angaben sind unhaltbar, pestilenMirtig stinkt eS beim Rieseln der Felder. Mit der Auszahlung der Diffe- renz zwischen Lohn und Krankengeld wird auch nicht nach Depu- tationsbeschluß gehandelt. Ein Administrator zahlt auS, der andere verweigert,«der zahlt erst nach langem Hinundherverhandeln. In den Versammlungen kam allerorts eine starke Empörung über diese Dinge zum Ausdruck. Einstimmig gelangte die nachstehende Resolution zur Annahme:„Die zahlreich versammelten Drainage. arbeit«. Rieselwärter, Arbeiterinnen und Arbeiter der städtischen Rieselgüter protestieren auf daS schärfste gegen die Ablehnung ihrer bescheiocnen Anträge auf Verbesserung ihrer Verhältnisse. Die Behauptungen des Herrn StadtkämmererS Steininger, das Einkommen der Hofleutc fei in 10 Jahren von 1100 auf 1900 M. gestiegen, sind völlig aus der Luft gegriffen. Festzustellen ist. daß ihr normales Einkommen nirgends 800 M. übersteigt, und daß in einigen Fällen seit 20 Jahren keine Erhöhung der Löhne erfolgt ist. Die versammelten erwarten, daß bei der zum 1. Mai ange- kundigten Lohnerhöhung daS Personal der Rieselgüter in weitestem Maße berücksichtigt wird. In der Erkenntnis, daß die rückständige Lage der Rieselfeldarbeiter ihren Hauptgrund im Fernbleiben der Arbeiter von der Organisatian hat. verpflichten sie sich. Mann für Mann dem verbände der Gemeinde- und StaatSarbeiter beizu treten und für dessen weiter« Ausbreitung Sorge zu tragen. Das Senefelderdenkmal am Treffpunkt der Schönhauser Allee und der Weißenburger Straße, wo jetzt die Arbeiten zum Bau eines neuen Untergrundbahnhofes begonnen haben, hatte vor einer Reihe von Jahren bedenkliche Risse aufzuweisen, so daß der ziemlich große Sockel mit der sitzenden Figur SenefelderS, des Erfinders der Lithographie, sich senkte. Es wird deshalb aus unserem Leserkreise darauf aufmerksam gemacht, daß durch die unvermeidlichen Er- stbütterungen beim unterirdischen BahnbäfSbau das schöne Denkmal abermals leiden könnte. Besondere Schutzmaßregel» sind bis jetzt nicht getroffen. Da» dürft« aber doch wohl nötig sei», W das Denk mal sogar innerhalb deS Bauzaunes liegt. Die AbHolzungen auf dem Senefelder Platz sind«ingestellt worden, nachdem wir gegen diese Rücksichtslosigkeit protestiert hatten. Die wenigen noch stehenden Bäume hat man zum Schutz mit H»lzverfchalungen umkleidet. Dagegen ist die schöne Prome- nade der Schönhauser Allee vom Senefeloer Platz bis zur Wörther Straße vollständig wegrastert. Auch nicht ein einziger Baum oder Strauch steht hier mehr. Hoffentlich bleibt wenigstens der Prome> nadenweg hinter der Wörther«trahe von einer gleichartig rücksichtslosen und wohl nicht unbedingt notwendiger Zerstörungswut ver« schont._ Wie die Polizei gerichtet. Unter der Ueberschrist:„Eine Massenfestnahme von Hungrigen" brachten wir in unserer Nummer vom 24. April eine Notiz, die sich auf den Poltzeibericht stützte und knüpften daran einige kritische Bemerkungen. Der Polizeibericht lautet« wörtlich .Mittag« gegen 1 Uhr betraten etwa dreißig Männer den Hausflur des Nikola uS-Stift». Boxhagener Straße 43, und bettelten dort um Essen. Da sie sich durch ihr unverschämte» Wesen außerordentlich l ä st i g machten, ließ die Oberin des StiftS einen Schutzmann rufen, der mit Unterstützung eine? Kollegen vierundzwan. zig von ihnen festnahm und sie zur Wache deS 80. Poli- zeirevierS führte. Zwei von ihnen konnten, da sie Wohnung haben, entlassen Wersen; die übrigen wurden dem Polizeipräfi- dium zugeführt." Wie aus einer Zuschrift der Oberin deS NikolauS-StiftS an uns hervorgeht, nimmt eS der Polizetbericht mit der Wahrheit nicht genau. Die Oberin ersucht unS um folgende Berichtigung: „ES ist nicht walir, baß die Oberin des St. NikolauS-StiftS eine» Schuvmann rufen ließ? vielmehr wurde die Oberin seitens des zuständigen Polizeireviers an das Telephon gerufen und um Auskunft ersucht, auS welcher Veranlassung sie den Bettlern Mittagessen gebe. Auf die Erwiderung, daß eS aus Men» schenpflicht und der als Ordensregel geltenden Uebung der Barmherzigkeit geschehe, wurde das Ge» spräch abgebrochen. Kurz darauf erschienen dann 2 Polizei» beamte, die sämtliche Personen zur Wache brachten. Die Maß- nähme der Polizei ist aber auf Beschwerde von Anwohnern und nicht auf deren eigene Initiative und ebensowenig auf das An- suchen der Oberin deS St. Nikolausstifts erfolgt. Letzteres ist wohl schon deshalb ausgeschlossen, weil bereits den ganzen ver- gangencn Winter täglich zirka 50 Personen mittags ihre warme Suppe erhielten. Im übrigen haben sich die Notleidenben und Elenden,— abgesehen von wenigen Ausnahmen— nie durch unverschämte? Wesen liistig gemacht, sodaß trotz der sehr be- schränkten Mittel des Stifts«n der täglichen Speisung der Ar- men