Kr. 143. Hbonncments-Bcdingun�n: BSonnfmenl«« PreiA Jjtflmimcrtmbo S BirrtcljabtL 8�n Mi., monatl. 1,10 Ml.. n-öchmilich 2» Pift. frei ins Haus. Einzelne Rumuier S Pfg. Sonnlags- nuinmer mi! illultrierter EonnlaoS- Beilage.Die Neue Well" 10 Pfg. Post- tlbonnemenl: 1.10 Mari pro Monai. Eingelragen in die Posi.Zeiiunas. Preislisle. Unler Kreuzband für Deulschland und Oesterreich. Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland S Marl pro Monat. PostabonnenrenlS nehmen an: Belgien. Düneniari, Holland. Jlalien. Luxemburg. Portugal, Siuoiüuien, Echwed n und die Schweiz. 87. Jahrg. CrfOtlBt Ugilch außer Dtootasi. t?* Verlinev Volksblntt. Die TnfertlonS'Gebflffr BehSgt für die fechSgefpaltene Kolonef- jeile oder deren Raum so Pfg.. für polilifche und gewerkschaftliche Vereins- und LerfammlungS-Anzeigen S0 Pfg. „Kleine Hnrelgen", das erste(feil- gedruckte) Wort 20 Psg., lebe« weitere "gort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- st-llen-Anzeigen daS erste Wort 10 Pfg. jedes weitere Wort 5 Psg. Worte über lo Buchstaben zählen für zwei«orte. Inserate für die nächste Nummer müssen vi» S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist vis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm. Adrefle: «SsglitllUlilslint Berlin' Zcntralorgan der rozialdcmokrattfchcn parte» Deutfcblands. Redaktion t 8M. 68, Lindcnstrasse 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1883. Mittwoch, den ÄÄ. Jnni IttlO. Expedition: SM. 68» Lindcnstraese 69* Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1981. Die Candtagsfcffion. Ueberaus arm an positiven Ergebnissen, aber bedentungs- voll in politischer Hinsicht ist die hinter uns liegende Session des preußischen Landtages. Auch den geistig Blinden dürsten jetzt endlich die Augen geöffnet sein, auch sie dürften ein- gesehen haben, daß die Reaktion in Preußen Trumpf ist und daß es einer Radikalkur an Haupt und Gliedern, der Be- seitigung des elenden Dreiklaffeliwahlspstems, bedarf, um der Betätigung freiheitlicher Ideen in Preußen die Bahn zu ebnen. Das Hauptinteresse der Session nahm naturgemäß die in der Thronrede angekündigte Wahlrcform in Anspruch, sie spielte schon in die Etatsdebatten hinein, und es gehörte wahrlich nicht allzuviel politisches Verständnis dazu, um zu erkennen, daß der schwarz-blaue Block unter Führung der Herold und Hehdebrand alles aufbieten würden, um die Wahl- resorm zu vereiteln. Die um Herold freilich konnten sich nicht genug tun in der Betonung ihrer volksstcund- lichen Bestrebungen; wer nur ihre Worte hörte, ohne ihr wahres Antlitz zu kennen, der mußte fast davon überzeugt sein. daß die Erringung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts das Ziel sei, an dem sie unbedingt festhalten. In Wirklichkeit war es ihnen auch nicht einen Augenblick ernst damit. Tausendmal höher als ein freies Wahlrecht stand ihnen die innige Verbrüdeung mit der Rechten, und chne Bedenken opferten sie dem Schnaps- block einen der wichtigsten Punkte ihres Programnis. Mit Recht hatte der listenreiche Ränkespinner Freiherr v. Zedlitz bereits unniittelbar nach Eröffnung des Landtages schreiben können, das Zentrum werde in der Wahlrechtsfrage nur so weit gehen, wie ihre konservativen Bundesbrüder es ihnen er- lauben. Diese Piophezeiung ist aufs Wort eingetroffen. Der schmähliche Verrat des Zentrums in der Wahlrechtsfrage, sein Zusanimengehen mit der junkerlichen Reaktion, sein nieder trächtiger Volksbetrug ist schon so oft und so eingehend von uns geschildert worden, daß sich ein Eingehen darauf an dieser Stelle erübrigt. Aber umsonst tut das Zentrum nichts, dazu sind die Herren viel zu gerissene und abgefeimte Geschäfts leute. Haben sie den Konservativen zuliebe die Wahl reform vereitelt, haben sie die Rechte des Volkes mit Füßen getreten, so verlangten sie dafür die Helfers dienste der Rechten bei ihren auf die Verdummung des Volkes gerichteten Bestrebungen. Und die Konservativen haben auf diesem Gebiet getan, was das Zentrum von ihnen verlangte. Die Beratung des Kultusetats legt Zeugnis davon ab, sie beweist, daß das edle Bruderpaar nicht mehr und nicht weniger als die völlige Auslieferung der Volksschule an die Kirche verlangt. Daß die Konservativen in den letzten Tagen der Session noch einen kleinen Vorstoß gegen das Zentrum unternahmen, daß sie die Regierung wegen der Borromäus Enzyklika interpellierten, will nichts besagen. Diese Komödie führten sie auf. um den Schein zu wahren, und wenn irgend etwas, so hat der Verlauf der Debatte, in der nicht nur die Sozialdemokraten, sondern die gesamte Linke mundtot ge» macht wurde, gezeigt, daß der schwarz-blaue Block auch hier wieder ein abgekartetes Spiel getrieben hat. Inniger als je ist die Verbrüderung zwischen den beiden volksfeindlichen Parteien, enger als je zuvor haben sie sich aneinander ge- schmiegt, um gemeinsam das Volk zu begaunern. Was hat nun die Session an positiven Leistungen zu verzeichnen? Für das Volk nichts, für die Krone neue 3'/z Millionenl In diesen einen Satz läßt sich die positive Arbeit des Dreiklassenparlaments zusammenfassen. Das Volk seufzt unter dem Steuerdruck; zu den indirekten Steuern, die ihm der Schnapsblock beschert hat, konimt die vom- preußischen Landtage in der vorigen Session beschlossene Erhöhung der direkten Steuern in Form von Zuschlägen auf alle Steuern von Einkommen über ILOO M. an. Und diesem mit Steuern überlasteten, politisch entrechteten Volke mutet man zu, für die Krone 3'/- Millionen zu. bewilligen. Hinter verschlossenen Türen wird das Geschäft gemacht, und der ge- sanite Landtag mit Ausnahme des halben Dutzend Sozial- demokraten stimmt freudigen Herzens zu. Und das nennt sich Volksvertretung! Für die Beamten ist als Abschluß der Besoldungsreform der Wohnungs geldzuschuß neu geregelt worden. Daß den Wünschen der großen Mehrzahl, namentlich der mittleren und unteren Beamten, nicht Rechnung getragen ist. bedarf kaum der Erwähnung. Die Anträge der Sozialdemokraten, die sich auch jetzt wieder als Sachwalter der Beamteninteressen zeigten, wurden niedergetrampelt; was die beamtenfeindliche Regierung vorschlug, bewilligte der Landtag, alle weiter- gehenden Wünsche, und mochten sie noch so berechtigt sein, blieben unberücksichtigt. Von einer Regelung des gesamten Beamtenrechts, von der Gewährung des Koalitions- und des PetitionsrecktS an die Beamten will der Landtag nichts wiffen, für die Hunderttausende von Staatsarbeitern vollends, denen der preußische Staat doch wesentlich nicht in letzter Linie seine hohen Ueberschüsse aus Eisenbahn und Bergbau verdankt, haben die gesetzgebenden Körperschaften auch nicht einen Pfennig übrig. Eine Reihe lokaler Gesetze, die der Landtag verabschiedet hat. in der Hauptsache Eingemeindungsgesetze, können getrost übergangen werden, andere wichtigere Gesttze, vor allem der Entwurf einer Städteordnung für die Rheinprovinz, sind in der Versenkung verschwunden. llngcivöhnlich zahlreich waren die Anträge, mit denen sich das Abgeordnetenhaus zu befassen hatte. Besonders die kleine sozialdemokratische Fraktion war es, die zu den verschiedensten Etats Anträge und Resolutionen eingebracht hatte. Daß sie auf Annahme nicht zu rechnen hatten, wußten die Antragsteller, darüber gaben sie sich keiner Täuschung hin. Aber das konnte und durfte sie nicht abhalten, was sie im Interesse des Volkes für notwendig hielten, zu fordern, immer und immer wieder die Regierung und die bürgerlichen Parteien über die Stimmung der Massen aufzuklären, die Beseitigung der ver- alteten, aus der Zeit der finstersten Reaktion stammenden Ge- setze zu verlangen und alles zu versuchen, um das vorsint- flutliche Preußen in einen modernen Staat zu verwandeln. An gutem Willen hat es unseren Genossen wahrhaftig nicht gefehlt, aber was vermögen die Sechs gegen die mehr als Vierhundert, die da glauben, weil sie dem Dreiklassenwahlsystem ihre Mandate verdanken, Vertreter des Volkes zu sein und mit dem Volke zu fühlen und zu denken? Wie unangenehm der konservativ-klerikalen Gesellschaft das Auftreten der Sozialdemokraten war. das haben sie ihnen mehr als einmal deutlich zu verstehen gegeben, aber als alle Warnungen nichts stuchteten, als unsere Genossen sich trotz aller Beschinipsungen der Junker und ihrer Helfershelfer den Mund nicht verbieten ließen, da raffte sich das Dreiklassen- Parlament, nachdem eS sich vorher des Einverständnisses der Regierung versichert hatte, zu einem neuen Gewaltstreich auf, der einzig in der parlamentarischen Geschichte dastehen dürste, eS schuf den Hausknechtsparagraphen, schändete sich selbst und gab den Rest von Ansehen preis, deffen es sich vielleicht noch hier und da bei politisch rückschrittlichen Elementen erfreute. Noch trauriger aber als die Rolle deL Parlaments war die Rolle, die die Regierung in der verflossenen Session gespielt hat. An der Spitze des Ministeriums der hin- und her- schwankende Vethmann Hollweg. der das Kunststück fertig- gebracht hat. es sogar mit den Natioualliberalen zu verderben. Ihm zur Seite als Leiter des wichtigsten Refforts, des Ministeriums des Innern, ein unselbständiger, völlig seinen Geheimräten preisgegebener Mann. Genau die gleiche Zer- fahrenheit in allen anderen Ministerien, einer wie der andere von den„leitenden" Staatsmännern— sie alle sind nichts als ein Spielball in den Händen der von Heydcbrand regierten Junker. Aber das ist kein Zufall. Dahin muß eS mit Natur Notwendigkeit kommen in einem Staate, dessen Regierungen seit Jahrzehnten die junkerliche Begehrlichkeit und Anmaßung förmlich großgezogen haben, in einem Staate, in dem von Regierung und Verwaltung grundsätzlich alle freiheitlichen Elemente ausgeschaltet werden, in einem Staate, an dessen Gesetzgebung das Volk keinen Anteil hat, wo das Volk nicht Subjekt, sondern nur Objekt der Gesetzgebung ist. Daß es so nicht weitergehen kann, wenn anders der größte deutsche Bundesstaat nicht gänzlich den Fluch der Lächerlichkeit auf sich laden und dem Bankrott entgegeneilen will, ist einleuchtend. Dieser Ansicht können sich, wenn sie unter sich sind, auch die herrschenden Klassen nicht verschließen. Und wenn sie trotz alledem zäh an ihren Vorrechten fest- halten, wenn sie nach wie vor dem Volke sein Recht vor- enthalten wollen, so treiben sie ein ebenso gewagtes wie frevelhaftes Spiel, so zeigen sie, daß sie ihre eigenen Klassen- interessen tausendmal höher stellen als die Interessen der Gesamtheit. Die Folgen können und werden nicht ausbleiben. Schon regt sich allüberall neues politisches Leben, immer größer wird die Zahl derer, die zu denken beginnen, und nicht allzu- lange mehr wird eS dauern, dann wird die große Mehrzahl der preußischen Wähler den Junkern und Pfaffen die Heeres- folge verweigern und in das Lager der Sozialdemokratie ab- schwenken, der einzigen wirklich volksfreundlichen Partei. Was wir dazu tun können, diese Entwickelung zu fördern, das werden wir tun. Wertvolle Waffen für diesen Kampf liefert uns die hinter uns liegende LandtagLscssion, die mehr noch als die früheren Sessionen den Junker- und Psaffcnstaat Preußen in seiner Gemeingcfährlichkeit bloßgestellt hat. Sie organisierte ffiählcr-Beipitzelung! Die I linkerschaft scheint durch die ständigen Niederlagen, die ihr die letzten Wochen gebracht haben, um alle Besinnung gekommen zu sein. Nur so läßt es sich erklären, daß in der DienStag-Nummer der.Deutschen Tageszeitung" mit verblüffender Schamlosigkeit ein Plan veröffentlicht wird, der an Niederträchtigkeit und stecher Ber» höbnung der Wähler des gleichen und geheimen Wahlrechts seines gleichen sucht! Ganz offen, ohne jeden Versuch einer Beschönigung und Vertuschung wird da«von konservativer Seite" eine großartige Organisation zur Bespitzelung der Reichstagswähler, zur Vernichtung des Wahlgeheimnisses enipfohlen und von der Leitung des BündlerblatteS zustimmend begrüßt I Die konservative Seite begründet diesen unqualifizierbaren Vor- schlag folgendermaßen: Es kommt viel darauf an, über da» Mitläuferwesen Material zu gewinnen: zuverlässige Grundlagen für die Feststellung der Zahl derer zu beschaffen, die nach ihrem Verhalten in der Oeffentlichkeit, ihren persönlichen Beziehungen, ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten Vereinigungen usw., schließlich auch wohl ihrer eigentlichen Grundanschauung nach als Gegner der radikalen Parteien betrachtet werden müssen, bei der Reichsiagswahl indesien unter dem Schutz der Slnonymität dennoch vielfach in radikalem Sinne votieren. Die Ursachen solchen Verhallens find sehr verschiedener Art: nament- lich Charakterschwäche, die Unfähigkeit, ein- dringlichem Zureden zu widerstehen, manchmal auch Wohl eine gewisse Bosheit, ähnlich der. die es dem anonymen Briefschreiber zum Genüsse macht, seine ber- gifteten Pfeile aus sicherem Versteck zu versenden, sie alle spiele» ihre Rolle dabei. Auch der Heuchler in seiner unsympathischen Gestalt, der Mann, der sich in der Oeffent- lichleit aus materiellen Beweggründen oft geradezu demoustrativ zu vernünftigen und ruhigen poütischen Grundsätzen bekennt, wo er eS sich unbeobachtet leisten kann dagegen sich sofort in einen verbohrten Demokrateir verwandelt,— auch er fehlt in diesem Reigen nicht! Alle diese Typen sind leider recht zahlreich vorhanden. Man kann den Umkang ihrer Drückebergerei mit ziemlicher Zuvcr- lässigkeir ermittel», wenn man durch ortskundige Vcrtranensleure, die dem Wahlakt in den einzelnen Wahllokalen von Anfang bis zu Ende beizuwohnen hätten, sich über jeden einzelnen Wähler im Hinblick auf seine mutmaßliche Abstimmung durch eine seinem Namen anzufügende Notiz Bericht erstatten läßt. Für die Notiz muß maßgebend sein, waS über das politische Verhallen des Mannes sonst bekannt geworden ist, ferner seine Art, sein Aussehen und sein S u f t r e t e n. Der Vertrauensmann soll dabei von vornherein recht weit- herzig sein in der Vermutung sozialdemokratischer oder radi« kaler Stimmenabgabe; er soll ruhig jeden irgendwie zweisel» haften Wähler der Sozialdemokratie gutbringen. Trotz alle- dem wird sich nahezu regelmäßig herausstellen, daß die Zahl der sozialdemokratischen Wähler laut amtlichem Wahlresultat ganz erheblich größer war, vielleicht doppelt so groß, als sie es der Vermutung nach hätte sein dürfen. Mit anderen Worten: die Zahl der Mitläufer der Sozialdemokratie aus ihr an sich feind- lichen Lagern ist unter dem Schutz des geheimen WahlverfahrenS fast so groß, wie die der eigentlichen sozialdemokratischen Wähler- schaft.. Die.konservative Seite" behaupiet, daß dies Verfahren in einzelnen, namentlich sächsischen, Wahlkreisen längst erprobt sei. Das Ungeheuerliche des Verfahrens sucht sie hinter der freche» Lüge zu verstecken, daß von den radikalen Parteien längst in dieser Weise gearbeitet werde, und daß es sich dabei ja nur um statistifcha Unterlagen über die Wirkung eines Wahlverfahrens handle, daß irgend welche Konsequenzen für keinen der Wähler daraus er- wachsen sollten. Diese letztere Versicherung ist natürlich ebenso aufgelegier Schwindel, wie die Behauptung,, daß die radikalen Parteien in dieser Weise arbeiten. Die Junker Haffen das geheime Wahlrecht, weil eS ihnen— übrigens durchaus noch nicht in allen Fällen, wie die Wahlproteste zeigen— die Vergewaltigung der abhängigen Wähler unmöglich macht. Und sie sollten sich scheuen, die ihnen von ihren Spitzeln als radikaler Gesinnung verdächtig Bezeichnelen wirtschaftlich zu schädigen. Wer traut diesen brutalen Gesellen solche Feinfühligkeit zu? Im Schlußabsatz der Zuschrift tobt sich die giftige Feindschaft der Junker gegen das geheime Wahlrecht noch einmal in der rück» sichtslosesten Weise aus. Man lese nur die folgenden Sätze: „Wir unsererseits werden uns übrigens das Recht nicht nehmen laffen, uns auf den Standpunkt zu stellen, daß jeder anständige Mann bei den Wahlen dieselbe Haltung, wie sonst der Oeffentlichkeit gegenüber, einzunehmen hat, und daß die p 0 l i- tischen Imbezillen(Schwachsinnigen), gutartige wie bösartige, nun sie einmal das Stimmrecht haben, vor Ent« gleisungcn und dem Mißbrauch ihres Bürgerrecht» möglichst bewahrt werden müßten. Dazu aber hilft all-in die öffentliche Abstimmung. Zur Ancrken» nulig dieses Prinzip» würden die nach dem hier empfohlenen Verfahren gewonnenen Ziffern wesentlich beitragen, auch bei der preußischen Regierung, der eine Rückenstärkung nichts schaden Unter den Schwachsinnigen werden hier alle die Wähler ber- standen, die nicht-durch Grundbesitz oder Geldbeutel in den Augen irr Junker die Befähigung zur Ausübung des Wahlrechts er- bringen I Die Schwachsinnigen, das sind für diese Krone aller Junkerfrechheit die großen Massen des arbeitenden Volke». die Proletarier und kleinen Leute! Wir verschwenden kein Wort der Kritik an den sauberen Platt» der wie eine Ausgeburt eines toll gewordenen Hirns anmutet, kein Wort des Protestes gegen die maßlos frechen Beschimpfungen, die die„konservative Seite" wi-der alle jene schleudert, dir sich gegen die angemaßte Herrschaft der Junkerkaste wehren. Es genügt. wenn wir diese tollhäuSkerischen Ergüsse hierhersetzen r>»d fest- stellen, daß die„Deutsche Tageszeitung" sie stir beachtenswert er« klärt und von der Verwirklichung des Planes eine Be forde« rung der öffentlichen Abstimmung erhofft! Eine frechere Herausforderung der deutschen Arbeiterschaft und aller freiheitlich denkenden Kreise des deutschen Volkes ist nicht denfiferl Wir sind gewiß, die deiitschen Arbeiter werden den Junkern bei den Wahlen diesen Wisch derart um die Ohren schlagen, daß den Herren Hören und Sehen vergehen soll! flllerhatick Reaktionäres. Nun weiß man. was es zu bedeuten hatte. a!S die „Kreuz-Ztg." mit bei ihr sehr ungewöhnlicher Fixigkeit über den Ministerwcchsel zu verkünden wußte, daß für diesen Ministerwechsel politische Motive nicht vorliegen und daß beide Minister in voll st em Einvernehmen mit Herrn v. Bethmann aus ihren Aemtern scheiden. ES sollte etwas vertuscht werden, die„Kreuz-Ztg." lvollte der Wahrheit zuvorkommen. Die„Vossische Zeitung" weiß heute zu melden: „Der Minister d e S I>» n e r n hat mit dem Ministerpräsidenten nicht im vollsten Einvernehmen gestanden, ist auch nicht rn vollstem Einvernehmen mit ihm aus dem Amt geschieden. Herr v. Mottle vertrat in der WnhlrcchtSfrngc mit Entschiedenheit den Standpunkt, dah die indirekten Wahlen beseitigt werden müssen. Er wäre dafür zu haben gewesen, daß sowohl die direkte wie die geheime Wahl eingeführt würde. Dagegen hielt der Minister das Kompronriß des schwarz-btauenBlocks auf Beibehaltung der indirekten Wahl und Einführung der geheimen Stimmabgabe nur bei den Urwahlcn für unannehmbar. Da der Ministerpräsident diesem Komproiniß im Abgeordnetenhause seinen Segen gab, so reichte Herr v. Moltke, der seine eigene, selbständige Ueberzeugung nicht ausgeben wollte, damals seine Entlassung eiir, die indessen nicht angenommen wurde. Herr v. Moltke hat noch, wie verlautet, vor kurzer Zeit da? freundlichste Urteil des Kaisers über seine Tätigkeit erfahren. Davon, daß er am Sonnabend seinen Ab- schied erhalteir würde, hat Herr v. Moltke unmittelbar vorher ebensowenig eine Ahnung gehabt wie seine gesamte Umgebung. Er hatte vielmehr eine Reihe Verfügungen getroffen, nicht nur für die nächsten Tage, sondern auch für den Herbst, die beweisen, daß er jetzt an alles eher dachte als an seinen Rücktritt. Nach dem Scheitern der Wahlrechtsvorlage hatte er um so weniger Anlaß, wiederholt den Abschied zu erbitten, als die Verantwortung für den Gang und Ausgang der Ver- Handlungen nicht ihn, sondern den M l n i st e r p r ä s i d e n t e n traf, der sich im Abgeordnetenbause mit dem von Herrn v. Moltke bekämpften Kompromiß einverstanden erklärte und dann im Herrenhaus auf dieses Kompromiß den Autrag Schorlemer setzte.' Im ersten Augenblick wird diese Meldung sicher eine ge- wisse Heiterkeit wecken. Wer hätte gedacht, daß in Preußen entlassene Minister je Wert darauf legen würden, wenigstens nach der Entlassung als liberal angehaucht zu gelten? Aber kann etwas ein helleres Licht auf den urreaktionären Kurs Wersen, den Herr v. Bcthmann steuert, als die Tatsache, daß selbst ein so durchaus konservativer Herr wie der ge- wesene Minister des Innern Wert darauf legt, die Oeffent- lichkeit wissen zu lassen, daß er fortgeschickt worden, weil er für einen Bethmann noch nicht reaktionär ge- nug gewesen? Und welch schönes Licht wirft die Entlassung der beiden Minister erst auf Herrn v. Bethmanns Charakter. Auch Herr v. Arnim ist von der Entlassung völlig überrascht morden. Sein Nachfolger, Herr v. Schorlemer, erfuhr erst bei einer Besprechung über die Ahrtalkatastrophe von der ihm zugedachten Ernennung. Der brave Theobald hat sich hier wieder einmal recht heimtückisch gezeigt. Dieser geivandte Karrieremacher, der sich so geschickt emporzu- schlängeln verstanden hat, ist nichts weniger als der abgeklärte Philosoph, den er zu mimen liebt; er ist ein ganz geschickter Intrigant, sobald es sich um die e i g e n e Sache, das ist die Behauptung seiner Machtstellung, handelt. Das hat er auch jetzt wieder bewiesen, indem er das Ministerium völlig der konservativen Partei ausgeliefert hat. Zugleich hat er in Herrn v. D a l l w i tz, dem Bonner Äorussen, der sein eigener und der Korpsbruder des Kaisers war, einen verläßlichen Freund ins Ministerium genommen, der auch seinen Rückhalt bei Hofe stärkt. Herr v. R h e i n b a b e n da- gegen, der schon auf das Reichskanzleramt lauert, bekommt in Herrn v. Dallwitz einen Feind, der einst sein Nachfolger werden kann. Das sind die philosophischen Beweggründe des Herrn v. Bethmann: Er kapituliert vollständig vor dem schwarz- blauen Block, um seine persönlichen Interessen zu fördern. Ein netter Herr, in der Tat! Ein helles Licht fällt auch auf die Wahlrechts- verräterei des Zentrums. Die Darstellung der »Boss. Ztg." zeigt wieder, daß es eine elende Lüge ist, wenn das Zentrum behauptet, das geheime sei nicht zugleich mit denk direkten Wahlrecht durchzusetzen gewesen. Gerade das Gegenteil ist wahr. Um das geheime und direkte Wahl- recht zu vereiteln, das die Junker als Bedrohung ihres Terrorismus fürchten, hat sich das Zentrum den konservativen Wünschen anbequemt und deni. geheimen Wahlrecht durch die Aufrechterhaltung der indirekten Wahl jeden Wert genommen. Die Regierung hätte auch der direkten in Verbindung mit der geheimen Wahl keinen allzugroßen Widerstand geleistet. Der Verrat des Zentrums erscheint erst so in seiner ganzen Niedertracht. Ein Gutes aber hat dieser Ministerwechscl gehabt. Die Ernennung dieser urreaktionären Leute weckt Widerstand selbst bei den Zahmsten und Geduldigsten, bei den National- liberalen. Die„Nationalliberale Korrespondenz" ver- öffentlicht eine parteiofftziöse Betrachtung, die eine bei Nationalliberalen ganz ungewöhnlich deutliche Sprache führt. Herrn v. Moltke wird das Zeugnis ausgestellt, daß er trotz seiner konservativen Vergangenheit bemüht gewesen sei, die politischen Beamten bei den Wahlen zu einer neutralen Haltung zu veranlassen. Von Herrn v. Dallwitz wird gesagt, daß seine Berufung nicht mehr und nicht weniger bedeutet,„als daß der Reichskanzler gewillt ist, den Bahnen der Heydebrandsche» Politik restlos z« folgen". Nach diesen Bemerkungen heißt es weiter: „Wenn wir über die durch diese Ernennungen geschaffene politische Lage uns ein Urteil bilden sollen, so kau» dasselbe nur dahin lauten, daß sich der Reichskanzler entschlossen hat, der Macht st ellung des schwarz-blauen Blocks Rech- nung zu tragen und einen e i n s e i t i g- k o n s e r v a t i v e n K u r S zu steuern. Es hat ja gute Freunde deS Herrn Beth- mann genug gegeben, die nicht müde wurden, den liberalen Parteien zu versichern, daß er durchaus gewillt sei, die mittlere Linie innezuhalten und sich keineswegs unter die Heyde- brandsche Herrschaft zu beugen. Diese unberufenen Freunde werden nunmehr wohl diese ihre Werbetätigkeit für Herrn Bethmann einstellen müssen. Bei der ersten Probe auf daS Exempel hat er vollständig versagt. Man hätte denken sollen, daß gerade im gegenwärtigen Moment, wo man anscheinend vor Bedauern über Dernburgs Rücktritt sich überschlug, der Reichskanzler die Gelegenheit hätte benutzen müssen, durch die Auswahl der neuen Minister zu beweisen, daß er auch der Mitwirkung liberal gerichteter Männer in den höheren Stellen des Staats- und Reichs- diensteS nicht entbehren wollte. Heute wird man sagen müssen, daß Herr Dernburg die Situation richtig beurteilt hat, wenn er nicht das letzte Deckblatt für eine einfeitig-konfervative Parteipolitik in Preußen hergeben wollte. Der Reichs- lanzler stand am Scheidewege, er hat fich entschieden! Dank- bar muß ibm der gemäßigte Liberalismus dafür sein, daß er endlich offen Farbe bekannt hat und das Schillern in allen möglichen Nuancen nicht mehr für notwendig erachtet. Wir sind nunmehr in der Lage, die innere Politik in Preußen klarer zu beurteilen und aus der uns gewordenen Aufklärung die entsprechende Folgerung zu ziehen." Es folgen einige Bemerkungen über die angebliche Schwäche in der auswärtigen Politik und die Klage, daß Herr v. Bethmann es in der inneren Politik nicht verstände, die bürgerlichen Parteien zu sammeln. Und dann fährt die Korrespondenz fort: „Statt dessen hält eS der Reichskanzler für angebracht, fich für die konservative Richtung der Politik in Preußen d e m o n- strativ einzusetzen; und dies alles, während unten die Wogen de? Radikalismus immer höher und stärker branden.. Herr v. Bethmann hat es gründlich verstanden, die Begeisterung abzu- wirtschaften, welche Fürst B ü low noch einmal im Jahre l906 wach- zurufen verstanden hat. Für den jetzigen agrar-konservativen Kurs mit ZentrumSeinschlag, de» Herr v. Bethmann steuert, wird schwerlich der schlummernde Funke von neuem zu erwecken sein. Das vom Fürsten Bülow in Aussicht genommene Wiedersehen bei Philippi wird kein freudiges sein." Bei jeder anderen Partei wäre diese Ankündigung eine Kriegserklärung. Bei den Nationalliberalen können aber Worte nichts besagen. Bisher haben die Nationalliberalen die konservative Herrschaft durch die Taten stets unterstützt. � Bei allen Nachwahlen gaben sie die Parole für den Konservativen aus, in der Wahlrechtsfrage wollen sie von der einzigen Losung, die dem Junkerregiment gefährlich werden kann, nichts wissen, und sind gleich jenen Feinde des gleichen Wahlrechts in Preußen. Sind sie jetzt wirklich zu„klarerer Beurteilung" gekommen? Worte haben wir genug gehört, wir möchten endlich Taten sehen. Bis dahin glauben wir, daß aus den