Dr. 164. Ndommnentz-SeSWMMi lOonntmcntS• Preis pränumerando i Sierteljährl. 8£0 9KI, monatl. 1,10 SDlt, »vöchenlllch 28 Psg. frei ins Haus. Einzelne Nummer' K Pfg, Eonnlags. Nummer mit illustrierter Sonntags» Vellage.Die Neue Welt" 10 Psa. Post» Elbonnemcnt: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Posl-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland S Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien. Dänemark Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. 87. Jahrz '7 vlchtlit llgUch illlLek Moirtzg». yb � Vevliner Volksblatk. Die Tnlertions-Gcbülsr velrZgt für die sechsgespaltene Kolonel. zeile oder deren Raum 60 Pfg., sür politische und gewerlschafMche Vereins- «nd PersammlungS. Anzeigen SO Psg. „Kleine Hnreigen", das erste(fett* flcbrutfte) Wort 20 Psg,, jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- stellen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg, jedes weitere Wort S Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen sür zwei Worte, Inserate für die nächste Nummer wüsten bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöstnet, Telegramm-Adresse: „Sozialdemokrat BerHa**. N Zentralorgan der foztaldemokr ati r eben Partei DeutfeMande. Redaktion t SM. 68, Lindenstrasse 69* Aernsprechert Amt IT, Nr. 1983. 57! Sonnabend, den 16. Juli 1910. Expedition: SM. 68, Lindenstrasse 69» Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1981. evglisch-ckellNches Wettrüsten. Im englischen Unterhause fand am Donnerstag und Freitag eine große Marinedebatte statt. Der Führer der Iren, D i l l 0 n, hatte den Antrag gestellt, von dem englischen Flottenetat 2 Millionen Pfund Sterling zu streichen. Der Premierminister A s q u i t h bekämpfte diesen Antrag mit aller Energie und suchte darzulegen, daß Englands Flotten- rüstungen gegenüber den Rüstungen anderer Staaten, in erster Linie Deutschlands, keineswegs als übertrieben gelten könnten. Der Antrag Dillons wurde nach längerer De- batte mit 298 gegen 70 Stimmen, welch letztere sich aus den Iren, den Ärbeitervertretern und einigen Radikalen zusammensetzte, abgelehnt. Der Marine- etat wurde also in der von der Regierung geforderten Höhe angenommen. Sehr interessant nach mehr als einer Richtung hin waren die Ausführungen des englischen Premier- Ministers, der, wie es sich ja von selbst versteht, er- klärte, daß Englands Rüstungen keinesivegs irgend eine Spitze gegen Deutschland trügen. Deutschland habe seine eigene Politik zu verfolgen. Es sei eine große Weltmacht, habe entfernte Kolonien, einen mächtig wachsenden Handel. Und wenn die deutschen Staatsmänner deshalb glaubten, daß Deutschland seine Stellung als große Weltmacht nur durch eine starke Flotte verteidigen könne, so sei das ihr gutes Recht. Auch er bedauere, daß der Name Deutschlands in den Marine- debatten so oft genannt werde; aber es wäre genau dasselbe gewesen, wenn die Flottenvcrmehrung Frank- r e i ch s ein so rapides Tempo angenommen hätte. Die englische Regierung müsse aber das internationale Schiffsbau- Programm im Auge behalten und jedes mögliche Risiko in ihre Rechnung aufnehmen. Nach dieser diplomatischen Verwahrung ging dann der englische Premierminister eingehend auf die deutschen Rüstungen ein. Deutschland werde im Jahre 1912 sicherlich 13, möglicherweise sogar 17. Diseadnonghts besitzen. In diesem Augenblick seien in England 10 Dreadnoughts, in Deutschland fünf kricgsfertig. Von Stapel gelaufen seien in Großbritannien 6, in Deutschland 5. Dabei seien 2 britische Schiffe mitgerechnet, die nächsten Monat vom Stapel gelassen würden. Auf den Werften liegen in England 4, in Deutschland 8. Ende 1911 werde Großbritannien 16 krieqsfertige Dreadnoughts haben, Deutschland 11. Im April 1912 würde Deutschland 13 haben, England einschließlich der im Vorjahre bewilligten Kontingentschiffe 20. Int Jahre 1913 würde Deutschlands Dreadnoughts-Flotte auf 17 Schiffe gewachsen sein. England werde dann 25 besitzen. Das deutsche Pro- gramm sehe für 1911/12 vier weitere Schlachtschiffe vor, die 1913 fertig sein könnten, wodurch der Gesamtbestand der deutschen Flotte auf 21 Dreadnoughts gebracht werde. Zu der Gesamtzahl der englischen Dreadnoughts seien noch zwei hinzuzurechnen, die die Kolonien zu bauen versprochen hätten. Niemand, fuhr der Premierminister fort. bedauere so sehr die gesteigerten Ausgaben, als er selbst. Er sehe so klar wie Lloyd George, daß jeder neue Treadnougth irgend ein dringendes Werk der Sozialreform verhindere, aber die nationale Sicherheit gehe über alles. Es sei auch die Frage einer Verständigung zwischen den Nationen der Welt ausgeworfen worden. Leider habe die deutsche Regierung davon nichts wissen wollen. habe der englischen Regierung mitgeteilt. daß ihr gehen durch einen Akt des Reichstages, das Flottengesetz, bedingt sei, das Jahr für automatisch weiter gehe. Sie könne auf die Abrüstungsidee nicht eingehen, weil sie dabei nicht die Unterstützung der öffent- lichcn Meinung in Deutschland haben würde! Die von dem englischen Premierminister gegebenen Zahlen über die deutschen Dreadnoughts und Jnvincibles dürften durchaus den Tatsachen entsprechen. Admiral von Tirpitz Hai ja selbst am 17. März 1909 in der Budgetkommission des Reichstages erklärt, daß Deutsch- land im Jahre 1912 dreizehn solcher Schiffe besitzen werde. Der offfziöse Nautilus für 1909 beziffert gleichfalls für 1912 die Zahl dieser Gattung von Schlachtschiffen auf 13, wobei nur die Schiffe des Etats für 1909 mitgerechnet sind. Nimmt man die bis zum Jahre 1912 nach dem Flottenprogramm zu bauenden Linienschiffe und Panzerkreuzer hinzu, so kommt die Zahl von 21 erstklassigen Schlachtschiffen heraus. Es ist eben nicht zu leugnen, daß Deutschland seine Flottcnrüstungen in einem beispiellosen Tempo vermehrt hat. Schon die Flottenvorlage vom Jahre 1900 niit ihrer 4'/, Milliarden-Forderung war eine Ungeheuerlich- keit. Aber diese Flottenvorlage ist ja inzwischen zweimal er- wettert worden. Im Jahre 1906 wurde der Bau von weiteren sechs Panzerkreuzern bewilligt, und abermals zwei Jahre später wurde jene Flotten- Novelle angenommen, die das Lebensalter aller Linienschiffe und Panzerkreuzer auf zwanzig Jahre herabsetzte. Diese Flottcnnovelle bedeutet nichts geringeres. als daß in den Jahren 1908 bis 1911 statt der durch das Flottengesetz von 1900 projektierten 6 Linienschiffsbauten deren 11 ausgeführt werden I Wenn also England an seinem alten Standpunkt festhält, eine jeder anderen Seemacht stai? Sic Vor- durch Jahr überlegene Flotte zu besitzen, so kann es sich zur Verteidigung seiner ungeheuerlichen Flottenausgaben mit Fug und Recht auf Deutschlands enorme Flottenverstär- k u n g e n berufen l Berechtigtes Aufsehen aber muß erregen, daß die deutsche Regierung sich gegenüber dem Abrüstungsvorschlage Englands auf die öffentliche Meinung Deutschlands berufen hat. Die Flottenvorlage vom Jahre 1909 ist doch nur auf Be- treiben der Regierung und eines relativ kleinen Kreises von Flottenfexen durchgedrückt worden! Hinter der Mehrheit des Parlaments stand damals keineswegs die Mehrheit des Volkes. Das gleiche ist zweifellos auch bei den späteren Flottenbewilligun- gen der Fall gewesen. Es bedürfte sicher nur einer An- regung der Regierung, um sofort auch in dem Reichstage eine Mehrheit für die Einschränkung unserer ufer- losen Llottcnrüstnngen zu schaffen. Die Erklärung der deut- schen Regierung gegenüber der engllschen Regierung hat also die Tatsachen vollständig auf den�opf gestellt! Aber eine solche Darstellung war ja die bequemste Verschleierung der eigenen Absichten!— Der englische Premierminister gab übrigens auch der Hoffnung Ausdruck, daß wenigstens das Jahr 1911/12 das letzte unter dem Flottengesetze sein werde, in dem Deutsch- land vier Schlachtschiffe baue. Dann werde nach dem Gesetz die Zahl auf zwei sinken. Er hoffe daher, daß man sich jetzt auf dem„Gipfel der Welle" befände. Wir befürchten, daß die Hoffnungen des englischen Premierministers I l l u s s i 0 n e n sein werden. Wir halten es für ganz ausgeschlossen, daß unsere deutschen Flottentreiber vom Jahre 1912 ab tatsächlich eine solche Verminderung der Flottenbauten eintreten lassen könnten. Ja wahrscheinlich würden wir bereits in diesem oder im n ä ch st e n Jahre mit einer neuen Flotten Vorlage beglückt werden, um die unseren Reedern und Panzerplattenfabrikanten so empfindliche Lücke im Bauplan auszufüllen, wenn nicht im Augenblick er st die Forderungen des L a n d m i l i- tarismus befriedigt werden sollten und— im Jahre 1911 die Reichstagswahlen stattfänden! Unter solchen Umständen wird man natürlich e r st die Wahlen vollziehen lassen und dann Ende 1911 oder Anfang 1912 mit der neuen Marinevorlage herausrücken! Daß eine solche Vorlage zu erwarten ist, ist ja vor zwei Jahren bereits von der Regierung ange- deutet worden. Und damals hoben ja auch bereits Z e n- t r u m und Freisinn durch ihre Vertreter erklären lassen, daß sie später alles Notwendige zu bewilli- gen bereit seien. Auch sei daran erinnert, daß ja da- mals schon die Flottenvereinler und die Herrm National- liberalen verlangten, daß auch gleich noch für 6 weitere Linienschiffe, nämlich den im Jahre 1900 vom Stapel ge lassenen„Kaiser Barbarossa" der Kaiserklasse und die samt' lichen 5 Schiffe der Wittelsbachklasse vom Jahre 1900/1901, Ersatzbautcn beschlossen würden! Die Wünsche, die damals zurückgestellt wurden, werden sicherlich noch vor Ablauf des Jahres 1912 ihre Erfüllung finden. Und ein Hauptmittel der dann zu erwartenden Flotten agitation werden dann natürlich die englischen Flotten' rüstungen sein! Die 27 englischen Dreadnougths werden dann das erwünschte Schreckgespenst sein, mit dem man ikrupellos operieren wird. So treibt eine Flottenrüstung die andere! Wie lange dies tolle Wettrüsten freilich noch dauern kann, ist die Frage. Denn schon jetzt kostet jedes neue Schlachtschiff, ob Drcadnought oder Jnvincible, gegen 50 Millionen Mark! Das heißt zwei und ein halbes Mal so viel, als in der Flottenvorlage von 1900 angenommen worden war. Asquith hatte nur zu sehr recht, wenn er meinte, daß jeder Dreadnoughtein dringendes Werk der Sozialreform vereitele. Aber nicht genug damit, daß das uferlose Marinewettrüsten jede ge- sunde soziale Fortentwickelung verhindert— es läßt auch trotz aller diplomatischen Beschwichtigungsphrasen der Herren Staatsmänner den Chauvinismus auf beiden Seiten immer üppiger in die Halme schießen. Jeder neue Drcadnought ist eine neue schwere Gr- fährdung des Bölkerfriedens! Der holländische Kaiierbrkf. Aus Holland wird uns geschrieben: Seit einigen Jahren spult in Holland das unbestimmte Gerücht herum, der deutsche Kaiser habe sich während deS rufsisch-japanischen Krieges, als auch das Berhältnis zwischen England und Deutsch- land drohende Formen annahm, an die holländische Regierung mit der Aufforderung gewendet, Holland sollte seine Küstenvcrteidigung beträchtlich kräftigen, wenn es sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, eines schönen Tages von Deutschland okkupiert zu werden, weil eS seine Neutralität England gegenüber nicht genügend wahren könnte. Es versteht sich, daß man bei der Geheimniskrämerei, die eine internationale Eigenheit der diplomatischen Kreise ist, nie zu wissen bekam, was an diesem Gerücht Wahres ist. Nur spielte einmal in der Ersten Kammer das konservative Mitglied General van Löben Sels auf ein derartiges Vorkommnis an, als er, um für mili- tärische Ausgaben zu agitieren, sagte, in eingeweihten Kreisen war mgn sich darüber klar, daß während dB russisch-japanischeu Krieges Holland einmal nahe daran war, seine Existenz als selbständiger Staat zu verlieren., Höchstwahrscheinlich wäre diese Affäre eingeschlummert, wenn nicht ein anderes Mitglied der Ersten Kammer, der ebenfalls kon- servative Baron van Heeckeren van Kell, ihr neues Leben einge« blasen hätte. Dieser Herr war früher Gesandter an dem skandi» navischen Hofe und hatte als solcher mitgearbeitet an einem Ver- trag, der zwischen Deutschland und einigen anderen Nordseestaaten zur Erhaltung des Status quo abgeschlossen wurde. Ueber die Bedeutung dieses Vertrages geriet er in der Kammer in eine bissige Diskussion mit dem Minister des Aeußern, dem Junker De MareeS van Swinderen. Vermutlich um dem Minister eine Unannehmlich- keit zu bereiten, hat er dann in der Kammer das immer so sorgsam bewahrte Geheimnis ausgeplaudert, in der Form, der deutsche Kaiser hätte der Königin der Niederlande im Jahre 1M4 einen Brief geschickt, in welchem er sich in die militärische Verteidigung Hollands einmischte. Als der Minister die Mitteilung ableugnete, und zwar in augenscheinlich krassester und bestimmtester Form, berief sich Herr van Heeckeren auf den Ministerpräsidenten aus dem Jahrs 1904. Herrn Dr. Kuyper. Dieser schwieg sich hartnäckig aus, aber bei der jüngsten Diskussion zu dieser Frage teilte Herr van Heeckeren mit, er habe sein Material vier Parteifreunden zur Verfügung ge- stellt und diese hätten ihm bestätigt, daß er ganz recht hatte, als er die den deutschen Kaiser betreffende Mitteilung machte. Darauf erwiderte der Minister Van Swinderen, um dieser Mitteilung gegenüber einen neuen Trumpf auszuspielen, Herr Dr. Kuhper habe ihn ermächtigt, zu versichern, daß er die Darstellung de? Ministers vollkommen bestätigte. Worauf Herr Van Heeckeren wütend rief:„Das ist nicht wahr!" Nun war Dr. Kuyper, der sowieso seit der Ordensschacher- affäre im Verdacht steht, eS mit der Wahrheit ziemlich leicht zu nehmen, in die unangenehme Lage gekommen, daß sich beide streiten- den Parteien auf ihn beriefen, woraus gleich in der Presse die Schlußfolgerung gezogen wurde, Dr. Kuyper hätte doppelzüngig gesprochen. So sah sich Dr. Kuhper— man erinnere sich, daß er der Ministerpräsident im Jahre 1994 war— gezwungen, sich zur Sache zu äußern. Und das tut er in seinem Tagblatt„De Standaard". Er teilt dort mit, der Minister van Swinderen hätte eine voll- kommen richtige Mitteilung gegeben, als er erklärte, daß ein Brief, der sich auf die Landesverteidigung bezieht, in Wirklichkeit nicht bestehe und auch nie dagewesen sei. Aber er fügte hinzu,„der Minister habe mit keinem Worte, früher nicht und jetzt nicht, ge- leugnet, was im Jahre 1994 wohl vorgefallen ist, was aber das Kabinett vom Jahre 1994 ebensowenig wie das heutige Kabinett zur öffentlichen Besprechung als geeignet hielt."„Die beiden Kabinette," so fährt Dr. Kuhper fort,„sind der Meinung, daß die Sache vom Anfang an«inen geheimen Charakter trug und diesen Charakter erhalten sollte." Er bestätigt damit, daß Herr Van Heeckeren sich die Sache keineswegs„aus den Fingern gesogen hat" und daß im Jahre 1994 etwas vorgefallen ist. da? das falsche Gerücht veranlaßt hat. Er betrachtet aber die Sache als so geheim, daß er seinen politischen Freunden geraten hat, Herrn van Heeckeren, der in der nächsten Woche sein Kammermandat zur Wiederwahl zu stellen hat, nicht zu wählen, falls er nicht in aller Form verspreche, von jetzt ab lein Wort mehr zur Sache zu sagen. Es steht also jetzt wohl fest, daß sich der deutsche Kaiser noch im Jahre 1994 in die holländischen Angelegenheiten gemischt hat. Nur nicht mit einem Briefe und nicht zur Landesverteidigung, vielleicht aber wohl mündlich und zur Küstenverteidigung. Jedenfalls ist die Wahrheit jetzt im Gange und sie wird wohl schwerlich mehr auszuhalteu sein. Die dadiiche iParteifrage. Der Parteivorstand veröffentlicht zur Frage der badischen Budgetabstimmung folgende Erklärung: „Die sozialdemokratische Fraktion des badischcn Landtages hat den Partcivorstand von ihrer Absicht, für das Budget zu stimmen, in keiner Weis« in Kenntnis gesetzt. Der Parteivorstand bedauert das die Interessen der Ge- samtpartei schädigende Vorgehen der LandtagSfraktion der badischen Sozialdemokratie und sieht darin eine schwere Verfehlung gegen die Einheit der sozialdemokratischen P artei. Der Parteitag wird den Genossen Gelegenheit geben, sich zur Haltnng der sozialdemokratischen Landtagsfraktio» Badens zu äußern. Der Parteivorstand. Eine„schwere Verfehlung gegen die Einheit der Partei". so sorgfältig abgewogen diese Worte auch sind, wir wüßten nicht, welch andere Worte schwereres Gewicht haben und stärkeren Eindruck machen könnten auf jeden, der sich das Gefühl der Parteizugehörigkeit bewahrt, den seine Ucberzcugung und Ge- fühl in die Reihen des kämpfenden Proletariats getrieben hat. Denn es ist der höchste Stolz des deutschen Arbeiters, sich diese Partei geschaffen zu haben und selbst ihre Politik zu bestimmen, diese Partei, die in den heftigsten und schwersten Kämpfen sich stets die Einheit bewahrt hat, die sie sich so schwer errungen, diese Partei, deren Ideale und hohen Ziele das höchste Besitztum ihrer Anhänger sind. Jetzt sieht der sozialdemokratische Arbeiter die Grundlage dieser Ein- heit plötzlich in Frage gestellt, die Geschlossenheit der Partei bedroht, gerade zu einer Zeit, wo die Politik der Partei und ihre alte Taktik des Klassenkampfes sich glänzend bewährt hatte, wo die politischen Verhältnisse es erlauben, den Gegnern in Preußen wie im Reiche wichtige Schlachten liefettt zu könnet», öutdt UckständsN so günstig wie kaum je. Immer angstvoller blickten die Gegner auf unsere Erfolge. Da kommt ihnen plötzlich unerwartete Hilfe. Die Partei, die sie so fürchten, wird aus ihren eigenen Reihen her bedroht. In die Sozialdemokratie ist eine Bombe geflogen, sagt ein bürgerliches Blatt. Sagt es zuviel? Die Beantwortung dieser Frage hängt vor allem von den deutschen Arbeitern s e l b st ab. Sie sind die Partei, sie fassen ihre Beschlüsse. Das Vorgehen der badischen Landtagsfraktion bedeutet nichts anderes, als daß Vertrauensmänner der Arbeiter für sich das Recht verlangen, auch gegen den Willen und die Beschlüsse ihrer Auftraggeber zu handeln. Es ist ein Vorgehen, das mit einem Schlage die demokratische Verfassung unserer Partei bc- seitigen würde, damit aber überhaupt jede einheitliche Partei- aktion zu einem zufälligen Ereignis machen würde. Wir ge- stehen, selbst jetzt noch die Hoffnung zu hegen, daß auch die b a d i s ch e n Arbeiter sich der ungeheuren V e r a n t- Wartung werden bewußt werden, die ihre Vertreter ihnen auferlegt haben. An den badischen Sozialdemokraten ist es, in erster Linie sich die Frage vorzulegen, ob sie wirklich eine Lockerung der Gesamtpartei, eine Z e r- störung der Autorität des Parteitages und damit die Aufhebung jeder proletarischen Disziplin, die bisher den Stolz wie die Stärke unserer Partei gebildet haben, auf sich nehmen wollen. Und da tut wahrhaftig Eile dringend not! Zu dem Verzicht auf das Betenntnis des sozialistischen Endzieles, das in der Budgetabstimmung liegt, fügen unsere Genossen in der badischen Kammer noch die Verleugnung der republi- konischen Prinzipien unserer Partei I Und hier handelt es sich nicht allein um die Unterlassung einer Demonstration, sondern umgekehrt: unsere Genossen suchen geradezu die Gelegenheit, um für ihr Wohlverhalten dem Monarchen gegenüber Zeugnis ablegen zu können! Die Fraktion hat es ihren Mit- gliedern sieigestellt, sich an der Sonnabend stattfindenden fcier- lichen Schließung des Landtages zu beteiligen. Es handelt sich um eine rein formale Sitzung, die mit einer Ovation für den Großherzog schließt. Ungefähr ein Dutzend sozial- demokratische Abgeordnete werden sich an dieser Huldigungs- kundgebung beteiligen. Damit ist aber der sozialdemokratische Hofbcricht noch nicht abgeschlossen. Die Genossen Geiß und P f e i f f l e, die dem Kammerpräsidium angehören, sind von der Fraktion bestimmt worden, im September an der G r a- tulationskur im Schlosse teilzunehmen, die anläßlich deö silbernen Hochzeitsfestes des großherzoglichen Paares stattfindet l Wir gestehen, wir geben diese Nachrichten nicht wieder ohne ein Gefühl tiefer Beschämung. Es erklärt sich aus dem Elend der deutschen politischen Geschichte, daß der Byzantinismus in einem Maße das Bürgertum verseucht hat, wie in keinem andern Lande. Daß aber diese Pest auch auf unsere eigenen Reihen übergreifen könnte, das hätten wir wahrhaftig nicht für möglich gehalten. Es ist doch wirklich ein Jammer um diese deutsche Politik. Auch andere sozial- demokratische Parteien müssen den Kampf gegen den Oppor- tunismus in ihren eigenen Reihen führen. Aber in Frankreich. da handelte es sich doch wenigstens um den Eintritt in ein Ministerium, um ein Zusammengehen mit bürgerlichen Parteien, die einen Teil der souveränen Gesetzgebungsgewalt vorübergehend auch in die Hände sozialdemokratischer Abgeordneter zu legen scheinen konnten. Dagegen in Deutschland I Das Elend der Kleinstaaterei hat hier auch den Opportunismus bis zur Lächer- lichkeit verkrüppelt, und unsere badischen Parlamentarier glauben Klasseninteressen des Proletariats zu vertreten, wenn sie dem Großherzog zur silbernen Hochzeit gratulieren I Die badischen Parteigenossen halten es ftir ihre Aufgabe, die Herrschenden bei guter Laune zu erhalten. Das verlangen angeblich die berühmten„besonderen politischen Verhältnisse" Badens. Wir haben gestern bereits darauf hingewiesen, daß für den Entschluß der Fraktion, ihre Erklärung vom 4. Juli— eS sei unvereinbar mit der politischen Ehre der badischen Arbeiter, für daS Finanzgesctz zu stimmen— zu revidieren, die Haltung maßgebend war, die die Erste Kammer gegenüber der Gemeinde- und Städteordnung eingenommen hat. Es muß hervorgehoben werden, daß diese Städteordnung das Dreiklassen wähl- recht beibehält. Durch eine andere Verteilung der Steuern— statt der Zwölftelung wurde eine Sechstelung in Verbindung mit dem Proportionalwahlrecht eingeführt— ist das Wahlrecht allerdings erheblich verbessert worden. Immer- Inckustile und Arbeiter In Japan. Von Chagrin. III. Numerische Stärke der Industrien.— Die Arbeitslöhne. Im Jahre 1906 waren in der Industrie Japans Personen beschäftigt: Industrien' Männer Frauen Zusammen Textil.....' 85 447 289 600 325 047 Maschinen und Eisen 57 299 1 678 58 977 Chemie..... 38 781 23 977 62 708 Nahrungsmittel.. 28 275 20985 49 260 Minen...... 194157? 194167 Diverse..... 83192_ 82 993 116 185 Summa 437 101 869 283 806 334 In den Staatsbetrieben sind 129321 Personen beschäftigt. Ob diese in der obigen Aufstellung mit enthalten sind, läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Der japanische Statistiker scheint Ueber- sichtlichkeit nicht für e'ine Notwendigkeit zu halten. Die Lohnstatistik kann schwerlich mangelhafter sein, fjfür manche Bcrnfsgruppen gibt sie nur das Maximum und das Mini. mum der Lohnraten an, ohne zu sagen, wieviel Leute daS eine, wieviel das andere erhalten. Einmal sind mehrfach Durchschnitts- löhne angeführt, während andererseits ganze Branchen übergangen wurden. Wenn für die konfuseste Statistik ein Preis ausgesetzt würde, der kaiserlich japanische Lohnstatistiker würde ihn todsicher erhalten. Mangels eines Besseren muß das verwandt werden, was vorliegt. Die Löhne sind im letzten Jahrzehnt durchgehends, zum Teil um 100 Proz., gestiegen. Aber das hat herzlich wenig zu bedeuten. Noch schneller sind die Lebensmittelpreise gestiegen. Entbehren die Klagen der Arbeiter nicht alle Berechtigung, so ist ihr Reallohn heute eher niedriger als vor einem Jahrfünft. Seit dem letzten Kriege besonders sind die Kosten des Lebensunterhaltes und die Steuern rapid himmelwärts geschnellt. Die hier angegebenen Lohnraten sind wohl durch die Bank v! ax i m a l sätzc. Nach meinen persönlichen Erfahrungen ist das effektive Lohneinkommcn niedriger. Tann werden von dieser Sta- tistik nur die qualifizierten, die gelernten Arbeiter erfaßt. WaS die zahlreiche Schicht der Tagelöhner der Industrie, die ÄuliS, erhalten, kgvn man nur ahnen.