nach Möglichkeit festgehalten wurde." Die vorstehend abgeoruckte Zuschrift der Oberin deS Nikolaus- stiftS sagt so ziemlich das Gegenteil dessen, was die Polizei berichtet hat. Der Polizeibericht hat danach in den wesentlichsten Punkten die Unwahrheit behauptet. Unwahr ist die polizeiliche Behauptung, daß die Oberin die Polizei habe rufen lassen. Unwahr ist, daß die Leute gebettelt haben, denn wie die Oberin sagt, ver- teilt da» Stift schon immer Essen an Hungrige. Unwahr ist nach dem Schreiben der Oberin die polizeiliche Behauptung, daß die Armen sich unverschämt benommen oder sich lästig gemocht hätten. Damit wird ab« die polizeiliche Berichterstattung in einer so krassen Weise beleuchtet, daß jeder weit«« Kommentar mir abschwächend wirken würde. Selbstverständlich trifft nach d« oben wiedergegebenen Dar- legung der Oberin de? NtkolauSstiftS die letztere nicht der geringste Vorwurf, sondern ihre Hochherzigkeit soll gern anerkannt werden. Daß eine falsche Meinung entstehen konnte, ist lediglich Schuld d« Polizei._ Soll da»„warme Herz" sich«ich« mehr amüsieren dürfen? Ueb«„moderne Armenfürsorge" unterhielt man sich am Freitag im„ErziehungS- und Fürsorgeverein für geistig zurückgebliebene Kinder". Referent war Herr Dr. A. Levy, der die von der„Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur"«ingerichtete Auskunftsstelle für Wohlfahrtspflege leitet und der Armendirektion Berlins als Bürgerdeputierter angehört. Levy erörterte drei„Pro- grammpunkte", die et als wichtig bezeichnete: Die Herstellung einer engeren Beziehung zwischen den verschiedenen Wohlfahrtseinrich- tungen und Fürsorgcbestrebungen, eine fachgemäße Ausbildung von beruflichen Pflegern, ein einwandfreies Verfahren bei Be» schaffung der Geldmittel. Seine Ausführungen üb« den dritten Punkt regten eine Diskusston an, weil er an die Ver- anstalter jener sattsam bekannten Wohltätigkeitsamüse- mentS. ohne die angeblich das„warme Herz" der Wohlhabenden sich die milden Spenden nicht abringen läßt, eine scharfe Absage ge- richtet hatte. Der genannte ErziehungS- und Fürsorgeverein ge- hört zu den wenigen Bereinigungen, die beizeiten mit diesen Lock- Mitteln d« Geldbeschaffung gebrochen hatte. In d« Diskussion wurde die Meinung ausgesprochen, dgß wahrscheinlich in der nächsten Zeit die Schwärmerei für Wohltätigkeitsfeste ohnedies nach- lassen werde. Es wurde angedeutet, daß„an sehr hoher Stelle" sich eine Abneigung gegen derartige Veranstaltun- gen bemerkbar gemacht habe. Hiernach sei zu erwarten und zu hoffen, daß ein von dort gegebener Wink seinen Einfluß auf die wohlhabenden GesellschaftLschichten ausüben und zu einer Minde- rung der Wohltätigkettsfeste führen werde. Man sieht, was alles der Mode unterworfen ist, und wie sie auch hier nach Wunsch wechselt, sobald tonangebende Persönlichkeiten merken lassen, daß die bisherige Mode ihnen zuwider geworden ist. Unter uns gesagt: es ist schmachvoll, daß es zu dieser Wandlung erst eines „Winkes von oben" bedarf, schmachvoll, daß die besitzende Klasse nicht aus eigenem Antriebe längst davon zurückgekommen ist, für ihre Bettelpfennige ein Amüsement als Gegenleistung zu fordern. Warten wir übrigens ab, obs überhaupt wahr ist. daß„von oben gewinkt" werden soll._ Eine KindrSleiche wurde auf dem Friedhofe der DankeS-Ge- meinde zwischen den Gräbern gefunden. Die Leiche des Neugeborenen war in starkes Packpapier eingehüllt.• Die Nase abgebissen hat in einem Streit in der Nacht von Sonnabend zu Sonntag in der Pankstraße«in Schlosser Eger dem Pankstr. 27 wohnenden Arbeiter Weigel. Eger hat auch mehrere andere Personen in der schlimmsten Weise attackiert. Er wurde verhaftet. Der schwerverletzte Weigel wurde zunächst nach der Unfallstation in der Badstratze und von dort nach der königlichen Klinik in der Ziegelstraße gebracht, wo ihm unter anderem eine künstliche Nase angesetzt werden mutz. Arbeits- und Mittellosigkeit haben den SV Jahre alten Arbeiter Martin Twarz, der als Junggeselle in der Wilhelmstr. 91 in Schlafstelle wohnte, in den Tod getrieben. Der Mann war längere Jlelt in einer Anstalt für Teppichreinigung in der Wilhelmstr. 3K eschäfttgt, mußte aber vor zwei Monaten wegen schlechten Geschäfts- ganges aufhören. Seitdem gelang es ihm nicht mehr, feste Arveit zu bekommen. Um daS Leben zu fristen, half er bei Umzügen, ver- diente aber nur sehr wenig. Wiederholt klagte er Berufsgenossen, daß er Schulden habe machen müssen und nicht mehr aus noch«in wisse. Es werde ihm nicht anderes übrig bleiben, als sich das Leben zu nehmen. Gestern morgen trank er sich Mut an, ging dann nach einem Heuboden in der Wilhelmstrabe 3d und erhängte sich an einem Balken. Erst um IL Ubr mittags fand ihn ein Siallmann tot auf. Auf die«>>>1«« gelegt wurde am«„.i»»>M»»llr,v>.»»