großen Worten nur die Verärgerung spricht, in dem schönen Bunde von Junkern und Pfaffen nicht als Dritte aufgenommen worden zu sein. poUtilcbe Qcbcrncbt. Berlin. den 21. Juni 1910. Rache für Usedom-Wollin! Also heult es mißtönig durch die Junkerblätter. Die „Konservative Korrespondenz" fällt in feierlichen Büßpredigten das Verdammungsurteil über den Fortschritt. Folgendes putzige Anathem erschien am Kopfe ihrer neuesten Nummer: „Ein Nachwort zu Ueckermünde-Usedom-Wollin. DaS Ergebnis der Stichwahl im ReichStagswahlkreise Ueckermünde-Usedom-Wollin läßt es als zweifellos erscheinen, daß der Sieg des Sozialdemokraten zum Teil direkt durch die Stimme» der Liberalen herbeigeführt worden ist. Wir wollen uns an dieser Stelle, nachdem wir unsere warnende Stimme rechtzeitig erhoben haben, jetzt nicht in Drohungen oder Rekrimi« Nationen ergehen, sondern wir wollen nur diesen Tatbestand konstatieren. Die Herren Liberalen werden ja sehen, welche Früchte sie ernten werden. Sie mögen dann nicht klagen. Aber diese Herren leben ja nur nach dem Motto:„Wenn eS nur den Konservativen schlecht geht,— ob wir und das Land zu- gründe gehen, ist gleichgültig." Die„Kreuzzeitung" ist minder pathesisch, kommt dafür aber mit konkreten Vorschlägen. Sie schreibt: „Nein, für die Konservativen kann es fernerhin nur noch die eine Wahltaktik geben: die Aufstellung eigener Kandi- baten in allen Wahlkreisen, in denen auch nur die geringste Aussicht auf einen Erfolg sich bietet und bei Stich- wählen zwischen dem Fortschritt und der Sozialdemo- kratie die strengste Wahlenthaltung. Wir werden dann ja sehen, wohin der Fortschritt gelangt. Da er auch auf das Zentrum nicht rechnen kann, so wird er ohne Zweifel den größten Teil seiner Mandate an die Sozialdemokratie verlieren, und wenn er hofft, diese Verluste durch die Eroberung konservativer Mandate anSzngleichen, so dürfte auch diese Hoffnung trügen. In den betreffenden Wahlkreisen würden voraussichtlich in den meisten Fällen die ans den Reihen des Fortschritts verstärkten Sozialdemokraten mit den Konservativen in Stichwahl kommen und die Fortschrittler von vornherein ausfallen. DaS Vaterland über die Partei ist gewiß eine treffliche Losung, welche auch ferner in ehrlichem Kampfe gegen jede andere staatserhaltende Partei gelten soll, sie kann aber nicht gelten gegen die Hinterlist einer Partei, welche ebenso wie die Sozialdemokratie Vaterland, Monarchie und Partei in gleichem Maße gefährdet." Und dabei ist die Schuld des Fortschritts an dem Durchfall des Junkers Böhlendorff in Usedom-Wollin so winzig klein I Unser pommersches Partciblatt, der„Volksbote" zu Stettin, stellt angesichts ähnlicher konservativer Ergüsse folgendes fest: „Die ganze Rederei und Aufregung in den bürgerlichen Parteien hat weder Zweck noch Ursache. Die Freisinnigen haben ihre „bürgerliche Pflicht" im vollsten Maße getan. Die„liberalen" Honorationen von Ueckermünde und die„liberalen" Fabrikanten von Torgelow haben in Inseraten den Konservativen empfohlen und in den anderen Städten Reichsverbandslügnern Bravo ge- speiidet. Für uns hat in der Stichwahl der keiner Partei an- gehörige sogenannte„kleine Mann" gestimmt, der sich»och nicht für einen Proletarier hält und glaubt, in der Haupiwahl seine Interessen am besten durch Stimmabgabe für den Liberalen zu vertreten, der aber den Brotverleuerer haßt und deshalb jedem seiner Gegner die Stimme gibt." Und trotzdem jetzt dieser Hagel junkerlicher Fußtritte für den braven Fortschritt! Die gerechte Strafe für seinen vor- sichtigen Versuch, einer klaren Entscheidung auszulveichen l Bor der Entscheidung in Friedberg-Büdingen. Der Fortschritt im 2. hessischen Wahlkreise ist doch aus besserem Stoff gemacht als der in Usedom-Wollin. Die Leitung der Fort- schrittlichen Bolkspartei in Friedberg-Büdingen hat einen Aufruf veröffentlicht, worin sie auffordert, bei der Stichwahl für den Sozialdemokraten einzutreten; der bei der Hauptwahl be- gonnene Kampf gegen rechts müsse fortgesetzt werden. Inzwischen arbeiten unsere hessischen Genossen mit allen Kräften daran, um den Wahlkreis auch ohne die Unterstützung von bürger- licher Seite zu erobern. Die Aussichten sind gut. In der Frank- furter„Volksstimme" wird über die Situation u. a. berichtet: „Bemerkenswert ist auch, daß unsere Partei fast überall noch Reserven im Rückhalt hat. Leider haben doch verhältnismäßig viele, besonders auswärts beschäftigte Arbeiter sich gesagt: Ach was. Stichwahl gibts doch I Und so gingen sie am 14. Juni nicht wählen. Dasselbe gilt von vielen Händlern, die auswärts waren. Nun aber darf mit Sicherheit erwartet werden, daß diese Wähler zur Stichwahl für Busold antreten.... Wieviele Reserven noch herausgeholt werden können, das zeigte sich in Dorheim, wo IS Wahlsäumige noch herbeizubringen sind...." Allerdings arbeiten die Biindler mit allen und natürlich auch mit den schäbigsten und erbärmlichsten Mitteln. Die„Frankfurter Bolksstimme" iveiß davon zu melden: Die Bündler haben wirklich alle Ursache, keine Kritik in ihren Versammlungen zuzulassen, denn ihr Treiben ist lichtscheu. Der schäbigste TerrorismuS wird ausgeübt. Knechte auf größeren Gütern und Bauernhöfen werden ganz offen mit Ent- lassung bedroht, follS eine Mehrheit für Busold zustande komme. In ähnlicher Weise werden anderen abhängigen Leuten Gewaltmaßregeln in Aussicht gestellt, zum Beispiel Besitzern von kleinen Häusern, die von Großbauern Hypotheken haben, wird die Kapitalkündigung angedroht. Es scheint aber doch, als ob diele Gewaltmaßregeln teilweise daS Gegenteil des Erstrebten erreichen... Die niederträchtige Taktik der Bündler zeigt schon, daß sie im ehrlichen Kampfe sich nicht zu fiegen getrauen. Möge der 24. Juni ihre Befürchtungen in vollem Maße erfüllen. Noch ein Gegenstück zur Erhöhung der Zivilliste. Nicht bloß für die arbeitslosen Tabakarbeiter und Zünd- Hölzchenarbeiter hat die Kasse des Deutschen Reiches kein Geld. Auch die KriegSveteranen öerommen nichts. Auch sie dürfen die Erhöhung der Zivilliste in Preußen als Trost in der wieder ins Ungewisse verlängerten Wartezeit betrachten. Trotz des strengen Stillschweigens, das über den Ausgang der Verhandlungen bewahrt wird, die die Regierung zur Be- schaffung der Mittel für die Ausdehnung der Veteranen- Unterstützung mit Vertretern aller Parteien abhielt, verlautet jetzt, daß der Ausgang ein negativer gewesen ist. Die Nachricht wird so gut wie bestätigt durch die Meldung, daß das Reichsamt des Innern am 1. Dezember dieses Jahres eine Zählung der Kriegsteilnehmer von 1848, 1864, 1866 und 1870/71 vornehmen wird, um die Höhe der Veteranenbeihilfe genau bestimmen zu können. Das bedeutet die Verschiebung der Sache um eine er- hebliche Frist., In dem einen der Berliner Zentrumsorgane, der„Mar- kischcn Volkszeitung", wird freilich erklärt, daß die Wert- zuwachssteuer den größten Teil der für die Veteranen nötigen Mittel ergeben iverde— das Fehlende, etwa 3 Millionen Mark, könnte durch Sparsamkeit aufgebracht werden. Das Zcntrumsblatt weiß dabei ganz gut, daß eine Militärvorlage in Aussicht steht, die allen Versuchen zur Sparsamkeit das Genick umdrehen wird. Das hält das Blatt indes nicht ab, großsprecherisch zu erklären, das Zentrum werde unter allen Umständen darauf hinarbeiten, daß im n ä ch st e n H e r b st die berechtigten Wünsche der Veteranen erfüllt werden können. Wir werden ja sehen, wie das Zentrum das Versprechen ein- lösen wird._ Es kriselt! In den christlichen Gewerkschaften und katholischen Arbeiter- vereinen wird schon seit längerer Zeit über Unstimmigkeiten geklagt, die noch aus den Tagen der Reichsfinanzreform datieren. Die Führer geben sich alle Mühe, die Truppen, bei denen der Glaube an den„Segen der ZentrumSpolilik" rapide im Schwinden begriffen ist, zum Gehorsam und zum geduldigen Ausharren in der EntfetlungS- kur zurückzubringen. Man verlegt aber die Agitation jetzt mit Bor- liebe in geheime Sitzungen, um sich, zunächst der Vertrauensmänner zu versichern. ZeiUrumSpartei, AugustinuSverein, Windthorstbund, katholische Arbeitervereine und die Führer der christlichen GeWerk- schaften widmen jetzt der christlichen Arbeiterschaft ihre besondere Auf« merksamkeit. In letzter Zeit haben in Rheinland- Westfalen zahl- reiche geheimeBersammlungen in dieserjAngelegenheit statt- gefunden, unter anderen auch in Bocholt, wo Reichstagsabgeordneter Schiffer die Senioren der katholischen Arbeitervereine und die Borstände und die Vertrauensmänner der christlichen Gewerkschaften um fich versammelte. Das Ergebnis der Sitzung war die— K ün- digung eines Bocholter christlichen Gewerkschafts» b e a m t e n. der anscheinend dem Mitgliederschwund nicht genügend Einhalt zubieten vermochte. Ob sein Nachfolger dies Kunststück ferttg bringen wird, ist jedenfalls mehr als zweifelhast. Das amtliche Wahlresultat von Usedom-Wollin. Nach der amtlichen Feststellung deS Wahlresultats haben von 19 öis gülligen Stimmen erhalten: Stadtverordneter Kuntze-Stettin Die BerggesetznoveNe für Bayern angenommen. Im batierischen Abgeordnetenhaus« wurde am Dienstag die Bcrggefetznovelle mit 83 gegen IS Stimmen angenommen. Auch die von der Regierung und der Reichsratskammer bekämpften Bestimmungen zugunsten des Achtstundentages der Bergarbeiter wurden wieder hergestellt. Noch ein Reinfall der Frankfurter Polizei. In unserem Bericht über die Freisprechung des Genosten W e n d e l im WahlrechtSdemo n st rations prozeß vor der Frankfurter Berufuiigsstraskammer hatten wir bereit« die zweite Anklage aus demselben Anlaß, die auf Beleidigung der Polizei durch einen Psui-Ruf lautete, erwähnt und erklärt, daß eine Verurteilung schon nach dem Ergebnis des ersten Prozesses ausgesckilossen sein dürste. DaS Gericht hat am Montag nun in der Tat ans Freisprechung erkannt, da es bei dem schroffen Widerspruch zwischen den Aus- sagen der Polizei und der Zivilzeugen den Borgang nicht für auf» geklärt hielt._ Ausweisung von WahlrechtSdemonstranten. Wie nicht anders zu erwarten, werde» in Preußen die AuS- ländor, die bei den Wahlrechtsdemonstationen im Winter und im Frühjahr mit der Polizei auch nur im geringsten in Berührung ge- kommen sind, auSgeiviesen. In Frankfurt a. M. wurde dieser Tage ein junger Schneider ausgewiesen, dessen Beteiligung an den Demonstrationen so harmlos war, daß das Jugendgericht ihn frei- gesprochen hatte. Die Strafkammer halte allerdings eine Haststrafe von drei Tagen verfügt._ ftoiihrdcb. Das Vereinsrecht der Schutzletite. Paris, 21. Juni. Polizeipräfekt Lepine erklärte gestern in der Sitzung des Gemeinderats in Beantwortung einer s o z i a» listischen Interpellation, daß er alles tu«, um die Stel» lung der Schutzleute zu verbessern, ihnen aber nicht ge» statten könne. Vereinigungen zu bilden, da dies gesetz- widrig sei. Der Streik der Postbediensteten habe genügend gezeigt, wie gefährlich es sei, Beamten eine derartige Er- laubnis zu erteilen. Der Minister des Innern sei ebenfalls ent- schlössen, im Gesetz über das Weamtenstatut ausdrücklich zu be- stimmen, daß Schutzleuten das Recht der Lereinsbildung nicht gewährt werden könne._ Die Jntcrpcllationsberatung. Paris, 21. Juni. Die Deputiertenkammer setzte heute die Be- ratung der Interpellationen über die allgemeine Politik fort. T u r m a l(soz.-rad.) sprach den Wunsch aus, dah die?l r b e i t c r- fürsorgegesetzc auf die ländlichen Arbeiter aus- gedehnt würden. Auaagneur(unabh. Soz.) erklärte, er stelle fest, daß trotz des wirtschaftlichen Gedeihens des Landes die Finanz- läge Fränkreichs nicht befriedigend sei. D e s ch a ne l(Linksrepubl.> trat für das ProPortio nalwahlsy st em ein. bekämpfte aber die Erneuerung eines Teils der Mandate und die Verlängerung der Legislaturperiode. Der Redner forderte die Regierung auf, Re- formen im Verwaltungs- und Gerichtswesen einzuführen und für Achtung vor der persönlichen Freiheit, für die Freiheit der Arbeit und für Gleichheit vor dem Gesetze zu sorgen.(Lebhafter Beifall.) StigUmct. Ein Protest der Arbeiterpartei. London, 20. Juni. Die Arbeiterpartei nahm in einer heutigen Versammlung eine Resolution an, in der sie dagegen p r o t e st ie r t, daß sich Vertreter der beiden Partei- leitungen die Autorität anmaßen, um die Entscheidung des Unterhauses zu umgehen, wie sie in den Veto-Resolutioncn zum Ausdurck gelangt war. Eine Nachwahl. London, 20. Juni. In West-Hartlepool fand heute die Ersatz- Wahl für den Liberalen Sir Christopher Furneß statt, dessen Mandat für das Unterhaus wegen unlauterer Wahlmache für un- gültig erklärt worden war. Gewählt wurde mit 6159 Stim- inen der Liberale Furneß, Sohn des früheren Mandatsinhabers, gegen den Unionisten Glitten, der 5996 Stimmen erhielt. Die liberale Mehrheit hatte bei der vorigen Wahl 777 Stimmen betragen. Dänemark. DaS Reichsgcrichtsurteil. Kopenhagen, 19. Juni.(Eig. Ber.) Nach der kurzen Depesche, die den deutschen Blättern über den Ausgang des großen Ministerprozesses zur Verfügung gestellt wurde, tonnten die Leser annehmen, daß der eine der beiden ehemaligen Kollegen Albertis als ein unschuldsvoller Engel aus den VerHand» lungcn hervorgegangen wäre. Tatsächlich liegt die Sache jedoch so, daß das Urteil des Rcichsgerickts auch Christensen trifft. Seine Handlungsweise ist zwar nicht für strafbar, wohl aber, mindestens in einem Punkt, für unverantwortlich erklärt worden. Dies beziehe sich namentlich auf die FolketingSverhandlungen vom Früh- jähr 1998, als besonders unser Genosse Borgbjerg. gestützt auf ein ausreichendes Beweismaterial, einen Teil der Amtsverbrechen Albertis aufdeckte, Christensen aber mit seiner ganzen Auto» rität als Ministerpräsident und Parteiführer für den Verbrecher eintrat und die beantragte Untersuchung verhinderte. Das Reichs- gcricht bezeichnet in diesem Punkt Christensens Handlungsweise als „nicht verantwortlich", nimmt aber mildernde Umstände an und spricht ihn frei, weil es im Strafgesetzbuch an einer zur Verur. teilung ausreichenden Bestimmung fehlt. Nicht viel besser ist er in den anderen Anklagcpunkten davongekommen. Das IV- Millionen- darlehen, das er dem Alberti kurz vor seinem Fall aus der Staats- kassc gewährte, hielt das Reichsgericht deswegen nicht für einen hinreichenden Grund zur Verurteilung, weil Christcnsens Erklä- rung, er habe damit«inen Run, einen Sturm auf die Bauern- sparbank abwehren wollen und keine 5ienntnis von der mißlichen Lage der Sparbank und von Albertis Verbrechen gehabt,„nicht zu verwerfen" sei, Die Frage schließlich, ob er sich einer Verletzung seiner Amtspflicht schuldig machte, als er den Minister des Innern, feinen nun verurteilten Kollegen Berg nicht zu einer Revision der Sparbank antrieb, oder ihn ganz davon zurückhielt, hält das Gericht nicht für„aufgeklärt" genug. Das ganze Urteil, soweit es Christensen betrifft, macht den Eindruck, daß das Gericht bei ihm ein unverantwortliches Matz von Dumniheit, gepaart mit Leichtsinn, angenommen habe, und ihn mildernder Umstände und Mangels an Beweisen wegen freige- sprachen habe. Bergs Amtsvergehen lag allerdings so klar auf der Hand, daß das Gericht nicht von einer Verurteilung Abstand nehmen konnte. Die Anhänger der beiden ehemaligen Minister suchten schon während der Gerichtsverhandlungen und suchen noch jetzt die Mit- glicder des Reichsgerichts als parteipolitische Gegner der Ange- klagten hinzustellen, die durch Parteihaß verblendet an die Sache herangetreten seien. Das ist jedoch nichts als Schwindel. Nur einer der Rcichsgerichtsmitglieder, Landstingsmann C. C. An- derscn, ist Sozialdemokrat; ein Radikaler war überhaupt nicht dabei, und alle übrigen Richter waren Parteigenossen oder konser- vative Wahlbündler Bergs und Christensens. Berg gilt nun vorläufig als ein politisch toter Mann, und ob sein freigesprochener Kollege sobald wieder eine politische Rolle fpiclen wird, scheint noch zweifelhaft. Möglich ist allerdings vieles i» der Delegationspartei oder Reformpartei. Schwerlich wird er jedoch, wenn am 28. Juni der Reichstag zusammentritt und das radikale Ministerium Zahle seine Aemter niederlegt, zum Ein- tritt in das neue Ministerium berufen werden. Dazu ist er doch wohl allzusehr bloßgestellt. Ork«. Die Ermordung SaminS. Konstantinopel, 29. Juni. In den Wandelgängen der Kammer entstand heute zwifchen dem Mini st er des Innern Talaat Bey und dem oppositionellen Deputierten Schefik ein heftiger Wortwechsel, weil Schefik, auf die Ermordung Ahmed S a m i n s anspielend, sich weigerte, dem Minister die Hand zu reichen. Der der Mehrheit angehörende Deputierte Dschenani mischte sich ein, worauf Schefik sagte, er verkehre nicht mit blut- befleckten Leuten. Dschenani forderte hierauf Schefik zum Zwei- kämpf. perllen. Russische Nebrrgriffe. Teheran, 21. Juni. Dem Vernehmen nach hat Rußland die Entlassung des Gouverneurs von T ä b r i s verlangt. Di« Forderung ist die Folge davon, daß kürzlich«in russischer Unter- tan in TäbriS mißhandelt worden ist. Die Stimmung gegen die russische Okkupation verschärft sich wiederum. Ckitis. Revolutionäre Offiziere. New Jork, 29. Juni. Nach einer Meldung deS„New Jork Herald" aus Peking hat der Vizeköuig von Hupe-Hunan vier hohe Offiziere der achten Division verhaften lassen. Die Verhafteten werden beschuldigt, sich an der revolutionären Propaganda beteiligt zu haben. Der Vizeköuig glaubt, daß durch diese Verhaftungen eine Bewegung im Keime erstickt ist, die darauf gerichtet war,«ine Militärliga ins Leben zu rufen, um die Armee und durch diese die Regierung zu beherrschen. Die kritische Lage in Hunan wird durch große lieber- schwemmungen noch verschlimmert. In dem nördlichen Teile von Tschangtefu soll der Verlust an Menschenleben UN» geheuer groß sein. Die Bevölkerung leidet große Rot. Mexiko. Unruhen. New Jork, 21. Juni. Ein Telegramm aus Cananea in Mexiko meldet eine revolutionäre Bewegung und die V e r- kündung des Kriegsgesetzcs in Cananea und anderen Grenzstädten. Die Bewegung ist im nördlichen Teile von Mexiko unter jungen Leuten entstanden, welche politische Frei- heiten verlangt hatten. Der Ausbruch war für den Wahl- tag am 25. d. M. beqbsichtigt. In der Provinz Sonova sind Hunderte von Verhaftungen vorgenommen und die Aufrührer deportiert worden. Bliis der Partei. Die italienische Partcifraktion gegen ihre Angreifer. Rom. 19. Juni. Iii zwei Sitzungen hat sich die italienische Parteifraktion mit den Anschuldigungen beschäftigt, die ein bekannter Reformist, Professor S a l v e m i u i, in einem Interview, das das „Giornnle d'Jtalia" veröffentlicht hat, gegen sie erhoben hatte. Im wesentlichen hatte Salvemini gesagt, daß die Fraktion zu ihrem beständig ministcrialistische» Verhalten durch elektorale Rücksichten veranlaßt sähe, die sie zwängen, kleinbürgerliche Interessen und die einiger privilegierten proletarischen Schichten zu vertreten. Weiter hatte Salvemiiii der Fraklion vorgeworfen, einen leeren bürgerlich- radikalen Antiklerikalismiis zu treiben, dem Genossenschastswescii Privilegien zu erwirken, die den sozialistischen Grundsätzen zuwider- liefen und in bezug auf die Steuerpolitik Proteknonisten zu sein. Die Parteifraktion bat nun in einerlangen von Tu r alt ausgearbeiteten Tagesordnung diese Beschuldigungen zurückgewiesen, an deren Schluß Salvemini aufgefordert wird, den Beweis für seine Behauptungen zu erbringen. Des weiteren hat die Fraktion sich mit der Tagesordnung des ParteivorstandeZ über den MimsterialiSmuS beschäftigt und von iieneni erklärt, daß sie ihre Haltung dem Kabinett gegenüber davon abhängig mache. wie Ivcit dieses seine Versprechungen einlöst, iiameiiilich in bezug auf die größtmögliche Erweiterung des Wahlrechts._ Eine Konferenz von Delegierten der sozialdemokratischen LandtagSfraktionen fand auf Veranlassung des Parteivorstandes am Sonntag, den 19. Juni, im Volkshause in Weimar statt. ES waren bis auf Schaumburg-Lippe und Lippe-Detmold alle Landtage vertreten, in denen unsere Partei Vertreter hat. Außerdem waren zwei Vertreter deS Parteivorstandes und ein Vertreter der Reichötagsfraktion an- wesend. Verhandelt wurde zunächst über die Regelung d e S MaterialauStausches und d i e eventuelle Schaffung einer Sammel- und Auskunftsstelle. Von der Er- richtiing einer Zentralstelle wurde allgemein abgeraten. Von jeder Fraktion soll aber ein Genosse bestimmt werden, der aus Wunsch Material zustellt und AiiSkünste erteilt. Eingehend verhandelt wurde dann über die Stellung der Laudlagsfraktioiien zur Reichswert- zuwachs st euer und der Einsührung von S ch i s f a h r t S- abgaben. Die Verhandlungen hatten nur informatorischen Charakter. Sie ergaben völlige Uebereinsüiumung in der Haltung zu den beiden Gesetzentwürfen._ Auch ein Gegner. Ein wirksames Mittel zur Bekämpfung der Sozialdemokratie hat der Verwalter der Postagennir in Duvenstedt(Schleswig) erfunden. Erscheint dort bei dem Manne ein in Duvenstedt wohnender Maurer, um die„VolkSzeitung", unser Parteiorgan in Ki el, zu bestellen. Der Herr weist ihn ab mit dem Bemerken, die„Volks- zeitung" sei ein sozialdemokratisches Blatt, und solche Blätter b e st e l l e d i e P o st n i ch y Auch eine zweite Vorstellung war erfolglos. Der Herr wird sich von der Oberpostdireklion belehren lassen miisten, daß sein Vorgehen gegen die„rote Rotte" ungesetzlich ist._ Unsere Toten. In Reutlingen starb nach längerer Krankheit am Montag Genosse Gottl. Frey an einem Hirnschlage. Der Verstorbene war unennüdlich für die Arbeiterbewegung tätig, längere Zeit be- kleidete er den Posten eines Vorsitzenden im 6. württembergischen Wahlkreise,_ polizeiliche», Gerichtliches ulw. Gegen den groben Uiifugparagraphc» sollte Genosse Richard Schmidt-Hannover verstoßen haben. weil er bei einer Straßendemoiistration Hochrufe auf dnS allgeinciiie, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht ausgebracht hat. Die Aiiklogebehörde niußie es jedoch zu ihrem Schmerz erleben, daß da« Schöffengericht Hon- nover der Polizeilogik nicht folgte; der Angeklagte wurde frei- gesprochen._ Aus der(teichsverncljerungsordnungs- ßommiilio». Sitzung am Dienstag, den 21. Juni. Wo bei Inkrafttreten des neuen Gesetzes eine Orts- krankcnkasse für einzelne oder mehrere Ge- werbszweige oder Betriebsarten oder allein für Versicherte eines Geschlechts besteht, soll sie unter ge- wissen Umständen auch fernerhin zugelassen werden. Unter anderm dann, wenn sie mindestens 599 Mitglieder zählt. Die Sozialdemokraten wollten nur wirklich leistungS» fähige besondere Ortskrankenkassen bestehen lassen, wenn für sie tatsächlich ein Bedürfnis vorliege.— Daher beantragten sie, daß nur Kassen mit mindestens 1999 Mitgliedern zugelassen werden. Der Antrag wurde mit allen Stimmen gegen die der Sozialdemokraten, Fortschrittlcr und des Polen abgelehnt. Außerdem beantragten die Sozialdemokraten, daß eine besondere Ortskrankenkasse nur dann weiter bestehen darf, wenn sich dafür die Mehrheit der Kassenmitglieder erklärt. Herr Ministerial- direklor Casper versichert, daß dies auch ohne eine solche besondere Bestimmung im Gesetze unerläßlich ist.— Eine wichtige Verschlechterung beantragten die Konserva- t i v e n. In der Vorlage war bestimmt, daß die besonderen Kassen nur dann zugelassen werden dürfen, wenn ihre satzungSmäßigen Leistungen den satzungSmäßigen Leistungen der maßgebenden Ortskrankenkasse mindestens gleichwertig sind. Diese Bestimmung hat deshalb eine große Bedeutung, weil sie auch bei der Zulassung der Betriebs- und Jnnungskrankenkasscn maßgebend sein soll. Der Antrag der Konservativen verlangte, daß zum Vergleich nicht die satzungsmäßigen, sondern die sogenannten Regelleistungen, also die Mindest leistungen herangezogen werden. Dadurch würden viele Tausende von Arbeitern mit den Mindestleistungen abgefunden werden. Die Sozialdemokraten wendeten sich entschieden da- gegen. Der Antrag wurde schließlich mit allen Stimmen gegen die der Konservativen und Nationalliberalen abge» lehnt. Zwei neue Arten besonderer Ortskrankenkassen forderte Abg. Behrens. Die eine Art dieser Kassen soll für Handlungsgehilfen und Handlungslehrlingc sowie Gehilfen und Lehrlingen in Ilpo- theken, die andere Art für solche Gewerbszweige bestimmt sein. deren Mehrheit aus Wanderarbeitern, z. B. Ziealern, besteht. Gegen den Vorschlag wendeten sich aber alle anderen Parteien und die Re- gierungsvertrcter. Darauf zog Abg. Behrens seinen Antrag zurück. Ferner soll nach der Vorlage der obersten Verwaltungsbehörde die Befugnis erteilt werden, in besonderen Verhältnissen, z. B. in Großstädten, die Mindcstmitgliederzahl für die besonderen Orts- krankenkassen bis auf 5999 zu erhöhen. Dagegen wandten sich die Konservativen. Sie wollten möslichst viele kleine besondere Ortskassen erhalten. Selbstverständlich schloß sich den Konservativen auch Abg. Herold vom Zentrum an. Die. Bestimmung der Bor- läge wurde dann auch gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und Fortschrittler abgelehnt. Außerdem hat die Vorlage den Grundsatz aufgestellt, daß die all« gemeine Ortskrankenkasse durch eine besondere Ortskrankenkasse nicht beeinträchtigt werden darf. Wo dies zu befürchten ist, soll eben- falls eine besondere Ortskrankcnkasic nicht zugelassen werden. Als beeinträchtigt soll die Ortskrankenrasse insbesondere dann gelten, wenn die Zahl der Mitglieder, die ihr bei Zulassung besonderer Ortsrankenkassen verbleiben würden, nicht mindestens 1999 oder die von der olvrsten Verwaltungsbehörde bestimmte höhere Zahl erreicht. Die Sozialdemokraten beantragten, daß die Mindest- zahl der Kasscnmitglieder auf 3999 erhöht werde. Der Antrag wurde gegen die Stimmen der Sozialdemokraten, Fort- schrittler und des Polen abgelehnt. Dafür wurde von derselben Mehrheit die Vorlage dadurch verschlechtert, daß sie die Mindestzahl auf 599 herabsetzte. Eine Betriebskrankenkasse soll nach der Vorlage von einem Arbeitgeber errichtet werden dürfen, der in seinem Be- triebe oder in seinen Betrieben mindestens 599 Versieherungspflich- tige beschäftigt. Auch hier beantragten die Sozialdemokraten die Er- höhung der Mindestzahl der Mitglieder auf 1999. Dagegen forderten die Konservativen die Herabsetzung der Mindestzahl aus 59. Endlich kam das Zentrum mit einem „VermittelungSantrag": Herabsetzung der Mindestzahl auf 199. Ferner forderten die Sozialdemokraten, daß eine Betrieds- krankenkasse nur dann errichtet werden dürfe, wenn sich die Mehr- heit der Personen, die ihr als Pflichtmitglicder angehören würden, in geheimer Abstimmung dafür erklären. Auf der anderen Seite beantragten die Konservativen und Nationalliberalen noch weitere Verschlechterungen der Vorlage. Ihnen, genügte zunächst nicht, daß eine Betricbskvanken- iasse, wie bisher, nur vou einem Arbeitgeber errichtet werden darf. Sie wollten vielmehr, daß auch mehrere Arbeitgeber eine gemeinsame Betricbskrankenkasse erriechten dürfen. Als Vor» aussctzung dafür wollten die Konservativen festgelegt haben, daß die Betriebe der Arbeitgeber, die eine gemeinsame Betriebs- krankenkasse errichten dürfen, gleichartig sind. Nach dem Antrage der Nationalliberalen dagegen sollen die Arbeitgeber, die eine gemeinsame Betriebskrankenkasse errichten dürfen, eine die Rechtsfähigkeit besitzende Vereinigung bilden, die Betriebe derselben sollen im Bezirke desselben Versichcrungsamts gelegen sein, und es sollen in ihnen dauernd zusammen mindestens 299 Versicherungs- Pflichtige beschäftigt werden. Ferner beantragten die Konservativen und die Ratio- nalliberalen eine weitere Begünstigung für die Saison- betriebe. Für sie sollte es genügen, wenn sie während der Saison die Mindestzahl der versicherungspflichtigen Personen be- schäftigten. Endlich hatte die Vorlage nur dann die Errichtung einer Be- triebskronkenkasse gestatten wollen, wenn die BetriebSkrankenkasse den Bestand oder die Leistungsfähigeit vorhandener allgemeiner Ortskrankenkassen und Landkrankenkassen nicht gefährde. Diese Bedingung wollten die Konservativen gestrichen haben. lieber diese Anträge entspann sich eine ausgedehnte Debatte. Die Sozialdemokraten wiesen nach, daß die Betriebs- krankenkassen in jeder Beziehung nachteilig für die Arbeiter sind. Ihnen schloffen sich mehr oder weniger die Abgg. KulerSki, Becker und Dr. M u g d a n an. Die Konservativen und Nationalliberalen da- gegen priesen die Betriebskrankenkassen, weil durch sie die Arbeiter von den„sozialdemokratischen Ortskrankenkassen" ferngehalten würden. Die Vertreter der Regierungen bemühten sich, nach. zuweisen, daß ihre Vorschläge den goldenen Mittelweg einhalten. Die Anträge der Konservativen und Nationalliberalen seien mit dem Grundgedanken der ganzen Vorlage unvereinbar, weil sie die Leistungsfähigkeit der Ortskrankenkassen untergraben, zugleich aber auch jede Sicherheit für den besonderen Wert, ja sogar für die Leistungsfähigkeit mancher Betriebskrankenkassen beseitigen würden. Die Debatte zog sich so lange hin, daß sie schließlich abgebrochen werden muhte. Fortsetzung Mittwoch. Soziales. Massenurteile beim JnnungSschiedSgericht.. 