Nr. 155. HbonnementS'Bedtngungen: HS onnementS> Preis pränumerando i Bierteljährl. 3£0 Mk., monatl, 1,10 TO!., wöchentlich 2a Pfg. frei inS HauS. Einzelne Nummer K Pfg, Sonntags- Eingetragen in die Post-ZeitungS- Preislisle. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich> Ungarn 2 Marl, für daS übrige Ausland g Mar! pro Monat. PostabonnemeMS nehnien an: Belgien, Dänemarl, Holland, Italien, Luxemburg. Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz, 27. Jahrg. tridjcim lZglich außer ülontag», Vevlinev Volksbleelk. Die Tnlcrttons-Gcbfllff Beträgt für die sechsgespaltene Uolonel- geile oder deren Raum K> Psg., für politische und gcwcrlschaslliche Vereins- und Bersammlungs.Anzeigcn SO Psg. „Kleine anzeigen", das erste ffett- gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf« stellcn-Anzcigen das erste Wort 10 Psg., jedes weitere Wort S Pfg. Worte über IS Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 6 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist piS 7 Uhr abcndS geöffnet. Telegramm> Adresse: „5»lal«lemsl!rat Bcrliii- Zentralorgan der roziatdemokratifchen Partei Deutfchlanda. Jim finlandiae"? Finnlands Ende! Ist es eine ordinäre Dummheit oder eine geschichtliche Notwendigkeit? Das eine wie das andere: Eine selbstmörderische Dummheit, die für die russische Konter- revolution zur geschichtlichen Notwendigkeit geworden ist. Auf den Trünimern der revolutionären Versuche der inneren Er- Neuerung des Landes entstanden bei der bürgerlichen Konter- revolution Pläne und Absichten der äußeren Eroberungen, der internationalen politischen Macht, der Okkupierung der asiatischen und Balkan-Märkte, der kolossalen Anleihen an der europäischen Börse, um auf solche Weise die Produktions- kräfte des Landes in Bewegung zu setzen, die Säcke der Reichsschatzkammer zu füllen und die Appetite der kapitalistischen Klassen zu befriedigen. Hier aber folgte Krach auf Krach. Jeder Versuch der Erneuerung der Armee und der Flotte scheiterte an dem stumpfen Widerstande des menschlichen Materials der Konter- revolution. Das ganze kommandierende Personal bildete sich aus den Bändigern der Revolution, unverbesserlich in ihrer Stumpfheit und in ihrer Korruption. Der Jntendantenunfug, der jetzt durch die Senatorenrevisionen aufgedeckt wird, ist nur die äußere Erscheinung der Morschheit des ganzen Kriegs- apparates. Der Bau der vier neuen Panzerschiffe gestaltet sich jetzt zu einem neuen europäischen Skandal. Nach dem Jahre 1905 wächst die Kriegsmacht des Zarismus nicht mehr, sie ist im Gegenteil im steten Verfall begriffen, und mit ihr zusammen fällt auch sein internationales Gewicht. Auf dem fernen Osten, in Persien, auf dem Balkan brachten die Ränke der zarischen Diplomatie nichts außer skandalösen Mißerfolgen und Rückzügen. Und von den mißgeratenen Plänen der Vereinigung der besitzenden Klassen aller Nationen in Rußland durch die Erfolge der äußeren Politik (Imperialismus l) wurde die Reaktion gezwungen, zur Politik der Staatsfütterung des„Stamm"-Besitzers auf Rechnung der Rußland bewohnenden „Fremd st ämmigen" überzugehen(„Nationalismus" I). „Rußland für die Russen I" das heißt für den Petersburger Beamten, den bessarabischen Gutsbesitzer und den Moskauer Kaufmann.— Daraus erwuchsen: das Projekt der Abtrennung des Cholmszyna von Polen und des Wyborger Gouvernements von Finnland, die neuen Semstwos für die westlichen Gouverne- ments mit der Entrechtung der Juden und Polen, der tolle Kreuzzug gegen die Juden, die man aus den Städten und Dörfern in Massen ausweist, endlich der Plan der Zer- trümmerung Finnlands. Die patriotischen Schelme aus der Mitte der ruinierten Edellcute und die zu keiner Karriere gelangten Tschinowniki— und das sind die Führer der Rechten und der Nationalisten!— wollen vor allem„fressen". Gelang das in der Mandschurei nicht, warum sollte man denn sein Glück nicht in Finnland versuchen? Die hinter den Oktobristen stehenden Handels- und industriellen Kreise sind direkt und unnnttelbar an der Ver- nichtung der Zollselbständigkeit Finnlands interessiert. 20 Proz. der finnländischen Ein- und Ausfuhr fallen heute nur auf das eine England und zugleich wachsen auch die Handels- bcziehungen Finnlands mit Schweden und Deutschland. Noch vor kurzem war Finnland der Hauptniarkt für russisches Mehl; jetzt wird dieses vollständig von dem deutschen und schwedischen Mehl verdrängt. In Zlnbetracht dieser Tatsachen besteht die Aufgabe der russischen Schutzzöllner darin, Finnland von der Außenwelt abzuschneiden und es in ausschließliche Abhängig- keit von dem russischen Markte zu bringen. Hier steckt die Wurzel des Eifers der Oktobristen für die Erweiterung der Reichsgesetzgebung auf Finnland. Handelsverträge mit Finn- land? Wozu, wenn man unter der Hand Garde- regiinenter hat I Dazu kommen die Erwägungen des Fiskus. Sowohl die Bureaukratie, als auch die mit ihr verbundenen politischen Parteien wollen die Kosten ihres Wirtschaftens auf Finn- land abwälzen. Für den Anfang— einen Teil der Aus- gaben für die Armee, Diplomatie und den Zarenhof. Dazu kommen, endlich, die staatspolizeilichen Interessen hinzu: die Tatze auf die finnländische Schule zu legen, die Presse zu„bezähmen", die Peitsche über die Vereine und Versamm- Inngen zu schwingen. Dies alles: die Sehnsucht nach der Tasche des finnländischen Warenkonsumenten und des finn- ländischen Steuerzahlers, die Sehnsucht der adeligen Mutter- söhnchen und der patriotischen Tölpel nach den Polizeiposten in Finnland, endlich der russische reichspolizeiliche Schmerz beim An- blick der Oase der finnländischen Freiheiten.— alles das zusammen bildet das Wesen der patriotischen Begeisterung, in der die dritte Duma über Finnland herfiel. Von den O k tu b r i st e n spalteten sich nur noch 19 Per- sonen des linken Flügels ab, die mit dem rechten Kadetten M i l j u k o f f zusammen die finnländische Konstitution nicht so offen geschlachtet und sie dann— nach dem Ausdruck des Genossen Tzscheidse— unter mehr konstitutioneller Sauce gebraten sehen möchten. Aber die ganze konipakte Masse des Oktobristenzentrums marschierte, ohne den Blick von Stolypin abzuwenden, hinter den Nationalisten und der Rechten einher, die mit patriotischem Geheul den finnländischen Gesetz- entwurs samt Haut und Knochen verschluckten. Die Kadetten eriviesen äußerlich diesmal eine für sie ungewöhnliche oppositionelle Entschlossenheit. Sie erklärten den Gesetzentwurf dep� Regierung für einen Staatsstreich, stimmten gegen den Uebergang zur Spezialbcratung und nach einigen fruchtlosen Versuchen der Kritik verließen sie mit Protest den Saal, nach den Sozialdemokraten, die es frühzeitiger zu tun verstanden hatten. Aber dieses äußerlich ciltschlossene Verhalten deckte nur die vollste und dabei kindisch-ärmliche politische Zerfahrenheit der Liberalen. Das überzeugendste Argument des Zentralorgans der Kadetten„Retsch" zum Vorteil Finnlands war die Tatsache, daß die loyale finnländische Bourgeoisie im Jahre 1906 in die Rotgardisten geschossen und den russischen Behörden in der Jagd nach den Teilnehmern des Siveaborger?lusstandes mitgeholfen hatte. Und das Auf- treten Roditscheffs in der Duma hatte seinen Höhepunkt in der byzantinisch-sklavischen„Beschuldigling" der Mehrheit, daß sie den„Schatz der Nation— den Glauben an die Unerschütterlichkeit der Worte des Monarchen unter- gräbt".— Der Lobgesang auf den konterrevolutionären Cha- rakter der finnländischen Bourgeoisie und die Appellation an den gekrönten„Schatz" im Zarskoje Selo— das sind die zwei Hanpttrümpfe des politischen Spieles der Kadetten. Die sozialdemokratischen Redner haben es ver- standen, nicht nur die Tatsachen mit den zarischen Versprechungen sondern auch die kadettischen Hoffnungen auf die Ver- sprechungen mit den Tatsachen zu konfrontieren. Ein all- gemeiner Staatsvertrag mit Finnland, erklärte Tzscheidse, ist nur auf Grund des allgemeinen Wahlrechts in Rußland denkbar. Und für heute bleibt die allgemeine Losung für Rußland wie für Finnland:„Nieder mit den Barbaren, nieder mit der barbarischen Regierung!" Die wahnsinnige Schnelligkeit, mit der der finnländische Gesetzentwurf in der Duma durchgepeitscht wurde, zeugte natürlich keineswegs vom Bewußtsein der eigenen Kraft. Es galt den keinen Aufschub duldenden Kampf zu kämpfen gegen die Hinterkulissen-Ohrenbläser des Zaren, die eine Intrige gegen den für sie allzu„liberalen" Henker Stolypin führen. In dem Kampf um seine Stellung mußte Stolypin zeigen, daß weder sein„Liberalismus" noch die dritte Duma, mit der er sein Schicksal verbunden hatte, ihn darin stören, die niederträchtigsten Forderungen der Konterrevolution zu er- füllen. „Finis Finlaudiae 1" Finnlands Ende I rief der Führer der Rechten, der Hanswurst Purischkiewitsch, nachdem die Duma in einem Zug den stolypinschcn Gesetzentwurf angenommen hatte. Das ist aber nur eine eitle Prahlerei. Die Abstim- mung der Duma, sowie auch die Abstimmung des Staatsrates, wie auch das zarische„b�t' po oiemu"(so soll es sein) ent- scheiden noch nicht über das Schicksal Finnlands und bc- stimmen noch nicht sein„Ende". Die finnländische Frage bleibt von nun an eine offene Wunde des Staatsstreichs- Regimes vom 16. Juni 1907. Um gegen Finnland kriegerische Unternehmungen anzufangen, dazu fehlt es der Regierung jetzt an Mut. Sie würde bereit sein, sich momentan mit einem„prin- zipiellcn" Siege zu befriedigen. Die Verhältnisse werden sich aber weiter entwickeln, ohne Rücksicht auf den Grad ihres Mutes und ihre Wünsche. Hinter dein Rücken Stolypins stehen seine Verbündeten in und außer der Duma, die nach Akkordlohn verlangen. Auf dem Wege, der zur Beute führt, steht aber die finn- ländische konstitutionelle Vertretung. Man nmß sie entweder zusannnenbiegen oder zerbrechen. Gibt der Landtag in wenigem nach, so wird der Druck der Reaktion un- verzüglich erstarken, und bald wird diejenige Grenzlinie erreicht, hinter der es sogar für die bürgerlichen Parteien des Landtags keine Konzessionen gibt und geben kann. Das ganze gesellschaftliche Leben Finnlands wird unter dem Zeichen des sich unvermeidlich nähernden offenen Zusammenstoßes stehen. Die Atmosphäre der Unruhe wird sich immer mehr über der durch ihre Organisation und Erfahrung in dem politischen Kampfe starken Dreimillionenbevölkerung verdichten. In diesen Bedingungen ist es den liberalen Losungen der sogenannten „Vernünftigkeit" und der„weisen" Nachgiebigkeit nicht ge- geben, einen Widerhall in den Massen zu finden. Dagegen wird die finnländische Sozialdemokratie, die sich nicht fürchtet, der Wahrheit direkt ins Antlitz zu schauen, in natürlicher Weise zu einer wirklichen und unbestreitbaren Vertreterin des finnländischen Volkes. An die Spitze ihrer Agitation stellt sie den Gedanken der unzertrennlichen Verbindung der Interessen der finnländischen Freiheit mit der revolutionären Bewegung in Rußland. Das finnländische Volk hat natürlich keinen Grund, freiwillig einen offenen Zusammenstoß mit dem unvergleichbar stärkeren Feinde zu suchen. Ohne die Provokationen zu beachten, den Feind inzwischen keinen Augenblick in Ruhe lassen; die neuen Gesetze und Verordnungen brechen, umgehen oder ignorieren, und dem Feinde keinen Daumen breit ihrer Rechte überlassen; manövrierend den Feind ermüden; immer und in allem ihre Positionen und Kräfte verstärken,— das ist die taktische Methode, die sich von sich selbst der finnländischen Sozial- dcmokratie aufdrängt. Und ihr Redner, der Genosse Jrje Miakielin, gab in dem Landtage eine ausgezeichnete Formulierung dieser Taktik:„Wir werden so handeln, daß die russischen Provokateure die lacherlichste Rolle spielen werden I" Unsere Bruderpartei in Finnland weiß natürlich, daß der offene Zusammenstoß früher oder später unvermeidlich wird. Expedition: 8 Tl. 68, Lindcnstraosc 69» Fernsprecher: Amt IV» Nr. 1984. Aber besser später als früher. Für das finnländische Volk ist es vorteilhaft, die Vorbereitungsperiode möglichst in die Länge zu ziehen, um den Massen Rußlands, die sich von der Er- starrung der letzten Jahre befreien, das Verständnis für die Tragweite der finnländischen Ereignisse für die politischen Schicksale des ganzen Reiches zu ermöglichen. entlarvte Günftllngswiilichaft der SozIaidemokrateD. Die Presse des schwarzblauen Blocks verbreitet unter den Heber« schriftcn:„Entlarvte GilnsllingSlvirtschaft der Sozialdemokraten", „Die Sozialdemokratie in Krankenkassen",„Die roten Machthaber in den Krankenkassen",„Sozialdemokratischer Skandal in den Kranken- kassen", lange Artikel, in denen sie behauptet, Sozialdemokraten mitzbrauchten die Krankenkassen zu politischen Partei zwecken und schädigten in ungeheuerer Weise die Rechte der Arbeiter. Die Artikel finden sich beinahe wörtlich Übereinstimmend in Zentrums- blättern von der„Germania" bis zu den kleinsten Winkelblättchen, in den Scharfmacherorgancn, in der konservativen Presse und in den vom Rcichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie gespeisten Organen. Um auch die„unparteilichen" Zeitungen mit dem Elaborat zu beglücken, hat der Abgeordnete Erzberger im Schcrlschen„Tag" ein gleiches Machwerl abgesetzt. Der Zweck der Masscnware ist außerordentlich durchsichtig. Dem Zentrum liegt daran, den Arbeitern blauen Wind vorzumachen und durch ein Spektalelstückchcn mit vielen Worten und wenig Inhalt zu verdecken, daß das Zentrum bei der Neichsvcrsichcrnngsordnung Arin in Arm mit den ärgsten Scharfmachern bei der Entrechtung der Arbeiter in der Rcichsvcrsicherungsordnnng marschiert. Der Inhalt der Artikel ist kurz folgender: Am 26. Juni habe der konservative Abgeordnete Graf Westarp durch Vortrag eines Urteils des Oberverwaltungsgerichts vom 21. März 1919 dargelegt, daß ein AnstcllnngSvertrag fiir Kafienbeamte vom Oberverwaltungs- gerichl als«gegen die guten Sitten" verstoßend erklärt:„Der Ver- trag zeige den„für einen Rechtsstaat ganz unerhörten Skandal, daß die Selbstverwaltung, eine öffentliche Körperschaft, dergestalt aus- genutzt und mißbraucht wird, daß ein notorischer Lump in seinem Amt und Gehalt belassen werden mutz, wenn er nur Sozialdemokrat ist". Ein heuchlerischeres und törichteres Gerede ist wohl selten verzapft. Wie ist die Sachlage? Am 21. März 1919 hat daS Ober» vcrwaltungsgericht einen Vertragsentwurf für ungültig erklärt, den die Ortskrankcnkasse der Handivcrker in Spandau mit einem Kasten- beamten abschlietzen wollte. In dem Vertrage war die Geltend- machung des Kündigungsrechtes für die Kaste beschränkt. Ist im Bertrage nichts besonderes bestimmt, so kann nach ß 62S deS Bürgerlichen Gesetzbuches das Dienstverhältnis ohne Einhaltung einer 5liindignngSstist aufgehoben werden,«wenn ein wichtiger Grund vorliegt". Der Entwurf führte nun auf. in welchen Fällen allein eine sofortige Entlassung seitens der Kasse zu- lässig sein soll. DaS ObcrverwaltungSgericht nimmt an:«Nach Ziffer 3 der Vertragsbestimmung berechtigen grobe Pflichtverletzungen, welche der Kassenbeamte sich bei Ausführung seiner ihm durch die erfolgte Anstellung obliegenden Dienstverpflichtungen zuschulden kommen läßt, nur dann zu der mit dreimonatlicher Frist gliartaliter zulässigen Kündigung, wenn sie wiederholt, d. h. nach mindestens zweimaliger innerhalb dreier Jahre und Entlastung Sandrohung er- folgter schriftlicher Verwarnung stattgefunden haben. Da unter der vorangehenden Ziffer 1 nur für strafrechtlich zu ahndende Handlungen gegen daS Vermögen der Kaste eine Sonderbestimmung gegeben ist und Ziffer 2 nur von dem Verluste der bürgerlichen Ehrenrechte handelt, so eröffnet Ziffer 3 dem Kastenbeamten die Möglichkeit, mit gewissen Unterbrechnngen grobe Pflicht- Verletzungen der verschiedensten Art zu begehen, ohne daß der Kasse auch nur das beschränkte Kündigungsrecht erwächst, geschweige denn die Befugnis zur sofortigen Aufhebung des Dienstverhältnisses zu- gesteht. Dieser Zustand, nach welchem z. B. zweimalige AchtungS- Verletzung schwerster Art(tätliche Beleidigung«ineS Vorgesetzten) nicht einmal einen Grund zu der beschränkten Kündigung bildet, verstößt gegen die guten Sitte 11." Ferner verstoße es gegen die guten Sitten, daß die B e- strafung wegen eines politischen oder religiösen Delikts und die Verbüßung einer derartigen Strafe keinen Kündigungs- oder EntlassungS- grund abgeben soll. Endlich verstoße es gegen den§ 29 deS heutigen KrankenkastengcsetzeS, daß„auf feiten der JJaste kein Recht zur Kündigung vorhanden ist, wenn infolge Verringerung der Mit- gliederzahl oder Aendcrungen in der Verwaltung eine Verminderung des Kassenpersonals möglich wäre, es sei denn, daß die Personal- reduktion aus diesem Grunde unabweisbares Bedürfnis hat". Auch wenn diese Gründe des OberverwaltungsgcrichtS zutreffend wären, liegt auf der Hand, daß der von der Scharfmacherprcste in trautem Verein mit der ZcntrumSpreste und ihren Verbündeten gezogene Schluß geradezu blödsinnig ist. Gegen die Gründe des Urteils möchten wir nur wenig anfiihren. Das Oberverwaltnngsgericht sagt zu Beginn seiner Erkenntnis- gründe, eS sei streitig und zweifelhaft, ob der§ 926 nicht zwingende« Recht darstelle, so daß jede vertragliche Ausführung, waS unter wichtigen Gründen verstanden werden soll, ungültig wäre. Anderer Ansicht ist der preußische H a n d e l S m i n i st e r- Dieser hat bereits im Mai 1898 einen Erlaß an die OrtSkrankenkassen ergchen lassen, in dem er auffordert: daß mit den Angestellten der Kassen gehörige Dienstverträge ab- geschlossen, in denen die Gründe der Kündigung und angemessene Kündigungsfristen bestimmt werden. Dabei e m p f i e h l t es sich, in diesen Diensiverirägen die Bestimmung borzusehen, daß eine Kündigung deZ Personals durch den Borstand nur bei grober oder wiederholter Verletzung der Dienstpflichten zulässig sei. Viele Kassen haben dieser Anlveistmg entsprechen zu müssen ge- glaubt und insbesondere das Zentrum hat noch bei den Beratungen des Krankenversicherungsgesetzes im Jahre 1903 den Borwurf gegen die Kassen erhoben, daß eine Spezialisierung der„wichtigen Gründe", wie sie der Handelömiuistcr forderte, nicht erfolgt ist. Weil nun die Kasse den, Ersuchen dcS Handelsministers nachgekommen ist, des- halb jetzt Räuber und Mörder. DaS Oberverwaltungsgericht nimmt an. daß in zwei Fällen die Spezialisierung zu weit zugunsten der Kasienbcamten gehe. Wir können es auf sich beruhen lassen, ob in der Tat die „tätliche Beleidigung eine? Borgesetzten" oder anderes besonders hätte hervorgehoben werden müssen. Wir legen überhaupt außer- ordentlich geringen Wert darauf, ob in dem Vertragsformular ein Grund mehr oder weniger aufgeführt ivird. Denn ist der Grund hinfällig, weil ß 626 des B. G. B. im Gegensatz zu der Ausfassung des Handelsministers eine Detaillierung der Gründe, die als wichtige Gründe anzusehen find, verbietet oder verstößt einer der im Vertrage aufgeführten Kündigungsgründe oder die Unter- laffnng eineS solchen Grundes gegen die guten Sitten, so i st ja der Vertrag insoweit hinfällig und kann Rechts- Wirkungen nicht hervorrufen. Aber gegen die An- „ahme deSOberverwaltungsgerichtS, daß es gegen die guten Sitten verstößt, daß die Bestrafung eines politischen oder religiösen Deliktes und die Verbüßung einer derartigen Strafe kein Kündigungs- oder Entlassungsgrund abgeben darf, möchten Wir doch auf das nachdrücklich sie Verlvahrung einlegen. Die absolute Freiheit der politischen und religiösen Betätigung muß für jeden Staatsbürger verlangt werden und ist früher auch vom Zentrum verlangt worden. Wenn es sich jetzt mit den Gründen dcS Oberverwaltungsgerichts einVerständen erklärt, so öffnet eS insbesondere den polnisch redenden Teilen der Bevölkerung die Augen darüber, wohin die Reise des Zentrums geht. Wir möchten auch daran erinnern, daß die ReichstagSkommission zu Z 363 der Reichsversicherungsordnung ausdrücklich beschlossen hat, daß die religiöse oder politische Betätigung cincS Kassenbeamten kein Grund für seine Kündigung abgeben darf. Und dieser Grundsatz wird auch hoffentlich im Plenum aufrecht erhalten bleiben, wiewohl die„Ger- mania" usw. aus ihm folgern, daß danach„ein notorischer Lump in feinem Amte und Gehalte belassen werden muß." Wenn das Oberverwaltungsgericht einen Verstoß gegen 8 29 des KrankenversicherungSgesetzcs in der vertraglichen Verpflichtung erblickt, daß die Beamten nur bei unabweisbarem Bedürfnis in der Zahl verringert werden dürfen, so erübrigt sich ein Streit über die Auslegung des 8 29 des K. V. G. Denn auch hier hat ja im Streitfall das Prozeßgericht zu entscheiden. Und dies hat oft über die Auslegung deS 8 29 eine andere Ansicht als das Oberverwal- tungsgericht ausgesprochen. UeberdieS aber sieht 8 303 deS von der Regierung vorgelegten Entwurfs zur ReichSversicherungS-Ordnung ausdrücklich die Verpflichtung zur Uebernahme der Beamten und Angestellten für die Fälle einer Vereinigung von Kassen vor. Mag eS aber mit den Gründen deS Oberverwaltungsgerichts stehen, wie eS wolle— eS ist ein geradezu schamloser Versuch, daS Erkenntnis gegen die Ortskrankenkassenvorstände oder gar gegen die Sozialdemokratie ausbeuten zu wollen. Kassen- vorstände haben in Verfolg des von unS angeführten Erlasses des Handelsministers und gestützt auf Deklamationen gerade der Zentrumsleute sich bemüht, einen Vertrag zu schaffen, der die Rechte und Pflichten der Kassenbeamten klar umgrenzt und vor Willkllrlichkciten sicherer stellt als der schwammige Begriff „wichtige Gründe" im 8 326 B. G.