Nr. 189. Bbennemen ts-Bedlngungen: SBonnementS• Preis pränumerando• »ierteljährl. 3,30 üRf., mono«. 1,10 Mk„ wöchenllich LS Pfg. frei WS HauS. Einzelne Nummer K Pfg, Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post.ZciwngS. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für daS übrige Ausland S Marl pro Monat. PostabonncmentS nehmen an: Belgien, Dänemark, land, Italien, Luxemburg. Portugal, nänien, Schweden und die Schweiz, 87. Jahrg. vlchtl»! Ugllld auütr Msstsg,. Devlinev Volksblclkk. die Insertion!-Lebahr Neirägt für die scchsgespaltene Kolonel« geile oder deren Raum 60 Psg„ fixt politische und gewerlschaftliche Vereins- und BersammlungS-Anzeigen 30 Pfg. „Ulewe Jlnztigcn", das erste sfelt- gedruckte) Wort 20 Pfg,, jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- slellen-Anzeigcn das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 6 Pfg. Worte über »6 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Numnier müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis � Uhr abends geöffnet, Telegramm. Adresse: „?»t!»IiIti»oMt Birliu", Zentralorgan der fozialdeniokrati leben Partei Deutfcblands. Redaktion: SM. 68, Lindenstrasse 69* Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983. Sonntag, den 5. Jnni 1910. Expedition t SM. 68, Lindcnatraeae 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Die Ciebesgabe für die Krone. Am Freitag endlich ist dem Landtage der Gesetzentwurf zugegangen, von dem in den letzten Tagen so viel die Rede war: der Gesetzentwurf betreffend die Erhöhung der Krondotation. Aus demselben ergibt sich, daß die geforderte Lohnzulage nicht weniger als 3 Vz M i l l, Mark betragen soll. Allerdings ist man so vorsichtig ge- Wesen, diese Forderung in zwei Teile zu zerlegen. Man fordert nämlich als eigentliche Erhöhung der„Kronfideikommißrente" zwei Millionen Mark. Dann aber fordert man zweitens noch 1500000 Mark Beihilfe für den Aufwand, den die Krone für die Theater in Hannover, Kassel, Wiesbaden und Berlin leistet. Die Gründe für diese Zerlegung sind klar. Die Forderung der Erhöhung der Zivilliste um Z'/g Millionen Mark wäre zu unpopul'är gewesen, darum stellte man die getrennten Forderungen auf. Da aber aus der einen ungeteilten und in Wirklichkeit auch unteilbaren Zivilliste auch bisher die Aufwendung für die genanntey Kunstinstitute gemacht wurden, bleibt es trotz des gekünstelten Ber schleierungsversuches bei der runden und netten Tatsache, daß an Lohnzulage für die Krone nicht weniger als 3'/? Millionen verlangt werden! Da die gegenwärtige Zivilliste nicht weniger als 15.7 Millionen beträgt, soll sie also auf die Höhe von 19,2 Millionen gebracht werden! Die Begründung dieser Lohnzulage, die dem Gesetz- entwurf beigegeben ist, ist ganz die gleiche, die man bereits in der offiziösen Presse lesen konnte. Da heißt es, daß die Krone sich im Jahre 1820, als sie die sämtlichen Domänen und Forsten dem Staat„überlassen" habe, sich nur eine Rente von 7,7 Millionen Mark vorbehalten habe. Die Krone habe also keinen Anteil an den steigenden Erträgen der' Do- mänen und Forsten, die allein dem Staat zugute gekommen seien, gehabt. Als ob es sich bei der damaligen Ab- tretung überhaupt um das Privateigentum des Königs gehandelt habe l Während der absolutistischen Zeit existierte ja kaum ein Unterschied zwischen dem königlichen und dem staatlichen Eigentum. Für den König galt damals das Wort: Der Staat bin ich! Im Jahre 1820 aber war dies Wort denn doch längst veraltet! Die Ueberlassung der Domänen und Forsten an den Staat bedeutete eben nichts als die Trennung des Staatseigentums von dem Privateigentum der Krone. Der Staat, an den damals die Domänen übertragen wurden, mußte zugleich die Verpflichtung der Verzinsung und Tilgung der gesamten da- maligen Staatsschuld von zirka 180Millionen Talern übernehmen! Und die Krone glaubte sicherlich kein schlechtes Geschäft zu machen, wenn sie sich bei dieser Auseinandersetzung mit dem Staate eine Jahresrente von 2'/, Millionen Talern, den Kronfideikommißfonds, sicherte. Durch diese Auseinandersetzung waren alle Ansprüche der Krone auf den Ertrag der Staatsdomänen und Forsten ein für allemal erloschen. Es ist deshalb geradezu lächerlich, auf den gestiegenen Ertragswert dieses Staatseigentums hin- zuweisen. Als ob übrigens nicht auch inzwischen die Aus- gaben des Staates zu deren Deckung auch die Ueber- schüsse der Domänen und Forsten beizutragen haben, außer- ordentlich ge st legen wären I Aber der Staat hat inzwischen längst ei« übriges getan. Dreimal hat er seitdem eine ganz»eträcht- liche Erhöhung der Zivilliste, die mit 7,7 Millionen Mark doch wahrhastig eine ft ältliche Höhe besaß, vorgenommen. So wurde der Krone im Jahre 1859 eine Lohn- zulage von 1500 000 M. gewährt, im Jahre 1868 eine weitere Zulage um 3 Millionen Mark und endlich im Jahre 1889 eine Zulage um gar 3 500 000 M. Damit war die Krondotation durch den Staat auf 15'/« Millionen gestiegen, auf eine Höhe also, die doch wahrhaftig auch unter den heutigen teueren Zeitläuften selbst für eine zahlreiche Familie mehr als aus- reichen sollte. Wenn ein so großes Wesen gemacht wird von dem großen Aufwand für die Hoftheater, so sei demgegenüber auf Grund der Denkschrift selbst festgestellt, daß die sämtlichen Aufwendungen aus der Zivilliste für die Kunst sich nur auf 2 769 069 Mark belaufen. Es bleiben also trotz dieser Dotationskosten noch immer 13 Millionen zur Befriedigung der übrigen Be- dürfuisse der königlichen Familie übrig. Und wenn weiter darauf hingewiesen wird, daß die Hofverwaltung neuerdings wieder, dem Vorgehen des Staates folgend, eine Gehaltsaufbesserung der höfischen Beamten und Diener habe vornehmen müssen, die nicht»vcniger als eine Million verschlungen habe, so scheint denn doch die Zahl der Beamten und Lakaien eine so ungeheuerliche zu seiu, daß eine Ein- richtung des Haushalts auf etwas bescheidenerem Fuße dringend zu wünschen wäre! Und selbst das Argument, daß die Apanagierung der vermählten und unvermählten Prinzen des königlichen Hauses. deren Zahl sich seit 1889 mehr als verdoppelt habe, gleichfalls einen Mehr- bedarf erfordere, der auf weit über eine Million zu schätzen fei, vermag uns nicht zu rühren. Mit 15°/« Millionen muß «lseres Erachtens auch die zahlreichste Königssamilie I auskommen können, sofern die vielgerühmte preußische Spar- samkeit nicht eine leere Legende ist. Außerdem darf auch nicht übersehen werden, daß die königliche Familie keineswegs arm ist wie eine Kirchenmaus, sondern im Gegenteil ein kolossales Vermögen besitzt, das namentlich in ungeheurem Grundbesitz besteht, der nicht einmal versteuert zu werden braucht. Der Privatbesitz der königlichen Familie umfaßt 150000 Morgen Wald, außerdem riesige Flächen an Aeckern und Wiesen. Zu ihm gehören mehr als 39 Herrschaften, Rittergüter, Pachtgüter und Vor- werke. Und diese vielen Quadratmeilen Landes sind doch von der enormen Steigerung des Ertrages der Landwirt- schaft keineswegs ausgeschlossen gewesen! Man behauptet, daß der Ertrag aus diesem Grundbesitz mit acht Millionen Mark keineswegs zu hoch eingeschätzt sei. Eine enorme Steigerung hat der Ertrag ja allein durch die Zoll- gesetzgebung erfahren. Genosse Singer machte in dieser Beziehung bereits am 11. Dezember 1901 im Reichstag folgende Ausführungen: .Meine Herren, ich habe noch einen Besitzer, der sehr begütert ist in Preußen. Die Güter dieses Herrn verteilen sich über die Provinz Brandenburg, die Provinz Schlesien, die Provinz Sachsen, die Provinz Pommern, die Provinz SchleSwig-Holstein, die Provinz Posen und die Provinz Westpreußen. Dieser Herr besitzt eine Gesamtfläche von 96 659 Hektar. Davon sind A e ck e r ohne Anrechnung der Wiesen, der Hiitung, des Oedlandes, und der Wald- und Wasserflächen 27 216 Hektar. Meine Herren, hiervon sind nach den allgemeinen Annahmen mindesten» 13 693 Hektar mit Getreide, welches zum Berkauf dient, bebaut. Mithin beträgt die JahreSeinnnahme, welche dieser Besitzer bei dem jetzigen Zoll auS seinem Getreideverkauf hat, 13 693 mal 35 gleich 476 289 Mark.(Hört I hört I links.) Das ist, wenn ich diesen Betrag kapitalisiere, eine Summe von 9 524 699 Mark. (Hört! hört! links.) Und wenn ich den Getreidezoll, den der Bundesrat haben will, zu Grunde lege, dann bezieht dieser Herr eine Mehreinnahme bei dem Berkauf des Getreides durch den Geweidezoll von 689 499 M. oder der Wert seiner Besitzungen erhöht sich durch den Zoll um 15 698 999 M.(Hört! hört! links.) Wissen Sie, meine Herren, wer dieser Besitzer ist? Das ist der deutsche Kaiser, der keinen Brotwucher will." Man sieht also, daß mit der Steigerung der Aus- gaben des kaiserlichen Haushaltes die Einnahmen aus der Krondotation und dem enormen Privatbesitz des Königs von Preußen mindestens gleichen Schritt gehalten haben. Aber auch einzelne Glieder der königlichen Familie haben eine sehr erhebliche Steigerung ihrer Ein- nahmen erfahren. Wie groß insgesamt der Besitz des Kronprinzen ist, vermögen wir im Augenblick nicht festzustellen. Nur das wollen wir hiermit konstatieren, daß der Kronprinz von dem im Jahre 1884 verstorbenen Herzog Wilhelm von Braunschweig das Thronlehen F ü r st e n t u m O e l s mit den Schlössern Ocls und Vernstadt und 15 Gütern mit 9238 Hektar Land- besitz ererbt hat. Das sind weit mehr als anderthalb Quadratmeilen Landes! Das ist ein Besitz im Werte von vielen Millionen! Wie wir also auch die Situation der preußischen Königsfamilie be- trachten mögen: daß hier von irgend einer Bedürftigkeit die Rede sein könnte, will uns nimmermehr einleuchten I Es liegt also auf der Hand, daß kein gewissenhafter Volksvertreter der Erhöhung der Zivilliste zustimmen kann! Daß die bürgerlichen Parteien das trotzdem fertig bringen werden, liegt nur an dem Wunsche, sich bei der Krone lieb Kind zu machen, um so eher auf Gegen- gefälligkeiten rechnen zu können. Im Jahre 18 89 stimmte noch Eugen Richter mit acht freisinnigen Abgeordneten gegen die damalige Forderung der Erhöhung der Krondotation, während die aus 16 Mitgliedern der Freisinnigen Partei be- stehende Mehrheit dem Gesetzentwurf schon damals ihre Zu- st i m m u ng gab. Ob diesmal auch nur neun Frei- sinnige sich zur Ablehnung aufzuschwingen vermögen, bleibt abzuwarten. Die Sozialdemokratie kann Herrn von Bethmann Hollweg übrigens nur von Herzen dankbar für diese Vorlage sein, d.ie er so kurz vor Toresschluß noch eingebracht hat. Nach der jammervollen Wahlrechtskomödie bildet diese 3*4 Millionen-Forderung für die Krone den würdigen Abschluß der glorreichen Taten des Dreillasscuparlaments! Dreieinhalb Millionen Lohnzulage für die Krone, aber nicht das mindeste Zugeständnis an das Volk, an die wirklich unter der agrvri- scheu Volksauspliinderung seufzende Masse— das ist die wirksamste Charakteristik der unheilvollen Tätigkeit deS Geld- sacksparlaments, die sich überhaupt denken läßt! fillvlsvä! SchitWal. Die russischen Gesetzgebungsinstitutionen— Duma und Reichsrat— arbeiten mit Feuereifer an dem Stalypinschen Erdrosselungsgesetz gegen Finnland. Trotz der Proteste und Kundgebungen der zivilisierten Welt zugunsten Finnlands arbeiten die Pogrommisten-Mehrheiten in den genannten Institutionen Tag und Nacht, um Stolypin, dem Zaren und den Schwarzhunderten das Knebelungsgesetz fertig in die Hand legen zu können. Nirgends haben parlamentarische Mehrheiten die Würde der Volksvertretungen tiefer in den Kot getreten, wie gegenwärtig an der Newa. Die Ausrottung der letzten Reste eines freiheitlichen Gemeinwesens ist jetzt ihr.heiligstes Ziel. Die Annahme des Gesetzes durch Duma und Reichsrat ist gewiß. S)as bedeutet für das finnische Volk, in erster Linie für das finnische Proletariat, eine neue Periode der Unterdrückung, deren Schwere selbst die des Sozialistengesetzes übertreffen dürfte. Denn an der Spitze der russischen Henker- regierung steht der berühmte Halsbindenpolitiker Stolypin. Seine Regierungsmittel— Galgen, Feuer, Blei— sind genügend bekannt. Diese auch in Finnland anzuwenden � schickt er sich eben an. Seit dem November 1305, als das finnische Proletariat die russische Gewalt zur Kapitulation zwang, erfreute sich das Volk einer verhältnismäßigen Freiheit. Der�Zar er- kannte in seinem Manifest vom 4. November 1905 die be- kannten bürgerlichen Freiheiten— Presse-, Rede-, Ver- sammlungs- und Koalitionsfreiheit— als verfassungsmäßige Rechte an. Jetzt sucht derselbe Zar in der Staatsstreichduma die Mittel, um sein Zarenwort meineidig zu brechen. Was Finnland erwartet, ist nichts weniger als eine kulturelle Vernichtung! Stolypin und seine echtrussischen Helfershelfer wollen alle Siege, die das Volk in der Zeit der russischen Revolution errang, vernichten. Die Aus- dehnung des russischen Gesetzes auf Finnland bedeutet die Ausdehnung der Gesetzlosigkeit, der Willkür und des Bureaukratenterrors auf das Land. Wie die Gegenrevolution in Rußlanb die Sozialdemokratie wieder zurück unter die Erde zwang, so will sie jetzt auch in Finn- land verfahren. Die Volkshäuser werden in Kasernen ver- wandelt, die sozialdemokratische Presse wird unterdrückt, die Literatur wird konfisziert und vernichtet, die Verttauens- männer der Partei, Abgeordnete, die Redakteure und andere Parteifunktionäre erwartet das Los der russischen Genossen: Galgen, Folter, Zwangsarbeit, Kerker, Ausweisung. Die Arbeiterschaft wird zur sklavischen Abhängigkeit gezwungen. ohne sich dagegen stemmen zu können, denn die Möglichkeit der Organisation, der Koalition, die Möglichkeit jeden Kampfes ist unter dem russischen„Gesetze" ausgeschlossen! Das russische �„Gesetz" straft jeden einzelnen für das„Ver- -brechen" der Zugehörigkeit zur sozialdemokratischen Partei mit Zwangsarbeit bis zu vier Jahren! Wird dies „Gesetz" in Finnland„regelrecht" durchgeführt, so kann Stolypin etwa hunderttausend Sozialdemokraten nebst ihren Familien nach Sibirien verschicken! Und daß er das tut, darauf werden seine echtrussischen Helfershelfer streng achten. Die strengste Durchführnug des„Gesetzes" sehen die Punsch» kewitsch und Konsorten als ihren Siegespreis an. Soll nun dies alles vor sich gehen können? Gibt es keinerlei Mittel, um Stolypin und Nikolai I. bei der neuen Henkertätigkeit zu hindern? Um mit zwingender Gewalt einzugreifen, dazu fehlen dem Proletariat die Mittel. Aber was in seiner Macht steht, wird es freudig in Anwendung bringen zugunsten der bedrängten Genossen im hohen Norden. Schon braust ein Entrüstungssturm durch die ganze zivilisierte Welt. Das Urteil über die russische Mordregierung ist längst gefällt. Sie wird ihrem Schicksal nicht entgehen. Mit ihrem Vorgehen gegen Finnland beschleunigt sie das eigene. u u Eine verlogene Hetzrede. Petersburg, 3. Juni. In der N e i ch s d u m a versuchte Ministerpräsident Stolypin dm Rechtsraub an Finnland zu verteidigen. Er führte miS, vielen sei eS unverständlich, warum die Re- gierung gegenwärtig die sinnländische Frage aufgerollt habe..Die Krise des JahreS 1995 ließ die Frage offen. Nur verbre- cherische Untätigkeit könnte jetzt die Regierung veranlassen, dies« Frage totzuschweigen.(Bravo rechts und im Zentum.) Die wichtige Frage der Wehrpflicht der Finnländer sei noch nicht entschieden, doch sei eS unmöglich, sie unentschieden zu lassen; hier. bei kollodierten die Ansichten. Die Regierung sei der An» ficht, die Nichtableistung der Wehrpflicht und die Nichtbeteiligung der Finnländer an den Ausgaben zu Militärzwecken wirkten schädlich auf die R e i chSi n t er ejsjs en. Die zentri- fugale Strömung, welche die finnischen Angelegenheiten annähmen, schädige Rußland mehr und mehr. Es frage sich nur. wer zu bestimmen habe, welchen Gang die allgemeinen Reichsangelegenheiten zu nehmen hätten. Die Finnländcr be» riefen sich auf die Worte Alexanders I., auf die von ihm ge» währte Konstitution, auf die Unerschütterlichkeit der grundlegenden alten Gesetze und auf die Möglich- keit der Aufhebung dieser Gesetze nur im Weg« g eg e n se.i t i g c r Zustimmung der Monarchen und des Landtags. Die Finnländcr kämen zu dem Schluß, daß Rußland das Entscheidungsrecht nur auf dem Gebiete der auswärtigen Beziehungen habe, damit werde die Theorie der Personal- oder Real-Union proklamiert. Daraus folge logisch, daß eine Aenderung der gegenseitigen Be« Ziehungen zwischen Rußland und Finnland, wie sie sich im Laufe der Zeit gestaltet hätten, nur dem Landtage zustehe, während Rußland für die Person seines Monarchen nur ein Vetorecht habe. Die Regierung sei dafür, daß Finnland weitgehende Lokalautonomie genieße, sie sei aber andererseits der Ucberzeugung, daß alle, ganz Rußland betreffenden Angelegenheiten bezw. alle finnischen Gesetze. die ReichSinteressen berührten, die Grenzen der Kompetenz des finnischen Landtages überschritten. Jede andere Auffassung würde zu einem historischen Absurdum führen.(Rufe üechtS und im Jen- trum: Richtig!) Es müsse doch eine höchste Instanz geben, die allgemeine Fragen entscheide. Dieses Recht könne nicht dem finnischen Landtag allein zugesprochen werden, weil diese Frage die Interessen von ganz Rußland beträfen. Bisher hätten die Kaiser von Rußland die kaiserliche Gewalt als einzige für Rußland und Finnland gemeinsame Gewalt zum Ausdruck gebracht und sie seien sich klar und zweifellos bewußt gewesen, daß isie allein die Macht hätken, reclitskräftig in den Grenzen des Groß- fürstcntumS die allgemeine lliechtsgcsetzgebungsgewalt auszuüben. ?>ls Selbstherrscher, der Rcichsgrundgesetze gebe, habe der Kaiser durch das Manifest vom 20. April sich das Recht vorbehalten, allgemeinstaatliche Gesetze festzusetzen. Stolypin fuhr fort: Ihnen liegt eine Frage von historischer Bedeutung vor. Man wird Sie auf die angebliche Meinn»rg Europas hinweisen und auf tau» sende von Finnländern im Auslande gesammelter Unter- f ch r i f t e n, doch darauf antworte nicht ich, sondern ganz Ruh- land. Viele begreifen wahrscheinlich nicht, daß Rußland bei der Neuordnung nicht zerfällt, sondern sich festigt. Eine Vernichtung unserer Heimat gibt sich kund in der Drohung mit passivem Wider- stand seitens einiger Finnllinder, ebenso auch bei ungebetenen Ratgebern und im Bedauern eines Teils unserer Gesellschaft, der weder an das Recht noch an die Kraft des russischen Volkes glaubt. Beweisen Sie, daß Sie hier Rußland verkörpern.(An- dauernder.stürmischer Beifall, Bravo rechts und beim Zentrum.) Die Rede ist deshalb interessant, weil Stolypin nicht ein- nial den Versuch inachen kann, das Recht Finnlands zu wider- legen: sie ist nichts als ein Appell an die brutale Gewalt. Der amerikanische Parteitag. New Siort, 22. Mai. Nach siebentägigen Verhandlungen ging der in C h i c a g o ab- gehaltene Parteitag der Socialist Party der Vereinigten Staaten gestern zu Ende. Zum ersten Male trat er in einen, Jahre, in welchem keine Präsidentenwahl stattfindet, zusammen, nachdem die Parteimitglieder sich in der Urabstimmung bei schwacher Beteiligung (mit 5020 gegen 3740 Stimmen) für seine Einberufung ausgesprochen hatten. Von den 129 Delegierten(einer auf je 300 Parteimitglieder) hatten 18 Vertreter der fremdsprachigen Organisationen nur be- ratende, aber keine beschließende Stimme. Angesichts der inneren Zerrissenheit der alten Parteien, der Demokraten und Republikaner, angesichts der Gärung unter der landwirtschaftlichen Bevölkerrmg und angesichts der Teuerung, des engen Zusammenschlusses dos Unternehmertums und der Verneinung des Koalitionsrechtes durch die Gerichte, was alles die Lage der Lohnarbeiter fortgesetzt schwieriger gestaltet, war der Parteitag von ganz besonderer Bedeutung. In Chicago wurde ein großes Stück Arbeit geleistet. Um eS zu bewältigen, hielten die Delegierten auch Abendfitzungen ab. Die Stellung der Partei zu der Gewerkschaftsbewegung und der Frauen frage wurde in recht glücklicher Weise festgelegt; jedes Wahlkompromiß mit bürgerlichen Parteien wurde verworfen. Da« gegen wurde die Beschlußfassung über ein Agrarprogramm auf den nächsten Parteitag verschoben. Nach dreitägigen VerHand- lungen gelangte am Mittwoch sodann eine Resolution zur Annahme, welche die Halmng der Partei zur Frage der Einwanderung umschreibt. Aber gestern beschloß der Parteitag auf Antrag deS kalifornischen Delegierten Wilson, eine nesue siebengliedrige Kommission zu bestellen und sie mit der erneuten Prüfung der Einwanderungsfrage und der Erstattung eines Berichtes auf dem nächsten, im Jahre 1912 stattfindenden Parteitag zu betrauen. Wahrhaftig daS beste, was überhaupt getan »verden konnte! Dem, der zur Annahme gelangte Antrag Hillquit stellt ein unglückliches Kompromiß dar. Für die internationale sozialistische Bewegung muß die Haltung, welche gerade die amerikanische Partei zu dem Beschluß des Stutt- aarter Kongresse» über die Aus- und Einwanderung einnimmt, von doppelter Bedeutung sein, da die Bereinigten Staaten von allen Ländern die größte, fich aus allen Weltteilen rekrutierende Ein- Wanderung ausweisen. Dem amerikanischen Parteitag lagen vier Anträge vor, die sich mit der Einwanderung befasien. Zwei der Empfehlungen gingen von der mit dem Studium der Frage und der Ausarbeitung von Vor- schlägen beauftragten Kommission aus. Die von W a n h o p e- New Dort namens der Mehrheit der Kommission eingereichte Empfehlung besagt inhaltlich: Dem vom Internationalen Kongresse zu Stuttgart über die Einwanderung angenommenen Beschlüsse haben wir keine besonderen Empfehlungen hinzuzufügen. Aber an- gesichts der derzeitig in den Vereinigten Staaten abwaltenden Ver- Hältnisse befürworten wir die bedingungslose AuS- f ch ließun g de r Ch i n efen, I ap an e r, Koreaner und Hindu. Wir wenden uns gegen die Einwanderung der Angehörigen dieser Nationen nicht wegen ihrer Zugehörigkeit!zu einer bestimmten Rasse, sondern darum, weil sie aus Ländern mit rück- ständiger Entwickelung kommen und eine Gefahr für den Fortschritt deS intelligentesten und aggresiv st en Elementes unserer Bevölkerung(der organisierien Arbeiterschaft) bilden. Demgegenüber trat der von Spargo-New Fork erstattete Minderheitsbericht für die bedingungslose Billigung der Stuttgarter Resolution und damit für die Beseitigung der die Einwanderung unterbindenden Gesetze ein. Nur das An- werben von Streikbrechern und von Lohndrückern im Auslande und die Herbeischaffung derselben durch die Unternehmer wollte auch Spargo, wie er in der Debatte noch ausdrücklich hervorhob, verboten wissen. Der von Hillquit-New Dorl eingereichte und mit der geringen Mehrheit von SS gegen 20 Stimmen angenommene Antrag lautet: „Die Socialist Party der Vereinigten Staaten begünstigt alle gesetzlichen Maßnahmen, welche geeignet find, die Einwanderung von Streikbrechern und Kontraktarbettern sowie die durch Arbeit- geber künstlich ermunterte Masseneinwanderung von Arbeitern aus fremden Ländern zu verhindern." Lee- New Aork brachte zu der Hillquitschen Resolution einen Zusatzantrag ein. der sich inhaltlich mit der Empfehlung der Kominissionsmehrheit deckt, aber anders begründet ist. Lee möchte nämlich die Einwanderung der Chinesen, Japaner, Koreaner»nd Hindu nicht darum verboten wissen, weil die Angehörigen der ge- nannten Nationen wirtschaftlich rückständig sind, sondern weil sie meistens als Kontraktarbeiter nach den Vereinigten Staaten gebracht werden, ohne daß sich der schon im Auöwanderungs- lande erfolgte Abschluß eines Arbeitsvertrags nachweisen ließe. Durch diese Verklauseliernng dachte Lee einen direkten Widerspruch mit dem Stuttgarter Beschluß zu vermeiden. Dasselbe Bemühen verrät auch der zur Annahme gelangte Hillquitsche Antrag, der formell einen Gegensatz zu der Stellung- „ahme des Stuttgarter Kongresses zu umgeben sucht, aber sachlich den Befürwortern des Ausschlusses der„Asiaten" aus den Ver- einigten Staaten gerecht werden will. Gegen das Verbot der Einwanderung von Leuten, ivelche in« Auslande als Streik- brecher geworben lvurden oder ohne Kenntnis der amerikani- schen Lohn- und Lebensverhältnisse einen Arbeitsvertrag ein« gingen, erhebt sich in der amerikanischen. Partei kaum eine Stimme. Aber der von Hillquit gebrauchte Ausdruck„künstlich ermunterte" Masseneinwanderung ist denn doch zu dehnbar. Er läßt auch die Deutung zu(und m der gewagten Interpretation von Gesetzesbestimmungen sind unsere amerikamschen Juristen Meister), daß die künstliche Ermunterung in der Verbreitung der Nachricht von dem Unterschied, der zwischen den Erwerbsvechälwissen und der Lebenshaltung der Arbeiter des in Betracht kommenden AuS- wanderungSlandes und der werktätigen Bevölkerung der Vereinigten Staaten besteht, zu finden ist. In einer Hinficht geht HillquitS Antrag sogar noch weiter als derjenige der Kommissionsmehrheit. Diese wollte die Ausschließung auf die Angehörigen von vier Nationen beschränken. Anders der Hillquttsche Antrag, der sich als eine Verbeugung vor der American Federation of Labor(amerila- nischer Arbeite, bund) darstellt. Nun wendet sich aber die American Federation of Labor gegen die Ehmesen nicht als Rasse, sondern gegen die Einwanderung von billigen Arbeitskräften, als deren typische Vertreter eben die Chinesen angesehen werden. Dasselbe Argument läßt sich gegen alle Einwanderer au» Ländern von minderer kapitalistischer EntWickelung vorbringen. Zunächst gegen die S l a w e n, die I t a l i e n e r, die G r i e ch e n, die r u s s i s ch e n Juden, dann aber auch gegen D e u t s ch e. F r a n z o s e n und Briten. Will man konsequent sei», so muß man die Aus- schließung sämtlicher Einwanderer verlangen, welche aus Ländern mit einer niedrigeren als der amerikanischenLebenShaltung kommen. Ge- statten dürfte man die Einwanderung nur noch aus Kanada und Australien. Mit der Annahme deS Antrags Hillquit hat der Partei- tag eine schiefe Bahn betreten. Hoffentlich wird sie in zwei Jahren bei der erneuten Beratung über die Einwanderungsfrage ver- lassen. Kennedy-Pennsylvanien verwies auf dem Chicagoer Parteitag darauf, daß die Chinesen keineswegs im gleichen Maße die Löhne drücken, wie die aus Süd- und Osteuropa stammenden Arbeiter der pennshlvanischen Kohlenbergwerke. Bon anderer Seite wurde daran erinnert, daß die Löhne an der pacifischenKüste mit der verhältnismäßig zahl- reich st en chinesischen Bevölkerung höher find als im mittleren Westen, in den, es sozusagen keine Chinesen gibt. Der Angabe Spargos, daß zwar amerikanische Streikbrecher die Arbeitsplätze ausständiger Chinesen und Japaner einnahmen, daß aber umgekehrt die Chinesen und Japaner nicht zun, Streitbruch zu bewegen sind, wurde auf dem Parteitag nicht widersprochen. Sie darf also als richtig an- gesehen werden. Im Verlaufe der Debatte wurden für und wider die ver- schiedenen Anträge im allgemeinen von den Befürwortern der Vor- schlüge der Kommissionsmuiderheit prinzipielle Gründe neben solchen der Opportunität, von den übrigen Delegierten ausschließlich Ziveck- niäßigkeitsrücksichten ins Feld geführt. Nur eine Rednerin, Frau E. D. Cory-Washington, wollte die Chinesen wegen ihrer Rassen- zugehörigkeit aus den Vereinigten Staaten ausgeschlossen sehen. Richtig ist. daß sich mit der starken Einwanderung von Mongolen und Hindu eine zahlreiche, unter allen Umständen politisch entrechtete und darum den, Unternehmertum besonders genehme Arbeiterschicht ansammeln muhte. Denn nur Weiße und Neger können das Bürgerrecht der Vereinigten Staaten erwerben. Aber Abhilfe darf die Socialist Party nicht darin suchen, daß sie neben diesem einen Unrecht auch dasjenige des Verbotes der Einwanderung der Chinesen verewigen und daS Einwanderungsverbot auch„och auf Angehörige anderer Nationen ausdehnen will. Sturm mutzte die Partei gegen die beiden dem Geiste und Programm des internationalen klassenbewußten Prole- tariatS widersprechenden Bestimmungen laufe». politifcde(leberlicdt. Berlin, den 4. Juni 1910. Gefängnisarbeit und Feuerbestattung. DaS preußische Abgeordnetenhaus beriet am Sonnabend zwei Anträge von allgemeinem Interesse. Der erste, von dem Abg. Hammer(k.) gestellte Antrag, der den Schutz deS Handwerks gegen die Gefängnisarbeit betraf, ge- langte einstimmig zur Annahme.