-..... hin sorgt die Klasseneinteilung dafür, daß. wie der Ober- bürgermeister Dr. W i l ck e n s bei der Verteidigung des Ge- setzcs in der Ersten Kammer ausführte, der B e s i tz in der Gemeindevertretung zur überwiegenden Geltung kommt. Von einer Erfüllung staatsbürgerlicher Gleichberechtigung ist also auch bei diesem Gesetz, das von der Zweiten Kammer einstimmig angenommen wurde, absolut keine Rede. Bei der Verteidigung dieses Gesetzes, für das übrigens auch der Präsident der Ersten Kamnier, der Thronfolger Prinz Max. in einer Erklärung eintrat, hielt Minister v. Bodman jene Rede, der unsere badischen Parlamentarier eine so große Bedeutung zumessen und die wir hier nach dem Berichte des„Karlsruher Volksfreund" etwas ausführlicher wiedergeben wollen. Bodman sagte: „Der Freiherr v. Stotzingen hat in seinen Ausführungen über die Sozialdemokratie, ihr Anwachsen in Baden auf ein zu großes Entgegenkommen zurückgeführt und dabei nicht undemlich auch meine Tätigkeit angeführt. Es ist aber darauf zurückzuführen, daß die bürgerlichen Parteien sich nicht gefunden, sondern sich zerfleischt haben. Und wer einen großen Anteil daran hat, daS brauche ich dem Freiherrn v. Stotzingen wohl nicht zu sagen. In Bezug auf seine Hinweise auf die Revolution flehe ich aus dem Standpunkt des Oberbürgermeisters Winterer. Auf Forderungen, die aus der Mitte des Volkes hervor- gehen, werden wir ihnen ein unerbittliches Nein entgegen- stellen. Das Entgegenkommen darf aber nicht zu spät eintreten. Die Bewegung der Sozialdemokratie kann man doch nicht schlechthin als eine Krankheit bezeichnen. In bezug auf ihre Verneinung der Monarchie und Bekämpfung der kapitalistischen Gesellschaft mag man sie utopistisch nennen. Aber sie ist auch zugleich eine großartige Bewegung zur Hebung des vierten Standes, der unbemittelten Klassen, die auch an der EntWickelung unseres Staats- und Gemeindewesens initarbeiten wollen. Und dein müssen wir ent- gegenkommen. Wir müssen ihre Forderungen prüfen und wenn man begründeten Forderungen nicht rechtzeitig ent- gegenlommt, so ist das ein Fehler." Wir wollen natürlich keinen Moment lang leugnen, daß diese Ausführungen sich vorteilhaft unterscheiden von dem reichsverbändlerischen Geschwätz, das etwa ein Rheinbaben dem preußischen Dreiklassenlandtag vorzutragen pflegte. Aber mit keinem Wort dieser Rede verläßt der Minister den bürger- lichen Klassenstandpunkt. Alles was sozialistisch und republika- nisch an unseren Forderungen ist, wird von ihm aufs schärfste zurückgewiesen. Es ist übrigens derselbe Minister, der durch eine frühere Rede die schärfste Zurückweisung unserer Frak- tion herausgefordert hat� Tut nichts. Diese Phraseologie, die außerhalb Teutschlands, in Frankreich oder sogar in Oester- reich, von jedem etwas besseren Minister perfekt gehandhabt wird, erweckt bei unseren genügsamen Parteigenossen Be- geisterung. Der„Karlsruher Volksfreund" schreibt: „Mannhaft und mutig war die Haltung des Ministers v. Bodman, der seine Stellung mit Energie und der bei ihm gewohnten Offenheit verteidigte. Dabei zeigte sich wieder, wie sehr seine Stellung zur Sozialdemokratie von Stimmungen abhängig ist.. Was er gestern über die Sozialdemokratie und ihre Bedeutung für das Staats- leben sagte, stand in schroffem Widerspruch zu dem, was er vor einiger Zeit in der Justizkommission ausführte. Diese grundverschiedenen Standpunkte lassen sich schlechterdings nicht miteinander vereinigen. Würde Herr v. Bodman aus seinen gestrigen Darlegungen über die Sozialdemokratie als politischer Faktor im Staatsleben die Konsequenzen ziehen, dann würde das Finale des dies- jährigen Landtag» anders auSgeklungen sein. Daß er die brüske Denunziation des Junkers v. Stotzingen, er(Bodman) fei sozu- sagen der Führer des Großblocks, nicht mit den sonst üblichen Entrüstungsphrasen zurückwies, sondern als Antwort dagegen seine Stellung gegenüber der Sozialdemokratie offen und vück- haltlos präzisierte, verdient uneingeschränkte Achtung und Anerkennung." Diesen Worten folgte rasch die Tat. Die Fraktion stimnltc für das Budget, denn wenn der Minister von Bod- man sich von Stimmungen leiten läßt, ist offenbar Stim- mungspolitik auch sozialdemokratischer Staatsmänner nicht unwürdig. Wenn Minister für treue Dienste Orden verleihen, so opfern sozialdemokratische Abgeordnete für ein paar euro- päische Redensarten den grundsätzlichen Standpunkt der Partei, stellen die Einheit der Arbeiterbewegung in Frage, stimmen für das Budget und gehen gleich dreimal zu Hofe. Daß das— leider!— nicht übertrieben ist, beweist uns ein Artikel des„Karlsruher Volksfreund", dessen Schluß uns ein Privattelegramm folgendermaßen übermittelt: „Nachdem der Minister v. Bodman in der Ersten Kammer am vorigen Mittwoch eine Stellung gegenüber der Sozialdemo- kratie eingenommen habe, die als gerecht bezeichnet werden müsse, hatte es sich die Fraktion zu überlegen, ob sie den Minister Im Jahre 1906 betrug der Durchschnittslohn pro Tag für Mari Brauer(Saks) monatlich. 23,66 Tabakarbeiter..... 1,08 Tabakarbeiterinnen... 0,84 Schriftsetzer...... 1,60 .(Frauen).. 0,50 Drucker(Zeitung. Buch) 0,60-0,73 .(Frauen).... 0.50 Papiermacher..... 0,70 Schristgießer..... 0,90 Minenarbeiter.. 0,54-2,22(?) (Frauen) 0.22-1,10(?) Mark Weber........ 0,84 Weberinnen...... 0,42 Schneider....... 1,18 Schuhmacher..... 1,16 Seidenspinnerinnen... 0,46 Zimmerleute..... 1,30 Maurer....... 1,64 DaÄdecker...... 1,46 Schiffbauer...... 1,40 Schmiede....... 1,14 Möbelschreiner..... 1,18 Goldschmiede.... 1,06 Diese Löhne verstehen sich für einen Arbeitstag von zehn bis zwölf Stunden. Für die große Masse der Fabrikarbeiter be» steht der Zwölfstundentag. Gibt es einige an Zahl schwache Be- rufSgruppen, die sich des Achtstundentags erfreuen, so haben auch andererseits viele dreizehn und vierzehn Stunden und noch mehr zu schanzen. In der Textilindustrie und auch in anderen Branchen ist das Zweischichtsystem in Kraft. Eßpausen gibts dort praktisch nicht. Während die eine Hälfte den Inhalt des Reisnapfes der- schlingt, hat die andere neben ihren eigenen auch noch die ohne Aufsicht gelassenen Maschinen zu bedienen. Folgen der niedrigen LShiw. Die schlechtest bezahlte Arbeit ist die teuerste! Diese Binsen- Wahrheit ist in Japan noch wahrer als anderswo. Die niedrigen Löhne lassen die Anschaffung moderner Maschinen nicht dringend erscheinen, noch heißen sie Menschenarbeit sparende Erfindungen auf allgemeiner Basis fruitifizieren. Andererseits aber wird eS durch mangelhafte Ausnützung technischer Fortschritte, durch Weitere Beibehaltung handwerksmäßiger ProduktionSmethoden schwer, wenn nicht gerade unmöglich, eralte, gleichmäßig ge- arbeitete Produkte herzustellen, noch kann sich die Erzeugung von Fabrikaten einbürgern, für die Präzision erste Bedingung ist. Aber noch eminent größere Schäden zeitigen tne niedrigen Löhne»roch in anderer Richtung. DaS geringe Einkommen kann den Industriearbeiter nicht zu fleißiger, guter, Zeit und Material sparender Arbeit reizen. Auch kann eS nicht fein Interesse für? Geschäft, noch die Liebe für den Beruf, noch das Streben nach Erhaltung des Arbeitsplatzes fördern. Der Bauer von gestern hält die paar Jen, die er am Zahltag erhält, für ein viel zu geringes Aequivalent für die Einbuße«j frischer Lyft, Licht ülld Freiheit, i'etn Zentrum oßfern kvolke. Tas Zenftvm hatte Nur darauf gewartet, daß die Vorlage wegen der Gemeinde- und Städteordnung zu Fall gebracht wird, und damit war auch das Schicksal des Ministers besiegelt. Unter diesen Umständen wäre es eine verfehlte Demonstration gewesen, gegen den Minister und gegen das Budget zu votieren Die sozialdemo- kratische Fraktion war noch am Mittwoch entschlossen, gegen das Budget zu stimmen; erst die veränderte politisch« Lage, herauf- beschworen durch die Beschlüsse der Ersten Kammer, habe eine andere Stellungnahme erfordert. Die sozialdemokratische Fraktion des badischen Landtages hat nur das getan, was die Klugheit, die Pflicht und das Jnter- esse der Partei erforderte. Das Gegenteil wäre ein unverzeih- licher theoretischer und taktischer Fehler gewesen, der sich bitter gerächt hätte." Und nun fragen wir. ist das nicht die reine politische Kinderstube? Die Erste Kammer hat heute die Gemeinde- und Städte- Ordnung angenommen, nachdem die Zweite Kammer einige Verschlechterungen der Ersten akzeptiert, aber in der ent- scheidenden Frage der Sechstelung die Vorlage wiederherge- stellt hatte. Hinter dieser Vorlage stand geschlossen nicht nur die Zweite Kammer, sondern auch die Regierung und. wie die Erklärung des Prinzen zeigt, auch die Krone. Daß der Widerstand der Ersten Kammer da nicht von Dauer sein konnte, hätten auch ängstliche Gemüter einsehen können. Aber selbst davon noch abgesehen, was hat die Abstimmung über das Budget mit der Gemeindeordnung zu tun, da aus einer Ablehnung des Budgets durch die sozialdemokratische Minori- tät dem Minister gar keine Schwierigkeiten hätten erwachsen können!? Und wenn ein Votum der Ersten Kammer allein genügt, einen Minister zu stürzen, ist dann eine solche Ver- fassung wirklich selbst vom opportunistischen Standpunkte das Opfer wert, das die badischen Parlamentarier gebracht haben? Und selbst wenn Herr von Bodman gestürzt wäre, in der zweiten Kaminer herrscht doch die berühmte Großblockmajori- tät, die jede Reaktion unmöglich machen sollte. Nein, selbst vom opportunistischen Standpunkte aus wird man vergeblich zureichende Gründe für die Haltung der Fraktion suchen. Und so bleibt die Tatsache in ihrer ganzen unheilvollen Tragweite bestehen: Die Fraktion des badischen Landtages hat die verantwortungsvolle Aufgabe, die Interessen der Sozialdemokratie an hervorragender Stelle zu vertreten, nicht erfüllt. Sie hat aus Erwägungen gehandelt, die mit dem proletarischen Klasseninteresse nichts zu tun haben und von der deutschen Arbeiterklasse nicht verstanden werden. Sie hat diese Erwägungen über das Gesamtinteresse der Partei gestellt und dadurch der politischen Vertretung der Arbeiter- klaffe schweren Schaden zugefügt. Wenn irgend etwas die Notwendigkeit demokratischer Selbstregierung innerhalb der Partei beweist, wenn etwas dem deutschen Proletariat zeigen kann, wie wichtig die Aufrechterhaltung der Parteitagsbc- schliisse ist, so sind es die Vorfälle in der badischen Kammer. Nochmals sprechen wir die Hoffnung aus, daß die b a d i s ch e Sozialdemokratie der Gesamtpartei ihre schwere und unangenehme Aufgabe erleichtern wird, indem sie nicht partikularistischen Erwägungen Raum gibt, sondern über alle lokalen Bedenken und persönlichen Stimmungen hinweg nur eines sich vor Augen hält: das Gesamtinteresse der deutschen Sozialdemokratie und.die Einheit der deutschen Arbeiterbewegung. Das ivor die Richtschnur, die vor zwei Jahren einen großen Teil der württembergischen Parteigenossen in der Kritik der Haltung ihrer Fraktion geleitet hat und dieselbe Richtschnur war maß- gebend, als die österreichischen Parteigenossen das Verhalten ihres Vizepräsidenten Perner st orfer nicht akzeptierten. Es war nicht einer der geringsten Verdienste, die sich Perner- storfer um die Partei erworben hat, als er der Stimmung des Parteitages mit den Worten Rechnung trug, da diese Vorfälle bei der Masse der Parteigenossen Anstoß erregt hätten, würden sie nicht wieder vorkommen. Wir wissen, daß, wenn wir gleiches von den badischen Genossen fordern, wir etwas verlangen, das zu erfüllen ihnen leider heute nicht ganz leicht fällt. Aber das Interesse der Gesamt- parte! sollte die Erfüllung dieser Forderung zur ge« bieterjschen Pflicht machen. poUtifcbe dcbcrftcbt. Berlin, den 15. Juli 1910. Die Gemeinde- und Städteordnung in Baden. Die Erste Kammer hat heute das Gesetz über die Gemeinde- Ordnung angenommen. Die Zweite Kammer hat, obgleich sie in die ihm die Tätigkeit in der industriellen Bastille bringt. Der Fabrikarbeiter des Okzidents bildet gedanklich eine Einheit mit seiner Maschine; sein Berufsstolz und die Freude an seinem Tages- werk sind Imponderabilien, die dem Unternehmer wohl zu Buch schlagen. Beides ist bei dem Arbeiter des Orients, und bei dem japanischen im besonderen, nicht sonderlich hoch entwickelt. Schlechte Funktion der Maschinen und der Werkzeuge. Mißlingen der Ar- veit, Verhinderung an gleichmäßiger Fortarbeit können bei ihm nur Gefühle des Mißmutes gebären. Für die paar Groschen Lohn sich auch noch ärgern, betrüben und uneigennützig zu sein, fühlt er sich nicht veranlaßt. Der Hundelohn kann ihn nicht anspornen, seine vom Alter geheiligten und Fleisch und Blut gewordenen Eigenschaften durch andere, der Industrie und dem Unternehmer« prosit vorteilhaftere zu ersetzen. Charakterzllge der asiatische» Arbeiter. Der asiatische Arbeiter kann einer kontinuierlichen Tätigkeit nun einmal keinen Geschmack abgewinnen. Er, der Bauer von gestern, haßt die Maschine, die ihn zwingen will, mit ihr gleichen Takt zu halten. Gewiß hatte er daheim auf der Scholle auch schwer zu schanzen. Ein Dorado d«S Müßiganges war der Bauern- Hof auch nicht. Aber die Natur der Feldarbeit brachte längere oder kürzere Pausen; sie gab Zeit und Gelegenheit, ein Schälchen Tee zu trinken, ein Pfeifchen zu rauchen, einen Plausch mit dem Nachbar zu machen, und immer war es ihm möglich, seinen Nei- gungen als Bewunderer der Natur nachzugehen; auch fühlte er sich Herr in der Bestimmung der Länge seiner Arbeitszeit und des Aufwandes seiner Arbeitskraft. Alle diese kleinen Annehmlichkeiten will ihm nun die Fabrik nehmen, ohne dafür einen Ersatz zu geben. Wa« Wunder, wenn er sie bis in die tiefsten Schächte seiner Seele haßt, und in und mit ihr heiß um seine Privilegien, die ein hohes Alter geheiligt, kämpft. In der Stätte seiner neuen Tätigkeit setzt er die liebgewor- denen Gewohnheiten fort. Gegen die Länge des Arbeitstages hat er weniger einzuwenden, vorausgesetzt, daß er nicht zu intensiver und ununterbrochener Tätigkeit gezwungen wird.„Der japanische Arbeiter, der Mann der Landwirtschaft, der Arbeiter der Städte — ist eher tätig als fleißig, eher geduldig als energisch. Er erfüllt ohne zu seufzen sein Tagewerk, das unmittelbar notwendig ist, ihm seinen Lebensunterhalt für den Tag zu verschaffen. Hat er das Notwendige, denkt er nicht daran, für Ueberflüfsiges zu sorgen. Niemals sieht man ihn wegen eines in Aussicht stehenden großen Sa&Ä sich sehr«nstpMgeo,.niemgls, daß er sich beeile. ihren Beschlüssen outzerordentlich bescheiden war und die erst ge- forderte direkte Wahl der Bürgermeister und Gemeinderäte hatte fallen lassen, noch recht Niel Wasser in ihren Wein schütten müssen, um das Gesetz überhaupt zustande zu bringen. Denn die Erste Kammer— das badische Herrenhaus— hat sehr wesentliche Verschlechterungen in die von der Zweiten Kammer ge- billigte Fassung hineingebracht. Nach den Beschlüssen der Zweiten Kammer sollte jeder Steuerzahler das aktive und passive Wahlrecht haben. Die Erste Kammer hat diese Bestimmung gestrichen und hat den Besitz des Wahlrechts und der Wählbarkeit von dem Besitz einer eigenen Lebensstellung nach dem jetzt geltenden Gesetz abhängig gemacht. Danach bleiben alle Unverheirateten, die keinen eigenen Hausstand haben oder keine 20 M. direkte Staatssteucrn bezahlen, vom Wahlrecht ausgeschlossen. Das Gesetz ist also in dieser Beziehung schlechter als das preußische, das einen selbständigen Haushalt schon bei denen annimmt, die möbliert wohnen oder ein Logis gegen Bezahlung inne haben. Desgleichen hat die Erste Kammer die vierjährige Wahlperiode abgelehnt, so daß eS auch hier beim alten(S Jahre) bleibt, und hat den adligen Grundherren die ihnen in der Zweiten Kammer gestrichene Polizeigewalt wieder eingeräumt. Weiter hat sie die Bestimmung, nach der der Stadtrat verpflichtet ist, ine Beschlüsse des Bürgerausschusses dann durchzuführen, wenn sie mit Zweidrittelmehrheit gefaßt find, glatt gestrichen. Alle diese Ver- schlechterungen haben die Mitglieder der Zweiten Kammer, zum Teil mit besonderem Vergnügen geschluckt, weil mancher von den Reaktionären von vornherein in der stillen Hoffnung, daß die Erste Kammer die.zu weitgehenden" Beschlüsse schon ablehnen würde, für dieselben gestimmt hatte. Die weitere Verschlechterung der Ersten Kammer, anstStt der beschlossenen Sechstelung die jetzt für die Gemeinden mit über 4000 Einwohnern bestehende Zwölftelung und für die kleineren Gemeinden zwischen tvOv'und 4000 Einwohnern bestehende Neunte. lung bei der Klassenbildung aufrechtzuerhalten, hat die Zweite Kammer jedoch abgelehnt. Und das Herrenhaus hat sich gefügt und kmt am Freitag gegen 10 Stimmen der Sechstelung schließlich die Zustimmung gegeben. Wenn die Zweite Kammer e5 darauf ankommen ließ, hätte nach der Verfassung eine Durch- zählung stattfinden müssen. Und da nun die Zweite Kammer 73, die Erste aber nur 32 Mitglieder zählt, so hätte die letztere immer unterliegen müssen. Hieraus ersieht man aber auch, wie wenig eZ der Mehrheit der Zweiten Kammer mit ihren fortschrittlichen Beschlüssen ernst gewesen ist, denn sie hätte der Ersten Kammer gegenüber bei einiger Geschlossenheit alle ihre Beschlüsse durch- drücken können.. Der Unterschied gegenüber der preußischen Dreiklasseneintei- lung besteht darin, daß die erste Klasse immer ein Sechstel, die zweite Klaffe zwei Sechstel und die dritte Klasse die übrigen drei Sechstel der Wählerzahl umfaßt. Einen Fortschritt bedeutet auch die Einführung des Proportionalwahlverfahrens.— Der Versuch unserer Genossen, das Stimmrecht für die Frauen einzuführen, scheiterte an dem Widerspruch der Regierung und der Gegnerschaft der bürgerlichen Parteien. Denn außer der Fortschittlichen Volks- Partei stimmten nur drei nationalliberale Abgeordnete für den von unseren Genossen gestellten Antrag. Alles in allem genommen, dürfte das neue Gesetz uns eine, wenn auch bescheidene Vermehrung unserer Sitze in den Gemeindevertretungen überhaupt, besonders aber in den stadträtlichen Körperschaften, bringen. Die letzte Sitzung der zweiten badischen Kammer. Karlsruhe, Ib. Juli.(Privatdepesche des„Vorwärts".) Auf der Tagesordnung steht die Interpellation der Sozialdemo- k r a t e n, den immer noch arbeitslos werdenden Tabakarbeitern Reichsunter st ützung zu erwirken, eventuell aus b a d i- fchen Staatsmitteln Arbeitslosenunterstützung zu gewähren. Die Regierung erklärte, daß sie dies beim Reichs- kanzler vergebens versucht habe und auch nicht auSbadischen Staatsmitteln weitere Unter st ützung gewähren wolle. Somit hört vom 1. April an jede Unterstützung der Tabak- arbeiter auf. Den Antrag der Sozialdemokraten, dem Etat 1910/1011 zum Zwecke der Arbeitslosenfürsorge 100 000 M. einzuverleiben, erklärte der Minister Bodman, der ihn schon in der Kommission ablehnte, für unannehmbar, da gestern das Finanzgesetz angevommen wurde. Gegen- über einem abgeänderten, gegen das Zentrum angenommenen Antrag, diese Summe dem nächsten LandtagSetat einzuverleiben. schwieg sich der Minister auS. Es kam dann die Frage der gesetzlichen Regelung der Ar- beitsnachweise und die Unterdrückung der barbarischen Unter- uehmernachweise in Mannheim zur Verhandlung. Die Regie- rung und der nationalliberale Redner verteidig- ten die Unternehmerpraktiken und erklärten sich nur bereit zu eine Arbeit zu vollenden, um zu einer anderen übergehen zu können. Tretet ein in eine Werkstatt: man raucht, man lacht, man plaudert; von Zeit zu Zeit wird ein Hammerstreich yetan, ein Arbeitsstück gehoben, dann wird diskutiert, und dann wird wieder von vorn angefangen. Der Tag neigt sich zu Ende; endlich flingeltS Feierabend, und somit der Tag wieder vorbei. Man hat immer einen Vorwand zu feiern: die Hitze, die Kälte, den Regen und besonders die Feste." Was hier Bousquet(in„Le Japan de nos JourS") vor Jahrzehnten geschrieben hat, habe ich selbst noch vor einiger Zeit in zahlreichen Fabriken bestätigt gefunden. AIS ich die ausgedehnten Werkstätten der Eisenwerke in Osaka besuchte, sah ich zuweilen eine ganze Mannschaft plaudernd und rauchend auf dem Boden hocken. Der mich begleitende(höhere) Beamte genierte sie nicht im geringsten. In den Spinnereien ließen die Mädchen ReiStopf und Maschine in Stich, um mir auf den Gang durch die Säle Gesellschaft zu leisten. Noch lebhaft er- innere ich mich der Arbeitsweise meiner Berufsverwandten im Nordwesten Tokio». Da» schwache Dutzend fast ganz nackter Mechonikergesellen arbeiteten so drollig, daß man ihnen stunden- lang hätte zusehen können. Nachdem sie das Arbeitsstück gehörig betrachtet und daS, was cS von ihnen forderte, stirnrunzelnd er- wogen hatten, begannen sie zu feilen und zu meißeln, daß eS eine helle Freude war. Aber nicht lange. Dann machten sie eine Rast. Das Pfeifchen wurde gestopft, die trockene Kehle mit dem Inhalte des immer bereiten Teekännchens benetzt und mit dem Schraub- stocknachbar, wie mir es schien, das Fortschreiten der Arbeit be- sprachen. DaS»Singe, wem Gesang gegeben", muß in Japan gedichtet worden sein. Ob nun KuliS auf der Straße Bahnschienen unter- keilen, oder die Typographen ihre Lettern zusammensuchen, oder die Frauen Lumpen sortieren, überall wird ein kräftiger Gesang geschätzt. Es kommt dem japanischen Arbeiter kaum in den Sinn, seine Maschine zu reinigen oder für ihren geregelten Gang zu sorgen. Bricht sie entzwei oder geht sie nicht mehr, um so besser für ihn. Wenn sich der Blick des Aufseher? von ihm wendet, glaubt er den günstigsten Moment für eine Rast gekommen. Daß eine Maschine oder sonstige Arbeit wartet, kann die Ruhe über alle? liebende Seele nicht belasten. Ist das häßlich knatternde Ding von einer Maschine närrisch genug, sich in seine einzelnen Teile oder in Atome aufzulösen, so beginnt stille Freude aus den sonst ziemlich mürrisch dreinschauenden Augen zu leuchten. Endlich wieder ein- mal eine Gelegenheit. Generalrast zu halten. Reklamationen kommt «r entgegen mit feinem für alle Zwischenfälle des Lebens probatem: Schikata ga nail(Nichts zu machen.) Sollte der Fabrikant kein volles Lerständnis für die alles rechtfertigende Kraft dieser Er- folgenden von der KatnKer einstimksitg gütgeheißettett©tfirnb* fätzcn: 1. Förderung der paritätischen Arbeitsnachweise nach Mög- lichkeit; 2. schärfere Kontrolle der einseitigen Arbeitsnachweise auf Grund des neuen Stellenvermittelungsgesetzes. Die Regierung verurteilte nicht einmal grundsätzlich die schwarzen Listen und sie und die Kammermehrheit lehnten den sozialdemokratischen Antrag ab, der das Verbot von Neu- gründungcn einseitiger Jntercssen-ArbeitZnachweise verlangte. Di: Genossen Süßkind und Meyer wiesen darauf hin, daß eine derartige ungenügende Sicherheit gegen ditz Ausbeutung der Scharf. macher, bei der jetzt in Mannheim herrschenden Gärung die Ar- beiterschaft zu Gewalttätigkeiten verleiten könnte, für die wir keine Verantwortung übernähmen. Als letzter Punkt stand die Forderung der Sozialdemokraten auf der Tagesordnung: Ausbau der Gewerbeinspektion durch Einstellung hin- reichender Hilfskräfte aus Arbeiterkreisen. Ohne jede Debatte und ohne jede Erklärung der Regierung wurde diese Forderung ein- stimmig angenommen, dagegen mit geringer Mehrheit der weitere sozialdemokratische Antrag, Baukontrolleure aus Avbeiterkreifen mit dem Vorschlagsrecht aus Arbeiterkreisen zur amtlichen Ueberwachung der Bauten anzustellen, abgelehnt. Gegen diese Forderung hatte sich die R e g i e r u n g in der Kommission aus- gesprochen. Im Plenum schwieg sie. Bei der Wahl zum Land- ständischen Ausschuß wurden die Genossen Geis und Geck in den Ausschuß gewählt. Morgen ist der feierliche Schluß des Landtags durch den Staatsminister, an dem sich die. Sozialdemokraten zum ersten Male beteiligen werden. Was sich Studenten alles gefallen lasien müssen. Die freie Studentenschaft der Universität Gießen wollte in diesem Sommersemester öffentliche akademische Versammlungen abhalten, in denen namhafte Politiker aller Parteien die Programme ihrer Parteien entwickeln sollten. DaS Rektorat verbot indessen diese Versammlungen, worauf drei Studenten in ihrem Namen zu diesen öffentlichen Versammlungen einluden. Die drei Einberufer dieser Versammlungen wurden nun vom Rektorat bestraft, einer mit Relegation für zwei Semester, einer zur dauernden Relegation, und der dritte mit einer Ver« iv a r n u n g. Um die Abhaltung der weiteren Vorträge zu er- möglichen, übernahm ein hiesiger Rechtsanwalt, der auch noch als Student immatrikuliert ist, die Einberufung der weiteren Vorträge. Dieser Rektor, der so drakonisch jede politische Aufklärung zu verhindern sucht, ist sicher irgend eine nationalliberale Leuchte. Eine verpuffte Staatsaktion. In nicht weniger als vier Fällen war in letzter Zeit das Strafverfahren gegen den verantwortlichen Redakteur der „Schleswig-Hol steinischen VolkSzeitung" Ge- iwssen Hermann B r e c o m, eingeleitet worden wegen der Be- zeichnung von Unteroffizieren der Armee und Marine mit dem Namen„Stellvertreter Gottes". Zwar ist dieser Ausdruck schon vor vielen Jahren im Reichstage durch den Zentrumsabgeordneten LingenS geprägt worden und seitdem unbeanstandet durch die Presse gegangen, aber jetzt sah darin die Staatsanwaltschaft oder vielleicht eine höhere militärische Stelle eine Beleidigung des Unteroffizier- standcs. Daß die Veranlassung zur Strafverfolgung von einer höheren militärischen Stelle ausging, dafür spricht die Tatsache, daß in den vier verschiedenen Fällen der Strafantrag von drei verschiedenen Seiten kam. In zwei Fällen hatte das Marinekommando der Ostsee, in einem das Generalkommando des 0. Armeekorps und im letzten Falle der sächsische Kriegsminister den Antrag auf Strafverfolgung gestellt. Die ganze Aktion ist jedoch verpufft. Im ersten Falle wurde das Verfahren eingestellt, im zweiten Falle erfolgte Freisprechung, im dritten eine Ver- urteilung zu 00 Mk. Geldstrafe, weil die Bezeichnung mit einer höhnischen Wendung auf«inen bestimmten Unteroffizier angewandt war, im letzten Falle, der am Dienstag vor dem Landgericht in Kiel abgeurteilt wurde, kani es wieder zur Freisprechung. Dieser Anklage lag ein Kriegsgerichtsbericht zugrunde über eine Verhandlung vor dem Kriegsgericht in Dresden. Das Gericht hatte einen Bäckersgasten der Marine, der auf seinem WeihnachlSurlaube in Riesa in stark angetrunkenen Zustand mit einem Segeanten in Konflikt geriet, zu der grausam hohen Strafe von drei Jahren zwei Monaten Gefängnis verurteilt. In dem Berichte kamen die Sätze vor:„Doch müßte dieses todeswürdige Verbrechen gegen die geheiligte Person eines Stellvertreter Gottes blutig gerochen werden" und„Wieviel Soldaten dürfte da ein Stellvertreter Gottes erst zu Krüppeln schlagen und zum Selbstmord getrieben haben, um eine solche Strafe zu bekommen?" Der sächsische Kriegsminister stellte Strasantrag, weil durch die Bezeichnung„Stellvertreter GotteS" sämtliche Unteroffiziere der sächsischen Armee beleidigt seien. Das Gericht sprach aber den Angeklagten frei mit der Be- gründung, daß der Ausdruck sich gegen die Institution richte und scharfe und giftige(?) Kritik an dem System übe, aber keine Be- leidigung der Unteroffiziere enthalte. widerung haben, so steht ihm frei, zu tun, Was ihm beliebt. Er kann den über das Mißgeschick gleichgültig schmunzelnden Arbeiter entlassen, er wird sich keinen Feind machen. Aber er kann mit ziem- licher Sicherheit darauf rechnen, daß er mit einem anderen um keinen Deut besser daran ist. Uebrigens wissen das die Fabrikanten auch sehr gut. Sie versuchen, dem Ucbcl auf andere Weise zu steuern. Der Japaner liebt seine Göttin Natur, er betet sie an. S-ie zieht ihn um so mehr an, wenn er in die schwüle Atmosphäre der Fabrik gepreßt ist. Die Liebe zu ihr kennt keine Schranken. In- mitten der Arbeit überkommt den kleinen braunen Mann ein Drang, dem er nicht zu widerstehen vermag. Er nimmt daS Tce- kännchen und den Reistopf und steuert mit leichtem Herzen und großen Hoffnungen hinaus. Die garstige Erinnerung an Fabrik- staub, Oelgestank und Rkaschinengetöse sucht er zu vergessen am weichen Busen der Natur. Besonders nach dem Zahltag bietet sich beste Gelegenheit zur Befriedigung der Leidenschaft. Einmal oder zweimal im Monat winkt dieser günstige Moment. In einer Fabrik in Osaka traf ich viele Arbeitsplätze leer. Der Beamte, darüber befragt, sagte: Nach jedem Zabltag lieben die Leute einen Blauen zu machen. Gestern hat eS Geld gegeben und heute ist die Hälfte der Leute nicht da. Sie kommen wahr- scheinlich auch morgen noch nicht. Vielleicht kommen sie aber über- morgen, aber nicht um gleich zu arbeiten, sondern um sich erst gegenseitig lang und breit zu erzählen, wie lustig es die paar Tage gewesen sei. Ja, läßt die Fabrikleitung daS geschehen?, fragte ich. Sie mutz es, ob sie will oder nicht. Wenn wir nicht unsere Arbeit allein machen wollen, müssen wir ein oder eigentlich beide Augen zudrücken. Eine Bestrafung kann den AuSzug der ganzen Gesellschaft bringen., Mit Geld im Beutel scheint eS für den japanischen Arbeiter schwer, den Weg zur Fabrik zu finden. Ueber den Verlust des Lohnes grämt er sich nicht sonderlich. Viel braucht er ja nicht. Wenn er nur so viel hat. sich Reis kaufen zu können, läßt sein Arbeitseifer nach. Freilich: auch wenn sein Sinn auf daS Schätze- sammeln stünde, hätte eS keinen großen Wert, denn von den paar Neu, die er erhält, kann nichts für die Sparbank erübrigt werden. Jene kindliche Freude an der Natur macht nun zwar dem japanischen Arbeiter alle Ehre. Nur hat der um die Größe der japanischen Industrie und um seinen Profit besorgte Unternehmer nicht das richtige Verständnis dafür. ES wird deshalb allerlei ver- sucht, dem Arbeiter das Blaumachen abzugewöhnen und seinen Sparsinn, Arbeitseifer und Berufsstolz zu fördern. ES werden für ununterbrochene Arbeit oder langes Aushalten in einer Stellung Nationalliberale Sammelpolitik. Die kommenden Reichstagswahlen beginnen schon in einigech Wahlkreisen des JndustriebezirkS ihre Schatten vorauszuwerfcn» Besonders ist es der Wahlkreis Hagen, in dem sich die Partei# konstellationen zu klären beginnen. In dem alten Richterscher» Wahlkreis hat die Sozialdemokratie bei der letzten Wahl 17 073 Stimmen(Stichwahl 20 070) erhalten, während auf den Frei, sinnigen Bürgermeister Cuno als gemeinsamer Kandidat der Nationalliberalen und Freisinnigen 18 032 Stimmen entfielen und das Zentrum 0844, die Christlich-Sozialen 1082 Stinimcn zählten. In der Stichwahl siegte Cuno mit 22 607 Stimmen. Durch verschiedene Vorkommnisse hat sich Dr. Cuno nun in Hagen politisch abgewirtschaftet und wird jedenfalls nicht mehr als Kandidat auf- gestellt werden. Wie stark der Kreis durch die Sozialdemokratie ge- fährdet ist, geht aus ihrem stetigen gleichmäßigen Wachstum hervor. Die Natiolurlliberalen sind deshalb mit dem Vorschlage einer ge» meinsamen Sammelkandidatur für alle Parteien hervorgetreten und haben zunächst die Freisinnigen dafür zu ge- Winnen gesucht. Es hat deshalb ein zwei Monat sich hinziehender Briefwechsel zwischen den beiden Parteibureaus stattgefunden und die„Rh.