Ur. 145. RbonmmentS'Redingunsen: Abonnements- Preis pränumerando i »ierteljährl. S£0 SKI, monatl. 1,10 MI, WSchentlich 28 Pfg. frei WS HauS. Einzelne Nummer 5 Pfg, Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Well" 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs» Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Mark, sür das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien. Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, änien, Schweden und die Schweiz. 87. Jahrg. vlitelot täglich iiitSei nignfags. Verlinev Volksblcrtk. DU Tnlerttons-Gebülir beträgt für die fechsgespaltene Kolonel« zeile oder deren Raum 50 Psg, für politische und gewerlschastliche Vereins- und Versammlungs-Anzeigcn 30 Psg. „Uleine Mnzeigcn", daS erste(fcll- gedruilte) Wort 20 Pfg, jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- stellen-Anzcigen das erste Wort 10 Pfg, jede? weitere Wort k Pfg. Worte über lk Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate sür die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm-Adresse: „SozIalAtmohrat Rtrlio'*. Zentralorgan der rozialdemokratifcbcii Partei Deutfcbtands. Redaktion: 8W. 68, Linden Strasse 69. Fernsprecher: Amt IT- Nr. 1983. Expedition: 6 Cd. 68, Lindenstrassc 69. Fernsprecher: Amt IT. Nr. 1984. 31er bezahlt die Steuern in Deutschland? 1. Die furchtbare Angst vor der kommenden Reichstagswahl bat das Zentrum veranlaßt, schon jetzt mit dem Einseifen der Wähler zu beginnen. Vor allem ist es die Hauptsünde, die es auf sich geladen, die sogenannte„Reform" der Finanzen des Reichs im Jahre 1909, vor deren Beurteilung durch die Wähler ihm graut. So hat es denn schon jetzt von seiner München-Gladbacher Meiilungsfabrik eine Broschüre, ver- breiten lassen, die den Titel führt„Antworten auf sozialdemokratische Schlagwörter: Die Reichsfinanzrefor m", und den Zweck hat, unwissende Leser über die wahre Bedeutung der damals bewilligten Steuern hinters Licht zu führen. Wir enipfehlen diese Broschüre der sorgsamen. Beachtung unserer Agitatoren in allen vom Zentrum beherrschten oder bedrohten Gegenden. Denn sie ist geradezu gemeingefährlich. Mit der am Zentrum von jeher bewunderten Geschicklichkeit versteht sie es, Tat- fachen und Zahlen so zu gruppieren, daß ans schivarz weiß ge- macht und dem Leser das Gegenteil der Wahrl>eit ganz im- merklich suggeriert wird. Es wird nötig sein, in der Agita- tion s ä m t l i che Kapitel der 67 Seiten starken Schrift Punkt für Punkt vorzunehmen und ausführlich zu widerlegen. Im Rahmen eines Zeitungsartikels gebt das natürlich nicht. Wir wollen deshalb nur ein Kapitel herausgreifen, um an ihm die Methode und die gefährliche Verlogenheit der Schrift zu zeigen. Im 24. Kapitel(das auf S. 66 beginnt) wird die ver- bläffende Behauptung aufgestellt, daß die übergroße Mehr- heit sowohl der neuen Steuern, wie überhaupt aller in Deutschland gezahlten Steuern vom den Besitzenden getragen wird! Wer von Finanzen und Finanzstatistik eine Tkhnung hat, wird laut auflachen, wenn er so etwas hört. Hat doch sogar der damalige Reichsschatzsekretär, als er im November 1998 das Steuergesetz dem Reichstag vorlegte, un- umwunden zugegeben, daß die Verbrauchssteuern die minder- bemittelten Kreise stärker belasten als die Besitzenden. Es ist das eben seit Lassalle eine Selbstverständlichkeit für alle, die etwas von der Sache verstehen. Aber das Lachen vergeht, wenn man die wahrhaft teuflische Geschicklichkeit sieht, womit dieser Widersinn dem Leser mundgerecht gemacht wird. Folgendes Rechenerempel wird aufgemacht. Es sind be- willigt worden: Bcsitzsteuern........... 110 Millionen dazu Matrikularbeiträge....... 25„ dazu Luxussteuern(Schaumwein- und Be- leuchtungsmittelsteuern)......■ 25 160 Millionen. Hierzu tragen— so behauptet die Broschüre— die ärmeren Schichten der Bevölkerung überhaupt nichts bei: diese 166 Millionen werden lediglich von den Reichen und einzelnen Kreisen des Mittelstandes bezahlt. Schon das ist eine kaum glaubliche Dreistigkeit! Was zunächst die 116 Millionen Be- sitzsteuern anbetrifft, so verweisen wir auf die langen Er- örterungen, die deswegen im vorigen Jahr gepflogen worden sind: dort ist zu ersehen, wie viel selbst von diesen 116 Millio- nen wahrscheinlich noch abgewälzt werden kann. Aber wes- halb sollen die 25 Millionen Matrikularbeiträge ganz auf Rechnung der Besitzenden kommen? Das sind die Zahlungen der Einzelstaaten an das Reich, und weil die Einzelstaaten einen großen Teil ihrer Einnahmen— bei weitem nicht alle! — aus direkten Steuern ziehen, deshalb sollen die Besitz- losen davon nicht getroffen werden! Die Broschüre tut näm- lich überhaupt so, als wenn zu den direkten Steuern die Armen nichts beitragen. Wie falsch diese Behauptung ist, werden wir noch zeigen.— Vollends aber die Beleuchtungs- mittel.„26 Millionen auf Gaslicht und elektrisches Licht, die das arbeitende Volk gar nicht treffen," heißt es auf Seite 44. Das ist doch einfach unerhört! Wir wollen schon gar nicht davon reden, daß heute selbst in vielen ganz kleinen Orten elektrische Beleuchtung in allen Kramläden und dergleichen anzutreffen ist. Aber wie steht es mit der Beleuchtung in Fabriken, Werkstätten usw.? Die gehört doch zu den Ge- fchäftsunkosten, wird mithin auf die Preise der Waren ge- schlagen und von den Konsumenten, also auch vom arbeitenden Volk bezahlt. Doch das ist nur erst ein kleines Kunststück. Dann folgm Steuern auf entbehrliche Genußmittel: Bier........ 100 Millionen Branntwein..... 80„ Tabal.....■• 45 225 Millionen find dann heißt es wörtlich:...-- „Nun lehrt uns die preußische Finanzstatisti!, daß etwa drei Viertel der Bevölkerung mit Einkommen bis zu 1500 M. ein- Schließlich veranlagt sind.... Wendet man die Verhältnisse in Zreußen auf das ganze Deutsche Reich an, so würde sich bei gleichem Prokopfverbrauch ergeben, daß von der vorgenannten Summe von 225 Millionen ein Viertel auf die bemittelten Klassen, drei Viertel dagegen auf die weniger bemittelten ent- fielen." Da aber bekanntermaßen die armm Leute von solchen entbehrlichen Dingen weniger genießen als die reichen, so muß man allermindestens annehmen, daß die Reichen pro Kopf doppelt so viel verbrauchen als die Armen. „Man wird darum nicht fehlgehen mit der Annahme, daß das eine Viertel der Bevölkerung, welches die Bemittelten, Wohl- .. habenden und Reichen umfaßt, mindestens die Hälfte der obigen t Stcuersumme, also 112% Millionen, aufbringt." Dazu kommen noch von Kaffee und Zündwaren 66 Mit lionen. Hier ist die Broschüre so gnädig, gleichen Verbrauch bei Reichen wie Armen anzunehmen. Dann kämen, so be hauptet sie, 15 Millionen auf die Bemittelten, 45 Millionen auf die Unbemittelten. Und so kommt sie denn zu dem be- glückenden Resultat, daß von den aufgezählten 445 Millionen die„besser situierte Klasse" 287 V2 Millionen, die Minder- und Unbemittelten aber nur 1571� Millionen bezahlen. Prüfen wir die Rechnung nach, so muß von vornherein auffallen, daß die Herren vom Zentrum hier die Grenze zwischen Bemittelten und Unbemittelten bei einem Einkom men von 1566 Mk. ziehen. Wir Sozialdemokraten wählen diese Einkommensgrenze, wenn es sich darum handelt, einen äußeren Anhaltspunkt für den Begriff der proletarisierten, total verarmten Bevölkerung zu finden. Wessen Einkommen nickst mehr als 125 Mk. im Monat beträgt, der ist arm. Aber daniit ist doch nicht gesagt, daß die Leute mit 126, 136, 156 Mark zu den Bemittelten gehören, das sind doch immer noch Personen, die bei schwerer Arbeit von der Hand in den Mund leben. Ihnen die Steuern aufzuhalsen, ist genau so ungerecht wie den ganz Armen. Viel näher kommt man einer vernünftigen Einteilung für den vorliegenden Zweck, wenn man die Grenze etwa bei 3666 Mk. wählt. Wer über 3666 Mark Einkommen hat, den kann man mit einigem Recht zu den Bemittelten zählen: wer weniger hat, ist bei der heutigen Teuerung aller Lebensmittel schlechthin unbemittelt. Aber der Zentrumsschriftsteller weiß genau, weshalb er diese Grenze nicht will. Rechnet man nämlich diese Einkonr mensklassen von 1566— 3666 Mk., wie es sich gehört, zu den Unbemittelten, dann kommt man zu dem überraschenden Resultat, daß in Preußen im Jahre 1969 von einer Gesamtzahl von 14 461689 Personen(die Familienangehörigen ohne selbständigen Erwerb nicht mitgerechnet) gehört haben: zu den Unbemittelten(bis 3000 M. Einkommen) 13 780 123 „„ Bemittelten(über 3000„,) 621 593 Das gibt ein ganz anderes Bild. Denn nun sieht man auf den ersten Blick, daß in Wirklichkeit u n b e m i t t e l t sind über Proz., bemittelt dagegen noch nicht einmal ly2 Proz. der Bevölkerung. Und dann hätte auch die geriebenste jesuitische Geschicklichkeit es nicht fertig bekommen, irgend jemandem einzureden, daß diese Handvoll bemittelter Personen einen nennenswerten Teil der Steuern aufbringen. Jedoch auch die Zahlen, mit denen die Broschüre operiert. sind noch falsch. Drei Viertel der preußischen Bevölkerung, behauptet sie, seien mit Einkommen bis zu 1566 Mk. ver- anlagt. Drei Viertel, das sind 75 Proz. In Wahrheit waren es 1969 von den oben genannten 14 461689 Personen nicht weniger als 12 144 221. Das sind nach Adam Riese nicht 75 sondern 84� Proz. Und nun haben wir erst die Zahlen, mit denen wir rechnen, mit denen wir etwas anfangen können: auf der einen Seite die 8iy3 Proz. bettelarmer Leute, die das nackte Sattessen nicht haben, auf der anderen die 4% Proz. Bemittelter, wobei noch überdies zu bemerken wäre, daß die eigentlich Reichen, die doch erst bei einem Einkommen von über 9566 Mk. anfangen, nur die jämmerlich geringe Zahl von 166 995 in ganz Preußen ausmachen oder ungefähr % Proz.! Nun wollen wir einmal mit diesen Zahlen an die Sache herangehen. Von den 225 Millionen für Bier, Brannt- wein und Tabak entfallen dann bei gleichein Verbrauch auf die Proletariermassen 189 Millionen, auf die Bemittelten (selbst wenn wir sie zu 5 Proz. rechnen) nur 11*4 Millionen. Verbrauchen die Bennttellen doppelt so viel, so macht das 221/2 Millionen, und den Proletariern bleiben imwer noch 177�4 Millionen zu tragen. Von den 66 Millionen für Kaffee und Zündwaren aber müssen sie dann 56,4 Millionen tragen, die Bemittelten dagegen nur 3 Millionen. Dies ist schon zu Gunsten der Besitzenden gefärbt, denn wir haben die Proletarier nur zu 84 Proz.(statt 84� Proz.), die Bemittelten zu 5 Proz. der Bevölkerung gerechnet, wäh- rend sie nur etwa 4� Proz. ausmachen. Rechnen wir nun bei der Verteilung der übrigen Steuern ebenfalls zu ihren Gunsten und nehmen wir an(weil sich hier ja genaues nicht sagen läßt), daß von den 116 Millionen sogenannter Besitz- steuern nur 16 Millionen durch Ueberwälzung an den Pro- letaricrn hängen bleiben, indes 76 Millionen von den Be- mittelten und nur 36 Millionen von der Einkommensklasse zwischen 1566 und 3666 Mk. getragen werden. Nehmen wir ferner an, daß die 5 Millionen Champagnersteuer von den Bemittelten ganz allein und auch noch drei Fünftel— 15 Mil- lionen— der Matrikularbeiträge von ihnen gezahlt werden, indes auf die Proletarier gar keine Matrikularbeiträge ent- fallen.(Auch dies ist viel zu günstig gerechnet, weil ja, wie gesagt, die Einzelstaaten nicht nur von direkten Steuern leben, und die Proletarier zum Teil ebenfalls direkte Steuern zahlen müssen.) Nehmen wir endlich an, daß von der Be- leuchtnngssteuer— 26 Millionen— nur die Hälfte auf die riesigen Volksmassen, ein volles Viertel dagegen auf die Hand- voll Bemittelter entfällt, so bekommen wir immer erst folgende Rechnung. Es hätten dann SN sahleoZ die 84 Proz. Proletarier die 5 Proz. Bemittelter für Tabak, Branntwein, Bier..... 177,75 Mill. 22,50 Mill. „ Kaffee u. Zündwaren 50,40„ 3,00„ „ Besitzsteuern... 10,00„ 70,00„ „ Schaumwein...— 5,00„ „ Beleuchtung... 10,00„ 5,00„ „ Matrikularbeiträge.— 15,00„ inSgesaint 248,15 Mill. 120,50 Mill. Der Rest von 76,35 Millionen entfiele dann auf die Leute mit Einkommen von 1566—3666 Mk., die ebenfalls noch zu den Unbemittelten gehören. Die wirklich Bemittelten zahlen dann wenig mehr als ein Viertel der neuen Steuern, die Unbemittelten dagegen zahlen in ihrer Gesamt- heit von den 445 Millionen nicht weniger als 324i/> Millionen, und hiervon entfällt der weitaus größte Teil, nämlich über 248 Millionen, auf die ganz armen Proletariermassen. So sehen die Dinge aus, wenn man sie ohne Fälschung und Verzierung betrachtet, und dabei— wir wiederholen es— ist der Anteil der Unbemittelten ustd ganz Armen an diesen Lasten in Wirklichkeit noch höher als wir ihn darstellen. Die weitere Behauptung der Broschüre über die Verteilung der gesamten Steuern wollen Wix in einem besonderen Artikel nachprüfen. Sie„freiwillige" verlsagerung der liiilitardienitaeit. In Nr. 142 haben wir von dem ungesetzlichen Plane einer „freiwilligen" Verlängerung der Militärdienstzeit für Unter« offiziere der Reserve und Landwehr berichtet, die in besonderen Vereinen vereinigt werden sollen„zur Er- Haltung des militärischen Geistes und der Gegenwirkung gegen heeresfeindliche Bestrebungen". Bekannt geworden ist die Sache durch ein Rundschreiben des Hauptmeldeamtes Crossen, doch ist nicht auSgeschloffen, daß der Plan ein allgemeiner, für ganz Deutschland, Preußen oder doch größere Bezirke vorgesehener ist. Welchen Eindruck dieser Plan bei so manchem Unteroffizier der Reserve gemacht hat und welche Folgen seine Verwirklichung für die Betroffenen haben wird, das zeigt die Zuschrift eines Unter- offiziers der Reserve, die wir nachstehend wiedergeben. Sie lautet: „Ich selbst bin Unteroffizier d. R. und bin sprachlos über die Anregung zu dieser Art Vereine. In erster Linie ruft die Art und Weise Erstaunen hervor, wie die Unteroffiziere hierzu zwecks Beitritt in den Verein aufgefordert worden. So heißt eS in dem Schlußsatz des Schreibens des Meldeamts Crossen: „Sie haben dem Hauptmeldeamt sobald als möglich mitzu- teilen, ob Sie evtl. bereit sind, dieser Abteilung beizutreten." Die Worte:„Sie haben" stellen einen direkten Befehl dar, welcher nach den MilitSrgesetzen erfüllt werden muß. Inwiefern das Bezirkskommando eine Berechtigung haben sollte. einen derartigen Befehl zu erlassen, ist mir vollkommen un- begreiflich. Des ferneren erscheint eS doch auch recht sonderbar, daß die Unteroffiziere, welche dann des Sonntagsvormittags schießen gehen, anstatt in die Kirche, die verschossenen Patronen selbst bezahlen müssen. Nach meiner Ueberzeugung werden die Teilnehmer an diesem Vergnügen wohl überhaupt zu zählen sein und dies mit Recht. Mich noch nach meiner Dienstzeit den Befehlen von jungen Offizieren unterzuordnen, wäre doch höchst lächerlich, umsomehr, als ich in diesem Verein unter den MilitSrgesetzen stehen würde, mein Tun und Lassen mir also genau vorgeschrieben wird. Nun heißt eS:„Ob Sie eventuell bereit sind, diesem Verein bei» zutreten". Sehr schön,„ob ich bereit bin". Wer nun aber unsere herrlichen Einrichtungen kennt, der wird sofort klar und deutlich er- kennen, daß derjenige, der in der glücklichen Lage ist, die Tressen zu tragen, sicher nicht unbehelligt bleiben wird, wenn er nicht geneigt ist. diesem Verein beizutreten. Denn sofort wird er als Gegner des Vereins erkannt und der Dan! durch Scherereien, durch Uebungen oder dergleichen wird nicht ausbleiben. Wie dieses Treiben schon in einem Kriegervcrein blüht, der doch sicherlich mehr einen privaten Charakter trägt, geht aus folgendem hervor: Einer meiner Freunde gehört einem Berliner kamerad- schaftlichen verein an. Er besitzt ein offenes Geschäft und hat mit allen möglichen VolkSNassen zu tun, so auch mit Leuten, welche sich zur Sozialdemokratie bekennen. So ist z. B. ein Sattlermeister, ein ehr angesehener Mann, sein Kunde, der— Sozialdemokrat ist. Mit diesem Kunden geht er des öfteren einen Schoppen trinken— vielleicht nur aus geschäftlichen Gründen. Vor einigen Wochen trifft mein Freund nun in Gesellschaft dieses SattlcrmeisterS in einem Lokale den Vorsitzenden seines KriegervereinS, welcher, als er den Sattlermeister gewahr wird, den er als Nachbar kennt, sich ver- anlaßt fühlt, meinem Freunde nicht die Hand zu reichen, wie er es 'onst getan. ES kommt aber noch bester. Bei der nächsten Ver- ammlung muß sich mein Freund wegen des Verkehrs mit dem Sattlermeister eine gehörige Belehrung zuteil werden lassen und das Ende vom Liede ist, daß er aus dem Verein gestoßen worden ist! Stelle man sich nun vor, mein Freund Karl befände sich in dem projektierten Untcroffizier-Verein, in dem er unter Militärgesetzen 'teht. Er wäre dann wohl wegen dieses Zusammenseins mit dem Sozialdemokraten b e st r a f t worden! I ES wäre ja nun gegen den Eintritt eines Menschen in diesen Verein an und für sich nichts einzuwenden, denn wenn jemand so furchtbar patriotisch ist und sich bis an fein Ende gedrillt sehen will, dann ist da» seine eigene Sache, aber die Worte„Sie haben' lassen erkennen, daß eS ein indirekter Befehl ist, diesem Verein beizutreten und folglich ist die ganze Anregung nicht nur zu der- werfen, sondern ihre Verwirklichung ist als ungesetzlich von Rechts wegen zu verhindern! Da wir, die wir Unteroffiziere d. N. sind, öffentlich hiergegen nichts unternehmen können, da wir sonst sofort als Sozialdemokraten erkannt werden, muff die Presse sich unserer annehmen, indem, sie diese Zeilen veröffentlicht, damit die Behörden die Ansicht von— gewiß vielen— Unteroffizieren 91. hören. Wahrlich, ich hätte Lust, die mir im Beurlanbtenverhältnis erworbenen Treffen herabzureißen und fie dem Bezirkskommando wieder zurückzusenden. Karl W., Unteroffizier d. R.' Soweit die Zuschrift! Die Arbeit der Preffe gegen den sauberen Plan würde erheblich unterstützt werden, weun ihr von jedem weiteren Versuch zur Verwirklichung des Plans, und namentlich von jedem Fall, in dem auf einen der befragten Unteroffiziere direkt oder indirekt ein Druck zum Beitritt in die Vereine ausgeübt wird, sofort Mitteilung gemacht wird. Der Termin der Rcictjstagsersatzwaljicn. Die württembergische Regierung hatte, wie wir seinerzeit mitgeteilt haben, die löbliche Absicht, die Ersatzwahl, die im Reichstagswahlkrcise Cannstadt-Ludwigsburg durch die Beförderung des bisherigen Vertreters Hieber nötig ge- worden ist, bis Ende August— der 30. August war als Termin genannt— hinauszuschieben.„Wegen Erntcarbeiten", hieß die offiziöse Lesart. Aber selbst einzelne bürgerliche Stimmen konnten nicht leugnen, daß das Verfahren ein Versuch zur Verbesserung der ungünstigen Chancen der bürgerlichen Parteien bedeute. Unser württembergisches Parteiblatt, die„Schwäbische Tagwacht", protestierte natürlich energisch gegen diese Zaudertaktik und wies ihre Unvereinbarkeit mit dem Reglement zum Reichswahlgesetz, mit dem neuerlichen Beschluß des Reichstages und dem dabei abgegebenen Versprechen des Staatssekretärs Delbrück in kräftiger Weise nach. Wegen der skandalösen Verschleppung i die seinerzeit die Nachwahl in Halle erfuhr, wurde im Reichstage bei der zweiten Lesung des Etats von den Sozialdemokraten eine Resolution ein- gebracht, die eine Abänderung des Wahlgesetzes forderte. Danach sollten Nachwahlen innerhalb einer Frist von sechzig Tagen nach der Erledigung des Mandats stattfinden müssen. Am 13. März wurde die Resolution, zu der von der sozial- demokratischen Fraktion die Genossen Kunert und Bebel sprachen, verhandelt. Der Staatssekretär des Innern Delbrück gab die Termin- Verschleppung in Halle stillschweigend preis und erkannte an. daß Nachwahlen möglichst schnell vollzogen werden sollten. Nur erschien ihm die Frist von 60 Tagen etwas zu kurz. Der Reichskanzler sei aber bereit, im Verwaltungswege Weisungen an die untergeordneten Behörden ergehen zu lassen, daß Nach- wählen spätestens 90 Tage nach Erledigung des Mandats anzusetzen seien. Dem Reichstag genügte dies Versprechen nicht. Die Mehrheit, bestehend aus Sozialdemokraten, Fort- schrittlern und Zentrum, nahm die Resolution Albrecht an, nachdem durch ein fortschrittliches Amendement die Frist von 60 Tage auf 70 Tage verlängert war. Trotzdem wollte die württembergische Regierung die Wahl noch über 90 Tage hinaus verzögern, was angesichts der Verpflichtung des Reichs- kanzlers, diesen Termin wenigstens den Behörden vorzuschreiben, geradezu skandalös gewesen wäre. Der stetig wiederholte Hinweis unseres Stuttgarter Partciblattes auf diese Dinge hat endlich Erfolg gehabt. Die württembergische Regierung hat sich eines Besseren besonnen — wobei ihr eine Erinnerung der Reichsregierung zu Hilfe gekommen ist. Kurz, der W a h l t e r m i n ist jetzt auf den 30. Juli festgesetzt worden. Im halbamtlichen Teil erklärt der„Staatsanzeiger" dazu, daß die Regierung leider ihre gute Absicht, ans die Erntearbeit Rücksicht zu nehmen. nicht ausführen könne, da ein Rundschreiben des Reichskanzlers ergangen sei, worin ersucht werde, Ersatzwahlen möglich st innerhalb 70 Tagen vornehmen z u lassen. Der Reichskanzler hat dem- nach die kürzere Frist, die der Reichstag beschloß, akzeptiert. Die württenlbergische Regierung weiß dieser Wendung übrigens einen Trost abzugewinnen. Sic läßt im„Staatsanzeiger" ver- sichern, der Entschluß sei ihr erleichtert worden durch die Gewißheit, daß der Wahlkampf sehr erbitterte Formen an- nehmen wird und daß es gut ist, einen solchen Kampfzustand möglichst abzukürzen. Nur bedauert sie, daß ihre guten Ab- sichten, die sie mit dem Plan der späteren Anberaumung ver- folgte, schnöde verkannt worden sind. Diese Klage wird unsere schwäbischen Genossen wenig rühren. So iveltfremd ist die württembergische Regiening nicht, daß sie nicht wissen sollte, wie erwünscht den bürger- lichen Parteien die Hinausschiebung des Wahltermins gewesen wäre. Die Kampagne der„Tagwacht" hat die Bahn für den Wahlkampf freigemacht, in dem unsere württembergischen Ge- nossen den stolzen Erfolgen, die die Sozialdemokratie seit dem Sommer des Vorjahres in allen Teilen des Reiches erfochten hat, einen neuen hinzufügen werden. � Zugleich mit der württembergischen Regierung ist auch der s ä ch s i s ch e n die Erleuchtung gekommen. Es verlautete sehr bestimmt, sie habe die edle Absicht, mit Rücksicht auf die Bequemlichkeit der in die Bäder reisenden Bourgeois die Nachwahl im Wahlkreise Zschopau-Marienberg, der durch den Tod des Antisemiten Zimmermann frei wurde, bis zum Oktober hinauszuziehen. Das hätte einen Zeitraum von mehr als vier Monaten zwischen Mandatserledigung und Nachwahl bedeutet, da Zimmermann am 30. Mai starb. Das Rundschreiben des Reichskanzlers hat die sächsische Regierung nun wenigstens soweit gebracht, daß sie den Wahltermin auf den 24. A u g u st anberaumt. Das sind zwar immer noch 86 Tage seit der Erledigung deS Mandats, aber es ist doch schon eine Annäherung an die vom Reichstag geforderte Frist. In wessen Interesse hier die Verzögerung der Entscheidung gelegen hätte, das zeigen sehr deutlich die untvirrschen Bemerkungen nationallibcraler Blätter zu der Meldung. Sie finden den Termin wenig geschickt gewählt, weil er in die Erntezeit falle und noch zahlreiche Wähler in- folge Urlaubs vom Kreis abwesend seien. •« • Die Regierungen Württembergs und Sachsens haben also die fälligen Nachwahlen anberaumt. Wann wird Preußen folgen? Gleichzeitig mit dem Mandat für Zschopau-Marienberg wurde das eines Reichstagswahlkreises in Preußen erledigt— am selber: Tage wie der Antisemit Zimmermann starb der Nationalliberale Detto, der den Wahlkreis Frankfurt a. O.- LebuS vertrat. Nachdem in Sachsen die Nachwahl angesetzt worden ist, kann in Preußen nicht gut noch länger damit gezögert werden. Die Reichsregierung wird ja doch auf die ihr viel näher stehende preußische Regierung ebensoviel Einfluß haben wie auf die Württembergs und Sachsens. Man darf also erwarten, daß der Termin für die Nachwahl in Frankfurt a. O.