-B. AuS dem Selb st der- waltungSrecht der Kasse folgt, daß jede Kasse zu bestimmen hat, in welcher Weise der Vertragsinhalt festgelegt wird. Die Frage zu entscheiden, ob in den Vertragsentwürfen, wie sie ins- besondere seit 1900 von Kassenvorständen und Kasscnbeamten an- geregt sind, daS Nichtige getroffen ist, haben allein die Mitglieder der Kasse das Recht. Naturgemäß sind hierüber häufig Meinungsverschiedenheiten aufgetreten. Viele Kassen haben trotz deS Erlasses deS Handelsministers eine Regelung in der Art, wie die Kassenbeamten sie wünschten, abgelehnt. Die Vor« stände und Generalversammlungen anderer Kassen hingegen, und zwar übereinstimmend Arbeitgeber wie Arbeitnehmer und Vor- stände. in denen sich ZeutrumSIeute. Konservative, Sozial- demolratcn und Freisinnige befanden, haben ähnliche Verträge wie den vom ObcrverwaltungSgericht mißbilligten abgeschlossen. Insbesondere von Sozialdeniokraten geleitete Kassen wie die Leipziger und Dresdener, haben solchen Entivurf unter lebhafte st er Unterstützung der sozialdemokratischen Parteipresse bekämpft. Schließlich hat die Organ isatiou der Kassenbeamten selb st eingesehen, daß der Vertragsentwurf, über den das Oberverwaltungsgericht sich vor kurzem geäußert hat, zu bessern ist. Im Jahre 1908 ist statt des vom ObervrrwaltmtgS- geeicht kritisierten Bertragsentwurfs ein anderer vorgeschlagen, der die gerügten Mangel nicht enthält. DaS allcS verschweigt natürlich die Blockpresse, um scheinheilig Entrüstung heucheln zu können. Vollends unsinnig ist der Vorwurf, die Sozialdemokratie trage an einem Vertragsentwurf schuld, den jetzt angeblich die Zentrumspresse in Grund und Boden verdonnert wissen will. Die Sozialdemokratie hat sowohl im Parlament wie in ihrer Presse stets den Standpunkt vertreten: volles Selbstverwal- tun gerecht mutz der Kasse bleiben. Nicht eine Zeile aus der sozialdemokratischen Presse vermag die Zentrumspresse nebst An- hang anzuführen, die für den Inhalt der Kassenbeamtenverträge geschrieben ist. In Uebereinstimmung mit ihren Grundanschauungen ist die sozialdemokratische Presse stets dafür eingetreten, daß auch auf dem Kassengebiet das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer von sozialem Geist getragen sein müsse. Mit Recht haben deswegen unsere Genossen in der Kommission beantragt, für alle Kassen- angestellten die Regelung gesetzlich festzulegen. Nach ihren An- trägen soll für die Kassenangestellten durch Gesetz festgelegt werden: 1. eine Arbeitszeit an Werktagen von höchstens 8 Stunden; 2. un- verkürzte Gehaltszahlung bei unverschuldeter Arbeitsbehinderung auf 6 Monate; 3. einen Ferienurlaub von mindestens 2 Wochen nach einjähriger Anstellung unter Fortzahlung des GehaltS; 4. Dienst- altcrszulagen in ein- oder zweijährigen Zeiträumen von inSgesmnt mindestens S0 Proz. des Grundgehalts mit der Verteilung auf höchstens IS Dienstjahre; 6. eine sofortige Entlassung ist nur zu- lässig wegen so grober Dienstvergehen und Handlungen, daß. die weitere Beschäftigung des Beamten mit den Interessen der Kasse zinvereinbar ist; 6. eine Kündigung kann wegen sonstiger Ver. letzungen der Dienstpflichten nur dann erfolgen, wenn sich der Beamte die Verletzungen trotz Warnung wiederholt im Laufe der setzten 12 Monate hat zuschulden kommen lassen. Für den scharfmacherischen Geist dcS Zentrums kennzeichnend tft, daß ei diese Anträge in der Kommission und in bei Presse de, kämpft hat. DaS wird Tausenden von Arbeitern hoffentlich die Augen über die Judasarbeit dieser Partei öffnen. Erheiternd ist, wie die schwarz-blaue Presse durch ihre Aus- lassungen ihrer selbst spottet, und weiß nicht wie. Von Kons er- v a t i v e n und von Zentrumsleuten geleitete Gemeindever- waltungen wagen es, die Dienstverträge mit ehemaligen AmtSvor- sichern, Oberförstern u. dcrgl., welche als Rendanten oder in eine andere Stellung für Kassen übernommen wurden, zum Schaden der Kasse und der Arbeiter dahin abgeschlossen haben, daß die Stellung dieser Herren unkündbar sein und daß ihre Ein- nahmen nach Prozenten des Kassen ver mögens sich richten sollten! Wir erinnern an Lichtenberg, Elberfeld, Essen; das waren unzweifelhaft den Kasseninteressen und den guten Sitten ins Gesicht schlagende Abmachungen. Der Zweck des von der schwarz-blauen Garde unternommenen Feldzuges ist durchsichtig. Die Regierung hat auf Seite 119 der Motive der Reichsversicherungsordnung gegenüber der Ver- leumdung,„daß in vielen Ortskrankcnkassen die Versicherten ihr Uebergewicht zu politischen Parteizwecken ausnützen und miß- brauchen", zugeben müssen, daß ein Beweis für die Ver- leumdung nicht erbracht ist, daß vielmehr„Arbeitgeber- vertreterdieUnparteilichkeitderKassenführung und das Fernbleiben ungebührlicher Eindrücke von außen bezeugt" haben. Es heißt da weiter in den Motiven:„Tatsächlich hatte denn auch bei den vom ReichSamt des Innern veranlaßten Besprechungen mit Vertretern der Kassen eine Anzahl der erschienenen Arbeitgeber daZ Vorhandensein Partei- politischer Mißbrauche innerhalb der Verwaltung ihrer Kassen nachdrücklich in Abrede gestellt." Die RegierungSkommissare haben ja auch in der Kommission zugeben müssen, daß sie keinerlei Material für die infamen Verdächtigungen, mit denen massenhaft das Scharfmachergesindel aufgetreten ist, besitzen. Sie suchten den von der Sozialdemokratie erbrachten Beweis des verleumderischen Inhalts jener Ausstreuungen durch die Ausrede zu bemänteln, „so etwas läßt sich eben sehr schwer beweisen". Die schwarz-blaue Blockpresse trübt durch die gekennzeichneten Manöver das Wasser, um desto leichter fischen und die Arbeiter um den Rest ihres Selbst- Verwaltungsrechts in den Krankenkassen bringen zu können. Vit neue Sshlecchlivorlage. Der Zentrumsabgeordnete Schmedding hat in einer öffentlichen Versammlung erzählt, daß dem Landtage bereits in der nächsten Session eine neue Wahlrechtsvorlage vorgelegt werden solle. Die werde dann jedenfalls nicht viel anders aussehen, als das vom Herrenhaus zusanimen- gestoppelte Monstrum, und deshalb von der Mehrheit des Abgeordnetenhauses abermals abgelehnt werden. Denn es sei nicht anzunehmen, daß die Konservativen ihre Haltung in der Wahlrechtsfrage ändern würden. Auch die„Deutsche Tages-Zeitung" scheint die abermalige Einbringung der Wahlrechtsvorlage zu fürchten, anders läßt sich wenigstens nicht die Vehemenz erklären, mit der sie gegen eine Notiz der„Verl. Pol. Nachr." ins Geschirr geht. Das Agrarierblatt tut zwar so, als halte es gerade diese Notiz des häufig offiziös inspirierten Organs für eine rein private Stilübung; allein die dabei an die Regierung gerichtete dringliche Mahnung, doch ja nicht„von amtlicher Seite aus den Wahlresormgedanken auch nur irgendwie wieder in die Debatte zu werfen", verrät nur zu deutlich die Besorgnis des Bündlerblattes vor der Einlösung des in der Wahlrcchtsfrage verpfändeten Königswortes l Sollten übrigens die Auslassungen der„B. P. N." wirk- lich von offiziöser Herkunst sein, so würden sie die Vermutung des Herrn Schmedding, daß Bethmann Hollweg an der herrenhäuslerischen Verunstaltung des Wahlrechtswechselbalges festhalten werde, bestätigen. Denn in dem Artikel der„B. P. N." heißt es: „Vielmehr stellt sich sowohl die Regierungsvorlage, wie die Wahlrechtsreform nack den Beschlüssen des Herrenhauses als die sachgemäße Ausführung der in jener Thronrede niedergelegten landesherrlichen Willens- erklär ung dar. Nicht dasselbe läßt sich aber von der Wahl- rechtsreform nach den Beschlüssen deS Abgeordnetenhauses sagen, denn in diesen Beschlüssen wird verabsäumt, die Bemessung des Wahlrecht» nach dem wirklichen Gewicht der Stimmen durch Beseitigung der dem jetzigen Dreiklassenwahlsystem an- haftenden Mängel ficher zu stellen. Außerdem wird durch Auf- rechterhaltung der Drittel» ng in den Urwahl- bezirken den breiten Schichten des M i t t e l st a n d e S der ihnen gebührende Einfluß auf das Ergebnis der Wahlen sowohl in den reicheren wie in den Arbeitervierteln der großen Städte entzogen. Wenn man sich daher für die Folge bezüglich der Reform deS preußischen Wahlrechts auf die Thronrede von 1908 berufen will, so wird man sich daran erinnern müssen, nach welchen Richtungen hin die Thronrede unser Wahlrecht m Wirklichkeit reformiert wissen will." Die„Deutsche Tages-Ztg." erklärt, diese Darlegungen deshalb nicht für offiziös halten zu können, weil die R e- gierungsvorlage gerade die Drittelung nach Urwahl- bezirken als besonders mittelstandsfreundlich gepriesen habe. Das ist Tatsache. Ebenso ist jedoch Tatsache, daß Herr v. Bethmann Hollweg ja bereits im Landtage nicht nur in der Frage der Drittelung. sondern auch in der der Maximierung seine eigene Vorlage voll- tändig preisgegeben und sich den Wünschen der frei- konservattven und nationalliberalen Scharfmacher angepaßt hatte I Wir halten eS deshalb für durchaus möglich, daß Herr v. Bethmann Hollweg tatsächlich den Versuch machen wird. eine Wahlreform nach dem Rezept der Zedlitz. Röchling und Konsorten durchzudrücken. Und zwar möglichst schon vor den nächsten Reichstagswahlenl Die Volksmassen werden eS sich nicht nehmen laffen, da- bei noch ein weit kräftigeres Wörtlein mitzusprechen, als das letzte Mal l_ politische ücbcrftcht. Berlin, den 5. Juli 1910. Die Klage um Rheinbaben. Der schwarzblaue Block ist sichtlich mit Herrn V- Bethmann unzufrieden und will ihm die Ausschiffung seines Konkurrenten, der eine so verläßliche Stütze der klerikal-konservattven Koalition war, nicht ungerügt hingehen lassen. War das Grollen schon in den konservattven Blättern deutlich vernehmbar, so nimmt sich die„Germania" erst recht kein Blatt vor den Mund. Sie verlangt die vollständige Unterwerfung und schreibt drohend: „Am letzten Ende muß auch daS Ministerium Bethmann Hollweg Farbe bekennen, mit der philosophischen Ruhe kommt man nicht durch und mit Orakeln auch nicht. Die Patteien wollen sich beizeiten orientieren. Auch das Zentrum hat ein solches Recht auf Klarheit, da e» gar keine Veranlassung hat, da» Konto Bethmann Hollweg einstens mit übernehmen zu müssen. Im Reiche hat der Reichskanzler garnichtS zu« gunsten des Zentrums getan, m Preußen hat er bei der Wahlreform gegen dieses gearbeitet; seine politische Ver- gangenheit als B l o ck st a a t S s e k r e t ä r ist für uns nicht beruhigend und ermunternd. Wenn man alles zu- sammenfaßt, bleibt ein Rest gesunden Mißtrauens gut begründet. Aber wir sind objektiv genug, dieses zurückzustellen, wenn die Taten des Ministeriums dies gerechtfertigt erscheinen lassen." Uns will bedünken, daß die Aeußerungen des Mißvergnügens. die jetzt so gehältst in der schwarz-blauen Presse zu finden sind, nicht um der Trauer um Rheinbaben entspringen. Sie sind vielleicht weniger auf die Regierung als auf die N a t i o n a l l i b e r a l e n berechnet. Tun die Schwarzblauen unzufrieden, ist das für Nationalliberale nicht ein genügender Beweis, daß das Ministerium vielleicht doch im dunkeln„Grunde seines Herzens" liberal angehaucht ist? Und diese Spekulation braucht die Schwarzblauen gar nicht zu trügen. Macht doch schon die nationalliberale„Magdeb. Ztg." Front gegen die„Nörgelei" und nennt die Absage der „Natiouall. Korresp." eine verfrühte; sie verlangt, daß das deutsche Bürgertum B e t h m a u n H o l l w e g für die Be- rufung LentzeS Dank wisse. Lange wird es also nicht dauern und die Nattonalliberalen sind wieder versöhnt. Das freie Bayer». Bei der Hundertjahrfeier der Zugehörigkeit Erlangcns zu Bayern hielt Prinz Ludwig von Bayern eine Ansprache, in der er unter anderem ausführte: Wenn Sie in hundert Jahren gut bayrisch geworden sind, so haben wir das in allererster Linie der Verfassung zu danken, die König Max gegeben hat und die unverbrüchlich die ganze Zeit über gehalten worden ist. Ein steteres Volk, als das bayerische, gibt es nicht, und es ist eine Freude für das Königshaus, an der Spitze eines freien und treuen Volkes zu stehen. Darüber, daß. Bayern das freieste Land ist, wollen wir mit dem Prinzen Ludwig nicht rechten, obwohl sich unschwer einiges dagegen anführen ließe. Desto interessanter ist die Gesinnung, der der Prinz Ausdruck gibt. Mit welcher Verachtung wohl der bayerische Thronfolger auf das Land der Dreiklassenschmach herabblicken muß und wie er wohl über die Hohenzollern denken mag, die der Freude. die er empfindet, so ganz entbehren, allerdings ohne diese Entbehrung auch nur zu fühlen. »Kriegsrüstungen". München» 4. Juki. Unter der Spitzmarke„KriegSrüstungen' schreibt der„Bahr. Kurier": „In Berliner Regierungskreisen und vor allem auch in der Umgebung deS Kaisers herrscht arge Besorgnis vor den kommenden ReichstagSwahlcn. Man rechnet mit 100 bis 130 sozial- demokratischen Mandaten. Diese Besorgnis hat Veranlassung ge- geben, eine kräftigere Bekämpfung der sozialdemokra- tischen Bestrebungen in Aussicht zu nehmen, die auch den LinkS- liberalismus treffen sollen." Weiter bemerkt daS genannte Zentrumsblatt. eS sei nicht be- kannt, ob an mehreren anderen Orten Deutschlands ähnliche Unter- nehmnngen geplant seien. Tatsache sei eS aber, daß in München eine Gruppe von Persönlichkeiten zwecks Gründung eines großartigen ZeitungSunternehmenS zusammengetteten ist, die mit dem Fürsten von Fürstenberg in Verbindung stehen solle. An der Spitze des Unternehmens siehe in München ein bekannter israelitischer BerlagSdirektor. DaS Blatt, daS im Herbst dieses Jahres zum erstenmal erscheinen und kotz zweimaliger täg- licher Ausgabe nur 1,80 Mark vierteljährlich kosten werde, solle den Standpunkt der Rechtsliberalen und die Interessen der Arbeitgeber vertreten und, ohne einen Parteistandpuntt zu betonen, die Sozialdemokratie bekämpfen. Dem neuen Blatte sollen alle Reichs-, Staats- und Gemeindeinserate, dann die Bilanzen der Banken, der Großindustrie usw. zugewendet werden. Dadurch und durch seine Reichhaltigkeit hofft man eS infolge seiner Billigkeit maffenhaft in Stadt und Land verbreiten zu können und alles andere aus dem Felde zu schlagen, so daß das Blatt bis zu den nächsten Wahlen erheblichen Einfluß aus die öffentliche Meinung gewonnen hätte. Als Kapital für das Unternehmen, das mit einer JahreSauSgabe von 1 800 000 M. rechne. seien 4 Millionen Mark angenommen, wovon 2 Millionen bereits gezeichnet seien. Den Rest hofft man auS den Kreisen deS Handels der Industrie, des Gewerbes und der Landwirtschaft binnen kurzem zu erhalten. „Der„Bahr. Kur.' will eS seinerseits dahingestellt sein laffen, ob die geplanten Maßnahmen die richtigen seien. Größte Vorsicht scheint ihm von seinem Standpunkt aus geboten, weil, wie er sagt, der H a n s a b u n d mit der Sache in Verbindung stehe. Zur Kandidatur Bassermanns für Saarbrücken. Auf unseren Artikel, in dem wir mitteilten, daß der Vorstand der nntionalliberalen Partei für den Wahlkreis Saarbrücken dem Abg. B a s s e r m a n n die Kandidatur für die kommende Reichstags- wähl angeboten, dieser jedocb abgelehnt habe, weil die Groß- industriellen, hauptsächlich Dr. Röchling, gegen ihn waren, teilt Herr Bassermann der„Nat.-Ztg." mit, daß ihm die Saarbrücker Kan- didatur tatsächlich angeboten worden sei, er sie aber auS„anderen" Gründen, nicht wegen der Gegnerschaft der Großindustriellen, abgelehnt habe, ohne jedoch die„anderen Gründe" mitzuteilen. Herr Bassermann elbst ist vorsichtig oder klug genug und schweigt sich über die Stellung der Großindustriellen zu seiner Politik und das gegenseitige „Freundschaftsverhältnis" aus, während die„Saarbrücker Zeitung", das„führende" nationalliberale Parteüblatii an der Saar, am 4. Juli nicht nur die„Gründe" der Ablehnung Basier- mann« mitteilt, sondern allen Ernstes zu bestreiten wagt, daß eine Gegenströmung im Parteilager vorhanden war. Nach Wiedergabe unserer Mitteilungen und der Erklärung BassermannZ schreibt da» Blatt: .... Wie scdon aus der Erklärung des Herrn Bassermann selbst hervorgeht, ist an der Gesckiichte nur daS eine wahr, daß man mit Herrn Bassermann Fühlung wegen der Kandidatur ge- nommen hatte. Herr Bassermann lehnte aber, wie wir wissen, von vornherein ab, weil er nicht mehr kandidieren will. Verhandlungen, in denen die Großindustrie ihre Gegner- schast zum Ausdruck bringen konnte, haben bei dieser Sachlage überhaupt nicht stattgefunden. ES genügt wohl allein diese Feststellung, um die Haltlosigkeit der Angaben in dem sozial- demokratischen Blatte darzutun." Entweder sind diese Ausführungen auf Roßtäuscherei berechnet oder das„führende" nationalliberale Blatt hat keine Ahnung von den Vorgängen innerhalb seiner eigenen Partei. Herr Basser- mann sagt selbst, daß man ihm die Kandidatur in aller Form an- geboten hat. während daS„führende" Parteiblatt nur von einer— Fühlungnahme weiß l Und da Herr Basser- mann von vornherein ablehnte, hätten Verhandlungen, in denen die Großindustrie ihren Standpunkt zum Ausdruck bringen konnte, überhaupt nicht stattgefunden. Demnach würde man im Wahlkreise Saarbrücken die Reichstagskandidatur vergeben. ohne die Großindustrie, ohne die eigentliche Partei selbst zu fragen! Das glaubt der„Saarbr. Ztg." nicht einmal ihr Sctzerstift. ge- schweige sonst jemand, der die Verhältnisse auch nur halbwegs kennt. Wir wollen dem„führenden" nationalliberalen Parteiblatt, um es über seine totalen Unkenntnisse im eigenen Parteilager etwas aufzu- klären, mitteilen, daß tatsächlich und sogar mehrfach Auseinander- setzungen stattgefunden haben, in denen sogar scharf gegen die Stellung Bassermann» angekämpft wurde. Aber nicht nur«n Wahlkreise Saarbrücken allein herrscht Un- einigkeit, sondern im Wahlkreise Ottweiler-St. Wendel- Meisen heim liegen die Dinge ähnlich� Hier herrscht gegen Schubert eine starke und auch berechtigte Mihstimmimg im eigenen Lager, so daß man auch dort noch nicht zur Erledigung der Kandidatenfrage gekonnnen ist. Dort hofft man, Herr v. Schubert werde ins Eisenbahnministerium verschwinden— Pardon— berufen werden, damit die Bahn für einen Kandidaten frei werde, von dem man hofft, daß er den Wahlkreis besser vertrete als Herr V. Schubert. Die„Liberalen" an der Saar sind in beiden Wahlkreisen, die Stumm so lange in„Zucht und Ordnung" gehalten hat, in groher Schwulität, darüber vennag die„Saarbr.Ztg." niemanden mit Vertuschungsartikeln hinlvegzuläuschen._ Die elsässische Verfafsungsfruge. Wie die offiziöse„Strahburger Korrespondenz" unter dem 4. Juli mitteilt, ist in der zweistündigen Besprechung über die e l s a s;- lothringischen Berfa ssungS- und Wahlrechts- fragen, die am 2. d. M. in Berlin zwischen dem Reichs- k a n z l e r, dem Statthalter Grafen v. Wedel, dem Staatssekretär desJnnern Delbrück und dem Staatssekretär für Elsatz-Lothringen Zfreiherrn Zorn v. Bulach stattgefunden hat, über alle Einzel- fragen zwischen der Reichsregierung und der Landesregierung von Elsatz-Lothringen eine Einigung erzielt worden. Nun wäre es aber an der Zeit mitzuteilen, worin diese Einigung besteht._ Schon tvieder die Breölauer Polizei. Breslau, 5. Juli. sPrivatdepesche des„Vorwärts".) Der„Breslaucr Generalanzeiger" meldet: Am Sonnabend mittag fuhren Studenten durch die Stadt. Die Stratzenjugend begleitete die Wagen, um von den Insassen Blumen zu erhalten. Als das Gefährt die Ecke des Stadtgrabens passierte, an der gerade die Stratze aufgerissen ist, staute sich die Äiuderschar, und die übrigen Stratzenpassanten, die der Weg gerade vorbeiführte, suchten die schmale Gasse zu benutzen. Obwohl nun die Stauung drei bis vier Meter hinter dem Wagen ein- trat, schien einer der berittenen Schutzleute, die den Wagen be- gleiteten, darin eine BerkehrSstör.ug zu erblicken. Er ritt mehrere Male in die Menge der Kinder und Passanten hinein, so gut es ging, über die auf- geworfenen Erd- und Steinmassen hinweg zu entkommen suchten. Ein kleiner, barfutz laufender Knabe wurde vom Pferde ge- treten und so erheblich verletzt, datz er sofort zusammenbrach. Der Name des Schutzmanns ist festgestellt. Die„Brcslauer Volksmacht" fordert die beteiligten Eltern auf, Strafantrag gegen den Schutzmann zu stellen. Konflikt im Lager der sächsischen Nationalliberalen. Es war vorauszusehen, datz der Beschlutz der Nationalliberalen in Chemnitz in der Angelegenheit Langhammer zum Konflikt führen würde. Am Montag hielt der Nationalliberale Verein in Chemnitz «ine Sitzung ab, in deren Verlauf neun von den VorstandSmit- gliedern ihr Amt niederlegten und den Austritt aus dem Verein erklärten. Die übrigen Vorstandsmitglieder verbleiben nur bis zu der in nächster Zeit stattfindenden Generalversammlung, wo sie gleichfalls zurücktreten wollen._ Staatsrettung in Halle. Im Apollotheater zu Halle a. S.. gastiert gegenwärtig ein Berliner Theater-Ensenible, welches das Militärschauspiel Leo Jung- manns„Die letzten sechs Wochen" aufführte. Das Stück behandelt das Kapitel der Soldatemnitzhandlunaen, ist aber in seiner Kritik recht harmlos. Die Hallesche Polizei verbot die Fortsetzung der Aufführungen und fübrte begründend dazu aus, datz„durch die Darstellung des Stückes im Innern der Zuschauer Vorstellungen wachgerufen oder befestigt werden, die zu einem die staatliche Ord- nung gefährdenden Verhalten zu führen geeignet find."— Danach ist das beutige Militärsystcm bereits so hinfällig, datz die zahme Kritik eines bürgerlichen Theaterschriftstellers imstande ist, seinen Bestand zu gefährden I Proletarierelend in Baden. Die Arbeitseinstellungen in der Tabakindustrie nehmen auch in Baden immer größeren Umfang an. Es stellen jetzt auch im Wittellaude die Fabriken infolge der Tabaksteuer den Be- trieb auf längere Zeit ein z viele Fabrikanten lassm noch im Schicht- Wechsel arbeiten und stellen eine längere Unterbrechung des Betriebes in Aussicht. Diese sehr bedenklichen Erscheinungen veranlatzten die sozialdemokratische Fraktion der Zweiten badischen Kammer zur fol- gcnden Interpellation: Ist die grotzherzogliche Regierung bereit, beim Bundesrat zu beantragen, datz den infolge der Erhöhung der Tabak- st c u e r arbeitslos gewordenen Tabakarbeitern auch über den l. Dezember 1910 hinaus die Reichsunterstützung gewährt wird; und will sie, falls die nötige Senderung der Reichsgesetz- gebung nicht zustande kommt, rechtzeitig Vorsorge treffen, daß den b a d i s ch e n Tabakarbeitern aus Staatsmitteln Arbeitslosen- u n t e r st ü tz u n g gewährt wird? Der Notstand unter der badischen Arbeiterschaft ,st überhaupt ein sehr schlimmer. Infolge des Regenwetters geht das neu- begouneiie Baugeschäft schlecht, die Nahrungsmittel werden wegen der Zerstörung der Gemüse und des Obstes durch die nasse Witterung immer teurer, die Fleischp reise bleiben dauernd auf einer Höhe, die es dem Arbeiter fast unmöglich macht, sich Fleischnahruug zu verschaffen, die M i l ch p r e i s e steigen gleichzeitig. In dieser Woche wird die Zweite Kammer endlich eme ,eit Wochen eingebrachte, sozialdemokratische Interpellation über diese Notlage erledigen. Natürlich wird der Geist der Agrarier die Mehrheit be- herrschen._ Die neue Tabaksteuer. Der Wertzollzuschlag auf Rohtabak und Zigarren, der seit dem kv. August 1809 in Kraft ist. hat bis zum 31. März 1910 eine Ein- nähme von 18 839 854 M. gebracht. Davon entfallen auf Rohtabak 18 251 892 M. und auf Zigarren 587 762 M. Die durch die Nach- Verzollung vereinnahmten Beträge sind hierbei nicht mitgerechnet. Der Durchschnittswert eines Doppelzentners Rohtabak stellt sich nach Berechnung der„Süddeutschen Tabakzeitung" für die Zeit vom 15. August 1909 bis zum 31. März 1919 auf 152 M. Der Durch. schnittswcrt von 1000 Stück Zigarren hat für die Zeit vom 15. August 1909 bis 31. März 1910 77 M. betragen. Rechnet man den Wertzoll von 40 Proz. in einen spezifischen Zoll um, so ergibt sich, datz auf 1 Doppelzentner Rohtabak im Durch- schnitt ein Zollzuschlag von rund 81 M. kommt. Da autzerdem 85 M. GewichtSzoll erhoben werden, so betragt der Gesamtzoll durchschnittlich 146 M. auf 1 Dopelzentner. Bei Zigarren macht der Wertzollzuschlag im Durchschnitt rund 31 M. pro Mille und 807 M. pro Ivo Kilogramm Reingewicht aus. Unter Hinzurechnung des Gewtchtszolles von 270 M. ergibt sich daher ein Gesamtzoll von durchschnittlich 877 M. auf 1 Doppelzentner. Da früher auf Roh- tabak nur 85 M. und auf Zigarren nur 270 M. pro-100 Kilo- gramm erhoben wurden, so tritt durch die Finan�reform eine Er-- höhung deS Zolles auf Rohtabak um durchschnittlich 7- Proz. und auf Zigarren um durchschnittlich 225 Proz. ein. Im Verhältnis zum Wert stellt sich der G-samtzoll bei Rohtabak auf etwas über 100 Proz., bei Zigarren auf 58 Proz. im Durchschnitt. Oeltemich. Kritische Lage. Wien, 5. Juli. Der Nationalitätenausschuß hielt heute die erste Sitzung zur Beratung des Antrages Adler über die MinoritätSschulen ab. Der Abgeordnet«15 der Kelchsveriicherllngsordliuligt- hommiliion. Sitzung am Dienstag, den v. Juli 1910. Die heutige Sitzung wurde ganz mit der Aussprache über die Arztfrage ausgefüllt. Trotzdem gelang cS noch nicht, die allgemeine Debatte zu schließen. Es traten dieselben Gegensätze zutage wie gestern. Die beiden Aerzte, die Fortschrittler Dr. Mngdan und Dr. Struve. wiederholten immer wieder, datz das Heil einzig und allein in der freien Arztwahl liege. Dadurch brachten sie schließlich die Regierungsvertreter aus ihrer bisherige» � Zurückhaltung heraus. Der Staatssekretär und der Ministerialdirektor Caspar führten mehrere Beispiele vor, die beweisen sollten, baß der Kampf um die freie Arztwahl oft genug zu unhaltbaren Zuständen ge- führt habe. Tie Sozialdemokraten gingen auf diese Fälle nicht näher ein. Im Eifer deS Kampfes seien Ausschreitungen un- vcrmeidlich. Darüber sich zu entrüsten, habe jetzt keinen Zweck. Vielmehr müsse danach gestrebt werden, die Kämpfe selbst möglichst zu vermeiden. Das sei aber nur dann, ohne Schädigung der Ar- beiter, zu erreichen, wenn die Kassen das Siecht haben, je nach ihren Verhältnissen die freie Arztwahl durchzuführen oder mit einzelnen Aerzten besondere Verträge abzuschließen.