1. Aus Anlaß von Lohndiffcrenzen haben bei der Firma Ernst Gossow, Bau- und Möbeltischlerei, Tcltower Straße 53, eine größere Anzahl Tischler die Arbeit vor Ablauf der VcrtragSzeit niedergelegt. Ein Mißverständnis hatte hier mitgewirkt. Die Worte des Mitinhabers Beyer:„Wenn Ihr hier Versammlungen abhalten wollt, so macht daß Ihr rauSkommt I" waren von den Arbeitern dahin verstanden worden daß das Arbeitsverhältnis sofort gelöst werden soll. Die Firma wollte jedoch nur das Ab. halten von Versammlungen im Betriebe verhindern. Sie klagte am Montag beim JnniingSschicdsgericht gegen 27 Tischler auf Zahlung von je 3,69 M. und gegen 16 Tischler auf je 2!.69 M. als Schadenersatz. Die ersteren waren Lohnarbeiter und hatten die Arbeit im Laufe des Tages niedergelegt, die letzteren waren im Akkordlohn besehäftigt und haben die Arbeit unfertig liegen lassen. Die Klagcansprüche stützen sich auf den§ 124b der Gewerbe- ordnung, der da sagt: „Hat ein Gehilfe oder Geselle die Arbeit rechtswidrig der- lassen, so kann der Arbeitgeber als Entschädigung für den Tag des Vertragsbruchs und jeden folgenden Tag der vertragsmäßigen oder gesetzlichen Arbeitszeit, höchstens aber für eine Woche, den Betrag des ortsüblichen TagelohneS(feit 1. April d. I, in Berlin 3,69 M.) fordern. Diese Forderung ist an den Nachweis eines Schadens nicht gebunden." Das Schiedsgericht gab den Klageanträgen swtt, 2. Auch die Firma Carl Luckat, Kunstmöbelfabrik, Dieffen» bachstr. 35, verlangte von!5 Arbeitern se 21,69 M, und von weiteren 14 Arbeitern je 3,69 Rk, Auch hier haben die Arbeiter inmitten deS Tages wegen Lohndifferenzen und ohne die ihnen im Akkordlohn übertragene Arbeit fertigzustellen, die Arbeit nieder- gelegt. Auch hier erfolgte Verurteilung der Arbeiter. Beide Entscheidungen de« JnnungSschiedSgerichtS gehen fehl. Die beiden Klägerinnen haben Betriebe, in denen regelmäßig mehr als 19 Arbeiter beschäftigt werden. Mithin ist die Anwendung des Z 124b der Gewerbeordnung nach K 134, Abs. 2, ausdrücklich aus- geschlossen. Außerdem konnten in beiden Fällen die Arbeiter auS dem Schweigen der klagenden Firnien entnehmen, daß sie mit dem Aufhören des Arbeitsverhältnisses einverstanden waren. Die höhere Instanz wird wohl die Fehlurteile aufheben. Teuerungszulagen für städtische Arbeiter. Der Verband ber Gemeinde- und Staatsarbeiter sowie der Arbeiterausschuß' der städtischen Gaswerke hatten an das städtische Kollegium in Augsburg den Antrag gestellt, eine Teuerungszulage von 29 Pf. pro Tag zu gewähren. Das Gemeindekollegium be- schloß, den Antrag dem Magistrat zur Würdigung zu überweisen und ab 1. Januar 1S11 eine Neuregelung der Löhne der städtischen Arbeiter vorzunehmen. Sodann sollen mit Wirkung vom 1. Juli 1919 ab die Löhne aller Arbeiter, deren Tagelohn noch nicht 3 M. beträgt, auf diesen Betrag erhöht werden. Bon dieser sofortigen Aufbesserung werden etwa 299 Arbeiter betroffen. Auch die Vcr» trcter der bürgerlichen Parteien, einschließlich deS Zentrums, mußten zugeben, daß die Reichöfinanzreform eine horrende Be- lastung des arbeitenden Volkes mit sich gebracht hat. GewerkFcbaftUcbc� friede im Baugewerbe! Am zweiten Kongreßtage stimmten bei namentlicher Ab- stimmung 195 Manrer für. 54 gegen den Schiedsspruch, 88 Hilfsarbeiter dafür, 17 dagegen. Damit ist der Schteds- spruch angenommen und gilt für beide Verbände. Darauf teilte Bömelburg noch mit, daß ein ständiges Zentral-Schicdsgericht von neun Personen eingerichtet werden soll, das sich nach Abschluß der örtlichen Verträge konstituieren wird. Redner erklärt, daß die dabei mitwirkenden Unparteiischen Personen sein müssen, die auch die Materie beherrschen, die etwas verstehen. Die Personenfrage bitte er, auf dem Kon- greß nicht anzuschneiden, fondern die Regelung dieser Frage den Verbandsvorständen zu überlassen. Jedenfalls werde sich die Arbeiterschaft das Recht wahren, die Hälfte der Kosten für dieses Schiedsgericht zuzusteuern. Wenn das Gerücht entstanden sei, zwischen den beiden tagenden Verbänden und dem Zimnierei verbände beständen Differenzen, so könne er nur erklären, daß sie niit den Funk- tionären des Zimmererverbandes bei allen Maßnahmen taktischer Art und auch bei allen Verhandlungen immer einer Meinung waren. Desgleichen müsse er das gute Einvernehmen mit den leitenden Personen. der christlichen Organisationen betonen, von deren Seite während der ganzen Bewegung keinerlei Schwierigkeiten be- reitet worden seien. An dieser Stelle niöge es gnsgesprochen werden, daß, wenn es gelang, den Kampf erfolgreich zu Ende zu führen, dies nur der Einheit der vier in Betracht kom- Menden Organisationen zu verdanken sei. Dieses Verhältnis solle auch in Zukunft mit den Christlichen eingehalten werden, ganz abgesehen von dem, was uns sonst grundsätzlich von- einander trennt. Häßliche Kampfesweisen zwischen den beider- seitigen Organisationen seien auf jeden Fall zu venverfen. Verlangen müssen wir allerdings, daß die Christlichen auch fernerhin niemals mit den Unternehmern in Unterhandlung treten ohne Hinzuziehung der anderen Organisationen. Nur wenn ehrlich und offen vorgegangen werde, könne man ge- meinsam arbeiten. Ferner bitte er, nicht auf die Unparteiischen zu schimpfen, an denen es ja nicht allein liege, wenn nicht alle Wünsche in Erfüllung gingen. Persönlich solle man sie jedenfalls achten. Hieraus stimmte der Kongreß einigen vorgeschlagenen kleinen Aenderungen an dem Statut zu. Damit waren die Arbeiten des Kongresses erledigt. Vömelburg hielt noch eine packende Schlnßansprache und bezeichnete die abgeschlossene Bewegung als eine der be> deutnngSvollsten,- die man bisher inr Wirtschaftsleben Deutschlands erlebt habe. Mit dem Vernichstingszng der Unternehmer gegen die Organisation sei es also nichts gewesen; die Arbeiterbewegung habe sich wieder einmal als uuüberivindlich erwiesen. Die Bauarbeiter könnten heute ohne Ueberhebung sagen: Der Kämpf war für sie ein glänzender Sieg, für die Unternehmer eine Niederlage. Noch einnial zählte Redner die Errungenschaften auf: (In unserm gestrigen Bericht hatten sich irrtümlicherweise ein paar falsche Zahlen eingeschlichen.) Für zirka 13ÜOOÜ Maurer und für 70 000 Bauhilfsarbeiter eine Lohnerhöhung von 5 Pf., für 7000 Maurer und 3000 Hilfsarbeiter 4 Pf. Lohn- zulaae. Es kommt also mit den Zimmerern die Zahl von 250000 Arbeiter für die Lohnerhöhung in Betracht. Ferner eine Arbeitszeitverkürzung in 5 Lohngebieten mit zusammen 56 Orten von 10 auf S'/a Stunden, in 40 Lohngebieten mit über 600 Orten mit mehr als 10 stündiger Arbeitszeit auf 10 Stunden. Die Verkürzung betrifft also Maurer, Zimmerer, Hilfsarbeiter zusamnrengenommen 80000 Personen. Das fei ein Erfolg, der sich den Erfolgen aus der Verl gangenheit ebenbürtig anreihe. Warme Worte der Anerkennung fand der Redner noch für die Frauen der Streikenden, die bei ihrem niedrigen Ein- kommen und bei einer oft vielköpfigen Kinderschar freudig den Extrabeitrag abgegeben hätten. Schamrot dagegen müßten jene Kollegen werden, die sich geweigert haben, ihre Pflicht zu erfüllen. Mit einem siegesfrohen Ausblick in die Zukunft und einem Hoch auf die Organisation schloß Bömelburg den Kongreß._ Berlin und Umgegend. Der Streik bei Bergemann beendet! Die Kommission hatte am Montag und auch am Dienstag Ver- Handlungen mit der Direktion, und erstattete in einer zum Dienstag einberufenen, von 1200 Personen besuchten Versammlung Bericht. Die Direktion ließ sich bei diesen Unterhandlungen zu dem Zugeständnis herbei, die Hälfte der zuerst in Streik getretenen Ar- beiter(18 Mann) spätestens innerhalb vier Wochen wieder einzustellen. Außerdem erklärte die Direktion, daß den Arbeitern von feiten der Meister eine angemesiene Behandlung zuteil werden solle und daß sie selbst es verlange, daß ihre Arbeiter anständig behandelt werden. Bei Festsetzung von Akkordsätzen soll eine Verständigung zwischen Meister und den betreffenden Arbeitern herbeigeführt werden. Die Ausgesperrten sowie diejenigen, die sich mit ihren ausgesperrten Kollegen solidarisch erklärten, sollen alle wieder eingestellt werde». Weiter erklärte die Direktion, daß, wenn die Arbeiter unter diesen Bedingungen die Arbeit nicht aufnehmen sollten, sie weitere Zu« geständnisse nicht machen könne. Gegen dieses Angebot machte sich in der Versammlung eine starke Opposition geltend und die Diskussionsredner sprachen sich entschieden gegen die Aufnahme der Arbeit aus. Seitens der Organisationsleitung sowie der Vertrauensleute wurde den Streikenden die Annahme dieser Zugeständnisse dringend empfohlen.— Bei der geheimen Abstimmung ergab sich, daß die statutarisch vorgeschriebene Zahl für den Streik nicht vorhanden war, somit sind Streik und Aussperrung beendet. Am Mittwoch wird die Arbeit in allen Ab- teilungen aufgenommen._ Die Bewegung der städtischen Arbeiter. Der Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter hatte zum Montag, den 20. Juni, eine Versammlung aller Ver« trauenSleute und ArbeiterauSschußmitglieder aus den städtischen Betrieben Berlins einberufen, welche den großen Saal des.Englischen Gartens" dicht füllte.„Weitere Maßnahmen zur Durchführung der Lohnbewegung" lautete das Thema, über das der Bevollmächtigte W u tz k y referierte. Er berichtete über die Ver« Handlungen der Berliner Stadtverordnetenversammlung am 2. Juni. soweit sie sich aus den Antrag der sozialdemokratischen Fraktion dezogen, der vom Magistrat Aufschluß über die von dem- seloen bewilligten Lohnerhöhungen im Einzelnen forderte. Mit Rücksicht' darauf, daß Oberbürgermeister Kirschner die Bereitwilligkeit deS Magistrats erklärte, dem Antrage zu folgen. empfahl der Referent, die von der Massenprotestverfammlung am "Cerantw. Dieb a»TT Nichard Barth. Berlin. Inseratenteil verantw 80. Mai verlangte unverzügliche Neueinreichung der unberücksichtigten Forderungen noch einige Zeit zurückzustellen. In der Diskussion wurde lebhaft dagegen opponiert und dem sofortigen Vorgehen da? Wort geredet. Nachdem der Referent nochmals eindringlich für den Vorschlag der Ortsverwaltuug plädiert hatte, fand nachstehende Nesolutia» Annahme: „Die am 20. Juni 1010 im„Englischen Garten" versammelten Vertrauensleute und Arbeiteransichußiiiitglieder aus den städtischen Betrieben Berlins beschließen nach Kenntnisnahme der Berhand« luugen über den bezüglichen Antrag der sozialdemokratischen Fraktion in der Stadtverordnetensitzung am 2. Juni: 1. Mit Rück' cht auf die vom Magistrat zugesagte Bekanntgabe seiner Beschlüsse über die Lohnerhöhungen wird die von der Prolefiver'ammluug der städtischen Arbeiter am 30. Mai ge- forde, te erneute Eiureichung ihrer Lohnforderungen zurück- gestellt. 2. Wird die Zusage des Magistrats bis Ende Juni nicht erfüllt, so bat die Ortsverwaltung des Verbandes der Gemeinde- arbeiter unverzüglich den Beschluß der Protestversammlung zur Ausführung zu bringen." Achtung, Fensterputzer! Wegen Differenzen sind die Fenster- Putzer der Firma R o d e w a l d sämtlich ausgesperrt. Wir ersuchen um strengste Solidarität und Fernhallung des.Zuzugs. Alle arbeiter- freundlichen Bläiter werden um Abdruck gebeten. Deutscher TranSportarbeilerverband. Bezirk Groß-Berlin. Deutkches Reich. Eine.,Post"-Rech«ung. Die„Post" und andere vom Unternehmertum über Waffer ge- halten? ReichSverbandsblälter brachten am 21. Juni 1010 einen „Freigewerkschaftliche Maifahrten" überschriebenen Artikel, in welchem von neuem die unausgesetzte Sorge der giftigsten Arbeitcrfeinde um die Verwendung der Arbeitergroschen zum rührenden Ausdruck kam. Diesmal sind es die Gewerkschaftskongresse der letzten Zeit, die den Schlotbaronen Kümmernisse bereiten, und ihre Sub- agenten haben Austrag erholten, aufalleFälleherauszurechnen, daß solch? „Vergnügungsreisen der von Arbeitcrgroschen bezahlten Beamten", wie eS im ReichSvcrbändlerjargon heißt, geradezu wahnsinnige Summen verschlingen. So steht denn schwarz auf weiß in dem erwähnten Artikel zu lesen, daß auf diesen Kongressen„S2S GewerkschaflSbeamte in 8V Tagen 740 000 M. oder mit dem BahnfahrtSgeld 758 500 M. verbraucht haben". Der Unglücksmensch, der diesen Schwindel verbrochen hat, ist sehr wahrscheinlich einer von jenen Redakteuren, die den seligen Freiherr» v. Stumm zu dem Verzweiflungsruf veranlaßten: .WelcherEsel hat denn daS w i e d e r g e f ch r i e b e n?" Man rechne einmal nach. Wenn die hier von dem Scharf- macheragenten hingemalte Summe stimmen würde, dann hätte jeder einzelne Delegierte seine„Vergnügungsreise" mit 820 Mark be- zahlt bekoinmen und das ergibt, wenn man hochgerechnet acht Tage für jede Generalversammlung ansetzt, einen Diätensatz von baren 102 Mark und 50 Reichspfennigen! Man stellt sich neuerding» in konservativen Kreisen so, als ob man keine Erklärung wüßte für das riefige Anwachsen der Sozial- demokratie. Nach der in der„Post" veröffentlichten Entdeckung bleibt nichts übrig als Verwunderung darüber, daß der„Zukunfls- staat" noch nicht von regierungswegen in Preußen proklamiert ist. Als da vor acht Tagen das preußische Herrenhaus über die Reise« kosten der Staatsbeamten beriet, nannte ein Bürgermeister die 22,60 M., die ein RegierungSrat täglich auf Reisen er- halten soll, eine viel zu hohe Sunime. DaS ist ein Lumpengeld im Vergleich zu den 102,50 M., die ein Mühlenarbeiter, ein Friseurgehilfe täglich als Kongreß- delegierter aus der sozialdemokratische» Gewerkschaftskasse erhält; und kein Mensch darf sich Hinsort mehr wundern, wenn auch die letzten Säulen des DreillaffenftaateS morsch werden und selbst Mi- nister jetzt kein höheres Ziel mehr kennen, als sozialdemokratische Kongreßvelegierte zu werden. Leider darf nicht verschwiegen werden, daß die„Post" selbst ihr wohlgemeffenes Teil Schuld daran trägt, daß jeder dieser Kon- greßdelegierten in acht Tagen 820 M. Arbeitergroschen einsteckt. Wir entsinnen uns, daß das Scharfinacherblatt am 2. Februar 1809 eine» Artikel aus der„Konservativen Korrespondenz" beifällig abgedruckt, der wie folgt begann: „Die schlechte Bezahlung der Gewerkschaft»- beamten und Redakteure der Gewerkichaftsblätter hat eine Gärung unter ihnen helvorgerufen und zu einer Vereinigung der Redakteure geführt, die möglicherweise in einen Streik ausarten kann." Das war vor elf Jahren, wie gesagt. Jetzt haben wir den Salat I Hätte die„Post" damals nicht den Streik geschürt und die Gewerkschaftsbeamten gegen ihre„Ausbeuter" aufgeputscht, dann würde sie heute nicht die Früchte solcher gemeingefährlichen Hetz- arbeit zu beklagen, haben und sie brauchte keine Druckerschwärze an die von ihr enthüllten Totsachen verschwenden, daß ein simpler Arbeiter auf Kongreffen fünfmal so viel Diäten bezieht als ein hoher preußischer Regierungsbeamter. Man braucht ja nur die vom Finanz- minister v. Rheinbaben gelegentlich der Erörterungen über die Zivilliste im Abgeordnetenhause gehaltenen Reden zu lesen, um sich über keine sozialistentötende Torheit mehr zu verwundern. Aber daß Blätter. die alle Ursache hätten, sich die in Innungen und anderen Unter- nehmerorganisationen betriebene Geldvergeudung bei Licht zu betrachten, der Welt vorschwindeln, daß sozialdemokratische Ge- werkschaftsdelegierte zehnfach höhere Reisekosten einheimsen, als sie unter der sparsamen Wirtschaft der Organisationen tatsächlich be« ziehen—, daS erreicht den Gipfel aller SozialistentötungSefeleien. In der Reiscessektenfabrik von JuliuS Arn ade in Görlitz« M o y S sind über 100 Sattler, Koffermacher und Täschner in Streik getreten. Auch bei den übrigen Firmen der Reisceffekteninduftrie in Görlitz bestehen Differenzen. Streikende Ausländer wurden auf Veranlassung des AmtSoorfteherS ausgewiesen. Zuzug ist fern- zuhalten._ Lohndifferenzen in der Metallindustrie zu Remscheid. In 37 Betrieben haben 620 Maschinenbauer und Hilfsarbeiter die Kündigung eingereicht. Die Arbeiter verlangten die Einführung eines Einheitstarifes. Die Unternehmer haben den Tarif sowie die Verhandlungen mit der Lohnkommission grundsätzlich abgelehnt. Da es voraussichtlich zu einem schweren Kampfe kommen wird, ist jeder Zuzug von Maschinenbauer» und Hilfsarbeitern strengstens fern- zuhalten. Deutscher Metallarbeiterverband, Verwaltungsstelle Remscheid. Ein tarifbrüchiger Obermeister. In Pforzheim wurde im vorigen Jahre ein Tarifvertrag für daS Tischlergewerbe abgeschlossen, der auch einen Aufschlag für Momagearbeitcn auf Bauten am Orte vorsieht. Die Tischlermeister bezahlten durchweg den Aufschlag— es sind 5 Pf. pro Stunde vor- gesehen—. nur. der Obermeister der Tischlerinnung glaubte sich an den Bertrag. den er für die Innung vereinbart und unterzeichnet hat, nicht gebunden. Die Arbeiter, die bei ihm beschäftigt waren und nicht freiwillig aus die Zulage verzichteten, wurden entlaffcn. Daß der Deutsche Holzarbeiter-Verband als VerlragSkontrabent sich diese vertragswidrige Handlungsweise nicht gefallen lassen konnte, ist selbstverständlich; darum wurde zunächst die Schlich- tungskonimission als Beschwerdeinstanz angerusen. Wenn auch die Unternehmer in ihren Betrieben in ihren Ausdrücken nicht wählerisch : Uh. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdr.u.Perlag»anstah sind, so verlangen sie aber bon ihren Arbeitern, daß sie stet« die höflichsten Ausdrücke gebrauchen. So auch in der Sitzung der Schlichtungskommission. Als die Arbeitervertreter die Hand- lungSweise des Obermeisters als gegen die guten Sitten verstoßend bezeichneten, brachen die Unternehmer die Verhandlungen ab und verließen das Lokal. Am andern Tage wurde von allen Arbeitern die Arbeit niedergelegt. Das paßte den Herren aber auch wieder nickt. Sie wandten sich nun an den Vorsitzenden des Gewerbe- gerichts, der sollte die Arbeiter zur Räson bringen. Der Vorsitzende des Einigungsamtes beraumte schleunigst eine Sitzung an. doch fiel eine andere Entscheidung, als die Herren erwartet hatten. Das EinigungSamt sprach nämlich auS, daß unzweifelhaft Vertragsbruch durch den Obermeister vorliege; er wurde verurteilt, sämtliche Arbeiter wieder einzustellen, auch wurde ihm eine scharfe Rüge erteilt. Dagegen wurde das Verhalten der Arbeiter als voll- ständig einwandfrei bezeichnet. Wenn die verantwortlichen Leiter der Unternehmerorganiiationen die Tarifverträge in dieser Weise mißachten, waS soll man da von den übrigen verlangen? Husland. Die tschechische» GcwrrkschaftSzersplitterer dehnen ihre ersprieß« liche Tätigkeit nun auch schon auf die Union der T e x l i l» arbeiter auS. Eine Konferenz der Vertrauensmänner von Prag und Umgebung hat aber jeden Versuch der Zersplitterung scharf gebraudmarkt und der tschechisch-slawischen Gewerkichafrs- kommission erklärt, daß man die Konsequenzen ziehen werde, falls sie dem Verlangen nach Nichtaufnahme deS Separatisten-Teztil- Verbandes nicht nachkommen sollte. Versammlungen. Ewe überaus zahlreich besuchte öffentliche Versammlung aller Kraftwagenführer tagte am Montag abend in den Musikcrsälen, um zu dem Antrag des konservativen Abg. S t r o s s e r, der nach schärferen polizeilichen Maßnahmen gegen die Chauffeure und die Entfernung der Personen- automobile auS den verlehrsreichen Straßen verlangt. Stellung zu nehmen. Der Abgeordnete S t r o s s e r war zu der Versammlung besonders eingeladen, hat es aber vorgezogen, ihr feruzubteiben. Ter Referent Aug» st Becker zeigte in aussühclicher Weise, welche Nachteile für de» AutomobilismuS dieser von vorsintflutlichen Ideen getragene Antrag hat. Eingebend behandelte er die vom Abgeordnelen S t r o s s e r als begründendes Material vorgetragenen Klagen über den Aulomobrlismus. die keineswegs genügen, um einem einzelnen Beruf so schwere Schädigungen zuzufügen, wie sie dieser Antrag zur Folge haben muß. Wenn hier und da Ueber- trelungen polizeilicher und gesetzlicher Vorschriften vorgekommen sind, so solle man die einzelnen Schuldigen für sie veraiilworltich machen and nicht den ganzen Beruf, zumal den Chauffeuren keine Schuld beizumesicn sei, wenn sich unzuverlässige und gefährliche Eleinenle in den Beruf einschleichen konnten. So lange der AutomobilismuS existiert, haben die Chauffeure stets auf die Schäden und Mängel desselben aufmerksam gemacht. Weder das Polizeipräsidium noch die gesetzgebenden Körperschaften, an die sich die Chauffeure mehr» sack mit Petitionen gewandt haben, haben deren Wünsche berücksichtigt. Um so mehr sind aber die Strasvorschriften verschärft und bedeutend stienger gehandhabt worden. Horrende Strafen find wegen Schnellsohrens und der Rauchentwickelung, für die die Chauffeure in den meisten Fällen nicht das geringste Verschulden «reffe, verhängt worden. Eine weitere Verschärfung polizeilicher Maßnahmen rechtfertige sich nicht im geringsten. Damit sei er, Redner, mit dem Abgeordneten S t r o s s e r einverstanden, daß die Prinz-Heilirich-Fabrt und ähnliche Wetlsahrten verboten werden müßten. Im übrigen sollte man durch technische Verbesserungen der Fa bezeuge die Raiichcntwickelung zu beseitigen suchen und dem Fahrer eine Kontrolle der Fahrgeschwindigkeit ermöglichen und vor allem eine gesetzliche Regelung der ausgedehnten Arbeitszeit der Krastwagensührer, die bis zu 40 Stunden beträgt, herbeiführen. Die Ausbildung der Chauffeure, die jetzt oftmals in den privaten Fahrschulen eine mangelhaste ist, sollte nur in staatlichen Chauffeur» schulen erfolgen. Dann werden auch die Klagen über den Auto- mobtlismus ganz erheblich verringert werden. In der sehr lebhaften Diskussion gaben einige Redner ihre Elfahrungen im Berufe zum besten. So manchesmal seien sie nach ihrer Anficht zu Unrecht in Strafe genommen worden. An vielen Unfällen sei auch das Publikum schuld. Deshalb fei die Be- lehruug des Publikums durch die Organe der Behörden sowohl als auch durch die Presse erforderlich. Aber die Presse, nicht auS- genommen die Parteipresse, laste es sich mehr angelegen sein, das Publikum gegen de» AutoniobiliSums einzüuehmen, durch ihre Notizen vom„rasenden Automobil" usw. Auch wurde bedauert, daß die sozialdemokratische Fraktion im Abgeordnetenhause nicht zu diesem Antrage daS Wort ergriffen habe. Ein Zwischenruf genüge nicht. Der Referent entschuldigte daS in seinem Schlußwort mit der Bielseitigkeit der Aufgaben, die diese kleine Fraktion zu be- wältigen hat. Ein Antrag, der die Organisationsleitung(Transportarbeiter- verband) beauftrqgt, beim Polizeipräsidium um Anbringung von GeschwindigkeitSmefferit an den Fahrzeugen vorstellig zu werden. wurde angenommen. Desgleichen eine Protestresolution, in der auch die Forderungen der Automobilführer an die Gesetzgebung zu- sammengefaßl sind._ Letzte IVacbricbten und Dcpclcbcn. Die Entrechtung Finnlands. Petersburg, 21. Juni.(W. T. B.) Reichs rat. Auf der Tagesordnung steht der E'setzentwurf betreffend Finnland. Der Berichterstatter Beitrich ewvfahl die Annahme i>es Entwurfs in der Fassung der Reichsduma. Vom Hochwasser. Innsbruck, 21. Juni.(B. H.) In dem Dorfe Bandans in Montafone hat das Hochwasser etwa 180 Häuser unbrauchbar gemacht. Viele Leute wandern auS? die Ortschaft wird anderswo wieder aufgebaut werden. Der Bodensee hat noch immer eine gefährliche Höhe. Der gesamte Verkehr auf der Arlbergbahn ist heute wieder aufgenommen worden. Neustadt(Donau), 21. Juni. Das Hochwasser der Donau hat die Schutzwälle bei Mittelöhr und Jrsching zweimal durchbrochen. Der Ort Wöhr bei Neustadt mußte fast ganz geräumt werden. AuS Eifersucht erstochen. Mannheim, 21. Juni.(W. T. B.) Heute nachmittag hat ein junger Kaufmann die 17 Jahre alte aus Mainz gebürtige Artistin Else Schmidt, Mitglied einer Damenkapelle, aus Eifersucht durch mehrere Stiche in die Brust und in den Rücken getötet. Der Täter ist verhaftet._ Grostfeuer., RegenSburg, 21. Juni.(58. H.) In Hrllkofeu steht oaS Fürst- lich Thurn- und Taxissche Gut in hellen Flammen. Die Eni» stehungSursache ist unbekannt. Todcssturz. Grenoble, 21 Juni.(W. T. B.) AuS La Grave(Haukes alpeS) wird depeschiert, daß ein deutscher Professor, der eine Be- fteigung deS Gletschers Lamege in Begleitung des lSiätirigen Sohnes eines Führers unternahm, mit diesem aus einer Höhe von 300 Meter abgestürzt ist. Beide erlitten Schädelbrüche und waren sofort tot. Die Leichen wurden nach La Grave gebracht. faul Singer öe Co., Berlin LW. Hierzu 3BeiIagen u.UuterhaltungSbl, <«. 