-W.-Ztg." schreibt darüber, daß„Einem der Menschheit ganzer Jammer erfassen müsse, wenn man diesen Briefwechsel ver- folgt habe." Die Freisinnigen lehnten aber daS Anerbieten der Nationalliberalen ab. Nun beabsichtigen die Nationalliberalen mit den übrigen Parteien einen Kompromißkandidaten aufzustellen, der aus den Kreisen der Industrie und des Handels entstamme. Auf diesen Kandidaten würden dann, unter Zugrundelegung der Verhältnisse von 1007, 12 412 Stimmen entfallen und die Frei- sinnigen würdon dann mit 10 072 Stimmen, die sie bei der Wahl 1903 erhielten, völlig ausgeschaltet sein. Die„Rh.-W. Ztg." rechnet denn damit, daß die Freisinnigen den Sozialdemokraten wählen. und daß—„künftighin auch von Hagen-Schwelm ein Wässerlein in die rote Flut fließen wird." Sie kann recht haben. Ueber die schlimmen Wirkungen der Reichsfinanzreform, besonders auf die Tabakindustrie wird in dem Jahresbericht der Posener Handelskammer u. a. geschrieben: „DaS Ergebnis des Jahres 1009 gab zu Klagen Anlaß in den Brauereien, Likör- und Zigarrenfabriken, die durch die Reichsfinanz» refor», stark belastet wurden. Nach einer kurzen Blüte des Geschäfts vor dem Inkrafttreten der neuen Steuergesetze, veranlaßt durch daS Bestreben der Abnehmer, sich noch zu den bisherigen Preisen mit Ware zu versorgen, trat nachher besonders in der Zigarre n- induftrie eine völlige Stagnation ern. ES ist zwar verfrüht, schon jetzt ein Urteil darüber abzu- geben, welche Tragweite die neuen Steuerbelastungen für die betroffenen Industriezweige auf die Dauer haben werden. soviel ist aber gewiß, daß die Steuern diese Industrien einstweilen in ihrer Entlvickelung hen, men, weil- die Belastungen, welche ihnen auferlegt sind und welche sie um ihrer Exi st enz willen abwälzen müssen, Erhöhungen der Preise ihrer Fabrikate bedingen. Die in Betracht kommenden Industriezweige können berechtigterweise erwarten, daß sie nunmehr vor weiteren Stcuerprojekten und Steuergesetzen bewahrt werden." Die Zigarrenindustrie in der Provinz Posen befindet sich zum Teil auch in den Händen polnischer Fabrikanten, welche mit Vorliebe ihre Anlagen in kleinen Landstädten errichtet haben, da sie dort billige und unorganisierte polnische Arbeitskräfte, meistens weibliche zur Verfügung haben, die ganz miserable Löhne beziehen. Nach den Feststellungen der Tabakberufsgenossenschaft für 1906 betrug der JahreSdurchschnittSverdienst pro Vollarbeiter nur 406,27 M. Die polnische ReichStagssraktion achtete bei der Reichsfinanzreform daraus nicht, daß die elende Lage dieser polnischen Tabakarbeiter infolge der weiteren Stenerbelastung des Tabaks sich verschlimmern wird, es kam ihr nur darauf an. die 662 polnischen Großgrundbesitzer in der Provinz Posen vor der Erbschaftssteuer zu schützen und den polnischen adeligen Fuselbremiern die Branntweinliebesgabe erhalten zu können. Sehnliches berichtet die Handelskammer Schweidnitz aus Niederschlesien: „Namentlich in der Zllndwarenfavrikation haben sich die Verhältnisse überaus verschlechtert, da neue Auf- träge sehr schwer zu erreichen sind. Kunden, die früher 10 bis 30 Kisten oder auch ganze Ladungen kauften, beziehen jetzt eine, höchstens zwei Kisten. Bei dem hohen Steuersatze von 100 M. für die Kiste wird die Anschaffung von Lagerbestanden vermieden und nur von Woche zu Woche gelaust, um nicht viel Geld in die Ware zu stecken. ES haben sehr viele Arbeiter» entlassungen stattgefunden und statt an sechs wird nur an drei bi» vier Tagen in der Woche gearbeitet. Auch hinsichtlich des D e st i l l a t i o n S» gewerbeS haben sich die Befürchtungen voll und ganz erfüllt. Der Bedarf ging weiter zurück, trotzdem die Versorgung her Gast- Wirte aufgebraucht ist. Als hauptsächlichste Ursache hierfür gilt die erhöhte Branntweinsteuer, doch kommen auch weiter in Betracht die Abstinenzbewegung und der Branntwein- boykott." Die Urheber des Verbrechens dieser Finanzreform, die den reichen Agrariern Millionen an Liebesgaben einträgt und über die Arbeiter Not und BeschästigunaSlosigkeit verhängt hat, werden der Strafe nicht entgehen. Für sie wirb der Wahltag �um Zahltag werden progressiv steigende Prämien ausgesetzt; eS werden von Fabriksparkassen den Arbeitern hohe Zinsraten, zuweilen 8 Proz., für ihre Einlagen gezahlt; man versucht es mit der Einbehaltung eine» Teiles des Lohnes; in vielen Fabriken werden die Leute in Baracken einlogiert und dürfen nur zu bestimmter Zeit mit Erlaubnis ausgehen, oder es wird aus dem Fabrikladen fröhlich auf Borg ge-' geben, um die Arbeiter durch Schulden zu fesseln. Alle diese Maß- nahmen sind umsonst. Die Klagen über die Untugenden der Ar- beiter wollen nicht aufhören. Dort, wo sie nachgeprüft werden können, muß das in der industriellen Welt des Okzidents geschärfte Gewissen ihnen beistimmen. So beträgt in einigen der größten Etablissements der Textil- und Minenindustrie die Flukwatum der Arbeiter vierzig bis fünfzig Prozent. ES versteht sich, daß alle jene Mittel, die angewandt werden, dem Arbeiter seine intensiver Fabrikarbeit entgegenstehenden Ge- wohnheiten, Leidenschaften und Sitten, oder wenn man will, seine Untugenden und Laster, abzugewöhnen, vorderhand scheitern müssen, weil eben in kurzer Zeit auS einer asiatischen Bauernschaft ein fleißiger, berufsstolzer und beständiger Arbeiterstamm nicht zu erziehen ist. Vor allem aber können die Arbeiter nirgends einen Vorteil sehen, der sie zu einer Aenderung ihrer Gewohnheiten' reizen könnte. DaS beste Mittel, das sie anspornen könnte, dem europäischen Industriearbeiter nachzuahmen, wäre ein guter Lohn. Die Wirksamkeit dieses Mittels ist beispielsweise in Amerika sehr gut zu beobachten. Der gut bezahlte amerikanische Arbeiter klebt hundertmal fester an seiner Stelle als der schlecht bezahlte„Hun" oder„Dago"(Slave oder Italiener). Wird aber der Lohn höher, steigt er über die Rate, die der simple Sohn Italiens oder der Pußta zum Leben für notwendig hält, so ent- wickelt sich sein Sparsinn, seine Arbeitslust und der Widerwille gegen Arbeitsversäumnis, während er daheim einem»Blauen"' nicht sonderlich abgeneigt war. Der nämliche Vorgang ist bei den japanischen Arbeitern selbst zu beobachten. Sobald sie durch das Hintertor de? Onkel Sani geschlüpft sind steigt ihr Arbeitseifer und ihre Sparsamkeit merk» würdig schnell— zum größten Verdruß ihrer amerikanischen Klassengenossen. Selbst wenn sie noch weit weniger alz die Hälfte' des Lohnes der amerikanischen Arbeiter erhalten— was immer noch vier- bis sechsmal mehr ist als daheim— bekommt Arbeitslust und Sparsinn eine vorher ungekannte Intensität. In Japan würde sich auch ohne Zweifel mit einer besseren Bezahlung der Arbeiter da? Streben nach Erhaltung des Arbeitsplatzes und die Sparluft einstellen. Mer von höheren Löhnen wollen die japanischen Unter» nehmer absolut nichts wissen.* Private Hilfe gegen Soldatenschindereie«. Da Regierung und Militärbehörden sich zum Teil abgeneigt, zum Teil aber gänzlich unfähig erwiesen haben, die ständigen Sol» datenmitzhandlungen einzuschränken und noch weniger sie zu be- seitigen, soll jetzt private Hilfe in Anspruch genommen werden. Wie gemeldet wird, ist die Gründung einer Zentral st elle zur Bekämpfung der Mißhandlungen in der Armee und Marine in Aussicht genommen. Die Zentralstelle will ihren Zweck erreichen durch folgende Mahnahmen: 1. Sammlung kriegsgerichtlich ergangener Urteile im Gebiete des Deutschen Reiches und der Kolonien, die wegen Mißhandlung ergangen sind. 2. Herausgabe eines Jahrbuches, in dem alle diese Urteile und Aufsätze aus der Feder hervorragender Fach- leute auf militärischem, juristischem und pädagogischem Gebiete veröffentlicht werden. 3. Gründung von Zweiggruppen, zunächst in allen Provinzial-, Regierungs-, Hauptstädten, die ihrerseits sammelnd, belehrend zu wirken haben. 4. Abhaltung von Vor- trägen. Nachrichtendienst an die Presse. Mitteilung von Aus- künften an alle Angehörigen des Deutschen Reiches. Die Zentralstelle verfolgt den Zweck, hierdurch die nachdrück- liche Bekämpfung jeder, auch der kleinsten Mißhandlung in der Armee und Marine zu organisieren.,' finnland- Zur Lage. Aus HelsingforS wird uns geschrieben: Der letzte Akt der gesetzgeberischen Farce, die Finnlands Autonomie vernichten soll, ist jetzt zu Ende. In diesen Tagen hat Zar Nikolaus seinen Namen unter daS von der russischen Duma und vom russischen Reichsrat angenommene Gesetzesprojekt gesetzt und fortan soll nun die russisch« „allgemeine Gesetzgebung" auch über Finnland ausgedehnt werden. Doch die feierliche Phrase Väterchens„Es soll so seinl" hat in Finnland ebenso wenig Eindruck gemacht, wie das freche und dumme Poltern und Prahlen der Purischkewitsch, Markow und anderer in der Duma. Gerade die Art und Weise, wie der gegen Finnland unternommene Feldzug in eine skandalöse Komödie ausartete, hat hier alle überzeugt, daß es mit dem„Siege" der russischen Reaktion und des„zoologischen Nationalismus" schwach bestellt ist. Nicht datz man hier den Versicherungen und Beschwichtigungen Stolypins auch nur ein Wort trauen und irgendwelchen Illusionen sich hingeben würde, aber eine Regierung, die in solcher Weise wirtschaftet, kann nur selbst ihren Sturz beschleunigen und der Umschwung in Ruh- land kann viel schneller eintreten, als die jetzigen russischen Macht- haber eS ahnen. Und einige Jahre hindurch der russischen Reaktion zu trotzen, dazu wird es dem organisierten Proletariat Finnlands nicht an Mut und Kraft fehlen. Jetzt heitzt es zu einem langen Verteidigungskampfe sich rüsten. Das jetzt vom Zaren sanktionierte Prinzip der russischen Reichs- grsctzgebung hat die rechtlichen Schranken niedergerissen und der bureaukratischen Willkür freie Bahn geschaffen. Die Tage der demokratischen Verfassung Finnlands und der konstitutionellen Garantien sind wahrscheinlich bald gezählt. Der jetzige General- gouvernvur Sehn hat in diesen Tagen einen würdigen Gehilfen erhalten: Zu seinem Adjunkten ist ein gewisser Lipsky ernannt, ein Echtrusse, der Stolhpin wichtige Dienste in der finnländischen Frage erwiesen hat. Nun wird man mit allem Eifer daran gehen, in Finnland russische Wirtschaft einzuführen und das autonome Finnland in„botnische Gouvernements" aufzulösen. In kurzer Zeit sind schon drei finnische Gouverneure verabschiedet worden, weil sie den ungesetzlichen Vorschriften deS General- oouverneurs nicht Folge leisten wollten; auch der Prokurator Charpentier mußte sein Amt verlassen, weil er den russischen Anmahungen gegenüber stets auf das bestehende Gesetz sich berief. Es regnet jetzt förmlich von Anklagen gegen die Presse und hier und dort versucht man auch schon das freie Ver- sammlungsrecht anzugreifen; finnische Polizeibeamte weigern sich nicht sich zu Schergendiensten herzugeben, sobald es um ein Vorgehen gegen die Arbeiterschaft sich handelt Doch auch damit werden sie schwerlich die Gunst der russischen TschinownikS er- kaufen, denn schon sammeln sich in HelsingforS die schmutzigen Spieh- gesellen BobrikowS an, die 1905 mit Schimpf und Schande aus dem Dienste gejagt wurden und die jetzt über Ruhe und Sicherheit in Finnland wachen sollen. Russische ogents provocateurs streifen im Land herum, aber bis jetzt haben sie es vergebens versucht, in die Reihen der Partei einzudringen. Vor kurzem wurde hier eine „V e rschwörung" aufgedeckt und etwa 29 russische Arbeiter und Matrosen verhaftet; ein„Sozialrevolutionär" Michalwitsch hatte einen Geheimbund angezettelt und dann der russischen Gendarmerie ausgeliefert, aber trotz aller Bemühungen gelang es nur durch falsche Angaben ein paar Mitarbeiter sozialdemokratischer Zeitungen in den Prozeh zu verstricken. Die finnische Arbeiterschaft weih, was sie von diesen verdächtigen Helden zu erwarten hat und wird zu keinen unbedachten Schritten sich verleiten lassen. Die Taktik der Partei ist darauf gerichtet, so lange als möglich die eroberten Positionen und die legalen Aktionsmöglichkeiten zu behaupten. Eine Resolution, die überall in Arbeiterversammlungen angenom- men wurde, datz die finnische Arbeiterschaft durch das eben erlassen- russische Reichsgesetz sich nicht gebunden und verpflich- tet fühlt, daß sie gegen seine Verwirklichung und Finnlands Eni- rechtung kämpfen wird und datz sie in diesem Kampfe nur auf ihre eigene Kraft und nicht auf das Mitgehen der bürgerlichen Parteien rechnet. Zum Schlüsse wird die Arbeiterschaft aufgefordert, alles aufzubieten, um die Organisationen im bevorstehenden Kampfe aus- zubauen und zu festigen. Und so kann man wohl hoffen, daß das finnische Proletariat den Kampf mit Ehren bestehen wird. Die demokratische Verfassung Finnlands ist zu fest gefügt und sie wird mit zäher Ausdauer vom finnischen Volke verteidigt werden, so dag es der russischen Reaktion nicht gelingen kann, Finnlands Freiheit und Recht in einem Ansturm zu vernichten., CUrhcU DaS Geheimkomitee. Konstantinopel, 14. Juli. Wie verlautet, hat die Polizei im Zu» sammcnhang mir der Enldeckung des Geheimkomitees gestern weitere Verhaftungen, darunter auch solche türkischer Frauen vorgenommen. Auch in Brussa sind angeblich zwei Ver- Haftungen erfolgt. Serbien. Kein Boykott gegen die deutsche Industrie. Belgrad, 15. Juli. Von zuständiger Seite wird mitgeteilt: Die von einem Teile der ausländischen Presse übernommene Meldung einzelner serbischer Blätter über eine gegen die deutsche Industrie eingeleitete Boytottbewegung, die bereits zur Abweisung der Be- Werbung einer deutschen Firma und den Vau einer zweiten serbischen Zuckerfabrik geführt haben soll, ist eine Erfindung, wie die Nachricht über einen Beschluß der in Serbien lebenden Reichsdeutschen. serbische Arbeiter zu boykottieren. 'Zapan. Ter japanische Kriegsminister und Korea. Tokio, 15. Juli. Ter Kriegsminister T e r a u t s h i, der sich heute nach Soeul begibt, erklärte, Japan werde in Korea nicht die «ercmtw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantto-: gepanzerte Faust gebrauchen, noch sonst irgend etwas tun, was die Eifersmht der fremden Mächte wachrufen würde. Er glaube indessen, datz eine gründliche Aenderung des Regierungssystems in Korea nötig sein werde.~— GcwerhrcbaftUchce. CbriftUcbe Zablcnmanövcr. Das„Zentralblatt der christlichen Gewerkschaften Deutsch- lands" berichtet in seiner Nr. 13 über den Stand und die Ent- Wickelung der christlichen Gewerkschaften im Jahre 1909. Da- nach ist die Mitgliederzahl gestiegen von 269 767 im Jahre 1998 auf 289 961 im Jahre 1999; die Zunahme beträgt also 19 294 Mitglieder. Der Gewerkverein christlicher Bergarbei- tcr ist gestiegen von 74 813 auf 81 734 oder um 6929 Mit- glieder. Seine Mehreinnahme betrug angeblich 139 153,27 M. Wie die höhere Mitgliederzahl und die Mehreinnahme ent- standen, darüber gibt die„Bergarbeiter-Zeitung" in ihrer Nr. 28 wie folgt Aufschluß: „Rechnete sich doch der Gewerkverein christlicher Bergarbeiter im Jahre 1999 gegen das Jahr 1998 eine höhere Betriebsein- nähme von 139 153,27 M. dadurch heraus, datz er den Anteil der Lokalkassen von 159 774,56 M. in Einnahme und Ausgabe stellte, was früher nicht geschah. Rechnet man von diesen 159 774,56 M. die angebliche Mehreinnahme von 139 153,27 M. ab, so entsteht eine Mindereinnahme von 29 621,29 M." Zu dieser Feststellung äußert sich weder der neueste „Bergknappe", Organ des Gewerkvereins christlicher Berg- arbeiter, nach das christliche„Zentralblatt". Der Gewerk- verein gibt eine Mehreinnahme von 139 153,27 M. und eine Mitgliederzunahme von 6929 an. In Wirklichkeit hatte er eine Mindereinnahme von 29 621,27 M., was einem Mit- gliederverlust von über 1599 entsprechen würde. Danach hat der Gewerkverein 8429 Mitglieder zuviel angegeben. Außer- dem hat das„Zentralblatt" aber einige neue Organisationen angeführt. Es ist das der Verband der deutschen Staatsbahn- Handwerker und-Arbeiter mit 8929 Mitgliedern und der Kellner mit 1185 Mitgliedern. Rechnet man diese und die vom Gewerkverein christlicher Bergarbeiter zuviel angegebenen Mitglieder von der Gesamtmitgliederzunahme ab, so bleibt nur noch eine Zunahme von 769 Mitgliedern zu verzeichnen. Haben nun, was nach bisher gemachten Ersahrungen sehr nahe liegt, die übrigen christlichen Verbände ähnliche Zahlen- manöver angewandt wie der Gewerkverein christlicher Berg- arbeite� dann sieht es im Christenlager böse aus und die Aschermittwochstimmung läßt sich verstehen. Berlin und Umgegend. Tarifbewegung der Marmorarbeiter. Die behufs Ausarbeitung eines Lokaltarifs gewählte Kom- Mission unterbreitete am Donnerstag den Marmorarbeitern die vc" ihr entworfene Tarifvorlage. Z u n k ging die einzelnen Positionen durch. Der zurzeit geltende Passus über die Arbeits- zeit wurde auf Anregung aus der Versammlung mit dem Zusatz versehen, datz das Reinigen der Maschine innerhalb der Arbeits- zeit zu erfolgen habe. Der Passus über Tagelohn wurde dahin abgeändert, daß die Bezeichnung Hauer wegfällt und nur von Steinmetzen gesprochen wird. Ferner beschloß die Versammlung, den Lobnsatz in der Werkstatt auf 85 Pf. ud auf den Bauten auf 99 Pf. festzusetzen. Bei Montagearbeiten erfolgt eine Zulage von 3,59 Mk. pro Tag, Sonn» und Feiertage eingeschlossen. Die Bestimmung soll für die gesamten Gruppen innerhalb der Branche gelten. Versetzarbeit hat in Zukunft nur in Lohn zu erfolgen. Die Löhne für die Be- arbeitung der verschiedenen Gesteinarten werden in 8(bisher 6) Klassen eingeteilt. Massive Arbeit soll nur in Lohn ausgeführt werden, ebenfalls Kreuze. Bei der Plattenarbeit wurden auch überall Lohnerhöhungen vorgesehen. Bestehende Verhältnisse dürfen nicht verschlechtert werden. Sämtliche Maschinenarbeit wird in Lohn ausgeführt. Für die Schleifer und Hilfsarbeiter wurden folgende Bestim- mungen getroffen. Der Stundenlohn für Hand» und Maschinen- lchleifer, Dreher und Fräser soll in der Werkstelle 79, am Bau 75 Pf. betragen. Anfänger im Berufe erhalten pro Stunde 59 Pf., nach einem Vierteljahr 69 Pf. Nach Ablauf eines halben Jahres tritt der volle Lohn in Kraft. Maschinenarbeiten werden in Lohn ausgeführt, desgleichen Ränder und Profile an mit der Maschine polierten Platten. Der Atkordtarif wurde in fast allen Positionen geändert. Dieser Entwurf soll dem Verbände der Steinmetzgeschäfte ein- gereicht werden mit dem Ersuchen, innerhalb 14 Tagen Rückantwort zu erteilen._ In der Holzbearbcitungsfabrik von Karl Graul, Petersburger Straße, haben die Maschinenarbeiter, Fräsekutscher und Hilfs- arbeiter am Donnerstag infolge Differenzen die Arbeit nieder- gelegt. Der Vertreter der Transportarbeiter, als auch der des Holz- arbeiterverbandes versuchten, mit dem Unternehmer in Gegenwart des Vorsitzenden der Fräsereibesitzer eine Einigung herbeizuführen. was jedoch daran scheiterte, datz Herr Graul jeder Verständigung aus dem Wege ging. Dieser„gute Mann" denkt jedenfalls, weil er seit einigen Tagen Mitglied des Arbeitgebervcreins geworden ist, einen ernsten Kampf aufnehmen zu können. Angeblich soll auch von den Streikenden niemand wieder eingestellt werden, lieber will man zugrunde gehen. Eifrigst wird nach Streikbrechern ge- sucht, die Kutscher, welche jetzt beschäftigt werden, scheinen das Asyl noch nicht lange verlassen zu haben, des Streikbruchs schämen diese nützlichen Elemente sich nicht, trotzdem wird nach anderen Kutschern annonciert. Der Grünkramhändler Wilhelm Jahn, Petersburger Straße 87, glaubt ebenfalls Streikbrecherdienste ver- richten zu müssen; mit dem Fuhrwerk des Unternehmers Graut klappert er eiligst die Kundschaft ab, ohne dabei einen großen Erfolg zu haben. Daß die Polizei, in Uniform sowohl wie in Zivil, auch bei diesem Streik die Interessen des Arbeitgebers wahrt, braucht nicht wunder zu nehmen, dessen ungeachtet werden die Arbeiter von den ihnen zustehenden Rechten Gebrauch machen und ihre Pflicht erst recht erfüllen. Die in den Fräsereien und ähnlichen Betrieben Beschäftigten werden auf die Fabrik des Herrn Graul ihr Augenmerk richten und die übliche Solidarität bezeugen. Er- wartet wird, datz Kutscher und Hilfsarbeiter den Betrieb meiden und Beschäftigung daselbst nickt annehmen. Deutscher Transportarbeiterverband, Bezirk Grotz-Berlin. Die Hafenarbeiter(Kohlenarbeiter) am Spandaucr Hafen der Firma Kurt Thomas sind wegen erheblicher Lohnreduzierung in den Abwehrstreik eingetreten. Zuzug ist fernzuhalten, veutfekes Reich. Mitgliedergewinn. Der Zentralverband der Lederarbeiter und«arbeiterinncn konnte seine Mitgliederzahl im ersten Halbjahr 1919 um rund 1599 vermehren_ Der Streik bei Giesches Erben. Die polnische Berufsvereinigung versendet aus Anlaß des Streiks folgenden Aufruf: Schoppinitz, den 13. Juli 1919. An die Arbeiterschaft deS oberschlesischen Jndustriebezirks. Kameraden! Seit fünf Wochen stehen die Arbeiter der Wilhelminen-, Bernhardt- und lPaulshütte zu Rozdzin und Utz. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr.u.Veriagsanstall Schoppinitz im Kampf tvegsn Lohnerhöhung unB Beseitigung Fft dort bestehenden Mißstände. Alle Versuche um Beilegung des Streites sind wegen des hartnäckigen Standpunktes des General- direktors, Herrn Geheimrat Uthemann, mißlungen. Herr Generaldirektor Uthemann hat nicht nur das Gewerbegericht, welches seitens der streikenden Arbeiter der genannten Hütten als Einiaungsamt angerufen wurde, zurückgewiesen, sondern auch die Vermittelung seitens Privatpersonen. Dieses hartnäckigen Standpunkts der Generaldirektion wegen sind die Arbeiter gc- nötigt, den ihnen aufgezwungenen Kampf bis auf weiteres zu führen und hoffen, daß sie durch die Unterstützung der übrigen Arbeiterschaft Oberschlesiens den Sieg erringen werden. Da Herr Geheimrat Uthemann es versuchen wird, durch Agenten von auswärts Arbeiter heranzuziehen, um dadurch den Streik illusorisch zu machen, bitten wir die Arbeiter des oberschlesischen Jndustriebezirks, daß sie sich nicht durch Agenten verleiten lassen möchten, sondern bis auf weiteres die Giesches Erben-Werke zu Rozdzin und Schoppinitz meiden. Kameraden! Der Sieg Eurer kämpfenden Brüder zu? Rozdzin und Schoppinitz wird auch Euer Sieg sein; darum meidet diese Musterbetriebe. Alle arbeiterfreundlichen Blätter werden gebeten, diesen Aufruf zu veröffentlichen. A. S o s i n s k i,, Zentralvorsitzender der polnischen Berufsvereinigung. Bruderliebe. DaS Schöffengericht in N e i s s e(Schlesien) verurteilte einen christlich organisierten Maurer wegen Vergehens gegen Z 153 zu drei Tagen Gefängnis. Ein katholischer Fachabteiler hatle ihn denunziert und beschwor vor Gericht,- datz sein Glaubensgenosse ihn während der Bauarbeiteraussperrung in seiner Ehre gekränkt habe. So bringen christliche Arbeiter sich gegenseitig ins Gefängnis, eine Folge der Verhetzung durch die Pfaffen und ihre Trabanten. Lohnforderungen der Lederarbeiter und-Arbeiterinnen. In Backnang in Württemberg haben die im Zentralvebband der Lederarbeiter organisierten Lederarbeiter und-arbeiterinnen an die dortigen Lederfabrikanten Forderungen auf Verbesserung der bestehenden Löhne eingereicht. Gefordert wird ein Aufschlag von 15 Vroz. für die Akkordlöhne der Baum- und Tafelarbeiter. Weiter weroen verlangt: für die Maschinenarbeiter an den Falz- und Blanchiermaschinen: Anfangsstundenlohn 49 Pf., nach sechs Wochen 42 Pf., nach einem halben Jahr 45 Pf., nach einem Jahr 43 Pf. und nach zwei Jahren 59 Pf. Für die an den Schab- und Haar- Maschinen beschäftigten Arbeiter: AnfangLstundenlohn 45 Pf., nach einem Vierteljahr 59 Pf., und nach einem halben Jahr 55 Pf. So- weit Akkordarbeit an den Arbeitsmaschinen üblich ist. soll ein Auf- schlag von 15 Proz. auf die Akkordsätze gewährt werden. Für die Hilfsarbeiter: Aufangsstundenlohn in der Lohnwerkstatt 33 Pf.» nach einem halben Jahr 36 Pf. Für die Hilfsarbeiter der Kali-- Werkstatt: Anfangsstundenlohn 36 Pf., nach einem Vierteljahr 38 Pf. und nach einem halben Jahr 49 Pf. Der Anfangsstunden- lohn für Arbeiterinnen über 18 Jahre soll 25 Pf. betragen, nach einem halben Jahre 28 Pf. Auf die Akkordlöhne der Arbeiterinnen sollen ebenfalls 15 Proz. Zuschlag gswährt werden. Für Heber» stunden an Werktagen wird ein Zuschlag von 19 Pf., an Sonn» tagen von 29 Pf. pro Stunde verlangt. Die Mittagspause soll' unter Fortfall der Vesperpause auf IM Stunden ausgedehnt werden. An den Vorabenden der hohen Feste soll um 4 Uhr Arbeitsschluß sein, ohne Kürzung des Lohnes. Für alle Arbeiter Und Arbeiterinnen, die mindestens drei Jahre ununterbrochen in einem Betrieb tätig waren, soll alljährlich ein dreitägiger Urlaub unter Fortzahlung des Lohnes gewährt werden. In Betracht kommen rund 490 Arbeiter und Arbeiterinnen. Hustand, Von der Bewegung der französischen Eisenbahner. Das Nationalsyndikat der Eisenbahner veröffentlicht eineN Aufruf, in dem es heitzt: Unsere Matznahmen sind bereits getroffen, und ein umfassender Kriegsplan, wo jeder seinen bestimmten Platz hat, ist von uns sorgfältig ausgearbeitet worden. Wir Werder, den Kriegsplan unerschütterlich durchführen. Auf ein vom Streik» ausschutz gegebenes Zeichen wird jede Arbeit, jeder gewöhnliche Ver» kehr auf allen Bahnlinien eingestellt werden. Wenn die Eisen» bahnzüge nicht verkehren, dann ist alles lahmgelegt, es gibt keiner» Handel, keine Industrie mehr. Der Postdienst wird nicht mehr versehen werden können, man wird sich der Brieftauben bedienen müssen. Der Dienst der überseeischen Postdampfer wird gleichfalls aufhören, da die Passagiere nicht mehr eintreffen können. In den Hallen, auf allen grotzen Märkten verderben die Waren. Wie wird man das Schlachtvieh transportieren, vielleicht mittels Lenk» ballons oder Flugmaschinen? Dann wird zweifellos der allgemeine Arbeitsverband an dem Spiel teilnehmen wollen. Die Gelegenheit für alle anderen Syndikate, die eine Verbesserung ihrer Lage er» reichen wollen, wäre zu günstig. Es wird dann, ob man will oder nicht, zu dem großen wahren Gesamtausstand kommen. Die Schmiede in New Dork hatten jüngst eine Lohnbewegung eingeleitet; sie kamen nach einigen Unterhandlungen zu einem friedlichen und günstigen Abschluß der Differenzen. Der Vertrag wurde von der Organisation der Unternehmer mit dem Verbände der Schmiedegesellen abgeschlossen und lautet dahin, datz allen Arbeitern, die bisher weniger als 3,68 Dollar(15,59 M.) pro Tag verdienten, eine Lohnerhöhung von 19 Proz., allen Arbeitern bis zu 4 Dollar(16,89 M.) täglich 7 Proz., und den Arbeitern, die mehr als 4 Dollar verdienten, 5 Proz. gewährt wird. Für die Hilfsarbeiter wurde durchweg eine Erhöhung von 19 Proz. be- willigt. Der Vertrag trat am 4. Juli in Kraft. Letzte jVacbrichtcn und Depcfcben. Stadtverordneten-Stichwahlen. Frankfurt o. M.» 15. Juli.(Privatdepesche deS„Vor- wärts".) Heute fanden die Stichwahlen zur Wahl von drei Stadtverordneten in Franlfurt-Land statt. In Eschenheim wurde Genosse Hermann Wendel gewählt. In den beiden anderen Bezirken fehlten unseren Kandidaten 59 bezw. 2 Stim- men. Von den sieben Mandaten in Frankfurt-Land befinden sich nunmehr fünf im Besitze der Sozialdemokratie. Schwerer Unglücksfall. Hannover, 15. Juli.(B. H.) Einen entsetzlichen Tod fand hier ein Glaserlehrling, der auf dem Schlachthofe mit dem Aus- bessern der Dachfenster beschäftigt war. Er rutschte von der Leiter aus und fiel mit der linken Brustseite in einen Fleischhaken, wobei er fürchterlich aufgespießt wurde. Die Spitze des HakenS dvang dem Lehrling ins Herz, so daß der Tod sofort eintrat, Ein Motorboot verbrannt. Minden, 15. Juli.(B. H.) Bei Polle explodierte heute beim Ankurbeln des Motors das RegicrungSmotorschiff„Werra". Der M a sch i«t i st wurde am Kopfe erheblich verletzt, und daS Boot verbrante vollständig. Außer dem Maschinisten befand sich glücklicherweise niemand an Bord. Erschossen. Osterrode(Harz), 15. Juli.(B. H.) Der Meister des GipS- Werkes„Schwarze Hütte", Peter Hesse, wurde heute erschossen auf- gefunden.____> Gaul Singer Lr Co., Berlin L1V. Hierzu 2 Beilagen u.UnterhaltuagSbl, fr. 164. 27. AahtMg. 1. Deüqe des.Jonuirls" SminiiM, 16. M 1910. Sie bürgerliche Preiie und die Budget. bewilllgung. Die badische Landtagsfraktion hat eine gute bürgerliche Presse. Die„Vossische Zeitung" sagt: .In die Sozialdemokratie ist eine Bombe geflogen. Natürlich wieder vom Süden aus. Was wird die .Leipziger Volkszeitung" sagen? Sie wird noch andere Töne an» schlagen als heute der„Vorwärts", das.Zentralorgan der sozial- demokratischen Partei Deutschlands", das sich, wie es scheint, seiner Verantwortung bewußt ist. Es handelt sich nicht um einen Zwischen- fall von untergeordneter Bedeutung, sondern unter Umständen um Sein oder Nichtsein der einheitlichen Partei. Dann zitiert das Blatt den Schlußpassus unseres gestrigen Artikels, der die republikanische Ueberzeugung und das sozia- listische Endziel betont urd meint dazu: „Na ja, das stimmt alles für die Revolutionäre, aber so ganz und gar doch nicht durchweg auf die Revisionisten. Und jetzt kommt es zu einer neuen ernsten Kraftprobe zwischen beiden Gruppen. Daß sich die Revisionisten unterwerfen werden, erscheint ziemlich ausgeschlossen. Also sollen sie„fliegen"? Die nächste Zukunft wird es lehren. Aber diese Vorgänge zeigen zugleich, wie ver- schieden die Bestandteile sind, die sich bisher in der Sozial- demokratie zusammenfinden, und wie sich daraus die Stellungnahme mancher bürgerlichen Gruppen oder Personen in einzelnen Kreisen oder Gauen erklärt." Das„Berk. T a g e b l." sagt: „Wirklich, mit dem Beschlutz von Nürnberg läßt sich die Haltung der badischen Sozialdemokraten höchstens durch sehr gewagte sophistische Interpretationen in Einklang bringen. Wir haben zu dem badischen Landtagsabgeordneten Frank, der im Reichstage unter den Junioren der Sozialdemokratie vielleicht zu den besten Erwartungen berechtigt, das Vertrauen, daß er solche Sophismen erst gar nicht versuchen wird. Er hat sich auch in der badischen Kammer mit dem kurzen Hinweise begnügt, daß seine Freunde„mit Rücksicht auf die besonderen politischen Verhältnifir auf solcheDemonstration verzichten." Damit schiebt er den Nürnberger Beschluß berseite; die.be- sonderen politischen Verhältnisse" lassen die Ablehnung des Budgets durch die Vertreter der Sozialdemokratie nicht zu. Es ist, auf die Politik angewandt, das reformatorische Prinzip. Das Recht der Persönlichkeit und die S e l b st b e st i m m u n g, die zugleich zur Selbstverantwortlichkeit wird, stehen höher als die Mehrheitsbeschlüsse der Partei." Warum griff aber dann das Blatt die Nationalliberalen so heftig an, die in der Erbschaftssteuerfrage und in der Wahl- rechtsfrage ihr Recht auf Persönlichkeit in Anspruch nahmen und gegen die Partei stimmten. Und wozu bedarf es dann denn überhaupt noch der Partei, wenn sie ihre Vertreter nicht mehr verpflichten darf? Die„Kreuz- Zt g." konstruiert ein Komplott und ein heimliches Einverständnis der badischen Genossen mit dem Parteivorstand: .Die badischen Sozialdemokraten benutzen den Großblock, um an ihm in die Höhe zu kommen. Bis jetzt haben sie recht be- deutende Erfolge erzielt, die ihnen jedenfalls niemals be- schieden gewesen wären, wenn sie nicht in Befolgung einer schlauen Taktik den republikanischen und revolutionären iTharakter ihrer Partei verschleiert hätten. Diese Taktik ermöglichte und ermöglicht noch der Regierung wie dem Libe- ralismus, unter dem Vorwande, daß die badischen„Genossen" eine ganz andere Art von Sozialdemokraten seien als die übrigen, rhnen ein erstaunliches Entgegenkommen zu zeigen und allmählich zur ausschlaggebenden Macht im Staate zu verhelfen.... Die badischen Sozi wußten ganz genau, was sie mit diesem Be- schütz taten. Sie schätzten den davon zu erwartenden Parteivorteil höher ein als die Unbequemlichkeit einer Auseinandersetzung mit der Parteileitung. Und schließlich ist den badischen„Genossen" ja be- kannt, daß die Parteileiwng ihre Fortschritte mit Wohlgefallen ver- folgt und gegen etwaige taklisch erforderliche Ketzereien nur im Not- fall und mit milder Hand eingreift. Denn die tonangebenden Führer der Sozialdemokratie hegen nicht den geringsten Zweifel daran, daß die badischen Sozi, die sich den Anschein beinahe re- gierungsfrommer Männer geben, genau so stramme Glieder der roten Revolutionsarmee sind wie die Radikalen." Aehnlich meint die„Deutsche Tagesztg.": „Es ist richtig, daß drei sozialdemokratische Parteitage sich alle Mühe gegeben haben, eine weitere Budgetbewilligung grundsätzlich unmöglich zu machen. Aber den badischen Genossen fällt es ja auch Hus fritz Reuters Gefängnis- jähren. Im Künstlerhause an der Bellevuestraße kann man einige Episoden aus dem dunkelsten Kapitel neudeutscher Geschichte und Preußens polizeistaatlicher Herrlichkeit kennen lernen. Dort hat Professor Karl Theodor Gaedertz in mehreren Sälen eine Fritz- Reuter-Ausstellung aufgetan, voll überraschender Reich- haltigkeit und sehr instruktiver Anordnung. Die Verdienste des an- erkannten Reuterforschers werden selbst dann nicht geschmälert, wenn wir manche der hier zusammengebrachten Reliquien sz. B. den von Reuter zuletzt getragenen Sommeranzug) als überflüssig erachten. Wallfahrten wie etwa zu dem apokryphen.heiligen Rock" zu Trier sind ja deswegen nicht zu befürchten. Gleichwohl ist reger Besuch der Ausstellung gerechtfersigt: so- wohl von literarischem wie allgemein zeitgeschichtlichem Standpunkt. Es wird dem aufmerksamen Beschauer nicht nur die Werkstatt eines der bedeutendsten niederdeutschen Dichterhumoristen dargeboten, der, nach den zahlreichen Porträts, Genrestückchen, landschaftlichen Motiven usw. zu schließen, auch wahrscheinlich das Zeug zu einem tüchtigen Zeichner und Maler in sich getragen. Auch ein Bild neu- deutschen Bürger- und Familientums tut sich auf; vor allem aber eine Episode der schlimmsten Reaktion im„Kulturstaat" Preußen. Beim Eintritt in den größten Ausstellungsraum fallen sofort die Namenschildchen verschiedener preußischer Festungen ins Auge. Bildnisse von Häftlingen, militärischen Persönlichkeiten(Platz- kommandanten, Aufseher usw.), Totalansichten, Grundrisse jener Festungen, Jnterieurswdien grüßen schaurig von den Wänden; während auf den Tischen schier zahllose amtliche Schrift- stücke, Reuterbriefe, Gefängnisinstruktionen usw. ausgebreitet liegen: als Kronzeugen einer von'Metternich grausig beherrschten Ver- gangenheit. Es hieße die Geschichte jenes Deutschland seit den .Betreiungs"kriegen auftollen, um die kläglichen Zustände während der nachfolgenden drei Jahrzehnte zu beleuchten. Hier genügt der Hinweis auf das studentische Wartburgfest, auf die Karlsbader Be- schlüsie, durch die jedwede geistige und politische Regsamkeit mit brutaler Gewalt unterdrückt wurde« Nichtsdestoweniger bestanden an den Hochschulen Studentenverbindungen, die ebenfalls verboten waren, im Geheimen fort. Aber derselbe Willkürgeist, der die Preß- freiheit total zu vernichten vermocht hatte, überwachte auch sie mit drakonischer Strenge und ahndete jede Uebertretung jener Freiheits- schwärmer mit Todesstrafe oder langjähriger Kerkerhaft. Fritz Reuter gehörte während seiner Studienzeit in Jena einer hier nicht verbotenen Burfchenschaft„Germania" an, in der er den gar nicht ein, das sozialistische Endziel mit ihrer Haltung zu verleugnen. Sie sehen nur die törichte Blindheit der badischen Großblockliberalen, die der Erklärung des Dr. Frank zujubelten, und wollen sich die Chancen nicht verscherzen, die ihnen diese Torheit bürgerlicher Parteien bietet. Wenn also auch zu erwarten steht, daß der sozialdemokratische Parteitag nun zum viertenmal strenges Gericht über die Ungehorsamen ab- halten wird, so steht doch nicht nur für alle einsichtigen Kreise des Bürgertums, sondern ebenso auch für die radikalsten Sozialdemokraten fest, daß die badischen Genossen nur aus einer an sich durchaus klugen Taktik heraus für- das Budget gestimmt haben, und daß nicht sie, die trotzdem Todfeinde der bürgerlichen Gesellschaft bleiben, sondern daß ihre verblendeten bürgerlichen Bundesgenossen die Betrogenen dieser Taktik sein werden." Die klerikale„Germania" freut sich auf„ein hübsches Scherbengericht" und macht dann gegen die Sozialdemokratie scharf: „Sollten aber die heutigen Erklärungen des„Vorwärts" über die Großblocktaktik und insbesondere die Schlußsätze über das Wesen und das Programm der Sozialdemokratie nichr wenigstens den Nationalliberalen die' Augen öffnen und sie zur Umkehr be- stimmen? Gegenüber diesem sozialdemokratischen Programm mit seiner„Eroberung der politischen Macht" und„Ausrichtung der sozialistischen Gesellschaft" erscheint das Z u s am mengehen aller bürgerlichen Parteien gegen die Sozialdemokratie mehr denn je zuvor als eine gebieterische Pflicht nicht nur im Hinblick aus die Selbsterhaltung, sondern auch für das Wohl und das Ansehen des gemeinsamen deutschen Vaterlandes." Von den Auslassungen der Parteipresse liegt zur Stunde erst die der„Leipziger V o l ks z eit un g" vor. Sie lautet: „Es wird den badischen Budgetbewilligern schwer fallen, zu be- streiten, daß es sich hier um eine mit bewußter Absicht herbei- geführte Provokation der Partei handelt. Als die Genossen der süddeutschen Parlamente vor zwei Jahren ebenfalls dem Budget zustimmten, beriefen sie sich auf die angebliche Unklarheit der Dresdner und Lübecker Resolution, und es gab Parteigenossen, die geneigt waren, anzunehmen, daß ihnen bei ihrem Vorgehen in der Tat das Bewußtsein des absichtlichen Disziplinbruchs gefehlt habe. Von einer solchen Ausrede kann heute keine Rede mehr sein. In mehrtägigen eingehenden Debatten hat der Nürnberger Parteitag das Verhalten der süddeutschen Parlamentarier verurteilt und durch eine mit großer Mehrheit angenommene Resolution ausdrücklich festgelegt, daß eine Zustimmung zum Budget des bürgerlichen Klassenstaats nur dann in Frage kommen kann, wenn seine Ablehnung die Gefahr heraufbeschwört, daß ein für die Arbeiterklasse ungünstigeres Budget zur Annahme gelangen könnte. Von dieser Evenwalität war in dem neuesten badischen Falle keine Rede, ja, den Frank, Kolb und Genossen fehlte diesmal sogar das dürftige Mäntclche», mit dem sie noch vor zwei Jahren ihren Disziplinbruch zu drapieren suchten, daß nämlich die in dem Etat enthaltene Erhöhung der Arbeiter- und Beamtenlöhne die Zustimmung ersorderr 'habe. Nichts von alledem jetzt; man stimmte einfach für das Budget„mit Rücksicht auf die besonderen politischen Verhält- niffe". Mit anderen Worten: Die Brüskierung der Gesamtpartei, die ausdrückliche Verneinung des gegensätzlichen Charakters der Sozialdemokratie zum kapitalistischen Klassenstaat, die in der Budgetverweigerung zum Ausdruck kommt, wurde unternommen in konsequenter Fortsetzung der Großblockpolitik, die bei den letzten Wahlen zum badischen Landtag eingeschlagen und auch nach seinem Zusammentritt fortgesetzt worden war. Es wäre ja auch eine zu absurde Zumutung gewesen, zu fordern, daß die sozialdemokratischen Staatsmänner, nachdem sie als Re- gierungspartei so herrliche„positive" Erfolge errungen hatten— man denke nur an die von der Pairskammer wieder nach Kräften verschandelte Novelle zur Gemeinde- und Städteordnung mit dem Dreiklassenwahlrecht— jetzt demselben Staat die Existenzmittel ver« weigern sollten. Eher läßt man eS schon auf einen Bruch in der Partei ankommen. Es hat kaum Zweck, über die neueste„Affäre" der badischen Revisionisten noch viel Worte zu verlieren. Die große Mehrheit der Genossen hat es nun endlich satt, sich noch länger von den Kolb, Frank und Genoffen brüskieren zu lassen und verlangt, daß endlich einmal auf die vielen Worte, die schon in der Budget- und mancher anderen Frage vergeudet worden sind, entsprechende Taten folgen. Wer sich selbst konsequent außerhalb der Partei- beichlüsse stellt, soll auch die Konsequenzen tragen. Nur noch ein Wort zu dem Verhalten der drei Genossen, die sich bei der Budgetabstimmung aus dem Saale entfernten. Wir meinen, es wäre Pflicht der Betteffenden gewesen, ihrer von der FraktionS- Mehrheit abweichenden Ansicht durch die Abstimmung klar Ausdruck zu geben, um so mehr, als sie damit nur den Parteibeschlüssen Rech- Spitznamen„Charles XII." führte. Diese Zugehörigkeit sollte ihm zum Verderben gereichen. Von einer im Frühjahr 1833 begonnenen fröhlichen Studentenwanderung ins Naffauische hatte er auf der Rückkehr auch einen Abstecher nach Berlin gemacht. Hier wurde er aber bald aufgegriffen und nach der Hausvogtei gebracht. „Wegen zwecklosen U m h e r t r eib e n s", heißt es in dem hier zur Schau gestellten Verhaftsbericht. Dazu die lakonische Ein- traguug:„Chirurgisches Attest: Ist rein befunden." Indessen war die obige Ursache für die Verhaftung doch nur vorgeschoben, um die wahren Absichten der Polizei zu verschleiern. Denn schon zwei Tage später wird Befehl gegeben— das amtliche Schreiben liegt dort ebenfalls aus— Reuter„über sein Treiben zu Jena und sonst, namentlich über diejenigen Punkte, welche ein umfassenderes Interesse haben oder diesseitige Unter- tanen oder Universitäten betreffend, baldigst näher vernehmen zu laffen." Reuter weiß noch immer nicht, weswegen er weiter fest- gehalten wird. Unterm 2S. November bittet er um Verabfolgung von Lektüre, insbesondere Shakespeares und Byrons Werke. Am 13. Dezember ersucht er um Gewährung von Materialien zwecks An- sertigung einer Zeichnung, die wie alljährlich sein Weihuachtspräseut sein solle. Die„Materialien" werden ihm geliefert. Am 6. Januar 1834 wird Reuter in die Hausvogtei verbracht. Und nun erfährt man auch schon weswegen, nämlich„wegen Teilnahme an der„Ger- mania" in Jena", da Jnkulpant„zugestandenermaßen Mitglied jener gefährlichen, alle deutschen Staaten bedrohenden(!) geheimen Verbindung gewesen" sei. Umsonst hatte Reuters Vater gebeten, seinen Sohn aus der Hast zu entlassen, und Kaution angeboten. So kam es zur Anklage. Reuter sollte insbesondere auch in Jena mit ausgewiesenen Polen verkehrt haben. Es erfolgte seine Ver- urteilung zum Tode, umgewandelt in dreißigjährige Festungshaft. Reuter wurde jetzt zunächst in die Kasematte von S i l b e r b er g gebracht. Dort saß er bis zum 2S. Dezember 1836, um als Kranker nach G l o g a u transportiert zu werden, wo er aber„wegen Mangels an einem gesunden Lokal nicht aufgenommen" werden konnte. Nunmehr erfolgte seine Verbringung nach Magdeburg. Natürlich hatte er auk diesem Transportwege auch wieder in der Hausvogtei zu Berlin Platz zu nehmen. Der Direktor dieses Gefängnisses, der sattsam bekannte Kriminal- rat D a m b a ch, war dem„Schwerverbrecher" nicht im mindesten gewogen. Er gibt deshalb von ihm(Atta vom 2. März 1837) das nachstehende, sehr übertriebene, weil gehässige„Nationale": „Reuter hat sich während seiner Gefängnishaft stets als ein roher Gesell(I!) bewährt und ist häufig wegen Uebertretung der Hausgesetze gestraft. Er hat den Inspektor persönlich bedroht,'sang die ärgsten Zotenlieder, polterte häufig im Kerker, und nur seine gänzliche Isolierung brachte ihn zur Vernunft. Er ist an nung getragen hätten. Ein Bekennermut. der der klaren Entscheidung aus dem Wege geht, kann kaum Bewunderung erwecken." Ans der Beiclftveriiclsernngsordnungs' honnillion. Sitzung vom Donnerstag, den 14. Juli. Ersatzkassen. Beantragt eine freie Hilfskasse ihre Zulassung als Ersatzkasse, so entscheidet darüber die höhere Verwaltungsbehörde ihres Sitzes. Geht ihr Bezirk über die Grenzen des Bundesstaates hinaus, so entscheidet das Reichs-Versicherungsamt. Auf Antrag der So- zialdemokraten würde hinzugefügt, daß die Zulassung nur dann versagt werden darf, wenn die Kasse den Vorschriften der ReichLversicherungsordnung nicht genügt. Eine längere Debatte entspann sich über die Vorschrift, daß für die Arbeiter, welche Mitglieder einer Ersatzkasse sind, die Arbeitgeber denselben Betrag an die Orts-, Betriebs- oder Jnnungskassen bezahlen müssen, zu dessen Zahlung sie verpflichtet wären, wenn die Arbeiter diesen Kassen angehörten. Gegen diese Bestimmung traten namentlich die Sozial» demokraten und Fortschrittler auf. Die Sozialdemokraten beantragten, daß diese Bestim- mung gestrichen wird, d. h. die Arbeitgeber wie gegenwärtig so auch fernerhin zur Zahlung eines Beitragsteils für ihre Arbeiter, die einer Ersatzkasse angehören, nicht verpflichtet sein sollen. Aller- dings haben, so führte Gen. Schmidt aus, manche Arbeitgeber möglichst Mitglieder der freien Htlfskassen eingestellt. Das sei in der Tat ein Mißstand. Aber die vorgeschlagene Bestimmung des Entwurfs würde einen viel schlimmeren Mißstand zur Folge haben. Denn die Zahlungspflicht der Arbeitgeber würde, zumal mit ihr eine weitgehende Anmelderei verknüpft sei, dazu führen, daß manche Arbeitgeber einen Druck auf ihre Arbeiter ausüben, um sie von dem Beitritt zur Ersatzkasse zurückzuhalten oder zum Austritt aus der Ersatzkasse zu veranlassen. Das würde den Ersatz» lassen ihre weitere Entwickehmg aufs äußerste erschweren. Die Fortschrittler beantragten, daß zwar die Arbeit» geber auch für ihre Arbeiter, die in einer Ersatzkasse sind, denselberr Beitragsteil bezahlen sollen wie für ihre anderen Arbeiter, jedoch soll das Geld nicht an die Zwangskasse, sondern an die Arbeiter selbst oder an die Ersatzkasse gezahlt werden. Dies sei deshalb zu fordern, weil die Arbeiter in den Ersatzkassen den ganzen Beitrag bezahlen, also den Beitragsteil des Arbeitgebers auslegen. Die Regierungsvertreter erklärten beide Anträge füp unannehmbar. Unter keinen Umständen dürften die Ersatzkassen begünstigt werden. Darauf kam da? Zentrum mit einem„VermittelungS- antrag": Der Vorschlag der Vorlage sollte angenommen, der Arbeit- geber also zur Zahlung seines Beitragsteils an die Zwangskassa- verpflichtet.werben, aber mit dem Zusatz, daß der Arbeitgeber von dieser Pflicht frei sei, wenn er nachweise, daß er den Beitrag an die Ersatzkassen zahle. Genosse Schmidt wies nach, daß dieser Antrag in der Praxis schließlich auf dasselbe hinauskommen würde, wie der Vor» schlag des Regierungsentwurfs. Der Nachweis, daß der Beitrags» teil des Arbeitgebers an die Ersatzkasse bezahlt worden ist, wird ss viel Belästigungen verursachen, daß sich darauf wohl kaum ein Arbeitgeber einlassen wird. Trotzdem wurde der Antrag gegen die Stimmen der Sozial» demokraten angenommen.> Für diesen Fall hatten die Sozialdemokraten bean- tragt, daß die von den Zwangskassen für die Mitglieder der Ersatz- lassen eingenommenen Arbeirgeberbeiträge nicht, wie die Vorlage vorgeschlagen hatte, dem Reservefonds zugeführt werden sollen, fondern nur für Mehrleistungen verwendet werden dürfen. Auf diese Weise sollte den Arbeitern wenigstens ein besonderer Vorteil gesichert werden. Der Antrag wurde jedoch abgelehnt, obgleich die Regierungsvertreter ausdrücklich erklärten, daß sie sich mit dieser Verwendung der Gelderl im Interesse der Arbeiter einverstanden erklären könnten. Das Zentrum gab auch hier wieder den Ausschlag zum Schaden der Arbeiter. Im Anschluß hieran wurde die Vorschrift des Entwurfs besprochen, daß die Personen, welche nach ihrer Beschäftigung Zwangsmitglieder der Landkrankenkassen sein sollen, überhaupt nicht einer Ersatzkasse angehören dürfen. Genosse Molkeubuhr legte dar, daß dies eine nicht zu recht» fertigende Entrechtung vieler Arbeiter sein würde. Trotzdem nahmen das Zentrum, die Konservativen und die Nationalliberalen die Bestimmung mit den aus den bisherigen Beschlüssen sich er- gebenden Aenderungen an. Danach werden für die Landwirtschaft Ersatzkassen überhaupt nicht zugelassen. Die Mitglieder der Land- Wirtschaft dürfen den freien Hilfskassen nur soweit sie Zuschuß- und für sich gutmütig, aber leicht zum Zorn gereizt und dann einem Tier ähnlich. Gelernt scheint er fast nichts zu haben(!) und der Coulsur perdue anzugehören. Deshalb(!) hat er sein Studium aufgegeben und will Maler und) Mathematiker werden. Nach seiner Entfernung von Jena hat er vagabundiert und ist bei einer Hure hier arretiert worden. Gefährlich scheint er nicht als Anhänger staatSgefährlicher Lehren, söndern als Taugenichts." In Magdeburg saß Reuter vom März 1837 bis Anfang» März 1838. Im Gefängnisbericht steht sein Signalement nebst seiner Bekleidung. Ferner die Eintragung:„Wird als armer Gefangener mit täglich 6 S i l b er g r o s ch e n v ör pflegt. Die Führung des Reuter während der hiesigen Hast war stets gut." Kein Wunder, daß Reuter bei der erbärmlichen Ab- fütterung krank wurde und ins Garnisonlazarett kam.