>ttag eine im Haus« Salzwedeler Straße 7 wohnende grau K., die vpm Ver- Walter Timme wegen Mietsrückständen exmittiert wurde. Frau K. war im hochschwangeren Zustande und mußte infolge der sich ein- stellenden Geburtswehen sofort mittels Droschke nach der Charit« gebracht werden, wo sie von einem toten Kinde entbunden wurde. Große Empörung rief gestern vormittag die Behandlung eine» Mannes durch einen Schutzmann Nr. 499 hervor. Ein ettva 05- jähriger anständig gekleidet« Mann hatte sich in der Nähe des Büschingplatze» am Friedrichshain auf einer Bank niedergelassen und behelligte niemand. Da trat der genannte Schutzmann hinzu, ritz den alten Mann mit aller Gewalt von der Bank, so daß der so Behandelte zwei Meter entfernt hinstürzte. DaS Publikum war über diese Tat deS Schutzmannes so empört, datz es seiner Ent» rüstung laut Ausdruck gab. Mehrer« Betriebsstörungen im Straheudahnverkehr ereigneten sich am Sonnabend. An der Ecke der Haupt» und Tempelherren- stratze in Schöneberg entgleiste ein Motorwagen der Linie I in der Kurve und sperrte dt« Gleise während der Zeit von 2,45 bis 3,10 Uhr nachmittags.— Eine fast halbstündige Störung wurde in der Köpenicker Straße durch einen umgestürzten Steinwasen ver- ursacht, dem ein Rad gebrochen war. Das Hindernis wurde durch den Rettungswagen der Straßenbahn beseitigt. Während der Zeit von 4,60 bis 5,15 Uhr mußten die Linien 19, 83, 87 und 88 in der Richtung nach dem Spittelmarkt über Görlitzer Bahnhof, Walde- mar- und Adalbertstraße abgelenkt werden, während die nach dem Schlesischen Tor fahrenden Wagen Aufenthalt hatten.— Eine weitere Betriebsstörung, die sich auf die Zeit von 7,37 bis 3,05 Uhr abends erstreckte, fand in der Belle-Alliancestratze statt. Ein Wagen der Firma Wenzel, SolmSstraße 42, dem ein Hinterrad gebrochen war, sperrte daS Gleis in der Richtung nach dem Halle- schen Tor. Die Wagen der Linien 70. 73, 90E. und 99 wurden in der Kreuzbergstraße umgelegt und ebenso wie die Linien 34, 35, 30, 37 und 38 durch die Katzbach- und Vorkstraße umgeleitet. Unter den Rädern deS Automobil». Zwei schwere Automobil« Unfälle haben sich gestern früh in der Wilhelmstratze und in der Friedrichstraße zugetragen. An der Ecke der Wilhelm- und Hede- mannstratze geriet der 29 jährige Mechaniker Willi Liebetraut auS der Reichenbergerstr. 43 unter die Räder eines Privatautomobils. Der Verunglückte erlitt einen Bruch des rechten Oberschenkels und erhebliche Kopfwunden. Nachdem er auf der Unfallstation am Tempclhofer Ufer die erste Hilfe erhalten hatte, wurde er in bedenk- lichem Zustande nach dem Urbankrankenhause geschafft.— In der Friedrichstraße wurde der 53jährige Kaufmann Otto Lerch auS der Landsberger Straße von einer Autodrofchke überfahren und am Kopfe erheblich verletzt. Lerch wurde auf der Unfallstation in der Kronenftratze verbunden und dann nach seiner Wohnung gebracht. Geschlossene Krankenkasse. Die eingeschriebene Hilfskasse „Fortuna", Kranken- und VersicherungS-Anstalt zu München. Kapu- zinerstraße 31, ist von der Regierung von Oberbayern am 31. März 1910 geschlossen worden.(Hiesige Vertreter waren Emil Billick, Kommandantentstr. 5», Robert Valeske, Ebertystr. 23 und G. A. Kampmann, Steglitz, Schlotzstr. 23.) Die Gebühren für die Benutzung der Liegestellen für Schiffs. fahrzeuge an dem zum Rixdorfer Stadtgebiet gehörenden Teil de» Maybachufers sowie am Rixdorfer Kanal werben von heute, den 1. Mai. ab durch den Magistrat zu Rixdorf erhoben. Mit dem gleichen Zeitpunkte sind die polizeilichen Meldungen der Schiffer. die die Rixdorfer Lösch- und Ladestellen benutzen wollen, im Polizeidienstgebäude zu Rixdorf, Kaiser-Friedrich-Straße 193/194, zu erstatten. Mit den Anmeldungen ist außer den üblichen Legi- timationen die Anweisung deS städtischen Kanalaufsehers über Zuteilung einer Liegestelle vorzulegen. Die Zählkarten für bis Reichsstatistik(BundeSratSbestimmungen vom 25. Juni 1908) werden in der Stadthauptkasse zu Rixdorf, Berliner Straße 62/03, woselbst auch die Uftrgebühren zu entrichten sind, entgegen» genommen werden. Thalia-Theatcr. Die Diretnon als Verfasserfirma meint'S ja gut mir dem Publikum; und so bescherte sie ihm gleich auf einen Hieb drei„OttoS", d. h. soviel Einakterpossen, die, ob zusammen- gehörig oder nicht, auf diesen Rufnamen getauft sind. TaS Mittel» stück, em Vaudeville an Löon X a n r o f f, war' das beste—, wenn eS von Herrn Jean Kren nicht für sein Thalio-Theater verbeckmessert worden wäre. Ein Hammelsürst, dahinten von der Donau her, hat der fanzösischen Republik seinen ersten offiziellen Besuch gemacht. Mehr aber alS Paris als Pflanzstätte europäischer Kultur inter« essieren den Neinen�Thrönchenbesitzer die— Ballettratten der Großen Oper. Mit einer solchen, die ihm'nachts ihre Aufwartimg macht, besteht er seinen ersten Liebesroman. Ein artiges Tanzdnett bildet den Schluß. Serenissimus kommt unter der bekannten Not- lüge: daß„Wir" nicht lieben, nur„wählen" dürfen, billig weg. Die Französin ist nobel, denn sie nimmt mir einen wertlosen Ring zum Andenken an dies„königliche" Abenteuerchen mit— nicht etwa auch noch die„türkische Musik" als unangenehme Dreingabe.