Ur. 108. Nbonnemenk-kecklngllngen: Abonnements- Preis pränumerando i Vicrtcljährl. SP0 Mr, moitall. 1,10 Wit., wöchentlich 2S Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- Eingetragen in die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. PoftabonncmentS nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg. Portugal, Numänien, Schweden und die Schweiz. 87. Jahrg. erscheint täglich nuller montags. Zentralorgan Verlitter Volksbletlk. der rozialdemokratifd�en Partei Deutfdilaiids. Die Tnfert1ons*6ebai)r kekägt für die sechsgespaltene Kolonel- geile oder deren Raum Kl Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins- und VersanimlungS-Anzeigen 30 Pfg. „ixtetne Hnsdgcn", das erste(fett- gedruSte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- stellcn-Anzeigcn das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort L Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ijt bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adresse:* „Sozialdemoltrat Rerlio* Redaktion: 8Äl. 68. Ltndcnstrassc 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. (Plumpe Mchlmgl �Schlich.) Der„Kreuz-Ztg." ist unsere Annagelung ihrer un erhörten Fälscherkünste derart auf die Nerven gefallen, daß sie noch kein Wort der Erlviderung gefunden hat. Das wäre ja inimerhin begreiflich; höchst sonderbar aber ist es, daß sich die Z e n t r u m s p r e s s e gleichfalls noch nicht zu einer Aufklärung ihrer Leser über das Wesen der vom Herrenhause beschlossenen Maximierung aufzuzwingen vermocht hat l Und doch wäre das äußerst wichtig, da ja doch das Zentrum die Ablehnung der Herrenhausbeschlüsse seinen Wählern begreiflich zu machen hat 1 Wie sollen denn die Zentrumswähler die Tragweite der Herrenhausbeschlüsse verstehen, wenn sie die Zentrumsprcsse nicht über das Wesen dieser Beschlüsse belehrt Bisher aber hat die ultraniontane Presse einzig die Frage der Drittelungsbezirke in den Vordergrund geschoben, während sie die doch ebenso wichtige Frage der fast völligen Wiederbeseitigung der Maximierung vollständig unbeachtet ge lassen hat. Warum verschweigt denn eigentlich die Zentrums presse diese unerhörte Verschlechterung ihren Lesern so ge flissentlich? Warum erweckt sie bei ihnen sogar, wie unlängst die„Märkische Volkszeitung", gleich der„Kreuz-Zeitung" die grundfalsche Vorstellung, als ob durch die von dem Herrenhaus beschlossene Art der Maximierung die Herrenhausbeschlüsse gar noch verbessert worden seien? l Oder wäre wirklich das Zentrum, um ja den Nationalliberalen auf alle Fälle den Rang abzulaufen, bereit, sich noch auf weitere Ver- schlechterungen des Wechselbalgcs einzulassen?! Selbst wenn das der Fall wäre, sollten die Zentrumsblätter be denken, daß ihnen die Totschweigetaktik nichts nützt; denn wenn sie noch so ängstlich die Tragweite der vom Horrem hause gefaßten Beschlüsse ihren Lesern vorzuenthalten suchen, wird einfach die sozialdemokratische Presse, werden sozialdemokratische Flugblätter fiir die Aufklärung der Zentrumswähler sorgen! Doch um wieder auf die Fälschungen der„Kreuz Zeitung" zurückzukommen. Das konservative Hauptorgan gibt mehrere Tabellen wieder, die beweisen sollen, in welchem Maße durch die vom Herrenhans beschlossene Maximierung der Einfluß der größten Steuerzahler auf die Wahlen a b g e schwächt werde. Wir sind leider nicht in der Lage, diese Zahlen nachprüfen zu können, da die Statistik über die preußischen Landtagswahlcn für 1903 ein derartiges Zahlenmaterial nicht enthält. Da aber alle übrigen Zahlen der„Kreuz-Zeitung" vollständig falsch sind,— wir kommen vielleicht noch auf Einzelheiten zurück, sobald die„Kreuz-Zeitung" selbst wieder die Sprache gefunden haben wird— steht die unbedingte Zuverlässigkeit auch dieser Tabelle sehr in Frage. Immerhin sind die Berechnungen der„Kreuz-Zeitung" so interessant, daß wir sie mit dem nötigen Vorbehalt wiedergeben wollen. Nach der„Kreuz-Zeitung" stellt sich die Einkommensgliederung der drei Städte Charlottenburg, Hannover und Danzig, das heißt einer der r e i ch st e n Großstädte, einer Mittel stadt und einer der ärmsten Großstädte folgendermaßen: Die„Kreuz-Zeitung" nimmt an, daß sich gemäß dieser Einkommensteuergliederung auch der Einfluß der einzelnen Zensitengruppen auf die Wahl bemißt. Das dürfte im großen und ganzen auch zutreffen, obgleich die angegebene Steuer- summe nicht die Gesamt steuersumnle darstellt, sondern nur den Staatseinkomniensteucrbetrag. Jeden- falls stellt sich das Verhältnis gerade für die unteren Einkommensgruppen eher ungünstiger als günstiger, da nach der amtlichen Statistik fiir die preußischen Landtagswahlen von 1908, der sogenannten„Wahlrechtsstatistik", die in den letzten Monaten so oft erwähnt wurde, die Staatseinkommensteuer gerade für die d r i t t e Klasse einen prozentual größeren Anteil der Gesamtsteuersumme ausmacht, als für die zweite und erste Klasse. Was nun ergibt sich nach der„Kreuz-Zeitung" aus dieser Tabelle? Die„völlig ausschlaggebende Stellung des Mittelstandes"! Ein Blick auf die Tabelle selbst beweist allerdings, daß in Charlottenburg die Zensiten mit einem Einkommen bis zu 9500 Mark zusammen nur 27 Prozent Einfluß auszuüben vermögen, also im Durchschilitt nicht einmal die dritte Klasse beherrschen, daß dagegen die Einkommen über 9500 M., insgesamt nur 7,3 Proz. der Zensiten. die e r st e und zweite Klasse vollständig beherrschen! Und nicht viel besser steht es in Hannover, Ivo die Zensiten mit einem Einkommen bis zu 9500 M. kaum über die Hälfte des gesamten Einkommenstenerbetrages aufbringen. Aber die„Kreuz- Zeitung" weiß sich dadurch zu helfen, daß sie schleunigst einen neuen Begriff des „Mittelstandes" erfindet I Bisher rechnete man zum Mittel- stand Personen mit einem Einkommen bis zu 6000 M., im höchsten Falle bis zu 9000 M.; die„Kreuz-Zeitung" jedoch rangiert auch alle Zensiten niit 9500 M. bis 30 500 M. unter den„Mittelstand" I Durch einen solchen Trick verinag sie freilich höchstens Heiterkeit zu erregen, nicht aber die Tatsache ans der Welt zu schaffen, daß gerade nach ihrer eigenen Berechnung allein die Personen mit mehr als 30 500 Mark Einkovlmen nicht nur die e r st e Klasse völlig be- herrschen, sondern zusammen mit den Zensiten mit 9500 bis 30 500 M. Einkommen auch noch die zweite Klasse! Die„Kreuz-Zeitung" beweist also selbst, daß im allgemeinen in den Städten nicht nur die Wähler mit einem Einkommen bis zu 3000 M. als Wähler dritter Klasse vollständig rechtlos sind, sondern daß auch noch zahlreiche Wähler der Einkommcnsgruppe von 3000 bis 9500 M. vollständig einflutz- und machtlos sind gegenüber dem Votuni der Wähler mit einein großen Geldsack! Natürlich hat die„Kreuzzeitung" die Tabelle nicht zu dieseiil Zwecke veröffentlicht. Sie hat das vielmehr getan, um auf Grund der angeblichen Konsequenzen des von ihr gefälschten Herrenhausbeschlusses ein höheres Wahlrecht für die proletarischen und Mittelstaildswähler herauszukalku- lieren. So hatte sie von den 3 995 000 M. Steuern der höchstbesteuerten Zensitengruppe in Charlottenburg ganze IV2 Millionen Mark in Abzug gebracht, die angeblich in folge der Maximierung in Fortfall kämen. Diese Rechnung möchte stimmen, falls wirklich nur 1300 M. Staatseinkommen steuer in Anrechnung kommen sollten. Da nun aber in Wirk lichkeit nach dem Herrenhausbeschluß für Charlottenburg als Großstadt 0000 M. Staatseinkomniensteuer in Anrechnung gelangen, der Durchschnitt pro Kopf der 1473 Zensiten aber noch nicht 2700 M. Staatseinkommensteuer ergibt, ist es uns wirklich schleierhaft, wie die„Kteuzeitung" einen solchen Ausfall zu berechnen vermag! Gerade die Tabelle der„Kreuzzeitung" beweist, wie skandalös die Klassendrittelilng nach der Steuerleistung trärkt, in wie ungeheuerlicher Weise sie die große Masse der Wähler der Macht einer Handvoll von Geld Protzen preisgibt! Wenn es trotzdem dem Proletariat in einigen großstädtischen Wahlkreisen gelungen ist. ein paar Mandate zu erobern, so war dies nur möglich infolge der Steuerdrittelung nach Nrwahlbczirkcn, durch die die Härten einer Drittelung über die ganze Gemeinde, wie sie die obige Tabelle voraussetzt, stellenweise gemildert worden sind. Bekanntlich hat aber nun das Herrenhaus nicht nur die fast totale Wiederaufhebilng der Maximierung beschlossen, sondern auch für die Großstädte die Driffelung über Bezirke von 20 000 Personen, während die Urwahl- bezirke bisher nur 1750 Personen im Höchstfalle umfaßten, Diese Drittelung in so großxn Bezirken bewirkt eine Arn- Näherung an den Zustand, wie er bei einer Drittelung über die ganze Gemeinde eintreten würde, von der die Tabelle der„K r e u z z e i t u n g" ein so abschrecken- des Bild gibt! Eine Drittelung nach dem Beschluß des Herrenhauses wäre also die totale Entrechtung nicht nur aller Wähler mit einem Einkommen bis zu 3000 M.— selbst in Tanzig wäre ja kein einziger dieser Wähler in die zweite Klasse gekommen—, sondern auch zahlreicher Wähler mit einem Einkommen von 4000 und 5000 M., die dann entweder ebenfalls in der dritte n Klasse zu wählen hätten, oder aber von den höheren Einkommen st ufen in der zweiten Klasse mit Leichtigkeit überstimmt würden! So verwerfliche Absichten auch der perfiden Fälschung der„Kreuzzeitung" zu Grunde gelegen haben mögen, so be- rechtigten Dank können»vir ihr schließlich doch dafür abstatten, daß sie gerade durch ihre Artikel und ihre tabellarischen Bei- spiele den allerdings unbeabsichtigten Beweis dafür erbracht hat, welch unerhörte Despotie deö Geldsacks durch die Beschlüsse des Herrenhauses herbeigeführt werden würde! Fänden die Herrenhausheschlüffe im Ahgeordnetenhause die Sanktion einer Mehrheit, so bedeutete das geradezu eine un- gchenerliche Verschärfung der jetzigen Volksentrcchtung! Ob das Zentrum jetzt wenigstens die ungeheuerlichen Konsequenzen der Herrenhausbeschlüsse seinen Lesern mit- teilen wird?_ vurchpeMchung des IHaligefetzes. Kali ist ein ganz besonderer Stoff. Es ist der einzige Waren- Verbrauchsartikel, und nahezu ein Produktionsmittel, kein Artikel des direkten Konsums, der völlig oder doch nahezu ein Monopol- artikel deS Deutschen Reiches ist. Nur in Deutschland sind bisher Kalisalzbergwerke von irgendwelcher Bedeutung erschlossen worden. Expedition: 8M. 68, Lindcnstraase 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Der Monopolcharakter dieses für die Landwirtschaft so außerordent- lich: wertvollen Produkts entfesselte natürlich die Ausbeutungsgier der Bergwerksbesitzer und der Besitzer erschließungsfähiger Lager auf das höchste. Die Uebel, die daraus resultierten, machten ein gesetzliches Eingreifen notwendig. Darüber waren alle Parteien einig. Aber nur nicht darüber, wie denn eingegriffen werden sollte. Die Regierung trat mit einem Gesetzentwurf hervor, der eine Zwangsvereinigung der Werke zur Grundlage hatte. In der Kommission machte die Sozialdemokratie den Vorschlag der Verstaatlichung der Werke, mit dem sie allein blieb. Es fand sich aber eine Mehrheit für den Zentrumsvorschlag, die Produktion durch Kontingentierung der Förderung der Werke zu regeln. Die Sozialdemokratie ging nun darauf aus, für den Fall der An- »ahme der Kontingentierung den Arbeitern Schutz gegen Lohn- druck zu schaffen. Die weitergehenden sozialdemokratischen Anträge wurden auch da leider abgelehnt, aber es gelangten denn doch mit Beihilfe der Sozialdemokratie Bestimmungen zur Annahme, die dadurch den Arbeitern eine gewisse Sicherheit gewähren, daß die Werksbesitzer für den Fall der Lohnherabsetzung unter eine bisher erreichte Höhe mit Nachteilen bei der Kontingentsfestsetzung bedroht werden. Um diese Fragen handelte es sich nun in der Debatte der zweiten Lesung. In der Generaldebatte stellte Genosse E m m e 1 fest, daß die Sozialdemokratie unter keinen Umständen dem Gesetz ihre Zustimmung geben könne, wenn irgendwelche Abschwächungen der Arbeiterschutzbestimmungen in dem Gesetz vorgenommen wür- den. Als Gegner des Gesetzes traten nur die Freisinnigen auf, die von der Durchbrechung des Grundsatzes der freien Konkurrenz das größte Unheil befürchten. Die Verhandlungen dehnten sich bis 10 Uhr abends aus. Nach- dem das Gesetz in zweiter Lesung durchberaten war, wurde es in der dritten Lesung gegen die Stimmen der Freisinnigen und der Polen en bloe angenommen. Darauf vertagte der Reichstag seine Verhandlungen bis Dienstag, den 8. November. Sei' iottsllitilche Aahliieg in Fraitoicl). Paris, 9. Mai.(Eig. Ber.) 29 Mandate hatte die gcciiiigte Partei aus dem ersten Wahlgang heimgebracht. Gestern sind 46 dazugekommen. 75 Mann stark kehrt die sozialistische Fraktion in die Dcputtertcnkammer zurück, die sie mit 55 verlassen hat. Das ist ein Erfolg, der— sagen wir es offen heraus— auch von optimistischen Beurteilcrn nicht erwartet worden ist. Die Genugtuung über diesen schönen Ausgang, die sicher in der ganzen Internationale mit empfunden werden wird, schließt indes nicht aus, die Umstände, unter denen er zustande gekonimen ist, krittsch zu betrachten. Doch geben wir zunächst die Liste der gestern Gewählten wieder. Wiedergewählt wurden folgende Genossen: Thivrier, Mille(Dep. Allier), N i e 0 l a s(Aube), B 0 u i ss 0 n(Bauches du Rhone), B e d 0 u c e(Haute-Garonne), D u f 0 u r(Jndre), Delo>ry, Ghesquiöre(Nord), M a r i e l l 0 n(Rhüne), Duearonge(Saüne- et- Loire), Chauviöre, Groussier, Meslier, Natoux, Rouanet, Veber, Walter(Seine), I a u r s s(Tarne). Neugewählt sind die Genossen: N i n g n i e r(Aisne), Charles Dumas, Redakteur des guesdistischen Wochenblattes „Socialisme"(Allier), Sixte Oulain(Bouches du Rhüne), Em. Dumas, Mauger(Eher), B 0 n h e y- A l l e x, der bis 1906 Deputierter>var(Cütc d'Or), G 0 u d e, Marine- beamter(Finistöre),' C a ch i n(Gard), Ellen Prevost (Haut-Garonne), C a m e l l e(Gironde), Molle, Reboul (Herault), Brenier, Mistral, Raffin-Dugens (Jsöre), Tarboutiech, einer der Agrartheoretiker der Partei (Iura), D u b l e d(Nord), Myrcns, Briquet(Pas-de- Calais), M a n u s(Rhüne). Aubrist, Colly, Lauche, Lavaud, Thomas, Redakteur der„Humanite" und Gründer der reformistischen„Revue Syndicaliste"(Seine), L h 0 st e(Seine- et- Marne),.Sabin(Tarn), Fourment (Bar). Der Liste der 28 Neugewählten steht eine Verlustliste gegenüber, die 8 Namen aufweist, von denen einige aus der Geschichte der französischen und internationalen Arbeiter- bewegung wohlbekannt sind. Unterlegen sind: A l l c m a n c, Brousse, Dubois(Seine), A l l a r d(Var), Dürre, M 0 l i 11(Nord), Alexandre Blaue(Var), C 0 n st a n s (Montluyon). Gehen wir nun zur Untersuchung über, so fällt vor allem das Verhältnis Zahl der Stichwahlsiege(46) zu der Wahlgange errungenen Siege(29) steht. mit entwickeltem Klassenkampfe und mit In des Wahlergebnisses ins Auge, worin die Zahl der im ersten einem Lande einer ihm ent- sprechenden scharfen Ausprägung der politischen Parteien wäre ein solches Verhältnis nicht leicht denkbar. In der Tat zeigt eine ins Detail gehende Untersuchung auch für Frankreich, daß die Aussichten auf Stichwahlerfolge dort am geringsten sind, wo die moderne industrielle Ent- Wickelung am weitesten vorgeschritten ist. Im Nord- departcment hat die Partei, trotzdem gerade dort die beste Organisatton besteht, gestern zwei Mandate verloren und nur eines gewonnen. Obgleich das radikalsozialistische Komitee die Unterstützung des im ersten Wahlkreis von Lille gegen den klerikalen Vandame kämpfenden Genossen S a i n t- V e n au t empfohlen hatte, wurde der Klerikale gewählt. Von den 3717 radikalen Stimmen kamen ihm über 1000 zugute, 500 verschwanden von der Bildfläche. Die sozialistischen Arbeiter dieses Departements dagegen haben die Radikalen überall herausgehauen. Auch im Setne-Depqrtemcnt liest das radikale Klein- bürgcrtum die Sozialisten im Stich. Bezeichnend dafür ist die Wahl im zweiteil Bezirk des 13. Arrondissemcnts, wo Rouanet nur mit 8768 gegen 8138 nationalistische Stimmen durchkam- Im ersten Wahlgang hatte er 8284, der Nationalist 5020, zwei Radikale 2618 und 1724 Stimmen er- halten. Die Radikalen haben also zum größten Teil für den Nationalisten gestimmt. Dieser Bezirk, der im alten Revo- lutionsviertel Montmartre liegt, zeigt übrigens auch die Wirksamkeit der anttparlamentarischen Phrase in manchen Schichten des Pariser Proletariats. Bon 26 926 Wählern gingen nur 17231 zur Urne und ein zur Schädigung Rounnets aufgestellter anarchistischer Kandidat bekam 488 Stimmen. Wenn Rouanet trotz der anarchistischen Hetze gewählt wurde, ist der Durchfall Allemanes zweifellos ihre Leistung, denn Allemane ist nur um sieben Stimmen hinter seinem radikalen Gegner zurückgeblieben. Die Anarchisten fügen so den So- zialisten doppelt Schaden zu, indem sie durch die Demagogie einerseits Arbeiter von der Erfüllung ihrer politischen Pflicht ablenken, andererseits durch die blöd- sinnige Propaganda für Sabotage und„Bürger Browning" auch ehrlich demokratische Kleinbürger kopfscheu machen. Die Erfolge in der Provinz und namentlich in den ländlichen Wahlkreisen sind sicher zum Teil darauf zurück- zuführen, daß die Massen der radikalen Wählerschaft für den von Clemenceau eröffneten und von Briand fortgesetzten Kurs noch kein Berständnis haben. Die demokratische Tradition wirkt noch fort uud die von der Pariser Sensations- presse genährte Panik wegen der anarcho- hervsistischen Hanswurstereien findet da keinen Boden. Doch hätte es keinen Sinn zu leugnen, daß stellenweise lokale Klüngel- streitigkeiten, wie sie besonders im Süden üppig blühen, den Sozialisten zu Hilfe gekommen sind, und es soll auch zu- gegeben werden, daß in manchen Wahlkreisen klerikale Wähler aus Haß gegen die freimaurerischen Radikalen für sie gestimmt haben. Mancher der gestern eroberten Wahl- kreise wird weit schwerer zu behaupten sein, als er ge- Wonnen wurde. So ist im ersten Wahlkreise von Alais(Gard)>, der 20 264 Wähler hat, Gen. C a ch i n gewählt worden, der vor 14 Tagen— 2916 Stimmen erhalten hatte. Der frühere Deputierte war der„unabhängige Sozialist" D e V ö z e, der im ersten Wahlgang 5920 Stimmen bekam. Ein radikaler Kandidat erhielt 4574. Der Radikale trat zurück und im zweiten Wahlgang stieg Cachin auf 6944, Devdze nur auf 6929.— In Arles brachte der erste Wahl- gang dem früheren Deputierten Henri Michel, einem führenden Radikalsozialisten 6556, dem Genossen Sixte Quentn 4910, einem anderen Radikalsozialisten 4136 Stimmen. Gestern siegte Sixte Ouenin mit 10 040 Stimmen, Henri Michel ging auf 5951 zurück. In G a i l l a e im Tarn hatte der erste Wahlgang folgendes Resultat: Favarel(Radikaler) 3937, Marchandeau'(Radikaler) 3762, Cavaills(Konservativer) 3594, Sabin(Soz.) 3774. Im zweiten Wahlgang wurde Sabin mit 6963 Stimmen gewählt. Fvaarel bekam 4776, Cavaillö 8691. — Andererseits ist zu vermerken, daß in demselben Departement I a u r ö s, dessen Wahl das radikale Komitee empfohlen hatte, von 5878 nur auf 6445, sein klerikaler Gegner von 3245 auf 5343 Stimmen gestiegen ist. Der zurückgetretene Radikale hatte 2870 Stimmen erhalten. Allerdings waren genug waschechte Klerikale darunter. Mißglückt ist— zur großen Wut der kapitalistischen Presse die bürgerliche Konzentration in Brest. Im ersten Wahlgang hatte Genosse Goude 7850 Stimmen, ein progresststischer und zwei radikale Kandidaten zusammen 9960 Stimmen. Nun wurde ein neuer Kandidat ans Tageslicht gezogen. der alle bürgerlichen Stimmen vereinigen sollte und sich so ungefähr auf das anttkollektivistische Programm der demokratischen Allianz berief. Trotz heftigster Agitation gingen aber nicht alle radikalen Wähler mit. Goude siegte mit 9120 über 8485 Stinlmen. Die offizielle Statistik sucht natürlich das Resultat der Wahlen für die Regierung so günstig wie möglich hinzustellen. Daß sich unter der Bezeichnung„Radikale" alle möglichen Leute zusammengefunden haben, kommt diesen Kunststücken zugute. Eines ist indes unleugbar, selbst nach ihrer Auf- stellung, nämlich, daß dieRadtkalen und die„unab- hängigen Soziali st en" für sich allein die Mehrheit nicht mehr haben. Allerdings mußten auch im vorigen Parlament die Regierungen stets die Hilfe der «republikanischen Linken" in Anspruch nehmen, die schließlich, da ein Teil der Radikalsozialisten ver- sagte— neben den„unabhängen" Mameluken die eigent» liche Garde der sozialreaktionären Gewaltregierungen wurde. Jetzt ist, da Radikale und Unabhängige(nach der offiziellen Statistik) 21 Mandate verloren haben, ihre parla- mentqrische Bedeutung noch gewachsen und es bedarf nur der dauernden oppositionellen Stellung des radikal-sozialtsttschen Flügels um Pelletan, um die„radikale" Regierung auf die Gnade der Progresfisten anzuweisen. Briand möchte wohl auch diesen Weg gehen, aber die Frage ist, ob die Mehrheit der Radikalen ihm nach der gestrigen Kundgebung der Volks- Meinung folgen wird. Die Wahl in Brest. Pari«, 10. Mai. Aus B r e st wird gemeldet, daß infolge der Wahl des revolutionären Goude zum Deputierten die Spannung zwischen der Marinebehörde und den Arsenalarbeitern gesteigert i st. Die Präfektur wird von Militär bewacht. Zur Vermeidung von Ruhestörungen wurden Maßnahmen getroffen. In Montpellier veranstaltete die bei Eröffnung des General» rates anwesende Menge so lärmende Kundgebungen gegen die Wieder- wähl des Progresfisten L e r o y» B e a u l i e u, daß die Sitzung nicht abgehalten werden konnte. Die Diäten. Paris, 10. Mai. Sofort beim Zusammentritt der Kammer werde» zahlreiche neugewählte Deputierte beantragen, die Bezüge der Deputierten von 15 000 wieder auf 0000 Frank zu er- mäßigen, was voraussichtlich zu lebhaften Debatten führen wird. politische Cleberficbt. Berlin, den 10. Mai 1810. Landtagsferie«. Das Abgeordnetenhaus erledigte heute in fast acht- stllndiger Sitzung die erste Lesung der Sekundärhahn- vorläge. Der einzig erfrischende Moment in der öden Debatte war, als Abg. H o f f m a n n dem Dk- Aren dl. der betonte, daß er nun schon 24 Jahre lang vergeblich die Wünsche feines Wahl- kreifeS hier vorbringe, zurief:„Dann können Sie ja im uächsten Jahre Ihr Jubiläum feiern". Wie üblich, fand die Debatte ihren Abschluß mit der Erklärung des Vertreters de« Eisenhahnministers, daß die Verwaltung alle vorgetrageueu Wünsche»wohlwollend prüfen" werde. Alsdann ging die Vorlage an die Budget- kymmission. Die nächste Sitzung findet nach Pfingsten am 24. Mai statt. Auf der Tagesordnung steht u. a. ei» sozialdemokratischer Initiativantrag über das Preßgesetz und dieBehandlung ausländischer Polizeiagenten. Wirrwarr im nationalliberalen Lager. Wie wir schon gestern annahmen, verspürt die national- liberale Parteileitung wenig Neigung, der Aufforderung der Jungliberalen zu folgen und einen nationalliberalen Parteitag zur Beschlußfassuug über die vom Herrenhaus verhunzte Wahl- rechtsvorlage einzuberufen. Die»Köln. Ztg." veröffentlicht folgendes Berliner Telegramm: »Die von hiesigen linksliberalen Blättern mit dem Ausdruck Vollster Zustimmung veröffentlichte Erklärung des Organs des Reichs- Verbandes der nationalliberalen Jugend, der„Juiigliberalen Blättcx", die zur Entscheidung über die Haltung der nationalliberalen Fraktion die Berufung eines Vertretertages befürworten, findet in den Kreisen der nationalliberalen Fraktion des Abgeordneten- Hauses keineswegs die gleiche Billigung. Dem Ver- langen auf Einberufung eines preußischen VertretertageS der Nationalliberalen wird entgegengehalten, daß eine solche Maß- nähme inmitten des parlamentarischen Kampfes nur Verwirrung und Hemmung hervorrufen und die Lage erschweren würde, statt sie zu erleichtern. In einer Frage, bei der es sich nicht nur um grundsätzliche Stellungnahme handle, sondern auch um parteitaktische Erwägungen, sei von der Einberufung eines ollgemeinen VertretertageS nichts Nützliches zu erwarten, und es sei daher anzunehmen, daß die nationalliberale Fraktion, wen» die Frage an sie herantreten sollte, sich durch- aus ablehnend verhalten werde." Die Behauptung, es kämen nicht nur Grundsätze in Betracht, sondern auch parteitaktische Erwägungen, ist charakte- ristisch für die in der nationalliberalen Fraktion des preußischen Abgeordnetenhauses herrschenden Strömung- Schließlich werden die großen Kapazitäten des Nationalliberalismus doch wohl zu der tiefen Einsicht kommen, daß aus„parteitaktischen" Gründen, nämlich um das Zentrum zu kitzeln, die national- liberalen Landtagsabgeordneten unbedingt für die Vorlage stimmen müssen. Vorläufig allerdings herrscht im national- liberalen Lager noch bunter Wirrwar. Die jungliberalen Blätter schreien„ U n a n n e h m b a r I"— worauf die von; rechten Flügel mit den weisen Bemerkungen antworten, die nationalliberale Partei dürfe sich nicht aus- schalten lassen, oder auch, die Politik des Alles oder Nichts sei verkehrt. Eine geradezu lächerliche Farce l Amerikanischer Protest gegen das Reichskaligesetz. Nach einem Kabeltelegramm des.Pnß-Telegr." aus Washington hat der amerikanische Botschafter in Berlin, Dr. David