- Lcbus schleunigst bekannt gegeben wird l Die cohndewegung de; lilinifters Burns. Aus London wird uns geschrieben: Es geschehen Zeichen und Wunder. Die Idee der Lohnforderungen, die bisher vom Spießbürgertum als die unangenehmste Lebensäußerung des organisierten Arbeiters cmp- funden wurde, hat Könige und Minister ergriffen. Der letzte, der eine Lohnforderung gemacht und auch durchgesetzt hat, ist der Mi- nister John BurnS. Er beteuerte, er könne mit seinem Anfangs- gehalt jdOOOV M.) nicht mehr auskommen und müsse mindestens noch weitere LlltXX) M. haben, um standesgemäß leben zu können. Stramm wie die deutschen Bauarbeiter standen die amtierenden liberalen Minister und die gewesenen konservativen Minister zu- sammen und unterstützten ihren Kollegen. Und dank dieses Soli- daritätSgefühls, das in der Trade Union der Minister und aller derer, die ein Einquartierungsrecht beim Vater Staat haben, herrscht, gelang es dem wackeren Kämpfer, eine löv prozentige Lohn- erhöhung herauszuschlagen. John BurnS wird künstig ein Jahres- gehalt von 100 000 M. einstecken. Die Bewegung war sehr fein eingefädelt worden. Im vorigen Jahre kam man plötzlich zur Ansicht, daß der Status des Ministeriums für Lokalverwaltung wie auch der des Handeis- Ministeriums gehoben werden müsse. Es hieß, eS fei höchst un- schicklich, daß ein Minister, wie zum Beispiel der Minister deS Innern, 100 000 M. Gehalt bezöge, während sich der Handels- minister und der Minister für Lokalregierung mit 40000 M. be- gniigen müßten; das setzte diese Minister in den Augen der All- gemcinheit herab. Die schlagende Beweiskraft dieses kräftigen Grundes wurde denn auch sogleich von den Herren Churchill und BurnS zugegeben, die damals diese Posten bekleideten. DaS Parlament beschloß, die Gehälter der beiden Minister von 40 000 M. auf 100 000 M. zu erhöhen. Diese gewaltige Erhöhung der Minister- gehälter war einigen Leuten denn doch ein zu starker Tabak. und die Herren Churchill und Burns mußten vorläufig auf eine Gehaltsaufbesserung verzichten, die nun ihren Nachfolgern zugedacht wurde. Herr Churchill hatte nicht lange auf seine Lohnerhöhung zu warten. Er benutzte die günstige Konjunktur nach den letzten Wahlen, sattelte um und wurde Minister deS Innern mit einem Jahres« gehalt von 100 000 Mark. Aber der arme John BurnS, den der Herr ASquith als ein lästiges Ausschmückungsobjekt feines Kabinetts anzusehen scheint, blieb sitzen und bezog weiterhin nur seine 40 000 Mark. Da legten sich seine Kollegen für ihn ins Zeug und meinten, die Parlamentsauflösung habe der Frage der GehaltSauf- befferung ein ganz anderes Ansehen gegeben und den Minister BurnS könnte man jetzt nicht mehr seine 100 000 Mark vorenthalten. Nun trat unser Genoffe Will Thorne auf den Plan und legte eine Resolu- tion auf den Tisch deS HauseS nieder, in der klipp und klar aus» gesprochen wurde, daß die Dienste deS Ministers BurnS mit 40000 Mark vollauf genügend bezahlt feien. Darob große Entrüstung in der Trade Union der Minister über die materialistische Gesinnung eines Sozialdemokraten. Herr Bäk- four eilte den um seine Aufbesserung seine? kärglichen Lohnes ringenden Kollegen zur Hilfe. Gestern endete der Kampf mit einem glänzenden Siege der Gewerkschaft der Ministerposten- inhaber und Anwärter. Wir haben keine Veranlaffung, dem Minister Bums Tränen nachzuweinen. So gründlich versumpft wie BurnS ist noch keiner der vielen Demagogen, die die Arbeiterschaft nur als Sprungbrett ihres Ehrgeizes benützten. Millerand und Briand haben wenigstens noch den Anstand, daß sie den sozialistischen Ideen Lippendienste er- weisen; Burns aber hat den Rekord geschlagen; er hat sich mit Haut und Haaren, Körper und Geist den Feinden seiner Klasse verkauft. Bielleicht trug zu dieser Entwickelung der Umstand mit bei, daß der eingebildete Mann im Gründe genommen ein eingebildeter Tölpel ist, denn der Honig, den ihm Liberale wie Konservative um den Mund geschmiert haben, trefflich mundete. Dem ftüher sich Sozialdemokrat nennenden John BurnS ist aber auch dasselbe Mißgeschick passiert wie so manchem Renegaten. Als er vor Jahren im Battersea Park mit seiner Löwenstimnie gegen die ungerechte Ungleichheit in unserer Gesellschaft wetterte, pflegte er zu fragen, ob es wohl jemand gebe, dessen Dienste der Gesellschaft mehr als S000 M. wert feien. Die Frage kehrt jetzt mit der Beharrlichkeit der Katze, die man nicht ersäufen kann, nach Hause zurück. Damals warf er sich in die Brust und nannte sich den modemen AristideS, den feine Feinde hauten, weil ihn das Volk den Gerechten nannte. Welch ein Vergleich! Der Sohn deS LyfimachuS, der Held von Marathons Salamis und Plataeae, der, obwohl er im Staate mit großer Gewalt ausgerüstet war, dennoch so arm starb, daß seine Hinterlassenschaft nicht ge- nügte, um ihn zu begraben, und dieser schamlose Streber, der wohl eher als Millionär denn al» Armer enden wird. Wahrlich, gestern wird sich der athenische Archont im Grabe herumgewälzt haben. politiscbe(leberNebr. Berlin, den 23. Juni 1910. Die Regierung hat Zeit. Der„Berliner Börsencourier" teilt mit: „Wie es mit der wichtigsten Frage, der. V o r l a g e eines neuen Wahlgesetzes werden wird steht noch dahin. Optimisten meinen, sobald der neue Minister des Innern sich „geschäftlich eingerichtet habe", werde er an die neue Wahlrechts. Vorlage gehen. Wenn dies„sobald" eintreten wird— wissen sie aber nicht zu sagen." Die Regierung hat also Zeit. Sie wünscht offenbar, eine neue Erörterung der Wahlrechtsfrage vor den Reichstags- wählen zu verhindere Was ihr aber auf keinen Fall gelingen wird. Denn dabei spricht das preußische Proletariat mit! Um Theobalds Skalp. In der letzten Zeit tauchen immer wieder Gerüchte auf, die davon erzählen, daß die Stellung Herrn v. BethmannS erschüttert lei: Namentlich die nationalliberale Presse kolportiert diese Nach- richten. Natürlich hoffen diese Mannesseelen dabei a»f das per- önliche Regiment. So schreibt die rechtsstehende„Magdeb. Ztg." „Allerdings hat man hier in letzter Zeit in emste» politischen Kreisen, die sich sonst gut unterrichtet zeigten und von Neugierde nicht gerade geplagt werden, die Frage aufwerfen hören: Wie steht eigentlich Bethmann zum Kaiser? Man sieht und hört nichts von einem Verkehr zwischen beiden— wie er unter B ü l o w üblich war. in der W a h l r e ch t s f r a g e hat Bethmann doch elend abgeschnitten und gegen Rom hat er doch auch nur einen mäßigen Erfolg erzielt, der durch die späteren Winkel- züge de» Vatikans noch mehr geschmälert wurde,— und was dergleichen Aeußerunaen und Fragen mehr waren. Verbürgte Aeuherungen des Kaiser» über die jüngsten politischen Vorgänge liegen nicht vor, aber der Kaiser wird sich wohl auch seinen VerS zu Verschiedenem gemacht haben, wa« bei seinem lebhaften Jntereffe an allen brennenden Fragen sich eigentlich von selbst versteht. Indes wird man gut tun, aus einem augenblicklichen Mißbehagen des Kaisers über gewisse politische Zustände keine weitergehenden Schlüsse zu ziehen. Herr v. Bethmann ist erst ein Jahr Reichskanzler und sollte schon zurücktreten müssen, weil er seinen Befähigungsnachweis nicht erbracht habe! So un- barmherzig ist der Kaiser nicht. Der Kaiser hat warten gelernt und er wartet ab, was Herr von Bethmann weiter leiste» wird, zumal in der äußeren Politik die Richtlinien so festgelegt sind, daß daran nichts oder doch nicht viel verdorben werden kann. Desto inehr befindet sich die innere Politik auf der schiefen Ebene. Die immerwährenden sozialdemokratischen Siege, die der Ausdruck der allgemeinen Erbitterung über die unerhörte Teuerung aller Lebens- Verhältnisse sind, geben allmählich auch in den leitenden Kreisen zu denken— aber leider ist das vorläufig auch alles. An den hohen Preisen stirbt Bethmann jedenfalls zurzeit nicht; wenn er frühzeitig zurücktreten sollte, so könnten für ihn nur R ü ck s i ch l e n auf seine Gesundheit bestimmend sein, die allerdings nicht gerade die beste ist." Das sieht sehr nach höfischer Stimmungsmache aus. Die nationalliberalen Herren spekulieren wieder einmal auf einen Akt des persönlichen Regiments, statt auf die Heber- Windung des reaktionären Regimes durch die eigens Kraft deS Volkes. DaS ist wieder mal echt nationalliberal. Eine tolle Leistung. Die„Germania" schreibt in ihrer Abendausgabe vom 23. Juni: „Die staatsrechtliche Kommission der Abgeordnetenkammer in Baden hat mit 3 gegen 7 Stimmen einen sozialdemokratischen An- trag angenommen, wonach die Regierung ersucht wird, dem nächsten Landtag einen Gesetzentwurf behufs Einführung der Ver- b ä l t n i s w a h l für die zweite Kammer vorzulegen. Und diese rote Gesellschaft, die den Versuch macht, dem badischen Volke das Wahl- recht zu verschlechtern, um sich bei den nächsten Landtag?- Wahlen, bei denen die Wählerschaft ein scharfes Gericht über sie halten wird, einige Mandate zu sichern, hat die Stirne, anderwärts bürgerliche Parteien des WahlrechtSraubeS zu beschuldigen! Eine widerlichere Heuchelei hat es noch nicht gegeben." Eine frechere Fälschung ist tvohl selten der Oeffent- lichkeit vorgesetzt worden I Die Verhältniswahl, die die badische Landtagskommission beschlossen hat. als Wahlrechts- verschechterung auszugeben, dazu gehört wahrhaftig eine eiserne Stirn. Jedermann weiß, daß das Proportionalsystem das allgemeine gleiche und direkte Wahlrecht, das schon jetzt in Baden besteht, auf die höchste Stufe der Gerechtigkeit bringen wird. Das tvissen natürlich auch die Redakteure der„Germania". Selbst wenn ihre Unwissenheit in polisischen Dingen größer wäre, als die Polizei erlauben dürfte, so müssen sie doch wissen. was das Verhältniswahlsystem ist, da es gerade von Zentrums- leuten oft genug für Gewerbegerichts- und Krankenkassen- wählen beantragt worden ist. Die freche Fälschung der„Ger- mania" ist also nur so zu erklären, daß das edle Zentrums- blatt seine Leser für dumm genug hält, um sie mit solcher Lüge gegen die Sozialdemokratte aufputschen zu können! Erweiterung des Einjährigenprivilegs. Im Kultusministerium sollen neue Bestimmungen über eine Reform der Mittelschulen aufgestellt werden. ES wird erwogen, ob eS möglich ist, den Schülern der Mittelschulen nach dem neuen Reformplan die Berechtigung zum einjährigen Dien st durch Ablegung eine? Examens vor einer Kominission zu verleihen. Die Schüler der Mittelschulen sollen unabhängig von dem Lebens- alter nach Absolvierung der Schule zu dem Examen vor einer Kommission zuzulassen sein. Eine solche Maßregel bedeutet einmal eine außerordentliche Entlastung für die höheren Schulen, da eine große Zahl von Schülern, deren Ziel von vornherein nur die Berechtigung zum einjährigen Dienst ist, sich gleich den Mittelschulen zuwenden würde, die dadurch einen außerordentlichen Aufschwung nehmen dürften. Auch für leistung»« schwache Gemeinden würde diese Neuregelung eine wesentliche Er- leichterung bedeuten, da sie vielfach an Stelle von Realschulen Mittelschulen errichten würden, die eine geringere finanzielle Be- lastung verursachen, weil sie keine akademisch gebildeten Lehrkräfte erfordern. Die Maßregel würde naturgemäß eine wesentliche Vermehrung der Einjährig-Freiwilligen ver- Ursachen, und aus diesem Grunde soll die Heeresverwaltung der Frage nicht sehr wohlwollend gegenüberstehen. Eine solche Ausdehnung des Privilegs müßte den schärfsten Widerstand herausfordern. Nicht eine Ausdehnung, sondern die Abschaffung des Einjährigenprivilegs und die all- gemeine Herabsetzung der Dienstzeit muß immer wieder gefordert werden._ Ein überflüssiges Telegramm. DaS rumänische Blatt.Adeverul" berichtet, nach einer Meldung deS„Berl. Tagebl.", daß W i l h e l m IL in der Angelegenheit deS UeberfalleS auf den rumänischen Dampfer.Jmparatul Trojan' im PiräuS ein Telegramm an den rumänischen Tbron» f o l g e r gerichtet hat. worin er den Zwischenfall als eine schwere Beleidigung deS gesamten Herrscherhauses Hohenzollern bezeichnet und die Kinder des kronprinzlichen Paares, die sich zur Zeit des UeberfalleS an Bord des Schiffes be- fanden, zu der glücklichen Errettung vor den rohen Ausschreitungen der Angreifer in überaus herzlichen Worten beglückwünscht. Wir sind der Meinung, daß dieser Zwischenfall nur Rumänien und Griechenland künimert. Der zufällige Umstand, daß der rumänische König auf den Namen Hohenzollern hört, ist kein Grund, das Deutsche Reich in diese Affäre hineinzuziehen. Rosttäuschcrkünste. Die in Aussicht stehenden Reichötagswahlen und die sich immer mehr steigende Erbitterung weiter Kreise der Zentrums- arbeiter über die volksfeindliche Haltung des Zentrum? zwingt die Zentrumsführer, ihre verräterische Taktik bei der Beratung des an allgemeiner Entkräftung verschiedenen Wahlrechts- Wechselbalges in den Versammlungen nach Möglichkeit zu verschleiern. Daß den Verbündeten des schwarzblauen Blocks zur Erreichung dieses Zweckes jedes Mittel recht ist. wenn es nur ihren Taschenspiclerkunststticken dient, zeigt eine Ver- sammlung in Essen, in der vor einigen Tagen der Abg. Dr. Bell zu seinen Wählern gesprochen hat. Nachdem der Zcntrnmsmann einen großen Teil seiner Ausführungen zu Angriffen gegen die Sozialdemokratie benutzt hatte, ließ er das angebliche innige Verlangen des Zentrums nach Ueber- tragung des ReichstagLwahlrechts auf Preußen im hellsten Lichte erstrahlen, um dann zu erklären: WieeSda noch jemand wagen kann, die Haltung der Zentrums- fraklion in Zweifel zu ziehen, daö ist mir unerklärlich, und es ist eine Täuschung der ganzen Wählerschaft, wenn von sozialdemo- kratischer Seite gewagt wird, zu sagen, daß da» Zentrum die Ein- führung des Reichstagswahlrechts auf Preußen verhindere. (Sehr richtig.) Ich glaube ja allerding«, daß eS der Sozial- bemokrati« und dem sozialdemokratischen Frakttönchen im Ab- geordnetenhause recht unangenehm und unbequem ge» Wesen ist, dast die ZentrumSfraition im Wgeordnetenhause im Plenum und in der Kommission so geschlossen für die Uebertragung dcS ReichstagSwahlrechts auf Preußen gestimmt hat. Ob diese Attacke gegen die Sozialdemvkratie die Arbeiter- Wähler des Zentrums über die Tatsache hinwegtäuscht, daß ihre Führer bei der Beratung der Wahlrcchtsvorlage ein Stück Volksrccht nach dem anderen preisgegeben haben, um sich nicht die Gunst ihrer teuren Verbündeten, der ostclbischen Junker zu verscherzen. Charakteristisch für die Haltung des Zentrums ist es, daß es die einzige Partei begeifert, die wirklich für ein freies Wahlrecht eintritt. Denn was nützen die platonischen Liebes- crklärungen zugunsten des Reichstagswahlrechtes, wenn das Zentrum in der Praxis die gegenteilige Haltung einnimmt. Hat es doch in trauter Uebereinstimmung mit den Konservativen die direkte Wahl zu Fall gebracht, die sogar in der Regie- rungsvorlage vorgesehen war. Mit Hilfe der Zentrums- fraktion wurde die Neueinteilung der Wahlkreise verhindert. Das Zentrum war es auch, daß die Anträge auf Ueberweisung eines bestimmten Bruchteiles der Wähler in die erste und zweite Abteilung mit zu Fall brachte. Daß das Zentrum auch sonst bei den Beratungen der Wahl- rechtsvorlage eine durchaus volksfeindliche Haltung ein- genommen hat, ist jedem Kenner der parlamentarischen Vor- gänge bekannt. Das Zentrum ist mitschuldig daran, daß die Frist wählen nur für die städtischen Bezirke eingeführt werden sollten, daß die Sicherung desWahlgeheim- n i s s e s in das Wahlgesetz nicht mit aufgenonnnen wurde I Erfreulicherweise erkennen immer niehr Zentrumswähler die Politik der Führer. Namentlich ihre Arbcitermassen be- ginnen sich abzuwenden von einer Partei, die ihnen Steine slatt Brot bietet. Die letzten Wahlen, soweit das Zentrum dabei in Frage kam, haben bewiesen, daß immer mehr bis- herige Zentrumswähler aus dem Proletariat zum Klassen- bewußtsein erwachen, daß sie trotz aller kulturkämpferischen Verhetzungen den Weg ins Lager ihrer Klasscngenossen finden. Die kommenden allgemeinen Wahlen werden denselben Zug zeigen, weil ihre Erkenntnis wächst, daß die angebliche Arbeiter- und Wahlrechtsfreundlichkeit des Zentrunis eitel Humbug und Roßtäuscherei ist. Eine Staatsaktion. Gegen das Organ der Hafenarbeiter ist die Polizei mobil gemacht worden. Die Staatsanwaltschaft liest aus einem Artikel der Nr. 13 des„Hafenarbeiter":„Aufruf zugunsten einer Nationalspende für den König von Preußen" eine Majestätsbeletdigung heraus und ließ in der Re- daktion des Blattes eine Haussuchung vornehmen, die natürlich ergebnislos blieb. Auch mit der E i n z i e h u n g der konfiszierten Zeitungen hatte man wenig Glück. Nur einzelne Nummern fielen in den verschiedenen Verbreitungs- bezirken der Polizei in die Hände. Wieder eine verpuffte Staatsaktion. In Breslau hatte der Polizeipräsident, der nimmerruhende, versucht, den verhaßten Stratzendemonstrationen durch Zuchthausparagraphen beizukommen. Er hatte gegen Genossen N e u k i r ch ein Verfahren wegen— Aufruhrs und Land- friedenSbruchs veranlaßt, Delikten also, wofür das Straf- gesetzbuch bis zu 10 Jahre Zuchthaus vorsieht. Dienstag kam nun in einer Strafsache gegen Genossen Albert zufällig zur Sprache, daß die Staatsanwaltschaft daS Verfahren ein- gestellt hat. Nicht nur, weil N. keinen Aufruhr und Landfriedens- bruch begangen, sondern weil festgestellt wurde, daß N. alles mög- liche getan hatte, um Zusammenstöße zu vermeiden. Von dieser Tatsache hatte man aber dem völlig zu Unrecht Angeschuldigten kein Sterbenswörtchen gesagt. Schämte man sich der Blamage! Aus der bayrischen Kammer. München, 23. Juni. Die verheerenden Ueberschlvem- mungen in dem bayrischen Hochland waren heute Gegenstand der Besprechung in der Abgeordnetenkammer. ES lagen nämlich Jnter- pellationen des Zentrum« und der Sozialdemokraten vor, die von der Regierung beantwortet wurden. Die Begründungen und noch weiter die Einzelreden, deren zirka 30 gehalten wurden, gaben ein Bild der ungeheuren Zerstörung in weiten Gegenden deS Landes. Dabei hat zurzeit die Flutwelle der Donau das Land noch nicht verlassen und der Rhein ist erst in den letzten Tagen durch Dammbruch über seine Ufer getreten. Wasserbauten, Uferschutzbauten sind zerstört, die Fluren verschlammt und die Ernten vernichtet. Ain schlimmsten hat das Wasser in Augsburg gehaust, wo Uferstrecken und Häuser in den Fluten des LecheS verschwanden. Natürlich wurde von den Abgeordneten weitgehendste Staats- Hilfe für die Geschädigten verlangt, von der Regierung auch zu- gesagt. Bereits hat auch die Privathilfe eingesetzt und Sammlungen veranstaltet. Vollständig klar war man auf allen Seiten, daß solche Katastrophen für die Zukunft vermieden werden müsien durch weit- gehende Maßnahmen in Hinsicht auf Uferschutz, Flußregulierung und dergleichen. Der Minister des Innern war selbst im UeberschwemmungS- gebiet und sagt unter dem Eindruck deS großen Unglücks alles zu, va» von ihm verlangt wird._ Oeftemtcb-Gngani. Die Minoritätsschulen. Wien, 23. Juni. Abgeordnetenhaus. Bei der Ber- Handlung über die Minoritätsanträge und-Resolutionen wurde der Minoritätsantrag Stanel, betreffend die Verstaatlichung bezw. die Subventionierung tschechischer Privat schulen in Wien, in namentlicher Abstimmung mit 203 gegen 204 Stimmen abgelehnt. Das Abgeordnetenhaus hat nach vierzehn st ündiaer Sitzung um Mitternacht die Spezialdebatte des Budgets beendigt._ Dir italienische Universität. Wien, 23. Juni. Etwa 400 deutschnationale Studenten ver- anstalteten heute vormittag vor dem Parlament einen Demon- strationsbummel gegen die Errichtung einer italienischen Rechts- fakultät in Wien. Eine Abordnung übereichte dem deutschnatio- nalen Verband eine Protestresolution. Eröffnung des Reichstags. Budapest, 23. Juni. Die erste Sitzung deS ungarischen Abgeordnetenhauses hat heute vormittag stattgefunden. Die Sitzung nahm einen kurzen und ruhigen Verlauf. Abgesehen von emer Enunziation deS oppositionellen Alterspräsidenten MadaraSz in einem scharfen Hinweis auf angebliche Gewalttätigkeiten der Regierung verlief dieselbe ohne jeglichen bcinerkens- werten Zwischenfall. Portugal. Die unlösbare Ministerkrise. Lissabon, 23. Juni. Alle Persönlichkeiten, denen der König pie Bildung des Kabinetts angeboten hat, haben abgee lehnt, Snglanä. Die Aendernng der Eidesformel. London, 23. Juni. Premierminister A S q u i t h hat dem Unter» Hause angezeigt, daß er an, 23. Juni einen Gesetzentwurf einbringen werde, durch den g e w i s s e W e n d u n g e n in der Erklärung deS Königs bei seiner Thronbesteigung geändert werden sollen. Das Budget für 1S0S/10 und für 1910/11 soll am 30. Juni eingebracht werden._ Das Frauenwahlrecht. London, 23. Juni. Unterhaus. Premierminister Asquith erklärte, die Regierung habe beschlossen, Gelegen- heit zu geben, über den Gesetzentwurf, betreffend die Ans- dehnung des varlamentarischen Wahlrechts auf die Frauen, in zweiter Lesung zu beraten und abzustimmen, jedoch auf die weiteren Beratungsstadien zu verzichten. Ciirhe». Die Kretafrage. London, 23. Juni. Wie das Reutersche Bureau erfährt, könne die Lage auf Kreta als gebessert angesehen werden, da die Kreter ihre Bereitwilligkeit zu erkennen gegeben hätten, den Ratschlägen der vier Schutzmächte, die gegenwärtig über die Eni- sendung einer gemeinsamen Note an Kreta unterhandelten, Folge zu leisten. In der Note werde die Forderung aufrechterhalten, die mohammedanischen Deputierten'ohne Eideslei- stung auf den König der Hellenen zur Nationalversammlung z u» zulassen, sodann würden die Rechte des Sultans von neuem bestätigt. Die Mächte seien sich über den Inhalt der Note voll- ständig einig, lieber die Entsendung von weiteren Kriegsschiffen in die kretischen Gewässer bor Eröffnung der Nationalversammlung sei unter den vier Schutzmächten ebenfalls eine Einigung erzielt worden.> Griechenland. Die Dampfer-Affäre. Athen, 23. Juni. Bald nachdem der Zwischenfall mit dem rumänischen Dampfer„I m p e r a t u l T r a j a n" sich ereig- nete, gab die griechische Regierung aus freien Stücken dem italie- nischen Gesandten in Athen zufriedenstellende Er- klärungen; ferner hat sich die Regierung bereit erklärt, eine Entschädigung für den an Bord des Dampfers angerichteten Schaden zu zahlen. Die Summe soll von einem Schiedsgericht fest- gesetzt werden..*r China. Ein Attentat. Chardin, 23. Juni. In der borigen Nacht ist gegen den Stadt« kommandanten ein Mordversuch verübt worden. Der Oberst wurde leicht verwundet. Die Uebeltäter sind ent» kommen. Amerika. Humbug. Washington. 23. Juni. Die Senatskommission für die aus- wärtigen Angelegenheiten hat ihren Berichterstatter ermächtigt, sich für den Gesetzentwurf auszusprechen, wonach fünf ange- sehene Amerikaner vom Präsidenten ernannt werden sollen, um mit den auswärtigen Regierungen über den Weltfrieden zu konferieren. Der Senat hat eine vom Repräsentantenhause genehmigte Borlage, in der die Veröffentlichung der für den Wahlfeldzug aufgewendeten Beträge gefordert wird, angenommen, jedoch mit einem Zusatzantrage, wonach diese Veröffentlichung erst nach den Wahlen erfolgen soll. Ms der Partei. Vom Fortschritt der Parteipresse. In der Generalversammlung des Sozialdemokratischen Vereins für Köln Stadt und Land wurde davon Mitteilung gemacht, daß die am 1. April vollzogene Abonnementspreis- e r h ö h u n g für die„Rheinische Zeitung" sich ohne Störung voll- zogen habe. Der Preis ist von 70 auf 80 Pf. erhöht worden. Die Verhandlungen und Vorbereitunge» zur Uebernahme der Druckerei der„Rheiniichen Zeitung" in Parteibetrieb sind so weit ae- diehen, daß die Uebernahme am 1. Oktober erfolgt. Gleichzeitig soll eine weitere AuSge st altung des BlatteS vorgenommen werden. flu; der fReichsverücberutisiordnungs- Kommission. SitzungamDonnerStag,denS3. Juni, Die Bestimmungen über Vereinigung, Ausscheidung, Auflösung und Schließung der Kassen werden meistens unverändert an- genommen. Eine Ausnahme bildet zunächst die Vorschrift über die Beitrüge der Mitglieder, die durch Aufnahme ihrer bis. hcrigen Kasse in eine andere Kasse Mitglieder der aufnehmenden Kasse geworden sind. Für sie sollten nach der Vorlage durch die Satzung höhere Beiträge festgesetzt tvevden können als für die anderen Mitglieder. Auf Antrag der Sozialdemokraten wurde diese Bestimmung g e st r i ch e n, da sie, wie Genosse Molkenbuhr nachwies, zu einer Ungerechtigkeit gegen einen Teil der Arbeiter führen könnte. Einen bezeichnenden Verlauf nahm die Debatte über die Be- stimmung, die das Verhältnis einer Kasse, die zu einer anderen übergetreten ist. zu den A e r z t e n regelt. Nach der Vorlage ist der Beschlutz, daß der Uebertritt einer Kasse zu einer anderen Kasse erfolgt, sofort den Aerzten, Zahnärzten usw. mitzuteilen. Dann soll das Vertragsverhältnis von beiden Seiten unter Einhaltung einer dreimonatlichen Kündigungsfrist gelöst werden, jedoch frühestens zu dem Tage der Aufnahme der einen Kasse in die andere. Gegen diese Bestimmung erhob Abg. Dr. Mugdan Einspruch. Die Aerzte könnten mit Reckst das verlangen, was die Vorlage den Kassenbcainten zugestanden hat, daß auch ihnen ihre Vertrags» mäßigen Rechtsansprüche an die Kasse gewahrt werden. Er bean- tragte, daß das Verhältnis in folgender Weife geregelt wird: Er» klärt sich ein Arzt usw. bereit, für die Kasse, die die andere Kasse aufgenommen hat, tätig zu fein, so kann er unter den gleichen Be- dingungen zugelassen werden, die er mit der aufgenommenen Kasse vereinbart hatte, oder unter den Bedingungen, die die aufnehmende Kasse mit ihren Kassenärzten usw. vereinbart hatte. In den andern Fällen sollen die Aerzte entschädigt werden. Gegen diesen Antrag erklärte sich ein Nationallibe- r a l e r und ein Zentrumsredner, da durch denselben die Krankenkassen, die sich anderen Kassen anschließen, zu sehr belastet würden. Genosse Hoch sprach sich für den Antrag aus. So sehr die Sozialdemokraten eine Belastung der Krankenkassen durch unbegründete Forderungen bekämpfen, müßten sie doch anerkennen, daß diese Forderung berechtigt sei. Im weiteren Verlauf der Debatte trat ein anderer Nationalliberaler für den Antrag ein. Schließlich wurde der Antrag einstimmig an. genommen. In dem Abschnitt über die Mitgliedschaft kamen mehrere Anträge der Sozialdemokraten bezüglich der Fortsetzung der Mitgliedschaft arbeitsloser Arbeiter zur Verhand« luna. Scheidet ein Pflichtmitglied aus der versicherungspflichtigen Beschäftigung aus, so soll eS, wie bereit» nach dem geltenden Gesetz, unter gewissen Umständen Mitglied der Kasse bleiben können. Jedoch ist in der Vorlage u. a. zur Bedingung gemacht, daß das Mitglied in den vorangegangenen 12 Monaten mindestens 23 Wochen oder unmittelbar vorher mindestens 8 Wochen bereits versichert war. Die letzte Bestimmung fehlte bisher in dem Gesetze. Die Sozialdemokraten bemühten sich— leider vergeblich—, diese ganz unnötige Einschränkung der dringend zu wünschenden Weiterversicherung zu streichen. Wer sich weiterversichern will, muß dies nach der Vorlage der Kasse binnen einer Woche nach dem Ausscheiden aus der ver- sicherungspflichtigen Beschäftigung anzeigen. Die Sozial- d c in o! r a t e n beantragten die Verlängerung der Frist auf sechs Wochen. Die Kommission beschloß, daß die Frist 2 Wochen be- tragen soll. Ferner beantragten die Sozialdemokraten, daß die Kasse dem Mitgliede bei seinem Ausscheiden mitteilen muß, daß und unter welchen Bedingungen er Mitglied der Kasse bleiben kann. Der Antrag wurde abgelehnt. Die Mitgliedschaft der Mitglieder, die sich freiwillig weiter- versichert haben, sowie der anderen Versicherungsberechtigten soll nach der Vorlage erlöschen, wenn die Mitglieder zweimal nach- einander am Zahltage die Beiträge nicht entrichten. Auch hier forderten die Sozialdemokraten eine längere Frist, die denn auch auf 8 Wochen festgesetzt wurde. Endlich schlugen die Sozialdemokraten vor: Die Satzung kann bestimmen, daß die Weiterversicherung eines arbeits- los gewordenen Mitgliedes auch dann gestattet wird, wenn die an» geführten, gesetzlich festgelegten Bestimmungen über die Fristen nicht erfüllt sind. Die Kommission beschloß, daß die Satzung mit Genehmigung des Oberversicherungsamtes auch andere als jene Fristen bestimmen kann. Am Schlüsse des Abschnittes über die Mitgliedschaft wiesen die Sozialdemokraten auf eine schwere Ungerechtigkeit hin. die nach dem geltenden Gesetz vorkommt und ebenso nach der Vorlage nicht aus- geschlossen sein würde. Ein vermeintlich versicherungspflichtiger Arbeiter ist Mitglied einer Kasse und hat längere Zeit seine Bei- träge bezahlt. Als er sich aber krank meldet, findet die Kasse heraus, daß er gar nicht versicherungspflichtig ist, sondern z. B. als selbständiger Unternehmer gilt. Dann erhält der Kranke von der Kasse keine Krankenhilfe. Die Sozialdemokraten beantragten daher, daß in einem solchen Falle die Kasse dem Kranken, der mindestens drei Monate ununterbrochen seine Beiträge bezahlt hat, die satzungs- gemäßen Leistungen gewähren mutz. Dies soll nur dann aus- geschlossen sein, wenn der Kasse absichtlich eine unrichtige An- meldung eingereicht worden war. Dieser Antrag wurde gegen die Stimmen der Konservativen angenommen. Hierauf begann die Beratung über die Zusammensetzung des Vorstandes und des Ausschusses und die Wahl des Vorsitzenden. Die Vorlage schlägt bekanntlich vor. daß Vorstand und Ausschuß nicht mehr, wie bisher, zu einem Drittel aus Vertretern der Arbeitgeber und zu zwei Dritteln aus Vertretern der Arbeiter bestehen soll, sondern je zur Hälfte aus Ver- iretern der Arbeitgeber und der Arbeiter. Ferner soll der Vor- sitzende nicht mehr von dem Vorstande nach einfacher Mehrheit ge- wählt werden. Sondern gewählt soll nur der sein, wer die Mehr- heit der Stimmen sowohl der Arbeitgebervertreter als auch der Arbeitervertreter erhält. Kommt diese Mehrheit trotz zweimaliger Wahl nicht zustande, so ernennt die Aufsichtsbehörde einen Bor- sitzenden. Die Konservativen und die Regierungsver- treter treten selbstverständlich für diese Entrechtung ein. Eine Ueberraschung bereitete aber das Zentrum der Kommission. Abg. Dr. Hitze erklärte: Das Zentrum lehne die neue Zusammen- setzung des Vorstandes und des Ausschusses ab, aber es werde für die Entrechtung der Arbeiter in brzug auf die Wahl des Vor- sitienden stimmen mit Rücksicht auf die Mißstände, die bei den Wahlen der Vorsitzenden vorgekommen seien. Die Sozialdemokraten hatten beantragt, daß die gel- tenden Bestimmungen über die Zusammensetzung des Vorstandes und des Ausschusses sowie über die Wahl des Vorsitzenden unver- ändert in das neue Gesetz übernommen werden. Es sei nicht wahr, daß Mißstände, die eine solche Entrechtung rechtfertigen, vor» gekommen seien. Die Debatte mußte abgebrochen werden. Fortsetzung Freitag. Aus der Milzltomtniiflon. Zu einer prinzipiell wichtigen Auseinandersetzung kam ei zum Beginn der Donnerstagsitzung bei dem ß 22S. Dieser gibt dem Gericht daS Recht, in Abwesenheit deS Angeklagten zu ver» handeln, wenn derselbe trotz ordnungsmäßiger Ladung ohne ge- nügende Entschuldigung ausbleibt, und wenn das Gericht annimmt. daß auf keine schwerere Strafe als sechs Wochen Gesang» niS erkannt werden wird. Diese Bestimmung bedeutet eine wesentliche Verschlechterung des geltenden Rechts, denn nach dem» selben kann nur dann in Abwesenheit des Angeklagten verhandelt werden, wenn die Tat nur mit Geldstrafe, Haft oder Ein- ?iehung bedroht ist. Unsere Genossen verlangen, daß überhaupt eine Verhandlung ohne den Angeklagten statt. f i n d e n s o l l, zumindest müßte aber das geltende Recht aufrecht erhalten bleiben. Sozialdemokraten und Zentrum stellen ent- sprechende Anträge; die Nationalliberalen und Antisemiten stellten sich auf Seite der Regierung.