ffcfBL WonMmenfS'BedinsDngcns Ilbonnnnenti- Preis prinumerando i Kierletftchrl. ajO ZRt., monatL 1,10 Ml, wöchentlich 28 Pfg. frei WS Hau». Einzelne Nummer k Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Well' 10 Pfg. Post- «bonnement: 1,10 Marl pro Monate Eingetragen in die Post. geitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn S Marl, für das übrig« Ausland 8 Matt pro Monat. PoflabonncmentS nehmen an: Belgien, Dänemark Solland, Italien. Luxemburg. Portugal »umSnien, Schweden und die Schweis, vlchklit tiallA laStr dontaat- � G Verlinev Volksblstt. ... Die TnlertlonS'Gtbflftf f lhSgt für die sechsgespaltene Kolonel- geile oder deren Raum 50 Psg., für Polltische und gewertschaftllche Vereins- Und BersammlungS-Anzeigen 80 Psg. „Uteine»ureigen", das erste ffett- gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- ftellen-Anz eigen das erste Wort 10 Psg. jedes weitere Wort 5 Psg. Worte über 15 Buchslaben ziihlen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen vis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm. Adreffe: „ZHliil-Umolirat«etil»-. Zcntralorgan der rozialdemokratifchen parte» Deutfchlande. Redahtion» SM. 68, Lindenetrasse 69* Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983. Lil, Kaiier-iricf. In der amerikanischen und englischen Presse rumort es wieder einmal nicht unbeträchtlich wegen eines neuen Kaiser- Briefes. Es handelt sich dabei um einen Brief, den Wilhelm II. an den Präsidenten Madriz von Nicaragua gerichtet hat. In Nicaragua herrschen zurzeit ziemlich zerfahrene Zu- stände. Es stehen sich dort, wie das ja in den kleinen mittel- und südamerikanischen Staaten oft vorkommt, zwei Parteien gegenüber, deren Häupter Madriz und Estrada sind. Jeder dieser beiden Prätendenten erhebt Anspruch auf die Präsidentschaft. Die Regierung der Vereinigten Staaten hat jedem der beiden Präsidentschaftsanwärter in einem bestimmten Teile Nicaraguas bestimmte Verwaltungsbefugnisse eingeräumt, jedoch keinem der beiden Partcihänpter die Anerkennung einer offiziellen Regierung zuteil werden lassen. Als General Madriz im Dezember des vorigen JahreS dem Ausland den Antritt seiner Präsidentschaft an- kündigte, war England so vorsichtig, zunächst einmal die amerikanische Regierung über ihre Stellungnahme zu sondieren. Der deutsche Kaiser jedoch beantwortete am 26. April die Note Madriz, indem er ihn zu seinem Regierungsantritt beglückwünsch t.e. Ein Teil der amerikanischen Presse behauptet nun, dasi dies Verfahren Wilhelms II. einen ungerechtfertigten und für die Vereinigten Staaten unfreundlichen Ein- griff in die amerikanischen Verhältnisse dar- stelle. Die freundliche Antwortnote des deutschen Kaisers, in der Madriz als„großer und guter Freund" bezeichnet werde, sei von ganz bestimmten Absichten diktiert. Man dürfe sie als den er st en Schritt einer Annäherung zwischen Deutschland und den mittelameri kanischen Republiken betrachten. Die deutsche Politik laufe wohl darauf hinaus, eine Kohlenstation in Nicaragua zu erwerben. Nach einer Meldung der Londoner„Morning Post" erinnert man in Amerika auch an das schon vor einiger Zeit Uer breitete Gerücht, daß Präsident Madriz einer europäischen Großmacht eine nicaraguarische Insel als Kohlcnstation an- geboten habe, wenn diese ihn anerkenne und ihm finanzielle lnterstützung gewähre. Demgegenüber wird von mehreren Telegraphcnbureaus auf„Erkundigungen an zuständiger Stelle erklärt, daß der Brief Wilhelms II. an Madriz keines- w e g s ein kaiserliches Handschreiben gewesen sei, sondern lediglich die übliche Antwortnote auf das Notifikationsschrciben des Präsidenten Madriz, in dem dieser in derselben Weise wie allen anderen Staatsober Häuptern dem deutschen Kaiser seinen Regierungs antritt angezeigt habe. Das deutsche Antwortschreiben sei ganz in der Form abgefaßt gewesen, die dafür Völker- rechtlich vorgeschrieben sei. Auch die Anrede„großer und guter Freund" sei nichts anderes, als eine solche allgemein angewandte Höflichkeitsfloskel. Weder in dem Brief des Präsidenten noch in der Antwort Wilhems II. seien irgend welche politis chen Mitteilungen enthalten gewesen, insbesondere werde von der zuständigen Seite versichert, daß von einer Kohlen st ation gar keine Rede gewesen sei, daß es sich vielmehr hierbei nur um das„Hervorholen eines alten Märchens" handele. Die Vereinigten Staaten wüßten auch längst, daß Deutschland nicht als Eindringling zu be- trachten sei. Offenbar sei die ganze Angelegenheit nur auf- gebauscht worden, um für den demnächst stattfindenden süd- amerikanischen Kongreß in einem gewissen Sinne Stimmung zu machen. Auch wir können annehmen, daß es sich tatsächlich um die Aufbauschung einer harmlos gemeinten Sache handelt. Daß unsere deutsche Wcltmachtspoliük nach der Schaffung neuer Kohlenstationen trachtet, ist ohne weiteres anzunehmen; daß sie sich aber der Illusion hinzugeben vermöchte, in Mittel- oder Südamerika solche Kohlenstationen erlangen zu können, halten wir denn doch für gänzlich ausgeschlossen. Es ist der deuischen Regierung so gut wie der jedes anderen Staates bekannt, daß Amerika auf die strikte Jnnehaltung der Monroe-Doktrin das höchste Gewicht legt und es niemals zugeben würde, daß eine andere Sce> macht sich jn amerikanischen Gewässern einen Stützpunkt schüfe. Gegen den unverkennbaren Willen der Vereinigten Staaten aber solch' weltpolitischen Projekten nachzujagen, wäre eine unglaubliche Torheit, der wir auch die deutsche Regierung nicht für fähig halten. Es bleibt also die formelle Anerkennungsnote des deut schen Kaisers übrig. Und da müssen wir allerdings sagen. daß auch Deutschland sich durchaus nichts vergeben hätte, wenn es sich er st gleich England in Washington über die Stimmung der Ver einigten Staaten informiert hätte. Amerika nimmt nun einmal das Recht für sich in Anspruch, auch über die Politik der mittel- und südamerikanischen Staaten mit- zubestimmen, und da es auch unstreitig die Macht besitzt, seinen Ansprüchen Geltung zu verschaffen, wäre es ja total sinnlos, eine gegen die Vereinigten Staaten gerichtete Politik unterstützen zu wollen. Es wäre also in diesem Falle dringend wünschenswert gewesen, daß Wilhelm II- «jf eine Handlung verzichtet hätte, die, so harmlos sie ge- Expedition» 8M. 68» t-indenvtrasse 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1981. meint gewesen sein mag, gleichwohl der jingoisti schen Presse Amerikas und Englands den bequemen Vorwand zu aben- teuerlichen Gerüchten zu liefern vermochte. Dazu kommt, daß die Vergangenheit leider dieser Jingo- presse ein gewisses Recht zu solchen sensationellen Auf- bauschungen gibt. Liegt es doch sehr nahe, bei dieser Ge- lcgenheit das famose Krüger-Telegramm wieder hervorzu- holen und den Brief an den General Madriz mit dem da- maligen Kaisertelegramm zu vergleichen. Gerade dies un- selige Kaisertelegramm, das Deutschland schon so viel Blamage und Ungelegenheiten bereitet hat, hätte WilHeim II. respektive dem Auswärtigen Amt eine dringende Warnung sein sollen. Zum mindesten hätte man von dem A u s w ä r- t i g e n Amt erwarten sollen, daß es diesmal klügere Vor- ficht hätte walten lassen. Denn da es sich nach den offiziösen Erklärungen der Depeschenbureaus nicht um ein Privat- schreiben Wilhelms II., sondern um die übliche a m t- l i ch e Note gehandelt hat, kann ja das Schriftstück nur im Auswärtigen Amt angefertigt und dem Kaiser l�dig- lich zur Unterschrift vorgelegt worden sein. Oder sollte es sich doch anders verhalten?! Jedenfalls beweist auch dieser neueste Kaiserbrief, daß die deutsche Regierung in ihrer auswärtigen Politik eine äußerst unglückliche Hand hat. Die Entrüstung über die Sensationslüsternheit der amerikanischen und englischen Presse vermag an dieser unerquicklichen Tatsache nicht das geringste zu ändern. Und das Uebel wird auch solange unausrottbar sein, als die Vertretung des Reichs nach außen hin die Sache einzelner impulsiver Persönlichkeiten und einiger weniger unzulänglicher Berater sein wird.> ver Kixäorfer Kahlrechtsraud vor dem ßezlrlisausichuß. Bekanntlich suchte die bürgerliche Stadtverordnetenmehrheit in Nixdorf im Einverständnis mit dem Magistrat die Vermehrung der sozialdemokratischen Vertreter im Stadtparlament dadurch unmöglich zu machen, daß sie Ende Dezember 1908 ein Ortsstatut beschlossen, das für die Bildung der Grmeindewählerabtcilungen da? Verfahren nach dem anderthalbfachen Durchschnitt einführt. Schon vor diesem WahlrechtSraub, der in der Oeffentlichkeit allgemeines Aufsehen er« regte, hatte der Nixdorfer Magistrat in aller Sülle die Nechte der Gcmeindewähler dadurch erheblich beeinträchtigt, daß er bei Auf- stellung der Wählerliste für das Jahr 1908 das Verfahren nach dem einfachen Durchschnitt in sinn« und gesetzwidriger Weise zur Anwendung brachte. Bekanntlich erfolgt die Bildung der Gemeindewählerabteilungen nach dem Verfahren der einfachen Drittelung. DaS heißt, der ersten Abteilung werden so viele von den Höchstbcsteuerten zugezählt, daß die Summe der von ihnen aufgebrachten Steuern ein Drittel der Gesamtsteuersumme der ganzen Gemeinde ausmacht. Bon den folgenden Steuerzahlern kommen so viele in die zweite Abteilung, daß auch hier ein Drittel der Gesamtsteuersumme heraus- kommt; den Rest der Wähler bildet die dritte Abteilung. Eine Ab« weichung von dieser Regel der Drittelung ist nach dem Gesetz vom 80. Juni 1900 in Städten mit mehr als 10 009 Einwohnern zulässig und zwar in der Weise: Wähler, die mehr als den auf den einzelnen Wähler fallenden Durchschnittsbetrag der Gesamtsteuersumme zahlen, nach der Drittelung aber in die dritte Abteilung gehören, können der zweiten Abteilung zugewiesen werden.— Nach demselben Gesetz kann durch OrtSstatut bestimmt werden, daß für dies Ver» fahren statt des einfachen Durchschnitts der anderthalbfache Durchschnitt gelten soll. Der Nixdorfer Magistrat hat bei Aufstellung der Wählerliste für 1903 die angeführte Gesetzesbestimmung sinn« und g e s e tz- widrig angewandt. Während diese Bestimmung den pluto- kratischen Charakter deS GcmeindewahlrcchtS mildern will, indem sie die Emporhebimg der mehr als den Steuerdurchschnitt zahlenden Wähler aus der dritten in die zweite Abteilung ermög- licht, schlug der Nixdorfer Magistrat in ganz falscher Auslegung des Gesetzes den entgegengesetzten Weg ein. Er stieß die Wähler, welche den durchschnittlichen Steuerbetrag nicht erreichten, bei der Drittelung aber in die zweite Abteilung gekommen waren, in die dritte Abteilung hinab und verschärfte dadurch den plutokratischen Charakter des Wahlrechts. Die nach diesem Grundsatz aufgestellte Wählerliste für 1903 ist vom Genoffen Conrad im VerwalwngSstreitverfahren angefochten und sowohl vom Bezirksausschuß wie vom ObervcrwalwngSgericht für ungültig erklärt worden, weil das Verfahren des Magistrats dem Gesetz nicht entspricht.— Für die Verhältniffe, die in Rixdorf herrschen, ergibt sich auS diesem Urteilsspruch, daß die Bildung der Wählerabteilungen lediglich nach dem Verfahren der Drittelung stattzufinden hat. Die Abweichung von der Regel, die das Gesetz am 30. Juni 1900 zuläßt, hat eben für die eigenartigen Verhältniffe RixdorfS keine praktische Bedeuwng. Daran kann auch das OrtS- statut, das der roten Flut einen Damm entgegensetzen sollte, nichts ändern. Wenn schon die nach dem Verfahren deS einfachen Durch- fchnittS aufgestellte Wählerliste nach dem Urteil des OberverwaltungS« gerichts ungültig ist, so muß die Wählerliste für 1909, bei der nach dem Erlaß deS OrtSstatutS das Prinzip des anderthalb« fachen Durchschnitts angewandt worden ist, e r st r e ch t u n« gültig sein.— DaS hätte sich auch der Nixdorfer Magistrat, nachdem ihm das Urteil des Oberverwaltungsgerichts bekannt geworden war, sagen und danach handeln müssen. DaS tat er aber nicht! Auch die Stadtverordnetenmehrheit stellte sich auf seine Seite. Die Wählerliste für 1909 ist natürlich auch von unserer Seite angefochten worden. Der Bezirksausschuß hatte die Verhandlung dieses Streitfalles so lange vertagt, bis das Oberverwaltungsgericht sein Urteil über die Wählerliste von 1903 gefällt haben würde. Das ist am 18. Januar d. I. geschehen und das Urteil dem Nixdorfer Magistrat sogleich bekanntgegeben worden. Anstatt nun die zweifellos nach gesetzwidrigen Grundsätzen aufgestellte Wählerliste für 1909 zu kassieren, ließ der Magistrat der Verwaltungsstreitsache ihren Lauf, ja er zögerte die Ansehung eines Verhandlungstermins dadurch hinaus, daß er die Akten, die der Bezirksausschuß bereits im Februar einforderte, er st kürzlich einsandte, nachdem bereits einige Nachwahlen auf Grund der neuen, gcsetz« widrigen Liste stattgefunden haben, bei denen aber trotz alledem die sozialdemokratischen Kandidaten gewählt worden sind. Infolge der vom Magistrat verschuldeten Verzögerung konnte die vom Genossen Scholz erhobene Klage gegen den Beschluß der Stadtverordnetenversammlung, der die von unseren Genossen an« gefochtene Wählerliste für gültig erklärte, erst am Dienstag vor dem Bezirksausschuß in Potsdam verhandelt werden. Die beklagte Stadtverordnetenversammlung hatte, wohl in dem Gefühl, daß sie eine unhaltbare Position nicht mehr zu verteidigen brauche, gar keinen Vertreter zur Verhandlung gesandt. Die vom Referenten vorgetragenen Gründe, welche die Mehrheit der Nixdorfer Stadtväter für ihren Standpunkt anführen, sind im wesentlichen nicht rechtlicher, sondern politischer Natur. Sie lassen sich kurz dahin zusammenfaffen: Der Gesetzgeber könne nicht das gewollt haben, was das Oberverwaltungsgericht in seinem Urteil ausgesprochen habe. ES müsse der Gemeinde Nixdorf doch möglich gemacht werden, zu verhindern, daß ihre Verwaltung in die Hände einer sozialdemokratischen Mehrheit komme, denn dicS würde den wirtschaftlichen Ruin der Stadt Rix- d 0 r f zur Folge haben I Um eine sozialdemokratische Mehrheit zu verhindern, sei ja das Ortsstatut erlassen worden und die angefochtene Wählerliste entspreche dem OrtSstatut. Rechtsanwalt Wolfgang Heine, der den Kläger vertrat, lehnte eS ab, auf die politischen Ausführungen der Beklagten einzugehen, da für die hier zu treffende Entscheidung nicht politische, sondern rechtliche Erwägungen maßgebend seien. Jn seinen weiteren Ausführungen verwies Genosse Heine darauf, daß alles, was in dem Vorprozeß gegen die von der Gemeinde Nixdorf beliebte Anwendung des einfachen Durchschnitt gesagt worden sei, auch auf den ändert- halbfachen Durchschnitt zutreffe. Nach dem Urteil des Obcrverwal- tungsgerichtS treffe der§ 2 des Gesetzes vom 30. Juni 1900 für die Nixdorfer Verhältnisse nicht zu, denn eS gebe dort keine Wähler, die nach dem Durchschnittsprinzip aus der dritten in eine höhere Abteilung befördert werden müßten. Eine Versetzung der unter dem Durchschnitt bleibenden Steuerzahler ans der zweiten in die dritte Abteilung sei gegen den Sinn deS Gesetzes. Wenn also der Z 2 für Nixdorf nicht zutreffe, dann sei das auch mit dem Z 3 der Fall, denn er beziehe sich nur auf solche Gemeinden, für die der§ 2 zutreffe. Auf Grund der angefochtenen Wählerliste seien in der ersten Abteilung 302 Wähler mit einer Steuersumme von 791 182 M., in der zweiten Abteilung 2317 Wähler mit 789 320 M., und in der dritten Abteilung 35 810 Wähler mit einer Steuersumme von 1411029 M. Die Wähler der dritten Abteilung zahlen also fast so viel Steuern, wie die der beiden anderen Abteilungen zusammengenommen. DaS sei ein Zustand, der dem Sinne des Gesetzes nicht entspreche. WaS die Gemeindeverwaltung von Rixdorf mit ihrem OrtSstatut erreichen wolle, könne sie nicht erreichen, solange die gegenwärtigen gesetzlichen Bestimmungen bestehen. Der Bezirksausschuß folgte den Ausführungen des Anwalts und erklärte seinem Antrage gemäß die Wählerliste für 1909 a l« ungültig._ Liberale Demagogie. Aus London wird uns geschrieben: Wie ein alter Sünder, der im Sterben liegt, macht jetzt die Regierung dem Richter, vor dem sie demnächst zu erscheinen hat, der Wählerschaft, ein Versprechen nach dem anderen. Vor drei Wochen versprach Herr Winston Churchill den Bergarbeitern eine durch- t reifende Revision des Berggesetzes, bei der die vielen lorschläge, die die königliche Kommission über die Unfälle im Bergbau gemacht hat, in Wirklichkeit umgesetzt werden sollen. Allerdings wird die Bill nicht vor dem nächsten Jahre fertig sein. Wehmütig meinte der Minister, er könne über die Aus- sichten der Vorlage leider nichts sagen; denn er wisse nicht, ob die Regierung im nächsten Jahre noch am Ruder sein werde. Nicht minder unbestimmt klang das von dem Schatzkanzler in der Budgetrede gemachte Versprechen, vom 1. Januar 1912 ab eine allgemeine Kranken- und eine Partielle Arbeitslosenversicherung einzuführen. Die Er- füllung dieses Versprechens soll bekanntlich davon abhängen, ob Deutschland seinem Flottenprogramm gemäß im Jahre 1912 das Tempo seiner Seerüstungen verlangsamt. Wenn das ein- träfe, sagt uns der Schatzkanzler, so würde an der Flotte ge- spart werden und die genannten Sozialversicherungen würden eingeführt werden können. Der Wert dieses Versprechens ist etwa so hoch einzuschätzen, wie die Größe der Widerstands- fähigkeit der Linksliberalen gegen den unersättlichen Hunger des Marinemolochs. Eine bedingte Sozialreform beweist, daß man in liberalen Kreisen die Intelligenz des englischen Arbeiters nicht sehr hoch einschätzt. Jn der gleichen nebelhaften Zukunft liegt das letzte Woche vom Minister des Innern angekündigte Projekt über die Regelung der Arbeitszeit der Ladengehilfen. Herr Churchill. hat die von seinem Vorgänger Gladstone im letzten Parlament entworfene Vorlage wieder eingebracht. Es han- dclt sich hier um die Einlösung eines alten Versprechens. Die Bill behandelt die Arbeitszeit der Ladengehilfen und die Ge- schäftszeit der Ladengeschäfte. Die wöchentliche Arbeitszeit der Ladengehilfen, deren es in Großbritannien etwa 1 Million gibt, soll auf 60 Stunden festgesetzt werden. Kein Gehilfe soll mehr als an 3 Tagen in der Woche nach 8 Uhr abends arbeiten; auch soll eine bestimmte Zeit für Mahlzeiten fest- gesetzt werden. Ferner soll der schon vielfach beobachtete halbe freie Tag in feder Woche obligatorisch gemacht werden. Die Sonntagsarbeit soll reguliert werden. Schließlich enthält die Vorlage auch noch sanitäre Bestimmungen. Käme die Vorlage zur Annahme, so würden damit viele der dringendsten Forderungen der so wenig geschützten Laden- gehilsen erfüllt werden. Aber bei der ersten Lesung dieser Vorlage konnte man auch wieder in den Worten des Ministers den klagenden Mollton eines der Auslösung entgegensehenden Kabinetts vernehmen.„Obgleich ich mir der Schwierigkeiten der bestehenden Zustände, soweit die An- nähme dieser Vorlage in Betracht kommt, sehr wohl bewußt bin, muß ich dennoch bekennen, daß ich die Aussichten dieser Maßregel nicht als hoffnungslos ansehe." Solche Aussichten werden die Ladengchilfen kaum hoffnungsvoll stimmen können. Man tut aber gut, die traurige und bedenkliche Miene des Herrn Churchill als eine vorzeitige Entschuldigung für das Fehlschlagen der erwähnten Vorlage in diesem Parlament anzusehen. Die Regelung der Arbeitszeit der Ladengehilfen wird nebst der Revision der Berg- gesetze und der Kranken- und Arbeitslosenversicherung mit herhalten müssen, um die nächsten Parlaments- wählen zu gewinnen. Die Liberalen haben sich als gelehrige Schüler der F a b i e r bewiesen, die die liberale Partei be- kanntlich mit sozialisttschen Ideen imprägnieren wollen. Der Gedanke steht auf einer Höhe mit dem Einfall, einem ein- gefleischten Einbrecher das Schlosserhandwerk zu lehren, um ihn zu einem nützlichen Gliede der Gesellschaft zu machen. Die englischen Liberalen haben zwar sozialistische Ideen und gar sozialistische Argumente angenommen, benützen sie aber, nicht um die von den Sozialisten erstrebten Ziele zu erreichen, sondern umgekehrt, um die Verwirklichung des Sozialismus und die zu dieser Verwirklichung notwendige politische Ent- Wickelung der Arbeiterklasse möglichst lange aufzuhalten. polltifcbe CTeberlicbt. Berlin, den 12. Juli 1910. Aus dem nationalliberalen Sumpf. Daß Herr BassermäNn nicht mehr kandidieren werde, Wird jetzt auch von den nationalliberalen Parteiorganen be- stätigt. Wenn als Grund dafür„Parlamentsmüdigkeit" an- gegeben wird, so ist das jedenfalls nicht die ganze Wahrheit. Herr Bassermann ergreift die Flucht, weil er sieht, daß seine Versuche, die nationalliberale Partei von der Rechten u n- abhängig zu machen und bis zur Wiederkehr besserer Zeiten eine sanfte Opposition zu markieren, gescheitert sind. Seine Absicht, durch ein Zusammengehen mit dem nationalliberal gewordenen Freisinn seiner Fraktion mehr Macht zu verschaffen, ist mißglückt, weil die einflußreichsten und mächtigsten Elemente seiner Partei in Wirklichkeit längst freikonservativ geworden sind und von einem noch so gemäßigten Liberalismus nichts wissen wollen. Sein Ausscheiden aus dem politischen Leben bestätigt nur, daß die National- liberalen den Versuch, Opposition zu spielen, gründlich satt haben. Es ist deshalb gar nicht unwahrscheinlich, daß die National- liberalen die Offerte des schwarzblauen Blocks freudig an- nehmen werden und unsere Prophezeiung, Erms Nachfolger werde Paaschs heißen, sich erfüllen wird. Wenn auch die „Köln. Ztg." davon noch nichts wissen will, so drängt der rechte Flügel nunmehr zur Annahme. So schreibt heute die „Magdeb. Ztg.": Induttrle und Arbeiter In Japan. Von C h a g r t n. n. Die Ansänge der Industrie. Nachdem Japan mit Amerika einen Handelsvertrag abgeschloffen hatte(1823). folgten auch Vertragsabschlüsse mit anderen Ländern. Diese Politik trieb die Anhänger des alten Systems zu energischer Opposition. Der Konflikt zwischen Reaktion und Fort- schritt wurde mit dem Säbel entschieden. Der Fortschritt siegte. Die sichtbarste Folge davon war die Abschaffung des Feudalsystems und Schaffung einer zentralen Regierung mit dem Mikado an der Spitze. So kam der bis dahin in Kioto in gänzlicher Ohnmacht und Isolierung lebende direkte Sohn des allmächtigen Gottes zur Staatsgewalt. Die Freude über das Ende seines Schattendaseins und über die Einsetzung in volle Macht ließ dem Mikado seinem Volke eine Verfassung versprechen. An die Erfüllung seines Versprechens mußte ihn Jahrzehnte später erst eine Volks- bewegung erinnern. Was dann gegeben wurde, war ein kon- stitutioneller Wechselbalg preutzisch-asiatischer Paarung. Das erste, was das neue Regime von seinen Freunden von einigen Tagen, den Weißen, begehrte, waren Militärorganisatoren und Juristen. Die letzteren sollten der neuen Autokratie aus Ge- setzeSparagraphen ein Gewand verfertigen, doS europäischen Kredit- gebern wohlgefällig in die Augen fiel. Hauptsache aber war die Schaffung eines durchschlagkräftigen Kriegsinstrumentes: die Organisation des Heeres und der Marine. Hinterlist. Mordlust, Strategie und Tapfer- keit hatte Japan seit undenklichen Zeiten übergenug besessen. Nur leider ließ sich mit diesen herrlichen Eigenschaften allein wenig gegen Repetiergewehre und Schnellfeuer- kanonen ausrichten. Aber jene.Tugenden", verbunden mit der An- Wendung moderner Mordmaschinen, mußten ein Kriegsinstrument erster Güte geben. Der Moloch Militarismus ist schrecklich gefräßg. Die Mittel, die er heischt, konnte das agrarische Japan nicht schaffen. Der Ertrag seiner Landwirtschaft reichte nicht einmal zur Befriedigung der so unglaublich minimalen Bedllrsnisse der eigenen Bevölkerung aus. Während die Einwohnerzahl rapid stieg, blieb die Produktion des hauptsächlichsten, nein einzigen Nahrungsmittels, des Reises, stabil, wenn sie nicht gar abnahm. Der Agrarstaat konnte nicht ein- mal seine Bevölkerung ernähren, geschweige Ausgleichswerte für den Import von Waffen usw. schaffen. Der Vermehrung der Anbauflächen und einer intensiveren Bearbeitung des Bodens hatte die Natur unübertvindliche Schranken gesetzt. Von der sehr gebirgigen Oberfläche sind nur siebzehn Hundertteile anbaufähig und waren schon lange bebaut. So konnte das neue Japan nur Industriestaat sein, wenn es seine Pläne verwirk- lichen wollte.