Ar. 153. Bbcnncmcnts-Bcdlngtingcti: HBonnementS• PrciS pränumerando i «iertcljährl. SL0 m., monatl. 1,10 Ml. Möcheiulich 28 Pfg, frei ins Hau». Einzelne Nummer K Pfg, SonnlagS- Nummer mit illustrierter Sonntags. Beilage„Die Neue Welt- 10 Pfg, Post- slbonnemenl: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. PostabonncmentS nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien. Luxemburg. Portugal. Rumänien, Schweden und die Schweiz. Crtdjcint Mich außer tilontaa«. 27. Jahrg. Vevlinev Volksvlatt. vle lnlertlsnz-eebllhr Kclrägt für die scchsgespallene Nolonel- geile oder deren Raum 30 Pfg., für Holitische und gewerkschaftliche Vereins- lind Versammlungs-Auzeigen 30 Psg. „u leine»nreigen", das erste lsclt- gedruckte) Wort 20 Psg., jedes weitere Wort 10 Psg, Stellengesuche und Sa>laf- ftellcn-SInzcigeit das erste Wort 10 Pfg, jedes weitere Wort 3 Pfg. Worte über >3 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer niüsscn bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, � Telegramm-Adreffe: „SoiiaWtinotirst Rtrllai Zentralorgan der Ibzialdernohrati fchen parte» Deutfchlands. Redaktion: 8Äl. 68, Ltndcnstrassc 69. Fcrusprechcr: Amt IV. Nr.»983. HusCillCulenfpiegelslfKiroatftadf. Aus Braunschweig wird uns geschrieben: Wie die Parteipresse bereits gemeldet hat, ist am 29. Juni d. I. vor dem Schwurgericht in Braunschweig Ge nosse Lingenauer zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt worden wegen Körperverletzung, die er am 26. Januar d. I. bei der bekannten Wahlrechtsdcmonstration einem Polizisten gegen über begangen haben soll. Das sieht recht unbedeutend aus. Man könnte glauben daß es sich nur uin ein harmloses Glied in der Kette der zahlreichen Prozesse handele, die die Wahlrechtsdenionstrationcn zur Folge gehabt haben. In Wirklichkeit ist jedoch dieser Prozeß eine symptomatische Erscheinung und charakterisiert überaus drastisch die braunschweigischcn Verhältnisse und den braunschweigischen Wahlrechtskampf, weshalb er nicht mit wenigen Worten übergangen werden darf. Die Schreckcnsurteile gegen die„Volksfreund'wedakteure Wesemeier und Brenner, die ersteren wegen Minister-, Polizei und Landtagsbeleidigung mit siebzehn Monaten, letzteren wegen Landtagsbeleidigung mit fünf Monaten Gefängnis be dachten, haben in ganz Deutschland berechtigtes Aufsehen erregt. Inzwischen hat eine von dem Organ der Straßenbahner ausgegrabene Rede einer der Hauptstützen der braun schweigischen„Ordnung" ein besonders helles Schlaglicht auf die Sozialistenverfolgung in Braunschweig geworfen. Diese Ordnungsstütze ist ein Major Ribbentrop, ein alter braun schweigischer Offizier, der durch die im braunschweigischcn Landes- und Stadtparlament herrschende Vettern Wirtschaft ohne jeden kaufmännischen und technischen Bc fähigungsnachlveis als Direktor an die Spitze der elektrischen Straßenbahn und des elektrischen LichtiverkeS gestellt worden ist. Dieser Ribbentrop äußerte sich auf einem Unternehmer Vcrbandstage in Aachen dahin: „Wir haben das beste Mittel, gegen die Unzufriedenheit vor- zugehen darin, daß wir die sozialdemokratische Presse in Ordnung hallen. Bei uns in Braunschweig geschieht es. Sobald das sozialdemokratische Blatt irgend etwas gegen uns vorbringt— dann stellen wir Strafantrag. Wir machen das in Braunschweig vom Stnaisminister herunter alle so I Seitdem dieses Verfahren in Braunschweig Platz gegriffen hat— es haben sich den Fabri kanten Geistliche und andere angeschlossen— herrscht Ordnung; der Ton ist ganz milde geworden I Ich kann den Herren nur empfehlen: scheuen Sie keine Mühe, lassen Sie den Syndikus dort, wo ähnliches vorkommt, kurzerhand Straf- a n t r a g stellen und die Sache verfolgen. Wir kommen alle damit vorwärts und wir arbeiten alle, der eine für den anderen, in dieser Richtung." Das war deutlich geredet. Major Ribbentrop ist das Schrcckcuskind der braunschweigischen Staatsstützen; aber er hat das System der Sozialistenverfolgung in Braunschweig glänzend ausgedeckt. Es ist in der Tat so. Sie machen es vom Minister herunter alle so. Man sucht durch Schreckens urteile jede Opposition stumm zu machen, und es fanden sich auch, sobald man vor die Strafkammern ging, stets Richter genug, die das System mitmachten. Zuin Schweigen hat man die sozialistische Presse damit gewiß nicht gebracht; aber nian hat wenigstens schreckliche Urteile über Redakteure erreicht. Dasselbe System, das einen Staatsminister wegen politischer Vorhaltungen, einen Landtag, weil ihm der Charakter als Volksvertretung abgesprochen wurde, die Polizeibehörde und zahllose andere Institute der herrschenden Klassen klagen ließ, brachte auch den Genossen Lingenauer vor das Schwurgericht. Was hatte Lingcnauer begangen? Er hatte am 26. Januar an der bekannten Wahlrechtsdcmonstration vor dem Ministerialgebäude in Braunschweig, wo die Polizisten ohne weiteres und ohne jeden Grund auf die wehrlose Menge mit blanken Säbeln einHieben, nicht teilgenommen. Er war zwei Stunden später auf dem größten Braunschweiger Marktplatze, dem Hagenmarkte, erschienen, wo sich eine aus Demonstranten und Neugierigen gemischte Menge den Zapfen- streich am Vorabend von Kaisers Geburtstag ansehen wollte. Da war Lingenancr von einem der völlig besinnungslos ge- wordenen Polizisten, einem Oberwachtnieister Steinmann, auf der Flucht vor dem Polizeisäbel mit blanker Waffe auf den Rücken gehauen worden. Lingenauer drehte sich darauf herum und wehrte die Säbelhiebe dadurch ab, daß er den Polizisten am Säbel- korb faßte, wodurch dieser, wahrscheinlich bei dem herrschenden Glatteise, hinfiel und ganz kurze Zeit bewußtlos liegen blieb. was ihm chronische Kopfschwerzen zugezogen haben soll. Linaevauer wurde von einem anderen Polizisten, als er eben- falls gestürzt war, durch Säbelhiebe unmenschlich behandelt, so daß. die Zuschauer glaubten, er sei tot auf dem Platze ge- blieben. Er raffte sich jedoch auf und suchte zu fliehen. Aus einem Hause herausgeholt, wurde er verhaftet, nach seiner Aussage, auf der Polizeiwache mißhandelt und vier Monate lang in Untersuchungshaft gesteckt. Nun konstruierte die Staatsanwaltschaft nach dem von Ribbentrop verratenen Verfolgungssystem das Anklagegebäude. Lingenauer sollte sich an einem Aufruhr oder doch wenigstens an einem mit der gleichen Zuchthausstrafe zu ahndenden qualifizierten Auflauf beteiligt. Widerstand gegen die Staats- gcwalt geleistet und eine qualifizierte Körperverletzung be- gangen haben. Er war der einzige Verhaftete, den die Polizei am Blutabend des 26. Januar erwischt hatte. Er sollte für alle büßen und nach dem erwähnten System in das Zucht haus wandern, um der Arbeiterschaft durch ein abschreckendes Beispiel die Lust zu Wahlrcchtsdemonstrationen für immer zu verleiden. Mit den verwegensten juristischen Haarspaltereien war die Anklage konstruiert. Eine ganze Stunde brauchte der Vor sitzende des Schwurgerichts, um die Rcchtsbclehrung über die juristische Filigranarbeit des Staatsanwalts zu erteilen. Bh rufsrichter würden wohl auch Verständnis für die große Mühe der Anklagebehörde gezeigt und ein neues Schreckensurteil gefällt haben. Bei der Zeugenvernehmung sagten die Polizisten wie am Schnürchen aus, daß sie verhöhnt und mit Eisstücken beworfen worsen seien. Ueberhaupt hatte ja das Bewerfen mit Flaschen, Steinen, Eisstücken usw. bei dem Versuch der Polizei, ihr brutales Vorgehen zu entschuldigen, eine große Rolle gespielt. Die Flaschen sind indessen gleich verschwunden. es war nur noch von Eisstücken die Rede, von denen aber merkwürdigerweise in allen Verhandlungen kein Zivib zeuge etwas gesehen hat, obwohl sich unter diesen genug Personen befanden, die unserer Partei durchaus nicht grün sind. Kein einziger Zeuge konnte mit Bestimmtheit aussagen, daß Lingenauer den Oberwachtmeister Steinmann, der nieder gefallen war, tätlich angegriffen hatte. Selbst ein reichs verbändlcrischer Rechtsanwalt meinte als Zeuge, er habe den Eindruck gehabt, daß Steinmann gestolpert sei. Er mußte auch zugeben, daß die Armbewegungen Lingcnauers sehr Wohl nur abwehrend gewesen sein könnten. Dessenungeachtet suchte der Staatsanwalt nach altem braunschweigischen Brauche, der sich vor den Berufs richten» schon so oft bewährt hat, alle Zivilzeugcn als unglaubwürdig hinzustellen. Nur einen einzigen ließ er gelten, einen Redakteur der nationalliberalen „Landeszeitung", der an demselben Schnürchen wie di« Polizisten zog. dabei aber verschwieg, daß er selbst einen Säbelhieb erhalten hatte, woraus ihm im Plädoyer die Ver teidignng den Vorwurf machte, daß er mit dieser Verschweigung gegenüber der Frage des Vorsitzenden, ob ihm selbst nichts Unangenehmes passiert sei. das Zuchthaus mit dem Aerniel gestreift habe. Dieser Redakteur ist übrigens inzwischen wegen seiner Haltung in dem Prozesse von der nationalliberalen Zeitung entlassen worden, aller dings nicht aus Reinlichkeitsgründen, sondern mit dem Be- merken, daß schon wieder viele Abonnenten gekündigt hätten. Er war aber schließlich der einzige Kronzeuge der Staats anwaltschast, während alle anderen Zivilzeugen bestätigten, daß sich Lingenauer nur in Notwehr befunden habe, und der angeblich mißhandelte Oberwachtmeister Steinniann selbst zu geben mußte, daß er blind zugehauen habe. Ueberhaupt brauchte man nur den Hünen Steinmann— 2 Meter hoch und über 200 Pfund schwer— und den kleinen, schmächtigen Lingenauer anzusehen, um die Behauptung lächerlich zu finden, daß dieser, völlig waffenlos, den riesigen Säbelschwinger in böswilliger Absicht zu Boden gestreckt habe. Vor der Noßmannkammer hätte der Staatsanwalt mit seinem kunstvollen juristischen Paragraphenaufbau wohl Glück gehabt und das System Ribbentrop mit Erfolg gekrönt aus dem Wettstreite hervorgehen sehen. Die Geschworenen waren auch nur aus den sogenannten besseren Kreisen zusammen- gesetzt;'aber gerade deshalb zeigten sie. daß der Abscheu über die von der Regierung und ihrer unterwürfigen Klassenjustiz in Braunschweig betriebene Sozialisten- Verfolgung allgemein ist.- Sie straften die juristischen Tüfteleien mit Nichtachtung und ließen nur die freilich nach dem Zeugenverhör auch unhaltbare einfache Körper- Verletzung gelten. Der Philister in ihnen schreckte zwar vor dem Zuchthausurteil zurück, aber einen kleinen Denkzettel wegen der Verletzung des Autoritätsdusels konnte er sich doch nicht versagen. So schrumpfte denn die riesige Staatsattion zu einer Verurteilung wegen simpler Körperverletzung zu- 'ammen, für die das Gericht auf zwei Wochen Gefängnis er- kannte, die durch die ganz unberechtigt verhängte Unter- 'uchungshast längst verbüßt sind. Es war eine panische Flucht, in die die braunschwcigische Klassenjustiz von ihren eigenen Klassengenossen geschlagen wurde. Der Wahrspruch der Geschworenen hat das Schreckens- regiment des Ministers v. Otto, das bis in die sogenannten besseren Kreise hinaus allgemein verhaßt ist, nun auch noch unsagbar lächerlich gemacht. Das von Ribbentrop unfrei- willig bloßgestellte Verfolgungssystem, das vom Staatsminister herunter alle Arbcitcrfeinde' in Braunschweig handhaben, ist durch den Wahrspruch der Geschworenen zertrümmert worden. Den besten Beweis dafür, wie verhaßt sie sich bei dem Volke fühlt, lieferte die braunschwcigische Regierung dadurch, daß sie einen Teil ihrer Polizisten, der bisher nur zu Fuß eine Blutarbeit verrichtete, aus Befürchtung einer De- monsttation extra beritten gemacht hatte. Ganz Braun- chweig lacht darüber. Ganz Braunschweig lacht über die Blamage der Staatsanwaltschaft. Ganz Braunschiveig lacht über die Regierung. Ganz Braunschweig lacht über das System Ribbentrop. Die Niedergerittenen reiten auch bei uns, und unsere Feinde bersten vor Zorn über ihre Un- fähigkeit, uns mit geistigen Waffen beizukommen, nachdem wir ihre Brutale Gewalt zum Kinderspott gemacht haben. expeditlom SAl. 68, Undcnatraesc 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr.»981. Ginengung des Begriffs öffentliche Oerfammlung. Eine arge Einengung des Begriffs öffentliche Versammlung im Sinne des Vcreinsgesetzes hat dieser Tage das Kammergericht bestätigt. Alle in der Singerfabrik zu Wittenberge beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen waren zu einer Versammlung am 24. November 1909 durch Handzettel eingeladen, die vor der Fabrik verteilt worden waren. Zur Verhandlung stand lediglich eine Angelegenheit der in dieser Fabrik Beschäftigten. Es nahmen an der Versammlung etwa 599 Personen teil. Als ein Polizeibeamtcr zur Ueberwachung er- schien, wurde er darauf aufmerksam gemacht, daß es sich um eine geschlossene Versammlung handele, die nicht der Ueberwachung unterliege. Nachdem er sich Instruktionen geholt hatte, kam der Beamte wieder. Er wurde von Zernicke, dem Vertreter des Metall- arbeiterverbandes und Mitveranstalter, zum Verlassen des Saales aufgefordert. Der Beamte ging jedoch nicht, sondern setzte sich in der Nähe der Tür und wohnte der Versammlung bei. Auf Grund dieses Tatbestandes wurde Zernicke vom Landgericht in Neu-Ruppin zu einer Geldstrafe verurteikt, weil er dem zur Ueberwachung einer öffentlichen Versammlung erschienenen Beauftragten der Polizei einen angemessenen Platz verweigert habe. In Betracht kommen die§§ 13 und 18 des Reichsvereinsgesetzes. Nach Z 13 Absatz 2 muß in öffentlichen Versammlungen den Beauftragten der Polizei ein angemessener Platz eingeräumt werden und§ 18 Ziffer 3 bedroht den mit Strafe, der als Veranstalter oder Leiter einer Versamm- lung den Beauftragten der Polizeibehörde die Einräumung eines angemessenen Platzes verweigert. Das Gericht erachtete die Ver- sammlung für eine öffentliche. Hierfür zog es zunächst heran, daß 29 Personen teilnahmen, die nicht Beauftragte der beteiligten Ver- bände und auch nicht Arbeiter der Fabrik waren. Dann führte es aus, daß die Versammlung auch als öffentliche anzusehen wäre, wenn nur Arbeiter der Fabrik teilgenommen hätten. Die nur durch vierzehntägige Kündigungsfrist gebundenen, sonst aber wech- feinden vielen Arbeiter der großen Fabrik stellten keinen(nach außen abgeschlossenen) Kreis innerlich miteinander verbundener Personen dar. Die Aufforderung zum Verlassen des Saales, die an den Beamten gerichtet gewesen, sei als Verweigerung jeglichen Platzes, auch die Verweigerung eines angemessenen Platzes. Gegen das Urteil legten die Ncchtsanwälte Wolfgang Heine und Dr. Behrcnd Revision ein, die von Dr. Wehrend vertreten wurde. Es wurde zunächst Verkennung des Begriffs der öffcnt. lichen Versammlung gerügt. Bei den, unter den Verhältnissen der kleinen Stadt zwischen den Arbeitern der Fabrik herrschenden vielerlei Beziehungen wäre die Betriebsversammlung zu Unrecht als eine öffentliche erachtet worden.— Vor allem sei aber die Bc- deutung des Z 18 Ziff. 3 de sReichSvcreinSgesetzcs verkannt worden. Ein Verweigern der Einräumung eines angemessenen Platzes im Sinne dieser Bestimmung liege nur dann vor, wenn der still- schweigenden oder ausdrücklichen Verweigerung ein Verlangen des Beamten, ihm einen angemessenen Platz einzuräumen, vorher- gegangen sei. Einen solchen Wunsch habe der Beamte aber gar nicht geäußert Er sei einfach, als man ihn fortschicken wollte, nach dem Ausgang des Saales gegangen und habe in der Nähe der Tür. Platz genommen. Nunmehr habe der Leiter ihn dort ruhig im Saale sitzen lassen. Der Beamte habe keinen Augenblick einen anderen Platz verlangt. Somit sei Angeklagter zu Unrecht auf Grund des 8 18 Ziffer 3 des Gesetzes verurteilt worden. Das Kammergcricht hat am DienStag die Revision des An» geklagten verworfen. Zur Begründung wurde ausgeführt: Die Ueberwachungsbefugnisse der Polizei bezögen sich auf sämtliche öffentliche Versammlungen, nicht bloß auf politische Versamm. lungen. DaS folge aus der Entstehungsgeschichte des Gesetzes. Eine Versammlung fei öffentlich, wenn jedermann oder eine unbestimmte Menschenmenge Zutritt habe oder tatsächlich zugelassen werde. Ohne Verkennung des RechtSbcgriffs der öffentlichen Versammlung habe hier das Landgericht eine solche Versammlung festgestellt, in- dem es davon ausgehe, daß der Zusammenhang unter den Arbeitern der großen Singerfabrik in Wittenberge ein so loser sei, daß sie nicht einen nach außen hin bestimmt abgegrenzten Kreis von inner- lich miteinander verbundenen Personen darstellten. Danach habe hier der Beamte Anspruch auf einen angemessenen Platz gehabt. Es sei nun aber auch mit den verschiedensten Kommentatoren, so mit Müller-Meiningen, anzunehmen, daß, wenn kein Platz an- gewiesen werde, wie es hier der Fall gewesen sei, damit auch kein angemessener Platz angewiesen werde, und daß darin die Verweige. rung eines angemessenen Platzes im Sinne des§ 18 Ziffer 3 dcS Gesetzes liege.' So wird durch gerichtliche Auslegung genommen, was nach An- icht des Gesetzgebers gegeben werden sollte. ScHStst den Sieg! Der„Grundstein", das Verbandsorgan der Maurer, erscheint in einer heutigen Ausgabe als Sicgesnuinmer. Neben redaktionellen Artikeln enthält er eine größere Anzahl von Beiträgen aus der Feder bekannter Parteigenossen, von denen uns besonders der nach- 'olgende, vom Genossen Bebel verfaßte, mit der Ueberschrist: Schätzt den Sieg I" bemerkenswert erscheint: Als gegen den Frühling dieses Jahres in allen Kreisen, die sich für die soziale Bewegung interessieren, die Ueber- zeugung Platz griff, daß wir einem großen Kampf im Bau- gewerbe zwischen den Arbeitern aus der einen, den Unter- nehmern und ihren kapitalkräftigen Hintermännern auf der andern Seite entgegengingen, war das Unbehagen allgemein. Man wußte, daß namentlich von der Seite der Unter- nehmcr seit Jahr und Tag gewaltige Anstrengungen gemacht »vnrden, um einen glücklichen Ausgang des Kampfes für sie herbeizuführen. Man sah also allerseits einem Kamp entgegen, wie er bisher in Deutschland noch nie geführt worden war. Und zwar nicht bloß in Rücksicht auf die Zahl der Beteiligten auf beiden Seiten und der in Frage kommen- den Interessen, auch das Kampfgebiet mußte das denkbar größte werden. Ganz Deutschland war das Schlachtfeld, auf dem gleichzeitig gekämpft wurde. Die zwei sich gegenüber- stehenden Heere waren ungleich an Zahl der Köpfe, aber auch ungleich an materiellen Mitteln. Die Minderheit, die Unter- nehmer und ihre Hintermänner, hatten zweifellos die größeren materiellen Mittel zur Verfügung, aber die Arbeiter hatten in diesem Kampfe fast die gesamte öffentliche Meinung auf ihrer Seite, ein Faktor der in wirtschaftlichen Kämpfen von großer Bedeutung ist, wie der Ausgang dieses Kampfes wieder be- wiesen hat. Sieben Wochen lang waren Hunderttausende von Arbeitern ausgesperrt gewesen, mußten Millionen Mark Arbeitergroschen für die zum Kampf gezwungenen Arbeiter geopfert werden, deren Haltung eine in jeder Beziehung bewundernswerte war. Not und Sorge waren in zahlreichen Familien die Folge. Doch siehe, rascher als die größten Optimisten gehofft, ging angesichts der geschlossenen Haltung der Arbeiter der Kampf zu Ende und statt einer von vielen Seiten befürchteten Nieder- läge brachte er den kämpfenden Arbeitern den Sieg. Ja, ein Sieg ist das Resultat dieses Kampfes für die Arbeiter, so viele auch unter den beteiligten Arbeitern es geben mag, die das nicht im vollen Sinne gelten lassen wollen. Einen Sieg bedeutet es, wenn die Forderungen der Unternehmer auf der ganzen Linie zurückgewiesen wurden, ein noch größerer Sieg ist es, daß das bisher Besessene nicht nur erhalten, sondern die Unternehmer- klasse auch noch zu Konzessionen gezwungen wurde. Wie der Kampf in seiner äußeren Erscheinung ein bisher einzig dagewesener war, so ist auch der Erfolg ein bisher einzig dagewesener. Der Sieg ist für die beteiligten Arbeiterkreise ganz Deutschlands errungen worden. Die Arbeiter in den kleineren und kleinsten Orten, die bisher kaum je in der Lage waren, einen Kampf um bessere Arbeitsbedingungen führen zu können, sie nehmen mit Teil an diesem Siege und haben Vorteil von diesem Kampfe. ja, sie haben sogar den Hauptvorteil davon. Dieser Vorteil kommt aber auch wieder den gesamten beteiligten Arbeiterorganisationen zugute, und zwar mit den Jahren in dauernd höherem Maße. Indem den Fachgenossen in den verlorensten Winkeln Deutschlands die Vorteile des Sieges mit in den Schoß fielen, ist ihnen sinnenfällig der ungeheure Vorteil einer geschlossenen, über ganz Deutschland verbreiteten Berufsorganisation zum Bewußtsein gekommen. Sie haben jetzt zum ersten Male in greifbarster Form kennen gelernt, was es heißt, organisiert, diszipliniert, solidarisch mit allen Berufsgenossen Schulter an Schulter zu stehen und zu kämpfen. Der Gedanke der Organisation, das Bewußtsein von der Not- wendigkeit der Disziplin und Solidarität hat dadurch mächtig an Boden gewonnen, die R e kr u ti e r u n g s g e b i e t e für Streikbrecher wurden für künftig bedeutend eingeengt. Das erleichtert aber künftige Kämpfe der gesamten Bauarbeiter Deutschlands in einem ganz eminenten Maße. Von diesem Gesichtspunkt betrachtet, ist also der Bauarbeitersicg ein weit größerer, namentlich in seinen künftigen Folgen, als dieses aus den ersten Augenblick der Fall zu sein scheint. Ferner ist das Selbstbewußtsein aller Beteiligten und darüber hinaus der gesamten Arbeiterklasse Deutschlands mächtig durch diesen Sieg gehoben worden. Die Arbeiter begreifen in höherem Maße, was sie leisten und erreichen können, stehen sie fest, opferwillig und unentwegt zusammen. Endlich ist zu beachten, daß dieser Kampf von der ganzen Unternehmerschaft mit größtem Interesse verfolgt wurde. Der Kampf auf nationaler Stufenleiter innerhalb eines Gewerbes war in ihren Augen ein Versuchsobjekt, das, wenn es gelang, zur Nachfolge reizte; das aber, wenn es mißlang, eine Warnung bedeutete. Nun, der Versuch ist mißlungen und dadurch zweifellos auf absehbare Zeit hinaus der Unter« nehmerschaft ein zweiter Versuch zur Nachahmung verleidet. So haben nicht nur die Bauarbeiter, sondern es hat die ge- samte deutsche Arbeiterklasse ebenfalls einen Vorteil aus diesem Siege geschöpft. Sind nun die Fachgenossen in der einen oder anderen Stadt unzufrieden mit dem nach ihrer Meinung zu geringen materiellen Erfolg, so mögen sie die großen ideellen Er- folge ins Auge fassen, die ihnen dieser Kampf gebracht hat. Ideelle Erfolge, die notwendig im Laufe der Jahre ihnen höhere materielle Erfolge sichern werden, als sie ohne diese ideellen Erfolge erreichen könnten. Die Zahl der Kämpfe ivird eine weit größere und die Zahl der hemmenden Kräfte eine weit kleinere. Das ist besonders ins Auge zu fassen, soll der Sieg richtig gewürdigt werden. DaS ist aber eine schwere Schädigung, um nicht zu sagen Infragestellung des Erreichten, wenn hier und da die Fachgenossen Miene machen, sich den zwischen ihren erwählten Vertrauensleuten und den gegnerischen Vertretern vereinbarten Bedingungen nicht zu fügen. Voraussetzung jedes Vertrages ist, daß beide Teile, die den Vertrag abschließen, denselben auch loyal erfüllen. Verlangen wir von den Unternehmern, daß sie die vereinbarten Bedingungen respektieren— und es sind viele unter ihnen, denen der Vertrag für die Arbeiter zu g ü n st i g erscheint dann erfordert die Loyalität, daß die Arbeiter ebenfalls einhalten, was ihre Vertrauens- Männer im Interesse der Gesamtheit vereinbarten. Was du nicht willst, das man dir tu', das füg' auch keinem andern zu I Wie du mir, so ich dir I Abgesehen aber von dieser selbstverständlichen Pflicht der Loyalität gegen den Gegner, erfordert die Rücksicht auf die gewählten Vertrauensleute, daß man sie nicht bloß- st e l l t, daß man, wenn auch widerwillig, erfüllt, was sie im Gesamtinteresse vereinbarten und unter der Voraussetzung, daß nian billige, was sie getan. Auch hat eine Organisation nicht nur gegen sich selbst und gegen den anderen vertragschließenden Teil, sondern auch gegen die Allgemeinheit moralische Verpflichtungen. Die Sympathien, die die Allgemeinheit im vorliegenden Fall dem Kampf der Bauarbeiter entgegenbrachte, würden in das Gegen- teil verkehrt, zeigten die Arbeiter, daß sie getroffenen Ver- einbarungen ihrer Vertrauensmänner die Erfüllung versagten. Ferner ist es verdammte Pflicht und Schul di'g- keit der einzelnen, und feien es noch so viele, sich der Entscheidung der großen Mehrheit ihrer Kollegen zu fügen. llnd wer gar mit Organisationsbruch droht oder ihn vollzieht, begeht Verrat an den Berufs- und a n den allgemeinen Ar- b e i t e r i n t e r e s s e n. Er ist ein Fahnenflüchtiger, der dem Feinde Waffen liefert. Und noch eine andere Gefahr droht. Verweigern nam- hafte Teile der beteiligten Arbeiterschaft ihren Vertrauens- leuten die Gefolgschaft, so begehen sie Vertragsbruch. Wer wird sich wundern, wenn alsdann auch die Unternehmer den Spieß umkehren und erklären, daß sie sich nunmehr ebenfalls aller Verpflichtungen entbunden erachten und der alte Kampf- zustand wieder hergestellt sei? Wie würde aber die Allgemeinheit es auffassen, wenn durch Verschulden eines Teils der beteiligten Arbeiter alles wieder in Frage gestellt würde? Und wie würden ins- besondere die deutschen Gewerkschaften einen Schritt auf- nehmen, der aufs neue einen Kampf von unübersehbarer Dauer und von nicht zu übersehenden Folgen hervorriefe? Diese Fragen sollten sich diejenigen vorlegen, die glauben, den getroffenen Vereinbarungen opponieren und wider sie handeln zu müssen. Bei einer gewissenhaften Prüfung kann die Antwort nicht zweifelhaft sein. Der Sieg ist vorhanden, ein weit größerer Sieg, als er anfangs von irgendeiner Seite erwartet werden konnte. Es ist aber schon mancher Sieg nachher durch taktische Fehler in eine Niederlage verwandelt worden. Sorgt, Arbeiter, auf allen Seiten, daß Sieg Sieg bleibt!