— Für die Sozialdemokraten sprach Liebknecht, der sich dem Grundgedanken des Antrags sympathisch gegenüberstellte und in Uebereinstimmung mit dem Re- gierungsvertreter, dem Geheimrat Krahne, die Notwendigkeit betonte, die Gefangenen wieder dem sozialen Leben zurückzugeben. Recht beherzigenswert ist die Anregung unseres Genossen, in den Gefängnissen eine Art Lehrwerkstätten einzurichten, um auch solche Arbeiter zu erziehen, die bisher noch nicht für derartige Arbeiten geeignet waren. Weiter wies Liebknecht darauf hin, daß es er. wünscht wäre, zu dem von dem Antragsteller vorgeschlagenen Beirat, der die Frage der Gefängnisarbeit prüfen soll, nicht nur Vertreter deS Handels, des Handwerks und der Landwirtschast, sondern auch Vertreter der Arbeiter hinzuziehen. Heftiger platzten die Geister bei der Beratung deS freisinnigen Antrags auf Einführung der fakultativen Feuer- bestattung aufeinander. Der Antrag ist ein alter Bekannter, er ist bisher von der konservativ-klerikalen Mehrheit stets ab- gelehnt worden. Auch diesmal wieder zogen daS Zentrum, die Konservativen und die Polen heftig gegen ihn zu Felde, aber ver- gebenS, ihre Bänke wiesen so starke Lücken auf, daß der Antrag angenommen wurde. Zum ersten Mal äußerte sich auch ein Sozial- demokrat zu dieser wichtigen Frage. In kurzer, aber prägnanter Rede widerlegte er die von den Frömmlern gegen die Feuer. bestattung vorgebrachten Argumente und versetzte besonders dem Zentrum einige wohlverdiente Hiebe. Am Montag sollen wieder Initiativanträge beraten werden. „Wichtigkeit!" Die erhitzten Glaubensstreiter»vollen nun ihr Gezänk in den Dreiklassenlandtag tragen. Für die Nationalliberalen hat Herr v. Hackenberg folgende Interpellation ein- gebracht: „Die in dem„Osservatore Romano' Rr. 146 d. I. ver- öffentlichte Borromäusenzyklika enthält Schmähungen der evangelischen Kirche, ihrer Reformatoren und der der Reformation zugetanen deutschen Fürsten und Völker. »Welche Matzregeln gedenkt die königliche Staats- regierung zu ergreifen, um den durch d,e Veröffentlichung dieser Enzyklika bedrohten konfessionellen Frieden in Preußen zu sichern?" Hinter der nationalliberalen Konkurrenz dürfen die Kon- scrvativen schon aus Rücksicht auf ihre Pastoren, diese treff- lichcn, aus allgemeinen Staatsmitteln erhaltenen Wahlhelfer, nicht zurückbleiben. Sie interpellieren folgendermaßen: „Was gedenkt die königliche Staatsregierung zu tun, um durch die preußische Gesandtschaft be,m Vatikan oder auf anderem Wege solchen Beschimpfungen der evangelischen Kirche. wie sie in der Enzyklika deS Papstes vom 26. Mai enthalten sind, und die den konfessionellen Frieden ernst- lich gefährden, wirksam entgegenzutreten?" Dies beiden katholischen Abgeordneten der konservativen Fraktion v. Gescher und WolkowSki haben die Int«- pellation nicht mitunterzeichnet. ES trifft sich sehr gut, daß als Unterzeichner der national- liberalen Interpellation derselbe Herr Hachenberg fungiert, der der Vater des berüchtigten Schul- k o m p r o m i s f e s ist. Die Nationalliberalen tragen die Hauptschuld an der Verschlechterung des preußischen Volks- schulwesens; sie haben die Konfessionalisierung der Schule auf dem Gewissen und haben dadurch das Gebiet des konfessionellen Haders erst recht ausgedehnt, die Herrschast der Kirche über die Schule befestigt. Und diese Leute wagen es jetzt, eine Entrüstungskomödie zu inszenieren, weil Pfaffen nicht lassen können, wovon sie doch leben: das konfessionelle Gezänk. Zuerst befestigen Konservative und Nationalliberale im Verein mit dem»Zentrum die Macht der Kirchen, weil sie in der Kirche ein gutes Mittel sehen, die Herrschaft ihrer Klaffe zu erhalten und den wachsenden Widerstand des Volkes zu ver- ringern, und dann stellen sie sich hin und tun entrüstet, wenn sich die diversen Kirchenväter in die Haare geraten. Als ob es nicht das gute Recht und daS Geschäft der Pfaffen wäre, die Brüdex von der anderen Couleur nach Kräften herunterzumachen. Und als ob an solchem Krakeel viel gelegen wäre, da doch glücklicherweise die Volks- maffen immer inehr sowohl von den einen als von den anderen nichts wissen wollen. Am komischesten sind die Konservativen in ihrer neuesten Rolle. Wenn auf irgend einem Gebiet, so sind doch gerade die Konservativen in dem Haß gegen die Aufklärung, gegen die Befreiung der Schule und des Lebens aus der religiösen Gebundenheit ein Herz und eine Seele mit dem Zentrum. Im Kampf gegen Geistesfreiheit waren Ritter und Heilige stets die treuesten Bundesgenossen. An dieser Bundesgenossen- schaft wird natürlich auch die bevorstehende Debatte nichts ändern. Der ganze Entrüstungsrummel ist eben nur eine nichtsnutzige Komödie, die die Herren allerdings inszenieren müssen, um ihre nicht allzu zahlreiche, gut- gläubige Gefolgschaft. die in der Ideologie der religiösen Vergangenheit noch befangen ist. darüber hinweg zu täuschen, daß sie in Wirklichkeit in allen realen Fragen ihrerPolitik mit demZentrum völlig eins sind. Wenn aber von manchen Seiten die Forderung der A b« berufung des preußischen Gesandten beim Vati- kan aufgestellt wird, so haben wir gegen die Auflassung dieses unnützen Postens gewiß nichts einzuwenden. Nur scheint es uns. daß dieser Schritt nicht der erste, sondern der letzte sein müßte der vollständigen Trennung der Kirche vom Staate. Neugierig darf man auf den Herrn v. B e t h- mann sein. In der bevorstehenden mittelalterlichen Disputation ist er eigentlich am richtigen Platz. Und da es dabei keine Gefahr hat, wird er vielleicht sogar einmal energisch werden und ein paar unfreundliche Worte verlieren. Liegt es ja auch in seinem Interesse, diese Komödie möglichst lange hinauszuziehen. Aber trotz aller Jnszenierungskünste wird das Spektakclstück nicht allzulange dauern, denn die Hauptperson, das Volk, ertellt eine Absage._ Noch ein paar Glossen zur„Zulage". Von einem Eingeweihten wird uns geschrieben? Die bürgerlichen Parteien haben sich geeinigt, in eine Er- höhung um 2Vj Millionen Mark ab nächsten Winter— Etat für 1910/11— einzuwilligen. Die Regierung hat das für ungenügend befunden. Die sämtlichen Parteien haben sich dann bereit ge- funden, 3% Millionen Mark jährlich sofort zu bewilligen. Konser- vative und Freikonservative waren natürlich für 4)4 Millionen Mark. Die Nationalliberalen haben sich noch am zurückhaltendsten gezeigt. Falls der Freisinn Opposition gewagj lHtte. wäre es bei 2 Vi Millionen Mark geblieben. Das brave Zentrum wird ge- schloffen dafür stimmen; die paar Opponenten dürfen den Saal verlassen. Eine Diskussion wird nicht beliebt werden; für jede Partei wird nur eine kurze Erklärung abgeben. Die Vor- läge soll am Mittwoch zur Beratung kommen und sofort erledigt werden. »» » Die Fürsorge, die die Vorlage Nr. 2 für die Theater an den Tag legt, nimmt sich ja sehr kulturträgerisch aus und wirkt um so rührender, als die aus der Hinterlaffenschast früherer Könige und Fürsten von Gottesgnaden(sofern es nämlich solche vor 1866 gegeben haben sollte) übernommenen Hoftheater von Hannover, Kassel und Wiesbaden in den Vordergrund geschoben werden. Leider sorgen schon die hohen, für das arbeitende Volk und so ziemlich für den ganzen Mittelstand un- erschwinglichen Eintrittsgelder der Königlichen Schauspiele dafür, daß diese Art Kultur ein privi- legierter Genuß sehr enger Kreise, etwa der ersten und so ungefähr der Hälfte der zweiten Wählerklasse bleibt. Denkt man übrigens an die Darbietungen des Sardanapal-Balletts, an Joseph Laufs und sonstige Königlich preußische privilegierte Hos- dichter, so ist man geneigt, diese Exklusivität milder zu beurteilen. Die Freude über die vermehrte Subventionierung dieser„Kunst- institute" aus dem allgemeinen Steuersäckel wird bei der Masse der Steuerzahler freilich nur eine sehr mäßige sein, was natürlich nicht hindern wird, daß der allbürgerliche Byzantinerblock die glücklich auf 3V6 Millionen heruntergehandelte Zivillistenerhöhung mit mehr oder minder großer hurrapatriotischer Begeisterung bewilligt._ Liebestverben. Zu einer Gcmeinbürgschaft der bürgerlichen Parteien gegen die Sozialdemokratie fordert die„Märkische Volkszeitung" auf. In einer Wahlbetrachtung über den Ausfall der Wahl in Jauer-Bolkcnhain schreibt das Zentrums- blatt: „Diese Gemeinbürgschaft kann nur in der Form bestehen, daß die bürgerlichen Parteien grundsätzlich und ge- schlössen für den bürgerlichen Stichwahlkandidaten eintreten. Notwendig verbunden ist damit die Anerkennung, daß alle bürgerlichen Parteien in der Hauptwahl das Recht haben, ihre Kräfte zu messen. Welche Partei sich als die stärkste erweist. muß von den anderen bürgerlichen Parteien bedingungslos unterstützt werden. Dies alles ist nur unter der Voraussetzung möglich, daß von allen bürgerlichen Parteien die Sozialdemo- kratie als der gemeinsame und grössere Feind angesehen und bekämpft wird." Weitet meint das Blatt, daß eine Partei, die die Sozialdemo- kratie nicht von vornherein als das größere Uebel ansieht, auch keinen Anspruch erheben kann, in der Stichwahl unterstützt zu werden. Die Rechtsparteien, zu denen die„M. V." das Zentrum natürlich auch rechnet, hätten gar keine Veranlassung, die zunächst widerspenstigen Liberalen in der Stichwahl zu unterstützen. Auch diese Auslassung verrät den dringenden Wunsch des Zentrums, den schwarz-blauen Block zu einem festen Wahlbündnis für die kommenden Reichstagswahlen auszugestalten. Reaktionär, wie daS Zentrum ist, wird es bei den kommenden Wahlen auf der Seite der ihm geistesverwandten Junker zu finden sein. Uns kann solche klare KampfeSstcllung ja nur erwünscht sein. Die deutschen Finanzen. Das kaiserliche Statistische Amt veröffentlicht eine Darstellung der Finanzen des Reiches und der deutschen Bundes« st a a t« n auf Grund der Voranschläge für daS Rechnungsjahr 1909, der Staatsrechnungen für das Rechnungsjahr 1907. Insgesamt betragen die StaatSausgaben nach den Bor» anschlägen der Bundesstaaten 6649 Millionen Mark(darunter außerordentliche 280), für das Reich 3391(darunter außerordent» liche 756), zusammen in Reich und Bundesstaaten 9240(darunter außerordentliche 1036). Die Staatseinnahmen belaufen sich in den Bundesstaaten auf 5628 Millionen Mark, im Reich auf 3591, zusammen in Reich und Bundesstaaten 9219(darunter außer- ordentliche des Grundstock, Anleihen und sonstigen Staatsfonds 414 bezw. 756). Unter den ordentlichen Ausgaben und Einnahmen der B u n de s st aa t e n stehen die Erwerbseinkünfte mit 2707 bezw. 3540 Millionen Mark an erster Stelle. Der Hauptanteil entfällt aus die StaatSeisenhahnen mit 2005 bezw. 2594. Der Rest verteilt sich auf Domänen, Forsten, Bergwerke. Staats» dampfschiffahrt, Post, Telegraph und die sonstigen Staatsbetriebe. Die ordentlichen Ausgaben und Einnahmen des Reiches an Er- werbSZnstalten(754 bezty.$$ Millionen Mark) entfallen Haupt» sächlich auf Post und Telegraph(640 beztv. 673) und die Eisenbahnen(10S bezw. 123). Die nächstwichtige Einnahmequelle bilden Steuern und ö l l e. Die Bundesstaaten erheben an direkten Steuern 666, ufwandsteuern 84, Verkehrssteuern 96 und Erbschaftssteuern 17, zusammen 862 Diillionen Mark. Das Reich bezieht aus Zöllen 739, aus Aufwandsteuern 667, aus Verkehrsstcuern 142 und aus der Erbschaftssteuer 30, zusammen 1478 Millionen, darunter 8S Millionen auf Grund der neuen Steuergesetze. Zahlenmäßige Nachweise über das StaatSbermögen der einzelnen Bundesstaaten konnten nur in bezug auf wichtigere Be. standteile erbracht werden. Neben Ueberschüssen früherer Rech- nungsjahre, verfügbarem Staatskapitalvermögen usw. besitzen die Bundesstaaten an Domänen ein Areal von 779 279 Hektar, an F o r st e n S 031 595 Hektar. Die Staatseisenbahnen repräsentieren eine Länge von 52 745 Kilometer(im Reich 1361) und ein Anlagekapital von 15 259(im Reick) 795) Millionen Mark. Die fundierten Staatsschuld en beziffern sich zu Be. ginn des Rechnungsjahres 1909 für die Bundesstaaten auf 13 679 (darunter Preußen 8225, Bayern 1795), für das Reich auf 3894 Millionen Mark. Die schwebenden Schulden betragen ins- gesamt 961 Millionen Mark; sie entfallen in der Hauptsache auf das Reich(360) und Preußen(545). Skandalöse Polizeipraktiken! Während die in den Großstädten Bochum- und Gelsenkirchen neu eingeführte königliche Polizei im allgemeinen davon absieht, diejenigen Wirte zu schikanieren, die ihre Lokale den organisierten Arbeitern zur Verfügung stellen, nimmt die küniglichePolizei in Essen eine andere Stellung ein. Diese läßt es die Wirte deutlich fühlen, daß ihr Verhalten in den Augen der Polizei Miß- fallen erregt. Hat ein Wirt in der„A rb e i t e r» Z e i t u n g" ein Inserat aufgegeben, so erhält er beim nächsten Straf- mandat wegen Uebertretung, die in solchen Fällen nicht lange auf sich warten läßt, weil die Polizei immer etwas finden kann, wenn sie will, das Inserat aus der„Arbeiler-Zcitung" fein säuberlich« ausgeschnitten, als Wink mit dem Zaunpfahl beigelegt. Eine sonderbare, wohl bisher einzig dastehende Praktik. Was sagt der Minister des Innern zu diesem Verfahren, das an Eindeutigkeit nichts mehr zu wünschen übrig läßtl frankmeb. Tie Wahlreform. Paris, 1. Juni.(Eig. Ber.) Die Grundzüge des von der Regierung vorbereiteten Entwurfs über die Wahlreform find nunmehr bekannt, und sie zeigen, wie wenig man Briand trauen darf, wenn er Geschenke bringt. Vor allem ist die Einführung der Verhältnisivahl mit der Verlängerung der Mandatsdauer auf sechs Jahre und der alle zwei Jahre er- folgenden Erneuerung eines Drittels der Mandate verbunden, zwei Bestimmungen, die mit der Proporzidee nicht das geringste zu tun haben und nur geeignet sind, die Beratungen über die Reform in die Länge zu ziehen. Sie können auch manchen Deputierten, die, der Volksstimmung Rechnung tragend, sich auf den Proporz verpflichteten, den Vorwand zur Ablehnung des Gesetzes geben. Aber auch was über die angekündigte Verhältniswahl selbst in die Ocffentlichkeit gekommen ist, muß Vcrtvunderung und Mißtrauen»»ecken. Denn, was da vorgeschlagen wird, ist überhaupt keine wirkliche Verhältniswahl, sondern ein ausgesprochenes Majorisierungssystem mit einer gewissen garantierten Minoritätenvertretung, also eigentlich eine in ihrer rechtsräuberischen Brutalität cttvas gemilderte Listenwahl. Die Zuteilung der Mandate soll nämlich in folgender Weise geschehen: Die Zahl der Wahl- berechtigten des Wahlkreises wird durch die Zahl der zu wählenden Deputiertendividiert. Das Resultat ist der Wahlquoticnt. Andererseits wird der Durch- schnitt der auf jede Parteiliste entfallenden Stimmen gezogen und jeder dieser Durchschnitte durch den Wahl- guotienten dividiert. So oft der Wahlquotient im Durchschnitt enthalten ist, so viel Mandate erhält die betreffende Partei. Aber in der Regel bleiben dann noch Mandate übrig— mindestens eins, da der Wahlquotient nie in den Wählcrzahlen restlos aufgehen kann, schon darum, weil die Wahlbeteiligung nie 100 Proz. ausmacht. Die übrig- gebliebenen Mandate sollen nun einfach als Prämie der Partei zufallen, die die meisten Stimmen aufgebracht hat. Nehmen»vir z. B. an, ein Wahlkreis von 200000 Wählern habe 10 Deputierte zu wählen. Die Wahlbeteiligung ist 80 Proz., die Zahl der abgegebenen Stimmen also 160000. Es sind drei Parteilisten aufgestellt. Die Liste A vereinigt 60000 Stimmen auf sich, die Liste B 55,000, die Liste C 45 000. Da der Wahlquotient 20000 beträgt, werden nächst der Partei A(60000 dividiert durch 20000) drei Mandate, der Partei B und der Partei C je zwei Mandate zugeteilt. Es bleiben also noch drei Mandate zur Verfügung und diese bekoinmt nun A als Prämie, so daß diese Partei mit 60000 Stimmen sechs Mandate errungen hat, die beiden anderen mit zusammen 100000 Stimmen nur viert Inwiefern diese Wahl noch „proportional" sein soll, ist wirklich nicht leicht zu sagen. Der Majorität werden eben nicht nur die verlorenen Quotienten- bruchteile der Minderheitsparteien, sondern alle nicht- abgegebenen Stimmen zugerechnet, was, wie das„Journal des Debats" sehr richtig bemerkt, eine Prämie auf die Fabrikation falscher Wähler ist. wobei sogar, weil niemand ihre Stimmen in die Urne zu werfen braucht, die Straflosigkeit gesichert ist. Man sieht also, daß BriandS Bekehrung zum Proporz mit Vorsicht aufzunehinen ist. Die Kammersitzung. Paris» 4. Juni. In der gestrigen Kammersitzung wurden 504 Mandate für gültig erklärt. Die restlichen 93, dprunter das Mandat DelcasseS, sowie das des Unterstaatssekretärs im Kriegsministerium S a r r a u t, gegen die Proteste einliefen, dürf- ten mehr oder weniger lebhafte Erörterungen veranlassen. Der Pariser Deputierte B e r r y will bei dieser Gelegenheit beantragen, über die Gültigkeit der Mandate öffentlich und namentlich abzustimmen. Ministerpräsident Briand dürfte am nächsten Donnerstag, wo sich die Kammer endgültig konstituiert, die R e. gierungserklärung verlesen, die zweifellos eine mehrere Sitzungen ausfüllende Jnterpellationsdebatte über die allgemeine Politik des Ministeriums hervorrufen wird. Italien. Eine Rede LuzzattiS. Rom, 4. Juni. Die Deputiertenkammer verhandelte heute das Budget des Innern. In Beantwortung verschie- dener Anfragen erklärte Ministerpräsident Luzzatti, er werde einen Gesetzentwurf vorlegen, durch den das Zwangsdomizii abgeschafft und durch andere auf bestrafte Personen anzuwendende Maßregeln ersetzt wird. Luzzatti trat dann für schnelle Erledi- gung der von Giolitti eingebrachten Vorlage betreffend die Für- sorge für verlassene Kinder ein und erklärte weiter, er werde mit größter Strenge für die Unterdrückung der Schmutzliteratur sorgen. Der Minister ging dann auf politische Fragen ein, fxrgch gegen dg? glkgeWSine Stimmrecht und erklärte, er mach« LaS Wahlrecht von der Bildung abhängig. Die Regierung werde, wie auch früher, sich jeder Beeinflussung der Wahlen enthalten. Was die A u s st ä n d e anbetreffe, habe die Regierung in gleicher Weise für die Freiheit der Arbeit wie für die Freiheit, die Arbeit einzustellen, zu sorgen, und Gewalttätigkeiten, von welcher Seite sie auch begangen werden, zu unterdrücken. Mit der Redensart von der Freiheit der Syndikate könne er sich nicht ein- verstanden erklären. Alle Freiheiten beruhten auf der Freiheit des JndividuuinS, und Freiheit des Syndikats könne dahin aus- arten, daß sie die Freiheit des Individuums beeinträchtige. In der Auffassung des Begriffs der Freiheit bestehe ein großer Unterschied zwischen den angelsächsischen und den lateinischen Völkern. Für erstere bestehe die Freiheit darin, ihre Ideen unter Achtung der Ideen anderer zu verteidigen. Die lateinischen Völker verständen unter der Freiheit nur zu leicht die Möglichkeit, die Ideen anderer zu bekämpfen. Die Auffassung der angelsächsischen Völker führe zur wahren Demokratie, die der lateinischen Völker zur Demagogie und zur Tyrannei. Italien müsse die erstere wählen, denn die tvahre Freiheit führe zum Triumphe der Wahrheit, während Ge- walttätigkeit immer zum Ruine führe.(Lebhafter Beifall, der Ministerpräsident wurde von vielen Deputierten beglückwünscht.) Hierauf wurden alle Tagesordnungen zurückgezogen und das Haus trat in die Spezialberatung ein.:= Die Kammer hat das Budget des Innern bewilligt. Japan. Eine Tartarennochricht. Paris,'4. Juni. Dem hiesigen New Uork Gerald wird aus Fo k o h a m a gemeldet, man fei dort einer großen s o z i a» istifchen Verschwörung auf die Spur gekommen. Meh- rere Agitatoren hätten in der staatlichen Waffenfabrik Bomben hergestellt, angeblich, um den Ministerpräsidenten und die übrigen Minister zu töten. Es gehört schon die ganze Verleumdungstechnik der„Deutschen Tageszeitung" dazu, diese Sensationsmeldung unter dem Titel: «Große sozialdemoßraltfsche Verschwörung in Japan" zu veröffentlichen. Das gewissenlose Verleumderblatt könnte schon wissen, daß Sozialdemokraten prinzipiell die terro. ristische Taktik verwerfen. In Wirklichkeit hat die japanische Re« gierung mit den brutalsten Mitteln die sozialistischen Organe» sationen gesprengt und ihre Führer verfolgt. Sollte an der Nach- richt überhaupt etwas wahres sein, so könnte es sich höchstens um ein Lockspitzelstück handeln, um neue Vorwände für Ber» folgungen zu schaffen._ flu; der Relchsveriicherungsordnungs- Kommission. Will ein Senat des Reichsversicherungsamtes in einer grund- sätzlichen Rechtsfrage von der Entscheidung eines anderen Senats abweichen, so ist die Sache zur Entscheidung an einen er- wetterten Senat zu verweisen. Dieser entscheidet nach dem geltenden Recht unter dem Vorsitz des Präsidenten des Reichs- bersicherungSamtes in der Besetzung mit zwei nichtständigen Mit- gliedern des Reichsversicherungsamtes aus den vom Bundesrat gewählten Mitgliedern, zwei ständigen Mitgliedern, zwei richter- lichen Beamten und je zwei Vertretern der Arbeitgeber und der Arbeiter. An Stelle der vom Bundesrat gewählten Mitglieder können Mitglieder des NeichSversicherungSomteS zugezogen werden. Die Regierungsvorlage will die Besetzung des ertveiterten (Großen) Senats verringern, so daß statt zwei ständigen Mit- flliedern nur eins, statt zwei richterlichen Beamten nur einer und tatt je zwei Vertretern der Arbeitgeber und Arbeitnehmer nur je einer mitwirken. Die Sozialdemokraten beantragten, daß die gegen- wältige Besetzung des erweiterten Senats beibehalten wird. Das bisherige Verfahren habe sich bewährt. Da die Entscheidungen des erweiterten Senats vor großer Bedeutung seien, so sollte hier nichts zeändert werden. Gespart werde durch die geringe Besetzung ber- chwindend wenig, da der erweiterte Senat nur einmal im Viertel- ahre tagt. Die Konservativen wollten den Vorschlag der Re- gierungen nur darin ändern, daß zwei weitere ständige Mit- glieder hinzugefügt werden. Dagegen wollten sie mehr Vertreter der Arbeiter und Arbeitgeber nicht haben. Meinte doch Herr v. Gamp, daß hier die Vertreter der Arbeiter und Unternehmer nur dekorative Bedeutung haben, sehnlicher Meinung ist der Staatssekretär. Er legt der Mitwirkung der Arbeiter- und Unternehmervertreter namentlich deshalb Bedeutung bei, weil sich die Herren persönlich davon überzeugen können, daß die Ent- scheidungen nur nach Recht und Gerechtigkeit gefällt»verden. Diesen beiden Rednern»vurde nachgewiesen, daß auch der er» »veiterte Senat bei seinen Entscheidungen oft genug die tatsäch- lichen wirtschaftlichen Verhältnisse zu berücksichtigen hat. Dem- gemäß habe sich die Mitwirkung der Arbeiter- und Unternehmer. Vertreter auch in dieser Beziehung bewährt.— Schließlich wurde der Antrag der Sozialdemokraten mit großer Mehrheit ange» n o m m e n. Vor der Abstimmung über die Landesvcrsicherungsämter gab Abg. Becker dix Erklärung ab. daß er gegen den Zentrums- antrag stimmen werde, den er in der vorigen Sitzung unter- schrieben habe: Belassung der Landesversicherungsämter in den Bundesstaaten mit mindestens drei Oberversicherungsämtern. In der vorigen Sitzung sei die Frage an den Vertreter der preußi- schen Regierung gerichtet worden, ob etwa auch Preußen ein be- sondeves Landesversicherungsamt errichten wolle. Diese Frage sei nicht beantwortet»vorden. Daraus entnehme er die Ueberzeugung, daß es notwendig sei, alle Landesversicherungsämter zu beseitigen. Der Staatssekretär versicherte, er könne sich keinen Grund denken, weshalb Preußen die großen Aufwendungen für ein besonderes LaicdeSverficherungSamt auf sich nehmen solle.— In der weiteren Debatte wurde darauf hingewiesen, daß nach der Regierungsvorlage die Befugnisse der Landesversicherungsämter bedeutend erweitert werden sollten. Daher sei es höchste Zeit, im Interesse der Rechts. einheit, ein Ende»nit den Landesversicherungsämtern zu machen. Dagegen schlugen einige konservative und ultramontane Ab- geordneten vor, die jetzigen LandesversicherunaSämter bestehen zu lassen, aber nur mit den bisherigen Befugnissen. Dann werden gegen die Stimmen des Zentrums und der Konservativen die Landesversicherungsämter gestrichen. In dem Abschnitt über R e ch t S h i l f e ist den öffentlichen Behörden wie bisher so auch für fernerhin die Verpflichtung auf- erlegt worden, den Ersuchen der VcrsicherungS- und anderen öffent- lichen Behörden sowie der Organe der Versicherungsträger im Vollzuge der Versicherungsordnung zu entsprechen, insbesondere vollstreckbare Entscheidungen zu vollstrecken: Die Sozialdemo- k r a t e n hatten beantragt, daß auch Zeugen eidlich vernommen werden sollen. Bisher war es zweifelhast, ob die Gerichte zu einer solchen eidlichen Vernehmung verpflichtet seien. Für die Ar- bciter ist es aber sehr wichtig, daß die Zeugen eidlich vernommen werden. Der Antrag wurde»nit der Erweiterung angenommen, daß auch Sachverständige eidlich zu vernehmen sind. Ferner beantragten die Sozialdemokraten: Bei den Beweisaufnahmen ist den Parteien Gelegenheit zur Teilnahme zu geben. Während eines Streitverfahrens sind Beweisaufnahmen der Versicherungsträger unzulässig. Der erste Satz hat sich aus der Praxis als notwendig ergeben, damit die an einem Unfall beteiligten Arbeiter bei den nur zu oft ganz einseitigen Beweisaufnahmen zugegen sein und etwaige Un- richtigkciten sofort richtig stellen können. Dieser Satz wurde denn auch einstiinmig angenommen. Für den ziveiten Satz dagegen stimmten außer den Sozial- demokraten nur die Fortschrittler und die Polen, und dieser Teil des Antrages wurde daher abgelehnt.— Abg. Becker erkannte ztvar an, daß auch in diesem Vorschlage„ein sehr berechtigter Kern" sei. Da er aber noch nicht die Tragweite der Bestimmung übersehen könne, stimmten er und alle anderen Zentrums- abgeordnete vorläufig" den Mtrsg akdec. Unter den Bestimmungen, die sich auf die„Leistung e n beziehen, ist in deln Entwurf neu vorgeschlagen worden, daß die Ansprüche des Berechtigten auch wegen„rückständiger Be»- träge, die nicht seit länger als drei Monaten fällig sind, über- tragen, verpfändet und gepfändet" werden können. Die Sozial» demokraten beantragten, daß die Frist auf einen Monat be- schränkt wird, weil sonst eine unverhältnismäßig große Harte für Erkrankte eintreten könnte. Der Antrag wurde einstimmig an- genommen.. Beschlossen wurde noch, daß nach dem 1. Buch nicht toie oe- absichtigt war, das letzte Buch, sondern das 2. Buch des Entwurfs über die Krankenversicherung beraten werden soll. Nächste Sitzung Montag. Uli! der Mtkliommlssion. Bei der in der Freitaassitzung vorgenommenn Abstii»»mung über den Z 116 wurden durch die Annahme des Antrages G r o e- ber wesentliche Verbesserungen zum«Schutze des Verhafteten rn die St. P. O. aufgenominen. Der Antrag unserer Genossen wurde abgelehnt. Auch bei 8 117, die Untersuchungshaft betreffend, wurden einige weitere Erleichterungen für den Untersuchungsgefangenerr gesetzlich festgelegt. Abgelehnt wurde neben dem sozialdemokra- tischen Antrag auch ein Antrag der Nationalliberalen, der vmn Bundesrat die einheitliche Regelung der Untersuchungshaft über das ganze Reich forderte. Durch einen vom Abg. Groeber eingebrachten Antrag sollte ein§ 117s geschaffen werden, in dem gesagt wird, daß, wenn der Verhaftete mit Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand nicht ein- geliefert werden kann, darf der Nichter die Unterbringung des Untersuchungsgefangenen in eine Krankenanstalt anordnen. Die Vernehmung des Verhafteten ist auszusetzen. Auch soll die Unter- suchungshaft unterbrochen werden, wenn der Verhaftete erkrankt. Von den sozialdemokratischen Kommissionsmitgliedern wurde dieser Antrag lebhaft unterstützt. Die Regierungsvertreter wendeten sich dagegen, indem sie behaupteten, daß diese„Selbstverständlichkeiten" bereits im 8 122 des Enttvurfs berücksichtigt worden seien. Dem- gegenüber führten unsere Redner an, daß der 8 122 nur bestimmt: Die Haftentlassung darf unterbleiben, wenn der Flucht oder Kölln- sionsgefahr durch andere Matznahmen vorgebeugt werden kann. Dazu beantragten unsere Genossen, die Anwendung dieser Be- stimmung durch das Wort„darf" nicht in das Belieben des Rich- ters zu stellen, sondern zu sagen, der Haftbefehl„hat zu unter» bleiben". Der sozialdemokratische Antrag wurde gegen die Stim- men der Sozialdemokraten, Freisinnigen und Polen abgelehnt; der Antrag Groeber gelangte mit 17 gegen 10 Stimmen zur Annahme. Der 8 HL sieht die Haftaufhebung gegen Si«cherheitsleistung vor. Die Höhe der Kautionssumme hat der Richter zu bestnnmen. Ein Antrag Spahn bezweckt in der Hauptsache, daß in leichteren Straftällen gegen Sicherheit die Haft zu unterbleiben hat. Ter Antrag wurde abgelehnt und beschlossen, wenn die Untersuchungs- Haft nur wegen Fluchtverdachts verhängt ist, der Haftvollzug unter- bleiben soll, wenn Sicherheit geleistet ist. In der RegierungS» Vorlage hieß eS anstatt„soll",„könne". freies Geleit kann der Richter dem Beschuldigten«ruf Grund 123 erteilen, wenn der Beschuldigte die Geleitsbedingungen innehält, keinen Fluchtversuch unternimmt, oder wenn nicht auf Freiheitsstrafe gegen ihn erkannt wird. Auf Antrag von Groeber und unseren Genossen wurden die letzten beiden Bedingungen ge» strichen. Nach dem 8 126 Absatz 2 ist der Haftbefehl aufzuheben, wenn die öffentliche Klage nicht innerhalb vier Wochen— bei Vergehen innerhalb zwei Wochen nach der Verhaftung beim Gericht erhoben ist. Unsere Genossen beantragten, anstatt dessen zlvci Wochen respektive eine Woche zu setzen. Das wurde abgelehnt. Dauert die Untersuchungshaft länger als zwei Monate oder ist nach Ablehnung eines Einivandcs gegen den Haftbefehl bereits diese Zeit vergangen, so hat der Untersuchungsrichter nach 8 127 über die Fortdauer der Haft eine Gerichtsentscheidung herbeizu- führen. In dem Verfahren darüber ist dem Beschuldigten«in Verteidiger zu stellen. Dazu»vurde beantragt, zu bestimmen, daß die Strafsachen gegen Verhaftete bor allen anderen Sachen be- handelt und beschleunigt werden müssen. Die Einlvände gegen die Fortdauer der Haft sind nach den Bestimmungen des§ 116 zu behandeln. Den Nationalliberalen ging selbst die Regierungs- vorläge noch zu weit. Sie beantragten, diese Garantien dem Ver- hafteten nur dann zu gewähren, wenn er darauf nicht verzichten will. Unter Ablehnung aller Anträge wurde der 8 127 in der Fassung der Regierungsvorlage gegen die Stimmen der Konfer» vativen, Nationallibcralen und des Antisemiten angenommen, Fortsetzung der Beratung am Dienstag., Huö der Partei. Emmanuel Chanvidn gestorben. Pari«, 3, Juli.(Eig. Ber.) Gestern ist hier der sozialistische Deputierte des 15. Arrondissement, Genosse Emmanuel Chauvidre im Alter von 60 Jahren gestorben. Er war einer der Veteranen der französischen Betvegung. Als blutjunger Buchdrucker nahm er an dem Kampf gegen das Kaiserreich teil, in der Gefolgschaft B l a n q u i S, dessen putschistischer Richtung er lange treu blieb. Er beteiligte sich auch an dem von Blanqui orgaicisierten ver- ungliickten Handstreich gegen die Feuerwehrkaserne von Billette ain 14. August 1870. Wegen seiner Teilnahme an der Kommune wurde er zu fünf Jahren Gefängnis ver- urteilt, die er abbüßte. Hierauf ging er nach Belgien,»vo er bis zur Amnestie blieb. Nach seiner Riickkehr arbeitete er eifrig an der emporstrebenden sozialistischen Presse der achtziger und neunziger Jahre mit und drang unter dem Einfluß V a i l l a n t s tiefer in die sozialistische Gedankenlvelt ein. 1883»vurde er zum Gemeinderat, 1893 zum Deputierten gewählt. Er behielt daS Mandat bis zuletzt. In den letzten Jahren, als sich nach der Einigung der sozialistischen Partei ihr Klassencharakter verschärfte, blieb er nicht immer iin Einklang mit der Organisation. Er zeigte starke blocksozialistische AnWand» hingen, und bei den letzten Wahlen stellte die sozialistische Seine- Föderation ihm sogar einen Kandidaten entgegen. Chauvidre be- hielt jedoch die größere Stimmenzahl und bor dem zweiten Wahl- gange kam eS zu einem Einvernehmen, so daß Chauvidre als Kandidat der Partei anerkannt und aelvählt wurde.