— In der Abstimmung wurde der Antrag unserer Genossen und des Abg. Gröber gegen die Stimmen der Nationalliberalen, Konservativen und Antisemiten ange» Wommen. Hat der Angeklagte unverschuldet den Termin versäumt und ist er in seiner Abwesenheit verurteilt worden, so kann er nach § 227, innerhalb acht Tagen nach Zustellung des Urteils, die Wiederherstellung des früheren ZustandeS verlangen. Dazu ver- langte ein Zentrumsantrag, daß der Verurteilte aus dieses Recht hingewiesen werden soll. DaS wurde angenommen. Die Beschränkung der Beweisführung. Sodann setzte eine lebhafte Debatte über§ 232 ein. Dieser Paragraph bedeutet ebenfalls eine starke Verschlechterung des be» stehenden Rechtes, denn er führt eine ganz unanehmbare Beschränkung der Beweisführung zuungunsten des Angeklagten ein. Nach dem geltenden Recht hat sich die Beweisaufnahme ans die sämtlichen vorgeladenen Zeugen und Sachverständigen, sowie auf die anderen herbeigeschafften Beweismittel zu er» strecken. Von der Erhebung einzelner Beweise kann jedoch ab« gesehen werden, wenn die Staatsanwaltschaft und der Angeklagte hiermit einverstanden sind. Nur beim Verfahren vor dem Schöffengericht oder vor den Landgerichten al» Berufungs» instanz hängt der Umfang der Beweisführung von der Entscheidung des Gerichts ab. Der Entwurf dagegen stellt es ohne weiteres i n das Ermessen deS Gerichts, den Umfang der Beweisauf» nähme zu bestimmen. Demgegenüber beantragten unsere Genossen, die Be» stimmungen des geltenden Rechts aufreiht zu erhalten und auch die Ausnahmebestimmung in bezug auf die Einschrän» kung der Beweisaufnahme vor dem Schöffengericht und dem Land« gericht als Berufungsinstanz zu beseitigen.— Ein Antrag Gröber ging nicht so weit; er beschränkte sich darauf, daß die Beweis» aufnähme sich auf die sämtlichen auf Vorladung erschienenen oder zum Aufruf gestellten Zeugen und Sachverständigen zu erstrecken habe. In der Diskussion dazu kamen bisher Gröber und Stadt« Hagen zum Wort,' die sich äußerst scharf gegen den Entwurf aus» sprachen und diese Neuerung für unannehmbar erklärten. Kortsetzung am Freitag. Gewerfefcbaftlicbe� Die Hufnabme der Hrbeit im Baugewerbe dürfte jetzt mit wenigen Ausnahmen an allen Orten, wo die Arbeiter ausgesperrt waren, vollzogen sein. Auch an solchen Orten, wo zuerst starke Unzufriedenheit mit dem Entscheid des Zentralschiedsgerichts in der generellen Fortsetzung der Arbeits- zeit und der Lohnhöhe herrschte, haben die Bauarbeiter sich schließlich dem Beschluß ihres Verbandstages gefügt und sind auf die Arbeitsstätte zurückgekehrt. In Kassel lehnten die Bauarbeiter in einer stark be- suchten Versammlung erneut die Aufnahme der Arbeit ab. Die Ortsverwaltimgen der Verbände wurden beauftragt, sofort mit der örtlichen Organisation der Arbeitgeber Verhandlungen anzuknüpfen, damit für Kassel eine sofortige Erhöhung des Lohnes um mindestens 3 Pf. herbeigeführt wird. Das sei notwendig, um den infolge der zugestandenen Arbeitszeitverkürzung um zwei Stunden wöchentlich entstehenden Lohnausfall auszugleichen und eine Kürzung des bisherigen Wochenverdienstes zu ver- hindern. Vereinzelt konnten die Bauarbeiter in einigen Orten durch örtliche Verhandlungen mit den Unternehmern nach Darlegung der für sie ungünstigen schiedsgerichtlichen Ent- scheidung auch noch kleine Verbesserungen über diese Ent- scheidung hinaus erlangen. Wo das nicht gelingt, und die Arbeiter sich durch den Entscheid des Zentralschiedsgerichts benachbeteiligt fühlen, sollten sie nicht die Arbeit verweigern, sondern sich an ihren Verbandsvorstand um Rat und Hilfe wenden. Die Arbeit auszunehmen, ist Beschluß des Verbandstages. Berlin und Umgegend. Streik der Former bei der Firma Schwartzkopff. Bei der Firma Schwartzkopff, Scheringstraße, besteht seit dem i>. Juni ein Formerstreik, von dem die Oeffentlichkeit bisher nicht unterrichtet worden ist, weil man glaubte, daß die Direktion ihre eigenartige Haltung bald wieder aufgeben würde, denn man ver- langt von dieser Firma nicht mehr als die Einhaltung einer Berein- barung, die von einem Direktor der Firma selbst mit ausgearbeitet und unterzeichnet worden ist. Die Firma entzieht sich einem ge- schlossenen Vertrage, sie entzieht sich sogar der Entscheidung durch «ine Kommission der Unternehmerorganisation, dem Verband der Industriellen, der in dieser Sache zwischen den streitenden Parteien verhandeln wollte. Die Firma Schwartzkopff aber erklärte plötzlich, sie habe„kein Interesse daran"; sie scheint einzusehen, daß ihr Ver- halten von den anderen Firmen, die den Vertrag mit den Formern halten, nicht gebilligt wird. Der Vertrag datiert vom Jahre 1904 und betrifft die Differenzen über den„Ausschußgutz"; es sind da- mals bestimmte Sätze aufgestellt worden, nach welchen die Bezahlung des Ausschußgusses geregelt wird. Der Deutsche Metallarbeiterverband hatte zum Mittwochabend eine Betriebsversammlung aller bei Schwartzkopff beschäftigten Arbeiter einberufen, die im Kolberger Salon stattfand und sehr gut besucht war. Otto Handle referierte und legte ausführlich die Gründe dar, welche die Former veranlaßten, die Arbeit niederzu- legen, nachdem alle Bemühungen, zu einer Verständigung zu ge- langen, scheiterten. Wie gering der Verdienst der Former bei Schwartzkopff ist, zeigte der Redner durch eine Lohnliste aus der Zeit vom Dezember 1999 bis April 1919, und es ist seitdem nicht besser geworden. Ein Former verdiente während der genannten Zeit pro Woche 22, 23, 21, 14, 14, 16, 13, 32, 29, 17, 12, 27 M. Ein anderer verdiente 39, 28, 23, 24, 24, 29, 19, 13, 17 M. Und wieder ein anderer: 25, 24, 22, 29. 17, 16 M. Einige hatten Wochen mit 49, 42 und S9 M., ab« als Ausnahmen und nur, wenn ihnen Lehr- linge beigegeben wurden. Im allgemeinen wiederholten sich immer dieselben Zahlen. Was der Meister Schader— um diesen handelt es sich besonders für die Former— bei Kalkulationen den Formern anbot, zeigte der Redner ebenfalls an bestimmten Bei- spielen; die Preise waren so niedrig gesetzt, daß die Arbeiter nicht zurechtkommen konnten. In bezug auf Ausschußguß hatte Schader eine Methode, die die größte Entrüstung hervorrief. Er machte ohne weiteres Abzüge, und sobald ein Former erklärte, daß er damit nicht zufrieden sei und eventuell das Gewerbegericht anrufen müsse, dann antwortete Schader, daß der Former sein Geld erhalten könne, aber sofort entlassen sei. Der Streik war schließlich unvermeidlich geworden, nachdem die Firma den Bemühungen der Organisation, auf Grund der Vereinbarung von 1994 zu einer Ver» ständigung zu gelangen, in keiner Weise entgegenkam. In der Diskussion wurden die Ausführungen des Referenten noch durch mancherlei Beispiele ergänzt. Die Versammelten ndhmen dann folgende Resolution an: „Die am 22. Juni tagende Versammlung der bei der Firma Schwartzkopff(Scheringstraße 7) beschäftigten Arbeiter erkennt den Streik der Former als vollständig herechtigt an, da derselbe nur dadurch entstanden ist, weil die Direktion jede Verständigung zwecks Sicherstellung der materiellen Verhätltnisse der Former ab- lehnte. Die Versammlung beaustragt den Arbeiterausschuß, bei der Direktion vorstellig zu werden, und eine Beilegung des Streiks herbeizuführen." Die Firma sucht, ohne ihren Namen zu nennen, in verschiedenen Blättern„unorganisierte, tüchtige, selbständige Former bei hohem Lohn", hat aber bis jetzt kein Glück damit gehabt. Die Organisa. tion hat ihre Borkehrungen dagegen getroffen und ersucht auch durch die Arbeiterpresse, Zuzug von außerhalb fern zu halten. Achtung, Metallarbeiter! Bei der Firma Herrmann, Grüner Weg, ist die Arbeit niedergelegt. Der Betrieb ist gesperrt. Deutscher Metallarbeiterverband. Ortsverwaltung Berlin. Beim Streik in der Salomonmühle stellt sich die Polizei wieder einmal in bekannter Weise auf die Seite des Unternehmers. So wurden am Mittwoch sieben der Streikenden siftiert. Sobald sich jemand auf Posten seben ließ, erklärte der Schutzmann ihn als ver« ? ästet. Weil bisher alles wirkungslos gebliehen ist, will man an- cheinend den Streikenden dadurch Schrecken einjagen. Als sich der Vertreter der Mühlenarbeiter an den Revierleutnant wandte, um sich zu erkundigen, weshalb man die Streikposten verhaste, wurde er von dem Herrn Leutnant in einer Weise angefahren, die beim richtigen Namen zu bezeichnen hier aus Gründen der mangelnden Pretzfreiheit unterlassen werden muß. Z« derselben Zeit hatte sich auch Herr Solomon auf dem Revier eingefunden. Und eS muß zugegeben werden, daß der Herr Leutnant auch anders kann. In der liebenswürdigsten und entgegenkommendsten Weise wurde Herr Solomon empfangen, und feinem Wunsche Gehör geschenkt. Neu- gierig darf man sein, was die Kriminalpolizei so eistig im Betrieb sucht. Interessiert sie sich besonders für einzelne unter den Arbeits- willigen? Oder versucht sie, sich über die Geschäftspraktiken des Unternehmers und die Mißstände in diesem Betrieb zu unterrichten? Die Genossenschafts-Bäckerei in der Glogauerstraße hat gegen die Salomon-Mühle Klage angestrengt, weil sie in Erfahrung brachte, daß ihr statt des von der Firma angeblich gelieferten teueren Berliner Mehle« billigeres Provinzmehl geliefert worden ist. Die Firma soll einfach die Plomben von den auS der Provinz bezogenen Mehl- lieferungen entfernt und durch ihre eigenen Plomben und Etiketten ersetzt haben. Für eine größere Lieferung hat die Geschäfts- leitung der Salomon-Mühle diese Manipulation bereits zugegeben. Man darf aus den Ausgang der Klage gespannt sein. Ebenso sparsam wie auf dem Gebiete des LohnwesenS arbeitet die Firma auch tonst. Man läßt dort nichts umkommen.' Die Arbeiter sind aber nicht gewillt, das Opfer dieser kauf- männischen Tätigkeit zu sein. Sie harren fest im Streik aus._ «eräntw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.: Achtung, Rabltzputzer, Spanner und Träger i Die Firma O. S t ü w e, welche aus dem Neubau Winter-Velodrom, Potsdamer Straße, die Rabitzarbeiten ausführt, ist seitens unserer Organisation gesperrt. Auf dem Neubau Potsdamer Straße werden zehn Stunden gearbeitet und Klasicnlöhne von 7S bis 90 Pf. für Putzer, 65 bis 79 Pf. für Spanner und 69 bis 79 Pf. für Träger bezahlt. Wir ersuchen alle Kollegen, die Firma Stüwe streng zu meiden. Der Vorstand der Sektion der Gips- und Zementbranche. Deutsches Reich. Tarifamt der Chemigraphen und Kupferdrucker Deutschlands. Aus dem Geschäftsbericht über das abgelaufene Jahr ist hervor- zuHeben, daß das erste Jahr der zweiten Tarifperiode im allgemeinen im Rahmen der vorgeschriebenen tariflichen Ordnung verlaufen ist. Von beiden Parteien sPrinzipalen und Gehilfen) wurden die Be- stimmungen des Tarifs respektiert, Klagen vor dem Schiedsgericht gab es nur vereinzelt. Dagegen war die Durchführung der V e- stimmungen der Preiskonvention sehr erheblichen Schwierig- leiten ausgesetzt. Eine Anzahl der größten Bundesfirmen kündigte ihren Austritt aus dem Bunde an, wen» nicht endlich Garantien für die Durchführung der Preiskonvention geboten würden. Sie wollten dann lieber aus eigener Kraft und nach Gutdünken ihre Maßnahmen treffen. Bei de» Mitgliedern der Tarifgemeinschaft bestand kein Zweifel darüber, daß das Vorhaben dieser Firmen nicht nur zu einer allgemeinen Unterbietung der bisherigen Produktionspreise führen würde, sondern daß dadurch die Tarifgemeinschaft selbst sehr gefährdet werden könnte. Die Gehilfen hielten. sofort eine Konferenz ab, deren Beschlutz dahin ging, daß sie das Vorhaben dieser Firmen, sich von der Preiskonvention zu befreien, als einen beabsichtigten Tarifbruch ansehen müßten und ihre Maß- nahmen dagegen treffen würden. Daraufhin hielten die Prinzipale eine Bundesgeneralversammlung ab, in der die Einsetzung von vereidigten Bücherrevisoren beschlossen wurde, deren Aufgabe es sein sollte, festzustellen, ob die von ihnen revidierten Firmen sich an die Bestimmungen der PreiSkonveution halten oder nicht. Inzwischen haben diese Revisoren ihres Amtes gewaltet und werden nach und nach sämtliche tariftreue Firmen einer Revision unterzogen. In jedem Falle von Preis- fchleuderei oder Konventionsverletzung hat eine von Prinzipalen und Gehilfen zusammengesetzte Prüfungskommission zu entscheiden, die aber bisher erst in vier Fällen zusammenzutreten brauchte. Das Tarifamt hat diese vier Entscheidungen gutgeheißen und haben sich auch diese vier Firmen bereit erklärt, der Entscheidung zu ent- sprechen. ? ferner wird berichtet, daß für Rheinland und Westfalen ein neuer kreis V mit dem Sitze in Düsseldorf gegründet wurde. Der Tarifausschutz hat bei Regelung der Lehrlings- fkala beschlossen, ab Januar 1911 eine Aenderung der bestehenden Skala eintreten zu lassen, falls sich erweisen sollte, daß die in der Skala enthaltenen Ziffern inzwischen zu einem ungesunden Verhält- nis der Lehrlinge zu der Zahl der beschäftigten Gehilsen geführt hat. Zu diesem Zwecke werden zurzeit Erhebungen angestellt über die Zahl der beschäftigten Gehilsen und Lehrlinge in den Chemi« graphischen Anstalten und Kupserdruckereien Deutschlands. ES wird sodann noch eine tabellarische Zusammenstellung über die wohltuende Wirksamkeit der bestehenden Arbeitsnachweise gegeben und zum Schluß das Verzeichnis der tariftreuen Firmen abgedruckt, deren Zahl von 88 im ersten Geschäftsbericht inzwischen auf 142 gestiegen ist. Alles in allem läßt der Bericht erkennen, daß man auf beiden Seiten �Prinzipalen und Gehilfen) ernstlich bestrebt ist, den Frieden im Gewerbe durch das tarifliche Verhältnis zu fördern. Berichtigung. In Nr. 143 brachten wir unter.Gewerkschaft« licheS" eine Notiz über Lohndifferenzen in der Metallindustrie Rem- scheidS. ES darf da nicht heißen Maschinenbauer, sondern Maschinenhauer. Da dies ein wesentlicher Unterschied ist, stellen wir es hiermit richtig. Die Brauereiarbeiter von Rheinland und Westfalen treten in eine Bewegung ein. Eine große Brauereiarbeiter-Versammlung in Dortmund beschloß nach einem Vortrage des Berbandsvorsitzenden Etzel, den bestehenden Tarif zum 30. September zu kündigen. Mit der Erhebung eines Extrabeitrages wird sich die nächste Versammlung befassen._ Husland. Syndikalistische Streiktaktik. Me anarchoshndikalisttsche Lohnkämpfe geführt werden, zeigt recht lehrreich ein Bericht des.Vollsrechts" über ein« Bewegung der Bauarbeiter in Lausanne. Dort traten die Maurer und Bauhandlanger in einen Streik ein. Weil sie aber keine Organisation haben, veranlaßten sie alle übrigen Bauarbeiter, in einen General« streik aus Solidarität einzutreten. Die beiden Arbeiterunionen, die es gibt, ließen die Dinge gehen. Forderungen wurden erst ge- stellt, als der Streik schon proklamiert war. Inzwischen haben die Organisationen der Metall- und der Steinarbeiter bereits beschlossen, vom Streik zurückzutreten, und auch unter den zahlreichen Italienern, die keine Unterstützung erhalten, weil keine Streikkasse da fft. herrscht Unzufriedenheit. So ist der ganze Streik kläglich im Sande ver« laufen. So wird es dann wohl bleiben— bis zum nächsten„Genal- streik" gleicher Sorte. Oder bis auch den syndikalistisch umnebelten Köpfen einmal die Notwendigkeiten der Organisation klar geworden sind._ Soziales« Die Besprechung der Neichsvrrsicherungsordnung keine Ausgabe der Krankenkassen! Am Montag fällte das OberverwaltungSgericht ein Aufsehen erregendes Urteil in einer Krankenkassensache. Der Magistrat der Stadt Kassel als Austichtsbehörde sprach sich erst telephonisch, dann in einer schriftlichen Verfügung an den Vorstand der Ortskranken- kaffe Nr. 9 zu Kassel gegen die Verwendung von Kassenmitteln für eine Delegation zur Bremer Tagung der Deutschen Ortskranken- lassen aus. Der Vorstand hatte einen Vertreter zur 16. Jahres- Versammlung des Zentralverbandes von deutschen OrtSkranken- kaffen im August 1999 nach Bremen geschickt und dazu 99 M. bewilligt. Der Kassenvorstand focht die Verfügung aus formellen und materiellen Gründen an. Materiell machte er geltend, daß eS im Interesse der Kassen liege, derartige Jahresversammlungen zu beschicken. Namentlich fei auch die Stellungnahme zum Entwurf einer Reichsversicherungsordnung, die mit auf der Tagesordnung stand, für Krankenkassen sehr wichtig. Bei vielen Kassen handle eS sich um das spätere Sein oder Nichtfein. Der Bezirksausschuß gab der Klage au» materiellen Gründen statt, hob die Verfügung de? Magistrats auf und führte u. a. aus: Zu der strittigen Frage, ob solche Delegationskosten unter die Verwaltungskosten der Kassen fielen, habe das Oberverwaltungsgericht dahin Stellung genommen, daß es auf Reisekosten dann zutreffe, wenn es sich darum handle, den Kassenorganen die AufNärunz über die gesetzlichen Aufgaben der Kassen und über die eigenen Aufgaben der Organe gegenüber den Kassen, sowie gegenüber ihren Mitgliedern zu ermöglichen. Da- gegen erkläre das Oberverwaltungsgericht für unzulässig die Ver- Wendung von Kassenmitteln zur Entsendung von Vertretern zu Kongressen, die sich mit anderen, als den gesetzlichen Aufgaben der Kassen beschäftigen sz. B. die Bekämpfung des Alkoholismus, der Tuberkulose, der Wohnungsfrage). Der Bezirksausschuß stelle sich nun auf den Standpunkt, daß nur, soweit es nach den gesetzlichen Bestimmungen nötig fei, die Krankenkassen in der gewährten Selbswerwaltung zu beschränken wären. Die Beschickung der Bremer Tagung erfolgte aber im Interesse der Kassen. Das Gericht halte auch die Beteiligung der Kassen an den Verhandlungen über die Reichsversicherungsordnung auf Kassenkosten für zulässig. Mit Recht verweise der Vorstand darauf, daß der Entwurf dev Reichsversicherungsordnung gerade zu dem Zwecke veröffentlicht worden sei, damit allen Interessenten eine Gelegenheit zur Stellungnahme vor dem Eintritt der Gesetzeskraft gegeben sei- Wenn also den Kassen die Aufwendung von Kasscnmitteln zur Be- sprechung der heute geltenden, die Kassen berührenden Gesetzgebung als Verwaltungskoften im Sinne des§ 29 des Gesetzes gestattet sein solle, dann müsse ihnen dies auch für die Besprechung des zur öffentlichen Kritik gestellten Entwurfs der neuen Gesetzgebung erlaubt werden. Das Oberverwaltungsgericht, vor dem den Standpunkt der Kasse der Genosse Simanowski vertrat, gab der vom Magistrat ein- gelegten Revision statt, hob die Vorentscheidung auf und erklärte die Verfügung des Magistrats für berechtigt. Begründend wurde ausgeführt: Auf die Frage, ob die telephonischc Mitteilung des Standpunktes des Magistrats, die zwei Tage vor dem Beginn der Bremer Tagung an den Kassenvorstand gelangte, als eine aus- reichende Verfügung gelten könne, komme es hier gar nicht an. Denn der Sinn der später auch schriftlich wiederholten Anordnung sei, daß die Ausgaben für die Delegation nicht zu den Verwaltungs- kosten gehörten. Nicht aber habe gehindert werden sollen, daß der Vorstand jemand hinsende; das wäre ja sein freier Wille. Es komme nur darauf an, ob die Kosten aus Kassenmitteln entnommen werden dürften. Diese Anordnung sei angefochten, und zwar ohne Friswersäumnis. Damit erledigten sich die formellen Bedenken des Kassenvorstandes.— Was nun die materielle Frage:„Verwal- tungskosten oder nicht?" angehe, so bleibe der Senat bei seinem, schon vom Bezirksausschutz erwähnten Standpunkt. Wenn man aber davon ausgehe, so könnten unmöglich die Kosten für die Be- ratung eines künftigen Gesetzes, einer Abänderung bestehender Gesetze, zu den Verwaltungsausgaben der Kassen gerechnet werden. Die Stellungnahme zum Entwurf der Reichsversicherungsordnung berühre nicht die Aufgaben der Kassen innerhalb des Rahmens des bestehenden Gesetzes. Die Kosten der Beschickung des Kongresse? in Bremen könnten nicht als Verwaltungskosten angesehen werden. Deshalb müsse unter Aufhebung der Vorentscheidung die Klage der Kasse abgewiesen werden. Die Dortmunder Handelskammer und der Acht-Uhr-Ladenschluß. In ihrem Bericht über das letzte Geschäftsjahr teilt die Han- delskammer Dortmund mit, daß sie von der Gegnerschaft gegen den allgemeinen Acht-Uhr-Ladenschluß zurückgekommen ist. Die Aus- nahmen in dem einen Gewerbe zögen unzweifelhaft die gleichen Forderungen in den anderen Branchen nach sich. Es bleibe nichts übrig, als mit den Ausnahmcbewilligungen einmal aufzuhören. Interessant ist folgende Feststellung des Berichts. Auch namhafte Kolonialwarenhändler wünschten den Acht-Uhr-Ladenschluß. Selbst diejenigen Detaillisten, die früher gegen den Acht-Uhr-Ladenschluß gestimmt und auch die Handelskammer veranlaßt hätten, gegen den Acht-Uhr-Ladenschluß verschiedentlich Stellung zu nehmen, seien jetzt, da der teilweise Acht-Uhr-Schluß auf dem Wege der Verord- nung eingeführt sei, für die möglichst einheitliche Durchführung desselben. Die Kolonialwarenhändler forderten schon aus Rück- ficht auf die Erhaltung eines zahlreichen und guten Gehilfenstandes jetzt den Acht-Uhr-Ladenschluß. Sie fürchteten, daß die Gehilfen ihrer Branche, sobald sie in bezug auf den Ladenschluß so ziemlich allein schlechter gestellt würden als ihre Kollegen in anderen Branchen, eben zu den anderen Branchen übergehen würden, und so leicht eine Verminderung oder Verschlechterung der Gehilfen im Kolonialwarenfach eintreten könnte! Damit dokumentiert sich also wieder die Unzufriedenheit der Arbeiter, hier der Handlungsgehilfen, als Hebel des Fortschritts. Versammlungen. Deutscher Metallarbeiter-Berband. Am Freitag fand eine große Versammlung der in den Schraubenbetricben beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen statt. Handle gab eien Resümee von der Lohnbewegung, die mit einem guten Erfolge geendet hat. Besonders hob der Redner her. vor, daß alle Arbeiter Zulage erhalten hätten und zwar bis zu 15 Pf. die Stunde. Außerdem sei es das gute Recht eines jeden Kollegen, auch mehr als 79 Pf. Stundenlohn zu fordern. Des- gleichen brauchen die Ausgelernten nicht für 69 Pf. zu arbeiten. wenn sie sich bewußt sind, mehr zu verdienen. Ter Erfolg der Lohnbewegung ist um so höher anzuschlagen, als hierdurch eine ganze Anzahl von Nichtorganisierten dem Verbände beitraten. In der Diskussion waren zwei Redner der Meinung, daß Handle den Erfolg zu hoch anschlage, alle anderen Redner er. klärten sich jedoch mit den Ausführungen Handkes durchaus einver. standen. Eine Kollegin vertrat die Ansicht, daß die ganze Lage innerhalb der Branche besser gestaltet sein könnte, wenn die Kol. legen noch energischer wären. Handle ging auf die Kritik ein und wie? eingehend nach, daß seine Angaben sehr wohl zuträfen. Sollten einzelne Unter- nehmer versuchen, Abzüge vorzunehmen, dann stände die Organi- sation auf feiten der betroffenen Kollegen. Andere Redner wiesen auf die mangelhaften technischen Ein. richtungen hin, wodurch es oft genug selbst tüchtigen Arbeitern nicht möglich sei, einen annehmbaren Lohn zu verdienen. Folgende Resolution nahm die Versammlung am Schlüsse einstimmig an:„Die am 17. Juni tagende Versammlung aller in der Schraubenbranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen nimmt Kenntnis von dem Verlauf und dem Ende des Kampfes der Einrichter an Automaten und Einzelbänken. Die Kollegen an den Schraubenbänken haben den festen Willen, durch die Lohn- erhöhung der Automateneinricht'er sich keine Abzüge gefallen zu lassen und dafür Sorge zu tragen, daß die Organisation sich noch mehr festigen wird, damit es auch den Schraubendrehern möglich ist. sich in Zukunft einen Mindestlohn zu sichern."' letzte jVacbricbten und Oepefchen. Todessturz aus der Ballonhalle. Halle, 23. Juni.(B. H.) Ein schwerer Unfall ereignete sich hier auf dem Neubau der Ballonhalle. Der mit dem Kehren des Daches beschäftigte 23jährige Arbeiter Richard Höhne auS Küstrin stürzte infolge eine? Fehltrittes 32 Meter tief herunter und erlitt dabei so schwere Verletzungen, daß er bald darauf starb. Den Nebenbuhler erschlagen. Ulm, 23. Juni.(B. H.) In Ochsenhausen(schwäb. Oberland)) hat der Tagelöhner Zobel den 65jährigen AuSgedinger Schmander aus ErlenmooS, der mit Zobels Frau im Walde ein Stelldichein hatte und dabei von dem Ehemann überrascht wurde, mit einem Prügel erschlagen und die Frau schwer verletzt. Eine Feuersbrunst. Smolensk(Rußland). 23. Auni.(W. T. B.) In Gshatsk stehen drei Hauptstraßenzuge in Flammen. Infolge des heftigen Windes dehnt der Brand sich immer weiter aus. Revolte in Adrranopcl. Konstantinopel, 23. Juni.(B. H.) Nach Meldungen aus Adrianopel kam es dort zu einer Revolte seitens der israelitischen Bevölkerung. Dieselbe widersetzte sich der von der Munizipalität angeordneten Niederreißung eines israelitischen Hauses. Die Gendarmerie und die Polizei griff mit blanker Waffe ein. Mehrere Demonstranten wurden dabei verwundet. Uh. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. BerlagSanftav Paul Singer& Co., Berlin SW. Hierzu 2 Beilagen n.Unterhaltungsbl. Ar. 145. 27. ZahrMg. L ßtilsjc kt JotiDättf{Iftliiict Mag, 24. Inn! 1910. Stadtverordneten- Versammlung. 