Jahne Hill, vom Staatsdepartement Anweisung erhalten, bei der deutschen Re- gierung dahin vorstellig zu werden, daß die vom Reichstag geplante Monopolisierung der Kali-Jndustrie gegen pie deutsch-amerikanischen Handelsbeziehungen gerichtet sei. Eine Lektion für die Berliner Polizei. Vor dem Kriegsgericht in T i f l i s hat am 9. Mai die Verhandlung gegen den Geisteskranken Semen Arscha- koff Terpetrosow stattgefunden, den das Berliner Polizeipräsidium heimlich der russischen Polizei in die Hände geliefert hatte. Wir erfahren darüber folgendes: Das Kriegsgericht hatte unter der Einwirkung deS vom Deutschen Vormundschaftsgericht eingesetzten Pflegers in letzter Stunde mehrer« russische Aerzte als Gutachter zuge- zogen, und nach langer Verhandlung erklärte es den Ange- klagten für kr a n k und beschloß, ihn nochmals in einer Kran- kenanstalt beobachten und behandeln zu lassen. Es erfüllt uns mit Genugtuung, daß es den Ein- Wirkungen der europäischen Presse, den Alarmrufen unserer Genossen im Parlament und in der Stadtverordnetenver- sammlung und den Bemühungen des Pflegers gelungen ist, wenigstens in diesem Falle vorläufig einen Justizmord zu verhindern und gleichzeitig das skandalöse Verfahren unserer Polizei, soweit möglich, wieder gutzumachen. Unzählige Fglle bleiben freilich übrig, wo russische Kriegsgerichte Schwerkranke hingerichtet oder ins Zuchthaus geschickt haben. Aber das russische Kriegsgericht hat im Falle Terpetrosow der Berliner Polizei noch eine besondere Anstands» lektion erteilt. Das Polizeipräsidium hat den Geistes- kranken nach Rußland abgeschoben, indem es gegen die Pfleg- schaftsanordnung des Berliner Vormundschaftsrichters nicht nur selbst dem Pfleger die Wegschaffung des Kranken ver- hejmlichte, sondern sogar die Städtische Irrenanstalt gesetz- und reglementswidrig zur Verheimlichung der Abschiebung veranlaßte. Auch der Staatsanwalt des Kriegsgerichts, General Affanaso witsch, scheint sich dieses unglaub- lichen Verhaltens der Polizei zu schämen: Er hat sich beeilt, dem Pfleger, unserm Genossen Dr. Oskar Cohn, durch ein Telegramm von dem Beschlüsse des Kriegsgerichts Kenntnis zu geben._ Das Ende der Triolengeschichte. Die Rechtsanwälte Kumpel und Bleckwede versenden im Auf- trage der Familie de« früheren Reichsiagsabgeordneten Wilhelm Schack ein Gutachten Berliner und Hamburger Irrenärzte über den Geisteszustand Schocks zu jener Zeit, als er seine Triolen» Briefe geschrieben hat. Die Begutachter kommen zu dem Ergebnis. daß die dem Abgeordneten Schack seinerzeit zur Last gelegten Schreibereien in einem Zustand vorüber- gehender krankhafter Störungen der Bewußtseinstätigkeit be- gangen sind, und daß Herr Schack für den Inhalt der von ihm ge- schriebenen Briese weder rechtlich noch moralisch verantwortlich ge- macht werden kann. Der damals bei Schack vorhanden gewesene Kranlheitszustand ist dem Gutachten zufolge auf langdauernde be- rufliche Ueberanstrengung im Dienst des von ihm geleiteten Ver- bqndes zurückzuführen und weiterhin eine Folge der mit den ReichStagSarbeiten verbundenen Gemütsbewegungen und lieber- anstrengimgen._ Die Wahlpolitik des Hansabundes. Der„Lokal-Anzeiger" brachte die Nachricht, der Direltor deS HansabundeS Oberbürgermeister a. D. Knobloch habe in Weimar mitgeteilt, daß der Hansabund angesichts des Wahlergebnisses in Oletzko-Lyik-Johannesburg seine bisherige Politik ändern wexpe. Demgegenüber stellt pex Hansabund offiziell fest, daß Herr Knobloch von einer Acnderung der Politik deS Hansabundes mit keiner Silbe gesprochen hat. Er hat viel- mehr lediglich mitgeteilt, daß es infolge unausgesetzter Be« mühungen gelungen sei, eine große Reihe von Reichstagskandidaten der verschiedensten politischen Richtungen aus den Kreisen von Ge- werbe, Handel und Industrie zu gewinne», die der Hanfabund den politischen Parteien benennen werde. Auf diesem Wege werde es, wie der Ausfall der Wahl in Oletzko-Lyck-Johannesburg beweise, gelingen, die Kandidaten des Bundes der Landwirte auch aus de» scheinbar sichersten Wahlkreisen zu beseitigen. Eine recht schlaue Taktik I Der Hansabund sieht also davon ab, eigene Kandidaten aufzustellen. Er sucht sich vielmehr eine Anzahl Leute aus, die Lust haben, zu kandidieren und sich auf sein Pro- gramm verpflichten. Diese empfiehlt er dann den ihm nahestehenden Parteien zur Aufstellung als ihre Kandidaten � natürlich mit dem Anerbieten, ganz oder zum Teil die Kosten der Wahlagitation zu übernehmen. So hält er sich in der Reserve und setzt doch in manchen Fällen die Wahl von Leuten durch, die seine Interessen vertreten._ Schoen und Hammann. Gegen den Prcssegeheimrat Hammann will, wie die „Märk. Volksztg." zu berichten weiß, Staatssekretär v. Schoen das Disziplinarverfahren einleiten. Der Staatssekretär soll Beweise in der Hand haben, daß in der Marokkofrage die Presseabteilung ihn vollkommen im Stiche ließ. Zentrumsdemagogie. Das Zentrum fährt fort, im Rheinland und in Westfalen sonn- tägliche„Bekenntnisversammlungen" der katholischen Arbeiter zu veranstalten, um diese von der Beschäftigung init politischen Fragen abzulenken. Auch in Herne fand vor kurzem eine derartige Ver- sammlung statt, zu der durch Flugblätter eingeladen wurde. In solchem Flugblatt heißt es: „Katholische Arbeiter I Ungeheure Volksmassen sind von schlechten Menschen aufgestachelt gegen uns katholische Arbeiter und gegen unseren Gottes-, Christus- und Kirchenglauben. Diebe— Ehebrecher— Trunkenbolde werden nicht so ange- feindet wie ein kath. Arbeiter. Jeder Schelm hält sich für klug und groß, wenn er«nS mit Kot bewerfen, uns verleum- den kann.— Sind wir katholischen Arbeiter denn dümmer und schlechter als die Angreifer? Wenn wir noch länger schweigen und stillhalten, werden die Feinde noch übermütiger. Es ist Zeit zur Gegenwehr I Heraus mit dem Mannesmut I Ein heiliger Zorn hat uns ergriffen. Die MammonSgötzen und Unzuchtsapostel sind die geheimen Macher der Feindschaft gegen uns. Das Gesetz Christi steht diesen Menschen im Wege und verdammt ihr Treiben. Dieses fürchten sie mehr als das Knirschen der Volksmassen und das Drohen der Minister. Daher der Haß und der Ruf: Fort mit Christus aus der Industrie, aus dein Handel, aus der Familie, aus der Schule, aus dem Menschenleben."_ Die Reichstagsersatzwahl in Jauer-Laudeshut- Bolkeahai«. Der Kampf um das Mandat des verstorbenen freisinnigen Abgeordneten Dr. Hermes ist in voller Heftigkeit entbrannt. Die Kandidaten der in Frage kommenden Parteien: Sozialdemokratie, Freisinnige, Konservative und Zentrum sind nominiert. Die Nationalliberalen treten gleich im ersten Wahlgang für den Frei» sinnigen ein. Die drei bürgerlichen Parteien halten überall Ver- sammlungen ab und„widerlegen" dort, wo sie keinen Gegner finde» — freie Diskussion ist ausgeschlpffcn—, die sozialdemokratischen „Irrlehren". Trotzdem für unsere Genossen die Möglichkeit, tn Versamm- lungen zu den Wählern zu sprechen, nur in beschränktem Maße vorhanden ist, sind sie eifrig an der Arbeit. Einer früheren Flug. blattverbreitung über den ganzen Kreis folgten am Sonntag zwölf Versammlungen, die trotz des strömenden Regens verhältnismäßig gut besucht und vom besten Geiste beseelt waren. Am zweiten Pfingstfeiertaa findet wiedemm eine allgemeine Flugblattverbreitung statt, der weitere Versammlungen folgen sollen._ Auch ein„Demonstrationszug". In Ohlau sandten Tabakarbeiter eine Deputation an den Magistrat, um diese» zur schnelleren Erledigung der eingereichten Unterstützungsgesuche arbeitsloser Tabakarbeiter zu ersuchen. Diese Deputation begleitete der Gauleiter der Tabatarbelter, Genosse Clemens-Breslgu. Die Polizei machte daraus einen„Demon- strationszug" und schickte Clemens als„Führer" ein Strafmandat über 20 M. Da? Schöffengericht bestätigte den Strafbefehl, Ein Mafsenprozest gegen Wahlrechtsdemoustranten wurde am Dienstag bor dem Schöffengericht Magdeburg ver- handelt. Angeklagt waren 26 Genossen, die bei per Wahlrechts- demonstration am 6. März durch Hochrufe aus das freie Wahlrecht und durch Pfuirufe groben Unfug verübt haben sollen. Drei der Angeklagten, die Genossen Jordan, Köster und Rechts- anwalt Landsberg sollen«inen nicht genehmigten Um» zug veranstaltet haben. Das Gericht sprach diese drei letzten Angeklagten frei und nahm die übrigen 23 sn Geldstrafen von je 10 Mark._ Ein bayerisches Güterzertrümmerungsgesetz. München, 7. Mas.' Einem in der Kammer der Abgeordneten vielfach geäußerten Wunsche entgegenkommend, hat die Regierung einen Gesetzent- wurf über die G ü t e r z e r t r ü m m e r un g vorgelegt, der heute in der Plenarverhandlung erledigt wurde. Der Hauptzweck dieses Gesetzentwurfes ist der Schutz der Be« sitzer von kleinen und größeren geschlossenen Bauerngütern, wie sie im linksrheinischen Bayern selten, im rechtsrheinischen dagegen sehr häufig vorkommen. Der Schutz soll gewährt werden gegen die gewerbsmäßigen Güterschlächter, die nach allgemeiner Auffassung ihr Gewerbe nicht immer nach ganz sauberen geschäftlichen Grund- sätzen ausüben und dabei ein kolossales Gell» verdienen. Einig war man darin, daß man die Güterzertrümmcrung nicht grund- sätzlich hindern wolle; einig war man auch darin, daß die Güter- Zertrümmerung volkswirtschaftlich noch lange nicht so schädlich sei, als der Auflauf und die Aufforstung ganzer Bauernanwesen, ja ganzer Dorfgemarkungen durch die reichen adligen Fideikommiß- besitzer. Man wollte durch das Gesetz lediglich Bestimmungen treffen. einmal um eine Urberrumpelung und eine lleberporteilupg der Bauer» unmöglich zu machen und zum andern, um womöglich den aus einer Zertrümmerung zu erzielenden Gewinn der Allgemein- heit zuzuführen. Zu dem Zwecke gewährt das Gesetz beim Ver- lauf geschlossener Bauerngüter an gewerbsmäßige Güterhändler ein B o r k a u f s recht, uno zlvar in erster Linie der Gemeinde. in deren Bezirk die Grundstücke liege», und in zweiter Linie dem am Orte bestehenden gemeinnützigen landwirtschaftlichen Darlehns- kassenverein. Die Frist zur Ausübung des Vorkaufsrechtes be- trägt drei Woche». Weiter gewährt das Gesetz ein Rücktritts, recht. Der Verkäufer eines Bauerngutes erhält daS Recht, innerhalb einer Woche nach dem Abschluß des Vertrages von diesem zu» rückzutreten. Ein Rücktrittsrecht erhält aber auch der Käufer von Grundstücken, die aus einer solchen Zertrümmerung herrühren. Er kann innerhalb dreier Tage den Kauf als ungültig erklären. Wei- terhin ist bestimmt, daß der Güterhändler verpflichtet ist, ein zu verkaufendes Grundstück vpr der notariellen Beurkundung ab, marken zu lassen. Als geschlossen bewirtschaftete Grundstücke bezeichnet daS'Ge- setz landtzurtschafrliche AWesen?der Grundstücke vpn mindestxnö B Hektar Ilacheninhslt. Daß Gesetz tyuxde von tzem Haus« fast «mstiAmig angeiiommeu. � Die bayerischen Beamten und der Bierkrieg. Das bayerische Finanzmini st erium hat durch einen g e- hejmen Erlaß angeordnet, daß die Beamten sich im Falle e'neS Bierkrjeges an einer Agitation gegen die Bierpreiserhöhnng nicht beteiligen dürfen. Wer gegen die Perfügung handelt, soll den Be- Hörden namhaft gemacht werden. Keine Mitarbeiterschaft Bebels an der„Diskussion". In der Partei- wie in der bürgerlichen Press« wird unter der Ueberschrift.Diskussion zum Wahlrecht" auf eine Reihe Aeutzerungen Bezug genommen, die in der Monatsschrift.Diskussion" veräffent» lichi wurden. Unter den Beröffemlichmigen befindet sich auch eine Meinungsäußerung des Genosse» Bebes. Um keinen Irrtum aufkommen zu lassen, sei kon st atiert, Pätz dex betreffende Artikel, der unter dem Namen Bebels erscheint, eine Reichs- tagsrede Bebels aus dem Jahre ISQö ist. Es handelt sich also nicht um eine Mitarbeiterschaft. Bebel hat dem Heraus- aeber gegenüber ausdrücklich erklärt, daß er es ablehnen müsse, als Mitarbeiter der„Diskussion" angesehen zu werden. Bonner Borussen vor Gericht. Vor dem Landgericht Bonn wurde am Dienstag die A e- rufung der beiden Borussen Graf Finck zu Finckenstein und von Q u i st o r p gegen das Schöffengerichtsurteil vom 9. April verhandelt, das beide wegen gemeinschaftlichen Haus- friedensbruches, den sie ,m Bunde mit mehreren als Ein- jährigen dienenden Korpsbrüdern in der Wohnung des Einjährigen- Unteroffiziers Feith begingen, mit je vierzehn Tagen Gs- f ä n g n r s belegte' Die Verhandlung, die über die bekannte Affäre Neues nicht zu Tage förderte, endete mit der Herabsetzung des Strafmaßes auf e i n e Woche Gefängnis/ das gesetzliche Mindestmaß._ Oerterrdcb. Die Geschäftsordnnngßreform. Wie«, 10. Mai. Abgeordnetenhaus. In der Debatte über die Geschäftsordnungsreform erklärte der Ab- geordnete G e ß m a n n, auch die christlich-sozi�lle Partei sei gegen die brutale Behandlung einer Nation durch die andere, Es gehe aber nicht an, haß klein« Parteien hie großen beherrschten und dadurch das Mehrheitsprinzip üHex den Haufen geworfen werde. Ex konstatiere, dag nunmehr eine friedlichere Stimmung unter den Parteien bestehe, und appelliere an alle, die provisorische Geschäftsordnung in eine definitive umzuwan- dein. Eugen L e« i ck i sprach sich nainens der R u t h e ne n gegen die Geschäftsordnung aus. Abgeordneter G l o m b i n s k i trat namens des Polen kl u bs im allgemeinen Interesse des Paris. mentarismus für das Zustandekommen einer definitiven Geschäfts- ordnungsreform ein. Der Abgeordnet« Kramaxz erklärte, die Tschechen seien für eine Geschäftsordnungsreform, jedoch bilde die Regierungsvorlage nicht die geeignete Grundlage hierfür, Italien. Das Vertrauensvotum der Sozialisten. Aus Rem wird uns geschrieben: In dem übergroßen und beispiellosen Vertrauensvotum, das L u z z a t t i am Vorabend des 1. Mai davongetragen hat, finden sich die Stimmen der sozialistischen Fraktion vermengt mit denen der ganzen übrigen Kammer, von den Radikalen zu den Giolittianern und Klerikalen. Nur die Republikaner und der außer der Fraktion stehende Sozialist C i c c o t t i stimmten dagegen. Dieser merk- würdige Fall eines von Sozialisten gewährten Vertrauensvotums, dessen praktische Nutzlosigkeit bei der Größe der ministeriellen Mehrheit in die Augen springt. Wird boraussichtlich die italienische Partei längere Zeit beschäftigen und zu zahlreichen Diskussionen Anlaß geben. Wenn diesem Verhalten unserer Fraktion, das im Widerspruch steht zu einem vor wenigen Monaten in Gemeinschaft mit dem Parteivorstand angenommenen Votum, überhaupt eine opportu- niftische Erwägung zugrunde liegt, so kann es nur die sein, den beiden radikalen Ministexn einen moralischen Rückhalt zu bieten. Man fürchtet offenbar, daß sie ohne diesen Rückhalt von der kon- servativen Mehrheit des Kabinetts überwältigt und sortgerissen werden möchten. Ist dies der einzige Opportunitätsgrund, den man der Fraktion als mildernden Umstand zubilligen kann, von prinzipiellen wollen wir erst gar nicht reden, so muß man sich fragen, warum denn den Radikalen nicht der Rückhalt ihrer eigenen Fraktion genügen konnte. Seit wann müssen sich die Sozialisten als konservatives Gegengift betrachten? Wir hätten es begreifen können, daß die Parteifraktion für Luzzatti stimmte, wenn es sich darum gehandelt hätte, dem Ministerium die Chancen zu sichern, ein Experiment mit radikalem Einschlag zu machen. Aber diese Chancen waren dem Kabinett ja schon überreichlich gewährleistet durch eine ganz ungeheuer große Mehrheit. Pas bescheidene Blümchen gebrochener Prinzipien wurde unter dem reichen Blumenflor der Giolittianer und Klerikalen gar nicht beachtet und gar nicht nach dem Wert geschätzt, den es nun einmal unglücklicher- oder glücklicherweise in den Massen der Parteigenossen noch heute repräsentiert. Wozu also das unnötige Opfer? Will man schon einmal das Programm selbst prüfen, so findet man es auf dem Gebiet der Sozialpolitik und des Arbeiterschutzeg nicht reicher als das von S o n n i n o- War die Wqhlrefoxm, die so vorsichtig verheißen wurde und erst im November überhaupt zur Sprache kommen soll, da? Opfer wert? Man bedenke, daß eS sich hier nicht um einen praktischen Druck, sondern nur um ideelle Zustimmung handeln konnte, lins scheint, daß diese Zustimmung wohl dem allgemeinen Wahlrecht, nicht aber dem verklausulierten, das Luzzatti vorschlägt, gespendet werden konnte. Jeder erwachsene Mann, der lesen und schreiben kann, soll das Wahlrecht haben, aber lesen und schreiben können in Süditalien kaum die Hälfte der Erwachsenen, und die Erfahrung der letzten Jahrzehnte hat ge, zeigt, daß die lokalen Cliquen die Volksschulbildung absichtlich und bewußt hifltanhalten. um nicht die Zahl der proletarischen Wähler zu vergrößern. Diesem System legt auch das erweiterte Wahlrecht Luzzattis nicht di» Axt an die Wurzel. Der„Avanti" begründete die Haltung der Fraktion, indem er zunächst die Berechtigung, ein Vertrauensvotum zu geben, mit den üblichen und bekannten Argumentationen verficht. In der gegebenen Situation sei die Wahlreform für das Votum ausschlag? gebend gewesen. Wenn die Klerikalen ihrerseits auch für das Kabinett gestimmt hätten, so hätten sie dadurch nur einen neuen Beweis ihrer politischen Feigheit geliefert. Außerdem hätten sie die perfide Nebenabsicht verfolgt, durch ihr« Haltung die Sozialisten abzustoßen und so die alte klerikal, Giolittisch» Mehrheit wieder zu fügen. Die Sozialisten hätten diese« Spiel durchschaut»tnd durch ihr Votum vereitelt. Diese Erklärung de?.Avanti" wird kaum dazu dienen, die Verwirrtheit zu beheben und den Eindruck der Haltlosigkeit zu mindern, den die Haltung der Fraktion in den Massen hervor- rufen muß. Nicht ums Programm, das als Ganzes kein Opfer wert ist. nicht ums Wahlrecht, das prinzipiell umfassender gefordert werden mutz und praktisch der sozialistischen Stimme« nicht btze durfte, nur um einer Handvoll Klerikalen den Einfluß auf das Kabinett streitig zu machen � diese Begründung eines parla- mentarisch überflüssigen Votums scheint uns ein recht kümmer» sicher Notbehelf. Die Republikaner brauchen nicht zum Kleinen und Kleinsten herabzusteigen, um i h r Votum zu begründen. Sollte das italienische Proletariat nicht ihr konsequentes und durch, sichtiges Verhalten seiner eigenen Klassenstellung besser ent- sprechend finden als die unerklärliche Haltung der sozialistischen Fraktion, die für ein„konservatip-radikales" Kabinett stimmt, das seiner Stimmen gar nicht bedarf? OHtd. Der Aufstand iu Albanien. Konstcintliiopcl, 10. Mai. Nach anitliche» türkischen Nachrichten stießen die in der Richtung auf C r n o l i e v a abgegangenen Truppen mit den Aufständischen bei Budakoyo zusammen. Die Auf- ständischen wurden vertrieben und Ist Mann gefangen genommen._ Die Kretenser für den Anschluß an Griechenland, Kanea, 9. Mai. Die Nationalversammlung wurde heute im Namen des Königs der Hellenen durch den Präst« Kenten der provisorischen Regierung Scoulondis erössnet. Bei Nennung des Königs Po» Griechenland brachen die christlichen Mit- glieder der Versammlung und die Zuschauer in stürmische Beifalls- und Hochrufe auf die Vereinigung Kretas mit Griechen- l a n d aus, während die mohammedanischen Mitglieder einen schriftlichen Protest einbrachten. Nachdem sodann der Prä- sident der Nationalversammlung M i ch e l i d a k i s die Versammlung aufgefordert hatte, durch ihren Eid auf den König der Hellenen ihren früheren Beschluß über die Einverleibung Kretas von neuem zu bekräftigen, erfolgte unter neuen stürmischen Beifallskundgebungen die Eidesleistung. Der Protest der Jungtürke«. Saloniki, 10. Mai. Das Komitee für Einheit und Fortschritt fordert die Bevölkerung zur Teilnahme an einem Monster- Meeting auf, das am Donnerstag als Protest gegen den auf den Namen des Königs der Hellenen seitens der kretischen Abgeordneten geleisteten Eidschwur veranstaltet werden soll. In allen größeren Provinzstädten sind gleichfalls ProteftmeetingS organisiert, Gestern sind weitere vier Militärzüge nach Albanien abgelassen worden, und heute ist wieder ein Bataillon Redifs von Kleingste» eingeiroffen. Hus der Partei. Zum Internationalen Konsreh in Kopenhagen delegierte am 8. Mai eine Konferenz des Wahlkreises Mannheim den Genossen Dr. Frank. Von der Badifchen Landesorganisation iverden zwei Delegierte in Kopenhagen erscheinen, und zwar neben Dr. Frank Genosse Kolb-Karlsruhe. , Reichstagskandidaturen. Für den Wahlkreis Pirna(8. sächsischer) wurde Genosse Rühle- Halle als Kandidat nominiert. Genosse Fräßdorf. der den Wahlkreis von 1903 bis 1907 vertrat(zurzeit ist baS Mandat im Besitz der Antisemiten), mußt« von der Kandidatur zurücktreten, da er inzwischen in den sächsischen Landtag gewählt wurde und Doppel- mandate nach Beschluß der sächsischen Landesorganisation vermieden werden sollen. Im Wahlkreis» Plauen«O»l«nitz(SS. sächsischer) wurde Genosse I ä ck e l- Berlin, Sekretär des Textilarbeiterverbandes, als Kandidat aufgestxllt. Genosse Alwin Gerisch, der diesen Kreis in den Jahren 1894—1898 und 1903—1909 im Reichstage pertrat, ist seiner angegriffenen Gesundheit wegen von der Kandidatur zurück- getreten. Bei der letzten Wahl wurd» in diesem Kreise der Frei- sinnige Günther mit Hilfe der Konservatipen und Nationalliberalen gßtvählt. Für Augs bürg. S ch wabmünch en- Werttngen wurde dem Landtagsabgeordneten Genossen Rollwagen die Kandidatur übertrage«.