Kr. 169. Hbonnemcnts-Bcdlngungcm RSontif mcnlä- Prci» pränumerando: «ierlcljährl. 3£0®!(., monall. 1,10 Ml, wöchentlich 2» Psg. frei WS HauZ. einzelne Nummer 5 Pfg, EonniagS. einacirogen w die Post-ZeitunaS- PreiSIisle. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland S Marl pro Mona«. Postabonnement» nehmen an: Belgien. Dänemarl Holland. Italien, Luxemburg. Portugal, dmmünien, Schweben und die Schweiz, 27. 1-chrz. cucheilli agiia netr Vevltnev Volksblakk. v?e Insertion;-Leblldi' Peträgt sür die sechSgespaltcne Uolonel» zcile oder deren Raum 50 Psg., fü* politische und gewertschastliche BereinS- und BersammlungS-Anzeigen SO Pfg. �«telne Anzeigen", das erste(sett- gedruckte) Wort 20 Psg, j-d-S weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlaf« siellen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg, jedes weitere Wort 5 Psg. Worte über iB Buchslaben zählen sür zwei Worte. Inserate sür die nächste Nummer müssen bis s Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Di» E-r'ediliöB ist bis 7 Uhr abends geofsnet, Telegramm- Adresse: „Sezlaldcntekrat Btrllo*« Zcntralorgan der fozialdcmohratSfcbcn partei Dcutfcblands. Redaktion: SM. 68, Lindenstraase 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 198Z. ZunKerliche LeichichtsKIttterung. Sie bleibt nicht etwa bei gewissen Erscheinungen unserer Geschichte stehen, jene junkerlich-feudale Gcschichtsklitterung, die Ereignisse, Zustände und Persönlichkeiten zur Vcrherr- lichung ihrer Kaste entweder mit einem gleistnerischen Schimmer übergießt oder in dreister Verkleinerung oder gar in ab- schreckender Verzerrung vorführt. Sie schreitet weiter und weiter, da sie von der Geschichtsklitterung des liberalen Bürgertums unterstützt wird, das trotz 1789 und 1848 heute wieder so vielfach in sklavischer Ehrfurcht zu den„übernäch- tigen Gesichtern" der feudalen Ahnenbilder emporschaut. Man braucht nur zu beachten, wie rührig liberale und konservative Historiker bemüht sind, dem großen Bauernkrieg von 1525 seinen demokratischen Inhalt abzusprechen. Bei Einzelerscheinungen tritt diese Bundesgenossenschaft noch schärfer hervor. Anläßlich des hundertsten Todestages der Königin Luise von Preußen war die konservative wie die liberale Presse gleichmäßig bemüht, die erborgte Gloriole. die man um das Haupt dieser Fürstin gewoben, von neuem aufzufrischen. Hand in Hand geht damit die Herabsetzung der Leistungen der preußischen Landwehr in den BefreiungS-, resp. Fürstenfreiheitskriegen von 1813—1815. Als 1814 die Viktoria auf dem Brandenburger Tor von Paris, wohin Napoleon sie entführt, zurückgebracht wurde. widmete man diesem Ereignis die Verse: „Nie. Preußen, mög in deinen Kronjuwelen Der Eichenkranz der treuen Landwehr fehlen." Aber welche Mühe geben sich heute militärische„Kapa- zitäten". die preußische Landwehr dieses Eichenkranzes zu berauben! Bisher wußte man auch nicht anders, als daß in der Schlacht von Leipzig die Königsbcrger Landwehr unter dem Major F r i c e i u s— der sich übrigens auch bei Groß- beeren, Dennewitz und Ligny ausgezeichnet hat— das Grimmasche Tor mit Sturm genommen hat. Die Stadt Leipzig hat auch an Ort und Stelle nach fünfzig Jahren dem Major Friccius ein Denkmal errichtet. Heute ist schon in die liberale Lcxikonliteratur übergegangen, daß nicht der bürgcr liche Major und spätere liberale Oppositionsmann im preußi scheu Abgeordnetenhause, Friccius, sondern ein Junker, ein Herr v. Mirbach das Grimmasche Tor erstürmt habe. Einem hohen Rate der Stadt Leipzig wird also wohl nichts übrig bleiben, als das Friccius-Denkmal zu beseitigen und einen derer v. Mirbach dort aufzustellen. Zu der junkerlichen Geschichtsklittenmg aber hat ein ganz hervorragendes Stück ein oldcnburgischer Agrar-Junker bei- getragen, ein Herr v. Levetzow- Sielbeck. Seine Leistung verdient als eine typische eine besondere Betrachtung; sie beweist, wie weit man es in der oben charakterisierten Methode schon gebracht hat. Dieser Herr v. Levetzow meinte jüngst bei einem Schmause notleidender Agrarier, er könne es nicht glauben, daß die „Verhetzung" anläßlich der Finanzreform so weit gediehen sei wie man behaupte. Namentlich könne er nicht glauben, daß die Frauen über die nach seiner Meinung so geringe Erhöhung der Streichholzpreise erbittert seien. Denn man müsse sich doch daran erinnern, welchen Opfermut die Frauen unseres Volkes— wohlgemerkt: unseres Volkes!— bewiesen, die ihren schönsten Schmuck, ihr blondes Haar verkauften, um den Erlös dem Könige zu senden, damit er seine Soldaten mit guten Waffen ver- sehen konnte. Und nun vergegenwärtige man sich einmal die ganze Ab- qeschmacktheit der historischen Parallele, die sich dieser agrarische Funker erlaubt. Das preußische Volk von 1813, dem durch die Reformära der Stein und Genossen ein ganz neucS politisches Verständnis aufgegangen war. erhoffte von dem großen Kampfe jener Zeit nicht nur eine Befreiung von dem eisernen Joch Napoleons, sondern vor allem das Erstehen eines neuen. einigen und freien Deutschland. In dieser Hoffnung war eS von oben herab bestärkt»vorden. Schon in der Proklamation von Kalisch hatten der russische Zar Alexander I. und Friedrich Wilhelm III. von Preußen verkündigt, daß es sich um Freiheit und Ehre Deutschlands handele und daß die Gestaltung der Verfassung deS iviedergeborenen Deutschland ganz allein den Fürsten und Völkern Deutschlands anheiingestellt sein solle. In der Proklamation des Königs von Preußen an das Heer hieß es, daß der Aiigcnblick ge- konimen sei. die Freiheit undSelb ständigkeit des Vaterlandes zu erkänipfen. Mündlich wurden noch viel weitergehende Versprechungen verbreitet, die sich 1815 zu der bekannten Kabinettsordre verdichteten, in der eine Volks- Vertretung in Aussicht gestellt war. Daher die ungeheure Begeisterung im preußischen Volke. Der Opfermut der Frauen von damals war in der Tat außerordentlich: sie opferten goldene Ringe und ließen sich dafür eiserne geben, sie gaben Juwelen, Silbersachen und der- gleichen, wie bekannt. Frauen aus den nichtbesitzenden Klassen opferten am meisten im Verhältnis. 1806, als um das alte Preußen gekämpft wurde, hatte man dergleichen nicht bemerkt. Und nun stelle man sich vor, daß ein Junker den„Frauen zuS dem Volke" heute zumutet, die gleiche Opferwilligkeit an den Tag zu legen, weil eine reaktionäre und agrarische Reichs- Expedition: SM. 68, Lindenatraaae 69» Fernsprecher: Amt IV, Nr. tS84. tagsmehrheit, welche die schonendste Rücksicht auf die Schäbig- keit der besitzenden Klassen nimmt, die ungeheuren Ausgaben für den Militarismus auf die Masse der Besitzlosen abwälzt, während zurzeit in Preußen noch fünfzig- tausend Millionen Vermögenswerte unbesteuert sind. Mit anderen Worten: Sollen denn die deutschen Frauen aus dem Volke von heute ihre Ringe und Haare vielleicht noch opfern, wenn Steuern wie die Zündholzsteuer und andere es nicht mehr möglich machen, den Geldbeutel der Reichen zu schonen? Annehmen würden eS Junker und Bourgeoisie schon— das glauben wir. Junkerliche Geschichtsklitterung! Höher geht'S denn doch wohl nimmer! Aber ein hübscher Schnitzer ist dabei dem Herrn v. Levetzow passiert, den wir ihm nicht schenken können. Die„Frau auS dem Volke", die ihr schönes blondeS Haar auf dem Altar des Vaterlandes opferte, wird nämlich in erster Linie repräsenttert durch ein Fräulein Ferdinande v. Schmettau, die Tochter eines preußischen Majors. Ihre Opferwilligkeit blieb in späteren Tagen nicht unbelohnt; fünfzig Jahre nach der Schlacht von Leipzig erwies man dem Fräulein, das einst seinen schönsten Schmuck für den Freiheitskampf dahin- gegeben, hohe Ehren und machte sie zur Ehrenstiftsdame von Zchdenick. Sie ist 1875 hochbctagt gestorben und gehörte wohl zu jenen nicht zahlreichen Bestandteilen der preußischen Aristokratie, die aus dem Unglück Preußens ge- lernt hatten. Ihre Eltern erblickten wohl wie Stein das einzige Heil Preußens in dessen politischer Wiedergeburt, wes- halb sie das junge Mädchen bewogen, in Ermangelung reicherer Beisteuern ihr schönes Haar zu opfern. Wollen die Töchter der Junkerschaft von heute nicht den Mahnungen deS Herrn v. Levetzow folgen und ihre Schmuck fachen, ihre Barschast und, wenn es nicht anders geht, ihr Haupthaar auf dem Altar des Vaterlandes opfern, damit auS diesen Mitteln Kriegsschiffe, elegante Offizierskasinos und der gleichen unentbehrliche Dinge mehr gebaut werden können? kleine kllulionen! Eine große Anzahl deutscher bürgerlicher Blätter hat sich an» gesichtS der Erklärungen deS englischen Premierministers ASquith entschieden für den Gedanken einer deutsch-englischen Flottenabnistung ausgesprochen. Freilich waren eS meist sogenannte.unparteiische' Blätter, oder doch politische Organe, deren Haltung keineswegs von Einfluß auf die großen bürgerlichen Parteien ist. Wenn also auch daran, daß diese Preßäußerungen durchaus die Stimmung der großen Mafle des Volkes spiegeln, nicht der mindeste Zweifel möglich ist, so bedeutet das noch keineswegs, daß auch die Mebrheit des Reichstags dieser Stimmung Rechnung tragen wird! Es bedeutet auch gar nichts, daß fich die führenden Blätter der- jenigen Parteien, denen wir die ungeheuerlichen Marinebewtlligungen zu danken haben, einstweilen große Zurückhaltung auferlegen Wäre eS doch die größte Dummheit, wenn unsere Flottenenthusiasten heute, vor dem neuen Ouinquennat und vor allen Dingen auch vor den Neuwahlen zum Reichstag, unvorsichtig mit ihren wahren Absichten herausrücken wollten I Unsere Flottentreiber und ihre Kumpane wissen, daß zurzeit Schweigen sür sie Gold ist, ja, daß ihren Zwecken sogar am besten gedient wird, wenn einstweilen das deutsche Volk in die holde Illusion eingewiegt wird, daß das Jahr 1912 tatsächlich den.Gipfel der Welle' bilde und man sich dann jährlich an dem Bau von zwei großen Schlachtschiffen genügen lassen werde! Je zuversichtlicher die Wählermassen an diesÜ bessere Zukunft glauben, desto besser für unsere weltpolitischen Parteien! Nach den Wahlen kann man ja dann die liebliche Illusion um so grausamer zerstören I Wer deshalb wirklich ernstlich daran denkt, dem aberwitzigen Wettrüsten ein Ende zu machen, der hat alle Ursache, die Situation nicht in dem rosigen Lichte frommer Wünsche und Hoffnungen dar» zustellen, sondern in ihrer bitteren Realität! Und dazu ist eS unbedingt notwendig, auf die v 0 r k 0 m m- nisse in der Flottenkommission im Dezember 19(17 hinzuweisen. Beweisen sie doch, daß damals bereits alle bürgerlichen Parteien ihre Bereitwilligkeit zu erkennen gegeben haben, vor Ablauf des Jahres 1912 eine neue Flottenvorlage zu bewilligen l In der Sitzung der Budgetkommission vom 9. Dezember, die damals die letzte Marinevorlage beriet, forderte der nationalliberale Abg. Oriola. mehr zu bewilligen, al» die Regierungsvorlage fordere l Man müsse dauernd— auch nach 1912— beim Bauen bleiben! Herr Tirpitz erNärte darauf, daß die Regie- rnng gemalle Er Weiterungen der Flottenvorlage akzeptieren werde, sofem sich nur eine Mehrheit im Reichstag dafür finde I Der nationalliberale Abg. S e m l e r forderte gleichfalls.fdaß man mit einem Male eine durchgreifende Reform des Bauplans durch- durchführen solle. Oder solle 1912 eine neue Borlage kommen? Jetzt sei die Situation politisch günstiger als 1912. Worauf Herr Tirpitz erklärte, die Frage nach den Absichten der Re- g i e r u n g könne er nicht beantworten; er wisse nicht,«a» in fünf Jahre» geschehen könne oder solle. Der freisinnige Abg. Wiemer fügte seiner Zustimmung für die vorliegende Flottenvorlage die Bemerkung hinzu, daß allerding» anzunehmen sei. daß später noch größere Neusordemagen sür die Flotte kämen; jetzt aber sei er gegen eine Erweiterung der Regierungsvorlage. Am folgenden Tage, dem 10. Dezember, wurde man in der Budgetkommission noch deutlicher. Auch Herr Arendt erklärte für die Freikonscrvativcn, auch er erhoffe und erwarte bestimmt in kürzerer Zeit eine neue Flottenvorlagr. Ihm schloß sich der frei» sinnige Abg. Leonhart gleichfalls mit der Erwartung an, daß in vier Jahren ein neues Flottengesctz kommen werde l Und als Bebel erklärte, daß es so sicher wie 2X2=4 sei. daß bis 1912 eine neue Flottenvorlage kommen werde, erscholl auS den Reihen der Mehrheit ein lebhaftes „Sehr richtig". Und zum Ueberfluß erklärte auch wieder Herr Tirpitz, daß die Regierung schon jetzt auch eine Erneuerung der WittelSbachklasse(I) annehmen werde, wenn sich nur eine parlamentarische Mehrheit dafür finde. Und da sollten sich die Volksmassen der kindlichen Hoffnung hin» geben, daß im Jahre 1912 die Regierung auf diese Neubauten verzichten werde und die bürgerlichen Parteien sich zu einem resoluten Nein aufschwingen könnten? l Die Beteuerungen einer Anzahl politisch mehr oder minder einflußloser Blätter tun e» nicht; die bürgerlichen Parteien müssen durch die Tat ihren ernstlichen Willen beweisen. Dadurch, daß sie bereits für 1911 und 1912 eine Berlangsamnng der Flottenbauten beschließen! Geschieht das nicht, so haben wir eS nicht mit einer ent» schlossenen Abkehr von dem weltpolitischen Aberwitz des Flotten» Wettrüstens zu tun, sondern nur mit einer arglistige» StimmungS» mache für die«Schsteu RcichStagSwahlen t Mgettiche Hoffnungen. Nationalliberale und freisinnige Blätter erhoffet» auS der Stellung der Mehrheit der sozialdemokratischen Landtags- staktion eine Mauserung zu einer rein bürgerlichen Partei. Einige Blätter nehmen sogar an, daß dieser Umwand» lungSprozeß sich schon vollzogen habe und die sozialdemo- kralische Fraktion Baden? heute schon ein wesentlich bürge« licheS Gesicht trage! So schreibt die nationalliberale„Frei, burger Tagespost': „Die Sozialdemokratie von heute ist nicht mehr die Sozialdemokratie von gestern. Hier handelt e» sich keineswegs mehr um taktische Erwägung en, sondern um eine innere Wand- lung, die von nationalen Gesichtspunkten au» freudig begrüßt werden muh. Nur wer sich Scheuklappen vorbindet, kann dies beabreden. Badens Liberalismus'darf stolz darauf sein, den Keim zu einer Entwickelung mitgelegt zu haben, die letzten Endes den Vater. ländischen Interessen mehr dienlich ist, als wie alle wohlfeile Phrase über die sogenannte„rote Gefahr'. Der Liberalismus wird zwar stets in prinzipieller Gegnerschaft zur Sozialdemo» kratie stehen müssen, aber er wird ihr gerne die Hand reichen in Fragen der politischen Freiheit und des Fortschritts und der kulturellen Weiterentwickelung unseres Volkes und Landes. Und wenn die Sozialdemokratie mitarbeitet an dem Wohle und dem Gedeihen des Vaterlandes, so wird uns das stets eine Freude kein. Vielleicht kommt auch in nicht zu ferner Zeit der Tag, an dem die deutsche Sozialdemokratie in natio» nalen Fragen gleich der französischen und eng- lischen zum Bürgertum steht. Man hofft also, daß die Sozialdemokratie sich schließlich auch dazu bereitfinden läßt, auch die M-ilitärforderungen zu bewilligen. Und die nationattiberake halboffiziöse„Straß» burger Post', ein in Baden viel gelesenes Blatt, schreibt: Die badischen Sozialdemokraten haben sich dadurch(durch die Zu« stimmung zum Finanzgesetz) „von den Fesseln eine» engherzigen ParteidoktrinariSmu» freigemacht. Sie haben damit dem Kaiser gegeben, was des Kalser» ist. Diese Haltung der Sozialdemokraten ist um so erfreulicher, als— vom Standpunkte radikaler Elemente aus— gerade der diesmalige Tagungsabschnitt der La n d t a g S s i tz u n g unerquickliche Dinge zur Sprache gebracht hat, die agitatorisch genügend ausgenützt, geeignet gewesen wären, Waffer auf die Mühlen der Radikalen zu treiben. „Die badischen Sozialdemokraten haben sich getreu ihrer ge» dciblichcn. positiven Mitarbeit, die sie von Anfang der Session geleistet haben, maßvolle Veschränkung qufcrlegt und von einer für ihre Parteizwecke vielleicht wirksamen Demonstration fern. gehalten. Sie haben mit ihrer Stimmabgabe für das Finanz- gcsetz ein parteipolitisches Opfer gebracht. Ihr Per» halten steht im erfreulichen Gegensatz zu dem deS Zentrum». da? aus Parteirücksichten gewillt war, das Schulgesetz zu Fall zu bringen. Die..vaterlandslosen Genossen' haben mehr staatS, männische Einsicht bewiesen, als das Zentrum. Es ist nicht das erstemal, daß die badischen Sozialdemo- kraten sich in Widerspruch gesetzt haben mit ihren Parteigenossen im Reiche. Ihr Verhalten beweist aber, daß man mit der Politik in Baden auf dem richtigen Wege ist, um die in der Sozialdemokratie schlummernden wertdsllen Kräfte zur politischen Mitarbeit nutzbar zu machen. Der rote Schrecken ist in Baden überwunden. Frhr. v. Bodman hat noch in der Mittwochsitzung der Ersten Kammer davor gewarnt und die Furcht vor der Sozialdemokratie als hinfällig zurückgewiesen. Einen besseren Beweis für die Richtigkeit seiner Ausfassung trotz aller wiederholt und freimütig bekannten prinzipiellen Gegnerschaft gegen die So. zialdcmokratie als die Bewilligung der staatS recht. lichen Bedürfnisse und das Geständnis Dr. Franks, sich von einer politischen Demonstra, tion fernhalten �u wollen, konnte kaum er. bracht werden. Der einzig zum Ziele führende Weg, bei lden Soziaidemolraten Vaterlandsliebe zu wecken und zu e« Halten. fotviS Verständnis für den Staat und seine Organe bei- anbringen, ist die Gewährung von Spielraum zu gedeihlicher Mitarbeit. Sie werden Freude empfinden an dem, was sie mitschaffen und miterhalten." In einem offenbar einer nationalliberalen Korrespondenz ent- stammenden Artikel heißt es: „Nach ihrer letzten Kundgebung vom Samstag(gemeint ist die Beteiligung an der offiziellen Schlußfeier mit der Ovation für den Großherzog) können die badischen Sozialdemokraten nicht mehr zurück hinter die Linie, die sie so weit vorzuschieben wagten. Wenn sie nicht ruhmlos, des Ver- . trauens zu ihrer Kraft und Fähigkeit beraubt, als Sklaven des von ihnen aufs schärfste verurteilten Radikalismus dahinleben oder in einer neuen Parteigründung ein vorab einflußloses Po- litisches Dasein nach Gerlach-Breitscheidschem Muster führen wollen, dann müssen sie einen Kampf auf Tod und Leben um die Herrschaft in der sozialdemokratischen Partei führen. Das ist die Situation, in der noch un- gewiß, wer siegen wird. Als wichtigstes und gefährlichstes Ar- gument wird man den Revisionisten entgegenhalten, daß nur die Agitation»- und Verhehungspolitik die Kadres der Drei- Millionenpartei gefüllt hat und weiter füllen kann; in der Tat, eine revisionistische Sozialdemokratie würde nicht den Zauber auf das Undefinierbare und Ungreifbare, das man eigentlich Masse nennt, ausüben, auf die Eroberung der politischen Macht wird sie schon verzichten müssen, nach der derstolzeRadikalismus strebt, und wirdsichbe- scheiden müssen mit der Mitarbeit des vierten Standes, mit einer gewissen Anteilnah me an der politischen und gesellschaftlichen Macht. Es wird sich dann fragen, ob die„Masse" reif und verständig genug ist für diese gesunde Enttäuschung." Also diese revisionistisch gewordene Sozialdemokratie wird, so hofft der NationaUiberalismus, auf die Eroberung der politischen Macht verzichten und sich mit einer gewissen Anteilnahme an der politischen und gesellschaftlichen Macht begnügen müssenl Nur der Zweifel, ob die Masse„reif" ist für eine solche Ent- täuschung, macht den Herren noch einige Sorge! Bezeichnend ist es übrigens, daß in der süddeutschen liberalen Presse die Haltung der badischen Landtagsfraktion nicht mit den „besonderen" süddeutschen Verhältnissen, sondern mit den revi- sionistischen Anschauungen erklärt wird., politilcke(leberllcbr. Berlin, den 21. Juli 1910. Eiue agrarische Blamage. Englische Blätter wußten vor einigen Wochen zu berichten, die aus Deutschland zur Internationalen Landwirtschafts- ausstcllung nach Buenos Aires gesandten Rinder wären dort als stark tuberkulös befunden und deshalb sofort nach Hamburg zurückgeschickt worden. Bon agrarischen Blättern wurde damals diese Meldung bestritten und als ein faules englisches Konkurrenzmanöver hingestellt, dessen Zweck es lediglich sei, die deutsche Landwirtschast zu ver- dächtigen. Tatsächlich scheint jedoch die damalige Meldung völlig richtig gewesen zu sein, denn das„Hamburger Frenidenblatt" veröffentlicht in letzter Nummer folgende für das deutsche Agrariertum äußerst blamable Mitteilung: „DaS von der Internationalen Landwirtschaftlichen AuS- stellung in Buenos Aires als verseucht zurückgewiesene deutsche Sieh ist in Hamburg wieder eingetroffen. Vor einer von der Regierung in Berlin unter Führung von Geheimrat Nevermann hier eingetroffenen Kommission von ungefähr Li) Herren wurden sämtliche Stücke am Montag geschlachtet und genau untersucht. Die Untersuchung und ihr Ergebnis sucht man mit ängstlicher Peinlichkeit geheimzuhalten. Genaue Angaben lassen sich deshalb nicht machen. Schätzungsweise wurde bei 6V bis 70 Proz. der Tiere ganz stark vorgeschrittene Tuberkulose tatsächlich festgestellt. Die Krankheit zeigte sich teilweise in einem so vorgeschrittenen Stadium, daß man annehmen nmß. daß trotz der Untersuchungen bereits kranke Tiere zur Verschiffung nach Argentinien gekommen sind. Die Unter« suchungen werden vom Reichsgesundheitsamt in Berlin an der Hand von Präparaten weiter fortgesetzt. DaS Ergebnis auch dieser Untersuchungen geheim zu halten, liegt nunmehr kein Anlaß vor... Nach landwirtschaftlichen Ausstellungen wird bekanntlich nur das auserlesenste beste Vieh geschickt, und nun stellt sich dieses auserlesenste deutsche Vieh in Buenos Aires als höchst tuberkulös heraus, so daß ihm dort die Landung verweigert wird und es, um das argentinische Vieh nicht anzustecken, kurzweg zurückexpediert werden muß. Eine größere Blamage für die deutsche Viehzucht ist kaum denkbar! Und doch fordert das Agrariertum strengste Sperrung aller Grenzen, damit nur ja nicht das deutsche an- geblich absolut seuchenfreie Vieh durch das verseuchte hollän- dische, dänische und schweizerische Vieh infiziert wird! Die neue Militärvorlage. Wir haben gestern auf Grund der Mitteilungen der ultra» montanen„Germania" bereits die Ansicht ausgesprochen, daß die Regierung zwar nicht auf die Einbringung einer Militärvorlage im Herbst verzichten wolle, daß sie aber, um das Zentrum und die Kon- servativen nicht in eine arge Klemme vor den nächsten Reichstags- Wahlen zu bringen, vorläufig nur erst einen geringen Teil der zur Durchführung ihrer geplanten Heeresvermehrung nötigen Summen fordern werde, um dann später nach den ReichstagSwahlen um so höhere Forderungen zu stellen. Jetzt bestätigt in ihrer Naivität die „Deutsche Tageszeitung", daß die Regierung tatsächlich diese famose Taktik zu befolgen gedenkt. Sie schreibt: „Was aber den Umfang der Heeresvorlage anlangt, so wird man nicht fehlgehen, wsnn man der Vermutung Ausdruck gibt, daß die maßgebenden Stellen sich darauf beschränken werden, das zu fordern, was unbedingt notwendig ist. Auch das ist ziemlich sicher, daß die Mehr so rd eru ngen nichtsosort sämtlich in Erscheinung treten, sondern, wie es auch bei der letzten Heeresvorlage der Fall war, nach und nach, im