— In den letzten Jahren hat Chauvidre feinen Eifer hauptsächlich Werken der Wohlfahrtspflege gewidmet._ Jugendbewegung. Der Kampf um die Jugend. Wie in anderen Städten, hat sich auch für Augsburg und die Vororte eine Jugendorganisation gebildet, die sich zum großen Leidwesen der katholischen Geistlichen zu einem statt- lichen Mitgliederstand entwickelte, während die Zahl der Mitglieder der katholischen Lehrlingsvereine ständig zurückgeht. Von der Geistlichkeit wird deshalb mit allen Mitteln gegen die Jugendorganisation und ihre Mitglieder gekämpft. In Pfersee, einem Vororte Augsburgs, wurde«in wahrer Feld- zug gegen die Mitglieder der Jugendorganisa» tion eröffnet. Nachdem man erst versucht hatte, den Jugend» lichen ihr Versammlungslokal abzutreiben, ließ der Pfarrer jede? einzelne Mitglied zu sich laden, um es unter den verschiedensten Drohungen zum Austritt zu bewegen. WS das nicht half, wurden die Eltern aufgesucht und bearbeitet. Das Lesen des OrganS „Arbeitende Jugend" erklärte der Pfarrer einfach als strafbar. Bis jetzt hat das Wüten der Pfcrseer Geistlichkeit gegen die Jugendorganisation keinen Erfolg gehabt, und die dortigen Ge- nossen sind auch keineswegs gewillt, sich die Uebergriffe der Geist- lichkeit so ohne weiteres gefallen zu lassen, sondern haben energische Schritte dagegey eingeleitet, SS- AM«! Migmjsc»! GtiiM der dmKudm Kmrdeitll!-»v Gewerk sckaftlicke�. es zum Cncle? STm Montag treten sowohl die Organisationen der Bau» arbeiter wie die der Baunternehmer zusammen, um Stellung zu den Vorschlägen der Unparteiischen zur Beendigung des Kampfes im Baugewerbe zu nehmen. Die Bauarbeiter tagen in Berlin, die Unternehmer tagen in Leipzig. Die Unter nehmer scheinen in ihrer Stellungnahme recht unschlüssig zu sein. Die Verhandlung, zu der übrigens Vertreter der Presse keinen Zutritt haben sollen, ist für 3 Uhr nachmittags an- gesetzt. Der Bundesvorstand rät den Kollegen jedoch, schon von 12 Uhr ab„zur gegenseitigen Aussprache" im VerHand lungslokale anwesend zu sein. *» * Die Bauunternehmer Lüdenscheids waren schwer zu bewegen, die Arbeiter auszusperren. Schon lange lagen im größten Teil Westfalens die Bauten still, während in Lüden scheid immer noch gearbeitet wurde. Doch die Macht der Oberscharfmachcr war zu groß, ihr Einfluß zu stark, als daß es den Lüdenscheider Unternehmern so leicht möglich gewesen wäre, gegen ihren Willen zu handeln. Sie ließen sich wider Willen mit fortreißen und sperrten aus. Wenn sie aber meinten, dadurch der Arbeiterschaft schaden zu können, so irrten sie. Bald war der überwiegend größte Teil der Bau arbeiter untergebracht. Somit war die Machtprobe zwecklos geworden; denn es wäre voraussichtlich am nächsten Montag der Znll eingetreten, daß keine Ausgesperrten mehr außer Arbeit sind. Unter diesen Umständen mußte natürlich die Einsicht kommen. Donnerstag einigten sich die Unternehmer mit den Ar beitern. In dem aus den Verhandlungen aufgenommenen Protokoll heißt es u. a.: „Die Vertreter der Organisationen erklären sich damit ein verstanden, daß die ausgesperrten Bauarbeiter auf Grund des alten Vertrages, jedoch ohne gegenseitige Kündigung(a«f Wunsch der Arbeiter) wieder eingestellt werden. Die Leute sollen nach Möglichkeit zu ihren früheren Finnen zurückgehen(das war der Wunsch der Unternehmer)." Beide Teile hoffen, daß bis zum 13. Juni auf Grund des von den Unparteiischen vorgeschlagenen Vertragsmusters ein neuer Vertrag zustande kommt. Man denkt auch über die Löhne usw. eine Einigung zu erzielen. Da viele Bauarbeiter auswärts arbeiten, ist augenblicklich die Nachfrage nach Arbeitskräften größer als das Angebot. » Das ruhige Verhalten der Ausgesperrten im Kampfe, jede Vermeidung von Zusammenstößen mit Arbeitswilligen. hat gewiß schon die Achtung weiter Kreise errungen. Bei der großen Zahl Ausgesperrter ist das um so höher einzuschätzen. Zudem bietet doch auch das provokatorische Verhalten der Arbeitswilligen manchen Anlaß zu persönlichen Konflikten. Polizei und Staatsanwalt hatten bisher nichts zu tun. Und die bürgerlichen Schmocks kamen auch nicht auf ihre Rechnung; sie konnten selbst kleine Rekonters nicht zu großen sozial- demokratischen Terrorismusgeschichten aufputzen. Jetzt wird's nun doch schon ein wenig anders. Die Feinde der Arbeiter finden bei eifrigem Suchen nach Ver- dächtigungen der Ausgesperrten doch etwas, das mit dem nötigen Aufputz gegen sie versehen, dem bürgerlichen Zeitungs» leser als Gruselgeschichte vorgesetzt werden konnte. Wie immer. werden die Tatsachen auf den Kopf gestellt. So müssen selbst die Taten arbeitswilliger Revolverhelden in Rathenow dazu herhalten. Dort kam es am DonnerS« tag zu einem Rekonter zwischen arbeitswilligen und aus- gesperrten Bauarbeitern in der Neuen Schleuse bei Rathenow. Die Arbeitswilligen, die vor etwa einer Woche von auswärts eingetroffen waren, hatten der Organisationsleitung die Absicht zu erkennen gegeben, daß sie geneigt wären, abzureisen, falls ihnen genügende Entschädigung geboten würde. Natür- lich verzichtete die Organisationsleitung darauf, Geldmittel an derartige Elemente zu verschwenden: sie hielt es aber für ihre Pflicht, mit den Leuten zu verhandeln. Hierbei kam es zu einer erregten Auseinandersetzung, bei der der Polier der Arbeitswilligen einen Revolver zog und abfeuerte. Zum Glück wurde niemand verletzt. Daß aber bei diesem Angriff die Gegenseite nicht ruhig blieb, sondern dem Revolverhelden mitsamt seinen sich ins Gefecht mischenden Gesinnungsgenossen einen gehörigen Denkzettel verabfolgte, erscheint begreiflich. Die bürgerliche Presse am Orte fabriziert in ihrer bekannten Manier unter Verschveigung des wirklichen Sachverhalts aus dem Vorfall einen Ueberfall Arbeitswilliger durch AuS- gesperrte. i Ganz besondere Aufmerksamkeit verdient aber ein Gerichtsurteil in Halle a. S., das Gelegenheit gab. die Qualität der Arbeitswillige« wieder einmal besonders zu beleuchten. In Halle a. S. sollte ein ausgesperrter Maurer, der aber nachher wieder Arbeit gefunden hatte, von seiner Arbeitsstelle aus drei Arbeitswillige mit einem Ziegelstein geworfen haben. Deshalb erhielt er ein polizeiliches Strafmandat, gegen welches er Einspruch erhob. Gegen die drei Streikbrecher, die den bis dahin unbescholtenen Mann belasteten, hatte der Bestrafte sieben Entlastungszeugen aufgeboten. Sechs wurden überhaupt nicht vernommen, einer, ein Polier, blieb wegen des Verdachts der Mittäterschaft unvereidigt. � Die drei Arbeitswilligen dagegen wurden vereidigt. Die Qualität dieser Unternehmerstützen versuchte der Verteidiger des Be- straften durch folgende Behauptungen festzustellen: Einer ist wegen häufigen Säuferwahns in einer Nervenheilanstalt ge- Wesen(er schien auch in der Verhandlung nicht ganz nüchtern zu sein): der zweite ist wegen Sittlichkeitsverbrechen mehrfach mit Gefängnisstrafen bestraft und erst vor einiger Zeit nach l�jähriger Haft entlassen worden: der dritte hat wegen Falschmünzerei 5 Jahre Zuchthaus hinter sich. Das Gericht ließ diese Beweisanträge des Verteidigers aus formellen Gründen nicht zu, er folgte vielmehr den Aussagen dieser drei Zeugen und verdoppelte die vonderPolizei verhängte Strafe!_ Berlin und vlmgeg-end. Holzbildhauer! Die Kollegen der Firma Neumann u. Bunar, Lousitzer Platz, sind, nachdem ihnen Lohnforderungen geringfügiger Natur abgelehnt wurden, in den Streit getreten. Da die Firma versucht, die Arbeiten außer dem Hause herstellen zu lassen, wollen sofort zurückweisen und uns Nachricht zukommen lassen. Alle näheren Aufklärungen werden in unserer am Montag abend um 8 Uhr im Gewerkschaftshaus stattfindenden Versammlung gegeben. Die Branchenkommission. Achtung, Stukkateure! Bei der Gessolitgesellschaft in Berlin haben die Stukkateure die Arbeit eingestellt. Zuzug ist fernzuhalten. Mastregelung eines Ingenieurs. Am Donnerstag, den 2. Juni, fand in Königswuster» hausen. Pfuhls Hotel, eine sehr gut besuchte öffentliche Ver- sammlung der Privatangestellten statt, die gegen das Ver- halten der Direktion der Maffei-Schwartzkopff-Werke G. m. b. H. in Wildau protestierte. Die Firma hat sechs Petitionen um Ver- besserung der Arbeitszeit teils abgelehnt, teils nicht beantwortet. Sie hat den Angestellten eine neue, sehr ungünstige Dienstordnung aufzwingen wollen und hat einen Ingenieur, in dem sie die Seele des Widerstandes gegen ihre Maßnahmen sah, kurzerhand aus dem Werk hinausgeworfen.— Nach einem Referat von Herrn G r a n z i n über das Koalitionsrecht der Angestellten und nach einer Diskussion, in der die Erregung der Angestellten deut- lich zum Ausdruck kam, wurde folgende Resolution einstimmig an- genommen: „Die in Pfuhls Hotel in Königswusterhausen auf Ein- ladung des Bundes der technisch- industriellen Beamten ver- sammelten technischen Privatangestellten erheben energischen Pro, test gegen den Eingriff in die Koalitionsfreiheit, die sich die Maffei-Schwartzkopff-Werke durch die Maßregelung eines Kolle- gen haben zuschulden kommen lassen. Die Versammelten sprechen die feste Erwartung aus, daß die Kollegen in den Maffei- Schwartzkopfs-Werken an ihren Forderungen auf Verbesserung der Arbeitszeit und Beseitigung der neuen Dienstordnung unent- wegt festhalten werden. Sie richten an die Direktion die Auf- forderung, die Wünsche der Angestellten ohne Verzug zu erfüllen und zur ständigen Vertretung der Angestellten die Einwilligung zur Errichtung eines Beamtenausschusses zu geben." OeutTchcs Reich. Neue Hetzkampagne gegen die freien Gewerkschaften. Der Förderungsausschuß für die' vater- ländischen Arbeitervereine, der von dem bekannten General v. L ö b e l l geleitet wird, war in den letzten Tagen im preußischen Herrenhause zusammengekommen. Es waren über hundert Leute,„Parlamentarier verschiedener Fraktionen, Im dustrielle, Handwerksmeister, Arbeitervertreter und viele bekannte Sozialpolitiker", so meldet der offizielle Bericht. Im besonderen wird betont, daß dies alles Männer seien, die mit der Arbeiter- schaft in enger Fühlung ständen. Man beschäftigte sich hauptsächlich damit, wie eine neue Kampagne gegen die fröhlich aufwärts strebenden freien Gewerkschaften einzuleiten sei. Man kam nach langem Hin- und Herreden zu folgendem einstimmigen Beschluß: „Die Versammlung erachtet es für dringend notwendig, daß zur Bekämpfung des wachsenden Einflusses der Sozialdema kratie die EntWickelung der bestehenden, bereits mehrere Hunderte zählenden vaterländischen Arbeitervereine, Werkvereine und alle sonstigen, den sozialdemokratischen Bestrebungen feindlich gegen- überstehenden Arbeitervereinigungen sowie die Neubildung mög- lichst vieler derartiger Vereine kraftvoll gefördert werden. Die Versammlung wünscht daher, daß die von dem Förderungs- ausschuß bereits ISO? begonnene Arbeit durch moralische und materielle Hilfe nachhaltigst unterstützt werde." Man wählte dann einen verstärkten„Förderungsausschuß". der jetzt in eine umfassende Werbetätigkeit eingetreten ist, um die auch für diesen Zweck leider dringend notwendigen, zu natio- nalen Ausgaben„erforderlichen Geldmittel" zu beschaffen hat. Ende 1903 hatten die 69 vaterländischen Arbeiter- vereine im ganzen 13 91(5 Mitglieder mit einer Gesamteinnahme von 82 000 M. Da es jetzt über hundert Vereine sein sollen, so müßte man annehmen, daß, die übliche Abrundung nach oben ab- gerechnet, die Feinde der freien Gewerkschaften die wirtschaftlich ungünstige Zeit eifrig für ihre Interessen ausgenutzt haben. Es ist jetzt wichtig, daß die freiorganisierten Arbeiter ihre Pflicht tun, um dem neuen Feldzug der Vaterländischen gegen die Gewerkschaften wirksam zu begegnen. Heil Goldschmidt«nd die Gewerkvereine! Die Hirsch-Dunckerschen haben in der letzten Zeit ihren Hunger nach Erfolgen wenig stillen können. Im ersten Sturm um da? preußische Wahlrecht war eS der Generalsekretär der Ge- werkvereinler, Stadtverordneter Goldschmidt, der in einer Berliner freisinnigen Wahlrechtsprotestversammlung in übersprudelnder Begeisterung stolz erklärte, daß„seine Gewerkschaften" im aller- äußersten Falle auch mit den Sozialdemokraten gemeinsam sich am Massenstreik beteiligen würden. ES war ein großer Moment. Allerdings kam die nächste Nummer de» ZentralorganS der Dunckerianer schon mit einem offiziellen Dementi, in dem, ent- gegen den übereinstimmenden Mitteilungen Berliner Blätter, ge- sagt wurde, daß eine solche Erklärung nicht gefallen sei. Ein großer Moment war eS auch, als derselbe Goldschmidt auf der jüngst stattgefundenen Generalversammlung der Gewerkvereine mit Genugtuung verkünden konnte, daß die Sozialdemokraten den „Spiritus" zum SchnapSbohkott sich von niemand ander? als von Goldschmidt und seinen Gewerkvereinen geholt hätten. Als dann klar und bündig nachgewiesen wurde, daß eS eher umgekehrt sein mag, da„berichtigte" Goldschmidt die ganze Angelegenheit, wieder gegen die übereinstimmenden Mitteilungen der Presse, so, daß er derartiges gar nicht gesagt habe. Der dritte große Erfolg der Gewerkvereine in letzter Zeit war die Einbeziehung ihrer Organi- sation der graphischen Berufe und Maler in den Maler-ReichS- tarif. Darob seinerzeit großer Jubel. DaS Zentralblatt verkündet in einem besonderen Artikel stolz daS fröhliche Wachstum dieser Organisation. Ende 1908 hatte der genannte Gewerkverein 1703 Mitglieder. Im„ReichSarbeitSblatt"(4. Quartal 1909) hatte er noch 1636, Ende 1909 hatte er— offizielle Zahl— nur noch 1339 Mitglieder. Eigentüumlich, dieses Wachstum! DaS ist der. dritte Erfolg. Aber Heil Goldschmidt und Gewerkvereine! In seiner jüngsten Nummer kann das Zentralblatt über einen neuen Erfolg berichten. Es wird mitgeteilt, daß eS„unserem Verbandsvorsitzenden Goldschmidt gelungen ist",— eine Fahrpreisermäßigung zum Besuch der Brüsseler Weltausstellung auS- zuWirken Diese großartige Errungenschaft besteht darin, daß der reguläre Preis für die 3. Klaffe bis zur Grenze nur die Hälfte beträgt— exkl. des SchnellzugSzuschlagS—, wenn 10 Teilnehmer mindestens zusammenfahren. Ein neuer positiver Erfolg! Die Mitglieder dürfen jetzt alle zu halben Preisen nach der Brüsseler Weltausstellung fahren. Ob es„unserem Verbandsvorsitzenden Goldschmidt gelungen ist"— den Hirsch-Dunckerschen Arbeitern auch die Zeit und daS Geld für eine solche Reise zur Verfügung zu stellen, wird wahrscheinlich in der nächsten Nummer deS Hirsch- Duckerschen Zentralorgans mitgeteilt werden. Haben Konventionalstrafen der Unternehmerverbände Rechtskraft? Die Frankfurter Bäckerinnung hatte gegen 10 Meister eine Klage eingereicht auf Zahlung einxr Konventionalstrafe, weil die Meister während deS letzten Streiks die Forderungen der Ar- beiter bewilligt hatten. Das Landgericht wies am Sonnabend die Klage der Bäckerinnung kostenpflichtig ab und erkannte, daß die Bäckerinnung kein Recht habe, die Meister durch Drohungen zu bewegen, von den Vereinbarungen mit der Gewerkschaft zurück- zutreten. In den Färb- und Gerbstoffwerken von Korl Flesch iä Frankfurt a. M. wurde der Streik beigelegt. Die Arbeiter erzielter« durchschnittlich eine Lohnerhöhung von 4— 5 Mk. pro Woche. Es wurde ein Tarif auf zwei Jahre abgeschlossen und die Unternehmer erklärten sich bereit, in Zukunft bei allen Differenzen dre Ver- Mittelung des Fabrikarbeiterverbandcs anzuerkennen. Der Kampf der Leipziger Reiseartikelsattler konnte am Sonnabend. den 4. Juni, nach zehnwöchentlicher Dauer beendet werden. Im Laufe des Streiks hatten wiederholt Verhandlungen stattgefunden, die jedoch zu keinem annehmbaren Resultate geführt hatten. Den Bemühungen des Zentralvorsitzenden Blum gelang es, im Laufe der vergangenen Woche für die größere Anzahl der beteiligten Arbeiter zufriedenstellende Bedingungen zu erzielen,-ta eine kleinere Zahl von Arbeitern zurzeit die Arbeit noch nicht aufnehmen konnten, so werden die Sattler Deutschlands ersucht, etwaige Ar» beitsgesuche der Leipziger Firmen nicht zu beachten, biS die letzten der am Streik beteiligten Sattler untergebracht sind. Versammlungen. Deutscher Metallarbeiterverband. Die am Montag abgehaltene Generalversammlung der Verwaltungsstelle Berlin nahm zunächst den Kassenbericht für das erste Quartal entgegen. Der Kassierer Henning konstatierte einen mit dem wirtschaftlichen Auf. schwung in Zusammenhang stehenden erfreulichen Aufschwung der Finanzlage des Verbandes. Die Abrechnung der Hauptkasse schließt mit der Summe von 433 178,45 M. Die Lokalkasse hat einen Be- stand von 1 113 023.94 M. Für Unterstützungszwecke wurden aus- gegeben: an Kranke 101199 M., an Arbeitslose 123 133 M., an Reisende 3295 M.. an Streikende 34 636 M.. an Gemaßregelte 12 697 M., sonstige Unterstützungen 7573 M., Rechtsschutz 4787 M. — Nach einer kurzen Besprechung des Kassenberichts ging die Ver- sammlung zur Beratung von Anträgen über. Auf Antrag der Ortsverwaltung wurde ohne Debatte ein. stimmig beschlossen, den ausgesperrten Bauarbeitern 10 000 M. auS der Lokalkasse zu überweisen. Weiter kam ein Antrag der Ortsverwaltung zur Verhandlung. welcher die Anstellung je eines besoldeten Bezirksleiters für die Werke der A.-E.-G. in der Brunnen, und Ackerstraße, sowie für Oberschöneweide und Wildau bezweckt. Der Antrag wird begründet mit der Notwendigkeit, für die in Frage kommenden Betriebe un- abhängige Kollegen zur Betreibung der Agitation und sonstiger ge- werkschaftlicher Arbeiten zu besitzen. Bei dem starken Wachstum der Mitgliederzahl in den betreffenden Betrieben und wegen der oft im Arbeitsverhältnis ausbrechenden Differenzen konnten die notwendigen Verbandsarbeiten nicht mehr durch in Arbeit stehende Kollegen erledigt werden. Der Antrag wurde angenommen und als Bczirksleiter für die A.-E.-G. Johannsen bestimmt, der dies Amt schon seit längerer Zeit provisorisch bekleidet hat. Als Kandidaten für die Bezirksleitung Oberschöneweide-Wildau wurden Blanke und Guft. Scharf aufgestellt. Die Wahl erfolgt später. Ferner wurde beschlossen, den Vertrauensmännern allmonatlich einen Bericht der Ortsverwaltung zuzustellen.— Ein auS der Versammlung gestellter, vom Antragsteller eingehend begründeter Antrag auf Einführung der Hauskassierung, wurde bis zur nächsten Generalversammlung vertagt. HilfStasse der Graveure, Ziseleure und verwandten BerusSgenoflen in Berlin tagt jeden t Montag im Monat Restaurant Brannert, Luisen- user 1, abends 8—10 Uhr._ Letzte IVachnchten und Dcpcrcben. Eisenbahnunfall. Oldenburg, 4. Juni.(W. T. B.) Eine Windhose hat heute nachmittag auf der Strecke Zwischenahn-Ocholt neun Güterwagen eines nach Leer fahrenden Güterzuges umgeworfen. Ein Bremser wird vermißt. Man nimmt an, daß er sich unter den umgestürzten Güterwagen befindet. Die Telegraphenleitungen nach Ocholt und Westerstede sind ebenfalls zerstört. Explosion eines Motorbootes. Halle, 4. Juni.(B. H.) An der Saaleschleuse vek Rothenburg explodierte ein Motorboot. Ein Ingenieur und ein Monteur find schwer, ein Schiffer leichter ver, letzt. Alle drei mußten nach der Klinik in Halle gebracht werden. Der Gertinger FrirdhofSprozeß. Metz, 4. Juni.(W. T. B.) In dem Gertinger Friedhof»« Prozeß ist heute abend die Beweisaufnahme geschlossen worden. Der Staatsanwalt beantragte gegen sechs Angeklagte je 600 M. Geldstrafe, bei den drei übrigen Freisprechung. Da» Urteil wird am 11. Juni bekanntgegeben werden. Wegen Tpionageverbacht»»erhaste«. Wien, 4. Juni.(B. H.) Wie das„N. W. Abendbl." meldek, wurden in Wien zwei Fremde wegen Spionageverdachtes verhaftet und in daS hiesige Landgericht eingeliefert. Der ungarische Ministerpräsident über die Wahlen. Budapests Juni.(W. T. B.) Ministerpräsident Graf Khuen-Hedervary erklärte einem Vertreter de? Pester Lloyd, die Nation habe ihren Willen so deutlich und unzweideutig kundgetan, daß die Opposition sich sicherlich der Entscheidung beugen werde. Es sei nicht anzunehmen, daß irgendeine oppositionell« Fraktion sich dem„nationalen Willen" widersetzen und zur Ob- struktion greifen werde. Die Wahlen seien in vollster Ordnung verlaufen. Man habe wie bei früheren Wahlen wohl militärische Hilfe in Bereitschaft gehalten, um etwaige Ausschreitungen hintanzuhalten, jedoch sei in keinem einzigen Falle militärisches Eingreifen in Anspruch genommen worden. die Kollegen anderer Firmen diese, falls sie ihnen angeboten wird,________ 'Verantw. Redakt.: Richard Va.'ih, Berlin, Inseratenteil verantw.: IH, Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdr. u. LerlagSanstall Kaul Zwger& Berlin Der amerikanische Eisenbahnkrieg. llhicag», 4. Juni.(W. T. B.) George W. PerkinS, Inhaber der Finna I. P. Morgan u. Co., hat zu einer Konferenz zwischen denP räsidenten der westlichen Eisenbahnen und den Verfrachtern eingeladen. Die Konferenz soll am 7. d. M. stattfinden und über Beilegung der zwischen den Eisenbahnen und den Verfrachtern bestehenden Differenzen beraten.— Ein Komitee. daS von den beteiligten westlichen Eisenbahnen gebildet ist, hat für Montag eine Zusammenkunft mit Präsident Taft in Washington verabredet, um ihm die Lage vom Standpunkte der Eisenbahnen au» klarzulegen. Die Bergung de?„Pluviofe". Calais, 4. Juni.(W. T. B.) ES gelang, den„P l u v k o s e" bis in die Nähe des HafeneingangeS zu schleppen. DaS Boot wurde bis auf 500 Meter an die Newton herangebracht. Damit sind 3 Meter Höhe gewonnen. Man glaubt, der„Pluviose" werde morgen vormittag oder mittags in den Hafen bugsiert werden können. Gewalten der Tiefe. New Fork, 4. Juni.(W. T. B.) Nach einer Meldung der„Sun" ist in Santiago de Euba ein schweres Erdbeben verspürt worden, das erheblichen Schaden anrichtete. DaS Pflaster verschiedener Straßen wurde aufgerissen. Zwei Personen wurden getötet. Hierzu 5 Beilagen. Nr. 129. 27. Aahrgavg. rilW te Sottttiltg. 5. Iiuii 1910. Hbgeordnetenbaud. 78. Sitzung vom Sonnabend, den 4. Juni, mittags 12 Uhr. Ein Antrag Viereck(fü auf baldtuulichste Vorlegung eines Gesetzentwurfs, der die unbillige Mehrbelastung der Staatsbeamten, Geistlichen, Elementarlehrer und unteren Kirchendiener in denjenigen Landesteilen, in welchen noch Sozietätsschulen bestehen, beseitigt, wird nach kurzer Debatte angenommen. Es folgt die Beratung eines Antrages Hammer(k.) be- treffend den Schutz des Handwerks gegen die Gefängnisarbeit. Abg. Hammer(!.): Die Klagen über die das Handwerk drückende Konkurrenz der Zuchlhaus- und Gefängnisarbeit wollen nicht ver- stummen. Mein Antrag bezweckt vor allem die Einsetzung einer Art Beirat aus Vertretern des Handels, des Handwerks und der Landwirtschaft zur Prüfung dieser Frage. Ein Hauptmiststand ist, daß die Beamten der Gefängnisse an dem Reingewinn der Ge- fangenenarbeit teilhaben. Das ist ein Anreiz für sie. möglichst viel Arbeiten für das Gefängnis zu gewinnen. Ich hoffe, dast der An trag einstimmig angenommen werden wird. Geh. Rat Krahne: Es ist nicht richtig, dast Beamte in irgend einer Weise an dem Ertrage der Gefängnisarbeit beteiligt sind. Nur diejenigeu Beamten, welche sich besondere Mühe geben, die Gefangenen anzulernen und dadurch gewissermasten eine Mehr- leistung vollführen gegenüber den anderen Aufsichtsbenmten erhalten dafür eine bescheideneRemuneration. Im übrigen wahren wir beider Beschäftigung derGefangenen soweitwiemöglich das Interesse der Handwerker. Die Anregung auf Anhörung von Sachverständigen nimmt die Gefängnisverwaltung freudig auf. Manche Mistverstänb nisse werden beseitigt werden, wenn die Herren sich einmal unsere Anstalten ansehen wollten. Wir haben nichts zu verbergen, wir können soweit gehen, dast wir einfach den Herren den Schlüssel geben und sagen können: bitte, sehen Sie sich alles an. Aber nicht äuster acht darf der soziale Gesichtspunkt gelassen werden. Auf dem Gebiete des Strafvollzugs ist eine der wichtigsten Aufgaben, an die man mit vollem Ernste herantreten must, die Resozialisierung der Ge- fangenen. Die Leute, die durch die Tiefen des Lebens und durch die unglücklich st en Lebensschicksale gesiihrt sind, müssen zur Arbeit angehalten und in ihr ausgebildet werden, damit sie wieder in das werktätige Leben zurückkehren können und nicht vor der Frage stehen: Zuchthaus oder ehrlos!(Lebhafter Beifall.) Ein Regierungskommiffar aus dem Justizministerium legt dar, daß die Justizverwaltung mit vollem Ernst und Eifer den vom Hause wiederholt ausgesprochenen Gefichtspunkteu bezüglich der Gefängnisarbeit nachstrebt. Abg. Witzmau»(natl.): DaS HauS wird jedenfalls einmütig dem Antrage zustimmen, daher erübrigt sich wohl eine Konimissions beratung. Abg. Dr. Gchmitt-Düffeldorf(Z.); Die Gefängnisarbeit ist ein notwendiger Bestandteil der Freiheitsstrafe. Ohne sie würde die Zahl der Selbstmorde in den Gefängnissen austerordentlich zu- nehmen. Aber auch wir find der Meinung, dast die Gefängnisarbeit nicht zu einer Konkurrenz für das Handwerk ausarten darf. Die Löhne in der Gefängnisarbeit sollten nicht zu niedrig bemessen werden, sondern sich den Löhnen im Handwerk anpassen. Der von Herrn Hammer gewünschte Beirat wird sicher zu einer Lösung der Frage beitragen. Abg. Dr. Wagner(fl.) erklärt das Einverständnis seiner Freunde mit dem Antrage. Die Beschäftigung von Gefangenen in der Landwirtschaft isi im Interesse der Beseitigung der Leutonot dringend erwünscht. Abg. Dr. Liebknecht(Soz.): Aach wir stehen dem Grundgedanken des Antrages Hammer nicht ablehnend gegenüber, doch meinen wir. man sollte auch Vertreter der Arbeiter bei dem gewünschten Beirat hinzu- ziehen. Im Vordergründe steht ja bei dieser Frage daS Interesse des Strafvollzuges. Ich spreche meinen besonderen Dank dem Heren Vertreter des Ministeriums des Innern aus für die austerordentlich warme und humane Art, mit der er den Grund- gedanken des Zwecks des Strafvollzugs, die Gefangenen wieder dem sozialen Leben zurückzugeben, betont hat. Wenn die Beratungen des Beirats in diesem Geiste gepflogen werden, ist zu hoffen, dast etwas für die Allgemeinheit Erspriestliches dabei herauskommt. Natürlich wird auch ein anderer Gesichtspunkt nicht auher acht gelassen werden dürfen, dast man nach Möglichkeit die Konkurrenz für die freien Arbeiter und die Handwerker beseitigt. Dem sozialen Grundgedanken (könnte noch in grösterem Umfange Rechnung getragen werden, wenn man eine Art Lehrwerkstätten in den Gefängnissen einrichten würde, um auch solche Arbeiter zu erziehen, die bisher noch nicht für solche Arbeiten geeignet waren. Die Gefahr der Unter- bietung für daS Handwerk wird am besten beseitigt, wenn die Löhne möglich st hoch heraufgesetzt werden, so dast sie ungefähr den Löhnen freier Arbeiter entsprechen. Gewist besteht dann die Gefahr, dast die Gefangenen nicht mehr von den Unternehmern den freien Arbeitern vorgezogen loerden. Da must eben der richtige Mittelweg gefunden werden. Die von der Ver- waltung so verdienten Gelder könnten zur Errichtung und Unter- Haltung der von mir angeregten Lehrwerkstätten verwendet werden und auch zur Fürsorge für entlassene Straf- gefangene, eine Ausgabe, die auch von gröstter Bedeutung ist und der sich ja gerade der Herr Vertreter des Ministeriums des Innern in dankenswerter Weise besonders widmet. Man könnte auch daran denken, in den Gefängnissen kleine Muster- betriebe einzurichten und die dort produzierten Gegenstände an den Mann zu bringen. Damit würde man der Gefahr der Schmutz- konkurrenz am besten entgegenwirken. Auf alle Fälle sollte doch in den Gefängnissen vermieden werden. veraltete Techniken künstlich aufrechtzuerhalten, sondern man sollte die Arbeits- Methoden möglichst so gestalten, wie sie für freie Arbeiter bestehen, damit die Arbeiter, wenn sie aus dem Gefängnis heraus- kommen, das Gelernte verwerten können. Wir werden also dem Antrage zustimmen unter der Voraussetzung, dast auch Arbeiter zugezogen werden und dast die Regelung in dem sozialen Geiste erfolgt, wie wir ihn erfreulicherweise vom Ministertische ver- künden hörten.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Viereck(srk.): Ich freue mich, dast auf diesem schwierigen Gebiete auch die Sozialdemokratie zur Mitarbeit bereit ist und dast die Ratschläge des Herrn Vertreters der Sozialdemokratte von sozialem Geiste getränkt waren. Der Gedanke der Werkstätten liegt allerdings wohl nicht ganz im Sinne des Antrages Hammer. Abg. Dr. Crüger(Fortschr. Vp.): Wir stehen auch auf dem Boden des Antrages und sind damit einverstanden, dast auch Arbeiter hinzugezogen werden. Das erweitert allerdings ganz austerordentlich den Antrag, aber diese Erweiterung ist durchaus erwünscht. Damit schliestt die Besprechung. Der Antrag Hammer wird ein st immig angenommen. Es folgt die Beratung eines Antrages Aronsohn(Fortschr. Dp.), die Regierung zu ersuchen, die Einführung der fakultativen Feuerbestattung durch politische Gemeinden oder sonstige Verbände zu ermöglichen, insbesondere durch Aufhebung etwa entgegenstehender gesetzlicher Be- stimmungen oder Verwaltungsvorschriften. Abg. Dr. Erügrr(Fortschr. Vp.) begründet den Antrag. Der Antrag kann nicht mit der beliebten preustischcn Eigenart bekämpft werden, er will nur, dast den Preusten gestattet wird, ein Recht das sie bereits besitzen, aber nur auherhalb Preuhens aus- üben dürfen, auch in Preusten selbst auszuüben. Die General- synode hat den Widerstand gegen die Feuerbestattung /bereits aufgegeben. Wir sollten nicht päpstlicher sein als der Papst. Die krimi- nellen Bedenken sind hinfällig, sonst dürfte auch nicht geduldet werden, dast Preusten austerhalb der Landesgrenzen sich verbrennen lassen. Gegenüber den Bemerkungen im Herrenhause, die Vevölke- rnng würde entsetzt sein, wenn die Feuerbestattung eingeführt würde, genügt es darauf hinzuweisen, dast wir nicht etwa die obligatorische, sondern die fakultative Einführung der Feuerbestattung verlangen. Also wer entsetzt ist, braucht sich nicht verbrennen zu lassen. Ich bitte Sie, unserem Antrage zuzustimmen.