__ Noch ein Radbodprozeh. Der Bochum ex Staatsanwalt hatte in dem Prozetzbexicht des„Bochumer Volksblatt" über den Radbodprozetz der„Bergarbeiter-Zeitung* eine Beleidigung der Ber, waltung der Zeche Radbod entdeckt. In dem Bericht wax trrtüm. licherweise die im Termin verlesene Aussage des verunglückten Leu, gen Thomas falsch wiedergegeben. Da die Sache mittlerweile verjährt war. so konnte Genosse S t e i n k a m P, der damalige Verantwort- liche des„Volksblatts", den Verfasser nennen- Der Staatsanwalt war aber damit nicht zufrieden. Er schickte sämtlichen Redakteuren sowie dem Metteur de»„Volksblatts" zwei Tage vorher eine Ladung zum Termin. Nur infolge Entgegenkommens des Gerichts war es möglich, die Zeitung am Tage des Prozesses herauszugeben. Das Gericht schloß sich dem Antrage des Staatsanwalts, der auf Frei- sprechung lautet», an.._ Soziales. (Siehe auch k. Beilage.) Der Unternehmer hat immer Schapen. Diesen irrigen Grundsatz eignete sich das hiesige Gewerbe» gericht in einem gestern verhandelten Prozeß an. Die Berliner Maschinen-Treibriemensabxik Adolph Schwartz u. E». klagte gegen den Sattler R. auf 12 M. Schadenersatz. Diesem Prozesse war ein Vorprozetz des Beklagten gegen die Klage. rin auf Zahlung von 13 M. Lohn vorausgegangen. Dex Anlaß zu beiden Prozessen ist folgender: Bei der Klägerin hatten die Sattler Lohnforderungen gestellt. Die Klägerin lehnte Verhandlungen ab und entließ 42 Sattler. Auf ihre Inserate in den schlesischen Zeitungen bewarb sich unter nur wenigen anderen auch der Beklagte. Es kam darauf ein Engagement zum 4. April zustande. Während der ersten Tage erfuhr der Beklagte, daß die Klägerin ihre bisherigen Arbeiter wegen der Lohndifferenzen aus- gesperrt hatte. Er verließ deshalb am dritten Tage ebenfalls den Betrieb, obwohl eine vierzehntägige Kündigungsfrist vereinbart war. Da die Klägerin als Inhaberin eines Fabrikbetriebes nicht auf Grund des ß 124 b der Gewerbeordnung klagen kann, sondern den ihr durch den Kontraktbruch des Klägers erwachsenen Schaden nachweisen muß, schätzt« sie denselben auf 13 M- Näher zu substantiieren vermochte sie aber denselben nicht. Der Beklagt« ließ demgegenüber durch feinen Vertreter, den Borsitzenden des Sattler- und Portefeuiller-Verbandes Weinschild, einwenden, daß der Klägerin gax kein Schaden entstanden sein könne, da>« die Klägerin zu dem bei ihr zwecks Verhandlungen zur Beilegung der Differenzen vorstellig gewordenen Ortsvorsitzenden des Arbeitnehmerverbandes geäußert habe, daß ihr der Streik sehr gelegen käme, da sie dadurch einmal Gelegenheit nehmen könne, die vorhandenen Lagerbestände aufzubrauchen. Die Kammer 3 de» Gewcrbegerichts unter Vorsitz des Mia- giftratsafsefforS Dr. Maguhn verurteilte den Beklagten jedoch ohne Beweisaufnahme zur Zahlung per IS M. Er sei zu Unrecht aus der Arbeit ausgetreten; nach Lage der Sache habe das Gericht an. genommen, daß der Klägerin dadurch ein Schaden entstanden ist. Denn wenn auch der Beklagte die Riemen nicht von Anfang bis zu Ende herzustellen, sondern nur zu nähen chatte, so hatte ex dex Klägerin doch etwas geleistet. Bezüglich der Höhe deS Schaden» fei sich da» Gericht darüber einig, daß der Arbeitgeber an einem Ar. heiter schon is R- in 14?sgkn verdieiun mttfje, Kiefer Verdienst sei aber der Klägerin durch den fristlosen Ausiritt des Beklagten entgangen. Das Urteil ist schon deshalb ein irriges, weil es übersieht, daß der Beklagte mit Recht aus der Arbeit getreten ist. Dieses Recht stand ihm zu. weil die Klägerin ihm verschiviegen hatte, daß in der Fabrik gestreikt Wird. Hierin lag eine arglistige Täuschung, hie den Beklagten zur Aufhebung des Vertrages berechtigte. )Zus Industrie und Handel. Die Rentabilität der Banken. Vergleicht man die Geschäftsergebnisse im Bankgewerbe für da» Jahr 1909 gegenüber dem vorletzten Geschäftsjahre ans Grund der im ersten Vierteljahr veröffentlichten Bilanzen, so ist ein Vergleich für 130 Banken mit einem Nominalkapital über 1 Million Mark, von 39 Banken mit einem Aktienkapital unter 1 Million Mark und von 39 Hypothekenbanken möglich. Bei den 39 Hypothekenbanken erfuhr das Nominalkapital eine Steigerung von rund 649,31 auf 662,80 Millionen Mark, während die im vorletzten Geschäftsjahre ausgeschüttete Dividendensumme von 63,65 aus 54,24 Millionen Mark im letzten Geschäftsjahre gestiegen ist. Demnach ist die Divi- dende um 0,1 von 8,3 auf 8,2 Proz. zurückgegangen. Die kleineren 69 Banken mit einem Nominalkapital von unter 1 Million Mark konnten im letzten Geschäftsjahre gegenüber dem Vorjahre ihre durch» schnittliche Dividende von 7,3 auf 7,6 Proz. erhöhen. Die zur Per« teilung gelangte Dividendensumme stieg von 1,33 auf 1,49 Millionen Mark. Die Gesamtheit der Banken mit einem Aktienkapital von• mehr als 1 Million Mark erzielte trotz Krise eine Erhöhung der Durchschnittsdividende von 7.9 auf 8,1 Proz. Hier stieg bei 130 Aktiengesellschaften das Nominalkapital wahrend des letzten Geschäfts» jahres von 1879,33 auf 1937,32 Millionen Mark. Die im vorletzten Geschäftsjahre verteilte Dividendensumme stieg von 148,45 auf 150,75 Millionen Mark. Nach dem diesjährigen durchschnittlichen Resultat der Geschäftsergebnisse beträgt die durchschnittlich von den Banken mit über 1 Million Mark Nominalkapital verteilte Dividende 8.1 Proz., während von den kleineren Banken 7,6 Proz. ausgeschüttet wurden._ Berliner Elektrizitätswerke. Aus dem in der Aufsichtsrats- sitzung am 9. d. M. vom Vorstand erstatteten Bericht teilt die Gesellschaft folgendes mit: In den ersten drei Quartalen des laufenden Geschäftsjahres, vom 1. Juli 1999 bis 31. März 1910, haben die Berliner Elektrizitätswerke 118 181 341 Kilowattstunden oder 11 Millionen Kilowattstunden mehr abgegeben, als in der gleichen Zeit des vorigen Geschäftsjahres. Von dieser Zunahme entfällt der Hauptteil mit 4 131 587 Kilowattstunden aus Motoren, 2 556 608 Kilowattstunden entfallen auf Straßenbahnen; aber auch der Stromkonsum für Beleuchtung hat eine Zunahme er- fahren. Der Neuanschluß für Licht betrug 5313 Kilolvatt, der für Kraft 19 361 Kilowatt. Die Gesellschaft hat in der Solms» strahe ein Grundstück erworben, die Hintergebäude daselbst nieder» gelegt und hier eine neue Unterstatiön, deren Betrieb mit dem in der Zossener Straße vereinigt werden soll, errichtet. Dre Dampfzentralen Mauerstraße, Spandauer Straße und Schiff» baueroann sind voll ausgebaut und es tritt demnächst die Not- Wendigkeit an die Berliner Elektrizitätswerke heran, auch hier die Betriebsmittel dem wachsenden Bedürfnis entsprechend zu er- weitern. Ebenfalls an der Grenze der Leistungsfähigkeit an- telangt ist die Station Mariannenstraße. Ihrem erweiterten -troinbedürsnis gedenkt die Gesellschaft durch Errichtung einer Unterstation in der Schmidstraße Rechnung zu tragen und sie hat deshalb ein Grundstück in dieser Straße erworben. Zur Hebung des Stromabsatzes und zur Gewinnung von Großkonsumenten werden die Berliner Elektrizitätswerke zunächst im Bereich ihrer Drehstromleitungen diesen hochgespannten Drehstrom zu billigen Tarifen liefern. Abschlüsse für einen Jqhreskynsum von über 3 Millionen Kilowattstunden sind bereits getätigt und VerHand, lungen wegen erhebsicher Lieferungen sind noch in der Schwebe. Im ganzen sind neuerdings elf Gemeinden im Norden, Nordosten und Süden von Berlin den Berliner Elektrizitätswerken durch Verträge erschloffen worden. Entwickelnng de» deutscht« Außenhandel». Ist den letzten zwei Jahrzehnten ist der Handel Deutschlands mit dem Auslände um rund 119 Proz, gewachsen. Einfuhr und Ausfuhr betrugen zusammen im Jahre 1889 7 155 Millionen, im Jahre 1899 9 699 Millionen und im Jahre 1999 15 112 Millionen Mark. Nach der amtlichen Statistik hatten Einfuhr und Ausfuhr folgende Werte(in Millionen Mark): 1889 1894 1399 1904 1999 Einfuhr.;.. 8900 3988 5483 6354 8520 Ausfuhr.... 8165 8962 4207 5223 6592 Einfuhrüberschuß 825 976 1276 1131_ 1028 In den ersten fünf Jahren ist sowohl die Einfuhr wie die AnS« fuhr zurückgegangen, die erste um 62, die letzt« um 293 Millionen. Der Rückgang beruht jedoch nicht auf einem Nachlassen der Güter« beweguug, sondern auf eine Rückwärtsbewegung der Preise. Die folgende Periode 1894 bis 1899 brachte ein« Zunahme der Einfuhr um 1545, der Ausfuhr um 1246 Millionen. Im folgenden Jahr- fünft 1899 bis 1994 ist die Einfuhr um 871, die Ausfuhr um 1916 Millionen gestiegen, und in dem letzten Jahrfünft 1994 bis 1909 hat sich die Einfuhr um 2166, die Ausfuhr um 1369 Millionen der» mehrt. Die relativ stärkste Vermehrung fällt demnach bei der Ein» fuhr in die letzte Periode 1904 bis 1999. Dazu dürften die mittler« weile eingetretenen Zollerhöhungen direkt und indirekt beigetragen haben, ebenso wie bei der relativen Wertveränderung der Ausfuhr. Von 1889 bi» 1999 ist die Einfuhr um 4539, die Ausfuhr um 3427 Millionen gewachsen, das bedeutet bei der Einfuhr eine Zunahme von 138, bei der Ausfuhr eine jolche von 193 Proz. International. Die Deutsche Bank hat in ihrem Geschäftsbericht« darüber ge- klagt, wie schwer eS jetzt für die Großbanken geworden fei, für die Gelder entsprechende Anlagen zu finden. Di« Suche nach solchen Anlagen hat jetzt anscheinend den Direktor Mankiewicz nach Amerika geführt und er dürft« wohl einen großen Posten neuer Schuld- perschreibungen amerikanischer Eisenbahnen zurückbringen. Die Summe wird auf ungefähr 400 Millionen Mark angegeben. Die Banken werden bei dem Geschäft hübsche Provisionen verdienen. Das ist die Hauptsache. Wenn deutsche Geldgeber dabei hereinfallen, so ist das natürlich ihre Sache, man sieht aber, daß das Kapital, von keinen nationalen Scheuklappen behindert, die Plünderung inter- national betreibt._ PreduktionShemmer, Die Westfälischen Stahlwerke können für da? letzte Jahr wieder keine Dividende verteilen. Die Verwaltung macht dafür den Stahlwerksverband verantwortlich. Durch die Zu» geHörigkeit zum Verbände, die dem Unternehmen seinerzeit auf» gezwungen worden sei, werde es an der Ausnutzung seiner Anlagen gehindert und könne daher nicht profitabel arbeiten.— Das nennt der Stahlwexksverband: Marktregelung l Besserer Gaatenstand. Aus Washington wird berichtet: Nach dem Monatsbericht de« Ackerbaubureaus betrug der Durchschnitts- stand für Winterweizen am 1. Mai 82,1 Proz. gegen 80,8 Proz. am 1, April 1919 und 83,5 Proz. am 1. Mai des Vorjahres. Die An» baufläche umfaßte nach Abzug der infolge Auswinterung aufgegebenen Flächen 29 044 000 Acres gegen 27871000 Acres im Borjahre. Der Durchschnittsstand für Winterroagen wird mit 91,3 Proz. gegen 92.3 Proz- am 1. April 1910 und 88.1 Proz. am 1. Mai des Vor» jqhxeS angegeben. GewerkfcbaftUcbe**. Die gefürebtete fricdcnfebtifucbt Nahezu vier Wochen währt jetzt die Aussperrung im Baw gewerbe. Die von den Rechenkünstlern im Unternehmerlager schon vor Beginn der Aussperrung aufgemachten Exempe haben sich längst als unrichtig erwiesen. Die Organisationen der baugewerblichen Arbeiter, die nach jenen Rechenkünstlern in kurzer Frist platt am Boden liegen sollten, stehen uner schüttert: ihre Geschlossenheit ist eine mustergültige. Wenn irgend etwas die Erkenntnis von der Notwendigkeit starker wirtschaftlicher Interessenvertretungen der Arbeiter in Ar beiterkreisen zu fördern geeignet war, so dieser Gewaltstreich der baugewerblichen Unternehmer. Ihr Vorgehen hat in den Kreisen der davon betroffenen Arbeiter und weit darüber hinaus ein Maß von Empörung ausgelöst, wie es selten zu konstatieren gewesen ist. Und diese Empörung hat eine Be geisterung, eine Kampfes- und Opferfreudigkeit in Arbeiteo kreisen bewirkt, die zu den besten Hoffnungen berechtigt. Ist so die Stimmung in allen beteiligten Arbeiterkreisen. der Ausgesperrten sowohl, wie der nicht im Kampfe Stehen den, eine durchaus zuversichtliche und siegessichere, so kann das von der feindlichen Partei, dem Unternehmerbund und seiner Gefolgschaft nicht gesagt werden. Die von dem Vor stand des Unternehmerbundes an seine Unterverbände und Einzelmitglieder erlasseneu Kundgebungen lassen unschwer er kennen, daß im Unternehmerlager etwas vor sich geht, was mit der Scharfmacherei der Kanrpfhähne nicht im Einklang steht. Aus den Vorstandskundgebungen ergibt sich Zweifels ohne, daß man im Unternehmerlager anfängt, ungeduldig zu werden. Es werden Stimmen laut die die Scharfmacherei des Bundesvorstandes nicht begreifen. und daher auch nicht länger gewillt sind, die bisher beobachtete „Disziplin" zu wahren. Ob es diesen Stimmen gelingen wird, sich im Unternehmerbund bald Gehör zu verschaffen, ist noch fraglich, aber fest steht, daß der Bundesvorstand diese Stimmen auf die Dauer nicht ersticken kann, soviel Mühe er sich in seinen Kundgebungen auch geben mag. Die fortge setzten Mahnungen:„Aushalten und Ausharren!" und Vev zweifelungsausbrückie wie:„Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende!", wie sie in einem Rundschreiben des Bundesvorstandes enthalten sind, das der„Zimmerer" zu veröffentlichen in der Lage war, werden auf die Dauer ihre Wirkung verfehlen. Diese Bedenken sind anscheinend auch im Bundesvorstand selbst vorhanden. Das erwähnte Rundschreiben ist unterm 30. April versandt worden. Welche Aufnahme es gefunden hat, ist bisher unbekannt geblieben. Allzu große Hoffnungen dürfte es nicht ausgelöst, hingegen vielfach Enttäuschungen hervorgerufen haben, besonders was die mit so großem Pomp angekündigte materielle Unterstützung der weniger kapital- kräftigen Unternehmer anlangt. In den dem Rundschreiben angeschlossenen„Mitteilungen" heißt es darüber nämlich: „Ueber die Bewilligung der von den Jndustricverbänden zur Verfügung gestellten Mittel werden demnächst Grundsätze aus- gearbeitet und, sobald diese Arbeit fertiggestellt ist, den Bundes- Mitgliedern zur Kenntnis gebracht werden. Wir stellen wieder- holt das Ersuchen, in bezug auf die von den Jndustriczentralea für uns bereitgestellten Mittel im gegenwärtigen Augenblick keine Anfragen an unseren Bundesvorstand zu richten. Der Einkauf solcher Anfragen und die Beantwortung, bevor die Grundlagen festgelegt sind, erschweren die übrigen Arbeiten in der Zentral- stelle ganz erheblich." Solche„Mitteilungen" sind sicher nicht geeignet, Hoff- nungen zu erwecken. Bei dieser Sachlage erscheint deshalb auch die Annahme durchaus berechtigt, daß das vorerwähnte Rundschreiben die gewollte Wirkung nicht gehabt hat. Man kann es kaum anders deuten, wenn der Bundesvorstand diesem Rundschreiben schon gleich darauf ein neues hat folgen lassen, das insonderheit au die Vorsitzenden jener Ortsver bände gerichtet zu sein scheint, wo die Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen Zustand am lautesten sich Luft macht Auch dieses Rundschreiben hat den«„Zimmerer" der bekannte günstige Wind zugetragen. Hier ist es: .Deutscher Arbeitgeberbund für das Bau» gewerbe. E. V. Berlin, im Mai tötO. Sehr geehrter Herr Kollege! Es sind uns Nachrichten zugegangen, Nach Venen es scheint, als wären Sie geneigt, Sondervrrhandlungcn mit den Arbeitern anzuknüpfen. Wir hoffen, daß diese Gerüchte auf Irrtum be- ruhen. Sollte es aber doch der Fall sein, daß sich in Ihrem Kol- legenkreise eine Neigung gezeigt hätte, mit den Arbeitern zu ver- handeln, so bitten wir Sie im Auftrage und im Interesse des Deutschen Arbeitgeberbundes, doch all Ihren Einfluß aufzubieten, um dies zu verhindern. Der Schaden, der durch den Abfall noch weiterer Städte entstehen würde, würde für unsere Sache ge- radezu verhängnisvoll werden und das schlechte Beispiel würde schließlich noch weiter ansteckend wirken. Wenn auch die Opfer, die der einzelne zu bringen hat, außergewöhnlich große sind, so müssen wir uns doch alle sagen, daß ohne solch« Opfer nichts zu erreichen ist und daß, wenn wir schon jetzt die Waffen strecken wollen, wir lieber gar nicht hätten anzufangen brauchen, unsere Rechte zu verteidigen. Wie von jedem Kollegen, so erwarten wir auch von Ihnen, daß die Treue zu unseren Bundesbcschlüssen alle Bedenken niederdrückt. Wir hoffen und erwarten bestimmt, daß es auch in Ihrer Stadt mög- lich sein wird, mit uns bis zum Schlüsse auszuhalten. Bedenken Sie auch, daß die Industrie uns ihre volle Unterstützung zu- gesagt hat. Diese ist aber selbstverständlich nur zu erwarten, wenn wir selbst feststehen. Ein teilweises Abbröckeln würde auch die Industrie völlig unsicher machen. So würde Ihr Zurück» weichen in jeder Beziehung schädigend auf den ganzen Bund wirken. Wir appellieren nochmals an Ihr Pflichtgefühl und Ihr Standesbewußtsein und erwarten von Ihnen, daß Sie die Sache der Bauarbeitgeber nicht verlassen. Mit kollegialem Gruß Der Vorstand des Deutschen Arbeitgeberbundes für das Baugewerbe. B. Felisch. O. Enke. E. Behrens." Nichts ist Meigneter, die Stimmung im Unternehmer- lager besser aufzuhellen, wie das vorstehende Schreiben. Da ist es denn auch kein Wunder, wenn in den Organen der Unternehmerverbände versucht wird, durch allerlei unfaire Manipulationen den Unternehmern mehr Mut und mehr Vertrauen zu ihrer Sache einzuflößen. Anders sind auch jene Notizen nicht zu bewerten, die die Unternehmer glauben machen sollen, daß in nicht von der Aussperrung betroffenen Ar- beiterkreisen Unlust herrscht über die außerordentlichen Opfer, die der Kampf von ihnen heischt. Nichts ist falscher als das. Wir können demgemäß einwandfrei feststellen, daß die bau- gewerblichen Arbeiter, die von der frivolen Aussperrung ver- schont geblieben sind, freudig und ohne Murren den ihnen auferlegten Pflichten nachkommen. Sie wissen, was in diesem Kampfe auf dem Spiele steht: hinter diese Erkenntnis treten alle kleinlichen Bedenken zurück. Und ferner sind sie der Unterstützung der gesamten Arbeiterschaft sicher. Die am verantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.: Kampfs beteiligten Gewerkschaften sehen daher nach wie vor der Zukunft in Ruhe und Geschlossenheit entgegen. Das ist das Gute in dieser Bewegung, daß die Arbeiter die Absich der Unternehmer bis aus den Grund durchschaut haben. Danach richten sie ihre Maßnahmen, ihre Strategie und Taktik in diesem Kampfe ein! Schon wieder einmal greifen„unbeteiligte"„beamtete Per sonen" zum großen Schmerz der Scharfmacher, die nichts zu ver- lieren haben, sicher aber auch zur Genugtuung der durch Material- und Kapitalsperre sanft in den Kampf getriebenen kleineren Unternehmer, Vermittelungen anbahnend ein. Dem„Berliner Tageblatt" wird aus München gemeldet:„Der königliche Gewerbegerichtsdirektor Dr. P renn er hat an das Staats mini st erium des königlichen Hauses und des Aeußeren die dringende Bitte gestellt, unverzüglich bei der deutschen Rcichsrcgicrung dahin vorstellig zu werden, daß das Reichsamt des Innern in kürzester Frist den beteiligten Zentral organisationen seine Vcrmitteliing zur Beilegung des Kampfes im Baugewerbe anbiete. Wie der Münchener Korrespondent des„Tageblatts" erfährt, wird der Ministerpräsident dem Ansuchen des Gewerbegerichtsdirektors alsbald in einer ausführlich be gründeten Eingabe entspreche n." Man darf neugierig sein, was die Reichsregierung tun wird * ♦* Der Schlupfwinkel eines geflohenen Oberscharfmachers! Berlin birgt zurzeit nicht nur den gewaltigen Teddy Roosevelt, sondern auch eine andere Rarität, Herrn F e l l e r m e i e r, den Geschäftsführer des Münchener Arbeit- geberverbandes, der das Wort geprägt hat:„W er nicht aussperrt, wird ausgehungert." Der„tapfere" Feldherr, der das deutsche Baugewerbe skrupellos in den Kampf hetzen half, selbst aber schon nach Ausbruch des Kampfes marode wurde, flüchtete zur Stärkung seiner„angegriffenen Nerven" nach dem sonnigen Italien. Der Schleifsteindreher bildete sich nämlich ein, die Münchener Bauarbeiter trachten nach seinem teuren Leben(!), weshalb er eS so eilig hatte, daß er bei seiner Abreise„vergaß", seinen Brotherren seine Adresse zu hinterlassen. Von Italien aus ist der„kranke Mann"— wir halten dies trotz aller Dementis aufrecht— um seine Pensionierung eingekommen. Sein vertragsmäßiges Ruhe gehalt hätte KOllO M. betragen— eine Summe, mit der der Schleifsteindreher gewiß hätte„standesgemäß" leben können. Die Scharfmacher wollten ihren Fcllermeier, wenigstens vorläufig noch erhalten— es war ihnen dabei- scheinbar weniger um die „Arbeitskraft" als um die 6000 Emmchen zu tun—, weshalb er, wenigstens vorläufig, nach Berlin zum„Generalstab" ein- berufen wurde. Seit einigen Tagen ist Fellermeier im Bureau des Deutschen Arbeitgeberbundes in Berlin tätig. Er zählt zu jenen„geheimnisvollen Kräften", die bis jetzt alle unter der Hand angebahnten Vermittelungsversuche der Reichs regierung vereitelten.— Wie wir weiter hören, sollen Ver- Handlungen im Gange sein, Fellermeier beim Zentralverband deutscher Metallindustriellen unterzubringen, da er Schüttelfrost bekommt, wenn man von seiner etwaigen Rückkehr nach München spricht.— Ob aber die Metallindustriellen Herrn Johann Feller- meier noch für„tüchtig" und„vollwertig" halten, müssen wir bei dem vorgeschrittenen Alter und nach den mit den Scharfmachern bei Tarifverhandlungen gemachten Erfahrungen bezweifeln. Lei-lin und Umgegend- Die Tarifbewegung der Brauereiarbeiter. scheint nun doch einen friedlichen Verlauf zu nehmen. Gestern ging der Lohnkommission die Mitteilung zu, daß der Verein der Brauereien bereit sei, einen Tarifvertrag auf die Dauer von 4 Jahren abzuschließen mit der Maßgabe, daß die zweite generelle Lohnerhöhung nach 2% Jahren eintritt.— Die endgültigen Ver Handlungen finden noch im Laufe dieser Woche statt. Die Schuhmacher» die in der Schoßbranche beschäftigt sind, hörten am Montag abend in einer kombinierten Vezirkskonferenz, die im„Englischen Garten" stattfand, den Bericht über dtis Er gebnis der letzten Verhandlungen mit den Arbeitgeberorganisa tionen. Es handelte sich um die Preise für Neuarbeiten, denn den Tarif für Reparaturen hatte die Innung bereits anerkannt. Die Innung wollte aber für Neuarbeitcn nur die alten Sätze von 4,50 M. für Damenboden und 5,50 M. für Herrenboden als Grund» lohn zugestehen. Der Obermeister war der Ansicht, daß für gute Arbeit überall bereits bessere Preise gezahlt würden. Er erkannte an, daß die Minimallöhne für heutige Verhältnisse zu gering seien: aber die Innung könnte keine höheren Preis« festlegen aus Rück- 'icht auf die Mitglieder in den äußeren Stadtvierteln.— Die Kommission empfahl der Versammlung, sich damit zufrieden zu geben, daß die Innung jetzt den Tarif von 1906 für die Neuarbeitcn an erkennt, was wenigstens den Vorteil bringt, daß jeder Arbeiter weiß, welchen Minimalpreis er zu beanspruchen hat. Die Ver- 'ammlung nahm die Empfehlung der Kommission an. Der Streik der Schoßarbeiter nähert sich seinem Ende. 26 Streikende sind noch da, die übrigen wurden durch den Arbeits. nachweiS untergebracht. 141 Unterschriften sind eingelaufen. Die Ortsverwaltung wurde ermächtigt, den Streik als beendet zu er- klären, sobald die Situation dazu angemessen erscheint. Die Lohn- bewegung selbst soll dadurch noch energisch fortgesetzt werden, daß der Tarif den einzelnen Meistern, wo dies noch nicht geschehen, zur Unterschrift vorgelegt wird. Die beste Unterstützung für diese Bestrebungen wird der Arbeitsnachweis des Verbandes bieten. Empfohlen wurde besonders, den Arbeitsnachweis Bülowstrasie 58 zu benutzen. Im Westen Berlins werde viel gute Arbeit verlangt und auch besser bezahlt. Schuhmacher auf Neuarbeiten würden im Westen öfters gesucht als anderswo. Der Nachweis vermittelt Arbeitskräfte nur an solche Meister, die sich unterschriftlich zur Anerkennung des vom Verbände aufgestellten Lohntarifs ver- pflichten.— Den einzelnen Bezirken wurde die Aufgabe zugewiesen, eine gute Kontrolle zu üben und eine eifrige Agitation zu cnt- alten, damit die aufgestellten Tarife durchgeführt werden. Oeutkcbeo Reich. Der Fabrikarbeiterverband im Jahre tttOS. Der Verband der Fabrikarbeiter hat sich im verflossenen Jahre erfreulich entwickelt. Die Mitgliederzahl, die am Schlüsse des Jahres 1908 133 633— darunter 14 987 weibliche— betrug, stieg auf 141 024, darunter 15 749 weibliche. Der Zuwachs beträgt mit- hin 7391 Mitglieder. Die wachsende Stabilität des Mitglieder- tandes zeigt sich darin, daß einer Zunahme der Eintritte um 4090 eine Abnahme der Austritte um 6551 gegenübersteht. Die Ein- nähme der Hauptkafse des Verbandes betrug ausschließlich des Kassenbestandes vom Vorjahre 2 482 593 M., die Gesamtausgabe " 386 859 M., der Einnahmcüberschuß also 95 739 M. Für Untertützungen wurden aus der Hauptkasie insgesamt 1 566 837 M. aus- jegeben; davon allein 1090 393 M. für Erwerbslosenuntcrstützung, die Streikunterstützung erforderte 348 132 M. Die Gesamtsumme der ausbezahlten Unterstützungen ist gegen das Vorjahr um 296 110 M. gestiegen. Das Vermögen der Hauptkasse betrug am Jahresschluß 1472-766 M.; in den Lokalkassen waren 363658 M. vorhanden, so daß das Gesamtvermögen des Verbandes 1 836 434 M. beträgt, gegen 1202140 M. am Schlüsse des Jahres 1908. Die erfreuliche Fortenwickelung des Verbandes hält im laufenden Jahre an; am Schlüsse des ersten Vierteljahres lv-ar die Mitgliederzahl auf 150 000 gestiegen, und gegenwärtig geht sie schon um mehrere Tausend darüber hinaus. Das ist ein in Anbetracht des außerordentlich schwierigen Agitationsfeldes, das der Fabrik- arbeiterverband zu bearbeiten hat, durchaus erfreulicher Fortschritt. Möge er recht lange anhalten Die Holzarbeiter in Uetersen(Holstein) haben einen schönen Erfolg errungen. Die dort vorhandene övstündige Arbeitszeit wird ab 20. Juni auf 57 und ab 1. April 1912 auf 54 Stunden pro Woche verkürzt. Der Mindestlohn wird sofort von 40 auf 45, am 1. April 1911 auf 47 und am 1. April 1912 auf 50 Pf. pro Stunde erhöht. Die Stundenlöhne werden sofort um 6 Pf. und am 1. April 1912 um weitere 3 Pf. erhöht.— Für Ucberstunden wird ein Auf- schlag von 10 Pf. pro Stunde, bei Montagen täglich 2,50 M. und, wo höhere Zuschläge üblich, diese bezahlt werden.— Der Vertrag läuft bis zum 1. April 1914. Die Feilenarbcitcr in Remscheid verlangen eine Regelung der Akkordprcise und Einführung der OVestündigen Arbeitszeit. Die Regelung der Akkordprcise ist deshalb notwendig, weil in den 44 in Frage kommenden Betrieben Preisunterschiede bis zu 100 Proz. vorhanden sind. Eine weitere Forderung geht dahin, eine Schlich» tungskommission, bestehend aus je 4 Unternehmern und Arbeitern, unter dem Vorsitz eines Unparteiischen einzusetzen, die die Durch- führung des Tarifs zu überwachen hat.— Die in Betracht kom- inenden Arbeiter sind bis auf wenige Mitglieder des Deutschen Metallarbeiterverbandes. Die Steinmeiien in K ö l n a. Rh. sind am 7. Mai ausgesperrt worden, weil sie dem Verlangen der Unternehmer nicht nachkamem den bestehenden Tarif mit einem Stundenlohn von 63 Pf. auf weitere drei Jahre unverändert abzuschließen. � Außerdem wollen die Unternehmer die Akkordarbeit einführen, die bisher in Köln nicht bestand. Ausgesperrt sind 60 Mann. Zuzug ist fernzuhalten. Auch-Arbeiter. Der„evangelische Arbeiterbund" hielt am Sonntag in Lütgen- dortmund einen Verbandstag ab, auf dem zum Zwangsarbeits- nachweis der Zechen Stellung genommen wurde. Ueber die Ein- richtung sprach man sich, wie nicht anders zu erwarten war, wohl- wollend aus. Ferner wurde zu den bevorstehenden Knappschafts- ältestcnwahlen Stellung genommen. Es wurde eine Resolution angenommen, in der die Unterstützung der antisozialdemokratischen Richtung gefordert wird._ Zur Aussperrung der Schlächter in Hamburg. Zu Anfang voriger Woche machten sehr viele Meister der Ge» sellenorganisation Mitteilung, daß sie keine Gesellen aussperren, aber dafür dem Jnnungsvorstand in der Jnnungsversammlung am 7. Mai für sein terroristisches und ungesetzliches Vorgehen gehörig den Kopf waschen werden. In der Jnnungsversammlung wagte aber nicht ein Meister, dem Vorstande entgegenzutreten, vielmehr stellten sie demselben noch ein Vertrauensvotum aus, und danach beschlossen die Herren gegen 1 Stimme die Aussperrung. Ja, sie gingen noch weiter, sie propagierten dafür, daß die Aussperrung über ganz Deutschland vorgenommen werden soll, ohne Rücksicht darauf, ob mancher Fleischermeister in diesem Kampfe seine Existenz preisgeben muß oder nicht. Man will eben um allen Preis die Gesellenorganisation vernichten. Diese wird auch dagegen sofort die nötigen Maßnahmen treffen.— Unter allerhand Vorspiegelungen versuchen die Jnnungssprechmeister und Stellender- mittler, Streikbrecher nach Hamburg zu kolportieren, indem sie ihnen schöne Stellen nach Holstein versprechen. An der Aussperrung sind bisher 34 Firmen beteiligt.