— Auf die Uebertreibungen der Herren Dr. Mugdan und Dr. Struve antworteten unsere Geiwssen: Die Kassen, die z. B. hier mit dem Verein Berliner Kassenärzte besondere Verträge abgeschlossen haben. können in der Hauptsache den Vergleich mit den Kassen, die freie Arztwahl haben, sehr gut aushalten oder sind, wie die Ortskrankenkasse der Kaufleute, weit voran. All die Vorzüge, die an der Leipziger Kasse gerühmt werden, z. B. Familienunter- stützung, Erholungsheime, medikomechanische Institut«, sind ein- gerichtet worden, als die Kasse sehr beschränkte Arztwahl hatte. Tie Dresdener Kasse mit ihren sehr guten Einrichtungen, die Straßburgcr Kasse und die meisten anderen, die eine fortgeschrittene Verlvaltung haben, haben nicht freie Arztwahl. Für eine möglichst unbeschränkt freie Arztwahl trat Abg. K u- lerski ein. Er berief sich auf die Unterdrückun�smaßnahmen gegen die Polen, die befürchten lassen, daß in vielen Fällen polnische Aerzte von der Kassenpraxis ausgeschlossen würden, wenn besondere Arztverträge zulässig sein sollten. Im übrigen brachte die Debatte die Auseinandersetzung über den Antrag deS Dr. H i tze und über den Antrag der 3k a t i o n a l- liberalen. Der Antrag des Abg. Dr. Hitze will als Regel die ganz unbeschränkte freie Arztwahl durchführen, so daß jeder Arzt, der im Bereiche der Kasse wohnt, das Recht hat, dem allgemeinen Aerztevertrag beizutreten und die Kasscnmitglieder zu behandeln. Will eine Kasse mit einer bestimmten Zahl von Aerzten einen be- sonderen Vertrag abschließen, so bedarf sie die Genehmigung des ObcrversicherungSamts und diese darf nur in besonderen Notfällen erteilt werden. Ministerialdirektor CaSpar machte darauf aufmerksam, datz nach diesem Antrage nicht einmal die EntWickelung, wie sie in Württemberg eingetreten und gerade von den Freunden der freien Arztwahl begrüßt worden ist, zulässig sein würde. Denn auch sie beruhe darauf, daß die Kassen einen besonderen Vertrag mit einem gewissen Kreis von Aerzten abschließen. Der Vertreter der sächsischen Regierung schil» derte das Verhältnis der Ortskrankcnkasse in Leipzig zu den Aerzten, auf das sich die Befürworter der freien Ärztwahl eben- falls berufen hatten. Auch diese Kasse habe einen ihr allerdings seinerzeit durch die Aufsichtsbehörde aufgezwungenen besonderen Vertrag mit der Organisation der Aerzte. Auch dieses Verhältnis sei mit dem Antrage des Abg. Hitze nicht vereinbar. Genosse Hoch ging auf die Verhältnisse bei der OrtSkrankeii- lasse in Frankfurt a. M. ein. Hier zeige sich dasselbe wie in Leipzig, Stuttgart usw. Die Kasse habe die Zulassung zur Kassen» Praxis ebenfalls durch einen besonderen Vertrag mit der ärztlichen Organisation beschränkt. Und es kommen aus Frankfurt ebenso wie aus Stuttgart Klagen darüber, daß die ärztlichen Organi- sationen einzelne Arzte unbcrechtigtcrweise von der Kassenpraxis fernhalten. Daher stehe der Antrag des Llbg. Dr. Hitze im Wider» spruch mit der Enttvickelung, die selbst daS System der freien Arzt. wähl bisher genommen habe. Es sei geradezu undurchführbar, daß — abgesehen von außerordentlichen Notfällen— die unbeschränkt freie Arztwahl durchgeführt werde. Ueberdies sei es unberechtigt, daß— abgesehen von jenen Ausnahmefällen— überall dort, Ivo besondere Arztverträge bestehen, diese beseitigt werden sollen, lvenn auch die Kassenmitglicder, die Kassenvcrwaltungen und die beteiligten' Aerzte selbst eine solche Aenderung gar nicht haben wollen. Die Kassenmitglieder müßten das entscheidende Wort darüber zu spreche» haben, welches Arztsystem in der Kasse durchgeführt werden soll. Daher muh die Bestimmung hierüder in der Satzung der Kassen erfolgen. Im übrigen soll man die Verständigung der Kassen mit den Aerzten möglichst erleichtern und ihnen den Zwang abnehme». sich unter allen Umständen dem Machtgebot der Aerzte zu fügen. Der Antrag Hitze dagegen sei unvereinbar mit dem Selbstbestim» mungsrecht der Kassenmitglieder und deshalb unannehmbar. Abg. Herold empfahl, daß ein Versuch mit dem Antrage Hitze gemacht werde. Bewähre sich die Bestimmung nicht, dann könne sie ja später beseitigt werden. 3!och bedenklicher erschien dem Abg. Becker» Arnsberg der Antrag feines Parteifreundes Hitze. Trotzdem werde er. erklärte Herr Becker, in der ersten Lesung f ü r den Antrag Hitze stimme«.• Er behalte sich aber ausdrücklich seine Stellung zu dem Antrage für die zweite Lesung vor. Inzwischen werde er sich davon über. zeugen, ob die Herren, die jetzt so schöne Worte für die freie Arzt» wähl haben, domentsprechend auch dann stimmen werden, wenn eS sich um die Unfall» und Invalidenversicherung handle. Er mußte sich aber selbst don dem Abg. Dr. Görcke sagen lassen, daß der Autrag Hitze noch über das hinausgehe. waS Dr. Mugdan und seine Freunde fordern. Im übrigen treten die Nationalliberalen für ihren heute abgeänderten Antrag ein. Nach demselben sollen die Kassen zwar das Siecht haben, be- sondere Aerzteverträge abzuschließen. Hat jedoch eine Kasse mehr als 2000 Mitglieder, so soll den Mitgliedern für jedes angefangene weitere Tausend ein Arzt mehr zur Verfügung gestellt werden, soweit die örtlichen Verhältnisse eS gestatten. Damit wollen die 3!ationalliberalen eL einer größeren Zahl von Aerzten ermöglichen, sich an der Kassenpraxis zu beteiligen. Genosse Molkcnbuhr erwiderte den Nationalliberalen, sie müßten aus ihrem Antrage auch die Konsequenz ziehen, daß bei der freien Arztwahl eine Maximalgrenze für die Zahl der Mitglieder festgelegt werde, die von einein Arzt behandelt werden dürfen. Denn wenn bei der freien Arztwahl ein Arzt mehrere Tausend Mitglieder zu seinen Kunden habe, dann nehme er dort auch mehreren anderen Aerzten die Existenzmöglichkeit. Allerdings hätte eine Bestimmung, wie die in dem Antrage der Nationalliberalen. das gute, daß einer Kasse, die im Konflikt mit den Aerzten stände. nicht mehr, wie eS z. B. in Solingen geschehen ist. von der Aufsicht S. bchörde die Verpflichtung auferlegt werden könne, eine Verhältnis» mäßig viel zu große Zahl von Kassenärzten zu besorgen. Vielmehr wurde dann auch»n etilem solchen Fall« die Zahl der zu beschaffen- den Aerzte nach dem Grundsatz jener Bestimmung zu bemessen sei«. Fortsetzung Mittwoch. 6ewerkrcbaftUche9# Ein Zurückztehcr. Herr Adolf Sichbaum. Schuhfabrikant in Mainz, der auf der Generalversammlung der Schuhfabrikanten den Vorschlag ge- macht hatte, die Fabriken einige Wochen in der stillen Zeit unter Fortzahlung des Lohnes ganz zu schließen, schreibt an die Fach- zeitschrift„Schuh und Leder", der wir den Vorschlag entnommen hatten: „Sie sagen, daß ich zum Endresultat gekommen sei, die Fa- briken auf 4 bis 6 Wochen zu schließen, wobei den Arbeitern der Löhn weitergezahlt werden solle, hierzu sei ein Hand in Hand arbeiten mit den Arbeiterverbänden vonnöten. Diese Aus- legung mag auf eine Deutung zurückzuführen sein, die meinem Referat während der Diskussion gegeben wurde, entspricht aber nicht dem, was ich vorgeschlagen habe. Sie werden in meinen Ausführungen finden, daß ich von einer bestimmten Zeitdauer überhaupt nicht ge- s p r och e n habe, sondern nur von einer kurzen Zeit, in der die Betriebe stillgelegt werden sollen, und daß ich nicht eine Weitervergütung„des Lohnes" befürwortete, sondern nur sagte: es gäbe Mittel und Wege, dem Arbeiter auch während dieser Zeit seine Subsistenzmittel zu sichern. Welches die gangbaren Wege sind, wollte ich nicht sofort in der breiten Oeffentlichkeit diskutiert wissen; ich hätte der Kommission, wenn eine solche zustande gekommen wäre, sestumrissene Vorschläge ge- macht. Daß aber ein Zusammengehen mit den Arbeiterorgani- sationen ganz unnötig wäre, wenn wir ohne weiteres den vollen Lohn während einer Ruhepause zahlen wollten, ist klar, denn dieses würde ohne Verhandlung und ohne Debatte von seiten der Arbeiterverbände genehmigt werden." Das klingt nun freilich schon ganz anders. Um zu entscheiden, ob der Vorschlag in dieser Form diskutabel ist, müßte man erst wissen, wie hoch sich Herr E i ch b a u m die Subsistenzmittel denkt. die dem Arbeiter gezahlt werden sollen, während die Fabriken in der toten Saison stilliegen. Lerlin und vlingegend. Der Streik der Schmiede. Die Streiklage ist unverändert. Die JnnungSmeister nehmen eine abwartende Stellung ein, die schuldige Antwort an den Zen» tralverband haben sie noch immer nicht abgesandt, obgleich eine Friedensstimmung sich in einigen Gruppenversammlungen der Meister bemerkbar gemacht hat. Die Gesellen nehmen ebenfalls eine ablvartende Stellung ein; ihre Reihen haben sich in den letzten Tagen um 14 Mann verstärkt, während in vier weiteren Betrieben die Forderungen durch Unterschrift der Meister anerkannt wurden. In einer Versammlung der Streikenden, die am DicnStagmorgen stattfand, wurde die gegenwärtige Lage eifrig besprochen und unter anderem gewünscht, daß die Aufmerksamkeit der Kutscher mehr als bisher auf den Streik gelenkt werde. Wieder sind verschiedene Ver- Haftungen von»streikenden vorgekommen, so auch gelegentlich einer Ansammlung vor der Schmiede von Langer in der Wusterhausener Straße. In bürgerlichen Zeitungen wird die Sache entstellt und von einem„Uebersall" der Werkstätte gesprochen. In den Zci- tungen findet man immer wieder Anzeigen, durch die Streikbrecher gesucht werden, besonders in der„Morgenpost". Einige Meister holen ihre Gesellen mit dem Auto zur Arbeit ab und lassen sie auch wieder mit dem Auto nach Hause fahren. Mitgeteilt wurde in der Versammlung, daß bei Klatt in der Scharnhorststraße ein Soldat die Stelle des Streikenden besetzt habe. Ein Streikender wurde von Streikbrechern überfallen und so zugerichtet, daß er nach dem Hedwigskrankenhaus gebracht werden mußte.— Die zweite Woche des Streiks findet die Gesellen noch einmütig beieinander, sie warten noch immer darauf, daß die Meister wenigstens den schon vor dem Streik gemachten Vorschlag einer Unterhandlung über die strittigen Fragen beantworten werden, wie es doch allgemein ühlich ist, daß auf eine höfliche Anfrage auch eine Antwort erfolgt. Ocuvltkes Reteb. Achtung, Töpfer! Der Streik im JnnungSgebiet Alt-Landsberg ist zugunsten der Kollegen beendigt. Der Erfolg ist eine 7— 8pro- zentige Lohnerhöhung für Veltener Arbeiten und die Tarifierung der Chamottoarbeiten. Weiter tritt in den Orten, wo auf Bauten noch die gs-bstündige Arbeitszeit bestand, nun auch die 8stündige ein, so daß nunmehr für das ganze Jnnungsgebiet auf Bauten nur 8 Stunden gearbeitet wird. Auf Privat 9 Stunden Arbeitszeit. Tarife sind im Berliner Filialbureau: Engelufer 15, Zimmer 59 zu haben. Auch sind alle Anfragen betreffs dieses Tarifes nach dorthin zu richten. Lohnbewegungen nach dem Kampfe im Baugewerbe. Nach Beendigung der allgemeinen Aussperrung regen sich die Bauarbeiter in den Orten, in welchen nicht ausgesperrt wurde. Hier mußten während des großen Kampfes die bcrechtigsten Wünsche der Arbeiter zurückgedrängt werden. Nun aber fordern diese auch ihr Recht und die erfolgreich abgeschlossene Bewegung hebt das Selbstvertrauen und den Kainpfesmut der Mitglieder. Die Maurer in Sora» i. Lausitz haben sich in wenigen Tagen eine Lohnerhöhung von 5 Pf. und einen zweijährigen Vertrag er- rungen. Seit zehn Jahren bemühten sie sich um die Anertenming der Organisation und um eine geordnete Regelung der Arbeits- öedinguugen. Die Ungunst der Verhältnisse und die rück- ständigen Anschauungen der Unternehmer bewirkten, daß die Bemühungen der Arbeiter erfolglos blieben. Auch in diesem Jahre ließen sich die Unternehmer auf keine Verhandlung ein. Dann wurde der Bürgermeister um Vermittelung ersucht, der es vergaß, den Maurern über das Resultat seiner Bemühungen Bericht zu erstatten. Schließlich riß den Arbeitern die Geduld und sie griffen zum partiellen Streik, der zur Folge hatte,'daß die Unternehmer einen Tarif anerkannten, der eine sofortige Lohn- erhöhung von 3 Pf. und vom 1. April 1911 weitere 2 Pf. zusichert. Die Maurer in Oldenburg(Mark) setzten durch VerHand- lung 2 Pf. Lohnerhöhung pro Stunde durch. Auf den st ä d t i s ch e n A n st a l t s b a u t e n in Buch besteht seit dem 1. Juli 1997 kein Vertrag. In diesem Jahre beginnt die Stadt Verlin wieder umfangreiche Baulichkeiten, zu deren Fertigstellung 6—B Jahre in Aussicht genommen sind. Gegenlvärtig sind bereits zirka 259 Mmirer und Bauhilfsarbeiter beschäftigt. Durch Verhandlungen zwischen dem Verband der Berliner Baugcschäfte und dem Maurer- und BauhilfSarbeiterverband ist unter Zustimmung der bcteiligtenArbeitgcber und Arbeiter ein Vertrag auf 3 Jahre geschlossen worden, der eine Lohnerhöhung von ü'/g Pfennig bringt. 2Vz Pfennig treten am 1. Oktober d. I., 3 Pfennig am 1. Oktober nächsten JahreS und ein ?Zfen»ig am 1. Juli 1912 in Kraft. Der Maurerlohn beträgt dann 4 Pfennig pro Stunde. In Strausberg i. M. haben die Bauarbeiter in der vorigen Woche die Arbeit niedergelegt. Die Unternehmer lehnten eS beharrlich ab, den Bauhilfsarbeitern eine Lohnerhöhung zu bewilligen. Achtung, Darmarbeiter und Fleischergrscllen! Wegen Maß- regelungen ist bei der Firma Schaub u. Co. in ihrer Filiale in Esbjerg(Dänemark) ein Konflikt ausgebrochen. Zuzug ist daher streng fernzuhalten. Da die Firma in vielen Orten in Deutschland Niederlagen hat, so dürfte bald ein Export von Arbeitskräften in- ländischer Filialen stattfinden. Die Parteipresse wird um Abdruck gebeten. Die Dachbecker von Essen und Umgegend sind gestern in den Ausstand getreten, nachdem die Verhandlungen auf Abschluß eines neuen Tarifvertrages mit der großen Mehrzahl der Arbeitgeber gescheitert sind. �Die Gehilfen verlangen in der Hauptsache Ver- Lerantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw kürzung der jetzigen IVstündigen Arbeitszeit auf 9'/ Stunden und Erhöhung des bisherigen Stundenlohnes von 56 auf 62 Pf. Bei zwei Firmen, von denen die Forderungen der Arbeiter bewilligt worden sind, soll weitergearbeitet werden. Zur Fcilenhauerbcwegung im Remscheidcr Jndustriebezirk. Die 14tägige Kündigungsfrist war am letzten Sonnabend abge- laufen. Zu Verhandlungen ist es während der Kündigungsdauer nicht gekommen. Die Unternehmer wollen den wirtschaftlichen Krieg. Der Streik der Feilenarbeiter hat am Montag seinen Anfang ge- nommen. Zuzug«st strengstens fernzuhalten. Ein Erfolg des Holzarbeiterverbandes. In Plauen i. B. war bisher im Verhältnis zu den anderen Städten gleicher Größe eine lange Arbeitszeit im Tischlergewerbe vorhanden; sie betrug 59—69 Stunden. Im Vorjahre trat der Holzarbeiterverband an die dortigen Arbeitgeber heran und wünschte Vcrhandluligen über die Verkürzung der Arbeitszeit. Die Arbeit- geber lehnten jede Verhandlung ab. Da die Konjunktlir eine un- günstige war, wollte der Holzarbeiterverband nicht zu schärferen Mitteln greifen. In diesem Jahre besserie sich die Konjunktur ganz wesentlich und stellten darum die Arbeiter die Forderung auf Ber- kürzung der Arbeitszeit auf 54 Stunden pro Woche. Da die Holz- arbeiter in Plauen über eine geschlossene und gute Orgailiiation verfügen, erklärten sich die Arbeilgeber„gern" zu Verhandlungen bereit und gelang es auch, wesentliche Zugeständnisse zu erreichen. Nur geringe Differenzen waren noch vorhanden. Zur Schlichtung derselben wurden die beiden Zentralvorstände angerufen und enlsandten diese je einen Venreier nach Plauen. Neben einer ganzen Reihe anderer Punkte war zivischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern vereinbart worden, daß der neu abzuschließende Vertrag auf vier Jahre gelten soll. Das ging dem Arbeitgeberschutzverband für das deutsche Holzgewerbe wider den Strich. Sein Vertreter veranlaßte die Arbeitgeber nun ganz Plötz- lich, den Abschluß eines dreijährigen Vertrages zu fordern, mit der Absicht, alle weiteren Berti äge nur bis zu 15. Februar 1913 laufen zu lassen, um alsdann mit dem Holzarbeiterverband General- abrechnuiig vornehmen zu könneii. Die Arbeiter lehnten diese Zu- mutung strikte ab und stellten die Arbeit ein. Nachdem jetzt der Kampf drei Wochen gedauert, konnte er mit einem vollen Erfolge für den Holzarbeiterverband beendet werden. Der vierjährige Vertrag wurde anerkannt. Weiter ioll eine Verkürzung der Arbeitszeit sofort auf 56 Stunden und ab 1. Juki 1912 auf 55 Stunden pro Woche er- folgen. Die Stundenlöhne werden sofort um 4 Pf., ab I.Juli 19l1 um 1 Pf. und ab 1. Juli 1912 um weitere 2 Pf. erhöht. Der Mindest- lohn sür Tischler, Drechsler. Polierer und Maschinellarbeiter beträgt 46 Ps. Die Akkordlöhne werden um 19 Proz. erhöht. Für Arbeiter auf Neu- und Umbauten ist ein Zuschlag von 5 Pf., bei Umzügen, sowie Arbeiten in Bleichereien und Appreturanstalten ein solcher von 19 Pf. pro Stunde zu zahlen. Bei Arbeiten außerhalb Plauens wird eine Aus- lösung von 1,59, mit Uebernachlung von 3,— M. pro Tag bezahlt. Hierzu kommen Auffchläge für Ueberstunden und einige weitere Ver- besscrungen. Der Holzarbeiterverband kann mit diesem Erfolge umsomehr zuftieden sein, als der Abschluß gegen den Willen des Borslandes des ArbeitgeberschutzverbandeS erfolgt ist und dieser mit allen Mitteln versuchte, den Kampf fortzusetzen. Die Sicherung deS Koalitionsrechtes bezweckt eine Eingabe der Ortsgruppe Dresden des Verbandes Deutscher Kuiistgewerbezeichner an den Rat und die Stadtversammlung der Stadt Dresden. Die Petenten wünschen, daß künftig bei Vergebung städtischer Aufträge solche Finnen ausgeschlossen werden, die der Koalitionsfreiheit ihrer Angestellten und Arbeiter Schwierigkeiten machen. Die Eingabe wird damit begründet, daß es auch im Interesse der Kommunen liegt, wenn sich Angestellte und Arbeiter zur Ver- besserung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Lage koalieren. Denn dadurch wird die Konsum- und Steuerkrast dieser Schichten ge- hoben. Andererseits haben sie ein Recht zu verlangen, daß die Mittel der Stadt, die von ihnen mit aufgebracht werden, nicht zur Unterstützung von Firmen verwendet werden, die gegen das Grund« reckt der Koalition, also gegen die rechtliche Grundlage zur Ver- besserung der Existenzbedingungen der Angestellten und Arbeiter verstoßen. Die Petition wurde veranlaßt durch die in den„Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst" in HelleAui-Dresden erfolgten Maßregelungen von Angestellten wegen Zugehörigkeit zu ihrer Organisation, dem Verbände Deutscher Kunstgewerbezeichner. Die Aussperrung in ber Tuttlinger Schuhindustrie dauert die 7. Woche unverändert weiter. Die Arbeitgeber haben zwar ihr Verlangen, die Arbeiter sollten bedingungslos die Arbeit auf- nehmen, fallen gelassen und Unterhandlungen gepflogen. Die ge- machten Zugeständnisse waren aber für die Ausgesperrten un- annehmbar und wurden von ihnen nahzu einstimmig abgelehnt mit dem Bemerken, daß man sich nicht umsonst wegen einer Bagatelle 6 Wochen aufs Pflaster setzen läßt. Die Stimmung der AuS- gesperrten ist gut, die Haltung eine vorzügliche. Zuzug nach Tuttlingen ist nach wie vor streng fernzuhalten. Ausland. Ein Tarifabschluß der Brauereiarbeiter in Wien. Mit 1. Juli ist zwischen der Brauereiorganisation und dem Schutzverband der niederösterrcichischen Brauereien in Wien ein Tarifvertrag zustande gekommen, der am 1. Juli in Kraft getreten ist und bis 39. Juni 1911 gelten soll. Er erstreckt sich auf 12 Braue- reien und Spiritusfabriten._ Achtung bei Arbeitsaugeboten nach Belgien. Vom internationalen Sekretariat wird vor Annahme von Arbeitsangeboten für die„Turnhoise" in Turnhout, Belgien, die Buntpapier für Buchbinderei- und Kartonnagenzwecke herstellt, ge- warnt. Die dortigen Arbeiter sieben im Streik. Die Agenten des Unternehmers bemühen sich eifrigst um Streikbrecher aus Deutschland._ Ein Abtvehrkampf. Sämtliche Arbeiter und Arbeiterinnen der staatlichen Zündholz- fabriken in Bögles bei Bordeaux sind wegen der Bestrafung eines Arbeiters in den Ausstand getreten. Bm der Frauenbewegung. Der internationale sozialistische Fraucnkongretz. Im August wird in Kopenhagen, der Hauptstadt Dänemarks, der internationale Kongreß aller sozialistischen Parteien tagen. Vorher werden sich auch die Genossinnen aus allen Ländern zu- sammenfinden, um auf einer Konferenz wichtige Fragen zu be- sprechen und, soweit es möglich ist, internationale Forderungen zu formulieren. Diese internationale Konferenz soll bor allem durch ausführ- liche Berichte den Teilnehmerinnen und durch sie allen Genossinnen der ganzen Welt ein klares Bild über den Stand der sozialistischen Frauenbewegung geben. Diese Berichte sollen aber auch für alle Länder neue Anregungen bringen. WaS in einem Land zu neuen Fortschritten geführt hat, daS kann auch in dem anderen Land nütz. lich und fördernd fein. Ein gegenseitiges Lernen soll den Ge- nossinnen eine solche Konferenz bieten. DieS ist wohl auch der wichtigste Grund für die Abhaltung der Konferenz. .'.Th. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. BerlaaSanstal Auf dieser neuen Konferenz ln Kopenhagen soll aber der Zu- sammenschluß der nationalen Organisation zu einer großen inter- nationalen Vereinigung gefördert werden. Es genügt nicht, wenn alle drei Jahre die verschiedenen nationalen Organisationen ihre Delegiertinnen zu einer gemeinsamen Beratung senden. Wir sollen immer lernen und immer mit allen Genossinnen in Verbindung stehen. Schon auf der letzten Konferenz in Stuttgart wurde Ge- nossin Zetkin zur internationalen Sekretärin der Genossinnen ge- wählt. Die Genossinnen aller Länder stehen stetig mit ihr in Ver- bindung und senden Berichte über die wichtigen Ereignisse ihrer Bewegung ein. Diese Berichte werden dann in der„Gleichheit.", dem Organ der deutschen Genossinnen, veröffentlicht. Diese Ver- bindung ist viel zu lose, als daß sie mehr sein könnte als eine ständige Information der leitenden Genossinnen. Diesmal soll diese Verbindung aber noch ausgebaut werden. Doch über die gegenseitige Vereinigung hinaus führen die � anderen Punkte der Tagesordnung. Zum erstenmal sollen auch die Grundrisse zu gemeinsamem Handeln gezogen werden. Nicht nur prinzipiell solle festgelegt werden, was alle sozialistischen Frauen in der Frage des Frauenwahlrechts und des Mutterschutzes ver- langen, es soll auch festgestellt werden, welche Taktik die Ge- nossinnen einhalten sollen bei dem Kampf um diese Forderungen. Wichtig ist vor allem die Frage der Taktik im Kampf um das Frauenwahlrecht. Hier weichen vor allem die englischen Ge- nossinnen zu einem großen Teil von der Forderung des allgemeinen, gleichen Frauenwahlrechtes ab und es besteht zwischen den eng- tischen Genossen und Genossinnen immer ein Streit über die Haltung zum Kampf der bürgerlichen Frauen. Ebenso ist über die taktische Haltung der Genossinnen im Wahl- rechtskampf noch kein internationaler Beschluß zustande gekommen. Es sollte wohl auf der letzten Konferenz der Beschlutz gefaßt werden, es sollen die proletarischen Frauen nicht mit den bürgerlichen Frauen gemeinsam vorgehen, auch sollen alle Wahlrcchtskämpfe der Genossen auch für das allgemeine Frauenwahlrecht geführt werden, aber da eine Einigung über diese Fragen nicht erzielt werden konnte, wurden die Wege zur Erreichung des Fraucnwahlrechts allen Nationen freigegeben. Auch diesmal wird es ausführliche Debatten geben, und die zwei Tage werden nur bei der größten Sclbstbeschränkung der Redne- rinnen ausreichen, um zu einem Ergebnis zu führen. Die Kon- ferenz wird aber vor allem eines zeigen, daß die sozialistische Frauenbewegung eine große und umfassende geworden ist. Die Frauen aller Länder nehmen an der sozialistischen Bewegung teil und überall nimmt ihre Zahl und ihr Eifer zu, Letzte IVacbricbten und DepeFcben, Gcheimrat Ehrlich über sein neues Heilmittel. Frankfurt a. M., 5. Juli.(W.T.B.) Geheimrat Paul Eh r« lich äußerte sich in einer Unterredung mit einem Vertreter der „Frankfurter Zeitung" über sein Syphilisheilmittel, das er gemein- sam mit seinen Mitarbeitern, insbesondere Dr. Bertheim und Dr. Hata entdeckt und hergestellt habe, und das unter der Be- Zeichnung Präparat 696 bereits in etwa hundert Kliniken an- gewendet werde. An der Vervollkommnung des Mittels werde noch unausgesetzt gearbeitet, es lasse sich aber schon heute sagen, daß nach den bisherigen Erfahrungen so viele erstaunliche Besserungen syphilitischer Fälle festgestellt werden konnten, daß die größten Er- Wartungen auf die Heilkraft des Präparates gesetzt werden dürften. Die Wirkung trete schneller ein als bei der bisherigen Behand» lungsweise. Die Spirochaeten verschwänden bei der Tiersyphilis und Menschensyphilis in ungemein vielen Fällen schon nach 24 bis 48 Stunden bei Primäraffekten. Gute Wirkungen seien auch bei veralteten Fällen erzielt worden. Die Wassermann- sche Blutreaktion, die einen wichtigen Gradmesser für die Wirk« samkeit des Präparates 696 darstelle, habe im allgemeinen gute, also negative Ergebnisse geliefert. Professor Ehrlich erklärte, er gebe der chemischen Behandlung der Syphilis gegenüber der Serum- behandlung den Vorzug, da bei letzterer keine völlige Abtötung der Krankheitserreger erfolgt._ Das AltersversorgungSgesetz. Paris, 5. Juli.(W. T. B.) Im heutigen Ministerrate teilte Arbeitsminister V i v i a n i mit, das Gesetz über die Arbeiter- Ruhegehälter werde erst in der zweiten Hälfte deS nächsten Jahres zur Anwendung gelangen können. Der hierfür in das Budget für 1911 noch einzustellende Betrag belauft sich auf 45 Millionen Franks, die für die Arbeiterpensionen vorgesehene jährliche Ausgabe wird mit ungefähr 135 Millionen Franks beziffert. Großfeuer in Dresden. Dresden, 5. Juli.(W. T. B.) Im Kömg-Dlbert- Hafen brach heute abend in der 8. Stunde ein großes Schadenfeuer aus, das in kurzer Zeit einen Speicher, in dem sich Baumwolle. Jute und Oelvorräte befanden* vollständig zerstörte und bereits einen zweiten Speicher er- griffen hat. Sämtliche Dresdener Löschziige sind in an- gestrengter Tätigkeit, um ein weiteres Umsichgreifen des Feuers zu verhindern. Ein Feuerwehrmann ist, obwohl� er mit eine? Rauchmaske versehen war, im Qualme erstickt. Drei Arbeiter ertrunken. Stuttgart, 5. Juli.(B. H.) In Reutlingen ist heute in der Trikotagenfabrik von Heinzelmann an einem vor kurzem erbauten Wasserreservoir der Deckel geborsten. Drei daran beschäftigte Arbeiter sind in den Wasserbehälter gestürzt und ertrunken. Dhnamitexplosion. Chamonix(Dep. Haute Savoie), 5. Juli.(W. T. B.) In einem Schuppen, welcher bei dem Bau der Bahnlinie Chamonix— Mar- tigny zur Aufbewahrung von Sprengstoffen gedient hat, ist eine Dynamitpatrone explodiert. Zwei in der Nähe spielende Kinder sind getötet, ein drittes Kind ist lebensgefährlich verletzt worden. Ein Dampfer gekentert. Reikiavif, 5. Juli.(W. T. B.) In der Langau eS- Bucht an der Nordostspitze von Island ist daS isländische Schiff „Kierstine" gekentert. 12 Personen find umgekommen. Opfer der Hitze. Rew-Dork, 5. Juli.(B. H.) Ganz Nordamerika hat noch immer unter der furchtbaren Hitze zu leiden. Die Temperatur ist andauernd fast unerträglich. In zwölf Städten des Staates New- Dork sind insgesamt 171 Personen der Hitze erlegen. Die Ein» w o h n e r, die sich nicht nach den Bergen oder dem Strande begeben können, verbringen die Nächte außerhalb ihrer Woh» nungen auf offener Straß-, in den Parks usw., wo sie Ab- kühlung suchen._ Paul Singer& Co., Berlin S W. Hierzu 3 Beilage« u. llnterhaltungsbl, Ar. 155. 27. Jahrgang. 1. Irilnje te Jotmätte" Kttlim Ww-ch. 6. Inn im ßernfsitatlitik. Von den 61,7 Millionen der Reichsbevölkerung lebten nach der Zählung am 12. Juni 1907 11792 919 Personen oder 19,11 Proz. in den 42 Großstädten des Reiches. Von der Großstadtbevölke- rung sind 3 283 137 oder 27,84 Proz. Kinder unter 14 Jahren, im Alter von 14 bis 30 standen 32,15 Proz.(3 791317); 34,22 Proz. (4 034 476) waren 30 bis 60 und 5,79 Proz.< 683 033) 60 Jahre und darüber alt.(56 Personen unbekannten Alters sind ausgeführt, das sind 0,00 Proz.) Die Altersklassen, welche die Jahre der eigentlichen Erwerbsfähigteit umfassen, sind bei der Großstadt- bevölkerung stärker besetzt als bei der übrigen nichtgroßstädtischen Bevölkerung eine Folge der Zuwanderung. Zum Vergleich sei hier die Verteilung der Gesamtbevölkerung der übrigen nichtgrotzstädti- schen Gemeinden auf die entsprechenden 4 Altersklassen gegeben; der Zahl nach Proz. �Atädte unter 14 Jahren. 16 885 499 33.82 27,84 14—30. 13 584 623 27,21 32,15 30—60. 15 445 089 30,93 34.22 60 und darüber 4 008 351 8,03 6,79 unbekannt...._ 4 948_ 0,01_ 0,00 insgesamt.... 49 928 510 100,00 100,00 Sowohl unter den Erwerbstätigen als auch den Angehörigen ohne eigenen Hauptberuf zeigt sich das gleiche Verhältnis eines geringeren Anteils der Kinder und der Alten und einer höheren Besetzung der mittleren Altersstufen in den Großstädten gegenüber dem Reichsdurchschnitt. Unter den Erwerbstätigen der Großstädte find 0,24 Proz. Kinder unter 14 Jahren und 4,29 Proz. 60 Jahre und darüber, in den übrigen Gemeinden ist der Verhältnisanteil der Kinder 1,31 und der Alten 7,76 von der Gesamtzahl der Er- werbstätigen. Das gleiche Bild geben die Verhältniszahlen der Angehörigen. Von 100 Angehörigen in den Großstädten sind 56,02 Kinder. 16,99: 14—30 Jahre alt. 24.00: 30—60 Jahre alt und 2,99 älter, während von den Angehörigen im übrigen Reichsgebiet« 66,24 auf Kinder, 11,98 auf 14— 30jährige, 17,80 auf 30— 60 Jähre alte und 3,98 Proz. auf über 60jährige entfallen. Die vier Bevölke- rungsgruppen, die sich nach ihrer Beziehung zum Hauptberufe bil- den, verteilen sich nämlich nach dem Alter in folgender Weise: Großstadtbevölkerung Erwerbstätige unter 14 14 bis 30 30 bis 60 S (A-E)...... 12101 2 400 161 2366 737 218 526 38 Dienende(bei der Herrschaft).... 2 318 326 777 63 114 6 152 1 Berufslose Selb- ständige..... 72 417 24 863 240 501 293 79« 7 Angehörige ohne Hauptberuf... 3 196 301 969 61« 1 369 124 170 659 10 Uebrige Bevölkerung unter 14 14—30 30—60 60 u. dar. unbek. Erwerbstätige 284 635 9 661 166 10 210 535 1 696 666 2784 Dienende. 26 955 710 069 107 923 17 406 40 Berufslose Selbständige 334 013 286 969 762 036 1 319 911 1480 Angehörige.. 16 239 346 2 937 429 4 364 695 976 369«80 Die Betrachtung der Anteile der Altersstufen an der Zahl der Erwerbstätigen der einzelnen Berufsabteilungen in den Groß- städten gegenüber denen in den übrigen Gemeinden gestaltet sich ebenso wie die Verteilung für die Erwerbstätigen A— E insgesamt (eine Ausnahme macht allein die Altersstufe 16—30 bei der Berufs- abteilung v). Der Zahl nach verteilen sich die Erwerbstätigen der Altersklassen auf die Berufsabteilungen wie folgt: Berufs« unter 16 16—30 30—60 50—70 70 u. dar. unbek. Abteilung in den Großstädten: A>) 9 870 26 892 25 063 14 738 1 593— B2) 138 907 1 281109 1 059 795 310 638 16 757 14 C3) 62 027 559 054 672 450 189 467 11 115 16 v«) 8 536 68 471 79 225 44 872 2 886 1 E6) 5 163 269 227 180 817 58 949 3 898 7 in den übrigen Gemeinden im Reich: A') 882058 3 251 536 3 299 994 2121496 256 261 750 B2) 561 874 3 630 837 3 142 203 1039 853 74 956 811 C) 76 575 718 216 904 809 361 404 31 614 879 D4) 19 970 94 632 86 337 69 969 6 756 40 E5) 18 282 682 871 364 369 143 002 13 677 268 >) Land- und Forstwirtschaft,') Industrie und Bergbau, '} Handel und Verkehr, 4) Lohnarbeit wechselnder Art oder persön- liche Dienstleistung nickst bei der Herrschaft lebender Personen, «) Oeffentlicher Dienst und freie Berufe. kleines feuilleton. In den Ruincnstätte« der Mayaknltur. In unerforschten Ge« bieten Vukatons, die nur selten des Weißen Fuß betritt, liegen die Denkmäler einer gewaltigen Kultur, die vor der Eroberung von Zentralamerika durch die Spanier von den Maya hier entwickelt wurde und in der Fülle ihrer gewaltigen Bauten selbst die alt- mexikanische Kultur in den Schatten stellt. Diese im dichten Wald begrabenen Monumente hat ein amerikanischer Forschungsreisender F. I. Tabor Frost aufgesucht und erzählt im..Wide World Magazine" von seinen Entdeckungen, die er zunächst in der Ruinenstadt Chichen Jtza machte. Die große Pyramide von Chichen Jtza trägt ans ihrer abgeplatteten Spitze die Trümmer eines kolossalen Tempels, der sich dereinst in seiner Pracht in einer Höhe von 120 Fuß in die Lüfte streckte. Auf Treppen von je 120 Stufen kann man von allen vier Seiten aus hinauf- steigen und die Räume des Tempels betrachten, an deren Türpfosten die in den Stein gehauenen Gestalten der Priester noch heute so feierlich grausig stehen, wie damals, als die Maya ihre fürchterlichen Opferfeste feierten. Nur der östliche Raum hat dicke Pfeiler, die in der Gestalt vielfach geringelter Schlangen emporstreben. Von einer gewaltigen naturalistischen Kraft sind die Formen dieser hinauf- züngelnden Ungeheuer, in deren Augenhöhlen noch heute unheimlich die Spuren grüner Steine leuchten. Darf man der Kunde glauben, die von den blutigen Neligionszeremonien der Maya zu uns gedrungen ist, dann haben emst in diesen Mauern die Priester- berrscher der Jtzas die noch zuckenden Herzen ihrer heiligen Opfer zerrissen, nachdem sie ihnen vorher mit ihren Feuersteinmessern bei lebendigem Leibe die Brust geöffnet. Die noch klopfenden Herzen wurden dann in diesem Allerheiligsten zu Ehren der Göttin Sonne verbrannt, während die toten Körper die Steintreppen der Pyramide Herabrollren zu der andächtig versammelten Menge, die dann aus diesen Opfern ihre. Mahlzeit bereitete. Nicht weit von diesem Temgelbau des Sonnengottes befindet sich nnter den Ruinen von Chichen Jtza ein anderer Schauplatz entsetzlicher Riten, ein Teich, der als ein Bassin von hundert Fuß Tiefe und 600 Fuß Umfang ausgeniauert ist. Es war der Ort� an dem der Regengolt von den Maya verehrt wurde: auch er mußte durch furchtbare Opfer versöhnt werden, und die Knochen dieser Opfer sind von Tabor Frost zahlreich auf dem Grunde des BaffinS aufgefunden. Es erwies sich, daß es ausnahmslos die Gebeine von jungen Mädchen im Alter von 12— 16 Jahren waren. Sie wurden wahrscheinlich von den Priestern, nachdem in einem kleinen Gebäude in der Nähe des Teiches barba- rische Zeremonien vorgenommen waren, in den todbringenden Pfuhl hinabgestürzt. Im Südwesten von der Tempelpyramide befinden sich die Trümmer einer mächtigen Anlage, von der eine Mauer zum Teil »och steht und die augenscheinlich einen sehr großen Hof bildete. Wie von der Gesamtzahl der im Reiche gezählten Erwerbs- tätigen der beiden Berufsabteilungen C und D die in der Groß- stadt lebenden, im Handel und Verkehr erwerbend Tätigen etwas über ein Drittel und die mit Lohnarbeit wechselnder Art sich Er- nährenden sogar nahezu die Hälfte aller im Reiche betragen, so ist auch der Anteil jeder der einzelnen Altersklassen der großstädtischen Erwerbstätigen dieser beiden Berussabteilungen am größten, den Durchschnitt des Anteils der Großstädter an der Rcichsbevölkerung am weitesten übersteigend. Den Höchstanteil von 47,85 Proz. aller Erwerbstätigen der gleichen Berufsabtcilung und der gleichen Alterstufe erreichen die 30— bvjährigen Lohnarbeiter Uvechseln- der Art(D) in der. Großstadt und unter den Erwerbs- tätigen des Handels die großstädtischen E-Personen der Altersklasse 16— 30(mit 43,77). Unter den 50— 70jährigen Personen der Abteilung V entfallen 42,80 der im Reiche ge- zählten auf die Großstadt. Die entsprechend« Zahl für die 16— 30 Jahre alten großstädtischen Lohnarbeiter(wechselnder Art und per- sönlicher Dienstleistung) stellt sich auf 41,98 Proz. und für die in der Großstadt gezählten Jugendlichen, die im Handel beschäftigt sind, auf 40,46. Die 30— 50jährigen und die 50— 70 Jahre alten großstädtischen im Handel Berufstätigen überragen auch noch den Durchschnitt weitaus, die Großstädter unter ihnen machen 38,75 bezw. 34,39 Proz. der im Reiche ermittelten gleichaltrigen Berufs- genossen aus. Von der Gesamtbevölkerung der Großstädte sind 6,875 Millio- nen ledig, 4,261 Millionen verheiratet(oder getrennt lebend') und 656 050 verwitwet oder gerichtlich geschieden. Diese Zahlen ver- teilen sich auf die Bevölkerungsgruppen in folgender Weise:" ledig verheiratet verwitwet Erwerbstätige(A— E) 2 461 226 2 248 353 272 984 Dienende bei der Herrschaft 388 509 3 887 9 966 Berufslose Selbständige 245 962 155 597 300 025 Angehörige ohne Hauptberuf 3 779 341 1 853 094 573 075 Während bei den Erwerbstätigen der Anteil der Verheirateten in den Großstädten geringer ist als im Reich im ganzen, sind unter den Angehörigen in den Großstädten 32,5 Proz. verheiratet, im Reiche dagegen ein geringerer Verhältnissatz, nämlich 26,1. In den 42 Großstädten des Reiches sind 8,39 Millionen evan- gelisch, 3,04 Millionen der Gesamtbevölkerung katholisch und 269 827 jüdisch. Im Reich insgesamt sind 38,37 Millionen Evangelische ge- zählt worden, die Katholiken sind mit 22,54 Millionen in der Ge- samtbevölkerung vertreten und insgesamt sind 566 999 Israeliten ermittelt, so daß also nahezu die Hälfte aller Juden in den Groß- städten lebt._ Hus der Partei. Die sozialistische Einigkeit in England. - Man schreibt uns aus London vom 2. Juli: Mit dem Herannahen des Internationalen Kongresses in Kopenhagen tritt die Frage der sozialistischen Einigkeit in England wieder stärker in den Vordergrund. Die sozialistische Bewegung in England be- findet sich noch immer in einem Zustand der schlimmsten Desorgani- sation. Die Zahl der selbständigen zumeist einander eifersüchtig bekämpfenden Organisationen nimmt eher zu als ab. Jede dieser Organisationen zeichnet eine sektenhafte Unduldsamkeit gegenüber den Grundsätzen und Methoden aller übrigen aus. In Wirklichkeit sind die Unterschiede weder zahlreich noch tiefgreifend, aber sie wer- den von eifrigen Wortführern aller Parteischattierungen grotesk übertrieben. Auch persönliche Gehässigkeit zwischen verschiedenen Führern ist nicht selten im Spiele. All dies erschwert in unnötiger Meise ein einheitliches Zusammenwirken und schwächt die Gesamt- bewegung innerlich und äußerlich. Es gibt in England unzweifel- Haft große Massen von sozialistisch denkenden oder fühlenden Per- sonen, die sich einer starken einigen sozialistischen Arbeiterpartei ohne Zögern anschließen würden, aber von dem Schauspiel ein- ander bekämpfender und mißachtender Fraktionen abgeschreckt, der Bewegung verloren bleiben. In der Praxis reduziert sich die Frage der sozialistischen Einig- keit in England auf die des Verhältnisses zwischen den beiden größten sozialistischen Organisationen des Jnselreiches, der I. L. P. (Jndependent Labour Party— Unabhängige Arbeiterpartei) und der S. D. P.(Sozialdemokratische Partei). Die I. L. P. ist der parlamentarischen Arbeiterpartei angeschlossen, die S. D. P. da- gegen nicht. Gegenwärtig gehen die Anregungen zur Herstellung der soziali- stischen Einigkeit von der S. D. P. aus. Die letzte Jahreskonferenz Das LieblingSspiel der alten Bewohner von Aukatan, ein Ballspiel, fand in diesem Hofe statt. Dies Ballspiel hatte bei den Mayas einen religiösen Charakter; jeder Spielplatz war zugleich ein Tempel. Von der Spitze der großen Pyramide sieht man durch den dickten Urwald die Steinmassen zahlreicher anderer Gebäude heraus- leuchten. Der dänische Rattenkrieg. Die dänische Regierung veröffent- licht jetzt die Ergebnisse des großen Feldzuges gegen die Ratten, der mit dem Gesetz vom 22. März 1907 begonnen hat. Das Gesetz sieht für den Kopf jeder getöteten Ratte eine Prämie von 8 Oere vor. Vom 1. Juli 1907 bis zum 30. Juni 1908 sind in Dänemark nicht weniger als 1 375 479 Ratten getötet worden. Im folgenden Jahre belief sich die Ziffer auf 1 094 223 Ratten. In zwei Jahren sind also rund 2zh Millionen der schädlichen Nagetiere vernichtet worden; der Staat hat insgesamt 307 000 Kronen an Prämien ausgezahlt. Da eine Ratte täglich mehr als einen Pfennig an Wert zerstört, um sich zu ernähren, so ergibt sich für das Nationalvermögen eine Ersparnis von mehreren Dutzend Millionen Mark. Man hat den Schaden, den die Ratten in den Kulturstaaten anrichten, für Frankreich jährlich auf rund 160 Millionen Frank berechnet, für Deutschland auf 200 Millionen und für England gar auf 300 Mil- lionen allein für die Landdistrikte. Boraussichtlich werden andere Staaten durch den Erfolg in Dänemark veranlaßt, ähnliche Schutz- maßregeln gegen die Rattenplage einzuführen. Helden deS Durstes. Es ist schier unglaublich, waS manche Tiere, darunter auch große Vertreter der Säugetiere, an Ent- behrungen von Speise und Trank zu leisten vermögen. Manche Ge- schöpfe haben diese Tugend fteilich ein für allemal von der Mutter Natur erhalten. Ein besonders berühmtes Beispiel für Hnnger- knnstler des Tierreiches sind die Schlangen. Weit merkwürdiger noch ist aber wohl die Tatsache, daß Tiere von riesenhaftem Körperbau, die sonst an eine reichliche Versorgung mit Nahrung gewöhnt sind, in manchen Gebieten auch unter höchst dürfligen Umständen zu leben vermögen und sogar ihren ständigen Aufenthalt in solchen Gegenden nehmen. Der Afrikareisende Stockley berichtet über Nashörner im Somali-Land, die lange Zeit ganz ohne Wasser auskommen, während man sich das Rhinozeros doch gewöhnlich in Sümpfen hausend vor- stellt und dies Tier auch in großen zoologischen Gärten gewöhn- lich in einem Gehege sieht, das mit einem künstlichen Wassertümpel versehen ist. Der Reisende hat in einigen Teilen der Landschaft Bur Dap Nashörner angetroffen, wo während der Trockenzeit über eine weite Fläche hin nicht die geringste Wasseransammlung vor- handen ist. Die Tiere müßten wenigstens 50 Kilometer wandern, che sie zu einem Trinkplatz kämen, und nur sehr selten machen sie diese weilläusige Reise. Sie scheinen sich ganz daran gewöhnt zu haben, sich mit der Feuchtigkeit zu begnügen, die in den Blättern einer dort vorkommenden Aloepflanze aufgefpeichert ist. Auch die Leisa- Antilope lebt in diesem Durstlande und macht ef ähnlich dieser Organisation, die zu Ostern in West Ham stattfand, nahnr eine Resolution an, in der der Borstand beauftragt wird, dem Internationalen Bureau eine Darstellung der von der S. D. P. gemachten Bemühungen zur Herstellung der sozialistischen Einigkeit vorzulegen, um dann die ganze Frage dem Kopenhagenev Kongreß zu unterbreiten und dessen Ansicht über den einzu- schlagenden Weg einzuholen. Die S. D. P. veröffentlicht jetzt, vermutlich in Ausführung dieser Resolution, eine Broschüre über die sozialistische Einigkeit, die aus Auszügen aus den Berichten früherer Kongresse der S. D. P., aus der Wiedergabe von Korrespondenzen zwischen der I. L. P. und der S. D. P. und einem kurzen Vorwort des Sekre- tärs der S. D. P., des Genossen H. W. Lee besteht. In der Ent- Wickelung dieser Streitfrage lassen sich zwei Perioden deutlich unterscheiden, die durch das Auftreten der Arbeiterpartei voneinander getrennt sind. Früher scheiterte die Einigung an der Frage, ob sie die Form der völligen Verschmelzung oder einer lojen Föderation der beiden Organisationen annehmen sollte. Die I. L. P. war zur Föderation als einem Schritt zur späteren Verschmelzung bereit, lehnte aber die unmittelbare Verschmelzung ab. Die S. D. P. dagegen wollte sich nur zu einer sofortigen Ver- schmelzung, nicht aber zur Föderation verstehen. Seit dem Erstarken der Arbeiterpartei, der anfangs beide Or- ganisationen angehören, bis sich die S. D. P. im Jahre 1901 zurückzog, nimmt die Frage eine neue Form an. Die S. D. P. hat seit dem Amsterdamer Internationalen Kongreß 1904, der eine die Einigung befürwortende Resolution angenommen hatte, sich verschiedentlich an die I. L. P. zur Besprechung dieser Frage ge- wandt. Die I. L. P. hat auf diese Annäherungsversuche regelmäßig geantwortet, daß die sozialistische Einigkeit nur innerhalb der Arbeiterpartei verwirklicht werden könne, mit anderen Worten, sie forderte die S. D. P. auf, sich der Arbeiterpartei an- zuschließen. Davon wollte jedoch die S. D. P. nichts hören, son- dern vertrat den Standpunkt, daß die Einigung bezw. Verschmel- zung der verschiedenen sozialistischen Organisationen mit deren Beziehungen zur Arbeiterpartei nichts zu tun habe. Dies ist auch die heutige Situation, und wenn der Kopen» Hagener Kongreß die Frage der sozialistischen Einigkeit in England zu behandeln haben wird, dann wird er eigentlich darüber seine Ansicht äußern müssen, ob die S. D. P. der Arbeiterpartei beitreten soll oder nicht. Ohne Zweifel kann der Internationale Kongreß sehr viel zur Gesundung der englischen Parteiverhältnisse beitragen. Der letzte Parteitag der S. D. P. hat unverkennbare Anzeichen dafür ge- liefert, daß die Mitglieder der langen Isolierung ihrer Organisation endlich satt zu werden beginnen, daß sie einen engeren Zusammenschluß an die organisierten Massen herbeisehnen. Hätte die Ar- beiterfraktion in den großen Kämpfen des letzten Jahres mehr Entschlossenheit, Selbstbewußtsein und Unabhängigkeit gezeigt, dann wäre der Anschluß der S. D. P. heute vielleicht schon eine voll- endete Tatsache. So wie sich die Haltung der Arbeiterpartei im Parlament gestaltete, hätte sich die S. D. P. nur unter Uebev- Windung eines vielleicht nicht ganz unberechtigten Selbstgefühls zu diesem Schritte entschließen können. Sie wäre einem Anschluß nicht abgeneigt, aber sie fürchtet den Schein, als reumütige Büßerin, zu kommen. Es ist auch nicht zu leugnen, daß manche Führer der Arbeiterpartei, durch ihre raschen äußeren Erfolge geblendet, nicht selten geneigt sind, die älteren sozialistischen Organisationen, die schließlich doch die Grundlagen ihrer heutigen Machtstellung gelea. haben, ja gelegentlich auch die Bruderparteien anderer Länder, mit einer gewissen parvenumätzigen Ueberhebung zu beharoeln. Auf der anderen Seite begegnet fteilich auch die S. D. jä. dem jungen Emporkömmling manchmal mit trotziger Undulffamkeit. All dies erschwert die Einigung des Sozialismus nnter Kr Flagge der Arbeiterpartei, die auch wir als die in England auf die Dauer einzig mögliche betrachten. Aber was die englischen Fraktionen aus eigemr Kraft wicht vollbringen können, dazu könnte ihnen der Internationale Kongreß verhelfen, wenn er mit Vorsicht und Takt zu Werke geht. Zu einem Anschluß der S. D. P. und der Arbeiterpartei die außer den ausgesprochen sozialistischen Organisationen nur noch aus Gewerkschaften besteht, muß es früher oder später kommen. wie die Nashörner. Für den Genuß /der Aloe scheint freilich ihr Gaumen nicht abgehärtet genug zu sein. Jedoch hat sie gelernt, in einer kleinen Art von Kürbisten einen gewissen Ersatz für Trinkwasser zu finden. Die Kudu-An tilope dagegen teilt sich mit dem Rhinozeros in den Tisch, der ihnei.i spärlich genug von der Aloe gedeckt wird. Man sieht daraus, daß' die triviale Redens» art„der Mensch gewöhnt sich an alles" in gewisfl-r Hinsicht auch für die Tiere gilt und daß sogar ein Nashorn, das» sonst am liebsten bis am Hals im Wasser sieht, Heldentaten im Ertragen von Durst vollbringt, in dem es mit dem in dieser Beziehung berühmten Kamel in Wettbewerb tritt. � Notizen. — Die Fritz Reuter-Hnndertjahr-AuSste'llung im Künstlerhaus zu Berlin(Bellevucstr. 