„Jede Kommunikation mit den hier in Haft sich befundenen Gefangenen (welch entzückendes Deutsch I) ist unstatthaft"(29. Dezember 1337). Von Magdeburg wurde Reuter uuter Begleitung von zwei Gendarmen über Berlin(Station Hausvogtei I) mittels Extrapost nach Graudenz:„Fort Courbisre" verbracht. Die Transportkosten betrugen 89 Taler 22 Silbergroschen 9 Pfennige. In dem vom Festungskommandanten General von Toll unterzeichneten„National" steht unter Vergehen:„Teilnahme an politischen Verbindungen. Dauer der Strafe: 8 Jahre." Unter Bemerkungen:„Die erkannte Todesstrafe durch das Beil, der demnächst eine 30 jährige FestungS- strafe stibstituiert worden, ist laut Allerhöchster Kabinettsordre vom 16. September 1837 auf 8 Jahre Festungsstrafe ermäßigt". Es wurde ihm nun gestattet, den Rest der Strafe in seiner mecklenburgischen Heimat in der Festung Dömitz abzusitzen. Reuter beklagt sich hier sehr über die niederträchtige Behandlung von feiten der mecklenburgischen Besatzungsoffiziere und ist eutrüstet über ihre„un-. verschämte Dummheit" und„dumme Unverschämtheit". Glücklicher- weise wurde er bereits am 2S. August 1840 begnadigt und sofort freigelassen. Sein Martyrium war zu Ende. In seiner Erzählung:„Ut mine FestungStid" hat er ja feine Gefängniserlebnisse in Graudenz geschildert:„Wat so'n Minsch All erlewen deiht!" säd oll Schult Papentin. Ich aewer segg, de Schult hatt unrecht!— So egal un so sacht sllltt kein Lewenslop, dat hei nich mal gegen einen Damm stött un sick dor in en Küsel dreiht, oder dat enr de Minschen Stein' in't klore Water smiten. Ne, Passieren deiht jeden wat. und jeden passiert ok wat Merkwürdiges... Min Lewenslop is mal tau so'n See upstaut worden, lange Johren hett hei still stahn müßt--- Wat heit dit?— Wider nicks, c>s dat sei mi mal soeben Johr lang inspunnt hewwen"... E. K. lassen sin?. nW asier alS Ersahkasien ange'hören. Ausgenommen Hiervon sind nur die versicherungspflichtigen Gärtner. > Die Mitglieder der Ersatzkassen müssen sofort, wenn sie in eine Arbeitsstelle eintreten, in der sie einer Zwangskasse angehören enüfeten, den Antrag stellen, daß sie ihre Rechte und Pflichten in der Zwangskasse ruhen lassen können, also tatsächlich nicht Mit- glieder zu werden brauchen. Tun sie das nicht sofort, dann werden «sie Mitglied der Zwangskasse und können am Schlusie eines Kalenderjahres wieder austreten. Sie müssen dann aber, hieß es weiter in der Vorlage, dies mindestens drei Monate zu- vor beim Kassenvorstande anmelden. Die Sozialdemokraten beantragten, daß diese lange vorher auszuführende Anmeldung gestrichen wird; es sollte ge- mügen, wenn die Abmeldung bis zum Ablauf des Kalenderjahres erfolgt. Genosse Hoch wies nach, daß gar kein Grund vorliege, schon Idrei Monate vor dem Austritt die Anmeldung zu erzwingen. Die Kkstimmung sei aber sehr nachteilig, da derjenige, der nach dem �l. Oktober seinen Austritt anmeldet, nicht zu Beginn des nächsten !Jahres austreten kann, sondern ein weiteres Jahr warten mutz. Der Antrag der Sozialdemokraten wurde ange» Itt o m m e n. Ferner beantragten die Sozialdemokraten, daß das Mitglied einer Ersatzkasse, das an einem anderen Orte in Arbeit tritt und mit einem höheren Lohn als früher zu versichern ist, noch zwei Wochen lang unter den bisherigen Bedingungen Mitglied der Ersatzkassen bleiben kann. Genosse Hoch machte darauf aufmerksam, daß ohne diese Be» istimmung in jenem Falle der Arbeiter sofort mit dem Beginn seiner Arbeit die Mitgliedschaft in der Ersatzkasse verliert und Mitglied der Zuschußkasse wird; denn das ihm in der Ersatzkasse zustehende Krankengeld ist geringer als das, welches er auf Grund seiner -neuen Arbeit in der Zwangskasse zu beanspruchen hat. Und er kann nur solange Mitglied der Ersatzkasse bleiben, als er hier mindestens dieselben Ansprüche hat, wie er in der Zwangskasse haben würde. Daher müsse dem Arbeiter eine kurze Frist gelassen werden, um in die höhere Beitragsklasse seiner Ersatzkasse über- zutreten. i Der Antrag wurde angenommen. 1' Der letzte Abschnitt des 2. Buches: Schluß- und Straf- Vorschriften, wurde im wesentlichen unverändert angenommen. Darauf trat eine Pause ein, damit sich die Parteien darüber verständigen könnten, wie die Lücke auszufüllen sei, die durch Süe Ablehnung der Vorschriften über die Zulassung der Betriebs- Skrankenkassen entstanden ist. Da aber eine Verständigung nicht zu erreichen war, mutzte die Kommission davon Abstand nehmen, noch vor den Ferien diese Lücke auszufüllen. » Nächste Sitzung am 20. September. Die Beratung beginnt Leim S. Mch des Entwurfs: Unfallversicherung. iluz der lufMoromifflOD. Sitzung vom 15. Juli. Am Freitag wurde die Beratung über: Privatklage und Neben- cklage begonnen. Zu den acht Ziffern des§ 377 waren eine Reihe von Anträgen gestellt. Beim Absatz 2 beantragten unsere Genossen, daß ausländische Souveräne und Vertreter einer fremden Macht in Beleidigungs- cklagen auf den Weg der Privatklage verwiesen werden. Der An- itrag wurde gegen die Stimmen unserer Genossen abgelehnt. Eine längere Debatte, die sich zumeist um das ZüchtigungS- 'recht der Lehrer drehte, entspann sich beim Absatz 3. Dieser ent- hält insofern eine Besserung gegenüber dem geltenden Recht, als die neue Bestimmung zulassen will, daß auch in Ausübung amtlicher Befugnisse begangene Körperverletzungen künftig auf dem Wege der Privatklage verfolgt werden dürfen. Dazu beantragten die Abgg. Gröber und G r ä f, es bei dem bestehenden Zustand zu belassen. Abg. K o p s ch war den Antragstellern„äußerst dank- bar" für den Antrag, der die Lehrer vor vielen Unannehmlich- leiten bewahren würde. Kopsch bestritt, daß in' der Schule die körperliche Züchtigung der Kinder entbehrt werden könnte; man müßte sonst der Schule andere Strafmittel, Gefängnisstrafen usw., in die Hand geben. Er bestritt ferner, daß von den Lehrern zu viel gezüchtigt würde. Der polnische Abg. Waida trat den Aus- führungen mit einer Schilderung aus dem polnischen Schulleben entgegen. Auch der Abg. Dave wies darauf hin, daß die Ueber- schreitungcn des Züchtigungsrechtes durch die Lehrer sehr häufig sind; das wüßte jeder, der in der Gemeindevertretung ein wenig erfahren ist. Konservative und Nationalliberale hielten ebenfalls an dem bestehenden Zustand fest. Unsere Genossen verteidigten um so energischer die Regierungsvorlage, die nicht nur die Miß- Handlungen"der Kinder durch die Lehrer vermindern würde, son- dern auch Dienstmädchen, Lehrlinge usw. könnten wirksamer gegen Ueberschreitungen geschützt werden. Die Regierung, die sonst den Entwurf aufs hartnäckigste verteidigt, gab in diesem Punkt ohne weiteres ihre Vorlage preis. Die Kommission lehnte die Verbesse- rung ab; für die verschlechternden Anträge Gröber-Gräf stimmten außer den Antisemiten, den Konservativen, Nationalliberalen, Zen- trumsabgeordneten, Reichsparteilern der Abg. Kopsch! Ein weiterer Antrag Gröber forderte, daß stets ein öffentliches Interesse vorliegen soll, wenn die Körperverletzung mittels einer Hieb-, Stoß- oder Schußwaffe oder in einer das Leben gefähr- denden Behandlung begangen ist. Die Regierung lehnte den An- trag ab, die Kommission schloß sich dem an. Beim Abs. 5, der auch die Verletzung des Briefgeheimnisses durch die Privatklage verfolgt sehen will, beantragten unsere Ge- nossen, für diesen Punkt die öffentliche Klage zuzulassen. Ter Antrag wurde abgelehnt. Der zweite Abschnitt des§ 377 besagt, daß sämtliche Straf- taten, gegen die das Privatklageverfahren zulässig ist, auch im Wege der öffcirtlichen Anklage verfolgt werden können, wenn ein öffent- liches Interesse vorliegt. Ein polnischer Antrag verlangte, daß Privatklagen gegen Jugendliche nicht zu erheben sind. Von der Regierung wurde betont, daß auch für Privatklagen gegen Jugend- liche die Bestimmungen, daß das Verfahren gegen Jugendliche auf Beschluß des Gerichts eingestellt werden kann, gelten.— Unsere Genossen beantragten, daß die Staatsanwaltschaft die Gründe an- zugeben hat, die für die Einleitung der öffentlichen Klageerhebung maßgebend waren. Auch soll dem Verletzten und dem Verdächtigen gegen den Beschluß des Staatsanwalts das Recht der sofortigen Be- schwerde zustehen. Nach einem Antrag Gröber soll der Staats- anwalt verpflichtet werden, in dem Falle, in dem er die Erhebung der öffentlichen Klage ablehnt, die Gründe für diese Ablehnung dem zur Antragsrellung berechtigten Privatkläger mitzuteilen. Auch gegen diesen Bescheid kann der Antragsteller die Entscheidung einer -höheren Instanz anrufen. Die Regierungskommissare traten auch diesen Anträgen entgegon. Der sozialdemokratische Antrag wurde abgelehnt, der Antrag Gröber dagegen angenommen. Ein weiterer Antrag unserer Genossen, der sich auf den§ 378 chezieht. forderte, entgegen der Regierungsvorlage, daß Minder. jährige über 18 Jahre die Privatklage selbständig erheben können. Nach längere- Debatte wurde der sozialdemokratische Antrag an- genommen. Der Z 380 bringt eine Neuerung gegenüber dem geltenden Recht. Dennoch mutz die Privatklage innerhalb drei Monaten er- hoben werden, nachdem dem Kläger die Tat der Täter bekannt ge- worden ist. Unsere Genossen beantragten die Streichung dieser Bestimmung, eventuell einige Verbesserungen zu beschließen. Ein Regierungsvertreter verteidigte die Vorlage mit dem Hinweis darauf, daß die Bestimmungen zum Schutze des Beschuldigten ge- schaffen worden seien. Unsere Anträge wurden abgelehnt. Beim 8 381 forderte ein sozialdemokratischer Antrag, daß als Beistand des Privatklägers auch Berufsgenossen desselben oder an. geMte Meiste ü- 2. flfe&iiia&öato). zuzÄMli(uii.= Ein RegletungSSerlreTer erkannte die Berechtigung dieser Forderung an. er wendete sich aber aus formalen Gründen gegen eine solche estlegung im Gesetz. Der Antrag wurde gegen die Stimmen der ozialdemokraten und eines Polen abgelehnt. Ein weiterer Antrag unserer Genossen verlangte im Anschluß an den 8 333, daß auch im Beamtenbeleidigungs-Klageverfahren der Erhebung der Klage ein Sühneversuch vorauszugehen hat. Auch dieser Antrag wurde abgelehnt. Ebenfalls abgelehnt wurden die zu den 8§ 384 und 385 gestellten sozialdemokratischen Anträge. Nach dem§ 386 wurden die weiteren Verhandlungen auf Sonngbend vertagt.> �, Gerichts-Zeitung. Auf Untersagung des Gewerbebetriebes als Heiratsvermittlerin klagte die Polizeiverwältung vdn Elberfeld gegen Frau Frohwald- Schmaler, weil sie der erforderlichen Zuverlässigkeit entbehre. Die Klage wurde auf 8 35 der Gewerbeordnung gestützt, wonach zu den Gewerben, deren Betrieb wegen Unzuverlässigkeit untersagt werden könne, auch das der Heiratsvermittelung gehört. Ter Bezirks- ausschuß stellte nun folgendes fest: Der Ehemann der Beklagten ist früher wegen Betruges bestraft worden. Er hatte damals einen Betrieb und hatte sich nach dem Strafurteil durch falsche Vor- spiegelungcn ein Darlehen von 6000 M. verschafft. 2000 M. von dem Gelde soll er, anstatt, wie vorgegeben, sich verbesserte Betriebs- einrichtungen zu schaffen, auf einer Reise verjubelt haben. Als die Eheleute dann nach Elberfeld kämen, machte der Mann ein Heiratsvermittelungsbureau auf. Auf eine gegen ihn gerichtete Klage wurde ihm das Gewerbe wegen Unzuverlässigkeit untersagt. Das damalige Urteil des Bezirksausschusses wurde rechtskräftig. Nunmehr wurde Frau Frohwald Heiratsvermittlerin. Es kam jedoch heraus, daß die Geschäfte im wesentlichen von dem Manne besorgt wurden. Frau F. betrachtete ihn als ihren Geschäftsführer. Die Polizeiverwaltung leitete aber aus dieser Beschäftigung die Unzuverlässigkeit der Frau her, und sie verlangte, daß auch der Frau das Gewerbe untersagt werde. Der Bezirksausschuß gab der Klage statt un-d untersagte der Frau den Weiterbetrieb des Gewerbes.— DaS ObcrverwaltungS- gcricht hat jetzt das Urteil mit folgender Begründung bestätigt: AuS dem vorliegenden Material erhelle ganz klar die Unzuverlässigkeit des Mannes. Weiter sei als erwiesen anzunehmen, daß der Mann jetzt das Geschäft in der Hauptsache führe und daß die Frau eigentlich nur ihren Namen hergebe. Habe aber der unzuverlässige Mann einen wesentlichen Einfluß auf das Geschäft, dann sei auch die Unzuverlässigkeit der Frau genügend dargetan. Mit Recht habe deshalb der Bezirksausschuß auf Untersagung dxs Gewerbebetriebes der Heiratsvermittlerin gegen sie erkannt. DaS Zehlendorfer Gemeindesiegel. Im April 1007 schloß die Gemeinde Zehlendorf, vertreten durch den Gemeindevorsteher und den Gemeindeschöffen vor einem für die Beurkundung von Verträgen zuständigen Beamten mit der Zehlendorfer West-Terrain-Gesellschaft einen Vertrag, in welchem es sich um den Fluchtlinienplan gewisser Straßen usw. handelte. In demselben hatte sich die Terrain-Gesellschaft unter anderem auch verpflichtet, die Kosten einer späteren definitiven Entwässe- rung zu tragen und hierfür Sicherheit zu leisten. Da letzteres in der Folge verweigert wurde, erhob die Gemeinde gegen die Terrain- Gesellschaft Klage mit dem Antrage, die Beklagte zur SicherheitS- leistung, und zwar in Höhe von 3000 M., zu verurteilen. Die Beklagte erhob die Einrede, der Bertrag sei nichtig, weil in ihm die nach§ 88, Absatz 4, Ziffer 7 der Landgemeindeordnung für die sieben östlichen Provinzen der preußischen Monarchie vom 3. Juli 1801 erforderliche Form nicht gewahrt sei. In dieser Hinsicht steht fest, daß die Urkunde mit dem Gemeindesiegtl nicht versehen ist. Landgericht und Kammergericht Berlin wiesen die Klage ab. DaS von der klagenden Gemeinde ergriffene Rechtsmittel der Revision blieb ohne Erfolg. Der V. Zivilsenat des Reichsgerichts erkannte jetzt auf Zurückweisung der Revision und führt in seinen Entschcidnngsgründca hierzu folgendes aus: DaS Kammergericht hat den Vertrag für ungültig erklärt, weil die Urkunde nicht mit dem Gemeindesicgel versehen»st. Mit diesem Ergebnis befindet sich das Kammergericht in Uebereinstimmung mit einer Reihe früherer Entscheidungen des Reichsgerichts. Auch das OberverwaltungS- gericht hat in einem Urteil vom 21. Dezember 1905 die Beidrückung des Siegels für eine wesentliche Form erklärt, von deren Beob- achtung die Gültigkeit der Verträge abhängt. Dieser Auffassung ist beizutreten, denn andernfalls würde die die Beifügung des Ge- meindestegels anordnende Mußvorschrift des 8 38 Nr. 7 der Land- gemeindeordnung ohne jede Bedeutung sein. Mag auch die heutige Verkehrssitte, worauf die Motive zum Bürgerlichen Gesetzbuch hin- weisen, der Besiegelung nicht mehr den Wert beilegen, wie in frühe- ren Zeiten, so muß doch davon ausgegangen werden, daß der Gesetzgeber diese Bestimmung in§ 83 nicht ohne erheblichen Grund aufgenommen hat, und zwar dies um fo mehr, als die Städte- ordnung vom 30. Mai 1853 eine gleiche oder ähnliche Bestimmung nicht enthält. Die Beidrückung des Siegels erscheint als eine ge- wisse feierliche Form, die zum Ausdruck bringt, daß der Beamte, der das Siegel beigedrückt hat, die Erklärung in seiner amtliche» Eigenschaft abgegeben hat. die somit eine gewisse Gewähr dafür bietet, daß der Inhalt der Erklärung als Wille der Gemeinde, in deren Namen sie abgegeben wivd, gilt. Ob es zu diesem Zwecke auch jetzt noch dieser vielleicht etwas altertümlichen Form bedarf, ist von den Gerichten nicht zu prüfen. Von der Beseitigung der Formvorschrift des SiegelbeidrückenS durch daS Bürgerliche Gesetz- buch kann keine Rede sein, Vermischtes.- Von äer Luftfcbiffabrt DaS bereits einige Male erlebte Schauspiel eines Rundfluges um den Eiffelturm wiederholte sich gestern für die Pariser durch den kühnen Flug des AviatikerS B u f s o n. DaS letzte Mal wurde der Eiffelturm umflogen von dem Grafen Lambert. Gestern hat nur Busson diesen Flug des Grafen Lambert erneuert, indem er gestern abend mit seinem Apparats den Eiffelturm umkreiste. Er war um ö Uhr auf dem Flugfelde zu Juvish bei PariS aufgestiegen. Er lenkte einen Blöriotschen Eindecker und siog von Juvisy zunächst in weitem Bogen über Paris, um dann direkt nach dem Eiffelturm zu fliegen. Diesen umkreiste er in einer Höhe von 200 Meter. Hierauf kehrte er, noch verschiedene Schleifen und Wendungen ausführend, wobei der Apparat dem Führer tadellos gehorchte, nach Juvisy zu- rück, ohne jeglichen Unfall und ohne jegliche Störung. ES ist dies der vierte Flug, der über Paris ausgeführt worden ist. » Ueber einen GeschwindigkeitSwettflug wird aus Baden gemeldet: Der Aviatiker Rawlinson. an Bord eines Farman-ApparateS, erlitt gestern während deS GeschwindigkeitSwettflugeS einen Unfall. Um 7 Uhr 20 Min., wenige Minuten nachdem er aufgestiegen und als er sich eben anschickte, den dritten Flaggenmast zu umfliegen, stürzte der Apparat plötzlich zur Erde und wurde vollständig zertrümmert. Wäre der Apparat nur wenige Meter weiter auf die Tribünen zu abgestürzt, so wäre er in die dichten Menschenmassen gefallen. Der Flieger, welcher besinnungslos aufgehoben wurde, lag unter den Trümmern seine» Apparates. Ihm ist die linke Schulter verrenkt, das rechte Schlüsselbein gebrochen, ebenso der rechte Oberschenkel zweimal gebrochen. Dieser Beinbruch ist sehr kompliziert; eine Amputation wird erfolgen müssen. » Der Aviatiker K i n e t. welcher anläßlich eines UeberlandflugeS au» einer Höhe von 30 Metern abgestürzt war und sich einer schweren Operation unterziehen mußte, ist. einer Meldung auS Gent (Belgien) zufolge, seinen Verletzungen erlegen. DaS heilige Eigentum. Die Strafkammer zu Magdeburg verurteilte den Arbeiter Andreas Hesse aus Alt-HaldenSleben wegen Rückfalldiebstahls zu sechs Monaten Gefängnis und das, weil er einem anderen Arbeiter aus einem Pferdestalle ein Hemd gestohlen hatte, das er für 60 deutsche Reichspfennige verkaust hatte. Für jeden Groschen einen Monat Ge- sängniS l Heilig, dreimal heilig ist das Eigentum! Die Volkszählung der Indianer. Aus Washington wird berichtet: Mit besonderer Sorgfalt hat daS amerikanische Vollszählamt die Arbeiten vorbereitet, die den Zweck verfolgen, durch eine genaue Volkszählung ein zuverlässiges Bild von dem heutigen Stande der zu Indianer geben. Die Zahl der Rothäute, die ihre Reservationen verlassen und amerikanische Staats- bürger werden, ist immer mehr angewachsen, und man nimmt daher auch an. daß diese Jndianerzählung die letzte ihrer Art sein wird. Es sind besondere Zähler angestellt, Leute, die die Indianer genau kennen und die bereits im Westen bei den Rothäuten ihres Amtes walten. Es handelt sich dabei nicht nur um die Zahl der Indianer, sondern vor allem um genauere Mitteilungen über die Zusammen- setzung der Stämme und das Familienleben. Es soll festgestellt werden, wie viel s r e m d e S B l u t in das Jndianervolk eingedrungen ist, wieviel Mischlinge unter ihnen leben, wieviel Mischehen stattfinden, der Umfang der Polygamie, wieviel Männer mit ihren Schwestern in ehelicher Gemeinschaft leben, und wie groß die Zahl der Rothäute ist. die eine Schulbildung gesucht und erhalten haben. Bor allem aber wird es interessant sein, aus dieser Zählung genaue Angaben darüber zu erhalten, wie viele Indianer einen festen Wohn- sitz erwählt haben und wie weit die Zahl derer zusammengeschrumpst ist, die an dem alten Jagd- und Nomadenleben festhalten. Orientalischer Humor. Folgendes Stimmungsbild aus den politischen Kreisen Persien» gibt das französisch-persische Blatt„Der Orient' bekannt: Im Kriegsminisierium: Die Hitze ist erdrückend, man schläft.— Finanz- Ministerium: Man träumt von einer Anleihe.— Ministerium deS Innern: Man erwartet die Ereignisse, um seine Maßregeln zu treffen.— Justizministerium: Es scheint, daß man hier die Wieder- einführung der Bastonnade(Prügel auf die Fußsohlen) wünscht für diejenigen, die nicht die Mittel haben, für die Rechtsprechung zu zahlen.— Unterrichtsministerium: Ferien.— Straßen- und Brücken- bau: Man sucht die Verbesserung der Luftballons.— Gemeinde- Verwaltung: Man denkt an die Erzeugung künstlicher Wolken zur Befeuchtung der Stadt Teheran.— Parlament: Die konservative Mehrheit findet das Volk nicht reif fiir daS Verständnis der Debatten und plant deshalb die Unterdrückung der öffentlichen Sitzungen.— Ministerrat: Nichts Neues, außer daß die g r o ß e H i tz e oft die Mini st er auseinandertreibt. Kleine Notizen. Große Waldbrände in Montana. Wie aus New York gemeldet wird, stehen die Wälder im Staate Montana seit einigen Tagen in Brand. Das Feuer ist an nicht weniger als 13 Stellen angelegt worden. Man vermutet ein Verbrechen von Indianern. Die Stadt Whitefish ist vollständig von den brennenden Wäldern eingeschlossen. Bisher konnte der Stadt keine Hilfe gebracht werden. Drei Personen ertrunken. Bei emer Kahnfahrt auf der Mosel ertranken durch Kentern eines Bootes die Vizefeldwebel und Regimentsschneider Niedenburg und Bokaka vom vierten Magde- burgischen Infanterieregiment Nr. 67 auS Ostpreußen und der Re- gimentsschneider Wethen vom 144. Infanterieregiment auS Coerrencig bei Baal im Rheinland. Die übrigen Teilnehmer an der Fahrt. eine Frau und ein Kind, wurden gerettet. Ihre» Stiefsohn ermordet. In MarmoroS-Sziget (Ungarn) hat eine Kaufmannsstau ihren 14jährigen Stiefsohn namens Zeppezaner ermordet. Die Frau wurde verhaftet. Schadenfrurr. Auf den großen Holzplätzen der österreichischen StaatSbahnwerkstätten zwischen Floridsdorf und Jedlersee ist in der vergangenen Nacht ein großer Brand ausgebrochen, welcher erst nach mehrstündiger Arbeit gelöscht werden konnte. Der angerichtete Schaden wird auf 150 000 Kronen geschätzt. Vom Blitz erschlagen. Gestern nachmittag ging über Siegen ein heftiges Gewitter nieder, wobei in Weidenau ein Kind vom Blitz erschlagen und in Marienborn durch Blitzschlag ein Haus eingeäschert wurde. Dammrutsch. Amtlich wird aus Magdeburg gemeldet: Durch den wolkenbruchartigen Gewitterregen entstand vorgestern abend gegen 10 Uhr auf der Strecke Cönnern- Belleben eine Damm- rutschung, welche die Strecke unsahr macht. Der Durchgangsverkehr wird über Bernburg geleitet. Typhusepidemie. Nach einer Meldung aus Budapest greift die Typhusepidemie immer weiter um sich. Bisher wurden 134 Kranke gezählt. Der Bestand an Kranken hat sert gestern um 44 zu- genommen. Messerduell zwischen zwei Sträflingen. Im Zuchtbaus zu Favignana, der sogenannten Berbrecherinsel bei Sizilien, fand em regelrechtes Duell zwischen zwei Sträflingen statt. Als Waffen wurden Dolchmcsier verwendet. Einem der Duellanten wurde die Lunge durchbohrt. Darauf wurde das Duell in aller Form als beendigt erklärt. Die große Hitze in New Jork überstanden. Die große Hitzewelle, die die Oststaaten während der letzten Tage heimgesucht und über 50 Tote allein in der Stadt New York gefordert hat, scheint vorbei zu sein. Die größte Hitze, die das Thermometer in dem Staate New York gestern registrierte, betrug 32 Grad EelsiuS, während sie die Tage vorher fast 40 G r a d erreicht hatte. «mtlicher Marktbericht der NZdMchen Markthallen-Dtrektton über den Großhandel in den Zentral-Marltballen. Mnrktlog«: Fleisch: Zusuhr reichlich, Geschäst schleppend, Preise unverändert. Wild: Zufuhr etwas reichlicher, Geschäst reg-, Preise gut. Geflügel: Zufuhr reichlich, Geichält lebhast, Preise bestiedigend. Fische: Zufuhr etwa» reichlicher, Geichäst ruhig, Preise wenig verändert. Butter und Käse: Geschält ruhig. Preise unverändert. Gemüse, Obii und Südjrüchte: Zufuhr in Gemüse über Bedarf, sonst Mäßig, Geschäst schleppend, Preis« gedrückt. ßriefhaftcn der Redaktion. 9it surifttich- Cvreiftfhinb« flnbt« Liudeuftrafte Nr. CO, vorn biet Trebbe«— Fabiftubl—, woweutägliib von 4Y, bis?>/, Uhr abeads, «ounabenbs bon 4'/, bis C Uhr uachmitiagS statt. Jeder ülniraae ist «in Buchstabe und eine Zahl als SUerk?, eichen beizufügen. Briefliche Untwor» wird«ich» erteil». Eilig« Jrageu»rag« mau tu der Sprech- stunde vor. Chnida, G-Ttr. IS. 1. und 2. ES genügt ein eigenhändig bon dem einen Ehegattin ge- und unterschriebenes Testament, unter daS der andere Ehegatte den eigenhändig ge» und unterschriebenen Bennert gesetzt hat: Bor» stehendes Testament hat auch als mew Testament zu gellen." 3. Kann in der Wohnung ausbewahrt werden. 4. Es genügt die Erklärung, daß Sie sich gegenseitig zu Erben einsetzen. Auszählung deS Vermögens überflülsig. — Jahnke, Martenwerber. Klagen Sie aus Schadenersatz.§ 618 8. G-B. — M.®. 22. Er muß trotzdem zahlen.— Holland. Abfindung kann erfolgen 1. bei Renten von nicht über 15 Proz., 2. bei Ausländern, die ins Ausland zurückkehren.— I. S. SV. Eigentum des Finder» wird der Fund nie, auch nicht bei Sachen im Werte von 3 M. und weniger. DaS LoS ist also herauszugeben.— K. halten Sie Antwort aus dem PoiizeiprSstdium bei Beantragung des Passes. — P. M. SO. 1. Kiel. 2. Drei Jahre.— O. V. 9. 1. Uns ist das Geschästsgcbahren dieser Gesellschaft nicht bekannt. 2. Offenbacher Kranken- lasse sür Frauen und Alädchen. Meldungen bei Hinz, Prinzenstrage 66.— — P. T. 100. Sicherlich auch von anderen Aerzren angewandt.— H. 40. Zur Aufnahme verpflichtet ist kein Krankenhaus. Ziehen Sie einen Arzt zu Rat event. den Armenarzt Ihres Reviers; der wird die notwendigen An- Ordnungen treffen.— S. 40. Ihre Fragen erhalten Sie beantwortet, wenn Sie sich an daS Kommando der Berliner Feuerwehr, Lindcnstrage, wenden. H. T. H. 19. Bon der erstmaligen Absorderung der 1600 M. ab 4 Proz. ebne Rücksicht aus den HanZverkaus.