— Zuzug von Schlächtern ist aus Hamburg und Umgegend streng fernzuhalten. Iii der mechanischen Spinnerei zu Bayreuth haben 350 Weber und Weberinnen gekündigt, da die Direktion ihnen das Koalitionsrecht streitig machen will. Di» Direktion hat bereits 34 Arbeitern wegen ihrer Verbandszugehörigkeit vorher gekündigt. Die Kündigung läuft am 20. Mai ab. Hustand. Mit einer kompletten Niederlage der Scharfmacher hat die Aus- spcrrung der Schneider in der Schweiz nach 11 wöchiger Daned geendet. Der Meisterverband wollte den Gehilfen einen einheit- lichen Generaltarif mit erheblichen Verschlechterungen aufnötigen, zu welchem Zwecke er an zirka 20 Orten die organisierten Schneider- gehilfen aussperrte. Aber schon anfangs April luden die Leiter des Mcisterverbandes den Gehilfenverband zu Unterhandlungen ein, in denen sie den Generaltarif fallen ließen und sich für den Ab, schluß von Ortstarifen nach der Forderung der Gehilfen erklärten. "- sind nun inzwischen überall neue Ortstarifvcrträge mit Lohn» erhöhungen von 6 bis 10 Proz. und anderweitigen Verbesserungen der Arbeitsbedingungen abgeschlossen und somit die Bewegung mit dem Erfolg der ausgesperrten Gehilfen und der Niederlage der aussperrenden Unternehmer beendet worden. Der Meisterverband geht sehr geschwächt und erschüttert aus dem Kampfe hervor, wäh- rcnd der Gehilfenverband neue Stärkung und Befestigung er» fahren hat. Amnestierte Eisenbahner. Rom, den 7. Mai 1910.(Eig. Ber.) Das Ministerium für öffentliche Arbeiten hat den Forderungen der Eisenbahner entsprochen und in diesen Tagen für 535 von ihnen die Folgen der Maßregelung, die sie sich nach dem Streik von 1907 gefallen lassen mußten, aufgehoben. Prinzipiell war dies schon im Januar dieses Jahres beschlossen worden, aber der Mi- nister Sacchi hat eine erweiterte und beschleunigte Erweiterung der Maßnahme angeordnet. Alles in allem sind bis jetzt 1100 Ange» stellte der Amnestie teilhaftig geworden. Letzte IMachncbtcn und Depcfcbcn. Eisenbahnunfall auf Bahnhof Friedrichstratze. Auf dem Bahnhos Friedrichstraßc überfuhr gestern abend ein nach Hannover bestimmter Eilzug das Haltesignal und stieß mit dem in der Halle stehenden Po jener Eil» z u g zusammen. Durch den Zusammenstoß wurde der Schaffner Kempe so schwer verletzt, daß er nach dem ran kenhause übergeführt werden mußte. Der letzte Wagen des Posener Zuges wurde demoliert. Weiterer Materialschaden entstand nicht und war die Strecke nach i/�stündiger Sperrung wieder frei. Zur Eidesleistung in der kretischen Kammer. Ävilstantinopel, 10. Mai.(W. T. B.) Die Pforte hat noch keinen Beschluß über ihre Haltung gegenüber der Eidesleistung in der kretischen Kammer gefaßt. Gestern, vor Eintreffen der Nachricht von der Eidesleistung, beauftragte die Pforte ihre Botschafter, bei den Kretamächten wegen der formellen Erklärung der Gewähr- leistung der türkischen Rechte neuerlich einzuschreiten. Wie in Kreisen der Pforte erklärt wird, wird die Regierung ihre Haltung von der Antwort abhängig machen. Wie dieselben Kreise hoffen, werden die Schutzmöchte gemäß ihrer früheren Versprechungen er- klären, daß die Eidesleistung als nichtig zu betrachten sei. Ein blutige Familientragödie. Reichcnbeeg(Böhmen), 10. Mai.(W. T. B.) Im Irrsinn durch- schnitt heute im Dorfe G r ü n a u bei Niemes eine Frau Günter in Abwesenheit ihres Mannes ihren drei und ein Jahr alten Kindern und dann sich selbst die Kehle. Alle drei sind tot. Der Ausstand der belgischen Bergarbeiter. Brüssel, 10. Mai.(B. H.) Der Ausstand der Bergarbeiter in Möns gewinnt ständig an Ausdehnung. In H o r n u ist die Arbeit in den Schächten 7, 9 und 12 eingestellt worden, desgleichen in a sm e s. In N o i r g h a i n sowie in C i p l y ist der Ausstand vollständig. In Fenn ist eine teilweise Wiederaufnahme der Arbeit zu verzeichnen. Augenblicklich streiken 15 500 Arbeiter, was gegen den letzten Sonntag eine erhebliche Zunahme ist. Man er- wartet, daß innerhalb einiger Tage an noch mehreren Stellen die Arbeit eingestellt wird. «.Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. VerlagSanftall Paul Singer Lc Co., Berlin L W. Hierzu 3 Beilagen«.Unterhaltungsbl. |U08. 27. Jahrgang. 1. Kilsßk des„Nmmls" Kerlim WMM .ll. l�eicdstag. 82. Sitzung vom Dienstag, den 10. Mai, nachmittags 2 Uhr. Am Bundesratstisch: S y d o w. Dem Antrage der Verbündeten Regierungen, den Reichstag bis zum 8. November zu vertagen, wird debattelos z u- gestimmt, desgleichen dem Antrage der Geschäftsordnungs- kommission, die Genehmigung zur Fortsetzung eines Privatklage- Verfahrens gegen den Abg. K o ch a u(notL) auf Grund der Widerklage zu erteilen. Es folgt die zweite Beratung des Gesetzentwurfs über den Absatz von Kalisalzen. Abg. Dr. Heim(F.): Die Kommission hat den Entwurf der Regierung vollkommen umgeändert und geradezu einen neuen Ent- Wurf ausgearbeitet. Das Zwangsshndikat, welches die Regierung vorschlug, ist fast einstimmig abgelehnt worden. Die Misere, daß an das Ausland billiger verkauft wird als an daS Inland, muß beseitigt werden. Es wird vorgeschlagen, den Absatz von Kalisalzen nach dem Ausland zu kontingentieren und für das Ausland Minimalpreise, für das Inland Maximalpreise festzu- setzen. Neben den inländischen Konsumenten müssen auch die in der Kaliindustrie beschäftigten Arbeiter gehört werden; deshalb ist Vor- sorge gegen Herabsetzung der Löhne getroffen. Die Werksbesitzer wünschen infolgedessen eine Garantierung der Divi- d e n d e n; aber auf solche Dividendengesetzgebung können wir uns nicht einlassen. Die Herren vom Kalisyndikat behaupten freilich, bei den Preisen, die das Gesetz festsetze, könnten sie nicht existieren; aber sie müssen den Reichstag geradezu für eine Jdiotemmstalt halten, wenn sie glauben. daß er den plumpen Schwindel in ihrer Eingabe nicht durchschaut. sZustimmung im Zentrum.) Eine tapsigere, ungeschicktere Interessenvertretung ist mir noch nicht vorgekommen; wenn man nicht ganz unbefangen urteilt, muß man eigentlich Gegner dieser Leute werden. Der Redner geht dann auf die Frachtbasis ein, welche speziell der süddeutschen Landwirtschaft Vorteile bringt. Aber diese Vorteile sollen die Arbeiter nicht büßen; deshalb ist im Z 11 bestimmt, daß die Beteiligung eines Werkes an der Gesamt- menge herabgesetzt wird, wenn die Löhne verkürzt oder die Arbeits- zeit verlängert wird. Auffallend ist, daß die Industrie trotz der beschlossenen Belastung sich noch so ruhig verhält, die Herren haben wahrscheinlich schon ein Hintertürchen gefunden, das wir noch gar nicht sehen.(Heiterkeit.) Wir werden dann später die hohlen Zähne noch plombieren müssen.(Heiterkeit.) Abg. Dove(Fortschr. Vp.): Der Herr Vorredner hat sehr viel mehr gegen das Besetz als dafür gesprochen.(Sehr richtig I links.) Er sagte auch, eS wäre eigentlich nicht angängig, daß die Kommission ein so gut wie neues Gesetz gemacht hat. Das war allerdings früher nicht üblich, aber neuerdings ist es ja die t y p i s ch e A r I, Gesetze zu machen.(Sehr wahr I links.) Von den Versuchen, den Z u kun f ts st a a t bei diesem Gesetz in die Praxis überzusetzen, ist recht wenig übrig geblieben. Auch die Herren Sozialdemokraten selbst haben wenig Praktisches vorschlagen können. Ich meine, dieser Zulnnftsstaat hat verfluchte Achnlichkeil mit dem Vergangenheitssiaat, als die wohlwollenden Herrscher auch glaubten, alles für das Glück ihrer Untertanen zu tun.(Sehr richtig! bei der Fortschrittlichen Volkspartei.) Wir bureaukratisieren damit die freie wirtschaftliche Tätigkeit.(Lebhafte Zustintmung bei der Fort- schrittlichen Volkspartei.) Recht wohl ist. glaube ich, keiner Partei bei dieser Vorlage. Es handelt sich hier um Eingriffe in die verschiedensten wichtigen Interessen unter Verletzung von Grundsätzen, die bisher unser wirtschaftliches Leben beherrscht haben. Wir können daher der Vorlage nicht zustimmen.(Bravo I bei der Fortschr. Vp.) Staatssekretär Sydow: Der Entwurf ist in der Kommission zwar erheblich umgearbeitet worden, aber das Ziel der Kommissions- beschlüsse ist doch dasselbe wie das der Regierung, nämlich für mög- lichst niedrige Inlandspreise und dafür zu sorgen, daß die kleinen. schwachen Werke nicht über den Haufen geworfen werden. Da es uns nicht auf die Form, sondern auf die Sache ankommt, haben wir keinen' Anlaß, die KommissionSbeschlüsie abzu- lehnen. Allerdings gebe ich zu, daß sie bureaukratischer sind alS die Regierungsvorlage. Abg. v. Bruckhausen(k.) bestreitet in längeren Ausführungen, daß die Rechte sich bei diesem Gesetze ausschließlich von agrarischen Gesichtspunkten leiten lasse und schließt sich im übrigen den Aus- führungen des HandelSmiuisterS im wesentlichen an. Redner be- gründet sodann einen Abänderungsantrag zu§ 1. 8 1 bestimnit, daß Kalisalze von Kaliwerksbesitzern nur nach Maßgabe der Be- stimmungen dieses Gesetzes verkauft werden dürfen. Es sei zu ver- langen, daß auch die zurzeit des Inkrafttretens bestehenden Sonder- fabriken den Bestimmungen dieses Paragraphen unterworfen werden. Er bitte daher um Annahme seines dahinzielenden Antrages. Abg. Dr. Bärwinkel(natl.): Ich glaube nicht, daß die Kali- industrie große Freude an dem Gesetze haben wird. Solche Briefe Kleines femUeton. Die Doppelehe Georgs lV. von Großbritannien. Der NamenS- Vorgänger des neuen Königs von Großbritannien und Irland, Georg IV.(1820—1830), war, wie der italienische Historiker Clerici in der„Rivista d'Jtalia" dokumentarisch nachgewiesen hat, Bigamist. Der König zeigte schon als Prinz einen Hang zu zügelloser Ausschweifung und Verschwendung. Er hatte sich in die streng- gläubige irische Katholikin Maria Anne Fitzherbert bis zur Raserei verliebt und wollte sie zu seiner Geliebten inachen. Die Irin hielt aber etwas auf ihren Ruf und schlug die glänzendsten Anträge ihres Anbeters mit Entrüstung aus. Diese Niederlage versetzte den Prinzen in maßlose Aufregung: er machte einen Selbstmordversuch und tobte wie ein Wahnsinniger. In dieser kritischen Stunde eilten Leute auS seinem Gefolge zu der schönen Witwe und baten sie flehentlich, sich dem Prinzen wenigstens noch einmal zu zeigen. Maria Anne ließ sich rühren und trat an daS Bett des Liebestollen. Mühsam erhob sich der Schwerverletzte und steckte ihr einen Ring an den Finger und sagte feierlich:„Ob ich nun am Leben bleibe oder sterbe. Du sollst fortan als nieine rechtmäßige Gattin betrachtet werden!" Bis zur völligen Genesung des Prinzen blieb Maria Anne im Palaste: als sie aber sah, daß der Prinz keine Anstalten machte, sein ihr verpfändetes Wort einzulösen, entfernte sie sich heimlich auS dem goldenen Käfig. Ein ganzes Jahr ließ Georg sie suchen und als er sie' endlich gefunden hatte, wandte er alle Mittel an, um sie zur Rück- kehr zu bewegen. Sie wäre aber trotzdem standhaft geblieben, wenn nicht ihr Beichtvater ihr eindringlich zu der Verbindung mit dem Prinzen geraten hätte:«Eine Vereinigung mit dem Thronerben," sagte er,„kann, selbst wenn es sich nur um eine kirchliche Trauung handeln sollie, ein von Gott gebotenes Mittel sein, die Lage der irischen Katholiken etwas günstiger zu gestalten." Die kirchliche Trauung fand auch wirklich statt. Nach dem königlichen Ehegesetz von 1772 konnte diese heimliche Ehe für ungültig erklärt werden, und Georg ließ in der Tat. als er der Hilfe des Parlaments bedurfte, um seine ungeheuren Schulden zu decken, seine Verbindung mit der Witwe Fitzhcrbert aufs entschiedenste in Abrede stellen. 1795 willigte er in eine„standesgemäße" Ehe mit der Prinzessin Karoline von Vraunschweig-Wolfenbüttel. Die Ehe war von Beginn an unglücklich, und daS Ehepaar trennte sich schon ein Jahr nach der Hochzeit. Karoline reiste, iinmer von Spionen um- pben, nach Braunschweig und von dort nach Italien und dem wie das Pamphlet des Herrn Emil Sauer an ein Mitglied der Kommission sollten durch das Reichstagsburean nicht wieder ver- breitet werden.— Die sogenannten Schmidtinannverkäufe waren zweifellos Verschleuderungen und einer solchen Verschleuderung eines Nationalprodukts nach dem Ausland muß für die Zukunft vorgebeugt werden. Als Mittel sind Ausfuhrzölle genannt worden; wir freuen uns, daß davon nicht mehr die Rede ist. Das Monopol würde uns eine ungeheure Schuldenlast aufbürden. So bleibt also nur die von der Regierung vorgeschlagene Zwangsgemein schaft und die Kontingentierung. Davon verdient der von der Regierung vorgeschlagene Weg, das Zwangssyndikat, den Vorzug; da aber hierfür eine Mehrheit nicht zu haben ist, stimmen wir der von der Kommission vorgeschlagenen Kontingentierung zu.— Man führte aus, die Kaliwerksbesitzer hätten gesagt, sie würden, wenn der Entwurf Gesetz würde und die Preise sinken, die Löhne herabsetzen. Das stimmt nicht. Sie haben lediglich darauf hingewiesen, daß Arbeitcrentlassungcn und Hand in Hand damit ein Sinken der Löhne eintreten würde.(Na also! bei den Sozialdemokraten.) DaS steht genau so auch in den Motiven der Regierungsvorlage. Trotz der mancherlei Bedenken, die wir gegen den Entwurf haben, werden wir ihm z u st i m m e n.(Bravo! bei den National- liberalen.) Abg. Emmel(Soz.): Herr Dr. Hei m hat mit Recht gesagt, es werde hier ein Ent- wurf der Regierung beraten, der gar nicht mehr existiere. In der Kommission hat das Zentrum aber nicht diesen Standpunkt ver- treten, als von der Linken verlangt wurde, daß der dort geschaffene neue Entwurf zunächst zur ersten Lesung im Plenum gelangen müsse. (Sehr wahr I bei den Sozialdemokraien.) Wir müffen an dem Standpunkt festhalten, daß es geschäftsordnungsmäßig unzulässig ist, wen» wir heute die zweite Lesung eines Entwurfs vornehmen, der im Plenum noch gar keine erste Lesung passiert hat.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) WaS die Sache selbst anlangt, so geben wir die Notwendigkeit des gesetzgeberischen Eingreifens in dieser Materie zu. Wir können uns nicht dem Standpunkt de§ Herrn Dove anschließen, der die EntWickelung dem freien Spiel der wirtschaftlichen Kräfte überlassen will, sondern halten grundsätzlich im Allgemcininteresse ein Ein- greifen der Gesetzgebung in wirtschaftliche Verhältnisse für berechtigt, insofern dabei die Interessen der beteiligten Arbeiter und Gemeinden gewahrt werden. Allerdings haben wir uns das Eingreifen der Gesetzgebung anders gedacht, als es nach den Kommissions- beschlüssen vorgesehen ist. Wir haben zunächst den Antrag ans Verstaatlichung gestellt, weil wir nur dadurch eine wirtliche Gesundung der Verhältnisse herbeiführen zu können glaubten. Man hat dem gegenüber betont, es würden ungeheure Mittel zum Ankauf der Kaliwerke, die beim Bekanntwerden einer solchen Absicht im Preise steigen würden, erforderlich sein, und hat von einem Sozialismus für Millionäre gesprochen. Wir stehen aber durchaus nicht auf dem Standpunkt, daß Spekulationspreise gezahlt werden sollten, sondern haben lediglich an eine Enlschädigung des wirklich eingezahlten Kapitals gedacht/Als dieser Antrag abgelehnt wurde, haben wir dann weiter die Einführung eines Handelsmonopols beantragt. Gegen die Schaffung eines Ein- und Verkaufsmonopols des Deutschen Reiches für alle Kalisalze wurde als Grund nur der geltend gemacht, daß im Reichstage eine Mehrheit dafür nicht zu finden sein würde. Irgendwelche sonstigen sachlichen Gründe wurden dagegen nicht vorgebracht, und die Regierung, die selbst ein Handels- Monopol gewünscht hatte, sah ruhig zu, wie dieser Antrag abgetan wurde. Wir sind noch jetzt der Meinung, daß bei einem solchen Handelsmonopol das Inland nur ganz mäßige Kaliprcise zu zahlen brauchte, daß aber das Ausland etwas höhere Preise zu zahlen hätte, und meinen, daß dann die Preisdifferenz dazu dienen sollte, nach und nach die Kaligerechtsame abzulösen und so all- mählich die Berstaatlichimg herbeizuführen. Die Kommission hat nun sowohl die Verstaallichung wie das Handelsmonopol als auch das im Regierungscntwurf vorgeschlagene Zwangssyndikat abgelehnt und ist zu einer Kontingentierung mtt geietzlich festgelegten Preisen gekommen, mit Karenzbesiimmungen für neue Werke usw. Wir glauben nicht, daß mit diesem Gesetz das erreicht wird, was man erreichen wollte. Wenn Herr Dove meinte, die Kommissions- beschlüsse führten zu einer Bureaukratisierung der Industrie, so hätte er eben unserem Berstaatlichungsantrag zustimmen müssen, dann wäre die Bureaukratie nicht so schlimm geworden. (Widerspruch bei der Volkspartei.) Wir haben schließlich der Kontingentierung zugestimmt, weil wir in ihr das kleinere U e b e'l gesehen haben, wenn wir auch die Schwächen der Kommissions- beschlüsse durchaus nicht verkennen. Wir haben uns bemüht, für die Arbeiter und Gemeinden so viel zu retten, wie irgend zu retten war. In bezug auf die Preisfestsetzung kann man es ruhig bei den Kommissionsbeschlüssen lassen. Die Bewegung der Kurse in der Kaliindustrie zeigt, daß die Kaliindusttie selbst nicht befürchtet, durch den Entwurf geschädigt zu werden, denn die Kurse find er- Orient, begleitet von ihrem Günstling, dem Italiener Äergami. Als ihr Gatte 1820 auf den Thron gelangt war, bot er ihr 000 000 M. jährlich, wen» sie auf alle königlichen Rechte verzichten und England nicht wieder betreten wolle. Statt der Antwort kam sie selbst, von der Bevölkerung mit Jubel empfangen. Georg wollte sie jedoch an der Krönung nicht teilnehmen lassen, und diese schwere Kränkung warf sie aufs Krankenlager. Sie starb am 26. August 1821. Ehren- rührige Gerüchte, die über ihren Lebenswandel verbreitet wurden, hatten schon 1806 zu einer Untersuchung Anlaß gegeben, die jedoch resultat- los verlief. Mit Maria Fitzherbert hatte Georg schon 1803 voll- ständig gebrochen, weil ihn zahlreiche andere Liebschaften beschäftigten. König Georg verstand sich äußerlich gefällig zu geben, war eitel und ließ sich gern den„ersten Gentlemen von Europa" nennen. Tatsächlich war er aber einer der liederlichsten Männer seiner Zeit, ein Trinler, Spieler und Wüstling, ohne jedes Schamgefühl, als Fürst und Mensch gleich niedrig in seinem Denken und Handeln. Seine Lebensführung war ein solcher Skandal, daß sein Vater ihm jede Verwendung im Zivil- oder Militärdienst verweigerte. Als Regent für seinen geisteskranken Vater ließ er sich mit den Ministern in wahre Schachergeschäfte ein. Ihm war es lediglich um die Mittel zum Lebensgenuß zu tun. Seine Lustbarkeiten und seine geschmacklose Baulust verschlangen un- geheure Summen. Während Teuerung und Hungersnot die niederen Klassen zu Unruhen trieben, zeigte sich bei ihm ein immer gewaltigeres Anwachsen der Schulden, was eine ungeheure Erbitterung gegen ihn zur Folge hatte. Mufik. Die gemischten Chöre in Berlin sind um einen neuen vermehrt worden: den Charlottenburger Chorverein. Ihn hat Dr. Richard M ü n n i ch im vorigen Winter erst ganz klein und privat zusammengebracht und jetzt— am Montag in, Thcatersaale der Hochschule— zum ersten Male an die Oeffentlichkeit geführt. Die Männer- und Frauenstimmen vereinigen sich zn einer Gesamt- leistung, deren Vorzug bei so junger Entwickelung wohl am wenigsten der Wohlklang sein kann; besonders die Soprane haben noch manche Schärfe und Unreinheit zu überwinden. Dieser Mangel wird einigermaßen durch das Streben nach vorsichtiger Zartheit und nach deutlicher Aussprache gutgemacht. Dazu kam noch die Wahl so dankbarer und wenig abgeleierter Chorwerke, wie cS die von Robert Schumann sind, die zum Teil allerdings tüchtig zu wn geben. Das Hauptstück des Abends war ein wie eine Novität wirkendes weltliches Chorwerk:.DaS Heidekind" von Constanz heblich gestiegen. Eine der blutigsten Gründungen zum Bei- spiel, die Gewerkschaft Hugo, notierte am 1. Januar 1009 2375, jetzt 5450 bis 5500. Wenn die Kaliindustriellen Festessen ver- anstalten, bei denen an einem Abend 13 000 M. verbraucht werden, so kann man von einer notleidenden Kaliindustrie nicht sprechen. Unserer Anschauung nach ist die Industrie in dem Entwurf hin- reichend geschützt, ebenso auch die Interessen der Landwirtschaft, der daran liegen muß, möglichst billig Kali zu Düngezwecken zu erhalten; und auch für die Gemeinden ist in gewisser Beziehung gesorgt worden. Die Hauptfrage für uns war natürlich die Fürsorge für die Arbeiter. Wir haben diese in der Kommission zuerst angeschnitten und auf Grund unserer Anregungen sind dann die Bestimmungen zum Schutz der Arbeiter getroffen worden. Leider sind unsere ursprüglichen An- träge wesentlich verschlechtert worden. Das Zentrum beantragte, die Interessen der Arbeiter in anderer Weise zu berück- sichttgen, indem man sie am Gewinn der Kaligewerkschaften beteiligte. Aber schließlich sind nur die Freisinnigen und Sozialdemokraten geschlossen für diesen Antrag eingetreten, während drei Mit- glieder des Zentrums dagegen und nur drei dafür stimmten. Der Antrag wurde also durch daS Zentrum selbst begrabe»(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten), ebenso wie auch unser Antrag auf Schaffung von Tarifverträgen an dem Widerstand des Zentrums gescheitert ist.(Hört! hört! bei den Sozial» demokraten.) Eine Anregung, die von mir in der Kom- Mission ausging, daß bei der Bemessung der Beteiligungsziffer auch die geographische Lage der Kaliwerke Berücksichtigung finden sollte, ist jetzt durch einen Antrag Ricklin auf- genommen, dem wir natürlich zustimmen werden. Herr Ricklin hat den Antrag offenbar gestellt, weil sich die elsaß-lothringischen landwirtschaftlichen Organisationen sehr entschieden für eine solche Regelung ausgesprochen haben. Wir haben davon abgesehen, neue Abänderungsanträge in unserem Sinne zu stellen, weil eine Mehrheit dafür doch nicht zu haben sein würde, müssen aber erklären, daß der im Entwurf vorgesehene Arbeiter- schütz das a l l e r m i n d e st e ist, was wir verlangen müssen. Jede Verschlechterung dieser Bestimmungen würde es uns unmöglich machen, dem Entwurf zuzustimmen. Dem Antrag Brockhansen zu 8 1 können wir aus formalen Gründen nicht zustimmen, habe» aber eine andere Fassung vorgeschlagen, die dasselbe bezweckt.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Stubbcndorff(Rp.): Trotz schwerer Bedenken gegen manche Bestimmungen der Vorlage wird ein Teil meiner Freunde für das Gesetz stimmen. Für einen anderen Teil ist die Vorlage wegen der in ihr enthaltenen sozialpolitischen Zwangsmaßregeln, in denen ein unberechtigter Eingriff in die Freiheit der Unternehmer liegt, un- annehmbar. Präsident Graf Schwerin-Löwitz teilt mit, daß der Antrag v. Brockhausen zu 8 1(Unterstellung der«Sonderfabriken" unter das Gesetz) zurückgezogen sei. Abg. Brandys(Pole): Wir erkennen an, daß Mißstände in der Kaliindustrie bestehen, die den Wunsch nach gesetzlicher Regelung nahelegen. Das Gesetz enthält jedoch verhängnisvolle Bestimmungen. durch die schlimme Präzedenzfälle geschaffen tverden können. Wir sind Gegner der Staatsallmacht, die durch diese Vorlage befördert wird, und werden daher gegen den Entwurf stimmen, obwohl wir uns an allen Versuchen beteiligen werden, Verbesserungen zugunsten der Abnehmer und der Arbeiter in das Gesetz zu bringen. Abg. Kölle(Wirtsch. Vg.): Wir hätten die Regieruligsfassung vorgezogen. Da wir aber im Interesse des Reiches,' der Industrie, der Landwirtschaft und der Arbeiter dringend wünschen, daß über- Haupt etwas zustande kommt, so werden wir auch für die Kommissions- fassung stimmen.— Während die Sozialdemokratie in sehr an» erkennenswerter Weise am Zustandekommen des Gesetzes mitgearbeitet hat, hat der F r e i s i n n unter G o t h e i n s Führung aus man ch e st erlichem Doktrinarismus völlig versagt. Abg. Dr. Ricklin(Elf.) erllärt, die Vorlage ablehnen zn müssen, da in ihr die Interessen Elsaß-LothringenS nicht genügend gewahrt, ja geradezu zunichte gemacht werden. Abg. Werner(Antis.) schließt sich den Ausführungen de» Abg. Kölle an. Abg. Gothcm(Fortschr. Vp.) kritisiert es, daß ganz einseitige Berichte über die Verhandlungen der Kaliloinmission in der Kali- industriellenpresse mit Namensnennung erschienen seien. Redner polemisiert des weiteren gegen den Abg. Koelle. In der ersten Lesung hat mir dann der preußische Oberberg- Hauptmann v. Velsen Vertrauensbruch vorgeworfen, weil ich eine Aeußerung des verstorbenen Handelsministers Brefeld an- geführt hatte. Dieser Vorwurf ist lächerlich. Denn Herr Brefeld hat dieselbe Aeußerung auch meinem Freunde Schräder gegenüber ohne jede Bindung getan.(Hört! hört!) Im übrigen meine ich, die Herren Kommissare des Bundesrats werden hierhergeschickt, uni uns tatsächliche Auskünfte zu geben und nicht uni gegen einzelne Ab- geordnete persönliche Angriffe zu richten.