Zeiträume des Jahrfünfts, für das die Vorlage die Stärke» Verhältnisse des Heeres regelt. Es liegt also durchaus kein Grund vor, sich über die Vorlage als solche, ihren Umfang und den Zeit- Punkt ihrer Einbringung besonders aufzuregen. Man darf zu der jetzigen Regierung das Vertrauen haben, daß sie das Notwendige unbedingt fordern, sich aber auch darauf beschränken werde. Für diese notwendigen Forderungen wird sie unzweifelhaft eine Mehr. heit im Reichstage finden; andernfalls kann sie mit gutem Gewissen an das Volk appellieren." Eine saubere Spekulation auf die geistige Beschränktheit. Noch ein Opfer der Kieler Woche? Der ultramontanen„AugSburger Post-Zeitung" wird aus Berlin gemeldet, daß zwischen dem Schatzsekretär Mermuth und dem Staatssekretär v. T r r p i tz wegen der Etatsaufitellung ein erbitterter Kampf ausgebrochen fei. Herr Mermuth habe einen starken Rückhalt, sowohl am Kaiser als auch am Reichskanzler. Auf. Mig sei e? schvst gewesen, dgß Herr V. Tirpitz bei seiner Anwesen- heil in Kiel vom Kaiser recht kurz behandelt worden sei. DaS ultramontane Blatt läßt durchblicken, daß die Tage der Amtstätigkeit des Herrn v. Tirpitz gezählt seien. Wie steht es«m die neue Wahlreform? Verschiedene bürgerliche Blätter haben die kürzlich von den „Kieler Neuesten Nachr." verbreitete Mitteilung bestritten, daß das preußische Staatsministerium sich mit der Frage der Ausarbeitung einer neuen Wahlreformvorlage beschäftigt hat. Demgegenüber hält das Kieler Blatt seine Mitteilung entschieden aufrecht. Es stünde, versichert es, absolut fest, daß in der letzten Sitzung des preußischen Staatsministeriums der erste Gegenstand der Beratung die Frage der kommenden Wahlreform gewesen sei. Zu den Mel- düngen über die sogenannte„mittlere" Politik des Kanzlers tveiß eS aus bester Quelle zu berichten: Von einer Ausschaltung der Konservativen könne absolut kein« Rede sein. Der Reichskanzler suche vielmehr einen Modus zu schaffen, in dem sich unter Ausschal- tung der extremen Elemente auf beiden Seiten die bürgerlichen Parteien begegnen könnten. Mit anderen Worten also: Herr von Bethmann will versuchen, den alten konservativ-klerikal-nationalliberalen Block wiederherzu- stellen. �_, „Wer Knecht ist, soll Knecht bleiben." Die Aufsehen erregenden Aeußerungen des Bischofs Henle von Regensburg lauten nach dem Stenogramm der Reichsratssitzung vom 12. Juli: „Hohe Herren! Ich bin leider veranlaßt, Seiner Exzellenz dem Herrn Verkehrsminister in einer seiner Aeußerungen, die von ganz be- sonderer Tragweite ist, widersprechen zu müssen. Seine Exzellenz haben zwischen Christentum und Sozialdemokratie eine Analogie ge- zogen. Hohe Herren! Zwischen der Sozialdemokratie und dem Christen- tum besteht gar keine Analogie weder in den Zwecken und Zielen, also weder in der Tendenz noch in ihrer gegenseitigen EutwicklungS- geschichte. Seine Exzellenz haben hingewiesen auf die soziale Ent« Wicklung des Christentums. Das Christentum hat sich mit der sozialen Frage Jahrhunderte lang nicht beschäftigt. Wenn Seine Exzellenz die Güte haben wollten, die Paulinischen Briefe nachzulesen, so würden Sie aus denselben entnehmen, daß der Apostel Paulus beständig dahin gewirkt hat, sich in die gegebenen Verhältnisse zu schicken. Wer Knechtist.sollKnechtbleiben, wenn ernichtfrei- willig von seinem Herrn der Knechtschaft ent» hoben wird. DaS Christentum hat also mit der Sozialdemo. kratie in Beziehung auf sein« Entwickelungsgeschichte und seine Stellung zur sozialen Frage auch nicht die geringste Berührung. DaS möchte ich hier konstattert haben." Interessant ist die Tatsache, daß die Zentrums-Zeitungen zu der Rede des Bischofs nichts zu schreiben wußten; interessant auch die weitere Tatsache, daß das führende Organ der Zentrumspartei, die„Augsburger Postzeitung", die Worte des Bischofs in der Weise fälschte, daß sie in dem Satze „das Christentum hat sich mit der sozialen Frage Jahrhunderte lang nicht beschäftigt". das entscheidende„nicht" einfach ausgelassen hat. Hie Bassermann— hie Schiffer! In der nationalliberalen Partei tobt noch immer der Kampf um Bassermann. Während die einen seinen Rücktritt aus dem parlamentarischen Leben verlangen, damit eine so- genannte„Basis" zur Wiederverständigung mit den Konser- vativen geschaffen loerde, drohen die anderen mit schärfster Ab- rechnung, falls ihr unersetzlicher Bafsermann aus der Partei hinausgedrängelt werde. So wird heilte der„Köln. Ztg." aus„Kreisen der nationalliberalen Partei" geschrieben: „Da der Erklärung, daß Ernst Basiermann kein Reichstags- Mandat mehr übernehmen wolle, nicht widersprochen worden ist, wird man sich der Möglichkeit, diesen bewährten Führer anS- scheiden zu sehen, nicht länger verschließen dürfen. Diese Möglich» keit aber hat in weitesten Kreisen seiner Parteigenossen Sorge und Unwillen erregt. Wenn freilich Gesundheitsrücksichten Basser» mann zwingen, sich zurückzuziehen, so müssen alle anderen Wünsche schweigen, dann wird man sich auch mit der Sorge darum, daß eigentlich niemand da ist, der ihn ganz ersetzen könnte, abfinden müssen. Ist es aber wahr, was hie und da behauptet wird, daß Bassermann unter einem äußeren politischen Druck seinen Platz räume, weil dem rechten Flügel der Partei seine Anschauungen zu radikal seien, und weil sich kein sicherer ReichStagssitz für ihn finden lasse, so ist der Unwille, den ein solcher EgoiSmuS hervorgerufen hat. in der Tat gerechtfertigt. um so mehr, als damit der Schein an Berechtigung gewinnt, als ob Bassermann weichen müsse, weil die„Kreuz-Zeitung" nicht müde wird, seinen Kopf als den Preis zu fordern, che die Konservativen ich dazu verstehen wollen, die Beziehungen zu den Nationalliberalen wieder anzuknüpfen... Ist eS wahr, daß man Basscrmann auf dem Altare der Partei- einheit opfern will, oder auch nur, daß keiner seiner FraltionS» genossen bereit sei, dein Führer auf seinem Rcichstagssitze Platz zu machen, so werden die Wähler und die Oeffentlich» keit das Bedürfnis haben, darüber ein Wort mit» zureden, ebenso wie eS ihr Recht ist, darüber aufgeklärt zu werden, ob Bassermann, mit dem sie im Laufe der Jahre doch auch persönliche Fühlung genomnien haben, wirklich so krank ist, daß er aus dem politischen Leben zurückziehen muß." Elektrisierung der bayerischen Eisenbahnen. Die bayrische Kammer der Abgeordneten hat heute sechs Mil- lionen Mark als erste Rate zum Bau eines Walchenseekraftwerks iir Elektrisierung der Eisenbahnen und zur Abgabe elektrischer Kraft an Private bewilligt._ Die Choleragefahr im Osten. In den russischen Westgouvernements greift die Seuche immer weiter um sich. Daß die russische Regierung unfähig ist, der Gefahr wirksam entgegenzutreten, ist längst erwiesen. Die preußische Ver- waltung ist zwar bemüht, Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen und trifft auch solche, soweit sie den Grenzverkehr angehen; auch die Ueber. gänge an den Gewässern werden sorgfältig übevwacht; aber im Lande selbst mangelt es noch an geeigneten Vorschriften, um der Gefahr vorzubeugen. Als im Jahre 1908 einzelne Erkrankungen im Lande festgestellt wurden, da wurden auch Verhütungsmaßregeln ergriffen, um die Gefahr abzuwenden. So namentlich wurde ver- boten, daß die Schiffer des Netze, und Warthedistrikts Wasser aus diesen Gewässern entnehmen durften. Auch wurde die Brom» berger Schleppschiffahrt-Aktiengesellschaft angehalten, Trinkwasser. Einnahmestellen zu errichten. Den Schiffern wurden von der Ge» ellschaft Wasserbehälter zur Verfügung gestellt. Im Jahre 1909 wurde bei der sich jedes Jahr wiederholenden Choleragefahr der Genuß von Flußwasser verboten. Aber die Wussergesäße waren außer Betrieb gestellt und blieben außer Betrieb. In diesem Jahre nun steht die Choleragefahr wieder vor den Grenzen, VerhaltungS- maßregeln sind bereits erlassen, aber die Flößer und Schiffer sind nach wie vor gezwungen, Wasser zu Trink- und Kochzwecken aus der Netze und Warthe zu entnehmen. Wie es scheint, müssen erst Choleraerkrankungen vorliegen, ehe die Regierung die Gesellschaft anhält; die Kübel wieder zur Perfügung zu stellen tlüd Wesses» Einnahmestellen zn errichten. � Oesierreichische Parteifragen und dle„Deutsche Tageszeitung". Es mag für die tschechischen Sozialdemokraten, die jetzt in Oesterreich daran sind, die Partei zu spalten und die Gewerkschaften zu zersplittern, recht unangenehm sein, daß sie sich mit ihrem Tun die Sympathie der—„Deutschen Tageszeitung" erwerben, die sich am Dienstag in einem Leitartikel mit dem„Krach in der öfter» reichischen Sozialdemokratie" befaßt. Der Schreiber dieses Ar» tikels ist angeblich ein Deutschösterreicher, nach manchen seiner Ver- drchungen möchte man ihn sogar für einen Deutschradikalen Oester» reicher halten. So, wenn er behauptet, daß die bürgerlichen Tschechen im Wiener Parlament die tschechischen Genossen stets an ihrer Seite haben, selbst wenn sie noch so wahnwitzige vöMsche For- deruagen stellten. � Das ist nicht wahr; der Schreiber bringt auch keinen Beweis dafür. Er vergißt aber auch, festzustellen, daß die tschechischen Sozialdemokraten gemeinsam mit denen der anderen Nationen die tschechisch-bürgerliche Obstruktion bekämpften. Lächer- lich ist es, wenn der Krachstudent des Oertelblattes die tschechischen Arbeiter gleich Hussitenschwärmen inS deutsche Sprachgebiet einfallen läßt, ohne mitzuteilen, daß die deutschen Unternehmer durch ihre Schandlöhne, ihren Terror und ihre Ausbeutung die einge- sessenen deutschen Arbeiter zu Tausenden über die Grenze nach Deutschland und Amerika treiben, wie man dies in den Hochsitzen der Deutschnationalen, in Asch, Trautenau, Braunau usw. am besten bestätigt finden kann. Aber wozu denn in die Ferne schweifen? Vielleicht beschäftigt sich das edle Organ„Für deutsche Art!" doch endlich mal mit der Frage, warum die deutschen Großgrundbesitzer alljährlich Zehntausende billiger und oft noch sehr unkultivierter Feldarbeiter aus Mähren, Galizien, Ungarn und Rußland inS deutsche Land hereinziehen und warum das urdeutsche, nieder« sächsische Westfalen zu einem neuen Polenlande werden mußte. Die Frage dürfte der„Deutschen Tageszeitung" näher liegen und ihre Untersuchung nützlicher sein als das Kopfzerbrechen über die Zü« kunft dex österreichischen Sozialdemokratie. franfemch. Eine Auslieferungsaffäre. Paris, 20. Juli.(Eig. Der.)' 1 Die fraanzösische Regierung hat an das Auswärtige Amt in Lon« don eine Note gerichtet, in der sie die Freilassung des Inders Sa« v a r k a r oder seine Ueberstellung an die französischen Behörden fordert. Hoffentlich wird dieser Schritt genügen, den Mißgriff gut zu machen, den französische Gendarmen in Marseille begangen haben. Savarkar, ein junger Schriftsteller, der der indischen Na» tionalistenpartei angehört und unter anderem der Verfasser eines Buches über den Ausstand von 19S7 ist, war in England verhaftet und auf ein Schiff gebracht worden, das ihn nach Bombay tranS- Portieren sollte. Im Hafen von Marseille gelang eS ihm indes, eine Luke zu öffnen und schwimmend zum Kai zu gelangen. DaS Geschrei der englischen Detektivs, die dem Gefangenen zur Aussicht beigegeben worden waren, lockte Gendarmen herbei, die auf die lügnerische Versicherung hin, daß es sich um einen Deserteur handle, Savarkar sofort auslieferten. Glücklicherweise konnte der Tat, bestand rechtzeitig festgestellt werden. Die„Humanite" erhob nach» drücklichen Protest gegen die gesetzwidrige Auslieferung eines po» litischen Flüchtlings und Genosse JaureS intervenierte beim Mi, nister des Auswärtigen. Die von diesem angestellte Untersuchung ergab die völlige Rechtswidrigkeit der Auslieferung. Selbst wenn es sich um einen Deserteur gehandelt hätte, der gemäß dem für De- serteure geltenden Auslieferungsvertrag zwffchen Frankreich und Großbritannien zu übergeben gewesen wäre, hätten die französi- scheu Polizeiorgane der englischen Regierung nicht direkte Hand, langcrdienste leisten dürfen, sondern den Flüchtling der franzöfi, scheu Behörde überstellen müssen. Als politisch Verfolgter aber war Savarkar durch das Betreten französischen Territoriums ohne weiteres den strafrechtlichen Ansprüchen der englischen Justiz ent, zogen. Es liegt also eine offenbare Verletzung des Afhlrechts vor, an der neben dem instruktionswidrigen Verhalten der französischen Gendarmen die falschen Angaben der englischen Polizisten schuld tragen. Die englische Regierung wird wohl nicht umhin können, dem ftanzösischen Protest Folge zu geben und dem Gefangenen die Freiheit zurückzugeben, die er durch seine Flucht auf französijdjeq Boden rechtsgültig erlangt hat. Lelgien. Ein jubilierendes vlämisches Parteiblatt. Man schreibt uns aus Brüssel: Gestern hat der Gent'er „Vooruit"(„Vorwärts"), der Namensbruder der mächtigen Genter Arbeitergenossenschaft, der Anwalt des armen, versklavten. unwissenden Vlämenvolkes, sein LbjährigeS Bestehen gefeiert. Wie die Cooperative hat auch er aus winzigen Anfängen, aus dem IftchtS sich emporarbeiten müssen. Mit 700 Lesern fing der„Vooruit" sein Dasein an— eh» Exemplar„nicht größer als ein Taschentuch". Heute— für das arme, ausgesogene Flandern kein kleiner Triumph— hat er eine feste Leserschar von 31 000 Personen. Sein EnttoickelungKweg ist der typische der proletarischen Presse, nur noch verschärft durch die besonderen, den Auswirkungen der klerikalen Fesselung des GessteS geschuldeten Verhältnisse. Man hat seine Redakteure verleumde� inS Gefängnis geworfen, ihn mit Geldstrafen zugrunde zu richten. seine Verbreitung in schimpflichster Wesse zu hintertreiben ver» sucht. Wer er hatte etwas von der sehnigen Kraft deS vlamischen Volkes, das nach einem vtelzitierten Wort seines poetischen Ver, herrlicherS, Charles de CosterS, schlafen,„aber niemals sterben kann".... Heute ist der„Vooruit", mit dem A n s e e l e S Namen wie mit der Cooperative verknüpft bleibt, nicht nur An- walt und geistige Nahrung für die Arbeiter der beiden Flandern, er ist auch ein Organ, das eine ansehnliche und beachtete Stellung genießt. Wenn es heute auf der vlamischen Linie, von Brüssel über Gent und Brügge bis nach Courtrai zur französischen Grenze hin, heller geworden ist, wenn in dem ärmsten, euSgesogensten Stamm des Landes, das neben seinem KlerikaliSmuS noch den Ruhm der längsten Arbeitzeiten und schlechtesten Löhne genießt, in den Vlamen, der Wille zur Freiheit und Vermenschlichung auflebt, so ist das im wesentlichen ein Verdienst des„Vooruit".— Mit echter Begeisterung ist denn auch don der belgsschen Arbeiterbevölkerung sein Jubiläumsfest begangen worden, in dem neben dem Ernst der Festreden, die. rückschauend und vorwärts weisend, der Arbeiter» kämpfe gedachten, die tiefwurzelnde Fröhlichkeit des vlamischen Volkes. Sang und Musik, und der übrige bunte Festaptzzrat zu reichster Geltung kamen.,»■ Cnglanck. Kein Erfolg der Arbeiterpartei. London, 20. Juli. Im Wahlbezirk Kirkdale- Liverpovl wurde für den verstorbenen Unionistcn Mac Arthur der Unionist Kyffin Taylor mit 4263 Stimmen gegen den Arbeitertandidaten Eameron gewählt, der 3427 Stimmen erhielt. Bei der letzten Wahl betrug die Mehrheit der Unionifteu über die der Arbeiterpartet 423 Stimmen. Cürkeu Der Gehcimbund. Konstantinopel» 20. Juli. Es verlautet in türkischen Kreisen, daß ein ehemaliger Grotzwesier die Oberleitung des Gcheimkomitees hatte. Die Polizei nahm weitere Verhaftun- gen vor, die sich auch auf die Kreise zur Ruhe gestellter Ossi- ziere erstrecken. Es verlautet, daß weitere Verhaftungen be- vorstehen, auch werden die Namen einiger mitschuldiger Deputierten genannt,'' Hus der Partei. Aus der holländischen Partei. Der außerordentliche Parteitag der S. D. A. P. zu Deventer, der den Ausschluß der drei„Tribüne"-Redakteure und die Spaltung der holländischen Partei zur Folge hatte, gewährte der in der Partei verbliebenen marxistischen Minderheit eine einmal wöchentlich er- scheinende Beilage zu.Het Boll�. Die Genossin Frau Henr. R o- land-Holst und Genosse F. M. W i b a u t hatten gemeinschaftlich die Redaltion dieses Wochenblattes übernommen. Seine Kritik der Partei und speziell der Kammerfraktion, insbesondere jene, die von der Genossin Roland-Holst herrührten, fanden auf dem diesjährigen Parteitag der S. D. A. P. zu Leuwarden seitens der übergroßen Mehrheit der revisionistisch gesinnten Delegierten scharfe Zurück- Weisung. Seit Mitte Mai wurden dann keine Artikel von Roland- Holst mehr veröffentlicht und vor einigen Tagen teilte.Het Volk" auf Ersuchen der Genossin mit, daß sie in keiner Weise mehr als Rednerin in der Arbeiterbewegung auftreten könne.— Ihr Mit- redakteur, F. M. Wibaut, teilt nunmehr im letzterschienenen .Weekblad" mit, daß die Genossin Roland-Holst dem Parteivorstande der S. D. A. P. mitgeteilt habe, daß sie ihr Amt als Redaktrice niedergelegt habe. Er selbst, der bei Antretung der Redaktion erklärt habe, daß er diese Aufgabe ohne Frau Holst nicht über- nommen hätte, habe beschlossen, die Redaktion von„Het Weekblad' weiterzuführen und habe sich mit dem Parteivorstand wegen eines neuen Mitredakteurs in Verbindung gesetzt. » Der Parteivorstand der S. D. A. P,, der durch UrWahl gewählt wird, ist nunmehr nach verschiedenen Wahlgängen wie folgt zu- sammengcsetzt: W, H. V liegen, erster Vorsitzender; I. G. van K u y I h o f, Schrift- und Kasscnführer; F. M. W i b a u t, zweiter Schriftführer: diese bilden den Ausschutz. Ferner I. H. Schaper, zweiter Vorsitzender; H, Spiekman; L. M. HermanS; F. van der Goes; P. I. T r o e I st r a und M. Mendels. • Als Delegierte zum Internationalen Kongreß zu Kopenhagen entsendet die holländische Sektion: die S. D. A. P. sieben Delegierte und zwar die Genossen van Kol, Schaper, Troelstra, Vliegen, Wibaut, Duys und Mendels; die S. D. P. zwei Delegierte und zwar die Genossen Herm. G o r t e r und D. I. W y n k o o p; der Verband der Diamantarbeiter zwei Delegierte, der der Zigarren- und Tabakarbeiter einen Delegierten. Aus dem österreichischen Partcilebcn. In einem Rückblick auf die seit dem letzten Parteitag zu Reichenberg verflossene Zeit unter- sucht die„Wiener Arbeiterzeitung�, welchen Einfluß diese Tagung ge- übt und inwieweit ihre Absichten ausgeführt wurden. DaS Zentral- organ unserer deutschen Genossen in Oesterreich konstatiert Günstiges. Die N e u o r g a ni sa ti on ist selbst in Wien, wo sie amaller- schwierigsten war, so weit gediehen, daß in den politischen Vereinen 30 000 Mitglieder vereinigt sind, zu denen natürlich noch etwa die gleiche Zahl jener Genossen kommt, die bloß daS Wochenblatt der niederösterreichischen Landespartei, die„VolkStribiine* abonniert haben. Sehr viel ist aber für die B i l d u n g s a r b e i t geleistet worden. In der Provinz, die mangels der Großstädte viel ärger daran ist als die Provinz im Deutschen Reiche, wurde überall daS menschen- möglichste geleistet. Selbst sechs und mehr Schuellzugstunden von Wien entfernt ivurden durch drei bis sechs Sonntage Vortrags- zykleu von Wiener Genossen, von Dr. Nenner, Dr. Otto Bauer, Dr. Danneberg, Winarsky u. a. ab« gehalten, von der Arbeit, die in der Provinz selbst geleistet wurde, gar nicht zu sprechen. In den nächsten vier Wochen wird in Boden- dach eine Parteischule für das nördliche Böhmen abgehalten werden. Der UnterrichtSanSschuß der Wiener Arbeiterorganisationen aber, dessen Sekretär Genosse Danneberg ist, hat vom 1. Juli 1909 bis 30. Juni 1910 nicht weniger als 2000 Vorträge abhalten lassen, die Bibliotheken werden dank planmäßiger Förderung besser benutzt und Ottakring, der 16. Bezirk, ist mit der Errichtung einer Kinder« bibliothek vorangegangen. Diese Arbeit ist auch wahrlich nötig; forderte doch letzthin die.Christlichsoziale Arbeiterzeitung' die Priester— nicht die des Gottes Nimm, sondern die in den Schulen die Religion lehren— ganz ernstlich auf, schon in der Schule auf die klerikalen Jünglingsvereine auf- merksamzumachen. In dem gleichen Jahre hat der Wiener Unterrichtsausschuß auch Unterrichte in Elementarfächern, Schrift- zeichnen, usf. niit 2000 Unterrichtsabenden veranstaltet. polizeiliches, Ocrichtlichcs uftr. Verurteilter Staatsverbrecher. Zu einer Geldstrafe von 60 M. oder 6 Tagen Gefängnis verurteilte die Strafkammer des Land- gerichtS in Danzig den Parteisekretär Genossen August Horn aus Stettin wegen Beleidigung des Polizeikommissars Schlickriede. Die Beleidigung soll bei Auflosung einer öffentlichen Versammlung am 26. November 1909 in Danzig durch die Worte:„Sie dürfen die Versammlung wegen Eintritts der Polizeistunde nicht auf- lösen, Sie haben keine Ahnung von dem neuen Vcreinsgesetz,' begangen sein. Der Angeschuldigte bestritt, die Redewendung: „Sie haben keine Ahnung' gebraucht zu haben. Der Polizei- iommijsar Schlickriede beschwor als Zeuge, daß diese Worte ge- fallen sind, und so erfolgte die Verurteilung. Der Staatsanwalt wollte dieses Verbrechen sogar mit 150 M. gesühnt wissen. Freigesprochen wurde Genosse S ch o ch von der.Niederrhein. Arbeiter-Zeirung' in Duisburg von der Anklage, die Gemeinde- Verwaltung in Hamborn beleidigt zu haben. In einem Artikel unseres Duisburger Parteiorgans wurde die Kanalisation in Hain- born einer Besprechung unterzogen und dabei klargelegt, daß die Gemeinde mit dem Kanalbau durch die betreffende Unternehmer- firma bemogelt werde und daß der die Kanalanlage beaufsichtigende Beamte nicht nur den Sachverhalt kenne, sondern die Mogelei auch noch begünstige. Es war auch in dem Artikel genau angegeben, in welcher Weise die Unternchmerfirma auf Kosten der Sicherheit der Kanalschächte den Extraprofit herausschlage. In der Verhandlung wurde der Wahrheitsbeweis in Vollem Umfange erbracht. DaS Gericht sprach aus, daß zweifellos der Beamte, der die Aufsicht über die ordnungsgemäße Ausführung des Kanalbaues hatte, durch G e Ich g e f dj e n k e vom Unternehmer seine Unabhängigkeit diesem gegenüber eingebüßt, mit ihm.Hand in Hand' gearbeitet und die„Augen zugedrückt' habe. Der Bauführer, Walgenbach ist sein Name, hatte unter Eid bekundet, daß er von den Ordnungswidrigkeiten nichts wisse und daß, wenn wirklich so wie die Zeitung behauptet habe, gearbeitet sei. dann ja Gefahr bestehe, daß der Schacht zusammen- stürze! Daher sei eS.ganz ausgeschlossen', daß die Angaben richtig sein könnten. S o d i e erdliche Aussage des Beamten! Und dann das Resultat I Selbst der Staatsanwalt erklärte, daß die Staats- j anwaltschaft wahrscheinlich keine Anklage erhoben haben Würde, wenn fie den Sachverhalt genauer gekannt hätte. Metzehde orbeMcheSetteralvttsaWjlltits desDeuWu TabMrbeittroertmdes. Braunschweig, 20, Juli. Tritter BerhandlungStag. Am Mittwoch morgen begann die Generaldebatte über die zum Statut, Streik- und Wahlreglement gestellten Anträge. Anträge, die sehr weitgehende und schtverwiegende Aenderungen herbeiführen wollten, lagen nicht vor. Da die Situation im allgemeinen einer Beitragserhöhung wohl nicht günstig ist, io waren nur aanz der- einzelte Anträge eingegangen, welche die Beiträge um ein'Geringes zu erhöhen bezweckten. Dagegen