„Immer dieses beschränkte Territorium als Feld für die Landwirtschaft verwenden, um so eine vervielfachte Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versehen, ist gewiß kein geschicktes Vorgehen. Wir „Praktisch kann die Frage, wie der Posten des zweiten Vize- Präsidenten besetzt werden solle, erst nach vier Monaten gelöst werden. Bis zum November aber haben sich vielleicht Tat- fachen vollzogen, die die Entscheidung der Frage wesentlich erleichtern werden. Im gegenwärtigen Augenblick ist es des- halb verftüht, die Präsidentenfrage auf die Tagesordnung der öffentlichen Erörterung zu setzen; man wird aber'wohl annehmen können, daß für die nationalliberale Partei fremde Ratgeberschaft auch nach vier Monaten ebenso entbehrlich sein wird wie jetzt." Die Tatsachen, die die„Entscheidung", das heißt die Annahme des Vizepräsidentenpostens erleichtern werden, kann man sich schon jetzt vorstellen. Sie werden nur darin bestehen, daß der rechtsdrängende Flügel bis dahin jeden Widerstand überwunden haben wird. Freilich, wenn die Besetzung deS ReichstagspräsidiumS nach der Fraktionsstärke geschehen sollte, würden wohl andere Tatsachen die Entscheidung erleichtern. Denn bis dahin gibt es noch einige Nachwahlen und es ist nicht gerade unwahrscheinlich, daß die Nationalliberalen bei Zusammentritt des Reichstages aufgehört haben werden, die drittstärkste Partei zu sein, weil diese Stelle die Sozialdemokratie einnehmen wird. Aber an diese Tatsache wollte wohl das nationalliberale Organ kaum erinnern. Der Encyklika-Humbug. Das Zentrum nutzt den blödsinnigen Enchklika-Rummel schmunzelnd aus. Eine schönere Gottesgabe als diese kindische Hätz, hätte ihm gar nicht beschert werden können. Wie war es in Verlegenheit, um seine infamen Volksverrätereien bei der Reichsfinanzreform und der Wahlrechtsfrage bei seinen Anhängern in Vergessenheit zu bringen l Wie mußte es sich abmühen, um einen Vorwand für seine Kulturkampfpaukerei zu finden I Denn die Klagen über die konfessionelle Jinparität tatens nicht mehr. Und auch der Jammer darüber, daß die Schule noch lange nicht genug verpfafft sei, fand kein Echo mehr bei den breiten Wählermassen. Da mußten die biedern Nationalliberalen und der Evangelische Bund auf den törichten Einfall kommen, ivegen der Encyklika einen Entrüstungs- rummel zu inscenieren I Das war's, was das Zentrum braucht. Nun konnte es wiederum vom bedrohten Glauben, der gefährdeten Gewissens- freiheit schwafeln, in Gegendemonstrationen den religiösen Fanatismus aufpeitschen und in der Presse tagtäglich lange Spalten mit den Albernheiten der protestantischen Zündstoffe füllen! Und das Zentrum tat denn auch, was es irgend tun konnte. Man braucht sich beispielslveise nur die„Germania" anzusehen, um sich davon zu überzeugen, mit welchem Raffinement die katholische Presse den Encyklika-Nummel zur politischen Hypnotisierung ihrer Leser ausnutzt. So bringt die„Germania" in ihrer letzten Nummer wieder einen mehr als drei Spalten langen Artikel über eine Greifswalder Eingabe an den Kaiser, die in den Stoßseufzer ausklingt:„Protestantischer Kaiser, hilf". Man sollte meinen, nicht nur aus dem Kulturkampf, sondern erst wieder aus den Hottentottenwahlen sollten die protestantischen Eiferer gelernt haben, daß dem Zentrum nichts mehr nützt als die Anfachung des konfessionellen Haders, als eine Kulturkampfpaukerei, die dem Zentrum die Möglichkeit gibt, den Katholizismus als bedroht oder nur benachteiligt hinzustellen. Der Kulturkampf hat das entrum groß gemacht und auch die von liberaler Seite zur ulturkampfpaukerei benutzten Hottentottenwahlen brachten ihm bedeutenden Zuwachs. Also selbst wenn man von der Abgeschmacktheit des Anlasses des Entrüstungsrummels ganz absehen wollte, sollten doch die protestanttschen Kreise schon aus taktischen Gründen alles vermeiden, was vom Zentrum zur konfessionellen Hetze ausgenutzt werden könnte. Schon seit den Tagen der Gegenreformation ist allerdings der Katholizismus viel gerissener gewesen als das tapsige Luthertum. Das Zentrum verlangt Zentrumsminister. Die„Mark. V o l k s z t g.", die Volksausgabe der „Germania", bringt in auffallendem Satz eine Zuschrift, in müssen die Idee vollständig fahren lassen, in der Zukunft ein Ackerbau treibendes Volk zu sein. Wir müssen ein Handels- und Jndustrievolk werden und die Landwirtschaft China und Korea überlassen, sonst können wir Amerika und Europa nicht widerstehen. Zu diesem Behufe muß eine solide Basis in der Mandschurei und Korea etabliert werden und auf diese Art die Exploitation des Orients beginnen. Das ist ein Recht, das aus der inneren Ent- Wickelung Japans resultiert." Von der Tobo Kyokai(Berein für politische Propaganda), zitiert in der„Revue de Paris". 1. Fe- bruar 1905. Ihre Pläne und Ambitionen zwangen also die herrschende Kaste, den Weg zum Industriestaat zu beschreiten. Aber ist denn das Jnselreich von der Natur für einen Industriestaat prä- destiniert? Besitzt eS in seinem Schöße die Rohmaterialien. die die Industrie verlangt? Kohle und Kupfererz find in Fülle vorhanden; auch birgt der Boden Petroleum, selbst etwas Gold und Silber. Dann gibt es nicht viele Länder, wie das gebirgige Japan, wo der weiße Diamant so hoch gespeichert liegt. Die Wasserkraft rauscht von allen Seiten. Andererseits mangelt es sehr an dem für die moderne Industrie so überaus wichtigen Eisenerz; auch will sich der Boden zur Baumwollkulwr nicht eignen. Aber diese Schwierigkeiten sind nicht unüber- steigbar. Der Eisenstein kann von Amerika und China, die Baum- wolle von Indien und China ohne allzu große Kosten eingefahren werdem Der Import dieser Rohprodukte wird sich noch verbilligen. wenn der Panamakanal vollendet ist und die Bodenkultur in Formosa bessere Resultate gezeitigt hat. Einigermaßen organisiert und gefestigt, schickte die Regierung der„Erleuchtung" die tüchtigsten der gerade aufgelösten Kriegerkaste ins Ausland, in die zivilisierten Länder, damit sie deren sozialen, industriellen uud politischen Institutionen studierten, um herauszufinden, welche davon gute Früchte versprächen, wenn sie auf japanischen Boden verpflanzt würden." Daneben wurden noch Jnstruktoren aus dem Ausland gerufen, um moderne Betriebe und technische Schulen aufzubauen und für die Ausbeutung der Minen rationellere Akethoden einzuführen. Von einem Regime, dessen höchstes, wenn nicht einziges Ziel die Schaffung einer soliden Kriegsrüstung war, ist es nur natür- lich, daß es beim Aufbau der Industrie zuerst an seine militärischen Bedürfnisse dachte, denken mußte. Die Ministerien deS Krieges und der Marine wurden Bureaus für industrielle Unternehmungen. Zuerst wurde die Fabrikation von Schießpulver in die Hand ge- nommen. dann wurden Fabriken für Kriegsmaterial und Werften für die Marine errichtet. Für so ziemlich alle Industriezweige war die Regierung die Leben spendende und helfende Mutter. Im Jahre 1372 schuf sie eine Modellspinnerei, 1877 eine Leinwandweberei, 1831 Muster- fadriken für die Textilindustrie; vier Jahr« vorher hatte sie schon eine Glashütte errichtet. Dabei wurde auch die Erbauung von technischen Schulen nicht vergessen, die Ersatz für die teueren, aus dem Ausland gekommenen Ingenieure, Techniker usw. liefern sollten. Das Privatkapital nahm eine abwartende Stellung ein. Erst als die Versuche der Regierung günstiger zu werden schienen, die RechnunaAberichte&£ Rccneryng rajjger zg bcaannen und. der Zentrums minist er, KMffemetfk nlstff wut katholische Minister, gefordert werden. In der Zu- schrift, der die Redaktion offenbar zustimmt, heißt es: „Es ist eine ganz eigenartige Erscheinung im Deutschen Reiche, daß jene Parteien, welche die positive Arbeit leisten, in der Regel am schlechtesten behandelt werden, die Konservativen ausgenommen. Durch Tradition und Familienbeziehungen haben sie einen festen Stamm von Beamten und Aemtern. Wie aber steht es mit dem Zentrum? Seit 30 Jahren nimmt man seine Arbeiten an; aber daß man diese Partei nun auch bei der Verteilung der Staatsämter berücksichtigen würde, das kennt mrm in Preußen-Deutschland nicht. So kann und darf es nicht weiter gehen, wenn das Zentrum auf seine Ehre und die Gleichberechtigung mit anderen Parteien etwas hält. Diese geflissentliche Zurücksetzung des Zentrums muß ein Ende haben. Man soll dem Pferde, das den Hafer verdient, das Maul nicht verbinden. Wir müssen mit dem Satze brechen, daß wir keinen Zen- trumsanhänger in der Regierung sehen wollen. Wir müssen mit allem Nachdruck die Forderung aufftellen: die Ministerämter sind auch Zentrumsanhängern zu öffnen. Das Zentrum kann es auf die Dauer nicht ertragen, daß es Arbeit leistet und andere den Lohn erhalten. daß es die Blumen erhält, und oppositionelle Parteien die Früchts einstecken dürfen. Wenn die regierenden Kreise nach dem Satze handeln:„Mein Sohn, behandle die Liberalen gut, die Katho- liken machen keine Revolution!" so ist dies für unsere Ueber- zeugung ehrend, aber wir ertragen eine solche Behandlung nicht mehr. Politik muß mit dem Kopfe gemacht werden, nicht mit dem Herzen; wer seine Kraft nicht gebraucht, der tvird miß« braucht und ausgelacht. Die harten Ellenbogen müssen in der Politik eine größere Rolle spielen als die sanften Glacehandschuhe aus Schafsleder. Die Zentrumswähler fordern dies und alle Zentrumsabgeordneten, mit denen wir dieser Tage sprachen, sind darüber einig." Diese Forderung läuft aus nichts anderes hinaus, als auf die parlamentarische Regierung, Und Vach hat das Zentrum diese Regierungsform bisher stets ent- schieden abgelehnt. Was soll da die Forderung von Zen- trumsministern? Soll das etwa nur die persönliche Belohnung ehrgeiziger Zentrumspolitjker seinT_ Der wirtschaftliche Ausschutz. Im Jahre 1897 ist ein„Wirtschaftlicher Ausschuß zur Vorbereitung und Begutachtung handelspolitischer Maßnahmen' mit der Aufgabe gebildet worden, der Reichsverwaltung für Entscheidungen auf wirtschaftlichem und handelspolitischem Gebiete als sachverstän- biger beratender und begutachtender Beirat zu dienen. Wiederholt sind Wünsche nach einer Erweiterung und Ergänzung deS Ausschusses geltend gemacht worden, namentlich nach der Richtung, daß die Fertigwaren-Jndustrie eine stärkere Vertretung erhalte. Wie die „Nordd. Allg. Ztg." mitteilt, ist den Wünschen nach Erweiterung durch eine Vermehrung der Mitglieder um 12 entsprochen worden. Soweit es sich bei den Wünschen um eine OrganisationS» änderung oder eine andere Zusammensetzung deS Ausschusses oder um die Einberufung von Vertretern von SpezialVerbänden handelt, konnte ihnen im Hinblick auf den Zweck, den der Ausschuß zu er« füllen bestimmt ist, nicht entsprochen werden. Uns interessiert an der Meldung vor allem, daß man eS wieder nicht für notwendig gehalten hat, in diesen Ausschuß auch Bertteter der wirklichen Produzenten, der deutschen Arbeiter zu be- rufen. Die preußisch-deutsche Regierung behandelt eben innner, so» bald sie es kann, die Arbeiter als Objekte der Gesetzgebung. Das hindert nicht, daß der Ausschluß der Arbeiter ein Skandal sondergleichen ist._ Vom LuftmilitarismuS. Bekanntlich hat sich unser Militarismus auch bereits der Flug- Maschine als Kriegswaffe bemächtigt. Und sicherlich wird es bereits bei dem nächsten Kriege, sofern er sich zwischen zwei zivilistetten Nationen abspielt, zu Luftgefechten zwischen Leukballon und Seroplan kommen. Vom Standpunkt des Militarismus aus ist eS ja begreiflich, daß auch die deutsche Militärverwaltung Versuche mit Leroplaneu anstellt. Nur sollte sie auch hier mit möglichster Vorsicht verfahren die offiziellen Schornsteine qualmten, daß es eme Freude war, wurde auch das Privatlapital unternehmungslustig. Die Regierung war weise genug(vom Jahre 1880 an), ein Etablissement nach dem anderen zu verkaufen und nur die zu behalten, die Armee, Marine und Monopole heischten. Die Unternehmungslust ist zuweilen bis zur Fieberhitze ge« stiegen. Insonderheit nach dem Kriege mit China(1894) schössen die Fabriken wie Pilze nach einem warmen Regen aus dem Boden. Der Goldregen, den die Kriegsentschädigung entfacht, hatte kaum aufgehört, als zahlreiche Gründungen wieder dem Wog inS geschäst- liche Jenseits antraten. Ohne Zweifel hat die Industrie in Anbetracht der kurzen Zeit, die ihr zu ihrer EntWickelung zur Verfügung stand, einen betracht- lichen Aufschwung genommen. Man darf nicht vergessen, daß ihre Keime erst in den siebziger Jahren deS vorigen Jahrhunderts ge» legt wurden. Das alte Japan wußte nichts von einer Industrie im europäischen Sinne. Was vor dem Eintreffen der europäischen Ingenieure an Betrieben bestand, war nicht der Erwähnung wert. Selbst die Ausbeutung der Minen, die über zwei Jahrhunderte alt sein mag, wurde noch mit handwerksmäßiger Rückständigkeit und asiatischer Gemächlichkeit betrieben. Erst mit der Einführung moderner Betriebsmethoden und rationeller Verwertung des Roh- Materials konnte von einer ertragfähigen Produktion gesprochen werden; erst dann erhielten die Zahlen von dcx fortschreitenden Industrie reellen Wert. Die numerische Stärke der Industrie. Nach der offiziellen Statistik vom Jahre 1906 gab e» in Japan 10361 Fabrikbetriebe, wovon 4656 Maschinenbetriebe, 5707 Hand- betriebe warein. Darin waren 437101 männliche und 369 233 weibliche, zusammen 806 334 Personen beschäftigt. Man kann nun der Tatkraft, die in ein paar Jehrzehnten fast zehntausend Fabriken aufbaute und in Tätigkeit setzte, alle An- erkennung zollen, man kann den Fortschritt der Industrie groß- artig nennen, ohne daß man zu verschweigen braucht, daß diese Zahlen denn doch die geringe Bedeutung der Industrie augenfällig dartun. Und die Lichtseiten des auf Grund der Zahlen gewonnenen Bildes werden dunkel, wenn solche Gebilde, die in der Statistik als Einheiten aufmarschieren, mit technisch geschultem Auge be» trachtet werden. Von dem Fünfzig-Millionen-Volk ist kaum mehr als ein Zwan- zigsiel direkt oder indirekt mit der Industrie(und den Minen) verknüpft. Dann setzt sich die Arbeiterschaft zum guten Teil aus Frauen, Mädchen und Knaben zusammen. Fast 46 Proz. der in den Fabriken tätigen Personen sind Frauen und Mädchen. Und wenn erst die Berichte für daS letzte Jahr- zehnt vollständig vorliegen, wird sich eS zeigen, daß die Jugend und die Frauen heute einen noch viel größeren Teil ausmachen. In der Textilindustrie allein stellen die Frauen lzumgroßenTeilschulpflichtigeMädchen)90Proz. der Arbeiterschaft. Eine einfache Dividierung zeigt, daß im Durchschnitt sechzig Personen auf einen Betrieb fallen. Das wären immerhin noch Mittestetrüfte. jebffifr Uft Riesenbetriebe bei Textil-, vnd unnvtze SluSgaven nach Möglichkeit vermeiden. Nach uns zu« gegangenen Mitteilungen scheint sich unsere Militärverwaltung jedoch leider nicht der dringend gebotenen Sparsamkeit zu befleiszigen. In der von unS wiedergegebenen Notiz der„Bresl. Volkswacht" war auch die Rede von erfolgreichen Flugversuchen, die in Döberitz in letzter Zeit mit einem neu konstruierten Militäraeroplan unter- nommen worden seien. Diese Erwähnung stützte sich offenbar auf Nachrichten, die kürzlich durch Berliner Tagesblätter gingen. Ein Dr. Brück sollte danach auf dem Militäraeroplan günstig verlaufene Ueberlandflüge unternommen haben. Diese Nach- richten sollen nun aber nach unserer Information jeder Begründung entbehren. Ein Dr. Brück existiere überhaupt nicht. Und was den Militäraeroplan des RegierungsbaumeisterS Hoffmann anlange, mit dem dieser legendäre Aviatiker seine Flüge unter- nommen haben solle, so habe dieser bisher höchstens Sprünge ge- macht, aber trotz zehnmonatigen Experimentierens noch keinen wirk- lichen Flug zustande gebracht. Sofern in Döberitz in letzter Zeit faktisch Flüge ausgeführt worden feien, handele es sich um einen der Militärverwaltung zur Verfügung gestellten Farman- Apparat, der von einem bekannten Aviatiker geleitet worden sei. Unser Gewährsmann ist der Ansicht, daß die Militärverwaltung besser tue, mit bereits erprobten Systemen zu beginnen und diese zu vervollkommnen und militärischen Zwecken anzupassen, als ganz erhebliche Summen— es handele sich wohl um weit mehr als IVO OOO M.— in nutzlosen Experimenten zu verpulvern. Wir können dieser Ansicht nur beipflichten I Arbeiterkandidaturen für die kommenden Reichstags- Wahlen. In den Reihen der bürgerlichen Parteien scheint man für die kommenden Reichstagswahlen in vermehrtem Mahe Arbeiter als Kandidaten aufstellen.zu wollen. Die Nationalliberalen gedenken in Duisburg und Bochum Arbeiter als Kandidaten zu be- nennen. Die Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften haben von der Fortschrittlichen Volkspartei verlangt, daß in einigen aussichts- reichen Kreisen Arbeiter als Kandidaten aufgestellt werden. Auch die Konservativen haben bekanntlich für die bevorstehende Ersatz- Wahl in Frankfnrt a. O. einen Arbeiterkandidaten auf den Schild erhoben. Bemerkenswert dabei ist aber, daß die bürgerlichen Parteien, mit Ausnahme des Zentrums, Arbeiterkandidaten bloß in solchen Kreisen aufstellen, in denen an einem glattenDurch» fall nicht gezweifelt werden kann. In sicheren Kreisen fällt es den bürgerlichen Parteien gar nicht ein, den von ihnen geleit« Hammelten Arbeitern irgendeine Konzession zu machen. Bündlerische Versammlungspraktiken. Zur Agitation unter den Kleinbauern hielt der Bund der Landwirte am vergangenen Sonntag(10. Juli) in Plattscheid �Kreis Solingen) eine öffentliche politische Versammlung ab, in welcher der Geschäftsführer Pesch- Köln referierte. Pesch war gleichzeitig Versammlungsleiter und drohte unliebsamen Zwischen- rufern— nebenbei gesagt, Mitgliedern der Fortschrittlichen Volks- Partei— wiederholt mit Herauswerfen. Zu Beginn der Diskussion setzte er die Redezeit auf zehn Minuten fest, ohne sich an den leb- haften Protesten der Versammlungsteilnehmer zu stören. Einem Genossen, der sich zum Wort gemeldet hatte, um diese Ge- schäftsführung als erbärmliche Feigheit zu charakterisieren, wurde das Wort verweigert mit der Begründung, es seien nur königstreue Männer eingeladen. Ueber diese Vergewaltigung der Redefreiheit quittierten die Anwesenden, unter denen sich keine Sozialdemokraten befanden, mit stürmischen Rufen:„Pfui!" und „Gemeinheit!" Man erklärte, im Westen vom Zentrum zwar man- chcs gewohnt zu sein, aber den Gipfel der Schamlosigkeit zu e» reichen, bleibe doch anscheinend dem Bund der Landwirte vorbe- halten, desien Mitglieder einen Mann wie Adolf Wagner, der «ineS Lebens Arbeit in ihre Dienste gestellt, wie einen Schuljungen behandelten._ Prälat Jazdzewski macht Schule. Die Polittk des Vorsitzenden der polnischen Landtagsfraktion, des Prälaten Dr. I a z d z e w s k i. vor dem preußischen Kürassierstiefel zu kriechen, findet bei den Nationalpolen Nachahmung.— Der Magistrat der Stadt Posen beantragte bei den Stadtverordneten, 3S 000 M. aus dem Stadtsäckel für die Dekoration der Stadt Posen während des Besuches des deutschen Kaiser«, welcher am 20. August d. I. zur Ein- weihung de« mit großenKosten neu erbauten königl. Schlosses nachPosen kommen wird, zu bewilligen. In der Kommission, an welche der Magistratsantrag verwiesen wurde, hat man von der verlangten Metall- und Eisenindustrie, so sinkt die Durchschnittszahl der ein- zelnen Fabrik bedeutend. Die offizielle Statistik betrachtet die Minenindustrie gesondert. Leider ist das Material über diese, die am besten entwickelte Jndu» strie Japans, recht unvollständig. Hier ist es platterdings un- möglich, zu sagen, wieviel Arbeiter auf eine Mine entfallen, auch nicht, wie hoch die Zahl der darin angewandten motorischen Pferde- kräfte ist. Von den Fabriken weiß man doch wenigstens, daß sich ihre Maschinenstärke aus 2ö8 984 Pferdekräfte beläuft. Im Durch- schnitt kommt etwas mehr als eine Pferdekraft auf drei Arbeiter. Ein nicht gerade erbauliches Zeichen von der maschinellen Ent- Wickelung der japanischen Industrie. Wie es aus den oben gegebenen Zahlen hervorgeht, sind rund LS Proz. aller Etablissements Handbetriebe. Dieses Verhältnis wird sich nicht so leicht zugunsten der Maschinen- betriebe ändern. Wohl ist im letzteren Jahrzehnt die Zahl der letzteren mehr gestiegen, als die der anderen. Aber der Unterschied ist gering. Es ist interessant zu sehen, wie sich direkt an der Mauer eines mit den letzten Errungenschaften der Technik ausgestatteten Großbetriebs eine mit ärgster Rückständigkeit produzierende Krauterschaft uuftut. Inmitten der Millionenstädte Tokio und Osaka, in der Hörweite der summenden Webereien und Spinne. reien, werden noch Faden gesponnen und wird noch Stoff gewebt auf Instrumenten, die in der Steinzeit der Weberei entstanden sein müssen. Ueberall in Stadt und Land sieht man noch Reis und andere Körner enthülsen mit Werkzeugen, die die alten Aegypter zu PhavaoS Zeiten für höchst rückständig gehalten haben würden. Die Handbetriebe und primitiven Werkzeuge, kurz die rück- ständigen Arbeitsmethoden, verdanken ihre schier unverwüstliche Existenz nicht in letzter Linie der Billigkeit der mensch- lichen Arbeitskraft. Die unglaublich niedrigen Löhne reizen zur Beibehaltung irrationeller Arbeitsweisen und veralteter Werkzeuge. Wie der Bauer noch sein Feld mit dem Spaten be- arbeitet, oder es mit einem schnurrigen Instrument, das Pflug nicht genannt werden kann, von der Kraft seiner schwächeren Hälfte durchpflügen läßt und Dünger und Ernte auf dem Rücken feldein, feldaus schleppt, so schafft auch noch der größte Teil der Fabrik- bcsitzer mit ihren Gesellen in brutalster Verleugnung der Errungen- schaften der Technik. Merkwürdigerweise ist eS gerade die Niedrigkeit der Arbeits- löhne, die dw professionellen Darsteller der Gelben Gefahr in schreienden Farben auftragen läßt. Eine auch nur oberflächliche Kenntnis der einschläglichen Verhältnisse sollte eigentlich schon dar- tun, daß es die schlechte Bezahlung der Arbeiter ist, die das Ein- greifen Japans auf dem Weltmarkt verzögert. Hemmende Faktoren in der industriellen Entwickelnng. In Europa haben sich in innigem Einklang mit der Industrie Dinge und Menschen, Geist und Talent entwickelt. In Japan traf die moderne Industrie Menschen und Ideen in asiatisch-feudaler Rückständigkeit. Die Anforderungen, die die neue Zeit stellte, waren zu zahlreich und zu hoch, als daß sie der noch im Bannkreis des Feudalitaates lebende Mensch shgltx erfüllefl können.� Eine Summe 5000 M. gestrichen. Als die Sache wieder an das Plenum der Stadtverordnetenversammlung am verflossenen Mittwoch gelangte, stimmten polnische Stadtverordnete auf Grund eines vorherigen Beschlusses ihrer Fraktion für die Bewilligung der 30 000 M. Das alles am Vorabend der Tannenberg-Feie'r, welche die national- polnischen Führer am 15. Juli unter großem Spektakel und nationalistischem Klimbim veranstalten. Es unterliegt jetzt keinem Zweifel» daß am 20. August die polnischen Schlachzizen unter Führung des greisen Vorsitzenden der polnischen ReichstagSfraltion, des Fürsten Radziwill, vor dem Haupt des HohenzollernhauseS, das alle Ausnahmegesetze gegen die polnische Bevölkerung unterzeichnet hat, zu Kreuze kriechen werden aus Heidenangst vor der Anwendung des Enteignungsgesetzes. So sieht der Patriotismus der polnischen Schlachta aus I Sobald ihr materielles Interesse bedroht ist, vergißt sie gänzlich ihr«»nationale Würde", die sie sonst in Pacht genommen hat. Polizisten von ISIV gegen den Trompeter der Revolution von 1848. Am selben Tage, da der„Vorwärts" die Freigabe der H e r w e g h schon Gedichte mitteilte, schickte der Breslauer(natürlich der!) Polizeipräsident zwei Polizisten ins Gewerkschaftshaus mit dem Auftrage, dort die— Freiligrath-Gedenkseier zu überwachen! Als der Leiter und Redner des Abends, Genosse Albert, die Polizei zum sofortigen Verlassen des Lokals aufforderte, erklärten die Polizisten, dann sofort die„Versammlung" auflösen zu müssen. Die Feier— Klavier- und Gesangs- vortrage, Rezitationen, Gedenirede— sei eine„ ö f f e n t- liche politische Versammlung"!! Den Einwand der Veranstalter, daß man doch bisher schon viele ähnliche Feiern zu Ebren Goethes, Heines, Schillers, Eichendorffs, Roseggers usw. veranstaltet, ohne daß die Polizei darin«politische Veranstaltungen" erblickt, ließen die Polizisten ebensowenig gelten wie den, daß die Bildungsausschüsse in Berlin und anderen Orten doch genau die- selben Feiern abgehalten hätten, ohne daß eS auch nur einer einzigen Behörde eingefallen wäre, sie zu überwachen. Es blieb also, wollte man sich den schönen Abend nicht verderben lasten, dem Leiter nicht» anderes übrig, als sich unter Vorbehalt der sofortigen Beschwerde mit der Anwesenheit zweier Polizisten abzufinden. Er plazierte sie deshalb unter großer Heiterkeit der 1200 Besucher an den Tisch, der für die— Mitwirkenden reserviert war. worüber die Polizisten mit betrübter Miene quittieren. Es erhöht unseren Stolz, zu sehen, daß die glutrote Poesie unseres Freiligrarh noch heute, 34 Jahre nach seinem Tode, den Herrschenden unbequem ist. Seitdem die Bourgeoisie ihre revolu- lionären Freiheitsideale gegen die soliden Sätze des Zolltarifs ein- gehandelt und Freiligrath schnöde vergessen hat, glaubt so ein Polizeioberhaupt die Zeit für gekommen, auch den Proletariern ihren Revolutionssänger nehmen zu können. Aktueller denn je sind Freiligrats Berse: Wir tragen noch immer die Ketten, die er schon vor 60 Jahren brechen wollte, wir werden noch immer von einer Polizeibureaukratie regiert, über die ganz Europa lacht, und immer noch versucht man aufs neue, das nach dem Schönen lechzende Proletariat zu Heloten der Ostelbier zu machen. Und Breslau ist allen Finsterlingen um eine Nasenlänge voraus!— Einstweilen ist gegen die Störung der schönen Feier durch die Polizei Beschwerde eingelegt worden; schneller noch freilich, als sie, wird das Straf- verfahren laufen, das die Polizei gegen die Veranstalter der Feier (auch gegen die mitwirkenden Künstler?) wegen— Nichianmeldung einer politischen Versammlung eingeleitet hat. Wahrlich, eS ist schwer, keine Satire zu schreiben! Damit daS Bild vollständig werde, registrieren wir bei dieser Gelegenheit, daß dieselbe Polizei im Bunde mit der Staatsanwalt- schaft gegen unser Breslauer Parteiorgan eine Anklage eingeleitet bat und zwar wegen— Abdrucks und Erläuterung des Freiligrath- scheu Gedichtes:„DieToten andieLebenden", des Ge- dichtes also, wegen dessen der Dichter sogar im Revolutionsjahre freigesprochen wurde!_ franhmcb. Die Affäre Rochctte. Paris, 11. Juli. Deputiertenkammer. Nach der Rede von Jaures erklärte der Ministerpräsident Briand, die Maß- nahmen gegen Rochette seien auf eine regelrechte Klage hin infolge der gänzlich freien Entscheidung des Untersuchungsrichters getroffen worden. Briand sprach sich sodann lobend über L e p i n e aus, verteidigte besten �Haltung und die des Kabinettschefs Durand und warf Jaures vor, er behaupte ohne irgendeinen Beweis, daß die Polizei eine ungerechtfertigte Klage gegen Rochette erhoben hätte. Der Minister fuhr fort, die Justiz sei mit der Re- Fabrik war schnell aufgebaut, aber damit waren noch nicht die Leute geschaffen, die ihr Räderwerk verstanden und c§ in geregeltem Lauf zu halten fähig waren. Solange der kleine braune Mann als Glied einer Kette automatisch mitbewegt wird, geht es noch an. Soll er aber selbst Initiative ergreifen, Weitsicht, Orga- nisationstalent und Spekulation entwickeln, so versagt er. Zur Pflege solcher Fähigkeiten hatte die Vergangenheit weder Gelegen- heit noch Ursache. Im alten Japan konnte dieser Mangel nicht gefühlt werden, jetzt aber wird er zu einer ernsten Kalamität. Er ist ein Stein des Anstoßes geworden, groß genug, den Gang der ökonomischen Transformation fühlbar zu verlangsamen. Solange die Industrie noch in ihren ersten Anfängen war, konnte mit den ausländischen Kräften das Uebel bis zur Unsicht- barkeit überbrückt werden. Die Leitung der Unternehmen durch die Fremden wurde mit der Ausdehnung der Industrie immer weniger möglich, auch wenn der Nationalstolz nichts dagegen ein- gewendet hätte. Mit dem Engagement einheimischer Kräfte für die leitenden Stellen wurde auch der Mangel ihrer Eigenschaften für die dirigierenden Posten evident.