(Sehr wahr I links.) Wir sehen in dem Gesetz einen bureaukratisch-staatssozialistischen Exzeß, den wir nicht mitmachen. B e r n e k e r, der vor vier Jahren als gewichtiger Führer des Musiklebens in Königsberg starb. Die Komposition schlägt aus einer nicht eben sehr eigenartigen Dichtung von Felix Dahn viel Eigenartiges heraus, einschließlich der reichhaltigen Klavierbegleitung� Zahlreiche Solisten wirkten hier sowie bei den unbegleiteten (a oapella) Gesängen vorteilhaft mit. Daß Schumanns burschikose „Romanze vom Gänsebuben" wiederholt werden mußte, war nur ein spezielles Beispiel des Erfolges, den der Dirigent und die Seinen für so viel Wollen und Können mit Recht einheimsten, sr. Notizen. — Theaterchronik. Im königl. Schauspielhause findet zu ermäßigten Preisen vom 18. bis 30. Mai ein Zyklus von Shakespeares Königsdramen und vom 1. bis 13. Juni ein Wildenbruch« Zyklus statt. Die ermäßigten Karten für den Shakespeare-Zyklus werden nur Freitag, den 13., nachmittags 2 bis 4 Uhr, an dem Schalter I, und die für den Wildenbruch-Zyklus nur Freitag, den 27., ausgegeben. Vorbestellungen werden nicht an- genommen. — Eine Frau als Universitätsprofessor in— Preußen. Die Zoologin Dr. Maria v. Linden, die schon längere Zeit in Bonn an Universitätsanstalten tätig war, ist zum Professor ernannt worden. — Orchideen-Ausstellung. Die Orchideen-Sektion des Vereins zur Beförderung des Gartenbaues veranstaltet am Donners- tag, den 19., und Freitag, den 20. Mai, in den Festsälen deS Preußischen Abgeordnetenhauses eine Orchideen-Ausstellung. — Als nationale Tat wird es in der patriotischen Presse gepriesen, daß in der Walhalla, der kgl. bayerischen Privat- ruhmeshalle bei RegenSburg, in der Ludwig l. von Bayern nach eigenem Ermessen Unsterblichleiten verteilte, nunmehr auch eine Büste MoltkeS aufgestellt wurde. — Pearys Reisebericht wird zum Herbst von der Buch- Handlung W. Süsserott in Berlin(erfteulicherweise nur in einem Bande) herausgegeben werden. Prof. Emil K a u tz s ch ist in Halle gestorben. Der 1841 geborene Bibelkritiker ist in weiteren Kreisen bekannt geworden durch die mit einer Reihe anderer Theologen zusammen veranstaltete wissenschaftliche Uebersetzung des alten Testaments und der so- genannten Apogryphen. Diese Ausgabe, die dem heutigen Stande der protestaniischen Bibelkrittken entspricht, erlaubt auch dem Laien. der sich hierfür interessiert, einen Einblick in die Bibelwissenschast und ist die einzig brauchbare Uebersetzung. Handelsminister Sydo»: Herm Gothein muß ich erwidern, daß ich nach wie vor der Ueberzeugung bin, er ist im Irrtum, wenn er die Aeußerung des verstorbenen Ministers Brefeld so aufgefaßt hat, als habe dieser sagen wollen, er habe sein Amt mit dem Be- wußtsein übernommen, der damit verbundenen Verantwortung nicht gewachsen zu seinl Diesen sckweren Angriff zurückzuweisen, war Herr Oberberghouptmann v. Belsen durchaus berechtigt. Damit schließt die Debatte. Abg. Gothein(persönlich): ES ist mir niemals eingefallen, den verstorbenen Minister Brefeld anzugreifen, dessen hervorragende Eigenschaften ich immer betont habe. In der Spezialdebatte werden eine Anzahl Paragraphen in der Faffung der Kommission nach unwesentlicher Debatte angenommen. Beim Z 8 wird der Antrag R i ck l i n(Elf.) auf Berücksichtigung der geographischen Lage bei der Festsetzung der Beteiligungsziffer abgelehnt. Jni§ 9 ist bestimmt, daß ein Werk, auf welchem ein zweiter Schacht angelegt ist, einen zehnprozentigen Zuschlag zur Beteiligungs- ziffer erhält. Abg. Sachse(Soz.): Die Einrichtung eines zweiten Schachtes ist sehr zweckmäßig auch für die Arbeiter. Freilich darf der zweite Schacht nicht zu weit von dem ersten angelegt sein, um bei Unglücksfällen zur R e t t u n g dienen zu können; allerdings darf er auch nicht zu nahe sein, wie es bei dem Unglück in R a d b o d der Fall war, wo sehr viel weniger Menschenleben verloren wären, wenn der zweite Schacht nicht so dicht bei dem ersten gewesen wäre. Es ist anerkennenswert, daß die preußische Regierung jetzt auf bergpolizeilichem Wege auf die Durchsiihrung des Zweischächtesystems dringt, und eS wäre zu wünschen, daß die anderen Bundesstaaten diesem Beispiele folgen.— Sodann weife ich auf die Petition der Werke Heldrungen II und Walter hin, die beide je einen Schacht haben und einen dritten gemeinsamen anlegen und nun die Vorteile der Werke mit zwei Schächten genießen wollen.— ES ist erfreulich, daß mit deni Kaligesetz ein Anfang gemacht ist, einen Teil der Berggesetzgebung reichsgesetzlich zu regeln. Freilich hätte die Regierung nun gleich ganze Arbeit machen sollen und ein Reichsberggesetz vorlegen, wie es der Reichstag schon wieder- holt gewünscht und beschlossen hat.(Bravo l bei den Sozial- demokraten.) Oberberghauptmann v. Belsen: Die Entfernung der beiden Schächte zu regeln ist Sache der Bergpolizei, die jeden einzelnen Fall zu prüfen hat.— Die Petition der Werke Heldrungen II und Walter verlangt Sondervorteile, die wir ihnen nicht gewähren können. 8 10 regelt die vorläufigen Beteiligungsziffern. Abg. Leber(Soz.): Wir haben dem Paragraphen in der Kommisston zugestimmt, haben aber folgenden Erweiterungsantrag gestellt, wonach der jähr- liche Zuwachs des Gesamtabsatzes so lanjje allein den fiskalischen Werken und denjenigen Werken zugeteilt wird, die sich zu mindestens 61 Protz im Besitz eines Bundesstaats befinden, bis diese Werke ihre volle Leistungssähigkeit ausnutzen können. Der Zweck dieses Antrages ist, zu bewirken, daß in den Einzelstaaten darauf gc- drungen wird, daß die Kaliwerke vom Staate übernommen werden. Im weimarischen Landtage haben wir seit Jahren darauf gedrungen, ober man wollte nicht recht an die Sache heran- gehen und machte vor den großen Kosten graulich. Man sprach von 39 Millionen Mark. Als wir einige Jahre später die Sache wieder anregten, handelte eS sich bereits um 60—70 Millionen Mark. In solcher Weise wachsen die Werke auch in den anderen Bundesstaaten. Je eher also die Werke übernommen werden," um so bester ist eS. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Unter Ablehnung des sozialdemokratischen Antrages wird der ß 19 in der Konimissionsfassung angenommen. §8 11 bis 14(die.Arbeiterparagraphen") werden auf Antrag Hue(Soz.) in der Beratung mit einander verbunden. Abg. Brey(Soz.): Die Wichtigkeit dieser Paragraphen nötigt mich, Ihre Geduld etwas in Anspruch zu nehmen.(Murren rechts.)— Die in Frage kommenden Paragraphen schaffen durchaus kein neues Recht für die Arbeiter, sie verhindern nur in gewisser Weise altes Unrecht, indem sie zum Abschluß von Tarifverträgen einladen und sich gegen die Beeinträchtigung der Koalitionsfreiheit wenden. Diesem Miniinum von Vorteilen für die Arbeiter stehen schwer- wiegende Borteile für die Unternehmer gegenüber. Wir haben uns bemüht, größere Vorteile für die Arbeiter heraus- zuschlagen: aber die Regierung und die bürgerlichen Parteien traten uns entgegen. Auch das Zentrum unter Müller- Fuldas Führung war sehr besorgt um die Unternehmer, herzlich wenig um die Arbeiter. Schon die straffe Zasammenfaffung der Unternehmer in eine Zwangsgenosienschaft bedeutet eine Ver- schlechterung der Lage der Arbeiter. In der Kommission haben wir versucht, gegenüber dieser außerordentlichen Stärkung der Unternehmer durch Staatsgesetz, einige Vorteile für die Arbeiter ge« setzlich festzulegen. In langwierigen Debatten trat zutage, daß sich prinzipielle Bedenken gegen unsere Anträge nicht erheben ließen. Die Gegner klammerten sich an sogenannte prakttsche Schwierigkeiten. Soweit solche wirklich und nicht bloß angeblich vorhanden sind, sind sie nicht derart, daß sie sich nicht überwinden lassen. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Aber an dem Willen haperte eS eben. Mit platonischen Sympathiekundgebungen waren ja die bürgerlichen Redner und selbst die Regierungsredner nicht sparsam. Aber zur praktischen Förderung der Tarifbewegung, die in der Privatindustrie so bedeutsame Erfolge erzielt hat, haben sich wohl die dänische und die bayerische Regierung verstanden. Der preußischen Regierung und Verwaltung liegt solche sozialpolitische Betätigung fern.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Und die bürgerlichen Parteien handelten wie die Regierung: wenigstens in ihrer Mehrzahl. Unsere Anttäge wurden niedergestimmt, weil das Zentrums sich spaltete. Während Herr Erzberger für unsere Anträge stimmte, erwies sich Herr Herold hier wie anderswo als Arbeiterfeind. Er stimmte gegen unsere Anttäge und brachte sie dadurch zum Fall. Das hat auch die.Kölnische Volks- Zeitung" einräumen müssen.(Hört! hört l bei den Sozioldemo- traten.) Daß die Scharfmacher wieder an der Arbeit waren, um auch die kleinsten Vorteile für die Arbeiter zu verhindern, versteht sich von selbst. Haben wir doch heute von Herrn Stubbendorff gehört, daß ein Teil der Reichspartei wegen der„sozialpolitischen" Paragraphen gegen das ganze Gesetz stimmen würde. Der Re- gierung wurden von der Scharfmacherpreffe die wütendsten Vor- würfe gemacht wegen ihrer angeblichen Nachgiebigkeit! Der rote Lappen wird stets geschwungen, wenn es sich darum handelt, den Arbeitern Nachteile zu bringen, Vorteile für die Arbeiter zu hindern. (Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.)— Wir stimmen für die Paragraphen, nicht weil sie uns genügen, sondern weil wir trotz aller unserer Bemühungen uicht mehr und nichts BeffereS für die Arbeiter haben erreichen können.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokaten.) Abg. Dr. Weber(natl.): Mit den Bestimmungen der Arbeiter- Paragraphen und der Preisfestsetzung wird unsere ganze bisherige Wirtschaftspolitik verlassen. Mit den 88 H bis 14 in Verbindung mit dem 8 16 schlägt das Parlament und die Verbündeten Re- gierungen eine ganz neue bedenkliche Richtung in unserer Wirtschaftsgeschichte ein. Noch in den letzten Monaten hat der Reichskanzler einen ganz anderen Standpunkt ein- genommen. Heute aber fällt er durch den Mund seines Vertreters, des Handelsministers, auf die andere Seite.(Heiterkeit bei den Sozial- demokraten. Sehr richtig I bei der Fortschr. Vp.) Ich halte es für falsch, die Fürsorge für die Arbeiter in ein rein wirt- schaftspolitisches Gesetz hineinzubringen.(Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Sie möchten ja am liebsten alles ver- staatlichen und sozialisieren.(Sehr richtig! bei den Sozial- demokraten.) Aber so weit sind wir noch nicht: wären wir so weit, dann wäre e» vorher mit Deutschland aus. (Gelächter bei den Sozialdemokraten.) Ich bin einer der wenigen meiner politischen Freunde, die gegen das Gesetz sind weil ich in ihm einen der gefährlichsten Schritte erblicke, die feit 49 Jahren im Reichstag gemacht worden sind. Die Bedenken gegen das Gesetz werden nicht durch die Vorteile, die der Industrie geschaffen werden, aufgehoben. Wenn die Kaliindustrie wirklich geschützt werden soll, darf sie uicht so scharf belastet werden wie durch die§8 11—14 und 18. Sie haben die 88 11—14 und den 8 13 mit den augenblicklichen Verhältnissen in der Kaliindusttie be- gründet. Diese besonderen Verhältnisse gebe ich ohne weiteres zu. Aber andererseits sehen Sie heute schon, ehe der Entwurs Gesetz ge- worden ist, wohin uns solches Vorgehen führen wird. Deshalb stimmen ja auch die Sozialdemokraten für das Gesetz.(Hört I hört! bei den Nationalliberalen.) Und ein führender Abgeordneter des Reichs- tags will schon ähnlich in den anderen Industrien vorgehen. Ich richte das dringende Ersuchen an die Regierung und den Handclsminister, auf diesem Wege um GotteSwillen nicht weiter z u gehen.(Schallende Heiterkeit bei den Sozial- demokraten.) Unsere Industrie steht in enistern Kampfe nicht nur in Deutschland, sondern auch mit dem Auslände, da dürfen wir nicht durch Preisfestlegungen nach oben hin ihr die Kehle zuschnüren. Die Löhne haben eine steigende Tendenz, da dürfen auch die Preise nicht nach oben hin gebunden werden. Schlagen Sie die Industrie tot, dann schlagen Sie auch den Arbeiter tot.(Gelächter bei den Sozialdemokraten.) Ich fordere den Handelsminister auf, energisch Stellung zu nehmen gegen jeden Versuch, diese erste Lösung des Problems auf andere Industrien zu übertragen. Vielleicht schon in der nächsten Reichs- tagssession, bei der Reichsversicherungsordnung und beim Heimarbeitergesetz, werden derartige Versuche ge- macht werden, aber ich warne den Mini st er dringend, diesen Weg weiter zu beschreiten, denn dann ist eS mit Deutschland zu Ende.(Beifall links. Gelächter bei den Sozialdemokraten.) Staatssekretär Sydaw: Mit dem Grundsatz, Preispolitik und Sozialpolitik nicht zu verquicken, bin ich einverstanden. Trotzdem bitte ich um Zustimmung zum 8 11, weil es nicht gerecht und billig wäre, daß die Herabsetzung der Preise in der Kaliindustrie auf die Arbeiter abgewälzt wird. Daß wir daS nicht zulassen, bildet kein Präjudiz für andere Fälle. Auf Antrag deS Abg. Fegtcr(Fortschr. Vp.) wird die Debatte über 8 18, der die Festsetzung der Berkaufspreise enthält, mit der Debatte über 88 11�14 verbunden. Abg. Dr. Rösicke(B. d. L.) wendet fich gegen die Aufnahme der sozialpolitischen Bestimmungen, die ein Ausnahme- gesetz darstellten. Die Sozialdemokraten könnten auch nach Ab- lehnung dieser Bestimmungen nicht gegen das ganze Gesetz stimmen, denn das Nichtzustandekommen des Gesetzes würde den Ruin der Kaliindustrie und damit auch der in ihr beschäftigten Arbeiter bedeuten. Abg. Behrens(Wirtsch. Vg.): Für Tarifverttäge ist die Voraus« setzung das Vorhandensein einer Organisation; gerade daran fehlt es in der Kaliindustrie und deshalb waren die in der Kommission gestellten Anttäge der Sozialdemokaten prattisch undurchführbar. Die Vorwürfe gegen mich, daß ich diesen Anttägen nicht zustimmte, sind also ganz ungerechtfertigt. Abg. Fegter(Fortschr. Vp.) befürwortet einen Antrag auf weitere Herabsetzung der Preise im 8 18 und kritisiert eS scharf, daß in der Kommission auch Kaliinteressenten mitgewirkt hätten. Es müsse im Lande auch der Schein vermieden werden, als ob Ab- geordnete nicht einzig und allein aus sachlichen Motiven ihre Stellung einnehmen.(Bravo! links.) Abg. Bogel(natl.) wendet fich gegen den Anttag Fegter. Abg. Frhr. v. Richthofen(k.): Für einen Teil meiner politischen f reunde habe ich zu erklären, daß auch wir erhebliche Bedenken gegen en 8 18 haben und nur deshalb für ihn stimmen, weil sonst das Gesetz nicht zustande konunt, das für die Industrie, die Landwirt- schast und die Arbeiter notwendig ist. Abg. Gothein(Fortschr. Vp.) verteidigt den Anttag Fegter und wendet sich nochmals gegen den Grundgedanken des Gesetzes und gegen die reichsgesetzliche Festlegung der Preise. Abg. Schiffer(Z.): Die freie Konkurrenz, die Herr Gothein will, bedeutet die Vernichtung der kleinen und mittleren Existenzen und deshalb verlangen wir ein gesetzliches Eingreifen. Die An- griffe der Sozialdemokraten gegen meine Freunde sind unberechtigt, wir habm das Erreichbare genommen.(Sehr richtig! im Zentrum.) Abg. Hue(Soz.): Der Regierungsentwurf enthielt die sehr wesentliche Lücke, daß für die Arbeiter gar nicht gesorgt wurde, und gegen diese Lücke hatte Herr Gothein prinzipiell nichts einzuwenden. In der Kom- Mission haben seine Freunde einen Antrag gestellt, der so recht zeigte, wie die Herren über Sozialpolitik denken. Als es sich darum handelte, daß infolge der Ouotenübertragung Arbeiter- entlaffungen eintreten werden, hatten wir beanttagt, deu davon be- troffenen Leuten eine Entschädigung zu geben. Die Frei- sinnigen dagegen haben lediglich den Anttag gestellt:.Quoten- Übertragungen sind gestattet!" Und daS zu einer Zeit, wo wir zu- folge der Vorgänge im Ruhrgebiet ein reiches Material zur Beurteilung der Rücksichtslosigkeit der Zechen hatten, wo schon Hunderte von Arbeitern infolge der Quotcnübertragung entlassen waren; zu einer solchenZeitstelltenSiediesenAntrag, der keine Einschränkung der kapitalistischen Willkür und Profitsucht zulassen wollte.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.)»arm kam Ihr Charakter m bezug auf Sozialpolitik zum Ausdruck.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokaten.) Herr Gothein hat uns ge- warnt, dem Gesetze zuzustimmen. In der Kommission hat er uns sogar den seligen Marx zittert und uns zugerufen, Marx würde sich angesichts unseres Verhaltens im Grabe um- drehen. Aber wenn irgend etwas unser Verhalten begründet, so sind es die Reden der Kollegen Weber und Gothein. (Lebhaste Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Es ist mir aufgefallen, daß Herr Gothein, was ihm sonst fern liegt, sich die Argumente der Scharfmacher zu eigen machte, um gegen das Gesetz Sturm zu laufen..Man soll sich vor den Konsequenzen hüten," ruft er aus, also ganz dasselbe, was auch der Zenttalverband der Industriellen sagt. Wir wollen die Konsequenzen ruhig der Zukunft überlassen: aber die Konsequenzen, die die Kollegen Gothein und Weber ziehen, nötigen un« zur Zustimmung. Wenn die Be- stimmungen zum Schutze der Arbeiter in das Gesetz nicht hinein- gekommen wären, so hätten Sie noch 14 Tage oder drei Wochen nach Pfingsten hier sitzen können, und das Gesetz wäre nicht ver- abschiedet worden. So liegen die Dinge.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Wir find hier als die Vertreter der Armen und Unterdrückten, und wir ergreifen jede Gelegenheit, um für die Armen und Unterdrückten etwas herauszuholen und darin werden wir fortfahren im Interesse der Allgemeinheit gegen die Willkür deS Kapitalismus.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Gothein(Fortschr. Vp.): AIS der Antrag der Sozialdemokaten in der Kommission noch gar nicht vorlag, haben wir uns schon in jeder Weise bemüht, das Interesse der Arbeiter wahrzunehmen. Auch heute habe ich erklärt, daß wir für die§8 11—14 stimmen werden. Die Angriffe des Abg. Hue sind mir daher unverständlich. Damit schließt die Debatte. Die§§ 19 bis 14 und 8 18 werden nach den KommifsionSbeschlüffen angenommen, ebenso die 88 13 bis 17. Bei 8 18, der dem Bundesrat die Befugnis gibt, den Abnehmern größerer Mengen Kalisalze einen entsprechenden Abzug zu gewähren, beanttagt Abg.». Brockhausen(k.), anstatt deS Satzes in diesem Para- graphen:„Allen Abnehmern steht es frei, sich zur Erlangung vor- stehender Abzüge zur Vereinigungen zusammenzuschließen, die Worte zu setzen:„Verträge zwischen Kaliwerksbesitzern und Ab« nehmern dürfen keine Bestimmungen enthalten, die den Zusammen- schluß von Abnehmern zu rechtsfähigen Vereinigungen verhindern oder verbieten", '' � � �. Wg. Hellte(Toz.f?„ Ich bitte Sie, diesen Antrag, der nur redaktionell aussteht, aber tatsächlich das, was die Komission beschlossen hat, im wesentlichen wieder aufhebt, abzulehnen. Die Kommission hat grundsätzlich die Händler den anderen Abnehmern gleichgestellt. Wenn nun der Antrag von rechtsfähigen Vereinigungen spricht, so will er damit offenbar die Möglichkeit aufrecht erhalten, solche Vereinigungen, die nicht rechtsfähig sind, die Bonifikation zu hintertreiben. Ein Verein, der wirtschaftliche Ztvecke verfolgt, und das ist die Erlan» gung billigerer Preise, kann nur dann die Rechtsfähigkeit erlangen, wenn er sich in der Form einer Aktiengesellschaft, Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaft oder G. m. b. H. bildet, nicht aber, wenn er eine offene Handelsgesellschaft ist. Man will also offenbar eS Händlern unmöglich machen, sich zusammenzuschließen, um gün- stigere Bezugsbedingungen zu erzielen.(Sehr richtig! links.) Abg. v. Brockhansen(kons.): Es handelt sich bei dem Antrag nur darum, daß die Kaliwerksbesitzer in die Lage versetzt werden sollen» nur mit rechtsfähigen Personen Verträge abzuschließen, ob es nun Händler sind oder nicht, ist gleich. Abg. Heine(Soz.): Nicht darum handelt es sich mit wem Kalilieferanten Verttäge abschließen, sondern darum, ob sie es festsetzen dürfen, daß an nicht rechtsfähige Vereine nicht mehr geliefert werden soll. Ich möchte die Regierung fragen, wie sie sich zu dem Antrage stellt. Staatssekretär Sydow erwidert, daß der Regierung gleich sei, ob der Antrag angenomnien würde oder nicht. Der Antrag v. Brockhausen wird abgelehnt,§ 19 in der Kommissionsfassung angenommen. Die nächsten Paragraphen werden debattelos angenommen. 8 23 regelt die Abgaben der Kaliwerksbesitzer bei Ueberschrei» ten der zugewiesenen Absatzmenge von Kalisalzen. Hierzu liegt ein Antrag Dr. B ä r w i n k e l(natl.) vor, die Abgaben für Lic» ferungsverttäge vor dem 17. Dezember 1999 zu ermäßigen. Abg. Gothein(Fortschr. Vp.) erklärt, die Behauptungen in der Presse, daß er an dem Kaliwerk Aschersleben entweder selbst oder durch seine Verwandtschaft interessiert sei, für vollständig erfun» den und wendet sich dann unter großer Unruhe der Rechten und des Zentrums gegen die Anträge, welche die Besttmmungen über das Ueberkontingent überhaupt auf frühere Verträge anwendbar machen, und fragt, ob Amerika nicht dagegen Vorstellungen er- hoben habe. Staatssekretär Sydow erklärt, über die verttaulichen Verhand- lungen mit Amerika nicht Auskunft geben zu können. Wir werden uns von den Grundsätzen der Billigkeit und Gerechtigkeit leiten lassen. Abg. Albrecht(Soz.): Nachdem daS Monopol abgelehnt war, haben toir für die Kon- tingeutierung gestimmt und müssen demgemäß auch für die Ab- gaben für das Ueberkontingent stimmen. Der§ 23 ist aber doppeldeutig, er will nicht nur diejenigen bestrafen, die in Zukunft gegen das Gesetz verstoßen, sondern die dagegen verstoßen haben, bevor es gemacht war. Wenn wir uns dagegen wenden, wollen wir nicht dir Interessen von Herrn Schmidtmann wahren, sondern die der Arbeiter und Gemeinden, die allerdings gefährdet werden, wenn große Arbeiterentlassungen eintreten, falls durch Anwendung der Bestimmung auf früher geschlossene Ver- träge etwa die Firma Schmidtmann die Produktion erheblich ein, schränken müßte. Abg. Danneuberg(Weife) begründet einen Anttag, die Be, stimmungen nur auf effetttve LieferungSverttäge anzuwenden. nicht auch auf OptionSverttäge, wie die der Firma Schmidtmann. Abg. Hue(Soz.): Im Interesse der Würde des Parlaments will ich darauf aufmerksam machen, daß vor Herrn Daunen» berg noch kein an Kaliwerken interessiertes Mitglied hier das Wort genommen hat. Herr Dannenberg ist aber der allerletzte, der nach den Erfahrungen, welche die Käufer der Hugoaktien ge» macht haben, hier Vorwürfe machen dürfte. Wir habe» alle Ur, fache, hier kein Panama aufkommen zu lassen, und dafür zu sorgen, daß der Reichstag nicht zu einer Schacherbude herabgewürdigt wird. (Lebhafte Zusttmmung bei den Sozialdemokraten.) Präsident Graf Schwerin: Diesen Vorwurf dürfen Sie einem Abgeordneten nicht machen. Abg. Hue(fortfahrend): Auch in der Kommission haben wir sachlich verhandelt, und nur einmal gerieten wir persönlich anein» ander, als nämlich Herr v. Dannenberg sich ganz unberufener» weise an einer Zusammenkunft beteiligte, und die Interessen eines ihm nahestehenden Herrn vertrat.(Ruß rechts: Unverschämtheit!) Damit schließt die Diskussion. ES folgen persönliche Bemer» lungen. Abg. Dannrnberg(Welfe): Herr Huä griff mich bei jener Zu» sammenkunft bereits an. bevor ich gesprochen. Der Vorsitzende Herr Dave erklärte mir, ich hätte ein Recht, an der Zusammen- kunft teilzunehmen. Die Gründung, an der ich beteiligt bin, ist 14 Jahre alt, sie ist keine faule Gründung, sondern be, findet sich längst im Syndikat und gilt als eines der besten Werke. Abg. Dave(Fortschr. Vp.): Es handelte sich nicht um eine Kom- missionssitzung, sondern um eine freie Zusammenkunft der Mit- glieder. Als Herr Dannenberg mich fragte, ob auch NichtMitglieder daran teilnehmen dürfen, bejahte ich das. Daß er persönlich interessiert war, wußte ich nicht.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Hue(Soz.) stellt die Darstellung deS Ab. v. Dannenberg richtig. § 23 wird mit dem Antrag Bärwinkel angenommen., Der Rest des Gesetzes wird nach unwesentlicher Dabatte an- genommen. Damit ist die zweite Lesung beendet.» Auf Antrag Spahn(Z.) wird ohne Widerspruch beschlossen, ?Ieich die dritte Lesung vorzunehmen.(Der Reichs- anzler ist im Saale erschienen.) Auf Antrag Heim(Z.) wird das Gesetz gegen die Stimmen der Freisinnigen und Polen en bloc angenommen. Der Präsident erhält die Vollmacht, Tag und Tagesordnung der nächsten Sitzung festzusetzen. Abg. Dr. Hieber(natl.) spricht dem Präsidenten den Dank für sej�e Geschäftsführung aus.(Lebhafter allseitiger Beifall.) Präsident Graf Schwerin-Löwiy dankt dem Vorredner für seine Worte und dem gesamten Hause für die Unterstützung, die e» ihm in seiner Geschäftsführung gewährt habe.