— C. 8. 25. Wohl VollstreckungZ- kosten; erbitten Sie eine spezifizierte Ausstellung.— G. 30. Unver- ständlich? kommen Sie in die Sprechstunde.— P. B. 00. Nein. — I. M. 103. Wenden Sie sich an Wilhelm Hinz, Prinzenstr. 66, v. IV, den Borsitzenden der Offenbacher Unterstützungskasfe für Frauen.— S. R. 23. Ihr Mann kann aus Herausgabe des Stoffes klagen. Der An- spruch aus Zahlung ist verjährt.— Daber. Von einem solchen Antrag raten wir ab.— 9l. Die Sache ist zwciselhast. Durchsiihrbar erscheint sie, wenn Sie den Verein während der Zablungssähigkeit des Schuldners zum Vorgehen ausgesordert haben.— Berlin. Nur wenn eine vierzehntägige Kündigungsfrist vereinbart ist. Die gesetzliche beträgt sechs Wochen. Bei der Aussicht aus Heirat kann zum Schiusse des lausenden Vierteljahres ge- kündigt werden. Dies Vierteljahr ist nicht übereinstimmend mit dem Kalendervierteljahr, sondern wird unter Zugrundelegung des Dienstantritts- datums berechnet.— M. T. 13208. Dem Verlangen der Steuer- behörde müssen Sie nachkommen. Position 5 ist nicht abzugSsähig, 4 und 6 nur unter besonderen Umständen.— A. W. 21. Be- leidl nach vorheriger Labung vor dm Schiedsrichter. r. lOO Rixdorf. 1. und 2. Nur abzugssähig, wenn besondere Ver» Hältnisse vorliegen. 3. Beiträge zu Krankenkassen sind abzugssähig. 4. und °. Nicht abzugssähig.— G. K. 17. Der Abzug ist nicht gerechtsertigt. — H. S. 34. Nein.— Metallarbeiter Nr. 10. Der wirklich ver- abredete Mietszins ist zu zahlen.— E. T. Schöncberg 1. Es mutz nunmehr durch einen Rechtsanwalt die Scheidungsklage bei dem Land- gericht II erhoben werden.— P. S. 1870. 1. Nein. Das wäre nur möglich, wenn deswegen die Ehe geschieden ist. 2. Sie können wegen Be» leidigung Ihrer Frau klagen.— H. Ma. 70. Wenn Ihre Schwester durch ärztliches Gutachten ihre Erwerbsunfähigkeit dartun kann, soll sie An« trag aus Gewährung der Invalidenrente stellen.— M. S. LI.1- 1,16 M. pro Tag. 2. Deswegen haben Sie keinen Anspruch aus Ermätzigung.— W. R. 39. Anspruch aus Altersrente besteht nicht, da die dasür crsocder» liche Anzahl von Marken nicht verwertet ist. Dagegen raten wir, den An« trag aus Gewährung der Invalidenrente zu wiederHolm und gegen einen etwaigen ablehnenden Bescheid Berufung einzulegen. Theater und Vergnügungen Sonnabend, den 16. Juli. Anfang 7 Uhr. Neues königl. Operu-Theater. Siegfried. Anfang 8 Uhr. Deutsches. Laune des Verliebten. Judith und Holosernes. Kammerspiele. Liebeswalzer. Lessing. Kasernenlust. Komische Oper. Der Regiments- papa. Neues Schauspielhaus. Der Flieger. Kleines. Nur ein Traum.'(Ansang v Uhr.) Berliner. Tmsun. Neues Overetteu. Der Gras von Luxemburg. Thalia. CharlehS Tante. Hebbel. Wem gehört Helme? Spuk.(Ansang S'/t Uhr.) Schiller u.(Wallner- Theater.) Rigoletto. Schiller Gharlottenburg. Die von Hochsattel Rose. Der Gesundbeter. Lustspielhauü. DaS LmtnantS- mündet. Metroool. Hollah II— Die große Revue. FolteS Caprice. Pariser Ehen. DaS VersöhnungSjesl(Ansang B'U Uhr.) Apollo. Spezialitäten. tvniiage. Spezialitäten. Reichsballen. Stettiner Sänger. Walhalla. Spezialitälen. Wintergarten. Spezialitätm. Karl Haverland. Spezialitäten Prater. Im Reiche des Mars. Urania. Toudeaieratze 48/49. Abends 8 Uhr: Im Lande der Mittemachtssonne. Sternivarrr, Jnvatidenstr. 57— 62. Lessing-Theater. Täglich 8 Uhr: Kasernenluft. Berliner Theater. Heute 8 Uhr: Tdiftlll* Morgen: Taifun._ Bleaes Operetten-Theater. Heute und folgende Tage 8 Uhr: Der Graf von Luxemburg. Sonntag nachmittag 3 Uhr zu er- mätzigt. Preisen: 91« Dollarprinzessin. Lustspielhaus. Abends 9 Uhr: Das Leutnantsmündel IOSE=THEATE 1 Grotze Frankfurter Str. 132. Zisrkesunäbsterj Schwank in 3 Alten von A, O. Weber. Ans. 8 Uhr. Ende'1,11 Uhr. Aus der Gartenbühne: Theater Borstellung. Spezialitäten. Gr. Konzert. Ansang 4>/, Uhr._ HetropoiTheater Hallo!!! Die große Revue! In 8 Bildern von JuL Freund. Musik v. Paul Liecke. In Szene gesetzt vorn Dir. Kich. Schultz. Anfang 8 Uhr. Rauchen gestaltet. Ab 8 Uhr: Die sensationellen Spezialitäten. 9'/, Uhr: Klassische Tänzerinnen vom königl. dänischen Ballett S Beautea Korinuu« 5. tOUhr als Taube, nfährcr, usw. usw. ujiä La Tortajada in ihrer neuesten Schöpfung: , Abenteuer eines Toreros". Eaiifmanns Lady Cycle Truppe öarcias jonglierende Silhouetten sowie He sensationellen Attraktionen des Joll-Prograiuins! Urania. Wissenschaftliches Theater. Taubenstr. 48/49. Heute 8 ühr: Im Lande der Mitter= nachtssonne. I Passage-Theater. < Der größte TI,9Ä#,B der spanlscbe 1 Caruso Senor Ordnna. Der slipallsle r.i i u. das große Juli-Programm. Passage-Panoptikum. Die zusammeagewaebsenen Schwestern Blazek und ihr Rind. Von 11—1 Uhr mittags u. von3— 10 Uhrabends zu sehen. 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Um rege Beteiligung ersucht toer Torstand. Mini der baugeverhliehea fliHeiter Deutselllands. Zweigverein Berlin u. Umgegend. (Bezirk Schönhauser Vorstadt.) Todes- Anzeige. Am 12. Juli schied freiwillig aus dem Leben unser lang- jähriges, treues Mitglied, der| Kollege Robert Leuschner. Ehre seinem Andenken 1 Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 16. Juli, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- Halle der Gcthscmane-Gemeinde! in Nieder-Schvnhausen-Nordend| aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 30/7 Oer Zweigvereinsvorstand. I r»il — Filiale Berlin I. in Herren'Konfektion. Am Sonnabend, den 16. Juli» abends 8V2 Uhr, bei Schulz, Münzftr. 17(Eingang KönigSgraben): Sltznng für die Kollegen der Firmen: Lesser, Maciio!& Lewin und Leopold Pinn; bei Zimmermann, Kurze Straße 17: SZtznng der Kollegen der Firma Wert Graetz; bei Bus;, Klosterstr. 101: S i t z n n g(ür die Kollegen der Firmen Paul Unger und Hopp& Kurzweg. Vollzähliges Erscheinen erwartet 163/8 Die Kommission. 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Um rege Beteiligung ersucht Die Ortsverwaltung. Am Mittwoch, den 13. Juli, I verstarb nach langen Leiden meine I liebe Frau, unsere gute Schwester und Schwägerin Hedwig Will geb. Soitzel im 29. Lebensjahre. 2g58b Um stilles Beileid bitten Der trauernde Gatte Otto Will nebst Familie Soltzek. Die Beerdigung findet Montag, den 18. Juli, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Geihse- mane- Kirchhoscs, Nordend, aus statt. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß meine liebe Frau, gute Mutter, Schwester und Tochter Gerlmd Posselt geb. FUegner am 13. Juli im 32. Lebensjahre gestorben ist. Die Beerdigung findet statt am 16. Juli, nachmittags 4 Uhr, vom Thomas-Kirchhof, Hermannstraße. Im Namen der trauernden Hinterbliebenen Otto Fossolt Rixdorf, Weserstraße 51. Danksagung. Für die vielen Beweise inniger Teilnahme beim Hinscheiden unseres guten BaterS, meines lieben Mannes RVtax Schmidt sagen wir hiermit allen Bekannten und Verwandten, insbesondere der Finna B. Noa, sowie der Lauben- kolonie.Gut Land" unseren herz- lichsten Dank. Frau Schmidt nebst Kindern. Dr. Simmel Spezial-Arzt* für Haut- und Harnleiden. Prinzenslr. 41, 10— 2, 5—7. Sonntags 10— 12. 2—4 Verantwortlicher Redakteur SMard wird taghell, wenn Sie auf Ihrer Lampe Ürania-Salonoel brennen. Sie die Sicherheit haben wollen, das seit Jahren rühmlichst bekannte Urania-Salonoel (der Name ist gesetzlich geschützt) zu erhalten, dann fordern Sie beim Einkauf nicht nur„Salonoel", denn unter dieser Bezeichnung wird sehr oft ein Gemisch mit billigeren Sorten verkauft. ===== Nur der volle Name----------------------- Urania-Salonoel bietet Ihnen die Garantie, das unverfälschte amerikanische Sicherheits-Petroleum zu erhalten. 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Hausgewerbetreib.. 0,36 bei den weiblichen..... 0,22 Das Familien-Sterbegeld beim Tode der Ehefrau.... 54,— beim Tode eines Kindes von 1—14 Jahren bei den männl. Hausgewerbeweibenden.. 27,— bei den weiblichen..... 16,50 in allen vom 18. Juli ItUV ab neu eintretenden Unterstützungs- fälle»., 276/18 Alle Übrigen Vorschriften über die Krankenversicherung derHausgewerbe- weidenden bleiben unverändert. Charlottenburg. 15. Juli 1310. Der Kassenvorftand. X iBSoioe-freise X Wollen Sie vorteilhaft kauten? So kaufen Sie la. Briketts nach Gewicht! Ä. B. KOCH KohleD-oeilBriketts-GroShaDilliiiig Hanptkontor: Berlin OJLPelersIiiirger Straße 1. Telephon Amt 7, 3040 u. 3096. liagerpliltze: RUderadovfer Str. 71— Ostbahn, Küstriner Platz. Frochtstr. 13— Ostbahn, Güterbahnhof. Behmstr. 38-84— Ecke Schivelbeiner Straße. Dp.;., für la. Marken ab meinen rlXluu Lagerplätzen von lOZtr. an: Ii Ballisteine Hansa p iOpi Ia.MarieniliiekSalönpztr.i2pt Ii Gotthoid Salon-, p- ztr. B2 pi. 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Eine Parteiversammlung des 13. sächsischen ReichstagSwahl- kreises Leipzig-Land beschäftigte sich am Donnerstag abend mit dem Internationalen Kongres; in Kopenhagen, dem Parteitag in Magde- bürg und der sächsischen Landeskonferenz. Genosse Geyer als Referat über die beiden erstgenannten Kongresse behandelte gleich den neuesten Disziplinbruch der badifchen Landtagsfraktion, den sie durch die Etatsbewilligung begangen und die Partei aufs neue zur Stellungnahme herausfordern, ebenso die merkwürdigen Ratschläge der Genossen Maurenbrecher und Quessel in den «Sozialistischen Monatsheften" über die Taktik bei den nächsten 'Reichstagswahlen. Nachdem die Partei nach heftigen Kämpfen sich in Nürnberg festgelegt hat, daß sich die Budgetbewilligung mit unseren Grundsätzen nicht verträgt, hätte man annehmen müssen, daß die Genossen sich nun allerorts nach diesem Partei- tagsbeschlutz richten würden. Genossen, die so disziplinwidrig handeln,' gehören nicht solche Vertrauensstellungen der Partei. Die beiden Genossen Ouessel und Maurenbrecher hatten mit ihren Aus- lassungen in den„Sozialistischen Monatsheften" dafür gesorgt, daß die Taktik wieder behandelt werde. Die Vorschläge der beiden zeigten, daß sie unverbesserliche Illusionäre seien, man müsse sich fragen, ob sie überhaupt noch Sozialdemokraten seien. Mit den „Liberalen", die vor einem Jahre im Bülowblcxk noch die ärgsten Reaktionäre waren und heute schon wieder auf dem Wege zu den Konservativen sind, sollen wir bei den nächsten Wahlen zusammen gehen? Von all diesen Ratschlägen könne keine Rede sein. Jetzt solche Porteidiskussionen anzuzetteln, sei geradezu Parteiverrat. Die Genossen S ch ö p f l i n und Keimling raten, daß die Be- schlußfassuny über die Disziplinbrecher ausgesetzt werden solle, bis nähere Nachrichten vorlägen. Genosse Müller ist gegenteiliger Meinung und bringt folgende Resolution ein: „Die am 14. Juli 1910 abgehaltene Parteivcrsammlung für den 13. sächsischen Reichstagswahlkreis erblickt in der Zu- stimmung der badischen sozialdemokratischen L a n dtags f ra k t i on zum Staatsetat einen schweren Disziplinbruch und eine bewußte Miß- achtungder Beschlüsse des Nürnberger Partei- tages und erwartet vom Parteitag in Magdeburg, daß er sich durch ihr Verhalten freiwillig außerhalb der Partei stellende Genossen auf Grund des Organisationsstatuts auch formell aus- schließt." Die Entscheidung über die Resolution und die Wahl der Partei- tagsdelegierten wurde auf eine spätere Parteiversamm- luitg vertagt. Als Delegierte zum Internationalen Kongreß wurden Genosse Geyer und Genossin Hennig gewählt. Sosiales. Neuregelung der Sonntagsruhe. Der vom Reichsamt des Innern ausgearbeitete Ent- Wurf betreffend Aenderungen der Sonntagsruhvorschriften, soll nach einer in der Regel offiziös unterrichteten Kor- respondenz im November dem Reichstag unterbreitet werden. Er soll vorschlagen: VölligeSonntagsruhe in allen Betrieben, die mit keiner offenen Verkaufsstelle verbunden find: für gewisse Betriebe und in Festzeiten oder in der Zeit der Branchen-Hochsaison sind Ausnahmen zulässig, doch darf die Arbeitszeit zwei Stunden nicht überschreiten: näheres haben die Ortsstatuten anzuordnen. Beschränkte Sonntagsruhe herrscht bei allen offenen Verkaufs- stellen: im allgemeinen soll die Verkaufszeit bei ihnen aber nur noch drei Stunden währen, die möglichst so gelegt wird, daß sie vor die Kirchzeit fällt, also die Angestellten nach Beendigung des Gottesdienstes Herren ihrer Zeit sind. Der Schluß des Geschäftes soll 30 Minuten vor Beginn des Gottesdienstes erfolgen. Die Geschäfte sollen auch eine halbe Stunde lang nach Beendigung des Gottesdienstes noch ge- schlössen bleiben. Für die sogenannten Lebensmittel- b r a n ch e n(Fleisch, Materialien, Vorkost, Butter, Back- Ware usw.) ist die Ueberschreitung der dreistündigen Maximalarbeitszeit bis zu höchstens fünf Stunden zu- lässig. In diesem Falle müssen die fünf Stunden so gelegt werden, daß spätestens um 2 Uhr nachmittags überall vollständige Sonntagsruhe eintritt: nuch die jetzigen Aus- nahmen für Bäckereien und Blumengeschäfte sollen fortfallen. Als freizugebende Sonntage sollen in Zukunft nur die beiden, die den Festen vorangehen, im ganzen also sechs, gelten: die Geschäfte dürfen an ihnen neun Stunden offen halten. Es wäre zu wünschen, daß der Entwurf vor der Ver- abschiedung durch den Bundesrat mit Motiven ver- Lffentlicht werde. Die gemachten Vorschläge sind völlig un- zulänglich. Das mindeste, das verlangt werden muß und ohne irgend eine Schädigung zu erreichen ist, ist in den von den Sozialdeniokraten in der Gewerbeordnungskommission gemachten Vorschlägen enthalten: völlige Sonntagsruhe mit einigen Ausnahmen bei der Nahrungsmittelbranche. Aber auch für diese Fälle müßte die dreistündige Verkaufszeit vor dem Beginn des Gottesdienstes liegen. Ortsstatuten haben die Durchführbarkeit dieses Vorschlags längst er- wiesen._ Zur Bcdürfnisfrage im Wirtsgewerbe. Wiirzburg, 14. Juli. Die Wiedereinführung der Bedürfnis- Prüfung für das Wirtsgelverbe hat der Würzburger Magistrat abgelehnt. Zur Begründung deS Beschlusses wird zunächst darauf verwiesen, daß die Zahl der Wirtschaften ohnehin in den letzten Jahren gefallen sei. Taraus gehe hervor, daß auch hier daS An- gebot seinen Regulator in der Nachfrage habe. Dann heißt es in der Begründung weiter: „Es ist zweifellos, daß es viele Wirtschaften in armseliger wirtschaftlicher Lage, daß es Animierkneipen und Wirtschaften gibt, in denen Leute, die schon zuviel getrunken haben, noch mehr Alkoholika bekommen können. Allein diese mißlichen Verhältnisse kann die Bedürfnisfrage teils gar nicht, teils nur unter sehr miß- lichen Begleiterscheinungen bekämpfen. Gar nicht kann die Be- dürfnisfrage einwirken auf Unsittlichkcit und Alkoholmißbrauch. WeideS beruht auf den üblen Neigungen eines nicht unerheblichen Teiles unseres Volkes, und es ist absolut sicher, daß diese Elemente auch unter einer numerisch auf das äußerste reduzierten Wirt- schaft ihre Förderer finden werden, Der wirtschaftlich schlechte Stand vieler Wirte hat in einer ganz besonderen Entwickelung seinen Grund. Die wenigsten Wirte sind selbständige Existenzen, es sind Bedienstete des Großkapitals, überhaupt der Brauereien. Rechtlich werden sie als Wirte bc° handelt, faktisch sind sie Brauyreibedienstete, Schänker. Danach ist auch ihre ganze wirtschaftliche Persönlichkeit einzuschätzen. Es sind nach ihrer geringen Arbeitsleistung schlecht bezahlte Brauerei- bedienstete, aber keine Wirte, welche als Gradanzeiger für den wirtschaftlichen Tiefstand des Wirtsgöwerbes angesehen werden könnten." Diese EntWickelung, so heißt es weiter, hat ihren Grund teils in der N o t der starken Bevölkerung, einen Nahrungszweig zu finden, teils in der kapitalistischen Entwickelung der Brauindustrie, welche nicht nur die Produktion, sondern in weiten Kreisen auch den Absatz an den Konsumenten in die Hand genommen hat. „Gegen solche Dinge ist mit Mittelchen, wie die Bedürfnisfrage, nicht anzukämpfen."_ Kleine Ursachen, schwere Wirkungen. Scheinbar unerhebliche Verletzungen ziehen oft recht bedauer- liche schwere Wirkungen nach sichi Ein Fall dieser Art wurde vor wenigen Tagen vor dem Reichsversicherungsamt verhandelt. Der Bergmann L. erlitt am 30. Mai 1908 durch Betriebs- Unfall eine Quetschung des ersten Gliedes der linken Zehe. Da die Zehe amputiert werden mußte, wurde L. in das Krankenhaus ge- bracht. Dr Heilungsprozetz verlßef in normaler Weise. Am 2. Juni des Morgens bemerkte der Krankenhausinspcktor an L. ein auffälliges Wesen. Auf die Frage, was ihm fehle, antwortete L., es sei ihm so schwer im Kopfe. Der Beamte kümmerte sich indessen nicht weiter darum. Im Laufe des Vormittags holten die Wärter den Kranken zum Verbinden. Sie hoben den L. aus dem Bette und legten ihn auf die Tragbahre. In der kurzen Zeit zwischen dem Heben aus dem Bett und dem Legen auf die Tragbahre ver- starb L. Die Witwe stellte bei der Knappschaftsberufsgenossenschaft den Antrag auf Hinterbliebenenrente, da sie den Tod auf die Zehenverletzung zurückführte. Sie wurde indessen damit abge- wiesen,„weil der Tod infolge Gehirnblutung eingetreten sei; diese stehe mit dem Unfall in keinem ursächlichen Zusammenhang." Gegen den Ablehnungsbescheid legte die Witwe Berufung bei dem Schiedsgericht für Arbeitervcrsichcrung in Metz ein. Die Be- rufung hatte Erfolg. Das Schiedsgericht verurteilte die Knapp- schaftsberufsgenossenschaft. Das Schiedsgericht hat angenommen, daß der indirekte Zusammenhang zwischen der den Tod herbei- führenden Gehirnblutung und dem Betriebsunfall ursächlich bestehe. Die Knappschaftsberufsgenossenschaft legte Rekurs beim .Rcichsversicherungsamt ein. Sie bemängelte das Urteil und bat um Herstellung ihres Ablehnungsbescheides. Vom Reichsversiche- rungsamt wurde noch ein ärztliches Gutachten von dem Geh. Med.-R. Professor Dr. R. in B. eingeholt. Das Reichsversicherungsamt wies den Rekurs zurück. Es ging davon aus, daß die Gehirnblutung unabhängig vom Unfall einge- treten sein mag. Die Beobachtung des Krankenhausinspektors mache wahrscheinlich, daß die Blutung am Morgen des 2. Juli eingetreten war. Die geringste Erschütterung eines derart Kranken genügt nach dem Gutachten, um die Blutung in das Gehirn ein- treten zu lassen. Diese durch das Heben des Kranken erfolgte Er- schütterung ist aber indirekte Folge des Unfalls. Mithin ist auch der Tod als indirekte Folge des Unfalls anzusehen.— Hiis Industrie und Kandel. Stcinhandcl und bauliche Entwickelung Berlins. Zur Ergänzung seiner Kollektion auf der Bauindustrie-Aus- stellung hat der Verein der Steinhändler Berlins und der Um- gebung eine graphische Darstellung der baulichen Entwickelung Berlins und des Berliner Steinhandels erscheinen lassen, der wir u. a. folgendes entnehmen: In den letzten fünfzig Jahren ist die Zahl der Berliner Wohnungen fast um das Sechsfache, nämlich von 95 876 auf 572 063 gestiegen. Die Zahl der Häuser hat sich in dieser Periode verdreifacht, von 9664 auf 27 941 bereits im Jahre 1905 Die Zahl der Einwohner hat sich von 493 400 auf 2 120 667 vervierfacht, mit Ausschluß der Vororte. Der dritte Teil der Wohnungen entfällt heute auf die Vororte. Die Ziffer der leerstehenden Wohnungen war im Jahre 1873 mit 1042 am nied- rigsten, 1895 gab es deren 31599, während im Jahre 1900 nur 2906 vorhanden waren. Im Vorjahre gab es dagegen bereits wieder 25 352, zu denen noch ca. 15 000 in den Vororten kommen. Die Subhastation war verhältnismäßig am stärksten nach dem Ab- schluß der berüchtigten Gründerepoche. 1879 gab es 637 zwangs- weise Hausverkäufe, im Vorjahre 803. Von diesen Fallissements wird der Steinhandel auch empfindlich getroffen, dagegen aber nicht die Steinwerke, denn der Händler zahlt an den Ziegelfabrikanten gleich bar, aber nicht so der Bauherr an den Händler. Die Produktion der für Berlin in Betracht kommenden Ziegel- werke stieg in dem genannten Zeitraum von 400 Millionen auf 2250 Millionen. Der Absatz innerhalb Berlins stieg von 300 auf 1700 Millionen Mauersteine. Ein Viertel der Produktion wurde demnach in der Provinz abgesetzt. Nach dem Bericht sollen sich in den Havel- und Spreeniederungen noch auf lange Zeit umfang- reiche Tonlager befinden. Wie die wüste Spekulation der Gründer. jähre auf den Steinhandel einwirkte, ergibt sich daraus, daß 1873 das Tausend mit 50 M. bezahlt wurde, Ende der siebziger Jahre es aber bereits auf 18 M. gesunken war. Zehn Jahre später kosteten sie 33 M., sanken aber während der Krise von 1896/97 bis herab auf 17 M. In diesem Jahre bildete sich dann ein Kartell, und diesem gelang es, die Preise sechs Jahre hindurch auf 25 bis 27 M. zu halten. 1903 löste sich das Kartell auf, doch gingen die Preise infolge der guten Sonzunktur nicht zurück. 1908 sanken sie aber auf 20 M. Seitdem ist eine Preisvereinbarung der Werke unter. einander getroffen worden, welche eine Hochhaltung der Preise, die zurzeit 23 M. betragen, sichert. Die Zcmentpreise sind infolge des Fortschrittes der Technik und der dadurch verminderten Pro- duktionskosten von 9 M. pro Faß im Jahre 1860 auf 5,50 M. und darunter in unserer Zeit gesunken. Der Steinhundel ist mit der baulichen Entwickelung Berlins im Laufe der Jahre eng verwandt geworden._ Teutschlands Außenhandel. Der deutsche Außenhandel erreichte im SpezialHandel ohne Gold, Silber und Wertpapiere im Juni d. I. in der Einfuhr 726 Millionen Mark, in der Ausfuhr 612,3 Millionen Mark. Im ersten Halbjahr 1910 hatte die Einfuhr einen Wert von 4261,9 Millionen Mark gegen 4164,7 Millionen Mark im Vorjahre, die Ausfuhr einen solchen von 3540.6 Millionen Mark gegen 3039.4 Millionen Mark im Vorjahre. Gold- und Silbereinfuhr im Juni 15,3, im ersten Halbjahr dieses Jahres 197,4, Gold- und Silber- ausfuhr im Juni 17,5, im ersten Halbjahr 103,5 Millionen Mark. /Zus der frauenbewegung. Mutterschutz in der Reichsversicherungsordnung. Die Vorlage zur neuen Reichsversicherungsordnung hat wenig Sympathie bei der Arbeiterschaft geftinden. Allein kein Ding ist so schlecht, daß sich nicht Verbesserungen anbringen ließen, die doch noch etwas Brauchbares daraus gestalten können. Von solchen Er- wägungen geleitet, haben denn auch unsere Genossen, die in die Vorberatungskommission hineingewählt wurden, alles daran gesetzt, um aus dieser Mißgeburt von Sozialreform für die Arbeiterschaft nicht ganz Unnützes zu gestalten. Doch wie immer, so mußten auch hier alle gutgemeinten Vorschläge gegenüber der Uebermacht der reaktionären Parteien weichen. Wird die Vorlage, so tme sie jetzt aussieht. Gesetz, so ist die neue Arbeiterversicherung ein Hohn auf die wirklichen Bedürfnisse, genau so wie manches andere, was von derselben Seite bereits früher zusammengebraut wurde. Ganz besonders schlecht kommt in dieser Borlage wieder daS weibliche Geschlecht weg. Albgesehen davon, daß in einer Zeit, in der die Frauen ihre Pflichten dem Staate gegenüber genau so erfüllen müssen wie die Männer, man den Frauen auch die gleichen Rechte gewähren müßte, ist es ohnehin auch die heiligste Pflicht eines Staatswesens, für die Frauen, die Mütter sind, oder es werden sollen, hervorragend zu sorgen. Millionen von Frauen und Mäd- chen tragen bei zur Erhaltung der Nation, machen es durch ihre Arbeit und durch ihre— wenn auch nur gezwungen— Opferwilligkeit mit möglich, daß kostspielige Aufwendungen für alle mög- lichen Dinge im Reiche gemacht werden können. Als Gegenleistung biete der Staat nur erbärmlich wenig. Hat die Arbeiterin in ge- sunden Tagen kaum so viel, daß sie sich notdürftig durchschlägt, so lernt sie erst die ganze Kümmerlichkeit eines ArbeitcrinnendaseinS kennen, wenn sie krank wird. Aber was bedeutet die Not in Krank, heitsfällen demgegenüber, was sie an Entbehrungen aushalten mutz, wenn sie schavanger ist. Was bisher von den Krankenkassen an solche Frauen getan wurde, war nur herzlich wenige Darum war es woyk nicht zu viel, wenn erwartet wurde, daß tn dem neuen Entwurf zur Reichsversiche rungsordnung ein, wenn auch nur halbwegs ausreichender Bdutterschutz vorgesehen würde. Sehen und hören denn Regierung und bürgerliche Parlamentarier nicht, wie einsichtige Bürgerliche sowohl wie auch die sozialdemokratische Partei schon seit Jahren eine ausgedehnte Rüitterschaftsversicherung fordern und vor allem auch für Schutz der unehelichen Mutter eintreten? Eine solche Bewegung entsteht nicht, weil in einzelnen Köpfen, die nicht? Besseres zu ersinnen wissen, ein derartiger Gedanke aufgetaucht ist, ohne auch nur genügend Gründe dafür zu haben, sondern weil er, schreckend viele Tatsachen vorhanden sind, die die Unterlage für eine solche Bewegung bilden. Es könnten so manche Fehler in der Gesetz- gebung und in der Gesetzesansübung nicht gemacht werden, wenn die Herren, die hier in Frage kommen, obgleich sie im Mittelpunkt des öffentlichen Lebens stehen, sich nicht doch sozusagen in ihrer eigenen Welt befänden. Nur wenn man das berücksichtigt, kann man verstehen, wie gerade die neue Gesetzesreformvorlage jeder wirklich dem Bedürfnis entsprechenden Reform Hohn spricht. So sollen z. B. schwangere Frauen nur eine Schwangerschafts- resp. Wöchnerinnenunterstützung von 8 Wochen durch die Krankelfkassen erhalten, davon entfallen zwei Wochen Unterstützung auf die Zeit vor der Entbindung und für sechs Wochen Unterstützung nach der Geburt des Kindes. In der ganzen übrigen Zeit während der Schwangerschaft kann nur Unterstützung gewährt werden, wenn es sich um irgend welche andere Krankheiten handelt, die mit der Schwangerschaft nichts zu tun haben. Obgleich also jeder weiß, daß die Schwangerschaft in ihren symptomatischen Erscheinungen unangenehmer, als manche wirkliche Krankheit, wird sie nicht als solche behandelt. Wie unzählige Male ist nicht schon von sachver- ständiger Seite darauf hingewiesen, daß gerade in diesem Zustand, wenn die Frauen noch dazu schwer arbeiten müssen, der Grund für manches später sich bemerkbarmachende körperliche Uebel zu suchen ist. Den Aerzten sind durch das Gesetz die Hände gebunden; sie können nur das Gesetz umgehen, wenn sie, was ja bei jeder Schwan- geren schließlich möglich ist, eine andere Krankheit angeben, die zur Arbeitseinstellung und zur Auszahlung der Krankenunterstützung ausreicht. Wie kurzsichtig es vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus ist, in diesem Falle mit der Unterstützung zu knausern, erhellt erst, wenn mau bedenkt, daß unzählige Kinder von während der Schwanger- schaft arbeitenden Mittcrn krank zur Welt kommen. Von diesen Kindern sterben bald nach der Geburt ein großer Teil, 1907 waren es ein Fünftel aller Lebendgeborenen, bei unehelich Geborenen sogar ein Drittel. Von den Kindern, die am Leben bleiben, sind viele ihr Leben lang schwächlich, werden oft krank, liegen alle Augenblicke den Krankenkassen zur Last. Hierbei soll gleich erwähnt werden, wi« falsch es ist, bei Gesetzesparagraphen anstatt des Wortes„ist" oder „muß" das Wort„kann" zu setzen. Leider haben wir es in den Krankenkassen sehr oft noch mit Leuten zu tun, die nur das äugen» blickliche Wohl ihrer Kasse im Auge haben, denen aber der weite Blick für die Kasse selbst, wie auch jedes sozialpolitische Verständnis fehlt. Die Leiter dieser Krankenkassen sind so verblendet, daß sie sich nicht sagen, die Sünden, die in dieser Beziehung heute von der Mutter begangen werden, rächen sich mehrfach in späteren Jahren an denjenigen Institutionen, die jetzt mit der herrschenden Klaff« 'an einem Strange ziehen. Vervielfältigt muh das, was einst der Mutter entzogen wurde, später an sie selbst oder an ihre Kinder ge. zahlt werden. Hierbei sind auch die Hilfskrankenkassen zu er- Ivähnen, die bisher den Frauen verschlossen blieben, obgleich die Kassen einem Gewerbe angehören, in dem Frauen zu einem großen Prozentsatz beschäftigt sind, oft sogar in überwiegendem Maße. Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir behaupten,'daß das Fernhalten von Frauen als Mitglieder auch nur den Grund hat, daß die weib- lichen Mitglieder den Kassen augenblicklich mehr losten. Ein Weg. um diesen Willkürlichkeiten ein Ende zu machen, wäre die Zentrali- sation aller Krankenkassen, die leider vorderhand noch ein frommer Wunsch bleiben wird. In der Kommission war von sozialdemokratischer Seite ein Antrag auf unentgeltliche Hebammendienste, auch für uneheliche Mütter, gestellt worden. Dieser Antrag ist abgelehnt. Die Bezahlung der Hebcmnme reißt in den ohnehin recht mageren Geldbeutel der Arbeiterin ein großes Loch. Wie manche arme Mutter ist ge- zwungen, in diesem Falle die Armenunterstützung in Anspruch zu nehmen. Bei dieser Seite der ganzen Frage ist cS auch angebracht, diejenigen, die sich immer mit ihrer Betätigung im Sinne der Sozialgesetzgebung und Arbeiterfürsorge überhaupt brüsten, aber noch nichts getan haben, um das zu beweisen, nämlich die Zentrums- Partei, an den Pranger zu stellen. Wo es sich um Halbheiten handelt, sind die Herren zwar immer dabei. Bei der Beratung über den Antrag, daß die Kassen die Hebamme zu bezahlen hätten, wollten diese Gottesmänner von ihrem angeblich hochsittlichen Standpunkte aus diese Wohltat nur der verheirateten Mutter zugute kommen lassen. Jeder Mensch weiß nun. daß die unverheiratete Mutter fast ausnahmslos bedürftiger ist als die verheiratete Frau. Ein großer Teil der so oft vorkommenden KindeSmorde würden nicht vorkommen. ivenn die armen Mädchen nicht aus Not zur Verzweiflung und zu diesem einzigen Ausweg getrieben würden. Den frommen Hirten der katholischen Kirche kann man wohl kaum Unkenntnis der trau- rigen Verhältnisse zugute rechnen. So weltfremd sind sie nicht, daß sie nicht wüßten, was sonst alle Welt weiß. Die Duldsamkeit, welche die christliche Religion in der ersten Zeit ihres Bestehens au«- zeichnete, ist langst flöten gegangen. Unduldsamkeit ist jetzt die Devise der katholischen Kirche. Die Verachtung und Rechtlosigkeit, der die uneheliche Mutter heute noch in hohem Maße ausgesetzt ist, wird aber— das lehrt die Erfahrung— sicher nicht dpzu bei- tragen, andere vor„Fehltritten" zu bewahren. Zu den Erfahrungen, die wir ans der ganzen Reichsversiche- rungsordnung schöpfen konnten, gesellt sich hier beim Kapitel Miuttcr» schütz vor allem der Gedanke, wie notwendig Frauen in die Parla- mente hineingehören. Wohl haben unsere Wgeordneten den Stand- Punkt der Partei mit aller Verve vertreten, ober eine Frau hätte hier vor allem ein Gebiet gesunden: wo man ihr das Verständnis sicher nicht hätte absprechen können. Heute müssen es verständige Frauen mit ansehen, daß an ihrer Stelle Männer die Geschäfte de? Volkes führen, die zum Teil vollkommen unfähig sind. Das muß den Frauen wieder ein Ansporn sein, nicht zu ruhen, als bis endlich alle ihre gerechten Forderungen erfüllt stich, Credit-Haus .Bellealiiaiice" DolIealUuce-Str. 100, I, Etcgc. IVuren u. Möbel i. kulant. IleAlnc Turmstraße 55. Ecke Waldstr. gowäiut JedßDl b. spielend leichten An- u. Abzahlung mehrjährigen Kredit auf Waren und Möbel. Spandau, Pota- daraerstr. 23 1, | Icoalzilestei a. PI, Sf linnebg., Koldiinen- ,,Blr. 9, am Kingbalmb. Fritz Schnicker'730' ' Goltzst. 44. Weber, Herrn., Danzluerstr. 781. Wolter. larlÄr' Zul ran n& Co. pSi oaben«� best. s. 1687.»Sdal- d. säratl. Warst. { Alkoholfreie Getränke J Franz Abraham Hamb. 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Juli, abends 8Vz Uhr, findet im Singerschen Lokal, Priesterstr. 39, eine Volksversammlung statt. Tagesordnung: Die Reichsversicherungsordnung und das Bestreben der Scharfmacher. Referent: Gewerkschaftssekretär Genofie Eugen Brückner. Zahlreichen Besuch erwartet Der Borstand. Friedenau. Am heutigen Sonnabendabend müssen sämtliche Bibliothekbücher an die Bücherwarte bei Schönfeld, Rhein« straste 31, der Revision und Renovierung wegen zurückgegeben werden. Die Wiedereröffnung der Bibliothek wird seinerzeit bekannt gegeben werden. Der Vorstand. Bohnsdorf. Am Sonntag, den 17. Juli, nachmittags 4 Uhr, findet im Lokal des Herrn Gottfried Schäfer am Falkenberg, Nestau« rant zum Wasserturm, eine öffentliche Versammlung für Falkenberg und Umgegend statt. Der Reichstagsabgeordnete Fritz Zubeil spricht über Erhöhung der Zivilliste und Wahlrecht. Nach der Versammlung gemütliches Beisammensein. Lichtenrade. Sonnabend, den 13. Juli, abends 8'/, Uhr, bei R. Deier, Bahnhofstraste: Mitgliederversammlung des Wahlvereins. Am 30. Juli feiert der Wahlverein Lichtenrade und Umgegend sein erstes Stiftungsfest in dem Lokal von R. Deter. Eine rege Beteiligung ist um so wünschenswerter, als die Genossen keine Mühe scheuten, das Fest zu einem würdigen zu gestalten. Zeuthen. Die Genossen des Bezirks Zeuthen veranstalten am Sonnlag, den 17. d. Mts., nachmittags 3 Uhr, in Lindemanns Restaurant„Zur Dorfaue' ein Familienkränzchen, verbunden mit Kinderbelustigungen, Preiskegeln und Preisschießen. Zahlreichen Besuch erwartet Der Vorstand. 'Panfow. Am heutigen Tage veranstaltet der Wahlverein im Lokal«Zum Pankgrafen', Schloßstr. 3, gegenüber dem Schloßpark, ein Volksfest, verbunden mit Sommernachtsball unter Mitwirkung d«S.Berliner Ulk- Trios. Reigenfahren, kinematographische Vor- iühnuigen, Kinderbelusttgung unter Leitung des beliebten Onkel Pelle. Äsqng 4 Uhr. Entree 20 Pf. ■ Berliner IVacbricbten. � Privatbesitz. Wen es Sonntags hinauszieht in die freie, schöne Natur, der muß vor allen Dingen seine Augen auftun. Denn es gibt nicht nur Schönheiten zu sehen, sondern auch mancherlei, was zur Kritik, sogar zu recht scharfer, mitunter herausfordert. schlendert man vielleicht so recht gemütlich durch die stillen -tpaßen eines freundlichen Vorortes und denkt wohl bei sich: 'attest du doch auch für Weib und Kind so ein freundliches tines Heim, fern vom Rauch und Stank der Großstadt, und in Gemeinschaft mit Gesinnungsgenossen. Und plötzlich steht man wohl vor einem Gebäudekomplex, der durch seine eigen- artige Gliederung auffällt. Seitwärts ein kleines, be- scheibenes Häuschen, das bewohnt ist, offenbar von dem Gärtner oder dem Portier. Daneben erhebt sich mit großen Bogenfenstern ein kostspieliges Palmenhaus. Und endlich das„Herrenhaus", die Villa selbst. Aber sonderbar, trotz dem draußen alles grünt und blüht, sind in dem ganzen Ge bände die Rolläden herabgelassen, ein Zeichen, daß der Ve sitzer nicht anwesend ist. Aber der Wanderer mag kommen zu welcher Tages- und Jahreszeit er nur will, immer sind die Rolläden heruntergelassen. Der Besitzer des Hauses ist niemals anwesend: Frag nur herum!„Ach der," heißt es, �der wohnt im Winter am Kurfürstendamm und im Sommer in feinem Schloß in Thüringen."„Und warum wohnt er niemals hier?"„Es ist ihm hier nicht mehr fein genug. Und er kann's sich ja auch leisten!" An» schönste an dem verlassenen und verachteten Grund- stück aber ist der Park, von der pflegenden Hand des Gärtners sorgfältig instand gehalten. Saftig grüne Beete und Rasen- flächen örvreiten sich. Mitten aus einem Blumen- und PalmeNboskett leuchtet die Flora hervor. Dahinter führt eine breite, bequeme Treppe in den tiefergelegenen Teil des Parkes, aus dem eine große, stattliche Blutbuche mit ihrem eigentümlich braunrot gefärbten Blätterdach hervorsticht. Em großer Baumhain aus Erlen, Linden, Buchen, Eichen, Tannen und allerlei Zierhölzern füllt die Seiten und den Hinter» grund, aus dem es verheißungsvoll schimmert und glänzt: der See. Mit seiner ganzen Breitseite liegt das Grundstück am See, der, wie so viele Seen in der Umgebung Berlms, außer in Restaurants und auf großen Umwegen. nirgends mehr zugänglich ist. Und so liegen> sie da» Villa und Park, in vornehmer, aristokratischer Abgeschlasstphest, denn ein hohes eisernes Gitter schützt das Besitztum box. den» Ein- dringen Unberufener. Der reichgewordene Bescher kann sich den Luxus gestatten, sein Eigentum unbenutzt! llvgen zu lassen.»«i.iii» Sonntags aber, wenn die Vorortzüge ihre Käfigr ent« leeren und die lufthungrigen Menschen sich durch die staubige Straße des Vorortes drängen, dann sehen sich viele verwundert das schlafende Haus und den schlafenden Garten an. Ihre Lungen atmen befreit auf, wenn sie den frischen Hauch verspüren, der aus dem Garten auf die Straße dringt. Und wenn sie noch ein Weilchen am Gitter verharren und sehnsüchtig in das stille, einsame Idyll schauen, dawn über- kommt sie wohl ein bitteres Gefühl, wenn sie mit klugem Sinn schnell begreifen, daß dieses herrliche Stückchen Erde von seinem Besitzer mißachtet wird. Es ist nicht Neid oder Mißgunst, was die Herzen dieser Menschen in dem Augenblick erfüllt. Unwillen herrscht in ihnen nur über jene ungerechte Lebensordnung, die es zu- läßt, daß ein herrliches Stück Erde brutal der nach Licht und Luft hungrigen Menge verschlossen bleibt, weil eS eben— Privatbesitz ist. Wie anders, wenn das Grundstück Gemeinde- eigentum wäre! Dann stünde die Pforte weit offen und hineinschritten alle diese von der Last des Alltags bedrückten Menschen. Sie würden sich unter den schattigen Bäumen auf weichem Rasenteppich niederlassen. Und die Kinder würden spielen und singen und tollen nach Herzenslust. Und überall würde auf dem jetzt nutzlos daliegenden Grundstück Freude herrschen. So aber ist es Privatbesitz, der außer von dem sichtbaren eisernen Zaun noch durch einen unsichtbaren. viel wirksameren geschützt wird, durch das Gefetz. Dreimal heilig ist vor ihm das Privateigentum, und wer dagegen die Rechte der Allgemeinheit, des Volkes, vertritt, der ist ein— NoLsverxäjex, ßg jpjid aber die Zejp Igmmsit ßß alle iOt«. baren und unsichtbaren Zäune fallen, und wo die Kinder des i Volkes nach allen Tafeln, die die Aufschrift„Privatbesitz" 1 tragen, mit Lehmkügelchen schießen. Die Juristische Sprechstunde findet von hente an wieder von Uhr bis IVz Uhr statt. Revision von Irrenanstalten. Die schweren Mißstände, welche wir unendlich oft aus öffent- lichen Irrenanstalten, bor kurzem erst aus dem„Musterbetriebe' in Buch, den höheren behördlichen Instanzen und der Oeffentlich- keit unterbreiten mußten, wecken im Publikum immer wieder die Frage: Sind denn die Jrrenhausdirektoren, welche solche Zu- stände einreißen lassen, allmächtig oder ihrem verantwortlichen Amt nicht gewachsen, und werden die städtischen Anstalten nicht öfter von Leuten mit scharfen Augen unvermutet revidiert? Nun. gerade die neue Irrenanstalt Buch ist während ihres jetzt fünf. jährigen Bestehens wiederholt von Vorgesetzten des Direktors ,,re- vidiert", das heäßt aus vorherige Anmeldung in ihren einzelnen Teilen besichtigt worden, und es hat sich stets nichts Wesentliches zu erinnern gesunden. Kleine Mängel, die nichts auf sich haben, werden beseitigt, an den schweren Mißständen geht die Revisions- kommission vorüber, weil sie einfach davon nichts zu sehen und zu hören bekommt. Wir halten von der bisherigen Art dieser Re« Visionen herzlich wenig. Sie ist im großen und ganzen weiter nichts alz eine leere bureaukratische Form. Bloß daß eben aus den Akten hervorgeht:„Wir sind dagewesen." Sobald die Kom- Mission sich anmeldet, was doch zwecklos und widersinnig ist, werden in aller Eile Hunderte von Händen in Bewegung gesetzt, um die neugierigen Herrschaften zu befriedigen. Schrubber und Besen arbeiten mit Hochdruck, fast überall wird die Wäsche ge- wechselt, zahlreiche Patienten werden urplötzlich nach anderen Stationen verlegt oder ins Bett gesteckt, und besondere Sorgfalt legt man darauf, daß es den Unglücklichen in den Isolierzellen so gut geht, wie es nach Lage der Sache möglich ist. Sogar die geisteskranken Verbrecher in den„festen Häusern" merken bald mit feiner Witterung, daß etwas vorgeht. Auch die Küchen und sonstigen Wirtschaftsräume nehmen einen Glanz an, der leider nicht lange vorhält, und schon im voraus wissen die Kranken, daß am Revisionstage die Mahlzeiten ganz besonders gut munden wer« den. Wozu sind wohl diese Manöver nötig, wenn sich alles regelmässig in schönster Ordnung befindet? ES soll der Kommission Sand in die Augen gestreut werden. Sie soll lauter Gold sehen, das sofort wieder erblaßt, wenn die Kommission den Rücken ge. dreht hat. Es gibt nun dem Namen nach allerdings auch unveo mutete Revisionen. Doch ist es vielleicht kein bloßer Glückszufall, daß die Anstaltsleitungen auch von dieser Revision stets mehrere Tage vorher eine„Ahnung" haben und alles zum würdigen Empfang vorbereiten können. Praktische Werte kann doch die Revisionskommission mit ihrer Arbeit nur dann schaffen, wenn sie wie aus der Pistole geschossen, womöglich in Abwesenheit der leitenden Aerzte auf der Bildfläche erscheint und sich nicht ab- speisen läßt mit dem, was man ihr zu zeigen für gut befindet, sondern ohne Direktive selbständig in alle Winkel hineinsieht. Eine Direktion mit gutem Gewissen würde sagen:„Meine Herren, ich lasse Ihnen vollständig freien Spielraum und bitte Sie, auf meine Führung zu verzichten!" Statt dessen zeigen die leitenden Anstaltsmänner stets einen höchst verdächtigen Lebereifer und halten die Kommission gerade von solchen Punkten fern, die zur Beanstandung genügenden Anlaß bieten. Sämtliche oder doch die meisten Stationen müssen zu gleicher Zeit und plötzlich scharf unter die Lupe genommen werden, damit sich nicht Gelegenheit findet,„liebevoll nachzuhelfen und vorzugreifen". Bor allem müssen unter den Revisoren neben den Bureaukraten mit der trüben Brille auch energische Leute sein, die sich kein T für ein U bormachen lassen. Ferner darf man sich niemals verlassen auf die Aufklärungen, die lediglich die Aerzte und die ganz unter ihrem Einfluß stehenden Oberpfleger geben, sondern auch mit einer großen Anzahl von Pflegern und selbst mit Patienten, die meist wichtigste Fingerzeige geben können, soll man Fühlung nehmen. Nichtbeamtete Personen haben ja leider selten genug Gelegen. heit, außer in der allgemeinen Besuchsstunde etwas aus dem internen Jrrenhausleben zu erhaschen. Wollen sie in berechtigtem Interesse darüber hinaus Eindrücke gewinnen, so werden sie von den meisten Anstaltsleitern entschieden zurückgewiesen. Vertreter der Presse müssen recht oft diese Erfahrung machen. So beklagt es das neueste uns vorliegende Heft der„Zeitschrift des Bundes für Jrrenfürsorge und Jrrenrechtsreform" in Heidelberg, daß den Verttetern deS Bundes der Zutritt zur Besichtigung von Irren. anstalten wiederholt verweigert worden ist. Wo die Erlaubnis an« standslos erteilt und stundenlang bereitwilligst über alles Aus. kunst gegeben wurde, fanden sich, von manchen Systemfehlern ab. gesehen, vortreffliche Einrichtungen. Wenn andere Direktionen sich durchaus ablehnend verhielten, so muß man diesen Anstalten Mißtrauen entgegenbringen. So erkühnte sich ein Direktor zu der Erklärung:„Was die Oeffentlichkeit sagt, ob sie gut oder schlecht berichtet. daS ist den Anstalten ganz gleichgültig!" Beachtenswert für Pflegerkreise ist. was die Bundeszeitschrift über den Besuch italienischer Irren. anstalten unter anderem schreibt:„Aufgefallen ist ganz besonders die gefühlvolle Behandlung der Kranken. Der Umgang könnte als ein kameradschaftlicher bezeichnet werden. Die italienischen An stalten haben viel voraus vor deutschen, in denen noch ein recht militärischer Drill vorherrscht, ein schablonenhaftes Vorgehen, das die deutschen Anstalten mehr zu Zucht- als Heilanstalten stempelt. Ganz besondere Aufmerksamkeit wird im Gegensatz zu Deutsch land der Wärterfrage geschenkt. In Italien haben Wärter und Wärterinnen stufenweise drei Prüfungen abzulegen, bevor sie eine verantwortliche Stellung bekommen. Bei mehr Freiheit haben sie eine bessere Bezahlung und Beköstigung als die deutschen Kollegen." Deutschland ist eben auch in der JrrenhauSkultur noch lange nicht in aller Welt voran._ Eisenbahnsignalc. Minister von Breitenbach hat in einem neuen Erlaß angeordnet, daß, obgleich schon früher auf die Wichtigkeit deutlicher und klarer Signaleinrichtungen hingewiesen worden ist, und auch für die richtige Ausstellung der Signale eine ihrer Bedeutung ent« sprechende Aufmerksamkeit im allgemeinen zugewendet wird, so sind doch die zur Erreichung möglichst guter Signalbilder getroffe« uen Maßnahmen noch weiter auszugestalten. Zu diesem Zweck soll zur Prüfung der Zweckmäßigkeit und guten Erkennbarkeit der Eignale auf sämtlichen Hauptbahnstrecken in jedem Jahre eine Signalschau stattfinden, die unter Beteiligung des Vorstandes der Betriebsinspektion von dem bettiebSleitenden Dezernenten, dem Eicherungsdezernenten und einem von der Eisenbahndirektion zu lestimmenden, besonders erfahrenen und mit den Verhältnissen der Strecke bekannten Lokomotivführer gemeinsam durch Befahren der Skxcke M der Lokw'kvs vpxzysMeo ist. WM all dei Beteiligten dürfen indes auf Maschinen, die zur Beförderung von Zügen, insbesondere von Schnellzügen benutzt werden, nicht gleich» zeitig mitfahren. Bei der Signalschau ist besonders auf folgende Punkte zu achten: 1. Deutlichkeit der Signalbilder (Hintergrund, Deckung der Signale durch Telegraphenstangen, Bahnsteighallen, Bäume u. dergl., Ueberstrahlung der Nachtsignals druch benachbarte Bogenlampen oder Rücklichter anderer Signale, gute Signalgläser usw.). 2. Abstand der Signale vom Ge» fahrpunkt. 3. G r u p p ie r u n g de r S i gna le, wo mehrere bei einander stehen.(Anordnung in einer Reihe oder in Staffeln» Erscheinen der Signale von jeder Stelle aus rn richtiger Reihen« folge, Vermeidung des Erscheinens eines Haltesignals zwischen dem Fahrgleis und dem zu ihm gehörenden Signal, Verwechselung um« geklappter Signale mit in der Nähe stehenden. Vorsignalen), 4. Ersatz links vom Gleise stehender Ein fahr« 'ignale und für das durchgehende Hauptgleis geltender Aus» �ahrsignale durch rechts aufzu st eilende(erforder- lichenfalls Signalbrücken). 5. Ersatzniedrige rVorsignals durch hohe. 6. Signalhäufungen. 7. Richtige Kenn- Zeichnung des durchgehenden und der abzweigenden Gleise bei mehrflügligen Signalen. Für die Signalschau ist ein Plan auf- zustellen, bei dem Bedacht darauf zu nehmen ist, daß auch zur Be« urteilung der Nachtsignale in genügender Weise Gelegenheit ge» boten ist. In jedem Falle ist eine derartige Signalschau vorzu» nehmen vor der Inbetriebnahme größerer Bahnhofsumbauten, bei denen die örtlichen und Bettiebsverhältnisse eine wesentliche Ujn» gestaltung erfahren._ Neue Anlagen im Zoologischen Garten wurden gestem zunächst einem geladenen Publikum gezeigt. Der Haupteingang von der Stadtbahnseite her hat eine neue Gestalt erhalten. Die alten Kassenhäuschen und das anstoßende Toiletten- gebäude sind beseitigt worden. Als Ersatz dafür erhebt sich im Gegensatz zu dem Elefantentor am Kurfürstendamm ein Löwentor, das in einen gewissen organischen Zusammenhang mit dem vom Eingang sichtbaren Elefanten- und Straußenhaus gebracht worden ist. Für das Gelände, das an dieser Stelle zur Straßenverbreiterung abgetreten werden mußte, ist an anderer Stelle ein Stück des Tier- gartenS eingetauscht worden, daS erheblich größer ist und das zu besonderen Anlagen Verwendung gefunden hat. Hinter der Fasanerie, dem Lama« und Gemsenberg haben die Adler zwischen hochragenden Felsen und die Schweine neben einem tiefliegenden Sumpf neue Aufenthaltsstätten zugewiesen erhalten. Große, zum Teil schwere Elbsandsteinblöcke sind zu Felsenaufbauten verwendet worden und ein Blick auf die Anlage zeigt ohne weiteres, daß Herr Direktor Heck recht hatte, als er uns erzählte, welche Mühe und Arbeit diese Anlage verursacht habe, um ja die Natur» tteue zu wahren. Wohltuend berührte es, als Herr Heck an dieser Stelle Veranlassung nahm, allen jenen zu danken, die an der Her« stellung mitgewirkt haben. In Anwesenheit und Unter dem Beifall der geladenen Gäste dankte er den in ihrer schlichten Arbeitskleidung vor uns stehenden Maurern und' Arbeitern, die treulich an dem Werke sich beteiligt haben. An dieser Stelle ist ein Werk erstanden, das nicht nur von weitem und im allgemeinen einen natürlichen Eindruck macht, sondern auch jeder krittschen Prüfung aus nächster Nähe gewachsen ist und an Grundechtheit schon vermöge semes ehrlichen FelsenmaterialeS nichts zu wünschen übrig läßt. Allerlei Gebirgspflanzen, Bäume, Sträucher und blühende Kräuter, darunter auch Edelweiß, schmücken das Ganze, sind überall angesiedett, wo die natürliche Gestaltung der Felsen Lager und Nahrung bot. In tiergärtnerischer Hinsicht neu ist eine Flug» bahn, die sich über die Anlage weg von einem großen GesellschastS- käsig zum anderen zieht; sie soll den Adlern und Geiern die Mög« lichkeit geben, ihre mächtigen Schwingen ungleich mehr zu regen als bisher, und von dem gegenüberliegenden niedrigeren Felsen« gebirge, an dem die kleineren Raubvögel(Falken, Milane usw.) hausen, wird man dieses eigenarttge Schauspiel ganz besonders wirkungsvoll genießen können. Zugleich steigt man von hier unmittelbar hinab zum Schweine« sumpf. Wer heute diese stattliche Anlage mit ihrem üppig wuchernden Schilf und Rohr, den alten, über und über begrünten Kopf- weiden, dem blühenden Gras und Kraut und den knospenden Wasserrosen wie selbstverständlich vor dem Auge sich ausbreiten sieht, wird kaum glauben, daß sie erst wenige Wochen alt ist! Und doch ist dem so. Mitte Mai standen die Kopfweiden noch ttocken und dürr, der Axt verfallen, auf einer„baureifen" Wiese in WilmerS» dorf,— da rettete die Verwaltung sie in letzter Stunde für ihre Zwecke. Bon den Bewohnern des Schweinehauses mag heilte nur ein seltenes, kleines Huftier erwähnt werden, daß gar kein Schwein, sondern ein hirschartiger Wiederkäuer ist, aber, wie alle altertüm« lichen Tierfoniien, auch Beziehungen zu anderen Gruppen hat. Es ist das westafrikanische Hirschferkel, im Säugetterstamme eine so alte Gattung, daß sie eher fossil als lebend bekannt war und daher der Gattungsname aus der Paläontologie(voroatborium) auch auf die lebende Art angewendet werden muß. Auch die gebras und pferdeartigen Tiere sind zu einem schönen, neuen Heim gekommeu: für sie ist in der vorspringenden Ecke neben dem Tiergarteneingang, die lange Jahre als Pferdbahndepot diente, ein ganz in sich abgeschlossenes Revier geschaffen. Hinter weißen Mauern erheben sich da weihe, fremdartige Bauten, und durch eines der Tore einttetend, befindet man sich wie im femeu Lande. Ein ostaftikanifches AraberhauS steht vor uns, dessen Vor» Hof in die Zebragehegs zerlegt ist. Die ganze Vorderseite deS Hauses ist mit lauter verschiedenen Zebraarten besetzt: eine einzig in ihrer Art dastehende Sammlung! AehnlicheS gilt aber auch für die Be» setzung der rohrgedeckten, mehr stallartig gehaltenen Rückseite deS Hauses mit grauen afrikanischen Wildeseln und der gegenüberliegenden Eckturmanlage, die namentlich durch einen blauen Kachelfries, wieder mehr an turkestanisch-persische Bausormen anklingt in ideellem Zu» sammenhang damit, daß in ihren Ställen unten die gelben astattschen Wildesel und die echten mongolischen Wildpferde Hausen. Auch diese Sammlung ist so reichhaltig, wie überhaupt möglich, und das ganze neue Pferderevicr verkörpert wieder di: alte, aber immer wieder aufs neue bewährte und deshalb heute mit Recht alt» berühmte Bautraditton, für Auge und Geist des Besuchers einen ideellen Zusammenhang und eine künstlerische Harmonie herzustellen zwischen dem Tiere und dem Hause, das es bewohnt.' Hoffen wir, daß die Verwaltung des GartenS in ihrem Be» streben fortfährt und daß wir bald wieder über neue Fortschritte berichten können._ Zu einer wahren Höllenqual gestaltet sich für die Patienten der Königlichen Klinik in der Ziegelstraße der Straßenbahnver« kehr an der Weidendammer Brücke. Die Schuld für diese Plage trifft ausschließlich die Siücksichtslosigkeit der Straßenbahnverwal» tung. In einer scharfen Kurve kommen bekanntlich die Wagen aus der Prinz-Louis-Feckdinand Straße und fahren gleich darauf in einer neuen Kurve nach der Weidendammer Brücke. Da an beiden Kurven die Schienen anscheinend wohl nie geschmiert wer- den, entsteht fortwährend ein gräßliches„Quietschen". Ist das für gesunde Nerven schon eine Folterung� so kann man sich denken, wie sehr erst die Kranken darunter zu leiden haben. Geradezu entsetzlich aber ist dieses Geräusch für die Patienten in der stillen Nacht, wo es durch kein anderes Geräusch„gemildert" zu ihnen dringt. Wie oft schreckt dann ein Kranker auf, der kaum erst mühsam den Schlaf gefunden und herzlich froh gewesen wäre. eine Zeitlang seine Schmerzen nicht zu fühlen. Da aber an hiesev Stelle nicht nur am Tage, sondern fast die ganze Nacht hindurch ein lebhafter Straßenbahnverkehr stattfindet, bedeutet diese Stö» MZZ mateiA tuWMW Süial.; Was ßnnle von der Verwaltung der so reichen Straßenbahngesellschaft wirklich verlangen, daß sie Vorsorge trifft, diese unnötige Peini gung kranker Menschen zu vermeiden, selbst wenn die ja immerhin reichliche Dividende um einige Pfennige geringer ausfallen sollte. Bon einem ErpressiingSversuch gegen den Fürsten Donnersmarck, den ein Schriftsteller Hirsch ausgeübt haben soll, ist in einigen Blättern die Rede. Soweit uns die Persönlichkeit des„Schriftstellers" bekannt ist, scheint es sich lediglich darum zu handeln, wieder einmal Von sich reden zu machen, wie seinerzeit in der Sache Dasbach. Zu der Bombcnaffäre in Lichtenrade. Ein gestern der Familie Kraatz zugesandter neuer Erpresser- brief trägt den Stempel Berlin Postamt 21, 2 und 3 Uhr nachmittag. Die Adresse lautet Herrn O. Kraatz, Gutsbesitzer, Lichtenrade bei Berlin. Der Brief ist nur mit b Pfennig frankiert und mutzten infolgedessen 1b Pfennige Strafporto nachgezahlt werden. Die Fettflecke an dem Kuvert dieses Briefes zeigen deutlich, datz der Schreiber groben Unfug getrieben hat, da er aus den Zeitungen ersehen hat, datz die übrigen Briefe auch mit Fett- flecken verschen waren. Die Fettflecke der ersten Briefe scheinen aber nicht von einer Absicht herzurühren, sondern erst nachdem der Brief geschlossen war, an das Kuvert herangekommen zu sein. Während auf dem Kuvert der Name mit zwei„a" geschrieben ist, ist er auf dem mit Blei geschriebenem Zettel nur mit einem ge- schrieben. Die Schrift lautet: Werther Herr O. Kratz, Lichtenrade. Da sie diese Gemeinheit begangen haben, und es der Polizei gemeldet, haben wir Rache geschworen, und es soll ihr Grund und Boden und sämtliche Familienangehörige in die Luft fliegen. Dieses ist die letzte mit- teilung vor ihrem Tode. In drei bis vier Stunden nach Eintreffen dos Briefes fliegt alles hoch. Es ist alles bereit. Hochachtungsvoll D. W. Schw. H. B. A. D. B. t. D. Der Brief ist ein kleiner viereckiger Zettel. Der Sachver- ständige Dr. Schireikert, dem dieser Brief gestern zur Begutachtung übergeben wurde, hat festgestellt, datz es sich unzweifelhaft um eine andere Handschrift handelt, als bei den ersten Briefen. Auch bei andern Schreiben, die im Laufe des gestrigen Tages dem Polizei- Präsidium übergeben wurden, scheint es sich um Unfug zu handeln. Die Veröffentlichung der Unterschriften in den Zeitungen hat jedenfalls als Unterlage und Vorbild zur Anfertigung dieses Briefes gedient._ Einen eigenartigen Unfall erlitt gestern nachmittag der 41jährige Kutscher Franz Moor. Er hielt mit einem Selterwaaen vor dem Hause Grotz-Görschenstr. 37, um einen Kasten Selterwasser bei einem Kunden abzuliefern. Als M. im Begriff war. die zurückerhaltenen leeren Flaschen auf den Wagen zu stellen, platzte plötzlich eine ge- füllte Flasche und ein grotzer Glassplitter flog dem Kutscher in das linke Auge. Auf der nächsten Rettungswache wurde festgestellt, datz der Verunglückte eine schwere Verletzung deS Augapfels erlitten hatte. die feine Ucberführung nach dem städtischen Krankcnhause erforderlich machte. Wahrscheinlich wird der Kutscher die Sehkraft auf dem ver- letzten Auge verlieren. Ein Gerupfter. Böse Erfahrungen hat der Restaurateur Z. auS der Fafanenstratze auf einer Verliner Bierreise machen müssen. Z., der seit mehreren Tagen Strohwitwer ist, hatte seine Freiheit einmal dazu ausnützen wollen, um sich in Berlin bei Nacht tüchtig zu amüsieren. Auf einer vergnügten Bierreise machte er die Be- ranntschaft einer schönen Blondine. Er besuchte mit dieser einige Weinlokale und bei einem zärtlichen Tete-a-tete verstand es die holde Begleiterin in geschickter Weise ihrem Kavalier unbemerkt die Geldtasche, die mehrere Hundertmarkscheine enthielt, zu entwenden. Das saubere Geschöpf verduftete dann schleunigst. Im Kriminalgericht vom Schicksal ereilt wurde gestern mittag der 26 Jahre alte Maler Albert Wulff, der seit einiger Zeit hier }ein Unwesen getrieben und eine Reihe von Leuten aller Art ge- chädigt hat. Er»rat elegant gekleidet auf, gab an. datz er Maler im königlichen Schauspiclhause und von dort beaufttagt sei, da er schon lange dort beschäftigt ist, jetzt während der toten Saison Ar- beitSkräfte zu engagieren, um das königliche Schauspielhaus wieder in Ordnung zu bringen. In der Freude über die gute Anstellung übergaben die Opfer dein Manne ihre Papiere und zugleich Geld in Höhe von 50 bis 6V M. In vielen Fällen war er nnt geringeren Summen zufrieden. Er bestellte die Leute nach seiner Wohnung, wo fie in den nächsten Tagen den Engagementsvertrag abschlietzen sollten. Zu spät sahen die Leute ein, datz sie einem Schwindler in die Hände gefallen waren. Wulff betrieb sein Geschäft nicht nur auf diese Weise, sondern trat auch als Zechpreller auf. Er suchte sich ein ihm geeignetes Lokal aus, machte dort erst grotze Zechen, die er mit dem eben erworbenen Gelde bezahlte, bis das Geld alle war, zeigte dann dem Restaurateur eine Urkunde vor, die von ihm selbst angefertigt war, wonach er Verwalter mehrerer Häuser ist, aber da- mit nicht genügend zu tun hatte,(fr gab an, Wetten zu vermitteln. Grotze Zechen, die er gemacht hatte, konnte er nicht bezahlen. Er borgte den Wirt auch noch an, indem er mit einem Komplicen, der noch nicht ermittelt werden konnte, ein fingiertes telephonisches Ge« spräch führte, um den Wirt dadurch zur Hergabe deS Geldes zu belvegen. Die erdichteten Gespräche wurden gewöhnlich an eine Firma in Hamburg gerichtet. Kurze Zeit darauf, nachdem er sich von Hamburg Geld erbeten hatte, kam, während er noch in dem Geschäft anwesend war, eine telephonische Anftage, ob Herr N. N., wie er sich gerade nannte, noch anwesend sei. Es wurde mitgeteilt, datz die Hamburger Firma daS Geld ab- geschickt habe. Der Wirt wurde dadurch sicher und streckte dem noblen Kunden noch bares Geld vor. DaS Geld aus Hamburg blieb aber länger auS. Unter dem Vorwande, datz er einen wich- ttgen Gang zu besorgen habe, verschwand der Schwindler auf Nimmerwiedersehen. Gestern hatte ein Geschädigter im Kriminal- gericht zu tun, erkannte ihn und lietz ihn festnehmen. Der wolkenbruchartige Regen, der Donnerstag nachmittag «iederging, hat auf den Feldern ganz bedeutenden Schaden an- gerichtet. Auf den Kornfeldern in der Umgegend Berlins wurde oas Getreide infolge der Einwirkung der enormen Regenmassen vollständig umgelegt und die Halme geknickt, strichlveise wurde das Erdreich auch aufgewühlt und die Wurzeln der Pflanzen blotzgelegt und aus der Erde herausgespült.— Zahlreiche Anwohner mehrerer Vororte haben durch Ueberschwemmungen in ihren Wohnungen empfindlichen Schaden gelitten. In Schmargendorf, Köpenick, Oberschöneweide und in Tegel drangen die Wassermengen vielfach über die Bürgersteige hinweg in die Kellerwohnungen und richteten dort heiUose Verwüstungen an. Auher den bereits gemeldeten Blitzschlägen werden uns heute noch weitere Fälle gemeldet. So wurde auf einem Felde hinter Friedrichshagen ein Arbeiter bei der Arbeit vom Blitz getroffen, so datz er bewutztloS zusammenbrach. AlS er nach einiger Zeit wieder zu sich kam, war er an allen Gliedern vollständig gelähmt. Von einem gleichen Schicksal trmrde eine alte Frau auf der Potsdamer Chaussee betroffen. Hinter Erkner schlug der Blitz in ein ArbeiterwohnhauS ein und zündete. Das entstandene Feuer konnte aber nach kurzer Zeit wieder ge- löscht werden. �■ Vorort- JVacbncbtern Nixstorf. Bürger. Kommunalwähler Rixdorfs! Die Neuwahlen für die ausscheidenden Stadtverordneten finden im November dieses Jahres statt. Diese Wahlen haben eine ganz besondere Bedeutung. Unvergessen ist noch der Wahlrechtsraub der bürgerlichen Stadtverordneten- Mehrheit init Einschluß des Magistrats: nur diese tragen die Verantwortung für diesen Gewaltakt, durch den 9l) Proz. politisch mündige Bürger entrechtet wurden. DaS Ober- Verwaltungsgericht entschied, datz für Rixdors das Prinzip Verantwortlicher Redakteur Richard Barth. Berlin. Lür t)ta der Steu�rdrittelung matzgebend sei. Ob 8er Magistrat in diesem Jahre danach handeln wird, ist noch nicht sicher. Die Wählerlisten für die diesjährige Stadtverordneten- Wahl liegen von Mitte bis Ende August öffentlich zu jeder- manns Einsicht aus und wird der genaue Termin noch ver- öffentlicht. Da aber zu befürchten ist, datz der Magistrat die Wählerlisten auch in diesem Jahre nach dem ungesetz- lichen Prinzip des l�fachen Durchschnitts aufstellen wird, mutz die Empörung gegenüber den ungesetzlichen Matz- nahmen der Stadtverordnetenmehrheit und des Magistrats in einem Matze zum Ausdruck kommen, wie nie zuvor. In den nächsten Tagen wird jedem eine Petition zur Unterschrift vorgelegt werden, die dem Magistrat zugestellt werden soll, und in der dieser aufgefordert wird, die Wählerlisten in diesem Jahre, entsprechend dem Gesetz, nach dem Prinzip der Steuerdrittelung aufzustellen. Diese Pitition mutz Tausende von Unterschriften tragen. Bürger, Kommunalwählerl Fordert Euer Recht! Gebt die Unterschrift ohne Rücksicht auf die Parteirichtungl Nieder mit den Wahlrechtsräubern! Dos Sommerfest der Rixdorfer Genossen, das am verflossenen Sonnabend in der Neuen Well stattfand, stand unter einem recht un« günstigen Stern. Einmal beeinträchtigte der nachmittag einsetzende starte Regen die Veranstaltung und nötigte die Besucher, im Saale Schutz vor der Witterung zu suchen. Hier wickelte sich aber das Programm nur sehr lückenhaft ab, was bei den Teilnehmern grossen Unmut auslöste. Die Konzertkapelle wurde nach einiger Zeit entgegen den Wünschen der Festteilnehmer wieder nach dem Gatten befohlen, obwohl es hier von dem Regen noch sehr nah war und man nur an bestimmten Stellen sitzen koni»te. wollte man sich nicht gerade in die Wasserpfützen setzen; auch die Varietönummern wurden nur teil- weise aufgeführt. Dass ob dieser Art der Abwickelung des Programms sich erheblicher Unmut Luft machte, ist verständlich. Wir wir hören, hat dieser Vorgang seinen Grund in der Tatsache, dass seil Februar die Garten- und Parkräumlichkeiten von dem Oekonom einer englischen Gesellschaft zum Zwecke der Veranstaltung von Lustbarkeiten verpachtet sind und dass die Kosten für die Spezialitäten und das Konzert von der Gesellschaft getragen werden, die natürlich Interesse daran hat, dass die musikalischen Ausführungen, so lairge eS geht, im Garten erfolgen. Die mit Vereinen geschlossenen Verträge sind auf die Gesellschaft übertragen worden. Leider ist der Organisation unserer Rixdorfer Genossen von dieser Uebertragung ihres mit dem Oekonom der Neuen Welt ge- schlossenen Vertrages auf die Gesellschaft vor Stattfinden deS Festes keine Kenntnis gegeben worden. Wilmersdorf. Bor den Augen der Mutter überfahren und getötet wurde vorgestern nachmittag in Wilmersdorf die dreijährige Tochter Margarete der Witwe Girmann. Frau G. hatte in dem Hause Pariser Straße 62 eine Aufwartestelle versehen und dorthin ihr Töchterchen mit- genommen. Als fie gegen 6 Uhr abends mit der Kleinen, auf dem Nachhausewege begriffen, den Bürgersteig der Pariser Straße entlang ging, riß sich das Mädchen plötzlich von der Hand der Mutter los, lief auf den Fahrdamm gegen die in diesem Augenblick aus der Fasanensttasse in mäßigem Te»npo herannahende Kraftdroschke 1 18993. Das Kind wurde umgerissen und geriet unter das Automobil, dessen Räder über den Körper des bedauerirswerten KindeS hinweggingen. Die kleine G. erlitt einen mehrfachen Schädelbruch und war sofort tot. Die Leiche wurde von der Mutter, die Zeugin des entsetzlichen Vorfalls war, selbst in einer Droschke nach der Leichenhalle in der Berliner Strasse übergeführt. Weistensee. crr Schöffe Rathinann rehabilitiert! Die gegen genanitten Schöffen erhobenen Beschuldigungen, daß er die beim Friedhofs- geländeankauf erhaltene Provision zu Unrecht in die eigenen Taschen steckte, hatte grosses Aufsehen erregt. Nach langen Verhandlungen erklärte er sich bereit, das erhaltene Geld zu wohltättgen Zwecken wieder herauszurücken. Es blieb aber beim Versprechen und so faßte die Gemeindevertretung gegen drei Stimmen den Beschluß, der Landrat solle im Wege der DrSziplin das Unrecht gut machen. Sein Bescheid ließ etwas lange warten, aber nach eingehender Prüfung' hat er beschlossen, auf die gegen den Schöffen Rathmann erhobenen Beschuldigungen nichts zu veranlassen. Ein Grund zum disziplinarischen Einschreiten war nicht gegeben. Dieses sollte in der letzten Gemeindeverttetersitzung zur Kenntnis genominen werden, aber der Genosse Frentz sah sich veranlasst, die ganze Angelegenheit nochmals auszurollen, zum Schluß verlangte er vom anwesenden Schöffen Rathniann, seinem zuerst gegebenen Ver- sprechen nachzukommen. Herr Rathmann schwieg sich aus, so dass beantragt wurde, gegen den Bescheid deS Landrats die Beschwerde an den Regierungspräsidenten weiterzugeben. Der Gemeinde- vorstand sowohl als auch die bürgerlichen Herren, mit Ausnahme von Dr. Pape und Fechner, nahmen den.gereinigten' Schöffen in Schutz, so dass er nunmehr in Ruhe die erbeutete Provifion ge- messen kann. Treptow-Baumschulenweg. Der Arbeiter-Radfahrerverei» veranstaltet am heuttgen Sonn- abend in BehlerS Gesellschaftsbaus. Am Treptower Park, sein Sommerfest, bestehend in Gartenkonzert, Kunst- und Reigenfahren usw. Die Parteigenossen werden hierauf besonders aufmerksam gemacht. Tempelhof. Zu einem schweren Zusammenstoß zwischen einem Strahenbahn- wagen und einem Lastwagen kam eS Freitag früh in Tempelhof. Ein von dem Kutscher Wilhelm Petrich gelenkter Arbeitswagen des Fuhrherrn Karl Keil fuhr gegen 7 Uhr morgens, ohne WarnungS- zeichen zu geben, aus dem Torweg des Grundstücks Berliner Strasse 4» heraus, als von Berlin her ein Sttahenbahnzug der Linie 961! herannahte. Obwohl im letzten Moment der Führer des BahnwagenS die Gefahrbremse anwandte, konnte ein Zusammen« stoss nicht mehr vermieden werden. Der Anprall erfolgte mtt solcher Gewalt, dass die beiden Pferde des Lastwagens niedergerissen wurden, von denen das eine Tier unter den Vorderperron des Motor- Waggons und mit den Vorderfüssen unter den Schutzrahmen geriet »ind schwere Verletzungen an der Brust und an den Beinen erlitt. Der Straßenbahnwagen wurde mit dem Vorderteil aus den Schienen gehoben. Der Kutscher Petrich stürzte in weitem Boden auf das Strassenpflaster und trug eine klaffende Kopfwunde davon. Ober-Schöneweide. Ein gefährlicher Kinderfrcund wurde am vergangenen Sonntag von zwei hiesigen Einwohnern(nicht, wie eS nach Angaben anderer Blätter heißt: von Polizeibeamten) unschädlich gemacht. Schon längere Zeit wurde von Kindern die Angabe gemacht, dass im nahen Walde ein Mann die Kinder an sich locke, um mit ihnen unzüchtige Hand- lungen vorzunehmen, doch war es bisher immer vergeblich, ihn zu fassen. Am Sonntag jedoch, als wiederum von einem Mädchen seinen Eltern eine solche Angabe gemacht wurde, gelang eS, ihn am Ausgange der Marienstratze festzunehmen und der Polizei zu über- geben. Den Eltern ist wirklich zu raten, in Anbettacht der vlelfachen Klagen über da» Treiben dieser Unholde auch Frauen gegenüber. ihre Kinder nicht ohne Aufsicht in den Wald zu schicken. Den vielen Polizeibeamten bietet sich hier eine dankbare Aufgabe. Nieder-Schönetveide. In der Generalversammlung de» WahlvereinS gab Genosse Dehme! den Vorstandsbericht. eS haben stattgefunden: 12 Vorstands- sitzungen. 2 Generalversammlungen, 4 Mitgliederversammlungen, 2 öffentliche Versammlungen, 1 gemeinsamer Zahlabend und 1 Frauenversammlung. Ein Rückblick auf daS letzte Halbjahr ergab, dass eS ein sehr arbeitsreiches und ftir uns erfolgreiche» war. Den Kassenbericht gab Genosse Voss: Die Einnahmen bettugen 306,67 M.. die Ausgaben 268.97 M., Bestand am Ort 37,60 M. Die Mitgliederznhl am 1. Januar war 120 und am 30. Juni 160, davon männliche 127 und iveibliche 23. Der Spediteur. Genosse Priebke, berichlete, dass die Zahl der„Vorwärts'-Leser von 216 auf 248 gestiegen sei. Die Vorstandswahlen ergaben folgendes Resultat: 1. Vorsitzender Max Dehme!, 2. Vorsitzender Paul Günther, Kassierer Hermann Voss, Schriftführer Karl Konakowski, Beisitzerin Frau Wmjorra, Spediteur Max Priebke, Revisoren Schuffelhauer, Schmidt und Hafersaat, Bibliothekar Stahlberg, JugendanSschuss Schäfer, Töpfer und Voss, Gewerkschaftskartell Günther, Presskommission Boges, Gräbnitz und Mittle, Bezirksführer: 1. Bezirk Hermann Brandt, 2. Bezirk Wrede, 3. Bezirk Töpzer. Zur Aufnahme meldeten sich vier neue Mitglieder. Zehlendorf(Wannscebahn). Warnung vor Terrainspckulanten. Die geradezu gemeingefährliche Art mancher Terraingesellschaften, Profite zu macheu, veranlasst den Amtsvorsteher von Zchlendorf, öffentlich vor einer solchen zu warnen. Die„Allgemeine Bau- und AnsiedelungS-Gesellschaft m. b. H.' hat am Dahlem« Weg ein Terrain von zirka 100 Morgen Grösse, daS sie in Einzelparzellen zu vertreiben sucht. In der Reklame in ver- schiedenen Tageszeituirgcn wird der Anschein erweckt, daß es sich u>n ein baureifes Terrain handelt, das etwa 10 Minuten vom Bahnhof .Zehlendorf-West' liegt. In der Tat ist aber die mittlere Entfernung des TerrainS vom Bahnhof.Zehlendorf'(Wannseebahn) 8,2 Kilometer, vom Bahnhof„Zehlendorf-West'(Beerenstrasse) zirka 6,6 Kilo- meter, voin Bahnhof„Gross-Lichterseldc-West' 3,1 Kilometer. Die Wege des Terrains sind zum größten Teil noch unbefestigte Feld« lvege, deren Ausbau zu Strassen einstweilen noch nicht zu erwarten ist. Verschiedene Anfragen Kauflustiger veranlassten nun den Amts- und Gemeindevorsteher von Zehlendorf, die angegebenen Verhältnisse klarzulegen und folgende Erklärung zu erlassen: „Für das fragliche, im Südosten von Zehlendorf gelegene Terrain ist kein Bebauungsplan festgesetzt, daher ist dort auf Jahre hinaus keine Anlegung von Strassen zu erwarten; Baugesuchen wird die Genehmigung ausnahmslos versagt werden. Dem von der Gesellschaft vertriebenen Uebersichtsplan für ihr JCeerain� steht die Gemeinde völlig fern, dieser Plan hat auch kein Genehmigung.' Wünschenswert wäre eS. wenn auch die lockenden An von Terraingesellschaften etwas mehr unter die Lup».� werden, die vorwiegend in den mittleren, zum Teil in' Bevölkerungsschichten ihre Abnehmer zu suchen wissen. Potsdam. Ein Blitzschlag vor der Potsdamer Kommandantur. Am Dcmm tag in der fünften NachmittagSstunde zog über Potsdam cirxHC" Gewitter herauf. Der Regen klatschte zur Erde und Hagels! fielen hernieder. Um vor dem Unwetter Schutz zu suchen, stellten sich drei Personen unter eine alte Rüster, die gegenüber der Komman- dantur in der Schlossstrasse in unmittelbarer Nähe der Lustgarten» kolonnaden steht. Als daS Glockenspiel vom Turm der Garnison« kirche den Choral: Lobe den Herrn! als Zeichen des Stunden» Wechsels intonierte, fuhr eine mächtige Feuergarbe nieder. Der Donner rollte fiirchterlich und der mächtige Baum war in eine Feuersäule gehüllt. Als sich der Blitzstrahl in die Erde ein« gegraben hatte, sah man drei Personen an der Erde liegen, die sich vor Schinerzen wanden und dann regungslos blieben. Sofort eilten aus der gegenüber liegenden Kommandantur Soldaten herbei und mit Hilfe des diensthabenden Schutzmanns wurden die Ver« letzten in das Kommandanturgebäude transportiert, wo sich auch gleich Aerzte einfanden. Ihren vereinten Bemühungen gelang'«S� die Besinnungslosen ins Leben zurückzurufen. Allmählich erholten sich die Verunglückten, da sich aber LähmungSerscheinungcn gelten» machten, mußten sie in häusliche Pflege gebracht werden- Am schlimmsten ist der 32 Jahre alte Vizewachtmeister HarmS �döni 3. Feldartillerieregiment in Brandenburg a. H. davongekommen. H. kam eben von der Bahn, um in Potsdam Quartier zu suchest, da er, als Militäranwärter zur Dienstleistung bei der Regierung ein. berufen worden ist. Er hatte sich am Bahnhof den zwölf Jahre alten Schüler Waller Ebel, der bei seinen Eltern in der Spandauer Sttasse 86 zu Potsdam wohnt, mitgenommen, damit er ihm beim Tragen des Handkoffers helfe. Der dritte Verletzte ist der Kaufwann Karl Eckett aus der Ebräerstr. 4 zu Potsdam. DaS Befinden aller Verletzten hat sich jetzt gebessert. An dem Baum sieht man noch die Spur des WeaeS. den der gefährliche Strahl genommen hat. Die Rinde ist aufgerissen und die Laubkrone zerzaust worden. Augen« zeugen berichten, daß der Strahl, ehe er in die Erde fuhr, die Ver» unglückten umtteiste und sie hinwarf.— Einige Zeit später fuhr ein Blitzstrahl auf dem Hofe der hiesigen kaiserlichen Oberpostdirekl:on in eine Erdleitung und zerfetzte den Draht. Personen wurden nicht verletzt. Es ist dies seit langen Jahren der erste Fall, dass inmitten der Stadt Personen durch Blitzschlag zu Schaden gekommenMd. " i.j aofk) liöf Jugcndveranstaltuugen.-in fii?. Wilmersdorf. Sonntag, 17. Juli, nachmittags 8 Uhr: HsnapwauS- flua nach dem Grunewald. Treffpunkt bei Sclke, Brandenburglfcheslr. 190 und für die Halenfeer Jugendlichen bei Gehring, G«»rg>Vtlhnm>Itt. 17. gretreligiöse Gemeinde. Sonntag, den 17! Juli, vormittag» 11 Uhr, Kleine Frankfutter Sttasse 6: Sorttchr von Professor Dr. A. Gehrke:„Der Zeitgeist im vorigen Jahrhundert.' Damm und Herren als Gäste willkomme». Allgemeine Kranken- und Sterbekafie der Metallarbeiter (E. H. 29, Hamburg). Filiale Berlin 9. Sonnabend, IS. Juli, abend» 9 Uhr, bei Gundlach, Waldemarstt. 19: Versammlung.— Rummels« bürg. Sonnabend, 16. Juli, abends 8'/, Uhr, bei Oskar Blume, Ml- Bo�hagen Nr. 56: fMItgliederoerfanunlung.— Wilhelmsruh. Sonnabend, 19. LMli. abend« S Uhr, bei Barth, viktottaftt. 7: Miialiederver- fammlung.—.?! 5 U« st IHrate Sonnabend, abend» 8'/, Uhr, bei Ftth Kaki», Bcrlinerstr. 92: Pcrjainmlung. Kentralvervon» der freien Händler, Hausierer«. verw. Beruf«- genoffeu Teutschlands. Sitz Essen. Verwaltungsstelle Berlin. Heut« abend UV�sUw. bei Dräsel, Neue Fttedttchstr. 35: Generalversammlung. Mitgliadtvstch legitimiert._ ngSttverlicht vom 15. Juli 1910, morgen» 8 Uhr. SwMrmda. Hamburg «erlw 75918 7kl NW ¥ 759 W Franfl.o. 760 3JD München Wien 76152® 758 NW Setter i 2 Dunst 3 bedeckt 2 halb bd. 2 Nebel 1 halb bd. 1 Regen «vi ri« mS> «tattonen £§ e. i| Bf Haparanda 752 N Petersburg 753WSW Sctlly Werde« Part» 757 OSO 766 NNO 759 N ■ I Vetter r Khalbbd. 1 wolkig 5 bedeck« 3 bedeckt 2 halb bd. ti n 13 20 14 12 15 Wrttervroguoie für Sonnabend, deu 16. Juli 1916. Etwas kühler, vorherrschend wolkig mit Regensällen und ziemlich Irischen nordwestlichen Wind«. Berliner Wetterbureau. WafierftandS-Nachriibteu Wasserstand M- m e l, Tllftt B r e g e l, Jnft erdmg Weichsel. Thwru Oder, Ratibar , Krofleu , Frankwtt Warthe, Schttmm , LandSberg Netze, vordauim Elb«, Leitmeritz , Dresden , Barbh , Magdeburg 4. bedeutet Wuchs.— Fall— Unterpegel. LvleratkÄküvttaMll Xh&bSttSiüiB, ZLick u. Bkiiag; Lsiwäm lßvSdruckerei u. Verwg-snstglt Paul Singcc& Co.. Berlin sw, Mit der Schulfrage beschäftigten sich folgende Schriften, die wir zur Anschaffung empfehlen: Clara Zetkin, Die Schulfrage Referat, gehalten auf der dritten Frauenlonferenz in Bremen Preis 15 Pf. Ein temperamentvoller Bortrag, in dem namentlich aus die Stellung der Frau zur schulsrage Bezug genommen wird. o. kühle. Die voiiisichuie, wie üe ift _ Preis 30 Pf. 0. Kühle, Die DoMchuie, wie fie fein fOlltC Preis 30 Pf. Der Verfasser, ein früherer Lehrer, tadelt in seiner ersten Broschüre die Zustände unserer Volksschule und schildert sie als eine Anstalt zur Erziehung möglichst williger und billiger Lohnjllaven für das Kapital. Der Klassen- staat, sagt er. hat Klasicnschulcn geschassen, wer Geld hat, kann sich Bildung kausen.— Die zwciie Broschüre ist eine Erläuterung unserer Programm- sordcrungen, die wir in bezug aus die Schule erheben und im Interesse deS KultursortschrittS erheben müssen. Heinrich Schulz, Sozialdemokratie Und§Cl)Ule Preis 73 Pf., Vereinsausgabe 30 Pf. Erpedition des„Uorwärts" flugust Grimberger G. m. b. H. KohleneroBhandlnng Berlin N. 31, Hussitenstraße 40, Tel.: Amt III, No. 4304. Busnahmepreise bis 3t. 3uU d, 3. für erstklassige Senftenbcrger Brikette bei mindestens lOOO Stilen resp. JOZtr. ab Platz. 1000 Stck. 10 Ztr. Maria 7" 6,75 k Ztr. 0.72 Reine Kohle 7" 7.25 a, Ztr. 0.77 Pfännerschaft 7* 7.75& Ztr. 0.82 Th. Heye bei 10 Ztr. k Ztr. 0.80, Lauchhammer bei 10 Ztr. k Ztr. 0.73. Diese Halbsteine sind das Beste für Küchen- u. Kesselfeuerung. lo- Anthrazit Cade and üönhold bei 10 Zentnern k Zentner Ä.L» ab Platz. Gas-Koks zum Preise der nächsten Gasanstalt. (Steinkohlen pro Ztr. 1.85.* Holz zu billigsten Tagespreisen. Bei größeren Abschlüssen SpezialOfferte.— Verlangen Sie Preisliste oder Vertreterbesuch.— Anfuhr berechne Dilligst. Handwagen unentgeltlich zur Verfügung. 1000 Stck. 10 Ztr. 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