„Wir haben viele Fähigkeiten für tiefe metaphysische Gedanken. Bis hierher haben wir unsere philosophischen Ideen von Indien und China bezogen; heute ver» langen wir neue von Europa und Amerika. Die Japaner haben keine originellen Denker hervorgebracht. Wir sind ein Volk, da» das Gegenwärtige und Greifbare, das volle Licht und die sichtbaren Dinge liebt."(Okura: ll'bs fttpanese Spirit.)„Die Japaner haben nichts erfunden. Sie wissen ihre Fähigkeiten dem Milieu anzu- passen, in dem sie leben; sie ahmen in einer vollständigen Wahr- haftigkeit nach, was sie gesehen haben und assimilieren auf eine beachtenswerte Weise die Fabrikationsmethoden. Aber auf der anderen Seite existiert schöpferische Fähigkeit(baeulte creatrice) nicht in ihrem Hirn; die allgemeinen Ideen, der Ueberblick geht ihnen ab."(Martin: Le vrai Japon.) Die Beschaffenheit ihrer geistigen Fähigkeiten nahmen sie erst wahr, als sie selbst die Produktion in die Hand nahmen. Der Nationalstolz gebot ihnen, die fremden Kräfte noch eher zu ent- lassen, als es gut war. Was die Weißen wußten und konnten, glaubten sie ihnen schon abgeguckt zu haben. Aber da, wo der nationale Eigendünkel nicht jede Einsicht vernichtet hatte, wurde man nur zu bald gewahr, daß für die Leitung der Industrie bloßes Nachahmen nicht genüge. In Unternehmen, wo der Gang der Ge- schäfte sich auf engem Terrain bewegte, leicht zu überblicken war, wurde Erfolg gebucht, während in den großen Etablissements das Räderwerk stockte und krachte. Die Hoffnung, daß die neugeschaffenen technischen Schulen einen Ersatz für die ausländischen Kräfte produzierten, sollte sich so bald nicht erfüllen. Die studierenden Jünglinge sind zumeist Söhne der alten Kriegerkaste. Der Stolz, mit dem ihre Vorfahren auf das ordinäre Volk herabsahen, ist bei ihnen durch den Schul- besuch noch gewaltig Zebläht worden. Der Fluch der Halbbildung macht sich erst ganz fiihlbar, wenn sie in einem Geschäft eintreten. „Die Masse der Direktoren und Administratoren der Kompagnien sind einfältige Tröpfe, die ihre kostbare Zeit mit dem Herplappern von Albernheiten verbringen und die sich befleißigen,' aus ihren Etablissements praktische Elementarschulen für schlechtbezahlte lUM ErzdWuMke du mäilk'Jte gierung entschlossen, alles klarzustellen. Wenn Beamte sich hätten bereichern können, indem sie ihre Stellung mißbrauchten, so würden sie an den Pranger gestellt werden. Er weise aber diese Behaup- tung zurück, bis der Gegenbeweis erbracht sei. Briand protestierte schließlich gegen die Kampagne, die daraufhin ziele, glauben zu machen, daß in Frankreich alles, außer der sozialisti» schon Partei, korrumpiert sei.(Beifall.) Darauf beantragte Jaures die Einsetzung einer Parka» mentarischen U nt e r su chung s!o mm i s si o n. Ray- n a u d brachte eine Tagesordnung ein, die der Regierung das Ver- trauen der Kammer ausspricht. Ministerpräsident Briand erklärte darauf, er persönlich sei gegen die Ernennung einer parla- mentarischen Untersuchungskommission, da ihm aber in der Ange» legenheit gewissermaßen eine Mitschuld vorgeworfen werde, könne er die Ernennung einer solchen Kommission nicht ablehnen. Da- gegen widerspreche er dem, daß der Kommission richterliche Befug- niste übertragen würden. Als Tagesordnung nehme er nur die von Raynaud eingebrachte an und aus ihrer Annahme mache er eine Vertrauensfrage. Hierauf wurde die Tagesordnung Raynaud mit 395 gegen 85 Stimmen und dann mit 398 gegen 169 Stimmen der Antrag angenommen, eine Untersuch ungs- kommt ssion von 33 Mitgliedern zu ernennen, die über die Umstände Klarheit schaffen soll, die der Verhaftung Rochettcs vorangingen, sie begleiteten und ihr folgten. Hierauf wurde die Sitzung geschlossen._ Eine Verteidigungsrede LspineS. Paris, 11. Juli. In der heutigen Sitzung des Munizipal- rats verteidigte Polizeipräfekt Lcpine seme Stellungnahme in der Angelegenheit des Bankiers Rochette und erklärte, er habe keine zweifelhafte Handlung begangen und bei dieser Gelegenheit wie immer seine Pflicht getan. Er habe schnell gehandelt, weil es galt, die kleinen Sparer zu schützen. Schließlich wurde die eiyfgche Tagesordnung Mit 48 gegen 26 Stimmen angenommen, kfcUaud. Kammerwahl. Haag» 12. Juli. Nach den heute von den Generalstaaten vor- genommenen Wahlen zählt die e r st e K a m m e r 32 Klerikale und 18 Liberale. Rußland. Der Vertrag mit Japan. Petersburg, 12. Juli. Der russisch-japanische Vertrag, der am 4. Juli in Petersburg unterzeichnet worden ist, hat folgenden Inhalt: Die kaiserlichen Regierungen von Rußland und Japan sind, auftichtig den Grundsätzen ergeben, die durch die zwischen ihnen am 30. Juli 1907 geschlossene Konvention aufgestellt worden sind, und von dem Wunsche beseelt, die Wirkungen dieser Konventton hinsichtlich der Konsolidierung des Friedens im fernsten Osten zu erweitern, übereingekommen, das erwähnte Abkommen durch fol- gende Bestimmungen zu vervollkommnen: 1. Um den Ver- kehr zu erleichtern und den Handel der Völker zu entwickeln, ver- pflichten sich die beiden vertragschließenden Parteien, sich gegen- seitig freundschaftliche Mitwirkung zu leihen Hinsicht» lich einer Verbesserung ihrer beiderseitigen Eisenbahnlinien in der Mandschurei und hinsichtlich einer Vervollkommnung des Verbindungsdienstes der erwähnten Eisenbahnlinien und sich jeder Konkurrenz zu enthalten, die der Verwirklichung dieses Zieles schädlich wäre. 2. Jede der beiden vertragschließen- den Parteien verpflichtet sich, den status quo in der Mandschurei, wie er sich aus allen Verträgen, Konventionen und anderen Ab- kommen ergibt, die bis heute, sei es Mischen Rußland und Japan oder zwischen diesen beiden Mächten und China ge- schlössen sind, aufrechtzuerhalten und zu respektieren. 3. Im Falle daß ein Ereignis eintreten sollte, das geeignet wäre, den status quo zu gefährden, werden die beiden vertrag- schließenden Parteien jedesmal miteinander in Verbindung treten, um sich über Matznahmen zu verständigen, die sie für richtig und notwendig erachten, um den Status quo apfrechtzn- erhalten, Cürkcl Blutige Zusammenstöße. Saloniki, 12. Juli. Die G r i e ch e n von Monastier veranstalteten heute eine Protestkundgebung gegen das neue Kirchengesetz und zogen dann in Massen vor den Konak, wo Gendarmen gegen die Menge vorgingen. Infolge eines Handgemenges entstand eine Panik, wobei zahlreiche Personen in den P r a g o r f l u ß gedrängt wurden. Die Polizei hatte Mühe, die Ordnung wieder herzustellen. Heute wird in Saloniki eine große griechische Protest- veriammlung abgehalten. Was hier vom technischen Personal gesagt wird, gilt auch vom kommerziellen. Nur kommt bei diesen noch ein anderes Uebel da- zu: die Unguverlässigkeit, die U n e h r l i ch k e i t. So ziemlich jeder Kaufmann, der mit dem japanischen Handel in Verbindung ge- treten ist, weiß über die Unehrlichkeit der japanischen Kaufleute zu berichten. Im Orient ist sie sprichwörtlich geworden. Wenn die Japanbesucher am Ende ihrer Reise in der Hafenstadt zu- sammentreffen, wissen so ziemlich alle ein böses Lied auf den japanischen Kaufmann zu singen. Mein eigener Geldbeutel ist nun allerdings von ihm nicht allzusehr beschnitten worden, schon auS dem einfachen Grunde, weil daran nicht viel zu beschneiden war. Den Fremden zweimal höhere Preise anrechnen, als den Einheimi- fchen oder für die nämliche Summe schlechtere Ware liefern als bestellt, ist das größte Uebel noch nicht.„Es ist unmöglich, zu sagen," berichtet ein Engländer,„ob ein japanischer Kaufmann, der einen(Termin-) Handel abgeschlossen hat, die Lieferung nimmt oder nicht: im gegebenen Moment hält er daS Abkommen oder auch nicht, je nach dem Stande des Marktes." Oder: Die Stadt Kobe hat eine Anleihe aufgenommen. Die Schuldscheine hatten japanischen und englischen Text. Während der letztere die Einlösung zu einem bestimmten Preis versprach, war der japanische Text darüber stumm. Aber eS ist unnötig, hier die lauten Klagen und blutigen Flüche der nichtjapanischen Kaufleute und Reisenden über die japa. nische Unehrlichkeit zu wiederholen, denn sie sind bekannt und werden nirgends bestritten. Diese sittlichen Gebrechen machen auch der japanischen Regierung schwere Sorge. Um dem Uebel zu steuern, hat sie an einer Hochschule einen Stuhl für Redlichkeit im Handel eingerichtet. Von diesem werden die Scherereien und Nachteile des Betruges mit eindringlichen Worten geschildert. Ob aber dadurch die Nachpfuscherei ausländischer Patente und Schutz- marken verhindert wird? Oder ob dadurch die Richter unpar» teiisch, gerecht urteilen, wenn sie einen Streitfall zwischen Aus, länder und Japaner zu entscheiden haben? Viel hemmender für die gedeihliche EntWickelung der japani- scheu Industrie als Unfähigkeit der technischen Beamten und Un» redlichkeit der Händler ist das Fehlen eines tüchtigen Arbeiterstammes.Von diesem Mangel wissen alle japa» nischen Fabrikanten in bewegten Tönen zu berichten. Die Gleich- gültigkeit und Trägheit der Arbeiter entlockt allen Unternehmern laute Klagen. Mit diesen Beschwerden über die Arbeiter scheinen sie recht zu haben, ebenso recht als die Arbeiter mit ihren über die Fabrikanten haben. Die Berechtigung dieser Beschwerden an- erkennen, heißt aber noch nicht, die Arbeiter verdammen. Im Gegenteil. Die Untugenden der Arbeiter, oder wenn man will, ihre Laster, werden wesentlich von den elend geringen Löhnen, wenn auch nicht geboren, so doch jeden» falls gehalten und verstärkt und ihr Verschwin» den w,rd dadurch unmöglich gemacht. Von der Be- seitigung der Ursache der Uebel, das ist von der Beseitigung der elenden Löhne, aber wollen die Unternehmer nichts wissen. Ohne die billigen Arbeitslöhne wären wir verloren, sagen sie. Betrachten wiy zunächst die ArbeitKlöhnL der javanischen 5snduss�efl]cheiter. - GewerkfcbaftUcbc� Sine ficgmcbc Bcblacbt, von der man nicbt gern fprid�t. Unter der Ueberschrift:„Ein Streikbrecher-Agent" druckten Wir in Nr. 168 eine Schilderung des Genossen S e e g e r t aus der„Schmiede-Zeitung" ab. In derselben machte er Mitteilung von einer Begegnung niit einem Streikbrecher- Agenten, der sich rühmte, wie er die Polizei in Delmenhorst kirre bekommen habe und von einer siegreichen Schlacht seiner Arbeitswilligen erzählte, was jedoch in der Ocffentlichkeit„nicht breitgetreten" werden sollte. Ein Leser schreibt uns dazu: Der Agent Müller- Hamburg und sein Komplice Fritz Hinz(Hinz wohnhaft bis Donnerstag im Hotel Jnvalidenstr. 85) arbeiten zusammen sür die Firma der Wagenfabrik in Delmen- Horst bei Bremen. Am Tonnerstag ließen sich 10 Arbeitslose an- werben, weil sie glaubten, was der Agent Fritz Hinz bestimmt sagte, der Streik sei zu Ende. Alle 10 Mann fuhren am Freitag- nachmittag fort ans das Versprechen hin, daß die Leute 40—50 M. verdienen und für Kost und Logis nur 7 M. wöchentlich zahlen brauchten. Als sie in Delmenhorst anlangten, wußte noch keiner von ihnen, was los sei. Sie wurden alle Mann nach dem Arbeiter- haus hingebracht, wo sie als erste Erfrischung Vi Liter Zichorien- brühe und ein 2 Zoll dickes Butterbrot mir Kaiserjagdwurst er- hielten. Nach beendeter Speisung kamen sie in einen Saal, welcher wie die Pest stank. Strohsäcke stinkend, Decken stinkend, und diese Luft, und dann noch 30 Mann zusammen I Als die Leute nach der Fabrik kamen, standen schon eine Menge Leute dort, welche nicht arbeiteten, sondern streikten. Jetzt wußten die zehn Berliner erst, zu welchen Schurkereien sie herangezogen wurden. Alle zehn Mann weigerten sich ain Fabriktor. zu arbeiten und sagten: Sie seien keine Streikbrecher, und verlangten das Reise- ge'ld nach Berlin. Das war das Signal für die Arbeitswilligen. Diese schlugen mit Wagenrungen, Wagenspeichen, einige von ihnen schössen mit Revolvern, andere schlugen mit Messern, Gummischläuchen und sonstigen Gegenständen. Zu Schaden kam ein Arbeitswilliger, indem ihm das Ohr abgeschlagen wurde, andere bekamen Messerstiche in Arme, Brust und Rücken, kurz, eS war eine richtige Schlacht. Die Polizei nahm den Arbeitswilligen die Waffen ab. Weiter aber geschah nichts. Die zehn Berliner ber- setzten, was sie mr Wertsachen hatten, wie Uhren und dergleichen, damit sie wieder nach Berlin kamen, wo sie ihr Geld vom Ber band wiedererhielten." Jeder Arbeitslose fei vor den Verlockungen dieser Menschenhändler gewarnt. Es kann ihm, wie Figura zeigt passieren, dag man ihm, dem Betrogenen, niit Gummsi schläuchen, Messern und Wagenrungen zu Leibe rückt, wenn er seine Arbeiterehre wahren und den Klassengenossen nicht in den Nucken fallen will. Hilfe von den Behörden darf er dabei nicht erwarten. Viel besser ist es, von privaten Stellen� Vermittlern angebotene Arbeit überhaupt auszuschlagen. Mindestens soll man vor Annahme derselben— selbst als Unorganisierter— erst auf dem Gewcrkschaftsbureau Nach frage halten, ob die Verhältnisse in dem fraglichen Betriebe geregelte sind. Gar zu leicht zwingt die Not den Unorgani- sicrten, ohne Mittel in fremder Stadt das doch zu werden, was er nicht werden wollte: ein Verräter an der Arbeiter- bewegung! Berlin und Omgegend. Der Streik der Schmiede. In einer Versammlung der Streikenden, die am Dienstagmorgen stattfand, wurde ein Vorschlag des Obermeisters Warnecke, den er dem GesellenanSschuß machte und der dahin ging, daß die Gesellen sofort die Arbeit aufnehmen sollten und dann der Ausschuß Verhandlungen mit den Meistern einleite, einstimmig und ohne Dis- kussion abgelehnt. Die Streikenden denken gar nicht daran, sich so bedingungslos zu unterwerfen; die dritte Woche des Streiks findet alle noch geschloffen beieinander. Der Vorschlag wurde am Sonntag in einer Sitznng des Gesellen- ausschusseS gemacht, an der zwei Obermeister teilnahmen; es fand auch eine Aussprache über den Streik statt, die aber anch zu keinem Resultat führte. Den Gesellen ist es anffällig, daß die Quartals- Versammlung der Meister diesmal sehr hinausgeschoben wird, zugleich aber auch die Lehrlingsprüfungen. Die Streikenden machen darauf aufmerksam, daß jeder Lehrling, dessen Lehrzeit am 30. Juni abgelaufen ist— gleichgültig, ob er eine Gesellenprüfung bestanden hat oder nicht— den G e s e l l e n l o h n zu be- anspruchen hat. Am Montagabend hatten die Meister eine Versammlung, in der sie sich sehr erbittert zeigten über ein Flugblatt, das die Kutscher zur Unterstützung der Streikenden auffordert. Der Arbeitgeberschutz- verband will sogar deswegen Klage erheben. Die Streikenden hörten dies mit Vergnügen, denn es zeigte ihnen, daß ihre Maßregel eine gute Wirkung erzielte. Den Meistern ist vom Generalsekretär des Schutzverbandes, Herrn Nasse, zugesagt worden, daß ihre Ansprüche auf Unterstützung— geprüft werden würden: aus- gezahlt hat man bis jetzt noch nichts.— Der Altgeselle Köhler vom Gesellenausschuß hatte den Wunsch, an der Versammlung der Meister teilzunehmen, er hatte auch die gesetzliche Berechtigung dazu. da die Gesellenschaft berührende Fragen auf der Tagesordnung standen; aber die Teilnahme wurde ihm verweigert. Daß die Meister sehr unzufrieden mit dem Stande der Dinge find, zeigte sich auch darin, daß sie sich bitter über ihren sonst so geschätzten„Lokal- Anzeiger" beschwerten, weil er dem„Vorwärts" in der Berichterstattung über den Streik in keiner Weise gewachsen sei und nicht entfernt die Sache der Meister so führe wie der„Vorwärts" die Sache der Gesellen. Und doch gibt sich der„Lokal-Anzeiger" die größte Mühe, wie die jüngste Notiz über den Streik wieder beweist, in der die wirkliche Sachlage wieder entstellt und von den Streikenden sogar behauptet wird, daß sie für 17jährige Gesellen schon einen Lohn von 32 M. pro Woche verlangten, was natürlich der Wahrheit nicht entspricht. Am Sonnabend fand— seit vier Jahren zum erstenmal— eine Sitzung der Herbergskommission, vom JnnungSvorstand eingeladen, statt. Beschwerden hatten di» Meister nur in einer Richtung, nämlich, daß sich auf dem Arbeitsnachweis etwa 200 Ge- sellen hatten einschreiben lassen, ohne daß sie Arbeit, Streikarbeit natürlich, amiehmen wollten. Die Meister waren sehr entrüstet und meinten, die Gesellen versetzten lieber ihren letzten Rock, als daß sie die so massenhaft angebotene Arbeit annähmen. Die folgende ergötzliche Postkarte aus Meisterkreisen gelangte an den Streikleiter Wilhelm Siering: „An Herrn Sührmg, früher Schmied jetz Aufwigler. Woln sie nun balt ansang lassen mit arbeiten, da sonst di Gedult zu ende geht. Aber das kennt ihr euch merken ihr Tagedibe im Winter solt ihr dafür wieder 10 Stund, arbeiten. Lassen sie Montag wieder arbeiten u. alles ist vergessen, denn wir Meister geben auf keinen Fall nach." In der Streilversammlung erregte dieser Stoßseufzer eines bedrängten Meisters einen Sturm der Heiterkeit. Die Tarifbewegung der Maler und Anstreicher in der Knchenmöbelbranche. Der Verband der Maler, Lackierer und Anstreicher hielt am Montag im Englischen Garten eine zahlreich besuchte Versammlung der Küchenmöbelbranche ab, in der der VerbandSvertretcr Klotz über die Tarifverhandlungen mit den Arbeitgebern berichtete. Wie den Ausführungen des Referenten zu entnehmen war, sind die Verhand- lungen merkwürdigerweise an der Forderung einer Lohnerhöhung um 5 Proz. gescheitert, wie sie im Tarifvertrag der Holzarbeiter vorgesehen ist und wie sie demgemäß auch für den Tarisabfchluß der Maler und Anstreicher der Küchenmöbelbranche als etwas Selbstverständliches hätte gelten sollen. In dem Tarifentwurf, den die Arbeiter eingereicht hatten, waren sie allerdings insofern von jenem Tarifvertrage der Holzarbeiter abgewichen, als sie 10 Proz. Lohnerhöhung für die Anstreicher verlangten, während sie für die Fertigmacher keine Forderung stellten. Die Arbeiter ge- dachten damit einen Ausgleich zu schaffen zwischen beiden Gruppen ihrer Branche, und die Unternehmer hätten davon eigentlich einen Vorteil gehabt, da von den 236 Arbeitern der Branche 166 Fertig- macher, die also auf Lohnerhöhung verzichteten, sind, und 70 An- streicher, so daß die für sie geforderten 10 Proz. weniger ausmachen mußten als 5 Proz. für die gesamte Branche. Die Arbeitgeber zogen jedoch aus diesem Vorschlag lediglich den Schluß, daß die Fertig- macher schon außerordentlich hohe Löhne verdienten, lehnten deswegen den Vorschlag ab und wollten den Anstreichern nur 5 Proz. Lohn- erhöhung bewilligen. Unter diesen Umständen hielten eS die Arbeiter für zweckmäßig, ihren Vorschlag zurückzuziehen und ganz gemäß dem Tarifvertrag der Holzarbeiter, 5 Proz. Lohnerhöhung sowohl für die Fertigmacher wie für die Anstreicher zu fordern. Das lehnten die Unternehmer wiederum ab und als die Arbeiter unter keinen Um- ständen auf diese Forderung verzichten wollten, brachen sie die Ver- Handlungen ab und waren auch nicht einmal dafür zu haben, über die anderen noch unerledigten Punkte des Tarifentwurss zu ver- handeln. Geeinigt hatte man sich bei den Verhandlungen über die Arbeitszeit, die der der Tischler entsprechen soll, ferner darüber, daß Streichutensilien vom Arbeitgeber frei zu liefern sind, sowie darüber, daß bei Stundenlohnarbeit der Durchschnittsverdienst der letzten drei Monate bezahlt werden soll. Der Referent hob im Anschluß an seinen Bericht hervor, daß die Lage nach der ablehnenden Haltung der Arbeitgeber als äußerst ernst anzusehen sei. Die Arbeiter würden selbstverständlich nicht auf das verzichten, was ihnen durch den Tarifvertrag der Holzindustrie vom 15. April dieses Jahres zugebilligt sei, in dem es ausdrücklich heißt, daß die Löhne und Akkordpreise am 1. Oktober 1910 um 5 Proz. erhöht werden sollen. Wenn die Arbeitgeber sich fortdauernd weigerten, den neuen Tarifvertrag in diesem Sinne zu gestallen, müsse man zunächst einmal erst das Einigungsamt des Gewerbe- gerichts anrufen. Vor allem gelte es natürlich jetzt um so mehr, stark und einmütig in der Organisation zusammenzuhalten. In der lebhasten Diskussion zeigte es sich, daß die Ver- sammelten mit der Haltung ihrer Kommissionsvertreter durchaus einverstanden waren. Es wurde folgende Resolution einstimmig angenonmien: „Die Versammelten können sich mit dem Angebot der Arbeit- geber durchaus nicht einverstanden erklären. Sie erwarten von den Arbeitgebern in dieser Hinsicht, daß die Zugeständnisse, die ihnen auf Grund des Schiedsspruches des Einigungsamtes zu- gesichert wurden, auch tariflich festgelegt werden. Sie beaustragen die Verhandlungskommission, wenn die Arbeitgeber zu weiteren Zugeständnissen nicht bereit sind, das Einignngsamt anzurufen, um so auf Grund des Vergleichs vom 15. April 1910 einen neuen Tarifvertrag zu schaffen."_ Achtung! In der chemischen Fabrik von M. Dürre. Magdeburg-Sudenburg, befinden sich die Arbeiter seit dem 14. Juni im Streik, weil die Firma eS ablehnte, den Stundenlohn von 30 Pf. auf 35 Pf. zu erhöhen. Der Stellenvermittler Theodor Riebenstahl, Berlin dl., Große Hamburger Straße 16, versucht, Streik- brecher für die Firma anznioerben und bat damit auch in Berlin Erfolg gehabt. Von der Arbeiterschaft wird erwartet, daß sie Solidarität übt und Arbeitsangebote dieses Herrn strikte ablehnt. Die Arbeiterpresse wird ersucht, Notiz hiervon zu nehmen. Verband der Fabrikarbeiter, Verwaltung Magdeburg. DeuvIcKes Reich. 104 887 945 Mark Lohnverlust haben die preußischen Bergarbeiter in den letzten 27 Monaten, vom 1. Quartal 1903 bis einschließlich 1. Quartal 1910, durch direkte Lohnreduzierungen erlitten. Im 4. Quartal 1907 hatten die Löhne im preußischen Bergbau fast überall ihren Höhepunkt erreicht: von da ab ging es teilweise, besonders im Ruhrgebiet, mit Niesenschritten abwärts. Die Lohnverluste betrugen in den ein- zelnen Revieren: Ruhrgebiet 79 260 159 M., Qberschlesien 3 631 764 Mark, Niederschlesien 2 452 350 M., Saarrevier(Staatswerke) 2 625 388 M., Aachener Revier 2 603 103 M., Haller Braunkohlen. revier 4 069 618 M., linksrheinisches Braunkohlenrevier 260 194 M., Haller Salzbergbau 351 577 M., Clousthaler Salzbergbau 312 330 Mark, Mansfelder Erzbergbau 1 305 827 M., Siegcner Erzbergbau 4 682 432 M., Nassau-Wetzlarer Erzbergbau 1 966 027 M., rechts- rheinischer Erzbergbau 1 367 176 M. Fast 105 Millionen Mark haben also die Bergarbeiter der angeführten Reviere an Löhnen allein durch direkte Lohnreduzierungen eingebüßt. Die großen Verluste, die ihnen durch die zahlreichen Feierschichten entstanden sind, sind dabei nicht mitgerechnet, lassen sich auch nur sehr schwer berechnen, weil die Zahl der Feierschichten nicht genau bekannt ist, sondern nur geschätzt werden kann. Diese gewaltigen Lohnverluste erklären sich durch die Lage der Werke in keiner Weise. Die Grubenherren haben auch während der Krise meist sehr gute Ge- schäfte gemacht. Ganz besonders ist das aber bei den Ruhrgruben- Herren der Fall. Eine ganze Anzahl Werke sind hier zu verzeich- nen, die während der Krise noch höhere Gewinne eingeheimst haben. wie während der Hochkonjunktur. Die Grubenbesitzer haben es eben meisterlich verstanden, die Folgen der Krise zum weitaus größten Teile auf die Bergarbeiter und damit auf die Gesamtheit abzuwälzen._ Eine Lohnbewegung der auf den Sceschiffswcrften beschäftigten Arbeiter ist eingeleitet worden. Nachdem die Zentralvorstände der Verbände der Metallarbeiter, Holzarbeiter, Schmiede, Kupferschmiede, Heizer und Maschinisten, Maler und Fabrikarbeiter in Gemeinschaft mit der Zentralwerftkommission und den örtlichen Kommissionen der Werftarbeiter die Vorarbeiten für eine Lohnbewegung erledigt, trat am 10. Juli eine Konferenz der Werstarbeiter in Hamburg zu« sammen, um zu den einzureichenden Forderungen Stellung zu nehmen. Von den Verbandsvocständen und der Zentralwerst- kommission wurde der Konferenz eine Vorlage unterbrertet, die mit unwesentlichen Aenderungen akzeptiert wurde. Diese Vorlage, die die Regelung der Lohn- und ArbeitSverhält« niffe der auf Seeschiffswerften beschäftigten Arbeiter anstrebt, zer- fällt in drei Teile. Sie macht erstens Vorschläge zu Verhandlungen aus zentraler Grundlage, zweitens Vorschläge zu Verhandlungen auf lokaler Grundlage und drittens Vorschläge zu Verhandlungen auf beruflicher Grundlage. Die Vorlage zu den Verhandlungen auf zentraler Grundlage trifft Bestimmungen über die Arbeitszeit, die Lohnzahlung und die Funktionen der Arbeiterausschüsse. Die tägliche Arbeitszeit soll 9 Stunden, Sonnabends 8 Stunden betragen; an den Borabenden der großen Feste soll zwei Stunden stüher Feierabend sein. Der Lohn soll Freitags vor Schluß der Arbeitszeit gezahlt werden. ArbeiterauSschüsse sollen als VermittelungSinstanz zwischen Betriebs- leitung und Arbeiter fungieren und alle daraus sich ergebenden Tätigkeiten als Interessenvertretung der Arbeiter innerhalb deS Be- triebes übernehmen. In den Vorschlägen zu Verhandlungen auf lokaler Grundlage wird die Einteilung der täglichen Arbeitszeit verlangt. Die Wochen- löhne sollen auf 53 Stunden umgerechnet und um 10 Proz. erhöht werden; außerdem sind Einstellungslöhne für jeden Beruf vorzusehen. Weiter sind ausführliche Bestimmungen über die Arbeitsordnungen vorgesehen. Endlich ist in den Vorschlägen zu Verhandlungen auf beruflicher Grundlage die Umrechnung und Festsetzung der Löhne bestimmt.