(Allseitiger Beifall.) RvichSkanzler v. Bethmann Hollweg verliest die Botschaft, wo- nach der Reichstag bis zum 8. November vertagt wird. Präsident Graf Schwcrin-Löwitz bringt, während die Sozial- demokraten den Saal verlassen, das Kaiserhoch aus. Schluß: 19 Uhr. parlamcntanfcbco, Die Justizkommisflon des Reichstages beschloß, mit ihren Fcriensitzungen bereit? morgen, Mittwoch, zu be- ginnen. Es soll dann am Donnerstag noch eine Sitzung abgehalten werden, dann sollen die Pfingstferien eintteten und die Sitzungen am 26. Mai wieder beginnen. Sie weiden dann bis zum 16. Jult fortgesetzt, um im Frühherbst wieder aufgenommen zu werden. Die Beratung der Strafprozeßordnung wurde sodann beim 8 30 fortgesetzt. Dieser Paragraph gibt dem Zeugen, der das Zeugnis verweigern darf, das Recht, einen Verzicht auf dieses Zcugnisver- weigerungsrecht während oder nach der Vernehmung wieder zurück- zuziehen. Dann darf die Aussage im weitereu Verfahren nicht be- rücksichtiat werden. Nach einem nationalliberalen Anttag sollten in diesem Berzichtsfalle auch die Protokolle über solche Aussagen keine Verwendung mehr finden dürfen. Dieser Anttag wurde abgelehnt. Soziales« (Siehe auch Hauptblatt.) vebennäßige Ausnutzung weiblicher Arbeitskraft kam bor der 2. Kammer des Berliner Kaufmannsgerichts zur Sprache. Der von der Lageristin Frida S. verklagte Fahrrad- Händler Willy Hausherr hatte die Klägerin ohne weiteres entlassen, weil sie angeblich in der Erledigung ihrer Arbeiten unordentlich ge. Wesen war und auf der Post beim Paketeforttragen mit den Haus- dienern geflirtet habe. Die Lageristin mutzte, wie die Verhand- lung ergab, für das Riesengchalt von 35 M. monatlich den Tag über bis abends um 9 und hilO Uhr angestrengt arbeiten, so datz sie. wie der Vater bekundete, erst gegen Uhr nachts nach Hause kanr. AIS sie einmal zwei Tage krankheitshalber fehlte, wurde ihr der entsprechende Betrag vom Gehalt abgezogen. Das bescheidene jung« Mädchen versicherte glaubwürdig, datz sie gewitzlich nicht An- last zum Liebäugeln gegeben habe. Wenn sie aber als junges Mädchen vom Chef dazu angehalten werde, allabendlich im Ge- dränge der Paketpost mit jungen Männern eng zusammen zu stehen, so könne man sie doch nicht für rohe Sclwrze einzelner junger Leute verantwortlich machen. Auch bei Ausübung der Lagcrarbeit habe sie sich immer die grötzte Mühe gegeben. Nach eingehender Beweisaufnahme verurteilte daß Kaufmanns- gericht den Beklagten, das Restgehalt von 37,50 M. zu zahlen. Es war in Betracht zu ziehen, datz H. ausschließlich mit stigcndlichem weiblichem Personal arbeitet, das er noch zudem schlecht besoldet. Unter diesen Umständen kann er auch an die Arbeitsleistungen keine allzu hohen Anforderungen stellen. Die Entlassung der Klägerin war zu Unrecht erfolgt. Unseres Erachtens hätte daS Kaufmannsgericht zur Verurtei- lung auch ohne Beweisaufnahme gelangen können. Bei einem Lohn von 35 M. können gute Leistungen nicht beansprucht werden. ?3iis der frauenbewecfung« Rücksichtslose Entlassungen von Arbeiterinnen. Der gegenwärtige Kampf im Baugewerbe zieht weite Kreise der Arbeiter in Mitleidenschaft. Die Aussperrung dient als An- schauungsunterricht darüber, wie sehr das gesamte Unter- nehmertum einig ist in der Unterdrückung der Arbeiterklasse. Und die schäbigsten Mittel kommen dabei in Anwendung. Die Aussperruugsivut der Baulöwen trägt zudem auch wieder ihr Teil dazu bei, das Familienleben vieler Arbeiter zu zerstören. Nicht allein, datz bei Tausenden von Familien Schmalhans Küchenmeister sein mutz, weil es dem Unternehmertum gefallen hat, den Mann> arbeitslos und somit auch brotlos zu machen und auf diese Weise die Frau in die Erwerbsarbeit hineinzutreiben, die Macht des Unternehmertums geht so weit, Frauen, die in Textilfabriken arbeiten. einfach aufs Stratzenpstaster zu setzen, weil ihre Männer ausgesperrt worden sind. Mögen die Interessen einzelner Kapitalistengruppen auch häufig auseinandergehen, an gewissen Punkten treffen sie immer wieder zusammen. Die Solidarität, wenn auch nicht immer ganz edlen Motiven entsprungen, ist bei dem Unternehmertum stark entwickelt. Arbeiter und vor allem Arbeiterinnen jedoch sind kurzsichtig genug zu glauben, wenn das Kapital mit einer Kategorie von Arbeitern, der sie selbst nicht angehören, in Konflikt gerate, dann bestehe für sie keinerlei Gefahr. Die Tatsachen beweisen das Gegenteil. Bei plötzlichen Entlassungen kann dann stets die Tatsachs konstatiert werden, datz viele Frauen nicht organisiert sind. Die Männer ge« hören vielleicht schon längst ihrer Berufsorganisation an, haben für sie gestrebt und gearbeitet, so weit haben sie eS aber nicht gebracht, datz ihre Frauen oder erwachsenen Töchter sich ebenfalls der zu- ständigen gewerkschaftlichen Organisation anschlössen. ES rächte sich schon manchmal recht bitter, wenn die Frau kein Verständnis für die Interessen der eigenen Klasse hatte, die Situation wird aber noch weit schlimmer, wenn Mann und Frau erwerbslos werden. Die beste Waffe gegen alle Unternehmerbrutalität ist die Organisation der Arbeiterllasse. Genossinnen, Frauen des Proletariats, lernt diese Waffen gebrauchen l Theater und Vergnügungen Der Mittwoch, den 11. Mai. Ansang 7ll, Uhr. Königl. Opernhaus. Geschloffen. tiönigl. Schauspielhaus. Bürger- lich und romantisch. SieueS köiiigl. Opcrn-Theater. Don Juan. Deutsches. Sumurün. Kammerspicl« WienerHölle Albino. Brüderlem sei». (Ansang 8 Uhr.) Ansang 8 Ubr. vkcnes Schauspielhaus. Flieger. Sessing. TantriS der Narr. Kleines. Luxuszug. Berliner. Taifun. Neues. Die goldene Rttterzett, Neues Overerten. Der Gras von Luxemburg. Drianon. Thäodore n. Tie. Residenz. DaS Nachtlicht. Der selige Octave. Thalia. Die lieben Ottos. Hebbel. Frau Warrens Gewerbe. lAnfang 8'/, Uhr.) Westen. Tanzhusaren. Kv mische Oper. Tiefland. Schiller«». WaUuer- Thealer.) Die Katakomben. Sch iu-t Gharlottenburg. Zapsen- streich. Friedrich> WilheimstädlischeS. Alt-tzeidelberg. Bolksopcr. Rigoletto. Luise». Di« Welt ohne Männer. Roie. DcS Mädchens Lebenswege. LuftsPielhauS. DaS Leutnants- mündel. SKetropot. Hailoh ll— Die große Revue. FolieS Eaprice. Tin verschwiegenes Atelier. Eine gründliche Kur. (Ans. 8-,. Uhr.) GTasino. Berlin bei Nacht. Gebr. Herrnfeld. Wenn zwei daS- selbe tun. DaS starke Stück. Apollo. Spezialitäten. Bassagr. Spezialitäten. Wintergarten. Speztalttäten. RetchSballen. Stcltiner Sänger. Karl Haverland. Spezialitäten. Walhalla. Spezialitäten. Urania. Tauveiistratze 48149. Abends 8 Uhr: Der Hallehsche Komet. Sternwarte, gnvalidenstr. 67—82. bessinx-Idester. B Uhr: TantriS der Narr Donnerstag. 8 Uhr: Das Konzert. Freitag, 8 Uhr: Das Konzert. Volksoper. SWt Bellc-Alliance-Stratze Nr. 7/8. Abends'1,9 Uhr: Rigoletto.(Gastspiel.) Residenz-Theater Dkrektion: Richard Alexander. Abends 8 Uhr: Das Nachtlicht. Schwank in 3 Allen v. M. ZamacoiS. Sieraus: Der.ellg;e Oktave. rotcske in 1 Akt von AveS Miraude und Henry Göroule. Sommerpreise ab 7. Mai. Morgen und folgende Tage: Dieselbe Vorstellung bis IS. Mai (Satsonschlutz)._ Luisen-Theater. Wends 8 Uhr: Die Nett ohne tlianner. Volkssrück in 3 Akten von Alex. Engel und Julius Horst, Donnerstag: Die Welt ohne Männer. "- gj.-•— vom Freitag zum erstenma om Erlenhos. Die Else 8 Uhr: Programm der Attraktionen l nahara, indische Tempeltänzertn mit ihren lebenden Riesenschlange«. Louit da Vrlendt als Ansaat. Der Sängerkrieg auf dem Hühnerhef, Parodie aus„Chantecler", auSgesührt von Familie Seiwart. Mit neuem Riwertotre: Sv englische Backfische S0 u. a. m. Berliner Theater. Heute 8 Uhr: Taifrlll. Morgen: Tatinn._ Neues Theater. Abend» 8 Uhr: Die goldene Ritterzeit. Morgen und solgende Tage: Die{xolelene Itttter.ett. Theater des Westens. 8 Uhr: Tanzhusarcu. Sonnt, u. Montag nachm. 3'/, Uhr: Die geschiedene Frau. Frisdricti-Wiihelmstädtisches Schauspielhaus. Mittwoch, 11. Mai, abends 8 Uhr: Alt-Heidelberg. DomierStag: Kavaliere. Freitag: Der Raub der Sabine- rinnen. 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Die helligen Fakire in ihren Wonderproduktionen. gebend«||f0m der kleinste Mensch der Je gelebt Buddhas Wundertafel Alles ohne Exfra-Enfrce I Eintritt SO, Kinder, Soldaten 25 Pf. T rianon-Theater. Abend« 8 Uhr: Theodore& Cie. Alt-Sloabit 47/48. Sonntag, den 15. Mai 1910: 13rOffimng der tSommersalson Konzert, Theater und Spezialitäten. Folies Caprice Eine gründliche Kur. Neuer bunter Teil. tili verschwiegenes Atelier. Anfang 8'/, Uhr. Vorverkauf 11-2 Uhr. Casino-Theater Lothringer Stratze 87. Täglich 8 Uhr. Nur»och b» Freitag: verlin bei Nacht. Ab Sonnabend: Familie August Knoche. Sonntag 4 Uhr: Mutter Gräbert. Montag 4 Uhr: Trudohena Sommer- reli«. Urania. Wissenschaftliches Theater Abends 8 Uhr: Direktor Dr. P. Sohwahn: Dertiallevsche Komet Sä alhaila Y".fe TLafer j 19-20, Rosenth.Tor. I |! I Das heue Varietb-Programm I! j Die Affen-Familie Mayer und die übrigen Spezialitäten. | Theatcrk, ununterbrochen geöffnet, I Größter vergnügungs-Park des Kontinents. Eröffnung 14, Mai. lfr.Miü' WaosstelliiDg 1910 30. April bi» 2. Oktober. Im Varl täglich Doppel-Konzert. Eintritt: ID-S Uhr 1 M.. v. 6 Uhr ab 60 Pf., Sonntags 60 Pf. Dauert. 6 M, \lM igei Holzniarklftratze 72. Täglich: Mayer mit m? Posie w 1 A». Franz Jldßner und daS neue Progrgpim. Mittw,, Sonnab., Sonnt.: Tanz. Ans'/,.8 Uhr. Sonnt,«/,6 Uhr. 10— 8 Uhr. Eintritt 1 M. Klnlgl. Akademische Hochschule, HardenbergstraBe 33. ■Waldgürtel. Sport- n. Spielplätze. Kunst a. d. Str. Verkehrssysteme. Innenstadt. Vororte. GartenstBdte. Arbeitersiedlungen. GroB-Borlln. 11. Mai: Prot Blnm, Hannover: „Der Verkehr, die Grundlage des künftigen Groll-Berlin. (Lichtbilder). I Relchshallen-Tlieater. Stettiner Sänger Tenoristen-Bogel. EinKünstlerbild v, Meysel Ansang wochentags 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. OCJSCHER GARTCN Täglich ab 4 Uhr:~ Großes ilitarkonzert. Eintritt 1 Mark, von abends 0 Uhr ab 30 Pf, Kinder unter zehn Jahren die Halste. Internationale Flug-Woche 10-16. Mai täglich von 8 Uhr nachm. an. 12 Flieger- 75000 Mark. Heute« zweiter Tag; Frühpreis, Dauerflug-, Landungs-, Gleitflug- Passagierpreis. Tageskarte 0,50 M. bis 10 M. an den Flugplalzkassen. Tarrerkanl: M. 0.40 bis M. 9,— bei A. Wertheim, Invalidendank, Loeser& WolH. Achtung! Wilhelm größte Raubtier- Oressur- Schau der Erde Bfilow-ftatz Kalser-Wilhelm-StraBe Ecke Linien-StraBe Nähe Alexanderplatz. Täglich abends 8 Uhr: Große Vorstellung. Mittwoch, Sonnabend u. Sonntag: 2 Vorstellungen nachmittags 4 Uhr u. abends 8 Uhr. TSgl. vorm. von 10—12'/, Uhr: Besichtigung, Probe u. Fütterung. Burgtheater-Kinematograph Bonn. Groterjan, Jnhab.: Rud. Merz, Schönhauser Allee ILO. Tel. 3, 9353. lebende Photographien. Wochent, 80 u, 40 Ps. Ansang 7 Uhr. Sonnt. 80, 40 u. 80 Ps. Am. 4 Uhr. Vorzuuskarten nur Wochentags gültig. 25 Pf. aus allen Plätzen. Stets wechselndes Programm« Jeden Sonntag im Obersaal: KOusUef-KotHeFt."WS Entree 15 Ps. Garderobe 10 Ps. N. d. Konzert: Familien-Kränzchen. 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Vereinen und Gesellschaften täg- Ikch unier günstigen Bedingungen zur Verfügung. 6474L- Um zahlreichen Anspruch bitten Witwe Lntseu, Waldein. Diez. ZEßESH««»«»�AASAi Unserem langjährigen Sanges�. bruder und Vorsitzenden � Z Gottlieb Rühlicke t W die herzlichsten Giiickwünsche fi K zu seinem SdjäHr. Geburtstag, k o Gesangverein Lorbeerkranz. 0 des 2. BerlJeiebstagsvaiiMes. >43. Bezirk. Am 8. Mai verstarb unser Mit- glied, der Kellner Georg Richter Ehre seinem Andenke» I Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 11. Mai, nachm. 3>/z Uhr. aus dem neuen Rixdorser Gemeinde-Friedhos, Mariendorfer Weg, statt. 210/12 Der Toratand. SozialdemoMebJabMo Kreis Hr-Mm Bezirk Franz.- Buchholz. Todea-�mselse. Am 9. Mai verstarb nach kurzem Leiden unser Genosie, der Gerber (Zustsv �ürxens. Ehre seinem Andenken Z Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 12. Mai. nach- mittags 5 Uhr, auf dem Franz.- Buchholzer Friedhose statt. Um zahlreiche Beteiligung der Mitglieder ersucht 238/10 Der Borstand. oeutseber Kaliardeiler-Vei'lisnlj! Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler ttermana lilsner am 7. Mai gestorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 11. Mai, nach- mittags 5 Uhr, oum Virchoto- Krankenhaus aus nach dem neuen Pauls-Kirchhof in der Seestratze statt._ Den Mitgliedern zur Nachricht, dag unser Kollege, der Drechsler (jeorx Tietze am 2. Mai gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 12. Mai, nach- mittags 3 Uhr, von der Halle des Rummelsburger Gemeinde-Fried- hoses zur Wald- und Gartenstadt �eu-�essma 15 Min. v. Bahnh.. i.Wald gelegen. Elektt. Licht, Schule, Arzt u. Kirche. Sie kauten noch mit 25 U. Anzahl. Parzellen nR. 3 M.™; am 1. Feiertag, vor»«. nachm. ♦ Großes Konzert ♦ Mnsild. Terbeckln Hetzeis Parkrest. ZaHIg. n.Wunsch. Pläne s. umsonst. RMirhol Berltt, N. 68, • mibllcl, Weißenburgerstt. 45. Soeben erschienen: in Natur und Geselisehalt von Karl Kautsky. Preis drosch. I«£i0 M. • Geb. 2 M. Expedition des„Vorwärts" Berlin SW. Lindenstr. 69(Laden). Leranttvortlicher Redakteur Richard Barth, Berlin. Mr dengnseratenteit verantw..: Titz. Gl»»r, Berlin. Druck u. Berkas:Borwärts Buchdruckerei u. Bertagsanstalt Paul Singer St To« Berlin SW» li m N.M-m. 2. Jrildjf des Joimitts" letliitei Jollisliliitf. Avßkrordentlicher Uerbandstag des Deutschen Transport- arbeiter-Verbaudes. Hamburg, S. Mai. In der heutigen NachmittagSsitzung gab Redakteur Reher- Berlin den Bericht über die Press e. In der Berichterstattung aus den Mitgliedschaften sei äußerste Borsicht geboten, um Be- richtigungen auf Grund des Preßgesetzes seitens der Unternehmer usw. zu vermeiden. An der Hand reicher Erfahrungen schildert Redner die beruflichen„Freuden" eines Redakteurs, der es allen Lesern recht machen soll. In der Verzapfung von Entrüstung und in der Anwendung schärfster Waffen weise Matz zu halten, liege im Interesse des Gesamtverbandes. Das Verbandsorgan erscheint zurzeit in einer Auflage von 108 000 Exemplaren. Die Debatte über den Geschäftsbericht fetzt sehr lebhaft ein. Mit der von Schumann gegebenen De- klaration des Z 11 des Genossenschaftstarifs ist man allseitig ein- verstanden. Vorsicht bei Beteiligung an Gewerkschaftshäusern, so wird weiter ausgeführt, fei wohl am Platze. Aber im Interesse der gesamten Arbeiterbewegung dürfe man das Kind auch nicht mit dem Bade ausschütten. Wo die Vorbedingungen zur Errich- tung eines Gewerkschaftshauses vorhanden seien und die Not- wendigkeit vorliege, ein Arbeiterheim zu schaffen, dürften die Kollegen nicht beiseite stehen. Der Agitation der christlichen Ver- bändler solle man in geeigneter Weise entgegentreten. In seinem Schlußwort tritt Schumann lebhaft für die Erhöhung des Verbandsbeitrages «in, dabei auf den Beschluß des außerordentlichen Gewerkschafts- kongresses verweisend, bezüglich des durch die reaktionären Ge- walten den Arbeitern angebotenen„Geschenks", wie es durch die geplante Halbierung der Ortskrankenkassenbeiträge in Aussicht stehe. Warm vertritt Redner die Errichtung eines eigenen Heims, da der Verband keine Lust habe, sich von Hausagrariern fortgesetzt schröpfen zu lassen. Hinsichtlich der in städtischen Betrieben be- schäftigten Fuhrleute ist er der Ansicht, daß diese in den Trans- Portarbeiterverband gehören. Auf Antrag der Revisionskommission wird dem Verbandsvor- stände einstimmig Decharge erteilt. Zum Kassenverwalter der fakultativen Unterstützungscin- richtungen wird Nürnberg- Berlin und zum Sekretär der- selben B r ü s ch k e- Berlin bestimmt. Hamburg, 10. Mai. In der Dicnstagssitzung wird verhandelt über den Hauptpunkt der Tagesordnung: Die Zusammenschlußvcrhandlungcn mit den Borständen der Verbände der Hafenarbeiter und Seeleute. Schumann(Referent) schildert eingehend die Vorgeschichte der Verhandlungen über den Zusammenschluß der drei Verbände. Die früher vertretene Ansicht des„Getrcnntmarschierens und Ver- eintschlagens" sei veraltet, die stärkere Zentralisierung eine Lebens- frage der Arbeiter. Die Einigungskonferenz, abgehalten in der Zeit vom 13. bis 17. Dezember 1909, habe den Aufbau für die Ein- heitsorganisation geschaffen: ..a) Die örtliche Gesamtmitgliedschaft mit einheitlicher Ge- schäfts- und Kassenführung. Die Bildung besonderer Berufs- sektionen innerhalb der örtlichen Gcsamtmitgliedschast ist zulässig. b) Die Bezirks- bezw. Gauorganisation. c) Zentrale Berufsgruppengliederung nach vorhandenem Be- dürfnis und unter Zustimmung des Hauptvorstandes. Für die Berufsgruppcn: a) der Hafenarbeiter, b) der Seeleute, werden besondere Verwaltungsabteilungen innerhalb der Zen- tralverwaltung des Gesamtverbandes eingerichtet. Die Leitung derselben liegt in den Händen von je einem aus diesen beiden Gruppen zu entnehmenden besoldeten Vorstands- Mitglieds. Diesen Gruppenleitern ist für die Erledigung der geschäft- lichcn Obliegenheiten je eine weitere vom Hauptvorstande zu be- stimmende besoldete Hilfskraft beizugeben, welche ebenfalls der Berufsgruppe angehören muß." Die neue Leitung soll aus sieben besoldeten und acht unbesol- deten Mitgliedern(bislang fünf bezw. sechs) zusammengesetzt werden. Eine Erhöhung der Beiträge lasse sich nicht umgehen. Die Organe„Courier" und„Hafenarbeiter" sollen unter Beibehaltung des ersteren Titels verschmolzen, die Organe der Seeleute, Eisen- bahner und Straßenbahner beibehalten werden. Durch die Fusion solle keine Gruppe unterdrückt, keine majorisiert und keiner der Lebensfadcn abgeschnitten werden. Bezüglich des aus 1,50 M. in Borschlag gebrachten Eintrittsgeldes, gegen das hier und da Ein- wände erhoben seien, werde sich eine Einigung erzielen lassen. Nach unwesentlicher und kurzer Debatte wird der Antrag auf Zusammenschluß unter dem lebhaften Beifall des Verbandstages einstimmig an- genommen. Hamburg, 10. Mai.(Privatdepesche des„Vorwärts".) Die Verbandstagc der Hafenarbeiter und der Seeleute er- klärten sich ebenfalls einstimmig für den Zusammenschluß. VerblUldstag der Sektente. Hamburg, 9. Mai. Paul Müller eröffnete die Verhandlungen mit einer An- spräche, in der er betonte, daß der Verbandstag mindestens so be- deutungsvoll für die seemännische wie die Gesamtarbeiterbewegung sei, wie der Kongreß, der die Gründung des Scemannsverbandes beschloß. Aujl Antrag des Redners wurde beschlossen, noch die Reichsvcrs icherungsordnung auf die Tagesordnung zu setzen.— Müller ergänzte dann den Geschäftsbericht des Vorstandes» wobei er hervorhob, daß das Jahrbuch des Verbandes für 1909 eine werwolle Materialsammlung für künftige Verbandsgeschichts- schreibet bilde. Der Verband habe während seines Bestehens ge- leistet, was nach den Verhältnissen möglich war und was Sie Wirt- schaftliche Situation, die Chancen des internationalen Verkehrs zuließen. Diese Tatsache schaffe auch das verständnislose, schiefe und ungerechte Urteil der Gegner nicht aus der Welt. Trotz un- endlicher Schwierigkeiten, die der Organisierung der Seeleute im Wege standen, trotz der Stärke des Feindes, sei es gelungen, die Seeleute unter einen Hut zu bringen und die Mitgliederzahl des Verbandes ständig zu steigern. Auch der innere! Ausbau sei gut gelungen. Berücksichtige man die Eigenart des Berufs, die Macht der Unternehmer, die Schwerfälligkeit und Isolierung der See- leute, so könne er mit Genugtuung konstatieren, daß Erfreuliches geleistet sei. Nach Erstattung der übrigen Berichte, die tadellose Kassenführung und das Fehlen von Beschwerden über Vorstand und Presse ergaben, wurde in der kurzen Debatte namentlich über die Rechtsverhältnisse und die widerspruchsvolle Rechtsprechung für die Seeleute geklagt, ferner ward über niedrige Heuern auf eng- lischen Schiffen und im Zusammenhang damit über unverantwort- liche Lässigkeit der englischen Bruderorganisation Beschwerde ge- führt. Es wurde ein Antrag angenommen, der die Vertreter der Seeleute in der Einheitsorganisation ersucht, für die Herausgabe eines Kommentars zur SeemannsordNMg zu sorgen» und hierauf dem Borstande Decharge erteilt..- 11. Derbandstag der Hafevarbklter. Hamburg, 9. Mai. Der Verbandstag der Hafenarbeiter tagt ebenfalls im Ham- burger Gewerkschaftshause. Der Vorsitzende Döring ergänzt den gedruckt vorliegenden Geschäftsbericht. Die Hafenarbeiter hatten in den Jahren 1908/09 einen außerordentlich schweren Stand. Es herrschte in allen Hafens städten sowohl wie bei der Binnenschiffahrt und Flößerei ein furchtbarer Mangel ßm Arbeitsgelegenheit. Wer nur eben der Existenzunsicherheit des Berufes entfliehen konnte und irgendwo- anders Beschäftigung zu erlangen vermochte, suchte ein anderes Unterkommen. Für die im Beruf Verbleibenden aber wurde die Situation noch dadurch verschlimmert, daß die infolge der Wirt- schaftlichen Krise in anderen Berufen arbeitslos Gewordenen mit Vorliebe zum Hafen strömten und die an sich schon schlechten Ar- beitsverhältnisse noch mehr verschlechtern halfen. Das durch seine Brutalität„berühmte" Hafenunternehmertum nützte die Situa- tion natürlich aus, um überall zu versuchen, einen Druck auf die Lohn- und Arbeitsverhältnisse auszuüben oder die Kollegen, die sich mißliebig gemacht hatten, zu matzregeln. In Hamburg versuchte das Unternehmertum, die ßin den Häfen festangestellten Kon- traktarbeiter als eine ständige Streikbrechertruppe zu ge- brauchen. Bisher waren die Unternehmer noch immer gezwungen, auf das Proletariat der Landstraßen und Kaschemmen zurückzu- greifen, wenn sie in einem Hafen Streikbrecher gebrauchten. Das werden sie jetzt nicht mehr nötig haben, wenn die sich auf das tiefste erniedrigenden Kontraktarbeiter sich dazu hergeben, die ver- ächtlichcn Dienste von Streikbrechern zu leisten. Als eine weitere Waffe gegen den Verband benutzten die Unternehmer die von ihnen errichteten Arbeitsnachweise, besser Kontroll- burcaus genannt. Und gegen den Streik suchen sie sich durch immer weitere Durchdrückung der Streikklausel zu sichern, die in ihren Konsequenzen jeden Schaden, der durch einen Streik oder dergleichen, ja selbst durch eine von den Reedern vorgenommene Aussperrung entsteht, dem Empfänger oder Verlader aufhalst. Es war nicht anders zu erwarten, als daß alle diese Ver- Hältnisse auch der Organisation tiefe Wunden schlugen. Die Mit-� gliederzahl, die am Schlüsse des Jahres 1907 27 981 betrug, war am Schlüsse des Jahres 1908 auf 21 944 herabgesunken. Dagegen war sie am Schlüsse des Jahres 1909 wieder auf 22 036 in die Höhe gegangen. Zwar keine erhebliche, aber doch immerhin eine Steigerung, die n'eben einer Reihe anderer Momente darauf schließen läßt, daß der Verband die tiefste Kurve des Niederganges wieder überwunden hat. Verschiedene Anzeichen deuten zurzeit auf eine steigende Konjunktur, so vor allem die Steigerung der Dividenden, die die einzelnen Schiffahrtsgesellschaften im letzten Jahre gegen 1908 zur Auszahlung brachten. Die weiteren Aus- führungen erstrecken sich auf interne Angelegenheiten, auf Mit- gliedcrbestand, Beitragszahlung und Nützlichkeit der Hauskassie- rung. Durch die Hauskassierung ist zum Beispiel in Bremen, Kiel, Emden usw. es möglich gewesen, den Mitgliederbestand auch wäh- rend der wirtschaftlichen Depression zu halten, während in anderen Filialen die Fluktuation sehr groß war. In weiteren Ausfüh- rungen schildert Redner das geradezu verbrecherische Treiben der Anarchosozialisten, die vornehmlich in Mannheim und Ludwigs- Hafen ihr Unwesen unter den Hafenarbeitern treiben. Die weiteren Ausführungen erläutern die Einrichtungen der Unternehmerver- bände,„Hafenbetriebsverein", Internationale Shipping Federation usw., die alle das Bestreben haben, die Arbeiterorganisationen mit allen Mitteln zu bekämpfen, Streikbrccherkolonnen zu organi- sieren und vor der Berührung mit den Streikenden zu schützen. Es sind 1907 vier Schiffe zu Hotelschiffen umgestaltet, die den söge- nanntest Kontraktarbeitern Unterkunft gewährten. Die von der Generalkommission errichteten Unterrichtskurse finden ungeteiltes Lob des Vorstandes, und doch ist im letzten Jahre von einer Beschickung Abstand genommen, weil keine Eini- gung über die Entschädigung der Schüler unter den einzelnen Vor- ständen zu erzielen war. Nach Beendigung des Berichtes tritt die Mittagspause ein. Gerichts-Zeitung. Die Marter eines Kindes bildete den Gegenstand eines umfangreichen Prozesses, der gestern vor den Geschworenen zur Verhandlung gelangte. Unter der schweren Anklage, ihr eigenes 2st!jährines Kind fortgesetzt in der- artig schwerer Weise mißhandelt zu haben, daß dnrch die Vcrlctzun- gen der Tod des Kindes erfolgte, mußte sich die Kaufmannschefrau Martha Mittmnnn geb. Wernicke aus Rixdorf vor dem Schwur- gericht des Landgerichts II verantworten. Den Vorsitz im Gerichtshofe führte Landgerichtsdirektor Dr. Scligmann, die Anklage wurde vom Staatsanwalt Loch ver- treten, die Verteidigung der Angeklagten führte Rechtsanwalt Dr. Schwindt. Die aus der Untersuchungshaft vorgeführte Angeklagte» die mit ihren 21 Jahren noch gar nicht einen frauenhaften Eindruck macht, ist eine blasse, schmächtige Person, die sich anscheinend gar nicht der Schwere der Anklage, unter welcher sie steht, bewußt ist. Als ISjähriges Mädchen war die jetzige Frau M. Mutter ge- worden. Es war dies die Folge eines intimen Verkehrs mit ihrem früheren Bräutigam. Das am 25. April 1907 geborene Kind, Gustav Wernicke, wurde von der Angeklagten seinerzeit erst zu fremden Leuten in Pflege gegeben. AIS sie dann im Juni v. Js. ihren jetzigen Ehemann, den.Kaufmann Mittmann, heiratete, nahm sie ihr Kind mit der Einwilligung ihres Mannes zu sich in die Wohnung Tellstraße 9 in Rixdorf. Am 31. Dezembebr v. Js. ver- starb der kleine Gustav Wernicke unter recht verdächtigen Um- ständen. Die Eheleute wandten sich an den praktischen Arzt Dr. Fuhrmann in Rixdorf um Ausstellung des Totenscheines. Als dieser die Leiche sah, erklärte er sofort, daß daS Kind nicht eines natürlichen Todes gestorben, sondern den schwersten Mißhandlungen zum Opfer gefallen sei. Er lehnte deshalb die Ausstellung des Totenscheines ab, da die Todesursache nur durch eine Obduktion der Leiche festzustellen war. Bei der bald darauf erfolgten Ob- duktion durch Medizinalrat Dr. Stoermer und Dr. Strauch bot sich bei näherer Besichtigung der Leiche ein noch furchtbarerer An- blick. Der ganze Körper des Kindes war mit blauen und grünen Flecken bedeckt, die zum Teil schon in Eiterung übergegangen waren. Von den Zehen dech Kindes war das Fleisch scheinbar abgequetscht und ebenfalls in Eiterung übergegangen. Der Kopf wies mehrere Wunden auf, die Blutungen in das Gehirn zur Folge gehabt und anscheinend den Tod des Kindes herbeigeführt hatten. Da fest- gestellt wurde, daß die gefundenen Verletzungen nur von Miß- Handlungen herrühren konnten, wurde die Angeklagte unter dem Verdacht der Körperverletzung mit tödlichem Ausgang von der Rix. dorfer Kriminalpolizei verhaftet. Die unnatürliche Mutter� be- hauptete in ihrer ersten Venehmung, daß das Kind vom frühen Morgen an in Krämpfen gelegen habe und anscheinend auch daran gestorben sei. In ihrer gestrigen Vernehmung bestritt die Angeklagte» das Kind mißhandelt zu haben. Sie habe das Kind allerdings mehr- mals gezüchtet, da es sehr eigensinnig und unsauber gewesen sei. Die an der Leiche konstatierten Verletzungen habe sich das Kind dadurch zugezogen, daß es wiederholt bei Krampfanfällen plötzlich umgefallen sei und sich dabei verletzt habe. Im Gegensatz zu ihrer früheren Aussage behauptete die Angeklagte gestern, daß an dem Todestage das Kind nicht an Krämpfen gelitten habe. Der Knabe sei an diesem Tage mit einemmal sehr ruhig gewesen und habe vor sich hingestarrt. Da das Kind stark röchelte, habe sie geglaubt, ss bvJeoune leine Luft und Hube ihm etwgs Bilzbrguse eingeflößt. Gegen sechs Uhr nachmittags habe es einige Male gezuckt und sei gleich darauf tot gewesen.