_ A. Bebel. politifcbc CUbcrlicbt. Berlin, den 1. Juli 1910. Konzentrierung aller Reaktionäre. Will man bei Herrn v. Bethmann mit aller Gewalt so etwas wie einen leitenden politischen Gedanken entdecken, so könnte eS nur der sein, seine reaktionäre Majorität durch Spaltung der Nationalliberalen und Hinttberziehung ihres rechten Flügels ins Regierungslager zu verstärken. In diesem Ideal vereinigt sich Herr v. Bethmann mit den freikonservativen Scharfmachern und den rheinisch- westfälischen Geldgebern der nationalliberalen Partei. Diesem Ideal dient die jetzt mit allen Kräften einsetzende offiziöse Pretzkampagne. an deren Spitze Herr Stein von der„Frankfurter Zeitung" steht, die für offiziöse Nachrichten zu jedem noch so schmählichen Dienst sich fähig erwiesen hat. Diese Politik wird heute in der steikonservativen„Post" folgendermaßen gekennzeichnet. Das Blatt sieht in dem Ministerwechsel den Beginn einer neuen mittelpartei» lichen Politik. Der Ministerpräsident beabsichtige alle nationalen mittelparteilichen Elemente zu sammeln. Die rechts- stehenden Nationalliberalen seien mit der Haltung ihrer Partei längst unzustieden. Sie müßten die Schwärmer für einen nationalliberal- sozialdemokratischen Block in ihre Bedeutungslosigkeit zurückweisen und dafür sorgen, daß die Partei wieder wie früher von nüchternen, weitblickenden norddeutschen Politikern geführt wird. Herr v. Schorlemer scheine zur Ler« tretung dieser Politik besonders berufen, die auch diejenigen Katholiken gewinnen würde, die von dem demagogischen Treiben des linken Zentrumsflügels abgestoßen würden. Der Grund für diese Sammlungspolitik sei klar: es sind die sozialdemokratischen Siege. Soweit das Organ des Herrn v. Zedlitz. Daß er die Ab- sichten Bethmann» richtig wiedergibt, ist mit Ausnahme der zentrumsfeindlichen Auslastung, vor der der heilige Theobald zurückschaudern würde, nicht unwahrscheinlich. Daß die National« liberalen zum allergrößten Teil lieber heute als morgen zurückkehren würden, ist ebenfalls unzweifelhaft. So wäre alles in schönster Ordnung, wenn nur nicht die vertrackten Wähler wären. Und die werden dem Herrn v. Bethmann und allen Stützen des reaktionären Systems schon den Strich durch die Rechnung machen, mögen sich die Schuldigen nun„sammeln" oder nicht. Der fchwarzblaue Block und die Reichsversicherungs- ordnung. Die„Kreuz-Zeitung" erklärt heute die Meldung, daß ein Kompromiß über die Reichsversicherungs- ordnung zwischen Konservativen und Zen- t r u m abgeschlossen, für u n w a h r. Es mag richtig sein, daß oas Abkommen noch nicht abgeschlossen ist. Aber sicher richtig ist, daß auf den Abschluß hingesteuert wird. Das geht mit aller Deutlichkeit aus der Notiz der„Kreuz-Zeitung" selber hervor. Der Schluß lautet nämlich: „... So ist in der letzten Kommisfionsfitzung die in der Re- gierungSvorlage vorgesehene Halbierung der Beiträge und des Stimmrechts im Borstande und Ausschuß der Krankenkasten gegen die Stimmen der Konservativen und der Nationalliberalen von entrum. Fortschritt. Polen, Christlich-sozialen und Sozialdemo- aten abgelehnt und die bisherige Drittelung, also die grundsätz- liche Begünstigung der Arbeiter beibehalten worden... Es ist klar, daß die Kommissionsmehrheit, die bei diesem unleugbar wichtigen Punkte der Reichsversicherungsordnung in Er- scheinung getreten ist, unmöglich als geeignet angesehen werden kann, dieses große und vielseitige Werk einem positiven Abschlüsse zuzuführen. Ein Zusammenwirken zwischen Konservativen, National- liberalen und Zentrum wird dazu unter allen Umständen erforder- lich sein. Gerade bei diesem Werk ist der Unfug, der noch immer mit der Legende vom schwarzblauen Block getrieben wird, erficht- lich. Und gerade hierbei werden die Nationalliberalen— wofern sie nicht etwa grundsätzliche Tendenzpolitik machen wollen— Ge- legenheit haben zu der Erkenntnis, daß ihre Anschauungen sie viel eher zum Anschluß nach rechts hinführen als zum Anschluß an die Fortschrittspartei, die nichts weiter mehr ist als eine sozial- demokratische Hilfstruppe." Die„Kreuz-Zeitung" erklärt also ein Zusammenwirken von Konservativen. Zentrum und Nattonalliberalen für nötig, um die Reichsversicherungsordnung so zu gestalten, daß sie den Wünschen der Junker im wesentlichen entspricht. Der- selben Ansicht wie die„Kreuz-Zeitung" ist die Zentrumspresse. wie wir seinerzeit an dem Arttkel der„Germania" nach- gewiesen haben, der da ankündigte, daß das Zentrum, da sich mit Freisinn und Sozialdemokratie nicht arbeiten lasse, das Gesetz niit Konservativen und Nationalliberalen machen müsse. Beide Kontrahenten des schwarz- blauen Blocks sind also damit einverstanden. daß in diesem Falle die Nationalliberalen als dritte Partei zur Fersig- stellung des Werkes herangezogen werden. Das bietet in diesem Falle auch gar keine Schwierigkeiten, da bei diesem Gesetz der Gegensatz zwischen mobilem und immo- bilem Kapital nicht vorhanden ist. Die Nationalliberalen nehmen hier genau dieselbe Haltung ein. wie die Konser- vasiven, d. h. sie wollen der Arbesterschaft ihre bisherigen Rechte in den Krankenkassen nehmen und ihr keine Verbesse- rungen der Versicherung zugestehen. Die einzige Schwierig- keit, die dem Zusammenwirken der drei Parteien noch ent- gegensteht, ist das Bedürfnis des Zentrums, den Schein der Arbeiterfreundlichkeit wenigstens etwas noch zu wahren. Des- halb weigert es sich— vorläufig noch— die Bestimmung der Regierungsvorlage zu akzeptieren, die das Selbstverwaltungs- recht der Arbeiter in den Krankenkassen vernichten will, indem die Beiträge und die Stimmen in Vorstand und Ausschuß zwischen Unternehmern und Arbeitern gleich- geteilt werden. Aber wenn das Zentrum hier auch noch nicht ja gesagt hat. so hat es doch den Wünschen der konservativen und nationalliberalen Arbeiterfeinde und der Regierung schon erhebliche Zugeständ- nisse gemacht. Während es die Selbstverwaltung der Arbeiter- schaft angeblich erhalten will, stimmte es zu, daß sie auf Um- wegen abgewürgt wird, indem die Wahl des Kassenvorsitzenden und der wichtigeren Angestellten der Kassen den Arbeitern genommen wird! Bei so viel gutem Willen des Zentrums, den konservattvcn und nationalliberalen Arbeiterfeinden ent- gegenzukommen, wird schließlich auch eine Einigung über die anderen noch strittigen Punkte erzielt werden. Das Kom- promiß zwischen Konservativen und Nationalliberalen einer- feits und dem Zentrum andererseits kommt zustande, wenn nicht die deutsche Arbeiterschaft energisch protestiert, daß auch die katholischen Arbeiter aufgerüttelt werden und dem Zentrum deutlich ihre Meinung sagen. Sonst wird das Zentrum auchin der Arbeiterversichernng das Proletariat verraten und damit den ersten Schritt tun, seine bisherige schwächliche Sozialpolittk dem Bündnis mit den Junkern zu opfern. Denn allein die Rücksicht auf seine konservativen Verbündeten, auf die Er- Haltung seiner Regierungsfähigkeit bestimmt hier die Haltung des Zentrums. Deshalb ist denn auch der bisherige Verlauf der Kommissionsverhandlungen durchaus nicht geeignet, die „Legende vom schwarz-blauen Block" zu zerstören. Ganz im Gegenteil I Und wenn er in diesem Falle durch die National- liberalen komplettiert wird, so ist das auch nichts, was gegen seine Existenz spricht, denn die Nationalliberalen bilden in der Frage der Arbeiterversichernng mit den Konservattven die eine große Partei der Arbeiterfeinde, der sich das Zentrum akkom- modieren will._ AUerhöchste Zufriedenheit. Wir lesen in der„Rhein.-Westf. Zeitung": „Man sagt, daß der Kaiser in Kiel Gelegenheit genommen hat, Herrn von Bethmann sein besonderes Ver» trauen zum Ausdruck zu bringen, und nach dem Scheiden deS Kanzlers und seiner Rückkehr nach Berlin soll der StimmungS» Himmel zwischen beiden wolkenlos sein. Wie ferner verlautet, habe allerdings der Kaiser schon vor etwa zwei Monaten seinem lebhaften Unwillen darüber Aus» druck verliehen, wie die Wahlrechtsvorlage im Ab» geordnetenhouse behandelt worden ist. Aber den Haupt» teil der Schuld an der ganzen Verworrenheit habe er dem Parlamente zugeschoben und nicht dem Ministerpräfidenten, wenn auch gegen diesen eine leichte Verstimmung zu verspüren gewesen sei. Durch die glatte Erledigung der Dotationsfrage jedoch hat Herr v. Bethmann einen besonderen Stein im Brett be- kommen, denn die Krone, die nur mit Besorgnis die unaufschieb- bare Angelegenheit in kritischer Zeit vor die Volksvertretung brachte, hat sich auf unerquickliche Debatten gefaßt ge- macht. Daß diese Sorge gegenstandslos geblieben ist, hat man dem preußischen Ministerpräsidenten hoch angeschrieben und �al» ein Resultat seines Taktes betrachtet. Man sieht, die Erhöhung der ZivMste ist ein teurer Spaß. Dem Volke kostet sie 3'/» Millionen Mark jährlich mehr und Herrn v. Bethmann trägt sie noch dazu die besondere Zufriedenheit Wilhelms IL ein. Interessant ist, daß selbst Wilhelm II. die Liberalen höher eingeschätzt hat und sich auf„unerquickliche Debatten" gefaßt gemacht hatte. Die liberale Knechtsscligkeit hat also als unmittelbare Folge die Stärkung der Position des Ministerpräsidenten bewirkt. Der„liberale Finanzminister. Köln, 1. Juli.(Psivatdepesche des„Vorwärts".) Zu der Er» nemmng des bisherigen Oberbürgermeisters Dr. Lcntze- Magdeburg zum preußischen Finanzminister wird der„Rheinischen Pcovinzial- Korrespondenz" von unterrichteter Seite aus Magdeburg noch weiter gemeldet, daß man in kritischen Magdeburger Kreisen sich nicht zu der Ansicht bekennen kann, die den neuen Finanzminister kurzweg liberal oder wenigstens nationalliberal nennt. Obgleich Dr. Lentze nach außen hin stets für den Schein sorgte, als liberal zu gelten, so bewies doch gerade seine Magdeburger Amtsführung, daß er es in jedem Falle aufs sorgfältigste vermeidet, irgendwie mit Interessen der Regierung in Konflikt zu geraten. Abgesehen von Fällen, welche ausschließlich die Magdeburger Kommunalverwaltung angingen, trat dieS besonders scharf in den Tagen der Reichs» f i n a n z r e f o r m und bei Beratung derpreußischenWahl» r e f o r m hervor. Dr. Lentze lehnte eS bei beiden Gelegenheiten für seine Person grundsätzlich ab, daß die Vertretung der Stadt Magdeburg in liberalem Sinne Stellung nehme. Bei der Ab» stimmung über die preußische Wahlreform imHerren» hause stellte er sich nicht aus Seite seiner Kollegen, der übrigen Bürgermeister, sondern enthielt sich bezeichnenderweise der Ab» st i m m u n g. Unbeschadet seiner mehrfach gerühmten Bedeutung als Verwaltungsbeamter ist man auch nach seinem bisherigen sonstigen Verhalten der Regierung gegenüber, so auch m der Eingemeindungsfrage, bei Dr. Lentze danach ohne weiteres berechsigt, ihn als konservativen Mann und zwar von ziemlich starker bureaukrati scher Färbung zu bezeichnen._ Das System. Unter dem Titel„Viel Lärm um einen Eierkuchen" schreibt die„Köln. Volksztg." ziemlich respektlos über daS Durcheinanderpurzeln der Minister: „Seit etwa 20 Jahren— genauer gesagt, seit dem Znsammen- bnich des sogenannten Kartells— haben die preußischen Minister, ebenso auch die deutschen Staatssekretäre. das Regiment in so gleichartiger Weise geführt, daß man Schulz und Müller kaum unterscheiden konnte. Wohl stand der eine etwas mehr nach rechts und der andere etwa« weiter links, doch hat manpraktisch davon kaum Erhebliches merken können. Die alte preußische„Tradition" stand über den subjektiven Neigungen der häufig wechselnden einzelnen Ressort- chefs... Wer dieses preußische NegicrungSsqstem genauer studiert hat. der wird finden, daß die Personen der Minister dabei wenig zu bedeuten haben. Die verschiedenartigsten Minister haben doch im Grunde dieselben Entscheidungen erlassen. Freilich ist ja auch ein Minister nicht ein solcher Selbstherrscher, wie man manch- mal denkt. Die Existenz eines Ministers gleicht oft der Kometen- lausbahn, aber der Geheimrat ist der„ruhende Pol in der Er- scheinungen Flucht". In ihm verkörpert sich die preußische Tradition und wenn ein neuer Chef kommt, so dauert es meist nicht lang«. daß er tanzt, wie der Geheimrat pfeift." Das Zcntrumsblatt vergißt leider nur hinzuzufügen, daß zu den stärksten Stützen dieses schmählichen Systems eben das Zentrum gehört. Tie Mugmaschine als Werkzeug deS Massenmordes. Aus New D o r k wird unterm 1. Juli gemeldet:i Der amerikanische Aviatiker Glenn Curtitz wollte heute vor Offizieren die Nützlichkeit der A e r o p l a n e in einem See- kriege nachweisen und lieg auf das ein Kriegsschiff darstellende Ziel zwanzig Bomben niederfallen, von denen achtzehn getroffen haben sollen. Die Meldung eröffnet gräßliche Aussichten für die Kriege der Zukunft. In der kapitalistischen Ordnung wird auch die Eroberung der Luft, die große Kulturtat, zu einem Mittel, die Kriege noch folgenschwerer zu gestalten, als sie es ohnehin schon sind. Nationalliberal- freisinniges Kompromiß in Teltow- Beeskow. Vertreter der nationalliberalen und fortschrittlichen Volkspartei auS dem Wahlkreise Teltow- Beeskow- Storkow- Eharlottenburg hielten eine Konferenz ab, in der Erörterungen über die nach st e Reichstagswahl gepflogen wurden. Man einigte sich dahin, einen gemeinsamen Ka n di d a t en aufzustellen. Die Sozialdemokratie wird den vereinigten Liberalen zeigen, daß sie den Wahlkreis weder mit noch ohne Kompromiß bekomme. Rheinbaben und die Großindustrie. Herr v. Rheinbaben hat sich von der„Rhein.-Westf. Ztg.* inter- diewen lassen und sich den Großindustriellen dabei sehr warm empfohlen. Unter andern gab er seiner Freude Ausdruck,„daß seiner große und wichtige Dinge in nächster Zukunft im Rheinlande harrten. Zu nennen seien nur die Angelegenheiten des Stahlwerks- Verbandes und des Kohlensyndikates, deren Lösung zu allseitiger Zufriedenheit er sich unter Einsetzung seiner ganzen Per- sönlichkeit widmen werde.* Daß die Karte l-l- und Trust Magnaten mit Herrn V. Rheinbaben auch in Zukunft ebenso zufrieden sein werden als bisher, daran zweifeln wir keinen Augenblick. Warum sollte er für den Kohlen- und Eisenwucher weniger übrig haben als für den Kornwucher. Daß aber die Zufriedenheit eine allseitige sein werde, das bezweifeln wir allerdings auf das stärkste. Der Minister des Innern. Ueber Herrn von Dallwitz' Ernennung schreibt die„Liberale Korrespondenz': „Die Konservativen brauchten an diesem Platz einen u n b e- dingt zuverlässigen Mann, einen Mann, der die nächsten Wahlen so managert, daß sie nicht allzuviel Verluste erleiden. Dazu fehlte dem Grafen Moltke das Talent, die Kraft und die Rücksichtslosigkeit. Ueber alles das verfügt Herr v. Dallwitz, und er verfügt, wie man uns aus unterrichteten Kreisen schreibt, über etwas, was ibn gefährlich macht, über die Geschicklichkeit, kleine Hemmniffe, die die Wähler ärgern, zu beseitigen, in kleineil Fragen nachgiebig zu sein und Erleichterung zu gewähren. Das hat er in Anhalt gezeigt und dadurch eine gewiffe Popularität errungen, und es ihm dann leichter machte, in den großen Fragen absolut reaktionär zu bleiben. Er ist ein Gegner der politischen Nadelstiche, die einer Regierung unnütz teinde machen, aber er ist vermutlich entschlossen. jeden »ruck auszuüben, um Wahlen zustande zu bringen, die den Konservativen im Bündnis mit dem Zentrum die Herrschaft sichern.' Dazu bemerkt die„Berl. VoUSztg.': „Dieses Nachgeben in Kleinigkeiten hat offenbar den sozial- demokratischen Journalisten Pens dazu verführt, öffentlich zu be- haupten, Herr v. Dallwitz sei nicht der Stockreaktionär, für den man ihn ausgegeben habe. Jeder Politiker weiß aber. daß gerade die Minister mit Borsicht genossen werden müssen, die in Kleinigkeiten konziliant erscheinen, in allen großen Dingen aber um so schroffer sind.' Danach müßt« es ja scheinen, baß Genosse Pens in den Äugen der„Vvlksztg.* kein Politiker ist. Nachwehen des Kieler Werftprozesses. Der bisherige Oberwerftdirektor der Kaiserlichen Werst in Kiek, Vizeadmiral v. U s e d o m ist jetzt seines Postens enthoben und „zur Allerhöchsten Verfügung" gestellt worden. Sein Nachfolger ist der Kapitän zur See Henkel. Ministerkrise in Baden. In der DonnerStagSsitzung des badischen StaatSministeriums erklärte der Eisenbahnminister Frhr. v. Marschall, daß er direkt nach Schluß des Landtage» sein Ministeramt nieder- legen werde. Veranlassung dazu seien die in der Kammer er- folgten Angriffe auf das badische Eisenbahnministerium. Die De- misston des Ministers wurde in den letzten Tagen von den Vertretern aller Parteien im Landtage verlangt. Es hatten sich bei den großen Bahnhofsbauten in Baden starke Mißstände herausgestellt. Unglaub- licherweise ist dort den Bauausfnhrenden zugleich auch von Amtswegen die Bauaufsicht übertragen worden. Der Eisenbahnminister erfuhr darob in der Kammer Angriffe, wie sie so heftig seit Jahren nicht vorgekommen sind.— Da auch der Finanzininister Honsel! wegen Krankheit nach Schluß des Landtags zurücktritt, muß in Baden die Hälfte des MinisterimnS erneuert werden. ES sollen tiefgehende Aenderungen eintreten.__ Zur Förderung der Arbeitslosenversicherung in Baden. Die Budgetkommisston der Zweiten badischen Kammer stimmte dem sozialdemokratischen Antrag zu, die Regierung auszu- fordern, noch in diesem Staatsvoranschlag 100 000 M. zur Förderung der Arbeitslosenversicherung in Baden einzustellen. Gegen den Antrag stimmte nur daS Zentrum(!). Die bayerische Steuerreform im Reichsrate. München, 1. Juli. Di« ReichSratSkammer hat heute die bayerische Steuerreform enbloc einstimmig angenommen. Durch dies« einstimmige Annahme der Reform soll die Abgeordnetenkammer veranlaßt werden, den Aenderungen. die die ReichSratSkammer an der Vorlage vornahm, zuzustimmen. Zur Regelung des Strafvollzugs. Seit einiger Zeit find Arbeiten für eine gesetzliche Rege- lung des Strafvollzuges eingeleitet worden, wofür die einzelnen Bundesstaaten dem Reichsjustizamte entsprechendes Material zur Verfügung gestellt haben. Die Wiederaufnahme des Essener Meineidsprozesses. In dem Meineidsprozeß gegen den Genossen Ludwig Schröder u. a., für die das Oberlandesgericht das Wiederaufnahme» kr fahren angeordnet hat, ist nunmehr die neue Schwurgerichts- Verhandlung vor dem Essener Landgericht auf den 17. Septemoeb anberaumt worden. Oefterrdcb. Studcnteuunrnhen. Lemberg, I. Juli. Als heute in aller Frühe über 300 r u t h e- nische S t u d x„ j � ohne Erlaubnis des Rektorats einen Saal der Universität besetzten, kam es zum Handgemenge mit Polnischen Studenten, wobei Revolverschüsse fielen. durch die mehrere Studenten und Amtsdiener verwundet wurden. Da» Universitätsgebäude ist von der Polizei besetzt. Niemand wird weder aus- noch eingelaffen. Ter Staatsanwalt und der Unter. suchungsrichter begaben sich j» die Universität. Vor dem Universitätsgebäude hatte sich um mittag eine große Menschenmenge angesammelt. Berittene Polizei Hält die Ordnung aufrecht. Im Unibersitätsgebäud'e waltet die Uniersuchungs- kommission ihres Amtes. Die Studenten werden fürs erste in den Hörsälen zurückgehalten und von der Polizei bewacht. Ver- w u n d e t sind sechs Studenten und drei Universi- tätsdiener. Die Darstellung der Ruthenen. Wien, 1. Juli. Die ruthenischen Abgeordneten haben im Abgeordnetenhause eine Interpellation einge- bracht, in welcher behauptet wird, daß in Lemberg die polnischen Studenten, welche mit Revolvern bewaffnet gewesen seien, auf die ruthenischen Studenten zwei Salven abgegeben hätten. Durch die Schüsse sei ein Theologe getötet, sechs polnische und ruthenische Studenten sowie drei Universitätsdiener seien dadurch verletzt worden. Tie Interpellanten behaupten ferner, daß die Behörden, trotzdem sie von den drohenden Vorbereitungen der polnischen Studenten Kenntnis gehabt hätten, nichts zur Ver- hütung der blutigen Ausschreitungen getan hätten. Endlich wird in der Interpellation die Errichtung einer selbständigen ruthenischen Universität in Lemberg als einziges Mit- tel zur Herstellung gesunder Verhältnisse in Galizien gefordert. franhmcb. Die Wahlreform. Paris, 30. Juni.(Eig. Ber.) Der heute der Kammer unterbreitete Regierungsentwurf über die Wahlrcform ist in seinen Gründzügen schon bekannt gewesen. Er enthält die Wiederherstellung des Listenskrutiniums mit einer„proPortio- nellen" Vertretung der Minoritäten, die Verlängerung der Mandatsdauer auf sechs Jahre und die Erneuerung der Kammer durch die alle zwei Jahre erfolgende Wahl eines Drittels, die Zulassung der Kandidatur in drei Wahlbezirken— durch das Gesetz von 1889 waren mehrfache Kandidaturen untersagt—. die Besetzung vakant gewordener Sitze mit dem Kandidaten der durch die Vakanz betroffenen Partei, der die meisten Stimmen unter den Nichtgewählten erhalten hat u. a. Von einer wirklichen Verhältniswahl ist, wie man sieht, nicht die Rede. Es wird sich nun zeigen, wie ernst es die 319 Mitglieder der parlamentarischen Ver- einigung für den Proporz meinen. Insbesondere darf man darauf gespannt sein, ob sich der Eifer der Progressisten jetzt. nachdem die Macht des Radikalismus gebrochen ist, nicht ab- kühlen wird. I a u r ö s fällt in der„Humanits" folgendes Urteil: „Dieser Gesetzentwurf würde ausreichen. Briand um alles An« sehen zu bringen, wenn der Kammer an einer ernstere>Arbeit gelegen wäre. DaS ist ein derartiges Zerrbild der Minderheitsvertretung, daß man sich fragen muß, ob die Regierung, indem sie diese Vorlage einbrachte, die Reform nicht lächerlich machen wollte. Sie wird aber stärker sein als die Re- gierung und den Verwirklichern zum Trotz sich verwirklichen. Nie- mal» aber hat ein so geringschätziger SkeptizismnS mit einem großen Problem und einer Versammlung ohne Erfahrung ein so schnödes Spiel getrieben. Man stagt sich auch verblüfft, wie das Ministerium auS dem gestern vorgelegten Voranschlag die Arbeiter-AlterS- Versorgung hat ausschließen können. Diese Maßregel wird die übelsten Folgen»ach sich ziehen. DaS ganze Schiff legt sich zur Rechten um und das Gewicht der konservativen Kräfte läßt sich in der ganzen RegierungSpolitik furchtbar empfinden.' Der Zollkonflikt. Paris, 1. Juli. Handelsminister Dupuy hielt in Bordeaux eine Rede, in welcher er die Revision des Zoll- t a r i f s besprach und sagte: Deutschland gibt uns heute eine sehr ern st e Unzufriedenheit durch volle An- Wendung eines im vorigen Jahr votierten Gesetzes kund. Wir werden unser Möglichstes tun. damit die deutsche Regierung nicht in unbarmherzigen Zoll- krieg mit uns eintritt. Die Drohungen Belgiens sind nicht minder ernst, aber die gegen uns geplanten Zwangs- maßregeln sind so übertrieben, daß keine Regierung der Welt einen solchen Angriff ertragen könnte. Falls der ein- schlägige Gesetzentwurf vom belgischen Parlament ange- nommen würde, würden hierdurch die belgischen Gren- z e n für unsere gesamte Industrie gesperrt, und ein wirtschaftlicher Bruch zwischen beiden Ländern würde die Folge sein._ Schande! Paris, 1. Juli. Der Schuhmacher L i a b e u f, der Mörder des Schutzmanns Deray, ist heute früh gegen 4 Uhr hingerich- t e t worden. Er erklärte noch vor der Guillotine, er sei nie ein Zuhälter gewesen. Während die Behörden den Verurteilten weckten, umstand eine zahlreiche Menge daS Schafott und b e- schimpfte die Polizesi Als drei Revolverschüsse abgegeben wurden, zogen oie Schutzleute blank. Ein Polizeiinspektor wurde von einer Revolverkugel am Halse ver- wundet. England. Eine Nachwahl. London, I. Juli. Die Ungültigkeitserklärung der Wahl des Kapitän Guest zum liberalen Abgeordneten für Ost-Dorset infolge gesetzwidriger Beeinflussung der Wähler hatte eine Neu- wähl in dem genannten Bezirk notwendig gemacht. An seiner Stelle ist jetzt sein Bruder Major Guest zum liberalen Abgeordneten gewählt worden, und zwar mit 6067 Stimmen gegenüber dem unionistischen Kandidaten Nicholson, welcher 637S Stimmen erhielt. Dänemark. Rücktritt des radikalen Ministeriums. Kopenhagen, 1. Juli. Der König hat die vom Minister- Präsidenten Zahle eingereichte Demission des gesamten Kabinetts angenommen. Rumänien. Nachgegeben.' Bukarest, 1. Juli. Der italienische Gesandte hat dem Minister des