„Otto der Zweite' und„Otto der Dritte' find Berliner„Original'possen au» ver fleißigen Hausdichterwerlstaty d. h. zwei aus verschiedenen Hölzern schlecht und recht zusammengeleimte Sessel für den Küchen- gebrauche Otto den Dritten läßt der Verfasser dann wirksam genug durch eine Parodie auf„Chanteclerc' und— einen Apachentanz aus- klingen> Die Musik zu den von Alfred S ck ö n f e l d gelieferten Gesangstexten stammt diesmal nicht von Holländer, sondern von Jean Gilbert. Dafür scheint sie eigenS„neu" zu sein, wenn man die Motive von Humperdinck, Stranh, Brahms, Chopin u. a. in Ab- zug bringt: wenigstens klingt das Duett„Hups mein Mädel und lach dazu" recht anheimelnd. Arnold R i e ck und Grete L y sdiese auch in einer Hosenrolle als König Otto II. von Jllyrien") offenbarten jeder für sich in drei veschiedenen Rollen ihre mimotechnische Berwaudlungs- sähigkeit und komische Begabung. Ilse Lorenz, Kurt O l f e r S sowie das ganze Eusemblechen steuerten nach Möglichkeit zum guten Gelinge» bet. Es ist also Aussicht, daß die drei Ottos auf ein Weilchen klatschhändigen Beifall finden. Radrenne» in Steglitz, 1. Mai. Die Rennen um da?„Goldene Rad" hotten auch in diesem Jahre dem Sportpark Steglitz eine große Anzahl von Besucher» zugeführt. Die vom besten Wetter be- günstigten Rennen verliefen ohne jeden Unfall. Die Ergebnisse sind folgende: Goldenes Rad über eine Stunde. 900, 700, 600, 500 und 400 M. Dem Sieger eine Medaille im Werte von 200 M. 1. R. Scheuermann(Breslau) 75,480 Kilometer; 2. Herrn. Przyrembel(Berlin) 75,230 Kilonieter; 3. Schön(München) 70,700 Kilometer; 4. Van Nek(Amsterdam) 69,200 Kilometer: 5. Eberl(Leipzig) 65 Kilometer. Schön führte bis zum 31. Kilo- meter, dann blieb er infolge eines Bruches seiner Sattelfeder zurück und mußte Scheuermann, dann auch Przyrembel passieren lassen. Zwischen diesen beiden gab eS einen harten Kampf; mehrmals war der Berliner seinem Gegner aus den Fersen, doch vermochte er nicht, ihn zu überholen; zuletzt kam Przyrembel durch den Wechsel seiner Führungsmaschine noch niehr zurück, so daß er mit 200 Meter Rückstand als Zweiter endete. Van Nek und Eberl vermochten sich nickt zur Geltung zu bringen.— Goldenes Rad(100 Kilometer) 2500, 1600, 1400, 1200, 1000 M. Dem Sieger eine Medaille im Werte von 500 M. 1. F r. T h e i l e(Berlin) 1 Stunde 19 Min. 84/6 Sek.; 2. Nat Butler(Cambridge) 730 Meter; 3. A. Schipke (Bei lin) 830 Meter; 4. P. Guignard(Paris) 7500 Meter; 5. Th. Robl (München) 9400 Meter zurück. Theile, der als Sechster abgelassen war, holte zusehends auf; er passierte seine Gegner und nahm in der 27. Runde die Spitze, die er bis zum Schluß erfolgreich ver- teidigte. Zwischen Buller und Schipke kam es zu einein Kamps um den zweiten Play, den Schipke bis zum 60. Kilometer inne halte, dann mußte er sich vor Butler beugen; beide endeten nicht weit hinter dem Sieger. Guignard, der mit einer noch nicht geheilten Kopfwunde ins Rennen kam, endete weil zurück an vierter Stelle; den Schluß bildete der„Weltmeister" Robl. der viermalige Sieger deS Goldenen RadeS. der von Anfang an immer mehr ins Hinlertreffen geriet; doch muß man dem Müuchener wenigstens die Anerkennung zollen, daß er bis zum Schluß mitfuhr und die Flinte nicht ins Korn warf.— Einige Fliegerrennen waren dem Goldenen Rade vorangegangen, sie waren so angeordnet, daß die Sieger der Vorläufe an den späteren Rennen nicht teilnahmen. H a u p t f a h r e n. 1000 Meter. 100, 75. 60 M. 1. R ü d l. 2. Schürmann, 3. Stabe.— Preis von Steglitz. 1000 Meter. 60, 50, 40 M. 1. Peter, 2. Wegener, 8. Hoffmann.— Preis von Friedenau. 1000 Meter. 40, 30, 25 M. 1. K u d e l a, 2. Carapezzi, 3. Großmann.— EntschädigungSsahren. 1000 Meter. 25, 20, 15 M. I.Rudel, 2. Kurzmeier. 3. Techmer — Tandem-Prämienfahren. 3000 Meter. 120, 80, 60, 40 M. 1. S ch w a b- S ch ü r m a n n, 2. Rüdl-Stabe, 3. Wegener« Peter, 4. Tadewald-Techmer. Zwei zur Verlosung gelangende Fahr- räder fielen aus die Nummern 706 und 8210. Die Oeffentliche Lesehalle der Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur, Rungestr. 