3) wird Dienstag,- den 12. Juli, als am Todestage des Volksdichters, eröffnet. Lu\dcr« selben sind wertvolle und interessante Gegenstände von nah?wd fern zusammen gekommen. — Theaterchronik. Im Deutschen Theater wir*-d der Spielplan dieser Woche abgeändert. Mittwoch und Donnerstag � gelangt„lieber unsere Kraft" zur Aufführung. Freitag wird„Die Reichstagswahl", ein politischer Schwank von Walter Turszhn«!: und Richard Wurmfeld gespielt. — Die hohe Schule der Hohenzollern. MS Naumburg wird der„Franks. Ztg.".berichtet: Im hiesigesi Stadttheater fand die Uraufführung eines Schauspiels von Helene v. Monsengeil statt. Der auf dem Theaterzettel figurierende König Friedrich II von Preußen trat am Abend nicht auf, weil die Polizei ihm dazu die Erlaubnis nicht erteilt hatte, mit der Begründung. daß Angehörige deS Königshauses erst dann ans die Bühne gebracht werden dürfe», wenn das betreffende Stück am königl. Schauspiel- haus in Berlin aufgeführt worden sei.— Jetzt weiß man wenigste«». wozu das Schauspielhaus da ist. — Der Rompreis des 18 Jährigen. Der große ftan- zösische Rompreis für Musik ist diesmal einem 18jährigen Jüngling. Nosl Gallon, für seine Kantate„AciS und Galatea" zuge- sprachen worden. Die Jury, die ihm diesen Preis zuerkannte, setzte sich aus den ersten französischen Musikern zusammen. Noch selten hat sich sin Konservatorium ein Kandidat von solcher Jugend mit solcher Einmütigkeit den höchsten Preis errungen. — Riesenpreise für Vogeleier. Die Eier deS großen Alk, der erst vor ungefähr 70 Jahren durch unsinnige Verfolgungen seitens der Menschen zum Aussterben gekommen ist, gelten als die größten Seltenheiten des Eiersammlers, und die Preise waren in den letzten Jahren bis aus 6000 M. und mehr pro Stück gestiegen. Neuerdings im» ist der Kurs dieser Kostbarkeit gesunken, denn auf einer Auktion, die in London stattfand, wurden erheblich geringere Preise gezahlt. S3ee Zeitpunkt Tann veschleunigk BerSen, Kenn Sem schwächeren Teil die Möglichkeit geboten wird, dies ohne Gefühl der Demüti- gung zu tun. Eine Verschmelzung der sozialistischen Organisationen allein würde in keiner Weise genügen, denn es bliebe dann immer noch die weit wichtigere Frage von deren Verhältnis zur Arbeiter- Partei zu lösen. Dagegen würde der Anschluß der S. D. P. die sozialistische Einigkeit auf eine Weise herbeiführen, die der Ge- samtbewegung am meisten zuträglich wäre. Die S. D. P. würde die Schwächen, die ihr infolge ihrer Isolierung anhaften, verlieren; ihre engere Verbindung mit den großen gewerkschaftlichen Organi- sationen würde sie der Wirklichkeit des proletarischen Klassen» lampfes näherbringen. Die Arbeiterpartei würde dagegen an theo- retischer Klarheit gewinnen, und die S. D. P. könnte dem überwiegenden Einfluß der oft sehr opportunistischen Führer der I. L. P. auf die Arbeiterpartei ein Gegengewicht bieten. Wenn der Kopenhagener Pongreß auf die S. D. P. in diesem Sinne ein- zuwirken sucht, dann wird er, glauben wir, bei ihr ein williges Ohr treffen, und für die gesunde Fortentwickelung der englischen Parteiverhältnisse dasselbe leisten können, was der Amsterdamer Kongreß für die französischen geleistet hat. Varteiliteratur. Im Berlage der Buchhandlung Vorwärts, Berlin. erschien soeben: Alkoholfrage und Arbeiterklasse. Heft 6 der Arbeiter» Gesundheits-Bibliothek. G. Auflage. Der Verfasser hat unter Berücksichtigung deS Leipziger Parteitagbeschlusses ein neues Vorwort vorangeschickt, in dem er hervorhebt, daß der aus politischen Motiven geborene Beschluß diesen Zweck weit hinter sich lassend die Arbeiterklasse stärkt in ihrem Kampfe gegen daS preußische Junkertun, .Denn", sagt der Verfasser,„mit jedem Tropfen Schnaps, den die deutsche Arbeiterschaft weniger trinkt, fällt auch etwa« von der Täuschung und dem Trost dahin, mit dem die Alkoholbetäubung das proletarische Elend verdeckt. Und jede Minute, die die Arbeiterschaft so für die nüchterne, verstandesklare Betrachtung ihrer Lage gewinnt, bedeutet neue Kraft zur Abschüttelung des Joches, unter dem sie seufzt. Jede solche Minute kalten, klaren Erkennens erzeugt neue Gedanken, neue Einsicht, neue Gefühle der Empörung, die zusammen« gehämmert durch den Druck der Verhältnisse jenen proletarischen Gesamtwillen erzeugen, der, alle Hindernisse überwindend, zum Siege führen muß.' LuS dem Inhalt heben wir die folgenden Kapitel hervor: Was versteht man unter Alkoholfrage Z— Häufigkeit der Alkoholerkrankungen. Alkohol und Verbrechen.— Lebens- dauer der Abstinenten und der Mäßigen.— Die Ursachen deS AlkoholiSmuS.— Die Trinksttte, der Trinkzwang.— DaS Proletariat und der Alkohol.— Warum wir Abstinenten sind. DaS Heft ist zum Preise von 20 Pf. durch jede Parteibuchhand- lung und Kolporteure zu beziehen. Eine Ausgabe auf besserem Papier kostet Sl) Pf. Im selben Verlag erschien: Gegen de» Militarismus. Heft S der Sozialdemokratischen Flugschriften. Aus dem Inhalt heben wir hervor: Die bösen Sozialdemokraten.— DaS Heer gegen den„inneren Feind'.— DaS stehende Heer.— Der Kasten- dünkel.— Der Kommißgeist im bürgerlichen Leben.— Die HeereS- kosten.— Kosten pro Soldaten. Das Heer der pensionierten Offiziere.— Die Schuldenlast.— Der Soldaten beste Freunde.— Die Nutzanwendung. Die Broschüre kostet 10 Pf. und ist in allen Parteibuchhandlungen erhältlich. Eine Agitationsausgabe, die aber nur an AgitationS- komiteeZ usw. abgegeben wird, ist ebenfalls hergestellt und zum Preise »oa 10 M. für 1000 Exemplare zu beziehen. Soziales. Gegen Einengung d«S Begriffs„Betriebsunfall". Wer Arveiter Otto SHw. war am 21. Dezember 1008 im De- triebe der Firma H. u. W. in Berlin mit noch einem anderen Arbeiter beschäftigt, 4— S Zentner schwere Fässer zu verlegen. Berm Ausheben des vierten Fasses klagte Sch. seinem Mitarbeiter plötzlich über Schmerzen in der Magengegend und Uebelkeit. Er konnte nicht mehr ioeiter arbeiten. Sch. begab sich sofort zum Arzt. Am darauffolgenden Tage wurde Sch. in dem Krankenhaus Britz aufgenommen. Hier mußte eine Operation des oberen Teils der Leibeshöhle vollzogen werden; dabei wurde ein Durchbruch der Wagenwand infvlge eiueS Geschwürs festgestellt. / Einige Tage nach der Operation ist Sch. verstorben. Die Witwe führte den Tod ihres Mannes aus das Heben der schweren Fässer zurück. Sie stellte bei der Lagerel-Berussgcnosscnschast den Antrag auf Gewährung der Hinterbliebenenrente. Sie wurde in- dessen mit ihrem Anspruch abgewiesen. In der Begründung hieß eS:„Ein Betriebsunfall im Sinne des Gesetzes, d. h. ein plötzliches abnormes Ereignis liegt nicht vor, der mit seinen Folgeerschei- nungen zum Tode kührende Durchbruch des Magengeschwürs viel- mehr der g-wöhnliihen. seit Jahren verrichteten Tätigkeit ohne äußere Veranlassung erfolgt ist." Gegen diesen �blehnungöbescheid legte die Witwe Berufung beim Schiedsgericht für Arbeiterversicherung Stadtkreis Berlin ein. Indessen auch hier wurde sie abgewiesen. Maßgebend für die Zurückweisung d'r Berufung war das vertraucnsärztliche Gut- achten des Herr.» Dr. E., der sich im wesentlichen auf dem Stand» puntt der Bergfsgenossenschast stellt. Der Sachverstandige meint, daß der Dutichruch des Magengeschwürs ebenso gut beim Niesen. Stuhlleer� usw. erfolgen kann. Einen Betriebsunfall könne er micht antzkennen, denn Sch. hat die Arbeit jahrelang verrichtet und der Vv fall ereignete sich erst beim Aufrichten des vierten Fasses. DaS Schiedsgericht schloß sich dieser ärztlichen Aeußerung seine? Verlauensarztes an. Die Zurückweisung der Berufung wird vom Schedsgericht damit begründet:„daß die Arbeit lediglich die Ge» le/enheitSursache für den Geschwürdurchbruch— der wohl auch swieso in Kürz««ingetreten wäre— gewesen sei. Derartige Magengeschwürdurchbrüche ereignen sich öfters ohne weitere Ver- gnlafsung bei irgend welcher Gelegenheit". - Die Witwe focht daS Urteil des Schiedsgerichts im Rekurswege an. Das Reichsversicherungsamt beschloß weitere Beweiserhebung und entschied vor kurzem die Sache zugunsten der Witwe. Von der Arbeitgeberin war eine Auskunft über die Arb«itsverhälwiffe eingefordert worden. Die Auskunft bezeichnete die Arbeit bei den Aus- und Eingängen der Waren als eine schwerere, wie die fönst üblichen Arbeiten. Ferner war von dem dirigierenden Arzt des Krankenhauses Britz, Sanitätövat Dr. Sch., ein ausführliches ärzi- liches Gutachten und endlich ein Obergutachten vom Professor Dr. E. in Berlin über die Frage des ursächlichen Zusammenhanges eingefordert worden. Der erkennende Senat begründete sein Urteil her der Verkündung etwa in folgender Weise: Der erkennende Senat hat daL Borliegen eines Betriebsunfalles angenommen. ES kann dabei gleichgültig sein, ob der Durchbruch deS Geschwürs beim ersten oder vierten Faß erfolgte, jedenfalls handelt eS sich um eine ..verhältnismäßig kurze Zeit" bei der schweren Arbeit, als der Durchbruch des Geschwürs erfolgte. Damit ist indessen auch der Begriff MSetriebsunsall" gewahrt. Auch die Frage des ursächlichen Zusammenhanges zwischen dem Tode und dem als Betriebsunfall anerkannten„schweren Heben' ist, nach dem ärztlichen Gutachten deS Sanitätsrats Dr. Sch., dem auch der als Obergutachter gehörte Professor Dr. E. beigetreton ist, zu bejahen. Die Lagerei�BerufS- genossenschaft war daher zur Leistung der Entschädigungspflicht zu verurteile». Die Witwe ist also, wenn auch spät, doch zu ihrem Recht gelangt. Da» ReichSversicherunaSamt hat mit Recht sich gegen die Einengung des Begriffs BetiieoSnnfall gewendet. Höchst eigenartig erschein! in diesem Falle Sle Stellung 5e3 Serrn Dr. E. als Vertrauensarzt des Schiedsgerichts und die tellung des Schiedsgerichts selbst. Der Arzt hat sich lediglich über die medizinische Frage des ursächlichen Zusammenhangs zu äußern. Nicht aber ist es seine Sache, dem Schiedsgericht zu sagen, ob ein Betriebsunfall vorliegt oder nicht. Dieses ist lediglich Sache der Nichter und nicht des Arztes. Das Rundschreiben des Präsi- denten des NeichsversicherungsamtL vom 31. Dezember 1001 hat hierauf infolge wiederholter im Reichstag vorgetragener Be- schwerden aufmerksam gemacht. Eine Erinnerung der Kchieds- gerichte an diesen Grundsatz wäre sehr am Platze. Sericbts- Leitung. Nach der Wahlrechtsdcmonstration im Tiergarten, durch die wir am 0. März die Polizei überraschten, kehrten einige Teilnehmer der Kundgebung in einem Lokal in der Nohstraße ein. Als ein Trupp Schutzleute vorübermarschierte, traten die Demon- stranten auf die Straße, brachten ein Hoch auf das freie Wahlrecht aus und, da noch die Erregung über die polizeiliche Säbelattacken im Tiergarten in ihrem Innern nachzitterte, wurde den Schutz- leuten der Ruf:„Pfui, Bluthunde!" entgegengeschleudert. Einer aus dem Zuge der Schutzleute, Wachtmeister Leginart, stürzte auf die Gruppe der Rufenden zu, ergriff einen aus der Gruppe, den Tischler Gerber» der später vom Schöffengericht wegen Beleidigung von Polizeibeamten zu 75 Mark Geldstrafe verurteilt wurde. Sowohl der Staatsanwalt wie die Verteidigung legten dagegen Berufung ein, die gestern vor der G. Strafkammer des Landgerichts l verhandelt wurde. Wie in der ersten Instanz, so bestritt auch hier der Angeklagte ganz entschieden, daß er den Ruf aus- gestoßen habe. Der Wachtmeister müsse ihn mit einem anderen verwechselt haben. Ein Zeuge, der in der Nähe des Angeklagten war, halt es für sehr unwahrscheinlich, daß derselbe die inkrimi- nierten Worte gebraucht haben könne. Doch der Wachkmeister Leginart sowie ein Schutzmann Girndt erklärten mit gewohnter Bestimmtheit, daß ein Irrtum auf ihrer Seite ausgeschlossen sei.— Der Staatsanwalt wollte den Angeklagten mit einem Monat Ge« sänguis bestraft wissen.— Der Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Kurt Nosenfeld, beanragte Herabsetzung der Strafe.— DaS Gericht verwarf die Berufung und bestätigte das erste Urteil. Lercinsgesetz gegen Jugendliche. Bor dem Jugendgericht Charlotteuburg waren gestern zwei jugendliche Arbeiter, die Mitglieder der Freien Jugendorganisation sind, angellagt, am 14. November 1000 an einer öffentlichen politischen Versammlung im Volkshause teilgenommen zu haben. In dieser Versammlung sollte Eduard Bernstein über die englische Verfassung einen Bortrag halten. Es hatten sich eine Reihe jugendlicher Personen eingefunden. Plötzlich erschien die Polizei und forderte die Jugendlichen auf, den Versammlungsraum zu verlassen. Ver- geblich erhob der Vorsitzende der Versammlung und der Referent Einspruch. Die Namen der beiden Angeklagten wurden festgestellt, als sie im Saal verblieben. Die Versammlung wurde alsdann vertagt. In der heuttgen Verhandlung behaupteten die An- geklagten, daß es sich weder um eine öffentliche, noch um eine poli- tische Versammlung gehandelt habe. Der Polizeileutnant Meyer und der Polizeiwachtmeistcr Bursche konnten nur bekunden, daß sie von dem Polizeipräsidenten den direkten Austrag hatten, die Jugend- lichen, die zur Versammlung erscheinen würden, festzustellen. Sie vermochten nicbt anzugeben, warum der Polizeipräsident diese An- ordnung getroffen hatte. Beide Zeugen bekundeten nur, daß Jugend- liche und ältere Personen im Saale anwesend waren, während ihre Angaben darüber, ob Bernstein über die englische Verfassung schon zu sprechen begonnen hatte, voneinander abwichen. Während der Polizeileutnant beschwor, daß Bernstein schon zur Sache zu reden begonnen hatte, stellte der Polizeiwachtmeisier dies w Abrede. Der Amtsanwalt beantragte die Verurteilung beider Angeklagten zu einem Verweis, weil es sich.zweifellos' um eine öffentliche politische Versammlung gehandelt habe. Der Verteidiger Dr. Kurt Nosenfeld wies demgegenüber darauf hin, daß der Amtsanwalt keine Tatsachen habe angeben können, die den öffentlichen und politischen Charakter der Versammlung beweisen. Es stände nicht fest, waS Bernstein habe sagen wollen. DaS Thema allein rechtfertige die Annahme nicht, daß er einen polittschen Vor- trag habe halten wollen. Der Verteidiger beantragte die Frei- sprcchnng der Angeklagte» und die Ucbcrnahme der Kosten der Ver- teidigung auf die Staatskasse. Das Gericht enff'prach dem Antrage de» Verteidigers, insoweit er Freisprechung beantragte, lehnte eS aber ab, die Kosten der Verteidigung auf die Staatskasse zu übernehmen. Das Thema sei an sich kein politisches und könne nur dann als politisch angesehen werden, wenn der Redner Parallelen zwischen der englischen und deutschen Verfassung gezogen und Abänderungen der deutschen Verfassung verlangt hätte. Der Redner habe aber seinen Vortrag nicht gehalten und darum könne die Feststellung, daß eS sich um eine politische Versammlung gehandelt habe, nicht getroffen werden. Zur Uebernahme der Verteidigungskosten habe keine Ver« anlassung vorgelegen, da die Sache eine sehr einfache und eine Ver- teidigung zur Klärung der RechtSstage nicht notwendig, dazu viel- mehr das Gericht allein in der Lage und berufen sei. Diese Begründung der Ablehnung des Antrages, die Kosten der Verteidigung der Staatskasse aufzubürden, enthält wider Willen eine durchaus berechtigte Kritik gegen die Leichtsinnigkeit, mit der un- begründete Anklagen gegen Arbeiter erhoben werden, geht aber trotzdem völlig fehl. Denn sie verletzt den Grundsatz der Billigkeit und Gerechtigkeit, den wie hier offensichtlich unberechtigt Angeklagten zum mindesten die Kosten der Verteidigung zu ersetzen. Die Kampfcsweise eines ttnternchmcrs gegen streikende Arbeiter. Im Oktober vorigen Jahres streikten die Fliesenleger der Firma Schachtsick u. Mellin, weil die Firma eine kurz vorher mit den Arbeitern abgeschlossene Vereinbarung wegen Abschaffung des ZwischenmcistcrsYstemS nicht inne hielt. Um die Streikenden, be- sonders die an der Leitung des Streiks stehenden Personen in Arbeiterkreisen zu diskreditieren, ließ die Firma Schachtsick u. Mellin zwei Flugblätter drucken und verbreiten. In diesen Mach- werken wird behauptet, die Sprecher und Führer der Streikenden hätten den Streik veranlaßt, um ihre Kollegen aus der Arbeit zu bringen und sich selbst gute und lohnende Arbeit zu verschaffen; sie hätten die Einrichtungen ihrer Organisation in strafwürdiger Weise benutzt, um Rache dafür zu nehmen, daß einige von ihnen eine nachgesuchte Werkmcisterstelle bei der Firma nicht erhalten hätten und wollten nun als Gemaßregelte von den Arbcitergroschcn müßig leben. Waldhcim, der als Funktionär des Maurerverbandes mit dem Streit zu tun hatte, und Schneider, der zu den Streikenden ge- hörte, fühlten sich durch die Behauptungen der Flugblätter getroffen und verklagten die beiden Inhaber der Firma: Mellin, Ernst Schachtsick, sowie den Sohn des letzteren. Otto Schachtsick. In erster Instanz wurden die drei Angeklagten ohne Beweis- crhebung freigesprochen, weil ihnen daS Gericht den Schutz des § 193 zubilligte.— Infolge der von den Klägern eingelegten Berufung hatte sich gestern die 0. Strafkammer deö Landgerichts I mit der Sache zu beschäftigen. Hier erklärten sich die Angeklagten auf Anregung des Vor- sitzenden zu einem Vergleich und zur Abgabe der Erklärung bereit, daß sie die Angaben, welche ihnen aus Arbeiterkreisen zugegangen seien, nicht aufrechterhalten können.— Rechtsanwalt Wolfgang Heine erklärte naasai der Kläger, guf diel« Vorm du Erklärung nichk eingehe» zu könne», Senn eS sei nichk Sahr, Saß Arbekker Sen Firmeninhabern derartige Angaben gemacht haben. Aus den weiteren Vergleichsverhandlungen ging hervor, daß die Flugblätter von Schachtsick sen. verfaßt sind, der zcdoch behauptet, er habe nur daS Material bearbeitet, welches ihm von Arbeitern, die der Firma treu geblieben seien, zugegangen sei. Die Flug- blätter sind unterzeichnet mit dem fingierten Namen Krüger und so gehalten, dast der Anschein erweckt werden soll, als rühre» sie von Arbeitern der Firma her. welche den Streik nicht billigen.— Die Kläger halten dem entgegen: Die Flugblätter seien ohne jede tat, sächliche Unterlage von den Unternehmern verfaßt. Diese hätten unter ihren getreuen Arbeitern umgefragt, ob jemand die Angaben der Flugblätter mit seiner Person decken wolle. Aber selbst unter diesen Arbeitswilligen habe sich keiner dazu bereit gefunden. Die Aufforderung des Rechtsanwalts Heine, ine Angeklagten sollten, um ihren guten Glauben darzutun, die Arbeiter nennen, welche ihnen die Angaben gemacht haben sollen, beantworteten die Angeklagten mit der durchsichtigen Ausrede: das könnten sie nicht, sonst würden die Betreffenden boykottiert werden. An sich waren die Kläger bereit, die Sache beizulegen, wenn die Angeklagten ihre unwahren Angaben einfach widerrufen hätten, denn es kam ihnen ja nur auf die Feststellung an, daß sie zu Unrecht beschuldigt worden sind. Da aber die Angeklagten darauf beharrten, es müsse im Vergleich auch gesagt werden, daß ihnen die Angaben von Arbeitern zugetragen worden seien, so lehnten die Kläger den Vergleich ab. Das Gericht trat in die Verhandlung ein. Sie wurde aber schließlich vertagt, weil Mellin seine Mitwirkung bei Verbreitung der Flugblätter bestreitet und zum Beweise seiner Beteiligung Zeugen geladen werden sollen. Auch die Angeklagten benannten einige Zeugen zu ihren Gunsten. Erpressungsversuche gegen einen Offizier beschäftigten gestern unter Vorsitz des kürzlich zum Landgerichts« direklor ernannten früheren Staatsanwaltschaftsrats Crügcr die 10. Strafkammer des Landgerichts I, Aus der Strafhaft wurde der Kellner Heinrich Schöne vorgeführt, um sich wegen wiederholter versuchter Erpressung zu verantworten. Der Angeklagte lebte, wie die Anklage behauptet, schon seit einer Reihe von Jahren von Erpressungen gegen hochgestellte Per- sonen. Erst vor kurzem wurde er in Düsseldorf wegen wiederholter Erpressung gegen einen Offizier aus der Gegend von Koblenz zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Bei seinen Straftaten geht der Angeklagte gewöhnlich mit der größten Vorsicht zu Werke und zwar sucht er nicht wie andere Erpresser selbst die Bekanntschast der späteren Opfer zu machen, sondern er horcht in den Kreisen gewisser junger Burschen herum, um Namen von Persönlichkeiten zu erfahren, die nach K 17S Str.