Aeußern Djuvara mitgeteilt, daß die griechische Regie» rung die Bedingungen und die Modalitäten der rumänischen Forderung in der Angelegenheit des Jmperatul Trojan ange- nommen habe._ i Hus der Partei. Wiuterprogramm für das Jahr 1910/11. Winke und Ratschläge nennt sich die neueste Publikation des ZentrakbildungS- ausschusfe«. Auf 23 Seiten werden den lokalen Bildung»- ausschüssen, Parteiorganisationen und GewerkschaftSkartellen gut Rat- schlüge gegeben und Musterprogramme für die Bildungsarbeit des Winter» zur Verfügung gestellt. DaS Heft hat folgenden Inhalt: Einleitende». Lokale BildungsauSschüsse. Die wiffenschastlichen Wanderkurse. Organisasion und Kosten. Vorbereitung und Einrichtung. Die Dispositionen der Wanderredner. Jugend- schristen und Wandschmuck. Künstlerische und gesellige Veranstaltungen. Programmentwllrfe(Wie hört man Musik; Balladenabend; Kunst und Revolution; Stiftungsfest; Sonstige Programme). Theater-» Vorstellungen. Entwurf zu einem Arbeitsplan. Schlußbemerkung. In der Einleitung wird darauf aufmerksam gemacht, daß der bevor« stehende Winter der letzte vor den nächsten allge« meinen ReichStagSwahlen ist: da die Bildungsarbeit nicht außerhalb der polittschen Kämpfe und Bestrebungen der Arbeiter« klaffe liegt, sondern sie zu fördern und innerlich zu vertiefen hat, so muß bei den Bildungsveranstaltungen der kommenden Wintermonate darauf Rücksicht genommen werden. Die belehrenden Veranstaltungen, besonders Kurse, die in ihrer Wirkung den grundsätzlichen AuS» einandersetzungen des bevorstehenden WahlkampfeS zugute kommen, sind in den Vordergrund zu rücken, die künstlerischen Unternehmungen können dagegen in diesem Winter zurücktreten. Die Anregungen des Winterprogramms und besonders die Dispositionen der Wander« redner des Bildungsausschuffes tragen dieser Sachlage Rechnung. Bei den wissenschaftlichen Wanderkursen deS Bildungsausschusses ist eine Neuerung organisatorischer Art getroffen worden. In Zukunft müssen die Bildungsausschüffe, die den Erlaß des Honorars beantragen, dafür die Befürwortung des Vorstandes ihrer Bezirks- oder Landesorganisation einsenden. Auf den beson» deren Wunsch der Geschäftsstelle des ZentralbildungSausschusseS machen wir die Bildungsausschüffe hierauf ausdrücklich aufmerksam; die Einzelheiten dieser Neuregelung sind auS dem Winterprogramm zu ersehen, sie gelten auch für diejenigen BildungS- auSschüsse, die für den kommenden Winter bereits honorarfreieKurse bei der Geschäfts st eile ange« meldet haben. Das Winterprogramm enthält außer den Mitteilungen über die Wanderkurfe Anregungen und Vorschläge für die Organisation lokaler BildungSausschllsse, für die Propaganda guter Jugendschriften und künstlerischen Wandschmucks, für die Organisation von Volksvorstellungen und für die Aufstellung eineS zusammenhängenden Pro« grammS für die lokale Bildungsarbeit. Diejenigen Bildungsausschüsse, die daS Winterprogramm bi» Ende dieser Woche nicht erhalten, sind bei der Geschäftsstelle des ZentralbildungsauSschusses(Heinrich Schulz, Berlin SW 68, Lindenstraße 8) noch nicht oder mit unrichtiger Adresse gemeldet. Sie werden ersucht, die Anmeldung sofort zu bewirken, damit ihnen in Zukunft alle Veröffentlichungen des Bildungsausschuffes regelmäßig zugehen._ Zwei Jubilare. Der„Volksbote" zu Stettin, unser pommersches Parteiblatt, vollendete am 1. Juli die ersten 25 Jahre seines Bestehens. Die Gründung des„Volksboten" fiel in die Sturm- und Drangperiode der Sozialdemokratie. Die Verfolgungen auf Grund des Sozialistengesetzes hatten ihren Gipfelpunkt erreicht, die Re- aktion triumphierte, und die bürgerliche Presse konnte die gefesselte Partei nach Herzenslust beschimpfen und verleumden. Aber das Blättchen, das zunächst wöchentlich zweimal im halben Format des heutigen.Volksboten" erschien, hielt stand, überdauerte auch den Belagerungszustand, der 1887 über Stettin verhängt wurde und den Drucker, Verleger und Redakteur Genossen Herbert zwang, nach Stargard auszuwandern, trotzte allen Verfolgungen und ent- wickelte sich in langer mühsamer Arbeit zum heutigen Tageblatt. Im Jahre 1889 ging der Verlag an die Partei über; der Druck erfolgt in der Offizin des Genossen Herbert. Am selben Tage trat unser Magdeburger Parteiblatt, die„V o l k s st i m m e". in das dritte Jahrzehnt. Das älteste Parteiorgan Magdeburgs, die 1876 gegründete„Freie Presse". mutzte 1878 mit dem Eintritt deS Sozialistengesetzes das Erscheinen einstellen. Erst am 1. Juli 1890 konnte ein neues Blatt, die„Volks- stimme" gegründet werden. Sofort stürzte sich die Magdeburger Justiz auf das Arbeiterblatt. Die Rechtsprechung der Magdeburger Richter gegen die Arbeiterbewegung, insbesondere gegen die„Volks- stimme", suchte ihresgleichen im ganzen Reich. Gleich das erste Jahr der„Volksstimme" kostete den Redakteuren 9 Monate Äe» fängnis und 350 M. Geldstrafe; nach zehn Jahren Bestehens beließ sich das Strafkonto der Redakteure und Expedienten auf 12 Jahre» 1 Monat und 13 Tage Freiheitsstrafe und 7096 M. Geldstrafe. Der Erste Staatsanwalt Maizier sah seine besondere Aufgabe darin, die„Volksssimme" wie überhaupt die gesamte Arbeiterbewe» gung Magdeburgs nach Kräften zu drangsalieren. Unter seiner Aegide wurden die Meineidsprozesse berüchtigten Angedenkens ver- handelt, die den Angeklagten insgesamt zwanzig und ein halbes Jahr Zuchthaus einbrachten, wurden Menschenglück und Menschen» leben vernichtet und nicht nur Verurteilten, sondern auch Unter. suchungsgefangenen die schrecklichsten seelischen Martern auferlegt. Mit Grauen erinnert man sich der Fälle Peus und Königstedt. Dem Genossen Peus verweigerte Maizier den Urlaub zu seiner sterbenden Frau, dem Genossen Königstedt ließ er Hände und Füße mit schweben Ketten fesseln und ihn an den Fußboden anschließen. Und das waren nur Untersuchungsgefangene I Die Redakteure der„Volksstimme" wurden vom Fleck weg verhaftet, wenn ein neues Verfahren gegen sie anhängig gemacht! wurde. Daher hat kaum ein Parteiblatt so viel Redakteure ver» braucht wie in jener Zeit die Magdeburger„Volksstimme". Monate» lang— einige sogar jahrelang— haben fast alle hinter preußischen Kerkergittern schmachten müssen. Man braucht nur an den Maje- stätSbeleidigungsprozeß Müller-Schmidt zu erinnern, um in jeder» mann ein lebendiges Bild entstehen zu lassen von dem Wirken der Justiz gegen die..Volksstimme". Wegen Majestätsbeleidigung wurde Genosse August Müller zu der ungeheuerlichen Strafe von vier Jahren Gefängnis verurteilt. In der ganzen zivilisierten Welt erregte das Sehreckensurteil Aufsehen, um so mehr, als glaub» Haft nachgewiesen war, daß Müller gar nicht als Täter in Betracht kommen konnte, also unschuldig war. Das Gericht aber glaubte den Zeugen nicht, weil sie als Parteigenossen Müllers ein Interesse an seiner Freisprechung hätten. Albert Schmidt meldete sich dann als„Täter", und die Richter erkannten gegen ihn auf drei Jahre Gefängnis. Müller wurde im Wiederaufnahmeverfahren frei» gesprochen, nachdem er bereits 2Vj Monate von den 4 Jahren Ge- fängniS unschuldig„abgesessen" hatte., Aber als das unbequeme Blatt mit all diesen Verfolgungen nicht totzumachen war und die Magdeburger Justiz im ganzen Reiche ständig abfälligste Kritik erfuhr, da ließ der Verfolgungs- eifer der Staatsanwaltschaft allmählich nach— d. h. er sank auf das in Deutschland normale Maß. An Prozessen hat es der„Volks. stimme" auch seitdem nicht gefehlt, aber so ungeheuerliche Fälle, wie im ersten Jahrzehnt, sind doch nicht mehr vorgekommen. Gleich» geblieben ist aber der Aufstieg der„Volksstimme". Beiden Jubilaren zu weiterem Kampf und Sieg unsere herz» lichsten Glückwünsche._ � Warnung! Das ausländische Zcntralbureau des jüdischen Arbeiterbundes warnt alle Partei- und Gewerkschaftsorganisationen. vor allem die Buchdruckerverbände, vor einem gefährlichen Abenteurer namenS Kalinowitsch, der seit dem vorigen Jahre unter dem Namen Jankel Abraham Gerschon in Wien lebte und kürzlich von dort ge- flüchtet ist. Es rst möglich, daß er sich nach Zürich gewandt hat und dort auf seinen alten Paß auf den Namen Chaim Kaplan lebt. Eine Zeitlang war er unter dem Namen KrakowSli nach Sibirien verbannt und gab sich dort als Mitglied der deutschen Sozialdemokratie aus._ Personalien. In die Redaktion der„Pfälzischen Post" in Ludwigshafen tritt Genosse Ludwig Radios, jetzt Arbeiter- setretär in Neumünster, am 15. August ein. Genosse Radios wax bis m einigen Jghren in Bieslgu sn dir Mlksvscht" tätig. Sewerklckaftlickey. Hufwandsgeldcr I Wir berichteten kürzlich von den beklemmenden Sorgen, die sich die Stummschen Postgeister wieder einmal über den Verbleib der in Gewerkschaften aufgesammelten„Arbeitergroschen" machten. Die aufdringliche Besorgnis der verehrlichen Postleutchen bleibt nun, dessen mögen sie versichert sein, bei den organisierten Arbeitern gänz- lich ohne Eindruck. Aber, wie wäre eS, wenn das Blatt seinen Sparsamkeitsdrang einmal bei den Unternehmervereinigungen aller Art, den Handwerkervereinen, Innungen usw. in Anwendung brächte? Hier einiges Material: Der 37. Gastivulsrag, der in diesen Tagen in D a n z i g ab- gehalten wurde, bewilligte dem Präsidenten des Deutschen Gast- Wirtsverbandes, Herrn Ringel, die Summe von 3000 M. als jährliche„Aufwandsentschädigung". Dem Kassierer wurden 2000 M. bewilligt und jedes Borstandsmitglied soll in Zu- kunft die Kleinigkeit von 10 M. für jede Sitzung erhalten. ES handelt sich hier um Ehrenposten, und Herr Ringel, der ein großes Lokal in Pankow bewirtschaftet, gilt als ein vermögender Mann. Wir entrüsten uns weiter nicht über diese Auswandsgelder, wir erkennen gern an, daß die Herren Gastwirte an etwas fettere Kost gewöhnt sind als die Arbeiter- beaniten. Aber feststellen möchten wir doch, daß eS in den deutschen Gewerkschaften nicht allzuviel Beamte gibt, die eine Summe von 3000 M. oder darüber als Gehalt für eine schwere, ausreibende Tätigkeit beziehen._ Berlin und Qmgegend. An die organisierten Genossen von Berlin und Umgegend! Unter Hinweis auf die Bekanntmachung der General- kommission der Gewerkschaften Deutschlands, nach welcher die Sammlungen für die ausgesperrten Bauarbeiter Deutschlands zu beenden sind, bitten wir um schnellste Abrechnung resp. Einsendung der noch ausstehcndeu Gelder und Sammellisten. Gleichzeitig teilen wir mit, dah unser Bureau von Montag, den 4. Juli ab des Sonnabends nur von 9 bis 12'/» Uhr vormittags geöffnet ist. Der Ausschuß der Gewerkschaftskommissiou Berlins und Umgegend. Die streikenden Schmiede waren in voller Zahl am Freitag- morgen versammelt. Der starke Besuch der Streikversammlung hätte jeden Meister überzeugen könne», daß die Angaben des Obermeisters Warneke, der der Streikleitung Lügenhaftigkeit vorwarf, falsch und irreführend sind. Verschiedene Meister waren von dem Alt- gesellen Köhler aufgefordert worden, sich einmal eine Versammlung der Streikenden anzusehen: aber sie schienen sich vor der Wahrheit fu fürchten und waren der Einladung nicht gefolgt. Die Ver- amntelten besprachen den Stand der Bewegung� der als durchaus günstig bezeichnet wurde. Der Kampf gegen die Streikbrecher, der sich überall in den von, Gesetz gezogenen Schranken hält, wird er- folgreich sortgesetzt, obgleich die Polizei wie gewöhnlich den Streik- Posten die Erfüllung ihrer Pflicht sehr schwer macht. Verschiedene Posten sind verbastet worden und lebhast wurde geklagt, daß die Schutzleute jeder Aufforderung eines Schmiedemeisters ohne weiteres nachkommen, sobald es sich um einen Streikposten handelt. Einige Meister sind gewalt- tätig gegen Streikende vorgegangen� manche lassendieStreikbrecher über- Haupt nicht aus dem Hause aus Angst, daß sie verloren gehen könnten. Viele haben sich an den Arbeitsnachweis des Deutsche» Metall- arbeiterverbandes mit der dringenden Bitte um sofortige Zusendung von Schmiedegesellen gewandt. Mit großem Vergnügen registrierte man dort die eingelaufenen Gesuche. Einige Schlaumeier halten Umschau nach„Schlossern",.Bauschmieden" und ähnlichen Handwerkern. In Wirklichkeit suchen sie Ersatz für ihre streikenden Schmiedegesellen. Ein Meister arbeitet sogar bei einem andern als Geselle. Hermann Böhme, ein Restaurateur. Bandelstr. 34, ist ein ge- lernter Schmied und arbeitet als Streikbrecher bei Gliesche, Friedrich-Karlstraße. Im„Reich" ist die folgende Anzeige eines christlichsozialen Meisters zu lesen: „Zwei recht gute Hufbeschlagschmicde bei dauernder Be- schästigung, nicht sozialdemokratische Zentralber- b ä n d l e r, können sofort in Arbeit treten bei Hofschmiedemeister Popp u. Sohn." Die Einmütigkeit der Streikenden ist ungebrochen, sie sind ent- schloffen, den Kampf energisch fortzusetzen. Achtung. Fensterputzer und Messingpuher! Bei der Firma Karl Quastenberg sind die Messingputzer sämtlich ausgesperrt, Wir bitten um strengste Solidarität und Fernhaltung des Zuzugs. Deutscher Transportarbeiterverband. Bezirk Groß-Berlin. Achtung, Metallarbeiter! Bei der Firma Tobler in Borsigwalde haben alle beschäftigten Arbeiter die Arbeit niedergelegt. Es wird ersucht, den Zuzug fernzuhalten. Der Be. trieb ist für alle Berufe gesperrt. Die Firma sucht im„Essener Anzeiger" Arbeitswillige. Wir ersuchen alle Arbeitslosen, aus hie Notiz nicht hereinzufallen. Deutscher Metallarbeiterverband. Ortsverwaltung Berlin. DeutlcKes Reich. In der Chemischen Fabrik zu Pommerensdorf sind wegen Lohn- differenzen 500 Mann entlassen worden. Sie wollten sich nicht den Bedingungen der Direktion unterwerfen. Zuzug nach Pommercns- dorf- Stettin ist fernzuhalten. Lohnbewegungen im Böttchergewerbe. Die bei der Böttcherinnung zu Dresden beschäftigten Ge- Hilfen haben den schon um ein Jahr verlängerten Tarif gekündigt und einen neu verbesserten eingereicht. Die Zugeständnisse, die darauf bei den Berhandlungen mit den Unternehmern gemacht wurden, erklärten die Gehilfen für unannehmbar; sie beschlossen, ab L. Juli bei allen Jnnungsmeisiern die Arbeit einzustellen. In L i e g n i tz stehen die Böttcher ebenfalls in Lohnbewegung. In beiden Städten wird um Fernhaltung des Zuzuges gebeten. Ein Terrorismnsschwindel. Eine Tatarennachricht, die sicher in den nächsten Tagen ihren Weg durch die Reiibsverbandspresse nehmen wird, verbreitet die klerikale„SÄlesische BolkSzeitung" in Breslau unter der Spitzmarke: „Sozialdemokratischer TerrorismuS". Danach soll der Bauarbeiter Wunsch in Canth. der in letzter Zeit bei dem Unternehmer Töpner beschäftigt war. von Mitgliedern des sozialdemokratischen Bauarbeiter- Verbandes an einen Baum festgebunden und ihm der Tod angedroht worden sein, falls er nicht die Arbeit niederlege. AuS Angst vor den Genossen habe Wunsch selbst seinem Leben»in Ende gemacht. Selbstverständlich ist die Nachricht unwahr. Der Maurer Wunsch, der mit zu den Ausgesperrten gehörte und nach dem Dresdener Schiedsspruch Arbeit angenommen hatte, wurde von vier noch arbeitslosen Maurern, die gelegentlich einer Bautenkontrolle an dem Bau. wo Wunsch arbeitete, vorüberkamen, in freundschaftlicher Weise gesrägt. wie es ihm gehe. Alle vier kannten Wunsch und waren mit ihm befreundet Sie hatten um so niehr Ursache zu der Frage. weil ihnen bekannt war, daß Wniisch mit seiner Frau nicht im besten Einvernehmen lebte. Wunsch erklärte den vier Kollegen, daß es ihm wegen seine«> Familienlebens schlecht verantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil vergtztw.l ergehe und daß er die Absicht habe, sich das Leben zu nehmen. Scherzhaft bot ihm einer von den Kollegen eine Schnur an. Unter aufheiternden und scherzenden Gesprächen begleiteten die 4 Maurer den Kollegen Wunsch noch ein Stück Weges und verab- schiedeten sich in ganz freundschaftlicher Weise. Um so größer war ihr Erstaunen, als sie am anderen Tage erfuhren, Wunsch habe doch seinem Leben freiwillig ein Ziel gesetzt. Also ist Wunsch weder von den Verbändlern terrorisiert worden, noch ist er an einen Baum gebunden und ihm der Tod angedroht wordeu. Eheliche Zerwürfnisse waren die Ursache, wes- halb sich Wunsch das Leben nahm. Im übrigen wird die gericht- lich schon singeleiteie Untersilchnng den Terrorismusschwindel aufdecken und den Beweis erbringen, daß die Tatarennachricht ganz glatt ersimden ist. Die ersten Vernehmungen haben bereits stattgefunden._ Erfolgreiche Brauereiarbeiterbewcgung in Frankfurt a. M. In längeren Verhandlungen zwischen der Brauinduftrie und der organisierten Arbeiterschaft gelang es, einen Tarif abzuschließen, mittels dessen Lohnerhöhungen von 3—4 M. wöchentlich, eine Arbeitszeitverkürzung von 3 Stunden wöchentlich und Regelung des Ueberstundenwesens erreicht wurden. Außerdem wurden eine Reihe technischer Errungenschaften erzielt, die Ueberlandarbeiten geregelt und zum erstenmal Urlaub bis zu 5 Tagen festgesetzt. In einer stark besuchten Versammlung am Donnerstagabend wurde über die Verhandlungen Bericht erstattet und nach äußerst heftiger Debatte beschlossen, die Zugeständnisse zu akzeptieren. Damit haben sich die Brauereiarbeiter eine Position geschaffen für die nächsten 5 Jahre, die sich sehen lassen kann. Der günstige Ab- schluß dieses Tarifvertrages ist in erster Linie der starkorganisierten Arbeiterschaft zu danken, die im Laufe der letzten 3 Jahre sich verdoppelt hat. Die Aussperrung der Dachdecker in Dresden dauert fort. Die Einigungsverhandlungen, die auf Ansuchen der Unternehmer unter der Anwesenheit des Zentralvorsitzenden des Dachdeckerverbandes, D i e h l stattfanden, sind ergebnislos verlaufen. Die Arbeiter forderten für dieses und das nächste Jahr 3 Pf., für das übernächste Jahr 2 Pf. Lohnerhöhung. Die Meister wollten in diesem Jahre gar nichts, im nächsten 2 Pf. und im dritten 1 Pf. gewähren. Sie waren bereit, in dem Vertrag die Worte tüchtig und gut oder lei- stungssähig fallen zu lassen und die Bertragsbestnnmung, wonach jegliche Agitation auf der Arbeitsstelle und während der Arbeits- zeit verboten ist. Nachdem die Arbeiter ihre Forderung für dieses Jahr auf 2 Pf. reduzierten, die Unternehmer aber nur in den nach- sten beiden Jahren je 2 Pf. bewilligen wollten, scheiterten die Ver- Handlungen. Achtung, Sattler! In der Militäreffektcnfabrik von Sigis- mund in Dresden bestehen Lohndifferenzen. Vor Arbefts- antritt wird gewarnt. Der Streik bei der Hamburg-Altonaer Zrntralbahn dauert fort. Die gemeldeten schweren Zusammenstöße zwischen Streiken- den und der Polizei haben nicht stattgefunden. Die Streikenden, deren Zahl jetzt auf 163 gestiegen ist, verhalten sich musterhaft. Das Publikum hat allerdings mehrfach seiner Abneigung gegen die streikbrechenden Schaffner und Wagenführer, mit denen der Betrieb teilweise weitergeführt wird, Ausdruck gegeben. Die Polizei be- günstigt natürlich die Gesellschaft, hat aber bisher noch keinen Anlaß gefunden.auch nur einen Streikenden zu sistieren. Auf der Strecke A l t o n a° O t t e n s e n hat der Betrieb ganz eingestellt werden müssen. Zwischen Altona und Hamburg ist der 2'ch Mi- nutenverkchr in 10 Minutenvcrkehr umgewandelt, in den Morgen. und Abendstunden hört der Verkehr auf den Linien der Zentral- bahn überhaupt auf. Die Situation ist für die Streikenden durch- aus günstig. Der stellvertretende Gewerbegerichtsvorsitzende. Land- gerichtsdirektor Dr. Wulf, hat beiden Parteien seine Vermittelung angeboten. Die Lohnbewegung der Hafenarbeiter in Bremen ist beendet. ES wurde vereinbart, daß der Stundenlohn der Gelegenheits- arbeiter 48 statt bisher 45 Pf., für Ueberstunden 70 statt 60 Pf. betragen soll. Die Forderungen der Arbeiter lauteten ursprünglich auf 50 Pf. Stundenlohn bei Tage und 7 M. für eine achtstündige Nachtschicht._ Die christlichen Gewerkschaften im Jahre 1S09. Nach dem im Zentralblatt der christlichen Geweickschaften soeben veröffentlichten Jahresbericht haben die christlichen GeWerk- schaften nach Ueberwindung der beiden Depressionsjahre Ende 1000 wieder annähernd die gleiche Mitgliederzahl erreicht, wie bei Be- ginn der Krise Ende 1907. Im Jahresdurchschnitt 1000 wurden 270751 Mitglieder gegen 264 519 im Vorjahre gezählt; die effek- tive Mitgliederzunahme am Jahresschluß wird mit 19 294 ange- geben. Sehr interessant ist es, daß die Textilarbeiterorganisatioa sehr stark unter einem Mitgliederrückgang zu leiden hatte. Tüe Textilindustrie hatte unter der Krise stark zu leiden und die Mit- gliederzahl sämtlicher Gewerkschaften ging allgemein stark zurück. Als das auch bei dem Zentralverband der Textilarbeiter eintrat, und die Miigliederzahl nach überstanden«! Krise auch langsam stieg, jubelten unsere Gegner und verkündeten die Abrüstung unserer Zentralorganisation. Die chrfftlichen Textilarbeiter haben im Be» richtsjahr noch 7298 Mitglieder verloren, oder effektiv— die Mitgliederzahlen am Jahresschluß 1908 und 1909 betrachtet— 4094. Erst im 4. Quartal 1909 gelangte dieser Rückgang zum Stillstand. Die Kassenverhältnisse zeigen eine steigende EntWickelung: erhöhte Einnahmen ans Beiträgen, etwas größere Ausgaben und einen vermehrten Kassenbestand. Mit rund 4 600 000 Mk. Ein- nahmen, 3 800 000 Mk. Ausgaben und 5 300 000 Mk. Kassenbestand schließt das Jahr 1909 ab. An Unterstützungen verausgabten die christlichen Gewerkschaften insgesamt 1 700 000 Mk., darunter für Streik- und Gemaßregeltenunterstützung 489 000 Mk. Bewegungen wurden 706 geführt mit rund 27 000 beteiligten Personen, darunter stehen die Bewegungen rm Baugewerbe an erster Stelle. Streiks und Aussperrungen waren 232 zu ver- zeichnen, von denen 170 mit mehr oder minderem Erfolg und 62 erfolglos verliefen. Sonst enthält der Bericht wieder die alljährlich übliche Polemik mit unserer Presse und einigen Personen, um davon überleitend die Notwendigkeit der christlichen Gewerkschaften demonstrieren zu wollen. Hustand. Buchbinderbewegung in Wien. Im März d. I. haben die Arbeiter und Arbeiterinnen der Wiener Buchbindereien beschlossen, den bestehenden Tarif zu kündigen. Einer Massenversammlung wurde vom Komitee der neue Tarif- eniwurf vorgelegt, in der Debatte wurde vielfach eine Erhöhung der Tarifpositionen als unerläßlich bezeichnet. Insbesondere wurde ein Minimallohn von 30 Kronen als ungenügend erklärt. Die französische Eisenbahnerbewegnng. Paris» 30. Juni.(Eig. Ber.) Gestern abend waren in der Pariser Arbeitsbörse 10 000 Angestellte der verschiedenen Eisenbahn- gesellschaflen versammelt, um für ihre Forderungen, unter denen die des täglichen Minimallohnes von 5 Franken obenansteht, zu demon- strieren. Die Versammlung zeigte nicht nur eine erfreuliche Einig- keit der syndikalistischen und reformistischen Elemente, sondern sie war auch eine Kundgebung der Vereinigung des Eisenbahner- Verbandes mit der bisher selbständigen Lokomotivführer- Organisation. Die formelle Verschmelzung beider Verbände wird binnen kurzem vollzogen werden. Die Versammlung, in der auch Genosse C o i l y sprach, der in der Dienslagsitznng der Kammer die Forderungen der Eisenbahner in einer ausgezeichneten Rede ver- treten hat. beschloß eine Resolution, die de» General st reik an- kündigt für den Fall, daß die Forderungen nicht bald erfüllt werden. il-Sttcke, Berlin. Druck u. Berlog: BorwärtS B uchdr. u. BerlagSanM» Huö der frauenbewegung. Gescheitelte und geschorene Frauenbeglücker. Der Deutsch-Evangelische Frauenbund, in dem sich die Gattinnen unserer Schnapsproduzenten zu„gemeinsamem Wir- ken" mit den Frauen und Töchtern der Pastoren herablassen, hielt am 21. Juni in Koblenz seine achte Generalversammlung ab. Da die sozialen„Taten" dieses Vereins sich in sozialer Hinsicht ge- wöhnlich nur auf Ratschläge nach dem ungefähren Rezept der edlen Frau v. Vopelius beschränken, wurden hier auf der Generalver- sammlung um so größere Worte angeschlagen. Neben den üblichen Huldigungstelegrammen und den Ansprachen, die eine ganze Reihe Gräfinnen, Freiinnen und andere-innen, die von ihrer Adlerper- spektive aus natürlich eine tiefgehende Kenntnis der sozialen Ber- Hältnisse der unteren Volksschichten haben, befaßte man sicb nicht etwa mit großen politischen Dingen, sondern mit den Dienstmädchen als wichtigsten Punkt. Gegen die Sozialdemokratie, der das Lob ausgestellt wurde,„daß sie sich der Organisierung der Dienstboten energisch angenommen und durch Verhetzung das Dienstverhältnis untergräbt", wurde in ausgiebiger Weise gewettert und die Anregung gegeben, durch Organisierung der Sausfrauen und Dienstboten zu versuchen, das frühere„gute" Verhältnis wieder herzustellen. Auch eii�e Alkoholdebatte leistete man sich. Natürlich ver. schwieg man, daß zum größten Teil der Herr Gemahl in seiner famosen Eigenschaft als preußischer Schnäpsjunker die Ursache des Trunkteufels sei, und daß die seidene Garderobe der gnädigen, Frau nicht zuletzt aus dem Erlös für dieses Volksgift stammt. „Die Quelle des Elends ist der Alkoholhandel", rief eine Dame pathetisch aus. Dem Händler soll durch Verweigerung der Kon- zesfion das Gewerbe gelegt werden; wahrscheinlich soll dann der Suff gleich vom Junter gekauft werden, denn gegen diesen als Produzenten wurde nicht das leiseste Wort gesagt. Vom Suff und von den Dienstboten schwang man sich aber auch zu höheren, größeren Dingen auf, d. h. man leistete sich auch den billigen Rummel eines Enzyklikenprotestes. Nachdem der Papst durch eine der bekannten Resolutionen in die Schranken gewiesen worden war, soll dieser Akt. nach dem„Berliner Tageblatt", eine spontane Kundgebung insofern ausgelöst haben, als alle Teilnehmer das „alte lutherische Krastlied"„Ein' feste Burg ist unser Gott" an- stimmten. Die Tagung soll reich an„wahrhaft erhebenden Momenten"' gewesen sein. Das glauben wir schon, je nachdem was man so nennt. «» * In Karlsruhe wurde der 5. Verbandstag der katholischen Arbeiterinnenvereine Süddeutschlands abgehalten. Welche Rolle dabei die Geistlichkeit spielte, mag die nachfolgende Zusammen- stellung besagen. Bei der Begrüßungsfeier waren anwesend fast der gesamte Karlsruher Klerus, an der Spitze Ehren-Domherr Knörzer, sowie mehrere badische Zentrumsabgcordnete. Die Begrüßung der Gäste und Delegierten hatte Kaplan Fahrenbach, die eigentliche Festrede Diözesan-Präses Dr. Retzbach-Freibnrg übernommen. Er schloß sie mit der Versicherung, daß der Erzbischof von Freiburg ihn beauftragt habe, dem Verbandstag die erzbischöflichcn Grütze zu überbringen. �> Damit man nicht glauben sollte, der Verbandstag sei eine bloße Dekoration, konstatierte man am nächsten Tage bei Beginn, der Verhandlungen, daß 77 Arbeiterinnen anwesend sind. Die katholische Presse konstatierte aber mit viel mehr Behagen, daß gleichfalls anwesend waren Frau Fürstin zu Oettingen�spielberg- München. Frau Gräfin Montgelas-Berlin, Frau Baronin von und zu Bodmann-München, gewiß die berufensten Vertreterinnen der! Fabrikarbeiterinnen.