25/27, ist im Monat April von 8240 Personen besucht worden. In der Lesehalle wurden außer Zeitungen und Zeitschriften 658 Bücher gelesen; nach Hause entliehen 2969 Bände, zusammen 3627, von denen 1002 wissenschaftlichen oder belehrenden Inhalts waren. Die Lesehalle ist werktäglich geöffnet von 12 bis 3 Uhr mittags, 6— 10 Uhr abends. Sonntags von VtlO— 1 Uhr und 5—10 Uhr. Die„Märkische Arbeiterschachvereinigung- veranstaltet am Donnerstag, den 5. Mai(HimmelfahrtStag), einen Wettkampf der beiden Vereine„Vorwärts"-Brandenburg und„Vor- wärts"- Potsdam gegen den„Berliner Arbeiter- schachklub" in NowaweS, im Lokal von Max Singer, Priester- straße. Anfang vormittags 9 Uhr. Alle noch etwa existierenden Arbeiter-Schachvereine und alle Arbeiterschach- s p i e l e r sind zu den, nach dem Wettkampf stattfindenden öffent- l'chen Schachspielen freundlichst eingeladen. Bei der Maifeier in der„Neuen Welt", Hasenheide, find folgende Gegenstände gefunden worden: Ein Herren- und ein Damenschirm, ein Notizbuch und ein Hausschlüssel. Die Eigen- tümer können die Gegenstände bei Pohl, Naunynstraße 30, in Empfang nehmen. Im Zoologischen Garten ist ein seit dem Herbst dort befind- licher Birkhahn gegenwärtig in voller Balz und zeigt, namentlich seit ihm zeitweilig eine Henne beigesellt ist, fast zu allen Tageszeiten seine eigenartigen Künste, so daß man das merk- würdige Kollern schon lange hört, bevor man das Gehege des Vogels in der Fasanerie, in der Nähe der Lamas, erreicht hat. Bekanntlich sind Birkhühner in zoologischen Gärten recht selten anzutreffen, da sie sich nicht besonders gut in Gefangenschast halten. An diesem ersten Sonntag im Monat Mai kostet der Eintritt nur 26 Pf._ Vorort- Nachrichten. Riipdorf. Schwere Brandwunden erlitt am Sonntagnachmittag die neun- jährige Tochter Frida des Schuhmachers Steiner in der Mahlower Straße 10. Die Kleine kam mit ihrer Schürze der Gasflamme zu nahe, wodurch ihre Kleider in Brand gerieten. In ihrer Angst lief sie nach dem Fenster und rief um Hilfe. Hierbei setzte sie auch die Gardinen in Brand, deren brennende Fetzen auf den Rücken des Kindes fielen. Die anderen Geschwister waren nach der Stube geeilt, in der sich der Vater befand. Derselbe kam in die Küche, warf dem Kinde ein Tuck, über und erstickte die Flammen. Dabei zog er sich gleichfalls Brandwunden an den Händen zu, die von den Samaritern der Feuerwehr verbunden wurden. Fnda wies schwere Brandwunden im Rücken und am Kopfe aus und wurde in bedenk- lichem Zustande nach dein Krankenhause gebracht. Todessturz aus dem dritten Stockwerk. Einen schrecklichen Tod hat die 33 Jahre alte Ehefrau Pauline Brunnert, Ziethenstr. 11, gefunden. Frau B. war seit vielen Monaten leidend und da sich ihr Zustand gar nicht bessern wollte, so faßte sie den Entschluß, in den Tod zu gehen. Gestern mittag stürzte sie sich in der Abwesen- heit des Mannes aus der im dritten Stockwerk belegenen Wohnung auf die Straße hinab. Mit zerschmetterten Gliedern blieb die Lebensmüde auf dem Bürgersteig liegen. Der Tod war auf der Stelle eingetreten./ Verloren wurde bei der im Hoppeschen Lokale stattgefundenen Maifeier ein Herrenporlemonnaie, enthaltend eine größere Summe Parteigelder. Da der Verlierer hastbar ist, so ersuiben wir den Finder, das Geld in unserer Parteispedition, Neckarstraße 2, ab- zugeben. Wilmersdorf. Der Wahlverein hielt am Dienstag seine MonakSbersamm- lung im Gesellschaftshaus ab. Genosse Schröder hielt einen Vor- trag über: Maigedanken. Unter Vereinsangelegenheit wird beschlossen, gegen den Genossen Grünberg das Ausschlußver- fahren zu beantragen. Als Bezirksführer werden die Genossen Hilbig und Krüger bestätigt. In die Speditionskommission wird Genosse Henkel gewählt./._, Verantwortlicher Redakteur Richard Barth» Berlin. Für de» StegliA. Ein Bild krassen Elend? bot sich gestem in der Schloßstraße. Eine Frau mit fünf Kindern schleppte sich nur mühsam vorwärts. Ein Beamter schaffte Mutter und Kinder nach der Polizeiwache, wo sie in halb verhungertem Zustande anlangten. Es handelt sich um eine Arbeiterin Klara Abel, die von ihrem Wohnsitze in Rüdersdorf mit ihren kleinen Kindern auf dem Wege nach Zossen begriffen war. Tchöneberg. Ein Kinderjackett ist bei der Maifeier gesunden worden; dasselbe kann von dem Genossen Herker, Grunewaldstr. 30, abgeholt werden. Cbarlottendnrg. Ein Armband und ein Damengürtel sind am Sonntag im Volks- hause gefunden und vom Genossen Reinsch, Cauerstr. 