— Landgerichtsdirektor Seligmann hält der Angeklagten vor, daß ihr das Kind offenbar, als lebendiger Zeuge ihres früheren Fehltritts, lästig gewesen sei, da sie das Vor- handcnsein des Kindes stets zu verheimlichen gesucht hatte. Der Knabe mußte stets in der Wohnung bleiben und wurde wiederholt von der Angeklagten bei strömendem Regen auf den Balkon gc- sperrt. Hausbewohnern, die zufällig das Kind sahen, erzählte die Angeklagte, daß der verstorbene Knabe nur ein angenommenes Kind sei. Ihr Mann habe es aus reiner Barmherzigkeit ange- nommen, damit es nicht in das Waisenhaus komme. In der Beweisaufnahme wird als erste Zeugin eine Frau Gast vernommen, die über der Wohnung der Angeklagten in dem Hause Tellstraße 9 wohnt. Die Zeugin hat wiederholt ein jämmerliches Weinen des Kindes und das Geräusch dumpfer Schläge gehört, die sich anhörten, als ob jemand eine Matratze klopfte. Bei diesen Schlägen habe dann eine Frauenstimme gerufen:„Na warte, ich werde Dir schon!" Diese Schläge habe sie besonders bor Weih- nachten fast täglich gehört. Aehnliche Angaben machen mehrere andere Hausbewohne- rinnen. Der Ehemann der Angeklagten schilderte das Kind als sehr un- gezogen, eigensinnig und unsauber, so daß es häufig habe gezüchtigt werden müssen. Von einer Ueberschreitung des Züchtigungsrechts könne jedoch keine Rede sein. Eine Frau Eberhard aus Britz, welche das Kind in Pflege gehabt hatte, bis es von der Angeklagten bei ihrer Verheiratung zu sich genommen worden war, schilderte den getöteten Knaben als ein wenn auch nicht sehr artiges, so doch auch als nicht besonders ungezogenes Kind. Der Knabe sei wohl hin und wieder etwas„bockig" gewesen, jedoch nicht unartiger und unsauberer wie andere Kinder in diesem Alter. DaS Kind sei stets lustig gewesen und habe niemals Krämpfe oder eine andere Kranke heit gehabt. Der als Sachverständiger und Zeuge vernommene prakt. Arzt Dr. Fuhrmann in Rixdorf bekundete u. a., daß er von den Ehe- leuten Mittmann hinzugezogen sei, um, wie ihm von diesen gesagt sei, einen Totenschein für ihr plötzlich verstorbenes Pflegekind aus- zustellen. Erst später habe er erfahren, daß es sich um das eigene, voreheliche Kind der Angeklagten handele. An dem Körper des Knaben habe er zahlreiche blauschwarz gefärbte Stellen und Stric- men gefunden. Die Zehen des Kindes hätten sich in einem eitrig- brandigen Zustande befunden, der entweder durch Erfrieren oder aber, was in diesem Falle nach dem Befunde wahrscheinlicher sei, durch Quetschung entstanden sei. Nach dem ganzen Befunde sei es unmöglich, daß die an dem Körper der Leiche gefundenen blauen Flecke und Striemen dadurch entstanden sein könnten, daß das Kind bei den angeblichen Krampfanfällen sich selbst verletzte.— Die Gutachten der beide» Gerichtsärzte Dr. Strauch und Medi- zinalrat Dr. Stoermer belasteten die Angeklagte ungemein. Beide Sachverständige, die die Obduktion der kleinen Leiche vorgenommen, sind der Ueberzeugung, daß die Erzählung der Angeklagten über die angeblichen Krämpfe des Kindes freie Erfindung sind, da ihre Be- schreibung von dem Verlauf der Krankheit absolut nicht in daS wissenschaftliche Bild, wie sich Krämpfe abspielen, hineinpasse. Der Körper des Kindes war mit blauen Flecken geradezu übersät, auf der Stirn war ein thalergroßer Bluterguß, die ganze Umgebung des rechten Auges war blau, der Unterkiefer blaurot, am Halse und anderen Körperteilen zeigten sich Striemen, an beiden unteren Gliedmaßen 26 bis 30 blaurote Flecke, auf dem Rücken 8, auf dem Gesäß gleichfalls 8 Striemen. An beiden Füßen war auf mehreren Zehen die Oberhaut ab, die Zehen sahen mißfarben und brandig aus. Das Gehirn war an einer Stelle gequetscht und es hatte eine Blutung in das Gewebe stattgefunden. Dagegen fanden sich keine Beulen oder Reste einer Beule, die von einem Fall des Kindes herrühren konnten. Beide Sachverständige hatten keinerlei Zwei- fel, daß die Verletzungen auf grobe, mit stumpfer Gewalt ausge- führte Mißhandlungen zurückzuführen sind und der Tod eine Folge der ganzen Summe der Verletzungen gelvesen ist. Die den Geschworenen vorzulegenden Fragen lauteten auf Körperverletzung mit Todeserfolg, und ob mildernde Umstände und ob nur fahrlässige Körperverletzung vorliege. Es plädierte dann Staatsanwalt Loch auf schuldig im Sinne der Anklage wegen Körperverletzung mit tödlichem Ausgange. Der Vertreter der Anklage führte u. a. aus, daß die vorliegende Straf- tat nach menschlichem Empfinden eigentlich schlimmer sei als ein Mord. Wenn die leibliche Mutter ihr eigen Fleisch und Blut» ein erst 2(4jähriges Kind, in der brutalsten Weise fortgesetzt miß» handele, bis das unglückliche und bedauernswerte kleine Wesen end- lich den Geist aufgebe, so sei dies eins der scheußlichsten RoheitS- verbrechen, welche es überhaupt gebe. Wie man bei einem der- artigen Sachverhalt noch von einer Zubilligung mildernder Um- stände sprechen könne, sei einfach unverständlich. Rechtsanwalt Dr. Schwindt hielt eine Reihe von tatsächliche» Bedenken gegen die Annahme für vorliegend, daß der Tod des Glindes zweifelsfrei auf die Mißhandlungen seitens der Ange» klagten zurückzuführen sei. Solange dies jedoch nicht in über- zeugender Form festgestellt sei, könne von einer Körperverletzung mit Todeserfolg keine Rede sein. Allem Anschein nach habe die erst 21jährige Angeklagte, die auch nicht gerade einen sehr intelli- gentcn Eindruck mache, sich infolge einer gewissen Ueberreizung zu einer Ueberschreitung des Züchtigungsrechtes verleiten lassen. Ledig- lich hierfür sprächen die an dem Körper des Kindes gefundenen Striemen. Bei deni ganzen Bildungsgrade der Angeklagten könne man auch in diesem Falle nur von einer fahrlässigen Ueberschreitung des Züchtigungsrechtes sprechen. Der Verteidiger beantragte des- halb die Bejahung der Schuldfrage nach Körperverletzung bezw. die Zuhilligung mildernder Umstände bei der Frage nach Körpcrver» letzung mit tödlichem Ausgange. Die Geschworenen bejahten die Schuldfrage nach Körpervcr- lctzung mit tödlichem Ausgange und billigten der Angeklagten mil< derndc Umstände zu. Staatsanwalt Loch beantragte eine Gefängnisstrafe von fünf Jahren. Das Urteil lautete auf vier Jahre Gefängnis. Versuchter Totschlag. Unter der schweren Anklage des versuchten Totschlages und des Hausfriedensbruches unter Mitführung einer Waffe stand gestern der Kutscher Emil Grabowski vor dem Schwurgericht des Land» gerichts III unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Kobel. Der Angeklagte ist ein leicht erregbarer Mensch, der schon wegen ver» schiedencr Gewalttaten vorbestraft ist und auch schon ein Menschen- leben, welches bei einer Schlägerei der Messerstecherei zum Opfer gefallen ist, aus dem Gewissen hat. Grabowski war am 31. Ja- nuar von dem Fuhrunternehmer Ernst Schulze in Reinickendorf als Mitfahrer angenommen worden. Er erwies sich aber als unbrauchbar, verlotterte einen Frachtbrief und mußte deshalb ab» gelohnt weroen. Herr Schulze zahlte dem ungestüin seinen Lohnt fordernden Angeklagten nur 3 Mark aus und erklärte, ihm den Rest von 2 M. erst dann zahlen zu wollen, wenn er den Frachtbrief herbeigeschafft Haben würde. Darüber wurde der Angeklagte sehr ungehalten und führte im Kontor eine Lärmszene auf, wobei er erklärte, daß er sich eventuell das Geld mit Gewalt aus der Kasso nehmen würde. Den wiederholten Aufforderungen, das Kontor zu verlassen, leistete er keine Folge, sondern drohte wiederholt, daß er Herrn Schulze„über den Haufen schießen" würde. Als er end- lich von Herrn Sch. gewaltsam entfernt worden war, zog er draußen einen Revolver hervor und drohte wieder mit«.Niederschieße»". Herr Schulze suchte ihm den Revolver mit einem Besenstiel aus der Hand zu schlagen, es gelang ihm aber nickst und so benutzte er denn die Gelegenheit, als sich der Angeklagte einen Augenblick umgewendet hatte, zur Rückkehr ins Kontor. Nun gab der An, geklagte von draußen eine« Schuß aus ihn ab, Tie Kugel durch« bohrte die Scheibe des Fensters, richtete aber welter keinen Schaden t? larcmba 765D| 6 bedeckt> 10 iersburg 766 SsO 1 1 wölke»! 15 Sctllv j 763 NW| 3 wolkig 9 Werdern 760 WNW 3wolkeiil, 6 Parts 760N LRege« 6 WasterstandS-Nachrichteu der Landesanstalt sür Gewässerkunde, mitgetellt vom Berliner Wclterbureau, 0+ bedeutet Wuchs,— Fall.—*) llnkerveael. Die untere Weichsel wird voraussichtlich heute oder morgen kräftig zu steigen beginnen.— Die Oder erreichte bei Ratibor am 9. zwischen 9 und 11 Uhr nachts ihren Höchststand mit 535 cm, d. i. etwa 40 cm unter Mittelhochwasser: heute früh betrug daselbst der WlHerstaiid nur noch 524 cm. Die Nebenflüsse haben nur geringe Anschwellungeu, die zum Teil ebenfalls schon im Rückgange begriffen sind. 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Ziehung 5. Kl- 222. Kgl. Preuss. Lotterie. Ziehung vom 10. Mal, nachmittags. Nur die Gewinne Uber 240 Mark sind den betreffenden Nummern in Klammern beigefügt. (Ohne Gewähr.)(Nachdruck verboten.) 180 229 371 452 509 743 1 082 155 471 794[500] 93 2211 17 315 430 52 633 754 76 820 45 3100 41 65 251 308 93 462 632[3000] 013 4154 491 592 817 50 957 5 056 114 283 381 513 33 643[1000] 54 89 702 813 956 71 6041[3000] 339[3000] 44 433[ 3000] 863 7039 438 538 99 801 923 8007 72 11« 73 827[1000] 92 612[3000] 18 36[3000] 821 8» 97 9201 850 578 96 10254 63 529 72[1000] 626 87 982 11070 917 47 78 112063 134 231 371 418 631 750 807 962 1 3331 834 1 4025 88 194 499 552 869 1 5106 249 346[3000] 99 617 833 962 (16204 411 63 651[500] 735 79 850 91 937 1 7180 537 713 (1000) 20 40 907 18251 50! 673 778 837[lOOO] 981 HOOO] [19067 528 682 70 813 20251 580 618 815 64 86[1000] 925[600] 35 21103 358 73 466 654 2 2 260 363 74 4O0 519 612 73 SOO 15 23272 894[500] 498 757[3000] 837 56 2 4005 44 151 58 465 839»53 *2 5202 67 367 407 647 815 983 2 0 496 97 794 2 7235 340 406 53a 649 62 831 2 8020 658 7 6 806 59[500] 29042 91 155 215 44[500] Sil 28 777[3000] 866[500] 68 2O006 1 6 83(3000] 157 58 87 210 85 355 607 76 682 747 676 87 3 1 037 284 305 424 865»27 69 32176[500] 499[1000] 500 11 976 3 3394 484 665«67 34367 791 35147 505 88 600 46 920 3 0181 96 319 529 50 95 751 37131[3000] 92 431 46 91 580 753 98 810 3 8350 602 39014 106«67 746 85» 955 80 40135 94 202 64 693 787 4 1 313 430[500] 615 54 877 743 67 06 4 2095 239 756 922 28 40 4 3 235 50[1000] 593 654 7-18[1000] 830 4 4032 319 700[500] 62 873[600] 45067 478 664 789 916 75 4 0325[500] 45[500] 55 458 622 29 15000] 706 946 47186 96 5 48013[10000] 63[5000] 227 71 627 654[3000] 788 996 4 9 274[500] 377 687 804 9«5 50205 35 73 79 308[1000] 76 413 29[600] 73 685 (3000] 922[500] 5120» 453 83 552 77 779 952 5 2015 106 868 821 894 5 3093(500] 493 585 71« 98 5403-2 93 160 499 «40 660[500] 639 69 5 5073 826 436 90 614 93 99 762 800 >56093[3000] 127 49 376«16 38 983[500] 57078[500] 138 «50 537 680 5 8013 114 SO[3000] 240 627 59010 49 89 055 652 951 I SO057 299[3000] 513 691[500] 928 29 6 1 099[500] 019 355 403[3000] 689 718 0 2 063 105 52 512 78 892 55 >(500] 954«4 0 3306 63 47«[1000] 503 14 41 54 01 615 «7 673 04139 204 70 75 564 898 994 6 5 278 815 538 90 164! 943 6 6477 570 683 792 878 972 67137 66 210 91 638 76 999 6800« 36 100 49 201 51 345 473[1000] 536[1000] «62 6 9024 216 82 909„a,.. 70258 71313[600] 87[15000] 521 702[500] 55 72145 «2 386 454 660«47 935 7 3283 782 802 7 4114 210 53 672 «46 75033 88 151 383 403 617 853 7 0220 032 88 909 *77032 155[500] 72 263 488 605 34 74 822 7 8189 336 541 <500] 72 659 754 933 7 7 7 9 030 108 86 301 831 64 920(500] 80184 235 3.3 82 639 779 815 8 1 001[1000] 232 365 61 660 779 82042[5000] 572 625 801 42 46 62 933 8 2019 <3000] 300[500] 462[ 3000] 524 785 8 4078 20O 21 42 517 56 670[1000] 761[3000] 85l5« 62[500] 736[500] 80006 »418 554«95 8 7005 538 766[500] 921 38 8 8124[1000] 310 .14 600 40 72« 62 8 9 010 259 309 25 481 720 801 77 912 93 90916[3000] 139 311 433 91167 276 327 474[1000] 519 651 75 9 2061 164 353 67 492 618[ 500] 27 59 749 853 64 9 3190 234 98 503[500] 679 762 65 874 88 949 94039 103 215 59 79 326 433 39 781 819 9 5152 368 729 71 76[500] 951 60 9 0 262 915 9 7067 123 99 345 442 561 <3000] 648[500] 888 98006 391 405«05[ 500] 67[3000] »6 9 9072 262 61 367 493 660 81 788'898 980. 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Für den gnseratenteil verantw�' Zh.Gl»iIe.Berljn. Druck». Verlag:VorwSrt«Vuchdruikerei u. Verlagsanstalt Paul Singer Li Co.. Berlin SW, N.MM,. Z. Keilllge des„Amiilts" Sniiiler DslksblM. Heute Mwoch. Zablabend in allen Bezirhen Groß--Berlins. Partei- Hngelegcnbeiten* Zweiter Wahlkreis, Friedrichstadt. Zahlnacht für vuch- drucker, Stereothpeure usw. Mittwoch, den 11. Mai er., abends'/a 12 Uhr, bei Jul. Meyer, Oranienstr. 103. Die Vertrauensleute. Dritter Wahlkreis. Für die Bezirke 157—130 und 259 findet ein gemeinschaftlicher Zahlabend im Gewerkschaftshaus Saal 7 statt. Genosse I. Hildebrand spricht über:„Der Weg zur Macht." Der Vorstand. Friedenau. Der heutige Zahlabend findet umständehalber gemeinsam fj*. alle Bezirke beim Genossen Mechelke, Handjerystr. 60/61, statt. Daselbst u. a. auch Aufnahme neuer Mit- glieder. Der Vorstand. Erkner. Heute Mittwoch, den 11. Mai, abends S'/a Uhr: Mitgliederversammlung. Tagesordnung: 1. Bericht über die Maifeier. 2. Bericht der Frauenkonferenz. 3. Aufnahme neuer Mitglieder. 4. Vereinsangelegenheiten. Der Vorstand. Neuenhagen(Ostbahn). Die Parteigenosten werden ersucht, heut abend 8 Uhr zum Zahlabend bei Wordmann, vormals Wüniche, Bahnhofstratze, zu erscheinen. Der Bezirksführer. ßerUner JMachncbtcn. Aus der preußischen Duma. Tagesordnung: Wahlsünden, genannt: Eisenbahnetat(Kleinbahnen). Anwesend zwei Mann im Bureau, ein halbes Dutzend Abgeordneter im Plenum, die. nachdem sie sich in die Rednerliste haben eintragen lassen, sich bis auf einen— den nächsten Redner— im Restaurant und Lesesaal verkrümeln. Jeder Redner hat die Pflicht, nachdem er die Worte gebraucht: „Ich komme zum Schlu ß", noch solange zu reden, bis der nächste Redner durch den Fraktionsdiener in den Saal gelootst ist. Der Ministerialdirektor, den der Eisenbahnminister zur Vertretung gesandt hat, hat mit seinen Geheimräten und Assessoren die Mehrheit: deshalb vermeidet der an Stelle des ebenfalls der Oede des Hauses wegen geflüchteten.J o r d a n von Kröcher amtierende Herr Vize-Vize-Krause mit nationalliberaler Schläue jede Abstimmung. Von Stunde zu Stunde rücken sechs andere Abgeordnete in das Haus ein und lösen das vorhergehende halbe Dutzend ab, die bereits dem geduldigen Ministerialdirektor des Eisen- bahnministeriums ihre Wahlsünden gebeichtet haben. Der alte Herr hat Verständnis dafür, daß nur die Nichtbewilligung der Wünsche die Wiederwahl des Redners sichern, damit er jedes Jahr mit gleicher„Entschiedenheit" und „E n e r g i e" das Interesse„s e i n e s W a h l k r e i s e s" ver- treten kann. So fließt die Debatte ruhig ohne Aufregung wie dicker Sirup dahin. Jeder Abgeordnete hält folgende Rede(der eine frei- händig ohne jede Apparate, der andere in einer dem Präsidenten mehr oder weniger geschickt versteckten Vor- lesung): „Meine Herren!(Bravo!) Wie alljährlich will ich mit der mir innewohnenden Entschiedenheit und der von mir be- kannten ungcschwächten Energie der Regierung die Wünsche meines Wahlkreises(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten) vorbringen und möchte der Eiseubahnvcrwaltung allerunter- tänigst und gehorsamst dieselbe Bitte unterbreiten, die schon der frühere Vertreter meines Wahlkreises, inein Vorgänger, hier vorgetragen hat(Zuruf von den Sozialdemokraten: Ihr Nachfolger will doch diese Rede auch halten! Rechts und im Zentrum: Sehr richtig!). Meine Herren! In Anbetracht der hohen strategischen und kommerziellen Bedeuwng ist die Sekundärbahn zwischen .... und....(Jeder Abgeordnete nennt einen anderen Namen) ein so dringendes Bedürfnis, daß es u n n a t ü r- lich wäre, und eine tiefe Erbitterung bei meinen Wählern hervorrufen würde, wenn diese Strecke nicht gebaut wird. (Zuruf von den Sozialdemokraten: Wird sicher ge- baut!) Ich danke der Regierung für diese Zusage(Lachen auf der Journalistentribllne). Es wird in meinem Wahl- kreise die höchste Beruhigung hervorrufen, daß die Bahn ge- baut wird.(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Aber wann?) Die Frage interessiert mich schon deshalb nicht, weil ich im nächsten Jahr dieselbe Rede zu halten beabsichtige und ich rechne dabei auf die wohlwollende Unterstützung durch die hohe Regierung(Ministerialdirektor sowie sämtliche Ge- Heimräte und Assessoren nicken mit dem Kopf). Meine Herren! Die Regierung ist einig in dem Bestreben, das durch mich erbetene Interesse meinem Wahlkreise zuzuwenden und kon- statierc ich das in freudiger Erregung vor dem versammelten hohen Hause(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Wo denn?) und dem gesamten Lande. Das hochherzige Entgegenkommen der hohen Regierung gibt mir den Mut, noch mit einer aller- dings sehr brennenden Bitte zu kommen. Meinem ebenso treu zu seinen Wählern gehaltenen Vorgänger war vor 21 Jahren eine Zusicherung gegeben worden, daß für.... (Jeder Abgeordnete nennt einen anderen Namen), ein Torf fleißiger und treuer preußischer Untertanen, eine Haltestelle in„E r w ä g u n g" gezogen werden sollte. Falls die Regie- rung nun, wie ich nicht bezweifele, in absehbarer Zeit ihreni Versprechen näher zu treten geneigt sein sollte, so möchte ich doch von dieser Stelle darauf aufmerksam machen, daß an der Stelle, wo die Haltestelle hingesetzt werden sollte, jetzt in- zwischen ein"rächtiger Fichtenwald gewachsen ist, und bitte ich daher, die Haltestelle etwa einen Kilometer mehr nord- wärts zu verlegen, denn die Eisenbahnverwaltung will sicher nicht in den Verdacht eines Waldvcrwüsters kommen(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Sie wartet gern, bis abgeholzt ist!)... Ich möchte also die Königliche Staatsregierung dringend bitten, die Wünsche des Kreises....(Jeder Ab- geordnete nennt einen anderen Namen), die ich hier die Ehre habe, jedes Jahr vorzutragen, ihrer freundlichen Geneigtheit und ihrem Wohlwollen zu empfehlen, zum Wohle meiner Wähler unk im Interesse meiner Wiederwahl, denn ich hab's versprochen.(Ziveistimmiges, wie von einer kaiserlichen Hupe ertönendes Bravo!) Diese Rede wird von den 217 bis jetzt zum Worte ge- meldeten Rednern gehalten und dann der Titel Eisendahn- anleihegesetz bewilligt. Nachdem die sämtlichen Wahlver- sprechungen und-Sünden erledigt sind, hofft man die Äbge- ordneten in die geistige Verfassung gebracht zu haben, daß sie die Wahlrechtsmißgeburt als das von ihnen gezeugte Kind anerkennen._ Es geht etwas vor. Aus pädagogischen Kreisen wird uns geschrieben: Die Lehrer- kvnferenzen haben sich in diesen Wochen mit der Frage des Deutschunterrichts in den Berliner Volksschulen zu beschäftigen. Auf Veranlassung des königlichen Provinzialschulkollegiums sollte einmal festgestellt werden, wieviel Zeit in den einzelnen Klaffen auf die Anfertigung der schriftlichen Arbeiten des Diktates und Aufsatzes verwendet würde. Der Departementsschulrat hatte nämlich bei seinen Revisionen gefunden, daß der Anfertigung dieser Arbeiten zu viel Zeit eingeräumt würde, und daß darunter das Lesen ungebührlich vernachlässigt werde. Auch wurde Aus- kunft erwünscht über die Erfahrungen mit den vorgeschriebenen Sprachbüchern, die in der Preffe, der Tages- sowohl als auch der Fachpresse, einhellig verurteilt worden sind. Es geht etwas vor. Was, weiß man nicht recht. Die einen befürchten eine Ver- kürzung des Deutschunterrichtes zugunsten der Einführung einer dritten Turnstunde. Andere erhoffen eine Vermehrung der Stundenzahl für das Deutsche. Allgemein ist man in der Lehrer- schaft der Meinung, daß eher eine Vermehrung als eine Vermin- derung der Deutschstunden notwendig ist. Wer einmal Gelegenheit gehabt hat, die kläglichen Resultate im Deutschen an den der Schule entwachsenen Volksschülern, die nicht mehr am Gängelbande der Schule gehen, beobachten zu können, der wird eine Vermehrung der Stundenzahl im Deutschen nur mit Freuden begrüßen. Die Fortbildungsschule, die bei der knapp bemessenen Zeit ihre Schüler nicht so gängeln kann wie die Volksschule, weiß ein Lied zu singen über die mangelhaften Fer- tigkeiten der ehemaligen Volksschüler im Deutschen. Sie hat kein Interesse daran, dies zu vertuschen. Unseren Volksschülern fehlt die Sicherheit im mündlichen und schriftlichen Gebrauch der Muttersprache namentlich im Rahmen des praktischen Lebens. Und fürs Leben sollten sie doch in der Schule lernen, nicht für Deko- rationszwecke der Schule. Es fehlt der Schule noch viel an der Richtung aufs Praktische. Bei Aufstellung neuer Lehrpläne sollte man außer den Lehrern Männer der Praxis hören und ihre Wünsche und Anregungen berücksichtigen. Man mache ein- mal einen Strich durch die Lesebücher von Anno dazumal auch im neueren Gewände. Man wähle für die Lektüre auf der Ober- stufe oder mindestens der 1. Klasse eine Zeitung. Man knüpf« hieran Sprech- und Vortragsübungen und man wird weiter kommen. Man verbiete auch den jetzigen grammatischen Unterricht mit seinem geistlosen Auswendiglernen von Regeln und längstver- gessenen Wörtergruppen, als ob je ein Mensch seine Muttersprache durch solche Dinge erlernt hat. Daß unsere Sprache sich in ganz bestimmten Bahnen und Ziegeln bewegt, ist eine Tatsache, die man später gefunden hat i�nd die ganz interessant ist. Deshalb mag sie am Schluß des Deutschunterrichtes gelehrt werden. Sie aber vorher zu geben und zum Gegenstand von Uebungen zu machen in einem Alter, in dem das Kind die Sprache erst erlernt, heißt die Zeit totschlagen. Es geht etwas vor. Hoffentlich im Sinne der obigen Zeilen und zum Heile der Jugend._ Zwei zusammengebundene Mädchenleichen wurden gestern vor- mittag am Luisenufer hinter der Gasanstalt II aus dem Kanal ge- landet. Als man die eine an der Oberfläche schwimmen sah und herauszog, fand man an ihr einen langen Strick und glaubte zu- nächst, daß das ertrunkene Mädchen diesen dazu benutzt habe, um sich beim Selbstmord mit einem Stein oder einem anderen Gewicht zu beschweren. Es ergab sich jedoch, daß an dem anderen Ende eine zweite Mädchenleiche befestigt war. Auch diese wurde nun gelandet und geborgen. Die Persönlichkeiten der Ertrunkenen sind als die 15 Jahre alte Tochter Elisabeth des Rohrlegers Klein aus der Reinickendorfer Straße 37 und die ebenso alte Lucie Schnittentorp aus der Sparrstraße 25 fest- gestellt worden. Beide Mädchen waren in dem Spielwarengeschäft von Mandel in der Prinzenallee 59 tätig und verkehrten auch sonst miteinander. Am 27. April blieben fie abends länger auS, als ihre Eltern ihnen erlaubt hatten. Sie erlvarteten dafür Strafe, taten am anderen Tage wohl so. als ob fie nach dem