— Den Jahresbericht erstattete auch wiedev ein Geistlicher, der Verbandspräses und bayerische Landtags» abgeordnete Waltherbach-München. Aus ihm erfuhr man. daß der Verband auf 12 000 Mitglieder angewachsen sei. Der Referent be« tonte besonders, daß die höchsten kirchlichen Behörden der katholü, schen Arbeiterinnenbewegung freundlich gegenüberständen.— Be- schlössen wurde der Verbandstag natürlich ebenfalls von eine« Geistlichen.„_' Und das Ganze nennt sich„Wahrung der Interessen der Ar- beiterinnen"!_ Versammlungen. Deutscher Transportarbeiterverband. Die BezirkSverwaltung Groß-Berlin hatte am Donnerstag eine außerordentliche General. Versammlung nach„Kellers Festsälen" einberufen. Werner wie» darauf hin. daß vom 1. Juli d. I. der Zusammenschluß der drei Verbände der Transportarbeiter, Seeleute und Hafenarbeiter per- fekt wird.— Dann wurde die Wahl von sieben Beisitzern zum Verbandsvorstande vorgenommen. Folgende Mitglieder wurden gewählt: Fr. Berner, Breetzke, Paul Müller, Wist, Zeising, Schneider, Bodin. Daran schloß sich die Wahl von vier Revisoren, aus der hervorgingen: K. Fröbrod. Mill- hahn, Ad. Beck, Hermann Walter. Eine längere Debatte löste ein Antrag der Verwaltung Char- lottenburg aus, der verlangte, daß die Generalversammlungen von Groß-Berlin in Zukunft viertelweise abgehalten werden, damit den Mitgliedern auS den westlichen, nördlichen, südlichen Stadtteilen und Vororten wenigstens einmal im Jahre die Gelegenheit gegeben ist, ohne größere Aufwendungen an Fabrgeld und Zeit die General- Versammlung zu besuchen. Die Durchführung des gestellten?ln- träges sei um so leichter, da�in den genannten Gegenden Säle genügend vorhanden sind, die räumlich dem von Keller an die Seite gestellt werden können, andererseits aber eine Zurücksetzung und Vernachlässigung Tausender von Mitgliedern vermieden werden kann. Werner hob die Schwierigkeiten hervor, die der Verwirk. lichung dieses Antrages entgegenstehen, wenigstens so lange, wie noch nicht da? Delegiertensystem bestehe. Der Antrag wurde aber mit großer Majorität angenommen.— Nach einigen geschäftlichen Mitteilungen Werners und der Aufforderung, sich an den fakultativen Unterstützungseinrichtungen dcS Verbandes zu be- teiligen, über deren Wesen in einer der nächsten Versammlungen noch ausführlich gesprochen werden soll, war die Versammlung zu Ende. l�et�te Nacbricbten und Depefcben. Unwetter in Schlesien. Gleiwitz, 1. Juli.(B. H.) Ganz Oberschlesten wurde von einem furchtbaren Wirbelsturm heimgesucht. Am Oderhafen wurden in der Nähe von Kasel zwei Kräne in das Hafenbecken geschleudert, wovon ein Dampfer getroffen und sofort gesunkeu ist. Opfer der Arbeit. Gleiwitz, 1. Juli.(B. H.) Der Dachdeckcrmeister Kiehl stürzte heute während der Arbeit vom Dache auf die Straße. Er war sofort tot._ Verurteilter Urkundcnfälscher. Hrilbronn, 1. Juli.(B. H.) Das hiesige Schwurgericht verurteilte den Schultheiß Bosch aus Stockheim wegen Fälschung von öffentlichen und privaten Urkunden zu 7X Jahren Zuchthaus, 500 M. Geldstrafe und 5 Jahren Ehrverlust. Der Staatsanwalt hatte 8 Jahre beantragt. Im ganzen sind Bosch gegen 800 Einzelfälle und Fälschungen nachge, wiesen. jßaul Singer Li Ev�BttliyLW. Hierzu 3 Beilagen«.Unterhaltungsbl.' Zlr. KZ. 27. Zahrglmg. i. Keilm dts Joraitls" fittlinft WlksblM Sonnabesd. 2 Znli 1910. llngiiltigkeit der Rlxdorfer Stadtverordnetcnwal)!. Am 24. November 1908 wurden in Rixdorf im Südbezirk der zweiten Wähleradteilung die Genosien Schuch, Rohr und Tjepmeisel zu Stadtverordneten gewählt. Der als»Sozialisten- töter' bekannte Herr B e l h focht den Beschluß der Stadtverordneten- Versammlung, welcher fich für Gültigkeit der Mandate aussprach, an. Unsere Genossen wurden dem Verfahren beigeladen. Es sollten verschiedene Unregelmäßigkeiten vorgekommen sein. Eine besondere Nolle spielte die Besetzung des Wahlvorstandes. Der Bezirksausschuß gab erst der Klage durch einen Bescheid statt, hob aber in der von den Beigeladenen beantragten mündlichen Verhandlung am 1. Februar 1910 den Beschluß wieder auf und er- kannte nach dem Antrage ihres Vertreters, des Rechtsanwalts Wolfgang Heine, dahin, daß die Wahlen gültig seien. Un- regelmäßigkeiten, die einen Einfluß auf das Wahlergebnis hätten haben können, verneinte der Bezirksausschuß. Zu der Frage der Besetzung des Wahlvorstandes führte er aus: Die Stellvertreter für die Mitglieder des Wahlvorstandes seien all- gemein als Stellvertreter im Wahlvorstand ernannt worden.— Nun hätten öfter außer den ordentlichen Mitgliedern des Wahl- Vorstandes auch noch Vertreter am Tisch gesessen. Von den am Wahlvorstandstisch Sitzenden seien immer drei berechtigt gewesen, in ihrer Gesamtheit einen gesetzlichen Wahlvorstand zu bilden. Sei hier nun stets der Wahlvorstand in ordnungsmäßiger Besetzung bei dem Wahlgeschäst tättg gewesen, so habe eS nichts ver- schlagen können, daß außerdem gleichzeitig mehrere andere Vorstandsmitglieder am Tische anwesend waren. Mit Recht hätten die Stadtverordnetenversammlung und die Beigeladenen darauf hingewiesen, daß nur w einem einzigen Falle festgestelltermaßen von dem zu stark besetzten Wahlvorstand eine Abstimmung vorgenommen sei. Ganz abgesehen aber davon, daß dieser Vorgang auf die Wahl Einfluß nicht ausüben konnte, habe hier ein Zusammenwirken de? Wahl Vorstehers und des ausdrücklich für ihn bestimmten Stellvertreters nicht stattgefunden. Die Beschlußfasiung sei vielmehr von dem stellvertretenden Wahlvorsteher geleitet worden. Dazu komme, daß der Beschluß einstimmig erfolgte, die Mtwirkung der überzähligen, zurzett nicht zu den Funkttonea eine» Wahl- Vorstandsmitgliedes berufenen Personen also ohne Einfluß blieb. Aus der Besetzung des Wahlvorstandes könne also auch nichts gegen die Gültigkeit der Wahl hergeleitet werden.— Herr Beiß legte Berufung ein. über die gestern vor dem Oberverwaltungsgericht verhandelt wurde.— Beiß erhob unter anderem den Vorwurf gegen die Sozialdemokraten, daß fie durch Bohkottandrohung verschiedene Geschäftsleute von der Teil- nähme an der Wahl abgehalten hätten. Unter anderem berief er fich gegen die Gülttgkeit der Wahl auch auf den verlauf während der letzten Stunden, indem er die hierüber gemachten Ausführungen angriff. Der Bezirksausschuß hatte nämlich in der Be- ziehung gesagt:»Femer ist festgestellt worden, daß während de« letzten Teiles der Wahlzeit, währenddesien gerade «in besonders großer Teil der abgegebenen Sttmmen entgegen ge- nommen wurde, da« Wahllokal dicht gefüllt war, die Wähler dicht an den Tisch de» WahlvorstandeS herandrängten und ungeduldig geworden find. Ein geordnete« Herantreten und Wegtreten war nicht mehr möglich. Indes, wie- wohl der Zudrang in der Nähe de« Tisches de« Wahlvorstandes so groß war, daß ungefähr 20 bis 2ö Reihen von Wählern, je zu etwa 4 oder 6 Personen, vor dem Tisch standen, so hat sich doch nicht nachweisen lassen, daß eine irgendwie beträchtliche Anzahl von Personen durch die Vorgänge im Wahllokal sich berechtigterweise veranlaßt gesehen hat, von der beabsichtigten Stimmabgabe Abstand ,u nehmen. Auch gestatteten trotz de« Gedränge» die Raum« verhältniff» bis um 7 Uhr, als die Tür ordnungsmäßig geschlossen wurde, jedem Wahllusttgen den Eintritt in da« Lokal.' kleines f euUleton. Die zarische Bilderzensur in München. Die schmachvolle«ach- giebigkeit der bayerischen Behörden gegenüber dm unverschämten Zumutungen der russischen Diplomatie, ein im GlaSvalast au«- gestelltes Gemälde nachträglich noch zu entfemen, stellt sich bei Kenntnis der näheren Umstände noch empörender heraus, als ste an sich schon wäre. Das Gemälde FabianSkiS, da« feit dem 1. Juni ausgestellt war. stellt den großen Pogrom in Kiew von 1906 vor, bei dem eS unzählige Leichen gab. Vor einem Frauenspital liegen w wirrem Durcheinander die Getöteten, Manner. Frauen und Kinder, alle mit gräßlichen Wunden und mit Blut überströmt. An der Wand des Hause« sieht man ein Plokai, enthaltend das zur Zeit der allgemeinen Pogroms eben erlassene und massenhaft verbreitete Manifest, in dem der Zar die Konstitution verkündet und die Unverletzbarkeit von Eigentum und Leben prollamiert. Die russische Diplomatie scheint also in der nackten Darstellung der Wahrheit bereits eine MajeftätSbeleidigung und sonst waS zu erblicken. Aber seit wann sind denn deutsche Kunstausstellungen ge- zwungen, die von der zursichen Regierung gewünschte Entstellung der Tatsachen zu befördern? Wie aus Krakau berichtet wird, war das Pogromgemälde bereits in Wien, Budapest, Lemberg, Krakau und schließlich auch in Posen öffentlich ausgestellt, und in keiner der Städte, auch jener nicht, die so nahe der russischen Grenze liegen, wurde ein Einspruch der Henkerregierung gewagt. Luch hatte die Münchener Jury keinerlei Bedenken gegen die Aufnahme de» Bildes gehabt. Es ist ja begreiflich, daß die ruifische Reaktion besonders jetzt, da eben wieder in Kiew 1000 Familien vertrieben wurden, an das grausige Massaker von 1906 nicht erinnert sein will. An die furcht- bare Ironie, daß im selben Moment, da Nikolaus' Oktobermanifest der beunruhigten Bevölkerung bürgerliche Freiheiten, Sicherheit und Ruhe vortäuschte, in Kiew und vielen anderen Städten von den ssnertreuesten Soldaten des Zaren auf Anstiftung der allrussischen Meuchelmörder ein opferreiches Blutbad wie zum Hohn inszeniert wurde. Diesen grausen Stoff hat FabianSti zu einem ergreifenden Kunstwerk gestaltet. 15 bayerische Regierung entfernt eS ouS einer Ausstellung. aeren �ury es ohne Widerspruch als Kunstwerk zuließ. Man wird es keinem Künstler verübeln können, wenn er unter der Zensur einet solchen Regierung nicht mehr ausstellen mag, und die Bayern mögen sich bei ihren Bütteln bedanken, wenn München als Kunststadt wieder einmal irreparablen Schaden nimmt. An den deutschen und ausländischen Künstlern aber ist es nun, einmütig mit der Arbeiterschaft, als der Wählerin künstlerischer und politischer Freiheiten, gegen die Schergendienste einer deutschen Re- erheben � � �elte zarische Reaktion starken Protest zu Revolution und Theater. Während sonst das Theater in auf- geregicn Zeiten die allgemeine Vollsstunmung widerspiegelt, hat Rechtsanwalt Wolfgang Heine als Vertreter der Bei- geladenen betonte die Richtigkeit der Auffassung des Bezirksausschusses, namentlich auch inbezng auf die Ueberbesetzung des WahlvorstandeS, und machte bezüglich der räumlichen Verhältnisse geltend: Die Beweisaufnahme habe ergeben, daß der Eintritt in das Lokal bis 7 Uhr jedem möglich gewesen sei. Da die bis 7 Uhr Erschienenen auch nach Schluß des Wahllokals noch zur Wahl zu- gelassen wurden, habe jeder, der rechtzeitig kam, die Möglichkeit ge« habt zu wählen. Wenn dies in den Zeiten des größten Andrangs mit Unbequemlichkeiten verbunden gewesen sei, wenn die Wähler warten und im Gedränge stehen mutzten, so sei da» etwas, das von der Ausübung des staatsbürgerlichen Wahlrecht? nicht zu trennen sei. Wer sich durch solche Unbequemlichkeiten abhalten lasse, sein Wahl- recht auszuüben, der verzichte selbst darauf. Von einer Ver- Hinderung der fteien Abstimmung könne jedenfalls nicht die Rede sein.— WaS die Terrorismusbehauptung angehe, so falle sie schon deshalb nicht ins Gewicht, weil die Beeinflussung der 6 oder 6 als Zeugen in Aussicht gestellten Leute, die übrigens bestritten werde, auf daS Resultat der Wahl keinen Einfluß hätte haben können. R.-A. Dr. Gebhardt trat als Vertreter der Stadtverordneten- Versammlung ebenfalls für Abweisung der Berufung des Stadt- verordneten Beiß ein. Vor Eintritt in die Beratung teilte der Vorsitzende mit, daß aus einem in Händen deS Gerichts befindlichen Aktenstück sich im Gegen- satz zur Annahme deS Bezirksausschusses ergebe, daß die stell« vertretenden Beisitzer deS WahlvorstandeS als individuelle Vertreter, d. h. jeder für sich als Bertteter je eines bestimmten Beisitzers, er- nnnnt seien. Das Ober-VerwaltungSgericht änderte die Vor- entscheidung ab und erklärte dieWahl der dreiGenossen für ungültig.. Zwei Erwägungen seien für den Senat maßgebend. Ersten» sei tatsächlich festgestellt, daß der Wahlvorstand nicht aus drei Mitgliedern, wie das Gesetz vorschreibe, bestanden habe, sondern daß zeitweilig fünf oder sechs an den Geschäften teilgenommen hätten: bei der Prüfung der Wahllegitimatton, der Entgegennahme von Stimmen und bei Fassung eines Beschlusses. Damit sei die Bestimmung verletzt, wonach der Wahlvorstand aus drei Personen zu bestehen hatte und die Wahl deshalb schon ungülttg. Zweitens aber sei nach dem, waS die Zeugen vor dem Bezirksausschuß bekundet hätten, da» Wahl- lokal so unzulänglich gewesen, daß die Freiheit der Wahl in nicht genügendem Maße gewährleistet gewesen sei. LlleS andere scheide aus. Die Wahl ist somit au» formellen Gründen, für die die Ge- wählten nicht verantwortlich sind, in wie uns scheint zu starker Be- tonung deS rein formellen Rechts für ungülttg erklärt. Hoffentlich werden die Genossen mit noch größerer Stimmenmehrheit wie früher wiedergewählt werden. Der Magistrat hätte Sorge dafür zu tragen, daß nicht abermal» Anlaß zu schikanöser Beanstandung der Wahl vorliegt. Schikanös ist die Benutzung formeller Verstöße, die für das Endergebnis unerheblich find. Deshalb hätten wir vom Oberverwaltungsgericht die Bestätigung der Entscheidung des Bezirks- auSschusses erwartet._ Soziales» Von der Hamburgischen Baugewerksgenossenschaft. Den eigentümlichsten Namen führt wohl diese Berufsgenossen- schaff, die sich nicht allein über Hamburg, sondern auch bis Lübeck, Kiel, Flensburg und Schwerin erstreckt. Nach dem vorliegenden Geschäftsbericht waren im Jahre 1909 insgesamt 11 931 Betriebe versichert. Der Zuwachs betrug 277 Betriebe. Hingegen ist die Zahl der versicherten Arbeiter um fast 2000 zurückgegangen. Im Jahre 1908 waren insgesamt 82 639 Arbeiter, im Berichtsjahre dagegen nur noch 80 909 Arbeiter beschäftigt. Die stärkste Sektion ist Hamburg mit 36 014 Bauarbeitern, ihr folgt Kiel mit 16 182. Schwerin mit 14 326, dann Lübeck mit 8667 und Flensburg mit 6321. An Arbeitslöhnen wurden der DerufSgenossenschast nach- gewiesen: Im Jahre 1903: 80 462 862 Mk., im Fahre 1909: 80 343 383 Mk. Berechnet man den Durchschnittslohn pro Arbeiter, da» Theater während der ftanzöstschen Revolutton fich in einen merk- würdigen Gegensatz zu den Gefühlen der Mehrheit gesetzt. Die Schauspieler der Comsdie Fran?aise, die noch immer den Titel »Komödianten de» Königs' führten, stemmten sich der Zeit- slrömung entgegen und führten dadurch ernsthaste Konflikte herbei. Eine ausführliche Darstellung dieser Theaterkrisen gibt B. von Kospoth in einem Aufsatz des Neuen Weges. Die ersten Revolutionen hinter den Kulissen, die durch die Revolution auf den Brettern der Weltgeschichte veranlaßt werden, sind aufS engste mit dem Namen des lungen Talma verknüpft. Sein überragendes Genie war lange durch den Neid der Kollegen unterdrückt worden. Da bot sich ihm eine Gelegenheit, hervorzutreten, als Chsnier sein von FreitheitS- ideen getragenes Trauerspiel»Karl DL' der Comüdie einreichte. Während sich die anderen Schauspieler weigerten, in diesem revolutionären Stück die Titelrolle zu spielen, tritt er als Karl DL am 4. November 1789 auf und erlangt einen gewaltigen persönlichen Triumph. Dann aber siegen wieder die reaktionären Schauspieler, und das Werk verschwindet von dem Spielplan der Comsdie. Die Republikaner wenden sich an Mirabeau, aber die»Komödianten de» König»' trotzen dem Volksredner. Am 21. Juli 1790 kommt es im Theater zu einem Skandal. Mirabeau erhebt fich und verliest eine Erklärung, die die sofortige Aufführung de«»Karl IX.' verlangt. Tosender Beifall. Die Schauspieler suchen Ausflüchte zu machen, aber Talma erklärt sich bereit, zu spielen. Wohl oder übel muß sich die reaktionäre Mehrheit der Schauspieler diesmal ins Unvermeidliche fügen. Die Aufführung wird zu einem Triumph für Talma, aber die empörten Schauspieler stoßen ihn au« dem Verband der Comsdie aus. Darauf kommt eS im Theater zu einem Riesen- ffandal, in dem die Schauspieler in die Flucht geschlagen werden. Diesen Tumulten machte der Bürgermeister Bailly ein Ende, indem er die Wiederaufnahme Talmas und die Aufführung von »Karl IX.' befahl. Am 27. September ging das Drama ChönierS mit Talma in der Titelrolle zum 34. Male in Szene, aber der Abgrund zwischen ihm und der Mehrzahl seiner Kollegen war nicht mehr zu überbrücken: im April 1791 gründete Talma ein neue? Theater, das zunächst»Thsatre Franyais' und dann»Theater der Republik' hieß. Mit dem Ausscheiden Talmas und einiger anderer bedeutender Schauspieler war der Comsdie ein schwerer Schlag zugefügt; die Bühne spielte während der Revolution keine künstterische Rolle mehr. Eine Eheschließung nach dem Tode. Japanische Zeitungen schildern eine selisame Zeremonie, die jüngst in einem an der Küste der Insel Hon-shiu gelegenen japanischen Fischerdorfe vor fich ging. ES hai.delt sich um eine Eheschließung zweier Liebenden, die ge- meinsam in den Tod gegangen waren. Er. der japanische Dorf- romeo, war ein Hafensischer, während sie. seine Julia, der Sproß eines uralten AdelSgeschlcchts war. Die Eltern des vornehmen Mädchens hatten sich einer ehelichen Verbindung des Liebespaares energi'ch widersetzt; da die Liegenden aber nicht voneinander lassen konnten, beschlossen sie gemeinsam in den Tod zu gehen. In einer jener herrlichen Rächte, wie man sie nur im Lande der Eheysan- so ergibt sich für 1903 ein Lohn von 975 Mk., im Jahre 1909: 993 Mk. Trotzdem die Arbeiterzahl erheblich zurückgegangen ist, haben die Unfälle zugenommen. Im Jahre 1903 wurden 3246 Unfälle, im Berichtsjahre dagegen 3283 Unfälle der Berufsgenossenschaft gemeldet. Entschädigt wurden jedoch nur 466 Unfälle, darunter 45 Todesfälle. Auf 1000 Versicherte entfielen im Durchschnitt 40,68 Unfälle. Von eingelegten Berufungen der Verletzten wurden laut Be- richt 236 zugunsten der Genossenschaft und nur 72 zugunsten der Kläger erledigt. Das Rekursverfahren brachte der Berufsgenossen- schast weitere 31 Siege und nur 9 Verluste. Ein genaues Verzeichnis führt die Namen der Unternehmer auf, die aus früheren Jahren insgesamt 23 190 MI. an Beiträgen schulden. Der Bericht der technischen Aufsichtsbeamten zeigt, daß diese Beamte die Sachlagen lediglich vom Standpunkte der Unternehmer betrachten. So heißt es u. a.: „Der Verkehr mit den Betriebsinhabern und den Versscherten hat keine Veranlassung zu Differenzen gegeben. Allerdings wird in Bcrsammlungcn von gewerkschaftlichen Organisationen öfter von ungenügender Baukontrolle und von der Unzulänglichkeit der Un- fallverhütungSvorschriften geredet, wobei dann als Beweis die Zu- nähme der Zahl der Unfälle angeführt wird. Daß nun die meisten Unfälle in der Tätigkeit im Allgemeinen ihren Grund haben und durch Vorschriften und Kontrollen nicht auS der Welt geschafft werden können, wie z. B. Fallen von Leitern, Stolpern über geringfügige Gegenstände, Verletzungen an Geschirr u. dgl. wird nicht beachtet; daß ferner viele Unfälle durch Ver- schulden der Versicherten, z. B. durch Abwerfen der Steine auf das Gerüst verursacht und durch Kontrollen nicht abzustellen sind, wäh- rend sie bei etwas gutem Willen von selbst verschwinden würden, wird nicht zugegeben. Ferner bedingt auch schon die Vermehrung der Bautätigkeit und die dadurch bedingte größere Anzahl der be- schäftigten Arbeiter naturgemäß auch ein Steigen der Unfallzahl. Es ist aber den Führern der Gewerkschaften weniger darum zu tun, die Zahl der Unfälle zu vermindern, als vielmehr durch Ver- schleierung der wahren Ursachen dieser Unfallsteigerung dir jetzige Tätigkeit der staatlichen und berussgenossenschaftlichen Revisions- bamten herabzusetzen, Unzufriedenheit und Mißtrauen bei den Versicherten zu schüren und so den Wunsch nach Anstellung von Baukontrolleuren aus Arbeiterkreisen immer wieder aufs neue erheben zu können. Beschwerden von Versicherten über Mißstände im Bau- gewerbe haben nur in wenigen Fällen sich als berechttgt erwiesen, sind aber in allen Fällen gründlich untersucht worden. Mehrfach handelte eS sich um einen Racheakt eines entlassenen Arbeiters." I! Einige Zeilen weiter wird aber ausgeführt: »Viele Unfälle verursacht der jetzt immer häufiger angewandte Eisenbetonbau, der besonders in den Großstädten einen gewaltigen Umfang erreicht hat. Um hierfür besondere und erschöpfende Un- fallverhiiwngsvorschriften zu erlassen, bedarf es aber noch viel Erfahrung, besonders in der Festlegung der Zeitdauer, wie lange Schalungen usw. unter den Decken nach dem Einschütten stehen zu lassen sind, auf welche Art und Weise diese Schalung am gefahr- losesten fortzunehmen ist und dergl. Die Hauptgefahr aber bilden die vielen ungelernten, teilweise fremdsprachigen Arbeiter, welche bei dem Eisenbewnbau beschäftigt werden, doch wird dieser Uebelstand mit der Zeit wohl geringer werden, da sich auch in diesen Betrieben ein immer größerer Stab von Arbeitern einarbeitet." Im direkten Widerspruch zu den ersten Ausführungen über das Verhalten der Organisation der Arbeiter steht dann noch fol- gende Bemerkung: »Die Bauarbeiterschutzkommission in Kiel hat in einer an den Ober-Präsidenten der Provinz SchleSwig-Holstein gerichteten Ein- gäbe den Erlaß einer Polizeiverordnung für Kiel dahingehend beantragt, daß beim Uebcrhandmauern von Etage zu Etage ein Schutzdach anzubringen ist. Die Polizeibehörde in Kiel erbat dazu eine gutachtliche Acußerung des SektionsvorstandeS der Sektion III Kiel. Letzterer empfahl, einschneidende Bestimmungen nicht zu erlassen, solange nicht deren Notwendigkeit an der Hand des in gleicher Sache vom ReichS-Versicherungsamt gesammelten statistischen Materials nachgewiesen sei, sondern lediglich anzuordnen, daß bei jedem Neubau etwa in Höhe der ersten Balkenlage ein Fanggerüst anzubringen sei." lieber Akkordarbeit heißt eS: »Die Versicherten waren in allen Fällen, in welchen sie auf daS Fehlen von Schutzvorrichtungen aufmerksam gemacht wurden. sofort bereit, diese Fehler abzustellen. Darauf kommt eS nun rhemen erlebt, eilte da» Mädchen heimlich zu dem Geliebten, der eS schon in seiner Barke erwartete. Nachdem die Segel richtig einge- stellt waren, fuhr da? Schifflein der Liebenden— ähnlich wie e« in Gottfried Kellers wundersamer Geschichte von „Romeo und Julia aus dem Dorfe' geschildert wird— vom Ufer weg und kreuzte, so lange der Mond am Himmel stand, vor dem Heimatsdorfe. Als aber am Himmel die Morgepröte auf- stieg, beschloß da» Liebespaar seinen traurigen Borsatz auszuführen. Sie banden sich mit starken Stricken fest aneinander und sprangen in» Meer. Am Vormittag warf die Flut die beiden Leichen an den Strand. Es wurde sofort eine Untersuchung ein« geleitet und der Gemeindevorsteher machte, nachdem er über die Ursachen der Tragödie unterrichtet war, den trauernden Eltern des Selbstmörderpaares den Vorschlag, die beiden, die im Leben nicht hatten zusammenkommen können, wenigsten? in, Tode zu verbinden, auf daß die gütigen Götter fie auch in