10, Seitenflügel 4 Treppen, in Verwahrung genommen worden. Rnmtnelsburg. In der letzten Gcmeindevertretersitznng erfolgte zunächst die Einführung der neu- wie wiedergewählten Gemeindevertreter, dar- unter unsere Genossen Günther, John und Ritter. Gegen die Gültigkeit der Wahl des in der Stichwahl in der 2. Abteilung gewählten Grundbesitzervereinskandidaten Carlin war von drei Seiten Protest eingelegt worden. Auch gegen die Gültigkeit der Wahl des in der ersten Abteilung gewählten Direktor Dr. Fried- mann lag ein Protest vor. Der Gemcindevorstand beantragte, die Wahl von Carlin für gültig zu erklären, da auch nach Berücksichti- gung der erhobenen Protestgründe Carlin noch mit einer Stimme Mehrheit als gewählt zu betrachten sei. Da unser Genosse John in der Lage war, noch mit zwei weiteren Protestgründen auf- warten zu können, welche von der Gemeindevertretung— wenn auch nach langem Sträuben— als stichhaltig anerkannt werden mußten, so wurde die Wahl des Herrn Carlin einstimmig für ungültig erklärt. Die Beschlutzfassung über die Gültigkeit der Wahl des Direktor Dr. Friedmann, der seinen eigentlichen Wohn- sitz in Berlin hat, wurde, da begründete Zweifel über einen an- geblichen Wohnsitz des Genannten in hiesiger Gemeinde im Sinne der Landgemeindeordnung vorgebracht wurden, ausgesetzt. Die Einführung des in der zweiten Abteilung in Boxhagen in der Stichwahl gegen den Grundbesitzervereinskandidaten gewählten Oberlehrer Aigte konnte nicht erfolgen, da von der Schulbehörde die Erlaubnis zur Ausübung des Mandats noch nicht erteilt worden war. Wie aus der letzten Bürgervereinsvcrsammlung hierzu be- richtet wurde, ist diese Verzögerung darauf zurückzuführen, daß aus Grundbesitzerkreisen eine Denunziationsfchrift gegen die Wahl resp. Person des Oberlehrers Aigte beim Kultusminister betr. Ver- Weigerung der Erlaubnis zur Ausübung des Mandats eingelaufen ist. Bei den vollzogenen Wahlen zu den einzelnen Deputationen und Verwaltungsausschüssen wurden unsere Vertreter mit Aus- nähme im Kuratorium für die höheren Lehranstalten in sämt- lichen Körperschaften gewählt. Einem Antrage des Gemeindevor- standes wurde hierauf zugestimmt, daß die vor drei Jahren be- schlössen? Errichtung einer Volksbadeanstalt wegen der jetzigen un- günstigen Finanzlage der Gemeinde für absehbare Zeit fallen ge- lassen wird. Dagegen sprachen und stimmten nur unsere Ver- treter. Ebenso stimmte die bürgerliche Mehrheit dem Antrage des Gemeindevorstandcs auf Erhöhung des Schulgeldes bei der kaufmännischen Pflichtfortbildungsschule von bisher vierteljährlich 4 M. auf 5 M. zu. Unser Genösse Berger sprach gegen diese Er- höhung. In der folgenden nicht öffentlichen Sitzung wurde einem Vergleiche, welcher die Eigentumsverhältnisse zwischen hiesiger Ge- meinde, der Stadt Berlin und dem Eisenbahnfiskus an der unteren Hauptstraße am Markgrafendamm(sog. Sechspappelstück) regelt, die Zustimmung erteilt. Ein Antrag des Gemeindevorstandes, dem Forstfiskus die Grundwertsteuer für die Zeit vom 1. November 1908 bis 31. März 1909 mit 2457,50 M. für den am 1. November 1908 nach Rummelsburg eingemeindeten Jagen 353, welchen die Stadt Berlin erworben hatte— der aber erst in diesem Jahre zur Auflassung gekommen ist— aus Billigkeitsgründen zu erlassen, fand keine Mehrheit. Es wurde dann noch die Zustimmung erteilt, daß daS an der Markt- und Hir�chberger Straße gelegene 233 Ouadratruten große Dreieckgrundstuck zum Preise von 650 M. pro Rute an den Unternehmer Stutz verkauft werden kann. Eine frühere Sitzung hatte den Mindestpreis sür dieses Grundstück auf 675 M. pro Rute festgesetzt. Reinickendorf-Ost. Gesunde» wurde beiZ der Maifeier im„Schönholzer Tivoli" ein Pelzkragen. Derselbe ist abzuholen bei N ö t h l i n g, Provinz- straße 59. Tegel. Der Berel» Jugendheim hält heute Dienstag, den 3. Mai, abends 8 Uhr, im Lokale von Julius Klippenstein eine Mitglieder- Versammlung ab, in der Bericht und Abrechnung des Jugend- ausi'chnsses, Jugendbewegung und Jugendheim, sowie Diskussion auf der Tagesordnung steht. Z�riedrichsfelde. Bei der Maifeier am Abend in BubeS Lokal ist ein Ring ge- funden worden. Abzuholen bei E. Oehlert, Prinzen-Allee 12. Potsdam. Eine rege Debatte im Stadtparlament rief ein von elf Stadt- verordneten eingebrachter Antrag hervor, für die erledigten fünf Stadtverordneteninandate Ersatzwahlen vorzunehmen; vier davon hatten ihre Unterschrift schon vor der Verhandlung zurück- gezogen. Die Stadtvv. Pauli(k.) und Kenner(lib.) führten zur Begründung aus, daß für drei Mandate die Wahl noch gar nicht zu Ende geführt sei, da die damals Gewählten die Wahl nicht an- genonimen haben; der vierte ist innerhalb der achttägigen Frist nach der Wahl verstorben. Ter Magistrat sei gesetzlich verpflichtet. diese Wahlen zu Ende zu führen. Der Magistrat äußerte sich schriftlich, daß er die Ersatzwahlen ablehne, da sie erst im November vorgenommen werden könnten, was den Aufwand an Arbeit, die Beunruhigung und die Kosten nicht rechtfertige, stellt aber der Stadtverordnetenversammlung eine andere Beschlußfassung anHeim. Bürgermeister Radi führte aus, daß sowohl Magistrat, Stadtverordnetenversammlung oder Bezirks- ausschuß die Ergänzungswahlen beschließen könne; über die Rechts- frage, ob