(Bravo! links.) Abg. Schmitt(Z.) bekämpft den Antrag. Die Einführung der Feuerbestattung würde die religiösen Gefühle weiter Kreise verletzen. Abg. Hintzmann(natl.): Die Art der Verwesung, ob sie schnell oder langsam, unter oder über der Erde vor sich geht, hat mit den religiösen Anschauungen, mit dem Glauben an ein ewiges Leben oder an die Auferstehung nichts zu tun.(Sehr richtig I links.) Die Verhältnisse zwingen in den Groststädten dazu, den Weg der fakultativen Feuerbestattung zu ergreifen. Die Art, wie hier oft die Leichen in scharfem Trabe nachf weit gelegenen Kirchhöfen hinaus« befördert werden müssen, hat auch nichts Erhebendes.(Sehr richtig I links.) Abg. Styczynski(Pole) hält die Feuerbestattung mit dem Christentum für unvereinbar. Abg. Ströbel(Soz.): Herr Schmirt hat ausgeführt, dast die Be- erdigung kein Glaubenssatz sei, dast kein religiöses Verbot gegen die Feuerbestattung besteht und dast auch der Gedanke der Auferstehung nichts mit der Feuerbestattung zu tun habe, während ffleuies Feuilleton. Rußlands Bevölkerung. Nach dem vom Statistischen Zentral- lomitee in Petersburg herausgegebenen und soeben erschienenen .Jahrbuch pro IVOS" betrug die Bevölkerung RuhlandS einschliestlich des sinnländischen Gouvernements ISO 036 200 Personen beiderlei Geschlechts. Demnach ist die Bevölkerung seit 1897 um S3 199 000 Menschen oder 26,2 Proz. gewachsen. Bon der Gesamtzahl entfallen auf die Landbevölkerung 86,5. auf die städttsche 13,5 Proz. Auf die einzelnen Volksstämme verteilt sich die Bevölkerung wie folgt: Russen 66,5 Proz., Tataren 10,6 Proz., Polen 6,2 Proz.(im Weichsel- gebiet entfallen 71,8 Proz. der ganzen Bevölkerung auf die Polen), Finnen 4.5 Proz.(in Finnland entfallen auf diesen Volksstamm 86,7 Proz. der ganzen Bevölkerung), Juden 3.9 Proz., Litauer und Letten 2.4 Proz., Deutsche 1.6 Proz. andere Völkerschaften 5.3 Proz. Was das Verhältnis der Geschlechter betrifft, so kommen im europäischen Ruhland auf 100 Männer 102,7 Frauen, in Finnland 101,3, im Weichselgebiet 98,4, in Sibirien 95,5, im Kaukasus 89,7 und in den zentralasiatischen Besitzungen 85,3 Frauen. Jugendgerichtshöfe und öffentliche Bibliotheken in Amerika. Interessante Versuche, die erzieherische Tätigkeit der Jugendgerichts- Höfe durch die Mitwirkung der öffentlichen Bibliotheken fruchtbarer zu gestalten, werden, wie das.Library Journal" berichtet, gegen- wärlig in verschiedenen Städten Amerikas gemacht. So werden zum Beispiel in Washington alle Bücher, die die öffentliche Bibliothek ausscheidet, nach Mastgabe ihres Inhalts unter die ver- schiedenen Wohltätigkeitsanstalten der Stadt, besonders aber an vre Jugendgerichtshöfe verteilt, von wo sie regelmästig viermal im Monat an die in Fürsorgeerziehung übernommenen Kinder gegeben werden: in noch grösterem Mäste ist dies in Cleve- land der Fall, dessen öffentliche Bibliothek die dortige Knaben« und Mädchenbesserungsanstalr(vetention Lome) sowie einige ähnliche Anstalten regelmästig mit geeignetem Lesestoff venorgt; in manchen Fällen ist auch das Amt des Fürsorgebeamten(probatiou oküoer) mit gutem Erfolg der Kinderbibliothekarin des betreffenden Bezirks übertragen worden. Diese Verbindung von Jugendfürsorge und öffentlichen Bibliotheken soll in Amerika übrigens noch weitere Aus- dehnung erfahren. Kunst. Sezession und Glaspalast in München. Mit dem üblichen äußeren Interesse, das der bäuerische Hof alter Tradition gemäst der eingeborenen bildenden Kunst entgegenzubringen pflegt und daS sich in dem persönlichen Erscheinen des Fachvereins Wittels- bachscher Prinzen bei den Aussiellungseröffnungcn, in Massen- abfiitterungen der Juroren an der Hoftafel und in Pflichtkäufcn von Schwarten gut empfohlener.Kunstmaler" äußert(die danach den Titel Kgl. Professor erhalten), wurden in München die Jahrgänge 1910 der Sezession und des GlaSpalastes offiziell geeicht. Der ge- wöhnliche Sterbliche, der nach den GotteSgnadentümlern ohne de- koriertes Knopfloch aber mit unbefangenem Auge eilige Distanzmärsche durch die endlosen Saalfluten der beiden staatlichen Bilderspeicher absolviert, merkt zweierlei: Einmal die alte Weisheit, dast die nach modernen oder alten Malrezepten fertiggestellte Verkaufsware in Oel, Schwarzweisttechnik, Gips, Bronze oder Marmor inimer mehr die Oberhand gewinnt vor den Offenbarungen eines selbstherrlichen, frei sich geberdenden Kunstwillens und Kunstvermögens. Dann aber eine erfreuliche Neuerung: Betriebseins chränkun gl Man beginnt endlich einzusehen, dast daS gegenseitige Ueber- trumpfen der einzelnen Gruppen in der Quantität nicht mehr so weiter geht. Die Scholle geht mit dem guten Beispiel voran und pausiert dieses Jahr. Sie erklärt, ihre Mitglieder würden in Zukunft nur dann Bilder aufhängen, wenn sie wirklich etwas zu sagen hätten. Möchten endlich auch die anderen Konkurrenten auf dem Münchencr Kunstmarkt— der nebenbei gesagt immer mehr in die Hände jüdischer Grosthändler kommt— von dieser naheliegenden Weishert erleuchtet werden I In der Sezession begegnet man den alt- gewohnten Namen, die zum Teil ja Meistern, zum Teil aber betriebsamen .Kunsthandwerkern gehören. Stucks auswärts schon gezeigte grotze Sammlung findet bei der Suggestion, die der„Name" auf das internationale Snobtum auszuüben pflegt, die begeistertsten Begaffer. Eins der technisck-geistvollsten Bilder der Sezession ist Albert Weis- gerbers(ein Altbayer, der in Paris sich den Schmist ge- holt hat) Märtyrer-Akt St. Sebastian. Auch Spiro, Keller, der Dresdener Kuehl heben sich durch die Vortrefflichkeit ihrer Arbeiten aus der Menge hervor. In den 76 Sälen des alten gläsernen Bilderspeichers herrscht durch das Gelvicht der Masse wieder die Künstlergenossenschast, die uralte, ver- rostete Vertriebsgenossenschaft m. b. H. für Wand-Linoleum Münchener Malprofessore». Mehrere.Kollektivausstellungen: F. A. Kaulbach, der heute 60 Jahr gewordene Geh. Oberporträtist der Monarchen und Mammonarchen, Löfftr, Hermann Kaulbach si, Philipp Röth f. Die Abteilungen Bildhauerei und Graphik sind wieder sehr üppig beschickt. Starkes Interesse findet ein Kabinett mit japanischen Holzschnitten und japanischer Kleinkunst. Humor und Satire. Der strahlende Gaul. In dem„Waschzettel", den ein Verlag zur Empfehlung eines neuerschienenen Werkchens„Jung- Wilhelm. Heitere Bilder aus der Jugendzeit Kaiser Wilhelms II." versendet, wird erzählt, dast der alte Kaiser Wilhelm, damals Prinz- Regent, auf die Nachricht von der Geburt seines Enkels,„trotz seiner bereits an der Schwelle des Greisenalters stehenden Jahre" in eine Droschke zweiter Güte gestürmt sei, um rasch in das Palais seines Sohnes zu gelangen.„Und," heistt es weiter,.Droschken- kutscher und Gaul strahlte« aus Freude ob der der polnische Redner meinte, die Feuerbestattung wider- spreche dem Gedanken des Christentums. Andererseits ist Herr Styczynski mit Recht der Behauptung des Herrn Schmitt entgegen- getreten, dast die Beerdigung keineswegs eine alte christliche Sitte ist, sondern vom Christentum aus dem Judentum übernommen wurde. Schwerwiegende Gründe für die Einführung der Feuerbestattung gibt es genug, so der Wunsch derjenigen, die gern feuerbestattet sein lvolien. dann der finanzielle Grund, das Interesse der Kommunen mit Rücksicht auf die grosten Kosten der Friedhöfe usw. Im übrige» soll es ja keinem benommen werden, seinem religiösen Gefühl entsprechend sich beerdigen zu lassen.(Abg. H o f f m a n n(Soz.): Das Zentrum, kann sich begraben lassen. Heiterkeit.) Es kommr aber hier die Angst des Zentrums um seine Gläubigen zum Ausdruck, das nur von dem Zwange das Heil erwartet.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die kriminalistischen Bedenken sind hinfällig, da wir ja die Leichenschau haben, die vielleicht noch gewissenhafter gehandhabt werden könnte. Eventuell könnte dem Leichenbeschauer das Recht gegeben werden, ein Veto gegen die Feuerbestattung einzulegen. Aesthetischer ist die Feuerbestattung jedenfalls als die langsame Verwesung im Grabe. Es zeigt sich auch hier wieder, dast in allen Fragen, wo es sich handelt um den Fortschritt, darum, der Willensfreiheit des Einzelnen Rechnung zu tragen, das Zentrum die Parole hat: Preußen hintenan!(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Flesch(Fortschr. Volksp.) bittet um Annahme des Antrages aus kommunalen und sozialen Rücksichten. Abg. Frhr. v. Zedlitz(frk.): Wir stimmen dem Antrage zu, um den Weg frei zu machen zur Beseitigung eines Zopfes, dessen Beibehaltung dem Staate weder zum Nutzen uoch zur Ehre gereicht. (Bravo! links.) Abg. Gaigalat(k.): Man spricht immer von Feuer bestattung, aber es handelt sich gar nicht um eine Bestattung, sondern um eine Einäscherung.(Lachen links.) Wir stehen auf dem Boden der christlichen Sitte, durch Jahrtausende geweiht ist. Wir vertreten auch die Intentionen des christlich-gläubigen Gewissens des Volkes. Die grotze Masse des Volkes, speziell des Land- Volkes, will nichts wissen von der Einführung der Feuerbestattung. (Lebh. Widerspruch links.) An den Gräbern der Verstorbenen holen sich die Gläubigen Trost und neuen Lebensmut. Ich glaube nicht, dast man an einer Urne neuen Lebensmut fassen kann.(Heiterkeit links.) ES tritt vor unsere Augen das Bild unseres Heilands, welcher Ent- schlafene zum Leben erweckt hat, die zur Beerdigung, nicht zur Ein- äscherung bestimmt waren.(Heiterkeit links.) Der Gedanke der Feuerbestattung stammt auS der französischen Revolu- tion.(Huhu! links.) In neuerer Zeit stürmen gewaltige Kräfte gegen die christliche Kirche an. Wir müssen Wächter sein dafür, dast nicht ein Stein nach dem anderen von dem Bau des christlichen Tempels weggerissen wird. Mögen Sie uns rückständig schelten, dann schelten sie auch die christliche Kirche und Sitte rück- ständig, und das wollen wir gern auf uns nehmen.(Bravo I rechts.) Abg. Hauptmann(Z.) betont nochinals besonders die kriminalisti- schen Bedenken gegen die Feuerbestattung. Oft sei noch nach vielen Monaten Gift in Leichen festgestellt worden. Damit schliestt die Besprechung. Der Antrag wird gegen die Stimmen der schlecht besetzten Konservativen und des Zentrums angenommen. Hierauf vertagt sich das Haus. Nächste Sitzung Montag 11 Uhr:(Anträge. Petitionen, Fortsetzung der Beratung der An- siedelungs-Denkschrist.) Schluß 474 Uhr._ C)n LemiMhattzjudilsum. Der Verband der Bäcker, Konditoren und verwandten Bcrufsgenossen begeht heute eine Feier, die Anlaß bietet zum Rückblick in die Vergangenheit und zum Ausblick in die Zukunft. Mit dem heutigen Tage ist für den Verband ein volles Vierteljahrhundert gewerkschaftlicher Arbeit, gewerk- schaftlicher Kämpfe und gewerkschaftlicher Erfolge ab- geschlossen. . Zwar bestanden schon vor der Gründung des Verbandes Vereine der Bäckergesellen, die man aber nicht als GeWerk- schaften ansehen kann. Die erste Bäckerorganisation, welche sich auf den Boden der modernen Arbeiterbewegung stellte, lvar der im Jahre 1868 in Berlin gegründete Deutsche Bäckerverein, der sich dem Allgemeinen deutschen Arbeiter- verein als Sektion anschloß. Dieser Verein ging jedoch nach einigen erfolglosen Streiks soweit zurück, daß er eigentlich gar nicht mehr bestand, als die Polizei im Jahre 1878 seine ihnen widerfahrenen Ehre."— Daß der Gaul gestrahlt hat, kann ja sein, dast er's aber aus Freude über die gehabte AuS- Zeichnung tat, wird sich schwer nachweisen lassen. Kleines Gespräch. Herren im Gesellschastsanzug, davon einer mit einem Orden. „Wo hast De denn Deinen Orden her. Joachim?" „In meiner Essigfabrik war der Schwamm." „Dafür hast De doch keinen Orden bekommen I' „Ich habe doch meine Essigfabrik abjebrannt." „Dafür hast De doch ooch keinen Orden jekriegt." „Ich Hab' se doch zu Kaisers Jeburtstag abjebrannt un da hat der Landrat von'ner patriotischen Huldigung berichtet I" Instruktion. In der Jnstruksionsstunde sür Einjährig» Freiwillige emeS bayerischen Regiments fragt der unterrichtende Unteroffizier nach dem Unterschied zwischen der alten und der neuen Pinakothek. Auf allgemeines Schweigen gibt der Unteroffizier selbst die Antwort:„Vor der alten Pinakothek steht daS Leib reg iment Wache, vor der neuen Pinakothek das ersteJnfanterie-Regiment. _ t. Jugend.') Notizen. — Sechzig Minuten„Medea". Wie dem„B. T." mit- geteilt wird, hat das„Deutsche Theater" die Dreistigkeit besessen. den Mitgliedern der„Neuen Freien Volksbühne" am Sonntag, den 29. Mai, eine Aufführung der Grillparzerschen„Medea" in einer derartigen Kürzung zu bieten, dast die ganze Borstellung in sage und schreibe sechzig Minuten hinuntergesaut waz. Uns nimmt an der Geschichte am meisten Wunder, daß der V o r st a n d der „Neuen Freien Volksbühne" sich und seinen Mitgliedern eine solche geradezu beleidigende Behandlung bieten lästt. — Der Streit Weingartner-Hü Isen ist nun soweit gediehen, dast der Kadi entscheiden soll, ob der frühere erste Kapellmeister der Berliner königl. Kapelle im Recht ist oder der Intendant Hülsen samt der Opernhanskapelle. Wenn's Glück gut ist(und die Herrschaften sich nicht wieder eines Besseren besinnen), wird man also im Herbst dieses Jahres etwa sehen, welchem der beiden musikalischen Kämpen die Flölentöne beigebracht werden. �"7 ��l'nduiig für Dreher. Sehr viel Zeit wird heute dadurch unnütz vergeudet, dast bei jedem Gewinde die Wechsel- räder berechnet werden müssen. Mittels einer soeben vom Patentamt geschützten Erfindung ist es möglich, für die tagtäglich vorkommenden Gang- und Millimetergewinde in wenigen Sekunden genau passende Räder zu finden, o h n e z u r e ch n e n. Und zwar für Drehbänke mit einer Leitspindel von 2, 27->, 3, 4, 5 und 6 Gana auf 1" englisch. Der Preis beträgt 60 Pf." Die Kreistabelle mit mit Verstellvorrichtung ist durch die Buchhandlung Vorwärts zu be- ziehen. Auflösung aus Grund des Sozlalistmgesetzes aussprach. Als gegen Mitte der 80 er Jahre, soweit es der eiserne Druck des Sozialistengesetzes zuließ, das gewerkschaftliche Leben sich vor sichtig wieder zu regen begann, entstanden in einigen Grost städten, so auch in Berlin, Fachvereine der Bäcker. Auf einem Kongreß der Bäckergesellen, den der Vorsitzende des Berliner Fachvereins für den 5. Juni 1885 nach Berlin berief, wurde die Gründung des Deutschen Bäckerverbandes beschlossen. Berlin wurde als Sitz des Ver bandes bestimmt.< Die wirtschaftliche Rückständigkeit im Bäckergewerbe, der damit zusammenhängende Jndifferentismus, ja man kann sagen der Stumpfsinn der damaligen Bäckergesellen gaben keinen Boden ab für die gute EntWickelung einer GeWerk schaft. Bis zum Jahre 1889 hatte es der Verband erst au 729 Mitglieder gebracht. Die leitenden Personen hatten wenig Hoffnung auf eine gedeihliche Fortentwickelung des Verbandes. Zu jener Zeit veranstaltete die in Hamburg domizi« lierende Geschäftsleitung(Agitationskommission) der Bäcker Teutschlands eine Erhebung über die Lohn- und Arbeits Verhältnisse sowie sanitären Mißstände im Bäckergewerbe. Au Ersuchen der Kommission verarbeitete Genosse B e b el das Material zu der bekannten Broschüre:„Zur Lage der Bäckerei arbeiter". Die Arbeit des Genossen Bebel erregte aw gemeines Aufsehen. Das Publikum war entsetzt über die unsauberen Verhältnisse, unter denen das tägliche Brot her« gestellt wird. Die Bäckermeister wüteten und bezeichneten Bebels Angaben als unwahr oder mindestens übertrieben Doch, Untersuchungen, welckje die Behörden in manchen Städten vornahmen, sowie spätere erneute Erhebungen des Bäckerverbandes zeigten, daß Bebels Schilderungen hinter den Mißständen, welche tatsächlich vorgefunden wurden, noch weit zurückstanden. Die Broschüre sowie ihre Bekämpfung durch die Gegner gab reichen Stoff zur Agitation für den Verband. Doch der Erfolg der Propaganda blieb einstweilen noch aus. Ja, der Verband ging nach 1899 nwhr und mehr zurück, was zum Teil durch persönliche Zwistigkeiten im Verbands Vorstande begründet war. Anfang 1895 war der Verband auf 186 Mitglieder zusammengeschmolzen. In Berlin, am Sitze des Verbandsvorstandes, bestand die Mitgliedschaft aus 14 Personen. Das war eine schwere Zeit für den Verband. Der Mißmut unter den Mitgliedern hatte einen solchen Grad erreicht, daß die Berliner auf dem Verbandstage 1895 die Auflösung des Verbandes beantragten. Doch die Mitglied- schaften an der Wasserkante bekämpften den Antrag, der dann auch abgelehnt wurde. Sie stellten den Verband durch eine gründliche Rcorganisatiou seiner Einrichtungen auf eine neue Grundlage. Der Sitz des Vorstandes wurde nach Hamburg verlegt und Oskar Allmann mit dem Amte des Vorsitzenden betraut, das er noch heute bekleidet. Gleichzeitig wurde ein eigenes Vexbandsorgan, die„Deutsche Bäckerzeiwng" geschaffen. Der Verband zählte 186 Mitglieder und die Kasse hatte einen Bestand von 6,95 Mk., als die neue Verbandsleitung am 1. April 1895 die Geschäfte übernahm. Der Vorstand entfaltete eine rührige Agitation, welche durch die General kommission wirksam unterstützt wurde.— Am 4. März 1896 wurde die' Bundesratsverordnung erlassen, welche den Bäckergesellen, die bis dahin zum großen Teil 14, 16, ja 18 Stunden arbeiten mußten, endlich die zwölfstündige Maximalarbeitszeit brachte. Das war ein sichtbarer Erfolg der Veröffentlichung Bebels und der Agitation des Verbandes. Die moralische Wirkung dieses Erfolges blieb nicht aus. Das Vertrauen zur Organisation und das Bewußtsein ihres Wertes griff unter den Bäckerei- arbeitern Platz. Die Mitgliederzahl nahm nun von Jahr zu Jahr zu. Schon Ende 1895 zählte der Verband wieder 669 Mitglieder. 1896, also ein Jahr nach der Reorgani sation, war das erste Tausend an Mitgliedern überschritten. Im Jahre 1898 zählte der Verband 2599 und im Jahre 1999 bereits 4599 Mitglieder. In den beiden folgenden Jahren des wirtschaftlichen Niederganges lvar die Steigerung der Mitgliederzahl nur unbedeutend. Aber im Jahre 1993 stieg sie auf 5599. im Jahre 1995 auf 19 299 und 1997 auf 13 599. Zu dieser Zeit vollzog sich die Verschmelzung des Verbandes mit den, 1891 gegründeten Zentralverbande der Konditoren und Lebkllchler, der bei der Verschmelzung 2699 Mitglieder hatte. Der Verband der Bäcker, Konditoren und verwandten Berufsgenossen, wie der Name von da an lautet, zählte nun- mehr 16199 Mitglieder. Am Schlüsse des Jahres 1999 war die Mitgliederzahl auf 29 359 gestiegen, � Da die lokalen Fachvereins der Bäcker schon vor Jahren entweder im Ver- bände aufgegangen oder zu völttger Bedeutungslosigkeit herabgesunken find, so vereint der Verband in seinen Reihen alle Berufsgenosfen, die gewillt sind, ihre Interessen auf dem Boden der klassenbewußten Arbeiterbewegung zu ver- fechten. In dem Maße, wie die Mitgliederzahl des Verbandes feit 1895 zunahm, steigerte sich auch ftine finanzielle Leistungs- fähigkeit. Daß dte Mitglieder in Zeiten der Not einen starken Rückhalt an ihrem Verbände haben, das zeigen die Summen, welche für Unterstützungszwecke aufgewandt wurden. Allein im Jahre 1999 erhielten die Mitglieder an Arbeitslosenunterstützung 75574 M.. Neiseunterstütznng 7622 M-, Krankenunterstützuna 49 873 M., Umzugsunterstütznng 1596 M., Sterbegeld 2305 Mark, Notfallunterstützung 768 M.. Rechtsschutz 6538 M. Arbeitslosenunterstützung gewährt der Verband seit 1992. Von da an bis 1999 wurden für diesen Unterstützungszweig 325 885 M. ausgegeben. Die Krankenunterstützung besteht seit 1993. Sie erforderte bis 1999 eine Ausgabe von 192 961 Mark. Für alle Unterstützungszweige zusammen hat die Verbandskaffe von 1895 bis 1909 die Summe von 515392 M. ausgegeben. Für gewerkschaftliche Kämpfe(Streik- und Gemaßregeltenunterstützung) wuxden in derselben Zeit 299 169 M. ausgegeben. Als seine wichtigste Aufgabe hat der Verband natürlich die Verbesserung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse betrachtet. Zahlreiche und zum Teil sehr harte Kämpfe sind aus dresem Anlaß geführt worden. In all diesen Kämpfen handelte es sich, noch ehe die Bundesratsverordnung bestand, um Verkürzung der unmenschlich langen Arbeitszeit auf das Matz von 12 Stunden, sowie angemessene Lohnaufbesserung. Auch die Kost- und Logisverhältnisse spielten schon bei den Lohnbewegungen Ende der 89 er und Anfang der 99 er Jahre eine Rolle. Doch forderte man damals noch nicht die Ab- schgffMll des Kost- Md Logiszwanges, sondern gute Kost und saubere Schlafgelegenheit. Fast bei allen Lohnbewegungen der damaligen Zeit wurde die Forderung erhoben: Bürger- liches Essen, für jeden Gesellen ein Bett(!), die Bettwäsche muß monatlich einmal gewechselt werden. Daß für solche Forderungen gekämpft wurde, beweist, wie elend und jammer» voll die Beköstigung und Beherbergung der Bäckergesellen durch die Meister zu jener Zeit gewesen sein muß.— Einige Jahre später griff die Ueberzeugung Platz, daß der Kost- und Logiszwang nicht nur materielle Mängel hat, sondern daß er auch ein unwürdiges Abhängigkeitsverhältnis des Arbeiters vom Arbeitgeber schafft und den kulturellen Fortschritt hemmt. Diese Erkenntnis zeitigte 1897 einen Verbandsbcschluß, wonach bei allen Lohnbewegungen, wo es möglich ist, die Abschaffung des Kost- und Logiszwanges gefordert werden soll. Diese Forderung steht seitdem im Vordergrunde der Lohnkämpfe in den Großstädten. 1898 wurde sie in Hambur�-Altona mit Erfolg durchgefochten. Auch in Berlin und einigen anderen Großstädten ist der Kost- und Logiszwang zum großen Teil beseitigt. Außerdem haben die zahlreichen Lohnkämpfe des letzten Jahrzehnts manche wertvolle Verbesserung im Lohn- und Arbeits- Verhältnis gebracht.— Im Wege der Verhandlung hat der Verband mit den Konsumvereinen einen Tarif für die daselbst beschäfttgten Bäcker abgeschlossen. Doch mit den gewerkschaftlichen Kämpfen ist die Tätig- feit, welche der Verband im Interesse der Bäckereiarbeiter entfaltet, nicht erschöpft. Er hat eine rührige Arbeit ent- faltet, um die Vorschriften der Bundesratsverordnung, die anfangs von den Meistern kaum beachtet wurde, zur Durchführung zu bringen und die Aufsichtsbehörden zur Kontrolle der Betriebe zu veranlassen. Doch damit nicht zu frieden, agitiert der Verband unablässig siir eine Erweiterung des völlig ungenügenden Schutzes der Bäckereiarbeiter. So ist er in der letzten Zeit besonders für die gesetzliche Eiu fiihrung eines Ruhetages in jeder Woche eingetreten. Diese Forderung hat bekanntlich zu einem allerdings noch uner- ledigten Gesetzgebungsvorschlag geführt. Es ist begreiflich, daß namentlich diese Tätigkeit deS Ver bandes den wütendensten Haß der rückständigen Jnnungs meister entflammt hat. Nicht nur sie selbst kämpfen mit der größten Erbitterung gegen den Verband, sondern sie haben aus den Reihen der indifferentesten ihrer Arbeiter eine gelbe Schutzgarde ins Leben gerufen, die noch jederzeit die Hand geboten hat zum Verrat der Arbeiterinteressen. » Im Kampfe gegen die vereinten Kräfte reaktionärer Arbeitgeber und irregeleiteter Arbeiter hat der Bäckerverband, durch die gesamte klassenbewußte Arbeiterschaft tatkräftig unterstützt, seine Erfolge erzielt. Manche Verbesserungen der elenden Lage der Bäckereiarbeiter sind so im Laufe der Jahre errungen worden. Auch ist die Aufklärungsarbeit, welche der Verband in den Reihen dex Berufsgenossen geleistet hat, nicht gering anzuschlagen. Aber es bleibt noch viel zu tun übrig, um die Masse der Bäckereiarbeiter emporzuheben aus dem materiellen und geistigen Elend, in dem sie zum großen Teil dahinlebt. Daß der Verband auch in Zukunft ebenso energisch für die Erfüllung seiner Aufgaben arbeiten wird,.wie er es in der Vergangenheit getan hat, ist sicher. Daß diesr Arbeit von Erfolg gekrönt sein möge, da« wünscht mit«nS dir gesamte klassenbewnßtc Arbeiterschaft. Nklbllttdstlig der Mliikr und Konditoren. In der Sitzung am Freitagabend wurden hinsichtlich der Bei trags- und Unterstützungssätze folgende Beschlüsse gefaßt: Der ivöchentliche Beitrag betragt 25 Pfg. bei einem Wochenverdienst bis 14 M,. 40 Pfg. bei 14 bis 18 M.. B0 Pfg. bei 18 bis 24 M.. 60 Pfg. bei 24 bis 30 M., 75 Pfg. bei mehr als 30 M. Für voll« Kost und Logis werden 12 M., für halbe Kost ö M. wöchentlich angerechnet. Zahlstellen, in deren Gebiet Lohntarife bestehen, können beschließen, eine oder mehrere Staffeln ausfallen zu lasten.— Die Streikunterstützung beträgt in der Beitragsklasse zu 25 Pfg. nach halbjähriger Mitgliedschaft SO Pfg., nach einjähriger Mitgliedschaft 00 Pfg. pro Tag, bei 40 Pfg. Beitrag 1,20 respektive 1,40 M., bei 50 Pfg. Bei» trag 1.60 respektive 1.70 W.. bei 60 Pfg. Bettrag 1,80 respektive 2 M.. bei 75 Pfg.«Beitrag 2.10 respektive 2,30 M. Zuschlag für Kinder pro Kopf und Tag 20 Pf, in allen Klasten.— Die Ernierbs- lesenunterstiivung beträgt in den verschiedenen Beitragsklassen pro Tag 80 Pfg., 75 Pfg., 1 M.. 1,25 M., 1,50 M. Sie wird gewährt nach einer Mitgliedschaft von 1 Jahr für 35 Tage, nach 2 Jahren für 40 Tage, nach 3 Jahren für 45 Tage, nach 4 Jahren für 50 Tage, nach 5 Jahren für 60 Tage im Jahre.— Die UmzugSunter- stützung beträgt, je nach der Beitragshöhe 10, 15, 17,50, 22,50, 32,50 Mark nach 2jähriger Mitgliedschaft und steigt von Jahr zu Jahr bis zu 17,50. 22,50, 25, 30. 40 M. nach Bjähriger Mitgliedschaft.— Das Sterbegeld beträgt 15. 30. 40. 50. 70 M- nach Ljähriger Mit- gliedschaft und steigt von Jahr zu Jahr bis auf 50, 70, 100, 120, 150 M. nach lOjähriger Mitgliedschaft, Am Sonnabend erledigte der Berbandstag em« lange Reihe von Anträgen zum Statut, die meist formaler Art sind und kein allgemeines Interesse haben. Unter anderem wurde beschlosten, die Organisation nicht mehr„Verband*, sondern.Zentralverband der Bäcker. Konditoren und verwandten Berufsgenosten* zu nennen. Dem Vorstande wurde«in Antrag zur Berücksichtigung überwiesen. welcher sagt: Den Lehrlingen und jugendlichen Arbeitern ist die „Arbeiterjugend* in derselben Weise zu liefern wie den weiblichen Mitgliedern die„Gleichheit*.— Ein Antrag, welcher die Be- kämpfung des Alkoholgenusses durch die Verbandszeitung fordert. wurde als erledigt bezeichnet durch die Feststellung, daß sich das Verbandsorgan dieser Aufgabe schon seither unterzogen habe und daß für den Vorband selbstverständlich die in bezug auf die Alkohol- b-kämpfung gefaßten Beschlüste des Parteitages und des Gewerk- �chäftskongresies maßgebend seien. Der Sitz des Vorstandes bleibt in Hamburg, der Sitz de? Ausschusses in München. Als erster Vorsitzender wurde Allmann einstimmig wiedergewählt. Das Amt des zweiten Vorsitzenden wurde bisher ehren- amtlich verwaltet, wird aber nunmehr besoldet, Der bisherige Hquptkasiierer Friedmann wurde als zweiter Vorsitzender und Freytag-Leipzig als erster Kassierer gelvählt. Wiedergewählt wurden als zweiter Kassierer Langhann, als Redakteure Weidler und Lankes, als Sekretär Kahl, als Gauleiter Hetzschyld. Berlin. Gaßner-Rürnherg. Liescher.Ham. bürg. Auf Antrag einer in der Gehaltsfrage eingesetzten Kommission wurde beschlossen, die Gehälter aller Verbandsangestellten ab Juni um 10 M. zu erhöhen und dem Vorsitzenden Allmann für die Abfassung der Geschichte der Bäckerbewegung eine Entschädi- gung von 300 M. zu gewähren. Genosse Adolf Hoffmann, vom Vorsitzenden begrüßt, wünschte m einer Ansprache dem Verbände vollen Erfolg in seinen Kämpfen für die Beseitigung des Elends, in dem die Bäckerei. arbeiter leben. In demselben Sinne sprachen noch die Vertreter der öster, reichischen und der schweizerischen Bundesorganisation, sowie die Vertreter des Brauer- und des Mühlenarbeiterverbandes. Der letzte?« betonte, daß durch den Anschluß feiner Organisation an die der Brauer an dem guten BerhälttnS zum Bückerverbgnde nichts geändert werde. Ded Vorsitzende Hetzschold schloß den VerbanbSkag»kt einer Rede, in der er hervorhob, daß der Verband seine Erfolge fast nur der Unterstützung durch die gesamte Arbeiterschaft ver- danke. Der Verband werde seinen Dank an die Arbeiterschaft da- durch abtragen, daß er sich nach wie vor bemühe, die Bäcker und Konditoren zu klassenbewußten Arbeitern, zu Sozialdemokraten zu machen, damit sie die Bezeichnung„rote* Väckxr». und Konditoren mit Recht und mit Stolz führen können, Soziales* Ist der Tarifvertrag auch für Unorganisierte bindend? Die Anlcgerin A. klagte gestern gegen die Firma A. Weichert, Verlagsbuchhandlung und Buchdruckerei, auf Zahlung von 17 M. Entschädigung, weil sie am 21. Mai mit achttägiger Frist entlassen worden ist. Die Beklagte beantragt Klageabweisung und beruft sich auf den zwischen den Organisationen der Buchdruckereibesitzer und der Buchdruckereihilfsarbeiter und-arbeiterinnen ab- geschlossenen Tarifvertrag, der eine nur achttägige Kündigungsfrist vorsieht. Die Klägerin macht demgegenüber geltend, daß sie seit einigen Jahren nicht mehr erwerbstätig war und demzufolge auch der Organisation nicht mehr angehöre. Sie habe deshalb nicht den Arbeitsnachweis des Verbandes der Buchdruckcreihilfsarbeiter. von dem alle tarrftreuen Wuchruckereien ihre Arbeitskräfte bc» ziehen, nicht in Anspruch nehmen können. Sie habe die Stelle vom allgemeinen Arbeitsnachweis in der Gormannstrahe, von dem die Beklagte ausschließlich die Arbeiterinnen verlangt, bekommen. Beim Arbeitsantritt ist ihr nichts davon gesagt worden, daß sie nur acht Tage Kündigungsfrist hätte. Auch daß der Tarif eine solche Frist vorsehe, sei ihr nicht bekannt gewesen. Das Gewerbegericht hielt jedoch, da der Tarifvertrag von etwa 25 Proz. aller Buchdruckereien anerkannt sei, die achttägige Kündigungsfrist für ortsüblich und empfahl der Klägerin, die Klage zurückzunehmen. Dem wurde entsprochen. Die Ansicht des Gewerbegerichts teilen wir nicht. Die zum Schutz der Arbeiter getroffenen gesetzlichen Borschriften sowie die niangels einer ausdrücklichen anderen Vereinbarung geltenden günstigen gesetzlichen Vorschriften können zuungunsten des A» beiters durch einen Tarifvertrag, dem er nicht zugestimmt hat, nicht beseitigt werden. Dahin gehört in erster Reihe die gegen das Lohnbeschlagnahmegesetz verstoßende, in einigen Tarifverträgen aufgestellte Ausschließung des 8 616 des Bürgerlichen Gesetzbuchs (Fortzahlung des Lohnes bei verhältnismäßig kurzer Arbeits- behinderung.) Solche Vorschrift gilt selbst nicht gegen die Tarif, abschließenden. Im übrigen kann freilich aus dem Tarif ent- nommmen werden, was ortsüblich ist. Als Kündigungsfrist gilt aber lediglich die gesetzliche oder vereinbarte, nicht oder eine ortS- übliche.