22. Sitzung vom D onnerStag, den 23. Juni, nachmittags S UHr. Der Vorsteher Michelet eröffnet die Sitzung nach Va6 Uhr. Die Vorlage betreffend die Frequenz der Gemeindeschulen am t. Mai 1910 wird ohne Debatte zur Kenntnis genommen. Zu den Kosten der Blumenausstellnng, die der Berliner Verein zur Förderung der Blumenpflege in der Schule im August in den Gewächshäusern des Humboldthains veranstalten will, soll städtischerseitS ein Beitrag von 000 M. geleistet werden. Die Versammlung stimmt zu. Zum Bau des Pfarr- und Oberlinhauses der Andreas» k i r ch e will der Magistrat dem Gemeindelirchenrat ein PatronatS- gefchenk von 20 000 M. gewähren. Stadtv. Leid(Soz.): Wir können der Vorlage nicht zustimmen, weil wir dafür halten, daß die städtischen Mittel nicht Verwendung finden sollen für kirchliche Zwecke. Wir find dieser Meinung um so mehr, weil die städtischen Gelder aufgebracht werden durch Berliner Bürger der verschiedensten religiösen Richtungen und Bekenntnisse. Da ist es nicht gut angängig, b e st i m m t e kirchliche Gemeinschaften aus städtischen Geldern zu unterstützen. Es muß Sache der be< treffenden kirchlichen Gemeinschaften selbst sein, aus eigenen Mitteln für die Deckung ihrer Bedürfnisse zu sorgen. Die Vorlage wird angenommen. Der Magistrat legt den speziellen Entwurf und den mit 829 000 M. abschließenden Kostenanschlag für den Neubau einer Ge- «kindedoppelschule nebst Turnhalle in der I b s e n st r a ß e vor. Die Vorlage gelangt zur Annahme. Für die innere Einrichtung der Fach- und Fortbildungsschule in der Linien st raße 162 werden 77 000 M. zur Verfügung gestellt. Für die erweiterte Bolköbadeanstalt an der Schillings- brücke soll die im Bauplan vorgesehene elektrische Licht- und Kraft- zentrale nicht erbaut, die Anstalt vielmehr der Kostenersparnis halber Ott die Kabel der B. E. W. angeschloffen werden. Die Versammlung gibt ohne Debatte ihre Zustimmung. Von der Alten Linken(Stadlvv. G a 1 l a n d u. Gen.) ist am IS. Juni folgender Antrag eingebracht worden: .Die Versammlung ersucht den Magistrat wiederholt, bei der preußischen Regierung dahin vorstellig zu werden, daß die zur Einführung der fakultativen Feuerbestattung in Preußen erforder- lichen gesetzgeberischen Maßregeln getroffen werden.' Die Beralung des Antrages wird von der heutigen Tages» ordnung abgesetzt. Der Magistrat sucht die Bewilligung von 400 M. nach, um in den Fällen, in denen der Familienvorstand zu einer militärischen Uebung eingezogen worden ist, auch für uneheliche Kinder, die in die Familiengememichast des Uebenden aufgenommen find, Unter» pützunge« nach den Grundsätzen des Reichsgesetzes vom 10. Mai 1892 zahlen zu können. Ohne Diskussion beschließt die Versammlung dem Magistrats» antrage gemäß. Zu den 660000 M. betragenden Kosten der Anlegung einer Ringbahnhaltestelle in der Kaiser-Friedrich st raße in Rixdorf will der Magistrat 60 000 M. beisteuern, während Rixdorf und die interessierten Grundeigentümer das übrige aufzubringen haben. Die Versammlung tritt dem MagistratSantrage ohne Debatte bei. Der Betrieb der Freibank auf dem Schlachthofe soll auch weiter- hin an die„Schlachtviehversichcrung vereinigter Viehkommissionäre Berlins' auf 7 Jahre vertraglich vermietet werden. Die Versammlung stimmt zu. In das Versorgungsgebiet der städtischen Gaswerke sollen nun- mehr auch einige südostliche Vororte: Alt-Glienicke, BohnS- darf, Schmöckwitz, Riedcrlehme, Wernsdorf, Ncu-Zittau und Gosen einbezogen werden. Die bezüglichen Verträge, denen im all- gemeinen die Gaslieferungsbedingungen für die nördlichen Vorort- gemeinden zugrunde liegen, sollen auf je 60 Jahre abgeschloffen werden. Stadtv. Kämpf(A. L.) hat Bedenken gegen die formelle Be» Handlung der Vorlage, die so kurz vor den Ferien noch in aller Eile erledigt werden solle. Redner beantragt Ausschußberatung. Stadtrat NamSlau: Wir haben buchstäblich Tag und Nacht ge» arbeitet, um die Vorlage soweit zu fördern; wir haben da in einem sehr starken Konkurrenzkampf gestanden. Wird ein Ausschuß ein- gesetzt, so kann die Borlage vor den Ferien nicht erledigt werden. Wir wollen mit dem Anschluß der Vororte so rasch wie timlich vorgehen; im Herbst werden noch einige nördliche Vororte Kleines f euilleton. DaS neue Syphilisheilmittel Profcffor Ehrlichs, von dem hier wiederholt berichtet wurde, bildete den Verhandlungsgegenstand in der letzten Sitzung der Berliner medizinischen Ge» s e l l s ch a f t. Pros. Ehrlich ist eS bekanntlich gelungen, in seinem Institut für experimentelle Therapie in Frankfurt a. M. aus Grund langer und septematischer Arbeiten außer anderen Heilmitteln auch ein solches gegen die Syphilis zu finden. Dieses— ein Arsen- Präparat— wurde zunächst an Tieren erprobt und fortgesetzt ver- bessert. In seiner letzten Form, die nach dem Japaner H a t a be nannt ist, wurde es dann auch gegen die menschliche Syphilis und gegen Geisteskranlheiten, die im Gefolge von Syphilis auftreten, angewandt. Und zwar mit über- laschendem Erfolge und ohne schädliche Nebenwirkungen Herr Wechselmann vom Virchow-Krankenhaus führte nun eine Reihe von Syphilittkern vor, bei denen zumeist nach einer einzigen Einspritzung alle syphilitischen Erscheinungen verschwanden und die Syphilis nicht mehr nachzuweisen war. Prof. Alt konnte weiter von der Heilung einer Geisteskrankheit auf syphilitischer Basis berichten. An der schnellen und gründlichen Wirksamkeit des neuen Heil- mittels bestehen keine Zweifel mehr. Aber von einer Heilung der Syphilis läßt sich freilich erst nach Jahren reden. Es müssen also freilich erst langjährige Beobachtungen vorliegen, ehe ein endgültiges Urteil über Hata möglich ist. Hoffen wir, daß die sie das überaus günstige Prognostikon, das die bisherigen Erfolge gewähren, vollauf be- stätigen und die Menschheit von einer schlimmen Plage befreien helfen. Ein Denkmal für den Erfinder dcS Automobils. In seiner Vater- stadt Veid im französischen Departement Meuse wird Joseph Cugnot, dem Erfinder und Erbauer des ersten Automobils, nun ein Ehren- denkmal errichtet werden. Cugnot, der 1725 geboren wurde, erfand um 1765 einen kleinen Karren, der durch Dampf angetrieben wurde und dazu dienen sollte, die Kanonen zu befördern. Denn Cugnot war Militäringenieur. Sein Gefährt erreichte eine Geschwindigkeit von höchstens 4—6 Kiloineter in der Stunde, aber es was immer- hin der erste Wagen, der durch mechanische Kräfte vor- wärtS bewegt wurde, es war das erste Automobil. Um 1770 unternahm Cugnot auf Veranlassung des KriegSministerS Choiseul, der den Erfinder protegierte, den Bau eines neuen Automobils, das nur drei Räder erhielt. Dieses Vehikel, das viel kräftiger und stärker war wie der Kanonenwagen, sollte die Kraft haben, auf seinem Wege Mauern zu durchbrechen. Aber das Fahr- zeug stampfte und schleuderte so stark, daß es praktisch nicht ver- wendet werden konnte. Allerlei Experimente wurden vorgenommen, und nach zahlreichen Wcchselfällen endete dieses zweite Automobil Eugnots im Konservatorium der Künste und Handwerke tn Paris, wo eS noch heute zu sehen ist. Das Denkmal, das dem Erfinder errichtet wird, stammt von der Hand des Bildhauers Foffe. I hinzukommen, dann ist die Welt um Berlin vergeben. Laffen Sie hier eine großzügige Politik walten, geht die Vorlage jetzt nicht durch, so wird aus der Sache überhaupt nichts. Stadtv. Mommsen sFr. Fr.): Trotz aller„Großzügigkeit' können wir die Vorlage so nicht annehmen. Man möge den Ausschuß sofort ernennen; er kann dann in der nächsten Sitzung be- richten. Grundsätzlich find wir durchaus für den Magistrats- Vorschlag. Stadtv. Zylicz(A. L.) hält die große Eile, mit der die Sache betrieben werden solle, gar nicht für erforderlich. Alt-Glienicke sei noch bis 1912 mit elektrischer Beleuchtung versorgt. In der Vor- läge werde den Vororten mehr geboten als den Berliner Bürgern; das sei eine Ungerechtigkeit. Stadtv. Cassel schließt sich Kämpf und Mommsen hinsichtlich der formalen und etatsrechtlichen Bedenken an. Wie hoch das Kosten- obligo für die Stadt und die Rentabilitätsaussicht sei, müsse in irgend einer Weise klargestellt werden. Die Vorlage wird mit großer Mehrheit einem Ausschuß überwiesen, der sofort vom Vorstand ernannt wird und dem von der sozialdemokratischen Fraktion die Stadtv. Bruns, Leid, Dr. Rosenfeld und Tolksdorf augehören. Von dem Grundstück Friedrich st raße 102, der AdmiralS- garten-Bad-Aktiengesellschaft gehörig, sollen 25 gm zurStraßenverbrcite- rung abgetreten werden. Nach dem nur bis zum 2. Juli verbind- lichen Angebot der Gesellschaft sollen dafür 30 000 M. gezahlt, die Umsatzsteuer und eventuellen Beiträge nach§ 9 des Kommunal- abgabengesetzeS erlassen werden. Die Versammlung nimmt die Vorlage ohne Debatte an. Schluß%7 Uhr._ Die 10. Gtueralverslmmlung des Verbandes deutslher Tertilarbkiter. Vierter Verhandlungstag. Die Diskussion über die Uutcrstütznngselnrichtunge» insbesondere über die Vorlage des Zentralvorstandes, wird fori gesetzt. Die Notwendigkeit, einen Kampffonds anzusammeln, der Stärke der Organisation entsprechend, wird von verschiedenen Rednern betont; andere erkennen an, daß der Kampfcharakter des Verbandes zurückgedrängt werde, wenn man zuviel Wert auf die Unterstützungen aller Art lege. Aber man könne nicht leugnen, daß große Scharen neuer Mitglieder nur durch gute Unterstützungseinrichtungen gewonnen werden und daraus komme auch viel an.— Die Redner melden sich sehr zahlreich zu der Frage der Unterstützungen. Als ein Schlußantrag für die Generaldebatte angenommen wird, stehen noch 24 Namen auf der Rednerliste. Zur Spezialdcbatte wird zuerst die Vorlage deS Zentral- Vorstandes gestellt. Die folgenden Bestimmungen gelangen zur An- nähme. Der Verband zahlt an Streikunterstützung: Kl. I Kl. II Kl. M Kl. IV M. M. M. M. Bei 26—51 Wochenbeiträgen, pro Tag 1,— 1,20 1,60 2,— Bei 52 Beiträgen und mehr.„ 1,20 1,60 2,— 2,40 Für jedes Kind pro Woche....—,75—,75 1,— 1,— Gemaßregelten-Unterstützung: Kl. I Kl. II Kl. III Kl. IV M. M. M. M. Bis zu 25 Beiträgen pro Tag 1,50 1,75 2,— 2,25 für 60 Tage Von 26—51 Beitr.., 1,75 2,— 2,26 2,50, 70. 52 Beitr. und mehr., 2,— 2,30 2,65 3,—»80. Für jedes Kind pro Woche 0,75 0,75 1,�- 1,— Reife-Unterstützung: Kl. i u. n Kl. m u. rv M. M. 52—103 Beiträge, pro Kilom. 2 Pf. bis 15.- 22.50 104—207... 2.. 22,50 30.— 208 und mehr» 2 80.— 37,50 Daneben: Aufenthaltsgelder Kl. I und II pro Tag 75 Pf., Kl. m und IV pro Tag 1 M. Aufenthaltsgelder werden an einem Ort höchsten? zwei Tage gezahlt und werden mit der Reiseunterstützung verrechnet. An Orten, wo in Textilbranchen Differenzen bestehen, wird Aufenthaltsgeld nicht bezahlt. Ebenso wird die Vorlage des'Vorstandes über die Kranken- Unterstützung angenommen, die am 1. Januar 1911 in der ab- geänderten Form in Kraft treten soll. Wasserverbrauch kein Gradmesser für Reiulichkeit. Das kulturelle Niveau einer Bevölkerung, heißt es, kann nach dem Seifenverbrauch bemessen werden. Natürlich dann auch nach dem Wasserverbrauch, aus dem auf persönliche Hygiene und sanitäre Instandhaltung der Wohnungen und Häuser Rückschlüsse gezogen werden könnten. Wie groß oder wie gering der Seifenverbrauch in P e t e r S b u r g ist, darüber schweigt die Statistik. Aber über den Wasserverbrauch der Petersburger Bevölkerung bietet uns die Statistik der Stadtver- waltung ziffernmäßige Angaben. Der Wasserverbrach in der Newa- refldenz ist ein ganz unverhältnismäßig hoher: 25 Millionen Wedro lgleich 12,3 Liter) täglich im Durchschnitt oder etwa 17 Wedro täg- lich pro Kops der Bevölkerung. Wir hätten nach diesem Gradmesser in Petersburg die reinlichste Bevölkerung und die reinlichste Stadt Europas. Man müßte danach annehmen, daß jeder Petersburger, vom Millionär bis zum Proletarier, vom Greise bis zum Säugling, täglich ein Wannenbad nimmt oder die Fußböden und Treppen täglich gescheuert werden, kurz, daß Tag für Tag in Petersburg eine wahre Reinigungswut herrscht. Man braucht aber nur einen Blick in die unsauberen Höse, auf die entlegenen Straßen, auf die schmntzstarrenden Hintertreppen oder auch in die meisten Petersburger Wohnungen zu werfen, um starke Zweifel an genügendem Wasserverbrauch zu Reinigungszwecken zu bekommen. Zu einer negativen �Charakteristik der Wohniingsverhält- nisse und der allgemeinen sanitären Zustände in der Stadt bieten die Protokolle der städtischen Sanitätsaufsicht Material in Fülle. Der Wasserverbrauch in Petersburg erscheint danach keineswegs als zuverlässiger Kulturgradmesser. Woraus wird aber der große Waffer- verbrauch verwendet? Auf daS viele Trinken? Dann müßte man ungefähr fünf Samovare(Teemaschine) pro Kopf der Petersburger Bevölkerung(die Säuglinge miteingerechnet) annehmen. Der starke Wasserverbrauch ist vielmehr zum großen Teil auf die große un- produktive Wafferverschwendung zurückzuführen, die in jedem Haus- halt Brauch ist, wo man die Wasserleitung nach dem Gebrauch nie- mals fest zudreht, so daß das Wasser den ganzen Tag über nutzlos verrieselt. Jedenfalls ist aus alledem zu ersehen, daß Wafferverschwendung kein Gradmesser für Reinlichkeitskultur ist. Seltsame Kleiderstoffe. Von allerlei merkwürdigen Stoffarben, die die moderne Industrie herstellt und die dann als Material zu Kleidungsstücken Verwendung finden, erzählt eine englische Wochen- schrift interessante Einzelheiten. I» Rußland fabriziert nran aus einem faserigen Stein, der in sibirischen Minen gewonnen wird. einen außerordentlich dauerhaften Stoff, der in seiner Haltbarkeit alle Wollen- und Leinenstoffe weit hinter sich läßt. Das Material ist dabei durchaus schmiegsam und weich. DaS Merkwürdigste aber ist das Reinigungsverfahren, das bei diesem Stoffe angewandt wird. Wenn der Änzug schmutzig ist, so legt man ihn ins Feuer; er verbrennt nicht, sondern nach kurzer Zeit ist der Stoff wieder absolut sauber. Gewebe aus Eisenmaterial werden heute bereits in größerem Umfange von den Schneidem benutzt, um Martha Hoppe- Berlin tritt besonders für die Erhöhung der Unterstützungen der Wöchnerinnen ein. Die Krankenunterstützung ist nach den vier Klaffen so eingeteilt, daß in Klaffe I Höchstsätze von 12 bis 48 M. je nach der Beitrags- zahlung von 52 bis 520 Wochen eingeführt werden. In Klasse II werden Höchstsätze von 16 bis 56 M., in Klasse III 20 bis 64 M., in Klasse IV 24 bis 72.M. eingeführt.— In bezug auf Wöchnerinnen wird bestimmt: „Die festgesetzte Zuschuß- Krankenunterstützung wird auch Wöchnerinnen für 36 Tage— per sofort— d. h. im voraus nach Bestätigung der Geburt ausbezahlt. Innerhalb der gesetzlichen Schutzfrist von 8 Wochen—§ 137 der Gew.-Ordnung— kann an Wöchnerinnen nur Wöchnerinnen- Unterstützung gezahlt werden. Krankenunterstützung kann nach Ablauf der Schutzfrist gezahlt werden, wenn an die Entbindung sich eine Krankheit anschließt, jedoch nur bis zur Höhe der Gesamtkrankenunterstützung. Wenn wegen Schwangerschaftsbeschwerden die Arbeit bor der Niederkunft eingestellt werden muß, kann von der Wöchnerinnen- Unterstützung für 12 Tage im voraus und nach der Niederkunft der Rest für 24 Tage gezahlt werden.' Die Arbeitslosenunterstützung ist ebenso wie die Krankenunterstützung nach vier Klaffen und ze nach den Beitragsleistungen von 42 bis 520 Wochen geregelt. In Klaffe I werden Höchstsätze von 24—72 M., in Klasse II 32—83 M., in Klasse III 40-104 M., in Klasse IV 48-120 M. gezahlt. Dazu wird noch festgesetzt: „Fallen zwei Arbeitslosenperioden in einen Zeitraum von 4 Wochen, so wird, wenn der Gesamtbetrag der innerhalb 104 Wochen zulässigen Unterstützung noch nicht bezogen ist, die weitere Unterstützung vom ersten Tage der Arbeitslosigkeit an gezahlt." Der§ 50 des Statuts wird dahin geändert, daß er lautet: „Mitglieder... erwerben erst Anspruch auf die der höheren Beitragsklasse entsprechenden Unterstützungssätze, wenn vom Tage der Inanspruchnahme einer Unterstützung zurückgerechnet, mindestens 26 Wochenbeiträge der in Frage kommenden höheren Klaffe gezahlt sind. Diese Bestimmung gill für alle Unterstützungen, mit Ausnahme der Wöchnerinnenunterstützung. Bei dieser darf der höhere Unterstützungssatz unter obiger Be» achtung erst nach geleisteten 40 Wochenbeilrägen gezahlt werde». Bei Rücktritt aus einer höheren in eine niedere Beitragsklaffe werden sofort die der niederen Klaffe entsprechenden UnterstützungS- sätze gezahlt.' Der letzte Satz gilt für alle Arten von Unterstützungen, ebenso der, daß Sonntage nicht als Karenztage gelten sollen. Die Umzugsunierstützung wird als Beihilfe zum Um- zug den Mitgliedern gewährt, die eine» eigenen Hauhalt führen und wegen Streik, Maßregelung oder Arbeitslosigkeit gezwungen sind, ihren Aufenthaltsort zu verlassen. Unabhängig von der Umzugs- beihilfe tyird Reiseunterstützung gewährt, soweit das Mitglied dazu berechtigt ist. Im Interesse der Einheitlichkeit in den Bestimmungen des Verbandes wird ein Antrag angenommen, der dahin lautet, daß„aus lokalen Mitteln die Karenztage für die Kranken- und Arbeitslosen« Unterstützung nicht mehr bezahlt werden dürfen". Eine längere Debatte entspann sich über den Antrag, die Be- stimmung zu streichen, daß einem Mitglied innerhalb 104 Wochen vom Beginn des Bezuges der ersten K r a n k en u n t er- st ü tz u n g die... Unterstützung gewährt werden kann. Abände- rungsanträge wurden schließlich abgelehnt, nachdem der Vorstand erklärt hatte, daß er sich bemühen werde, eine bessere Form, die den Ansprüchen der Mitglieder mehr entgegenkommt, für diese Bestimmung zu finden. Von den weiteren Anträgen auf Aenderung der Statuten ge- langen die folgenden u. a. zur Annahme: „Hat ein organisierter Kollege Engagement in einer anderen Fabrik angenommen und es bricht während seiner Kündigungszeit ein Streik aus, so daß er nicht anfangen kann, so ist derselbe als Streikender zu betrachten, falls er dre Arbeit durch den Arbeits- Nachweis zugewiesen erhalten hat." Zu der Bestimmung über den Rechtsschutz wird hinzugefügt, daß auch bei Streitigkeiten aus der Arbeiterversicherung dieser Schutz gewährt wird. Bei Streiks und Maßregelungen sollen die Beiträge weiter ge- leistet werden. In einer Resolution erklärt der Verbandstag. daß darauf hin- znwirken ist, daß die bessergestellten Mitglieder für die höheren Beitragsklassen gewonnen werden. Dem Zentralverband wird das Recht eingeräumt, in solchen Rockkragen zu steifen und ihnen einen guten Sitz zu geben. Dieses Hilfsmittel der Schneiderkunst wird aus Stahlwolle hergestellt; der Laie kann eS kaum von den Geweben aus Pferdehaar unterscheiden. Ein anderes„feuerfestes" Material ist die„Kalksteinwolle". Ge- stoßener Kalkstein wird mit einigen Chemikalien vermischt, in einen elektrischen Ofen geschüttet und hier einem gewaltigen Luftdruck aus- gesetzt. Wenn der Rohstoff dann aus der Esse kommt, ist er so flockig und weich wie Wolle. Er wird gebleicht, gewoben und bewährt sich als Anzugsstoff ausgezeichnet. Dabei ist er ebenso schmiegsam und weich, wie aus Schafsivolle hergestellte Stoffe. Einem englischen Fabrikanten ist es gelungen, durch ein besonderes Verfahren aus alten Tauresten ein ausgezeichnetes Kleidungsmaterial herzustellen. Die Tau- und Fädenreste sowie alte Saiten werden auseinander- gezupft und dann verwoben. Wie das geschieht, ist das Geschäfts- geheimnis des Fabrikanten. Der Stoff wird dann dunkelbraun ge- färbt und besonders in den britischen Kolonien viel getragen. Die ganze Fabrik produziert jetzt gewaltige Quantitäten, die sofort Ab- satz finden. Ein neuer Kleiderstoff für Damen ist das gewebte GlaS, da? in prachtvollen Farbtönungen, in Weiß, Grün, Lila, Rosa und Gelb hergestellt wird. Die Erfindung ist Eigen- tum eines österreichischen Fabrikanten; das HerstellungS» verfahren ist so vervollkommnet worden, daß der Glas- stoff jetzt so weich und schmiegsam wie Seide ist. Weniger anspruchsvoll sind die Japaner, die in der Armee in großem Maße Papieranziige verwenden. Diese Kleider haben sich auS» gezeichnet bewährt und sind viel wärmer als echte Tuchstoffe. In Europa besteht bereits ein großer Handel in Bademänteln, Morgen- rücken und Frisierroben, die ebenfalls aus Papier hergestellt sind. Dazu dient eine Art von Löschpapier, die besonders gebleicht wird und dann mit einem aufgedruckten Muster versehen wird.' Selbst Handschuhe werden aus Papier gefertigt und man rühmt ihnen nach, daß sie sehr oft gereinigt werden können, ohne Schaden zu leiden. Notizen. — Neues aus den Berliner Museen. Durch Vermächtnis ist der Berliner Nationalgalerie ein SWeben von Eduard Man et, dem Führer des französischen Jmpressionioinus, zugefallen. Es stellt eine Blumenvase mit weißem Fsieder dar. Mit ihm besitzt die Galerie jetzt drei Bilder des großen Künstlers, der, lvie kein zweiter, die neuere Malerei beeinflußt hat.— Durch dies Vermächtnis wird die Richtung, die Tschudi mit der Ausnahme von Vertretern großer ausländischer Kunst eingeschlagen hatte, glücklich sortgesetzt— gegen den Wunsch und die Absichten des kgt. Kunstdirigenten. Hoffentlich sorgt der neue Direktor der National- galerie dafür, daß diese Zierden"der Sammlung nicht irgend welchen patriotischen Schinken zuliebe versetzt werden.— Aus dem gleichen Vermächtnis erhielt das Kaiser-Friedrich-Museum eine Landschaft des altvlämischen WalerS Lucas van Uden. FMalen, wo mehrere Geschäftsführer bestehen, einen als den ver- antwortlichen zu bezeichnen. Eine etwas erregte Debatte über daS Verhältnis zwischen Geschäftsführern und Mitgliedern ging diesem Beschluß voraus. Damit die Wahlen in den Filialen einheitlich vorgenommen werden, soll ein Wahlreglement dem Statut angehängt werden. Als Ort der nächsten Generalversammlung im Jahre 1S12 wird Stuttgart bestimmt. Ein Antrag, die gesamten Beiträge für die Kranken- und In- validenverficherung der angestellten Berbandsbeamten der Zentral« lasse aufzuerlegen, wurde angenonunen.(Die Geschäftsführer ent- hielten sich, wie ausdrücklich festgestellt wurde, der Stimme.) Alle beschlossenen Acnderungen sollen am 1. Januar 1911 in Kraft treten._ 2. Mrvawvltle Kuchbinder-Konferenz. Erfurt. 21. Juni 1910. Zweiter BerhandlungStag. Zur Verhandlung stehen die zum Statut gestellten Anträge. ES wird beschlossen, daß die angegliederten Verbände zu den Ver- waltungskosten des Sekretariats nach Matzgabe ihrer Mitglieder- zahl dergestalt beizutragen haben, daß für je 190 Mitglieder pro Jahr s Mk. in halbjährlichen Raten an daS I. B. S. ctbzu- führen find. Es würden dadurch jährlich etwa 1900 Mk. dem Sekretariat zufließen, wovon 1200 Mk. allem vom Deutschen Buchbinderverband zu leisten wären. Weiter wird vereinbart, daß jede Organisation nach einjähriger Angehörigkeit zur Föderation das Recht auf Unter« stützung bei Lohnbewegungen' durch die Internationale hat, in der Regel aber nur, wenn der Kampf über 4 Wochen dauert. ' An die reisenden Mitglieder ist schon bisher von den föderierten Verbänden Reifeunterstützung gezahlt worden. Arbeitslosenunter. stützung wurde aber erst nach 1» wöchiger Angehörigkeit zu der LandeSorganisation, wo der Kollege zugereist ist, gezahlt. Diese Karenzzeit soll künftig wegfallen. Nur die Schweiz darf sie bei- behalten, weil sie zu sehr von fremden Kollegen in Anspruch ge. nommen wird. Der deutsche Verband wird auch noch Krankenunter» stützung an die Angehörigen ausländischer Verbände zahlen; auch hierauf kann die Schweiz nicht eingehen, da dort wegen des Fehlens einer staatlichen Krankenversicherung die Unterstützungssätze zu hoch sind. Umzugs- und Hinterbliebenenanterstützung wird von den Verbänden gezahlt, bei denen die Gegenseitigkeit gesichert ist. Weiter werden dann einige verwaltungstechnische Angelegen- leiten erledigt. Ueber die Frauenarbeit in den Buchbindereien referiert G r ü nw a ld° Wien. An einem reichen statisnfchcn Material weist er nach, daß die Frauenarbeit in den Buchbmde- reien mit außerordentlicher Geschwindigkeit zunimmt. Die Frauen- arbeit ist aber gleichzeitig verbunden mit hoch entwickelter Ma- schinenarbeit. Ueberall, wo die Frauenarbeit vordringt, geht die handwerksmäßige Produktion zurück. ES ist die Billigkeit� die die weibliche Arbeitskraft trotz der geringeren Leistungsfähigkeit be» Vorzügen läßt. Und dies bringt auch gewisse Gefahren für die Männer mit sich. Man darf sie aber nicht überschätzen. Auch die Einführung der Maschine hat nicht die Folgen gehabt, die man zu- erst befürchtete. Maschinen- und Frauenarbeit verbilligen das Produkt und verursachen damit eine größere Nachfrage. Wenn so die Frauenarbeit immer mehr vordringt, kann man doch nicht von einer Beseitigung männlicher Arbeitskräfte sprechen. Für die All- femeinheit kann man also keine Schädigung feststellen, wohl aber ür einzelne männliche Berufsangehörige. Diesen Schäden gilt eS entgegenzutreten. Früher suchte man den Grundsatz: Gleichen Lohn für gleich« Arbeit! durchzusetzen. Er ist aber im KapitaliS- muS nicht wirklich zur Anerkennung zu bringen, wenn man damit nicht die Frauenarbeit ungemein schädigen will. Ueberall dort, wo die Organisation die Anerkennung dieses Grundsatzes von den Unternehmern erzwingen wollte, fanden die Arbeiterinnen bald heraus, daß dies nicht aus starkem Gerechtigkeitsgefühl, sondern vielmehr aus reinem Geschlechtsegoismus geschah. Für möglichst hohe Löhne hat die Gewerkschaft zu sorgen; im Interesse der Grauenarbeit darf sie aber nicht die Gleichstellung von Männer- und Frauenlohn fordern. Eine gewisse Begrenzung der Frauem arbeit ist notwendig. Für diese Begrenzung ist matzgebend, ob die fraglichen Arbeiten schädlich auf den Organismus der Frauen wirken. Es ist weiter von den Organisationen dafür zu sorgen, daß die Männer bei den Arbeitsbedingungen, Arbeitszeit usw. nicht be- vorzugt werden. Der Referent schlägt eine Resolution vor, in der diese Grund- sätze festgelegt sind. Ueber sie entspinnt sich eine rege Debatte. Namentlich die deutsche Vertretung ist damit nicht ganz einver- Sanden. Die Resolution wird dann in folgender, abgeänderter orm angenommen: .Die Konserenz erblickt in der Verwendung von Frauen- arbeit in der Buchbinderei keine Gefahr für die gesunde Ent- Wickelung des Berufes und für die Interessen der Arbeiterschaft. Doch erklärt sie es als unerläßlich, daß die Frauenarbeit auf bestimmte, in den zwischen Unternehmern und Arbeitern abzu- schließenden Lohntarifverträgen namentlich anzuführende Ar- betten beschränkt wird, weil viele Arbeiten dem weiblichen Organismus schädlich sind und die billigeren weiblichen Arbeits- kräfte einen Anreiz für die Schmutzkonkurrenten unter den Unternehmern bilden, die Männerarbeit zu verdrängen und tarifliche Vereinbarungen illusorisch zu machen. Wenn aus- nahmSweise Arbeiten, die von männlichen Arbeitern angefertigt wurden, von Frauen geleistet werden, so ist die gleiche Entloh- nung hierfür prinzipiell zu fordern. Zur Durchsetzung dieser Anschauungen erflärt die Konfe- renz die Organisierung der männlichen und weiblichen Arbeiter in gemeinsamen Organisationen für absolut nötig und spricht sich infolgedessen entschieden gegen die Gründung und den Fort- bestand etwaiger selbständiger Organisationen weiblicher Buch- bindereiarbeiter auS. Im weiteren fordert die Konferenz die dem Internationalen Buchbinder-Sekretariat angeschlossenen Verbände auf, bei ihren Bestrebungen um die Hebung der Lebenshaltung ihrer Mitglieder (Lohnbewegungen, Tarifverträge usw.) die Interessen der weib- liehen Arbeiter mit der gleichen Energie wie die der männlichen zu wahren." Gleichzeitig wird auf Antrag von Haueisen folgender Be. schlutz gefaßt: »Die Internationale Buchbinder-Konfcrenz stellt fest, daß die Frauenarbeit in allen vertretenen Ländern im Buchbinder- gewerbe einen sehr wesentlichen Umfang angenommen hat. Um darüber einen vollkommenen und zuverlässigen Ueberblick zu er- halten, beauftragt sie den Sekretär, eine Enquete zu veran- stallen und die Resultate den Verbänden zugänglich zu machen, um so auf Grund des erhaltenen Materials feststellen zu können, was geschehen soll und welche Richtlinien zu gelten haben." Darauf wird Kloth zum internationalen Sekretär wieder- gewählt. Die nächste Konferenz soll 1913 in Brüssel stattfinden. Nach einer kurzen Ansprache von Brückner Wird die Konferenz geschlossen. Achter Perbandstag des Deutsche» Holzarbeiter- Verbandes. München, 22. Mmi. Au Beginn des dritten Verhandlungstages wird der Punkt Lohnbewegung m geschlossener Sitzung behandelt. Referent Becker- Berlin unter« breitete dem Verbandstag folgende Resolution: 1. In b»ug auf die Tarifverträge ist auch für die fernere Zeit an dxn Beschlüssen des Stettin«: Verbandstages festzuhMen, mit der Maßgabe, daß fortab in allen Fällen, wo nicht be- sonders zurückgebliebene Lohn» und Arbeitsverhältnisse eine Aus» nähme rechtfertigen, Verträge von kürzerer Dauer als 4 Jahre nicht mehr abzuschließen sind. 2. Wenn über das Musterregulatid für die paritätischen Ar- beitsnachweise auf Grund der für Hannover getroffenen Verein- barung eine Verständigung mit dem Arbeitgeberschutzverband möglich ist, erteilt der Verbandstag zu dieser Abänderung seine Zustimmung. 