27. im i Keilllge des Joimütts" Serlim WIKsdlM � 22 Z« im Der AshlrechtzipzÄergsng vor dem lismmergericht. Gestern hat das Kammergericht als Revisionsinstanz in einem eigenartigen Urteil den Monat Haft bestätigt, welche die unteren Instanzen unserem Verantwortlichen Redakteur, Genossen Barth, ausgebrummt hatten. Der Monat Hast stellt die Sühne für das homerische Gelächter dar, das über die Berliner Polizei wegen ihres negativen Erfolges in ihrem Kampf mit der Sozialdemokratie und dem„Vorwärts" bei Freund und Feind ausgeschüttet wurde. Lächerlichkeit tötet. Und deshalb mutzte die durch ihr Vorgehen in der ganzen Welt herabgesetzte Polizei in ihrem Ansehen geflickt, die Staatsautorität aufrecht erhalten werden. Diese Aufgabe erhielten die Gerichte, und glauben sie erfüllt zu haben. Eigenartige Gründe führten zur Verurteilung. Das Kammergericht hat anerkannt, datz das Urteil der Vorinstanzen unhaltbar ist, soweit es den Genossen Barth wegen Veranstaltung öffentlicher Aufzüge und von Versamm- lungen unter freiem Himmel verurteilte. Von der Missetat eines Verstotzes gegen das Vereinsgesetz wurde der Pretzfünder frei- gesprochen. Dennoch hielt das Kammergericht das volle Straßmaß gegen ihn aufrecht. Das Landgericht hatte den Genossen Barth nicht nur als Veranstalter von Versammlungen und Aufzügen bestraft, sondern auch wegen Aufforderung zum Ungehorsam gegen das Ber- einSgefetz verurteilt. In seinen Gründen hatte es in weiser Vor- ahnung, datz nicht alles klappt, ausdrücklich erklärt: wenn auch nur eine der unserem Genossen ankonstruierten Straftaten vorliegen würde, so würde dennoch auf dieselbe Strafart und Strafhöhe er- kannt sein. Daran klammerte sich das Kammergericht, um nur nicht wieder die Sache in die Vorinstanz zurückverweisen zu müssen. Un- bekannte Leiter, unbekannte Veranstalter, und dennoch soll der Ge- nosse Barth sie zu ihrem schnöden Tun veranlatzt haben. Um solches Urteil rechtfertigen zu können, war es nötig, datz das Kammer- gericht den Begriffen„Aufzug" und„Versammlung" eine Auslegung geben mutzte, nach der alltäglich, wie der Verteidiger zutreffend hervorhob, Mädchenpensionate demnächst wegen öffentlicher Aufzüge verurteilt werden müßten, wenn die Mädchen einen Spaziergang unternehmen. Das Kammergericht verkennt ebenso wie der von ihm angezogene Kommentator, datz ein Aufzug nach dem Sprachgebrauch erst dann vorliegen kann, wenn— abgesehen von anderen Voraus- setzungen— die Teilnehmer nach einem bestimmten Ort, zu einem bestimmten Zweck in ähnlicher Weise hinziehen, wie dies die Wacht- Parade bei ihrem„Auszug" tut. Doch— was soll man über die Wunderlichkeiten des kammer- gerichtlichen Urteils, das zum Schluß noch seiner eigenen verständi- gen Judikatur einen leisen Backenstreich verabfolgen zu Müssen meinte. Ausführungen machen! Es sind ja nicht juristische Gründe. die das eigenartige Urteil hervorgezaubert haben. Es kam viel- mehr daraufan, die durch ihr eigenes Tunherab» gesetzte Polizeiautorität zu stärken. Das ist des Pudels Kern. Das der Grund, weshalb über unfern Genossen Barth ein Monat Hast verhängt wurde. Ihm wie uns bleibt die erfreuliche Genugtuung, datz der Prozeß mit seinen eigenartigen Erscheinungen in allen drei Instanzen der Sozialdemo- kratie und dem Wahlrechtskampf viel genutzt hat und hoffentlich noch weiter reiche Früchte bringen wird. Ein Rückblick auf die Prozetzgeschichte und der nachfolgende Bericht über die gestrige Verhandlung vor dem Kammergericht folgt nachstehend. »» » Als der Polizeipräsident die Abhaltung von Versammlungen unter steiem Himmel und die Veranstaltung öffentlicher Aufzüge zum 6. März dem Gesetze entgegen ablehnte, legte der„Vorwärts" dar, daß ein Wahlrechtsspaziergang im Treptower Park etwas durchaus Erlaubtes ist, zu dem eine Genehmigung nicht erforder- lich ist. Am 4. März teilte dann der Polizeipräsident von Jagow dem Genossen Ernst mit. datz der im„Vorwärts" angekündigte Wahlrechtssftaziergang von ihm nicht geduldet werden würde. Am 6. März kam es dann zu jener denkwürdigen Wahlrechtsdemvn- ftration im Tiergarten seitens der Sozialdemokraten unter gleich- kleines feuilleton. Die Lustbarkeitssteuer und die Königlichen Theater. In Rr. 24 und 2b der„Schaubühne" unterzieht Walter T u r s z i n s k i das Projekt der Lustbarkeitssteuer einer ebenso boshaften wie zutreffen- den Kritik. Insbesondere wird aber die Befreiung der Königlichen Theater von dieser Steuer gegeißelt. Mit Recht wird die gänzliche Bedeutungslosigkeit dieser koirspicligen Institute, die eben erst wieder als Vorspann für die Erhöhung der Zidilliste dienen mutzte, hervor- gehoben und bemerkt:„Diese Lustbarkeitssteuer beginnt mit einer Sünde gegen den heiligen Geist des Reichsstrafgesetzbuches. mit einer Förderung des unlautern Wettbewerbs. Sie schlägt ihre Harpyen- klaue nur in den Leib der Berliner Institute, soweit sie auf Ber- liner Grund und Boden belegene Privatuntcrnehmungen sind: die Königlichen Theater also und das in Schöneberg belegene Neue Schauspielhaus läßt sie ledig. Man kann kaum darüber im Zweifel sein, daß diese Bevorzugung— selbst wenn sie, wie im zweiten Falle, ein schlver leidendes Theater in seinem harten Kampfe stützt— nicht geduldet werden darf. Man müßte aber geradezu Barrikaden bauen, wenn man daran denkt, datz die Königlichen Theater, die aus dem ernsthaften Berliner Kunstbetrieb ziemlich ausgeschaltet sind, zum Dank für ihre kläglichen Leistungen nun auch von der Stadt eine Subvention erhalten; daß sie, die die reichsten Verwal- tungsmittel zu den banalsten Zwecken verwenden, zu den vor- handenen Kapitalien noch weitere geschenkt bekommen sollen. Das ist genau dasselbe, als ginge ein Armen-Unterstützungsverein daran, aus seinem Fonds zunächst einmal die Erben der Herren von Bleich- röder und von Mendelssohn zu dotieren. Die Königlichen Theater zu Berlin— sie säen nicht, sie ernten nicht, und unser Vater, Wil- heim der Zweite, ernährt sie doch. Sie kochen breite Bettelsuppen und haben nicht nur ein groß, nein, auch ein ständiges, sanftes, respektvolles, aufnahmefreudiges, unkritisches und voll zahlendes Publikum, im Gegensatz zu den übrigen Berliner Bühnen. Am Opernplatz rauft man sich um die Karten, wenn die Parkettplätze der Privattheater nicht einmal durch Bittprozessionen loszuwerden sind. So und nicht anders sieht der Lohn dafür aus, datz das König- liche Schauspielhaus zu Berlin die Kunstpotenz seiner zum Teil vor- trefflichen Mitglieder dauernd durch schlechte oder abgespielte Stücke ichwäckt; datz das Königliche Opernhaus zu Berlin sich, Herrn Theo- ore Roosevelt zu Gefallen, mit amerikanischen Virrteltalenten und Jndianen/pern behilft und die im 5tunstbädeker mit drei Sternen bezeichneten Sänger und Werke in Dresden, München, Wien, New Aork, Monte Carlo wirken läßt. Verschont der Inspirator der Ber- liner Lustbarkeitssteuer diese Theater, während er den andern die Steuer aufbrummt, so soll man ihm getrost die blecherne Medaille für Kunstfremdheit, am Hanfseil um den Hals zu tragen, verleihen." Es gibt in der Tat keinerlei Rechtfertigung für diese besondere Unterstützung der Unfähigkeit, die die Steuerbefreiung darstellt. Man müßte denn der allerdings zumeist zutreffenden Meinung sein, daß die Königlichen Theater mit Lustbarkeit— trotz des lustbaren Herrn Lindau und des in mancher Hinsicht bemerkenswerten Inten- bauten v. Hülsen— schlechterdings nichts zu tun hätten. zeitiger Verhaftung des Treptower Parks durch eine bis an die Zähne bewaffnete Polizeimenge. Die Heiterkeit, die dieser poli- zeiliche Reinfall auslöste, wird unvergeßlich bleiben. Das mutzte gerächt werden. Die Anklagebehörden und die Gerichte tappten dann hin und her, um den Genossen Barth mit der Schlinge irgendeines Strafgesetzes zu fangen. Schon vor dem 6. März ging unserem Genossen Barth die Anschuldigung zu, durch die „Vorwärts"artikel habe er zum Ungehorsam gegen eine Anordnung des Polizeipräsidenten aufgefordert und habe gar ein Verbot des Polizeipräsidenten umgangen. Von einer rechtmäßigen Anord- nung des Polizeipräsidenten konnte keine Rede sein, und das Um. gehen, das Nichtbegehen einer Straftat ist bislang in den Straf- gesehen noch nicht mit Strafe bedroht. Beide Anklagcpunkte fielen ins Wasser. Dann sollte der Genosse Barth das Vereinsgesetz nach niehrfachen Richtungen hin schwer verletzt haben. Oeffentliche Auf- züge und Versammlungen unter freiem Himmel sollte er veran- staltet, also das Vereinsgesctz verletzt haben. Daneben sollte er nun auch andere mit Erfolg aufgefordert haben, Aufzüge und Ver. sammlungen ohne behördliche Genehmigung zu veranstalten. Das Schöffengericht gelangte am 1. April zu einer Verurteilung in vollem Umfange und meinte, zur Teilnahme an den Versamm- lungen seien auch noch nicht 18 Jahre alte Personen aufgefordert. Das Landgericht sprach nicht mehr von der Aufforderung an Minderjährige, verurteilte aber den Genossen Barth zu derselben Strafe von einem Monat Haft als vermeintlichen Veranstalter öffentlicher Aufzüge und Versammlungen und gleichzeitigen erfolg- reichen Auffordcrrr zu solchen Vergehungen gegen das Vereins- gesetz. Das schriftliche Urteil de» Landgerichts spricht zunächst von den Ansammlungen der Tausende in der Gegend des Treptower Parks, an der Grenze Rixdorfs, im Schlesischen Busch und von vereinzelten Zügen von Manifestanten, die sich im Anschluß daran im Südosten Berlins bemerkbar machten. Dann schildert es auf Grund der Beweisaufnahme das Zusammenströmen der Menschenmassen im Tiergarten. Besonders der Große Stern sei das Zentrum der Demonstration gewesen. Allerorts seien Hochs aus- gebracht worden und an den verschiedensten»stellen die Arbeiter- Marseillaise gesungen worden. Es wird u. a. hervorgehoben, datz nach dem Zeugnis der Chefredakteure Wolf(Tageblatt) und Oehlke, des Redakteurs Engel und des Reichstagsabgeordneten Stadthagen die nach dem Großen Stern wandernden Menschen Ruhe und Ord- nung gewahrt, auch nicht den Verkehr unterbunden hätten. Die Schriftstellerin Ruth Bre habe sich sogar bewundernd über die Tis- ziplin ausgesprochen, welche in einem starken Zuge geherrscht habe, in dem, für sie allerdings nicht erkennbare Ordner die Direktive gegeben hätten. In bezug auf die Polizeiattacke am Großen Stern vertrat der Chefredakteur Wolf als Augenzeuge die Ansicht, datz Unmutsäutzcrungen über di- Polizei und vorübergehende Unruhe in den Massen hauptsächlich durch die nach seiner Ansicht unvcr- nünftige Attacke der Polizei hervorgerufen worden sei. Denselben Standpunkt habe auch der Abgeordnete Stadthagen vertreten. Da- gegen, heißt es im Urteil, hätten Polizeibeamte ausgesagt, datz sie an verschiedenen Stellen des Tiergartens auch schon vor polizeilichem Einschreiten Rufe, wie Bluthunde und dergleichen, gehört hätten. — Auf dem Königsplatz, wo sich viele Tausende angesammelt hätten und die Treppe zum Reichstagsgebäude dicht besetzt gewesen sei, habe ein Mann von einer Rampe eine rote Fahne geschwenkt und ein anderer habe eine Rede gehalten, bis er beim Nahen der Polizei verschwunden sei.— Ueberall seien Lieder gesungen und Hochrufe auf das Wahlrcckt ausgebracht worden. Zwischen 2 und 3 Uhr hätten sich die Massen zu zerstreuen begonnen. Vielfach seien sie in großen geordneten Zügen davon gegangen. Das Urteil kommt zu folgenden Schlüssen: Die erwähnten Züge seien Aufzüge auf öffentlichen Straßen gewesen. Es handele sich nicht nur um gleichzeitiges Auftreten einer größeren Anzahl von Personen auf öffentlicher Straße, sondern überall um eine zu einem bestimmten Zwecke— Demonstration gegen die Wahlrechtsvorlage — vereinigte Menschenmenge, welche sich über di- öffentlichen Straßen in einer Weise fortbewegt habe, die die Aufmerksamkeit des Publikums zu erregen und die öffentliche Ordnung und den Verkehr zu gefährden geeignet gewesen sei. Daß die Züge in einer bestimmten Ordnung sich bewegten, sei begrifflich nicht erforderlich. Im übrigen sei aber auch erwiesen, datz ein« straffe Ordnung in den meisten Zügen geherrscht habe. Datz solche Züge von vielen taufenden Personen die öffentliche Ordnung und den Verkehr zu ge- fährden geeignet seien, bedürfe keiner besonderen Ausführung. Das Urteil stellt ferner fest, datz am Grotzen Stern und auf dem Königs- Blinddarmentzündinig nicht ansteckend. Der Direktor der chirurgischen Universilätsklinik in Halle, Professor v. Bramann, tritt in einem Schreiben an die„Saale-Zeitnng" der Auffassung entgegen, die jüngst ein englischer Arzt, Dr, Donald Houd, in der medizinischen Wochenschrift„The Lancet" über die Blinddarm- entzündung kundgegeben hat. Professor Bramann bestreitet auf Grund seiner an zirka lbOV Patienten gemachten Beobachtungen die Annahme, datz Blinddarmentzündung eine ansteckende Krankheit sei. Bon einer Uebertragung der Krankheit von Mensch auf Mensch könne bestimmt nicht die Rede sein. Wenn auch die Er- trankungSsälle zeitweise sich auffallend häuften, so fänden diese meist nur in Zeiten statt, in denen Darmcrkrankungen und Katarrhe be- ionderS häufig sind, wie bei Jnfluenzacpidemien und zur Zeit der Obstreife. Es handele sich dabei um Schädigungen, die bei einer grotzen Zahl von Menschen zu gleicher. Zeit auftreten und bei einzelnen von diesen dann zu Blinddarmentzündung führen könnten, aber von einer Uebertragung der Krankheit könne nicht die Rede sein. Der Ursprung der ägyptischen Mumien. ES ist wohl der Ueber« legung wert, wie die altey Aegypler überhaupt zuerst darauf ge- kommen sein mögen, ihre Toten in so merkwürdiger Weise zu be- handeln, datz sie noch beute, nach einer ganzen Reihe von Jahr- lausenden, in einem erstaunlichen Erhaltungszustand auf die späte Nachwelt gelangen. Versuche zur Konservierung der Leichname zeigen sich wohl auch bei anderen Völkern, aber nirgend mit einem ähnlichen Erfolg, und daher liegt eigentlich der Schluß nahe, datz die Aegypter in diesen Bestrebungen durch irgendwelche Eigenheit ihrer LandeSnamr unterstützt worden sind. Der berühmte Acgyptologe Prosesior Elliot Smith hat in einem Vortrag vor der Philosophischen Gesellschaft in Glasgow tatsächlich eine Au- schauung über diesen Punkt geäußert. Er meint nämlich, datz der Brauch der Muinifizierung in Aegypten aus der Erfahrung hervorgegangen sei, datz die Leichname in dem trockenen und heißen Wüstensand austrocknen, anstatt zu verfallen. Die Natur lehrte also die Menschen in diesem Falle eine Art der Konservierung. Mit der Zeit konnte man sich mit dem einfachen Begräbnis im Wüstcnsande nicht mehr begnügen, weil zu viele Plünderungen der Gräber vorkamen. Außer- dem gab die Entdeckung des Kupfers und die Entwickelung der Steinskulptur die Möglichkeit zur Erfindung von Särgen und Sarkophagen. Als man nun die Mumifizierung. die sich bis dahin im Wüstensand von selbst vollzogen hatte, nachahmen wollte, boten sich dazu als Hilfsmittel einerseits Harze dar, die schon damals von den Frauen als Schönheitsmittel benutzt wurden und außerdem die überreich vorhandenen Soda- und anderen Safte. Während bis auf die letzte Zeit die älteste Muinie aus das Jahr 1580 vor Christi Geburt bestimmt worden war, ist jetzt das Alter einer solchen auf etwa 2700 vor Christi also auf rund 4(300 Jahre festgestellt worden. Humor und Tatire. Die Erhöhung der Zivillist«. Wir folgen guten Traditionen, Jetzt sind wir wieder mal so weit: platz öffentliche Versammlungen unter steiem Himmel ftättgefunden haben. Eine Versammlung sei eine an Zahl nicht allzu kleine, äußerlich irgendwie vereinigte Menschenmenge, sobald zu dem durch das örtliche Zusammensein bedingten äußeren Bande eine auf ge- meinsamem Wollen beruhende innere Vereinigung hinzutritt. Bis auf einige Zuschauer seien die Menschen offenbar nach einer Direk- tive an den beiden Punkten zusammengeströmt, um dort gegen die Wahlrechtsvorlage durch die ungeheuren Masten bewußt und ge- wollt gemeinschaftlich zu demonstrieren. Dieser gemeinschaftliche Zweck habe sie alle verbunden Zu diesem Zweck seien vor und nach dem Zusammenströmen Arbeiterlieder gesungen und Hochs auf das allgemeine Wahlrecht ausgebracht worden. Auch die Rede des Mannes vom Sockel des Bismarckdenkmals, das Ansammeln auf der Reichstagstreppe, das Schwenken der roten Fahne von dort herab spreche in Verbindung mit den vorangegangenen Aufzügen für die innere Vereinigung, welche die Massen verband. Diese Auszüge auf öffentlichen Straßen und die öffentlichen Versammlungen unter freiem Himmel habe der Angeklagte vhne die vorgeschriebene Genehmigung der Polizeibehörde veranstaltet. Veranstalter sei, wer die Aufzüge und Versammlungen auch nur veranlasse oder anrege. Dies treffe auf den Angeklagten zu. Die in den Nummern S1/5S des„Vorwärts" an der Spitze erschienenen Artikel hätten die Idee, am 6. März, mittags zwischen 1 und 2% Uhr, gegen die Wahlrechtsvorlage zu demonstrieren, in die Massen der Gesinnungsgenossen getragen. Zwar werde in den Artikeln immer nur von einem Wahlrechtsspaziergang gesprochen, doch sei dieses Wort geschickt gewählt, nur um die eigentliche Ab- ficht zu verbergen. Der Angeklagte, verantwortlicher Redakteur des„Vorwärts", mit dessen Wissen und Willen die Artikels im „Vorwärts" erschienen seien, habe durch die Artikel keinen Spa- ziergang inszenieren wollen, sondern geschlossene Massenkund- gedungen mit Aufzügen und Massenversammlungen an bestimmte» Punkten. Er habe auch gewußt, wie bei den Gesinnungsgenossen seine Aufrufe wirken würden und datz diese die Publikation so auffassen würden, wie er wollte. Bei der grotzen Verbreitung des „Vorwärts", bei der führenden Rolle dieses Parteiorgans, sei die Feststellung begründet, daß der Angeklagte durch die Publikation in der Kopfleiste in Verbindungjuit den sie erläuternden Artikel» die Aufzüge auf öffentlicher Straße und die öffentlichen Ver, sammlungen unter sreiem Himmel veranstaltet habe. Durch die« selbe Handlung sei aber auch ein Verstoß gegen die§8 III und 110 des Reichsstrafgesetzbuches begangen. Denn der Angeklagte habe durch die Verbreitung der Artikel zur Begehung strafbarer Hand, lungen aufgefordert. Er meine, in den Artikeln könne höchstens eine gewisse Anreizurcg gefunden werden. Dem sei nicht beizu» treten. Unter Aufforderung sei eine an einen anderen sich richtende Kundgebung zu verstehen, durch welche dieser in einer für ihn er- kcnirbaren Weise zu einem Tun und Lassen bestimmt werden solle. Der energische Wortlaut der fraglichen Kopfleisten des Vor» wärts enthalte für jeden Gesinnungsgenossen— und an solche sei er gerichtet eine fast in befehlendem Ton hervorgebrachte Auf- sorderung, Aufzüge und öffentliche Versammlungen unter freiem Himmel zu veranstalten, und zwar ohne Genehmigung der Polizei- behörde und entgegen dem als ungesetzlich hingestellten und be« krittelten Verbot des Polizeipräsidenten. Der Angeklagte habe ge- wüßt, daß seine Publikation und Direktiven, sowie er sie ver- standen wissen wollte, in die Tat umgesetzt werden würden, d. h.» daß daraufhin sofort die geeigneten Persönlichkeiten die öffentlichen Aufzüge und öffentlichen Versammlungen unter steiem Himmel ohne Genehmigung der Polizeibehörde ihrerseits veranstalten würden. Und datz seine Annahme richtig gewesen sei, beweise der Verlauf ber Bewegung am 6. März. Ob übrigens die ganze Idee vom Angeklagten allein ausgeklügelt sei, ob die Einzelheiten der Ausführung von anderen mit ausgearbeitet worden seien, erscheine für seine strafbare Verantwortlichkeit unerheblich. Datz zunächst nur der Treptower Park als Ziel der Veranstaltungen und nachher schlechthin der Wahlrechtsspaziergang ohne Ziel in den Kopfleisten des„Vorwärts" publiziert worden sei, hänge offenbar damit zu« sammen, datz die Polizei in Ungewißheit gelassen werden sollte. wo der Hauptandrang zu erwarten sei. In dem Artikel„Verlogene Hetze" in Nr. 83 sei bereits die Bemerkung hineinlanciert ge, wesen, datz man ja auch unter den Linden oder in den Alleen des Tiergartens spazieren gehen könne. Dadurch sei aber für die ein- geweihten, matzgebenden Personen die nötige Order herausgegeben, Die vom Genossen Barth gegen das Urteil eingelegte Revision' vertrat gestern in der Verhandlung vor dem unter Leitung LeS Sie wird erhöht um vier Millionen Von wegen„altpreutzischer Sparsamkeit ES standen der Millionen sechzehn Pro Jahr für diesen Zweck bereit; DaS ist zu wenig! hört man äckzen, Zu wenig bei preußischer Sparsamkeit! Motive? Braucht man die zu finden Z Das gab' im Parlament bloß Streit, Nein, Nein, wir sparen mit den Gründen Aus alter preußischer Sparsamkeit. Wir werden nicht erst debattieren, Damit verläppert man die Zeit. Wir werden gleich mit„Ja" votieren Von wegen altpreutzischer Sparsamkeit! _(„Lustige Blätftrl') Notizen. DaS Risiko des Porträtmalers. Der Pariser Maler Ferdinand B a c, der den alten Papst Leo Xlll. in aller charakteristischen Naturwahrheit porträtiert hatte, ist von Pius X. exkommuniziert worden. Der jetzige Papst sieht in dem Porträt des „weißen GeierS" eine verabscheuenswerte Karikatur. Der Maler macht die respektlose Bemerkung, es müßten nun auch die Kardinäle. die sein Bild gelobt haben, exkommuniziert werden. Päpste zu«stalen scheint danach heutzutage eine etwas schwierige und mit der Wahr- heit nickt vereinbare Aufgabe zu sein, wie etwa offizielle Geschichte zu schreiben. — Die beiden prähistorischen Skelettfunde, die Herr H a u s e r in Frankreich gemacht hat, der Mensch von Le Moustier und von Auvignac, sind jetzt definitiv vom Berliner Museum für Völkerkunde erivorben worden. Diese beiden wichtigsten aller neueren Funde, die für die Abstammung und die Urgeschichte des Menschen von großer Bedeutung find, werden in, Zusammenhang mit anderen von Dr. L, Reinhardt, der auch zuerst darüber in unserem Unterhaltnngsblatte berichtete, in einer kleinen Schrift(Die älteste menschliche Bevölkerung Europas zur Eis« zeit— Neuer Frankfurter Verlag, Franlfurt a. M.) eingehend ge- würdigt. — DerWahnsinnderBilderpreise. Die Wandlung, die mit der neuen Wertung der Kunstwerke auch in den Preisen des Kunsthandcls eingetreten ist, ließ sich besonders deutlich bei der Ver« slcigerung der Gemäldesammlung des verstorbenen Sir Frederick Mappin erkennen, die in den letzten Tagen bei Christie in London stattfand. Für eine Landschaft Constables„Feuer bei Neyland' wurde der riesige Preis von 194800 Mark gezahlt. Das Werk, das 183(3, ein Jahr vor dem Tode des Künstlers, gemalt wurde, war von seinem bisherigen Besitzer für 15 000 M. erworben worden.— Wenn man freilich bedenkt, daß Herr Bode sür die Flora, deren Her» kunft von Lucas jetzr eidlich erhärtet ist, 180 000 M. bezahlte, ist der Constable immer noch geschenkt. SenatSpräsidenken Dr. ftofffa stehenden greifen Strafsenat des Kammergerichts der Rechtsanivalt Dr. Kurt R-scnfeld. Er rügte u. a. Verkennung der Ncchtsbegriffe des„BcranstalterS" und der „Beranstaltung" im Sinne des RcichsvereinSgesetzes, sowie des Be- grisss„ösfentlichcr Aufzug". Auch sei das Landgericht von einer falschen Aufassung des Begriffs der„Aufforderung zur Begehung strafbarer Handlungen" ausgegangen. Im einzelnen führte der Anwalt dazu aus: Nirgends setze das Urteil auseinander, wieso denn die Aufzüge hervorgerufen seien durch die angeblichen Auf- forderungen, die dem Angeklagten zur Last gelegt würden. Das Urteil sage nach Darlegungen über die Veranstaltung usw. nur, dr Aufzüge seien eine Folge der strafbaren Aufforderungen des Angeklagten gewesen. Bei Behandlung der einzelnen Tatsachen selbe, fehle aber jeder Hinweis auf einen Zusammenhang der Borgiinge mit den Kopfleisten und Artikeln des„Vorwärts". Schon deshalb müßte das Urteil aufgehoben werden. Das Urteil ope. riere lediglich mit Mutmaßungen, soweit das Landgericht„fest- stelle", daß Angeklagter der Veranstalter gewesen sei und dazu auf- gefordert habe. Das Gericht lege den Begriff der Veranstaltung weiter aus, als es nach der bisherigen Rechtsprechung zulässig sei. Für die Annahme, daß jemand etwas veranstaltet habe, sei er- forderlich die Feststellung, daß er in näheren Beziehungen zu den Vorgängen gestanden habe. Eine solche Feststellung fehle. Die Borgänge des ö. März hätten sich abgespielt, ohne daß man in Wirklichkeit feststellen konnte, wer der eigentliche Veranstalter war. Deshalb nur habe man auf die Artikel und Kopfleisten des„Vor- wärts" zurückgegriffen und Barth für den Veranstalter erklärt. Daß Angeklagter wußte, wo und wann Aufzüge usw. vorkommen sollten, sei nicht festgestellt. Auch nicht, daß er teilgenommen habe oder irgendwo erschienen sei. Die Feststellungen reichten nicht aus. — Was den Begriff der öffentliche» Aufzüge angehe, so schließe sich das Landgericht eng an die Definition des Kammergerichts an. Er bitte aber, diese Rechtsprechung noch einmal nachzuprüfen, namentlich mit Rücksicht auf die modernen Verkehrsverhältnisse und die Bedürfnisse der modernen Zeit. Bei der bisherigen Definition könne auch jedes Mädchenpensionat, das sich über die Straße nach einem Museum bewege, als nicht genehmigter öffentlicher Aufzug angesehen werden. Denn eS errege die Aufmerksgmkeit des Publi- kums und sei bei dem starken modernen Verkehr geeignet, die öffentliche Ordnung und den öffentlichen Verkehr zu gefährden. Das Kammergericht sei schon in dem Urteil in Sachen Dittmann, wo es ein Wahlrechtshoch auf öffentlicher Straße für keinen groben Unfug erklärte, modernen Bedürfnissen gerecht geworden. ES würde in derselben Richtung nur einen Schritt weitergehen, wenn eS untersuchte, ob nicht eine andere, den modernen Verhältnissen mehr entsprechende Auffassung des Begriffs öffentlicher Aufzüge möglich wäre. Hinsichtlich der dem Angeklagten zur Last gelegten Aufforderung zu strafbaren Handlungen spreche der Vorderrichter zwar von einer Aufforderung, er verwechsele sie aber mit eine, Anreizung, die noch keine Aufforderung im Sinne der§§ 110 und III des Strafgesetzbuchs und nicht strafbar sei. Selbst nach den Feststellungen des Vorderrichters könnte man hier allerhöchstens von einer gewissen Anreizung sprechen, d. h. davon, daß der„Vor- wärtS"«ine gewisse Stimmung erzeugt habe. Das Urteil fei aus Z>en angeführten Gründen aufzuheben. Urteil. Das Kammergericht entschied nach langer Beratung, daß die Revision mit der Maßgabe zurückgewiesen werde, daß Barth nur des Vergehens gegen K III, 110 des Strafgesetzbuchs schuldig sei. Gründe: Einer Uebertretung des BereinsgesetzeS habe sich B. nicht schuldig gemacht, da er nicht als Veranstalter im Sinne des Gesetzes anzusehen sei. Er habe nicht öffentliche Aufzüge usw. selbst veranstaltet, sondern nur die Anregung dazu gegeben. Der Senat sei Stenglein beigetreten, welcher sage, die Anregung erwecke erst den Willen des wahren Veranstalters. Die wahren Veran- stalter seien die, die Versammlungen bczw. Aufzüge tatsächlich ins Werk setzten.