__ Aus der Seeberufsgenossenschaft. Die Seeberufsgenossenschaft wählte in ihrer gestrigen genossen« schaftlichen Versammlung in Stettin den Reeder giichard(£. Krog- mann-Hamburg erneut zum Vorsitzenden. Aus dem Jahresbericht ist besonders der Antrag der Seeberufsgenossenschaft an die Reichs. regierung zu erwähnen, die englische Regierung um Herbeiführung einer Verständigung zwischen den europäischen Staaten über eine internationale Tiefladelinie zu ersuchen. Beschlossen wurde die notwendig gewordene Beseitigung einer Abweichung zwischen den englischen und deutschen Vorschriften für greibsrd, Als nächster Versammlungsort wurde Essen a. R. gewählt, Rue Induftne und Handel Baisse am Getrcideinarkt. Die an dieser Stelle schon erwähnten Bemühungen der russischen Staatsbank, die stark gesunkenen Getreidepreisr in Rußland durch Beibehaltung der bisherigen hohen Beleihung aufrecht zu halten, wurden auch in der vergangenen Woche fortgesetzt. Mit welchem Erfolge, mutz allerdings abgewartet werden. Die Bewegung des Berliner Marktes veranschaulicht die folgende Aufstellung, die den 1. Juni als Schlutztag hat, da am folgenden Tage schon wieder einige Deckungskäufe eine Erholung der Preise bewirkten: t. Juni 1202 1. April 1210 1. Juni 1910 Weizen, Juli... 253»/. 225>/, 122'/* . September. 224°/, 211 187 Roggen. Juli... 190 162'/, 143'/, , September. 190°/, 167'/, 147 Hafer. Juli.... 186 163'/, 144 Mais. Juli.... 166'/, 149'/: 137 Mehl, Juli.... 26.20 12.80 17.76 Bon der Abwärtsbewegung ist demnach kein einziges Produkt ausgenommen worden. Am auffallendsten ist aber die Senkung des Preisniveau« für Weizen. In den anderen Haupthandelsplätzen ist die Bewegung der Preise ähnlich gewesen. Die Weltverschiffungen spielen den Saatenstandsberichten gegenüber fast gar keine Rolle mehr._ Preisrückgang für Zucker. Die Abschwächung an den inter- nationalen Zuckermärkten macht« in der verflossenen Woche weitere Fortschritte. Die letzte Statistik hat ein- überraschende Abnahme der deutschen Zuckerausfuhr erwiesen. Besonders hat England, einer der Hauptabnehmer, nur sehr verminderte Bezüge gehabt. Die Preiseinbußen gingen in Hamburg nicht über eine halbe Mark hinaus. Greße Holzgeschäfte. Der Fürst zu Schaumbura-Lippe besitzt in Slavonien große Forstgüter mit bedeutenden Eichenwaldungen. Diese Forsten sollen jetzt zum Verkauf gelangen. Zu diesem Zweck» hat die fürstliche Verwaltung mit der„Ungarischen Allgemeinen Kreditbank in Ofenpest* einen Optionsvertrag für 72 000 Joch ge- schlössen. Dre Bank, hinter der ein Konsortium von intemoiionalen Holzindustriellen steht, läßt gegenwärtig die Waldungen abschätzen. um den Wert festzustellen. Wenn das Geschäft zum«bschlutz kommt. dürfte zum Zwecke der Verwertung der Eichenwaldungen eine Aktien- Gesellschaft Ins Leben gerufen werden. Das ungarische Bank, Institut hat sich, wi» es heißt, die Mitwirkung der»Dresdner Bank* gesichert. Fleischpreise vnd Fleischkonsum. Nach dem Jahresbericht des Vorstandes de» Deutschen Fleischer- Verbandes war das aus den gewerbsmätzigen Ochlachtungen von Rindvieh. Schweinen und Schafen im vorigen Jahre gewonnene Fleischquantum fast so groß wie im Jahre 1208 und betrug 2'/, Milliarden Kilogramm. Infolge der Steigerung der Be- Völkerungsziffer blieb die Kopfquote um'/, Kilogramm gegen 1908 zurück, während infolge der Erhöhung der Schweineprcise sich der Gesamtwert des gewerbsmätzig geschlachteten Biehe» um 185,6 Millionen Mark höher stellte, als dasselbe Quantum im Jahre 1908 gekostet hatte, die Betteuerung ergibt pro Kilogramm 7,1 Pf. Der Durchschnittspreis für Fleisch stellte sich IgG auf � g Pf. pro Kilogramm gegen 127.6 im Jahre 1908, 12? ju, Jahre 1207. Der Gesamtwert des gewerbsmäßig geschlachteten Liebe« belies sich auf S 145 761 250 M. Da im ersten Vierteljahre des laufenden Jahre» die Schlachtungen bei Rindvieh und Schafen wieder zugenommen haben, insbesondere ober die der Kälber. Kühe und Jungttnder, chlietzt der Verband, daß dies der EntWickelung der deutsch«» Vieh» zucht auf keinen Fall förderlich sein kann. Wie beim auch die Vieh. zählungsergebnisse in Preußen und Sachsen erwiesen haben,'st de, Rinderstapel statt i» der Zunahme im Abnehmen begriffen, auch der Schasbestand hat weiter abgenommen, während die Zunahme der Schweine gegenüber dem Rückgange von 1208 kaum nennenSwett ist und 5et weitem noch nicht wieder die Höhe des Jahre» 1907 erreicht hat.__ Auf den Bauuiwollinarttcn kam eS auch in der vergangenen Woche zu erneuten PreiSriickgängen, die sich jedoch in recht engen Grenzen hielten. In Bremen gingen die Lokopretie um etwa I M. herunter. Di« Bestrebungen, eine Bauinwolltcrminbörse in Deutsch- land zu schaffen, haben keine besonders große Aussichten auf Erfolg. Sie gehen in erster Linie von Hamburg aus. Hcfesyndikat. Die deutschen Hefefabriken haben sich zu einem Syndikat G. m. b. H. mit einem Kapital von IVj Millionen Mark zusammengeschlossen. DaS Syndikat ül�rnimmt vom 1. Oktober d. I. ab den Versand der Hefe für ganz Deutschland. Der Verkauf er- folgt durch �entralverkaufsstellen, die in verschiedenen Städten für größere Bezirke errichtet werden. Entkommunalifierung. Die Stadtverordnetenversammlung in Köln hat in ihrer gestrigen Sitzung durch einstimmigen Beschluß den Oberbürgermeister zum Abschluß eines Vertrages mit der Rheinischen Aktiengesellschaft für Braunkohlen-Bergbau und Brikett- fabrikation über die Lieferung elektrischer Energie an die Stadt Köln erniächtigt. Der Vertrag wird auf 30 Jahre abgeschloffen. Der Stadt ist eine Aktienbeteiligung bei der Gesellschaft und eine Vertretung im Aufsichtsrat zugesagt._ Deroute in New Jork. Die New Jorker Börse steht seit einigen Tagen im Zeichen der Krise. Als Ursache dafür wird ein Borgehen der Regierung be» treffend die Taristiolitik der Bahnen angegeben. Wahrscheinlich wirkt aber auch wohl die allgemeine wirtschaftliche Lage deprimierend. Nach Meldungen vom 3. Juni hat der amerikanische Senat mit 50 gegen 12 Stimmen, trotz lebhafter Gegenpropaganda der Bahn- gesellschaften, einen Gesetzentwurf angenommen, der die Befugnisse der Interstate Commerce Commission über die Bahnen erhöht. Der Gesetzentwurf wurde vielfach abgeändert, namentlich zugunsten der Verftachter. Das ist für die Bahnen der Stein des Anstoßes. Der Entwurf wird noch in einer gemeinsamen Beratung beider Kammern erörtert werden. Der Präfident der New Jork Central Railway Brown hat er- klären lassen, der Kredit der amerikanischen Eisenbahnen sei durch die Maßnahmen der Regierung fast völlig vernichtet. Die Gesellschaften drohen mit Arbeiterentlassungen. Aus London wird der.B. Z." darüber gemeldet: Eine größere Anzahl amerikanischer Bahnleiter erklärte, daß in- folge des Vorgehens gegen die Frachterhöhungen eine weitgehende Einschränkung der Bauten, der Bestellungen und des Bestandes der eigenen Arbeiterschaft dringend erforderlich werde. Mindesten? für 200 Millionen Dollar» der beabfichtigten Bahn- befferungen müßten nunmehr unterbleiben. Diese augenscheinlich übertriebenen Auslassungen veranlaßten, daß auch Tafts Rede, weil fie das Wort.Panik" enthielt, pessimistisch ailfgefaßt wurde. Die großen Finanzhäuser lassen den Markt ohne Stütze, um Taft eine gründliche Lehre zu erteilen. Nach einer solchen Vorbereitung werden die westlichen Bahnletter heute mit Taft konferieren. Da» Falliment eines Manufakturwarenhauses in St. Laut» und die verringerte Calumet Hccla-Dividende trugen zur Verstimmung bei. Aus New Jork wird unterm 4. Juni gemeldet: .Die Szenen, die fich an der gestrigen New Yorker Börse er- eigneten, erinnern an die schlimmsten Tage von 1907 und 1903. Die Krisis ist viel schwerer als sie sich bisher jemals ereignete, sie ist so heftig gewesen, weil der größte Teil deS Publikums von ihr vollständig überrascht wurde. In den Straßen, auf allen Plätzen waren Maueranschläge angebracht, in denen die Präsidenten der Eisenbahngesellschasten erklären, daß die Verbefferungen der Eisen- bahnlinien aufgeschoben werden müßten, wenn die Regierung die Erhöhung der Tarife nicht genehmige, welche die Panik hervor- gerufen haben. Infolge dieser Affichen war der Verkehr in den Straßen gestern nachmittag teilweise aufgehoben. Die Verkäufe von Papieren setzten gestern mittag ein und dauerten bi« 1 Uhr. Nach dem Krach von 1907 haben die Kurse niemals einen derarttgen Sturz erlitten, wie gestern." Die Gesellschaften werden fich den Kampf gegen die Regierung und für ihr Plünderrecht ficherlich etliche Millionen kosten lasten, in der Gewißheit, nachher das Vielfache durch Tariferhöhungen wieder herausschlagen zu können-_ Genchtö- Zeltung. Die Klassenjustiz an der Arbeit. Au« Stolp in Pommern schreibt man uns: Nicht weniger als wie drei Streik, und zwei Wahlrrcht»dem?nstrati»nSpr»,rsse kamen hier am Freitag vor dem Schöffengericht zur Aburteilung. Wegen versuchter Nötigung und Belästigung eine» Arbeits- willigen hatte sich der Bauarbeiter Schoot zu verantworten. Nach der Anklage soll er den Arbeitswilligen Müller beleidigt, bedroht und mit Steinen nach ihm geworfen haben. Als die Belastungs. zeugen erklärten, sie kennen den Angeklagten nicht, sprach man den Angeklagten nicht frei, sondern vertagte die Verhandlung, um den Polizeikommiffar zu laden, bei das Protokoll aufgenommen hat, in dem steht»sie kennen den Angeklagten". Also mißt man einem polizeilichen Protokoll mehr Glauben bei als einer beeideten Zeugen- aussage. In dem neuen Termin erfolgte Freisprechung. Die Zeugen waren bei ihrer Aussage geblieben, der Kommiffar erklärte, zu ihm hätten sie gesagt, sie kennen den Angeklagten._ Ganz erhebliche Strafen wurden aber über die anderen lkebel- täter verhängt. So wurde der Bauarbeiter Manzke zu 5 Monaten Gefängnis verurteilt, weil er einen Polizeibeamten verprügelt hatte, als ihn dieser mit Gewalt arretieren wollte. 2 Wochen Ge- fängnis erhielt Genosse Zielke, der Vorsitzende des Maurerver- bandes, weil er angeblich einen Maurerpolier beleidigt und bedroht haben sollte. 1 Woche und 25 Tage Ciefängnis erhielten die Bau- arbeitcr Schoot und Priebe, weil sie einen arbeitswilligen Kollegen angeulkt hatten. Ganz drakonische Strafen erhielten die Arbeiter Buchert und Zühlke, letzterer Vorsitzender des Bauhilfsarbeiter- Verbandes. Trotzdem nur erwiesen war, daß letzterer in bc- greiflicher Erreguncg nach einem Wortwechsel mit einem arbeitenden Gewerkvereinler diesem eine Ohrfeige gegeben hatte, und Luchert in dem nun entstehenden Auflauf den GeWerk- vereinler etwas zu nahe gekommen war, erkannte das Ge. richt auf 3 resp. 2 Monate Gefängnis. Bei dem Vorfall, wegen dessen sich die Maurer Schramm, Schedelke und Tuske zu verant- Worten hatten, stellte sich heraus, daß- Schramm nur dem Maurer Bolduan einen Schlag auf den Kopf mit der Hand gab, nachdem er einen„freundschaftlichen" Schlag von ihm auf der Schulter empfangen hatte. Hier bekam es der AmtSanwalt sogar fertig, daß er gegen Schramm 3 Monate und gegen die andern beiden je 1 Monat Gefängnis beantragte. Das Gericht verurteilte Schramm zu 1 Monat Gefängnis und sprach die übrigen frei. Mit diesen horrenden Strafen vergleiche man die Urteile gegen die Bonner Studenten. Die Arten und Höhen der gegen die Arbeiter erkannten Strafen zeigen, daß wir in einem Klassenstaat leben. Wie weit von dieser Erkenntnis das Gericht ertfernt ist, zeigt die zur Begründung des Urteils gebrauchte Wendung„den Angeklagten muß zum Bewußtsein gebracht werden, daß wir in einem Rechtsstaat leben". Wollte das Gericht dieses Bewußtsein aufkommen lassen, so durfte es, soweit überhaupt eine Straftat vor> lag, nur auf niedrige Geldstrafen erkennen. Die Urteile bringen den Arbeitern gerade zum Bewußtsein, daß unser sogenannter „Rechtsstaat" ein„Klassenstaat" ist, der nicht ohne Ansehen der Person lediglich nach Maßgabe der begangenen Tat, sondern we- sentlich mit Rücksicht darauf, wer angeklagt ist, urteilt. In Bonn Eisenbahntransportgefährdung radaulustiger, aber wohlhabender Studenten mit für die schwerreichen Angeklagten geringfügigen Geldstrafen geahndet, in Stolp Arbeiter, die in einem ehrlichen ihnen aufgezwungenen Kampf um Ehre und Existenz etwas tempe- ramentvoll waren— harte Gefängnisstrafe. Das sollte auch Stol- per Richtern offenbaren, daß wir in einem Klassenstaat leben. Wie so manche Polizeiaussagen zu bewerten sind, erwies folgender WahlvechtsemonstrationSprozeß aus denselben Sitzung. Als am 10. April die Poli�tzi einige Straßen abgesperrt hatte, da« mit die bösen Sozis kein Unheil anrichteten, kamen vier junge Buchhalter durch eine Querstraße und wollten durch eine Kette von Schutzleuten hindurch, um ihren Wieg weiter zu gehen. Als sie angehalten wurden, geriet einer von ihnen mit einem Schutz- mann in einem Wortwechsel, dabei sagte er zum Schutzmann „Kommen Sie mir nicht so dichte auf den Leib". Es entgegnete der Schutzmann:„Na an Ihnen will ich mir die Finger nicht schmutzig machen". Trotzdem der Schutzmann diese Aeuherung zugab, hatten seine beiden anderen Kollegen sie nicht gehört, wohl aber die Aus- sagen des Angeklagten. Es war ergötzlich anzusehen, wie perplex sie anlsahen, al» der Verteidiger erklärte, ihr Kollege hätte jene Aeußerung selber zugegeben. Das Gericht erkannte auf 3 Mark Geldstrafe, da die Straßen- und Wegeordnung überschritten sei. Polizeilicherseits war ein Strafbefehl von 10 M. ergangen. Pech hatte dagegen ein Tischlergeselle mit seinem Einspruch. Gr sollte 10 Mark blechen, weil er am 10. April als Teilnehmer der Temon« stration„Hurra" gerufen und mit den Händen gefuchtelt haben sollte. Hier beantragte der Staatsanwalt die Straf« auf 21 Mark zu erhöhen, da 10 Mark zu wenig sind. DaS Gericht erkannte auf 12 Mark. Bemerkt sei noch, daß der Kampf im Baugewerbe den Ar. beitern hier 1t Monat», 15 Tage Gefängnis eingebracht hat. Im Wiederaufnahmeverfahren verhandelte gestern die 4. Strafkammer des Landgerichts I eine Anklage wegen gewerbsmäßiger Hehlerei, die sich gegen den Kürschner Hermann Oppenheim richtete. Der Angeklagte, Inhaber einer großen Pelzwarcnkonfektion in der Aleranderstraße, ist am 23. Januar 1000 von der 4. Strafkammer des Landgerichts I wegen Hehlerei in 4 Fällen zu t> Monaten Gefängnis verurteilt worden. Die hiergegen bei dem Reichsgericht eingelegte Revision war ohn» Erfolg. Tagegen drang ein Wiederaufnahmeantrag durch. Der Anklag« lag folgender Sachverhalt zugrunde: Der Angeklagte hatte im Jahre 1000 von dem Reisenden«ieafried Herrmann, der da- mals Mitinhaber einer Schweifdreherei und Fellhandlung war. mehrmals Posten von künstlich gedrehten Schweifen gekauft. Nach» dein Herrmann aus der Schweifdreherei ausgeschieden war, hat er sich eine Reihe grober Sckiwindeleien zuschulden kommen lassen, die er hier in Berlin und in Liegnitz verübte. Er hatte sich großen Fellhändlern begeben und unter dein Borgeben, daß er für eine reiche Dame ein Pelzjackett anzufertigen habe, sich einen Posten wertvoller Felle aushändigen laffen. die er angeblich der betreffenden Kundin zur Ansicht vorlegen wollt«. Die gelle wurden ihm fest verkauft und er zahlte gewöhnlich 200 M. an. Tatsächlich hatte er aber gar keine Kundin, für die er ein solche? kostbare» Pelzjackett anfertigen sollte, er lief vielmehr mit der auf so be- trügerische Weise erlangten wertvollen Ware zu einem Kürschner und suchte sie dort weit unter dem Preise an den Mann zu bringen. Er ist wegen dieser Betrügereien vom Landgericht zu Liegniß zu 3 Jahren unss bon her 1. Skrafkammer deS Landgerichts Berlin I zu noch 0 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Von diesem Betrüger hatte Herr Oppenheim zu vier verschiedenen Malen eine größere Anzahl Nerz-, Persianer-, Marder- und Hermelinfelle gekauft. Der Angeklagte bestritt entschieden, daß ihm ein Verdacht bezüglich deS ehrlichen ErweiBs der Felle durch Herrmann hätte kommen müssen. Er habe diesen nur als felu» ständigen Kaufmann gekannt, auf seine Frage nach der Herkunft der Felle habe er die Versicherung erhalten, daß sie„nicht gestohlen feien: überdies habe er die Felle auch nicht für reguläre, sondern für Partieware gehalten, denn es seien minderwertige Stücke dar. unter gewesen, die den von ihn bezahlten Durchschnittspreis durch- aus als angemessen erscheinen ließen. DaS Gericht kam aber zu Freisprechung des Angeklagten; der Staatsanwalt hatte 3 Monate beantragt._ Reminiszenzen an das ehemalige Zcntral-Theater erloeckte eine Verhandlung, welche die 2. Strafkammer des Landgerichts I beschäftigte. Angeklagt wegen Betruges war der Restau- rateur Gracske und dessen Ehefrau. Der Anklage lag folgender Sachverhalt zugrunde. Nachdem der Weiterbetrieb des Zentral- Theaters aus baupolizeilichen Gründen untersagt worden war, vermieteten die Besitzer des Grundstücks, die Adolf Burchardtschen Erben, die sämtlichen Räume an die beiden Angeklagten zu einem Rcstaurationsbetriebe. Ter jährliche Mietspreis betrug 60 000 M. In dem Mietsvertrag versicherten die Angeklagten ausdrüalich, daß die von ihnen eingebrachten Nestaurationsmobel ihr persönliches Eigentum seien. Seit Dezember 1908 gerieten die Angeklagten mit den Mietszahlungen ins Stocken. Als der Mictsrückstand die Höhe von 41 000 M. erreicht hatte, und die Burchardtschen Erben sich aus dem Mobiliar befriedigen wollten, erfuhren sie zu ihrer unangenehmen Ueberraschung, daß das gesamte Mobiliar der Deutschen Bierbrauerei-A.-G. gehörte. Die Folge war die jetzige Anklage wegen Betruges. In der gestrigen Verhandlung erklärte der Bankier Jglisch als Vertreter der Erben, daß er den Miels- vertrag niemals abgeschlossen hätte, wenn ihm die Angeklagten nicht jene Angaben bezüglich der Eigentumsverhältnisse gemacht hätte». Demgegenüber führte der Verteidiger aus. daß es im Restaurationswesen gang und gäbe sei, das Mobiliar von den Brauereien auf Abzahlung zu entnehmen. Bei der Höhe der MjctSsumme und dem verhältnismäßig geringen Wert deS Mo- biliarS könne jene Erklärung der Angeklagten unmöglich eine ent- scheidende Bedeutung für den Abschluß des Mietsvertrages gehabt haben. Das Gericht kam auch zu einer Freisprechung der An- geklagten, indem es annahm, daß die tatsächlich falschen Angaben die B.schen Erben zum Abschluß des Vertrages nicht bewogen hatten, zumal der Wert deS Mobiliars im Verhältnis zu der Miete ein nur ganz geringer gewesen war. Der Staatsanwalt hatte 0 bezw. 1 Monat Gefängnis beantragt. Mordprozcß gegen Frau Major v. Schönebeck. Vor dem Schwurgericht in Allcnstcin hat sich am Montag die verwitwete Frau Major v. Schönebeck, jetzt verehelichte Frau deS Schriftstellers Weber, gegen die Anklage zu verantworten, den vcr- storbenen Artillcriehauptmann v. Göben bestimmt zu haben, ihre» Gatten, Pen Major im Dragonerregiment Nr. 10 Gustav v. Schöne-' deck zu ermorden. Die Angeklagte ist am 6. Juni 1876 zu Görlitz als Tochter des Inhabers der großen Waggonfabrik Lüders, eines Vielfachen Millionärs, geboren. Am Verhandlungstage wird fie also 34 Jahr. Im Februar 1897 heiratete sie den 19 Jahre älteren Major Gustav v. Schönebeck. Sie ist Mutter zweier Kinder.„Die schöne Toni", wie die temperamentvolle, lebenslustige Frau all- gemein genannt wurde, fühlte sich durch ihren Gatten, der ein leidenschaftlicher Jäger war, vernachlässigt. Sie pflegte außer» ehelichen Geschlechtsverkehr. Ende 1906 Ivurde Hauptmann Hugo v. Göben nach Ottenstein versetzt. Zwischen ihm und der An- geklagten entspann sich ein sehr intimes Verhältnis. Am Weih- nachtsheiligabend 1907 soll die Angeklagte dem Hauptmann den Schwur abgenommen zu haben, den Ehemann zu beseitigen. Am 25. Dezember 1997 weilte Hauptmann v. Göhen bis abends Uhr in der v. Schönebeckschen Villa. Um 1% Uhr nachts kehrte er wieder in die Villa zurück. Als er das Schlafzimmer des Major» öffnete, erhob sich der Major und griff nach seinem Revolver. v. Göben traf mit dem Revolver den Major mitten in die Stirn» Der Schuß hatte den Tod herbeigeführt. Zunächst nahm man an, eS lieg« ein Selbstmord vor. Nach einigen Tagen wurde Haupt» mann v. Göben unter dem Verdacht des Mordes verhaftet. Er leugnete anfangs, gestand dann aber zu, auf Drängen der An- geklagten den Major erschossen zu haben. Anfang März 1903 sollt« er vor dem Kriegsgericht erscheinen. Wenige Tage vorher verübte er aber im Untersuchungsgefängnis Selbstmord.< Auch die Angeklagte war verhastet, wurde aber nach einiger Zeit wieder freigelassen, da die Aerzte erklärten, zur Zeit der Tat sei sie nicht zurechnungsfähig gewesen. Später hat sie den in Eharlottenburg wohnenden Schriftsteller A. O. Weber geheiratet. Sie wurde bekanntlich vor einiger Zeit wieder verhaftet, aber gegen Sicherheitsleistung von 50 000 M. aus der Haft entlassen. Die Angeklagte bestreitet entschieden, schuldig zu sein. Sie habe keine»- Wegs die Absicht gehabt, Hauptmann v. Göben zu heiraten. Ihr Mann habe ihrem Verkehr keine Hindernisse in den Weg gelegt. Die Bezichtigung des Hauptmanns v. Göoen sei auf Eifersucht zurückzuführen. In ihrer Wohnung waren HauS- und Stuben» schlüssel zur Wohnung eines anderen ihrer Liebhaber bei der Haus. suchung aufgefunden. Diese seien dem Hauptmann v. Gäben als vermutlich ihm gehörig vorgezeigt. Dadurch habe v. Göben Kenntnis von ihrem Verhältnis zu anderen erhalten und habe wohl in Aerger und Wut die Bezichtigung gegen sie erhoben, habe diese aber später widerrufen. Außer der Bezichtigung des Haupt- mann» v. Göben sollen noch eine Reihe Indizien für die Täter- schaft der Angeklagten sprechen. Wir werden über den Ausgang der Verhandlung berichten. •••a»• M•?,« S JLf••••• S IL« i l$iptiger Sir. 65 tön ig siraße 34 Oranientir, 84 Oranlenstr. 47m Müllersir. 3 a Rixdorti Bergs tr. 7-9 • 0 0 0 : Sandalen Prima RindvacUtte, Nawrfonn mit Fleck braun und sebwera 22-24_,25-26_ 27-30�,31-32 33.35 36-42 43-47 230 2.75 2.95 Braun �urmaU«nd«U� auf Rand geniht, sehr haUBv," lejdmuikd biefTam 22-24. 25-26._2t.Sb sf-ls 36-42 43-47 235" 3.— MU 4.90"5.90 Tennisschuhe- u. 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Gastspiel d. 5iöl»cr Nestdcnz-TheaterS sV �nfertteulttst. kerüner �keater. Heute 8 Uhr: l' älfltll« Morgen: Tal 7 un._ Neues Theater. Abends 8 Uhr: Die goldene Ritlerzeit. Morgen und folgende Tage: »Iv goldeiio Kitterzeit. Keues Opcretten-Tbeater. Heute und folgende Tage 8 Uhr: Ter Graf üon Luxemburg. Sonntag nachmittag 3 Uhr, zu er- mäßigt. Preisen: Die Dollarprinzessin. Volksoper. 8W, Bclle-Alliancc-Stratze Nr. 7/8. Abends 8 Uhr: Staatsanwait Alexander. Urania. Wissenschaftliches Theater. Abends 8 Uhr: Im Lande der Müter« nachtssonne. Montag 8 Uhr: Dr. 0. Heinroth: Lebende Bilder aus der lielmischeo Tierwelt. Wf/* LOGISCHER SATTEM Heute am ersten Sonntag im Monat Eintritt pro Person: 83 pi 3tB nachmittag? 4 Uhr: Großes Konzert(3 Kapellen). Morgen sowie täglich: Militär- Doppcl-Koiizert._ j Oastans Panopticum Z Friedrichs tr. 165(Psohorrpai) j 2 Geöffnet 2 von 9 Uhr früh bis 10 Uhr abds. Der Mami it der eisernen Zange.! X Täglich 7'/, Uhr abends X Sonntags 4 Uhr: Keltere Vortrüge. 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Mon Pläsier- Lachhaus und Tiele ttnder6 Attraktionen. Heute t —(Die Polizei der Zabnnft)— und das neue, glünzende Wochen-Programm. � Charlottenbnrg Wilmertdorfer Straße 63/54 Dauervorstellung: soZ�TZ*"uW Achtang! Diez9 nur Achtang! Seeterrasse üiehtenberg Röderotraße 11/13. Zwischen Landsberger Allee und ROdsrpIatz. GräfiteS und schönstes Lokal Berlin«. Bei ungünstiger Wliierrmg Schutz sür 8000 Personen.— Täglich l Ob«chSal ob Regen: Cxi*. K011ZCM*t« Austreten der besten Turmseilkünstler Th. Liepe». sowie der neuesten und größten Sensationen der Gegenwart: Die Reise "i hä" Sßltßinottttlf 0.10 Mtier Höhe mit dem Fahrrad ia den See. Sensationell: The O. Goudsmitn, komischer akrobatisch. Burleske- Alt mit ihren konturrenziosen Akrobateiihiniden.— 4 Lepom«, Mensch oder Affe? Phänomen, urlomtiche Affenpantomime. 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Preistreibereien an den Rohstoffmärkten.— Deutschlands Pro- duktion und Einfuhr an Metallen.— Weltmetallproduktion und Werte.— Erneutes Anziehen der Preisschraube.— Welttrust. Wie Baumwolle und Rohgummi, sind auch alle anderen in» dustriellen Rohmaterialien beliebte Spekulationsobjekte. Beson- ders ist das auch bei den Metallen der Fall. Geradezu beispiellos war ja die Metallhausse in den Jahren 1906 und 1907. Von 123,7 Mark pro Doppelzentner im Jahre 1904 schnellte der Kupferpreis nach Frankfurter Notierung im Jahre 1907 auf 189,3 M. hinauf. In derselben Zeit hob sich das Preisniveau für Blei von 24,3 auf 38,9 M. Die Preisstürze, die überspannten Heraufsetzungen folg- ten, führten schon oft zu den Versuchen, durch lückenlosen Zu- sammenschluß der Produzenten oder Händler eine sogenannte Sta- bilisierung der Preise zu sichern. Das durch Börsenmanöver er- langte Preisniveau soll behauptet werden. Es handelt sich da um viele Millionen, die dem Konsum als Tribut auferlegt werden. Besonders Kupfer und Blei finden in der Elektrizrtäts- und Automobilindustrie in zunehmendem Masse Verwendung. Der Be- gehr nach den Metallen wird in den nächsten Jahren voraussichtlich noch erheblich steigen. Die Rohprodukte bilden daher auch in der Zukunft für Börsenmachinationen und Trustbestrebungen willkom- mene Objekte. Für unsere Weiterverarbeitung hat das ein grosses Interesse. Deutschland ist in der Befriedigung seines Kupfer- und Bleibedarfs vom Auslande abhängig. Unser Verbrauch geht weit über die Erzeugung hinaus. Im Jahre 1908 erzielten wir z. B. eine Jnlandsproduktion in Höhe von 164 100 Tonnen Blei. Dazu wurden noch 77 200 Tonnen eingeführt. Nach der Börsennotierung hatte Deutschlands Erzeugung an Kupfer im Jahre 1907 einen Wert von 239,6 Millionen Mark, während die Einfuhr einem Werte von 61,6 Millionen Mark entsprach. Das Verhältnis der heimischen Produkte zum Verbrauch illustriert anschaulich die fol- gende Zusammenstellung: Rohblei.. Rohkupfer. lstohzink.. Zinn... Wie die Aufstellung erkennen lässt, ist unser Import besonders bei Blei und Kupfer gestiegen. Die einheimische Produktion er- weitert sich nicht, die Kupferausbeute ist sogar geringer geworden. Die wirtschaftliche Bedeutung der Preisschwankungen tritt erst recht in die Erscheinung, wenn man die Weltziffern vor Augen hat. Nach den Zusammenstellungen der Metallgesellschaft zu Frank- furt a. M. ergeben sich folgende Zahlen für die vorwiegend in Betracht kommenden Metalle: Im Jahre 1906 war der Wert der Rohproduktion fast doppelt so hoch als im Jahre 1903. Die Menge war aber nur um 21 Proz. grösser. Die Welterzeugung vonRohzink stieg von 671 600 Tonnen im Jahre 1903 auf 722100 Tonnen im Jahre 1908; der Wert dieser Mengen wuchs von 241 Millionen Mark auf 297 Millionen Mark. Im Jahre 1906 aber ergab eine Menge von nur 702 000 Tonnen einen Wert von 382 Millionen Mark. Aehnlich verhält es sich mit Zinn. Die Weltproduktion von 96 600 Tonnen im Jahre 1903 hatte einen Wert von 246 Millionen Mark, für 98 800 Tonnen Produktion im Jahre 1906 muhten 369 Millionen Mark gezahlt werden, während 106 600 Tonnen im Jahre 1908 wieder nur noch einen Wert von 236 Millionen Mark hatten. Für Kupfer liegen noch neuere Schätzungen der Metallfirma Hirsch u. Sohn, Halberstadt, vor. Danach ist die Erzeugung Deutschlands mit 23 600 Tonnen im letzten Jahre ziem- lich auf der Höhe der Vorjahre geblieben. Eine nennenswerte Verschiebung ist nur für die Vereinigten Staaten ausgewiesen. Dort ist die Produktion stark gewachsen. Während 1907 nur 373 660 Tonnen produziert wurden, 1908 schon 420 790 Tonnen, ergibt sich für 1909 eine Menge von 487 020 Tonnen. Gegenüber 1907 ist dem» nach die Erzeugung hier um über 27 Proz. gestiegen. Die Krise brachte die hochgetriebenen Metallpreise wieder auf ein tieferes Niveau. Kaum aber trat eine mässige Erholung am Wirtschaftsmarkt ein, machte sich auch wieder eine Aufwärtsbewe- gung bei den Metallpreisen geltend. Von dieser wurde nur Blei nicht ersaht. Während Zink und Zinn im März d. Js. das Preis- Niveau von 1908 schon wieder überholt hatten, Kupfer die gleiche Notierung erzielte, erreichte Blei im Jahre 1910 erst seinen tiefsten Preisstand. Es notierte im März 1 Doppelzentner in Mark: 1907 1908 1909 1910 Blei(Berlin).. 41,00 28,37 27,62 26,60 Kupfer(Frankfurt).— 124,00 119,00 124,00 Zink(Halberstadt). 62,70 43,00 43,76 48,60 Zinn(Frankfurt). 