3. Sofern der Arbeitgeberschutzverband den Vorschlag seines Vorstandes, eine gemeinschaftliche Zentralkommission zur Schlich- tung von Vertragsdiffercnzen usw. einzusetzen, zum Beschluß er- hebt, erteilt der Verbandstag dem Vorstand Vollmacht, der Bil- dung einer solchen zentralen Schlichtungskommission zuzustimmen und die entsprechenden Vereinbarungen mit dem Arbeitgeber- schutzverband zu treffen. Der Referent besprach die Lohnbewegungen der letzten beiden Jahre und in diesem Frühjahre, wies auf die große Holzarbeiter- aussperrung im Jahre 1907 hin, die mit dem Abschluß von Tarif- Verträgen endete, wobei der 12. Februar 1910 respektive der 12. November 1909 als Termin für eventuelle Kündigung vereinbart wurde. Im Jahre 1908 gelang es, eine zweite Gruppe von Ver- trägen mit dem Arbeitgeberschutzverband in anderen Städten ab- zuschließen, die ebenfalls eine dreijährige Geltungsdauer haben. Im vergangenen Jahre war der Vorstand bestrebt, möglichst reine Bahn für 1910 zu schaffen und dies sei ihm auch gelungen, so daß in Frankfurt a. M., Karlsruhe, Pforzheim, Heidelberg, Ludwigs- Hafen, Mannheim, Magdeburg, und noch 8 anderen Orten in Rhein- land-Westfalen Verträge abgeschlossen werden konnten, die bis 1912 laufen. Durch die Bewegung zu Beginn dieses Jahres wurden 60 Verträge für 4ö 000 Mitglieder abgeschlossen. Diese Verträge laufen bis 15. Februar 1915. Sie traten am 14. März 1910 in Kraft und wurden für die Kollegen wesentliche Vorteile erzielt. Zum Schlüsse seiner mehr als zweistündigen Ausführungen meinte Redner, Bewegungen dürsten nicht mit dem Herzen, sondern müßten mit klarem Verstand gemacht werden; die Ortsverwaltungen müßten mehr Kaltblütigkeit besitzen. Die Durchführung der Be- wegungen müßte mehr wie bisher den Vertrauensleuten über- lassen werden. Zum Punkt Lohnbewegung liegen«ine Reihe von An- trägen vor, die von den einzelnen Rednern begründet werden. Die Statutenberatungskommission, die sich mit diesen Anträgen beschäftigte, beantragt die Ablehnung der meisten An. träge, einzelne deshalb, weil sie durch die Beschlüsse des Stettiner Verbandstages bereits erledigt sind. Zur Annahme empfiehlt die Kommisston die Anträge des Gaues Hamburg und der Zahlstelle Kempten, wonach bei Abschluß von Tarifverträgen dahin zu wirken sei, daß Akkordarbeit an Maschinen nicht zulässig ist; ebenso stimmt die Kommission einem Antrag S t r e l i tz und Gmünd zu, wonach mit aller Energie dahin zu wirken sei, daß die kleineren Provinzstädte eine Verbesserung der Lohn» und Arbeitsverhältnisse erfahren.— Es fetzt eine lebhafte Debatte ein, die am Donnerstag fortgesetzt wird._ Frau von Schönebeck vor den Gefchworenen. 15. Verhandlungstag. Der Verhandlung am Donnerstag wohnte der Oberlandes- gerichtspräsident V. Plehwe auS Königsberg bei. Der Borsitzende gab im Laufe der Sitzung folgende auffallende Erklärung ab: Ich möchte hier gerade heute,- weil mein hoher Vorgesetzter an- wesend ist, folgendes erklären: ES werden fortgesetzt gegen die Verhandlungsführung in Blättern und zahlreichen Zuschriften Vorwürfe gegen mich erhoben. Einmal deshalb, weil die Angeklagte in der Stadt frei umhergehen kann. Die Angriffe treffen mich nicht. Das höchste Provinzialgericht hat beschlossen, die Ange- klagte gegen Stellung einer Kaution mit der Haft zu verschonen. Eine andere Gruppe Vorwürfe wendet sich dagegen, daß die An- geklagte nicht auf der Anklagebank zu sitzen braucht. Die Grün!« hierfür sind zu Beginn der Verhandlung hier erörtert. Der An- geklagten habe ich natürlich die Genehmigung erteilen müssen, sich in der freien Zeit zu erholen. Ueber alle Schritte nach dieser Rich- tung bin ich von der Verteidigung benachrichtigt. Es sind stets die geeigneten Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Die Beweisaufnahme erstreckte sich auf den hhsterstchen Anfall der Angeklagten in der Nacht zum Mittwoch, auf die Vernehmung des Fräulein Neubauer, des WaldwärterS Mattenia, der Gefängnis- infpektoren von Allenstein und Charlottenburg sowie des früheren Unteroffiziers Voigt. Die Vernehmung des Waldwärters Mattenia und der Zeugin Neubauer geschah unter vollstem Ausschluß der Ocffentllchkrit. Nach Mitteilung der Verteidigung war der wesentlichste Inhalt der Be- kundungen beider Zeugen folgender: Der Waldwärter bekundete, in wessen Begleitung— wohl ein höherer Offizier— er die Angeklagte im Jagdhause gesehen habe. Die Angeklagte verlangte die Ladung des betreffenden Herrü, verzichtete aber nach einer längeren Konferenz mit der Verteidigung darauf. Ueber die Aussage der 27jährigen Zeugin Emilie Marie Neubauer aus Berlin wurden u. a. folgende Angaben gemacht. Um die Glckubwürdigkcit der Zeugin zu prüfen, wurden ihr eine Reihe von Fragen vorgelegt, die sich auf die Person und persön- lichen Verhältnisse Gödens bezogen. Sämtliche Fragen wurden zu- treffend beantwortet. Ueber ihren Berkehr mit Gäben bekundete die Zeugin: 1899 habe ich Göben in Begleitung eines anderen Offiziers getroffen. Am nächsten Tage sprach mich Giben in der Gcorgstraße in Hannover an und machte mit mir einen Spazier, gang. Zum folgenden Tage verabredeten wir uns und gingen dann zusammen in ein Hotel. Unser Verkehr dauerte bis zum Fortgang Gödens nach Afrika, feit Dezember 1906 begann er dann wieder in Berlin. Ueber die Art des sexuellen Verkehrs machte die Zeugin detaillierte Angaben, die sich der Wiedergabe entziehen und erkennen lassen, daß bei dem Verkehr perverse Triebe auf feiten Gödens mit tätig paren. Göben, erzählt die Zeugin weiter, hat sich mit mir über allerlei, auch wissenschaftlich unterhalten und mit mir englisch geschrieben. Er übte einen suggestiven Einfluß auf mich aus. Wiewohl ich ein Verhältnis mit einem anderen Herrn hatte, mußte ich stets mitgehen, wenn er mich ansprach, weil seine Persönlichkeit einen Zwang auf meinen Willen ausübte. In Berlin war er 10— 12mal bri mir. Er fuhr stets 5 Minuten vor 11 Uhr vom Bahnhof Friedrichstraße ab, um 8.20 Uhr in Allenstein zu sein. In Berlin war Göben im Cafe Continental sehr bekannt. Früher hatte Göben betont, er eigne sich nicht zum Ehemann; im Herbst 1907 schrieb mir Göben aber, er habe eine Frau kennen gelernt, die seinem Ideal entspreche und die er heiraten wolle. Die Frau habe zwei Kinder und liebe diese Kinder über alles? sie würde sich deswegen wohl nicht von ihnen trennen. Die Frage eines Geschworenen, ob sie von Göben Geld erhalten habe, beantwortet die Zeugin dahin: Göben war immer sehr arm, er lebte oft von Salz und Brot. Er hat nur bezahlt, wenn wir zusammen ausgingen. Aus der Aussage der Zeugin ist noch fol- gende Stelle hervorzuheben: Göben hat mich um ein Rezept für Chloroform gebeten, daS ich wegen einer Operation, die ich in der Narkose habe machen müssen, besaß. Ich fragte ihn nach dem Grund. Er betonte, er könne die Sache nicht mehr ertragen, es solle ihm nicht wieder so gehen wie in Hannover. Eine klare Ant- wort aber gab er nicht. Der Postassistent Voigt, jetzt in Reichenbach in Schlesien, war schon in Bernstadt unter Schönebeck Unteroffizier und folgt« ihm nach Allenstein nach, er wurde 1901 Wachtmeister. Er nahm eine besondere Vertrauensstellung zu dem Major ein. Er erklärt: Uebe» die Frau meines Chefs waren allerlei Gerüchte in Allenstein, aber keine Beweise. Als der Major verreist war, hatte sich die Angeklagte einmal mit einem anderen Herrn ins Zimmer des Majors einge- schlössen. Ich wurde nicht zugelassen. DaS Mädchen sagte: Die gnädige Frau habe es verboten. Als der Major einmal an einem Knochelbruch krank danieSerkag, Kar Sie gnSbige Fra« mli einem Herrn ausgeritten. Sie gebrauchte dazu die Dienstpferde, die ich jedoch zur Musterung dringend brauchte Ich sagte zur gnädigen Frau, sie sollte, wenn sie die Dienstpferde benutzte, doch möglichst schnell zurückkommen, da ich die Pferde sonst nicht trocken bekäme. Tarauf sagte der Herr, wenn ich von dem Ausritt dem Major Mit- teilung machte, würde er mich beim Offizierkorps unmöglich machen. Ich sagte trotzdem dem Major, daß die gnädige Frau mit einem Herrn ausgeritten war. Der Major antwortete darauf: Wacht- meistcr, wenn sie ausbleiben und auch stundenlang wegbleiben, was beweist das? Gcfängnisinspektor Heumann macht Bekundungen über das Ver-- halten der Angeklagten im Gefängnis in Allenstein. Die Angeklagte war außerordentlich erregt und verwirrt. Sie sprach mich wieder- holt mit dem Namen des Regimentskommandeurs Graf Gröben an, lmt, ich möchte sie in Schutz nehmen und mit ihr zur Leiche gehen« Da kurz zuvor eine Person besserer Stände sich in derselben Zelle erhängt hatte, bat ich dringend die Aufseherin, einen Selbstmord zu verhüten. Die Aufseherin erzählte mir, daß die Angeklagte immer nach ihren Kindern gejammert habe. Ich hielt die Angeklagte für hysterisch. Aufzeichnungen im Gefängnis. Man brachte mir mehrere Bogen Notizen, die die Angeklagte gemacht hat. Es wurde darin zum Ausdruck gebracht, daß die Be- kundungen des Hauptmanns v. Göben nicht richtig seien, und das Verlangen ausgesprochen, v. Göben möge ihr das ins Auge sagen. Er werde nicht imstande sein, seine Behauptungen aufrechtzuerhalten. Die Niederschrift gelangte dann zur Verlesung. Sie ist von uns nachstehend wiedergegeben. Die Angeklagte bejahte die Frage, ob sie eine Konfrontation mit Göben habe herbeiführen wollen. Als der Vorsitzende hervorhebt, wie logisch und fein durchdacht die Nieder- schrift abgefaßt ist, erklärte der Verteidiger Talzmann: Ich war damals schon der Rechtsbeistand der Angeklagten. Es lag mir daran, eine Konfrontation zwischen Göben und der Angeklagten herbeizuführen. Auf diese Konfrontation wollte ich die Angeklagte vorbereiten. Ich habe der Angeklagten gesagt, sie solle mir eine Auf- stellung von dem machen, was sie Göben sagen wollte. Diese Notizen find also lediglich für mich bestimmt gewesen, es ist nicht etwa ein Kassiber. Vorsitzender: T«S behauptet auch kein Mensch. Die Aufzeichnungen lauten: »Ich fühle, daß meine Gedanken und Sinne anfangen, sich ernstlich zu verwirren. Ich kämpfe dagegen an, besonders in den Nächten. Ich will klar bleiben, um mich verteidigen$u können. Dieses will ich Göben sagen: Sie haben mich ins Gefängnis ge» bracht, weil Sie darin die einzige Möglichkeit gesehen haben, Ihre Schuld zu mildern. Und Sie suchen es so darzustellen, als ob Sie »i meiner Gewalt gewesen sind. Daß das Gegenteil wahr ist. wissen Sie. Sie wissen auch, daß die Liebe zu einem andern in meinem Herzen ist, daß ich nie einen andern Gedanken habe. So ist zuerst in Ihnen der Gedanke entstanden, mich allein zu besitzen und aus Allenstein zu entfernen. Sie haben oft gesagt, daß, wenn ich erst aus Allenstein entfernt sein würde, ich den anderen bald vergessen werde. Darum drängten Sie zur Scheidung. Sie fühlten, daß ich nicht stark genug zur Scheidung sein würde. Sie quälten und drängten mich, Ihnen alle Mißhandlungen meines Manne» einzugestehen. Sie lügen, wenn Sie sagen, daß ich es Ihnen frei- willig gesagt habe, Sie wissen, wie oft ich versucht habe, meinen Mann, der bei anderen Gelegenheiten auch wieder gut war, zu ver- leidigen und als erklärlich hinzustellen, wenn er roh und gewalt- tätig war. Sie wissen, wie oft Sie dann wild geworden sind,„daß ich diesen Herrn verteidige". Sie haben auf mich große Gewalt ausgeübt und mich gefesselt mit dem Geständnis Ihrer Reinheit. So wenig rein ich war, so hat es mich doch matzlos glücklich ge- macht, das Vertrauen eines reinen Mannes zu besitzen. Wissen Sie noch, wie Sie mich auf Tritt und Schritt bedrängt haben mit Küssen? Wissen Sie, wie Sie meine Ohnmacht ausgenutzt haben? Ich wollt« einmal einen Menschen lieben, der nicht meinen Körper liebte, sondern nur mich nm meiner selbst willen liebte. Ich wäre Ihre Sklavin gewesen, wenn Sie es von mir verlangt hätten. Ich hatte keinen anderen Gedanken als den, Sie mir zu erhalten. Warum habe ich mich Ihnen denn hingegeben? Weil Sie mir gesagt haben, daß eS das einzige Mittel ist, Sie gesund zu machen, habe der Arzt gesagt. Ich habe mich nicht schonen wollen, aber ich habe Ihnen verschwiegen, daß ich mich andern hingegeben hätte. Denn hätte ich es gesagt, so hätten Sie mir vielleicht verziehen, aber mir nicht mehr vertraut. Sie wissen, daß in Ihnen der Ge- danke an das Duell ohne Zeugen aufgestiegen ist schon im Sep- tember. Sie wissen, wie Sie mir vorgestellt haben, daß eS eine reine, ehrliche Sache sei, daß mein Mann genau dieselben Chancen habe wie Sie. Sie wissen auch, wie ich durch Ausreden es verhin- dert habe, daß Sie ihn draußen auf der Jagd allein getroffen haben. Sie wissen, welche Vorwürfe Sie mir gemacht haben, ich sei gleich- gültig, ichvhänge an Kleinigkeiten. Wie der Arsenikgedankr ent» standen ist, weiß ich nicht. Nur daS weiß ich, in meinem Austrag« haben Sie eS nicht besorgt. Ich habe oft daS Gefühl gehabt, ich mutz Ihnen nachgeben, auf Ihre Gedanken eingehen, damit Sie nicht denke»?, ich sei gleichgültig und wolle nicht loskommen. Ich wollte auch alles tun, um Ihre Phantaste zu beschäftigen, den» ich »var bis zum Wahnsinn eifersüchtig auf jeden Gedanken in Ihrem Kopf. Sie sollten sich jetzt nur noch mit mir beschäftigen, denn ich sah in Ihnen mein Otlück, meine Erlösung. Ich hoffte auf das langersehnte Glück eines Fainilienlebens, wie ich es bisher so bitter, bitter entbehrt habe. Schon aus diesem Grunde hätte ich eine gewaltsame Tat stets verhindert, weil ich genau wußte, daß dam« mein Friede in diesem Leben für immer und ewig gestört sein würde. Wissen Sie, wie ich sagte, es wird sich rioch ein Ausweg finden? Wie oft haben wir beide davon gesprochen und den Ge- danken an die Ehescheidung erwogen? Sie wissen das genau so wie ich. Wir wollten beide bald nach den Feiertagen nach K. fahren. Wer hat denn an diese Tat gedacht? Sie ebensowenig wie ich, und in den letzten Tagen glaube ich nicht, daß Sie daran gedacht haben. Wissen Sie noch, wie Sie das Fenster schlecht schlössen, wie mir ein plötzliches Angstgefühl durch das Herz schoß? Warum hätte ich dann das Fenster geschlossen? Ich hatte das Gefühl:. Wenn ihm auch wirflich in seiner wahnsinnigen Liebe, in der rasenden Eifersucht, mein Mann könnte mich heute Nacht wieder quälen, dieser unsinnige Gedanke aufgestiegen ist, durch mein Fensterschließen ist jede Gefahr beseitigt. Glauben Sie, ich wäre sonst ruhig zu Bett gegangen? Sie selber wissen, daß ich die Tat verhindert hätte, wenn auch die Angst um Sie dabei eine große Rolle gespielt hätte. Denn daß ich Sie grenzenlos liebte, wie nie einen Menschen zuvor, wissen Sie. Diese Liebe ist fest geblieben bis zu dem Augenblick, wo mir nach langem Sträuben der Gedanke an die Gewißheit gekommen ist, daß Sie mich hineingezogen haben» um vor Ihrer Mutter, vor Ihren Freunden, vor der Welt als der Verführte, vor Liebe Willenlose dazustehen. Daß die Arscniksache durch den Apotheker herauskommen würde, wußten Sie. Daß ich Sie mit keinem Worte verraten würde, wußten Sie auch. Darum haben Sie es selbst und ßuerst angegeben. Ich konnte nichts weiter tun als sngen: Es ist nicht wahr. Sie haben da, wo es auf per- sönlichen Mut ankam, stets Mut und Energie bewiesen. Aber jetzt, wo Ihr Ruf als Ehrenmann auf dem Spiel steht, da find Sie ein Feigling geworden und haben sich jedes Mittels bedient, um sich vom Verdacht des Mordes freizumachen. Daß Sie den Mann nicht ermordet haben, nicht meuchlings niedergeschossen haben. davon bin ich überzeugt. Aber, daß Sie jetzt nicht imstande sind und nicht den Mut haben, nun auch das, was Sie getan haben» mutig auf sich zu nehmen, dafür verachte ich Sie. Ich verachte Sie aus tiefster Seele und meine Verachtung ist genau so tief wie meine Liebe war. Und glauben Sie mir, jeder ehrenhaft denkende Mensch verachtet Sie ebenso wie ich, während man Ihnen sonst Mitleid entgegengebracht hätte." Der Zeuge Tusch, Gefängnisinspektor in Charlottenburg, be-, kündet: Die Angeklagte hat nach der Einlieferung in das Char- lottenburger Amtsgerichtsgefängnis am 4 März des JahreS wiederholt Schreikrämpfe in der Anstalt gehabt. Bei den Krampf. anfüllen biß sie auch bewußtlos sich selbst und ÜB sich, Ngchde« ihr die Anklageschrist zugestellt owr, sagte sie: Ich habe viel getan und viel gesünoigt, aber das, wessen man mich angeklagt, habe ich nicht getan. Zum Schluß der Verhandlung stellt der Verteidiger Bahn noch fest, Stoatsanwaltichaftsrat Poschmann und Rechtsanwalt Salz» mann hatten Versuche gemacht, sich die Strümpfe über ihre Schuhe zu ziehen. Es ist deshalb möglich, daß das Haar, über das gestern der Sachverständige sich auslieh, sowie die Schmutzflecke daher stammen. Die Fortsetzung der Verhandlung wurde auf heute vertagt. Hus Induftrie und ftandel* Gute Ernte in Aussicht. Die Aussicht auf gute Ernten paßt manchen Spekulanten nicht in den Kram. Man möchte zu gerne an den Börsen eine neue Hausse inszenieren. Deshalb wird versucht, die Saatenstandsberichte als nicht matzgebend erscheinen zu lassen. Daran denkt man natür« lich nicht, wenn sie ungünstig, das heißt für die Haussespekulanten günstig prognostizieren. Man kommt mit dem Hinweis, daß spätere Ereignisse, scharfer Witterungsumschlag, anhaltende Trockenheit usw., die Ernteausfichten noch wieder verschlechtern könnten. Da» ist an sich richtig, aber auch das Umgekehrte ist zutreffend. Dieses noch mehr als daS Gegenteil. Solche Verwüstungen durch Unwetter, daß die Welternte in hervorragendem Maße geschädigt werden könnte, sind jeyt wohl kaum noch zu befürchten. Teilweise ist die Frucht so weit, daß sie durch Trockenheit nicht mehr stark beeinflußt werden könnte. Dabei ist die Witterung im allgemeinen sowohl der Frucht- entwickelung als auch dem Reisen günstig. Wird da? berücksichtigt, dann darf man in Deutschland mit einer sehr ertragreichen Ernte rechnen. Jetzt liegt der Saatenstandsbericht für Deutschland vom 16. Juni vor. Er liefert befriedigende Ziffern. Offiziell gilt folgende Wertung: 1 sehr gut, 2 gut, 3 mittel(Durchschnitt), 4 gering, 5 sehr gering. Da aber die Ziffer 1 und 2 nur sehr vereinzelt notiert wird, drückt in Wirklichkeit die Ziffer 2 daS Prädikat»sehr gut' auS. Danach find die folgenden Angaben zu bewerten. ES ergaben sich an den benannten Terminen folgende Schätzungen: als gut bis sehr gut zu bezeichnen ist. Besonders hohe Erträge ver- spricht das Winterbrotfruchtgetreide, ferner der Kartoffelbau und die Futterernte. DaS günstige Urteil wird noch erhöht, wenn man berücksichtigt, daß wir seit dem Stichtage sehr günstiger WitterungS- verhältniffe uns erfreuen durften. Ob die Konsumenten von dem in Aussicht stehenden Erntesegen den entsprechenden Vorteil ziehen werden, das steht auf einem anderen Blatte. Solange Junker und Klerikale in Preutzen-Deutschland regieren, muß man alle Hoffnungen auf billige Brot« und Fleischpreise begraben. Erwerbstätige im Handel. Seit 1882 ist die Zahl der Berufstättgen in Handel und Ver- kehr um 121>/, Proz. gestiegen. DaS übertrifft noch bei weitem daS Wachstum der Industrie mit nur 73 Proz. Die Gesamtzahl der in Handel und Verkehr Beschäftigten betrug 1832 1836 1307 1670 310 2 338 611 S477 02S Betrachtet man die soziale Zusammensetzung deS Handels- standes, so zeigt sich eine besonders starke Zunahme der An« g e st e l l t e n. Die Arbeiter haben im Handel weit weniger stark zugenommen, daneben aber fällt auf, daß— im Gegensatz zu Industrie und Landwirlschaft— auch die Zahl derSelb« ständigen gewachsen ist. Folgende Tabelle zeigt daS: 1832 1896 1907 Selbständige. 701608 843 667 1012192> Angestellte.. 141 643 261 907 605 909 Arbeiter... 727 262 1 233 047 1 969 626 Die Zahl der Selbständigen hat also jedes Mal von einer Zählung zur anderen um rund 20 Proz. zugenommen. Jedoch find es fast ausschließlich die Klein- und Zwergbetriebe, auf die das Wachstum der Selbständigen entfällt, nämlich Kleinhandel, Gast« und Schankwirtschaft, Versicherung, sowie Versteigerung. Verleihung, Stellenvermiitelung und Auskunstserteilung. Scheidet man die Schankwirtschaft, die Versicherung, daS Verkehrswesen aus und be- trachtet nur den eigentlichen Handel, so zeigt fich auch hier ein Rückgang der Selbständigen. Jin eigentlichen Handel kamen auf je 1000 Erwerbstätige 1882 1836 1907 Selbständig..... 672 480 384 Angestellte..... 91 117 154 Arbeiter..... 837 403 462 Auffällig ist ferner im Handel ebenso wie in der Industrie die besonders starke Zunahme des weiblichen Geschlechts. Sie ist im Handel sogar bei den Selbständigen stärker als die deS mann- lichen Geschlechts. ES waren selbständig im Handel 1882 1896 1907 Männlich. 660 936 640 949 766 661 weiblich. 150 672 202 616 246 641 Summa 701508 843 657 1012192 ES haben also die männlichen Selbständigen von 1832 bis 1896 um 16'/» Proz. zugenommen, die weiblichen um 34'/z Proz.; von 1896 bis 1907 die männlichen um 19'/, Proz., die weiblichen um 2 1�/, Proz.— Auch bei den Arbeitern ist die Zunahme der Frauen stärker als die der Männer. Es gab Arbeiter im Handel: 1832 1896 1907 männlich. 682 885 868 042 1354 482 weiblich.. 144 377 865 006 605 043 Summe 727 262 1 233 047 1 959 525 Hier beträgt von 1882—1896 die Zunahme der Männer 49 Proz., die der Frauen 163 Proz.; von 1896—1907 die Zunahme der Männer 66 Proz., die der Frauen 66 Proz. Am allerstärksten jedoch ist die Zunahme deS weiblichen Geschlechts bei den An« gestellten im Handel. Hier die entsprechenden Zahlen: 1882 1896 1907 männlich. 188 387 249 920 426 220 weiblich 3 161 11987 79 689 Summe 141 548 261 907 606 909 Weibliche Angestellte im Handel hat es also 1882 so gut wie gar nicht gegeben, jetzt zählt man rund 80 000! Während die männ- lichen Angestellten sich vermehrt haben von 1882—1896 um 80'/, Prozent und dann bis 1907 um nur 70'/, Prozent, betrug das Wachstum der weiblichen in den gleichen Zeiträumen erst 279 Prozent und dann gar 666 Prozent. Bedenkt man, daß zu den Handlungs- gehilfinnen natürlich auch fast alle weiblichen Angestellten der In- dustrie rechnen und daß deren Zahl bei den drei Zähltagen sich stellte auf 2 263 3 324 63 936 so versteht man die ungeheure Bedeutung, die die Frauenfrag: tm Handel in diesen Jahrzehnten gewonnen hat. Seine höhere Beteiligung. Der vorstand deS Rhein.-westfäl. KohlenshndikatS macht den Vorschlag, die bisherigen BeteiligungS« sätze, nämlich 86 Proz. für Kohlen, 72'/, Proz. für Koks und 80 Proz. für Briketts, auch für den Monat Juli bestehen zu lassen. Zusammenschluß in der Holzindustrie. Die größten Firmen der österreichisch-ungarischen Holzindustrie, die einen lebhaften Export, auch nach Deutschland, betreiben, haben beschlossen, sich zu einer Vereinigung zusammenzuschließen. Diese Vereinigung bezweckt die (gemeinsame) Errichtung eines gemeinsamen Verkaufskontors, durch dessen Vermittelung alle Abschlüsse mit ausländischen Firmen be- wirkt werden sollen. Man hofft auf diese Weise„Preisunter- bietungen' steuern zu können. Ferner will die Bereinigung die Zahlungs- und Abnahmebedingungen in einheitlicher Weise regeln, auch allgemein geltende SortterungSbedingungen einführen. Hus der Frauenbewegung. Dreiklassentzarlament und Gesindeordnung. Die Volksfeindlichkeit des preußischen Dreiklassenparlaments zeigte sich wieder einmal in voller Glorie, als eS vor wenigen Togen noch vor Toresschluß eine Frage erörterte, die auch die arbeitende Frauenwelt auf das Lebhafteste interessieren muß. ES handelte sich um die gesetzliche Regelung des Dienstboten- w e s e n s, zu der eine Reihe von Petitionen vorlag. Nun ist gewiß in Preußen nichts reformbedürftiger als die rechtlichen und sozialen Verhältnisse des Gesindes, die ihren deutlichsten Ausdruck finden in den verschimmelten Paragraphen einer hundertjährigen Gesinde- ordnung. Allein weder den Petenten in ihrer Mehrzahl, noch— selbstverständlicherweise— den Junkern und Junkergenossen war es um die Beseitigung jenes uralten Unrechts zu tun; im Gegen- teil: wenn es nach den Wünschen der Kreth, Strosser, v. Jagow, v. Oertzen und ihrer Freunde ginge, dann müßten neue drakonische Bestimmungen gegen den Kontraktbruch, dieses einzige und äußerste Mittel der Notwehr, wodurch gequälte und bis aufs Blut aus- gebeutete Landproletarier und-proletarierinnen sich ihren Be« drückern entziehen können, dem berüchtigten Ausnahmegesetz vom 24. April 1854 hinzugefügt werden, in dem die Koalitionsfreiheit des Gesindes und der ländlichen Arbeiterschaft abgewürgt wurde. In großen Zügen entwarf Karl Liebknecht ein treues Bild von dem Sklavereiverhältnis, in dem das Gesinde noch vielfach lebt, von dem Wohnungselend der Dienstboten, ihrer Benachteiligung gegen- über dem städtischen Proletariat in bezug auf Unfall- und Kranken- Versicherung, ihrer Rechtlosigkeit gegenüber der„Herrschaft'. Ist es dieser doch nach dem heutigen Gesinderecht von anno dazumal ge- stattet, Abzüge vom Lohn des Gesindes zu machen, um sich für zer- brochenes Geschirr und dergleichen schadlos zu halten. Dahin gehört auch das Recht der Arbeitgeber auf die Zurückforderung der Ge- schenke, die doch nur als Teil des Lohnes angesehen werden können; dann der Mangel jeden Arbeiterschutzes für die dienenden.