— Aber der Angeklagte habe nicht bloß dazu an- geregt, sondern auch dazu aufgefordert. Das stehe nach dem land- gerichtlichen Urteil fest. Danach habe der Angeklagte von vorn- herein gewollt, daß öffentliche Aufzüge ohne Genehmigung statt- finden sollten, und er habe auch gewußt, daß die Aufforderung im „Vorwärts" den Erfolg lzaben würde. Die Feststellung stehe aus- drücklich im Urteil. Wenn sich nun der Anwalt zu der Definition, die das Kammcrgericht immer dem Begriff des öffentlichen Auf. zuges gegeben habe, kritisch verhalte, so sei darauf zu sagen: Selbst wenn man dieser Definition des Aufzuges, wie sie ja auch das Landgericht wiedergebe, nicht beitreten, sondern sich der von Wolf- gang Heine in seinem Kommentar gegebenen anschließen wollte, so wären hier doch öffentliche Aufzüge im Sinne des Vereinsgesetzes unbedenklich festgestellt. Wolfgang Heine sage:„Eine lohale Judi- katur muß vom Sprachgebrauch ausgehen, der unter Aufzug im Gegensatz zum Auflauf eine Menschenmenge versteht, die in ge- schlossener, geordneter Weise öffentlich auftritt und durch dieses geordnete Auftreten nach außen auf das übrige Publikum demon- strativ wirken will." Ein derartiges Auftreten sei aber hier. meinte der Vorsitzende weiter, festgestellt. Und festgestellt sei. daß B. dazu aufgefordert habe. Wenn er nun zur Veranstaltung ohne Genehmigung und somit zu strafbaren Handlungen aufgefordert habe, so sei er auS§z 110. III des Strafgesetzbuchs zu bestrafen. Da eine Uebertretung des Vereinsgesetzcs durch Barth nicht vor- liege, so wäre zu fragen, ob die Sache nicht an das Landgericht zurückverwiesen werden müßte. Das sei aber nicht notwendig, weil das Urteil des Landgerichts zum Schluß ausdrücklich erkläre: bifelbe Strafe von 1 Monat Haft würde auch zu verhängen sein, wenn nur eine der vom Landgericht angenommenen Verfehlungen vorliege. So könne das Revisionsgericht einfach sagen: Die Ueber- tretung des Vereinsgesetzcs falle weg, es bleibe die Strafe wegen Vergehens gegen§§ llO. III des Strafgesetzbuchs. Nun habe die Verteidigung gemeint, der Senat sei in emem Urteil wid'er Dittmann(ein Wahlrcchtshoch nicht als grober Unfug) im modernen Sinne einen Schritt weiter gegangen und es würde sich empfehlen, den Begriff des Aufzuges zu erweitern mit Rücksicht auf moderne Verhältnisse. Wenn der Senat aber soweit gehen wollte, wie es der Anwalt wünsche, dann würde er das Gesetz nicht mehr bloß auslegen, sondern gegen das Gesetz er- kennen. Im Falle Dittmann habe es sich nur darum gehandelt, ob ein Hochruf auf das allgemeine Wahlrecht grober Unfug sei. Und das sei in jenem konkreten Falle verneint worden. Diese mit Bezug auf einen konkreten Fall getroffene Entscheidung sei in der Oeffentlichkeit so verallgemeinert worden, daß etwas daraus geworden sei, was der Senat niemals beabsichtigt habe und niemals habe beabsichtigen können. tl Ktllttalvechmlnlnllg des DtuWv Knlhbmder- verbaudrs. Erfurt. 19. Juni 1910. letzte BerhandlungStag war der Aufarbeitung der letzten Anträge und den Beschlüssen des inneren Ausbaues der Organisation gewidmet. Zunächst wurde über das Verbandsorgan und seine Vergrößerung debattiert, auch wurde die Anstellung eines zweiten Redalteurs erwogen. Man kam zu dem Resultat, durch Honorierung der Arbeiten sich be- fähigte Mitarbeiter aus dem Mitgliedcrkreise heranzuziehen und so die Zeitung qualitativ noch mehr zu heben. Die Beilegung einer fachtechnischen Beilage wurde dem Vorstand zur Berücksichtigung überwiesen. Als ein Uebelstand wurde die Tatsache vermerkt, daß die Mass« der Mitglieder ihrem Organ nicht genügend Interesse CT"8llLn den8 sonstigen Beschlüssen erwähnen wir: Der Vorstand soll bei Neubesetzung von Beamtenstellen auch die Kolleginnen berücksichtigen und möglichst ein weibliches Mitglied anstellen. Man hofft, durch solche Maßnahmen daS Interesse der weiblichen Mitglieder für den Verband mehr zu wecken. In Zukunft kann der Vorstand bei Auswahl der Kollegen zur Gewerkschaftsschule auch nichtang stellte Verbandsmitglieder berücksichtigen. Für Frankfurt a. M. und Lahr in Baden sollen Gaubeamte angestellt werden. Ferner wird der Vorstand verpflichtet, in Zeiträumen von höchstens fünf Jahren allgemeine B e r u f s st a t i st i k e n her- auszugehen.— Zwei Anträge, die die baldmöglichste Abhaltung je einer Berufskonferenz für Karton- und Etur- a r b e i t e r verlangen, wurden dem Vorstande zur Berücksichtigung überwiesen. Im weiteren fand nachstehende Resolution gegen den Alkohol einstimmige Annahme: „Der 11. VerbandStog erkennt es als eine wichtige Auf- gäbe an, die Verheerungen durch den Alkoholismus durch Be- lehrung und praktische Gegenmittel zu bekämpfen. Er verpflichtet die Mitglieder, sich gemäß den Beschlüssen des Leipziger Parteitages des SchnapsgenusseS völlig zu enthalten." Dem Vorfitzenden K l o t h wurde die Bearbeitung des zweiten Bandes der Geschichte des BuchbinberverbandeS aufgetragen. Der Vorstand wurde verpflichtet, hierfür den not- wendigen Urlaub zu gewähren. Folgende Gehaltsregelung wurde beschlossen: DaS Anfangsgehalt des 1. und 2. Vorsitzenden, des Kassierers und des Redakteurs beträgt 22lX> MI., steigend pro Jahr um 100 Mk. bis zum Höchstbetrag von 3000 Mk. DaS Anfangsgehalt der übrigen Angestellten beträgt 2000 Mk., steigend während der ersten drei Jahre um 100 Mk., dann jährlich 50 Mk., bis zum Höchstbetrage von 2700 Mk.— Sämtliche Beamten erhalten auf ihren Gehalt vom 1. Januar 1910 eine Zulage von 200 Mk. Bezieht ein besoldeter Angestellter des Verbandes als Ab- geordneter oder als Mitglied einer Kommunalverwaltung Diäten, so wird ihm für die Zeit, die er wegen der Ausübung eines solchen Mandats sich nicht seinem Amte widmen kann, nur ein Drittel seines Gehaltes ausgezahlt. Dies jedoch nur unter der Voraussetzung, daß die auf die fragliche Zeit fallenden Diäten das einzubehaltcnde GehaltSteil wesentlich überstelgen. Diese letztere Bestimmung findet keine Anwendung auf daS Gehalt des früheren Vorsitzenden Dietrich. D. will sich jedoch ebenfalls dieser Bestimmung nicht entziehen. Er wird gemeinsam mit dem Vorstand eine Regelung dieser Frage treffen, mit der der Verbandstag sich von vornherein einverstanden erklärt. ES wurde nunmehr dem Vorstande einstimmig Entlastung er- teilt. Die besoldeten Vorstandsmitglieder sowie der Redakteur wurden wiedergewählt. Der Sitz des Verbandes bleibt Berlin. der Sitz des Ausschusses Leipzig; und bleibt der Kollege Z i p p e r e r Ausschußvorsitzender. Die Beschlüsse über Beitragsänderungen, Unter- stützungsänderungen usw. treten mit dem 1. Oktober in Kraft. Der nächste VerbandStag wird in Stuttgart stattfinden. Achter Verbandstag des Deutschen Holzarbeiter- Verbandes. München, 20. Juni 1910. Die Verhandlungen nahmen gestern in der Schwabinger Brauerei ihren Anfang. Als Gaste wohnen dem Verbandstage bei: vom ungarländischen Holzarbeiterverband W e l t n e r- Budapest, vom holländischen Möbelarbciterverband W a l o p- Rotterdam, vom schweizerischen Hlozarbciterverband S i mo n i s- Zürich und vom österreichischen Holzarbeiterverband Pech- Wien. Die am Sonntag gewählt« MandatsprüfungSkommis. s i o n hat die 159 Mandate geprüft und für einwandfrei befunden. Einer Anregung des Hauptvorstandes folgend wurde beschlossen, die Frage der Unfallverhütung und die Aufgaben der B e r u f s g e no s se n f chass te n einer kurzen Besprechung auf dem Verbandstage zu unterziehen. Ein Antrag der Berliner Delegierten, auch die Frage der Organisation der Jugendlichen auf die Tagesordnung zu setzen, wurde ebenfalls angenom» m« n. Verbandsvorsitzender L e i p a r t: Ich möchte die Aufmerk- samkeit des Verbandstages auf den noch immer tobenden Kampf im Baugewerbe lenken. Die Delegierten sind sich des Ringens der Bauarbeiter wohl bewußt; der Vorstand habe bisher in der Frage der Unterstützung der Bauarbeiter getan>vas zu tun er für seine Pflicht erachtete, auch die einzelnen Zahlstellen seien sich nach dieser Richtung ihrer Pflicht bewußt gewesen. Der Vorstand habe sich mit einer weiteren Unterstützung der Kämpfer im Baugewerbe befaßt, weil er der Meinung sei, daß das, waS bis jetzt geschehen ist, ungenügend sei. Deshalb schlage der Vorstand vor, zur Unterstützung der Bauarbeiter der Generalkommission weitere 50 000 Mark zu überweisen. Der Antrag wurde debattelos einstimmig apgenommen. Nach Erledigung der Unterstützungsfrage der vorliegenden An» träge, die der Statutenberatungskommission zur Vorberatung über- wiesen wurden, wurde zu Beginn der Nachmittagssitzung der Borstandsbericht entgegengenommen. Der gedruckt vorliegende Geschäftsbericht wurde vom Vorsitzenden L e i p a r t in einigen Punkten ergänzt. In bezug auf die EntWickelung des Verbandes auS der jüngsten Zeit machte der Redner Mitteilung bezüglich der vom Vorstand mit dem Schirm- macherverband betreffs einer Verschmelzung mit dem Deutschen Holzarbeiterverband angebahnten Unterhandlungen, die das Resultat zeitigten, daß sich die Veoschmelzung am 1. Juli d. IS. vollzieht. Redner bespricht im weiteren Verlaufs seiner Ausführungen u. a. die Grenzstreitigkeiten mit den Verbänden der Glaser und Fabrikarbeiter und meinte, eS handele sich dabei für den Vorstand nicht um ein paar Mitglieder mehr oder weniger, sondern um die Einheitlichkeit der Organisation. Redner ist der Ansicht, daß der Vorstand seine volle Schuldigkeit getan habe; er hoffe, daß die Redner von ihrem Rechte der Kritik ausgiebig Gebrauch machen. Der Vorstand sei bereit, jede berechtigte Kritik gern entgegenzu- nehmen.(Beifall.) Den Kassenbericht erstattete Hauptkassierer Fritz König. Der Kassierer verwies ebenfalls auf den gedruckt vorliegenden Kassenbericht, dessen Haupt- ziffern vom„Vorwärts" bereits im Vorbericht mitgeteilt wurden. Der Bericht des Ausschusses wurde einstweilen zurück- gestellt und die Debatte zunächst über den Vorstands- und Kassen- bericht eröffnet. Die Verhandlungen wurden hierauf auf DienStag vertagt. frau«od Schönebeck vor den Geschworenen. Am gestrigen Tage wurde noch weiter über das Benehmen und Verhalten Gödens verhandelt. Mit Rücksicht auf die Angeklagte. die noch unter den Nachwirkungen des KrampfanfalleS leidet, wurde einmal eine Pause gemacht und gegen 4 Uhr die Verhand- lung abgebrochen und auf heute vertagt. tauptmann Graf von der Schulcnburg(Allenstein) läßt sich euge ebenso wie die anderen gestern vernommenen Zeugen über Gäben als Charakter und Offizier sehr günstig auS. Wir sehen von einer Wiedergabe der dahin gerichteten Bemerkungen ab und beschränken uns auf Anführung derjenigen Teile der Zeugen- aussagen, die vielleicht für den Prozeß oder sonst von Interesse sein könnten. Graf von der Schulenburg bekundete: Vom Frühjahr 1907 an änderte sich Hauptmann von Gäben in seinem Wesen. Seine Zurückhaltung ging fast in Menschenscheu über. Um seine Batterie kümmerte er sich seitdem auch weniger. Ueber sein Ber- hällnis zu Frau von Schönebeck habe ich mich einmal mit ihm ausgesprochen. Er teilte mir mit, daß der Regimentskommandeur ihn wegen seines Verkehrs zur Rede gestellt habe. Er habe gesagt, es könne so nicht weitergehen. Darauf habe Göben geantwortet: Jedem gegenüber, der ihn einer nicht korrekten Handlungsweise be- schuldige, werde er die Konsequenzen ziehen. Auch ich hatte einen leichten Verdacht geschöpft, daß an dem Umgang etwas nicht korrekt wäre, aber diese Aeußerung beruhigte mich. Ich traute es ihm auch eigentlich gar nicht zu. Göben sprach'einmal über einen Vorfall im schönebeckschen Hause. Der Major habe zu ihm ge- sagt: Um GotteSwillen, heiraten Sie nicht, denn heiraten ist ei» Unglück. Gäben war sehr empört darüber, daß der Major das so ruhig in Gegenwart seiner Frau sagte. Die Angeklagte war sehr liebenswürdig. Ich hatte keinen Arg ihr gegenüber. Meine Frau verkehrte mit ihr. Abfälliges habe ich über sie nicht gehört. Nur sagte ein junger Offizier mir mal, sie sei nicht geeignet für den Umgang mit meiner Frau, wollte aber Näheres nicht sagen. Stabsarzt Dr. Filbrey: Im Hochsommer sagte mir Göben ein- mal: Ich stehe vor einem großen Schritt. Ich stehe im Begriff. mich zu verloben. Eine Gratulation lehnte er jedoch mit dem Be- merken ab: So schnell geht daS nicht, es sind noch sehr viel Schwie- rigkeiten zu überwinden. Am zweitep Weihnachtsfeiertage war Göben bei uns zu Gast. Er erzählte, er sei am Morgen bei der Schönebeckschen Wohnung vorgefahren, um den Major zur Jagd abzuholen. Der Major sei tot gewesen, die Frau habe in ihrem Zimmer dem Wahnsinn nahe gelegen. Im späteren Verlauf der Unterhaltung sprach er davon, Frau von Schönebeck sei ein Engel. Um den Mann sei es nicht schade, denn er habe die Frau schlecht behandelt, sei ein brutaler Mensch gewesen und habe seine Frau viehisch behandelt. Als ich meine Verwunderung darüber aus- sprach, sagte er mit Nachdruck: Er war eine Bestie.— Hauptmann a. D. Schleufer(Charlottenburg) lernte Göben kennen, als dieser nach Afrika fuhr. Auf dem Schiff war das Gerücht der- breitet, er habe Liebeskummer und einer Dame wegen ein Duell gehabt, in dem er seinen Gegner getötet habe. Ich war daher aus allen Wolken gefallen, als ich vor zwei Jahren hörte, daß das nicht wahr sei. Gäben hat im Juli 1907 an mich geschrieben, vielleicht werde er in einem Jahr den Abschied nehmen und möchte sich eventuell mit Kapital bei meiner Sache beteiligen. Den Plan möge ich noch diskret behandeln. Auf Befragen erklärt die Ange- klagte: Wir haben weder einen Fluchtplan, noch sonst einen Plan besprochen.— Hauptmann Gschwind bekundet u. a. mehreres aus Erzählungen Göbens über seine Stellung bei den Buren. Einmal habe er in der eigenen Schützenlinie einen Mann, der die Leute aufzuwiegeln versuchte, niedergeschossen.— Justizrat Sella stellt fest, daß in dem Personalbogen Gödens angegeben ist, er sei in einem Gefecht Anfang April verwundet worden, während nach den Zeugcnangaben das unmöglich war, da Göben erst nach der Schlacht in Afrika gelandet sein kann.— Apotheker DouS(Allenstein) er- klärt auf Befragen: Als Göben das zweitemal ein Quantum Arsenik von mir holte, lehnte ich das ab, weil er keinen Erlaubnis- schein hatte. Er erklärte: Ich kann Ihnen mein Ehrenwort geben, daß nichts passieren wird. Sie können mir das Gift ruhig geben. Ich erwiderte: Nein, ich lasse mich auf das Ehrenwort nicht ein. Bringen Sie mir den gesetzlich vorgeschriebenen polizeilichen Erlaubnisschein, dann erhalten Sie daS Gift. Als später Göben den Erlaubnisschein brachte, erhielt er das Gift. Ich war der Ansicht, Gäbe» bot mir das Ehrenwort an, damit ich von den ge- sehlichcn Borschriften abgehen sollte.— Oberstleutnant a. D- Düring: Am Weihnachtsheiligabend war ich mit Göben im Artilleriekasino zusammen. Er war merkwürdig gedrückt. Etwa um �12 Uhr ging er nach Hause.— Vorsitzender: Sehen Sie, Frau Weber, dann kann er nicht bei Ihnen gewesen sein. Gäben selbst sagt, daß er von 2— 4 Uhr morgens bei Ihnen war.— Angeklagte: Das ist sicher nicht wahr. Ich kann mich genau besinnen, daß ich am Heiligabend nicht zu Bett ging.— Der Zeuge bekundet noch, er habe Göben am anderen Morgen in der Kirche wiedergesehen. DivifionSpfarrer Merenski bekundet: Ich kenne Hauptmann v. Göben von meinen Eltern aus her. Er war uns ein sehr lieber Gast. Auf die Damen machte er einen sehr guten Eindruck, wie auf alle Menschen, weil er etwas völlig Unberührtes, Knaben. Haftes an sich hatte. Wir lächelten oft darüber, wenn er abend? eine Dame nach Hause bringen sollte und dabei mit seinen 37 Jahren bisweilen rot wurde. Er tat das stets nur auf Zureden" Als sein Geständnis zu meiner Kenntnis kam, war ich sicher, er hat im Wahnsinn oder unter stärkster Hypnose gehandelt. Ich hielt es nicht mehr aus und fuhr nach Allenstein. Hier kam ich am 5. Januar an. Kriminalkommissar WannowLki erzählte mir. er fei fest überzeugt von der Mitschuld der jetzigen Angeklagten. Göben sprach ich dann in der Zelle. Er war von Reu« tief erfüllt. Unter anderem fragte ich ihn, weshalb er nach Afrika hätte gehen wollen, und ob es sich um eine verheiratete Frau gehandelt habe. die er geliebt hätte und der er aus dem Wege gehen wolle. Göben erwiderte: nein, da war eS schon geschehen. Sie war Feuer und Flamme, sie wollte ja mit. Taraus schloß ich auf den gemein» samen Plan, nach Afrika zu gehen. Ter Zauber, den die Frau auf ihn ausübte, wich, wie ich am Schluß der Unterredung in mein Notizbuch schrieb, erst ganz allmählich wie ein Fiebertraum von ihm, als ihm in der Untersuchung glaubhaft nachgewiesen wurde. daß sie ihn hintergangen und nur auf ihre Art geliebt hatte. Ich bat ihn, die Frau nicht zu schonen, weil höheres auf dem Spiel stehe. Ich habe ihn auch gebeten, von einem Selbstmord Abstand zu nehmen. Ihm selbst war sein Leben gleichgültig. Er war auch nicht feige. DaS hat er ja bewiesen, indem er sich einige Monate später mit einem stumpfen Messer den HalS durchschnitt. Dieser wunderlichen Auffassung über das, waS nicht feige fei. setzte der Zeuge hinzu: Ich weiß ja, daß man in militärischen Kreisen hier- über eine andere Auffassung hat. Ich fragte ihn, ob er nie an Frau v. Schönebeck gezweifelt habe? Er erwiderte:„Niel— oder doch einen Moment, als ich an jenem Morgen zu ihr hinauf kam und mit den Händen abwärts zeigte, um anzudeuten, daß er da unten lieg« und hinzusetzte: eS ist geschehen, da richtete sie sich in ihrem Bette auf— sie nannte mich immer mit dem Namen ihres Mannes— und sage überstürzten Tones: Ich weiß von nichts! Ich weiß von nichts! Ich bin verrückt. Sage allen, ich bin per- rückt.— Da ist mir—" weiter sagte er nicht?. Diese Dinge sind mir nicht aus dem Gedächtnis gekommen.— Ein Geschworener will wissen, ob Hauptmann v. Göben dem Zeugen gesagt hat, daß die Angeklagte ihm gesagt hat:„Ich weiß von nichts! Ich weiß von nichtsl" oder ob sie gesagt hat:„Sage allen, daß ich von nichts weiß." Meinte der Zeuge, daß die Angeklagte zu Hauptmann v. Gäben sagen wollte: Laß mich aus dem Spiel?!— Zeuge: Ich habe in meinem Gedächtnis den festen Eindruck behalten, daß die Angeklagte zu Göben gesagt hat:„Sag nur allen, ich bin verrückt." — Der Geschworene: Die Angaben, die Hauptmann v. Göben bei seinen Vernehmungen gemacht hat, sind aber ander?.— Zeuge: Ich weih nur, daß sie sagte:„Ich bin verrückt, ich bin verrückt." Ich hatte das Gefühl, daß sie damit sagen wollte, sie wolle mit der Tat nichts zu tun haben.— Bors.: Diese Aeußerung ist dadurch veranlaßt worden, daß Sie fragten, ob Göben nie an der Frau gezweifelt hat?— Zeuge: Jawohl.— Der Geschworene: In seiner Aussage hat doch Göben gesagt, daß die Angeklagte zu ihm gesagt hat: Ich leide schon seit 4 Uhr.— Zeuge: Darauf sind wir nicht eingegangen.— Berteidiger Justizrat Sello: Herr Divistons- Pfarrer, es kann von großer Wichtigkeit und sehr großer Bcdeu- tung sein, ob Sie sagen können, daß die Angeklagte zu Hauptmann v. Gäben gesagt hat:.Ich bin verrückt," oder ob sie gesagt hat: „Sage allen, ich bin verrückt."— Zeuge: Jawohl. ES lautet: „Sage allen, ich bin verrückt." Ich habe mir gleich hinterher Auf- Zeichnungen darüber gemacht und weiß genau, daß die Tatumstände nicht berührt worden sind.— Verteidiger Justizrat Sello: Wo sind diese Aufzeichnungen, Herr DivisionSpfarrer?— Zeuge: Die habe ich mir in mein Notizbuch gemacht und diese Worte sind nicht an- geführt. Ich habe sie aber gena» im Gedächtnis. Sachverständiger Medizinalrat Professor Dr. Puppe: Mir hat Hauptmann v. Gäben gesagt, daß die Angeklagte ihn mit«Mein Hanele" angesprochen habe. Deshalb ist mir diese Aussage sehr tverwoll. Ich ziehe daraus meine Schlußfolgerungen.— Vors.: Frau Weber, wie haben Sie Gäben genannt?— Singe!!.: Hani. — Der Zeuge Divisionspfarrer Merensti gibt zu, daß er mit einer vorgefaßten Meinung zu Gäben gekommen ist. Die Unterredung habe sich so zugetragen, wie er sie geschildert habe. Die Angeklagte erklärt auf Befragen: Ich kann nur sagen, daß ich von jenen Vor- gängen an jenem Morgen nichts weiß und daß ich niemand anders als meinen Mann mit Gustel angeredet habe. Der Zeuge be- kündet: In einem Brief, den dann Gäben an ihn geschrieben, sei nicht von Lebensrettung, sondern von Ehrenrettung die Rede. Ber- teidiger Justizrat Dr. Sello stellt fest, daß es in dem Brief wärt- lich heißt:„Wenn doch etwas für meine Lebensrettung getan werden soll". Der Zeuge meint, er habe eben aus dem Brief ge- folgert, damit sei Ehrenrettung gemeint. Der Zeuge Divis, ons- Pfarrer Merenski bekundet ferner: Die Mutter von Gäben hat mir gesagt, daß sie bei ihrem Sohne niemals Ehebruch angenommen hätte. Wir haben das übrigen s auch nicht gedacht. Wir sagten alle gemeinsam: Nachdem ein Hugo v. Gäben zum Ehebruch ver- leitet wäre, wäre alles möglich.— Bert. J.-N. Sello: Woher haben Sie die Gewißheit, daß Hugo v. Gäben zum Ehebruch verleitet war und nicht etwa zum Ehebruch verleitet hat?— Zeuge: Das war eben meine Ansicht.— Bert. J.-R. Sello: Also eine vorgefaßte Ansicht.— Angeil. Frau Weber Haut und bestimmt): Ich muß mich doch auch verteidigen. Ich weiß ganz genau, wie es das erste Mal gekommen ist. Herr V. Gäben machte seinen zweiten Besuch bei uns. Ich hatte kolossales Vertrauen zu ihm, weil ich das Ge- fühl hatte, in ihm einen Mann zu sehen, der mich meiner selbst wegen gern hatte. Er wollte mir ein Freund sein, und ich glaubte, mit ihm zusammen stehen zu können. Ich dachte mit keinem Ge- danken daran, daß er mir näher treten könnte. Da hat er schon beim zweiten Besuch plötzlich meine beiden Hände gefaßt und mich geküßt. Ich weiß ganz genau, daß es so war, daß ich mtch zu- nächst sträubte, ihm entgegenzukommen. Ich weiß es ganz be- stimmt. Ich weiß auch, daß ich nachher weiter gegangen bin, als tch geivollt habe, aber ich wollte zunächst, daß ein Mensch mich um meinetwillen gern haben sollte.— Erster Staatsanwalt: Der Ehe- bruch ist von diesem ersten Vorfall doch streng zu unterscheiden.— Bert. R.-A. Salzmnnn: Wer wenn ein Mann zum zweiten Mal im Hause eines Majors verkehrt und der Frau Hände und Mund küßt, so ist das doch sicher nichts Gewöhnliches. Oberförster Köllner(Allenstein) bekundet u. a.: Nach einer Szene mit ihrem Mann sagte die Angeklagte einmal: Dich heirote ich nie wieder. � Ich habe das nicht als Scherzwort aufgefaßt und wunderte mich über Szenen, in denen die Angeklagte sehr liebens- würdig zu ihrem Mann war. Dann bekundet der Zeuge weiter: Mir hat Major v. Schönebeck einmal erzählt, daß auf einer Rhein- reise seine Frau partout habe Krebse essen wollen, und daß er die Krebse habe beschaffen und für das Dutzend oder Schock 40 Mark bezahlen müssen.— Angekl.: Ich weiß nicht, was der Zeuge damit meint, aber wahrscheinlich werden wir uns über die Krebspreise unterhalten haben.— Zeuge: Nein, es war die Rede, daß das Dutzend oder das Schock Krebse 40 M. kosten sollte.— Bert. R.-A. Salzmann: Hielt das der Zeuge für wahr?— Zeuge: Es war nicht meine Sache, das zu prüfen. Ein anderes Mal war der Major vom Pferde gestürzt und hatte sich eine Schulterverrenkung zugezogen. Es sah so aus, als ob er den Hals gebrochen hätte. Die Frau war vollkommen gleichgültig und sagte: Majors gibt es ja genug! Als ist sagte: Dann haben Sie keinen Mann, erwiderte sie: Dann heiraten wir eben wieder!— Angekl.(erregt): Ich kann mir nicht denken, daß ich so etwas gesagt habe. Ich bin damals sofort nach dem Unglücksfall mit meinem Mann nach Hause ge- fahren und war sehr ängstlich, weil er sehr blaß aussah.' Oberförster Köllner: Einmal wollte Herr v. Gäben und die Angeklagte auf den Schnepfenstrich gehen. Ich sah dann, daß das Jagdhaus sehr in Unordnung geraten war und daß Kaffee und Sektflaschen auf dem Tisch standen. Ich drohte, das nach Karlsbad zu berichten, wo der Major sich aufhielt. Darauf kam am anderen Tage Herr von Gäben zu mir und sagte: Sie werden das doch nicht dem Major schreiben.— Bert. Rechtsanwalt Dr. Salzmann: Hatte der Major Kenntnis von den Liebschaften seiner Frau?— Zeuge: Ich habe mir gedacht, daß das. was die ganze Stadt wußte, auch der Major merken mußte.— Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Salzmann: Früher haben Sie gesagt: Ich war der Ansicht, daß dem Major die stadtbekannten Liebschaften bekannt waren.— Zeuge: Ich kann mir nicht denken, daß das, was sich hier die Spatzen von den Dächern pfiffen, der Major nicht gewußt haben soll.— Bors.: Sie wußten doch, daß die beiden im Jagdhaus zu» sammen waren und daß Sektflaschen auf dem Tisch standen. Haben Sie sich dabei nichts gedacht?— Zeuge: Das kommt doch einmal vor.— Angekl. Frau Weber: Wir waren häufig auch mit dem Ehepaar Graetz im Jagdhaus. Sekt haben wir übrigens nie- mals da getrunken.— Bert. Rechtsanwalt Dr. Salzmann: Wenn Sie wußten, daß die beiden des Nachts im Jagdhause geblieben waren, mußten Sie doch dem Major, Ihrem besten Freund, davon Mitteilung machen.— Zeuge: Das war nicht meine Pflicht, son- dern die Pflicht von ganz anderen Leuten. Außerdem hatte ich keine Bewesie.— Angekl.: Es ist niemals zwischen Herrn v. Gäben und mir im Jagdhaus zu einem näheren Verkehr gekommen.— Graf von der Schulenburg erklärt noch: Als ich einmal gefordert war. kam Hauptmann von Gäben zu mir und erklärte mir, er wolle sich zuerst mit meinem Gegner schießen. Ich sei verheiratet und man könne nicht wissen, was da komme. Natürlich nahm ich das Anerbieten nicht an. Auf Befragen: Hauptmann von Gäben hat mir einmal erzählt, er habe auf dem Viktoria-Luise-Platz in Berlin einen älteren Mann nur deshalb am Bart gerupft, weil ihm das Gesicht nicht paßte. Huq Induftnc und f)andcl. DeS Fürsten„Rache". In den letzten Jahren tobte zwischen dem Rheinisck-Westlälischen Robeisensyndikat und dem Eisenwerk Kraft bei Stettin, dem Fürsten Henckel Dounersmarck gehörend, ein hitziger Preiskampf. Bei diesem Kampfe stellte das Kohlensyndikat sich auf die Seite des Roheisensyndikats, indem es den Werken, die Roheisen in das Gebiet deS Kraftwerkes verkauften, eine Bonifikation zu- sagte, und dem Kraitwerke selbst den Kohlenbezug sperrte. An- scheinend will nun der Fürst seinen Kampf gegen das Syndikat in das Rnhrrevier übertragen. Er ist sehr stark bei der Nieder- rheinischen Hütte engagiert. Und das jetzt 7'/z Millionen Mark be- tragende Kapital soll verdoppelt werden. Die Forderungen dieses Werkes bilden nun eine gefahrdrohende Klippe bei den Verhand- lungen aus Schaffung eines neuen Syndikats. Um sich nun gegen Represialien durch das Kohlensyndikat zu sichern, beabsichtigt Fürst Dounersmarck die Erwerbung einer Zeche, die ihn in der Brenn- moterialienversorgimg unabhängig machen soll. Entweder man kuscht vor dem Fürsten oder es kommt zu heftigen Kämpfen in der Eisengroßindustrie. Banken bei der SyndikatSernenernng. Auf Veranlasiung des Echoaffhausenschcn Bankvereins beschäftigte sich eine Konferenz der interessierten Werke mit der Gründung eines neuen Roheisen- Syndikats. Trotz der Initiative der Bank kam es noch nicht zu einer Verständigung. Schnellbahn zwischen Köln und Düsseldorf. Zwecks Errichtung einer Schnellbahn zwischen den beiden rheinischen Hauptstädten soll von den interessierten Elekirizitatsfirmen(Allgemeine Elekirizitäts- Geiellschaft und Siemens- Sckuckert) eine Gesellschaft mit IL Millionen Mark Aktienkapital gegründet werden. Die Ausgabe von 12 Millionen Mark Obligationen ist vorgesehen. Eisenbahn-Einnahmen. Die deutschen Eisenbahnen vereinnahmten insgesamt im Mai ISlO nach der im Reichseisenbabnamt aufgestellten Uebersicht im Personenverkehr 76 722 401 M.