— Diese Forderungen sollen dem Verein der Seeschiffswerften sofort unterbreitet werden. Wie die Dinge sich weiter entwickeln werden, läßt sich heute noch nicht voraussehen. Der Verein der Seeschiffs- werften hat bisher bei geäußerten Wünschen der Arbester sehr wenig Entgegenkommen gezeigt. Im Interesse des Friedens Übe ga hoffen, daß er diesen Standpunkt aufgibt. Unternehmerrache. In Nürnberg scheint der vorjährige schwere Kampf in der Zelluloidindustrie von Gebr. W o l f f eine Neuauflage erleben zu wollen. Nachdem seinerzeit ein Streikender von den durch die Firma aufgestachelten Streikbrechern ermordet worden war, bequemte sich die letztere endlich dazu, Frieden zu schließen, wobei sie sich auch verpflichtete, keinerlei Maßregelungen eintreten zu lassen. Innerlich aber brütete sie Rache, und jetzt hält sie die Zeit für gekommen, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Am Sonnabend wurden 28 Arbeiter unvermutet auf die Straße gesetzt, angeblich wegen Geschäftsflaue: dem stehen aber verschiedene auffallende Tat- fachen entgegen, wie die, daß erst in der letzten Zeit neue Leute eingestellt wurden, daß unter den Entlassenen sich die Mitglieder des vorjährigen Streikkomitees und andere Arbeiter, die hervorragend beteiligt waren, befinden, daß es sich ausschließlich um solche handelt. die schon jahrelang im Betriebe tätig waren, und daß keiner der noch vorhandenen Streikbrecher von der Entlassung betroffen wurde. Es handelt sich also nur um eine mangelhaft verhüllte Maß- regelung, um einen neuen Angriff aus das Koalitionsrecht, den sich die Arbeiter nicht ruhig bieten lassen wollen. Jede Unterhandlung mit der Fabrikkommission hat die Firma abgelehnt. DaS Schicksal einer gelblibernlcn Arbeiterfahne. In Nordhalben hat der Gerichtsvollzieher die Fahne des Arbeitervereins zur Ber» steigerung ausgeschrieben. Diese Fahne hat eine interessante Geschichte. Als sie in ihr Dasein eintrat, mußte sie von dem Ab- geordneten Grandinger, dem katholischen Renommierpfarrer der Liberalen, kirchlich geweiht werden. Dies hatte einen Eingriff des Bamberger Ordinariats zur Folge, weil ein aus Protestanten bestehender gelbliberaler Bruderverein in einem nahen reußischcn Orte„Pate" stand, das war ein Art Ketzerei. Wie die Sache damals ausgegangen ist, weiß man nicht. Nun hat der Gerichtsvollzieher seine rauhe Hand auf diese Fahne gelegt. So vergeht die Herrl'chleit der Welt I Husland. Zur Streikbewegung der französischen Eisenbahner. Paris, 12. Juli. Die Eisenbahngesellschaften richteten an den Minister der öffentlichen Arbeiten ein Schreiben, in dem sie erklären, daß sie das Syndikat der Eisenbahner nicht als Ver- treter des Personals anerkennen und es ablehnen, über die Forde- rungen der Eisenbahner mit ihm zu verhandeln. Jede einzelne Ge» sellschaft könne nur mit den Vertretern des eigenen Personals dessen Wünsche und Bedürfnisse erörtern. Dies geschehe in regel- mäßiger fortdauernder Weise. Der Syndikatsausschuß wird am nächsten Sonntag über die Erklärung der Gesellschaft beraten. Das bekannte Rezept der Scharfmacher. Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat den Verbänden und Syndikaten der Eisenbahnbedienstetcn die Entwürfe der großen Eisenbahngcsellschaften zur Regelung der Penfionsverhältniffe über- geben. Der Minister bat, ihm die gutachtlichen Rückäußerungcn vor dem 1. September zu übermitteln. Ein Kollektivvertrag im Wiener Braugewerbe. Einen außer- gewöhnlichen günstigen Tarifvertrag konnte der Verband der Braucreiarbeiter für seine Wiener Mitglieder abschließen, obgleich die Großbrauereien Wiens ihren Schutzverband und eine treue gelbe Gewerkschaft haben. Die Arbeitszeit ist im Durchschnitt 56 Stunden pro Woche; die Sonntagsarbeit soll fünf Stunden nicht über- schreiten. Die wöchentägliche Arbeitszeit ist daher 8Vs Stunden. Ueberstunden werden mit 30—50 Proz. Aufschlag bezahlt. Das Freibier kann in Geld abgelöst werden. Nach sechs Arbeitstagen tritt eine 36stündige Ruhezeit ein. Nach einjähriger Dienstzeit wird erkrankenden Arbeitern das Krankengeld auf den Lohn ergänzt und während der Waffen üb u n g zwei Drittel des Lohne? gezahlt. Nach dreijähriger Dienstzeit wird ein fünftägiger, nach fünfjähriger ein siebentägiger bezahlter Urlaub gewährt. Der Tarif gilt bis 30. Juni 1915. Während seiner Dauer darf kein Lehrling aufgenommen werden. Der 1. Mai wird frei» gegeben und bezahlt._ 25 000 Arbeiter ausgesperrt. Nachdem die Arbeiter der Sangerhäuser Maschinenfabrik zu B u d a p e st in den Streik getreten sind, beschloß der LandeSverem der Eisen- und Maschincnfabrikanten Ungarns, sämtliche Eisen- und Maschinenfabrikarbeiter Budapests auszusperren. Hierdurch werden 25 000 Arbeiter brotlos._ Streik der Pariser Stukkateure. Vom Zentralverband der Stukkateure wird uns geschrieben: In der Nummer 153 Ihres geschätzten Blattes befindet sich eine Anzeige, in welcher Stukkateure gesucht werden nach Paris von einem Meister Charles. Mit Bezug hierauf wird uns geschrieben, daß dort die Kollegen unseres Berufes im Streik stehen und zwar schon seit dem 7. April. Von dieser Sache war uns bisher nichts bekannt. Die Stukkateure in Paris verlangen den neunstündigen Arbeitstag und 11 Fr. Tage» lohn. Charles sucht nun Leute bei neunstündiger Arbeitszeit zu 9 Fr. Lohn. Wollen Sie bitte im Blatt eine Notiz darüber bringen. Paris wird in der dieswöchentlichen Nummer des.Stukkateur" gesperrt. Hauptvorstand de? Zentralverbandes der Stukkateure, Gipser usw. Die amerikanischen Textilarbeiter leiden gegenwärtig unter großer Arbeitslosigkeit. Die Fabrikantenvereinigung für Baumwollwaren hat für die Zeit vom 1. Juli bis 1. Oktober'eine allgemeine Ein- schränkung der Produktion beschlossen, von her 150 000 Ar- beiter und Arbeiterinnen betroffen werden. Viele Fabriken sind zeitweilig ganz geschlossen, andere wieder lassen nur an fünf Tagen in der Woche arbeiten. Die Uhrmacher sind gegenwärtig ebenfalls vielfach ohne Arbeit. In Massachusetts haben große Fabriken während des Monats Juli geschlossen._ Letzte JVacbncbten und Depefeben. Aus dem englischen Unterhaus. London» 12. Juli.(W. T. B.) Im Unterhaus fragte B o t to m- ley an, ob Oberst Goikovitsch zum serbischen Kriegsminister er- nannt worden sei, einer der Hauptverschwörer bei der Ermordung König Alexanders und der Königin Draga, und ob Greh in dieser Ernennung eine Verletzung des Abkommens erblicke, durch das die- diplomatischen Beziehungen zwischen England und Serbien wieder- hergestellt worden seien. Greh antwortete, die Ernennung eines britischen Gesandten in Belgrad sei abhängig gemacht worden von der Zurückziehung der Häupter der Verschwörung zum Königsmord von offiziellen Posten, Goikovitsch sei in diese Kategorie nicht ein- geschlossen gewesen und sein« Ernennung verletze die Bedingungen des erwähnten Abkommens daher nicht. Sodann fuhr das Haus in der Beratung der Vorlage über das Frauenstimmrecht fort. Walter Maclaren(Liberal) warnte das Haus davor, die Bill abzulehnen. Im Falle der Ablehnung werde eine Agitation im Lande anfangen, wie sie das HauS bisher noch nicht erlebt habe.,> Ein Dampfer gesunken. Bremen, 12. Juli.(W. T. B.) Nach einer bei der Reederei der Bremer Dampferlinie Atlas eingelaufenen telegraphischen Mel. dung ist der Dampfer„Attila" bei den Dardanellen gesunken, Die Mannschaft ist gerettet. i Lxrants. R.edqktt: Richard Barth, Berlin. Jnjergtenteil vkrantv.;rh> Glocke, Berlin. Druck u.Verlag:Vorwärt»Bvchdr.u.Vxilag»ansta0 lßaitl Singers- Co., Berlin Hierzu 3 Beilagen«.Ugterhaltungsdl, Dr. 161. 27. Jahrgang. I WIM des Jotmäils" Kerlim MUliitt. IB. loli 1910. fln$ der ßekiisverficberungsordnuoss' liommifiion. Sitzung am Dienstag, 12. Juli. Von den noch zur Beratung stehenden Bestimmungen für die Dieiistboteu hatte eine gröbere Bedeutung nur die, die den Landes- regierungen das Recht geben wollte, zu bestimmen, daß Dienstboten von der Versicherungspflicht befreit find, wenn für sie bei Jnkraft- treten der Reichsversicherungsordnung nach Landesrecht im Krankheits- falle Fürsorge getroffen ist. Die Kommission strich diese Be- stimm un g, um endlich ein einheitliches Recht wenigstens in dieser Beziehung für das ganze Reich zu schaffen. Unständige Beschäftigung. Ms unständig soll nach der Vorlage, wie" bisher, die Be- schäftigung gelten, die nach der Natur der Sache oder im voraus durch den Llrbeitsvertrag auf weniger als eine Woche beschränkt ist. Die Nationalliberalen beantragten den Zusatz, dah auch die Arbeit als unständige gelten soll, die«bei un- bestimmter Dauer des Arbeitsvertrages in der Regel weniger als eine Woche währt". Dadurch sollte erreicht werden, dast zum Beispiel in den Hafenstädten die Stauer, die die Schiffe beladen, auch dann unständige Arbeiter bleiben, wenn ihre Arbeit im Einzel- falle länger als eine Woche dauert. Genosse Molkenbuhr sprach gegen den Antrag. Die meisten Stauer seien ständige Arbeiter, wenn sie auch mit Unter brechungen arbeiten. Sie wären ständig mit dem Beladen der Schiffe beschäftigt. Diese Aenderung wäre also ein Rückschritt. Der natioualliberale Antrag wurde abgelehnt und die Re gierungsfassung angenommen. Nach der Vorlage sollen die unständigen Arbeiter in der Weise versichert werden, daß sie ihren Anteil an den Beiträgen direkt bezahlen, der Anteil der Unternehmer an den Beiträgen dagegen durch den Gemeindeverband gedeckt wird. Die Sozialden, o« traten beantragten, daß die Beiträge genau so von den Arbeit gebern bezahlt und der Anteil der Arbeiter vom Arbeitslohn ab gezogen werde, wie bei den anderen Arbeitern. Zu diesem Zwecke sollten für diese unständigen Arbeiter OuittungSkarten und Ouittungs marken in ähnlicher Weise angewendet werden, wie bei der Invalidenversicherung. Genosse Hoch legte die Einzelheiten dieses Verfahrens dar, das einfacher sei und die unständigen Arbeiter eher veranlassen würde, möglichst auch für die Zeit der Arbeitslosigkeit die Beiträge zu bezahlen und sich dadurch autzer der Krankenpflege auch noch das Krankengeld zu sichern. Die RegierungSvertreter erklärten, daß das Verfahren nach der Regierungsvorlage einfacher sei. Dem stimmte auch die Kommission zu. und so wurden die Bestimmungen der Regierungs- Vorlage im wesentlichen unverändert angenommen. Die Beiträge und Leistungen soll nach der Vorlage die Satzung auf Grund des Ortslohnes besonders feststellen. Als Orts- lohn gilt bekanntlich der ortsübliche Tagesentgelt gewöhnlicher Tages- arbeiter. Die Sozialdemokraten wiesen aber nach, daß es unständige Arbeiter gibt, die bedeutend mehr verdienen. Für sie wäre es unangebracht, ihre Beiträge und Bezüge nach dem geringen Ortslohn zu bemessen. Sie beantragten daher, Beiträge und Leistungen nach dem tatsächlichen Verdien st zu be- stimmen. Dieser Antrag wurde abgelehnt, jedoch ein Antrag der Fortschrittler angenommen, nach dem die Satzung für einzelne Gruppen der unständig Beschäftigten den Betrag veS Orts lohne« durch Zuschläge erhöben kann. Nach der Vorlage ist eS dem Ermessen des GemeindeverbandeS überlassen, wie er das Geld zur Bezahlung des Beitragsanteils der Arbeitgeber aufbringt. Er kann die Susgabe auf die Gemeinde« lasse übernehmen oder den Betrag umlegen. Dabei kann er solche Einwohner, welche unständig Arbeiter in größerer Zahl oder für längere Zeit zu beschäftigen Pflegen, zu der Umlage in Höherem Maße heranziehen. Die Sozialdemokraten wiesen darauf hin, daß hiernach die Versicherten erst ihren eigenen Anteil bezahlen müssen und dann noch zu der Deckung des Anteils der Arbeitgeber herangezogen würden. Sie beantragten daher, daß der Gemeindeverband stets den Betrag umlegen muß, die Versicherten aber von der Umlage befreit sein müssen. Die Regierungsvertreter antworteten, daß auch ein Versicherter einmal einen unständigen Arbeiter beschäftigen könnte. Deshalb sei es berechtigt, daß auch die Versicherten bei der Umlage mit kleinen Beträgen bedacht würden. Die Anträge der Sozialdemokraten wurden denn auch abgelehnt, dagegen ein Antrag Herold angenommen, daß, wenn die Kosten nicht auf die Gemeindekasse übernommen, sondern umgelegt würden, stets die Einwohner, die unständige Arbeiter in größerer Zahl oder für längere Zeit zu beschäftigen Pflegen, zu der Umlage in höherem Maße herangezogen werden müssen. Die Satzung der Kasse soll nach der Vorlage mit Zustimmung deS Gemeindeverbandes und Genehmigung des OberversicherungS- kleines Feuilleton. Ein Märtyrer der Wissenschast. AuS London kommt die Kunde von dem Tode des Gelehrten Harry W. Cox, der durch seine For« schungen und Versuche mit den X-Strahlen bahnbrechend wirkte und nun, nach 12jährigem, qualvollem Leiden als ein Märtyrer der Wissenschaft gestorben ist. Cox begann vor 14 oder 15 Jahren seine Untersuchungen. Ein Zufall sollte ihm dabei verhängnisvoll werden: vor 12 Jahren brachte er während seiner Experimente eine Tube seines Apparates dem Gesicht zu nahe. Die Folge war für den jungen Forscher die schmerzvolle Krankheit, von der er nun durch den Tod erlöst wurde. Die geheimnisvolle X-Strahlen-Hautentzün- dung brach aus, und es gab kein Mittel, des furchtbaren Leidens Herr zu werden oder seine weitere EntWickelung zu ver- hindern. Aber Cox, der sich über die schreckliche Trag- weite dieser Erkrankung keinen falschen Hoffnungen hingab, blieb seinem Ziele treu; unablässig arbeitete er an der Vervoll- kommnung seines Apparates weiter und setzte seine Forschungen fort. Mehr als 80 Patente hat er im Laufe seiner Beobachtungen auf- genommen; eines von ihnen wurde von entscheidender Tragweite, denn mit dem Apparat wurde eS möglich, nicht nur die Lage einer Kugel zu erkennen, sondern auch die Tiefe der Wunde genau zu be- stimmen. Im südaftikanischen Kriege wurde der Apparat zum ersten Male praktisch verwendet und bewährte sich vollkommen. Die Haut- entzündung. die Cox sich im dritten Jahre seiner Arbeiten zugezogen hatte, nahm mit der Zeit immer gefährlichere Dimensionen an, bis der Forscher schließlich seine Arbeiten völlig einstellen mußte. Er besaß kein Vermögen und war nun hilflos der Not preis- gegeben. Seine Freunde bemühten sich vergeblich, dem verdienten Manne eine Pension auszuwirken, die ihn vor Not und Armut be« wahren sollte. Den Anstrengungen Sir William Treloars gelang es schließlich, eine Summe von 52 000 M. aufzubringen, die dem Leiden- den für seine Familie ausgehändigt wurde. Er befand sich in der Behandlung der angesehensten Aerzte, nicht weniger als drei große. qualvolle Operationen mußte er erdulden, aber das Fortschreiten der Krankheit war nicht aufzuhalten. Nacheinander waren ihm drei Finger der linken Hand, ein Finger der rechten und schließlich der ganze rechte Arm amputiert worden. Eine schwere Kehlkopfoperation erwies sich als nutzlos, man plante bereits einen zweiten Eingriff, über dessen Gefährlichkeit kein Zweifel herrschte. Aber es sollte nicht amts sBeschlußkammer) bestimmen können, daß die unständig Be- schästigten keine Bei trag Steile zahlen. Die Kasse gewährt ihnen dann nur Kran kenhilf e. Genosse Schmidt erklärte sich gegen diese Bestimmung. Auch den unständigen Arbeitern sollte in möglichst vielen Fällen ein Krankengeld zustehen. Deshalb sollten sie zu einem Teile der Bei- träge herangezogen werden. Die Bestimmung wurde jedoch angenommen. Die Bestimmungen für das Wandergewerbe wurden ebenfalls fast unverändert nach der Regierungsvorlage an- Senommen. Geändert wurde nur in Konsequenz der früheren Be- hlüsse, daß der Anteil der Arbeitgeber und Arbeiter an den Kassen- beitrügen nicht je die Hälfte sondern'/z und 2/8 beträgt. Bei der Anmeldung hat der Arbeitgeber die Beiträge für die Zeit bis zum Ablaufe des Wandergelverbescheins oder mit Erlaubnis deS Kassenvorstandes für kürzere Zeit im voraus zu entrichten. Die Sozialdemokraten beantragten, daß aus Verlangen deS Arbeitgebers die Kasse gestatten muß, daß die Beiträge stets auf ein Vierteljahr voraus bezahlt werden. Gen. Schmidt wies darauf hin, daß die Vorausbezahlung der Beiträge für ein ganzes Jahr manchem Arbeitgeber eine zu schwere Last auferlegen würde. Der Antrag wurde jedoch ab- gelehnt. Die Versicherten erhalten nur die Regelleisflmgen der Kranken- kassen. Gewährt die Kasse ihren anderen Mitgliedern mehr, so kann sie die Beiträgt für die im Wandergewerbe Beschäftigten entsprechend kürzen. f Die Sozialdemokraten beantragten, daß eS der Kasse überlassen bleiben sollte, ob sie nicht doch diese oder jene Mehr- leistung auch den im Wandergewerbe Beschäftigten gewähren und entsprechend die Beiträge festsetzen wolle. Gen. Hoch wieS besonders auf die Familienhilfe hin. Es wäre doch sicher gut, wenn die Kasse den Familienangehörigen, die zu Hause bleiben, im Falle der Krankheit Familienhilfe leistete. Das könne man den einzelnen Kassen überlassen. Ein Grund, eS zu ver- bieten, liege nicht vor. Vom Zentrum wurde geantwortet, daß zwar die Anregung viel für sich habe. Hier handele eS sich jedoch um einen ersten Versuch, den man zunächst möglichst einfach machen sollte. Später könnten derartige Verbesserungen viel leichter gewagt werden. Der Antrag wurde denn auch abgelehnt. Hausgewerbe. Auch hier kam eS zunächst zu einer allgemeinen Aussprache. Genosse Hoch vertrat die Ansicht, daß eine möglichst weitgehende Anpassung der Versicherung an die der anderen gewerblichen Arbeiter viel einfacher sein würde als das Verfahren in der Vorlage. Da aber die bürgerlichen Parteien sich auf den Boden der Vorlage stellten, nahmen die Sozialdemokraten von weitergehenden Ab änderungSanträgen Abstand. Dagegen wurde ein Antrag der Fortschrittler angenommen, der eS ermöglicht, daß wenigstens dort, wo sich das bisherige Ver fahren bewährt hat, dieses beibehalten werden kann. Er bezieht sich auf die Bezirke oder Gewerbe, für die beim Inkrafttreten der ReichSver- sicherungsordnnng die Versicherung der Hausgewerbetreibenden bereits durch statutarische Bestimmung geregell ist. Hier kann die oberste Verwaltungsbehörde aus Antrag des beteiligten Gemeindeverbandes genehmigen, daß die statutarische Bestimmung in Geltung bleibt. Aenderungen bedürfen ihrer Genehmigung. Jedoch ist dies nur dann zulässig, wenn Hausgewerbetreibender und dessen Arbeitgeber, die sogenannten Auftraggeber, im Bezirke des Versicherungsamts ihren Betriebssitz haben. Außerdem müssen die Leistungen mindestens denen, die die Reichsversicherungsordnung verlangt, gleichwenig sein. Die Sozialdemokraten beantragten, daß wenigsten» die Hausgewerbetreibenden, mit denen der Auftraggeber in engster Verbindung steht, deren Arbeiter er sogar kennt, in derselben Weife wie die anderen gewerblichen Arbeiter versichert werden. Genosse Molkenbuhr begründet den Antrag unter be- sonderem Hinweis auf die Verhältnisse in der Zigarrenindustrie. Auch dieser Antrag wurde abgelehnt. Sogar der weitere Antrag der Sozialdemokraten, daß die Hausgewerbetreibenden in den Ortskrankcnkassen und nicht, wie die Vorlage vorschlägt, in den Landkrankenkassen versichert werden sollen, fand keine Mehrheit. Fortsetzung Mittwoch._ Hus der MiMmwiNIon. Sitzung vom 12. Juli. Die Beratung der Strafprozeßordnung wurde am Dienstag beim ersten Abschnitt des vierten Buches:„Verfahren gegen Jugendliche" fortgesetzt. Die Diskussion und die Beschlußfassung über den 8 364, der das Alter der als Jugendliche anzusehenden Personen auf 18 Jahre festsetzt, wurden ausgesetzt.— Der§ 365 besagt in der Hauptsache, daß die Staatsanwaltschaft gegen Jugendliche keine öffentliche Klage einleiten soll, wenn Erziehungsmaßrcgeln einer Bestrafung mehr dazu kommen, das Allgemeinbefinden des Kranken verhinderte den Versuch, und Cox mußte geduldig warten, bis das schreckliche Leiden sein ZerstörungSwerk vollendete. Nur 46 Jahre ist er alt geworden. DaS transatlantische Luftschiff, mit dem Walter Wellman und Melvin Vaniman noch im Laufe dieses Somniers den kühnen Ver« such unternehmen werden, den Atlantischen Ozean zu überqueren und von Amerika nach Europa zu fliegen, ist bereits fertiggestellt. > ist derselbe Lustkreuzer, die„Amerika", mit der Wellman seinen bekannten Versuch unternehmen wollte, im Luftschiff den Nordpol zu erreichen. Der Plan scheiterte, aber die dabei gewonnenen Erfahrungen sollen jetzt der transatlantischen ahrt zugute kommen. Die„Amerika" ist im Laufe dieses Zinters und Frühlings in Paris vollkommen umgebaut und erheblich vergrößert worden. Sie ist heute der zweitgrößte Luftsckifflyp der Welt und wird an Größe nur von dem Zeppelin übertroffen. Das Fahrzeug hat eine Länge von 228 Fuß, der größte Durchmesser eträgt 52 Fuß bei einer Luftverdrängung von 345 000 Kubikfuß. Die Tragfähigkeit beläuft sich auf 12 Tons. Die Stahlgondcl hat eine Länge von 156 Fuß und wiegt allein 4500 Pfund. Die Ballonhülle ist au» drei Schichten gearbeitet, Baum« wolle. Seide und drei Gummieinlagen, die ebenfalls 4500 Pfund wiegen. Es wird beabsichtigt, insgesamt 6 Mann an Bord zu nehmen; nach Anrechnung der Mannschaft, der Instrumente, der Motore. der Rettungsvorrichtungen und des Proviants, die zu- sammen 5000 Pfund wiegen, bleibt eine Tragfähigkeit von 10 000 Pfund zur Mitführung von Gasolin ftei. Insgesamt verfügt die„Amerika" über drei Motoren, von denen jedoch nur einer gewöhnlich in Gebrauch genommen werden soll; dieser hat 70 bis 80 Pferdekräfte und würde dem Luftlreuzer eine Geschwindigkeit von 35 Kilometer in der Stunde verleihen. Für größere Geschwindigkeiten steht ein besonderer Achtzylindermotor zur Verfügung, der 200 Pserdekräfte entwickelt. Ein kleiner 10 LL-Motor dient zum Betriebe der Luftpumpe und leistet kleine maschinelle Hilfsarbeiten. Die größte Schwierigkeit während der Fahrt wird in der Ausgleichung der Schwankungen der Tragfähigkeit liegen, die durch die Temperaturveränderuugen und andere Umstände eintreten. Notizen. — Die Fritz-Reuter-Ausstellung, die der Reuter- forscher und-Sammler Prof. Gaedstz im Berliner KünstleÄauje vorzuziehen sind. In diesem Falle hat dann die Staatsanwaltschaft die Sache der Vormundschaftsbehörde zu übergeben. Das gleiche Verfahren greift Platz, wenn die Straftat eine geringfügige ist, aber Erziehungsmaßregeln geboten erscheinen. Demgegenüber beantragten-unsere Genossen, die Entscheidung darüber, ob ein Strafverfahren einzuleiten ist, der Staatsan- waltschaft zu entziehen und die Befugnis der Vor» mundschaftsbehörde zu übertragen. Dieser sozialdemo- kratische, prinzipiell wichtige Antrag lautete: .,§ 364s. Darüber, ob gegen einen Jugendlichen öffentliche Klage zu erheben ist, hat die Vormundschaftsbehörde zu entscheiden. Die Vormundschaftsbehörde entscheidet in der Besetzung durch ihren Vorsitzenden und vier Waisenratsmitglieder, unter denen sich eine Frau befinden soll. Die Vormundschaftsbehörde hat die Frage, ob öffentlich Klage zu erheben ist, zu verneinen, wenn die Verfehlung geringfügig ist oder wenn Erziehungs- oder Besse- rungsmaßregeln nach ihrer Ansicht geeigneter als eine Bestrafung sind, oder wenn die sozialen Verhältnisse, in denen der Jugendliche lebt, oder andere Gründe die Tat entschuldbar erscheinen lassen. Vor der Entscheidung in der Sache ist der Jugendliche vor dem Kollegium zu vernehmen. Hierbei ist sein gesetzlicher Ver- treter zuzuziehen. Handelt es sich um eine Uebertretung oder um eine gering- fügige Sache, so darf die Frage, ob die Anklage zu erheben ist, nur bejaht werden, wenn von dem Jugendlichen eine ähnliche Handlung in dem der Tat vorausgegangenen Jahre bereits schon einmal be- gangen ist." Nach einem Zentrumsantrag soll eine öffentliche Klage oder im Privatklageverfahren die Hauptverhandlung dann nicht eingc- leitet werden bezw. stattfinden, wenn auf Befragen die Vormund- schaftsbehörde der Ansicht ist,-daß Erziehungs- und Besserungsmaß- regeln der Bestrafung vorzuziehen sind und die Ausführung dieser Erziehungsmaßregeln von der Vormundschaftsbehörde übernommen wird. Der§ 866 enthält die Bestimmungen für die weitere BeHand» lung der von der Vormundschaftsbehörde für schuldig befundenen Jugendlichen. Unter anderem soll der Staatsanwaltschaft das Recht gegeben werden, Rechtsmittel gegen die Entscheidungen der Vormundschaftsbehörde einzulegen. Unsere Genossen beantragten, den Schlußsatz zu streichen.— Abg. Gröber beantragte die Streichung der 8§ 365 und 366, da seiner Meinung nach die Straf. behörden nicht mit Erziehungsaufgaben belastet werden sollen. Hierbei vertrat der Zentrumsredner im allgemeinen den Stand- Punkt, daß man der zu weit gehenden Verweichlichung im Straf- verfahren entgegenwirken müsse. In dieser Auffassung stimmten ein Regierungskommissar, ein nationalliberaler und konservativer Redner dem Abg. Gröber zu, aber sie betonten übereinstimmend, daß für die Jugendlichen eine Ausnahme gemacht werden müsse. Der konservative Redner stellte den Antrag, das jugendliche Schutz- alter auf 16 Jahre herabzusetzen. Gegen diese Bestimmungen der Regierungsvorlage wendete sich ebenfalls der Abg. Spahn. Wie sein Fraktionsfreund Gröber trat auch Spahn für eine eventuelle Herabsetzung des Schutzalters ein. Weide erblickten in der Ein- führung der bedingten Verurteilung der Jugendlichen eine ge- nügende Berücksichtigung.