der anderen Welt beisammen lassen mögen. Der Borschlag wurde all« gemein gebilligt, und die Trauungszeremonie ging mit allen landeS« üblichen Riten von statten. Die Angehörigen des Bräutigams und der Braut beglückwünschten fich gegenseitig; nach altem Brauche tauschte» fie bei der traurigen HochzeitSfeier auch Geschenke auS. In die standesamtlichen Register wurde sofort die amtliche Nottz über die vollzogene Eheschließung eingetragen; dann erst wurde die Todesnachricht registriert. Jetzt, wo sie auf Erden nach allen An- forderungen de» Gesetzes vereint sind, können die Seelen der beiden Liebenden glücklich und sorglos in den paradiesischen Garten ein- gehen, der nach einer alten Legende sich hoch in den Lüften über Japan ausbreitet._ Notizen. — Christine Hebbel hat zwei Porträts von Rahl, die fie und Hebbel darstellen, den Berliner Museen vermacht. — Hamburger Mucker. Auf Veranlassung des Mit. gliedeS der Hamburger Bürgerschaft Dr. Mönckeberg beschlagnahmte die Polizei in einer Kunsthandlung am Jungfcrnstieg in Hamburg eine größere Anzahl von Bildern als unsittlich. Wie berichtet wird. handelt es sich namentlich um Bilder von Reznicek und Malern verwandter Richtung, die meistens schon im„Simplicisfimus" zum Abdrucke gelangt find. — Prof. Ehrlich über sein neues Heilmittel. Prof. Ehrlich erwiderte unseren Genossen in Mako lUngarnf, die ihm zu seiner Erfindung des Syphilisferiims beglückwünscht hatten: »Empfangen Sie meinen herzlichsten Dank für die außerordentlich liebenswürdige und warme Glückwunschdepesche, welche mich auf» tteffte bewegt und ungemein erfreut hat. Leider ist die große Auf- gäbe noch nicht gelöst; denn derzeit ist mir die provisorische wohl« tättge Wirkung des Serums erwiesen worden, aber die Hauptsache, ob eine dauernde und bleibende Heilung möglich ist, ist derzeit in- folge der Kürze deS Zeilraums, der für die Versuche und Proben bisher anberaumt gewesen war, noch fraglich.' Worte eines bescheidenen und abwartenden Forscher». weniger•an, denn DaupifaiHe ist es, daß sie von selbst den Dillen haben, die ihnen bekannten Vorschriften auszuführen; aber an diesem guten Willen mangelt eS. Mehrfach wurde an den in der Baubude vorgefundenen Fehen festgestellt, daß die Unfallver» hütungsvorschriftcn abgerissen waren, oder sie gingen beim Ver- legen der Baubude verloren. Haben Maurer Akkord beim Putzen der Fassade, so lassen sie sich in deu meisten Fällen zum An- bringen der Rückenlehnen keine Zeit. Arbeiter an der Kalkgrube bringen etwaige fortgerissene Einfriedigungen von selbst nicht wieder an, obgleich vorhandene Pfähle noch den Beweis einer füheren Einfriedigung bringen." Brauereiarbeiter. Die Brauerei- und Mölzerei-Berufsgenossenschaft feiert ihr LbsährigeS Jubiläum und preist im Geschäftsbericht über alle Matzen die soziale Gesetzgebung, wie es sich eben für Kommerzien- rate ziemt. Interessant ist es, datz die Brauherren eingestehen, datz die Berufsgenossenschaften nur reine Unternehmerorganisationen sind. ES wird angeführt, datz die Gründung einer zentralen Be- � rufSgenossenschaft für ganz Deutschland im Braugewerbe deshalb • sehr erleichtert wurde, weil daS Braugewerbe schon seit 1871 eine »umfassende und rührige Interessenvertretung besatz". Jetzt haben sie eben zwei Organisationen, während die Brauereiarbeiter viel länger gewartet haben, bis sie eine Organisation gründeten. Er. wähnt auch, datz anfänglich eine Strömung bestand, für Nord- oeutschiand eine besondere Bcrufsgenossenschaft zu bilden und nur mit dem Hinweis verhindert wurde,»datz die kaum in einem � anderen Gewerbe in gleichem Matze vorkommende Fluktuation des • ArbeiterpersonalS" eine Zentralisation nötig mache, welche ja auch � billiger arbeite, wenn sie auf breitere Schultern gelegt werde. Der Bericht behauptet, man habe schon anfangs Rücksicht auf die Klein- betriebe genommen und diesen nur einen sehr geringen Beitrag abgenommen, weil diese damals.unter der Konkurrenz des Grotz- bctriebes zu leiden hatten". Damals hatten sie zu.leiden", und heute werden sie trotz der„Schonung" einfach vernichtet. Dafür spricht schon der Umstand, datz die Zahl der versicherten Betriebe von Jahr zu Jahr zurückgeht. Im Jahre 1906 zählte der Bericht noch 7212 Betriebe, im Berichtsjahre nur noch 6612, während die Zahl der Aktiengesellschaften in dieser Jeit von 4SI auf 412 zurück. gegangen ist. DaS Großkapital vereinigt sich und spart auch durch fortwahrende Verbesserung der Produktionsmittel, die ja im Brau. gewerbe heute eine sehr grohe Rolle spielen, viel Arbeitskräfte. Nach dem Bericht ist ja die Zahl der versicherten Arbeiter von 113 816 im Jahre 1903 auf 111244 im Jahre 1909 zurückgegangen. Datz die Arbeitslosen so leicht leine Aussicht auf eine Wieder «instellung haben, gibt der Bericht zu. Er betont, datz im Jubi- läumsjahrc für daS deutsche Braugewerbe„recht unerfreuliche AuS- sichten" bestehen, da»dem Beispiele des Reiches mit der kolossalen Erhöhung der Brausteuer" inzwischen auch die süddeutschen Staaten gefolgt seien und auch dort jetzt der Kampf gegen die Bierpreis- erhöhung entbrannt sei. Für die Arbeiter ist es wichtig, datz der Bericht nicht allein die verminderte Zahl der beschäftigten Arbeiter, sondern auch einen Rückgang der Arbeitslöhne betont. In den Borjahren seien die Löhne.vielfach durch die in den Tarifverträgen vorgeschrie- denen starken Lohnerhöhungen stetig gestiegen", während das Be- richtsjahr zum erstenmal„eine beträchtliche Abnahme mit 2 394 000 Mark zeigt". Als» gerade in der Zeit der größten Teuerung sind die Löhne gefallen. Genoffenschaftsbrauereien sind jetzt 62 ver- sichert, die von den Wirtevereiaigungen„infolge des Bierkrieges" errichtet worden seien. Sehr erfreut ist die BerufSgenossenschast auch, datz die neue ReichSversicherungSordnung eine Ermäßigung der Reserven vorsieht. Dadurch könnten die Umlagen um mehr als 10 Proz. ermäßigt werden. Ebenso ist sie darüber froh, datz die Regierung dem Protest der Unternehmer sich gefügt und jede Aende- rung des SelbstvcrwaltungSrcchtS der Genossenschaften fallen ließ. Dieselbe Regierung ist aber gegen die Rechte der Arbeiter um so kräftiger aufgetreten. Betriebsunfälle wurden im Berichtsjahre insgesamt 12 983 der Berufsgenossenschaft angemeldet, gegen 13 704 im Vorjahre. Die Zahl der Unfälle hat sich also um 701 vermindert, da sich auch die Zahl der Versicherten vermindert hat. Auf 1000 Versicherte ent» fielen durchschnittlich 109 Unfälle. An der Spitze aller Berufs- genossenfchaften steht die Brauerei- und Mälzerei-Berufsgenossen- schaft in den Ausgaben für Heilverfahren innerhalb der ersten k13 Wochen des Unfalls. Wenn auch die.ausgeworfene Summe von Jahr zu Jahr zurückgeht, so betrug sie doch noch im Berichts- jähre 85 388 M., während andere Berufsgenossenschaften oft nur einige hundert Mark für solch« Zwecke übrig haben. Ausfällig ist es aber wieder, datz die Sektion Berlin von dieser Summe allein 48 466 M. verbrauchte und einzelne Sektionen nur kleine Beträge von 30 M. usw. Welche Vorteile es für die Berufsgenossenschafteii hat, wenn sie große Summen für solche Zwecke auswerfen und die Verletzten schon frühzeitig in ihre Fuchtel nehmen, beweisen die Ziffern des Berichts. E» wurden in Borbehandlung 2929 Verletzte genommen, von denen allein 2792 in der Borbehandlung.erledigt" wurden und nur 137 Fälle weiter versorgt werden mutzten. Ent- schädigt wurden nur 1436 der gemeldeten Unfälle. Die Schiedsgerichte für Arbeiterversicherung haben in 232 Fällen zugunsten der Verletzten und in 838 Fällen zugunsten der Berufegenossenschaft entschieden. Die Berufsgenossenschaft hatte in 178 Proz. der Fälle einen Erfolg. Die Verletzten selbst hatten im Berichtsjahre 6ö0 Rekurse am ReichsversicherungSamt anhängig, von denen in 36S Fällen zu gunsten der Berufsgenossenschaft und nur in S6 Fällen zugunsten der armen Verletzten oder Hinterbliebenen entschieden wurde. Stolz kann auch die BerufSgenoffenschaft auf ihre Erfolge wieder sein. Sie hatte selbst 808 Rekurse zu vertreten und hatte in 117 Fällen wieder Erfolg, in 80 Fällen keinen Erfolg. Huö Induftm und ftandel Wollschafzucht in den Kolonie«. Unsere Kolonien werden immer aussichtsreicher und neben dem Diamautensegen und der Baumwollkulwr soll nun künftig auch die Wollschafzucht den kolonialbrgetsterten Unternehmern eine neue Ge- winnquelle erschließen. Zu diesem Zweck hat sich eine Gesellschaft von Interessierten aus den Kreisen der HandelSwelt. der Textil- fabrikanten und einiger Kolonisten gebildet, die unter dem Namen eines.Wollschafzucht-GyndikatS" eine bisher im stillen geförderte Propa- ganda für die Einführung einer im großen Stil betriebenen Tier- wollkultur in den deutschen Kolonien betreibt. Doch jetzt trat diese» Syndikat mit seinen Absichten an die Oeffentlichkcit und um weitere Kreise dafür zu interessieren, ver« anstaltete man einen Vortrags- und DiSkussionSabend, der am Mitt- wock, den 29. Juni, im Esplanade-Hotel in Berlin stattfand. Als Veranstalter dieses Abend», zu denen auch Mitglieder des Reichstag» eingeladen und eine Vertretung deS KolonialaintS erschienen waren. zeichneten außer dem Wosischafzucht-Eyndikat, die Rarokko-Wollschaf- zucht-Gesellschaft— eine Gründung der Gebr. ManneSmaim—, der Verein deutscher Tuch- und Tollwarenfabrikanten, die Vereinigung des Wollhandels in Leipzig und di« Deutsche LandwirtfchaftS- Gesellschaft. Kolonialabteilimg. Nach den gehaltenen Vorträgen— e» sprachen u. a. ein Haupt- mann a. D. Steinhausen über die Aussichten einer Wollichafzucht in S ü d w e st a f r i l a. der Major a. D. Schlobach über O st a f r i k a, Reinhard ManneSnmnn über die Wollfchafzucht in Marokko— richten sich die Absichten des Syndikat» in erster Linie auf Süd- Weftafrika. Dort sollen nach den natürlich recht begeistert ge- gegebenen Schilderungen alle Vorbedingungen einer aussichtsreichen Wollschafzucht gegeben sein: Weide. Wasser und Ktima sollen in weiten Bezirken von Südwestasrika geradezu großartig Seeignet sein, um eine Tierwollkultur entstehen zu lassen, die ein mietzen der australischen, südamerikanischen und Kapwolle den Garau» auf dem deutschen Markt machen würde. Weniger günstig liegen die Dinge schon in Oftasrika. Dort haben bisher nur die tbenachbartei, Engländer Persuche mit der Züchtung von Wollschafen unternommen. Zu irgend welchen Abschlüssen führten diese Versuche k kraule et«tanchen?euken unker 5em Siegel der flrLnyflru Ver- noch nicht. Deswegen will das Syndikat auch in dieser Kolonie schwiegenheit an, datz Duprah de la Maherie— ein Sohn vorsichtig handeln und einstweilen 200 000 bis 800 000 M. in Ver suchen anlegen, während für daS südwestafrikanische Unternehmen im vorhinein zwei bis drei Millionen Mark locker gemacht werden sollen. Zu aller Sicherheit will man sich aber auch Marokko für diese Zwecke offen halten. Und ManneSmann, der auch für dieses Land die schönsten Perspektiven ausmalte, versicherte, datz man des wegen zu neuen Konflikten nicht kommen würde, da die Franzosen froh sind, wenn ihre dortigen Truppen billig mit Fleisch versorgt werden könnten. So herrschte denn eitel Begeisterung in dem Kreise der Er- schienenen, und auch der Vertreter der Landwirtschaft gab,»ach dem ausdrücklich versichert wurde, datz mit diesem Unter nehmen aus keinen Fall der Profit der deutschen Junker, den sie durch ihre ungeheueren Fleischpreise einsacken, geschmälert werden sollte, seinen Segen. Man wählte ein Komitee, dem außer dem Aufsichtsrat des Wollschafzucht-SyndikatS je ein Vertreter der oben genannten Verbindungen angehörte, das nun in durchgreifender und beschleunigter Weise die Propaganda fördern soll. Vor allen Dingen wurde dabei an eine gründliche Bearbeitung der Regierung gedacht. Und damit werden die Hintermänner dieses Unternehmens mit ihren Verbindungen und Mitteln ohne Zweifel Erfolg haben. ES heißt also, den deutschen Steuerzahler vor neue Angriffe auf seinen Geld- beutet bewahren I_ Das deutsche Gaö- und Siederohrfyndikai ist mit dem 30. Juni der Auflösung verfallen, nachdem schon lange niemand mehr daran gezweifelt halte, daß der Verband nicht erneuert werden würde. Die Meinungen der einzelnen Mitglieder gingen zu weit auS- einander, als daß sich em Weg der Einigung hätte finden lassen. Vor allem lehnten es die Mannesmannröhrenwerke, die ja eine große Erweiterung ihrer Anlagen planen, von vornherein ab, sich an irgend welchen Verhandlungen zur Erneuerung der Verbände zu beteiligen. Ein anderer Teil hat zwar an diesen Konferenzen teil- genommen, doch mit dem festen Vorsatze, nicht nachzugeben, bis eine allgemeine Einigung herbeigeführt worden sei. DaS war aber wegen des Widerstandes von Mannesmann von vorn« herein unmöglich. Wieder andere wollten nur unter der Bedingung besonderer Zugeständniffe weiter mitmachen, durch die sie ihre Kollegen ganz in ihre Hände bekommen hätten. Die verschiedenen Röhrenwerke haben sich auf verschiedene Art aus die syndikatslose Zeit vorbereitet. Zwei kleinere Werke schloffen fich an den Montan- riefen Gelsenkirche» an, während, wie erwähnt, ManneSmann durch ein neues billigeres Verfahren glaubt besser wegkommen zu können. In Oberschlesien sind die FriedenShütte und die Bismarckhütte zusammengegangen und haben einen Gemeinschaftsvertrag abgeschlossen. Nun kann der Kampf losgehen. Die amerikanischen Eisenbahnen. Im Gegensatz zu den früheren Entscheidungen, die für die Eisenbahnen ungünstig lauteten, hat, wie auS Washington telegraphiert wird, die Zwischenstaatliche Handels- kominisston den Eisenbahnen gestattet, die Frachtraten für Mehl und Weizenprodukte von Buffalo ostwärts um einen Cent pro 100 Pfund zu erhöhen. Diese Entscheidung hat sowohl auf den amerikanischen als auch auf den europäischen Börsen einen günstigen Eindruck hervorgerufen. Nach den starken Kursverlusten der letzten Tage erfolgten heute tark« Kurssteigerungen, namentlich der amerikanischen Eiseltbahnwerte._ Vermiscktes. Der wirtfchaftUcbe Hrm der Kirche. Pari», 29. Juni.(Eig. Bei.) Die Affäre der Schwester Candida häuft noch immer Akten beim Untersuchungsgericht auf, und nun kommt wiederum ein Riesenschwindel, der in der klerikalen Sphäre in Szene gesetzt worden ist, in die Oeffentlichkeit. Noch ist das Geheimnis des vorgestern wegen Betrugverdachts verhafteten Dupray de la Maherie und seiner Gründung, der Gesell» chaft.Le BraS Economique de l'Eglise" nickjt ganz gelüftet; jeden- all» aber ist schon offenbar, datz man es mit einer der abenteuer» ichstea Spekulationen der menschlichen Dummheit zu tun hat. Nach den phantastischen Details der Unternehmung und nach dem, was man über die Persönlichkeit deS Gründers erfährt, könnte man • stauben, einen Balzacschen Roman zu lesen, so seltsam verschlingen ich in dieser Geschichte über das normale Matz gesteigerte Triebe und Eigenschaften der menschlichen Seele. Duprah de la Mahärie ist ein 72 jähriger Greis, der eit mehreren Jahrzehnten in einer mehr als bescheidenen Pension n der Vorstadt lebte.. Und dieser halbverhungerte Alte ist be- chuldlgt, mehrere Millionen durch betrügerische Borspiegelungen fremden Taschen entlockt zu haben. MaS die Gesellschaft„Der wirtschaftliche Arm der Kirche" eigentlich für Aufgaben gehabt hat, weiß kein Mensch. Als Dupray sie— nach dem Zusammenbruch der berüchtigten„Union Generale" — gründete, gab er sie vor den Leuten, an die er sich um Unter- stützung wendete, als ein neue? Institut zur Vereinigung der katho- lichen Banken FvankreichS, zum Zweck der Förderung klerikaler Unternehmungen auS. Aber er terlte manchen von ihnen vertrau. lich mit, datz eS sich um etwas ganz anderes handele— nämlich um st i e Wiederherstellung der weltlichen Herr- schaft deS PapsteSI Und es gab in der Tat Einfaltspinsel, die diesen Blödsinn glaubten. Von einem frommen Manne bekam der Schwindler 4M 000, von einem anderen 300 000 Frank, weiter wurden viele Beträge von 20 000 und 10 00V Frank und eine An- zahl kleinerer und ganz kleiner einbezahlt. Ein Herr Hut in et, der sich jetzt freiwillig beim Untersuchungsrichter gemeldet hat, hat IMVlD Frank beigegeben, aber er will nicht Nagen, denn er glaubt noch immer an die Redlichkeit Duprah S. Aber solcher Gläubiger gibt eS noch mehr. Einer von ihnen, ein Geistlicher. Mgr. S i f s o n. ist eine in ihrer frommen Einfalt rührende Gestalt. Sisson hat Dupray jahrelang al» eifrigster Agent gedient und ihm riesige Summen verschafft. Dabei blieb er aber nicht nur vollkommen uneigennützig, sondern opferte selbst noch unermüdlich von seinen eigenen Einkünften. In den letzten Jahren seines Leben? war er auf eine von seinem Erzbischos ge- währte Pension von(5V Frank monatlich angewiesen, aber Dupray brachte ihn dazu, selbst von diesem Geld von Zeit zu Zeit Änen Betrag dem �wirtschaftlichen Arm" zuzuführen. Dnpray prahlte gern mit seinen Verbindungen mit dem Papst. Vermittler dabei sollte ein Benediktiner namenS W e b- i fein. ES ist sehr zu vermuten, datz dieser angeblich sehr einflußreiche Mittelsmann überhaupt nicht existiert. Der brave Herr Hutinet widerspricht dem allerding» auf daS entschiedenste. Er hat ihn nämlich mit eigenen Augen gesehen— wenn auch nur von ferne. Er trug einen langen schwarzen Rock, auf dem Kopf einen Zylinderhut und hatte einen langen weißen Vollbart. Herr Hutinet hatte nicht den Mut, den hochwürdigen Mann, der direkt vom Papst Botschaften brachte, anzusprechen. Dupray de la Maherie ist aber nicht erst aus Verehrung für den„heiligen Vater" Gründer geworden. ES hat sich herausgestellt. datz erdergerichtlichabgestrafteOrganifatoreine» nicht minder gewaltigen Schwinde IS ist. der unter dem zweiten Karserreich viel Staub aufgewirbelt hat. Damals wollte er gar einer legitimen Dynastie zu ihrem angestammten Recht derhelfen. Er gab sich nämlich für«inen geheimen Beauf- tragter, Napoleons III. und des Papste» Pur» IX. au», der die Wiederherstellung des alten Königreiche» Ungarn und die Zu- rückführung der Nachkommen Arpad» in der Person de» Marqui» von Eroh betreiben sollte. Die Unternehmung bracht« ihm drei Millionen ein, führte ihn aber schließlich in» Zucht- hau?. Nach seiner Entlaffung lebte er lange unter dem Namen seiner Mutter, bis hinreichend Gra» über dieser fatalen Geschichte gewackrzen war. Sein ergebener Helfen Mgr. Siss«, hat sie wohl getanl. Aber er sah Duprah al» einen von Napoleon und Pius IX. �reisg�ehesf« Märtyrer einer gute« Sache gg. Uebrigcn» ver» P i u S IX. sei. Revolte im Krankenhaus. Ueber einen„Aufruhr" im städttschen Krankenhause meldet der Münchener Polizeibericht vom 1. Juli:„In der Nacht, kurz vor Mitternacht, kam eS im Saale der zwangsweise eingelieferten geschlechtskranken jugendlichen Mädchen zu einer förmlichen Revolte. Auf Verabredung fing ein Teil der Kranken plötzlich zu lärmen an. Gläser, Waschgeschirre, Fensterscheiben und Stühle wurden zertrümmert und die Wasserleitung aufgedreht, so datz daS Zimmer teilweise unter Wasser gesetzt wurde. Der Skandal ent- wickelte sich derart, datz polizeiliches Einschreiten erforderlich wurde. Acht Rädelssührerinnen, 16— 17 jährige Mädchen, wurden nach der Polizei gebracht."_ Kleine Notizen. Ein furchtbares Familiendrama spielte sich, einer Meldung aus Paris zufolge, in der Ortschaft Pagny sur Meuse ab. Ein zurzeit dort weilender Beamter der sogenannten Panama-SchiffahrtS- gesellschaft, Chauvin, dessen Frau mit einem Liebhaber durch- gegangen war, hat seine fünf mmdrrjihrigen Kinder erdrosselt und sich dann selbst erhängt. Zum Friedberger Bnnkraub. Eine Anfrage der Frankfurter Polizei in Lülttch hol ergeben, datz fich die durch ein Depeschen- burcau verbreitete Meldung von der Verhaftung des der Mitschuld an dem Friedberger Raubanfall verdächtigen Karl Friedrich Werner nicht bestätigt. Mordversuch und Selbstmord. Der Musiker Fischer ging gestem nachmittag, einer Meldung aus Deggendorf zufolge, in Metten an einem Steinbruch vorbei, al» plötzlich der Sleinhauer Ebner auf ihn zusprang und ihn durch vier Revvlverschüsse in den Rücken schwer verletzte. Der Täter flüchtete und beging später Selbst- m o r d. Eine schwere Explosion wird aus v o u I d e r(Montana) ge» meldet. Dort schotz bei einem Scheibenschießen ein Mann in ein Gebäude, in welchem Pulver aufbewahrt wurde. Es erfolgte eine Explosion, durch die sechs Personen getötet und zwanzig verwnudet wurde». Verschiedene Gebäude wurden zerstört. Wegen verschmähter Liebe hat auf einem GutShofe bei Berg- heim, nicht weit von Kastel, ein Schweizer ein junge» Mädchen erschossen und darauf sich selbst erhäng». Bon Streikbrecher» ermordet. In Ravenna(Italien), wo der Landarbeilerstreil fortdauert, wurde gestern ein sozialistischer Tagelöhner ermordet, welcher Streikbrecher auf das Verbrecherische ihrer Handlungsweise aufmerksam gemacht hatte. Beim Bootfahren ertrunken. Auf dem Schlotzteich bei König»- berg sind in später Abendstunde beim Umschlagen eines Boote» ein Herr und ein junges Mädchen ertrunken. Aus Eifersucht ermordet. In B j e l i n a hat der Schauspieler Barjaitarovic aus Eisersucht seine Kollegin, die Schauspielerin Tormanovic durch Messerstiche ermordet und dann sich selbst entleibt. Srieftttton der Redaktion. XU InrlftKAc stunde Nudet titudeuftrafte Str. 09, der» bin Znbbtn— ffabcflubl—. Munbentäslidi»ou?>/, dt» 0'/, Uhr abrud», Sonnabends von 9 bis?>/, Uhr nachmittags starr. Aedn Ausraae ist -IN«Iichfiabe und eine Zahl als wi-et, eiche» beizufügen,«riesliche Slutwor, wird»ich» nteilt. tfiiiat Krage» rrae« man in der Sdrrch stunde vor. G. T. 70. t. Nein 2. Können Sie ablehnen. 8. Bestimmt da« BollstreckungSgettchl Wahrscheinlich nicht. 4. Die Sachen, die Sie fich anschassen, hasten nicht.— Siebert. Kommen Sie in die Sprechstunde. Amtllchrr Marktbericht der ftädttichen Martthallen-DtreMon über den Grofibandel in den Zentral-Marllhallen. Marktlage: Fletsch: Zufuhr reichlich. Geschäft flau, Preise unverindrrt. Wild! Zufuhr ge- nügend, Geschäft lebhast, Preise besriedigend. Geflügel: Zufuhr to Gänsen reichlich, fönst knapp, Geichäst rege, Preise besriedigend, Fische: Zufuhr mähig, Geschäft ruhig, Preise unverändert. Butter und Käs«: Geichäst ruhig, Pretfe unverändert Gemüle, Obst und Süd- srüchjtti Zusuhr genügend, Geschäft lebhast, Pretje wenig verändert. r\ evasscrstandS.Rachrtchten der LandeSanstalt für Gtwäfferkunde, mitgeteilt vom Berliner Wellerbureau. Wafferstlm» M« m e l, ruft, P r e g, l, Jnfterburg Weichsel, Tdoru Oder, Ratibor , Nroflen , Franks urt Warthe, Schrimw , Landsberg Netze, Vordamm 8 l b c, Lettmerttz , Dresden , varbh . Magdeburg bedeute»«iich«,— Fall.— Unterdegel. Nach telegraphifcher Meldung ist der Rhein bei Maximilian««» bis heut» früh aus 71S ein gefallen. „Freier lluiul" Einkaufs- und Produktiv-Genossenschaft freier Gast- und Schankwirte Berlins und Umgegend. Etat«tragene Genossenschaft mit beachrinkter Haitpllicht In Berlin. Bilanz per ZI. Dezember 1909. Aktlvn. PaaslT». Mitglieder-Guthabcn-Ko. Reservefonds-Konto.. Genossenschaster-Konto für Zinsengutschttsten. Kassa-Konto..... Modüien-Konto M, 150,58 ab lO'/o Wischt.. 15,05 Bank-Konto..... GenossenschastS-vranerei- Konto...... Anteil- Konto Genossen- fchaftS-Brauerei... Genossenschaster-Konto. Mitgliederbewegung: Zahl der Mitgiteder am 81. Dezember 1SV8: ISS, Zugang—, Abgang 25. mithin Mitgliederzahl am 81, Dezenter 1SVS: 144. Im Laus« de« Geschäslsjahre« haben fich die Milgiiedergutbaben um 84LS,0V Marl verringert und die Haflsummen um 7 500 HR. verringert. Die Gesamt- Haftsumme aller Mitglieder beträgt am Jahresschluß 43200 M. v» r I t n. de» LS. April 1910. 100/i „Freier Bund" Einkaufs- and Produktlv-Qenossenschnft freier Gast- und Schankwirte Berlins und Utnfegend. Eingetragene Genossenscbaft mit beschränkter Saitplllcbt in Berlin. Oer Vorstand. P. Matth««. Emil iCBrUn. Arbeiter finden f«»««« 3eni| 5 ««»« und»iiiigc Kleidung Srunnenstr. 158,«„T«0 Theater und Vergnügungen Sonuabend, de» 2. Juli. Ansang 7'l, Uhr. Neue» kSnigl. Opern-The-ter. Da» Rheingold. Aniang 8 Uhr. Deutsche», vmphttrhon. Kammerspiele. Liedeiwalzer. Sesstng. Kasernenlust. «komische Oper. Der Regiment». papa. Neue» Schauspielhaus. Der Flieger. «kleines. Nur ein Trau».(Aniang Ber/kuer.� Taifun. Neues Operette». Der Gras»on Luxemburg. Dhalta. Eharleh» Tante. Hebbel. Wem gehört Helene? Spul.(Ansang 8'/, Uhr?) Schiller<» lWallner. Theater.) Der Troubadour. Schiller Eharlottenburg. Die von Hochsattel. Rose. Der Gesundbeter. Luise». Der Gras von Monte- ilhristo. Lustspielhaus. Da» Leutnant»- mündel. Merrovol. Halloh II— Die grohe Revue. NolieS Eapric«. Pariser Ehen. Der Athlet. Die keusche T.oinette. Da» Versöhnungsiest.(vilnsang Uhr.) Bipoll«. Spezialitäten. Paiiaae. Spezialitäten. RrichSKallen. SteMner Sänger. Walhalla. Svezialitäten Wintergarten. Spezialitäten. «karl Haverland. Spezialitäten Pratrr. Im Reiche de» Mar». Urauia. Ta»ve»ilrahe Abend» 8 Uhr: von der Zugspitze zum Watzmann. Strrnn>ar»«. Ouoalidenstr. 