„DaS Gesinde kann ausgebeutet und dann wie eine ausgepreßte Zitrone auf das Pflaster geworfen werden.' Während der freie Arbeiter, die freie Arbeiterin bei Ehrverleßungen die Stellung sofort ver- lassen können, haben die der Gesindeordnung Unterstehenden nur dann ein Recht hierzu, wenn sie durch Mißhandlung oer Herrschaft in Gefahr des Lebens und der Gesundheit geraten oder wenn die Herrschaft sie ohne Grund mit ungewöhnlicher Härte behandelt. Es ist bekannt, wie sehr unsere Richter geneigt sind, in streitigen Fällen zugunsten der prügelnden und schimpfenden Herrschaften gegen das dem Dienst entlaufene Gesinde zu entscheiden. Widerlegen konnte die Rechte des Abgeordnetenhauses die schlagenden Ausführungen unseres Redners nicht. Ihre Wort- führer riefen wie jener Verbrecher vor Gericht, dessen Schuld klar zutage lag: Ich bestreite alles und erwarte den Gegenbeweis. Im übrigen schimpften sie kräftig, und Ehren-Kreth, der hochbesoldete Chef der agrarischen Spiritus-Zentrale, erging sich in ganz all- gemein gehaltenen und darum um so nichtslvürdigeren Angriffen auf sozialdemokratische Arbeitgeber. Dabei passierte es ihm, daß er der tapferen kleinen Fraktion der Sozialdemokraten«in unfrei- willige? Kompliment machte:„Obwohl Sie nur sechs Mann sind', rief er empört,„reden Sie hier, als wenn Sie tausend wären".... Natürlich wurden auch von den Agrariern die wohlbekannten Klagen angestimmt über die Unzuverlässigkeit des Gesindes und die Grundlosigkeit seiner Unzufriedenheit, über die Leutenot, die doch nur eine Folge der elenden Arbeitsverhältnisse auf dem Lande ist; ja, der Edle v. Oertzen behauptete frank und frei, wenn man von einem Sklavenverhältnis sprechen wolle, so sei der Arbeitgeber mehr Sklave des Gesindes als das Gesinde Sklave der Arbeitgeber. DaS Zentrum, das sich so gern mit dem Mäntelchen der Arbeiterfteundlichkeit drapiert, fand bei dieser Gelegenheit kein Wort gegen die Schmach der Gesindeordnungen. Der Zentrums- rodner Berndt glaubte Liebknechts Ausführungen kurzerhand als Uebertreibungen abtun zu können und legte dann eine Lanze ein für die armen geplagten bäuerlichen Grundbesitzer, die unter dem Mietgeldschwindel so schwer zu leiden hätten. Es handelt sich da um gelegentlich vorkommende Auswüchse der heutigen Stellender- Mittelung im Gesindewesen, die der ZentrumSmcmn skrupellos ver- allgemeinerte. Breit und umständlich erzählte er, wie die Mägde auf dem Lande sich schon lange vor Ablauf ihrer Dienstzeit nach fünf, sechs und mehr Orten vermieten und natürlich überall daS Mietsgeld einstreichen. Am Umzugstage kommt dann der Schwindel ans Tageslicht. So werde die Moral der jungen Dienstboten ge- schädigt, ja vernichtet, und die Arbeitsfreudigkeit der Bauern zer- stört. Durch einen Zusatz zur Gesindeordnung, in dem bei Dienst Wechsel die Beibringung eines von der Polizei beglaubigten Eni- lassungSscheineS gefordert wird, will der brave ZentrumSmann den Schmerzen seiner bäuerlichen Wähler abhelfen. Die Leiden der durch die Gesindeordnung Entrechteten sind ihm Hekuba. Die Petitionen wurden schließlich der Staatsregierung als Ma- terial überwiesen, das bedeutet ein stilles Begräbnis im Papierkorb des Ministers. Um so dankenswerter aber war das Ergebnis der 86. Sitzung des Abgeordnetenhauses nach einer anderen Richtung. Sie zeigt klar und deutlich, daß eine Beseitigung des Gesindoaus- nahmerechts nicht möglich ist, so lange die Junkermacht in Preußen nicht durch ein demokratisches Wahlrecht gebrochen ist. In den meisten deutschen Vaterländern hat die preußische Gesindeordnung vom Jahre 1810 als Vorbild für die Sonderoestimmungen gegen das Gesinde gedient. Pveutzen hat von jeher jeden Fortschritt im Reiche gehemmt. Fällt die Gesindeordnung hier, dann muß sie auch in anderen Teilen des Reiches fallen. Die Frauen, die in so außer- ordentlich hoher Zahl vertreten sind unter den von der Gesinde- ordnung Entrechteten, ersehen hieraus wiederum, daß ihr eigenstes Interesse ihnen gebietet, mit aller Energie an dem Kampfe um ein allgemeines, gleiches, geheimes und direktes Wahlrecht teilzunehmen, das der Masse des Volles, das auch den Frauen unmittelbaren Ein- siuß auf die Gesetzgebung sichert. So lange die Junkerherrschaft in Preußen besteht, ist eine Aufhebung der Gesindeordnung und die rechtliche Gleichstellung der von ihr Betroffenen mit den gewerb- lichen Arbeitern unmöglich. Auf diese Zusammenhänge haben wir aufklärend und agitierend bei jeder Gelegenheit hinzuweisen, um den politischen Sinn unserer Arbeitsschwestern zu wecken, die auf dem Lande und in häuslichen Diensten in harter Fron ihr Brot verdienen müssen._ Gerichts- Zeitung Wieber ein Opfer des Polizeieifer»! Bei dem Wahlrechtsspaziergang vom 6. März wurde in der Nähe des Reichstagsgebäudes gleich vielen anderen der dort spa- zierenden Demonstranten auch ein Klavierarbeiter Bierau von der Polizeifaust„herausgegriffen". Er bekam eine Anklage wegen Polizeibeleidigung und Widerstand, weil er„Bluthundel" gerufen und nach seiner Festnahme sich zu befreien versucht haben sollte. Bierau wunderte sich über diese Beschuldigungen um so mehr, weil gerade er damals andere Demonstranten zur Besonnenheit ermahnt Mi« Wer dgs Amtsgericht Bersin-Mifte glaubte ihm das nicht, sondern hielt ihn für überführk durch 6Te SchuhmannSauZsagen und verhängte über ihn ein? Gefängnisstrafe von 16 Tagen. Auf Bieraus Berufung gegen dieses Urteil hatte am Mittwoch daS Landgericht I Berlin(Strafkammer 8 unter Vorsitz des Land- gerichtsdirektors Quast) sich mit der Sache zu beschäftigen. Der Angeklagte erklärte, bei der Räumung der Auffahrtsratnpe des Reichstagsgebäudes durch Polizei seien„Bluthund"-Rufe laut geworden, die er selber den Rufern als ungehörig untersagt habe. Bald sei aufs neue attackiert worden, und zwar diesmal so rück- sichtslos, daß mit den anderen auch er sich in Sicherheit zu bringen suchen mußte. Die Berittenen seien bei ihrer Attacke durch eigenes Ungestüm in Verwirrung geraten, so daß einer von ihnen stürzte. Als das führerlos gewordene Pferd davonlief, habe Bierau geraten, es aufzuhalten, damit es nicht Unheil anrichten könne. Plötzlich habe ein Kriminalbeamter ihn gepackt. Von diesem und einem uniformierten Schutzmann sei er so ungestüm abgeführt worden, daß ihm der Rock zerrissen wurde. Widerstand habe et nicht geleistet, auch gar nicht leisten können, trotzdem seien ihm nachher noch Fesseln angelegt worden. Infolge seines leidenden Zustandes, namentlich einer Herzkrankheit, sei er ganz erschöpft gewesen, als er auf der Wache anlangte. Den Ruf„Bluthundel" meinte der Kriminalschutzmann Borek von Merau gehört zu haben, der an das führerlos gewordene Pferd herangelaufcn sei und dabei dem Zeugen das Wort förmlich in die Cfljren geschrien habe, so daß der ihn festnahm. Borek hatte in seiner Anzeige von einem Ruf„Nieder mit den Muthunden l" erzählt, aber vor Gericht korrigierte er das dahin, er könne nur das Wvrt„Bluthunde" beeiden und im übrigen nur sagen, daß Bierau davon wohl noch ein paar andere Worte gesprochen habe. Der Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Kurt Rosenfeld wies den Zeugen darauf hin, daß gerade Bierau vor dem Ruf„Bluthunde" gewarnt habe und wohl gesagt werde:„Ruft doch nicht Bluthundel" Borek konnte hierüber nichts sagen, bezeichnete es aber als möglich, daß ihm das entgangen sei. Schutzmann Schöndube hatte gesehen, daß Bierau an das Pferd heranliff. Als Zeuge bekundete er:„Borek stand dabei; wie gerufen wurde, faßte er zu." Schöndube hatte früher gesagt, Bierau habe andere hindern wollen, das Pferd zu halten, und so las man es dann auch in der Anzeige. Vor Gericht sagte er, er wisse nicht, ob Bierau selber das Pferd halten oder eS wegreißen wollte. Dagegen bekundete er mit Bestimmtheit, B. habe auf dem Wege zur Wache sich gesträubt, so daß er geschoben werden mußte. Wer ihm denn den Rock zerrissen habe, fragte der Verteidiger. Zeuge antwortete:„Den hat er selber zerrissen!" Der Angeklagte erklärte, eben dadurch sei er erst in Erregung geraten, daß ihm der Rock zerrissen wurde, und er habe hiergegen protestiert. Als man ihn dann gefesselt und ihn fortgezogen habe, sei das, was man„Widerstand" nenne, fertig gewesen. Daß B. die Füße gegen den Boden gestemmt und sich loszureißen versucht habe, bekundeten auch Schutzmann Mesa und Schutzmann Kucharski. die sich an dem Transport beteiligt hatten. Der Verteidiger er- brachte durch Zeugen den Nachweis, daß bei jenem Wahlrechts« spaziergang Bierau in der Tat zu allem anderen eher geneigt ge- wesen ist als zu Unbesonnenheiten. Buchdrucker Engrwicht be- stätigte, daß B. vor„Bluthund"-Rufen gewarnt hat. Maschinist Fenner bekundete, bei diesen Rufen habe B. ärgerlich gesagt:„DaS ist ja gerade so, wie wenn Achtgroschenjungen dabei wären." Aber Borek hielt daran fest, auch Bierau habe„Bluthundel" gerufen. Auf dieses eine Zeugnis hin könne, so führte der Verteidiger aus. keine Verurteilung erfolgen, zumal da Borek zunächst in seiner Anzeige eine andere Angabe gemacht habe. Bieraus ganzes son- stiges Verhalten, das durch die Aussagen der Entlastungszeugen beleuchtet werde, spreche gegen die Behauptung BorekS. Auch von Widerstand könne keine Rede sein, Bierau sei daher in beiden Punkten freizusprechen. Demgegenüber sah der Staatsanwalt keinen Grund, der Berufung stattzugeben, und beantragte Ver. wrrfung. Das Gericht entschied, baß baS Urteil erster Instanz aufzuheben sei bezüglich der.Beleidigung. Der„Bluthund"-Ruf könne bei der Unsicherheit der Aussagen Barels nicht als erwiesen gelten, und hier müsse daher Freisprechung erfolgen. Erwiesen seien aber die Versuche, die Füße gegen den Boden zu stemmen usw., also der „Widerstand". DaS habe Bierau nicht tun dürfen, weil seine Fest- nähme immer eine Amtshandlung blieb. Der schuldlos Festgenom- mene muß als ein Opfer de» Polizeieifers seinen„Widerstandbüßen mit 20 Mark Geldstrafe oder 2 Tagen Hast. Hui!— der Polizei ein AergerniS! WaS ist„grober Unfug"? Die Ansicht von Polizisten hier- über läßt sich etwa in den Satz zusammenfassen:„WaS einen Schutz- mann ärgern kann, sieht man als groben Unfug an." Die Aera der Wahlrechtsdemonstrationen hat der Polizei die Empfindlichkeit noch weiter gesteigert und noch mehr ihr den Begriff des„groben Unfugs" verwirrt. Wer bei Gelegenheit einer Menschenansamm» lung, die der Polizei als so etwas wie eine Demonstration gilt, auch nur das geringste laut werden läßt, was ein Schutzmann krumm nehmen kann, der riskiert eine Anzeige wegen groben Unfugs, wenn nicht Weng schlimmerer Delikte. So erging eS einem Arbeiter Willing, der am 16. März abends in der Brunnenstraße ein junges Mädchen zur Straßenbahn gebracht hatte und dann in eine aus einer Versammlung heimgehende Menge hineingeraten war. Als ein Mann sistiert wurde, kam in die Menge eine lebhaftere Bewegung, von der auch Willing cm- gesteckt wurde, so daß er einen Zwischenruf machte. Ein in der Nähe stehender Kriminalpolizist hörte den Zwischenruf, ohne ihn recht zu verstehen. War es ein„Pfui!", oder war eS nur ein „Huil", er wußte es selber nicht. Aber er hielt den Rufer fest, und Witting bekam dann seine Anzeige wegen„groben UnfugS". Das Amtsgericht Berlin-Mitte(Abteilung 160 unter Vorsitz des Amtsgerichtsrat Berlin) nahm kein„Pfui" an, erklärte aber das „Hui" für groben Unfug und setzte 1 Tag Haft fest. Willing legte Berufung ein und stand nun am Donnerstag vor dem Land- gericht I Berlin(Strafkammer 3 unter Vorsitz deS Landgerichts« direktors Neuenfeldt). Kriminalwachtmeister Aßmann, der den Angeklagten fest- genommen hatte, wußte beim besten Willen nicht zu sagen, ob Witting„Pfui" oder„Hui" gerufen habe. Sicher sei jedoch, daß daS Wort einem Schutzmann gegolten habe, der etwa 10 Schritte entfernt gewesen sei, aber wohl gar nichts gehört habe. Der Vor- sitzende sagte:„Na, dann war doch das nicht gerufen, sondern nur laut gesprochen."„Aber bei der damaligen Situation muß man," eiferte Aßmann,„die Absicht vermuten, die Schutzleute zu schika- nieren." Der Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Heinemann beantragte Freisprechung.„Pfui" sei nicht erwiesen,„Hui" aber sei an sich kein grober Unfug, da es an sich nicht geeignet sei, dag Publikum in seiner unbegrenzten Allgemeinheit zu beunruhigen. Das wäre vielleicht möglich, wenn es laut geschrien würde, aber WittingS „Hui" fei schon auf 10 Schritte nicht mehr zu hören gewesen. Der Staatsanwalt meinte, die Berufung sei zu verwerfen, weil„Hui", auch wenn es nur von den Umstehenden gehört werde, immer noch geeignet sei, eine erregte Pkenge aufzupeitschen. Das Gericht ent- schied, auch ein„Hui" könne, laut gerufen, grober Unfug sein, weil es so die Menge aufregen könne. Witting aber habe das„Hui" nur ausgesprochen, so daß es nur auS der Nähe zu hören war« mithin sei er freizusprechen. Der Polizei ein AergerniS wird, wie jenes„Hui", so auch dieses Urteil sein._ Rathenower Wahlrechtsdemonstrallo«. Am 3. März d. I. fand in Rathenow auf dem Turnplatz ein« polizeilich genehmigte Wahlrechtsversammlung statt, in der der Gewerkschaftsbeamte Gottlieb Münsiuger die Einlellungsrede hielt. Zu der Versammlung zogen die Teilnehmer im geschlossenen Zuge und auch der Abmarsch entwickelte sich in größeren Trupps. Die Polizei erblickte in diesem„Auszug" eine Uebertretung des Ver« einsgesetzeS und nahm Münsingcr in 10 M. Polizeistrafe, da sie ihn als den Leiter der Veranstaltung ansah. M. legte dagegen Einspruch«in. Das Rathenvwer Schöffengericht sprach ihn frei. Damit erflStle sich jedoch die StaaiSanwaltschast nicht einverstanden und legte gegen die Freisprechung Berufung ein. In der gestrigen Verhandlung erklärte das Gericht: Die Feststellung, daß M. als der Leiter des Umzuges anzusehen sei, konnte nicht getroffen werden. Wenn auch M. manchmal an der Tete gesehen wurde, so dürfe daraus nicht gefolgert werden, daß er der Leiter des Zuges war. M. hat ja seinen Einfluß stets in beschwichtigender Weise geltend gemacht und wie das Gericht ausdrücklich anerkennt, jede gesetz- widrige Handlung aus rein taktischen Gründen zu verhindern ge- sucht. Er hat sogar ein Unternehmen von anderen inhibieren und in die gesetzmäßigen Gleise zurückführen wollen. Aus allen diesen Erwägungen kam das Gericht zur Verwerfung der Berufung der Staatsanwaltschaft und zur Freisprechung des Angeklagten, der von Justizrat R. Josephsohn verteidigt wurde, Vcrnrirchtca. Der Bombenanfcblag in fmdberg. Die von der Polizei und Staatsanwaltschaft angestellten Er- Mittelungen haben ergeben, daß der Bankräuber noch einen Komplicen hat. In den Taschen des Attentäters fand man Papiere, die auf den Namen Chauffeur Heinrich Barken st ein aus Halle lauten. Es scheint jedoch, daß auch dies nicht der Name de? Attentäters ist, daß vielmehr die Papiere irgendwo gestohlen sind.— Die Verletzungen des Bankvorstehers Mayer sind zwar schwer, aber nicht lebensgefährlich. Eine Kugel ist in der Stirn st ecken geblieben und wird durch operativen Eingriff entfernt werden. Außerdem ist Mayer durch einen Streifschuß an der Nase verletzt worden. Der aus der Flucht des Räubers durch einen Revolver- schuß schwerverletzte Knabe ist seinen Verletzungen erlegen. Der Helfershelfer des Bankräubers ist spurlos verschwunden. Die beiden Attentäter hatten sich gut mit Bomben versehen. Nach dem versuchten Raube im Bankhause, bei dem Barkenstein eine schwarze MaSke vorgebunden hatte, fand man vor dem Hause ein Fahrrad mit einem Täschchen, in dem eine Zündschnur mit Kapsel und zwei birnenförmige Blechbomben ent- halten waren. Auch in dem Ofen deS Zimmers, das Barkenstein bewohnte, fand man Teile von Bomben. Es wird vermutet, daß die jetzigen Attentäter identisch find mit den Tätern der Explosion, die am 14. Juni in Frankfurt am Main in der Villa deS Bankiers Mayer verübt wurde. Am Tage darauf traf Barkenstein in Friedberg ein, wo er sich unter dem Namen eines Reisenden Schmidt einlogierte. Im Hotel machte er sich dadurch verdächttg, daß er die Schlüssellöcher und Türritzen mit Papier verstopfte. Um durch den Auf enthalt in der kleinen Stadt nicht Aufsehen zu erregen, ließ der Attentäter, der stets sehr nobel gekleidet ging, sich öfter durch einen Gepäckträger einen Musterkoffer durch die Stadt nachttagen. Räch den bisherigen Ermittelungen ist anzunehmen, daß e» sich um «in Räuberpaar handelt, das es ausschließlich auf verbrechen großen Stils abgesehen hatte. Folgen deS Bonner Urteils! München, 23. Juni. Der München«: P oltzetbericht meldet: Vergangene Nacht kamen 160 bis 200 Verbindungsstudenten in Couleur mit der Eisenbahn von Groß-Hesselohe. Während der Fahrt benahmen sie sich h ö ch st ungebührlich. Ein Student kletterte auf die Lokomotive, machte sich amStellhebel zu schaffen und setzte wiederholt die DamPsPfeife in Tätigkeit. Die Bahnbeamten hatten Mühe, den Zug ordnungsgemäß zu fahren. Im Münchener Hauptbahnhof, wo der betreffende Student durch einen Schutzmann angehalten wurde, versuchten die übrigen Studenten seine Festnahme zn verhindern. Die Ruhe konnte erst durch das Eingreifen weiterer Schutzleute hergestellt werden, wobei eine größere Anzahl Studenten zur Personal- seststellung verhaftet wurde. Wegen LandfriedenSbruch werden die Burschen wohl nicht angeklagt werden. Schon wieder! Ein freudiges Familienereignis wird, wie verlautet, im Herbst in der kronprinzlichen Familie erwartet. Heilige Vopelia l_ Hinter Klostermanern. Jnsbruck, 21. Juni.(Eig. Der.) Ein reisender junger Kunstgärtner(der Name ist uns bekannt) kam am Montag völlig mittellos nach Innsbruck. Der Hunger verleitete den armen Handwerksburschen, mittags an der Pforte deS JnnSbrucker Kapuzinerklosters um eine Suppe zu bitten. Ein Kapuzinerpater beobachtete aufmerksam den jungen Mann und stagte ihn nach Beendigung der Mahlzeit: »Mein Sohn, brauch st du einen Rosenkranz?' Der junge Mann ahnte natürlich nichts Schlechtes und bejahte diese Frage. Daraufhin wurde er vom Kapuzinerpater aufgefordert, ihm auf seine Zelle zu folgen, was der junge Mann, augenscheinlich in der Hoffnung, ein Geschenk zu erhalten, auch tat. In der Zelle schloß der Pater behutsam die Türe und stürzte sich allsogleich auf den jungen Menschen und frönte seiner perversen Leidenschaft. Der Kapuziner gab dann dem Handwerksburschen einige Medaillon? als .Lohn' und ließ ihn mit der Aufforderung, um Gottes willen von dem Vorfall ja niemandem etwa? zu erzählen, aus der Zelle. Auf der Straße angekommen, erwachte in dem Geschändeten erst der Groll und Haß über die an ihm verübte Freveltat. Er fragte einen des Weges kommenden Herrn nach der Polizei, um die Straf- anzeige erstatten zu können. Der Eintritt der Polizisten ins Kloster geschah rasch und unvermutet, sonst wäre der Kapuzinerpater wahr« scheinlich unauffindbar gewesen. Durch das rasche Zugreifen konnte nach I'/gstündigem Suchen der geschändete Gärtnergehilfe endlich den Attentäter in der Person deS Kapuzinerpaters Antonius Wiedner agnoszieren. Pater Wiedner und der junge Gärtner wurden verhastet. DaS war am Montagnachmittag. Heute Dienstag nachmittags'/«I Uhr fand bereits die Verhandlung vor dem Landesgericht Innsbruck statt. Offenbar wurde die Verhandlung so rasch angesetzt, damit die Oeffentlichzeit von dem Borfall keine Kenntnis erlange. Pater Wiedner wurde wegen Verbrechens der Unzucht wider die Rawr zu sechs Wochen schweren KerkerS, verschärft mtt einem Fasttag verurteilt. Der gleichfalls angeklagte GärtnergehUfe aber freigesprochen. m Nach einer Depesche aus Saloniki kam e» unter den Mönchen des Klosters I v e r auf dem Berge AthoS zu blutigen Kämpfen, bei denen 11 Mönche getötet und 34 verwundet wurden. Der Metzelei konnte nur mit Hilfe der Gendarmerie ein Ende ge- macht werden. Das Kloftsr wurde vorläufig geschloffen. Auch Die Cholera. in diesem Jahre scheint der unheimliche Gast in Rußland zahlreiche Opfer zu fordern, wenn auch von der russischen Regierung vorläufig die Epidemie noch geleugnet wird. Die menschenunwürdigen sozialen Verhältnisse des Zarenreiches und die Unkultur der russischen Bauern- bevölkerung erleichtern das Umsichgreifen der Cholera außer- ordentlich. Auch die Grenzländer, vor allem Oe st erreich. sind durch russische Einivanderer von der Cholera bedroht. In Lemberg wurden neuerdings zwei Arbeiter unter choleraverdächtigen Erscheinungen nach dem Krankenhause gebracht. Um die Einschleppung der Seuche zu verhindern, sind an den österreichischen Grenz« stationen die strengsten Vorsichtsmaßregeln ge- troffen worden._ Schweres Unglück in einem Vergnügungspark. In dem Vergnügungspark von Coney Island er- eignete sich am Mittwoch, wie uns ein Telegramm aus New Aork meldet, ein schwerer Unfall. Zwei Wagen der Ver- gnügungs-Gebirgsbahn, die mit einigen zwanzig Personen be- setzt waren, waren gerade auf dem höchsten Punkt der Bahn angekommen, als plötzlich die beiden Wagen aus dem Gleis sprangen und in die Tiefe stürzten. Zwei Per- sonen waren sofort tot, 17 andere trugen mehr oder minder schwere Verletzungen davon. Man befürchtet, daß noch drei der Verletzten nicht mit dem Leben davon kommen werden._ Der schlaue Untersuchungsrichter. Im Allensteiner Mordprozeß hat der Vorfitzende die angeklagte Frau v. Schönebeck-Weber mit väterlichen Worten ermahnt, alles zu gestehen, den Richtern ihre Pflicht zu erleichtern und sie als Beichttger zu betrachten, denen man alles sagen müffe. DaS erinnert an die Praxis, die ein alter badischer Untersuchungsrichter Freiherr Landolin v. Blittersdorff in Karlsruhe befolgte. Der Richter wurde wegen seiner großen Klugheit von den Spitzbuben besonders gefürchtet, bei der Bevölkerung jedoch war er überaus populär. Einmal hatte er eS mit einer nur durch Indizien belasteten Wilderergesellschast zu tun, von der einer hartgesottener und gerissener war, als der andere, und deshalb gedachte der Landolin, wie er seines ungewöhnlichen Vornamens wegen kurz und vertraulich genannt wurde, sich beim entscheidenden Verhör zunächst einmal den abgebrühtesten der Spitz- buben nach der väterlichen Methode zu kaufen. Er sagte also zu ihm etwa:.Hannes, mach' Dir Dein Gewissen leicht und sag's g'rad wie's isch l' Da kam aber der Landolin schön an..Ja, mir ware's jo gar net,« beteuerte der Hannes ein über das andere Mal, und die übrigen machten eS gerade so, als sie alle miteinander im Zimmer des Untersuchungsrichters vorgeführt waren. Da klappte Landolin seine Akten zu und sagte mit seiner näselnden Sttmme: .Mit Euch isch nix z'mache I Macht, daß Ihr weiters kommt, un nemmen an Eure G'wehrel' Und richtig liefen die hoch er- freut aufatmenden Kerle auf einen seitwärts stehenden Tisch zu. um sich ihre im Wald versteckt aufgefundenen Büchsen herauszusuchen. Da aber reckte sich der Landolin zu seiner vollen Größe und rief mit Donnerstimme:.Haww ich Euch jetzt, Ihr Herrgott- sakramenter 1*_ Kleine Notizen. Von einem Arieitszuge überfahren wurde auf der im Bau be- findlichen Strecke der Bahn Stolpmünde-Schlawe ein sech- zehnjähriger Arbeiter, der sich in einer Arbeitspause schlafen gelegt hatte. Im Schlafe hat der Unglückliche die Beine auf die Schienen gestreckt, so daß der die Strecke passierende ArbeitSzug beide Beine zermalmte. Der Tod ttat nach kurzer Zett ein. Zum Tode verurteilt wurde am Mittwoch von dem Schwur- gericht in Oldenburg wegen Eltern- und Brudermordes der 20jährige Buchdruckerlehrling Denker, der am 22. Februar erst seinen älteren Bruder und dann feine Eltern erschlagen hatte, um seinem Vater Geld stehlen zu können. Ein Graf als Bettler verhaftet. In dem ungarischen Orte Mako wurde ein G r a f H u g o Mirbach, der der österreichischen Linie des bekannten Adelsgeschlechts angehört, wegen Bettelei verhaftet. Beim Spielen mit Feuer verbrannten in einem Orte in der Nähe von Brüssel zwei Kinder. Mit dem Feuer spielten sie in einer Scheune, die dadurch in Brand gesetzt wurde. Abgestürzter Aviatiker. In Aldershot in England stürzte der Avlatiker C o d y bei dem ersten Fluge mit einem von ihm selbst konstruierten Flugapparate ab. Cody wurde unter den Trümmern des Apparates bewußtlos und mit schweren Kopf- Verletzungen vorgezogen. Herrn l-Io«» itaelm«? und Frau, Malmöer Str. 15, die besten Glückwünsche zur Silbernen Hochzeit, auch recht baldig« Ge- nesung den beiden Töchtern. �»vlirut. Am 21. d. Mts. verschied nach schwerem Leiden unser Kollege und Mitarbeiter, der Monteur Karl Brabnke im 29. Lebensjahre. Sein gerader und aufrichtiger Charakter sichern ihm ein bleiben- deS Andenken. 2öS7b Die Kollegen der Adler- Werke, Zimmerstrahe 92/93. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes■ Anzeigen. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Dreher Eirnst Plutzin am 21. Juni an Nierenleiden gestorben ist. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 2«. Junt, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- halle des Tegeler Gemeinde- Friedhofes in Tegel aus statt. Ferner verstarb unser Mitglied, der Schlosser Karl öruknke am 21. Juni. 117/15 Die Beerdigung findet am Freitag, den 24. Juni, nachmittags i'/t Uhr, von der Leichenhalle des Philippus-Llpostel-Kirchhoses, Müllerstr. 44/45, aus statt. Ehre ihrem Andenken! Rege Beteiligung erwartet Die Ortsverwaltung. Danksagung. Für die herzliche Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes Gustav Krebs sage ich hiermit allen meinen herzlichsten Dank. S914L Witwe Elise Krebs nebst Kindern. Deiilseder Holzarbeiter-Verband Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler vtto am 20. Juni gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet beute Freitag, den 24. Juni, nachmittags i'l, Uhr, ans dem MarkuS-Ktrch- hofe in Wilhelmsberg statt. Um rege Betelligung wird ersucht. Am 22. Juni starb unfer Kollege. der Rahmcmnacher Hermann Rotermand. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 25. Juni, nachmittags 3'/, Uhr, von der Halle des BartholomäuS-Kirchhoses in Weißensee, Fallenberger Chaussee auS statt. 86/00 Die OrtSverwaltung. Todes• Anzeige. Am 21. Juni verstarb unser Kollege 2665 KsnZ Mantey. Ehre seinem Andenke»! Die Kollegen der Pianoforte- Fabrik Görs u. Kallmann. Die Beerdigung findet aml Sonnabend, nachmittags 4 Uhr,« von der Halle deS Heilig-Kreuz- 1 Kirchhofes, Mariendorf, aus statt. Slm 20. Juni verschied sanft Inach kurzem, schwerem Leiden j mein lieber Mann, nnser herzenS- guter Sohn, Bruder mtd Schwager, der Schlldermaler Ernst Schulz im 24. Lebensjahre. Dies zeigen tiesbetrübt an Die trauernden Hinterbliebenen. August Schulz, Zimmerer. Die Beerdigung findet am Freitag, den 24. Juni, nachm. 5 Uhr, von der Halle des Kirch- hoseS in Schöneberg, Maxstratze, aus statt. 2653b Am 21. Junt, verschied nach schwerem Leiden meine liebe Frau. unsere gute Tochter 2663h Elise Vereb stock. Um stilles BeUeid bitten»es- betrübt Wilhelm Verch. Familie Stock. Beerdigung Sonnabend, nachmittags 3*/, Uhr, von der Leichenhalle des ThomaS-Friedhose». Allg. Krallbea- ll-Sterbekassl der Metallarbeiter. E. H. 29, Hamburg. Filiale Berlin 8. Sonnabend, de» 25. Juni, abends 8 Uhr, im GewerlschaftS- hause, Engewfer 15, Saal 1: Mjtglltder-Versammluvg TageS. Ordnung: 1. Jahresbericht. 2. Neuwahl der OrtSverwaltung. 3. Verschiedenes. Zahlreichen Besuch erwartet 2651b Die OrtSverwaltung. Betkäge werden an diesem Abend nur tn der Versammlung angenommen. Tferiiler-Vefsm E.H. 80. Sonnabend, den 25, Juni, abends S'/j Uhr, Melchiorstr. 