383,00 290,00 270,00 296,00 Der vor einem Jahre gegründete Weltbleitrust hat die hochgespannten Erwartungen der Gründer nicht zu erfüllen ver- mocht. Im April v. Js. fanden sich in Paris Vertreter grosser Bleiinteressen in aller Welt zusammen, um ein Syndikat zu bilden, welches auf die Preislage des Metalles einen fördernden Einfluss ausüben sollte. Es gehören dem Syndikate deutsche, spa- nische, britische, russische, australische und amerikanische Bleiinter- essenten an. Wenngleich die Gründung des Syndikats in Paris er- folgte, wurde das Verkaufsbureau nach Deutschland verlegt, und zwar liegt der Vertrieb des Bleiproduktes der Mitglieder in Händen der Metallgesellschaft in Frankfurt a. M. Welche Hoffnungen diese Gesellschaft bei den beteiligten Produzenten zu erregen wutzte, geht aus einer vom 8. Mai datierten Ankündigung hervor. In dieser wird unter Hinweis auf das Zustandekommen des über 70 Prozent der Weltproduktion in Blei verfügenden Syndikats be- hauptet, es werde imstande sein, den Weltmarkt in Blei zu kon- trollieren. Der Preis des Metalles werde in nicht langer Zeit von 280 M. per Tonne auf 420 M. gesteigert werden. Die Verhältnisse waren dem Unternehmen ungünstig. Tat- sächlich ist während des bisherigen Bestehens des Syndikats ein Bleipreis von 280 M., mit welchem die Preissteigerung beginnen sollte, nie erreicht worden. Der als Minimalsatz in Aussicht ge» nommene Preis entspricht der Londoner Notierung von 14 Pfund Sterling pro Tonne, während in diesem April die Notierung 12 X Pfund Sterling lautete. Die Verkaufsagentur dürfte zwar gute Kommissionseinnahmen erzielt haben, aber sie hat sich überzeugen müssen, dass sie den Preis, der nach wie vor in London bestimmt wird, nicht zu beeinflussen vermag. In New Dork hat man grosse Vorräte von mexikanischem und kanadischem Blei aufgestapelt, um ein« Preiserhöhung zu erzielen. Die Vorräte beliefen sich nach bundesamtlicher Angabe zu Ende Mai auf nahezu 27 000 Brutto. Tonnen und waren damit etwa noch einmal so gross, wie sonst üblich. Auch in Europa werden grosse Vorräte aufgespeichert. Vorläufig besteht aber doch wenig Aussicht auf das Zustandekommen einer Hausse, weil die Produktion von Blei den Konsum übersteigt. Besseren Erfolg hatte das im vergangenen Jahre in London ge- bildete Weltzinksyndikat. Allerdings sind die Produzenten auch hier mit dem Erreichten nicht zufrieden. Sie wollen gründlicher schröpfen. Jetzt sind Bewegungen im Gange, um die Outsider, deren Politik man die nicht beftiedigenden Resultate der MetalltrustS zuschreibt, diesen anzuschliesscn. Krönen Erfolge solche Be- mühungen, dann werden die Konsumenten mit starken Preis. erhöhungen zu rechnen haben. Dann zeigt sich erneut, dass Welt- organisationen zur Regelung der Produktion und Güterverteilung technisch kaum noch Schwierigkeiten machen. Als Instrumente des Kapitalismus werden sie jedoch zur Geisse! der Menschheit, während sie, vernunftgemäss in den Dienst der Allgemeinheit gestellt, sehr segensreich wirken könnten. Unter kapitalistischem Zepter macht die Zusammenfassung und Organisation der Rohprodukte deren Besitzer zu Herrfchern über die gesamte Industrie. Die Pro- duzentenorganisationen üben eine Diktatur aus, der sich niemand zu entziehen vermag. Das kann man jetzt schon sagen. Dabei stehen wir eigentlich erst vor der letzten Etappe der EntWickelung und grössten Herrschaftsftärkung der Produzentenorganisation. Der Ausbau zu Welttrusts hat die Vorstufe kann? überschritten, mit seinem Vorwärtsschreiten wächst nicht nur die Erkenntnis von der Macht seiner Organisation» sondern auch von ihrer dem Gesamt- wohl feindlichen Tendenz. Die Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft ist der beste Anschauungsunterricht für den Sozialismus. D. Amtlicher Marktbericht der städtischen Markthallen-Direktton über den Großhandel in den Zenwal-Martthallen. Marktlage: Fleisch: Zufuhr schwach, Geschäft still, Preise unverändert. Wild: Zufuhr ge- nügend, Geschäft lebhast, Preise etwas nachgebend. Geflügel: Zufuhr genügend, Geschäst rege, Preise gut. Fische: Zusuhr genügend, Geschäst ruhig, Preise wenig verändert, für Krebse über Wert bezahlt. Butter und Käse: Geschäst ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obst und Südsrülbte: Zusuhr genügend, Geschäft lebhast, ssotter Absatz in allen Artikeln. Preise wenig verändert. BSasserstandS-Nachrtchte« der Landesanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Welterbureau. Wasserstand M e m e l, Tilfit Pr c g el, Jnsierburg Weichsel, Thor» Oder, Ratibor , Krassen . Frankfurt Warthe, Schrtmm , LandSberg Netz«, Vordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden , varby , Magdeburg 0+ bedeutet Wuchs,— Fall. Unterpegel. Dauer bis 11. limi Außergewöhnlich billige Angebote erheblich unter regulären Preisen Serie 1: Jede Wasdl-Hose Ar Htm*........ H, 1.35 Serie 2s Jede Zwim-Buckskin-HoSC ftk Herr« H. 2.90 Serie Ss Jede Stoff-Hose Ar Herr«........... H 4.95 Serie 4: Jede StofF-Hos© ffc Hm«........... R 7.60 Serie 5; Jede Stoff-Hose Ar Hm«........... 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Dl« Elnbernfer. Engen Ernst, Siefenfit. 16, Alwin Kftrsten, Engelufer 15, Kupier, Winkler. Basner, Mattbes, Litfln. Bekanntes großes Berliner Etablissement am besten für orgaiiifiertcn Fachmann flccignet, ist anderweitig zu verpachten. Off. F. S. 8 Vorwärtsped. Stettüierstr. r. Orlsvenoaltung Sorlin. BMF* Morgen Montag, den«. Juni:/ Wgliecker-VerZMmlungen: Tischler lKtchli Mosttii Ij um B'/3 Uhr(gleich«ach Feiorabend) bei Wollenberg, Nannynftr. s. TageS-Ordnung: l. Vortrag des Kollegen Schacht. L. Bericht von der General- Versammlung. 3. Verbandsangelegenheiten. AdendS 5'/, Uhr(gleich nach Feierabend) im«Neichenberger Hof«, Reichenbergrr Straffe 147. TageS-Ordnung: 1. Unser Bertrag und die UrbeitSoermIttelung. 2. Bericht von der Generalversammlung. 3. Diskussion, i. Verbandsangelegenheiten. Tischler Wirb: Gtstliche Nornrlkj XageS-Ordnung! Sntwickemng der Arbeitsnachweise«. um S'l,»hr(gleich nach Feierabend) bei« r» h o l d, Frankfurter Ehauffee S/6. 1. Vortrag de» Kollegen GpSthe über:.Die ...... ilfe*. L. Bericht von der Generalversammlung. 3. BerbandSangelegenheiten. Hautischler(ßflitb III) gleich nach Feierabend bei Gliesche. Kopenhagener Dirafte 74. TageS- Otr d n utn g: 1. Der Arbeitsnachweis. 2, Bericht von der Generaloersauumung. 3. BerbandSangelegenhesten., «ngelufer IS. die Ueberswnden Abend» S Uhr im VewerkschaftShause(Saal YII), TageS-Ordnung: 1..Warum müssen wir verweigern 1' Referent: Kollege R. Leopold, L. Diskussion. 3, Branchenangelegenheiten._ Ür Mitgliedsbuch legitimiert.«W» Treppengeliindorliranche. DonnerStag. den S. Juni, abends«>/. Uhr, im»Königstadt-Kafino«, Holzmarktftr. 72. TageS-Ordnung: 1..Wie bekämpfen wir den Vertragsbruch der Unternehmer« I 2. Verbandsangelegenheiten. 84/18_ Die Ortsverwaltnng. Ortskrankenkasse sn Berlin. Die Mitglieder werden zu der am Dienstag, den 7. Juni, abends «'/, Uhr. in Keller»„Neue Philharmonie«, KSpenicker Str. S6/S7. stattfindenden ziigemelne» Hitgüeller-VersMmlllllg höslichst eingeladen. TageS-Ordnung: »Die geplante Reich»- versicherungSordnnng«. Referent: Herr Gustav Nahto». ZWO' Diese Gesetzesnovelle, welche zurzeit den Reichstag beschäftigt. enthält für die Orlslrankentassen so einschneidende Bestimmungen, dah eine Stellungnahme hierzu unbedingt notwendig erscheint. Wir ersuchen daher olle Miigiieder der Kasse, in dieser Versammlung zu erscheinen und in ihren Kreisen für weiteste Beteiligung Sorge zu tragen. 278/3 Dvr Vorstand. Sueiav Nahiow, vorfitzender. Paul Oorlte,(Sch ristfahret._ Ardoitsilaiiiwcis: Hos l. Amt 3. 1239. Verwaltungsstelle Berlin. Hauptbureau: CdarlttetraSa 3. Hof m. Amt 3, 1987. Montag, den 6. Juni» abends 7 Uhr:_ Werlsammlnngs 161 aller an Scbraubenautomaien und Onzelbänben belchAtlaten Onrkbter in Granmauns Festsälen, Naunynstr. 27, TageS-Ordnung: Evdgöltige Stellungnahme gegenüber den Arbeit- gebern, welche unsere Forderungen ablehnen. Kollegen I In dieser Versammlung müssen alle Kollege» anwesend sein, da die wichtigste Entscheidung für unsere Lohnbewegung getroffen wird. DienStag, de» 7. Juni 1910, abends 6 Uhr: Versammlung: der IBctalldrücker Berlins und llmgegend im Gewerkschaftshaus, Engelufer 15, Saal 1. Tagesordnung: 1. Branchenangelegenheiten. 2. Diskussion. 3. Ver> schied ene».— Pünktliche» und zahlreiche» Erscheinen erwartet 118/11 Dl« Ortsverwaltonf. Rixdorf. Zentral-Kranji tll-v. Sterbe- baffe der ZminererHamb�g. Dienstag, den 7. Juni, abends 8'/, Uhr: Mitgliederversammlung bei Geliert, Steinmetzstratze öl TageS-Ordnung: t. Abrechnung. 2. Wahl eine» Kassierer». 3. Verschiedenes. 253/4 Der Vorstand Möbelfabrik„Fortuna" Eingetragene Genossenichaft mit be- schräntter Hastpflicht. KacIUrax zur Bilanz vom 31. Dezember 1903. Guthaben und Haftsumme der Ge- nassen beträgt 4500 M. DaS Guthaben hat sich nicht vermehrt auch nicht vermindert. L414b Der Borstand. G. Berger. R. Mittag. 0. Sehroepp. Eine Hark wöchentliche Teilzahlung elegant. Herren- und Knallen« Garderolie fertig and nacb Mass, feinst© Verarbeitung. S. Boitucli, Fraaktorter AUee 75, i ElDsaocTUsiter Strassa, Hibtiing! Am Montag, den 6. Jnni, abends S'l, Uhr, haben Sitzung bei Schulz, Münzftr. 17(Eingang KünigSgraben), die Kollegen der Firmen Sopp& Kurzweg, Paul vager und Rappold Söline. Bei Weihnacht, Grüustraffe 21, die Kollegen der Firma keiil& Scltmidt. mi2 Vollzählige» und pünktliches Erscheinen erwartet Die Sommisfiou. lloliisoiioi Arbeiter-Sängerbund Gau Berlin und Umgegend. DieaStag» den 7. Juni< abends 8 Uhr, in Kellers Festsälen, Koppenstraße: n/io Protest-Versammlung gegen die geplante Vergnügungssteuer, wozu sämtl. verelnSvorsimide de» Bundes eingeladen werden, der Voratand. figp- Da» Fahrgeld für die Sonderzüge nach Eberswalde, sowohl für Sonnabend wie für Sonntag, muh bis spätestens Montag, den 8. Juni, in dm Händm des Kassierers A. Selkrlt, Rixdorf, Hobrechtstrasie 8, fein. Freie itheistische Gesellschaft. Montag, de« 6, Juni, abends S'l, Uhr, im»Roseuthaler Hof«, Rosenthalerstr. 11—12: Oefsentliche Versammlung. TageS-Ordnung: 1. Gerichtliche Feststellung gegen die Freireligiöse Gemeinde. 2. Diskussion. 24036 Der Einberufer: Jaczinzkl, Wiesmstr. 31. med. Karl Reinhardts spezial-ärztliche Institute(Ur Gesehleetatskrankheitenl Haut-, Harnleiden, Schwilche, 1 NeandsrstiaOe 12 Polsdanur StraBe 117 1 1 Vollkommenstes kombiniertes Heilverfahren bei frischen und veralteten Vtsllen. Nachweislich unerreichte Dauererfolge in verhältnismässig kurzer Zeit. Um sich vor zwecklosen evt. schädlichen Kuren zu schützen,- [ verlange man ausführliche Broschüre in meinen Instituten oder durch die Post(verschloss. Kuvert) gratis und franko,| nach auswärts gegen Einsendung von 20 Pf. in Briefmarken. Der nttchste Vortrag über Geschlechtskrank- heiten, Kurpfuscher und schwindelhafte, mit markt-| | sohreiensoher Reklame fangekündigte Heilmethoden derselben findet erst übernächste Woche statt. 280/3 Verband der Fabrikarbeiter,) Oeutschiands. Zahlstelle Berlin. Bezirk Rixdorf. Am Donnerstag, den 2. Juni,| verstarb nach kurzem Kranken- lager unser Mitglied Eitasa'N Kobs an Lungenentzündung. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am I Montag, dm 8. Juni, nachm. 3 Uhr, von der Halle beS neuen Rixdorfer Friedhofes, Marien- dorser Weg aus statt. 83/12 Die Ortsverwaltung. Zentral-Kranken- u. Sterbekasse der deDtsehen Wagenbauer. Bezirk V. Berlin. Am 2. Juni verstarb unser Mit- glied, der Hobler PrieSried Gladitz Trislstrasie 55. Ehre feinem Andenken k Die Beerdigung findet Mon> tag, den 8. d. Mt»., nachmittags S'l, Uhr, aus dem AnstaltS- Friedhof in Buch statt. Rege Beteiligung erwartet 257/7 Die Ortsverwaltung. Am 4. Juni verstarb nach langem, ichwerem Leiden unscr innigst geliebter Bruder, Schwager, Onkel, Neffe und Cousin Paul Kniestedt im 42. Lebensjahre. Die Beerdigung findet am Diensiag, den 7. Juni, nach- mittags 2'/, Uhr, von der Leichen- halle des Zmtral-FriedhoseS in Friedrichsseloe auS statt. Dies zeigen tkcsbetrübt an Die trauernden Geschwister. Für die vielen Beweise der Teil- nähme bei der Beerdigung meines lieben Manne» Karl Gremke sage allen Verwandten, Freunden und Bekannten, insbesondere den Meistem und Kollegen der Firma Bergmann meinen herzlichsten Dank. mke u 24236 Alma Oren . Sohn. Dp. Simmei Spezial-Arzt* für Haut- und Harnleiden. Prlnzenstr. 41.„SÄ 10—2. 5— 7. Sonntags 10— 12. 2— t Extra- Abteilung: I. Gesch.: Berlin W., Mohren- StraOs 37a(2. Haus von der Jerusalemcr StraBe). II. Gesch.; Berlin NO., GroBe Frankfurt. Str.IlB(2. Haus von der AndreasslraBe). Sehrgr. Ausw.fert. Kleider, Hüte, Handschuhe, Schleier etc. v. einfachsten bis zum hochelegant. 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Anf Wunsch: GrntU 2* Meter Stell in einem Bock bei _ Linitaul von M. 12.— inj. Ralxenda KoalOme In ähn-||"}B jlchan Fas-on» aohon von Ii, fcj,' an | j Trauer-Westmann � I Extra- AbtetlunH IBr eehwane Koefcktlon: I[ llaatel, Kleider, Blaaea, litte eto. »«aaaaaaaaaaanaaaiea� Unserem Bezirkssührer SCarl KoBbow ' die herzlichsten Glückwünsche zum heutigen Geburtstage. DieGeuosien d. Bezirke 4, S,7 Deutsch-Wiimersdorf. Karl, sah gießen I 4. Herl. Reiehstans- Görlitzer Vir SoutüdemokratiseberWabiierelii für den i-Wablkreis. GSrlitzer Äiertel. (Bezirk 22S, Teil l.) Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse Paul Schippke Reicheuberger Straffe 86 gestorben ist. Ehre seinem Andenke« k Die Beerdigung findet am Montag, nachmittags 5'/, Uhr, von der Leichenhalle des neuen Jakobi-KirchhoseS, Hermannstraffe, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht g 218(12_ Der Boritaud. Den Kollegen und Kolleginnen derFirmaLahmeycr-Werle, Zähler- bau Berlin, zur Nachricht, daß unser Kolleg« psul Sckippke 25 Jahre alt, an Lungmleidm am 2. Juni versterben ist. 57662 Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung swdet am Montag, 6. d. M., 5'/, Uhr, von der Leichenhalle deS Jakobi-KirchhoseS in Rixdors, Hermannstr., aus statt. veulseber ÜBstgllsrböilsr-Vgrdsnll Berwalttttigsstelle Berlin.. Tode»- Anzeige, Dm Kollegen zur Nachricht, daff unser Mitglied, der Arbeiter Paul Scbippke am 2. Juni an Lungmleidm gestorbm ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Montag, den 6. Junt, nach- mittags 5'/, Uhr, von der Leichen- halle deS neuen Jakobi« Kirch- hoseS in Rixdors auS statt. Rege Beteiligung wird erwartet. 116/10 01» Ortsverwaltung. Deutscher Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung GroB-Berlin, Dm Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Droschken- suhrer zugust Rebhulm verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Montag, dm 6. Juni, nach- mittag»>/,5 Uhr, von der Leichen- Halle des alten Nazareth-knrch- Hose», Scestraffe, auS statt. C9/4 Die Bezirksverwaltung. 8 Verband der LithogranbeD, Steindmeker u. verw. Bernte. (Deutscher Senefelder-Bund.) Todes- Anzelfo. Am 2. Juni verstarb unser Kollege und Mitglied, der Stein- drucker 286/12 Molk Schnitze im kliter von 74 Jahren an einem Schlagansall. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Montag, den 6. Juni, nachmittags 4 Uhr, von der Halle des neum Rixdorfer Gemeinde> Friedhofes, Marlendorfer Weg, aus statt. 01» V»rwaltung dar Fillala I. Verband der Litbograpben, Steindmeker n. verw. Bernte. Hltsllcdschart Uerlin. Filiale III.— Lithographen. Dm Miigliedern zur Nachricht, daff unser Kollege, der Lithograph Psul Brandes am Donnerstag, dm 2. Jnni, im Alter von 22 Jahrm an der Schwindsucht verstorben ist. Ehre feinem Andenken! Die Beerdigung findet am Mon< tag, den 6. Junt, nachmittag« 4 Uhr, von der Leichenhalle de» EmmauS-Kirchhose» in Rixdors au» statt. 286/11 Die Verwaltung. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlscher Teilnahme sowie Kranzspenden bei der Beerdigung meine» liebm Manne», uiisereS guten VatcrS sagen wir allen Verwandten, Bekannten und Jrcuudeu, insbesondere dem Steinarbeitcrocrband, Filiale Berlin, unjevcu herzlichsten Dan!. Pauline Dyballa geb. Brettachnulder nebst Kindern. Gegründet 1825 Gegründet 1825 Berlin C. 25 Alexanderplatz Berlin C, 25 Während dieser Woche, von Montag, den 6. Juni, bis Montag, den 13. Junii Grosser SoMer-Yerkauf In Waschstoffen, Wollmusseliii>. Resten aussergewohnlich billigen Preisen.== Ein grosser Posten farbig und(iieisseUoschMe hoeh.IcB- Orgendy», LelneBstatt«, Wasch• Mnssclla. and Zephir. früherer Wert bis U. 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Nachdem das Reich dem deutschen Volke oOO Millionen Mark neuer, vornehmlich LZer- brauchssteuern, aufgehalst, und der Staat die Erhebung von 400 Millionen neuer Steuern beschlossen hat, erscheint die Gemeinde aus der Bildfläche, um auch ihrerseits neue Steuer- quellen zu erschließen. Als geeignetes Steuerobjekt hat der Magistrat eine so- genannte Lustbarkeitssteuer in Vorschlag gebracht, eine Maß- nähme, die sich bei näherer Betrachtung als eine Besteuerung des Bildungs- und Erholungsbedürfnisses der Bevölkerung darstellt. Dem steuersuchenden Magistrat gilt nahezu jedwede Veranstaltung als Lustbarkeit. Das Anhören eines Theater- stückes und sei es ein Trauerspiel, ist nach dem Magistrat eine Lustbarkeit, die versteuert werden muß und zwar nach dem Kassenprcis, nicht nach etwa ermäßigten Sätzen. Ob die Theatervorstellung von einem Privatunternehmer oder von einem Verein veranstaltet wird, ist für die Zahlung der Steuer gleichgültig. 10 Prozent des Kassenpreises s müssen an Steuer gezahlt werden mit Ausnahme der Billetts zum Preise von 25 Pf., wofür 5 Pf., also 20 Proz. geblecht werden sollen. Versteuert werden deklamatorische Vorlesungen, Rezi- tationen und andere Vorträge, und da nur die unentgeltlichen Veranstaltungen steuerfrei sind, welche ausschließlich wissen- schaftliche und belehrende Zwecke verfolgen, kann in Zukunft jeder Vortrag in einer Versammlung, zu welcher ein Eintritts- gcld erhoben wird, unter die magistratliche Steuerordnung gebracht werden. Wie kulturfeindlich die Vorlage ist, geht daraus hervor, daß Schiller-Theater und Urania unter die Steuerordnung fallen. Die in vielen gewerkschaftlichen und politischen Organisationen gehaltenen Lichtbildervorträge werden in Zukunft steuerpflichtig sein, wenn sie nicht un- entgeltlich sind. Vielleicht ist es auch dann den ausführenden Organen des Magistrats vorbehalten, festzustellen, daß diese Veranstaltungen„nicht ausschließlich wissenschaftliche oder be- lehrende Zwecke verfolgen." Es wird in Berlin kaum einen Verein geben, der nicht gelegentlich von den„Segnungen dieser Steuer" beglückt wird. Die Magistratsvorlage ist so unsinnig, daß nach ihrem Wort- laut in Zukunft kein Gesangverein eine Uebungsstunde ab- halten darf, ohne Steuer zu zahlen. Besonders hart werden die Gewerbetreibenden des GastwirtSgewerbes gefaßt. Man denke nur an die dehnbare Bestimmung in der Vorlage, daß „sonstige musikalische Darbietungen" steuerpflichtig sein sollen. Läßt ein kleiner Gastwirt einen Phonographen ertönen, erlaubt er in seinem Lokal einem umherziehenden Zitherspieler, einige Stücke zu spielen, muß er blechen. Und wenn er das vorher nicht anmeldet, muß er gewärtig sein, denunziert zu werden; oder er muß anderen Tages schleunigst nach dem Steueramt rennen und pflichtschuldigst die Lustbarkeit anmelden und seinen Obolus entrichten. Eine „musikalische Darbietung" veranstaltet schließlich jeder Leier- mann aus den Höfen. Wieviel nmß er zahlen? Wird zu diesem Zweck jeder Hof ausgemcssen werden? Jeder Tanz wird versteuert nach der Größe des Lokals mit 3, 4, 6 und mehr Mark. Nach 11 Uhr muß doppelte Steuer gezahlt werden und da die nieisten Tanzveranstaltungen— wohl so ziemlich alle sich nach 11 Uhr ausdehnen— wird die Tanz- steuer eine recht erhebliche sein. Und welche Schikanen und Plackereien die Erhebung der Steuer verursachen wird, ist kaum auszudenken. Weite Kreise der Berliner Bevölkerung haben ein lebhaftes Interesse daran, daß diese Steuerordnung unter keinen Um- ständen zustande kommt. Mit aller Kraft muß sich die Bürger- schaft Berlins gegen dieses steuerliche Ungeheuer erheben und dem Magistrat und der Stadtverordnetenversammlung deutlich ihren Willeu zum Ausdruck bringen. Zu diesem Zwecke findet am kommenden Dienstagabend 3 Uhr in Kellers Festsälen eine große Protestvcrsammlung gegen die LustbarkeitSstcuer statt, in der die Meinung der interessierten Kreise zum Aus- druck kommen soll. Stadtverordneter Hugo H c i m a n n wird das Referat halten. Alle Vereine, die von der Steuer be- troffen werden, sind zu dieser Versammlung eingeladen. Es werden Protestbogen ausgegeben zwecks Unterschriftensammlung unter den Vereinsangehörigen und Gegnern des magistratlichen Steuerprojektes. Um zahlreichen Besuch dieser Veranstaltung ersuchen Die Einberufer: Eugen Ernst. Emil Basner. Alwin Körsten. Kupfer. Litfin. Mathes. Winkler. Partei-?Zngelegenkeiten. Steglitz-Fnedetum. Der nächste Ausflug nach dem Walde am Grunewaldsee findet am Sonntag, den 12. Juni, statt. Treffpunkt der Genossen mit Familienangehörigen um>/z2 Uhr nachmittags auf dem Spielplatz an der Grunewald- Ecke'Kleiststraße. Nähere Mitteilung später. Ferner findet am Sonntag, den 3. Juli, ein größerer Ausflug nach der„Nomerschanze" bei Potsdam statt, wo der Genosse Max Schütte um 4 Uhr nachmittags einen Vortrag über die Entstehung und die neuesten AuSgrabnnge» dieser Stätte halten wird. Die Parteigenossen, auch der umliegenden Orte, seien heute bereits darauf aufmerksam gemacht. Treffpunkt 8 Uhr morgens am Wannseebahnhof Steglitz und Friedenau. Der BildungSauSschuß. Britz-Buckow. Heute nachmittag 6 Uhr findet bei K. Klein. Buckow, Chauffeestraße 12, eine öffentliche Versammlung statt. Tagesordnung: 1. Vortrag der Genossin Fr. Berta Lungwitz über »Die Frau im politischen Kanipfe". 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Die Genossen werden ersucht, ihre Frauen mitzubringen. Der Vorstand. Stralau. Am Montag, den 6. Juni, abends 8V, Uhr, findet bei Schmidt, Markgrafendamm 6, die Mitgliederversammlung des »Vereins Jugendheim" statt. Da wichtige Beschlüsse zu erledigen sind, werden sämtliche Mit- glieder sowie auch Parteigenoffen, welche es werden wollen, ersucht, zu erscheinen. Weißensee. Morgen Montag,'abends 8V3 Uhr, findet im Prä- läten, Lehderstr. 122, eine Mitgliederversammlung des Wahlvereins statt, in welcher neben onderen wichtigen BereinSangelegenheiten die Fortsetzung der am 24. Mai vertagten Tagesordnung weiter beraten wird. Mitgliedsbuch legitimiert. Die Bezirksleitung. Wilhrlmsruh-Niederschönhausen-West. Die Mitgliederversamm- lung am Dienstag, den 7. Juni, fällt aus, dafür findet für alle 5 Bezirke am Mittwoch, den 8. Juni, ein gemeinsamer wichtiger Zahlabend im Lokal des Genoffen Kollmann, Kronprinzenstr. 2, statt. Die Bezirksleitung. NowaweS. Mittwoch, den 8. Juni, abends b'/z Uhr, findet im Lokale des Herrn Ernst Schmidt, Wilhelmstraße 41— 43, die Versammlung des sozialdemokratischen Wahlvereins statt. Tages- ordnung: 1. Vortrag über„Das Genossenschaftswesen als Macht- mittel des Proletariats". Referentin Genossin Frau Hoppe- Berlin. 2. Geschäftliches. 3. Sommerfest. 4. Verschiedenes. Gäste haben Zutritt, auch werden neue Mitglieder aufgenommen. _ Der Vorstand. Berliner JVacbricbteiio Die städtische Kunstbeputation und Dr. Bode. In der letzten Sitzung der Kunstdeputation wurden auch die heftigen Angriffe erörtert, die der Wirkliche Geheime Rat Dr. Wilhelm Bode in einem Artikel der„Woche" vom 21. Mai gegen die städtische Kunstdeputation in der Frage der Reinigung der Berliner Bronzedenkmäler gerichtet hat. An der Hand der in dem Artikel mitgeteilten tatsächlichen Behauptungen wurde fest- gestellt, daß sie, soweit sie sich auf die städtische Kunstdeputation beziehen, jedenfalls falsch sind und allgemein be- dauert, daß sie ohne genauere Nachprüfung ihrer Richtigkeit von so hervorragender Stelle vorgetragen werden. Daß die Kunstdepuation, wie in dem Artikel behauptet wird, die Denkmäler gelegentlich der Unter- Haltung und Reinigung künstlich patinieren, anstreichen oder malen läßt, ist falsch. Bode berichtet von einem ihm selbst begegneten Er- lebnis am Kaiser-Friedrich-Denkmal und übersieht dabei, daß dieses Denkmal gar nicht von der Stadtgemeinde, sondern von der Staatsverwaltung unterhalten und gereinigt wird. Ge- wiffenhafter als dieser Artikel ist die Kunstdeputation in dieser Frage verfahren. Freilich hat sie, ebensowenig wie Bode ein bestimmtes Verfahren anzugeben imstande ist, trotz einer im Jahre 1898 veranstalteten Umfrage bei einer großen An- zahl Sachverständiger, u. a. der Königlichen Erzgießerei in München (L. U. Müller), Siemering, einigermaßen sichere Wege, die zu dem erstrebten Ziele führen könnten, bisher gefunden. Seit jener Zeit läßt sie die Bronzedenkmäler, die ihrer Unterhaltung unter- stehen, monatlich einmal mit reinem Wasser abspülen und außer- dem jährlich einmal mit Ammoniakwasser(im Verhältnis 1: 19) reinigen. Daneben wurde versuchsweise die Reinigung einzelner Bronzebildwerke ihren Schöpfern übertragen. So reinigte Siemering das Standbild der heiligen Gertraud durch Abreiben mit Schmirgelpapier und Schafwolle, Herker die Figuren an der Von-der-Hcydt-Brücke mit grüner Seife. Da alle diese Verfahren nicht befriedigten, ist seit mehr als einem Jahre der Firma Gladen- beck, die in etwa 129 Städten die Reinigung von Denkmälern be- sorgt, als ein Versuch die Reinigung des Hardenberg.Denkmals, des Roon-Denkmals und der Gruppen der Moltke-Brücke über- tragen worden; sie reinigt im Trockenverfahren mit verschiedenen Stahlbürsten. Die Kunstdeputation, der diese Frage sehr am Herzen liegt, verfolgt mit Sorgfalt alle diese Versuche. Auf die Herstellung der Denkmäler, deren Legierung und Ziselierung für die Frage der Patinierung von Bedeutung ist, hat die Stadtgemcinde freilich in vielen Fällen keinen Einfluß. Es handelt sich ja oft um Bestellungen, die nicht die Stadtgemeinde, sondern ein Komitee in Auftrag gibt. Die Wertzuwachssteucr für Berlin, die am 7. Marz in Kraft getreten ist, soll bisher erst 1100 M. eingebracht haben, eine allerdings minimale Summe. Unsere Parteifreunde im Rathause hatten vomusgesagt, daß in diesem Jahre die Wert- zuwachssteuer keine allzureichlichen Erträgnisse bringen werde. Einmal hatte die Stadtverordnetenversammlung viel zu lange mit Einführung der Steuer gezögert, dann waren die Sätze nicht besonders hohe, und zum dritten wurden kurz vor In- krafttreten der Steuer von Interessenten die sonderbarsten Manipulationen vorgenommen, um sich von der Zahlung der Steuer zu drücken. Selten haben die hiesigen Notare soviel Arbeit bekommen, als kurz vor Inkrafttreten der Wert- zuwachssteuer. Grundstücke, die sich im Familienbesitz be» fanden, wurden auf andere Familienmitglieder umgeschrieben, und zwar zu einem solch hohen Preise, daß bei einem Perkauf von einer Wertzuwachssteuer kaum die Rede sein dürfte. Im städtischen Etatsausschuß wiesen unsere Genossen auf diesen Umstand hin und erklärten es für nicht unbedenklich, die vom Magistrat im Etat eingesetzte aus der Wertzuwachssteuer zu erwartende Einnahme von 500 000 M. im Etatsjahre 1910 auf 1 Million Mark zu erhöhen. Die Sicherheit auf der Stadtbahn wird eigenartig beleuchtet durch Mitteilungen, die in einer Versammlung der Lokomotiv- führer gemacht worden sind und über die die„Deutsche Eisen- bahnzeitung" wie folgt berichtet:„Der geprüfte Heizer B. hatte den Vorortzug Nr. 1322 nach Station Charlottenburg zu befördern. Auf dem Bahnhof Alexanderplatz verzögerte sich die Abfahrt um einige Minuten, und B. fuhr nach schriftlichem Auftrag weiter. Am Block bei Bahnhof Börse befand sich das Signal ebenfalls in Haltestellung, auch hier erhielt er vom Blockwärter einen Auftrag- zettel zur Weiterfahrt. Jedoch das Signal Bahnhof Friedrichstraße stand auf Einfahrt. Als er aber mit seinem Zuge in Höhe des Signals kam, bemerkte er den Schluß des Zuges 2 L, der noch in der Halle stand. Mit allen Mitteln versuchte er, seinen Zug zum Stehen zu bringen, und es gelang. Er hatte einer drohenden Ge- fahr rechtzeitig vorgebeugt. Nachdem der Schnellzug die Bahn- hofshalle verlassen und auf sein öfteres Pfeifen sich niemand blicken ließ, fuhr er langsam in die Station. Sogleich begab er sich zu dem Bezirksaufsichtsbeamten, um ihn auf die soeben von ihm ab- gewendete Gefahr aufmerksam zu machen. Der Aufsichtsbeamte gab ihm zur Antwort, daß Blockstörung eingetreten sei, er möchte doch von einer Anzeige Abstand nehmen, da ja doch nichts passiert seil Gleichzeitig wurde ihm ein Auftragzettel zur Weiterfahrt aus- gehändigt. Hierauf setzte er seine Fahrt fort, bemerkte jedoch am Block bei Karlstraße angekommen, wieder den Schluß des beregten Zuges. Infolge starken Nebels und des niederschlagenden Dampfes von einem ausfahrenden Stadtbahnzuge war ihm die Fernsicht verhindert, und er konnte ein leichtes Auffahren auf den bor- liegenden Zug nicht verhindern.— Nach drei viertel Jahr erhielt B. 19 M. Belohnung. Während der öfteren protokollarischen Ver- nehmungen hatte der Fahrdienstleiter behauptet, er könne sich„ganz genau" entsinnen, daß er, als der Schnellzug eingefahren war, das Signal auf„Halt" gestellt. Die Angaben des Führers müßten unbedingt auf Täuschung beruhen. Es konnte dem Fahrdienstleiter allerdings das Gegenteil bewiese» werden.� Proteste gegen die Lustbarkeitssteuer. Die am Freitag abgehaltene Versammlung des Verein? der Berliner Gastwirte stimmte einstimmig folgender Erklärung zu: „Die Versammlung nimmt mit aller Energie Stellung gegen die vom Magistrat geplante Billett- und Lustbarkeitsstener, da diese in ihrer jetzigen, gegen 1996 noch bedeutend verschärften Form den sicheren Ruin unzähliger, durch die letzte Reichssinanzreform in ihrem Erwerb geschädigter selbständiger Gewerbetreibender zur Folge haben würde." Dieser Erklärung haben sich sofort der Verein der Berliner Weißbierwirte, Verein der Saalbesitzer und der Ver- band von Berlin und der Provinz Brandenburg angeschlossen. Die Kinematographen-Theaterbesitzer beschlossen: „Die im„Kaisersaal" der Ausstellungshallen am Zoo ver» sammelten Besitzer und Leiter der Berliner Kineinatographcn-Theater protestieren gegen die vom Magistrat der Stadtverordnetenversamm» lung in absoluter Unkenntnis' der einschlägigen Verhältnisse vor» gelegte Lustbarkeitssteuerordnung, die durch ihre exorbitanten Sätze den Ruin vieler Kinematographcn-Theater nach sich ziehen muß. Die Versammlung beauftragt den Zweckverband deutscher Kinemato» grapheninteressenten, in einer ausführlich begründeten Eingabe an die beiden städtischen Körperschaften auf die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Annahme anfmerksam zu machen." Berliner Asylverein fiir Obdachlose. Im Monat Mai nächtigten im Männer-Asyl 16 497 Personen, wovon 7339 badeten, im Frauen- Asyl 4169 Personen, wovon 1489 badeten. Arbeitsnachweis wird erbeten für Männer: Wiesenstr. 