die vorjährigen Wahlen zu Ende geführt sind, könne man verlchiedencr Meinung sein. Als Vertreter der Mehrheit brachte Stadtv. Walter unverblümt die Meinung derselben zum Ausdruck. In der Bürgerschaft sei keine Stimmung für eine Ersatz- wohl; im übrigen hätten die Vereine, die früher sich mit warmem Interesse für die Wahlen hingegeben haben, jetzt kein Geld dazu. 65 Stadtverordnete seien anch genug. Stadtv. Horstmann fand sogar, daß der Geist der Städteordnung nicht will, daß immerzu in den Städten gewählt werden solle. Nachdem der Mehrheit dann noch entgegengehalten wurde, daß es unerhört sei. daß die Wahlen nicht stattfinden sollten, weil gewisse Vereinigungen dazu kein Geld haben, andererseits die Behandlung dieser Angelegenheit durch den Magistrat den Stadtverordneten die Schamröte ins Gesicht treiben müßte, wurde der Antrag auf Ersatz- wählen mit 39 gegen 10 Stimmen abgelehnt. Rechtliche Aus- führungen fanden bei den Bezirksvereinlern und den Mitgliedern des konservativen Neuen Wahlvereins, die dabei auch gleich mit dem Schlußantrag zur Hand waren, kein Gehör. Sie wollen keine Wahl und die Bürgerschaft muß sich fügen. Wann werden die Potsdamer endlich einmal diese selbstherrliche konservative Diktatur ab- schütteln. Ein neuer Reklametrick. Ein Potsdamer Gastwirt, der jetzt sein neues Geschäft übernommen hat, ist auf eiuen schlauen Reklame- trick verfallen, um seinem Lokal eine Anziehungskraft zusichern. Wie er in einem in einer hiesigen Zeitung veröffentlichten Inserat be- kannt gibt, hat er für seine Gäste das leibhaftige Modell der russischen Gräfin Tornowska ausgestellt, wofür er eine hiesige Ver- käuferin, die der Tarnowska täuschend ähnlich sieht, gewonnen haben soll._ gnseratenteil verantw; Tb. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Jugendveranstaltmige»». Die Freie Jugendorganisation Charlottenbnrg veranstaltet am Sonnabend, den 7. Mai, abends 8'/, Uhr, im großen Saale des Volks- bauses, Rosinenstr. 3, eine künstlerische Jugendseier. Die Festrede hält Schriftsteller Heinrich Schulz. Es wirken mit beim Stretchquartett erste Violine: Peter Uschniann. zweite Violine: Oskar Löblich, Viola: Viktor Porsil, Cello: Franz Hollfelder. Ferner Violinsolo: Max Modern, Nczilationcn: Max Lowe, Eborqesang:„Charlottenburger Liedertafel" (M. d. A.-S.-B.). Nach dem Feste findet Tanz statt. Das Eintrittsgeld be- trägt für Jugendliche unter 18 Jahren 10 Pf, sür Erwachsene 30 Pf. Pro- granime werden gratis ausgegeben. Abendlasse findet nicht statt. Billetts sind zu haben im Pollshause(Stehbierhalle) sowie beim Vorsitzenden Vau! Schiller. Polsdomer»Slr. 38. Die erwachsene Arbeiterschaft wird gebeten, die Jugendlichen in den Werkstätten und Fabriken aus diese Veranstaltung hinzuweisen. Boxhage«- Nummelsburg> Stralan. Der Jugendausschuß ver- anstaltei am Donnerstag, den 5. Mai(Himmelsahrtstag), einen Ausflug nach den Müggelbe! gen. Abfahrt srüb ll26 Uhr Dom_ Bahnhof Klctz- Rummelsburg. Für Nachzügler bis 8 Uhr am Mfiggelschloßchea Fahrgeld hin und zurück, mit Ueberietzen 50 Pf. Um rege Beteiligung auch der Erwachsenen wird gebeten. Vermischtes. Im Rausche ermordet. In BiSmarckHütte(Obers cblcsien) Hatten am Sonntag drei Arbeiter den ganzen Nachmittag zusammen gekneipt und gerieten schließlich wegen der Zahlung einer Zeche von 70 Pfennig mit einander in Streit. Aus dem Nachhausewege schlich einer der Be- teiligten, der Arbeiter Lipatz, seinem Kneipkumpan Buntzel nach und versetzte ihm im Hausflur seines Hauses einen Messerstich. Der Stich ging dem Buntzel in den Kopf und führte bereits nach zehn Minuten den Tod herbei. Der Attentäter wurde verhastet. Zwei Personen verbrannt. Der Schauplatz einer schweren Brandkaiastrophe war in der Nacht zum 1. Mai die Ortschaft Veite in Dänemark. Während die Bewohner im Schlafe lagen, brach auf einem GeHöste Feuer aus, das mit großer Schnelligkeit um sich griff. Von den Bewohnern fanden zwei in den Flammen ihren Tod eine dritte Person ist durch Brandwunden schwerverletzt worden. DaS Gehöft ist vollständig niedergebrannt. Eine Itrautzziichterei in Italien. Der Senator Georgio S o n n i n o hat auf seinem Gute Castelvecchio in der Provinz Florenz den Versuch gemackit. den amerikanischen Strauß(Sü-utsiia rfiea) zu akliinatisieren. Der Versuch scheint ausgezeichnet gelungen z» sein. Die Straußen legen 20 Eier im Jahr, deren jedes 800— 1000 Gramm wiegt. Das Brutgeschäfl besorgt das Männchen und die Brutzeit dauert an« nähernd 40 Tage. Die Tiere fressen alles, können bei jedem Wetter unter freiem Himmel leben und werden sehr schnell zahm. Außer den Eiern finden das Fleisch und auch die Federn Verwertung, die freilich nicht so wertvoll sind wie die des afrikanischen Straußes. Kleine Notizen. Seine