15 t yarsammlung. 1. Unterstützungsgesuch. 2. VereinS- angelegenheiten.— Die Generalversammlung findet am 9. Juli statt. 138/15 Der Borstand. Ol». Limmsl Spezial-Arzt* für Haut- und Harnleiden. Prlnzenstr. 41, Äp™*, 10—2, 5—7. Sonntags 10— 12, 2— 4 Zepernick-Bernau. { Parzelle von ZZllK. an(ca 90nR.) » Kleine Anzahlung u. langjährige »Hypotheken. Pläne gratis. Ver- »käufer ständig am Bhf. Zepernick. ij. Riegor. Gontardstr. 5.- »ee»— Bellevue Woltersdorjer Schleuse, empfiehlt sich zu Dampferpartien. 2465b- Großer Parkettsaal. Garten direkt am See. tieslsursnl«WaMulyll' SekmkkvUz. Angenehmer Ausenthalt. Am„Laugen See" und unmittelbar am Walde gelegen.— Secterassen; herrliche Fernsicht.— Scebadcanjtalt sür Herren und Damen.— Tanzsaal.— Verleihung von Ruder- u. Segel- booten.— Gute Berbindung: Eisenbahnstation Eichwalde, sowie stündlicher Motorbootverkehr(20 Ps.) mit Grünau(„Jägcrheim"). Ausflüglern, Vereinen, Gesellschaften und Fabriken hält sich bestens empsohlen Ww. Marie Lorenz Nächst. Cpnct MflQpIr -(Telephon: Zeuthen 31.) ElllM UUfttK. „Kastanien wäldcii en :::: Schönbolz":::: Endhaltestelle der Straßenbahnlinien 36, 37, 38 u. 8 sowie 2 Minuten vom Bahnhof Sohönholz. 5785L* Jeden Sonntag �tltlStleVkOttSett beitl6iem von 8 Uhr ab: Stiegels aal: GfOßer Ball Empfehle den geehrten Vereinen Eintritt. bei stark besetztem ::: Orchester, m und GoseUschafton meine Lokalitäten, Saal m. Theaterbühne zur gefl. Benutzung. Zeiitriilmballd du Pafdiinilkn m» Scher flimc Kttllfszciilijsc» Dtutschlünds Tersraltangsatello Berlin nnd Umgegend. Sonnabend, de» 25. Juni, abends 8>/z Uhr, in den„Arminh allen", Kommandantenftr. 58/53: Allßcrordclitlicht Gtiittlil-Ncrsmiilliillg. TageS-Ordnnng: Weitere Berichterstattung vom BerbandStage in Hamburg. » Mitgliedsbuch legitimiert. Die Mitglieder werden gebeten, zahlreich nnd pünktlich zu erscheine». 145/12 Ble Verwaltung. Zahlstelle Grost-Berlin. Bureau: Linicnstr. 215. Geöffnet v. 9—1 u. 4—8 Uhr. Tel. Amt III 938. Achtimg! Achtung S Verbandstagswahl. Am Sonntag, den SS. Juni, finden die Stichwahle» zum Verbandstage statt l Auch unsere Zahlstelle hat mit einer Stichwahl zu rechnen. Wir ersuchen hiermit, sich recht rege daran zu beteiligen, und wird wieder in den Lokalen, die schon bei der Hauplwahl tn Frage kamen, gewählt. Die Wahlzelt beginnt vormittags«m 10 Uhr und endet«ach- mittags nm 3 Uhr. Das Mitgliedsbuch ist mitzubringen(dient als Legitimation) und wird die Teilnahme an der Stichwahl wieder durch Stempelvermerl quittiert. 63/15 Ble OrtSverwaltung. S Verkanf nnr Im Fabrlkgcb&nde! Wenn■ Sie � Engrospreisen s in der Möbelfabrik � rKam nur im r aoriu�cnanaex i MSie sparen Qeld! übel H. Walter a Willi Maaß, • Vi t kein laden§ Tel.: A.III, 5157'S. I kaufen. Verkauf nnr im Fabrikgebäude— nur■ eigenen Fabrikat.— Auf Wunsch Teilzahlung. 35 hb Permanente Musterzimmer-Ansstellnng. 35 ist der schönste Ausflugsort? � Immer noch Pichelswerder, �-«7 beim Alten Freund. verantwortlicher Redakteur Richard Barth, Berlin, gär d« Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin, Druck n. Verlag: Vorwärth Buchdruckerei u. VerlagSanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW, iM� 27.1#� 2. Keilllge des Jormfirts" Kerliller NslksdlM. 24 w!>M. Jlugblattoerbreitung für Qroß-Serlin ftnbei heute Freitag, den 24* Juni, abends 8 Uhr, von den bekannten Stellen aus statt. Partei-?ZngelegenKeiten. Die ueue Lokalliste erscheint Anfang Juli. Die mit der Regelung der Lokalfrage an den einzelnen Orten und in den Kreisen BeAwmten Genossen werden ersucht. alle Aenderungen bezw. Neuaufnahmen bis spätestens Sonntag, den 26. Juni, an die Kommissionsmitglieder der Kreise gelangen zu lassen. Die Adressen dieser Mitglieder haben wir in unserer Diens- togsnummer veröffentlicht._ Zweiter Kreis.(6. Abteilung.) Mitgliederversammlung am Dienstag, den 28. Juni, abends 8>/z Uhr. bei Habel, Bergmann- straste: Vortrag der Genossin Ottilie Baader über«Verfassuiigs- fragen". Mitgliedsbuch legitimiert. Zahlreichen Besuch erwartet Der Abteilungsführer. Dritter Kreis. Für Gruppe 6, Bezirke 253 und 278 findet die Flugblattverbreitung von Fr. Arnold, Spittelmarlt 1, aus statt. Der Vorstand. Charlottenburg. Heute abend Flugblattverbreitung von den bekannten Stellen ans. Der Vorstand. Friedenau. Heute abend 8 Uhr Flugblattverbreitung von den bekannten Bezirksstellen aus. Halensee. Die Parteigenossen wollen beachten, daß die Flug- blattverbreitung heute abend pünktlich 8 Uhr nur vom Lokal des Genossen Sengebusch, Karlsruher Straste, Ecke Heilbrouner Straste, aus erfolgt. Zchlendorf(Wannseebahn). Für unseren Ort findet die Flug» blattverbreitung erst am Sonntag, den 26. d. Mts., früh T'/j Uhr, von sämtlichen Bezirken aus statt. Der Vorstand. Friedrichsfelde. Die Flugblattverbreitung findet erst am Sonntag, den 23. d. Mts., vormittags 8 Uhr. von den bekannten Stellen aus statt. Heincrsdorf(Stettiner Bahn, Bezirk Weifiensec). Am Sonntag, den 26. Juni, nachmittags 3 Uhr, findet im Lokal A. Stuck, Kaiser- Wilhelm-Straste 67, eine Volksversammlung statt. Reichstags- abgeordneter Genosse Eichham spricht über:„Klerus- und Junker- regierung im Reichstag und das deutsche Volk". Die Genossen WeifienseeS beteiligen sich an dieser Versammlung. Nach derselben findet für die Familien im herrlichen Naturgarten ein gemütliches Kaffeekochen statt. Die Bezirksleitung. Bernau. Morgen Sonnabend S3/t Uhr Generalversammlung des Bezirks bei Franz Salzmann. Tagesordnung: 1. Bericht der Bezirksleitung. 2. Neuwahl der gesamten Funktionäre. 3. Vcr- schiedencs, darunter verschiedene Anträge. Reinickendorf-Ost. Heute abend findet von den bekannten Stellen aus eine Flugblattverbreitung statt. Die Bezirksleitung. LerUner l�acbrickteti. Ans der Stadtverordnetenversammlung. Gegen den Antrag des Magistrats, wieder einmal aus dem Stadtsäckel Geld für die Kirche herzugeben, stimmte gestern die sozialdemokratische Fraktion. Es handelte sich um einen Beitrag von 20000 M., der der Andreaskirche als Patronatsgeschenk zum Bau eines Pfarrhauses gezahlt werden soll. Genosse Leid gab hierzu die kurze Erklärung ab, daß man es den Kirchengemcinden überlassen müsse, aus eigenen Mitteln ihre Ausgaben zu decken, nicht aber das Portemonnaie auch der Anders- oder Ungläubigen in Anspruch zu nehmen. Der Magistrat schwieg, auch von den anderen Fraktionen der Versammlung hielt niemand es für nötig, sich zu äußern, und die Vorlage wurde dann mit großer Mehrheit genehmigt. Eine längere Debatte knüpfte sich an das Projekt, mehrere südöstliche Vororte von Berlin anS mit Gas zu ver- sorgen. Stadtv. Kämpf bemängelte, daß diese Vorlage so spät an die Versammlung gelangt sei und nun fast unbesehen angenommen werden solle, obwohl sie recht mangelhaft be- gründet sei. Stadtrat N a m s l a u versicherte zwar, es sei „Tag und Nacht" daran gearbeitet worden, aber die Oppo- sition der sonst magistratstreuen Fraktionen wurde dadurch nicht beschwichtigt. Heftig rückten Herrn Namslau, dem für die Gaswerke Verantwortlichen, besonders Stadtv. Mommsen und Stadtv. Cassel auf den Leib. Die Mehrheit hat sonst schon ganz andere Vorlagen bei noch viel mangelhafterer Be- gründung genehmigt, diesmal aber beschloß sie noch Ausschuß- beratung._ Die Juristische Sprechstunde findet von heute ab bis zum Donnerstag, den 14. Juli, einschließlich in den Abendstunden von 7'/, bis O'/j, des Sonnabends von 6 bis?>/, Uhr statt. Automobilnnfölle und Polizeipräsident. Anläßlich mehrerer Automobilunfälle hat sich ein hiesiger Ein- wohner an den Polizeipräsidenten gewendet mit dem Ersuchen, die Geschwindigkeit der Automobile doch zu vermindern, denn weder in London noch in Paris sehe man die Automobile derartig schnell dahinrasen wie in Berlin. Er erhielt darauf von Herrn v. Jagow folgendes Schreiben: „Ich bestätige ergebenst den Empfang der gefälligen Zuschrift. Aber polizeilich ist das HineinWfcn von Kindern in Automobile kaum zu verhindern; in dieser Hinsicht müssen hauptsächlich Eltern und Erzieher wirken. Gegen Zuschncllfahren der Automobile wird polizeilich in größtem Umfange eingeschritten; die in eini° gen Zeitungen vertretene Auffassung, hierbei würden unzulässige Rücksichten geübt, ist selbswerstöndlich Wahn; aber natürlich können nicht alle Ausschreitungen gehindert werden, da man nicht neben jeden Chauffeur einen Schutzmann setzen kann. Für die Haupt- fache jedoch halte ich: richtiges Benehmen der Fußgänger auf der Fahrstraße. Die weitaus meisten Unfälle entstehen nämlich aus der übergroßen Unachtsamkeit den Automobilen gegenüber, welche ungezählte großstädtische Fußgänger mit einem Mut«, der einer besseren Sache wert wäre, sich beim Kreuzen des Fahr- dammes zuschulden kommen lassen. Wie� dem Eisenbahner, so wird eben auch dem großstädtischen Fußgänger das Abstumpfen gegen die ihn umgebenden Gefahren zum Verhängnis. In dieser Hinsicht müßte die Presse einsetzen." Die Antwort des Polizeipräsidenten enthalt Wahre? und Falsches. Richtig ist, daß Fußgänger beim Ueberschreiten von Straßen nicht genug Aufmerksamkeit beobachten. In einer Groß- stadt wie Berlin mit seinem Riesenverkehr muß auch der Fußgänger beim Ueberschreiten des Fahrdammes sich genau orientieren. Daß I Eltern ihre Kinder auf die Gefahren der Straße aufmerksam I machen, ist selbstverständlich; die Schule ist ja auch in dieser Rich- k tung tätig. Soweit es sich um das Zuschnellfahren der Automobile handelt, so hat das seine zwei Seiten. Einmal ist in Berlin eine gewisse Geschwindigkeit vorgeschrieben, die durchaus keine allzu hohe genannt werden kann. Eine Gefahr für den Verkehr bilden die Wildlinge, die ohne Sinn und Verstand darauflos sausen und das Publikum aufbringen auch gegen die ihren Beruf gewissenhaft aus- übenden Chauffeure. Durch diese kleine Gruppe unsinniger Fahrer, vor allem Lenker von Privatautos, wird den reellen Fahrern die Ausübung ihres Berufes ungemein erschwert. Vergessen werden darf allerdings nicht, daß zum Autofahren eine gewisse Geschick- lichkeit und Fertigkeit gehört, die mangels geeigneter Fährschulen vielen Chauffeuren fehlt. Und daß selbst geübten Chauffeuren beim Fahren Unglück zustoßen kann, dürfte der Polizeipräsident selbst bestätigen können, ba sein eigener Chauffeur mit dem Auto des Präsidenten einen Mann überfahren Hot, der dadurch sein Leben verlor. Daß gegen Schnellfahrer in größtem Umfange polizeilich vorgegangen wird, ist allerdings richtig; wir meinen sogar, daß auf diesem Gebiete in vielen Fällen in einer Weise verfahren wird, die oft den größten Protest hervorrufen muß. Keine Fahrpreisermäßigung für Schulkinder auf Schulausflügen! im Stadt-, Ring- und Vorortverkehr. Der Vorstand des Berliner Lehrervereins hatte an den Mi- nister der öffentlichen Arbeiten eine Petition gerichtet mit der Bitte, dahin zu wirken, daß im Personentarif bestimmt werde: bei Schulausflügen haben sämtliche Kinder der Volksschulen im Stadt-, Ring- und Vorortverkehr den Kinderfahrpreis zu zahlen. Neben pädagogischen und sozialen Gründen waren noch andere Tatsachen angeführt worden. Unter anderen sprach besonders folgende für die Ermäßigung:„Die Kinder müssen— schon aus erziehlichen Gründen— von uns Lehrern dazu angehalten werden, beim Lösen der Fahrkarte und auch während der Fahrt sehr oft hinter den Erwachsenen zurückzustehen: sie haben, auch wenn sie t6 bis 14 Jahre alt sind, nur Kinderrechtc, denen billigerweise auch Kinder- pflichten entsprechen sollten." Auf die Petition ist nun ein ab- lehnender Bescheid erfolgt. Begründet wird er damit, daß die Fahrpreise des Berliner Vorortverkehrs schon außerordentlich mäßige sind, und daß sonst weitgehende Beufungen über eine solche Bevorzugung des Vorortverkehrs unvermeidlich wären. Schließ- lich wird in dem Antwortschreiben darauf hingewiesen, daß nach Z 6 der Eisenbahn-Verkehrsordnung jede Preisermäßigung oder Begünstigung verboten und nichtig ist. Vielleicht ist es möglich, auf dem Wege der Gesetzgebung hier Abhilfe zu schaffen. Eine gleiche Petition ist ja auch an das Ab- geordneten- und Herrenhaus gegangen. llebrigens hat die Verwaltung der Hochbahn neuerdings eine Ermäßigung der Fahrpreise bei Beförderung von mehr als 36 Personen zur Einführung gebracht. Es ist in diesem Falle nur der halbe Fahrpreis zu zahlen, soweit er 16 Pf. übersteigt, bezw. befördert die Gesellschaft für 16 Pf. bis zur doppelten Zahl von Stationen. �_ An der Cholera gestorben. Nach an amtlicher Stelle eingezogenen Erkundigungen ist der unter Choleraverdacht erkrankte Mann in Ruhleben gestern morgen gestorben. Nach mikroskopischer Untersuchung ist Cholera festgestellt, das Resultat der bakteriologischen Untersuchung ist noch nicht be- kannt. Alle gesetzlich vorgeschriebenen Schutzmaßregeln sind ge- troffen, Ansteckungsgefahr besteht nicht. Zu dem Unglücksfall in der Kunst- und Bautischlerei von Lüdtke, über den wir in der Sonntagsnummer berichteten, ersucht uns Herr Lüdtke um Aufnahme folgender Erklärung: „Es ist unwahr, daß mein Werkführer als„Aufpasser" fungiert und dadurch, daß er die im Lohn beschäftigten Tischler durch län- geres Beobachten bis zur Nervosität angetrieben, den Unglücksfall verschuldet hat. Tatsächlich war mein Werkführer zu der in Rede stehenden Zeit mit anderen Arbeiten so beschäftigt, daß er für das Beobachten und Antreiben der Arbeiter gär keine Zeit hatte. Tatsächlich ist mein Wcrlführer, als der Unglücksfall passierte, ganz zufällig in die Werkstatt gekommen, um dem Arbeiter R. Bettac mitzuteilen, daß das ihm noch fehlende Holz mit dem Fahrstuhl vom Keller zum Maschinenraum unterwegs sei und um den Genannten aufzufordern, sich in den Maschinenraum zu be- geben und die richtige Bearbeitung des Holzes zu leiten. Tatsächlich hatte sich mein Wcrkführer noch keine Minute in der betreffenden Werkstatt aufgehalten als das Unglück geschah, und seine Anwesenheit ist von demjenigen Arbeiter, in dessen Stech- eisen der Verunglückte lief, gar nicht wahrgenommen worden. Diese Darstellung ist mir von den Beteiligten selbst gegeben und von sämtlichen in dem betreffenden Arbeitsraum beschäftigten Gesellen bestätigt worden. Hochachtungsvoll P. F. Lüdtke." Hierzu möchten wir bemerken, daß von einem Verschulden des Unglücks durch den Werkführer in unserer Notiz keine Rede war. Es war nur das System gekennzeichnet, das darin liegt, die Ar- beiter in Gegenwart des Vorgesetzten zu größerer Hast anzutreiben. Die Arbeiter sollten aber aus diesem Vorfall die Lehre ziehen und auch bei Anwesenheit eines„Aufpassers" ihre Pflicht ruhig und besonnen tun. Selbstmord eines Studenten. Vergiftet aufgefunden wurde gestern in seiner Wohnung, Philippstr. 22, der 24jährige Student der Chemie Max Steiner. St. ein geborener Böhme, hatte soeben seine Studien am Chemischen Institut der Universität beendet und seine Doktorarbeit abgeliefert. Als gestern morgen der Universi- tätsdiener in der Wohnung des Studenten erschien, um ihm eine wichtige Mitteilung zu überbringen, wurde ihm nicht geöffnet. Da aus dem Zimmer aber ein dumpfes Stöhnen vernehmbar war, ließ die Wirtin die Tür öffnen und nun fand man Steiner besinnungs- los auf dem Fußboden liegend vor. Er hatte sich vergiftet. Die von einem sofort hinzugerufcnen Arzt angestellten Wiederbelcbungs- versuche hatten keinen Erfolg, wenige Minuten später verschied der Lebensmüde. In einem an seine Eltern gerichteten Briefe teilte der Student mit, daß er sich aus Furcht vor dem bevorstehenden mündlichen Examen das Leben genommen habe. Grosies Aufsehen verursachte die Verzweiflungstat zweier Lebensmüden an der Spree. In der Mühlenstraße stürzte sich der arbeits- und wohnungslose Kellner Hermann Heincmann in selbst- mörderischer Absicht in die Spree. Die Bemannung eines in der Nähe vor Anker liegenden Dampfers schaffte H., der bereits unter- gegangen war, an Bord. Der Lebensmüde wurde dann in das städtische Krankenhaus eingeliefert.— Wegen Liebeskummer versuchte sich die neunzehnjährige Luise Greßler, Scharnhorststr. 3, das Leben zu nehmen. Das Mädchen sprang am Schiffbauerdamm in die Fluten der Spree. Es wurde ebenfalls gerettet und ins Krankenhaus gebracht. Ein verhängnisvoller Unglücksfall hat sich auf einem Lastkahn auf der Oberspree zugetragen. Der Schiffer Keibel, der mit den Knechten Kalksteine verfrachtete, warf vom Kahn aus eine große Bohle, die beim Arbeiten hinderlich war, nach dem Ufer hinüber. Er hatte nicht beobachtet, daß am Ufer sein, vierjähriges Söhnchen spielte. Der Kleine wurde so unglücklich von der Bohle getroffen, daß er zusammenbrach und blutüberströmt liegen blieb. Auf dem Transport nach dem Krankenhaus erlag der Knabe den schweren inneren Verletzungen, die er bei dem bedauerlichen Unfall davon- getragen hatte. Großfeuer' im„Jakobshof". Nachdem«S erst jüngst im Spindlershof gebrannt hatte, brach gestern nachmittag 1Z4 Uhr in dem im gleichen Industrieviertel liegenden Jakobshof Feuer aus. Dieser Jndustriekomplcx befindet sich in der Alten Jakobstraße 23/24 an der Oranienstraße und umfaßt mehrere Höfe. Im zweiten Quer- gebäude ist im vierten Stock das Lager der Fell-, Pelz-, Teppich« und Fußsackfabrik von Heinrich Gast untergebracht. Hier lag der Brandherd. Das Feuer hatte sich unbemerkt weit ausgedehnt, so daß, als es entdeckt war, schon die Flammen aus dem Dachgeschoß herausschlugen. Gewaltige Rauchschwaden lagerten über dem ganzen Viertel. Als die Feuerwehr mit dem Löschzuge der Haupt- wache aus der Lindenstraße anrückte, Ivaren die hinteren Höfe des Fabrikgrundstücks schon vollständig verqualmt. Da dem Brand- meister gemeldet wurde, daß in dem brennenden Dachgeschoß große Massen Waren im Werte von über eine halbe Million Mark lagerten, gab er die Meldung Mittelfeuer, worauf fünf weitere Löschzüge eintrafen. Sowohl in der Alten Jakobstraße wie auch in der Oranienstraße traten Dampfspritzen in Tätigkeit, und bald waren sechs Schlauchleitungen in Aktion. Die Löscharbeiten wurden aber anfangs durch die starke Rauchentwickelung sehr erschivert. Von zwei Höfen aus drangen die Sappeure über mechanische Leitern hinweg gegen den Brandherd vor. Nach einstündiger Arbeit gelang es, das Feuer zu löschen. Der Schaden ist durch Versicherung gedeckt. Seifenzentrale nannte ein Schwindler sein Unternehmen, der eine Zeitlang in der Wilhelmstr. 13S gehaust hat. Es gelang ihm auch, eine ganze Anzahl Leute einzuseifen. Ein 3g Jahre alter, aus Berlin gökmrtiger Kaufmann Karl Bartsch machte als Direktor der Scifenzentrale G. m. b. H. bekannt, daß er gesonnen sei, Zweig- geschäfte einzurichten und dafür kautionsfähige Damen suche. Es meldeten sich auch Bewerberinnen genug, die die verlangte Bürg- schaft von 506 M. zu leisten bereit waren. Der Herr Direktor nahm aber vorläufig nur 266 M. an. Der Rest sollte erst bei der Eröff- nung der neuen oder bei der Uebernahme der schon bestehenden Filiale bezahlt tverden. Die Bewerberinnen hörten aber seitdem nichts mehr von der Zentrale und fanden endlich, daß der Herr Direktor mitsamt einer Schreibmaschine für 556 M., die er der Smith Premier-Gesellschaft abgeschwindelt hatte, aus feinem Bureau verschwunden ist. Bei dem Ganfest des ArbeitcrradfahrcrbundeS„Solidarität" am Sonntag, den 16. Juni, in der Seeterrasse Lichtenberg sind fol» gende Gegenstände gefunden worden. Ein Rucksack mit Inhalt, eine Herrenmütze und ein Haarkamm. Die Sachen können beim Kassierer Genossen Georg Seltenhorn, Mariannenplatz 5, in Empfang genommen werden. Als vermißt sind gemeldet eine Halskette und ein Armband. Die Finder werden ersucht, diese, sowie weiter gefundene Gegenstände an obengenannte Adresse abzuliefern. Am Sonntag, den 12. Juni, ist im Restaurant Feldschlößchen, Landsberger Allee, oder aus dem Wege durch die Landsberger Allee, Thorner Straße bis Elbinger Straße ein goldenes Halsband verloren gegangen. Da eS sich um ein Andenken handelt, bittet die Verliererin den Finder desselben, Mitteilungen an Weiß, Elbinger Steatze 87 IV, gelangen zu lassen. Arbeiter-Samariter-Bund. Kolonne Berlin. Die Prüfung muß wegen Behinderung des Arztes heute ausfallen.— Die Monatssitzung der aktiven Mannschaft findet am Freitag, den 1. Juli, statt. Diejenigen, welche Material brauchen, müssen um ö Uhr erscheinen._ Vorort- JVaebriebtem Charlottenburg. Die Stadtverordnetenversammlung erledigte am Mltwoch zunächst eine Reihe kleinerer Vorlagen, darunter die Vorlage betreffend den Bau einer Gemeindedoppelschule in der Wiebe st ratze zwischen der Kaiserin-Augusta-Allee und dem Verbindungskanal.� Der bereits im Vorentwurf von der Versammlung genehmigte Bau soll nunmehr in Angriff genommen werden. Es ist auch die höchste Zeit, denn die Schulzustände in dem hauptsächlich von Arbeitern be- wohnten nordwestlichen Teil von Charlottcnburg sind in der Tat unhaltbar geworden. Weiter erklärte sich die Versammlung zur Annahme eines Legats des verstorbenen Rentiers Anderfch bereit. Es handelt sich um die Summe von 43 666 M, deren Zinsen zur Gewährung von warmem Frühstück an bedürftige und würdige Schulkinder ohne Unterschied der Konfession dienen sollen. Bekanntlich ist Berlin zu demselben Zwei? von Herrn Anderfch die doppelte Summe vermacht worden. Um 7 Uhr erfolgten die Wahlen des ersten Bürgermeisters und des Stadtschulrats auf die Amtsdaner von 12 Jahren. Zum ersten Bürgermeister wurde Oberbürger» meister SchustehruS mit 42 von 51 abgegebenen Stimmen wiedergewählt. 8 Zettel waren unbeschrieben, einer lautete auf den Bürgermeister Matting. Zum Stadt- schulrat wurde der bisherige Stadtschulrat Dr. Neufert wiedergewählt. Auf ihn entfielen 43 Zettel, während 6 unbeschrieben waren. Die Gehälter für die beiden gc- nannten Beamten sind bereits vorher auf 27 666 bezw. 13 566 M. erhöht worden. Eine längere Debatte entspann sich über einen AntragBrode (lib.) u. Gen., der eine Aenderung der kürzlich beschlossene» Wert» zuwachsordnung nach der Richtung hin verlangt, daß Auf- Wendungen, welche für Verbesserungen durch Neu- und Umbauten erfolgt sind, dem Anschaffungswcrte bei Ermittelung des Wert- zuwachses hinzugerechnet und nicht vom Veräußerungswerte abgezogen werden dürfen. Nachdem der Antragsteller seinen Antrag begründet und Stadtverordneter I o I e n b e r g in gleichem Sinne gesprochen hatte, trat Genosse Dr. Borchardt gegen diese beabsichtigte Verschlechterung der Wertzuwachs- fteuer in längerer Rede ein, in der er den Nachweis führte, daß der Antrag Brode darauf hinauslaufe, die Wertzuwachssteucr völlig wirkungslos zu gestalten. Der Antrag selbst wurde mit großer Mehr- heit angenommen, eS ist aber kaum zu erwarten, daß der Magistrat ihm Folge gibt. Angenommen wurde weiter die MagistratSvorlage betreffend den Fluchtlinienplan für daS Gebiet zlvischen Neu« Kantstraße. KönigSweg, Witzlebenplatz nnd Lietzenburg sowie die Borlage betreffend Verlegung der Haupt stelle des Arbeitsnachweises von der Kirch- strabe S nach der Berliner Straße 81 und Genehmigung der für den Umbau dieses Mietshauses zu Bureauräumen erforderlichen Summen. Gleichfalls zur Annahme gelangte eine Magistratsvorlage, die sich darauf bezieht, daß an Stelle der ursprünglich in Aussicht ge- nommenen beiden besoldeten W a i s e n p f l e g e r i n n e n, die die Stadtverordnetenversammlung aus dem Etat gestrichen hat, für je zwei SüuglingSfürsorgestellen eine neue Stodtschwester angestellt lverden soll, denen die Beaufsichtigung der Haltekinder und der unter Generalvormundschaft stehenden Kinder im ersten Lebensjahre obliegt. Es handelt sich hier um ein Kompromiß zwischen den städtischen Körperschaften und den ehrenamtlich tütigen Waisenpflegerinnen, die, wie erinnerlich, gegen die geplante Anstellung besoldeter Waisen- Pflegerinnen aus unbegreiflichen Gründen eine lebhafte Opposition entfaltet hatten. Ob durch diese Maßnahine das beabsichtigte Ziel einer Linderung der verhältuismäßig hohen Sterblichkeit der un- ehelichen Säuglinge in Charlottenburg erreicht wird, bleibt ab- zuwarten. An die öffentliche Sitzung schloß sich eine geheime Sitzung, in der eine Reihe ungewöhnlich wichtiger Vorlagen— insbesondere Grundstücksankäufe— beraten wurden. Wegen Arbeitslosigkeit in den Tod gegangen ist vorgestern der 27 jährige in der Peftalozzistraße wohnhafte Mechaniker Fritz Kaiser. St. hatte durch Krankheit eine gute Stellung aufgeben müsien und war, da er anderweitige Beschäftigung nach seiner Genesung nicht fand, in große Not geraten. Borgestern hat er sich, in seiner Woh- nung erhangt. Wilmersdorf. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Nach Erledigung der- schiedener kleiner Borlagen hatte die Stadtverordneteuverlammlung sich mit der Frage der Straßenregulierung in der Nähe des Sees und des FenngeländeS zu befassen. Die ganze Gegend um den See soll bekanntlich später m einen Park verwandelt werden. Bei dieser Gelegenheit kam auch der Plan einer Verlängerung der U h l a n d st r a ß e zur Erörterung. Diese Hauptverkehrsstraße des Ortes entbehrt nach Süden hin der Fortsetzung und daher müssen die Wagen zum Nachteil der Fußgänger durch die verhältnismäßig schmale Berliner Straße ihren Weg nehmen. Nachdem Bürgermeister PeterS in Rücksicht auf die hohen Kosten des Grunderwerbs sich gegen die Verlängerung der Straße ausgesprochen hatte, wurde diese Angelegenheit an einen Ausschuß verwiesen, während die Stadt- verordneten-Versammlung sich mit andere» Straßenregulierungen einverstanden erklärte. Hierauf wurde die Oeffentlichkeit durch die Vereidigung zweier neueingeführter Stadträte, der früheren Stadtveroroneten D e r l i n und Hebebrand, daran erinnert, daß Wilmersdorf in einem christlich- monarchischen Staate liegt. Die Herren mußten vor Antritt ihres unbesoldeten Amtes schwören, daß sie„ihrem allergnädigsten König und Herrn treu und gehorsam sein wollten, so wahr ihnen Gott durch Jesum Christum zur ewigen Seligkeit verhelfe". Dieser erhebenden Zeremonie folgte ein sehr nüchterner Streit über den Platz, an welchem daS neue Rathaus erbaut werden soll. Im Jahre 1V02 hatte die Stadt hierfür von der Westlichen Berliner Bodengesellschaft ein Terrain an der Südseite des Fehrbelliner Platzes erworben. Nachträglich erschien daS Grundstück dem Magistrat jedoch zu klein und nun- mehr wurde empfohlen, daS Rathaus an der Nord- feite des genannten Platzes zu errichten. Wegen des Umtausches der Plätze verhandelt jetzt der Magistrat mit der Terraingesellschaft. Ein weienllicher Nachteil wird nach der Darstellung deS Bürger- meisterS PeterS der Stadt durch dies Geschäft nicht erwachsen. Ganz anderer Ansicht war der Stadtverordnete P u m p l u n. Dieser Herr behaupten, daß der Platz, der unter Anrechnung von 750(XXI M. an die Gesellschaft zurückgegeben werden soll, l'/e Millionen Mark wert sei; wenn dre Stadtverordnetenversammlung einen solchen Tausch gutheiße, so wären ihre Mitglieder sehr schlechte Geschäftsleute. In ihrer großen Mehrheit entschied die Per- sammlung sich trotz dieser Kennzeichnung für den Bau des Rat- Hauses an der vom Magistrat gewünschten Stelle; nur die Stadt- verordneten Pumplun. Schwarz und Moll stimmten gegen die Magistratsvorlage. Nach Erledigung eiuer Anfrage des Stadtverordneten Krause. die die Obstruktion der Westlichen Berliner Bodengesellschaft gegen den Bau der Untergrundbahn zum Gegenstand hatte, setzte eine sehr ausgedehnte Kuustdebatte ein. Ein aus fünf Magistratsmitgliedern und zehn Stadtverordneten zusammengesetzter Ausschuß hatte monatelang über den Plan einer Privatgesellschaft verhandelt, die am Ort ein.Goethetheater" etwa nach dem Muster deS Charlottenburger Schillertheaters erbauen wollte. Die Stadt sollte den Plan„ideell" unterstützen; ein ma- terielles Risiko wurde vorab wenigsten» nicht von ihr verlangt. Die Deputation hatte sich schließlich für einen Vertrag mit der Theater-Vaugesellschaft erklärt, als e» plötzlich hieß, daß der Magistrat dem Plan nicht zustimmen werde, da der finaiizielle Bestand des Unternehmens ihm nicht genügend gesichert erscheine. Diese Anschauung war der Stadtverordnetenversammlung nicht offiziell unterbreitet worden; vielmehr erfuhr man erst aus einer Zeitungsmeldung davon, daß der Magistrat mit einem Male Bedenken hervorkehre, die er in den Ausschuß- beratungen nicht oder doch nicht in auffälliger Form hervor- gehoben hatte. Ein Antrag de» Stadtv. Heinitz verlangte nun die Einsetzung eines Ausschusses zur Prüfung der Theaterangelegenheit. In der Begründung des Antrages fehlte es nicht an bos- haften Spitzen gegen den Magistrat. Der Redner sprach von Einwohnern, die mit Inbrunst dem Theaterplan nachhängen und die nicht zu dem schlechtesten Teil der Bürgerschaft zählten. Von diesen seien zu unterscheiden solche Leute, die sich nur m Wilmersdorf auf- hielten, um zu spähen, ob ihnen nicht eine andere Stadtgemeinde «in besser bezahlte» Amt anbiete. Am Magistratstisch schwieg man vorläufig. Es sprachen mehrere Stadtverordnete; und von ihnen warf der Demokrat Moll ein, daß die Stadt vorab nach notwendigere Aufgaben zu verrichten habe als den Theaterbau. Er erinnere daran, daß Wilmersdorf immer noch kein Krankenhaus besitze und daß die zu diesem Zweck eingesetzte Kommission ebenso langsam arbeite wie die Theater-Kom Mission nach der Versicherung deS Herrn Dr. Heinitz fleißig geschafft habe. Endlich erhob sich der Bürgermeister Peters. Er setzte lebhaft die Arme in Bewegung, schlug mehrere Male kräftig mit der Faust auf de» Tisch, doch stand der sachliche Inhalt seiner Aeußerungen zu dem körperlichen Kräfteaufwand in keinem rechten Verhältnis. Der Bürgermeister ließ keinen Zweifel darüber, baß er dem Theaterplan nicht grün war, doch meinte er. daß dem Magistrat kein Vorwurf zu machen sei, wenn er noch nicht offiziell seine Stellung fest- gelegt habe. Noch lange wogte der Kampf, bis endlich ein Schluß- antrag Erlösung brachte. Ein Ausschuß von dreizehn Mitgliedern soll dem Magistrat zum Trotz den Theaterplan weiter zn fördern suchen. Ober-Schöneweide. Au» der Gemeindevertretung. In der letzten'Sitzung wurde vom Gemeindevorsteher niitgeteilt, daß nunmehr nach langen Verhandlungen die Eröffnung deSs Nachtfernsprechbetrieve» zu erwarten ist. Die für das Rechnungsjahr 1S10 nötige Lieferung von 10 700 Hektoliter Koks für die Heizung der öffentlichen Gebäude wird der Gasanstalt Obersprce übertragen.— Die Herstellung der Wasser- leitungShauSanschlüsse für da» laufende Jahr wurde der Firma Grove-Berlin zugesprochen.— Zu einer ausgedehnten sozialpolitischen Debatte führte der Antrag unserer Genossen, der dahin geht, daß bei allen durch die Gemeinde zu vergebenden Arbeiten in den Verträgen init den ausführenden Unternehmern die Be- stimmung aufgenommen werde, daß überall, wo gewerbliche Tarife in Frage kommen, dieselben vom �Unternehmer innegehalten werden müssen. Herr Engel bezeichnete diesen Antrag als kulturfeindlich, indem durch solche Festlegungen jeglicher Fortschritt verhindert würde.— Der Herr denkt jedenfalls an den Fortschritt der Herabdrückung der Lohn- und Arbeitsbedingungen. Herr Direktor Peierls wollte jedes Eingreifen in da» BestimmungS- recht der Industrie vermieden wissen und Herr Baumeister L e h- mann befürchtet von der Annahme des Antrages Unzuträglichkeiten und behauptete. eS gäbe keine Unternehmer, welche unter Tarif zahlen. Der Antrag wurde gegen die Stimmen unserer Genossen und des Ge- meindevorstehers abgelehnt. Der Ausbau des Realgymnasiums durch Errichtung der Obersekunda forderte den Widerspruch eines Teiles der bürgerlichen Vertreter und unserer Genossen heraus. Genosse G r u n o w brachte seine Verwunderung über da» Automobil- tempo zum Ausdruck, wenn es gilt, Angelegenheiten der höheren Schulen zn regeln. Erst vor kurzem sei der sozialdemokratische An- trag auf Einrichtung einer Hilfsschule bei den Gemeindeschulen mit der Begründung der schlechten Finanzen abgelehnt worden. Hier wolle man für eine Teilnehmerzahl von höchstens sechs Schülern der Allgemeinheit große Lasten auflegen; eS verschlage gar nichts. wenn diese Sckiüler andere Anstalten besuchten und der Aus- bau der Schule hinausgeschoben werde. Die Entgegnung des Genossen G r u n o w auf die etwa? sehr robuste Beweis- führung des Herrn Schweitzer führte zu einem kleinen Zu- faminenstoß. Die Vorlage wurde schließlich vertagt. Bei der Be- willigung von 300 M. Emschädigimg für die schulärztliche Tätigkeit am Realgymnasium, der höheren Mädchenschule und der katholischen Schule forderten unsere Genossen erneut die Er- stattung eines schriftlichen Berichts durch die drei Schulärzte. Vom Vorsteher wurde Erfüllung zugesagt durch Schaffung einer neuen Dienstordnung für die Schulärzte. Eröffnung deS Kaufmanns- und GeweriegerichtS. Vom Gemeindevorstand ist folgende Bekanntmachung erlassen:„Die für das nun endgültig zusammengesetzte Kaufmanns- und Gewerbegericht für Ober- und Nieder-Schöneweide eingerichtete Gerichtsschreiberei befindet sich im hiesigen Gemeindehause Zimmer Nr. 11.— Klagen und An- träge können dort vormittags von 9 bis 1 Uhr angebracht werden." Reinickendorf. Die gestern stattgefundene Gewerbegerichtsbeisitzerwahl hatte folgendes Resultat: Von der Liste der Arbeitgeber wurde im ersten Bezirk Genosse G e n t k o w mit 13 gegen 7 gegnerische Stim- wen gewählt. Im zweiten Bezirk entfielen auf die drei gegneri, schen Kandidaten 1b, auf die sozialdemokratischen Kandidaten 3 Stimmen. Im dritten Bezirk wurde Genosse Tost mit 11 gegen 4 gegnerische Stimmen gewählt. Diesen Bezirk vertrat bisher Dr. Kühne mann. Bei den Wahlen der Arbeitnehmer siegte die Liste des Gewerkschaftskartells. Hier wurden gewählt im ersten Bezirk der Dreher H e n s ch e l mit 344, im zweiten Bezirk der Einsetzer F e y mit 528 und im dritten Bezirk der Dreher L ad n e r mit 373 und der Ankerwickler Lorenz mit 377 Stimmen. Geg- nerische Stimmen wurden hier nicht abgegeben. Pankolv. Ein eigenartiger schwerer Straßrnbahnunfall, der dem Publikun, allgemein zur Warnung dienen sollte, ereignete sich in der Damerow- straße. Der 53jShrige Stallmann Friedrich Schuhmacher au» der Kuglerstr. 13 hatte einen durch Pankow fahrenden Straßenbahn- wagen benutzt. Als der Wagen durch die Damerowstraße fuhr. stützte Sch. seinen rechten Arm auf den Wagenrand de» innen ge- öffneten Wagens. Im nächsten Augenblick kam ein Möbelwagen dicht vorüberaefahren und traf den Arm des Fahrgaste? mit solcher Wucht, daß dieser fast vollständig zerschmettert wurde. Sch. mußte nach dem Krankenhause gebracht werden. Bernau. Am Sonntag, den 20. d. MtS.. veranstaltet da» hiesige Ge- werkschastskartell einen Familienausflug nach dem Schießstand. Da- selbst finden Belustigungen aller Art statt, besonder» auch für Kinder. Abmarsch mit Musik um l'/z Uhr vom Mühlenberg aus. ES wird um rege Agitation hierzu gebeten. DaS Gewerkschaftskartell. Tpandau. Ein unter eigenartige« Umständen erfolgter Todesfall beschäftigt zurzeit die Staatsanwaltschaft. Kürzlich starb ein in der Hamburger Straße wohnender Eisenbahnpensionär W i e b e ck angeblich an Lungenentzündung. Es wurden jedoch Mutmaßungen laut, daß die tödliche Krankheit die Folge einer Mißhandlung gewesen ist. welche der Verstorbene von einem Nachbar bei einem Streit erhalten hat. Auf Anordnung der StaatSanwattschaft ist die Obduktion der Leiche angeordnet. DaS Ergebnis derselben ist zurzeit noch nicht bekannt._ Jugendveranstaltungen. Ober- und Nieder-Schöneweide. Sonntag, dm 20. Juni, findet sür die Jugend von Ober- und Nleder-Schineweide eine Baoepartie nach dem Freibad.Müggelsee" statt. Abmarsch srüh S Uhr vom Jugend- heim, Klarastr. 2. Der dritte und lebt« Vortrag über Deutsche Geschichte findet am Mittwoch, den S. Juli, statt. DI« Teilnehmer an der Motorbootsahrt nach der Söllnitz— Werlsee— Alt-Buchborst am 24. Juli, müssen sich in die ausgelegte List« esn- schreiben, damit bi» zum 16. Juli die Tetlnehmerzahl sestgestellt werden kann. Die jugendlichen Arbeiter und Arbelterinnen find zu diesen Bcr- anstallungm sreundlichst eingeladen. Eltern willkommen. Sericdts-Leitung. Eine Duellaffäre beschäftigte gestern die 3. Strafkammer des Landgericht» lll. Wegen Herausforderung zum Zweikampf mit tätlichen Waffen war der Referendar a. D. von Seidlitz angeklagt. Eines Morgens ent» wickelte sich im Grunewald, in der Nähe des Kleinen Sterns, ein recht geheimnisvolles Treiben. Mehrere Offiziere und Herren auS der besseren Gesellschaft verließen dort ihre Equipagen und gingen in den Wald hinein. Nach einiger Z-it fielen mehrere Schüsse, die aber, wie sich später ergab, nur der Lust Löcher angeschossen hatten. Die sämtlichen Beteiligten bestiegen wohlbehalten»hre Wagen und fuhren nach Berlin zurück. Es ergab sich, daß sich als Gegner der jetzige Angeklagte von S. und der Rittmeister von Senden gegen. übergestanden hatten. Die Veranlassung zu diesem Zweikampf bildete ein Brief beleidigenden Inhalts, den der Rittmeister von S. an den Angeklagten gerichtet hatte. Die eigentliche Ursache war darin zu suchen, daß der Angeklagte mit der geschiedenen Gattin des Rittmeisters ein Verlöbnis eingegangen war. Der Rittmeister von S. wurde kürzlich von dem Militärgericht zu 3 Monaten Festungshaft verurteilt. Die Strafkammer erkannte gegen den jetzigen Angeklagten ebenfalls auf die niedrigste gesetzlich zulässige Strafe von 3 Monaten Festungshaft. Ein blutiges Ehedrama fand gestern sein Nachspiel vor dem Schwurgericht des Land- gerichts III. Die Anklage richtete sich gegen den 29jährigen Ar- beiter Julius Noack und lautete auf versuchten Mord. Der An- geklagte heiratete vor 7 Jahren und ist Vater von 4 Kindern. Im Oktober verlies Frau Noack ihren eifersüchtigen Mann und zog mit zwei ihrer Kinder nach der Liebenwalder Straße 26, während der Angeklagte seinen Hausstand auflöste und zu seiner Mutter nach der Wriezener Straße zog. Er hat dann wiederholt versucht. die Frau zu bewegen, sich wieder mit ihm zu vereinigen, erfuhr aber stets eine Ablehnung. Cr lauerte dann seiner Frau auf der Straße auf und traf sie am 27. April, als sie auf dem Wege nach ihrer Auftvartestelle in der Stockholmer Straße war. Er drohte ihr, daß etwas passieren würde, wenn sie nicht wieder zu ihm zurück- kehrte, und als die Frau ihm wieder eine verneinende Antwort gab. zog er plötzlich einen Revolver aus der Tasche und feuerte aus nächster Nahe sechs Schüsse auf die grau ab. die diese an der Schulter, am Kopf und an der Hand trafen. Iran Nyqck schleppte sich blutüberströmt in einen nahen Laden, während der Angekkagle die Flucht ergriff, die Zechliner Straße hinunter stürmte, einen Zaun überkletterte und sich in die Panke stürzte. Seine Verfolger zogen ihn trotz heftiger Gegenwehr aus dem Wasser und brachten ihn zur Polizeiwache. Die verletzte Frau wurde nach dem Rudolf. Airchow-Krankenhause gebracht, wo sie ein längeres Schmerzens. lager durchzumachen hatte. Nach dem Gutachten des behandelnden Arzte? Dr. Segall ist es fast als ein Wunder zu betrachten, daß die Frau mit verhältnismäßig leichten Verletzungen davon gekommen ist, und selbst die Kugel, die in den Kopf und bis auf den Schädel- knochen gedrungen ist, den Schädel nicht verletzt hat. Zwei Kugeln stecken noch im Halse der Frau. Der Angeklagte entschuldigte sich vor Gericht damit, daß er sich im Zustande größter Erregung be- funden und keine ruhige Ueberlegung gehabt habe. Die Anklage wurde durch Staatsanwalt Gollnick vertreten. Rechtsanwalt Zaucke als Verteidiger des Angeklagten beantragte, nur die Schuldfrage nach versuchtem Totschlag zu bejahen und dem Angeklagten mil- dernde Umstände zuzubilligen. Die Geschworenen entsprachen diesem Antrage des Verteidigers. Der Staatsanwalt beantragte 3 Jahre Gefängnis, das Gericht erkannte auf 2 Jahre 0 Monte Gefängnis und rechnete dem Angeklagten 6 Wochen Untersuchungshaft auf die Strafe an._ Zentralverband der freien Händler. Hausierer«nd der- wandte» Berufsgenosseu Deutschlands. Sitz Essen, BerwaltungZ- stelle Berlin. Bezirk II. Heute abend 8'/, Uhr Versammlung bei Petsch, Pappclallee 80. Mäste willkommen. Allgemeine Kranken- nnd Sterbekasie der Metallarbeiter (E. H. 29. Hamburg). Filiale Baumschnlenweg. Sonnabend. 25. Juni, abends 81/, Uhr, im Lokal von Käding, Baumschulenstr. 67: Mitgliederversammlung. Eingegangene Druchrcbriftcn. Von der„Renen Zeit--(Stuttgart, Paul Singer) ist soeben daS 39. tzest des 28. Jahrgangs erschienen. Es hat solgenden Inhalt: Aussichten.— Eine neue Strategie. Von K. Kautsky.(Schlutz.) Die Wahlen in Belgien. Von Louis de Brouckbre.— Der Ausstand in Albanien. Von Karl Radek.— Die Arbeiterbewegung in den Verewigten Staaten. Von SUgen, on Lee.(Fortsetzung.)— Literarische Rundschau; Dr. H. Linde. mann und Dr. A. Suvekum, Kommunales Jahrbuch. Von ov.— Zelt- fchriftcnftfiau. Die.Reue Zelt" erscheint wöchentlich einmal und ist durch alle Buch« Handlungen, Poslanstalten und Kolporteure zum Preis« von 8.25 M. pro Quartal zu beziehen; jedoch kann dieselbe bei der Post nur pro Quartal abonniert werden. DaS einzeln« Heft kostet S5 Ps. Probmummern stehen jederzeit zur Verjügung. Bnefluften der Redaktion. XI. fntlftlldit«drechkNi»». find», Linden kira st»«*.•», bor» dier Treppen— KabrNndl—, wowentaalilii von?>/, dtt 9'/>lldr adeudS» eounabcnd» von« biS?-/, Nhr nachmittags sta»,. Jeder«ofrage ,« ein«nchrrnb« und»in«:iahl al» Merkzeichen beizufügen.«riefllAe ÄnDuori wird nicht erteilt. Eilige gragea trag» man tu der wvrech- stunde vor. Schwenk. Befragen Sie«inen Fachmann— Selsenfieder— — Wahl 76. 1. In Karl Heymanns Verlag, Berlin, ist ein Buch„Die ReichStagiwahlen von ILS?" von Specht und Schwabe erhälllich. DaS Werk kostet allerdings l2 M. Eventuell wenden Sie sich an daS Bureau de» Reichstages. 2. Fragen Sie bei der..Münchener Post" in München. eventuell bei dem Bureau der bayerischen Kammer an.— i 8t. 1 AuS« künste über Anlegung von Kapital erteilen wir nicht. 2. Fragen Sie bei dem Amtsgericht Beuthen, Slbteilung für Rachlahsachen, an.— S. 100. Der Provisionsanspruch erscheint, soweit wir au» Ihrer dürstlgen Dar- stellung enliiebmen können, begründet. Zuständig ist da» Kaufmanns- gericht.— Ausbeuter 5. 1. New. 2. Ohne Kenntnis der Betriebsart nicht zu beantworten.— H. Z. Iii. l. Können wir nicht empichlen. 2. New.— R. H. 0. Reklamieren Sie sofort.— I. H. 50. New. — E. W. 22. 1. Ja. sosern.Sie mehr ai» 28.85 M. pro Woche(ort- lausend erhalten. 2. Der Unternehmer muß den überschießenden Betrag an den Gläubiger abliefern.— M. B. 79. New; zum QuaitalScrften nach vorheriger Kündigung bi» spätestens zum dritten Tage deS vorhergehenden Quartals.— Schlesien, i. Einwohnermeldeamt, Berlin 0., Alexandervlatz. 2. 50 Pf.— SP. 64. 1. Vorsitzender Rob. Oehlschläger, Hochstädterstr. lO. 2. Von demselben werden Sie auch SluSkunst erhalten.— St. A. 1000. 1. Das ist unzulässig. Sie könnten zum Ersatz der Tapet« herangezogen werden. Sie können aber, wenn Sie an der Wanzenplage kein Verschulde» trifft, vom Vermieter die Beseitigung verlangen. 2. Etwa 17 Ps. pro Kubilmeter. — St. 35. Die Bevölkerung Groß-BerlwS beträgt ungefähr 3 250 000. Dt« Zahl der Kirchen und Schulen aller Art sowie der Kasernen nnd Bahn- höse können Sie im Adreßbuch unter Zuhilsenahme de» Sachregister». welches mit der ersten Seite des zweite» Landes beginnt, selbst feststellen. — Hoheulohestr. 19. Vorsitzender des„Freien Ruderbund«»"! M- Thiele, Vrostauerstr. 15 I.—«. D. Kopcnhageucrftr. Ersahren Sie am besten an der Stelle, wo Sie da» Rad kausen. Aus Empfehlungen kann sich die Redaktion nicht einlassen.— H. H. 24. Mit Adressen von Kegel» klub» können wir Ihnen leider nicht dienen.—®. 8« 777. Außer den von Ihnen als nicht erwünscht bezeichneten Schulen find nn» derartig« öffenilich« Stellen nicht bekannt. Empfehlung oder Nachweisung privater Anstalten müssen wir ablehnen. Briefkasten der Expedition. Patienten in Beelitz, Buch und anderen Heilstätten. Diejenigen unserer Abonnenlen, die noch während des ganzen nächsten Monat« w der Heilstätte bleiben, wollen un» wegen der Ueberweilung von Frei» exemplaren sosort ihre Sldresse einsenden, da bei verspäteter Bestellung die ersten Nummern de» neuen NtonatS von der Post nicht geliefert werden. Alle Adressen müssen jeden Monat neu eingesandt werden. Amtlicher Marktbericht der städtische» Markthall en-Dtrettl o» über den Großhandel w den Zentral-Marktballen. Marktlage: Fleisch: Zufuhr stark, Geschäst rege, Preise sür Bullen- und Kalbfleisch anziehend. Wild: Zufuhr genügend, Selchäsl rege, Preise befriedigend. Äeslügel: Zufuhr in Gänsen über Bedarf, sonst knapp, Geichäst nicht lebhast genug, Preise w Gänsen gedrückt, sonst befriedigend. Fische: Zujuhr mäßig, Geschäft ruhig, Preis« wenig verändert, sür große Slale anziehend, sür «eine nachgebend. Butter und Käs«: Geschäft ruhig, Preis« unver- ändert. Gemüse, Obst nnd Südfrüchte: Zufuhr genügend, Geschäst sehr flau, Presse sast unverändert. WtttcrnngSüberstch» vom 83. Juni 1919, morgen« 8 Udr. Wetterprognose für Freitag, den 24. Juni 1910. Zeitweise heiter, am Tage wieder etwa» wärmer, aber veränderlich mit leichten Regensällen und mäßigen südwestlichen Winden. Berliner Vetterbureau. WafferstandS-Rachrtchteii der LanteSanstalt sür Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Welterbnreau. '1 4- bedeutet Wuchs,— Fall. Unlerpegrt. Mietergenossensehaft «Ulf die unlängst an dieser Stelle veröffentlichte Anftage, wer geneigt sei. eventuell einer Mietergenossenschast zwecks Benutzung von Genoffen. schastshäusern beizutreten, ist eine größere Anzahl von Meldungen einge. gangen, von denen sich aber die meisten über den zu wählenden Ort— zu- nächst war Seegefeld vorgeschlagen worden— nicht äußern. Die Adressen sind vorgemerlt worden! die Einsender werde» in kurzer Frist nähere Mit- erhalten. Wie in der ersten Annonce schon mitgeteilt wurde, steht indessen der Platz sür die Erbauung der Genossenschastshäuser noch nicht endgültig sest, da günstige» Terrain außer in Seegeseld noch in anderen Orten angeboten worden ist. ES ist deshalb notwendig, zunächst noch sestzustellen, ob nicht die Errichtung der Häuser in Gruna» bevorzugt wird. Wir ersuchen alle diejenigen tauch von den bereits Vorgemerkten), die geneigt wären, eventuell einer Mietergenossenschast in Grüna« zwecks Be- Wohnung von genossenschastlichen Arbeiterhäusern(nicht Mietskasernen I) unter noch näher zu erörternden Bedingungen beizutreten, ihre Adresse unter A. 3 an die Expedition einzusenden. Die Meldung verpflichtet selbstverständlich die Einsender in keiner Weis«. 10S/18' Selowsky's Bolero- Clgaretten bleiben unübertroffen I mit Mundsttiek ohne Mundstück GoldmundstOek 10 Stack 20 Pfg. und gr. Garten mit Bühne(sür 1500 Pers. Raum) Brunnenftr. 188. dicht am Rosenthaler Tor. unuu i vuvumu 4835. Fahrtverbind, nach all. Richtungen, spritzen, Puutpenjabril Schroeder. Mehrere Sonnabende und Sonntage noch zu vergeben.'ML 1 Hochstraße 13. 2426b* Arbeit.-Wandervereln„Berlin" Ergänzung deS TourenPlanS. Sonnabend, den 25. Juni. Nacht» Wanderung von Grünau, Schmück» Witz, Gosener Berge. Treffpunkt: tl Uhr abends, Bahnhos Grünau. Sonntag, den 26. Juni, Schmöck» Witz, Wcrnsdors, Zeuthen. Treffpunkt bis 7.15 früh Bahnhos Schmöckwitz. Sonntag, den 17. Juli: Besuch de» Botanischen Gartens. Gäste willkommen. 2it Karow eine Station vor Buch Abcssinierpumpe 7,50, Sauger 2,50, Rohre, Flügelpump en,� Garten- Ladönkt. Villenort, nH.». 12 M. an, 20 PI. v. Stett. Blil, 2S Min, Fshrt,.0 Pf. v.Panbow-Schönh., 12 Min. Fahrt. Terrain unmittelbar am Bhf. Bebauungipl. genehmigt. äö. A: Pläne gratis. Mi jähr. Hypotheken. l. Ana. u. lang» i. Verkäufer ständig' i. Bhf. Karow.• J. Rleger, Gontardalr. 8. Theater und Vergnügungen Freitag, den 24. Juni. Ansang VI, Uhr. Rene» königl. Lperu-Theater. Lohcngrin. Antang 8 llbr. Deutsche». Judith und HoloserneS. Kammerspiele. Liebeswalzer. Lesstug. Kasernenlust. Komische Oper. Der Regiments- Papa. Neues Schauspielhaus. Der Flieger. Kleine». Nur ein Traum.(Anfang -/,S Uhr.) Berliner. Taifun. Neues. Renaissance. Nene» Overetten. Der Gras von Luxemburg. Thalia. Charlehs Tante. Hebbel. Der fremde Blick. Koketterie. (Ansang S'/« Uhr.) Schiller O.>Wn Inier- Theater.) Die Dollarprinzesfin. SchUlei Eharlottenburg. Die Katakomben. Friedrich< Wilbclmstädtische». Sheilock Holmes. Bolksoprr. Der Herr Verteidiger. (Ansang S'l, Uhr.) Roie. Wach- und Schließgesellschaft. Luftspiethan». Da» Leutnants- mündet. Metrovol. Hollah II— Die große Revue. Folie» Gaprice. Pariser Ehen. Das BersöhnungSsest.(Ansang «'/. Uhr.) Apoll«,. Spezialitäten. tvaiiaac. Spezialitäten. ReichSkiallcn. Stettincr Sänger. Wallialla. Svezialitälen Wintergarten. Spezialitäten. Karl Haverland. Spezialitäten Prater. Im Reiche des Mars. Urania. Tniit>cni>r»ste Abends 8 Uhr: Bon Abbazia bis Korfu. Etcr»»n»rte, Jnvalidenstr. 57— 62. Lessing-Theater. Täglich 8 Uhr: Kasernenlust. Berliner Theater. Heute 8 Uhr: Ttlillltle Morgen: Talfun._ Heues Theater. Heute abends 8 Uhr: Neueinstudierl: Renaissance. Morgen und folgende Tage: _ Hcnaisaance._ Xleaea Öperetten-Tbcater. Heute und solgende Tage 8 Uhr: Der Graf von Luxemburg. Sonntag nachmittag 3 Uhr zu er- mäßigt. Preisen: Hie Dollarprinzeaein. Lustspielhaus. Abend? 9 Uhr: Das Leutnantsmündel frisdrlch-WlliielnisMiltiscties Schauspielhaus. Heute, den 24. Juni, abends 8 Uhr: Sherlock Holmes. Detetttokomödie in 4 Akten von Ferd. Bonn. Morgen und solgende Tag«: __ Sherlork Holmes._ OSE=THEATE Große Frankfurter Str. 132. M-u.MöögeMM. Schwank tn3Attcn vonManz und Winter. Ans. 8 Uhr. End-',,1t Uhr. Aus der Gartenbühne: Theater- Vorstellung. Spezialitäten. Gr. Konzert.(Neues Progr.) Ans. 4»/,Uhr. Urania, Wissenschaftliches Theater Tanhenstr. 48/49. Heute Freitag 8 Uhr: Ton Abbazia bis Korfu. Metropol-Theater Hallo!!! Die große Revue! In 8 Bildern von Jul. Freund. Musik v. Paul Lincke. In Szene gesetzt vom Dir. Eich. Schultz. Anfang 8 Uhr. Rauchen gestattet. Abends 8 Uhr. Nur noch einige Tage! Das sensationelle Juni- Programm. Novität I Ernst Perzinas Dressurakt. Einzig dastehend! Katze, Kanarienvogel und Man». 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Leitung:Max Beinhart. Berlin.VUllorstr. 148. Tttglteh: Im herrlichen Natargarten Bei Regen im Theateraaal! Konzert« Spezialitäten-Vorstellung 20 KOnstler-Attraktionen. Stets wechselndes Familien-Programm. AuBerdem jeden Freitag: Die beliebten ApolloaSftnger. Anfang Sonntags 4 Uhr. Wochentags 6 Uhr. Folies Caprice Anfang 8'/, Uhr. pariser Eben. Der Htblet» Die keusche Coincttc. Das Verfobnungsfest 1J Alt-Boablt 47/4». Täglich: Konzert, Theater, Spezialitäten. Variefe-Theater I Weinbergsweg 19-20, Rosenth.Tor.| Abends 8 Uhr: Hie Bestie Im Bensehen. I Trag. Fant, und die übrigen I Spezialitäten. it Kliis SoBierteter und Festsäle. Inh.; Bndoll Krttg:er. Hasenheide 18/15, vis-ä-vis v.Turnpl, TUglich: Große Tiieater- n. Spezialilätcn- Vorstellung. Artist. Leitung; Walter Grävenitz, Kapellmeister: Max Wolffhoim, Jeden Donnerstag: BUte Vag! Anfang: Wochen! 6 Uhr, Sonnt.>/,VUnr. 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Juni. 1. 3(51.: 5 Uhr: Buckow(Märkische Schwei,). 12 Uhr: StrnuZberg(Hung- riger Wolj). Start: Bülowstrasze 58. 2. Abt.: Sonnabendabend 8 Uhr: Franlsurt a. O.(tSewcrtschastShaus). Sonntag(Uhr: Mönchsmühle. Start: Fontane-Promcnade 18. 3. Abt.: 5 Uhr: Tcupltz(Tornows Idyll), t Uhr: Zeuthen(AlbrechtS. hos). Start: Mariannenplatz. 4. Abt.: 7 Uhr: Wandlitz(Lassau). 1 Uhr: Chorinsce. Start: Küstrincr Platz. ö. Abt.: 6, 9, 1 Uhr: Strausberg (Hungriger Wolf). Start: Elhsium. t>. SIbt.: Sonnabendabend 7 und 9 Uhr: Sprcewald. Sonntag sriih für Bahnfahrer vom Görlider Bahn- hos 6" bis Lübbenau. 1 Uhr: JörS- feldc(Gumlich). Start: Oderberger Strafte 23. 7. Abt.: 7 Uhr: Wandlitz. 2_Uhr: Schönerlinde Start: Kösiiner Str. 8. 8. Abt.: 6 Uhr: Capnly. l Uhr: Nowawes. Start: Waldsir. 8. 9. 3lbl.: 1'/, Uhr: Rcwtckendors. Start: Schillingstr.(5. 10. 3lbt.: 1 Uhr: Hirschgarten. Start: Weberstr. 6. Lichtenberg, 26. 6.. 10 Uhr: Unter- bezirlslour nach Wandlitz. Start: Pfarrstr. 74. 11/11 Stachtrag zur Bilanz der Möbelfabrik„Adler" vom 31. Dezember 1909. Der Schlutzsatz mutz heitzen: Die Mitglicdcrzahl betrug zu Zln- sang des Gcschäslsjahres: 12. Aus« geschieden 1, eingetreten 1. Folge- dessetr blieben am Ende des Jahres 12 Genossen mit einer Gesamt- hastsumme von 600 Mark. Das Geschästsguthaben und die Hastsumme betragen je 600 Mark. 105/20 Iber Vorstaml. Heinr. Reich. W. Wilke. Kchtmig,(Putzer! Rcibcbrctter, Kardätsche». Pinsel, Pantoffel nstv. empsichlt-Vldont lineriiiaira. lZharlottenburg, Schilloeste. 92.* Verein der Berliner Buciidrucker und ZeirriligieBer.' Den verehrlichen Mitgliedern zur ftfrftfltim* Nachricht, daß der zugunsten der ♦ ausgesperrten Bauarbeiter erhöhte Beitrag von 2,10 Mark nicht mehr erhoben wird. Vom, 26. Juni er. ab beträgt der wöchentliche Beitrag wiederum 1,80 Mark. Die Druckereikassierer werden hierauf besonders aufmerksam gemacht. 27/16 De»- V«>i-»t»i»«I. I. 3l.: D..AllKi-ecIit.__ Cigaretten Zinck unt«raII«n2Pfg. Marken «In b«sond«rer Typ. Sic sind es deswegen, weil ihre Qualitäten ganz aus dem Rahmen der meisten Durchschnitts-Fabrikate fallen, die sie In allen Eigenschaften erstklassiger Cigaretten weit überragen. iosetti Juno in. u. o. M. 10 St 20 Pfg. w...............' Soll Dein Heim recht sauber sein, putz es mit„Humor64 allein. Humor putzt alle Metalle sauber und geruchlos. Zu haben in grollen Flaschen von 10 Pf. an.* HamoF- Werke O. in. b. II., Berlin BIO. 18. �«i.■*..'.�.�.'->-.4--.;•* V,1 J.'Si.'v;.y, aa Jedes Wort 10 Pfennig. Das erste Wort(fettgedruckt) 20 Pfg. Stellengesuctic und Sclilaistcllen-Anrclgen 3 Pfg.j das erste Wort (fettgedruckt) 10 Pfg. Werte mit mehr als 15 Buchstaben zählen doppelt. Kleine Anzeigen ANZEIGEN für die nächste Nummer werden In den Annahmesteilen tür Berlin bis I Uhr, für die Vororte bis 12 Uhr, In der Haupt-Expedition, Lindenstrasse 49, bis 5 Uhr angenommen. Verkäufe. 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