55/59, für Frauen: Kolberger Straße 39. Vogelschutz und Federndearveitungsindustrie. Die deutschen FedernbearbeitnngSfabrikanten sind sehr unangenehm berührt von der Behauptung des Deutschen Vogelschutztages, daß die modernen Damenhüte die Vernichter der Vogelwelt seien. Es ist eine Protest» beweguug geplant mit Eingaben an die Staatsregierung, welche allgemein darüber Aufklärung schaffen soll, daß der Deutsche Vogelschutztag stark übertrieben und die Tatsachen grob ent» stellt hat. Von den Vertreten: der Putzbranche wird be» hauptet, daß die Mehrzahl der Federn, welche die Damenhüte schmücken, trotz ihres exotischen Anstriches vom deutschen Hausgeflügel stammt und daß der deutschen Industrie Dank gebühre dafür, diesen Abfall des auf die Tafel gebrachten Geflügels wie Gänse, Enten, Puten, Fasanen, Schnepfen, Kapaune usw. zu verwerten und Tausenden fleißigen Händen Verdienst zu geben. Die Frauen und Mädchen des Arbeiter- und des Mittelstandes, so wird behauptet, sind nicht in der Lage, sich mit ausländischen Vögeln gezierte Hüte zuzulegen, da dies ein kostspieliges Vergnügen sei. Hier trete die Imitation ein und bringe einen neuen deutschen Kunstzweig zur Geltung. Die Damen, die der Vernichtung der Singvogelwelt Vorschub leisten, seien in den besseren Kreisen zu suchen. In der Sitzung der Kunstbeputation vom 4. Juni wurde der Ankauf einer überlebensgroßen Bronzefigur„Diana" des Bild» Hauers Starck beschlossen, die im alten Botanischen Garten Auf» stellung finden soll.— Für den auf dem Pappelpaltz vom Bild, Hauer Wenck zu errichtenden Brunnen wurde das Material aus» gewählt und der mit dem Bildhauer zu schließende Vertrag ge- nehmigt.— Die Gruppe„Mutter ihr Kind unterrichtend" von Calandrelli, die provisorisch in Gips ihre Aufstellung im Treppen» Hause des Rathauses gefunden hat. soll jetzt in Bronze ausgeführt und im Garten des Kaiser- und Kaiscrin-Friedrich-Kinderkranken» Hauses aufgestellt werden.— Einem Gesuch des Hansaplatz-Bezirks- Vereins um künstlerische Ausschmückung des Hansaplatzes soll tun- lichst entsprochen werden.— Es wurde die Ausführung eines Trink- brunnens vorgeschlagen und eine Subkommission zur weiteren Prüfung dieser Frage eingesetzt.— ES wurde ferner der Ankauf des lebensgroßen Oelbildes des verstorbenen Geheimen Medizinal- ratcs Professor Dr. von Renvers, das Konrad Dielitz auf der Großen Berliner Kunstausstellung ausgestellt hat, beschlossen. Dieser Beschluß dedarf, da er zugleich eine persönliche Ehrung des Dargestellten zum Ausdruck bringen soll, noch der Zu- stimmung der städtischen Körperschaften. Die Deputation hatte früher beschlossen, durch ein allgemeines Ausschreiben Entwürfe für eine Plakette zu erlangen, die den Gemeindekörperfchaften zur Verfügung stehen soll, wenn sie bei Ausstellungen, sportlichen Weit- bewerben u. a. einen Ehrenpreis geben wollen.— Entsprechend dem Vorschlage der zur Vorbereitung dieses Vorschlages ein- gesetzten Kommission wurden die Bedingungen des Preis» ausschreibens genehmigt. Es fordert alle deutschen Künstler zum Wettbewerbe auf und setzt vier Preise von 4999, 2999 und zwei zu je 1999 M. aus. Zu Beginn der gestrigen Sitzung der Kunstdeputation ge» dachte der Vorsitzende Oberbürgermeister unter bewegter Anteil». nähme der Versammelten mit ehrenden Worten des dahin» gegangenen Mitgliedes der Kunstdeputation Skarbina. Von einem Automobil überfahren und getötet. Gestern war daS Gerücht verbreitet, daß in der vergangenen Nacht auf der Ruppiner Chaussee zwischen dem Bahnhof Schulzendorf und Heiligensee ein Mann ermordet worden sei. Das hat sich als irrig erwiesen. Der Tote ist ohne Zweifel überfahren worden, wahrscheinlich von einem Automobil. Der Verunglückte ist der Putzerpolier Wilhelm Protz aus Stolp, der in Heiligsnfee auf eigene Rechnung arbeitete. Leute, die gestern morgen zur Arbeit gingen, und eine Frau, die in der Nähe deS Fundortes wohnt, fanden den Mann kurz nach 6 Uhr mit einer klaffenden Stirnwunde.zusammengekauert tot im Chausseegraben liegen. Die Stirnwunde schien von einem Messerstich herzurühren. Da man annahm, daß der Mann ermordet worden sei. benachrichtigte man die Berliner Kriminalpolizei. Ober» regierungsrat Hoppe und die Kommission für besondere Vorkommnisse fuhren mit dem Gerichtsarzt Dr. Strauch nach dem Fundorte. Der Arzt untersuchte den Toten genauer und stellte aus dem Zustande der Leichenstarre fest, daß der Tod etwa zwischen 4'/z bis ö'/a Uhr eingetreten sein muß. Außer der schweren Stirnwunde, die vielleicht vom Aufschlagen des Körpers auf einen scharfen Stein herrührt, fand Dr. Strauch mehrere Rippe nbrüche und schwere Hautabschürfungen an der Vorderseite des Körpers. Mitten auf der Chaussee lag der Stroh» Hut des Verstorbenen. Er war platt gefahren. Eine Blutspur führte von hier nach dem Chausseegraben, brach dem Befunö muß ange» nommen werden, daß Protz auf der Chaussee überfahren und ein Stück Wegs geschleift worden ist, wobei ihm die Haut an der Brust zerfetzt lvorden ist. Stark blutend wälzte sich der Verletzte im Chaussee» staub und dann nach dem Chausseegraben zu, in dem er bald starb. Protz hatte sich wahrscheinlich auf dem Wege von seiner Wohnung nach seiner Arbeitsstelle befunden. Er hatte noch ein frisches Butter» brot zum Frühstück bei sich. Ob er. wie er es früher tat, mit dem Rad gefahren ist, ließ sich noch nicht feststellen. Daß ein anderes Fuhrwerk als ein Kraftwagen das Unglück verursacht habe, ist nach dem Befund nicht anzunehmen. Nach den Ermittelungen sind auch gestern morgen zwei Automobile gesehen worden. Wo sie geblieben sind, ließ sich noch nicht feststellen. Nach den Ortschaften, die in Betracht kommen, wurden Beamte entsandt, um die Nachforschungen fortzusetzen. Ein Arzt als Opfer seineS Berufes. Im Rudolf-Virchow-Kranken- Hause starb der Assistent an der Irrenanstalt Buch Dr. Ludwig Rosenberg an de» Folgen einer Blutvergistung. Der Verstorbene hatte am 19. Mai eine Leichenöffnung vorgenommen, bei der er sich eine unbedeutende Verletzung an der Hand zuzog. Obgleich Dr. Rosenbcrg sofort die verletzte Stelle desinfizierte, traten schon in der Nacht heftige Schmerzen auf. Am nächsten Tage wurde ein operativer Eingriff gemacht, der keine Erleichterung verschaffte. Eine zweite Operation hatte Erfolg, nach einigen Tagen verschlimmerte sich jedoch das Befinden derartig, das; Prof. Borchardt vonr Rudolf- Virchow-Krankenhause hinzugezogen wurde. Dieser ordnete sofort die Ueberführung des an hochgradiger Ptomainvergiftung leidenden Arztes nach dem Krankenhause an. wo Dr. R. trotz der sorgsamsten Pflege nunmehr starb. Als Leiche aus dem Wasser gezogen wurde gestern der Schrift- setzer Albert Bebrink, Auguststr. öS wohnhaft. B. verlies; am Dienstag früh seine Wohnung, erschien aber nicht an der Arbeits- statte. Anscheinend ist er in der Gegend des Tiergartens direkt in die Spree gegangen. Aus Not und Verzweiflung erschossen hat sich der Arbeiter Fritz Gliesche, Wriezener Straße wohnhaft. Durch längeres Krank» sein war G. arbeitsunfähig; dabei litt er Not. Sein bißchen Hab und Gut mußte er verkaufen. In einem zurückgelassenen Briefe gibt er an, er sei als schwerkranker Mann vom Virchow-Kranken- hause abgewiesen worden, die Armenverwaltung habe sein Gesuch um Unterstützung abgelehnt, weshalb er keinen anderen Ausweg mehr kenne als in den Tod zu gehen. ES wird notwendig sein, die letztere Behauptung nachzuprüfen, ob die Armenkommission wirklich Hilfe verweigert hat. Einen entsetzlichen Selbstmordversuch unternahm gestern nach- mittag der Drucker Hermann Schwizke, Wriezener Str. 34. Der Lebensmüde, der im 26. Lebensjahre stand, schnitt sich, während er allein in der Wohnung war, mil einem scharfen Rasiermesser den HalS durch. Als seine Schwägerin, bei der er wohnte, später nach der Wohnung zurückkehrte, fand sie ihn in blutüberströmtem Zu- stände auf dem Erdboden liegend auf. Ein hinzugerufener Arzt veranlaßte die Ueberführung des jungen ManneS nach dem Virchow- KrankenhauS. Der Zustand des Sch. ist hoffnungslos. Unglückliche Liebe soll die Ursache zu der schrecklichen Tat sein. Beim Rudern ertrunken. Von einem traurigen Geschick wurde der Mechaniker Vollmer betroffen. Vollmer hatte auf dem Dämeritz- see eine Rudersahrt unternommen, von der er nicht wieder zurück- kehren sollte. Das Boot wurde einige Stunden später leer ans Ufer getrieben. Gestern fand man die Leiche des Vollmer. Jeden- fall? war da« Fahrzeug zum Kentern gekommen und Vollmer, der Wohl de? Schwimmens unkundig war, stürzte ins Wasser und ertrank. Die Spielerei mit Schußwaffen hat am Freitagabend wiederum zu einem schweren Unglücksfall geführt, durch welchen ein elfjähriger Knabe das Augenlicht eingebüßt hat. Vor dem Hause KopernikuS- straße 13 spielten gegen>/«7 Uhr abends mehrere Knaben. Sie hantierten mit.emer Luftbüchse und die JungenS stritten sich darum, wer zuerst schießen würde. Der Besitzer der Waffe hielt die geladene Büchse in die Höhe und wollte die anstürmenden Kameraden abwehren. In �demselben Augenblick entlud sich die Büchse und das Geschoß drang dein elffährigen HanS Heine, dessen Eltern in der Kopernikusstraße 13 wohnen, in das rechte Auge. Der Kleine sank bewußtlos zu Boden und wurde von vorübergehenden Arbeitern nach der Unfallstation in der Warschauer Straße gebracht. Hier stellte der anwesende Arzt fest, daß da» rechte Auge auSgeschoffen und die Sehkraft auf demselben für immer verloren sei. Im Rausch auS dem Fenster gestürzt und sofort de« Tod gefunden hat in der verflossenen Nacht der 23jährige Arbeiter Oswald Gabriel. Der junge Mann, der bei seiner Mutter, einer Witwe Viebig in der Drontheimer Straße 10 wohnte, war am Freitagabend mit mehreren anderen Arbeitern anläßlich einer Geburtstagsfeier in einem Restaurant gewesen. Er kam stark berauscht gegen Mitternacht nach Hause und die Mutter machte dem jungen Mann ernste Vorwürfe. Der Trunkene riß das Küchensenster auf, schwang sich auf das Fensterbrett und stürzte mit den Worten:.Dann seid Ihr mich überhaupt los I* auS der vierten Etage auf den gepflasterten Hof hinab. Als Hausbewohner hinzukamen, lag der Unglückliche, der einen schweren Schädelbruch erlitten hatte, bereits im Sterben. Auf der Unfallstation, wohin der Arbeiter geschafft wurde, konnte nur noch der Tod festgestellt werden. Ueter das soziale Gewissen der Herren Geschäftsinhaber der Konfektionsbranche wußte» die bürgerlichen Blätter vor einigen Wochen gar Erbauliches zu berichten, und zwar weil die Herren in ihrer Organisation beschlossen hotten, während der Sommermonate die„englische Geschäftszeit" einzuführen, was im Munde der Geschäfts- Inhaber heißt, die Mittagspause zu kürzen und dafür abends um 6 Uhr die Geschäfte zu ichließen. ES zeigte sich aber bald, daß auch bei dieser.sozialen Wohltat" die Angestellten die Geprellten waren. Die Verkürzung der Mittagspause wurde strikt durchgefühtt, aber von einem früheren Schluß war in den meisten Geschäften jedoch wenig oder gar nichts zu merke». Der Zcntralverband der Handlungsgehilfen und Gehilfinnen Deutschlands wird sich nrit dieser An- gelegeuheit in einer Dienstag, den 7. Juni, abends bVx Uhr, in den Armin hallen, Kommandanten- straße ö8/ög, stattfindenden öffentlichen Versammlung beschästigen/ in der Genosse Georg Ucko über daS Thema: Die„englische" Geschäftszeit in der Konfeklion referieren wird. Die Angestellten dürften in ihrem Interesse gut tun, die Versammlung durch guten Besuch zu einer möglichst iniposanten Kundgebung zu gestalten. Tie Konsumgenossenschaft Berlin und Umgegend erzielte im Mai einen Umsatz von 496 494,22 M. gegen 282 993,51 M. im Mai 1999, also 123 495,71 M. mehr; in den elf Monaten dieses JahreS wurden für 3 708 950,66 M. Waren umgesetzt gegen 2 492 991,17 M. im gleichen Zeitraum deS Borjahres, das ist ein Mehr von 1 216 049,49 M. Von den Hausanteilen sipd jetzt für 320 909 M> abgesetzt, sodaß noch 180 000 M. aufzubringen sind. Die Wohn- Häuser in Lichtenberg sind bis zur 2. Etage gefördert und die Bäckerei und das Zentrallager sind aus den Fundamenten. Die Mitgliederzahl dürfte nach den Austritten und Ausschließungen am 1. Juli die Zahl von 39 999 betragen. teuer bei der AutomobilbetriebSgesellschaft. Gestern früh 2 Uhr ennstr. 31 in dem im Keller des zweiten Hofes befindlichen Akkumulatorenraunl der AutomobilbetriebSgesellschaft G. m. b. H. teuer auS. Als der erste Löschzug dort eintraf, erschien die iiuatiou so kritisch, daß schleunigst die Meldung„Besonderes" an alle Wachen erging. Hierauf eilten Branddirektor Reichel und Oberbrandinspeltor Dransfeld mit noch weiteren Zügen zur Brandstelle. Gewaltige Rauchwolken, die sich auS brennenden Säuren entwickelten, erschwerten den Löschangriff ungemein. Nach einstündigem Wossergeben mit zwei Rohren konnte die Gefahr be- seitigt werden. Der Schaden ist bedeutend. Ueber die EntstehungS- Ursache ist nichts ermittelt. Gefunden wurde eine Damenledertasche. die Schlüssel, Taschen- tuch und Porremonnaie mit etwas Geld enthielt. Der Finder möchte den Fund a»rn abgeben. Der Verlierer wolle sich bei Jalinowitz, Wllhelmshavener Str. 56, melden. Arbeiter.Samariter.Bund.(Kolonne Berlin-V Die für heute angesetzte Ucbung findet auf dem Spielplatz in der Jungfernhcide. 19 M'nuten vom Bahnhof Jungfernheide, pünktlich 8 Uhr statt. Am Donnerstag Uebungsstunde der 3. Abteilung in Schöne. berg be, Wieloch. Gruncwaldstr. 82. Die für den 21. Juni an- gesetzte UebunySstunde der 1. Abteilung findet schon am 14. Juni statt. Es spricht Herr Spezialarzt Dr. RatkowSki über Magen- und Darmerkrankungen. Vorort- FfacKricKteit. Charlottenburg. Eine neue Anleihe in Höhe von 40 Millionen beabsichtigt die Stadt Charlottenburg aufzunehmen. Von den Mitteln sollen 7,75 Millionen auf die gewinnbringenden Unternehmungen, 2,74 Millionen auf die die Kosten der Verzinsung und Tilgung selbst aufbringenden Unternehmungen, 5,98 Millionen auf den GrundstückSerwcrbssonds und 24,43 Millionen auf den Bau von höheren Lehranstalten, Straßen, Brücken, Krankenanstalten, Untergrundbahnen, Gemeinde- ftiedhof usw. entfallen. Im einzelnen interessieren folgende Post- tionen: Für den Erweiterungsbau des für die rapid wachsende Stadt längst nicht mehr ausreichenden erst im Jahre 1995 ein- geweihten„neuen" Rathauses 2,18 Millionen, für den Bau eines Krankenhauses für Geburtshilfe 1,935 Millionen, für den Neubau einer vierten höheren Mädchenschule 429 999 M., der Volksbücherei 349 999 M., für die Tuberkulosenanstalt in Beetz- Sommerfeld 686 999 M., für den Ausbau der Kanalisation 2,14 Millionen, der Gaswerke 3,7 Millionen, der Wasserwerke 2,95 Millionen, des Elektrizitätswerks 2 Millionen, zirka 3,4 Millionen für Brücken- Neubauten, für die Unterführung zweier Straßen unter dem Bahnhof Charlottenburg, wodurch die von der Einwohnerschaft heiß ersehnte Verbindung zweier Stadtteile geschaffen wird, 1,38 Millionen, für den Bau der Untergrundbahnstrecke Wittenbergplatz— Knrfürstendamm 2,3 Millionen sowie der Strecke Wilhelmplatz— Gustav-Adolf-Platz(Land- gericht HI) 4,13 Millionen, für die Anlegung eines Gemeindefried- Hofes 2,75 Millionen.— Die Gesamtanleihe soll entweder in einer Summe oder in Abteilungen begeben und mit 3 Proz., 3'/, Proz. oder 4 Proz. verzinst werden. Die Tilgung mit 2 Proz. soll zwei Jahre nach erfolgter Begebung beginnen. Jede Million der Anleihe soll in 90 Stücken zu 5999 M.. 199 Stücken zu 2999 M.. 290 Stücken zu 1990 M., 299 Stücken zu 600 371., 290 Stücken zu 299 M. und 199 Stücken zu 199 M. begeben werden.— Der Plan der 40-Millionen-Anleihe ist soeben den Stadtverordneten zugegangen, die darüber in ihrer Sitzung am kommenden Mittwoch beschließen werden. Rixdorf. Die hiesige Gewerkschaftskommisfi»» erledigte in ihrer letzten Sitzung zunächst die Neuwahl deS Obmannes. An Stelle des zurück- tretenden Genossen Schultz wurde der frühere langjährige Obmann Genosse Hendrischke gewählt. Dann beschäftigte man sich mit dem Kampf um die vollständige Sonntagsruhe. Folgende, von den Vertretern der Handlungsgehilfen begründete Resolution fand einstimmige Annahme: „Seit Jahren kämpfen die Angestellten und Arbeiter im Handels- gewerbe um Einführung der vollständigen Sonntagsruhe. Die Geschäftsinhaber sträuben sich dagegen und fast auSnahmloS mit der Begründung, daß im Interesse des kaufenden Publikums, besonders der Arbeiterschaft, die Geschäfte an den Sonntagen aufgehalten werden müssen. Die Delegierten zur Rixdorfer Gewerkschaftskommisfion erachten die Einführung der vollständigen Sonntagsruhe im Handelsgewerbe als dringend notwendig und weisen die Rücksichtnahme auf die Arbeiterschaft als Konsument ganz entschieden zurück. Die Dele- gierten fordern die Arbeiterschaft auf. keine Einkäufe an den Sonn- tagen zu machen und verpflichten sich, in ihren Gewerkschaften darauf hinzuwirken, daß die Mitglieder und deren Familienangehörige ihre Einkäufe nur an den Wochentagen besorgen." Erkner. Auf ein LiebeSdrinna läßt ei» Leichrnfund schließen, der am Freitagvormittag auf dem Petzsee bei Blt-Buchhorst gemacht wurde. Dort wurde die Leiche eines jungen Mädchens gelandet, welches 18 bi« 29 Jahre alt und von untersetzter Figur ist. Sie hat schwarzes Haar und rundes, volles Gesicht und war bekleidet mit schwarzem Faltenrock, dunkelgrauen Reformbeinkleidern und weißseidener Bluse. Am Arm der Lebensmüden war noch eine schwarze Tasche befestigt, enthaltend diverse Schlüssel, Spiegel, Bleistift,«in Portemonnaie und ein mit H. gezeichnetes Taschentuch. Allem Anscheine nach hat die Leiche allerhöchstenS acht Tage im Wasser gelegen und verschiedene Bewohner von Akt-Buchhorst haben daS junge Mädchen Ende voriger Woche mit einem Mann daselbst gesehen. DaS Paar hat dort mehrere Restaurants besucht und ist dann am Petzsee spazieren gegangen. Es wird daraus gefolgert, daß beide zusammen den Tod gesucht und gefunden haben. Hinter dem Bootshause de« Ruderklubs„Erkner" im Dämeritzsee wurde gestern die Leiche eines ManneS angetrieben. Wie auS den bei dem Toten aufgefundenen Papieren hervorgeht, handelt es sich »in einen 31jährigen Echlossergesellen, der bis zum 25. Mai cr. bei den Daimler-Werken in Marienfeloe arbeitete. Boxhagen-Rummelsburg. Sein Sommcrfest hält der hiesige Wahlverei» heuteSonntag, den 5. Juni, im„CafS Bellevue", Hauptstr. 2(am RummelSburger See) ab. Da ein reichhaltiges und gute? Programm vorgesehen ist, so wird allseitige Beteiligung der Genossen nebst ihren Angehörigen erwartet. Eröffnung 2 Uhr, Anfang des Konzerts 4 Uhr. Eintritts- karten sind in allen Bezirkslokalen und bei den BezirkSsührern zu haben. Fricdrichsfelde. Au« der Gemeindevertretung. Dem Vorgehen Berlin? und anderer Vororte folgend, beantragte der Gemeindevorstand, die Gebühren für Auskünfte des Einwohnermeldeamts von 25 auf 50 Pf. zu erhöhen, jedoch wie bisher solche Gemeinde- angehörige, die Auskünfte nicht gewerbsmäßig einholen, von der Entrichtung zu befreien. Der Einspruch deS Genossen Oehlert blieb leider unbeachtet; dem Antrag wurde zugestimmt.— Der Punkt„Abänderung des Besoldungsplanes für die Gemeinde. beamten" hatte eine Anzahl der Beamten herbeigelockt. Sie sollten insofern enttäuscht werden, als ein Antrag auf geheime Beratung trotz entschiedenen Widerspruchs unserer Genoffen Annahme fand. Es scheinen einige der bürgerlichen Vertreter begründete Ursache zu haben, das Licht der Oefefntlichkeit. wegen ihrer Stellungnahme zu den Besoldungsverhältnissen der Gemeinde. a r b« i t e r, zu scheuen. Die Gelegenheit wird sich aber noch bieten, daS Verhalten dieser Herren gebührend zu kennzeichnen. Die Unverfroenheit der Kirchcnbehörde kam bei einem weiteren Punkt der Tagesordnung drastisch zum Ausdruck. Gefordert wurde die Zustimmung zum Erlaß eines Ortsstatuts gegen die Ver. unstaltung der Umgebung der evangelischen Kirche in KarlShorst. Zunächst baut man nach eigenem Geschmack eine Kirche, alsdann wird verlangt, daß die Gemeinde bestimmen soll, die Umgebung dieses Bauwerks so zu gestalten, daß eS auch zur Geltung komme. An sich ist gegen Sie harmonische Ausgestaltung deS OrtibildeS nichts einzuwenden, aber Bebauungsplan und die Bauklaffe für den fraglichen Ortsteil waren längst vorher festgelegt, und eS wäre nunmehr Pflicht der Kirchenbehörde gewesen, darauf Rücksicht zu nehmen. Das Gegenteil geschah, und nun verlangt man noch eine ganz beträchtlich« Baubeschränkung für die umliegenden Grund- stücke, und zwar derart, daß die Häuser nur in Höhe von 8 Meter gebaut werden dürfen, d. h. die Wohnräume sollen, damit der äußere Eindruck des Gotteshauses nicht beeinträchtigt werde, die ungenügende Höhe von 3.20 Meter erhalten. Fürwahr ein recht sonderbares Verlangen. Schließlich machte die Mehrheit der Per- tretung die Zustimmung davon abhängig, daß die Bauhöhe auf 8,50 Meter festgesetzt würde. Als Genosse Pinjeler bei Beratung de» Schuletats die Klassenfrequenz von 70 Schüler rügte, wurde die Möglichkeit be- stritten. In dieser Sitzung aber mußte di« Berechtigung der Be. schwerde anerkannt.werden, weil man genötigt war. noch eine Hilfslehreriv anzustellen. Bevor dann in die geheime Bekakung eingekreken Butte, brachte der Gemeindevorstand noch eine dringliche Borlage ein, die die Herstellung des zu unserem Gemeindegebiete gehörigen Bürgersteiges des Triftweges zum Gegenstand hatte. Durch Uebereinkommen mit der Anliegerin Frau v. Franke hat sich jetzt endlich wenigstens diese Möglichkeit geboten, nachdem bisher durch das unverständliche Verhalten der Nachbargemeinde Lichten- berg alle Schritte gescheitert waren, die eine völlige Regulierung des Triftwegcs herbeiführen sollten. Potsdam. Ein Raubanfall wurde gestern vormittag in der Kirchstraße ver» übt. Im Hause Kirchstr. 19 betreibt die Frau des Tischlers Frerich ein Zigarrengeschäst. während ihr Mann seinem Handwerk nachgeht. Schon um 8 Uhr morgens fiel den Bewohnern in der Nachbarschaft ein Mann auf, der ununterbrochen auf- und abpatrouillierte. Plötz« lich in der zehnten Stunde hörten die NachbarSleute aus dem Frerichschen Laden Hilferufe und unmittelbar darauf verließ in größter Eile ein Mann den Laden, der über den Alten Markt nach der Langen Brücke lief und dort im Menschengewirr verschwand. Im Laden selbst fand man die Frau am Boden liegend mit einer Kopsverletzung, aber bei vollem Bewußtsein. Sie erzählte, daß der flüchtige Täter hinter der Portiere gestanden habe, als sie in das Geschäft kam, und mit einem 1'/, Fuß langen Knüppel sie auf den Kopf schlug. Der Täter suchte, als die Ueberfallene um Hilfe schrie, das Weite, ließ aber den Prügel zurück. Der Täter wird wie folgt beschrieben: 1,65—1,67 Meter groß, trug guten braunen Jackettanzug und Sportmütze mit Band, femer eine grüne Krawatte. Er lief in der Richtung nach Nowawes oder nach der Leipziger Chausiee. Trebbin(Kreis Teltow). Die Stadtverordneten nahmen in ihrer letzten Sitzung zunächst den Entwurf der neuen Freibankordnung einstimmig an. Desgleichen wurde dem Ankaufe des Fürstenhofschen Grundstücks in der Bahn« hofftraße mit 17 Ar Ackerland zum Preise von 3999 M. und den Nebenkosten zugestimmt. Die Vermessung und Anlegung eine? Be« bauungsplanes für den Langenwinkelweg und die Parkstraßc wurde bis zur Erledigung deS noch schwebenden Projekts einer dort anzu- legenden Parallelstraße vertagt. Zum Städtetag wurde der Herr Bürgermeister delegiert. Gerügt wurde es von allen Seiten, daß die Einladung zum Städtetag erst in zehnter Stunde der Versamm- luna zur Kenntnis gebracht wurde. Denn laut Geschäftsordnung müssen Geldbewilligungen auf der Tagesordnung stehen. Ebenso wurde mißbilligend erwähnt, daß der Bürgermeister erst vor kurzem nach ziemlich Jahresfrist den Bericht des letzten Städtetages ge- geben hat. Weistensee. Darf der Gemeindeschöffe von Weißensee, Dr. Pape, noch länger im Amte bleibe»? So lautet der Titel eines von dem hier bekannten Herrn Mertens herausgegebenen Flugblattes. In dem Flugblatte wird erneut darauf aufmerksam gemacht, daß Mertens den Dr. Pape des Meineides beschuldigt hat, welchen letzterer in einer Zeugen- aussage Mertens wider den verstorbenen Amtsvorsteher Feldtmann gemacht habe. Trotz öffentlicher Aufforderung durch ein Flugblatt an die Gemeindevertretung und Besprechung der Angelegenheit in einer Sitzung der Gemeindevertretung hat Dr. Pape es abgelehnt, Merten» zu verklagen, da der Staatsanwalt ihn für unzurechnungs- sähig halte. Auf Anfrage an den Staatsanwalt ist eine Erkläning niemals ergangen. Dr. Pape hat aber einen Gemeindeassistenten verklagt, von dem er gehört haben soll, daß er zu einem Kollegen geäußert hat:„Den Meineidsbruder grüße ich nichl eher, als bis er sich vom Meineide gereinigt hat." Für diese unbedachte Aeußerung ist der Beamte vom Schöffengericht mit 89 M. bestraft worden. Im übrigen enthält das Flugblatt die bekannten Be- schuldigungen gegen Dr. Pape. Ob sich letzterer nun bequemen wird, von dem Verdachte des Meineides sich zu reinigen, muß ab- gewartet werden. Eggersdorf. Der letzten Gemrindcvertreterfitzung lag die Jahresabrechnung für 1908/99 vor. Danach stand einer Einnahme von 13 692,47 M. eine Ausgabe von 1088,53 M. gegenüber. Unter den Ausgaben be- finden sich 757,14 M. Amtsunkosten. Da Angaben über den Zweck der Verwendung der AintSunkoften in der Aufstellung nicht gemacht sind, wurde der Amtsausschuß beaustragt, bei der nächsten Prüfung einen Auszug zu beschaffen. /Ziis der Frauenbewegung. Der Agitation unter den Frauen dienten öffentliche Frauenversam>mlungen ftn sechsten Wahlkreis, am Mittwoch in Obiglos Festsälen, Schwedterstrahe, und am Donnerstag in Arndts Fest- ölen, Belforter Straße. In den beiden Versamjnlungen, an enen vorwiegend Frauen teilnahmen, referierte Genossin Wehl, indem sie die Stellung der Frauen zur Politik behandelte. Ein- leitend glossierte sie den Mahnruf von Besitzenden und Frommen, die Frauen sollten im Hause bleiben und„schalten und walten, wie eS einer ehrsamen gesitteten Hausfrau zukomme". Manche würde gern so schalten und walten, wenn sie nur Gelegenheit dazu hätte. Der größte Teil der proletarischen Frauen sei ja aber gezwungen, erwerbstätig zu sein, in der Fabrik oder als Heim- arbeiterin im Hause. Für das Wirken als Hausfrau und Mutter bleibe da wenig übrig. Und wenn die Frau des BolkeS wirklich an den Kochtopf herantrete, dann sehe sie sich außerordentlich beschränkt in der Wahl dessen, was zubereitet werden solle. Werde doch die nichtbesitzcnde Masse durch die indirekten Steuern ganz besonders gedrängt. Alles zur„Ehre des Vaterlandes", da» angeblich ein gewaltiges Kriegsheer brauche. Die Besitzenden, die für ein solches Heer im eignen Interesse einträten, ließen es sich nichts kosten. Ihr vielgerühmter Patriotismus reiche gerade nur bis zum Geldbeutel. Man kümmere sich garnicht darum, wenn die Arbeiter bis zum Weißbluten ausgebeutet werden, was natür- lich auch dazu beitrage, immer mehr Frauen der Häuslichkeit und den Kindern zu entfremden. Die Gesellschaft schulde viel den Frauen, namentlich den Müttern. Wo die arbeiten müsse, da müßte man der Frau die Sorge abnehmen, über die Kinder zu wachen. Gewiß gebe es Krippen und Kinderhorte im Anschluß an die Kirchengemeinde oder bürgerliche Vereinigungen. Wir wollten aber keine Almosen von ihnen nehmen, sondern ein Recht darauf haben, die Kinder in kommunalen Anstalten unterzubringen. AIS ein solcher Antrag bei der Berliner Stadtverordnetenversammlung gestellt worden sei, da hätten Freisinnige den Mut gehabt, gegen Sie Frauen zu wettern, daß sie nicht aus Not zur Arbeit kämen, sondern um ihrer Putzsucht zu fröhnen. Sofern die bürgerliche Gesellschaft die Kinder der Proletarier schütze, tue sie es nur, weil sie die Heranwachsenden nötig brauche. Immer bleibe eS aber nur Stück- und Flickwerk, das zeige unter anderm der Säuglings» schütz. Gesunde zu haben, wäre die Hauptsache, denn das gesunde Kind könne man eher erhalten. Hier könne der Staat radikal helfen dadurch, daß er für einen Schutz der werdenden Mutter sorg«. Wir sähen Proletarierinnen und ihre Kinder vielfach zu gründe gehen, weil die Frau während der Mutterschaft sich nicht genügend schützen konnte. Während der Zeit, wo man der bürger, lichen Frau jeden Stein aus dem Wege räume, damit sie nicht falle, müsse die Prolctarierin doppelt arbeiten, um nur schnell noch ein paar Pfennige zu erobern für sich und das kommende Kind. Rednerin verwies im Anschluß daran auf die bekannten Forde» rungen der Sozialdemokratie, die in bezug auf den Schutz de« Mütter an die heutige Gesellschaft gestellt werden, und betonte� daß die MnttcrschaftSversicherung erkämpft werden müsse. Ferner legte Genossin Wcyl im einzelnen dar, welche Rolle die Frau im wirtschqftilcheg und sozialen Leben spiele und wie ihr Jnteresje sie Suf«Heft Vorgängen tfl Wirtschaft un5 Politik aufs engste verknüpfe. Speziell gedachte sie auch dabei des Militarismus und der Schule. Sie kam zu dem Schluß, daß die Frauen, von denen überdies in Deutschland jährlich 7000 zu gründe gingen infolge des Akts, durch den sie erst dem Staat den Staatsbürger schenkten, das politische Wahlrecht auch für sich erkämpfen müßten. Vor allem müßten sie sich auch politisch organisieren und sich politisch bilden, um wiederum andere auf den rechten Weg leiten zu können. Die politisch aufgeklärte Frau könne, selbst solange sie noch kein Wahlrecht habe, außerordentlich auf unser politisches Leben einwirken. Wenn sie sich um alles kümmere und es bessern helfe, Seite an Seite mit dem klassenbewußten Mann, dann werde sie auch mehr und bessere Dinge in den ihr vom Philister so warm empfohlenen Kochtopf legen können, wie jetzt.