67—62. Lessing-Tlieater. Täglich 8 Uhr: Kaseruenluft. Berliner Theater. Heute 8 Uhr- TaikUtl. Morgen: Taifnn.__ K«jno« Oporcttcn-'Theater. Heute und s olgende Tage 8 Uhr: 'Der Graf von Luxemburg. Sonntag nachmittag 8 Uhr zu er- mäßigt. Preisen: vis voiiarpeinrserin. L.iisisf)ivllisms. Abend» 9 Uhr: Das Leutnantsmündel OSE=THEATE Große Frankfurter Str. 182. Derdesiradbefer »�i Schwank m O. von 3 Alten Weber. Ans. 8 Uhr. Ende'/.II Uhr. Morgen und folgende Tage: Der Gesundbeter. Aus der Karlenbühne: Theater- Vorstellung. Spezialttitteu. Gr. Konzert. Ansang Sonntags 1 Uhr, Wochentag» 4'/, Uhr._ Metropol-Thealer Hallo!!! Die große Revue! In 8 Bildern von Jnl. Freund. Musik v. Paul Lincke. In Szene gesetzt vom Sir. Rieh. Schultz. Anfang• Uhr. Rauchen gaetattot. Anlang 8 Uhr. Das neu« groBe Programm I VI, Uhr: 9'/, Uhr: Schimpanse-Grang-Utang als Tandemfahrer. 10 Uhr: 10 Uhr: ■•Hand Im Orient. Operette— ohne M&nner— in zwei Szenen, dargestellt von 18 Kolländerinnsn La Tortajada in ihrer neuesten SohSpfung; .Abenteuer eines ToreroB". totalis Iii} Cjtle Trupe Qarcias jonglierende Silhouetten sowie dt# sensationellen Attraktionen des JaH-Projcmmm#! KttRigetadt-KMino. Holzmartlslr. 87, Ecke Alexandersir. (Inhaber: Aar Sohindalhautr.) Im Harri Ich en Nsturgartsn täglich: U a.; Else Wulfenla, Soubrette. Paul Mattinett, Bauchredner. Emmy und August Clsvsr, da» ileinsl« Duettlftenpaar der Welt. Ans. vochent.?>/. Sonnt. 6 Uhr. Schiller- Schiller-Theater 0.(Wallner-Theat.) Gottecheld-Oper. Sonnabend, abend« 8 Uhr: Der Troubadour. Oper in t Akten. Musik von G. Berdi. Ende 10'/. Uhr. Sonntag, nachm. 3 Uhr: bei ermäßigten Preisen: Der Ifreleebttt». Sonntag, abend» 8 U h r- Die Ftfreter-Chrietl. Montag, abend» 8 Uhr: Die FOreter-Cbrletl. Theater. Schiller-Theater(Charlsttenburg). Sonnabend, abend» 3llhr: Die ron Hochaattel. Lustspiel In 3 Auszügen von Leo Katzenstein und Ludwig Heller. 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Einmal erklärte sie: Ich bin ganz gesund, dann sagte sie wieder, sie hätte das Gefühl, als wenn etwas hinten aus dem Kopfe herausgeschnitten wäre, und erklärte häufig in monotoner Weise: Es ist alles ganz anders ge- worden. Am Abend schien der Zustand besser zu werden. Am Freitagmorgen zeigte sich aber das Gegenteil. Sie erklärte, sie wolle, daß die Sache zu Ende komme, dann sagte sie wieder, ich bin ganz gesund, aber es schmeckt alles ganz eigentümlich. Als sie gefragt wurde, ob es nach Gift schmecke, erwidert sie:„Ja, ich will Gift haben, ich will der Sache ein Ende machen," dann wieder: „Ich will kein Gift haben." Dann klammerte sie sich ängstlich an uns und rief:„Gustel, Du mußt hierbleiben." Eine Simulation ist völlig ausgeschlossen. Die Angeklagte ist nicht verhandlungs- fähig und wahrscheinlich auch morgen nicht. Die Verteidiger sprachen ihr Bedenken dagegen aus, ob die Angeklagte in den letzten 10 Tagen verhandlungsfähig gewesen sei. Der jetzige Zustand mache dies Bedenken rege. Die Verteidigung wendete sich auch dagegen, daß die Staatsanwaltschaft vor der Jnhaftsetzung unterlassen hatte, ein Gutachten von sachverständiger Seite einzuholen, ob die- Angeklagte haftfähig sei. Jeder Sachver- ständige hätte die Angeklagte so wie der Gerichtsarzt Dr. Strauch für haftunfähig erklären müssen. Mit Unrecht habe der Staats- anwalt einen Eisenbahnarzt Dr. Placzek, der die Angeklagte gar nicht kannte, zur Begutachtung herangezogen, statt die Aerzte zu hören, die die Angeklagte von früher kannten. Der Staatsanwalt wendete ein, das Gutachten des Dr. Placzek habe zu Bedenken keinen Anlah gegeben. Ueberdies habe er als Laie sich gesagt, jemand, der die anstrengende Reise nach England machen kann, fei auch haftfähig. Der Vorsitzende beraumte für den Sonnabend eine Bormittags- sitzung und vorsichtshalber auch gleichzeitig eine Nachmittagssitzung an.— Am Nachmittag machte die Angeklagte wieder einmal einen Selbstmordversuch. Sie suchte eine Pulsader zu durchschneiden. Ter Arzt Dr. Salzmann legte einen Verband an. Der Geistes- zustand der Angeklagten wurde so bedenklich, dast sie noch gestern nachmittag nach der Provinzialirrenanstalt in Kortau übergeführt wurde.«Somit erscheint es höchst unwahrscheinlich, daß die Ver- Handlung morgen fortgesetzt wird, wenn nicht— was immerhin nicht ganz ausgeschlossen ist— ein überraschender Umschwung in dem Zustand der Angeklagten inzwischen eintritt. Line Dorftragödie bildet den Gegenstand eines recht umfangreichen Strafprozesses, der gestern vor dem Schwurgericht des Landgerichts II begann. Aus der Untersuchungshaft wurden die 25 jährige Frau Emma V o h und der 73iährige Altsitzer Friedrich Britz vorgeführt, um sich wegen gemeinschaftlichen Totschlages vor den Geschworenen zu ver- antworten. Beide Angeklagten werden beschuldigt, in der Nacht zum 15. Mai, dem Pfingstsonntag, den Arbeiter Hermann Voss vor- sätzlich getötet zu haben.— Den Vorsitz im Gerichtshöfe führt Land- gerichtsdireltor Dr. Li ep mann, die Anklage wird vom Staats- anwalt Asiesior Kehr vertreten, die Verteidigung der beiden An- geklagten führen die Rechtsanwälte Dr. Walter I a f f ö, Dr. D o n i g und Dr. Alsberg. In dem kleinen Dörfchen WünSdorf bei Zossen entstand am Pfingstsonntagmorgen eine nicht geringe Aufregung, als eS wie ein Lauffeuer durch das Dorf ging, datz ein Mord verübt sei. Während alles damit beschäftigt war, Häuser und Wohnung mit den frisch- geschnittenen Pfingstmaien zu schmücken, tauchte daS Gerücht auf, dast der Arbeiter Hermann Vost auf seinem Grundstück als Leiche aufgesunden worden sei. Als der Gemeindevorsteher Barne- Witz als erster auf dem Grundstück erschien, wurde ihm von dem Musiker Britz, dem Bruder des Angeklagten, mit- geteilt, Voh sei von der Tenne heruntergestürzt und habe sich anscheinend daS Genick gebrochen. Da der Gemeindevor- steher an der angeblichen Unfallstelle die Leiche deS Votz in einer sehr unnatürlichen Stellung fand, stieg in ihm der Verdacht auf, daß hier ein Verbrechen verübt worden sei. Er benachrichtigte des- halb sofort die Polizeibehörde in Zossen, welche die weiteren Er- Mittelungen ausnahm. Ein hinzugezogener Arzt stellte fest, daß der Schädel der Leiche in viele grosse und kleine Stücke zertrümmert worden war und dass das ganze Gehirn eine blutige Masse bildete. Da diese Verletzungen unmöglich durch ein Hinunterstürzen von der Tenue entstanden sein tonnten und ferner bekannt wurde, datz am Abend vorher zwischen dem Getöteten einerseits und seiner Ehefrau und seinem Schwiegervater, den jetzigen Angeklagten, andererseits ein heftiger Streit stattgefunden hatte, wurden beide unter dem Verdacht des Totschlags verhastet. Die weiteren Ermittelungen ergaben folgendes: Die Votzsche Ehe bestand seit ungefähr fünf Jahren. Ein Jahr nach der Hochzeit traten die Eltern der Angeklagten ihre Büdner- Wirtschaft gegen Gewährung des Altenteils an den Ehemann Voss ab. Dieser lebte mit seiner Frau und deren Eltern seit Jahren in Streit, der häufig z» Tätlichkeiten führte. Veranlassung hierzu bildete, dass die Angeklagte Boss wegen Diebstahls bestraft worden war und dass Voss mit den Zahlungen des Altenteils, hauptsächlich deS Kleidcrgeldes von 21 M. jährlich, seit drei Jahren im Rückstände geblieben war. Insbesondere hatte sich bei dem 73 jährigen Britz ein tiefer Hätz gegen seinen Schwiegersohn Voss eingewurzelt, da dieser häufig seine Ehefrau misshandelte. Voss schien deshalb sich seines Lebens nicht mehr recht sicher zu fühlen, denn er äusserte einmal, dass er noch einmal„abgemurkst" werden würde, wenn er nicht ordentlich aufpasse.— Vor dem Untersuchungsrichter legten beide Angeklagte ein Geständnis ab, in welchem sie die Tat folgendcnnassen schilderten: Voss sei am Pfingstsonnabendabend an- getrunken nach Hause gekommen und habe sofort mit ihnen Streit angefangen. Voss hatte, ivie festgestellt wurde, seine Schwieg«- mntter bedroht, sie mit Petroleum zu bcgiessen und anzuzünden. Als die alte Frau in ihr Schlafzimmer flüchtete, lief er ihr nach und schlug mit einem Beil gegen die Tür. In ihrer Angst sprang vi« Frau schliesslich alls dem Fenster. Als Boss dann in der Küche Olne Kasseekanne nach dem Angeklagten Britz schleuderte, ergriff seine Ehestau einen Kartoffelstampfer und schlug aus ihn ein. Der erste Schlag, der die Schläfe traf und unbedingt tötlich wirken mutzte, war mit solcher Wucht geführt, datz der eiserne Stampfer von dem Slstl abflog. Boss stürzt« zu Boden, versuchte jedoch noch sich erheben. In diesem Augenblick erhielt er von seinem Schwiegervater Britz mit einem eisernen Topf einen zweiten Schlag auf den Kopf, der mit solcher Wucht geführt wurde, dass der Tops in Trümmern g»w. on3 Voss trotzdem noch versuchte wieder hoch- zukommen, ergriff Britz«in Beil und schlug solange auf den am Boden Liegenden cui, his dieser kein Glied mehr rührte. Hierbei äusserte er:„Wenn es erst einmal angefangen ist, muh eS auch zu Ende geführt werden I Ihr so�t Euch freuen, dass Ihr ihn loS seid, er hat lmch genug geschlagen." Die beiden Schwieger- ellern und die Ehelra» betteten dann den Erschlagenen auf eine Leiter und trugen ihn nach der Scheune, um den Anschein zu er- wecken, als ob er von der Tenne gestürzt fei. Die Angeklagte wischte das Blut auf. wahrend Britz durch Uebertünchen der Wand mit grüner Farbe die Blutipntzer zu beseitigen suchte. Dieses erste Geständnis der beiden Angeklagten wurde von der Frau Voss in dem Iveiteren Ver- fahren widerrufen. Sie trat plötzlich mit der Be- Häuptling hervor, dass sie aus Grund einer Vereinbarung alle Schuld auf sich genommen habe. Den ersten tödlich wirkenden Schlag habe ihre Mutter ausgeführt, die dies auch zugab, offen- sichtlich um ihre Tochter zu entlasten und selbst die Strafe auf sich zu nehmen.— Vor Gericht behauptete die Angeklagte, dass sie ihren Ehemann nur mit einem Stock in daS Gesicht geschlagen habe, während ihre Mutter und ihr Vater mit einem Kochtopf auf ihn eingeschlagen hätten, bis er zu Boden gestürzt sei. Ihr Vater habe weiter auf den Kopf ihres Mannes eingeschlagen, bis er tot war. Sie hätten dann der Leiche einen neuen Anzug an- gezogen und nach der Scheune getragen. Ihr Vater hätte dann den Vorschlag gemacht, die Leiche vom Dach herunterzuwerfen, um den Anschein herbeizuführen, dass Voss hinuntergestürzt sei. Aehnliche Angaben machte der Angeklagte Britz, der zugab, den Voss mit dem Kochtopf und einem Beil getötet zu haben. Er habe dann die Leiche auf die Tenne geschleppt und heruntergeworfen. Zu der Verhandlung sind etwa 40 Zeugen und Sachverständige geladen. Für die Verhandlung sind zwei SitzungStage angesetzt worden. Da die Beweisaufnahme selbst keinerlei bemerkenswerte Momente ergab, werden wir un§ auf die Mitteilung des Urteils be- schränken._ Srlilärung. In der Nr. 150 des„Vorwärts" vom 30. 6. 1010 hcitzt eS in dem Bericht vom Verbandstage des Verbandes der freien Gast- und Schankwirte in bezug auf meine Person: „— Der Bierkrieg zog auch heftige Auseinandersetzungen mit den Parteigenossen und den Gewerkschaften in Berlin nach sich. Unser damaliger Redakteur Schulz hatte in einer Anzahl Ar- tikel Behauptungen aufgestellt, die für die Genossen beleidigend waren. In einer Sitzung mit der Gewerkschaftskommission und dem Aktionsausschuss der Partei konnte er die Behauptungen nicht beweisen.. Diese Darstellung steht mit den Tatsachen nicht im Einklang. Die seinerzeit von den Berliner Genossen beanstandeten Artikel waren geraume Zeit vorher geschrieben, sogar in Druck gegeben und zum Teil schon in Händen der Verbandsmitglieder, ehe über- Haupt von den Berliner Partei- und Gewcrkschaftsgenossen an elne Stellungnahme zu einem evtl. Bierkrieg gedacht war. In der Sitzung mit dem Aktionsausschuß und der Gewerkschafts- kommisfion habe ich den Beweis geführt, daß dies der Fall, daß die Artikel„Das Recht der Konsumenten"(Nr. 30 und 40 Freier Gast- Wirte) sich lediglich auf Vorgänge und Auswüchse in der Be- kämpfung namentlich der parteigenössischen Gastwirte in Frank- furt a. M., Zwickau, Köln a. Rh., Hamburg, Rostock usw. bezogen. Die Protokolle der Vorstandssitzungen müssen es ebenfalls ausweisen, daß diese meine Darstellung zutreffend ist, denn der Verbandsvorstand hat sich noch in seiner letzten Sitzung, die kurz vor der mit dem Aktionsausschuß abgehaltenen stattfand, einmütig dahin ausgesprochen, daß in obengenannten Artikeln die Wahrheit, wenn auch etwas sehr derbe, gesagt worden sei und der Vorstand samt und sonders hinter mir stehen müsse. Die allerdings im Artikel der Nr. 41 1009„Fr. G." enthaltenen Beleidigungen einzelner Berliner Parteigenossen entstammen durch- aus nicht meiner Initiative, sie sind vielmehr von mehreren im Gastwirteverband hervorragend tätigen Genossen in einer Ver- bandsfunktionäresitzung bei Litfin, sowie in einer bei Keller, Ltoppenstraße stattgehabten Generalversammlung aufgestellt und ausgesprochen worden. Da ich in diesen Versammlungen die Funk- tion eines Berichterstatters für den„Freien Gastloirt" ausübte, habe ich, da ein Versammlungsbericht doch originaliter sein soll, diese Behauptungen in dem Artikel„Die Situation in Berlin" (Nr. 41 1009„Fr. G.") veröffentlichen müssen. Hätten die Genossen in der Sitzung mit dem Aktionsausschuß und der Gewerkschaftskommission denselben Mut besessen wie in den Zusammenkünften bei Litfin und bei Keller, dann hätten sie zweifellos die von ihnen gebrauchten Redewendungen selbst zurück- genommen, resp. sich persönlich dazu bekannt, ohne den wenig rühmlichen Weg zu wählen, einen anderen als Sündenbock in die Wüste zu schicken. Ich betone nochmals ausdrücklich, daß es mir persönlich fern- gelegen hat, die Berliner Parteigenossen zu beleidigen, daß die Dinge, die ich in den Artikeln„Das Recht der Konsumenten" be- handelt habe, sich lediglich als auf Vorkommnisse im Reiche be- ziehend darstellen. Earl Schulz. Berlin, Petersburger Straße 34. Sericbts- Leitung. Pflicht auf Herausgab« des ZivilversargungSschein». Gegen den Reichsmilitärfiskus entschied dieser Tage das Reichsgericht in folgendem Rechtsstreit des Zeugleutnants L. in Schoneberg. Der Kläger hat nach einer Illjährige» Dienstzeit im Unteroffiziersstande im Oktober 1904 den Zivilversorgungsschein ausgehändigt erhalten, ist aber als Zeugfeldwebel im Dienste ver- blieben und am 19. März 1906 zum Zeugleutnant befördert wor- den. Am 27. März 1900 wurde L. zur Verfügung gestellt und erhielt das Ruhegehalt eines Zeugleutnants. Im Juli 1906 er. öffnete ihm das Kriegsministerium, datz sein ZivilverforgungS- schein mit der Ernennung zum Zeugleutnant seine Gültigkeit ver- laren yabe. L. klagte deshalb gegen den Reichsmilitärfiskus auf Feststellung, daß der von ihm als Feldwebel erworbene Zivilversor- gungsschein durch seine Ernennung zum Zeugleutnant die Gültig- kcit nicht verloren habe, während der beklagte Fiskus Verurtci- lung des Klägers zur Herausgabe des Zivilversorgungsscheins be- gehrte. Das Landgericht 1 Berlin erkannte zugunsten deS Reichsmili- tärfiskvS. Im selben Sinne entschied auf die Berufung des Klägers das Kanin, ergericht zu Berlin. Der Zivilversorgungsschein, führte das Kammergericht aus, bilde einen Teil der im Gesetze von 1871 bestimmten Versorgung der Militärpersonen der Nntcrklasscn; diese Versorgung beziehe sich aber nur auf diejenigen Militärpersonen. die als Angehörige der Unterklassen aus dem Heere ausschieden. Dieser Begründung des Kammergerichts trat das Reichsgericht entgegen. Es hob auf die Revision des Klägers das Urteil des Kammergerichts auf, stellte fest, daß der vom Kläger erworbene Zivilvcisorgungsschein seine Gültigkeit nicht verloren hat und wies die Widerklage deS Fiskus auf Herausgabe des VersorgungS- schein? ab. In den Gründen heißt es: Der Erwerb des Zivilver- sorgungVscheins erfolge regelmäßig durch die 12jährige Dienstzeit und stel-e somit die Abgeltung für eine so lange militärische Dienst- zeit als Unteroffizier dar. Dies spreche dafür, daß das Gesetz hier- bei den endgültigen Erwerb eines Rechts im Auge habe. DeS- halb müsse die Rücksicht auf die spätere Gestaltung der militäri- scheu Laufbahn des Berechtigten als irgendwie maßgebende? Motiv ouSschciden. Diese Auffassung ergebe sich auch ohne weiteres aus der Entstehungsgeschichte der hierfür in Betracht kommenden Vorschrikten. Schärfer noch erhelle diese Ansicht des Gesetzes aus der Fassung, die der Inhalt des 8 10 Abs. 1 der Novelle vom 4. Aprik 1874 in dem Mannschaftsvcrsorgungsgesctze vom 31. Mai 1906 eikbalten habe. Der 8 15 dieses Gesetzes laute in Absatz 1 ganz prägnant dahin:„Kapitulanten erwerben durch 12jährige Tienstzc't den Ausbruch auf den Zivilversorgungsschein, wenn sie zum Beümtcn würdig und brauchbar erscheinen." Demnach mütz- ten aucst die besonderen Rechte, die das Ges�j e.n den Abschluß einer Kapitulation und eine 12jährige Dienstzeit im Unteroffiziers- stände geknüpft hat, dem später zum Offizier beförderten Zeugfeld- webcl verbleiben. Jedenfalls erhelle aus der ganzen Rechtslage so viel, daß es unstatthaft ist, aus dem Umstände, daß der An« spruch auf den Zivilversorgungsschein nur in dem der Versor- gung der Unterklasse gewidmeten Teil des Gesetzes vom 27. Juni 1371 und in dem Mannschaftsversorgungsscheine von 1906 gc- regelt worden ist, den Schluß zu ziehen, daß das Recht auf An- stcllung im Zivildienste auf Unteroffiziere beschränkt, also auSge« schlössen sei, wenn ein aus dem Unteroffiziersstande hervorge» gangener Offizier als solcher pensioniert werde. 4 Jahre Zuchthans verbüßt, dann im Wieder«,«fnahmeverfahrelf freigesprochen. Vom Schwurgericht in Dortmund war im Oktober des JahreS 1906 der Kellner Bremer wegen Straßenraub in zwei Fällen zw 7 Jahren Zuchthaus verurteilt Worden, einschließlich einer für eine andere Straftat erhaltenen Strafe. Durch Beschluß des Oberlandes» gerichts Wurde vor einiger Zeit das Wiederaufnahmeverfahren angeordnet. So stand Bremer am 30. Juni wieder vor dem Schwur- gericht in Dortmund. Hauptzeugen sind wie früher 4 Kinder. An zwei Tagen, am 19. und 20. April 1906, waren beide Male zwei Kindern Geldbeträge abgenommen worden, die sie nach Versetzen von Gegen» ständen auf einem Leihhaus erhalten hatten. In der Verhandlung vom 30. Juni bezeichneten wieder drei der Kinder den Angeklagten als den Täter, das vierte Kind aber einen Zeugen, der an den Apriltagen mit dem Angeklagten zusammengewesen war und der in der jetzigen Verhandlung stark bloßgestellt wurde. Der Staats- anwalt hielt den Angeklagten immer noch für den Täter, die Ge- schworen«» verneinten aber alle Schuldfragen. Der Angeklagte wurde freigesprochen und aus der Haft entlassen.— Das Publikum brach nach dem Freispruch in spontane Beifallskundgebungen auS. Der Komet Halleh als Diebstahlsanstifter. Welche absonderlichen Gedanken und Pläne da» Erscheinen deS Hallcyschcn Koineten in den Köpfen einfältiger Leute hatte reifen lassen, zeigte eine Verhandlung vor der 1. Strafkammer des Land- gerichts II. Wegen versuchten schweren Diebstahls war der Bäcker» geselle Gottlieb Ganter angeklagt.— Der Angeklagte hatte be, dem Konditoreibesitzer Kraft in Groß-Lichterfelde eine gutbezahlte Stellung inne. Als die ersten Nachrichten über das Erscheinen des Hallcyschen Kometen und den damit verbundenen Weltuntergang auftauchten, ging mit dem sonst fleißigen und tüchtigen Gesellen eine recht auffällige Veränderung vor. Er wurde faul und nach- lässig und legte eine absolute Gleichgültigkeit gegen alle Sachen an den Tag. Je näher der Tag des prophezeiten Weltuntergangs heranrückte, umsomehr verschärfte sich der Zustand des Angeklagten, der sich fest einbildete, daß tatsächlich die Erde bei dem Zusammen- stoß mit dem Kometen in tausend Stücke gehen würde. Einige Tage vor dieser„Katastrophe" kündigte der Angeklagte seine Stelle und machte alles was er an Geldeswert besah zu Gelde. An dem Tage des Kometendurchgangs unternahm er eine Bierreise, bei der er alles was er besaß verjuxte. Mit einem Mordsrausch behaftet, erwartete er dann den Weltuntergang. Als er am nächhen Morgen mit einem Gefühl erwachte, als ob nicht die Erde, sondern er selbst und vor allem sein Kopf in Stücke gegangen war, packte ihn das sog. graue Elend. Da er nur noch das besaß was er auf dem Leibe trug, war nun guter Rat teuer. Zu seiner bisherigen Stelle zurückzugehen, schämte er sich. Nachdem er einige Zeit mit hun- gerndeni Magen herumgelaufen war, beschloß er sich durch einen Diebstahl in den Besitz von Geldmitteln zu setzen. Er schlich sich heimlich in die Gesellenstube seines früheren Arbeitgebers und war gerade dabei, aus einem erbrochenen Spind ein Portemonnaik zu stehlen, als er von einem hinzukommenden Gesellen überrascht wurde.— Die Strafkammer billigte dem sonderbaren Heiligen mildernde Umstände zu und erkannte auf 6 Wachen Gefängnis unter Anrechnung von zwei Wochen der erlittenen Untersuchungshaft. In das Reich des Aberglaubens und der— Dummheit führte eine Verhandlung, welche gestern unter Vorsitz des AmtS- gerichtsrats Bennewitz das Schöffengericht Berlin-Schönebcrg be» schäftigte. Wegen Sachbeschädigung war eine Frau Duhm an- geklagt.— Die Angeklagte hatte sich vor längerer Zeit aus unbe- kannten Gründen mit ihren erwachsenen Kindern entzweit. Da sie von einer auf gleichem geistigen Niveau stehenden Frau gehört hatte, daß es eine„weise" Frau gebe, die es verstehe, durch Zauber- mittel einen Menschen Liebe und Zuneigung einzuflößen, beschloß die Angeklagte dieses Mittel anzuwenden. Sie ging zu dieser, alles andere nur nicht weisen Frau und erzählte dieser, daß sie sich auf irgend eine Weise die Zuneigung ihrer Kinder wieder er- ringen wolle. Die„Zauberin" gab ihr gegen Zahlung von 1 Mk. darauf einen Rat, der zu dem größten Blödsinn gehört, der auf diesem, leider immer noch recht großen Gebiet wohl je produziert ist. Die Angeklagte sollte nämlich Kuh- und Pferdemist zu gleichen Teilen mischen, dann mit Wasser und einer gewissen anderen Flüssig- keit verdünnen und dann diesen appetitlichen Trank einem unbe- kannten Menschen dreimal in die Wohnung gießen, der in einem Vorort in einem Hause mit einer ungrade» Hausnummer wohnen mußte. Um die gleiche Zeit erlebte der in der Tempelhofer Straße 19 wohnhafte Oberpostsekretär Caspari«in recht eigen- artiges Abenteuer. Als er des Morgens erwachte, hatte er, da seine Geruchsnerven ordnungsmäßig funktionierten, das unbe- stimmte Gefühl, daß er sich versehentlich nicht in seiner Wohnung, sondern in einem Kuhstall zur Ruhe gelegt habe. Durch die Woh- nung zogen liebliche Düfte, die nebenbei einen starken Niesreiz hervorriefen. Als er nach der Ursache dieser zum mindesten aus- fälligen Erscheinung forschte und auf den Korridor hinaustrat, wurden seine Füße von etwas„Weichem" umfangen, welches sich bei näherem Zusehen als veritabler— Kuhmist entpuppte. Zu seinem nicht geringen Erstaunen entdeckte er. daß der ganze Korridor mit einer träge dahinfließenden sonderbaren Masse bedeckt war, welche einen Geruch ausströmte, der nach keiner Richtung hin an die Rosengärten von SchiraS erinnerte. Nachdem das übelriechende Zeug mit großer Mühe entfernt worden, ereignete sich am nächsten Morgen die gleiche Szene. Da C. glaubte, daß ihm jemand einen Schabernack spielen wollte, legte er sich in der nächsten Nacht auf die Lauer. Gegen Morgen erschien die jetzige Angeklagte Duhm, um hier zum dritten Male ihr eigenartiges„Zanbermittel" an- zuwenden. Als sie ihr mixtum compositum wieder durch die Zeitungsklappe gießen wollte, wurde sie von C. festgehalten. Vor Gericht erzählte die Angeklagte die obenerwähnte Geschichte von der weisen Frau und dem Zaubermittel. Das Gericht erkannte auf eine Geldstrafe von 9 Mark, eventl. 3 Tage Gefängnis. vsitterunasüderülti« vom 1. Juli 19 10, nioraens« Illir. Wetterprognose für Sonnabend, den 2. Juli 1910. Bielsach heiter, am Tage etwas wärmer aber noch veränderlich mit ge- rtilgen NeaenMen und mäßigen südwestlichen Winden. Lerliuer Wetterbureau. « Zur heutig M unseres 1 Willu KppII Zur heutigen Bermählung ch unseres BczirlSsühms MW Fr. uu.«u.uu.. tJ A die herzlichsten Glückwünsche t M Bezirk 149. II. Kreis, i Sozialdemokratischer Wabiverein des S. Beri. Reichstags-Wahlkreises. Todes• Anzeige. Am 1. Juli verstarb unser Milglied, der Schmied Cbrislian Hentsehke Schulzendorserstrabe 7. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 3. tfuli, nachm. 4 Uhr, von der Leichenhalle des Friedhoss der freireligiösen Ge- meinde, Pappel-Allee aus statt. Um rege Beteiligung ersucht ldei» Vorntnnd. Am Donnerstag, den 30. Juni, verstarb nach langem, schwerem Leiden mein herzensguter SPtaim, unier treuforgender Vater, Schwieger« und Großvater, der Reilaurateur Ernst Gründer im 63. Lebensjahre. Um stilles Beileid bittet Wwe. l«nl»e Gründer und Familie. Relnickendorf-Ojt, Hoppeftr. 24, den 3l>. Juni 1910. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 3. Juli a. c., nach- mittags 3 Uhr, vom Traucrhause aus auf dem neuen Reinicken- dorfcr Friedhofe, Humboldtstraße, statt. SozialdeiDokratiseliJahMD Kreis Nieiier-Barniin Bezirk Reinickendorf-Ost. Am Donnerstag, den 30. Juni, verstarb nach langer schwerer Krankheit unser treuer, braver Genosse, der Gemeindevcrtreler Ernst Gründer. Die Reinickendorfer«Senosfen werden ihm für seine Pflichttreue und seine stets bereite Opfer- Willigkeit ein ehrendes Andenken bewahren. 238/10 Die Bezirksleitung. Die Beerdigung findet am Sonntagnachmittag 3 Uhr vom Trauerhausc, Hoppestr. 24 au», aus dem neuen Reinickendorfer Friedhofe, Humboldtstraße, statt. Iferbaml der Ireien Gast- und Schankwirte Deutschlands. Bezirk Reinickendorf. Am Donnerstag, den 80. Juni, verstarb unser lteber Kollege Ernst Gründer Hoppeftr. 24. Ehre seiuc« Audeukeu: Die Beerdigung findet am Sonntagnachmittag 3 Uhr vom Trauerhause aus auf dem neuen Reinickendorfer Friedhofe, Hum« boldtstraße, statt. 7d/g Die OrtSverwaltung. SoziaidemokratischJahlYerein Nieder-Barnim. Bezirk Lichtenberg. Den Genossen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Weber Eerdinsnd Krause verstorben ist. Ehre seinem Andenke» l Die Beerdigung findet am Sonntag, nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle deS Fried- hofeS in Marzahn aus statt. Treffpunkt: Bahnhos Lichten- berg-FricdrichSselde 3'lt Uhr. 14/8 Die Bezirksleitung. Allen verwandten, Freunden und Bekannten zur Nachricht, daß mein lieber Mann, unser herzenS« guter Vater, der Weber Eerdinand Krause am Herzschlag verstorben ist. Wer den Verstorbenen gekannt, wird unser» Schmerz zu würdigen wissen. DlcS zeigt tiesbetrübt an Vlw. Wilhelmine Krause. Die Beerdigung findet Sonntag nachmittag 4 Uhr von der Leichen. halle des Fried aus statt. es in Marzahn 77KL Danksagung. Für die beim Ableben meines lieben Mannes Gustsv Tietz mir von allen Seiten, besonder» von den Kollegen der Firma Steffen» u. Nolle bewiesene Teilnahme sage ich hierdurch meinen aufrichtigen Dank. Hg,» Emilie Tietz e* Leist. Bflrger! Wählef RlXdOffS. Arbeiter! Dienstag, 5. Juli 1910, abends S'lz ühr Degfetitl. Protest Versammlung in Hoppes Festsälen, Herniannstr. 49. Tagesordnung: „SlMverortlnetenmehkhelt gegen OberverwaltungsgerkOt." Referent: Reichstagsabgeordneter HcillC» m—mmmma Freie Aussprache, Magistrat und Stadtverordnete sind zu dieser Versammlung schriftlich eingeladen. An- gehörige aller politischen Parteien willkommen. HM Wähler Rixdorfs, protestiert gegen den letzten Gewaltakt der bürgerlichen Stadt- verordnetenmehrheit und erscheint in Massen. s23o/6* Der Einberufer: A. Scholz. Weisestr. 23. Allen Verwandten und Be- kannten, den Genossen und Ge« nossinnen zur Nachricht, daß unsere liebe Tochter und Schwester Hsimetull Liebenov nach langem, schwerem Leiden am 30. Juni verschieden ist. Dies zeigen liesbetrübt an Luise Liebenow und Sohn. Die Beerdigung findet ani Sonntag, den 3. Juli, nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des Gemeinde-FriedhoseS zu Weißen- see au» statt. Orts- Kränkenkat� k der ir usw. Die in der ordentlichen Generalversammlung am 24. März 1919 beschlossene Aenderung der §8 11. 12. 17. 13 und 27 des Kassenstatuts ist vom Bezirks- auSschuß genehmigt und tritt am Montag, den 4. Juli 1919 in Kraft. 27g3b vor Toratand. I.V.! Bernhard Herzer, Vorfitzender _ Georg enfirchstr. 53._ Rauchfangswerder bei Zeuthen. Restaurant zur Linde Besitzer H. Müller.* Gute Bedienung, gute Küche. Dampfer• Anleeeatelle, Q große Halle □ Ausflüglern und Vereinen bestens empfohlen. Sommerpreise. X A. B. Koch X Kohlen-Brikettgroßhaudlung gegründet 1808.—— Haupt-Kontor Berlin O. 34, Peterabnrger Straße 1 (Elte Frankfurter Allee). Fernjpr. Amt 7 Nr. 3040 und 3098 Lagerplätze mNerkaufssteDeu l O. 34. Ostb.-Güterbahnhvf «in». RüderSdorfer Str. 71. fr. 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KreiS.»Der internationale sozialistische Kongreß wolle be» schließen: Zur Verwirklichung der sozialistischen Friedensbestrebungen sind die parlamentarischen Vertretungen der sozialistischen Parteien aller Länder aufzufordern, in den parlamentarischen Körperschaften Anträge einzubringen und zu befürworten, die auf eine inter« nationale Vereinbarung aller Staaten zur gleichzeitigen Ein« schränkung der Seerüstungen und zur Beseitigung des SeebeuterechtS abzielen."_ AdlerShof. Am Sonntag, den 3. Juli, findet eine Besichtigung der Kalk« und Zementindustrie-Ausstellung in Baumschulenweg statt. Wir ersuchen die Genossen, welche sich daran beteiligen wollen, fich wegen der vorherigen Beschaffung von Eintrittskarten beim Genossen Ligner. Genossenschaftsstraße 7, zu melden. Preis der Eintrittskarten 3V Pf. Treffpunkt Sonntagvormittag 9 Uhr im Jugendheim, Bis- marckstr. 11. Der Vorstand. Biesdorf. Sonntag früh 7'/, Uhr Flugblattverbreitung von Gustav Berlin. Marzahner Straße 24 auS. KarlShorfi. Sonntag früh 8 Uhr Flugblattberbreitung. Die Genoffen nehmen die Flugblätter in Empfang: Nordseite bei Mendt, Heniigstr. 13, Südseite bei Gwinner, Rödelstr. 12. Stralau. Sonntag, den 3. Juli, vormittags 9 Uhr, findet im Lokal von Steinicke, Alt-Stralau b, die Generalversammlung des Wahlvereins statt. Steglitz-Friedena«. Dienstag, den 5. Juli, abends 8'/, Uhr, große öffentliche Protestversammlung im Rheinschloß. Tages- ordnung: Die neue Reichsversicherungsordnung. Referent: Genoffe Koblenzer. Am Montag, abends 8 Uhr, findet in beiden Orten und von allen Bezirkslokalen aus Flugblattverbreitung statt. Die Vorstände. Steglitz-Friedena». Der Ausflug nach der.Römerschanze" in Nedlitz bei Potsdam findet morgen Sonntag, den 3. Juli statt. Abfahrt nach Wannsee � Uhr vormittags. Bis'/zll Uhr im .Fürstenhof'. Wannsee. Königstt. 40. für Nachzügler. Dann Fuß- partte über Pfaueninsel. Moorlake. Sakrow. Um 4 Uhr Führung und Bortrag des Genoffen Dr. Schütte in der Romer- schanze. Um zahlreiche Beteiligung wird ersucht. Gäste will- kommen. Der BildungSauSschuß. WilhelmSruh-Niederschönhanseu-West. Morgen Sonntag, den 8. Juli, vormittags 10 Uhr, findet im Lokal des Genoffen Juncker, Sachsenstr. 18, die Generalversammlung statt. Die Mitglieder- Versammlung am Dienstag, den V. Juli, fällt aus. Bon jetzt ab finden jeden Dienstag und Freitag nachmittag» die Kinderspiele im Walde statt. Die Eltern werden ersucht, ihre Kinder daran teilnehmen zu lassen und den Kindern zum Trinken mtt- zugeben. Treffpunkt für die Kinder ist an der Waldschänke. Die Bezirksleitung. PotSda«. Die Arbeiterschaft Potsdams wird auf den am Sonn- tag, den 8. Juli, festgesetzten Ausflug nach Römerschanze (über Sakrow) aufmerksam gemacht. Daselbst Anschluß an die Friedenau-Steglitzer Genoffen und Vortrag über die Entstehung und die neuesten Ausgrabungen auf der Römerschanze, gehalten vom Genossen Schütte. Abmarsch vom Bersammlungsplatz am Tabak- häuschen auf dem Bassinplatz um 2 Uhr. Vortrag um 4 Uhr. Zu diesem Ausflug sind alle Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter be- sonders eingeladen. Der BildungSauSschuß. Spandau. Am Sonntag, den 3. Juli, morgens 7'/, Uhr, finde* von den Bezirkslokalcn au» eine wichttge Flugblattverdreitung statt- Die Flugblattverbreitung findet ebenfalls statt für Nonnen- dämm, Haselhorst, Kladow und Gatow. ES wird er- »artet, daß sich die Genossen recht zahlreich in de» BezirkSlokalea z« Arbeit einfinden._ Der Vorstand. Berliner JVadmebteno DaS neue Schnellbahnnetz im Westen Groß-verlin». DerHochbohngesellschaft ist die landespolizeiliche Genehmigung zum weiteren Ausbau ihres Bahnnetzes im WestenGroß-Berlin» erteilt worden. Damit haben mehrjährige Verhandlungen zwischen den beteiligten Gemeinden, den Sussichtsbebörden und der Hochbahngesellschast ihren Abschluß gefunden. Wie erinnerlich, waren bei den neuen Schnell- bahnlinien die Verkehrswünsche der Gemeinden Charlottenburg und Wilmersdorf schwer zu vereinigen und erst nach vielfachen VerHand- lungen des Ministers der öffentlichen Arbeiten ist eine Lösung geschaffen worden, die der Wilmersdorfer und Dahlemer Bahn den Anschluß an das bestehende Netz im Untergrundbahnhos Wittenberg- platz bietet und zugleich der Stadt Charlottenburg die Untergrund- bahn für den Kurfürstendamm sichert, die zunächst bis zur Uhland- straße gebaut werden soll. Die landespolizeiliche Genehmigung er- streckt sich auf den Umbau des Bahnhofes Wittenbergplatz und die Herstellung der beiden von diesem Bahnhof ausgehenden nenen Zweiglinien. Der bisherige zweigleisige Untergrundbahnhof Wittenbergplatz wird zu einem großen GemeinschastSbobnhof mit drei Bahnsteigen und fünf Gleisen erweitert werden. Ml diesem Ausbau des Bahnhofes ist eine Umgestaltnng der Platzeinteilung verbunden; es wird eine mittlere ovale Gartenfläche in ganzer Platzbreite geschaffen, um welche die Fahrdämme mit den Straßen- bahngleisen herumgeführt werden, also eine Platzbildung, wie sie bei dem Wilhelmplatz in Berlin auS ähnlichem Anlaß ausgeführt worden»st. In der Mitte des OvaleS wird eine von Osten und Westen zugängliche Eingangshalle errichtet, von der auS sechs breite Treppen nach den drei Bahnsteigen der Untergrundbahn hin- abführen. Was den Zugverkehr betrifft, so werden verkehren am Bahn« steig I: die Züge von Berlin 0. nach Kurfürstendamm und Wilmers- dorf sowie von Berlin 0. nach Alt-Charlottenburg(BiSmarckstraße) und Wilmersdorf; am Bahnsteig II: die Züge von Alt-Charlotten- bürg nach Berlin C. und von Wilmersdorf nach Berlin 0. und Berlin 0! am Bahnsteig III: die Züge von Kurfürstcndamm nach Berlin 0. Fahrgästen, die die Züge wechseln müssen, bietet sich für die meiste» Verkehrsbeziehungen Gelegenheit, auf demselben Bahnsteig umzusteigen, aber auch beim Bahnsteigwechsel wird sich der Ueber- Sang st, der hellen und übersichtlichen Treppenhalle in bequemster leise vollziehen. Was das Bauprogramm anlangt, so wird der Verkehr der beide» neuen Zweiglinien zunächst mit Pendelzügen zum Wittenberg- platz bewirkt iverde». ohne daß der zurzeit bestehende Verkehr der Stanimbahn irgendwelche Aenderungen erfährt. Die hierfür erforderlichen Bauten werden etwa 2'/3 Jahre in Anspruch nehmen. In der folgenden Bauperiode werden mit dem Umbau des Gleis» dreiecks zwei neue Gleise vom Bahnhof Wittenberglatz über den Nollendorfplatz zum Gleisdreieck geführt werden und eS tritt dann an Stelle der Peudelbetriebe der durchgehende Verkehr von den tweiglinien»ach Berlin 0. und 0. Nach Fertigstellung dieses nSbäueS wird das Bahnnetz der Hochbahngesellschaft auS zwei selbständigen, diagonalen Durchmesserlinien bestehen, die auf der Mittelstrecke Nollendorfplatz— Wittenbergplatz in einem viergleisigen Tunnel nebeneinander verlaufeit und im Bahn- Hof Wittenbergplatz miteinander in Verbindung stehen. Die e»ne Linie(Stadtlinie) hat die Trasse Schönhauser Allee— Spittelmartt— Leipziger Platz— Gleisdreieck— Nollendorfplatz— Alt« Charlottenburg, die zweite Linie(Ostlinie) geht von der Warschauer Brücke über die Priuzenstraße, das Hallesche Tor und Gleisdreieck zum Wittenberg- platz und gabelt sich hier einerseits nach dem Kurfürstendamm, an- dererseits nach Wilmersdorf— Dahlem. Die Wilmersdorf-Dahlemer Linie wird gleichzeitig auch mit Zügen der Stadtlinie beschickt. Erwähnt seien noch die neuen llebergangsmöglichkeiten, die von und zur Schöneberger Bahn geschaffen werden sollen. Die von der Stadtgemeinde Schöneberg erbaute Bahn wird in wenigen Monaten betriebsfertig sein und endet vorläufig am Nollendorfplatz in un- mittelbarer Nähe des gegenwärtigen Hochbahnhofes, sodaß man durch Benutzung der Treppen von der einen aus die andere Bahn über- gehen kann. Bei dem oben beschriebenen weiteren Ausbau deS Netzes der Hochbahngesellschaft und der Verlängerung der Schöneberger Bahn soll am Nollendorsplatz für beide Unternehmungen ein zweigeschossiger unterirdischer Gemeinschasts- bahnhof mit bequemen Umsteigeeinrichtungen erbaut werden. Wenn man auf der Eisenbahn in der zweiten Klaffe fahren will, so muß man nicht nur es dazu haben, sondern man muß auch— so aussehen, wie einer, der es dazu hat. Ein Zimmermann Boddin, der, ohne daö zu bedenken, auf der Ringbahn sich mal eine Fahrt in der zweiten Klasse hatte leisten wollen, hat dabei üble Erfahrungen gemacht. Eigentlich langte eS bei ihn, nicht so überreichlich, daß er allzuviel Neigung gehabt hatte, der billigeren dritten Klasse die teure zweite Klaffe vorzugehen. ES war ihm aber nach Feierabend bei der Heim- fahrt von setner Arbeitsstätte mehrfach Passiert, daß er— müde und und matt— in maßlos überfüllte Wagen dritter Klaffe sich hinein- drücken und die Fahrt stehend zurücklegen mußte. Man kennt ja zur Genüge die unerträgliche Ueberfüllung der Wagen dritter Klasse, die nicht nur an Sonn« und Feiertagen den Ausflüglern, sondern nicht minder auch an Wochentagen morgens und abends den Arbeitern zugemutet wird. Boddin sah mit Verdruß, wie die in den Zügen mitgeführten Wagen zweiter Klasse fast völlig leer blieben und höchstens ein paar Leute, denen die Groschen lockerer als ihm saßen, eS sich darin bequem machten. Eines Abends, am 4. Mai. entschloß er sich auf B a h n h o f EberS- straße, auf seinen Fahrgroschen noch einen Sechser draufzulegen und ein Billett für die 2. Klasse zu kaufen. Als er nun mit zwei anderen Arbeitern, die fich gleichfalls zu dieser Mehr- auSgabe entschloffen hatten, einen Wagen der 2. Klasse besteigen wollte, wurden sie von dem Beamten, der alS Vor- steher fungierte, daran gehindert..Ja. warum denn?' fragte Boddin erstaunt. Glaubte man'S ihm etwa nicht, daß er die 2. Klaffe bezahlt Satte I? Er zeigte seine Fahrkarte, aber eS blieb dabei, daß er nicht einsteigen dürfe. Er sei nicht dement- sprechend angezogen, belehrte ihn der Vorsieher. Inzwischen war der Zug abgefahren, und dem Zimmermann waren ferne Begleiter auS den Augen gekommen. Der Vorsteher erbot fich, ihm em Billett für die 8. Klaffe einzutauschen und b Pfennig zurückzugeben, doch Boddin lehnte ab. AlS dann der nächst« Zug kam, stieg er in einen Wagen der zweiten Klaffe und fuhr davon. Aber schon auf der nächsten Station, auf Bahnhof Schöneberg, wurde er heraus- geholt. Man nahm ihm sein Billett ab und brachte ihn zur nächsten Polizeiwache, wo ferne Personalien festgestellt wurden. Sodann kehrte B. zum Bahnhof zurück, ließ sich seine Fahrkarte wiedergeben, bestieg in dem nächsten Zuge wieder ein Abteil zweiter Klaffe und fuhr davon, ohne daß ihn jetzt jemand daran hinderte. Eine Woche später wurde ihm eine Strafverfügung der Eisenbahnbehörde präsenttert; diese darf bekanntlich auf ihrem Grund und Boden selber Polizei spielen und durch bloße Verfügung sogar Strafen festsetzen. B. sollte fünf Mark Geldstrafe samt 35 Pf. Kosten zahlen, weil er auf der Eisenbahn eine Anordnung, die zur Ausrechtcrhalwng der Ordnung nötig gewesen sei, nicht befolgt habe. Boddin beantragte Entscheidung durch ein Gericht und stand nun am Donnerstag vor dem Amtsgericht Berlin- Schöneberg als Angeklagter. Hier wurde ihm vorgehalten, daß er angetrunken und sein Anzug mit Kalk bespritzt gewesen sei. Er versicherte, nichts von Angetrunkenheit zu wissen. Auch das müsse er bestreiten, daß er einen beschmutzten Anzug angehabt habe. Angehabt habe er eine Lodenjoppe, die noch ziemlich neu war, eine Hose, die zum mindesten ganA war, dazu einen noch ziemlich neuen Schlapp- Hut. Von Kalkspritzern oder sonstigen Flecken, die hätten abfärben können, habe er nichts bemertt. Gegen ihn trat als Zeuge ein Eisenbahngehilfe Heine auf. der an jenem Abend auf Bahnhos EberSstraße als Vorsteher Dienst getan hatte. Die Vernehmung dieses Beamten zeigte wieder mal, wie derartige Anzeigen zustande kommen. Heine bekundete, in Begleitung BoddinS sei ein Betrunkener gewesen, schon deshalb habe nicht geduldet werden können, daß sie in die 2. Klasse einstiegen. Nachher habe er allerdings nur noch mit Boddin zu tun gehabt, aber dessen Anzug sei nicht so gewesen, daß er die Benutzung der 2. Klaffe hätte gestatten dürfen.„Was hatten Sie denn an dem Anzug auszusetzen?" ftagte der Vor- sitzende. Der Zeuge schien die Frage zu überhören; er antwortete: „Ersten,, das Benehmen! Daß er mit dem Betrunkenen da rein wollte!" Vors.:.War er denn selber betrunken?" Zeuge:„Er selber nicht. Er war wohl nur ein bißchen angesäuselt". Bors. „War jpnst noch was an ihm? Zeuge:.Jawohl, daß er einen Arbeitsanzug anhatte". Vors.:„Na. Arbeiter find wir doch alle. War Kalk dran?" Zeuge:.Kalk nicht. Aber er hatte schmutzige Stiefel". Vors.:„Na. was hat denn nun der Mann getan?' Zeuge:.Das Benehmen fiel mir auf, so daß ich annehmen konnte, er würde die Reisenden be lästigen." Vors.:.War er angetrunken? Taumelte er?" Zeuge „Nein. Vors.:.Weiter haben Sie nichts zusagen? Und weiter wissen die anderen Zeugen auch nichts?" Draußen warteten noch zwei andere Eisenbahnbeamte, die bereit waren, gegen Boddin auszusagen. Der Vorsitzende ftagte weiter:„Hat sich denn jemand beschwert?" Zeuge:„Ja, ein Herr beschwerte sich beim Zugführer." Vors.:„Wo- rüber denn? WuS sagte er?" Zeuge:„Ich hörte, wie er sagte: Das ist unerhört I DaS ist eine Frechheit!" Angeklagter:.Ich bin keinem ftech entgegengetreten." Noch einmal fragte der Vorsitzende: „Schwankte er denn?" Und der Zeuge antwortete:„Na, da» ganze Benehmen I Weil ich das doch einmal ver- boten hatte!" Das Gericht hatte genug und verzichtete auf toeitere Beweisaufnahme. Der Amtsanwalt fand, daß B. da er mindestens a n g e s ä us e lt gewesen sei, nicht in 2. Klasse hineingelassen werden durfte. Er sei trotzdem eingestiegen, niithin verdiene er die festgesetzte Strafe, und diese sei aufrecht zu erhalte». Der Angeklagte führte zu seiner Ver- teidigung an, er sei nicht bettunken gewesm. Noch einmal ftagte jetzt der Vorfitzende den Zeugen Heine:„Hat er bei den Ver- Handlungen mit Ihnen gezeigt, daß er angesäuselt war?" Zeuge: „Er hat nachher die Aeußerung getan: Sie können mir gar nichts." Vors.:»DaS ist ja etwas anderes. Aber hat er gezeigt, daß er angetrunken war?" Zeuge:„Es fiel mir auf, daß er nicht ganz normal war. Sein Benehmen—."Vors.:„Schwankte er?" Zeuge:„DaS nicht." Vors.: „Stotterte er?" Zeuge:„Nein." Vors.:„Gab er vernünftige Antworten?" Zeuge:„Ja, das ist Auffassung." Vors.: »Kommen Sie doch nicht immer mit Ihrer Auffassung� Dann wurde daS Urteil gesprochen. Mit Recht sei den drei Per- sonen, weil ein Betrunkener darunter war, die zweite Klaffe ver» boten worden. Bezüglich BoddinS aber, der nachher allein blieb, habe sich nicht feststellen lassen, daß er fich in einem Zustand befand, wie er in der zweiten Klasse nicht geduldet werden kann. Für seine vermeintliche Angetrunkenheit seien keine Tatsachen bekundet worden, und sein Anzug sei nicht unsauber ge- Wesen. Schmutzige Stiefel seien kein Ausschließung«- g r u n d, sonst müsse man jeden heimkehrenden Grunewald« Wanderer ausschließen. B. habe nicht ausgeschlossen werden dürfen und sei daher freizusprechen. So wurde durch Gerichtsurteil die Arbeitskleidung wieder zu Ehren gebracht und sogar der 2. Klasse würdig erachtet. Nebenbei bemerkt: Der Beamte, dem die Klei- dung des die 2. Klaffe benutzenden Arbeiters.nicht dementsprechend' erschienen war, machte den Eindruck, wie wenn auch er nicht sogleich als Eisenbahngehilfe auf die Welt gekommen ist. sondern gleichfalls einmal fich als Arbeiter hat sein Brot verdienen müssen. Daß da» Gericht die Angesäuselten grundsätzlich für nicht würdig der 2. Klasse hält, kann zu Konsequenzen führen, die nicht ganz unbedenklich sind. Daß nur nicht ein übereifriger Beamter eines schönen Abend» z. B. einen angesäuselten Offizier— auch solche gibt'S nämlich manchmal— aus der 2. Klaffe in die 8. verweist l Denn das könnte ihm sehr Übel bekommen. Eine Polizeiattion. Gestern früh gegen 7 Uhr winde von der VII. Abteilung des Polizeipräsidiums eine Razzia unternommen, und zwar handelte eS sich um die Beschlagnahme der Stt. 27 des.Freien Arbeiters". Bei allen der Polizei bekannten Persönlichkeiten wurde gehaussucht. Die Räume des„Freien Arbeiters" wurden gewaltsam geöffnet, ebenso die verschlossenen Schubfächer. Auch wurden die Räumlichkeiten des Druckers einer gründlichen Durchsuchung unter- worfen.> Die Beschlagnahme erfolgte wegen eines Leitarttkel». dessen Inhalt geg-n die§§ 110 und 180 des D. Str.-G.-B. verstoßen soll. Mangelhafte verichterstattnng. Der Bericht der.Berliner Morgenpost" über die letzte Stadt- verordnetenversammlung enthält bei Beratung der Vorlage über die Anlegung eine» Gemeindefriedhofes in Buch folgende Be- merkung: .Stadtv. Borgmann(Soz.), dessen Partei in der vorigen Be- ratung gegen die Vorlage stimmte, erklärt, daß man jetzt zu« stimmen werde." An diesem Bericht ist falsch, daß die sozialdemokrattsche Frattion „in der vorigen Beratung gegen die Vorloge stimmte". In Wirk- lichkeit hat die sozialdemokrattsche Fraktion bei der ersten Beratung der Vorlage AuSschußberatung beantragt, weil eine ganze Reihe Punkte erst noch geklärt werden müßte, bevor die Vorlage der- abschiedet werden könnte. Diesem Snttage ist entsprochen worden; eine Abstimmung hat also in der ersten Beratung gar nicht statt- gefunden, konnte auch nicht stattfinden. Unsere Frattion hatte ihre endgültige Entscheidung in der Angelegenheit bis nach Erledigung der AuSschußberatung fich vorbehalten. Der Bericht der.Morgen- post" ist also ein recht mangelhafter und entspricht in keiner Weise den Tatsachen._ Ermäßigte Eintrittskarte« für die Ausstellung der Sezession (25 Pf. statt 1 M.) können von den Organisationsvorständen durch die Verwaltung des Gewerkschaftshauses bezogen werden. Einzelne Karten werden bei Vorzeigung deS Mitgliedsbuches im ZigarrengrschSst von Harsch ausgegeben. Ei» schwerer Straßenbahnunfall hat fich gestern mittag in der Schönhauser Allee ereignet. DaS 22jährige Dienstmädchen Ella MathiS aus der Siboldsstt. 