-G.-B. strafbar sind. Auf diese Wesse hat er von einem Büchsenmachergehülfen, einem nahen Verwandten eines hiesigen Großkaufmanns, erfahren, daß dieser angeblich zu einem Hauptmann fsceiherrn von Th. in gewisse Beziehungen getreten war. Eines chönen Tages erhielt von Th. einen Erprcsterbrief, in welchem ihm mit einem öffentlichen Skandal gedroht wurde, wenn er nicht eine bestimmte Summe zahle. Auf diesen Brief folgten noch drei andere. In der gestrigen Verhandlung, die unter Ausschluß der Oeffent- lichkeit stattfand, bestritt der Angeklagte, der Verfasser jener Briefe zu sein. Der als Schreibsachverständiger geladene RechnungSrat Altrichter bekundete, daß er durch Handschriftenver- gleichung zweifelsfrei festgestellt habe, daß die Briefe von der Hand des Augeklagten herrühren. Staatsanwalt Löwenhcrz hielt den An- geklagten für völlig überführt und beantragte eine Gefängnisstrafe von 4 Jahren zusätzlich. Das Gericht hielt eS jedoch zur weitereu Aufklärung der Sache für erforderlich, erst noch mehrere Zeugen in Kölu kommissarisch vernehmen zu lassen, auf welche sich der Angeklagte zum Beweise dafür bezogen hatte, daß er sich um jene Zeit überhaupt nicht in Berlin, sondern in Köln aufgehalten hatte. Die Sache fiel deshalb einer Vertagung anHeim. Niedrig, gemein, ekelhast und verwerflich sind derartige Er- pressungsversuche. Der Boden könnte ihnen aber durch gesetz» geberische Maßnahmen entzogen oder wenigstens erheblich ein» geengt werden. Es liegt, wie schon bei der Beratung des Strafgesetzbuches von medizinischer Seite scharf betont wurde, kein Grund fiir Beibehaltung der gegen homosexuellen Verkehr bestehenden Strasvorschrifte» vor. Der Vorenttvurs zum Straf- gesetzbuch will dennoch die Strafvorschriften beibehalten und gar auch den jetzt straffreien Verkehr zwischen weiblichen Personen unter Strafe stellen. Aufgabe des künftigen Strafgesetzbuchs muß die Beseitigung des§ 175 Str.-G.-B. unter Voriehung von Schutz- bestimmungen gegen Verführung Minderjähriger sein. Damit entfielen auch die übermeisten der niedrigen Erpressungsversnche, über die die Presse und die Kriminalstatistik leider recht häufig berichten muß. Der Fortfall der Strafvorschristen würde freilich Erpressungsversuche auf diesem Gebiete noch nicht völlig tilgen. Denn die Aufdeckung solcher dem Normalempfinden fremder und widerlicher Betätigungen Ivürde wahrscheinlich nach wie vor von vielen gefürchtet werden. Die allgemeine Meinung würde aber bald zwischen den unglücklich veranlagten und solchen Personen unterscheiden, die die homosexuelle Neigung sich erst erworben haben und ein Recht auf besondere Schonung nichr besitzen. Wer sich vor der Ausdeckung vermeidbarer Handlungen fürchtet, unterlasse sie. Die Aufhebung des§ 175 Str.-G.-B. würde ferner den Zustand beseitigen, daß die Polizeibehörde eine Liste Homosexueller zu führen und da- durch einen nichts weniger als einwandfreien Einfluß auf diese Personen auszuüben in der Lage ist. Daß eiue solche Liste, auf der sich Namen bis in sehr hohe Kreise hinein befinden, in Berlin existiert, ist ja vor Jahren im Reichstage unwidersprochen sestge- stellt. Die Zeiten der ungesühnteu Euienburgereien und die Ueber- treibungen mancher Gegner des§ 175 Str.-G.-B. erleichtern den Verfechtern einer strafrechtlichen Bekämpfung deS§ 175 ihre Stellung. Nichlsdestowenigcr ist sie unberechtigt. Daß die Erpressungsfälle sich naturgemäß gegen vermögende Leute und eine ausfallend hohe Zahl von Offizieren richtet, kann uns nicht ver« anlassen, die Ungerechtigkeit und Zweckwidrigleit des§ 175 nicht zu bekämpfen._ Ternnlcbtes. eifcnbabnkatartropbc ln Oblo. Ein schwerer Eiscnbahnunfall ereignete sich Montagnach- mittag 2ö Meilen südlich von D a y t v n in Ohio. Dort ist ein Expreßzug. der auf der Station Sharon(Pennsylvania) die Geleise wechselte, mit einem Güterzuge zusammengestoßen. Der Zusammenstoß erfolgte bei voller Fahrt. Der Expreßzug wurde fast vollständig zersplittert, die Lokomotive fiel einen Abhang hinunter; Maschineufiihrer und Heizer find tot. Kurz nach dem Zusammenstoß gerieten die Wagentrümmer in Brand. waS das Unglück noch vergrößerte. Nach den ersten Meldungen nahm man an, daß über 70 Per- sonen getötet oder verletzt wurden. Diese Mitteilung hat sich erfreulicherweise nicht bestättgt.— Nach den neuesten Meldungen beträgt die Zahl der Toten 19, außer- dem sind drei Personen tödlich und sechs schwer verletzt worden. Die Zahl der Leichtverletzten konnte noch nicht genau sestge- stellt werden. AuS Hamilton und Dayton wurden sofort Hilfszüge nach dem Schauplatz der Katastrophe abgesandt. Da die Gegend, in der sich das Unglück ereignete, ziemlich unbewohnt ist, so hatten die Verletzten große Oualen auszustehen, bis ihnen Hilfe gebracht werden konnte. Die Wagen haben sich voll- ständig ineinander geschoben; besonders schwer hat der Speise» wagen gelitten, der sich zweimal überschlug und dann einen hohen Abhang hinunterrollte. DaS MMtarluftschiff„M. III" defekt. DaS Montag nacht von Berlin zur Fahrt nach Gotha auf- gestiegene Militärluftschiff„M. Hl" hat Dien-Ztag früh infolge schweren Windes auf dem Truppenübungsplatz Zeithain vor Anler gehen müssen. Im Laufe des TageS ist es vollständig defekt ge- worden. Infolge einer Undichtigkeit der Hülle und des dadurch vor- ursachten Entiveichens des Gases ist die Eisenkoustruktion gebrochen. Die Gasnachfüllung, die in Zcithain vorgenommen werden sollte, konnte nicht ermöglicht werden, da die GaSkraftwagen bis zum Abend noch nicht eingetroffen waren. Der Ballon wurde vollständig entleert und der Schiffskörper demontiert. ,M. HI" wird morgen früh per Bahn nach Tegel zurückbefördert werden. Eine Orgie des Stumpfsinns. Der„edle Sport" wächst sich in unserer kapitalistischen Welt immer mehr zu einem Ausbeutungsobjekt gewiffenloser Spekulanten aus. Nationale und internationale Spiele werden von geldgierigen Vereinigungen arrangiert und ausgebeutet. Wie brutal und rück- sichtsloS eS bei solchen Spielen oft zugeht, beweist am besten wieder das am Montag in R e n o in Newada stattgefundene Boxmatch, wo um die Meisterschaft zwischen dem Neger Johnson und dem Weißen Jeffries„geboxt" wurde. Die Art und Weise, wie sich die beiden Weltmeister vor den Zuschauern niederschlugen, grenzt gerade- zu an viehische Roheit. Wie Bestien stürzen sich beide aufeinander und lassen nicht eher locker, bis einer ermattet oder kampfunfähig vom Schpuplatz getragen werden muß. In Reno kämpfte man mu dünnen Handschuhen, wobei man den Gegner verstümmeln und auch töten kann. Ueber den Ausgang des BoxermatchS wird berichtet: Bei der 16. Runde versuchte Jeffries den Neger Johnson mit einem direkten Schlage inS Gesicht niederzustrecken. Doch dieser wich gewandt dem Schlage aus und ging nun plötzlich mit großer Schnelligkeit in seinem Angriffe vor. Blitzschnell versetzte er Jesfries zwei furchtbare Schläge inS Gesicht, die den Weißen zu Boden streckten. Er verhob sich jedoch, bevor 10 Sekunden abgelaufen waren, fiel aber gleich darauf durch einen neuen Schlag seines Gegners und befand sich noch auf den Knien, als zum zweiten Male die 10 Sekunden verstrichen waren. Hierauf proklamierten die Schiedsrichter den Neger trotz des lebhaften Protestes der Volks- menge als Sieger. Die Niederlage des Weißen hat sowohl bei den Anwesenden als überhaupt in ganz Amerika große Entrüstung hervorgerufen. Man wirft nunmehr Jcffries vor, den Kampf über- Haupt leichtsinnig angenommen zu haben, durch den er über die ganze weiße Rasse Schmach und Schande gebracht habe. Er hätte nicht eher sich seinem Gegner gegenüberstellen sollen, als bis er sich seines Sieges gewiß war. Weiter wird über dieses verwerfliche Sportfest berichtet: Der Sieger Johnson hat sich eine halbe Stunde vor der für den Kampf angesetzten Zeit im Zustande de? nervösen Zusammenbruchs be- funden. 30 000 Menschen aus oller Herren Länder waren ver- sammelt, um den Kanipf zu beobachten. In der Nacht schliefen die meisten in den Parks und auf freien Plätzen. Für Lebensmittel wurden HnngerSnotpreife gezahlt. Die Aufregung war enorm. Infolge de? Sieges des schwarzen Preisboxers über den Weißen ist es in vielen Städten im ganzen Lande zu ernsten Zusammen- flößen zwischen Negern und Weißen gekommen. Viele Neger wurden schwer verletzt. In New Fork wurde ein Neger totgeschlagen und ein von Negern bewohntes Mietshaus in Brand gefetzt. In New Orleans wurden zwei Neger erschossen, in Mound sJllinois) wurde ein schwarzer Konstabler erschlagen und ein anderer tödlich ver- wundet. Auch in Pittsburg, Philadelphia, St. LouiS und anderen Städten fanden Ruhestörungen statt und Weiße waren überall die Angreifer. Die Summen, die auf die beiden Boxkämpfer verwettet worden sind, belaufen sich auf Millionen. Beispielsweise hat ein Herr Fritzee in Chicago 10 000 Dollar gegen 0000 auf Jeffries gesetzt. Schon vor Beginn des Wettkampfes kam eS in der Arena zu tumultarischen Szenen, es fielen auch mehrere Revolver- s ch ü s s e. obgleich die Besucher auf das Vorhandensein von Waffen polizeilich untersucht worden waren. Lohnbewegung der Hebammen. In dem Orte Bühl sOberelsaß) haben die im Orte wohnen- den drei Hebammen der Gemeindeverwaltung mitgeteilt, daß sie bis zur Bewilligung ihrer Forderungen ihre Tätigkeit einstellen. Die Hebammen verlangen für Hilfeleistung bei mittel- losen ortsangehörigen Frauen eine jährliche Abfindung von 100 M. Die Gemeinde will aber nur 8 M. für jeden vorkommenden Fall zahlen und von einer Pauschalsumme nichts wiffen. Als alle Ver- Handlungen und Drohungen nichts halfen, kamen die„weisen Frauen" von Bühl zu dem Entschluß, die Bewilligung ihrer An- sprüche durch einen Streik zu erzwingen. Da nicht anzunehmen ist, daß Meister Storch ebenfalls seine Tätigkeit einstellt, so dürfte der Ausgang dieses Streiks picht zweifelhaft fein._ Ein heiteres Intermezzo spielte sich kürzlich bei einer Schöffengeriwtssitziing in der Nachbar- stadt von Neuhaldensleben ab. Ein Landwirt war wegen Tierquälerei— er hatte ein Schaf zum Zwecke sicheren Transports auf dem Wagen festgebunden— von dem Amtsvorsteher seines Bezirks mit b M. eventuell einem Tage Haft bestraft worden. Der Bestrafte erhob Widerspruch und deshalb gelangte die Sache an da? Gericht. Auf die Frage des Vorsitzenden, weshalb er Einspruch eingelegt habe, antwortete der Angeklagte:„Die Strafe möchte ich ja schon zahlen, aber mit dem§ 13 kommt mir das man zu schlimm vor." Der Richter sieht sich die Strafverfügung, die der Angeklagte erbalten hat, näher an und findet nun, daß der Amtsvorsteher als Vestrafungsparagraphen den § 13 des ReichsstrafgesetzbllcheS angegeben hat. Dieser besagt: „Die Todes st raset st durch Enthauptung zu voll- strecken!" Unter allgemeiner Heiterkeit des Auditoriums wurde die bekämpfte Strasverfiignng aufgehoben. Der Amtsvorsteher hatte versehentlich ß 13 statt§ 300 Alis. 13 geschrieben und dadurch den Landwirt mit dem Schafott in Verbindung gebracht. Daß der biedere Landwirt sich das nicht gefallen lassen wollte, kann man ihm nicht verdenken._ Meine Notizen. Ein schweres Unwetter hat in dem Saarbrücken benachbarten Gro�-BlitterSdorf erheblichen Schaden angerichtet. Das Armenhaus wurde vom Blitz getroffen und brannte nieder. Zwei Scheunen sind ebenfalls eingeäschert. Die Kirche, in die der Blitz schlug, hat einen großen Riß am Turme erlitten. Der Gast- wir: B a l i t, der unter einem Baume Schutz gesucht hatte, wurde vom Blitz getroffen und getötet. Im Streit erstochen. In Königshütte erstach bei einer wegen der Kinder entstandenen Slreitigkeit ein junger Gruben« arbeiter den Bergmann P o l e d n i ck, Vater von sechs Kindern, mit einem Küchemiicsser. Der Mörder wurde verhaftet. Die Pulsader durchschnitte». Im Elisabethhospital zu DuiS- bürg durchschnitt sich ein Maurer, der an Asthma litt, die Schlag- «der der linken Hand und starb nach kurzer Zeit infolge von starken Blutverlustes. Vom Laufkran gestürzt. In den Reparaturwerkstätten der Firma Krupp in Essen stürzte der Maschinist Naß von einem Lauf- lran und erlitt so schwere Verletzungen, daß er bald darauf starb. Ausschreitungen in einem Nachtrestaurant. In P o l a kam eS in einem Nachtrestourant zu schweren Ausschreitungen, lvobei drei Personen, darunter zwei Mädchen, lebensgefährlich, fünf andere Personen keilbter verletzt wurden. Auf dem Grabe ihres Gatte» vergiftet. In Düsseldorf hat sich die Witwe eines Sleuersekretärs auf dem Grabe ihres Mannes mit Lysol vergiftet. Sie konnte den Schmerz über den Verlust ihres Mannes nicht verwinden, wurde nervenschwach und beging den Selbstmord wahrscheinlich in einem Anfall geistiger Unzu- rechnnngsfähigkeit. Drei Personen ertrunken, lieber einen Schiffsnnfall meldet der Telegraph aus B r e st: Als der Küstenschoner„R e m o r a" mit 30 Reisenden an Bord in den Hafen einfuhr, wurde er von einein Windstoß getroffen; acht Personen stürzten ius Meer, von denen drei ertranken. Mord. In Santiago(Chile) wurde der Raubmörder B e ck e r t Dienstagnachmittag erschossen. Briefkaften der Redaktfow. 9le jiiclftlfrfic Svrcchsrilnde flii6ei Lindenftrage Nr.«Ö, Vorn vier Treovc»— Z? a d r st» b l—, tuoififiitäfllirii von?>/, VU O'h Uhr abenv?, Sonnadcnds bau 0 6(6?>/, Uhr nachinitiags statt.?trdrr Slntrag- ist -in ivuchstabe und eine Zahl alS Merkzeichen beizufügen. Briefliche Slnttvvrt wird nicht erteil». Eilig« Aragc» trage wall in der Eprcch- stunde vor. P. R. 125. Diese Frage dürste Ihnen eine der FaHzeitungen be- antworten, deren Adressen Sie im II. Teil des Berliner Adreßbuches finden. — G. L. Ivo. Die von uns und den Behörden wiederholt verössentlichten Warnungen vor dem Beitritt zu Einrichtungen angesragler Art rönnen wir nur wiederholen.— Emma Neumani« Die nach Ihrer Darstellung sehr berechtigte Beschwerde bringen Sie praktisch bei dem Vorstände Ihrer Kranlenrasse an.—»t. W. Schi. 33. Zu 1. Nein. Zu 2. Sie haben nur 70 Proz. zu beanspruchen.— E. B. Ivv. Ein Recht aus Befreiung von der Hebung siehl Ihnen nicht zu: reklamieren Sie unter Angabe der Gründe.— tt. K. 1. Kommen Sie mit allen Schrislstückcn in die Sprechstunde. — G. M.!>». Ja.— E. M. Ivv. 1. 10 Monate. 2. ES muß Aus. einandersetzung zwischen Mutter und Kindern ersoigen; Antrag bei Ihrem Amtsgericht.— M. B. 3S. 1. 24 Pf.-Marlen der Versicherungsanstalt Brandenburg. 2. Kündigung ist beiderseits nur vom 15. zum 1. zulässig. Das Mädchen muß aljo mindestens bis IS. Juli bleiben. Wasserstand», Nachrichten der LandeSanstalt sür Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau. '1-p bedeutet Wuchs,— Fall.— Unierpeget. lrotlcnan�vlirei. Am 2. Juli verschied nach kurzem Krankenlager mein lieber Mann, unser guter Vater und Bruder Robert im Alter von 43 Jahren. Im Namen der Hinterbliebenen Itiicko«, 28S7b nebst Kindern. Di-Beerdigung findet Donnerstag nachmillag 5 Uhr von der Leichenhalle des Borstgwalder Friedhofes au« statt. ZWillMl'ütUb.VsklvöM Kreis Wöer-ö-uW Bezirk Borsigwalde-Wittenau. lock««».An�vilzr«. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse ltobert Rudow nach kurzen Leiden verstorben ist. Ehre seinem Slndenken! Die Beerdigung findet am DonnerStaa. den 7. Juli, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- halle de« Dorfigwaider Friedhofe« auS statt. 23405 Um rege Beteiligung ersucht Die Bezirksleitung. ZentsSlveM der Töpfer Deirfscfilands Filiale Berlin. Todesanzeige. Hierdurch bringen wir die traurige Nachricht, daß der Kollege 133/2 Faul Köhler (Bezirk Osten) am Sonnlag, den 3. Juli, ge- iegcntlich eines Bootsunsalles im Zeuthener See ertrunken ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Frei- I tag, den 8. Juli, nachm. 2 Uhr, j von der Leichenhalle des Zentral- ....... in Friedrichsjelde aus Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltiuigsstelle Berlin. Todes» Jinzeleo. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schlosser Robert Rudow am 2. Juli an Lungenleiden gestorben ist. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 7. Juli, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen. halle de» Borsigwalder FricdhoseZ in Borshzwlc aus statt. Rege Beteiligung erwartet 118/6 Ole Orttvarwaltung Zentral-Kranken- u. Sterbekasse der deutschen Wagenbauer. Bezirk 16. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Mitglied Brnst ptiilipp am 4. Juli gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Di« Beerdigung findet am Donncrstagnachmittag 5 Uhr von der Halle des SmmauS-Kirchhofeö auS statt. 257/3 Die OrtSverwaltung. Um rege Beteiligung ersucht Der Bo iorstaiid. Deutscher �Transportarbeiter-Verband.� Bezirksverwaltung Groß-Berlin. Den Milaliedern zur Nachricht, daß unser Kollege Fritz Richter AdlersHos, am 2. d. MtS. verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung desselben findet am Mittwoch, den 6. d. Mts., nachmittags 5 Uhr, von der Leichenhalle de» Kirchhose» der Heiligkreuz-Gememde in Marien- dorf statt. 70/1 Bio Bezirksverwaltung. VeM der Bäcker und Konditoren Deutschlands. Berit«. Am Sonntag, den 3. Juli, starb mtser Mitglied, der Bäcker. Xrtur>Ven2e! im Alter von 26 Jahren. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Mittwoch. den 6. Juli, nach- mittags 3'/, Uhr, von der Kapelle des St. EmmauS-KirchhoseS, Zlix. dorf, Hermannstr. 123/137, aus statt. Um zahlreich- Beteiligung bittet 41/4 Der Borstand. Li». Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzenslr. 41, ÄS., 10— 5—7, ßonntags 10—13, 2—4 Allen Freunden, Bekannten, Genossen und dem Männerchor „Fichte< G-orgina" die traurige Nachricht, daß meine liebe Gattin, unsere gute Mutter ttermine Bolz geb. Jannotte nach kurzem aber schwerem Leiden am Sonnabend 11'/« Uhr abends entschlafen ist. 28366 Der tiefbetrübte Gatte nebst Kindern. Die Beerdigung findet am I Mittwoch, den 6. Juli, nachmittags 6 Uhr, von der Halle des Heilands- Kirchhofes in Plötzensee aus statt. Tode*- Anzeige. Am Montag, den 4. Juli, mittags 12'/, Uhr, verschied nach langen, schweren Leiden meine ltebe grau, unsere Mutter, Tochter, Schwester und Schwägerin Manna Lange g-b. Mandoi im 30. Lebensjahre. Dies zeigen ttesbetrübt an Uta trauernden Hinterbliebenen. Berlin, den 5. Juli 1910. Willi I.anse. Kurl Handel und Frau geb. Schmidt. Gnstav Bändel. Rclnhold Mandel. Die Beerdigung findet am i Donnerslag, den 7. Juli, nach- mittag» 4'/« Uhr. von der Kapell- de» Philippus-Apostel-Friedhofes, Mllllerstraße, auS statt. 2846b Allen Freunden, Verwandten und Genossen die traurig- Nach- richt, daß meine liebe Tochter Lksrlotte nach langen schweren Leiden am 4. Juli im 17. Lebensjahre sanft entschlafen ist. Barl Rnnge nebst Frau. Dieffenbachstr. 59. Die Beerdigung findet am Donnerstag, nachmittag« 4 Uhr, vom Trauerhause nach dem Heiligkreuzkirchhos in Mariendors statt. 28446 Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben ManneS und guten Vaters, Schwieger« und Großvaters, des RestaurateurS Lrnst(Zi-ünder sagen wir allen Verwandten, Freunden und Bekannten, insbesondere allen Mietern und Bereinen unseren herz- lichsten Dank. vi« trauernden tilnterdiiedeneo. Danksagung. Für die zahlreiche Beteiligung und die reichen Kranzspenden bei der Be« erdigung meines lieben Sohne», unseres guten BruderS sagen wir allen Beteiligten, insbesondere den Kollegen der Firma Jacob u. Valentin sowie dem Transporlarbeiterverband unseren herzlichsten Dank. \V!hve Hülsebeck 118L und Geschwister._ Verleih-InHtltnt: Friedrichst.l 16/1, a.Orabg. "Tor. Eleg. Frack, Gehrock l.SOLosc l.OO, Weste KOPs. Kredit Monatl. IV M. liefere eleg. Herrenaarderobe n. Maß(billigste Preise) Uimpiiromkl,|»Ä i Kasse 10 Proz, Rabatt■ Krankenkasse der Hutmacliergesellen zu Berlin(CS. H. Nr. 67.) DienStag, den 18. Juli IS IV, abends 8'/, Uhr, Große Hamburger Str. 18/lSi ßenerai-Vefsammiung. Tages-Ordnung: 1. Kassenbericht. 2. Wahl des Ausschusses nach K 41 Nachtrag XIII. 3. Verschiedenes. 2832b Um zahlreiches Erscheinen der Mitglieder ersucht Der Borstanb. Otto Tschoppe. 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In Anbetra.'s. der Wichtigk--7 der TageZ-Ordnnng ersuchen wir>>m vollzähliges und piiliktliches Erscheinen. 24/S " Lravodsnleilung unii larilkommission vor ewisdrsnodo. chlichtungSkommission. ersuchen Miibel, Spiegel n Polsterwarcn Julius Krause Kastanien-Allee - Xo. 40,- Kompi.Wohnungseinrichtungen zu anerkannt soliden Preisen = Teilzahlung gestattet.= Für die Reise mit Täuglinge» ist als zweckmäsjigste Nahrung . K u s e k e" zu empschlen. Es ist leicht zuzubereiten, lange haltbar, macht die Kuhmilch leichter verdaulich und schuht vor den gesürchtelen Darm- erkrankungen. gl/18 Verwaltung Berlin. Achtung! Holzarbeiter. Donnerstag, bei« 7. Juli 1910, abends 5'/, Uhr, bei Rabe, Fichte- straste S9: VersattZlltlung. Tages-Ordnnng: 86/2 1. Der Streit bei der Firma Gossow. 2. Diskussion. Die Holzarbeiter werden ersucht, recht zahlreich in der Versammlung zu erscheinen. Die Ortsverwaituug. Hühneraugenmittel von Dr. H. Unger.— Gegen 30 Pfennig aus 10 Ps. Anweisung frei. 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Expedition des„Vorwärts", ------ Berlin SWM Lindenstraße 69, Laden.------- Theater und Vergnügungen Mittwoch, den 6. I u l i. Unsang 8 Uhr. Nrucs»wnigl. Opern-Theater. Aobud.(Ansang 7 Uhr.) Deutsches, lieber unsere Krast. Kammerspiele. Liebeswalzer. Lessing. Kascrnenlust. Römische Lper. Der RegimentS- papa. Neues Schauspielhaus. Der Flieger. Kleines. Nur ein Traum.(Ansang '/.9 Uhr.) erltnrr. Taifun. Be Neues Lveretten. Der Graf von Luxemburg. Thalia. Cbarlehs Tante. Hebbel. Wem gehört Helene? Spuk.(Ansang 8'/, Uhr.) Schiller 1».(Wnllner- Tbealer.) Troubadour. Schill e>(5l,»rlottenburg. Die von Hochsaltcl Roie. Der Gesundbeter. Lustspielhaus. Das Leutnants- mündel. Metrovol. Halloh II— Die große Revue. FolirS Gnprice. Pariser Ehen. Der Alhlet. Die keusche Toinette. Das VersöhnungSsest.'(Ansang »'/. Uhr.) Apollo. Svezialitäten. Paliage. Spezialitüten. Rrichsliallen. Steitiner Sänger. Walhalla. Sveziatiläten. Wintergarten. Spezialitäten. Karl Haverland. Svezialitäten Prater. Im Reiche des Mars. Urania. T»»t>»»s»r>>he 4S/4V. Abends 8 Uhr: Ueber den Brenner nach Venedig. Sternivarre, �»validenstr. 