suchten eine größere Anzahl Filialen eine A e n d e r u n g in der Beitragszahlung, an Stelle der gegenwärtigen sechsklassigen Beitragsstaffelung eine solche in vier oder gar in zwei Klassen(eine für männliche und eine für weibliche) einzurichten. Wohl war verschiedentlich eine wesentliche Erhöhung des Eintrittsgeldes gefordert, ein Antrag Kre- fcld ging so weit, 1 Mark als Normalsatz und 2 Mark für wieder- holt Eintretende zu fordern. Dem Antrag wurde in zutreffender Weise entgegengehalten, daß es für eine moderne Gewerkschaft nicht angängig ist, sich gewissermaßen mit einer chinesischen Mauer abzu- schließen durch ein fast unerschwingliches Eintrittsgeld. Wenn zwar nicht die Beiträge, so hatten die Sähe der der- schiedenen Unterstützungsarten zu erhöhen um so mehr Filialen beantragt. H e i l b r o n n hatte der geforderten Erhöhung der Streik-, Gemaßregelten- und Krankenunterstützung den jedesmaligen ausdrücklichen Vorbehalt angefügt:„ohne die Beiträge zu erhöhen', jedoch nicht gesagt, wo der Verband denn die Mittel hernehmen sollte, die erhöhten Unterstützungen zu zahlen. Zwei Filialen hatten allerdings auch beantragt, die obligatorische Krankcnunterstützung zu einer fakultativen zu machen, eine andere, die Sterbeunter- stützung ganz abzuschaffen, während drei weitere Orte die Karenz- zeit zum Anrecht auf Krankenunterstützung für Neueintretende von 26 Wochen auf ein Jahr heraufgesetzt wissen wollten. Diese letzte Neuerung wurde von Hübsch(Generalkommission) dringend zur Annahme empfohlen. Er wies darauf hin, daß heute nur noch ganz wenige Organisationen diese einjährige Karenzzeit nicht eingerichtet haben. Dann warnte er nochmals vor jeder stärkeren Unter- stützungsbelastung und berechnete, daß allein durch den Wegfall der dreitägigen Karenzzeit bei der Krankenunterstützung, wie verjchie- dene Filialen es wollen, eine Mehrausgabe von mindestens 12 000 Mark entstehen würde. Ein Antrag wollte, daß Werkmeister in Zukunft nicht aufge- nommen würden, da man verschiedentlich die böse Erfahrung machte, daß Werkmeister ihre Mitgliedschaft benutzen, um in den Verfamm- lungen zu horchen und Mitglieder und Verband zu schädigen. Von einem Breslauer Delegierten wurde die Bildung einer Jugend- abteilung erwogen, nach dem Muster, wie sie kürzlich der Tex- tilarbeiterverband geschaffen. Ebenfalls war lebhafte Stimmung für die Beschickung der von der Generalkommission eingerichteten Gewerkschaftskurse vorhanden, an denen der Tabakarbeiterverband bisher aus den verschiedensten Gründen noch nicht teilnehmen konnte. Den so zahlreich beantragten Erweiterungen der Unter- stützungseinrichtungen traten aber viele Delegierte energisch ent- gegen mit der Darlegung, daß die Hebung der Lage der Arbeiter durch Unterstützungseinrichtungen immer nur Mittel zum Zweck, der eigentliche Selbstzweck des Verbandes aber die Hebung der Lage der Arbeiter durch die schärfftmöglichste Führung des Kampfes sei. Eine Richtung strebte zur stärkeren Gewinnung weiblicher Mit- glieder eine ganz niedrig« Beitragsklasse an, in der nur Streik- und Arbeitslosenunterstützung, dagegen keine Kranken- und Wöch- nerinnenunterstützung zur Auszahlung kommen sollte. So zeigten die Meinungen und Bestrebungen, wie dem Verbände am besten vorwärts zu helfen ist, eine bunte Vielseitigkeit, die aber in der Ver- schiedenartigkeit der Verhältnisse begründet liegt, unier denen in den einzelnen Bezirken die Produktion vor sich geht und die Agita- tion zur Gewinnung der Berufsgenossen von den verschiedensten Faktoren beeinflußt wird. Den Standpunkt des Vorstandes vertrat in ausgiebiger Weise der Vorsitzende Deich mann. Er warnte � vor grotzen—Experi- menten. nach denen die Zeit nicht angetan sei, und ersucht, alle die Anträge auf Aenderung der Beitragsklassen, des Wahlreglements usw. dem Vorstand zu überweisen, damit der nächsten Generalver- sammlung dann eine entsprechende Vorlage unterbreitet werden kann. Er war bei der Wöchnerinnen-, Kranken- und Arbeitslosen- Unterstützung mit kleinen, von ihm näher erläuterten Erweiterungen einverstanden. Damit jedoch die Mittel zur Führung der Kämpfe dadurch nicht geschmälert würden, empfahl er als Aequivalent die Erhebung von Lokalbeiträgen und die scharfe Jnnehaltung der nach der Dauer der Mitgliedschaft gezogenen Staffelung bei der Aus. zahlung der Arbeitslosenunterstützung.— Sämtliche Anträge wur- den schließlich an eine Dreizehnerkommission verwiesen. Soziales. GewerbegerichtSwahl in Etolp. Einen glänzenden Sieg erzielten die freien Gewerkschaften bei der Gewerbegerichtswahl im Stolp in Pommern. Bekanntlich war die Wahl im vorigen Jahre, wo die Gewerkschaften mit einer Majorität von 30 Stimmen den Sieg davontrugen, für ungültig erklärt worden. Nach einem Jabre fand nun am 19. Juli die Neuwahl statt. ES erhielten die Kandidaten der freien Gewerkschaften diesmal 878 Stimmen, der nationale Mischmasch brachte eS nur auf 645 Stimmen, trotz wüstester Agitation. In Pommern wird'S hell. Unfallursachen. Die Oberflächlichkeit so mancher ärztlicher Gutachten zu un- gunsten deS verletzten Arbeiters lehren recht viele Unfallprozcsse, so auch der nachstehend geschilderte: Der Lokomotivführer Paul L. hatte am 6. August 1908 durch Betriebsunfall eine Quetschung der rechten Schulter und Brust so-� wie eine Kontusion des Kopfes erlitten. Am 25. Januar 1909 ist L. verstorben. Die Witwe des L. stellte bei der Tiefbau-Berufs- genossenschaft den Antrag auf Hinterbliebenenrente. Gleichzeitig beanspruchte sie als Erbin ihres Mannes bis zu seinem Todestage die Vollrente, da ihr Ehemann nach der 13. Woche bis zum Todes- tage völlig erwerbsunfähig gewesen ist. Die Berufsgeiiossenschaft lehnte die Entschädigungspflicht für die Witwe sowohl wie die bis zum Todestage verlangte Vollrcnte ab. Den ablehnenden Stand- punkt begründet sie damit, daß L. seit dem 8. Dezember 1908 nur noch an geringer Behinderung in der Beweglichkeit des rechten Schultergelenks und Herabsetzung der rohen Kraft des rechten ArmS gelitten habe. Dafür sei eine Rente von 30 Proz. auS- reichend. Das Magenleiden stehe mit dem Unfall in keinem ur« sächlichen Zusammenhange. Für diese Annahme stützte sich die Berufsgenossenschaft auf daS Gutachten des ersten behandelnden ArateS Dr. I., der bekun- dete,„von einer Kopfverletzung wurde nichts wahrgenommen, ob- gleich auch dieser Körperteil untersucht wurde", und des Professors Dr. Sch., der es für ausgeschlossen hielt, daß der Schädelbruch am 6. August stattgefunden habe. Es müsse die Kopfverletzung sich der Ehemann später außerhalb des Betriebes zugezogen haben. Die Witwe legte gegen den Bescheid Berufung beim Schieds- gericht für Arbeiterversicherung in K. ein. Sie machte geltend, daß der Schädelbruch bei dem Unfall stattgefunden hat. Denn ihr Mann sei. als die Maschine mit den vier Wagen die Böschung herunterstürzte, im letzten Augenblick, ehe die Maschine in den Fluß (die Murg) kippte, abgesprungen. Hierbei ist L. mit dem Kops aus Steine aufgeschlagen. Wenn nun auch eine offensichtliche Kopf- Verletzung nicht festgestellt werden konnte, so scheine es dennoch hin- reichend wahrscheinlich, daß bei dem Sturz ein Schädelbruch statt» tzefmide» bat. Dafür spricht der»Mimt», daß der Verstorbene unmiftelbÄ nach d'eK Unfall über starke Kopfschmerzen klagte unL sobald er den Kopf nach unten beugte, starken Schwindel und Uebel« keitsgesühl mit Erbrechen hatte. Das Erbrechen, welches von den Aerzten der Berufsgenossenschaft auf ein Magenleiden zurück- geführt wurde, müsse als ein rein nervöses Leiden aufgefaßt werden, das seine Erklärung in dem durch die Obduktion sest« gestellten Schädelbruch finde. Das Schiedsgericht forderte ein ärztliches Obergutachten von dem Herrn Professor Dr. C. B. in Berlin ein. Dieser bejahte den ursächlichen Zusammenhang zwischen Tod und dem am 6. August 1908 erlittenen Betriebsunfall. In dem Schluß- resümee des Obergutachtens heißt es:.. in Anbetracht endlich des Umstandes, daß weder vor noch nach dem 6. August 1903 ein anderer ähnlich gearteter Unfall, der als Ursache der Verletzungen in Frage kommen könnte, nachgewiesen ist, begutachte ich auf Grund des Sektionsergebnisscs und der sonstigen Feststellungen nach bestem Wissen und Gewissen, daß die bei der von mir vor» genommenen Sektion des L. gefundenen Schädel-, Hirnhaut- und Gehirnverlctzungen, die durch Hinzutreten von Hirnhautentzündung und Gehirnwassersucht den Tod des L. bedingten, mit größter Wahrscheinlichkeit als Folgen des am 6. August 1908 erlittenen Betriebsunfalles angesehen werden müssen.' Nunmehr erklärte sich die Tiefbau-BerufSgenossenschaft— auf Grund des ärztlichen Gutachtens— bereit, den Tod als Unfallfolge anzuerkennen. Die Witwe erhält ihre Rente. Auffallend ist die Oberflächlichkeit der Aerzte der Berufs- genossenschaft. Selbst Laien ist bekannt, daß auch da, wo ein Schädelbruch nicht stattfindet, heftige Erschütterungen, wie sie beim Sturz und Fall sich ereignen, Gehirnerschütterungen, innere Blutungen und Erbrechen nach sich ziehen. Den Aerzten der Be- rufsgenossenschaft genügte aber, daß äußere Verletzungen deS Kopfes nicht wahrgenommen wurden, um ein der Witwe un- günstiges Gutachten abzugeben. Eue Industrie und Kandel. Ein Vankbruch? Seit einiger Zeit verlautet an der Börse, daß die Nieder- deutsche Bank mit Schwierigkeiten zu kämpfen habe. Die Ge« rüchte wurden zuerst dementiert, bald aber mußte die Bank- leitung bekanntgeben, daß Aufsichtsrat und Vorstand des Instituts auf Anregung der Banken dieDeutscheTreuhand-Gesell« s ch a f t beauftragt habe, unverzüglich eine Revision der Gesamtverhältnisse auszuführen. Weiterhin gab die Bank bekannt, daß sie für alle Fälle gerüstet sei; es verlautete, daß ihr von Mitgliedern des Aufsichtsrates und von Großbanken erhebliche Mittel zur Verfügung gestellt worden waren. Es herrschte viel- fach die Anschauung vor, daß eine Ordnung der Verhältnisse sich nunmehr in Ruhe vollziehen werde. Allein am 14. Juli teilte die Bank mit, daß infolge der Revision durch die Deutsche Treuhand« Gesellschaft ihre Kassen drei Tage lang geschlossen bleiben. Daß die Kassenschließung auf die Dauer von drei Tagen nicht allein durch die Revision bedingt wurde, konnte keinem Zweifel unterliegen, ähnliche Revisionen in noch viel größerem Umfange erfolgen häufig genug, ohne daß dadurch etwa eine Stillegung des Betriebes erforderlich wird. Bald stellte sich nun die Notwendigkeit einer Hilfsaktion heraus und die Reichsbank ergriff dazu selbst die Initiative. Herr Bassermann forderte noch dazu in einem Telegramm die Regierung auf, alles zu tun, um der Bank zu Hilfe zu kommen. Bis jetzt haben die Beratungen der Banken noch zu keinem Resultat geführt. ES scheint aber sicher zu sein, daß das Aktienkapital von 12 Millionen Mark alS verloren anzusehen ist. Fraglich ist nur. ob wenigstens dis Gläubiger voll befriedigt werden können. Man chckt die Enkwickelüng det Niederdeutschen Bank, die in den letzten Jahren in einem Eiltempo Erweiterungen vornahm, in Fachkreisen vielfach mit Skepsis betrachtet, der Ausdehnungs- drang schien schon früher nicht unbedenklich. Sie ging aus der Westfälischen Bankkommandite Ohm, Hernekamp u. Co. hervor. die neue Firma hat sie im Mai 1909 angenommen. Im Jahre 1907 übernahm sie die Bankfirmen I. Schwabe u. Co. in Göttingen, C. Breusing in Osnabrück und Wolfs u. Zomber in Bremerhaven, die als Zweigniederlassungen fortgeführt wurden. 1908 wurde der Spar- und Kreditverein in Godesberg übernommen, im Jahre 1909 erfolgte die Uebernahme der Bankfirmen Louis Wolff in Hamburg und C. W. Schmitzdorff in Brandenburg a. d. Havel sowie die Uebernahme der Kreis Vergheimer Volksbank. Mitte April dixseS Jahrcs errichtete das Institut, das in Dortmund seinen Sitz hat, noch eine neue Filiale. Es unterhält zurzeit Zweigniederlassungen in Bedburg, Brandenburg, Münster i. W., Hamburg, Horrem, Paderborn, Hannover, Essen, Göttingen, Gelsenkirchen, Hörde, Emden, Bremerhaven, Bremervörde, Bramsche, Burgsteinfurt, Coesfeld, Emsdetten, Godesberg, Kloppenburg, Lüdinghausen, Melle, Oelde, Osnabrück, Warendorf, Ortrup. Die Verpflichtungen der Niederdeutschen Bank, deren Grundkapital 12 Millionen Mar! beträgt« werden auf etwa 40 Millionen Marl geschätzt. Vom Slahlwerksverband. Aus Düsseldorf wird tele- graphiert: In der heutigen Hauptversammlung des Stahlwerks- Verbandes wurde über die Geschäftslage mitgeteilt: Auf dem Inlandsmarkte von Halbzeug ist eine wesentliche Ver- änderung gegenüber dem Vormonat nicht eingetreten. Der Ein» gang von Spezifikationen ist befriedigend, jedoch ist zu erwarten. daß die mit der Jnventuraufnahme verbundene stillere Zeit sowie der eben erst beendete Metallarbeiterstreik im Hagen» Schwelmer Bezirk den Versand störend beeinflussen. Das Auslandsgeschäft liegt weiter ruhig. In schwerem Eisenbahnmaterial wurde die vorläufige Schätzung deS Gesamtbedarfes der preußischen Staatsbahnen in Schienen und Schwellen aufgegeben. Nach diesen Angaben hat sich unsere, im letzten Bericht ausgesprochene Befürchtung, die durchschnittlichen AuftragSmcngen der letzten Jahre würden wieder nicht erreicht werden, verwirklicht, indem der Bedarf für 1911 gegenüber dem Vorjahre um über vierzigtausend Tonnen zurück» bleibt. Der Jnlandsabsatz muß daher einen weiteren Rück- gang erfahren, wenn nicht noch größere Nachbestellungen heraus- kommen werden. Bessere Aussichten scheint die kommunale und private Bautätigkeit hinsichtlich der Anlage von Klein- und Nebenbahnen zu bieten, daher eine ganze Reihe von Projekten der Erledigung harren. Das Auslandsgeschäft lag nach wie vor recht befriedigend und brachte eine weitere Anzahl großer Ab» schlüsse herein. Der Absatz nach dem Ausland bewegte sich in steigender Richtung und der AuSlandsversand in Eiscnbahnmaterial im Juni überstieg zum erstenmal den des Inlandes. In R i l l en» schienen war der Abruf sowohl vom Inland als vom Ausland befriedigend, und die Rillenschienenwerke sind noch für mehrere Monate mit Arbeit versehen. Ebenso gehen in Gruben, schienen die Spezifikationen in hinreichendem Umfange ein. namentlich vom Auslände, wo nur in der Prcisstellung der belgische Wettbewerb störend auftritt. In Formeisen wirkte die Beilegung der Bauarbeiter- Aussperrung be- lebend auf das Geschäft, und die seitherige Zurückhaltung machte einer besseren Abschlußtätigkcit Platz. Der vollen Wieder- ausnähme der Bautätigkeit standen zum Teil noch die schlechten Witterungsverhältnisse entgegen. DaS Auslandsgeschäft hat sich weiter befriedigend gestaltet und d« Spezifikationseingang ist in diu lstztkv Wochen reger geworden. 6ewerkrcbaftlicbc#k Die bürgerliche presse und die kämpfenden Hrbeiter. Sobald die Arbeiter zur Erlangung besserer Lohn- und Arbeitsbedingungen in eine Bewegung eintreten, sofort sind die bürgerlichen Zeitungen dabei, diesen Arbeitern hindernd im Wege zu stehen und sie zu verdächtigen. Zurzeit stehen, wie wir an anderer Stelle berichten, die Arbeiter der Spe- ditionssirma Thomas in Spandau im Streik. Sofort er- scheint, zunächst im„Anzg. f. d. Havelland" und im„Spand. Tageblatt" die Nachricht, daß gegen die arbeitswilligen Hafen- arbeiter von Streikenden Gewalttätigkeiten verübt worden sind und daß den Arbeitswilligen, deren Zahl sich täglich ver- mehrt, verstärkter polizeilicher Schutz gewährt werden soll. Die sogenannte unparteiische„Spandauer Zeitung" tischt ihren Lesern folgende Nachricht über die Streikenden auf: „Es ist auch Aussicht vorhanden, daß die Arbeit durch da? dauernde Einstellen fremder Arbeiter bald wieder in vollem Umfange aufgenommen werden kann. Die Strei- kenden sind bisher überhaupt noch nicht mit ihren Forde- rungen an den Unternehmer, den Spediteur Thomas heran- getreten, so daß persönliche Verhandlungen zwischen beiden Parteien bis jetzt noch nicht stattfinden konnten." Das Blatt verschweigt seinen Lesern, daß der Spediteur Thomas verreist ist, daß er schon am vorigen Sonnabend hier sein wollte und heute noch nicht hier ist. Die Arbeiter sollten zweifellos hingehalten werden, bis die Arbeit fertig war. Das haben sie sich nicht gefallen lassen. Auch mit den Ar- beitswilligen ist es so schlimm noch nicht, vorläufig bestehen die Arbeitswilligen Wohl zumeist aus dem Geschäftsführer und dem Kontorpersonal, die im Schweiße ihres Angesichts mit Kragen und Manschetten Streikbrecherdienste leisten. Es ist hohe Zeit, daß die Arbeiter den bürgerlichen Blättern, die sie mit solchen falschen Nachrichten füttern und in ihrem Kampfe entgegentreten, bald den verdienten Fußtritt geben. Hinaus mit den bürgerlichen Zeitungen aus den Wohnungen der Arbeiter._ Berlin und Umgegend. Achtung, Former und Gießereinrbeiter! Der Streik bei S ch w n r tz k c> p f f ist durch Verhandlungen mit dem Verband der Metallindustriellen beendet. Deutscher Metallarbeiter-Verband, Ortsverwaltung Berlin. Zu dem Streik der Schmiede nahm am Mittwochabend eine außerordentliche Mitgliederversammlung des Zentralverbandes, Ortsverwaltung Berlin, Stellung. Boele rS Saal in der Weber straße, wo die Versammlung tagte, war bis auf den letzten Platz besetzt, und S i e r i n g S Referat über den Stand der Lohn- bewcgung der JnnungSgesellen fand die größte Aufmerksamkeit. Der Redner schilderte die Entstehung und den Verlauf des Kampfes. Der Haltung der Streikenden zollte er viel Anerkennung und gab der Erwartung Ausdruck, daß ein günstiger Abschluß zu verzeichnen sein werde, wenn die Streikenden in ihrer Einmütigkeit beharren.(Beifall.) Redner rechtfertigte die Maßnahmen der Verwaltung in bezug auf die Unterstützung der Unorganisierten. Die Versammlung billigte diese Maßnahmen und erkannte an, daß der Stand der Bewegung sie erforderlich machte. In der Dis« kussion wurden die Streikenden von zahlreichen Rednern angefeuert, auszuharren und den Kampf gegen die Streikbrecher unermüdlich fortzuführen. Auf die Kosten dürfe es bei dieser Bewegung nicht ankommen. Di« folgende Resolution wurde einstimmig an- genommen: „Die am 20. Juli in BoekerS Festsälen tagende Mitglieder- Versammlung nimmt Kenntnis von dem Stande des Kampfe? der JnnungSgesellen. Die Versammelten sprechen den kämpfen- den Kollegen ihre vollste Sympathie auS und fordern sie auf, in Zukunft ebenso einheitlich zusammmenzustehen wie bisher und nicht eher zu ruhen, bis ihre gerechten Forderungen de- willigt sind.— Die Versammelten geloben ihrerseits alles zu tun, um den kämpfenden Kollegen zum Siege zu verhelfen." Verschiedene Anträge in bezug auf die Unterstützung der Streikenden wurden der Verwaltung überwiesen, in der Erwartung, daß diese alle notwendigen Maßnahmen zu rechter Zeit treffen werde. Die Lohnbewegung der VSttcher wurde bekanntlich vor vier- zehn Tagen begonnen. Die hauptsächlichsten Forderungen sind Gewährung eines Wochenlohnes von 35 M. und die neunstündige Arbeitszeit. Wie am Mittwoch in einer Versammlung des Böttcherverbandes berichtet wurde, haben bis jetzt 24 Betriebe mit III Arbeitern die aufgestellten Forderungen, einschließlich der Nebenforderungen, in vollem Umfange bewilligt. In 18 Betrieben mit 83 Arbeitern geschah das ohne Einstellung der Arbeit. Vier Betriebe mit 14 Arbeitern befinden sich noch im Streik. Mit der Innung steht der Verband noch in Verhandlung, um den Tarif für ganz Berlin auf 3 Jahre festzulegen, was voraussichtlich auch gelingen wird. Es gilt dann noch, den Tarif auch in den chemi- schen Fabriken und Essigfabriken, welche Böttcher beschäftigen, zur Durchführung zu bringen. Es wurde betont, daß man mit diesem Ergebnis der Bewegung durchaus zufrieden sein könne. Die Versammlung nahm eine Resolution an, welche sich mit der Tätigkeit der Kommission einverstanden erklärt, und sie beauf- tr«gt, die etwa noch erforderlichen Verhandlungen in demselben Sinne wie bisher fortzuführen. Die Glaser haben beschlossen, den Arbeitsnachweis der Innung zu sperren. Sie sind es müde, den Nachweis in den Händen der Innung zu lassen, die ihn nach ihrem Belieben verwaltet. Sogar die Arbeitslosen haben in einer Versammlung, die sie am Mittwochvormittag abhielten, einstimmig beschlossen, die Sperre über den Nachweis der Innung zu verhängen. Diesem Beschluß trat eine Versammlung mm Abend desselben Tages bei, die der Zentralverband der Glaser nach dem Gewerkschaftshause ein- berufen hatte. Einstimmig erklärte man sich hier für den pari- tätischen Arbeitsnachweis, der unter allen Umständen wieder- herzustellen sei, denn die Interessen der Arbeiter könnten nur gewahrt werden, wenn die Arbeiter an der Verwaltung des Nach- weises ihren vollberechtigten Anteil haben. Der paritätische Ar- beitSnachweiS ging verloren, als die wirtschaftliche Krise die Stellung der organisierten Glaser schwächte und das Regulativ, das den Organisierten ein Vorzugsrecht einräumte, keine Anerkennung mehr fand, da sogar die Behörden den Innungen verboten hatten, einem solchen Regulativ beizutreten.