— Von unserer Seite wurde bei der Be- gründung unserer Anträge aufs eingehendste auf die sozialen Ur- fachen des Anwachsens der Straftaten der Jugendlichen hinge- wiesen und aus diesen Gründen heraus die Notwendigkeit her- geleitet, daß nicht zuerst die strafende Justiz, sondern die erziehe- risch bessernd wirkende Erziehungsbehörde einzugreifen hat. Auch wiesen unsere Genossen bei dieser Gelegenheit auf die Unzuläng- lichkeiten und schweren Fehler der Fürsorgeerziehung hin. Bleibe der Staatsanwaltschaft die Initiative über die Einleitung des Strafverfahrens überlassen, dann werden wir künftig noch mehr als bisher auch im Verfahren gegen Jugendliche die Klassenjustiz sich betätigen sehen. Gegen den sozialdemokratischen Antrag(8 364s) führten die Regierungsvertreter aus: Mit der allgemeinen Ueberweisung der Voruntersuchung an die Vormundschaftsbehörde beraube man ein- mal den Jugendlichen der Garantien, die dem Verdächtigen durch die Strafprozeßordnung gewährt find. Zum anderen habe die Vor- mundschaftsbehörde nicht die Mittel, die Untersuchung so zu führen wie die Gerichte. Auch bestritt man, daß es sich bei den Ver- fahren gegen Jugendliche häufig um politisch« Delikte handele. Waisenpfleger und Waisenräte zur Jugendfürsorge und-gerichtS- barkeit heranzuziehen, sehe der Entwurf zur Genüge vor. DaS Legalitätsprinzip der Staatsanwaltschaft müßte zugunsten der Jugendlichen unterbrochen werden. Auf eine Ersetzung der Staats- anwaltschaft durch die Vormundschaftsbehörde könne die Regierung unter keinen Umständen eingehen. In der Abstimmung wurden alle Verbesserungsanträge ab» gelehnt. Der sozialdemokratische gegen die Stimmen unserer Genossen, der ihm ähnliche Zentrumsantrag mit Stimmengleich- heit. Dagegen stimmten außer einigen Zentrumsabgeordneten Konservative und Nationalliberale. Arigenommen wurde nur, daß im 8 365 das Wort„Staatsanwaltschaft" durch„Staatsanwalt" ersetzt wird, ferner, daß sich die Bestimmungen der§8 365 und 366 nur auf Jugendliche unter 16 Jahren beziehen sollen. Fortsetzung am Mittwoch. zusammengebracht hat. wurde am Dienstag— als am 100. GeburtS- tage Reuters— eröffnet. — Die Internationale Vereinigung zur Sonnenforschung. Auf kaum einem anderen Gebtete der Naturforschung ist ein internationales Zusammenarbeiten von so hoher Wichtigkeit wie in der Himmelskunde, und aus der Erkenntnis dieser Wahrheit sind schon manche wichtige Unternehmungen entstanden. Man braucht nur an die Großtat der inter« nationalen Himmelskarte zu denken. Seit kurzem ist es namentlich durch die Bemühungen amerikanischer Gelehrter gelungen, auch für die Sonnenforschung einen inter- nationalen Zusammenschluß herbeizuftihren. Die Seele dieser Bestrebungen ist Professor Haie, der zurzeit hervorragendste Ver- treter der Sonnenfvrschung in Amerika und der Begründer deS eigens zu diesem Zweck errichteten Observatoriums auf dem Mount Wilson in Kalifornien, das in unerreichter Vollkommenheit für diese Forschungeil ausgestattet worden ist. An diesem Platz wird nun die vierte Konferenz der„Internationalen Vereinigung zur gemeinsamen Arbeit in der Sonnenforschung" in der Woche vom 29. August bis 6. September zusaminentreten. — Die Viotoris rogia im neuen Botanischen Garten(Dahlem) blüht zurzeit. Diese Riesen-Wasserrose, deren Blätter einen Durchmesser bis zu zwei Meter erreichen, bringt ebenso riesige Blüten hervor(bis zu einem Drittel Meter Durchmesserl) Leider blühen die prächtigen Blumen nur zwei Abende und Nächte. aber sie entfalten dann auch ein wunderbares Farbenspiel von Weiß bis Purpurrot. Die auS Südamerika stammende Wasserpflanze, die 1801 entdeckt wurde, bedarf bei uns der Pflege im glasgedeckten Warmhaus, wo sie bei 25—30 Grad gedeiht. — Altindische Dramen funde. Unter den Schätzen, die die beiden Turfail-Expeditionen ans Zentralasien nach Berlin brachten, sind Reste altindischer Dramen entdeckt worden. Der Berliner Pro« fessor für Sanskrit(altindisch) Heinrich LüderS ist der glückliche Finder und Entzifferer dieser teils in Sanskrit teils in Volks« dialekten abgefaßten Szenen. Die Funde dürsten aus dem ersten oder zweiten nachchristlichen Jahrhundert stammen und führen uns in der Kenntnis des altindischen Dramas weit über den bekannteste» indischen Dramendichter Kalidasa(6. Jahrhundert) hinaus. 17. MreswIammlnDS des Zentralverbandes der Ortskranhenhaffen veMHIands. Regensburg, den 12. Juli 1910. (Telegraphier Bericht.) In der heutigen Sitzung wurde zunächst beschlossen, den Jnter- nationalen LrbeiterversicherungSkongreß im Haag zu beschicken. Mit der Vertretung der OrtSkrankentassen wurden beauftragt Ver» waltungZdirekwr Hestr-DvcSdcn und Abg. Kräszdorf-Dresden.— Stritwich-Hamburg beantragte die Herbetführung einer einheitlichen Krankcnkasscnstatistik, Eckermann-Bremerhaven die Einführung ein- heitlicher Krankenkassenberichte. Nach längerer Debatte wurde be- schloffen, die hierfür notwendigen Vorarbeiten einzuleiten. Sodann sprach Dr. Hirt-München über: „Alkohol und Krankenkassen". Er hob herbor, lxch die Krankenkassen in ganz hervorragender Weise an der Bekämpfung des Alkoholmißbrauchs beteiligt seien, da der Alkohol die Ursache zahlloser Krankheiten sei und die Krankenkassen erheblich belaste. Abgesehen von den direkten Alkoholkrankheiten sei es auch der Alkohol, der bei einer Reihe von Krankheiten mit- geholfen hat. Es liege im Interesse der Krankenkassen selbst, wenn sie auch prophylaktisch(vorbeugend) mitarbeiten. Die Kranken- lassen müssen, ohne in eine direkte Gegnerschaft gegen die Alkohol- industrie zu treten, auf eine allgemeine Mäßigkeit hinarbeiten DaS können sie durch Vorträge, durch populäre Darstellungen der Haupt. sächlichsten Wirkungen des Alkoholismus usw. Die Krankenkassen müssen mitarbeiten an der Darstellung der nackten Tatsachen über den Alkohol, sie können auch, ohne daß sie große Mittel aufzuwenden haben, ausrechnen, wie lange und wie häufig diese Alkvholkrank- heiten in den Listen der Krankenkassen geführt werden und was die Krankenkassen dafür ausgeben. Man wird auf diese Weise an der BoUSgesundheit wesentlich mitarbeiten.(Lebhafter Beifall.) Borsitzender Friihdorf-DreSden: Ihm sei mitgeteilt worden, daß die Brauerei Union sich mit dieser Tagung beschäftigt habe und hier ein Gegenreferat halten wolle. Die Herren befänden sich in einem Irrtum. Die Tagung sei kein offener Kongreß, sondern ein Delegiertentag, und der Vorstand wähle sich die Herren, an die er Einladungen verschickt, selbst auS. Ebenso bestimme auch die Leitung, wer«in Referat zu halten habe. Es habe sich übrigens ein Herr, der die Brauereiindustrie hier vertreten wolle, nicht ge- meldet. Wenn jedoch auS den Reihen der Delegierten jemand da» Wort dazu nehmen wollte, so würde«S diesem natürlich frei- stehen. ES sei allerdings kaum anzunehmen, oaß dies der Fall sein werde.(Lebhafter Beifall.) Hierauf erhielt der Generalsekretär des Vereins gegen Miß. brauch geistiger Getränke, Professor Gonser-Berlin, daS Wort: Daß der Kongreß in RegenSburg und in Niederbayern die Alkohol- frag« angeschnitten habe, beweise einen hohen Grad von Kurage. (Heiterkeit.) ES sei dankenswert, daß der Ortskrankenkassentag dies« Frage zum zweiten Male gründlich und sachlich zur Debatte gestellt habe. Die Notwendigkeit eines gründlichen Kampfes gegen die Tuberkulose wird seit Jahren von niemandem mehr bestritten. Die Erkenntnis der Notwendigkeit einer Stellungnahme gegen den Alkoholismus fei erst eine Errungenschaft der neuesten Heit. ES sei daS eine Folge der Erfahrnnge», die geistige und körperliche Arbeiter gemacht haben, nämlich, daß sowohl die geistige Klarheit, alS auch die körperliche Ausdauer und Kraft durch den Alkoholmiß- brauch beeinträchtigt werde. In der Schweiz wird seit einer Reihe von Jahren bei allen Todesfallen von dem Arzte eine Rubrik .AlkoholiSniu»" ausgefüllt. Dabei ergibt sich, daß bei allen Todes- J allen unter 40 Jahren in 10 Proz., bei über 40 Jahren in IS Proz. ie Todesursache mit dem Alkohol zusammenhängt. Im Charlottenburger Krankenhause ist festgestellt worden, daß jeder fünfte Kranke, der in der inneren Abteilung behandelt wird, Shmplome einer Krankheit aufweist, die auf starkes Trinken zurück- zuführen ist. E» ist die Zahl der Kranken, die den Krankenkassen infolge des LlkoholiSmus zur Last fallen, eine viel größere, als wissenschaftlich absolut nachweisbar ist. Die Wirkungen des AlkoholiSmuS treten um so mehr in Erscheinung, je größer die Unterernährung und je schlechter die WohnungSderhältnisse sind. Bisher verboten die gesetzlichen Bestimmungen den Krankenkassen die Prophylaxe oder beschränkten sie jedenfalls auf die engsten Grenzen. Seit einer von Jahren Hab« der von ihm vertreten« Verein in Eingaben und persönlichen Vorstellungen sich bemüht,. diese Schranken zu beseitigen. Nach dem Entwurf sollen sie ja nun fallen. Dann werden die Krankenkassen freie Bahn haben. Neben der Auf. klärungSarbeit können die Krankenkassen Wesentliches zur Volks- gesundyeit tun, wenn sie mitarbeiten an dem Ausbau von Trinker» fürsorge- und Trinkerheilstätten.(Lebhafter Beifall.) Gräf-Frankfurt a. M. begrüßte, daß der Referent nicht alS Abstinenzfanatiker aufgetreten sei. fondern für die Mäßigkeits- bestrebungen. In der Unfallfrage spiele der Alkehol indirekt eine sehr grvhe Rolle. In Werkstätten, in denen der Alkoholgenuß ab- geschafft ist, sei nachweisbar die Unfallziffer Zurückgegangen. Ein sehr bemerkenswertes Zugeständnis habe auch die Brauereiindustrie gemacht, indem sie feststellte, daß die Unfallziffer zurückgegangen ist, seitdem daS Freibier für die Brauereiarbeiter abgeschafft sei. (Hört! hörtl) Für eine Reihe von gewerblichen Berufen, die mit Gastwirtschaften zu arbeiten haben, bestehe noch ein unerträglicher Trinkzwang. Die Reichsversicherungsordnung bringe die Ver- sicherung der unständigen Arbeiter. Dadurch werde eine große Zahl von Trinkern überhaupt zum ersten Male einer Kranken- behandkung zugeführt. Vielleicht werden dadurch die Krankenkassen ein« Mehrbelastung erhalten, aber man werde doch«in großes Stück in der Sozialreform vorwärts kommen. Selbst wenn wir mit den Aufsichtsbehörden in einen Konflikt kommen sollten, indem dies« sagen, daß daS Geld zu falschen Zwecken verwendet werde, müssen wir die Propaganda in dem Kampfe gegen den AlkoholiSmuS aufnehmen.(Lebhaste Zustimmung.) Fräßdvrf-DreSden konstatiert, daß die Krankenkassen bereit seien, die Bewegung gegen den Alkoholmißbrauch zu unterstützen, und baß sie andererseits auch bereit seien, die Alkoholiker alS Kranke zu behandeln und geeignete Jürsorgemaßnahmen zu deren Heilung zu treffen. Auf diesem Wege glaubten sie, der VolkSaesundheit zu dienen Er richte an die Krankenkassen das Ersuchen, die Antialkoholbewegung nach Möglichkeit zu unterstützen. (Lebhaft« Zustimmung.) Sodann beschäftigte sich der Kongreß mit einem Antrag Metz, der de» AnstcllungSvertrag betrifft, der ja bekanntlich in der Reichstagskommisston zu lebhaften Angriffen geführt hat. ES wurde aus Antrag de» Buchdruckerei- besitzerS Scholem-Berlin beschlossen, den gegenwärtigen Anstellungs- vertrag durch Sachverständige nachprüfe» zu lassen und die neue Fassung mit den gesetzlichen Bestimmungen in Einklang zu bringen. Diese neu« Fassung soll sofort an Stelle des jetzt geltenden Vertrags in Kraft treten. Der Kongreß war beschickt von LK2 OrtSkranIenkassen mit 1672 903 Mitgliedern durch 464 Delegierte. Den Abschluß der Tagung bildete ein Ausflug zur Walhalla. Huö der Partei. Ein reuiger Sünder, AuS London wird uns geschrieben: Was hier schon vor Konaten vorausgesagt wurde, wird jetzt durch die Tatsachen be- stätigt: der„Clarion", da» von Blatchford gegründete und redi- gierte Wochenblatt pfeift auf dem letzten Loche. DaS von Blatchford später als der„Clarion" gegründete Blatt„Women Folk", das friihere„Woman Wprker", ist schon in der letzten Woche ein- gegangen. Mer Wahrscheinlichkeit nach mußte es sein junges Leben aushauchen, um seinem älteren Bruder mehr Lust zu verschaffen. Nun zappelt auch der.Clarion" zwischen Leben und Tod, und Blatchford, der jetzt, nachdem der Mohr seine Schuldigkeit getan hat, von seinen imperialistischen Freunden zum alten Eisen ge- worfen worden ist, fleht seine Leser und die englischen Genossen um Hilfe am In der heutigen Nummer bittet er seine Getreuen, anstatt eine fortan zwei Nummern des„Clarion" zu kaufen, um das Blatt über Wasser zu halten. Schon seit mehreren Wochen fordert er in jeder Nummer seinen zusammengeschmolzenen Leserkreis auf, sich darüber zu äußern, ob der„Clarion" sein Erscheinen einstellen soll oder nicht. Die Briefe, die er erhalten hat, scheinen ihn etwas aufgeklärt zu haben über die Ursache des Schwindens seiner Popularität; denn in der heutigen Ausgabe veröffentlicht er einen Leitartikel, der, soweit es seinem sanguinischen Temperament möglich ist, deutlich die Spuren der Reue über seine tollen Sprünge aufweist. Er schreibt: „Nun ein paar Worte über unsere Politik. Ich setze voraus, daß es der Wunsch unserer Leser ist, daß der„Clarion" eine kämpfende sozialistische Zeitung sein soll. Unsere Arbeit ist eS, den Sozialis- muS zu lehren und zu verteidigen. DaS wird unsere Politik sein. Die ganze Redaktion, glaube ich. ist einstimmig gegen den Freihandel und für die allgemeine Wehrpflicht. Aber daS sind Nebenfragen(l) und können fallen gelassen werden. Zeitweilig mag eS notwendig sein, die schwindelhasten Prätensionen des liberalen Freihandels bloßzustellen,«wer darüber hinaus werden wir wahrscheinlich nicht gehen. Was die Frage der deutschen Gefahr anlangt, sind wir wieder. um einstimmig; aber wenn ich eS als meine Pflicht erachte, diese Frage zu behandeln, werde ich es an anderer Stelle tun." Blatchford behauptet noch immer eigensinnig, daß Her„Clarion" von den englischen Genossen systematisch boykottiert würde. Be- sonder? die Arbeiterpartei trachte nach seinem Leben. Das ist nun zum größten Teil Phantasie. Die einfache Erklärung für den Niedergang de? Blarchfordschen Blattes ist die, daß der Redakteur, der stets geneigt war, sich eine Extratour zu erlauben, diesmal seinen Lesern mit der Deutschenhetze und der Befürwortung deZ Militarismus und des Schuhzolls allzu grob gekommen ist. Der angeführte Passus aus dem Blatchfordschen Artikel wirft aber auch ein interessantes Streiflicht auf den Sozialismus, den besonders Blatchford in England derbreitet hat, und den man in Ermangelung eines besseren Namens den sentimentalen SozialiS- mus nennen kann. Man denke sich: Freihandel und allgemeine Wehrpflicht sind 5!ebenftagenl Und die Hetze gegen Deutschland ist eine Gewissenöfragel Man glaube nicht, daß Blatchford der einzige englische„Sozialist" ist. der solchen oder ähnlichen theoretischen Ansichten huldigt. Sie beweisen, wie sehr dieser englische Sozialis- mus noch in den Wolken schwebt. Man propagiert vom SozialiS- muS nur den Grundsatz der Vegesellschastlichung der Produktionsmittel, und siehe da, die Formel ist weit genug, um allerhand Volk im Schöße des Sozialismus Platz zu gewähren: Leute, die die Munizipalisierung der Straßenbahnen und Wasserleitungen ver- langen, Fcchier, die in der bürgerlichen Gesellschaft als Schwere. nöter gelten wollen, und Pastoren, die eS mit Hilfe einer plato- nifchen Liebe zum Sozialismus nicht mit den Arbeitern verderben wollen. Das Aktuelle, die Politik, die Mittel, durch die wir den Sozialismus zu verwirklichen trachten, wird zur Neben- frage, in der jedermann freien Spielraum hat. Blatchford hat es nun auf diesem Wege endlich so weit gebracht, daß er die Dinge auf den Kopf stellt und die Ideale des Kapitalismus: MilitariS. muS, das Schutzzollsystem mit seinen das Volk ausbeutenden in» direkten Steuern und Chauvinismus mit den Ideen des SozialiS» muS in Einklang zu bringen versucht. Die Reue auf dem Totenbett kommt etwaS spät. Bekanntlich streiten sich die christlichen Sekten darum, ob der liebe Gott eine derartige späte Besserung al« echt ansieht. Man wird wohl die Frage von Fall zu Fall beurteilen müssen. Und der Fall des „Clarion" sieht recht trübe au». Wer bürgt uns dafür, daß Match. ford nicht von neuem der„Daily Mail' beispringen wird, wenn dieser große Lügenpeter in einer Million Exemplaren die zweite deutsche Gefahr an die Wand malt? Schon werfen die Parlaments- wählen ihren Schatten voraus, und schon sammelt da» Hetzerblatt neues Material, um die chauvinistischen Leidenschaften des eng- lischen Volkes anzufachen. WaZ unser Korrespondent hier von Blatchford sagt, kann mit einigen Aenderungen auch von Hyndman gelten, der in den entscheidenden Fragen der Gegenwartspolitik nicht minder versagt wie der weniger ernst zu nehmende Blatchford. Hyndman hat eS für angezeigt gehalten, in der konservativen und imperialistischen „Morning Post" einen konfusen Artikel über die Notwendigkeit verstärkter Flottenrüstungen gegen die„deutsche Gefahr" zu ver- öffentlichen. Hyndman erklärt seine Ansichten als rein persönliche. Wir meinen aber, daß solche Ansichten ihre Bekenner von selbst aus jeder sozialistischen Partei ausschließen. ReichStagSkandidatur. Eine am Sonntag in Memmingen statt- gefundene Wahlkreiskonferenz für den Wahlkreis Jllertissen- Memmingen(Schwaben 4) stellte einstimmig den Genossen Ludwig Pickelmann. Landtagsabgeordneten in München, als Kandidat für die kommende ReichStagSwahl auf. Der Jahresbericht für den RelchStagSwahkkreiS Vochum-Gelsen« tirchen-Haltingen-Wiiten ergibt, daß die Mitgliederzahl 6763, davon 1611 weibliche, beträgt(S7g0, darumer 1382 weibliche im Vorjahre). Die Einwohnerzahl de« Wahlkreise« beträgt 747 260 gegen 660 230 im Jahre 1007� Mitgliederversammlungen fanden 466 im ver- laufenen Jahre statt. Oessentlich« Versammlungen wurden 102 ab- gehalten. Flugblätter kamen in 524 000 Exemplaren zur Verteilung. Die Einnahmen und Ausgaben beliefen sich auf 33 505 M. Der Maifeierfond» beträgt 4892 M..Volksblatt'- Abonnenten wurden 2600 gewonnen. Am 1. Oktober wird in der Großstadt Gelsen- kirchen eine Zweigstelle mit einem freigestellten Beamten eröffnet. Em« Konferenz der JugendauSschüsse für Rhemland-Westfalen tagte am Sonntag in Düsseldorf. Vertreten waren sämtliche 28 Jugendausschüsse de« Bezirks. Die Zahl der Abonnenten der .Arbeiter-Jugend" beträgt 4777. Nach dem Bericht des Vor- sitzenden des Bezirksausschusses, als welcher der Elberfeld-Barmer Jugendausschuß fungierte, und einem Vortrage des Vertreter» des Zentral-JugendauSschuffes I. Sassenbach» Berlin über „Die Aufgaben der Bezirksausschüsse' wurde ein Bezirks- statut beraten und beschlossen. Nach diesem find zur finanziellen Unterstützung der Tätigkeit des Bezirksausschusses pro Abonnent der„Arbeiter-Jugend" und pro Quartal 2 Pf. an den Bezirksausschuß abzuführen. Ferner wurde beschlossen, den bis- herigen Bezirk Rhemland-Westfalen in drei AgitationSbezirke ein- zuteilen, und zwar in Oberrhein(Vorort Köln). Niederrhein(Vorort Elberfeld) und westliche« Westfalen(Vorort Dortmund). Soziales. Ei» neuer Trick. Der SeemanSberuf hat für Binnenländer immer noch etwa» verlockendes. Die jugendliche Phantasie sieht sich in stemde Länder und Erdteile versetzt und wocnöylich als reicher Mann zurückkehren. DaS überaus traurige Los der Seeleute ist wenig bekannt. Dem jugendlich«, Wandertrieb und d» Abenteuerlust kowwea allerlei verlockende Inserate entgegen, die bald w dieser bald t» jene« Form durch die Tagxspresse laufen. Da« gilt auch von dem Nach- stehenden: „Stewards".(Schiffskellner). Hohes Einkommen erzielen junge Leute aller BerufS-Klassen, welche als solche zur See fahren wollen. Verdienst 350 bis 3000 p. Reise(4 Monate 14 Tage). Bei freier Station. Nähere Aus- kunft, Rat und Referenzen erteilt G. F. Kessel Seemännisches AuSkunfts-Bureau, Hannover, Wolfstr. 24 Honorar 2 Mk. Eins. Briefmarken oder 9 Nachnahme. Junge Leute, die an einen derart hohen Verdi:nst für ihre erste Reise glauben, werden bitter enttäuscht. Die jungen Stewards haben trotz der sehr beschwerlichen Arbeit nur einen gang geringen Verdienst: erst wenn sie nach langen Jahren zu besseren Stellungen aufrücken, ändert sich das etwas. Die meisten Stewards, die für den überseeischen Dienst in Frage kommen, werden bei der Harn- burg-Amerika-Linie und bei dem Norddeutschen Lloyd eingestellt und zwar für die Fahrten zwischen den europäischen Häfen und Amerika. Die Hamburg-Amerika-Linie stellt aber seil Jahren nur noch gelernte Kellner ein. so daß junge Leute,„aller Bcrufsklassen" hier nicht in Frage kommen. Nun verspricht Herr Kessel in seinem Inserat auch gar nicht den Nachsuchenden eine Stellung zu verschaffen, sondern er erteilt nur Auskunft. Diese Auskünfte beschränken sich darauf, den Anfragenden auf die oben genannten Linien zu verweisen und allerhand gute Ratschläge zu erteilen. So heißt es in dem Prospekt, den er nach Einsendung der 2 Mk. verschickt u. A.: Für einen vor- wärtsstrebenden jungen Mann, der sich Weltkenntnis und ein gute? Einkommen sichern wolle, biete die Laufbahn als Seemann, be» sonders aber als Steward eine sichere Gewähr. Tausende hatten das Verlangen, bei einer großen Schiffahrts-Gesellschaft ein Enga- gemcut zu erhalten. ES gelänge aber wenigen, weil die meisten ohne praktische und theoretische Erfahrungen nach der Seestadt gingen, in unlautere Hände verfielen usw. Die„praktischen und theoretischen Ersahrungen" gibt natürlich auch Herr Kessel nicht, kann sie nicht geben, ihm kommt eS lediglich auf die auSbedungeneu 2 Mark an. In ähnlicher Weise geht ein Stellenvermittler in Kiel vor. Dies« Leute sollen, wie uns von glaubwürdiger Seite mitgeteilt wird, Hunderte von Gesuchen erhalten, ein Beweis, daß die Dummen nie alle werden. Wir möchten die jungen Leute aller Berufe auf das dringendste warnen, auf derartige, Annoncen hereinzufallen. Auf der Suche nach Material für die ReichSverstchervn». Der Bergiiche Fabrikantenverein versendet an seine Mitglieder ein Zirkular, oaS das Stigma„Um strenge Geheimhaltung wird ersucht" trägt. Daraus geht hervor, daß die Arbeitgeber im Vor- stand der allgemeinen Ortslrankenkasse zu Remscheid Stellung zur Reichsversicherungsordnung genommen haben. Da aber die Be« hauptung, die Organisationen der Krankenkassen würden in den Dienst der politischen Parteien gestellt, Widerspruch fand, so wollen nun die Mitglieder des Bergischen FädvikantenvereinS Be- Weismaterial für diese Behauptung liefern. In dem Geheim, schreiben wird vringend ersucht, „alle etwa bekannt gewordenen Fälle, in denen von Angestellten der Krankenlassen in irgendeiner Weise versucht worden ist, un- organisierte Arbeiter zum Eintritt in eine Organisation(Ge- werkschaft. Partei oder dergleichen) zu bewegen, möglichst sofort mitzuteilen und dabei auch solche Fälle mit anzuführen, in denen Arbeiter, die den sozialdemokratischen Bereinen nicht beigerk-ten sind, von den Angestellten der Krankenkassen schikaniert worden sind". Zum Schluß wird betont, daß bei Verwendung de» Material» Namensnennungen nicht stattfinden sollen und eS wird nachmaß strenge Verschwiegenheit zugesichert. Unterzeichnet ist daS Schriftstück von dem Vorsitzenden d«D Bergischen Fabrikantenvereins Arnold ManneSmann in Remscheid. Der Verein umfaßt das ganz« Wirtschaftsgebiet des bergischen Landes, aber auch die Städte Elberfeld, Barmen, Solingen, ßeus rath usw._ Huö Induftrie und Rande!* Wie ti gemacht wird. Hinter die Kulissen der Großbanken leuchtet ein Artikel, den unser ftanzösisches Bruderblatt„Humanitö" vorige Woche ver» öffentlicht«. Vor einigen Tagen weilte der König von Bulgarien in Paris und eS wurde ihm zu Ehren der übliche Klimbim veran» staltet, Banketts, Paraden, Feftvorstellungen in de» Theatern usw. Nun ist eS kein Geheimnis, daß der eigentliche Zweck seine» Be» such» der Abschluß einer Anleihe war. Aber warum dazu all der angeblich..patriotische" Klimbim sich nötig machte, da» erfährt die Oeffentlichkeit erst aus den folgenden Mitteilungen der„Huma- nitä". Auswärtige Anleihen werden m Frankreich stets durch emm« große Banken besorgt, die da» Geschäft gemeinschaftlich machen. Aber jede einzelne derartige Anleih« wird von einer be- stimmten Bank abgeschlossen, die von dem Gewinn einen größeren Teil abbekommt al» die übrigen Mitglieder deS Ringes. Um jedoch eine Konturrenz zu vermeiden, die dem Interesse aller nachteilig wäre, haben sie die verschiedenen Länder unter sich verteilt. ES besitzt also jede der Großbanken sozusagen ein festes Anrecht auf bestimmte Länder, und keine andere darf ihr da in» Gehege kommen. So gehört Rußland dem Credit Lyonnais, Griechenland dem Comptoir d'EScompte, Brasilien der Societe generale usw. Wenn also Bulgarien in Frankreich pumpen will, so kann eS sich zur Verniittelung des Geschäfts nicht eine Bank nach seinem Be- lieben auswählen, sondern Bulgarien gehört zu dem gewaltigen Bereich der Banque de Paris et des PahS-BaS(Pariser und Hollan- dische Bank). ES kann sich also nur an diese Bant wenden, muß deren Bedingungen annehmen, sonst bleibt ihm der ftanzösische Markt verschlossen. Nun hat sich Ende vorigen JahreS etwa? ganz Entsetzliches er- eignet: der Credit Mobilier, eine Bank, die erst vor kurzem der Vereinigung beigetreten war. hat insgeheim mit der bulgarischen Regierung eine Anleihe von 100 Millionen abgeschlossen. Die Sache wurde ruchbar, die Banque de Paris geriet außer sich über diese Wilddieberei, die auf ihrem Gebiet verübt war und wandte sich—— an Herrn Pichon, Minister der auswärtigen Ange- legenheiten! Sie verlangte von ihm, sofort einzugreifen und sie gegen diesen nichtswürdigen„Diebstahl" zu schützen I Ein der- artiges Ansinnen, sagt die„Humanitö", ist nichts Ungewöhnliches. Vielmehr ist das Departement des Herrn Pichon geradezu eine Filiale des erwähnten BankringeS, und es sieht eine seiner Auf- gaben darin, dessen Geldgeschäfte zu unterstützen und zu erleichtern. Herr Pichon enttäuschte auch keineswegs die Hoffnungen der Banque de Paris, sondern, um den Credit Mobilier an der Durch. führung deS Geschäfts zu hindern, verlangte er für die neue An» leihe— unter dem Vorivande, daß Bulgarien keine genügende Sicherheit biete— ein besondere? Unterpfand; sonst werde sie nicht 1ur Börse zugelassen. Es trat natürlich der Erfolg ein, den die Sanque de Pari» haben wollte: Bulgarien weigerte std& auf dies« Bedingung einzugehen, daS Geschäft fiel ins Wasser.— Aber nun braucht Bulgarien doch da» Geld. ES wandte sich nach Oester- reich— vergeben». Es wandte sich nach der Srfpveiz, und die Schweizer Bankier» wandten sich ihrerseits an französische Kapita- listen. Aber die französischen Bankiers brachten Notizen in die Presse, worin sie das Publikum warnten, ein Papier zu kaufen, da» die Regierung nicht zur Börse zugelassen habe. So wurde der bulgarische Kredit auf dem französischen Markt erschüttert. AlS ei so weit war.