Geschäft gingen, blieben aber dort weg und kehrten auch nicht wieder nach Hause zurück. Sie sind ohne Zweifel gemeinsam in den Tod gegangen. Der Strick, mit dem sie sich zusammenbanden, hat sich im Wasser wohl gelockert und so verlängert. Schwindler aller Art treiben seit einiger Zeit wieder ihr Un- Wesen. Einer, der sich Dr. Jeppmann oder Dr. Guttmann nennt, sieht die Zeitungen auf Unfälle durch. Er besucht dann die Verunglückten in ihrer Wohnung, stellt sich ihnen als Arzt vor, be- hauptet, daß er voit irgendeiner städtischen Anstalt komme, unter- sucht die Verletzungen, bescheinigt den Befund, schreibt ein Rezept und läßt sich dafür bezahlen. Kennen die Verunglückten Zeugen des Unfalls, so macht der..Arzt" auch diesen seinen Besuch, deutet an, daß sie vielleicht auch unmittelbar oder mittelbar, etwa durch Schreck, in Mitleidenschaft gezogen worden seien, untersucht auch sie und läßt sich auch von ihnen für seine Bemühungen Geld geben. Auf diesen plumpen Schwindel find schon viele Leute hin- eingefallen. Der Schwindler ist mittelgroß, hat dunkles Haar, ein bartloses Gesicht und Schmisse im Gesicht und auf dem Kopf, wo sie unter dem kurzgeschnittenen Haar deutlich zu sehen sind. Die Gesellschaft zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit hat ein anderer Schwindler geschädigt. Die Gesellschaft hatte anfangs März eine Anzahl Eintrittskarten für die Redoute Fre- dericiana der akademischen Lesehalle zum Vertrieb übergeben. Bei der Abrechnung ergab sich, daß ein Schwindler mit einem gefälschten Brief den Erlös zu Unrecht abgehoben hatte. Der Brief trug auch noch den Gummistempel: Ballbureau, Bellevuestraße Nr. 12. Zu Frauen, deren Männer sich auf ihrer Arbeitsstelle befinden, kommt seit einiger Zeit ein Mann in der Maske eines Freundes der Männer. Er redet jeder Frau vor, daß er gekommen sei. um ihrem Manne eine gute Stellung zu verschaffen, bedauert, daß er den Mann nicht zu Hause trifft, empfiehlt sich, erscheint aber nach einiger Zeit wieder und borgt sich jetzt von den Frauen 29 bis 30 Mark, weil er in der Nähe Einkäufe zu machen habe. Zum Unterpfand gibt er eine goldene Uhr, die zu spät als wertlose Nepperuhr erkannt wird. Eine Polizeihundprüfung ist gestern auf der Hindernisrenn- bahn Karlshorst vorgenommen worden. Ein Bericht über die unter Leitung des Polizeimajors Klein-Berlin stehende Veranstaltung besagt:„Die den Prüflingen gestellten Aufgaben erstreckten sich auf Nasenarbeit, Gehorsamsübungen und Arbeiten an einem Ver- brecher. Den Reigen eröffnete der bekannte Berliner Schäferhund „Frack", der sich auf Einbrechcrsuchen schon bewährt hat. Gleich beim Beginn der Prüfung schien der sonst so treffliche Hund auf den» nassen Rasen nicht spursicher zu bleiben. Auf eine fremde Mannesspur gesetzt, schlug er wiederholt Haken und schien zu «faseln", doch korrigierte er sich immer wieder selbst«ch brachte schließlich auch den vermißten Mann. Sehr Gutes leistete er im Rapportieren und Klettern über eine 2Z� Meter hohe Holzwand, im Betoachen von Gegenständen und bei der Festnahme und dem Transport eines Verbrechers. Heiterkeit erregte es, als der Hund verschmähte, aus fremder Hand ein Paar verführerische Würstchen entgegenzunehmen. Der zweite Prüfling war der Arredaleierrier „Uork" aus Iserlohn. Nicht so schneidig wie„Frack", sondern ruhig erledigte er sein Pensum gleichfalls befriedigend, nur ging es ihm mit der Spurficherheit bei der Nässe noch übler als seinem Kollegen „Frack". Er umkreiste den großen Teich, verlor aber die ihm auf- gegebene Spur." Wir geben den vorstehenden Bericht unter allem Vorbehalt wieder, da ja bekannt ist, in welcher Weise die„Erfolge" der Polizeihunde systematisch vergrößert werden. Angeschossen nnd schwer verletzt wurde in der letzten Nacht der Feuermann Spitzer, ein unverheirateter junger Mann von der 2. Kompagnie der Berliner Feuerwehr. Spitzer, der in der Posener Straße wohnt, kam von der Theaterwache im Schiller-Theater durch die Frankfurter Allee. Vor dem Hause Nr. 114 bemerkte er einen großen Menschenauflauf. Er trat näher und sah wie ein Zivilist. der ihm unbekannte Polizeiagent Kramm, mit einem Revolver sich der auf ihn eindrängenden Menge zu erwehren suchte. Spitzer ver- suchte nun. um Unheil zu verhüten, dem Polizeiagenten den Revolver zu entreißen. Hierbei erhielt Sp. einen Schuß in den Oberschenkel. Der Schwerverletzte wurde nach dem Krankenhause am FriedrichShain gebracht und dort verbunden. Die erregte Menschenmenge wurde von der Polizei zerstreut. Der Polizeiagent, der einen Mann sistieren wollte, wurde in Schutzhast genommen. Der Borfall hatte gegen 11 Uhr die ganze Gegend in Auftegung versetzt. Der Mißbrauch Polizeibeamter, bei jeder Gelegenheit den Revolver zu benutzen, artet in eine öffentliche Gefahr aus. Ein falscher Kriminalbeamter, der in der letzten Zeit viele Gast- und Schankwirte in Schöneberg und den westlichen Bororten geprellt hatte, wurde gestern morgen in der Gneisenaustraße fest- genommen. Es ist ein früherer Privatdetektiv Westphahl, der schon längere Zeit von gewerbsmäßigem Schwindel lebte. Westphhal be- suchte Gast- und Schankwirte, die nur die sogenannte halbe Kon- zession haben und stellte sich als Kriminalschutzmann,-Wachtmeister oder-Kommissar vor, der gekommen sei, um den Betrieb zu re- vidieren. Wenn Verstöße vorlagen, so ließ er mit sich reden und drückte für Geld und gute Worte ein Auge zu. So„erlaubte" er es zum Beispiel, auch bei halber Konzession Schnaps auszuschenken, woran den Wirten viel gelegen ist. In einem Falle machte er durch einen Telephonschwindel den Wirt zu einem Pump geneigt. Er stellte sich als Kommissar vor und fiagte den Wirt, ob einer seiner Beamten für ihn Geld abgegeben habe. Als das verneint wurde, ging er weg und sagte, daß er noch einmal wiederkommen werde. Sollte der Beamte kommen, so möge der Wirt das Geld annehmen. Nach einiger Zeit wurde der Wirt an den Fern- sprecher gerufen. Es meldete sich das Polizeipräsidium Schöneberg. Dieses fragte den Wirt, ob der Herr Kriminalkommissar da sei. Auf die Mitteilung, daß er eben weggegangen sei, wurde der Wirt gebeten, dem Herrn Kommissar, wenn er wiederkommen sollte, zu sagen, er möge sein Dienstaufwandsgeld persönlich vom Polizei- Präsidium zu Schöneberg abholen. Bald erschien nun der angeb- liche Kommissar wieder und zeigte einige Verlegenheit, als ihm der Wirt mitteilte, was das Präsidium gesagt habe. Der Herr Kommissar hatte noch dringende Nachforschungen anzustellen, zu denen er sofort Geld brauchte. Es bedurfte nur dieser Andeutung und schon gab ihm der Wirt, was er verlangte. Als Westphal gestern morgen in der Gneisenaustraße einen ähnlichen Schwindel versuchte, wurde er entlarvt und festgenommen. Das„Polizeipräsidium in Schöneberg" am Fernsprecher war der Schwindler selbst gewesen. Roosevelt, der ExPräsident der Vereinigten Staaten, ist gestern von Stockholm kommend, in Berlin eingetroffen. Da eine an- gekündigte Zugverspätung wieder eingeholt worden war, hatten sich noch nicht alle zum Empfang bestimmten Herren eingefunden. Besonderes Pech hatte der amerikanische Botschafter. Er kam zum Bahnhof, als Roosevelt bereits auf dem Wege nach der amerikanischen Botschaft war. Roosevelt will in der Universität einen Vortrag halten, koste es was es wolle. Er hat nämlich erst in Stockholm als Träger des Nobelpreise? in Friedensftogen eine Rede reden müssen und ist jetzt heiser. Ein gefährlicher Brand, bei dem mehrere Personen in größter Lebensgefahr schwebten, kain aus noch nicht genau festgestellter Ur- fache, angeblich durch Umfallen einer Petroleumlampe, in einer Tapeziererwerkstatt der Möbelhändlerin O. Stargardt in der Neuen Königsttaße 29, an der Wadzeckstraße, gestern früh um 4 Uhr zmn Ausbruch. Die Flammen fanden an den Polstennaterialien, be- sonders am Werg, schnell reiche Nahrung. In wenigen Minuten stand diese Werkstatt mit den darüber liegenden und angrenzenden Räumen des linken Seitenflügels in großer Ausdehnung in Flammen. Eine Frau mit zwei Kindern wurde von Hausbewohnern noch vor Eintreffen der Feuerwehr über eine Leiter in Sicherheit gebracht. Die übrigen Hausbewohner retteten sich über die Treppen. Als die teuerwehr erschien, brannte schon das zweite und dritte Stockwerk. 'a die Treppen nicht mehr zu passieren waren, ließ Branddirektor Reichel über drei Hakenleitern angreifen. ES gelang durch kräftiges Wassergeben durch drei Schlauchleitungen den Brand auf den linken Seitenflügel zu beschränken. Dieser ist fast ausgebrannt. Gesperrt ist die Voltairestraße(verlängerte Magazinstraße) von der Alexanderstraße bis zur Dirckscnstraße behufs Asphalt«» rung vom 18. d. Mts. ab bis auf weitere». Vorort- IVachrichten. Ichöneberg. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Zunächst nahm Stadtverordneter L u l a y das Wort zu einer Interpellation an den Magistrat, worin um Auskunft über die Abweisung eines Schwer- verletzten au« dem hiesigen Krankcnhause ersucht wird. Der Vor« gang, der schon einige Tage zurücklag, ereignete sich am Kaiser« Wilhelm-Platz, Ecke Hauptstraße. Dort stieß eine Autodroschke gegen den Bürgersteig und fuhr gegen die dort ausgestellte Anschlagsäule. Hierbei wurde ein junger Mann schwer verletzt. Nachdem ans der Unfallstation ein Notverband angelegt worden war, wurde um Auf- nahine in das Krankenhaus ersucht. Die Aufnahme wurde verweigert und nun mußte der Schwerverletzte nach Berlin in das Moabiter Krankenhaus transportiert werden. Die Llbweisung des Schwerverletzten aus dem hiesigen Krankenhause soll angeblich auL dem Grunde erfolgt sein, weil für derartige Fälle keine Betten vor- gesehen seien und außerdem der Betteffende in Wilmersdorf wohne.. Mit Recht wurde darauf hingewiesen, daß eS nicht darauf ankomme, wo der Hilfesuchende wohnt, sondern daß sofort Maßnahmen ge- troffen werden, um Verunglückten zu helfen. Per Verletzte sei schuldlos, daß es noch Städte gäbe, deren Vertvaltungen noch kein eigenes Krankenhaus erbauen ließen. Stadrrat Leidig erwiderte: Die Krankenhausverwaltung sei angewiesen, daß für derartige Borkonunniffe, besonders für Schwer- verletzte, stets einige Betten zpr Verfügung stehen. Wird jemand zur�ckgewieseo. dann könnte eS n»r anf einem MifeverstZndniS beruhen. Im iiSrige» sei sestgesteNt ivurden. daft der junge Mann nicht schwer verletzt worden sei. Für derartige Unfälle steht daS Krankenhaus offen. Llllgemein wurde das Verhallen der Kranken- Hausverwaltung nicht gutgeheißen und ersucht, in Zukunft humaner zu verfahren. Bei Benutzung der Kanalisation hat sich herausgestellt, daß die Kosten für den Anschluß eines einzelnen Grundstücks an die Kana- lisation, die bisher von dem Grundeigentümer getragen wurden, erhedllch hühere seien als in Berechnung gestellt wurden. Bisher wurden 10 M?z. erHobe». Der Betrag loll auf 15 Proz. erhöht werden. Ferner hat sich aus de» Zusammenstellungen und Berech- mmgen ergeben, daß die Gebühr für einen Kubikmeter Abwasser sich aus 4.2 Pf. stellt, dieser Betrag soll in Anrechnung kommen. Stadw. K u z n i tz k y(Lib. Fraktion) ging in längere» AnS- führungen aus daS frühere Diiftenr ein und wies nach, daß die Hausbesitzer es stets verstanden haben, ihre Vorteile zu wahren und auf Kosten der Stadt sich zu bereichern. Gegen die demagogischen Umtriebe einzelner Hausbesitzer muß einmal ganz energisch vor- gegangen werden. L i n i c u s fHansves.-Frakt.l meinte, die Agitation gegen seine Freunde schädige die Stadt. Auch mit der Ausschließung und Be- bauung müsse langsamer vorgegangen iverden] es ständesi eine große Anzahl Wohnungen leer, auch würden durch daS neue Ortsstatut die Hausbesitzer erheblich geschädigt. Di« Einschätzung der Häuser ge- schehe nach Willkür. Kämmerer M a ch o w i e z betonte, daß, wenn jemand geschädigt werde, dieS nur durch das Vorgehen des Stadtv. Linicus und seiner Freunde geschieht. DaS frühere Ehstem sei eine Ungerechtigkeit ge- Wesen, indem der Schwache zugunsten des Stärkeren belastet wurde. Der Ausgleich sei jetzt erst geschaffen worden. Genosse Küter betonte, da» von den Hausbesitzern heraus- gegebene Zirkular sei ein Augstprodukt und nur auf Täuschungen zu- geichnitten. Bis jetzt habe die Hansbesitzergruppe sich immer nur Mühe gegeben, in rückschrittlicher Beziehung an der Spitze zu marschieren. In allen Kommunen, in denen Sozial- demokraten fitzen, habe der Kampf niemals Personen, sondern immer dem System gegolten. Die letzten Wahlkänipfe hätten bewiesen, daß die HauSbefitzergruppe durch ihre Jnteressenpotitik auf dem toten Punkt angelangt sei. Stadtv. Schneider König! Noch hat sich da» Grab über den verstorbenen König Eduard nicht geschlossen und schon erstrahlt in hellstem Glanz« der neu« eng» lische König Georg V. Alle die bürgerlichen Blätter, denen sein Dasein bisher sehr gleichgültig war, überbieten sich nun in dem heißen Bemühen, edle Charakterzüge an dem neuen Herrn zu«nt- decken. Ist e» doch Aufgabe der patriotischen Presse, dem großen Lümmel Volk.seinen' König als da» Musterexemplar aller Herrschertngenden darzustellen, damit der Masse der Regiert« klar werde, wie schwer das Regieren sei und wie sich jeder Untertan glücklich preisen könne, gerade den an» Ruder Gekommenen al» Oberhaupt erwischt zu haben. Da loben nun die einen, daß Georg V. al» Knabe stet» seine Spielsachen nett und sauber gehalten habe; die anderen rühmen den p e r s ö n l i Ä e n M u t, den der neue Herrscher schon in seinen Jugendjahren bewiesen habe. Oft sei er darin seinem verstorbenen Bruder mit gutem Beispiel vorangegangen. Wenn der nicht gestorben wäre und heute auf dem Thron säße, würde die Melodie wohl anders klingen I Diese huldigen ihm als idealen Faonlienvater, dessen einzigartiges Familienleben jeden mit größter Freude erfüllen müsse; jene heben lobend hervor, der König sei kein Schwächling, aber auch lein Regent, der sich in Kriegs» streitigkeiten einlasse. Kurz, ein jeder macht sich einen Regenten nach seinem Gusto zurecht. Ossenbar haben die begeisterten Lobgesänge der englischen Presse auf den neuen König diesen veranlaßt, in eine Lohnbewegung einzutreten. Wie ein Telegramm aus London meldet, ist da» englische Kabinett am Dienstag zu einer Beratung zusammengetreten, in der u. a. eine besondere Kommission eingesetzt wurde, die eine Re- Vision— lies Erhöhung— der Zivilliste in Erwägung ziehen soll. Borläufig hat Georg wenigsten» einen vernünftigen Gedanken gehabt, wenn er ihm nicht von seiner Regierung souffliert ist. Durch den plötzlichen Tod seines Vaters sind ein« große Zahl englischer Geschäftsleute in große Bedrängnis geraten: alle Firmen, die in Modeartikeln handeln, haben ihre Läger zur beginnenden Frühjahrssaison mit den neuesten Moden reichlich versehen und nun macht Eduards Tod ihnen einen schwarzen Strich durch ihre Rechnung. Um dem zu begegnen, hat Georg an sein Volk eine Botschaft gerichtet, in der er ersucht, keine Störung in den Ver« gnügungen der Pfingstfeiertage eintreten zu lassen, sondern ruhig das Fest in üblicher Weise zu begehen. Nun wird nicht nur die Presse, sondern eS werden auch die eng- tischen Kaufleute ihn preisen als einen erleuchteten Geist, der Väter« lich im Sinne der Bourgeoisie sein Land regiert und trotz der großen Trauer wird das Vergnügen seinen Gang gehen I Die 6ntwichdung der ftugtechnih. Da» Problem der Eroberung der Luft vermittelst de» Flug« zeuge», wie der technische Ausdruck für die Flugmaschiiien lautet, hat in der kurzen Zeit, während der wir auf praktische Resultate der Aviatiker zurückblicken können, ungeahnte Erfolge errungen. Nur wenige Jahre ist es her. daß sich die Flieger noch vergeblich mühten, ihren Apparat längere Zeit in der Lust zu halten, mancher kühne Pilot mußte sein himmelstnrnwndes Streben mit dem Tode büßen. Der Erfolg, den Paulhan vor kurzem mit der Er» oberung des 299 999 M.- Preises für seinen Flug von London nach Manchester einheimste, zeigte allen Zweiflern, daß e» Wahrheit geworden ist, wa« kühne Männer früher vergeblich erstrebten, einen stundenlangen Flug durch die Luft zu unternehmen, bei dem man mit Eilzug»geschwindigkeit leicht und sicher dahingleitet. Aber die nimmer rastende Technik gab sich mit den errungenen Erfolgen nicht zufrieden, neben der Ausbildung de« Einzelfluge» lief da» Streben, die Flugmaschine zur Passagierbeförderung zu verwenden. Erst damit erhebt sich die Bedeutung de» Fliegen» über da» rein sportliche Interesse hinau». So schwierig da» gesteckte Ziel im Anfang erschien:«» wurde gelöst. Nach verschiedenen kleineren Versuchen flog im März d. I. der Franzose Farman mit zwei Fahrgästen 62 Minuten und legte bei diesem Fluge etwa 79 Kilometer zurück. Und der Aviatiker Sommer steuerte am 29. April einen Apparat, der mit vier Personen besetzt war. Bei einer Be» lastung mit über 299 Kilogramm hielt sich der Apparat 19 Minuten in der Luft und landete nach Dutchsegelung von etwa sieben Kilo» meter leicht und sicher am Zielpunkt. Jeder Tag bringt auf dem Gebiete der Ahiatik neue Erfolge, zu immer kühneren Taten drängt der menschliche Geist, bi» daß er eine» Tage» sein Streben verwirklicht sieht: die vollständige Be» herrschung der Lust. � � Der Höhenrekord,«schlage» l P a u l h a n. zurzeit wohl der erfolgreichste Aviatiker. hat gestern auf dem Flugmeeting in L y o n einen Höhenflug unternommen, bei dem es ihm gelang, eine Höhe von 1259 Meter zu erreichen und so den Höhenrekord zu schlagen. Mit beängstigender Schnelligkeit erhob sich Paulhan zu einer Höhe von etwa 1999 Meter, vollführte in dieser Höhe mehrere gut gelungene Schleifen, stieg langsam noch höher, bi» er 1259 Meter hoch schwebte, mochte auch in dieser Höhe einige Umkreisungen und stürzt«, al» er sich de» genauen Funktio- nierenS seine» Apparats versichert hatte, mit rasender Geschwindigkeit zur Erde nieder. In geringer Entfernung vom Erdboden erhob er sich nochmal» vom Flugfeld«, um in raschem Auf« und Niedersteigen der staunende« Zuschauermenge ein Zeugnis abzulegen, daß in ge» schickter Hand sein Apparat jeder Direktive de» Führer» gehorcht. Nach einer reichlichen halben Stunde landete er glatt kurz vor seiner Halle. Da» Publikum empfing den kühnen Luftpiloten mit brausendem Enthusiasmus.__ Ein Soldat als Raubmörder. Der wegen de» Verdachts de« Raubmorde» an der Kaffeewlrtin Hierer in München verhaftete Infanterist H ö g e r l e hat heut« ein Geständnis abgelegt, daß er den Raubmord verübt habe. Durch verschiedene Vernebmungen wurde Högerle, der zunächst bestritt, die blutige Tat begangen zu haben, immer mehr in die Enge getrieben. Al« Hauptzeuge wurde ihm ein Straßenbahuschaffner gegenübergestellt, in dessen Wagen er von der Nähe de» Tatorte» au» mit blutbefleckter Uniform gefahren ist. Ueberwältigt von der Fülle der Indizienbeweise, bequemt» sich schließlich der Mörder zu einem umfassenden Geständnis. Kleine Notizen. Auf der Grube Herzogin Adelheid in Sachsen» Altenbura stürzt« in der Nacht zum Dienstag ein Fördedchacht ein; durch den Einsturz wurden elf Arveiter von der Oberwelt abgeschnitten. Die sofort vorgenommene RettungSattion war erfolgreich; Dienstag mittag waren samtlich« Arbeiter gerettet. Ein« schwere Explosion erfolgte am DienStag in einem Magazin de» Militärarsenals in P o l a(Oesterreich). Da» Magazin wurde vollständig zerstört, sechs Arbeiter erlitten lebentgefähr» liche Verletzungen. In brutaler Weise hat in K ö l n ein Bater sein« elf Jahr» alte Tochter mißhandelt; da» Kind ist im Krankenhaus« an de» erlittenen Verletzungen gestorben. Bon Einbrechern erschossen. In dem Oertchen Dorndiel i» Hessen bemertte ein Epezereihändler Vachmann in der Dienstag» nacht, daß Spitzbuben in seinem Laden ihr Wesen trieben. Als er sich darauf in den Laden begab, wurde er von einem der Einbreche» durch einen Schuß in die Brust getötet. Die Attentäter, die noi? die Ladenkasi« beraubten, entkamen unerkannt. In Tripolis ist ein Sohn des amerikanischen General» S o h n s o n von Eingeborenen, unter denen fich auch Polizisten efcmde», brutal mißhandelt worden. Auf veranlassung de» amerikanischen Konsul» wurden die Schuldigen bestrast. Iittr IMiBer-Wail. Arbrttsnachweis: Verwaltungsstelle Berlin. Hauptburea«: Hos l. Amt 3, im CharlttstraB« 3. Hos Hl. Amt Z. 1387 Donnerstag, den lÄ. Mai 1910: Bezirks- Versammlungen für die gesamte Verwaltungsstelle Kerlin w folgcnben Lokalen: Norden Phara»-»aie, Miillerstr. 142, abend» 8>/, Uhr. �9"deN'«"-«1°.»'«»tat»«. Schwedter Strasse 23, abends Norden: Franke« Fent»äle, Babstr. 19, abends L>/, Uhr. ÄOakÜ' Frnrlttväl« shsarS-'lV««», Wiclefstraße 24, abends Ueslen und 8ekS»ekerg: Osten und Lichtenberg: sv, S0"'1" Stralau und Rummelsburg:"«TSöäSm"'' abend» S'/j Uhr. Süden und Südosl: 75 • Rorslgwalder Festslile. Borel�walde, • Spandauer Strasse, abends 6 Uhr. Rixdorf: Hoppe» Festsme, Hermannstr. 49, abends 8'/, Uhr. Charlotteuburg: VolUshan», Rafinenstr. 3, abend» 8'/, Uhr. WoiRoneoo* Penkert» Restani'ant, König-Ehaussee 38, » ClliCllacv. abends 81/, Uhr. Küpeniek u. Frledrlehshagen:SÄ",'*ÄÄ'- Hägen, Friedrichstrafte 69, abends 81/, Uhr. Cnanrian* Restaurant Vorwärts, Schönwalder Strafte 89. SpaUUiüU. abends B'l, Uhr. Ober-Sehöneweide:»>/, uhr. TageS-Ordnung: t Serichtkrstattllvg vom aaßerordevUlchea Gmerk' fchastskongreß. Referenten find: Haner» Brfickner, Orle», Liehmann, Link, Richter, Ritter, Röbbel, Boblnaon, Mellrich, Völkcl, Wlssell, Zernicke. - Stkltuugvahwe zur Gtueralverfammtung. Mitgliedsbuch legitimiert. Zahlreicher Besuch wird erwartet. Achtung! Arbeitsnachweis. Achtung! Der Psingstseiertage wegen findet die Auszahlung der Arbeitslosen» Unterstützung in folgender Weise statt! Kollegen, deren Woche mtt dem 12. endet, geben Buch und Karte am 11. ab, erhalt« am 12. Unterstützung. 13., 14.. IS. endet, geben Buch und Kart» am IL. ab, erhalt« am 18. Unter, stützung. IS., 17. endet, geben Buch und Karte am 1». ab, erhall« am 14. Unter» stützung. Hunnabend, den 14. bleibt der Arbeitsnachweis nachmittag» gefchloffm. Montag, den IS. und Dienstag, dm 17. bleibt der Arbeitsnachweis d« ganzen Tag geschlossen._ Achtung! Achtung! Sammellisten für die ausgesperrten Bauarbeiter find nur im Bureau Eharit«str. 8, Hof 2 Zt., Zimmer 2», zu haben._ m/9_ Die Ortsverwaltung. NnIiliiihdnMultt,Kllll!itm,Aiistrtilhkr--. Melchiorstr. 28. Part. Filiale Berlin. Tel: Amt IV. 4787. Donnerstag, 12. Mai, abend« 8'/, Uhr, im VewerrschaftShause, Engeluser IS: Mitglieder-Verfammlung der Sektion der �»chKcrcr. Tages»Ordnung! 1. Vortrag: Her politische Hassenstreik. Reserent: fflenofie H. Zeuner. 2. Diskussion. 3. Geschästsberichi des Sekttonsleiter«. 4. ver- bandsangelegenheit«. 127/5 Regen Besuch erwartet_ Der Scktlonsvorstand. Geschäfts-Verlegung des Möbel» und WarenkreditaHauses A. J. Grebler. Meiner werten Kundschaft die ergebene Anseige, daß ich mein seit 13 Jahren bestehendes MM« am Maßstäbe nach Weinbergsweg 4 in bedeutend vergrößertem Maßstabe nach verlegt habe. (früher Nr. 21) Ich sichere meinen geschätzton Kunden weitere kulante geschäta Bedienung bei billigen Preisen zu. :: Lagerbesach sehr lohnend. Aul Wunsch sende Vertreter. A. J. Grebler, Weinbergsweg 4. 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Dezember 1909 schied« aus insolge Ausschluß, Tod und Auskundigung.... 421 Bestand an Mitgliedem am 1. Januar 1910..... 5160 DieHastsummesämtlicher Mitglieder betrug am Schlüsse de» Geschäfts- jahres 1908.... 1472 1003». fie hat fich vermehrt um 96 000, Gesamt- Haftsumme am Schlüsse deS GeschästS- jahres 1909.... 1 568 100M. Der Borfiand. L. Schmidt. Ernst Roschar. Steppdecken (Ä! nur eigene gabrikation im Hause. Einzelverk. an Prwate zu Fabrikprelsen. Bcrabarck 8tr«»bn,a?aacl,« Lerlm. 7». Wallstr. 72, tot auch alte Steppdsck« ausgearbeitet werde».— Jlluftr. Preiskatalog gratis. Mübelkbrft„Berolina" eingetragene Genossenschaft mtt be» schränkter Hastpflicht. VIlW kijf öS! kiMlMM IM Aktiva. Kafl«b-stand..... 278,77 Warenbestand..... 13 520,— Materialimbestand... 8 494,95 �iaschinenkonto.... 1 700,— Werkzeugkonto.... 3100,— Jnventarkonto..... 450,— Bankkonto...... 299,98 EsteNentonto..... 1 900,— Debitoren...... 9 773,30 Kaution«...... 250,— Konto Dubio..... 1 000,— Vechs-Ikonto..... 1 081�0 41 848,30 Passiva. Kreditoren...... 9 151,39 Darlehen...... 28 322,29 Anlell-Konto..... 270,— Akzepte....... 8 104,65 Gewinn» u. Verlust-Konto 1 999,67 41 848,30 Die Mitglieberzahl betrug zu Zw- sang de» Geschästsjahres: 14. AuS- geschteden find: 5. Folgedessen blieb« am Ende de» JahreS: 9 Genossen mit einer Gesamthastsumme von 270 M. Da» Geschästsguthab« und die tzastsumm« haben sich um je 150 M. verringert. Berlin. 11. Mai 1910. 2009b Oer Vorstand. H. K r e b». Karl Müller. Scbnciaer«! tür eleouto Herren- n. HiraDen- fiorderoiie. Fertig und»»est Maia.— GaranH tie tür Uiielloaen Kit* und destM Versrheltuoc. Aul Teiltalilena Wochen rate direkt am Hackoi eehen Markt, Ich Laden u. 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