— Die Forderungen, die bisher zurückgehalten werden mußten, sind gegenwärtig aber wieder in den Vordergrund getreten, und die Glaser sind entschlossen, den Kampf um ihren Arbeitsnachweis mit aller Energie aufzunehmen. Achtung, Töpfer! Die Sperre über die Firma Link u. Rothert hat sich erledigt, da die Firma wieder Verbandskollegen beschäftigt und den Tarif bezahlt. Ueber die Firma E n g l e r, Rixdorf, Berliner Str. 83, mußte wegen Beschäftigung von Wilden die Sperre verhängt werden. In Frage kommt zurzeit der Bau Ofener Straße. . Die VerbandSleitung. Der Streik der Hafenarbeiter bei der Firma KurtTHomaS in Spandau dauert unverändert fort. Di« Firma versucht den Betrieb mit einigen Arbeitswilligen zweifelhaften Herkommens notdürftig aufrecht zu erhalten, was ihr allerdings auf die Dauer unmöglich sein wird. Ferner versucht die Firma durch Inserate in den bürgerlichen Zeitungen der Mark Brandenburg Arbeits- willige heranzuziehen. So wird dem Transportarbeiterverband von den Ortsverwaltungen in Frankfurt a. O. und Fürstenlvalde mit- Waggons, die nicht weiter befördert werden können, und verdorbene Nahrungsmittel sammeln sich in den Güterhallen der Bahnhöfe an. Die Zahl der Streikenden wird von beiden Seiten auf 3700 an« gegeben. Die Angestellten der Canadian Pacific Railway ver- weigern den Sympathiestreik. Auch die Bahntelegraphistcn sind vor« läufig nicht in den Ausstand getreten. Sie haben ihre Forderungen einem Schiedsgericht überwiesen, daS von der Bahndirektion als kompetent anerkannt worden ist. Man hofft, in zwei bis drei Tagen den vollen Betrieb wieder ausnehmen zu können, da bis dahin eine Einigung zu erwarten ist._ Hus der frauendenegung. Eine Zurechtweisung. Der gegenwärtig in Stuttgart tagende Bundestag der deutschen Gastwirte, eine gut bürgerliche Veranstaltung, aber von Sachkennern inszeniert, beschäftigte sich u. a. auch mit der„Stellungnahme gegen die Bestrebungen auf Abschaffung der Kellnerinnen", worüber ein Antrag des Badischen Verbandes vorlag. Der Referent F e ch t (Karlsruhe) führte hierzu aus, daß die Kellnerinnen in Süd« deutschland etwas ganz anderes darstellten, als in Norddeutsch- land. Mann müsse zu der Frage Stellung nehmen, nament- lich angesichts der Petition der Frau Professor I e l l i n e k (Heidelberg). Gegen diese Petition müsse man lebhaft protestieren und die Kellnerinnen in Schutz nehmen, damit nicht dem süddeutschen Gastwirtsgewerbe das Handwerk unterbunden würde. Von einer Beschlußfassung wurde Abstand genommen, weil die Sache durch eine vorangegangene Besprechung der Abänderung der Gewerbe« Ordnung erledigt sei. Nichtsdestoweniger wirkt diese Erörterung von sachverständiger Seite wie eine klatschende Ohrfeige auf die Be» strebungen, den arbeitenden Frauen aus Voreingenommenheit einen Teil ihrer Erwerbsmöglichkeit zu nehmen. Versammlungen— Veranstaltungen. Borsigwalde. Montag, den 25. d. MtS., Ausflug der Genossinnen nach Papenberge. Treffpunkt vormittag 8>/z Uhr bei Zülke, Ernstraße 5. Für Genossinnen, welche sich der Partie anschließen wollen, Sammelpunkt bis g Uhr an der Dampferhaltestelle Tegel. Vorverkauf der Billetts in Borsigwalde beim Genossen K i e n a st, in Tegel beim Genossen Lauer, Berliner Straße, im Zigarrengeschäft. Um zahlreiche Beteiligung wird gebeten. Sämtliche Teilnehmer haben Fahrpreisermäßigung. geteilt, daß in den dortigen Blättern nachstehendes Inserat zu lesen ist: „Tüchtige Arbeiter, außerhalb des Transport- arbeiterverbandeS stehend, stellt bei lohnendem Ver- dienst sofort ein: Curt Thomas, Spandau, Stresowplatz 3. Bei Aushalten der Arbeit wird Reisegeld vergütet." Die Parteipresse sowie die örtlichen Funktionäre werden er- sucht, ein wachsames Auge auf eventuelle Arbeitswillige zu haben und die Arbeiter durch Wort und Schrift über die Situation auf- zuklären. Ferner hat sich der Gastwirt Carl Berlin. Spandau, Stresowplatz 3, als Streikbrecheragent entpuppt, indem er ein Plakat in seinem Lokal zum Aushang brachte, wonach Arbeiter bei hohem Lohn eingestellt werden. Tie Betreffenden, die er dann vermittelt, werden durch eine Hintertür auS dem Lokal geführt und der Firma zur Verfügung gestellt. Auch der Vorarbeiter und ehemaliges Mitglied de? Verbandes Heinrich G e h l i ch, Brüderstraße 28, der vorher in Diensten der Firma als Rangierer stehende Arbeiter L i e r e, Schönwaldcr Straße 26, sind für den Unternehmer Thomas in die Bresche gesprungen und verrichten Streikarbeit. Der Streik selbst steht nach wie vor für die Streikenden günstig und sind bereits Einigungsverhandlungen seitens des Gewerbe- gcrichts angebahnt. Husland, Demonstrierende Meister. In Aussig an der Elbe, Deutschböhmen, haben die Maler- und Lackiererineister die Gehilfen ausgesperrt. Zwei Unternehmer machten nicht mit. Deshalb zogen die andern demonstrierend vor ihre Werkstätten. Von Polizeiattacken, Verhaftungen und Anklagen ist aber nichts zu hören._ Zum Eisenbahnerstreik in England. Der Streik der Angestellten der Nordostbahn-Gesellschaft hat sich rapide ausgedehnt. Gegenwärtig streiken 25 000 Mann. Einer der Führer der Bewegung hat gestern nach- mittag erklärt, daß der Streik das Resultat einer nationalen Uebereinkunft sei, die seit mehreren Jahren schon zwischen den Mitgliedern der Amalgamated Society der Angestellten der Eisenbahnen besteht. Gestern abend fand eine Konferenz zwischen den Vertretern der Ausständigen und der Direktion der North Eastern Railway Co. statt. Der gesamte Handel hat unter dem Streik schwer zu leiden, die Kohlengruben haben nahezu sämtlich die Arbeit aufgegeben, da ihre Kohlen nicht mehr befördert werden können, die Dockarbeiter in den Häfen sind ohne Beschäftigung. Auch haben eine Anzahl von Eisen- und Stahlwerken in Middlesborough den Betrieb ein- gestellt, da es an Feuerungsmaterial und an Rohstoffen fehlt. Ueber fünftausend Arbeiter sind dadurch beschäftigungslos ge- worden und durchziehen die Straßen. Die Kohlenverschiffun- gen am Tynedock haben vollständig aufgehört. Es ist der Eisenbahnverwaltung gelungen, eine Anzahl Züge abzulassen, trotzdem liegen Hunderte von Gallonen Milch und andere leicht verderbliche Waren unabgeliefert da. Die Durchführung des Eisenbahndienstes gestaltet sich sehr schwierig, nur noch einige große Expreßzüge haben verkehren können, aber auch hier machen sich bereits Schwierigkeiten bemerkbar, die vor- aussehen lassen, daß in kurzem schon der gesamte Verkehr eingestellt werden muß. Alle Bahnhöfe im nordöstlichen und nordwestlichen England sind vollständig leer. Die Fischer im Hafen von Tyne arbeiten nicht mehr, denn ihre Fische können nicht mehr befördert werden. In Sunderland sind die Loko- motivfllhrer und Heizer der Eisenbahnzüge abgestiegen und haben den Reisenden ruhig erklärt, daß sie nicht mehr auf die Maschinen zurückkehren würden. Es blieb den Reisenden nichts anderes übrtg'wls mit einem anderen Zuge wieder nach ihrem Herkunftsort zurückzukehren.— Die Konferenz zwischen den Delegierten der Ausständigen und der Direktion der Eisen- bahngesellschaft ist ohne Ergebnis geblieben, obwohl die Be- fprechungen volle vier Stunden gedauert haben. Zehntausend Grubenarbeiter feiern infolge des Streiks und ihre Zahl dürfte sich heute verdoppeln. Aus Middlesborough wird ge- meldet, daß die Zahl der streikenden Eisenbahner sich im Laufe des gestrigen Tages um 2000 vermehrt hat. In den Abendstunden fand eine abermalige Konferenz zwischen den Direktoren der North Eastern-Gesellschaft und den Vertretern der Ausständigen statt, aber auch diese Verhandlung verlief resultatlos. Die Direktion der Eisenbahngesellschaft erklärt, daß sie unter folgenden Bedingungen bereit sei, die Vor- schläge der Ausständigen anzunehmen: Alle Ausständigen können die Arbeit sofort wieder aufnehmen: es wird niemand wegen seiner Teilnahme am Streik gemaßregelt und auch nichts darüber in seinem Personalbuch eingetragen. Die Ge- sellschaft verpflichtet sich, in einem von den Ausständigen zu bestimmenden Zeitraum sich mit den Forderungen der Eisen- bahnangestellten zu beschäftigen und eine Deputation der letzteren innerhalb 8 Tagen zu empfangen, um ihre Forde- rungen mit der Direktion der Gesellschaft selbst zu disku- tieren. London, 21. Juli. Die Angestellten und Arbeiter der Westbahnen hielten heute morgen eine neue Versammlung ab, worin sehr heftige Reden gehalten wurden. Schließlich wurde eine Tagesordnung angenommen, nach welcher sich die Anwesenden verpflichteten, dafür zu sorgen, daß sofort auf das erste Signal des Streikousschusses massenhaft geantwortet werde und worin ferner alle Mittel, selbst die äußersten für recht erklärt und befürwortet werden, um den Streik durch- zusetzen und Genugtuung zu erlangen. Die Versammlung trennte sich ohne Zwischenfall. « Newcastle on Tyne, 21. Juli.(W. T. B.) Der Ausstand der Eisenbahner ist beendet. Me Streikenden haben die Vorschläge der Eisenbahngesellschaft angenommen und werden die Arbeit sofort wieder aufnehmen. Der Ausstand in Bilbao vollzieht sich ofine jeqlickien Zwischenfall. Die Arbeit ist auf allen Graben eingestellt. Die Lokalpresse veröffentlicht ein Dokument. worin die Arbeitgeber erklären, daß sie den Nennstimdentag unter'jeder Bedingung ablehnen müssen. Der General- streik dehnt sich auch auf die Stadt Santander aus. In einer Versammlung in Sapnerta, welche von zirka 5000 Arbeitern besucht war. ist beschloffen worden, den Generalstreik bis zum äußersten durchzuführen und nickt eher nachzugeben, als bis die Forderungen der Arbeiter sämtlich erfüllt sind. Die Infanterie- Regimenter in San Sebastian und Pampeluna sind bereits nach Bilbao abgegangen._ Die Folgen des nordamerikanischen Bahnarbeiterstreiks. Der Schaden, den der Streit der Eisenbahner der„Grand Trunk Railway" anrichtet, ist groß, wenn auch die erwartete Beteiligung der Angestellten anderer Gesellschaften ausgeblieben ist. ES ist ein stiller, erbitterter Kampf, der zwischen Arbeitgebern und Arbeitern auSgefochten wird. Während der letzten 24 Stunden hat nur ein einziger Güterzug �.,_.,..... den Bahnhof von Montreal verlassen. Milch und Fleisch wird bereits herausgeschleudert. Zehn Artilleristen wurde» getötet, zwei in' einzelnen Ortschaften knapp. Da» Vieh stirbt in den engen Bahn- schwer und fünf leicht verletzt._ Letzte Nacbncbtcn und Depefcben. Feuer im Viktoria-Speicher. Gestern abend wurden mehrere Züge der Feuerwehr nach der Köpcnicker Straße 24a alarmiert. Dort brannten in der Schmiede der Allgemeinen Omnibus-Gesellschaft Regale mit altem Hausrat und Gerümpel. Es gelang bald, den Brand auf seinen Herd zu beschränken. Die Entstehung des Brandes wird auf Funkenflug zurückgeführt. Wie erinnerlich sein wird, ist der Viktoria-Speicher schon zweimal von großen Bränden heimgesucht worden. Diesmal ist der Schaden nicht erheblich, auch durch Versicherung voll gedeckt. Die Budgetdebatte im englischen Unterhaus. London, 21. Juli.(W. T. B.) Im Verlauf der allgemeinen Debatte über das Budget im Unterhaus berührte Balfour die Frage der Vorzugstarife mit den Kolonien. Er kritisierte die FiSlalpolitik der Regierung und wies auf daS selbständige Vor- gehen der Kolonien hin, welche über Verträge mit fremden Ländern verhandelten. England könne sich nicht außerhalb deS Netzwerkes der Verträge halten, welche eine Minderung der Vorteile aus den Vorzugszöllen veranlaßten, die England in dem Handelsverkehr mit seinen Kolonien geKeße. A S q u i t h wies darauf hin, daß Deutsch- land dem höchsten kanadischen Zolltarif unterworfen sei und daß die den Vereinigten Staaten seitens Kanada gewährten Zugeständ» nisse den britischen Handelsverkehr mit Kanada nicht ernsthaft be» rührten. England genieße den Vorzugstarif mit Kanada. Ein Freihandelssystem innerhalb des Reiches sei unmöglich, Der russisch-japanische Vertrag. Peking, 21. Juli.(Meldung des Reuterscheu BureauS.) Die chinesische Regierung hat auf die Mitteilung von dem Abschluß der russisch-japnnischrn Konvention geantwortet, sie freue sich über daS Festhalten an dem Vertrage von PortSmouth und an dem statu» guc> in der Mandschurei. China werde in Zukunft im Einklang mit dem Vertrage zu PortSmouth und mit den chinesisch-japanischen Verträgen handeln und seine Bemühungen fortsetzen, in allen An» gelegeuheiten, die sich ergäben aus der Ausübung seiner Hoheit?» rechte und aus der gleichen Gelegenheit zur EntWickelung von Handel und Industrie, damit die Interessen aller Länder aufs beste gefördert würden.__ Schwere Unwetter. Kiew, 21. Juli.(W. T. B.) Im Kreise Tscherkassv durch einen mit einem Wolkenbruch verbundenen Orkan 17 bäude zerstört und 8 Mühlen beschädigt worden. sind Ge. Nene Unruhen in Persien. Teheran, 21. Juli.(W. T. B.) In Hamadan sind große Unruhen ausgebrochen. Muschteid Scheich ist ermordet worden. Gegen die ausständischen Bengalen. Kalkutta, 21. Juli.(W. T. B.) Die Nachforschung nach ver» borgenen Waffen wird von der Polizeibehörde weiter fortgesetzt. Bei einer gestern Nacht in einem Hause von Nordkalkutta vor- genommenen unvermuteten Durchsuchung wurden Revolver, Kisten mit Gewehren und Patronen gefunden. Die Bewohner, zwei junge Bengalen, entkamen. Ein besonderer Ge- richtshof ist nunmehr mit der Führung des Prozesses gegen dreizehn angesehene Bengalen auS Khulna beauftragt worden, die beschub> digt werden, zum Kriege gegen den König aufgereizt zu haben. Der Gerichtshof wird sich später mit einem Prozeß gegen 45 andere Personen zu befassen haben, unter denen sich einige reiche und angesehene Männer befinden. Die diesen zur Last ge- legten Bergehen sind noch nicht belannt. k.? Arbeiter erstiekt. Johannesburg, 21. Juli.(W. T. B.) In der S immer East Deep Mine sind durch Gasbildungen infolge von Entzündung einer Kiste Gelatin fünfzehn Eingeborene erstickt. Dreizehn Weiße und sechSundsicbzig Eingeborene mußten in das Hospital gebracht werden. Dem Moloch Militarismus zum Opfer gefalle«. Fort Monroe Virginia(Nordamerika), 21. Juli. (W.T.B.) Während einer Schießübung der Batterien des Forts wurde der Verschluß bei einem Geschütz nach hinten Lerantw. Redakt.: Richard Barth, Berlin. Inseratenteil verantw.l kh. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdr.u. Verlagsanstall Kaul Singer Sc Co., Berlin LW. H ierzu 2 Beilagen u. UnterhaltungSbt, Zt. M. 27. Zllhrgallß. L KtilM 1(9 Jotrairts" Knlim PolbM. ittitG 22.?«li 1910. Die Partelprefle über die Budget* bewilllgung. Die„Mainzer Volkszeitung" veröffentlicht einen Artikel eineS führenden Genossen Dr. F. in Baden, also offenbar des Genossen Frank. Dieser führt zuerst aus. daß die Fraktion im Landtag parlamentarischen Einfluß ausgeübt habe. Außer der Stelle im Präsidium, für deren Uebernahme ihr keine Bedingungen gestellt waren, hatte sie die Referate über das Volksschulwesen und die Fabrikinspektton, sowie die Berichterstattung bei einer Reihe von wichttgen Gesetzen und Anträgen inne. Dann fährt der Arttkel fort: „Kein vernünftiger Mensch konnte erwarten, daß die Liberalen sozialdemokratische Politik treiben würden. Aber unter der erziehe- rischen Wirkung unserer Zusammenarbeit machten sie Ernst mit liberalen Forderungen. Alle großen Gesetze tragen diesen Stempel und wurden gegen das Zentrum geschaffen. In dem Schulgesetz wurde die Simultanschule erfolgreich verteidigt und befestigt, und die neue Bestimmung aus unseren Anttag aufgenommen, daß die Disfidentenkinder gegen den Willen ihrer Eltern keinen Religionsunterricht zu besuchen brauchen. Durch das neue Einkommensteuergesetz wurden, wieder auf unseren Antrag, die Einkommen bis zu 1400 Mark erheblich ent- lastet, die großen Einkommen stärker herangezogen. Durch die neue Gemeinde- und Städteordnung wurde zwar die allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahl nur in Gemeinden brS zu 2000 Einwohnern bewilligt, aber der Kreis der Wahl« berechtigten stark erweitert. Nicht bloß die Bürger, sondern alle Einwohner deutscher Nationalität über 25 Jahren haben unter gewiffen Voraussetzungen daS Wahlrecht. Unsere Bürgermeister brauchen keine Bestätigung. Durch die Neueinführung der Verhältnis- wähl werden wir mit einem Schlag entsprechend unserer Stärke auf allen Rathäusern vertreten sein, ohne lokale Wahlbündniffe schließen zu müssen. Die erbitterte Gegnerschaft unserer Junker und Scharf- macher gegen das Gesetz beweist am besten, daß eS unseren Machtbereich erweitern wird. Um die Tendenz unserer Arbeiten zu kennzeichnen, will ich noch erwähnen, daß unser Antrag auf Besteuerung der Titel und Orden ange- nommen und daß schließlich der prinzipiell sehr wichtige Be- fchluß gegen da? Zentrum von der Großblockmehrheit gefaßt wurde, die Regierung aufzufordern, im nächsten Budget 100000 M. für Arbeitslosenfürsorge einzustellen. Es sollten auS dieser Summe Zuschüsse an solche Gemeinden gegeben werden, die eine Arbeitslosenversicherung einführen. Daß die Fraktion dem Budget diese? Landtages, in dem die Sozialdemokratie ausschlag- gebend war, zustimmen würde, wurde seit Monaten von uns als selbst- verständlich betrachtet. ES gibt keine Resolution, die für alle politischen Eiluationen paßt,— aber daS oberste, ungeschriebene Gesetz jeder Politik gebietet, seine Taktik nach den Verhältnissen einzurichten. Daß wir nach einer Großblockarbeit von acht Monaten dem Zentrum den Triumph bereiten sollten, festzustellen, eS fei unentbehrlich für die Erledigung des Budgets, konnten wir nicht verantworten. Da trat vor einigen Wochen ein Ereignis ein, das unsere Haltung in Frage stellte. In einer Kommissionssitzung äußerte der Minister des Innern v. Bodman, ein Sozialdemokrat könne nicht vom Großherzog als Bezirksrat ernannt werden. Die Worte führten zu einem heftigen Zusammenstoß zwischen den sozialdemokratischen Kommissionsmitgliedern und dem Minister. Die Sraktion kam auf Grund dieses Vorfalls zu dem Entschluß, das udget abzulehnen mit der Erklärung, die Regierung mache un» die Annahme des Budgets, an dem wir so eifrig mitgearbeitet. unmöglich, weil sie uns politisch nicht afi gleichberechtigt behandele. Am Abend vor der Abstimmung über daS Budget fand eine Sitzung unseres Herrenhauses statt, in der von dem klerikalen Baron Stotzingen heftige Angriffe gegen Minister v. Bodman gerichtet wurden, weil er durch die neue, freiheitliche Gemeindeordnung die Sozialdemokratie fördere und so die Revolution vorbereite. Der Minister wich nicht zurück, sondern legte als sein RegierungS- proaramm dar. die Sozialdemokratie müsse zur Mit- arbeit herangezogen werden.„Die Sozialdemokratie sei eine großartige Bewegung zur Befreiung des vierten Standes." In diesem offenen, mutigen Bekenntnis schien uns eine Zurücknahme jener in der Kommission gemachten, unsere Parteiehre verletzenden Be- kleines Feuilleton. Die BerbreitungSart beS TyPhuS. DaS plötzliche Auf- treten von Typhusepidemien zeigt immer wieder, daß die Wiffen- schaft dieser gefährlichen Krankheit noch nicht Herr geworden ist. Da gerade jetzt mehrere Vorkommnisse dieser Art zu verzeich- nen gewesen sind, so wird eine Untersuchung besonders ocdeutungS- voll, die Dr. Nicolle vom Pariser Pasteur-Jnstitut in den Annalen dieser berühmten Anstalt veröffentlicht hat. Ihm fft es zum ersten Mal gelungen, die Krankheit auch auf einige Affenarten zu über- tragen. Weil das Studium einer Krankheit an Affen, als den menschenähnlichsten Tieren, stets die besten Aufschlüsse über das Wesen der Krankheit gibt, so waren Versuche nach dieser Richtung auch mit dem Typhus gemacht worden, aber bisher stets vergeblich geblieben. Die Arbeiten von Dr. Nicolle haben nun für das experi- mentelle Studium der Krankheit und für den sicheren Nachweis ihrer Ursachen und ihrer Verbreitung einen neuen Weg erschlossen. Zunächst hatte sich der französische Forscher einen gewöhnlichen Makak- oder Javaner Affen auserwählt, dem er 1 Kubikzentimeter Blut von einem Typhuskranken unter die Haut spritzte. Der Affe blieb dagegen aber ganz unempfindlich, ebenso ein chinesischer Hut- äffe, ein naher Verwandter des Makak. Mehr Erfolg hatte der Forscher bei einem jungen Schimpansen, der 24 Tage nach der Impfung einen unverkennbaren Anfall von typhösem Fieber hatte, wobei sich auch ein Ausschlag auf dem Gesicht und hinter den Ohren entwickelte. Nun impfte Nicolle wiederum einen Hutaffen mit dem Blut dieses Schimpansen, um festzustellen, ob der Durchgang des Krankheitsgiftes durch den Affen seine Giftigkeit für«inen anderen Affen steigern würde. Diese Vermutung bestätigte sich, denn nun erkrankte auch der andere Affe, und zwar schon nach 13 Tagen. Von diesem zweiten Kranken konnte das Gift wieder auf den Hutaffen erfolgreick, übergeimpft werden. Bei einem andern Affen brach die Krankheit dann sogar am selben Tage der Impfung aus. Von besonderer Wichtigkeit war die Ermittelung, daß der Java-Affe und außerdem der sogenannte Lapundcr MnkakuS rhesus und der gewöhnliche Hundsaffe gegen den Typhus gefeit waren, auch wenn das ihnen beigebrachte Gift von einem anderen Affen stammte. Daß es sich bei Tier und Mensch hier um dieselbe Krankheit handelt, wurde über jeden Zweifel hinaus noch dadurch bewiesen, daß Men- fcher.blut von einem TyphuSkrankcn einem Affen Widerstands- fähigkeit gegen die Krankheit verleiht, während Mcnfchenblut von einem Gesunden in dieser Beziehung unwirksam bleibt. Für die Behandlung des Typbus beim Menschen ist die weitere Feststellung bedeutsam, daß das Blutserum von einem Affen, der in der Ge- nesuug vom Typhus begriffen war, eine deutliche Giftigkeit für andere Affen besitzt. Daraus ergibt sich, daß der Vorschlag, das Serum von Genesenden zur Behandlung von Typhuskranken zu verwenden, nicht unbedenklich ist. Eine sonderbare Enthüllung ist ferner durck den Nachweis geschehen, daß die Verbreitung des Ty- phus durch Kopfläuse und Kleiderläuse geschehen kann. Einige dieser Schmarotzer, die von Menschen auf Affen gesetzt worden waren. merkungen zu liegen, und am andern Morgen beschloß die Fraktion nach kurzer Beratung, jetzt für das Finanzgesetz zu stimmen, wie es die politische Situation verlangte. Hätten wir noch Zeit gehabt, dann hätten wir gern d efm Parteivorstand Gelegenheit gegeben, mit uns die Sache zu beraten. So aber waren wir gezwungen, sofort zu handeln,— und wir haben es getan und werden dafür die Verantwortung tragen. Es wäre schlimm um die Pattei bestellt, wenn eS ihr an Männern fehlen würde, die denMut haben. unauSführbarePartei- befchlüsse unausgeführt zu lassen." Ueber den Mut wollen wir nicht streiten. Wir sind allerdings der Ansicht, daß die Parlamentarier die Boauftragten der Partei sind und nur dann ihre Aufttäge übernehmen dürfen, wenn sie diese ausführen wollen, im anderen Falle aber sie eben nicht hätten übernehmen dürfen. Wir möchten aber fragen, wer über die Frage, ob unausführbar oder nicht, zu entscheiden habe. Nach Frank offenbar die P a r l a- mentarier, die das besser verstehen, als die Delegierten des Parteitages. Deutlicher konnte allerdings das Streben, sich von den Beschlüssen der Gesamtpartei unabhängig zu machen und die selb st herrliche Fraktion über die Partei zu stellen, nicht proklamiert werden. Zur Klarstellung trägt es auch bei, daß Genosse Frank mitteilt, daß die Fraktton seit Monaten entschlossen war, für das Budget zu stimmen. Sie hätte also genügend Zeit gehabt, sich mit dem Parteivorstand ins Einvernehmen zu setzen, schon lange vor dem 11. Juli, an dem sie beschloß, dagegen zu stimmen. Danach kann man schon beurteilen, was von der Versicherung zu halten sei, daß zuletzt nur Zeitmangel die Fraktton von einer Verständigung abgehalten habe. Auch über den„Liberalismus" der angenommenen Gesetze wollen wir nicht rechten und meinen nur, ein Dreiklassenwahlrecht bleibt auch mit Sechstelung ein polittsches Ausnahmegesetz gegen die Besitzlosen. Das eine aber muß doch konstatiert werden: All das hat mit der Budgetabsttmmung und der Hofgängerei nicht das geringste zu tun. All diese Gesetze hatten die Majorität und wären angenommen worden, auch ohne daß w i r für das Budget gestimmt hätten. Diese Abstimmung geschah nur, wie es heute auch in der„Mannheimer Volksstimme" heißt, um die Stellung eines Ministers bei Hofe— in dem demokratischen Musterland entscheidet nämlich die Krone und nicht die Volksverttetung über Zu- sammensetzung der Regierung und ihren Kurs— zu festigen. Daß ein Minister, der Sozialdemokraten zur Verleugnung oder wenigstens Verhüllung ihrer Grundsätze verleitet, dadurch in seiner Stellung befesttgt wird, ist richttg. Die herrschenden Klassen müßten ihr Interesse schlecht verstehen, wenn sie einen solchen Minister nicht hegten und pflegten. Aber eben deshalb scheint uns solche Haltung mit sozialdemokrattscher Polittk un- vereinbar zu sein. „Neue Zelt." Unter dem Titel„K a n t o n B a d i s ch" schreibt F'r a n z Mehring unter anderem: „Sicherlich haben die bad-ischen Vorkommnisse eine sehr ernste Seite. Es ist tief bedauerlich daß die badische Landtagsfraktion in einem Augenblick, wo die Aussichten der Partei so günstig stehen wie noch nie. einen so schweren Disziplinbruch begeht, wie er eben- falls noch nie in der Partei dagewesen ist, und dazu schweigen