«in igten sicb die französischen Banken über die Teilung de» Raube» und wollten nun das Geschäft wieder in Gang bringen. Dazu war nötig, erstens, daß der Minister einen Vor. wand bekam, um die Bedingung eines besonderen Unterpfandes |üg jeds neue bulgaxischq Anleihe»�4 heben; zweitens, daß tvgendem neues Ereignis eintrat, auf Grund dessen man dem Publikum, das man monatelang vor dem Ankauf bulgarischer Pa- piere gewarnt hatte, eben diese Papiere nunmehr dringend emp- fehlen konnte. Deswegen, in dieser Absicht und zu diesem Zweck hat man den Besuch des bulgarischen Königs veranstaltet Er kommt, die Zeitungen beschreiben seinen„sympathischen Charakter", er redet, er sagt, wie sehr er das französische Volk liebt, wie er feine Kunst, seine Armee, seine Luftschiffe bewundert, er zeigt sich uberall, indes seine bessere Hälfte die Pariser Wohltätigkeits. anstalten besucht. Und so ist denn alles entzückt von ihm, niemand kann sich weiter wundern, wenn der Minister unter so bewandten Umständen seine Meinung über die Sicherheit bulgarischer An- leihen und die Notwendigkeit eines besonderen Unterpfandes ändert; gehorcht er doch nur den Rücksichten der„hohen Politik". Das geldbesitzende Publikum aber ist von dem Trubel geblendet und schluckt mit Begeisterung die 100 Millionen bulgarischer Papiere. Um den großen Aufwand von„Patriotismus" zu begreifen, muß man wissen, daß die Anleihen kleiner Länder den Emissions- banken ganz kolossale Gewinne einbringen. Zum Bei» spiel: die bprozentige bulgarische Anleihe von 1802, die der Banque de Paris, nach Bezahlung aller Gebühren, 86 390 000 Frank kostete, hat bei einem Emissionspreis von 450 Frank 92 400 000 Frank ein- gebracht, das ist für die Bank ein Gewinn von 9 010 000 Frank oder lOM: Proz. Dies ist jedoch die Mindestziffer. In Wahrheit sind die Papiere an der Börse bis zu 486 Frank getrieben worden; nach diesem höchsten Kurs berechnet, ergäbe das einen Gesamt- gewinn von 16 642 000 Frank oder 19 Proz. Der tatsächlich er- zielte Gewinn liegt zwischen bissen beiden Ziffern und wird etwa 12 Millionen betragen haben. Die„Humanite" fügt hinzu:„Zufällig haben wir der Truppen- tesichtigung im Lager von Chalons beigewohnt. Unter den Augen des Präsidenten der Republik, der Spitzen der Behörden und des Königs von Bulgarien haben Tauseride und Tausende von Sol- daren, nachdem sie stundenlang in der Kälte gestanden, im strömen- den Regen manövriert. Alle diese unzähligen Soldaten hatten sich geschniegelt und geputzt, und sind dann einen ganzen Tag im Straßenkot marschiert, bis auf die Knochen durchnäßt vom Regen, nur damit oben, ganz oben auf der sozialen Stufenleiter, einige bevorzugte Individuen unter sich ein Dutzend Millionen verteilen!" Fortschreitende Konzentration. Fn der SpirituSiridustrie ist wieder ein wichtiger Schritt auf dem Wege zum Trust, d. h. zum Privatmonopol, geschehen. Seit die bedeutendste süddeutsche Spritfabrik, oie„Vereinigten Nord- und Süddeutschen Spritwerke und Preßhefefabrik. A.-G. Bast" in Nürnberg 1908 auS der Spirituszentrale ausschied, hat sie ihr Be- streben konsequent auf die Zusammenfassung der ringfreicn Sprit- fabriken gerichtet. Zunächst hat sie in Lichtenberg bei Berlin die Spritfabrik Fuchs u. Co. angekauft, dann in Breslau das Spiritusgeschäft der Firma Max Bernstein jr. Dann wurde Ende 1909 die Firma L. Bruggemann in Schwetzingen(Baden) erworben. Run- mehr hat die so vergrößerte Firma von den Firmen Riemerschmid in München, Tipp in München und RunzlerS Nachfolger in Regens- bürg das Rektifikalionsgeschäft erworben. Diese drei zuletzt g> nannten Firmen bleiben also bestehen und führen ihre sonstigen Betriebszweige, wie z. B. den Handel mit Spirituosen, selbständig weiter, aber das Rcktifikationsgeschäft wird für alle gemeinsam von den Vereinigten Nord- und Süddeutschen Spritwerkcn besorgt, die zu diesem Zweck ihr Aktienkapital um eine halbe Million aus 2 100 000 M. erhöhen wollen. Damit wird dann fast die gesamte ringfreie Rektifikation Süddeutschlands in den Händen der Nürn- berger Firma konzentriert sein. ES fehlt jedoch noch die Spritfabrik der deutsch-franzdsischen Kognakbrennerci Gebr. Macholl in Mün- chen, die auf eine Produktion von 4 Millionen Litern einge- richtet ist. Somit ist jetzt eine Art Trust der ringfreien Fabriken zustande gekommen oder wenigstens in der Bildung begriffen, der ein Gegen- gewicht gegen die Spirituszentrale bilden soll. Und zwar ist diese Ätwickelum der Dinge eine direkte Konsequenz des neuen Brannt- >einsteuergesetzeS, das durch die Beschränkung der SpirituSpro- uktion und die DenaturierungSvorschrift die ringfreien Fabriten lehr benachteiligt hat. So mußten sie sich durch Zusammenschluß zu stärken suchen, und eS wird nun wohl ein scharfer Konkurrenz- kämpf entbrennen, dessen Ausgang— das kann schon heute als wahrscheinlich gelten— der schliezliche Zusammenschluß der ge» samten Industrie und damit ein vollständiges Privatmonopol sein Wird._ Stahlwerksverband. Der Versand des StahlwerkSverbnndeS an Produkten A betrug im Juni 1910: 448131 Tonnen(Rohstahl- Sc wicht) gegen 387 594 Tonnen im Mai dieses Jahre» und 418 626 wnnen im Juni 1909. Der Versand ist also 60 537 Tonnen höher als im Mai dieses JahreS und 29 205 Tonnen höher als im Juni 1909. Von dem Juniversand entfallen auf H a l b z e u g 113 124 Tonnen (107 197 Tonnen im Mai dieses Jahres und 114 188 Tonnen im Juni 1909), auf Eisenbahnmaterial 171 119 Tonnen<134 893 Tonnen im Mai diese? Jahre« und 146 588 Tonnen im Juni 1909) und auf Formeisen 163 838 Tonnen(145 504 Tonneu im Mai diese« Jahre« und 1ö7 320 Tonnen im Juni 1909). Gerickts-�eitung. Da« erdrosselte Recht. „Preußen der sittlichste Staat in der ganzen Welt"— das war die Quintessenz einer donnernden Philippika, die der Staatsanwalt gestern gegen die„Welt am Montag" los- ließ. Freunde des Humors werden dem Staatsanwalt für die zwerchfellerschütternde Wirkung seiner Anklage und An- klagerede Dank wissen: Der Staatsanwalt als Verfolger einer vermeintlichen Rechtsbeugung! Und das zum Schutze der jedem gesunden Rechtsempfinden hohnsprechenden Para- graphenattacke gegen die Wahlrechtsdemonstranten, m der durch das Jrrtumsbeil der Justiz einer großen Anzahl Schuldloser mehr oder minder schwere Wunden zugefügt wurden. Ueber den Verlauf der Verhandlung erhalten wir folgen- den Bericht: Vor der Strafkammer 4 hatten sich gestern der Schriftsteller Hans Leiiß und der verantwortliche Redakteur Karl Alfred Scholz von der„Welt am Montag" wegen Vergehens gegen§§ 110, III des Strafgesetzbuchs zu verantworten. In'einem Artikel der »Welt am Montag" vom 29. März d. I., mit der Ueberfchrift „Erdrosseltes Recht", beschäftigt sich der Angeklagte Leutz mit den in der Woche vorher ergangenen harten Urteilen gegen Wahlrechts- demvnstranten. Er stellte Betrachtungen darüber an, wie bei ahn- lichen Vorgängen andere Völker im Altertum und in der neueren Zeit sich verhalten, und welche Auffassung auch unsere Vorfahren und Dichter vertreten haben. Nach einer Kritik unserer Ver- fassung und der gegenwärtigen politischen Verhältnisse fordert er schließlich unsere Volksrichter, wie� sie die Schöffengerichte ent» halten, auf, nicht nach dem Buchstaben de? Gesetzes, sondern im Geiste der wahren BolkSrechte zu urteilen und auf diese Weise Urteil« zu verhüten, wie sie in der damaligen bewegten Zeit gerade ergangen sind. Die Staatsanwaltschaft erblickt in dem Artikel eine Aufforderung an die beamteten Richter sowohl wie an die Schöffen zur Beugung des bestehenden Rechts, und hat deshalb Anklage erhoben. Der Angeklagte Leuh erklärt, daß es ihm voll» ständig ferngelegen habe, auf beamtete Richter einzuwirken. Der Artikel fei am 27. März unter dem Eindruck der damals ergan» aencn, verhältnismäßig harten Urteile gegen WahlrechtSdemon- Planten geschrieben und bezwecke, die Schöffen ÄS VvLSrichttt«Uk- zurütteln, im Geiste eines dem Volksempfinden entsprechenden Rechts zu entscheiden. Der Angeklagte Scholz legt dar: in dem Artikel habe ich nichts Strafbares gefunden, fondern nur eine Auf- forderung zur Anwendung des den Schöffen vorbehaltenen höheren Rechts des Volksempfindens. Der Staatsanwalt führte aus: Die damalige Tendenz des ganzen Artikels lasse erkennen, daß der Verfasser allgemein die Gerichte auffordere, das bestehende Recht zu beugen; dabei komme die Bezugnahme auf das Ausland, die unscböne Schmähung des preußischen Staates und der Hinweis auf Schiller, unseren popu- lärsten Dichter, besonders erschwerend in Betracht. Auch der Hin- weis, daß die preußische Verfassung durch Rechtsbruch zustande ge- koirnuen, sei eine unrichtige Auffassung, die nicbt unwidersprochen bleiben könne, denn die Verfassung sei von der Kammer genehmigt worden. Der sittlichste Staat in der ganzen Welt sei Preußen. Auch Schiller habe dazu aufgefordert:„Ans Vaterland schließ dich an". Mit Rücksicht auf die bewegte Zeit, in welcher der inkrimi- nierte Artikel erschienen, sei nur eine Gefängnisstrafe am Platze. Der Staatsanlvalt beantragte gegen Leutz 3 Monate und gegen Scholz 2 Monate Gefängnis. Der Verteidiger Rechtsanwalt Loewenstein führte auS, daß wohl eine Anklage nicht erhoben worden sei, wenn ein anderer Mnnn an anderer Stelle dasselbe wie Leuß gesagt hätte. Er ver- wies auf die Ausführungen des Oberlandesgerichtspräsidentcn Hamm, des Prof. v. Liszt, des Rechtsanwalt Fuchs und— des Reichsgerichts selbst, welche auch verlangen, daß die Richter nicht nach dem toten Buchstaben, sondern nach höheren Gesichtspunkten entscheiden. Leutz habe auch danach nicht zu einer strafbaren Handlung aufgefordert, sondern zu einer idealen Rechtsanwendung. Der Angeklagte Leuß führte u. a. aus: Seine Ausfassung über die Anwendung der Gesetze decke sich nicht mit den Ausführungen seines Verteidigers. Er sei vielmehr dafür, daß unsere beamteten Richter, die nach ihrer ganzen Erziehung zmn großen Teil nicht daS allgemeine Volksempfinden teilen, möglichst nach nach dem Wortlaut des Gesetzes entscheiden. Dagegen wünsche er. daß Schöffen und Geschworene, welche als Volksrichter das Volk besser verstehen, nicht nach dem Buchstaben ein„Schuldig" aussprechen, wo die Angeklagten aus idealen Motiven im Interesse der großen Masse des Volkes handelten. Schiller würde sich im Grabe um» drehen, wenn er sich„ans Vaterland anschließen" solle, um für jeden Schutzmann einzutreten. Die Kriminalstatistik kenne kaum Fälle von Rechtsbeugung, um so mehr aber die Redaktionen poki- tischer Zeitungen.„Ich fordere nicht auf, daß sich Richter das Recht nehmen, nach ihrer Anschauung zu urteilen; dem Volksrichter hat das Volk das Recht gestattet, dem beamteten Richter nicht." Er wolle deshalb das Gericht nicht auffordern, unter Beugung des Rechts ihn zu verurteilen. Das Urteil erging dahin, daß beide AngeNagte freigesprochen werden. Es könne dahingestellt bleiben, ob in dem Artikel eine Aufforderung liege, nicht nach dem Gesetz zu urteilen, vielmehr müsse nach Leutz' eigenen Angaben als erwiesen angesehen werden, daß er sich nur an Schöffen gewandt habe, die ja als Majorität immerhin für Durchsetzung eines Volksrechts wirken könnten. Straflose Rechtsbeugungen sind in Preußen-Deutschland an der Tagesordnung: jedes Urteil, das zuungunsten des Angeklagten einen Tatbestand in den Wortlaut von Gesetzen zwängt, die den Tatbestand ihrem Wortlaut nicht unter- werfen wollten, ist eine allerdings unbewußte Beugung des Rechts. Wir verweisen beispielsweise nur auf die Subsum- tion von Streikandrohungen unter den Erpressung spara- graphen. Rechtsbeugungen derselben Art sind die erfolgten Verurteilungen wegen groben Unfugs des Hochs auf ein freies Wahlrecht. Nicht minder die erfolgte Verurteilung unseres verantwortlichen Redakteurs wegen„Aufforderung zur Veranstaltung von Aufzügen, Versammlungen" usw. Der Angeklagte Leuß hatte in der Annahme unrecht, ge- lehrte Richter seien zu solchen Rechtsbeugungen gewissermaßen verpflichtet. Sie gelangen zu ihnen durch die Ketten, in denen ihre Klassenauffassung sie gefangen hält. Keineswegs sind für die paar Laienrichter zu einer solchen, verständiger Rechtsauffassung entgegenstehenden Aburteilung verpflichtet. Sie V e r st o ß e n durch sie gegen das G e s e tz. Ihre Ent- schuldigung ist: sie können nich tanders, weil die Klassen- justizbrille ihnen das richtige Sehen erschwert und der gesamte Strafprozeß durch die in politischen Prozessen naturgemäß wahrer Gerechtigkeit entgegenwirkende Staatsanwaltschaft beherrscht wird. Wie weit von der Erkenntnis von Gut und Böse die Sraatsanwaltschaft in allen politischen Dingen sich befindet, das zeigt schlagend die rechtshistorische Behauptung des Staatsanwalts. Nach seiner Ansicht beruht die heutige preußische, durch Rechtsbruch dem Volke aufoktroyierte Verfassung auf keinem Rechtsbruch, weil— die durch eben denselben Rechtsbruch zusammengebrachte Kammer die RechtI- bruchfolge gebilligt habe. Dikücilo est satiram non scribere..(Schwer ist's, solche Behauptungen ernst zu he- handeln.)_ Hue der Frauenbewegung. Das Frauenwahlrecht und die neue dänische Regierung. Wie regelmäßig nach einem Ministerwechsel hat auch diesmal der„Dänische Frauenverband" eine Deputation zu dem neuen Ministerpräsidenten und dem Minister des Innern geschickt, um an» zufragen, ob sie das politische' Wahlrecht den Frauen zukommen lassen wollen. Die Deputation wurde natürlich wieder einmal sehr wohlwollend empfangen, die Minister erklärten sich als Anhänger des Frauenwahlrecht» und der< Ministerpräsident sprach die Hoff- nung aus, daß die Frauen, wenn das Folketing über 3 Jahre neu- gewählt werde, das Wahlrecht haben sollten. Er forderte die Frauen auf, in der gewünschten Richtung auf die Wähler einzuwirken. Der Ministerpräsident hat in seiner Antwort den Mund reich- lich voll genommen. Er ist nämlich gar nicht imstande dazu, das Frauenwahlrecht schon für die nächste Follctingswahl durchzusetzen, da hierzu eine Verfassungsänderung notwendig ist, die nur dann Geltung erhält, wenn sie nicht nur von einem, sondern nach Neu» wählen von einem zweiten Reichstag beschlossen wird. Will die Regierung wirklich dafür sorgen, daß die Frauen nach 3 Jahren das politische Wahlrecht haben, so ist das ohne eine außerordentliche Reichstagsauflösung nicht möglich. Daß aber das liberal-modcrat- konservative Ministerium Berndsen einen solchen Schritt tun wird, um den Frauen politische Gerechtigkeit zu verschaffen, scheint vor» läufig sehr zweifelhaft._ Ein Antisuffragetteu-Meeting. In dem Augenblick, wo das englische Unterhaus sich mit dem Projekt des Frauenstimmrechtes beschäftigte, fand in der OueenShall ein großes, von Anlifuffragettisten einberufenes Meeting statt. Lord Cromer leitete die außerordentlich zahlreich besuchte Versamm- lung. Viele Suffragetten hatten Eintritt zu der Versammlung ge- funden und hielten die oberen Galerien besetzt, von denen au» sie die«ntifrauenrechtlerinnen fortwährend unterbrachen und mit Papier und allen möglichen Sachen bewarfen. Lord Cromer verlas einen Brief de» Deputierten Austen Chamberlain. in welchem dieser bedauert, dem Meeting nicht beiwohnen zu können und erklärt, daß sein Vater Joe Chamberlatn ein unverbesserlicher Gegner des FrauenstimmrechteS sei. Die manifestierenden Frauen wurden dann«ach und nach'aus dem Saal« eutf«rut. Verrnircbtes« Die kochende Volksseele. In Berlin ist die katholische Volksseele ins Kochen geraten, eines allerdings geschmacklosen BildeS wegen, das an den Litfaß« säulen prangte. Im„Deutschen Theater" wird zurzeit eine Sommer« Novität aufgeführt, die von der Kritik allgemein abfällig beurteilt worden ist. Die Plakate, die zum Besuch dieser Novität einladen, sind nun mit einer Vignette versehen, die einen katholischen Geist- lichen umgeben von einer Herde Schweine darstellt. Die„Germania" ist entsetzlich entrüstet; sie schreit nach Staatsanwalt und Polizei und behauptet, daß die Tausende von Katholiken, die in Berlin wohnen, durch dieses Bild auf das tieffte verletzt worden sind. Der Schmerz der„Germania" kommt schließlich in dem Stoßseufzer zum AuZ« druck:»Muffen wir Katholiken uns denn alles gefallen lassen?" Von der Luftschiffahrt In den letzten Tagen wurden in verschiedenen Gegenden Flug» versuche unternommen, wobei zum Teil ausgezeichnete Resultate erzielt wurden. Bei Darmstadt flogen zwei Aviatiker in der Höhe von 30 bis 140 Metern je etwa 30 Minuten lang. Zwischen» landungen erfolgten mit abgestelltem Motor auS etwa 40 Meter Höhe, um die Glcitfähigkcit der Maschinen zu zeigen. Sie flogen wiederholt enge Kurven von 40 bis 50 Meter Durchmesser rechts und links herum und aufeinander zu, begegneten sich, die Maschinen flogen übereinander hinweg in einem Abstand von etwa 40 Meter, wo sich dann beim Begegnen die beiden Piloten mit vom Steuer losgelassenen Händen grüßten. » Die Rheinisch- westfälische Motorluftschiff» Gesellschaft will, nachdem sie mit dem Lustschiff„Etbelö" am Sonntag erfolgreiche Aufstiege gemacht hat, in den nächsten Tagen regelmäßige Passagier- fahrten für die Mitglieder desixGesellschaft ausführen. Der Preis beträgt für die Person 100 M. Am Luftschiff wurden noch einige Veränderungen vorgenommen. Der Passagierluftschiffkreuzer kann 6 Personen tragen. » Die große abiatische Woche von Bournemouth(England), die gestern chven Anfang nahm, hat einen schweren Unfall zu ver- zeichnen. Der kürzlich durch seinen Flug über den Kanal viel- genannte Aviatiker Rolls stürzte mit seinem Apparat ab und blieb tot liegen. Ueber den Unfall meldet ein Telegramm: Rolls war zu beträchtlicher Höhe aufgestiegen, um an der Fallkonkurrenz teilzunehmen. Als er sich anschickte, niederzuschießen, knickte Plötz- lich daS Schwanzstück des AeroplanS; der Apparat schwebte zunächst hin und her, knickte dann ein und fiel, sich immerfort überschlagend, unter dem Geschrei der Menge vor der großen Tribüne herab. Rolls war furchtbar verletzt und starb fast unmittelbar daraus. Eine menschliche Bestie. In Groh-FIottbeck verübte ein russischer Pferdeknecht in der Zeit, in welcher der Hofbesitzer mit dem übrigen Personal draußen Feldarbeiten verrichtete, im Hause des Gutsbesitzers einen Ueber- fall auf die Ehefrau desselben. Er würgte sie und vergrub sie, troydem sie noch lebte, unter großen Massen Heu. Ebenso würgte er den seiner Mutter zur Hilfe herbeieilenden Sohn des Guts- befltzerS und eine auf dessen Geschrei herbeieilende Magd, und ver- grub auch diese beiden unter Stroh und Heu. Dann raubte er sämtliches vorhandene Bargeld und Wettsachen. Die Ueberfallene» wurden in bedauernswertem Zustande aufgefunden. Sie scheinen schwere innere Verletzungen erlitten zu haben, befinden sich aber noch am Leben. Der Unmensch ist entkommen. Hochwasser. Nach einer Meldung aus Mannheim haben die andauernden Ueberfchwemmungen ungeheueren Schaden verursacht. Der Schaden allein an Gebäuden wird in der Gemeinde Staffott bei Karlsruhe auf 100 000 Mk., im Bezirk GermerSheim, Rheinzabern-Wötth auf 1500 000 Mk. geschätzt. Zahlreiche lokal« Hilfskomitees haben sich gebildet, da viele Familien in die bitterste Not geraten fisid. Trotz- oem steigt der Rhein weiter. Der Rhein war bis gestern abend auf 763 Zentimeter ge- stiegen und hat somit den bisherigen Höchststand erreicht. Im ganzen Komitat S z a b o l c s(Ungarn) wütete gestern ein fürchterliches Unwetter mit Hagelschlag. In den Bezirken von Tarczal, Tokal, Rakamaz, und Balkany und Nagykallo wurden säm»- liche Saaten vernichtet. Die Anlagen der Ackerbauschule in Nagy- kallo wurden vollständig zerstört. Wie mit der Gesundheit der Soldaten gespielt wird. Rom, 11. Juli.(Eig. Ber.) Ueber eine schier unglaubliche Ber« fügung der Militärbehörden wird dem»Avantt" au« Corleone in Sizilien berichtet. Die gesamte Garnison von Palermo, die sich durch die Einberufung ber Reservisten auf 5000 Mann beläuft, soll in diesem Jahre zum Manöver und zu den Schießübungen auf zwei Monate nach Partanna gehen, in eine Gegend schwerster Malaria. Die Manöver fallen gerade in die Monate, die für die Malaria am gefährlichsten sind. Dabei haben die Militärbehörden noch nicht einmal die Entschuldigung der Unwissenheit, denn daS Armeekorpskommando hat den Oberstabsärzten ein Zirkular über- sandt, das ihnen Vorbereitungen für Malariaprophylaxe ans Herz legt. Sollte man etwa an 6000 jungen Leuten ein Experiment in corpore vile machen wollen, um sich über den prophylaktischen Wert des Chinins klar zu werden? Das wäre im höchsten Maße ruchlos. Dieses Jahr läßt sich ohnehin als schweres Malattajahr an. Durch die Beobachtung hat man festgestellt, daß die Malaria zehnjährige Zhllen hat und ein solches Jahr der Verschärfung der Epidemie ist gerade daS laufende. Unter diesen Umständen weiß man wirklich nicht, ob man cS als Stumpfsinn oder als Verbrechen ansehen soll, daß man ohne«inen zwingenden Grund Manöver in eine Gegend schwerer Malaria verlegt.' Verheerende Feuersbrunst. Die Stadt C a m p b e l l t o n in der Provinz Neu-Braunschweig ist durch Feuer total zerstört worden, wodurch 4000 Einwohner obdachlos wurden. Nach einer späteren Meldung ist die Stadt der Schauplatz einer wüsten Räuberbande gewesen. Die geängstigte Be« völkernng wurde von den Banditen ausgeraubt und geplündert, die Jnterkolonialbahn Ostwest ist blockiert. An verschiedenen Stellen kam e« zu blutigen Zusammenstößen zwischen der Einwohnerschaft und den umherziehenden Banden, wobei, wie festgesetzt wurde, ver« schiedene Einwohner schwere Verletzungen erlitten. Der Anführer der Bande soll getötet sein. Militär auS der Umgegend ist auf dem Wege nach Campbellton, um dort geordnete Zustände wieder herzustellen._ Schwäbische Gemütlichkeit. In einer Garnisonstadt des schönen Schwabenländle erschien vor einiger Zeit eine Bauernfrau in der Kaserne und verlangte den Oberst zu sprechen. Dieser fragte die Frau nach ihrem Begehr.— „Wo ischt denn mei Michele?' fragte die Frau.—„Was wollen Sie denn von Ihrem Michele?" erwiderte der Oberst.—„Ja, der derf nimme Soldat bleibe.", y»Aber wir find ja auch Soldaten, lieb« Frau, lassen Sie den Michels nur da/ sagte lächelnd der Oberst.—' „Ja, Ihr Herrle hent guet schwätze; Ihr hent nix g'lernt, ober mei Michele ist Schuster 1" war die Antwort der Frau.— Ob ihr Michele vom Dienst befreit wurde, liest sich leider nicht feststellen. Meine Notizen. Zwischen den Puffern erdrückt. Auf dem Bahnhofe in Franlfurt am Main geriet der 28iährige Wagenwärter Friedrich Reichel beim Zuiammenluppeln einiger Wagen mit dem Oberkörper zwischen die Puffer. Er wurde derart gequetscht, dast der Tod unmittelbar darauf eintrat. Jagd auf einen Dinmantenschmuggler. Die New Dorker Zoll» behörde ist einem Diamantenschmuggel auf die Spur gekonimen. Der Urheber dieses Schmuggels soll ein Süddeutscher sein. Als man ihn verhaften wollte, war er bereits geflohen. Nun fahnden die geübtesten Kriminaldetektivs nach dem Schmuggler, der den Zoll- fiskus um viele hunderttausend Dollar Zoll betrogen hat. Durch Leuchtgas vergiftet. In G e l s e n k i r ch e n fand man gestern morgen eine ganze Familie durch Leuchtgas vergiftet vor. Die Frau, die 55 Jahre alt ist, war bereits tot und alle Wieder- belebungsversuche bei ihr vergeblich, den övjährigen Mann und die 27jährige Tochter hofft man am Leben zu erhalten. Der 25jährige Sohn erholte sich verhältniSmästig rasch. Anscheinend liegt Bruch der Gasleitung vor. ThphnSepideinie. AuS Oberheffen wird gemeldet: Nachdem in dem Dorfe Gonterskirchen erst vor einigen Jahren eine bedenkliche Typhusepidcmic herrschte, sind dort nun abermals nahezu kl) Personen an Typhus erkrankt. Ein LSjähriger Patient ist bereits der Krank- heit erlegen. Als Ursache des wiederholten Auftretens der Seuche betrachtet man allgemein das Wasser eines DorfbrunnenS. Zusammengestoßen ist nach einer Meldung aus Prodi ncetown (Massachusetts) das Unterseeboot Bonita mit dem Kanonenboot C a st i n e während des Manövers. Um daS Sinken der Castine zu verhindern, wurde sie auf den Strand gesetzt. Verluste an Menschen- leben sind nicht zu verzeichnen. Ein kleines Vermögen im Schreibpult. Vor mehr als 10 Jahren kaufte ein Einwohner in Gera(Reust) um einen Spottpreis aus einem Nachlast ein altes Schreibpult. Als das wurmstichige, alte Möbel nicht mehr zusammenhielt, wollte es der Besitzer zu Feuerholz zerkleinern; dabei entdeckte er in einem Geheimfach für 8000 Taler alte preußische Kassenscheine, die aber leider schon seit Jahrzehnten verfallen sind. Vom Blitz erschlagen. Gestern abend wurden in der Nähe von Neutomischel die Maurer Würfel und Huelmer, die sich auf dem Wege von Sworczi nach Konkolewo befanden, beide vom Blitz er- schlagen. Opfer der Hitze. Die Hitze hält in Nordamerika an. Gestern sind in New Uork 12 Personen, in Philadephia 8 und in Harrisburg I Personen an Hitzschlag gestorben.■.••. Bpiefkaften der Redaktion. Die I»rtfttsck»e Evrech stunde stiide» Lindeoftraste Nr. KS, vor» vier Treppen— ssadrftnbl—, wuchentiiiiliiv von?>/, bis»>/2 tldr abends, TonnabendS von V vis?>/. Uhr nachniitiags statt. Jeder iUofrage ist -in«vuchstabe und eine stahl aiS Merkzeichen beizufügen, briefliche Antwort wird nicht erteil». Eilige Fragen trag« man in der Sprech- stunde vor. M. lZ. In jeder Drogenhandlung.— W. M. 26. Nein. Nur im Einverständnis mit dem Vermieter.— Jduna RninmelSburg. DaS Geschäftsgebaren der angefragten Gesellschaft ist uns nicht bekannt. Empfehlungen lehnen wir ab.— I. I. 6. 1. Der Prozentsatz, der von der staatseiiikommensteucr als Gcmeindeeinkommenstcucr erhoben werden soll, wird in der Regel in ortsüblicher Weise bekannt gemacht. Die Zcnsiten, die mit einein Einkommen von mehr aiS 900 M. veranlagt sind, erhalten eine besondere Benachrichtigung. Vor dieser Benachrichtigung werden in der Regel die Steuern nicht erhoben. 2. Ja. 3. Wenn aus dem Mahnzettel ersichtlich, daß Sie der Empsängcr sein sollen, ja. — Karl Watzinger. Uns ist eilte Schule der angesragten Art nicht bctannt. Im Annoncenteil der Fachzeilschriucn und auch der Sportzeitschnjten finden Sie Angebote.— H. Ei. Nein. WitterungSüderficht vom 12. Juli ISIv. morgens 8 Uhr. «tatioven Swwemde.! 762 NNO Hamburg.762 NNO Berlin!762W Franis.a M. 762 NO München!762SW Wien 1762 Still Setter 1 bedeckt 1 Dunst 1 bedeckt 1 heiter 2 wolkig bias t-5. ei II £? M» Stationen 5.2 = 2 EB taparanda 761SW eterSburg 760 D Sei Ith 1763 DSD Merveen 1767 Still Parts 1763 NNO e Setter 2 wolkig 1 heiter 1 bedeckt bedeckt 2 bedeckt I B?- wS» 14 18 13 10 14 halbbd. 18 Wettcrproguofe für Mittwoch Langsam ausllarend. am Tage etwas wärmer lichen Winden ohne erhebliche Niederschläge. Berliner W e t t e r b ur« a u. den 13. Juli 1S10. bei schwachen Nordwest- Theater und Vergnügungen Mittwoch, den 13. Juli. Ansang 71/, Uhr. NeneS königl. Lpern-Theater. Das Rheingold. Ansang 8 Uhr. Deutsches. ReichStagSwahl. Kammer spiele. LiebeSwalzer. Lessing. Kasernenlnft. Komische Oper. Der Regiments- Papa. Neues Schauspielhaus. Der Flieger. Kleines. Nur ein Traum.(Ansang '/?9 Uhr.) Berliner. Taifun. Neues Operetten. Der Gras von Luxemburg. Thalia. Cbarlehs Tante. Hebbel. Wem gehört Helene? Spuk.