(Lebhafter Beifall.) Die kurze Diskussion bewegte sich im Nahmen des Vortrags. In beiden Versammlungen meldeten sich eine Anzahl Frauen zur Aufnahme in den Wahlverein. Mocben-Spielplan der Lerlmer Cbeater. Köuigl. Opernbaus. Geschlossen. Köuigl. Schauspielhaus. Sonntag: Bürgerlich und romantisch. Montag: Die Ouitzows. Dienstag: Götz von Berlichingen.(Ans. 7 Uhr.) Mittwoch: Strandkinder. Donnerstag: Die Radensteinerin. Freitag: Aopj und Schwert. Sonnabend: Die Lieder deS Euripides. Sonntag: Wie die Allen jungen. Montag: Die Journalisten. Ansang 7'/, Uhr. Neues königl. Opern- Theater. Sonntag: Tannhäuser. Montag: Die Fledermaus. Dienstag: Fidelio. Mittwoch: Don Juan. Donnerstag: Die lustigen Weiber von Windsor. Freitag: Lohengrin. Sonnabend: Madame Butterfly. Sonntag: Margarete. Montag: Tristan und Isolde. Ansang 7 Uhr. Deutsches Theater. Sonntag bis Montag: Ueber unsere Kraft. Ansang 8 Uhr. Deutsches Theater(Kammerspiele). Sonntag bis Montag: Jakob und Kristosser. Ansang 8 Uhr. Lesfing> Theater. Abends bi» aus weiteres: Kasernenlust. Anfang 8 Uhr. Berliner Theater. Abend» bis aus weiteres: Taifun. Ansang 8 Uhr. Neues Theater. Täglich: Die goldene Ritterzett. NeueS Schauspielhaus. Täglich: Der Flieger. Anfang 8 Uhr. Hebbel- Theater. Täglich: Wem gehört Helene 1 Koketterie. Ansang 81/« Uhr. Komische Oper. Sonntag: Galathee. Dt« Zauberflöte. Diverttssement. Montag: Robtn» Ende. Divertissement. Dienstag: Zierpuppen. Das schlecht bewachte Mädchen. Mittwoch: Die verlauste Braut. Donnerstag: Zierpuppen. Divertissement. Freitag: Die verwüste Braut. Sonnabend: Zierpuppen. Die Zauberslöte. Dwertissement. Sonntag: Die verkaufte Braut. Montag: Der polnische Jude. Diverttssement. Ansang 8 Uhr. Thalia-Theater. Allabendlich: Glück bei Frauen. Ansang 8 Uhr. Kleines Theater. Sonntag, nachmittags 3 Uhr: Moral. Abends bi» nächsten Montag: Nur ein Traum. Ansang 8 Uhr. Schiller-Theater O. Sonntag; Der Bibliothekar. Montag: Dte zärtlichen verwandten. In Zivil. DienStag: Zapsenstreich. Mittwoch: Die zärtlichen Verwandten. In Zivil. Donnerstag: Der Bibliothekar. Freitag: Zapsenstreich. Sonnabend bis Montag: Die zärtlichen verwandten. In Zivil. Ansang 8 Uhr. Schiller- Theater Eharlottenburg. Sonntag, nachmittag» 3 Uhr: Zapfenstreich. Abend»: Die zärtlichen Verwandten. In Zivil. Montag: Die Katakomben. Dienstag und Mittwoch: Die Liebe wacht. D Zapfenstreich, jgreitag: Miß Hobbs. Sonnabend: Jungser Sonntag und Montag: Der Bibliothekar. Ansang 8 Uhr. Friedrich> Wilhelmstiidtisches Schauspielhaus. Sonntag bis DienStag: Der Btelgeltebte. Mittwoch bis Montag: Sherlock Holmes. Ansang 8 Uhr. Boltsoper. Sonntag und Montag: Staatsanwalt Alexander. DienStag bis Montag: Charley» Tante. Ansang 8'/, Uhr. Luise«- Theater. Sonntag, nachmittag» 3 Uhr: Die Sünde de» Priester». Abends bi» aus weiteres: Lena Warnstctten. Ansang 3 Uhr. Neue» Operetten- Theater. Sonntag, nachmittag» 3 Uhr: Die Vermischtes. Donnerstag: Obrigkell. Abend» bis aus wettere»: Das LeuManismündel. Ansang Rose-Theater. Allabendlich: Die Schmuggler. Ansang 8 Uhr. Apollo-Tbeater. Allabendlich: Mahara. Spezialitäten. Ansang 8 Uhr. Folies Gaprice. Allabendlich btS auf weitere»: DaS Gespenst. Die verfolgte Unschuld. Ansang 8'/, Uhr. Metropol< Theater. Allabendlich: Hallo> Di» große Revue I Ansang 8 Uhr. Passage« Theater. Sonntag, nachmittags 3 Uhr: Spezialitäten. Allabendlich: Spezialitäten. Ansang 8 Uhr. Wintergarten. Allabendlich: Spezialitäten. Ansang 8 Uhr. Buggeuhagen. Täglich: Spezialitäten. Ansang 8 Uhr. Neimohallen- Tbcater. Allabendlich: Slrtliner Sänger. Ansang 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. Karl Haverland- Theater. Allabendlich: Spezialitäten. Walhalla< Theater. Allabendlich: Spezialtläten. Ansang 8 Uhr. Urania- Theater. Taubenstr. 48/43. Sonntag: Im Lande der MtternachlSsonne. Montag: Bilder aus der heimischen Tierwelt. DienStag: In den Dolomiten. Mittwoch: Von der Zugspitze zum Watzmann. Donnerstag: Im Ftrnenglanz de» Obcrengadin. Freitag: In den Dolomiten. Sonnabend und Sonntag: Von der Zugspitze zum Watzmann. Montag: Unbestimmt. Ansang 8 Uhr. Sternwarte, Jnvalldenstr. 57—82. Der LiebeskUhler. Der»Vorwärts" brachte in seiner Fceitagnummer einen Brief der Frau v. VopeliuS aus Sulzbach, in dem sie als Borsitzende des Vaterländischen Frauenvereins einer mit 14 Kindern gesegneten Bergarbeiterfrau den. Rat gibt, zur Verineidung weiteren Kinder- segens eine kleine Waschbütte zu benutzen. Der Brief der Frau v. Vopelius hat einen unserer Leser veranlaßt, uns einige Reime zuzusenden, denen wir Abdruck nicht versagen möchten. Es schrieb Frau von VopeliuS Jüngst voll Kummer und Verdruß: »Das Leben ist teuer, die Zeiten sind schwer, (Ihr Gatte ist nämlich Millionär) Du schreibst mir als Mutter mit 14 Kindern, Gnädige Frau wollet unsere Not etwas lindern. Ich kann Euch leider nur wenig geben, Denn unser Verein ist nicht günstig gestellt. Doch sende ich Euch fürs praktische Leben Meinen Rat, der bester als Gut und Geld: Es soll in Zukunft kein Ehemann Seine Gattiii unzüchtig rühren an; Er soll bei heftigem Anfall von Liebe, In kalten: Wasser löschen die Triebe. Viel Geld kann ich wie gesagt, nicht senden, Deshalb empfanget aus meinen Händen Als Geschenk Porto- und bestellgeldfrei Einen alten Champagnerkühler anbei!' Unwetter im Rheinland. Aus Köln meldet uns ein Privattelegramm, dnß in der Rheingegend schwere Gewitter niedergegangen sind. Neben großen Verwüstungen, die besonders die Weinberge be- troffen haben, sind auch mehrere Menschenleben zu be- klagen.— Bei Rheinbrohl wurde ein Küfer Schuhmacher und sein LLjähriger Sohn von dem Gewitter im Walde überrascht. Ein Blitzstrahl traf die beiden; der Vater wurde gelähmt, der Sohn getötet. In der Nähe Neuwieds mutzte der Eisenbahn- verkehr für einige Zeit unterbrochen werden, da die niedergegangenen Waffermengen die Eisenbahngleise überschwemmt hatten.— Oberhalb Linz schlug der Blitz in ein Segelschiff; der vordere Teil des Schiffes wurde zertrümmert, eine Person erlitt einige Verletzungen.— In der Nähe von Andernach schlug ein Blitzstrahl in eine Anzahl badender Personen; ein Junge wurde dabei getötet._ Der Hauptmann als Totschläger. Wie uns ein Telegramm aus Hamm i. W. meldet, erfchotz in der Nacht zum Sonnabend der Hauptmann a. D. Moellenhoff auf Haus Osthoff nach einem Wortwechsel den Wächter Jürging und gab auch auf den Bruder JiirgingS mehrere Revolverschüffe ab. Der Täter hatte gut gezielt. Jürging war sofort tot, sein Bruder ist schwer verletzt. Der Revolverheld wurde bald darauf verhaftet._ Panik auf einem Flugplatze. AuS Anlaß des heute in Budapest beginnenden Flug- Meetings besichtigten am Freitag etwa 10 000 Schulkinder in Begleitung ihrer Lehrer auf dem Flugplatze die Flugmaschinen. Bei dieser Gelegenheit erlitten infolge der herrschenden Hitze mehrere Lehrer und eine grotze Anzahl Kinder Sonnenstiche. Verschiedene Kinder wurden in dem Gedränge gegen einen Drahtzaun gedrängt; sie erlitten im Gesicht schwere Verletzungen. Bedauer- licherweise war für ärztliche Hilfeleistung nur sehr ungenügend gesorgt, sodatz es mehrere Stunden dauerte, bis die Erkrantten nach einem Krankenhause übergeführt werden konnten._ Aus dem Reiche der Luft. DaS neue englische Armecluftschiff, welches in AdlerShof unter der Leitung des Oberst Capper gebaut worden ist. stieg am Freitag» abend um 11 Uhr Sv Minuten bei F a r n b o r o u g h auf und flog einer starken Brise entgegen nach London, was nur wenig über zwei Stunden in Anspruch nahm. Das Luftschiff umkreiste die Sankt-Pauls- Kathedrale, erreichte eine Höhe von etwa 33» Metern und lehrte so- dann nach Farnborough zurück, wo es um 3 Uhr morgens ohne Unfall landete. Der dänische Abtatiker Nervo stieg am Freitag abend von dem Flugplatz auf der Amager-Jnsel bei K o p e n h a g e n auf. Er flog zunächst über die SeefortS und sodann über die Innenstadt, passierte den Rathauswrm und flog dann nach dem Flugplatz zurück. wo er nach zirla 17 Minuten landete. « Einen schweren Unfall erlitt am'Sonnabend der russische Nviatiker P o p a w, der in G a t s ch i n a mit feinem Zweidecker einen Flug unternommen hatte. Beim Abstieg stich der Apparat gegen einen Hügel; das Flugzeug überschlug sich uud wurde zer- trümmert. Bei dem! Sturze erlitt Popow einen Hüfte nbruch nnd schwere Kopfverletzungen. Die Aerzte erklären seinen Zustand für sehr bedenklich._ Kleine Notizen. Ein Opfer der Prinz-Heinrich-Fahrt. Bei der Ankunft der Fahrer in Nürnberg wurde am Sonnabend durch das Automobil des Dr. Caspar-Hannover die fünf Jahre alte Tochter des Zahn- arztes Geitzler überfahren. Das„Attentat" auf den Fürsten von Lippe. Wie aus Detmold gemeldet wird, haben Bauernburschen, nicht italienische Arbeiter, das Automobil des Fürsten bombardiert. Nach ihrer Verhaftung erklärten sie, datz sie dies auS Uebermut getan hätten. Sie wutzten nicht, datz es sich bei ihren Roheiten gerade um das fürstliche Automobil gehandelt hatte. Ei» seltsamer Fall von Scheintod passierte in dem Dorfe P r e h i s ch- G ö r n e ck e bei Statzsurt. Eine Ftau, die man für tot hielt, erwachte infolge Berührung am Tage der bereits an« gesetzten Beerdigung. Die Kranke verfiel aber wieder in Starr- k r a m p f. Nach der Ueberführung in die Universitätsklinik in Halle ist sie erst jetzt, am neunten Tage, zum vollen Bewutztsein ge- kommen. Ein Todesmarsch. Bei einer Uebung mehrerer in Prag garni« sonierter Jnfanterieregimenter erkrankten infolge der großen Hitze 38 Mann an Sonnenstich und Hitzschlag. An dem Auf-' kommen mehrerer Soldaten wird gezweifelt. Der Expreßzug Paris— Avricourt fuhr am Freitag in eine Gruppe Streckenarbeiter hinein. Ein Mann wurde getötet, einer erlitt schwere Verletzungen. Einsturz eines Balkons. In Jerome(Nordamerika) feierte eine reiche Familie mit großem Pomp die Taufe eines Kindes. Etwa ein Dutzend Personen hatten auf einem Balkon Platz ge- nommen und warfen Bonbons und Kupfergeld unter die Jugend. Plötzlich löste sich der Ballon vom Stockwerk und stürzte zur Erde. Zehn Personen wurden dabei schwer verletzt, von denen vier hoffnungslos daniederliegen. Alt wie Methusalem. In S t a m b u l(Türkei) ist der Vorsteher eines Klosters, der Scheich Kasfim Effendi im Alter von 12g Jahren gestorben. Unter Hinterlassung einer Schuldenlast von l'/z Millionen Frank ist in U v e r d o n(Schweiz) ein Advokat flüchtig geworden. Mehr als 600 Personen sind durch daS betrügerische Treiben des Advokaten vollständig ruiniert. ßrlefhaften der Redaktion. Tie(ntlfflfdit evrcchsnind« findet L i ndcnftr a fte Nr., bor« biet Trebbe»— A a h r f»» h l—, wochcutäglich bau 4'h bi» T1/. Uhr abend« ftatt. Jeder«»frage ist et» Buchstabe und rnie Zabt als Merkzeichen beizufügen. Brieflich««ntwort wird nicht erteilt. Eilige Fragen»rag« man i» der Svrechstuud« vor. A.». M. jährt ist. Um müßten wir den Ursprung Ihrer Forderung' kennen.— K H. Retchen Sie eine Beschwerde beim Polizeipräsidenten ein derart, datz diese dort am 7. Juni eintrifft.— M. M. 11«. Nein. Ntax 14. 1. Nur den etwaigen vaterlosen Kindern unter 15 Jahren. 2. Die allen Karten begründen keine Anrechte.— P. K. L. G. V. ES war ein Versahren wegen MajestätSdeleidigung eingeleitet, zu ewer Ver» urteilung kam es aber nicht.—®. A. 47. Uns nicht bekannt. Ein Bausachverständiger könnte Auskunft geben.— Z. 9. Sie sind im Unrecht. Sie können aufrechnen, sofern Ar Anspruch noch nicht ver. beurteilen zu können, ob Verjährung vorliegt oder nicht, WitterungSbberilcht vom 4. Jnni 191«, morgen» 8 Uhr. «-«er 2 heiter 1 bedeckt 3 bedeckt 2 wolkig iheiter e-* »U f* 11 13 12 11 16 Wetterprognose für Sonntag, de« K. Jn«i 1910. Etwa» kühler, zeitweise heiter, aber veränderlich bei meist schwachen südlicheu Winden und fortdauernder Gewitterneigung. Berliner Wetterbureau. fBeln Vorzeigen dleiüs Inserat» 1 4% gaben. irerkauL.ndC«ur „Cngroe- S.lson" Micke Hiniooos. Bart-'ÄHO AniohlleOend« Tucli-Paletotf in allen») in II Langen Ii äll II. Uaob«!»g»»l« Frauen-Paletots smÄ 10-30 M. Hochelegant« loci!-. 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(Ohne Gewähr.)(Naehdruck verboten.) 41 173 205 83 925 1 505 42 998 88 2l.W 200[30001 472 «45 99 889 994 3150 300 409 82 818(500] 4112[ 500] 495 827 019[500] 779 5023[500] 62 158 390 UOO[500] 7»4 6022 194[1000] 309 54 630 75 610 704 6 55 58 947 62 "yom 545 80 727 908 39 48 8039 340 45 437 0044 67 43000] 199 255[600] 94 477 57« 820. 10018 31 184 219 309 529 792 1 1144 398 420 94 999 112451 521[1000]«6« 803 83 1 3009 98 121 208 313 33 1431 78 675 823 1 4u8il 167 383 657 7 00 862[500] 15575 «94 1600] 99 10 10' 281 421 633 709 837 963 98 1 7207 68 77 353 407 75 547 856 62 1 8172[1000] 91 800 84 -411 4« 519 761 85 1 9005 25 309 491 659[500]«15 80 700 16[1000] 821«8 20 98 488 611 762 95 020 2 1 053[500] 431 80 507 «29 879 2 2077 78 199 256 384 543 613 83 770 95 833 23077 254 353 407 581 775 875 70 995 24142[500] 60 343 348 823 4 7 2 5 273 600 16 80 89 794 2 6153 265 338 <47 15001 4SI 502[30001 94 854[1000] 87 2 7170 295 345 13000] 437 82 992 2 8 031 845 924 2 9025[500] 87 372 630 721 875[500] 30100 32 74[3000] 499[500] 564 842 flOOOl 71 825 '« 97 941[500] 3 1 461 569[600]«02 18 779 813 3 2033 147 221 95 479 529 3312.1[500] 99 320 589«07 34008 342 305 488 758 3 5018 148 223 432 525 00 972(lOOOl 36229 SOI 9 54 733 3 7165 339[3000]«5 042 706 924. 29 31 3 8323 601 785 3 9125 68 622 745 95 897 SOS* S5[500] 40132 640 Ol 768 990[500] 41127 285[500] 456 (1500) 98 539 010 890 925 94 42133 43 519 743 72[500] ■43149 263 644 51[500] 709[1000] 44130 286 480 879 es 9.1 4 5 029 114 92 210 321 33 436[1000] 535 699 719 31 829 40 4 6019 204 322[3000] 467 795 47193 299 356 669 789 897 4 8 251 486 705 694 49 105 11 27 204 7 95 91 (600] 776[3000] 50001 107 65 87 223 539 69 775 959 5 1017 291 97« «1 52175 711 76 79 5 3019 103 4 12 265 405 71 601 ItüOO] 2 860 904[600] 54010[500] 147 208 63 350 452 «5032 34 228 450 71 529 50 655 56140 52« 72 652 680[1000] 931 53 5 7131 209[1000]«0 78 5 8268 831«12 «12 950 59442 502 95[500] 079 93 946 60243 35 1 473 509[3000] 2 0 7 57 881 095 6115« 58 S20 65[1000] 81 363 562 94[500] 677 722 25 6 2200 435 83 699 714 990 6 3017 136 334 503 943 6 4 360( 5001 431 Ol 573 763 03 850 6 5179 290 318 7 7 837[ 3000] 70 81 66108 222 515 87[500] 610 41' 717 808 63 980 67015 131 00 239[500] 304 684 97 604 719 6 8069 118 838 531 «15 69.137 403 70013 248 311 449- 58 56 1 99 621[8000] 66 759 91 7(265 322 609 691 864 959 72514 65[ 500] 779 73044 445 74173 flOOO] 394 498 964 71 99 7 5094 191 405 861 78143 218 358 504 32 83 604 63 711 77080 169 229 429 677 699 948 7 8045 119 424 49 62 594 619 788 82«[500] «6[500] 71 79 074 198 373[1000] 53« 48«52 961 8 0211 529 689[1000] 723 37[500] 993 8( 741 952 B22U 31«[3000] 20 60 477 969 90 83138 208 353[1000] 413 717 57( 5001 84170 430 78 53? 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Kl. 222. Kfiil. PfötlSB. Lottorfe Ziehung vom 4. Juni, nkabmlltzgf. Jkur die Gewinne Uber 240 Mark«Ind den betrelfta» den Nuuuaera hg EUinmerti beigefügt. (Ohne Gewähr.)(Nachdruck verboten.} 87 380[500]«27 719 815 81 43 83 19 86»08( 338[500] '«0 9« 592 781 2229 349 539[500] 747 859 3 00« 254 354 )4?8 514 819 4132[1900] 591 748 Sl54 228 67 951 79 913 <49 65 6082 55 291 00[500] 375 85 423 656 59 88[1000] «50 815 76 7016 68 265 95 336 401[500] 84 847 8143[500] >499 5,9 974 9134 334[500] 43 70 462 587 849 1O065 567 81«29 701 850 914 1 1117 219 817 933 >121,7 82 497 51? 815 1 3053 77 94 152 385 521 748 59 04001 22 142 51 427 35 65 91«50[500] 15101 65«08 149 635 69 955 78 1 6022 45 48 11 99 142 589 1 7164[lOOO] 68 70 0 2 315 60 419 514 678 804 959 11 18103 9 358 433 500 88 660 19212 23 93[500] 159 998 20054 35« 672 91 802 909 43 21124 72[3000] 279 (3000] 405 12 58[1000> 678 864 93 638 7 7 2 2082 117 2 3109 68 351 402 23 46 594 871 955 2 4012 291 337[500]«14 818 25130[500] 507 607 94 793 80'. 921 64 26032 173 203 5 344[1000] 77 488 549 659 083 27132 253 352 402 71[500] 642( 3000) 643 725 2 8055 814 70 29196 420 582 783 85 30002 63[1000] 222 393 408 614 95[500] 716 968 99 31257«20 3 2077 133[1000] 58 321 33[500] 459 509 600 74 752 813 3 3 269[3000] 522 774 819[1000] 902 51 34095 •09 809 602 24 3« 89«0« 713 35260 320[5000] 626 955 93 3 6072 134[500] 48 782 831 987 37125 66 806 3« 54 520 202«03[500] 38225[3000] 43 609 20 709 697[3000] 39587«40 741 813 975 40132[500] 256 421[3000] 695»48 4(172 87 258[500] 89 316 406 91 701 5 54 814[lOOO] 42011 359 424 615[500] «23 701 43093 918 7 5 44165 71 358 88 514 95 66« 195 953 45 503 621 733 811[1000] 70 910 4 6168 86 67 426[500] 677 839 55 078 4 7011 164 330 39 519 81« 902 48144 321 634 47 712[500] 49025 38[ 3000] 303 28 452 53[ 500]«98 50145 783 834 36 98 979 5 1 073'242«65»03 5215««9 »00 473 558 825 931 53182 93 522 80? 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95 941»0[500] 300062 234 785 842 30(01» 250 HI 3024« eis 303 UI 216 661 609<1 672 791«1» Verantwortlicher Redakteur Richard Barth, Berlin. Aür den Inseratenteil verantw�: Th.Alicke, Berlin. Druck u.Verlag: Borwärt» Buchdruckerei«, Berlaßsanstalt Paul Singer& Berlin Kr. 129. 27. Jahrgang. 5. Icilip Ks.Amörls" Knlim WlksM Zsavtag, 5. Juni 1919. aus äer Säuglingsfiirioi'ge äer Stsckt kerlii». Berlin hat feit jetzt fünf Jahren die Säuglingsfür. sorge st eilen. Im Mai ISOo wurden die ersten eröffnet, reich- lich vier Jahre nach Einbringung eines Antrages der sozialdemo- kratischen Stadtverordneten, der die Gemeinde auf ihre Pflicht der Teilnahme am Kampf gegen die Säuglingsstenblichkeit hm* wieS. Die Frucht der durch jenen Antrag geforderten VerHand- lungen in einer gemischten Deputation war der Plan, Säuglings- fürsorgestellen zu schaffen, der vom Magistrat im Herbst 1904 der Stadtverordnetenversammlung vorgelegt und von ihr nach ein- gehenden Beratungen im Frühjahr 1995 mit mancherlei Aende» rungen angenommen wurde. Von den Säuglingsfürsorgestellen wird den Müttern oder Pflegemüttern schwächlicher oder kränk- licher Kinder des ersten Lebensjahres unentgeltlich Rat über Wartung und Pflege erteilt, bei Bedürftigkeit wird für Brustkinder den stillenden Müttern eine Unter st ützung in Geld als Stillprämie gewährt, für Päppelkinder ein- wandfreie Milch oderandere Nährmittel zu mähigem Preise oder auch umsonst abgegeben. In diesen fünf Jahren ist die Inanspruchnahme der Säuglingsfürsorgestellen so rasch gestiegen und der Erfolg ihrer Wirksamkeit so offensichtlich geworden, dah heute niemand mehr an der Notwendigkeit dieser Wohlfahrtseinrichtung zweifeln mag. Ueber die Leistungen der Säuglingsfürsorgestellen im Etatjahr 1908/1909(vom April 1908 bis 31. März 1909 reichend) findet sich eine zusammenhängende Darstellung in dem Verwaltungsbericht der Waisendeputation, den der Magistrat erst im April 1910 be- kannt gegeben hat, obwohl inzwischen auch das Etatjahr 1909/1910 schon abgelaufen war. Ter Bericht meldet, dah die Tätigkeit der Säuglingsfürsorge st ellen wieder erheblich zugenommen hat. Das Publikum habe sich jetzt vollständig mit der Einrichtung vertraut gemacht, und in allen sieben Für- sorgestellen sei eine sehr rege Frequenz zu verzeichnen. In 1903/1909 wurden 14 943 Säuglinge neu in Fürsorge aufgenommen, so dah mit dem aus dem Vorjahr verbliebenen Bestand überhaupt 18 144 Säuglinge unter der Kontrolle der Fürsorgestellen standen. In 1907/1903 waren 13 249 Säuglinge neu aufgenommen worden, und mit dem Bestand aus dem Vorjahr hatte eine Gesamtzahl von rund 15S09 unter Kontrolle stehenden Säuglingen sich ergaben. Dah diese Frequenzzunahme wirklich so ganz aus der Mehrung der Einsicht in den Nutzen der Fürsorgcstellen zu erklären wäre. darf unseres ErachtenS leider nicht angenommen werden. Auch ein Zwang hat mitgewirkt, der Zwang, der aus der Arbeits. losig keit und dem Notstand erwuchs und noch mehr als sonst die Mütter den Säuglingsfürsorgestellen zuführte. Mit Freude wird in dem Bericht besonders das hervorgehoben, dah die Anteile der Brust- und der Flaschenkinder an der Gesamt- zahl sich weiter zugunsten der Bru st linder verschoben haben. In 1908/1909 wurden nur 6909 Flaschenkinder, aber 9034 Brust- linder aufgenommen, während in 1907/1903 noch 6244 Flaschen- linder, aber nur erst 6510 Brustkinder(außerdem 496 Kinder, für die eine„gemischte" Ernährung gebucht wurden) aufgenommen worden waren. Der Verfasser des Berichts verkennt nicht, dah bei dieser Verschiebung eine äußerliche Ursache mitspricht, der Umstand nämlich, daß die Fürsorgestellen den Müttern der Brustkinder er- heblich mehr Vergünstigungen als denen der Flaschenlinder ge- währen und iefolgedessen bei Brustkindern die Inanspruchnahme der Fürsorgestellen vielen Müttern lohnender erscheint. Er hält tt aber doch für zweifellos, dah die Mehrung des Anteils der Brustkinder unter der den Säuglingsfürsorgestellen zugeführten Kinderschar größtenteils ,cher nach wie vor mit Feuereifer betrie- benen Stillpropaganda zu verdanken ist". Unermüdlich seien die Aerzte bestrebt, jeder Mutter den unersetzll chen Wert der Mutterbrust für das Gedeihen des Säuglings darzulegen, auch alle Hemmnisse zu beseitigen, die eine Mutter yindern, ihr Kind mit der Brust zu stillen. i Für die weitverbreitete Gewohnheit, auf Stillung mit der Brust zu verzichten, werden dreierlei Ursachen genannt. Es sind intellektuelle, ethische, soziale— und sie heihen Unwissenheit, Gleichgültigkeit, Notlage. Gegen Unwissenheit und Gleichgültig- keit erfolgreich anzukämpfen, gelingt den Fürsorgeärzten ver- hältnismätzig oft und leicht.„Dabei muh jedoch," fügt hier der Bericht hinzu,„bekannt werden, dah diese Belehrung doch noch fruchtbarer wirken würde, wenn den Müttern schon die Grundzüge einer verständigen Säuglingshygiene geläufig wären. Daß wir ein völlig unvorbereitetes und unwissendes Müttermaterial in die Fürsorgestcllen bekommen, das wirkt zweifellos nicht fördernd auf die Erfolge unserer Belehrungen ein." Dagegen könne man die sozialen Ursachen des Nichtstillens, die im wesentlichen auf der autzerhäuslichen E rw e r b s t ät ig k e i t der Mütter beruhen, in ihrer Gesamtheit nur wenig beeinflussen, wenn man sie auch im einzelnen durch die Tätigkeit der Säuglingsfürsorge- stellen öfters zu beseitigen vermöge. Der Bericht weist darauf hin, dah die Erwerbslosigkeit der Frau zunimmt, dah insbesondere die Zahl der verheirateten Frauen unter den Erwerbstätigen in den letzten Jahrzehnten bedeutend gestiegen, ist. und dah die meisten dieser fürs Brot arbeitenden Ehefrauen auch Mütter von Säug- lingen oder kleinen Kindern sind. Dazu kommen all die unver- ehelichten Mütter, die gewöhnlich bald nach der Entbindung wieder dem Erwerb nachgehen müssen. Obwohl die Aerzte der Säug- lingSfürforgestellen bemüht sind, den erwerbstätigen Müttern die höchsten Stillprämien anzubieten, so„ist doch diese Geld- summe immer noch zu gering, um der Mutter, die aus sozialen Gründen dem auherhäuZlichen Erwerb nachgehen muh, den Verdienst auch nur annähernd ersetzen zu können". Man sieht, auch bei der Stillpropoganda ist dafür gesorgt, dah die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Wenn hier dem hem- menden Einfluß der wirtschaftlichen Ursachen begegnet werden soll, so mühte die Stadt Berlin für d i e"Sä u g l i n g S- fürsorgest eh ken noch sehr viel tiefer im ihren Säckel greifen, als sie es bisher getan hat. In 1908/09 wurden für den gesamten Betrieb der sieben Fürsorgestellen 319 864 Mark ausgegeben, daran waren beteiligt die Stillprämien mit 150 608 Mark, die Kosten der Milch und anderer Nährmittel mit 99 093 M., die sonstigen Betriebskosten(Mieten, Gehälter usw.) mit 70 163 M. Die Aufwendungen für Stillprämien sowie für Milch usw. kamen den Müttern von 12 619 Kindern zugute, wäh- rend die Gesamtzahl der kontrollierten Kinder sich, wie schon oben angegeben, auf 18 144 belicf. 4780 Mütter erhielten gute Kinder. milch oder andere Nährmittel zum Selbstkosten- oder ErmähigungS- preis oder umsonst, für 7739 mit der Brust nährende Mütter wurde bares Geld als Stillprämie gewährt. Wenn die ganze Ausgabe für Stillprämien nicht mehr als 160 608 M. betrug, so ergibt sich pro Mutter ein Durchschnitt von etwa 1 9,6 0 M. Gezahlt werden, wenn wir recht unterrichtet sind, pro Ta g 20 b i S 30 P f.. pro Woche etwa 1,60 bis 2,00 M. Mit so geringen Beihilfen, wird man'S natürlich nicht erreichen können, dah viele der Mütter, die mitverdienen wollen und müssen, auf auherbäusliche Erwerbstätigkeit verzichten. Mit den, wenn man so sagen darf, greifbaren Beihilfen— den Stillprämien und der Lieferung von Milch usw.— ist die Tätigkeit der Säuglingsfürsorgestellen nicht erschöpft. Die Gewährung von Rat in den Sprechstunden sowie die Hausbesuche durch recherchierende Schwestern dürfen in ihrer Bedeutung nicht unterschätzt werden. In 1908/09 wurden für die 18 144 aufge* nommenen Säuglinge 150 689 Konsultationen erteilt, pro Säugling im Durchschnitt etwas mehr als 8, und es wurden 84 388 Haus« besuche gemacht, pro Säugling im Durchschnitt etwa 2, was der Bericht mit Recht als„noch immer zu gering" bezeichnet. Die Einzelbctrachtung ergibt natürlich ein sehr verschiedenes Bild. Ueberraschend hoch ist die Zahl derjenigen, die überhaupt nur ein einziges Mal konsultierten: die Mütter von 2820 Kindern kamen einmal— und nicht wieder. Noch nicht die Hälfte aller Kinder blieben länger als zwei Monate in der Beobachtung der Fürsorgestellen, bei nur einem Drittel der Gesamtzahl ging die Beobachtungsdauer über vier Monate hinaus. Die Beobachtungs- dauer hat zwar im Durchschnitt gegenüber den Vorjahren zu« genommen, sie ist aber— wie diese Zahlen lehren— noch immer sehr oft so kurz, dah der Gewinn für die betreffenden Säuglinge nur vorübergehend sein kann. Erfreulich ist, dah die immer wiederholten Ellahnungen, die Säuglinge möglichst jung den Fstrsorge st ellen zuzuführen und nicht erst eine Erkrankung abzuwarten, immer mehr beherzigt sind. An der Gesamtzahl der Neuaufge- nommenen waren die Kinder des ersten LebcnSmonats diesmal bereits mit 43 Proz. beteiligt, während noch im Vorjahr ihr Anteil sich nur auf 34 Proz. belaufen hatte. Der Anteil der Kinder der ersten Lebenswoche war diesmal mit 9 Proz., während er im Vorjahr noch keine 6 Proz. betragen hatte. Es mühten aber noch sehr viel mehr Kinder, ja, eigentlich alle hier in Betracht kommenden schon in der ersten Lebenswoche den Säuglingsfürsorgestellen zu- geführt werden. Tie Erreichung dieses Zieles würde bedeutend erleichtert werden, wenn von der Stadtgemeinde auch die Für- sorge schon für die Schwangeren als ein Teil der Säuglingsfürsorge angesehen würde. Schwangerenfürsorge, Entbindungsanstalten, Säuglingsfürsorgestellen könnten, mit ihrem Wirken ineinander greifend, immer aus den Mitteln der Beleh- rung wie der materiellen Beihilfe arbeitend, den Kampf gegen die Säuglingssterblichkeit noch wirksamer führen als nur die Säug- lingSfürforgestellen es vermögen. Die wirksamste Waffe bestände freilich in einer Hebung der ganzen Lebenshaltung der Arbeiterklasse, wie auch der Bericht hervorhebt, daß zu den Ursachen der Säuglingssterblichkeit und besonders des som« merlichen Säuglingssterbens zum Teil auch die traurigen Wohnungsverhältnisse der Arbeiterklaffe gehören, die zu dichte Besetzung der Wohnungen,' diese ständige Wohnungsnot im eigentlichen Sinne des Wortes, gegen die die Säuglingsfür« sorgestellen machtlos sind. Unbeschadet unserer weitergehenden Forderungen zur Ein« dämmung der Säuglingssterblichkeit erkennen wir hier gern an, dah diese Fürsorgestellen manchen Segen bringen können. Umso- mehr müssen wir es bedauern, daß die Säuglingsfür« sorge st ellen einstweilen nicht weiter vermehrt werden. Die sieben, die jetzt bestehen, umfassen folgende Gebiete: Stelle I. Blumenstr. 78, für die Stadtbezirke 1—10, 145—166, 168—188, 189a, b, c. 190b. c. e. 196—201: Stelle II. Elsasser Straße 27. für die Stadtbezirke 202—246, 261—253, 254b. 255— 260, 263—274; Stelle III, Markthalle ArminiuSplatz, für die Stadt« bezirke 11—14, 279—304; Stelle IV. Naunhnstr. 63. für die Stadt« bezirke 15—19, 22—28, 72—74, 76-144, 167a, b. c; Stelle V. Pankstr. 16. für die Stadtbezirke 264a. c. ck.-, 261, 262, 275—278, 305—326; Stelle VI, Grohbeerenstr. 10, für die Stadtbezirke 20, 21, 29— 71, 76a, b; Stelle VII, Prenzlauer Allee 33, für die Stadt« bezirke 1896, 190a, 6, 191— 194, 246—250. Eine Vermehrung der Fürsorgestellen würde vielen weiter ab wohnenden Müttern den Weg verkürzen und so auch ihnen die Benutzung ermöglichen oder erleichtern. i 5 r Äußergewöhnlich preiswerte Extra-Angebote für die Reise 1 P<"len Leinen-Kostüme 12.25 1 Poste" Eleg. Kammgarn-Kostüme 29.00 1 Porten Bast-Kostüme 48.00 1 Dosten 1? /a /-Jr praktuchen gemusterten Stoffen mit Knöpfen garniert OpOri�lVOClIvt; und gesteppt Weit unter regulärem Wert...... M. � Posten te''Wel5e m't �'e�er' Sutadiegamierung, am praktischen gemusterten Stoffen. Weit unter regul Wert M. reine Wolle, reich 1 Posten dunkelblaue Cheviot-Röcke 1 Posten Ci-„P. IV/i flus leuhten covect-coat-Stoffen in modernen Farben ssss; OlallD"'! lanicl mit Seiden-Paspel und Knopfgamierung...... M. 1 Posten Leinen-Paletots gut waschbar mit Einsätzen, Knöpfen und farbigem Kragen garniert.................. 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