kann und wird die Gesamtpartei gewiß nicht. Der Parteivorstand hat denn auch bereits diese„schwere Verfehlung gegen die Einheit der sozialdemokratischen Partei" gebührend gekennzeichnet, und der Parteitag wird der Wiederholung ähnlicher Dinge einen Riegel vorzuschieben wissen. Allein die Partei wird sich ihre frohe Kampf- stimmung nicht durch diese Episode trüben lassen. Soweit sich bis- her die Parteipresse darüber geäußert hat, ist eS mit derselben überlegenen Ruhe geschehen, womit Engels die Krähwinkeleien des „Kanton Badisch" zu betrachten pflegte. Man mag gern anerkennen, daß, wenn sich die badische Land- tagSfraktion für ihre Seitensprünge auf die„besonderen Verhält- vermochten diesen den Typhus zu vermitteln. Das ist wieder ein- mal ein Beweis dafür, mit welchen scheinbar nebensächlichen Dingen sich' die Bekämpfung von Epidemien beschäftigen muß. H-chsce-Zeitungen. Die Zeiten, da man während einer Seereise die tägliche Zeitungsiost entbehren mußte, sind, wenigsten» für die großen Passagier-Schnelldampfer, endgültig vorbei. Heute besitzt jeder dieser schwimmenden Ozeanriesen seine eigene Druckerei und seine eigene Schiffszeitung, die dank der drahtlosen Telegraphie bis- weilen sogar ihre Leser an Bord ebenso prompt informieren können wie die Blätter auf dem Lande. Tatsächlich war z. B. die „Lusitania" bei den letzten englischen Wahlen imstande, die Wahl- resultate ihren Passagieren zur selben Stunde gedruckt zu bringen wie die Festlandspresse, ja manchmal kann die Schiffszeitung, weil ihre Herstellung und Auslieferung nur kurze Zeit erfordert, sogar etwa« schon früher mitteilen, als die Landratten e» erfahren. Die größte englische Hochsee-Zeitung, das„Cunard Daily Bulletin' der Cunard-Linie erscheint in einer Auflage von 2000—2500 Exemplare», 32 Seiten stark und kostet 2>/s Penny(20 Pf.) die Nummer. Die Compagnie Gönörale TranSatlantique gibt ein„Journal de l'At- laniique" heraus, daS sogar illustriert ist. Die deutschen Schiffahrts- gescllschaften geben thren Fahrgästen ihre Schiffszeitungen unent- geltlich: der Norddeutsche Lloyd die„Ozean- Zeitung" und die Hamburg- Amerika- Linie das„Atlantische Tageblatt", daS je 16 Seiten stark und halb in deutscher, halb in englischer Sprache erscheint. Ein alttömischeS Schiff in der Themse. Ein außerordentlich interessanter Fund ist nach dem Berichte des Londoner Grasschafts- raieS in der Themse gemacht worden. Bei den FundamentierungS- arbeiten, die dem Bau deS großen, neuen Rathauses, der County Hall, voraufgehen, stieß man auf ein sehr gut erhaltenes, große» kölnisches Schiff. Der Fund steht in England ohne Gegenstück und übertrifft an Bedeutung daS Boot König Alfreds, das vor wenigen Jahren in Walthamst'ow gefunden ivurde. Ein großer Teil des alten Fahrzeuges. daS völlig aus Eiche gebaut war, liegt noch im Schlamm begraben. Allem Anschein nach hat man eS mit einem Schiffe zu tun, das eine Länge von etwa 50 Fuß bei einer Breite von 16 Fuß hatte. In dem großen Boote fand man interessante Stücke römischer Topfereien, Knochen- reste, Eisen« und Glasgeräte und eisenbefchlagene Sohlen für die Fußbekleidung. Besonders interessant aber find die Münzen, die Anhaltspunkte für daS Alter des Fahrzeuges liefern. Man fand eine Münze von TetricuS in Gallien<268—273), eine andere Münze, die das Zeichen deS CarausiuS in Britannien zeigte<286— 2S3), und eine dritte Münze mit der Prägung des Allectus in Britannien <293—298). Die Sachverständige» weisen das Scknff dem Ende deS dritten oder dem Anfang des vierten Jahrhunderts n. Chr. zu. Alle Einzelheiten weisen darauf hin, daß daS Fahr- zeug zu der großen Flotte gehörte, die CarausiuS baute, um gegen die baltischen Stämine, die Feinde deS römischen Reiches. Krieg zu führen. CarausiuS segelte von Boulogne nach Britannien und setzte sich hier als unabhängiger Kaiser von Britannien fest. Die Herrschaft deS CarausiuS, die sieben Jahre I nisse" ihres Ländchens beruft, solche Verhältnisse wirklich bestehen. Baden ist von jeher die eigentliche Heimstätte jenes heiteren Parti- kularismus gewesen, der die Republik will, aber den Grotzherzog auch. Und der, wenn er je überall in Deutschland geherrscht hätte, der deutschen Nation als solcher den Garaus gemacht haben würde. Freilich kann dieser heitere Partikularismus auch einmal ein sehr trauriges Ende nehmen, wie gerade auch die Geschichte BadenS be- weift. i Im achtzehnten Jahrhundert bestand das damalige Markgrafen- tum Baden nur aus einigen Flecken deutscher Erde, die, von der Schweizer Grenze bis über Karlsruhe hinab zerstreut, kaum dreißig Ouadratmeilen umfaßten und zum Reichsheer ganze 95 Mann! stellten. Erst als Napoleon sich durch einige süddeutsche Mittel- staaten feste Stützen seiner Fremdherrschast schaffen wollte, wurde die bescheidene Fläche fast verzehnfacht. Napoleon schüttete daS rechtsrheinische Ufergelände von Konstanz bis Mannheim, ein un- absehbares Gewirr von geistlichen, fürstlichen, gräflichen, reich?- ritterschaftlichen und reichsstädtischen Territorien, zum Grotzherzog- tum Baden zusammen, das, sechzig Meilen am Rhein hingedchnt, an seiner schmälsten Stelle nur zwei Meilen breit, fast ganz auS Grenzbezirken bestand. Die konstitutionellen Verfassungen, womit die süddeutschen Fürsten nach dem Sturze Napoleons vorgingen, entsprangen der Sorge um den Zusammenhalt ihrer künstlich konstruierten Staaten. Die kleinfürstliche Souveränität lief dabei keine Gefahr; im Gegen- teil erhielt sie sich auf diese Weise stärker, als sie sich auf irgendeine andere Weise hätte erhalten können. Wurden ihr die Kammern zu aufsässig, so stützte sie sich auf den Bundestag; bedrängte sie der von Oesterreich und Preußen beherrschte Bundestag, so stützte sie sich auf die Kammern. Da Baden der am künstlichsten konstruierte dieser Staaten war, so erhielt er die liberalste Verfassung, und in dem Selbstbewußtsein des konstitutionellen Musterländles der» schmolzen die tausend Trümmer, aus denen das Grotzherzogtum Baden zusammengeflickt worden war. Ueberall in Deutschland feierte der vormärzliche Liberalismus die badischen Kammerhelden, wie Rotteck und Welcker und Jtzstein, als die Vorhut der bürger- lichen Freiheit in denselben überschwenglichen Tönen, die da? „Berliner Tageblatt" heute den Genossen Frank und Kolb widmet. Der Ursprung des badischen Konstitutionalismus ergab aber seine völlige Nichtigkeit. Die einander folgenden Fürsten deS Landes, die sich nur dadurch unterschieden, daß bei den einen mehr die Böswilligkeit, bei den anderen mehr der Stumpfsinn überwog, benutzten die Verfassung zu dem Gaukel- und Schaukelsystem, daS sie notwendig gemacht hatte, und je mehr der badische Konstitutio- nalismus seinen eigentlichen Zweck als Werkzeug der fürstlichen Souveränität erstellte, um so mehr verflüchtigte sich sein Zweck als Werkzeug der Volksinteressen. Die vormärzliche Reaktion Wirt- schaftete in dem Ländchen trotz aller schöner Kammerreden ebenso ungeniert oder noch ungenierter als anderswo. Erst als sich die Vorboten der Revolution meldeten, mutzte sie ihre sich hochmütig blähenden Segel ein wenig einziehen. Nun aber zeigte der badische KonstitutionalismuS, daß er keineswegs der unentwegte Vorkämpfer der bürgerlichen Freiheit war, den die Mitwelt in ihm bewundert hatte. Gerade seine klügeren Köpfe, wie die Bassermann und Mathy, bekundeten eine sehr patriotische Neigung, mit der trätabel gewordenen Reaktion profitable Geschäftchen zu machen. Geschäftchen, die sich nicht ein- mal, wie die der rheinischen Liberalen, mit materiellen Klassen- interessen entschuldigen ließen, denn eine große Industrie gab eS in Baden noch so gut wie gar nicht. Andere Kammerhelden blieben freilich standhafter, und sie nannten sich sogar„Sozialdemokraten", wie die Brentano und Struve, aber sie waren eS nicht einmal in der damaligen klcinbürgerlich-demokratischen Bedeutung deS Wortes. Vielmehr, wenn die nunmehrige Scheidung der badischen Opposition in Liberale und Radikale den Sinn hatte, daß die Liberalen sich als mehr oder weniger ehrgeizige Streber und rück- sichtslose Stellenjäger entpuppten, so waren die Radikalen zwar ihrer eigenen Meinung nach revolutionäre, aber tatsächlich klein« bürgerlich beschränkte Politiker, die, als ihnen die Erhebung der Masse im Frühjahr 1849 das Heft in die Hand gab, ihre ganze Politik danach einrichteten, daß sie sie vor dem durch die Massen aus dem Lande gejagten Großherzog bei seiner etwaigen Rückkehr verantworten könnten.> Was bei dieser famosen Taktik herauskam, hat Engels in seinen Aufsätzen über die Reichsverfassungskampagne drastisch geschildert. Die Republik mit dem Großherzog an der Spitze erwies sich, schön währte, war für Britannien eine Zeit des Friedens und deS Fott- schrittS. WIe'S gemacht wird! Der„Chefredakteur" Max Diefke sendet an Fabrikanten technischer Artikel ein gedrucktes Zirkular, in dem es heißt: „Ich veröffentliche über..... demnächst einen Artikel in dem „Zentralblatt der technischen Verwaltung". Mit dem Aufsatze bin ich bereit, eine geschäftliche Enipfehlung Ihrer hauptsächlich in Bewacht kommenden Fabrikate zu verbinden, und erbitte für diesen Zweck möglichst umgehend einige entsprechende Anhaltspunkte. DaS Honorar für die Aufnahme der Empfehlung beträgt 25 Mark."(Manchmal nimmt der Herr„Chefredakteur" auch mehr, manchmal weniger als 25 Mark„Honorar".) Dieser Diefke soll— ebenso wie seine zahlreichen Kollegen sehr viel Geld verdienen..._ Notizen. — Musikchronik. In der G u r a« O p e r sollen zwei zyklische Ringvorstellungen des Nibelungenringes von Richard Wagner zu besonders ermäßigten Preisen veranstaltet werden. Der erste ZylluS findet statt am 29., 80. Juli und 1. und 3. August, der zweite am 8., 9., 11. und 13. August. Vorbestellungen im Jnvalidendank, an der Kasse des Opernhauses und bei A. Wertheim.(Die besonders ermäßigten Preise sind leider für die Arbeiterschaft immer noch zu hoch.) — Ein Fiasko BodeS. Die Sammelgier, die wahllos aus der ganzen Welt Schätze-Seltenheiten zusammenrafft, ist ein cchteS Kind des Kapitalismus. Seitdem die Kunst aufgehört hat, Volks- kunst zu sein und ein Spielball des Luxus, ein Tummelplatz der Kennerschaft und einer parasitären Wissenschaft geworden ist, iverden Kunstwerke sportmäßig gesammelt. Alle Mittel sind dabei recht, und wer über die größten Summen verfügt, siegt in dem Wettlauf. Herr Bode, der seit seiner Florablamage schon wieder den Mut gesunden hat, einen echten Rembrandt zu entdecken— der wahrscheinlich soviel mit Neinbrandt zu tun hat wie Bodes Leonardo- oder NubcnSenIdecknngen mit diesen Meistern— schien kürzlich die Amerikaner auf diesem Gebiet geschlagen zu haben. Er hatte von den Jesuiten in Monforte(Spanien) ein altflämisches Gemälde von Hugo van der Goes zu 1 180 000 Fr. erhandelt. Gegen diese Vcrschachernng von Kunstwerken ins Ausland erhob indes die spanische Regierung Einspruch. Und so wird„Dis Anbetung der heiligen drei Könige" bleiben, wo sie seit Jahrhunderten war, und nicht von der parvenuhafren kapitalistischen Sammelwut entführt werden. — Ein Turner-Museum, das ein großattigeS Bild von dem Schaffen dieses auch für den Kontinent bedeutenden englischen Landschaftsmalers gibt, wird in einem neuen Flügel der Londoner Tate-Galerie eröffnet. Es werden auch viele von den 20 000 Zeich« nungen und Studien Turners dort ausgestellt sein. — Eine Ausstellung Münchener KunstgewerbeU in Paris. Im diesjährigen Pariser Herbstsalon werden die Münchener Kunstgewerbler eine Sonderausstellung haben, die 15 Räume umfassen wird. me dies politische Ideal in patriotischen' Träumett erscheinen mochte, als eine äußerst klägliche Wirklichkeit, die ihre historische Weihe nur durch daS Blut schuldloser Männer erhielt, die der .„Kartätschenprinz" in ruchloser Grausamkeit verschüttete, und durch den Mut anderer Männer, wie Friedrich Engels, Josef Moll, Johann Philipp Becker. Wilhelm Liebknecht, die freilich nie den Lylinder aufgestülpt haben, um einen toten Grotzherzog zur Gruft seiner Bäter zu geleiten oder einer lebenden Grotzherzogin die silberne Mhrte zu überreichen. Vergegenwärtigt man sich die badische Geschichte, die hier tiatürlich nur in ganz großen Umrissen gezeichnet werden konnte, so wird man über die Vorgänge, die sich gegenwärtig, zum Gaudium aller Parteigegner, im badischen Landtag abgespielt haben, noch am mildesten beurteilen. Man mag nun freilich einwenden, seit sechzig Jahren habe sich das Blatt gewendet, seitdem sei auch Baden mehr und mehr in den großen Strom des Weltverkehrs gerissen worden. DaZ kann sich aber nun gerade nicht in seinen Kammern geltend machen I Denn mit dem badischen Konstitutionalismus ist iheute noch nicht mehr los als vor sechzig Jahren. Dagegen werden allerdings diese Jahrzehnte an der Bevölke- fcung des Ländchcns nicht spurlos vorübergegangen sein, und so ist die Hoffnung gestattet, daß die proletarischen Wähler in Baden die Politik ihrer Erwählten zu berichtigen wissen werden. Sollte diese Hoffnung dennoch trügen, so wird der badische Zweig der Sozialdemokratie zwar auch die Gesamtpartei, aber noch viel mehr sich selbst schädigen; der Baum kann eher eines Zweiges entbehren, als ein Zweig des Baumes. Aber wir glauben nicht daran, daß die badischen Parteigenossen noch nach bald vierzig Jahren das bisher nur lächerliche Hohnwort Treitschkes zur traurigen Wahr- Iseit machen werden:„Das Zusammenwirken der Sozialdemokratie mit dem Partikularismus berechtigt uns zu guten Erwartungen; eine der Zukunft sichere Macht verbündet sich nicht mit einem Leichnam." Ueber die Illusion der bürgerlichen Presse nun gar, als könne die Taktik der badischen Landtagsfraktion irgendwie auf die Taktik der Gesamtpartei einwirken, lohnt es sich nicht, ein ernsthaftes Wort zu verlieren. Der Wunsch ist hier wieder einmal der Vater des Gedankens. Oder bildet diese Presse sich wirklich ein, daß— um einen Vergleich aus einer ihr verständlichen, also aus der bürgerlichen Sphäre zu wählen— die Krupp und Stumm ihre Politik einrichten könnten nach den Bedürfnissen und Neigungen der xhrsamen Bürger von Schild«. In kleinen Landparzellen, durch die nach Lassalles Wort die Zugluft der Geschichte nicht streicht, entscheiden sich die.Geschicke des proletarischen Klassenkampfes niemals." j Aus dem eheleben des Grafen IFfell. Abermals stand gestern aus Anlaß der Mißhandlung seiner »?rau vor einem Kriegsgericht der Hauptmann im Jnfanterieregi. ment Nr. 129 in Graudenz Graf HanS zu Pfeil und Klein-Ellguth. In dem ersten Kriegsgerichtsprozeß in Thorn wurde der Angeklagte. wie man weiß, in allen Punkten freigesprochen. Während damals die Anzeige von der ersten Gattin des Hauptmanns, der ge- schiedenen Gräfin Stefanie Pfeil, der Tochter des Geheimen Hofbaurats Heim in Berlin, ausging, handelt eS sich in diesem zweiten Prozeß um die zweite Gattin des Grafen Pfeil, eine geborene Baronesse v. Behr aus Mitau. In dem Prozeß, der gestern bor dem Kriegsgericht der Kommandantur in Ber. Sl i n begonnen, dreht es sich hauptsächlich um Vorgänge in der zweiten Ehe des Grafen. Graf Pfeil ist der Mißhandlung, des Mißbrauchs der Di enstgewa lt. der Bedrohung und anderer Straftaten beschuldigt. Die Betroffenen sind die zweite Kattin und frühere Burschen des Angeklagten. Graf Pfeil,'der in der Uniform feines Regiments erschienen ist. Will sich zunächst auf den Stuhl neben der Anklagebank niederlassen. er wird jedoch aufgefordert, auf der Anklagebank Platz zu nehmen. Nach der Anklage, die KriegSgerichtsrat Dr. Welt verliest. wird dem Grafen Pfeil zur Last gelegt, sein« zweite Frau, die Gräfin Pfeil, am 6. April 1909 vorsätzlich körperlich mißhandelt zu haben, indem er sie während ihrerdrei. monatigen Schwangerschaft vor die Brust stieß, guBodenwarfundamtzalsewürgte.so daß die Miß- handelte bewußtlos wurde. Ein andermal drohte der An» geklagte, seine zweite Frau zu erschießen. Mit den Worten: „Siehst Du, ich habe noch einen!" richtete Graf Pfeil einen R e. volver gegen seine Gattin. Dann soll er den Mu S k e» tier Schröder körperlich vorsätzlich mißhandelt und ihn durch Drohung vorschriftswidrig behandelt zu haben. Schließlich kommt die Anklage auch«ruf die Zeitungsaffäre zu sprechen. Graf Pfeil hat danach in einem Cafe mehrere Zeitungs- blätter, in denen Notizen über seine Prozesse standen» entwendet und seinem Rechtsanwalt zugestellt. Graf Pfeil bestreitet bei seiner Vernehmung, in der von der Anklage geschilderten Weise gehandelt zu haben. Wohl müsse er zugeben, daß es zu Tätlichkeiten zwischen ihm und seiner Frau gekommen sei, doch tue ihm dies furcht- bar leid. Daß seine Frau damals schwanger ge- Wesen sei— davon habe er nichts gewußt l Betreffs der Anklage im! Falle Schröder erklärt der Angeklagte, daß ihm der Bursche Günther keineswegs gefallen und einen sehr schlechten Eindruck auf ihn gemacht habe. Er wollte einen besseren Burschen haben und dies war Schröder, der interimistisch die Durschendienste versehen wollte. Schröder drängte sich immer danach, seine Briefe und die eingeschriebenen Sendungen zur Post zu bringen. Eines Tages habe er Schröder wegen des Detektivs Gräger ausgehorcht. Schröder habe ihm erklärt, daß Gräger ihm 50 M. dafür geboten habe, wenn er alle möglichen Nach- richten über ihn und sein Familienleben ihm, dem Detektiv, übergebe. Später habe der Bursche in einer förmlichen Rede alles wieder ab- gestritten, und nun habe er Verdacht geschöpft und Schröder ver- haften lassen. Am 1. Juni soll Graf Pfeil den Schröder«ruf die Kompagniestube genommen und ihn dort% Stunden bearbeitet haben. Er soll ihn g e st o ß e n und g eg e n d a S Spind gedrängt haben und ihm dann gedroht haben, er werde ihn sofort auf Festung bringen lassen, wenn er kein Geständ- niS dahin ablege, daß ihm von dem Detektiv 50 M. für die Nachrichten versprochen worden seien. Hierzu bemerkt der Angeklagte, daß es ihm gänzlich fern liege, einen Mann in dieser Weise zu beein- slussen.— Die Aeußerung:„jWenn Sie jetzt nicht gestehen, dann werde ich Sie sofort auf Festung bringen lassenl" klärt der An- geklagte dahin auf, er habe dem Schröder nur Vorhaltungen in Väter- l icher Weise gemacht. Er habe wohl dabei angedeutet, daß, wenn Schröder die Unwahrheit sage, er schließlich noch auf Festung kommen könne. Zu dem letzten Punkt der Anklage, die Entwendungen von Zeitungen, erklärt der Angeklagte, er sei im Caf6 Gussow in Graudenz Stamm- gast gewesen, und an einem Abend sei er infolge innerer Erregungen so aufgebracht gewesen, daß er die Zeitungen am liebsten zerrissen hätte. Es sei wohl möglich daß er ein Blatt fortgenommen, ob er es aber dem Rechtsanwalt zugestellt habe, wisse er nicht mehr. Er habe ja auch geglaubt, daß et als Stammgast gewissermaßen zu seiner Handlung berechtigt sei, und zwar um so mehr, als die Zei- jungen alt waren. Ein rechtswidriges Empfinden habe er damals keineswegs gehabt. Nach dem Führungszeugnis, da» verlesen wird, ist Graf Pfeil ein„gewandter, pflichttreuer Offi- zier von liebenswürdigem Wesen". Als erste Zeugin wird die Gräfi» Pfeil vorgerufen. Auf den Hinweis, daß sie als Ehefrau de» Angeklagten berechtigt fei, die Aussage zu verweigern, äußert die Zeugin, sie wolle aussagen. Graf Pfeil Me sie zu Anfang ihrer He zwei«. Mal yätk attt Gelenk gefaßt. Km 9. April habe et ihr vorgeworfen, sie verhalte sich so kühl. Sie sei dann mit ihm in Streit geraten. Er habe ihr vorgeworfen, sie gehe zum General Krause und anderen Vorgesetzten und verklatsche ihn dort. Als er dann auf sie zukommen wollte, rief sie ihm zu:„Du Schuft!" Im nächsten Moment wurdedie Gräfinvon dem Gattenzur Erde geworfen. Der Angeklagte stellte die Knie auf ihren Körper und würgte sie am Halse, so daß ihr der Atem ausging. Später seien noch Würgeflecke am Hals zu sehen gewesen. Daß sie schwanger gewesen sei, davon habe der Angeklagte nichts gewußt. Die Zeugin gibt die Möglichkeit zu, daß der Graf beim Fallen zur Erde mit dem Knie auf die Brust der Gräfin geraten ist. Auf eine Frage des Sachverständigen bekundet die Gräfin, daß ihr schwarz vor den Augen wurde, und daß sie meinte, ersticken zu müssen. Der Kragen war bei dem Gefecht«ruf- gerissen worden. Später stellte sich Erbrechen ein, daß teilweise auf ihren Zustand zurückzuführen Urar, das aber nach Ansicht der Gräfin als eine Folge der Mißhandlungen anzusehen sei. Kurz vor dem aufregenden Vorfall hat der Graf Bilder zu Böden geworfen und ein Bild der Zeugin gegen den Kopf geschleudert. Revolverszenen seien häufig vorgekommen, doch habe ihr der Graf nicht mit Erschießen gedroht. Eines Tages sei ihr der Gatte im Zimmer entgegengekommen und habe erschreckend aus- gesehen. Mit den Worten:„Du siehst, ich habe noch einen Revolver!" holte der Angeklagte einen Revolver aus dem Tisch- kästen hervor und fuchtelte damit vor der Gräfin umher. Ihr sei Angst geworden und sie habe aus dem Zimmer entfliehen wollen. Der Graf hielt sie jedoch fest. Nach Rücksprache mit dem Grafen Lamsdorff habe sie sich entschlossen, nach der Geburt ihres Kindes, die vor einiger Zeit erfolgte, auszusagen, während sie zu- nächst nichts aussagen wollte. Es kommt dann die Rede auf die Persönlichkeit der Gräfin Pfeil m körperlicher Beziehung. Die Gräfin hat in Gesellschaften wiederholt Zeugnis davon abgelegt, daß sie über eine für Frauen seltene Körperkraft verfügt. Sie hob schwere Gewichte und war auch leidenschaftliche Anhängerin des Fechtsports. Hin und wieder pflegte die Gräfin mit dem Wort„Bär" zu unterschreiben. Nach beendeter Vernehmung der Gräfin gibt der als Sachver- ständiger geladene Oberstabsarzt sein Gutachten ab. Der Verhandlungsleiter richtet«m ihn die Frage, ob durch die Behand- lung des Angeklagten das Leben der Gräfin ernstlich gefährdet werden könne. Der Sachverständige bekundet, daß durch das Knieen auf der BrustXund das gleichzeitige Würgen am Hals der Lust- Mangel ein weit bedeutenderer sei als durch dcrs Würgen allein. Der Gräfin fei schwarz vor den Augen geworden, und sie habe auch keine Lust bekommen. Bei den sich widerstreitenden Aussagen der Gräfin und des Grafen könne er jedoch zu keinem bestimmten Ergebnis dahin gehend kommen, ob'das Leben der Gräfin bei jenem Vorgang ernstlich gefährdet war. Hätte daS Würgen noch länger angehalten, so hätte es böse Folgen haben können. Major Born st ein wird über die Mißhandlungsfälle des gräflichen PaareS vernommen. Gleich nach der Mißhandlung war die Gräfin damals fortgelaufen und hatte in der Familie des Majors Zuflucht gesucht. Die Gräfin war nach den Bekundungen des Zeugen wiederholt bei seinen Angehörigen und erzählte öfter derartige Geschichten. Was daS Fassen an die Handgelenke anlangt, so habe die Gräfin mehr von einem Ringen gesprochen. In Berlin, wohin die Gräfin nach ihrer Flucht sich wandte, suchte sie der Zeuge auf, um sie zur Rück- kehr zu ihrem Gatten zu bewegen. Die Grafin ließ sich auch wieder überreden. Wie sie aussagt, ist sie dadurch zur Rückkehr bestimmt worden, daß ihr der Major sagte, wenn er erfolglos nach Graudenz zurückfahre, so werde sich Graf Pfeil zweifellos das Leben nehmen. Der Major war auch der festen Ueberzeugung, daß es zur Katastrophe kommen werde und bot alles auf. um feine Mission mit Erfolg durchzuführen. Der Zeuge hatte bei der Erzählung der Gräfin die Empfindung, daß Graf Pfeil nicht die Gräfin, sondern sich selbst erschießen wollte. Auch bei der folgenden Zeugin, der Frau Debarrh, hat di« Gräfin einmal Zuflucht gesucht. Auch ihr erzählt« die Gräfin von Mißhandlungen, wovon sie blaue Flecke am Arm bekommen hätte. Von den WürgungSversuchen weiß die Zeugin nichts. In der weiteren Beweisaufnahme kommt der Fall Schröder zur Verhandlung. Der Hauptzeuge, der frühere Musketier Schröder, wirb noch einmal eindringlich zur Wahrheit ermahnt. Zu der Angelegenheit der eidesstattlichen Versicherung, die der Zeuge seinerzeit dem Detektiv Gräger abgegeben hat, bekundet Schröder folgend«?: Er habe Gräger nicht in die Wohnung des Grafen Pfeil eingelassen. Er habe Gräger überhaupt erst nach seiner Entlassung aus dem Dienst des Grafen kennen gelernt. Gräger hcibe ihn aufgesucht und ihm mitgeteilt, er müsse Material gegen den Grafen Pfeil haben. Er habe die Zeugen dann auSgefnigt, die Antworten niedergeschrieben, das Schriftstück dem Schröder später zugesandt, ehe er dann unterschrieb. Der Zeuge sandte das Schrei. ben an die Gräfin Stephanie Pfeil nach Berlin. Schröder will nur 3 Mark von Gräger bekommen haben. Dieses Geld galt aber für den Ausfall, den er infolge der Angelegenheit an Zeitversäum- niS und Arbeitsverdienst erlitten. Was der Zeuge unterschrieben habe, entspricht auch der Wahrheit. Schröder bestreitet, dem Grafen gesagt zu haben, er habe den Detektiv in die Wohnung gelassen und Geld von ihm bekommen. Graf Pfeil sei einmal m ihn gedrungen, doch zu sagen, daß er von Gräger Geld bekommen habe und daß ihm von dem Detektiv Versprechungen gemacht worden feien. Eines Tages nahm der Graf den Zeugen mit auf die Schreibstube. Er nahm ihn unter vier Augen ins Gespräch und rief plötzlich:«Gesteh'n Sie, gestehen Sie." Er faßte ihn dann am Kopf und stieß ihn heftig gegen den Schrank. Nur um den Grafen zu beruhigen, habe der Zeuge hervorgestoßen, er habe 5 oder 15 Mark von Gräger bekommen. Der Angeklagte verließ dann den Burschen und sagte: „Ich werde Ihnen fünf Minuten Zeit lassen! Ueberlegen Sie es sich alsol" Am Vormittag de? Tages, an dem dieser Vorfall sich abspielte, traf der Zeuge den Grafen weinend/« Udr, von der Halle des Moabiter Krankenhauses nach dem Zenttal-Friedhof in Fnedrichsfeldc statt. 