Geliebte ermordet hat in Falkenstein i. Vogtl. der aus Berlin stammende Geschäftsreisende Hubert Ritzen. Ritzen schnitt dem Mädchen mit einem Rasiermesser den HalS durch. Der Mörder wurde verhaftet. Abgestürzt ist auf einer HochgebirgStour in Steiermark der Tourist Karl Langer. Bei dem Sturze erlitt Langer so schwere Verletzungen, daß er bald darauf starb. Starker Schneefall wird aus Oesterreich gemeldet. DaS ßf samte Semmeringgebiet ist in eine tiefe Schneedecke gehüllt. Unter dem Verdacht der Bilanzverschleierung wurde in Nürnberg der chilenische Konsul Rudolf Birkner, Inhaber einer Effekten- und Wechselbank, verhaftet. Einer verhängnisvollen Verwechselung sind vier Kutscher eine? Spediteurs in Schwientochlowitz zum Opfer gefallen. Die Kutscher brachten Waren an den Konsumverein nach Schlesiengrube und fanden im Keller deS Vereins eine mit Kakes gefüllte Blechbüchse. Sie aßen davon und gaben auch mehreren Kindern zu essen. Alle Personen, die von den Kakes gegessen hatten, erkrankten sofort unter VergiftungSerschsinungen. Der Kutscher A n t o n i war nach einigen Stunden eine Leiche und der Kutscher H e e d a ringt mit dem Tode. Die harmlos aussehenden Kake» waren zur Vergiftung von Natten bestimmt. Mit der Guillotine hingerichtet wurde am Dienstag früh in L u z e r n der Raubmörder Matthias Muff. Er hatte in der vorjährigen Weihnachtswoche den Pächter Bisang, dessen Frau und zwei Knechte in Ruswil bei Luzern ermordet und nach voll- zogenem Raube Scheune und Wohnhaus angezündet. Berliner Arbeiter-Schachklnb. Norden: Abt. l bei H. Schulz, Maxstr. 13b, jeden Dienstag'/,9 Uhr; Slbt. II bei P. Feilsch, Dront- beimer Straße 4, jeden Freitag'/t9 Uhr; Abt. III bei K. Baganz, Äaudy« tratze 3, jeden Freitag'1,9 Uhr; Abt. IV bei Wöhrenhos, Usedom- traße 28 jeden Sonnabend'1,9 Uhr. Moabit! Abt. I bei Piclecke, Zwinglistr. 26, jeden Donnerstag '1,9 Uhr. Abt. n bei Lamureat, Puttlitzstr. tO., jeden Freitag'1,9 Uhr.j Osten: bei M. Böhl, RüderSdorjer Str. 26, jeden Dienstag und Donnerstag'1,9 Uhr. Süden: bei A. Uebelelsen, Waflertorstr. 8, jeden Dienstag'/,9 Uhr. tentrnm: bei Freiheit, Dragoncrstr. lS, jeden Donnerstag'1,9 Uhr. ichtenbera: bei Blume, Alt-Boxhagen 56. jeden Freitag'1,9 Uhr. Rixdorf: bei Stahmann, Rcuterstr. 46, jeden Dienstag'1,9 Uhr. In allen Abteilungen Sonnabends freier Schachverkehr. Slngegangene Dmchrchriften. Die soeben erschienene Nummer 10 deS„Postillon" enlbält an Voll- bildern und Illustrationen: Von unserer Sternwarte.— Die preußisch« Eulenburg.— Eine AeschästSordnungsmaßregel im preußischen Ab- geordnetenhauS.— Aus warmem Wege. Usw. Au» dem Texte erwähne» wir: Die göttliche Weltordnung,— Empor die Fahne.— Das Heilserum. — Zur Vauarbeiteraussperrung.— SamueliS 16.— Zu den Maßregelungen der Eisenbahner tn Sachsen.— Brief auS Berlin.— AuS dem preußischen Parlament. Usw. Der Preis der Nummer ist 10 Ps. vom„Kampf«, dem wissenschastllchen Organ der österreichischen Genossen, ist das 8. Hest deS 3. Jahrganges erschienen. AuS dem Inhalt beben wir hervor: Karl Renner: Organisation der Welt.— Otto Bauer: Theorien über den Mehrwert.— Adolf Braun: Nationale oder inter- nationale Gewerkschasten?— Julius Deutsch: Vom Landesveretn zum Reichsoerband.— Joses Mirnh: Die Lehren deS Auslandes.— Eduard Anseele lGent): Ein Brief.— S. JaSzai(Budapest): Die ungarischen Ge» werkschasten und die Nationalitäten.— August Huggler(Bern): Inter» nationalilät der Gewerkschaften in der Schweiz.— Richard Woldt(Berlin): Das Kalkulattonsproblem in der Großindustrie.— Engelbert Pernerstocser: Kleine Ermnerungen.— Nadja Straffer: Wandlung der Moralbcgriffe.— Büch erschau. Universal. Bibliothek. 6184. Alefsandro Stradella. Romantisch« Oper von W. Friedrich.— 5l86. Im DalleS. Schwant von M. Möller. Einzelbest 20 Pf. PH. Reclam, Leipzig. Geschichte des Deutschen Buchbinderverbandes. 1886—1910. I. Band. Bearbeitet von Emil Kloth. 246 Seiten gebunden. Verlag: Deutscher Buchbinderverband, Berlin. Ganze Menschen. Von H. Wolgast. Mn sozlal-pädagogischer L«r- such. 2 M., geb. 3 M. Luchverlag der„Hllfe*, Berlin-Schöneberg. ZlmNicher Marktberkch, der städttichen M�ahmreil.jmektion üder den Großbandel ui den Zentral-Marktballen. Marktlage: Fleilch: Zutubr stark, Geschäft schleppend, Preise sür Ochsen«, Kalb, und Schweine- steijch anziehend. Wild: Zusubr sehr knapp, Geichäst still, Preise wenig verändert. Geflügel: Zusubr genügend, Geschäft lebhasl, Preise gut. Fische: Zufuhr mäßig. Geichäst ziemlich rege, Preist wenig verändert, Butter und Käse: Geschäft ruhig, Preise unverändert. G e m ü i e, Obst und Südfrüchte: Zufuhr zum Tell knapp, Geschäst anfangs still, später reger, Preise gedrückt._ vuchdruckerei u. LerlagSanftalt Paul Singer& Eo,. Berlin SW.