(Ansang 8'/, Uhr.) Schiller O. iWniiiier- Doealer.) Die Förster-Ehristl. Schüler Etzariottenburg. Die von Hochsattel. Noic. Der Gesundbeter. Lustspielhnus. DaS LeutnanlS- mündel. Metrovol. Halloh II— Die große Revue. FolieS Eaprice. Pariser Ehen. DaS Versöhnungssest.(Ansang LV. Uhr.) Apollo. Spezialitäten. Bii'iage. Spezialitäten. Reichsliallen. Slettiner Sänger. Walhalla. Svezmliläten Wintergarten. Spezialitäten. Karl Haberlalid. Spezialitäten Prater. Im Reiche des Mars. Urania. T»»oe»strnstr 4e«/4t>. Abends 8 Uhr: Rom und die Campagna. Tternivarre, Jnvalidcnsw. 57— 62. Lessing-Iheater. Täglich 8 Uhr: Kasernenluft. Berliner Theater. Heute 8 Uhr: T äff Uli* Morgen: Taitnn._ �Ikcacii Opcrettcn-Thcatep. Heute und folgende Tage 8 Uhr: Der Graf von Luxemburg. Sonntag nachmittag 3 Uhr zu er- «näßigt. Preisen: DIo Dollarprinzossln. Lusispielhausi Abends 9 Uhr: Das Leutnantsmündel OSE=THEATE I Große Frankfurter Str. 132. Ssvliesunädeier Schwank in 3 Akten von A. O. Weber. Ans. 8 Uhr. Ende fl.lt Uhr. Aus der Gartenbühne: Theater- Borstellung. Spezialitäten. Gr. Konzert. Ansang 41/, Uhr._ Metropol-Theater Hallo!!! Die grolie Revue! In 8 Bildern von Jul. Freund. Musik v. Paul Lincke. In Szene gesetzt vorn Dir. Bich. Schultz. Anfang 8 Uhr. Rauchen gestattet. La Tortajada in ihrer neuesten Schöpfung: „Abenteuer eines Toreros". Therese Keuz Schulreiterin CbangChlngHee-Truppe Chinesische Zauberer u. Gaukler sowie die sensationellen Attraktionen des Jull-PrograrnniB! Urania. Wissenschaftliches Theater Taubenstr. 48/49. Heute Mittwoch 8 Uhr: Bon ii die Cipap. Ab 8 Uhr: Die sensationellen Spezialitäten. 9'/, Uhr: Klassische Tänzenonen vom königl. dänischen Ballett 5 Hcantea ICorinna« 5. 10 Uhr: als Tandemfahrcr, < Passage-Tlieater.• • Der größte"ISw"'"! der spanische p ' Caruso I Senor Orduna. Der iipallsle '»ZtMMMlI �u.�das�groCe Juli-Programm. � Passage-Panoptikum. Die zusammengewachsenen Schwestern Biazek und ihr Kind. Von 11—1 Uhr mittags u. v«n3— 10 Uhr abends zu sehen. Kein Extra-Entree I Mur wenige Tage! Eintritt 50 Pf., Kinder und Soldaten 25 Pf. Voigt-Theater Gesundbrunnen, Badstr. 58. Heute: Grosse Elite- BorsteUung. Ilehern grollen Deich. 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Ersatzwahl zur AgitattonSkommission. 3. Verschiedenes. Kollegen! Erscheint pünktlich in dieser Versammlung, Die Ortsverwaltung. i irti Deutseillauds.(Zahlslelle Berlin.) Sesirksvvrssmmlungsu: Bezirk 1: Donnerstag, den 14. Juli, bei Stark, Waldstr. 8. Bezirk 2: Donnerstag, den 14. Juli, bei Cranz, Kösliner Str. 8. Bezirk S: Freitag, den 12. Juli, bei Wolf, Kolonie Wilhelmshöhe. Bezirk<4: Freitag, den 12. Juli, bei Merkowskt, Andreasftr. 2S. Bezirk 2: Donnerstag, de» 14. Juli, bei Meyer, Oranienstr. 103. Bezirk 6: Freitag, den 12. In Ii, bei Regul, Bischosstr. 12, am Neuen Markt. IHp- Sämtlich nachmittags 5 Uhr.-M> 7S/11 Marmorarbeiter. Donnerstag, de» 44. In«, abend« 8 Uhr, im»Englischen Garten«, Alexanderstrasie L7o: Versammlung. Tagesordnung: Stellungnahme zu de« Borschlägen der Tarif- kommissio«. 171/7* Kollegen der Marmorbranche, erscheint ohne Ausnahme! Zentralverband der Steinarbeiter. Ortsverwnltnng Berlin. Nm dttrch ganz hervorragend feine Qualität hat der Kapitän- Kautabak seinen gnten Rat erhalten. Der echte Kapitlin-Kantabak(gesetzlich gesohützt) wird nur noch in Etiketten verpackt zum 10 Pfennig- Verkauf geliefert(in Köllen und Bündel). Unverpackte Ware ist, weil anecht, zurfickznwelaeii. Zu haben in Zigarrengeschäften usw., wo auch kleine Priemdosen gratis erhältlich sind. Vertrieb: Carl Böcker, Berlin, Grüner Weg 112. - Amt 7, 3861.- Typograplifi». Die aktiven Mitglieder werden gebeten, in der am Freitag statt» findenden Hauptprobe zum Sängerfest(präzise 8'/, Uhr) vollzählig zu erscheinen. Anschließend(10'/, Uhr) im kleinen Saal Uebungöstunde» bei der auch die Anwesenheit der Zeitungsfetzer usw. notwendig ist.— Ausgabe der Dampfcrbilletts und Eintrittskarten. Sonntag nachm. VI, Uhr Treffpunkt an der Overbaumbrücke zur Fahrt per Dampser nach Muggelschloff. Daselbst Treffpunkt 3'/, Uhr. Der Vorstand. 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Die Anstellung erfolgt nach den Bedingungen deS Vereins Arbeiterpresse. Anfangsgehalt 2100 M., steigend jährlich um 100 M., Höchstgehalt 2700 M. Bewerber wollen ihr Angebot mst der Ausschrist „Bewerbung* und Angabe über bisherige Tätigkeit w der GewerkschastS- sowie Partewewegung spätestens bis zum 20. Juli 1910 an den Genoffen Wilhelm Frahm, Nenmüuster, Wilhelmstr. 5, einreichen. 287)9* ftnualpeftelkD für„Kleine Anzeigen" Berlin C. A. Hahnisch, Augustftr. 50. W. G. Schmidt, ikirchbachstr. 14. Q. W. Mann, Petersburger Platz 4. Gustav Bogel. Koppenstr. 83. R. Wenzels. Gr. Franksurter Str. 120. NO. 8. Zucht, Jmmanuelkirchslr. 12. I. Renk» Barnim str. 42. N. W. Baumann. Bernauer Str. 9. F. Trapp, Stelttner Str. 10. Karl BtarS, Lychener Str. 123. Karl Weitze, Nazarethttrchstr. 49. H. Bogel, Lortzingstr. 37. A. Tietz, Jnvalidenstr. 124. L. Dechand, Ruheplatzstr. 24. NW. Karl Anders, Salzwedelerstt. 8. Weilert, GotzkowSkvftr. 29. S>W. H. Werner, Gneisenaustr 72. Daehn, Hagelberger Str. 27. S». St. Fritz, Prinzenstt. 3t. Rich. Scbmidt, Kottbuser Damm 8. GO. Paul Böhm, Laniitzer Platz 14)t5. P. Horsch, Engeluser 15. Adlershet. Karl Schwarzlose, Hoffmannstr. 9. Buntnaehnlensveg. H. Hornig, Äaricnthalerstr. 18, I. B«ralgsv»lcke. Paul Kienast, Räuschstr. 10. Ohnrlsttendnrg. Gustav Scharnherg, SesenHeimer Str. 1. Friedrichshagen. Ernst Werkmann, köpenicker Str. 18. Grünau. Franz Klein, Bahnhosstr. 6, III. .Johannisthal. Pielicke, Kaiser-Wilbelm-Platz 4. Karlsborst. Richard Kütcr, Rödelstr. 9, II. Köpenick. Emil Witzler, Kictzerstr. 6, Laden. I.lehtenherg. Otto Seikel, Kronprinzenstr. 4, 1. Nicdor-Schüncwcide. Max Pricbke, Britzer Str. 14 IL Nosvawes. Wilhelm Jappe, Friedrichstt. 7. Oher-Sehvaerveide. Angust Hcnjes, Lausen« Str. g L Pankow. Otto Ritzmann, Mühlenstt. 30. Reinickendorf. P. Gursch, Kamekestr. 12. Rlxdorf. M. Heinrich, Neckarstr. 2. Conrad. Hermann str. 50. Rninnielahnrg. A. Rosenkranz, Alt-Boxhagen 56. Cchmargendork. Gustav Kaminsky, Cunowstr. 2. «ehSneherg. Wilhelm Bäumler, Martm-Luther-Str. 51 im Laden. Spandan. Köppen, Jagowstr. 9. Steglitz. H. Bernsee, Schloßstr. 119. Teinpelhof. Albert Thiel, Friedrich-Wilhelm-Str. 2l>. Treptow. Robert Gramenz, jaiesvolzstt. 412, Laden. WeiUenisee. Fuhrmann, Sedanstr. 105. Schillert, König-Chauffee 39a. Wllinersdort. Paul Schubert, Wilhelms aue 26, Hos parterre. Stellenangebote. Emballierer, tüchtigen, sür Gold. leisten, sucht Werlmeister, Brunnen- straße 194._ 29176 Handhobter aus Zinlplatten, aber nur solche, wollen sich melden. Leopold Jastrow, Wattstraße 12. 2gl3b Hausdiener, 20—22 Jahre all, findet dauernde Stellung. Wochen- lohn 20 Mark, Steigerung nach Ver« einbarung. Offerlen unter V 3 Ex- pedition des Vorwärts. 2916b Plätterin, geübte, die letzten drei Tage in der Woche, wird verlangt. Auch kann sich ein Lehrmädchen mel- den. Prinz Eugenstraße 8.+136 Mäntelarbeiterin verlangt Holz, Korsörerstraße 6. JackettmamsellS, außenn, 2,00— 3,00. Ettiich, Bürinerstraße 2(Kottbuserdamm). 2914b* Barockvergotdert» verlangt Neue Königstraße 62._ 252)12 Mamsells aus Paletots verlangt Allisat, Gleimsttatze 65. 29066 Im Arbeitsmarkt durch besonderen Druck hervorgehobene Anzeigen kosten SO Pf. die Zeile. Die in Nr. 158 de«„Vorwärts* ausgeschriebene Stelle eines Bureau« arbeiters ist besetzt. OrtS-Krankenkaffe deS Maurergewerbes zu Berlin, Sophienstr. 6. 276)17 Tüchtige' Geldschranksclilosser für schwere Banlschränke, sowie An« schläqer und Monteure finden dauernde Beschäftigung. Panzer A.-C}., Berlin. Badstratze 5». 213)17* Ein im Schieisen und Polteren von Marmor geübter 79/2 Arbeiter sofort gesucht. keps& Trinte, Magdeburg-N, Morgenstraße 55. luverlässiger Packer für GlaS und Porzellan, sowie sein« zerbrechliche Figuren gesucht. Offerten mit Lohnansprüchen und Angabe der bisherigen Tätigkeit«iter Chiffre A. W. 162 an Rud. Mossa, Magdeburg. Achtung! Holzarbeiter. Wegen Streit iufolge Lohn- disferenzen find folgende Betriebe gesperrt: Gussow, Tischlerei, Teltowerstr. SA und die Bauten Stadthaus; Schellingstr. 16, Ecke Eichhornstraße: BiSmarckstr. 107. Wanusee, Schwedisch« Pavillon. Lnkat. Möbelsabrik, Dieffenbachstr. 35. Ketsch, Tischsabrik, Fruchtstraße 32. Korvmacherei der Stralauer Glat« Hütte. Die OrtSverwaltung. 'iiiantftQrtliäis Mjaliuu WiMrit LlltA%sjüia> ßüt ia LllseratenRilverasitw.: LMikLslgg!«aavlirtt SiMruckeitzi II. LiÄsgSsMtt Waitl Sana«& fik ffioUs SMir"' Nr.M 27. Jahrgang. eiligt des Lemsels- Keelim WIKsdlÄ Mittwoch, 13. Juli 1910. heute Wtwoch. den 13. füll, Zahtabend In den Bezirken Groß-Berlins. Partei- Hncfclegcnbeiten. Zweiter Wahlkreis, Fricdrichstadt. Zahl nacht für Buch- drucker, Stereothpeure usw. Mittwoch, den 13. Juli cr., abends'/s 12 Uhr, bei Jul. Meyer, Oranienstr. 103. Die Vertrauensleute. Pankow. Am Sonnabend, den 13. Juli, veranstaltet der Wahl- berein in dem herrlich gelegenen Lolal«Zum Paukgrafen", Schloß- straße 7, gegenüber dem Schloßpark, ein Volksfest, verbunden mit Sommernachtsball unter Mitwirkung des Berliner Ulk-Trios. An- sang 4 Uhr. Entree 20 Pf. Da wir weder Mühe noch Kosten ge- scheut haben, erwarten wir zahlreiches Erscheinen, auch der Berliner Parteigenossen. Das Komitee. Lichtenberg. Sonnabend, den 23. Juli findet im Etablissement P. Schwarz, Möllendorfitr. 2ö/23 das Sommerfest des Bezirks Lichtenberg statt. Das Programm besteht aus Konzert, Auftreten der gesamten Spezialitäten, Gesangs- und turnerischen Aufführungen, großem Ball. Billetts find bei sämtlichen Bezirks« und Gruppen- führern zu haben. Wilmersdorf. Der 4.. 5. und 7. Bezirk hält fortan beim Ge- nofien Halm, Meier-Ottostr. 10. Ecke Kaiserallee seinen Zahlabend ab. Der 3. und 6. Bezirk(westlich der Uhland-Straße) tagt bei Ratusch. Uhland-Straße 71. Erlner. Die Generalversammlung findet heute Abend statt. Lerlmer I�acbricdten. Aus dem Verwaltungsbericht der Stadtbibliothek nnd den städtischen VolkSbibliothekcn und Lesehallen für das Rechnungs- jähr 1909 entnehmen wir: Die Berliner Stadtbibliothek er- freut sich einer ständig wachsenden Benutzung seitens des Publikums. Im vergangenen Etatsjahr 1909 wurden von ihr 139212 Bände nach Hause verliehen(1908 122 772). Der Lesesaal wurde von 80 389 Personen besucht(1908 63 320). Auch in den Sommermonaten ist eine wesentliche Abnahme des Besuches nicht zu merken. Seit dem 1. Januar 1910 ist die Stadtbibliothek von 10 Uhr morgens bis 10 Uhr abends zugänglich. Die Einrichtung hat sich gut bewährt; es wird nicht mehr wie früher über das Gedränge an der Bücher- ausgäbe geklagt. Am 1. April 1910 hatte die Stadtbibliothek einen Bücher- bestand von 106 672 Bänden; die Nachschlagewerke des Lese- saales bestanden aus 3834 Bänden. Dem Kuratorium ist es bisher nicht gelungen, den von den Gemeindebehörden beschlossenen Bau des Stadtbibliothek- gebäudes zu fördern. Gegen die verschiedenen in Betracht gezogenen Grundstücke ergaben sich Bedenken finanzieller und anderer Art. so daß zurzeit noch kein geeignetes Grundstück gefunden ist. Das Kuratorium ist sich der Dringlichkeit des Bibliothekbaues vollbewußt und arbeitet unausgesetzt darauf hin, hierfür ein geeignetes Grundstück empfehlen zu können.—(Es wird aber endlich höchste Zeit, aus dem Stadium der Er- wägnngen heraus zu kommen. D. Red.) Die Volksbibliothek hat im Jahre 1909 1 304 445 Bände verliehen. Die Lesehallen sind von 144 848 Männern und Frauen besucht worden. In der Benutzung der Volks- bibliotheken und Lesehallen ist gegen das Vorjahr ein Rück- gang eingetreten. Dieser ist auf verschiedene Ursachen zurück- zuführen, u. a. machten bauliche Veränderungen die Schließung einer Lesehalle auf zwei' Wochen notwendig, ferner ist die Mohrenstraße, in der sich seit vielen Jahren die 1. Volks- bibliothek und die 1. Lesehalle befinden. bei denen sich die stärkste Verminderung der Benutzung zeigt, immer mehr Geschäftsgegend geworden; infolgedessen sind die Leser in andere Stadtteile verzogen. Auch die Nähe der Stadtbibliothek mit ihrem reicher aus- gestatteten Lesesaal mag nicht fohne Einfluß auf den geringer gewordenen Besuch der 1. Lesehalle und der mit ihr.ver- bundenen 1. Volksbibliothek sein. Es wird daher erwogen, beide in einen anderen Stadtteil zu verlegen. Vergleicht nian aber im allgemeinen die heutige Benutzung der Volksbibliothek mit der vor 10 Jahren, so zeigt sich die ersteuliche Erscheinnng, daß zurzeit mehr als noch einmal so viel Bände nach Hause entliehen werden als damals.(1899: 693 078. 1909: 1 304 445 Bände.) Die Versorgung der Eisenbahnreisenben mit Getränken beim Halten der Züge hat in diesem Sommer eine bemerkenswerte Neue- irung gezeitigt. Auf den größeren Stationen befaßt sich der ..fliegende" Bahnsteigkellner immer weniger mit der Verabfolgung von Getränken, da sein Vorrat von sechs bis zehn Glas Bier oft von einem einzigen Abteile geräumt wird, auch wenn es nicht gerade sehr heiß ist. Viele Bahnhofswirte lassen jetzt mittels kleiner Wagen Syphonflaschen oder-Tönchen an> den Zug heran- fahren und sind so imstande, selbst großen Ansprüchen der Reisen- den in punkto Befriedigung des Durstes zu genügen. Milch wird ebenfalls vielfach nicht mehr in Gläsern ausgetragen, sondern wie Bier aus eisgekühlten BeHaltern verzapft. Die Rechentunft der Eifcnbahnverwnltung hat schon so manch'S Rätsel zum Lösen aufgegeben, aber nicht immer war es möglich. den Schlüssel dazu zu finden. Wir können heut von einem Rätsel berichten, welches erweist, daß bei der Eisenbahn 1 und 1 nicht immer zwei sein müssen. Oft kommt es vor, daß Reisende mit einer Fahrkarte 4. Klasse wegen Ueberfüllung dieser Wagen die 3. Wagenklasse benutzen wollen und dem Zugführer erklären, nach- zuzahlen bereit zu sein. Man sollte nun meinen, daß in solchen Fällen die Differenz und die Fahrkartensteuer nacherhoben werden. Aber weit gefehlt I Es mutz die Hälfte des Fahrpreises 3. Klaffe entrichtet werden, was dem Eisenbahnsäckel namentlich bei weiten Strecken einen hübschen Gewinn einbringt. Nehmen wir die 233 Kilometer lange Strecke Berlin— Glogau. Ein Billet 4. Klasse kostet 4,70 Mark, 3. Klasse(einschließlich 20 Pfennige Fahrkarten- steuer): 7,20 Mark. Beim Uebergang von der 4. in die 3. Wagen- klaffe»vären nun, um den Preis von 7,20 Mark herauszubekommen, 2,50 Mark nachzuzahlen. Dem ist aber nicht so: Die Eisenbahn er- hebt als Zuschlag die Hälfte von 7,20 Mark= 3,60 Mark, sodaß dann die Fahrt nicht 7.20, sondern 4,70+ 3,60— 8,30 Mark kostet. Das ergibt nach Adam Riese einen Extragewinn von 1,10 Mark! Wegen dieser Rechenkunst, die dem Eisenbahnfiskus während der Sommerrrisezeit nach fachmännischem Urteil eine Mehr- einnähme von über 100 000 Mark einbringt, kommt es zwischen dem Zugsiihrer und den Reisenden wegen angeblicher Uebervortcilung oft zu ernsten Reibereien, die häufig vor Gericht zuungunsten des Reisenden ihr Ende finden. Da die Nacherhebung erst während der Fahrt erfolgt, so ist ein Rücktritt in die 4. Wagenklaffe ansge- schlössen. Eine Reform dieser Rechenkunst der Eistnbahnvepwaltung «scheiist �»chgerade dxiogvld Md no.twk.ndig. „Sozialdemokraten wird nicht vermietet!" Der Verein Arbeiter-Jugendheim, der eS sich zur Aufgabe gemacht hat, der Arbeiterjugend Räume zur Verfügung zu stellen, in denen die Jugendlichen fern den Gefahren des Wirts- Hauses und der Straße sich aufhalten und bilden können, blüht und gedeiht. Das erste Jugendheim in der Brunnenstr. 115 ist selbst jetzt im Sommer noch immer gut besucht und der Verein plant, im Osten Berlins ein zweites Jugendheim zu gründen. Im Hause Frucht st raße 57/58 sollte das zweite Heim er- stehen. Doch mit des Geschickes Mächten... Der glückliche Eigen- tümer dieses Grundstückes und mehrfache Hausbesitzer, der Wirk- liche Geheiine Kriegsrat a. D. Ferdinand Fielitz, ließ erklären:«Sozialdemokraten wird fürs Jugend- heim nicht vermietet! Hoffentlich sind unter den zahlreichen Mietern des Herrn Fielitz in den Häusern Fruchtstraße 57/58, Große Frankfurter Straße 137, Bayreuther Straße 9 keine Parteigenossen. Sie riskieren vielleicht, als Sozialdemokraten exmittiert zu werden. Oder will der Herr Kriegsrat nur den Jugendlichen an den Kragen? Vielleicht in treuergebener Ausführung der neuesten Er- lasse des Herrn Kriegsministers? Schade, daß der Chef des Heeres nicht die Exmission sämtlicher Jugendlichen anordnen kann, der Herr Kriegsrat Fielitz würde dies gewiß gern tun. Die Arbeiterschaft aber weiß, was sie zu tun hat. Der Ein- tritt in den Verein Arbeiter-Jugendheim ist die b e st e Antwort auf dies neueste Attentat auf unsere Jugend- bewegung. Der heutigeZahlabend muß zahlreiche neue Mitglieder bringen. Streichholzschachteln mit Retlame. In letzter Zeit werden auch die Streichholzschachteln mit Reklamen beklebt. Auf einer einzigen solchen Schachtel preist eine Firma ihre Herren- und Knabenbelleidung an, eine andere ihre Siahlwaren und Schleiferei, Kolonialwaren ein Pantower Geschäftsmann, eine be- kannte Radfahrsirma ihre Räder, wobei der Vorzeigcr der Schachtel 5 Proz. Rabatl erhält. Selbst die zweite sonst für die Reibfläche bestimmte Seite der Schachtel ist mit zwei Reklameanzeigen bedeckt. eine Firma empfiehlt ihre Uhren und Goldwaren, eine andere ihre Porzellansachen. Trotz der so ausgesuchten Verwendung der Schachteln zu Reklamezwecken muß für das Paket solcher aus der Fabrik von Weidenbach stammenden Streichholzschachteln derselbe Preis gezahlt werden wie für andere Streichhölzer. Dazu kommt, daß die Käufer insofern benachteiligt werden, als nur eine Reibfläche vorhanden ist und bei schneller Abnutzung dieser einen Reibfläche der Streichholz« besitzer nicht weiß, wo er die Streichhölzer anzünden soll. Das kaufende Publikum sei deshalb besonders auf diese Zündhölzer auf- nierksam gemacht._ Der Schauplatz einer mysteriösen Bombenexploflon war gestern der Ort Lichtenrade bei Berlin. Der 86 Jahre alte Landwirt Otto Graatz, der seit längerer Zeit in Lichtenrade ansässig und seit zwei Jahren verheiratet ist, erhielt vor etwa acht Tagen einen anonymen Brief zugesandt, in dem er aufgefordert wurde, an einer genau bezeichneten Stelle an der Chaussee, die nach Groß-Beeren führt, 3000 M. zu deponieren. Das Geld sollte in einer Blechbüchse, die dort vergraben sei, niedergelegt werden. Der Landwirt legte zunächst diesem Brief, den er für einen Scherz hielt, keine Bedeutung bei und erstattete deshalb auch der Polizei keine Anzeige, obgleich ihm in dem Brief angedroht wurde, daß er und seine Familie in die Lust fliegen würden, falls er dem Verlangen innerhalb der gestellten Frist nicht nachkäme. Am Montag erhielt er jedoch einen zweiten Brief, in dem die Forderung in energischem Tone wiederholt wurde. Um seine Neugierde zu befriedigen, begab er sich gestern mittag gegen 12 Uhr an die Großbeerener Chaussee, um nachzusehen, ob sich die mysteriöse Blechbüchse wirklich an der bezeichneten Stelle be- finde. Er hatte kaum einige Brocken Erde bei Seite geschoben, als die Büchse wirtlich zum Vorschein kam. Er nahm sie kniend in die Hand, und ehe er sich das Gefäß näher angesehen hatte, e x p l o- vierte die Büchse mit einem furchtbaren Knall. Sie riß ein fast metertiefes Loch in die Erde und brachte Graatz am Gesicht schwere Verletzungen bei. Der zufällig anwesende Ortsgendarm und der Gastwirt Bungenstock brachten den Verletzten sofort nach dem Britzer KreislrankenhauS, wo er in ärztliche Behandlung genommen wurde. Nach den bisherigen Feststellungen der Polizei scheint es festzustehen, daß ein Racheakt vorliegt. Von den Tätern fehlt bis jetzt jede Spur. G. dürfte aller Wahrscheinlichkeit nach sein Augenlicht verlieren. Bor den Augen der Eltern erstochen hat sich gestern der 22 jährige Gärtner Albert Barth. Der junge Mann, der in Berlin beschäftigt war, hatte vor einigen Wochen auf einem Vergnügen die 18 jährige Tochter eines ihin befreundeten Berufskollegen kennen gelernt, zu der er ein« tiefe Neigung faßte, die aber nicht erwidert wurde. Wiederholt unternahm der junge Mann Annäherungsver- suche, die jedoch alle vergeblich waren und der Gärtner äußert« des- halb, daß er ohne die Geliebte nicht leben könne und sich das Leben nehmen werde, falls er nicht Gehör finde. Gestern früh erhielt cr von dem jungen Mädchen einen endgültigen Abschiedsbrief. In großer Aufregung begab sich B zu seinen in der Kaiser Friedrich- straße 5 in Schönebcrg wohnenden Eltern und äußerte auch hier, daß cr innerhalb 24 Stunden Selbstmord verüben werde. Während die Eltern ihrem Sohn dieses Borhaben auszureden versuchten, er- griff dieser plötzlich ein auf den Tisch liegendes scharfes Brotmesser und stieß es sich mit voller Wucht in die Brust. Der junge Mann sank sofort leblos zu Boden. Ein herbeigerufener Arzt, der wenige Minuten später erschien, konnte nur noch den bereits eingetretenen Top feststellen; der Messerstich hatte das Herz vollständig durchbohrt. Die Leiche des Lebesmüden wurde nach der Leichenhalle in der Maxstraße überführt. Einen Uebcrlandflng üler die Müggelbcrge vom Flugplatz Johannisthal und zurück unternahm der Aviatiker Theten am Montag. Um 6 Uhr 52 Minuten erhob er sich mit seiner Wright- Maschine in die Lüfte. Ruhigen und doch schnellen FlugeS verließ er in der Richtung auf AdlerShof das Feld. Bei Grünau kreuzte er — immer in einer Höhe von etwa 200 Meter— die Dahme und hielt den KurS scharf«uff die grünen Müggelberge zu. Ueber den Höhen machte er eine Kurve, kreuzte abennals, diesmal mehr ström- abwärts den Flußlauf und kehrte über AdlerShof nach Johannisthal zurück. Nach einer Fahrt von 20 Minuten(nach einer anderen Melining 29 Minuten) landete er glatt auf dem Flugplatz. Er ge- wann damit den von der deutschen Wrightgesellschaft ausgesetzten Ehrenpreis für den ersten Ueberlandflug. Einige Minuten später erhob sich Diplomingenieur Dorner auf seinem Monoplan eigener Konstruktion. Sein Start galt dem LanzpreiS von 3000 M.. für dessen Erlangung die Be- schreibung einer Schleife in der Form einer 8 Bedingung war. In prächtigem Fluge schwang der Aviatiker die Maschine durch die Luft, drehte mühelos nach links und wendete nach rechts und landete SVs Minute nach dem Aufstieg als glücklicher Gewinner des Lanz- Preises. Damit begnügte er sich aber nicht, nutzte vielmehr auch seinerseits die günstigen Windverhältnisse aus und startete von neuem, um vor der Sportkommission des Berliner Vereins für Luft- schiffahrt das Führerzeugiiis zu erwerben. Vorgeschrieben sind drei Rundflüge von je fünf Kilometern mit Zivischenlandungen. Da das Feld nur einen Umfang von 2500 Metern besitzt, mutzte eS Dorner also sechsmal umfliegen. Die Prüfung gelang. Vom elektrischen Strom verbrannt. Ein eigenartiger Unfall er- eignete sich gestern mittag an der Ecke der Augsburger- und Bay- reuther Straße. Der Maler Gustav Ulrich strich im Auftrage der Kunstschlosserei R. Blume in der Schillerstraße 97 zu Charlottcuburg eine Litfaßsäule und wollte die kleine Tür, die zu den in der Säule befindlichen elektrischen Kontrollapparaien führt, öffnen. Als ihm dies»ach einiger Mühe gelang, erhielt Ulrich plötzlich einen gewaltigen elektrischen Schlag. Der linke Ellenbogen und der Daumen der linkeil Hand wurden verbrannt und verkohlt. Der Maler wurde durch den Strom so festgehalten, daß er sich mit Aufbietung seiner letzten Kräfte losreißen mußte. Passanten brachten den Verletzten in die Unfallstation am Zoo und von dort in das Krankenhaus Westend. Tödlicher Unfall. Die Gewohnheit, Handwagen an andere Ge« fährte anzuhängen, hat gestern einen tödlichen Unglücksfall ver- ursacht. Die 45jährige Handelsfrau Martha Kages aus Buckow be- fand sich mit einem beladenen Handwagen auf dem Wege nach Rixdorf. Unterwegs befestigte sie ihren Wagen an den vorderen zweier zusammeiigckuppcltir Henwagen, luährcnd sie selbst nebenher- ging. In der Nähe des Bahnübergangs der Nixdorf-Mittenlvalder- Bahn stolperte Frau K. und kam so unglücklich zu Fall, daß sie unter den zweiten vollbcladcnen Wagen geriet, dessen Räder, über sie hinweggingen. Die Verunglückte erlitt so schwere innere und äußere Verletzungen, daß sie unmittelbar nach ihrer Einliefcrung in das Britzcr KreislrankenhauS verstarb. Im Ballstoat vergiftet hat sich gestern morgen nm 5 Uhr die 23 Jahre alte Plätterin Frida Seidel aus der Kopenhagener Straße Nr. 23. Sie war mit ihrem Bräutigam, dem 26 jährigen Buch- druckereiarbcitcr D. zu einem Vergnügen gewesen. Auf dem Heim- weg hatten sie sich gezankt, weil D. ihr vorwarf, sie hätte mit anderen Herren mehr getanzt als mit ihm. D. ließ seine Braut allein nach Hause gehen. Als sie ankam, hörten Nachbarn heftiges Weinen. 10 Minuten später fanden sie das Mädchen aus einem Stuhl sitzend mit Salzsäure vergiftet vor. Man brachte es nach der Rettungslvache in der Gaudhstraße und von dort nach der Charit«. Abgestürzt ist aus dem 1. Stock in der Wisbyerstratze auf einem Neubau durch«inen Fehltritt der 30 Jahre alte Maurer Wilhelm Krone aus der Bornholmer Straße Nr. 90. Mit einem Schädel- bruch ließ ihn gestern nachmittag um 3 Uhr die Rettungswache in der Gaudystraße nach dem Virchowkrankcnhause bringen. Bon der Leitung der Ton-, Zement- und Kalkindustricuusstellnng wird mitgeteilt, daß eine Verlängerung der Ausstellung nicht mög- lich ist. Es wird darauf hingewiesen, daß Eintrittskarten zum Vor- zugSpreise von 30 Pf. das Stück im Bureau des Zentralverbandes der Maurer, Engel-IIfer 15 III, Zimmer 53, zu haben sind. Diese Karten können an jedem beliebigen Tage gebraucht werden. Der letzte Tag der Ausstellung ist Montag, der 18. Juli. Die diesjährige Ruderregatta des„Freien Rudcrbundes Berlin� findet Sonntag, den 17. Juli, mittags 12 Uhr, auf dem Rummels» burger See statt. An den einzelnen Nennen— 11 an der Zahl— beteiligen sich die Bundesvereine.Collegia",«Freiheit' und„Vor- wärts'. Der geeignetste Bcobachtuugspunkt ist die LiebeSinsel. Für freie Ueberfahrt von Stralau aus hat der Bundesvorstand Sorge getragen. Das Sängrrfefi de? ArbeitcrsSngerbnndeS findet am Sonntag, den 17. Juli, in den am Wasser wie am Wald gelegenen Lokalen Müggelschloß und Strandschloß in Friedrichshagen statt. Das Pro- gramm bringt neben den Ausführungen der Gesamtchöre auch Einzel- gesänge großer Vereine, so daß Freunde guten Arbeitergesanges bei einem Besuch auf ihre Kosten kommen. Auch sonst ist für genügende Unterhaltung durch ein Doppelkonzert von früh 8 Uhr ab, durch Tanz, Feuerwerk, Sängerfestzug gesorgt. Für entsprechende Verkehrsgelegenheit ist Sorge getragen. Mehrere Dampfer sind gemietet, die von der Oberbaum- und Michaellirchbrücke abfahren. Bei dem Sommcrfcst der Gesangvereine im„Birkenwäldchen" zu Steglitz am Sonntag ist eine goldene Dainen-Rcmontoiruhr ver« loren worden. Der Finder wird gebeten, sie bei Max Zesel, Schöne» berg, Grunewaldstr. 