47b vis trauernilon Hinterbliebenen August Schaumann. Verband der Schneider und Schneiderinnen. BeriinV To.les- Anzeige. Den Mitgliedern geben wir hiermit bekannt, datz dte Kollegin, Frau M. Scbauinami am 19. Juli er. im Alter von 51 Jahren verstorben ist. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 23. Juli cr., nachm. 4 Uhr, auf dem Fri-dho zu Fnedrichsfelde statt. tS3/10 Die OrtSvcrwaltnng. Todes- Anzeige. Am 19. Juli verschied»ach langem, schiverem Leiden meine innigstgeliebte Frau, unsere gute Mutter, Tante, Schlvefter und Schwägerin Marttm Barlösius geb. Bnft im 39. Lebensjahre. Die trauarnden Hinterbliebenen CJeorg Harlöslus nebst Kindern. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 23. Juli, nachm. 3s/, Uhr, von der Leichenhalle des städtischen Friedhofs in FriedrichZ- sclde aus flatt. 2522 SozialdemokratiscIierWaiiivereinf für den 1. Berliner Reiehstapahlkreis. Am, 19. Juli verstarb unser Mitglied, der Bäckermeister Jakob Block Fischerstratze 7. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Soimtag, den 24. Juli, nach. mittags 5 Uhr, von der Leichen- Halle der Hedwigs-Gemeinde in Reinlckcndors, Berliner Str. 24/28, aus Natt. 208/3 Um rege Beteiligung ersucht Der vor« fand. SozialdemokratisehJalilYerein für den 4. Köpenicker Viertel. (Bezirk 212. Test II.) Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unsere Genossin krau Sevrietle Mus Falckensteinstratze 34 gestorben ist. Ehre ihrem Andenken l Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 23. Juli, nach- mittags i'l, Uhr, von der Halle dcS Zenttal-Friedhose» w Friedrichs- selbe aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bel der Beerdigung meines lieben Mannes Frtedridi Schultz sage ich den Inhabern der Firma Gelire& Co., dem Meister der Ab» teilung der Maschinensormer, den Kollegen der Firma Gehre& Co., den Genossen des 217. Wahlbezirks, dem Wahlverein für den 4. Berliner Reichstags- Wahlkreis, dem Metall- arbeiter- Verband, der Wagenbauer- Kasse, Bezirk 17, dem Sparveretn Blühe", den Sängern, Insbesondere dem Genossen Brandenburg sür den herzlichen Nachrus und allen Ver- wandten und Bekannte» meinen besten Dank. Dte trauernden Hinterbltekeue». WVK. SCllUHZ nebst Kindern. Dr. Sis�mel Spezial-Arzt* für Haut- und Harnleiden. Prinzensir. 41,„XS,, 10— 2, 5— 7. Sonntags 10— 12. 2— 4 Zeperuick-fieriiau. Parzelle von 399». an(ca 90nR.) J Kleine Anzahlung u. langjährige< Hypotheken. Pläne gratis. Vor-( Käufer ständig am Bhf. Zepernick.< J. Kieger, Gontardstr. 5.» j Offeriere in srischer schöner Ware: jui»ge Öanse 65. 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Haushalt-Schokolade pfund 65, 75, 95 pt Vanille-Schokolade I Pfund 1. 05 Vanille-Schokolade II Pfund l.is Ess-Schokolade I... p�d 1.50 Gebrannter Kaffee Mischung 1 2 3 4 B 8 7 Pfund 95 Pf. 1.05 1.20 1.35 1.55 1.70 1.90 Jrucfitfäfre mit Raffinade eingekocht Himbeersaft...... Fi..ch. 75«f. Kirschsaft........ F».«-. 30 pf. Johannisbeersaft. Fi«che80pf. Himbeersaft extr».... FiReche 1 ,oo Zitronensaft....... Fiasch« l.oo Erdbeersaft.. pissch. 80 pf, 1.oo Borsdorfer Apfelwein ä 30 n Braunschweiger Doppel-Schiffsmumme V, Doss 2.1 5 Vs Do»® 1.10 Rehkeulen 4.50>», 7.oo Rehrilcken 5.oo 8.oo Rehblätter 1.50 u« 3.oo Gebirgspreisselbeeren.. Ungarische Strudeiäpfel Italienische Pfirsiche... Italien. Gentilli-Birnen.. Holländ. Einmachegurken Salatgurken... 8� 5, 8, Kopfsalat............» Holl. Cantaioupe-Melonen Ger. Ahlbecker Flundern. Geräucherte Aale...... Pfund 20 Pf. Pfund 25 Pf. Pfund 25 Pf. Pfund 1 8 Pf. Mdl. 45 Pf. 10, ISpt. Stuck 1 0 Pf. Pfund 28 Pf. Pfund 25 Pf. Pfund 1,10 Geräucherte Bund-Aale.. Bund 38 pt. Neue Matjes-Heringe 10, 15, 20 pt. Gänse...... pfun» 55, 60, 68, 75 pt. Hühner.......... stuck 55 pf ws 2.75 Enten........... stuck 1.90 w» 3.25 Tafelbutter............ pfund 1. 10 Schweizer Käse....... Pfund 78 pf. Tilsiter Käse.......... Pfund 55 pf. Camembert............ stuck 17 pf. Romatourkäse......... stuck 28«f. Limburgerkäse....... prund 45pf. Tortenbrlekäse........ p�nd 50 pf. Quadratkäse........... Pfund 35 pt. Frühstückskäse........ stuck Spt. Galizische Krebse Mandel 45, 90 Pf., 1.50, 2.00, 3.00 Edel-Krebse' Mandel 95 Pf., 1.25, 2.25, 3.00, 4.00 Riesen-Krebse...... stuck 50, 75 pt. SÄÄ Jrisches TTeuch un j Ji/cäe FÜet Pfd. 90 Pf., auageachält 1.40 hl# 1.60 Roastbeef Pfd. 90 pf., Löch.» 1.so Schmorfleisch.... p�d 90 pf. Frische Rinderzunge Pfd. 92 Pf. Frisches Rippespeer Pfd. 90 pf. Hammelkeule Pfd. 60, geteilt 65 pt Schweinekamm und Schuft Pfund 75, geteilt 80 Pf. -Kassler RippespeerSObi# 90 pf. Gehacktes____..... pw 60 pf. Lebende Schleie...Pfund l.io Lebende Aale. Pfund 80pf, l.io Bratschellfische.... p�nd 9 pf. Grosse Schellfische pfund 1 5 pf. Seelachs Pfd. 9pf., Im An#chnlU 1 3 Pf. KabelJaU Pfd. 1 Opf� lmAn#ehnltt 1 5 Pf. Bratschollen....... p�d 1 0 pf. Grosse Schollen... pf�d 20 pf. IJtinerAlwaJfPr Harzer Sauerbrunnen Tafelwasser 20 Flaschen(oxkl. Flaaohen)... 2,00 w Flaaohcn....... 1.80 Namedy- Sprudel Apollinaris, Kgl. Fachingen. *. 169. 27. mmi 2. Keilllge des Ismiilts" Kerliner UolltsdlM. � n � m- Aus dem Berliner Innungswefen. Vor kurzem ist der Geschäftsbericht der„Ständigen Deputation des JnnungSauSschusseS der vereinigten Innungen zu Berlin" über die Tätigkeit im Jahre 1909 erschienen. Derselbe enthält eine Nach- Weisung, ivicviel Innungen dem Ausschutz— einer Institution ähnlich wie bei den Gewerkschaften die GewerkscliaftSkarteUe— angeschlossen sind, sowie die Zahl der Mitglieder der einzelnen Innungen, ferner den Kassenbericht des JnnungSauSschusseS und die Berichterstattung über das am Orte bestehende JnnungSschicdsgericht. Dem JnnungSausschuh waren am Schlüsse des Jahres 1999 angeschlossen 46 Innungen mit 26 275 Mitgliedern. Da es in Berlin zur Zeit 62 Innungen gibt, so stehen 16 Innungen, meist kleinere, outzerhalb dieser ortlichen Vereinigung. Die Stärke der Innungen ist sehr verschieden, ebenso die örtliche Begrenzung ihres Wirkungskreises. Die fünf gröhtcn Innungen(es sind sämtlich ZwangSinnungen) sind die der Schneider mit 6115 Mitgliedern, Tischler mit 2598, Schuhmacher mit 2463, Bäcker(Innung„Ger- mania") mit 1598 und Maler mit 1399 Mitgliedern. Zu den fünf kleinen zählen die Innungen der Kammacher mit 12, Nagelschmiede mit 16, Aeilenhauer mit 17, Seiler niit 17 und Steinmetze mit L4 Mitgliedern. Einige Innungen erstrecken ihren Wirkungskreis auch auf die Bororte, noch andere darüber hinaus. Ein eigenes Bureau unterhalten zehn Innungen, nämlich: beide am Ort be» stehenden Bäckerinnungen„Concordia" und„Germania", ferner der „Bund der Bau-, Maurer- und Zimmermeister", die Fuhrherren, die Gastwirte, die Köche, die Schneider, die Schuhmacher, die Stein- setzer und die Tischler. Die auffallend starke Mitgliederzahl der Schneidcrinnung er- klärt sich daraus, datz ihr nach dem Statut und den Entscheidungen der höheren Verwaltungsbehörde die sogenannten Hausgewerbe- treibenden angehören müssen, denen zwar in rechtlicher Beziehung der Charakter Selbständiger beigelegt wird, während sie in Wirk- lichkcit fast ebenso wirtschaftlich und persönlich von ihren Arbeit- gebern, den Konfektionären, abhängig sind, wie der Werkstatt- oder der nur allein in seiner Wohnung arbeitende Heimarbeiter. Auch werden von derselben Innung die weiblichen Modistinnen auch dann, wenn sie nur allein für Kundschaft arbeiten, zu Beiträgen herangezogen, um da? Handwerk mit„retten" zu helfen. Aus dem weiteren Bericht heben wir nur die die Allgemeinheit interessierenden Stellen hervor. So sollen bei Stadtverordneten- Wahlen die bürgerlichen Parteien ersucht werden, bei Aufstellung von Kandidaten das Handwerk zu berücksichtigen. Augenblicklich haben wir zwei Obermeister(der Klempner- und Malerinnung), die Herren Bcrger und Rcttig als Stadtverordnete im Rathause sitzen. Ihre bisher zutage getretene Tätigkeit, besonders die des letzteren, dürfte die bürgerlichen Fraktionen des Rathauses wohl zur reiflichen Ucberlegung veranlassen, den Wunsch der Zunftmeister zu erfüllen. Besprochen wurde in einer Jnnungsausschuhversmnm- lung auch die Bäckereiverordnung und, wie cS heitzt,„ihre die Exiltenz vieler ehrsamer Handtverksmeister bedrohende Hand- habungl" Dem ehrsamen Bäckerstande lmirde dann auch vom Aus' sckmtz die Unterstützung zugesichert und gewährt. Worin diese Unter' stützung bestanden hat, sagt der Bericht nicht, man wird wohl aber nicht fehlgehen, anzunehmen, datz die Jnnungskrauter auf den Hintertreppen der Behörden chambrieren, um diese um möglichst laxe Handhabung der arbeiterschutzgesctzlichen Bestimmung anzubetteln, was denn auch, wie die Bäckergesellen bezeugen können, von Erfolg gekrönt ist. An einer anderen Stelle heitzt cS:„Für nickst richtig wurde eZ befunden, datz der Berliner Magistrat eigene Werkstätten errichtet und so dem seßhaften Gewerbcstande Konkurrenz macht." Von Wichtigkeit für Eltern und Lehrlinge ist dieser Satz, der zwar etwa? Selbstverständliches sagt, aber doch in weiten Kreisen verdient bekannt zu werden, da hierüber auch unter den Arbeitern noch vielfach irrtümliche Auffassungen herrschen:„Auf eine Anfrage der Handwerkskammer erklärte der JnnungSauSfchutz eS als orts- üblich, datz Lehrlinge nach Beendigung der im Lehrvertrage fest- gesetzten Zeit den Gescllenlohn zu beanspruchen haben und nicht erst von dem Tage ab, au dem sie in der JnnungS-Ouartalversammlung »freigesprochen" werden." Der Kassenbericht deS JnnungSauSschusseS bilanziert in Ein nähme und Ausgabe mit 19 334.61 M. Unter den Einnahmen be finden sich 4577,15 M. an JnniingS beitragen und 6997 M., welche die Innungen als besonderen Beitrag zum JnnungSschiedSgcricht leisten mutzten, und 3878.59 M. zurückerstattete Kosten und Ge- bühren der Parteien, die am selben Gericht Klage erhoben bezw. ver- klagt wurden. Bei den Ausgaben sind verzeichnet 9789 M. an Be- soldimgcn und Entschädigungen, davon erhalt der 1. Vorsitzende de? Ausschusses(Obermeister Rahardt) 1299 M., der Schatzmeister (Obermeister Struck von der Zeugschmiede-Jnnung) 599 M., der Vorsitzende des JnnungsschiedSgerichts, der im Hauptamt tätig ist, 4599 M., ein Sekretär, der als Gerichtsschreiber fungiert, 2299 M., und die am schlechtesten bezahlte Hilfskraft 1299 M. Vom JnnungSschicdsgericht ist folgendes zu berichten: ES gingen «in im Jahr« 1999: 2387 Klagen(gegen das Vorjahr mehr 22). ES wurden davon 1694 im Bureau schriftlich zu Protokoll genommen, L33 gingen schriftlich ein, 449 vom Berliner Gewerbe- bezw. Kauf- mannSAericht, 1 vom Gewcrbcgericht Schöneberg überwiesen. In 118 Fällen wurde auf Herausgabe der Papiere und Sachen bezw. Ausstellung eines Zeugnisses geklagt. Die Gesamtsumme der ein- geklagten Forderungen bctrrig 88 283,66 M. gegen 101 191,58 M. im Borjahre. Ihre Erledigung fanden 2294 Streitsachen, 6 Sachen wurden mit anderen Klagen, die gegen denselben Beklagten gerichtet waren, verbunden. In 51 Fällen konnte nicht verhandelt wevden, da niemand erschienen war. 49 Klagen wurden vor der Verhand- lung zurückgenommen, in 19 Fällen konnte wegen Verzuges der Adressaten die Ladung nicht zugestellt werden. In 19 Fällen wurden die Akten dem Gewerbcgericht überwiesen, 81 mal forderte sich im Vcrufungsverfahren das Amtsgericht die Akten ein. Von den 2294 Fällen wurden erledigt 494 durch Verurteilung nach VerHand- lung, 385 durch Versäumnisurteil, 557 endeten durch Vergleich, 161 mal wurden die Parteien zum Teil abgewiesen, zum Teil ver- urteilt: Klageabivcisung erfolgte in 493 Fällen nach Verhandlung. 198 mal im BersäumniSvxge; nachher Verhandlung wurden zurück- genommen 96 Klagen. Die meisten Klagen waren zu verzeichnen bei den Tischlern 659, Schneidern 341, Gastwirten 229 und Malern 197. Keine Klagen hatten die Böttcher(Böttchcr-Jnnurrg Eiche), die chirurgischen Jnstrumentenmacher, Drechsler, Feilenhauer, Schornsteinfeger. Seiler, Vergolder, Zahnkünstler und Zeugschmicde, alles Innungen, bei denen nicht einmal ein ordentlicher Gesellen- aus schütz besteht, geschiveige denn Arbeitnehnierbeisitzer am Schieds- gericht vorhanden sind. Das Lehrlingsschiedsgericht, an dem nach den Bestimmungen der Gewerbeordnung nur„Meister" als Beisitzer fungieren, ver- handelte in 83 Streitfragen. Davon entfallen auf die Schlosser 18, Tischler 19, Bau 2, Schneider 12, Bäcker 9, Tapezierer 4, Maler, Bäckcrinnung„Concordia", Gokdschmiede und Köche je 3, Gastwirte, Steinsetzer. Schmiede und Klempner je 2, Glaser, Kürschner, Buch- binber, Zabnkünstler, Konditoren und Kammacher je 1. In 999 Fällen wurde die Zwangsvollstreckung wegen der Kosten de? Schiedsgericht«, in 569 Fallen wegen der durch Schiedsspruch zuerkannten Summe bei der Vollstreckungsbehörde, dem Polizei. Präsidium beantragt. Welche Erfolge diese Art Zwangsvollstreckung bei den SchilSSgerichtSsprüchcn gehabt hat, darüber schweigt der Be- richt, während er für die Beitreibung der Gerichtskosten dem Polizei- Präsidium seinen Dank ausspricht! ES wird dies erst dann ver- ständlich, wenn man in Betracht zieht, datz hierbei meisten? Arbeiter tn Frage kmnmen, die als Kläger auftreten. Die Kosten der Rechtsprechung am Schiedsgericht sind im Ver- hältnis zu denen der am Gclverbcgericht vorgeschriebenen hoch, so datz die Weigerung der Arbeiter, bei geringen Objekten noch hohe Gebühren zu zahlen, durchaus begreiflich erscheint, Es ist eben der Jammer unserer heutigen sozialpolitischen Ge- sctzgebung, die auch bei dem Gesetzentwurf der ReichSversicherungs« ordnung zum Ausdruck kommt, datz man den im heutigen Wirt- schaftslcbcn ziemlich bedeutungslosen JnnungSmeistern Privilegien auf Kosten der von ihnen Beschäftigten in den Schoß wirft und diese dadurch in ihren Rechten schmälert. Partei- Angelegenheiten. Zweiter Wahlkreis. Sonntag, den 2t. Juli findet unser Faniilicnausflug»ach Grünau(Spielplatz) statt. Treffpunkt früh 7>/, Uhr auf dem Görlitzer Bahnhof. Abfahrt 740. Im Walde finden Kinderspiele usw. statt. Für Kaffeeküche ist Sorge getragen. Es wird nochmals darauf aufmerksam gemacht, datz das Endziel der „Spielplatz" ist. Recht zahlreiche Beteiligung wünscht DaS Komitee. Fünfter Wahlkreis, vierte Abteilung. Sonntag, den 24. Juli, 2 Uhr nachmittags: Ausflug nach Fried- richsfelde. Treffpunkt daselbst Lindenpark. Zahl- reiche Beteiligung erwünscht Der Abteilungsführer. Die Kreisgencralversammlnng des sozialdemokratischen Wahlvereins für Niederbarnim findet am Sonntag, den 2 4. Juli, vormittags 10 Uhr, im„Cafö Bellevue" in Rummelsburg, Hauptstraße 2, statt. Auf der Tagesordnung steht: 1. Tätigkeitsbericht vom 1. Januar 1909 bis 30. Juni 1919. 2. Wahl der Kreisleitung. 3. Die Provinzialkonferenz am 11. September und Wahl dreier Delegierten. 4. Der deutsche Parteitag und Wahl von vier Delegierten. 5. Anträge und Vercinsangelcgenheitcn. Zur Teilnahme sind verpflichtet: die gewählten De l c g i e rt en, die Bc z i r kS l c i t e r und die Vorstands- Mitglieder. Die Parteimitglieder, die den Verhandlungen als Gäste beiwohnen wollen, haben als L e g i t i m a t i o n i h r M i t- gliedsbuch vorzuzeigen. _ Der Kreisvorstand. Reinickendorf(West). Sonntag, den 24. d. M. feiert der Bezirks- wahlvcrein sein 6. Stiftungsfest in den Eichbornsälen, Eickiborn« strotze 60 und GördeS Waldschlötzchcn, Ecke der Wald- und Eickiborn- strotze. DaS Programm besteht aus Konzert, Auftreten der Volks- iängergesellscbaft LewandowSli, Kinderbelustigungen und Tanz. Billetts sind beim Komitee, sowie in den mit Plakaten belegten Ge« schäften, bei den Gruppenführern und an der Kasse zu haben. Spandan. Sonntag, 24. Juli, nachmittags 4 Uhr, findet für die Orte Hasclhorst, Stern'felde und Nonnendamm im Lokal von Karl Fricke. Nonnendamm. SiemenSstr. 23, eine öffentliche Volksversammlung statt, in der Genosse Wilhelm Pieck über:„Der Vormarsch der Sozialdemokratie" referieren wird. Die Genossen Spandaus, welche sich an der Versamnilung beteiligen, treffen sich nachmittag? 2'/, Uhr bei Fritz Bohle. Havelstratze. ' Sonntag früh 7 Uhr findet von allen Bezirkslokalen eine wichtige Flngblattverbreitung statt. Es wird erwartet, daß alle Ge- noffen pünktlich zur Stelle sind. Berliner JVaebnehtrn Der zunehmende Fährverkehr im Friedrichshai» hat die städtische Parkdeputation veranlatzt, im Interesse der Spaziergänger den Fahr- loeg, der von der Siratze am Friedrichshain mitten durch die An lagen führt und mit einer Gabelung nach der Virchowstratzc und dem Krankenhause ausläuft, für Kraftwagen, Geschästs« und Lastwagen, Leichen- und Trancrwagen und Fahrräder zu verbieten. Nur der die Landsberger Allee mit der Virchowstratze verbindende Weg, der am Krankenhause entlang führt, ist dem Fahrverkehr freigegeben. Ein Feind der Obdachlosen. Im„Berliner Tageblatt" stötzt ein allzu nervöser Leser au» dem Nordosten einen Hilfeschrei auS über die Straßenzustände beim Obdachlosenasyl. Der offenbar recht gut sitnierte Herr versetzt dabei den Obdachlosen folgenden Hieb: „Welchen Einfluß die tägliche Berührung mit diesen ver- kommeuen Elementen aus die zahlreichen Kinder hat, soll hier gar nicht untersucht werden. Eine Verlegung des Asyls wäre auch im Interesse der Schule zu wünschen, die sich ihm gegenüber befindet. ES ist doch ein eigentümlicher Zustand, datz diese Kinder sich mit Baracken begnügen müssen, während die Herren Gewohn heiiSbettler in einem schönen niassiven Gebäude mit geräumigen Sälen sich räkeln." Irgendwo mutz doch das Asyl sich befinden. Wo eS aber in oder dicht bei der Großstadt ist, werden auch immer Kinder mehr oder weniger nahe fein. Datz die Kinder der gegenüber dem Asyl liegenden Barnckcnschule, deren Zugänge an der entgegengesetzten Seite vorgesehen sind, unter den Asylisten leiden, ist übertrieben. Die Schule würde ja zweifellos besser anderswo untergebracht sein, aber eine enge Berührung mit Asylisten findet nicht statt, da die Asylisten das Asyl längst verlassen haben, wenn der Schulunterricht beginnt. Der verbohrteste Hotz gegen die Obdachlosen, die meist aus eigener Kraft nicht wieder hochkommen können, gehört dazu, das Asyl förmlich als einen Palast anzusprechen. Räleln Sie sich doch nur eine einzige Nacht, Herr Obdachlosenhctzer, in den.geräumigen Sälen des schönen massiven Gebäudes" und Sie vergessen ganz sicher das Wiederkommen. Ein Erlaß de« Berliner Polizeipräsidenten an die Schutzmann- fchaft vom Jahre 1902 spielte eine Rolle in einem Prozeß, den der Cafetier Protz gegen den Präsidenten angestrengt hatte, nachdem ihm die Polizeistunde von 4 Uhr»ochtS aus 12 Uhr herabgesetzt worden war. Die Herabsetzung erfolgte wegen Uebertretuug der Polizei- stunde. Die stagliibe Verfügung des Polizeipräsidenten, die wir seinerzeit schon veröffentlicht haben, besagt unter anderem, datz die Beamten zwar auf den rechtzeitigen Schluß der Lokale sehen, dabei aber Härten vermeiden sollen. Es soll den Wirten eine angemessene Frist zur Entleerung der Lokale gewährt werden, etwa von einer Viertelstunde, bei'Tanzlokalen von einer halben Stunde.