Kr. 137. Bbonncments-Bedingungen: ItBonnsmentä- PrciZ pränumerando t LicrtcljäbrI. 3�0 Mk., manatl. I.lv Mü, wöchenilich 26 Pfg. frei ins HauS. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags» numuicr mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue ifficlt" 10 Psg. Post- Adonncnient: 1.10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeimngs- Preisliste. Unter Kreuzband mr Teutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 8 Morl pro Monat. PostabonnementS nehmen an: Belgien. Dänemark tolland, Italien, Luxemburg. Portugal, umänien, Schweden und die Schweiz, S7. Jahr«. OMitlnt tZostch lraüsr Itlontagj. Verliner Volksvlatt. Ole Tnlcrfions- Gebühr vekägt für die fechsgelpaltene Kolonel- zcile oder deren Raum M Psg., für politische und gcwerlschastlichc Vereins- und Verfammlungs-Anzeigen SO Psg. „Uleine Snr-igen". das erste(seit- gedruckte) Wort 20 Psg., jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf- slellen-Anzcigcn das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Bort 5 Psg. Worte über IS Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate sür die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adreff«: ,.S«Äii!lIem«!ilSt(UlUD* Zentralorgan der rozialdemokratifchen parte» DeutfcblandQ. Redaktion: 8 AI. 68» Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Die ruiMche Polizei vor den Pariser Geidnvorenen. Paris, 12. Juni.(Eig. Ber.) Am Dienstag beginnt vor den Geschworenen des Seine Departements die Verhandlung gegen Michael Rips wegen Mordversuchs an Ober st von Kotten, ehemaligem Chef der politischen Polizei in Moskau und gegenwärtig in gleicher Stellung in Petersburg. Dieser Prozeß ist von außergewöhnlicher Bedeutung. Zum erstenmal werden vor einem französischen Gericht die Umtriebe und das Verfahren der russischen politischen Polizei aufgedeckt werden. Der Fall A z e>0, der Fall Harting, der Fall Petrow— alle Polizeiskcndale der neuesten russischen Ge schichte, die in der zivilisierten Welt Aufsehen erregt haben, werden zur Sprache kommen. Wir wollen zur Einleitung die Vorgeschichte des Prozesses in Erinnerung rufen, für die ein außerordentlich wichtiges Dokument in den Memoiren vorliegt, die Rips vor Ausführung seines Attentats niedergeschrieben hat. Im Mai des vorigen Jahres kam es in einem Zimmer eines Hotels in der Rue Volivar zu einer wilden Szene zwischen zwei Russen. Der eine war Rips, der Bewohner des Zimmers, der andere Oberst von Kotten. Rips stellte sich freiwillig der Polizei und teilte dem Kommissär mit, daß er ein Attentat gegen den Chef der Moskauer politischen Polizei verübt habe, um so öffentlich dessen Vorschlag, sein„Mit- arbeiter" oder genauer gesagt, sein Lockspitzel zu werden, zurückzuweisen. Er gab weiter an, daß von Kotten ihn in Moskau aus der Haft, in die er als Revolutionär geraten war, gegen das Versprechen, in die Geheimpolizei einzutreten, entlassen habe. Dieses Versprechen habe er nur mit dem Vorsatz gegeben, die Polizei zu täuschen und für ihre provokatorischen Praktiken zu bestrasen. Die Verteidigung des Angeklagten haben die Anwälte T 0 m a g i n i und Genosse W i l l m übernommen. Als Ent- lastungszeugen werden Jaurds, Pressens 6, Burzew, der Entlarver Azews, R u b a n 0 w i t s ch, Delegierter der russischen Sozialrevolutionäre im internationalen Bureau u. a. zitiert werden. Ob Kotten dem Prozeß beiwohnen wird, weiß man noch nicht. Sein Vertreter ist— Herr Labori, der be- rühmte Paladin der erhabensten Mcnschheitsgüter im Dreyfus- Handel l Die Welt dreht sich und der Rubel rollt. Das Memorial, das Rips vor dem Attentat der Redaktion der„Byloje"(Vergangenheit, sdie Revue Bnrzews) übergeben hat. ist ein ziemlich umfangreiches Schriftstück. Es beginnt mit der Verhaftung Rips' in Moskau am 14. Februar 1909. Der Verhaftete wurde nach dem Sitz der politischen Polizei gebracht. Der Beamte, der ihn verhörte, erkannte ihn sofort. Es war von Kotten, der ihn schon 3 Jahre zuvor verhört hatte. (Danach war Rips nach Sibirien verschickt worden, von wo er entkam.) Er sagte dem Gefangenen, daß ihm zunächst 3 Monate Gefängnis und dann die Verschickung in die Provinz von JrkutSk bevorständen und begann hierauf über die revolutionäre Partei und ihre Situation zu sprechen. Hierauf jbcmerkte er, daß die Polizei die Plijne der Revolutionäre kenne, bevor sie noch zur Ausführung gebracht werden könnten. Schließlich schlug er Rips vor, als Lockspitzel in seine Dienste zu treten. Die Rechtfertigungsschrift Rips' schildert dann die Seelen- kämpfe, die dieser Antrag in ihm hervorrief, die Verwirrung, in der er schließlich auf den Gedanken geriet, durch ein schein- bares Einwilligen in den Vorschlag, die Gelegenheit zur Ent- larvung der wirklichen Lockspitzel zu erlangen und die Rache an der Polizei vorzubereiten.„Ich fühlte die ganze Niedrig- keit dieses Vorgehens, fürchtete auch das Mißlingen. Anderer- seits brannte ich danach, den Leuten vom Schlage Kottens eine gehörige Lektion zu geben. Mein Verstand geriet in ein wahres Chaos." Er verlangt Bedenkzeit und bekommt sie. Zuvor aber stellt er noch die Frage:„Woher haben Sie die Sicherheit, daß ich nicht in Ihren Dienst trete, um als Revolutionär daraus Nutzen zu ziehen?" Der Polizist ertvidert:„Wir fürchten uns nicht vor Verrat. Denn früher oder später müssen Sie auf ihrem Weg einem Ihrer geheimen Mit- arbeiter begegnen. Wir haben noch nicht ein einziges Beispiel von Verrat derjenigen, die in unsere Dienste getreten sind. Das ist zu gefährlich. Es ist richtig, daß sich nur in zwei Fällen Leute davon gemacht haben. Der eine hat sogar Geld bekommen. Was läßt sich da machen. Aber für zweimal, wo es nicht gelingt, gelingt es zehn andere Ma l." Weiter er- klärt Kotten, um die Aussichtslosigkeit der revolutionären Propaganda zu beleuchten, daß überall, wo sich eine revolutionäre Gruppe bilde, immer ein Lock- spitze! darunter sei.(Rips bestätigt, daß das wenigstens für Moskau in der Tat gegolten habe.) Diese Erfolge seien erklärlich:„Zur Zeit, da die Revolutionäre Geld hatten, mußte man zu ihnen gehen. Jetzt, wo sie keines haben, kommt man zu u n s." Je mehr Rips nachdenkt, desto mehr Gründe scheinen sich ihm zur Annahme des Vorschlags darzubieten. Besonders die Erinnerung an Azew wirkt hier mit. Warum war Azews Stellung in der Partei so sicher und fest bis zum letzten Augenblick, warum sind auch Unternehmungen, von denen Azew nichts wußte, mißlungen? Hatte nicht Kotten auch von anderen großen Provokateuren gesprochen? Azew allein hätte nicht so viel Unternehmungen zum Scheitern bringen können, ohne Ver- dacht zu erregen. Also waren Hilfskräste da, die er eingeführt hatte und die selbst wieder ihre Komplizen, vielleicht ohne sein Mitwisscn zugeführt hatten. So scheint es ihm zum Schluß, als ob er das notwendige Werk der Reinigung der Organisation fördern könne und er entschließt sich, das An- erbieten anzunehmen. Am Abend des 2O. Februar teilt er dies Kotten mit, der ihn sofort auf freien Fuß setzt und für den nächsten Tag in ein Separatzimmer des Restaurants Testow zu einer Besprechung einlädt. Bei diesem Rendezvous zeigt sich Kotten gut unterrichtet. Auf Rips' Vorhalten, daß die Revolutionäre, deren Organi- sation er nicht angehöre(„das ist schade, aber es läßt sich gut- machen", bemerkt der biedere Polizeichef dazu), Wohl derzeit infolge der Desorganisation durch die Affäre Azew und wegen der mangelnden Geldmittel nichts unternehmen würden, meint er:„Darum sorgen Sie sich nur nicht. Ich weiß aus sicherer Quelle, daß Herr B. F. der Partei 100000 Rubel gegeben hat. Vergessen Sie auch nicht, daß ein Kopf wie der Sawinkows nicht zu beschaulichen Betrachtungen geneigt ist. Glücklicherweise bin ich über alle seine Reisen und sogar seine Absichten auf dem Laufenden. In der Beziehung geht alles bei uns gut. Aber je mehr wir Augen und Ohren haben, desto besser. Sie wissen wohl, daß sich eine unabhängige Gruppe unter Führung A.s, der ein Anhänger des äußersten Terrorismus ist, von der Partei bei der letzten Konferenz abgelöst hat. Man muß., sich auf Attentate von ihrer Seite gefaßt machen. Sie müssen sich den revolutionären Zirkeln nähern. Mit der Zeit können sie tiefer eindringen. Sie haben eine Vergangenheit und sie werden umso besser reüssieren, als Bedarf an mutigen Leuten ist." Kotten schlägt Rips vor, ins Ausland zugehen, nach Paris, wo er alle seine Freunde wiederfinden werde und am leichtesten An- knüpfungen finde. Er brauche nichts zu übereilen, denn er werde mindestens sechs Monate im Auslande bleiben. Als Gehalt bekomme er 500 Rubel monatlich, dazu die Reise kosten. Später seien Erhöhungen nach der Maßgabe seiner Fähigkeiten in Aussicht.„Wir sind in dieser Be- ziehung sehr nobel und stellen jedermann zufrieden". Es wird vereinbart, daß Rips nach Paris gehe. Er soll einen Paß auf den Namen Michel V i t k 0— welchen Namen er früher in Moskau geführt hat— bekommen. Ein zweites Rendezvous findet am folgenden Tage im gleichen Restaurant statt. Diesmal bringt Kotten einen Begleiter mit, Oberst K l i m 0 w i t s ch, einen hohen Funktionär der Petersburger Geheimpolizei, der in Moskau auf der Durchreise ist. Die Unterhaltung wird diesmal von feiten der Polizisten mit noch größerein Zynismus geführt. „Das Leben i st heute nicht mehr inte iS gefuyr ressan Es fst nichts mehr los!" Rips versteht und weist auf die vielen Zeitungsmcldungen über Attentate und Expropria- ttonen hin. Klimowitsch erwidert:„Ja, verstehen Sie denn nicht, daß die jetzigen Expropriationen nur ein mäßiges Interesse für uns haben? Mit denen wird die gewöhn- liche Polizei fertig. Wir brauchen— als unseren Daseinszweck— andere Affären, die uns Arbeit und Gelegenheit zum Verdienen geben. Fehlen sie, so ist das sehr, sehr verdrießlich". Klimowitsch fährt dann mit richtigem Spiegelberg-Humor fort»«Die Re- volutionäre verlieren an Intelligenz. Kein ÄRent, keine Initiative, keine Kuraae, keine Entschlossenheit zu großen terroristischen Plänen. Wir stehen vor dem Meer und warten vergebens auf den Sturm. Nein, wir brauchen etwas Größere»!" Rips fragt, ob er in einer revolutionären Versammlung, wo von terroristischen Plänen gesprochen werde, davon abraten oder dazu ermutigen solle. Klimowitsch ant- wortet:„Sie dürfen sich nie einem terroristischen Akt wider- setzen! Das wäre für Sie nicht von Vorteil, da Sie Ihr Ansehen unter den Revolutionären verlieren würden. Sie müssen im Gegenteil alle Aufgaben auf sich nehmen, da Sie dort sicher sind, k-cine Ge- fahr zu lausen! Daß es nur möglich st bald losgeht! Die letzte Unterredung mit Kotten fand in Warschau statt. Sie dauerte nur einige Minuten. Kotten weist Rips an, sich in Paris mit einem Agenten namens Alexandrow in Verbindung zu setzen. Seine Adresse ist Rue de Grenelle Nr. 79— die Adresse der russischen Botschaft. Die Schlußausführungen der Schrift enthalten das Be- kenntnis des Verfassers, daß ihm bei weiterem Nachdenken sein furchtbarer Irrtum bewußt morden sei, und die Warnung an alle Revolutionäre, dieselbe Bahn zu betreten. Aus dem Sumpf der Polizei sei kein Entkommen mehr möglich. Die Argumente der Genossen in Paris, denen er sich anvertraut habe, hätten ihn vollkommen überzeugt. daß daS alte Verbot der revolutionären Partei, in Verbindung mit der Polizei zu treten. um des gegenseitigen Ver- trauens der Genossen willen aufrecht bleiben müsse. Ein Lockspitzel müsse die Befehle seiner Oberen befolgen. Wie könne er dabei das Interesse der Partei wahren? Sei er doch selbst von Spitzeln überwacht. So bereite er nur seine Entlarvung vor und setze die Partei der Gefahren aus, die solches Doppelspiel mit sich bringen kann. Hebet den Verlauf der Prozeßverhandlung werden wir berichten. Expedition: 8M. 68, Undcnstrasöt 69. Fernsprecher: Amt IV, Rr. 1984. Sie unentwegt ltnentichieSenen. Der Fortschritt in Usedom-Wollin hat der Tapferkeit besseren Teil erwählt. Er sucht sich um eine klare Parole, um eine Entscheidung zwischen rechts und links herumzudrücken, er überläßt eS den liberalen Wählern, ihre Stimmen nach eigenem Ermessen ab- zugeben. In einer liberalen Versaminlung, die am Sonntag in Swinemünde stattfand, ist eine Resolution dieses Inhalts gefaßt und dann als Kundgebung der liberalen Wahlvereine in Ucckermünde- Usedom-Wollin veröffentlicht. Da aber dieser Beschluß allein ge- wissen„Fortschrittlern" wohl noch zu revolutionär erschien, wird zu- gleich bekannt gegeben, daß der durchgefallene Kandidat der Volks» Partei, der Justizrat Herrendörfer in der Versammlung gefordert hat, die liberalen Wahlvereine möchten die Parole„Für den Kon» servativen" ausgeben. Das nennt man eine Entscheidung I Einen Beschluß, der selbst der Parole„Stimmenthaltung" in weitem Bogen ausweicht! Weil sie bei dem Vorsprung der Sozialdemokratie doch als eine Partei- nähme für diese Partei gedeutet werden könnte! Welchen furcht- baren Anschein ein tapfer gegen den schwarz-blauen Block deklamierender Fortschritt auf jeden Fall vermeiden muß! Freilich, weshalb sollte der Fortschritt anders fein als der Frei» sinn, aus dem er hervorging, anders als der Freisinn, der die Ber« meidung der Entscheidung bei den Stichwahlen zum Haupttragbalken seiner MandatSpolitil gemacht hatte. Wir haben uns von vorn- herein keine Illusionen über die Haltung des Fortschritts gemacht und sind deshalb nicht enttäuscht. Die Sozialdemokratie wird über- dies, wenn nicht etwa der ganze Fortschritt für den Reaktionär stimmt, was wir nicht annehmen, ohne fremde Hilfe in dieser Stich- wähl zu siegen verstehen. Unsere Hommerschen Genossen haben den Kampf sogleich in energischer Weise weitergeführt, erfüllt von dem Gedanken, daß der Wahlkreis aus eigener Kraft erobert werden muß. Es sind noch Reserven verfügbar, die herangezogen tverdcn müssen. Unser pommersches Parteiblatt, der Stettiner„Volksbote", sagt darüber: .... Zahlreiche Fischer, die sozialdemokratisch stimmen würden, befanden sich am Donnerstag auf den Wogen der Ostsee, ihrem schweren Gewerbe nachgehend. Viele Hunderte Bauarbeiter und-Handwerker sind außerhalb ihres Wohn- ortes tätig gewesen und konnten bei der Hauptwahl nicht den roten Stimmzettel in die Urne Wersen. Am nächsten Freitag müssen auch diese Reserven sich in die Kampfstont stellen." Natürlich bleibt es bei alledem ein klägliches Schauspiel, daß der Freisinn selbst in solch' zugespitzter Situation sich nicht einmal zu einem entschiedenen Kampfe gegen die Junker aufzuraffen ver- mag. Auf den Hinauswurs aus dem Block, auf die ReichSfinaNz- reform ist die Wahlrechtsvorlage gefolgt— der Fortschritt aber bleibt bei der vorsichtigen Uncntschiedcnheit, die eS mit keinem verderben will und eS tatsächlich mit allen verdirbt, die seine Lage bei den kommenden allgemeinen Reichstagswahlen zu einer wahrhaft ber» zweifelten machen wird. Wie sehr er sich zwischen zwei Stühle ge- setzt hat, kann der Fortschritt schon jetzt aus den Stimmen der Presse sehen. Die„Deutsche Tageszeitung" nimmt keine Rücksicht darauf, daß die liberalen Wahlvereine keine Meinung haben wollen, daß der Justizrat Herrendörfer die Abstimmung für den Konservativen empfahl, sie tobt über.freisinnige Felonie" in Usedom- Wollin und legt den Beschluß so au», daß eine große Anzahl, wahrscheinlich eine Mehrheit der Freisinnigen, sür den Sozialdemokraten stimmen will. Die„Kreuz-Zeitung", die etwas langsamer ist und die Nachricht aus Swinemünde noch nicht bringt, beschwert sich über das Stillschweigen in der„Freisinnigen Zeitung" und die Erklärung der„Vossin", daß nur die örtliche Organisation die Parole auszugeben berechtigt fei. Das konservative Organ erklärt mit Recht, daß diese vc» stimmung des Einigungsabkommcns die Prcffe nicht hindern könne, ihre Meinung zur Sache zu sagen. Die Blätter des linken Flügeis im Fortschritt, das„Berliner Tageblatt" und die „Berliner Volkszeitung" sagen denn auch ihre Meinung sehr ent- schieden, natürlich nicht der„Krenz-Zeitung" zu Dank. Das„Verl. Tageblatt" nimint sich den Herrn Herrendörfer vor und fordert insbesondere mit Rücksicht auf seine Haltung eine klare Entscheidung gegen die Junker. DaS Blatt will die Leitung der Fortschrittlichen VolkSpartei, die sich Dienstag nachmittag 5 Uhr im Reichstags« gebäude versammelte, um die Stichwahlfrage zu erörtern, zur Aus- gäbe dieser Parole veranlassen. Es meint: „... Wenn auch in den Statuten der Fortschrittlichen Volks- Partei der— unseres Erachtens sebr bedenkliche— Satz steht, daß die Stichwahlentschcidung den Ortsorganisationen vorbehalten bleibt, so braucht das die Fraktion in keiner Weise zu verhindern, einen Rat zu erteilen und eine Ansicht zu äußern...." Aber das„Tagebl." hat selbst nicht viel Vertrauen zur Entschlußkraft der Parteileitung, es muß eingestehen, es scheine, daß die Mehrheit der Parteiführer geneigt sei, eine„Einmischung" mit der Berufung auf die besagte Stelle des Parteistatuts abzulehnen! Bis heute abend spät ist denn auch noch nichts von einem Be- schluß der Leitung in die Oeffcntlichkeit gedrungen. Die„Berliner Volkszeitung' greift die Fortschrittler heftig an und beschuldigt sie direkt,„durch diese Waschlappigkeit" die Sache des reaktionären Kandidaten zu fördern:„Denn." erklärt sie,„ivenn gesagt wird, jeder kann machen, was er will, so heißt das jedenfalls so viel: für den Sozialdemokraten wollen wir nicht die Parole aus- geben. Und das heißt natürlich für viele Wähler, die von der Diplomatenfeigheit schwachherziger„Taktiker" in ihrem schlichten Wählervcrstande nichts verstehen, so viel wie: Wählt den anderen. den Junker." So sitzt der Fortschritt schon jetzt in höchst unbequemer Haltung zwischen zwei Stnhlsitzcn auf der— Erde. Er kann von Glück sagen, wenn die Mehrheit seiner Wähler gescheiter und mutiger ist. als die Leitungen sind. Die Sozialdemokratie an der Odermiindung wird indes arbeiten, als gelte es, den Wahlkreis gegen die Koalition det Gegner zu erobern._ Die rote Flutwelle. Professor Delbrück hat eine Rechnung aufgestellt, tvo- Vach der Sozialdemokratie bei den nächsten Reichstagswahlen 120 Mandate zufallen sollen. Auch die„K ö l n i s ch e Volkszeitung" meint, man werde wohl kaum zu hoch greifen, wenn man annehme, daß die Sozialdemokraten ziem- lich wahrscheinlich mit 120 Sitzen im nächsten Reichstag rechnen könnten. Die sozialdemokratischen Stimmen, so sührt das Blatt aus, seien bei den letzten neun Reichstags- ersatzwahlen um durchschnittlich 33,3 Proz. gestiegen. Nämlich in Landsberg-Soldin um 16,6 Proz., im Halle-Saalekreis um 18 Proz., in Usedom-Wollin um 27,5 Proz., in Jauer-Landes- Hut und Mülheim-Wipperfürth um 28 Proz., in Eisenach- Dermbach um 29,7 Proz., in Koburg um 43,5 Proz., in Lyck-Oletzko-Johannisburg um 45 Proz. und in Posen end- lich um 62,7 Proz. Nehme man nun, so führt das rheinische Zentrumsblatt weiter aus, selbst nur ein Anwachsen der so- zialdemokratischen Stimmen um 25 Proz. an. so würden schon alle Wahlkreise, in denen bei den Hottentottent�ahlen 40 Proz. und mehr der abgegebenen Stimmen auf die So- zialdemokratie entfielen, ohne Stichwahl von der Sozial- Demokratie erobert werden. Solcher Wahlkreise gäbe es genau 50, so daß mit den bisherigen 47 die Sozialdemokraten schon rund 100 Sitze bekämen, ohne die von ihnen zu erobern- den Stichwahlkreise. Da nun aber die Sozialdemokratie selbst 1907 in der Stichwahl noch 14 Kreise gewann, so dürfte die Schätzung von 120 sozialdemokratischen Mandaten reines- Wegs übertrieben sein. Das Zentrumsblatt benutzt dieses Schreckgespenst, um die bürgerlichen Parteien zu einer»gemeinsamen Front st eilung gegen die Sozialdemokratie" aufzurufen. Es redet namentlich den liberalen Parteien zu, sich dem gemeinsamen Block gegen die Sozialdemo- k r a t i e anzuschließen. Seien doch gerade die Mandate der liberalen Parteien in erster Linie bedroht. 17 nationallibe- rale und 16 freisinnige Mandate würden voraussichtlich der Sozialdemokratie zufallen. Dagegen nur 16 der gesamten Rechten und des Zentrums, nämlich 5 Kreise der Reichs- Partei, 3 der Wirtschaftlichen Vereinigung, 2 der Reformpartei, 3, die durch fraktionslose Abgeordnete der Rechten vertreten werden. 2 der Konservativen und ein Zen- trumswahlkreis! Die Rechnung des Zentrums dürfte doch wohl nicht ganz stimmen. Wenigstens nicht insofern, als sie die Verluste der Rechten allzu niedrig veranschlagt und den Liberalen vor- spiegelt, daß durch ein gemeinsames Vorgehen gegen die Sozialdemokratie die von dieser be- drohten liberalen Mandate gerettet werden könnten. Denn wenn sich die sozialdemokratische Stimmenzahl, was auch wir hoffen, tatsächlich um 25 Proz. durchschnittlich erhöhen sollte. würden die 50 Wahlkreise, in denen die Sozialdemokratie das vorige Mal mindestens 40 Proz. aller abgegebenen Stimmen auf sich vereinigte, auch durch den Zusammen- schluß der bürgerlichen! Parteien nicht ge- rettet werden können! Aber die„Kölnische Volkszeitung" meint es auch woh! so, daß der Liberalismus künftig jede Reibung mit den Parteien des blau-schwarzen Blocks der- meiden und sein ganzes Sinnen und Trachten nur da- rauf richten möchte, gegen die Sozialdemokra- tie loszuschlagen! Die Frage der Reichsfinanz. reform, des W a h l r e chts tr u g s, der Schulder- p f a f f u n g, kurz, alle Streitfragen zwischen der bürger- lichen Linken und dem Schnaps- und Antiwahlrechtsblock sähe das Zentrum am liebsten völlig aus der politischen Diskussion ausscheiden! Wir können dem Zentrum und den Konserva- tiven diesen Wunsch ja nachfühlen, denn es ist ganz fraglos. daß der Kampf der bürgerlichen Parteien miteinander natür- lich der Sozialdemokratie zugute kommt. Auf der anderen Seite freilich können die liberalen Parteien auf die Brandmark ung des Schnapsblocks unter keinen Umständen verzichten, wenn sie nicht erst recht unter den Schlitten kommen wollen! Denn wie schlecht es dem Liberalismus bekommt, wenn er init Junkern und Pfaffen zusammen durch Dick und Dünn geht, beweist ja die Q u i t t u n g, die er in U s e d o m- Wollin so prompt dafür erhalten hat, daß er als Glied des großen Byzantinerblocks für die 3'� Millionenliebesgabe für die Krone g est i mm t hat! Der Liberalismus mag sich betten wie es ihm beliebt; aber daß er bei den nächsten Reichstagswahlen besser ab- schneiden würde, wenn er sich aus blindem Sozialistenschreck der Reaktion in die Arme wirft, wird er bei einer kühlen Abwägung der Gewinn- und Verlustchancen schwerlich an- nehmen können!_ politische ücbcrfkbt. Berlin, den 14. Juni 1910. Der Rixdorf-Schöneberger Wahlprotest. Genosse Pagets sendet uns folgende Zuschrift: Bei der Verhandlung über die Gültigkeit der Wahl deS Herrn Reinbacher im Landtagswahlkreise Rixdorf-Schöneberg hat der „freisinnige" Herr Fischbeck in der Sitzung des Abgeordneten- Hauses vom 10. Juni Ausführungen gemacht, die sich denn doch mit den Tatsachen absolut nicht in Einklang bringen lassen. Herr Fischbeck hat zwar behauptet, die Kommission habe„Sorg- falt" angewandt. Diese hat aber noch nicht einmal zugereicht, um die eigentlichen Protestgründe von den ganz nebenher angeführten Beispielen zu unterscheiden. Der Protest stützte sich bekanntlich darauf, daß: 1. Die Steuersätze des Jahres 1907 in Rixdorf zugrunde gelegt waren. L. Die Abteilungslisten nicht in alphabetischer Weise aufgestellt waren. L. Eine große Reihe weiterer Unregelmäßigkeiten bei Auf- stellung der Wählerlisten in Rixdorf vorgekommen sind, und 4. Stichwahlen vollständig zu Unrecht angeordnet wurden, während notwendige unterblieben. Daß alle dies« Dinge vorgekommen sind, ist im wesentlichen von dem Magistrat in Rixdorf zugegeben worden. Neben diesen eigentlichen Protestgründen sind dann eine ganze Reihe Beispiele angeführt, die beweisen, in welcher Art sich das ganze Resultat der Wahl verschoben hätte, wenn die gesetzlichen Bestimmungen innegehalten worden wären. Diese Beispiele sind von den Hauptwahlen und Stich- Kahlen gesondert aufgeführt worden, und die gewisien�-hafte Prüfung des Herrn Fischbeck hat trotz der angeblichen„Sorgfalt" das wohl nicht entdecken können,-- oder wollen. Herr Fischbeck hat nun nach dem Bericht des„Berliner Tage- blatt" gesagt:„Sieht man den ersten Punkt des Protestes an, so findet man, daß hier Protest erhoben wurde, trotzdem in dem betreffenden Bezirk die sozialdemokratischen Wahlmänner gewählt wurden. Genau dasselbe ist beim 2. Punkt der Fall."-- Hierin liegt das Jongleurkunststück! Als Beispiel ist in dem Protest unter anderem angeführt worden, daß schon bei den Hauptwahlen in bestimmten Be- zirken unsere Wahlmänner gewählt worden wären, wenn gesetzlich verfahren wurde. Es ist dabei vollständig unerheblich, ob in zwei Bezirken die sozialdemokratischen Wahlmänner später noch in der Stichwahl gewählt wurden oder nicht, weil diese Dinge eben nur als Beispiele für die Ver- schiebung der Abteilungslisten angeführt wurden. Wenn wir gegen die Wahl der einzelnen Wahlmänner hätten Einspruch erheben wollen, tänn hätten wir ja die gewissen— hafte Mitwirkung des Herrn Fischbeck nicht gebraucht, sondern Herlken diese Einsprüche schon bei Gelegenheit der Abgeordnetenwahl bei dem Wahlkommissar erheben können. Aus dem Protest ist klar ersichtlich, daß die einzelnen Beispiele von den Hauptwahlen und Stichwahlen gesondert aufgeführt wurden, und da Herr Fischbeck erklärt hat, es sei„Sorgfalt" an- gewandt worden, dürfte diese Tatsache weder ihm noch den übrigen Kommissionsmitgliedern entgangen sein.--- Es bleibt danach nur übrig, daß Herr Fischbeck in seiner bekannten Gewissenhaftig- keit dieses Mittelchen angewandt hat, um den Anschein zu erwecken, als wären in dem Protest Dinge behauptet, die der Wahrheit nicht entsprechen, um auf diese Weise ein freisinniges Mandat zu retten.--- Herr Fischbeck hat erklärt, die Behauptungen des Protestes seien in der Kommission als Frivolität bezeichnet worden. Ich erkläre meinerseits als Verfasser des Protestes, daß die Erledigung desselben ein erneuter Beweis für die v o l l st ä n d i g e p o l i. tische Verwahrlosung des Freisinns ist und daß kein ehrlicher Politiker, der noch etwas auf Reputation hält, einen solchen Streich mitgemacht haben würde. Herrenhans. Der Enzyklikarummel hat nun auch im Herrenhause einen Nachhall gefunden, allerdings nur einen recht matten. In der Dienstagsitzung erklärte vor der Tagesordnung der Graf v. Ziethen-Schwerin kurz, daß die päpstliche Kundgebung eine schwere Verunglimpfung der evangelischen Bevölke- rung enthalte, den konfessionellen Frieden bedrohe und deshalb auf das entschiedenste zurückgewiesen werden müsse. Der Freiherr von Landsberg legte als Katholik Verwahrung gegen die Er- klärung seines Vorredners ein. Er könne nicht zugeben, daß die Enzyklika Schmähungen und Verunglimpfungen enthalte. Anderer- seits begreife er jedoch die Erregung der protestantischen Bevölke- rung. Es müsse um so mehr aller Bestreben sein, wie bisher mit allen Kräften für den konfessionellen Frieden zu wirken. Damit war die Affäre für die erlauchten und edlen Herren erledigt, die sich nunmehr der Aufarbeitung der ihnen vom Abge- ordnetenhause zugegangenen Gesetzesvorlagen zuwendeten. Die Slbbitte des Papstes. Die„Nordd. Allg. Ztg." veröffentlicht daS Resultat der diplo« matischen Schriite, die die preußische Regierung beim Vatikan unter- nommen hat. Danach hat der preußische Gesandte dem Kardinal- staatssekretär eine Note überreicht, in der«S heißt, daß die Urteile der BorromäuS-Enzyklika über die Reformation in allen evan- gelischen Kreisen tiefe Erregung hervorgerufen habe. Dann fährt die Note fort: Die königlich preußische StaatSregierung sieht sich daher ver« anlaßt, gegen diese auch an das preußische Episkopat gerichteten Kundgebungen Verwahrung einzulegen. Zugleich weist sie darauf hin, daß die Verantwortung für Störungen deS konfessionellen Friedens, welche eine Folge des Rundschreibens sind, allein diejenjge Stelle trifft, von der es ausgegangen ist. Dies glaubt die preußische Regierung, die beim Apostolischen Stuhle im Interesse guter Beziehungen zwischen Staat und Kirche eine diplomatische Vertretung unterhält, durch ihren Vertreter mit um so größerer Berechtigung aussprechen zu können, als sie ihrerseits, treu ihren verfassungsmäßigen Aufgaben, bestrebt ist, mit allem Ernst und mit allen Mitteln die Wahrung und Festigung des Friedens zwischen der evangelischen und der katholischen Bevölkerung des Staates zu fördern. Der Gesandte forderte bei Ueberreichung der Note, daß die Enzyklika in den deutschen Diözesen w e d e r von der Kanzel verkündet, noch in den bischöflichen Verordnungsblättern ver- öffentlicht würde. Diesen Wunsch hat der Vatikan prompt erfüllt und die deutschen Bischöfe angewiesen, die Veröffentlichung zu unterlassen. Außerdem wurde dem preußischen Gesandten eine Note eingehändigt, in der es heißt: »Der Heilige Stuhl glaubt, daß der Ursprung dieser Erregung darauf zurückzuführen ist, daß der Zweck nicht richtig er- kannt worden ist, auf den die Enzyklika gerichtet war, und daß daher einige ihrer Sätze in einem Sinne ausgelegt worden sind, der den Absichten des Heiligen Bater« völlig fremd ist. Es liegt daher dem unterzeichneten Kardinal daran, zu erklären, daß Seme Heiligkeit mit wahrem Bedauern die Nachrichten von einer solchen Erregung vernommen hat, da— wie schon öffentlich und formell erklärt worden ist— irgend welche Absicht, die Nichtkatholiken Deutschlands oder dessen Fürsten zu kränken, seiner Seele ganz und gar fern lag. Der Heilige Vater hat übrigen? niemals eine Gelegenheit vorbeigehen lassen, um seine aufrichtige Achtung und Sympathie für die deutsche Nation und ihre Fürsten zu bekunden, und hat noch bei einer kürzlichen Gelegenheit die Freude gehabt, diese seine Gefühle zu wiederholen. Der unterzeichnete Kardinal benutzt diese Gelegenheit, um Seiner Exzellenz den Ausdruck seiner ausgezeichneten Hochachtung zu erneuern." Die offiziösen Blätter werden nicht verfehlen, diesen Ausgang des Enzyklikarummels als großen Erfolg des Herrn v. B e t h- mann Hollweg auszuposaunen. Und die Fanfaren werden umso lauter schmettern, als dies die erste und sicherlich die letzte Gelegenheit sein wird, von einem Erfolg dieses großen Staats- manne» zu sprechen. ES muß deshalb gesagt werden, daß dieser „Erfolg" zur Voraussetzung hatte, daß Herr v. Bethmann einen so machtlosen und unfähigen Gegenspieler fand, wie es der Vatikan ist. Zuerst hat der Papst in gröbster Manier loSgepoltert, jetzt leistet er Abbitte, wenn er auch sein Urteil nicht zurücknimmt. DaS eine ist im Grunde genommen so bedeutungslos wie das andere und beweist nur, wie ohnmächtg heute der Papst, wenigstens in Kulturländern, geworden ist. DeS- wegen war die EntrüstungSproduktion ja auch so lächerlich, wie sie gefahrlos und billig war. Die zumeist Entrüsteten, die Konfer- vativen. sind gerode diejenigen, die zu der Unterdrückung jeder Geistesfreiheit nicht weniger bereit sind, denen aber dafür viel stärkere Machtmittel zur Verfügung stehen als dem römischen Bischof. Und die preußische Regierung als Verfechterin irgend einer Freiheit wirkt erst recht nur komisch. Mit der Abbitte des Papstes wird der Rummel nun wohl vor« über fein. Die nationalliberale Spekulation, dmch Entfachung kulturkämpferischer Instinkte die Konserbatiben vom Zentrum ab« und zu sich hinüberzuziehen, wonach sich diese„Liberalen" am meisten sehnen, ist mißglückt, und die Komödie, die schon herzlich langweilig war, endlich zu Ende. Das Fiasko der„Lex Trimborn". Man kennt das demagogische Manöver, das das Zentrum bei den Beratungen des Zolltarifes aufgeführt hat, um seinen Anhängern sein Eintreten für den B r o t w u ch e r schmack- hafter zu machen. Es ließ damals erklären, daß die Mehr- einnahmen aus den Agrarzöllen für soziale Zwecke verwendet werden sollen, namentlich für die Witwen- und Waisenversorgung. In Wirklichkeit gab trotz der Hinweise unserer Genossen das Zentrum diesem„sozialen Paragraphen" eine solche Gestalt, daß er völlig wertlos wurde. Was damals unsere Genossen voraussagten, wird jetzt auch offiziös eingestanden, wie folgende Notiz beweist:.... Bekanntlich ist nach§ 15 des Zolltarifgesetzes der auf den Kopf der Bevölkerung entfallende Reinertrag aus den Getreide- und Viehzöllen, soweit er den nach dem Durchschnitte der Jahre 1898 bis 1903 auf den Kopf der Bevölkerung entfallenden Rein- ertrag dieser Zölle übersteigt, zur Erleichterung der Durch- führung einer Witwen- und Waisenversorgung zu verwenden. Aus dem Jahre 1907 hat ein Betrag von über 42 Millionen Mark zu dem gedachten Verwendungszwecke sicher- gestellt werden können. Für die Jahre 1900 und 1908 hatten sich Ueberschüsse nicht ergeben. Wie jetzt festgestellt worden ist, bleibt auch für das Rechnungsjahr 1909 der auf den Kopf der Bevölkerung berechnete Reinertrag aus den bezeichneten Zöllen hinter dem Durchschnitts- ertrage der Jahre 1898 bis 1903 zurück, so daß auch aus dem Jahre 1909 Ueberschüsse für die Zwecke der Hinterbliebenenversorgung nicht zur Ver- fügung st ehe n. Aus diesem Grunde wird auch das Ein- führungsgesetz zur Reichsversicherungsordnung die Auf- h e b u n g des ß 15 des Zolltarifgesetzes in Vorschlag und in seine Stelle die Reichsversicherungsordnung mit festen Beiträgen des Reichs zur Durchführung der Hinterbliebenenversorgung setzen. Den Profit aus den Wucherzöllen haben also ganz aus- schließlich die Großgrundbesitzer eingesackt und aus dem Raub aus den Taschen der Arbeiter wird ihren Witwen und Waisen nicht das Geringste zurückgegebm. Das ist Zentrumspolitikl Tie kleine Militärvorlage. Unser Militarismus fordert nicht nur in der nächsten Zeit für die Vermehrung der Präsenzstärke ge wältige Opfer, sondern auch kleinere, aber immerhin noch nach Millionen zu rech- nende Ausgaben für die n e u e m i l i t ä r i s ch e M o de. So sollen die diesjährigen Kaisermanöver erproben, ob die neue Felduniform allgemein eingeführt werden soll. Die neue Militäruniform besteht aus grauem Rock und grauer Hose, grauer Lagerinützc, naturgclbem Lederzeug, gelben Stiefeln und grauen Mänteln. Wird diese neue Uniform sich bewähren, und das wird ja wohl der Fall sein, so wird sie für die ganze Armee eingeführt werden. Dann wird das weiße und schwarze Lederzeug, werden alle blauen. roten, grünen, braunen usw. Uniformen verschwinden. Das heißt wenigstens für den F e l d d i e n st. Als Paradeuniform werden diese Papageifarben möglicherweise auch noch länger bei- behalten werden. Auch werden neue Helme ohne glitzernde Metall- beschläge beschafft werden müssen. Kurzum, diese Anpassung der Uniformen an da? Kriegsmäßige, die für jeden vernünftigen Men- schcn schon vor Jahrzehnten auf der Hand lag, wird nun endlich durchgeführt werden und Millionen kosten. Auch die Kavallerie soll wieder einmal teilweise neu bewaffnet werden. Insofern wenigstens, als künftig der lange Säbel fort- fallen und durch ein kurzes, auf den Karabiner aufzupflanzendes Seitengewehr ersetzt werden soll. Nur darüber ist man sich noch nicht einig, ob man den Offizieren gleichfalls den langen Säbel nehmen oder nicht doch lieber des martialischen Aussehens wegen belassen soll. Wie dem aber auch sei, jedenfalls wird diese neue Unifor- mierung und Bewaffnung schweres Geld kosten. Personenwechsel in der Leitnng der Kieler Werft. Wie der„Berliner Lokal-Anzeiger"(Mittagsblatt vom 14. Juni) berichtet, verlaute in Marinekreisen mit Bestimmtheit, daß der derzeitige Oberwerftdirektor der Kieler Werft und Flügeladjutant des Kaisers, Vizeadmiral von Usedom, kurz nach Beendigung der Kieler Woche einen längeren, angeblich sechsmonatlichen Urlaub antreten und nicht wieder auf seine» Posten zurückkehren werde. Al» sein Nachfolger wird Kapitän zur See Henkel, der nahe vor seiner Be- förderung zum Konteradmiral stehen soll, genannt.— Ein System- Wechsel tritt natürlich nicht ein, auch wenn sich diese Nachricht be- stätigt.— Wahrscheinlich ist der Kieler Werftprozeß nicht ohne Ein- fluß auf den Rücktritt des Herrn von Usedom gewesen l Nochmals das Danziger Wasserloch. Unser Danziger Korrespondent, der durch eine Reise verhindert war, sofort auf die VertuschungSnotiz der zuständigen Stelle, die wir in Nr. 130 wiedergaben, zu antworten, schreibt uns heute: Die„zuständige Stelle" dementiert und bestätigt zu- gleich unsere Angaben. Zunächst wird bestätigt, daß das Wasserloch nicht abgefischt wurde. Die gründliche Abfischung mit geeignetem Werkzeug haben wir seit zirka 6 Monaten gefordert. Warum erfolgt sie nicht? Ferner wird bestätigt, daß der Fender gefunden und abgefahren wurde. Er soll einen Wert gleich Null haben. Zu dieser Ausrede bemerken wir, daß es auf der Werft überhaupt keine Gegenstände ohne Wert gibt. Auch die un. scheinbarsten Abfälle find von Wert. Dieser Fender war nicht alt, da er nur zirka acht Tage seiner Bestimmung gedient hatte. Möglich, daß er— nachdem er monatelang im Wasser gelegen hat— an Wert erheblich verloren hat. Es kommt darauf an. welchen Wert der Fender hatte, als er versenkt wurde und nicht, welchen er heute hat. Dann der„alte Schutt". Wir fragen, warum macht man keine Angaben über die Bestandteile des„alten Schuttes"? Erdgeröll und Ziegelsteine hat man doch nicht abgefahren, sondern Eisen, anderes Metall und gußeiserne Fenster. Seit wann sind diese Dinge„wertloser alter Schutt"? Warum fährt man sie heute nach dem Alteisenhof, um die Sachen zu verkaufen? Ein sonderbarer Musterbetrieb l_ Nachwahl in Cannstatt-Ludwigsbnrg. Der Bund der Landwirte hat den früheren ReichStagSabgeord- neten Dr. Wolfs als Kandidaten aufgestellt. Die bayrische Steuerreform. München, 9. Juni. Nach monatelanger Paus« beschäftigte sich heute daS HanS der Abgeordneten wieder einmal mit der bah, rifchen Steuerreform. Unterdessen hat nämliöb die obere Kammer, das bayrische Herrenhaus, die Steuergesetze beraten und in recht wichtigen Punkten verschlechtert. Diese Verschlechterungen gehen besonders nach der Richtung der höheren Belastung der niederen Einkommen und der größeren Begünstigung de« Kapital«. Der Steuerausschuß der Kammer trat einem Teile der Beschlüsse der Kammer der ReichSrüte bei. blieb aber in wichtigen Pimlten auf seinem alten Standpunkte stehen. Das Hans der Abgeordneten lehnt eS znnackst ab. zugunsten des Gesellschaftskapitals eine Erleichterung zu treffen, ebenso die Er- Mäßigung des Steuertarifs nach oben zu beschließen. Die Kammer der Reichsräte bestimmte für die größten Einkommen einen Höchstsatz von Proz., die Kammer der Abgeordnelen aber bleibt auf dem Satze von 5Proz. bestehen. Der Kinderparagraph ist von der Reichs- ratskammcr vollständig gestrichen worden. Der Steuerausschuß der Ab- Seordnetenkammer stellte den Beschluß der Abgeordnetenkammer wieder er. DieRegierung bringt einen neuenAntrag ein, derdiesoziale Wirkung des Kinderparagraphen abschwächt. DieserAntrag wird gegen dieStimmen der Liberalen und Sozialdemokraten angenonimen. Nunmehr gibt der Führer Dr. Casselmann im Namen der Liberalen Vereinigung eine Erklärung ab, daß ein Teil seiner Fraktion gegen das Einkommen st euerge setz stimmen werde, weil die Beratungen der Neichsratskammer gezeigt hätte», daß eine Hoff- nung auf Einführung einer Vermögenssteuer nicht bestände. Schließlich wird das Einkommensteuergesetz mit 80 gegen 20 Stimmen angenommen. Erzberger und die„Köln. Volkszeitung". Auf die Erklärung des Abg. E rz b e r g e r antwortet die «Köln. Volkszeitung* mit einer längeren Gegenerklärung, worin sie alle ihre Behauptungen aufrecht erhält. Zun, Schluß charakterisiert das Zentrumsblatt den Zentrumsabgeordneten folgendermaßen: «Entschieden lehnen wir jede Zensur für uns ab vom Abg. Erz- b e r g e r, der sich in wenigen fahren so oft und so schwer bloßgestellt und der Parter durch sein Vorgehen und Verhalten so viele Ungelegenheiten bereitet hat, allerdings ohne es einzusehen. Und das ist eben das schlimmste.* Landtagscrsatzwahl in Bayern. Eine Ersatzwahl im Kreise Regen ergab für den Kandi- baten des Zentrums Götz 2818, für den Liberalen Fischer und für den Sozialdemokraten K u b i t s ch e k 451 Stimmen. Das Zentrum hat über 500 Stimmen verloren. Die sozialdemokratischen Stimmen haben sich in diesem Zentrums- Wahlkreise seit 1907 nahezu verdreifacht, trotz der schäbigen Agitationsweise des Zentrums, das durch Saal- abtreiberet jede Versammlung unmöglich machte. Diese neue Quittung, die das Zentrum für den fortgesetzten Verrat der Volksinteressen einstecken muß, ist überaus erfreulich. Eine Staats-Affäre. DaS«Reich* bezw. die«Staatsbülger-Zeitnng* schlägt Kapriolen vor Wonne darüber, daß der badiiche Generalintendant Dr. Bürkli», der Vizepräsident der 1. badischen Kammer, dieser Tage einen parla- n, entarischen Bierabend veranstaltet und dazu die sozialdemokratischen Abgeordneten der 2. Kammer nicht eingeladen hat. Das Blatt hält dies Verfahren dem badischen Minister des Innern v. Bodmanii, der jüngst auch die Sozialdemokraten zu einem Bierabend lud, alö nach- ahmenswertes Beispiel vor. Es sind doch schwere Sorgen, die unsere Antisemiten drücken. Da sind wir Sozialdemokraten besser daran. Denn wir wüßten kaum, was uns weniger bekümmern würde als die Tatsache, daß Herr Bürklin keine Sozialdemokraten als seine Gäste sehen mag. Und wir nehmen an, daß unsere badischen Genoffen unsere Gefühle teilen._ Chronik der Soldateunnsthandlunge». Wegen Mißbrauchs der Dienstgewalt in 67 Fallen wurde der Unteroffizier Josef Pfand! vom 2. bayerischen Jnfan- terieregiment vor dem Kriegsgericht der 1. bayerischen Division zu München zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt. Pfand! hatte einen Untergebenen besonders durch erschöpfende Uebungen auf der Kaserncnstube, 50inal Gewehrstrecken, Stiefelputzen, auf den Zehen stehend in militärischer Haltung und dergleichen mehr raffi- liiert gequält. Nur 10 Tage Mittelarrest erhielt der Gefreite WicherS vom Garde-Füsilierregiment von dem Kriegsgericht der 1. Garde- division zu Berlin, der als Stellvertreter des Korporalschafts- führers einen Füsilier wiederholt mißhandelt hatte. Fünfmal warf er«inen Schemel nach dem Soldaten, der dreimal getroffen wurde. Ferner versetzte Wichers dem Untergebenen eine Reihe von Stößen und traktierte ihn mit Fußtritten. Auch pflegte er ihn im Zimmer hin und herzujagen.- Spanien. Klerikale Frechheit. Das Ministerium C a n a l e j a s hat ein Dekret vcr- öffentlicht, das den nichtkatholischen Religionsangehörigen Kultusfreiheit gewährt. Gegen diese Selbstverständlichkeit macht der Vatikan mobil. Sein Organ, der �.O s s e r v a t o r e Roman o", veröffentlicht folgende Note: Sobald der Heilige Stuhl die bestimmte Nachricht von der bevorstehenden Veröffentlichung des gestern in der„Gaceta de Madrid* erschienenen königlichen Dekrets erhielt, das das Konkordat verletzt, hat er nicht verfehlt, der spanischen Regierung seinen formellen Protest zugehen zu lassen. C a n a l e j a s wird, wie aus Madrid telegraphiert wird, antworten lassen, das fragliche Dekret habe mit dem Konkordat nichts zu tun und bedeute daher keine diplomatische Inkorrektheit. Es handle sich vielmehr nur um eine Maß- nähme der inneren Verwaltung. Sngland. Die Lage in Aegypten. London, 13. Juni. Im weiteren Verlauf der Unterhaus- debatte erklärte Balfour. eine Selbstverwaltung Aegyptens sei undenkbar. Ein genauer Kenner Aegyptens habe ihm, dem Redner, gesagt, daß die dortige Lage überaus u n- befriedigend sei, weil die Autorität der herrschenden Raffe untergraben sei. Balfour meinte, er wisse nicht, ob das die Schuld der ägyptischen Verwaltung sei, oder ob es Um- ständen zuzuschreiben sei, über die niemand Gewalt habe; das aber wisse er, daß die Situation nach einer c n t s ch! e i d e n d e n Handlung rufe. Sir Edward Grey erklärte: Die Lage in Aegypten habe Anlaß zu ernsten Erwägungen gegeben, aber sie sei nicht annähernd so ernst, als hier angedeutet worden sei. Zurzeit läge keinerlei Grund zur Beunruhigung vor, wohl aber seien Symp- kome vorhanden gewesen, die Anlaß zur Sorge gegeben hätten. Wir sind verantwortlick für die Regierung in Aegypten, wir müssen für die allgemeine Politik verantwortlich bleiben, und me ä g y p t i- schen Mini st er sind gebunden, unseren Rat- schlagen zu folgen. Die antibritischen Agitatoren sind nur eine kleine Klasse von Menschen, aber ihr Ziel ist zweifellos, der britischen Okkupation dadurch ein Ende zu machen, haß sie ihr die Erfüllung ihrer Aufgabe unmöglich machen. Wir können Aegypten nicht ohne Schande für un? im Stiche lassen. Alle antibritische Agitation kann bloß einen Erfolg haben: uns nämlich dahin zu führen, unsere Autorität immer mehr geltend zu machen. Die Aufrechterhaltung der Okkupation und eine gute Regierung ist die erste Aufgabe der britischen Re- gierung und des britischen Parlaments. Das Frauenwahlrechk. London, 14. Juni. Im Unterhause wurde die Vorlage über die Erhöhung der Zivilliste und über eine Regentschaft eingebracht. Die erste Lesung des Gesetzentwurfes betreffend die AuS- vehnung des parlamegtspisHen Wahlrechts aus die Frauen zu denselben Bedingungen fine bei den Munizipakwahlen wurde formell angenommen. Es ist keine Aus- ficht vorhanden, daß der Gesetzentwurf in dieser Session er- ledigt wird.. Dänemark. Die Ministeranklage Kopenhagen, 14. Juni. In der heutigen VormittagSsitzung beendete der öffentliche Ankläger sein Plaidoher; er be- antragte am Schlüsse desselben, die Angeklagten Christensen und Berg in allen gegen sie erhobenen Anklagepunkten für schuldig zu sprechen und sie nach den entsprechenden Para- graphen des Bürgerlichen Strafgesetzbuches zu bestrafen, sowie ihnen ferner die Kosten des Verfahrens aufzuerlegen. In der Nachmittagssitzung begann der Verteidiger sein Plaidoyer. Er be- tonte, daß A l b e r t i weder Mitwisser noch Mitschuldige gehabt habe und daß niemand etwas von seinen Unterschlagungen geahnt habe. Wenn sogar Leute, die Alberti am nächsten standen und seine Geschäfte am besten kannten, ihm ein blindes Vertrauen ent- gegengebracht hätten, sei es ungerecht, zu verlangen, daß Christen- sen und Berg, die ihm ferner standen, Mißtrauen gegen ihn haben sollten. Die Wahrheit sei, daß Alberti alle, vom König bis herab zu den Geringsten, genarrt und betrogen habe. Die Verant- Wartung hierfür trage ausschließlich der große Verbrecher Alberti, und deshalb dürfe man nicht ungerecht sein, einen Teil der Vor- antwortung hierfür auf andere schieben zu wollen, die ohne Schuld seien., knßlanc!. Für die Juden. Petersburg, 14. Juni. In der Duma brachten heule 166 Abgeordnete, bestehend aus der Linken und 25 Oktobristen, einen Antrag auf Aufhebung des AnsässigkeitsrahonS für die Juden ein. In den Motiven heißt es: Die vom Ministerium des Innern eingebrachte Vorlage betreffend die Unantaskbarkeit der Person läßt Domizilbeschränkungen für Bürger zu, die in der Borlage besonders aufgeführt sind. Das Expose zu der Vorlage erklärt, die Initiative zur Aufhebung des AnsässigkeitsrahonS für die Juden müsse von der Volksvertretung ausgehen. Der Antrag der Abgeordneten weist darauf hin, daS Fortbestehen der Domizil- beschränkungen für die Juden in dem erneuten Rußland sei äußer st ungerecht, widerspreche dem Manifest vom 30. No- vember. füge dem Staate direkt Schaden zu und dämme die Wirt- schaftliche Eniwickelung, zu der alle Brüder ohne Unterschied des Glaubens und der Nationalität beizutragen berufen seien, und trage zu der Demoralisierung eines Teiles der Staatsverwaltung bei. welche die Domizilbeschränkung der Juden zum eigenen Borteil ausnutze, indem sie Umgehungen des Gesetzes gestatte. Orkd. Die Kretafrage. Paris, 14. Juni. Ter offiziöse„Petit Parisien" schreibt über die kretische Frage: Man darf sich nicht verhehlen, daß die Diplo- matie die Lage für heikel, verwickelt, ja selbst für b e u n- ruhig end hält. Die griechische Regierung hat bei den Mächten auf den den Verträgen zuwiderlaufenden Boykott der grie- chischen Waren hingewiesen und die Mächte haben versprochen, zu intervenieren. Es fragt sich nur, ob die Pforte imstande sein wird, den Boykott nunmehr einzudämmen. Provisorische Lösungen ge- nügen jetzt nicht mehr; mögen die Kreter die mohammedanischen Deputierten zur Nationalversammlung zulassen oder nicht: die Lösung der Frage wird dadurch auch nicht um einen Schritt vor. Ivärts gebracht. Es handelt sich darum, ob Kreta griechisch sein soll oder ob die Souzerenität der Türkei unter Aufrechterhaltung der Autonomie der Insel wiederhergestellt werden soll. Die Per- Handlungen der Schutzmächte über diesen Punkt dauern fort. Frankreich ist an der ganzen Angelegenheit am wenigsten be- teiligt, da es weder von Familienrücksichten wie Rußland, noch von strategischen Rücksichten wie England geleitet wird. Minister P i ch o n hat eine Einberufung der Botschafter der Schutzmächte nach London unter dem Vorsitze Breys angeregt. Italien und Rußland haben diesen Vorschlag bereits günstig auf- genommen, die britische Regierung ist noch mit der Prüfung des Vorschlages beschäftigt. Rumänien. Ein Konflikt mit Griechenland. Bukarest, 14. Juni. Als der rumänische P o st- d a m p f e r„Jinperatul Trajan", von Alexandrien kommend, gestern im Hafen von Piräus anlegte, bemächtigte sich eine Menge von 3000 Personen des Schiffes, plünderte es und führte den Kapitän mit Gewalt nach dem Hafen- kommissariat. Auf dem Dampfer befanden sich Prinz Nikolaus und Prinzessin Maria von Runiänien, welche von Aegypten kamen. Ein türkischer Protest. Konstantinopel, 14. Juni. Wie die Blätter melden, hat die Pforte ihren Athener Gesandten beauftragt, wegen der Mißhandlung eines türkischen Offiziers und anderer Passagiere durch Griechen beim Ueberfall auf das rumänische Schiff«Jmperatul Trajan* zu protestieren._ Freche Ableuguung. Athen, 14. Juni. Die Regierung hat die Einleitung einer strafrechtlichen Untersuchung gegen die Bootsleute an- geordnet, die einen Deserteur griechischer Abstammung, den der «Jmperatul Trajan* nach Rumänien bringen wollte, mit Gewalt von Bord entfernt haben. Daß die Volksmenge das Schiff geplündert und den Kapitän mißhandelt habe, ist nicht richtig. flu! der fufflzbommnnoD. Zum Beginn der Dienstagsitzung wurde über den§ 153 ab- gestimmt. Gegen die 10 Stimmen der Nationalliberalen. Konser- vativen und Reichsparteiler wurde der§ 153 nach der Regierungs- Vorlage abgelehnt, aber mit 13 gegen 11 Stimmen erhielt er in Absatz 1 und 2 nach dem konservativ-nationalliberalen Antrag folgende Fassung: „Bei Uebertretungen kann die Staatsanwaltschaft mit Zu- stimmung des zuständigen Gerichts von Erhebung der Klage absehen, wenn die Verfolgung des Verdächtigen durch das öffentliche Interesse oder wegen Geringfügigkeit der Verfehlung nicht geboten erscheint. Von dieser Ent- schließung ist der Anzeigende in Kenntnis zu setzen. Wird die Verfolgung von demjenigen beantragt, der ein berechtigtes Interesse an ihr hat, so darf der Antrag nur abgelehnt werden, weil die tatsächlichen Unterlagen nicht ausreichen." Die gesperrten Worte bezeichnen die Abweichungen von der Regierungsfassung. Die Durchbrechung des Legalitätsprinzips ist also mit knapper Mehrheit beschlossen, nur daß es in die Hand der Staatsanwaltschaft und des zuständigen Gerichts gegeben ist, in .Bagatellsachen" die Anklage zu erheben oder zu unterlassen. Zum§ 154 wurden die Anträge Gröber und H e i n z e an- genommen, die den Z 154 der Regierungsvorlage ersetzten. Ohne Diskussion wurde die Z§ 156 bis 150 und damit der erste Abschnitt erledigt. Der zweite Abschnitt behandelt daS„ErmittelungSver- fahren. Nach dem ß 160 sind Anzeigen von.Straftaten gvd Anträge auf Strafverfolgungen bei Set Skaatsansvaltschafk, Seit Gerichten oder Polizeibehörden einzureichen. Wenn ein Straf- antrag auf der Polizei protokollarisch abgegeben wird, soll daS Protokoll von dem Antragsteller unterschrieben werden. Ein Zen- trmnsantrag will die Soll- durch die Muß Vorschrift ersetzen. Unsere Genossen forderten, daß Strafanträge bei� den Polizei» behörden nur schriftlich eingereicht werden können. Unter Ablehnung dieser Anträge wurde der Regierungsparagraph an- genommen. Zum Z 162 beantragte Abg. Gröber, daß die wichtigeren Ermittelungen bei Vergehen und Verbrechen nur von der Staats- anwaltschast selbst vorzunehmen sind. Dazu forderte ein p o l n i- scher Antrag, daß die Staatsanwaltschaft auch das Recht der Zeugenvernehmungen erhalten solle(§8 43 und 45 des Entwurfs), und ein weiterer Zusatzantrag, der die Schaffung eines 8 �4» bezweckte, verlangte, daß, wer dem Gericht gegenüber zur Ver- Weigerung eines Zeugnisses oder Gutachtens berechtigt ist, dieses Recht auch gegenüber der Staatsanwaltschaft und den Polizei- behörden besitzt. Ueber diese Fragen entspann sich eine längere Debatte, die mit dem Ergebnis schloß, daß der polnische Antrag abgelehnt wurde und die beiden Zentrumsanträge An- nähme fanden. Beim 8 163 lag ein Antrag vom Abg. Gröber bor. Danach sollen auch bei Vernehmungen eines Verdächtigen durch die Staats- anwaltschast dem Verdächtigen die Garantien der richte r» lichen Vernehmung(8 160 Abs. 1— 3 des Entwurfs) zur Seite stehen. Beantragt der Verdächtige ferner die Erhebung von Beweisen, so hat die Staatsanwaltschaft diesem Antrag statt» zugeben, wenn die Erhebungen von Bedeutung sind. Lehnt die Staatsanwaltschaft einen solchen Antrag ab, dann sind dem Antrag- steller die Gründe dafür bekannt zu geben. Vom Abg. Mayer» Kaufbeuren wurde ein ähnlicher Antrag zum 8 164 eingebracht, nach dem die Rechte des Verdächtigen, für seine Entlastung tätig sein zu können, festgelegt werden, und Abg. Graes beantragte bis Einschaltung eines 8 171a, der dem Beschuldigten das Recht geben soll, Beweiserhebungen und Ermittelungen zu beantragen.— Gegen den Antrag Graes wendeten sich auch die RegierungSvertretcr.—- In der Abstimmung wurde zum 8 163 der Antrag Gröber an, genommen. Beim 8 164, der von den sofortigen Ermittelungen handelt, durch die die Verdunkelungen der Tat verhindert werden sollen, wurde gefordert, daß Vernehmungen von Kindern nicht durch Polizeibeamte vorgenommen werden sollen. Ein Regierungsvertreter betonte, daß schon jetzt in Preußen im Ver- waltungswege die Vernehmung von Kindern den Polizeibeamten nach Möglichkeit entzogen werde. Der Antrag Mayer-Kaufbeure» würde abgelehnt.— Fortsetzung am Mittwoch. Bus der parte!* Eine Konferenz der Bildungsausschüsse Rheinland-Westfalen» fand am Sonntag in Düsseldorf statt. Die»Berg. Arbeiter« stimme' berichtete darüber: Sie währte von morgens 10 Uhr bis abends 8 Uhr und war von 64 Delegierten besucht. Im Nüttel- Punkt der Verhandlungen stand die Frage, ob die in so großem Maße zentralisierten Bildungsbestrebungen gut und notwendig seien. Die Ansichten darüber gingen auseinander, doch enthielt man sich eine? abschließenden Urteils, da die neue Institution erst ein Ge« schäftsjahr hinter sich hat. Den Höhepunkt der Verhandlungen bildete ein Referat, des Genossen Heinrrch Schulz vom Zentral-BildungS- auSschuß in Berlin über unsere BildnngSarbeit. Er gab gute theoretische Darlegungen, sagte aber auch, wie man arbeiten muß, wenn die BildnngSarbeit einen Zweck haben soll..., Der„Süddeutsche Postillion" wird, wie wir aus einem Zirkular der Redaktion und des Verlags ersehen, demnächst eingehen. Am 23. Juni soll die letzte Nummer erscheinen. Die Erfahrung hat gelehrt, daß vorläufig noch kein größeres Be« dürfnis nach einem alle acht Tage erscheinenden Witzblatt in der Partei besteht. Die bisherigen Abonnenten deS«Postillion* werden dem«Wahren Jacob" überwiesen. ReichStagSkandidatur. Eine WahlkreiSkonferenz, welche am Sonntag in Freiburg tagte, beschäftigte sich mit der Aufstellung eines ReichStagskandidaten. Einstimmig wurde Genosse W. E n g l e r- Freiburg als Kandidat nominiert. Unsere Toten. In Karlsruhe starb am Sonnabendabend der Genosse Wilhelm S ch e u f f e l e. Er war als Schmied in der Hauptwerkstätte der badischen Eisenbahnen beschäftigt und stand jahrelang an der Spitze des Vereins der süddeutschen Eisenbahner. poU-etUd,«»»©enebtlieheo uTxv, Die Justiz gegen die Partcipresse. Man fühlt sich in die mehr als 20 Jahre hinter uns liegende Zeit des SozialrstenauSnahmegesetzeS versetzt, wenn man die Preß- Prozesse sich vergegenwärtigt, die in den letzten Monaten gegen unsere Presse betrieben werden. So sind in den zwei Monaten April und Mai 1910 nicht weniger als achtzehn Preß- Prozesse<13 im Mai und 5 im April) gegen sozialdemokratische Rebalteure geführt worden. In den beiden letzien Monaten sind, so- weit bekannt geworden ist, 20 Monate 6 Wochen Gefängnis und 2805 M. Gcldsiraf« an Strafen verhängt worden. Das ist ein Resultat, daS feit vielen Jahren nicht zu verzeichnen gewesen ist und daS zur Klärung der Situation sehr wertvoll ist. DaS Proletariat denkt natürlich gar nicht daran, sich durch scharfe Gerichtsurteile wie in Braunschweig, Breslau usw. von seiner Bahn abdrängen zu lassen. Man muß aber angesichts dieser Sachlage den Mut be- wundern, den Reaktionäre wie der Graf v. Roon in der„Kreuz- Zeitung* beweisen, wenn sie erklären, daß die sozialdemokratische Partei leider al« gleichberechtigte Partei in Deutsch- land anerkannt wird. Zum Hüter der Staatsordnung nicht geeignet. Der Büdner BartHel in Eichstädt bei Velten war von der Gemeindevertretung zum Gemeindeschöffen gewählt worden. Der Landrat des Kreise« Nauen versagte die Bestätigung in folgen» dem charakteristischen Schreiben: «Ich versage Ihnen uiiter Zustimmung de» KreisauSschusse« die Bestätigung als erstem Schöffen der Gemeinde Eichstädt.... Sie eignen sich nicht zum Hüter der Staatsordnung in dem wichtigen Schöffenamte. Sie sind Mitglied der sozialdemo- kratischen Organisation, die bekanntlich den Umsturz der Staats- ordnuny auf jede Weise herbeizuführen sucht und können also nicht die Pflichten eines königstreuen Beamten der heutigen Staatsordnung ehrlich übernehmen und vollständig erfülle». Dies hätten Sie übrigens selbst einsehen und mir anzeigen sollen. v. Hahnke.* Bemerkt sei, daß der dem Landrat nicht genehme Schöffe nicht einmal Mitglied der sozialdemokratischen Organisation, sondern nur gewerkschaftlich organisiert ist. Der Ton des Briefes ,st nebenbei bezeichnend für die Form, in der der Landrat mit den Bürgern zu verkehren beliebt._ Das gleiche Recht in Hesse». In R ü s s e l s h e i m ist es unseren Genossen gelungen, den Genossen Jung als Beigeordneten zu wählen. Die hessische Sie- gierung hat die Wahl aber nicht bestätigt, sondern auS eigener Machtvollkommenheit einen Linisliberalen namens Sittmann zum Bürgermeister eingesetzt. GcwerhrcbaftUcbee. Bctze während der Verhandlungen. Der Bauarbeiterkampf ist noch nicht einmal völlig zu Ende, da kann sich die„Nheinisch-Westfälische Zeitung" schon nicht mehr halten, sie muß die Hetze von neuem beginnen. Sie tut dies auf eine Art und Weise, die den Arbeitgebern das schlechteste Zeugnis ausstellt. Nachdem sie davon ge- sprochen, daß in dieser„entscheidenden Frage" die Arbeitgeber die Oberhand nicht erhalten haben, heißt es weiter: „Die Friedenslieder rechnen den beiden Parteien hoch an. daß sie sich freiwillig den Unparteiischen unterworfen haben. Ob in allen Arbeitgeberkreisen diese seltsamen Loblieder ein begeistertes Echo finden? Wirklich lebenskräfrige Verbände im internationalen Völkerleben wie im wirtschaftlichen Volkstum haben dasPro- bukt moderner Hhperkultur, ein„unparteiisches Schiedsgericht" nicht nötig. Sie fechten ihre Kämpfe selbständig aus." Damit hat sich die„vornehmste" Vertreterin moderner Htzperroheiten aber noch nicht die allerstärkste Beschimpfung der Unparteiischen geleistet, die kommt erst noch. Nachdem der artikelschreibende Kulturrohling mit Bedauern darauf hin- gewiesen hat, daß der Standpunkt der„Rheinisch-Westfälischen Zeitung" den Arbeitgebern vor acht Wochen noch selbst verständlich war, heißt es: „Wie man nach den Erfahrungen von 1903 noch einmal auf diesen Ausweg— verfallen konnte, wie man sich von fremden Leuten Vorschriften machen läßt, sich gleichsam freiwillig unter Kuratel stellt, ist unerklärlich." Dies ist wohl die ärgste Beschimpfung der mit solch großem Geschick arbeitenden Unparteiischen, ihnen vorzuwerfen. sie seien„fremde Leute" die eine hypermoderne Kultur propagieren. Von de» örtlichen Verhandlungen liegen mit einer einzigen Ausnahme auch heute wieder nur Meldungen über gescheiterte lokale Einigungsverhandlungen vor. In Leipzig wurde schon Donnerstag verhandelt. Da eine Einigung nicht erzielt werden konnte, wurden die Ver- Handlungen auf Montag vertagt. Die Unternehmer boten an Lohnerhöhung für die ganze künftige Vertragsdauer nur 3 Pf.. für jedes Jahr einen Pfennig. Dieses Angebot lehnten die Arbeitervertrcter entschieden ab. Auch am Montag konnten sich die Unternehmer zu weiteren Zugeständnissen nicht ver- stehen. In Bielefeld fanden Verhandlungen zugleich auch für die Städte Herford, Vlotho, Oeynhausen, Minden, Gütersloh statt. Die Unternehmer schlössen sich unter Hinzufügung einiger verschlechternder Bestimmungen im allgemeinen den Anträgen des rheinisch- westfälischen Unternehmerverbandes, Sitz Essen, an. Die Vertreter der Ar- heiter waren der Meinung, daß für jeden einzelnen Ort und nach Lage der Wirtschaftsverhältnisse andere Bestimmungen in den Vertrag gehörten. Von einer eigentlichen Ver- Handlung konnte überhaupt keine Rede sein. weil beiderseits nur Anträge gestellt wurden; dann war Schluß. Eine Erklärung, daß keine Lohnerhöhung eintreten solle, gaben die Unternehmer schon eingangs der Sitzung ab. Die Vertreter aus den übrigen Städten, außer Bielefeld, sind überhaupt nicht zu Worte gekommen. Es war diesen in letzter Minute nur noch möglich, ihre Anträge schriftlich ein- zureichen. Hätten die Arbeiter das gewußt, dann war ein persönliches Erscheinen gar nicht nötig, dann hätten sie ihre Anträge durch die Post überniitteln lassen. In Karlsruhe und F r e i b u r g sind die Verhand- lungen ebenfalls gescheitert. Die Unternehmer bewilligten für das Jahr 1911 einen Pfennig und für 1912 einen weiteren Pfennig Lohnerhöhung; das lehnten die Arbeiter ab. Ebenso wurde die Verkürzung der Arbeitszeit abgelehnt. In Köln wurden die Verhandlungen Montag fortgesetzt. Abends wurden sie abgebrochen, ohne daß eine Einigung erzielt wurde. Ein Protokoll über die Verhandlungen wurde an das Schiedsgericht nach Dresden gesandt. Eine Einigung kam für die Städte Kempten, Memmtngen, Lindau, Kauf- beuren, Jmmenstedt, Sondhofen und das südliche Schwaben zustande. Die Lohnfrage wurde nach langen Verhandlungen geregelt, daß eine Lohnerhöhung von 3 Pf. pro Stunde ge- zahlt wird. An Orten, an denen die Arbeitszeit über 10 Stunden beträgt, soll diese auf 10 Stunden reduziert werden. Auch ist den Arbeitern das Koalitionsrccht aa- rantiert. Der Tarifvertrag der Rahmenvergoldec wurde im Jahre 1007 abgeschlossen. Er läuft, wenn er bis zum 31. August gekündigt wird, mit dem 30. September ab und ent hält unter anderem eine Bestimmung, die es den Parteien frei stellt, schon am 1. Juli Verhandlungen anzuknüpfen. Ob davon diesmal Gebrauch gemacht werden wird, ist sehr zweifelhaft; wenig stcns scheint auf feiten der Arbeiter keine Neigung zu solchen frühen Vorverhandlungen vorhanden zu sein. Die Nahmenvergolder be sckäftigten sich am Montag in einer zahlreich besuchten Branchen Versammlung, die den Saal von Merkowski in der Andreasstraße füllte, mit der Tariffrage. Der Referent H. Späthe gab eine Ucbersicht über die Angelegenheit und über die Lage des Berufes im allgemeinen. Mit der Rahmenvergolderei ist es in den letzten Jahren immer mehr zurückgegangen, teils infolge der Konkurrenz durch die billigere, im Großen hergestellte Leistenarbeit, teils in folge der veränderten Stilrichtung, die die früher so beliebten stark vergoldeten Barockrahmen immer mehr verdrängt hat. Dar unter haben die Nahmenvergolder natürlich schwer zu' leiden. Der größte Teil hat nur vorübergehend Beschäftigung. Nur wenn ein mal große und kunstvolle Bauten auszuführen sind, hebt sich die Arbeitsgelegenheit im Berufe. Mit solchen Bauten ist jedoch, so- viel man weiß, in Berlin gegenwärtig nicht zu rechnen, während in Dresden die öffentlichen Bauten und in Süddeutschland eine Anzahl katholischer Kirchen den Vergoldern ziemlich viel Arbeit bieten. Die ungeheure Arbeitslosigkeit in Berlin wird noch immer mehr verschlimmert dadurch, daß einzelne Meister eine grenzenlose Lehrlingszüchterei betreiben. Man sucht den Jungen, die aus der Schule kommen und ihren Eltern vorzureden, daß der Vergolder beruf ihnen eine recht auskömmliche Existenz zu bieten vermöge. Charakteristisch für dieses Treiben ist eine Briefkastennotiz, die am 22. Mai dieses Jahres in der„Morgenpost" erschien. Scheinbar als Antwort auf eine Anfrage aus Elternkreisen wird darin den Leuten vorgeredet, daß der Vergolderberuf Aussicht auf eine aus kömmliche Existenz biete, daß es augenblicklich an Gehilfen und selbst an Meistern mangele, die in diesem Kunsthandwerk etwas Gediegenes leisten, daß ein Gehilfe 65 bis 75 Pf. die Stunde, 33 bis 38 M. die Woche verdiene und daß es auch nicht schwer halte sich selbständig zu machen.„Nach unserem Dafürhalten," schließt die Notiz»„bieten sich einem verständigen Jungen leidliche Aus sichten, da der Vergolderberuf zurzeit nicht überfüllt ist."— ES wird dann noch darauf hingewiesen, daß der Obermeister Suckow gern weitere Auskunft gibt. Die Notiz sieht ganz danach aus, als ob sie bestellte Arbeit wäre, und in der Versammlung wurde die Meinung laut, daß der Obermeister selbst dahinter stecke. Tatsäch lich liegt die Sache so, daß nur in wenigen Fällen mehr als der tarifmäßige Stundenlohn von 65 Pf. bezahlt wird, und von einer auskömmlichen Existenz kann um so weniger die Rede sein, als selbst die tüchtigsten Nahmenvergolder Wochen- und monatelang mit Arbeitslosigkeit zu rechnen haben. Es ist auch vorläufig sehr wenig Aussicht auf Besserung für dieses Gewerbe vorhanden. Der Branchenobmann hatte sofort, als er von der Briefkastennotiz Kenntnis erhielt, an die„Morgcnpost" ein Eingesandt gerichtet wcrin er die Verhältnisse, wie sie tatsächlich sind, darlegte. Die Redaktion druckte das Eingesandt jedoch nicht ab, sondern er- widerte, daß sie es verwenden wolle, wenn die Frage noch einmal an sie herantrete. Die sich in mancher Hinsivbt so volksfreundjich aufspielende„Morgenpost" hat es also nicht für nötig befunden, eine Berichtigung zu bringen auf jene ganz gewissenlos abgefaßte Briefkastennotiz, die vielen jungen Leuten und ihren Eltern zu schwerem Schaden gereicht. Gewöhnlich geht es im Vergolderberu' so, daß, wenn der Lehrling ausgelernt hat, der Meister ihn nicht weiter beschäftigt, der junge Mann also sofort die sowieso schon übergroße Zahl von Arbeitslosen noch vermehrt. Wenn die Meister unter sich sind oder zusammen mit den Gehilfenvertretern in der Kommission sitzen, können sie es auch gar nicht verhehlen, daß ein ungeheurer Ueberfluß von Arbeitskräften vorhanden ist. Man braucht in dieser kleinen Branche nur die einzelnen Meister zu fragen, wie viele Gehilfen sie beschäftigen und wie viele aus setzen müssen, um sofort ein Bild von den traurigen Zuständen zu erhalten. Es ist gar nicht denkbar, bei der bevorstehenden Tarif bewegung eine Erhöhung der Löhne zu fordern, durch die die Ver- luste, welche die Arbeitslosigkeit den Vergoldern verursacht, auch nur einigermaßen ausgeglichen werden könnten. Der Redner ging dann auf die einzelnen Bestimmungen des alten Tarifvertrages ein und macht namentlich auch darauf aufmerksam, daß die Heber zeitarbcit, entsprechend den Gruirdsätzen des Holzarbeiterverbandes, auch bei den Rahmenvergoldern gänzlich verschwinden muß. In der regen Diskussion, die dem Bericht folgte, wurden die Verhält- nisse noch weiter besprochen sowie die Forderungen, die in den Tarifverhandlungen an die Unternehmer zu stellen sind. Die Ver sammlung entschied sich in der Hauptsache für folgende Forderun- gen: Erhöhung des Minimallohnes von 65 auf 75 Pf., allgemeine Erhöhung der bestehenden Löhne um 10 Proz., Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit von 51 auf 50 Stunden. Festsetzung eines Montagegeldes für Arbeiten außerhalb auf 8,85 M. und Einfüh- rung einer Entschädigung für Pinselgeld von 50 Pf. pro Woche. Am 22. August soll eine neue Branchenversammlung stattfinden, um zur Tarifkündigung Stellung zu nehmen, die bis zum 31. August erfolgen muß, falls der Tarif nicht wiederum in seiner alten Form auf ein weiteres Jahr gelten soll. Lerlln und Umgegend. Die im Lithographiegewerbe bei den Zwischenmeistera befchäf- tigtcn Gehilfen nahmen in einer Versammlung Stellung zu den gegenwärtigen Lohn- und Arbeitsverhältnissen. Der Referent führte einleitend aus, daß die Privatlithographiel»de, Berlin. Druck».Verlag.'Vorwärts Luchdr.u.BerlagSanstaU Maul Singer& So,, SBtilia S W. Hierzu 3 Beilage» u. UoterhaltungSbl, Dr. 137. 27. Aahrgasg. eilU des.FsmSrls" Kcrlim Mütiliolh. 15. Iuui IM. Mgeorclnetenkaus. so. Sitzung vom Dienstag, den lt. Juni, vormittags 11 Uhr. Lm Mnistertisch: Kommissare. Auf der Tagesordnung stehen Petitionen. Mehrere Petitionen verlangen gesetzliche Regelung des Tienstbotenwesens. Abg. Dr. Liebknecht sSoz.): In Preusten gilt für das Eesinderecht noch die Gefindeordnung vom 8. November 1810. Wir können also in diesem Jahre ihren lOvjährigen Geburtstag feiern. Außerdem ist für die Regelung des Gcsinderechtes das Gesetz über die Verletzung der Dienstpflichten des Gesindes und der ländlichen Arbeiter vom 2 4. April 1354 mast gebend, ein Gesetz, das aus der konter- revolutionären Periode stammt und nun auch seine bK Jahre bereits auf dem Rücken hat. Beide Gesetze sind durchaus Produkte einer feudalen Gesellschaftsordnung und eines patriarchalischen Prinzips. Aber diese Ordnung und dieses Prinzip setzt ein intimes, fast persönlich familiäres Verhältnis zwischen dem Gesinde und der Dienstherrschaft voraus. Es bestand nicht eine einseitige Ausbeutung des Dienenden durch den Dienstherrn, nein, der Dienstherr hatte eine ausgeprägte sittliche Pflicht gegenüber seinen Untergebenen. Wenn das Gesinde verpflichtet war, dem Herrn treu, hold und gewärtig zu sein, so war auf der anderen Seite der Dienstherr verpflichtet, in allen guten und bösen Tagen für das Ge- finde aufzukommen. Diese Voraussetzungen sozialer Natur, auf die das Gesinderecht der Gegenwart noch aufgebaut ist, sind zer- trümmert worden durch den Fortschritt uuscrer Zeit auch auf deui Lande. Ausnahmen mögen ja in einzelnen Gegenden und in manchen kleinen Städten, auch in größeren Orten hier und da, noch vorkommen, aber für die Ausnahmen sind die Gesetze nicht gemacht. Es find das nur gerade die Fälle, in denen das Gesetz nicht nötig hat, Vorsorge zu treffen. Die Gesetze müssen aber geschaffen werden für die kritischen und gesährlichen Fälle. Jetzt ist jedes persönliche Verhältnis zwischen Gesinde und Dienstherrschaft ab- gestreift. Wir brauchen uns imr zu erinnern, in welcher Weise heutzutage das ländliche Gesinde angeworben wird. In der grosten Mehrzahl der Fälle geschieht das in der Art, wie Liefer- vertrage für irgend eine Ware geschlossen werden. Es wird eine Art Auktion abgehalten, es find reine Sklavenmärkte, die für das ländliche Gesinde veranstaltet werden. Dieselben Miß» stände bestehen für das Gesinde, wie für die ländlichen Arbeiter. Man klagt heutzutage viel über die Dienstbotennot, die auch tatsäch- lich vorhanden ist. Sie ist ein Spezialstück der allgemeinen Leute- not, soweit das Land in Frage kommt. Aber diese Leute- und Dienslbotennot ist nicht etwa durch irgend eine Böswilligkeit hervorgerufen, sondern sie ist die Folge der natürlichen EntWickelung unserer gesellschaftlichen Ver- Hältnisse. Wir brauchen nur daran zu denken, unter welchen recht- lichen Verhältnissen gegenwärtig das Gesinde lebt, um ohne weiteres darüber klar zu sein, woher die Dienstbotennot rührt. Man macht häufig geltend, die Dienstboten hätten es so ungemein gut, sie seien bei ihrer Herrschaft aufgehoben wie in Abrahams Schoß. Sie seien nicht in Gefahr, unmittelbar in Not zu geraten, sie seien in gewissem Sinne Partizipanten an der wirtschaftlichen Lage der besitzenden Klassen. Diese Auffassung entspricht nicht der Wahr- h e i t. Die Wohnungsverhältnisse der Dienstboten in den Städten wie auf dem Lande sind geradezu skandalös. Ich weiß aus eigenem Augenschein, wie die Kutscher und Knechte zu Hausen haben, ihre kleinen Kämmerchen starren vor Schmutz, sie werden zusammen- gepsercht, oft genug sind auf den Gütern, deren Besitzer keineswegs am Hungertuche nagen, nicht einmal die Fenster in Ordnung: Stroh und Lumpen müssen im kältesten Winter hineingestopft werden. Allein abgesehen hiervon gibt allein schon die rechtliche Lage der Dienst- boten einen vollkommen hinreichenden Grund für die Gesindenot. In bezug auf die Unfallgesetzgebung sind die ländlichen Arbeiter und das Gesinde viel ungünstiger ge- stellt als die Städter. Bis zum heutigen Tage besteht für das Ge- finde die kleines fcuiUeton. Tancherarbeit. Um von den Schwierigkeiten, die die Weder- erlangung und Hebung eines gesunkenen Unterseeboote? macht— man has das jetzt bei der Hebung des„Plliviose" gesehen—, einen Begriff zu geben, schildert das«Petit Journal' in einem längeren Artikel, wie die Taucher auf dem Meeresgrunde arbeiten und mit welchen Gefahren ihre Arbeit verbunden ist. Nachdem der Taucher sein Kautschukgewand angelegt und den metallischen Helm aufgesetzt hat, steigt er unter großen Mühen die Strickleiter hinab; er befindet sich bald in einer Art Dämmerlicht, das die Formen der Gegen- stände vollständig verändert, indem es ihnen ein phantastisches Aussehen gibt. Der Taucher weiß dann kaum, wo er sich befindet; manchmal hat er die Empfindung, als ob er mit dem Kopf nach unten geworfen würde. Da er jeden Augenblick von den Wassermassen gedrängt und gestoßen wird, schwankt und wankt er auf dem Meeresgrunde iminer hin und her, aus den Fußspitzen gehend, den Körper vornübergebeugt und mit den Händen Bewegungen machend, wie die Schwimmer sie machen. Das Atmen ist schwer und von einem Sehen kann kaum die Rede sein. Daß unter solchen Be- dingungen das Arbeiten keine leichte und angenehme Sache ist, kann man sich denken. Nur sehr starke und kräftige Männer können den Mühen, die der Beruf mit sich bringt, Widerstand leisten. Bei zwei Atmosphären Druck, d. h. in einer Tiefe von zehn Meter, beginnt der Taucher unter einem sehr schmerzhaften Kribbeln zu leiden, wie, wenn ihm Tausende von Nadeln die Haut durchbohrten. Bei mehr als drei Atmosphären, das heißt in einer Tiefe von mehr als zwanzig Metern, äußern sich die Schmerzempfindungen schon viel heftiger: es zeigen sich Ohrenschmerzen(Stechen und Sausen), die oft Taubheit zur Folge haben, Blutergüsse. Lähmungen der unteren Gliedmaßen, Zeichen von Gehirn- und Lungenkongestion: manchmal tritt Besinnungslosigkeit ein und nicht selten sogar der Tod. Trotz- dein gab es Taucher, die ganz wunderbare Rekords aufgestellt haben: Der Taucher Lambert stieg im Jahre 188S in eine Tiefe von 55 Metern hinab, um acht Kisten mit Goldbarren wiederzuerlangen, die mit dem Dampfer«Alfonso XH' in der Nähe der Kanarischen Inseln gesunken waren. Ein anderer Taucher wagte sich im Jahre 1891 in eine Tiefe von 52 Metern, um eine Ladung Silberbarren aus dem Meere herauszufischen. Für gewöhnlich soll der Taucher ganz langsam, zwei Meter pro Minute, steigen oder sinken, weil der Organismus sich nur langsam an die Druckänderung gewöhnt und ohne diese Vorsicht das Leben gefährdet ist. Bei etwa 60 Metern liegt die Grenze, wo der Taucher noch existieren kann; bei 30 Meter kann die Arbeit in der Tiefe noch bis zwei Stunden betragen. Auster einfachen Signalleinen, mit denen durch Nucke signalisiert wird, benutzt man auch Sprachrohre zur Verstän- digung und elektrische Lampen zur Beleuchtung beim Tauchen. Die Luft wird dem Taucher durch einen Schlauch zugeführt, der hinter dem Kopfe in den Helm mündet. Der Erfinder deS PncumatikreifcnS. In England, wo in der letzten Zeit durch das gewaltige Steigen der Kautschukaktien un- gezählte Millionen verdient worden sind, beschäftigt man sich jetzt mit dem Plan, dem Erfinder des Pneumattkreisens ein Denkmal Krankenvcrsichcrnngspflicht überhaupt noch nicht. Daß in der Gesindeordnung gewisse Be- stimmungen über die Verpflichtung der Herrschaft zur Fürsorge für das erkrankte Gesinde getroffen sind, ist ja bekannt. Aber diese Be- stimmungen sind durchaus nicht hinreichend, um das Gesinde zu schützen. Im allgemeinen ist die Herrschaft nicht ver- pflicktet, über die 5lüudiguiigszeit hinaus das Gesinde, das sich bei Gelegenheit des Dienstes eine Krankheit zugezogen hat, in seiner Krankheit zu verpflegen. Wenn nun das Gesinde mit vierzehn- tägiger Kündigung, wie hier in Berlin, angestellt ist, und auch wenn es mit sechswöchentlicher Kündigung angestellt ist, wie es das Gesetz an und für sich vorsieht, so sind die Fälle austerordentlich häufig, wo die Verpflichtung der Herrschaft zur Fürsorge für das erkrankte Gefinde aufhört und es der Not erbarmungslos preis- gegeben ist. Daß hier die Krankenversicherung eine dringende Not- wendigkeit ist, ist ja nicht nur unsere, sondern auch die Auffassung anderer Kreise. Unser Bürgerliches Gesetzbuch betrachtet es als eine wichtigste vom sozialen Geist geborene Bestimmung, daß gegen den Lohn irgend eine Aufrechnung unzulässig sein soll. Diese Bestimmung über das Verbot der Lohnzurückhaltuug besteht nicht für das Gesinde. Dem Gesinde kann jede einzelne Dienstherrschaft den Schaden. den es durch Bruch oder ein anderes Versehen an- gerichtet hat, oder irgend eine andere Forderung, die sie gegen das Gesinde hat, vom Lohn abziehen. Als An- walt kann man es oft erleben, daß das Gesinde, wenn es den Dienst verläßt, nichts mehr bekommt, sondern daß die Herrschaft kalt lächelnd eine Rechnung aufmacht, wonach sie selbst noch etwas zu fordern hat.(Widerspruch rechts.) Es mag ja auf dem Lande Fälle eines patriarchalischen Verhältnisses noch geben, aber im all- gemeinen hat es, besonders auf den grosten Gütern, damit auf- gehört; eS besieht hier ein unpersönliches, ja— ich möchte sagen ein einfaches Sklavereiverhältnis. (Zuruf rechts: Ganz falsch!) Meine Ausführungen sind um so richtiger, je mehr Sie sagen, daß es ganz falsch ist.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Weiter besteht die bedauerliche Bestimmung des Rechts auf die Zurückfordcrung der Geschenke. Ein Arbcitcrschntz für daS Gesinde ist überhaupt nicht eingerichtet. Es besteht keine Beschränkung der Arbeitszeit und keinerlei Verpflichtung. Vorrichtungen zur Sicherung der Gesundheit zu treffen. Es besteht eine absolut unbegrenzte Arbeitszeit, auch für die Sonntage, und von Ruhezeit ist über- Haupt nicht die Rede. Das Gesinde mutz sich gefallen lassen, zu jeder Tag- und Nachtstunde herangeholt zu werden, um eine Arbeit zu verrichten. Das Gesetz kennt schlechterdings gar keine Grenzen. Früher hatte die Herrschaft mindestens dasselbe Interesse am Gesinde wie am Vieh; es hatte genau denselben Schaden pekuniärer Art, wenn das Gesinde krank und elend wurde. Das ist heute in Wegfall gekommen. Heute ist das Gesinde weiter nichts als eine Sorte von Arbeitern, die in einem besonders abhängigen Verhältnis steht. Da hat die Herrschaft kein unmitlelbarcS Interesse daran, das Gesinde gesund zu erhalten. Das Gesinde kann ausgcbcntct und dann wie eine ausgepreßte Zitrone auf das Pflaster geworfen werden. Das persönliche Wohlwollen und das humanitäre Empfinden der Dienstherrschaft ist seine einzige Garantie. Allerdings hat es noch eine andere Schutz'wehr, den Kontrakt- bruch, der heute leichter als früher ist. Man soll nicht davon sprechen, daß das Gesinde heute nicht mehr so fleißig ist wie früher. Es tut seine Schuldigkeit genau so wie früher, und die Arbeit ist heute qualifizierter als früher. Andererseits läßt sich ja nicht ver- kennen, daß das Gesinde infolge der modernen Entwickelung ein freiheitliches Streben und ein größeres Selbstbewußtsein hat. Und infolgedessen trotz der vorzüglich eingerichteten Polizei leichter das Weite sucht und suchen kann als früher und auch leichter anderwärts Beschäftigung findet. Der Kontraktbruch ist von diesem Standpunkt aus eine der nützlich st en Erscheinungen gegenüber dem unerträglicheu Druck, unter dem das Gesinde lebt. Nehmen Sie dem Gesinde die Möglichkeit, gelegentlich zu fliehen, und Sie stabilisieren die Sklaverei in vollstem Umfange. Wir hohen bereits ein Gesetz über die Verletzung der Dienstpflichten des Gesindes. Aber denken Sie an die grausamen Bestimmungen der Gesinde- ordnung, an die Voraussetzungen, unter denen das Gesinde be- rechtigt ist, seinen Dienst aufzugeben. ES heißt im Gesetz:«wenn zu setzen. Dabei erhebt sich die Frage: wem gebührt eigentlich die Ehre, die bedeutungsvolle Erfindung gemacht zu haben, die so ge- waltige Umwälzungen im Verkehrswesen hervorrief, den Siegeszug des Automobils vorbereitete und eine ganz neue Industrie entstehen ließ? Denn D u n l o p, der heute allgemein als der Erfinder des Luftreifens gilt, hat einen Vorläufer gehabt. Im Jahre 1845 liest der Engländer R. W. Thomson einen mit Lust gefüllten Gummi- reifen patentieren, der dazu bestimmt war, an Wagenräder angebracht zu werden, um die Erschütterungen aufzunehmen und auszugleichen. Thomson bewies dabei die autzerordentlichen Vorteile dieses ersten Pneumatikreifens, aber kein Mensch bekümmerte sich um seinen Gedanken; seine Entdeckung wurde nie praktisch erprobt, und er starb, ohne seine Idee triumphieren zu sehen. Er war seinerzeit zu weit vorausgeeilt. Erst 43 Jahre später ließ John Dunlop seinen Pneumatikreifen patentieren, ohne von dem früheren Patente Thomsons etwas zu wissen. Dunlop selbst hat oft die Geschichte seiner Erfindung erzählt: In jener Zeit kamen zuerst die Sicherheitsfahrräder auf, die daS Hochrad so schnell verdrängen sollten. Dunlops kleiner Sohn besaß ein Dreirad. Die Familie wohnte damals in Belfast, die Straßen ringsum waren im schlimmsten Zustande, und der bescheidene kleine Tierarzt sah mit Besorgnis, wie sein Junge sich mit dem Dreirad auf den holprigen Pfaden abstrapazierte. So begann er, sich mit derFrage zu beschäftigen, ob sich nicht vielleicht ein Mittel finden ließe, diese unangenehme Begleiterscheinung des Radfahrens zu verhindern. Nach langem Grübeln kam er auf den Einfall, einen Gummischlauch mit Luft zu füllen; die glückliche Idee wurde in Prüfungen vervoll- ständigt und schließlich entstand der Dunlop-Reifen. Die Borrichtung erleichterte das Radfahren so außerordentlich, daß Dunlop seine Erfindung einer Reihe von Kennern des Radfahrwesens vorlegte. Man nahm ihn freundlich auf, aber auch Dunlop hätte voraus« sichtlich das Schicksal Thomsons geteilt, wenn nicht ein Mann aufgetreten wäre, der sich mit Eifer für die'Dunlopsche Erfindung einsetzte. DaS war Harvey Du Eros, der in irischen Sportskreisen eine bekannte Persönlichkeit war und dessen Söhne als ausgezeichnete Rennfahrer geschätzt wurden. Du Eros(machte sich sofort ans Werk, die primitive Erfindung Dunlops auszubauen. Aber überall stieß er auf die größten äußeren Widerstände. Man be- lächelte den Gedanken, die Fahrradfnbrikanten schüttelten sich vor Lachen, als man ihnen das«plumpe Polster' anbot, die Radfahrer selbst(wollten davon nichts wissen, und alle Sachverständigen er- klärten sich gegen die Erfindung. Aber Du Cros ließ sich nicht entmutigen. Er rüstete eine Anzahl Rennräder mit den neuen Reifen aus und zog mit einer Gruppe von Rennfahrern, unter dcuei» sich auch seine Söhne befanden, nach Eng- land. Auf der Rennbahn feierten die Pneumatikräder verblüffende Triumphe, und allen Unparteiischen wurde eS nun klar, daß eine Umwälzung des Radfahrwesens bevorstand. Aber die Reaktion gab sich nicht geschlagen, die Fahrradfabrikanten sträubten sich mit Händen und Füßen gegen die Neuerung. Nur der Zähigkeit und der unermüdlichen Energie Harvch du EroS' ist es zu danken, daß schließlich die Widerstände überwunden wurden und der Luftreifen sich durchsetzte. Mit ihin trat nicht nur der Fahrradsport in eine neue Epoche: der Luftreifen war es, der die spätere EntWicke- lung des Automobils erst möglich machte. es durch Misthandlung der Herrschaft in Gefahr des Lebens oder der Gesundheit gerät, oder wenn die Herrschast dasselbe ohne Gefahr, jedoch mit ausreichender und ungewöhnlicher Härte behandelt'. Ich kann also mein Dienstmädcheir H u r e schimpfen, ich kann es mit einem Stock, mit einer Peitsche schlagen, und es hat doch kein Recht auf Verlassen des Dienstes. Ich habe den Fall erlebt, daß ein Mädchen den Rücken voll Striemen hatte, die von Stockschlägen herrührten, die die Herrschaft ihr ausgeteilt hatte; in einem ärztlichen Gutachten wurde gesagt, daß Lebensgefahr nicht vorhanden sei und die Richter waren der Auffassung, daß eine Behandlung mit ausreichender und ungewöhnlicher Härte nicht vorliege, und so ist denn auch in diesem Falle das Verlassen des Dienstes als ungerechtfertigt angesehen worden. Derartige Fälle schreien zum Himmel und sie sind wahr- hastig nicht selten. Das ist eine schroffe Imparität, wenn man daran denkt, unter welchen Voraussetzungen der freie Arbeiter bei Ehrverletzungen seinen Dienst verlassen kann. Die Herrschaft aber muß von dem Gesinde wie ein rohes Ei behandelt werden, auf dem Gesinde aber darf sie herumprügeln, als ob sie überhaupt keine Menschen wären.(Na, na! rechts.) Herren und Knechte, das ist die Einteilung der Menschen nach der Gesindeordnung. Das EiufllhrungSgesetz zum Bürgerlichen Gesetzbuch hebt das ZüchttgungSrecht auf, aber die Gesindeordnung im allgemeinen überläßt es weiterhin der cinzelstaatlichen Gesetzgebung. Das ZüchttgungSrecht aber ist in der vrcußischen Gesindeordnuiig bestehen geblieben. Der kontraktbrüchige Knecht und die kontraktbrüchige Dienstmagd können z w a n g s« weise durch die Polizei zurückgeführt werden, wenn sie zu Unrecht entlaufen sind. Wir haben ljiet_ einen offenbaren Rückstand aus der Periode der Sklaverei vor uns. Es ist ein wahrer Segen, daß diese gesetzlichen Be- stimmungen für das Gros der Fälle nur einen Schlag ins Wasser bedeuten. Die Verhältnisse sind eben mächtiger als die Gesetze und sie haben dafür gesorgt, daß das Gesinde mit so rebellischem Geist erfüllt wird, daß die Zahl der Kontrakt- brüchigen so groß ist, daß es Ihnen mit Aufgebot deS preußischen Polizeistaates nicht gelingen wird, diese Kontraktbrüche zu beseitigen. Die Härten dieser Gesetze haben in den fort- geschritieneren Kreisen der Bevölkerung außerordentliche Erregung und Mißstimmung hervorgerufen. Wir begrüßen es auf das lebhafteste, daß das Gesinde bereits energisch angefangen hat, sich auf sich selbst zu besinnen, klassenbewußt zu werden und eine Organisation zu be- gründen. Dafür spricht das Bestehen eines Dicnstbotenorgans, das sich ernsthaft der Interessen der Dienstboten annimmt. Trotz Preußen wird der Geist der neuen Zeit auch dafür sorgen, daß schließlich die Gefindeordnung abgeschafft wird. Preußens Wider- stand hat bei der Plakatgesetzgebung, bei der Regelung der Freizügigkeit und beim Vereinsgesetz dafür gesorgt, daß eine freiheitlichere Reichsgesetzgebung unmöglich gemacht wurde. Ebenso ist Preußen die Ursache für die Ausscheidung deS Gesinderechtes aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch. Preußen ist der Hemmschuh in der Entwickelung des Deutschen Reiches, nicht daS forttreibende Element. Die preußische Reaktion ist die Kugel am Bein des deutschen Volkes. Solange nicht diese preußische Reaktion, die besonders in diesem Hause ihren Sitz hat, ein Ende haben wird, solange haben wir keine Hoffnung, daß es besser wird. Die Stellung zur Gesindeordnung gibt Ihnen die beste Gelegenheit, zu zeigen, von welchem Geiste Sie beseelt sind. Die Gesindeordnung, dies Gesindesonderrecht, dieser Schandfleck in der preußischen Gesetzgebung, muß fallen. Wir fordern eS, das Volk fordert es.(Bravo! bei den Sozialdemo- traten.) Abg. Bcrndt(Z.) bittet, zwei dieser Petitionen, die gesetzliche Regelung des ländlichen Dienstbotenwescns fordern, der Regierung zur Berücksichtigung zu überweisen. Die Ucberweisung als Material ist ja nur ein Begräbnis dritter Klasse, und dazu sind diese Fragen zu wichtig. Abg. v. Jagow(kons.): Auch wir halten eine gesetzliche Regelung deS Gesindewesens für erforderlich und erwarten eine entsprechende Vorlage. Hoffentlich werden darin auch scharfe Vorschriften gegen den Kontraktbruch enthalten sein.(Bravo! rechts.) Abg. Pcltasohn(Fortschr. Vp.): Wir wünschen ebenfalls dringend eine baldige gesetzliche Regelung des Gesindewesens, da die bestehende Gesindeordnung längst veraltet ist. Humor und Satire. Kannegießer? Stammtischseufzer. Merkt ihr, Kinder, wie ich schwitze? Ja, die HundStagSglut ist dal Und zu steigern noch die Hitze, Kam jetzt die Enzyklika. Wo die Glaubensbrüder tobe», Bin auch ich in Wut entbrannt Als ein königlich von oben Patentierter Protestant. Ha, ihr haltet diese Funken Der Entrüstung nicht fiir echt? Hol' der Teufel Euch, Hallunken l— Zwar: im Grunde habt ihr recht. Ob der Papst durch Redeblitze Luthern tut in Acht und Bann: Solche altehrwürd'gen Witze, Kinder, was geh'n uns die an? Laßt sie zetern doch, die Laffe» Mit dem römisch großen Maul! Unsre evangel'schen Pfaffen Sind im Schimpfen auch nicht faul, Gleiche Kutten, gleiche Kappen!— Hu, die Hitze wird brutal. Kinder, kommt, um Luft zu schnappen, In daS nächste Bierlokal. Dort, im Schatten kühler Linden, Laßt uns löschen unfern Durst Und beim Spiel Erholung finden; Alles andre sei uns Wurst. Klopft den Skat und bechert feste! Noch ist Preußen nicht in Not, Und den Schwarzen zum Proteste Wählt hier jeder künstig rot... Michel. Notizen. — Die Herstellung des Eiweiß auf chemischem Wege soll durch die Franzosen Gandechon und Daniel Berthelot in einigermaßen greisbare Nähe gerückt sein, wie Prof. Jungfleisch am Montag in der Akademie der Wissenschaften zu Paris mitteilte. Wenn sich die aufsehenerregende Nachricht bestätigt, so würden wir auf dem Wege, den Möhler, Harnes, vor allen aber Emil Fischer gebahnt haben, sozusagen durch einen unerwarteten wissenschaftlichen Ruck vorwärts geschoben werden. — Eine Statue des Cäsar AugustuS. In Ron, fanden Erdarbeiter, die für einen Neubau AnSschachtungSarbeiten vornahmen, eine 2,30 Meter hohe Statue von seltener Schönheit. Das Bildwerk, das in der Modellierung griechische Einflüsse erkennen läßt, stellt Cäsar Augustus dar, wie er als lAmHksx Maximus(oberster Priester) den Göttern opfert. Die Statue lag etwa nemr Meter unter dem Straßenuweau, Nbg. v. sfl.): Die Herren Sozialdemokraten kennen diel worden ist und Ihre eigenen Bergarbeiter haben Ihnen ja auch ge- Verhältnisje auf der» Lande nicht und bringen hier Beschwerden vor, sagt: wir haben Steine statt Brot bekommen.(Bravo I bei den ohne dah sie Namen nennen können. Wir sind geradezu darauf an-...... gewiesen,, die Diensti'oten gut zu behandeln, weil Not an Gesinde herrscht. Deshalb find die Klagen fast durchweg unberechtigt. Mit den Sozialdemokraten werden wir uns niemals verständigen, sie sind Theoretiker, wir Männer der Praxis, und mit den Er. sahrungen der Praktiken ist den Arbeitern am besten gedient. Der Streik'ist das größte Nnglüek, das passieren kann. Glauben Sie(zu den Sozialdemokraten)»doch nicht, daß wir ihnen so leicht nachgeben. (Bravo! rechts.) Abg. Dr. Mizerski(Pole) erklärt sich ebenfalls für die Petitionen. Abg. Krcth(k.): Da? Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern ist auf dem Lande noch gut. Aber nach Ansicht der Sozialdemokraten ist es eben der größte Fehler, datz die Leute noch so zusriedcn sind, deshalb wollen sie sie aufpeitschen. Wir haben den dringenden Wunsch, daß von feiten der Arbeitgeber alles getan wird, um die Zufriedenheit dnr Dienstboten und Angestellten zu er- halten.(Lebhafter Beifall ree)ts.) Abg. Strosscrei feiner An- ficht. Als ich am 26. Dezember in die Göbensche Villa, von dem Burschen geholt) kam, stand Rittmeister v. Graetz vor der Tür und sagte: der Major hat sich erschossen. Ich handelte dort als nun- mehr ältester Offizier. Gäben saß im Salon und aß Kuchen. Er sagte: Sie wundern sich wohl, daß ich Kuchen esse, aber ich habe so großen Hunger. Als der Schweißhund herunterkam und laut bellte, sagte Göben zu mir: Sehen Sie nur, wie der Hund den Toten verbellt. Das ging mir durch und durch. Ich hatte das Gefühl, daß Göben mit der Sache zusammenhänge und sagte zu Rittmeister Graetz, er möge Göben ersuchen, seine Wohnung nicht zu verlassen. Ich meinte auch, man sollte nachsehen, ob der Kaliber mit der Einschußöffnung stimmt. Als Graetz mir nachher mit- teilte, daß der Revolver noch voll geladen war, sagten wir beide a tempo: Gäben! Nachher nahmen sich der Sache die Gerichts- Personen an. Auf Befragen erklärt dann noch der Zeuge: Die Jagdpassion hat den Major nicht viel gekostet. Die Jagd kostete früher 750, später 1250 M. jährlich. Sie hatte 4000 Morgen Wild- bestand. Sicherlich hat er 900 M. abgeschossen und hatte gar keinen Wildschaden. Die Angeklagte, meinte der Zeuge, übte auf Menschen einen suggestiven Einfluß aus, sowohl auf Männer als auf Frauen. Auch Damen, an deren Ruf auch nicht im ge- ringsten zu rütteln ist, hatte sie vollkommen in der Gewalt. Ich habe mehrfach erlebt, daß Damen auch nachher noch vollkommen für sie eingenommen waren. Die Frage eines Geschworenen: Hat der Zeuge die Ansicht, daß Major v. Schönebeck von den vielen Verhältnissen seiner Frau Kenntnis hatte, beantwortet der Zeuge dahin: Nachdem, was ich gehört habe, mutz ich daS heute annehmen. Damals habe ich es nicht angenommen. Die nächste Sitzung wird auf heute(Mittwoch) anberaumt. Soziales. AuS der Lagercibcrufsgenossenschaft. Unter dem Vorsitz des Geheimen KommerzicnratS Emil Jacob fand am Sonnabend die 26. ordentliche Genossenschaftsversammlung der Lagereiberufsgenossenschaft statt. Die Lagereiberufsgenossenschaft erstreckt sich, wie der Vor- sitzende ausführte, über das ganze Deutsche Reich und ist in 9 Sektionen eingeteilt. Sie umfaßte am Schlüsse des Jahres 1909 73 530 Betriebe mit 371 511 versicherten Personen. Gegenwärtig ist die Zahl von 76 000 versicherten Betrieben bereits überschritten, über 395 000 Arbeiter sind in ihnen vorhanden. Sowohl der Zahl ihrer Betriebe wie der versicherten Personen nach ist die Lagerei» berufsgenossenschaft, abgesehen von der Knappschaftsberufsgenossen- schaft, die größte deutsche gewerbliche Berufsgenossenschaft. Un- fälle wurden im Berichtsjahre 20 852 angemeldet gegen 19 815 im Jahre 1908. Entschädigungen wurden im Jahre 1909 gezahlt: 4 609 770 M.(133 617 M. mehr wie 1908). Die Entschädigungssumme verteilt sich auf 21 089 Unfälle, von welchen 1817 aus dem Jahre 1909 und die übrigen 19 272 aus den vorangegangenen Jahren herrühren. Die Gesamtzahl der Rentenempfänger betrug im Berichtsjahre 25 251. Die Zahl der berufungsfähigen Bescheide betrug 11 326. Die erste Rentenfestsetzung für Verletzte oder Hinterbliebene betrug 3635, während in 2183 Fällen der Renten- anspruch abgelehnt wurde; eine Minderung oder Einstellung der Rente fand in 4950 Fällen statt, während eine Erhöhung der Rente nur in 119 Fällen eintrat und in 133 Fällen eine Ablehnung des Erhöhungsantrages erfolgte. Die Zahl der Berufungen und An- träge stieg auf 3604 gegen 3286 im Vorjahre; dementsprechend er- höhten sich auch die Kosten der Schiedsgerichte von 78 988 M. 1908 auf 92 666 M. im Jahre 1999. Zugunsten der Berufsgenossenschaft würben 562 Rekurse oder 80 Proz. entschieden, während III Re- kurse oder 16 Proz. zu deren Ungunsten ausfielen. Dann teilte der Vorsitzende mit, daß der Vorstand gegen den ersten Entwurf der Reichsversicherungsordnung energisch Einspruch erhoben habe, da in demselben eine weitgehende Entrechtung der Berufsgenoffenschaften vorgesehen sei und daS Selbstverwaltungs- recht auf da? schwerste gefährdet sei. Es sei erreicht worden, daß in dem neuen Entwurf die Wünsche der Berufsgcnossenschaften berücksichtigt seien. Daß die Aenderung lediglich mit Rücksicht auf die Unternehmer, zum Schaden der Arbeiter, vorgenommen ist, ist bekannt. Ferner gab Herr Jacob bekannt, daß das 25jährige Bestehen der Berufsgenossenschaften in diesem Jahre, und zwar am 30. Sep- tember und 1. Oktober, in feierlicher Weise begangen werden soll. Im Reichsversicherungsamt soll für Herrn Bödiker, den ersten Träger der Versicherungsgesetzgebung, ein Denkmal enthüllt werden; ferner soll ein Festessen im Zoo stattfinden. Zur Feier sollen auch Vertreter des Auslandes eingeladen werden, um diesen einen Einblick in die soziale„Fürsorge" Deutschlands zu geben. Soweit wie Platz ist, sollen auch Arbeitnehmer teilnehmen dürfen, wie der Kommerzienrat gütig bemerkte. Die Diskussion über den Bericht gestaltete sich sehr umfang- reich. Ein Stettiner Vertreter verlangte die größte Sparsamkeil bei Festsetzung der Renten; dem Simulantentum der Arbeiter müsse energisch zu Leibe gegangen werden, da die Lasten für die Arbeitgeber unerträgliche seien. In dasselbe Horn bliesen noch mehrere bürgerliche Vertreter. Unsere Genossen Hintze und Hoppe- Berlin sowie Saupe-Elberfeld wiesen demgegenüber darauf hin, daß die Rentenquetsche schon weit mehr als genügend arbeite. Das ergebe sich schon aus dem hohen Betrag für Schiedsgerichts- kosten und aus dem Rückgang der Rentenempfänger selbst. Die große Zahl der Unfälle, welche zum Teil durch die Schuld der Arbeitgeber herbeigeführt sei, welche die Unfallverhütungs- Vorschriften nur sehr lax befolgten, zeige genügend, in welcher Weise die Arbeiter ihre Knochen zu Markte tragen müßten. Die Kosten der Versicherung Zätten ja durchweg die Arbeiter selbst zu tragen, La der Betrag indirekt vom Lohn gekürzt werde. Stn« Verkürzung der Rente in den Fällen, wo nur 10 Proz. deS der» dienten Lohnes oder weniger gezahlt würden, könnten fie absokut nicht zustimmen. Ferner wurde eine rechtzeitige Versendung deS Jahresberichtes durch unsere Genossen gefordert und auch vom Borstand zugesagt. Zu lebhaften Erörterungen kam es bei der Festsetzung der Gehälter für die Beamten und Bediensteten. Genosse Hintze der- langte eine Erhöhung des Grundgehalts für Kanzlisten auf 1500 M.(jetzt 1350 M.), steigend in 15 Dienstjahren auf 2250 M.; für Expedienten Anfangsgehalt 1800 M., steigend auf 2700 M.; ferner müsse wie in Staatsbetrieben ein Wohnungsgeld gezahlt werden. In der Begründung wiesen Hintze und Saupe darauf hin, daß allerdings die ersten Beamten mit Gehältern von 10 000 bis 12 000 M. anständig bezahlt seien. Aber eine ganze Reihe von Hilfsarbeitern und Angestellten mit längeren Dienstjahren würden noch mit Gehältern von 90 bis 129 M. abgespeist. Ein der- artiger Zustand sei der Berufsgenossenschaft nicht würdig. Sie stellten darauf den Antrag, den Vorstand zu ersuchen, die Gehälter angemessen zu erhöhen. Dieser Antrag wurde auch von anderen Vertretern unterstützt. Kommerzienrat Jacob bekämpfte diesen bescheidenen Antrag in erregter Weise. Die meisten Beamten seien mit ihren Gehältern sehr zufrieden, wie er durch zahlreiche Dankschreiben beweisen könne; die Beamten bekämen Weihnachts- gratifikationen und auch Teuerungszulagen seien gezahlt worden. Er habe ein warmes Herz für die Angestellten; man schüre mit derartigen Anträgen nur die Unzufriedenheit. Unter solchen Um- ständen müsse er eS sich sehr überlegen, im Vorstande zu ver- bleiben, wenn man kein Vertrauen zu den Maßnahmen des Vor- standeS habe. Der Erfolg dieser Ausführungen war die Ab- lehnung deS Antrages. So steht die soziale Fürsorge für die eigenen Angestellten der Berufsgenossenschaft aus. Zu heftigen Debatten kam eS noch bei der Wahl der Bor» standSmitglieder. Hier waren eS die Vertreter der Detaillisten, welche mehr Sitze haben wollten, um die Lasten mehr auf die Schultern der Großunternehmer abwälzen zu können. Schließlich wurde den Herren auch ein weiterer Sitz eingeräumt. Zur einstimmigen Annahme gelangte eine Resolution, in welcher die Verwaltungsbehörden ersucht werden, den Versiche- rungszwang auf alle im Betriebe beschäftigten Personen aus- zudehnen; es sollen alle Handlungsgehilfen und-Gehilfinnen und Lehrlinge, ferner auf der Reise oder im Lager und in Kontoren tätige Personen ohne Rücksicht auf die Höhe des Einkommens ver- sicherungspflichtig gemacht werden. SchadenSersatzklage eines Arbeitgebers. Der Fabrikant Albert Bauschke klagte gegen die Arbeiterin Z. auf Schadensersatz in Höhe des ihr gezahlten Wochenverdienstes von 15,31 M., weil sie trotz der ausdrücklich vereinbarten 14tägigen Kündigungsfrist das Arbeitsverhältnis am 23. Mai ftistlos gelöst hat. Die Beklagte wendete ein, daß sie wegen Nichtzahlung des Lohnes durch den Kläger die Arbeit eingestellt habe. Der Kläger habe am Pfingstsonnabend erklärt, wer am dritten Feiertag nicht zur Arbeit kommt, erhält den zweiten Feiertag nicht bezahlt. Sie sei am Dienstag nach den Feiertagen zur Arbeit gekommen, habe aber, obwohl ihr der Kläger noch am Tage darauf die Bezahlung des zweiten Feiertages zugesichert hatte, doch den Lohn dafür nicht erhalten. Da der Kläger bei der Lohnzahlung am 21. Mai nicht zugegen war, habe sie ihre Forderung auf Bezahlung deS zweiten Feiertages ihm gegenüber am Montag, den 23. Dtoi, nochmals geltend gemacht und da dem nicht entsprochen wurde, die Arbeit verlassen. Der Kläger bestritt, der Beklagten gegenüber ein solches Versprechen gemacht zu haben. Er wies darauf hin, daß die Be» klagte im Gegensatz zu den anderen Arbeiterinnen, die Wochenlohn erhielten, nur nach Stunden entlohnt würde. Durch die Beweis- aufnahm« gelangte jedoch das Gewerbegericht zu der Ueberzeugung, daß die mündliche Bekanntmachung des Klägers vom Pfingst- sonnabend, die die Zusicherung der Feiertagsbezahlung enthielt, auch für die Beklagte Geltung hatte, denn sie war allgemein ge» halten und die Beklagte nicht ausdrücklich davon ausgenommen. Das Gericht vertrat die Ansicht, daß das Arbeitsverhältnis von der Beklagten mit Recht gelöst worden ist und wies die Klage kostenpflichtig ab._ Die Handelsschule als genehmigungspflichtige Stellenvermittlung. Eine wichtige Entscheidung fällte dieser Tage daS Kammer- gericht. Herr Rackow in Berlin, der Inhaber einer bekannten privaten Handelsschule, war vom Landgericht wegen Uebertretung der ZI 34 und 147 der Gewerbeordnung zu einer Geldstrafe ver- urteilt worden, weil er ohne Genehmigung das Geschäft eines StcllenvermittlerS betrieben habe. Es sei, so führte das Land» gericht aus, folgendes festgestellt: Häufig teilten dem Angeklagten Geschäftsinhaber, Rechtsanwälte usw. mit, daß bei ihnen Stellen offen seien für Personen, wie sie in seinem Institut ausgebildet würden. Ihnen bezeichne er Schüler, die geeignet seien, auch gebe er� über sie Auskünfte. In vielen Fällen komme es auch zu Ver» tragsabschlüssen. Ein Entgelt nehme der Angeklagte nicht dafür. In seinen Prospekten wiese er schon auf diese Art der Vermittlung hin, indem er darin sage, daß die große Verbreitung seiner Be. kanntschast die Möglichkeit gebe, seinen Schülern Stellen zu ver- schaffen, und zwar unentgsltlich. Unter diesen Umständen läge zweifellos eine Stellenvermittlung und ein gewerbsmäßiges Han» dein vor. Durch den Vermerk in seinen Prospekten wolle er seine Schule heben, also auch durch die angekündigte Vermittlung. Er sei als Stellenvermittler anzusehen, da er in der gedachten Weise den Abschluß von Verträgen ermögliche. Somit hätte er einer Erlaubnis bedurft, wie sie Z 34 der Gewerbeordnung vorschreibe. Der Angeklagte legte Revision ein und bestritt, daß hier eine Stellenvermittlung im Sinne des Gesetzes vorliege. Das Kammergericht verwarf die Revision mit folgender Be- gründung: Mit Recht habe die Vorinstanz eine Stellenvermittlung angenommen. Es stehe fest, daß R. den anfragenden Kaufleuten oder Anwälten, die Stenotypistinnen und kaufmännisch gebildete Kräfte brauchten, die Schüler benannt und den Schülern andererseits ge- sagt habe, daß diese oder jene Stelle zu haben sei. Dadurch habe er eine Zusammenführung der Stellensuchenden und Stellengeben» den herbeigeführt. Daß er auch weiterhin den Vertragsabschluß hätte vcrmittelit müssen, läge nicht im Begriff der Stellenvermitte- lung. Es genüge, daß es zum Abschluß des Vertrages dadurch komme, daß der Vermittler den Stellensuchenden und den Arbeit- geber zusammenführe und es ihnen überlasse, handelseinig zu werden. Anders verfahre auch keine Gesindevermittelung. die die klarste Form der Stellenvermittelung darstelle. Wenn der An- geklagte der Meinung war, er bedürfe keiner Genehmigung, dann sei das ein RcchtSirrtum, der ihn vor Strafe nicht schütze. Hue Induftm und Ftandel. Fleischer gegen Agrarier. Die jetzt abgehaltene Generalversammlung des Verbandes der Fleischerineister votierte folgende Resolution:„Die jetzige, seit Jahren andauernde Fleischverteuerung hat einzig und allein ihren Grund in den hohen, nur der Landwirtschaft zugute kommenden Viehpreisen. DaS deutsche Fleischergewerbe hat ebensowenig wie das kon- suniierende Publikum ein Interesse an den hohen Fleischpreisen. Die vom LandwirtschaftSrat vorgeschlagenen Mittel zur Be- Hebung der Fleischteuerung sind fast durchwegs ungeeignet. So lange es der Landwirtschaft nicht gelingt, genügendes und preis- wertes Schlachtvieh zur Verfügung zu stellen, kann keine Verbilligung der Fleischpreise erfolgen. Zur Erreichung dieses Zieles ist in erster Linie anzustreden Vermehrung und Verbesserung der Viehhaltung im Inland, zollfreie Einfuhr von Futtermittel aller Art, Einfuhr von Nutz- und Schlachtvieh aus dem Auslande unter Vermeidung aller erschwerenden Bedingungen, Verbilligung und Verbesserung des Viehversands auf den Eisenbahnen, Verbilligung der Abgaben auf Schlachtvieh. Der Vorstand des Deutschen Fleischerverbandes wird beauftragt, zur Erreichung dieses Zieles alle geeigneten Matz- nahmen zu ergreifen."_ Konzentratiousbestrebungen in der Landwirtschaft? Im Gegensatz zu den Fustonsbestrebungen in der gewerblichen Warenherstellung ist das Vorhandensein einer Konzentrations- bewegnng in der deutschen Landwirtschaft negiert worden. Auch die Geloerbezählungen deuten auf einen Rückgang der Groß- betriebe in der Landwirtschaft hin. Die durchschnitt- liche Arbeiterzahl im landwirtschaftlichen Großbetrieb ist vom Jahre 1862 bis 1807 von 152 auf 115,8 oder um rund 25 Proz. zurückgegangen. Andererseits ist die Zahl der in Mittel- betrieben der Landwirtschaft beschäftigten Personen bei weitem nicht so stark gewachsen wie in der gelverblichen Warenherstellung, indem auf je 100 Beschäftigte der Zuwachs nur 6,2 gegenüber 10,6 Proz. betrug. Die Argumente gegen eine Konzentrationsbewegung in der deutschen Laudivirtschaft auf Grund der Ergebnisse der Gewerbe- zähluugen durften indessen nicht stichhaltig sein. Seit dem Jahre 1832 ist eine ganz außerordentlich weitgehende Veränderung im Gebrauch landwirtschaftlicher Maschinen vor sich ge- gangen, der in letzter Zeit durch den Bau von Ueberlandzentralen und durch die Verwendungsmöglichkeit der Elektrizität in der Land- Wirtschaft besonders stark gestiegen ist. Die menschliche Arbeitskraft ist in ziemlich umfangreichem Maße durch Maschinenkrast ersetzt worden, so daß der Rückgang der Zahl der Arbeitskräftefür den einzelnen land- wirtschaftlichen Großbetrieb infolge der Betriebsverbesserungen durch- aus nicht auf einen Rückgang des landwirtschaftlichen Großbetriebes schließen läßt. Andererseits ist auch der Mittelbetrieb infolge der eriveiterten Anwendung der Maschinenkraft von der menschlichen Arbeitskraft unabhängiger geworden, so daß auf Grund der Zunahme der Beschnftigtenzahl in landwirtschaftlichen Mittelbetrieben ebenfalls nicht auf ihre relativ geringere Ausdehnung geschlossen werden kann. Außerdem ist zu beachten, daß der Ausbau des ländlichen Genossenschaftswesens einer großon Anzahl von landwirtschafttichen Klein- und Mittelbetrieben immer mehr zahl- reiche Vorteile des landwirtschaftlichen Großbetriebes zur Verfügung stellt. Sowohl in betreff der gemeinsamen Benutzung von Maschinen und gegenseitiger Unterstützung bei der Bewirtschaftung als auch in betreff der Weiterverarbeitung landwirtschaftlicher Produkte und des Absatzes auf dem Markte genießen durch das ländliche Genossen- schaftswesen vielfach Klein- und Mittelbetriebe in der Landwirtschast einige Vorteile des Großbetriebes. Die EntWickelung des ländlichen Genossenschaftswesens bietet den Beweis für die Wirtschaftlichkeit des landwirtschaftlichen Großbetriebes und kann schließlich als ein Anfang einer Konzentrationsbewegung angesehen werden. Auch die Entwickelung der Kapitalsinvestierungen in der Landwirtschaft durch Begründung von Aktien- gescllschaften und Gesellschaften m. b. H. sowie deren Kapitals- erhöhungen deuten darauf hin, daß die Kollektivunternehmung und das Schaffen größerer Wirtschaftseinheiten sowie die Bildung größerer Betriebe in der Landwirtschaft nicht unbedeutende Fort- schrille macht, während doch die Kollektivuntcrnehmung bisher als eine Sonderheit der gewerblichen Warenherstellung galt. In den nachstehenden Jahren stellte sich die in der Landwirtschast durch die nachstehende Zahl von Aktiengesellschaften oder Gesellschaften m. b. H. neuinvestierte Kapitalssumme wie folgt: 1 cw? 1 QHft 1 QOO Zahl der Gesellschaften 76 45 57 Millionen..... 21,18 4,62 15,23 Von den Neuinvestierungen im Jahre 1807 entfielen 8,85 bezw. 8,46 Mill. Mark auf Neugründungen von 5 Aktiengesellschaften und 65 Gesellschaften m. b. H., während eine Aktiengesellschaft und 5 Ge- sellschaften m. b. H. ihr Kapital um 600 000 bezw. 1700 000 M. erhöhten. Die geringe Unternehmungslust im Jahre 1903 brachte nur die Gründung von einer Aktiengesellschaft und 36 Gesellschaften m. b. H., die einen Kapitalbedarf von 1,23 bezw. 2,81 Millionen Mark beanspruchten, während 450 000 bezw. 104 500 M. für Kapitals- erhöhungen von zwei Aktiengesellschaften und sechs Gesellschaften m. b. H. aufgenommen wurden. Im verfloffenen Jahre erforderten die Neugründungen von 2 Aktiengesellschaften und 48 Gesellschaften m. b. H. einen Kapitalaufwand von 470 000 bezw. 7,43 Millionen Mark, während auf die Kapitalserhöhungen bei 2 Aktiengesellschaften und 4 Gesellschaften in. b. H. 7,20 Millionen bezw. 132 000 M. entfielen. Die nicht unbedeutenden Summe» der Neuinvestierungen in der Landwirtschaft und die Unternehmungslust zur Schaffung zahl- reicher Kollektivunternehmungen weisen auch hier auf eine Ver- schiebung des landwirtschaftlichen Betriebes zugunsten der Groß- Unternehmung hin._ Submissionsbliiten. Bei der Vergebung der AusführungSarbeiten zur Herstellung einer 450 laufende Meter langen Kranleitung auf dem Hauptbahnhofe Thorn wurden u. a. folgende Gebote abgegeben: Für Arbeiisausführung in einer Gruppe 2140,00 M. und 6406,11 M., in einer anderen Gruppe 2143,40 M. und 7123,22 M. Wohlgemerkt, es handelt sich hier nur um die ArbeitSausführung ohne Material- lieferung. Da scheinen die Löhne— der Unternehmer ja ganz außerordentlich zu differenzieren. Produktionseinschränkung. New-Dork, 18. Juni. Auch die Knight- Company, welche eine halbe Million Spindeln laufen hat, schränkt ihre Produktion und zwar um ein Drittel ein.— Die Vereinigung der Baumwollfabrikanten von Süd-Carolina hat gleichfalls Betriebs- kürzungen beschlossen. Konzentration in der Textilindustrie. Die Aktiengesellschaft Gebhardt u. Co. in Vohwinkel, eine 1807 mit 3 Mill. M. Aktien- kapital begründete Seidenweberei, beruft eine Generalversammlung, die einen Fusionsvertrag mit der Mechanischen Seidenweberei von van Biema u. Co. in Krefeld genehmigen und eine Kapital- erhöhung um 800 000 M. beschließen soll. Die Firma van Biema u. Co. ist schon heute eng liiert mit zwei großen Firmen der Seidenindustrie. Die Aktiengesellschaft Gebhardt u. Co. erwartet von der Fusion die»Ausschaltung eines fühlbaren Wettbewerbes"._ Huö der frauenbewegimg, Die englische Frauenbewegung. Augenblicklich tagt in einem der Säle in der japanisch-briti- schen Ausstellung in London der Kongreß der Frauenrechtlerinnen. Von den vielen Fragen, die dort diskutiert werden, ist die des Frauenstimmrechts von besonderem Interesse. Haben sich doch die Vereine, die diese Idee propagieren, in den letzten Wochen über eine Bill geeinigt, die von Parlamentariern aller Parteien befür- wartet wird und demnächst dem Parlament eingereicht werden soll. Die Vorlage bezweckt, allen Frauen, die heut« schon bei Ge- meinde- und Grafschaftswahlen stimmen können, auch das Stimm- recht für die Wahlen zum Parlament zu verleihen, ein Vorschlag, der natürlich bei vielen, leider nicht bei allen englischen Genossen auf heftigen Widerstand stößt. Die S. D. P. wie auch die Labour Party haben sich wiederholt gegen diese Art begrenzter Stimm- rechtsvorlage ausgesprochen. Aber eine ganze Reihe Genossen der I. L. P. tritt für die begrenzte Wahlrechtsvorlage ein. Bei Gemeindewahlen in Großbritannien kommt als Wähler oder Wählerin nur der Wohnungsinhaber(occupier) als Besitzer oder Mieter in Betracht. Eine Frau kann bei diesen Wahlen wie eine männliche Person wählen, wenn sie ein Wohnhaus, den Teil eines Hauses oder auch nur ein Zimmer innehat, vorausgesetzt, daß der Hauswirt als solcher nicht im Hause wohnt. Dies bildet die Grundlage des bestehenden Wahlrechts für lokale Vertretungs- körperschaften. Modizificrt wird dieser Satz aber durch einen solchen Wust von Sondcrbestimmungen für die verschiedenen Teile des Reiches, ja für verschiedene Städte und für die verschiedenen Vertretungskörperschaften, daß es überaus schwer ist, sich in den bestehenden Gesetzen zurechtzufinden. Verheiratete Frauen der Arbeiterklasse sind von diesem Wahlrecht, das eine gewisse Wirt- schaftliche Selbständigkeit der Wähler voraussetzt, gänzlich ausge- schlössen. Viel wichtiger als dieser Punkt ist die Prinzipienfrage. Es kann nicht häufig genug betont werden, daß die jetzige Frauen- bewegung in Großbritannien in erster Linie eine bürgerliche Be- wegung ist, die dazu ihren bürgerlichen Charakter auch noch bei jeder Gelegenheit ausdrücklich betont.„Warum", heißt es in allen Reden der Suffragettes,„sollen wir Frauen, die wir Steuern zahlen müssen, nicht das Recht haben, bei den Parlamentswahlen zu stimmen, da es doch das Parlament ist, das uns diese Steuern aufbürdet?" Um dieses Argument würdigen zu können, muß sich der deutsche Leser daran erinnern, daß man in England e r st bei einem Einkommen von 3200 M. direkte Steuern zahlt. Auch die Urheber der vorliegenden Bill lassen es merken, daß sie keineswegs darauf aus sind, das Wahlrecht für alle Frauen einzuführen. In ihrem Aufruf heißt es:„Die Vorlage schließt nicht den weiteren Schritt zum allgemeinen Wahlrecht aus, sie macht diesen Schritt aber auch nicht unver- m e i d l i ch." Der zweite Teil dieses Satzes, der ein Beschwichti- gungsmittel für die Spießbürger sein soll, birgt ein gutes Stück Wahrheit. Diejenigen der englischen Genossen, die für die be- grenzte Frauenstimmrechtsvorlage eintreten, tun dies— wenn nicht gar aus sentimentalen Gründen— aus der Erwägung, daß die Annahme des begrenzten Frauenstimmrechts die politische Emanzipierung des weiblichen Geschlechts überhaupt notwendiger- weise herbeiführen müsse. Diese Schlußfolgerung kann jedoch ge- schichtlich nicht begründet werden; das Gebaren der bürgerlichen Demokratie sollte ein warnendes Exempel sein. Mit Recht befürchtet man, daß die englischen Frauenstimmrechtlerinnen, wenn sie einmal am Ziele ihrer Wünsche angelangt sind, auf ihren Lorbeeren ausruhen und womöglich gar dem Vordringen der proletarischen Frauen Widerstand entgegensetzen werden. Was die Aussichten der neuen Bill anlangt, so sind sie keines- Wegs hoffnungsvoll. Die Sympathien der bürgerlichen Parla- mentarier, die ihre Ruhe haben wollen und daher vieles ver- sprechen, werden den Suffragettes nicht viel nützen, solange das Kabinett nichts von ihren Plänen wissen will. Ein weiterer zu berücksichtigender Faktor ist die Ohnmacht, die die Organisationen der Frauenstimmrechtlerinnen bei den letzten Parlamentswahlen an den Tag legten. Ihr Eingreifen endete mit einem kläglichen Fiasko; nicht eine einzige Wahl haben sie zu beeinflussen vermocht. Alle Umstände deuten darauf hin, daß uns die Suffragettes noch lange als Agitatoren für die Frauenemanzipation erhalten bleiben, bis das britische Proletariat stark genug� ist, seine Forderung des allgemeinen gleichen Wahlrechts für beide Geschlechter durchzu- setzen._ DaS weibliche Geschlecht in der BerufSzähluug. Die gesamte Bevölkerung des Deutschen Reiches hat sich in der Zeit von 1382 bis 1807 vermehrt von 45222113 auf 61720528 Per- sonen, das ist um mehr als ein Drittel, nämlich um 36'/, Proz. Innerhalb dieser Zahl haben die Erwerbstätigen aber noch stärker zugenommen, nämlich von 17 632 008 auf 26 827 362, daS ist um 8,2 Millionen oder 52 Proz. Von der gesamten Bevölkerung sind gegenwärtig mehr als s/5 erwerbstätig. Noch ein wenig stärker jedoch haben die Berufslosen zugenommen. 1882 betrug ihre Zahl 1 354 486, 1807 dagegen 3 404 883, das sind fast 54 Proz. Ihre richtige Bedeutung gewinnen diese Zahlen natürlich erst, wenn man sie weiter zerlegt. Dann ergibt sich, daß innerhalb der erwerbstätigen Bevölkerung daS weibliche Geschlecht stärker an Zahl zugenommen hat, als daS männliche. Die Ewerbstätigen männlichen Geschlechts zählten: 1882 1807 13 372 805 13 583 634 = 60'/- Proz.,= 61 Proz. der Bevölkerung. Dagegen die Erwerbstätigen weiblichen Geschlechts: 1882 1807 4 228 103 8 243 483 ---- 18'/, Proz.,---- 26'/, Proz. der Bevölkerung. Diese starke Zunahme der Frauen in der Berufsarbeit ist nun zwar zum Teil darauf zurückzuführen, daß 1807 infoige schärferer Fragestellung zahlreiche weibliche Personen sich als erwerbstätig be- zeichneten, die stüher zu den Angehörigen gerechnet wurden. Dennoch steht fest, daß die weibliche Bevölkerung immer stärker am Berufs- leben teilnimmt. In der Zeit von 1885 bis 1807 ist im Deutschen Reiche die Zahl der weiblichen Bevölkerung nur um 18'/, Proz. ge- stiegen, nämlich von 26 361 123 auf 31 258 428; darunter die der weiblichen Angehörigen nur um 7 Proz., von 18 667 224 auf 18 874 341, dagegen die der weiblichen Erwerbstätigen um 56'/, Proz., von 5 264 383 auf 8 243 483. Sonderbarerweise zeigt sich nun aber genau dasselbe bei den Berufslosen. Auch hier hat das weibliche Geschlecht stärker zu- genommen als das männliche. Die Zahl der berufslosen(selbstän- digen) Männer stieg von 652 361 auf 1 612 776, d. i. um 147 Proz., die der Frauen gleicher Gruppe von 702 125 auf 1 732 207, das ist um 155 Proz.— Allerdings ist mit dieser Zahl unseres Erachtens nicht viel anzufangen, denn sie umfaßt nicht nur die Rentner und Pensionäre aller Art, sowie die von Unterstützung Lebenden, sondern auch die Studenten und Schüler, die nicht bei ihren Eltern leben, sowie die Zöglinge in Unterrichts- und Waisenanstalten. Und gerade diese, die man doch eigentlich kaum als„berufslose Selb- ständige" ansehen kann, haben besonders stark zugenommen, nämlich von 145 356 auf 606 341, das ist um 317 Proz. in den 25 Jahren. Immerhin ist auch die Zahl der Rentner und Pensionäre in der gleichen Zeit gestiegen. Es betrug die Zahl der Rentner und Pensionäre 1882 1807 Männer.... 371 433 1 050 414 Frauen.... 439 110 1 226 608 Unter den Studierenden. Schülern usw. haben die Frauen ganz kolossal zugenommen. Von ihnen waren 1882 männliche 113 108, 1807 363 258. Zunahme 221 Proz.; weibliche 1882 32 248, 1807 243 082, Zunahme 654 Proz. Alles in allem zeigt also die Berufszählung 1. eine gewaltige Zu- nähme der Frauen am Erwerbsleben und 2. eine auffallende Ver- mchrung der Erwerbslosen überhaupt. Damit steht im Einklang, daß die Zahl derer gesunken ist, für die jeder Erwerbstätige zu sorgen hat. Auf je 100 Erwerbstätige entfallen von der Gesamt- bevöllerung 1882 257, 1885 249 und 1907 230 Personen. Leseabende. Groß-Lichterfclde. Freitag, den 17. Juni, im„Kaiserhof": Bortrag. „Erziehung der Jugend im Sinne des Sozialismus". Steglitz. Freitag, den 17. Juni, 8'/2 Uhr, beim Genossen Rohmann Vortrag. Genosse Aßmann:„Die Frauen und die hiesige Ge- meindevertretung"._ Gerichte-Zeitung. Eine Heiratsschwindler-Epidemie scheint augenblicklich in Berlin zu herrschen, da fast kein Tag ver- geht, an welchem nicht mindestens ein Vertreter dieser Verbrecher- kategorie von den Moabiter Strafgerichten unschädlich gemacht wird. Gegen ein besonders gemeingefährliches Exemplar dieser Schwindlerklasse, den„Detektiv" Gustav Kalbitz, verhandekte gestern die 4. Strafkammer des Landgerichts I unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Geier.— Der Angeklagte, welcher»mch seiner Behauptung Inhaber eines Detektiv- und AuskunstsbureauS ist, erließ in mehreren Zeitungen Heiratsannoncen, in welchen er sich als Wohlsihnerter Kaufmann ausgab, der sich nach einem. „glücklichen Heim" sehne. Aus diese Inserate meldeten sich gleich einige Dutzende von heiratslustigen ältlichen und alten Jung» frauen, von denen dann einige von dem Angeklagte» zur.engeren» Wahl" gestellt wurden. Mit einer nicht begreiflichen Vertrauens» seligkeit, die recht charakteristische Schlüsse auf die Jntelligeuz den Betreffenden zuläßt, opferten die heiratswütigen Damen dem» Schwindler ihre Ersparnisse. Eine der Hereingefallenen bekam es fertig, dem Angeklagten nach und nach zirka 10 000 M zw opfern. Der„Schrei nach dem Mann" hatte auch für die übrigen Mädchen sehr unangenehme Folgen, da sie ihre mühsam gemachten Ersparnisse bis auf den letzten Pfennig los wurden.— Zur Anklage standen ferner noch mehrere Fälle von Kautionsschwindeleien. — Der Staatsanwalt beantragte mit Rücksicht auf die mehrfachen. Vorstrafen des Angeklagten auf diesem Gebiete eine Zuchthaus- .strafe von 6 Jahren. Das Gericht erkannte auf 4 Jahre Zuchthaus, 1050 M. Geldstrafe, ev. noch 105 Tage Zuchthaus zusätzlich und 5 Jahre Ehrverlust._ < Automobil und Publikum. Zum Automobilverkehr in belebten Straßen großer Städte ist eine Entscheidung des Reichsgerichts von Interesse, die ia jüngster Zeit ergangen ist. Es handelt sich um folgenden Vorfall. Im Oktober 1907 wurde der Friseurgehilfe F. in Düsseldorf auf der Graf-Adolf-Straße von dem Automobil einer Düsseldorfer Firma überfahren. Den Chauffeur soll schnell gefahren sein ohne mit der Huppe Zeichen zu geben. F. erhob aus den Verletzungen Klage gegen den Inhaber und den Führer des Kraftwagens. Das Landgericht Düsseldorf erklärte den Anspruch des Klägers gegenüber beiden Beklagten für begründet. Das Oberlandesgericht daselbst wies die Berufung der Beklagten zurück. Nunmehr hat auch das Reichsgericht die Revision der Be- klagten zurückgewiesen. Die Entschcidungsgründe des Reichs- gerichts sind von allgemeinem Interesse. Wir lassen sie deshalb auszugsweise folgen:„Die Revision meint, in einer Großstadt müsse verlangt werden, daß die Fußgänger nach Möglichkeit den Bürgersteig benutzten und die Fahrbahn den Fuhrwerken über- ließen. �Die Lenker der letzteren seien an sich berechtigt, mit der erlaubten Geschwindigkeit zu fahren und dürften darauf rechnen, daß der Fußgänger, der die Fahrbahn benutze, die größte Sorg- falt beobachte. Das Oberlandesgericht habe diese Erwägungen nicht angestellt und hierduch die§§ 254 B. G. B., 286 Z. P. O. ver- letzt. Die Rüge ist nicht begründet. Ob die Fußgänger verpflichtet sind, den Bürgersteig so lange als möglich zu benutzen, bedarf nicht der Entscheidung, da der Kläger von dem rechten Bürgersteige zum linken hinüber gehen wollte, und daher die Fahrbahn notwendig überschreiten mußte. Hierbei mußte er vorsichtig zu Werke gehen, wie die Revision mit Recht bemerkt, aber das ist vom Berufungs- gerichte auch nicht verkannt. Es nimmt vielmehr an, daß Kläger, bevor er vom Bürgersteige heruntertrat, das etwa 30 Schritt entfernte Kraftfahrzeug hätte wahrnehmen und auch bemerken müssen, daß es sich mit großer Schnelligkeit bewegte und daher ein Ueberschreiten des Fahrdamms nicht angebracht sei; das in dem Verhalten des Klägers liegende Verschulden wird aber gegenüber dem des Mitbeklagten B. als verschwindend angesehen. Diese Er- wägung ist insofern nicht bedenkenstei, als das Oberlandesgericht anzunehmen scheint, ein Fußgänger, der in einer Entfernung von 30 Schritt ein schnellfahrendes Automobil bemerkt, müsse dasselbe stets vorüberfahren lassen, bevor er den Fahrdamm betritt. Eine derartige Forderung kann nicht mit Grund aufgestellt werden; sie würde dazu führen, in Straßen mit starkem Automobilverkehr einen Fußgänger oft verhältnismäßig lange an dem Ueberschreiten des Fahrdamms zu hindern. Nur das kann verlangt werden, daß der Fußgänger vor dem Verlassen des Bürgersteigs sich nach etwaigen Hindernissen umsieht. Bemerkt er hierbei ein heran- kommendes Automobil, so würde es fahrlässig sein, wenn er ohne jede Rücksicht auf dasselbe weiter geht, er dars aber andererseits erwarten, daß ebenso auch das Automobil auf ihn Rücksicht nimmt. Mft Recht nimmt das Berufungsgericht an, daß eS Sache des B. gewesen wäre, anzuhalten oder wenigstens langsamer zu fahren, als er den Kläger auf der Fahrbahn bemerkte und findet darin, daß er statt dessen versuchte, vor dem Kläger vorüberzufahren ein Verschulden. Nicht zu beanstanden ist es ferner, wenn das angefochtene Urteil eine Teilung des Schadens ablehnt. Es stellt fest, daß B. in der sehr belebten Graf-Adolph-Straße in Düsseldorf schnell gefahren ist, daß er kein Zeichen mit der Huppe gegeben hat, als er sich dem Kläger näherte, daß er in unverminderter Fahrt vor dem Klager in dessen Gehrichtung vorüberzufahren suchte und erst im letzten Augenblicke nach rechts einlenkte und findet in diesen Um- ständen ein Verschulden, dem gegenüber das mitwirkende Verschul- den des Klägers nicht in Betracht gezogen werden könne." „ Kriegervereine. Aus dem Kriegerverein in Callis ausgetretene Mitglieder gründeten einen„Militär- und Soldatenverein" und erlangten auch, daß die Polizeibehörde ihn gemäß der KabinettSordre von 1842 als Kriegerverein bestätigte. Die Bestätigung wurde aber demnächst zurückgezogen, worauf der Vorsitzende nach vergeblichen Beschwerden beim Landrat und Regierungspräsidenten im Ver» waltungsstreitverfahren klagte.— Die Klage wurde abgewiesen, Das Oberverwaltungsgericht erklärte sie für unzulässig und führte aus: Hier liege keine polizeiliche Verfügung im Sinne des Landesverwaltungsgesctzes vor, die mit den dafür bestimmten Rechtsmitteln angreifbar sei. Entscheidend wäre, daß die Ver- sagung bezw. Zurückziehung der Bestätigung eines Vereins als Kriegerverein nicht einen Eingriff in die Rechtssphäre des einzelnen Mitgliedes darstelle. Einen Anspruch darauf, als Krieger- verein anerkannt zu werden, habe kein Verein. Im Verwaltungs- streit angreifbare polizeiliche Verfügungen könnten in Frage kommen bei Handlungen, die an sich ein Ausfluß der persönlichen Freiheit seien. Solche seien z. B. auch die Gründung eines Ver- eins und die Beteiligung daran. Die Ausübung des durch die Verfassung gewährleisteten Vereinsrechts hänge indessen nicht von der Bestätigung eines Vereins als Kriegerverein ab. Diese Be. stätigung verleihe weitergehende Befugnisse über den Rahmen des allgemeinen Vereinsrechts hinaus.— Natürlich bleibe hier der Verein nach Versagung der gewünschten Bestätigung immer noch ein solcher im Sinne des Vereinsgesetzes. Demnach können durchweg„Militär- und Soldatenvereine" oder„Kriegervereine" ohne polizeiliche Genehmigung gegründet werden. Nur einen Anspruch darauf, daß die Polizeibehörden den Verein als solchen mit Klimbimanrechten anerkennt, hat der Verein nicht. Er ist unabhängig von der Polizei, während die offiziösen„Kriegervereine" mehr oder weniger unter Polizeiauf- ficht stehen._ eingegangene DrucUrcbriften. Taschenatlas zur Alkoholfrage mit Tcrt von Dr. med. Holiffcher. 13 farbige Tafeln. 1 M., gebd. 1,50 M. Verlag Deutscher Arbeiter- Abstincntenbund(I. Michaelis». Berlin 80. 16, Engelufer 19. Jahrbuch der Vodenreforui. 2. Heft. Lierteljahreshefte, heraus- gegeben von A. Damaschke. Einzelhcste 2 M.®. Fischer, Jena. Amerikanisches Volksbilduugswcseo. Von W. Müller. 2,50 M., gebd. 3,30 M. E. Diedcrichs, Jena. DaS Edelweiß. Von Dr. E. M. Kronseld. 80 Pf. H. Heller«. Tie.. Wien I. DaS Alte stürzt k Beitrag zum Kamps um das geschichtliche Christus» bild von W. Zillesscn. 35 Pj. Bock u. Seip, Saarbrü.kcn-St. Johann. Bericht der Deutschen Zentrale für Jngcudfürsorge über ihre Tätigkeit in den Jahren 1908 und 1909. 89 Seite»..Gutenberg", Berlin, Wallstr. 17/18. Die Handelsschule in Mannheim. 53 Seiten. Kommissionsverlag I. Bensheimer, Mannheim._ Verantwortlicher Redakteur Richard Barth, Berlin. Für den Jnjeratenteilverani«.: Th. Glocke. Berlin, Arvcku. Verlag: Vorwärts. Buchdrucker» u. VerlagsguMt Usul Singer Si$0« Berlin SW. Nr.M. 27. Zahrgavg. I KcilW to Joraitlis" Knlim WM». Mittwoch, 13. Jum 1910. Lerlmer Z�ackrickten. ReichstagSwähler des Wahlkreises Ueckcrmünde° Usedom Wollin, die in Berlin arbeiten, werden darauf aufmerksam gemacht, daß am Freitag, den 17. Juni, die Stichwahl statt findet und dringend aufgefordert, an diesem Tage in ihrem Wohnort ihr Wahlrecht auszuüben. Parkbild. AuS schwerbelaubten Büschen glänzen weiße Blüten- scheiben. Der Hollunder steht im Flor. Ein echter Strauch der Heimat, den Kindern lieb durch die Rolle, die der Holler busch im Märchen spielt, und durch die Pfeifen und Knall büchsen, die man aus seinen Zweigen nach Entfernung des weichen Inhalts fertigen kann. So klein die Blütchen auch sind, so bilden sie durch ihre Masse doch gewaltige Aushänge schilder für das fliegende Kleinzeug, das als Blumengesiudel sein Dasein fristet, so lange der Sommer währt. Die gleiche Wirkung erreichen auch die Blüten der Robinie, im Volke all gemein Akazie genannt. Von den mittelhohen Bäumen hängen sie jetzt aus dem fein zerteilten Laube in weißen duftenden Trauben herab. Die Robinie ist kein Heimatbaum, sondern ein Fremdling aus nordamerikanischen Wäldern, wo Bäume mit lebhaften Blumen etwas Gewöhnliches sind, während sie bei uns nur bei Linde und Ahorn etwas Blumenartiges erreichen. Sonst ist die Robinie, geschätzt wegen ihrer Schnellwüchsigkeit und ihrer Fähigkeit, auf dem dürftigsten Boden hochzukommen, nicht gerade ein schöner Bauni, und nur in den kurzen Wochen der Blütezeit wirkt dieser eingebürgerte Fremdling bestechend unter so viel dunklen einfarbigen Baumkronen. Regelmäßig im Juni steht auch die Rose im Flor. Wie anders wirkt dies Zeichen auf uns ein l Der Rose fehlt der Duft der Märcheuklänge nicht, auch der Reiz des Fremdartigen liegt über ihren Büschen. Denn die heimischen Heckenrosen sind bei aller Verwandtschaft nicht die Stammarten der Gartenrosen und noch Botaniker des Mittelalters haben diese nichtgefüllten Blumen unserer Hecken und Waldränder überhaupt nicht zu den Rosen gezählt. Die„Königin der Blumen", wie eine Dichterin der alten Griechen sie zuerst nannte, entstammt dem Morgenlande. Nicht eine, sondern mehrere Rosenarten sind ihre Stanimeltern und man muß an China und Indien, an Persien und Kleinasien denken, wenn man an ihren Siegeszug denkt. Wie das Menschengeschlecht, so sind auch die Gartenrosen aus dem heißen Asien gekommen und bis heutigen Tages die unzertrennlichen Begleiter der kultivierten Rassen geblieben. Dabei ist den Rosen außer dem wunderbaren Geruch und der klassischen Schönheit der Blüte und des Laubes die erstaunliche Abänderungsfähigkeit zustatten gekommen, die sie auf Kulturboden entwickelt. Unter den Händen des erfahrenen Rosenzüchtcrs verwandelt sie sich in immer neue Spielarten; es sind immer dieselben Rosen seit einer Reihe von Jahrtausenden und es sind doch immer neue Formen. Den Griechen, selbst den praktischen, nüchternen Röniern war kein Fest ohne verschwenderische Rosen fülle denkbar. In der römischen Kaiserzeit aber gedieh der Rosenknlt zu wahnsinniger Verschwendung und Nebertreibung. Vielleicht ist es ein bitterer, unbewußter Nachgeschmack an diese Zeit, wenn die heutige Rönierin, wie behauptet wird, sich mit Abscheu von der Rose wendet. Hollerbusch, Robinie und Rosenstrauch, drei grund verschiedene Zierden unserer Parks und Gärten, blühen zu gleicher Zeit, führen den Frühling zum Schluß, deuten des Sommers Beginn._ Der„Vorwärts" im Genesungsheim Hohcnelse. In Krankenhäusern, Heilstätten, Genesungsheimen usw. ist bei den leitenden Personen der„Vorwärts" nicht beliebt. Wir wissen diesen Schmerz zu ertragen, weil dafür um so größer das Ver< trauen ist, das die P f l eg l i n�e solcher Anstalten uns entgegen bringen. Auch in dem Genesung? he im Hohenelse(bei Nheinsberg), einem Unternehmen der Landesversiche- rungsanstalt für die Provinz Brandenburg, sehen wir das gwohnte Bild, daß der„Vorwärts" von Patienten freudig willkommen geheißen, aber von der Verwaltung grimmig gehaßt wird. Wir würden ihr ihren Haß gönnen und kein Wort darüber verlieren, wenn sie sich nicht herausnähme, den„Vorwärts überhaupt aus ihrer An st alt auszuschließen und ihn auch denjenigen Patienten zu verbieten, denen er in gesunden Tagen die gewohnte Lektüre war. In Hohnelse wurde in letzter Zeit der„Vorwärts" von 23 Patienten gehalten. Ob die Verwaltung das wußte, steht nicht ganz fest. Die„Vorwärts"-Lescr haben mit Absicht sich bemüht, jedes Aufsehen zu vermeiden. Zwar war ihnen von einem eigentlichen Verbot, den„Vorwärts" zu lesen, bisher nichts bekannt. Sie wußten aber, daß in solchen Anstalten mindestens die Weiterver- breitung des„Vorwärts" ungern gesehen wird. Darum wurde darauf geachtet, daß jeder möglichst seinen„Vorwärts" für sich las, ihn nicht weitergab und ihn auch nicht umherliegen ließ. Die 23 Exemplare wurden regelmäßig auf dem Postamt im benach. barten RhcinSbcrg abgeholt und zwar immer alle zusammen von einem der Bezieher, wobei ein für allemal das Abkommen getroffen worden war, daß einer nach dem anderen dieses Amt übernahm. Am letzten Sonnabend wurde nun in Rhoinsberg ein Patient G. vom Sekretär Jawerska dabei betroffen, wie er die Zeitungen ab» holte. Auf die Frage des Sekretärs, was für Zeitungen denn das seien, nannte G. selbswerständlich in aller Offenheit den„Vor- wärt s". Jawerska wies ihn an, in Hohenelse die Zeitungen an den Anstaltsborsteher Zuckert abzuliefern. G. hielt aber mit Recht sich für verpflichtet, sie den Beziehern zu übergeben, deren Eigen- tum sie waren, und handelte danach. Er wurde dann auf Ja- werSkaS Anzeige noch an demselben Abend von Zuckert in ein Ver- hör genommen, das damit endete, daß er seine Entlassung bekam. Herr Zuckert wird gewiß in der Lage sein, für diese Maßregelung einen ihm triftig erscheinenden Grund anzugeben. Zunächst möchte man annehmen, daß nicht die„Vorwärts"lektüre der Grund sein kann; wir haben wenigstens in der Hausordnung nicht eine Silbe von einem Verbot des„Vorwärts" oder überhaupt politischer Blätter gefunden. In einer Liste von Verhaltungs- ratschlägen, die den Patienten neben der Hausordnung überreicht worden ist, steht allerdings folgende?:„Insbesondere muß angesichts der vielen nervösen Naturen unter den Pfleglingen auch jeder Parteihader unterbleiben, da solcher Nervenkranken durchaus schädlich ist. Parteipolitische Blätter, welcher Richtung sie auch immer angehören, sollen deshalb dem Genesungsheime ferngehalten werden. Die Pfleglinge wollen zur Vermeidung von Unzuträg. Kchkeiten dgs He�inblingen solcher Blätter verhüten." Ran wird uns jedoch zugeben, daß auch das noch kein unbedingtes Verbot bedeutet, sondern höchstens als freundliche Mahnung aufgefaßt werden kann. Immerhin ließ aber der Anstaltsdorsteher Zuckert den Patienten G. jetzt nicht im Zweifel darüber, daß in Hohen- eise es als ein Unerhörtes gilt, hier den„Vorwärts" lesen zu wollen. Der Herr war geradezu erschrocken, als er hörte, daß G. das als unverkürzbares Recht beanspruchte. Als G. den anderen.Vorwärts"lesern mitteilte, was ihm widerfahren war, traten diese sofort zusammen und beschlossen, sich mit ihm solida- risch zu erklären. Noch an demselben Abend verhandelten sie mit dem Vorsteher durch ein« Kommission von drei Patienten und forderten, daß die Entlassung G.s zurückgenommen werde. Auch die Kommission wurde vom Vorsteher dahin belehrr, daß der„Vor- wärts" nicht in der Anstalt gelesen werden dürfe. Die drei er- klärten, daß selbstverständlich auch sie den„Vorwärts" bezogen und gelesen hätten und sich das nicht nehmen lassen würden. Als der Vorsteher ihnen sagte, er werde auch sie entlassen müssen, ant- warteten sie ihm. sie würden ohnedies mit G. gehen. Am anderen Morgen waren nicht nur sie, sondern noch 11 andere entschlossen, mit G. die Anstalt Hohenelse zu verlassen, so daß von den 23„Vorwärts"-Lesern im ganzen 15 gingen. Alle nahmen aus den Erklärungen des Vorstehers die Ueberzeugung mit hinweg, daß ihres Bleibens in der Anstalt nicht länger sein konnte, wenn sie nicht auf den«Vor» wärts" verzichten wollten. Die Verwaltung des Genesungsheims Hohenelse wird gut tun, sich öffentlich über dieses Vorkommnis zu äußern. Wir bitten aber von vornherein, uns zu verschonen mit einer Berufung auf die obenerwähnten Verhaltungsratschläge, in denen die Fernhaltung parteipolitischer Blätter empfohlen wird. Diese Ratschläge können. wie gesagt, ihrer ganzen Fassung nach nicht einer bindenden Vorschrift gleichgeachtet werden, bereu Nichtbefolgung streng zu ahnden wäre. Auch werden keineswegs alle„parteipolitischen" Blätter dem Genesungsheim ferngehalten; beispielsweise wird dort von etlichen Patienten ganz offen ein Blättchen gehalten und gelesen. das einer bestimmten politischen Partei dient und durch wütendes Geschimpfe auf die Sozialdemokratie sich hervorzutun sucht. Unter- drückt werden soll eben im Genesungsheim Hohenelse nicht die Parteipolitik überhaupt, sondern d i e Parteipolitik, die d e r Ar beiterklasse dient und im„Vorwärts" zum Ausdruck kommt. Wenn nur alle Patienten, die durch den„Vorwärts"°Haß der Anstaltsverwaltungen sich belästigt fühlen, sich energisch wehren wollten geg«n den dreisten Versuch, ausgewachsene Männer zu be Vormunden und ihnen die gewohnte Lektüre zu verbieten. Der „P a r t e i h a d e r", vor dem die Anstalten und ihre Insassen be wahrt bleiben sollen, wird gerade durch die gegen eine be- stimmte Partei sich richtenden Maßregeln und Maßregelungen geweckt und genährt. Ein alter Zopf als Unterstützung der Berliner Staubplage, der in allen kleineren Städten Mode ist, ist auch bei uns— so wird uns geschrieben— noch immer nicht abgeschnitten; er wird gepflegt bei den zahlreichen Pflasterarbeiten, die das Buddeln in Berlin mit sich bringt.— Wasser- und Gasleitung, Telegraphen- und Telephonanlagen und Vor allem die Straßcnbahnarbeitcn ver- Ursachen jahrein jahraus das Aufreißen des Pflasters. Wird mit Kopfsteinen wieder zugepflastert, dann herrscht die Unsitte, das fertige Pflaster mit S an d zu bestreuen, unter dem Vorwande, der Sand müsse die Fugen ausfüllen. Das geschieht aber nur, wenn er sofort bei der Arbeit mit der Gießkanne hinein- gespült wird. Oft unterbleibt daS, dann bleibt der Sand auf dem Pflaster liegen, trocknet in der Sonne, wird von den Lastwagen zu Staubmehl zermahlen und vom Winde in die Wohnungen und auf der Straße in die Lungen und auf die Kleider der Fußgänger getrieben. In manchen Straßen ist man auf diese Weise wachen. lang in undurchdringlichen Staub gehüllt. Hausfrauen und Fuß gänger leiden heute um so mehr darunter, als die Automobil- raserei die Staubplage vervielfacht. Ganz ähnlich ist es bei Mosaikpflasterarbeiten auf den Bürgersteigen, wo auch nicht immer wfort abgefegt, sondern der Arbeitssand liegen gelassen und seine Beseitigung der Straßcnreinigung aufgehalst wird. Oft dient daS Sandstreuen dazu das schlechte löcherige Kopfsteinpflaster eines Unternehmers zu verdecken, der in der Submission den Zuschlag auf einen zu niedrigen Preis bekommen hat. Es ist ein« Pflicht der städtischen Straßenbauveiwaltnng, diesem über ganz Berlin und alle Vororte verbreiteten eingewur» zelten alten Uebelstande mit aller Energie entgegenzutreten d. h. dafür Sorge zu tragen, daß Steinpflaster stets nach seiner Fertig- stellung besenrein abgefegt wird. Alle Redensarten von der „schützenden Sanddecke" entspringen dem alten lästigen Zopf der ollen ehrlichen Steinsctzerinnuny(falls sie noch existiert). Die uiehrfach im„Vorwärts" erhobenen Klagen über Wassersparsam- keit sind gewiß teilweise auf die Staubentwicklung durch das zopfige Sandstreuen zurückzuführen. In solchen Staubstvaßen ist nämlich selbst eine ausgiebige Straßenbesprengung fast fruchtlos. Die Jungfernhcide, die am letzten Sdnntag der Schauplatz einer entsetzlichen Katastrophe gewesen ist, hat ihren Namen davon, daß sie ebemals dem Jungfernklostcr Spandau gehörte. Sie er- streckte sich noch im 18. Jahrhundert von der Pulvcrmühle an, längs der Spree bis an das Spandauer Gebiet, nördlich bis an die Dörfer Tegel, Reinickendorf und Schönhausen. Bei der Rcfor- mation fiel die Heide an den Kurfürsten. An verschiedene Orte in der Heide knüpft die Ueberliefernng an. So soll der durch die Heide führend« ältere Weg nach Tegel noch im 17. Jahrhundert den Namen„Heiliger Bilbugsweg" geführt haben und zwar, wie auch Nicolai behauptet, nach einem Tempel des Bilbug, des guten Gottes der Wenden, der in den Rehbergen gestanden und nach Ein- führung des Christentums in eine Kirche umgewandelt worden sein soll. Diese Ueberlieferug ist indessen kaum richtig. Zunächst pflegt man den Heidengöttern nicht das Prädikat„Heilige" beizulegen, dann aber ist die Existenz eines Tempels oder einer Kirche in den Rehbergcn nicht erwiesen. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Wortverdrehung aus„Heiliger Blutsweg", also um die alte Straße nach Wilsnack zum Wunderblut. Eine Bestätigung der Sage wollte man darin finden, daß die beiden Plötzenseen früher Teufelsseen genannt worden seien, man sie also mit dem Gegner Bilbugs. dem Zernebog, in Verbindung bringen konnte. Dagegen befand sich an der Landstraße nach Spandau, in der Nähe des alten HofeS auf dem Casowschen Werder, eine alte Klause mit einem überdachten Heiligenbild, von ihr erhielt ein daneben befindliches Luch den Namen„Klaufefenn", den die Berliner indessen bald in „Lausefenn" verdrehten. In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stand an der Straße noch ein Kreuz zur Erinnerung an die alte Klause. Nicht weit von der Unglücksstätte ziehen sich die Nonnenwicscii hin, ehemals gleichfalls dem Kloster Spandau gehörig, die dem hindurchziehenden Weg den Namen Nonnendamm gegeben haben. Und nördlich hiervon findet man in der Jungfern- Heide das Denkmal für Hinkeldeh, die Stelle bezeichnend, wo der frühere Polizeipräsident von Berlin im Duell erschossen wurde. Im 18. Jahrhundert stand in der Heide noch eine hölzerne Gedenk- tafcl mit Versen, zur Erinnerung daran, daß August II. am 29. Mai 1728 hier, hinter der alten Pnlvermühle, einen Becher Wein auf die Gesundheit des Königs von Preußen getrunken und einem anwesenden Kurprinzen, dem späteren Könige August III., beständige Freundschaft mit Preußen anempfohlen hat, wqS dieser auch zu halten versprach. Warum nicht gleich? Auf der Tegeler Sechserbriicke hat sich, wie man uns schreibt, am letzten Sonntag nach dem schweren Ee- wilter der Verkehr ziemlich glatt und ganz bedeutend besser als bisher abgewickelt. Die beiden Brückentore waren zwo-- auch an diesem Nachmittag und Abend nicht ständig geöffnet, womit die be- kanmen UnWahrhaftigkeiten des reichsverbändlerischen„Tegeler An- zcigers" abermals widerlegt sind, aber man besaß doch endlich die Einsicht, jedesmal auch dieses zweite Tor zu öffnen, sobald der Au« drang zunahm. Auch wurde bemerkt, daß die Brückenwärter in ihrem Benehmen gegen das Publikum schon wesentlich höflicher ge- worden sind. Die Waiscndeputation beschloß in ihrer gestrigen Sitzung die Frage der zahnärzrlichen Fürsorge für die Waisenkinder einer be- sonderen Kommission zur Beratung zu überweisen.— Die aus Ver- mächtnissen zugunsten der Waisenanstalt Rummelsburg für das Jahr 1919 zue Verfügung stehenden Zinsen sollen zur Deckung von Kurkosten für Rummelsburger Waisenkinder im Seehospiz Noderney, zu Wanderfahrten Rummelsburger Zöglinge während der Sommer- ferien und zu einer Studienreise des leitenden Anstaltsarztes Ver- Wendung finden._ Die EiSnot auf dem Schlachthofe. Das Kuratorium des Städtischen Vieh- und Schlachthofes ge- nehmigte in seiner gestrigen Siyung den Entwurf zum Neubau eines Schlachthauses für Rinder und Kleinvieh auf dem Schlachthofe mit einem Kostenanschlage von 515 900 M. lieber die in den letzten Tagen von der TageSpreffe gemeldeten Außerbetriebsetzung der Kühlmaschinen des Städtischen Schlachthofes und ihre Folgen wurde Bericht erstattet. Die Still- legung der Kühlmaschinen des Städtischen Schlachthofes hat am 9. d. Mts. erfolgen müssen, weil sich Störungen im Gange der Maschinen zeigten. Schon in den letzten Tagen vorher machte sich an den Kontrollapparaten der Maschinen eine leichte Unruhe bemerkbar, die die Verwaltung veranlaßte, die Anlagen durch einen Sach- verständigen der Maschinenlieserantin, der Firma A. Borsig, Tegel, untersuchen zu lassen. Dabei wurde der Fehler leider nicht entdecv- auch nach Außerbetriebsetzung der Maschinen am vergangenen Donnert» tag konnte er nur schwer und nach langen Mühen gefunden werdet Sicher war nur, daß in die Schwefligsäureleitung an irgend eine? Stelle Waffer oder vielmehr Salzsole eingedrungen war. Die Unter- suchung der Kupferrohrschlangen ergab endlich die Bildung eines etwa 2 Millimeter weiten LocheS an einer Biegungsstelle, welches gelötet wurde. Die Reinigung und Instandsetzung der Maschinen erforderte aber mehr als eine vollständige Tag- und Nachtarbeit eines größeren Personals. Nachdem die Maschinen zum größten Teil wieder in Gang gebracht waren, stellte sich leider heraus, daß neben der ersten Oeffnung noch eine neue vorhanden oder frisch entstanden war, wodurch eine nochmalige Auseinandernähme der Maschinen bedingt wurde. Auf diese Weise und obgleich wegen der jetzt herrschenden hohen Temperatur die Wiederinstandsetzung der Maschinen ans Kosten der gründlichen Reinigung möglichst schnell erfolgen mußte, verzögerte sich die Arbeit bis Montag abend. Es kann aber jetzt mit Sicherheit darauf ge- rechnet werden, daß der volle Betneb von nun an wieder durch- geführt werden kann und die Notlage der Fleischer im Schlachthofe damit behoben ist. Die Betriebsstörung sei nicht eine durch Heber- lastung der Maschinen erfolgte._ Im Sonnenbrande arbeiten, ist in dieser Zeit der tropischen Hitze wahrlich keine Kleinigkeit. In manchen Fabriken liegt es oft an einer Kleinigkeit, den Arbeitern ihr Los in der jetzigen Zeit etwas zu erleichtern. Wo organifierte Arbeiter vorhanden sind, sorgen diese selbst dafür, daß die nötigsten Maßnahmen getroffen werden. Anders dort, wo das Unternehmertum unumschränkt herrscht. Uns wird aus der Weltfirma der SiemenS-Schuckertwerke im Charlottenburger Werk, wo die Gelben ihre Heimat haben, be« richtet, daß die Arbeiter der Werkzeugabteilung(Abteilung 17) stundenlang dem Sonnenbrande ausgesetzt sind, weil die Zug« gardmen durch den Zahn der Zeit nicht mehr gebrauchsfähig sind. Die Zugschnuren sind mürbe geworden und von manchen Fenstern abgerissen, aber nicht erneuert worden. Die Arbeiter müssen nun die Sonne mehrere Stunden auf ihren Kopf brennen lassen, bis sie verschwunden ist. Mit einigen Pfennigen könnte diesem Uebelstande abgeholfen werden. Auch mit dem Wasser im Waschraum scheint gespart werden zu sollen. Im Winter ist daS nicht der Fall, aber jetzt scheint der Haupthahn etwas mehr zugedreht zu werden, denn die einzelnen Hähne geben nur wenig Wasser her. ES ist schlimm genug, daß wegen solcher Kleinigkeiten öffentlich Klage erhohen werden muß, zu deren Abstellung doch nur ein wenig guter Wille genügen sollte. Bei der Gewitterkatastrophe am letzten Sonntag sind auch noch zwei Kinder vom Blitz getroffen und dem Rudolf- Virchow- Krankenhause überwiesen worden. ES sind dieS Gustav Brüning, Sohn des SchlosierS Brüning in der Rostocker Str. 37 und Mar- garete Heyde, Tochter des ebenfalls verunglückten Arbeiters Karl Heyde aus der Adolfftr. 6. Die Kinder sind nur leicht verletzt. Die Mar» garete Heyde ist gestern nachmittag entlassen worden. Allgemeine Städtrbauausftellung. Das unerwartet groß« Interesse, das die Allgemeine Städtebauausstellung in immer weiteren Kreisen findet, sowie eine Reihe von Gesuchen und zahl. reichen Bitten von deutschen und ausländischen Stadwerwaltun- gen und Genossenschaften hat die Leitung der Städtebauausstellung veranlaßt, bei dem Direktor der Akademischen Hochschule für die bildenden Künste um die Erlaubnis zur Verlängerung der AuS- stellung nachzusuchen. Diesem Ersuchen ist stattgegeben worden. Die Ausstellung wird bis zum 26. d. M. geöffnet bleiben. Raubanfall auf Berliner Ausflügler. Ein dreister Ueberfall ist, wie nachträglich bekannt wird, am Sonntag auf zwei Bev- liner Damen in der Nähe von Schulzendorf verübt worden. Die Frau eines hiesigen Kaufmanns war mit ihrer 14jährigen Tochter nach Tegel gefahren und hatte von dort aus den neben der Chaussee herführenden Waldweg eingeschlagen. Als sich die Damen etwa 699 Meter von der Ortschaft befanden, wurden sie von einem Manne eingeholt, der ihnen schon geraume Zeit unauffällig ge- folgt war. Als Frau B. sich umwandte, stürzte der Fremde auf sie zu, warf sie zu Boden und würgte sie, indem er Portemonnaie und Schmucksachen zu rauben versuchte. Die Ueberfallcne setzte sich jedoch ganz energisch zur Wehr und auf die Hilferufe von Mutter und Tochter eilten mehrere Personen herbei, bei deren Annäherung der Täter in den Wald flüchtete, ohne irgendwelche Beute gemacht zu haben. Frau B. ist infolge des ausgestandenen Schreckens schwer erkrankt und mußte nach Berlin transportiert werden. Die nach dem Straßenräuber sofort aufgenommene Ver- folgung blieb leider erfolglos. Beim Angeln ertrunken ist der 12jährige Schüler Richard Keil. Ackerstr. 137. K. hatte am Mühlenfluh ans Tegeler Gebiet kleine Fische geangelt und in dem Augenblick, als er nachsehen wollte, ob ein Fisck angebissen habe, verlor er das Gleichgewicht, stürzte vorn- über und ertrank, bevor Hilfe zur Stelle sein konnte. Die Leiche des bedauernswerten Knaben konnte bald darauf gelandet werden. Als tollwutverdächtig in die Cbarite eingeliefert wurde die Frau des Dampferbesitzers Ziegler. Ans dem Dampfer des Z. hält sich als Wächter ein Hund aus, bei dem plötzlich die Tollwut zum Ausbruch kam. Das Tier brachte der Ehefrau des Besitzers Bisse bei. Die Verwundete wurde daraufhin sofort nach der Charit« gebracht, wo sie beobachtet werden wird. Ter Hund wurde getötet. AuS dem Polizcibericht. Der 7jäl)rige Sohn Kurt des Schlossers Albert Winkel aus Tegel wurde beim Uebcrschrciteu des Fahr- dammes vor dem Hause Wüllcrstr. 12 durch einen Straßenbahn» wagen umgerissen Ulfli etwa 6 Weter mitgeschleift. Sein Vater brachte ihn nach der VilfsKache in der Llndotver Straße, wo der Arzt mehrere Brüche des rechten Armes und Beines sowie Leisten- brüche feststellte und ihn nach Anlegung von Verbänden nach dem Rudolf-Virchow-Krankenhause transportieren lieh. Die Schuld trifft den Knaben selbst.— Beim Ueberschreiten des Fahrdammes vor dem Hause Badstr. 34 wurde der 8jährige Sohn Alfred des Schneidermeisters Stenzel von einer„Elektrischen" der Linie 35 umgerissen und erlitt neben Hautabschürfungen am Kopfe und im Gesicht einen doppelten Bruch des rechten Unterarmes.— In der Nacht zum Sonntag gegen 2 Uhr nahm der wohnungslose, 32 Jahre alte Handlungsgehilfe Wilhelm K., um seinem Leben ein Ende zu machen, auf der Straße mehrere Sublimatpillen und begab sich nach der Hiliswache in der Kommandantenstrahe. Nachdem man ihm Gegenmittel gegeben hatte, schaffte man ihn nach dem Urban- Krankenhause. Beweggrund: Nahrungssorgcn. Ein schweres Unwetter ging gestern abend in der achten Stund« über Berlin und die Um- goleang nieder. Kurz nach 7 Uhr überzog sich der Himmel mit Gewitterwolken und bald darauf zuckten vom Osten und Westen zu gleicher Zeit die Blitze auf. Ein wolkenbruchartiger Regen begleitete das Gewitter, das hauptsächlich in den östlichen und nordwestlichen Gegenden mit aller Macht entfesselt wurde. Ter Blitz schlug an zahlreichen Stellen ein. In Reinicken- d o r f wurde in der Kopenhagener Straße ein alter Mann vom Blitz getroffen und fast g ä n z l i ch gelähmt. In der König- straße traf ein Blitzstrahl einen Straßenbahnmast. Er zündete die LcitungSverbindung. In St e gl i tz wurde eine mächtige Eiche durch den Blitz mitten durchgespalten. In den östlichen Vororten schlug der Blitz mehrfach in Schornsteine ein. In einem Haus in der Friedrichstraße in Friedrichshagen wurde ein Blitz- strahl durch den Schornstein hindurch in die Küche geleitet und richtete dort Schaden an. Durch den niedergehenden Molkenbruch wurden in Berlin vielfach Ueberschwemmungen herbeigeführt. So wurde beispielsweise die Dorkstraße und der große Platz vor dem Bahn- hos Großgörschenstraße unter Wasser gesetzt.%m Norden drang das Wasser an mehreren Stellen bis auf die Bürgersteige und in die Kellerwohnungen ein. Die Feuerwehr wurde häufig alar. miert und mußte den bedrängten Bewohnern Hilfe leisten. Auch in den östlichen Vororten, so in Oberschöneweide, in Köpenick und in Johannisthal wurden erhebliche Ueberschwemmungen verursacht. Leim Baden ertrunken sind am Sonntag vormittag bei Hohen- Neuendorf in der Havel die Mechanikerlehrlinge Erich Liebert, Hussiten» straße 75, und Albert KasemirS, Luisenufer 55, beide bei den Eltern wohnhaft. Die jedenfalls des Schwimmens unkundigen jungen Leute badeten an einer tiefen Stelle. Ihre Hilferufe wurden zwar von einem sich in der Nähe aufhaltenden Angler gehört, doch war eine Rettung der beiden nicht mehr möglich. Nach zirka einer halben Stunde konnten die junge Leute nur noch als Leichen gelandet werden. Der Berein Arbeiter- Jugendheim hält heute abend 8'/, Uhr im Gewerkschaftshause seine erste Generalversamm- lung ab. in der u. a. ein Vortrag über die Bedeutung der Jugendheime für die Jugendbewegung auf der Tages- ordnung steht. ArbeiterbildungSschule. Der Kursus des Genossen Borchardt über »Einführung in den wissenschaftlichen Sozialismus" wird am Mitt- woch. den 15. Juni, fortgesetzt. Gesperrt ist die Jungfernbrücke vom 14. d. M. ab für Fuhrwerke und Reiter. Vorort- JVadmcbtem Schöneberg. AuS der Stadtverordnetenversammlung. Der Magistrat ist dem Beschluß, die Schulhöfe der 6./?., 10./11. und 12./18. Gemeinde- schulen als Spielplätze freizugeben, beigetreten. Zunächst sind die- selben versuchsweise während der Sommerferien, und zwar vom L. Juli bi» 8. August, von morgens g Uhr bis abends 9 Uhr so- Wohl für Erwachsene als für die Kinder zum Spielen geöffnet. Das Gelände des Rieselfeldes bei Ragow und Deutsch-Wuster. Hausen, daS eine Geländefläche von 14S Hektar und eine NutzungS- fläche von 126 Hektar umfaßt, soll planiert und durch Entwässe- rungsgräben und Zufuhrwege sowie Anlegung der Dämme für die Berieselung hergerichtet werden. ES sind hierfür 606 000 M. erforderlich. Die Vorlage wurde einem Ausschuß überwiesen, dem die Genossen Däumig und Wolframm angehören. Alsdann erfolgte die Beratung der Umwandlung einer Ober- lehrerstelle in eine Turn- und Zeichenlehrerstelle am Helmholtz- Realgymnasium und Errichtung einer Turn- und Zeichenlehrer. stelle am Werner-SiemenS-Realgymnasium. Die Debatte ging dahin, am Helmholtz-Gymnasium zum 1. Oktober d. I. einen Vorschul. lehrer mit Turnfakultatus, am Werner-SiemenS-Gymnasium einen Zeichenlehrer anzustellen. Ferner kam ein Brief des Direktors Thauret zur Verlesung, in dem mitgeteilt wird, daß, wenn die Oberlehrerstelle nicht eingezogen und die Einstellung einer tech- Nischen Kraft in seinem Sinne nicht genehmigt werde, er dann die ganze Angelegenheit als eine Kriegserklärung, veranlaßt von den Stadtverordneten Weise und Zobel, auffasse. Um dieses W�rk zustande zu bringen, hatte der Herr sämtliche Ober- lehrer zusammenberusen, die den Brief in seinem Auftrage abfassen mußten. Dieses Verhalten des Direktor» wurde scharf gerügt und demselben Mangel an Takt vorgeworfen. Bürgermeister Blan. k e n st e i n ersuchte, die Kriegserklärung nicht so scharf zu beur- teilen Genosse Molkenbuhr sprach sich für die Anträge der Direktoren aus mit der Bedingung, daß die Direktoren der höheren Lehranstalten für den Unterricht verantwortlich sind Wäre kein Turnlehrer vorhanden, dann müßte ein Oberlehrer die Turnstunden geben und diese Kraft ginge dann teilweise verloren, das Ver- halten des Direktors gefalle auch ihm nicht. Daraufhin wurde beschlossen, eine Oberlehrerstelle mit TurnfakultaS zu errichten. Zu dem AuSführungSentwurf für den Neubau des AlterS- und Siechenheims wurde beschlossen, daß von den 5 noch Süden be- legenen Zimmern mit je 10 Betten durch Abteilung 5 Zimmer mit je 2 Betten geschaffen werden sollen, von denen eins als Krankenzimmer in Aussicht zu nehmen ist. Ebenfalls ist ein Raum vorgesehen, in dem etwaige Leichen kurze Zeit aufbewahrt werden können. Des weiteren wird aus hygienischen Gründen das Gebäude um einen Meter gehoben und einige Tiefkeller ge- sckmffen.. Durch diese Vereinfachungen in der Ausgestaltung konnten 27 000 2Jk. erspart werden. Das Heim wird auf städti- schem Gelände in Deutsch-Wusterhausen aufgeführt und erfordert insgesamt 279 000 M., darsn sind die Kosten für die innere Ein- richtung mit 24 500 M. m,t enthalten. Um die Anlegung und Pflasterung der Siraßen am Stadtpark zu beschleunigen wurde beschlossen, mit den bäuerlichen Besitzern über die Freilegung zu verhandeln, sollten die Verhandlungen zu keinem befriedigenden Ergebnis führen, soll die Enteigung im Drinalichkeitsverfahren erfolgen. DaS Land, das zur Anlegung der Straßen gebraucht wird, soll spätestens bis zum 1. Oktober dieses Jahres geräumt werden. Eine dringende Notwendigteit. schon vor dem 1. Oktober vorzugehen, liegt nur für die den Stadt» park begrenzende Straße R. vor. Die Laubenkolonisten, mit Aus- nabme eines Pächters, bleiben im Besitz ihres Landes bis zum 1 Oktober, um alle unnütze Verbitterung zu vermeiden. Die Ausarbeitung eines neuen Rathausprojektes im Maßstabe 1: 200 gegen Zahlung von 6000 M. wird den Architekten Jürgensen und Bachmann in Charlottenburg übertragen. In den Ausschuß betreffs Ausschmückung des BarbaroffaplatzeS wurden die Genossen Hoffmann, Reiche und in den Ausschuß für Subvention an eine höhere Privatschule die Genossen Däumig und Obst gewählt. Hierauf folgte eine geheime Sitzung. Abhanden gekommen ist auf einem Neubau in der Jenaer Straße ein Anzug, in welchem sich u. a. ein auf den Namen K. Eckert, Barbarossastr. 10, ausgestelltes Verbandsbuch der Stukkateure Nr. 310/396, ein Merkbüchlein mit 64 Parteibons, eine Sammelliste für die Ferienkolonien Nr. 209, ein Notizbuch sowie ein auf den Namen Stallmann lautendes Wahlvereinsbuch befanden. Da mit den Büchern Unfug getrieben werden kann, werden diejenigen, die über den Verbleib dersellien Auskunft geben können, ersucht, dies in her Spedition bei Bäumler, Martin-Lutherstr. 51, mitzuteilen. Rixdors. Bcrschmähte Liebe trieb in der vergangenen Nacht den 28 Jahre alten Monteur Richard Kopp aus der Karlsgartenstraße 12, sich das Leben zu nehmen. Vor genanntem Hause schoß er eine Revolver- kugel ab, traf sich aber nur in den linken Oberarm. Die Netlungs- wache in der Steinmetzstraße legte ihm einen Verband an. Wilmersdorf. Wie notwendig die Erbauung eines Krankenhauses am Orte ist, zeigte sich wieder einmal so recht am Montagabend. Der 7 Jahre alte Sohn des Steinmetzmeisters Leopold, Berliner Str. 105, war nach Feierabend unbeaufsichtigt in die Werkstatt gegangen. Un- glücklicherweise fiel dem Knaben ein großer Sandstein auf den rechten Fuß, wodurch derselbe schwer verletzt wurde. Ein telcphonisch herbei- gerufener Arzt legte dem Knaben einen Notverband an und be- stimmte hierauf die Ueberführung des Verletzten in ein Krankenhaus. Wie uns nun mitgeteilt wird, soll es jedoch nicht so leicht gewesen sein, den Knaben unterzubringen. Telephonische Anfragen an die Krankenhäuser in Groß-Lichterfelde. Britz, sowie das Elisabeth- Krankenhaus sollen alle mit:„Alles besetzt I" beantwortet worden sein. Als wegen vorhandener Lebensgefahr der Arzt persönlich noch einmal an das Elisabeth-Krankenhaus telephonierte und betonte, daß die Eltern des Knaben bezahlen, war Platz vorhanden. Fälle, wie der vorliegende, sind keine Einzelheit. An solchen Vorkommnissen mag die bürgerliche Stadtverwaltung ermessen, welcher Pflicht- Vergessenheit sie sich bisher schuldig gemacht hat, eine zirka 100 000 Einwohner zählende Stadt ohne Krankenhaus zu lassen. Tempelhof-Mariendorf. Kinderunterhaltungsspicle werden auch in diesem Jahre wieder unter Leitung von Mitgliedern der»Freien Tlirnerschaft Tempelhof- Mariendorf" in den Vormittagsstunden der kommenden Sonntage veranstaltet und zwar vom Sonntag, den 19. d. M. ab auf dem Spielplatz des Turnvereins in Mariendorf, Ecke Kurfürsten- und Schwerinstraße. Die Spielzeit ist festgesetzt von 9 bis>/zl2 Uhr. Treffpunkte sind: Tempelhof'/z9 Uhr Ecke Dorf- und Berliner Straße,>/,9 Uhr Ecke Friedrich-Karl- und Berliner Straße; Mariendorf Uhr Dorfstraße nehmigung des Hosmarschallamts gepflastert werden. Die Behand> lung einer Vorlage, die schon zweimal aus der Tagesordnung stand und jedesmal abgesetzt wurde, ohne datz die Stadtverordneten informiert worden sind, gab dem Stadtverordneten Kennes Veranlassung, für größere und wichtigere Vorlagen erste und zweite Lesungen zu verlangen. So wüßten die Mehrzahl der Stadtverordneten gar nichts, erhielten die Beschlüffe der Finanz kcmmisston kurz vorgetragen und mühten dann ohne genügende In- formation zustimmen. Der Vorsteher verwahrte, sich gegen die Kritik seiner Geschäsissührung. die durch die Geschäftsordnung begründet sei.(Die Finanzkommissio», der ein Drittel der Versammlung an- gehört, erledigt die Vorlagen selbständig; die übrigen Mitglieder können kaum, mangels jeder Information, in die Debatte eingreisen. Do besondere Fraktionen nicht bestehen, in denen die Vorlagen be sprachen werden könnten, kann man auch verstehen, warum gerade die Mitglieder der Finanzkommission dagegen sind, datz die Ersatz Wohle» für erledigte Mandate stattfinden.)— Für den Ankauf des .Luisenhofes" von der Frau Kommerzienrat Rösicke zum Preise von 800 000 M. und eines Grundstückes in der Brandenburger Borstadt wurde eine besondere Kommission eingesetzt. Der Stadtverordnete Neuber hat bei dem Bau der Kronprinzenstratze Unregelmätzigkeiten beobachtet, die sofort vom Stadlbaurat geprüft werden sollen DaS IS. Stiftungsfest deS Wahlvereins findet nach Beschlutz der letzten Versammlung am Sonntag, den 31. Juli, statt. Die vom Kassierer gegebene Abrechnung für das 1. Quartal wies an Ein- nahmen 700, SS M. und an Ausgaben 345,64 M. auf. Nach einem Bortrage des Genossen Giebcl-Berlin über»Die Genossenschaften und die Arbeiter" beschlotz die Versammlung, in Zukunft bei allen Wahl- Vereinsversammlungen eine Kontrolle der Mitgliedsbücher stattfinden zu lassen. Eine Aufbesserung der Gehälter der städtischen Beamten ist in Aussicht genommen. Vom Bürgermeister bis �um Kanzlisten und Bureaudiencr sollen Zulagen, vor allem ein erhöhter Wohnungsgeld- zuschuh gewährt werden. Die Kosten betragen 30 000 M. Die Be- amten der einzelnen Betriebsverwaltungen sSchlachlhof, Elektrizität»- werk usw.) sind nicht mit einbegriffen. Hier sollen die Leiter erst Vorschläge machen. Für die städtischen Arbeiter bringt die Bor- läge nichts. Die Arbeiter existieren einfach nicht bei der Frage der Gehaltsaufbesserung.;_ Jugendveranstaltungen. Freie Jugendorganisation Weiftensee. Donneritag. den 1«. Juni, sindcl die sSMa« MonatSverfammIung im Lokal« von A. Weber, Friedrich- strotze 37, slatt. Der wichiiaen Tagesordnung halber ist das Erscheinen sämtlicher Kollegen nötig. Gäste herzlich willkommen. Verrnilcbtes. Die Metterkataftroplie im Hbrtal. Etwa 200 Menschen verunglückt. Die am Sonntag und Montag über das Ahrtal niedergegangenen Unwetter haben das ganze Gebiet in beispielloser Weise verwüstet. Nach den neueren Feststellungen schätzt man die Zahl der bei der Katastrophe ums Leben Gekommenen auf ca. 200. Genauere Fest- stellungen sind zur Zeit nicht möglich, da das ganze Ahrtal noch durch Hochwasser überschwemmt ist. fast sämtliche Brücken durch die zu reibenden Strömen gewogenen Bäche niedergerissen wurden und ebenso auch die Telephon- und Telegraphenverbindungen zerstört worden sind. Jede» neue Telegramm vergrötzert die Zahl der Ber- unglückten. Der Sachschaden wird auf viele Millionen Mark geschätzt. Ueber den Umfang der Katastrophe melden die nach- folgenden Depeschen: Köln, 14. Juni(Privatdepesche unseres Korrespondenten). Nachdem das Ahrhochwasser nunmehr langsam zurück- geht und die Rettungsmannschaften sich über die unter- wühlten und zerstörten Chausseen mühsam ihren Weg zu den vom Unwetter getroffenen Dörfern bahnen können, läßt sich erst erkennen, welch unermeßliches Unglück die Wolkenbrüche über das blühende Ahrtal gebracht haben. Einzelne Dörfer ind völlig verwüstet, von den Häusern stehen nur die lmfassungsmauern. Im Orte Fuchshofen ist die g e- amte Einwohnerschaft bis auf sechs Per- onen ertrunken. Fortgesetzt landet man an den verschiedensten Stellen nur teilweise bekleidete Leichen. Zahlreiche Leichen liegen zwischen dem Geröll versteckt, so datz ihre Bergung nur schwierig zu bewirken ist. Das ganze Ahrtal bildet ein einziges Stein- g e r ö l l. Entsetzlicher Geruch steigt ans dem Wasser auf, das mit dem Carbid gemischt ist, das für die Beleuchtung der Ort- schaften diente. Im oberen Ahrtal sind die Chausseen und Straßen bedeckt mit Betten, Möbeln, Haus- gerätschaftenundKleidungsstücken. Ein ganzer Eisenbahnzug liegt im Wasser. Der Schaden ist unberechenbar. Durch die Zerstörung der Beleuchtungsanlagen sind zahlreiche Städte ohne Licht. Zur Hilfeleistung sind große Truppenabteilungen abkommandiert. Die Zahl der ver- mißten Personen wird auf etwa 200 angegeben. Ahrweiler, 14. Juni. Eine Kantine mit italienischen Arbeitern wurde weggeschwemmt. Ueber den Verbleib der Leute hat man keinen festen Anhaltspunkt. Etwa 15 von ihnen sind als Leichen gelandet worden. Weiter sind etwa acht Leichen von Kindern und Erwachsenen aus der Gegend des Unwetters angeschwemmt worden. Es werden vermißt 87 Personen, doch ist nicht ausgeschlossen, daß sich verschiedene wiederfinden werden. Die an- getriebenen Leichen sind ganz nackt, da sie im Schlafe von dem Un- weiter überrascht wurden. Weiter wiesen sie starke Wunden auf. DaS Wasser ist gestern gegen Abend um weitere 2 Meter gefallen. Die Gewalt des Wassers war so stark, datz im Tunnel von Altenahr, durch den das Wasser sich einen Weg bahnte, eine Schlucht von etwa 20 Meter Tiefe in den Boden gerissen wurde. Pioniere und Infanterie sind bereits tätig, um die eingestürzten Brücken, etwa 20, durch Notbrücken zu ersetzen. Mit einiger Gefahr ist der Wagenverkehr bis Rech möglich. Der Eisenbahn verkehr ist in der Nacht bei Walporzheim wieder aufgenommen worden. Altenahr, 14. Juni. Bis heute mittag sind 34 Leichen ge landet. Das Wasser fällt. Adenau, 14. Juni. Von zuständiger Seite wird die Zahl der Getöteten im Kreise Adenau auf mindestens 50 geschätzt Der mittlere Teil des OrteS Adenau stand ganz unter Wasser, daS bei manchen Häusern bis zum ersten Stockwerk reichte. Die vor 0 Monaten begonnenen Arbeiten an dem Bau der Strecke Remagen— Lissendorf sind fast ganz zerstört. Schuld(Ahrtal), 14. Juni. Bis 8 Uhr nachmittags find 49 Tote ans Land gespült worden. Nach den Listen der Arbeitunternehmer befürchtet man, datz 70 Arbeiter umge kommen sind. Gerolstein, 14. Juni. Im Eifeldorf Pelm stieg das Wasser in den Strotzen infolge eines Wolkenbruches einen Meter hoch. Zwei Arbeiter sind ertrunken. Brück an der Ahr, 14. Juni. In der hiesigen Bürgermeisterei sind infolge der Wetterkatastrophe zwei Menschen umgekommen. Auch im südlichen Deutschland sowie in O e st e r r e i ch ist durch niedergegangene Wolkenbrüche Hoch- wasser entstanden. Tclegraphische Meldungen berichten darüber folgendes: Garuiisch, 14. Juni. In vergangener Nacht ging über Garmisch« Partcnkirchen ein schweres Unwetter mit wolkenbruchartigem Regen nieder. Die Loisach und Partnach sind über die Ufer getreten. Die niedrig gelegenen Teile beider Orte sind überschwemmt. Der Bahnhof steht unter Wasser. Eine amtliche Bekanntmachung besagt: Der Gesamtverkehr auf der Strecke Mnrnau— Garmisch mutzte heute früh eingestellt werden, die Strecke ist auch bei der Station Oberau unter- krochen. Oberammergau, 14. Juni. Der Bah»verkehr ist laut einer Mitteilung der Lolalbahnstation infolge des Hochwassers unter- brachen. Wie», 14. Juni. Das Unwetter, von welchem Wien und Um- gebung gestern heimgesucht worden ist, war eines der schwersten, welches hier je gesehen wurde. Der wolkenbrnchartige Regen setzte die tiefer gelegenen Teile der Stadt unter Wasser, so datz die Bewohner dieser Stadtteile von der Feuerwehr in Sicher- heit gebracht werden muhten. Auf einem im Donaukanal veranlerten Steinschiss wurde ein Mann durch den Sturm von der Brücke heruntergerissen und ertrank, Ein zweiter konnte ge- rettet werden. Auch aus Steiermark, sowie au» dem R a x- und Semeringgebiet werden schwere Unwetter gemeldet. Zahl- reiche Ortschaften st ehe» unter Wasser. Infolge Damm- rutsch mutzten mehrere Bahnlinien den Betrieb einstellen. Mehrere Personen sind getötet oder verletzt worden. Der durch Ueberschwemmung verursachte Schaden an Gebäuden und Kultur ist sehr bedeutend. Innsbruck, 14. Juni. Aus vielen Teilen Nordtirols laufen Hiobspostcn über Hochwasser und M uhrbrüche ein. Alle Flüsse sind in rapidem Steigen begriffen. Die Stubaitalbahn hat wegen Erdrutsches beim JnnSbrucker Elektrizitätswerk den Berkehr eingestellt. Der Regen dauert unverändert an. Die Hilfsaktion. Die preutzischen Ministerien deS Innern und der Landwirtschaft haben beschlossen, eine Kommission in die Weingebiete deS Rheins und der Mosel zu entsenden, um die durch daS Un- Wetter der letzten Wochen verursachlen Schäden festzustellen. Nach Matzgabe der Schäden sollen den betreffenden Winzern Staats- b e i h i l f e n zur Anlegung neuer Anpflanzungen sowie eine Eni- schädigung der ausgefallene» Ernte gewährt werden. Bei der Gelegenheit will der Staat auch eine alte Schuld begleichen. Am 20. Mai 1S0S gerieten infolge eines außerordentlich heftigen Wolken- bruches in der Nähe von Trier ganze Weinabhänge in Bewegung und stürzten zum grotzen Teil in die Mosel. Auch diese Schäden sollen jetzt festgestellt und durch Geldspenden nach Möglichkeit gut gemacht werden. In den rheinischen Zeitungen werden Sammlungen zu- gunsten der durch die letzten Unwetter Betroffenen eröffnet. Erdbeben in Snditalien. In Reggio di Calabria, Myleto und G a l l i n a wurde in der Nacht zum Dienstag ein heftiger Erdstoß ver« spürt. Ein zweiter starker Erdstoß wurde Dienstagvormittag lO'/z Uhr in Messina und G a l l i n a wahrgenommen. Ueberall entstand eine Panik. Schaden ist jedoch nicht angerichtet worden. Eine sonderbare Wette. Den Rekord komischer Wetten hält zweifellos der Münchener Athlet und Modellsteher HanS Ritter. Er will mit einem Zentner Malz auf dem Rücken den Weg von München nach der Brüsseler Weltausstellung— 1180 Kilonieter— zu Fuh zurücklegen. Die Reise hat der sonderbare Schwärmer bereits angetreten. Schiffskatastrophe. Ein schweres Schiffsunglück ereignete sich, wie ein Kabel- telegramm aus W i l l e m st a d meldet, in der Nähe der Insel C u r a c a o an der Nordspitze von Südamerika. Auf einer Passagierfahrt scheiterte der Regierungsdampfer „van Herat"; sämtliche Passagiere und die g e- s a m t e Mannschaft fanden mit Ausnahme von fünf Personen in den Wellen ihren Tod. Unter den Ertrunkenen befindet sich auch der Gouverneur von Buenos-AireS. Ein neuer Höhenrekord. Der amerikanische Aviatiker Walter B r o r k i n S stieg in Indianapolis mit einem Wrightschen Zweidecker auf und er« reichte bei seinem Fluge eine Höhe von 1500 Meter. Er hat damit de» bisher von Paulhan gehaltenen Höhenrekord um zirka 70 Meter üllerboten._ Kleine Notizen. Zur Löschung eines umfangreichen Waldbrandes in der Gegend von Mehlsdorf wurde die gesamte Mannschaft deS Truppen- Übungsplatzes Jüterbog aufgeboten. ES gelang, den Brand nach drei Stunden zum Stehen zu bringen; der im Waldbestande an« gerichtete Schaden ist sehr groß. Ein Toter geborgen. Von den bei dem Pfeilerbruch auf der Zeche.Konsolidation" bei Gelsenkirchen verschütteten Arbeitern wurde am Montagabend einer als Lerche unter den Trümmern hervorgezogen. Eiseniahnunfälle. Auf ber Station Grotz-Wardein (Ungarn) stießen zwei Lastzüge zusammen. Vier Bahnbeamte wurden getötet, mehrere Personen sind schwer verletzt.— Auf der Station K ö f f l a ch e r Bahnhof(Steiermark) stieß ein Personen- zug mit einer Maschine zusammen. Mehrere Reisende wurden )ch wer verletzt, andere kamen mit leichteren Verletzungen davon. Unterschleife städtischer Beamten. Bei den Einnahmen des Kartenverkaufs zum Budapester Flugmeeting wurden Ver« untreuungen in Höhe von 200 OOOKronen entdeckt. Mehrere städtisch« Beamte wurden verhaftet. Weitere Verhaftungen stehen bevor. Lese- und Diökutierklub„Süd-Ost". Heute Mttwoch, abends 8'/, Uhr, bei Neidhardt, Görlitzer Stratze 58: Mitgliederversammlung. Vortrag über Sozialismus und Anarchismus. Gäste willkommen. Sozialdemokrattscher Lese- und Diskutierklub„Heine". Heut« abend ß1/, Uhr: Sitzung bei Bolz«, Rodenbergstratze 8. Gäste willkommen. Arbeiter< Wanderverein„Berlin". Heute abend B'l, Uhr, Versammlung bei Wählijch, Stalitzerstr. 22. Amtlicher Marktbericht der städtischen Markthallen-Dtrettton flder den Grotzhandel in den Zentral-Marktballen. Marktlage: Fleisch: Zusuhr genügend, Geschäst ruhig. Preise unverändert. Wild: Zufuhr genügend, Gelchäst rege, Preise vesriedigend. Geflügel: Zufuhr ge» nügcnd, Geschäst etwas lebhast, Preise befriedigend. Fische: Zusuhr mätzig, Keichäit ruhig, Preise anziehend. Butter und Käie: Geschäft ruhig, Preise unverändert. Gemüse, Obst und Südfrüchte: Zu- fuhr reichlich, Geschäft schleppend, Gurken schwer verkäuflich, Preise gedruckt. Bekanntmachung. 8. Nachtrag zu dem Kassenstatut der Ortskranken. laste für den Amtsbezirk Tegel mit Ausschluß von Plötzensee vom IS. Oktober 1303 18. Januar 1204. 8 42 erhält in der vierlen Zeile hinter un- entgeltlich folgenden Zusatz: Für den durch Wahrnehmung ber BorstandSgeschäste ihnen erwachsenden Zeitverlust und entgehenden Arbeits- verdienst erhalten sie jedoch sür jede Sitzung sowie Kassenrevision, an welcher sie teilnehmen, eine Eni- schädigung von 1 Mark. Tegel, den 25. April 1910. Der Vorstand. Otwald Arlt, Wilhelm Pahlo«, Borsitzcnder. Schrijtjübrer. I. P. 3827. I. P. 4238. B. 7099. Genehmigt BotSdam, den 28. Mai 1910. (Siegel.) Namens des Bezirksausschusses Der Vorstbende. In Veriretun��Joachiwt. Veröstcnilicht gemäß§ 67 des Kastenslaiut». Tegel, den 13. Juni 1910. Der Borstand. Oswald Arlt, Wilhelm Pahlow, Vorsitzender. Schriftführer. Dr. Simmel Spezlal-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, ÄÄ 10—2, 5—7. Sonntags 10—12, 2— 4 Verleih-Instltat: Friedrichs». 1 1S/I, a.Orabg. "Tor. Elcg. Frack, Gchrock 1.50, Hos« 1.00. West« bOPfl I Mark wöchenflietiB Teilzaiilungen liefere elegante (ertiga Ersatz für MaB. 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Waren-Konto..... 18 917,10 Kassa-Konto...... 94,66 Wechsel-Konto..... 1 827,70 Bank-Konto..... 7 933,69 Debitoren-Konto.... 16 172,20 Gewinn- u. Verlust-Konto 4 656,82 La. tzö 081� Die Mitgllederzahl betrug 7, 31. Dezember 1209- 5� Betrag der Paaalva. M Unkosten-Konto.... 1 000,— Gesellschasts.KaPital-Kcnto ISO,— Reserve-Konto..... 1 460,33 Darlehns-Konto.... 26812,36 Kreditoren-Konto... 24 963,64 Akzept-Kontc..... 702.19 La. ki&S.Sji ausgetreten 2, Mitgliederzabl am Haftsumme 150 M. Da» GeschästS- guthaben beträgt 150 M., eS hat sich um 60 M. vermindert. vor Vorstand. Kedatng. 31. Lehmann. 105/16 Nor durch eanas.hervorragcnd(eine Qualität bat der Kapitän- Kautabak seinen guten Huf erhalten. Der echte Kapltttn-Kantabak(gesetzlich geschätzt) wird nur noch in Gdkctten verpackt zum 10 Pfennig- Verkauf geliefert(in Bollen und Bündel). Unverpackte Ware i»t, well unecht, znrdckznwetaen. Zu haben in Zigarrengeschäften usw., wo auch kleine Friemdosen gratis erhältlich sind. Vertrieb: Carl Köcker, Berlin, Grüner Weg 112. —— Amt 7, 3861.—— Verein Jlrbeiter-Jngendheitn. MittVoch, den 15. Juni, llbkllds 8V2 Uhr, im GemerKschastshause, Eugelnftr 15 CW): MZtAlie«Ier-VersamniluiiK. TageS-Ordnung: 1. Vortrag über„Die Bedentung des Jugendheims für die Jugendbewegung". Referent: Wilhelm Schenk. 2. Geschäftsbericht. 3. Diskussion. engr Mitgliedskarte legitimiert I'W3 _ Um zahlreiche Beteiligung ersucht_ Der Vorstand. I. H.: Dr. Kurl Rosenfeld. Zentral-Verband der Zimmerer Zahlftelle ßerlin und Omgcgcnd.. Am Mittwoch, den 15., und Donnerstag, den 16. Juni 1910, abends 8V2 Uhr, finden im Berliner Lohngebiet 32 ßezlrhS'Qertanroluogeo statt. Tages-Ordnung: 254/14 Die Sinipngsverhandlnngen im Saugewerbe. Referenten die Kameraden: vittinsnn, I?. Engelhardt, Geschke, Golze, Hauffe, Hinrichsen, Kabifzki, Klante, Klossowski, Licht, SchSnbeck, Schröder, H. Schultz, K. Schulz, P. Schulze, Wellsow, Witt, Ziege. Näheres, die Versammlungslokale betreffend, ist durch Handzettel bekannt gemacht. Alle in Berlin und den Vororten beschäftigten Zentralverbands- Mitglieder werden hiermit nochmals aufgefordert, in diesen Versammlungen bestimmt zn erscheinen. Der Vorstand. Todes- Anselge. Hm 13. Juni entschlief nach sehr langen Leiden im 20. Lebens» jähre unsere liebe Kollegin Uescken Alex. Ehre ihrem Andenlen l l>ieIlo!Iegi'i!!i.i!.lM-liezi!ll8M FuBstation. 58552 Danksagung. Für die herzliche Teilnahme bei der Beerdigung meiner lieben, unvergeßlichen Frau, unserer guten Mutter, Großmutter. Schwieger» mutter und Schwester ?au!me Lebender geb. Wlttbe sage Ich hiermit allen Verwandten, Bekannten, Kollegen und dem Fuhr» Herren» Verein.Einigkeit' meinen innigsten Dank. Der trauernde Gatte Konrad Lebender uebst Kinder. Danksagung. Für die vielen Beweise inniger Teilnahme, die uns von allen Ver» wandten, Kollegen, Freunden, Be» kannten, sowie den Parteigenosten und dem Gesangverein Immergrün am Grabe unseres geliebten Vaters «nstav Kolle zu teil geworden find, sprechen wir auf diesem Wege unseren tiesgesühlten Dank aus. Tegel b. Berlin, 15. Juni 1310. Die trauernden Kinder Panl nnd Frida Kolle. (J Haben Sie Stoff? Arne PromtnadcS.U.( Sldtb. Börse). •O V Zweigverrin Berlin und Umgegend.(Sektion der Dtaker.) �cdtunx! Staker. Achtung! Donnerstag, den 16. Juni 1910, abends S'/a Uhr Aierssdüntliciie Mitglieder-Versammlung in Auton BökerS Fcstfälen, Weberftrahe 17. TageS-Ordnung: 1. Sind die Staker gewillt, den Beschlnst der Mitglieder-Ber- sammlung vom S. Juni aufrrchtzucrhaltcn? Referent: Kollege Karl Gräber. 2. Diskussion. 30/2' Wegen der Wichtigkeit der Tagesordnung erwarten wir vollzähliges Er« scheinen der Kollegen. Die Bauhandwerter werden ersucht, die Staker aus diese Versammlung aufmerksam zu machen. Der Zweigvereinsvorstand. tauen-, Jugend« und Schüler» stähl. Badeanstalt Mühlen» ooch, Freitag 7 Uhr: Frauen-, Mädchen-, g, Freitag 7 Uhr, Seebad Reinickendorf. f." Männer-Abt. Montag. Donnerstag Ardeller-LedÄlmmer-Lllod. 1. Krei8(Brandenburg) Uebungsstunden der Vereine. Schwimmklub„Welle". Männer». Frau Abteilung. Mittwochs 7 Uhr, Sonntags 10 Uhr. ftraße 50. „Hieptmi" 1894. Jeden Abend(außer Sonnabend und Sonntag) t> Uhr. Rummeisburger Seebad, Ruvunclsburg. Hauptstraße. „Freiheit." Wontag und Donnerstag 7—8'/, Uhr, VolkSbadeanstalt, Oberberger Str. 57—53. „Vord." Männer-Wt. Mittwoch Jugend» und Schüler-Abt. Dienstag, g „Uerllo-llelnlehendorr." Männer-Abt. Montag, Donnerstag 7 Uhr, Jugend« und Schüler» Wt. Dienstag, Freitag 7 Uhr, Seebad Reinickendorf. „Vorwärts", Ober-Schöneweide. Montag, Donnerstag 7 Uhr, Sonntag 3—11 Uhr, Badeanstalt W. Müller, Rieder-Schönewetde. „Vorwärts", Ripdorf. Männer« und Jugend-Abt. Dienstag, e rettag 7 Uhr, Schüler-Abt. Montag, Donnerstag S Uhr, Badeanstall von . Körte, Canner Chaussee 12. „UaincnschwimniTerelii Rlxdort." Jeden Abend f außer Mittwoch und Sonnabend) ö Uhr, Badeanstatt von I. Körte, Eanner Chaustee 12. � „Freie Schwimmer", Charlotten bürg. Männer«, Jugend» und Schüler, Abt. Mttwoch 7 Uhr, Volksbadeanstalt Krummestr. 10, Freitag 7 Uhr, Kochfee; Frauen« und Mädchen-Abteilung Dienstag, Freitag 7 Uhr, Kochsee. „üelphlii", Tegel. Männer-, Jugend- u. Schüler-Abt. Dienstag, Mittwoch, Frettag, Sonnabend 6 Uhr, Frauen- und Madchen-Abt. Montag, Donnerstag S Uhr, Badeanstalt von E. Pieper.. �„ „Xeptnn", Wetftensee. Männer«, Jugend- und Schüler-Abteilung Dienstag, Freitag 7 Uhr, Sonntag 10 Uhr; Frauen- und Mädchen-Abt. Dienstag, Freitag 7 Uhr, Seebad Weißensee. Jeden Sonntag Nuderübung der NettungZwache._ 286/8* Bestellungen nnd Anfragen, die Rettungswache des Kreises betreffend, sind zu richten an F. Menschel, Weißensee, Röttestr. 12». Der«reisvorstaud. Auf zur Stichwahl! Alle in Berlin und Umgegend arbeitenden des bw Reichstagswähler Wahlkreises Ileckermnnde-Usedom-Wollin ersuchen wir dringend, sich am Freitag, den 17. Jnni, in ihren Heimats« ort zu begeben und ihr Wahlrecht auszuüben. Der Sieg am 17. Juni muh unser sei». DaS sozialdemokratische Wahlkomitee. I. A.: Panl Steiuföhr. Am 13. Juni, abends'/,10 Uhr, verstarb nach langem, schwerem Leiden mein lieber Mann, unser treusorgender Vater, der Schrisi. setzer 25S8b ftlelfried Geyh im 51. Lebensjahre. Frau Martha Geyh nebst Kindern. Die Beerdigung findet am Freitag, nachmittags 5 Ubr, aus dem städttschen Friedhos in Friedrichsselde statt. Vgsbgnl! der Schneider, Schneiderinnen u. Wäsche- arbeiter Deutschi. �°, Die Beerdigung des Kollegen Frliz, Roll findet am 15. Juni, mittags 2 Uhr, von der Halle des Zentral-Fried» hoseS zu Friedrichsselde auS statt. vis Orttverwaltung. Für Cetlno Danksagung. die vielen Beweise herzllcher Teilnahme und die vielen Kranz- spenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes und Bruders kllsls? Müller sagen wir allen Verwandten und Be» kannten, insbesondere den Kollegen und Kolleginnen der A. E.-G., Abt. Kuhrock und Elcrmont, Abt. Kirsten und Abt. Prefferei unseren innigsten Dank. Im Namen der trauernden Hinter- blkbenen 25436 Witwe E. Müller. Danksagung. Allen Verwandten, Freunden und Bekannten, dem Wahlverein Treptow- Baumschulenweg, dem Metallarbeiter. verband, dem Angelerverein.Gut Biß', sowie den Kollegen der Firma Paß u. Stange, den Kollegen der Firm Streß für die vielen Beweise der Teilnahme bei der Beerdigung unseres unvergeßlichen Sohnes IBax Biihm unseren herzlichsten Dank. Albert Böhm und Frau, W. Schmidt, Helene Schmidt geb. Bihm. Kredit Monatl. 10 M. liefere eleg. Herrengarderobe ».Maß(billigste Preise) ii» Kasse 10 Rroz. Rabatt beabsichtige jetzt . stlM-limMIm«. ganzes loger.. 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Bitte zum Maßnehmen um Ihren Besuch, da keine Vertretung. Ein Versuch sührtz.daucrnd.Kundschast. l-ndwlft Fngel, Prenzlauer Str. 23. Ii, Alcrandcrpintz. Gegr. 1832. Siehe auch Adreßbuch I.Tett, 1310, Seite 552, unter E. 63/14 Tucbreste-'p)." Hosen spottbillig I Neueste Muster I J Sande verliefen. Daß die Angeklagten Unter- schlagungen machten, habe niemand vermutet. Auch dieser Sach- verständige hält die Angeklagten, mit Ausnahme von Bannicke, für Kirchcnbeamte, Bangicke sei nur Angestellter gewesen.— Rechtsanwalt Beier: Hat jemals, eine Gencralrevision der sogenannten Kontrollvlätter stattgefunden�— Sachverst. Schultz: Nein; bei dem großen Material hätten doch nur Stichproben vorgenommen werden können und würde es dann auch nur dem Zufall zu danken sein, wenn man dabei auf eine Unregelmäßigkeit stieh. Es handelt sich um 2V0 000 Kontrvllblätter. Auch.nach den jetzt in Frage stehenden Unterschlagungen hat eine Gencralrevision aus technischen Gründen nicht stattgefunden- Die?A Einzelsälle, die den Angeklagten zur Last fallen, werden dann durchgenommen. Die Angeklagten gestanden sie eim Es erübrigte sich doshalb eine weitere Beweisaufnahme hierüber. Es sind nur noch einige Urkunde« zu verlesen und seitens des Medizinalrats Dr. Hofsmann ein Gutachten über den Geistes- zustand des Angeklagten Bannicke zu erstatten. Um dem Sachver- ständigen die genügende Zeit zur Beobachtung und Untersuchung zu lassen, wurde die Beratung auf Freitag 9 Uhr' vertagt. < Lrlefkststen c!eu RedalitioM. wrifttl», etmiiiftinitit find«, Sinbtnftraft« Vit. 09, vorn vier Trevv.n—» I> r tt» l, I—, Ivochenmalicl! vp»4'/> vi» 7'ü Uvr abendS, SoiiliobcndS von i'h biS 0»he nachmitiaaS ktotl. Acder iflnfrage ist .»I>v»,t>stab,»nd eine Bnhl als Merkzeichen bei�ilsiigc».>!iriefliche Zlniwori wird nicht erteilt. Eilige girngeu»raoe man in der Evrcch- stunde vor. Ltickenwalde. Adresse»nS nicht bekannt. Adressen Sie doch an die„W."! — 6. R. 10. Eine Absindung für die Mililärpension ist unzulässig, Dagegen kann eine Absindung iiir die Unsallrente gezahlt werden, wenn diese nicht mehr als 15 Proz. der Vollrcntc beträgst Der Antrag ist an die BernfSgonoffenichasl zu richten.®tr raten von der Stellung eines lolchen AnirageS ab, da durch die Absindung Jbre gesamten Rechte, auch für- den stall der Verschlimmerung aus Erhöhung der Rente, untergehen.— M. L. l!7. Ihre Frau hallen wir für verstcherungspflichtig. Für den Weigerungsfall ist eine Mitteilung an die LandeSoersichernngsanstalt an- gebracht.— P. G, Bant. Auch der Erlast des SlnSschlusturteilS must beantragt Wersten. Lassen Sie vom Geburtsort eine Bescheinigung über die Dauer der Anwesenheit an demselben erteilen, die Sie dem Amis- gcricht einreichen. Ist auch diese Bescheinigung nicht zu erreichen, so testen Sie das dem Amtsgericht igit.— G. 3. 89. General-Feldmarschall.— «vikteriingauvrriilv» vom 14. Jnni 191«, morgens 8 Uftr. etattonen Swmenidr\ 759 Still öamöurg 760 WA© Berlin 755 NO strantf.a M �753 NO München! 757 NA Wien!?5SSSO lhalbbd 3 bedeckt 2 bedeckt 4 Dunst ii bedeckt 1 bedeckt öavaranda! 765 S�, Petersburg 76g SO Scillh Äberdee» Pari» 763 NNW 764 NNW 764 NNW Wctrrrvrognose fiir Vielfach heiter, wieder sehr etwas Neigung zu Gewittern. Vetter Lwolkenl! 16 I halb bst. 21 2 heiter 3 bedeckt 3 bedeckt Mittwoch, den 15. Juni 1910. warm bei mästigcn südöstlichen Winden und Berliner W e t t e r b u r e a u. ivasscrstanbs-Nncstr« ckiten Wasserstand Kemel. TUst» P r e g e l, Jnlierbiwg Weichsel. Thorn Oder, Ratibox . Krassen . Franlmrt Warthe, Schrimm , LandSberg Netze, Vorkamm Elbe, Leitmeritz , Dresden , Bardo , Magdeburg -st bedeutet Wuchs,— Fall. Untervegel. Ein neuer Weg ■m ■'fc&äfXjC v.>,".iK zu einer guten Fleischbrühe: Ein Aufguß kochenden Wassers auf einen OXO Bouillon- Würfel der Comp»? Liebig.— Preis 5 Pf. 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