57—62. tesslnx-Itiester. Täglich 8 Uhr: Kafernenluft. Berliner Theater. Heute 8 Uhr: Taifun. Morgen: Taifun._ Keucn Opercttcn-Theator. Heute und solgende Tage 8 Uhr: Der Graf von Lnxemburg. Sonntag nachmittag 3 Uhr zu er- mäßigt. Preisen: Die Dollarprinzessin, Lustspielhaus. Slbends 9 Uhr: Das Leutnantsmündel OSE-THEATE Große Franksurter Str. 132. DerLesunüdeter. Schwank in 3 Alten von I A. O. Weber. Slnf. 8 Uhr. Ende«/.II Uhr. Morgen und solgende Tag«: Der Gesundbeter. Ans der Gartenbühne: Theater- Vorstellung. Spezialitäten. Gr. Konzert. Ansang SonniagS 4 Uhr, Wochentags 4-/. Uhr. Anfnng 8 Uhr. Das rollständig neue Programm I 5 Beautes Korinnas 5 Phantasietänzorinnen vom königl. dänischen Ballott. Scltitnpanse- Orang-Utang als Tandemf ahrer. Holland im Orient. Oporelto— ohne Männer— in zwei Szonen, dargestellt von IS Kolländerrnnsn bowio weitere- große Debüts. 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Leitung: Walter Grävenlü, Kapellmeister: Max Wolffheim. Anfang: Wochent.6 g: Klltc-Tag! Uhr, Sonnt.1/, 6 Uhr. Schweizer Garten Am Königslor— Am Friedrichshain. Theater- u. Spez-iforstelliiDg. U. a.; Flittners Wanderzirkus. JvonuLe:d Prinz Pinne. Gr. AussUtt.-Oper. m. Ballett. Jeden Mittwoch: Kinderfest. Volksbelustigungen. Tanz. Anfang 5 Uhr. Entree 30 Pf. ui fuMtnanns Theater Schönh. A. 148— Kastanien-A. 97,99. Zum letztenmal: Königin Louise. Königin Louise.. Käte Reich. Napoleon 1.. Dir. Karl Reich. Ansang'/jS Uhr. Entree 20 Ps. Das gr. SpezialitStcn.Programm! Freitag: Kinder-Froideniest. Kasperle-Theater. Wettspiele. Fackel» � zug. Stock!ater.ien gratis! Sonnabend: Genossenschaitsfest. Puhlmanns Theater steht Kopp. V oig, t-Tb eater Gesundbrunnen Badstr. 58. Heute Mittwoch, abends ll2S Uhr: Graste Elite-Vorstellung. kichern großen Teich. Gr. Lebensbild mit Ges. und Tanz in 4 Abteilungen von Adolf Phillipp. Das neue große Spezialitätui» Programm. Kassenerössnnng 2 Uhr,?lns. 4'/, Uhr. Vereins-Uraaerei Rixdorf, Uermannstr. 214/219. Oekonom: Max Wendt. I Täglich: Gr. Milüär-Konzert. Ansang wochentags 7 Uhr. . Senntags 4 Uhr. Ztzitr de« Inhalt der Jnjerate überiiiiilint die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Arrautwortung. Lerantivortllcher Redakteur Richard Barth, Berlin. Für de» Inseratenteil veranfto.: Th. Glocke, Berlin, Druck u. Berlag: Vorwärts Luchdruckerei u, Berlagögnjtalt Paul Singer Sc Qo„ Berlin SW. Nr. 155. 27. Zahrgang. 2, KtilM iitü„Wmiirts" Kerlim AllisdlM Mittwoch, k. In!! l910. Partei- Angelegenheiten. Zur Lokalliste. In Zeuthen T.-B. ist das ,W a l d h a u S'. Jnh. C. Trill sowie das Restaurant von E r n sl K ü n z e l am Zeuthener See nach wie vor gesperrt. Außerdem machen wir darauf aufmerlsam, daß in Kablow bei Zernsdorf kein einziges Lokal zur Verfügung steht. In Hakcnfelde bei Spandau ist da? Lokal„Li n d e n g a rt e n*. früher„Volksgarren", Jnh. Miericfe ebenfalls noch gesperrt. Wir bitten dies ganz besonders zu beachten, da unsere dortigen Genossen Öft Ausübung ihrer Pflicht sBoykotlposten stehen) durch die behörd- lichen Organe sehr erschwert wird. In Dabendorf bei Zossen ist uns das Lokal„Zum deutschen Kaiser' entzogen worden, dagegen steht uns jetzt in Zoffen das Lokal von Posselt, früher Jänicke, Bahnhofstraße zu allen Veranstaltungen zur Verfügung. Die Lokalkommijsion. Dritter Wahlkreis. Sonntag, 10. Juli, findet ein Ausflug mit Familie nach Pferdebucht bei Köpenick statt. Treffpunkt von vor« mittags 10 Uhr an. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. Schöncbcrg. Die Flugblattverbreitung findet heute Mittwoch, den 9. d. M., abends 7 Uhr, von den bekannten Lokalen aus statt. Der Vorstand. Spandau. In Staaken findet am Sonntag, den 10. Juli, abends 7 Uhr, eine Volksversammlung in Gnädigs„VolkSgarten* statt. Landlagsabgeordneter Karl Liebknecht spricht über»Der Vor- marsch der Sozialdemokratie'. berliner JVacbricbten. I» den Kalkbergen. Zu der einzigen Gebirgsformation vor den Toren der Reichshauptstadt führen mancherlei Wege. Der beliebteste, aber auch zeitraubendste ist der Wasserweg auf der Oberspree über die Müggel, den Dämeritz- und Flakensee zunächst bis nach Woltersdorfer Schleuse. Hier verläßt man den Dampfer, um zu Fuß durch schönen Forst am Kalksee entlang in einer knappen Stunde die ersten Häuser des Rüdersdorfcr Grundes zu erreichen. Oder man fährt mit der Bahn bis nach Erkner, durchläuft das ganze Dorf und macht dann dieselbe Tour, nur etwas verlängert durch die wunderschöne Promenade an der vielgerühmten Löcknitz und am östlichen Ufer des Flakensees. Wir machen diesmal, um Neues zu schauen, eine Ausnahme von der bequemen Berliner Ausflüglerregel, fahren auf der Ostbahn nach Vorstadt Strausberg und wandern durch den Rüdersdorfer Forst oder jenseits der Strausberger Chaussee durch die Mittelheide nach dem entzückend romantischen Tannengrunde und Wonnetal bei Neue Mühle vor den Rollbergen(nicht zu verwechseln mit Neue Mühle bei Eggersdorf). In einer weiteren Viertelstunde schimmert uns die weite Fläche des an Größe fast der Müggel gleichkommenden Stienitzsees entgegen. Hier gleibt man dreiviertel Stunde auf der Waldseite, zu deren Füßen am See ausgedehnte Kiesgruben liegen, und geht so den qualmenden Schornsteinen der jenseits gelegenen zahl- reichen Ziegeleien von Hennickendorf aus dem Wege. Dicht hinter dem Stieritzsee stoßen wir kurz vor dem Bahnhof Rüdersdorf, der mit der Klingelbahn in zehn Minuten auch von Fredersdorf erreicht werden kann, auf Tasdorf und merken nun schon an der bedeutend verschlechterten, mit Zementstaub dicht geschwängerten Lust. daß die Kalt berge mit ihrer ebenso eigenartigen als umfassenden Industrie nicht mehr fern sind. Da tauchen zwischen den Höhenzügen auch schon Dutzende mächtiger Schlote hervor. Das Stampfen und Rattern aus den Portlandzementfabriken kommt immer näher, und anfangs nur schwer vermag das Auge die dunst umhüllten Schönheiten des Naturpanoramas von dem weniger schönen Judustriebilde zu trennen. Man fühlt sich nicht recht behaglich in dieser Atmosphäre und verspricht sich nicht viel von der weiteren Partie, aber überraschend schnell ändert sich die Situation und zaubert uns so köstliche Bilder vor das Auge, wie man sie auf so engbegrenztem Räume in der Regel nur selten antrifft. An den Zementfabriken vorbei geht's über die Holzbrücke durch die langgestreckten Kolonien Schulzenhöhe und Bergbrück, dann mit einer kleinen Abschwenkung nach links über das breite Mühlcnfließ und durch einen Tunnel zum Tiefbau. Von den umgebenden Höhenzügen hat man ja einen ziemlich genauen Uebcrblick auf den Tiefbau, in dem der Kalkstein bergmännisch gewonnen wird, besonders auf den Heinitzbruch und daneben den Alvenslebensbruch. Immerhin ist der volle Be- trieb, der nur Sonnabendnachmittags und Sonntags ruht, in der Nähe sür Laien und zumal für Großstädter so hoch- interessant, daß man die halbe Mark für die Jnnenbesichtigung bei der Berginspektion ruhig opfern soll. Der mitgegebene Führer ist geeicht darauf, uns die Gebirgsillusion vollständig zu machen. Schon beim Eintritt in das Höhengebiet kommen uns die alten ausgebrannten Kalköfen ani Glockenberge, mit nachträg- lich aufgemauerten Balustraden versehen und dicht mit Wein- laub bewachsen, wie mittelalterliche Burgruinen vor. Wir finden hier aber bald die Gebirgswelt mit fingerdicken Drahtseilen versperrt, umgehen also den Tiefbau und streben der höchsten Stelle des ganzen Gebiets zu, der hohen Halde, auf deren Spitze weitragend ein Fördergerüst thront. Leider kann man, wenigstens ohne Führer, nicht ganz bis zur Spitze gelangen. Der oberste Kegel besteht aus fast lauter Geröll, so daß sich die Erbauung des geplanten Aussichtsturms hierselbst trotz aller Versuche nicht hat ermög- lichen lassen. Der Abstieg bringt uns zur Tasdorfer Chaussee durch die sehr hübsche Hauptstraße von Kalkbcrge- Rüdersdorf nach dem letzten schmalen Ausläufer des Kalksces, dem med- lichen Kesselsee, wo zahlreiche Restaurants zur wohlverdienten Labung einladen. Der zweite Teil der Tour bringt uns am zugemauerten ehemaligen Rcdenkanal vorbei über die Kreuzbrücke nach der zwischen den beiden Hauptbrüchen im Grunde aufgestellten monumentalen Sonnenuhr. Wir wenden uns dort zunächst rechts, klimmen auf den Schulzenberg und besteigen für einen Nickel den 30 Meter hohen hUzernen Aussichtsturm, von dem sich bis nach Strausberg, den Rauenschen und Kranichbergen und vor allem in die Brüche hinein ein großartiger Rundblick bietet. Nach dem Abstieg geht's hinüber zur anderen Bruch- feite auf den Weinberg, der den Tiefbau vom alten Rüders- dorfer Grund trennt. Auch hier ist die Spezialaussicht vom Pavillon mit dem Gedenkstein für den schwedi- schen Geologen Torell und vom Kriegerdenkmale 1 weit über den Kalksee hinweg bis nach Kolonie ».Stolz ein Glauzstück aus dem märkischen Naturkabiuett. Hier 1 auf lustiger Höhe befindet sich als Unikum solcher Art zwischen mächtigen Pappeln der Turnplatz der Schulgeineinden Rüders- dorf mit leider sehr schlecht beschaffenen Turngeräten. Auf- fallend ist überall auf dem Kalksteinboden die üppige Vcgetatton. Sogar Lärchenbäume sowie zahlreiche Rosensträucher finden Wir, und noch zwischen dem Geröll der hohen Halde blüht massenhaft der Storchschnabel. Die Wege auf den Höhen sind gut gepflegt, nur werden OrienttcrungStafcln vermißt. Tie ganze Fußtour hat bis jetzt nur etiva vier Stunden erfordert. Wer also noch rüstig ist, geht nicht nach dem Bahnhof, sondern wandert um den Schulzenberg herum nach Dorf Rüdersdorf('/z Stunde), dann durch den Wald am Forsthaus vorüber nach Alt-Buchhorst zwischen Pectz- und Möllensee(1 Stunde), endlich nach Grünheide am Werlsee und zum Bahnhof Fangschleuse(wieder 1 Stunde). Von hier Rückfahrt nach Berlin._ Der viergleifige Ausbau der Stcttiner- und Nordbahn schreitet rüstig vorwärts. Aus der S t e t t i n e r Bahn ist vom Bahnhof Pankow-Heinersdorf ab ein drei, bis stellenweise vier Meter hoher Damm aufgeschüttet, der sich, von Berlin gesehen, links parallel der jetzigen fünf Kilometer bis Karow, dann rechts drei weitere Kilo meter bis Buch hinzieht. Die Strecke Zepernick-Bernou bereitet die größten Schwierigkeiten, zumal hier langwierige Verhandlungen mit den Anliegern und Gemeinden durchgefübrt werden mußten. Von den erforderlichen dreißig Brücken und Durchlässen sind jetzt über die Hälfte fertig. Eins der schwierigsten Bauwerke dieser Strecke war die Straßenüberführung Schmöckpfuhl-Graben bei Pankow Heinersdorf in Kilometer 7,2. Der Rangierbahnhof Karow wird gänzlich verschwinden; voraussichtlich wird an dieser Stelle später eine Abstellanlage der Fernbahn eingerichtet werden. Weiter hin sind die Arbeiten soweit gediehen, daß die neuen Vorortgleise schon im nächsten Frühjahr in Betrieb genommen werden können. Auf der Nordbahn sind die großen Straßenunterführungen bei Rosenthal, Wittenau, Waidmannslust usw. fertig gestellt und der Viadukt über die Bismarckstraße bei Hermsdorf ist in Angriff genommen. Schon Ende d. I. dürsten sämtliche Niveauübergänge der Nordbahn beseitigt sein, so daß dem Straßen» und Automobilverkehr von und nach Berlin freie Bahn geschaffen ist. Das eine der neuen Vorortgleise Hermsdorf-Berlin wird voraussichtlich noch im Herbst dieses Jahres, daS zweite im nächsten Jahre in Bettieb genommen werden. Der gesamte Verkehr der Norddahn wird dann einstweilen über dies hochgelegte Gleispaar geführt, bis die inzwischen freigewordenen Ferngleise ebenfalls hochgelegt worden sind. Alle diese Arbeiten werden dadurch sehr verzögert, daß sie während des vollen Bahnbetriebes ausgeführt werden müssen und fortwährende Gleisverschiebungen und provisorische Anlagen aller Art erforderlich machen. Warmherzige Unternehmer. Dieser Tage hat die„Schuheinlagenindustrie Temesvary u. Co." an einen Berliner Armenvorsteher folgendes Angebot ergehen lassen: „Herrn... Hier. Wir könnten Arbeiterinnen, die in ihrer eigenen Wohnung Arbeit von uns übernehmen wollen, beschäftigen, machen Sie jedoch im voraus darauf aufmerksam, daß der Arbeitslohn für diese Massenartikel zum Lebensunterhalt nicht ausreichen, sondern nur als Beihilfe namentlich bei kinderreichen Familien dienen dürfte. Es hat also gar keinen Zweck, uns solche Frauen zu senden, die auf einen größeren Tagesverdienst als 0,S0 Mark bis 1,— Mark, je nach der Arbeitskraft rechnen. Hochachtungsvoll usw.' Welch teilnahmsvolle Menschenfreundlichkeit spricht aus dieser Offerte, wie warm fühlt doch so manches Unternehmen herz für die arbeitende Bevölkerung I Heran, ihr Proletarien stauen, heran, hier gilt's zu zeigen, daß ihr soviel Mitgefühl und Hochherzigkeit zu schätzen wißt. Kommt in Scharen und holt euch von der wohlmeinenden Firma Temesvary u. Co. ein tüchtiges Quantum dieser segenspendenden Arbeit. Zwar machen euch Eure Wohltäter gleich darauf aufmerksam, daß „der Arbeitslohn für diese Massenartikel zum Lebensunterhalt nicht ausreicht, sondern nur als Beihilfe namentlich bei kinderreichen Familien dienen soll", aber das ist kein Grund, ein so edles Anerbieten schnöde zurück� zuweisen. Auch findet hier das Wort aller Satten und Wohlhabenden, daß wer arbeiten will, auch Arbeit findet, seine vollste Bestätigung, Ihr aber, ihr unverschäniten Frauen, die ihr auf einen größeren Tagesverdienst als 0.50 bis 1,— M. rechnet, bleibt ruhig zu Hause, für euch kommt diese Gold quelle nicht in Bettacht. Nur den Bescheidenen öffnen sich die Tore von dieser Firma und als besondere Empfehlung gilt ihr der Nachweis einer recht vielköpfigen Kinderschar. Vielleicht spekuliert die Firma auch auf die augenblickliche tote Saison in vielen Gewerbezweigen und auf die viele freie Zeit der Kinder ivährend der Ferien. Wahrhaftig, man muß es dem Äapitalismos lassen, daß er, von der Zeit an, als Karl Marx eine flammende Anklage gegen ihn schleuderte, durchaus sich gleichgeblieben ist. Unbarmherzig stampft er über Menschen glück und Kindersonnenschcin hinweg, immer dem Götzen Mammon nach. Das obige Angebot ist typisch für unsere kapitalistische Zeit._ Mehrere Betriebsstörungen im Straßenbahnverkehr, die durch fremde Fuhrwerke hervorgerufen wurden, werden vom Montag ge- nieldet. Am Hafenplatz sperrte ein beladener Rollwagen der Firma Guiard, Rungestraße 21, dem das rechte Vorderrad abgelaufen war, das Gleis in der Richtung nach dem Askanifchen Platz. Das Hindernis wurde durch Mannschaften der Feuerwehr beseitigt. Während der 2S Minuten währenden Störung wurden die Wagen der Linien 17, SS, 62, 93 und 98 durch die Flottwell- und Link- ftraße über den Potsdamer Play abgelenkt.— Eine dreiviertelstündige Störung trat kurz nach 6 Uhr in der Frankin- straße in Charlottenburg ein. Ein umgestürzter Arbeitswagen der Firma Georg Wozignoy sperrte hier das Gleis in beiden Richtungen. Infolgedessen mußten die nach Charloltenburg fahrenden Straßen- bahnwagen durch die Kaiserin Lugusta-Allee über Luisenplay und durch die Wilmersdorfer Straße, die in der Richtung nach Berlin ver- kehrenden Wagen durch die Charlottenburger Chaussee über den Großen Stern und Hansoplatz abgeleitet werden.— Die dritte Be- triebsstörung ereignete sich infolge des Zusammenstoßes eines Straßenbahnwagens mit einem Lastwagen der Firma Fritz Probst in der Straße Alt-Moabit. Der Arbeitswagen versuchte an der Heilandskirche unmittelbar vor einem Motorwaggon der Linie(J das Gleis zu kreuzen und wurde so heftig angefahren, daß er umstürzte. Wöhrend der halbstündigen Störung wurden die diese Strecke be- fahrenden Straßenbahnwagen durch die Turm- und Stromstraße abgelenkt. Die Einnahmen der städtischen Straßenbahnen im Juni 1910 betrugen 126 506,70 M. gegen 69 293,10 M. im Juni 1909, daS ist eine Tageseinnahme von 4216,89 M. gegen 2309,77 M. im Juni 1909. Es wurden insgesamt 1 383 031 Personen gegen 733 113 Personen im Vorjahre befördert. Die Anzahl der im Juni gefahrenen Wagen- kilometer(Motorwagen und Anhängewagen) ist von 132 438 des Vorjahres auf 232 978 gestiegen. Die Einnahme für das Wagen- kilometer beträgt 54,30 Pf. gegen 52,30 Pf. im Vorjahre. Ans der Elendsstatistik. Am 1. Juli 1910 befanden sich im städtischen Familienobdach 215 Personen, und zwar 27 Familien mit 77 Köpfen idarunter 42 Kinder und 15 Säuglinge) und 138 Einzel- Personen. Der Gesainibestand betrug am 1. Juni 16 Personen mehr. — Das nächtliche Obdach wurde während des Juni von 50 550 Männern und 349 Frauen besucht. Der Tag des geringsten Besuches war der 14. Juni mit 1396 Personen, der des stärksten Besuches der 1. Juni mit 2021 Personen. Gebadet haben in den Brausebädern täglich durchschnittlich 514 Personen. Wannenbäder wurden während des ganzen Monats an 699 Männer und 424 Frauen verabreicht. Auf mißliche Zustände in der Gegend der Warschauerbrücke werden wir in einer Zuschrift aufmerksam gemacht, die besonders für kleinere Kinder gesahrbringend sind und mit Leichtigkeit ab- gestellt werden können. So sind in der Rudolfstraße hinter dem Eiiengeländer, das die Straße von dem Bahndamm trennt, an der Böschung fünf Stocheldräbte gezogen, an denen sich Kinder, die an den Eisenstangen zu turnen pflegen, verletzen können. Ein Draht- gesiecht als Schutz wäre jedenfalls geeigneter und sicherlich nicht all- zuviel teurer gewesen. Gefährlicher aber ist in derselben Linie eine Stelle von zirka 15 Metern, die, abgesehen von den drei parallel laufenden Eisenstangen keinerlei Schutz gegen das Hinab- fallen auf die Eisenbahnschienen bietet. Und gerade dort pflegen viele Kinder ihrem Spiele nachzugehen. Eine ähnliche ge- fährliche Ecke befindet sich an der Hohenlohe-Brücke, deren Eisen- geländer übrigens auch viel zu niedrig ist, um das Uebcrklcttern von Kindern zu verhüten. Eine nicht zu unterschätzende Gefahr, wenn man bedenkt, daß unten die Züge hin und her sausen. Auf der Mauer, die das Werkslättengeläude in der Revaler Straße um- schließt, sind Stacheldrähte gezogen, jedoch an der Außenkante und in einer Höhe, wo größere Personen infolge Ausglcitens usw. sich sehr wohl verletzen können. Weiter wird Beschwerde geführt über Uebelstände in der Verlängerung der Rudolfstraße, wo ganze Wagen voll Dung u. dergl. mitten auf den Weg abgeladen werden, den viele Personen täglich passieren müssen. Vielleicht bewirkt diese Notiz, daß die maßgebenden Behörden geeignete Maßregeln ergreifen, um diesen Uebelständen abzuhelfen. Steuerzahlen der Beamten. Der Bezirksausschuß Berlin hat in seiner gestrigen Sitzung zu der Frage Stellung genommen, ob die von der Steuerdeputation des Magistrats Berlin bei der dies- jährigen Veranlagung erfolgte Besteuerung der den Beamten im Jahre 1909 für 1908 nachbezahlten Gehaltöbeträge berechtigt fei. Der Bezirksausschuh hat durch Urteil anerkannt, daß der Standpunkt der Steuerdeputation berechtigt sei. Prügelpädagogik. Die Pädagogik, die in unseren Gemeindeschulen geübt wird, unterscheidet sich wesentlich von der in den höheren Lehranstalten geübten. Während in den Gemeindcschulen vielfach mit dem Stock erzogen wird, ist in den höheren Lehranstalten dieses Erziehungs- mittel so gut wie unbekannt; ja, es ist im letzteren Falle möglich, in bestimmten Fällen gewissen Lehrpersonen das Strafrecht zu entziehen. Gewiß gibt es auch in den Gemeindeschuleu viele Lehrer, die ohne Stock auskommen, und diese Lehrpersonen weisen nicht die schlechtesten Resultate auf. Aber immerhin haben wir viele LchrÄ:, die den Stock als besonderen Förderer im Erziehungswesen be- trachten. Eine Gruppe Lehrer gibt eS, die bei jeder Gelegenheit bereit sind, zuzuschlagen. Wohl hat unsere städtische Schuldeputation und vor allem der Stadtschulrat Fischer in einem Merkblatt den Lehrpersonen nahegelegt, in der Anwendung des Stockes mit ganz besonderer Zurückhaltung zu verfahren und in eingehender Weise die Schädigungen dargelegt, die durch die Anwendung dieses Erziehungs» mittels entstehen können, leider aber ohne besonders erheblichen Er- folg. Wir erleben eS oft, daß heute noch in einer Weise geprügelt wird, die mit vernünftigen Erwägungen nicht begründet werden kann. Was soll man dazu sagen, wenn Rektoren Zuspätkommende Kinder sofort verprügeln, wie wir das von Herrn Rektor T r e i ch e l in der Lütticher Straße dieser Tage berichten mußten. Uns gehen von Ellern Zuschriften zu, aus denen ersichtlich ist, daß an dem Zuspätkommen vielfach die Kinder ganz unschuldig sind und trotzdem von Herrn Treichel verprügelt worden sind. Selbst wenn man die Prügelstrafe für notwendig hält, kann niemand eine körper- liche Züchtigung auS dem angegebenen Grunde billigen. Dasselbe trifft zu, wenn Lehrer prügeln wegen mangelnder Leistungen. Dieser Tage prügelte deswegen ein Lehrer Z i e t l o w in der 160. Gemeinde- schule in der Stephanstraße 3 einen Schüler der 6M. Klasse dermaßen, daß der Arzt folgendes Zeugnis ausstellte: Der Knabe Th. ist nach Angabe am 30. Juin 1910, vormittags, in der Schulstunde von 10 bis 11 Uhr von seinem Lehrer aus Anlaß schlechten Schreibens in der Weise gezüchtigt worden, daß er mit einem fingerdicken Rohrstock ungefähr fünf besonders heftige Schläge quer über das Gesäß erhielt. Die Wucht der Schläge soll daraus hervorgehen, daß der Knabe gestern den ganzen Tag über nicht ordentlich habe auf dem Stuhle sitzen können, sondern sich auf ihm fortwährend unruhig hin und her bewegt hat, was eben den Elten» auffiel. Auch heute noch soll das Sitzen und in geringerein Grade mich daS Gehen schmerzhaft sein. Die heute am 1. Juli 1910, nachmittags 7 Uhr, vorgenommene objektive Untersuchung hatte folgendes Ergebnis: Die rechte Gesäß- backe ist durch Schwellung etivaS stärker als die linke. Ihre Wöl- bung ist in der Ausdehnung eines Handtellers fchwärzlich-blau verfärbt. In diesem Bezirke fallen vier übereinander liegende Stellen durch eine dunklere Färbung auf. Während die drei unteren gleichmäßig gefärbte und nur durch hellere Zwischenräume getrennte Flecke darstellen, besteht die oberste dunkle Stelle ans zwei in einem Abstände von'/e Zentimeter parallel und quer verlaufenden dunkelroten Streifen von 4 Zentimeter Länge, die durch einen hellen Zwischen» räum getrennt sind und nach außen von schwärzlichblauer Haut be- grenzt werden. Auch auf der linken Gejäßbacke finden sich, schwach angedeutet, zwei streifenartige schwärzlichblaue Verfärbungen, die in der Verlängerung der unteren länglichen und quergestellten dunkleren Bezirke der rechten Gcsäßbacke liegen. Diesem Befunde steht nichts der Annahme entgegen, daß die oeben beschriebenen Veränderungen am Gesäße den behaupteten Ursprung haben, d. h. also durch besonders heftige Schläge mit einem stockartigen Gegenstande entstanden find." Im vorliegenden Falle handelt es sich