— Das OberverwaltungSgericht wie» die Klage P.'S ab, so datz es bei der Herabsetzung der Polizeistunde auf 12 Uhr ver- bleibt. ES wurde ausgeführt, datz die mehrfache Ueberlrelung der Polizeistunde durch P. ihre Herabsetzung auf 12 Uhr nachts recht- fertige. WaS den durch P. angezogeneu Erlaß deS Polizeipräsidenten angehe, so sei das lediglich eine Instruktion an die Schutzmann- schaft, wonach nicht wegen jeder Kleinigkeit Anzeige erstattet werden und ferner berücksichtigt werden solle, datz die Lokale sich nicht so schnell entleeren könnten. Daraus köimten aber die Wirte keines- falls ein Recht auf ein längeres Offenhalten oder eine Eni- f ch u l d i g u n g herleiten. Die Unfitt» der Kinder, sich an Fuhrwerke anzuhängen, hat wiederum einen schweren Unglücksfall zur Folge gehabt. Gestern nachmittag war der zehnjährige Sohn Otto des Arbeiters Gotljchall aus der Reinickendorfer Straße 88 in der Müllerstratze auf einen vorübersahrenden Brauereiwagen geklettert, ohne datz der Kutscher die« bemerkte. Als letzterer die Pferde zu schnellerer Gangart an« trieb, wollte der Knabe abspringen. Dabei kam der Junge zu Fall und geriet unter den Wagen, dessen Hinterrad über ihn hinwegging. Der Verunglückte erlitt schwere Quetschungen am rechten Unter-»nd Oberschenkel und anscheinend auch innere'Verletznngen. Er wurde, nachdem er auf der Unsallstation in der Liudower Straße Not- verbände erhalten hatte, nach dem Rudolf-Virchow-Kranlenhause übergeführt. Ein ziveiter schiverer Stratzenunfall ereignete sich in RiinimelS« bürg. Als der 36jäbrige Arbeiter Paul Pichl au§ Nixdorf auf einem Zweirade die Haupistratze entlang fuhr, kam ihm ein Bier« wagen entgegen. Um dem Gefährt auszuweichen, bog P. nach den Stratzcnbahnglcisen hinüber. Er blieb aber mit seiner Maschine in einer Schiene hängen und kam zu Fall. Der Arbeiter stürzte un» mittelbar vor die Pferde des Bierwagens und erhielt mehrere Huf« schlüge aus die Brust, ehe daS Gefährt zum Stehen gebracht werden konnte. Der Verunglückte trug mehrere Rippenbrüche und innere Verletzungen davon und mutzte dem Rununelsburger Krankenhause zugefiihrt werden. AlS vermutliche Täter zn dem Lichtcuradcr Attentat sind der Bauer Albert Radcmeyer und dessen Bruder, der Kaufmann LouiS Rademeyer, festgenommen worden. Der gegen diese beiden Personen bestehende Verdacht gründet sich zunächst darauf, datz Albert Rade« meyer sich zur kritischen Zeit in Geldverlegenheit befand. Er brauchte zum 3. Juli sehr nötig 3999 Mark, die er schon seit Monaten seinem Schwiegersohn, einem Schmiedemeister in einem nördlichen Vorort versprochen hatte, um damit einen Wechsel, der in diesen Tagen fällig war, zu decken. Seine Bemühungen, sich von anderer Seite dieses Geld zu verschaffen, waren vergebens. Das erste Bettelschrcibcn vom 39. Juni patzt zeitlich in diesen Nahmen genau hinein. Aber sonst ist Albert Rademeyer eine der wenigen Personen, die überhaupt mit der Sache in Zusammenhang gebracht werden können. Er ist seit vielen Jahren der) Nachbar des Kraatz, kennt dessen Verhältnisse genau und weiß, datz auf dem gewöhnlichen Wege des Pumpes nichts von ihm zu erreichen ist. Dafür sind ihm aber ihre Eigenarten, Frömmigkeit, Aberglaube und Krank« hcit des Otto Kraatz und anderes bekannt. Er wußte also, wo er sie einzig und allein zu fassen hatte, um Geld von ihnen zu er« halten. Schreiber des Briefes kann er aber nicht sein. Dafür kommt sein Bruder Lonis, früherer Kaufmann und Schreiber, in Betracht. Diese Handschrift zeigt nicht allein eine unausfällige Uebereinstimmung mit der des BriesschreiberS, sondern bei ihm trifft auch allerlei zu, was der Briesschrciber in dem ersten Brief sagt und WaS man durchaus ernst nehmen kann. Er wohnt nämlich in solcher Nähe deS Tatortes, datz er von seinem Hause au« das umliegende Gelände so gut observieren kann, wie der Brief« schreiber eS mit diesen Worten zum Ausdruck bringt:„Denn ich werde zur Sicherheit den Ort, den ich angeben werde, gut be- wachen lassen, und ich werde nicht einmal die Umgegend betreten brauchen." ES ist auch festgestellt worden, datz in mehreren Nächten, von diesem Grundstück aus, Beobachtungen erfolgt sind. Aufsehen erregte gestern mittag in Lichtenrade das Erscheinen deS neuen MercedeSwagenS, den der Kriminalkommissar Vonberg bei seinen Recherchen in Lichtenrade benutzt. Eine Durchsuchung in der Wohnung wurde vorgenommen und die beiden Verdächtigen mit dem Mercedes» wagen nach Berlin gebracht. Weitere Mitteilungen besagen: Die Kriminalpolizei ging von dem Gesichtspunkt aus, datz daS Grundstück bei Kraatz im Zusammenhange stehe mit dem Tatorte, der an dem entgegengesetzren Ende deS Dorfes gelegen ist. Die Frage, weshalb der Täter wohl diesen Platz gesucht habe, in Verbindung mit dem Bettelbrief, war nicht schwer zu beantworten. Der Tatort wurde nach dieser Gegend verlegt, weil hier durch die über manneShohe Hecke auf der einen Seite Schutz zum Vergraben der Höllenmaschine oder aber der Blechbüchse mit dem Gelde vorhanden war, ohne datz von dem gegenüberliegenden Hause, in welchem der Gendarm wohnt, irgend etwas hinter der Hecke gesehen werden konnte, anderer« seitS ist aber auch in dem Briefe enthalten, datz der Täter dieses Grundstück genau beobachten werde, ohne auch nur die Umgegend zu betreten. Da der Täter unzweifelhaft die Gepflogenheiten der Familie Kraatz keimt, so wußte er. datz er auf geradem Wege von den Leuten nichts bekommen würde, sondern nur mit diesen, schon von unS angegebenen Eigenarten der Kraatz- schen Familie rechnen konnte. ES wurde der große KreiS der in Frage kommenden Personen auf diese Eigenschaften hin geprüft. Dabei blieb lediglich der Rademeyer und sein Bruder übrig, um so mehr, als die Rademeyersche Familie mit Kraatz seit Jahren auseinander ist und mit Kraatz in keinerlei Beziehungen mehr gestanden hat. Die Rademeyersche Familie hat früher zu den reichsten in Lichtenrade gehört, ist aber zurückgekommen. Albert Rademeyer hat vor Jahren, da sein Grund- stück mit Hypotheken belastet war. dieses seinem Schwager, dem Bruder seiner Frau, zur Bewirtschaftung übergeben. Dieser ist trotz der schlechten Geldlage dennoch ausgekommen. Nachdem der Grund und Boden im Werte stieg, hat der Schwager durch Verkauf seine Unkosten nicht bloß wieder herausgeholt, sondern noch 1599 Mark herauSgewirtschaftet. Dieses Geld hat er nicht den Familienmitgliedern, d. h. den Brüdern Rademeyer gegeben, sondern hat bestimmt, datz dieses Geld, da er selbst nichts davon haben wollte, den Kindern der Brüder zugute kommen sollte. Der Rademeyer wirtschaftete auf dem Grundstück weiter, hatte auch verschiedentlich die Kraatzschen Eheleute um Dar- lehn ersucht und solche erhalten, ohne ihnen das Geld wiederzu« geben. Sie kamen schließlich zu einem Prozeß. Seit dieser Zeit war da» Verhältnis der beiden Familien getrübt. Der Kaufmann Louis Rademeyer bewohnte ein Grundstück gegenüber dem Tatorte. ES ist auch beobachtet worden, datz in der Nacht vom 3. zum 4. d. MtS. auf der Ummauerung des Grundstücke» ein Mann gelegen hat. der von der Mauer aus den Tatort übersehen konnte. Beim Anrufen hat dieser Mann etwas geäutzert und ist dann nach dem Hof hinab« gesprungen und hat mit seinem Bruder, dem LouiS. der sich aus der Toilette befand, gesprochen. Dazu kommt, daß in der Handschrist de« zweiten Briefes und in der de« Lonis Radcmeyer eine große Aehnlichkeit vorhanden ist. Dazu kamen andere Umstände. Die Tochter des Albert Rademeyer ist mit einem Schmiedemeister im Norden Berlin» vor« heiratet, dem Zusagen zur Beschaffung von Geldmitteln gemacht worden waren, um dringende Forderungen zu befriedigen. Rade« meyer hatte versprochen, am 3. Juli das Geld zu geben. ES wurde aber nichts daraus, wohl aber traf in dieser Zeit der Bettelbrief bei Kraatz ein. Sodann ermittelte die Kriminalpolizei, daß der Schwiegervater mit dem Schwiegersohn telephonische Gespräche ge« führt hatte. Der Schwiegervater konnte aber die 3999 Marl nicht bekommen und versprach nun ganz sicher, bis zum 11. Juli da» Geld zu beschaffen. Bis zu diesem Tage dachte er in dem Besitz des Geldes zu fein, nachdem er einen zweiten Droh- und Erprcfferbrief an Kraatz geschickt hatte. Während Albert Rademeyer vorher, trotzdem er mit der Kraatzschen Familie wieder in freundschaftliche Beziehungen getreten war. sich absolut nicht um die Ermittelung des Täters kümmerte, schlug er später um. Als ihm bekannt war, daß die Kriminalpolizei von seinen telephonischen Gesprächen mit dem Schwiegersohne Kenntnis erhalten habe, da entwickelte sich plötzlich in ihm ein reges Interesse an der Ermittelung des Täters. Er versuchte, die Spur auf andere Per- sonen zu lenken. Der Schwager RademeherS ist ein Schmied und Rademeyer selbst war ein Kanonier gewesen. Er ist häufig in der Schmiede mit der Herstellung von irgendwelchen Schmiedearbeiten für sich selbst beschäftigt gewesen. Da nun diese Umarbeitung des Gasrohres eine rohe Schmiedearbeit ist und auch nach fach- verständigen» Gutachten von einem sachkundigen Schmied wahr- scheinlich nicht hergestellt ist, so liegt nahe, daß Rademeyer selbst da« Gasrohr dort in der Schmiede hergestellt bat. Eine teure Nacht. Um 2400 Mark beraubt wurde der Künstler H. auö Charlottenburg. Auf einem Bummel durcki Berlin bei Nacht hatie er die Bekanntschaft eines hübschen jungen Mädchens, das sich als Konfektioneuse ausgab, gemacht. Das Pärchen zog durch eine Reihe von Weinlokalen in der Leipziger- und Jägerstraße und als H. nach einer fidclen Nacht sein Heim wieder erreicht hatte, mußte er eine recht böse Entdeckung machen; seine Brieftasche mit 2400 M. war verschwunden. Die hübsche Begleiterin hatte es in einem günstigen Moment verstanden, die Tasche unbemerkt zu entwenden. Die Polizei ist der gefährlichen Person auf der Spur. Milchhändler des Nordens haben in ihrer Generalversammlung beschlossen, die Geschäfte von Sonntag, den 24, Juli ab an Sonn- und Feiertagen von 2 Uhr ab zu schließen, ES handelt sich um die in den Straßenziigen der Gleim-, Kopenhagener-, Gandy-, Sonnen- burger-, Nhinoivcr-, Cantiau-, Corsörer- und Schwedter Straße vor- handelten Milchhäudler. Bon der Verhaftung eines italienischen Fürsten wußte eine hiesige Korrespondenz zu berichten. Auch wir nahmen von der Meldung Notiz. Herr Rechtsanwalt Dr. Apfel schreibt uns nun in bezng auf jene Mitteilung: In Ausgabe vom lO, Juli brachten Sie eine Notiz über die Verhaftung eines italienischen Fürsten. Dieselbe enthält eine Anzahl von schwerwiegenden Irrtümern, In meiner Eigen« schaft als Rechtsbeistand des Marquis Pandolfi, Prince de Guttadauro, der durch diese irrtümlichen Angaben auf das schwerste geschädigt worden ist, bitte ich Sie ebenso höflich wie dringend, die Notiz zu berichtigen. 1. Es ist unrichtig, daß Marquis Pandolfi falsche Heiratsversprechungen gemacht hat und sich von Mädchen Geld geliehen hat, 2, Es ist unrichtig, daß von feiten eines Mädchens oder von sonst jemand in Deutschland irgend eine Anzeige gegen den Marquis erstattet worden ist, 3. Es ist unrichtig, daß der Marquis wegen Vergehens gegen§ 175 Str,-G.-B, oder wegen eines ähnlichen Delikts in Haft genommen oder auch nur angezeigt worden ist. Die Akten des hiesigen Polizeipräsidiums ent- halten von den vorgenannten Delikten auch nicht das leiseste Wort. Wahr ist lediglich, daß der Marquis auf Ersuchen eines Budapester Gerichts wegen einer Betrugsanzeige, die sich auf die Nichtzahlung eines 9000 Kronen lautenden Wechsels stützt, vom hiesigen Polizeipräsidium auf Grund der bestehenden völkerrechtlichen Be« stimmuugen in Haft genommen werden mußte. Diese Angelegenheit dürfte in wenigen Tagen mit der nach ungarischem Recht möglichen Zurücknahme der Strafanzeige ihre Erledigung gefunden haben. Die verehrliche Redaktion würde durch die baldmöglichste Aufnahme der Berichtigung dazu verhelfen, daß der Schaden, der dem Marquis materiell und ideell, insbesondere durch den Hinweis auf§ 175 Str.-G,-B. erwachsen ist, einigermaßen wieder gut gemacht wurde. Indem ich im voraus meinen verbindlichsten Dank ausspreche, zeichne ich mit dem Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung Dr. Apfel, Rechtsanwalt. Bus der'Selbstuwrdchronik. Im Kranlenhause gestorben ist gestern abend der 21 Jahre alte Malergehilfe StaniSlauS�JankowSki aus der Mittenwalder Straße 55. Vorgestern kam der Mann, der bei einer Witwe seit acht Monaten wohnte, nicht von seiner Arbeit zurück. Im letzten Monat sah er sehr blaß aus. Auf die Frage der Hausbewohner, ob er krank sei, verweigerte er jede Antwort. Man nimmt an, daß Jankowski krank war. Gestern früh fand man ihn in dem Viktoriapark in der Nähe deS Nationaldenlmals. Er hatte sich eine Kugel in die rechte Schläfe gejagt. In dem Revolver, den er bei sich hatte, befanden sich noch fünf Patronen.— Erhängt hat sich gestern morgen um Va7 Uhr der 83 Jahre alte Möbelpolierer Karl Lehmann aus der Parochialstr. 29. Lehmann war neun Jahre verheiratet. Vor zehn Monaten starb seine Frau an einem Lungen- leiden, seit sechs Wochen hatte auch er ein Lungcnleiden und gab seine beiden Kinder im Alter von acht und zwei Jahren bei Ber- wandten in Pflege. Auf dem Tische lag ein Zettel, auf dem er mitteilte, daß er große Schmerzen habe, er werde auch wie seine Frau an einem Lungenleiden sterben. AuS dem Wasser gelandet wurde gestern bor dem Hause Am Gröben-Ufer 15 die 51 Jahre alte Arbeiterin Auguste Schulz, ge- borcne Weigt aus der Posener Straße 14. Die Frau war geistcS- krank und sollte nach einem bei ihr gefnndenen Aufnahmeschein in eine Anstalt gebracht werden. Wahrscheinlich hat sie auS Furcht, in die Anstalt zu kommen, sich das Leben genommen. Vorort- JSadmebtem Charlottenlmrg. In der Mitgliederversammlung deS WahlvcreinS, die am 19. Juli im„Vollshause" stattfand, sprach Genosse W. S i e r i n g über den »Preußischen Verfassuugskampf". Redner schilderte sehr eingehend den historischen Entwickelungsgang der preußischen Verfassungskämpfe vom Beginn des verflossenen Jahrhunderts bis zu dem letzten großen Wahlrechtskampf. Bei der Besprechung unserer jüngsten Aktion zur Erringung eines freien Wahlrechts stellte sich Genosse Siering auf denselben Standpunkt, den der Genosse K. K a u t s k y in der»Neuen Zeit' gegenüber der Genossin Luxemburg eingenommen hatte. Eine Anwendung schärferer Mittel sei im gegenwärtigen Moment noch nicht angebracht, schon allein mit Rücksicht auf den Umstand, daß noch große Massen von Arbeitern unserer Bewegung fernstehen, DaS Mißlingen eines Massenstreiks vernichte aber mir einem Schlage die für uns augenblicklich so günstige» Aussichten für die kommenden ReichstagSwahlen, und der gute Ausfall dieser Wahlen sei doch schließlich auch von Einfluß aus die preußische Wahlreform. Zum Schluß forderte der Redner die Versammelten auf, einmütig weiter *u arbeiten, bis da? letzte Ziel— das freie Wahlrecht— erreicht sei.— Zur Generalversammlung deS Kreises wurden die Genossen Berg, Brunner, Krüger, Marie Liedtke, Reiiisch und Wilk delegiert.— Bei der Neuwahl der Kreisfunktionäre sollen von Charlotteuburg aus vorgeschlagen werden: zum 2. Vorsitzenden Genosse Groger- Rixdorf, für die Preßlommission Genosse Äruiiner-Charlottcuburg. Als Parteitagsdelegierter wird Genosse Wilk der Kreis- generalversammlung empfohlen. Für die beantragte Beitrags- erhöhung(auf 10 Pf. wöchentlich) sollen die Delegierten stimmen, jedoch mit der Maßgabe, daß die endgültige Regelung dieser Frage durch Vornahme einer Urabstimmung unter den Mitgliedern des «treiseS geschehen soll. Der Generalversammlung deS KreifeS über- wiesen wurde ferner ei» Antrag der Genossin Liedtke, der»Gleich- heil" von Zeit zu Zeit einen Schuittmusterbogen für Arbeiterkleider beizulegen.— In der Versammlung wurde» wiederum 94 neue Genossen bekanntgegeben, die sich zur Aufnahme gemeldet hatten. Wethenfee. Ein neuer HauSbesitz'erverein. Die neugegründete„Fortschritt. liche Fraktion� will mit dem alten HcruS- und Grundbesitzer. Verein nichts mehr zu tun haben; sie macht durch Aufruf bekannt, einen neuen Hausbefitzervcrein zu gründen, der in erster Reihe ein Fun» dainent fein soll für die Vertretung der Interessen des HausbesttzeS, was in dem alten Verein vermißt wird. Vor drei Jahren bc- {landen bereits zwei Vereine, die sich aber damals zusammen- chlossen,. um positive Arbeit zu leisten und in allen Gemeinde- angelegenheiten vereint vorzugehen. Wjir haben uns nicht getäuscht, gls wir prophezeiten, daß die Freude nicht lange s dauere. Mei- ntingsberschiedenheiten blieben ckuch nicht aus. Man gründete eine „Bürgerliche Fraktion", hielt regelmäßige Fraktionssitzungen ab, bis es auch hier zum Krach kam. Einzelne Mitglieder waren den meisten mit ihrem Geschrei denn doch zu rückständig, denn jede Aus- gäbe für Ausgestaltung des Ortes sollte vermieden werden, vor allem aber sollten rundweg alle Mittel für soziale Einrichtungen abgelehnt werden. Ilm diesem Gebaren den nötigen Nachdruck zu verleihen, richtete man noch ein Zeitungsunternehmen als G. m. b. H. ein, da das amtliche Organ die RathauSpolitik allzusehr verherrlichte. Ein Herr aus Mecklenburg nahm denn auch die Interessen des Haus- und Grundbesitzes so„unabhängig" wahr, daß er es durch sein Organ fertig bekam, die Bürgerliche Fraktion zu sprengen; von 20 Gemeindevertretern und Schöffen schiöden dreizehn aus, so daß nur noch die sprichw örtlichen„bösen Sieben" für die alte Fraktion übrig blieben. Das große Wutgeheul und andere„Geschmacklosig- leiten" der„Unabhängigen Zeitung" ob dieser Fraitionttrennung hat wahrscheinlich auch zur Neugründung des Hausbesitzervereins geführt. Erklimmt man erst den Gipfel der Geschmacklosigkeit, so hat es gewöhnlich böse Folgen. Ober-Schöneweide. Die Milchhäudler in Gefahr! Der Beschluß der Gemeinde- Vertretung, der„Gemeinnützigen Gesellschaft für Milchausschank" zur Errichtung eines AnsschankhänSchenS einen Platz unentgeltlich zu überlassen, hat die Gemüter der ortsansässigen Milchhändler ungemein in Wallung gebracht. Es ist erstaunlich, wie rege diese sonst gänzlich unbekannten Leute in der Entfaltung von unnötigem Lärm sind. Dabei schrecken sie selbst vor persönlicher Verunglimpsung der sozial- demokratischen Gemeindcvertreter nicht zurück, denen sie z. B, andichten, sie machteil ihnen die Kundschaft abwendig— waö unseren Genossen nicht im Trauine eingefallen ist. Schließlich sollten die Milchhändler daran denken, daß eS noch andere Einwohner im Orte gibt und daß auch das Allgemeinwohl nicht hinter Interessen einer kleinen Minderheit zurückgestellt werden darf. Köpenick. Die Bibliothek steht den Mitgliedern deS WahlbereinS und den einzelnen Gewerkschaften vom Montag, den 25. d. M, wieder zur Benutzung frei. Der Bücherbestand ist vergrößert, sodaß dieselbe allen Anforderungen genügt. Geöffnet ist die Bibliothek täglich von S Uhr vormittags bis 8 Uhr abend? und befindet sich in der Parteispedition, E. Witzler, Kietzerstr. 6. Die Bibliothekkommis fion. Tempelhof. In der giltbesuchten Generalversammlung deS WahlvereinS gab Genossin Thiel den Vorstandsbericht für das verflossene Halbjahr. Hiernach fanden statt eine Generalversammlung, eine Mitglieder- Versammlung und sieben öffentliche Versammlungen. Zur Erledigung der VerwaltungSgeschäfte waren 12 Vorstandssitzungen notwendig. Zur Verbreitung gelangten 12 Flugblätter und Handzettel. Die örtliche Gemeindewahl und die preußische WahlrechtSbewcgung ermöglichten eine intensive Agitation, deren Erfolg sich am besten in der Mitglieder- bewegung wiederspiegelt. Die Zaht der Mitglieder betrug im vorigen Jahre 300 und stieg in der Berichtsperiode auf 341, inkl. 50 weiblicher Mitglieder.— Der Kassenbericht für das erste und zweite Quartal ergab eine Einnahme von 633,02 M. und eine A»S- gäbe von 618,73 M. An die KreiSkaffe wurden 414,02 M. abge- liefert.— Ein gleich günstiges Bild ergab der Speditionsbericht. Einer Einnahme von 1630�63 M. stand eine Ausgabe von 1580,09 gegen» über. Die Zahl der.VorwärtS"-Abomienten erreichte einen monatlichen Durchschnitt von 434, gegen 383 im Vorjahr. Die anschließenden Wahlen der Funktionäre hatten folgendes Er- gebniS: erster Vorsitzender: Ewald, zweiter Vorfitzender: Frau Thiel, Kassierer: Kiehn, Schriftführer: Klahn. Beisitzer: Jrrgang, Rebisoren: f). Müller, Göldner, Klingberg, Lokalkommission: Alb. Thiel. Hierauf eschäftigte sich die Versammlung mit den Anträgen zur Kreis» generalversammlung. Der Antrag deS Kreises auf Einführung des WochenbeitragcS wurde abgelehnt. Angenommen wurde ein anderer Antrag, der die KreiSgeneralversammlung ersucht, statt sechs nur drei Delegierte zum Magdeburger Parteitag zu entsenden. MS Delegierte zur Kreisgeneralversammlung wurden die Genossen Ewald' und Pusemannn gewählt. Folgende Resolution wurde gegen 3 Stimmen angenommen. Die General- Versammlung des WahlbereinS Tempelhof protestiert aufS Ent» 'chiedenste gegen die Annahme des Budgets seitens der sozialdemo» kratischen Vertreter deS badischen Landtages. Sie erblickt hierin eine Provokation der Gesamtpartei und erwartet vom Parteitag, daß er Mittel und Weg« findet, um derartige Verstöße gegen Parteitags- beschlüffe für die Zukunft unmöglich zu machen. Adlershof. Vom Schlächterwagen überfahren wuckde ber dreijährige Knabe des GöwerkschaftSbeamten Zabel, Bismarckstr. 11 wohnhaft. Der Knabe, welcher sonst nie allein die Straße betritt, war seiner Schwester zum Einkauf nachgelaufen und wurde beim Ueberschreiten des Fahrdammes vom Wagen des Wäschereibesitzers Pienk, Köpenick, Grünauer Straße, niedergerissen und erlitt eine Quetschung des vechten Fußes. Aerztliche Hilfe wurde gleich in Anspruch ge- nommen und dürften dauernde gesundheitliche Schäden nicht ber- bleiben. Tegel. In der letzten Generalversammlung des Bezirks Tegel konnte die Bezirlsleitung über einen guten Fortichritt der Bewegung am Orte berichten. Einen Mitgliederbestand von 639 Genossen sowie 765 „Vorwärts'-Abonneiiten kann der Ort nachweisen. Nicht zuletzt hat das gesetzwidrige Verhalten deS Herrn Gemeindevorstehers anläßlich der letzten Gemeindevertreterwahlen dazu beigetragen, daß die Be- wegung so gute Fortschritte gemacht hat. Mit einer BeleidigungS- klage gegen die Genossen Grunow und Masia glaubt Herr Weigert nnS den Erfolg streitig zu machen; er kommt diesmal zu spät. In sieben öffentlichen Versammlungen und durch Verbreitung von 46 000 Flugschriften wurde für unsere Ideen Propaganda ge- macht. Der Besuch der Mitgliederversammlungen und Zahlabende könnte im allgemeinen besser sein; ivaren eS doch zirka 120 Mit- glieder, die von Januar ab keinen Zahlabend besucht haben. Die Neuwahlen hatten folgendes Resultat: 2. Bezirksleiter: Gutschow. Kassierer: Lauer. Sckiriftsührer: Grochalsky. Bei- sitzer: Petran und Pallach. Die Wahl des 1. Bezirksleiters wurde zurückgestellt, da Genosse Massa eine Wiederwahl ablehnte. Die Wahl soll in der nächsten Versammlung vorgenommen werden. Zur besseren und intensiveren Agitation in den Landorten wurde eine Kommission von 14 Genosse» gewählt. Alt-Glienicke. Am Sonntag, den 24. Juli, feiert der Arbeiter-Rabfahrerverein „Vorwärts", Mitglied des A.-R.-B. Solidarität, sein 10. Stiftungs- fest im Lokal des Herrn August TroppenS, Rudower Straße 54. Da sich genannter Verein an Parteiarbeiten rege beteiligt und zu Partei. feftlichkeiten zur Verftigung stellt, wird gewünscht, daß sich die Ge- »offen recht rege daran beteiligen. Grünau. Die Berichte der Funktionäre über die Parteibewegnng am Orte, die in der letzten Generalversammlung erstattet wurden, klagen darüber, daß der VersammlungSbesuch zu wünschen übrig läßt. ES wäre Besserung dringend zu wünschen.— Der Kassenbericht ergab eine Einnahme von 66 M., eine Ausgabe von 74,20 M., mithin ein Defizit von 3.20 M. Der Bericht des Spediteurs schloß ab mit einem Ueberschnß von 15,61 M., doch resultiert auch dieser nur aus endlich eingekommenen Außenständen. Nach einigen Neu- aufnahmen wurde zur Neuwahl des Vorstandes geschritten. Der Posten deö ersten Vorsitzenden blieb vorläufig unbesetzt. Zum zweiten Vorsitzenden wurde Mctzner gewählt, zum Kassierer Tnntoio, Schrift« führer: Fechncr, Spediteur: Klein. Beisitzer: Lcwandowski, Lokal- kommissian: Klein, LelvandowSki. Kasparzeck, Revisoren; Puls, Prölß, Fr. Schmidt. BildungSausschuß: Klein, Mitzner, Fechner. Gen. Bluhme gab bekannt, daß dem Antrag auf Ausschluß von drei Genosien wegen Nichtbeteiligung an der Gemeindevertreterwahl vom Zentralvorstand stattgegeben wurde. Für die kombinierte Vorstandssitzung und Kreis« generalversammlung am 7. August wurden die Gen. Mitzner und Fechner delegiert. Genosse Fechner machte sodann auf daS am 24. Juli stattfindende Kreisfest in Rixdorf, Vereinsbrauerei, aus« merksam. Bohnsdorf. Aus der Agitation. Am Sonntag fand in Falkenberg eme Volks- Versammlung statt. Reichstagsabgeordneter Fritz Zubeil referierte über:«Die Reichsfinanzreform und die Erhöhung der Z i v i I l i st e." DaS Referat wurde beifällig aufgenommen. Der Besuch war ein guter. Senzig.'