18 hatte emen Straßenbahnwagen der Linie V benutzt und verließ an der Ecke der Kastanien-Allee den Wagen, als fich derselbe in der Anfahrt zur Haltestelle befand. Die M. sprang in verkehrter Richtung ab und stürzte mit solcher Wucht auf das Straßenpflaster, daß fie blutüberströmt und besinnungslos liegen blieb. Die Verunglückte wurde nach der Rettungswache in der Gaudystraße gebracht, wo eine schwere Gehirnerschütterung und zwei klaffende Kopfwunden festgestellt wurden. Nach Anlegung von Notverbänden wurde das Mädchen dem Rudolf-Virchow-Kranlen- hause zugeführt. Dir älteste Windmühle der Mark befindet sich auf einem Hügel in unmittelbarer Nähe des Dorfes Bamme. Sie ist, wie aus der an einem Balken sichtbaren Inschrift hervorgeht, im Jahre 1559 er» baut worden, blickt also jetzt auf ein Alter von über 350 Jahren zurück. Originell ist der Bau der Mühle, die auf einer uralten Steineiche errichtet ist, welch letztere dem hölzernen Aufbau als Ständer oder Fuß dient. Das historische Bauwerk ist wiederholt von schweren Unwettern heimgesucht und zum Teil durch Blitzschlag zerstört worden. DaS feste Eichenfundament aber ist bi» heute völlig unversehrt geblieben. Mit der verkrachten„Westdeutschen Versicherung»-, Kranken- und UnterstützungS-Zuschiißkasse für ganz Deutschland" E. H. S8 zu Köln haben wir uns bereits wiederholt beschäftigt. Zwei Mitglieder der Kasse, die krank wurden und Ansprüche bei derselben erhoben, er- hielten ttotz mehrfacher Mahnungen keine Antwort auf ihre Retta- mationen. Durch daS Berliner Arbeitersekretariat wurde daher in ihrem Namen Beschwerde beim kgl. Polizeipräsidenten zu Köln er- hoben, der ein Antwortschreiben darauf übersandte, daS wert ist, in der Oeffentlichkeit bekanntgegeben zu werden. Dasselbe lautet in seinem wesentlichsten TeU:.... Ein Krankheitsfall von dem Mtglied Nr. 5475 Fr. K. liegt hier vor und zwar datiert vom 21. März 1910, ebenso ein Behandlungsschein für die Zeit vom 5. April bis 12. April 1910. Wie bekannt,»st die Kasse seit Anfang März cr. zahlungsunfähig. Der Konkur« über die Kasse wurde mangels Masse feiten» de» Gerichts abgelehnt und die vorhandenen Kontor- Utensilien zwangsweise vorher versteigert. Durch Beschluß der Generalversammlung vom 25. April cr. ist die Auflösung der Kasse beschlossen und befindet fich dieselbe seitdem in Liquidation. Durch diese mißliche Geschäftslage der Kasse gehen ttotz ergangener Mahnungen keine Beittäge mehr ein und die bis- heiigen Vertreter der Kasse arbeiten nicht mehr für dieselbe weiter beziehungsweise find zu Konkurrenzkassen übergegangen. In der LrquidationSmasse befinden sich nur un- genügende Barmittel, die vorerst zur weiteren Geschäfts- abwickelung zu verwenden find, so daß der Anspruch der Fr. K. Be» ftiedigung nicht mehr finden kann." Der Polizeipräsident bemerkt dazu:.Da eine DeckungSmasse nicht vorhanden ist» kann von AuffichtSwegen nichts veranlaßt werden." Die Mitglieder sind also die Geschädigten, die unter Umständen jahrelang Beiträge entrichtet haben und nun, wo fie Ansprüche er- beben könnten, zu ihrem Schrecken sehen müssen, daß sie einer Schwindelkasse zmn Opfer gefallen sind. Wir warnen daher noch- malS unsere Leser dringend vor dem Leitritt zu derartigen Kassen. Ein Unfall bat fich am DonnerStagnachmittag während der Turn- stunde in der Knaben-Gemeindeschule in der Bergmannstraße 28/29 zugetragen. Dort stürzte ein Knabe auS einer Höhe von etwa fünf Meter ab und blieb besinnungslos liegen. Ein Arzt wurde so- fort zu Rate gezogen. Nach einiger Zeit erholte sich der Knabe wieder; ob noch Nachteile für ihn entstehen, ist nicht ganz gewiß. vorläufig ist er verhältnismäßig recht munter. Von erheblichem Interesse sind die Nebenumstände, die mit diesem Unfall verknüpft sind. UnS wird berichtet, daß der Knabe S. zur Strafe deshalb, weil er eine Uebung falsch gemacht hatte und sie auch im Wiederholungsfälle nicht fertig krachte, zwei»isenstSb« in Kniebeugestellung fünfzigmal strecken mußte. Dann mußte er auf Anordnung des Turnlehrers Röselmiiller an einem Tau hoch- klettern. Ivo er sich an der am Tau angebrachten Kette fest- hielt, um nicht herunterzufallen. Dabei riß die Kette und der Knabe stürzte ab. Knaben, die auS der Turnstunde kamen, machten einer mit den Eltern des Verunglückten bekannten Frau Mitteilung von dem Bor- fall. Und da die Eltern des Knaben in ihrer Wohnung nicht an- wcsend waren, begab sich diese bekannte Frau nach der Turnhalle, um sich nach dem Befinden deS Knaben zu erkundigen. Der Bater, der unterwegs getroffen wurde, schloß sich dem an und beide konnten nach einiger Zeit den Knaben mit nach Hause nehmen. Berwunderung hat eS erreg:, daß den Eltern keine direkte Meldung gemacht worden ist; noch größer aber war daS Erstaunen, daß bereits gestern früh die Eltern deS verunglückten Knaben von dem Arzt, der vom Lehrer geholt worden war, eine auf 3 M. lautende Rechnung erhielten. Unseres ErachtenS ist die Schule zur Bezahlung verpflichtet. Geklagt wird auch über den unfreundlichen Umgang des Rektors der Schule mit der Mutter, die mit dem Schulleiter Rücksprache nehmen wollte. Eine wissenschaftliche Untersuchung der beiden zusammengewachsenen Schwestern Josefa und Rosa Blazek, die mit ihrem Kinde für einige Tage im Paffage-Panopttkum zu sehen sind, fand gestellt nachmittag im Kreise geladener Aerzte statt. Professor Dr. Paul Straßmann von der Universitätsklinik, Professor Dr. Bruno Wolff von der Poliklinik des Krankenhauses, SanitätSrat Dr. RöSler, Pro- fessor Dr. Koblanck, die Vertreter der Frauenklinik an der Charits zu Berlin, der Dermatologe Dr. Jacobfohn und andere Autoritäten auf dem Gebiete der Gvnäkologie leiteten die Untersuchung und äußerten sich über den in der Welt einzig da- stehenden Fall der Zusammenwachsung in sehr interessanter Weise. Als besondere Neuheit brachte diese Untersuchung die Feststellung zu- tage, daß alle Organe der beiden Schwestern doppelt vorhanden sind, jedoch die Organe, die im Becken liegen, obwohl st» doppelt vor- Händen sind, einfach enden. Leider ist e» nicht möglich, alle uiter- essanten Beobachtungen hier in kurzer Weis» ausführlich zu schildern, doch beabsichtigen die Herren Professoren in ihren Fachblättern darüber ausführliches zu berichten. Der Arvetter-Sängerbund(Gau Berlin) besprach in seiner letzten AuSschußsitzung den Plan der Gründung eine? gemischten ChoreS. Zu diesem Zwecke sollen an die einzelnen Vereine Fragebogen ge- sandt werden, um zu ermitteln, in welchem Umfange auf eine Be- tetligung zu rechnen ist. Bezüglich de« in FriedrichShaaen stattfindenden EängerfesteS ist ein Festzug von EptndlerSfeld durch Köpenick nach dem Festlokal ge- plant; näheres wird noch bekannt gegeben werden. Um der Drückebergerei bei den Generalproben Einhalt zu tun, soll von den Zuhörern in Zukunft ein Eintrittsgeld von 10 Pf. er- hoben werden und die letzteren auf die Galerien verwiesen werden. Nachträglich genehmigt wurde die Maßnahme deS Vorstandes, nach der derselbe den ausgesperrten Bauarbeitern 200 Mark überwiesen hatte. Dann berichtete der vorfitzende über die die Gesangvereine schwer belastende Lustbarkeitssteuer. Die einzelnen vereine wurden aufgefordert, zur wirksamen Förderung der Protestbewegung Matertal einzusenden, au» dem ersichtlich wird, in welchem Maße die von ihnen veranstalteten Konzerte belastet werden. Zu berichten wäre über die Zahl der Konzerte, über die Höhe des Eintrittsgeldes, ob Ueberschuß oder Defizit war und dergleichen. Veruhard-Rese-Theater. Die Direktion hat eS mit Herrn S. O Weber, dem Ehemann der Hauptperson im Sllensteiner Mord- Prozeß gut gemeint, indem fie seinen Schwank:.Der Gesund- betet* aufführte. Wir fürchten, daß selbst dem Publikum, da« im Hund«tag«monat seiner Theaterliebe frönt, mit diesem Stück ein zweifelhafter Dienst erwiesen wird. Ob Herr Weber, der nach ellenlangen WeihrauchreNamen tu der Jnseratenplantage zahletcher bürgerlicher Zeitungen ja im Hauptfach ein viel gekaufter Sattriker sein soll, wissen wir nicht. Aber daß seine Theaterdichterei auf sehr schwachen Füßen steht, sagt dieser.Gesundbeter*. Wäre.Negerdank'— so heißt er— wirklich ein berufsmäßiger Schwindler, so besäße er weder die Dummheit, fich sogleich, wie der Vorhang aufgegangen ist, vom Publikum in die Karten gucken zu lassen, noch drei«tte hindurch langweilige Salbadereien abzuhalten— bis ihn die Polizei beim Schlawtllchen packt. Auch der Humor des Herrn Weber schmeckt zu auffällig nach sächsischem.Bliemchenkaffee*. Darin bestärkte uns die SchornsteinfegermetsterSgattinFrauKuchenvack mitsamt ihremKapotthut aus Chemnitz und die hilflose Karikatur eines Berliner.Blauen*. Wa» nutzt also alle Bombenreklame— wenn man kein Schwank- dichter ist?! Denn das Publikum, wie.man' gehofft hatte, demonstrierte gegen Herrn Weber— nicht! ArbclterbildungSschule. Sonntag, den». Juli: Ausflug nach Grünau, Carolinenhof. Abfahrt Bahnhof«Icxciiiderplatz 8,21, Schle- fischet Bahnhof 8,27, Görlitzer Bahnhof 9 Uhr bis Grünau. Treff- punkt für Nachzügler bis 10,80 im Jägerhaus, Inhaber G. Ehrhardt, Bahnhof- und Friedrichstratzen-Tcke, von 12,80 Uhr ab im Restaurant Raabe, Carolinenhof. Wer ist die Tite? Da« Polizeipräsidium teilt mit: Am 29. Juni 1910, vormittags gegen 7 Uhr, wurde aus dem.Neuen See* eine weibliche Leiche gelandet, welche noch nicht rekognosziert ist. Beschreibuna: Alter 18 bis 24 Jahre, Größe 1.S0 Meter, Haare voll und mittelblond. Geficht rund und gesund. Zähne vollständig und auffallend schön, Kleidung: blaue Sportmütze, weißleinenes Semd und Unterhose, weißer Unterrock mit kleinen Falten, schwarzer berrock, weiße durchbrochene Bluse, braun» durchbrochene Strümpfe. blaue» Korsett, brauner Ledergürtel, braune Lederhandschuhe, blaues kurzes Jackett, braune Schnürschuhe. Die Leiche dürfte nur kurze Seit im Wasser gelegen haben. Personen, welche Angaben zur lache machen können, werden gebeten, dies der Kriminalpolizei zu den Akten 2S78. IV. öö. 10. oder irgend einem Polizeirevier nnt- zuteilen. Urber die Antialkoholbewegung in Nordamerika wird am Mitt- woch, den 6. Juli, abends 8'/, Uhr, Dr. Boelkel-New York im Ge- werkschaftshause, Engelufer IS(Saal 1), einen Vortrag halten. Ein Paket, da» bunte Chemisettes und Schlipse enthielt und für den Verlierer einen besonderen Wert hat, ist am Freitag- nachmittag in der Königsberger Straße verloren worden. SS wird der Finder um Abgabe an Fischer. Frankfurter Allee vi Hl, gebeten._ Vorort- Nacbricbtem RIxdorf. Stadtverordnetenversammlung. Die Tagesordnung der Sitzung am Donnerstag war äußerst umfangreich und enthielt eine ganze Reihe großer und wichtiger Vorlagen. Gleich an erster Stelle stand die Frage der Wasser- Versorgung für die Stadt. Seit 1887 besteht zu diesem Zweck ein Vertrag mit der Aktiengesellschaft Charlottenburger Wasser» werke, der sehr ungünstig ist und bis 1937 noch läuft. Nach dem- selben sind die Straßen und Plätze der Stadt der genannten Privat- Unternehmerin vollständig ausgeliefert, ohne daß letztere auch nur einen Pfennig Abgaben an den Stadtsäckel zu zahlen hat. Der Magistrat ist deshalb in Gemeinschaft niit einer gemischten Depu- tation mit der Gesellschaft in Verhandlungen eingetreten. Der Effekt derselben war. das; zugestanden wurde: 1. der Stadt- gemeinde ab 1. April 1910 vom Bruttogewinn der Rixdorfer Wasserabnahme einen Anteil von 6 Proz.. steigend nach je 5 Jahren um K Proz. bis zur Höchstgrenze von 10 Proz. zu gewähren; 2. den Preis für das von der Stadtverwaltung selbst verbrauchte Wasser, von 8 auf 6 Pf. pro Kubikmeter zu ermäßigen; 3. das zur Htrahenbesprengung erforderliche Wasser für eine Straßcnstrecke em 4 Kilometern und alle 3 Jahre um weitere 2 Kilometer un- Lrrantwortllcher Redakteur' Rich-no Harth, jSerlig. Für ttea entgeltlich zu liefern; 4. da» bereits zugestandene, unentgeltlich zu liefernde Wasserquantum von 200 000 Kubikmeter für die neue Badeanstalt auf LSOOOO Kubikmeter zu erhöhen und daS gleiche Quantum für eine eventuell später zu errichtende zweite Bade- anstalt ebenfalls kostenlos zur Verfügung zu stellen. Alle diese Vergünstigungen werden aber abhängig gemacht von einer Ver- tragsverlängerung um 00 Jahre, d. h. bis 1S97. Namens der sozialdemokratischen Fraktion wandte sich Stadw. W u tz k y gegen die Vorlage. Die Versammlung hat— so führte er u. a. aus— wohl selten vor einer so wichtigen und einschneiden- den Entscheidung gestanden; denn die Annahme deS vorliegenden Vertrages würde die Stadt nicht nur bis 1997, sondern für ewige Zeiten an die kontrahierende Privatgesellschaft binden. Dem kann unter keinen Umständen zugestimmt werden. Obwohl wir grund- sätzlich den Betrieb städtischer Werke in eigener Regie fordern, so haben wir mit Rücksicht auf Bestimmungen des Vertrages, nach denen die Stadt der Gesellschaft mit Haut und Haaren ausgeliefert sein soll, trotzdem äußerst sorgfältig geprüft. Letztere Auffassung ist ohne Zweifel irrig. Der§ 14 des Vertrages kann nicht dahin ausgelegt werden, daß der Gesellschaft auch nach Vertragsablauf das Recht auf Wasserlieferung zusteht. Dann wäre ein Vertrag ja überhaupt überflüssig. Wenn dem so wäre, hätte die Gesellschaft auch sicher nicht die an sich nicht unerheblichen Zugeständnisse ge- macht. DaS ist gewiß nicht aus Liebe zu Rixdorf, sondern um des- willen geschehen, weil die Stadt in günstigerer Rechtslage sich be- findet, als die Gesellschaft eS wahr haben will. Es wäre für die letztere auch ein großer geschäftlicher Schlag, wenn Rixdorf als der größte Abnehmer mit etwa% der ganzen Produktion 1937 zurücktreten würde. Bei dieser Sachlage muß eine andere Ge- staltung des Vertrages erzielt werden, die zum wenigsten die schließliche Uebernahme deS Rohrnetzes und eine» Hebewerkes ermöglicht. Ohnedem wäre eine BertragSverlängerung auf 00 Jahre ganz unverantwortlich. Unverantwortlich wäre ein fol- ches Beginnen auch mit Rücksicht auf die kommunalen Interessen Groß-BerlinS, welche jeder neue Vertrag mit einer Privatgesell- schaft eminent durchkreuzt und schädigt. Die Spuren, welche die Gemeinden da der Großen Berliner Straßenbahn gefolgt sind, müssen uns schrecken. Es ist unsere Pflicht, zunächst den Versuch zu machen, ob nicht Berlin zur Wasserlieferung an Ripdorf bereit wäre. Nach den Ausführungen des Stadtrats Namslau bei der kürzlichen Beratung der Gaslieferungsverträge mit einer Reihe Vorortgemeinden scheint dies nicht ausgeschlossen zu sein. Andern- falls müßte ein gemeinsames Vorgehen gegen die Gesellschaft, in Gemeinschaft mit Schöneberg versucht werden, dessen Vertrag schon nach 10 Jahren abläuft und da? kaum einen neuen eingehen wird. Zwei so große Abnehmer können zweifellos starten Einfluß aus- üben; eventuell wäre eine gemeinsame Wasserversorgung durch- aus möglich. Ehe nicht alle diese und ähnliche Versuche erschöpft sind und bevor nicht die pessimistischen rechtlichen Bedenken gegen- über unserm geltenden Vertrage, die wir durchaus nicht teilen, als feststehend zu betrachten sind, lehnen wir e« entschieden ab, bei einem solchen Verträge, wie dem vorliegenden, mitzuwirken. DaS wäre vor unseren Nachkommen und vor Groß-Berlin nicht zu verantworten.— Nach dielen von unfern Genossen mit Beifall be- gleiteten Ausführungen, vie sichtlich auch in der bürgerlichen Mehrheit großen Eindruck machten, lief flug» ein Antrag auf ge- Heime Beratung ein, der auch Annahme fand. In der geschlossenen Sitzung kam eS zu einer lebhasten Kontroverse zwischen dem Red- ner unserer Fraktion und dem Oberbürgermeister und zu langen Auseinandersetzungen, die jedoch damit endeten, daß die Stadt Rixdorf in der Wasserversorgung auf ewige Zei. ten einer Privatgesellschaft ausgeliefert wird. 33 Stimmen ergaben sich für den Antrag; 27 Stimmen-- die der Sozialdemokraten und zweier bürgerlicher Stadtverordneter— wurden dagegen abgegeben. Der Bettrag zur Herausgab« eine» Werke» über die Stüdte- bauausstellung wurde bewilligt. Die vorlagen über die Errichtung einer pSdttfchen Hypotheken- und FeuerderficherungSanstalt gehen in«ine gemischte Deputation, der u. a. auch die Genossen Fleischer und S ch u ch angehören. Einstimmig genehmigt wird da« vorgelegt« Projekt für den Bau de» städtischen Elektrizitätswerke» am Wei- gandufer, geaenüber der Gasanstalt. Die Kosten find auf 8 200 000 Mark veranschlagt. _____ kannte und endlich gefallene Engpaß): Bau einer Real schule nebst Turnhalle und Dieiistwohngebäude am Boddin- platz(Kosten 090 000 Mk.); Bau einer Mädchenmittelschule und einer Gemeindeschule nebst Turnhalle auf dem Grundstuck Donau- strahe 120/127(Kosten 880 000 Mk.); Reubau einer Feuerwache nebst Straßenreinigungsanstalt in der Emser Straße(Kosten 480 000 Mark); Errichtung von 2 Ob e r l eh r e r st- l l e n an der Real- schule und neuerSchwesternstellen im städtischen Kranken- Hause für die neugeschaffene besondere Kinderstation; Anstellung eines zweiten Wirtschaftsbeamten auf dem Rieselgut Boddinsfelde. An der Vorlage über die K a n a l i f i e r u n g des Stadtteils östlich und südlich der Stadtbahn. Radialsystem Südost, moniert Stadtv. Just die beabsichtigte Verwendung von Dieselmotoren für das Pumpwerk. Stadtbaurat W e t g a n d befürwortet diese Kraft- Maschinen jedoch al» äußerst zweckmäßig. DaS Projekt wird ge- nehmigt. ES ist nach dem Trennshstem aufgestellt und sieht die Pumpstation am Dammweg vor. Die Anlagekosten sind auf 4 200 000 Mk. veranschlagt. Gegen den vom Magistrat vorgeschlagenen Ankauf de» KörnerparkS an der JonaSftraße polemifiert Stadtv. Beiß, den er für überflüssig hält. Die ewige Grundstückskauferei— so meint dieser wunderliche.Kommunalpolitiker*— müsse endlich mal aufhören. Der weiteren öffentlichen Behandlung wurde auch hier unbegreiklicherwetse dadurch ein Ende gemacht, daß man die Vorlage in die geheime Sitzung verwie». Hier kam eS zur An- nähme desselben; die große Mehrheit entschied sich dafür. Der Park umfaßt 800 Oudratruten, daS ist etwa anderthalbmal so groß wie der Dönhoffplah; die Kaufsumme beträgt 200 000 Mk. Ein sehr reizvolles Modell für die Anlage als Staotpark war im Foyer aufgestellt, dessen Ausführung sicher der Stadt eine Zierde und der Bürgerschaft eine angenehme Erholungsstätte dringen wird. Einige weitere Grundstücksankäufe beschäftigten noch bt» in die späten Abendstunden die Versammlung in geheimer Sitzung. KarlShorst. I» der halbjährlichen Generalversammlung des hiesigen Bezirks- Wahlvereins ließ Genosse Becker die Ereignisse de» letzten Halbjahr« Revue passieren. Die Hoffnungen verschiedener Genossen, daß unS endlich nach Eröffnung des neuen Saalbaues.Zum Kronprinz* ein größerer Versammlungssaal zur Verfügung stehen werde, wurde nicht erfüllt, da der Wirt erklärte, seinen Saal leiner Partei zu politischen Versammlungen überlasten zu wollen. Unsere Parteifreunde seien leider am Orte zurzeit nicht stark genug, um«inen wirksamen Druck zur Erlangung eines solchen Lokal» ausüben zu können. Indessen, mit der Eniwickelung des OrteS wachse auch unsere Macht ent« sprechend und so müsse ein energische» Vorgehen auf später der- schoben werden. Der Mitgliederbestand ist weiter gestiegen, der Bezirk zählt zurzeit 2t7 Mitglieder. Davon entfallen 27 auf Biesdorf. Die Zunahme ist IS im letzten Halbjahr. Der Marken- verkauf und Kaffenbestand ist ebenfalls ein guter, trotz der großen Ausgaben für die Wahlen verbleibt ein Barbestand von 101 M. Gleich günstig lautet der Bericht de» Genossen ftflter über die Spedition des.Vorwärts*. Die Leserzahl beträgt 229, ebenfalls stieg der Umsatz von Parteischristen und Büchern entsprechend, so daß bereits ein Ueberschuß gemocht wird. An Stelle de» Genossen Becker, der eine Wiederwahl ablehnte, wurde Genosse Spliedt al» erster Borfitzender und R. Küter wieder als zweiter gewählt. Kassierer bleiben Fröstir und Bast, Schriftführer wird Genosse Kaiser. Genosse Zimmermann, Genossin Kaiser und Genosse ver tram, Beifitzer. Nedtsoren: Genossen vierrether und Piesternich. Lokalkommisston: Genossen Sesienheim jun., Lemke und Eckard. Der Bericht des Bibliothekars läßt erkeimen, daß die Genossen mehr Leseinteresse zeigen könnten. Die Verwaltung der Bibliothek bleibt dem Genossen Secrit. Genosse Stühmer soll als Kandidat zur Delegiertenwahl znm Parteitag und Genosse Küter als solcher zum Provinzialparteitag vorgeschlagen werden. Eine Anregung des Genossen Engel, auf der Generalversammlung de» Verbandes der Berliner Wahlvereine eine Beitragserhöhung zu beantragen, wie solche längst in Wahlkreisen mit viel geringer als in Berlin ent- lohnten Arbeitern besteht, soll zu gelegener Zeit diskutiert werden. NowatveS. Ein Einbruchsdiebstahl in die auf dem Friedrichskirchplatz ie« legenen Kassenräume der Gemeinsamen Ortskrankenkasse für Nowawes und Umgegend wurde in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag verübt. Die Einbrecher drangen vom Hofe auS, nachdem sie eiire Fensterscheibe zerschlagen und danach daS Fenster von innen auf- geriegelt hatten, in einen als Garderobe benutzten Kassenraum, von welchem sie auf den Korridor gelangten. Sie versuchten dann das Sicherheitsschloß der Tür, welche zum Kassenraum führt, zu erbrechen. was ihnen aber nicht gelang, worauf sie ein Stück auS der Tür- füllung sägten und hierdurch in den Kastenraum kamen, in welchem der neun Zentner schwere Geldschrank steht. Derselbe wurde von der Wand gerückt und an seiner Rückwand angebohrt, wodurch ein armstarkes Loch entstand. Run war eS den Dieben ein leichtes. eine in demselben befindliche Kassette mit einem Betrage� von 6200 Mark zu entleeren. Die Einbrecher müssen ziemlich geräusch- loS gearbeitet haben, da eine im ersten Stock wohnhaste kranke Frau, welche die ganze Nacht wach war, nichts von den Vorgängen gehört hat. Einen materiellen Schaden hat die Kasse nicht, da sie gegen Ein» bruchsdiebstahl verfichert ist. Die Diebe, welche fich bei dem Ein» schlagen der Fensterscheiben verletzt haben, wovon zurückgebliebene Blutspuren Zeugnis ablegen, müssen mit den Oertlichkeiten sehr be- traut gewesen sein. Mit einem Antrage der sozialdemekratischen Vertreter auf Bereit» stellung von Mitteln zur Beschaffung von Badegelegenheit hatte sich die letzte Gemeindevertretersitzung zu beschästigen. Die Beratung derselben geschah zusammen mit einem Antrage der Bau- kommisston auf Anlegung einer Badeeiurichwng für die Gemeinde» schule I. Der Bürgermeister erklärte hierzu, daß beabsichtigt sei. die bei dem Schulhausanbau in der Priesterstraße gesparten 3084 M. für Einrichtung eine« Schülerbades im Kellergeschoß dieser Schule zu verwenden; ebenfalls fei geplant, zu gleicher Zeit die Bade- einrichtung in dem Schulhause in der Scharnhorstftraße, die zwar mit dem bereit» vor mehreren Jahren erstandenen Bau ebenfalls vollendet, aber niemal« zur Benutzung übergeben wurde, in Betrieb zu setzen. Genosie Reumann bemerkte hierzu, daß damit der Antrag seiner Fraktion nicht erledigt sei; derselbe fordere nicht nur Echulbäder, sondern auch die Errichtung einer öffentlichen Badeanstalt. Di» Kosten könnten nicht allzu hoch sein, da e« fich dabei hauptsächlich nur um den Erwerb ewiger Wiesengrundstücke an der Ruthe handle; der Gemeindevorstand möge sich mit den Besitzern derselben in Verbindung setzen und Vorsorge treffen, daß der Ort spätesten« im nächsten Jahre eine Badeanstalt erhält. Der Bürgermeister erwiderte, daß er dir Vorarbeiten zur Verwirklichung diese« Antrage» in nächster Zeit einleiten werde. DaS Statut zur Errichtung eine« Gewerbcgerichts in RowaweS ist nunmehr, wie der Gemeindevorsteher mitteilte, von der AufsichtS- behörde genehmigt worden; die Wahlen zu demselben werden Mitte August stattfinden, damit•» am L Oktober in Wirksamkeit treten kann. Ein Antrag, die Leitung der Fortbildungsschule, welche bisher von dem Rektor Schenk nebenamtlich ausgeübt wurde, zu einer hauptamtlichen Direktorstelle umzuwandeln, welche Abficht in bürget- lichen Kreisen wegen der damit verbundenen MeWmiSgaben«ine starke Oppositton hervorgerufen hat, wurde vom Bürgermeister vor- läufig zurückgezogen. Hingegen erfuhr der Borstand der gort» bildungSschule auf Anregung deS Mnister» ewe Verstärkung durch die Neuwahl von zwei Handwerksmeistern, deS Malermeisters Mtelenz und deS Tischlermeister« Wassermann. Auf Vorschlag der Schuldeputation beschloß die Vertretung eine Neuregelung der Umzugskosten- Entschädigung an neu zuziehende Lehrer und Lehrerinnen in der Weise, daß für eine Entfernung bis zu 80 Kilometer 2 M.(bisher 1,00 M�) pro Kilometer, über 80 bis 70 Kilometer 1.00 M.(bisher 1 M.) pro Kilometer bezahtt werden soll. Der Schlossermetster Schleiff plant die Anlegung einer Ver- bindmtgSstraße zwischen Uhland- und Berliner Straße. Die Ber- tretung erklärte sich damit einverstanden, fall» die Kanalisationskosten sichergestellt werden und die Pflasterung dieser Straße mit Kupfer» schlackensteinen nach den Forderungen der Gemeinde erfolgt. Der Kostenverteilungsplan für die Pflasterung der Schamhorst» straße, die ein« Ausgabe von von 18791 M. erforderte, ebenso der» jenige für die Pflasterung der Gartenstraße, deren Regulierung zirka 19 000 M. kostete, wurde nach dem Vorschlage, die Anlieger mit 00 Proz. heranzuziehen, genehmigt., c Die nordöstlich vom Friedhofe an der Goethestraße befindliche sogenannte Kirschallee, welche dem ForstfiSkuS gehört, beabsichtigt derselbe, zweck» Weiterveräußerung als Bauhinterland an die An» grenzet, der Gemeinde zum Preise von 1 M. pro Quadratmeter und gegen Uebernahme sämtlicher Kesten zu überlassen. Da die beteiligten Anlieger der Heineslraße ein lebhaftes Interesse an dem Erwerb de» genannten Wege» haben, wurde der Ankauf beschlossen. Die Polizeiverordnung betr. da» Befahren der Bäckerstraße wird dahin geändert, daß da« Befahren derselben nur von der Priester- straße au« und zwar im Schritt erfolgen darf; ferner dürfen Fuhr- werke die südliche Zufahrt zur Luisrnstraße ebenfalls nur im Schritt befahren. Königs-Wusterhanf e». Ferienspiele für Kinder. Der hiesige«rbeiter-Tumderein der» anstaltet während der Ferien, wie alljährlich, wieder Kinderspiele. Anfang Sonntag, den 3. Juli, nachmittag» 6 Uhr. Treffpuntt in Königs- Wusterhausen: Marktplatz, und Wildau: Otto Schumann um 2'/, Uhr, wo die Kinder abgeholt und wieder hingebracht werden. ipotKdam. Da» sechste Stadtverordnetenmandat erledigt. Der Ghmnaflal- oberlehrer Prof. Schloßmann ist verstorben. Zweck« Verbrennung ist die Leiche nach Hamburg übergeführt. Sind durtb den Tod dieses Stadtverordneten auch sechs Mandat« erledigt, Ersatzwahlen finden nicht statt, sondern erst gelegentlich der Reiiwahlen Ende 1911. »Auf ein paar Mann mehr oder weniger kommt'S nicht an, nur keine Wahlen 1* ist der Grundsatz der konservativen Stadtvertretung. «uf städtisch, K-st-u soll hier eine großartige Sedanfeier ge- macht werden, deren Ausführung dem.Verein zur Förderung von Leibesübungen' einer Gründung de» konservativen WahlvereinS für die Jugend, übertragen werden soll. Mehrere Tausend Mark sollen die Stadtväter dazu bewilligen und werden«S auch ohne Gegenrede wn.— Al« vor einigen Wochen dem.Jugendhort*, der die Schüler beauffichtigt. deren Eltern des TagS über gezwungen sind, zu arbeilen 2000 M. bewilligt werden sollte, strich man 600 M.. weil kein Geld dazu da war. Jetzt hat man vielleicht ebensoviel Tausend für den Sedannimmel übrig. Allaemetne Kranken« und Eterbekafle der Metallarbeiter (8 Q ü9. Hamburg). Filiale verlin 6. Sonntag, vormittag» 10 Uhr: Zerlammlung bei Bich. Wernicke. Ackerstr. 123.__ »«ircligtdle Gemetnve. Sonnlag, den 8. Juli, vormittag» 11 Uhr, Kleine Frankfurter Straße 6: Vcrirag von Herrn M H. Baegei .Neuer« Theorien über den Bau der Materie.' Damen und Herren al» _,______....—-_____ Käst« willkommen.____ CuiefötcoteilBeiOBtoü Ztz.GliSe, Berlin, Krück».vttlagi Vsttvärtäsöuchdruckkrei tt, Beriagsgiijtalt Paul Singer üe Sv.. Veriitz SW. �