91, abzugeben. Vorort- Nacbncbtern Charlottenburg. Die städtische Volksbücherei z« Charlottenbnrg mit der Hauptstelle in der Wilmersdorfer Straße und den Zweigstellen Ost in der Wormser Straße und West in der Danckelmann- Straße hat sich im Verwaltungsjahre 1909 in erfreulicher Weise weiter entwickelt. Der Bücherbestand wurde um 3493 Bände vermehrt, so daß jetzt 39 087 katalogisierte Bände vorhanden sind, von denen 6l18 Bände ans die drei Lesesäle verteilt sind. Außerdem sind für den Lesesaal der Haupt- stelle 165 Zeitschriften, für die Lesesäle der Zweigstellen je 50 abonniert. Die Lesesäle wurden im Jahre 1909 von 181 844 Personen besucht gegen 171 366 im Vorjahre; seit Eröffnung der Anstalt am 3. Januar 1898 haben im ganzen 1 244 997 Personen die Lesehallen besucht. Die drei Ausleih- stellen vermittelten.un Berichtsjahre 302 092 Bücher- cntleihungen gegen 28. 606 im Jahre 1908, die Steigerung beträgt also 4,8 Prozent. Die Gesamtleihziffer seit Bestehen der Volksbücherei ist auf 2 013 156 Bände vorgeschritten. Die größte Leseziffcr haben, lvie zu erivarten war, die Werke der schönen Literatur, insbesondere Romane nnd Novellen, er- reicht, nämlich 68 Prozent der Gesamtleseziffer. Immerhin ist gegen das Vorjahr mit 70 Prozent und die früheren Jahre ein nierklicher Rückgang von 2 Prozent zugunsten der anderen Stoffgebiete zu beobachten. Größere Leseziffern erreichten noch die poetische Literatur mit 6,8 Prozent, die Unter- Haltungszeitschriften mit 3.3 Prozent. Geschichte mit 2,6 Pro- zent, Erdkunde mit 2.6 Prozent und Biographisches mit 2,6 Prozent. Sehr bedauerlicherweise ist die Heimatkunde nur mit 0,37 Prozent vertreten. Das Gesamtverhältnis der schönen Literatur zur belehrenden und»vissenschajtlichen Literatur ist 81:19 Prozent. Weihensee. eint« neuen Streich gegen Dr. Pape soll sich die Gemeindeverwaltung geleistet haben, so schreibt das»unabhängige" HauS- besitzerorgan, indem das Gehalt des besoldeten Schöffen am 1. Juli >nä>t angewiesen war. Herr Dr. Pape befindet sich außerhalb auf Urlaub und war am 5. Juli noch nicht im Besitze seines GehaltS, er hat daher telegraphisch beim Regierungspräsidenten und Landrat Be- scl werde eingelegt. Bisher hat man immer von Streichen in um- gelehrtem Sinne gehört und bei allen diesen Streichen zog Herr Dr. Pape den kürzeren; der Liebling der jetzigen Opposition wird auch mit dieser Sensation daneben gehauen haben. Treptow-Baumschulentveg. Die Generalversammlung deS Wahlvereins ehrte zunächst da? Andenken der im letzten Halbjahr verstorbenen Mitglieder in der üblichen Weise. Dann wurde der Vorstandsbericht für Treptow uno für Baumschulenweg erstattet; eine Anzahl Mitglieder sind neu gewonnen worden. Die Kassengebarung gestaltete sich wie folgt: Es ist ein Kassen- bestand von 27S,34 M. im Orte. Die Gem-indewahlen ergaben 148,15 Einnahme und 260,45 Ausgabe, so daß 112,30 M. zu decken Waren. Der Mitgliederbestand beträgt für beide Ortsteile 809 mann- liche und 137 weibliche Mitglieder, insgesamt 946 gegen 812 am 1. Januar; es wurde der Wunsch ausgesprochen, daß wir am Jahresschluß die Zahl 1000 erreichen möchten.—..Vorwärts"°Leser waren in Treptow am 1. Januar 961, am 1. Juli 1211 vorhanden, mithin ist eine Zunahme von 250 zu verzeichnen. In Baumschulen- weg waren am 1. Januar 590 Leser des„Vorwärts", am 1. Juli 643, die Zunahme beträgt 53.— Die Einnahmen der Speditionei. betrugen für Treptow 7640,50 M., Ausgaben 7475,56 M., lieber. schuß 164,94 M.; für Baumschulenweg: Einnahme 4500,05 M., Ausgabe 4403,93 M., Ueberschuß 96,12 M. Schriften wurden der- kauft und restlos an die Zentralkasse abgeliefert für 227,84 M.— Die Neuwahl des Vorstandes ergab: 1. Vorsitzender: M. Freigang, L. Vorsitzender: K. Müller, 1. Kassierer: Michalsky, 2. Kassierer: P. Haak, 1. Schriftführer: E. Lüdke, 2. Schriftführer: Jakob; als Beisitzerin: Frau Kunze, Treptow, Fräulein Gerisch, Baumschulen- weg; als Revisoren: Schiefke, Pappe und Schulz; Spediteure: Grs- menz, Treptow, Hornig, Baumschulenweg; Lokalkommission: Ulm, Treptow, Magel, Baumschulenweg; Jugendausschuß: Spielhagen, Werner, Treptow, Meier, Schreiber, Baumschulenweg; Bibliothe- kar: K. Müller, Baumschulenweg. AIS Parteitagsdelegierter wird Karow vorgeschlagen. Tegel. Verschlafen> Am Tegeler Hauptpostamt in der Bahnhofstraße befindet sich ein großes Emailleschild mit der Aufschrift:»Geöffnet... Sonntags 7 bis 9 Uhr." Am vorigen Sonntag wurde das Postamt für daS Publikum erst nach 8 Uhr geöffnet. Früher konnten mehrere vor der Tür wartende Interessenten keinen Einlaß finden. Wenn inzwischen bestimmt sein sollte, daß dieses Postamt Sonntags erst um 8 Uhr geöffnet wird, so muß doch schleunigst das HauSschild entsprechend geändert werden. Hohen» Schönhansen. Aus der Gemeindevertretung. In der letzten Sitzung der Ge. ineindevertretung beantragte die Wegebau- und Verschönerungs- kommisswn, die Endstation der elektrischen Bahnlinie Kurzestraße- Hohenschönhausen SchulhauZ zu verlängern, da das Umsetzen der Wagen Störungen des Schulunterrichts verursacht. Da nun mit der Verlegung eine Verkehrsverbesserung und damit auch eine Steigerung des Grund und Bodens verbunden schien, so wollte jeder der Herren Grundbesitzer die Endstation vor seiner Tür haben. Wohl eine Stunde tobte der Kampf, so daß der Gemeindevorsteher die Herren ersuchen mußte, doch nicht gar zu sehr ihre Privatinter- essen in den Vordorgvund zu schieben. Erst der Antrag des Genossen Thiele, doch nicht den Hauptzweck des Antrages aus dem Auge zu verlieren und der Bahngesellschast verschiedene Plätze zur Verfügung zu stellen, machte dieser Jnteressenpolitik ein Ende. Nebenbei sei bemerkh, daß an der jetzigen Endstation keine Bedürf- niSanstalt vorhanden ist und daS Fahrpersonal seine notwendigsten Bedürfnisse an der Schulhofsrnauer zu verrichten gezwungen ist. Ein weiterer Punkt betraf eine Petition, die verschiedene Ein« wohner, u. a. auch ein gewesener Gemeindevertreter, bis an den Herrn Minister gerichtet hatten und die dahin ging, die Einführung der Kanalisation für den hiesigen Ort mit den dazu bewilligten 900 009 Mb Kosten zu inhibieren. Als Gründe wurden angeführt, daß ein großer Teil der Einwohner aus kleinen Besitzern bestände, die die entstehenden Lasten nicht tragen könnten. Genosse Thiele führte den Herren recht drastisch vor Augen, wohin diese rückschritt- lich Politik führe. In der Petition werde angeführt, daß die damalige Majorität die die Einführung der Kanalisation beschlossen habe, nur aus Nichtbesitzern und kleinen Steuerzahlern bestanden habe, wobei man auf unsere Genossen zielte. Genosse Thiele hielt ihnen vor. daß, wenn man eine derartige Petition höre, wie sie der Gemeindevorsteher verlesen, man nicht glauben könne, sich in un- mittelbarer Nähe Berlins zu befinden, sondern in Ostafrika. Ein großer Teil der Petenten setze sich aus Altfitzern zusammen» die gar teine Steuern zahlen, oder aus solchen� die mit höchstens 6 bis 9 Mark zur Einkommenstouer veranlagt sind. Es befinden sich nur drei größere Zahler unter den 27 Unterschriften. Die Petenten schienen die Zeiten zurückzusehnen, wo sie selber gar keine Steuern zahlten und diese Tätigkeit den Arbeitern Hohenschönhausens über- ließen. Erst auf Drängen unserer Genossen auf Einführung der Grundwertsteuer zahlten die Herren Steuern. Erst auf Auffordc- rung des GemeinoevorsteherS an die Bürgerlichen, doch auch ihre Meinung hierüber zum besten zu geben, schwang sich einer der Herren zu dem Antrag auf, die Petition mit Entrüstung zurück- zuweisen. Nach diesem Gefecht verlaß der Gemeindevorsteher die Anklageschrift einiger Durchfallskandidaten an den Kreisausschuh gegen den Beschluß der Gemeindevertretung auf Gültigkeitser- klärung der im März stattgefundenen Wahlen. Der Kreisausschuß hat die Beschwerdeführer zurückgewiesen. Waidmaunslust-Lübars. Unsere letzten Gemeindevertreterfitzungen am Montag und Donnerstag voriger Woche nahmen ein ganz besonderes Interesse in Anspruch. Es handelte sich um die Kündigung des noch bis zum Jahre 1931 laufenden GaSvertrageS mit dem Gaswerk Tegel. Dieser Vertrag ist für die Konsumenten unsere» Ortes ganz be- sonderS günstig» sie hätten zu zahlen für KochgaS 10 Pf., für Leucht- gas 12 Pf. Vor längerer Zeit wurde eine Kommission gewählt, um mit dem Gaswerk zu verhandeln, auf welcher Basis der Vertrag zu lösen wäre� um freie Hand zu bekommen, im Jahre 1918 ein eigenes Gaswerk zu errichten. Das Resultat dieser Kommissionsverhand- lungen lag nun in Form eines Nachtragsvertrages den Gemeinde- Vertretern vor. In diesem Nachtragsvertrag verzichtet das Gas- werk auf alle Rechte, die eS nach dem alten Vertrag kesitzt, überläßt der Gemeinde vom Jahre 1919 ab die Gasversorgung selbst; be- ansprucht aber dafür die Bezahlung des Rohrnetzes nach jährlich 3 Proz. Abschreibung bis zum Jahre 1919. Auch verlangt dasselbe für daS noch bis dahin zu liefernde GaS einen Einheitssatz von 18 Ps. pro Kubikmeter. Dafür verpflichtet sich daS Gaswmck für jeden �-lieferten Kubikmeter GaS 1 Pf. an die Gemeindekasse Lübars zu zahlen. Der Gemeinde-Vorsteher wie auch die Mehrheit der Gemeindevertretung pries diesen Abänderungsvertrag nach allen Richtungen hin. Genosse Luschcr war im Prinzip für Er- bauung eines Gaswerks, um der Gemeinde eine neue Einnahme- quelle zu verschaffen, wollte aber den Konsumenten nicht eine in- direkte Steuer auferlegt wissen, und stellte deshalb den Antrag den Einheitssatz auf 12 Pf. zu setzen. Der Gemeindevorsteher be- kämpfte diesem Antrag und forderte alles oder nichts. Er führte aus: wenn der Vertrag nicht mit 13 Pf. angenommen würde. müßte der Grundbesitz höher besteuert und ein Kommunalzuschlag von 140 Proz. erhoben werden. Genosse Kestin erwiderte, daß es fiH jetzt nicht darum handelt, mit dem einen Pfennig die gegen» wartigen Ausgaben zu decken, sondern mit demselben einen Fonds verantwortlizer Redakteitr Richard Sarttz, Lerli». Zur da» anzusammeln, um nach 8 Jahren eine Beihilfe für das Gaswerk zu haben. Würde dieser zu erwartende Fonds von ca. 30 000 Mk. nicht angesammelt werden, so könnte diese Summe durch Anleihe gedeckt tverden und es würde dadurch nur eine Mehrausgabe von 1800 Mk. für Amortisation und Verzinsung eintreten, welche von den zu erwartenden Einnahmen aus dem Gaswerk zu decken sein würden. Es wäre somit eine indirekte Besteuerung der Konsu- menten nicht notwendig. Genosse Luscher bedauerte, daß der Herr Gemeindevorsteher, trotz der nach seiner Ansicht so schlechten Finanz- läge, dem vor kurzem gefaßten Gemeindebeschluß, 18 000 Mk. für den Kirchenbau herzugeben, beigetreten sei. Genosse Kestin wies noch nach, daß die kleinen Haushaltungen bei 13 Pf, eine Mehrbelastung von 11 Mk. auf sich nehmen müßten. Trotz alledem wurde der Antrag abgelehnt und der Vertrag mit 13 Pf. Einheitssatz an- genommen. Unsere Genossen stimmten dagegen. Genosse Luscher und Kestin hatten einen Antrag auf Abänderung des Ortsstatuts, betreffend die Verunstaltung von Ortschaften, eingereicht. Es waren einige Paragraphen so unklar gefaßt, daß sie den kleinen Grund- besitzern, die zum großen Teil der erwerbstätigen Bevölkerung an- gehören, noch mehr Einschränkungen brachten, als es die Baupolizei- Verordnung für die Vororte tut. Da die Mehrheit der Gemeinde- Vertreter aber so zu stimmen pflegt, wie es der Herr Gemeinde- Vorsteher loünscht, wurde auch dieser Antrag gegen die Stimmen unserer Genossen abgelehnt. Lankwitz. Aus der Gemeindevertretung. An der Bangebührenordnung hat der Kreisausschuß einige Aenderungen vorgenommen, welchen die Vertretung zustimmte. Die Einrichtung einer Direktorstelle an der böheren Mädchenschule zu Ostern 1911 wurde mit 9 gegen 6 Stimmen beschlossen; die Minderheit, zu welcher auch unsere Genossen gehörten. verlrat den Standpunkt, daß die Schule, welche 120 Schülerinnen hat, auch noch ohne Direktor geleitet werden könne, da doch da? Gehalt desselben den Etat bedeutend belaste. DaS Gehalt des Direktors soll dem deS Gymnasiums gleichgestellt werden, es beträgt 6500—8400 M. nebst 1500 M. WohnungSgeld. Ferner wurde die Errichtung von zwei Lehrerstellcn an der Gemeindeschule zu Ostern 1911 beschlossen. An der Hilfsklasse, welche für schwach begabte Kinder eingerichtet ist, sollte ebenfalls zu Ostern 1911 noch eine Lehrerstelle errichtet werden. Die Vertretung beschloß jedoch. diese Stelle schon zum Oktober d. I. zu besetzen, da die Hilfsllasse schon über 30 Schüler hat. Nikolassee. Aus der Gemeindevertretung. Auch die jüngste Landgemeinde des Kreises Teltow scheint die Absicht zu haben, in die Fußtapfen ihrer älteren Schwestergemeinden zu treten. Auch hier wird eS schon üblich, Dinge der Kritik der Gemeindeangehörigen zu entziehen, die sehr wohl vor größter Oeffemlichkeit verhandelt werden könnten. ES läßt sich wenigstens kein vernünftiger Grund einseben, warum die Verhandlungen über den Nikolassee, der vor der Eintrocknung bewahrt werden soll, in geheimer Sitzung vorgenommen werden mußten. Die besonderen Verhältnisse von Nikolassee bringen besondere Schmerzen. Die fast durchweg schwerreichen Einwohner zittern um ihr Eigentum. Man will deswegen eine mechanische Einrichtung obligatorisch einführen, die gleichzeitig gegen Einbruch und gegen Feuersgefahr schützen soll. Ein unterirdisches Kabelnetz soll die Villen untereinander und mit einer Sicherheitswache verbinden. Die Leitung soll durch Hausanschluß bis in die einzelnen Zimmer geführt werden, und vermöge einfachen Hebeldrucks im Falle der Gefahr die Wache herbeirufen. Zur Ausführung der Anlage werden aus Anleihemitteln 26 000 M. bewilligt. Neber die Art der Verteilung der Kosten soll später nach den Vorschlägen einer Kommission verfahren werden, die einstweilen mit dem Gemeindevorstand die Verteilung der Arbeiten regeln soll. Ein Antrag, die Zahl der Wächter von 8 auf B zu vermehren, wird abgelehnt. Dagegen sollen der freiwilligen Feuerwehr 500 M. überwiesen werden zur Ausführung von Nachtpatrouillengängen, Vis die mechanische SicherheitZvorrichtung funktioniert. Jeder Wächter oder Feuerwehrmann, der einen Dieb festhält, daß er dem Gericht überwiesen werden kann, soll eine Prämie von 100 M. aus Gemeindemitteln erhalten. Gewiß eine neuzeitliche Einrichtung, dm Menschen- fang profitabel zu machen. Falkenhagen-Seegcfeld. Bon der Agitation. Nach langer Feit hatten die hiesigen Partei- genossen wieder eine imposante Volksversammlung zu verzeichnen, allerdings unter fteiem Himmel, da infolge deS starken Druckes der Behörden es noch immer lein Gastwirt am Orte wagt, uns seinen Saal zu Versammlungen zu geben. Am Sonntag lauschten Hunderte den wirkungsvollen Ausführungen unseres Reichstagskandidaten Dr. KarlLiebknecht, der schärffte Kritik an der volksfeindlichen preußisch- deutschen Politik übte und unter lautem Beifall den Vormarsch der Sozialdemokratie schilderte. Von den anwesenden Gegnern hatte keiner den Mut, dem Genossen Liebknecht entgegen zu treten. Der Verlauf dieser Versammlung bewies, daß auch hier die Stimmung der Bevölkerung uns bedeutend günstiger geworden ist. Der Wahlverein hatte eine Anzahl neuer Milglieder und Abonnenten deS.Vorwärts' zu verzeichnen. In der Diskussion wurden u. a. die schlechten Arbeitsverhältnisse in der hiesigen Schweinemästerei er- wähnt und der Zuversicht Ausdruck gegeben, daß die organisierten Arbeiter bald ein Lokal bekommen werden, um die Organisation besser ausbauen zu können. Spandau. Arbeiter-Samariterlolonne Spandau. Die UebungSstunde findet diese Woche, des Zahlabends wegen, nicht statt, dagegen werden die Mitglieder gebeten, sich am Freitag, den 15. Juli, zum Vortrag im „Dresdener Garten", Dresdener Str. 45, recht zahlreich zu beteiligen. _ Der Borstand. Gerichts- Zeitung* Eine Rede am Bismarckdenkmal— grober Unfng. Anläßlich der Wahlrechtsdemonstration im Tiergarten hatte Buchhalter Meyer vom Sockel des BiSmarckdenkmalL ein paar Worte an die Umstehenden gerichtet und«in Hoch auf das freie Wahlrecht ausgebracht. In Uebercinstimmung mit Polizei und Staatsanwalt- schaft hat das Schöffengericht diese Handlung als� groben Unfug angesehen und Meyer zu einer Geldstrafe von 30 Mk. verurteilt. Vergebens hatte sich Meyer darauf berufen, daß an ihm doch nicht eine Handlung bestraft werden könne, wie sie in der Wahlnacht des Jahres 1907 der damalige Reichskanzler Fürst Blllow ungestraft habe begehen können.— Gegen daS Urteil deS Schöffengerichts hat sowohl der Staatsanwalt, dem die Strafe zu niedrig ist, als guch des Angeklagten Verteidiger. Dr. Kurt Rosenfeld, Berufung einge- legt, der sich dagegen wendet, daß die kurze Ansprache als grober Unfug angeschen werde.— Die Strafkammer verwarf gestern beide Berufungen. ES bleibt also dabei: des Reichskanzlers»patriotische" Hand- lung ist erst strafbar, wenn ein anderer dieselbe verständig geänderte Handlung begeht. DaS nennt num: gleiches Recht für Jedermann. Einem„lieben Nachbar" hatte der Restanrateur Lange, Liegnitzerstr. 41, eine Anzeige wegen Üeberschreitung der Polizeistunde zu verdanken. Der in der Nach. barschaft Langes wohnende Schlächtermeister Lindner sah eines Abends, daß das Lange'sche Geschäftslokal nach Eintritt der Polizei. stunde noch nicht geschlossen war. Dreiviertel Stunden suchte Lindner nach einem Schutzmann. Ms er endlich einen gefunden hatte, ersuchte er ihn, Lange anzuzeigen. Der Schutzmann wußte, daß an jenem Abend ein Verein bei Lange tagte der nicht an die Polizeistunde gebunden ist. Nur widerstrebend folgte deshalb der Schutzmann der wiederholten Aufforderung Lindner», da» Lokal zu revidiere«. Außer einigen Vereinsmitgliedern Wurde im Echan!» lokal nur der Hausverwalter angetroffen, der eben nach Hause ge- kommen war und, weil er den Hausschlüssel vergessen hatte, den Weg durch das Lokal nahm ohne dort etwas zu verzehren. Nachdem dieser Sachverhalt in der gestrigen Schöffengerichtssitzung sestge- stellt worden war, wurde Lange natürlich freigesprochen. Be» dauerlich ist, daß nach Lage der Gesetze die Kosten dem liebevollen Schlächtermeister nicht auserlegt werten konnten. Ungültige Polizeivorschrift. Die Polizeiverordnung des Regierungspräsidenten vom 1. Juli 1904, welche die Vorschriften über die Polizeistunde für den Re- gierungsbezirk Oppeln enthält, bestimmt im Anschluß daran, daß die für den öffentlichen Verkehr bestimmten Räume während der Zeit wo in ihnen keine Getränke verabfolgt werden, noch Gäste ge» duldet weroen dürfen, geschlossen zu halten sind. Wegen Ueber- tretung dieser letzteren Vorschrift war der Gastwirt Ratcizk in Kreuzburg zu einer Geldstrafe in zweiter Instanz verurteilt worden. Das Lokal war nach Eintritt der Polizeistunde durch einen Be- amten nicht verschloffen gesunden worden. Die Strafkammer in Kreuburg erachtete die Bestimmung für rechtsgültig, daß die offen t. lichen Schanklokale nach Eintritt der Polizeistunde geschlossen sein müßten. Sie finde ihre Stütze in Z 6e des Polizeioer waltungs- gesetzes. Der Angeklagte legte Revision ein und machte geltend, die Frage der Polizeistunde sei im§ 365 Absatz II des Strafgesetzbuchs erschöpfend geregelt. Eine Polizeivorschrist dürfe die fraglichen Vorschriften nichr verschärfen. Das Kammergericht gab dieser Tage der Revision statt, hob die Vorentscheidung aus und sprach den Angeklagten mit folgender Begründung frei: Die Verordnung, die selber von der Polizeistunde handele, wolle diese noch verschärfen. Wenn sie nun das Schließen der Schankräume nach Eintritt der Polizeistunde vorschreibe» so sei zu fragen, ob dies im öffentlichen Interesse geboten sei. Es könne nicht angenommen werden;, daß hierbei§ 10 II 17 des Allgemeinen Landrechts zutreffe. Wie es sich mit der Polizeistunde verhalte, sei anderweit festgestellt, nämlich in§ 365 des Strafgesetzbuchs. Man könne nicht sagen, daß es notwendig sei, daß das Lokal während der Herrschaft der Polizeistunde verschlossen sein müßte. Somit sei die fragliche Vorschrift nicht anlvendbar. Uebrigens bedeute Geschlossen sein noch nicht Verschlossensein, Auf jedes Fgll fei der Angeklagte freizusprechen. Versammlungen. Die HolzbearbeitnngSmaschinenarbeiter besprachen in ihrer Branchenversammlung am Montag Fragen der Arbeitsvermitte- lung. Es handelt sich um die Vertragsbestimmung, wonach der paritätische Arbeitsnachweis für die Holzindustrie in erster Linie benutzt werden soll. Der Referent Windmüller führte unter ande- rem aus, daß der Vermittelung durch den paritätischen Arbeit»- Nachweis noch einige Mängel anhasten, die zum Teil auf die An» beuslosen selbst, zum Teil aber auch auf die geschäftlichen Ein, richtungen des ArbeitsnadstueiseS zurückzuführen sind. Dies? Mängel könnten und würden auch wohl mit der Zeit beseitigt werden. Sie seien natürlich nicht so erheblich, daß sie Anlaß zu grundsätzlichen Einwendungen gegen den paritätischen Arbeits- Nachweis geben könnten. Es sei vielmehr Pflicht der Kollegen, daraus zu achten, daß die Bestimmung des Vertrages von den Wer. tragsmeistern unter allen Umständen innegehalten werde. Auch die nicht am Vertrage beteiligten Arbeitgeber müßten in jedem Falle darauf aufmerksam gemacht werden, daß es allgemein üblich sei, Arbeiter nur durch den paritätischen Arbeitsnachweis einzu- stellen. Umgehungen des paritätischen Arbeitsnachweises müßte» der Kommission gemeldet werden, damit gegen solche Verstöße ein- geschritten werden könne.— In demselben Sinne bewegte sich die Diskussion. Es wurde gewünscht, daß die Geschäftszeit des Ar» beitSnachweises früher beginne und daß für die Vermittelten eine Karenzzeit festgesetzt werde, als Schutz vor einer zu langen Arbeits« losigkeit der Kollegen..»> Deutscher TranSportarbeiterverbanb. Am Sonntag fand eine Mitgliederversammlung der Sektion 5 statt, wo der SektionSleiter Fromke den Geschäftsbericht für das erste Halbjahr erstattete. Zur Sektion 5 gehören die Hilfsarbeiter, Transportarbeiter und Packer» welche in der Elektro-, Eisen- und Metallindustrie beschäftigt finde Dem Geschäftsbericht entnehmen wir folgende Angaben. Die Agi» tation setzte mit dem Beginn des Jahres lebhaft ein. Sie hatte: den Erfolg, daß die Mitgliederzahl der Sektion von 3192 auf 4552 stieg. Das ist eine Zunahme von 1350. Außer dem Transport- arbeiterverband kommen für die hier genannten Arbeiter noch andere Organisationen in Betracht, nämlich der Fabrikarbeiter, verband mit 900, der Metallarbeiterverband mit 950, sonstige Ber» bände mit 400. Es sind demnach 6582 Arbeiter dieser Branche organisiert, während etwa 11 500 beschäftigt sind. Trotz des guten Resultats vom ersten Halbjahr bleibt also der Agitation noch«in großes Arbeitsfeld. Der Fortschritt im OrganisaticnsverhältniS ist unverkennbar. Vor zwei Jahren waren noch 60 bis 65 Prozent der in Frage kommenden Arbeiter nicht organisiert, während jetzt nur noch 40 Proz. der Organisation fernstehen. Bei lebhafter Agitationstätigkeit wird es gelingen, auch diese nach und nach für den Verband zu gewinnen.— Der wirtschaftliche Aufschwung brachte eine lebhaftere Lohnbewegung mit sich. Im Laufe deS Halbjahres fanden in 13 Betrieben mit 2128 Verbandsmitgliedern Lohnbewegungen statt, die alle von Erfolg begleitet waren. ES wurden Lohnaufbesserungen von 2 bis 3 Pf. pro Stunde erreicht. In einem Betriebe kam es zum Streik, der 7� Wochen dauerte, dann aber den Erfolg hatte, daß eine Lohnerhöhung von 2H Pf. zugestanden wurde.— Die Sektion hat in den Betrieben 235 Ver» trauensleute. In jeder Meisterabteilung soll ein Vertrauensmann vorhanden sein.— Die geschäftliche Tätigkeit der Sektion wurde erledigt in 220 Werkstattbesprechungen, 35 Betriebsversammlungen, 52 Sitzungen der Vertrauensmänner, 7 Sitzungen der Sektions» leitung, 20 Kartellsitzungen, 12 Verhandlungen mit Urbeitgek«rn, 24 Sitzungen mit Arbeiterausschüssen, 11 Branchenfitzungen, 46 Streikversanunlungen.— Die Bureautätigkeit de» SektionS» leiters erstreckte sich unter anderem auf die Anfertigung von 21B Schriftsätzen für Mitglieder und 35 mündlichen Auskünften in Rechtsfragen.— Der Bericht der Agitationskasse zeigt eine Ein» nähme von 964,40 M.. eine Ausgabe von 637,55 M., bleibt ein Be» stand von 326,86 M. Einwendungen gegen die Tätigkeit der SektionSleitung wurden in der Diskussion nicht erhoben.— Wagner und Fromke gaben den Bericht vom Verbandstage. Sie sprachen ihre besondere Freude über die Verschmelzung mit den Seeleuten und Hafenarbeitern aus und gaben der Erwartung Ausdruck, daß der Verband, der zurzeit 150 000 Mitglieder hat, bis zum nächst«! Verbgndstage auf 200 000 Mitglieder anwachsen möge. BSosserstands-Rachrtchten der Sandesanstalt für Gewässerkunde, mUgcteill vom Berlin« Wetterbureau. Wasserstand M- m e l. Tilstt Brezel. Jnfterbmg Weichsel, Thoru Oder, Ratibor , Rrossen , Frankfurt Warthe. Schlimm , Landsberg Netze, vordamm Elbe, Lettmeritz , Dresden , Barbq , Magdeburg Wasserstand Saale, Krochlitz Havel, Spandaus , Rathenow') Spree, Spremberg'j » BeeSkow Weser, Münden , Rinden Rhein, MaximllianSau , Kaub Köln Neckar, Heilbronn Main, Wertheim Mosel, Trier am 11. 7 cm ISS 60 16 142 74 10 45 748 529 676 190 233 226 s-tt 10.7. cm1) +56 +5 +1 +62 0 20 5 1» —5 —7 v I" +1 +18 -42 «)+ bedeutet Wuchs,— Fall.— Unlerpegel. JnferflteBieileeiflflßsj Tb. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Kuchdrufciei u, LtttggSgnjtelt Paul Singer& tzs« Bnli» SÄk,