(Kreis Teltow.) Der Wahlverein zählt 45 Mitglieder. Abgehalten wurden im letzten Halbjahr vier Vorstandssitzungen und eine kombiniert« Sitzung, zwa Geueralversmumluiigen. fünf Mitgliederversammlungen, vier öffentliche Versammlungen im Orte und eine in Gussow. Flug- blattverbreitungen fanden sieben statt. Als Vorstandsmitglieder wurden gewählt: Als erster Vorsitzender: Franz Böttcher, zweiter Vorsitzender: Herrn. Kossatz, Beisitzerin: Frau Kreitlow, Kassierer: Rich. Holzmann, Schriftftihrer: Karl Reichert, Revisoren: Aug. Leh- mann, Joh. Friedewald, Wilh. Krüger I., Lokaliommission: Wilh. Krüger II., Herrn. Kossatz, Otto Seifart, Sgitationskommisfion: Karl Lehmann. Herm. Löffel, Bibliothekar: Rob. Schneider. Spandau. Die auherorbentliche Generalversammlung deS fozialdemokra» tischen WahlvereinS wurde am 19. b. M. im Lokal von Gottwald ab- gehalten. Vorsitzender Genosse Scior teilte mit, daß der Kreis- Versammlung die Wiederwahl des jetzigen Kreisvorstandes empfohlen werden soll. Die Versammlung erklärt sich damit einverstanden. Alsdann unterzieht der Genosse Emil Schubert das Verhalten der badischen Genossen zur Budgetfrag« einer sehr abfälligen Kritik. Er vertritt den Standpunkt, daß energische Schritte gegen den offen- sichtlichen und absichtlichen Tisziplinbruch der badischen Genossen unternommen werden muffen, sonst werde die Einigkeit der Partei gelockert; die Partei höre dann auf. eine Kampfpartei zu sein. Er beantrage deshalb, der Kreisgeneralversammlung den Antrag zu unterbreiten, den KreiStvahlverein zu beauftragen, beim Parteitag den Antrag auf Ausschluß der in Frage kommeichen badischen Ge- »offen zu stellen. Dieser Antrag ruft eine längere und ziemlich er- regte Debatte hervor, in welcher namentlich der Genosse G r ö g e r» che» das Verhalten der Badenser zu entschuldigen sucht und die Meinung ausspricht, daß sogar das Hock) auf den Großherzog nicht so sehr zu verdammen sei. Fast sämtliche Diskussionsredner sprechen gegen den Antrag Schubert, trotzdem wird derselbe mit ziemlich großer Majorität angenommen. Ferner stimmt die Versamm- lung einem Antrage des Vorstandes zu, die Wahl des Obmannes der Lokalkommission einein Ort des Kreises zu überlassen, und den Kreisvorsitzenden, der jetzt das Amt des Obmannes der Lokalkom», Mission inne hat. davon zu entbinden. Die zu wählenden Dele» gierten werden jedoch beauftragt, auf der Kreisversammlung Spandau als Sitz für den Obmann der Lokalkommission in Vor- schlag zu bringen; der Genosse Otto Peczelis soll für daS Amt deS Obmannes der Lokaltommission vorgeschlagen werden. Dem vom Bezirk 1 gestellten Antrag, daß die Orte des Kreises, welche den Obmann des Jugend- und BilimngsauSschuffeS zu wählen haben, von der Kreisversammlung bestimmt werden, stimmt die Versamm- lung zu. Zu Delegierten für die KreiSgeneralversammlung werden gewählt die Genossen M. Scior und P. Schmidt. Aus An» trag der Genossen Schubert rind Stahl soll den Frauen auch ein Delegiertenmandat überlassen werden. Zum Zwecke der Wahl wird in kürzester Zeit eine besondere Versammlung für die Frauen statt- finden. Im Falle sich eine Frau hierzu nicht bereit findet, soll der Genosse Emil Koppen, der als nächster die meisten Stimmen erhalten hat, als Delegierter fungieren. In den BildungSausschuß werden gewählt: P.©chmi'M, Schiefe! und Ey. In den FugentauS» schuß Ivählt die Versammlung Dierberg und Schubert. Zum 1. Schriftführer wird Maucker gewählt. Ein Antrag des 1. Be« zirks, bei den örtlichen Versammlungen eine schärfere Kontrolle anS- zuüben, wird angenommen, dagegen wird ein Antrag, die Quartals- abrechnungen in den Zahlabenden gedruckt vorzulegen, abgelehnt. Mit dem Hinweis auf die am Sonntag stattfindende Flugblatt» Verbreitung und die am Dienstag, den 26. d. M., bei Böhle statt- findende öffentliche Versammlung schließt der Genosse Scior di« Versammlung._* t BHefhaftcn der Redaktion. SU(nttftifAc Sprech ftuod» flnbti Slnbenftcayc Nr. 60, Dorn vier Treppen— gf n h r ft n b 1—, tovchentäglich von 4Y, bi??>/, Uhr abcadS, SonuabeiibS von 4>/, bis 6 Uhr nnchmitiagS ftatt. Jever Anfrage ift ein Buchstabe snb«ine Zahl als Mertzricheu beizufügen. Brieflich» Aaituort wird nicht erteilt. Eilig» Jragr» trage»au t» der Sprech» stund« vor. E. 34. Wenn Sie die Bezugsbedingungen nicht erhalten haben, fo halten wir Sie zur Zahlung nicht für verpflichtet. Die fernere Linnahme müssen Sie verweigern.— Max»3. In Berlin 29.20 M.—(5. 3. Mit den Fragen müssen Sie sich an einen Fachmann wenden.— P. G. WO. Bei der Eheschlietzung kann durch Erklärung dem Standesbeamten gegenüber dem Kinde der Name des Mannes gegeben werden.— E.!t. 45. Herausgabe der Police tönnen Sie erst mit Vollendung des 2l. Lebens- lahres verlangen.— G. S. ISO. Das Mädchen soll sich an daS Vormund- schaftSgericht wenden.— Gewcrbcgericht Zchöneberg. Ja.— Habcrecht. Stubbenkammerstraste. Nach Eintritt deS Erbfalls beantragen Sie fchrtftlich von Amerika aus bei dem Nachlaßgericht— das ist das Amts- gericht, w dessen Bezirk der Erblasser seinen letzten Wohnsitz gehabt hat— die Eröffnung de» Testaments und die Vermittelung der Auseinandersetzung. — ISO Kirchensteuer, l. Ihre Frau ist dazu verpflichtet. 2. Bei 12 M. StaatSeinkommensteuer. 3. Bei 16 M. 4. Für jede Person etwa 4 M.— P. S. 100. Fordern Sie den Vermieter unter Setzung einer Frist zur Beseitigung der Mängel aus und drohen Sie gleichzeitig an, daß nach Übt laus der Frist die Arbeiten aus seine Kosten gesertiat werden. DaS letztere können Sie nach Ablauf der Frist veranlassen. Die Unkosten können Sie von der Miete abziehen, wenn die? nicht, wie«S die Regel Ist, im MIetS- vertrag« uniersagt ist. Für den letzteren Fall müssen Sie bei ZahtungS» Weigerung Klage erheben.— E. 100. Prag.— N. K. 34. Die Kass« ist nicht empsehlenSwert. Wir raten zur Kündigung, unter Beachtung der im Statut sestgclegten Form— B. Melden Sie sich bei der Jugend» organisation, Lüldcnstr. 69,— C.®. 59. Homöopathische Polikliniken be» sinden sich u. a. Königgrätzer Straße 4L, Elsasser Straße 19.— A. H. 94» Sie können nur vom Vermieter Abhilfe verlangen.— K. H. 15. 1. Ohne Angabe, wer der Erblasser ift, laßt sich die Frage nicht beantworten. 2. 12 Fuß, gleich 3,76620 Meter.— gs. St. 28. Ihre Anfrage ist tu» Briefkasten vom 6. Juli beantwortet.— stllumintumlot. 1. Wenden Sie sich an einen Fachmann. 2. Charlottenstr. 6.— W. W. 99. Nein. — E. T. No. 8. Stellen Sie unter Ueberretchung der AusrechnungS- bescheinigungen und der letzton QllittungSkarte einen neuen Antrag auf Invalidenrente.— E. M. 8. Für die Zeit, für welche Sie bestellt haben, müssen Sie zahlen.— F. K. 109. Das ist doch eine'■'in akademische Frage. Die Revisoren waren jedenfalls ohne vorherige Llnmeldung zur Revision berechtigt.— H. 30. Bei dem Gericht, da? den ersten Vormund bestellt hat. kann sciten» der Mutter unter Schilderung deS Sachverhalts die Absetzung de» Vormundes und Beiordnung eines anderen beantragt werden.— M. Ä. 20. 1. u. 2. Die Klage ist beim Landgericht durch einen Rechtsanwalt binnen Jahresfrist anhängig zu machen. 3. Ja.— A. H. 8. Nein.— H. L. 100. Die Hamburg-Ämerika-Ltnie wird da» aus Ansrage beantworten.— G. H. 558. Die Firma ist zum Ersatz deS Wertes verpflichtet._ «ZitterungSUberstcht vom 21. Juli 1910. morgen« 8 Uhr. WSetterprognose für Freitag, den LS. Juli 1910. Ziemlich kühl, zeitweise ausklarend, vorwiegend trübe mit Regenschaueru und lebhasten südwesllichm Winden. Berliner Wetterburea«. Freitag, den 22. Juli. Ansang VI, Uhr. Neue? königl. Ot>cru-Theater. Lohmgrin. Ansang 8 Uhr. TeutschcS. Lonne des Verliebten. Judith und HoloserneS. Kammerspicle. Liebeswalzer. Lessiug. Kasernenlust. Komische Lprr. Der Regiments. k)apa. Nci.�c- Schauspielhaus. Der Weger. Kleiue«. Nur ein Traum. lAnsang Uhr.)� tun Der Gras von Selene? Berliner. Taifun. ReueS Operetten Luxemburg. Thalia. Cbarleys Tante. Hebbel. Wem gehört H Spuk.(Anfang 81/« Uhr.) Schiller O.(WaQnet. igtalet.) Martha. Schiu-r Eharlottenburg. Die von Hochsattel. Sto!e. Der Scekadett. Lttstspielhaus. DaS Leutnants» mündel. Metrovol. Halloh II— Di« grohe Revue. Solies Capricr. Die böse 13.— Die keusche Toinette.— Der Athlet.— Ein ruhigeS Heim.— (Ansang 6>l, Uhr.) Apollo. Spezialitäten. Vaiiagc. Spezialitäten. vtcichSliallen. Stettiner Sänger. Svalhalla. Spezialitäten. SÄintergarten. Spezialitäten. Karl Haverland. Spezialitäten Prater. Im Reiche des MarS. vrania. Taudeuttrahe tlkt/SS. Abends S Uhr: Bon Abbazia bis Eternwarte, Jiivalidenstr. 57— 62. Lessing-Theater. Täglich 8 Uhr: Kafernenlnft. Berliner Theater. Heute 8 Uhr: TaikUN. Morgen: lultun.__ STcnes Opercttcn-Thcnter. Heute und folgende Tage 8 Uhr: Der Graf von Luxemburg. Sonntag nachmittag 3 Uhr zu er» mätzigt. Preisen: vi» Dullarprlnzessin. Lustspielhaus. ZlbendS 9 Uhr: Das Leutnantsmündel IOSE=TKEATE Kroge Franlsurler Str. 132. Ans der Gartenbühue: Vvr 8e«ll»«ilett. —lU Overelte in zwei Akten von Otto Richter. Mufik von G. Glessen». llutlreten erelkiassiger Lpeeioiitäten. LroSeo Vorlenlionrort. Ans. VI, Uhr. Ab 8 Uhr: Da» sensationelle Programm. 9'/, Uhr: l'ttn.erinnea vom königl. dänischen Ballett 6 Beant�s Korinnua 5. 9>/4 Uhr: Schimpanac• Oranc-Btanc als Tandemfahrer sowie die wetteren groszen Attraktionen. In Tortajada in ihrer neuesten Schöpfung: „Abenteuer eines Toreros". Therese Renz Schulreiterin CtiangCtiiiigHee-Trappe Chinesische Zauberer u. Gaukler sowie die sensationellen Attraktionen des Reichshallen-Theater. Ciaataplcl Winter Tymian mit seinerbcrühmteu Herren- Gesellschait ilns. wochent. 8 Uhr. SonntogS 7 Uhr. - Montag, d. 1./8.: htSicdcrbeginnder Soireen der ätettincr Süngcr. ♦ Schweizer Garten Am Könlgslor— Am Friedrichshain. Spezialitäten-Vorstellung, Jeden Abend ll,lO Uhr: Berliner Herzen. Volksstück mit Ges. in 2 Akt. VolksbeiustigunDen, Tanz. lang 5 Uhr. Ent Anfan, Jed. Mittw.: tree SO Fl. Kinde rlreudenfeat. Schiller- Schlllor-Thsater 0.(Wallncr-Theat.) (xottsoheld-Oper. Freilag, abends 8 Uhr: Martha oder: Oer Markt zu Riehmond, Romantische Oper in 3 Akten von Fr. v. Flotow. Ende 1lF/4 Uhr. Sonnabend, abends 8 Uhr: Ein Maskenball. Sonntag, na ch m. 3 Uhr bei ermäßigten Preisen: Die EbMteivCbrlstl. Sonntag, abends 8 U h r: Martha. Theater. Schiller-Theater Charlottenburg. Freitag, abends 8 Uhr: Die von llocbsattel. Lnftsplet in 3 Auszügen von Leo Walter Stein und Ludwig Heller. Ende 10'/. Uhr. Sonnabend und folgende Tage: Die von Hochsattel. „Pharus-Sommer-Theater Besitzer: M a x L u d w i g. Art. Leitung: Max Beinhart. Berlin'S., Büllorotr. 14%. Tligllch: Im herrlichen Naturgarton Bei Regen im Theafersaal! Konzert a Spezialitäten-Vorstellung 20 Künstler-Attraktionen. Stets wechselndes Familien-Programm. Aufierdem jeden Freitag: Die beliebten ApollOaSängei*. Anlang Sonntags 4 Uhr. Wochentags G Uhr. Urania. Taubenstr. 48/49. Wissenschaftliches Theater Heute 8 Uhr: Ton abbazia bis Rorfu. o.< LOGISCHER• GARTEN Täglich: Großes Militär- h Doppel-Konzert Eintritt 1 Marl. von abends 6 Uhr ab 50 Pf., Kinder unter zehn Jahren die Hälft«. Passage-ftnoMum. Die znsammengewaebsenen Schwestern Blazek und ihr Kind. Von 11—1 Uhr mittags u. von3— 10 Uhrabends zu sehen. Kein Extris-F.ntree! Kar svenige Tage! Eintritt SO Ff., Kinder und Soldaten 25 Ff. Passage-Tlieater. Abends 8 Uhr: Der größte"'SS'" der apanlsche Caruso Senor Ordnna. Der stimmgewaltigsteTenor, der je gehört wurde, Iu. das grolle Juli-Programm. WWWWWWWWWWWWWS...WW. König« tadt-Kanino. Holjmarktstr. 72, Eck« Alexanderstraße. (Inhaber: Maz Lehlndelhauer.) Im herrlichen Naturgarten(bei un» günstiger Wiiterung im Thealcrsaal). Täglich: Hund„Konsul- ans Uoko. hama??? Masini. bester Ent« sesselungskünstl., usw. Goldschmied» Töchterlein, Volksst m. Ges. in 1 Akt. Ansang wochent. 7'/» Somit ki Uhr. oyyfr Cyrill Halle | OasHoasinmi alltr flirocMZUsCifiagf I Nur noch wenige Tagels ZehSneliei'g.u Tel. MOhlenstr. j Amt 6, 129. TBglieh abends 8'/. Uhr:{ Großer IGala-Abendl d Sozialdemokratisch. ZentraiwahWerein für Teltow-Beeskoff-Storkow-Charlotteaburg. Sonntags den 24» Juli 1910 Großes Volks-fest in Rizdorf, Tereinsbrauerei, Hermanustraße 214-219. Kittags 12 Uhr Ütatineekonzert: Kaehmittags 4 Uhr Doppelkonzert aussreführt vom Neuen Tonkünstler-Orohester unter Leitung der Herren Franz - M MSn länge~ MW Im hinteren Teil des Gartens: Grolle« Volks- Kabarett. __ sge______________ Hallfelder und Paul Christiane. Massengosang das Rlxdorfer Männsrgesangvereins. Turnerische Auftfihrungen. Fackel• Polonäse. Volkssä olkssänger-Gesellschaft Max Schmeltzer. 3n Jritz Hoppes festsälen: Großer Sali Kindorbelustigungen aller Art Die Kaffeeküche ist von 2 bis 8 Uhr nachmittags geöffnet. Jedes Kind erhält am Eingang zwei Bons gratis, von denen der ein« zur Empfangnahme einer Stocklaterne, der andere zur Benutzung des Karussells oder der Schaukel berechtigt. AusfUhrilcho Programme mit Liedertexten werden an der Kaste gratis»erabtolgl. Eintritt 85 Pfennig. Zu zahlreichem Besuch ladet ein Kinder anter 14 Jahren frei. Das Komitee. B Zentralverband der Stukkateure Deutschlands Filiale Berlin. ■■■■' i>Si€== Am Sonnabend, den 23. Juli 1910. in Puhlmanns Theat6r9 Schönhauser Allee 148— Kastanien-Allee 97/99: 14. Stiftnngs-Fest Große Spezialitäten- und Theater-Vorstellung. Bei ungünstigem Wetter findet die Vorstellung im Saale statt. Während der Pausen und nach Q£ Herren, die daran teilnehmen, der Vorstellung zahlen 50 Pfennig nach. Während des Tanzes: Große Ueberraschun�en für Damen. Verlosung wertvoller Gegenstände. AM- Die KafTeekllche wird um« Ehr eröffnest.-MM Beginn der Vorstellung 5'/, Uhr. X Billett 80 Plennlff. X Programm gratis. Um geneigten Zuspruch ersucht Da« Komitee. Fahrverbindung mit folgenden Linien; 10, 33, 46, 47, 43, 49, 60, 51, 64, 67 und V. Omnibus-Linien: 27, 33. Vom Bingbohnhof Schönhauser Allee in 8 Min. zu erreichen. B 1 Gr.BerliDer Kunstausstellung 1910 30. April bis 2. Oftober. Im Parf täglich Doppel-Konzert. Eintritt: 10-6 Uhr 1 M.. b. 6 Uhr ab 60 Ps.. Sonntags 60 Ps. Dauert 6 M. TERRASSEN HALENSEE GrSStar VergnOgungtpark des Kontinents. Zar Feier der erreichten Besacherzahl von Einer Million Sonnabend, den 23. Juli 1910: Siitetag □ Souvenirfest Jeder Besucher, der an diesem Tage ein Billett an der Kasse gelöst hat, erhält eine Anweisung für ein Geschenk ausgefolgt. Damen- Schönhclts• Prelskonkurren«. Sensationelle Attraktionen. Drei Konserte. uns Brunnenstraße 16. Das größte Kino- Theater Berlins. XeiiES Propim Eintritt 30 Pf- Vereins-Brauerei Rizdorf, Hcrmannstr. 2! 4/2 19. Oekonom: Max Wandt. IMT* THgllch:-Mgz Gr. Mllliär-Konzert. Ansang wochentags 7 Uhr. , Sonntag» 4 Uhr. Berliner IIHt-Trlii. Ui Felix Sobener<00 Stralsuderstr.l Achtung t Diez4 nur Achtnng t Seeterrasse Siehfenberg »Ms - LT Täglich: Kon Röder« traße 11/18. Zwischen Landiberger Allee und RSderslatz. GröftteS und schönstes Lokal Berlins. Sei ungünstiger Witterung Schuh für 8000 Personen.— 0b schlnl ab Rege«: Cwl*. ffikOHZCFt. 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I V Oigt-Theater Gesundbrunnen Badstr. 58. Freitag, den 22. Juli: ',.8 Uhr Vineta.',.s Uhr Gr. romant. Lebensbild mit Gesang und Tanz in 3 Alten von tz. Schulz. Da» neue große Juli-Programm. Kasseneröffnung 2 Uhr. Ans, i1/, Uhr. Burgtheater- Kinematograpli vorm. Qroterjan, Jnhab.: Rud. Merz. Schönhauser Aller 129. Tel. 3, 9353. Lebende Photographien. Während der Sommemionate nur Sonnabend, Sonntag u. Montag. Eintritt 30. u. 40 Pf, Kinder dteHälste. Ansang 7 Uhr. Vorzugskartsn, nur wochentags gültig, S5 Pf auf allen Plätzen. Stets wechs. Proar. Jed. Sonnt, i. Obersaal: Kiinstlerfonzert. Entree 15 Ps. Garderobe 19 Ps. N. b. Konzert: Familien-Kränzchen. Tägllchp Freikonzert. Kerlinrr Praw- Theater Kastanlanallee 7—9. gr Täglich--mm 3m Keiehe des Klars Spezialitäten, Konzert u. Ball. Ansang 41/, Uh r. Entree 30 Ps. Wmsnnz 7desler Schtnh. A. 148— Kasianien-A. 97/98. Wenn schön— im Garten! Wenn Regen— im Saall Täglich abend« 9 Uhr: Berliner in Japan. Operette b. Relstlngen. Musik v. KirckS. Vorher: Die brillanten neuen Spezialitäten. Ansang wochent.>1.5, Sonnt.>/,4 Uhr. Entr. wochent. 20-60. Sonnt. 30-100 Ps. Minder halbe Preise. Alt-Koablt 47/40. Täglich: Konzert, Theater, Spezialitäten. am See und Bahnhol StralaH-RuoimeUhnrg, TSgllch: O Spezialitäten � Theater, Konzert, Volksgarten- Theater stüher Welmen». Badstr. 8, Bchm< u. Bcllcrmannstratz«. Täglich: Konzert-, Theeior- und Sgeziaittäten-Varatellung. Da» neue Rtesen-Juliprogr. Zur AussüHr. gel.: Der Goldteulei. Lebensbild mit Gelang n. Tanz in 3 Akt. v. K. Elmar. Jed. Donnerst.: Gr. Grlllant-Feuarw. M Ums Slirltt und Festsäle. Inb.; Rudolf Kröger. Hasenheide 18/15, vis-ä-vis v.XumpL TUgllch: Große toter- u. SpsziallteB- Artist. Leitung; Walter GrSvonltz, Kapellmeister: Max Wolffheim. Jeden Donnerstag: Elite-Tag t Anfang; Wochent 6 Uhr, Sonnt.'/, 0 Uhr. Aitr den Inhal» der Inserate Übernimmt die Redaktion de« Publik»« gegenüber teiurrtc» Berantvortung. Erbschaft aus Amerika. Gesucht wird eine geborene Emilie Wltzke auS Schi oft Plate«, Regierungöbez. Danzig. um 1«84 verheiratet mit einem Schmiedegesellen. welcher um diese Zeit in der Borsigschen Fabrik tätig war. Alle näheren Anhaltspunkte fehlen. Zn melden bei Helnelel» Zacharias, Welßonsec bei Berlin, Charlottenburger Strafte 21.* Tischlep« Verein (E. H. SS.) Sonnabend, 23. Juli, nbendi 6'/, Uhr, Melchiorstr. 15: Versammlung. VcreinSangelegenheiten. Zahlen der Beiträge. Die Beiträge werden nur in der Versammlung entgegengenommen. 198/18» Der Borftand KallhalldlvrrKtr-KrllnKtnKasse fnr Serlin vnd Umgegend. (Eingeschriebene HilsS lasse Nr. HS.) Sonntag, den Sl. Juli 1910, vormittags 10 Uhr Außerordentliche General-Versammlung bei Wtlke, Brunnenstrafte 188. lageSordnung: 1. Abrechnung vom 1. Halbjahr 1S10 und RevisionS» bericht. 2. Wahl sämtlicher Hilstkassierer. 3. Innere Kassenangclegenheiten. Die Versammlung wird pünktlich eröffnet. Mitgliedsbuch legitimiert. 98/4* Der Borstand. NB. Die Zahlstelle Süden ist von WilmSstraße 4 verlegt nach Tempelhcrrenstrahc 20a, Restaurant Fischer. Daselbst wird jeden Sonn« abend, abends von 8—10 Uhr kassiert und werden Ausnahmen vollzogen. Heute Freitag, abdS. 8l/2 Uhr, im GcwerkschaftShause, Engelofer 14/15, Saal 4(Arbeitslosen, aal) i Sitzung der Ortsverwaltung. Montag, den 25. Juli» Mitglieder- V ersainmlnngen für die Bezirke Südosten I und Osten II. Arbeitsnachweis: Verwaltungsstelle verliu. Hauptburean: Hos l. Amt 3. 1239. ChariHutriBe 3. Hos HI. Amt 3, 1987. Sonntag, de« 24. Jnli, vormittags 10 Uhr: Brancbcn- Verkammlung der Fahrstuhl- Movtelii'e unä Helfer Berlins und Umgegend im Lokal von ZUivrei*» Elisabethkirchstraße 14. TageS-Ordnung: 1.»Tarifgemeinschasten«. Reserent: Kollege IH'nachlcd. 2. Braiichenangelegenheiten. 3. Ausnahme neuer Mitglieder. 4. Verschiedenes. qm- Eischeinen sämtlicher Kollegen, welche in Berlin anwesend find, vegen der mcherordenttichen Wichtigkeit unbedingt erforderlich l 118/17 Hie OrtaTerwaltunf. Kranken- and Zterbekasse aller gewerblichen Arbeiter für SchSneberg nnd Aerliv (E. H.-K. 115). Sountag. den 31. Jnli 1910, vormittags 9 Uhr: General-Versammlung in GrofferS„Neue Rathaussäle», Meininger Strohe 8(Tunnel). TageS-Ordnung: 1. Halbjährlicher Kaffenbertcht. 2. Verschiedene Kassenangelegen- heile«. 287/8' ldltglledelniod legitimiert. Um zahlreiches und pünktliches Er- scheinen der Mitglieder ersucht Der Vorstand. I. II.; G. Jnenicke. Streiszüge durch den Ihr: PlchelSwerder „leiiiiw irtielter- ilailalirer-sBreiii" Mitglied deS Arbeite» Radsahrer-BundeS .Solidarität'. Touren zum Sonntag, den 24. Juli. 1. Abt.: Sonnabend:bend 1 1" Bahnhos Zoologischer Malten. 24. früh 5" Anhalter Bahnh. nach Wörlih. 1 Uhr: Alt-GIienicke. Start: Bülowstr. 53. 3.Abt.: 4Uhr: Scharmühelsee(Wand Rick). 1 Uhr: Müggelheim(Klein). Start: Mariannenplatz. 4. Abt.:«Uhr: Str' Grunewald. 1 Uhr (Freund). Start: Küstriner Platz. 5. Abt.: 1 Uhr: Familientour nach Sadowa. Start: Elhsium. 6. Abt.: S Uhr: RüderSdors. t2 Uhr: Schöneiche(Lemke). Start: Oder« berger Str. 28. 7. Abt.: 5 Uhr: Streiszüge durch den Norden. Endziel Wilhelmsruh. 2 Uhr: Familientour nach Wilhelms, ruh(Kollmann). Start: KöSliner Strafte 8. 8. Abt.: 3 Uhr: Buckow(Märkische Schweiz). 1 Uhr: Hoppegarten(Wilden Mann). Start: Waldstr. 8. 9. Abt.: Ill'/.Ubr: Rüdersdorf(Roll). Start: Schillingftr. 15. 10. Abt.: 7 Uhr: MirSdors(Mühle). 1 Uhr: Alt-Giienicke. Start: Weber- strafte 5. Heute: Fahrwart-Ditznng. Lichtenberg. 24 7., 4 Uhr: Freien- Walde(Schramm). 1 Uhr: ArnS- selbe(Schlör)._ Achtung k Freitag, den 29. Juli: Veuerst-Verssmmlung in Andreae-feetiSIen, AndreaSstr. 21. 11/16 Der Vorstand. 4i Hygienische ' HB ihm BeatmaruÄel. rooue st. Katalog pj. Emp f ohl. viel. Aorrte u.Prof. grat« tUt U. Oattr, tommtonriaUirOc Berlin NW.. Fhodiicbatraja« 91/9 Cigaretten Sind unter aßen 2Pfg. Marfan ein besonderer Typ. Sic sind es deswegen, weil ihr« Qualitäten ganz aus dem Rahmen der meisten Durchschnitts-Fabrikate fallen, die sie in allen Eigenschaften erstklassiger Cigaretten weit Qberragen. Josettl Juno m. u. o. hl 10 St ttg. Soeben erschienen: DelUnterMgderSkllmert! im Altrrtnm. Bon vr. Ettor« Olccottl, ordentl. Professor der alten Geschichte an der Universität Messina. Deutsch von«da«Ihcrzx. Preis drosch. 4.50 M. geb. 5.50 M. Teuerung iu der Schweiz. Beiträge zur Illustration der gegenwärtigen Lage der Lohn- arbeiter. Herausgegeben vom Sekretariat des Schweizerischen Gewerk- schastsbundeS. Preis 50 Pf. Lxyeäitiou äez Vorurärts BERLIN SW. Tdndenstr. 60, Eaden. Pplipiiiip Woltersdorfer Schleuse UÖaiUVliÖ empfiehlt sich zu Dampserpartlen..25b 25b' Grofter Parkettsaal. Garten direkt am See. 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I. ein Sekretär gesucht. Es wird aus eine erste Krast reflektiert, die die sür ein derartige» Institut in Frage kommende Gesetze«. kenn tili» in vollem Mafte besitzt. Redncnichc Begabung ersmderlich. Zu» en wie poiitischcn Organisatton Ist Vorbedin» .... doch werden Dienstjahre in der Arbeiter» ewcgung angerechnet. Im übrigen gelten die Grundsätze des Vereint Arbeiterpresse. Bewerbungen, die mit der Ausichdst»Arbeitersotretariat' versehen sein müssen, sind bi» spätesten» den 7. August an den Genoffen Wald. Sttrenttcn sen., Flensburg, Apenrader Str. 48 zu richten.[287/14 itgten.____________________________________________________________________________________________________ k*"1 Kystnllvortlichcr öiebaftcur Michard Barth, Berlin. Für den Lnferatentkilperant».: xh.