(-s- 10 772826 M.) und im Güterverkehr 132 732173 M.(+ 5416179 M.). Gewinne der Standard Oil Co. Der Oeltrust zieht aus seinem Petroleummonopol, das zur. zeit nur noch etwas durch die östereichische Konkurrenz gestört wird, Jahr für Jahr riesige Gewinne. Die Nettoprofite des Oel- trusts betragen schon seit 1995 jährlich rund 89 Millionen Dollar. Dies sind aber nicht die einzigen Einnahmen der Oil Co. Der Oeltrust ist auch der größte Geldverleiher der Welt, insofern Eisen- bahn- und Jndustriekorporationen in Betracht kommen. Während der letzten Wochen hat, wie der„Internationale Volkswirt" meldet, die Standard Oil Co. riesige Summen in Wallstreet aus- geliehen; sie war dazu imstande, denn ihre Nettoprofite verteilt sie nur zur Hälfte als Dividende, das übrige hat sie zu einem Surplus angesammelt. Seit 1995 macht das, da jährlich 40 Millionen Dollar dazukommen, 299 Millionen Dollar; dazu betrugen 1905 die stillen Reserven schon etwa 229 Millionen Dollar, das bedeutet jetzt insgesamt eine Summe von 1689 Millionen Mark. Diese Summen haben die Oil Co. instand gesetzt, größere Kreditgeschäste zu machen als die Großbanken. Das Paroli, das dieser Trustpolitik durch die„berühmten" Standard Oil Co.-Pro- zesse-geboten werden sollte, ist durch die Vertagung der Angelegen- beit auf unabsehbare Zeit— ein Schreckschuß geworden Der Oil- Trust wird auch in Zukunft die Gelder weiter benutzen, um an der Börse in New Uork den Kapitalmarkt zu regeln. Die Einkommen aus diesem Riesenvermögen stellen natürlich wieder glänzende Gewinne dar. Die eigenen Aktien der Standard Oil Co. sind dabei oft selbst das Objekt der Tätigkeit dieser Gelder. Die Aktien des Oil-Trusts schwankten in der letzten Zeit zwischen 620 und 639 Dollar per Aktie, im August v I. zwischen 705 und 719 Dollar. Während der Depressionsperiode von 1997 erreichten die Oelaktien ihr niedrigstes Niveau mit 399 Dollar. So bedeutet bei diesen riesigen Differenzen das Börsenspiel des Oil-Trusts in seinen eigenen Aktien wieder Riesengewinn. fJus der frauenbewegung. Das kommunale Frauenstimmrecht in Italien. Der Gesetzentwurf G a l l i n i, der den Frauen über 25 Jahren das kommunale Stimmrecht verleiht, hat vor den Ausschüssen der italienischen Kammer am 18. d. M. eine günstige Aufnahme gefunden. Alle in die Kommission gewählten Mitglieder sind dem Entwurf günstig. Es hat also den Anschein. als ob diese Reform in Italien ihrer Verwirklichung entgegenginge. Das politische Bereinörecht der Frauen in Oesterreich. Die Frauen in Oesterreich haben noch um das Reckt zu kämpfen, politischen Vereinen als Mitglieder angehören zu dürfen. Ueber die große Frauendemonstration vom 13. April wurde hier berichtet. Mittlerweile bat der Verfassuiigsausschuß des Ab- geordnetenhauses zur Reform des Vereinsgesetzes Stellung ge- »ommen. Die sozialdemolratischen Abgeordneten verlangten eine vollständige Reform des Gesetzes, da dies aber zurzeit nicht durchzuführen ist, niindesteuS eine Teilreform. Tatsächlich hat der Verfasiungsausschuß beschlossen, den § 39, der„Frauenspersonen" von der Mitgliedschaft ausschließt, zu beseitigen. Alle Parteien haben sich für das Recht der Frauen aus- gesprochen, wenn auch nicht alle ohne Bedenken. Nur die Regreruiig war dagegen. angeblich aus lauter„Liberalität". Sie will kein Flickwerk, sondern gründliche Arbeit. Der BerfassungSausschuß hat aber beschlossen, den Ausschluß der Frauen aus dem Gesetz zu eliminieren, das Verbindungsverbot aufzuheben und die Altersgrenze, die jetzt 24 Jahre beträgt, herab- zusetzen. Genosse Perner st orfer wurde zum Referenten für das Abgeordnetenhaus bestimmt und eS ist zu erwarten, daß dieses die Reform beschließen wird. Dann wird Oesterreich den Frauen wenigstens das minimale politische Recht eingeräumt haben, daß den Frauen aller anderen europäischen Staaten zusteht. Gericbtö- Zeitung. Ein Raubmordversuch beschäftigte gestern das Schwurgericht des Landgerichts l. Aus der Untersuchungshast wurde der Klempner Reinhold Priemuth vor- geführt, welcher beschuldigt wurde, es unternommen zu haben, den Inhaber eines Reinigungsinstituts Zittlau zu töten und zu be- rauben. Den Vorsitz im Gerichtshofe führte Landgerichtsdireltor Lieber, die Anklage wurde von Staatsanwaltsassessor Lehmann vertreten, die Verteidigung des Angeklagten führte Rechtsanwalt Siegfr. Chodziesner. Der Angeklagte ist ein vielfach wegen aller möglichen Vergehen und Verbrechen vorbestrafter Mensch, der auch schon wiederholt im Zuchthause gesessen hat. Am 39. Januar kam Priemuth nach Verbüßung einer längeren Zuchthausstrafe und einer Haftstraße aus der Strafanstalt. Nachdem er seinen Ver- dienst aus dem Zuchthause in den Kneipen durchgebracht hatte, suchte er am 1. Februar das Einwohnermeldeamt auf, um die Wohnung seines Schwagers zu ermitteln. Hier machte er die Be- kanntschaft des Zittlau. Beide gerieten in ein Gespräch und suchten dann auf Anregung deS Z. eine Schankwirtschaft auf, wo Z. da- durch eine große Unvorsichtigkeit beging, daß er mit dem Inhalt seiner Brieftasche protzte, die 11 Hundertmarkscheine enthielt. Der Anblick des Geldes erweckte in dem Angeklagten die Habgier und er beschloß, sich durch einen Gewaltstreich in den Besitz der 1199 M. zu setzen. Nachdem beide noch mehrere Lokale besucht hatten, über» redete der Angeklagte den etwas angetrunkenen Zittlau, seinem jetzt in der Christburger Straße wohnhaften Schwager Pache, der damals in der Greifswalder Straße 198 wohnte, einen Besuch ab- zustatten. Zittlau ließ sich auch verleiten, dem Wunsche des An- geklagten Folge zu leisten. In der Wohnung wurde ihm Doch etwas ängstlich zu Mute, als er wahrnahm, daß Priemuth mit seinem Schwager im Nebenzimmer geheimnisvoll flüsterte. Als er des- halb darauf bestand, gehen zu wollen, verschwand der Angeklagte nochmals in der Küche, um angeblich den Hausschlüssel zu holen. Wie sich später ergab, hatte Priemuth sich einen Hammer geholt. mit welchem er bald darauf einen an Meuchelmord grenzenden Raubmordversuch verübte. Die drei gingen die Treppe hinunter, und zwar Zittlau voran, dicht dahinter der Angeklagte und hinter diesem Pache, der die Lampe trug. Als Zittlau auf der untersten Treppe angelangt war, erhielt er plötzlich von dem Angeklagten von hinten einen wuchtigen Schlag auf den Kopf. Glücklicherweise wurde die Wucht des Schlages dadurch gemildert, daß der Hammer den Hutrand traf. Zittlau rief sofort um Hilfe und sprang zur Seite, so daß ein ihm zugedachter zweiter Schlag nicht ihn, son- dern eine große Flurscheibe traf, die in tausend Scherben ging. Als Priemuth sah, daß sein Plan mißlungen war, ergriff er die Flucht und versuchte, über die Hofmauer zu klettern. Hierbei wurde er noch im letzten Augenblick gesehen und festgenommen. Die Geschworenen bejahten die Schuldfragen im Sinne der An- klage. Der Staatsanwalt beantragte eine Zuchthausstrafe von 19 Jahren.-Das Gericht ging jedoch mit Rücksicht darauf, daß eS der Ueberfallene nur einem reinen Zufall zu verdanken habe, daß er noch mit dem Leben davongekommen ist, über den Antrag des Staatsanwalts hinaus. DaS Urteil lautete auf 12 Jahre Zucht- hauch 19 Jahre Ehrverlust und Stellung unter Polizeiaufsicht. Schweinereien in einer Molkerei. Die widerwärtigen Schmutzereien, die in der Munderfchen Sanitäts-Molkerci in Mariendorf vorgekommen sein sollen, hatten em Strafverfahren gegen den Molkereibesitzer Friedrich Munder und dessen Ehefrau Marie Munder wegen Vergehens gegen das Nahrungsmittelgesetz veranlaßt. Vor dem Schöffengericht Berlin- Tempelhof hatten mehrere Hausbewohner der Angeklagten allerlei höchst unappetitliche Vorkommnisse aus dem Geschäftsbetriebe der Angeklagten �bekundet, so z. B. daß der Milchkühlraum Hunden, Katzen und Schweine zugänglich gewesen sei, daß diese von der dort aufbewahrten Milch getrunken hätten, daß einmal ein Hund ge- mütlich mit den Pfoten in einer Milchsatte gestanden habe und dergleichen mehr. Das Schöffengericht nahm trotz des entschiedenen Widerspruchs der Angeklagten die behaupteten Unsauberkeiten für erwiesen an und erkannte auf je 290 M. Geldstrafe. Die gegen dieses milde Urteil eingelegte Berufung wurde gestern vor der 4. Strafkammer des Landgerichts II verworfen, nachdem der Sach- verständige Prof. Juckenack begutachtet hatte, daß hier ein Vergehen gegen das Nahrungsmittelgesetz vorliege, und nach dem Gutachten des Medizinalrats Dr. Hoffmann nicht bezweifelt werden konnte, daß eine so wenig zweckentsprechend behandelte Milch gesundheit- liche Gefahren in sich birgt. Vermischtes. jvie Cifenbaknkataftropke von Vittepreux. Ei» Urenkel von Karl Marx verunglückt. Paris, 29. Juni.(E!g. Ber.) Bei dem furchbaren Eisenbahnunglück, das sich vorgestern abend in V ill e p reux bei Versailles ereignet und mindestens 17 Todes« opfer gefordert hat, ist auch unser Parteigenosse Jean Longuet auf das schwerste betroffen worden. Seine Schwiegermutter Frau Desvaux ist unter de» gelöteten Passagieren des Personenzuges. Ob sie diesen gleich den meisten anderen Passagieren während des langen Aufenthalts verlassen hatte und sich auf dem Gleis befand, als der Schnell- zug heranraste, oder ob sie sich im Waggon befand, ist unaufgeklärt. Ferner ist Longuets zweiter Sohn, ein fünfjähriger Knabe, der nach seinem Urgroßvater Marx den deutschen Vornamen Karl trägt, schwer verletzt. Er hat einen Bruch des linken Unter- schenkels erlitten, doch ist gute Aussicht vorhanden, daß die Ampu- tation zu vermeiden sein wird.— Jean Longuet ist der Sohn Charles LonguetS, der an den revolutionären Bewegungen gegen das zweite Kaiserreich und hernach an der Kommune einen hervor- ragenden Anteil nahm und später im Londoner Exil Karl Marxens Tochter Jenny heiratete. Er ist Rechtsanwalt und Redakteur der „Humanitö" und den deutschen Parteigenossen namentlich durch Auf- jätze in der„Neuen Zeit" bekannt. Der kleine Karl Longuet ist überhaupt nur durch eine Reihe glücklicher Zufälle vor dem grausamsten Sterben gereltet worden. Zwei Stunden nach dem Zusammenstoß wurde er von dem Bersoiller Ingenieur de Therme au, der mit seinem Automobil zur Hilfeleistung herbeigekommen war, ziemlich weit von den brennenden Trümmern des Zuges auf Bahnschwellen liegend gefunden. Es ist ein Zufall, daß er nicht über- fahren wurde, einige dunkle Flecken auf dem Bauch scheinen von Menschentritten herzurühren. Auf welche Weise er so weit ge- schleudert wurde, ist rätselhaft. Als Herr de Thermeau das Wimmern deS Kindes vernahm, begannen die Schwellen schon zu brennen. Ein Schuh des Kleinen ist geschwärzt. Einige Minuten später— und der Knabe wäre verkohlt. Bei seiner Rettung zeigte er eine merkwürdige Geistesgegenwart und gab sofort Namen und Adresse seiner Eltern an, so daß es diesen möglich war, den von seinem Retter nach Versailles transportierten Knaben noch in der Nacht zu erreichen. Er wurde gestern nach Paris gebracht. Die Zahl der bei der Katastrophe Getöteten ist nicht leicht fest- zustellen, da zweifellos Passagiere vollständig verbrannt sind und ihre Asche bei den Rettungsarbeiten zerstreut wurde. Die Schuldfrage ist noch nicht geklärt. In der Tat ist der Lokomotivführer des Schnellzugs, der auf den steckengebliebenen Personenzug auffuhr, mit einer Stundengeschwindigkeit von 192 Kilometer statt der vorgeschriebenen 80 gefahren. Hat er in diesem Rasen die Warnungssignole übersehen? War er nicht durch überlangen Dienst übermüdet? Es wäre auch der Unter- sucbung wert, ob die Lokomotive, deren Achsenbruch die Katastrophe verschuldet hat. überhaupt noch hätte verwendet werden dürfen. Sie gehört zu dem Material, das der Staat von der viel zu teuer abgelösten Westbahn übernommen hat. Endlich ist festgestellt, daß der Personenzug fast eine Stunde auf dem Gleise stehen geblieben ist, ohne daß man dieses für den Schnell- zug freigemacht hätte._ Bei der Kometeubeobachtung verunglückt. Türkische Blätter melden nachträglich von einem schweren Unglück, dessen mittelbare Ursache der Halleysche Komet war. In M e r s i n e in Kleinasien beobachteten am 18. Mai Taufende von neugierigen Armeniern von den Dächern ihrer Häuser den Himmel, um den Kometen zu sehen. Da brach das Dach eines Hauses zusammen und über hundert Menschen wurden mit in die Tiefe gerissen, von denen 30 von den Trümmern erschlagen wurden und gegen 80 schwer verletzt hervorgezogen werden mutzten. Schwerer Ballonunfall. Am Montagabend ging in der Nähe von Budapest während eines heftigen Sturmes der Ballon„Plauen" nieder, von dessen vier Insassen infolge des Anpralls auf den Erdboden drei heraus- geschleudert wurden. Einer von ihnen, der Leipziger Arzt Dr. A l b r a(ch t, erlitt eine schwere Gehirnerschütterung und einen Nippenbruch, der zweite, der Fabrikant Müller aus Greiz, kam mit einem Armbruch davon und der dritte der Herausgeschleuderten blieb unverletzt. Der Ballon, der am Sonntag in Leipzig auf- gestiegen war, flog mit dem vierten Insassen, einem Chemnitzer Handichnhfabrikanten Wiener, davon. Nachdem sich der Sturm gelegt hatte, landete Wiener am Dienstagmorgen wohlbehalten in Südungarn._ Ungetreue städtische Beamte. In Neubrandenburg(Meckll) wurden der Stadt» kämmerer Moldt, der Steuersekretär Seemann und der Grundbuchsckretär Müller wegen bedeuten- der Unterschlagungen verhaftet. Der Verdacht, Unterschlagungen verübt zu haben, bestand schon lange; die drei Beamten waren deshalb auch schon seit Wochen vom Dienst suspendiert. Die Unterschlagungen werden auf 159 99 M. beziffert. Kleine Notizen. Die Opfer deS„Pluviose" geborgen. Nach unendlichen Mühen ist eS den Neltnngsnmimschaften am Diensiagmorgen gelungen, die letzten acht Leiche» aus dem„Pluviose" zu bergen. Auf der Siseiibahnlinie Paris— Grandcville wurden drei auf der Strecke beschäftigte Arbeiter von einem Schnellzuge überfahren. I w e i Arbeiter wurden getötet, der dritte schwer verletzt. Unter Vergistmigserscheinungen erkrankien in Konstantinopel zwei 'amilien nacv dem Genuß von Champignonsuppe. Vierzehn ! e r s o n e n sind der Vergiftung erlegen. Wegen Gefahr der Einschleppung der Cholera aus Rußland ist auf allen galizische» Grenzstationen eine genaue ärztliche Untersuchung der aus Rußland kommenden Reilenden angeordnet worden. Ein neuer Riesenbrand wütete am Montag in der erst vor zwei Tagen durch Brand teilweise verheerten russischen Stadt M oh ilew. Ueber hundertHäuser wurde» eingeäschert. BHeffeaften der Redaktion. He juristische Svrcchstnnde finSe» Sinken strafe Nr. 60, dorn biet Trevvcn— A x Ii r kt» t, l—, toorfientägiich von 4'/: b>? V'/e Ilde abends, Gounabend» von 6 bis?>/- Uhr nnchmitiags sta«. Jeder jlnsrxke if» ein Buchstabe und eine.'jnhi nie a'icrf jcitften beizufügen. Briefliche Slniloor, wird uich» erteil». Eilige Kragen trage man in der Lvrcch- ftnnde vor. A.<5. 33. 1. Die Kosten gehen zu Lasten der Nachlaßmajse, können aber von den Antragsteller» vorschuhtveise erfordert werden. Die Höhe ist davon abhängig, inwicwest das Gericht tätig ist. Die Kosten eines etwaigen Prozesses hat der unterliegende Teil zu tragen. 2, Eine Klage ist zunächst nicht erforderlich, Stellen Sie vorerst bei dem Nachtaxgericht— Amtsgericht, in dcsien Bezirk die Erblasserin ihren letzten Wohnsitz gehabt bat, einen Antrag aus Vermitteluug der gerichtlichen AuSeinandeischung, Die Inanspruchnahme eines Rechtsanwalts empfiehlt sich für später, falls die Sluseinandersetuiig ohne Prozeß nicht zu erreichen ist.— S. i. S. Der Verlrag ist rechtsunwirksam, Jbre Tochter bezw, Sie können die Ersüllung ablehnen,— K.G. 95.1. 3, 60 3K. 2, Magistrat, 3, Während und nach der Uebung, — H, 39. Der Anspruch verjährt in drei Jahren,— Rixdors 38. 1. Die Anwartschast aus Rente ist erloschen, 2, Ersuchen sie den Rechtsanwalt, die Sache zu beschleunigen,— M.<£. 500. Beschaffen Sie, wenn möglich, ein anderweitiges ärztliches Attest und führen Sie die suche durch,— H. 35- Bei Verschlimmerung können Sie, am zweckmäßigsten unter Beifügung eines ärztlichen Attestes, Antrag aus Erhöhung stellen,— Nixdorf 18. Ihr Sohn kann nach dem jetzigen Einkommen veranlagt werden,— E. M. 133. 1. Nein, 2. Nur dann, wenn ein Pfändungsbeschluß vorliegt. G. B. 13. Wenn der Bruder minderjährig und ohne selbständigen Erwerb ist: ja. Aus Ratenzahlungen sich einzulassen, ist der Kaufmann nicht verpflichtet.— R. B. I. 35. Nein. Wenden Sie sich an Ihre Berussorganisation— 2t. S. 100. Verklagen sie beide beim Gewerbegericht. — P. H. 135. Schließen Sie vor einem Notar oder Gericht einen Ehe- vertrag. Die Kosten richten sich nach dem Objekt, find aber nicht erheblich, — Specht, Wiesdorf. Die Sawen können durch Sicherungs- lieber- eignungsoertrag, der jedoch der Zustimmung des Ebemanncs bedarf, dem Darlchnsgcbcr zur Sicherheit übereignet werden,— 2t. 3. 75. Falls derselbe in Berlin wohnt, ans Polizeipräsidium, außerhalb an daS Landrats- amt. Ein gesetzlicher Anspruch besteht nicht, das Gesetz ist in Vorbereitung. — B. 430. Nein, Aber durch die Arbeiterbildungsschule mid durch ein- schlägige Literatur erhallen Sie die Kenntnisse.- 21. 2t. 1. 1. Unseres Ernchtens kommt für den vorliegenden Fall neues Recht in Frage, nach welw em die Kinder drei Viertel des Nachlasses des VateiS erben, 2. Nein, — P. Z. 138. Das Vormundschaftsgericht kann hindernd eingreifen, — I. H. 33. 1. Ja. 2, Nein. Es handelt sich nicht um eine Adoption im Sinne des Gesetzes, sonder» nur um einen der Fälle der Namens- ändcrung,— L. M. 99. 1, Der Kranke, für den Fall der Mittellosigkeit die Gemeinde. Es cmpsichlt sich, den Antrag aus Invalidenrente zu stellen. 2, Ja, sofern die Armenoerwaltung davon Kenntnis erhält,— N. 1000 21. F. 1. Nein, 2 Dauernd, wenn er nicht zur Zurücknahme aussordevt oder sie am Lager gibt.— X. X. Wir halten den Chej dann für haslbar, wenn Sie seinerzeit dem Ersuchen um Gewährung eines weiteren DarlehnS nachgekommen sind.— 8.®. 150. Die Taxe schreibt für einen solchen Fall 6 bis SO M. vor, je nach den Vermögensverhält« nissen des Zahlungspflichtigen und der Schwierigkeit des Falles. — R. CT. 39, 1. In der Regel nicht, 2. Ja, bezüglich Ihres Teils, Das Testainent scheint ungültig zu sein,— I. K. 13. Die gesetzliche Löhnung der zur Uebung einberufenen Untcrosfiziere des Beurlaubtenstandes ist gleich mit derjenigen der aktiven Unteroffiziere,— 2t. G. 100. 1. Die Ansprüche, die länger als vier Jahre zurückliegen, sind verjährt. Die Verjährung be- ginnt mit dem Schlüsse des Kalenderjahres, in welchem der jedesmalige Anspruch sällig geworden ist. 2. Dafür sind die dortigen Verhältnisse, ins- besondere ein über die streitige Frage bestehendes OrtSstatut, maßgebend. 3, U. E, der Kreis,— R. 73. Am zweckmäßigsten ist, wenn der Vormund einen Antrag aus Volljährigkeitserklärung und Ersetzung der Einwilligungs« erklärung durch das Gericht an das Pormundschastsaericht richtet.— — 2t. 30. Amtsgericht Berlin-Mitte.— 2t. E. 108. Der Vermieter alZ Pfandgläubigcr,— M. R. 10. Die zum ehelichen Haushalt gehörenden Gegenstände sowie die Hochzeitsgeschenke gehören dem Ucberlebenden allein.— M. 2t. 47. Sie können durch Testament beliebig oeriügen. Die Bet> essende gehört zu den gesetzlichen Erben, wenn nicht nähere Ver« wandten in Frage kommen,— E. M. 100. 1. Der 28,85 M wöchentlich übersteigende Betrag war psändbar und cinzubehalten, 2. In Höhe des mehr ausgezahlten Betrages, 3. Zur Zahlung auffordern eventuell Klage beim Amtsgericht.— P. 3. 12. Das Gesetz steht dem nicht entgegen. Die statmarischen Bestimmungen sind maßgebend,— C. 1. 3 Juni,— L. D. 26. Von der Anwendung des Mittels versprechen wir uns nichts. Theaker und Vergnügungen Mittwoch, den 22. Juni. Ansang 7ssz Uhr. NeueS königl. Opcrii-Xkieater. Der Ucberfall. Der verlorene Sohn, Anfang 8 Ubr, Deutsches. Die Laune des Ver- liebten. Judith und Holosernes. (Ansang S'l, Uhr.) Kammerspiele, LicbcSwalzcr. Lessing. Kasernenliist, Komiichc Oper. Der Regiments« Papa. Neues 3chauspielhauS. Der Flieger, Kleines. Nur ein Traum,(Anfang 'Ifi Uhr) Berliner. Taifun. Nene«. Die goldene Ritterzeit. Neue« Operetten. Der Graf von Luxemburg. Thalia. Eharleys Tante, Hebbel. Wem gehört Helene? Koketterie.(Ansang 8'/, Uhr.) Schiller U.(itvaUner-.uieuier.) Freischütz, Sch> Gbarlottenburg. Der Bibliothekar, Arierrich- Wilbelmftädiisches. Sherlock Holmes, Bolksoper." Der Herr Verteidiger, (Ansang S'l, Uhr.) Roie Wach- und Schließaesellschast. Lustspiclbaus. DaS Leutnants- Mündel. Metronoi. Halloh II-- Die große Revue, Folie« Caprice. Pariser Ehen, Das Versöhnungssesl,(Ansang 8'/. Uhr.) 2tP»lU. Spezialitäten, Wintergarten. Spezialitäten, Pai'agc. Spezialitäten Meichsballen. Stelliner Sänger. Walballa. Spezialitäten Prater. Im Reiche des MarS. Urania. Z»»ne»nr»fte»*'49. Abends 8 Uhr: In den Dolomiten, Steininartc, Jnmtidenstr. 57— 62. Lessing-Iheater. Täglich 8 Uhr: Kasernenluft. Berliner Theater. Heute 8 Uhr: X Utl* Morgen: Tai tun._ Neues Theater. Heute und morgen, abends 8 Ubr: Die goldene Ritterzeit. Freitag neueinstudiert: Renai8»anee. Friedriclt-Wilhelmstädtisches Schattspielltaus. Heute, den 22. Juni, abends 8 Uhr: Sherlock Holmes. Detektivkomödie in 4 Akten von Ferd, Bonn, Morgen und folgende Tage: _ Sherlock Holme«._ Lusispielliaus. Abends 9 Uhr: Das Leutnantsmündel jVcncB 0per€,ttcn-Th<'atcr. Heute und folgende Tage 8 Uhr: Der Graf von Lnxciiiburg. Sonntag nachmittag 3 Ubr zu er- mäßigt. Preisen: vi« Oollsepriiirssgln. IDSEsTHEATE Große Frank: urt er Str. 132, Ääelt-ll.8c!il!eggezell8l:itatlz schwank in 3 Akte ii vonManz und Winter, Ans. 8 Uhr. Ende-/,t1 Uhr. Aus der Gartenbühne: Theater- Borstellung. Spezialitäten. Gr. Konzert.(Neues Progr.) Ans, sst.Uhr, Gastans Panoptikum j Friedrlchstr. 165(Psciiorrpal.j Geöffnet von 9 Uhr früh bis 10 Uhr abds. Der ürdd mit der eisernen Zunge. I X Täglich VI, Uhr abends X| Sonntags 4 Uhr: Heitere Vortrüge. Urania. Wissenschaftliches Theater Taubenstr. 48/49. Heute Mittwoch 8 Uhr: In den Dolomiten. Abends 8 Ubr, Nur noch cinigeTagc! Das sensationelle Juni- Programm, Novität I llenst Kerrinas Dressurakt. Einzig dastehend I Katze, Kanarienvogel und MauL, Henrz' de Vrys• Ideal- Schönheiten mit dem Entwurf z, Heiurich-Heine- Denkmal. 9'/, Uhr: Die Hielt- berühmte Schimpansin WICH? als Universal-Künstlerin und wettere 8 grosie 2lttraktionen. Metropol-Theater Hallo!!! Die große Revue! In 8 Bildern von Jul. Freund. Musik v. Paul Lincke. In Szene gesetzt vom Dir. Rieh. Schultz. Anfang 8 Uhr. Rauchen gestaltet. Neues Programm! La Tortajada in ihrer neuesten Schöpfung: „ Abenteuer eines Tororos". De Dio Phantasie-Tänzerin, Therese Deuz Sohulreiterin und eine Kette hervorragender Kunstkräfte. I Passage-Theater. Abends 8 Uhr: Tartakoff #B!ädel Mika Mlkun #Tiie Kaytons Zezelarette und das große t \ Variete-Programm.» V*. Passage-Panoptikum. m Prinz Utom der kleinste Mensch, der je gelebt. Buddhas Tafel weiß, kann, schreibt alles! Alles ohne Extra-Entree! Eintritt 50, Kinder, Soldaten 25 Pf. f Schweizer- HaHon Am K«niGstor— UnllCll Am Friedrichshain. Täglich: Theater- und Spezialil-Vorstellung Prinz Pinne. jeden Abend -,,10 Uhr:. Gr. Ausstatt.-Oper. m. Ballett. Mittwoch: Kinderfest. Volksbelustigungen. Tanz. Anfang 5 Uhr. Entree 80 Pf. Schiller Schiller-Theater 0.(Wallner-Theat.) Gottscheid-Oper. Mittwoch, abends 8 Uhr: Her Frelschttt®. Romantifche Oper in 4 Auszügen von Karl Maria v, Weber, Ächtung von Fr, Kind. Ende 10°/« Uhr. Donnerstag, abends 8 Uhr: Hl« Hollai-pi-iii�esslii. Freitag, abends 8 Uhr: Hl« Holl-U'pt'üiisivu«!»!. Theater. Schiller-Theater(Charlottenburg). Mittwoch, abend« 8 Uhr: Hoi- Bibliothekar, Schwank in 4 Akten v, Gustav Moser, Ende 10-/, Uhr. Donnerstag, abends 8 Uhr: Hl« Katakomben. Freitag, abends 8 Uhr: Hie Katakomben. Allgemeine Städtebau-Ausstellung Aul vielseitigen Wunsch wird die Ausstellung verlängert. Sohiyß 2S. Juni. eisherlgBr Besuch! 60009 Personen. Achtnns: k Diez' nur Achtnug! Seeterrasse Cichtenberg ROder.trafJe 11/13. Zwischen Landsberger Allee und Röderplatz. Grösite« und schönste« Lokal Werlin«. Bei ungünstiger Witterung DW"- Wl Schutz für 8000 Personen,— �/'-Wg Ob schön! ob Regen; Citl*. KtOlSZd't. Austreten der besten Tttrmseilknnstler der W-it The uepeits sowie der neuesten und grölllen Sensationen der Gegenwart: Die Reise um die Erde 1 Sekunde mit dem Fahrrad In den Siee. 3 Cock«. die phänomenalen Exentric-Lasoadeure? Die fiinf TInne? Vorzüglicher automatischer Scherz.— Marga Harlessy, brillanter Musikal-Traiisjoi-mationsakt.— Mll, Maxim«, hervorragende Burlesque. 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Verantwortlicher Redakteur Richard Barth, Berlin. Für denSnieratenteil verantw Th. Gleite, Berlin. Druck u. Verlag: Borwärt» vuchdruckerei u. BerlagsanftäitHaul Singer b(So« Berlin SW."" m«.».*»,• 2. ßtilflnt des jDrniärtü" Jittlintr iliillistilntl. Die 10. GkUtralversammluilg des Nerbaudes drvtschtr Tkitilarbkiter. Zweiter BerhandlungStag. Nach dem heute gegebenen Bericht der Mandats- Prüfungskommission sind 134 Delegierte anwesend. ■*« der Fortsetzung der Diskussion über den Geschäftsbericht wird oon verschiedenen Rednern die Wichtigkeit der Lohn- stalistik betont, aber zugleich verlangt, dasi die vorgeschlagenen Aenderungen der neuen Einrichiung unterbleiben möchten und die «-»-rteljährlichen Erbebungen beibehalten werden; die mangelhafte Beteiligung der Kollegenschafl wird allgemein gerügt. Die Heim» arbeit, die Arbeitsnachweise, die Fachpresse, die Jnteresien der Ar- beiterinnen und die verschiedenen, in den vorliegenden Anträgen ausgedrückten Wünsche werden lebhaft besprochen. Eine größere Be- rückfichtigung der weiblichen Mitglieder, besonders in der Fachpresse, wüiisctil Anna Simon- Foi�st i. L.. die auch verlangt, daß auf die Durchführung der zehnstündigen ArbeilSzeit in den branden- b u r a i I ch e n Textilorien mehr Aufmerksamkeit gerichtet werde. Rössel- Berlin nimmt als Diskussionsredner Gelegenheit, den Bericht der internationalen BertraucnSlcutr vorzutragen. In Kopenhagen und in Lille haben Konferenzen statt- gefunden. Ein Beschluß in Kopenhagen ging dahin, daß den eng« lischen Kollegen bei der Zahlung der gleichen Beiträge die gleichen Rechte zugestanden würden. In Lille wurde unter anderem be- schlössen, dem nächsten Kongreß zu enipsehlen, für die Textilarbeiter ein Handbuch herauszugeben, um sie über die internationalen Regeln in den Organisationen sowie über die Organisationen selbst genauer zu unterrichten. Rösiel machte darauf aufmerksam, daß die Engländer das internationale Fachblatt dazu benutzt haben, um ihrem König Eduard einen Nachruf zu widmen. Die Deutschen haben sofort aus diese Nachricht hin telegraphiert, daß sie die Annahme des BlalteS verweigern und einen Neudruck verlangen, worin der anstößige Artikel auszuscheiden wäre. Die Engländer wollten nichts davon wissen, aber Rössel, der unter lebhafter Zu- stimmung der Versammlung den Nachruf auf König Eduard kritisierte, erklärte, daß man es einzurichten wissen werde, duß das Fachblait den BerbandSmitgliedern in Deutschland ohne diesen Artikel zugehen werde— R ö! s e l macht noch darauf aufmerksam, daß die Kollegen- schaft in Gent, Belgien, eine Kommission zum Zwecke des Studiums der Textilarbeiter nach Deutschland gesandt habe und von den De« legierten zur Generalversammlung durch die Antworten auf aus- gegebene Fragebogen sich unterrichten lasten möchte. Nach Schluß der Generaldebatte tritt die Versammlung in eine Spezialdebatte über die einzelnen Anträge ein. Die folgenden Anträge gelangten dann u. a. zur Annahme: Die Preßkommission ist aufzulösen und ihre Befugniste werden dem Ausschuß übertragen. Der Titel der Organisatton soll in Zukunft heißen: Deutscher Textilardeitcrverband. DaS in verschiedenen staatlichen Instituten angelegte Verbands- vermögen ist zu erheben und möglichst bei der Bankabieilung des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine zu deponieren. Die Gauleiter sind fest anzustellen mit vierteljährlicher Kündigung. Eine Neueinteilung deS GaueS Thüringen-Vogtland ist vor« zunehmen(bestimmte Vorschläge sind in dem Antrage enthalten). Die Lokalbeamten müssen auf den Gaukonferenzcn mit beratender Stimme vertreten sein. Dem Vorstand zur Berücksichtigung überwies die Ver- sammlung u. a. die folgenden Anträge: Es sind Bildungsabende in den dazu in Bezirke eingeteilten Gauen zu veranstalten; neben den reinen Verbands- und Agita- tionsfragen soll man sozialpolitische und Entwickelungsfragen unseres Berufs behandeln, um jedeS Mitglied zur sogenannten Kleinarbeit sähig zu machen.— Die Ortsverwallungen sind zu beauftragen, einmal eine Statistik unter den Mitgliedern zu veranstalten, worin folgende Fragen berücksichtigt werden sollen: a) Gehört das Mitglied außer dem Verbände noch einer sonstigen Korporation an? b) Welche Zeitung wird gelesen außer dem Fachorgan? Name der Zeitung. o> Hat das Mitglied Kinder in der Textilindustrie beschäftigt und gehören sie dem Verbände an? Dieses Material soll zur Agitation Verwendung finden. Agilanonswanderredner sollen zur Förderung der Agitation unter den fremdsprachigen Arbeitern herangebilder werden. Spinnerkonferenzen für ganz Deutschland zwecks einheitlicher Regelung von Lohn- und Arbeitsbedingungen unter den Spinnem sollen einberufen werden. Der Zentralvorstand wird ersucht, auf die Einführung der zehn- stündigcn Arbeitszeit in den Brandenburger Textilorten in nächster Zeit seine besondere Aufmerksamkeit zu lenken. Die folgenden Resolutionen wurden von der General» Versammlung angenommen: .Die Gcneralversammluug erklärt: In der Textilindustrie ist für das Ausmaß der Verdienstmöglichkeit nicht allein die Höhe der Lohnsätze und die Gewandtheit des Arbeiters enttcheidend, sondern von nicht zu unterichätzender Bedeutung sind dabei auch die Qualität des zu verarbeitenden Materials, die Leistungs- säbigkeit der Maschinen, die Art der Vorbereitung usw. AuS dieser Erwägung heraus erachtet die Generalversammlung eine gutgepflegte Lohnstalistik für unseren Verband alS un« erläßlich. Aus dieser Erkenntnis erachtet es die Generalversammlung für «in dringendes Bedürfnis— um Vergleichsziffern zu bekommen— die Lohnstatistik fortzusetzen. Da die stalistüchen Arbeiten im allgemeinen zunehmen und die dafür zur Verfügung stehenden Arbeitskläste schon heute nicht ausreichen, drückt die Generalvcrsamnilung die Erwartung ouS, daß der Berbandsvorstand die sich weiter nötig machenden HilfS- kräfle re�rtzeitig einstellt. Um alle in der Textilindustrie tätigen VcrbandSmitglieder zur aktiven Betätigung an der Statistik anzuhalten, beschließt die Generalversaminlung, daß während der Zeit lohnstaiistischer Er« Hebungen bei der Auszahlung von Unterstützungen stets die Lohn» stalistikkarte vorzulegen ist." Eine zweite Resolution lautet: .Die General- Versammlung erinnert die Kollegen und Kolleginnen auss neue an die zur Frage deS Arbeitsnachweises in Leipzig gestellten Beschlüsse. Sie fordert die OrtSverwaltungen auf, für die nächste Zukunft ihr Augenmerk ausschließlich der besseren Organisation der Arbeitsvermittelung innerhalb de» lokalen Rahmens zuzuwenden." Ein Antrag deS Gaues Schlesien, daß im Zentralvorstand eine Beobachtungsstelle für den WirtscbaflSmarkt eingerichtet werde, um bei Lohnlämpfen nützlich zu sein, fand die Zustimmung der ge- samien Verbandsleitung und wurde von Krätzig mit großer AuS- führlichkeit erörtert. Die Diskussion darüber wird am Mittwoch be« ginnen. Besoridefs günstige Angebote: Reiseanzüjje, Ulster, Pelerinen Jadeett-AnzugÄ�ÄÄ 15- Jaokett-Anzug ifÄSÄÄ 27.- Jackett-Anzug 40.- 1 II Söi« �0- 46 Moderne Diagonal- n. Fieoh- O"7 UlSlCr grat-Muster, dankbar im Tragen.... /£/.— 1 11<-f a«. No. 48. Hochfeine moderne Sport- CA UlSier mnster, beste Verarbeitung.......\J\J.— 8,- 18_ Loden-Pelerinen 1 Dam" > zn. Kapuze Loden-Pelerinen I"bände™ Xo. 47. Glatter Loden i. prakt. Farben. 15.— No. 48. 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Dm Mitgliedern Hiermit zur Nachricht, dag die Frau unseres Kollegen Koepnick am 19. d. M. verstorben ist. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 23. d. M., nachmittags 3'/, Uhr, von der Leichen- Halle des Friedhos« in den Klsseln in Spandau aus statt. Ole Ortsverwaltung. Extra- Abteilung . Gesch.; Berlin W., Mohren- 1 8traBe37a(2. Haus von der! Jerusalemer StraBe). |ll. Gesch.: Berlin NO., Grolle Frankfurt. Str. 116(2. Haus von der Andreasstralle). I 1 S.ehrgr.Ausw. fert. Kleider, I I Hüte, Handschuhe, Schleier I leto. v. einfachsten bis zum j ] hochelegant. Genre z. äußerst J niedrigen Preisen. Sonder-Abteilung: MaOunfertlgnug in 10 bis 12 Stunden. Deutscher Holzarbeiter-Verband Den Mitgliedern zur Nachricht. dast unser Kollege, der Tischler Gustav Krebs am 19. Juni gestorben ist. Ehre seinem Undenken! Die Beerdigung findet beule Mittwoch, 22. Juni, nachmittags 4'/, Uhr, von der Halle des Gethsemane-KirchhoseSin Nordend aus statt. 56/10 Den Mitgliedern zur Nachricht, dast unser Kollege, der Polierer Karl Thielemann am 18. Juni gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Mittwoch, den 22. Juni, nachmittags 4 Uhr, von der Halle des Ge- metnde- FriedhoseS in AdlerShos auS statt. Um rege Beteiligung ersucht Die OrtSverwattung. Dr.Simmel Spezial-Arzt* für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41,„X™*. 10—2, 5—7. Sonntags 10— 12, 2—4 ttr Mir ArbeitdnnehweiS: BenvaltnugSstelle Berlin. Hauptbureau: Hos 1. Amt 3. 1239. OharltSstralle 3. Hos m. Amt 3. 1987. DonnerSiag. den SS. Juni, abends 8 Uhr, in den Mufiker-Feftsäle«, Kaiser-Wilhelm-Strasze 18 m: MgUvüer-Versammlung MT der Klempner."WHI TageS-Ordnung: 1. Vortrag des RetchstagSabgeordneten Genossen Wolfgang Heine über:„S 153 der Gewerbeordnung-, 2. DiSlusston. 3. Bericht über die mit den Arbeitgebern stattgesundenen Verhandlungen. Donnerstag, den SS. Jnni, abends 8'/, Uhr, in den Borussiasälen. Ackerste. 6/7: Versammlung aller in den Eisengießereien beschäftigten MT Putzer itttd Schleifer."WK TageS-Ordnung: 1. Vortrag:„Der BesreiungSkampf der Arbeiter'. 2. BerusS- angelegenheiten. 3. Verschiedenes. Zahlreichen Besuch erwartet vi« Orteverwaltanc. Verband der JWaler, Saekiever, JUtstreieher Melchiorstraße 28, Part. Mal« Serlin. m. Fernsprecher Amt IV Nr. 4787. Donnerstag, den 23. Jnni, abends 87, Uhr, in Dräsels Fefttöten, Nene Friedrichstr. 35: MitsliedersVersammluns. TageS-Ordnung: 1. Die Kämpfe der GewerkschaftS- Organisationen. Referent: Stadtverordneter M. Ritter. 2. Diskussion. 3. VerbandSangelegenheiten. 129/8» Zahlreichen Besuch erwartet Die OrtSvrrwaltung. Hierdurch machen wir die Kollegen darauf aufmerksam, daß das :==- Sommer- feft bestehend in einet Dampferpartie nach der Krampenburg(Oberspree) am 7, jlligUSt stattfindet.— Billetts sind in den Zahlstellen, im Bureau und bei den HauS- kassierern zu haben. Wir ersuche« jedoch die Kollegen, sich recht frühzeitig mit BillettS zu versehen, da nur eine bestimmte Anzahl ausgegeben wird. Nach dem 28. Juli gibt es nur noch im Verbandsbureau Billetts, weil bis dahin die HauS- kassterer und Vertrauensleute abgerechnet haben müssen. An der Dampferanlegestelle werden Billetts nicht mehr abgegeben. D. C. 1 Mark wöchentliclie Teilzaliluop liefere elegante fertige Berreii- Ersatz für Mall. Anfert. n. Mall. Tadellose Auel. Julius Fahiao Sohnelderrnstr. Große Frank* furterslr. 37 II EingangStraus- borger Platt. II. Gesohtlft: Tarrnstr. 18 nur erste Etage, kein Laden. ß Haben Sie Stoff? /et fertige davon A nzug od. Pnletot nach Matt, schick, dau/rh. Zutaten, von 20 Mark an. Atorltz Laband, Ntot PromenaäeS,ll.( Stdtb.Sdrut. Achtung! Ächtung! Zentralverband der Setuniede. - Zahirtelte Berlin.- Bureau: Lintenstraste 73.— Telephon: Amt S, 9819. Sonntag, de« 26. Juni 1910, vormittags 10 Uhr, bei Freyer, Koppenstraße 29: Aiihtr«rde»ll'iihcMilzllcdcr»tts«ii»iili»iii. TageS-Ordnung: 1. Bericht über die Verhcindlunqen. 2. L«- »ekluAlsssung über die«eiteren AlsAnskmsn. DM- Mitgliedsbuch legitimiert. Ohne Mitgliedsbuch DM- erhält kein Kollege Zutritt. Kollegen! In Anbetracht der Wichtigkeit der Tages- Ordnung ist es notwendig, daß Ihr alle, Mann für Mann, pünktlich zur Versammlung erscheint. vi« Ortsvcrwaltiing. I. A.: A. Schlinsky Verlelh-Inntltnt: Friedrichsl.llS/l.o.Crabg. '»Tor, Sieg. Frack, Gehrock l,50.Holel,00, Welte SOPs. der Zahlstelle Berlin. Ui Bureau: Btankenselvestr. 10. Heute Mittwoch, den 22. Juni, abends 8'/, Uhr: ksiilbiiiitrle Mitglieder- Nersalliiitliiilg in Boekerw festattien, Weberstr. 17. Tagell-Orbnung: 1. Bericht von der Gaukonserenz und Verbands-Generalversammlung. 2. Diskussion. 3. Neuwahl der Gaulommission. 4, Verschiedenes. Die Mtglieder werden dringend ersucht, die Versammlung zu besuchen. 169/17 Die Orteverwaltung, jtehtmiBi Schmiede. Miungi Sonntag, den 26. Jnni 1910, mittags 12 Uhr, bei Freyer, Koppenstraße 29: Ocfftttllillie Msmiliiiltiilg sämtlicher bei Jnnungsmeistern beschäftigten Schmiedegesellen Groß- Berlins. Tagei-Ordnung: 1. Bericht über die Verhandlungen.(Referent Kollege S ch l i n s k y.) 2. SsSvMuSjSSSUNg über die weiteren Jftaßnahmen. ne/ie* Kollegen! Die Stunde, wo Ihr über das Verhalten der nnungsmeister entscheiden sollt, ist gekommen. In dieser ersammlung müßt Ihr wählen, ob Ihr das Sklavenjoch weiter schleppen wollt oder ob Ihr gewillt seid. Euch eine menschenwürdige Existenz zu erkämpfen. Die Meister der- suchen bereits. Euch durch Lohnzulagen und schöne Ver- sprechungen von der Vertretung Eurer Interessen abzuhalten. Kollegen! Laßt Euch nicht täuschen. Alle diese Versprechungen werden gebrochen, wenn dieselben nicht durch einen Tarifvertrag mit der Organisation festgelegt werden. Deshalb, Kollegen, alle Mann für Mann zur Versammlung, und auf zum Kampf für Euer Recht. Die Herren Meister sind ebenfalls zu dieser Versammlung gelade»' DIo Ortsverwaltung. Der taewellenanBachnB. Dafchenbuch für Gartenfreunde. Ein Ratgeber sür die Pflege und sachgemäße Bewirtschaftung des hSu». lichen Zier», Gemüse- und Obst. garten» von Max HeSdörser. Zweite vermehrte Auflage. Mt 187 Text. abbildungen. Preis 3,50 Mark. Expe, dition Vorwärts, Lmdenstr. 69. Ein Sprung ins Ungewisse iß Jeder Verfuch, die bewährten Marken PHLMIN (Pflanzenfett) und PHLMONft(Pflanzen- Butter« Margarine) durch unbekannte, billige Fette zu er» festen. Palmin und Palmona werden feit vielen Jahren täglich in Millionen Haushaltungen verwendet; fle find alfo erprobt und bewährt, fonft würden Ge nicht den ausgezeichneten Ruf genießen, den Ge von der feinsten bis zur einfachsten Küche belitzen. Darin liegt eine Garantie, die be' unbekannten Marken nicht geboten wird. 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Reisevergütnng».Klasse nach 4 Wochen. 70/12* Achtung! Hoizarbeiter. Nr. 143. 27. Jahrgang. 3. KkilM des Jotiüärls" Krlim Bolhlilntt. Mitttvoch. 22. Juni 1910. Partei- Hngelegenbeiten« Auf dem Kreis- Sommerfest des Wahlvereins Kreis Nieder- taneim sind zwei Damenschirme und ein Kinder- Strohhut gefunden worden. Ferner ging ein Herren-Regenschirm verloren. Die Beteiligten wollen sich an das Bureau des Wahl- Vereins in Licktenberg, Kronprinzenstr. 49 II, wenden. Boxhagcn-Rummelsburg. Am nächsten Freitag, den 24. d. M., findet von T'/g Uhr abends ab, eine Flugblattverbreitung über den ganzen Ort von den bekannten Lokalen aus statt. Der Vorstand. Bezirk Pankow und Wilhelmsnih-Nieder�SchSnhauscn-West. Am Sonntag, den 26. Juni, nachmittags 2 Uhr findet in Wandlitz die Fortsetzung der am 29. Mai polizeilich aufgelösten Volksversammlung statt. ReichStagsabgeordneter Genosse Sladthagen spricht über: Junkerregierung, Reichstag und Volk, sowie das Gebaren der Gegner in öffentlichen Versammlungen. Sämtliche Genossen werden ersticht, mit ihren Fraueii daran teilzunehmen; Abfahrt vormittags 8, 3,18, 19 und 12,23 Uhr vom Bahnhof Neinickendorf- Roienthal. Die vorfahrenden Genoffen Pankows treffen sich um lO'/z Uhr Mühlenstraße(Bahnbrücke). Parteigenossen aus Berlin und den übrigen Vororten werden gleichfalls auf diese Volksversammlung aufmerksam gemacht. Die Bezirksleitungen. Stralau. Sonntag, den 26. Juni: Familienausslug nach Pferdebucht. Treffpunkt: Bahnhos Stralau- Rummelsburg. Bahn- steig E, vormittags 9 Uhr. Für Nachzügler 1 Uhr mittags in PferdebuÄt. Für Belustigungen aller Art für Erwachsene sowie für Kinder ist bestens gesorgt. Spandau. Freitag, den 2 4. Juni, abends 8!<- Uhr. große öffentliche Volksversammlung im großen Saal der Brauerei Pichelsdorf. Tagesordnung: 1. Vor- marsch der Sozialdemokratie, Referent: Land- tagsabgeordneter Dr. Karl Liebknecht- Berlin. L. Freie Diskussion. Genossen, sorgt für Massenbesuch der Ver- sammlung._ Der Vorstand. Berliner]\Tachncbten. Erdbeersuche. In den letzten Jahren hat die deutsche Anzucht von Gartenerdbeeren und der Versand der reifen Fruchte nach dem„Magen Groß-Berlins" im Jnnimonat ganz gewaltigen Umfang angenoniinen. Während der kürzlichen Hitzeperiode waren Erdbeeren nur für Feinschmecker zu haben, da die Früchte wegen mangelnden Feuchtigkeitsgehalts nicht schnell genug ans- reisen konnten. Sobald aber die ersten großen Geivittergüsse niedergegangen waren, schössen die Erdbeeren zusehends in die Fnichtröte, und die Einte begann auf der ganzen Linie. Heute erhält nian auf Hunderten von Straßenhändlerwagen für einen annchnibaren Preis schöne, mitunter nur etwas zu nasse und deshalb leicht im Papier„matschig" werdende Erd- beeren. In den nächsten Tagen wird der Preis Voraussicht- lich weiter sinken. Man tut indes gut, nicht die allerbilligste Ware zu kaufen, da sie infolge von Abfall unter Uniständen teurer ist. als bessere Ware. Unter diesem Groß- und Klein- Handel mit Gartenerdbeeren ist die Walderdbeere in den Hintergrund gedrängt worden. Obwohl sie in unseren märkischen Wäldern noch massenhaft zu finden ist und an Aroma die schönste Gartene' dbeere übertrifft, wird sie in den Berliner Markthallen und Geschästsläden geradezu als Delikatesse gehandelt, natürlich mit entsprechend gepfefferten Preisen. Früher zogen Tausende ländlicher Frauen und Kinder gewerbsmäßig auf die Erdbeersuche. Sie brachten die tägliche Ernte in köstlicher Frische nach Berlin, wo man sich um die Früchte riß und das Pfiind niit einer halben oder ganzen Mark bezahlte. Das hat aufgehört, weil die fleischige, saftigere und vor allem bedeutend billigere Gartenerdbeere bevorzugt wird. Haben sich doch in der Friedrichstadt bloß für die kurze Saison mehrere Erdbeerläden aufgetan, in denen von wohlhabenden Leckermäulern Erdbeeren mit Schlagsahne in erstaunlichen Mengen vertilgt werden. Wer das Geld dazu hat, weiß schon, was gut schmeckt. Die Walderdbeere aber findet im Handel fast nur noch in Wein sülben und anderen feinen Restaurants oder in Kon ditoreien zum Ansetzen von Bowle beliebte Verwendung. Man muß freilich ihre Lieblingsplätzchen erst entdecken, um sich eine reiche Ernte zu versprechen. In reinen Kiefenvaldungen niit wenig Unterholz und trockener Gras narbe wird man nieist vergebens nach ergiebigen Stellen suchen. Die Walderdbeere verlangt einen etwas feuchten Boden, ohne daß sie sich deshalb der Sonne entzieht. Laubholz und fuß hohes Waldgras befördern ungemein ihre Entwickelnng. Auch wo hier und da Tannenbruch herumliegt, ein Waldweg mit ausgewaschenen Regenrinnen vorhanden ist und durch die in ihrer unteren Hälfte entlaubten oder entnadelten Wald riefen die reifende Sonne dringt, gedeiht um diese Jahreszeit die Frucht prächtig. Den überall verstreuten Wachholderbänmchen und den Farren mit ihrem scharfen Wurzelgeruch geht jedoch die Walderdbeere möglichst aus dem Wege. Eine aus- gesprochene Herdcnpflanze ist sie nicht. Ihre Früchte stehen lange nicht so dicht wie etwa die Blaubeeren, im Volksmnnde „Besinge" genannt. Doch gibt es in den märkischen Laub- Wäldern, beispielsweise bei Finkenkrug hinter Spandau oder in der herrlichen Eggersdorfer Forst an der Ostbahn bei Strausberg große Waldteile, in denen die Suche nach Erd- beeren noch recht lohnend ist. Die Frucht muß sehr vor- sichtig vom Kelch genommen und in kühlen Gefäßen ge- sammelt werden, wenn sie nicht bald ihr Ansehen und vor allem ihr herrliches Waldaroma verlieren soll. Gegenlvärtig steht die Walderdbeere in voller Pracht. Wo der Strom der Berliner Ausflügler sich nicht hin ergießt, findet man allent- halben Prachtexeniplare von fast Haselnußgröße. Es ist ein reizvolles, gesundes Vergnügen, das neben dem Pflücken der lieblich duftenden, winzigen Früchte dem Naturfreund zwischen Baum und Strauch, umsurrt von vielfarbigen Libellen und Waldläfcrn, noch tausend andere Genüsse bietet. Aus der Geschichte Treptows. Der heute so beliebte Ausflugsort der Berliner, Treptow. war in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts noch eine un- bekannte Größe. Erst 1568 erscheint in den Urkunden eine unbedeutende Fischerei in der Cöllnischen Stadtheide, die Trebow oder Trebkow genannt wird. Sie war damals für ein Schock Groschen Wasserzins und 32 Groschen Heidegeld verpachtet und besaß nur ein kleines Häuschen, das der Pächter bewohnte. Bis 1608 dauerte das Pachtverhältnis fort: erst von diesem Jahre an ließ der Rat von Cölln die Fischerei selbst ausüben. Später hatte Treptow drei Fischwehren, die an die Petrikirche einen ! ährlichen Zins zahlen mußten, aber sie verfielen und die Fischerei wurde erst im Jahre 1707 durch den Kämmerer Lauern wieder nutzbar gemacht. Er erbaute dort ein Haus mit Scheune und Stallung, wozu später auch Wiese, Weide und das Krug recht kam. Seit 1745 fanden sich schon Sommergäste aus Berlin ein, aber erst 1779 siedelten sich die ersten sechs Kolo nisten in Treptow an. Die Gebäude des ehemaligen Vor Werks Treptow verfielen dann und wurden 1817 abgebrochen. Statt dessen legte ver Magistrat einen Park an und er- baute einen größeren Gasthof, der den erholungsuchenden Berlinern einige Annehmlichkeit bieten sollte. Im Jahre 1841 wurde auch die Chaussee nach Treptow angelegt, worauf viele wohlhabende Berliner sich dort Sommer Häuser erbauten. 1858 hatte der Ort 24 Wohnhäuser mit 123 Einwohnern und war ein beliebter Ausflugsort der Ber liner geworden, die daselbst die Gondelfahrt pflegten und zu den vor dem Gasthause abgebrannten Feuerwerken gern von Berlin herauszupilgern liebten. Nicolai führt in seiner Schilderung von 1775 an:„Treptow, ein Haus im Walde an der Spree, eine Viertelmeile von Berlin, woselbst der Magistratsförster wohnet und ein Wirtshaus ist, wohin aus Berlin oft Spazierfahrten geschehen." Die eigentliche Ent Wickelung des Ortes rührt also erst aus den letzten fünfzig Jahren her._ Polizisten als Hausverwalter sind in Berlin sehr beliebt— bei den Hauswirten. Ihnen gelten diese Leute als besonders geeignet für solchen Posten, vielleicht des- halb, weil sie den erforderlichen Kommandoton von vornherein besser „raushaben". Mieter sind freilich manchmal ganz und gar nicht er- baut, wenn sie hören, daß der Herr Wirt einen Polizisten gefunden hat, den er über sie setzen will. Nicht jeder stellr auch noch als Mieter sich gerne unter die Kommandogewalt eines dieser Ordnungs- Wächter, deren Eigenart nian ja zur Genüge kennt. Und vor� uehmlich bei Mitgliedern der sozialdemokratischen Partei kann der Wunsch rege werden, sich außerhalb des Bereiches der Augen mid Obren eines Menschen zu halten, der als Polizist vielleicht ei» Interesse daran hat, als Hausverwalter ihnen seine spezielle Auf- merksainkeit zu widmen. Ersahruiigcn anderer Art. aber auch recvt merkwürdige, sind in dem Hause Transvaal st ratze 29 mit dem Hausverwalter Donath gemacht worden, der gleich falls Polizist ist. Das Verhältnis dieses Herrn zu.seinen' Mietern wird ein ganz apartes schon dadurch, daß er als Schutz- mann zufällig in demselben Polizeirevier Dienst hat, zu dem das von ihm regierte Haus gehört. Schutzmann Donath scheint nun auch in dem Nebcnamte eines Hausverwalters sich so sehr als staatlichen Ordnungswächter zu fühlen, daß ihm Mieter unsympathisch sind, von denen er zu ivisien glaubt, daß sie einmal mit den Gesetzen in Konflikt geraten seien. Nacv einem geringen Streit, der im Hause entstanden war, hat er kürzlich einem Mieter gesagt, in diesem Hause seien die m ei st en Mieler schon bestraft, aber das werde sich ja bald ändern. Aus demselben Anlaß hat auch Frau Donath gegenüber einem anderen Mieter eine Aeußernng getan, die dem Sinne nach ebenso lautete. Wir wissen nicht, ob die Annahme des hausverwaltenden Schutzmanns Donath über das Vorleben der Mehrzahl seiner Mieter zutrifft. Aber das ist auch sehr gleichgültig. weil ja bekanntermaßen sehr viele Bestrafte zu de» anständigsten Leuten gezählt zu werden verdienen und andererseits sehr viele Schnrlen als noch innner unbestrafte Mitmenschen er- tragen werden müssen, so daß die echt polizeiinäßige Unterscheidung in Bestrafte und Unbestrafte hinfällig wird. Dagegen ist es keines- weg« gleichgültig, wie Schutzmann Donath z u jener Annahme gelangt sein kann, und Mieter de? Hauses haben sich darüber ihre besonderen Gedanken gemacht. Seine Aeußernng. das werde sich ja bald ändern, wird dahin gedeutet, daß er eine Masienküiidigung beabsichtige. Zwar würde er mit der Aus- führung eines solchen Planes vielleicht kaum einen seiner Mieter kränken, aber wir vermuten, daß er auch gar nicht daran denkt, feine Drohung wahr zu machen. Er wird froh sein, wenn es im Hause Tiansvaalstraße 29, das am Ende der Welt zwischen noch un- bebauten Grundstücken und halbfertigen Hausbauten daliegt, erst mal sämtliche Wohnungen vermietet haben wird. Im übrigen könnte der Einfall, in einem Hause keine Bestraften z u dulden, zu Konsequenzen führen, die selbst für einen Schutzmann sehr bedenklich wären. Kürzlich hat man einen Schutzmann dabei erwischt, wie er einen friedlichen Bürger mit Fausthieben traktierte, und der Herr Schutzmann ist zu 299 M. Geldstrafe verurteilt ivorden. 299 M. Geldstrafe für eine solche Tat ist zwar sehr wenig, lächerlich wenig gegenüber der schweren Strafe, die ein Zivilist sich auspacken lassen müßte, wenn er mal einem Schutzmann die Faust zu spüren gegeben hätte. Aber wenn der hausverwaltcnde Schutzmann Donath wirklich keine Bestraften in seinem Reich dulden wollte, so würde er, nehmen wir an, keinen Unterschied machen zwischen einem bestraften Arbeiter und einem be st rasten Schutzmann. Armer Kollege, der du dann das Schicksal eines Arbeiters teilen müßtest und gleich ihm die Pforten des Paradieses Transvaalstratze 20 sich verschließen sähest!_ Was ist eine Lustbarkeit? Die Frage dürfte auch sür Berlin großes Interesse gewinnen. wenn es gelingen sollte, die kulturfeindlicke LustbarkeilSsteuer durch« zudrücken. ES wird dann eine Menge Scherereien und Plackereien geben. Dieser Tage beschäftigte sich das Oberverwaltungsgericht mit der oben gestellten Frage. Eine Aiitomatengesellschaft hatte auf einem Bahnhof einen Automaten aufgestellt, auf welchem sich das Publikum wiegen konnte. Als der Magistrat von L. die Automatengesellschaft zur LiistbarkeitSsteuer heranzog, erhob letztere Klage mit dem Antrage ans Freisprechung, weil eine Luftbarkelt nicht vorliege. Der Bezirks- ausschnß wies die Klage ab. da eine Lnsibarkeit vorliege, wenn das Publikum Gelegenheit finde, sich durch Wiegen des Körpergewichts die� Langeweile zu vertreiben. Diese Entscheidung focht die Gesellschaft beiin Oberverwaltungsgericht an und bestritt das Vorliegen einer Lustbarkeil, wenn durch einen Automaten das Körpergewicht ermittelt werde. Das Gericht erkannte auch auf Freisprechung und führte n. a. aus: Die Gemeinden können durch Steuerordnungen Lustbarkeiten besteuern, es müsse sich aber auch um Lustbarkeiten handeln. Eine Lustbarkeit liege ober nicht vor, wenn sich Leute durch die Benutzung einer automatischen Pcrsonenwage die Zeit vertreiben. Zu den Lustbarkeiten im Sinne des Kommunalabgabengesetzes gehören nur solche Veranstaltungen, welche nach Absicht des Veranstaltenden dazu bestimmt und geeignet sind, zu unterhalten und zu ergötzen. Das Skatspiel, welches zur Unterhaltung und Ergötzimg dorgenommen wird, könne hingegen unbedenklich als eine Lustbarkeit angesehen werden/ Das kann ja gemütlich werden, wenn das Skatspiel unter den Begriff der Lustbarkeit fallen sollte. Wieviel Beamte müßte die Stadt Berlin anstellen, um die Kontrolle über die„Lustbarkeit des Skatspielers" auszuüben? Man sieht, zu welchen Auslegungen eine solche Steuer führen kann. Sinn liegt darin wirklich nicht. Der Ankauf und der Umbau des alten Opernhauses war, wie verschiedene Zeitungen zu berichten wissen. Gegenstand einer Kon- fercnz, die Oberbürgermeister Kirschncr und Stadtbanrat Hoffmann am Montag mit dem Kaiser hatten. Bekanntlich haben das Finanzministerium und der Minister des königlichen Hauses vor einiger Zeit beim Magistrat angefragt, ob er nicht den alten Bau erwerben wolle. Der Magistrat soll dem Erwerbe grundsätzlich nicht ab- geneigt sein. Stadibaurat Hoffmann hat sich nun rasch hingesetzt und Pläne entworfen, in welcher Weise Berlin den alten Kasten am besten verwenden könne. Für den Fall dcS Erwerbes soll da« Opernhaus als RepräsentationS- und Konzertraum Be- Nutzung finden. Der Kaiser, der ja am Opernhaus persönlich stark interessiert ist. soll den Umgestaltungsplänen Hoffmanns zugestimmt haben. ES würde also nur noch übrig bleiben, ein Einverständnis über den Preis zu erzielen, falls man überhaupt das Gebäude in städlischen Besitz bringen will. DaS wird ein recht teures Vergnügen werden. Für sechs, sieben oder gar acht Millionen Mark, die verlangt werden, kann die Stadt einen besseren und zweck« mäßigeren Bau herstellen, als das Opernhaus einer ist, falls man an den maßgebenden Stellen im Magistrat auf einmal wirklich aus- schließlich Kunstzwecke fördern will. Wozu Berlin Geld hat. Der Magistrat hat der Stadtverordnetenversammlung eine Vor« läge zugehen' lassen, in der er vorschlägt, dem Gemeiudckirchenrat der Andreaslirche ein PaironatSgcjchenk von 20 090 M. zum Bau seines Pfarr- und OberlinhauseS zu gewähren. Gegen eine derarlige Verwendung städtischer Gelder muß entschieden Einspruch erhoben iverden. Wenn es sich um Erhöhung der miserablen Löhne städtiscker Arbeiter handelt, ist kein Geld vorhanden; für Kirchenzwecke werden 29 990 M. verschenkt._' Ein zweiter Schaufensterwettbewerb ist von der Zentralstelle für die Interessen des Berliner Fremdenverkehrs in der Zeit vom Milt- woch, den 21. bis Sonntag, den 23. September in Aussicht ge- nommen. Um'die Abfertigungen des Publikums am Postschalter zu be« schleunigen, werden wieder vom 1. Juli ab Postanweisungen mit anhängendem Posteinlieferungsschcin verabfolgt. Der Schein wird vom Absender ausgefüllt, so daß den Schalterbeamten diese Arbeit abgenommen Wird. Nebenher bleibt auch der alte Modus besteben. Ferner tritt auch die vom Reichstage kürzlich genehmigte Posttax- Novelle in Kraft, nach der für die Einlicferung von gewöhnlichen Pakelen Postscheine gegen eine Gebühr von 19 Pf. erteilt werden, auch diese Scheine können vom Absender auSgesüllt werden. Diese Einrichtung dürfte aber mir bei Exportfirmen für den Uebersee« verkehr Anwendung finden. Die Ausstellung von Postscheinen bleibt sonst von jeder Gebühr befreit. Patriotisch ohne Kosten. Nach einem Erlaß des Kultusministers soll(die 199jährige Wiederkehr des Todestages der Königin Luise in den Schulen durch eine Feier mit Ansprachen und Deklamationen begangen werden, an denen sich auf besondere Bestimmung deS Ministers auch die Schüler und Schülerinnen beteiligen sollen. Da aber der Todestag in die Sommerferien fällt, soll in Berlin am 28. Juni eine solche Schulfeier veranstaltet werden. Zum bleibenden Andenken an diese Feier sollen nach Beschluß des Magistrats an einzelne Kinder Prämien verteilt werden, die auf die Königin Luise und ihre Zeit Bezug haben. Für ihre Anschaffung sind die für den Michaelistermin bereit gestelllen Etatsmittel für Prämien zu ver- wenden. Zum MichaeliStennin findet dann keine Prämien- Verteilung statt. Achtung falsches Geld. Gegenwärtig sind wieder in nördlichen Vororlen Berlins und im Norden der Stadt falsche Einmarkstücke im Umlauf. Diese Falsifikate unterscheiden sich aber von den früher in den Verkehr gebrachten Nachahmungen dadurch, daß sie leicht er« kenntliche Mängel aufweisen. Die falschen Markstücke sind zwar eben so schwer wie die echten Münzen, sie haben aber eine auffallend bläuliche Färbung und einen dumpfen Klang. Außerdem zeigt die Rückseite der Fälschungen das Wappen eines Zweimarkstückes. Die falschen Einmarkstücke tragen die Jahreszahl 1907 und daS Münzzeichen A. Haftstrafe» wegen SchulversäumniS. Eine bewerkenswerte Strafverordnung über Schulversäumnisse hat die Abteilung für Kirchen- und Schulwesen der kgl. Regierung zu Potsdam erlassen. Die Verordnung stützt sich auf eiue Regicrungsinftruktion vom Jahre 1817 und das Landrecht. Eltern und deren Stellvertreter haben, so heißt es darin, dafür zu sorgen, daß die zum Besuche der öffentlichen Volksschule verpflichteten Kinder de» Schulunterricht, die Schulfeiern und ähnliche Veranstaltungen der Schule regelmäßig be« suchen. Wird die Schule, der Schulunterricht, die Schulfeiern und ähnliche Veranstaltungen der Schule ohne genügenden Grund ver- säumt, so werden die Eltern oder Stellvertreter für jeden Tag, an dem eine Versäumnis ganz oder teilweise stattfindet, mit einer Geld- strase von Va bis zu 15 M. bestraft. Falls die Geldstrafe nicht bei- getrieben werden kann, tritt an deren Stelle Haft von 6 Stunden bis zu 3 Tagen. Die neue Verordnung tritt am 1. Juli in Kraft. Sie ersetzt eine ähnliche Verordnung von 1999. Für die Schiffer» linder bleiben die Bestimmungen von 1999 in Kraft. Zu dem Lcichenfimd bei Mariendorf wird noch weiter gemeldet: Ein Fläschchen, das man zugekorkt bei dem Toten gefunden hatte, war dem Gerichtschemiker Dr. Jeierich zur Untersuchung übergeben ivorden. Dieser hat jetzt festgestellt, daß das Fläschchen bis oben hin mit Zyankali gefüllt gewesen ist. Er ist zu der Ueberzeugung gekommen, daß Kohlmetz ohne Zweifel Selbstmord be- gangen hat. Auch dieser Sachverständige sagt, daß der Befund der Leiche � für eine Zyaukalivergiftung geradezu typisch sei. Selbstmörder, die Zyankali nehmen, sinken m die Knie, fallen vorn über und krümmen Arme und Hände nach oben. Die beiden Schüsse sind ohne Zweifel von einem Rad- fahrer oder von einem Jagd- oder Fcldberechtigten abgegeben worden, der dem herumlungernden Manne„eins ausbrennen" wollte. Die Verletzungen sind nicht gefährlich, aber sehr schmerzhaft gewesen, zumal da ein Schrotkorn die sehr empfindlichen Fleischteile am Auge traf. Nachdem er angeschossen worden loar, hat sich Kohlmetz selbst in daS Roggenfeld geschleppt und aus seiner Zyankaliflasche einen großen Schluck genommen, um seinem Leben ein Ende zu machen. Vorsicht beim Betreten fiskalischen Geländes. Schon seit langer Zeit werden Klagen aus dem Publikum laut. welche die rigorose Handhabung von Strafmandaten harmlosen Spaziergänger» gegenüber wegen Betretens verbotenen Geländes im Grunewald betreffen. Auf dem Exerzierplatz in Eichkamp be- findet sich ein Terrain, das Eigentum des Militärfiskns-ist und daS durch nichts von dein übrigen Gelände zu umerscheidcn ist. Wohl sind einige Schilder vorhanden, die bor dem Betreten des Platzes warnen, doch sind dieselben so verstreut und weit auseinander, daß sie von dem llneingeweihten sehr leicht unbeachter bleiben. Diese« Gelände bildet sür ahnungslose Spaziergänger eine schon geradezu berüchtigte„Falle", da die Personen, sobald sie dort vom Gen» darmen ertappt werden, ein Strafmandat erhalten. Zwei der so Bedachten legten jedoch Einspruch ein imd das Charlottenburger Schöffengericht sprach beide tatsächlich frei. Immer geht die Ge» schichte aber nicht so gut ab; es dürfte deshalb sicherer sein, die Warnungen vor Betreten des Geländes zu beachten. Bor einem gefährlichen Kautionsschwindler, der mit den Listen der Vermittclungsbureaus„arbeitet", feien Stellungsuchende dringend gewarnt. Ein Arbeiter bewarb sich kürzlich bei einem VennittelungS» bureau um einen Kassiererposten und gab an. daß er 599 M. Bürgschaft stellen könne. SluS den Listen des Bureaus ersah nun ein Mann, der sich F. Kerner nannte und in Wilmersdorf wohnte, seine Bewerbung. Er lud den Arbeiter durch eine Postkarte nach seiner Wohnung ein, stellte sich dort als Mitinhaber der„Zigarettenfabrik von Rüdiger u. Co. in Breslau" vor und ließ sich gleich mit der Maschine einen Bertrag schreiben, den beide Teile unterzeichneten. Der.Kerner" nahm seinem neuen Kassierer die 500 M. Bürgschaft ab und gab ihm dafür als Sicherheit einen Schuldschein, den ein Berliner Lehrer ausgestellt haben sollte. Um den Kassierer sicher machen, übergab er ihm 50 M., die er zur Bezahlung bon Ein richluiigsgegeuständen verlvenden sollte. Die Sachen seien, wie Herr Kerner sagte, für die Berliner Filiale der Breslauer Fabrik, in der der Bewerber Lagerhalter und Expedient werden solle, bestimmt. Statt der Einrichtungsgegenstände aber kamen aus Breslau nur noch einige Telegramme und Briese, dann nichts mehr. Erst jetzt erkundigte sich der Mann und erfuhr nun, daß er einem Schwindler in die Hände gefallen war. Die Zigarettenfabrik in Breslau besteht garuicht, die Telegramme und Briefe mit ihrer Unterschrift sind ebenso gefälscht wie der Schuldschein des Lehrers. „Kerner" hat in Wilmersdorf nur vier Tage gewohnt, in der kurzen Zeit aber Dutzende von Bewerbern empfängen. Der Gauner ist etwa 1,75 w groß und schlank, hat mittelblondes, gescheiteltes Haar, sieht gesund aus und trug einen dunkelblauen Jacketlanzug, einen braunen, schlappen Filzhut und gelblichbraune Schnürstiefel. Opfer des Segelsports. Die Leiche des am Sonntag auf der Havel in der Nähe der Sakrower Fähre ertrunkenen 28 jährigen verheirateten Bantbeamten Rehberg aus Charlottenburg wurde gestern nachmittag von Potsdamer Fischern geborgen. Die Frau des Ertrunkenen sowie der Schwager desselben konnten gerettet werden. Der am Sonntag.ziemlich starke Wind brachte das Boot zum Kentern. Einen für sie erheilichen Verlust erlitt am Sonntag eine Arbeiter frau, die auf dem Wege von der Exerzierstraste bis zur Müllerstraste durch die Seestraste eine braune Handtasche mit vernickelter Kette verlor, die ein schwarzes Portemonnaie mit einem LO-Markschein einem 5-Markstilck— die ganze Barschaft— und zwei Taschentücher enthielt. Die Verliererin bittet den Finder um Abgabe oder Nachricht an O. Wagner, Nieder-Schönhausen, Ziethenstr. 37. Eine schwarze Lcdertasche, die Verbandsgelder und Sammelgelder, einen Pfandschein, zwei Portemonnaies und Schlüssel ent- hielt, ist am Sonntag im Restaurant von Hermann in Tegelort liegen geblieben. Da der Verlierer für das Geld haften must, wird der eventl. Finder um Abgabe ersucht an Niemann, Jasmunder- straste 14, Hos pari, rechts. Ein schwarzes Prowkollbuch(Fliesenleger betreffend) ist gestern morgen>/z8 Uhr in einem von der Warschauerstrahe nach Char- lottenburg fahrenden Zuge liegen gelassen worden. Der Finder wird um Abgabe an Rlch. Schulze, Schreinerstr. 911 gebeten. Vermißt wird seit dem 10. Juni der Arbeiter Friedrich BolSburg, Eichendorffstr. 7 wohnhaft. V. arbeitete in der Bergemannscheu Fabrik in Wilhelmsruh als Eisenbohrer, ist 27 Jahre alt, mittelgrost. schlank, trug dunkelblauen Anzug und hatte an der rechten Hand mehrere Warzen. Mitteilungen über den Verbleib deS Vermißten werden an H. Volsburg. Eichendorffstr. 7, vorn II, erbeten. Vorort- PtockmcKten. Schöneberg. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Der Vorsteher Rein« dach er verlas zunächst ein Schreiben des Direktors Thouret, in welchem der Herr sich beschwert, daß die Versammlung gerade das Gegenteil von dem beschlossen, was er für seine höhere Lehranstalt für nützlich erachtete. Das Schreiben wurde dem Magistrat über- wiesen.— Zu dem vom Magistrat herausgegebenen Verwaltungs- bericht 1993 bis 1998 äußerte Stadtv. Zobel(lib.). daß der Be- richt etwas veraltet wäre und graphische Darstellungen sowie statistische Zahlen vielfach fortgelassen seien, so daß es schwer falle, die notwendigen Vergleiche anzustellen. Auch wäre ei wün- schenswert, daß die Auflage eine größere sei. damit neu ein- tretende Herren sowie die Vereine, die sich mit Kommunalpolitik beschäftigen, die Verwaltungsberichte ebenfalls geliefert erhalten. Redner ging alsdann auf eine Petition des Haus, und Grund« besitzervereinS ein, worin gewünscht wird, das Südgelände für die Bebauung noch nicht zu erschließen, da soviel Wohnungen leer- stehen. Genosse B e r n st e i n meinte, daß die Aufschlietzung des Geländes notwendig sei, das allgemeine Volkswohl stehe höher, als alles andere, und das Angebot von Wohnungen müsse höher sein, als die Nachfrage. Besonders an kleinen Wohnungen herrsche ein großer Mangel. Ferner wünschte Redner, daß in Zukunft die dem Verwaltungsbericht beigefügten Pläne und Karten zu einem handlicheren Format werden. Nach einem mit der Stadt Berlin geschlossenen Vertrag ist die hiesige Gemeinde verpflichtet, die Entwässerung des Berliner Ortsteils spätestens drei Jahre nach erfolgter Kündigung zu über- nehmen. Die Kündigung ist am 8. Juli 1999 erfolgt; es soll nun- mehr die Entwässerung in die Sammelkanäle der Hohenstaufen-, Goltz-, Maaßen-, Motz-, sowie von der Pallas-, Grunewald- und Gleditschjtraste in das Kanalnetz der Hohenstaufen- und Franken- straste geleitet werden. Gleichzeitig soll über dem Regenauslaß an dem Winterfeldtplatz ein Schneeeinwurfschacht eingebaut wer- den. Hierzu sollen die Mittel in Höhe von 276 999 M. aus den außerordentlichen Einnahmen bewilligt werden. Die Vorlage wurde einem Ausschuß überwiesen, dem die Genossen B ä u m l e r und D ä u m i g angehören.— Der PetitionSausschuß hatte über eine Anzahl Petitionen zu berichten. Der Verein Ber- liner Musiker hat eine Petition eingebracht, in der ersucht wird, den Beamten Schönebergs das gewerbsmäßige Musizieren zu ver- bieten, da dieselben so ausreichend bezahlt sind, daß sie es nicht nötig haben, einem schwer leidenden Zivilberufe Konkurrenz zu machen. Eine an den Magistrat gerichtete Anfrage solr bewirken, daß den Beamten das gewerbsmäßige Musizieren untersagt wird. Stadtv. Lohausen berichtete dann über den Bau eines Krematoriums nebst zwei Kolobarien. Redner meinte, mit dem Bau könne man beginnen, da wohl anzunehmen sei, daß die preu- ßische Regierung der Einführung der fakultativen Feuerbestattung besondere Hindernisse nicht mehr entgegenstellen werde. Der neue Minister des Innern, Herr v. Dallwitz, sei schon in Anhalt dafür gewesen, er werde daher auch in Preußen nicht dagegen sein. Stadtrat Kaufmann teilt« mit, daß die Regierung den Anleihe- Mitteln für den Bau des Krematoriums und Kolobarien die Ge- nehmigung nicht gegeben habe. Der Bau soll jedoch nicht scheitern, wenn die Gelder aus den laufenden Einnahmen bewilligt werden. Auf eine Anfrage, ob der Bau inhibiert werden kann, bemerkte Stadtrat Bergmann: Der Standpunkt des QberverwaltungS- gerichts, daß die Feuerbestattung eine Neueinrichtung sei, zu der eine staatliche Konzession notwendig wäre, lasse sich nicht aufrecht erhalten und werde auch durch das Gesetz nicht gestützt. Höchsten» Polizeiverfügungen seien vorhanden, die der Rechtsgültigkeit ent- behren. ES wurde nunmehr der Bau beschlossen.— Ferner wurden die Mittel bewilligt, um auf dem Krankenhausgrundstück die äußeren Wege statt mit Kiesbesestigung in Gustasphalt ausführen zu können.— Für den Direktor der Fortbildungsschule sollte, nachdem eine Umfrage stattgefunden, eine höhere Besoldung einge- führt werden. Genosse K ü t e r drückte seine Verwunderung dar- über aus, daß, obwohl in dem Nachtragsetat eine Besoldungsskala festgelegt sei, jetzt schon wieder eine einzelne Vorlage erscheint; jedenfalls wäre es richtiger, wenn alle die Fälle, wo Aenderungen vorgenommen werden müssen, der Versammlung vorgelegt werden, damit etwas Einheitliches geschehen könne. Die sozialdemokratische Fraktion werde jede Gehaltserhöhung für höhere Beamte solange ablehnen, bis den in dem Stadtpark beschäftigten Gärtnern und Arbeitern auf deren Petition hin Gerechtigkeit widerfahren ist. Stadtrat Härder bemerkte hierzu, dast der Magistrat bezüglich der Gärtner beschlossen hat, dem Antrag des ArbeiterausschusseS zuzustimmen, dagegen müsse für die Arbeiter die Lohnfrage allge- mein geregelt werden. Hierauf wurde die Vorlage dem Etats- puSschutz überwiesen. Für die Wahrnehmung der Kreiskassengeschäfte verlangte der Magistrat vom Staatsfiskus die runde Summe von 13 999 M., da die Arbeiten sich bedeutend gehäuft hätten und die dadurch ent- standenen Kosten nicht mehr im Einklang mit der Gegenleistung ständen. Es wird sogar angenommen, daß dieser Betrag in den nächsten Jahren infolge der Zunahme der Geschäfte und durch die steigende Bevölkerungsziffer eine weitere Erhöhung erfahren muß. — Der Versuch, statt Wasserbesprengung sämtliche Asphaltstraßen mit einer Oelung, und zwar Westrumit, zu besprengen, hat so günstige Resultate gezeitigt, daß beabsichtigt wird, weitere Ver- suche zu unternehmen. Die Asphalistrasten wurden nächtlicher. weise mit einer einprozentigen Lösung Westrumit in Wrisser besprengt, während bei den Grenzstraßen und wegen der Bautätig- keit eine zweiprozentige Lösung verwendet wurde. Es stellte sich heraus, daß die ruhigen Wohnstraßen erst nach acht bis zehn Wochen, die Hauptverkehrsstraßen dagegen nach etwa vier bis sechs Wochen einer neuen Besprengung bedurften. Das Reinigen der Straßen, insbesondere das Waschen mit Waschmaschinen, beein- trächtigte die Wirkung des WestrumitS in keiner Weise. Die täg- liche Wasserbesprengung kostete pro Quadratmeter und Jahr 7,8 Pf., nach dem neuen Verfahren nur 1 Pf. Genehmigt wurden ferner die Mittel zum Bau eines Spritzen. Hauses und eines Geflügelstalles auf dem Rieselfelde, sowie die Umbauarbeiten zur Erweiterung der ersten Gemeindeschule in der Feurigstratze. Für die Ausschreibung eines Wettbewerbes zur Erlangung von Bebauungsplänen für das Südgelände wurden ins- gesamt 29 999 M. bewilligt. Damit wurde die öffentliche Sitzung geschlossen. Eine Familicntragödie spielte sich gestern mittag in dem Hause Wartburgstratze 12 ab. Die Frau des MalerS Paul Müller vergiftete sich und ihr zweiundcinhalb Jahre altes Kind mit Lysol. Als die Tat entdeckt wurde, war das Kind bereits tot. Die Frau wurde in schwerverletztem Zustande nach dem Krankenhause gebracht. Ihr Befinden ist hoffnungslos. Wilmersdorf. Im Entcnpfuhl ertrunken. Ein schrecklicher Unglücksfall hat sich vorgestern in der Wohlauer Str. 18/l9 zugetragen. Auf dem Hinter- lande des genannten Grundstückes befindet sich ein etwa zwei Ouadraimeter großer Entenpfuhl, der nicht umzäunt war. Am Rande dieses Gewässers spielte unbeaufsichtigt der zweijährige Sohn des in dem genannten Haui'e wohnenden Kutschers JasiiiSki. Infolge eines Fehltrittes stürzte der Kleine in das Wasser und ertrank, da Hilfe nicht in der Nähe war. Als das Kind schließlich vermißt und gesucht wurde, tonnte eS nur noch als Leiche gelandet werden. Wiederbelebungsversuche hatten keinen Erfolg. Groft-Lichterfelde. Unter dem Verdacht, sich an einem jungen Mädchen vergangen zu haben, ist vorgestern ein Lehrer einer hiesigen höberen Lehranstalt verhastet worden. Der Festgenommene soll sich auf dem Friedrichs- platz des ihm zur Last gelegten Verbrechens schuldig gemacht haben. Die weitere Untersuchung wird ergebe», ob die gegen den Verhafteten vorgebrachten Bezichtigungen auf Wahrheit beruhen. Fichtenau. Die Schule im Dienste ber Polizei. Als vermißt gemeldet wurde am Montag die 64 Jahre alte Mutter der Ehefrau des hiesigen Schlächtermeisters Oppermann. Die schon längere Zeit nervenkranke Frau hatte Sonntag, abend die Wohnung verlassen und war bis Montag vormittag nicht zurückgekehrt. Nach Meldung bei der Polizeibehörde wurde sofort die Schließung der Schulen angeordnet, mit der Anweisung, die Umgebung nach der Vermißten abzusuchen. Unter Führung der Lehrer nahmen die Kinder der ersten Klassen die Suche auf, sie fanden denn auch die Vermißte mittags gegen 1 Uhr in der könig. lichen Forst als Leich.e Die alte Frau hatte durch Erhängen ihrem Leben ein Ende gemacht. Wenngleich bei solchen Anlässen schnelle und umfangreiche Hilfe außerordentlich notwendig ist, so dürfen doch wohl die Eltern der Schulkinder mit Recht verlangen, daß in Zukunft zu solchen Funktionen die Polizeiorgane herangezogen werden Die Polizei- macht, die anläßlich der letzten Wahlrechtsdemonstration im be- nachbarten Friedrichshagen nutzlos aufgeboten war, um das be« drohte Vaterland zu retten(der hiesige Gendarm Trojan begleitete sogar in Zivil den Umzug), hätte vollauf genügt, um die Um- gebung abzustreifen. Zudem erfreut sich die Polizei wahrlich nicht solcher Sympathie, daß ihr die Erfüllung ihrer Aufgaben freiwillig durch Schulkinder abgenommen wird. Reinickendorf. Morgen: GcwerbegerichtSwahl! Da die amtlichen Legitima- tionsformulare in ungenügender Zahl zur Verfügung gestellt werden, möge sich jeder ortSangehörige Wähler bei der morgen stattfindenden Gewerbegerichtswahl mit Mietskontrakt oder Steuer- zettel legitimieren. Ferner können die Arbeitgeber für die im Betriebe beschäftigten über 25 Jahre alten Arbeiter Formulare, auf denen bis zu 39 Namen verzeichnet sind, ausstellen. Die be- treffenden Arbeiter müssen dann möglichst geschlossen zur Wahl erscheinen. Die Gewerkschaftskommission. Bernau. Die Stadtverordnetenversammlung erteilte in ihrer letzten Sitzung der Firma Schäffer u. Walker, welche 6599 M. für die Heizuugsanlage im Schulhause gefordert hatte, den Zuschlag. Dem Dringlichkeitsantrage, dem Landmesser Küchenmeister für den Be- bauungsplancntwurf eine Abschlagssumme von 5999 M. zu bewilligen, gab die Versammlung ihre Zustimmung. Mit der Magi- stratsvorlage, wonach die Stadt Berlin die Erweiterung ihrer Rieselfelder so gestalten soll, daß sie zweieinhalb Kilometer von der Mitte des Marktplatzes entfernt angelegt werden, um nicht die Einwohner zu belästigen, erklärte sich die Versammlung einver- standen. Die Anlieger des LohmühlenwegeS haben wiederholt beim Magistrat beantragt, den Weg zu pflastern. Da sich die Antrag- steller jedoch weigern, den auf sie entfallenden Pflasterungsbetrag zu zahlen, kann die Pflasterung erst erfolgen, wenn die Besitzer die nötige Kaution hinterlegt haben. Der Versammlung wurde bekannt gegeben, daß der den WasserleitungSbau leitende Ingenieur den zur Verwendung kommenden Kies und die Steine bemängelt habe. Die Versammlung verlangte, daß der Unternehmer Bach— Stadtverordneter und Wasscrleitungskommissionsmitglied— die vertraglich vorgeschriebenen Materialien zu verwenden habe. Ge- nosse Helbig legte dem Unternehmer Bach die Frage bor, ob es zuträfe, daß er die Verantwortung für die Ausführung des Wasserturmes ablehne, weil nach feiner Meinung nicht tief genug in gewachsenen Boden gebaut werde. Dieses bestätigte Bach; er habe der Bauleitung gegenüber erklärt, daß er der Ansicht sei, es müsse 1 Meter tief in gewachsenen Boden gegangen werden, die Bauleitung habe aber 49 Zentimeter in gewachsenen Boden für ausreichend gehalten. Auf die weitere Frage des Genossen Helbig. weshalb Bach dann trotzdem die Bctonschüttung vorgenommen, erklärte derselbe, er wäre von der Bauleitung gedrängt worden, mit dem Bau zu beginnen. Der Bürgermeister meinte, Bach habe sich an den Vertrag zu halten, und wenn er dies nicht tun wolle, oen Bau einzustellen. Ein neues KreiskrankenhauS wurde am Montag hier einge- weiht. Außer den städtischen Behörden waren der Regierungs- Präsident der Provinz Brandenburg und der Landrat des Kreises erschienen. Wie eS bei derartigen Feierlichkeiten nun einmal üblich ist, fiel auch hier ein kleiner OrdenSregen. Es erhielten der Land- rat des Kreises sowie der Bürgermeister von Bernau den Roten Adlerorden 4. Güte, der Beigeordnete Siebeky und der Regierungs- baumeistcr Klecmann als Leiter des Baues den Kronenorden. Die Vorstände der Krankenkassen Bernaus, sowie auch der nahegelegenen kleineren Orte, welche doch ein wesentliches Interesse an dem Krankenhause haben, da ja auch ihre kranken Mitglieder, soweit bei denselben Krankenhauspflege erforderlich ist, bor! untergebracht werden sollen, hatte man nicht einmal zu einer Besichtigung ein- geladen._ Jngendveranstaltungen. Ltchtenverg-FrirdrichSfelde. Am Sonntag, den 26. d. M., 4 Uhr nachmitlagS. im Schloßpark zu Friedrichsselde aus dem großen Spielplatz, gemeinsame Spiele des Jugendausschiisses. Die Erwachsenen werden ganz besonders ersucht, dm! zugegen zu(ein, da es sich um gemeinsame Spiele jür jung und alt handelt. Die Liederbücher nicht vergessen. Sozialdemokratischer Lese- und Diskutierklnb„Heine". Heute abend S'ij Uhr: Sitzung bei Grünberg, Rodenbergstraße 8. Lese- und Diskutierklub„Tiid-Lst". Heute Mittwoch, abends 8'/, Uhr. bei Neidhardt, Görlitzer Sttaße 58: Mitgliederversammlung, Gäste willkommen. Lese-»nd Dtskntierklub„Baumschulenweg". Heute abend 9 Uhr Sitzung im Lokal von Görgens. Baumschulenstr. 27. Zeutralverbaud der freien Händler, Hausierer und ver- wandte» Berufsgenosse» Deutschlands. Sitz Essen, Verwaltungs- stelle Berlin, Bezirl IV. Heute abend 3'/, Uhr Versammlung bei Haupt, Adalbertstr. 4. Gäste willkommen. Amtltctier Marktbericht der städttlchen Marktballen- Direktion über den Großhandel in den stenlral-Marktballen, Marktlage: Fleisch: Zuindr reichlich. Geichäst rege, Preise unverändert. Wild: Zufuhr ge- nügend. Geichäst rege, Preile bcsncdigcnd, Geflügel: Zusuhr ge« nügcnd, Geichäst etwas rege, Preise bcsriedigend, Fische: Zusuhr etwa? reichlicher, Geichäst ruhig, Preise wenig verändert. Bult er und käie: Geichäst rnhig, Preile unverändert. Gemüse, Obst und Südfrüchte: Zuiubr genügend, in Erdbeeren und Bohnen reichlich, Geschäft lebhaft, Preise in neuen Kartoffeln höher, sonst gedrückt. «Htternngsiiberftcku vom 21. Juni 1910, morgens 8 llbr. Setter *5 t* 6 wolkig 7 1 bedeckt 8 4 halb bd. 14 1 wolkig| 13 2 heiter 19 Svettcrprognoie für Mittwoch, den 23. Jnui 1910. Wärmer, vorwiegend heiter und trocken bei ziemlich lebhaften südöst- lichen Winden; später zunehmende Bcivölkung. Berliner W e t t er b u r e a u. SSasierslandS-Rnchrtchten der LandeSanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wettcrburcau. Wasserstand Memel. TUM V r c g e l. Justerburg Weichsel. Tbor» Oder. Ratibor , Kronen , Fraukiurt Warthe, Schrimm , LandSberg Netz«, Vordamm Elbe, Lernneritz , Dresden , Bardo , Magdeburg '1 4- bedeutet Wuchs,— Fall. Unterpeqel. Zlttbel, Spiegel u. Poisterwaren Kastanien- Allee Ko. 40.-------- Julius Krause Kompl. Wohnungseinrichtungen zu anerkannt soliden Preisen = Teilzahlnng gestattet. 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