um einen blaffen, einen chwächlichen Eindruck machenden, noch nicht neunjährigen Knaben. Der Rektor soll erklärt haben, das Züchtigungsrecht habe der Lehrer und eS sei nicht überschritten. Letzteres mag richtig sein, aber von einer Beachtung des Merkblattes der Schuldeputation zeugt diese Behandlung nicht. Ist es richtig, daß der Junge wegen ehlerhqften Diktats so geprügelt worden ist. so scheint uns ein chwerer Verstoß gegen die SchnldiSziplin vorzuliegen. Wir finden es geradezu für grausam, ein Kind wegen»nangelnder Leistungen, für die es doch vielfach gar nicht kann, zu züchtigen. Diese An- schauung kam auch dieser Tage in der geheimen Sitzung der Stadtverordnetenversammlung anläßlich der Anstellung einer Lehrerin sehr kräftig zum Ausdruck. Es ist hohe Zeit, dafür zu sorgen, daß in unseren Gemetndeschulen mit dieser Art Pädagogil endlich einmal aufgeräumt wird._ Ei» tödlicher Antomobiluufall hat sich am Dienstagnachmittag gegen'/<>6 Uhr in der Frankfurter Allee ereignet. Dort spielten an der Ecke der Niedcrbarnimer Straße eine Anzahl Kinder aus dem Bürgersteige, unter ihnen auch die vierjährige Tochter Marie des Grünberger Straße 17 wohnhasten Arbeiters Dahlte- Der Kleinen war ein Ball auf den Fahrdamm gefallen, und bei dem Versuch, da» Spielzeug zu greifen, geriet das Mädchen gegen ein herannahendes Automobil. Das Kind wurde umgerissen und kam unter den Kraftwagen, dessen Räder ihm über die Brust hinweggingen. Die Verunglückte wurde nach der Unfall- station in der Warschauer Straße gebracht, wo schivere innere Wer- letzungen festgestellt wurden. Kurze Zeit nach der Einlieferung ver- starb das bedauernswerte Mädchen unter den Händen des Arztes. Die Leiche wurde beschlagnahmt und nach dem Lichtenberger Schau- hause übergeführt. Beim Fledder» ertappt wurde der Arbeiter Kasan Wiegert aus Krakau, nachdem er seinem Opfer mit einem scharfen Messer die Hosen- tasche aufgeschnitten hatte. Der Arbeiter Wilhelm Eichler ans der Utrechter Str. 5 ivar auf dem Stralauer Platz auf einer Bank ein- geschlafen. Diese Gelegenheit benutzte Wiegelt, um sich das Porte- monnaie des Schlafenden anzueignen. Eichlcr wurde aber munter und nun entspann sich zwischen ihm und dem Fledderer ein Handgemenge. Dabei brachte der Fledderer seinem Gegner einen etwa 20 Zentimeter langen Schnitt in den Unter- leib bei, so daß die Eingeweide bloßgelegt wurden und der Ge- stochene zusammenbrach. Inzwischen waren Schutzmänner und Bor- übergehende am Kampfplatz eingetroffen, verfolgten den nun fliehenden Fledderer und nahmen ihn fest. Wiegert bestritt zuerst, sein Opfer gestochen zu haben. Als man aber bei ihm das blutige Messer und Blutflecke an seinen Armen und Händen fand, konnte er nicht mehr leugnen. Der schwerverletzte Eichler wurde nach dem Kränkenhause am Friedrichshain gebracht, während Wiegert verhaftet wurde. A»S dem Wasser'gelandet wurde gestern nachmittag in Alt- Stralau eine unbekannte männliche Leiche, die anscheinend schon mehrere Tage im Wasser gelegen hat. Der Ertrunkene hatte einen kurzgeschnittenen Schnurrbart und trug einen schwarzweiß-gestreiften Anzug und neue Schnürschuhe. Er hatte eine Familienvorzugskarte des Berliner Königstädtischen Kasinos bei sich. Nach dem Genuß von Gänsefleisch unter schweren Vergiftungs- erscheinungen erkrankt ist die Familie des in der Gustav-Adolf-Str. 22 in Weißensee wohnhasten Arbeiters Somnwrfeld. S-, seine Frau und der 10jährige Sohn hatten am Sonntag zu Mittag Gänsefleisch gegessen, das ihnen von auswärts wohnenden Verwandten zugesandt worden war. Drei Stunden später erkrankten alle drei Personen bedenkliS unter verdächtigen Erscheinungen. Ein hinzugerufener Arzt stellte sofort fest, daß Vergiftung vorlag, und ordnete die Ueber- führung nach dem Krankenhause an. Im Prater-Thcatcr wurde am Montag das Ausstattungsstück „F in Reiche des M a r S" zum bv. Male wiederholt. Die Direktion hat cS sich angelegen sein lassen, auf die Biihnendekoration Ivie auf Kostüme große Sorgfalt zu legen. Unter den neuen Spezialitäten befinden sich einige Nummern, die sich hinter denen größerer Varictöbühnen nicht zu verstecken brauchen. Das trifft besonders auf die Kanouenkönigin Mauigo zu, die mit Kanonenkugeln fpielt, als handle es sich um Gummibälle! zuletzt balanziert sie eine Kanone mit den Zähnen. Schwache» Geschlecht I * Zeugengesuch. Passanten, welche am Dienstag, den 28. Juni, in der Petersburger Straße, Ecke gorndorfer Straße4 Jahre. Noch dem Be- richt des Bezirksleiters wurden abgehalten: 19 öffentliche und 12 Mitgliederversammlungen, von crstcren 2 in Liebenwaldr. Agitationstouren nach dem Außenbezirke wurden 5 unternommen; am Orte selbst haben 14 Flugblattverbreitungcn stattgefunden Der Frauenleseabend wurde 13mal abgehalten, diese wurden nach Ver- lcgung dcS Lokals weit besser besucht. Zahlabende waren für die inzwischen in 9 Bezirken verteilten Mitglieder 149 nolwcndig. Die Bezirksleitung erledigte ihre Verwaltungsaufgabe in 29 Konfe- renzcn, doch waren gemeinsam mit anderen Organisationen und Körperschaften(GewerkschastSkommission, Gcmeindcvertreter, Ju. gcndausschuß und Kinderschutzkommission) noch etwa 25 Sitzungen erforderlich. Die Mitgliederbewegung zeugt einesteils von dem durch den Wahlrechtslampf und den Wirkungen der Reichsfinanz- veform hervorgerufenen politisch regen Leben. Es waren am 31. Dezember 1998 im Bezirk organisiert 452 Männer und 45 Frauen, aufgenommen wurden 333 Männer und 73 Frauen, dagegen war allerdings ein Verlust von 191 Männern und 2» Frauen zu beklagen, doch beträgt der Ueberschuß immerhin 142 inännilchc und 47 weibliche Personen, sodaß jetzt ein Bestand von 594 männlichen und 92 weiblichen, inSgesam. 686 Mitgliedern zu verzeichnen ist. Auch der Bricht des Kassierers zeigte in erfreulicher Weise die zunehmende Erswrlung der Organisation. 3970,53 Mk. wurden an Mitgliederbeiträgcn, Sammellisten, Ueberschüsscn von Vergnügen usw. vereinnahmt, hiervon wurden 1925,67 Mk. an den Kreis abgeführt. 1612,93 Mk. wurden im Bezirk vertoandt. Von dem vorhandenen Bestand beschloß die Versammlung noch extra 199 Mk. an den Kreis abzuführen, außerdem soll die Bibliothek weiter ergänzt werden; auch von dieser konnten die Bibliothekare erfreuliches berichten. Tie Zahl der Leser hat im letzten Jahre sich mehr als verdoppelt, doch ist eine noch regere Benutzung der Bibliothek dringend erwünscht. AuS dem Bericht der Lokaltom- Mission klang besonders scharf hervor die Klage über die schlechte Beachtung der Lokalliste seitens der Arbeiter. Wiederholt wurden selbst ältere Genossen in den drek gesperrten Lokalen„Seebad". „Kuhrmonn" und„Schloß Schönholz" betroffen. Ueber ein neuer- dingS freudiges Arbeiten konnte die Kinderschutzkommission berich- ten. Auch die Mitglieder des Jugcndausschusses konnten von einer Belebung des Gedankens der Jugendorganisation berichten und erbaten iveitcr kräftigste Unterstützung durch die Genossen und Ge- nossinnen. Bon einem außerordentlickjen Aufschwung der Spedition berickstcte der Genosse Gursch als Vorwärtsspüiiteur. Die darauf vorgenommene Nominierung der Bezirksleitung ergab fol- gendes Resultat: BezirkSlciter: Schönberg; Kassierer: Skaruppc; Schriftführerin: Lorenz: Beisitzer: Gursch; Revisoren: Köhn und Andreas; Bibliothekare: Haast, Fritz Schultz und Breiter; Lokal» kommission: Fey, Dippmann. Wilsdorf; VcrgnügungSlomitee: Neu» mann, Jrmer, Nöthling. Heß und Köpk«; Kinderfchutzkontroleurin: Zepernick; Jugendoukschuß: Alfred Schmidt, Domnick und Gursch; Delegierte: Schönberg, Skaruppe, Genossin Lorenz, Janke, Nöth- ling, als Ersatz Genossin Zepernick und Neumann. Unter„Partei- angelegenheiten" wurde dem Vorstand die Erlaubnis erteilt, die Biöliothekszeit im Sommer evtl. zu verlegen; von der Austritts» crllärung des Gastwirts Falk, Hausotterstraße 43 nahen die Ver- sammlung Kenntnis. Zum Schluß der Versammlung wiesen sowohl der Bezirksleiter, als auch einzelne Funktionäre auf einzelne Ver- anstaltungen der nächsten Zukunft hin und ersuchten um rege Beteiligung. Schmargendorf. AuS dem Gemeindeleben. In der am vergangenen Freitag statt» gesundenen Geineiiidevertretersitzling teilte der Gemeindevorsteher Bischoff zunächst mit, daß er von der Elektrizitätsgesellschaft Südwest 4699 M. Tantieme erhalten habe für drei Vierteljahre seiner Tätig- keit als AufsichtZratsmitglied der Gemeinde, die er in Konsequenz seiner früheren Auffaffung als sein persönliches Eigentum betrachte. Unser Genosse Weiger bemerkte dazu, daß das Geld eigentlich der Gemeindekasse gehöre, worauf sich Herr Bischoff sehr gereizt jede Belehrung darüber verbat, was„moralische' Anschauungeil sind, inristisch sei er eben im Recht. Bezeichnenderweise schwiegen sich sämtliche anderen Gemeindevertreter über diesen so wichtigen Punkt aus, auch daS neugewählte jetzige AufsichtsratSmitglied Dr. Nathan. Derselbe berichtete dann über daS Elektrizitätswerk Südwest, wobei interessiert, daß in Schmargendorf 2429 Glühlampen und 24 Bogen- lampen installiert sind. Weiter ivurde vom Amtsvorsteher mit- geteilt, daß der Prozeß der Gemeinde gegen die Handels- gesellschaft für Grundbesitz, wodurch dieselbe gezwungen werden sollte, die vertraglich zugesicherten eine oder zwei Straßenbahn» linien bis zum Jahre 1999 zu bauen, verloren wurde, da einige Zeugen versagten. Die Gemeinde legt deshalb Beschlag auf di« gestellte Kaution von 19 999 Mark, die allerdings durch die hohe» Kosten des Prozesses aufgezehrt sind.— Der Bertrag mit dem Totengräber Dietrich ivurde auf weitere vier Jahre verlängert. Dazu beantragte unser Genosse Weiger, daß der Totengräber ver» pflichtet werden sollte, für seine Hilfsarbeiter die tariflichen Löhne zu zahlen, was jedoch mit sämtlichen mideren Stimmen ab- gelehnt wurde.— Bei dem nächsten Punkt:„Ueber» nähme der Handwerkerkammerbeiträge auf die Gemeinde» lasse' war unser Genosse Weiger der einzige, der dieser Forderungen widersprach, freilich ohne Erfolg. Die Kosten betragen 172 M. pro Jahr.— Zum nächsten Punkt„Abschluß von PflasterunterhaltungS- Verträgen' reserierte Gemeindebaumeister Solbach. Die Gemeinde stimmte einem Vertrage zu, der die Deutsche Ouaritgesellschast verpflickiter, die von ihr gepflasterte Hohenzollerndammbrücke auf eine Reihe von Jahren zu unterhaiten. für die ersten fünf Jahre kostenlos, für die weiteren Jahre mit 35 Pf. pro Quadratmeter. Dasselbe Pflaster soll auch in der Auguste» Viktoria- Straße gelegt werden.— Die beiden folgenden Punkte betrafen die Regelung der Wasserverhältnisse am Stau» becken in der Cranzer Straße. Die Gewitter im Juni dieses Jahres ließen erkennen, daß dasselbe schweren Unwettern nicht ge- wachsen ist. Um großen Schaden zu verhüten, hat ein Stichkanal sofort angelegt werden müssen, für den 2662 M. i, achbewilligt wurden. Desgleichen wurden 14 499 M. bewilligt für die Er- Weiterung des Staubeckens. Als hierbei unser Genosse Weiger wiederum beantragte, den dabei beschäftigten Arbeitern tarifmäßige Löhne zu zahlen, gab eS wieder bei den bürgerlichen Vertretern lange Gesichter und ein höhnisches Lächeln, mehr hatten die Herren für die Arbeiter nicht übrig.— Zum nächsten Punkt:„Weiter» beschästigung des Architekten" wurde der Vertrag auf ein weiteres Jahr verlängert. Der Architekt bezieht 375 M. monatliches Gehalt. Bernau. Die letzte Stadtverordnetenversammlung beschloß die Errich. tung zweier neuer Lehmstellen an der städtischen Schule. Bei der Besprechung über die Verwendung der Räume im alten Kranken» hause wurde vom Genossen Krüger der Vorschlag gemacht, dieselben alten unbemittelten Leuten, welche gegenwärtig mit schlechten Woh- nungen vorlieb nehmen müssen, zu überlassen. Seitens de» Magistrats war geplant, die Räume an einige Polizeibeamte als Woh- nungen zu vermieten.— Der Bericht über den Städtetag wurde vom Bürgermeister und den drei Delegierten gegeben. Von unseren Genossc» wurde das Betragen der bürgerlichen Delegierten auf dem Städtetage gegenüber den sozialdemokratischen Delegierten gerügt. — Der hiesigen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz wurden für dieses Jahr 59 M. zur Errichtung dreier Verbandsstellen in Bernau be« willigt. Ursprünglich sollte darüber in nichtöffentlicher Sitzung beraten werden, wogegen unsere Genossen protestierten, welchm Protest vom Borsteher auch Rechnung getragen wurde.— In nicht» öffentlicher Sitzung wurde dann der Privat-Knabenschule gegen die Stimmen unserer Genossen eine Subvention von 2999 M. be» willigt. Spanda«. Arbciter-Samariterbund. Kolonne Spandau. Heute Mittwoch. abends 8'/s Uhr, UebungSstunde bei Böhle, Havelstr. 20. Potsdam. Ein Entarteter stand in der letzten Sitzung der Potsdamer Strafkammer vor seinen Richtern. Der Schuhmacher Karl Karch, ein 45jähriger Junggeselle, der im Hause Schützenstraße 17 ein« Schuhmacherwerlstatt betrieb, machte sein Lokal zu einer Laster- höhle. Er verging sich an Schulkindern, die Schuhe holten und brachten. Einmal wurde er wegen Mangels an Beweisen frei- gesprochen. Er hatte aber auch eine 15 Jahre alte Schülerin Margarete G. geschwängert. Das Mädchen gebar ein Kind. Der Angeklagte wurde zu 2 Jahren Zuchthaus, 5 Jahren Ehrverlust b«i sofortiger Verhaftung verurteilt. Jngendveranstaltungen. Lichtenberg- Friedrichsfelde. Am Sonntag, den 10. Juli, ver» anstaltet der JugendauSschus«inen Ausflug nach Birken werder, an der Briese entlang zum Wandlitzsee. Liepvitzsee, bi» Bernau< Rückfahrt). Treff» pun»: Bahnhof Frankfurter Allee. Wsahrt S Uhr 30 Min. Liederbücher sowie gute TageSverpflegrmg mitbringen. Fahrgeld 90 Pf. «MierungSüderNch» vom 5. Jnli 1910, moraenS S Uhr. Bürttcrproguofe für Mittwoch, de» S. Juli 1910. Etwa« wärmer bei mätzigen liidwesUichen Winden und veränderlicher Bewölkung ohne erhebliche Niederschläge. Berliner Wetterbureaa. Credit-Haus Bellealliance" R-lIealHanre-Str. 100, I, Etnpe. H'arfn h. ÄÄbel n. kulant. 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Die Kartellfirma Hahn in Odcrberg wollte den Kartcllvertrag nur der- längern, wenn man ihr einen größeren Anteil an der Stabeisen- erzsugung, einen günstigeren Vertrag mit dem Witkowitzcr Roh- eisenwcrk oder die Bewilligung zu eigener Eisenerzeugung gewähre. Das Kartell begann den Kampf, ging an die Errichtung eines neuen großen Werkes in Witkowitz, ermäßigte die Preise ab Freistadt wiederholt und drohte den böhmischen Außenseitern mit ähnlichen Maßregeln. Als diese zu schwanken begannen und die Aufnahme ins Kartell anstrebten, erklärte man, nur mit allen Gegnern oder mit keinem Frieden zu schließen. Wenn bis zum 1. Juli das Ab- kommen mit Freistadt und Oderberg nicht zustande käme, sollte ein weiterer Preisnachlaß eintreten, so daß der Zollschutz noch weniger ausgenützt worden wäre. Da wurde Friede: die Werke in Freistadt, Rokitzau und Traisen wurden in das Kartell auf- genommen. Hahn bleibt bis 1917 darin und erhält einige Zu- geständnisse. Das erweiterte Kartell ist bis 1917 verlängert und— dieStabeisenpreisewurdenwiederuml�Kronen erhöht. Während des Kampfes haben die Kartellbeherrscher die Aktien der Werke billig aufgekauft, die Werke Rotzikau und Frei- stadt werden in ihrer Produktion schon reduziert. Bis 1917 sichern die enormen Eiscnzölle den Kartellijten die wucherische Ausbeutung des ganzen Landes. Die Arbeitszeit in den gelb verseuchten, mit Lohndrückern aus dem elendesten Südosten Europas gefüllten Wer- ken beträgt im kontinuierlichen Betrieb noch 12 Stunden, beim Schichtwechsel 18 Stunden— in der Schmelzhitze der Stahlöfen. Der Antrag des Sozialdemokratischen Verbandes auf Einführung der achtstündigen Arbeitszeit wird von dem Bourgeoisparlament nicht erledigt. Geschähe dies jetzt, könnte sich die Industrie daran gewöhnen und 1917 könnten die wucherischen Eisenzölle gefahrlos beseitigt werden. Wie einer Interpellation des Abgeordneten Ge- nossen Beer zu entnehmen, werden von dem Fusionsgewinn von 48 Millionen nur 24 Millionen versteuert werden, wofür die Re- gierung die Ausgabe von 1499 Millionen neuer Aktien bewilligt! An der Börse hat das Kartell während des„Kriegs" durch billigen Aktienkauf und Kurssteigerung enorme Summen gewonnen. Auflösung des Oberschlesischen Stahlvcrbandcs. Recht über- raschend kommt die Meldung von der Auflösung des Oberschlesischen Stahlvcrbandcs. der erst vor kurzer Zeit neu gekräftigt zu sein schien. Der Anstoß ist von den Huldschinskyschen Werken ausgegangen, die zu dem Jntcressenkonzern der Caro-Lindner- I Gruppe gehören. Der Oberschlesische t-ztah!formgußverband hat 'niemals eine besondere Bedeutung erlangen können und ist nicht zu verwechseln mit dem Oberschlesischen Stahlwerksverbandc, dem die oberschlesischen Eisenwerke mit Ausnahme der Laurahütte und des Borsigwerkes angehören. Die Dortmunder Handelskammer und der Konsum an Pferdefleisch. In ihrem Jahresbericht erwähnt die Handelskammer, daß sie sich zur „Tarifierung von frisch geschlachtetem Pferdefleisch" auf eine An- frage der kgl. Eisenbahndirektion gutachtlich geäußert hat. Danach werden im Handclskammerbezirk im Jahre 899 bis 1999 Pferde ge- schlachtet. Das sehe nicht danach aus, als ob ein Bedürfnis nach Pferdefleisch und nach Frachtherabsetzung bestehe. Es erkläre sich das„aus unseren hier bestehenden Erwerbsvcrhältnissen." Die Löhne seien nur wenig heruntergegangen. Jedenfalls seien sie „nicht im entferntesten derart gesunken", daß sie den Ar- beiter zum Genuß von Pferdefleisch sozusagen zwängen. Dann versucht der nationalliberale Berichtsschreiber einen plumpen Witz:„So etwas könnte höchstens— sür die Zeit in Aussicht stehen, wenn etwa Kohlcnsteuer und Kohlenausfuhrzoll ihre unheilvolle Wirkung ausgeübt haben sollten. Dann allerdings könnte es passiern, daß der Verdienst auch nicht mehr zu Pferdefleisch langt." Bei den nationalliberalen Großindustriellen langt eS ja immerhin noch zu anderein wie Pferdefleisch, sonst würde ihnen wohl die Lust zu solch geschmackvollem Witz vergehen. Wenn die Löhne im Bezirk so hoch sein sollten, daß der Pferde- fleischkonsum unnötig ist, so taucht doch die Frage uuf, was mit den 899 bis 1999 Pferden, die im Jahre geschlachtet werden, geschieht? Sicher wird das Fleisch doch von armen Leuten gegessen. Wenn der Gelehrte der Handelskammer nicht eine besonders unerklärliche Ge- schmackseigenheit der armen Pferdefleischkonsumenten annehmen will, so ist kein anderer Grund anzunehmen, als eben die ungenügenden Löhne der Arbeiter auch ohne die Kohlensteuer. Der Handelskammerbericht gibt das auch indirekt selbst zu, indem er sich gegen eine Frachtherabsetzung wendet in der Befürchtung, daß dann auch noch Pferdefleisch eingeführt werden würde. Also „befürchtet" der Bericht, daß der Konsum an Pferdefleisch bei billigem Preise noch mehr steigt. Bei manchem„bis ins hohe Alter hinein■ gesicherten" Arbeiter langts eben jetzt trotz der„gefüllten Kompottschüssel" noch nicht einmal zu Pferdefleisch I Von wegen des„Kulturaufstiegs". Einschränkung der Tecversorgung. Die Bewegung der Tee- einfuhr im laufenden Jahre weist eine starke Einschränkung gegen- über den letzten Jahren auf. Berechnet man nämlich aus der Ein- und Ausfuhr von Tee die Versorgung des Inlandsmarktes, so er- gibt sich für die ersten fünf Monate dieses Jahres eine Menge von nicht mehr als 1 144 199 Kilogramm. In der Parallelzeit des Vor- jahres stellte sich die Versorgung auf 2 944 399 Kilogramm, und auch 1998 hatte sie 1 772 799 Kilogramm und 1997 I 764 699 Kilo- gramm betragen. Die diesjährige Versorgungsmenge ist demnach ungewöhnlich niedrig; sie bleibt hinter der von 1399 um 44 Proz. zurück. Der Wert der diesjährigen Mehreinfuhr von Tee beläuft sich auf 1,93 Millionen Mark, er hatte im Vorjahre 3,62 Millionen Mark betragen. Während zu dem Zoll von 25 M., der bis zum 1. August 1999 bestand. 2 932 799 Kilogramm eingeführt worden waren, wurden im laufenden Jahre zu dem jetzt bestehenden Zoll von 199 M. nur 921 199 Kilogramm eingeführt. 211 299 Kilogramm, die im Laufe der ersten fünf Monate hereinkamen, waren noch vor dem 1. August zu 26 M. verzollt worden. Besonders stark hat die Einfuhr chinesischen Tees nachgelassen, obgleich sie vor Ein- führung des höheren Zolles gar nicht ungewöhnlich forciert worden war. Es kamen in den ersten fünf Monaten des Vorjahres 1 169 999 Kilogramm chinesischen Tees nach Deutschland, in der- selben Zeit dieses Jahres aber nur 644 199 Kilogramm. Auch die Einfuhr aus Nicderländisch-Jndien ist recht beträchtlich gesunken; sie ging von 367 999 Kilogramm auf 168 699 Kilogramm zurück. Aus Britisch-Jndien kamen 299 499 Kilogramm gegen 311 199 Kilo- gramm, aus Ceylon 91 899 gegen 161 299. Das Auslandsgeschäft der chemischen Industrie. Die Ausfuhr chemischer Erzeugnisse stellte sich der Menge nach in Millionen Doppelzenwern und dem Werte nach in Millionen Mark wie folgt: Jan. Febr. März April Mai Menge.. 1,94 8,44 3.73 3,19 2,61 Wert... 37,16 69,49 67,94 64,84 53,60 Demnach hat der Monat Mai einen ziemlich erheblichen Rückgang des Auslandsgeschäfts der chemischen Industrie gegenüber den Vor- monaten Februar bis April gebracht. Im Vergleich zum Monat März ist ein Rückgang der Mengenausfnhr um 1,27 Millionen Doppelzentner eingetreten, der einen Minderwert der Ausfuhr von 13,64 Millionen Mark repräsentierte. Im Vergleich der Monate Mai 1998 und 1919 weist der Mengenabsatz der chemischen Industrie auf dem Weltmarkt eine Steigerung von 2,29 auf 2,61 Millionen Doppelzentner oder um rund 9,6 Proz. auf, indem zugleich der Wert um 3,13 Millionen Mark stieg. Das G e s a m t r e s u l t a t der Ausfuhr in den Monaten Januar bis Mai der beiden letzten Jahre hat somit die Entwickelung des Aus- landsabsatzes im Mai 1919 im Vergleich zu den ersten vier Monaten Januar bis April immer noch eine Besserung erfahren. Vergleicht man nämlich die Entwickelung der Ausfuhr chemischer Erzeugnisse in den fiinf ersten Monaten der beiden letzten Jahre,.so ergibt sich folgende Ge-staltung: Januar Januar bis Mai bis Mai 1999 1919 Millionen Doppelzentner 19,94 14,67 Millionen Mark 232,— 286,43 Somit weist die Mengenausfuhr eine Steigerung um 3,73 Millionen Doppelzentner oder um rund 34.1 Prozent auf, während sich der Mehrwert aus dem diesjährigen Auslandsgeschäft für die chemischen Fabriken auf 63,43 Millionen Mark oder auf 23 Proz. stellt. Zuwachs + 3,73= 34,1 Pro z. + 53,43= 23,9 Proz. LEIPZIGER STRASSE ALEXANDERPLATZ Soweit Vorrat— Grosser Verkauf der FRANKFURTER ALLEE Sommer- Rest- Bestände Dieser Verkauf erstreckt sich auf fast alle Abteilungen. 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Verantwortlicher Redakteur Richard Barth, Berlin. Mr de» Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Borwärt« Buchdruckerei u. BerlagSanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW,