Wr. 167. Hbonnements-Bcdlngungen: IwonnrmentS- Preis pränumerando: «ierteljährl. 3£0 SEM, monalL 1,10 ME, WSchenIIich 28 Psg, frei in« Hau«. Einzelne Nummer 6 Psg, Sonnlag«. nummcr mit Mustriertcr Sonntag«. veilage.Die Reue Welt' 10 Psg. Post. Vbonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitung«. PreiSlisie. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesierrcich> Ungarn S Marl, für da« übrige itusland S Marl pro Monat. Poslabonnement« nehmen an: Belgien, Dänemark Holland, Jialien, Luxemburg. Portugal, Pumäiuen. Schweden und die Schweiz. CiMdat öäii® ancer moBtast. 27. Jahrg. Verlinev Volksblalt. vle Inlertlons-Sebai»? vetrügt sür die sech«gcspaltene KolonS- zeüe oder deren Raum 50 Pfg„ sür polliische und gcwcrlschastliche»creln». und Bersammlungz-Anzeigen SO Psg. steine Sn-eigen", da« ersie tsctt. gedruckte) Wort 20 Pfg„ jede»«eitere Wort 10 Psg, Stellengeluche und Schills- ft-llen-Rnzeigen da« erste Wort 10 Psg,, jede« weitere Wort S Psg, Worte über »S Buchstaben zühlen sür zwei Worte. Inserate sür die nüchste Nummer müssen di« 5 ilhr nachmittag« in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist dt« 7 Uhr abend« gcSsjnet, Telegramm. Adresse: .5ox!slliell!SMl Ker»»-. Zentralorgan der Ibzialdemohratlfcben Partei Deutfcblande. Rcdahtiont SA. 68, Lindcnstraaac 69* Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983. Mittwoch, den 20. Juli 1910. 6xpe(Utiom SM. 68, LimUnotrasa« 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Parteigenossen! Laut Beschluß des Leipziger Parteitages findet der diesjährige Parteitag in Magdeburg statt. Auf Grund der§z 7. 8. 9. 10 und 11 des Organisationsstatuts beruft die Parteileitung den diesjährigen Parteitag auf Sonntag, den 18. September, abends 7 Ahr, nach dem Saale de?„Luisenpark" in Magdeburg, Spiel» ga r t e n str. 1, ein. An die Punkt 7 Uhr abends erfolgende Eröffnung schließen sich die Konstituierung des Parteitages, die Festsetzung der Ge schäftS- und Tagesordnung und die Wahl der MandatSprüfungS» kommisston an. Die Verhandlungen der folgenden Tage finden in dem gleichen Lokal statt. Als vorläufige Tagesordnung ist festgesetzt: 1. Geschäftsbericht des Parteivorstandes. Berichterstatter: W. Pfannkuch, A. Gerisch. 2. Bericht der Kontrolleure. Berichterstatter: A. Kaden. 3. Parlamentarischer Bericht. Berichterstatter: G. NoSke. 4. Wahlrechtsfrage. Berichterstatter: H. Borgmann. 5. Reichsversicherungsordnung. Berichterstatter: H. Molken» buhr. S. Genossenschaftsfrage. Berichterstatter: H. Fleißner. 7. Maifeier. Berichterstatter: H. Müller. 8. Internationaler Kongreß in Kopenhagen. Berichterstatter: P. Singer. v. Sonstige Anträge. 10. Wahl des Parteivorstandes, der Kontrollkommission uikd des OrteS. an dem der nächste Parteitag stattfinden soll. Parteigenossen! Bewirkt die Vorarbeiten für den Parteitag — die Wahl von Delegierten und die Stellung von Anträgen— rechtzeitig. Die Anträge müssen spätestens am 22. August im Besitze des PartcivorstandcS, Adresse: W. Pfannkuch, Berlin 8W. 68, Lindenstraße 69, sein, wenn sie entsprechend den Bestimmungen deS Z 10 Abs. 2 des Organisationsstatuts im.Vorwärts" veröffentlicht und in die ge druckte Vorlage Aufnahme finden sollen. Anträge einzelner Parteigenossen bedürfen der Gegenzeichnung des Vorstandes der örtlichen bczw. Kreisorganisation, falls sie zur Veröffentlichung und Beratung gelangen sollen. Den Anträgen etwa beigegebene Begründungen werden weder im.Vorwärts" noch in der den Delegierten zugehenden Vorlage abgedruckt. Die Genossen haben das Recht, ihre Anträge auf dem Parteitag selbst zu begründen oder durch befreundete Genossen begründen zu lassen. Die Delegierten werden ersucht, von ihrer Delegation dem Parteivorstande und dem Lokalkomitee rechtzeitig Mitteilung zu mackien, damit ihnen die Vorlagen und sonstige Mitteilungen zugchen können. Die Adresse des Lokalkomitees lautet: Franz Klilß, Magdeburg, Große Münzstraße 3. Die Mandatsformulare werden vom 15. August ab durch daS Parteibureau: W. Pfannkuch, Berlin SW. 68. Lindenstr. 69, versandt. Mit sozialdemokratischem Gruß Der Parteivorstand. Zur Lage im lüuhrbergbau. Aus dem Ruhrbecken»vird uns geschrieben: Gegenwärtig stehen wir im rheinisch-westfälischen Stein» tohlenrevier zunächst unter dem Zeichen der kommenden berg» mäunischen Wahlen. Bis zum 2. September müssen die Wahlen der Sicherheitsmänner beendet sein. Bis jetzt sind diese Wahlen erst auf zwei Gruben vollzogen, sodaß Rückschlüsse auf die kommenden Wahlen der Sicherheitsmänner nicht gezogen werden können. Der Bergarbeiterverband wird seiner Stärke und seinem Einfluß geniäß die meisten Sicher» heitsmänner stellen. Das ist. was jetzt schon gesagt werden kann. Im übrigen handelt es sich um eine neue Einrichtung. die erst ausprobiert werden muß. ehe sich das volle Interesse der Rnhrbergarbeiter ihr zuwenden wird. Das Sicherheitsmännergesetz und seine offenbaren großen Mängel lösen bei den Bergleuten keine Begeisterung sür die Sicherheits» männcrwahlen ans. Wenn dennoch ein großer Teil der Ruhrbergarbeiter den Stiinnizettel abgeben wird. dann folgen sie wohl mehr der Parole der Verbände als den eigenen Trieben., Freilich, die Werkspreffe hat den Ausgang der blSher stattgefundenen Wahlen schon benutzt, um die Ueberflüssigkeit der Sicherheitsmänner im Bergbau nachträglich noch einmal festzustellen. Diese Presse befindet sich mit ihrer Anschauung aus dem Holzwege und zwar ans den oben angedeuteten Gründen heraus. Erstens ist die Einrichtung der Sicherheits» Männer neu und zweitens weist das Gesetz solche Mängel auf, daß die Bergarbeiter»virklich keipe Freude an dem In» halt und schließlich auch an der Wirkung des Gesetzes selbst haben können. Wenn schon etwas bei diesem Gesetze für die Bergarbeiter herausspringen soll, dann kann das nur sein, wenn die Bergarbeiter ihrerseits das Gesetz korrigieren das heißt sich nicht immer an die Bestimmungen des Gesetzes halten. Es bleibt den Bergleuten auch nichts anderes übrig, sollen die Sicherheitsmänner auch nur einigermaßen erfüllen, was ihnen zur Aufgabe zugeteilt worden ist. Die eine Tatsache, daß man dem Sichcrheitsmann der» bieten will, sich mit L o h n f r a g e n zu beschäftigen, ist der größte Unsinn, den man sich denken kann. Im Bergbau hängen, wie kaum wo anders Unfallfragen und Lohnfragen so eng zusammen, daß ihre Erörterung zusammen gehört. Die schlechten Lohnverhältnisse, die verschiedenen Lohnsysteme erfordern mindestens soviel Opfer unter den Berg- leutcn und mehr noch als der wirtschaftliche Raubbau bezw. die Abbau-Arbeitsnietoden überhaupt, wie sie im Bergbau gang und gäbe sind. Das Gesetz muß und wird ausprobiert werden, darum sieht der Bergarbeitervcrband darauf, daß seine Mitglieder sich so zahlreich wie möglich an den Sicher- heitswahlen beteiligen. In der„Bergarbeiter-Zeitung" wurde den Verbändlern die Beteiligung an den Wahlen zur Pflicht gemacht. Dann finden im Ruhrbecken am 17. September die allgemeinen Knappschaftswahlen statt. Hier werden die Wahlwogen wie in den letzten beiden Jahrzehnten bei gleichen Anlässen recht hoch schlagen. Ein erbitterter Kampf wird um die Besetzung der Aeltestenposten ent- brennen, diesmal schärfer noch wie bisher. Zurzeit gehören von den 391 Aeltesten 235 dem Berg arbcitervcrbande an, 133 wollen die„Christlichen" haben. Stimmt diese Ziffer, dann sind rund 50 Aelteste unter ihnen, die sich nicht entschließen können, mit dem„Gcwerk verein christlicher Bergarbeiter", wie man sagt. durch „Dick" und„Dünn" zu gehen. Als bei der letzten KnappschaftS-Vorstandswahl am 39. Juni die Gcwerk öMMslcitung die Parole ansgab, nur Weiße Stimmzcttpl bei der Wahl der Arbeitervertreter abzugeben, da kamen insgesamt nur 85 Aelteste dieser Aufforderung nach. Alle übrigen Aeltesten stimmten für die aufgestellten V e r- bandskandidatenl Die Blamage für den christlichen Gewerkvcrcin war so gründlich, daß er jetzt nach den tollsten Ausreden sucht, um diese Abstimmung seiner Aeltesten zu er» klären.„Die abtrünnigen Aeltesten hätten vermeiden wollen, daß ein Christlicher mit in den Vorstand hineingewählt würde. Sie wollten den Verband in die Lage bringen, mit den Werksvertretern allein den Vorstand zu bilden usw. Wirklich nette Ausreden, deren es gar nicht bedarf, weil der Gewerkvercin überhaupt keinen Einfluß mehr auf die Besetzung der Vor- standsposten hat. Darüber entscheidet die Majorität der Aeltesten. Und daß auf unserer Seite die Majorität der Aeltesten ist, zeigen deutlich die oben angeführten Zahlen. Daß dem Gewerkvercin christlicher Bergarbeiter vor dem Ausgang der kommenden Aeltcstenwahlen bange ist. kann man sich lebhaft vorstellen. Würde er aus eigener Kraft nach Mandaten ringen, der Verlust von 39— 49 und noch mehr Aeltestensitzen wäre ihm sicher. Die in den letzten Jahren erfolgten Nachwahlen haben bewiesen, wie der christliche Gewerkverein immer mehr und mehr an Vertrauen bei den Bergleuten eingebüßt hat. Das weiß auch der Gewerkvercin. Um nun einer allzu starken Niederlage zu entgehen, zeigt sich der Gewerkvercin christlicher Bergarbeiter bereit, für die kommenden allgemeinen Wahlen Kompromisse ein- zugehen, mit wem, ist gleich. Um jeden Preis ein Zusammengehen gegen den Verband! Und so erleben wir jetzt, wie Zechen und Gewerkvercin Bündnisse ab- schließe»! Die Sendboten der Zechen, die national- liberalen Parteisekretäre, betreiben eine mächtige Agitation in den Parteivcrcincn. Bürger» und evangelische Arbeitervereine befassen sich fortgesetzt mit dem Kompromiß zwischen Zechen und Gewerkvercin I Die sonst sehr Hakatistisch veranlagten nationalliberalen Parteisekretäre schielen auch nach den Polen hin, um diese mit in daS Bündnis hineinzu» ziehen. Weil man den Verband haßt, dessen Majorität im Knappschaftsverein fürchtet, gibt man der widerlichsten und unnatürlichsten Sammelpolitik Raum. Vielleicht, daß diese Sammelpolitik gleichzeitig ein Vorspiel sein soll für die kommenden Reichstagswahlen. Zunächst ist der Gewerkverein darauf bedacht, den Zechen zur Hilfe zu eilen, und daß umgekehrt die Zechen den Ge- werkverein unterstützen. Nachdem am 39. Juni die letzten fünf christlichen Vor- standsältesten aus dem Knappschaftsvorstand hinausgewählt wurden, haben die Werksvertreter keine Hoffnung mehr, ihre Pläne im Knappschaftsverein weiter schmieden zu können. Fünfzehn Verbändler stehen im KnappschaftSvorstandjetzt15Werksvcrtretern gegenüber. Aus eigener Kraft sind die Werkshcrrcn nicht mehr in der Lage, die Bergarbeiter auf knappschaftlichem Ge- biete so zu quälen, als zur Zeit, wo ihnen noch die christlichen Vorstandsältestcn bei vielen Gelegenheiten halfen. Darum die Pein vor den kommenden Wahlen. Nun, sie mag nur aufmarschieren, die„heilige Allianz", der Verband wird sich stellen und ihr zeigen, daß gegen den Bergarbeitcrverband kämpfen nichts anderes heißt, als die berechtigten Forderungen der Bergarbeiter im Knappschaftswesen bekämpfen zu wollen! Weit eher noch wie die Sicherheitsmännerwahlen werden die Aettestenwahlen dem Bergardeiterverband den.Sieg bringen. Mag das Kompromiß auf der ganzen Linie zustande kommen, die Verbandsmajorität wird nicht gebrochen werden. Aber was immer klarer zutage tritt, ist, daß der Gcwerk- verein christlicher Bergarveiter in entscheidenden Momenten lieber die Zechen- als die Arbeiterintcrcssen wahrt! Der christliche Gcwerkverein entwickelt sich allmählich zu einer gelben Schutztruppe des Unternehmertums... Nicht nur die fort- gefetzten Kompromisse mit den Zechen allein lassen darauf schließen. Bekannt ist, wie der Gewerkverein christlicher Bergarbeiter die Teilnahme an dem letzten nationalen Bergarbeitcrkongrcß in Berlin absagte, aber dann später, als die Grubenbesitzer den Z w a n g s a r b e i t S n a ch w e i s für die Ruhrbeigleute einführten, an den Bergarbeiterverband das Ansinnen stellte, gemeinschaftlich mit allen Bergarbeiterorganisationen gegen den Arbeitsnachweis der Grubcnherrcn Stellung zu nehmen. Das ist denn auch geschehen. Die Verbände fanden sich zusammen, faßten gemeinsam ihre Beschlüsse und erhoben den schärfsten Protest gegen die Einführung des einseitigen Arbeitsnachweises. Ueber die näheren Umstände, die in dieser Frage mitspielten, über den Arbeitsnachweis selbst, haben wir seinerzeit die Leser deS„Vorwärts" auf dem Laufenden gehalten. Heute stellt sich heranS, daß daS bisherige Gebaren des GcwcrkvereinS christlicher Bergarbeiter nur Spiegelfechterei war, daß er gar nicht daran dachte, im Kampfe gegen den Zwangsarbeitsnachweis die Versprechen einzulösen, die er den übrigen Verbänden und den Bergarbeitern selbst abgegeben hatte. Der Gewerkvercin dachte gar nicht daran, im Ernst estvas gegen den Zwangsarbeitsnachweis zu unternehmen; darum ignorierte er den von den Verbänden gemeinschaftlich gefaßten Beschluß. Extrabeiträge zur Stärkung des gewerkschaftlichen Kampffonds zu erheben l Während die Polen unter Hinweis auf den zu erwartenden Kanipf ihre Beiträge erhöhten und der Bergarbeitcrverband den Extrabcitrag einführte, ließ der Gewerkverein eine Urabstimmung über die eventuelle Einführung der Extra- beitrüge vornehmen, deren Ergebnis er aber nicht bekannt gab I Man weiß heute nur, daß Vertrauensleute des Gewerkverveins selbst gegen die Erhebung von Extra- beitrügen unter den Mitgliedern agitierten bczw. agitieren mußten I Eine Korrespendenz aus dem Ruhrbecken, die sich mit einer Mitteilung der„Kölnischen Zeitung" deckt, wußte vor einigen Tagen zu berichten, daß in einer Sitzung deS Vorstandes der Gewerkvereinöleitung beschlossen worden ist, keinen Extrabeitrag zu erheben, da Einwendungen gegen die Handhabung des ZwangSarbeitsnachwcises durch die Werksbesitzer nicht zu machen sind!!! Die Gewerkvereins- leitung hat zu dieser geradezu unerhörten und für den christ- lichen Gewerkvercin äußerst blamablen Feststellung bisher noch kein Wort der Richtigstellung gefunden I Und wenn sie etwas zu einer sogen. Richtigstellung unternimmt, wer kann und will ihr noch glauben l Alles deutet darauf hin, daß d er G e w e rkv erein ein frevelhaftes Spiel mit den Bergarbeitern getrieben hat und noch treibt. Die Oeffentlichkeit ist von ihm getäuscht und die Bergarbeiter sind verraten worden I Darum auch das innige Bündnis des christlichen Gcwerkvcreins mit den Zechen für die kommenden Aeltestenwahlen. Mehr noch: der Gewerkverein wird mit den Zechen hier und da auch gemeinschaftlich sogar die Sicherheitsmänner wählen!! Höher hinauf geht es wirklich nicht mehr I Es gab Leute im Ruhrbecken, die den Betrug deS Ge- werkvereins voraussahen, die aber mit ihrer Meinung nicht durchdrangen, die Betrüger schon im Laufe des vergangenen Winters bloszustcllen. Hoffentlich sind nun diejenigen, die da glaubten, der Gewerkvercin treibe ein ehrlich Spiel mit den Bergarbeitern und den anderen Organisationen, heute kuriert. WaS wird nun im Ruhrbecken geschehen? Welchen Ein- fluß wird der Verrat des christlichen Gcwerkvereins auf die Bergarbeiterbewegung ausüben? Da wollen wir feststellen. daß die christliche Gewerkvereinöleitung glücklicherweise nicht die Bergarbeiter sind. Ein Streik im Ruhrbcrgbau wird, trotz aller dröhnenden, früher in die Welt gesetzten Phrasen der christlichen Gewerkvereinsführer, niemals niit Zustimniung der Führer kommen, und wenn der Streik noch so notwendig erscheint. Wer daran glaubt, der kennt die Leute nicht, die an der Spitze deS christlichen Gewerkvereins stehen. Ihr Verhalten in der Frage des Arbeitsnachweises zeigt ja schon, mit wem wir es zu tun haben; wir brauchen nicht weiter auszuholen, um die Charakteristik der Gewcrkvcrcinsleitung zu vollenden. Doch wie gesagt, die "ührer sind nicht die Gcwerkvcreinsmitglieder. Wie diese ührer selbst von christlichen Aeltesten im Stich gelassen werden, so mehr noch von denen da unten in der Tiefe, die mit der Hacke in der Hand unter Mühen und Not ihr Brot verdienen müssen. Die christlichen Bergarbeiter haben ja keine Ahnung von den Plänen und Absichten, von dem Tun und Treiben ihrer Führer. Sie glauben sich„gut" vertreten, da eS an Theaterdonner nicht mangelt. Die christlichen Bergleute kennen sehr wohl die Ausstellungen, die an dem ZlvangsarbeitS- Nachweis zu machen sind. Nicht ohne Grund führen sie wie auch die Verbändler den heutigen anhaltenden Tiefstand der Bergarbeiterlöhne mit auf den Arbeitsnachweis
zurück. Genau tvie die Verbandsmitglieder über den Zwangs- arbeitsnachweis denken, so denken auch die ebenso hart ge- troffenen christlichen Arbeiter. Heute noch arbeitet der Arbeitsnachweis mit schwarzen L i st e n; heute noch werden Arbeiter dauernd aus- g e s p e r r t I Es hat sich kaum etwas gegen früher geändert; nein, man hat die Bergarbeiterquälerei nur einheitlicher und besser organisiert. Wohin das führt, ist nicht schwer zu erraten I Die s ch l e ch t e n L ö h n e, die nicht mehr zum Leben ausreichen, die rigorose Behandlung, die fort- gesetzten Getvaltakte der Unternehmer haben eine Stimmung unter den Ruhrbergleuten ausgelöst, die über kurz oder lang zu einer wirtschaftlichen Kata- st r o p h e führen muß. In den privaten Gesprächen, in Versamnllungen und, wie wir vor wenigen Tagen noch lasen, selbst in der Presse tragen in Arbeit stehende Berg- arbeiter ihre Wünsche vor. Sie stützen sich auf das, was sie täglich schauen und von ihren Kameraden hören und was sie selbst erleiden. Offen wird mit dem Kampf von unten gedroht, da die Verhältnisse aufden Gruben nicht mehr zu ertragen sind! So haben Bergarbeiter vor großen wirtschaftlichen Ereignissen immer noch ihre Meinung zum Ausdruck gebracht. Und es wäre ein Vergehen, diesen offenen Verzweiflungsausbrücheu nur geringe Bedeutung zuzumessen. Man könnte unangenehm enttäuscht werden, wollte man leicht über solche Dinge hinweggehen. Bisher haben im Ruhrbecken die Führer der Bergarbeiter noch keinen Streik gemacht, dieser kam bis jetzt noch immer wie die Windsbraut in der Nacht, von— unten herauf I Ist der Druck zu stark, dann gibt es kein Halten mehr, dann schlägt die Flamme der Empörung über alle Bergarbeiter. ohne Unterschied der Partei, der Religion und der Rasse. Das gute dabei ist, daß in solchen Zeiten alle Kalkulationen christlicher Gewerkschaftsführer über den Haufen geworfen werden. Diese Führer haben sich dann zu bequemen, den Haß gegen die übrigen Verbände vorläufig zurückzustellen und die Sympathien für die Zechen nicht zum Ausdruck zu bringen. Wird es im Ruhrbccken überhaupt zu einem Streik kommen? Alle Anzeichen weisen darauf hin, das er kominen wird. Die Schuhriegelung der Bergarbeiter auf den Gruben ist so stark geworden, daß der Verdacht auf- taucht, daß die Grubenbesitzer selb st den Streik noch in diesem Jahre provozieren wollen. Den Werksherren passen die jetzigen Kohlenpreise nicht. Ein Streik würde„annehmbarere Preise" für die Berg- Werksbesitzer bringen. Und auch sonst käme es den Herren gelegen, wenn der Streik möglichst früh ausbricht. Sie würden desto eher mit den Bergarbeitern fertig werden. Später ist das schwieriger. Weil dem aber so ist, kann ein zu früh ausbrechender Streik nicht begrüßt werden. Wie im vergangenen Winter, so fehlen auch heute noch die Vorbedingungen für einen Streik, der den Ruhrbergleuten den längst erwarteten Einfluß auf die Lohn- und Arbeitsbedin- gungen bringen soll. Dazu gehört mehr als der Wille zum Streik, dazu gehören in erster Linie gefüllte Kassen und starke Organisationen! Mit beiden geht es ja nun schon besser als im vergangenen Winter, aber der Stand der Kassen und der Organisation ist immer noch nicht ausreichend genug, um einen Kampf zu wagen, der zu be- stimmten Zielen führen soll. Kommt der Streik dennoch, dann darf der Bcrgarbeiterverband ihm ruhig entgegensehen. Für seine Mitglieder ist und wird gesorgt werden. Wenn dann der Streik nicht die Anerkennung der Organisation der Arbeiter herbeiführt, auch bezüglich der Lohn- und Arbeitsbedingungen nicht die Erwartungen erfüllt, die die Berg- arbeiter an ihn knüpfen, so wird er gewiß einen Erfolg zeitigen: nämlich endlich die Erkenntnis reifen, daß siegreiche Streiks im Ruhrbecken nur geführt werden können. wenn mit dem Jndifferentismus unter der Belegschaft aufgeräumt wird, und gleich- zeitig auch niit der Zersplitterungstätigkeit christlicher und nationaler Demagogen. Schon die kommenden Sicherheitsmännerwahlen und die Knapp- schaftsältestenwahlen werden die Ruhrbergarbeiterschaft ein gut Stück Weges weiter in dieser Erkenntnis bringen. Mehr noch der kommende Kampf um Brot, Licht und Leben. Gegen diese Erkenntnis ist kein Kraut gewachsen, sie kommt, wie der Kampf selbst— von unten herauf I Sie hessliche Candtagswahlrefonn. Nun hat die hessische Zweite Kammer in einer zweitägigen Sommertagung das Schlußstück der hessischen Wahlreform gefertigt, die neue Wahlkreiseinteilung. Sie schließt sich dem Uebrigen, den verschärften Kanteten gegen gar zu viele Arbeiter- Wähler, wie Steuerrückstandsklausel usw., dem Zweistimmenwahl- recht für Wähler über 50 Jahre, würdig an. Die Vorschläge der Regierung zur Neueinteilung der Landtagswahlkreise waren den Interessen der Sozialdemokratie gewiß nicht günstig, wie man von einer Regierung, die sozialdemokratischen Stadträten beharrlich die amtliche Bestätigung verweigert, ohne weiteres annehmen kann. Aber diese Vorschläge waren den im Landtage maßgebenden bürger- lichen Parteien, Nationalliberalen, Zentrum und Bündlern, noch viel zu vorteilhaft für die Sozialdemokratie. Man verhandelte monatelang hinter verschlossenen Türen und brachte dann eine geradezu skandalöse Wahlkreiseinteilung an das • Tageslicht. Allen geographischen, wirtschaftlichen und geschicht- lichen Zusammenhängen zum Trotz hat man die einzelnen Orte zu Wahlkreisen zusammengelegt, ganz nach den Bedürfnissen der in Betracht kommenden maßgebenden 3 Parteien.„Die reine Laubsäge- arbeit," wie ein sozialdemokratischer Redner im Landtage die äußere Gestalt der einzelnen Wahlkreise treffend charakterisierte. ES kam den Wahlkreisgeometern nur darauf an, möglichst sichere Wahlkreise für sich zu schaffen. Die schon der Sozialdemokratie sicheren Wahlkreise machte man durch Hinzufngung weiterer Orte mit großer sozialdemokratischer Stimmenzahl noch sicherer, um da- mit die so„bereinigten" verbleibenden Bezirke zu um so sicheren Wahlkreisen der Wahlrechtsmogler zu gestalten. Dabei schnitt das pfäffisch schlaue Zentrum am besten ab, das insbesondere in Rheinhessen die Nationalliberalen ganz von sich abhängig machte. Das verursachte sogar eine Rebellion der Mainzer National- liberalen, die in einer geharnischten Protestresolution an die nationalliberale LandtagSfraktion heftigen Widerspruch gegen die „Auslieferung nationalliberaler Kreise an das Zentrum" erhoben und ihrem Mainzer Abgeordneten— der übrigens mit Hilfe des Zentrums gegen den Sozialdemokraten gewählt war— mit Abänderungsvorschlägen in den Landtag schickten. Auch die Bündler waren mit ihrem Anteil an der Beute, mit der Einteilung Ober- MeaSj nHt zusriMn upp ipHßloabSfe äa buMLLiMx Ks- ganger, der Reichs- Und Landkägsabyeordn'eke Köhler- Langdörf. dem man freilich seinen eigenen Landtagswahlkreis boshafterweise ganz zerrissen hatte, sprach offen von dem völligen Mangel an Recht und Billigkeit bei dieser Wahlkreiseinteilung. Ganz empört waren auch die Freisinnigen, denen man mehrere Wahlkreise direkt weg- eskamotiert hat. Die Sozialdemokraten lehnten die Aufforderung, auch Vorschläge für die Wahlkreiseinteilung zu machen, ab, mit dem Hinweis auf ihren schon 1308 gestellten Antrag, Wahlkreise mit durchschnittlich 20 000 Einwohnern zu bilden. Die von der schwarz-blauen Koalition gebildeten Wahlkreise schwanken in der Zahl ihrer Bewohner zwischen 10 000 und mehr als 27 000. Daß es unsere Parteigenossen an einer scharfen Kritik dieser schandbaren Mogeleien sowohl in der Presse wie im Landtage nicht fehlen ließen, ist selbstverständlich. Alles aber prallte an den ehernen Stirnen der hessischen Wahlrechtsverschlechterer ab, selbst die Unzu- ftiedenheit der eigenen Anhänger im Lande blieb unbeachtet, und mit großer Mehrheit beschloß die Zweite Kammer nach den Vor- schlügen der vereinigten Staatserhaltenden, um sich nach dieser Leistung bis zum Herbst zu vertagen.> Nun gehen Wahlrcchtsvorlage wie WahlkreiSeinteilung an die E r st e K a m m e r, die sich natürlich nicht sträuben wird, das rcak- tionäre Machwerk der„Volksvertretung" zu sanktionieren, wenn- gleich die„edlen Herren" es gern noch schlechter gehabt hätten. Im Herbst 1011 wird dann zum ersten Male in Hessen nach den neuen Bestimmungen gewählt. Wenn die hessischen Sozialdemokraten den Herren nur nicht einen dicken Strich durch die Rechnung machen und doch mehr Sozialdemokraten in den Landtag schicken, als die frechen Betrüger an den politischen Rechten des Volkes eS sich so sein ausgerechnet haben.__ politifcbc Qcberlicbt. Berlin, den 19. Juli 1910. Zur Wahlreform. Die zuweilen offiziös bediente-„Korrespondenz Woth" schreibt: „Die Frage der Wahlreform hat in letzter Zeit wiederholt in der Presse erneut die Gemüter erregt als der neue Minister v. Dallwitz die Geschäfte übernahm. Man sprach davon, daß nunmehr, nachdem der Zauderer Moltke erledigt sei, der neue Mann eine neue Wahlvorlage ausarbeiten werde. Zunächst entscheidet über wichtige Fragen das Staatsministerium und der einzelne Ressortminister ist nur ausführendes Organ. Bis jetzt hat das Staatsministerium über die Wahlvorlage nach der Sitzung, in der die Zurückziehung der Vorlage beschlossen wurde, erneut keine Beschlüsse gefaßt. An der Auffassung des Staatsministeriums, daß das gegebene Königswort in der Wahlfrage noch nicht eingelöst sei, hat sich nichts geändert und es ist deshalb als feststehend zu betrachten, daß die Wahl- frage später erneut den Landtag beschäftigen wird. Ueber den Zeitpunkt der Einbringung ist bisher nichts beschlossen, auch über die Ausarbeitung eines neuen Gesetzes verlautet nichts. Herr v. Dallwitz hat sein Amt erst kaum übernommen. Zunächst braucht er Muße, um sich über alle wichtigeren Fragen seines Ressorts zu informieren, erst später kann er sich auf Einzelheiten einlassen. Soweit wir unterrichtet sind, besteht vorläufig nicht die Absicht, dem Landtage be- reits in der nächsten Session eine neue Wahlvorlage zu unter- breiten, die Parteiverhältnisse haben sich nicht geändert, die Chancen für die Wahlreform sind also die gleichen wie bisher, wahrscheinlich dürfte die Frage erst nach den Land- tagsneuwahlen gelöst werden." Danach scheinen sich die„Homogenen" wirklich sehr die Zeit nehmen zu wollen. Eine solche Verschleppung der Wahl- reform würde doch sehr viel böses Blut machen und für die Reichstagswahlen den Oppositionsparteien den denkbar besten Agitatwnsstoff liefern. Auf der anderen Seite freilich wäre für die Regierung auch nichts gewonnen, wenn sie abermals mit einer solchen Spottreform an den Landtag käme, wie sie die letzte Vorlage oder auch das Herrenhauskompromiß darstellte. Einerlei, ob eine solche Vorlage Annahme fände oder nicht— die Empörung der betrogenen und verhöhnten Volksmassen würde durch solch neue Wahlrechtsfarce nur noch mehr aufgepeitscht werden. Welches Uebel der Regierung als das kleinere erscheinen wird, läßt sich schwer erraten. Da indes auch die letzte Wahl- rechtsvorlage ganz unvermutet auf der Bildfläche erschien, wäre ein abermaliger Ueberrumpelungsversuch keineswegs ausgeschlossen._ Der neue Finanzminister über die Finanzreform. Die„K r e u z z e i t u n g" regt sich darüber auf, daß der hau- noversche Stadtdircktor Tramm sich abfällige Aeußerungen über die Talonsteuer erlaubt hat. Da ist nun das„Berliner Tage- blatt" boshaft genug, das konservative Organ, das sich darüber entrüstete, weil der Stadtdirektor nicht ganz in dem Tone schuldi- gen Respektes von dieser Perle sckxvarzblauer Finanzkunft ge- sprochen habe, darauf aufmerksam zu machen, daß auch der Ober- bürgermeister einer preußischen Großstadt gelegentlich einer An- frage bei zahlreichen Stadtverwaltungen erklärt habe: „Die Beseitigung der Steuerpflicht der Zinsbogen halte ich selbstverständlich für dringend erwünscht: Den Städten ist durch diese Steuerpflicht zu den vielen anderen neuen Lasten eine Belastung erwachsen, welche bei Beratung de? Gesetzes wohl von keiner Seite beabsichtigt ge- wesen i st. Die Abwälzung dieser Last auf die Zinsbogen- inhaber ist aus vielfach erörterten Gründen ausgeschlossen." Der Oberbürgermeister aber, der so scharf zum Kampfe.wider die Talonsteuer aufgefordert habe, sei kein anderer, als Herr Lentze, der neue preußische Finanzministe rk Die Städte aber würden nun wohl, so fährt das Blatt ironisch fort, die Genugtuung erleben, daß Herr Lentze nunmehr energisch für die Beseitigung der getadelten Steuer eintreten werde.' � Ein Unzufriedener. Daß Graf Posadowsky von dem Gang der inneren Politik Deutschlands und namentlich von dem vollständigen Stillstand und beständigen Verschlechterungsversuchen in der sozialpolitischen Gesetzgebung nichts weniger als ent- zückt ist, weiß man. Die„Magdeburger Zeitung" weiß dar- über noch ein paar Details zu berichten und teilt dabei als des Grafen„authentische Worte" mit:„Es ist n i ch t b e s s e r g e- gangen, seitdem ich aus dem Amte schied. Es ist sogar von diesem Augenblick an schlechter gegangen." Man sieht, jetzt gehören sogar die Minister— wenigstens die gewesenen � zu den Unzufriedenen. Und es ist nicht un- interessant, daß die„Magdeburger Zeitung" auch zu berichten weiß, daß Posadowsky ein Zusammentreffen mit B ü I o w vermeidet, obwohl sie beide gleichzeitig in Berlin sind. Be- stätigt das doch die Ansicht, daß Posadowsky von Biilow gegen seinen WiLev rMichtslos abgehalftert woÄen ist. Der fressende Moloch. Der Mte Militäretat weist, wie die„Post" mitteilen kann, eine neue Steigerung der Ausgaben auf. Nach dem im nächsten Jahre ablaufenden Ouinquenat werden in diesem Etatsjahr neu errichtet: Ein Kavalleriebrigadestab(38) bei der 38. Division in Erfurt, ein Kavallerieregiment(Jäger- regiment zu Pferde Nr. 8) mit niedrigem Etat und dem gleichen Standort Erfurt. Außerdem wird der Etat der 3. Versuchskompagnie beim Luftschifferbataillon um 1 Ossi- zier, 1 Vizefeldwebel, 12 Unteroffiziere und 57 Mann erhöht. Durch diese Heeresvermehrung sowie einige andere Etats- erhöhungen werden für Offiziere an neuen Stellen geschaffen: 1 Brigade- und 1 Regimentskommandeur. 1 Stabsoffizier, 6 Rittmeister und Hauptleute, 19 Subalternoffiziere, 2 Aerzte und 3 Veterinäroffiziere. Damit sind die Vermehrungen im Rahmen deS gegen» wärtigen Quinquenats abgeschlossen, und es wird nun abzu- warten sein, was die in diesem Winter bereits kommende Mjlitsrvorlage bringen wird. Tcrnburg mit der„Autorität. Wurde da unlängst von der„Kolonialen Rundschau"«ine eigene Reklamenummer für Herrn Dernburg herausgegeben, in der Vater Dernburg den Werdegang seines großen Sohnes schildert und dabei folgendes erzählt: „Schon vor Jahresfrist teilte er mir mit, daß er zu Ostern sein„Di enstbuch fordern werde", oder wie er ün Scherz sagte,„Cincinnatus kehrt zu seinem Pfluge zurück". Bis zu jenem Termin glaubte er die in seinem dem Kaiser unter- breiteten Arrtrittsprogramm vorgesehenen organisatorischen Maß- nahmen durchführen zu können; eine lediglich verwal» tende Tätigkeit entsprach weder seiner Veranlagung, noch konnte sie ihn politisch befriedigen... Seiner ganzen Veranlagung nach kann Bernhard Dernburg von einer Regierung Schwäche am wenigsten ertragen. Die Preisgabe des kaiserlichen Ansehens unter Fürst Bülow hat er für einen schweren Fehler gehalten. Man nennt ihn oft eine„Herren natur". In dieser Bezeichnung liegt indessen ein Zug von egoistischer Selbst- Herrlichkeit, die ihm fremd ist. Aber als Mann der Autor i. tät verlangt er eine feste Hand; seine Devise ist: Wer in schwankender Zeit schwankend gesinnt ist, der vermehrt das Uebel. Was er in einer rückschauenden Selbstkritik bei sich am stärksten beanstandet, ist, daß er die Zeit als entscheidenden Faktor nicht. hoch genug eingeschätzt und, von seinem starken Temperament verführt, manchmal den Augenblick zu sehr belastet hat." Also der ehemals freisinnige Politiker, ist ein Mann der Autorität und Fürst Bülow war ihm zu wenig monarchisch. Herr Dernburg hätte viel lieber sich gleich dem Jawuschauer Oldenburg rohalistischer als der König selbst erwiesen, und wenn er statt Bülow Reichskanzler gewesen, er hätte die Be- kämpser des persönlichen Regiments schon zu Paaren getrieben. Papa Dernburg hat es sicher seinem Sohne gut vermeint. Wir meinen aber nicht, daß diese byzantinische Reklame viel nützen wird. Allerdings die»Kreuzzeitung" ist versöhnt und findet sich sympathisch berührt. Die Wahl in Frankfurt. Der Erlaß zur Beschleunigung der Reichstagsersatzwahlen scheint den Regierungspräsidenten in Frankfurt a. d. Oder nicht zu kümmern, denn er hat für daS dort erledigte Reichstags» mandat bis heute noch keinen Termin zur Nachwahl an- gesetzt. Wie eS scheint, soll diese Nachwahl bis nach der Ernte hinausgeschoben werden. Daran mögen vielleicht die Konservativen ein gewisses Interesse haben, jedenfalls aber entspricht dieses Hinauszögern der Wahl nicht der Verfügung, die der Minister des Jnnem erlassen hat._ Reichstagskandidat auf bestimmte Zeit. Wir meldeten bereits, daß d«r Sohn des ersten Vizepräsi» denten Spabn von den Vertrauensmännern deL Zentrums im Kreise Warmurg dazu auSersehcn sei, den KreiS als Nachfolger des Abgeordneten Schmidt im Reichstage zu vertreten. Die Kandidatur scheint aber nur auf ein Jahr zu gelten. Denn die Mehrheit der Vertrauensnüinner beschloß eine Resolution, in der es heißt: „Den Zentrumswählern des Wahlkreise? Warburg- Höxter wird empfohlen, ihre berechrigten Wünsche in betreff einer Kandidatur aus dem Wahlkreise für die jetzige Ersatzwahl im Interesse der Allgemeinheit und aus ganz triftigen, beson- deren Gründen zurückzustellen. Wir versprechen indessen, bei den allgemeinen Wahlen im Jahre 1911 bezw. 1012 den Wünschen der Wählerschaft nach einheimischen Kandidaten Rechnung zu tragen." Sehr viel Sympathie scheint man also dem importierten Kan- didaten gerade nicht entgegenzubringen. Ein neues Mordinstrumeut. Einem München» Blatt wird aus Berlin mitgeteilt, daß das preußische Kriegsministerium eine große finanzielle Unterstützung zu- gesagt hat für den Bau eines eigenartigen Ballontyps, eines drei- gliedrigen, starren und rasch zerlegbaren Kriegs- Motor- Luftschiffes. Die deutsche Heeresverwaltung stellt folgende Be- dingungen: Leichte Manöverierbarkeit, Lenkbarkeit, große Beweglich- keit, um feindlichen Angriffen ausweichen zu können, gefahrlose Ver- Wendung des Funlenspruchs, leichte Zerlegbarkeit, sowie eine artilleristische Leistung durch Werfen von Sprenggeschossen. Wahlerfolg in Württemberg. Im Welzheimer Wahlbezirk, wo durch das Ausscheiden deS nationalliberalen Abg. Dr. Hieber Ersatzwahl zum Landtag not- wendig geworden war, erzielte am letzten Freitag die Sozialdemo- kiatie einen schönen Erfolg. Trotzdem der Wahlkreis ein über» wiegend bäuerlicher, brachte es unsere Partei, die 1S0S 741(bei der Proporzwahl 1007 S87) Stimmen auf sich vereinigt hatte, auf 1000 Aimmen, die größte Zahl, die überhaupt auf einen der fünf Kandidaten entfiel. Die Nationalliberalen, die 1906 mit Unterstützung d«S Bundes der Landwirte 1800 Stimmen aufgebrocht hatten, mußten sich diesmal mit ö97 Stimmen begnügen, während der Bündler 602 Stimmen, der Volksparteiler 770 und das Zen, trum 04 auf sich vereinigten. Nach einem bereits vor der Hauptwahl getroffenen Abkommen wollen die Natwnalliberalen die Volkspartei im zweiten Wahl- gange unterstützen._ Eine Nachwahl in Bayern. Im bayerischen LandtagSwahlkreiS Aichach hat Sonntag eine Nachwahl stattgefunden. Der Kreis ist sicherer Zentrumsbesitz und der ultramontane Kandidat Melchner wurde gewählt. Nach den bisherigen Feststellungen wurden abgegeben: für den sozialdemokratischen Kandidaten 1031 Stimmen, für das Zentrum 6273, für die Liberalen 617 und für den Bauern» bund 845 Stimmen. Aus 23 Gemeinden steht das Resultat noch aus.— Bei der Hauptwahl im Jahre 1007 erhielten in diesem zwei- männigen Wahlkreis die Ultramontanen 7S74 und 7614, die Liberalen 923 und 924, die Bauernbündlcr 1003 und 1005, die So. zialdemokraten 514 und 520 Stimmen. Obwohl unsere Parteigenossen in der Agitation für diese Räch» Wehl, übn dkM R.esültst ja kein Zweifel besteh« feaBfe, yHt
übermahige AnstrkngMM gemacht hatten, hat unsere Partei vir- hältnismätzig am besten abgeschnitten. Dann unser Stimmen- zuwachs beträgt bereits nach den bisherigen Feststellungen mehr als 100 Prozent. Das ist um so bedeutungsvoller, als sowohl die Liberalen wie auch die Uttramontanen mit Hochdruck gearbeitet und den ganzen Wahlkreis mit Agitatoren überschwemmt hatten. Der Unterstaatssckretär im Ministerium der öffentlichen Arbeiten Exzellenz Fleck hat mit Rücksicht auf sein vorgeschrittenes Alter fein PensionSgesuch eingereicht. frankmcb. Die Affäre Rochette. Paris, 19. Juli.
tecbmbten und Depdeben. Zur Explosionskatastrophe in FriedrichShafen. Friedrichshafen, 19. Juli. Bei der Explosion dcS Karbonium- Werkes sind nach einer neueren Meldung 8 Personen verletzt war» den. Ein Arbeiter ist, wie bereits unter„Vermischtes" gemeldet, gestorben. Verletzt wurden auch zwei BetriebSingenteure. Das Karboniumwerk ist vollständig zerstört. In dem Werk wurden durch Spaltung des Azetylengases auf elektrischem Wpge als Haupt. Produkt Ruh und als Nebenprodukt Wasserstoffgas, das hauptsächlich für die Zwecke der Luftscksisfbau.Gesellschaft Zeppelin Verwendung fand, hergestellt. Der Ruh wurde unter anderem zur Herstellung chinesischer Tusche und Druckerschivärze verwendet. Eisenbahnkatastrophe in England. London, 19. Juli.(W. T. B.) Ein mit Ausflüglern besetzter Zug, dessen Maschine abgekuppelt worden war. setzte sich in der irländischen Station N o s c r e a auf abfallendem Gelände in Bewegung und stieß nach fünf Meilen rasender Fahrt auf einen von B i r r kommenden Personenzug. Zahl- reiche Personen sprangen aus dem in Bewegung geratenen Zuge und wurden schwer verletzt. Beide Züge bilden einen Trümmerhaufen. Die Gesamtzahl der Verletzte» be- trägt über hundert._ Auswanderung der Serben au» der Türkei. Belgrad, 19. Juli.(B. H.) Wegen der Verfolgungen seitns der türkischen Behörden wandern täglich viele Serben au» der Türkei» besonders aus dem Sandjak Novibazar nach Serbien au». verantw. Redakt.: Richard' Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.; rh. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag-Borwärt» Buchdr.u.vkrlag»anSqa Gaul Singer öd Co, Berlin LW. Hierzu Z Beilagen«.lluterhaltungSbl.
Dr. 167. Z7. Zehrglmg. t. Mßt ies.Amärls" Kerlim WlksM Mittmch, 20. Inli 1910. Die Parteipreffe über die Budget* bewilllgung. „Mannheimer Volksstimme". 5(n einem Artikel über die letzte Landtagssession schreibt unser Parteiorgan: „Datz im Verlauf der achtmonatlichen Session dieses Landtags sich dieser aus den Verhältniffcn herausgewachsenen Blockpolitik nicht unerhebliche Schwierigkeiten in den Weg stellen würden, das uxir vorauszusehen und nur zu begreiflich. Immerhin darf man aber, ohne der Uebcrtreibung bezichtigt werden zu können, behaup- tcn, daß im großen und ganzen das Experiment, über welches bis- lang nur theoretisch diskutiert wurde, in Baden praktisch ge- lungen ist. Gegen diese Behauptung wird ja wohl da und dort Widerspruch erhoben werden, insbesondere in Norddeutschland, wo eine solche Koalition der Parteien leider zurzeit noch nicht möglich ist. Wer aber in die politischen Verhältnisse unseres Landes auch nur einigermaßen eingeweiht ist. wird ohne weiteres zugeben müssen, daß der von den Linksparteien eingescklagene Weg der einzig mögliche war. um die Gefahr einer Herrschaft des schwarz. biauen Blocks zu bannen. Vom Standpunkt der Parteitradition aus mag man gegen die politischen und parlamentarischen Vorgänge, wie sie sich eben in Baden abgespielt haben, schwere Bedenken haben, und wir wollen diese Bedenken auch nicht ohne weiteres von der Hand weisen. Allein die richtige Entscheidung darüber, ob die badische Sozialdemokratie berechtigt war,- die von ihr angewandte Taktik zu befolgen, kann man unmöglich nur vom Standpunkt der überlieferten P a r t e i d o k t r i nen aus treffen. In der Politik gibt«S nun einmal keine auf alle Fälle und Ver- Hältnisse passende Schablone für die Taktik. Die Verhältnisse in Baden haben zu dieser Taktik und Politik förmlich gedrängt, und cS wäre geradezu wahnsinnig und daher unverantwortlich gewesen, eine Taktik zu befolgen, die früher durchaus berechtigt war, die aber mit den Verhältnissen, wie sie sich in Baden in den letzten Jahren gestaltet haben, in diametralem Widerspruch gestanden hätte. Welchen Sinn hätte es gehabt, bei den Wahlen die schwarz� blaue Koalition des Zentrums und der Konservativen mit ver- einten Kräften zu bekämpfen, wenn man ihr hinterher das par- lamentarische Kampffeld überlassen hätte, was für die nächsten Wahlen nichts anderes zur Folge haben konnte, als daß der Block des Zentrums und der Konservativen mühelos die Früchte einer so sinnlosen Taktik einheimste. Daran krankte ja bisher und krankt auch heute noch die Re i ch s p o l i t i k. daß es nicht m ö g- lich ist, der Neaktion eine geschlossene, aktionS» fähige Koalition der Linken entgegen zustellen. In der Reichspolitik wird das leider noch längere Zeit so bleiben. Damit aber kann doch unmöglich bewiesen sein, daß auch in den Einzel st aaten das Experiment nicht möglich ist. Unter ge- wissen Voranssetznngen— und diese sind in Baden vorhanden— muß es möglich sein. Die taktische und politische Verständigung zwischen Sozialdemokratie und Liberalismus mutz auch noch für die Reichspolitik erreicht werden, wenn wir nicht auf weiß wie lange hinaus darauf verzichten wollen, auch im Reiche m o- dernere politische Zustände zu schaffen. Darüber muß sich doch nachgerade jeder Politiker klar geworden sein. Wer den Zweck will, muß auch das Mittel wollen, mit dem allein der Zweck er» reicht werden kann, lieber diesen politischen Grundsatz kommt man nicht hinweg, es sei denn, man verzichtet fteiwillig darauf, den jenigen politischen Einfluß auszuüben, über den man verfügt. Die badische Sozialdemokratie bereut ihre Taktik nicht, im Gegenteil, sie ist felsenfest davon überzeugt, daß sie mit derselben nur den Weg beschritten hat, den über kurz oder lang die ganze deutsche Sozialdemokratie wird beschreiten müssen, wenn sie nicht ihrer gewaltigen Stärke zum Trotz sich selbst dauernd zur politischen Ohnmacht verurteilen will. Wer leidenschaftslos und mit ruhigem Blick die Dinge beurteilt, die in Baden zur Groß- blockpolitik geführt haben, der wird, mag es ihm noch so schwer fallen, seinen Widerspruch dagegen aufgeben müssen. Es wird ja in den nächsten Wochen viel über die„Sünden" der badischen So- zialdemokratie geschrieben und gesprochen werden; es mag deshalb kleines feuilleton. Bei den Indianern BoliviaS. In der Berliner Anthropo- logischen Gesellschaft hielt Erland von Nordenftiöld einen Vortrag über da? Leben dei Jndianerstämme im Innern Boliviens, unter denen der Forscher wahrend der Jahre 101)8 und 1909 längere Zeit verweilt hatte. Diese Stämme waren bisher so gut wie gar nicht bekannt; Nordenftiöld wußte sich ihr Vertrauen dadurch zu er» werben, daß er wie einer ihresgleichen lebte. Seine Reise führte ihn über die Grenze Argentiniens in das südliche Bolivien an den Rio Pilcomaho. wo er zuerst längere Zeit bei den Stämmen der Choroti und AschluSlay verweilte. Die Kultur der Weißen ist diesen Menschen noch völlig unbekannt. Ihre Waffen gleichen denen aller indianischen Urstämme; Feuerwaffen kenne» sie noch nicht. Ihre Hauptbeschäftigung ist der Fischfang. Um deS Fischfangs willen kommt eS auch bisweilen zum Kriege zwischen den einzelnen Stämmen. Denn Fische sind ihre Hauptnahrung. Vom Fischfang hängt ihr Wohlstand ab, ijt der Fang unergiebig, so leiden sie Not, während bei genügender Nahrung alle sich gleich reich und glücklich dünken. Etwaigen Ueberfluß an Fischen tauschen sie bei anderen Stämmen gegen MaiS aus, den sie zum Brauen ihres berauschenden MaiSbiereS gebrauchen. Das Trinken spielt bei ihnen die Haupt- rolle, und war der Fischfang gut. so vergeht kein Abend ohne große Trinkgelage, bei denen die jungen Männer sich mit Eifer dem Tanz ergeben. Dieser Tanz bildet ihre größte Freude, und sie schmücken sich da. wie sich unsere jungen Mädchen zum Balle schmücken. ÄaS Gesicht wird in möglichst grellen Farben angemalt, das Hinterhaupt wird mit roten und blauen Papageienfedern ver- ziert. Nie kommt es bei den Trinkgelagen oder auf den Tanzplätzcn zu Streitereien oder Zwistigkeiten. Es gibt auch keine Eigentums- bergchen; wer auf der Jagd Glück hat, teilt dem weniger Erfolg- reichen von seiner Beute mit. Der Häuptling in einem Dorfe ist nicht viel mehr wie ein Familienvater; alle behandeln ihn mit Achtung, ebenso wie die Medizinmänner. Man füttert sie nämlich gut, damit sie den Stammesangehörigen gewogen bleiben. Die Frauen leisten, wie überall bei den Indianern, die meiste und schwerste Arbeit; trotzdem werden sie nicht etwa geringschätzig de» handelt, sondern genießen Achtung und Ansehen. Die Kinder wachsen völlig frei, ohne je harte Worte zu hören oder Schläge zu bekommen, bei ihren Spielen heran. Sie tummeln sich außer- halb der kleinen runden Hütten im Walde. Ihre Toten bestatten diese Stämme in zusammengehockter Stellung in runden Grab» Urnen. Schachtnrnirre und Schachweltmeister. Die internationalen Meister des Echachipiels haben in Hamburg begonnen, ihre Kräfte zu messen. Tarrasch nnd Schlechter, Rubinstein und Janowski, Marshall und Tartakow usw., im ganzen mehr als 18 Meisterspieler treten in die Schranken. Diese großen Kämpfe, zu denen heute aus aller Herren Länder die Künstler und Denker des Schachs herbeieilen, sind ein stolzes Zeichen für die Entwickelung, die die Teilnahme und das Interesse für dies Spiel genommen hat. Denn die Geschichte des neuen Schachspiels reicht nicht allzuweit zurück: die«neue Zeit". vorerst bei diesen Bemerkungen über die politisch-taktische Seite der ganzen Angelegenheit sein Bewenden haben." „Volksfreund"-Braunschwcig. „Zunächst ist es reine Sophisterei, herausklügeln zu wollen, daß die badischen Genossen sich in der Zwangslage befunden hätten, die Parteidisziplin zu brechen und das Budget zu bewilligen. Die badische Regierung ist gewiß anders als die braunschweigische; aber auch sie erkennt die Sozialdemokratie nicht als gleichberechtigt an, bestätigt keine sozialdemokratischen Bürgermeister und duldet keine sozialdemokratischen Beamten. Außerdem wimmelt auch das ba- dische Budget von Ausgaben, die wir grundsätzlich ablehnen müssen; wir erinnern nur an die Zivilliste. Es ist also gar nicht erst nötig, auf unsere prinzipielle Gegnerschaft gegen den Klassenstaat hinzuweisen; selbst wenn die badischcn Genossen nur konsequente kleinbürgerliche Demokraten wären, konnten sie das Budget nicht bewilligen. Aber auch von dem von den badischen Genossen sonst einge- nommenen Standpunkte aus, alles zu vermeiden, was uns bürger- liche Mitläufer abspenstig machen könnte, ist ihre Haltung nicht zu rechtfertigen. Die Mitläufer würden sich herzlich wenig um die Nichtbewilligung gekümmert haben, die ja auch die Fraktion zuerst beschlossen hatte, um dann, man darf die Sache betrachten wie man will, nur um der schönen Augen eines Ministers willen plötzlich umzuschwenken. Damit haben die badischen Genossen uns nicht Mitläufer gesichert, sondern verscheucht. Es ist doch ganz klar und selbstverständlich, daß die Partei eine Mißachtung ihrer Partei- beschlüsie sich nicht ruhig gefallen lassen kann. Es mutz also auf dem nächsten Parteitag, wie schon jetzt in der Presse, wicddr zu einer lebhaften Auseinandersetzung kommen. Wir scheuen vor solchen Auseinandersetzungen nicht zurück, wir halten sie vielmehr für förderlich. Aber es mutz doch etwas vorliegen, über das man sich auseinandersetzt, es mutz doch etwas vorhanden sein, über das man im unklaren ist. Dastu gehört aber unsere Stellung zum Bud- get nicht. Da hat der Nürnberger Parteitag endgültig Klarheit geschaffen. Es ist deshalb überaus töricht, eine erledigte Frage noch einmal mutwillig heraufzubeschwören und mutwillig das zu entfachen, was gerade die badische Richtung so gern einen Partei- stank nennt. Die badische Landtagsfraktion will klug und taktisch weise gehandelt haben. Wir meinen, daß sich die bürgerlichen Stimmenfänger. um in den von uns noch nicht gewonnenen, aber doch bereits mit unL sympathisierenden Kreisen Verwirrung anzu- richten, gar nichts Besseres wünschen konnten, als die Budget- bewillignng, mit der die paar badischen Genossen um Kolb und Frank der ganzen Partei die Pistole auf die Brust setzen und sagen:„Entweder geht ihr mit Stillschweigen über uns hinweg oder es gibt wieder einen Hcidenradau, der uns die Mitläufer in Scharen wegtreibt." Natürlich kann sich die Partei das nicht ge- fallen lassen, und so ist denn wieder das da, was unsere Gegner sich schon während der ganzen Zeit unserer neuesten Wahlerfolg« gewünscht haben. Deshalb ist, selbst wenn man, wie wir es hier tun, die Angelegenheit nur von dem ganz oberflächlichen Stand- punkte der Wahltaktik aus betrachtet, die Budgetbttvilligung ein Parteiverrat. Geht man tiefer zu den prinzipiellen Fragen, dann wird die Haltung derer um Frank und Kolb nicht nur unentschuld- bar, sondern, wenn die Budgctbewilliger sich noch Sozialisten nennen wollen, auch unbegreifbar. Es ist recht häßlich, daß die Badenser der Partei diesen Streich gespielt haben; aber um so energischer muß jetzt der Parteitag mit den skrupellosen Parteischädigern reden. Die Partei kann ja überhaupt keine Taktik mehr durchführen, wenn sie stets darauf gefaßt sein muß, von solchen Streichen überrascht zu werden." „Volksblatt"-Harburg. „Es ist uns geradezu unverständlich, wie man sich durch solche Gemeinplätze aus dem Munde eines Ministers zu solchen wenig verschleierten Lobhudeleien hinreißen lassen kann. Wir können uns keinen politisch organisierten Arbeiter denken, der sich durch ähnliche billige Phrasen aus dem Mund« eines Unternehmers ver- leiten ließe, voller Rührung mit den politischen Vertretern des Privattapitals Frieden zu schließen. Es wird dem Arbeiter schwer, zu begreifen, daß Vertreter seiner Interessen sich so schwere Verfehlungen gegen die Einheit der sozial- demokratischen Partei, wie der Parteivorstand mit Recht die Handlung der badischen Parlamentarier nennt, zuschulden kommen lassen können. beginnt mit dem Jahre 1749, mit der denkwürdigen„Analyse" deS Philider in Paris. Lange Zeit galt der französische Meister als der stärkste Spieler der Welt und sein Ruhm und sein Ruf waren es, die Paris zu einer Zentrale des Schachspiels erhoben. Der Ruf des besten Spielers wurde erst nach längerer Pause von seinem Lands mann La Bourdonnais übernommen; nach einem gewaltigen Wett- kämpfe von 80 Pallien errang er 1884 den unbestrittenen Ruf eines Meisters. In seinem interessanten kleinen Buche„DaS Schach- spiel und seine strategischen Prinzipien" erzählt Max Langer, wie Frankreich 9 Jahre später von England geschlagen wurde. In dem Match zwischen St. Amant und Howard Staunton siegte der Brite und seine Landsleute nahmen für ihn den Titel„Champion of the world" fWeltmeister) in Anspruch, den er freilich nicht lange behielt. Denn aus dem ersten internationalen Schachturnier im Jahre 18S1 in London siegte nicht Staunton, sondern der BreS- lauer Matbematikprofessor Adolf Andeisien. Von einem eigenartigen Interesse ist das Auftreten des genialen Amerikaners Paul Merphy in der Schachwelt; auf dem ersten amerikanischen Schachturnier 1857 hatte er gesiegt, 1858 kam er nach Europa und in Paris mußte Andersten vor ihm die Waffen strecken. Aber auch sein Triumph war ohne Dauer. In dem letzten Halb- jahrhundert bildete fich die Organisation des Schachlebens immer mehr aus und die internationalen Turniere wie Wettkämpse mehren fich. Adolf Andersten, der bis 1879 lebte, gewann auf den Tournieren 1802 in London und 1870 in Baden den ersten Preis; dann aber mußte er fich mit geringeren Preisen begnügen. Seit seinem Siege über Andersten 1300 galt Steinitz als Weltmeister; 28 Jahre hat er diesen Ehrentitel behalten. Während dieser Zeit hatte er in Wien 1873 den ersten Preis gewonnen und 1882 ebenso den ersten und zweiten Preis mit Winaun geteilt, war 1383 in London zweiter Preisträger gewesen und hatte alle Angriffe starker Gegner, die ihn. durch ihre Erfolge in Tournieren an- gestachelt, zu Wettkämpfen herausgefordert hatten, siegreich ab- geschlagen. Blackburne. der 1873 den zweiten Preis erlangt hatte und auf den Turnieren 1881 und 1880 sogar den ersten davontrug, hotte 1870 seine Steine gegen Steinitz nicht ein einziges Mal zum Siege führen können. Auch Zuckertorts Ansturm gegen Steinitz im Jahre 1880, nachdem er 1883 erster Sieger gewesen war, endete mit einem Siege des alten Weltmeisters, ebenso der zweimalige Angriff TschigvinS in den Jahren 1889 und 1691. 1892 war dann Emanuel Lasker aus dem New F orker Turnier alS erster Sieger hervorgegangen. Zwei Jahre später, in dem Jahre, da fem späterer Angreifer Dr. Tarrasch zum zweiten- mal den ersten Platz im Weltturnier erkämpft hatte. forderte Lasker Steinitz zum Kampfe heraus. Sein An- griff führte ihn zum Siege; von 10 Partien gewann er 10, 4 wurden remis und 5 gingen Lasker verloren. Damit war er zum Welt- meister geworden; im Revanchewettkampf 1890 schnitt Steinitz sogar noch weit schlechter mit 2 Gewinnen gegen 10 ab. Lasker hat seit- dem drei Wettkämpfe auSgefochten. 1907 mit Marshall, in dem er von 10 Spielen 8 gewann, im folgenden Jahre mit Tarrasch, wo er von 10 Spielen 8 gewann und 3 verlor, und schließlich der noch unvergessene Kampf mit Schlechter, wobei von 10 Spielen nur 2 zur Entscheidung führten und das ganze auf ein tote» Rennen hinauslief. Es ist eine öde Anbequemungspolitik, d-r die badischen Ge» nassen die Sicherung der Autorität des Parteitages aufzuopfern bereit sind. Darüber, welcher Stoff zu berechtigter Freude den bürgerlichen Parteien jetzt kurz vor den nächsten Reichstagswahlen franko und gratis geliefert wird, wollen wir uns nicht verbreiten. Kaum hat die verflossene Bauarbeitcrbewegung den Wert unserer bewährten Taktik des Klassenkampfes ins hellste Licht gerückt, kommen die badischen Arbeitervertrauensleute daher und machen dre Disziplin, die Arbeitervertrauens leuto den Arbeitern predigen, zum Gespött. Es ist dis» ziplinwidrig gehandelt, über Parteitagsbeschlüsse sich mit einer—> auch vom Karlsruher„VolkSfrcund" verteidigten— Eleganz hinwegzusetzen, um einen badischen Minister, der im übrigen so reak» tionär Handelt wie andere, der Rachsucht der klerikal-konservativen Junker zu entziehen." „Sächsisches Volksblatt"-Zwicka«. „Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht. Während die roke Flut immer mehr anschwillt und ein Erfolg nach dem andern sich an unsere Fahne heftet, hat es die große Mehrheit der sozialdemo. kratischen Landtagsfraktion in Baden fertig gebracht, die Einigkeit der Partei in Frage zu stellen, indem sie sich eines ganz groben Disziplinbruchcs dadurch schuldig machte, daß sie zu dem Budget des Klassenstaates ihren Segen gab. Es ist nicht das erstemal, daß sich die Badenser eine Extratour leisten. Das Land der Steg- m ü I l e r e i hat uns schon mehrfach unangenehme Ueberraschungen gebracht. Allein der jetzige Disziplinbruch ist eine noch nicht da« gewesene Brüskierung der Gefamtpartei... Es ist ganz unmöglich, daß der Magdeburger Parteitag den! Afftont der Badenser ruhig hinnehmen kann, so bedauerlich es auch ist, daß die kostbare Zeit des diesmal so ungeheuer wichtigen Par- teitagcs nochmals mit der Budgetbewilligungsftage vertrödelt wer- den muß. Es rächt sich eben jetzt, daß man seinerzeit in Nürnberg die Erklärung der 00 süddeutschen Delegierten widerspruchslos hingenommen hat... Was in Nürnberg verabsäumt worden ist, muß deshalb jetzt nachgeholt werden. Eine Kampfpartei, wie die unsere, darf es auf keinen Fall dulden, daß ihr die Disziplinbrecher auf der Nase herum- tanzen. Hier heißt es Fraktur reden; das kann sehr wohl in einer Form geschehen, daß die Gefamtpartei keinen Schaden dar- unter leidet. „Volkszeit«ng"'Kiel. „Aus reiner OpportunitätSpolitik, mit Rücksicht auf dis bür» gerlichcn Freunde im Großblock hat also unse/e badische Kammerfraktion für das Budget gestimmt. Sie hat den Klassenstandpunkt völlig aufgegeben und ist entzückt von den nichtssagenden Phrasen eines Ministers, der übrigens keinen Zweifel darüber läßt, daß er ein energischer Gegner der Sozialdemokratie ist und— wie seine früheren Aeutzerungen zeigen— von einer vollständigen �Gleich- berechtigung der Sozialdemokratie nichts wissen will. Enthält doch selbst die Städte- und Gemeindereform, wie Herr v. Bodman sie vertreten hat, noch das Dreiklassenwahlrecht, nur ist statt der alter» Zwölftelung die Scchstelung eingeführt worden. Nicht von der energischen Vertretung unseres KlassenkampfftandpunktSs erftar« ten die badischen Budgetbewilliger eine Förderung der Interessen der Arbeiterklasse, sie wollen Vorteile für die Arbeiterklasse durch Wohlverhalten von den bürgerlichen Gegnern und der Regierung erbetteln. Die Ablehnung des Budgets, diese Bekundung der grundsätzlichen Gegnerschaft gegen den heutigen Klassenstaat, ist! für sie eine völlig nutzlose Demonstration, die Politik des Ent- gegcnkommens, des SichabfindenS mit den heutigen Zustanden der Inbegriff aller politischen Weisheit." Und über die Hofgängerei wird geurteilt:„ES ist gerade, alD ob die Genossen in der badischen Kammer die Gesamtpartei provo- zieren wollen. Wenn die sozialdemokratischen Mitglieder der ba-, dischen Kammer sich durch ihre Handlungen außerhalb der Be« schlüsse der Partei stellen, dann mögen sie auch die Konsequenzen ziehen und öffentlich mit der Partei brechen, der sie innerlich, wie! ihre Haltung zeigt, doch nicht mehr angehören. Die Zusftmmung zum Budget und die damit verbundene Mißachtung der Partei- tagsbeschlüsse, die beabsichtigte Gratulationscour im königlichen Schlosse schlagen unfern Parteigrundsätzen und aller bisherigen Parteitraditionen direkt inS Gesicht." Humor und Satire. Luftverkehr. Der Luftschiff. Schaffner: Also, mein Herr» Sie haben Ihre Karte für zweihundert Mark gelöst? Der Passagier: Ja, hier ist sie. Bitte, erster Äajüte Berlin— Hannover. Der Schaffner: Sehr wohl. Das heißt: ob wir gerade nach Hannover kommen, das garantiert die Gesellschaft nicht. Bei der letzten Fahrt nach Hannover sind wir hinter Schöneberg in die Laubenkolonie gekommen. Und bei der vorletzten nach Pasewalk. Der Passagier: So, so. Weiter nach Hannover zu sind Sie noch nie gekommen? Der Schaffner: O doch. Der L. 27 hat zwei Stunden nach der Abfahrt sogar in der O st s e e gelegen. Der Passagier: Was Sie nicht sagen.., Ich bitte mir zu sagen, wenn es etwa gefährlich wird. Der Schaffner: Sehr gern. Das kann ich Ihnen aber gleich sagen: so bald es losgeht, wird's gefährlich. Später hätte ich vielleicht auch keine Gelegenheit mehr dazu. Denn wenn wir beide an zwei voneinander entfernten Stellen auf dem Bauche liegen sollten, so... Der Passagier: Auf dem Bauche?... Der Schaffner: Wenn wir vorn oder hinten plötzlich Ballast brauchen, so werden wir eben dahin kommandiert— Par- don, es wird Zeit einzusteigen. Da haben Sie Ihre Nummer. Der Passagier: Nummer? Wozu? Der Schaffner: Ei, das Blechplättchen müssen Sie um den Hals hängen. Es ist bloß— Sie sind unter dieser Nummer in die Passagierliste eingetragen. Und für den Fall, daß man Sie nachher nicht mehr erkennt, da schaut man bloß im Register die Nummer nach. Der Passagier: Bloß im Register... Der Schaffner: Ja. Das ist eine sehr gute Einrichtung. Donner, ja, eines hätt' ich beinah noch vergessen. Ich muß noch um Ihren Namen bitten und Adresse. Der Passagier: Meyer. Grüner Weg 19. Erste Etage. Aber warum... Der Schaffner: ES ist nur, damit wir Ihrer Frau Witwe telegraphieren können. Der Passagier: Meiner Witwe? (Es läutet.) Der Schaffner: Ein— steigen in der Richtung Spandau- Stendal— Braunschweig— Hannover. Der Passagier: Ich Hab' was bergessen. Ich muß noch mal rasch nach Hause... Der Schaffner: Aber wir können nicht warten. Der Passagier(aus der Entfernung): Gott soll mich bv» hüten, daß ich Ihnen UnzelegenHeiten mache. I ch fahre dann mit dem V-Zug. Gut Luftl Adieul(»Lustige Bl.") Notizen. — Theaterchronik. Im Hebbel-Theater geht Wem gehört Helene?" am 20. d. M. zum 50. Male in Szene. Vorher wird MünzerS Groteske.Spuk" gegeben,
„«olrsblatt"-Halle. ..Nun gibt eS ja eine Reihe Parteiblätter, die das Vorgehen der badischen Budgetbewilliger(vielleicht auch die Großher- zogsanhochung nicht!) nicht tragisch genommen wissen wollen und denen es höchst Gottlieb Schulze ist, wenn wir die Partei- Grundsätze einfach an den Nagel hängen! Wenn nur der.liebe Parteifriede" nicht gestört wird. Natürlich stören nicht die Ge- »offen den„Parteifricden", die Parteibeschlüsse und-Grundsätze vergewaltigen, sondern die Parteigenossen und-Blätter, die aus ihrer Entrüstung über den Partciskandal kein Hehl machen und das badische Treiben scharf verurteilen. So war es schon immer! Und auch jetzt werden Stimmen laut, man möchte die Irevler nicht allzu hart anfassen, ja, man müßte die Sache überhaupt ruhig hingehen lassen und den Parteitag gar nicht erst damit bcschäftiaen. Nur der, dem an der Einheit der Partei nichts liegt, der der Dis. ziplinlosigkeit in jeder Form Tür und Tor öffnen will, dem die Parteigrundsätze Schall und Rauch sind, kann mit einem isolch unglaublich naiven Verlangen kommen!— Wir hoffen, daß der Magdeburger Parteitag die badi» schen Sezessionsbestrebungcn in der schärfsten Form verurteilen und zurückweisen und eine Lösung der Streitfrage finden wird, die !solche Skandale in der Partei ein für allemal unmöglich machen!" „Königsberger Volkszeitung." „Mit der Bewilligung des Budgets hat die badische Landtags» fraktion einem Beschlüsse des Nürnberger Parteitages schroff zuwidergehandelt. Und das ist sehr bedauerlich, ja wäre auch dann tief bedauerlich, wenn die Mehrheit des Nürnberger Parteitages sich geirrt hätte, wenn die beschlossene Taktik nicht auch die beste Taktik wäre. Parteien müssen gemeinsame Ziele haben und ihre Zwecke auch mit gemeinsamen Mitteln ver- folgen; sonst herrscht Zwietracht in den eigenen Reihen, welche Triumphe der Gegner vorbereitet. Meinungsverschiedenheiten über die einzuschlagende Taktik wird es immer geben, darum muh «S eine Instanz geben, der sich jeder Parteigenosse unbedingt fugt. Als solche Instanz ist für die sozialdemokratische Partei Deutschlands der deutsche Parteitag, für die internationale Sozial» dcmokratie der internationale Arbeiterkongrcß bisher stets an- erkannt worden. Ohne Disziplin kann kein Sieg errungen werden." Gegen die Gründe der Fraktion wird u. a. folgendes ein- gewandt:„Abgesehen von der Ueberschätzung der Großblocktaktik wäre unseres Erachtens der Großblock zu erhalten, auch ohne daß unsere badischen Genossen ihre republikanische Gesinnung ver- fchleiern und für das Budget stimmen. Die badischen Liberalen brauchen unsere Genossen, sie sind derart in der Klemme, daß fie an: Großblock festhalten müssen, wenn sie nicht ihre Macht. ftellung dem Zentrum willenlos räumen wollen. Tun sie das aber doch, nur weil die Sozialdemokraten gegen das Budget stimmen, so mag das Zentrum zeitweilig zur Mehrheit gelangen; ein schwarzes Regiment, das die Liberalen durch ihre Kleinlichkeit verschulden. würde bald unter dem Triumph unserer Genossen zusammen- brechen." Schließlich kommt der Artikel zu folgendem Schluß: „In der„Leipziger Volkszeitung" wird verlangt, daß aus dem disziplinwidrigen Verhalten der Badenscr LandtagSaPeordncten die„letzten Konseguenzen" gezogen werden. Gemeint kann damit nur der Ausschluß aus der Partei sein. Die Politik ist die Kunst � des Erreichbaren und wir können die badischen Abgeordneten i nicht zur Disziplin zwingen, solange die Badischen Arbeiter mit ihnen einverstanden sind. Wir dürfen uns nicht auS einer erklärlichen Stimmung heraus glänzende Aussichten für die Reichs. tagswahl mit einem Schlage versperren. Schließen wir Aie fü5J deutschen Genossen aus, so machen wir sie auch für die Reichspolitik von den Beschlüssen der ReichstagSfraktion und der Partei unab. hängig. Wir stimmen deshalb der„Frankfurter Volkestimme" im großen und ganzen zu."(Deren Ausführungen haben wir gestern - bereits wiedergegeben.) „Volkswille"- Hannover: „Auch wir sind der Meinung, daß die badische LandiagSfrak- : tion eines Verstoßes gegen die Parteidisziplin sich schuldig gemacht hat. Aber wir verurteilen nicht nur die badischen Genossen, sondern nicht minder auch alle jene, die sie in die Zwangslage versetzten. entweder gegen eine Resolution zu verstoßen oder etwas zu tun, waS nach ihrer pflichtgemäßen Ueberzeugung die Interessen der breiten Volksmassen, die Interessen der Partei schädigt. Ohne die Nürnberger Resolution also, die in das Gebiet der Taktik fällt, kein„Parteiskandal". Gerade, daß gegen diese Resolution fchon so bald„gefrevelt" worden, sollte zu der Frage anregen, ob es im Interesse einer Kampfpartei liegt, ihre Taktik auch für die Kleinarbeit in den Einzellandtagen durch Resolutionen festzu» legen. Es geht auch wirklich zu weit, bei dem Verstoß der Badenser von einer„absichtlichen Provokation" zu reden und den Ausschluß der Uebeltäter aus der Partei zu fordern, sintemalen es sich doch um überzeugte und durchaus bewährte Parteigenossen hanbelt, die in parteigenössrscher Hinsicht den Besten unter unS in nichts nach- stehen. Es ist ja das gute Recht des„Volkswille", die Frage der Budgetbewilligung und der damit zusammenhängenden Hof- gängerei für eine Frage der„Taktik" zu halten, über die jede einzelstaatliche Parteigruppe völlig souverän und ganz nach jihrem Belieben zu entscheiden habe. Rur haben eben ver- fchiedene Parteitage bewiesen, daß die große Mehrheit der Partei auch solche Fragen der Taktik für so ungeheuer wichtig und so unlöslich verknüpft mit der p r i n z i p i e l l e n, sozialdemokratischen Auffassung der Partei halten, daß sie eine Festlegung dieser Taktik durch unzwei- deutige Parteitagsbeschlüsse für notwendig hält. Und solange die Mehrheit der berufenen Vertretung der Partei an dieser Auffassung festhält— wir hoffen, daß das nie anders werden wird— bleibt eine Auflehnung gegen die Parteitagsbeschlllssen ein bedauerlicher und uner- träglicher Disziplinbruch, für den die Verantwortung nie- malS die Partei, sondern einzig und allein die- j e n i g e n trifft, die gegen die Beschlüsse der Vertretung der lGesamtpartei verstoßen! Ohne die Nürnberger Resolution, meint der„Volks- Wille", kein...Parteiskandal". Natürlich! Ohne Parteigrund- fätze, keine Verstöße dagegen! Aber ist daraus zu folgern, daß die Grundsätze vom Uebel sind?! Im Gegenteil: die Partei hat um so e i f r i g e r und nachdrücklicher da- für zu sorgen, daß die Grundsätze die B e a ch t u n g aller finden!_ Franzöfifchtr Parteitag. Paris, 16. Juli 1910.(Elg. Ber.) ' Gestern und heute hat die geeinigte sozialdemokratische Partei den außerordentlichen Kongreß abgehalten, dem der Patteita« in NimeS die Beratung der auf die Tagesordnung des Internationalen Kongresses gesetzten Fragen überwiesen hatte. Er tagte im Saal des stattlichen Kaufhauses der Konsumgenossenschaft„La Belle. villoise" auf der Höhe des Proletarierviertels Menilmontant. Den Verhandlungen wohnte der internationale Sekretär, Genosse HuySmanS, die indische Genossin K a n a, Genosse B r a n t i n g und mehrere Vertreter des Zentralverbandes deutscher Konsum- vereine bei, die anläßlich des gleichzeitig tagenden Kongresses der französischen neutralistischen Konsumvereinsunion nach Paris ge- kommen waren. In der gestrigen Versammlung erledigte der Kongreß alle Orsgen der Tagesordnung mit Ausnahme der GenossenschaftSfrag«, für die die ganze Verhandlungszeit des zweiten Tages reserviert wurde. Die übrigen Fragen wurden— mit Ausnahme dcS Punktes: Schiedsgerichte und Abrüstung— in Kommissionen erledigt. Eine ziemlich lebhafte Debatte entspann sich über die Zu- sammensetzung der Delegation auf dem Internationalen Kongreß. ES wurde beschlossen, daß die der französischen Partei zustehenden 20 Stimmen in der Weise verteilt werden sollen, daß bei den durch den nationalen Kongreß erledigten Fragen das AbstimmungS- Verhältnis dieses Kongresses zum Ausdruck kommt, bei andern S�ragen dagegen entweder durch eine Beratung der Delegation eine instimmigkeit erzielt werden oder die Zahl der den einzelnen Dele- gierten erteilten Mandate entscheiden soll. Die Kommissionsberichte über die Resolutionen rufen kurze, bis- weilen jedoch stürmische Diskussionen hervor, wobei die ungünstigen akustischen Verhältnisse deS Saales nicht wenig zur Verwirrung beitragen. Bei dem Punkt:„Internationale Soli» d a r i t ä t" ist eine Intervention Jules G u e s d« s zu verzeichnen. Genosse Vaillant hat die schon vom Kongreß in Nimcs angenommene Resolution vorgelegt, die bestimmt:«In allen Fällen, wo ein Konflikt zwischen zweien oder mehreren Ländern droht und ein Zögern oder ein Säumen in der Entscheidung auf Seite der an- gegangenen nationalen Parteien vorliegt, hat der Sekretär deS J. S. B. das Internationale Sozialistische Bureau und die Jnter- parlamentarische Sozialistische Kommission dringlich einzuberufen." G u e S d e erklärte diese Formel für unannehmbar. Sie be» deute einen Eingriff, eine moralische Verurteilung der nationalen Partei, die die internationale Aktion in der gegebenen Situation nicht für notwendig halte, und könne die Folge haben, diese nationale Partei geradezu zu entwaffnen, da ihre Propaganda gegen die zum Kriege treibenden Mächte von den Gegnern auf die Pression de» Auslands zurückgeführt werden könne. Auch müsse man den interessierten Nationen zutrauen, die Situation am besten ju beurteilen. Die Einberufung des Bureaus über den Kopf einer interessierten Partei hinweg sei ein Appell an die ununterrichteten unverantwortlichen Sektionen. Vaillant bestreitet, daß seine Re- solution die ihr von Guesde zugeschriebene Tragweite habe. Das Internationale Bureau solle nicht aufhören, ein VermittelungS» organ zu sein und kein« Autorität. Vaillant erklärt sich indes bereit, in die Resolution nach den Worten„hat der Sekretär" die Einschiebung»auf den Antrag mindestens eines der interessierten Proletariate" aufzunehmen. In dieser Fassung wird die Resolu- tion. nachdem Reiß und Renaudel ihre prinzipielle Zu- stimmung zur ersten Fassung erklärt haben, die der Auffassung der Internationale als einer Partei der Aktion besser entspreche, einstimmig angenommen. WaS die internationale Solidarität inStreikfällen betrifft, so besagt der angenommene zweite Teil der Resolution der Kommission, daß sich das Internationale Sozialistische Bureau im gegebenen Fall mit dem Internationalen Gewerkschaftsbureau in Verbindung setzen soll um Partei und Gewerkschaften, sowie die sozialistische Presse instandzusetzen, eine wirksame Hilfeleistung zu organisieren. Bekanntlich hat Genosse Branting diesen Punkt nicht zum wenigsten darum auf die Kopenhagener Tagesordnung gebracht, weil Frankreich während des schwedischen Generalstreiks vollkommen versagt hat. Daß der gestrige Beschluß Bürgschaften für eine Besserung in der Zukunft gibt, wird man wohl schwerlich behaupten können. Zum Punkt: Arbeitslosigkeit wird eine Resolution einstimmig angenommen, die die Unausrottbarkeit diese? sozialen UebelS in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung anerkennt, aber der internationalen Aktion der Arbeiterklasse die Aufgabe zu. schreibt, im Interesse der Widerstands- und Kampffähigkeit veS Proletariats seine Wirkungen zu mildern und zu verringern. Zu diesem Zweck werden Enqueten, eine bessere Organisation der öffentlichen Arbeiten, eine unablässige Agitation für die Beschrän- kung der Arbeitszeit, gegen die Stückarbeit und das Prämien. fvstem, sowie für die Ausdehnung der Arbeiterversicherung auf die Arbeitslosigkeit gefordert. Zum Punkt Schiedsgericht« spricht unter anderem Sembat, der auf feine schon früher vorgebrachte Idee von ge- meinsamen Propagandareisen Parlamentarier verschiedener Länder zurückkommt, ohne indes einen destimmten Antrag zu stellen. Im Namen der insurrektionellen Minderheit de» Seine- Departements vertritt P e r c e a u eine Resolution, die die ganze Frage damit erledigen will, daß sie alle gesetzlichen Maßnahmen verwirft und die Notwendigkeit des revolutionären Generalstreiks verkündet. GueSde beantragt, in die von der Mehrheit der Seine-Föderation vorgeschlagene öiesolution einen Passus aufzu» nehmen, der hervorhebt, daß der Krieg erst mit der kapitalistischen Gesellschaft aus.der Welt geschafft werden könne. Diesem Antrage wird stattgegeben und die Resolution mit 292 gegen 34 insurrektio- nelle Stimmen angenommen. Sie erklärt die Arbeiter-Jnter- nationale für die beste Friedensliga, schreibt ihr aber, ohne Jllu- sionen über das Maß des heute Erreichbaren zuzulassen, die Auf. gäbe zu, auf die Regierung einen Druck auszuüben, um den Schiedsgerichtshöfen eine möglichst regelmäßige und allgemeine Tätigkeit zu sichern. Sie weist auch auf die Notwendigkeit einer vom chauvinistischen Geist befteiten Jugenderziehung hin und kündigt die Fortsetzung des unausgesetzten Kampfe» für die gleich. zeitige internationale Abrüstung und den Ersatz der stehenden Heere durch Volkswehren an. Zum Punkt: Arbeiterschutzgesetzgebung werden 3 Resolutionen angenommen. Die erste beauftragt das Sekretariat der französt- scheu Fraktion, einen Bericht über den Stand und über die Hand- habung der französischen Schutzgesetze auszuarbeiten. Die zweite weist auf die Notwendigkeit des nationalen und internationalen gesetzlichen ArbeiterschutzeS hin. mit der gleichzeitigen Betonung deS unausrottbaren Zusammenhangs des Arbeiter- und Bauern. elends mit der kapitalistischen Wirtschaftsorganisation. Sie erklärt da? System des bewaffneten Friedens für eines der Haupthinder- nisse der Reformen. Darum sei die Verweigerung des Militär- budgets in allen Ländern, ebenso die Bekämpfung neu�r Forde. rungen des Militarismus die Pflicht aller ehrlichen Anhänger der Reformen. Ihre größte Wirksamkeit erreiche die Arbeiterschutz- gesetzgebung, wenn sie international werde, weil da der Vorwand der internationalen Konkurrenz wegfalle. Die sozialistische Partei darf auch keine Maßnahmen unterstützen, die eine Ungleichheit zwischen einheimischen und ausländischen Arbeitern herstelle. End- lich betont die Resolution die Notwendigkeit der Organisation, von deren Vervollkommnung die Wirksamkeit der Schutzgesetze abhänge. — Die dritte Resolution wünscht alljährliche Berichte des Jnter- nationalen Bureau» über die in den verschiedenen Parlamenten angenommenen und eingebrachten Schutzgesetzentwürfe. Da? Sekretariat soll von den Sekretären der Parlamentsfraktionen die für die Vereinheitlichung der Schutzgesetzgebung nützlichen Doku- mente einfordern. Endlich sollen bei Gelegenheit der Jnternatio- nalen Kongresse und im Bedarfsfall öfter Konferenzen sozialistischer Parlamentarier. Juristen und Organisationsvertreter zur gemein- samen Untersuchung der wichtigsten und dringendsten Fragen de» ArbeiterschutzeS zusammentreten. Die Verhandlung über die Frage:„Die Genossenschaften und die Partei" brachte namentlich zwei Auffassungen zur Gellung, von denen eine in einer Resolution der Mehrheitder Seine- Föderation, die andere in einer Resolution der Föderation Haute- Vienne präzisiert war. Dazwischen suchte L a f« r g u e einen vermittelnden Standpunkt zu vertreten. Die Resolution der Seine-Mehrheit sagt im wesentlichen: Die Genossenschaft ist«in notwendiges Element der sozialen Umgestal- tung. Sie trägt ihren eigenen Wert für die Erziehung und die Organisation der Proletarier in sich. Sie beschützt die Arveiter vor habgierigen Zwischenhändlern. Sie gibt ihnen mächtige Mittel der Aktion zur Verbesserung ihrer Lebens-, Arbeits- und Kampfbedin- gungen und um sie für die schwere und komplizierte Aufgabe kollektiver Verwaltung zu schulen. Sic ist um so fruchtbarer in wohltätigen Resultaten, als sie durch ihr Prinzip selbst zu er- wetterten Formen hingetragen wird und unablässig ihr Wirkung»- gebiet erweitert, um sich stufenweise bis zur allgemeinen Föderation der genossebschaftlichen Kräfte zu erhebe?. Indem bis Arbeiter- klaffe in dieser Richtung die Macht ihres Konsums wirksam macht. trifft sie den händlerischen Parasitismus, und schafft sich— selbst gegen die kapitalistische Konkurrenz— weite und sichere Absatz. gebiete für eine von ihr selbst organisierte Produktion. Sie legt auch für ökonomische Krisen bedeutende Reserven an. Sie ist ferner für die ländlichen Produzenten ein wertvolles Instrument der Verteidigung gegen die Spekulation, ein Werkzeug auch des tech- nifchen Fortschritts vermittelst deS gemeinsamen Kaufs und Ge- brauchs der Arbeitsmittel. Die sozialistische Partei hat als die Partei der Arbeiterklasse und der sozialen Revolution, die freie EntWickelung der Genossenschaften zu fördern. Es obliegt ihr, auf ihre unbestreitbaren Vorteile hinzuweisen. Aber indem sie die Institutionen der Arbeiterschaft zum Bewußtsein der Klassen inte r- essen und des sozialistischen Befreiungsgedankens erwecken will. wird sie in demselben Augenblick, da sie die Lohnarbeiter zur koope- rativen Aktion einlädt, dazu geführt, ihnen deren durch die kapita- listische Konkurrenz gezogenen Grenzen zu zeigen, oamit sie. über die verwickelten Schwierigkeiten des sozialen Kamptes aufgeklärt, nicht die unaufhörlichen Bemühungen vergessen, die die politische und gewerkschaftliche Aktion von ihnen fordern. Die sozialistische Partei, die gegründet worden ist. um der Partei, und nicht um sich ihrer zu bedienen, hat die Pflicht, den proletarischen Vereint- gungen brüderliche und kräftige Hilfe zu leisten, ohne sich dafür bezahlt machen zu wollen. Ihnen Pflichten gegen die Partei auf- zuerlegen, hieße, in der genossenschaftliche» Aktion selbst JIn. stimmigkeiten hervorrufen, die im Herzen der Partei selbst einen unheilvollen Nachhall finden würden. DaS hieße überdies Rekruten abschrecken. Die Partei versagt sich selbst nicht die Annahme von freiwillig angebotenen Unterstützungen zugunsten ihrer autonomen Aktion, aber sie würde ihre Aktion selbst schädigen, wenn sie ihr Budget auch nur zum Teil auf da? Gedeihen der Genossenschaften stellen wollte.— Die Partei fordert demgemäß die Genossen auf. die Genossenschaften rückhaltlos zu unterstützen, um ihres eigenen Vorteils willen, da ihre Mitglieder, von einem Teil ihrer Existenz. lasten befreit, für den allgemeinen Klassenkampf«ine verstärkte Kraft werden aufwenden können. Die Resolution der Fäderation Haute-Vienne, auf die sich dio Stimmen der guesdistischen Richtung vereinigten, führt au».: Die kooperative Assoziation, die nicht? anderes ist als eine der in der kapitalistischen Produktion möglichen Aktiengesellschaften, enthält in sich selbst nichts, was sie notwendig zu einer Klassen- organifation stempelt wie etwa die Gewerkschaft. Diese Organi- sationsform kann je nach den Umständen von allen Parteien für ihre Propaganda und Aktion benützt werden. Ihr Wert hängt ab von dem Gebrauch, den man von ihr macht. Di« Arbeiter sind durch den Wunsch, mittels der Verminderung ihrer Lebenskosten ihre Existenzbedingungen zu verbessern, auch dazu geführt worden, Genossenschaften zu gründen, namentlich Konsumvereine, wo sie die große Mehrheit haben. Andererseits bot die Errichtung, fei eS von Konsumvereinen, sei es von Produktivgenossenschaften, in den Industriezweigen, die keine besonders großen Kapitalien erfordern, den Arbeiterorganisationen ein Mittel, einige Genossen vor den Verfolgungen der feindlichen Klasse sicherzustellen. In der Koopera- tive kann der Arbeiter an einem partiellen Beispiel sich Rechenschaft darüber geben, waS eine von den heutigen Klassengegensätzen be- freite Gesellschaft, wo jeder für das allgemeine Wohl arbeiten würde, ungefähr wäre. Jedoch ist folgendes zu bemerken: 1. können die Gegensätze nur in einem beschränkten Maß ver. schwinden, solange das Eigentum an allen ProduktionS- und AuS» tauschmitteln in den Händen einer Klasse bleibt, deren Expropria- tion zugunsten der Allgemeinheit das Ziel und das Mittel de» Sozialismus bleibt. 2. Die Verringerung der Preise der für die Existenz not» wendigen Gegenstände wurde, wenn sie sich verallgemeinerte, ein« Tendenz zur Verbilligung der Lebenskosten und folglich zur Stag» Nation oder zum Sinken der Löhne herbeiführen. Demgemäß erklärt der Internationale Kongreß: Die soziall- stische Partei kann und soll die in der Arbeiterklasse außerhalb ihrer entstandene Genossenschaftsbewegung, die man nicht �ohn« Nachteil mit ihrer eigenen Organisation verschmelzen könnte, unterstützen, aber sie soll die Arbeiter vor der utopistischen Illusion warnen, die ihr die Möglichkeit ihrer Befreiung in der unendliche» Ausdehnung der Konsum- und soweit möglich auch der Produktiv« genossenschaft erscheinen lassen könnte. Die Sozialisten sollen in die Arbeitergenossenschaften ein. dringen, um sich mit den hier zum ersten Male von ihrem Interesse geführten Klassengenossen zu vereinigen. Sie sollen den Arbeitern dort begreiflich machen, daß die Ge» nossenschaft allein sie nicht retten kann, und daß das Heil in der politischen Aktion des Proletariat» zur Inbesitznahme der Pro, dultionS- und AuSiauschmittel liegt Sie sollen sich bemühen, die Arbeiter zu überzeugen, daß sie zu diesem Zweck der sozialistischen Partei bedürfen, und daß es ihr Klasseninteresse ist, der Partei Unterstützungen und kräftigere AktionSmittel darzubieten und so die Genossenschaft selbst dazu zu benutzen, um di« Stunde der Befreiung der Arbeit zu beschleu, nigen. Die Diskussion brachte hauptsächlich detailliertere AuSfüh- rungen der in den beiden Resolutionen vorgebrachten Auffassungen und Argumente. Genosse L e p e z erklärte, der alte Gedanke der Zugebörigkeit der Genossenschaften zur Partei sei abgetan. Die Genossenschaft aber habe an sich noch keinen sozialistlschen Cha» rakter, was durch di« Existenz zahlreicher klerikaler Genossenschaften und der Konsumvereine der Eisenbahnen bewiesen werde, die geradezu den Interessen der Kapitalisten dienen. Der Redner empfiehlt die Personalunion. Die sozialistischen Leiter der Kon. sumvereine sollen für das sozialistische Ideal wirken und den er. zielten Gewinn für die sozialistische Propaganda und die gewerk- schastliche Aktion widmen. Mayera». der die Resolution der Saute Vienne vertritt, weist auf die Genossenschast von LimogeS hin, die keine Rückvergütung gibt. DaS Beispiel würde freilich nicht überall nachzuahmen sein. Der Redner will auch keine eigend- liche Besteuerung der Genossenschaften zugunsten der Partei, aber man werde schon ein Mittel sinden, um die Genossenschaften der revolutionären Aktion dienstbar zu machen.— P o i s s o n sieht in den Genossenschaften einen sich rasch entwickelnden Keim der sozia- listischen Gesellschaft. Hier werden die Verwalter der kollektiv!» stischen Institutionen erzagen. Die sozialistische Bedeutung der Genossenschaften tritt immer klarer hervor. Der Redner wendet sich dagegen, daß man die genossenschaftliche Aktion in einer eng- herzigen Auffassung der Lehren von Karl Marx, der zur Zeit seiner GesellschaftSanalyse Gewerkschaften und Genossenschaften in ihren ersten schwächlichen Anfängen gesehen habe, geringschätze. Lafargue meint, beide Resolutionen ließen sich unschwer vereinigen. Redner glaubt nicht, dah die Genossenschaft ein Mittel der sozialen Umgestaltung sei. Er halt aber Produktivassoztationen für besonders wichtig. Erne vollkommene Autonomie sei unmöglich. ES ist zu begrüßen, daß die„Bellevilloise" dem GewerkschaftSver- band der Seine 2S00 Frank überwiesen hat. Da» ist immerhin ein kleiner Anfang. Ein Beispiel für das Zusammenarbeiten von Partei. Gewerkschaft und Genossenschaft bietet die Verfassung der „Humanitä". GueSde sagt: Die Genossenschast ist daS, toai man auS ihr macht. AIS i ilNlSk-GlliilM 6. Crcuer. Kastanicn-au««e Die Grundbegriffe der Wirt- schastslehre. Eine populäre Einiüh. rung von Julian Borchardt. Preis 40 Pf. Expedition Vorwärts, Linden- ftratze 69. Verbsnck der SirasSenltaliiier Seufsehlands Mitgliedschaft des Deutschen Transportarbeiter-Verbandes - Verwaltung Berlin.= Bureau: Engeluser 14/15, Zimmer 42. Geöffnet von 9— 4 llhr. _ Telephon: Amt 4, Nr. 4747._ Donnerstag, de« 31. Juli 1910, von 81/, Uhr abends ad: vekkenlliclie Verssmmluiiz w dm„Mustkerfälen*, Kaiser-Wilhelmstr. ISm. TageS-Ordnung: Warum wurde« die berechtigten Wünsche der Angestellte» Mo» der Direktion aus der lebten Konferenz abgelehnt. » Diskuision.» ES wird erwartet, daß jeder dienstsreie Kollege in dieser Versammlung erscheint t 70/5 Die Terwaltnns. Zentral-Yerband der Glaser ::: Zahlstelle Berlin::: Heute Mittwoch, den SV. Juli, abends 8'/, Uhr: Meronü. Vemnuntong der Glaser im Gewerkschaftshause, Engelufer 15. TageS-Ord nung: Diskussion und Abstimmung über die Frage:„Soll der Jnnungs-Nachweis gesperrt werden?" DaS Erschemm ewes jeden Kollegm ist Pflicht I 72/3 Dlv Ortsverwaltung. CnnhiQii.Cala SophiensMe 17/18 iJUMillCIS S ILv QuerstraKa der Rosenthaler StraBe— � Vjr am Hackeschen Markt• ===== Inhaber: Paul Itaatz===== empfiehll seine Von 60—2000 Personen sasscndcn Säle zu Periammluugm, Vortrags- u. Kunstabenden usw. Vorzügl. Akustik. Kulant. Enigegenkommm. W. WERTHEIM GM BH Potsdamer Straße 10, 11 und 13 Friedrich-Straße 110/112 kSS« [ Versand-Abteilung in beiden Häusern J f Versand-Abteilung in beiden Häusern) Von Mittwoch, dem 20. Juli, bis Sonnabend, dem 23. JuK Großer Reste-Verkauf Von den zahlreichen äußerst vorteilhaften Gelegenheitseingeboten nennen wir hier nur: Weiße baumwollene Stoff-Reste, Prima-Qualitäten............ Meter Einzelne Tischtücher und Servietten 25 Pf. 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Außerdem können Sie unter Setzung einer Frist Lieserung der fehlenden Ware ver« langen mit dem Bemerken, daß Sie nach Zlblaus der Frist dse Abnahme ablehnen, sich anderweit decken und den entstehenden Schaden erstattet ver- langen werden. Die Firma ist dann auch zum Schadenersatz verpflichtet.—»00 W. ES ist Beschwerde beim Landgericht K läsfig.—®. P. 85. 27. September.— F. M. 75. 1. U. Ii ja. 8. Bei dem RegIcrungSpräfidenten unter Darstellung de» Sachverhalt».— — M. R., Charlottenbnrg.». T» ist zweckmäßig, aber nicht not- wendig. 2. Da» L-hrvcrhällnts kann gelöst werden.- R. R.»0». Sie müssen dem Wirt die Möglichkeit geben, die Wohnung am Tage zu zeigen. — Spandau 5. Die Kündigung ist verspätet.— O. O.»00. Nein I — E. T. 101. Fortbildungsschule des Berliner Handwerkervercin», Sophienstr. 17/18, abends 8'/,— 10 Uhr, Sonntags 8—12 Uhr vormittags. — P.®. 36. Die Wirtschast bleibt Eigentum der Ehesrau und hostet nicht für Schulden de» Manne».— St. Ff. 79. Sie haben noch kein Recht aus Invalidenrente; aber die LandesocrsicherungSanstalt kann nach sreiem Ermessen schon jetzt— Gelegenheit zu einem Heilverfahren geben. Stellen Sie einen enlsprechenden Antrag bei ihr.—<£. tS. 79. Der Vormund de» Kinde» muß seine Zustimung geben und den Antrag stellen. Wenden Sie sich an ihn.— W. W. Nein. E. 17. 1. Nein. Sie haben Anspruch auf Ersatz an den Vorbesitzer, 2. Ja.— I. P. 38. 1. Da» privaiarztbche Attest dürste ausreichen. 2. An die Schuldeputation.— M. Ff. 23. Da» ist zulässig. Das Gesuch Ist an die Eisenbahn-Direktton zu richten. Heizer: 1200 bis 1800 Mark ohne Nebenbezüae. Zugbegleiter 1100 bis 1500 Mark, ebenfallt ohne Neben» bezüge,— O. M. S4. Auch wir halten den Standpunkt der Steuer» behörde sür irrig. Nach der bisherige» Praxi« ist aber eine Berusung aussichtslos. Die AbzugSberechttaung solgt auS§ 8 1 Einkommensteuergesetze». — P.»001. 1. Malick, Rchberg, Scheuncmann, Schlas, Paduck, Schrott, Drabcr, Palm, Dietrich, Kaffube. In nächster Zeit erscheint im.Vorwärts"» Verlag übe: da» Spitzelwesen eine Broschüre. 2. In drei Monaten nach Rechtskraft des scheidungSurteilS.— M. B. 51. Ersuchen Sie die Be- rustgenosscnschast um endlichen Bescheid. Erst nach Zustellung des be» rusungSsähigen Bescheides ist Berusung an das Schiedsgericht sür Arbeiter. verficherung zulässig.—»00 G. Die Liquidation erscheint uns zu hoch. Genaue Auskunst können wir nur nach Kenntnis de» Akteninhalis geben.— D. K. 500. Das RcchtSgeschäst kann von den Gläubigern angesochten werden. Sozialdemokratischer Wahlverein Landsderg- Soldin.(Orts» pcute Freitag, abends 8'/, Uhr, im Lokale des Genossen 112, Schreinerstr. 2: Versammlung. Gäste willverein Berlin.) Herm. Strehlow, kommen. Arbeiter- Wanderverei« Berlin. Mittwoch, 20. JuN, abend» 8'/, Uhr, im Vereinslokal, Skalitzerstr. 22: Außerorbentliche Generalver- sammlung. Tagesordnung: Antrag de» Wandcrbunde»»Die Naturfreunde": Gründung einer gcmcinschasllichen Organisation. Lese- und Diskulicrtlnb»Süd-Ost«. Heute Mittwoch, abend» 8'/, Uhr. bei Ncidbardt, Görlitzer Straße 58: Generalversammlung, Gäste willkommen. Sozialdemokratischer Lese- nnd Diskutierklub„Heine*. Heute abend 8>/, Uhr: Sitzung bei Grünberg, Nodenbergstr. 8. Gäste will- kommen. Zentralverband der freien Händler, Hausierer u. verw. Berufs- genossen Deutschlands. Sitz Esten. Verwaltungsstelle Berlin. Bezirk I, Norden. Heute abend S1!, Uhr bei Böhm, Liesenstr. 12: Versammlung. Gäste willkommen._ Amtlicher Marktbericht der städtttchen Marttballen-Direktton über den Großbandel in den Zemral-Marktballen.-Marktlage: Fleisch: Zufuhr genügend, Geschäit ruhig, Preise unverändert. Wild: Zusubr genügend, Geschäft lebhast, Preise bcsriedigend, Geflügel: Zusuhr in Gänsen weit über Bcdars, sonst genügend, Geichäii still, Preise nachgebend. Fische: Zusuhr außer in Aalen mäßig, Geschäft ruhig, Preise wenig verändert. Bulter und Käse: Geschäft ruhig. Preise unverändert. Gemüse, Obst und Südfrüchte: Zusuhr über Bedarf, be« sonders in Gurken, Kelchäst flau, Preste gedrückt. Theater und Vergnügungen Mittwoch, den 20. Juli. Ansang 7 Uhr. MeueS königl. Vpern-Dheater. Tristan und Isolde. Antmiz 8 Uhr. Deutsches. Laune de» versiebten. Judith und Holoserne». Kammerspiele. LiebeSwalzer. Lcssiiig. Kasenienlust. Komische Oper. Der Regimeut» paHa. Neues Schauspielhaus. Der Flieger. Kleines. Nur«in Traum.(Ansang -/,9 Uhr.) Berliner. Taifun. Reue» Operette«». Der Gras vou Luxemburg. Dhalia. Charleh» Tante. Hebbel. Wem gehört Helene? Spuk.(Ansang 87, Uhr.) Schiller t».»»nNner. j.pealer.) Die Förfter-llhrisll. Schill« i Ebarlotteuburg. Die von Hochsattel. Roie. Der Gesundbeter. Luftspielhau». Da» Leutnant» Mündel. Metrovol. Halloh ll— Dt« große Revue. gfolieS Kaprice. Pariser Ehen. Da» VersöhnungSsest.(Ansang «>/, Uhr.) Apoll«. Svezialitäten. Vaiinge. Spezialitäten. NcichSftallen. Gletliner Sänger. Walhalla. Svezialitälen Wintergarten. �Spezialitäten. Karl Haverland. Svezialitäten Pratcr. Im Reiche de» Mar». Urania. Taiiveiiltenstr«Xiltt Abend» 8 Uhr: Durch Dänemarl und Südschwcden. Steenn>ar»r. Jnvalidenstr. 57— 62. I�essinx-Ikeater. Täglich 8 Uhr: Kasernenluft. berliner Theater. Heute S Uhr: TalfUtl* Morgen: Taifun. Kciich Op<«rt>tton-Th<>ater. Heute und solgende Tage 8 Uhr: Der Gras von Lnxembnrg. Sonntag nachmittag 3 Uhr zu er- Mäßigt. Preisen: Di« Ooltarprinrmin. Lusispielhaus. Abend» 9 Uhr: Das Leutnantsmündel IOSE=THEATE Große Frankfurter Str.>32. Ans der Gartenbübne: ftcr ScekH«lctt. Operette in zwei Akten von Otto Richter. Musik von G. Siesten». äntteete» eeitkliitig«? Lperletitäten. grole» Oarlenboniert. Ans.»'/> Uhr. Ab 8 Uhr: Da» sensationelle Programm, u. a.: l£Iai»»iN«:hv Tünxerlnnen vom königl. dänischen Ballett. Sclüinpan»«• Ornne-Ulang: al« Dandemsahrer. Operette— ohne Männer« »Holland im Orient". SS Hollttnderlnnen 2)8. am See and Lasilldol Stralau Fnmmelsdurz. Täglich x K Spezialitäten K Theater, Konzert. Urania. 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Ir.167. 27. Jahrgang. S. leite des Joraitls" ßttlinet Mitwochs 20. IM 1910. Partei- Hngclcgenbeitcn. Erster Wahlkreis. Sonntag, den 24. Juli, Ausflug mit Familie nach Restaurant Heidekrug iKiekemal), Station Köpenick. Für Be- lustigung aller Art ist gesorgt. Zweiter Wahlkreis. Sonntag, den 24. Juli, findet unser Familienausflug nach Grünau sSpielplatz) statt. Treffpunkt früh 7�2 Uhr auf dem Görlitzer Bahnhof. Abfahrt 7�. Im Walde finden Kinderspiele usw. statt. Für Kaffeeküche ist Sorge getragen. ES wird nochmals darauf aufmerksam gemacht, daß das Endziel der»S p i e l p a tz" ist. Recht zahlreiche Beteiligung wünscht Das Komitee. Riederlehme. Volksversammlung am Donnerstag, den 21. Juli, abends pünktlich 3 Uhr, im Lokale des Herrn W. Herrmann. TageS- ordnung: Vortrag des Reichstagsabgeordneten Genossen Fritz Z u b e i l. Gründung eines Wahlvereins für Niederlehme und Um- gegend. Bei der Wichtigkeit der Tagesordnung ist das Erscheinen aller dringend notwendig. Marienfelde. Heute, Mittwoch, den 20. Juli, abends 8V2 Uhr, findet im Lokal von Adolf Berger, Berliner Str. 114, die General- Versammlung des Wahlvereins statt. berliner JVadmcbten. Stumme Kämpfe. Wen dev Weg häufig durch die Prinz-Albrecht-Straße führt, der verfehlt niemals, das Auge über die hübschen Gras- flächen vor dem Abgeordnetenhause schweifen zu lassen, und er findet dabei regelmäßig, daß dieses bemeldete Institut für reinpreußische Gesetzeserzeugung in seinen grünen Anlagen doch ganz hübsche Seiten aufzuweisen hat, wenigstens von außen I Eine Menge Sperlinge und Amseln machen sich hier nützlich. Das konservative Element vertritt der Mann mit der großen Gartenspritze, der den Schlauch über den Rasen legt und an heißen Tagen das wohltätige Naß verteilt. Dabei gedeihen in den grünen Flächen auch die Gänseblümchen vov trefflich, die hier von Jahr zu Jahr derart zugenommen haben, daß das Weiß ihrer Blüten schon das Grün zu ver drängen beginnt. Dieser Anblick wandelt den Gärtner von Zeit zu Zeit zum Revolutionär. Er greift zur Mähmaschine und rollt ihre schneidige Walze an langem Stiele über den Plan. Amseln und Spatzen reißen aus, aber die Blüten der Gänseblümchen fallen zu Hunderten und das Grün kommt wieder zum Vorschein. Es ist aber etwas gemischt, denn in großen Mengen treten im Grase die Vlattrosetten der ge� köpften Pflanzen in Erscheinung. In diesen Rosetten stecken junge Vlütenknospen, die die Mähmaschine nicht erwischen konnte, und siehe da, in wenigen Tagen ist der grüne Rasen fchon wieder so weiß gesprenkelt wie zuvor. Der Gärtner rasiert den Rasen abermals, er tritt von Zeit zu Zeit immer wieder in Aktion, aber die Gänseblümchen sind nicht unter zukriegen. Für jedes abgeschlagene Blütenhaupt wächst ihnen mindestens ein neues. Sie bleiben aber nicht bloß gegen den Menschen siegreich, sondern auch gegen die Gräser. Wo eine Rosette sich ausbreitet, da ist das Licht vom Boden abgel schlössen, kein Grassamen kann hier aufgehen. Und die Ra fetten schieben sich langsam immer weiter vor, erobern immer weitere Kreise und werden das Gras nahezu ganz verdrän- gen, wenn der Mensch als Gärtner nicht in gewaltsamster Weise einschreitet, um durchaus seinen grünen, aber etwas einförmigen Rasen zu retten. Die langsame Ausbreitung der Gänseblümchen und ihr erfolgreiches Vordringen im Kampfe gegen Mensch. Maschine und Gras war in den letzten Jahren sehr gut an der angegebenen Stelle zu vev folgen. Weit umfänglicher und gewaltiger sind die Kämpfe, die die Pflanzen draußen im Freien unter sich führen, aber waS wir hier mitten in der Stadt sehen können, gibt doch ein gutes Beispiel, das nur leider zahllosen Passanten uner- kannt bleibt. Auch das zunehmende Zahmerwerden der Am- sein und ihre leidliche Kameradschaft mit den Spatzen läßt sich hier beobachten. Daß die Wirkung der Mähmaschine und Sense auch tiefer tnS Leben der Pflanze eingreifen und zur Entstehung neuer Arten beitragen kann, ist ein noch ziemlich junges Kapitel in der Geschichte der Naturbeobachtung. Es gibt Wiesenpslanzen, die vom Frühjahr bis zum Herbst in verschiedenen, engver- wandten Formen blühen, also in früh, und spätblühenden Rassen auftreten. Indem die Sense zur Sommerszeit regel- mäßig die Sommerformen solcher Pflanzen vernichtete, führte sie auf den Wiesen zur Trennung der Frühlings- und der Herbstformen, die allein ungeschoren blieben und sich ver- mehren konnten. Wo früher keine scharfe Grenze zwischen den Formen war, wurde sie durch die Sense geschaffen und Frühjahrs- und Sommersform wurden zu zwei nunmehr scharf getrennten Arten._ Die Kastanien in der Bellevuestraße. Durch eine Reihe Berliner Blätter geht die Nachricht, daß beschlossen worden sei, die Kastanien- bäume in der Bellevuestraße niederzulegen, um den Fahrdamm zu verbreitern. In der MontagSausgabe des.Berliner Tageblatt" hat sogar der Chefredakteur D. IV. diese Angelegenheit zu einem Leit- artikel verarbeitet. Wir wissen nicht, ob daS aus Stoffmangel ge- schehen ist oder aus anderen Gründen, jedenfalls lesen sich die politischen Leitartikel, die sonst unter T. W. erscheinen, wesentlich besser als der angezogene, weil sie von größerer Sachkenntnis zeugen. Außerdem kann man sich des Eindrucks nicht erwehren. als ob hier ein hoher Grad von Egoismus die Feder führt. ES handelt sich eben um den Westen, der Wohnstätte der reichen Leute, einer Straße, die von den „Herrschaften" tagtäglich begangen wird und deren Veränderung durch Niederlegung der Bäume sie gewissermaßen am eigenen Leibe spüren. Wo war denn aber die bürgerliche Presse, wo daS.Berliner Tageblatt"? mit Herrn D. W. als die Klagen ertönten, daß die prachwollen Alleen im dichtbevölkerten Norden und Osten, Schönhauser Allee, Frankfurter Allee, im Interesse des Verkehrs der Axt zum Opfer fielen I Es handelte sich um Straßenzüge, die kilo- meterlang ihres Baumschmucks beraubt werden, die die einzige Er- holungsstätte für die dort wohnende Arbeiterbevölkerung darstellten und die nicht wie die Bellevuestraße in den herrlichen Tiergarten münden. Da hat sich keine Stimme erhoben, da ist kein Leitartikel verbrochen worden. In die Arbeitergegend kommt man nur alle Jubeljahre, nmn kennt sie nur vom Hörensagen oder aus den phantastischen Schilderungen des Herrn„Curt Aram". Die Niederlegung der Kastanien in der Bellevuestraße wünschen auch wir nicht, halten auch wir für unnötig und ist, wie unS ver- fichert wird, auch gar nicht geplant. Im Jahre ISO? hat allerdings die Tiefbaudeputation beim Magistrat beantragt, gegebenenfalls die Straße im Fahrdamm auf IS Meter zu verbreitern, und der Magistrat hat 1908 diesem Antrage zugestimmt. Der Beschluß ist aber weiter nichts als eine Versicherung für die ferne Zukunft und durchaus berechtigt. Ja man müßte der städtischen Verwaltung einen Vorwurf daraus machen, wenn der Beschluß nicht gefaßt worden wäre. Die Veranlassung zu dem Beschluß waren die Neu- bauten in der Bellevuestraße, vor allem der Terrasienbau vor dem Restaurant Rheingold. Den Grundstücksbesitzern ist zwar die Erlaubnis zur Errichtung dieser und ähnlicher Anlagen gegeben worden, aber mit der Verpflichtung: daß das Bauwerk auf eigene Kosten wieder beseitigt und das Straßenland der Stadt kostenlos übereignet werden muß. Ob das in den nächsten zwanzig Jahren geschieht, ob es sich überhaupt jemals notwendig machen wird, weiß niemand; das aber von der Tiefbaudeputation die Möglichkeit im Auge behalte wurde, ist ihr nur zu danken, da niemand wissen kann waS die Zukunft bringen wird, die eventuelle Verbreiterung sich aber realisieren läßt, ohne nachher den Grundbesitzern ungezählte Hundertlausende in den Rachen werfen zu müssen. Ein anderer Be- schluß ist seit 1908 nicht gefaßt worden, es lag auch nicht die geringste Veranlassung dazu vor. Die Kastanien in der Bellevue- straße dürften wahrscheinlich die jetzt lebenden Berliner zum größten Teil überleben. Die Scheußlichkeiten der Vernichtung der Alleen in den Arbeitervierteln kann niemand mehr aufhalten, ihr Schicksal isb besiegelt. Die ganze Berliner Preffe, mit Ausnahme des.Vorwärts", ist an diesen Dingen gleichgültig vor- übergegangen, obwohl hier ein energische« Auftreten am Platze war. Die schweren Gewitter, die Mvntyg in später Abend- stunde herniedergingen, haben in Berlin sowohl als auch in der Umgebung erhebliche Schäden verursacht. Der Wolken- bruchartige Regen, der sich in der elften Stunde ergoß, hatte zahlreiche Ueberflutungen zur Folge. Stellenweise drangen die Gewässer über die Bürgersteige hinweg in Kellerwohnun- gen hinein und richteten Zerstörungen an. In den bekannten Ueberschwemmungsgebieten, besonders in der Uorkstraße, stand das Wasser zeitweise fast über einen Viertelmeter hoch. Der Blitz schlug mehrfach in die Straßenbahnleitungen ein, doch wurden weitere Schäden dadurch nicht herbeigeführt. In der Umgebung Berlins wurden mehrere starke Bäume vom Blitz- strahl getroffen und gespalten. Ein kalter Schlag traf den Turm der evangelischen Kirche in Friedrichshagen. Der Blitz- ableitcr lenkte den Schlag ab. Zu der Lichteurader Sache. Zahlreiche Erpresserbriefe werden noch immer an die Kraatzsche Familie gerichtet, die natürlich nur grober Unfug sind. Gestern erhielt die Familie einen Brief, der aus dem Postamt 54 in Berlin aufgegeben, flüchtig geschrieben und an Frau Kraatz gerichtet war. Der Frau wird mitgeteilt, daß eS sich hier um ein Konkurrenzunternehmen der Schwarzen Hand, Er pressertum Totenkopf, handelt. Sie wollen nach Zahlung von 25 009 M. beim Postamt 96 unter der Chiffre E. T. K. 1900(Erpressertum Totenkopf) der Frau die Komplicen und die Erpresser der Schwarzen Hand nennen. Sie solle aber nicht glauben, wenn sie diesen Brief der Polizei übergebe, dadurch der Zahlung enthoben zu sein..Sie würden ihren Mann bis zur Unkenntlichkeit verstümmeln und als Muster ohne Wert im Nichtzahlungsfalle ihr zuschicken. Unterzeichnet ist der Brief E. T. K. Es sind insgesamt an 200 solcher Briefe bei der Familie Kraatz eingelaufen. ES ist hieraus schon zu ersehen, daß die Leute nur einen groben Unfug treiben. In der Erpresser- sache selbst hat die Kriminalpolizei noch nichts weiter ermitteln können. Da« Eifersuchtsdrama in der Gedanftraße zu Schöneberg hat ein zweites Opfer gefordert. Der von dem Eisenbahner AnbrostuS durch einen Schuß schwerverletzte Bankbeamte Marwede ist gestern früh im Auguste-Vietoria-Krankenhause gestorben. Abgestürzt. In der Kleiststraße 37 hat sich Montagnachmittag die Krankenschwester Emma Golzert vom Balkon des vierten Stockes auf die Straße hinabgestürzt. Sie ist bald darauf gestorben. Die an einer Halsenizündung Erkrankte hat den Selbstmord wohl im Fieberzustand verübt. Selbstmord eines Bankiers. Anscheinend infolge geschäftlicher Verluste hat sich in der vergaiigenen Nacht der Bankier Siegfried Wollstein aus der Flensburger«traße 14 mit Gas vergiftet. Eisenbahnbeschwerden. Ein Leser schreibt unS:.Als ich am Sonnlag abend mit meiner Frau und Schwager den Leerzug 9" Uhr Buch-Stettmer Bahnhof benutzen wollte, wurde der Zug bereits in den Bahnhof eingeschoben. Nun ist es seit den 10 Jahren. in welchen ich fast ausschließlich nach Buch fahre, eingeführt, daß, sobald der Zug in den Bahnhof eingefahren ist, die kleinen Schranken nochmals geöffnet werden, um etwaigen Nachzüglern die Mitfahrt zu ermöglichen. Das unierblieb am Sonntag zum Verdruß der harrenden Menge. Man beruhigte sich schließlich, weil man annahm, daß der Zug überfüllt sei. Wie groß aber war das Erstaunen, als der Zug langsam vorüberfuhr und man sah. daß in den letzten drei Waggons(nicht Abteile) im ganzen sage und schreibe etwa fünf Personen sich befanden und in den beiden vorhergenden Waggons noch hinreichend Sitz- und Stehplätze vorhanden waren; daß infolge- dessen große Entrüstung sich Luft machte, läßt sich denken. Die Erregung unter dem zahlreich harrenden, zurückgebliebenen Publi- kum wurde größer, als festgestellt wurde, daß der fünf Minuten später einfahrende Vollzug Bernau— Verlin gepfropft voll war. Dem Beamten, der nach Meinung des Publikums an den ihm erwachsenen Unbequemlichkeiten schuld war. wurden laute Vorhaltungen gemacht und gaben Veranlassung, einen Mann festzustellen. Damit ist natür« lich gar nicht« getan, wenigstens nichts gebessert. Seifenschwindel wird seit einiger Zeit von einigen Händlern ge- trieben. Diese Leute preisen auf der Straße Seife in großer Ver- Packung 5 Stück zu 50 Pf. an. Der wirkliche Preis sei viel höher, die Seife stamme aber aus einer Kölner KonkurSmaffe. Wie uns von verschiedenen Seiten mitgeteilt wird, hat sich ergeben, daß eS sich um recht minderwertige Ware handelt, die in jedem Seifen- geschäft für 5 Pf. das Stück zu haben ist. So mancher Arbeiter glaubt einen guten Kauf und seiner Ehehälfte eine Freude zu machen, muß aber erfahren, daß er böse eingeseift worden ist. Leute, die mit dieser Seife(sogenannte bunte) handeln, sind keine reellen Straßenhändler sondern Schwindler. Ein sonderbares Strafmandat hat eine Frau D. in der Schwedter- straße vom Amtsvorsteher Grunewald-Forst erhalten. Frau D. war am 19. Juni mit ihrem Manne in Wannsee, um zu baden. Als Frau D. beim Ankleiden war, hielt ihr ihr Mann ein Badelaken (2: 1,60 Meter) um den Körper, damit die Sittlichkeit nicht gefährdet würde. Da kam ein Gendarm hinzu und sagte zu der Frau: Sie dürfen sich hier draußen nicht an- und auskleiden, da�u sind die Zelte da". Auf Vorhalt, daß sich das Ehepaar schon seit drei Jahren an der Stelle aus- und ankleide, bemerkte der Hüter des Gesetzes: Dann haben Sie sich eben auch früher schon strafbar gemacht I' Da« Ende vom Liede war ein Strafmandat, lautend auf 3 M. und 40 Pf. Porto, weil die Frau im Freibad Wannsee sich außerhalb der Zelte angekleidet habe. Vergehen gegen die Polizeiverordnung vom 24. Juni 1909. Andere Freibadbesucher wird dieser Vorgang sicher inter- essieren. Gegen die Schleppe. Die Verwaltung der Grünaner Park- anlagen, die an den Sonntagen von taufenden Ausflüglern be» gangen werden, hat den Kampf gegen die Damenkleiderschleppe aufgenommen. Es sind Schilder am Parkeingang angebracht worden, welche die Aufschrift tragen: „Das Schleppenlassen der Kleider ist streng verboten." AnS dem Zug herausgesprungen ist der Kaufmann<3. auS Friedrichshagen. G. war in Berlin gewesen und auf der Heimfahrt vergoß er in Friedrichshngen auszusteigen. Erst als der Zug bereits wieder in der Fahrt war, bemerkte dieS der Fahrgast und ohne zu überlegen, riß er die Kupeetür auf und sprang auS dem Zug heraus. Mit dem Kopf schlug der Unvorsichtige so heftig auf die Nebenschienen auf, daß eine schwere Verletzung herbeigeführt wurde. Durch Ueberfahren schwer verletzt wurde gestern nachmittag der 13 Jahre alte angebliche Walter Heier aus der Frühlingstraße zu Reinickendorf, der mit einem Sporthemd, grauer Hose, rotgestreiftem Gurt und brauner Samtmütze bekleidet war. Als er die Slrelitzer- straße auf einem Zweirade entlangfuhr, wurde er von einem Kraft- wagen überfahren. Man brachte ihn nach dem Lazaruskrankenhause, wo er bedenklich daniederliegt. Wandalen auf der Straße. Arg gehaust haben in der vorgestrigen Nacht rohe Burschen in der Hauptstraße in Rummelsburg sowie auf der Köpenicker Chaussee. Die Unholde vernichteten eine ganze Reihe von Bäumen, indem sie die Rinde zerstörten und die Stämme stark beschädigten. Ueber fünfzehn Schutzlörbe wurden demoliert und an zahlreichen Laternen die Glasscheiben zertrümmert. Pfähle wurden von den Vandalen aus dem Boden herausgerissen und zerbrochen. Auch an Wohnhäusern wurden verschiedene Zerstörungen vor« genommen. Leider sollte es den gefährlichen Burschen gelingen, ihr Zerstörungswerk völlig unbemerkt auszuüben. Ein eifriger Förderer der Berliner Freien Jugendorganisation Genosse Fritz M a s ch k e ist gestern infolge eines BlutsturzeS im Alter von 22 Jahren plötzlich gestorben. Obwohl noch jung an Jahren, gehörte der Verstorbene zu den Mitbegründern der Freien Jugendorganisation in Berlin. Keine Mühe hat er sich verdrießen lassen, auf diesem noch wenig beackerten Gebiete Erfolge zu erzielen. Selbst ein rastlos vorwärtsstrebender junger Mann, bot er alles auf, um die jungen Proletariersöhne, die eben die Schule verlassen, organisieren zu helfen und zwar in einer freien Organisation im Gegensatz zu den christlichen das Hirn ver« blödenden JnnglingSvereinen. Manchen Strauß hat er dabei mit der Polizei auSfechten helfen, die der emporstrebenden freien Jugendorganisation am liebsten das Lebenslicht ausgeblasen hätte. Die mühevolle Arbeit blieb nicht unbelohnt. Immer kräftiger gedieh die Jugendorgani- sation. Maschke hat sein redlich Teil dazu beigetragen. Und des- wegen werden alle die Genossen, die den eifrigen jungen Mann kannten und der so plötzlich au« seinem Wirkungskreise geriffen wurde, ein ehrendes Andenken bewahren. Auf einen falschen Schutzmann fahnden die Polizeibehörden Groß-BerlinS. Der angebliche Beamte erscheint in herrschaftlichen Wohnungen, deren Inhaber verreist oder abwesend sind, und erklärt den Dienstmädchen, daß gegen sie eine Anzeige wegen Diebstähl» erstattet worden sei und er den Auftrag habe, eine Durchsuchung ihrer Zimmer, sowie eine Leibesvisitation vorzunehmen. Er sei aber bereit, diese Maßnahmen so unauffällig wie möglich vorzunehmen, sodaß davon weder die Herrschast. noch sonst jemand etwas erfahren brauche. Die Mädchen sind durch diese mit größter Sicherheit ge- machte Eröffnung derart erschreckt und bestürzt, daß sie dem angeb« lichen Schutzmann in jeder Weise zu Willen sind, ihm die Koffer und Körbe zur Verfügung stellen und sich auch der körperlichen Durchsuchung unterziehen. Der Beamte geht dann mit Gründlichkeit zu Werke und nimmt sämtliche Wertgegenstände, vor ollem aber das Portemonnaie mit dem baren Gelde an sich. Bei seinem Weg- gange gibt der Gauner seinen zu Tode erschrockenen Opfern den Rat, sich die Sachen in drei Tagen vom nächsten Polizeirevier wieder abzuholen, da sich inzwischen ja ihre Unschuld herausgestellt haben würde. Dieses Manöver hat der Betrüger, der offenbar mit den polizeilichen Einrichtungen ziemlich vertraut ist. in zahlreiche» Fällen im Westen Berlins, in Schöneberg. Charlottenburg und Steglitz mit gutem Erfolge ansgeführt. Eine nähere Beschreibung des falschen Schutzmanns vermögen die Geschädigten leider nicht anzugeben, da sie infolge der großen Aufregung, in der sie sich befanden, nur wenig auf daS Aeußere desselben geachtet haben. Der Schwindler wird von ihnen als ein 33jähriger stattlicher Mann geschildert, der eine richtige SchutziiiannSiniitze aber nur einen dunkelblauen Jackett« anzug ohne weitere Abzeichen trug. Ein schwerer Straßenbahnunfall ereignete sich am Montagabend gegen'/z8 Uhr in der Landsberger Allee. An der Ecke der Langen« beckstraße versuchte der 11jährige Schüler Rudolf Jähnke, gellestr. 14 bei den Eltern wohnhaft, vor einem herannahenden Straßenbahn- wagen der Linie 64 über das Gleis zu laufen. Der Knabe wurde umgestoßen und geriet unter den Vorderperron des Bahnwagens. Er erlitt eine klaffende Köpfwunde und erhebliche Hautabschürfungen an den Händen und Beinen und mußte, nachdem er von einem in der Nähe wohnenden Arzt Notverbände erhalten hatte, nach dem Krankenhause Friedrichshain gebracht werden. Unter den Rädern eines Schnellzuges zerstückelt. Einen schreck- lichen Tod hat der 34jährige GerichtSaktuar Friedrich Gramlow aus EberSwalde gefunden. G. warf sich vor einem von Berlin kom- inenden Schnellzug auf die Schienen und wurde von der heran- brausenden Maschine vollständig zerstückelt. Die Leichenteile de» Lebensmüden wurden bald darauf von einem Bahnbeamten auf« gefunden. G. hat die Tat anscheinend in einem Anfall von Geistes- störung ausgeführt. Er hatte sich bereits vor acht Tagen aus seiner Wohnung enifernt und war ziel- und planlos in der Umgebung um« hergeirrt, bis er dann den Selbstmord verübte. Taschendiebe haben am Sonntag auf dem Kirchhof der FriedenSgemeiude in Niederschönhausen-Nordend einer Frau auf dem Wege zum Brunnen aus der Handtasche ein Partemonnaie mit In« halt(12 Mark Geld und zwei Trauringe) entwendet. Beim Sängerfest in Friedrichshagen am Sonntag wurde ein Kindersamt- Jackett gefunden; abzuholen bei Witte, Friedrichs- Hägen, Friedrichftr. 8. Bei de« Sommerfest des BrauereiarbeiterverbandeS am 16. Juli in der Brauerei Friedrichshain wurde ein Trauring gefunden. Ab- zuholen im BerbandSbureau Mulackstr. 10, L Vorort- JVacbnchtem Rixdorf. Für Erweiterung der Sonntagsruhe. Wir wollen nicht ver- säumen, nochmals auf die heute abend 8l/a Uhr in den Bürger» fälen, Bergstraße 147, stattfindende BolkSversammlnng, die sich mit der bevorstehenden Erweiterung der Sonntagsruhe be- fchäftigt, hinzuweisen. Die Arbeiter und Arbeiterstauen werden sicher in großer Zahl an dieser wichtigen Versammlung teilnehmen, und dadurch die Kund- gebung zu einer besonders imposanten gestalten. Weistensee. Schulärztlicher Bericht 1S09—191V. DaS Berichtsjahr war im allgemeinen günstig zu nenne». Von Epidemien, welche die Schul- linder betrafen, sind hauptsächlich zu erwähnen Ziegenpeter und
Masern. Gröbere Epidemien von Diphtherie und Scharlach kamen nicht vor. Im Anfang der Schulsemester wurden die neueingetretenen Kinder einer ärmlichen Untersuchung unterzogen. Von diesen SSV Kindern waren 357 in gutem, 409 in mittlerem, 199 in schlechtem Gesundheitszustände. Die Untersuchungen bezogen sich auf 7 Schulen. von denen die 5. Schule das beste und die 3. Schule das schlechteste Material aufwies. Bon den in den früheren Jahren durch die Eltern ausgefüllten Fragebogen war in diesem Jahre Abstand genonimen worden, da auch die Herren Lehrer sich von ihrer völligen Wertlosigkeit über- zeugt hatten. In besonderen Fällen hatten die Eltern der Schule ihre Wünsche betreffs der Kinder mitgeteilt, die dann berücksichtigt wurden. An Konsultationen fanden statt in der ersten Schule 169, in der zweiten 131, in der dritten 517, in der vierten 399, in der fünften 36, in der sechsten 574 und in der siebenten 172. Den unbemittelten Kindern wurden Rezepte verordnet, deren Anfertigung häufig leider teils an der Mittellosigkeit, teils an der Nachlässigkeit der Eltern scheiterte. In der Hilfsschule wurde in drei Klassen unterrichtet, jetzt ist die vierte eingerichtet worden. 22 Kinder der Schule wurden einer eingehenden Untersuchung über die Ursachen ihrer zurückgebliebenen geistigen Entwickelung unterzogen. Die Speisung der armen Kinder erfolgte in diesem Jahr« wieder aus der Volksküche. Diese lieferte für ein geringes Entgelt eine nahr- hafte Mahlzeit, die ganz bedürftigen Kinder erhielten außerdem Frühstück, bestehend aus Milch und Schrippen. Eine große Wohl- tat ist 25 Mädchen durch die Einrichtung eines orthopädischen Turnkusus zuteil geworden. Die dabei in bezug auf die Rückbildung von Rückgratverkrümmungen erzielten Erfolge sind bedeutend zu nennen und fordern zu dem weitereu Ausbau dieser segensreichen Einrichtung dringend auf. Auch bei der Berufswahl der zur Entlassung gekommenen Waisen hat der Schularzt mitgewirkt. Ob eine Belehrung über sexuelle Fragen bei Schulkindern zweckmäßig sei, hält der Gemeindearzt für sehr fraglich. Für ganz einwandfrei hält er sie aber auch nicht bei entlaffenen FortbildungSschlllern, zum mindesten ist der Nutzen proble- matisch. Daß jede Art von körperlichem Sport gesund ist, unterliegt keinem Zweifel, besonders günstig wirkt aber der Schwimmsport, der die Kräftigung sämtlicher Muskeln mit dem gesunden Aufenthalt im Woffer verbindet, die Wohltat wurde vielen Kindern zuteil. Die im vorigen Jahre angeschafften Verbandskästen haben verschiedent- lich bei kleinen Verletzungen gute Dienste geleistet. Die hygienischen Einrichtungen der Schulgebäude find im ganzen musterhast. Ideal schön ist das neue Gebäude in der Zalkenberger Straße, dort sind alle Errungenschaften der Neuzeit m Anwendung gekommen, be- sonders fallen die praktischen neuen Bänke auf. Bei plötzlichen Er- krankungen der Kinder hat sich das Fehlen eines verfügbaren Raumes und eines passenden Lagers einige Male unangenehm bemerkbar ge- macht. Die Anschaffung einer leichten Trage ließe sich als Wünschens- wert bezeichnen. Seinen Bericht schließt der Schularzt noch mit einem Hymnus auf die wohlwollende Gemeindevertretung und auf das Baterland. Grost-Lichterfelde. Wegen Liebeskummer hat der Ingenieur Lemke aus Groß« Lichterselde Selbstmord verübt. L. hatte sich längere Zeit in Ham- bürg ausgehalten und dort ein junges Mädchen kennen gelernt, in das er sich verliebte. Die Angebetete wollte aber von ihrem Ver- ehrer nichts wiffen und trostlos fuhr L. wieder nach seinem Wohnsitz in Groß-Lichterfelde zurück. Gestern jagte er sich aus einem sechs- läufigen Revolver eine Kugel in die Herzgegend. Tödlich verletzt brach der Lebensmüde zusammen. In hoffnungslosem Zustand fand L. im Kreiskrankenhaus Aufnahme. Nowawes. Die Borardelten zu den Gewerbegerichtswahlen werden von den interessierten Kreisen jetzt eifrig bewieben. Nachdem kürzlich eine vom Gewerkschastskartell einberufene Volksversammlung stattgefunden hat, in welcher Arbeitersekretär Link über die Bedeutung der Gewerbe- gerichtSwahlen referierte, ist nunmehr in einer kombinierten Sitzung des Gewerkschastskartells mit den Vorständen der steten Gewerk- schaften die Aufstellung der Kandidaten erfolgt, und zwar werden für die Arbeitnehmerwahlen folgende Genoffen in Borschlag gebracht: Terttlarbeiter Wenzel. Kupferschmied Dummernix, Zimmerer Lamprecht, Schlosser Adolf Richter, Schuhmacher Pfaff und Transportarbeiter KolaczinSlv, für die Arbeitgeberwahlen die Genoffen Gruhl, Gomoll. Godglück, Singer, Paul Wolter und Jappe. Da die Wahlen nach dem Verhältnissystem getätigt werden, ist eS zweifellos, daß sich auch die christlichen und Hirsch-Dunckerschen Arbeiter mit eigenen Kandidaten daran beteiligen werden. Verfügen diese Gruppen auch nur über eine verhältnismäßig geringe Anhängerschar, so ist doch damit zu rechnen, daß sie große Anstrengungen machen werden, um positive Erfolge bei der Wahl zu erzielen, so daß für die freigewerkschaftlich organisierten Arbeiter die dringende Notwendigkeit besteht, eine intensive Agitation zu entfalten, um vor unangenehmen Ueberraschungen sicher zu sein. Zu den Arbeitgeberwahlen hat auch der Verein für Handel und Gewerbe in einer von einem Dutzend Personen besuchten Versamm- lung Stellung genommen und eine Kandidatenliste aufgestellt. Bei dieser Wahl sind zirka 159 Personen wahlberechtigt. Wenn hiervon auch der größte Teil sich aus bürgerlichen Wählern rekrutiert, so be- steht doch die Wahrscheinlichkeit, daß bei gehöriger Werbe- arbeit unserer Genoffen sich so viel Stimmen auf die Liste des Gewerkschastskartells vereinigen, daß die Kandidaten desselben bei der Verteilung der Sitze im Gewerbegericht berücksichtigt werden müssen. Da die Arbeitnehmerwahlen am 15. und 16. August und die Arbeitgeberwahlen am 17. August stattfinden, ist eS Aufgabe aller Genossen, schon jetzt eine rührige Agitationsarbeit zu entfalten, um eine Zusammensetzung des Gewerbegericht« herbeizuführen, welche eS demselben ermöglicht, seine für die Arbeiterschast außer- ordentlich wichtigen Aufgabe in einwandfreier und gerechter Weise zu lösen. Spandau. Arbeiter- Samariterkolonne Spanda». Am Mittwoch, den 29. d. M., abends S'/z Uhr findet bei Bohle, Havelstraße 20 der UebungSabend statt._ Jugendveranstaltungen. Freie Jugendorganisation Abt. LI. Donnerstag, dm Lt. Juli, Versammlung bei Neidbardt, GörliSerstr. 58.— Sonntag, den 24. Juli: Tag-Svartie nach den Rüdersdorfer Kalkbergen. Treffpunkt: 7 Uhr Schlrsi, ich-S Tor(Urama-Säule). Fahrgeld bb Pf.— W 6 t. III. Heute Mittwoch abends pünktlich 8 Uhr: Versammlung bei Heckert, Schrewerstraße, Ecke Samanterslratze. Köpenick. Am Sonntag, den 24. Juli: Ausflug nach der Krampen- bürg. Treffpunkt mittag» 1 Uhr auf dem Schloßplätze. Um rege Be- teiligung aller jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen bittet _ Der JugendauSschuß. Gericbtö- Zeitung* DaS gefährliche Grammophon. Die Nähe dcS Friedhofes wäre dem Tischler Eduard Schulze beinahe sehr gefährlich geworden. Schulze wohnt in der Kreutziger- strahe in Lichtenberg. Vom Fenster seiner Wohnung sieht man auf den nahebeilicgenden Begräbnisplatz der Parochialgemeinde. Eines �"nntagnachmittags hatte die Familie Schulze Verlangen »ach musikalischen Genüssen. Schulze setzte sein Grammophon in Bewegung, und dieses brachte den Pariser Einzugsmarsch zu Ge- hör. Da die Fenster von Schulzes Zimmer geöffnet waren, so wurden die Töne auch auf dem Begräbnisplatz gehört, wo gerade eine Beerdigung unter Mitwirkung eines Geistlichen stattfand. Die Teilnehmer an der Leichenfeier fühlten sich durch die lustige Marschmelodie gestört. Einer unter ihnen, Polizciwachtmeister Dommnick, drohte zum Fenster Schulzes hinauf, an dem zwei Männer standen. Als hierauf die Musik nicht sogleich verstummte, ging der Wachtmeister in die Wohnung Schulze«, der inzwischen nach Beendigung des angefangenen Musikstückes fem Grammophon bereits abgestellt hatte.— Der Polizeiwachtmeister erstattete An- zeige. Schulze erhielt eine Anklage aus§ 167. Dieser Paragraph, soweit er hier etwa in Frage kommen könnte, bedroht mit Gefängnis bis zu drei Jahren denjenigen, welcher.in einer Kirche oder in einem anderen zu religiösen Versammlungen bestimmten Orte durch Erregung von Lärm oder Unordnung den Gottesdienst oder einzelne gottesdienstliche Verrichtungen einer im Staate be- stehenden Religionsgesellschaft vorsätzlich verhindert oder stört". Vor der 19. Strafkammer de? Landgerichts I, die gestern gegen Schulze verhandelte, versicherte dieser, er habe nicht die Absicht der Störung gehabt, habe auch nicht bemerkt, daß zur fraglichen Zeit eine Beerdigung stattfand. Als er darauf aufmerksam gemacht wurde, habe er das Musizieren eingestellt.— Der als Zeuge vernommene Polizeiwachtmeister Dommnick will die Absicht der Störung daraus erkannt haben, daß der Schalltrichter de? Grammophons nach dem geöffneten Fenster gerichtet und später noch mehr nach dem Friedhofe hin gedreht worden sei. Der Staatsanwalt beantragte— vier Monate Gefängnis. Das Gericht aber erkannte verständigerweise auf Freisprechung unter der Begründung, daß zwar objektiv eine Störung einer gottesdienstlichen Verrichtung vorliege, dem Angeklagten aber nicht nachgewiesen sei, daß er die Absicht gehabt habe, eine Störung zu verursachen. Mädchenhändler. In die Geschäftsgeheimnisse internationaler Mädchenhändler wird eine Verhandlung hineinleuchten, die in den nächsten Tagen die 19. Ferienstrafkammer de? Landgerichts I beschäftigen wird. Unter der Anklage, eS versucht zu haben Frauenspersonen zum Zwecke, sie der gewerbsmäßigen Unzucht zuzuführen, unter arg- listiger Verschweigung dieses Zweckes zur Auswanderung verleitet zu haben, sind folgende Personen vor dem Strafrichter angeklagt: 1. der angebliche Pferdehändler Kiwar Meyer Silberreich; 2. der Kutscher Moritz W o l l e r st e i n; 3. die Köchin Manja G e d e i nS k a; 4. der Gastwirt Chaim Oberländer und dessen Ehefrau Cäcilie Oberländer. Dieser Anklage wegen Ver- brechens gegen den§ 48, Abs. 1 des Gesetzes über die AuSwande- rung vom 9. Juni 1897 liegt folgender Sachverhalt zugrunde. Die aus Rufsisch-Polen bezw. Oesterreichisch-Galizien gebürtigen An- geklagten stehen schon seit längerer Zeit in dem Verdacht, den Mädchenhandel zu betreiben. Der eigentliche Händler, der die „Ware" erwirbt, soll Kiwar Silberreich sein, während die übrigen Angeklagten ihm Schlepperdienste geleistet haben sollen. DaS Ehe- paar Oberländer betreibt hier in der Grenadierstr. 32 unter dem Namen„Warschauer Hof" ein kleines Hotel, welches hauptsächlich von russischen und polnischen Juden aufgesucht wird. Ende März dieses Jahres stieg hier der Angeklagte Silberrcich, der sich als Pferdehändler ausgibt, ab. Am 9. April erschien die in dem Hotel als Küchenmädchen bedienstete Frida Pietschmann bei einer Frau Maschke, mit der sie näher bekannt war, und ersucht« sie im Auf- trage der Angeklagten Gedeinska, die dort als Köchin bedienstet war, nach dem Hotel zu kommen. Die Frau M., welcher schon seit längerer Zeit das Treiben in dem Hotel verdächtig vorgekommen war, folgte dieser Aufforderung und suchte die GcdeinSka auf. Diese erzählte ihr, daß sie viel Geld verdienen könne, wenn sie schweigen könne. In dem Hotel befinde sich als Gast ein russischer Jude, der junge und hübsche Mädchen brauche, um sie an ein Bordell in Amerika abzuliefern. Die Gedeinska gab ihr den Auf- trag, für jenen Gast junge, hübsche und nicht zu alte Mädchen zu besorgen, und zwar Höchstenz zwei, weil der Händler immer nur zwei mit auf die Reise nehmen könne, da es sonst auffalle. Die Maschke beschloß zum Schein, auf diesen schmutzigen Handel ein- zugehen und benachrichtigte die Kriminalpolizei. Um den Mädchen- Händler recht sicher zu machen, stellte ihr die Kriminalpolizei zwei Polizeiagentinnen zur Verfügung. Als die Maschke diese dem Silberreich vorstellte, erklärte er, daß sie ihm schon zu alt seien, und er ihr höchsten?„pro Stück" 2 M. bieten könne. Für junge und sehr schöne und feurige„Ware" im Alter von höchstens 19 Jahren zahle er dagegen 159 bis 299 M. Auf Anraten der Kriminalpolizei veranlaßte Frau M. nun ihre 17jährige Nichte Gertrud W. und eine junge Frau sich als„Ware" auszugeben und sich dem Mädchenhändler zur Verfügung zu stellen. Silberreich ging auch in die Falle und engagierte die Beiden als„HauS- mädchen". In dem Augenblick, als sein Helfershelfer Wollerstein mit den beiden Mädchen auf dem Potsdamer Bahnhof den Zug be- steigen wollte, wurde er von den Kriminalschutzleuten Gerstenberger und Jaap verhaftet. Am nächsten Tage wurde Silberreich in Pankow festgenommen, nachdem er von dem 14jShrig«n Sohne Abraham der Oberländerfchen Eheleute von der Festnahme feines Komplizen benachrichtigt worden war und noch rechtzeitig die Flucht ergriffen hatte. Wie die Anklage behauptet, soll da? Hotel der Angeklagten Oberländer gewissermaßen eine Art Zentralstelle für den internationalen Mädchenhandel fein.— Den Vorsitz im Gerichtshof« wird Landgerichtsdirektor Unger führen, der An- geklagte Silberreich wird von den Rechtsanwälten Morris und Jul. Meyer I, die übrigen werden von den Rechtsanwälten Artur Levy, Dr. Schwindt und Justizrat Wronker verteidigt.— Da die Verhandlung infolge der Hinzuziehung von Dolmetschern der russischen und polnischen Sprache sich sehr kompliziert gestalten wird, ist für den Prozeß ein ganzer Sitzungitag anberaumt worden._ Ein Polizist in Notwehr. Bekannt ist die Entscheidung, die eine Notwehr eine? Bürger? gegen ein Polizeipferd ablehnte, weil das Pferd ein.Ausrüstung». gegenständ" des Polizeibeamten fei. Aehnliche falsche Urteile gegenüber Polizeihunden würden ein« weite Perspektive für Schutz- losigkeit der Bürger eröffnen. Bei Besprechung der betreffenden Gerichtsverhandlungen betonten wir, daß nach dem Gesetz ein un- bedingtes Notwehrrecht gegenüber Polizeipferden und-Hunden be- steht. Am Montag fällte das Reichsgericht ein bemerkenswerte» Urteil, indem es sich für weite Auslegung de» Notwehrbegriffs aussprach. Freilich betraf die Sachlage einen angeblich in Notwehr gegen eine Frau handelnden Polizeibeamten. Vom Landgericht Magdeburg ist am 5. April der Amtsdiener K. in Bornstedt wegen Körperverletzung im Amte zu 59 M. Geld- strafe verurteilt worden. Er hatte am 9. Juli vorigen Jahre» die Tanzlustbarkeit auf dem Landwehrfeste zu uberwachen. Die Neben- klägerin Frau M. und ihr Ehemann waren auf ihn nicht gut zu sprechen, weil er einmal eine Anzeige gegen sie erstattet hatte. Nachdem Frau M ihm verschiedene Bemerkungen zugerufen hatte, entstand em Konflikt zwischen beiden. Frau M. faßte den Beamten an. Dieser holte seinen Revolver hervor und gab ihr damit einen Schlag, wobei sich der Revolver entlud. Der Schlag mit dem Revolver führte einen Riß im Kleide der Frau herbei, sowie mehrere Blutergüsse. Da» Gericht hat nicht feststellen können, daß durch den Schuß eine Verletzung bewirkt worden wäre. Da» Ge- richt hat in dem Schlage mit dem Revolver eine vorsätzliche Körper- Verletzung erblickt. Der Angeklagte hat nach Ansicht des Gerichtes zwar einen widerrechtlichen Angriff abgewehrt, ist aber über die Grenze der Verteidigung hinausgegangen, indem er mit dem Revolver schlug. Diese Art der Abwehr war nicht nötig, denn der Angeklagte ist ein kräftiger Mann, und er hatte überdies seinen ebenfalls kräftigen Vetter bei sich. Die vom Angeklagten eingelegte Revision wurde vom Reichs- anwalt und vom Reichsgericht für begründet erachtet. DaS Reichsgericht hob da» Urteil auf und verwies die Sache an da? Land» gericht zurück. Aus dem Urteile ist, so heißt eS in der Begründung, nicht zu entnehmen, daß der Vorderrichter von der zweifellos rechtsirrtümlichcn Ansicht ausgegangen ist, eS habe Notwehr des- halb nicht vorgelegen, weil der Angeklagte einen Revolver benutzt hat. Aber bedenklich ist der Satz, daß dem Angeklagten noch ein kräftiger Mann zur Seite gestanden habe. ES kann aber einem Angegriffenen nicht verlvehrt Werken, sich mit denjenigen Hilst« Mitteln, die er für nötig hält, zu verteidigen. Die Persönlichkeit eineS anderen kann hier nur unter ganz besonderen Umständen mit in Frage kommen. Der Angegriffene hat das Recht, sich selbst zu verteidigen.__• Es wäre zu wünschen, daß die Gerichte in gleicher Weise ent- scheiden, wepn«S sich um Notwehr gegen einen Polizeibeamteg handelt»_ Vermischtes. Eine nationalliberale Ordnnngssänle geborsten. Der nationalliberale Arbeitersekretär und Stadtverordnete Theodor Hugo B u n z e l in Leipzig wurde am Dienstag wegen Mißbrauchs eines öffentlichen Amt? zu zwei Monaten Gefäugnis verurteilt. Die Ver- Handlung wurde wegen Besorgnis der Gefährdung der öffent- lichen Sittlichkeit hinter verschlossenen Türen geführt. In der Urteilsbegründung wurde gesagt, daß keine Milde am Platze gewesen sei. da Bunzel sich in zwei Fällen als Sittenbeamter ausgegeben, die Notlage der Frauens- Personen ausgenutzt und die Sittenbeamten in schlechten Ruf gebracht habe. Buuzel hat durch die Verurteilung sein Stadtverordnetemnandat verloren, das er seit 1'/, jähren inne hatte._ Eine Arbeiterausstellung in Mähren. Unsere tschechischen Genossen in Plößnitz, der Stadt deS Konfektionsschneiderelends, haben eine ArbeiterauSsiellung mit 17 Ab- teilungen eröffnet, die auf eine Anregung des leider verstorbenen Genossen Krapka zurückgeht. An der Eröffnungsfeier im Arbeiter- heim beteiligten sich 1599 Menschen, darunter außer den Vertretern der deutschen und tschechischen Partei Abgesandte der städtischen und staatlichen Behörden. Besonders interessant ist die Ausstellung slowakischer und mährischer Volkskunst in Keramik- und Slickcrei. Namhafte Künstler haben sich ebenfalls beteiligt. Explostonskatastrophe in Friedrichshafeu. In dem GaSspaltraum der Karboniumfabrii. G. m. b. H, fand Dienstag vormittag gegen 11 Uhr au« bisher unbekannter Ursache eine schwere Expl-sion statt, die unter fnrchlbarem Knall sämtliche Umfassungsmauern deS Fabrikgebäudes zer« störte und eine große Rußsäule emportrieb. Die Fabrik, welche in der Nähe der Gebäude der Luftscbisfbau- Gesellschaft Zeppelin liegt. und für diese Gesellschaft das notwendige Gas liefert, ist vollständig zerstört. Der technische Leiter der Fabrik war im Augenblick der Explosion nicht anwesend, da» gegen sind sechs bis sieben in der Fabrik beschäftigte Leute verletzt worden. Die Fensterscheiben der wenigen Häuser, welche in der Umgebung der Fabrik liegen, find zertrümmert. Eine weitere Meldung besagt: Die durch Explosion zerstörten Gebäude der Karboniumfabrik bilden jetzt ein wüsteS ChaoS. Bisher sind fünf Verletzte, darunter zwei schwer Verletzte auS den Trümmern hervorgezogen worden. Man vermutet jedoch noch zwei weitere Arbeiter unter den Trümmern. DaS Dach des Gebäudes liegt auf dem Zeppelin- Gelände. ES besteht die Gefahr weiterer Explosionen, da die Fabrik sich in vollem Betriebe befand. Ob die geplante Füllung des„L. Z. VI", die für Ende der Woche beab« sichligt war, stattfinden kann, ist fraglich. Ein au? den Trümmern hervorgezogener Arbeiter ist nach- mittags seinen Verletzungen erlegen. Ein Geisteskranker als Kerkermeister feiner Familie« Ro«, 17. Juli.(Eig. Ber.) AuS Neapel wird von einem äußerst merkwürdigen Fall berichtet, bei dem ein Geisteskranker ein- mal den Spieß umgedreht und anstatt sich von seiner Familie ein« sperren zu lassen, seine Familie in Kerkerhaft gehalten hat. Vor fünf Jahren sing der Weinhändler Rea m Cosel« nuovo, Provinz Neapel, an. sich von den Seinen für verfolgt zu halten. Da seine Krankheit nicht sofort erkannt wurde, war eS ihm möglich, seine Frau und seine e l f Kinder in eine einsam gelegene Villa zu überführen, deren Fenster er hatte zumauern lassen. Dort hat der Geisteskranke die Seinen fünf volle Jahre gefangen gehalten. Entdeckt wurde die traurige Lag« der Gefangenen dadurch, daß die beiden ältesten Söhne, al» sie erwachsen waren, den Vater zwangen, ihnen eine gewisse Freiheit zu gewähren. Dabei entfernten sie sich aus dem Garten der Villa und benachrichttgten Dritte, die die Polizei in Kenntnis setzten. Die Ergreifung deS Irren war sehr schwierig, da er in dem Garten seiner Villa mehrere bisfige Hunde hielt und auch von einem großen Hunde verteidigt wurde. Die Karabinieri erschossen die Tiere, während zwei Jrrenwärter sich des Kranken bemächtigten. Die Ge- fangenen waren jeder in ein besondere« Gelaß eingesperrt worden, sodaß die Mutter sett fünf vollen Jahren ihre Kinder nicht mehr gesehen hat._ Kleine Notizen. Bei« Bade« in ber Ruhr ertrunken ist in der Nähe von Nelling« hausen der Kanzleigehilfe Hermann Kocks au? Essen. Ein Boot gekentert. Zwischen Peenemünde und Hollen- d o r f ist bei dem Versuch, einen Notanker an dem Dampfer»August CordS", der mit einer Holzladung von Riga hier einttaf, anzu- bringen, da» zu diesem Zweck benutzte Boot gekentert. Die drei Insassen erttanlen. Pilzvergiftung. In Lünen in Westfalen erkranlten nach dem Genuß von Pilzen der Maurer Blum, seine Frau, zwei Kinder und ein Tischgast. Blum, der Tischgast und die Kinder sind gcstordm. Der Zustand der Frau ist hoffnungslos. Brand in einem Kohlenlager. In dem Magazin de» Heil« bronner Kohlenhändlers Mayer explodierte heute ein Motor, wo« durch ein Brand in dem Raum entstand. Mayer wurde tot auf« gefunden. Er hat schwere Brandwunden erlitten und ist an deren Folgen gestorben. Bier Bergleute verschüttet. Auf der Zeche Ludwig bei Essen löste sich gestern während der Reparaturarbeit unter Tage eine größere GesteinSmasie und begrub vier Bergleute, von denen zwei getötet wurden. Ein anderer wurde leicht und der vierte schwer verletzt. In der Kirche irrsinnig geworden. AnS T a m p a wird berichtet, daß während der Predigt in der Kirche der methodistischen Ge- meinde«in plötzlich irrsinnig gewordener Neger seine Schwicger- wutter, den Prediger und den Organisten durch Rrvolverschüsse tötete und drei andere Personen verletzte. Schließlich erschoß er s i ch durch einen Schuß auS seinem Revolver selbst. Vom Zuge überfahren. Bei Meggen wurden zwei von der Nachtschichr heimkehrende Arbeiter von einem Zuge überfahren. Sie wollten die Gleise unmittelbar hinter einem vorbeifahrenden Zuge überschreiten, zu gleicher Zeit aber kam von der entgegen« gesetzten Seite«in Zug heran, der den einen der Arbetter sofort tötete und den anderen schwer verletzte. Die Opfer der Eisenbahnkatastrophe bei Melbourne. Nach den letzten Feststellungen beträgt die Zahl der bei dem Eisenbahn» Zusammenstoß auf der Station R i ch m o n d verletzten Personen 114. Unter ihnen befinden sich 83 Schwerverletzte. Brand auf einem Petrolrumdampfer. Der Dampfer»Standard� der Deutsch-Amerikanischen Petrolenmgesellschast in Hamburg ist DienStag vormittag im Hafen von Kopenhagen in Brand geraten, und zwar durch Ausströmen de» Petroleums auS den Tanks in die Schiffsfeuerung. Auf dem brennenden Schiffe finden andauernd Explosionen. Es ist wahrscheinlich samt der Ladung verloren. Die aus 34 Mann bestehende Besatzung ist ge« rettet. LrrantivortliSer Bedalteitr Nivard Barth. Berlin. Mr des LnsergtesteiliLwotS-i Th.Glickk, Berlia. Verlag: Ceiaäuälu&ötw&fji lt, SalaaSanstall Sma«& Co.. Berlin SW,